1910_May_WinnetouIV.html




        
                                    Karl May
                                    Winnetou
                                    4 Band
                                  Erstes Kapitel
                                        
                                   Vorzeichen
Es war in der Frühe eines schönen warmen hoffnungsreichen Frühlingstages Ein
lieber lieber Sonnenstrahl schaute mir zum Fenster herein und sagte »Grüß dich
Gott« Da kam das »Herzle« aus ihrem Erdgeschoss herauf und brachte mir die erste
Morgenpost die soeben vom Briefträger abgegeben worden war Sie setzte sich mir
gegenüber wie alltäglich mehrere Male so oft die Briefe kommen und öffnete
zunächst die Kuverts um mir dann den Inhalt vorzulesen Aber noch ehe sie damit
beginnen kann höre ich die Frage klingen »Wer ist das Herzle So heißt doch
eigentlich Niemand Das muss ein Kosename sein«
    Ja es ist allerdings ein Kosename Er stammt aus dem ersten Bande meiner
»Erzgebirgischen Dorfgeschichten« Da kommt ein »Musterbergle« ein
»Musterdörfle« ein »Mustergärtle« und ein »Musterhäusle« vor in dem das
»Herzle« mit ihrer Mutter wohnt Dieses »Herzle« ist der wenn auch nicht
körperliche aber doch seelische Abglanz meiner Frau und wenn ich das Porträt
indem ich an ihm arbeitete so lieb gewann dass ich es »Herzle« nannte so
versteht es sich wohl ganz von selbst dass dieser Name so nach und nach auch auf
das Original mit überging Doch nicht für alle Fälle Nämlich wenn Wolken am
Himmel stehen an denen ich aber immer nur selbst schuld bin so sage ich
»Klara« Sind diese Wolken im Verschwinden so sage ich »Klärchen« Und sind sie
weg so sage ich »Herzle« Meine Frau aber sagt zu mir niemals anders als nur
»Herzle« weil sie eben niemals Wolken macht
    Sie hat während die obere Etage meine Zimmer enthält das ganze Parterre
des Hauses inne Da waltet sie als unermüdlicher fleißiger Wirtschaftsengel
empfängt die immer zahlreicher werdenden Besuche meiner Leser und beantwortet
alle die vielen Briefe deren eigenhändige Erledigung mir selbst unmöglich ist
Vorgelesen aber werden sie mir alle wobei sie derart zu verfahren pflegt dass
die besonders wichtigen oder besonders interessanten einstweilen beiseite gelegt
und bis zum Schluße der Vorlesung aufgehoben werden
    So auch heute Als alles Andere erledigt war blieben zwei Sachen die uns
gleich beim ersten Blick als Besonderheiten erschienen und darum ausgeschieden
worden waren nämlich ein Brief aus Amerika und ein antropologisches Fachblatt
aus Österreich Im letzteren war die Überschrift eines längeren Artikels durch
Blaustrich hervorgehoben Sie lautete »Das Aussterben der indianischen Rasse in
Amerika und ihr gewaltsames Verdrängen durch die Kaukasier und Chinesen« Ich
bat das Herzle den Artikel sogleich vorzulesen denn ich hatte zufälligerweise
Zeit dazu Sie tat es Der Verfasser war ein wohlbekannter hervorragender
Universitätsprofessor Er schrieb mit großer Herzenswärme und Alles was er
über die »Roten« sagte war nicht nur wohltuend sondern auch gerecht Ich hätte
ihm dafür die Hand drücken mögen Aber er beging einen Fehler der ebenso
allgemein wie unbegreiflich ist Nämlich er verwechselte die Indianer der
Vereinigten Staaten mit der ganzen Rasse die über Nord und Südamerika
ausgebreitet liegt Er verwechselte ferner den seelischen Schlaf der Rasse mit
ihrem körperlichen Tode Und er schien die Hauptaufgabe des Menschengeschlechtes
in der Entwickelung der völkerschaftlichen Sonderheit und Individualität zu
suchen nicht aber in der sich immer mehr ausbreitenden Erkenntnis dass alle
Stämme Völker Nationen und Rassen sich nach und nach zu vereinigen und
zusammenzuschliessen haben zur Bildung des einen einzigen großen über alles
Animalische hoch erhabenen Edelmenschen Erst dann wenn die Menschheit sich von
innen heraus also aus sich selbst heraus zu dieser harmonischen von Gott
gewollten Persönlichkeit geboren hat wird die Schöpfung des wirklichen
»Menschen« vollendet sein und das Paradies sich uns den bisher Sterblichen von
neuem öffnen
    Der Brief aus Amerika war höchst wahrscheinlich im »Fernen Westen« zur Post
gegeben worden aber wo das war an dem ungeöffneten Kuvert nicht zu ersehen
denn beide Seiten desselben zeigten so viele Stempel und mit der Hand
geschriebene Ortsnamen dass das Alles unleserlich geworden war Nur die Adresse
hatte wohl infolge ihrer echt indianischen Kürze ihre ursprüngliche
Deutlichkeit behalten Sie bestand nur aus drei Worten und lautete
                                      May
                               Radebeul Germany
Wir öffneten den Umschlag und zogen ein Stück Papier heraus welches sichtlich
mit einem großen Messer wahrscheinlich Bowieknife beschnitten und dann
zusammengefaltet worden war Es enthielt folgende Zeilen in englischer Sprache
die ich natürlich verdeutsche sie waren von einer schweren ungeübten Hand mit
Bleistift geschrieben
                    »An Old Shatterhand
    Kommst Du nach dem Mount Winnetou Ich komme ganz gewiss Vielleicht sogar
        auch AvahtNiah der Hundertundzwanzigjährige Siehst Du dass ich
        schreiben kann Und dass ich in der Sprache der Bleichgesichter schreibe
                                                                     WagareTei
                                                     Häuptling der Schoschonen«
    Als wir das gelesen hatten schaute ich das Herzle überrascht an und sie
mich ebenso Nicht etwa das frappierte uns dass wir einen Brief aus dem fernen
Westen bekamen und zwar von einem Indianer Das geschieht sehr oft Aber dass
dieser Brief von dem Häuptling der Schlangenindianer kam der mir noch nie
geschrieben hatte das verwunderte mich Sein Name WagareTei bedeutet so viel
wie »Gelber Hirsch« Ich bitte über ihn in meinem Bande »Weihnacht«
nachzulesen Damals also vor nun über dreißig Jahren war er noch jung und
ziemlich unerfahren aber ein guter ehrlicher Mensch und ein treuer
zuverlässiger Freund meines Winnetou und mir Sein Vater AvahtNiah war über
achtzig Jahre alt ein Ehrenmann durch und durch und hatte den großen Einfluss
den er besaß stets nur zu unsern Gunsten in Anwendung gebracht Wegen dieses
seines hohen Alters und weil ich nie wieder von ihm hörte hatte ich ihn dann
für tot gehalten Nun aber ersah ich aus dem Briefe dass er noch lebte und sich
in guter körperlicher und geistiger Verfassung befand Denn wäre dieses
Letztere nicht der Fall gewesen so hätte der Schreiber desselben unmöglich
sagen können dass der oberste Kriegsanführer der Schoschonen vielleicht auch mit
nach dem Mount Winnetou kommen werde
    Zwar hatte ich nicht die geringste Ahnung davon wo dieser Berg lag Ich
wusste nur dass die Apatschen sich mit den ihnen befreundeten anderen Stämmen
dahin einigen wollten irgend einen nach seiner Lage seinen Eigenschaften und
seiner Wichtigkeit ausgezeichneten Berg nach dem Namen ihres geliebtesten
Häuptlings zu nennen Davon dass dies geschehen sei hatte ich nichts gehört
und noch viel weniger war mir mitgeteilt worden auf welchen Berg die Wahl
gefallen war Doch so viel konnte ich mir denken dass es nicht einer war der
außerhalb des Bereiches in dem die Apatschen sich bewegen liegt Und weil die
Schlangenindianer ihre Lager und Weideplätze viele Tagesritte davon im Norden
haben so war es gewiss ein ganz außerordentlicher Fall dass ein Mann der über
hundertundzwanzig Jahre zählte es sich zutraute diese Reise machen zu können
ohne von der Not sondern nur von seinem jung gebliebenen Herzen dazu getrieben
zu sein
    Und warum wollte er mit seinem Sohne so weit nach Süden kommen Das wusste
ich nicht Ich fand auch durch kein noch so scharfes und noch so kompliziertes
Nachdenken eine einwandfreie Antwort auf diese Frage Ich konnte nichts tun als
warten ob sich auch von anderer Seite dergleichen Zuschriften einstellen
würden Den Brief zu beantworten war unmöglich weil ich den jetzigen
Aufenthaltsort der beiden Häuptlinge nicht kannte Auf alle Fälle aber war es
kein unwichtiger Grund der sie veranlasste das ihnen so fern liegende Gebiet
der Apatschen aufzusuchen Ich nahm an dass dieser Grund sich nicht auf enge
rein persönliche Verhältnisse bezog sondern eine allgemeinere Bedeutung hatte
und da meine Adresse da drüben bekannt ist und ich mit vielen dort lebenden
Personen von denen ich in meinen Büchern erzählt habe und noch erzählen werde
im Briefwechsel stehe so durfte ich wohl hoffen bald weiteres zu erfahren
    Und wie gedacht so geschehen Kaum zwei Wochen später kam ein zweiter
Brief aber von einer Seite von welcher ich am allerwenigsten ein Lebenszeichen
oder gar eine Zuschrift erwartet hätte Das Kuvert zeigte genau dieselbe
Adresse und der englisch geschriebene Inhalt lautete in die deutsche Sprache
übersetzt wie folgt
    »Komm an den Mount Winnetou zum großen letzten Kampfe Und gib mir endlich
        Deinen Skalp den Du mir schon zwei Menschenalter lang schuldig bist
        Dieses lässt Dir schreiben
                                                                    Tokeichun
                                        der Häuptling der RacurrohKomantschen«
Und nur eine Woche später erhielt ich auch wieder unter derselben Adresse
folgende Zuschrift
    »Hast Du Mut so komme herüber nach dem Mount Winnetou Meine einzige Kugel
        die ich noch habe sehnt sich nach Dir
                                                                         Tangua
                                                   ältester Häuptling der Kiowa
    Geschrieben von Pida seinem Sohne dem jetzigen Häuptling der Kiowa dessen
        Seele die Deinige grüßt«
    Diese beide Briefe waren im höchsten Grade interessant und zwar nicht nur
psychologisch Fast schien es als ob sie von Tokeichun und Tangua an dem
gleichen Orte und unter dem gleichen Einflusse diktiert worden seien Beide
hassten mich noch genau so unversöhnlich wie ehedem Ganz eigenartig war es dass
der Sohn des letzteren mich trotz dieses Hasses grüßte doch fiel es mir nicht
schwer diese Dankbarkeit zu verstehen Aber wichtiger viel wichtiger als das
Alles war dass auch die Feinde der Apatschen hinauf nach dem Mount Winnetou
wollten Es wurde da von einem »großen letzten Kampfe« gesprochen Das klang
außerordentlich gefährlich Ich begann besorgt zu werden ernstlich besorgt
Oder gab es da drüben Jemand etwa einen alten früheren Gegner der sich jetzt
in meinen alten Tagen den Spaß machen wollte mich zu foppen und zu einer
Einfaltsreise nach Amerika zu bewegen Aber nach der Hälfte eines Monates
erhielt ich folgenden Brief der in Oklahoma aufgegeben war und für mich ein
Dokument bildete dem ich vollsten Glauben zu schenken hatte
                    »Mein lieber weißer Bruder
    Der große gute Manitou in meinem Herzen gebietet mir Dir zu sagen dass ein
        Bund der alten Häuptlinge und ein Bund der jungen Häuptlinge nach dem
        Mount Winnetou berufen ist um über die Bleichgesichter zu Gericht zu
        sitzen und über die Zukunft der roten Männer zu entscheiden Du wirst
        kommen und ich werde kommen Meine Seele freut sich auf die Deinige
        Ich zähle die Tage Stunden und Minuten bis ich Dich sehen werde
    Dein roter Bruder
                                                                  Schahko Matto
                                                          Häuptling der Osagen«
    Auch dieser Brief war englisch geschrieben und zwar von seinem Sohne
dessen Handschrift ich kannte weil ich im Briefwechsel mit ihm stehe Zudem
hatte Schahko Matto sein ledernes Totem beigelegt wie er immer tat wenn es
sich um etwas Wichtiges handelte Ich konnte also die Vermutung einer Fopperei
fallen lassen Die Sache war Wirklichkeit war Ernst Der Gedanke
hinüberzugehen begann mich lebhaft zu beschäftigen Freilich aber war es um
diesen Gedanken zum Entschlusse zu bringen nötig vorher erst noch Näheres und
Bestimmteres zu erfahren Und das ließ nicht lange auf sich warten Ich erhielt
einen grossbogigen wie amtlich zusammengelegten Schreibebrief welcher den Zweck
hatte eine Einladung zu sein aber seines Tones wegen war er schon richtiger
als eine »Zufertigung« zu bezeichnen Ich gebe ihn in deutscher Übersetzung
die Überschrift abgerechnet
                    »Dear Sir
    In den vorjährigen Versammlungen der Häuptlinge wurde einmütig beschlossen
        den hierzu geeignetsten Berg des Felsengebirges fortin mit dem Namen
        Winnetous des berühmtesten Häuptlings aller Nationen zu bezeichnen Es
        wurde hierzu die höchstwahrscheinlich auch Ihnen wenigstens geographisch
        bekannte Kulmination gewählt auf welche der geheimnisvolle Medizinmann
        TatellahTatah Tousandjears sich zurückgezogen hat Am Fuße resp
        auf den Stufen dieses Berges sollen um die Mitte des heurigen September
        folgende Versammlungen abgehalten werden
        1 Das Kampmeeting der alten Häuptlinge
        2 Das Kampmeeting der jungen Häuptlinge
        3 Das Kampmeeting der Häuptlingsfrauen
        4 Das Kampmeeting aller außerdem berühmten roten Männer und roten
        Frauen
        5 Das Schlussmeeting unter der Leitung des hier unterzeichneten
        Komitees
    Es wird in Ihr Belieben gestellt sich hierzu persönlich einzufinden und bei
        dem Vorsitzenden oder dessen Stellvertreter zu melden wobei Ihnen der
        Gegenstand aller dieser Beratungen bekannt gegeben wird Zugleich werden
        Sie darauf aufmerksam gemacht dass diese Meetings ebenso wie sämtliche
        Vorbereitungen zu ihnen vor den Angehörigen anderer Rassen vollständig
        geheim zu halten sind Wir verpflichten Sie hiermit zur strengsten
        Diskretion und fühlen uns berechtigt anzunehmen dass wir Ihre
        ehrenwörtliche Versicherung zu schweigen bereits bekommen haben
        Nummermarken für die bei unsern Zusammenkünften Ihnen anzuweisenden
        Plätze haben Sie sich bei dem unterzeichneten Schriftführer persönlich
        abzuholen Sämtliche Reden zum Beratungsgegenstande sind des bessern
        Verständnisses wegen in englischer Sprache zu halten
    Hochachtungsvoll
                                                                    Das Komitee
    Gezeichnet
                                                      Simon Bell Tschololet
                                    Professor der Philosophie als Vorsitzender
                                                      Edward Summer Tiiskama
                                             Professor der KlassikalPhilologie
                                            als Stellvertreter des Vorsitzenden
                                                     William Evening Pewidah
                                                       Agent als Schriftführer
                                             Antonius Paper Okihtschintscha
                                                         Bankier als Kassierer
                                                                   Old Surehand
                                                     Partikulier als Direktor«
    Ganz unten am Rande dieses Schriftstückes stand die von dem letzteren selbst
geschriebene Privatbemerkung
    »Ich hoffe das Du auf alle Fälle kommst Betrachte mein Haus als das
        Deinige auch wenn wir nicht daheim sind Ich bin als Direktor jetzt
        leider stets unterwegs Es gibt für Dich eine ungeheuer freudige
        Überraschung Du wirst entzückt sein über die Leistung unserer beiden
        Jungens
                                               Dein alter treuer Old Surehand«
    Ich füge zu diesem langen Briefe gleich den folgenden kürzeren der bei mir
eintraf Er lautete
                    »Mein Bruder
    Ich weiß dass Du eingeladen bist Versäume ja nicht Dich einzustellen Ich
        freue mich unbeschreiblich auf Dich Die beiden Boys werden Dir noch
        besonders schreiben Dein
                                                                    Apanatschka
                                              Häuptling der KaneanKomantschen«
    Diese »beiden Boys« oder wie Old Surehand sich ausgedrückt hatte »unserer
beiden Jungens« schrieben mir hierauf folgende Zeilen
                    »Hochverehrter Herr
    Als Sie uns einst von unsrem falschen niedrigen Kunstwege so streng hinüber
        nach dem höheren ja allerhöchsten wiesen versprachen wir Ihnen nur
        erst dann an die Oeffentlichkeit zu treten wenn wir imstande seien
        durch wirkliche und unanfechtbare Meisterwerke zu beweisen dass die rote
        Rasse in keiner Weise weniger begabt ist als irgend eine der andern
        Rassen auch in Beziehung auf die Kunst Wir erbten unsere Begabung von
        unserer Großmutter die wie Sie wissen eine Vollindianerin ja in
        rein äußerer Beziehung sogar ein Vollindianer war Wir sind bereit den
        von Ihnen verlangten Beweis jetzt nun zu führen Sie versprachen uns
        wenn diese Zeit gekommen sei sich trotz der weiten Entfernung hier bei
        uns einzustellen um unsere Werke zu prüfen Wir sind der Meinung dass
        wir diese Prüfung nicht zu fürchten haben und erwarten Sie um die Mitte
        des September am Mount Winnetou um Sie willkommen zu heißen Wir haben
        erfahren dass Sie wie sich ganz von selbst verstand eingeladen sind
        an diesen verschwiegenen und hochwichtigen Beratungen teilzunehmen und
        hegen die feste Überzeugung dass Sie sich durch nichts abhalten lassen
        werden zur rechten Zeit am angegebenen Orte zu erscheinen In größter
        Hochachtung sind wir Ihre ganz ergebenen
                                                                 Young Surehand
                                                             Young Apanatschka«
    Diese Zuschrift hatte Hände und Füße Sie machte mir Freude obgleich sie
von den beiden »Jungens« nur zu dem Zwecke mir einen tüchtigen Rippenstoss zu
versetzen in dieser Weise verfasst worden war Wer meine beiden Reiseerzählungen
»Winnetou« und »Old Surehand« gelesen hat kann sich sehr leicht denken wer
diese beiden Boys sind Wer sie noch nicht gelesen hat den muss ich bitten dies
nachzuholen um den vorliegenden Band der zu gleicher Zeit auch der vierte Band
von »Old Surehand« und »Satan und Ischariot« ist verstehen zu können
    Wie man sich erinnern wird hatte sich herausgestellt dass Old Surehand und
Apanatschka Brüder waren die man ihrer Mutter einer körperlich seelisch und
geistig hochbegabten Indianerin unterschlagen hatte Um diesen Raub
aufzuklären hatte sie als Indianer verkleidet unter dem Namen Kolma Putschi
viele Jahre lang die Städte des Ostens die Savannen und die Urwälder
durchforscht ohne dieses Ziel zu erreichen bis es Winnetou und mir gelang die
von ihr gesuchten Spuren und infolge dessen dann auch die beiden Söhne zu
entdecken den einen als hochberühmten Westmann und den andern als nicht weniger
berühmten Komantschenhäuptling zwei außerordentlich wertvolle Menschen deren
Freundschaft mir treugeblieben ist trotz aller Wandlungen welche sowohl ihr
als auch mein Leben seit damals durchzumachen hatte
    Beide heirateten später ein schönes intelligentes Schwesternpaar aus dem
besonderen Stamme Winnetous also der Mescaleroapatschen und jedem von ihnen
war sodann die Freude beschert einen Sohn zu besitzen auf den alle Begabungen
Kolma Putschis in noch vermehrtem Grade vererbt worden waren Sie hatten die
Mittel diese Gaben ausbilden zu lassen Young Surehand und Young Apanatschka
wurden nach dem Osten gebracht um Künstler zu werden der Erstere Architekt und
Bildhauer und der Letztere Maler und Bildhauer Die auf sie gesetzten Hoffnungen
erfüllten sich Sie gingen später auf einige Jahre nach Paris um dort die
berühmtesten Ateliers zu studieren dann nach Italien und endlich gar nach
Ägypten wo sie sich die Aufgabe stellten sich dort mit den Gesetzen der
einstigen Gigantenkunst vertraut zu machen Auf dem Rückwege kamen sie über
Deutschland um mich aufzusuchen Sie waren mir sehr sympathisch Ich hatte
meine Freude an ihnen und zwar nicht allein deshalb weil sie meinen
unvergleichlichen Winnetou fast als einen Halbgott verehrten Auch ihr
künstlerisches Wollen und Können war hervorragend und schien noch wachsen zu
können Leider aber war es in echt amerikanischer Weise auf den Abweg der
Business hinübergeleitet worden und so geschah es dass sie von mir anstatt eines
Lobes eine sehr ernste Warnung zu hören bekamen die sie mir wie ich aus ihrem
Briefe ersah bis heut noch nicht vergessen und vergeben hatten Dies war wohl
auch der Grund dass ich weder von ihren Vätern noch von ihnen selbst über ihre
Zukunftspläne und ihr jetziges künstlerisches Schaffen unterrichtet worden war
Ganz besonders schweigsam gegen mich aber verhielt man sich über die Gründe
welche die beiden jungen Leute veranlasst hatten grad die Kolossaldarstellungen
der alten Aegypter zu studieren Das hatte Geheimnis bleiben sollen Jetzt aber
begann ich zu ahnen dass die »Meisterwerke« zu deren Begutachtung ich
eingeladen war hierzu in Beziehung standen
    Ich kann ganz und gar nicht behaupten dass die Briefe welche in so
schneller Folge bei mir anlangten mir Freude bereiteten Warum sagte man mir
nicht gleich offen und ehrlich um was es sich eigentlich handelte Wozu diese
heimliche Kampmeetingspielerei Große und fruchtbare Gedanken werden in
heiliger unberührter Einsamkeit geboren nicht aber in langen Reden die doch
nur auf kurze Erfolge berechnet sein können Warum diese Trennung der alten
Häuptlinge von den jungen Wozu noch extra die roten Frauen Wer waren die
»außerdem berühmten roten Männer und roten Frauen« Etwa die Herren dieses mir
so sonderbar ja sogar verdächtig vorkommenden Komitees Sie wollten das
Schlussmeeting leiten also die Beschlüsse sämtlicher Versammlungen beeinflussen
und korrigieren Die Namen der beiden Professoren geborener Indianer kannte
ich Sie hatten einen guten Klang Aber den Ton in dem sie an mich schrieben
hätte sich kein Sam Hawkens kein Dick Hammerdull und kein Pitt Holbers gefallen
lassen Der Schriftführer und der Kassierer waren mir vollständig fremd Und Old
Surehand als Direktor Was sollte das heißen Wozu hier einen besonderen
»Direktor« Etwa um die moralische Verantwortung oder gar die pekuniäre Garantie
auf ihn zu werfen Old Surehand war ein Westmann allerersten Ranges gewesen
aber ob er auch imstande war es mit der geschäftlichen Smartness eines
geriebenen amerikanischen Pfiffikus aufzunehmen das wusste ich leider nicht
Die Sache kam mir umso bedenklicher vor je länger und intensiver sie mich
beschäftigte Auch meiner Frau gefiel sie nicht Und weil ich sie hierbei mit
erwähne so sei zugleich gesagt dass auch sie in Schreiben bekam nämlich
folgendes
                    »Meine liebe weiße Schwester
    Nun werden meine Augen Dich endlich endlich sehen meine Seele sah Dich
        schon längst Der Gebieter Deines Hauses und Deiner Gedanken wird nach
        dem Mount Winnetou kommen um mit uns über Großes und Schönes zu
        beraten Ich weiß er wird diese Reise nicht tun ohne dass Du ihn
        begleitest Ich bitte Dich ihm zu sagen dass ich das beste unserer
        Zelte für Dich und ihn bereit halten werde und dass ich Dein Kommen
        vorempfinde als einen lieben warmen Strahl der Sonne die meinem Leben
        unbekannt gewesen ist bis nun da es zum Scheiden gehen will So komm
        also und bring mir Deine Menschenliebe Deine Herzensgüte und   
        Deinen Glauben an den großen gerechten Manitou den ich gern ebenso
        deutlich fühlen möchte wie Du meine Schwester ihn fühlst
                                                                 Kolma Putschi«
    Ich muss erwähnen dass das Herzle mit Kolma Putschi in Briefwechsel stand und
heut noch steht und dass diese Zuschrift nicht ohne Einfluss auf unsere
Entschließungen war Wenn ich wirklich ging so verstand es sich nun ganz von
selbst dass ich diese Reise nicht allein unternahm Es liefen noch mehrere
Briefe ein Ich wähle unter ihnen nur noch einen aus weil er mir als der
wichtigste von allen erscheint die ich über diesen Gegenstand bekam Er war von
einer geradezu kalligraphisch geübten Hand auf sehr gutes Papier geschrieben und
in das große Totem dessen der ihn diktiert hatte gehüllt Dieses Totem bestand
aus papierdünnem Antilopenleder welches durch eine Behandlung die nur die
Indsmen kennen die Weiße des Schnees und die Glätte des Porzellanes erhalten
hatte Die einpunktierten Charaktere waren mit Zinnober und einer andern mir
unbekannten Farbe rot und blau gefärbt Der Inhalt lautete
                    »Mein weißer älterer Bruder
    Ich fragte Gott nach Dir Ich wollte wissen ob Du noch unter Denen weilst
        von denen man sagt dass sie leben Die Antwort kam durch die
        Benachrichtigung dass man Dich eingeladen habe an den
        Septemberberatungen hier in meinen Bergen deren heilige Stille und Ruhe
        für immer vernichtet werden soll teilzunehmen Sei um aller Derer
        willen die Du einst hier liebtest und vielleicht noch heute liebst
        gebeten diesem Rufe Folge zu leisten Eile herbei wo Du auch seist
        und rette Deinen Winnetou Man will ihn falsch verstehen und man will
        auch mich nicht begreifen Du hast weder mich noch habe ich Dich jemals
        gesehen Wie ich nie einen Laut Deiner Stimme vernahm so hörtest auch
        Du niemals den Klang der meinigen Heut aber schreit meine Angst weit
        über das Meer hinüber zu Dir so laut so laut dass Du es hören wirst
        und unbedingt kommen musst
    Niemand weiß dass ich Dich rufe Nur der dies schreibt musste es erfahren
        Er ist meine Hand er schweigt Wende Dich bevor Du hier erscheinst
        nach dem Nuggettsil Die mittelste der fünf großen Blaufichten wird zu
        Dir sprechen und Dir sagen was ich diesem Papier nicht anvertrauen
        kann Ihre Stimme sei Dir wie die Stimme Manitous des großen ewigen
        und allliebenden Geistes Ich bitte Dich noch einmal Komm o komm und
        rette Deinen Winnetou Man will ihn Dir erwürgen und erschlagen
                                                                 TatellahSatah
                                               der Bewahrer der großen Medizin«
    Was den in diesem Briefe erwähnten Nuggettsil betrifft so versteht man
unter Nuggets die mehr oder weniger großen gediegenen Goldkörner welche von
den Goldsuchern entweder einzeln zuweilen aber auch in ganzen reichhaltigen
Nestern gefunden werden Tsil bedeutet in der Apatschensprache so viel wie Berg
Nuggettsil heißt also so viel wie »Goldkörnerberg« Auf diesem Berge sind
bekanntlich der Vater und die Schwester meines Winnetou von einem gewissen
Sander ermordet worden Später kurz vor dem Tode Winnetous den er im Innern
des Hancockberges fand teilte er mir mit dass er sein Testament für mich auf
dem Nuggettsil vergraben habe und zwar zu Füßen seines dort bestatteten
Vaters ich werde da viel Gold zu sehen bekommen sehr viel Gold Als ich
hierauf nach dem Nuggettsil ritt um das Testament zu holen wurde ich dabei
von diesem Sander überrascht und von einer Schar von KiowaIndianern bei denen
er sich befand gefangen genommen Der Anführer dieser Schar war der damals noch
jugendliche Pida der mich jetzt nach über dreißig Jahren in dem Briefe seines
Vaters des ältesten Häuptlings Tangua aus seiner »Seele« grüßte Sander stahl
das Testament und entfloh mit ihm um das Gold zu holen dessen Fundstelle in
der letztwilligen Verfügung Winnetous beschrieben war Ich machte mich von den
Kiowas frei und eilte ihm nach Ich kam an Ort und Stelle an als er den Schatz
soeben gefunden hatte Das Versteck lag auf einem hohen Felsen am Ufer des
einsamen Bergsees den man »Das dunkle Wasser« zu nennen pflegt Als er mich
sah schoss er auf mich Was dann geschah das ist im letzten Kapitel von
»Winnetou« Band III zu lesen
    Und in Beziehung auf TatellahSatah den »Bewahrer der großen Medizin« muss
ich gestehen dass es stets einer meiner Herzenswünsche gewesen war diesen
geheimnisvollsten aller roten Männer einmal zu sehen und zu sprechen nie aber
hatte eine Gelegenheit bereit gestanden mir dieses wirklich herzliche Verlangen
zu erfüllen TatellahSatah ist ein Name welcher der Taossprache angehört und
wörtlich übersetzt »Tausend Sonnen« heißt in seiner Anwendung aber »Tausend
Jahre« bedeutet Der Träger desselben hatte also ein so ungewöhnliches ja
außerordentliches Alter dass man die Höhe des letzteren unmöglich bestimmen
konnte Ganz ebenso wenig wusste man wo er geboren worden war Er gehörte keinem
einzelnen Stamme an Er wurde von allen roten Völkern und Nationen gleich hoch
verehrt Was Hunderte und Aberhunderte von einzelnen Medizinmännern im Laufe der
Zeit an Geistesgaben und Kenntnissen besessen hatten das sprach man ihm dem
Höchstgestiegenen in voller Summe zu Um zu begreifen was das heißt muss man
wissen dass es grundfalsch ist sich einen indianischen »Medizinmann« als einen
Kurpfuscher Regenmacher und Gaukler vorzustellen Das Wort Medizin hat in
dieser Zusammensetzung nicht das Allergeringste mit der Bedeutung zu tun die es
bei uns besitzt Es ist für die Indianer ein fremder Ausdruck dessen Sinn sich
bei ihnen derart verändert hat dass wir uns dabei grad das Gegenteil von dem zu
denken haben was wir uns bisher dabei dachten
    Als die Roten die Weißen kennen lernten sahen hörten und erfuhren sie gar
manches was ihnen gewaltig imponierte Am meisten aber erstaunten sie über die
Wirkung unserer Arzneimittel unserer Medizinen Die Sicherheit und
Nachhaltigkeit dieser Wirkung war ihnen schier unbegreiflich Sie erkannten die
unendliche Größe der göttlichen Liebe welche sich in diesem Geschenke des
Himmels an das Geschlecht der Menschen offenbarte Sie hörten das Wort Medizin
zum ersten Male und sie verbanden mit ihm den Begriff des Wunders des Segens
der göttlichen Liebe und des für die Menschen unbegreiflichen Geheimwirkens in
heiligster Verborgenheit Kurz der Ausdruck »Medizin« wurde für sie
gleichbedeutend mit dem Worte Mysterium Sie nahmen die Benennung »Medizin« in
alle ihre Sprachen und Dialekte auf Alles was mit ihrer Religion ihrem
Glauben und ihrem Forschen nach ewigen Dingen in Beziehung stand wurde als
»Medizin« bezeichnet Ebenso auch alle diejenigen Tatsachen europäischer
Wissenschaft und europäischer Zivilisation die sie nicht begreifen konnten
weil sie weder die Anfänge noch die Entwickelungen derselben kannten Sie waren
aufrichtig und ehrlich genug unumwunden zuzugeben dass die Vorzüge der
Bleichgesichter zahlreicher und größer seien als diejenigen der roten Männer
Sie trachteten den ersteren nachzueifern Sie nahmen von ihnen vieles Gute
leider aber auch vieles Böse an Sie waren so kindlich und so naiv so manches
was bei den Weißen nur auf dem Fuße des Gewöhnlichen oder gar des Niedrigen
stand für ungewöhnlich für hoch für heilig zu halten und sich für immer
anzueignen ohne vorher zu prüfen und ohne zu fragen welche Folgen das bringen
werde So nahmen sie auch das Wort »Medizin« bei sich auf und bezeichneten damit
ihr Allerhöchstes und Allerheiligstes ohne zu wissen dass sie grad dieses
Höchste und Heiligste damit beleidigten und entwürdigten Denn zu der Zeit als
sie dies taten hatte der Ausdruck Medizin nicht etwa den guten ehrenden Klang
wie heut Er besaß den starken Beigeschmack von Hokuspokus Quacksalberei und
Windbeutelei und als die Indianer in ihrer Unbefangenheit die Träger ihrer
allerdings noch bei den Anfängen stehenden Theologie und Wissenschaft als
»Medizinmänner« bezeichneten ahnten sie nicht dass sie damit den bisherigen
guten Ruf dieser Leute für immer vernichteten
    Wie hoch diese letzteren standen ehe sie Gelegenheit hatten die
»Zivilisation« der Weißen kennen zu lernen ersehen wir heutigen Tages erst nach
und nach indem wir unsere Forschung tiefer und tiefer in die Vergangenheit der
amerikanischen Rasse hinuntersteigen lassen Diese Vergangenheit zeigt uns
zahlreiche Punkte auf denen die Völker Amerikas auf gleicher Stufe mit den
Weißen standen Alles was bei jenen Völkern und in jenen Reichen Gutes Großes
und Edles geschah entsprang jenen geistigen Quellen und den Köpfen jener
Männer welche von ihren Nachkommen später als »Medizinen« und »Medizinmänner«
bezeichnet wurden Hiermit sind Theologen Politiker Strategen Astronomen
Tempelbaumeister Maler Bildhauer QuipuEntzifferer Professoren Ärzte
kurz alle diejenigen Personen und Stände zusammengefasst durch welche die
intellektuellen und etischen Potenzen jener Zeiten sich betätigten Es gab
unter diesen später als »Medizinmänner« bezeichneten Koryphäen genau ebenso
berühmte und hochberühmte Namen wie in der Entwicklungsgeschichte der
asiatischen und europäischen Rassen und sie sind nicht für immer sondern nur
für einstweilen verschollen weil unsere Kenntnis und unser Verständnis noch
nicht so weit vorgeschritten ist jenes geschichtliche Dunkel zu erleuchten
Wenn die Medizinmänner der Gegenwart nicht mehr die Medizinmänner der
Vergangenheit sind so trägt der Indianer gewiss nicht allein die Schuld daran
Die geistige Elite der Inkas der Tolteken und Azteken also die
»Medizinpflegerschaft« der Peruaner und Mexikaner stand gewiss nicht auf einem
sehr viel niedrigeren Niveau als die Abenteurer eines Kortez und Pizarro und
wenn diese damalige Höhe sich infolge der spanischen Invasion zur heutigen Tiefe
neigte so dass wir jetzt die Indianer einfach und kurzerhand als »Wilde«
bezeichnen so brauchen wir uns nicht darüber zu wundern dass auch ihre
Medizinmänner mit herabgekommen sind Sie waren gezwungen diesen Niedergang
mitzumachen
    Trotzdem aber sind sie noch lange nicht das wofür wir sie halten Ich habe
noch keinen Weißen kennen gelernt der von irgend einem Medizinmann in seine
Geheimnisse und Anschauungen eingeweiht worden ist oder der wenigstens die
Symbolik der betreffenden Gebräuche derart begreift wie sie begriffen werden
muss ehe man behaupten kann über sie sprechen oder gar schreiben zu dürfen Ein
wirklicher Medizinmann der es ernst mit seinem Amte und seiner Würde nimmt
gibt sich nie zu Schaustellungen her Die sogenannten Medizinmänner der von Zeit
zu Zeit hier bei uns herumvagabundierenden Völkerwiesenindianer sind alles
andere aber nur keine wirklichen Medizinmänner und an ihren Verrenkungen
Sprüngen und sonstigen Possen würde ein solch letzterer gewiss ebensowenig
teilnehmen wie zum Beispiel bei uns ein ernstgesinnter Gottes oder
Weltgelehrter auf den Gedanken kommen könnte auf einem Jahrmarkt oder
Vogelschiessen für Geld und öffentlich einen Schuhplattler oder einen
Purzelbäumler zu tanzen
    Ich bitte meine Leser diese Ausführungen ja nicht für langweilig oder gar
für überflüssig zu halten Ich musste das sagen denn es gilt von nun an gerecht
zu sein und von den bisherigen Fehlern die wir in der Psychologie der roten
Rasse begingen endlich einmal abzulassen Wenn wir in TatellahSatah einen
jener alten hochstehenden Medizinmänner der Vergangenheit kennen lernen die
wie Säulen im Bilde eines Tagesscheidens stehen so war ich als gewissenhafter
und wahrheitstreuer Zeichner verpflichtet den forschenden Blick auf die
Betrachtung dieses Gemäldes vorzubereiten
    Der geheimnisvolle Mann von dem ich mit so großer Hochachtung spreche war
nicht etwa mein Freund gewesen o nein Aber ja auch nicht mein Feind Er war
überhaupt keines Menschen Feind Sein Denken und Fühlen war absolut gerecht und
absolut human sein Handeln ebenso Aber wie er zu mir stand das war noch
schlimmer und noch niederdrückender als wenn er mein Feind gewesen wäre Ich
war nämlich für ihn gar nicht vorhanden Er übersah mich vollständig Warum
Weil er mich seit dem Tage an welchem der Vater und die Schwester meines
Winnetou ermordet worden waren als ihren eigentlichen Mörder betrachtete Sie
war aus eigenem Wunsch und auf Wunsch ihres ganzen Stammes zu meiner Frau
bestimmt gewesen ich aber hatte sie abgewiesen Sie hieß Nschotschi und sie
trug diesen Namen mit Recht Nschotschi heißt auf deutsch »Schöner Tag« und
als sie starb ging eine helltagende schöne Hoffnung der Apatschen mit ihr aus
dem Leben besonders eine liebe große Hoffnung des alten Medizinmannes
TatellahSatah Sie war für ihn die schönste und beste Tochter sämtlicher
Apatschenstämme und er behauptete dass sie damals nicht erschossen worden wäre
wenn ich mich nicht abweisend sondern entgegenkommend verhalten hätte Ich gab
dies zwar unumwunden zu fühlte mich aber von jedem Selbstvorwurf so vollständig
frei als ob die liebe aufopferungsvolle Freundin heut noch lebte Sie hatte
nach dem Osten gewollt um sich eine höhere Bildung anzueignen und war
unterwegs mit Intschu tschuna ihrem Vater erschossen worden um beraubt zu
werden Nie war es Winnetou ihrem Bruder eingefallen deshalb weil sie diese
Reise meinetwegen unternommen hatte auch nur den Schatten einer Anklage gegen
mich zu richten TatellahSatah aber hatte mich dafür aus seinem Buch aus
seinem Leben und aus allen seinen Berechnungen gestrichen und zwar für immer
und ewig wie es schien Er wohnte seit Menschengedenken in größter Einsamkeit
hoch oben im Gebirge Nur Häuptlinge durften sich ihm nahen und auch das so
selten wie möglich Es musste sich um Angelegenheiten von höchster Wichtigkeit
handeln ehe jemand die Erlaubnis bekam zu ihm emporzusteigen Nur Winnetou
sein ganz besonderer Liebling durfte kommen so oft es ihm beliebte Ihm wurde
jeder Wunsch erfüllt dessen Erfüllung überhaupt möglich war aber nur der eine
nicht den er oft vergebens äußerte nämlich der mich einmal mitbringen zu
dürfen
    Und nun jetzt nach so langer Zeit auf einmal diese dringende Einladung
Das konnte nur sehr ernste und sehr gewichtige Gründe haben Gründe die keine
gewöhnlichen und alltäglichen Ziele verfolgten sondern sich auf Besseres und
Wertvolleres bezogen als ich jetzt da ich seinen Brief soeben erst erhalten
hatte schon zu durchschauen vermochte Aber es stand nun fest dass ich
hinüberging und dass ich zur rechten Zeit auf dem Nuggettsil eintreffen würde
um die mir bezeichnete Blaufichte zu mir sprechen zu lassen Und ebenso bestimmt
war es dass das Herzle mich begleitete
    Als sie das hörte jubelte sie nicht etwa auf sondern sie zeigte mir ganz
im Gegenteile ihr ernstaftestes Gesicht Sie dachte an die Anstrengungen einer
solchen Reise und an die Gefahren eines solchen Rittes durch den Westen Denn
dass die von nah und fern herbeieilenden vielen Häuptlinge sich nicht der
Eisenbahn bedienen würden verstand sich ganz von selbst das war überhaupt
schon durch die Heimlichkeit mit der Alles zu geschehen hatte ausgeschlossen
Aber sie dachte indem sie von diesen Anstrengungen und Gefahren sprach nicht
an sich selbst sondern nur an mich Es gelang mir jedoch sehr leicht sie zu
überzeugen dass man jetzt zwar noch von einem »Westen« aber schon längst nicht
mehr von einem »wilden Westen« sprechen könne und dass ein solcher Ritt für mich
nur eine Erholung nicht aber eine Beschwerde sei Was sie selbst betrifft so
war sie gesund mutig geschickt ausdauernd und frugal genug um mich begleiten
zu können Sie beherrschte die englische Sprache und sie hatte durch das
fleißige Zusammenstudieren und Zusammenarbeiten mit mir sich so ganz nebenbei
auch eine Menge indianischer Worte und Redensarten angeeignet die ihr zustatten
kommen mussten Auch was das Reiten betrifft so war ihr unser letzter längerer
Aufenthalt im Orient eine gute Lehrzeit gewesen Sie hatte sich da ganz
geschickt benommen und nicht nur Pferde sondern auch Kamele gut zu behandeln
gelernt
    Und wie stets und überall so zeigte sie sich auch hier als klug
berechnende wirtschaftlich vorausschauende Hausfrau Ich hatte von einigen
amerikanischen Verlagsbuchhändlern Offerten erhalten die sich auf die
Herausgabe meiner Werke in englischer Sprache für da drüben bezogen Diese
Herren sollte ich so meinte das Herzle bei dieser Gelegenheit persönlich
aufsuchen um falls sie auf meine Bedingungen eingingen mit ihnen bequemer
abschließen zu können als es aus der Ferne und brieflich möglich war Um die
Deckelbilder vorzeigen zu können machte sie sich von den Originalen derselben
photographische Kopien im Grossformat die ihr sehr gut gelangen denn das Herzle
versteht das Photographieren viel viel besser als ich Am besten gelang ihr der
Sascha Schneidersche zum Himmel aufstrebende Winnetou Von demselben Künstler
besitze ich auch zwei prächtige ergreifende Porträts von Abu Kital dem
Gewaltmenschen und Marah Durimeh der Menschheitsseele Auch diese beiden die
für die nächsten Bände bestimmt sind wurden photographiert um mitgenommen zu
werden und zwar nicht auf Karton sondern unaufgezogen also so dünn dass sie
im Koffer fast gar keinen Raum einnahmen und zusammengerollt oder
zusammengebrochen in die Rocktasche gesteckt werden konnten
    Ich bitte auch diese rein geschäftlichen Bemerkungen nicht für langweilig
oder gar für überflüssig zu halten Man wird im Verlaufe der Erzählung sehen
dass einige dieser Bilder eine nicht gewöhnliche Wichtigkeit in der Kette der
Ereignisse erhielten Wer mich kennt der weiß dass es für mich keinen »Zufall«
gibt Ich führe Alles was geschieht auf einen höhlen Willen zurück mag man
diesen Willen als Gott als Schicksal als Fügung oder sonst irgendwie
bezeichnen Diese Fügung waltete auch hier dess bin ich überzeugt Die
Buchhändlerofferten verliefen und zerrannen später zu nichts ich fand gar keine
Zeit diese Herren aufzusuchen Ihr Zweck war nur den Anstoß zu dem Gedanken zu
bilden die Buchdeckel zu kopieren und diese Abzüge mitzunehmen
    Noch klarer und noch deutlicher trat dieser Schicksalszweck bei einer andern
Verlagsofferte hervor die mir aber nicht schriftlich sondern mündlich gemacht
wurde und zwar auffälligerweise genau zu derselben Zeit und auch von einem
Amerikaner Besonders beachtenswert sind hierbei die Nebenumstände durch welche
der Gedanke es nur mit einem Zufall zu tun zu haben vollständig ausgeschlossen
wurde
    Ich habe hier in Dresden einen Freund der ein viel in Anspruch genommener
Arzt und Psychiater ist Besonders auf dem letzteren Gebiete hat er ganz
bedeutende Erfolge errungen Er wird da als Autorität bezeichnet und von Fremden
nicht weniger als von Einheimischen zu Rate gezogen Dresden ist bekanntlich
eine vielbesuchte Fremdenstadt
    Bei einem Besuche den dieser Freund uns machte nicht etwa Sonntags wo er
frei war sondern mitten in der Woche und zwar abends spät als zu einer Zeit
in der wir noch niemals von ihm aufgesucht worden waren kam die Rede auf unsern
Entschluss mit dem Norddeutschen Lloyd nach New York zu fahren
    »Etwa um Nuggets zu holen« fragte er so schnell als ob er nur auf diese
unsere Mitteilung gewartet hätte
    »Wie kommen Sie grad auf Nuggets« antwortete ich
    »Weil ich heut eines gesehen habe Es war so groß wie ein Taubenei und
wurde als Berloque gefasst an der Uhrkette getragen« antwortete er
    »Von wem«
    »Von einem Amerikaner der mir übrigens noch viel interessanter war als
dieses sein Klümpchen Gold Er sagte mir er sei nur für zwei Tage hier und
erbat sich mein Gutachten in einer Angelegenheit die für jeden Psychologen
also auch für Sie mein lieber Freund ein Fall allerersten Ranges ist«
    »Wieso«
    »Es handelte sich um den in einer Familie sich vererbenden Zwang zum
Selbstmord einen Zwang der unbedingt sämtliche Glieder der Familie ergreift
ohne auch nur ein einziges zu verschonen und bei dem Einzelnen ganz leise
leise beginnt um nach und nach an Stärke zu wachsen bis er unwiderstehlich
wird«
    »Ich hörte schon von solchen Fällen und lernte einen derart Belasteten sogar
persönlich kennen Es war noch dazu ein Schiffsarzt mit dem ich von Suez nach
Ceilon fuhr Wir verbrachten eine ganze helldunkle Sternennacht auf dem
Oberdeck über psychologische Fragen Da gewann er Vertrauen zu mir und teilte
mir mit was er sonst Keinem sagte Ein Bruder und eine Schwester hatten sich
bereits das Leben genommen der Vater ebenso Die Mutter war vor Gram und Angst
gestorben Eine zweite Schwester schickte ihm jetzt während seiner Auslandstour
Briefe nach dass sie dem unglückseligen Drange unmöglich länger widerstehen
könne und er selbst war nur deshalb Arzt geworden um falls kein Anderer
helfen könne vielleicht selbst den Weg der Rettung zu finden«
    »Was ist aus ihm und seiner Schwester geworden«
    »Das weiß ich nicht Er versprach mir zu schreiben und mir seine
heimatliche Adresse anzugeben hat dies aber nicht getan Er war Oesterreicher
Stand es mit diesem Ihrem Amerikaner ebenso traurig«
    »Ob mit ihm selbst kann ich nicht sagen Er nannte keine Namen auch den
seinigen nicht und tat so als ob er nur von Bekannten spreche nicht aber von
seiner eigenen Familie Aber der Eindruck den er auf mich machte war ein
solcher dass ich ihn für persönlich beteiligt halte Er hatte so unendlich
traurige Augen Er schien ein guter Mensch zu sein und es tat mir wirklich
aufrichtig leid ihm keine sichere Hilfe in Aussicht stellen zu können«
    »Aber doch wenigstens Trost«
    »Ja Rat und Trost Aber denken Sie sich so eine Fülle von Unheil Die
Mutter hatte Gift genommen Der Vater war spurlos verschwunden Von fünf
Kindern die lauter Söhne waren lebten nur noch zwei Sie alle sind verheiratet
gewesen aber von ihren Frauen verlassen worden weil bei ihren Kindern der
Drang zum Selbstmord schon im Alter von neun oder zehn Jahren eingetreten ist
und sich derart schnell entwickelt hat dass nur ein einziges von ihnen das Alter
von sechzehn Jahren erreichte«
    »Sie sind also alle tot«
    »Ja alle Nur die erwähnten beiden Brüder leben noch Aber sie kämpfen mit
dem Mordzwange Tag und Nacht und ich glaube nicht dass einer von ihnen so stark
sein wird diesen Dämon in sich zu besiegen«
    »Schrecklich«
    »Ja schrecklich Aber ebenso rätselhaft wie schrecklich Dieser
unglückselige Drang existiert nämlich nur erst in der zweiten Generation vorher
war er nicht vorhanden Leider konnte mir nicht gesagt werden bei wem er sich
zuerst äußerte ob bei der an Gift gestorbenen Mutter oder bei dem verschollenen
Vater Auch erfuhr ich nicht ob diese Krankheit etwa seit irgend einem
Ereignisse datiert welches mit großen oder gar unheilvollen seelischen
Erschütterungen verbunden war Das würde doch wenigstens einen Anhalt geben So
aber musste ich mich darauf beschränken anstrengende Arbeit für Körper und Geist
anzuraten treue Pflichterfüllung die mit heiterer aber ja nicht niedriger
Zerstreuung abzuwechseln hat und vor allen Dingen fortwährende Übung und
Weiterstählung der Charakter und Willenskräfte auf die es hier in diesem Falle
am meisten anzukommen hat«
    »Haben Sie den Stand dieser unglücklichen Familie erfahren«
    »Ja Das war ja eine der Hauptfragen die ich vorzulegen hatte Der
verschollene Vater war Westmann Squatter Trapper Goldsucher und sonst alles
Derartige gewesen und hat von Zeit zu Zeit das was er dabei erübrigte
heimgebracht Das sind oft ganz ansehnliche Summen gewesen Er hat die Manie
gehabt Millionär werden zu wollen Das wurde zwar nicht erreicht aber reich
ziemlich reich ist die Familie doch geworden Die fünf Brüder vereinigten sich
zu einem Grossgeschäft in Pferden Rindern Schafen und Schweinen  «
    »Sie hatten also wohl viel mit den großen Schlächtereien zu tun« unterbrach
ich ihn
    »Allerdings«
    »Das konnte bei dieser Veranlagung nur schädlich sein sehr schädlich«
    »Unbedingt Massentötung von Schlachtvieh Warmer Blutdunst Immerwährender
Fleisch oder gar Kadavergeruch Hieraus folgende Verhärtung des Mitgefühles
Förmliche Auffütterung und Anmästung jenes innerlichen Dämons Ich habe das dem
Amerikaner ganz offen gesagt und ihn gewarnt Da teilte er mir mit dass er das
gar wohl gefühlt habe und darum für die beiden Brüder der Ratgeber und Helfer
gewesen sei das Geschäft zu verkaufen Das sei im vorigen Jahr geschehen doch
ohne dass sich hierauf eine Veränderung oder gar Verringerung des Leidens
eingestellt habe  Doch da unterhalte ich Sie noch am späten Abend mit Dingen
die Ihnen und mir nur die Nachtruhe verderben können Ich bitte um Verzeihung
und bin so pfiffig mich um nicht von Ihnen fortgewiesen zu werden jetzt
selbst hinauszuwerfen Schlafen Sie wohl«
    Er brach so kurz ab und entfernte sich so schnell wie es sonst seine Art
gar nicht war Genau ebenso verhielt es sich überhaupt mit seinem heutigen
Kommen Es war als habe er uns so ganz außerhalb der gewohnten Zeit nur deshalb
aufgesucht um uns auf diesen Amerikaner aufmerksam zu machen Das Herzle hatte
dasselbe Gefühl wie ich
    »Er ist mir heut gar nicht wie ein besuchender Freund sondern wie ein Bote
vorgekommen« sagte sie »Sollte es mit diesem Yankee irgendeine Bewandtnis
haben die auch uns angeht So darf ich freilich nur dich fragen nicht aber
Andere die es für selbstverständlich halten würden mich auszulachen«
    Ich gab ihr Recht Aber siehe da Am nächsten Vormittag zur Besuchszeit so
um elf Uhr saß ich bei der Arbeit Da hörte ich die Hausglocke Es wurde Jemand
eingelassen Ich hatte gesagt dass ich heut absolut für Niemand zu sprechen sei
Dennoch kam nach einiger Zeit das Herzle zu mir herauf legte eine Visitenkarte
vor mich hin und sagte
    »Verzeih Ich kann nicht anders ich muss dich doch unterbrechen Es ist gar
zu sonderbar  du wirst dich wundern«
    Ich warf einen Blick auf die Karte »Hariman F Enters« stand darauf nur
dieser Name weiter nichts Ich sah das Herzle erwartungsvoll an
    »Ja es ist wirklich erstaunlich« nickte sie »Er hat das taubeneigrosse
Nugget an der Uhrkette«
    »Wirklich  Wirklich«
    »Ja Und die ganz auffallend traurigen Augen sind auch da«
    »Und was will er«
    »Mit dir reden«
    »Ich habe keine Zeit Hast du ihm das gesagt Er mag wiederkommen«
    »Er muss noch heut fort sonst versäumt er das Schiff Er sagt er gehe nicht
fort ohne mit dir gesprochen zu haben Er bleibe sitzen bis du kommst Du
sollst ihm sagen was die Zeit kostet die du dadurch versäumst er werde sofort
bezahlen«
    »Das ist amerikanischer Unsinn Hat er dir gesagt was er ist«
    »Verlagsbuchhändler Er scheint kein Wort Deutsch sprechen zu können Er
will dir den Winnetou abkaufen«
    »Hast du ihm hierauf vielleicht schon Bescheid gegeben«
    »Ich teilte ihm mit dass wir schon ähnliche Offerten von drüben bekommen
haben und nächstens mit dem Lloyd hinübergehen werden um das zu erledigen«
    »Du Herzle das war nicht sehr gescheit von dir«
    »Warum nicht«
    »Wer nach dem Westen gehen will der hat sich vor allen Dingen in der
Schweigsamkeit zu üben ganz gleich ob es da drüben noch wild zugeht oder
nicht«
    »Aber wir sind ja noch gar nicht drüben«
    »Ich habe gesagt schon wenn man hinüber will verstanden will Übrigens
brauchen wir um schweigsam sein zu müssen gar nicht erst hinüber denn er ist
schon hier hüben bei uns«
    »Wo«
    »Unten bei dem Amerikaner Dieser Mr Hariman F Enders ist der
amerikanische Westen«
    »Meinst du«
    »Gewiss Du wirst bald sehen dass dies richtig ist Mag er sein wer er will
und mag er wollen was er will wir spielen jetzt Amerika Er ist gekommen sich
bei uns anzuschleichen Drehen wir den Spieß um Geh jetzt hinab und sag dass
ich kommen werde aber teile ihm nicht mehr mit Sprich mit ihm überhaupt so
wenig wie möglich«
    Sie ging und ich folgte ihr nach einiger Zeit nach Mr Enters war ein
wohlgebauter glattrasierter Mann im Alter von ungefähr vierzig Jahren Er
machte einen wohlwollenerweckenden Eindruck ohne grad das Benehmen eines
hochgebildeten Mannes zu zeigen Er trat bescheiden auf war aber trotzdem dabei
auch ein wenig Protz Das von den traurigen Augen das stimmte Lachen schien er
gar nicht zu können und wenn er ja einmal lächelte so machte das mehr den
Eindruck der Qual als der Heiterkeit Meine Frau stellte uns einander vor Wir
verbeugten uns und saßen uns dann einander gegenüber Ich bat ihn mir zu sagen
womit ich ihm dienen könne Er antwortete indem er fragte
    »Ihr seid Old Shatterhand«
    »Man nannte mich so« erwiderte ich
    »Auch jetzt noch«
    »Höchst wahrscheinlich«
    »Ihr geht nächstens wieder hinüber«
    »Ja«
    »Wohin Bis wie weit«
    »Weiß ich noch nicht«
    »Mit welchem Schiff«
    »Ist noch unbestimmt«
    »Auf wie lange«
    »Das wird sich erst drüben entscheiden«
    »Ihr besucht alte Bekannte«
    »Vielleicht«
    »Werdet Ihr Euch mehr nach dem Norden oder nach dem Süden der Staaten
wenden«
    Da stand ich von meinem Sitze auf verbeugte mich drehte mich um und ging
nach der Tür
    »Wohin wollt Ihr Mr May« rief er da hastig hinter mir her
    Ich blieb stehen und antwortete
    »Wieder an meine Arbeit Ich habe Euch aufgefordert mir mitzuteilen was
Ihr von mir wünschet Anstatt dies zu tun legt Ihr mir eine ganze Reihe von
Fragen vor zu denen Euch absolut kein Recht gegeben ist Hierauf zu antworten
habe ich keine Zeit«
    »Ich habe Mrs May gesagt dass ich sofort bezahle was das kostet« warf er
ein
    »Das könnt Ihr nicht Ihr seid zu arm dazu viel zu arm«
    »Glaubt Ihr Mache ich wirklich einen so armen Eindruck Ihr irrt Euch
Sir«
    »Gewiss nicht Denn selbst wenn Ihr Euch im Besitze von tausend Milliarden
befändet so wäret Ihr trotzdem außer Stande sogar dem allerärmsten Teufel auch
nur eine Viertelstunde der ihm von Gott gegebenen vollständig unersetzlichen
Lebenszeit zu bezahlen«
    »Wenn Ihr das so betrachtet so mag es sein Bitte setzt Euch wieder
nieder Ich werde mich so kurz wie möglich fassen«
    Er wartete bis ich diesen seinen Wunsch unter scheinbarem Zögern erfüllt
hatte und fuhr dann fort
    »Ich bin Verlagsbuchhändler Ich kenne Euren Winnetou   «
    »Sprecht und lest Ihr Deutsch« unterbrach ich ihn
    »Nein« antwortete er
    »Wie könnt Ihr da diese Erzählung kennen Sie ist meines Wissens noch nicht
in das Englische übersetzt«
    »Sie wurde in einer mir befreundeten Familie in welcher auch deutsch
gesprochen wird gelesen und mir zuliebe gleich während des Lesens übersetzt
Was ich da hörte interessierte mich derart dass ich einen jungen stellenlosen
Deutschamerikaner zu mir nahm um sie mir in voller Musse nach und nach derart
vorlesen zu lassen dass ich Alles verstand und mir die notwendig erscheinenden
Notizen machen konnte«
    »Ah Notizen Wozu Notizen«
    Ich bemerkte dass diese Frage ihn in Verlegenheit brachte Er versuchte
dies zu verbergen und antwortete
    »Natürlich nur rein literarische als Buchhändler selbstverständlich Ich
habe dann auf meinen weiten Ritten durch den Westen diese Notizen bei mir gehabt
und Alles was in Euren drei Bänden steht nachgeprüft Darum bin ich imstande
Euch sagen zu können dass Alles stimmt Alles sogar oft die geringsten
Kleinigkeiten«
    »Danke« sagte ich kurz als er mich hierbei ansah ob dieses Lob einen
Eindruck auf mich machen werde
    »Nur zwei Orte« fuhr er fort »konnte ich noch keiner Prüfung unterziehen
weil ich sie noch nicht aufzufinden vermochte«
    »Welche Sir«
    »Den NuggetTsil und das Dunkle Wasser in welchem Sander sein
wohlverdientes Ende fand Werdet Ihr vielleicht auf Eurer jetzigen Reife an
diese Stellen kommen«
    »Vielleicht vielleicht auch nicht Aber ich höre dass Ihr schon wieder so
überflüssige Fragen bringt anstatt mir zu sagen was Ihr wollt   «
    Ich machte Miene wieder aufzustehen
    »Bleibt sitzen bleibt sitzen« rief er schnell »Ich bin ja sofort wieder
bei der Sache oder vielmehr ich habe mich von ihr noch gar nicht entfernt Ich
wollte Euch nur zeigen dass ich Eure Bücher geprüft und der Übersetzung in die
englische Sprache für wert gefunden habe«
    »Geprüft Dazu gehören lange Jahre«
    »Haben es auch haben es auch« nickte er eifrig ohne zu bemerken dass
jetzt ich der Anschleichende war »Es hat eine sehr lange Zeit gedauert ehe ich
alle die Orte berühren konnte um die es sich da handelte«
    »Vertrug sich das mit Eurem Geschäft«
    »Gewiss gewiss Wir hatten damals ein Grossogeschäft in Pferden Rindern
Schweinen und Schafen und trieben uns bei unsern Einkäufen sehr viel im alten
Westen herum«
    »Ihr sagt wir Also Kompagnons«
    »Ja aber keine Fremden sondern brüderliche Kompagnie Wir waren fünf
Brüder sind aber jetzt nur noch zwei Auch noch Kompagniegeschäft aber nicht
in Pferden und Rindern sondern in Büchern Wir wollen Euch Euren Winnetou
abkaufen   «
    »Nur ihn« fiel ich ihm in die Rede
    »Ja nur ihn« erwiderte er
    »Warum nicht auch de andern Bücher die doch auch Reifeerzählungen sind«
    »Weil sie uns nicht interessieren«
    »Ich denke es kommt hierbei mehr darauf an was die Leser interessiert«
    »Mag sein bei uns aber ist das anders Wir wollen nur den Winnetou weiter
nichts«
    »Hm Wie denkt Ihr Euch dieses Geschäft«
    »Sehr einfach Ihr verkauft ihn uns mit allen Rechten ein für allemal und
wir bezahlen ihn Euch ein für allemal«
    »Wann geschieht diese Zahlung«
    »Sofort Ich bin imstande Euch eine Anweisung an jede Euch beliebige Bank
zu geben Wieviel verlangt Ihr«
    »Wieviel bietet Ihr«
    »Je nachdem Wir dürfen drucken so viel wir wollen«
    »Wenn wir einig werden ja«
    »Oder auch so wenig wir wollen«
    »Nein«
    »Wie Was Nicht«
    »Nein Natürlich nicht«
    »Wieso Warum«
    »Ich schreibe meine Bücher damit sie gelesen werden nicht aber damit sie
verschwinden«
    »Verschwinden« fragte er unter einer Bewegung der Überraschung »Wer hat
Euch gesagt dass sie verschwinden sollen«
    »Gesagt wurde es allerdings noch nicht aber Ihr erwähntet doch dass auch so
wenig gedruckt werden darf wie Euch beliebt«
    »Ganz natürlich Wenn wir sähen dass die Bücher im Englischen keinen Anklang
fänden so würden wir eben darauf verzichten sie zu drucken Das versteht sich
doch wohl von selbst«
    »Ist das Euer Ernst«
    »Ja«
    »Sagt hat Eure Reise nach Deutschland und Dresden noch andere Zwecke«
    »Nein Ich habe keinen Grund Euch zu verheimlichen dass ich nur dieser
Eurer drei Bücher wegen herübergekommen bin«
    »So tut es mir leid dass Ihr diese Reise so ganz umsonst gemacht habt Ihr
bekommt die Bücher nicht«
    Ich war während dieser Worte aufgestanden Auch er erhob sich von seinem
Stuhle Er war nicht imstande die völlig unerwartete große Täuschung zu
verbergen die ihn ergriff Sein Blick wurde ängstlich und seine Stimme
vibrierte als er fragte
    »Verstehe ich Euch da recht Sir Ihr wollt den Winnetou nicht verkaufen«
    »Wenigstens nicht an Euch Ich gebe meine Bücher nicht einzeln zur
Übersetzung Wer eins oder nur einige wünscht der ist gezwungen sie alle zu
nehmen«
    »Aber wenn ich Euch nun für diese drei Bände so viel zahle wie Ihr für alle
verlangt«
    »Auch dann nicht«
    »Seid Ihr denn gar so reich Mr May«
    »Nein keineswegs Von Reichtum ist bei mir keine Rede Ich habe nichts als
mein gutes für mich und meine Zwecke grad so zureichendes Auskommen mehr
nicht Aber das genügt mir vollständig Und wenn Ihr meine Erzählung Winnetou
wirklich kennt so wisst Ihr dass ich überhaupt nicht nach Reichtum trachte
sondern nach höherstehenden wertvolleren Gütern mit denen ich meine Leser
erfreuen und segnen will Dazu ist notwendig dass meine Bücher den richtigen
Verleger finden und dass Ihr der nicht sein könnt davon habt Ihr mich soeben
überzeugt«
    Meine Frau sah und hörte es mir an dass an diesem meinem Entschlusse nicht
zu rütteln war Der Yankee tat ihr leid Er stand mit einer Miene und in einer
Haltung vor uns da als ob ein nicht wieder gut zu machendes Unheil über ihn
hereingebrochen sei Er zögerte meinen Bescheid als mein letztes Wort zu
betrachten Er machte Einwendungen Er brachte Gründe Er gab Versprechungen
doch vergeblich Schließlich als gar nichts helfen wollte sagte er
    »Ich gebe die Hoffnung trotz alledem nicht auf dass ich den Winnetou doch
noch von Euch bekomme Ich sehe dass Mrs May dieser Sache viel weniger
abgeneigt ist wie Ihr Beratet Euch mit ihr und gebt mir Zeit inzwischen mit
meinem Bruder der doch mein Kompagnon ist zu reden«
    »Wollt Ihr dann etwa wieder herüberkommen Das würde ebenso nutzlos sein wie
Eure jetzige Reise« erklärte ich
    »Herüber zu kommen habe ich nicht nötig weil Ihr ja wie ich höre
baldigst hinübergehet Gebt mir irgend eine Adresse da drüben an und bestimmt
mir einen Tag an dem Ihr dort zu treffen seid so stelle ich mich ein«
    »Auch das hätte keinen Erfolg« versicherte ich
    »Könnt Ihr das jetzt schon wissen Ist es nicht möglich dass ich nach der
Besprechung mit meinem Bruder Euch ein Anerbieten machen kann welches Euren
Zwecken und Wünschen besser entspricht als das heutige«
    Ich fühlte dass er innerlich davor zitterte auch noch hiermit abgewiesen zu
werden Auch ich hatte Mitleid aber ich durfte diesem Gefühle nicht die
Herrschaft über meine Entschlüsse einräumen Das Herzle bombardierte mich mit
bittenden Blicken und als dies nicht schnell genug wirken wollte ergriff sie
gar meine Hand Da sagte ich
    »Gut so mag es sein Geben wir uns Zeit zum Überlegen Meine Frau war noch
niemals mit da drüben Sie erwartet ganz besonders den Niagarafall zu sehen
Wir werden also von New York aus mit dem Hudsondampfer nach Albany fahren und
von da mit der Bahn nach Buffalo von wo aus es bis zu den Fällen nur noch eine
Stunde ist In NiagaraFalls wohnen wir auf der kanadischen Seite und zwar im
KliftonHotel wo ich   «
    »Das kenne ich das kenne ich sehr gut« unterbrach er mich »Da ist man
sehr gut aufgehoben Ein Hotel allerersten Ranges still vornehm mit allen
Errungenschaften der Neuzeit ausgestattet und   «
    »Well« fiel nun ich ihm in die Rede um ihm dieses Lob mit dem er nur sich
selbst in das Licht stellen wollte abzuschneiden »Wenn Ihr es kennt so ist es
ja gut Also dort sind wir zu finden«
    »Wann«
    »Das weiß ich jetzt noch nicht Am besten ist es Ihr setzt Euch mit der
Verwaltung dieses Hauses in Verbindung dass sie Euch von unserer Ankunft
sofortige Nachricht gibt«
    »Richtig Das ist das Beste und das werde ich tun«
    dabei blieb es Es gab hüben und drüben noch einige höfliche Abschiedsworte
dann war dieser Besuch der viel größere Wichtigkeit besaß als selbst ich jetzt
dachte beendet
    Das Herzle konnte nicht ganz mit mir zufrieden sein Sie ist so sehr zum
Mitleid und Erbarmen geneigt und der ängstliche gequälte Blick dieses Mannes
wollte ihr noch tagelang nicht aus dem Sinne kommen Sie meinte dass ich nicht
höflich genug und zu abweisend mit ihm verfahren sei
    »Warum tatest du das« fragte sie
    »Weil er mich belog« antwortete ich »Weil er nicht offen und ehrlich war
Weißt du wer er ist«
    »Ja«
    »Nun wer«
    »Einer der beiden übriggebliebenen Söhne jener unglücklichen Familie deren
Glieder alle durch Selbstmord sterben«
    »Ja das ist er allerdings aber zugleich auch etwas Anderes Er heißt nicht
Enters«
    »Du glaubst er führt einen falschen Namen«
    »Ja«
    »Hältst ihn also für einen Schwindler einen Hochstabler«
    »Nein Grad weil er ein ehrlicher Mann ist trägt er nicht seinen
eigentlichen richtigen Namen Er schämt sich desselben Ich vermute sogar dass
er nur infolge meiner drei Bände Winnetou auf diesen Namen verzichtete«
    Sie war so erstaunt hierüber dass sie mich weiterzufragen vergaß Darum fuhr
ich unveranlasst fort
    »Hältst du es für möglich dass ich überzeugt bin seinen wirklichen Namen zu
wissen«
    »Sage ihn« forderte sie mich auf
    »Dieser Mann heißt nicht anders als Sander«
    Da warf sie mir im höchsten Erstaunen die atemlose Frage hin
    »Welchen Sander meinst du Den Mörder von Winnetous Vater und Schwester«
    »Ja Der Mann der bei uns war ist sein Sohn«
    »Unmöglich unmöglich«
    »Gewiss gewiss«
    »Beweise es«
    »Das ist eigentlich gar nicht nötig Du müsstest es ebenso schnell und leicht
erraten haben wie ich«
    »Wirklich Bis jetzt erkenne ich nur das Eine dass du ihn für einen Lügner
hältst weil er sich Enters anstatt Sander nennt«
    »Wie falsch von dir wie falsch Wüchsen meine Folgerungen nur aus diesem
einen Punkte heraus so wäre ich ein außerordentlich schlechter Fährtenleser
ein Greenhorn ein Hans Tapps und hätte mich meiner Logik wegen rot und blau zu
schämen Ich bitte dich aber daran zu denken dass er sich extra einen Vorleser
engagierte um sich sofort Notizen machen zu können Wie lange ist es wohl her
dass er dies tat«
    »Eine ganz beträchtliche Reihe von Jahren Das sagte er ja selbst«
    »Schön Und wozu hat er sich diese Notizen gemacht«
    
    »Aus rein literarischen Gründen zu Buchhändlerzwecken Auch das sagte er
selbst«
    »Ganz richtig Und hier liegt die Lüge bei welcher die Fährte beginnt die
zu seinem richtigen wirklichen Namen führt Er selbst hat zugegeben dass er
damals Grosshändler in allerlei Schlachtvieh war und du weißt sehr genau wann
er aufgehört hat dies zu sein Oder nicht«
    »Doch Dieses Geschäft wurde erst im vorigen Jahre verkauft Das hat er
gestern beim Arzte gesagt«
    »Und dennoch schon vor so langen Jahren bereits rein buchhändlerische
Notizen Glaubst du das«
    »Nein Jetzt nicht mehr Du jetzt fange auch ich an klar zu sehen
Vielleicht ist es gar nicht einmal wahr dass er jetzt Buchhändler ist«
    »Fällt ihm gar nicht ein Aber mit diesem Gedanken hast du dich neben mich
auf die richtige Fährte gestellt Überlege folgendes Kaum hat er bei einem
Bekannten von meinem Winnetou gehört so engagiert er sich einen besonderen Mann
zum Übersetzen und Vorlesen dieser Erzählung Ist etwa anzunehmen dass er bei
diesem Bekannten dem Vorlesen aller drei Bände beigewohnt hat«
    »Gewiss nicht«
    »Das ist auch meine Meinung Er hat nur Einiges oder gar nur Weniges gehört
Wenn er sich sofort hierauf einen besonderen Privatübersetzer engagierte um das
ganze Werk unter vier Augen kennen zu lernen so muss dieses Einige oder dieses
Wenige von außerordentlicher Wichtigkeit für ihn gewesen sein muss irgend einen
Punkt seines tiefsten Seelenlebens gepackt und ergriffen haben Oder glaubst du
dass diese Wichtigkeit vielleicht doch schon eine rein literarische eine
buchhändlerische gewesen ist«
    »Nein«
    »Oder eine geschäftliche«
    »Ebensowenig Sie war wie du ganz richtig vermutest eine psychologische
eine seelische«
    »Das heißt mit andern Worten dass sie sich auf sein Innenleben auf sein
Privatleben auf sein Familienleben also auch auf seine Familienverhältnisse
bezog Er machte während der Vorlesungen Notizen Warum und wozu Doch nicht
etwa nur um nichts zu vergessen Was Einen so tief in der Seele packt das
merkt man sich gewiss auch ohne Notizen zu machen Er hat zugegeben dass diese
Notizen ihm als notwendig erschienen seien und ihm auf seinen Nachforschungen im
Westen jahrelang als Führer gedient haben  «
    »Etwa nach dem verschollenen Vater« fiel da das Herzle schnell ein
    Da nickte ich ihr zu und antwortete
    »Du das war fein sehr fein Ja allerdings nach dem verschollenen Vater
Ich wollte noch einige andere Folgerungen und Schlüsse herbeiziehen um mich dir
begreiflich zu machen da du mir aber gleich mit diesem Hauptergebnisse kommst
so ist das wenigstens für einstweilen nicht mehr nötig Ich habe nur noch auf
die Dringlichkeit zu zeigen mit welcher er die Lage der beiden Orte zu erfahren
versuchte die er wie er sich ausdrückte noch nicht aufzufinden vermochte Ich
meine selbstverständlich den Nuggettsil und das Dunkle Wasser«
    »Muss sich diese Dringlichkeit nur auf Sander beziehen«
    »Ja«
    »Nicht auf irgendeine andere Person Und auch nicht auf die Nuggets«
    »Nein Von Personen käme nur ich allein in Betracht denn alle Andern sind
unwichtig oder gar tot und anzunehmen dass er grad meinetwegen so jahrelang den
Westen durchforscht habe wäre lächerlich Er hat ja durch seinen heutigen
Besuch bewiesen dass er sehr wohl weiß wie schnell und wie leicht ich zu finden
bin Und was die Nuggets betrifft so hat er ja gelesen dass sie für immer
verloren sind und von keinem Menschen mehr gefunden werden können Also Von den
Ereignissen am Nuggettsil und am Dunkeln Wasser kommen nur zwei Personen in
Betracht nämlich Sander und ich alle Andern sind unendlich nebensächlich sind
verschwunden ich aber habe auszuscheiden folglich bleibt nur noch Sander Und
nun pass auf Herzle kommt noch ein Hauptgrund auf den ich mich stütze Dieser
sogenannte Mr Enters will meinen Winnetou kaufen Wozu Etwa um ihn übersetzen
drucken und verbreiten zu lassen«
    »Nein sondern um zu verhindern dass die Erzählung da drüben in englischer
Sprache erscheint Da hattest du Recht Das hörte man den Worten dieses Mannes
an besonders auch dem Schreck den er nicht verbergen konnte als er gegen alle
seine Erwartung hörte dass er die Bücher nicht bekommt Man soll da drüben die
Vergangenheit und die Taten seines Vaters nicht kennen lernen«
    »Ja Zwar wollte ich das erst folgern und du kommst meinem logischen
Schluße vor aber es ist das für mich eine Tatsache an der ich nicht im
geringsten zweifle Er hat geglaubt mich mit einer Tasche voll Dollars
übertölpeln zu können obwohl er aus dem Winnetou wissen musste dass ich auf
solchen Köder nicht gehe Dieser sein Besuch bei mir und sein Antrag war
eigentlich eine Beleidigung die ich ganz anders hätte beantworten sollen als
ich sie beantwortet habe«
    »So zürnst du mir nun wohl«
    »Zürnen Wofür«
    »Dafür dass ich dich veranlasst habe ihn nicht ganz endgültig abzuweisen und
ihm noch eine Zusammenkunft zu gewähren«
    »O nein Ich lasse mich selbst von dir nicht dazu bestimmen irgendein
höheres vielleicht gar etisches Gut für niedriges Geld zu verkaufen und du
du würdest ganz gewiss die Allerletzte sein mir so Etwas zuzumuten Ich bin auf
das Wiedersehen am Niagara eingegangen weil es sehr triftige Gründe dafür gibt
die beiden Brüder Enters oder Sander von nun an nicht wieder aus dem Auge zu
lassen Du weißt ja dass es eine Gewohnheit jedes erfahrenen Westmannes ist
gefährliche Leute sich niemals in den Rücken kommen zu lassen«
    »Gefährlich« fragte sie
    »Allerdings«
    »Wieso Ich halte diesen Enters obwohl er ein Sander zu sein scheint doch
für einen guten Menschen«
    »Ich auch Aber kann nicht selbst die personifizierte Güte einmal obstinat
werden Liegt in der Niedergeschlagenheit und ich möchte fast sagen in dem
krankhaften Tiefsinn dieses Mannes nicht etwas Explodierbares vor dem man sich
zu hüten hat Und kennen wir seinen Bruder Du weißt Geschwister brauchen nicht
von gleichem Charakter und gleichem Temperament zu sein Ich bin überzeugt dass
wir ihn in Niagara kennen lernen werden und dann wird es sich ja finden wie
wir uns zu Beiden zu stellen haben um sie nicht zu zwingen in die Fußstapfen
ihres Vaters zu treten Der Doktor sprach gestern von einem Dämon in ihnen
Dieser Dämon hat uns hier aufgefunden hat uns entdeckt Es ist der Sandersche
Zwang zum Morde Du siehst unsere Reise beginnt sehr interessant ja
hochinteressant zu werden noch ehe wir die ersten Schritte tun«
    »Siehst du Gefahr voraus«
    »O nein Ich sehe nur dass wir hinüber müssen um den Mount Winnetou und
TatellahSatah den Bewahrer der großen Medizin kennen zu lernen Er schreibt
mir dass ich meinen Winnetou retten soll Habe ich das zu tun so gibt es für
mich keine Gefahr Etwa für dich«
    »Für mich ebensowenig Ich gehe fröhlich mit«
    »Dann vorwärts also und wohlauf zur glücklichen Fahrt«   
 
                                Zweites Kapitel
                                        
                             Nach der Teufelskanzel
Und nun waren wir bei den Niagarafällen Wir wohnten im KliftonHouse unweit
der kanadischen Mündung der Hängebrücke Man hat von diesem Hotel aus einen
geradezu unvergleichlichen Blick auf das grandiose Schauspiel der stürzenden
Wassermassen Die besten Zimmer liegen in der ersten Etage und sind den Fällen
zugewendet Sie münden alle auf eine lange vielleicht acht Schritte breite
Plattform die ein gemeinschaftliches Säulendach überragt Wer vom Korridor aus
seinen Raum betritt ihn quer durchschreitet und sich durch die
gegenüberliegende Tür hinaus auf die Plattform begibt der hat beide Fälle den
geraden und den hufeisenförmigen genau in eindrucksfähiger Perspektive vor
seinen Augen
    Wenn dieses Hotel in Deutschland läge so würde man die Gemeinschaftlichkeit
dieses Altanes für alle Bewohner dieser Zimmerreihe als einen Übelstand
empfinden der durch Zwischenwände schleunigst zu beseitigen sei Da drüben aber
hat jeder Gast eine zwar unsichtbare aber so hohe und so starke Mauer um sich
gezogen dass gar keine hölzernen Scheidewände nötig sind um Jedermann gegen
Zudringlichkeiten und Indiskretionen zu sichern Dennoch freute ich mich
darüber dass als wir kamen grad die den Fällen nächstgelegene Ecke dieser
Zimmerreihe freigeworden war so dass wir also anstatt zwei nur einen einzigen
Nachbar haben konnten Und dieser Eine war ein Paar und dieses Paar hieß  
Hariman F Enters und Sebulon L Enters
    Es hatte mir geahnt dass die Brüder nicht warten sondern sich hier
einquartieren würden um bei unserer Ankunst sofort anwesend zu sein Aber dass
unsere beiderseitigen Zimmer aneinander stießen das war ein Umstand den man
mit einer Ahnung wohl kaum hätte erreichen können Ich muss gestehen dass es mir
keineswegs unlieb war grad diese Beiden neben mir zu haben
    Ein jeder neu eingetretene Gast des KliftonHotels hat sich sofort in der am
Parlour liegenden Office einzutragen Das ist die einzige Auskunft die man von
ihm verlangt Ich schrieb uns als »Mr Burton und Frau« in das Buch Dieses
Pseudonym war deshalb notwendig weil man mich verpflichtet hatte den
eigentlichen Grund der mich hinüberführte geheimzuhalten Ich war also
gezwungen auf meinen wirklichen Namen den man da drüben sehr wohl kennt für
jetzt zu verzichten
    Unsere Wohnung bestand aus drei Räumen die wie bereits gesagt eine Ecke
ausfüllten Das Zimmer meiner Frau lag nach dem Hufeisenfalle war größer als
das meinige hatte aber keinen Balkon Das meinige hatte die Aussicht nach dem
VereinigtenStaatenKatarakt war kleiner öffnete sich dafür aber nach der
großen Plattform auf der ich mich so häuslich einrichten konnte wie es mir nur
immer beliebte Zwischen diesen beiden Zimmern lag der Garderobe und
Toilettenraum der sie in amerikanisch praktischer Weise vereinigte Als uns
dieses Logis angewiesen und gezeigt wurde fragte ich den Kellner der dies tat
wer neben uns wohne
    »Zwei Brüder« antwortete er »Sie sind Yankees und heißen Enters Aber sie
wohnen eigentlich nur halb in unserm Hause Sie schlafen nur hier sie speisen
anderswo Sie gehen früh fort und kommen erst abends wieder wenn es keine Tafel
mehr gibt«
    Er machte dabei ein so eigenartiges Gesicht dass ich mich erkundigte
    »Warum tun sie das«
    Er zuckte die Achsel und antwortete
    »Unser KliftonHouse ist ein Hotel ersten Ranges Wer diesem Range nicht
angehört der wird wohl hier schlafen nicht aber auch hier speisen und mit den
andern Gästen verkehren können Er versucht es vielleicht einmal fühlt sich
dabei aber derart schnell erkannt und abgestoßen dass er den Versuch gewiss nicht
wiederholt«
    Das war sehr aufrichtig gesprochen Wenigstens sechzig Prozent der dortigen
Kellner sind Deutsche oder Oesterreicher Dieser aber war ein kanadischer
Engländer daher dieser ebenso selbständige wie selbstbewusste Ton Als er mich
dabei schon mehr taxierend als forschend betrachtete so sagte ich ihm dass ich
zu der Klasse gehöre in der man den Betrag der Trinkgelder teilt Die eine
Hälfte gibt man sofort bei der Ankunft um zu zeigen dass man gern
zufriedengestellt sein will und die andere Hälfte entrichtet man dann bei der
Abreise oder man zahlt sie auch nicht um zu zeigen ob man zufriedengestellt
worden ist oder nicht Bei diesen Worten drückte ich ihm die erste Hälfte in die
Hand Er betrachtete die Note sehr ungeniert um zu sehen wie viel sie betrug
dann aber machte er eine Verbeugung wie kein Deutscher und kein Oesterreicher
sie hochachtungstiefer hätte machen können und sprach
    »Zu jedem Befehl bereit Werde das auch der Chambermaid1 anempfehlen« Sind
diese beiden Enters vielleicht unbequem Mr Burton Wir quartieren sie sofort
aus
    »Bitte sie zu lassen sie genieren uns nicht«
    Er verneigte sich ebenso tief wie vorher und ging dann vor lauter Respekt
und Wohlwollen strahlend ab Als sich uns hierauf damit wir sie kennen lernen
sollten die »Chambermaid« vorstellte sahen wir ihr an dass sie von der Teilung
des Trinkgeldes bereits unterrichtet war und ermöglichten ihr einen ebenso
wirkungsvollen Abgang wie dem Kellner Das taten wir natürlich nicht um mit
unserm Gelde zu prahlen und noch viel weniger erzähle ich es hier aus diesem
oder einem ähnlichen Grunde Ich habe ja bereits gesagt dass ich keineswegs
reich bin sondern nur so grad mein Auskommen habe Aber die Wirkungen dieser
Art und Weise den Bediensteten nicht erst dann wenn es zu spät ist zu zeigen
dass man Einsicht und Dankbarkeit besitzt stellten sich sehr bald ein und aus
ihnen mag man erkennen warum ich so tat
    Wir waren am Nachmittag angekommen und machten gleich noch an diesem Tage
die zwei bekannten Fahrten welche jeder Besucher der Niagarafälle unbedingt
gemacht haben muss Es ist das eine Bahn und eine Dampfbootfahrt Das Geleise
der Bahn geht hart am kanadischen Ufer des Niagara hinab und dann drüben am
VereinigtenStaatenUfer wieder herauf Tief tief unten kocht und brodelt der
Strom die Felsen steigen vollständig senkrecht in die Höhe und die Schienen
der Bahn liegen oft höchstens zwei Meter von der Kante des Abgrundes entfernt
An diesem letzteren rast man mit der Schnelligkeit des Fluges dahin und man
hat da man nur den geöffneten Schlund und das jenseitige Ufer sieht vom
Anfange bis zum Ende dieser Fahrt das Gefühl als ob man direkt in die Luft
hinausfahre um dann in die Tiefe hinabzuschmettern Die Bootsfahrt macht man
auf der wohlbekannten und beliebten Maid of the Mist2 welche kühn bis in die
nächste Nähe der Fälle steuert und am geeigneten Orte diejenigen Touristen
landet welche daheim von sich rühmen wollen dass sie sogar »hinter dem Wasser«
gewesen seien
    Später aßen wir bei den Klängen eines ausgezeichnet spielenden doppelten
Streichquartetts das Abendbrot in dem großen im Parterre des Hotels liegenden
Speisesaale und zogen uns dann in unsere Wohnung oder richtiger gesagt auf
meinen freien Altan zurück welcher uns den unbeschreiblichen Genuss gewährte
die Fälle von dem geheimnisvollsten Schimmer des Mondes besucht und verklärt zu
sehen Hierbei war es ungefähr elf Uhr geworden als das Zimmermädchen eiligst
herbeigehuscht kam und uns meldete
    »Die Enters sind da«
    »Wo« fragte das Herzle
    »Noch unten in der Office Sie pflegen allabendlich wenn sie kommen im
Buche nachzuschlagen und dann gehen sie auf ihr Zimmer«
    »Zu welchem Zwecke schlagen sie nach«
    »Um zu sehen ob ein deutsches Ehepaar hier angekommen ist ein Mr May mit
seiner Frau Erst fragten sie Jetzt aber schlagen sie nach weil sie fühlen
dass man sie hier für überflüssig hält Auch ich spreche nicht mit ihnen«
    Sie entfernte sich und wir verließen die Plattform um nicht gesehen zu
werden Diese Mitteilung war die erste Frucht des vorausgezahlten Trinkgeldes
Zur Erläuterung ihrer Nützlichkeit für uns muss ich die Tür beschreiben durch
welche meine Stube von der Plattform getrennt wurde Jeder Besucher des
KliftonHouse weiß dass alle diese Türen welche auf den freien Altan münden
die gleiche Konstruktion besitzen Sie sind vorhanden die Wohnungen vollständig
abzuschließen so dass niemand von draußen hereinsehen kann aber doch grad so
viel Luft und so viel Licht hereinzulassen wie die Bewohner wünschen Darum
sind sie sowohl mit Fensterscheiben wie auch mit Jalousieklappen versehen Die
letzteren können beliebig geöffnet und geschlossen und die ersteren mit
Vorhängen verhüllt werden So kann man also zu jeder Zeit hinausschauen und
hinaushören ohne aber selbst gesehen und selbst gehört zu werden Wir brannten
darum kein Licht an blieben in meinem Zimmer und öffneten die Jalousie Denn
wir erwarteten mit Bestimmtheit dass die Brüder nicht in ihrem Raum bleiben
sondern aus den Altan kommen würden
    Und wie gedacht so geschehen Es dauerte gar nicht lange so erschienen
sie Der Mond stand noch am Himmel Wir erkannten den Einen der bei uns gewesen
war sofort Sie sprachen mit einander und gingen dabei auf und ab Später
setzten sie sich und zwar grad an den Tisch der draußen in unserer Ecke stand
Ich hatte mir ihn hinstellen lassen um daran schreiben zu können Wir hörten
und verstanden jedes Wort doch war der Gegenstand ihres Gespräches zunächst ein
für uns gleichgültiger Später aber trat eine Pause ein welche der von ihnen
den wir noch nicht kannten also Sebulon durch die Interjektion beendete
    »Unangenehm Höchst unangenehm dass wir so lange hiersitzen müssen Das kann
noch Wochen dauern ehe sie kommen«
    »Gewiss nicht« antwortete Hariman »Sie kommen doch schon vorher ehe sie
die Verleger besuchen hierher Jeder Tag kann sie bringen«
    »Und du bleibst bei deinem Vorsatze«
    »Ja Ehrlich sein Dieser Mann hat mich zwar nicht sehr gut behandelt aber
wir kommen mit Unehrlichkeit nicht gegen ihn auf das ist der Eindruck den er
mir mitgegeben hat Und von seiner Frau kann ich fast sagen dass ich sie
liebgewonnen habe Es würde mir geradezu wehe tun nicht rechtschaffen gegen sie
sein zu dürfen«
    »Pshaw Nicht rechtschaffen Was heißt rechtschaffen Rechtschaffen hat man
zunächst doch gegen sich selbst zu sein Und wenn wir ein Geschäft machen
wollen welches uns klug angefangen   «
    »Pst Still« warnte ihn der Andere
    »Warum«
    »Der Alte könnte es hören«
    Bei diesen Worten deutete er nach unserer Tür
    »Der Alte« fragte Sebulon »Du weißt doch dass der täglich bis Punkt
Mitternacht unten im Lesezimmer sitzt und dann noch bis ein Uhr hier oben in
seiner Stube liest Es brennt kein Licht er ist also noch unten«
    »Trotzdem Und zudem bin ich müd Ich gehe jetzt schlafen Morgen früh nach
Toronto und erst übermorgen zurück Wir müssen ausgeruht haben Komm«
    Sie standen vom Tische auf und gingen in ihren Raum Es war nicht viel was
wir erfahren hatten aber wir wussten nun doch wenigstens so viel dass Hariman F
Enters es ehrlich mit uns meinte Und wir waren überzeugt dass Sebulon L
Enters sein Bruder wohl auch noch zu durchschauen sein werde
    Als wir am nächsten Morgen zum Frühstück hinuntergingen sagte uns der
Kellner dass unsere beiden Nachbarn das Hotel schon zeitig verlassen und die
Weisung gegeben hätten wenn Mrs und Mr May hier ankämen ihnen zu sagen dass
die Gebrüder Enters nach Toronto gefahren seien und erst morgen am Abend
wiederkommen könnten Er machte eine geringschätzende Handbewegung und fügte
hinzu
    »Rowdys diese beiden Enters Haben sich hier beinahe unmöglich gemacht
Diese Mrs und Mr May aus Germany die nach solchen Leuten suchen passen wohl
nicht für uns Werden keine Zimmer bekommen«
    Wie gut dass ich einen andern Namen eingetragen hatte Auch diese Äußerung
des Kellners mahnte zur Vorsicht obgleich ein Rowdy zwar ein roher aber
immerhin noch kein schlechter Mensch zu sein braucht
    Dieses erste Frühstück war splendid im höchsten Grade Kaffee Tee Kakao
Schokolade eine Menge Fleisch und Eierspeisen Trauben Ananas Melonen und
andere Früchte so viel man wollte Bedient wurden wir von unserm Zimmerkellner
Er hatte sich das von der Direktion ausgebeten Mir war das lieb
    Es gibt im KliftonHouse nur Einzeltische keine große gemeinschaftliche
Tafel Am besten sitzt und speist es sich in einer langen an den großen Saal
stossenden Veranda die so schmal ist dass da nur zwei Reihen von Tischen Platz
finden Es gibt von da aus eine prächtige Aussicht nach den Fällen Wir hatten
uns einen dieser Tische gewählt und beschlossen ihn für uns zu belegen Als wir
den Kellner fragten ob man das könne antwortete er
    »Gewöhnlich nicht aber Mrs und Mr Burton können das Ich werde es
besorgen Der beste Tisch wäre allerdings nicht dieser sondern der hinterste
weil man da nur von einer Seite aus gesehen gehört und belästigt werden kann
Den aber haben schon zwei Gentlemen in Beschlag genommen Man schlug ihnen
diesen Wunsch nicht ab«
    Das hatte er in gewöhnlichem Tone gesagt Mit gesenkter Stimme aber fügte er
hinzu
    »Sie bezahlen nämlich Alles nur mit Nuggets Sie haben eine ganze schwere
Tasche mit gediegenen Goldkörnern in Verwahrung gegeben«
    Viele welche kamen und nach diesem Tische gingen um dort Platz zu nehmen
wurden abgewiesen bis wir fast am Schluße der Frühstückszeit zwei Männer
eintreten sahen welche sofort Aller Augen auf sich zogen Sie standen ungefähr
im gleichen Alter und waren Indianer Das sah man gleich beim ersten Blicke
Hoch und breitschulterig gebaut mit scharf aber ich möchte beinahe sagen
edel geschnittenen Zügen gingen sie scheinbar ohne Jemand anzusehen langsam
und würdevoll nach dem erwähnten Tische und setzten sich dort nieder Sie waren
nicht indianisch gekleidet sondern sie trugen seine Stoffanzüge nach
gewöhnlicher Fassung und ihr Haar war genau so verschnitten wie anderer Leute
Haar aber man konnte unbesorgt die höchste Wette darauf eingehen dass sie im
Sattel auf der Savanne und zwischen den Kolossen des Felsengebirges wohl noch
gebieterischer erscheinen würden als hier Jedoch trotz der tiefen Sonnenbräune
ihrer Gesichter zeigte sich auf ihnen eine sehr sichtbare Spur jenes
eigenartigen Hauches den es nur bei Leuten gibt welche viel nachgedacht haben
und gewohnt sind dieses ihr Nachdenken auf höhere Pfade zu lenken Man pflegt
bei solchen Personen von »durchgeistigten« Gesichtern von »durchgeistigten«
Zügen zu sprechen und der Eindruck dieses »Durchgeistigtseins« ist um so
größer um so tiefer und um so dauernder wenn dabei der Blick des Auges jene
tiefe Schwermut jene seelische Trauer bekundet welche verschwindenden Jahren
zu Ende gehenden Tagen und sterbenden Völkern eigen ist Diese stille aber doch
laut sprechende unbeschreibliche Elegie des Auges war hier bei diesen Indianern
vorhanden
    »Das sind die Gentlemen« sagte der Kellner »Feine Leute wenn auch nur
Indianer Hochfein«
    Er schnippste dabei mit dem Daumen und Mittelfinger um seinem Lobe
Nachdruck zu geben
    »Woher sind sie« fragte ich
    »Weiß es nicht genau Der Eine von weiter sehr weit der Andere von näher
Kamen Beide über Quebek und Montreal den Fluss herauf«
    »Ihre Namen«
    »Mr Atabaska und Mr Algongka Schöne Namen was Klingen fast wie Musik
Ist aber auch Musik Zahlen nur mit Nuggets«
    Das war nun so sein Maßstab und er scheute sich nicht im geringsten ihn
auch in unserer Gegenwart anzulegen Er sagte uns noch dass die beiden
»Gentlemen« auch oben in der von ihm bedienten Zimmerreihe wohnten und da die
größten und teuersten Räume hätten die es gebe Dann bekam er anderweit zu tun
    »Mr Atabaska und Mr Algongka« frühstückten sehr langsam und sehr mäßig
und zwar in einer Weise als ob sie in Hotels von dem Range des KliftonHouse
aufgewachsen seien Es war eine Lust ihnen zuzusehen Das taten wir natürlich
so unauffällig wie möglich Das Herzle freute sich besonders über die Würde die
in jeder auch der geringsten Bewegung dieser hochinteressanten Männer lag und
über ihre Bescheidenheit Es war bei ihnen kein Ring keine Uhrkette und kein
sonstiger Gegenstand zu sehen der auf Wohlhabenheit oder gar Reichtum schließen
ließ Das war so recht nach dem Gusto meiner Frau die ich ja fast zwingen muss
sich einen neuen Hut oder ein neues Kleid zu kaufen Meine besondere
Aufmerksamkeit richtete sich auf einen andern Umstand nämlich auf den dass sie
sich der gewöhnlichen indianischen Schweigsamkeit ganz entgegengesetzt sehr
lebhaft unterhielten und dabei sehr fleißig Einträge in zwei Bücher machten die
sie mitgebracht hatten Jeder eins sein eigenes Das schienen Notizbücher zu
sein aber sehr sehr wichtige denn sie wurden mit einer Vorsicht und Liebe
behandelt als ob sie der beste und teuerste Besitz seien den es für ihre
Eigentümer gebe Die Einträge welche gemacht wurden geschahen mit einer
Geläufigkeit und Sicherheit welche auf vollste Schreibübung schließen ließ Man
sah dass diese Leute nicht etwa nur den Tomahawk und das Jagdmesser sondern
auch Feder und Bleistift zu führen verstanden und sehr gewöhnt waren sich
geistig zu beschäftigen
    Im KliftonHouse wird nach jeder Mahlzeit die man einnimmt das Trinkgeld
sofort bezahlt Als wir dies jetzt nach dem Frühstück taten erkundigte sich der
Kellner dem unser Interesse für die Indianer nicht entgangen war
    »Wünschen Mrs und Mr Burton vielleicht den Tisch ganz neben den beiden
Gentlemen«
    »Ja« antwortete das Herzle schnell
    »Für alle Tafelzeiten«
    »Für stets«
    »Well Werde das besorgen«
    Als wir dann zum Mittagessen kamen waren die Häuptlinge schon da Auch alle
andern Tische außer dem von uns bestellten waren schon besetzt Unser Kellner
stand schon wartend da und teilte uns mit dass die Direktion uns bitte für
immer hier an diesem Platz zu sitzen Wir befanden uns nun also so nahe bei den
zwei Indsmen dass wir wenn sie sprachen jedes ihrer Worte hörten Sie hatten
ihre Bücher wieder mit und machten besonders in den Pausen zwischen den
einzelnen Gängen zahlreiche Notizen oft aber auch gleich während des Essens
indem sie Messer und Gabel einstweilen weglegten Und man denke sich mein
Erstaunen als ich hörte dass sie sich in der Sprache meines Winnetou
unterhielten und sich die Aufgabe gestellt hatten das innige
Verwandtschaftsverhältnis aller atabaskischen Zungen zu denen auch das
Apatsche gehört zu ergründen und festzustellen Für Atabaska war das eine
Beschäftigung mit den verschiedenen Abarten seiner Muttersprache für Algongka
aber nicht Dieser schien vom kanadischen Stamme der Krih zu sein und machte im
Laufe der sehr regen Unterhaltung die für mich hochinteressante Bemerkung dass
er mehrere große Wörterverzeichnisse des Nahuatl also der alten Aztekensprache
besitze die mit seiner Muttersprache verwandt sei Das für mich wichtigste
Ergebnis unserer allerdings nur zuhörenden Teilnahme an ihrem Gespräche aber war
eine nur so hingeworfene Beifügung aus der ich entnahm dass auch sie nach dem
Dschebel Winnetou wollten und sich jetzt ausschließlich in der Mundart der
Apatschen unterhielten um am Ziele ihrer Reise nicht ungeübt zu sein oder gar
als unwissend zu erscheinen Welche Sprachkenntnisse mussten diese beiden Männer
besitzen Ja sie waren Häuptlinge ganz gewiss Aber sie waren jedenfalls noch
mehr noch viel mehr als das Doch was Mit dieser letzteren Frage brauchte ich
mich jetzt nicht zu beschäftigen Sie hatten ja dasselbe Reiseziel wie ich und
ich war überzeugt dass ich sie dort gewiss näher kennen lernen würde als es
jetzt hier am Niagara möglich war
    Am Nachmittag fuhren wir nach Buffalo um auf dem dortigen Forest Lawn
Cemetary3 das Grab und die Statue des berühmten Häuptlings Sagoyewatha zu
besuchen und ihm einige Blumen mitzubringen Ich habe eine ganz besondere
Zuneigung und Hochachtung grad für diesen großen Mann den man noch heutigentags
als den »strong and peerless orator«4 aller SenecaIndianer bezeichnet Dieser
»Gottesacker« ist schön fast einzig schön Überhaupt besitzt der Amerikaner in
Beziehung auf die Anlage von Friedhöfen eine beinahe möchte ich sagen
Genialität Er überwindet auch künstlerisch den Tod indem er keine Hügel
duldet die doch weiter nichts als Ausrufezeichen der Verwesung seien Er
verwandelt den Tod vielmehr in das Leben indem er als Beerdigungsstätte für die
Verstorbenen gern ein auf und absteigendes also reich bewegtes Terrain
auswählt welches er als lichten sonnenklaren froh grünenden Park behandelt
dessen nicht eng sondern weitverteilten Denkmäler in die Ferne hin den
Auferstehungsgedanken predigen Und es herrscht auf diesen Friedhöfen eine
geradezu rührende Gleichbehandlung aller derer die verstorben sind Da ist der
Arme der Gast des Reichen der Ungelehrte ruht mit im Grabe des Gelehrten und
der Niedrigstehende bekommt ganz unentgeltlich ein Ruhebett unter der
Marmorplatte hochgestellter Patrizier Ein armer unbekannter namenloser Mensch
wird überfahren Er ist tot Ein Millionär kommt dazu Er bleibt stehen Er
fragt ob man den Verunglückten kenne Die Antwort lautet »nein« »So gehört er
zu mir« sagt der Millionär nimmt den Toten mit sich heim und gibt ihm einen
Platz in seinem Familiengrabe Das tut der Yankee Wer tut es noch
    Es war ein schöner klarer sonnenwarmer Tag Als wir die Blumen an dem
Häuptlingssteine niedergelegt hatten setzten wir uns auf die unterste Kante des
Postamentes auf welchem sein Standbild bis hoch in die Wipfel der umstehenden
Bäume ragt Wir sprachen von ihm und zwar fast leise wie man an den Gräbern
Derer die man besucht zu sprechen pflegt wenn man an die Auferstehung und an
ein anderes Leben glaubt Darum wurden wir von Denen die sich hinter uns dem
Denkmal näherten nicht gehört Und ebenso wenig wurden sie von uns gehört weil
weiches Gras rundum den Boden deckte und das Geräusch ihrer Schritte in Nichts
verwandelte Auch sehen konnten sie uns nicht eher als bis sie um die Ecke des
Postamentes getreten waren welches uns ihnen verbarg Dann sahen sie uns und
wir sahen sie Und wer waren sie Die beiden Indianerhäuptlinge aus dem
KliftonHouse Auch sie hatten den berühmten SenecaRedner besuchen wollen und
bemerkten nun dass wir von demselben Gedanken herbeigeführt worden waren Aber
sie taten gar nicht als ob sie uns bemerkten Sie schritten langsam weiter an
den Steinen hin die man an der Vorderseite des Denkmales für ihn und die
einzelnen Glieder seiner Familie in die Erde gesenkt hat Da lagen unsere Blumen
Als sie diese sahen blieben sie stehen
    »Uff« sagte Atabaska »Hier hat Jemand in der Sprache der Liebe
gesprochen Wer mag das gewesen sein«
    »Ein Bleichgesicht jedenfalls nicht« antwortete Algongka
    Er bückte sich nieder und hob einige der Blumen auf um sie zu betrachten
Atabaska tat dasselbe Beide wechselten einen schnellen überraschten Blick
    »Sie sind noch frisch vor noch nicht einer Stunde abgeschnitten« meinte
Atabaska
    »Und vor noch nicht einer Viertelstunde hierhergelegt« stimmte Algongka
bei indem er die Spuren unserer Füße die im Grase noch deutlich zu sehen
waren betrachtete »So sind es also doch Bleichgesichter gewesen«
    »Ja diese hier Sprechen wir mit ihnen«
    »Wie mein roter Bruder will Ich überlasse es ihm«
    Die Häuptlinge hatten ganz richtig vermutet Wir hatten die Blumen nicht von
Niagara mitgebracht sondern sie waren von hier und zwar ganz frisch
geschnitten Das Herzle hatte zwei davon zurückbehalten für sich eine und für
mich eine Die bisherigen kurzen Sätze der beiden Indianer waren im Apatsche
gesprochen worden Jetzt legten sie die Blumen sehr zart und vorsichtig wieder
dahin wo sie gelegen hatten und Atabaska wendte sich in englischer Sprache an
uns
    »Wir glauben dass ihr die Spender dieser Blumen seid Ist das richtig«
    »Ja« antwortete ich indem ich mich höflich von meinem Sitze erhob
    »Für wen sollen sie sein«
    »Für Sagoyewatha«
    »Warum«
    »Weil wir ihn lieben«
    »Wen man liebt den soll man kennen«
    »Wir kennen ihn Und wir verstehen ihn«
    »Verstehen« fragte Algongka indem er seine Augen ein ganz ganz klein
wenig verkleinerte um seinen Zweifel anzudeuten »Habt ihr seine Stimme gehört
Er ist längst tot Es ist schon fast acht Jahrzehnte her dass er starb«
    »Er ist nicht tot Er ist nicht gestorben Wir hörten seine Stimme sehr oft
und wessen Ohren offen sind der kann sie heut noch ebenso deutlich hören wie
damals als er zur Gemeinschaft der Wölfe seines Stammes sprach Sie hörten ihn
leider nicht«
    »Was hätten sie hören sollen«
    »Nicht den oberflächlichen Klang seiner Worte sondern ihren tiefen vom
großen Manitou gegebenen Sinn«
    »Uff« rief Atabaska aus »Welchen Sinn«
    »Dass kein Mensch kein Volk und keine Rasse Kind und Knabe bleiben darf Dass
jede Savanne jeder Berg und jedes Tal jedes Land und jeder Erdteil von Gott
geschaffen wurde um zivilisierte Menschen zu tragen nicht aber solche denen
es unmöglich ist über das Alter in dem man sich nur immer schlägt und prügelt
hinauszukommen Dass der allmächtige und allgütige Lenker der Welt einen jeden
Einzelnen und einer jeden Nation sowohl Zeit als auch Gelegenheit gibt aus
diesem Burschen und Bubenalter herauszukommen Und dass endlich ein Jeder der
dennoch stehen bleibt und nicht vorwärts will das Recht noch weiter zu
existieren verliert Der große Manitou ist gütig aber er ist auch gerecht Er
wollte dass auch der Indianer gütig sei besonders gegen seine eigenen roten
Brüder Als aber die Indsmen nicht aufhören wollten sich untereinander zu
zerfleischen sandte er ihnen das Bleichgesicht   «
    »Um uns noch schneller umbringen zu lassen« fiel mir Algongka in die Rede
    Beide sahen mich in sichtlicher Spannung an was ich auf diesen Vexierausruf
antworten werde
    »Nein sondern um euch zu retten« entgegnete ich »Sagoyewatha hat das
begriffen und er wünschte dass sein Volk seine Rasse es ebenso begreife aber
man wollte ihn nicht hören Es wäre zu dieser Rettung sogar heut noch Zeit wenn
der Kind gebliebene Indianer sich aufraffte Mann zu werden«
    »Also Krieger« fragte Algongka
    »O nein Denn selbst bei der Rasse ist grad das Krieger und Indianerspielen
der sicherste Beweis dass sie kindisch geblieben ist und von höherstrebenden
Menschen ersetzt werden muss Mann werden heißt nicht Krieger werden sondern
Person werden Das hat der große Häuptling der Seneca an dessen Grabe wir hier
stehen tausendmal gesagt Lasst es nicht meine sondern seine Stimme sein die
es euch jetzt abermals sagt Tut ihr das so ist er auch für euch nicht
gestorben sondern er lebt und wird in euch weiterleben«
    Ich grüßte mit dem Hute um mich zu entfernen Da ergriff zu meiner
Verwunderung auch das Herzle das Wort Sie sagte
    »Und nehmt diese beiden Blumen Sie sind nicht von mir sondern von ihm Die
Blumen der Einsicht der Güte und der Liebe die er einst zu seinem Volke
sprach sind nur äußerlich verwelkt ihr Duft aber ist geblieben Seht wie der
Sonnenstrahl sich langsam leise nähert um die Namen die da in Stein gegraben
sind zu beleuchten und zu erwärmen Und hört ihr das Flüstern der Blätter aus
denen der Schatten flieht Auch dieses Grab ist nicht tot Wir gehen«
    Sie gab Jedem eine der beiden Blumen
    »Geht nicht sondern bleibt« bat Atabaska
    »Ja bleibt noch hier« schloss Algongka sich ihm an »Wenn ihr ihn liebt so
gehört ihr hierher«
    »Jetzt nicht« antwortete ich »Ich bin sein Freund ihr aber seid seine
Brüder Dieser Platz gehöre euch Wir haben Zeit«
    Wir gingen Als wir uns ohne uns einmal umzudrehen weit genug entfernt
hatten um nicht mehr gesehen zu werden fragte das Herzle
    »Du haben wir keinen Fehler gemacht«
    »Nein« antwortete ich
    »Vielleicht aber doch«
    »Welchen wohl«
    »Du hast ihnen gleich sofort eine lange Rede gehalten Und ich habe sie die
uns doch vollständig Fremden sogar mit Blumen beschenkt Ist das wohl
ladylike«
    »Wahrscheinlich nicht Aber gräme dich ja nicht darüber Es gibt
Augenblicke in denen derartige Fehler das Beste sind was man tut Und ich bin
sehr überzeugt jetzt war so ein Augenblick Freilich andern Leuten hätte ich
ganz gewiss keine Rede gehalten aber ich glaube die Indianer zu kennen und
außerdem berücksichtigte ich die vorliegenden Verhältnisse die mir nicht nur
erlaubten sondern es mir sogar zur Pflicht machten mehr zu sagen als ich in
jedem andern Falle wahrscheinlich gesagt hätte Übrigens zeigt uns ja der
Erfolg wie richtig das war was wir taten Sie luden uns ein zu bleiben
Bedenke gar wohl An diesem Grabe zu bleiben Bei ihnen den Häuptlingen Das
ist eine Auszeichnung und zwar eine sehr große Wir haben uns nach ihren
Begriffen also sehr gut benommen Einen Fehler gemacht Gewiss nicht«
    Dass ich da Recht hatte zeigte sich gleich bei unserer Heimkehr die erst
gegen Abend erfolgte weil wir nicht per Bahn sondern per Boot zurück nach
Niagara gefahren waren Kaum hatte der Kellner gehört dass wir wieder da seien
so stellte er sich bei uns ein und begrüßte uns mit einer womöglich noch
tieferen Verbeugung als bisher
    »Verzeihung dass ich sogleich störe« sagte er »Es ist etwas Großes etwas
ganz Ungewöhnliches was ich zu melden habe«
    »Nun was« fragte ich
    »Mr Atabaska und Mr Algongka speisen heut abend nicht unten sondern oben
bei sich selbst«
    Er sah uns hierauf an als ob er uns etwas ganz Welterschütterndes
mitgeteilt oder noch mitzuteilen habe
    »So« machte ich »Ist das vielleicht Etwas was uns interessiert«
    »Das meine ich gar wohl Ich bin nämlich mit dem Auftrage beehrt worden
Mrs und Mr Burton hierzu einzuladen«
    Das war allerdings etwas ganz Unerwartetes Ganz selbstverständlich aber tat
ich so als ob es uns nicht einfallen könne hierüber auch nur im Geringsten zu
erstaunen und erkundigte mich in gleichgültigem Tone
    »Für welche Zeit«
    »Neun Uhr Die beiden Gentlemen werden sich erlauben die Herrschaften
persönlich abzuholen Ich aber habe möglichst bald zu melden ob die Einladung
angenommen wird oder nicht«
    »Hierüber hat Mrs Burton zu entscheiden nicht ich«
    Als er seinen fragenden Blick infolgedessen auf meine Frau richtete gab
diese den Bescheid
    »Wir nehmen die Einladung an und werden pünktlich sein«
    »Danke Werde es sofort melden Die Gentlemen lassen in Beziehung auf die
Toilette bitten als Freunde betrachtet zu werden die nicht auf den Anzug
schauen«
    Diese letztere Bemerkung war uns lieb und zwar nicht um unsertwillen
sondern weil wir wünschten dass die Häuptlinge nicht etwa wegen uns eine
Unbequemlichkeit auf sich nehmen möchten die uns ebenso wie ihnen als unnötig
erscheinen würde Sie stellten sich Punkt neun Uhr bei uns ein um uns
abzuholen Das war ein Schritt von ihnen der deutlicher sprach als Worte
hätten sprechen können Sie waren über den Korridor des Innenhauses zu uns
gekommen baten uns aber den Weg zu ihnen über die Plattform zu nehmen auf
welcher sich ihre Wohnung ebenso öffnete wie die unsere Als wir demzufolge
durch die schon beschriebene Glas und Jalousietür hinaus auf den Altan traten
schien der Mond noch klarer als gestern abend Die beiden Fälle lagen wie ein
Märchenwunder vor unsern Augen und ihr Brausen drang wie die Stimme eines
ewigen Gesetzes zu uns herüber dem ein Jeder verfallen ist der es nicht
beachtet Da zögerten die beiden Häuptlinge weiter zu gehen Sie blieben
stehen und Atabaska sagte
    »Nicht nur die Weißen sondern auch die Roten wissen jetzt dass Alles was
die gegenwärtige Welt uns bietet weiter nichts als nur ein Gleichnis ist Eines
der größten und gewaltigsten Gleichnisse die Manitou uns predigt liegt hier
vor unsern Augen Betrachten wir es«
    Er trat mit Algongka bis an den Rand der Plattform vor Ich folgte ihnen mit
dem Herzle die ihren Arm in den meinen gelegt hatte und mir durch einen leisen
Druck ein Zeichen gab welches ich sehr wohl verstand Wir haben fast immer
einen und denselben Gedanken miteinander Auch jetzt fühlte sie ebenso wie ich
den Grund weshalb der Häuptling grad diese Worte sprach und keine andern Er
beabsichtigte uns zu examinieren wenn auch nur durch eine einzige Frage Der
Erfolg dieses Examens sollte entscheiden wie wir zu behandeln seien ob als
gewöhnliche ganz alltägliche Menschen oder nicht Denn das was ich am Grabe
des großen SenecaRedners gesagt hatte konnte ich irgendwo gelesen oder
sonstwie aufgeschnappt und mir gemerkt haben um es bei passender Gelegenheit
mit Vorteil an den Mann zu bringen Das war es was meine Frau mir durch den
Druck ihres Armes sagen wollte und dadurch dass ich dieses ihr Zeichen durch
einen ebenso leisen Druck erwiderte teilte ich ihr mit dass ich sie verstanden
habe und auf das Examen vorbereitet sei
    Wir standen wohl einige Minuten lang still an der Balustrade Da hob
Algongka seinen Arm über den Abgrund hinüber nach den stürzenden Fluten
zeigend und sagte
    »Das ist ein Bild des roten Mannes Ob wohl ein Weisser das begreift«
    »Warum sollte er es nicht begreifen« fragte ich
    »Weil es nicht sein eigenes sondern ein fremdes Schicksal betrifft«
    »Glaubt Ihr dass wir Weißen nur eigene nicht aber fremde Dinge begreifen«
    »Nun könnt vielleicht Ihr mir dieses Rätsel lösen«
    »Rätsel lösen Ihr habt nicht von einem Rätsel sondern von einem
Gleichnisse gesprochen Gleichnisse aber werden nicht gelöst sondern gedeutet«
    »Nun so deutet es bitte«
    »Gern Wir sehen hier die stürzende die zerschellende und zerstäubende
Flut Aber den See den großen See aus dem sie kommt den sehen wir nicht Und
auch der See in den sie sich ergießt ist uns unsichtbar Beide sind unserm
Auge verborgen«
    »Wohl Das ist das Gleichnis« nickte Atabaska ernst »Aber die Deutung«
    »Die Gegenwart sieht nur den schweren tiefen erschütternden Fall der roten
Rasse Sein Brausen ist die Summe der Todesschreie aller Derer die da
untergegangen sind und noch untergehen werden Wo haben wir das große das
mächtige das herrliche Volk zu suchen dessen Kinder diese Zerschmetterten und
noch zu Zerschmetternden sind In welchem Lande gab es dieses Volk Und in
welcher Zeit Wir wissen es nicht und wir sehen es nicht Wir sehen nur wie
der eine stürzende Strom da unten in der Tiefe in hundert und aberhundert
Völker Stämme Herden Rotten und Banden zerfällt deren einer oder eine oft
kaum mehr als hundert Personen zählt So wirbelt und treibt der Fall sie weiter
und weiter bis sie verschwunden sind Und wir hören nur die unzähligen kleiner
und immer kleiner werdenden Zungen Sprachen Idiome Mundarten und Dialekte in
welche der stürzende Strom in dem Wirbel des Abgrundes zermalmt zersplittert
zermahlen zerknirscht zerpulvert und zerrieben wird so dass der
Sprachforscher der sich kühn in diesen Strudel wirft in die Gefahr kommt ganz
ebenso zugrunde zu gehen wie Die nach denen er sucht Und wo ist das noch
größere das noch mächtigere das noch herrlichere Volk zu finden dem die
zersprengten zerrissenen und zerstäubten Fluten dieses sprachlichen und
etnographischen Niagara zuzuströmen haben um sich wieder zu einem Ganzen zu
vereinigen und wieder zur Ruhe und gesegneten Gesetzlichkeit zum Beginn einer
neuen besseren Entwicklung zu kommen In welchem Lande wird es dieses Volk
geben Und in welcher Zeit Wir wissen es nicht und wir sehen es nicht Wir
können von dem hier niederstürzenden Fluße der uns als Gleichnis dient nur
sagen dass er aus dem Eriesee in den Ontariosee sich ergießt Genau ebenso
wissen wir von der hier zerstäubenden roten Rasse nur dass sie aus der Zeit und
aus dem Lande des Gewaltmenschen stammt und der Zeit und dem Lande des
Edelmenschen entgegenfliesst um dort in neuen Ufern neue Vereinigung zu finden
Dies Gentlemen ist das Gleichnis und dies ist seine Anwendung«
    Sie waren still Wir standen noch einige Zeit bis wir den Kellner unter der
offenstehenden Tür ihrer Wohnung erscheinen sahen Da nahm Atabaska den Arm des
Herzle in den seinen und schritt mit ihr dieser Tür zu ohne ein Wort zu sagen
Ich folgte ihm mit Algongka der sich ebenso schweigsam verhielt
    Die beiden Häuptlinge bewohnten ganz ebenso wie wir mehrere Räume In dem
größten von ihnen war serviert Ich muss zu ihrem Lobe sagen dass keine Spur von
dem Bestreben zu prahlen oder uns zu imponieren vorhanden war Es gab nichts
Anderes als nur dieselben Gerichte die wir im Speisesaale vorgesetzt bekommen
hätten Vor unsern Gedecken stand Wein vor den ihren aber Wasser Das Herzle
erklärte aufrichtig dass wir daheim viel lieber Wasser als Wein beim Essen
tränken da bekam der Kellner einen Wink die Flaschen zu entfernen Aber jeder
von ihnen hatte in einer kleinen mit Wasser gefüllten Vase die ihm von meiner
Frau geschenkte Blume vor sich stehen wofür sowohl ihr als auch mir je eine
einzige aber ausgesucht schöne Rose beschieden war Hierüber wurde kein Wort
verloren
    Gesprochen wurde nur in den Pausen während des Essens nicht Sie sagten
kein Wort über sich und fragten mit keinem Worte nach uns und unsern
Verhältnissen Es gab nur einen einzigen Gegenstand mit dem unsere Fragen und
Antworten sich beschäftigten nämlich die Vergangenheit und die Zukunft der
Indianer also das Schicksal der roten Rasse Und da muss ich der Wahrheit die
Ehre geben indem ich gestehe viel sehr viel von diesen beiden Männern gelernt
zu haben trotz ihrer Einsilbigkeit und trotz der Kürze der Zeit die wir bei
ihnen verweilten Denn aus ihrem Munde kam kein einziges Wort welches nicht
seinen besonderen Wert besaß Oft hatte ein einziger Satz den Wert einer ganzen
vollen Lebenserfahrung Diese beiden Häuptlinge glichen Giganten welche große
vielzentnerschwere Gedanken aus den Felsenbergen brechen und hinab in die Ebene
rollen lassen damit die dortigen kleinen Menschen daran Arbeit für ihre
feineren Werkzeuge finden Es war ein sehr schöner wenn auch sehr ernster
Abend der unser Denken Fühlen Wissen und Wollen bereicherte und gewiss
solange wir leben uns im Gedächtnis bleiben wird
    Es war grad Mitternacht als wir uns trennten Wir hatten nicht etwa die
ganze Zeit bis dahin im Zimmer gesessen sondern uns einen Tisch mit Stühlen auf
die Plattform stellen lassen Da saßen wir nach dem Essen um dem vor unserm
Auge niederstürzenden Niagara einen seiner Gedanken nach dem andern zu
entringen Erst im letzten Augenblick als wir uns verabschieden wollten
erfuhren wir dass Atabaska und Algongka schon morgen abreisen würden und uns
also ihren letzten Abend geschenkt hatten Daran war das Herzle mit ihren Blumen
schuld
    Keiner von Beiden ahnte dass wir Deutsche seien noch weniger aber dass wir
dasselbe Reiseziel hatten wie sie Sie fragten nicht nach unserer Adresse sie
schwiegen darüber ob sie ein Wiedersehen wünschten oder nicht Aber als ich
ihnen meine Hände reichte wurden diese von ihnen länger festgehalten als
eigentlich gebräuchlich ist Dann trat Atabaska so nahe an meine Frau heran
wie möglich war ohne ihre Gestalt zu berühren legte beide Hände an ihren Kopf
zog ihn noch näher an sich und drückte seine Lippen auf ihr Haar
    »Atabaska segnet Euch« sagte er
    Algongka folgte diesem Bespiele und sprach dabei dieselben Worte die aus
dem Herzen kamen Das hörte man den beiden Männern an und das ersah man auch
aus der Schnelligkeit mit der sie dann in ihrer Wohnung verschwanden
    Diese Wohnung lag so ziemlich in der Mitte der Zimmerreihe die unsere aber
deren Tür wir offen gelassen hatten am Ende derselben Wir mussten also um nach
der letzteren zu kommen an dem neben uns liegenden Raum der Gebrüder Enters
vorüber Als wir uns diesem näherten sahen wir dass er erleuchtet war Zwar
stand die Tür nicht offen wie die unsere aber die Klappen der Jalousie waren
geöffnet und es drang nicht nur das Licht heraus sondern auch der laute Klang
zweier Stimmen die grad in diesem Augenblick sich in Erregung zu befinden
schienen Die Brüder waren schon heut zurückgekehrt Sie schritten sich
zankend in ihrer Stube auf und ab Wir gingen selbstverständlich nicht vorüber
sondern wir blieben an ihrer Tür stehen und hörten dass Hariman soeben sprach
    »  also wiederhole ich Schrei nicht so Wir wohnen bekanntlich nicht
allein in diesem Hotel«
    »Der Teufel hole es dieses KliftonHouse Kein Mensch hält uns für voll
Übrigens bezahlen wir dieses Zimmer und ich kann also hier schreien so laut
es mir beliebt Der Alte kann es nicht mehr hören er ist fort Sein Name ist
ausgestrichen May aber steht noch immer nicht da Das passt mir schlecht Wie
lange soll man da warten Jetzt wo wir heut wieder hörten wie sehr es mit der
Devils pulpit5 eilt Kommen wir auch nur einen halben Tag zu spät so verlieren
wir Summen deren Höhe sich jetzt gar nicht bestimmen lässt«
    Der so sprach war Sebulon Hariman antwortete
    »Das befürchte ich allerdings auch Aber können wir fortgehen ohne die
Ankunft dieses für uns hochwichtigen deutschen Ehepaares abgewartet zu haben«
    »Warum nicht Wenigstens Einer von uns Beiden kann fort um Kiktahan Schonka
6 festzuhalten bis der Andere ihm folgt Aber das ist es doch gar nicht was
mich so erregt sondern mich ärgert deine sogenannte Ehrlichkeit die mir in
unsern Verhältnissen so wahnsinnig vorkommt dass es mir geradezu unmöglich ist
sie zu begreifen Ja wir wollen und müssen den Nuggettsil und das Dunkle oder
meinetwegen auch Finstere Wasser kennen lernen und dieser Deutsche ist der
Einzige der imstande ist uns diese Orte zu zeigen Aber das ist noch lange
kein Grund ihm so wie du willst mit ganz besonderer Liebe zugetan zu sein«
    »Wer hat hiervon gesprochen Ich nicht Ich habe nur Ehrlichkeit verlangt
keine besondere Liebe«
    »Pshaw Ehrlichkeit gegen den Mörder unsers Vaters«
    
    »Das ist er nicht Vater war selbst daran schuld dass er in dieser Weise
zugrunde ging Und er holt uns nach uns alle uns alle Nur wir Beiden sind
noch übrig Und wenn wir nicht ehrlich sind geht es mit uns in doppelter Eile
zu Ende Ich hoffe und hoffe noch immer auf Rettung Die aber ist nur dann
möglich wenn das Geschehene Verzeihung findet Und auch hier ist der Deutsche
der Einzige der sie gewähren kann die Andern sind ja tot Siehst du das nicht
ein«
    Sebulon antwortete nicht gleich Es wurde für kurze Zeit still Wir hörten
ein Räuspern welches aber schon mehr wie Schluchzen klang Von wem kam das Von
Hariman Von Sebulon Dann sagte der Letztere aber mehr klagend als erregt
    »Es ist fürchterlich geradezu fürchterlich wie das innerlich schreit und
lockt wie es treibt und schiebt wie es drängt und drängt immer weiter immer
weiter Ich wollte ich wäre schon tot«
    »Ich auch ich auch«
    Wieder trat eine Pause ein nach welcher wir Sebulon sagen hörten
    »Es rechnet in mir es rechnet Unaufhörlich Bei Tag und bei Nacht Wenn
wir den Schatz der mit dem Vater in das Wasser ging doch heben könnten Und
wieviel würde Kiktahan Schonka zahlen wenn wir ihm den Deutschen an das Messer
lieferten Wie viele viele Beutel voller Nuggets vielleicht eine ganze
Bonanza ein ganzes Placer«
    »Um Gotteswillen« rief Hariman erschrocken aus »Diesen Gedanken lass ja
fallen«
    »Kann ich Der Gedanke kann wohl mich fallen lassen aber nicht ich ihn Er
kommt er kommt Und wenn er kommt ist er da viel stärker und viel mächtiger
als ich mit dem bisschen Kraft das ich noch besitze Und jetzt   jetzt
überkommt mich ganz plötzlich eine Angst eine Angst Was das nur ist Steht
vielleicht Jemand da draußen vor der Tür um uns zu belauschen   «
    Da nahm ich meine Frau am Arme und zog sie schleunigst in mein Zimmer
welches gleich daneben lag hinein Wir nahmen uns gar nicht Zeit die
offenstehende Tür zuzumachen sondern wir huschten durch den ganzen Raum
hindurch bis in das Kabinett wo wir stehen blieben und lauschten Wie gut war
es dass wir die Tür offengelassen hatten Die Brüder kamen heraus Sie standen
an unserer Tür
    »Es ist Niemand da« sagte Hariman »Du hast dich getäuscht«
    »Wahrscheinlich« antwortete Sebulon »Es war auch nur in mir Gehört habe
ich nichts gar nichts Aber diese Tür War sie nicht schon offen als wir
kamen«
    »Ja Der Alte ist fort und man hat sie offengelassen um zu lüften«
    »Ich gehe doch einmal hinein«
    »Unsinn Wäre ein Horcher da drin so hätte er die Tür hinter sich
zugemacht das ist doch gewiss«
    »Wenigstens wahrscheinlich«
    Er kam aber doch herein ging einige Schritte vorwärts und stieß dabei an
einen Stuhl
    »Mach keinen Lärm« warnte Hariman
    Da wendete sich der Andere zurück und ging hinaus Sein Bruder schob die
beiden Flügel der Jalousietür heran dass sie nun zu war und dann verschwanden
sie wieder in ihrer Stube Wir aber gingen in das Zimmer meiner Frau wo wir
weil es nach der andern Seite lag Licht machen konnten ohne dass die Enters es
bemerkten
    Das Herzle war sehr erregt
    »Dich an das Messer liefern« sagte sie »Denke dir Wer ist dieser Kiktahan
Schonka von dem sie sprachen«
    »Wahrscheinlich ein Siouxhäuptling Ich kenne ihn nicht habe nie von ihm
gehört Du bist besorgt liebes Kind Hast keine Veranlassung dazu gar keine«
    »So Man will dich an das Messer liefern Dich also abschlachten Das nennst
du keine Veranlassung«
    »Da ich es weiß wird es nicht geschehen Auch ist es noch gar nicht etwa
eine beschlossene Sache sondern nur erst ein Gedanke mit dem der arme Teufel
kämpft Und drittens Selbst wenn es Ernst wäre würde man doch sicher nicht
eher Etwas gegen mich unternehmen als bis man sich an dem See befindet in
welchem Sander damals ertrunken ist Bis dahin bin ich meines Lebens vollständig
sicher Es ist das Alles gar nicht so schlimm wie es klingt«
    »Auch das mit der Teufelskanzel Schreckliches Wort«
    »Schrecklich finde ich es nicht sondern höchstens romantisch
Teufelskanzeln gibt es in diesem Lande ebensoviele wie es drüben bei uns in
Deutschland Orte mit dem Namen Breitenbach Ebersbach oder Langenberg gibt Wo
die Devils pulpit liegt welche hier gemeint war werde ich morgen früh im
ProspectHouse erfahren«
    »Was ist das für ein Haus«
    »Ein Hotel in dem ich heute Nacht schlafe«
    »Schlafen Du« fragte sie überrascht
    »Ja Schlafen Ich« nickte ich
    »In einem andern Hotel«
    »In einem andern Hotel«
    »Ich erstaune«
    »Ich aber nicht Und in einer guten glücklichen Ehe kommt es bekanntlich
nur darauf an ob der Mann erstaunt ist oder nicht Ich glaube kaum dass ich dir
alle möglichen Gründe erst vorzulegen und mühsam zu erklären habe Ich gehe
jetzt nach dem ProspectHouse esse Etwas lasse mir ein Zimmer geben und
schicke zwei oder drei Zeilen hierher an Mr Hariman F Enters um ihm zu sagen
dass ich in NiagaraFalls angekommen bin und im Fremdenbuch des KliftonHouse
gelesen habe dass er da wohne Hierauf sei ich aus guten Gründen nach dem
ProspectHouse gegangen wo ich morgen früh von acht bis zehn Uhr für ihn und
seinen Bruder zu sprechen bin später aber nicht weil ich mich dann mit meiner
Frau zu beschäftigen habe die noch nicht mit angekommen ist Bist du
einverstanden«
    »Hm das muss ich wohl sein« lächelte sie »Die Gründe brauchst du mir
natürlich nicht einzeln aufzuzählen Meine Erlaubnis zum Umzug sei dir hiermit
erteilt Aber geht das denn So spät in der Nacht«
    »Hier geht Alles«
    »Auch ohne Koffer Soll ich dir nicht wenigstens ein Paket machen Du wirst
ungeheuer ärmlich aussehen wenn du so ohne Alles und mit vollständig leeren
Händen im Hotel erscheinst«
    »Das wird nur imponieren weiter nichts Ich habe nur noch die Bitte die
eigentlich überflüssig ist an dich Lass dich ja nicht etwa sehen«
    »Allerdings sehr überflüssig« gab sie zu »Darf ich dich ein Stück
begleiten Vielleicht nur bis hinunter vor die Tür«
    »Danke Du hast unsichtbar zu bleiben Wir trennen uns hier oben«
    Unten im Parlour war man noch wach aber Niemand achtete auf mich Ich ging
hinaus spazierte über die Brücke nach der andern Seite des Ortes wo ich eine
Viertelstunde später im ProspectHouse ein Zimmer besaß ein Billett an Mr
Hariman F Enters schickte zu Abend speiste und mich dann mit meinem Tagewerk
zufrieden zur Ruhe niederlegte Ich hatte mich natürlich auch hier als Mr
Burton eingetragen
    Als ich am andern Morgen halb acht in den Saloon trat um Kaffee zu trinken
saßen die beiden Enters schon da Hariman beeilte sich mir Sebulon
vorzustellen und teilte mir mit dass sie zunächst sehr erfreut gewesen seien
zu hören dass ich angekommen sei dann aber hier ganz enttäuscht weil kein
Mensch im Hotel von einer Mrs May und einem Mr May Etwas gewusst habe
    »Ich reise pseudonym unter dem Namen Burton«
    »Well« nickte Hariman »Der Leser wegen die Euch nicht in Ruhe lassen
würden Sir wenn sie Eure Anwesenheit erführen«
    »Allerdings«
    »Und Mrs Burton Man sieht sie nicht«
    »Sie ist noch nicht mit hier Ihr werdet sie später sehen Vielleicht morgen
oder übermorgen Ich war natürlich zuerst im KliftonHouse Da aber standen eure
Namen im Buche Darum wendete ich mich hierher Ich hoffe das ist euch recht«
    »Gewiss gewiss Was aber Mrs Burton betrifft die wir sehr gern gleich heut
begrüßt hätten so müssen wir wenn sie noch nicht da ist leider darauf
verzichten ihr morgen oder übermorgen zu begegnen Wir reisen nämlich heut
schon ab«
    »So Dann ist es ja genau so wie ich Euch vorausgesagt habe Auch die
jetzige Unterredung hat keinen Erfolg«
    »Das kann man nicht behaupten Wir hoffen ganz im Gegenteil mit Euch zum
Abschluss zu kommen Mr Burton«
    »Welcher Umstand ist es der euch diese Hoffnung gibt«
    »Eure Klugheit Eure Einsicht Aber sprechen wir später hiervon Ich sehe
hier ist nicht der Ort dazu«
    Da hatte er allerdings Recht Der Saloon war voller Kaffee Tee und
Kakaotrinker und man hatte sich also zu hüten etwas Diskretes zu besprechen
Ich beeilte mich darum mein Frühstück zu beenden und dann machten wir einen
kurzen Spaziergang längs des Stromes um uns auf einer der am Ufer stehenden
Bänke niederzulassen Da konnten wir alles Mögliche besprechen ohne dass uns
irgend Jemand hörte Hariman war noch so wie ich ihn im ersten Kapitel
beschrieben habe Sebulon besaß dieselben »traurigen« Augen schien aber ein
mehr verbissener und dabei unzuverlässiger Charakter zu sein Was mich selbst
betrifft so war ich entschlossen nicht viel wie man sich auszudrücken pflegt
»Federlesens« mit ihnen beiden zu machen sondern mich so kurz wie möglich zu
fassen Als wir uns niedergesetzt hatten begann Hariman sofort
    »Ich habe Euch gesagt dass wir auf Eure Einsicht und auf Eure Klugheit
rechnen Sir Dürfen wir mit dem Geschäftlichen beginnen«
    »Ja« antwortete ich »Doch muss ich mich bei euch erkundigen mit wem ihr
überhaupt zu sprechen habt mit dem Westmann oder mit dem Schriftsteller«
    »Mit dem Ersteren vielleicht später zunächst aber nur mit dem Letzteren«
    »Well Sie stehen euch beide zur Verfügung jeder für sich aber höchstens
nur eine Viertelstunde Meine Zeit ist mir nämlich nur sehr sparsam zugemessen«
    Ich zog meine Uhr zeigte ihnen das Zifferblatt und fügte hinzu
    »Es ist wie ihr seht jetzt genau acht Uhr Ihr könnt also bis Viertel auf
neun mit dem Schriftsteller und bis halb neun mit dem Westmann reden dann ist
unsere Zusammenkunft zu Ende«
    »Aber« warf Sebulon ein »Ihr habt uns doch geschrieben dass Ihr zwei volle
Stunden für uns haben werdet«
    »Allerdings Ich hatte da anderthalb Stunden für den Freund gerechnet Da
ihr aber nur mit dem Schriftsteller und nur vielleicht auch mit dem Westmann
reden wollt aus den Freund aber gar nicht reflektiert so bleibt es eben bei
der halben Stunde«
    »Wir hoffen aber dass wir Freunde werden In diesem Falle dürfen wir auf
zwei Stunden rechnen«
    »Sogar auf noch mehr Also beginnen wir Von der ersten Viertelstunde sind
bereits drei Minuten vorüber   «
    »Ihr habt eine eigentümliche Art Geschäfte zu besprechen« rief Sebulon
ärgerlich
    »Nur dann wenn ich schon abgelehnt habe und dennoch gezwungen werde von
Neuem Zeit für die erledigte Angelegenheit zu opfern Also   bitte  «
    Da nahm Hariman das Wort
    »Es handelt sich also um Eure drei Bände Winnetou die wir Euch abkaufen
wollen   «
    »Um sie drucken zu lassen« fiel ich ihm in die Rede
    »Kauft man etwa Bücher um   «
    »Bitte keine Verstecke Kurze Antwort Ja oder nein Wollt ihr sie
übersetzen und drucken lassen«
    Sie schauten einander verlegen an Keiner antwortete Da fuhr ich fort
    »Da ihr schweigt will ich an eurer Stelle antworten Ihr wollt sie nicht
drucken sondern verschwinden lassen und zwar aus Rücksicht auf euren
eigentlichen Namen und auf euren toten Vater«
    Da sprangen Beide zu gleicher Zeit von der Bank auf und warfen mir
Ausrufungen und Fragen zu denen ich mit einer energischen Armbewegung ein Ende
machte indem ich rief
    »Still still Ich bitte zu schweigen Den Schriftsteller könntet ihr
vielleicht täuschen den Westmann aber nicht Euer Name ist Sander Ihr seid die
Söhne jenes Sander der mich leider zwang von ihm so viel nicht Angenehmes zu
erzählen Ich hoffe dass ich von euch Besseres berichten kann als von ihm«
    Sie standen zunächst unbeweglich wie Bildsäulen aus Holz Dann setzten sie
sich wieder nieder Einer nach dem Andern als ob ihnen die Kraft fehle stehen
zu bleiben Sie sahen vor sich nieder und sagten nichts
    »Nun« fragte ich
    Da wendete sich Hariman an Sebulon
    »Ich sagte es dir voraus du aber glaubtest es nicht Ihm darf man nicht in
dieser Weise kommen Soll ich reden«
    Sebulon nickte Da drehte Hariman sich wieder mir zu und fragte
    »Seid Ihr bereit uns die Erzählungen zu verkaufen um sie verschwinden zu
lassen«
    »Nein«
    »Um keinen Preis«
    »Um keinen sei er auch noch so hoch Aber nicht etwa aus Rachsucht oder
Halsstarrigkeit sondern weil ein solcher Kauf Euch überhaupt nichts nützen
würde Was ich geschrieben habe kann nicht wieder verschwinden Es sind viele
tausend deutsche Exemplare des Winnetou hier in den Vereinigten Staaten
verbreitet und nach den hiesigen Gesetzen bin ich als Verfasser ungeschützt
Jedermann hat das Recht zu übersetzen oder nachzudrucken so viel ihm nur
beliebt Das weiß jeder Buchhändler und Ihr habt mir durch Eure Offerte also
schon drüben als Ihr bei mir wart bewiesen dass Ihr keiner seid Ich könnte
Euer Geld einstecken und hinter Euch lachen Wollt Ihr das«
    »Hörst du es« fragte Hariman seinen Bruder »Er ist ehrlich«
    Da stand Sebulon von seinem Platze wieder auf und stellte sich gerade vor
mich hin Seine Augen brannten und seine Lippen bebten
    »Mr Burton« sagte er »zeigt mir Eure Uhr«
    Ich erfüllte ihm diesen Wunsch
    »Nur noch zwei Minuten dann ist die Viertelstunde zu Ende« nickte er »Ihr
seht ich gehe auf die Zeitportionen die Ihr uns zuteilt ein Ich mache es
genau so kurz wie Ihr es wollt Die Folgen aber kommen dann nicht über uns
sondern über Euch und Euer Gewissen Ja wir heißen Sander und unser Vater war
der den Ihr kennt Verkauft Ihr uns den Winnetou«
    »Nein«
    »Fertig mit dem Schriftsteller Die Zeit ist vorüber genau bis auf die
Sekunde Nun fünfzehn weitere Minuten für den Westmann Ich frage Euch Was
haben wir Euch dafür zu zahlen dass Ihr uns Beide nach dem Nuggettsil und nach
dem Dunkeln Wasser führt«
    »Ich tue das überhaupt nicht ich bin kein Fremdenführer«
    »Aber wenn man es gut sehr gut bezahlt«
    »Auch dann nicht Ich brauche kein Geld Ich tue niemals Etwas für Geld«
    »Auch für die höchsten Summen nicht«
    »Nein«
    Da fragte Sebulon seinen Bruder
    »Soll ich Darf ich«
    Nun nickte dieser und Sebulon fuhr zu mir gewendet fort
    »Ihr werdet es dennoch tun wenn auch nicht für Geld darauf könnt Ihr Euch
verlassen Kennt Ihr die Sioux«
    »Ja«
    »Und die Apatschen«
    »Welche Frage Wenn Ihr meinen Winnetou wirklich gelesen habt so wisst Ihr
ebensogut wie ich wie überflüssig sie ist«
    »So hört was ich Euch sage Für die Wahrheit dieser meiner Worte legen wir
Beide unsere Hände in das Feuer Nämlich die Häuptlinge der Sioux sind von den
Häuptlingen der Apatschen eingeladen Weshalb und wozu das weiß ich nicht ich
habe nur so viel gehört es solle Friede sein zwischen ihnen Nur Häuptlinge
sollen erscheinen Niemand weiter Die Sioux aber haben beschlossen diese
Gelegenheit zu benutzen sich mit sämtlichen Gegnern der Apatschen zu
vereinigen um die Letzteren zu vernichten Glaubt Ihr das«
    »Man muss es prüfen« antwortete ich kalt
    »So fahre ich fort Es ist ein Ort bestimmt an welchem sich die Feinde der
Apatschen zusammenfinden um den Kriegs und Vernichtungsplan zu besprechen Ich
kenne diesen Ort«
    »Wirklich«
    »Ja«
    »Woher Von wem«
    »Das ist Geschäftssache Euch aber will ich es sagen weil ich annehme dass
Ihr mir dann dankbar seid Ich kenne die Sioux und sie kennen mich Unser Beruf
als Pferde und Rinderhändler hat uns häufig zu ihnen geführt Jetzt haben sie
uns ein Geschäft angeboten welches so groß und so gewinnbringend ist wie
niemals eines zuvor Wir sollen die Beute die sie bei den Apatschen machen
übernehmen Versteht Ihr was ich meine«
    »Sehr wohl«
    »Und Ihr glaubt also dass wir gut unterrichtet sind«
    »Auch das hat sich erst noch zu zeigen«
    »Es soll zum Kampfe kommen zu einem beispiellosen Blutvergießen Ich weiß
dass Ihr ein Freund der Apatschen seid Ich will sie retten Ich will Euch
Gelegenheit geben die Pläne ihrer Feinde zunichte zu machen Ich will Euch an
den Ort bringen an welchem diese Feinde sich beraten Ich will auf allen
Gewinn der uns in Aussicht gestellt worden ist verzichten Und ich verlange
dafür nur das Eine dass Ihr uns zu den beiden Orten führt die ich Euch
bezeichnet habe Nun sagt ob Ihr das wollt Aber sagt es schnell bestimmt und
deutlich heraus Wir haben keine Zeit«
    Er hatte sehr rasch gesprochen um möglichst wenig Zeit zu verbrauchen Das
klang doppelt ängstlich und doppelt eindrucksvoll Ich erkundigte mich trotzdem
in langsamer gemächlicher Weise
    »An den Ort wo die Beratung stattfindet wollt Ihr mich führen Wohin geht
dieser Weg«
    »Hinauf nach Trinidad«
    »Welches Trinidad meint Ihr Es gibt ihrer mehrere«
    »Im Kolorado«
    In diesem Trinidad wohnte ein alter guter Bekannter von mir namens Max
Pappermann einst ein sehr brauchbarer Präriejäger jetzt aber Besitzer eines
sogenannten Hotels Er war von deutscher Abstammung und hatte die
Eigentümlichkeit seinen Namen für die Quelle alles Unheiles welches ihn traf
zu halten Er sprach seinen Vornamen nicht mit dem englischen e sondern noch
mit dem deutschen a aus konnte aber infolge eines Sprachfehlers mit dem x nicht
fertig werden sein Max wurde stets zum Maksch Obgleich er sich hierüber tief
tief unglücklich fühlte kam es ihm doch gar nicht in den Sinn das zu tun was
jeder Andere an seiner Stelle getan hätte nämlich diesen Namen möglichst zu
vermeiden er gab ihn ganz im Gegenteile bei jeder Gelegenheit zu hören und
wurde darum aus diesem und noch einem andern Grunde von Jedermann »der blaue
Maksch« genannt Er hatte nämlich auf einem seiner Streifzüge durch den Westen
das Unglück gehabt sich die linke Seite des Gesichtes durch explodierendes
Pulver zu verbrennen dabei war ihm zwar kein Auge verloren gegangen aber die
von dem Pulver getroffene Hälfte des Gesichtes hatte sich für immer blau
gefärbt Er war unverheiratet geblieben aber ein lieber prächtiger treuer und
aufopferungsvoller Kamerad mit dem ich einige Male für nur kurze Zeit
zusammengetroffen war Ich hatte dabei im Verein mit Winnetou Gelegenheit
gefunden ihm bei einem Überfalle durch die Sioux helfend beizustehen und er
vergrößerte diesen doch nur gelegentlichen Dienst in der Weise dass er sich uns
wie er sich auszudrücken pflegte zur »ewigen und eternellen Dankbarkeit«
verpflichtet fühlte Er war einer von den Westmännern die ich wirklich und
herzlich liebgewonnen hatte
    Zur Vervollständigung will ich hinzufügen dass dieses Trinidad die
Hauptstadt der Grafschaft Las Animas im nordamerikanischen Staate Kolorado ist
den Knotenpunkt mehrerer Bahnen bildet und noch heutigen Tages einen nicht
unbedeutenden Viehhandel treibt Dieser letztere Umstand war wohl die Ursache
dass auch die beiden Enters sowohl die Stadt als auch ihre Umgegend sehr gut
kannten Sebulon fuhr in seiner Auskunftserteilung fort indem er mich fragte
    »Seid Ihr schon einmal da oben in Trinidad gewesen Mr Burton«
    Ich antwortete ausweichend
    »Muss mich erst besinnen Bin an so vielen Orten gewesen dass ich nicht
wenige von ihnen aus dem Gedächtnis verloren habe Also da oben liegt das
Rendezvous aller Feinde der Apatschen«
    »Ja aber nicht etwa in Trinidad selbst sondern ein bedeutendes Stück von
da in die Berge hinein«
    »So Ihr scheint mich für einen Abcschützen zu halten weil Ihr mir
zumutet anzunehmen dass die Roten deren Absichten doch wohl geheimbleiben
sollen eine so belebte Stadt zum Stelldichein wählen Diese Eure Ansicht über
mich ist wohl nicht geeignet mich zu einem Anschluss an Euch zu bewegen Ich
will nun nur noch fragen wann man da oben einzutreffen hätte«
    »Wir reisen schon heut von hier ab weil wir einen ganzen Tag in Chicago und
zwei volle Tage in Leavenwort zu tun haben Ihr könntet nachkommen Die
Beratung soll genau heut über zehn Tage sein Wir würden Euch aber drei volle
Tage vorher in Trinidad erwarten«
    »Gebt die Stelle näher an Oder ist Trinidad so klein dass ihr uns wenn wir
kommen sofort sehen müsst«
    »Fragt nach dem Hotel des alten Pappermann den man den blauen Maksch zu
nennen pflegt Da bleiben wir über Nacht Haben uns dort schon angemeldet Aber
Sir es sind schon elf Minuten vorüber Wir haben also nur noch vier Minuten
Besinnt Euch schnell und gebt uns Bescheid sonst wird es zu spät«
    »Habt keine Sorge Wir werden genau mit fünfzehn Minuten zu Ende sein«
    »Hoffentlich Das liegt ja noch viel mehr in Eurem eigenen Interesse als in
dem unserigen«
    »Wieso«
    »Weil Ihr ohne uns die Apatschen nicht retten könntet«
    Jetzt musste mein Schlager kommen mit dem ich ihre Ansprüche und überhaupt
ihre Selbstabschätzung herunterzustimmen hatte Ich schaute ihm also wie
belustigt in das Gesicht und sprach
    »Irrt ihr euch da nicht vielleicht Glaubt ihr wirklich dass es mir so
schwer fallen würde den Häuptling Kiktahan Schonka an der Devils pulpit zu
finden«
    Das schlug ein Und zwar sofort und äußerst wirkungsvoll Hariman fuhr jetzt
auch von seinem Sitze in die Höhe und rief erschrocken aus
    »Heavens Er weiß es schon Seid Ihr allwissend Sir«
    »Ja seid Ihr allwissend« fragte auch Sebulon
    Sie standen nebeneinander vor mir wie zwei Knaben die beim Apfelstehlen
erwischt worden sind Ich nahm meine Uhr heraus sah auf das Zifferblatt und
antwortete
    »Allwissend ist kein Mensch kein einziger aber da ich in diesem
Augenblicke nicht mehr Schriftsteller sondern Westmann bin versteht es sich
ganz von selbst dass ich meine Augen offen halte Was ihr für ein Geheimnis
hattet das kannte ich schon ehe ihr es mir jetzt sagtet Ihr seid also auf
einem vollständig falschen Wege wenn ihr meint dass ich euch eure Mitteilungen
mit dem Nuggettsil und mit dem Dunkeln Wasser zu bezahlen habe Das Verhältnis
liegt vielmehr grad umgekehrt Ihr könnt nicht durch die Sioux sondern nur
durch die Apatschen Etwas gewinnen und nur ich würde es sein der euch diesen
Gewinn besorgt«
    Nun stand auch ich von meinem Platze auf und fuhr fort
    »Ich werde heut über sieben Tagen in Trinidad sein in dem Hotel welches
ihr mir bezeichnet habt Von diesem Tage an werde ich euch prüfen Besteht ihr
diese Prüfung so bekommt ihr sowohl den Nuggettsil als auch das Dunkle Wasser
zu sehen sonst aber nicht Haltet zu den Sioux oder haltet zu den Apatschen
ganz wie es euch beliebt die Folgen aber kommen nicht wie ihr vorhin sagtet
über mich sondern über euch    So Auch diese fünfzehn Minuten sind zu
Ende genau auf die Sekunde Lebt wohl Meschschurs Und auf Wiedersehen beim
alten Pappermann in Trinidad«
    Ich steckte die Uhr wieder ein und entfernte mich ohne mich einmal nach
ihnen umzusehen Sie machten keinen Versuch mich zurückzuhalten Sie sagten
kein Wort sie waren vollständig verblüfft Ich ging direkt nach dem
KliftonHouse wo Niemand ahnte dass ich während der Nacht fortgewesen war Wer
mich jetzt überhaupt beachtete musste annehmen dass ich von einem
Morgenspaziergang zurückkehre
    Das Herzle hatte ihr Zimmer seit ich fortgewesen war nicht verlassen also
noch gar nicht gefrühstückt Ich ging mit ihr hinab an unsern Tisch damit sie
das Versäumte nachhole Die beiden Häuptlinge waren schon abgereist auf ihren
Plätzen saßen Andere Ich berichtete meine Zusammenkunft mit den beiden Enters
Wort für Wort und erntete die mir als Eheherrn auf jeden Fall gebührende
Anerkennung Das Fenster an welchem wir saßen lag wie bereits gesagt nach
dem Fluße zu Man sah von ihm aus die Personen die über die Brücke kamen Eben
hatte ich meinen Bericht beendet so bemerkten wir das Brüderpaar welches von
drüben herüber nach dem Hotel kam Der Kellner sah sie auch und sagte nach
ihnen deutend
    »Das sind die Nachbarn Sie gingen heut sehr zeitig fort Haben einen Brief
bekommen Sind nie am Tage zu sehen gewesen heut aber kehren sie zurück Werde
nachschauen was das für eine Bewandtnis hat«
    Nichts konnte uns lieber sein als diese seine Neugierde Er ging hinaus
Schon nach einigen Minuten kam er wieder herein und meldete
    »Sie gehen Sie reisen ab Jetzt nach Buffalo und von da aus mit dem
nächsten Zuge nach Chicago Ganz so wie die beiden Gentlemen heut früh die
auch nach Chicago gingen Schade jammerschade um sie Bezahlten nur mit
Nuggets«
    Nach kurzem sahen wir die Gebrüder Enters das Hotel verlassen und über die
Brücke wieder hinübergehen Das Gepäck welches sie trugen bestand aus je nur
einer Ledertasche Mich etwa noch nachträglich zu erkundigen wo und wie sie des
Tags über ihre Zeit verbracht hatten dazu gab es für mich keinen Grund ich
war wenigstens für einstweilen mit ihnen fertig
    »Nun reisen wohl auch wir bald ab« fragte meine Frau
    »Ja morgen früh« antwortete ich
    »Bis wie weit«
    »Hm Wäre ich allein so würde ich in einer ununterbrochenen Tour sogleich
bis Trinidad fahren«
    »Du glaubst ich halte das nicht aus«
    »Es ist eine Anstrengung liebes Kind«
    »Für mich nicht Wenn ich will so will ich Warte ich werde nachsehen«
    Sie ging nach der Office um sich die betreffenden Fahrpläne zu holen Wir
schauten nach und rechneten Es galt uns weder in Chicago noch in Leavenwort
sehen zu lassen Das war nicht schwer zumal wir gar nicht über Leavenwort
sondern über das ihm allerdings ziemlich naheliegende Kansas City kamen Von da
aus gab es allerdings noch eine gewaltige Strecke bis Trinidad aber bei der
Einrichtung der amerikanischen Eisenbahnwagen die alles bieten was an
Bequemlichkeit überhaupt erreichbar ist war dies gewiss nicht allzu schwer zu
überwinden
    »Wir machen es« sagte das Herzle »Wir fahren ununterbrochen Ich selbst
werde die Tickets7 besorgen«
    Wenn sie in diesem bestimmten Tone spricht dann weiß sie was sie will und
so saßen wir denn schon am nächsten Morgen im telegraphisch vorausbestellten
Abteil des Pullmancar und dampften dem »fernen Westen« und den uns dort
erwartenden hoffentlich nicht gefährlichen Ereignissen entgegen Anstatt die
ebenso lange wie interessante Fahrt zu beschreiben will ich nur sagen dass wir
in der besten Verfassung in Trinidad ankamen und uns mit unsern zwei Koffern
nach dem Hotel des »blauen Maksch« bringen ließ
    Ich hatte das Herzle darauf aufmerksam gemacht dass wir von dem Augenblicke
an in welchem wir in Trinidad den Eisenbahnwagen verlassen würden für längere
Zeit auf einen nicht unbeträchtlichen Teil der »Zivilisation« verzichten müssten
Es stellte sich heraus dass ich da sehr sehr Recht gehabt hatte Trinidad sah
zwar keineswegs mehr so aus wie damals als ich es zum ersten Male so grad
zwischen Prairie und Gebirge liegen sah aber zu wünschen gab es doch gar Vieles
noch Als ich mich auf dem Bahnhofe nach Mr Pappermann und seinem Hotel
erkundigte antwortete der betreffende Beamte kurz
    »Gibt es nicht mehr«
    »Was« fragte ich »Ist es mit dem Hotel aus«
    »Nein Es existiert noch«
    »Aber Mr Pappermann ist tot«
    »Nein Er lebt noch«
    »Aber Ihr sagtet doch soeben dass es beide nicht mehr gebe«
    »Beide zusammen ja Aber beide einzeln sind noch da Sie sind nur
auseinander«
    Der Mann freute sich unendlich über seinen billigen Witz belachte ihn eine
ganze Weile und fuhr dann fort
    »Mr Pappermann hat verkauft hat verkaufen müssen Sein unglückseliger Name
ist schuld«
    Damit ging der Mann noch immer lachend von dannen Das Hotel verdiente
nicht so genannt zu werden Ein deutscher Dorfgastof pflegt einladender und
besser auszusehen aber wir waren nun einmal hierhergewiesen und außerdem wäre
ich schon um meines alten Kameraden willen in kein anderes Haus gegangen Wir
bekamen zwei nebeneinander liegende Stuben die zwar klein und fast ärmlich
ausgestattet aber sauber waren Diese sogenannten »Zimmer« hatten wie man ganz
besonders hervorhob den großen Vorzug dass ihre beiden Fenster hinaus nach dem
»Garten« gingen Als wir nach diesem Garten schauten sahen wir ein von vier
halb verfallenen Mauern eingefasstes Quadrat auf dem sich folgende Gegenstände
befanden zwei alte Tische mit je drei noch älteren Stühlen ein fast ganz
blätterloser Baum der sich die allergrösste Mühe gab entweder eine Linde oder
eine Pappel zu sein vier Sträucher die mir völlig unbekannt waren zumal sie
ihre eigenen Namen wahrscheinlich selbst nicht wussten zuletzt und endlich
einige Dutzend Grashalme denen man wohl schon seit Jahren vergeblich zugemutet
hatte irgend eine Art von Rasen zu werden An dem einen Tisch saß ein Mann und
an dem andern Tisch saß auch ein Mann beide so dass wir ihre Gesichter von der
Seite sahen Der Eine hatte ein Bierglas in der Hand aber er trank nicht denn
es war leer Der Andere hatte eine Zigarre in der Hand aber er rauchte nicht
denn sie war ausgegangen Beide sahen einander nicht an sondern sie kehrten
einander die Rücken zu Beide waren Wirte Der mit dem leeren Glase war wie wir
später erfuhren der neue Wirt Und der mit der ausgelöschten Zigarre war wie
wir sogleich dachten der alte Wirt Beide sahen nicht sehr glücklich aus
sondern sie machten den Eindruck als ob beide bereuten der Eine das Hotel
ver der Andere das Hotel gekauft zu haben und nun sehr eifrig darüber
nachdachten in welcher Weise aus diesem Handel noch Etwas herauszuschlagen sei
    »Du« sagte das Herzle »der welcher rechts sitzt scheint dein Freund
Pappermann zu sein Soeben drehte er sich einmal halb um und da sah ich die
linke Seite seines Gesichtes sie ist blau«
    »Ja er ist es« antwortete ich »Alt geworden alt und grau Sieht aber
noch ziemlich kräftig aus Pass einmal auf Ich bringe ihn in Trab aber wie Nur
lass dich nicht sehen«
    Ich näherte mich dem Fenster noch mehr doch so dass ich im Schutze der Wand
verblieb steckte den Zeigefinger in den Mund und ahmte das gellende
Kriegsgeschrei der Sioux nach Die Wirkung war eine sofortige Beide Wirte
schnellten augenblicklich von ihren Stühlen auf und der »blaue Maksch« rief
aus
    »Halloo halloo die Sioux kommen die Sioux«
    Beide schauten sich nach allen Seiten um und weil sie keinen einzigen
Menschen oder gar Feind entdeckten sahen sie einander selber an
    »Die Sioux« fragte der neue Wirt »Möchte doch wissen wo die hier
herkommen sollten mitten in der Stadt Und so viele Tagereisen von der Gegend
entfernt in der es noch welche gibt«
    »Es war einer« behauptete Pappermann
    »Unsinn«
    »Oho Ich mache keinen Unsinn Ich kenne es Ich weiß sogar von welcher
besonderen Nationalität Es war ein Siou Ogallallah«
    »Lass dich nicht auslachen Wenn so ein   «
    Er sprach nicht weiter denn ich ließ das Geheul zum zweiten Male hören
    »Na horch Wenn das kein wirklicher Ogallallah ist so soll man mir am
Marterpfahle die Haut zu Riemen schneiden«
    »So sag mir doch wo er steckt«
    »Weiß ich es Es kam wie es scheint von oben hoch über uns«
    »Ja von unten tief unter uns kann es nicht gut kommen das ist sehr
richtig Es ist ein Schabernak weiter nichts«
    »Nein es ist Ernst Zwar kein Kriegsruf sondern ein Zeichen ein
wirkliches Zeichen«
    Ich wiederholte den Schrei noch einmal
    »Hörst du« rief Pappermann »Das ist kein alberner Scherz Der Mann ist
entweder wirklich ein Siou Ogallallah oder ein alter Westläufer meines Schlages
der es versteht das Schlachtgeheul der Roten nachzuahmen um sie selbst zu
täuschen Das ist ein alter Kamerad der mich hier sitzen sah und mir sagen
will dass   «
    Er wurde unterbrochen denn von der Hintertür des Hauses her ertönte eine
Frauenstimme
    »Schnell herein herein Ich weiß nicht was ich kochen soll«
    »Kochen Man will nicht bloß trinken«
    »Nein Auch essen Und sogar logieren«
    »So ist ein Fremder da«
    »Sogar zwei«
    »Gott sei Dank Endlich endlich wieder einmal Wo sind sie denn«
    »In Nummer drei und vier Ein Ehepaar«
    Da fiel Pappermann schnell ein
    »Nummer drei und vier Die liegen nach hinten Nach hier heraus Die Fenster
stehen auf Jetzt weiß ich wo geheult worden ist«
    »Abermals Unsinn« wiedersprach der neue Wirt »Seit wann hört man denn
Ehepaare heulen«
    »Sehr oft Aber hier hat natürlich nicht die Frau geheult sondern der Mann
Er ist ein Kamerad von mir dabei muss es bleiben oder man soll mich teeren
federn lynchen und   «
    »So kommt doch nur endlich herein« wurde er von der weiblichen Stimme
unterbrochen »Die Fremden wollen essen und ich habe doch kein Fleisch und auch
kein Geld«
    Sie verschwanden unten im Hause Das Herzle aber sagte mit lachendem Munde
    »Du da sind wir in eine äußerst glänzende Wirtschaft geraten Dein alter
Pappermann aber ist kein dummer und auch kein übler Kerl Er beginnt schon
jetzt mir zu gefallen und ich   «
    Da klopfte es laut und kräftig an die Tür
    »Herein« rief sie indem sie sich selbst unterbrach
    Wer trat herein Natürlich Pappermann
    »Pardon« entschuldigte er sich »Ich hörte da unten den Kriegsschrei der
Sioux Ogallallah und wollte    und da dachte    und da schien es mir   
und    und    Mr Shatterhand Mr Shatterhand    halloo welkome
welkome«
    Er hatte seine Rede in fliessender Weise begonnen dann aber als er mich
erblickte gestockt und wieder gestockt bis er mich erkannte und jubelnd auf
mich losstürzte Er breitete die Arme aus als ob er mich umfassen und küssen
wolle besann sich aber dass dies wohl nicht angängig sei und fasste nur meine
Hände Die aber drückte er in Einem fort zog sie an sein Herz an seine Lippen
erging sich in allen möglichen Ausrufungen der wahrsten herzlichsten Freude
betrachtete mich dazwischen mit tränenden Augen wieder und immer wieder kurz
es war als ob er sich vor Entzücken nicht lassen könne Man sagt dass man einen
Menschen nicht mit einem Tiere vergleichen solle hier aber war es wirklich wie
die Liebe und unsägliche Freude eines treuen Hundes der seinen Herrn
wiedersieht ihn jauchzend umspringt und gar nicht weiß was er vor lauter Wonne
tun und angeben soll Dem Herzle traten vor Rührung die Tränen in die Augen und
auch ich musste mich zusammennehmen um scheinbar ruhig zu bleiben
    »Nicht wahr Ihr habt geheult Ihr Ihr Mr Shatterhand« fragte er als
der erste innere Sturm vorüber war
    »Ja ich war es« gab ich zu
    »Wusste es Wusste es Das konnte nur so Einer sein wie Ihr«
    »Ja nur ich« lachte ich »Nicht aber hier meine Frau wie Ihr ganz richtig
zu Eurem Kollegen sagtet«
    »Eure Frau Eure Frau sdeat    Tod und Teufel da habe ich ganz
vergessen mein Kompliment zu machen Es ist doch in jeder Prärie und in jeder
Savanne gute Sitte dass man zunächst die Frau und erst dann den Mann begrüßt
Pardon Ich hole das hiermit nach«
    Er versuchte eine sehr devote und sehr elegante Verbeugung zu machen da
bemerkte ich ihm in seiner und meiner Muttersprache
    »Sie können deutsch mit ihr reden lieber Pappermann sie ist eine
Deutsche«
    »Deutsch Auch das noch Da küsse ich ihr gar die Hand Oder lieber gleich
alle beide«
    Er tat es aber freilich mit der Grazie eines Bären doch war es gut
gemeint Dann wollte er sofort meine Schicksale erfahren um mir hierauf die
seinigen zu erzählen Darauf ging ich ganz selbstverständlich nicht ein denn
erstens galt es Distanzen zu halten und zweitens muss man zu solchen Dingen die
nötige freie Zeit und die richtige Stimmung besitzen Ich lud ihn ein mit uns
zu speisen und bat ihn unten zu sagen dass wir wünschten im Garten zu essen
und zwar erst nach Verlauf einer Stunde Bis dahin werde ich mit meiner Frau
einen Spaziergang unternehmen damit sie die Stadt kennen lerne in welcher
einer meiner alten Kameraden dieses schöne Hotel besitze
    »Nicht besitzt sondern besessen hat« verbesserte er mich »Ich werde Ihnen
das erzählen«
    »Aber nicht jetzt sondern später einmal Hieran schließe ich die Bitte
auch in Beziehung auf mich so wenig wie möglich zu sprechen Es soll hier
Niemand wissen wie ich heiße und dass ich ein Deutscher bin   «
    »Schade Jammerschade« unterbrach er mich »Ich wollte soeben hier von
Ihnen erzählen   «
    »Ja nicht ja nicht« fiel ich ihm in die Rede »Ich würde sofort gehen und
Sie nie wieder ansehen Sie mögen meinetwegen sagen dass auch ich ein alter
Westmann bin   «
    »Und zwar ein berühmter ein sehr berühmter«
    »Nein keinesfalls Ich habe meine guten Gründe über mich nur
Schweigsamkeit zu üben Ich heiße jetzt Burton und Sie sind viel viel
berühmter gewesen als ich Verstanden«
    »Ja«
    »Wir reden also auch kein Deutsch mehr miteinander Machen Sie mir ja nicht
etwa Fehler«
    »Keine Sorge Ich heiße Maksch Pappermann und wenn es darauf ankommt bin
ich stumm und taub Ich vermute es handelt sich um irgend eines Ihrer alten
oder vielmehr nun wieder neuen Abenteuer«
    »Möglich Vielleicht vertraue ich mich Ihnen an aber nur dann wenn ich
mich überzeuge dass Sie wirklich schweigsam sind Jetzt gehen Sie«
    Er machte eine zweite Verbeugung und entfernte sich den ihm gewordenen
Auftrag auszuführen Wir aber unternahmen den beabsichtigten Rundgang durch die
Stadt von dem wir pünktlich zur angegebenen Zeit heimkehrten Wir gingen da
zunächst nach unsern Zimmern Von dort aus sahen wir dass neue Gäste gekommen
waren nämlich ein halbes Dutzend junger Menschen die auch im »Garten« essen
wollten Für uns war bereits gedeckt für sie aber nicht Man hatte ihnen eine
Art von Tafel mit Stühlen herausgestellt Da saßen sie nun vor einer Flasche
Brandy und vollführten einen Heidenlärm weil das einzige weiße Tuch welches
der Wirt besaß über unsern Tisch gebreitet war nicht über den ihren Auch
verlangten sie das für uns soeben fertig gewordene Essen Sie hatten Pappermann
gezwungen sich zu ihnen zu setzen und mit ihnen zu trinken und er war so klug
gewesen sich ihnen zu fügen Nun schrien sie alle auf ihn ein Sie wollten ihn
nicht nur ärgern sondern auch foppen er aber zeigte sich dabei so ruhig und
unberührt wie es ihm als alten Wald und Savannenläufer geziemte Der von
ihnen welcher das größte Wort führte hieß wie wir später erfuhren Howe Eben
als wir in unsere Räume deren Fenster noch offen standen getreten waren
hörten wir ihn sagen
    »Wer ist denn eigentlich dieser Mr Burton der das Alles vor uns
voraushaben soll«
    Pappermann warf einen Blick nach unsern Fenstern Er sah mich stehen Da
nickte er leise vor sich hin und antwortete
    »Er ist Musikant«
    »Musikant Was soll das heißen«
    »Er bläst die Ziehharmonika und seine Frau spielt die Gitarre dazu«
    »Bläst   bläst die Ziehharmonika Warum bläst da seine Frau die Gitarre
nicht auch«
    Ein johlendes Gelächter belohnte diesen billigen Witz
    »Warum redet er so dumm« zürnte das Herzle
    »Lass ihn« bat ich »Er hat seine Absicht Und die ist gut Ich vermute es
entspinnt sich da unten eine jener Szenen an denen der Westmann immer eine
große Freude hat nämlich die Zurechtweisung von Menschen die ihn für albern
oder sonstwie minderwertig halten«
    »Sind diese Menschen etwa Rowdies«
    »Ich glaube nicht aber sie gebärden sich wie solche Darum verdienen sie
eine gute Lehre noch viel mehr als wenn sie wirklich welche wären Ich vermute
   ah diese Pferde Die scheinen ihnen zu gehören«
    »Sind sie gut«
    »Gut Dieses Wort sagt viel zu wenig«
    »Also wertvoll«
    Ich zögerte zu antworten weil meine Aufmerksamkeit jetzt ganz
ausschließlich auf die Tiere gerichtet war denen diese Frage galt Nämlich
durch die hintere Gartenmauer öffnete sich eine Tür auf ein von Gebäuden freies
Oedland welches vorhin bei unserer Ankunft vollständig leer gewesen war jetzt
aber gab es da einige Peone8 welche beschäftigt waren ein Zelt zu errichten
In ihrer Nähe bewegten sich zwei Gruppen von Pferden die mein ganzes Interesse
in Anspruch nahmen Die eine Gruppe bestand aus neun Pferden und vier
Maultieren Die Ersteren waren das was man »gute« Pferde nennt nicht mehr und
auch nicht weniger die Letzteren stammten jedenfalls aus Mexiko und gehörten
jener ganz vorzüglichen Züchtung an die man dort mit dem Worte »Nobillario«9
bezeichnet Ihr Preis betrug selbst unter Brüdern wenigstens tausend Mark pro
Stück Die andere Gruppe zählte nur drei Pferde aber was für welche Sie waren
Fliegenschimmel doch nicht etwa schwarz und weiß sondern schwarz und rotbraun
gefleckt eine ganz einzige höchst vornehme Farbe die nur durch lange
mühevolle Zucht zu erreichen gewesen war Körperbau Haltung und Gebaren
erinnerten mich an die berühmten Rapphengste meines Winnetou zugleich aber auch
an jene ausdauernden Dakotatraber die es jetzt nicht mehr gibt Sie wurden von
einigen nördlichen Indianerstämmen gezüchtet und erreichten durch ihre
ununterbrochene Stetigkeit mehr als man selbst mit dem besten Renner erreicht
    So dachte ich jetzt einstweilen denn um Gewisses sagen und behaupten zu
können musste man hingehen um sie in der Nähe zu betrachten und zu untersuchen
Aber dass diese drei Fliegenschimmel besten Blutes waren ergab sich auch schon
daraus dass sie sich abgesondert hielten und zärtlich mit einander waren Sie
leckten und liebkosten einander sie jagten einander hin und her und schmiegten
sich dann wieder so eng zusammen dass man sie unbedingt für Geschwister oder
doch wenigstens für nahegeborene Gespielen halten musste die noch nie
voneinander getrennt worden waren
    In der Nähe des Zeltes lag ein Haufen von Decken und anderen Reise und
Lagerutensilien Auch viele Sättel gab es wohl mehr als zwanzig Stück Es waren
auch einige Damensättel darunter Wozu Gehörten zu den sechs überlauten jungen
Männern vielleicht auch einige Frauen die man jetzt noch nicht sah Und bestand
die Gesellschaft aus soviel Personen wie Sättel vorhanden waren also aus über
zwanzig Bis jetzt sah man nur die Sechs und die drei Peone Jedenfalls hatte
ich mich vorhin nicht geirrt als ich annahm dass diese Leute keine Rowdies
seien aber so ziemlich aus dem Häuschen waren sie jedenfalls und wahre
Bildung also Herzensbildung besaßen sie nicht das bewiesen sie durch die Art
und Weise wie sie den früheren Wirt behandelten und hierauf auch uns selbst zu
behandeln wagten Sie konnten auch etwas noch Schlimmeres als nur Rowdies sein
Ich nahm meine beiden Revolver aus dem Koffer lud sie und steckte sie zu mir
    »Um Gottes willen Was tust du da« fragte das Herzle
    »Nichts was deine Besorgnis erregen kann« antwortete ich
    »Aber du willst schießen«
    »Nein Und selbst wenn ich schieße so aber doch nicht auf Menschen«
    »Trotzdem Wollen doch lieber hier oben essen«
    »Willst du mich in deinem eigenen Innern blamieren«
    
    »Nein« sagte sie entschlossen »Komm«
    Wir gingen hinab und setzten uns ohne zu grüßen an unsern Tisch Es trat
eine kurze Stille ein Man betrachtete uns man taxierte uns ab Pappermann
stand drüben von ihrer Tafel auf und kam herüber zu uns weil wir ihn eingeladen
hatten mit uns zu essen Da steckten sie die Köpfe zusammen und aus der Art
und Weise in der sie miteinander sprachen war zu ersehen dass es sich um
irgend einen Streich handelte den sie an uns verüben wollten
    »Sie sind Künstler« sagte Pappermann indem er sich bei uns niedersetzte
    »Welcher Art« fragte ich
    »Maler und Bildhauer Sie wollen nach dem Süden zu den Apatschen sagen
sie«
    »Ah Was wollen oder sollen sie dort«
    »Weiß es nicht Sie sagten mir nichts ich schließe es nur aus ihren Worten
Sie scheinen eingeladen zu sein Sie wollen schon morgen früh wieder fort Haben
tausend Teufel im Leibe Keiner von ihnen ist dreißig Jahre alt Grüne Jungens
Tun aber als ob ihnen die Gescheiteit gleich schaufelweise in den Kopf
geworfen worden sei Habt Ihr gehört was sie fragten«
    »Ja«
    »Und was ich ihnen sagte wer Ihr seid«
    »Auch das«
    »War es richtig«
    »Weder richtig noch falsch Was diese Leute von mir denken ist
gleichgültig«
    »O vielleicht doch nicht Sie ärgern sich über euch Ich ahne irgend eine
Teufelei«
    »Mögen sie kommen«
    Kaum hatte ich das gesagt so gingen die Worte in Erfüllung Howe stand auf
und kam langsam zu uns herüber
    »Es geht los« warnte Pappermann
    »Ist mir nur lieb« antwortete ich »Lasst mich nur machen und redet mir
nicht darein«
    Da hatte Howe uns erreicht machte mir eine ironische Verbeugung und fragte
    »Mr Burton wenn ich mich nicht irre«
    »Ja« nickte ich
    »Ihr blast die Harmonika«
    »Warum nicht Für Euch ganz besonders gern«
    »Und das ist Mrs Burton«
    Er deutete dabei auf das Herzle
    »Gewiss« antwortete ich
    »Sie spielt auf der Gitarre«
    »Wünscht Ihr vielleicht sie zu hören«
    »Jetzt noch nicht vielleicht aber später Jetzt brauchen wir nur erst das«
    Er zog uns das weiße Tuch vom Tisch trug es fort und breitete es drüben auf
die Tafel
    »Das ist stark Das ist sogar unverschämt« zürnte Pappermann
    Das Herzle verzog keine Miene
    »Nur ruhig bleiben« sagte ich »Wir lassen uns Alles gefallen Alles«
    Da kam der neue Wirt um uns selbst zu bedienen Er brachte zunächst die
Teller und Bestecke Kaum hatte er den Rücken gewendet so kam Howe nahm uns
diese Sachen weg und trug sie hinüber Hierauf brachte der Wirt die Suppe Er
sah wie die Sache stand blieb aber still und stellte die Terrine zu uns auf
den Tisch Sofort wurde sie hinübergeholt und geleert Dann brachte man sie uns
wieder herüber So ging es nicht nur mit der Suppe sondern auch mit den übrigen
Speisen bis ganz zuletzt auf die Früchte Die vollen Teller Schüsseln und
Schalen wurden uns genommen und geleert brachte man sie uns wieder dabei gab
es ein immerwährendes Spotten und Lachen sondergleichen
    »Das sind keine Nigger« sagte Pappermann »Das sind auch keine Indsmen
Sondern das sind Weiße Was sagt Ihr dazu Sir«
    »Das werdet Ihr wahrscheinlich sehr bald hören« antwortete ich
    »Ich bestelle natürlich sofort anderes Essen für uns«
    »Nein jetzt noch nicht Erst muss diese Posse hier zu Ende gespielt worden
sein Wann werden diese Gentlemen ihr Essen bekommen«
    »Das kann wohl noch ein ganzes Stündchen dauern Meine alte gute Köchin ist
fort und die neue Wirtin die selbst kocht nimmt sich gewaltig Zeit Ehe die
eine junge Henne rupft verfliessen gewiss drei Monate denn sie holt jedes
Federchen einzeln heraus Die Bande hat sich nämlich Hühnersuppe bestellt es
gab aber nur noch eine alte sechsjährige Henne Bis die gerupft ist können
wenn ich mich nicht ganz und gar verrechne fünf bis sechs Monate vergehen Nun
fragt Euch selber wann diese Gentlemen ihr Essen bekommen werden«
    »Vortrefflich Herzle hast du Lust Gitarre zu spielen«
    »Wie meinst du das« erkundigte sie sich
    »Das wirst du später erfahren Sage jetzt nur ob du Lust hast Die
Ziehharmonika und die Gitarre stecken in meinen Taschen«
    »Ach die Revolver«
    »Ja«
    »Ist es gefährlich«
    »O nein ganz und gar nicht«
    »So spiele ich mit«
    »Schön Ich glaube der zweite Akt der Posse beginnt Der Vorhang hebt sich
bereits«
    Howe kam nämlich wieder zu uns herüber stellte sich mit weit ausgespreizten
Beinen vor uns hin und sprach
    »Ich komme mit einer Bitte Wir sind nämlich Maler Wir wünschen Mrs und
Mr Burton abzukonterfeien auch Mr Pappermann mit«
    »Also ihr alle Sechs« fragte ich
    »Ja«
    »Uns alle Drei«
    »Ja Werdet Ihr uns das erlauben«
    »Sehr gern sehr gern Ich mache nur eine einzige Bedingung«
    »Welche«
    »Dass wir genau so bleiben können wie wir jetzt sitzen«
    »Well Wollten euch zwar gern in anderer Stellung haben in ganz anderer
geben uns aber auch hiermit zufrieden Aber sitzt so dass ihr euch so wenig wie
möglich bewegt sonst wird nichts wahrhaft Künstlerisches fertig Es kann
beginnen«
    Sie zogen Papier und Bleistifte aus den Taschen und fingen an zu zeichnen
Da sahen wir Jemand von weit draußen her nach dem Einödplatz kommen Er war
indianisch gekleidet und trug auf dem Rücken eine in Leder gebundene Last die
nicht leicht zu sein schien Er ging gebückt und langsamen Schrittes Er war
außerordentlich ermüdet Bei den Pferden blieb er stehen und betrachtete sie
Dann ging er weiter Als er so nahe gekommen war dass sein Gesicht uns deutlich
wurde sahen wir dass er vielleicht zwei oder dreiundzwanzig Jahre zählte
Seine Züge waren sehr sympathisch Er hatte sein Haar ganz wie einst Winnetou
in einem Schopf gebunden und ließ es dann weit über den Rücken herunterhängen
Er schien die Oertlichkeit zu kennen denn er kam grad und genau auf die Tür zu
die von draußen herein in den »Garten« führte
    »Egad er ists« sagte Pappermann
    »Kennt Ihr ihn« fragte ich
    »Ja Es ist der junge Adler Er kam vor nun vier Jahren vom Gebirge herab
nicht zu Pferde sondern zu Fuß genau wie heut Er blieb zwei Tage bei mir um
sich auszuruhen Er hatte außer dem Anzug den er trug noch einen neuen
besseren mit Den gab er mir als er ging in Aufbewahrung Er sagte wenn er
nicht sterbe werde er in einigen Jahren wiederkommen um ihn abzuholen Er
hatte kein Geld bei sich sondern Nuggets aber nicht viel es war kaum für
drei bis vierhundert Dollars O weh sieht er matt und angegriffen aus«
    »Er hat Hunger« fügte ich hinzu
    »Glaubt Ihr«
    »Ich glaube es nicht nur sondern es ist wirklich so Ich sehe es ihm an«
    »Auch ich fühle es« sagte das Herzle »Er ist ganz erschöpft Er wankt Er
soll mit uns essen Ich sage es ihm Holt schnell noch einen Stuhl heraus Mr
Pappermann«
    Der Genannte eilte fort um diesen Wunsch zu erfüllen Das Herzle stand auf
ging zur Tür auf welche der junge Indsman zugeschritten kam öffnete sie
empfing ihn dort nahm ihn bei der Hand führte ihn nach unserm Tisch und bat
ihn unser Gast zu sein Und da brachte Pappermann auch schon den Stuhl So
ermüdet der Indianer war er setzte sich nicht sofort sondern er blieb noch
stehen seine großen dunkeln Augen auf das Gesicht Derjenigen richtend die
sich in so unherkömmlicher Weise seiner bemächtigt hatte
    »Ganz wie Nschotschi die stets Erbarmen war« sagte er dann sank er auf
den Sitz und schloss die Augen
    Er war so ermüdet dass er gar nicht daran gedacht hatte die Last die er
trug erst abzulegen Wir nahmen sie ihm vom Rücken indem wir die Riemen
lösten Es war ein langer schwerer in festes Leder gebundener Pack dessen
Gewicht wohl zwischen dreißig und vierzig Kilo betrug Das musste Eisen sein Wir
legten diese Last neben dem Stuhle zur Erde nieder Pappermann ging nach der
Tafel hinüber und bat um ein Glas Brandy
    »Für wen« wurde er gefragt
    »Für den Indianer dort wie ihr seht« antwortete er
    »Der Brandy ist nicht für Rote sondern für Weiße nicht für ihn sondern
für uns Macht Euch fort von hier«
    Der alte Westmann war wütend über diese Zurückweisung ich beruhigte ihn mit
der Versicherung
    »Aergert Euch nicht Sie werden es uns bezahlen Lauft in die Küche und
holt einen Teller Suppe mögt Ihr sie hernehmen woher Ihr wollt Das ist besser
als all Euer Brandy«
    Er gehorchte dieser Weisung Der Indianer hatte meine Worte gehört Er hielt
zwar die Augen noch geschlossen aber er sagte leise
    »Nicht Brandy Niemals Brandy«
    Er hatte den Namen Nschotschi genannt der Schwester meines Winnetou War
er vielleicht ein Apatsche Pappermann brachte die Suppe
    »Nur Bouillon von der alten Henne« sagte er »Ist aber trotzdem gut«
    Er setzte sie vor den Indsman hin der aber rührte sich nicht Da griff das
Herzle zum Löffel und begann ihrem Gaste die Suppe einzuflößen Darüber gab es
drüben an der Tafel ein allgemeines Gelächter
    »Die Hühnerbrühe ist eigentlich unser« sagte Howe »Aber um des schönen
Bildes willen wollen wir auf sie verzichten Das Sujet heißt nun Die dreifach
heilige Barmherzigkeit oder der verhungerte Indianer In fünf Minuten fertig
Wer längere Zeit braucht zahlt eine Flasche Brandy«
    Da flogen die Stifte und noch waren die fünf Minuten nicht vorüber so
wurden uns die sechs Karikaturen vorgelegt Es waren aber gar nicht einmal
Karrikaturen sondern ganz ordinäre Schmierereien Man hatte angenommen dass wir
uns über sie ärgern und dadurch zu irgendeiner Albernheit verleiten lassen
würden wir aber taten ganz im Gegenteile als ob wir uns über das was uns in
Zorn bringen sollte freuten
    »Prächtig« sagte ich »Wirklich prächtig Wieviel kostet so ein Bild«
    »Bild Bild« lachte Howe »Ein Bild nennt er so Etwas Nichts kostet es
nichts Wir schenken es Euch«
    »Umsonst« fragte ich
    »Ja«
    »Alle sechs«
    »Ja doch ja«
    »Danke«
    Ich legte die Blätter zusammen steckte sie ein und fuhr dann fort
    »Aber ich bin ein anständiger Kerl Ich lasse mir nichts schenken ohne mich
erkenntlich zu zeigen Kann mich vielleicht Einer von euch zu Pferde zeichnen
Es soll mir auf drei vier oder fünf Dollars nicht ankommen die ich dafür
zahle«
    »Fünf Dollars Tunder storm das ist ja ein Vermögen Ich laufe ich renne
ich eile Ich hole sogleich das Pferd« rief Einer von ihnen
    Er ging fort und die Andern folgten ihm um das allerschlechteste
auszusuchen
    »Habt Ihr irgendeine Absicht dabei« fragte mich Pappermann
    »Natürlich Jetzt kommt die Strafe Lauft schnell zum Wirt hinein und sagt
ihm dass ich zwei bis drei gute vollgültige Zeugen brauche womöglich
Advokaten Polizisten oder sonst Leute von der Stadtbehörde Die mögen hinauf in
unsere beiden Zimmer gehen wo sie Alles was geschehen und gesprochen wird
sehen und hören können«
    »Well well Wird besorgt sofort sofort«
    Er eilte fort und war als man das Pferd brachte schon wieder da Howe
verlangte die fünf Dollars pränumerando Ich bezahlte sie Dann durfte ich
aufsteigen Ich tat als ob ich noch niemals auf dem Rücken eines Pferdes
gesessen habe und setzte dreimal an ohne hinaufzukommen Beim vierten Male war
dann der Schwung den ich mir gab zu stark so dass ich nicht nur hinaufkam
sondern drüben gleich wieder hinunterfuhr Das gab ein dröhnendes Lachen
Schließlich hob man mich hinauf und gab mir die Zügel in die Hand Dann begann
das Zeichnen von Neuem
    »Es wird großartig wirklich großartig« rief einer der Künstler aus »Mr
Burton sitzt hoch und stolz zu Pferde wie ein Held und Rittersmann der jedes
Turnier gewinnt«
    Natürlich war aber gerade das Gegenteil der Fall
    »Ist das wahr Ist das wahr« fragte ich hocherfreut und stolz
    »Gewiss gewiss Man sieht dass Keiner von uns es Euch im Reiten gleichzutun
vermag«
    »Wirklich«
    »Ja wirklich«
    »So sagt was kostet so ein Pferd«
    »Wollt Ihr eins kaufen«
    »Vielleicht mehrere Wenn ihr sagt dass ich ein so vorzüglicher Reiter bin
so wäre ich doch dumm wenn ich mit der teuren Bahn weiterführe Das Reiten ist
doch wohl billiger Oder nicht«
    »Natürlich viel billiger ganz natürlich Wir haben einige übrig Vielleicht
verkaufen wir Euch eines davon«
    Sie blinzelten einander zu Das sollte heimlich sein ich sah es aber doch
    »Nur eines« fragte ich »Ich brauche fünf oder sechs«
    »Oho Für wen«
    »Für mich und Mrs Burton  «
    »Welche die Gitarre spielt« fiel Howe spottend ein
    »Ja Und es kommen noch einige gute Bekannte dazu«
    »Die auch Musikanten sind«
    »Wenn es euch Vergnügen macht ja Am liebsten würde ich drei Pferde und
drei Maultiere nehmen und die nötigen Sättel dazu Was kostet das«
    Sie waren zunächst verblüfft Sie sahen mich an sie sahen einander an dann
fragte Howe prüfend
    »Drei Pferde und drei Maultiere Welche denn«
    Ich deutete auf die Maultiere und antwortete
    »Von den Pferden möchte ich die nehmen die sich jetzt gelegt haben dort
rechts mit den langen Ohren«
    Da verlor sich der Ernst auf ihren Gesichtern sofort wieder Ich aber fuhr
fort indem ich nach den drei Fliegenschimmeln zeigte
    »Und die Maultiere dort gefallen mir ebenso Ich zahle jeden Preis«
    Das Lachen erscholl von Neuem
    »Die Maultiere dort Und die Pferde dort Das ist köstlich köstlich
unübertrefflich«
    So riefen sechs Stimmen durcheinander und als die Heiterkeit etwas
nachgelassen hatte fragte Howe
    »Ihr zahlt jeden Preis So Wieviel Geld habt Ihr denn eigentlich bei Euch
Sir«
    »Volle zweihundertfünfzig Dollars« brüstete ich mich »Das ist doch gewiss
bedeutend mehr als eure ganze Reiterei kostet«
    Jetzt wurde das Gelächter ein schmetterndes Sie steckten die Köpfe
zusammen um einen Plan auszuhecken der auf alle Fälle für mich nur vorteilhaft
war Sie dachten gar nicht mehr an mein Konterfei zu Pferde sondern sehr
wahrscheinlich nur noch daran meine zweihundertfünfzig Dollars in die Hände zu
bekommen
    »Steigt wieder ab« forderte Howe mich auf »Ihr gefallt uns
außerordentlich ja außerordentlich Mister Burton Ihr sollt die Pferde und die
Maultiere haben und auch die Sättel dazu Ihr könnt das Alles sogar umsonst
haben wenn Ihr wollt«
    »Umsonst Wieso« fragte ich
    »Wir möchten Euch reiten sehen reiten Auf den Pferden und auch auf den
Maultieren Wir satteln sie Euch jetzt alle sechs Ihr steigt da draußen auf
und reitet im Galopp hier herein aber nicht etwa durch die Tür sondern über
die Mauer«
    »Also im Sprunge« fragte ich
    »Ja Getraut Ihr Euch das«
    »Warum nicht Ihr habt ja selbst versichert dass ich ein sehr guter Reiter
sei Kann man denn etwa herunterfallen wenn man die Füße in den Steigbügeln hat
und die Zügel in den Händen«
    »Nein gewiss nicht« lachte er und die Andern wieherten mit »Also jedes
Pferd und jedes Maultier welches Ihr im Galopp glatt über die Mauer
hereinbringt ohne dass es den Hals bricht und ohne dass Ihr abgeworfen werdet
ist Euer«
    »Darf ich dabei den Hut absetzen und den Rock ausziehen«
    Da brüllten seine Kumpane förmlich vor Vergnügen er aber beherrschte sich
und antwortete
    »Ihr dürft ausziehen oder meinetwegen auch anziehen Alles was Euch
beliebt Selbst wenn Ihr Euch dabei als Harlekin oder als dummer August kleiden
wolltet hätten wir nichts dagegen Nun aber kommt der Hauptpunkt auf dessen
Erfüllung es ankommt ob aus dem Handel etwas wird oder nicht Ihr habt nämlich
die zweihundertfünfzig Dollars sofort zu erlegen Gelingen Euch die sechs
Sprünge so bekommt Ihr sie zurück und die Pferde und Maultiere dazu Missraten
sie Euch aber so bekommt Ihr nichts und auch das Geld ist unser Ihr seht doch
wohl ein dass das gar nicht anders geht«
    »Natürlich Ihr riskiert eure Pferde und so habe ich ganz
selbstverständlich auch Etwas zu riskieren Mein Geld ist zwar mehr wert als
alle eure Pferde aber ich will der Noble sein«
    Wieder lachten sie Alle dabei antwortete er
    »Ganz recht ganz recht Und da wir Euch die Pferde und Maultiere
augenblicklich stellen so seid Ihr verpflichtet auch Euer Geld sofort zu
erlegen«
    »Ja sofort sobald der Kontrakt gemacht worden ist«
    »Kontrakt« fragte er
    »Gewiss Kontrakt Ich habe gehört dass die Pferdehändler die pfiffigsten
Kreaturen sind die es gibt und dass man sich bei ihnen in jeder Weise
vorzusehen und sicherzustellen hat«
    »Aber wir sind doch keine Pferdehändler sondern Künstler«
    »Trotzdem Es ist ein Pferdehandel ganz gleich wer oder was wir sind«
    »Well Bin einverstanden Papier her«
    »Und ich diktiere« sagte ich
    dabei stieg ich vom Pferde und zwar in einer Weise die mehr eine
Rutschpartie als ein guter Absprung war Howe setzte sich Ich sagte ihm den
Wortlaut vor und er schrieb ihn nach ohne eine Silbe daran zu ändern Er war
ja vollständig überzeugt alles Mögliche unterschreiben zu können ohne üble
Folgen davon zu haben weil es für ihn feststand dass ich gleich bei den ersten
Schritten des ersten Rittes aus dem Sattel fliegen werde Ich diktierte mit sehr
erhobener Stimme denn ein Blick nach unsern Fenstern hinauf zeigte mir die
gewünschten Personen die jedes Wort zu hören und zu verstehen hatten Ich fügte
hinzu dass ich mein Geld einem Unparteiischen zu übergeben habe dass er und kein
Anderer die Pferde und Maultiere satteln müsse und dass dieser Unparteiische Mr
Pappermann sei Howe zeigte sich ebenso wie seine Kameraden seiner Sache so
gewiss dass er so unvorsichtig war auch auf diese Bedingungen einzugehen Dann
wurde von ihnen Allen unterschrieben zuletzt auch von mir Ich gab dem alten
Westmanne den Kontrakt und er steckte ihn ein Von diesem Augenblicke an durfte
ich die sechs prächtigen Tiere als mein Eigentum betrachten Ich zog die
Brieftasche und fügte die vereinbarte Summe mit Vergnügen bei Auch das Herzle
lächelte Sie nickte mir heimlich zu Der bei ihr am Tische sitzende Indsman
hatte sich inzwischen so weit erholt dass er dem Vorgange mit Interesse folgte
Sein Auge hing mit prüfendem Blicke an mir und dieser Blick verriet dass er das
Kommende ahnte
    »Und nun hinaus zum Satteln« gebot Howe
    Er stürmte mit seinen Kumpanen zur Tür hinaus der alte Pappermann hinter
ihnen her Ich folgte ihnen in bedächtiger Langsamkeit und beobachtete sie
dabei Sie teilten den Peonen mit was sich jetzt ereignen sollte Peone sind
Pferdeknechte sind Diener sind Untergebene Gewöhnlich wählt man Mexikaner
niedersten Standes dazu diese hier aber waren ganz entschieden Yankees und
zwar ganz erfahrene Patrone auch nicht mehr jung sondern gewiss schon über
vierzig Jahre hinaus Als sie jetzt mit den »Künstlern« sprachen standen sie
nicht wie ihre Dienstboten sondern schon mehr wie ihre Herren vor ihnen Das
fiel mir auf Doch schienen sie mit dem schlechten Witze dessen Opfer ich
werden sollte einverstanden zu sein denn sie stimmten schließlich in das
Gelächter der Andern ein Als Howe sich mit Zweien von ihnen entfernte um zu
den Fliegenschimmeln zu gehen rief ihnen der Dritte in heiterem Tone nach
    »Schade dass Sebulon und Hariman nicht dabei sind Würden sich krank lachen
Wenigstens der Erstere«
    Man kann sich denken wie diese beiden Namen auf mich wirkten Also die zwei
Enters Denn dass diese Beiden gemeint seien verstand sich für mich sofort und
ganz von selbst Auch die Reihenfolge in der die Namen genannt wurden stimmte
Sebulon voran Er passte zu diesen Menschen viel besser als Hariman sein Bruder
und würde sich über den beabsichtigten Streich gewiss auch mehr freuen als der
letztere Aber ich hatte jetzt keine Zeit diesen Gedanken weiter auszuspinnen
denn ich war bei dem Sattelzeug angekommen und hatte auszuwählen was mir
gefiel Ob ich es dann auch wirklich brauchte war im jetzigen Augenblicke
Nebensache doch hegte ich schon jetzt gewisse Absichten die sich zwar
einstweilen nur auf Vermutungen stützten sich dann aber als richtig erwiesen
Meine Wahl fiel auf einen Frauensattel und die fünf besten Reitsättel Von den
letzteren hatte ich falls ich recht vermutete später zwei Stück gegen zwei
Packsättel umzutauschen
    Von jetzt an war es mir klar dass diese sechs Personen weder Künstler noch
sonst etwas Anständiges seien und es tat mir fast leid ihnen gegenüber die
Rolle eines beinahe Minderwertigen gespielt zu haben während sie es doch waren
denen es mochten sie sein was sie wollten an der gewöhnlichsten Intelligenz
gebrach Denn dass ich aus einem Haufen von zwanzig Sättel grad die fünf besten
auszusuchen verstand musste ihnen ganz unbedingt sagen dass ich höchst
wahrscheinlich nicht der Tolpatsch sei für den sie alle mich hielten Sie aber
waren derartig blind dafür dass mir der eine Peon sogar seine großen Sporen
brachte um sie mir anzuschnallen Ich ließ das ruhig geschehen
    Pappermann sattelte zunächst die drei Maultiere sodann die Fliegenschimmel
Diese ließ es sich gefallen duldeten aber dann nicht dass sich ihnen Jemand
von der Seite her näherte Ich musste erfahren ob dies nur die linke also die
Aufsteigeseite betraf oder auch die rechte Ich tat also als ob ich auch von
dieser her nahe an sie herantreten wolle doch wendeten sie sich dabei stets so
dass sie mich vor sich behielten Auch von hinten ließ sie Niemand heran Sie
fljetzten da ganz lebensgefährlich mit den Hufen aus und zwar alle drei der
eine genau so wie der andere und der dritte Nun wusste ich genug Mit diesen
drei Hengsten war es viel leichter über die Mauer zu kommen als mit den
Maultieren von denen es sich erst zu zeigen hatte ob sie Schule besaßen oder
sich nur zum Lasttragen eigneten
    »Jetzt Anfang Mr Burton« forderte Howe mich auf »Es wird Zeit Lasst uns
nur erst noch nach dem Garten zurück damit wir Euch sehen und bewundern können
wenn Ihr angesaust kommt«
    »So helft mir nur erst hinauf« bat ich zu einem der Maultiere tretend
    Man hob mich hinauf und eilte dann lachend dem »Garten« zu Die Peone aber
blieben im Freien Pappermann auch Er wich ihnen nicht von der Seite und sagte
mir durch ein heimliches Nicken dass ich mich hier auf ihn verlassen könne Er
war der umsichtige Alles überlegende Mann geblieben als den ich ihn vor Jahren
kennen gelernt hatte
    Nun setzte ich das Maultier in Bewegung Es sah ganz so aus als ob es aus
eigenem Willen vorwärts gehe erst langsam dann etwas schneller Es lief
geradeaus nach links nach rechts scheinbar ganz nach Belieben Es drehte sich
um machte einen Bogen wendete wieder trottete weiter und versuchte sogar
einen Trab Ich rutschte hin und her Ich schukkerte Ich verlor zuweilen die
Zügel und ich fuhr hier und da aus den Bügeln Das sah Alles so urgemütlich aus
und war doch in Wirklichkeit ein scharfes sehr scharfes Examen welches ich mit
dem Maultier unternahm Es geschah kein Schritt kein einziger ohne meinen
Willen und ich bemerkte sehr bald woran ich war Das prächtige Geschöpf besaß
die beste mexikanische Schulung Als ich es leise ganz leise zum Sprung
zusammennahm gehorchte es so genau und so schnell dass ich kaum Zeit fand
diese Aufforderung durch Gegendruck zu widerrufen So näherten wir uns der
Gartenmauer mehr und mehr bis wir uns nur noch vier oder fünf Schritte von ihr
befanden Drüben gab es ein höhnisches Gelächter Man war überzeugt dass das
Maultier mit mir nur so spazierengegangen sei
    »Nun herüber herüber Mr Burton Herüber« rief Howe mir zu
    »Ja soll ich denn wirklich« fragte ich
    »Natürlich«
    »So nehmt es mir dann aber auch nicht übel«
    »Fällt mir nicht ein Also kommt«
    »Salto Alto Elevado«
    Während ich diese drei beim Sprunge gebräuchlichen Worte rief schnellten
wir hoch empor über die Mauer hinüber und standen dann so unbeweglich und ruhig
dadrüben als ob wir uns gar nicht von der Stelle bewegt hätten Mein erster
Blick war auf den Indsman gerichtet Seine Augen leuchteten
    »Donnerwetter« fluchte Howe
    Seine Kameraden ergingen sich in ähnlichen Ausrufungen
    »Nun« fragte ich ihn »Bin ich jetzt hüben oder noch drüben«
    »Hol Euch der Teufel« schrie er mich zornig an »Wie es scheint könnt Ihr
dennoch reiten«
    »Scheint Dennoch  Habe ich etwa behauptet nicht reiten zu können«
    Ich glitt aus dem Sattel herab führte das Maultier aus dem »Garten« in den
Hof und band es dort an
    »Warum schafft Ihr das Vieh da hinaus« wurde ich gefragt
    Ich antwortete nicht nickte dem Herzle fröhlich zu und ging um das nächste
Maultier zu holen Dieses tat den Sprung ganz ebenso wie das erste
    »Da habt ihr es« schrie Howe »Der Kerl kann reiten Er hat gelogen«
    Ich ließ diese Beleidigung ungerügt und schaffte das Maultier ebenso in den
Hof wie das vorige Dann bat ich das Herzle
    »Bitte lass während ich das dritte hole meinen Koffer herunterbringen
hierher auf unsern Tisch«
    Als ich dann an die Stelle kam wo die Peone warteten sagte der eine von
ihnen zu mir
    »Sir es scheint Ihr wollt Euch einen Spaß mit uns machen«
    »Wenn dies der Fall wäre so hätte ich nur ganz dieselbe Absicht wie Ihr«
antwortete ich
    »Nehmt Euch in acht dass nicht etwa Ernst daraus wird«
    »Bei mir wird jeder Spaß zum Ernste Ist das bei Euch etwa anders«
    Da trat er hart an mich heran und drohte
    »Ich warne Euch«
    »Pshaw« machte ich wegwerfend
    »Ja ich warne Euch Aber aus ganz anderem Grunde als Ihr denkt Pferde
sind keine dummen Maultiere Es werden Euch entweder die Knochen zerschmettert
oder Ihr brecht den Hals«
    »Das wartet ruhig ab«
    Ich hielt es nun nicht mehr für nötig mich zu verstellen Ich schwang mich
auf das Maultier welches Pappermann am Zügel hielt
    »Wie wird es mit den Pferden« fragte er mich leise
    »Ganz ebenso« antwortete ich
    »Aber sie lassen doch Niemand an sich heran«
    »Habt keine Sorge Ich komme nicht nur hinan sondern auch hinauf«
    Nach diesen Worten flog ich über den Platz und über die Mauer hinüber Als
ich den Mulo10 in den Hof brachte stand dieser schon fast ganz voller Menschen
Die Sache war publik geworden und die Leute kamen herbei ihr beizuwohnen Dem
Wirte war das lieb weil er dadurch Gäste bekam Auch die benachbarten Höfe und
»Gärten« hatten begonnen sich mit Zuschauern zu füllen
    Mein Koffer war da Das Herzle war selbst mit oben gewesen Sie sagte mir
dass vier Zeugen an unsern Fenstern ständen drei Polizisten und ein Herr den
man ihr als Korregidor bezeichnet habe
    »Das heißt so viel wie Bürgermeister Die Leute mexikanischer Abstammung
pflegen sich dieses spanischen Ausdrucks zu bedienen« erklärte ich ihr
    »Er ist erst nachträglich gekommen Er wurde nämlich von einem der
Polizisten geholt und zwar aus einem mir unbekannten Grunde welcher uns aber
wie er mir versicherte außerordentlich interessieren wird Er war sehr höflich
Brauchst du etwas aus dem Koffer«
    »Ja Zunächst meinen Beratungsrock«
    Ich öffnete den Koffer und entnahm ihm das bezeichnete aus weißem Leder
gefertigte Kleidungsstück dessen Nähte mit Skalplocken verziert sind
    »Uff« verwunderte sich der Indsman in halblautem Tone »Das darf nur ein
Häuptling tragen Aber auch nur am Beratungsfeuer und bei
Stammesfestlichkeiten«
    
    Ich zog meinen Rock aus und legte dafür dieses indianische Gewand an
    »Warum« fragte das Herzle »Hörst du wie deine Kontrahenten darüber lachen
und spotten«
    »Lass sie es tun Es kommt sogar noch der Häuptlingsschmuck dazu Es ist der
Pferde wegen Sie haben indianische Dressur Sie lassen außer ihrem Herrn kein
Bleichgesicht zu sich heran und auch ich käme ohne mich umzukleiden gewiss
nicht in den Sattel«
    »Ah Darum die Bedingung dich aus und anziehen zu können ganz wie es dir
beliebt«
    »Ja Du siehst dass jedes Wort erwogen war obgleich auch du selbst nicht
wusstest warum und wozu«
    Als ich den Häuptlingsschmuck aus seiner Hülle rollte stieß der Indsman
einen zweiten Ruf der Verwunderung aus
    »Uff uff Das echte wirklich echte Gefieder des Kriegsadlers den es jetzt
nicht mehr gibt Sind es fünfmal zehn Federn«
    »Noch mehr« antwortete ich
    Da stand er ehrerbietig auf und sprach
    »So muss ich meinen Gruß und meine Bitte um Verzeihung   «
    »Still still« unterbrach ich ihn »Wir sind hier nicht am Beratungsfeuer
und nur um zu den köstlichen Pferden zu gelangen entülle ich diese
Heimlichkeit deren Bedeutung man glücklicherweise hier wohl nicht kennt«
    Zu der Art von Schmuck um die es sich hier handelt durften nur die zwei
äußersten Schwungfedern des Kriegsadlers genommen werden Der meinige reicht
hinten vom Kopfe bis auf die Erde herab ist von sorgfältigster indianischer
Arbeit und hat seine eigene sehr ergreifende Geschichte Als ich ihn aufsetzte
begannen zwei oder drei von den Sechs von Neuem zu lachen Da aber fuhr Howe sie
zornig an
    »Schweigt Seht ihr denn nicht was es nun geben wird Er kennt das
Geheimnis der drei Hengste Da gibt es nichts zu lachen Aber ich hoffe er
bricht trotzdem noch den Hals«
    Ich ging mitten zwischen ihnen hindurch hinaus zu den Pferden Da standen
die Peone Keiner von ihnen sagte ein Wort aber wenn Blicke die Wirkung von
Büchsenkugeln besässen so wäre ich unter den ihren sofort zusammengebrochen Die
Fliegenschimmel hielten sich noch eng beisammen Ich schritt langsam auf sie zu
Sie betrachteten mich ohne sich zu bewegen Ihre rötlichen Nüstern blähten
sich Ihre kleinen Ohren begannen zu spielen In ihre langen prächtigen
Schwänze kam Bewegung Zwei von ihnen ließ mich heran der dritte aber
schnaubte Er wich zurück doch ohne nach mir zu schlagen oder zu beißen Der
war der Klügste Den hob ich mir auf bis zuletzt Er hatte eine kleine
hellweisse Mouche grad über der Nase kaum so groß wie ein Pfennig ein
tiefklares und gesundes Auge ein charaktervolles trockenes Köpfchen eine
seidenglänzende Haut und einen so tadellosen Bau dass ich schon jetzt wo er mir
noch gar nicht gehörte beschloss ihn für mich selbst zu nehmen Jetzt aber
schwang ich mich auf einen der beiden andern Er ließ sich das ohne jeden
Widerstand gefallen trug mich zweimal im Galopp und im Kreise herum und flog
dann mit mir über die Mauer als ob sie nur eine niedrige Stufe sei Lauter
Beifall erscholl in den Höfen Die sechs »Künstler« aber waren still Ich
brachte das Pferd bei den Maultieren unter und ging dann hinaus um das zweite
zu holen Auch das gelang Als ich dann zum letzten Male hinaus zu den Peonen
kam trat der von ihnen welcher mich schon einmal angesprochen hatte auf mich
zu und sagte
    »Sir Ihr gebt doch wohl zu dass Ihr darauf ausgegangen seid  «
    »Euch eine Lektion zu erteilen« unterbrach ich ihn »Ja das wollte ich
allerdings«
    »Nun gut Es ist geschehen dabei soll und muss es aber nun sein Bewenden
haben Wir machen nicht mehr mit«
    »Ich auch nicht Ist überhaupt gar nicht nötig Wir werden ja gleich fertig
sein«
    »Noch nicht ganz Denn auf dieses Pferd kommt Ihr nicht«
    Er ging von vorn auf den Hengst zu um ihn am Zügel zu fassen ich aber war
schneller als er Das Pferd welches ihn kommen sah dachte er wolle in den
Sattel Es wendete ihm Kopf und Brust zu und schnaubte ihm drohend entgegen Das
benutzte ich Mit einigen schnellen Schritten kam ich von hinten   ein
kräftiger Ansatz ein Sprung ein Schwung und ich saß oben Nun aber schnell in
die Bügel und an die Zügel Da ging der Schimmel auch schon mit allen Vieren in
die Luft Der Peon war gezwungen auf die Seite zu springen um nicht von den
Hufen getroffen zu werden
    »Hund« brüllte er mich an »Das sollst du mir büßen« Und zu seinen
Kameraden gewendet fügte er hinzu »Kommt schnell hinein in den Hof Die
Abmachung darf nichts gelten Er muss sie alle wieder herausgeben sie alle«
    Er rannte mit ihnen fort Da ich nun einmal auf dem Pferde saß konnten sie
mich nicht mehr daran hindern nun auch den letzten Sprung noch auszuführen Es
galt also nur noch mich um den wohlverdienten Ertrag meiner Mühe zu bringen
Darum beeilten sie sich mir womöglich noch vorauszukommen Sie waren nämlich
überzeugt dass dieses letzte Pferd mir nicht so willig gehorchen werde wie die
beiden vorangehenden Aber da irrten sie sich Nun ich einmal fest im Sattel
saß unternahm es keinen Versuch mich abzuwerfen Das war die Wirkung der
indianischen Kleidungsstücke Aber es hatte mich trotz derselben doch
wiedererkannt Es wusste dass ich kein Roter sondern ein Weisser sei und darum
zögerte es Ich hütete mich es durch die Sporen zu zwingen Ich gab vielmehr
gute Worte Weil ich der Ansicht war dass es einer Dakotakreuzung entstamme
versuchte ich es erst in dieser Sprache und zwar mit den bei den Dakotastämmen
gebräuchlichen Anfeuerungsworten für Pferde
    »Schuktanka waschteh waschteh Tokiya tokiya  sei gut sei gut liebes
Pferd Lauf lauf geh weiter«
    Diese Aufforderung war ohne allen Erfolg Ich setzte den Versuch also im
Apatsche fort
    »Yato yato Tatischah tatischah   sei lieb sei gut Lauf lauf«
    Es spitzte die Ohren und wehte mit dem Schwanze Es kannte also diese Worte
die aber noch nicht die richtigen waren Darum probierte ich es nun mit dem
Komantsche
    »Ena ena Galak   geh weiter geh  «
    Ich hielt mitten in diesem Zurufe inne Ich hatte nicht nötig ihn zu
vollenden denn der Hengst stieß einen tiefen Ton der Freude aus und begann
sofort mit allen Hufen zu spielen Und da kam mir eine Idee die eigentlich
weit hergeholt erschien sich aber dann später als wahr erwies Es fiel mir
nämlich der edle dunkle Rotschimmel ein den mein Freund Apanatschka damals
noch Häuptling der NaiiniKomantschen mit großer Vorliebe geritten hatte Ich
habe dieses Pferd in »Old Surehand« Band 3 Seite 51 erwähnt und beschrieben Und
ich wusste dass sowohl Apanatschka wie auch Old Surehand sich große Mühe gegeben
hatten diesen schönen Komantschenschlag mit Winnetous Lieblingen und besten
Dakotatrabern zu vereinen um Pferde zu ziehen in denen die Vorzüge dieser drei
Rassen zusammenflossen Dieses Vorhaben war gelungen Sie besaßen nun Beide
mehrere große Züchtereien deren bedeutendste drüben am BijouCreek liegt der
ein Nebenfluss des südlichen Platte ist Dort hatte Old Surehand sich zu den
Wirtschaftsgebäuden ein Wohnhaus bauen lassen in dem er einige Monate des
Jahres zuzubringen pflegte Dieser mit sehr gutem Geschmack eingerichtete
Landsitz war gemeint als er mir in seiner auf Seite 10 befindlichen Mitteilung
schrieb »Betrachte mein Haus als das Deinige auch wenn wir nicht daheim sind«
Sollten die drei Fliegenschimmel von dorther kommen Vielleicht auch die
Maultiere Sollten die sechs sogenannten »Künstler« samt ihren Peonen
Pferdediebe sein Unmöglich war das keineswegs Trinidad ist seines
Pferdehandels wegen weithin bekannt und für derartiges Gesindel ein ebenso
bequemer wie gesuchter Ort die geraubte Ware an den Mann zu bringen
    Das Alles fuhr mir jetzt blitzschnell durch den Kopf ohne dass ich aber Zeit
hatte den Gedanken festzuhalten und weiter zu bewegen Der Rappschimmel begann
wie bereits gesagt mit allen vier Hufen zu tänzeln und zu spielen Seine beiden
Freunde und Verwandten waren fort Er wollte ihnen nach wollte zu ihnen Ich
nahm ihn fest zusammen und legte ihn dann in Galopp aber nur bis an die Mauer
Da blieb ich halten Er bat in tiefknurrenden Tönen ihn doch hinüber zu lassen
Das hatte ich hören wollen Er war nicht stumm er sprach Nun erfüllte ich
seinen Wunsch Die Mauer wurde wie der Reiter vom Fach sich auszudrücken
pflegt von dem Hengst »mit höchster Eleganz genommen«
    »Gewonnen gewonnen Die Pferde sind sein sind sein« ertönte ein
vielstimmiger Ruf
    Pappermann war schleunigst hinter mir hergerannt Ich übergab ihm das Pferd
um es zu den andern in den Hof zu schaffen
    »Halt Dableiben« rief Howe ihm befehlshaberisch zu »Der Hengst gehört
uns und die andern alle auch Sie müssen wieder herein hierher zu uns«
    Er griff nach den Zügeln Da trat ich zu ihm heran und antwortete
    »Hand ab vom Gaul Ich zähle bis drei Eins   zwei   drei  «
    Er ließ nicht los Darum stieß ich ihm bei »drei« die Faust in die Seite
dass er mitten unter seine Kameraden hineinflog und dann zur Erde stürzte Er
wollte sich augenblicklich aufraffen um mir diesen Stoß schleunigst zu
vergelten brachte dies aber nicht fertig Er konnte sich nur langsam wieder
erheben und ehe dies geschah hatte sich schon ein Anderer seiner Sache
angenommen nämlich der Peon von dem ich ein »Hund« genannt worden war Er kam
mit geballten Fäusten auf mich zu und schrie
    »Schlagen schlagen willst du auch Das soll dir wohl nicht gut   «
    Er kam nicht weiter Er wurde von dem neuen Wirt unterbrochen welcher
soeben in den Garten trat gefolgt von einigen robusten muskelstarken Männern
die er sich schnell zusammengewinkt hatte um grad im entscheidenden Augenblicke
mit ihnen dazwischen zu treten
    »Still still Haltet den Schnabel« überschrie er den Peon »Hier kommt das
Essen Die Suppe Macht eure Sache aus wenn gegessen worden ist In meinem
Hotel ist es nicht erlaubt sofort mit allen Fäusten dreinzuschlagen Sondern
hier heißt es erst die Henne und dann das Geschäft«
    Der Mann war pfiffig Um den Peon zu beruhigen warf er die Schuld zunächst
auf mich winkte mir dabei aber mit den Augen die Bitte zu mir das »sofort mit
allen Fäusten dreinschlagen« nicht etwa zu Herzen zu nehmen Während die Andern
hinter ihm die Teller und Bestecke brachten trug er die Terrine mit der
Hühnersuppe Er griff während seiner Worte hinein zog die alte ausgekochte
Henne an einem Beine heraus und hob sie so hoch empor dass Jedermann sie sehen
konnte Was er so klug berechnet hatte das geschah Aus den anliegenden Höfen
und Gärten scholl ein lautes Gelächter zu uns herüber und eine Menge von
lustigen Stimmen rief durcheinander
    »Ganz richtig Ganz richtig Erst die Henne und dann das Geschäft Vivat die
Henne Sie lebe hoch«
    Das wirkte
    »Well« rief der Peon »Es sei Erst die Henne und dann die Pferde Setzt
euch Wir essen Dieser Mr Burton kann warten bis wir fertig sind«
    »Nein Er soll nicht warten« entgegnete Howe der nach seinem Stuhle
hinkte um sich zu setzen »Er soll uns Musik machen Tafelmusik Er bläst die
Ziehharmonika und Mrs Burton spielt Gitarre«
    »Ja das soll er das soll er« stimmte der Peon ihm bei indem er mir
gebieterisch winkte »Her mit der Ziehharmonika Und her mit der Gitarre«
    »Sogleich« antwortete ich »Sogleich«
    Ich trat zum Herzle nahm die zwei Revolver aus den beiden Aussentaschen des
vorhin abgelegten Rockes und fragte sie
    »Kannst du dir denken was jetzt kommen muss«
    »Ja« antwortete sie
    »Und hast du Mut«
    »Ich denke es«
    »So komm«
    Ich spannte beide Revolver und gab ihr den einen in die Hand Bis jetzt
hatte ich so gestanden dass man die Waffen nicht sehen konnte Nun aber drehte
ich mich um und ging auf die Tafel zu das Herzle folgte mir sogleich Die
rechte Hand mit dem Revolver hebend sagte ich
    »Hier meine Ziehharmonika«
    »Hier meine Gitarre« drohte das Herzle
    »Das Spiel beginnt« fuhr ich fort »Wer von euch etwa auch nach der Waffe
greift bekommt auf der Stelle eine Kugel War unser Essen vorhin für euch so
ist das eure nun für uns Bitte Mr Pappermann greift zu Hinüber zu uns mit dem
Tafeltuch Hinüber mit Besteck und Geschirr Und hinüber mit der Henne«
    Einige Augenblicke lang herrschte rundum tiefes Schweigen Ich sah dass der
Revolver in der Hand meines Herzle leise bebte Sie griff mit der andern Hand
nach meinem Arm um fest zu sein Aber die Drohung wirkte Keiner der Künstler
und Peone wagte sich zu rühren Und nun brach rundum ein jubelnder Beifall los
    »Hinüber auch mit der Henne« rief schrie lachte und spottete Alles was
eine Stimme besaß »Hinüber hinüber Mit der Henne mit der Henne«
    Pappermann griff zu meine Weisung auszuführen und Niemand hinderte ihn es
zu tun Da entstand ein Gedränge draußen im Hof Es wollte Jemand von dort
heraus in den Garten
    »Der Korregidor kommt« hörte ich sagen »Der Korregidor«
    Also der Herr Bürgermeister selbst Und hinter ihm die drei Polizisten Also
unsere Zeugen Aber sie kamen nicht nur als Zeugen sondern aus einem noch ganz
anderen viel gefährlicheren Grunde Der Korregidor wendete sich als er uns
erreichte zunächst an mich
    »Steckt die Revolver ein Mr Burton Sie haben ihren Dienst getan und sind
nun da ich mich der Angelegenheit selbst annehme nicht mehr nötig Die Pferde
und Maultiere sind Euer Kein Mensch kann sie Euch nehmen Und auch Euer Geld
gehört Euch wieder«
    »Oho« rief der schon wiederholt erwähnte Peon der unsere Waffen nicht mehr
auf sich gerichtet sah »Dazu gehören wir wohl auch«
    »Allerdings gehört Ihr auch dazu Grad Ihr Besonders Ihr Es verlangt mich
sehr Euren Namen zu erfahren Aber nicht etwa einen falschen sondern nur den
richtigen«
    »Meinen Namen« fragte der Peon »Warum Wozu Falsche Namen führe ich
überhaupt nicht«
    »Ich kenne wenigstens zehn bis elf die Ihr bisher brauchtet um Euch zu
verstecken Euer wirklicher Name ist Korner Unter dem letzten falschen Namen
wurdet Ihr wegen Raub und Pferdediebstahl unten in Springfield verurteilt seid
aber ausgerissen«
    »Das ist nicht wahr Das ist eine Lüge Das ist eine Schändlichkeit Ich bin
ein ehrlicher Mann und habe niemals einen andern Menschen auch nur um den Wert
eines Cent gebracht«
    »Wirklich  Wollt Ihr eine Person sehen welche das Gegenteil nicht nur
behauptet sondern dasselbe auch beweist«
    »Bringt sie mir«
    »Da ist sie«
    Der Beamte tat bei diesen Worten einen Schritt zur Seite damit der bisher
hinter ihm stehende Polizist zu sehen sei Dieser nickte dem Peon ironisch zu
und sagte
    »Ihr kennt mich wohl Mr Korner Ich war es der Euch in Springfield
arretierte und wiederhole das nun heut mit großem Vergnügen Bin inzwischen
hier in Trinidad angestellt worden«
    Kaum hatte der Peon diesen Polizisten gesehen und seine Worte gehört so
rief er aus
    »Dieser Schurke ist hier dieser Schurke Hole Euch alle der Teufel  der
Teufel Kommt kommt«
    Indem er diese letzte Aufforderung an seine Kumpane richtete tat er einen
Sprung der ihn aus unserer Nähe brachte und rannte spornstreichs davon aus
dem Garten auf das Oedland hinaus und nach der Stelle zu auf welcher die Pferde
standen
    »Ihm nach ihm nach Er will fliehen« befahl der Korregidor indem er
gleich in eigener Person hinter ihm herrannte Aber der Peon floh nicht allein
Seine sämtlichen Komplizen waren aufgesprungen und folgten seinem Beispiele mit
einer Schnelligkeit und Gewandtheit aus welcher zu sehen war dass sie in
Beziehung auf derartige Vorkommnisse bedeutende Übung besaßen Auch ich bin
gewohnt sehr schnell zu handeln wenn es einmal zu handeln gilt Ich griff also
so rasch wie möglich zu aber es gelang mir nur grad den Letzten von ihnen noch
zu erwischen und festzuhalten Er wollte sich zwar wehren und losreißen aber
Pappermann der überaus kräftig war nahm ihn mir aus den Händen warf ihn zu
Boden und kniete ihm derart auf die Brust dass er sich nicht mehr rühren konnte
    Nun sah man sie laufen alle alle Voran die Fliehenden hinter ihnen her
ihre Verfolger Die Ersteren erreichten ihre Pferde schwangen sich auf und
jagten davon indem sie das vierte Maultier und auch das Pferd ihres von uns
überwältigten Kameraden mitnahmen
    »Schurken« rief dieser zornig aus als er das sah »Was wird nun aus mir«
    »Das kommt auf dich an« antwortete ich
    »Wieso« fragte er
    »Warte«
    Meine Aufmerksamkeit wurde nämlich durch die fast drollige Szene die sich
jetzt da draußen entwickelte angezogen Es hatten sich nicht etwa nur einige
sondern alle Anwesenden an der Verfolgung beteiligt Ausgenommen waren nur
Pappermann der Wirt mit seinen Leuten der Indianer meine Frau und ich Auch
die Nachbarn mit ihren Zaun oder vielmehr Mauergästen waren herübergesprungen
und den Flüchtlingen nachgerannt Es fiel ihnen jetzt da diese davonritten gar
nicht etwa ein stehen zu bleiben oder gar umzukehren sondern wir hörten den
Korregidor rufen
    »Schnell nach den Korrals Und dann hinter ihnen her«
    Korrals sind umzäunte freie Plätze in denen man die Pferde unterbringt
Solcher Plätze gab es für die Bewohner von Trinidad mehrere Ihnen eilte man
jetzt zu um sich schleunigst auch beritten zu machen und dann den Spuren der so
schnell Verschwundenen zu folgen Nun waren wir allein und ich wendete mich an
den Gefangenen der von Pappermann noch immer festgehalten wurde
    »Steh auf Bursche Und höre was ich dir sage«
    Da ließ Pappermann ihn halb los so dass er sich erheben konnte Ich fuhr
fort
    »Wenn du mir meine Fragen aufrichtig und wahr beantwortest geben wir dich
frei«
    »So dass ich fort kann wohin ich will« fragte er schnell
    »Ja«
    Er sah mich prüfend an dann sagte er
    »Ihr seht nicht wie ein Lügner aus Ich hoffe dass Ihr Wort halten werdet
Also gebt mir an was Ihr wissen wollt«
    »Von wem sind die drei Schwarzschimmelhengste«
    »Von der Farm eines gewissen Old Surehand«
    »Und die Maultiere«
    »Von eben daher«
    »Gestohlen«
    »Nein eigentlich nicht Es war nur Betrug ein kleiner allerliebster
Betrug Korner hatte erfahren dass die besten Pferde und Maultiere Old Surehands
für einen Deutschen bereitgestellt waren der mit seiner Frau erwartet wurde
Auch erwartete man einige junge Maler und Bildhauer die ausgerüstet werden
sollten   «
    »Ausgerüstet Wozu« unterbrach ich ihn
    »In das Apatschenland zu einer großen Schaustellung zu reiten Der junge
Surehand hatte sie dazu eingeladen war aber ebenso wie sein Vater längst
vorangereist Da stellten wir uns ein Es gab eine Art von Maskerade von
Fastnachtsspiel Der Verwalter glaubte uns und gab Alles was wir verlangten
her«
    »Ah Darum seid Ihr auch jetzt noch Bildhauer und Maler«
    »So ist es« lachte er »Fragt weiter«
    »Ich bin fertig Wenn ich weiter in Eure Geheimnisse eindränge würde es mir
wohl sehr schwer oder gar unmöglich sein Euch mein Wort halten zu können Ich
mag also weiter nichts wissen«
    »Und ich darf fort«
    »Ja«
    »Ich danke Ihr seid ein Ehrenmann Sir Aber ich bin ohne Pferd«
    »Da kann ich Euch nicht helsen«
    »Könnt Ihr mir nicht wenigstens eines der Maultiere geben«
    »Gestohlenes Gut  Nein«
    »Aber nun Ihr wisst dass die Tiere eigentlich gar nicht unser sind dürft
auch Ihr sie nicht behalten«
    »Will ich auch nicht Ich kenne Old und auch Young Surehand Ihr könnt Euch
darauf verlassen dass er wiederbekommt um was er von Euch bestohlen worden ist
wenigstens so viel wie ich retten konnte Auch das Zelt behalte ich«
    »Well Mir egal Aber ohne Pferd kann ich nicht fort Ihr werdet heut
erfahren dass hier irgendwo und irgendwem eines abhanden gekommen ist Wird das
Euer Gewissen nicht beschweren«
    »Nicht im geringsten Denn es fällt mir gar nicht ein es für das was
Andere tun mit herzugeben Also geht«
    »Gut Fertig Lebt wohl«
    Er wendete sich zu gehen Da sagte der Wirt welcher zugehört hatte zu
ihm
    »Wenn Ihr partout ein fremdes Gewissen zu Rate ziehen wollt so stelle ich
Euch das meinige zur Verfügung Ich werde sofort dafür sorgen dass heut und hier
kein Pferd abhanden kommt Nicht irgendwo und auch nicht irgendwem In zehn
Minuten wird die ganze Stadt es wissen dass Ihr uns ausgerissen seid und Pferde
stehlen wollt Fort mit Euch«
    Schon wollte der Mensch dieser Weisung Folge leisten da nahm Pappermann ihn
noch einmal beim Arme und sprach
    »Noch auf ein Wort Diese beiden Gentlemen die Euch laufen lassen wollen
haben die Hauptsache vergessen Ihr habt doch Geld«
    »So viel wie ich brauche ja«
    »Wo«
    »Hier in der Tasche«
    Er zog einen wohlgefüllten Beutel heraus um ihn uns prahlerisch zu zeigen
und fügte hinzu »Warum fragt ihr nach meinem Gelde«
    »Der Zeche wegen« antwortete Pappermann indem er ihm in das Gesicht
lachte »Ich heiße nämlich Mach Pappermann und lasse mich von solchen Kerls wie
Ihr seid nicht an der Nase führen Ihr werdet die Zeche zahlen für Euch und
Eure Genossen«
    »Für mich meinetwegen Aber auch für die Andern fällt mir gar nicht ein«
    »Das wird Euch gar wohl einfallen Her mit dem Beutel«
    Er riss ihn ihm aus der Hand gab ihn mir schnell und sagte
    »Habt Ihr die Güte zu bezahlen Sir Ich halte den Hallunken einstweilen
fest«
    Wie gesagt so getan Der neue Wirt machte die Rechnung ich bezahlte sie
und gab dem Manne dann den Beutel mit dem übrigen Gelde zurück Hierauf
verschwand er zwar fluchend und wetternd aber doch so schnell wie möglich  

 
                                Drittes Kapitel
                                        
                               Am Ohr des Manitou
Nachdem der Pferdedieb sich entfernt hatte gab ich den Häuptlingsschmuck und
die Revolver in den Koffer zurück Dann konnten wir endlich endlich essen Der
»junge Adler« hatte wieder Lebensfarbe bekommen Es war ihm sichtlich höchst
unangenehm dass wir Zeugen seiner Schwäche gewesen waren Es lag ihm daran von
uns geachtet zu werden Darum teilte er uns mit dass ihm vor nun fast vier Tagen
unten am KarrisoCreek sein Pferd gestohlen worden sei und zwar mit dem ganzen
Inhalte der Satteltaschen Unterwegs gab es zu seiner Nahrung nur einige essbare
Wurzeln oder Beeren weiter nichts Er hatte sein schweres Paket nun selbst zu
tragen und so war es kein Wunder dass er in so großer Übermüdung hier
eingetroffen war Er erfuhr dass sein Lederanzug unangetastet bereit für ihn
liege Jetzt nun aß er mit uns langsam und in der Weise eines Mannes der sich
in gebildeten Kreisen bewegt Das Herzle sieht es außerordentlich gern dass es
ihren Gästen schmeckt Ihr Gesicht strahlte jetzt vor Vergnügen
    Ich hatte so meine eigenen Gedanken über ihn sagte aber nichts Auch
Pappermann hätte wohl gar zu gern etwas Näheres über ihn erfahren aber der
Indianer machte trotz seiner Jugend einen derartigen Eindruck auf ihn dass er es
nicht wagte ihn mit Fragen zu belästigen Aber meine Frau meine Frau Der ist
jede Unklarheit zuwider Die muss in allen Dingen genau wissen woran sie ist
Von indianischer Geduld und Zurückhaltung ist sie äußerst wenig entzückt Sie
beobachtete den »jungen Adler« Ich sah es ihr an dass er ihr außerordentlich
gefiel Und wehe dem der ihr gefällt Sie klopft ihm an das Herz und was da
drin ist muss heraus er mag wollen oder nicht Nicht etwa dass sie neugierig
oder gar zudringlich ist nicht im geringsten Aber wenn sie Jemand in
Verlegenheit sieht und ihm helfen will so hat sie eine ganz eigene Art zu
erfahren in welcher Art und Weise das am besten zu geschehen vermag So auch
hier Wir waren der alten Henne die man uns auch mit vorgesetzt hatte noch
nicht bis auf das Gerippe gekommen so hatte der »junge Adler« ihr schon gesagt
und zwar scheinbar ganz von selbst dass ihm seine Waffen mit gestohlen worden
seien dass er kein Geld mehr habe und dass er nach dem Süden wolle wohin das
gab er aber doch nicht an Hierauf warf sie mir einen Blick zu den ich
verstand Ich sollte ihn einladen mit uns zu reiten Und das war ja grad der
Grund gewesen weshalb ich drei Pferde und nicht nur zwei hatte haben wollen
Ich legte ihm die betreffende Frage vor Da ging ein frohes Leuchten über sein
Gesicht Er sprang auf setzte sich aber sogleich wieder nieder denn ein
Indianer soll weder Freude noch Schmerz so offen zeigen An diesem Aufleuchten
seines Gesichtes sah ich dass er obwohl er mich nie gesehen hatte doch
vermutete wer ich war
    »Ich bin Apatsche« antwortete er »Ich wollte zunächst nach dem
NuggetTsil«
    Während er dies sagte sah er mich nicht an sondern er schaute vor sich
nieder aber ich fühlte förmlich wie gespannt er darauf lauschte was ich
hierauf antworten werde
    »Wir auch« erwiderte ich so ganz unbefangen als ob ich garnicht daran
denke ihn zu beobachten und zu durchschauen Und mich an Pappermann wendend
fragte ich ihn »Kennt Ihr vielleicht die Devils pulpit die hier in der Nähe
liegen soll«
    »Ja« antwortete er »Und der junge Adler kennt sie auch denn er sagte mir
damals vor vier Jahren dass er von da oben heruntergekommen sei Wollt Ihr hin«
    »Ja«
    »Soll ich Euch führen«
    »Wenn Ihr wollt«
    »Welche Frage Ob ich will Ich habe nur eine Bedingung eine einzige«
    »Welche«
    »Ich getraue mich kaum sie Euch zu sagen«
    »Nur heraus damit Alte Kameraden dürfen aufrichtig miteinander sein«
    »Auch wenn sie Papperman heißen Maksch Pappermann Verteufelt
unglückseliger Name Sprecht ihn doch einmal englisch aus Da klingt er noch
viel schlimmer Alle Welt lacht über ihn«
    »Heißt wie Ihr wollt doch redet von der Leber weg«
    »Well So sei es gewagt Also ich führe Euch nach der Devils pulpit wenn
Ihr mir erlaubt dann noch weiter mit Euch zu reiten«
    Da fiel das Herzle schnell ein
    »Er erlaubt es  er erlaubt es«
    »Oho oho« warf ich in strengem widerstrebendem Tone ein
    »Oho oho« lachte sie »Lasst Euch ja nicht abschrecken Mr Pappermann Er
hat Euch gern sehr gern und ich auch Und er hat drei Pferde und drei
Maultiere also mehr als wir brauchen Und vor allen Dingen wenn er Euch nicht
mitnehmen will so muss er allein reiten denn ich bleibe hier sitzen und weiche
und wanke nicht von Eurer Seite«
    Da wurden die Augen des alten guten Menschen feucht Er reichte ihr seine
Hand hinüber und sagte
    »Gott segne Euch Mrs Burton Wie dankbar bin ich Euch Er muss mich nun
schon deshalb mitnehmen weil ich mich verpflichtet fühle für Euch durch jedes
Wasser und jedes Feuer zu gehen«
    »Aber Euer Hotel hier  Euer Hotel« fragte ich
    »Geht mich nichts mehr an Habe weder Etwas darunterliegen noch Etwas
darauf stehen Bin überhaupt abgebrannt vollständig abgebrannt Bin ärmer als
eine Kirchenmaus Und nun so alt so alt Ja wenn ich anders hieße Nicht
Pappermann Das ist ja der Grund der einzige Grund dass ich stets nur durch
Pech und Elend waten musste Nehmt mich mit bitte ich nehmt mich mit Noch bin
ich nicht ganz unbrauchbar geworden und meine letzte Kraft und mein letztes
bisschen Leben soll Euch gehören Mr Shatterhand   «
    Er hatte sich von seinem Herzenswunsche fortreißen lassen er war zu weit
gegangen er hielt erschrocken inne Da ging ein liebes sonniges und dabei doch
gerührtes Lächeln über das Gesicht des jungen Indianers und er sagte
    »Nicht erschrecken nicht erschrecken Es ist kein Verrat Ich wusste es Und
ich hätte es nicht verschwiegen dass der Bruder unsers großen Winnetou und der
beste Freund meines Volkes von mir erkannt worden ist Ich war verpflichtet ihm
dies zu sagen«
    Da schlug das Herzle die Hände hoch zusammen und rief aus
    »So wird es ja wie ich wünsche Sie dürfen Beide mit Beide«
    »Ja« antwortete ich »Der junge Adler wird den dritten Schwarzschimmel
reiten Unser Pappermann bekommt die drei Maultiere mit dem Zelte Er wird unser
Majordomo Er führt die Aufsicht über die Hauswirtschaft und natürlich auch über
die Frau«
    Wie glücklich der alte Westmann war Er erging sich in allen möglichen
Ausdrücken der Dankbarkeit Der Indianer aber war still ganz still umso tiefer
aber grub sich das Glück in sein Inneres ein
    Nach dem Essen sorgten wir zunächst dafür dass das Zelt wieder abgebrochen
zusammengeschnallt und mit allen dazugehörenden Utensilien von dem freien Platze
herein in das Haus geschafft wurde da war es mir sicherer als draußen Während
dies geschah zeigte Papperman hinaus nach dem erwähnten Platze und sagte
    »Schaut da hinaus Was kommt dort gelaufen«
    »Das Maultier das vierte Maultier« antwortete meine Frau
    »Ja Es ist den Spitzbuben entkommen Es ist obstinat geworden Es hat sich
losgerissen Es wollte zu seinen Kameraden zurück Ich hole es herein sogleich
 sogleich«
    Hierdurch gewannen wir eine Kraft zum Tragen des Gepäckes mehr und die Zahl
der Tiere welche man Old Surehand gestohlen hatte war nun wieder voll
    Später ging ich noch einmal in die Stadt um für den »jungen Adler« ein
Gewehr und einen Revolver zu kaufen sein Messer hatte er noch Dann diktierte
ich dem guten Pappermann einen Brief den ich nicht gern selbst schreiben
wollte Er war an Hariman F Enters gerichtet und lautete
    »Habe Wort gehalten und mich hier eingestellt Lernte hier Eure Freunde
        Korner und Howe kennen Bin darum weit eher fort als ich eigentlich
        wollte Trotzdem bleibt was ich versprach Wenn Ihr ehrlich seid werde
        ich wieder zu Euch stoßen und Euch nach den beiden Orten führen die Ihr
        sehen wollt Aber nur eben dann wenn Ihr ehrlich seid
                                                                        Burton«
    Es war keine Kleinigkeit für Pappermann diesen Brief zu schreiben Er
schwitzte dabei wie ein Holzhacker Gegen drei Stunden dauerte es ehe er fertig
war denn er musste wegen Fehlern Fettflecken und Klexen die er machte so oft
wieder neu anfangen dass er schließlich wütend ausrief
    »Ist das eine Plage Und ist das eine Qual Einmal und nie wieder Lieber
sterben und verderben als weißes Papier mit Tinte so schwarz machen müssen dass
man es dann lesen kann Ich bin wahrhaftig zu Allem bereit für Euch und für Eure
Frau für solche Marter aber nicht nehmt es mir nicht übel«
    Dass ich mich unter den jetzt gegebenen Umständen nicht nach Trinidad setzte
um die Ankunft der Brüder Enters abzuwarten verstand sich ganz von selbst Wir
hatten Besseres und Wichtigeres zu tun Wie mein Name verschwiegen worden war
so sagten wir auch keinem Menschen wohin wir von hier aus gingen Auch der Wirt
erfuhr es nicht
    Am Abend kehrten die Verfolger der Pferdediebe heim sie hatten keinen
Einzigen von ihnen erwischt Und der welchen wir freigelassen hatten schien
doch nicht gleich wieder zum Dieb geworden zu sein denn wir hörten davon dass
irgend Jemandem ein Pferd weggekommen sei nichts Schon am nächsten Morgen
verließen wir die Stadt um in westlicher Richtung zunächst hinauf nach dem
sogenannten Parkplateau zu kommen Nicht einmal einen ganzen Tag waren wir in
Trinidad gewesen Und doch so kurz dieser Aufenthalt so bedeutend waren seine
Folgen für uns Das Wenigste davon war dass wir nun zu Vieren anstatt nur zu
Zweien ritten und dass wir nun infolge des Zeltes und seiner Ausstattung imstande
waren uns die Reise bequemer zu machen als dies uns vorher als möglich
erschienen war Die Verteilung der Tiere war so wie ich schon angegeben habe
Meine Frau ich und der »junge Adler« hatten die Rappschimmel während
Pappermann das beste der Maultiere ritt und die drei andern zum Tragen des
Zeltes und des Lederpaketes des Indianers verwendete Was für Dinge oder was für
einen Gegenstand dieses Paket enthielt das wussten wir nicht Wir fragten auch
nicht danach Dem Gewicht nach schien es Eisen zu sein aber kein gewöhnliches
sondern sehr wertvolles Eisen Das schlossen wir aus der Sorgfalt welche der
Eigentümer während des Auf und Abladens auf das Paket verwendete
    Es ist mir für das was ich zu erzählen habe leider nur der Raum eines
einzigen Bandes gestattet während ich mit diesen Ereignissen doch recht gut
vier oder auch fünf Bände füllen könnte ohne meine Leser zu ermüden Darum muss
ich so kurz wie möglich sein und so Manches auslassen was ich nur sehr ungern
übergehe Dahin gehört vor allen Dingen die ausführliche Beschreibung des Weges
den wir nahmen Ich muss mich darauf beschränken zu sagen dass es hinauf nach
dem Ratongebirge ging hinter dem das herrliche Tal des Purgatorio sich
niedersenkt um es von den gigantischen Massen des »spanischen Pik« zu trennen
    Es war ein großes ein herrliches Gebirgspanorama dem wir entgegenritten
Wir kamen ihm von Stunde zu Stunde näher bis wir es erreicht hatten und uns
dann immerfort inmitten von landschaftlichen Schönheiten befanden die kein Ende
nehmen wollten sondern sich im Gegenteile stetig vermehrten und vergrösserten
Meine Frau die jetzt zum ersten Male mit da drüben war und stets gelächelt
hatte wenn ich der Meinung gewesen war dass die Schönheiten des Harzes des
Schwarzwaldes ja sogar der Schweiz sich unmöglich mit den landschaftlichen
Wundern der Vereinigten Staaten vergleichen könnten sah sich jetzt gezwungen
diese Zweifel fallen zu lassen Sie wurde still ganz still Und wenn sie das
wird so störe ich sie nicht denn ich weiß dass diese Wortlosigkeit bei ihr die
Stille der Anbetung ist
    Es war um die Mittagszeit des dritten Tages als wir an einem klar
fließenden Wasser Halt gemacht hatten Da sprach ich mit ihr über die
Unterschiede der landschaftlichen Schönheiten der Ebene und der Berge Der
»junge Adler« hörte nach seiner Gewohnheit bescheiden schweigsam zu Pappermann
gab zuweilen ein treffendes Wort dazu denn er hatte sehr viel gehört und sehr
viel nachgedacht und war trotz der Niedrigkeit seines Lebensweges keineswegs
unbegabt Jetzt sagte er
    »Diesen Unterschied werdet Ihr morgen in einem sehr sprechenden Beispiele
vor Augen haben Da kommen wir an einen See der Ebene der aber zwischen
himmelhohen Bergen liegt«
    »Kenne ich ihn« fragte ich
    »Weiß nicht« antwortete er »Es ist der Kanubisee«
    »Von dem habe ich gehört Sein Ebenbild oder vielmehr sein Urbild liegt im
Staate Massachusetts Ich bin von Lawrence aus dort gewesen Dieser
letztgenannte Kanubisee spielt in der Vergangenheit einiger Indianerstämme
besonders der Seneca eine sehr wichtige Rolle Seine im Sonnenscheine funkelnden
Wasser seine weit und schön ausgebuchteten mit sattem Grün geschmückten Inseln
und Ufer waren so recht geeignet der friedlichen Entwickelung des Stammeslebens
als Unterlage zu dienen Ich konnte mich von dem Anblick dieses Sees kaum
trennen Ich weiß dass man einem hier oben liegenden Bergsee denselben Namen
gegeben hat und bin neugierig zu sehen ob er ihn verdient«
    »Wahrscheinlich verdient er ihn« sagte Pappermann
    Er holte dabei tief tief Atem
    »Waret Ihr mehrmals da« fragte ich
    »Wie oft  Wie oft«
    Wieder tat er einen tiefen Atemzug War dieser See vielleicht eine Stätte
trüber Erinnerungen für ihn Ich schwieg um ihm nicht wehe zu tun Er sah
lange lange vor sich hin dann begann er selbst damit
    »An diesem See habe ich jenen niederträchtigen Schuss in das Gesicht
bekommen der mich für das ganze Leben entstellte und verbitterte«
    »Von wem« fragte ich
    »Von einem gewissen Tom Muddy Habt Ihr vielleicht jemals von diesem
Schurken gehört«
    »Nein«
    »Er hieß wohl eigentlich nicht so sondern anders Seinen eigentlichen Namen
habe ich nicht erfahren«
    »Seid Ihr ihm wieder begegnet«
    »Niemals niemals leider leider  Obgleich ich ein ganzes Menschenleben
lang nach ihm gesucht habe wie der Bettler nach dem ersparten Dollar den er
verloren hat und nicht wiederfinden kann Ich spreche nicht gern davon aber
wenn es mich überkommt wie stets sobald ich den See erblicke so erzähle ich
es Euch vielleicht heut Abend Für jetzt will ich Euch nur sagen dass das mit
den Seneca richtig ist«
    »Was«
    »Dass sie da unten in Massachusetts am Kanubisee wohnten Wisst Ihr ihren
eigentlichen Namen Wie sie eigentlich heißen«
    »Ja Senontowana«
    »Das stimmt Der Name Seneca ist ihnen von den Weißen gegeben und
aufgezwungen worden Einer ihrer größten Häuptlinge hieß Sagoyewatha Er
liegt in Buffalo begraben Man hat ihm da ein großes Denkmal gesetzt   «
    »Obgleich er vor seinem Tode gebeten hat ihn nur unter seinen roten Brüdern
zu begraben nicht etwa bei Bleichgesichtern« fiel meine Frau da ein
    »So kennt Ihr ihn Habt von ihm gehört« fragte er sie
    »Wir waren an seinem Grabe« antwortete sie
    »Gott segne Euch dafür Ich meine nämlich wenn Ihr ein Grab besucht so tut
Ihr das nicht aus Neugierde sondern weil Euch das Herz dazu treibt Und ich
habe eine ganz besondere Vorliebe grad für die Nation der Seneca«
    »Aus welchem Grunde«
    »Weil   weil   weil    hm Ich werde es Euch heut Abend erzählen
nicht aber jetzt Herunter muss es nun doch einmal weil diese alte Saite
begonnen hat zu klingen und zu zittern und gewiss nicht eher wieder aufhört als
bis wir den See im Rücken haben Für jetzt aber erlaubt dass ich schweige«
    Der Nachmittag führte uns immerwährend bergan bis wir eine Höhe erreichten
von welcher aus wir über eine weite unter uns liegende sich nach Westen
dehnende Hochebene blickten Die Sonne war im Sinken In ihrem Strahle leuchtete
aus der Mitte der Ebene ein großer funkelnder Diamant herauf zu uns der rundum
von einem weiten Kranze grüner Smaragde eingefasst schien deren Konturen
flimmerten und glühten
    »Das ist der Kanubisee« sagte Pappermann »So nahe er uns zu liegen
scheint so weit ist er entfernt Drei Stunden sind es von hier aus bis man ihn
erreicht Darum lagern wir hier Und zwar wenn es Euch recht ist an demselben
Orte an dem ich schlief als ich zum ersten Male in diese Gegend kam«
    Er führte uns nach einer auf drei Seiten ganz und auf der vierten auch noch
halb eingeschlossenen Stelle welche sehr guten Schutz gegen den hier oben sehr
kühlen Nachtwind bot Ein Wasser war in der Nähe Futter für die Pferde gab es
auch So konnten wir uns also keinen bessern Lagerplatz wünschen Das Zelt wurde
schnell errichtet und ein Feuer angebrannt Das Zelt war immer nur für meine
Frau Wir Männer zogen es vor im Freien zu schlafen Es war jetzt die
wundersame Zeit des Indianersommers in der man es selbst auf solcher Höhe des
Nachts außerhalb des Zeltes aushalten kann
    Während des Essens wurde es Abend Der Mond ging auf Er stand im ersten
Viertel Die Luft war ohne Nebel vollständig rein und klar Wir konnten weit
sehen fast so weit wie am Tage nur dass die Konturen jetzt unbestimmter waren
und ineinander flossen Der leuchtende Diamant war jetzt zur weisssilbernen Perle
geworden Pappermann begann ohne von uns aufgefordert worden zu sein zu
erzählen
    »Genau so wie heut« sagte er »lag der See damals vor meinen Augen Es zog
mich zu ihm hinab Ich wachte sehr zeitig auf und setzte mich auf das Pferd um
fort zu reiten ohne eigentlich ausgeschlafen zu haben Es war in der
Morgenfrühe kühl Darum ritt ich ziemlich rasch und erreichte grad mit
Sonnenaufgang den See Ich sah im Grase Spuren von Menschen von Indianern Ich
nahm mich also in Acht versteckte mein Pferd und ging den Spuren vorsichtig
nach Sie führten durch die Büsche an das Wasser Dort angekommen sah ich
Hütten stehen oder vielmehr Häuser Nicht halbwilde Wigwams oder Zelte sondern
wirkliche Häuser aus Balken Bohlen Planken und Schindeln hergestellt genau
so wie die Gebäude aus denen früher ehe die Weißen kamen die Städte und
Dörfer der Indianer bestanden Mehrere Boote lagen am Ufer Fischernetze waren
zum Trocknen aufgehängt Ausserrordentliche Sauberkeit überall Nirgends ein
Schmutz eine Waffe ein blutiger Rest eines Wildes ein Zeichen von Jagd und
Tod Tiefes Schweigen rings umher Nichts regte sich Die Türen waren
geschlossen Man schlief noch und zwar ganz ohne Sorge denn einen Wächter sah
ich nicht Es schien heut ein Ruhetag zu sein«
    »Ich schlich mich näher bog um eine Ecke des Gebüsches und sah   sah  
sah das schönste Mädchen ja bei Gott das schönste das allerschönste Mädchen
welches meine alten Augen so lang ich lebe jemals erblickten Ich bitte es
mir zu glauben Sie saß auf einem hohen Steinblock des Ufers und schaute nach
Osten wo die Sonne soeben erschien Sie war in weiche weissgegerbte Tierhaut
mit roten Fransen verziert gekleidet und ihr langes dunkles Haar hing mit
Blumen und Kolibris geschmückt weit über den Rücken herunter Als die Kolibris
im ersten Strahle der Sonne zu funkeln begannen erhob sie sich von ihrem Sitze
breitete die Arme aus und sagte im Tone der Andacht und Bewunderung
    O Manitou o Manitou
    Weiter sagte sie nichts Dann faltete sie die Hände Aber ich sage Euch dass
ich niemals in meinem Leben ein besser gemeintes und aufrichtigeres Gebet gehört
habe als diese einzigen zwei Worte So stand sie lange lange in die Sonne
schauend Ich blieb nicht stehen Sie zog mich an wie ein Magnet dem man nicht
widerstreben kann Ich schritt auf sie zu aber langsam zögernd leise in
beinahe heiliger Scheu Da sah sie mich Sie erschrak nicht etwa Sie bewegte
keinen Fuß keinen Finger kein einziges Glied Sie sah mich nur an Aber mit so
großen offenen erwartungsvollen Augen In diesen Augen lag dieselbe Sonne die
dort im Osten aufgegangen war Vor so viel Seltenheit und Schönheit wurde ich
zum Dummkopf zum Tölpel Ich vergaß zu grüßen Heut kann ich mir wohl denken
wie klug und wie geistreich ich damals ausgesehen habe Ich wusste und bemerkte
nur das Eine nämlich dass sie erwartete von mir angesprochen zu werden Das tat
ich denn auch Aber anstatt höflich zu sein und zu grüßen beging ich die größte
Unhöflichkeit indem ich sie fragte Wie heissest du Sie antwortete Ich heiße
Aschta Das kam mir zunächst wie ein Kosename vor später aber erfuhr ich dass
Aschta ein wirkliches Indianerwort ist und so viel wie Güte bedeutet Also sie
hieß die Güte und das war sie auch Ich habe sie niemals anders als still
fromm wohltätig rein und gütig gesehen Kein Flecken war je an ihrem Gewande
und kein unlauteres Wort ist je über ihre Zunge gekommen Ich kann Euch sehr
wohl sagen dass ich damals sehr oft am Kanubisee gewesen bin und mich monatelang
in seiner Nähe herumgetrieben habe Ich bin stundenlang und tagelang an ihrer
Seite gewesen habe aber nicht ein einziges Mal Etwas von ihr gesehen und
gehört wovon ich sagen konnte das war nicht schön das war nicht gut von ihr
Darum war ich auch nicht etwa der Einzige dem sie so ausnehmend gefiel Wer da
kam der wollte nicht wieder fort allein nur ihretwegen So auch Tom Muddy und
   der Siou Ogallallah«
    Er machte hier eine Pause Das benutzte meine Frau ihn auf eine
Unterlassungssünde aufmerksam zu machen
    »Aber Mr Pappermann Ihr habt doch noch gar nicht gesagt wem die Häuser
am See gehörten und wer ihr Vater war«
    »Habe ich noch nicht Hm Ja ganz richtig Sie kommt bei mir immer voran
und dabei vergesse ich alles Andere So war es schon damals auch Ihr Vater war
ein Medizinmann der Seneca Nicht etwa einer jener Quacksalber und Possenreisser
die sich heutzutage Medizinmänner nennen lassen sondern ein wirklicher und
berühmter Der hatte von den Weißen wegen seines großen Einflusses auf die
Roten verfolgt und bedrängt mit noch einigen ihm gleich edelgesinnten Indianern
seine Heimat verlassen um sich vor ihnen nach dem wilden Westen zu retten Er
kam in diese Gegend Er sah diesen See Er war entzückt über seine Ähnlichkeit
mit dem heimatlichen schönen Wasserbecken Er blieb da mit seinen Begleitern
Sie bauten sich Häuser ganz in der alten Weise ihres Stammes und nannten den
See so wie der in der Heimat geheißen hatte nämlich Kanubisee Diese neue
Ansiedelung wurde sehr bald unter den weißen und roten Jägern des Westens
bekannt und viel besucht Sie bildete eine Friedensstätte für sie an der sich
Rot und Weiß Freund und Feind treffen durften ohne den Ausbrüchen des Hasses
unterworfen zu sein Denn es war zur Gewohnheit ja zum Gebot geworden dass
jede Feindschaft zu schweigen und nur Liebe und Friede zu walten habe«
    Er hielt für einige Augenblicke inne holte tief Atem und sagte
    »Es war eine liebe schöne Zeit Die einzige Zeit meines Lebens in der ich
einmal wirklich Mensch gewesen bin und zwar ein guter Mensch Ich bitte Euch
mir das zu glauben«
    Dann fuhr er in seiner Erzählung fort
    »Zu den Weißen welche am Kanubisee verkehrten gehörte Tom Muddy und zu
den Roten ein junger Medizinmann der Sioux Ogallallah der zu dem Vater von
Aschta gekommen war um sein Schüler zu sein und die Geheimwissenschaften der
roten Rasse bei ihm zu studieren Wo er eigentlich wohnte das wusste niemand Er
verschwieg es um in der tiefen Einsamkeit die er für seine Studien brauchte
nicht gestört oder nicht etwa gar von einem Feinde belästigt zu werden Aber ich
vermutete dass er sich unten an einem Nebenwasser des Purgatorio seine Hütte
errichtet habe die er nur verließ um zu seinem Lehrer hinaufzusteigen und neue
Anweisungen zu holen Er war ein schöner junger Mann in allen Waffen geübt
und dennoch so friedlich gesinnt als ob es auf der ganzen Erde überhaupt noch
nie eine Waffe gegeben habe Dass Aschta ihn allen andern die da kamen vorzog
war gar kein Wunder Ich aber wusste hievon nichts sondern ich erfuhr es erst
durch Tom Muddy
    Der war weder ein schöner noch ein hässlicher Kerl aber zudringlich und
roh Niemand wollte etwas von ihm wissen Er hatte ein Auge auf Aschta oder
sogar alle zwei sie aber wich ihm auf Schritt und Tritt aus und vermied so viel
wie möglich alle Gelegenheit mit ihm sprechen zu müssen Das ärgerte ihn
gewaltig Denn er hatte es sich wirklich in den Kopf gesetzt dass sie seine Frau
werden solle Ich glaube gar er liebte sie nicht nur sondern er hasste sie
auch eben weil sie ihm ihre Abneigung so offen und ehrlich zeigte Das stritt
und kämpfte in seinem Innern Am liebsten verkehrte er mit mir Warum das weiß
ich eigentlich noch heute nicht Wahrscheinlich weil ich der wertloseste von
allen war und es nicht über das Herz brachte mich von ihm derart
zurückzuziehen wie die andern es taten Ich hütete mich natürlich sehr ihn
merken zu lassen dass auch in meinem Herzen eine herrliche große und von allen
Sünden reine Liebe aufgegangen war und dass ich mein Leben tausendmal hingegeben
hätte um der schönen Indianerin dies beweisen zu können Zuweilen kam mir
freilich der Gedanke sie stehe mir zu hoch aber in gewissen Stunden in denen
ich mich selbst betrachtete fasste ich doch eine Art von Mut Da sagte ich mir
dass ich doch kein so ganz übler Bursche sei und mich mit manchem manchem andern
sehr wohl vergleichen und messen könne Das waren die Augenblicke in denen ich
mir vornahm offen und ehrlich mit ihr zu reden Aber sobald ich dann in ihre
Nähe kam sank mir das Herz wieder vor die Füße und es fiel mir kein einziges
Wort von alledem ein was ich ihr hatte sagen wollen
    Da kam ich eines schönen Tages von einer längeren Jagdstreife zurück und
erfuhr von Tom Muddy dass der Siou Ogallallah bei dem Vater von Aschta um sie
geworben und die Erlaubnis erhalten habe sie des Nachts zu rauben   «
    »Zu rauben« wurde er von meiner Frau unterbrochen »War das notwendig«
    »Nicht nur notwendig sondern auch schicklich Ich habe mir sagen lassen
dass alle diese Gebräuche einen tiefer liegenden Grund und ihre eigene Bedeutung
haben Vater und Mutter haben ihr Kind ihre Tochter erzogen unter tausend
schlaflosen Nächten unter noch mehr Sorgen und Opfern Da kommt ein fremder
Mensch und nimmt sie von ihnen weg Er raubt den Eltern den größten Teil des
Herzens ihres Kindes und dieses folgt ihm gern ohne zu fragen ob er es auch
verdient Diese innern Vorgänge sollen durch die indianischen
Verlobungsgebräuche äußerlich dargestellt werden Die Tochter ist bereit sich
rauben zu lassen aber die Eltern geben sich alle Mühe dies zu verhüten Sie
wird eingesperrt sehr wohl versteckt und scharf bewacht Der Geliebte gibt sich
ebenso große Mühe die Eltern zu überlisten und hilft das nicht so greift er
gar auch zur Gewalt Es gibt da einen hochinteressanten Kampf zwischen dem
gegenseitigen Scharfsinn und der ganze Stamm befindet sich in Spannung die
einzelnen Phasen dieses Kampfes zu erfahren oder wohl gar daran teilzunehmen
Man hilft der einen oder der andern Partei Es kommt dabei zu Taten der
Schlauheit und des persönlichen Mutes durch welche der Werbende zeigt was der
Stamm dann später im öffentlichen Leben in Krieg oder Frieden von ihm erwarten
darf«
    »Als ich diese Neuigkeit von Tom Muddy erfuhr war es mir als ob ich von
ihm einen schweren Faustschlag gegen die Stirn bekommen hätte Das Gehirn begann
mir zu brummen Ich fühlte mich zunächst ganz dumm im Kopfe Tom Muddy aber war
wütend Er schwor das Blaue vom Himmel herunter dass der Siou das Mädchen nicht
entführen werde es sei dafür gesorgt dass ihm das nicht gelingen könne Als ich
ihn fragte wodurch er das zu verhindern gedenke verlangte er von mir einen
Schwur seinen Plan nicht zu verraten dann solle ich ihn erfahren Ich leistete
den Schwur doch natürlich nur um die Ausführung dieses Planes zu verhüten Da
zeigte er mir seine Pistole Sie war bis oben herauf mit Pulver geladen Dieses
Pulver sollte dem Siou in die Augen geschossen werden um sein Gesicht zu
entstellen und ihn zu blenden für immer blind zu machen Dann fällt es ihr
gewiss nicht ein seine Squaw zu werden fügte er hinzu bevor er sich entfernte
Aber noch ehe er ging erinnerte er mich an meinen Schwur Sollte ich ihn etwa
verraten so werde er nicht nur den Siou blenden sondern auch mich«
    »Der ist ja gar kein Mensch gewesen sondern ein Teufel« rief das Herzle
aus
    »Wenn kein Teufel so aber doch ein Schurke dem nichts und nichts zu
schlecht war wenn es nur zum Ziele führte« antwortete Pappermann »Ich hielt
es natürlich für meine Pflicht die Missetat zu verhüten Freilich verraten
durfte ich nichts Doch hätten einige andeutende Worte gewiss genügt den Siou
die Gefahr in der er sich befand wenigstens ahnen zu lassen Aber er war ja
weder zu sehen noch zu sprechen Von dem Augenblicke an an dem er die Erlaubnis
erhalten hatte Aschta zu rauben hatte er sich in die tiefste Heimlichkeit zu
hüllen und sich so vorsichtig anzuschleichen als ob es sein Leben gelte Da
verstand es sich ganz von selbst dass er nicht am Tage kommen konnte und dass ich
mir die Nächte hindurch alle Mühe gab ihn irgendwo zu erwischen Das war gar
nicht ungefährlich für mich denn ich wusste dass Tom Muddy genau dieselben
Anstrengungen machte an ihn heranzukommen Ich hatte also die Doppelaufgabe
den einen zu vermeiden den andern aber zu entdecken und ich sage Euch dass es
gar nicht so leicht war die nötige Vorsicht zu entwickeln Es gehörte Übung
dazu So ging es über eine Woche lang ohne dass meine Anstrengungen das
geringste Ergebnis hatten Dann kam eine mond und sternenlose feuchte Nacht
in der es zwar nicht regnete aber es nässelte in Einem fort Trotzdem blieb ich
nicht auf meinem warmen Lager sondern kroch draußen herum denn es war als ob
mir Jemand sage dass grad in dieser höchst ungemütlichen Nacht Etwas geschehen
werde was ich nicht versäumen dürfe Ich kroch leise leise an der Hinterseite
des Hauses bis zur Ecke hin Dort wollte ich liegen bleiben um nach beiden
Seiten hin lauschen zu können Ich schob mich also als ich die Ecke erreicht
hatte ein wenig vor und    Herrgott Da lag schon Einer Drüben auf der
andern Seite Wir stießen fast zusammen Er sah mich ebenso wie ich ihn trotz
der Dunkelheit und trotz der dicken feuchten Luft Aber wie ich ihn nicht
erkannte so konnte er auch mich nicht erkennen Wer war es Der Siou oder Tom
Muddy Schon öffnete ich den Mund um ein leises leises Wort zu sagen da erhob
der da drüben den Arm Er hatte Etwas in der Hand Ich konnte nur schnell das
Gesicht zur Seite wenden da krachte auch schon der Schuss Ich bekam die ganze
Ladung Es ging kein Körnchen verloren Doch glücklicherweise nicht in die
Augen sondern in die durch meine schnelle Bewegung dem Schurken zugewendete
linke Seite des Gesichtes Ich hatte ihm zurufen wollen Schiess nicht schiess
nicht war aber nicht dazu gekommen und gab auch jetzt keinen Laut von mir weil
ich die Besinnung verloren hatte Es war zwar nur ein armseliger lumpiger
Pistolenschuss und zwar ohne Blei oder Kugel aber doch so ganz und gar nahe
abgeschossen dass ich aus meiner kauernden Lage niederfiel wie ein Sack den man
umgestossen hat und leblos liegen blieb bis man mich fand und in das Innere des
Hauses trug um mich in das Leben zurückzubringen«
    »Man hatte nämlich den Schuss gehört und war herausgeeilt um seiner Ursache
nachzuforschen Der Medizinmann kam seine Frau kam Aschta seine Tochter kam
und Andere kamen auch Während sie alle um mich beschäftigt waren kam noch ein
Anderer nämlich der Siou Ogallallah Er kam geschlichen wie ein unhörbarer
Windeshauch und war klug genug die Situation sofort für sich auszunutzen Als
man mich in das Haus gebracht und dort niedergelegt hatte erscholl draußen der
laute Siegesruf der Ogallallah Man horchte auf Man vermisste die Tochter Man
wusste woran man war die Entführung war gelungen Der Siou brauchte sich nur
mit Aschta zu entfernen so war sie sein Aber das tat er nicht er hatte es
nicht nötig Er hatte sie geholt und sie war ihm gefolgt aus der Aufsicht der
Eltern hinaus Das genügte Er brachte sie wieder herein und wurde von den
Eltern als Sohn empfangen So war durch den Schuss Tom Muddys also grad das
begünstigt und herbeigeführt worden was er hatte verhüten sollen Ich aber lag
lange Zeit im Delirium und habe vor Schmerzen gepfiffen wie ein Hund den irgend
ein Vivi lebendig zu Tode schindet Dann habe ich mich sobald ich wieder auf
den Beinen war aus dem Staub gemacht ohne Etwas zu verraten Kein Mensch als
nur ich und Tom Muddy kannte den Täter und den eigentlichen Grund des Schusses
Und dieser Schuft ist seit jener Nacht verschwunden spurlos verschwunden so
heiß auch mein Verlangen gewesen ist ihm wieder zu begegnen Als ich dann nach
einigen Jahren zum ersten Male wieder nach dem Kanubisee kam fand ich die
Häuser leer sie waren verlassen Die Seneca waren von einer Bande weißer
Buschklepper überfallen und getötet worden bis auf den letzten Mann Von ihnen
allen lebte nur noch Aschta weil sie den See verlassen hatte um dem Siou
Ogallallah zu seinem Stamme zu folgen«
    »Habt Ihr sie wiedergesehen« fragte meine Frau
    »Nein nie Ich habe die Ogallallah stets als Feinde der Weißen betrachtet
und mich gehütet viel mit ihnen in Berührung zu kommen Erkundigt habe ich mich
freilich einige Male Da erfuhr ich dass die schöne Senecasquaw des
Medizinmannes sehr glücklich sei Er habe droben am Niobrara für sich und seine
Schüler eine eigene Reservation gegründet und lebe dort nur für alte Totems und
Wampums die er sammle und für die Bücher die er sich von den Bleichgesichtern
schicken lasse Er sei sogar unter den Weißen ein sehr geehrter und sehr
berühmter Mann«
    Bei diesen letzten Worten Pappermanns fragte ich ihn schnell
    »Ihr kennt natürlich den Namen dieses Indianers«
    »Ja« nickte er
    »Heißt er Wakon«
    »Ja nur Wakon«
    »Es steht kein anderes Wort kein anderer Name dabei«
    »Nur Wakon« wiederholte er
    »So kenne ich ihn obgleich ich ihn noch nie gesehen habe Er hat sein
ganzes Leben und seine ganze Kraft dem Studium der Geschichte der roten Rasse
gewidmet und Werke über sie geschrieben die leider noch nicht erschienen sind
weil er sie erst dann veröffentlichen will wenn auch der letzte Band
vollständig vollendet ist Man ist auf dieses sein Lebenswerk mit Recht
ungewöhnlich gespannt«
    »Wie alt ist er jetzt« fragte das Herzle
    »Das ist Nebensache« antwortete ich »Wahrhaft große Männer pflegen nicht
eher zu sterben als bis sie wenigstens innerlich das erreicht haben was sie
erreichen wollten oder sollten Die sogenannten Helden des Krieges und der
Schlachtfelder sind hiervon natürlich ausgenommen Seid Ihr müd«
    Diese letztere Frage richtete ich an Pappermann der sich in seine Decke zu
wickeln begann als wolle er sich niederlegen
    »Müd eigentlich nicht« antwortete er »aber fast wie wieder von dem Schusse
Tom Muddys getroffen Das ist die Erinnerung Ich habe sie sehr lieb gehabt
diese Indianerin sehr Ich habe niemals niemals wieder ein Frauenzimmer
daraufhin angesehen ob ich sie zum Weibe haben möchte Ich bin ein einsamer
Mensch geblieben und werde wohl wenn meine Stunde kommt auch ebenso einsam
sterben    Ich will versuchen zu schlafen Gute Nacht«
    Wir erwiderten seinen Wunsch »gute Nacht« doch ging er nicht in Erfüllung
weder bei ihm noch bei uns Er wälzte sich wohl zwei Stunden lang von einer
Seite auf die andere dann wickelte er sich wieder aus seiner Decke stand auf
und ging fort um sich durch eine Wanderung zu beruhigen Er war um Mitternacht
noch nicht wieder da da schlief ich ein Aber schon vielleicht nach zwei
Stunden wachte ich wieder auf Da saß er an seiner Stelle er war zurückgekehrt
hatte sich aber nicht niedergelegt So setzte ich mich also auch auf Und kaum
hatte ich das getan so richtete sich der »junge Adler« in die Höhe Da erklang
vom Zelte her die Stimme meiner Frau
    »Auch ich schlafe nicht  Darf ich einen Vorschlag machen«
    »Welchen« fragte ich
    Sie öffnete die Leinwandspalte an der sie gestanden hatte noch weiter
trat ganz hervor und antwortete
    »Wollen aufbrechen Fort Hinunter nach dem See Wir schlafen doch nicht
wieder ein Das sind die Folgen so alter Geschichten«
    Da sprang Pappermann auf und stimmte bei
    »Well Aufbrechen Fort Dann kommen wir genau zum Sonnenaufgang an wie
damals ich Seid Ihr es zufrieden«
    Ich stimmte bei und der »junge Adler« natürlich auch Das Zelt wurde
abgebrochen Dann ritten wir den breiten bequemen Terrainabfall nach der
Hochebene des Sees hinunter Der Morgen begann leise zu grauen Wir hatten grad
genug Dämmerlicht für die Augen unserer Pferde dass sie sahen wohin sie traten
Dann wurde es heller und heller
    War es wirklich nur die Folge der Erzählung Pappermanns dass wir nicht
hatten schlafen können Oder gab es irgend eine Bestimmung die uns veranlasst
hatte um so viel früher aufzubrechen als erst in unserer Absicht gelegen
hatte Sonderbar
    Wir ritten still neben einander her Wir erreichten die Ebene auf der wir
schneller vorwärts kamen Der Morgen nahte Es wurde Tag Und grad als die Sonne
aufging erreichten wir den äußern Rand des grünen Laub und Blätterwaldes der
den See von allen Seiten umsäumte Eine schmale wiesenartige Lichtung führte in
diesen Wald hinein Sie wurde immer schmaler und bildete schließlich einen Weg
von nur fünf oder sechs Meter Breite
    »Das ist derselbe Weg den ich damals kam« sagte Pappermann »Nur ist der
Wald jetzt höher und dichter geworden Hier fand ich die Spuren Und nur eine
kurze Strecke weiter sehen wir das Wasser des Sees«
    Er ritt diese Strecke voran Dann wendete er sich nach uns um deutete aber
vorwärts und sagte
    »Da sind die letzten Büsche Und nun kommt der See und der hohe Stein auf
dem Aschta damals saß    mein Himmel«
    Er war um die erwähnten letzten Büsche gebogen ritt aber nicht weiter
sondern blieb halten stieß diesen Ausruf der Überraschung des Erstaunens aus
und starrte nach einem Punkte der uns noch hinter dem Gesträuch verborgen war
Wir ritten schnell hin Da sahen wir nun freilich dass er sehr wohl Veranlassung
hatte zu erstaunen Ja unser Erstaunen war ebenso groß wie das seinige
    Wir hatten den See erreicht Wir befanden uns an seinem östlichen Rande Ja
er war es wert mit dem gleichnamigen Kanubisee in Massachusetts verglichen zu
werden Doch hatten wir jetzt nicht Zeit uns mit seiner Schönheit zu
beschäftigen Rechts von uns lagen die Überreste der einstigen Senecahäuser
von dem ersten Gruße der Sonne überflutet Vor uns die vom leisen Morgenhauche
bewegte durchsichtig grünblaue Wasserfläche deren reich eingebuchtete Ufer
sich wie Kulissen aus und ineinander schoben von üppigem Grün bewachsen
dessen Blätter wie eingetaucht in flüssiges Metall erschienen Und links von
uns wo die Büsche bis ganz nahe an das Ufer traten der hohe weiße
glattgewaschene Stein und auf ihm stehend    eine junge Indianerin genau
ganz genau so wie Pappermann sie uns gestern am Abend beschrieben hatte Sie
war in weiche weissgegerbte Tierhaut mit roten Fransen verziert gekleidet und
ihr langes dunkles Haar hing mit Blumen und Kolibris geschmückt weit über den
Rücken herunter Die Kolibris funkelten im Sonnenstrahle in allen Farben
leuchtender Edelsteine aber das Mädchen schaute nicht wie damals der Sonne
entgegen sondern ihr Angesicht war nach der Stelle gerichtet an der wir ihr
jetzt erschienen Und dieses Mädchen war schön sehr schön sowohl von
Angesicht als auch von Gestalt Sie bewegte kein Glied Sie sagte kein Wort
Sie sah uns still und erwartungsvoll aus ihren großen dunklen Augen entgegen
    Und sonderbar Pappermann glitt langsam von seinem Maultiere herab schritt
ebenso langsam ganz wie mechanisch auf sie zu als ob ihn eine tiefe heilige
Scheu umfange und fragte
    »Wie heissest du«
    »Ich heiße Aschta« antwortete sie genau wie ihm damals geantwortet worden
war
    »Und wie alt bist du«
    »Achtzehn Sommer«
    Da strich er sich mit der Hand über das Gesicht und sagte als ob er träume
    »Also nein Das konnte ja gar nicht sein Sie ist eine Andere wenn auch ihr
ähnlich so ganz außerordentlich ähnlich«
    »Sprichst du von meiner Mutter« fragte nun sie »Man sagt dass ich ihr
überaus ähnlich sehe«
    »Du hast eine Mutter«
    »Ja«
    »Wie heißt sie«
    »Aschta wie ich«
    »Und dein Vater«
    »Heißt Wakon Wir wohnen weit im Norden von hier am Niobraraflusse«
    Da schlug er die Hände zusammen und rief
    »Sie ist eine Tochter von ihr  eine Tochter«
    Da bog sie ihren Oberkörper weiter vor als ob sie vom Steine
herunterspringen wolle und sagte
    »Du kennst meinen Vater und meine Mutter Und die Hälfte deines Gesichtes
ist vom Pulver verbrannt Heissest du vielleicht Pappermann«
    »Ja so heiße ich«
    »Du warst zu derselben Zeit hier am Kanubisee als Vater und Mutter einander
kennen lernten«
    »Ja zu derselben Zeit«
    Da stieg sie vom Steine herab und bat
    »Reiche mir deine Hände«
    Er tat es Sie ergriff sie küsste sie ihm einmal zweimal zog dann seinen
Kopf zu sich heran küsste ihn einmal zweimal auch auf die dunkle Wange und
sprach
    »Du bist der Retter meines Vaters Hast dich für ihn geopfert Warum kamst
du nie zu uns Vater und Mutter haben niemals aufgehört sich nach dir zu
erkundigen doch ohne zu erfahren wo du bist«
    Der alte Westmann zitterte vor Aufregung und Rührung Er weinte
    »Woher weiß dein Vater dass jener Schuss nicht mir sondern ihm gegolten
hat« fragte er »Ich habe es nie verraten«
    »O doch Aber ohne dass du es wolltest Du hast es im Fieber erzählt Vater
hat jenen Menschen zweimal wieder gesehen doch ohne ihn fassen zu können Sein
richtiger Name war nicht Tom Muddy sondern Sander Als gestern Abend Euer Feuer
wie ein ganz ganz kleiner flackernder Stern vom Berge leuchtete sagte Mutter
zu mir So leuchtete damals das Lagerfeuer unseres weißen Retters von genau da
oben herab am Abend bevor ich ihn zum ersten Male sah«
    »Deine Mutter ist hier« erkundigte er sich schnell
    »Sie war hier ist es aber nicht mehr« antwortete sie »Es waren viele
Frauen und Töchter hier die aber mit dem Morgengrauen fortgeritten sind Ich
blieb allein zurück    als Wache als Kundschafterin«
    »Als Kundschafterin« fragte er lächelnd »Wenn wir nun Feinde wären«
    »So hättet ihr mich nicht zu sehen bekommen«
    »So hast du wissen wollen wer wir sind«
    »Weil wir Euer Feuer gesehen hatten ja«
    »Und woraus erkanntest du dass wir nicht gefährlich seien«
    »Weil eine Squaw sich bei euch befand«
    »Ah Ganz richtig ganz richtig Nun musst du wohl schnell von hier fort«
    »Ja um die Andern einzuholen Doch werde ich diesen Ort nicht mehr
verlassen ohne von dir erfahren zu haben wann und wo wir dich sehen und
treffen können«
    »Wohin reitet ihr«
    »Das darf ich nicht sagen«
    Da stieg der »junge Adler« vom Pferde trat hinzu und sagte
    »Du darfst  Schau her Ich bin dein Bruder«
    Er trug den neuen Lederanzug den Pappermann ihm aufgehoben hatte den alten
hatte er weggeworfen In diesem neuen Anzuge nahm er sich sehr stattlich aus Er
deutete auf die rechte Seite der Brust wo ein kleiner zwölfstrahliger Stern
aus Perlen eingestickt war Ich sah an ihrem Gewande an derselben Stelle ganz
denselben Stern
    »Du bist ein Winnetou« fragte sie ihn jetzt genauer betrachtend
    »Ja«
    »Und ich bin eine Winnetah Wir tragen also beide den Stern des großen
Winnetou und sind also Bruder und Schwester Ich bin eine Siou Ogallallah Und
du«
    »Ein Apatsche vom Stamme der Mescaleros«
    »Also von Winnetous Stamm Ich bitte dich mir deinen Namen zu sagen Oder
hast du noch keinen«
    »Ich habe einen« lächelte er »Man nennt mich den jungen Adler«
    Da machte sie eine Bewegung der Überraschung
    »Man weiß dass ein Lieblingsschüler des berühmten TatellahSatah diesen
Namen trägt Er bekam ihn schon in früher Jugend wo Andere noch lange Zeit ohne
Namen sind Kennst du ihn«
    »Ja«
    »Er war der Allererste dem TatellahSatah erlaubte den Stern unsers
Winnetou zu tragen Weißt du wo er sich jetzt befindet«
    »Ja«
    »Darfst du es mir sagen«
    »Niemand verbietet es mir Er steht vor dir«
    »Du du bist es Du selbst du selbst« fragte sie indem ein Glanz
aufrichtiger Freude ihre Wangen überflog »Man sagte du seist verschwunden«
    »Man sagte die Wahrheit« antwortete er
    »Um den heiligen Ton der Friedenspfeife zu holen«
    »Ja Und noch Schwereres dazu«
    »Man erzählte du habest dir selbst dabei eine schwere sehr schwere Aufgabe
gestellt«
    »Auch das ist wahr«
    »Ist dir die Lösung gelungen«
    »Sie gelang Unser großer guter Manitou hat mich geführt und beschützt
Seit ich den Mount Winnetou verließ sind über vier Jahre vergangen Nun kehre
ich zurück Du hast denselben Weg«
    »Ja«
    »So will ich nicht fragen wohin ihr heute reitet denn ich weiß dass ich
dich wiedersehen werde«
    »Wünschest du das«
    »Ja Und du«
    »Ich auch«
    »So bitte gib mir deine Hand«
    »Ich gebe dir beide«
    Sie reichte sie ihm und schaute ihm mit großen offenen Augen in das
männlich schön gezeichnete ernste Gesicht Er aber sah über den See hinüber
wie in eine weite weite Ferne hinein Es gab eine kurze Zeit des Schweigens
Dann sagte er
    »Die Enkelin des größten Medizinmannes der Seneca welche die Tochter Wakons
ist des Forschenden und Wissenden und der Schüler des unerreichbaren
TatellahSatah bei dem die zertretene Seele der roten Rasse ihre einzige und
letzte Zuflucht fand das bist du und das bin ich Manitou ist es der uns hier
zusammenführte Wir trennen uns nur zum Scheine Es soll ein Segen ein großer
Segen ausgehen von dem Orte an dem wir uns wiederfinden Sei gesegnet du
liebe liebe du schöne Winnetah«
    Er küsste ihr beide Hände und fragte dann
    »Wann verlässest du diesen See«
    »Sofort« antwortete sie »Aber ehe ich gehe muss ich dich fragen wohin
euer Ritt von hier aus zunächst gerichtet ist«
    »Nach der Devils pulpit Kennst du sie«
    »Ja Wie gut dass ich dich fragte Ich warne dich«
    »Vor wem«
    »Vor Kiktahan Schonka dem alten Kriegshäuptling der Sioux Ogallallah«
    »Vor deinem eigenen Häuptling«
    »Pshaw« rief sie stolz aus »Aschta kennt keinen Häuptling über sich Es
geht ein tiefer tiefer Riss durch die Dakotahstämme Die jungen Krieger sind für
Winnetou die alten aber gegen ihn Nimm dich in Acht Ich weiß dass Kiktahan
Schonka nach der Devils pulpit kommt um sich dort mit den Häuptlingen der Utah
zu treffen und zu beraten Hüte dich ihnen in die Hände zu fallen Weißt du
dass man sagt Old Shatterhand werde kommen«
    »Ich weiß es«
    »Und glaubst du dass dieses Gerücht begründet ist«
    »Ich glaube es«
    »So werden wir ihn sehen wenn es ihm gelingt den Gefahren zu entgehen die
auf ihn lauern«
    »Kennst du sie diese Gefahren«
    »Nein Ich weiß nur dass man hofft ihn wenn er wirklich kommen sollte zu
ergreifen Ihn am Marterpfahle sterben zu lassen war der glühende Wunsch aller
Feinde seines Bruders Winnetou Man sagt er sei sehr alt und grau geworden Im
Alter kommt die Kraft dem Körper und die Energie der Seele abhanden Wie würde
man jubeln wenn dem Hochbetagten jetzt nun geschähe was er in der Jugend so
oft vereitelt hat Wenn ich wüsste wann und wo er kommt so stellte ich Späher
aus um ihn warnen zu lassen«
    »Sorge dich nicht um ihn Aschta Denn was deine Späher ihm sagen würden
das wurde ihm bereits gesagt«
    
    »So ist er gewarnt«
    »Ja«
    »Dem Manitou sei Dank Nun kann ich gehen Warte Nur einen Augenblick«
    Sie entfernte sich nach der Ruine des nächsten Hauses hinter welcher wie
wir dann sahen ihr Pferd verborgen war Sie stieg dort auf kam herbeigeritten
und blieb bei uns halten um dem »jungen Adler« die Hand zu reichen
    »Leb wohl« sagte sie »Wir sehen uns wieder«
    Dann fragte sie Pappermann
    »Weißt du auch dass ich diesen Ort nicht eher verlassen werde als bis ich
weiß wo wir dich treffen werden Sag mir einen Ort der dir beliebt Wir
kommen«
    Pappermann wusste nicht was er antworten sollte darum erwiderte er
    »Ich reite mit dem jungen Adler wohin das weiß ich jetzt noch nicht«
    »Du wirst bei ihm bleiben«
    »Ja«
    »Wie lange«
    »So lange es ihm gefällt«
    »So bin ich zufrieden Ich weiß dass ich dich ganz bestimmt wiedersehen
werde«
    Hierauf wendete sie sich zu meiner Frau und mir Sie reichte auch uns beiden
die Hand und sprach
    »Es wurde mir nicht gesagt wer ihr seid darum ist es verboten zu fragen
Lebt wohl«
    Dann ritt sie davon an den Ruinen vorüber um nach den Büschen einzubiegen
hinter denen sie verschwand Pappermann und der »junge Adler« schauten hinter
ihr drein bis sie fort war dann ging der Erstere ihr langsam wie ein
Träumender nach Der junge Indianer blieb noch eine Weile an derselben Stelle
stehen dann wendete er sich mit einem Rucke um als ob es ihm Anstrengung
verursache sich von dem Eindrucke ihrer Persönlichkeit loszureißen Wir beide
aber stiegen nun auch von den Pferden und ich machte mich darüber die Spuren
derer welche hier gewesen waren zu untersuchen Das Herzle ging indessen an
die Zubereitung des Morgenkaffees
    Früher hatten wir uns diesen Ritt natürlich ohne Kaffee und sonstige
ähnliche Genüsse gedacht aber da wir in Trinidad so ganz unerwartet zu
Maultieren und einem sehr guten Zelte gekommen waren so hatten wir uns vor
unserer Abreise von dort mit einigen jener angenehmen und nützlichen Dinge
versehen welche dem sogenannten zivilisierten Menschen sogar im »wilden Westen«
beinahe unentbehrlich sind Dass hierzu auch der Kaffee gehörte versteht sich
ganz von selbst
    Ich ersah aus den Spuren dass ungefähr vierzig Personen hier gewesen waren
unter ihnen nur zwei männliche in denen ich die Führer vermutete So etwas
hätte früher nie stattfinden können sie wären alle verloren gewesen Allerdings
waren sie lauter Indianerinnen und also wenn auch nicht persönlich so doch
durch die Tradition mit den Eigenheiten und den Anforderungen der Wildnis
vertraut
    Als Pappermann wiederkam meldete er dass Aschta genau nach Süd geritten
sei wohin auch alle andern Spuren führten unser Ziel aber lag westlich von
hier Dann fragte er indem er sich zu uns niedersetzte
    »Ist das nicht ein Wunder ein wahres Wunder Genau wie damals ganz genau
Und sie wissen es dass der Schuss damals nicht mir gegolten hat Und gesucht
haben sie nach mir Gesucht bis heutigen Tages Diese guten guten Menschen
Heut ist der größte Feiertag meines Lebens Ja wahrlich der größte Feiertag
Wenn es Winter und Dezember wäre so würde ich sagen Heut ist Weihnacht für
mich und der Herrgott hat beschert Ja der Herrgott selbst denn kein Anderer
kann so Etwas geben so ein Glück So ein wirklich großes und wirklich wahres
Glück«
    Hierauf wurde er still sehr still Denn je tiefer und reiner das Glück ist
desto weniger macht es Worte Auch für mich hatte das Zusammentreffen mit dieser
jungen schönen Indianerin eine große Bedeutung und zwar nicht nur eine rein
äußerliche Ich hatte von hier aus in die Zukunst in die Ferne zu folgern und
zu schließen Besonders interessant mussten mir die zwei Perlensterne sein Sie
waren ein Erkennungszeichen Der »junge Adler« sagte nichts hierüber so fragte
ich also auch nicht Ich wusste ja auch ohne Frage und Antwort woran ich war Es
handelte sich hier ganz einfach um den großen Unterschied zwischen »Stamm« und
»Klan« bei der roten Rasse
    Das ist ein Gegenstand von größter Wichtigkeit obgleich es selbst ernsten
Forschern noch nicht geläufig gewesen ist ihm die Aufmerksamkeit zu widmen die
er ohne alle Frage verdient Wie viele Menschen besonders sogenannte Volks
oder gar Jugendschriftsteller haben schon »Indianerbücher« geschrieben ohne
von dem Außen und Innenleben der amerikanischen Rasse auch nur die geringste
positive Kenntnis zu besitzen Und das wird dann von Andern die noch weniger
wissen gelobt und warm empfohlen Ich wurde schon von vielen sogar von sehr
vielen »Indianerschriftstellern« besucht aber es gab keinen wirklich keinen
Einzigen unter ihnen der von dem Allerersten was man da zu studieren hat
nämlich von den Klanverhältnissen etwas wusste
    Wie in der Entwickelung der Menschheit im allgemeinen so machen sich auch
in der Entwickelung jeder einzelnen Rasse zwei einander grad entgegengesetzte
Bestrebungen bemerkbar nämlich der Zug der Zerklüftung und der Zug nach
Vereinigung oder sagen wir der Zug nach Einheit und der Zug nach Vielheit Die
Zerklüftung beginnt ihren Weg bei dem was man als Menschengeschlecht
bezeichnet geht über die Rasse die Nation das Volk die Stadt das Dorf immer
weiter herab und hört erst beim abgelegenen Einödhof auf dessen Besitzer sich
nur bei gewissen Gelegenheiten darauf besinnt dass er auch mit zur Menschheit
gehört Das ist der Weg des Patriotismus der Vaterlands und Heimatliebe aber
auch der Weg der nationalen Selbstüberhebung der politischen
Rücksichtslosigkeit Der andere Weg ist dem direkt entgegengesetzt Er führt zur
Vereinigung aller Einzelnen durch einen einzigen großen Gedanken zu einem
einzigen großen Volke Welcher von diesen beiden Wegen der Weg zum wirklichen
zum wahren Glücke ist das hat die Menschheit noch bis heute nicht erkennen
wollen also muss sie es durch bittere Erfahrung kennen lernen
    Wie schmerzlich ja wie grausam diese Erfahrung ist das zeigt sich bei
keiner Rasse so deutlich wie bei der amerikanischen Sie ist es welche die
Zerklüftung die Zerspaltung am allerweitesten getrieben hat Nirgends selbst
im fernsten dunkelsten Oriente nicht ist die einst mächtige imponierende
Einheit in so kleine winzige ohnmächtige Brocken und Bröckchen zerrieben und
zerkleinert worden wie bei den Indianern Jeder dieser Brocken jeder dieser
vielen Stämme und jedes dieser unzähligen Stämmchen ist stolz auf sich selbst
und stets bereit aus lauter Selbstschätzung vollends zugrunde zu gehen Diese
Zersetzung hätte schon längst zur völligen Vernichtung geführt wenn die großen
Medizinmänner der Vergangenheit nicht bemüht gewesen wären ihr
entgegenzuarbeiten und zwar in doppelter Weise nämlich zunächst in
teologischer und sodann in sozialer
    Der teologische Weg der Vereinigung lag in dem Gedanken »Großer Geist«
oder »Großer guter Manitou« Die Forschung hat gezeigt und wird noch weiter
zeigen dass der echtblütige Indianer gläubiger Monoteist war und sich dabei
glücklich fühlte bis die zersetzende Vielgötterei sich von außen her tief in
sein Inneres bohrte und den großen Niagarafall des Rassensturzes und der Rassen
und Sprachzerstäubung vorbereitete Und der soziale Weg der Vereinigung wurde in
dem Gedanken der Klans gegeben durch welche die äußerlich zerspaltenen Stämme
innerlich wieder verbunden und zusammengehalten werden sollten Freilich darf
man das Wort Klan11 hier nicht im englischen resp schottländischen Sinne
nehmen Es wurde ein Klan der Wahrhaftigkeit der Treue der Wohltätigkeit der
Beredsamkeit der Ehrlichkeit gegründet Wer sich in der Beredtsamkeit üben
wollte wer sich vornahm das ganze Leben hindurch wohltätig zu sein wer sich
stark genug fühlte niemals eine Lüge zu sagen niemals untreu oder unehrlich zu
sein der konnte dem betreffenden Klan beitreten und sich durch Wort und
Handschlag verpflichten das betreffende Gebot zu erfüllen und lebenslang zu
halten Wer es auch nur einmal übertrat der wurde ausgestoßen und galt als
ehrlos für immer Der leichteren Unterscheidung wegen und um ein sichtbares
Erkennungszeichen zu ermöglichen nahm jeder Klan den Namen irgend eines Tieres
an dessen Bild als Merkmal diente So habe ich bereits gesagt dass der große
Redner der Seneca dessen Grab wir in Buffalo besuchten zum Klan der Wölfe
gehörte Es gab einen Klan der Adler der Geier der Hirsche der Bären der
Schildkröten und so weiter
    In einen solchen Klan konnte ein Jeder eintreten wess Stammes er immer war
Selbst der Todfeind wurde angenommen und aus allen Kräften beschützt und
unterstützt wenn er die ihm auferlegte Bedingung treu und ehrlich erfüllte So
sehr zum Beispiel die Kiowas und die Navajos einander hassten und sich
gegenseitig bis auf Blut und Tod verfolgten sobald sie sich als Mitglieder
eines Klan erkannten war diese Feindschaft augenblicklich und für stets
vergraben Man kann sich denken wie segensreich diese Klans wirkten Leider
leider aber hörte das auf als die »Bleichgesichter« erschienen und ihnen
gestattet wurde auch beizutreten Sie nützten die Klans nur für ihre
persönlichen Zwecke aus und steckten die Vorteile ein die ihnen daraus
erwuchsen ohne aber ihren Verpflichtungen nachzukommen Dadurch büssten die
Klans ihren guten Ruf ihre moralischen Kredite ein und somit auch die großen
sozialen Wirkungen auf welche hin sie von ihren einstigen Gründern berechnet
waren Es blieb der Zukunft vorbehalten ob sie überhaupt wieder aufleben würden
oder nicht
    Immer waren die Klans nach Tieren benannt niemals aber nach einem Menschen
Wenigstens ist es mir nicht erinnerlich von einem solchen Fall gehört zu haben
Vielmehr war ein solches Beispiel jetzt soeben zum ersten Male an mich
herangetreten Ein Klan mit dem Namen Winnetou Denn dass es sich um einen Klan
handelte verstand sich ganz von selbst und das Erkennungszeichen für die
Zugehörigen war der zwölfstrahlige Stern den der »junge Adler« und Aschta an
ihren Gewändern trugen Wann war dieser Klan gegründet Vor wenigstens vier
Jahren Denn so alt war der Anzug den der »junge Adler« jetzt trug Dieser
junge Indianer war der Allererste der in den neuen Klan aufgenommen wurde und
zwar von TatellahSatah der also der Gründer dieser WinnetouVereinigung war
deren männliche Mitglieder sich als »Winnetou« und die weiblichen sich als
»Winnetah« bezeichnen durften Welchen höheren Zweck hatte dieser Klan Und
welche Verpflichtungen legte er seinen Mitgliedern auf Ich fragte nicht denn
ich hoffte es sehr bald zu erfahren Dass seine Ziele eminent friedliche waren
konnte man schon aus der Stammesangehörigkeit der beiden Mitglieder ersehen die
ich jetzt kannte ein Apatsche und eine Siou Ogallallah also zweien Nationen
angehörig die sich unbedingt als Todfeinde zu betrachten hatten   
    Während des Kaffeetrinkens sagte uns Pappermann dass wir heut Abend die
Devils pulpit erreichen würden
    Er bat nur um eine Stunde Aufenthalt hier am Kanubisee um sich da wieder
einmal umsehen zu können Dagegen hatten wir nichts Wir hätten ihm sehr gern
noch viel länger Zeit gegeben Aber die Stunde war noch nicht vorüber so kehrte
er von seinem Rundgange schon zurück und sagte
    »Wollen aufbrechen wenn es Euch recht ist Und wenn ich noch länger hier
herumkrieche so finde ich doch mehr Bitterkeiten als Süßigkeiten und das
brauche ich mir alten Kerl doch wohl nicht anzutun«
    Recht hatte er Auch dieser Kanubisee war schön sehr schön aber seine
Wasser hatten für uns keinen frohen sondern einen mehr als elegischen Schimmer
und so blieb er in unserer Erinnerung nur als der Ort einer kurzen Rast auf
welche neue Wanderung zu folgen hatte Wir ritten in das Tal des Purgatorio
hinab und folgten dort einem schmalen kristallklaren Wasser welches uns nach
unserm Ziele zu führen hatte Wir erreichten es doch erst dann als es bereits
fast dunkel geworden war so dass ich vorschlug lieber heut noch außerhalb des
Bereiches der »Teufelskanzel« zu bleiben weil wir vor diesem Orte gewarnt
worden waren und wegen der Dunkelheit keine Zeit mehr hatten ihn auf die
Anwesenheit von feindlichen Indianern hin vorher zu untersuchen
    »Well« sagte Pappermann »So führe ich Euch nach einem Verstecke welches
wohl kein Roter und habe er noch so gute Augen ausfindig machen wird Ich fand
es nur durch Zufall und glaube nicht dass es jetzt außer mir einen Menschen
gibt der es kennt«
    »Das ist viel gesagt« bemerkte ich
    »Aber jedenfalls richtig« antwortete er »Wir haben nur noch wenige
Schritte zu reiten und dann einem kleinen Seitenwässerchen zu folgen welches
aus einem stillen verborgenen Weiher quillt Dieser Weiher ist nicht groß Hohe
Felsen die man nicht ersteigen kann umgeben ihn Diese Felsen haben keine
Lücke nämlich so scheint es Aber wenn man grad durch den Weiher bis zur
gegenüberliegenden Seite reitet macht man die Bemerkung dass es doch eine
Seitenspalte gibt die schief hindurchschneidet und nach dem eigentlichen Quell
des Wassers führt welches nicht im Weiher entspringt sondern weiter drin eben
da wo wir übernachten werden«
    »Ist die Lücke breit genug für unser Gepäck« erkundigte ich mich
    »Ja« antwortete er »Nur die Zeltstangen habe ich lang zu packen anstatt
quer«
    »Und wie tief ist der Weiher«
    »Höchstens einen Meter«
    »Damals«
    »Hm Meint Ihr etwa dass er tiefer geworden ist Das habe ich in meinem
Leben noch nicht gehört Stehende Wasser pflegen mit der Zeit seichter zu werden
aber doch nicht tiefer Doch halt Da sind wir am Seitenwässerchen Werde hier
also umpacken Dann reiten wir nach dieser Seite zwischen die Felsen hinein«
    Wir halfen ihm die Zeltstangen anders zu legen und ließ ihn dann mit den
Maultieren voran um unser Führer zu sein Es war grad noch so viel Tageslicht
vorhanden dass wir sehen konnten wohin wir ritten Wir kamen an den Weiher der
dunkel wie ein Rätsel erschien ritten hindurch und sahen drüben angekommen
dass es im Felsen allerdings eine von dichtem Grün maskierte Lücke gab der wir
seitwärts folgen konnten Dann ging es noch eine Strecke am Wässerchen steil
aufwärts bis wir seinen Quellpunkt erreichten der in einem großen
kreisförmigen Felsenloche lag dessen Wände wie es schien sich senkrecht und
unersteigbar in die Höhe reckten
    »So Das ist der Ort« sagte Pappermann »Da können wir hundert Jahre lang
kampieren ohne dass uns ein Mensch entdeckt«
    »Aber feucht sehr feucht« fragte ich
    »Keineswegs Die Feuchtigkeit fließt ja ab Übrigens haben wir
Indianersommer schon wochenlang ohne eine Spur von Regen«
    »Kann man da an den Wänden hinaufklettern«
    »Weiß nicht Habe es damals nicht versucht Bin niemals ein Kletterspecht
gewesen«
    »Und kann Jemand von da oben herunterschauen«
    »Da müsste er erst von hier hinauf Von draußen bringt es Keiner fertig«
    »So bin ich beruhigt Machen wir also erst ein Feuer um sodann das Zelt
aufzuschlagen«
    Beides war in Zeit von einer halben Stunde geschehen Wir banden die Pferde
und Maultiere nicht an so dass sie sich bewegen konnten wie sie wollten Sie
tranken sich erst tüchtig satt Dann wälzten sie sich ebenso tüchtig im Moose
was sie gern tun so lange sie gesund in den Knochen und Gelenken sind Und
hierauf fanden sie so viel Blatt und auch anderes Grün dass wir getrost mehrere
Tage hier bleiben konnten ohne befürchten zu müssen dass es ihnen an Futter
mangele Sie bedurften aber der Ruhe mehr als der Nahrung denn der Ritt von dem
Kanubisee bis hierher war doch weiter und anstrengender gewesen als wir nach
Pappermanns Worten vermutet hatten Auch wir selbst fühlten uns ermüdet Darum
dauerte es nach dem Abendessen gar nicht lange bis wir uns niederlegten Und
das war heut abend ganz anders als gestern Heut schliefen wir sofort ein und
ich muss zu meiner Schande gestehen dass ich nicht eher aufwachte als bis
Pappermann mich weckte »Mrs Burton ist schon munter« entschuldigte er sich
»Sie hat schon heißes Wasser bestellt um    hört Ihrs Sie mahlt den Kaffee
im Zelt um Euch nicht aufzuwecken Sagt Ihr ja nichts dass ich es dennoch für
richtig hielt Euch einen Stoß zu versetzen Der Mann sei doch immer Mann Das
ist er aber nicht wenn er schläft«
    »So habt Ihr mich also nur um meiner Ambition willen geweckt« lachte ich
    »Yes Old Shatterhand und schlafen wenn seine Frau schon munter ist Das
geht auf keinen Fall«
    Jetzt betrachtete ich mir die Oertlichkeit Sie bot allerdings ein selten
schönes Versteck Es gab nirgends auch nur die geringste Spur dass jemals ein
Mensch an diesem abgelegenen Ort gewesen sei Die Felsenwände waren überaus
steil aber nicht unersteigbar Es gab Riesenbäume die mehrere hundert Jahre
alt waren und sich mit ihren Ästen und Zweigen so eng an das Gestein
schmiegten dass sie das Klettern erleichterten und unterstützten Der »junge
Adler« hatte kaum seinen Kaffee zu sich genommen so begann er den Versuch in
die Höhe zu kommen Es gelang ihm ohne Schwierigkeit Kaum war er oben
angelangt so ertönte sein lauter Ruf
    »Uff uff Ich sehe ein Wunder ein Wunder«
    »Nicht so laut« warnte ich hinauf »Wir wissen noch nicht ob vielleicht
doch Menschen in der Nähe sind«
    »Hier kann es keinen geben der uns hört« antwortete er herab »Da ist
ringsum nichts als nur Luft«
    »So hoch Und was liegt unten«
    »Devils pulpit«
    »Die Teufelskanzel Wirklich«
    »Ja«
    »Das ist unmöglich ganz unmöglich« widersprach Pappermann
    »Warum« fragte ich ihn
    »Weil ich es weiß Und was Maksch Pappermann weiß das weiß er ordentlich
Der Weg nach der Teufelskanzel führt tief nach links hinunter wir aber sind
rechts abgewichen Und sie ist von allen Seiten von hohen steilen Felsen
umgeben die kein Mensch erklimmen kann Wie ist es da möglich dass er sie
sieht«
    »Er behauptet es aber«
    »Er irrt«
    »Ist es nicht auch möglich dass Ihr Euch irrt«
    »Nein«
    »Dass der Weg von hier nach der Teufelskanzel Krümmungen macht die Euch
täuschen«
    »Es kann sich kein Mensch und kein Tier und kein Weg so sehr krümmen dass er
es fertig bringt mich zu täuschen«
    Ich fragte den Indianer noch einmal und er blieb bei seiner Behauptung dass
er die Devils pulpit sehe Da auch er sie kannte ergab das einen Widerspruch
der mich bestimmte dem »jungen Adler« zu folgen Meine Frau ist keine üble
Kletterin Sie besucht Gebirgsgegenden sehr gern und zeigt sich da zuweilen
kühner als ich ihr erlauben darf Sie kam mir nach Doch Pappermann blieb
sitzen
    »Bin mein Lebtage keine Gemse gewesen« behauptete er »und werde auch nun
nicht erst eine werden Ein ebener Weg ein gutes Pferd und ein festgeschnallter
Sattel das ist es was ich haben will Steigt so hoch ihr wollt ich mache
nicht mit«
    Als wir hinaufkamen bot sich uns ein wunderbarer Anblick dar Ich hatte die
Teufelskanzel noch nie gesehen war aber doch gleich beim ersten Blick
überzeugt dass sie es war nichts Anderes Das rief ich dem alten Westmann
hinab Da stand er denn doch auf und begann sich langsam und sehr vorsichtig in
die Höhe zu kraxeln Es dauerte ziemlich lange bis er uns erreichte
    »So Da bin ich« sagte er »Nun will ich einmal hinunterschauen um zu
sehen welch ein unbegreiflicher Unsinn sich da   «
    Er hielt mitten im Satze inne vergaß aber den Mund zuzumachen
    »Welchen Unsinn meint Ihr« fragte ich
    »Den Unsinn dass dass    Alle Teufel Was ist mir da passiert«
    »Nun ist es die Devils pulpit Oder ist sie es nicht«
    »Sie ist es O Pappermann Maksch Pappermann was bist du für ein
Riesenschaf oder gar was für ein Kamel Daran ist aber nur dieser unglückselige
Name schuld Denn nur wer Pappermann heißt kann sich eine so entsetzliche
Blamage auf das Gewissen laden Dieser Name dieser Name Der ist mein Unglück
gewesen so lange ich lebe Hätte mein Vater Müller oder Schulze oder Schmidt
geheißen meinetwegen auch Hanfstängel Zuckerkant oder Pumpernickel so wäre
ich ebenso gut ein Glückskind gewesen wie andere Leute auch Aber Pappermann
Pappermann das ist das Schrecklichste was es gibt Das hat mich verfolgt bis
hierher Und das wird mich auch noch weiter verfolgen bis es nichts mehr an mir
gibt was überhaupt verfolgt werden kann«
    Er fühlte sich in hohem Grade unglücklich Handelte es sich doch um seine
Westmannsehre die ihm über Alles ging Eines derartigen Irrtums darf sich kein
Berg Wald und Savannenläufer schuldig machen wenn er es nicht darauf
ankommen lassen will seinen guten Ruf auf das Spiel zu setzen Glücklicherweise
aber war Niemand da der Lust hatte ihn bei diesem Fehler zu fassen und als
ich ihm versicherte dass auch mir solche falsche Berechnungen schon wiederholt
passiert seien begann er sich zu beruhigen
    Man denke sich ein plattes Dach dessen steinernes Geländer aus schweren
Felsenbrocken besteht Dieses Dach ist mit Bäumen und dichtem Gebüsch besetzt
so dass man wenn man da oben steht von unten nicht gesehen werden kann Tritt
man an das Geländer heran und schaut hinab so sieht man dass die Felsenwand
fast senkrecht in die Tiefe fällt Auf diesem platten Dache befanden wir uns
und tief unter uns lag die Teufelskanzel
    Wer sich mit Geometrie beschäftigt hat der weiß was man unter einer
Ellipse versteht Weil aber nicht alle meine Leser Geometer sind will ich mich
hier nicht geometrisch sondern als Laie ausdrücken um leichter verstanden zu
werden Eine Ellipse ist ein Kreis der so lang ausgezogen ist dass er zu dem
einen Mittelpunkte noch einen zweiten bekommen hat Diese beiden Mittelpunkte
werden auch Brennpunkte genannt Wer einen Fischkessel in der Küche hat der
kennt die länglich runde Form einer solchen Ellipse Und der Fischkessel mag
zugleich auch ein Bild des länglich runden Bergkessels sein zu dem sich unsere
Felsenwand hinuntersenkte Dieser Kessel bildete so genau eine Ellipse als ob
er nicht von der Natur sondern von Menschenhand mitten in das gewaltige Kompakt
der Bergmasse hineingebrochen worden sei Wie ich dann später freilich sah
hatte die Natur allerdings zwar vorgearbeitet die berechnende Kraft des
Menschen aber nachgeholfen Das war vor alten ja uralten Zeiten geschehen und
so lange her dass die Felswände welche erst ganz gewiss senkrecht und nackt
gewesen waren infolge der Verwitterung nun Risse Sprünge Ecken Kanten
Höhlungen Altane und andere Abweichungen von der lotrechten Linie zeigten auf
denen und in denen sich nach und nach ein kräftiger Baum und Strauchwuchs nebst
anderem Kräuter Stauden Gras und Moosgrün angesammelt hatte Auch der Boden
des Kessels war mit grünender Vegetation bedeckt doch machte ich in Beziehung
auf diese Vegetation sofort zwei in die Augen fallende Beobachtungen Nämlich es
schien hier ein Pflanzenwuchs ursprünglich nicht beabsichtigt zu sein denn es
gab da einen vollständig sterilen Untergrund und der musste mit voller
Berechnung hergeschaft worden sein denn so weit das Auge reichte gab es nur
fruchtbares Land Die Bäume die da unten auf dem Grunde des Kessels standen
hatten alle so alt und so stark sie waren keine Wipfel mehr Und wo es noch
welche gab da waren sie vertrocknet Das deutete darauf hin dass sie sich nur
von einer dünnen angewehten Erdschicht nährten mit den Wurzeln aber nicht in
die Tiefe konnten oder dort keine Nahrung fanden Und in der Tat als ich später
hinunterkam und nachschaute fand ich dass so weit die Ellipse reichte ihr
ursprünglicher Boden so dicht dass keine Pflanze einzudringen vermochte mit
starken Steinplatten belegt war auf denen sich im Laufe der Zeit eine Schicht
von Humuserde gebildet hatte von welcher sich das später entstandene Baum und
Strauchwerk durch die Seitenwurzeln ernährte Pfahlwurzeln gab es nicht Daher
die Verdorrung sämtlicher Wipfel
    Wozu einst diese Belegung des Bodens mit Platten Das war die erste Frage
die ein aufmerksamer und vorsichtiger Beobachter hier zu beantworten hatte
    Die andere in die Augen fallende Beobachtung war die dass ein Drittel dieser
Vegetation vollständig unberührt zu sein schien während man es den andern
beiden Dritteln gleich beim ersten Blicke ansah dass da Menschen verkehrt
hatten und zwar nicht allzu selten Die Scheidelinie zwischen dem größeren
berührten Teile und dem kleineren unberührten war sogar auffällig scharf
gezogen Es sah so aus als ob ein strenges Verbot herrsche dieses sehr dicht
bewachsene Drittel der Ellipse zu betreten
    Weshalb und zu welchem Zwecke diese Unterscheidung Das war die zweite
Frage der man nachzuspüren hatte wenn man den Anspruch erhob für einen
scharfen und zuverlässigen Beobachter zu gelten
    Und nun kommt die Hauptsache die von allerhöchstem Interesse ist
Wenigstens war sie das für mich Es gab nämlich auf dem sonst vollständig
ebenen ellipsenförmigen Boden des Felsenkessels zwei ziemlich bedeutende
künstlich hergestellte Erhöhungen welche ganz das Aussehen hatten als ob der
Kessel einst in der Absicht hergestellt worden sei ihn mit Wasser zu füllen und
also eine Art von See zu bilden aus dem die beiden Erhöhungen als Inseln
hervorschauten Im Lause der Jahrhunderte hatte sich das zu und abfliessende
Wasser so tief eingefressen dass der Boden des Bassins erreicht und dieses
einfach durch Auslaufen und späteres Versiegen des Wassers trocken geworden war
    Diese Beobachtung an sich hätte weiter nichts ergeben als dass in uralter
Zeit hier Menschen vorhanden gewesen seien welche in Beziehung auf ihre
Bauwerke und in Folge dessen auch anderweit bedeutend höher standen als die
späteren Indianer oder sagen wir richtiger als die späteren Generationen Aber
diese beiden Erhöhungen  ich will dem Bilde treu bleiben und sie Inseln nennen
 hatten die höchst auffällige Eigentümlichkeit dass sie in den zwei
Brennpunkten der Ellipse lagen und zwar ganz genau Das konnte nicht Zufall
sondern das musste Berechnung sein Da entstand nun sofort die Frage Welches war
der Zweck dieser Berechnung das Fazit dieses Exempels Etwas Gewöhnliches
Alltägliches jedenfalls nicht Ich dachte an die schwierigen astronomischen
Berechnungen welche dem Baue der ägyptischen Pyramiden zu Grunde liegen an die
noch unaufgeklärten Geheimnisse der Teokalli und anderer Tempelwerke aus
früherer Zeit doch bin ich weder Fachmann noch Gelehrter und darf es unmöglich
wagen mich auf so schwierige wissenschaftliche Spekulationen einzulassen Aber
ein Gedanke kam mir doch wenngleich die Aufrichtigkeit mich zwingt zu
gestehen dass er mir bedeutend kühner erschien als ein einfacher Westmann der
nur die Absicht verfolgt auf seine Sicherheit bedacht zu sein sich gestatten
darf Aber er stellte sich wieder und immer wieder ein er packte mich fester
und fester und ließ mich nicht wieder los Es war der Gedanke an jene im
Altertum oft auch baulich behandelte Tatsache dass man innerhalb einer gewissen
geometrischen Figur an einem Punkte ganz deutlich das hört was an einem
anderen entfernten Punkte leise gesprochen wird Dieser Gedanke kam ohne mein
Zutun also ohne dass ich grübelte Ich wies ihn ab Aber er kehrte zurück als
der »junge Adler« zu sprechen begann und wollte seitdem nicht wieder weichen
Der Indianer deutete nämlich von da oben wo wir standen hinab in die Tiefe und
sagte
    »Das ist die Kanzel Wir stehen auf dem höchsten Teile der Wand von der sie
umschlossen wird Es gibt zwei Kanzeln Die eine nämlich diese hier ist den
Bleichgesichtern bekannt von der andern aber wissen sie nichts Die eine wird
von ihnen die Kanzel des Teufels genannt die andere würden sie wohl als die
Kanzel des guten Manitou bezeichnen Die roten Männer aber nennen diese hier
Tscha Manitou12 und die andere Tscha Kehtikeh13«
    »Welchen Punkt bezeichnet Ihr als Kanzel« fragte ich ihn »Die längliche
Runde dieses Felsenkessels erstreckt sich von Ost nach West Es gibt eine
Erhöhung im östlichen und eine im westlichen Teile Welche von beiden ist die
Kanzel«
    »Die im westlichen Teile« antwortete er
    »So ist also die andere das Ohr«
    Er sah mich an und wusste nicht was ich meinte Da erklärte ich ihm
    »Von der Kanzel herab pflegt man doch zu sprechen Und was der Redner
spricht soll gehört werden Ihr aber erwähntet hier ein Ohr welches hört Ihr
nanntet es Das Ohr Gottes Wo liegt es«
    »Das weiß ich nicht Jedenfalls ist derselbe Punkt gemeint den die Weißen
als Kanzel bezeichnen Was ich hierüber weiß das habe ich von TatellahSatah
meinem Lehrer erfahren An der einen Kanzel nämlich an dieser hier hört Gott
was der Teufel spricht und verurteilt ihn zur Verdammnis Und an der andern
Kanzel welche den Weißen noch unbekannt ist hört der Teufel was Gott spricht
und wird dadurch von der Verdammnis erlöst«
    »Das ist ein tiefer ein sehr tiefer Sinn der jedenfalls hier irgendwo und
irgendwie in ein äußeres Gewand gekleidet ist nach dem ich suchen werde Ihr
seht doch dass der östliche Teil des Kessels ein förmliches Pflanzendickicht
bildet während der westliche größere Teil viel weniger bewachsen ist Man
scheint dort sogar zuweilen Holz niedergehauen zu haben um Feuer zu machen«
    »Das tut man stets wenn man zur Beratung hier versammelt ist«
    »Zur Beratung Doch auch zur Jagd oder zu einem sonstigen Zwecke«
    »Nein Dieser Ort ist jedem roten Manne heilig Er ist nur für große
wichtige Beratungen bestimmt die zwischen verschiedenen Nationen abgehalten
werden Nie wird man hier über unwichtige Dinge beraten Und nie wird ein roter
Mann diesen Ort betreten ohne dass es eine große Zusammenkunft zweier oder
mehrerer Nationen gilt«
    »Ah  Wirklich«
    »Ja« versicherte er »Ich weiß das ganz genau Und selbst bei großen
Beratungen wo viele viele Krieger sich hier versammeln wird es keiner von
ihnen wagen den östlichen Teil dieses Platzes zu betreten«
    »Warum«
    »Man sagt da wohne der böse Geist der Teufel nach dem man die Kanzel
benennt«
    »Höchst interessant höchst sonderbar und höchst unklar Was man sich von
diesen beiden Kanzeln erzählt ist jedenfalls viele hundert Jahre alt Da lässt
sich wohl denken wie sehr man die Wahrheit verwischte Glaubt Ihr daran«
    »Ich glaube an den Kern dieser Wahrheit«
    »Kennt Ihr ihn diesen Kern«
    »Nein Ich hoffe aber ihn von TatellahSatah zu erfahren«
    »Es fragt sich ob er selbst ihn kennt Wenn er ihm bekannt wäre hätte er
als er hier von dieser Kanzel sprach sich anders ausgedrückt Er hätte nicht
Kanzel und Ohr als denselben Punkt bezeichnet Glaubt auch Ihr dass dort im
östlichen Teile des Platzes sich der böse Geist aufhält der Teufel«
    »Ich achte den Brauch meiner Väter ohne zu fragen ob er sich auf Wahrheit
gründet oder nicht«
    »So werdet Ihr es also vermeiden den heiligen Ort da unten zu betreten«
    »Wird Mr Burton hinuntergehen«
    »Ja ich gehe«
    »Mrs Burton vielleicht auch«
    »Ja ganz bestimmt auch sie«
    »So gehe ich sehr gern mit wenn Beide es wünschen Ich war vier Jahre lang
bei den Bleichgesichtern und habe bei ihnen gelernt die Seele eines Dinges vom
Dinge selbst zu unterscheiden Die Seele ist mir heilig ihr sichtbares Kleid
aber verehre ich nicht Doch ich achte es und würde es nur dann verletzen oder
gar zerreißen wenn ich Grund hätte es für bös also für schädlich zu halten«
    Wie dieser junge Indianer sprach Wäre er mir nicht schon so sehr
sympathisch gewesen so wäre er es mir nun jetzt geworden Jetzt fragte
Pappermann der sich bisher still verhalten hatte
    »Ich höre Ihr wollt da hinunter«
    »Natürlich Die Devils pulpit ist doch unser Ziel« antwortete ich
    »Wann«
    »Sofort«
    »So müssen wir satteln«
    »Ist nicht nötig Wir laufen«
    »Oho« rief er verwundert aus »Glaubt Ihr dass Maksch Pappermann läuft
wenn er ein Pferd oder ein Maultier am Zügel hat«
    »Das glaube ich freilich nicht Aber es hat Euch auch niemand zugemutet zu
laufen Ihr bleibt nämlich hier«
    »Ich   Bleibe   Hier   « fragte er erstaunt
    »Ja«
    »Bin ich etwa nicht wert mitgenommen zu werden«
    »Redet keinen Unsinn Ich brauche Euch hier oben notwendiger als da unten
Wir wissen dass die Feinde kommen Ja wir wurden extra gewarnt Aber leider
wissen wir keine bestimmte Zeit Jeder Augenblick kann sie uns bringen Sie
können sich grad dann einstellen wenn wir da unten sind und sie nicht kommen
sehen Grad darum beabsichtige ich ja zu laufen nicht zu reiten Pferde machen
deutlichere Spuren als Menschen Und es könnte sich ereignen dass wir wohl ganz
glücklich entkommen könnten uns aber um dann auch sie zu retten blossstellen
und in Gefahr begeben müssten   «
    »Ah Errate errate« unterbrach er mich
    »Nun was erratet Ihr«
    »Dass ich hier oben bleiben soll um Wache zu halten um aufzupassen«
    »Allerdings«
    »So ist das etwas Anderes Ich tue es gern und bitte mich zu unterweisen«
    »Das ist sehr schnell geschehen Wir wissen dass die Sioux und die Utahs
kommen werden Die Ersteren sind von Norden die Letzteren von Westen her zu
erwarten Für beide Fälle liegt der Talkessel so dass sie nicht von der Seite
kommen können von der wir gestern kamen sondern von der entgegengesetzten Und
diese Seite liegt hier so deutlich und so ausführlich vor Euren Augen dass Ihr
die Roten schon lange ehe sie kommen bestimmt entdecken müsst Da gebt Ihr uns
ein Zeichen«
    »Was für eins«
    »Einen langen scharfen Pfiff«
    »Etwa so«
    Er steckte den gekrümmten Zeigefinger in den Mund und ließ eine Probe hören
    »Ja das genügt«
    »Schön Aber wie steht es mit dem Wege hinunter zur Kanzel Ihr seid noch
nicht unten gewesen«
    »Ist auch nicht nötig Der junge Adler kennt ihn ja Und selbst wenn dies
nicht der Fall wäre glaubt Ihr doch nicht etwa dass ich mich verlaufen würde
nachdem ich die Devils pulpit von hier aus so deutlich vor mir liegen sah
Kommt«
    Wir stiegen wieder zum Lager hinab nur Pappermann allein blieb oben Ich
nahm den zerlegten Henrystutzen aus dem Koffer und schraubte ihn zusammen
    
    »Willst du schießen« fragte das Herzle
    »Aengstige dich nicht Ich denke nur an Wild« beruhigte ich sie »Der junge
Adler wird sein Gewehr auch mitnehmen«
    Sie winkte verstohlen nach ihm hin Mein Blick folgte dieser Richtung ebenso
verstohlen Ich sah was sie meinte Es war rührend mit welch einer andächtigen
Spannung er den Stutzen betrachtete und jeden Griff beobachtete den ich tat
indem ich ihn lud
    »Uff« sagte er »Das ist er Das also ist er Wie oft hörte ich von ihm
sprechen Darf ich ihn einmal berühren«
    »Hier ist er«
    Er nahm ihn in die Hand doch ohne sich zu erlauben ihn untersuchen zu
wollen Dann drückte er ihn wie in einer plötzlichen Aufwallung an sich und
sagte
    »Wie oft wurde Winnetou durch ihn gerettet wie oft Ein einziges ein
einziges Gewehr«
    Bei diesen Worten gab er mir den Stutzen zurück Ich nahm ihn und
antwortete
    »So einzig wie Ihr denkt ist er längst nicht mehr Ja man hat mich
ausgelacht wenn ich von fünfundzwanzig Schüssen sprach Es hat sogar kluge
sehr kluge Menschen gegeben welche mich dieses Gewehres wegen einen Lügner und
Schwindler nannten obgleich sie von Handfeuerwaffen und vom Schießen so wenig
verstanden dass es mich geradezu erbarmte Nun aber ist es schon lange her dass
ich nicht nur gerechtfertigt sondern sogar übertroffen worden bin In Italien
erfand Major CeiRigotti ein fünfundzwanzigschüssiges Armeegewehr und dem
englischen Kriegsminister wurde sogar ein achtundzwanzigschüssiges welches 3100
Meter weit trägt von einem schottischen Erfinder vorgelegt Übrigens wird
dieser Stutzen zu seiner Zeit genau denselben Weg gehen den jetzt Winnetous
Silberbüchse geht«
    »Habt Ihr auch diese mit« fragte er indem seine Augen leuchteten
    »Ja«
    »Darf ich sie sehen«
    »Später Jetzt müssen wir jeden Augenblick für die Untersuchung der Devils
pulpit sparen denn wenn die Feinde angekommen sind ist es zu spät dazu
Verlieren wir keine Zeit«
    Als ich das sagte hörten wir über uns ein Lachen Pappermann war es Er kam
herabgestiegen Er hatte uns schon fast erreicht da sagte er
    »Ja obenbleiben soll ich Und laufen wollen diese drei klugen Leute Werden
aber doch reiten müssen Und werden mich dazu brauchen sehr sogar sehr«
    Indem er das sagte fiel mir ein wie recht er hatte Das Herzle aber
fragte
    »Reiten Und Euch dabei auch brauchen Gewiss nicht Wir gehen«
    »Nein Ihr reitet« lachte er fröhlich »Werdet mir schon einmal gehorchen
müssen ganz gleich ob Ihr wollt oder nicht Oder will Mrs Burton vielleicht
nasse Füße haben einen Schnupfen einen Husten einen Katarrh und andere schöne
Dinge Das Niesen gar nicht gerechnet«
    Das war allerdings sehr richtig Ein Westmann fragt freilich nicht danach
ob er feucht wird oder nicht aber wenn er es vermeiden kann so ist er
einverstanden Wir setzten uns also alle auf und ritten hinaus über den Weiher
hinüber Dann schaffte Pappermann die Pferde wieder zurück Wir aber folgten dem
schmalen Wässerchen abwärts bis wir die Stelle erreichten an welcher wir
gestern von der Richtung nach der Teufelskanzel abgewichen waren Von da an
hatte der größere Bach unser Führer zu sein bis er allzu mutig wurde und sich
in verschiedenen Sprüngen und Kaskaden direkt in die Tiefe stürzte Das konnten
wir nicht mitmachen Wir stiegen also langsam und in bequemen Schlangenwindungen
hinunter und machten dabei die Bemerkung dass wir da nicht der geraden Richtung
folgen konnten sondern einen ganz ansehnlichen Bogen schlagen mussten was
Pappermann aber nicht mit berechnet hatte und darum zu der irrigen Ansicht
gekommen war dass das was der »junge Adler« sah nicht die Teufelskanzel sein
könne
    Unten in der Tiefe angekommen sahen wir zunächst die schmale Spalte welche
das Wasser in uralter Zeit fast senkrecht in den Felsen gefressen hatte Es sah
fast aus wie mit einer riesigen Säge hineingeschnitten Ganz dasselbe hatte
auch uns gegenüber am Ausgange des Kessels stattgefunden Es war also erwiesen
dass der letztere einen halb natürlichen halb künstlichen See gebildet hatte und
später als der Wasserabfluss seinen Grund erreichte vertrocknet war Welchen
Zweck hatten die beiden Inseln gehabt Etwa den überhaupt nur Inseln zu sein
Das wollte mir nicht einleuchten Ebenso wichtig war mir die Frage Wurde dieser
Zweck mit Hilfe des Wassers erreicht so dass nun jetzt wo es kein Wasser mehr
gab auch er nicht mehr nachgewiesen werden konnte Der Bach war freilich noch
da Er floss auch noch immer lang durch den ganzen Kessel Aber er hatte die
Steinplatten nicht durchdringen und sich eine tiefere Rinne bohren können
sondern sie bildeten seinen Grund auf dem er sich durch angeschwemmtes Geröll
seine eigenen Ufer gebaut und befestigt hatte Wir wurden von ihm zunächst in
den östlichen dichter bewachsenen Teil des Kessels geführt verweilten uns da
aber nicht sondern hoben ihn uns für später auf weil es galt zunächst den
westlichen Teil des Terrains kennen zu lernen weil von dieser Seite die Roten
zu erwarten waren Wir mussten also vor allen Dingen dort fertig sein bevor sie
kamen
    In diesem westlichen Teile gab es einige Stellen an denen unter der
aufgewühlten Erde die Steinplatten hervorschauten Die Bäume die es da gab
waren nicht hoch und die Büsche nicht dicht Sie hatten nur allzuoft das
Material zu Lagerfeuern liefern müssen Die zwischen ihnen liegenden
zahlreichen lichten Stellen waren so groß dass hunderte von Lagernden Platz
finden konnten ohne einander zu beengen Die hier befindliche Insel war höher
als der höchste Baum was aber nicht viel sagen will weil die Bäume ja keine
bedeutende Höhe besaßen Sie war nicht mit Grün bewachsen sondern vollständig
kahl Eine Reihe von Stufen führte hinauf Oben gab es in der Mitte einen hohen
steinernen Sessel und rund um ihn einen Kreis von niedrigeren Sitzen Das war
die »Teufelskanzel« auf welcher die Häuptlinge zu beraten und das Ergebnis dann
durch den Sprecher dem unten versammelten Publikum zu verkünden hatten
    Wir stiegen hinauf Es war nicht das Geringste zu sehen was uns als
beachtenswert erschienen wäre Natürlich visierte ich von hier aus doch ohne
Etwas davon zu sagen die im östlichen Teile liegende andere Insel Sie war
genau ebenso hoch wie diese hier doch umfangreicher und außerdem dicht
bewachsen Auch bis zu ihrer Oberfläche reichte keiner der Bäume herauf und
wenn es sich wirklich wie ich mehr und mehr vermutete um ein akustisches
Geheimnis handelte so gab es auf unserer jetzigen Höhe rundum keinen
Gegenstand durch den die Schallwellen hätten aufgefangen oder unterbrochen
werden können Hierauf stiegen wir wieder hinab Wir waren mit diesem Teile des
Kessels fertig und schauten einmal zur Höhe empor ob es wohl möglich sei
unsern Pappermann zu sehen Jedenfalls beobachtete er uns aber da er
wahrscheinlich so klug war sich nicht ganz vor an die Brüstung zu wagen
konnten wir ihn nicht entdecken
    Nun begaben wir uns nach dem andern dem dichter bewachsenen Teil der
Ellipse Ich steuerte da direkt auf die zweite Insel zu hemmte aber gar bald
meinen eiligen Schritt denn ich stieß auf Spuren doch glücklicherweise auf
solche die man gern sehr gern zu sehen pflegt Auch dem »jungen Adler« fielen
sie auf der Stelle auf Es sah fast so aus als ob Kinder wiederholt durch die
Him und Brombeersträucher gebrochen seien Wir waren zunächst still aber als
wir uns einmal rund um die Insel geschlichen hatten und nun wussten woran wir
waren fragte ich
    »Herzle hast du Appetit auf Bärenschinken oder Bärentatzen«
    »Mein Schreck« antwortete sie schnell und sogleich erregt »Gibt es etwa
Bären hier«
    »Ja«
    »Wohl gar Grizzlies«
    »Nein So schlimm ist es nicht Es ist ein ganz niederträchtig unschädlicher
schwarzer Bär der auf dem linken Hinterbeine hinkt Er scheint einmal verwundet
worden zu sein und hat sich also die Gefährlichkeit abgewöhnen müssen Ich
vermute in ihm einen leidenschaftlichen Vegetarier der sich nicht die geringste
Mühe geben wird dir als Menschenfresser zu erscheinen Er steckt hier droben
auf der Insel«
    »Da oben« Sie schaute empor und fügte sofort hinzu »Du hast Recht Ich
sehe ihn Da guckt er herunter Da da«
    Sie zeigte mit der Hand hinauf Da hob der »junge Adler« auch schon sein
Gewehr
    »Schiesst nicht schießt nicht« bat sie »Er macht ein gar zu liebes
albernes Gesicht«
    Aber ihr Wunsch kam zu spät Der Schuss krachte Die Kugel war in das Auge
gezielt und drang direkt in das Gehirn Der Bär hatte hart am Rande der Insel
gelegen und als er uns sah eine Bewegung gemacht sich aufzurichten Nun sank
er wieder nieder wälzte sich unter der Wirkung des Schusses einmal nach vorn
und kam dann heruntergerutscht um tot vor unsern Füßen liegen zu bleiben
    »Wie schade wie schade« meinte das Herzle »Wir konnten ihn leben lassen«
    »Zu seiner eigenen Qual« fragte ich indem ich ihn untersuchte »Schau her
Er war nicht verwundet sondern er hatte das Hinterbein gebrochen und da ihn
keine Universitätsklinik aufnehmen wollte so schleppte er es hinterher bis ihn
unsere Kugel erlöste«
    »Aber gebrochene Beine esse ich nicht« erklärte sie energisch
    »Ich auch nicht« stimmte ich ihr bei »Sie müssen unbedingt erst
eingerichtet und dann verbunden werden natürlich in Gips Hierauf spickt und
bratet man sie und dann werden sie gegessen«
    »Du bist ein lasterhafter Mensch« bestrafte sie mich halb lachend und halb
ernst »Was wird nun mit dem Bär Ich trage ihn nicht hinauf wo wir wohnen«
    »So wird er von unserm Maksch geholt Er ist über vier Jahre alt und wiegt
wohl einige Zentner aber wir haben ja Maultiere ihn zu tragen Wir müssen
Alles fortschaffen dürfen nichts von ihm hier lassen der Indianer wegen die
wir erwarten Jetzt ziehen wir ihm den Rock aus«
    Das ging sehr schnell Der »junge Adler« half und zeigte sich als geschickt
und sauber Als wir das Wild dann wieder in sein eigenes Fell gewickelt hatten
setzten wir unsere unterbrochenen Nachforschungen fort Auch hier führten Stufen
hinauf die aber von Ranken fast unwegsam gemacht worden waren Zu beiden Seiten
dieser Stufen gab es je eine große Steintafel mit ziemlich wohlerhaltenen
Meisselarbeiten Diese Tafeln waren jedenfalls erst dann angebracht worden als
das Bassin kein Wasser mehr hatte Sie enthielten Abbildungen der Insel Aus der
ersten Tafel sahen wir eine männliche Figur welche hinaufsteigen wollte Auf
der zweiten erschien oben ein schreckliches Ungetüm welches diesen Kühnen
verschlang noch ehe er hinaufgelangt war Also eine Warnung die Insel zu
betreten Warum das Es schien hier also doch Etwas vorhanden gewesen zu sein
was Niemand wissen durfte Wir kletterten hinauf
    Oben angekommen sahen wir vom Gebüsch vollständig überwuchert ein
kleines niedriges Gebäude ungefähr einer Feldwächterhütte ähnlich aber aus
Steinplatten bestehend sowohl die Wände als auch das Dach Gleich daneben hatte
sich der Bär sein Lager hergerichtet gehabt Drinnen hätte er es wohl bequemer
gehabt aber er hatte nicht hineingekonnt denn die Tür war zu Sie ging in
einer steinernen Standangel die in den Platten selbst angebracht war Wir
öffneten Die Hütte war leer vollständig leer Es konnten vier Personen da
sitzen mehr aber nicht Für wen war dieses Häuschen bestimmt gewesen Etwa für
den Lauscher Er saß hier versteckt und ungesehen Auf der andern Insel aber gab
es weder ein solches Häuschen noch verbergende Büsche Er konnte also alles
sehen die aber die er beobachtete sahen ihn nicht
    Eine weitere Entdeckung war auch hier oben nicht zu machen und zwar aus dem
sehr triftigen Grunde weil es überhaupt weiter nichts gab Wenn das Geheimnis
nach dem ich suchte wirklich vorhanden war so fusste es ganz gewiss nicht auf
scharfsinnigen raffinierten Komplikationen sondern auf der außerordentlich
schlichten Anwendung eines höchst einfachen Naturgesetzes Ich war im höchsten
Grade gespannt hielt aber meine Gedanken jetzt noch geheim Doch zögerte ich
nicht die entscheidende Probe zu machen Ich bat meine Frau mit dem »jungen
Adler« nach der andern Insel zurückzukehren und sich dort auf den großen Stuhl
der Häuptlinge zu setzen
    »Wozu« fragte sie
    »Es gilt eine Überraschung welche ich dir bereiten möchte«
    »Eine gute«
    »Ja eine gute Wenn es gelingt wirft du dich freuen Oder willst du dich
lieber schlimm überraschen lassen Das kann ich auch«
    »Nein Lieber gut Aber muss es denn sein«
    »Ja Ganz unbedingt«
    »Du bist seit einiger Zeit so außerordentlich geheimnisvoll Hoffentlich ist
das nur vorübergehend Ich werde gehorchen«
    Sie entfernte sich mit dem Apatschen Ich trat an den Rand der Insel und
schaute ihnen nach Ich sah sie beide über den Platz gehen indem sie
miteinander sprachen bis an die »Kanzel des Teufels« Sie stiegen hinauf Ich
muss sagen dass ich mich in großer sehr großer Spannung befand Ich lauschte
    Da erklang nicht vor mir also von da her wohin ich schaute sondern
hinter mir die muntere Stimme meiner Frau
    »Er ruht nicht eher Er wird es durchsetzen hinter diese Ohr und
KanzelSache zu kommen Ich kenne ihn«
    Sie standen jetzt Beide oben auf der Insel Ich hatte das was meine Frau
sagte erst von dem Augenblicke an gehört an dem sie auf der Höhe der Kanzel
erschienen waren Ich sah sie stehen aber nicht deutlich Die Gesichter konnte
ich nicht erkennen dazu war die Entfernung zu groß Auch die Arm und
Handbewegungen waren für mich unsichtbar Es trat nach dem letzten Worte eine
Pause ein dann hörte ich das Herzle wieder
    »Nein ich habe keine Ahnung Er hat ja noch keine Zeit gehabt es mir zu
sagen oder gar zu erklären«
    Aus diesen Worten war zu schließen dass der Apatsche auch Etwas gesagt
hatte was meinem Ohre aber entgangen war Wahrscheinlich stand ich falsch
nämlich so dass mich die von seinem Munde ausgehenden Schallwellen nicht treffen
konnten Meine Frau war am Rande ihrer Insel stehen geblieben So stand auch
ich Der »junge Adler« aber stand mehrere Schritte von ihr entfernt in der
Mitte Darum verließ auch ich den Rand und ging nach der Mitte zu Die lag hier
bei mir allerdings grad da wo das Häuschen stand also tief im Gesträuch und
es fragte sich also ob dieses Gebüsch die Schallwellen nicht auffangen und
unhörbar machen werde Das geschah aber nicht Denn kaum hatte ich das Häuschen
erreicht so hörte ich meine Frau viel deutlicher als vorher
    »Leider habe ich noch keinen gebraten Ich muss mich da also ganz auf Euch
verlassen Sind die Tatzen wirklich das Beste So delikat«
    Ganz ebenso deutlich hörte ich hierauf den jungen Apatschen antworten
    »Ohne allen Zweifel Es gibt überhaupt nichts Delikateres«
    »Und müssen sie wirklich vorher so lange liegen bis sie Würmer bekommen«
    »Eigentlich ja«
    »Pfui«
    »Warum pfui Man entfernt die Würmer Man isst sie doch nicht mit«
    »Aber sie waren doch da Das ekelt«
    »So wartet man nicht so lange«
    Da machte ich mir den Spaß mit lauter Stimme dazwischen zu rufen
    »Auf keinen Fall Man hat unbedingt zu warten bis die Würmer da sind Dann
werden die Tatzen gebraten die Würmer aber verfüttert man an die Rotkehlchen
und Nachtigallen«
    Gleich sofort hörte ich das Herzle lachend sagen
    »Das ist mein Mann der Schalk Er ist uns nachgeschlichen Wo steckt er
denn«
    Ich vermutete dass sie sich nach mir umschaute Sehen konnte ich sie nicht
mehr Darum rief ich
    »Hier bin ich  hier«
    »Wo denn« fragte sie
    »Hier oben Bei Maksch Pappermann«
    »Scherz Sag es ernst«
    »Nun gut Ich sitze da auf dem nächsten Baume«
    »Nichts als Allotria Nimm doch Verstand an und sprich vernünftig«
    »Ganz wie du willst Der junge Adler mag in seine linke Westentasche
greifen Da stecke ich«
    »Uff uff« rief der Genannte »Jetzt weiß ich es jetzt jetzt«
    »Was« fragte sie
    »Er ist gar nicht da gar nicht hier Seine Stimme klingt bald von oben
bald von unten bald von rechts und bald von links Er steht noch da wo wir ihn
verlassen haben aber er hat die Fähigkeit entdeckt uns seine Stimme bis
hierher zuzusenden«
    »Sollte das wirklich sein«
    »Gewiss«
    »Dann wäre das wohl die Überraschung von welcher er sprach«
    »Sehr wahrscheinlich Ihr sagtet soeben dass er nicht eher ruhen werde als
bis er hinter diese Ohrund KanzelSache gekommen sei Nun kann er ruhen Er hat
es schon entdeckt«
    Da sprach ich hinein
    »Er hat Recht Ich ruhe«
    »Wo« fragte sie
    »Hier auf meiner Insel Ich stehe vor dem Häuschen«
    »Wirklich Oder foppst du noch immer«
    »Nein Jetzt bin ich ernst Ich habe Bildung angenommen Ich stehe wirklich
hier am Inselhäuschen und höre euch ebenso gut wie ihr mich hört Das ahnte
ich Ich werde euch den Sachverhalt erklären Ich schickte euch nach der andern
Insel um die Probe auf meine Vermutung zu machen Sie ist gelungen Sie stellt
mich außerordentlich zufrieden wirklich außerordentlich«
    »Wenn das so ist wie du sagst so gleicht es fast einem Wunder« rief sie
aus
    »Und ist doch ganz und gar kein Wunder sondern nur die kluge sorgfältige
Anwendung eines einfachen Naturgesetzes«
    »Da können wir doch von da aus wo du jetzt bist die Verhandlungen der
Indianer belauschen«
    »Ja Vom Anfang bis zum Ende In aller Gemächlichkeit und Sicherheit Denke
dir«
    »Hörst du mich denn wirklich ganz deutlich«
    »Genau so als ob du hier bei mir stündest«
    »Ich dich ebenso«
    »Schön Aber machen wir trotzdem einmal eine Probe auf die Stärke oder
Schwäche des Tones und auf den Punkt auf dem man stehen muss um ja kein Wort zu
verfehlen«
    Auch diese Probe gelang sehr gut Nur was geflüstert wurde war nicht zu
verstehen es klang wie ein Hauch der keine Worte hat Und wenn man laut rief
so rollte es fast wie Donner Man konnte fast darüber erschrecken dabei ging
die Deutlichkeit um einen Teil verloren doch nur um einen sehr geringen Aber
Alles was zwischen diesem Flüstern und diesem Donnern lag klang genau so als
ob man sich nicht an zwei so entfernten Punkten sondern an einem und demselben
Orte befände
    Schließlich machte das vorsichtige und stets sichergehende Herzle den
Vorschlag unsere beiden Positionen einmal zu vertauschen
    »Du kommst hierher nach meiner Insel und ich komme nach der deinen« sagte
sie »Unterwegs treffen wir einander Du aber legst irgend Etwas was ich dir
jetzt sage in das Häuschen hinein damit ich mich überzeuge dass du dich jetzt
wirklich dort befindest«
    »So glaubst du jetzt immer noch ich scherze«
    »Nein denn hier bei uns bist du nicht auch nicht in unserer Nähe Wir
würden dich sehen Aber ich verstehe von Eurer Akustik und Euren Naturgesetzen
so wenig dass ich nur meinen Augen trauen kann nicht aber der Wissenschaft oder
gar deinem Schalk im Nacken«
    »So sag was soll ich herlegen Meine Uhr mein Messer«
    »Nein sondern etwas Poetisches«
    »Nun was«
    »Einen Liebesbrief«
    »Oho An wen«
    »An mich natürlich Es ist ja keine Andere da Nimm also ein Blatt aus
deinem Notizbuche und schreibe darauf was ich dir jetzt diktiere«
    »Gut Das Blatt ist da der Bleistift auch Nun sprich«
    Sie diktierte Folgendes
    »Mein teures Herzle Ich liebe Dich und bleibe Dir treu bis in den Tod Zu
Deinem nächsten Geburtstage bekommst Du fünfzig Mark für das Radebeuler
Krankenhaus Ich halte Wort und unterschreibe es mit meinem eigenen Namen«
    »Nun unterschreib aber auch« fügte sie hinzu
    »Ist hiermit geschehen« meldete ich
    »So komm«
    Ich legte den Zettel in das Häuschen stieg von meiner Insel hinunter und
ging nach der ihrigen Unterwegs trafen wir einander Sie wollte mir wegen den
fünfzig Mark einen triumphierenden Blick zuwerfen brachte es aber nicht fertig
Sie reichte mir vielmehr die Hand um sich zu bedanken und ging dann mit dem
»jungen Adler« weiter Ich beeilte mich schnell nach der andern Insel zu
kommen Als dies geschehen war und ich dann oben stand verhielt ich mich sehr
still und lauschte Da hörte ich sie kommen Sie sprachen mit einander Klärchen
ging sofort nach dem Häuschen Ich hörte sie sagen
    »Da liegt das Blatt Wirklich wirklich« Sie las es und fuhr dann fort
»Genau so wie ich es diktierte Es kann also kein Zweifel mehr sein   «
    »O doch« unterbrach ich sie schnell
    »Ah du bist auch schon dort« fragte sie
    »Ja«
    »Und zweifelst«
    »Ganz bedeutend Ich muss auch eine Probe machen um mich zu überzeugen«
    »Welche Probe«
    »Du hast doch wohl auch deinen Bleistift bei dir«
    »Ja«
    »So nimm mein Blatt und schreibe auf die andere Seite was ich dir jetzt
diktiere«
    »Schön Ich habe das Blatt und den Stift Es kann beginnen«
    Ich diktierte
    »Die gehorsamst Unterzeichnete gesteht hiermit vor der Staatsanwaltschaft
des Königlich Sächsischen Landgerichtes zu Dresden reumütig ein dass sie sich
auf der Devils pulpit des amerikanischen Staates Kolorado einer raffinierten
Erpressung von 50 Mark sage und schreibe fünfzig Mark schuldig gemacht hat und
hierfür   «
    »Halt halt Nicht weiter« fiel mir ihre Stimme in das Wort »Ich habe
meine Sünden nur dir einzugestehen nicht aber der Staatsanwaltschaft die ich
für Alles was auf der Teufelskanzel geschieht für völlig inkompetent erkläre
Deine fünfzig Mark gehören von jetzt an meinen Kranken dabei hat es zu bleiben
Wenn es noch weiterer Proben bedarf so mache andere aber nicht solche«
    »Ich verzichte«
    »So komm und bitte mir es ab Was mich betrifft so bedarf deine Entdeckung
für mich keiner weiteren Beweise«
    »So gehen wir jetzt um nach unserm Lager zurückzukehren Ich komme nicht
erst zu Euch sondern wir treffen uns am Wasser draußen vor dem Kessel«
    Als ich dort ankam waren sie noch nicht da Es dauerte noch einige Zeit
ehe sie sich einstellten
    »Wir mussten dich warten lassen« entschuldigte sich meine Frau »Es galt
doch es dir so bequem wie möglich zu machen«
    »Was«
    »Deinen Lauscherposten das Häuschen in dem du dich doch wohl stundenlang
oder wohl gar noch länger aufzuhalten haben wirst Es musste gereinigt werden
Dann haben wir trockenes Laub hineingeschaft so viel dass du es dir so
behaglich machen kannst wie die Verhältnisse es gestatten Steigen wir jetzt
nach oben«
    »Ja Aber nur wir Zwei Der junge Adler kann hier bleiben und auf Pappermann
warten der den Bär zu holen hat Das Tier ist zu schwer für Einen es gehören
Zwei dazu«
    Der Apatsche war einverstanden Er legte sich in das Moos um auf den alten
Westmann zu warten wir beiden Andern aber machten uns auf den Weg nach dem
Lagerplatz hinauf
    Dort angekommen erfuhren wir dass Pappermann uns vom Anfang bis zum Ende
beobachtet hatte Auch den Schuss hatte er gehört und sich gleich gedacht dass er
irgend einem Wild gegolten habe Aber was für ein Wild das sei das wusste er
nicht Nun freute er sich darüber dass es ein Bär gewesen war und machte sich
schleunigst mit zwei Maultieren auf um ihn zu holen
    Da es der Sioux und der Utahs wegen galt wachsam zu sein und der bisherige
Wächter sich entfernt hatte so überzeugte ich mich zunächst dass es den Pferden
an nichts mangelte und dann kletterten wir nach unserm hochgelegenen
Lauscherposten hinauf Von da oben aus hatten wir die Ellipse der Devils pulpit
so deutlich und so instruktiv unter uns liegen dass es mir nicht schwer wurde
meiner Frau geometrisch nachzuweisen und zu erklären in welcher Weise es
zustande kam dass man an je einem Brennpunkte Alles was an dem anderen
gesprochen wurde so deutlich hören konnte Als dann der Bär gebracht wurde
übernahm der »junge Adler« die Wache hier oben und wir stiegen wieder zum Zelt
hinab wo Pappermann dem Herzle ausführlich erklärte wie man Bärentatzen
einzuschnüren und in die Erde zu graben hat so dass sie schnell mürbe werden
ohne dass Maden und Würmer sich einzustellen haben Die Schinken wurden
sorgfältig von allem Fett befreit in Asche gewälzt und dann auch eingeschnürt
um aufgehoben und mitgenommen zu werden Die Vorderkeulen aber unterwarf der
alte Westmann einer andern sehr anstrengenden Prozedur Sie sollten zuerst
verzehrt werden und wurden darum von ihm geklopft wohl eine Stunde lang mit
einer kurzen starken Keule die er sich aus einem Aste schnitt Ich aber suchte
inzwischen die verschiedenen Kräuter zusammen welche ein jeder Kenner des
»wilden« Westens für unerlässlich hält wenn er sich über am Spieß oder unter
heißen Steinen gebratenes Bärenfleisch lobend aussprechen soll So hatte ein
Jeder zu tun das Herzle aber am allermeisten denn sie buk heut auch Brot
gleich für drei oder vier Tage dazu einen leckern Brombeerkuchen zu dem die
Beeren massenhaft in nächster Nähe unseres Zeltes standen Hierdurch wurde die
erste der von Trinidad mitgenommenen Mehlbüchsen leer und das Herzle beeilte
sich sie mit dem zerlassenen Bärenfett zu füllen Bärenfett ist nämlich im
Westen ein sehr wichtiger Artikel der sehr vielfach zur Benützung kommt und
jeden Braten sogar jedes Backwerk wie Kenner behaupten schmackhafter macht
Diese Wichtigkeit besaß er schon in alter alter Zeit bei den Indianern noch
ehe die Weißen kamen Fast jede Stadt und jedes Dorf besaß einen besonderen
Stall oder Zwinger in welchem Bären gezüchtet gefüttert und gemästet wurden
um dann geschlachtet zu werden Auch das ist einer jener Punkte welche denen
die über die rote Rasse schreiben ohne die hierzu nötigen Kenntnisse zu
besitzen noch völlig unbekannt sind Die Vergangenheit der Indianer ist eben
eine ganz andere als man denkt
    Die Sioux kamen heut und auch morgen noch nicht Wir nämlich der »junge
Adler« und ich benutzten diese freie Zeit den Wortschatz den meine Frau aus
der Sprache und der Ausdrucksweise der Apatschen besaß möglichst zu vermehren
Sie hatte den Wunsch besonders Kolma Putschi damit zu erfreuen
    Erst am dritten Tage stellten sich die Erwarteten ein und zwar gegen Abend
Wir sahen sie schon von weit draußen her kommen über einen fernliegenden
kahlen Bergesrücken Sie ritten einzeln hintereinander im sogenannten
Gänsemarsch ganz so wie es früher geschah als man den Westen noch als »wild«
bezeichnete In jener Zeit aber hätten sie sich gewiss sehr gehütet ihren Weg
über diesen nackten Berg zu nehmen der ihnen so wenig Deckung bot dass man sie
sofort entdecken musste Da es sich um keinen Kriegszug handelte wenigstens
jetzt noch nicht so waren sie noch nicht mit den Farben des Krieges bemalt an
denen es möglich ist die Stämme und Nationen genau von einander zu
unterscheiden Dennoch gab es einige Kennzeichen besonders in Beziehung auf
ihre Lanzen und besonders auf die Anschirrung Ausschmückung und Halfterung
ihrer Pferde aus denen ich ersah dass wir es da mit UtahIndianern zu tun
hatten und zwar in sehr gemischter Zusammensetzung Wir sahen  um mich eines
gebräuchlichen Ausdruckes zu bedienen  wilde halbwilde und zahme Utahs Sie
gehörten zu den Unterabteilungen der PahUtahs der TehschUtahs der Kapote
Wihminutsch und ElkmountainUtahs der Yamba Pahwang und sogar der
SempischUtahs Unter den KapoteUtahs sah ich einen alten grauköpfigen
Häuptling bei dessen Anblick ich an Tusahga Saritsch14 denken musste von dem
ich im dritten Bande von »Old Surehand« erzählt habe Ich bitte das
nachzulesen Aber die Entfernung war leider so groß dass ich die Gesichtszüge
nicht deutlich erkennen konnte Später stellte es sich heraus dass ich mich
nicht geirrt hatte es war Tusahga Saritsch der mir bekannte Häuptling der
KapoteUtahs der sich damals nur notgedrungen mit uns aussöhnte jetzt aber wo
er am Rande des Grabes stand wieder zu unseren Feinden gehörte
    Als diese Utahs den Felsenkessel erreichten ersahn wir aus ihrem
Verhalten dass dieser Ort auch für sie ein heiliger war Sie betraten ihn nur
mit Scheu Sie brachten sich sogar Feuerholz mit um die Bäume und Sträucher der
Devils pulpit schonen zu können Und sie blieben nur im westlichen Teile den
östlichen wo wir den Bär erschossen hatten wagten sie nicht zu betreten Und
was für uns das wichtigste war sie umlagerten die Teufelskanzel nur im weiten
Kreise Keiner nahte sich ihr und noch viel weniger hatte Einer von ihnen den
Mut sie zu ersteigen Die Verhandlungen und Beratungen begannen jedenfalls erst
nach dem Eintreffen der Sioux Dann befanden sich »verschiedene Nationen«
beisammen und hierauf erst war es erlaubt die Kanzel zum Zwecke der Diskussion
zu betreten Was dann besprochen wurde das wollten wir hören Unwichtiges aber
nicht Darum verzichteten wir darauf uns jetzt schon anzuschleichen und um
bloßer Neugierde willen uns in die Gefahr zu begeben entdeckt zu werden ohne
dass wir irgend einen Nutzen davon hatten Wir blieben also in unserem Lager und
nahmen uns vor recht auszuschlafen weil wir nicht wissen konnten ob wir
hierzu so bald wieder Gelegenheit hatten
    Am Abende sahen wir unten einige Feuer brennen die aber so klein waren dass
sie für uns nicht ausreichten die Gestalten der an ihnen sitzenden Indianer zu
erkennen Auch still ging es da unten zu außerordentlich still Es gab keinen
Laut der bis herauf in unsere Höhe drang Wir schliefen gut Nichts störte
unsere Ruhe Der nächste Tag verging ohne dass die Sioux kamen Aber am darauf
folgenden Morgen sahen wir dass die ausgestellten Posten sich einstellten um
das Erscheinen der Erwarteten zu melden Diese kamen genau so im Gänsemarsch wie
vorgestern die Utahs Voran ritt ein sehr alter sehr langer und sehr hagerer
Häuptling der sein Pferd von zwei gewöhnlichen Indianern führen ließ dass es ja
keinen Fehltritt tue Er schien also nicht mehr gut bei Kräften zu sein Dass er
trotzdem einen so weiten Ritt unternahm ließ darauf schließen dass der Gedanke
der ihn jetzt nach dem Süden führte ihn innerlich fanatisierte
    Er wurde von den Utahs mit großer Achtung empfangen Als man ihn vom Pferd
gehoben hatte sah man erst wie übermächtig lang und schmal und dünn er war
Wäre es nicht lichter Tag gewesen so hätte man ihn für ein Gespenst halten
können Das war wie ich dann bald feststellte Kiktahan Schonka der »wachende
Hund« welcher den Apatschen und allen ihren Freunden den Untergang geschworen
hatte Man breitete für ihn einige weiche Decken gegenüber dem UtahHäuptling
Tusahga Saritsch aus und setzte ihn wie ein Kind da nieder Hinter ihm wurden
einige Pfähle eingeschlagen damit er sich daran lehnen möge In solchen
menschlichen Ruinen pflegen Hass und Rachgier sich länger zu erhalten als in
gesunden widerstandsfähigen Personen
    Nun war es Zeit für uns unsern Lauscherposten zu beziehen Das Herzle wäre
gar zu gern mitgegangen sie konnte mir aber nichts nützen sondern mich nur
hindern Pappermann verzichtete darauf mich zu begleiten
    »Was soll ich da unten« fragte er »Wer die Indsmen belauschen will muss
ihre Sprache besser viel besser kennen als ich Ich heiße zwar Maksch
Pappermann und bin mit dem Gewehr in der Hand wohl kein unebener Kerl aber grad
da wo die Sprachen und Dialekte anfangen da hört meine Klugheit auf
vollständig auf Ich bleibe also hier oben bei unserer Mrs Burton und lasse mir
von ihr einen neuen Brombeerkuchen backen Oder nicht«
    Sie nickte
    So stieg ich also mit dem »jungen Adler« durch den Wald den Berg hinab Wir
nahmen unsere Gewehre mit um für alle Fälle auch eine weittragende Waffe in der
Hand zu haben Es versteht sich ganz von selbst dass wir alle Vorsicht
anwendeten keine Spuren zu machen und nicht gesehen zu werden Denn morgen war
der Tag den die beiden Sander uns bezeichnet hatten Da kamen sie
wahrscheinlich hier an Es war aber auch möglich dass sie sich eher einstellten
und sich heimlich hier herumtrieben um die Indianer zu belauschen bevor sie
sich von ihnen sehen ließ Wir stiegen also nur an solchen Stellen hinab die
jeder Andere vermieden hätte und taten wie wir dann später bemerkten sehr
wohl daran Unten angekommen drangen wir sofort in das tiefste Dickicht ein um
so schnell wie möglich zu verschwinden
    Als wir unsern Lauscherposten und unser kleines Inselhäuschen erreicht
hatten sah ich dass meine Frau uns da allerdings eine sehr bequeme Gelegenheit
zum Sitzen und auch Liegen geschaffen hatte Zunächst aber machten wir davon
noch keinen Gebrauch weil wir nun doch nahe genug waren um uns die Roten
betrachten zu können wenn auch nicht mit den bloßen Augen so aber doch durch
mein Fernglas welches ich mitgebracht hatte Wir zählten genau vierzig Utahs
und vierzig Sioux Diese Zahl schien also vorher bestimmt worden zu sein
Jedenfalls handelte es sich nur um die Ober und Unteranführer Die gewöhnlichen
Krieger also die eigentlichen Truppen von denen die Apatschen angegriffen
werden sollten waren nicht ganz bis hierher mitgenommen worden Die beiden
obersten Häuptlinge habe ich schon genannt Außer ihnen gab es fünf
Unterhäuptlinge der Sioux und fünf Unterhäuptlinge der Utahs Die Übrigen waren
Leute die sich in irgend einer Weise hervorgetan hatten und darum das Vertrauen
der Anführer besaßen Was mir auffiel das war dass man nicht die Friedenspfeife
sofort und allgemein im Kreise herumgehen ließ
    Man hatte sich in ganz gewöhnlicher Weise begrüßt und setzte sich dann
zunächst zum Essen und zum Ausruhen nieder Ich beobachtete vor allen Dingen
Kiktahan Schonka und Tusahga Saritsch Die Andern gingen mich jetzt weniger an
Den Letzteren erkannte ich als ich mein Glas auf ihn richtete sofort wieder
Er war alt sehr alt geworden viel älter als seine Jahre und außerordentlich
runzelig Solche Leute befinden sich ja nicht im Besitze der Seelenkraft die
auch äußerlich jung erhält Der Letztere hatte eine fürchterlich hervorstehende
sehr schmale und fast möchte ich sagen messerscharfe Nase einen
außerordentlich breiten Mund mit gar keinen Lippen tief in ihren Höhlen
liegende Augen und eine falsche aus lauter Skalpen zusammengesetzte Perücke
Man soll ja nicht unlieb über seine Nebenmenschen urteilen aber wenn ich
ehrlich sein will muss ich sagen dass dieser Indsman mir gleich bei dem ersten
Blicke den ich auf ihn warf außerordentlich widerlich erschien
    Das Essen dauerte ziemlich lange wohl über zwei volle Stunden Dann begaben
sich die Häuptlinge hinauf auf die Kanzel Kiktahan Schonka konnte die Stufen
nicht ersteigen Er wurde mit Hilfe von Lassos gezogen und von unten
nachgeschoben bis er oben war Von diesem Augenblicke an begannen wir zu
hören Die Friedenspfeifen wurden angezündet Der Oberhäuptling der Utah stand
auf blies den Rauch nach den sechs Richtungen und hielt die erste Rede Der
Oberhäuptling der Sioux konnte sich nicht erheben aber er wiederholte dieselben
Stöße des Rauches und sprach sodann im Sitzen Die Unterhäuptlinge folgten
diesem Beispiele einer nach dem andern Wenn ich diese zwölf Reden hier
wiedergeben wollte müsste ich fast einen ganzen Tag lang schreiben um mit ihnen
fertig zu werden Und doch bildeten sie nur die Einleitung zu den Verhandlungen
die gepflogen werden sollten Man hatte hierfür drei volle Tage angesetzt die
wir also hier bei oder in der Hütte verbringen mussten um ja nichts zu
versäumen Davor graute mir schon im voraus Glücklicherweise aber stellte sich
sehr bald eine triftige Veranlassung ein diese lange Zeit derartig abzukürzen
dass aus den drei Tagen nur drei Stunden wurden und diese Veranlassung    die
war ich selbst
    Aber interessant hoch interessant waren diese zwölf Reden das darf ich
gestehen Sie begannen alle mit der Versicherung dass die Apatschen und die mit
ihnen verbündeten Nationen die niederträchtigsten Menschen seien die man sich
denken könne dass aber der Gipfel dieser Niederträchtigkeit nur von Winnetou und
Old Shatterhand seinem Freunde erreicht worden sei Und diesem Winnetou solle
jetzt ein Denkmal gesetzt werden Auf dem Berge der nach seinem Namen benannt
worden ist Ein Denkmal von purem glänzendem Golde Und dieses Gold haben alle
alle Stämme der Indianer zu liefern Aus all den Bonanzen Lagern und
Nuggetverstecken die man den Bleichgesichtern jahrhundertelang so sorgfältig
verheimlicht habe Da käme das Gold ja viele viele Zentner schwer zusammen Für
diesen einen verächtlichen Menschen den man nie anders genannt habe als nur
den Hund den Koyoten den Pimo den Apatschen Und von wem soll dieses Denkmal
gefertigt werden Von einem Bildhauer und von einem Maler Von Young Surehand
und Young Apanatschka deren Väter Verräter an der ganzen roten Rasse und
nichtswürdige Geschöpfe der Bleichgesichter waren Dieses Denkmal ist jetzt
einstweilen auf Leinwand gemalt und aus Ton zusammengeklebt Es wird am Mount
Winnetou ausgestellt und die Häuptlinge die berühmtesten Männer und Frauen
aller roten Nationen sind eingeladen sich dort einzustellen um diese Figuren
und Bilder zu sehen Sogar Old Shatterhand wurde eingeladen der räudige Hund
    Diese wahnsinnige Überhebung der Apatschen muss verhindert werden Sie
müssen erfahren dass man wohl einem Utah oder einem Siouxkrieger ein goldenes
Denkmal setzen kann nicht aber einem kläffenden Köter vom Rio Pecos her Das
Wann und das Wie zu beraten sei man hier an der »Kanzel des Teufels«
zusammengekommen Und was da beschlossen werde das habe man auszuführen und
wenn die ganze indianische Rasse dabei vollends zugrunde gehe
    So weit war man gekommen da trat eine Störung ein die nicht nur von den
Roten sondern auch von uns Beiden gesehen wurde Sie kam in Gewalt eines
Menschen am Bache dahergeschritten und dieser Mensch war kein Anderer als
Sebulon L Enters Er hatte Sporen an den Stiefeln war aber ohne Pferd Er trug
ein Gewehr und war genau so ausgerüstet wie noch vor dreißig Jahren ein
Westmann ausgerüstet zu sein pflegte Die Sioux kannten ihn Sie hinderten ihn
nicht heranzukommen Sie führten ihn nach der Kanzel Er musste hinaufsteigen
Das sahen wir Und nun hörten wir auch wieder Stimmen
    »Wer ist dieses Bleichgesicht« fragte Tusahga Saritsch
    »Ein Mann den ich kenne« antwortete Kiktahan Schonka »Ich habe ihn an die
Kanzel des Teufels bestellt Er sollte erst morgen kommen Warum kommt er schon
heut«
    Diese Frage war an Sebulon gerichtet Sie klang gar nicht etwa höflich Der
Indianer pflegt den Weißen den er als Spion gebraucht stets nur verächtlich zu
behandeln Sebulon antwortete
    »Ich musste mich beeilen so bald wie möglich hierher zu kommen um euch zu
warnen«
    »Vor wem«
    »Vor eurem ärgsten Feinde vor Old Shatterhand«
    »Uff uff uff uff« ertönte es rund im Kreise und auch Kiktahan Schonka
selbst rief aus
    »Uff uff Old Shatterhand Vor ihm warnen Warum«
    »Er kommt hierher«
    »Uff uff Woher weißt du das«
    »Er sagte es«
    »Wem«
    »Mir«
    »So sahst du ihn wohl«
    »Ja«
    »Und sprachst mit ihm«
    »Ja«
    »Wo«
    »Am fallenden Wasser des Niagara«
    »Uff Wir wissen dass er kommen soll Aber dass er schon gekommen ist das
wussten wir noch nicht Und er kommt nach der Devils pulpit«
    »Ja«
    »Was will er hier«
    »Euch belauschen«
    »Uff uff Das klingt ja als ob er wüsste dass wir hierher kommen und was
wir hier wollen«
    »Er weiß es«
    »Von wem«
    »Das sagte er nicht Er reiste ab Wir folgten hinterher Wir trafen in
Trinidad seine Spur Er ist dort wieder fort wahrscheinlich geraden Weges
hierher«
    »Uff uff uff uff« ging es wieder rund im Kreise und Kiktahan Schonka
rief zornig aus
    »Ist dieser Hund denn noch nicht alt genug die Schärfe des Auges der Ohren
und der Nase zu verlieren Konnte er nicht drüben jenseits des großen Wassers
in seinem stinkenden Wigwam bleiben«
    »Und seine Frau mit ihm« fügte Sebulon hinzu
    »Seine Squaw sagst du  Hat er sie mit«
    »Ja«
    »Wirklich Ist das wahr«
    »Natürlich Ich sage es doch«
    »Sie war mit am Falle des Niagara«
    »Ja Und auch in Trinidad war sie bei ihm Wir hörten es als wir hinkamen
und uns erkundigten«
    »Uff uff Das ist ein gutes Zeichen ein sehr gutes Zeichen für uns Sein
Kopf ist schwach geworden Er ist ein Greis ein schwach gewordener Greis Wer
seine Squaw mit sich über das Wasser und nach dem wilden Westen schleppt der
ist verrückt der kann keinem Menschen mehr etwas schaden Er mag immerhin
kommen Wir fürchten ihn nicht Er kommt an den Marterpfahl und sein Weib mache
ich zu meiner Squaw«
    Da fiel Tusahga Saritsch der Oberhäuptling der Utahs ein
    »Mein Bruder spreche nicht zu schnell Old Shatterhand kennt seine Squaw du
aber kennst sie nicht Wenn er sie mitgenommen hat so weiß er ganz bestimmt
dass er dies wagen darf ohne dass er sich damit schadet Er mag alt geworden
sein aber so hat er doch immer nur erst das Alter erreicht in dem man weise
und doppelt vorsichtig und bedenklich wird nicht aber das in dem gewöhnliche
Menschen kindisch zu werden pflegen Es ist wohl möglich dass wir ihn jetzt noch
mehr zu fürchten haben als früher da er über dreißig Sommer jünger war«
    »Und er ist nicht allein« stimmte Sebulon bei
    »Wer ist bei ihm« fragte Kiktahan Schonka
    »Ein alter erfahrener Westmann Namens Max Pappermann«
    »Uff Ich habe von Einem gehört der so heißt Die Hälfte seines Gesichtes
ist blau«
    »Das ist er«
    »Dieser dieser Er hat meinem größten Gegner im eigenen Stamme dem Siou
Wakon das Leben gerettet Möge der böse Geist ihn vernichten Er ist tapfer und
listig zugleich Wenn er bei Old Shatterhand ist so haben wir ihn zu fürchten«
    »Und noch ein Anderer ist bei ihm« fuhr Sebulon fort »Nämlich ein junger
MescaleroApatsche welcher der junge Adler heißt«
    »Etwa der junge Adler der zu den Bleichgesichtern ging um fliegen zu
lernen«
    »Dass weiß ich nicht Aber ich hörte in Trinidad er sei vier Jahre lang bei
den Bleichgesichtern gewesen und kehre jetzt zu seinem Stamm zurück«
    »So ist er es Er ist ein Schüler Wakons Er schickt ihm viele Briefe und
bekommt viele Antworten darauf Er ist einer der Ersten unter denen die sich
Jungindianer nennen und von weiter nichts als von Humanität und Bildung von
Versöhnung und Liebe reden Und er ist auch einer der Ersten vom Klan Winnetou
Er soll überhaupt ein Blutsverwandter von Winnetou sein Wenn er sich bei Old
Shatterhand befindet so müssen wir uns alle Mühe geben diese drei Männer und
die Squaw in unsere Hände zu bekommen Wo hast du dein Pferd«
    »Jenseits des Berges bei meinem Bruder« antwortete Sebulon »Er blieb bei
den Pferden zurück Ich aber schlich mich zu Fuß hierher um nach Spuren zu
suchen und die Gegend zu erkunden«
    »Welchen Weg von Trinidad aus schluget ihr ein«
    »Wir kamen über den Kanubisee«
    »Habt Ihr auf diesem Wege Spuren von Old Shatterhand gefunden«
    »Nein Aber Spuren vieler Weiber die am See gelagert haben«
    »Das waren die verführten Frauen unsers eigenen Stammes die sich
Jungindianerinnen nennen Sie ziehen auch nach dem Mount Winnetou um das
Denkmal zu sehen und ihre Nuggets dafür hinzugeben Wir können sie nicht
hindern das zu tun aber wir werden die Apatschen dafür bestrafen Hat Old
Shatterhand von dem Mount Winnetou gesprochen«
    »Nein«
    »Auch nicht von dem Wege den er einschlagen will«
    »Auch nicht Wir erfuhren nur da er beabsichtigte nach der Devils pulpit
zu gehen um Kiktahan Schonka den Häuptling der Sioux dort zu sehen«
    »So ist er immer noch der unermüdliche listige Späher der er immer war
Aber dem Marterpfahl dem er so oft entgangen ist dem entkommt er dieses Mal
nicht Wenn er sich nähert kann er nur da von der östlichen Höhe kommen von
welcher wohl auch du gekommen bist«
    »Ja«
    »Ich werde sofort die ganze Umgebung hier durchsuchen lassen Du aber kehre
zurück zu deinem Bruder und bringe ihn her Die Beratung ist unterbrochen bis
wir uns überzeugt haben dass Old Shatterhand sich nicht in der Nähe befindet«
    Sebulon L Enters entfernte sich Wir sahen ihn nach dem Wege zurückgehen
den er gekommen war Es war der unserige Wie gut also dass wir so vorsichtig
gewesen waren erkennbare Spuren zu vermeiden Auch Tusahga Saritsch verließ mit
sämtlichen Unterhäuptlingen die Kanzel Sie stiegen hinab um sich alle an der
Nachforschung nach uns zu beteiligen Nur Kiktahan Schonka allein blieb zurück
Es schlichen sich also vierzig Sioux und vierzig Utahs von dannen um nach uns
zu suchen Das war keine Kleinigkeit Zwar traute ich weder Pappermann noch
meiner Frau die Unvorsichtigkeit zu ihr Versteck während unserer Abwesenheit zu
verlassen aber der kleinste und geringste Umstand konnte Veranlassung zu der
Entdeckung werden dass ein verborgener Pfad aus dem stillen Weiher noch weiter
führte Und was uns Beide selbst betraf so durften wir uns keinesweges so
sicher fühlen dass jede Entdeckung ausgeschlossen war Es brauchte unter den
achtzig Indianern nur ein einziger zu sein der keine Angst vor dem »bösen
Geiste« hatte und sich nicht scheute in den östlichen Teil der Ellipse
einzudringen so musste er unsere Spuren unbedingt sehen Es war notwendig
meinem Gefährten zu sagen was in diesem Falle zu geschehen hatte Wir hatten
bisher nur immer englisch mit ihm gesprochen aus dem einfachen Grunde weil
meine Frau überhaupt keinen indianischen Dialekt verstand und auch Pappermann
sich höchstens nur im halb englischen halb indianischen Slang auszudrücken
vermochte Nun aber da wir allein waren konnte ich dem »jungen Adler« die
Freude machen seine Muttersprache zu hören
    »Hat mein junger Bruder Alles verstanden was gesprochen wurde« fragte ich
ihn
    »Ich hörte Alles« antwortete er
    »Weiß er dass nun hundert und ein halbes hundert Augen nach uns suchen«
    »Ich weiß es«
    »Glaubst du dass man uns findet«
    »Nein«
    »Ich ebenso Aber ein vorsichtiger Krieger hat sich auf Alles vorzubereiten
Es sind zwei Fälle zu bedenken Weiß mein junger Bruder welche ich meine«
    »Ja«
    »So sage sie«
    »Man kann uns hier entdecken und man kann unser Lager da oben entdecken«
    »Ganz richtig Es ist also nötig zu wissen wie wir uns in beiden Fällen zu
verhalten haben Sollte man uns hier finden so wäre es eine unverzeihliche
Torheit hinauf zu Pappermann und meiner Squaw zu fliehen und uns von den Utahs
und Sioux belagern zu lassen Mein junger Bruder hätte sofort hinaufzueilen und
Beide mit den Pferden und Maultieren herauszuschaffen Ich aber würde die Roten
mit meinem Stutzen inzwischen im Zaume halten Der Ausgang aus diesem Kessel ist
eng Es käme keiner von ihnen hinaus ohne von meiner Kugel getroffen zu
werden«
    »Und wenn man nicht uns aber unser Lager entdeckt« fragte er
    »So hätte ich auch da keine Sorge Pappermann hält doch Wache Er hat
unbedingt gesehen dass alle Roten sich plötzlich entfernten dass sie
nachforschen gegangen sind Er wird sich also mit seinem Gewehre am Weiher
verstecken und aufpassen Auch der dortige Ein und Ausgang ist sehr eng Es
genügt ein einziger Mann ein ganzes Heer zurückzuweisen Und wir Beide kämen
den Indsmen dann in den Rücken Wir haben also nicht den geringsten Grund
besorgt zu sein Warten wir darum ruhig ab was geschieht«
    Es dauerte über eine Stunde ehe der erste Indianer zurückkehrte Ihm
folgten nach und nach auch die andern Man hatte nichts gefunden Aber man
fühlte sich nun zu größerer Vorsicht veranlasst Man stellte Wächter aus
allerdings zu spät Leider aber standen sie auch da wo wir unbedingt vorüber
mussten wenn wir uns entfernen wollten
    Dann kamen die beiden »Enters« geritten Da wurde mit der Beratung wieder
begonnen Die Häuptlinge stiegen wieder auf die Kanzel Sie sprachen aber nicht
laut sondern so dass wir ihre Stimmen nur als unterdrücktes Gemurmel vernahmen
jedenfalls der beiden Weißen wegen die man ausnutzen wollte ohne sie in das
Vertrauen zu ziehen Als man dann übereingekommen war welchen Auftrag sie
auszuführen hatten ließ man sie auf die Kanzel kommen und Kiktahan Schonka
fragte sie in seinem bereits angedeuteten nicht sehr achtungsvollen Tone
    »Ihr wisst noch ganz genau was ich mit euch besprochen habe«
    »Ganz genau« antwortete Sebulon der überhaupt das Wort für sich und seinen
Bruder zu führen schien
    »Und seid ihr noch heut bereit die Bedingungen welche zwischen euch und
uns vereinbart wurden zu erfüllen«
    »Ja noch heut«
    »So kommt eine neue Aufgabe für euch dazu nämlich uns Old Shatterhand und
seine Squaw in die Hände zu treiben Seid ihr bereit dazu«
    »Nur dann wenn es lohnt«
    »Es lohnt«
    »Was zahlt ihr für sie und ihn«
    »Viel sehr viel Doch ist es heut noch nicht Zeit über diesen Preis zu
reden Wenn wir ihn selbst fangen bezahlen wir euch natürlich nichts Wir
bleiben noch drei volle Tage hier und passen auf Kommt er so entgeht er uns
sicherlich nicht wir nehmen ihn fest Dafür bekommt ihr nichts Aber da er
Trinidad schon vor euch verlassen hat und noch immer nicht da ist so sind wir
überzeugt dass er seinen Plan geändert hat und gar nicht nach der Devils pulpit
geritten ist Er ist vielmehr am Kanubisee auf unsere Squaws getroffen die ja
so wahnsinnig sind für ihn und Winnetou zu schwärmen und da hat es dem alten
Manne wohlgetan von den Weibern sich preisen und anbeten zu lassen Er ist mit
ihnen gezogen«
    »Das ist möglich sehr leicht möglich« sagte Sebulon schnell »Wir sahen
nämlich auch einige Männerspuren«
    »Das genügt Er ist es gewesen Und nun ist es an euch nach dem Preise zu
ringen den wir auf seine Ergreifung setzen Glücklicherweise kennen wir das
nächste Ziel nach dem diese Frauen jetzt reiten Es ist nämlich der
TavuntsitPayah15 Kennt Ihr ihn«
    »Nein«
    »Mein berühmter Bruder Tusahga Saritsch kennt ihn sehr genau und wird euch
den Weg dorthin sofort beschreiben«
    Auch ich hatte von einem TavuntsitPayah noch nie gehört und passte also
scharf auf um mir jetzt kein Wort entgehen zu lassen Der Oberhäuptling begann
die Beschreibung des dorthin führenden Weges Er war sehr ausführlich dabei und
man denke sich meine Überraschung und meine Freude als ich am Schluße
erkannte dass dieser TavuntsitPayah kein anderer Berg war als mein Nuggettsil
nach dem auch wir ja wollten Die Brüder Enters machten sich einige Bemerkungen
in ihre Notizbücher dann fuhr Kiktahan Schonka fort
    »Ihr reitet also dorthin um euch an Old Shatterhand zu hängen und lasst ihn
nicht wieder los Getraut ihr euch dies zu erreichen«
    »Ganz gewiss Aber wie bringen wir ihn euch Wann und wohin Und wird er uns
gutwillig folgen«
    »Er wird Ist euch der Name Pawiconte16 bekannt«
    »Nein«
    »Dorthin ziehen wir von hier aus um uns mit den Komantschen und Kiowas
gegen die Apatschen zu vereinigen Ihr sollt ihm das nicht etwa verraten
sondern ihr sollt ihm nur sagen dass wie ihr erfahren habt die Kiowas und die
Komantschen sich dort versammeln Seine ungeheure und unbezähmbare Neugierde
wird ihn verführen dorthin zu reiten um sich anzuschleichen und uns zu
belauschen dabei ergreifen wir ihn«
    »Und unser Lohn«
    »Den besprechen wir wenn ihr kommt und uns meldet dass er nahe«
    »Und wenn wir nicht einig mit euch werden«
    »So braucht ihr ihn doch nur zu warnen dann bekommen wir ihn nicht«
    »Warum sagt ihr uns nicht schon heut den Preis«
    »Weil wir heut noch gar nicht wissen womit wir ihn später zahlen können ob
in Tieren ob in Nuggets oder in Waren Waffen und Sachen die wir erbeuten
Glaubt ihr uns etwa nicht«
    »Wir glauben euch«
    »So seid ihr jetzt entlassen und könnt gehen Wir raten euch keine Stunde
zu versäumen um Old Shatterhand so bald wie möglich einzuholen Je schneller
und gewissenhafter ihr verfahrt desto sicherer ist der Erfolg und desto größer
wird der Lohn«
    Sie stiegen von der »Kanzel« hinab und gingen zu ihren Pferden Hariman F
Enters hatte während der ganzen Zeit kein einziges Wort gesagt Die Häuptlinge
schwiegen bis sie die Beiden fortreiten sahen Dann sagte der Oberhäuptling der
Utahs nur das eine Wort
    »Schufte«
    »Schurken« fügte Kiktahan Schonka hinzu »Sie sind nicht des Anspeiens
wert Glaubt mein Bruder etwa dass sie für ihren Verrat auch nur so viel
bekommen werden wie ein Grashalm oder eine ausgeraufte Vogelfeder wert ist«
    »Und das ganze große Geschäft welches sie mit euch und uns machen wollen 
 « fragte Tusahga Saritsch
    »Wird ihnen nicht ein einziges Pferdehaar einbringen« lachte der alte Siou
»Sie zahlen den Preis wir aber behalten was wir haben Ist mein roter Bruder
einverstanden«
    »Ja Mein Bruder ist sehr klug«
    »Pshaw Es gehört keine Klugheit dazu ein Bleichgesicht zu betrügen«
    »Aber die Verräter werden fordern dass wir unser Versprechen halten und
ihnen den Preis zahlen«
    »Das werden sie nicht Wer nicht mehr lebt kann keine Forderung stellen
Ist mein roter Bruder auch hiermit einverstanden«
    »Ja«
    »Und die Andern auch«
    »Ja ja ja ja   « rief es rund im Kreise
    Da konnte ich mich nicht halten ich rief mit lauter Stimme ganz dasselbe
Wort
    »Schufte«
    Es folgte eine tiefe Stille Dann hörte ich
    »Uff uff    uff uff Wer war das Was war das Woher kam das«
    Ich legte das Glas an die Augen und sah dass sie die Köpfe bewegten und nach
allen Seiten schauten
    »Schurken« fügte ich ebenso laut hinzu
    Wieder tiefe Stille Aber ich sah dass sie sich von ihren Sitzen erhoben
Einer nach dem Andern Sogar der ewig lange Kiktahan Schonka stand auf
    »Auch ihr seid nicht des Anspeiens wert« fuhr ich fort
    Abermals tiefe Stille Dann hörten wir die halblaute hastige Stimme des
alten langen Siou
    »Uff uff Das ist kein Mensch«
    »Kein Mensch« stimmte Tusahga Saritsch bei
    »Weiß mein roter Bruder was man in alten Wampums über die Kanzel des
Teufels auf der wir uns befinden lesen kann«
    »Ja«
    »Dass hier der gute Geist Alles hört was der böse Geist spricht«
    »Ja«
    »Und ihn dafür bestraft«
    »Sogar sehr streng sehr streng Meist mit dem Tode«
    »Ob er es war der jetzt sprach der gute Geist Was ist zu tun Ich bleibe
nicht hier«
    »Ich auch nicht«
    »Fort mit euch« gebot ich ihnen »Fort fort«
    Das wirkte sofort Sie rannten und sprangen alle spornstreichs die Stufen
hinab Nur Kiktahan Schonka konnte das nicht Und doch war grad er derjenige der
sich am allermeisten fürchtete
    »Helft mir helft mir« brüllte er »Ich will hinunter ich auch ich auch«
    Aber die Häuptlinge hatten es sehr eilig Sie halfen ihm nicht Es mussten
einige Andere kommen um ihren Allerobersten hinunter zu schaffen dabei verlor
er die Skalpperücke Er achtete gar nicht darauf Sie musste hinter ihm
hergetragen werden bis er sein Pferd erreichte Da setzte er sie auf und
erteilte den Befehl sofort von hier auszubrechen und die Devils pulpit zu
verlassen deren Ansehen jedenfalls nun in der Weise gestiegen war dass sie noch
zehnmal heiliger galt als vorher Man war nun nur darauf bedacht sich so
schnell wie möglich aus dem Staube zu machen Man verzichtete sogar darauf auf
Old Shatterhand zu warten um ihn hier zu fangen Die Posten und Wächter wurden
zurückberufen und dann ritten sie davon alle Achtzig im Gänsemarsch wie sie
gekommen waren
    Indem wir ihnen nachschauten spielte ein fröhliches Lächeln um die Lippen
des »jungen Adlers« und ich glaube ich habe auch nicht geweint
    »Dieser Sieg freut mich mehr« sagte er »als wenn wir mit ihnen gekämpft
und sie alle erschlagen hätten Es ist ein Sieg der Wissenschaft nicht des
blutigen Tomahawk«
    »Ist dir dieser Teil der Wissenschaft bekannt« fragte ich ihn
    »Ja Ich musste ihn kennen lernen Die Akustik gehört zur Lehre von der Luft
Ich ging zu den Bleichgesichtern um die Aerostatik und Aeronautik zu studieren
Ich weiß dass schon die alten Assyrier Babylonier und Ägypter das Geheimnis
kannten an dem einen Punkte sehr deutlich zu hören was an einem andern
entfernten Punkte gesprochen wird Ich bin so froh und so stolz heut erfahren
zu haben dass die Ahnen der heutigen roten Raffe in diesem Wissen nicht hinter
jenen Völkern zurückgestanden haben Es ist unsere Pflicht Alles was uns
seitdem verloren gegangen ist in die erwachende Seele unserer Nation
zurückzurufen Wir bitten den großen guten Manitou uns Kraft und Fröhlichkeit
zu diesem wichtigen und schönen Werke zu verleihen«
    Es war zum ersten Male dass er aus sich herausging und in dieser Weise
sprach Ich wunderte mich keineswegs über das was ich hörte Er war ein
stiller hochbegabter junger Mann Und er besaß die nötige Energie auch
Ungewöhnliches zu erreichen Auf seinem schönen ernsten Gesicht lag jetzt ein
warmer beinahe sonniger Schein so köstlich lieb und sympathisch wie er so oft
die Züge meines herrlichen Winnetou durchgeistigt und umflossen hatte Es kam
mir vor als sei der »junge Adler« in diesem Augenblicke meinem unvergesslichen
roten Freunde außerordentlich ähnlich geworden fast wie Bruder und Bruder
    Als der letzte der achtzig Indianer verschwunden war verließen wir unsern
Lauscherposten Doch kehrten wir nicht direkt nach oben zurück sondern wir
gingen zunächst nach dem vorderen Teile des Kessels wo die Indsmen gewesen
waren und schritten den Platz ab um nachzuschauen ob aus ihren Spuren
vielleicht etwas für uns Brauchbares zu lesen sei Es gab nichts Aber als ich
schließlich noch einmal hinaus auf die Pulpit stieg wo die Häuptlinge gesessen
hatten sah ich auf einer der Stufen ganz im hinteren Winkel derselben einen
Gegenstand liegen der vor der Ankunft der Indianer sicher noch nicht dagelegen
hatte weil er sonst ganz bestimmt von mir bemerkt worden wäre Ich hob diesen
Gegenstand auf und betrachtete ihn Es waren zwei kleine niedliche
Hundepfötchen nicht etwa nur die Krallen sondern die Pfötchen glatt
abgeschnitten und an den Schnittflächen mit Hirschsehne sehr sorgfältig
zusammengenäht so dass sie ein Doppelhändchen bildeten dessen Finger nach
entgegengesetzter Richtung lagen Ich zeigte es dem »jungen Adler«
    »Eine Medizin« rief er aus
    »Sehr wahrscheinlich  Aber wessen Medizin« fragte ich
    »Kiktahan Schonka«
    »Hoffen wir es Aber wie konnte er sie verlieren Medizinen pflegt man doch
im verschlossenen Medizinbeutel zu tragen Es sind Hundefüsse nicht vom Fuchs
oder Wolf und der Häuptling der Sioux heißt der wachende Hund Ich zweifle also
nicht dass er es ist der sie verloren hat Aber wie war es möglich dass dies
geschah Mein junger roter Bruder schaue nach«
    Ich gab sie ihm Er betrachtete sie sehr aufmerksam reichte sie mir dann
zurück und antwortete
    »Diese Medizin hat nicht im Medizinbeutel gesteckt sondern sie war an den
Gürtel genäht Man sieht sehr deutlich die Stiche Sie ist losgerissen worden
als man den Häuptling am Lasso über die Stufen emporzog oder als man ihm wieder
herunterhalf Dieser Fund ist außerordentlich wichtig«
    »Allerdings aber auch gefährlich Wenn Kiktahan Schonka seinen Verlust bald
bemerkt kehrt er unbedingt nach hier zurück um zu suchen Bemerkt er ihn
später so weiß er freilich nicht genau wo er die Medizin verloren hat ob hier
oder nachträglich unterwegs Auf keinen Fall aber dürfen wir jetzt noch länger
hier verweilen Gehen wir«
    Ich steckte die Medizin sorgfältig ein Dann verließen wir den Platz und
stiegen nach unserem Lager empor Wir waren von dort aus so scharf beobachtet
worden dass Pappermann wusste dass wir kamen Er brachte uns die Pferde damit
wir nicht nötig hätten durch das Wasser des Weihers zu waten
    »Ist schnell gegangen ungeheuer schnell« sagte er »Kommen sie wieder«
    »Nein hoffentlich nicht« antwortete ich
    »Sonderbar Man pflegt sonst oft tagelang zu beraten Warum sind sie so
schnell fort Und habt Ihr Etwas erlauscht«
    »Wartet bis wir drin bei meiner Frau sind Die will dasselbe wissen«
    Das war sehr richtig Sie schaute uns als wir kamen so gespannt entgegen
dass ich es nicht über das Herz brachte sie auch nur einen Augenblick warten zu
lassen sondern ihr sofort entgegenrief
    »Gelungen Alles gelungen«
    »Wirklich  wirklich« fragte sie
    »Ja«
    »So steig ab setz dich her und erzähle«
    dabei setzte sie sich auch schon selbst nieder und klopfte mit der Hand auf
die Stelle neben sich wo ich als gehorsamer Ehemann mich schleunigst
niederzulassen hatte Ich befolgte diesen Befehl und gab dem »jungen Adler«
einen Wink nach der Höhe zu steigen und inzwischen Wache zu halten damit ich
falls Kiktahan Schonka zurückkäme es sofort erführe Ich machte meinen Bericht
so kurz wie möglich Als ich mit ihm zu Ende war sprang das Herzle in ihrer
energischen schnell entschlossenen Weise wieder auf und rief
    »Also einpacken einpacken Wir müssen augenblicklich fort«
    Damit griff sie auch schon nach Kochtopf und Kaffeemühle Ich aber blieb
sitzen und fragte
    »Wohin«
    »Den beiden Enters nach«
    »Du allein«
    »Allein  Ich  Wieso«
    »Ja wenn du fort willst so musst du das eben allein tun Ich nämlich bleibe
noch hier«
    »Was gibt es hier noch zu tun«
    »Nichts«
    »Und da willst du bleiben« Sie war erstaunt Sie wendete sich an
Pappermann »Nichts Und doch will er bleiben Versteht Ihr das Mr
Pappermann«
    »Wenigstens noch nicht ganz« antwortete dieser »Aber wenn er noch warten
will so hat er seine Gründe und gegen diese wird wohl nichts zu machen sein«
    »Gründe Hm Die hat er immer Wenigstens ich habe ihn noch niemals ohne
irgend einen Grund gesehen«
    »Taugten sie etwas oder taugten sie nichts« fragte der Alte
    »Hm Triftig waren sie fast immer«
    »Na also Setzt Euch in Gottes Namen wieder nieder und habt zu diesem
Manne Vertrauen Er weiß was er will Wir bleiben jetzt noch hier«
    »Für wie lange«
    »Wahrscheinlich bis morgen früh«
    »Ist das wahr« fragte sie mich
    »Ja« nickte ich
    »So willst du also die beiden Enters laufen lassen«
    »Wenigstens für heut aber nicht für länger Ich kenne ja ihren Weg Oder
wünschest du dass wir sie schon heut einholen und uns dann ganz unnütz mit ihnen
schleppen Ja wir brauchen sie sie werden in gewissen Dingen die Quellen sein
aus denen wir schöpfen aber ich halte es trotzdem nicht für nötig sie Tag und
Nacht und immer und immer bei uns zu haben Wenigstens mir wäre das lästig«
    »Mir auch Du hast Recht«
    »Schön Wir reiten also erst morgen früh Es steht uns zu jeder Zeit frei
sie einzuholen«
    Da war sie einverstanden Wir brauchten nicht zu hetzen Wir konnten uns in
Musse auf den kommenden Ritt vorbereiten Von den Indianern kam keiner zurück
Der »Wachende Hund« hatte also seinen Verlust noch nicht bemerkt Wie groß
dieser Verlust war das weiß nur der zu ermessen der über die Entstehung die
Bedeutung und den Wert einer indianischen »Medizin« unterrichtet ist Die Folge
wird zeigen welche Wirkung das Abhandenkommen der beiden Hundepfötchen auf den
alten Kiktahan Schonka äußerte
 
                                Viertes Kapitel
                                        
                                 Am Nuggettsil
Wir hatten das »Ohr des Manitou« verlassen und waren nach den »Mugwortills«
unterwegs Aus meinem Buche »Winnetou« Band III Seite 481 ist zu ersehen dass
diese Mugwortills dieselbe Berggruppe sind welche von Winnetou und seinem
Vater mit dem Namen Nuggettsil bezeichnet worden waren Die beiden Brüder
Enters wollten auch dorthin Ich hatte den Weg der ihnen vorgeschrieben worden
war erlauscht ich kannte ihn also Es gab einen noch kürzeren den ich ebenso
kannte Den schlugen wir ein Und da wir besser viel besser beritten waren als
sie so kamen wir ihnen voraus obgleich wir die Devils pulpit viel später als
sie verlassen hatten Wir brauchten sie also nicht mühsam einzuholen wie wir
erst gewollt hatten sondern wir konnten wann und wo es uns beliebte auf sie
warten um sie zu uns stoßen zu lassen Der Augenblick hierzu war am
günstigsten als wir den Gualpafluss erreichten und zwar an der Stelle an
welcher ich damals nach Winnetous Tode auf Gates Klay und Summer gestoßen war
Es gab da Wasser zum Trinken Gras für die Pferde und ein weit ausgedehntes
dichtes Gebüsch in welches wir uns zurückziehen konnten um von Jemand der da
kam nicht eher gesehen zu werden als bis wir gesehen sein wollten Es lag
inmitten dieses Gesträuches eine kleine lichte Stelle an der früher einmal ein
Lagerfeuer gebrannt hatte Die hierdurch vernichtete Vegetation hatte sich noch
nicht wieder erneuert Hier wurde das Zelt aufgeschlagen
    Während wir dies taten bereitete uns meine Frau das Mittagsmahl Der Bär
reichte noch für lange Außerdem hatten wir unterwegs eine Turkeihenne und
mehrere Prairiehühner geschossen Wir hatten also nicht nötig uns den Braten
erst hier an Ort und Stelle mühsam zu erjagen Nach dem Essen ruhten wir
obgleich wir nicht ermüdet waren Aber wir befanden uns hier im Gebiete der
Komantschen und Kiowas und mussten alles vermeiden was geeignet war unsere
Anwesenheit zu verraten
    Es war gegen Abend als wir da woher wir die Enters erwarteten zwei Reiter
erscheinen sahen Sie näherten sich langsam Ihre Pferde waren ermüdet Als sie
das Gebüsch beinahe erreicht hatten erkannten wir das Brüderpaar Sie waren
ganz in der Weise der früheren gefährlichen Zeit mit Messer Revolver und
Büchse bewaffnet Da wir nicht aus derselben Richtung gekommen waren sahen sie
unsere Spuren nicht Sie stiegen draußen vor den Büschen ab ließ ihre Pferde
trinken und suchten dürres Holz zu einem Feuer zusammen Dieses Feuer wurde
nicht hinter dem deckenden Gesträuch sondern auch draußen im Freien angebrannt
so dass es dann wenn es Abend wurde weithin leuchten musste Das unsere war
schon längst wieder ausgegangen Da nicht nur sie sondern auch wir durch dieses
ihr Feuer verraten werden konnten stand ich auf um mich ihnen zu zeigen und
sie zu warnen Da fragte Pappermann
    »Darf ich mit Möchte gar zu gern die Gesichter sehen die sie machen wenn
sie Euch erkennen«
    »So kommt«
    Wir gingen hin doch ich nicht ganz sondern ich blieb hinter einem dichten
Geäst stehen um zunächst Pappermann allein an sie zu lassen Er trat von hinten
an sie heran und grüßte
    »Good day Meschschurs Darf ich euch vielleicht fragen ob ihr sofort
skalpiert werden wollt oder es vorzieht erst morgen oder übermorgen am
Marterpfahle zu sterben«
    Sie sprangen beide erschrocken auf
    »Skalpiert Von wem Warum« fragte Sebulon
    »Uns am Marterpfahl umbringen« fragte Hariman »Wer  Weshalb«
    »Die Komantschen und die Kiowas welche behaupten dass ihnen diese Gegend
gehöre« antwortete der alte Westmann »Ihr brennt ja ein Feuer als ob es ganz
ausgerechnet eure Absicht sei euch diese Halunken auf den Hals zu locken Warum
habt ihr euch nicht damit hinter die Büsche versteckt«
    »Weil wir weder die Kiowas noch die Komantschen zu fürchten haben« erteilte
Sebulon die Auskunft
    »So seid ihr also befreundet mit ihnen«
    »Wir sind Freunde aller Menschen die uns begegnen aller Roten und aller
Weißen«
    »Well So seid ihr also auch die meinigen Ich habe die Angewohnheit die
Namen meiner Freunde wissen zu wollen Darf ich bitten mir die eurigen zu
sagen«
    »Wir heißen Enters Ich Sebulon Enters und mein Bruder Hariman Enters«
    »Danke Aber weiter Woher und wohin«
    »Wir kommen von Kansas City herüber und wollen nach dem Rio Grande del
Norte Wer aber seid Ihr«
    »Ich heiße Pappermann und komme aus Trinidad Wohin ich will weiß ich
selbst noch nicht«
    Da machten Beide eine Bewegung der Überraschung und Sebulon erkundigte
sich schnell
    »Pappermann Etwa Max Pappermann«
    »Ja So habe ich stets geheißen und so heiße ich leider noch«
    »Wie sich das trifft Wir waren nämlich in Eurem Hotel Wir hatten uns sogar
da angemeldet«
    »Weiß nichts davon Das Hotel ist nicht mehr mein«
    »Das hörten wir Aber Ihr habt bis zu Eurer Abreise bei dem neuen Wirt
gewohnt Ein sehr einsilbiger und ungefälliger Mann Wir wollten eine Auskunft
haben die er uns partout verweigerte Wir mussten darum Andere fragen die aber
auch nichts wussten wenigstens nichts Ausführliches Vielleicht können wir von
Euch erfahren was wir wissen wollen«
    »Was ist das«
    »Es handelt sich um ein Ehepaar Burton welches nach Trinidad ging um in
Eurem Hotel zu wohnen und dort auf uns Beide zu warten Wir hörten bei unserer
Ankunft dass diese Personen zwar dagewesen seien sich aber schon am nächsten
Tage wieder entfernt hätten Wohin das konnte uns niemand sagen Wisst Ihr
vielleicht Etwas hierüber«
    »Hm Ob ich Etwas weiß Ihr seid mit dieser eurer Frage grad an den
richtigen Mann gekommen«
    »Wirklich Das ist uns lieb sehr lieb Also wenn Ihr der richtige Mann
seid so sagt uns schnell ob«
    Da unterbrach ihn Pappermann
    »Ich der richtige Mann Das habe ich nicht gesagt«
    »Ihr nicht wer denn sonst«
    »Dieser da«
    Er deutete auf mich der ich jetzt hinter dem Gesträuch hervortrat um diese
Einleitung zu beenden weil Pappermann in seiner Unbefangenheit leicht Etwas
sagen konnte was die Brüder nicht zu wissen brauchten Meine Anwesenheit
überraschte sie außerordentlich doch nicht auf unangenehme Weise Sie freuten
sich mich getroffen zu haben mochten die Ursachen dieser Freude nun lautere
sein oder nicht Ich forderte sie auf ihr Feuer augenblicklich auszulöschen und
mit ihren Pferden zu uns ins Gebüsch zu kommen Sie taten das Meine Frau wurde
von ihnen mit einer Höflichkeit begrüßt welche von Hariman sehr wahrscheinlich
eine wohlgemeinte war von Sebulon aber nicht Er gab sich zwar alle Mühe einen
guten Eindruck zu machen aber sein Blick war dabei falsch und sein Auge hatte
wenn er sich unbeobachtet wähnte etwas Lauerndes etwas zuwartend Drohendes
was mir und meiner Frau unmöglich entgehen konnte Grad das Herzle besitzt für
solche Dinge einen außerordentlich scharfen Sinn Als wir gefragt wurden warum
wir nicht in Trinidad gewartet hätten antwortete ich
    »Weil ich Veranlassung fand auf eure Gesellschaft zu verzichten Habe euch
das wohl auch geschrieben Ist der Brief in eure Hände gekommen«
    »Ja der Wirt gab ihn uns sobald wir kamen und unsere Namen nannten«
erwiderte Sebulon »Ihr nennt in diesem Briefe den Korner und den Howe unsere
Freunde Wir weisen das ganz entschieden zurück Wir haben als Pferdehändler
geschäftlich mit ihnen zu tun gehabt sie aber als wir sie näher kennen
lernten sofort fallen lassen sie sind nicht ehrlich Aber wie kommt Ihr dazu
diese ihre Unehrlichkeit grad uns aufzuladen Darf ich fragen wohin Ihr Euch
von Trinidad aus gewendet habt«
    Da fiel das Herzle schnell ein
    »Auf die Bärenjagd«
    Das war eine ebenso kurze wie vortreffliche Antwort durch welche wir allen
Fragen in Beziehung auf die Devils pulpit entgingen
    »Seid Ihr glücklich gewesen« erkundigte er sich
    »Ja« antwortete ich »Es gibt bei uns nun Bärenschinken Die Tatzen werden
aber erst am TavuntsitPayah angeschnitten«
    »Am TavuntsitPayah« fragte er rasch indem er seinem Bruder einen sehr
befriedigten Blick zuwarf »Kennt Ihr den«
    »Ja Von früher her«
    »Wir wollen auch hin«
    »Auch ihr Weshalb«
    »Auf Wunsch der Sioux und Utahhäuptlinge«
    »Ah So habt ihr sie getroffen«
    »Ja«
    »An der Devils pulpit«
    »Ja Schade dass ihr fort wart Wir hätten euch so gern mitgenommen«
    »Es ist nicht schade darum Ich hätte mich doch nicht sehen lassen dürfen«
    »Aber es wäre Euch möglich gewesen die Sache von fern mit anzusehen oder
vielleicht gar Einiges zu belauschen«
    »Wozu das Ich hoffe jetzt von Euch zu erfahren was sich zugetragen hat
und was da Alles besprochen worden ist«
    »Soll ich erzählen«
    »Ja Ich bitte darum«
    Er begann seinen Bericht Er nannte uns die Namen der beiden Oberhäuptlinge
Er machte aus den achtzig Indianern die es gewesen waren volle vierhundert Er
verwandelte die paar Stunden ihres Aufenthaltes in drei Tage Er sprach von
außerordentlich wichtigen Verhandlungen denen er mit seinem Bruder beigewohnt
habe Und er stellte das Alles so dar als ob sie Beide die Hauptpersonen
gewesen und mit ganz besonderen Ehren überhäuft worden seien Besonders ihren
Abschied von den Roten schilderte er als einen sehr freundschaftlichen Kiktahan
Schonka und Tusahga Saritsch seien als sie fortritten zwei dreimal wieder
umgekehrt um ihnen noch einmal die Hand zu drücken
    »So sind die Roten also eher fort als ihr« fragte ich
    »Ja« antwortete er
    »Wohin«
    »Das ist ein tiefes Geheimnis welches wir um keinen Preis verraten sollen
Euch aber will ich es sagen damit Ihr erkennt wie gut und wie ehrlich wir es
mit Euch meinen Sie sind nach einem Orte den sie Pawiconte nennen Ist er
Euch vielleicht bekannt«
    »Ja Es ist ein Wasser Oder nicht«
    »Doch Man hat uns den Weg dorthin genau beschrieben«
    »So sollt also auch ihr hin«
    »Allerdings Wir sollen dort den ganzen Feldzugsplan gegen die Apatschen und
ihre Verbündeten erfahren Ihr seht wie unendlich wichtig das für Euch ist
Wünscht Ihr dass wir das was wir dort erfahren Euch mitteilen«
    »Selbstverständlich«
    »Wir sind bereit es zu tun und hoffen dabei auf Eure Dankbarkeit«
    »Ihr werdet ernten was ihr säet«
    »Ist dieses Pawiconte dieses Wasser des Todes sehr weit entfernt von dem
dunkeln Wasser in dem unser Vater starb«
    »Wenn ich mich recht erinnere liegen beide gar nicht weit auseinander
Sobald ich hinkomme werde ich besser im Bilde sein als jetzt«
    Es wäre nicht klug gewesen ihm zu sagen dass unter den beiden verschiedenen
Namen ein und derselbe See zu verstehen sei
    »Ah Ihr habt also die Absicht selbst auch mit hinzukommen« fragte er
    »Gewiss Oder ist Euch das nicht recht«
    Der Blick den er jetzt seinem Bruder zuwarf war ein triumphierender Er
war entzückt darüber dass ich seinen Plänen so ahnungslos entgegenkam während
er doch derjenige war dem jede Ahnung fehlte
    »Uns nicht recht« rief er aus »Welchen Grund hätten wir dazu Wir sind
Eure Freunde Wir haben Euch lieb gewonnen Wir möchten uns am liebsten nie
wieder von Euch trennen Wir nehmen Euch unendlich gern mit nach dem Wasser des
Todes Doch setzen wir voraus dass Ihr uns dafür den Nuggettsil und das dunkle
Wasser zeigt«
    »Das werde ich tun Wie aber kommt es dass Kiktahan Schonka euch nicht
gleich mitgenommen hat Warum schickt er euch nach dem TavuntsitPayah«
    »Um die Squaws der Sioux zu beobachten die nach diesem Orte geritten sind
und ihm dann Bericht hierüber zu erstatten Er hat uns den Weg genau
beschrieben Nach dieser Beschreibung können es von hier bis hin nur noch zwei
Tage sein«
    »Das stimmt Und nun bitte ich nur noch um Eins dann bin ich
zufriedengestellt Nämlich es ist doch eigentlich sehr auffällig dass Ihr Euch
an mich gewendet habt um zu erfahren wo der Nuggettsil und das dunkle Wasser
liegen Es erscheint als fast unglaublich dass Ihr diese beiden Orte nicht schon
längst gefunden habt Ihr brauchtet Euch in Beziehung auf den Nuggettsil nur
bei den Kiowas zu erkundigen bei ihrem Häuptling Tangua und seinem Sohne Pida
Und in Beziehung auf das dunkle Wasser war es doch wohl nicht unmöglich einen
der Apatschen zu finden die damals mit mir dort gewesen sind«
    »Das klingt nur so leicht ist es aber nicht« entgegnete er »Ich bin bei
den Kiowas gewesen Der alte Tangua war wohl bereit mir Auskunft zu erteilen
aber Pida sein Sohn hinderte ihn daran warum das weiß ich nicht Und unter
all den Apatschen die ich nach dem dunkeln Wasser fragte hat es keinen
einzigen gegeben der mich nicht sofort als Feind betrachtete und mit Misstrauen
von sich wies Sie sind unendlich vorsichtig diese Halunken«
    »Diese Halunken sind meine Freunde Mr Enters Beliebt es Euch nur noch
ein einzigesmal ein solches Wort zu gebrauchen so sind wir geschiedene Leute
Meine Frau mag jetzt das Abendessen bereiten Ist das vorüber legen wir uns
schlafen Und morgen früh bei Tagesanbruch verlassen wir diese Stelle um nach
dem TavuntsitPayah zu reiten Ist euch das recht«
    »Ja Doch werden wir unser Lager aber nicht hier sondern ein wenig nach der
Seite suchen Wir sind arge Schnarcher und es ist eine Lady hier die wir nicht
belästigen wollen«
    Das war eine sehr durchsichtige Ausrede Sie wollten allein sein um
ungestört sprechen zu können Sogleich kam mir der Gedanke sie dabei zu
belauschen aber ich verzichtete darauf ihn auszuführen Was ich wissen wollte
konnte ich auf direktere und leichtere Weise erfahren als durch das unbequeme
Anschleichen und immerwährende Horchen und Lauschen nach allen Seiten welches
anstrengender ist als man glaubt
    Die soeben berichtete Unterhaltung war nur zwischen mir und Sebulon Enters
geführt worden Sein Bruder Hariman hatte kein einziges Wort dazu beigetragen
Es schien als ob die Beiden miteinander uneinig seien und zwar in nicht
gewöhnlichem Grade Sie vermieden einander anzusehen oder doch ihre Blicke
einander begegnen zu lassen
    Ganz ebenso still hatte sich der »junge Adler« verhalten Er tat so als ob
die Brüder gar nicht anwesend seien Das eröffnete keine allzu freundliche
Perspektive auf unser Zusammensein mit ihnen Sie sonderten sich so wie Sebulon
gesagt hatte nach dem Abendessen von uns ab und kamen erst am frühen Morgen
wieder als der Duft des Kaffees ihnen verriet dass auch wir schon munter
seien Als die Sonne erschien war das Zelt abgebrochen und der Weiterritt
konnte beginnen Hierbei fiel uns erst auf dass jeder von ihnen einen
sogenannten Stockspaten am Sattel hängen hatte Als Pappermann sah dass meine
Augen verwundert an diesen Werkzeugen hingen fragte er die Brüder
    »Ihr habt euch mit Spaten versehen Wollt ihr Schätze graben«
    »Vielleicht« antwortete Sebulon mit einer Betonung welche Pfiffigkeit
bedeuten sollte
    »Aber was für welche«
    »Weiß ich noch nicht Jedenfalls haben wir Werkzeuge zum Graben wenn wir
welche brauchen Kiktahan Schonka hat uns kein Geld versprochen sondern Beute
Ware Pferde und ähnliche Dinge Auch Metalle also Silber Kupfer oder gar
Gold Dass es sich da um Bonanzen oder Diggings handelt die wir erst untersuchen
müssen versteht sich ganz von selbst Darum haben wir die Spaten mit«
    Dieser Mann hatte wie man sich vulgär auszudrücken pflegt »große Rosinen im
Kopfe« Und bei aller seiner Einbildung stand ihm der Gedanke fern dass er nur
ein Werkzeug war welches später wenn man es nicht mehr brauchte weggeworfen
werden sollte
    Wir ritten heut genau denselben Weg den ich damals mit Gates Klay und
Summer geritten war Und am Abend lagerten wir an derselben Stelle der offenen
Prairie wo wir damals geschlafen hatten Wir machten kein Feuer Am andern
Morgen sagte ich den beiden Enters dass wir gegen Mittag den Tavuntsit
erreichen würden Den Namen Mugwortill hütete ich mich sehr auszusprechen Er
steht in meiner Schilderung welche sie gelesen hatten Sie kannten ihn also und
hätten sofort gewusst dass es sich um den Nuggettsil handele Das aber sollten
sie wenigstens jetzt vorher noch nicht erfahren Zu meiner Verwunderung wurde
ich von Sebulon gefragt
    »Kennt Ihr diesen Berg nur von weitem nur vom Hörensagen Mr Burton oder
seid Ihr selbst schon dort gewesen«
    »Schon wiederholt war ich dort« antwortete ich
    »Es sollen einige Gräber dort sein Drei oder vier Ist das wahr«
    »Zwei habe ich gesehen die andern nicht Wer mag wohl da begraben sein«
    »Einige Häuptlinge der Kiowas«
    »Wirklich«
    »Ja Das wurde mir von Einem erzählt der auch schon öfters dort gewesen
ist«
    »Wir werden an den beiden Gräbern die ich gesehen habe lagern Es ist das
der beste Platz dazu«
    Während dieses Vormittages war meine Frau sehr nachdenklich Wir nahten uns
einem Orte der für sie von einem nicht nur großen sondern auch heiligen
Interesse war Sie hält das Andenken an die schöne Schwester Winnetous hoch
sehr hoch Sie hatte wohl oft schon gesagt dass sie herzlich wünsche wenigstens
das Grab der schönen lieben Indianerin einmal zu sehen dabei war sie aber
stets überzeugt gewesen dass sie niemals nach Amerika kommen werde Und nun war
sie doch drüben und die Erfüllung ihres Wunsches stand bevor
    Auch der »junge Adler« schien sich mit ernsten Gedanken zu tragen Bezogen
sie sich etwa auf mich Er sah mich zuweilen so eigentümlich prüfend an senkte
aber schnell den Blick wenn der meinige ihn dabei überraschte
    Die beiden Enters kamen uns Dreien nicht zu nahe Sie hielten sich hinter
uns zu Pappermann der heut sehr genau wusste was er ihnen sagen durfte und was
nicht Ich hatte ihn gestern abend vor dem Schlafengehen genau instruiert
    Es war noch nicht Mittag als die Berge im Süden auftauchten Sie wurden
umso höher je näher wir kamen Auf ihrer höchsten bewaldeten Kuppe stand noch
immer jener Baum der über alle andern emporragte Auch dem Herzle fiel er auf
    »Wie das so stimmt« sagte sie »Nicht wahr da hinauf hatte Winnetou seinen
Späher geschickt«
    »Ja« nickte ich
    »Sag wie ist es dir nur zu Mute Ich möchte weinen Du nicht auch«
    Ich antwortete nicht
    Wir umritten die dunklen Höhen auf ihrer westlichen Seite und bogen dann im
Süden nach links ein um an das tief hineinführende Tal zu kommen welches meine
Leser alle kennen Diesem folgten wir bis an die betreffende Seitenschlucht die
uns weiter hinaufleitete und dann sich teilte Da stiegen wir ab und kletterten
die Pferde an den Zügeln führend zu der scharfkantigen Höhe empor hinter
welcher das Terrain sich wieder senkte Dann ging es jenseits hinab und in
gerader Richtung durch den Wald bis wir unser Ziel erreichten Da standen sie
beide das Grabmal in welchem Intschu tschuna der Vater meines Winnetou hoch
auf dem Rücken seines Pferdes saß und die Steinpyramide aus welcher der Baum
zur Höhe stieg an dessen Stamm Nschotschi zur Ruhe bestattet worden war Ich
hielt an Es überkam mich ein Gefühl als ob ich erst gestern zum letzten Male
hier gewesen sei Die Bäume waren höher geworden und das Unterholz etwas
dichter Sonst aber schien es als ob die tiefe ergreifende Ruhe dieses Ortes
Jahrzehnte lang von keinem Windeshauch gestört worden sei
    »Da liegen die Häuptlinge der Kiowas« sagte Sebulon Enters »Wir sind also
an Ort und Stelle Bleiben wir heute da«
    »Ja Vielleicht auch morgen noch« antwortete ich
    »Schaffe die Beiden wenigstens einstweilen fort« bat meine Frau leise »Sie
sollen mir diese erste Stunde nicht verderben«
    Schon wollte ich ihr diesen Wunsch erfüllen da kam Sebulon mir zuvor
    »Soll ich vielleicht mit meinem Bruder gehen um einen frischen Braten zu
schießen Oder gibt es gleich jetzt die versprochenen Bärentatzen«
    »Ja geht und versucht ob ihr irgend Etwas vor das Rohr bekommt« fiel
Klärchen schnell ein »Ihr habt mehrere Stunden lang Zeit Wir essen erst am
Nachmittag«
    Sie entfernten sich Ich schlug mit Pappermann das Zelt auf Der brave Alte
vermied dabei so viel wie möglich alles Geräusch Er sah dass das Herzle am
Grabe der Schwester kniete und betete Ich darf es wohl verraten sie betet oft
und gern Dann kam sie zu dem Grabe des Häuptlings Am Fuße desselben genau an
der Westseite gab es eine kleine etwas eingesunkene Stelle die aber auch wie
ihre Umgebung mit moosigem Gras überwachsen war
    »Hier hast du wohl damals gegraben« fragte sie
    »Ja« antwortete ich »Ich habe das Loch zwar sehr sorgfältig wieder
geschlossen aber während des Grabens ist doch so viel Erde verloren gegangen
dass sie später fehlte als die Füllung sich nach und nach setzte Daher diese
Vertiefung«
    »Die aber auch Andere auf den Gedanken bringen kann nachzugraben«
    »Mögen sie es tun Sie würden wohl nichts finden«
    »Ich bitte dich das nicht so sicher zu sagen Ich habe nämlich einen
Gedanken«
    »Ah Wirklich«
    »Ja wirklich Und zwar nicht erst jetzt sondern schon während des ganzen
Vormittages«
    »Du schienst allerdings sehr nachdenklich zu sein War es das«
    »Ja nichts Anderes«
    »So bitte lass es mich wissen«
    Ich bin nämlich gewohnt die Gedanken und Gefühle meiner Frau in allen
Stücken mit in Erwägung zu ziehen Ihr angeborener Scharfsinn kommt mir oft zu
Hilfe während mein mühsam erworbener Scharfblick mich in die Irre führt Ich
gebe gern zu dass die Frau dem Manne in Beziehung auf die feineren Instinkte
überlegen ist Darum freue ich mich immer wenn die meinige mir sagt dass sie
einen »Gedanken« oder eine »Ahnung« habe denn ich weiß dass es mir zur Hilfe
dient So auch jetzt Sie antwortete
    »Je näher wir heut diesen Bergen kamen desto deutlicher und
zusammenhängender trat Alles was du von ihnen erzählt hast vor mich hin Und
da kam mir ein Wort in den Sinn welches nicht wieder weichen wollte Winnetou
hat es zu dir gesagt und zwar wiederholt Weißt du noch wie er das Gold die
Nuggets zu nennen pflegte«
    »Meinst du etwa deadly dust17«
    »Ja deadly dust Noch ganz kurz vor seinem Tode als er mit dir von seinem
Testamente sprach hat er zu dir gesagt dass du zu Besserem bestimmt seist als
nur um Gold zu besitzen Und dennoch grubst du hier am Grabe seines Vaters nur
nach Gold nach weiter nichts War das nicht ein Fehler lieber Mann«
    »Ich glaube nicht Das Gold welches hier vergraben lag war nicht für mich
sondern sehr wahrscheinlich für wohltätige edle Zwecke«
    »Sollte es wirklich nichts gar nichts gegeben haben was persönlich für
dich seinen besten Freund und Bruder bestimmt war Und sollte Winnetou der
Weitsehende und Hochdenkende grad bei Abfassung seines Testamentes vergessen
haben dass man auch für wohltätige edle Zwecke noch weit Besseres geben kann
als nur Gold und immer wieder nur Gold Bitte überlege doch«
    »Hm Weißt du Herzle was du da sagst ist richtig unzweifelhaft richtig
Ich habe zwar die Ausrede dass ich damals nur unter Lebensgefahr und in größter
Eile nachsuchen konnte aber das ist doch nicht geeignet mich zu entschuldigen
Ich hatte ja später jahrelang Zeit die versäumte Umsicht nachzuholen Daran
habe ich aber gar nicht gedacht  niemals niemals«
    »Ich auch nicht Ich habe mir also ganz dieselbe Gedankenlosigkeit
vorzuwerfen wie du dir Willst du mir einen Wunsch erfüllen«
    »Welchen«
    »Noch einmal nachzugraben Aber besser sorgfältiger und tiefer als damals«
    »Gern  sehr gern«
    »Ich glaube nämlich wir finden noch Etwas und zwar die Hauptsache Die
Goldanweisung lag nur zum Schutze des eigentlichen wirklichen Schatzes oben
darauf«
    »Wie du das sagst Als ob du es ganz genau wüsstest«
    »Ich weiß es nicht aber ich fühle es Winnetou war abgeklärter und größer
als damals du lieber Mann Sein eigentlicher sein unschätzbarster Wert lag
nicht im Umgange mit dir lag überhaupt nicht in deiner Nähe Wir haben doppelt
nachzugraben nämlich hier an der Gruft seines Vaters und sodann ebenso in
deiner Erinnerung Da werden wir gewiss keinen deadly dust finden wohl aber
Perlen und Edelsteine die aus tiefen seelischen Bonanzen stammen Wollen wir
nicht gleich beginnen Es passt so gut weil die beiden Enters abwesend sind«
    »Dieser Grund ist nicht massgebend weil die Spuren nicht so schnell zu
verwischen wären dass die Brüder nicht bemerkten was während ihrer Abwesenheit
hier vorgenommen worden ist Wo über dreißig Jahre vergangen sind wird es wohl
keinen bösen Schaden machen wenn noch einige wenige Stunden vergehen Wir
dürfen nicht vergessen dass ich von TatellahSatah an die mittelste der fünf
großen Blaufichten gewiesen bin Er schreibt Ihre Stimme sei dir wie die Stimme
Manitous des großen ewigen und allliebenden Geistes Das ist also so wichtig
und so eilig dass es allem Anderen vorauszugehen hat«
    »Ganz gewiss ganz gewiss  Aber wo sind diese blauen Fichten Wo stehen
sie«
    »Gar nicht weit von hier Komm«
    Ich führte sie nach einer Stelle des Waldes wo aus dem Boden sich mehrere
Felsen erhoben an deren Fuß ein Wassertümpel lag Da standen die fünf
SilberBlaufichten welche TatellahSatah meinte Sie waren bis ganz herunter
auf den Boden beästet Unter diesen Ästen gab es einige wenige dürre Kaum war
mein Blick auf den mittelsten dieser Bäume gefallen so wusste ich woran ich
war Das Herzle aber stand da schaute die Bäume ratlos an schlug die Hände
zusammen und seufzte
    »Da sieht ja eine genau wie die andere aus nur dass die mittlere ihre
Schwestern um einige Ellen überragt Und auch ein Ast genau wie der andere So
gedrungen so reich und dicht benadelt Und dieser Baum diese Fichte soll zu
dir sprechen Wie denn wie Weißt du es«
    »Ja«
    »Ich nicht«
    »Das glaube ich wohl«
    »Also wie  Sag es mir«
    »Kannst du Fichte und Tanne unterscheiden«
    »Ich denke«
    »So betrachte die mittlere Fichte genauer Es gibt da unten einige dürre
Zweige an denen sich nur noch wenige Nadeln befinden Bitte zähle sie Von
unten herauf Und zeige dabei mit dem Finger hin«
    Sie tat es
    »Eins zwei drei« zählte sie »Vier fünf sechs«
    »Halt« unterbrach ich sie »Betrachte diesen sechsten dürren Zweig Ist
das auch Fichte«
    »Nein sondern Tanne«
    »Merkst du nun dass der Baum zu reden beginnt«
    »Ah So ist das so so«
    »Ja so Kann dieser Tannenzweig an der Fichte gewachsen sein«
    »Gewiss nicht Man hat den richtigen entfernt und diesen falschen an seine
Stelle gebracht Aber ist das nicht unvorsichtig oder gar gefährlich Konnte das
nicht ebensogut auch jeder Andere außer dir entdecken«
    »Nein Wenn es grüne Zweige wären dann ja Da würde der Tannenzweig mit
seiner ganz anderen Benadelung sofort auffallen Da es aber vertrocknete Äste
sind an denen man nur wenige Nadeln sitzen ließ konnte nur ich allein den
Treffer machen und zwar auch nur deshalb weil ich vorher ganz besonders
aufmerksam gemacht worden war Bitte entferne diesen Zweig«
    »Abbrechen«
    »Nein sondern herausziehen«
    Sie tat es Es war an der Stelle ursprünglichen Astes ein Loch gebohrt und
der Tannenzweig dann hineingesteckt worden Dieses Loch war jetzt zu sehen aber
es hatte nur der Zweig darin gesteckt es war leer Nun untersuchte ich den
Stamm in der Nähe des Bohrloches Ganz richtig Man hatte die Rinde in Form
einer Klappe losgelöst und dann mit dem Ast wieder fest angesteckt Als ich
diese Klappe öffnete fiel ein weißes Papier heraus Das Herzle griff eiligst zu
und rief freudig aus
    »Das ist die Stimme des Baumes Das ist sie Oder nicht«
    »Gewiss ist sie es«
    »Was so ein Indianer für ein scharfsinniger und gescheiter Mensch ist«
    »Ja« lachte ich »Und welch eine beispiellose Klugheit von einer weißen
Squaw aus Radebeul die das Alles sogleich entdeckt«
    Da lachte sie mit und sagte
    »Habe ich diese Entdeckung etwa nicht dadurch eingeleitet dass ich den
Unterschied zwischen Tanne und Fichte sehr wohl kannte Lass uns lesen«
    Da sie daheim meine Sekretärin ist und fast meine ganze Korrespondenz
besorgt hielt sie sich für berechtigt auch dieses Blatt zu öffnen und
vorzulesen Sie zog schon die Augenbrauen in die Höhe um ein möglichst
wichtiges Gesicht zu machen aber diese Wichtigkeit fiel sofort wieder in sich
zusammen und in sehr enttäuschtem Tone erklang die Klage
    »Das kann ich aber nicht lesen  leider leider«
    »Wohl indianische Bilderschrift«
    »Nein Es sind englische Buchstaben aber die Sprache ist fremd«
    »Zeig her«
    »Da Hier Aber setzen wir uns Im Stehen begreift man schwerer«
    Sie setzte sich nieder und klopfte mit der Hand neben sich auf den Boden
Man weiß wohl bereits was ich da zu tun hatte Ich setzte mich neben sie nieder
und las die Zeilen vor Sie waren im Apatsche von derselben kalligraphisch
geübten Hand auf dasselbe sehr gute Papier geschrieben wie der Brief den ich
daheim von TatellahSatah erhalten hatte Die Übersetzung lautete
    »Warum suchtest du nur nach deadly dust Nach tödlichem goldenem Staub
    Glaubtest du wirklich Winnetou der überschwänglich Reiche könne der
Menschheit nichts Besseres hinterlassen
    War Winnetou den du doch kennen musstest so oberflächlich dass du es
verschmähen durftest in größerer Tiefe zu suchen
    Nun weißt du warum ich dir zürnte Sei mir willkommen wenn du verstehst
es mir zu sein«
    Das war der Brief des alten »Tausend Jahre« Ich faltete das Papier zusammen
und steckte es ein Wir sahen einander an
    »Ist das nicht sonderbar« fragte das Herzle
    »Höchst sonderbar« nickte ich »Er schreibt ganz dasselbe was du gesagt
hast Ich bin beschämt außerordentlich beschämt«
    »Nimm es dir nicht zu Herzen«
    »O doch Ich habe da eine Sünde an Winnetou begangen die ich mir unmöglich
verzeihen kann Und nicht nur an Winnetou allein sondern an seiner ganzen
Rasse Jetzt bin auch ich überzeugt dass wir noch mehr und noch viel Wichtigeres
finden werden als ich damals gefunden habe«
    »Weil der alte TatellahSatah es sagt«
    »Nicht nur deshalb sondern noch viel mehr aus dem Grunde der in Winnetous
Charakter liegt Ich habe tief unter diesem hohen edelen Charakter hinweg
gesehen und tief unter ihm hinweg gehandelt Das ist meine Sünde Er würde gütig
lächeln und mir verzeihen ich aber lächle nicht Bedenke dass über dreißig
Jahre unnütz vergangen sind Ein volles Menschenleben Komm Herzle wir müssen
graben«
    »Ja solange die Enters fort sind« stimmte sie bei
    »Nicht das Mir ist es jetzt gleich ob sie da sind oder nicht Horch Ich
höre ihre Stimmen Sie sprechen mit Pappermann Sie sind also schon zurück«
    Ja sie waren wieder da und zwar mit einem Prairiehasen der sich in die
Berge herein verlaufen hatte Sebulon tat Wunder was das für eine Heldentat von
ihnen sei ich aber fiel ihm kurz entschlossen in die prunkende Rede
    »Legt das Häslein her Vielleicht braten wir es vielleicht auch nicht Es
gibt jetzt Wichtigeres zu tun«
    Ich hatte die Absicht gehabt ihnen erst später wenn wir von hier fort
waren zu sagen dass wir dagewesen seien denn ich fürchtete den Einfluss dieses
Ortes und seiner Erinnerungen auf ihren Seelenzustand Oder mit andern Worten
ich hatte psychiatrische Bedenken Nun aber trieben mich ganz andere Gründe Ich
hatte höhere Rücksichten zu nehmen und fuhr darum fort
    »Ich habe euch eine Entdeckung zu machen die ich für später aufheben
wollte Ihr befindet euch nämlich über den Ort an dem wir heut und morgen
lagern werden im Irrtum Hier liegen nicht Kiowahäuptlinge begraben sondern
der Vater und die Schwester meines Winnetou Der TavuntsitPayah ist unser
Nuggettsil«
    Der Eindruck dieser meiner Worte war ein großer ja ein sehr großer Die
Brüder standen still sie bewegten sich nicht sie sagten kein Wort
    »Habt ihr mich verstanden« fragte ich
    Da setzte Hariman sich als ob er zu Boden falle nieder schlug die Hände
vor das Gesicht und begann laut und bitterlich zu weinen Nun hob Sebulon seinen
finsteren und doch flackernden Blick zu mir empor und fragte
    »Ist das wahr was Ihr sagt«
    »Was könnte ich für einen Grund haben euch zu belügen«
    »Well Wir glauben Euch Das sind also die Gräber von Intschu tschuna und
Nschotschi«
    »Ja«
    »Deren Mörder unser Vater war«
    »Euer Vater ja kein Anderer«
    »Erlaubt dass ich mir die Gräber betrachte«
    Er ging zunächst zum Grabe des Häuptlings und dann zu dem seiner Tochter Er
nahm sie sehr eingehend in Augenschein Er schien innerlich ruhig zu sein aber
ich sah dass er wenn er sich bewegte wankte Es war als ob er auf einem hohen
Turmseile gehe und sich heimlich bemühe die Balance nicht zu verlieren Dann
ging er langsam wieder dahin zurück wo der Hase lag Er stieß ihn mit dem Fuße
an und sagte in leise knirrschendem Tone
    »Auch nur so ein armes Häschen Wir Grad wie damals Gates und Klay Ihr
seht Mr Burton dass ich Alles gelesen und mir Alles gemerkt habe sogar das
mit dem Hasen und den alten Tauben die niemand genießen konnte Ich möchte Euch
bitten uns einen Dienst einen Liebesdienst zu erweisen«
    »Welchen«
    »Uns zwei Bilder aus der Vergangenheit dieses Ortes zu zeigen die zwei für
uns wichtigsten Bilder Versteht Ihr mich«
    »Ich verstehe Ihr wünschet dass wir uns jetzt auf die Pferde setzen und ich
euch herumführe um euch Alles zu zeigen was damals geschehen ist zum ersten
Male als Intschu tschuna mit seiner Tochter erschossen wurde und zum zweiten
Male als euer Vater mir das Testament entriss«
    »Ja das meine ich«
    »Das wollte ich tun um Mrs Burton die betreffenden Orte zu zeigen Wollt
ihr uns begleiten so habe ich nichts dagegen Ich denke aber dass es besser für
euch ist darauf zu verzichten«
    »Warum«
    »Weil meiner Ansicht nach ein Sohn sehr starke Nerven haben muss um einen
Rundritt zu den Orten auszuhalten an denen sein Vater solche Taten beging«
    »Wir sind gesund und unsere Nerven sind es auch Also ihr wollt«
    »Ja«
    »Wann«
    »Wann es euch beliebt«
    »Also sofort Ich habe nämlich nicht den Vorzug sehr geduldig zu sein«
    »Werdet es schon noch werden wenn nicht jetzt so doch später Wir reiten
also Mr Pappermann bleibt als Wache hier«
    »Sehr gern« nickte der Alte »Habe nicht die geringste Lust mich um
derartige alte Stapfen zu bekümmern«
    Er hätte sich wohl gern noch kräftiger ausgedrückt denn er konnte die
Brüder nicht leiden und besonders Sebulon war ihm direkt verhasst doch ließ er
es bei dieser Andeutung bewenden Wir Andern konnten gleich wieder aufsteigen
denn die Pferde waren noch gar nicht abgesattelt Wir ritten den Weg den wir
gekommen waren wieder zurück und dann südwärts bis zu dem Spring an dem ich
damals mit Winnetou Intschu tschuna Nschotschi Sam Hawkens Dick Stone Will
Parker und den dreißig Apatschen gelagert hatte Das ist in Winnetou Band I
Seite 483 zu lesen Von da aus verfolgten wir die Wege die ich dann teils
gegangen und teils geritten war bis die Schüsse fielen von denen Vater und
Tochter getroffen wurden Hierdurch gewannen meine Frau und die Brüder ein
klares Bild von der Ermordung derer die mir so lieb gewesen waren Wir waren
hierbei zu unserem Zelte zurückgekommen wo ich dann gleich an Ort und Stelle
erzählen und erklären konnte wie es bei dem Raube des Testamentes zugegangen
war Hariman Enters hatte während dieses ganzen Rittes und dieser ganzen
Instruktion kein einziges Wort gesprochen und mich kein einziges Mal angesehen
Er tat mir leid Seine Wangen glühten zuweilen oft wischte er sich den Schweiß
von der Stirn Er fieberte Ganz anders sein Bruder Dieser schien ganz
unberührt Er zeigte eine Ruhe die selbst ein guter Menschenkenner vielleicht
für echt gehalten hätte Aber seine Augen  seine Augen Die hatte er nicht in
der Gewalt Die verrieten Alles Alles Er war wütend darüber dass die Streiche
seines Vaters nicht so geglückt waren wie es in dessen Absicht gelegen hatte
Er hasste mich wahrscheinlich noch tiefer und noch glühender als dieser mich
gehasst hatte Er war eines jeden Verbrechens sogar des Mordes gegen mich
fähig Und doch brauchte ich ihn nicht zu fürchten wenigstens jetzt noch nicht
weil er mich an Kiktahan Schonka abzuliefern hatte und zwar wie sich ganz von
selbst verstand lebendig und vollständig heil
    Auch er bemerkte jetzt die kleine Bodenvertiefung am Häuptlingsgrabe Er
betrachtete sie sann nach und fragte mich dann
    »Hier habt Ihr wohl gegraben damals«
    »Ja« nickte ich
    »Da lag das Testament«
    »Ja Und nicht nur das Testament«
    »Was noch«
    »Das weiß ich nicht ich werde es aber erfahren Ich bitte euch mir eure
Spaten zu borgen«
    »Wozu«
    »Um zu graben«
    »Noch einmal  Hier  An dieser Stelle«
    »Gewiss noch einmal Und an derselben Stelle«
    »So glaubt Ihr wirklich wirklich dass damals nicht Alles herausgenommen
worden ist«
    »Das glaube ich grad das«
    Da leuchteten seine Augen infolge einer inneren Flamme glühend auf und
seine Stimme klang vor Erregung heiser als er rief
    »Und da soll ich Euch unsere Spaten borgen Fällt mir gar nicht ein Nicht
im Traume Wir graben selbst wir selbst mein Bruder und ich«
    Er rannte dorthin wo die Spaten lagen holte sie hielt seinem Bruder einen
hin und forderte ihn auf
    »Steh auf und heule nicht alte Memme Du hörst es ja Das Nest ist nicht
ganz ausgenommen worden Es gibt noch was zu holen Wahrscheinlich viel sehr
viel Steh auf steh auf Arbeiten heißt es jetzt arbeiten«
    Hariman hatte sich wieder niedergesetzt und den Kopf gesenkt Er stieß den
ihm angebotenen Spaten von sich und sagte
    »Lass mich Ich arbeite nicht Ich rühre keine Hand Verflucht sei all das
Gold und deine Sucht es Andern zu entreißen Du wirst an ihr zugrunde gehen
genau wie er  wie er«
    »So willst du nicht«
    »Nein Gib dir keine Mühe Ich habe genug«
    »Feigling Verdammte Memme« zischte Sebulon ihn verächtlich an
    Da erhob sich Hariman mit einem schnellen Rucke trat hart an ihn heran und
fragte in zornigem Tone
    »Wer ist die Memme Du oder ich Ich habe den Mut zu kämpfen du aber hast
ihn nicht Ich will frei sein frei von diesem Teufel der uns besessen hat und
auch heute noch besitzt Er ist ohne Gnade und ohne Erbarmen Er gebietet uns
ihm zu gehorchen oder zugrunde zu gehen Er fordert von uns das Verbrechen oder
den Sühnetod für den Vater Dir fehlt der Mut gegen ihn zu kämpfen darum
wählst du das Verbrechen ich aber wähle den Tod Ich wiederhole also die
Frage Wer ist die Memme Du oder ich«
    »Ich wähle nicht das Verbrechen sondern ich wähle das Gold das Gold Und
wenn du nicht hilfst so nehme ich mir es allein«
    Er warf den einen Spaten hin und begann mit dem andern zu graben Hariman
setzte sich wieder nieder Da trat Pappermann herbei griff nach dem am Boden
liegenden Spaten und sagte
    »Ich helfe mit Zwei fördern mehr als Einer«
    Sebulon aber fuhr ihn schnell an
    »Fort mit Euch Ihr habt hier nichts zu suchen Ich dulde keinen Andern«
    »Well Ganz wie Ihr wollt Ich glaubte Euch einen Gefallen zu tun«
    Er ließ den Spaten wieder fallen Sebulon aber arbeitete in einer Weise als
ob er von Sinnen sei Er tat Stich um Stich und zwar mit einem Übermaß von
Kraft und Eile als ob keine Minute zu verlieren sei und es sich um Leben und
Seligkeit handle Das Loch wurde tiefer und tiefer Er starrte nur immer hinein
Er sah weder nach rechts noch nach links Der Schweiß lief ihm von der Stirn und
über die Wangen herunter
    »Das ist Wahnsinn  der offenbare Wahnsinn« flüsterte meine Frau mir zu
»Er tut als ob ihm Alles gehöre Was soll daraus werden«
    »Nichts Gefährliches für uns« antwortete ich ebenso leise
    »Aber wenn er Etwas findet  was dann«
    »Wenn es kein Gold oder Geldeswert ist wird er es verschmähen«
    »Und wenn es Etwas ist was er nicht verschmäht Dann kommt es unbedingt zum
Kampfe zwischen dir und ihm«
    »Zum Kampfe Keinesfalls Lass mich nur machen und habe keine Sorge Es
handelt sich hier um unendlich wichtige psychologische Vorgänge die ich in
dieser Weise gewiss niemals wieder zu sehen bekomme«
    »Was hast du von all diesem psychologischen Interesse wenn du es mit dem
Leben bezahlen musst«
    »Bitte doch sei vernünftig sei ruhig Es geschieht mir nichts wirklich
nichts«
    »Ich möchte es wohl glauben Aber gib mir trotzdem einen von deinen
Revolvern Ich schieße diesen wahnwitzigen Menschen augenblicklich nieder wenn
er es wagt die Hand an dich zu legen«
    Das war ihr Ernst Sie hatte wirklich Angst Die Gute der es ganz unmöglich
ist einen Wurm oder Käfer unzart zu berühren wollte aus Liebe zu mir einen
Menschen niederschiessen Ich war gerührt verbarg dies aber und antwortete
lachend
    »Liebes Kind wenn geschossen werden soll und muss so tue ich es selbst Ich
ziele besser als du Und nun sei gut und«
    »Horch« unterbrach sie mich »Was ist es«
    Sebulon hatte nämlich einen Ruf ausgestoßen einen Jubelruf und verdoppelte
seine Anstrengung Die Erde flog nur so aus dem Loche heraus Ich trat hin um
hinabzuschauen
    »Fort fort« brüllte er mich an
    »Ich will nur einen Blick hinuntertun« entschuldigte ich mich
    »Auch das nicht Fort oder ich schlage zu«
    Er hob den Spaten hoch empor und sah mich mit drohenden Augen an Sie waren
wie mit Blut unterlaufen Ich trat zurück und fuhr in beruhigendem Tone fort
    »Darf man denn nicht einmal fragen warum Ihr jetzt gerufen habt«
    »Das will ich Euch wohl sagen Ich bin auf Gold gestoßen«
    »Wirklich«
    »Ja  auf etwas Hartes Breites Das Loch ist zu schmal Ich muss es größer
machen Aber ich allein ich allein Wer mir zu nahe kommt den schlage ich
nieder sei er wer er sei«
    Er arbeitete weiter ich aber kehrte an meinen Platz zurück
    »Siehst du dass ich Recht habe« begann das Herzle ihre Warnungen aufs Neue
»Er wollte dich erschlagen«
    »Wird es aber nicht tun Bitte kompliziere mir die Situation nicht durch
deine Angst Du hast absolut keinen Grund dich zu beunruhigen«
    Da beruhigte sie sich obgleich der Eindruck den Sebulon machte keineswegs
geeignet war dieser Beruhigung Vorschub zu leisten Bisher hatte er sich den
Schweiß von Zeit zu Zeit abgewischt nun tat er das nicht mehr Die Nässe rann
in großen schweren Tropfen herunter Das Gesicht erschien geschwollen die
Augen traten mehr und mehr hervor Er ächzte und stöhnte erst nur zuweilen nun
aber fast bei jedem Spatenstich Er ermüdete Er musste dann und wann innehalten
um Atem zu holen Seine Arme begannen zu zittern Seine Bewegungen wurden
ungewiss Es war ein hässlicher ein überaus hässlicher Anblick den er bot Er
glich einem Dämon einem bösen Geiste dessen Betrachtung für sterbliche Augen
unerträglich ist
    Da endlich wieder ein Freudenruf Und wieder einer und abermals einer
    »Vater Vater du bist hier Du hilfst mir Ich weiß es ich fühle es Ich
danke dir ich danke dir«
    Nachdem er dies im Tone des Entzückens ausgerufen hatte wendete er sein
verzerrtes Gesicht uns zu und drohte
    »Keiner darf heran Keiner Wer es wagt diese Schätze zu berühren den
schlage ich tot sofort und augenblicklich tot Merkt euch das«
    Das Loch war breit und tief geworden Er stieg hinein Es ging ihm bis an
den Gürtel Er bückte sich nach innen und hob Etwas empor Er legte es auf den
Rand Es war ein tönernes Gefäß Er brachte noch eines zum Vorschein und noch
eines dann ein viertes und fünftes Hierauf grub er noch eine Weile tiefer
stieg sodann heraus tat einen langen schweren Atemzug und sagte
    »Fertig Das ist Alles Weiter gibt es nichts«
    Hariman hatte von ihm abgewendet gesessen Jetzt drehte er sich um sah die
Gefäße stand auf und näherte sich seinem Bruder
    »Ah da kommst du doch« höhnte dieser »Aber glaube ja nicht dass du Etwas
davon bekommst Es ist mein Alles mein Alles mein«
    »Nichts ist dein« antwortete Hariman
    »Wem sonst«
    »Es gehört Mr Burton keinem Andern Winnetou hat es für ihn vergraben für
ihn allein«
    »Beweis Beweis« lachte Sebulon »Dieser Mr Burton hat sich vor dreißig
Jahren geholt was ihm gehörte Das Testament Alles Andere ließ er liegen es
war nicht sein Heut habe ich es gefunden Ein Fund wie jeder andere
Prairiefund Nach dem Gesetz des Westens gehört er dem Finder also mir nur
mir«
    »Falsch grundfalsch« widersprach Hariman »Was wusstest du von diesem
Schatz Mr Burton aber kannte ihn Er wollte ihn holen wollte graben Er bat
um unsere Spaten Du hast ihm nicht nur deinen Spaten sondern auch deine Arme
deine Arbeitskraft geliehen Du grubst in seinem Namen Du grubst für ihn So
ist es so steht es und niemand kann es ändern«
    »So So« zischte Sebulon »Das sagst du mein eigener Bruder Woher weißt
du dass ich für ihn gegraben habe nicht aber für mich für mich Hast du das
etwa von mir gehört Nein Oder von ihm Nein Er hat ruhig zugesehen als ich
arbeitete und nicht gesagt dass es für ihn sein soll Und als er an das Loch
kam um hinabzuschauen und ich ihn fortwies da hat er gehorcht da hat er sich
entfernt ohne auch nur den allergeringsten Anspruch auf das zu erheben was
sich in dem Loche befand Verstanden Diese fünf Schatzgefässe sind also mein
Eigentum Und ich will den sehen der den Mut besitzt sie mir streitig machen
zu wollen Jetzt hilf Ich will sie öffnen«
    Das Herzle sah mich besorgt und fragend an Ich antwortete leise
    »Warten wir was sich drin befindet Auf keinen Fall ist es Gold«
    »Vielleicht doch«
    »Nein Ich habe aufgepasst Für Gold war es nicht schwer genug Nur Geduld«
    Die Tongefässe waren von quadratischer Gestalt von blaubrauner Farbe und mit
indianischen Figuren verziert Man erkannte sie sofort und auch schon von weitem
als gebrannte Töpferarbeiten aus einem Moqui oder ZuniDorfe Sie waren aus
einem oberen und einem unteren Teile zusammengesetzt der erstere auf den
letzteren gestülpt die Verbindungslinie mit einem Kitt überzogen der keine
Feuchtigkeit hindurchliess Außerdem waren sie noch mit starken geölten
Bastschnüren umwickelt und verknotet Ich vermutete auch aus diesem Grunde dass
der Inhalt kein Metall sondern irgend ein Gegenstand sei der vor allen Dingen
vor Feuchtigkeit zu beschützen gewesen war
    »Also komm und hilf« forderte Sebulon seinen Bruder nochmals auf »Aber
nimm dich in acht dass wir nichts zerbrechen«
    Sie setzten sich miteinander zu den Gefässen nieder und begannen zunächst
die Umschnürung zu entfernen Hariman tat dies in ruhiger und bedächtiger Weise
Sebulon aber hastig nervös und ohne Geduld Wie vorhin seine Arme gezittert
hatten so bebten jetzt seine Hände und Finger
    »Die verfluchten vielen Knoten« klagte er »Es geht so langsam so langsam
Und doch ist der Vater da der Vater Ich fühle es an der Aufregung an der
Leidenschaft die mich zersprengen möchte Mach schnell mach schnell Aber
zerbrich nichts ja nichts Es darf kein einziger Bruch kein Riss entstehen«
    Als die Schnüre von den ersten zwei Gefässen entfernt waren machten sich die
Beiden daran den Kitt mit den Messern zu entfernen Das war eine zeitraubende
Arbeit weil er sich im Verlaufe der Zeit in Stein verwandelt hatte dabei
sprach Sebulon in Einem fort auf seinen Bruder ein von Silber von Gold von
Perlen von alten mexikanischen toltekischen aztekischen oder gar
altperuanischen Schmucksachen und Geschmeiden Er bildete sich das Teuerste das
Köstlichste ein was es gibt Das artete nach und nach in hirnverbranntes
verrücktes Schwatzen aus welches man eben nur des psychologischen oder vielmehr
psychiatrischen Interesses wegen ertrug Sie hielten gleichen Schritt in ihrer
Arbeit Als der Eine fertig war war es auch der Andere Jeder konnte sein Gefäß
nun öffnen tat es aber noch nicht Die Spannung war zu groß Man holte erst
Atem
    »Rate Was ist drin« rief Sebulon mit zuckenden Lippen und fast
kreischender Stimme »Gold Diamanten«
    »Ich rate nicht« antwortete Hariman »Machen wir auf«
    »Gut Ich zähle Eins zwei drrrrrrrei«
    Die beiden Deckel flogen zu gleicher Zeit auf Jeder schaute in sein Gefäß
Jeder griff hinein um den Inhalt herauszunehmen aber still ganz still Es
ertönte kein Ruf der Überraschung der Freude oder gar des Jubels Sie
betrachteten was sie in den Händen hielten
    »Ein Lederpaket« sagte endlich Sebulon
    »Ja ein Lederpaket« stimmte Hariman bei
    »Etwa mit Gold«
    »Nein Dazu ist es zu leicht«
    »Diamanten Geschmeide«
    »Auch zu leicht«
    »Gar Banknoten«
    »Seine Augen blitzten wieder auf Fünf solch Pakete mit Banknoten Welch ein
Vermögen«
    »Auf auf Schneiden wir auf Schnell schnell« rief er aus
    Die Riemen wurden zerschnitten und die Lederteile auseinander geschlagen
    »Bücher« sagte Hariman enttäuscht
    »Bücher Tod und Teufel Nur Bücher« brüllte Sebulon »Weg mit ihnen weg
weg«
    Er schleuderte sie fort
    »Aber was für Bücher« warnte Hariman »Schau doch erst nach Es kann ja
Geld drin liegen«
    Sofort holte Sebulon das weggeworfene Volumen wieder her um es zu prüfen
warf es aber sehr bald noch weiter von sich als vorher
    »Geschriebene Seiten lauter geschriebene Seiten« zürnte er »Mit
nichtssagenden Überschriften und mit dem geliebten Namen Winnetou«
    »Bei mir hier auch« erklärte Hariman der sein Paket inzwischen auch einer
Untersuchung unterworfen hatte
    »So weg damit immer weg Und dafür die andern drei her Ich hoffe dass sie
Besseres enthalten«
    Man kann sich denken dass ich den Verlauf dieser Szene nicht so gleichgültig
verfolgte wie ich mir den Anschein gab Hier war mir jedes einzelne Blatt oder
Blättchen jedes Stückchen Leder oder Bastschnure heilig Ich ließ die Beiden
nur deshalb gewähren weil sie mir die Arbeit abnahmen Aber verletzen oder gar
verderben durften sie mir nichts das verstand sich ganz von selbst Jetzt nun
als sie die beiden nächsten Gefäße hernahmen ging das Oeffnen derselben dem
ungeduldigen Sebulon nicht schnell genug Er schnitt und riss die Umschnürung in
bebender Eile herunter und rief dabei aus
    »Das geht Alles zu langsam viel zu langsam Der Kitt wird nicht wieder
aufgekratzt denn das erfordert zu viel Zeit Wir schlagen die Gefäße einfach
entzwei Da sehen wir sofort was sie enthalten«
    Da ging ich schnell zu ihnen hin und sagte
    »Entzweigeschlagen wird hier nichts Diese Gefäße enthalten das Vermächtnis
eines großen edlen Verstorbenen Sie haben für mich einen größeren Wert als
Gold und Edelsteine Ich dulde nicht dass man sie zerbricht«
    Er stellte das was er in den Händen hatte neben sich hin griff zum
Spaten sah mich drohend an und fragte
    »Und wenn ich sie dennoch zerbreche was dann«
    »Pshaw Ihr kommt ja gar nicht dazu«
    »Wieso«
    »Ich schlage Euch nieder dass Ihr zur Erde fliegt wie ein umgefallener
Sack«
    »Ah wirklich wirklich Versucht das doch einmal Merkt aber vorher auf
was ich Euch sage Ihr seht den Spaten in meiner Hand Mit ihm zerschlage ich
zunächst das Gefäß und dann wenn Ihr nur die geringste Bewegung gegen mich
wagt zerschmettere ich Euch mit ihm den Schädel Nun tut was Ihr wollt«
    Er hob den Spaten hoch um seine Drohung auszuführen und ich ballte schon
die Faust zum angekündigten Hieb da aber stand auch schon das Herzle neben mir
und sagte
    »Nicht du sondern ich«
    Sie schob mich zur Seite trat hart an Sebulon heran und befahl
    »Nieder mit dem Spaten nieder«
    Sie streckte dabei die Hand gebieterisch aus Man sah ihr an dass es ihr gar
nicht einfiel einen Widerstand zu erwarten Er fuhr fast möchte ich sagen
erschrocken zusammen und schaute ihr in die Augen Ihre beiderseitigen Blicke
hingen für kurze Zeit aneinander Da senkte er den seinen und er senkte auch
den Spaten
    »Werft ihn weg« kommandierte sie
    Er ließ ihn fallen
    »Setzt Euch wieder nieder« forderte sie ihn in weniger strengem Tone auf
    Er tat auch das
    »So Nun fahrt in Eurer Arbeit fort aber vorsichtig und anständig Es darf
nicht der geringste Riss oder Sprung entstehn Ich hoffe Ihr tut mir das zu
Liebe«
    »Zu Liebe ihr zu Liebe« erklang es kleinlaut aus seinem Munde »Was soll
man von mir denken dass ich gehorche Diese Augen diese Augen Hariman sag es
ihr sag es ihr damit wenigstens er mich nicht für einen Feigling hält der
sich vor ihm fürchtet«
    »Was ists« fragte sie den Genannten
    Er antwortete
    »Mein Bruder kann Eure Augen nicht ertragen Mrs Burton Gleich vom ersten
Augenblicke an Er sagte es mir sofort nachdem er Euch gesehen hatte und er
hat es mir bis jetzt schon zehnmal schon zwanzigmal wiederholt«
    »So ist es« klagte Sebulon »Diese Augen diese niederträchtigen
unausstehlichen blauen Augen Sie tun mir weh Sie plagen und quälen mich
Schaut weg von mir Mrs Burton schaut weg Sonst tue ich Alles Alles was Ihr
wollt«
    Da setzte sie sich neben ihn nieder berührte mit ihrer Hand leise seinen
Arm und antwortete
    »Wenn Ihr doch immer nur tätet was ich will so tätet Ihr stets das
Richtige«
    Er zuckte den von ihr berührten Arm und stöhnte
    »Alle Teufel Nun fasst sie mich sogar an«
    »Ich werde es nicht wieder tun Es geschah ganz ohne Absicht« entschuldigte
sie sich »Nun aber bitte die Gefäße wieder zur Hand Ich bleibe dabei und
schaue zu«
    Er griff gehorsam nach dem seinen und sagte zu Hariman gewendet
    »Also entfernen wir den Kitt Aber behutsam sehr behutsam damit ja nichts
zerbricht Verstanden«
    Er nahm als ob gar nichts vorgefallen sei die unterbrochene Arbeit von
neuem auf Und er tat sie so sorgfältig und so bedächtig dass ich mich im
stillen schier verwunderte Das Herzle aber lächelte leise und glücklich Sie
fühlt sich immer so froh wenn es ihr gelungen ist etwas Böses in Gutes zu
verwandeln Zwar kehrte die frühere Hast bei Sebulon nach und nach zurück aber
er widerstrebte ihr es gelang ihm sich zu beherrschen wenigstens bis zu dem
Augenblicke an dem er so weit war das Tongefäss öffnen zu können Da holte er
tief tief Atem und rief dann aus
    »Verzeihung Mrs Burton Wenn es wieder nur Bücher sind so sollen sie Euer
sein Wenn es aber Gold oder dem Ähnliches ist so gebe ich es nicht her Um
keinen Preis Soll ich nachschauen«
    »Ja« antwortete sie
    Er entfernte den Deckel und sah hinein
    »Ganz dasselbe Lederpaket« stöhnte er
    Er nahm es heraus öffnete es und durchsuchte es
    »Wieder nur geschriebene Zeilen weiter nichts weiter nichts Es ist ein
Unglück ein Jammer eine Schande Und du«
    Diese Frage war an seinen Bruder gerichtet der sein Paket soeben auch
geöffnet hatte Er zeigte es her und antwortete
    »Auch nur Schreibereien nichts Anderes«
    Da sprang Sebulon auf und jammerte
    »Ich muss Atem holen Atem Es packt mich die Wut Mich rührt der Schlag«
    Er warf die Arme um sich und rannte auf und ab Hariman aber griff still
nach dem fünften also letzten Gefäß und begann zunächst die Schnuren zu
entfernen Das Herzle griff mit zu um ihm zu helfen Als Sebulon das sah kam
er schnell herbei schob sich zwischen sie und seinen Bruder hinein und bat
    »Nicht Ihr nicht Ihr Mrs Burton Schont Eure Hände Ich mache das für
Euch«
    Das war nicht etwa bös sondern gut gemeint Wie sonderbar Es dauerte nicht
lange so war auch dieser letzte Behälter geöffnet Er hatte denselben Inhalt
wie die andern vier Da beugte sich Sebulon ganz so wie sein Bruder es vorher
nur aus ganz anderem Grunde gemacht hatte tief nieder legte sein Gesicht in
beide Hände und begann zu weinen Seine Brust arbeitete konvulsivisch Wir
Andern verhielten uns still Nach einer Weile stand er mit einem plötzlichen
Rucke auf sah sich um als ob er aus einem Traume erwache und rief in zornigem
Tone
    »Wie sagte ich Wie habe ich gesagt Er sei da unser Vater unser Vater
Verrückter Kerl der ich bin Von dem alten Lump ist längst keine Faser kein
Atom kein Stäubchen mehr übrig Nur die Schande hat er uns gelassen die
Schande Und den Trieb zum Bösen hat er uns vererbt den Drang zum Mord zur
Selbstvernichtung Das ist Alles was wir ihm zu verdanken haben Alles Alles
Und das will Vater gewesen sein und hat sich Vater genannt Pfui«
    Er spuckte dreimal aus und wendete sich von uns sich zu entfernen Aber
schon nach wenigen Schritten blieb er stehen drehte sich nach uns um und sagte
    »Mrs Burton ich verzichte auf die Schreibereien Ich mag sie nicht Ich
schenke sie Euch hört Ihr es Euch nur Euch Mit einem jeden Andern würde ich
um sie kämpfen sogar mit Old Shatterhand Euch aber will ich sie überlassen
ohne dass ich Etwas dafür verlange Sie sind also Euer Eigentum Macht damit was
Euch beliebt«
    Hierauf wendete er sich wieder von uns ab und schritt davon in den Wald
hinein hinter dessen Bäumen er verschwand
    »Törichter Mensch« sagte sein Bruder der ihm ebenso wie wir nachgeschaut
hatte Weiter sagte er nichts
    Das Herzle hatte nun eigentlich jetzt das Essen zu bereiten sie tat es aber
nicht Sie wollte zunächst wissen was für ein Schatz es war den wir da
ausgegraben hatten Ich bat vor allen Dingen Pappermann noch einmal tiefer zu
graben der Überzeugung wegen dass nicht etwa auch heut wieder Etwas liegen
gelassen werde Hariman Enters erbot sich sofort ihm dabei zu helfen Sie
gingen noch volle zwei Fuß tiefer fanden aber nichts und schütteten dann die
Bodenöffnung vollständig wieder zu Inzwischen untersuchte ich mit meiner Frau
den Inhalt sämtlicher fünf Gefäße
    Es waren lauter zusammengebundene Hefte Manuskripte geschrieben von
Winnetous eigener mir wohlbekannter Hand Man kann sich wohl denken welchen
Eindruck diese kalligraphisch nicht schönen aber außerordentlich
charakteristischen Schriftzüge auf mich machten Die Buchstaben hatten peinlich
genau dieselbe Lage und Länge Die Schrift war klar und harmonisch wie die
Seele dessen von dessen Hand sie stammte Er hatte eigentlich nicht
geschrieben sondern gezeichnet und gemalt Kein einziger Fleck keine Spur
irgend einer Unsauberkeit war da zu sehen So war er ja immer und so war er in
Allem gewesen Und das waren nicht etwa nur zwanzig dreißig fünfzig Seiten
sondern viele viele hunderte Wo hatte er sie geschrieben Auf den Umschlägen
einiger Hefte war es zu sehen Da stand »Geschrieben am Nuggettsil«  
»Geschrieben am Grabe meines Vaters«   »Geschrieben am Grabe Klekihpetras« 
 »Geschrieben in Old Shatterhands Wohnung am Rio Pecos«   »Geschrieben bei
TatellahSatah«   »Geschrieben für meine roten Brüder«   »Geschrieben für
meine weißen Brüder«   »Geschrieben für alle Menschen die es gibt« Viele der
Hefte aber waren ohne solch eine Überschrift Die Sprache war englisch Wo ihr
der richtige individuelle Ausdruck fehlte traten die bezeichnenderen
indianischen Worte an ihre Stelle Er hatte von mir so manchen deutschen
Ausdruck gehört und im Gedächtnis festgehalten Nun war es so rührend zu sehen
wie sehr und wie gern er sich in diesen Blättern befleissigt hatte an hierzu
geeigneten Orten diese Ausdrücke in Anwendung zu bringen
    Am Schluße des letzten Heftes fand ich ein vollständiges Inhaltsverzeichnis
und einen an mich gerichteten Brief Das Inhaltsverzeichnis werde ich später
veröffentlichen Der Brief lautete folgendermaßen
                    »Mein lieber lieber guter Bruder
    Ich bete zum großen allgütigen Manitou dass Du kommst um Dir diese Bücher
        zu holen Und wenn Du sie beim ersten Male verfehlst weil Du nicht tief
        genug gräbst so ist es noch nicht an der Zeit dass sie in Deine Hände
        kommen Dann werde ich nicht eher aufhören im Gebete bis Du endlich
        doch noch kommst und sie findest Denn sie sind nur für Dich für keinen
        Andern
    Ich habe dieses mein Vermächtnis nicht bei TatellahSatah niedergelegt weil
        er Dich nicht liebt Aber auch hier sind seine Gründe edel wie immer
        Und ich habe es auch keinem Andern anvertraut weil mein Vertrauen zum
        allmächtigen und allweisen Vater der Welten größer ist als zu den
        Menschen Ich grabe diese Bücher tief in die Erde denn sie sind
        wichtig Höher oben liegt ein zweites Testament um dieses hier zu
        verbergen und zu beschützen Ich werde Dir nur von diesem oberen sagen
        damit das untere liegen bleibe bis seine Zeit gekommen ist Und ich
        habe TatellahSatah mitgeteilt dass hier zwei Vermächtnisse für Dich
        liegen damit sie wenn Du ja nicht kommen solltest trotzdem nicht
        verloren gehen
    Und nun öffne mir Dein Herz und Deinen Geist und vernimm was ich der
        Verstorbene und doch Lebende Dir sage
    Ich bin Dein Bruder Ich will es sein und bleiben Auch dann wenn die
        Trauerkunde durch die Stämme der Apatschen geht Winnetou unser
        Häuptling ist tot Du hast mich gelehrt dass der Tod die größte aller
        Erdenlügen sei Ich möchte Dir beweisen dass dieses köstliche Geschenk
        welches Du mir brachtest die Wahrheit enthält Ich will wenn man von
        mir sagt dass ich gestorben sei die Hände ebenso über Dich breiten wie
        ich sie über Dich breitete als ich noch lebte Ich will Dich schützen
        mein Freund mein Bruder mein lieber lieber Bruder
    Der große gute Manitou führte uns zusammen Wir sind nicht Zwei sondern
        Einer Wir werden es bleiben Es gibt keine Macht auf Erden die stark
        genug ist dies zu verhindern Auch das Grab gähnt nicht zwischen uns
        Ich werde seine Tiefe überspringen indem ich in diesem meinem
        Vermächtnisse zu Dir komme und für immer bei Dir bleibe
    Du bist seit ich Dich kenne mein Schutzengel gewesen und ich war in
        gleicher Weise der Deine Du standest mir höher als jeder Andere den
        ich liebte Ich eiferte Dir nach in allen Dingen Du gabst mir viel Du
        brachtest mir Schätze für Geist und Seele und ich versuchte sie
        festzuhalten und mir anzueignen Ich bin Dein Schuldner aber ich bin es
        gern denn diese Schuld ist nicht drückend sondern erhebend Konnten
        die Bleichgesichter nicht alle so zu uns kommen wie Du der Einzelne
        zu mir dem Einzelnen kamst Ich sage Dir alle alle meine roten
        Brüder wären ebenso gern ihre Schuldner geworden wie ich der Deine
        geworden bin Der Dank der roten Rasse wäre ebenso groß und ebenso
        aufrichtig gewesen wie der Dank Deines Winnetou für Dich Und wo
        Millionen danken da wird die Erde zum Himmel
    Aber Du hast noch mehr getan unendlich mehr als das Du hast Dich nicht nur
        Deines roten Freundes sondern auch seiner ganzen verachteten
        verfolgten Rasse angenommen obgleich Du ebenso wusstest und weißt wie
        ich dass die Zeit kommen wird in der man Dich dafür ebenso verachtet
        und verfolgt wie sie Doch zage nicht mein Freund ich werde bei Dir
        sein Was man Dir dem Lebenden nicht glaubt das wird man mir dem
        Verstorbenen glauben müssen Und wenn man das was Du schreibst nicht
        begreifen will so gib ihnen das zu lesen was ich geschrieben habe Ich
        bin überzeugt es war gewiss die kühnste aber wohl auch die beste Tat
        Deines Winnetou dass er in stillen heiligen Stunden das Gewehr zur
        Seite legte und für Dich zur Feder griff Sie ist mir schwer geworden
        diese Tat sehr schwer dieser Feder wegen die sich sträubte mir der
        Rotaut zu gehorchen Und doch auch leicht so leicht des Herzens
        wegen dessen Stimme aus jeder Zeile spricht die ich dem Volk der
        Menschen hinterlasse
    So wird Dein Winnetou auch noch im Tod an Deiner Seite stehen denn meine
        Liebe lebt So wird er für Dich kämpfen indem er für sich selbst und
        seine Rasse kämpft So hab ich mich zu Deinem Schutz zu Dir emporgehoben
        und bitte Dich vergönne mir den Platz Dann wird auch ebenso mein Volk
        sich zu dem Deinigen erheben und alle Leiden meiner Nation sind
        ausgelöscht wenn nicht aus der Geschichte so doch vor Manitou der
        gütig richtet wenn er kann und darf
    Du weißt ich bin bei Dir wenn Deine Augen diese Zeilen lesen doch nicht
        als Geist als irre Spiritistenseele sondern als mein treuer warmer
        Puls der fortan mit dem Deinigen vereint in Deinem Herzen schlägt
        Könnte dieser Puls der Puls der ganzen Menschheit sein
    Bin ich ein Tor indem ich dieses schreibe Ich grüße Dich Was Du von mir
        noch Alles hören möchtest wirst Du in diesen Blättern finden Ich
        brachte sie zum Nuggettsil Die Grube ist geöffnet sie für Dich
        aufzunehmen Bin ganz allein Wie habe ich Dich geliebt Wie liebe ich
        Dich noch Du warst mir Geist und Seele Herz und Wille Was ich Dir
        bin das wurde ich durch Dich Es gibt so Viele so ungezählte Viele
        die ganz dasselbe werden möchten für Euch   für Euch    für Euch
                                                                 Dein Winnetou«
                           
    Das Herzle saß eng neben mir Ich hatte ihr mit halblauter Stimme
vorgelesen Als ich nun fertig war sagte sie nichts Sie schlang ihre Arme um
mich lehnte ihren Kopf an meine Schulter und weinte Auch ich war still So
saßen wir lange Zeit Dann packten wir die Manuskriptefte in die Tongefässe und
trugen sie in das Zelt um sie dort aufzubewahren Den Brief aber behielt ich
zurück
    »Wirst du ihn dem jungen Adler zeigen« fragte sie mich
    Ich hatte soeben denselben Gedanken gehabt Wieder einer jener häufigen
alltäglichen Fälle dass sie in ganz demselben Augenblick auch ganz dasselbe
denkt wie ich
    »Ja er soll ihn lesen und zwar sogleich« antwortete ich
    Wir gingen zu ihm hin Es schien als habe er sich gar nicht um uns
bekümmert Aber als ich ihm den Brief mit einigen erklärenden Worten zum Lesen
überreichte ging es wie heller Sonnenschein über sein Gesicht Er sprang
schnell auf griff nach dem Brief und sagte
    »Ich danke Euch Mr Burton Glaubt mir ich weiß ganz genau was es heißt
einen solchen Brief aus solcher Hand zu bekommen«
    »Ich zeige ihn Euch nicht ohne egoistische Absicht« erwiderte ich »Ich
stelle dieses Vermächtnis meines Winnetou unter Euren besonderen Schutz Ich kann
nicht stets in der Nähe des Zeltes sein und bitte um Eure Wachsamkeit so oft
ich gezwungen bin mich zu entfernen Zum Beispiel gleich jetzt Ich gehe
nämlich um nach Sebulon Enters zu sehen«
    »Und ich habe inzwischen für des Leibes Nahrung zu sorgen« erklärte das
Herzle »Ich mache wahr was du ihm und seinem Bruder versprochen hast  
nämlich die Bärentatzen Ich hoffe dass mir das mit Pappermanns Hilfe gelingen
wird«
    Der Gedanke nach Sebulon auszuschauen war mir nicht nur wegen meiner
eigenen Sicherheit gekommen Noch viel mehr als das drängte mich das Mitleid
ihn jetzt nicht für längere Zeit aus den Augen zu lassen Es galt auch ihn zu
retten nachdem sein Bruder so ziemlich als gerettet gelten konnte Ich ging ihm
nach indem ich seinen Spuren folgte Sie führten in die Tiefe des Waldes nicht
in gerader Linie wie die Stapfen eines Menschen welcher weiß wohin er will
sondern bald nach rechts und bald nach links bald vorwärts und bald wieder
zurück als ob er in der Irre sei und nicht wisse wo aus oder ein Zuweilen war
er stehen geblieben aber nicht an einer und derselben Stelle sondern sich nach
allen Seiten drehend und wendend als ob er rundum von unsichtbaren Wesen
bedroht worden sei gegen die er sich hatte wehren müssen Das waren seine
Gedanken
    Durch diese Beobachtungen aufgehalten kam ich nur langsam vorwärts Endlich
aber hörte ich ihn noch ehe ich ihn erblickte Er sprach laut sehr laut Ich
folgte der Richtung die mir der Schall verriet Er stand unter einer hohen
Buche an ihren Stamm gelehnt Es gab in der Nähe ein dichtes Unterholz hinter
dem ich Deckung fand Er sprach als ob er greifbare Gestalten vor sich habe Er
gestikulierte er nickte ihnen zu Ich hörte Folgendes
    »Ihr Alle seid schon tot ihr Alle Nur wir Zwei sind noch übrig Müssen
auch wir noch fort Hariman will sterben ich aber will leben Ich will den
Willen des Vaters tun damit er nicht auch noch mich den Letzten ermordet Ich
will ihm diesen Old Shatterhand an das Messer liefern ich will ich will Ich
will diesen seinen größten Feind vernichten und verderben damit ich selbst am
Leben bleibe Aber kann ich   kann ich    kann ich   «
    Er bewegte bei dieser dreimaligen Frage den Kopf so als ob er einen
Halbkreis von Zuhörern vor sich habe Er lauschte als ob ihm von dorther
geantwortet werde Dann fuhr er fort
    »Diese Frau diese Frau ist schuld Diese Frau mit den blauen Augen und mit
der Herzensgüte im Gesicht Die stellt sich mir in den Weg«
    Er legte die beiden hohlen Hände wie ein Schallrohr an den Mund und erklärte
geheimnisvoll
    »Das sind die blauen Augen unserer Mutter Diese lieben guten blauen
Augen die so unzählbar oft weinten bis sie vor Herzeleid brachen und sich
schlossen Habt ihr diese Ähnlichkeit auch bemerkt Und das ist das Wohlwollen
und die Güte unserer Mutter genau genau Wie das lächelt Wie das bittet Wie
das verzeiht   Sollen diese Augen sich in Tränen ergießen meinetwegen Soll
so viel Güte vernichtet werden In Hass in Rache verwandelt Kann ich das Darf
ich das Eines Schurken wegen Eines Schurken  Schurken  Schurken«
    Er neigte den Kopf zur Seite als ob er auf Etwas lausche was ihm zugerufen
wurde machte dann eine Bewegung zornigen Widerspruches und antwortete
    »Nein Er hat mich betrogen der Alte Betrogen betrogen betrogen Es war
kein Gold es waren nur Blätter nur Blätter Will er mich mit Kiktahan Schonka
etwa ähnlich betrügen Er hat als er lebte alle Welt betrogen Nun er tot ist
kann er nur uns noch betrügen Aber betrogen muss sein betrogen betrogen Soll
ich mir das gefallen lassen Wahrlich ich habe große Lust ihm das
zurückzugeben ihn so zu betrügen wie er mich betrügt ihn mit diesem Old
Shatterhand zu betrügen Vielleicht tue ich es vielleicht Sogar
wahrscheinlich Dieser blauen Augen wegen Und dieses lieben gütigen Gesichtes
wegen Ich will einmal  «
    Er hielt in seiner Rede inne Er wurde unterbrochen Sein Bruder erschien
jenseits der Buche und rief indem er sich ihm näherte
    »Still still Unvorsichtiger Dein einsames Schreien und Brüllen wird uns
noch Beide verderben«
    »Sie waren alle da alle« entschuldigte sich Hariman
    »Unsinn Niemand ist da Niemand Aber Einer kann kommen jeden Augenblick
Und wenn der hört was du da den Bäumen erzählst ist Alles entdeckt was du
doch sonst so sorgsam verschweigst«
    »Wen meinst du«
    »Old Shatterhand Er ging in den Wald und zwar genau in der Richtung in
welcher du verschwandest Ich kenne den Dämon der dich zwingt so laute Reden
zu halten Darum bin ich schnell hinter dir her um dich zu warnen Aber ich
wusste nicht wo du warst Es dauerte lange bis ich dich fand Endlich hörte ich
dich schreien«
    »So ist dieses Schreien doch zu Etwas gut gewesen Du hättest mich sonst
nicht gefunden«
    »Rede doch nicht so lächerlich sondern komm Man wird in kurzer Zeit zum
Essen rufen«
    »Ah Die Bärentatzen«
    »Ja Bin neugierig ob sie ihr gelingen Sie hat noch niemals welche
gebraten«
    »O die bringt Alles fertig Alles sogar Bärentatzen Und wenn sie ihr
nicht gelängen so ässe man sie doch und sie würden schmecken sage ich dir
schmecken Also komm«
    Sie gingen miteinander fort Ich beeilte mich ihnen unbemerkt
vorauszukommen und das gelang Als sie den Lagerplatz erreichten saß ich dort
schon an der Seite des »jungen Adlers« und es schien als sei ich nicht erst
vor wenigen Augenblicken sondern schon vor längerer Zeit zurückgekehrt
    Für Leser welche gern Alles wissen auch so nebensächliche Dinge erkläre
ich hierdurch mit größter Feierlichkeit dass die Zensur die ich den Bärentatzen
gab auf IIa lautete Das Herzle ist zwar meine Frau und ich wäre also wohl
verpflichtet gewesen ihr eine »I mit Stern« zu verleihen aber das wäre
geschmeichelt und also unwahr gewesen und hierzu gebe ich mich sogar in
Küchenangelegenheiten nicht her Hätte Klärchen die Tatzen trotz der lebhaften
Mitilfe Pappermanns verdorben gehabt so wäre es mir überhaupt nicht
eingefallen ihr eine Zensur zu erteilen denn nach Paragraph 51 der
»Strafprozessordnung für das Deutsche Reich vom 1 Februar 1877« habe ich in
allen derartig heiklen Fällen als Ehemann das Recht meine Aussage zu
verweigern Aber die Leistung war keine schlechte Sie stand vielmehr besonders
was die beigefügten Wacholderbeeren die Pilze und den Beifuss betrifft so hoch
über dem Niveau der Gewöhnlichkeit dass ich unbedingt zu einer I oder gar einer
Ia gegriffen hätte wenn die Tatzen noch zwei bis drei Tage älter gewesen wären
Der Grund lag also nicht am Herzle sondern die Tatzen selbst waren schuld Wenn
ich hierdurch zu einer IIa gezwungen wurde so fühle ich mich stark
verpflichtet der Wahrheit gemäß hinzuzufügen dass sich die II nur auf den Bär
das a aber nur auf meine Frau bezieht
    Nach dem Essen unternahmen wir Beide nämlich sie und ich einen Ritt nach
dem schon erwähnten Aussichtsbaum auf der Bergeshöhe Es kam mir darauf an eine
weite Umschau zu halten Die Squaws der Sioux hatten nach dem Nuggettsil
gewollt Sie hätten schon lange vor uns hier eintreffen müssen und doch war
keine Spur von ihnen zu entdecken Wir hatten überhaupt weder die Fährte noch
den Stapfen eines einzigen Menschen zu sehen bekommen Darum ritt ich jetzt nach
der dominierenden Kuppe um von dort aus Umschau zu halten
    Als wir da oben ankamen gab es eine schöne reine klare den Blick weithin
tragende Luft Ich stieg auf den Baum so hoch mich seine Zweige trugen Die
Bergesgruppe des Nuggettsil lag unter mir Sie war bewaldet Jenseits dieser
Waldregion breitete sich die von mir schon früher geschilderte spärlich
bewachsene Prairie Ich konnte sie sehen und noch weit in sie hinein rundum
Aber es war kein Mensch zu entdecken auch kein Tier Ich hatte mein Fernglas
mitgenommen Ich suchte mit ihm die ganze Gegend ab Keine Spur eines lebenden
Wesens Wir konnten sicher sein heut nicht gestört zu werden Wir ritten also
wieder nach unserem Lager hinab und kamen dort an als es zu dunkeln begann
    Pappermann hatte für trockenes Feuermaterial gesorgt welches für die ganze
Nacht reichte Er lag vor dem Zelteingange wie ein treuer Hund der sich
verpflichtet fühlt ihn zu bewachen Der »junge Adler« saß in seiner Nähe Die
beiden Enters hockten am Feuer und brieten ihren Hasen Sie teilten davon später
auch an uns aus und wir weigerten uns nicht kameradschaftlich mitzuessen Sie
kamen uns verändert vor Sie erschienen uns unbefangener als sonst Sie nahmen
an unserm Gespräche bescheiden aber doch in einer Weise teil als ob gar nichts
zwischen uns und ihnen liege Wie kam das Hatten sie jetzt ein besseres
Gewissen als früher Oder richtiger waren ihre Absichten jetzt weniger
feindlich als vorher Wahrscheinlich Sogar auch in Beziehung auf Sebulon der
sich so ruhig und vernünftig benahm als ob die heutige Schatzgräberszene
vollständig aus seinem Gedächtnisse verschwunden sei
    Es lag im heutigen Milieu dass wir ausschließlich von Winnetou und seinen
Apatschen sprachen Ich erzählte einige sehr bezeichnende Episoden die ich mit
ihm erlebt hatte Pappermann berichtete über die Art und Weise in welcher er
ihn kennen gelernt hatte und der »junge Adler« schilderte in verschiedenen
Charakterzügen den tiefen Einfluss den der Verstorbene auch noch nach seinem
Tode auf die Indianer besonders aber auf die Apatschen und die ihnen verwandten
Völkerschaften äußerte Die beiden Enters hörten nur zu Sie sprachen nicht
kein Wort aber man sah ihnen an wie ganz und gar sie bei der Sache waren Das
freute mich Sie hatten wahrscheinlich von Seiten ihres Vaters und seiner
Genossen so viel Feindseliges über mich und Winnetou gehört dass es ihnen gar
nichts schaden konnte jetzt einmal etwas Besseres und Richtigeres zu erfahren
Der »junge Adler« fühlte in seiner Feinsinnigkeit welche stillen Absichten ich
während dieses Gespräches mit dem Brüderpaar verfolgte und er ging auf diese
Absichten ein indem er mich in dem Bestreben ihren Hass in Achtung umzuwandeln
unterstützte
    Das Abendessen brachte hierin eine nur kurze Unterbrechung Als es vorüber
war griff Pappermann nach einer der Zigarren von denen er sich aus Trinidad
einen Vorrat mitgenommen hatte Die beiden Enters zogen dies sehend ihre
kurzen Pfeifen und die Tabaksbeutel aus den Taschen Sie schauten fragend zu dem
Herzle herüber und bekamen die gewünschte Erlaubnis bereitwillig zugenickt Der
»junge Adler« rauchte nicht Er behauptete nur bei Beratungen zu rauchen und
zwar nur aus dem Kalumet sonst nicht Was mich betrifft so weiß man dass ich
sehr sehr stark rauchte Ich gestehe sogar ein dass ich der stärkste von allen
Rauchern war die ich kennen gelernt habe Jetzt bin ich es nicht mehr Es sind
nun fünf Jahre her da bat mich das Herzle nicht mehr so viel zu rauchen Sie
meinte ich habe meinen Lesern noch außerordentlich viel zu sagen und müsse also
trachten so lange wie möglich zu leben Da legte ich die Zigarre die ich im
Munde hatte weg und sagte »Das ist die letzte gewesen im Leben ich rauche nie
wieder« Warum hätte ich meiner Frau nicht gehorchen sollen Sie hatte doch
Recht So stand ich also nun auf demselben Punkte wie der »junge Adler«
Höchstens nur noch bei indianischen Beratungen zu rauchen und zwar aus dem
Kalumet sonst nie Trotzdem fällt es mir nicht ein die anregende Wirkung einer
guten verständig genossenen Zigarre oder Pfeife zu leugnen und ebensogut ist
mir sehr wohl bekannt dass unsere alltägliche Phantasie am liebsten und wohl
auch am bequemsten auf Tabakswölkchen aus der Tiefe in die Höhe steigt Das
Gedächtnis scheint geöffnet und die Seele zur Mitteilung bereitwilliger zu
werden Das beobachtete ich jetzt auch am »jungen Adler« Er rauchte zwar nicht
selbst aber seine Hand spielte mit den Ringeln und Ringen die der neben ihm
sitzende Pappermann seinen Lippen entgleiten ließ Er sog den Duft von dessen
Zigarre mit Behagen ein und schien hierdurch eine ganz andere Gedankenrichtung
und Ausdrucksweise zu bekommen Es ist gewiss mehr als sonderbar dass der freie
Indianer niemals zum Gewohnheitsraucher wird und doch oder vielleicht grad
deshalb den besseren und feineren Wirkungen des Nikotin zugänglich ist Er
raucht nur in besonders wichtigen und heiligen Augenblicken
    Der »junge Adler« besaß ein reiches Innenleben aber er war schweigsam Heut
trat er zum ersten Male seit ich ihn kannte ein wenig aus sich heraus aber
auch nur vorsichtig und so nach und nach Von sich selbst sprach er nicht
sondern ausschließlich nur von Winnetou und ich hatte das Gefühl dass es der
Einfluss des narkotischen Duftes war der ihm die Lippen öffnete Das Herzle
benutzte diese Gelegenheit zu einer Frage deren Beantwortung ihr schon seit
unserem kurzen Aufenthalt am Kanubisee auf dem Herzen lag Der junge Apatsche
hatte soeben von dieser unserer Begegnung mit der schönen Aschta gesprochen da
fragte meine Frau
    »Ich sah den Stern auf ihrem Gewande und ich sehe ihn auch hier bei Euch
Was ist es mit diesem Stern Und was ist es mit Winnetou und Winnetah Oder
dürft Ihr es nicht sagen Ist es ein Geheimnis«
    Er schloss für kurze Zeit die Augen Dann öffnete er sie wieder und
antwortete
    »Es ist kein Geheimnis Jedermann darf es hören Ja wir wünschen sogar dass
alle Welt es erfahre und dasselbe tue wie wir Aber soll ich grad hier davon
sprechen und grad jetzt«
    Während dieser Worte berührte sein Blick die beiden Enters Ich verstand ihn
und erwiderte
    »Warum nicht Es gibt kein Hindernis«
    »So sei es«
    Er schloss die Augen wieder und dachte nach Dann begann er
    »Ich wollte ich dürfte in der Sprache der Apatschen zu euch reden denn
diese Sprache bildet das Gewand in welchem das wovon ich spreche mir in das
Herz gestiegen ist Die Sprache der Bleichgesichter wirft hässliche Falten um
diese Gestalten meines Innern«
    Er hatte die Augen noch geschlossen gehalten Jetzt schlug er sie auf und
fuhr fort
    »Es gibt in weiter weiter Ferne von hier ein Land mit dem Namen
Dschinnistan Nur uns den roten Männern ist es bekannt den Weißen aber
nicht«
    Man kann sich meine Überraschung denken als ich diesen Namen und diese
Worte aus diesem Munde hörte Dem Herzle ging es ebenso Sie griff rasch nach
meiner Hand als ob sie eine Stütze brauche um nicht schnell mit der Mitteilung
herauszuplatzen dass er sich über unsere Unwissenheit in hohem Grade irre
    »Dschinnistan« fragte ich »Ist dieses Wort aus der Sprache der Apatschen«
    »Nein sondern aus einer hier vollständig unbekannten Sprache Es sind
viele viele tausend Jahre her da war Amerika noch mit Asien verbunden Es gab
im hohen Norden eine Brücke von dort nach hier herüber Diese Brücke ist jetzt
in einzelne Inseln zerrissen und zerfallen Zu dieser Zeit also vor Tausenden
von Jahren kamen große herrliche Menschen die körperlich und geistig wie
Riesen gestaltet waren über diese Brücke zu unsern Ahnen herüber und brachten
Grüße von ihrer Herrscherin der Königin Marimeh«
    Wieder drückte das Herzle mir heimlich die Hand Sie fühlte ebenso wie ich
dass unsere Marah Durimeh gemeint sei Der »junge Adler« fuhr fort
    »Ihre Boten hatten köstliche Geschenke zu überreichen Es war ihnen
verboten Gegengeschenke zu nehmen denn eine Gabe die erwidert werden muss ist
kein Geschenk sondern eine Erpressung Die Gesandten Marimehs erzählten von dem
hochgelegenen Reiche Dschinnistan In diesem gibt es nur ein einziges Gesetz
welches das Gesetz der Schutzengel heißt Darum wird Dschinnistan auch das Land
der Schutzengel genannt Nämlich ein jeder Untertan dort hat im Stillen der
unbekannte Schutzengel eines andern Untertanen zu sein Wer sich entschließt
der Schutzengel seines eigenen Feindes zu sein der gilt als Held denn er hat
sich selbst überwunden Das gefiel unseren Urvätern denn sie waren ebenso edel
wie die Bewohner des Erdteiles Asien Sie baten die Gesandten der Königin
Marimeh ihnen zur Einführung dieses Gesetzes hier in Amerika behilflich zu
sein Diese waren gern bereit Sie taten um was man sie gebeten hatte und
zogen dann wieder heim«
    »Kamen sie wieder« fragte das Herzle
    »Dieselben nicht aber andere Nach jedem Menschenalter kam eine
Gesandtschaft um Geschenke zu bringen und nachzusehen ob das Gesetz auf dieser
Seite der Erde noch gelte So vergingen mehrere Jahrtausende Der Himmel wohnte
auf Erden Das Paradies stand weit geöffnet Es gab keinen Unterschied mehr
zwischen Engel und Mensch weil jeder Mensch ein Engel war nämlich der
Schutzengel eines andern Da plötzlich blieb die Gesandtschaft aus die nächste
die übernächste auch Man erkundigte sich man schaute nach Die Brücke von
Asien nach Amerika war eingestürzt Nur noch die Pfeiler standen die von einer
wilden See umtobten Inseln«
    »Wenn ich mich nicht irre stehen sie heute noch« fiel Pappermann ein »Ich
glaube man nennt sie die Alëuten«
    »Das stimmt« nickte das Herzle »Ihr seid ein guter Geograph Mr
Pappermann«
    »O das will gar nichts sagen« lachte er »Als ich in die Schule ging
drüben in Deutschland da kannten wir die Alëuten und die Behringsstrasse besser
als unsere eigenen Städte und unsere eigenen Gassen«
    »Es vergingen viele viele Menschenalter ohne dass sich eine Gesandtschaft
sehen ließ« fuhr der »junge Adler« fort »Die Verbindung blieb unterbrochen«
    »Konnte man nicht versuchen sie wieder anzuknüpfen« fragte meine Frau
    Der Gefragte lächelte trübsinnig
    »Von unserer Seite geschah nichts hierzu« antwortete er »Wir waren ja
Rote Wir waren Indianer Wir wollten glücklich und selig sein doch ohne Mühe
und Anstrengung Das hielten wir für unser gutes Recht Ein erkämpftes Glück war
uns zu teuer Wir glaubten es billiger haben zu können Wir ahnten nicht dass
der große allweise Manitou uns prüfte dass das Ausbleiben der Gesandtschaft von
ihm verordnet war um uns aufzurütteln und zur eigenen Tätigkeit zu spornen
Unsere Ahnen aber regten sich nicht sie blieben sitzen Sie hatten keinen Dank
für das Gesetz von Dschinnistan Sie hatten keine entgegenkommende Tat für
Manitou für die Königin Marimeh für die Erhaltung ihres Paradieses ihrer
Seligkeit ihres Glückes Das ist die große die unverzeihliche Sünde unserer
Ahnen deren Folgen wir zu tragen haben bis auf den heutigen Tag«
    Da stöhnte Sebulon leise
    »Die Ahnen  die Ahnen  die Väter«
    »Schweig und störe nicht« bat sein Bruder
    Der junge Apatsche fuhr fort
    »Dem Gesetz von Dschinnistan fehlte die bisher von Generation zu Generation
bewirkte Erneuerung der Heimatskraft Es wurde schwach seine Wirkung ging
verloren Die Engel wurden wieder zu Menschen Der Himmel verließ die Erde Das
Paradies verschwand Die Liebe starb Der Hass der Neid die Selbstsucht der
Hochmut begannen wieder zu regieren Das eine große Reich mit dem einen
großen Gesetz fing an zu wanken Der einen großen Rasse die sich an dem einen
großen Gesetz aufgerichtet und emporgebildet hatte ging diese Stütze dieser
Pfeiler verloren Sie fiel in sich zusammen zwar langsam langsam Jahrhunderte
hindurch aber sicher Die Herrscher wurden zu Despoten die Patriarchen zu
Tyrannen Hatte es erst nur ein Gesetz der Liebe gegeben so regierte nun nur
noch ein Gesetz des Zwanges Was vorher segnete das fluchte was vorher
zusammenstrebte das bestand jetzt darauf sich zu meiden Die einzig mögliche
Rettung schien in der Hand der Macht der schonungslosen Strenge zu liegen Und
sie kamen die Bedrücker die Zuchtmeister die Gewalterrscher Sie regierten
mit eisernen Fäusten aber nur einige wenige Jahrhunderte lang Jeder Druck
auch der Tyrannendruck erzeugt Gegendruck erzeugt Wärme erzeugt innere Hitze
die nach außen und sich zu befreien strebt Dieser Druck der nur durch Gewalt
zusammengehaltenen Wasser wuchs bis die Ufer nicht mehr widerstehen konnten
Das Gewicht der verflossenen Jahrtausende begann zu wirken Ich bediene mich
eines geographischen Bildes zur Verdeutlichung dieser geschichtlichen Tatsache
Der obere See drängte auf den Michigansee dieser auf den Huronensee und dieser
auf den Eriesee Von dieser ungeheuren Schwere mussten selbst Felsenufer brechen
Und sie brachen Der Niagara bildete sich Erst der Fluss dann der Fall der
fürchterliche der entsetzliche der unaufhaltsame Fall durch den die rote
Rasse in Atome zerstäubte und noch weiter zerstäubt wenn nicht aus der Tiefe
dieses Sturzes sich ein großer rettender Gedanke erhebt in dem die Macht
verborgen liegt die Stäubchen Tropfen Wellen und Wasser zu sammeln und im
zukünftigen Ontario zur Einheit zurückzubilden Dieses Bild wird euch fremd und
also nicht geläufig sein   «
    »Es ist uns geläufig« fiel das Herzle schnell ein »Es hat sich auch in uns
selbst ohne Zutun Anderer gebildet Wir haben oft sehr oft darüber
gesprochen daheim und auch hier im Lande Das letzte Mal am Niagara selbst mit
Atabaska und Algongka den Häuptlingen der   «
    »Mit Atabaska« fuhr der »junge Adler« in froher Überraschung auf
    »Ja«
    »Und mit Algongka«
    »Auch mit ihm«
    »Zu gleicher Zeit«
    »Zu gleicher Zeit Sie waren beisammen«
    Diese Nachricht ließ ihn von seinem Sitze aufspringen Seine Freude war so
groß dass er gar nicht daran dachte dass ein Indianer sich weder vom Schmerz
noch von der Freude überwältigen lassen darf
    »Sie waren beisammen beisammen« rief er aus »Der Eine hat die mühselige
weite Reise zu dem Andern gemacht Dann sind beide nach dem Niagara gekommen
dem großen erschütternden Bilde unserer Vergangenheit und Gegenwart Und dann 
 dann   Wisst Ihr wohin sie von dort aus wollten«
    »Nach dem Mount Winnetou«
    »Ist das wahr Wisst Ihr das gewiss und wirklich Mrs Burton«
    »Gewiss und wirklich« versicherte das Herzle und ich bestätigte es
    Da legte er die Hände zusammen hob den Blick empor als ob er beten wolle
und sagte im Tone einer tief tief innerlichen Freude
    »Nach dem Mount Winnetou Gerettet   gerettet   gerettet«
    »Was ist gerettet was« fragte meine wissbegierige Gattin die Klara nicht
das Klärchen
    Er zögerte mit der Antwort gab sie aber doch indem er sich langsam wieder
niedersetzte
    »Der große Gedanke der aus der Tiefe des Niagara sich erheben soll ist
gerettet«
    »So ist er also schon da Ist schon gefunden«
    »Er brauchte nicht gefunden zu werden Er ist schon längst schon seit
Jahrtausenden da Er wurde mit in das Verderben in den Sturz in den Strudel
des Niagara gerissen Aber er wurde nicht zerschmettert und nicht zermahlen und
nicht zermalmt wie wir sondern grad als ihn die Wasser für immer verschlungen
zu haben schienen tauchte er rein klar und wie ein Wunder glänzend aus ihren
Wirbeln auf um von den Nachkommen Derer erfasst und festgehalten zu werden die
es einst der Mühe nicht für wert erachteten ihn den Gast aus Dschinnistan in
bleibenden Schutz zu nehmen«
    Er hatte in schöner lieber Begeisterung gesprochen Man sah und hörte ihm
an dass er mit seinem ganzen Denken und Fühlen bei dieser Sache war Auch die
neugierige Klara wurde wieder zum Klärchen ja zum Herzle indem sie ebenso
entusiasmiert wie er ausrief
    »Ich weiß was Ihr meint Ich kenne ihn diesen großen rettenden Gedanken«
    »Das ist fast unmöglich« warf er ein
    »O nein o nein Wir kennen diesen Gedanken wahrscheinlich schon eher viel
eher als Ihr Ihr meint doch das Gesetz von Dschinnistan nichts Anderes Ein
jeder Mensch soll der Engel eines andern Menschen sein
    Habe ich Recht«
    Ein tiefes aber frohes Staunen ging über sein Gesicht Er rief aus
    »Wirklich wirklich Ihr habt mich begriffen Wie ist das möglich Mrs
Burton«
    »Weil wir dieses Gesetz wie ich Euch schon sagte ebenso kennen wie Ihr«
antwortete sie »Und weil   passt auf was ich Euch sage    weil wir
Dschinnistan kennen und auch die Königin Marimeh obwohl Ihr behauptetet dass
nur die Roten das wissen die Weißen aber nicht«
    Er wusste zunächst nicht was er hierauf sagen sollte Er sah mich fragend
an
    »Sie hat recht« bestätigte ich »Wir wissen sogar den richtigen Namen der
Königin Sie heißt nicht Marimeh sondern Marah Durimeh Diese fünf Silben
wurden im Laufe der Zeit von euch in drei zusammengezogen«
    »Wenn Ihr es sagt Ihr selbst dann muss ich es glauben« erwiderte er »Wie
froh ich darüber bin wie froh Ihr kennt die Königin ihr kennt Dschinnistan
und ihr kennt auch das große das wunderbar einfache und doch allumfassende
Gesetz dieses Landes Da seid Ihr uns ja eine viel viel größere und eine viel
viel wirksamere Hilfe als Atabaska und Algongka die Ihr auch schon kennen
lerntet Wissen sie wer Ihr seid«
    »Nein Ich verschwieg es ihnen Wir waren Mrs und Mr Burton weiter
nichts«
    Da strahlte sein sonst so ernstes Gesicht vor Vergnügen förmlich auf
    »Wie mich auch das erfreut auch das« sagte er »Welch eine Überraschung
wenn man euch erkennt Welch ein tiefer schöner und beglückender Eindruck auf
TatellahSatah meinen geliebten Meister wenn er erfährt dass Old Shatterhand
nichts Anderes will als er Ihr wurdet gewünscht aber doch gefürchtet Mr
Burton«
    »Warum gefürchtet«
    »Weil TatellahSatah Euch äusserlicher nimmt als Ihr seid Weil er
befürchtet dass Ihr dem geplanten Denkmale diesem Prunkwerke oberflächlicher
und kurzsichtiger Denker beistimmen werdet Eure Stimme wiegt schwer das weiß
er und das wissen wir alle Fällt sie auf die Seite der Prahler so erwartet
uns anstatt der ersehnten Neugeburt die völlige Vernichtung Die Seele unserer
Nation unserer Rasse ist erwacht Sie streckt sich sie bewegt sich Sie
beginnt zu denken Sie will ihre Glieder als ein Einiges als ein
Zusammengehöriges als ein großes Ganzes empfinden Alle Einsichtigen streben
nach diesem beseligenden Stärke verheissenden Einheitsgefühl Nun aber seht die
Sioux die Utahs die Kiowas die Komantschen Sie greifen zu den Waffen nicht
gegen die Weißen sondern gegen sich selbst gegen ihre eigene Seele Sie stehen
bereit diese Seele die soeben erst im Erwachen ist wieder niederzutreten sie
für immer zu vernichten Warum«
    Er wollte diese seine Frage wohl selbst beantworten aber das Herzle kam ihm
schnell zuvor
    »Weil Old Surehand Apanatschka ihre Söhne und ihr Anhang das
wohlberechtigte Nationalgefühl dieser Stämme verletzen indem sie im Begriff
stehen dem Häuptling der Apatschen eine beispiellos überschwängliche Ehre zu
erweisen die ihm nicht gebührt«
    Da warf er einen erstaunten ja fast erschrockenen Blick zunächst auf sie
und dann auf mich Es war als ob er glaube seinen Ohren nicht trauen zu
dürfen
    »Wie sagte Mrs Burton« fragte er »Sie nennt diese Ehre eine beispiellos
überschwängliche«
    »Ja das tue ich« antwortete das Herzle
    »Und dass diese Ehre ihm nicht gebühre«
    »Auch das behaupte ich«
    »Und Ihr liebt unsern Winnetou Mrs Burton Und Ihr achtet ihn«
    Er war sehr ernst geworden Er hatte in diesem Augenblicke das Aussehen als
ob sein Gesicht aus Marmor gehauen sei Denselben Ernst zeigte auch meine Frau
Sie erwiderte
    »Ich liebe ihn und ich achte ihn wie außer meinem Mann keinen andern
Menschen«
    »Und doch sprecht Ihr von Überschwang und von Unverdienst«
    Er stand langsam wieder von seinem Sitze auf Das Herzle tat ebenso Das
Gefühl dass der gegenwärtige Augenblick ein hochwichtiger sei ließ Beide nicht
sitzen bleiben Auch ich erhob mich von der Erde Ich hatte nicht nur dieselbe
Empfindung sondern mir war sogar als ob in diesem Augenblicke eine
Vorentscheidung getroffen werde von welcher Vieles und Großes abhängig sei Ich
war dreimal älter als dieser junge Mann aber es fiel mir trotzdem nicht ein
mich nun auch für dreimal klüger zu halten Für mich personifizierte sich in ihm
nicht nur die soeben beginnende Bewegung die mit dem Worte »Jungindianer«
bezeichnet worden war sondern das Schicksal und die Zukunft der ganzen
indianischen Rasse Er war vier Jahre lang bei den Weißen gewesen und hatte es
da wie es schien zu ungewöhnlichen Erfolgen gebracht Er kannte Atabaska und
Algongka Er korrespondierte mit Wakon dem Berühmten Er war der Schüler und
wie ich vermutete der Liebling von TatellahSatah also der Nachfolger meines
Winnetou im Herzen und in der Seele des größten Medizinmannes aller roten
Nationen Da musste ich wohl bescheiden sein Da hatte ich mich zu hüten mich zu
überheben Er stand trotz seiner Jugend vollständig geistig ebenbürtig vor mir
Darum entließ ich meine Frau aus dem Gespräch und antwortete an ihrer Stelle
    »Grad weil wir ihn in dieser Weise lieben und in dieser Weise achten darf
und kann ich nicht dulden dass man ihn mir für die Nachwelt lächerlich macht
Man baue sein Monument noch so hoch in Wahrheit steht er noch höher Man
zeichne sein Abbild noch so schön er selbst war tausendmal schöner Wer ihm ein
sichtbares Denkmal setzt der erhöht ihn also nicht sondern der zwingt ihn
herabzusteigen Er entehrt ihn anstatt ihn zu ehren Winnetou war weder
Gelehrter noch Künstler weder Schlachtensieger noch König Er besaß kein
einziges öffentliches Verdienst Wofür also ein Monument Und wozu ein so
beispiellos seltsames und kostspieliges Ein so beispiellos schreiendes Womit
hat unser unvergleichlich edler Freund eine solche Kränkung eine solche
Beleidigung verdient Es ist wahrlich keine Herabsetzung wenn ich von ihm
behauptete er sei nicht Gelehrter oder Künstler nicht Schlachtensieger oder
König gewesen denn er war mehr als das Alles Er war Mensch Er war Edelmensch
Und er war der erste Indianer in dem die Seele seiner Rasse aus dem Todesschlaf
erwachte In ihm wurde sie neu geboren Darum war er nur Seele und wollte nur
Seele sein Und darum hat er nur Seele zu sein und Seele zu bleiben Weg also
mit allen Monumenten Er hat in unserem Herzen gewohnt und soll diese Wohnung
behalten Wer da glaubt ihn uns aus dem Herzen reißen und in Metall oder Stein
begraben zu können der bekommt es mit uns zu tun Verstanden Er soll leben und
leben bleiben in mir in uns in Euch in seinem Volke in    der Seele
seines Volkes die in ihm zu neuem Bewusstsein kam und zwar zu dem Bewusstsein
dass für eine dem Untergang geweihte Nation das große Gesetz von Dschinnistan der
einzige Weg ist sich von diesem Untergange zu retten Er hätte sich gar wohl
als Held als Feldherr aufspielen können Er verzichtete darauf denn er
erkannte dass dies das Ende nur beschleunigt hätte Er riet zum Frieden und
wohin er nur kam da brachte und gab er nur Frieden Er war der Engel der
Seinen Er war der Engel eines jeden Menschen der ihm begegnete ob Freund ob
Feind ganz gleich Als die Seele seines Volkes in ihm erwachte erwachte sie
notwendigerweise zum Bewusstsein jenes Engelsgesetzes in dessen letzten Tagen
sie einst eingeschlafen und hingeschwunden war Winnetou war also der seelisch
direkte Nachfolger des letzten großen altindianischen Herrschers zu dem die
Gesandten der Königin Marimeh kamen um dann nicht wieder zu erscheinen Habt
ihr das begriffen ihr seine roten Brüder Habt ihr begriffen dass es keinem
Volk erlaubt ist Kind zu bleiben  Dass ihr einst Kinder wart und nur darum
dem Untergange zugetrieben wurdet weil ihr nicht aufhören wolltet Kinder zu
sein Habt ihr begriffen dass ihr als Kinder eingeschlafen seid um nun nach
schweren Niagaraträumen als Männer zu erwachen Habt ihr begriffen dass ihr nun
wenn ihr nicht Männer werdet für immer verloren seid Habt ihr begriffen was
es heißt ein Mann zu werden Eine Persönlichkeit die aus eigener Energie zu
tun und zu handeln beliebt ohne mit sich handeln zu lassen Eine
Persönlichkeit die ihre Ziele kennt und nach ihnen strebt ohne nach irgend
einer Seite abzuweichen Habt ihr begriffen wie es gesühnt werden muss wenn
Hunderte von kleinen und immer kleineren Indianernationen und Indianernatiönchen
sich tausend Jahre lang untereinander bekämpfen und vernichten Dass es ein
millionenfacher Selbstmord war an dem ihr zugrunde gegangen seid Dass der Blut
und Länderdurst der Bleichgesichter nur eine Zuchtrute in der Hand des großen
weisen Manitou war deren Schläge euch aus dem Schlaf zu wecken hatten Dass ihr
nur durch Liebe sühnen könnt was ihr durch Hass verschuldetet Dass der Himmel
eurer Ahnen verloren ging sobald ein jeder rote Mann zum Teufel seines Bruders
wurde Und dass dieser Himmel sich nur dann wieder zur Erde neigt wenn jeder
rote Mann sich bestrebt der Engel seiner Brüder zu sein wie es war zu jener
Zeit in welcher Marimeh die Königin noch nicht gezwungen war euch
aufzugeben«
    Das war ein langer langer Satz den ich gesprochen hatte fast so als ob
eine ganze Menge von Zuhörern vorhanden sei und doch waren ihrer so wenige
Aber es stand in Winnetous Brief dass in meinem Herzen von heute an sein Puls
mit dem meinigen schlagen werde und so kamen mir Gedanken und Worte über die
Lippen die ich sonst vielleicht zurückgehalten hätte Der »junge Adler« stand
vor mir als ob sein Blick mir jedes einzelne Wort vom Munde nehmen wolle Ich
sah dass er staunte und dass dieses Staunen wuchs Kaum hatte ich das letzte Wort
ausgesprochen so erklang seine verwunderte Frage
    »Sagt Mr Burton wart Ihr wirklich noch nicht bei TatellahSatah«
    »Niemals« antwortete ich
    »Was habt Ihr aus seiner großen Büchersammlung gelesen«
    »Nichts Kein einziges Buch jemals gesehen viel weniger gelesen«
    »Sonderbar höchst sonderbar Auch von Winnetou könnt Ihr das nicht haben«
    »Was«
    »Die Gedanken die Ihr soeben in Worte kleidetet«
    »Ein jeder Mensch hat seine eigene Gedankenwelt Ich stehle nicht aus andern
Welten Auch die Fragen die ich Euch vorlegte gehören mir Es steht Euch frei
sie zu beantworten oder nicht«
    »Ich antworte gern Nicht nur durch das Wort sondern auch durch die Tat
Ihr fragtet mich ob wir begriffen haben Vielleicht nicht Alles aber doch wohl
das meiste Der Beweis liegt hier«
    Er deutete auf den zwölfstrahligen Stern auf seiner Brust und fuhr fort
    »Mrs Burton wünscht zu wissen was das zu bedeuten hat und ich antworte
Dass wir bereit sind die Vergangenheit zu sühnen Dass wir nicht länger hassen
sondern lieben wollen Dass wir aufgehört haben die Teufel unserer Brüder zu
sein und uns bemühen des verlorenen Paradieses würdig zu werden Kurz das
Gesetz von Dschinnistan soll wieder bei uns gelten Wir wollen innig verbunden
sein nicht länger auseinander streben Wir wollen uns umschlingen so eng dass
keine Macht dazwischen treten dazwischen greifen kann Wir haben keinen
Herrscher der uns das befehlen könnte wir befehlen es uns selbst Von
TatellahSatah dem Meister ging dieser Gedanke aus Ich war der Erste den er
zum Winnetou ernannte Bald wurden es zehn dann zwanzig fünfzig hundert
jetzt zählen sie schon auf tausende«
    »Warum gabt ihr euch grad Winnetous Namen« fragte das Herzle
    »Gab es irgendwo einen lieberen oder besseren War Winnetou nicht ein
Vorbild in der Erfüllung aller unserer Gebote und Verpflichtungen Hatte er
nicht alle diese Gebote erfüllt ohne hierzu verpflichtet zu sein Und vor allen
Dingen die Hauptsache Sind die Namen Winnetou und Old Shatterhand nicht bei der
roten Nation zum Sprichwort geworden Zum Symbol der Freundes und der
Menschenliebe der Hilfsbereischaft und der Aufopferung sogar bis in den Tod
Gab es jemals so weit die Geschichte reicht zwei aufrichtigere und treuere
Freunde als diese Beiden Wo ist das Wort dass Einer der Schutzengel des Andern
war wohl richtiger als bei ihnen Was wir getan haben ist nichts Besonderes
Wir haben einen Klan einen neuen Klan gegründet wie es deren so viele gab und
heut noch gibt bei den roten Männern Ein jedes Mitglied verpflichtet sich der
Schutzengel eines andern Mitgliedes zu sein das ganze Leben hindurch bis in
den Tod Wir hätten diesen Klan also den Klan der Schutzengel heißen können
haben ihn aber den Klan Winnetou genannt weil dies bescheidener und praktischer
klang Wir treffen damit das Richtige und wir ehren dadurch zu gleicher Zeit
das Andenken des besten und geliebtesten Häuptlings aller Zeit und aller
Apatschenstämme Aber wir wollen bei der Wahrheit bleiben Wir wollen nicht
übertreiben Es soll dies das einzige Denkmal sein welches ihm die rote Rasse
setzt Es gibt kein besseres und kein wahreres Ein Denkmal von Gold oder
Marmor in Riesengrösse auf herrschender Bergeshöhe weit über Land und Volk
hinschauend würde Lüge würde Überhebung sein Überhebung und Lüge von uns
nicht aber von Winnetou Er log nie und er war bescheiden In dieser
Wahrhaftigkeit und Bescheidenheit haben wir ihm zu gleichen Er soll unsere
Seele werden unsere Seele sein Dann steht er höher als der höchste Punkt der
Felsenberge Und dann ist er größer unzähligemal größer als die Kolossalstatue
die ihm kleine Menschen jetzt errichten wollen Es macht mich glücklich gehört
zu haben dass Old Shatterhand derselben Meinung ist Ich wünsche dass
TatellahSatah dies so bald wie möglich erfährt Erlaubt Ihr mir es ihm durch
einen Boten sagen zu lassen«
    »Sehr gern Aber wer soll dieser Bote sein« fragte ich
    »Keiner von uns Ich rufe ihn«
    Er wendete sich vom Feuer ab nach Süden legte die Hände an den Mund und
ließ die drei Silben »Win   ne   tou« erschallen nicht überlaut aber
dennoch weit hinausgetragen
    »Win   ne   tou« klang es zurück
    »Ist das ein Echo« fragte das Herzle
    »Nein« antwortete der »junge Adler« »Es ist ein Winnetou«
    Es war Nacht Die Sterne leuchteten Bei ihrem Scheine sahen wir nach kurzer
Zeit eine Gestalt sich unserem Feuer nähern langsam mit sicherem Schritt und
ohne Eile Sie trug den gleichen Lederanzug wie einst mein Winnetou Ihr Haar
war oben in einen Schopf gewunden und hing dann weit auf den Rücken herab
Waffen trug sie nicht Sie blieb still vor uns stehen Nun traf der Schein des
Feuers ihr Gesicht Wir sahen dass es ein Mann im Alter von vielleicht vierzig
Jahren war
    »Du bist der Beschützer des Nuggettsil« fragte der »junge Adler«
    »Ich bin es« antwortete der Andere
    »Sende sofort einen Boten an TatellahSatah Lass ihm sagen dass der junge
Adler zurückgekehrt ist und seine Aufgabe löste Lass ihm ferner sagen dass auch
Old Shatterhand gekommen ist und Winnetous Nachlass fand Und lass ihm endlich
sagen dass er sich im Denkmalskampfe auf Old Shatterhand verlassen kann wie auf
sich selbst«
    Dies wurde selbstverständlich in der Sprache der Apatschen gesagt Hierauf
machte der »junge Adler« eine Handbewegung des Grusses worauf der Winnetou sich
entfernte ohne ein weiteres Wort zu sprechen
    »Wie seltsam« sagte das Herzle zu mir
    »Nicht seltsam sondern im Gegenteil sehr leicht erklärlich« entgegnete er
»Ihr werdet bei TatellahSatah also am Mount Winnetou die Organisation unsers
Klan genau kennen lernen und an ihr keine Spur von Seltsamkeit entdecken«
    »Dürfen wir nicht schon jetzt Eingehendes erfahren« fragte sie
    »Ich bin ein Heimkehrender also kein zuverlässiger Belehrer Zwar stand ich
auch in der Ferne mit dem Mount Winnetou im Verkehr aber nur in Beziehung auf
Hochwichtiges und Allgemeines Um Auskunft zu erteilen bin ich jetzt selbst
nicht unterrichtet genug«
    Die beiden Enters hatten sich bisher vollständig schweigsam verhalten Es
fiel uns also auf dass Hariman sich grad in diesem Augenblick hören ließ indem
er sagte
    »Aber diese Sache ist doch unendlich interessant für mich Darf man nicht
wenigstens erfahren ob auch Weiße Mitglieder dieses Klan Winnetou werden
können«
    Der Gefragte antwortete
    »Er wurde ursprünglich nur für Indianer gegründet doch würde es gegen
seinen Grundgedanken sein die Weißen auszuschliessen Wir wünschen dass die
Nächstenliebe nach der wir streben nicht nur uns sondern die ganze Menschheit
vereine«
    »Könnte man uns wohl verbieten für uns einen besonderen Klan Winnetou zu
gründen«
    »Kein Mensch besitzt das Recht zu diesem Verbote«
    »Kann ein jedes Mitglied sich das andere Mitglied wählen welches es
beschützen will«
    »Nein Er hat seine Wünsche zu melden und es wird ihnen wenn es möglich
ist Rechnung getragen Aber wenn einem Jeden die Wahl seines Schützlings
freistünde so würde es bald sehr viele Personen geben welche zahlreiche
Beschützer haben und ebenso viele die gar keinen Schutzengel besitzen Jemand
den man liebt zu beschützen ist kein Verdienst Aber der Engel eines Verhassten
oder gar Verachteten zu sein das ist ein schwerer steiler Weg zur edlen
wahren Menschlichkeit empor«
    »Und kennt man öffentlich den Beschützer und seinen Beschützten«
    »Nein Das ist Geheimnis Nicht einmal der Beschützte kennt seinen
Beschützer«
    »Auch später nicht«
    »Doch Nämlich nach dessen Tod Beide werden eingeschrieben Und jeder
Beschützer trägt den Namen seines Schützlings auf der Innenseite des Sternes auf
seiner Brust Löst man nach seinem Tod diesen Stern vom Gewande los so sieht
man wessen Engel er gewesen ist«
    »Well Das soll man auch bei mir sehen«
    »Bei dir« fragte sein Bruder erstaunt
    »Ja bei mir« antwortete Hariman in sehr bestimmtem Tone
    Da lachte Sebulon auf und fragte
    »Bist du etwa auch ein Winnetou nämlich ein verkappter«
    »Nein aber ich will einer werden«
    »Lass dich nicht auslachen Meinst du dass man dich grad dich als ersten
Weißen zulassen würde«
    »Nein Das bilde ich mir nicht ein Aber ich werde trotzdem und trotzdem ein
Winnetou sein Die Sache gefällt mir sie gefällt mir sogar außerordentlich Ich
will sie zu der meinigen machen Und da es mir unmöglich ist ein roter Winnetou
zu werden so werde ich ein weißer«
    »Auf welche Weise«
    »Auf die einfachste Weise die es gibt Ich gründe einen Klan für weiße
Winnetous«
    »Wann«
    »Heut hier jetzt sogleich«
    »Verrückter Kerl«
    Er machte bei diesem Ausrufe eine geringschätzende wegwerfende
Handbewegung Hariman aber ließ sich nicht irre machen Er sagte
    »Lach wie du willst Und spotte darüber Ich tue es doch Ich muss ich muss
Und du wirst wohl auch noch müssen«
    »Ich Müssen Fällt mir nicht ein«
    »Ob es dir einfällt oder nicht ist Nebensache Mir ist es auch nicht
eingefallen Es kommt ohne dass man es will Und wenn es da ist hat man zu
gehorchen Also ich gründe jetzt einen Klan Winnetou für Weiße Ob ich das
erste und einzige Mitglied dieses Klans bin und bleibe darauf kommt in diesem
Augenblicke nichts an Und ob ich mich damit lächerlich mache ist mir
gleichgültig Ich wünsche aber dass wenigstens noch Einer beitritt und dieser
Eine bist du Sebulon«
    »Darauf rechne nicht ja nicht« antwortete dieser
    »Ich rechne dennoch darauf dennoch und du wirst sehen dass du musst  dass
du musst Mrs Burton Ihr seid eine Dame und darum vermute ich Ihr habt
Nähzeug mit«
    »Allerdings« antwortete das Herzle
    »Ich bitte um eine Nähnadel und um einen Faden guten schwarzen Zwirn Auch
um eine Schere«
    »Das sollt Ihr haben« sagte sie und ging nach dem Zelte um das Gewünschte
zu holen
    »Und Ihr Mr Burton seid Schriftsteller« wendete er sich an mich »Ihr
habt also wahrscheinlich Tinte und Feder sogar hier so tief im Westen«
    »Ein Reiseschreibzeug ist da« erklärte ich
    »So bitte gebt mir eine Feder und einige Tropfen Tinte Papier habe ich
selbst«
    »Meine Frau wird Beides mitbringen«
    »Was willst du mit Tinte und Feder« fragte Sebulon
    »Den Namen der Person aufschreiben die ich beschützen will«
    »Wahnsinn wirklich Wahnsinn Darf ich nicht wenigstens wissen wer diese
Person ist«
    »Nein Kein Mensch soll es wissen Du am allerwenigsten«
    Nachdem das Herzle die gewünschten Gegenstände gebracht hatte schnitt
Hariman aus dem Fell des heut verzehrten Hasen einen kleinen zwölfstrahligen
Stern heraus von dem er mit Hilfe seines scharfen Messers die Haare schabte
Dann schnitt er sich ein Stückchen Papier zurecht und schrieb es auf sein Knie
legend in langsamen sorgfältigen Zügen den betreffenden Namen darauf Hierauf
bezeichnete er die betreffende Stelle auf der Brust seines Rockes zog ihn aus
und schickte sich an den Stern dort festzunähen Sebulon folgte jeder dieser
seiner Bewegungen mit mehr als gespannten Blicken Auf seinem Gesicht wechselte
der Ausdruck des Spottes mit dem eines tiefen ängstlichen Interesses Hariman
hatte kein Geschick zum Nähen Schon nach den ersten Stichen trennte er sie
wieder auf Das wiederholte sich Er wurde ungeduldig
    »Es ist als ob es nicht sein sollte ich tue es aber doch« zürnte er
    Da fragte meine Frau
    »Wollt Ihr nicht mir erlauben den Stern festzunähen Ich bringe das wohl
leichter und schneller fertig«
    »Wolltet Ihr wirklich Mrs Burton Wie lieb Ihr seid wie lieb Ja da habt
Ihr den Rock den Stern das zusammengeschlagene Papier welches unter den Stern
zu liegen kommt die Schere die Nadel und Alles Aber bitte schlagt das Papier
ja nicht etwa auf um es zu lesen«
    Sie legte das Papier an die bezeichnete Stelle des Rockes den Stern darauf
und begann die Arbeit in sehr sorgfältiger Weise auszuführen Zwölf Strahlen
erforderten viele viele Stiche
    »So große Mühe hätte ich mir nun freilich nicht gegeben« gestand Hariman
Und nach einer Weile fügte er wie zu sich selbst sprechend hinzu »Es ist doch
eigentümlich ganz ganz eigentümlich mit dieser Sache Als ich den Namen
schrieb war es mir als unterschriebe ich mein Todesurteil Und doch war es mir
so leicht und so wohl dabei«
    Auch Sebulon passte auf Er verwandte fast keinen Blick von meiner Frau Aber
seine Aufmerksamkeit hing mehr an ihrem Gesicht als an ihrer arbeitenden Hand
Zuweilen schloss er die Augen als ob ihm etwas darin wehe tue Und   was war
denn das   ich sah einen Tropfen von seiner Stirn rinnen und noch einen und
wieder einen Schwjetzte er Seine Hände zuckten nach dem Hasenfelle Er schien
nicht zu wollen ergriff es aber doch Dann nahm er die Schere und schnitt ganz
wie vorhin sein Bruder einen zwölfstrahligen Stern daraus Das geschah so
zögernd so widerwillig fast wie im Traume Dann schabte er die Haare herunter
schob dem Herzle den Stern zagend hin und ersuchte sie
    »Bitte Mrs Burton mir dann auch«
    »Annähen« fragte sie
    »Annähen« nickte er
    »Mit einem Papier«
    »Ja mit einem Papier und dem Namen Den schreibe ich jetzt«
    »Also doch Habe ich es nicht gesagt« rief Hariman aus
    »Schweig« fuhr sein Bruder ihn an »Ich tue es nicht weil du es wolltest
sondern weil ich es will Ich kann auch beschützen Verstanden«
    »Aber wen« fragte Hariman
    »Das ist mein Geheimnis Hast du mir etwa den von dir geschriebenen Namen
gesagt So erfährst also auch du den nicht den ich schreiben werde«
    Er griff zu Feder und Papier und schrieb Es handelte sich nur um einen
kurzen Namen also um eine Arbeit von wenigen Silben aber er brachte doch
längere Zeit damit zu Er unterbrach sich mehrere Male Er holte tief tief
Atem Endlich war er fertig ließ die Schrift trocken werden legte das
Papierchen dann mehrfach zusammen und schob es dem Herzle hin
    Was die Brüder da taten das war eigentlich ganz und gar nichts
Aussergewöhnliches Wohl Mancher an meiner Stelle hätte es als Kinderei als
Spielerei bezeichnet Und doch wäre es mir vollständig unmöglich gewesen
darüber zu lächeln Ich hatte das Gefühl als ob dabei ein innerer Zwang
vorhanden sei dem weder der Eine noch der Andere widerstehen konnte
    Als das Herzle mit der Arbeit fertig war zogen die Brüder ihre Röcke wieder
an Sie betrachteten einander erst ernst fast feindselig dann freundlicher
und immer freundlicher Endlich lachte Hariman Sebulon aber lächelte nur
    »Weißt du nun was du bist« fragte der Erstere
    »Ein Winnetou« antwortete der Letztere
    »Ja Aber weißt du auch was das bedeutet«
    »Dass ich der Engel eines Andern bin den ich zu beschützen habe«
    »O nicht nur das Das meine ich überhaupt gar nicht denn das versteht sich
ganz von selbst Sondern du führst jetzt den Namen dessen den wir gehasst haben
wie man eigentlich keinen Menschen hasst sondern nur Bestien und Teufel«
    »Du doch ebenso«
    »Freilich wohl Aber hast du dir überlegt dass es nun mit diesem Hass zu Ende
ist Zu Ende sein muss  muss«
    »Nichts gar nichts habe ich mir überlegt« brauste Sebulon auf »Ich tue
das was ich will Das Überlegen bringt nur fremden Willen Ich bin ein
Winnetou geworden und   «
    »Nein Ihr seid keiner geworden« fiel der »junge Adler« ein
    Es war das erste Mal dass er freiwillig zu Sebulon sprach
    »Nicht« fragte dieser »Fehlt etwa noch Etwas daran«
    »Ja«
    »Was«
    »Der Schwur«
    »Der Schwur Man hat zu schwören Etwas zu beeiden Was«
    »Dass man seiner Schutzengelpflicht getreu sein will bis in den Tod Die
roten Männer brauchen keinen Schwur Bei ihnen genügt der Handschlag denn er
ist ihnen ebenso heilig wie der Eid«
    »Uns auch« rief Hariman
    »Ja uns auch« rief Sebulon
    »So steht auf« gebot er ihnen
    Sie taten es Auch er erhob sich von seinem Sitze In diesem Augenblicke
warf Pappermann ein großes harziges Holzstück in das Feuer Die Flamme loderte
auf Sie züngelte nach allen Richtungen Da schien sich der Wald mit
geistergleichen Wesen zu beleben Die nächtlichen Schatten der Bäume und
Sträucher bewegten sich Sie huschten hin und her Sie sprangen empor und sanken
zu Boden
    »Reicht euch die Hände« befahl der junge Indianer
    Sie gehorchten Da trat er ganz zu ihnen heran legte seine Hand auf die
ihrigen und forderte sie auf
    »Sprecht mir die Worte nach Unsern Schützlingen treu bis in den Tod«
    »Unsern Schützlingen treu bis in den Tod« erklang es vereint aus ihrem
Munde
    »Dieses Wort ist unser Schwur Sprecht das nach«
    »Dieses Wort ist unser Schwur« fügten sie hinzu
    »So Nun erst könnt ihr behaupten Winnetou geworden zu sein Denn nicht der
Stern tut es sondern der Wille Und diesen Willen habt ihr kund gegeben Des
bin ich Zeuge Gebt auch mir dem Zeugen eure Hände«
    »Hier ist die meine« sagte Hariman indem er sie ihm gab
    »Und hier die meine« sprach Sebulon
    Der junge Apatsche ergriff beide die eine mit seiner Rechten die andere
mit seiner Linken und fragte
    »Seid ihr euch der Wichtigkeit dieses Augenblicks bewusst«
    Keiner antwortete Da fuhr er fort
    »Was ihr nicht wisst weiß Manitou und was ihr nicht könnt kann er Wer
Andere beschützt beschützt sich selbst Indem ihr euch vorgenommen habt die
Engel eurer Schützlinge zu sein sind in Wirklichkeit sie eure Engel geworden
Bleibt euch und ihnen treu Das ist der einzige Dank den sie von euch
verlangen«   
 
                                Fünftes Kapitel
                                        
                                  Am Deklilto
Ich hatte den nächsten Tag dazu bestimmt einen Überblick über die
ausgegrabenen Skripturen zu gewinnen sah mich aber leider in der Hoffnung dies
tun zu können getäuscht Wir saßen noch beim Morgenkaffee da tauchte am
südlichen Rande der Lichtung die Gestalt eines Indianers unter den Bäumen hervor
und kam auf uns zu Es war der Winnetou von gestern abend Er wendete sich nur
an den »jungen Adler« Uns Anderen schien er mit keinem Blicke zu berühren Er
sprach seine Muttersprache nicht englisch
    »Es kommen Reiter« meldete er
    »Woher« fragte unser junger Freund
    »Zwischen Nordwest und West«
    »Wie viele«
    »Eine große Schar Man konnte sie nicht zählen Sie waren noch zu weit
entfernt«
    »So komm wieder sobald es möglich ist ihre Zahl zu bestimmen«
    Der Winnetou entfernte sich kehrte aber schon nach vielleicht zehn Minuten
zurück und berichtete
    »Es sind Reiter und Reiterinnen Zwanzig Männer und viermal zehn Squaws mit
vielem Gepäck auf Maultieren hinterher«
    »Wie weit entfernt von hier« fragte der »junge Adler«
    »Sie werden in einer Viertelstunde den Nuggettsil erreichen«
    »Sie mögen kommen Man beobachte sie aber ohne sich von ihnen sehen zu
lassen Es sind die Squaws der Sioux die nach dem Mount Winnetou wollen Wer
die Männer sind das weiß ich jetzt noch nicht Wir reiten von hier nach dem
Deklilto Ich glaube nicht dass ich deiner Hilfe noch einmal bedarf«
    Hierauf entfernte sich der Winnetou ohne eine einzige Silbe die nicht von
seiner Pflicht geboten war auszusprechen Das war Disziplin Als unser alter
guter Pappermann erfuhr wen wir hier bei uns zu erwarten hatten kam er in eine
Aufregung die er zwar verbergen wollte aber nicht verbergen konnte Die
Gebrüder Enters fühlten sich unsicher Sie fragten ob sie sich vielleicht
zurückziehen sollten
    »Ihr gehört jetzt zu uns und ihr bleibt bei uns« antwortete ich »Wie ich
eigentlich heiße ist zu verschweigen«
    Damit war diese Sache abgemacht Ich sah mit meinem Herzle den Nahenden mit
großem Interesse entgegen obgleich ich es bedauerte auf die Durchsicht der
Manuskripte nun verzichten zu müssen Es verging eine Viertelstunde nach der
andern Diese Leute nahmen sich Zeit Endlich nach über einer Stunde hörten
wir schon von weitem den Lärm den sie machten Sie kamen zu Fuß Die Pferde
waren wegen der steilen Stellen die es gab unten am Berg gelassen worden Wir
wurden bemerkt noch ehe sie unter den Bäumen hervorgetreten waren Das
schlossen wir aus dem Umstande dass die lauten Stimmen jetzt plötzlich
verstummten Hierauf sahen wir einen sehr langen und sehr hageren Menschen
erscheinen der sich in einem sonderbar hochbeinigen schlingernden Gang auf uns
zu bewegte Er war nicht indianisch gekleidet sondern er trug einen sehr
eleganten Yankeeanzug mit einem sehr weißen und sehr hohen Kragen und ebenso
weißen glänzenden Manschetten An seiner Brust prahlte eine große echte
Nadelperle und an seinen Fingern glänzten verschiedene Diamanten nebst andern
Edelsteinen Aber seine Hände waren groß sehr groß seine Füße ebenso und
seine Nase   o diese Nase Die konnte nur von einer riesennasigen
indianischen Mutter und einem noch riesennasigeren armenischen Vater stammen und
war dann an ihren beiden Seiten derart abgeschliffen worden dass sich nur die
dünne Scheidewand erhalten hatte Zu dieser Nase erschienen die wimperlosen
zudringlichen Aeuglein viel zu klein Das Gesicht war schmal Der Kopf glich
einem Vogelkopfe aber dieser Vogel war ganz gewiss kein kühner Adler sondern
nur ein monstreschnabeliger Pfefferfresser
    Also dieser Mann kam auf uns zugeschlingert blieb vor uns stehen ohne zu
grüßen betrachtete uns Einen nach dem Andern wie leblose Gegenstände oder wie
völlig wertlose Personen die sich das gefallen lassen müssen und fragte dann
    »Wer seid ihr«
    Seine Stimme klang scharf und spitz Leute mit solchen Stimmen pflegen
gefühl und rücksichtslos zu sein Er erhielt nicht sogleich eine Antwort darum
wiederholte er seine Frage
    »Wer seid ihr Ich muss das wissen«
    Mir und dem Herzle fiel es nicht ein ihm Rede zu stehen dem »jungen Adler«
noch viel weniger Die beiden Enters hatten Grund sich nicht hervorzutun und
so war es schließlich Pappermann welcher das Wort ergriff
    »Ihr müsst das wissen Ihr müsst Ah wirklich Wer zwingt Euch dazu«
    »Zwingt« fragte der Mann erstaunt »Von einem Zwange ist keine Rede Ich
will«
    »Ah Ihr wollt Das ist freilich etwas Anderes Nun so wollt einmal Bin
neugierig wie weit Ihr es mit diesem Eurem Willen bringt«
    »Genau so weit wie ich eben will Wenn es Euch etwa beliebt mir mit
Albernheiten zu antworten so haben wir die Mittel in den Händen Euch zu
zwingen ernst zu sein«
    Wir Andern alle saßen Nur Pappermann hatte gestanden als der Fremde kam
Er schritt jetzt langsam auf ihn zu stellte sich gewichtig vor ihm auf und
fragte
    »Zwingen Uns zwingen Etwa Ihr Den Mann der das sagt muss ich mir doch
einmal genauer betrachten«
    Er fasste ihn bei den Armen drehte ihn nach rechts nach links schließlich
ganz um sich herum schüttelte ihn dass alle Knochen wackelten und sagte dann
    »Hm Sonderbar Bin doch sonst nicht so dumm Aber aus diesem Kerl werde ich
mir nicht klug Ihr seid kein Ganzindianer sondern nur ein halber Ist das
richtig«
    Der Gefragte wollte aufbrausen anstatt willig und direkt zu antworten da
aber schüttelte der alte Westmann ihn zum zweiten Male und warnte
    »Halt Keine Grobheiten oder gar Beleidigungen Die vertrage ich nicht Wer
hierher kommt und uns ohne zu grüßen zwingen will uns aushorchen zu lassen
wie es ihm beliebt der ist erstens ein ungezogener Mensch und zweitens ein
Schafskopf sondergleichen Hier ist unser Lagerplatz Nach den Gesetzen der
Prairie gehört er uns bis wir ihn verlassen Wir waren eher da als Ihr Wir
sind hier daheim Wer unser Heim betritt der hat höflichst zu grüßen und sich
auszuweisen wer er ist und was er will Verstanden Und nun sagt mir vor allen
Dingen erst einmal Euren Namen Aber schnell Ich scherze nicht Sondern ich
pflege solche Vögel wie Ihr seid sehr schnell richtig pfeifen zu lehren«
    Er hielt ihn noch an beiden Armen fest so fest dass der Fremde das Gesicht
vor Schmerz verzog und kleinlaut antwortete
    »So lasst doch wenigstens los Mein Name ist Okihtschintscha Bei den
Bleichgesichtern heiße ich Antonius Paper«
    »Antonius Paper und Okihtschintscha Schön Aber ein Ganzindianer seid Ihr
nicht«
    »Nein«
    »Sondern nur ein halber ein Mischling«
    »Ja«
    »Eure Mutter war Indianerin«
    »Ja«
    »Von welchem Stamme«
    »Sioux«
    »Und Euer Vater«
    »Der kam aus dem gelobten Lande herüber und war von Geburt Armenier«
    »Schade jammerschade«
    »Wieso«
    »Es tut mir so leid um das gelobte Land dass es sich die Ehre Euch geboren
zu haben hat entschlüpfen lassen Die Armenier sind wenn sie herüberkommen
immer Händler Ihr wohl auch«
    »Ich bin Bankier« erwiderte der Fremde stolz »Nun aber lasst mich los Und
sagt auch wer Ihr seid«
    »Das soll geschehen Ich bin ein alter wohlbekannter Prairieläufer und
heiße Pappermann Maksch Pappermann verstanden Nebenbei ist es mein ganz
besonderes Metier grobe Leute höflich und dumme Menschen gescheit zu machen
Ihr seid nicht allein Eure Begleiter stecken noch da drüben unter den Bäumen«
    »Ja«
    »Es sind Frauen dabei«
    »Ja«
    »Siouxfrauen die nach dem Mount Winnetou wollen«
    »Ja Woher wisst Ihr das«
    »Das ist meine Sache nicht Eure Wer sind die Männer dabei«
    »Das sind die Herren vom Komitee mit ihrer Dienerschaft und den Führern«
    »Was für ein Komitee«
    »Das Komitee für den Denkmalbau eines   «
    Er hielt inne Es fiel ihm ein dass Weiße als Mitwisser ja eigentlich
ausgeschlossen seien Darum fuhr er fort
    »Fragt sie selbst Ich bin nicht ermächtigt über die Zwecke dieses Komitees
Auskunft zu erteilen Und lasst mich nun doch endlich los«
    Da schüttelte Pappermann ihn noch einmal tüchtig durch gab ihn dann frei
und sagte
    »So kehrt zu ihnen zurück und sagt ihnen meinen Namen Besonders den Damen
Es sind einige dabei die mir beistimmen werden dass man hier zu grüßen hat«
    Herr Antonius Paper schlingerte wieder über die Lichtung hinüber bis er
unter den Bäumen verschwand Sein Indianername Okihtschintscha bedeutet in der
Siouxsprache so viel wie »Mädchen« Er schien sich also schon von Jugend auf
durch männliche Taten und männliche Eigenschaften nicht allzusehr ausgezeichnet
zu haben Er war der Kassierer des »Denkmalkomitees für Winnetou« Man wird sich
erinnern dass grad er und sein Verhältnis zu Old Surehand mir gleich von Anfang
an als nicht vertrauenswert erschien Nun ich ihn heut zum ersten Male sah war
der Eindruck den er auf mich machte kein günstiger Das Herzle dachte ebenso
    »Ein Mischling« sagte sie »Du bist doch immer der Meinung dass diese
Halbblutleute meist nur die schlimmen Eigenschaften ihrer Eltern erben«
    »Ja meist Aber schau Man kommt«
    Kaum hatte der Halbindianer da drüben den Namen Pappermann genannt so
hörten wir den frohen Ruf einer weiblichen Stimme und gleich darauf erschienen
zwei Frauengestalten die mit eiligen Schritten über die Lichtung herüberkamen
Die Eine war Aschta die wir am Kanubisee gesehen hatten die Andere
wahrscheinlich ihre Mutter Die übrigen Ladies folgten ihnen auf dem Fuße
hinter ihnen die Männer in langsameren würdigeren Schritten
    Wir standen alle auf
    »Mir wird ganz schwach« sagte Pappermann
    Er lehnte sich an den nächsten Baum Aber seine alten guten treuen
ehrlichen Augen standen weit offen und waren mit seligem Ausdruck auf die
beiden sich nähernden Frauen gerichtet
    Man sah sofort dass diese Beiden Mutter und Tochter waren so sprechend
ähnlich so fast völlig gleich zeigten sie sich nicht nur in Beziehung auf ihre
Gesichtszüge sondern auch in Hinsicht auf ihren Gang ihre Haltung und die Art
sich zu bewegen und sich auszudrücken Dazu kam dass sie völlig gleich gekleidet
waren Die vierzig Indianerinnen stimmten in ihren Anzügen überhaupt alle
überein Auch trugen sie alle den Stern des Klan Winnetou
    Aschta hießen beide Sie kamen Hand in Hand Die Mutter war beinahe fünfzig
Jahre alt aber immer noch schön und zwar von jener Schönheit an welcher die
Seele nicht weniger Anteil hat als der Körper
    »Da ist er« sagte die Tochter indem sie auf Pappermann zeigte »Und dort
steht der junge Adler von dem ich dir auch erzählte«
    Aber die Mutter achtete jetzt nicht auf den Letzteren sondern nur auf den
Ersteren Sie gab die Hand ihrer Tochter frei blieb einen Augenblick stehen
ließ ihren Blick über ihn gleiten und sagte
    »Ja er ist es der Liebe der Gute der Bescheidene«
    Sie trat bis ganz zu ihm heran ergriff seine Hände hob ihre schönen
dunkeln aber klaren Augen zu seinem Gesichte empor und fragte
    »Warum kamt Ihr nicht Warum seid Ihr uns ausgewichen immer und immerfort
Es ist grausam den Dank der Herzen die es ehrlich meinen abzulehnen Bitte
gebt mir Eure Stirne ja gebt sie mir«
    Er bog den Kopf nieder Sie hob die Hände zog ihn näher und küsste ihn auf
die Stirne und auf die beiden Wangen Da konnte er sich nicht länger halten Er
brach in ein lautes Schluchzen aus drehte sich um und entfernte sich mit
eiligen Schritten in den Wald hinein
    »Hier wird geküsst« hörte man eine scharfe spitze Stimme erklingen
    Das war der Halbindianer der bei den andern Männern hinter den Frauen
stand Aller Augen richteten sich auf ihn
    »Welch ein Wort« rief Aschta die Tochter aus »Er soll es büßen«
    Sie hob drohend den Arm und eilte zornig auf ihn zu
    »Aschta« erklang da die Stimme der Mutter »Berühre ihn nicht Er ist
schmutzig«
    Die Tochter hemmte ihren Schritt und ging zur Mutter Diese nahm sie wieder
bei der Hand und sagte so dass Alle es hörten
    »Komm wir gehen den Andern den Freund den Retter zu suchen denn er
steht höher tausendmal höher als Jener dort der es wagt über Dankbarkeit zu
spotten«
    Beide entfernten sich in der Richtung nach welcher Pappermann den Platz
verlassen hatte Ich war der Meinung dass hierauf zwischen uns und den
Neuangekommenen ein kurzer Verlegenheitszustand eintreten werde der unbedingt
überwunden werden musste aber ich hatte mich geirrt Mr Antonius Paper oder
vielmehr Mr Okihtschintscha schien eine dicke Haut zu besitzen durch welche
Strafreden wie die soeben angehörte nicht zu dringen vermochten Er tat als
ob nicht das Geringste vorgefallen sei und ergriff sofort wieder das große
Wort indem er sich an die bei ihm stehenden Gentleman wendete die alle
indianisch gekleidet waren obgleich man ihnen ansah dass sie nicht mehr der
Prairie oder dem Urwalde angehörten
    »Der Sprecher der hier lagernden Gesellschaft hat sich leider entfernt Er
kann uns also nicht sagen wer die Andern die Zurückgebliebenen sind Wir
werden es aber doch sofort erfahren Ich sorge dafür«
    Er kam auf uns zu
    »Der Unglückselige« sagte das Herzle »Er wird doch nicht etwa mit Dir
anbinden«
    »Er würde sofort wieder abgebunden sein« lachte ich vergnügt
    Ihre Befürchtung erwies sich als begründet Der Mann wendete sich an mich
Alle Welt schaute nach ihm und war auf seine Fragen und meine Antworten
gespannt
    »Mr Pappermann hat es für gut gehalten sich zurückzuziehen« begann er
»ich frage also nun Euch Wie ist Euer Name«
    »Ich heiße Burton« antwortete ich
    »Und die Lady da neben Euch«
    »Ist meine Frau«
    »Die beiden Gentlemen die hinter Euch stehen«
    »Sind Brüder Mr Hariman Enters und Mr Sebulon Enters«
    Den »jungen Adler« sah er nicht weil dieser abseits stand Er fuhr in
seinem Verhör fort
    »Wo kommt Ihr her«
    »Aus dem Osten«
    »Wo wollt Ihr hin«
    »Nach dem Westen«
    »Redet nicht so dumm Das ist ja eben der Westen wo Ihr seid Und wenn ich
einmal frage so will ich Namen und Orte wissen nicht aber alberne Ausdrücke
aus denen man sich nichts nehmen kann«
    Er hatte noch nicht ganz ausgesprochen so bekam er eine derartige Ohrfeige
von mir dass er sich halb um sich drehte und dann niederstürzte Hierauf wendete
ich mich nach rechts
    »Die Ladies wollen verzeihen dass es hier genau so aus dem Walde schallt
wie hineingesprochen wird wir sind ja eben im Walde«
    Und nach links hinüber fügte ich hinzu
    »Ich bitte einen der andern Gentlemen die Unterhaltung mit mir
fortzusetzen Mr Paper wird wahrscheinlich darauf verzichten«
    »Verzichten« rief er aus indem er sich vom Boden aufraffte »Fällt mir
nicht ein Ich bin geschlagen worden  geschlagen Das erfordert Strafe 
sofortige Strafe«
    Er suchte hastig in seinen Taschen herum und brachte zunächst ein Messer
hervor eine sehr elegante sogenannte Sicherheitsklinge die er sehr behutsam
um sich ja nicht selbst zu stechen öffnete Dann kam ein kleiner allerliebster
Salonrevolver zum Vorschein den er entsicherte und spannte Nach diesen
großartigen Vorbereitungen wollte er sich von neuem an mich machen Die Folge
wäre eine noch größere Blamage gewesen zu der es aber nicht kam denn einer der
Gentlemen schob ihn beiseite und sagte
    »Steckt diese Waffen wieder ein Mr Paper Mit gewalttätigen Leuten spricht
man anders«
    Er tat mit verbindlichem Lächeln zwei Schritte auf mich zu machte mir eine
noch verbindlichere Verbeugung und begann
    »Wir wünschen uns Euch vorzustellen Mr Burton Ich bin Agent Agent für
alles Mögliche und heiße Evening Hier steht Mr Bell Simon Bell Professor
der Philosophie Und da seht Ihr Mr Edward Summer der auch Professor ist
nämlich Professor der KlassikalPhilologie Genügt Euch das«
    Man sah es ihm an dass er erwartete mir außerordentlich imponiert zu haben
und ich gestehe auch gern ein dass diese beiden Professoren bisher meine
Hochachtung besaßen gesehen hatte ich sie noch nie Ich war also gern bereit
so höflich wie möglich zu sein und ihnen in jeder Weise entgegenzukommen zumal
diese vier Männer im Verein mit Old Surehand ja das Komitee bildeten in dessen
Hände das Schicksal des geplanten Winnetoudenkmals gegeben war Ich verbeugte
mich also ebenso verbindlich wie er es getan hatte und antwortete
    »Ich fühle mich geehrt so hervorragende Männer der Wissenschaft kennen zu
lernen und erkläre mich bereit dies wenn ich Euch dienen kann zu beweisen«
    »Das ist mir lieb sehr lieb Ich werde Euch sofort Gelegenheit geben
diesen Beweis zu führen Wir sind nämlich in einer wichtigen Angelegenheit
gekommen diesen Platz hier zu besichtigen Wir glaubten Niemand hier zu
finden Eure Gegenwart ist uns störend«
    So unendlich höflich wie er das sagte so unendlich rücksichtslos war es
auch Ich sah die beiden Professoren an und antwortete nicht sogleich
    »Ihr versteht mich doch« fragte er
    »Gewiss« erwiderte ich »Es ist ja deutlich genug«
    »Nun«
    »Ihr wünscht dass wir uns entfernen«
    »Ja«
    »Wir alle«
    »Alle«
    »Wie weit«
    »Welch eine Frage Ich meine ganz selbstverständlich nicht nur zehn oder
zwanzig oder fünfzig Schritte Ihr sollt fort von hier vollständig weg weg
weg«
    »Wünschen das auch die Herren Professoren«
    Die Herren bejahten diese Frage sehr energisch und der Agent fügte noch
überdies erklärend hinzu
    »Ihr scheint ein übermäßig gewalttätiger Mann zu sein Unsere Angelegenheit
aber ist eine so zarte feine und diskrete dass Ihr ganz gewiss an keine Stelle
passt an der wir uns befinden«
    »Das sehe ich ein Mr Evening ja wirklich das sehe ich ein Wir werden
diesen Platz also verlassen«
    »Nicht nur zum Scheine«
    »Nein«
    »Und wann«
    »Sofort Ich bitte nur um so viel Zeit als wir nötig haben das Zelt
abzubrechen und die Pferde zu satteln«
    »Die sei Euch gern gewährt Ich sehe Ihr seid vernünftiger als wir
dachten«
    Ich wendete mich mit meiner Frau nach dem Zelte und bat die beiden Enters
uns zu helfen
    »Wie schade Jammerschade« klagte das Herzle leise »Diese uns so heilige
Stätte in dieser Weise verlassen zu müssen«
    Ich sah ihr an das Weinen stand ihr nahe
    »Sei ruhig Schatz« bat ich »Wir kommen auf dem Rückweg wieder her und
gewiss in anderer Weise und in anderer Begleitung«
    »Aber muss es denn sein Müssen wir denn weichen Grad diesen Menschen
weichen Haben wir nicht ein viel viel größeres Recht hier zu sein als sie
Ist es nicht vielleicht eine Schwäche von dir«
    »Im Gegenteil ein Sieg«
    »Da möchte ich dich fast bitten mir dies zu beweisen«
    »Ist gar nicht nötig du wirst es ganz von selbst einsehen und zwar noch
ehe wir gehen Wir liefern hier unser erstes bedeutendes Avantgardegefecht für
unser Ideal Du wirst den Sieg bald sehen vielleicht auch hören Ich bitte
dich mit dem Einpacken so viel wie möglich zu beeilen«
    Mit diesem Einpacken ging es bedeutend schneller als wir dachten Die
Herren vom Komitee hatten die Güte uns einige von ihren Hands18 zur Hilfe zu
stellen so dass wir grad fertig und zum Aufbruch bereit waren als Aschta die
Mutter und Aschta die Tochter mit Pappermann aus dem Walde zurückkehrten Sie
kamen Hand in Hand er in der Mitte auf beiden Seiten von Mutter und Tochter
geführt Sein altes liebes Gesicht strahlte im Ausdruck einer tiefen reinen
heiligen Freude Als er die Maultiere bepackt sah uns bei den Pferden stehend
und den »jungen Adler« sogar schon im Sattel sitzend rief er verwundert aus
    »Was ist das Wollt ihr etwa fort«
    »Ja fort« antwortete ich »Steigt auf«
    »Unmöglich Ich habe versprochen zu bleiben«
    »So bleibt Wort muss man halten Ich aber habe versprochen den Nuggettsil
zu verlassen und zwar sofort«
    »Wem«
    »Den Gentlemen da«
    Ich deutete dabei auf die Herren vom Komitee
    »Wir sind ihnen zu gewalttätig« fügte Hariman Enters hinzu um seinem
Ärger Luft zu machen
    »Nicht zart nicht fein nicht diskret genug« vervollständigte Sebulon
Enters »Sie meinen dass Mr Burton an keine Stelle passt an der sie sich
befinden«
    »Das ist eine Lüge eine ganz unverschämte flegelhafte Lüge« brauste
Pappermann auf »Mr Burton ist ein Gentleman wie es hier unter uns wohl keinen
«
    »Still« unterbrach ich ihn »Wem habt Ihr versprochen hier zu bleiben«
    »Diesen beiden Ladies«
    »Wie lange hier zu bleiben«
    »Das wurde nicht gesagt Gewiss aber war gemeint bis wenigstens morgen Wir
haben uns so viel zu erzählen Müsst Ihr wirklich fort wirklich«
    »Ja unbedingt Ihr könnt ja hier bleiben und morgen nachkommen«
    »Was Euch allein lassen Euch und Mrs Burton Da wäre ich ja der größte
Halunke den es gibt Nein nein Ich reite mit Ich bitte die Ladies mir mein
Wort zurückzugeben Sie werden es tun gewiss gewiss Denn ich verspreche ihnen
dass wir uns bald sehr bald wiedersehen«
    Er küsste ihnen in bärenhafter aber um so rührender Zartheit die Hände und
ging zu seinem auch schon gesattelten Maultiere Da richtete sich die Mutter
hoch auf und fragte mit lauter gebieterischer Stimme über den Platz hinweg
    »Was ist hier geschehen Ich will es wissen ich das Weib Wakons des
Unbestechlichen der sich weigerte Mitglied dieses Komitees zu sein Wer sagt
es mir wer«
    »Der wird es dir sagen der da kommt« antwortete ihre Tochter indem sie
auf den »jungen Adler« deutete der sein Pferd in tänzelndem Schritte nach der
Stelle trieb wo Beide standen
    Als er sie erreicht hatte rief er mit weithin vernehmbarer Stimme
    »Ich bin ein Winnetou vom Stamme der Apatschen Ich kehre aus den Wohnorten
der Bleichgesichter heim zur Stätte meiner Ahnen Man nennt mich den jungen
Adler   «
    »Der junge Adler   der junge Adler   der junge Adler« raunte es von
Mund zu Mund Man kannte diesen Namen obgleich sein Träger noch so jung an
Jahren war
    Er fuhr fort
    »Ich erkläre hiermit im Namen aller Winnetous vom Stamme der Apatschen dass
dieses Komitee nicht würdig ist die große Frage vor deren Lösung wir hier
stehen zu entscheiden Der Schlag in das Gesicht war wohl verdient war die
einzig richtige Antwort die es gab Nicht nur Antonius Paper sondern das ganze
Komitee hat ihn erhalten Ich habe gesprochen Howgh«
    Er nahm sein Pferd vorn hoch um den Platz zu verlassen
    »Auch du willst fort« fragte die Mutter
    »Auch ich Vor allen Dingen ich Doch sehen wir uns wieder« antwortete er
    »Wann und wo« fragte die Tochter
    »Am Mount Winnetou«
    Diese beiden Fragen und Antworten wurden nicht in englischer Sprache
sondern im Apatsche ausgesprochen Die Mutter fügte in leiserem Tone hinzu
    »Du bist ein Liebling Wakons meines Gatten Du wirst auch ihn am Mount
Winnetou sehen Kommst du vielleicht schon vor den Tagen der Ausstellung zu
TatellahSatah«
    »Ich hoffe es«
    »So sag ihm dass Aschta das Weib Wakons und zugleich die Tochter des
größten Medizinmannes der Seneca im Kampfe gegen den Unverstand mit allen
Frauen der roten Rasse an seiner Seite steht«
    »Ich danke dir in seinem Namen Wie kommt es dass ihr trotzdem mit dem
Komitee dieses Unverstandes reitet«
    »Der Zufall führte uns mit ihnen zusammen Sie hingen sich an uns obgleich
wir das nicht wünschten Sie wollen erfahren was wir in unserm Kampmeeting am
Mount Winnetou beraten und beschließen werden Wir teilen es ihnen nicht mit
Wir übergeben dir unsern Freund und Retter und bitten dich über ihn zu wachen
Wer ist das Bleichgesicht welches sich mit seiner Squaw bei dir befindet«
    »Hat Pappermann es euch nicht gesagt«
    »Nein Wir fragten ihn aber er schwieg Doch scheint er diese Beiden sehr
sehr hochzuachten«
    Ich hielt so nahe bei ihnen auf dem Pferde dass ich diese Worte hörte Die
Mutter glaubte von mir dem Weißen nicht verstanden zu werden Der »junge
Adler« warf einen fragenden Blick herüber Er hätte den beiden Frauen gar so
gern gesagt wer ich war Ich gab ihm mit den Augenlidern die Erlaubnis dazu Da
trieb er sein Pferd noch einen Schritt weiter an sie heran und sprach
    »Wenn dieser Weiße und seine Squaw nicht erfahren sollen was ihr jetzt mit
mir redet so müsst ihr leiser sprechen«
    »Warum«
    »Er versteht die Sprache der Apatschen«
    Sie erschrak
    »So hat er uns ja schon verstanden« hauchte sie schnell und verlegen
    »Allerdings und zwar jedes Wort Aber du hast nicht nötig zu erschrecken
Er ist ein Freund Winnetous und er ist auch der deinige der Eurige Er will
nicht dass man jetzt schon seinen Namen erfährt aber wenn ihr mir versprecht
verschwiegen zu sein so darf ich ihn euch nennen«
    »Wir werden verschwiegen sein«
    »Nun wohl es ist Old Shatterhand«
    »Old Shat   « Sie konnte den Namen vor Überraschung nicht ganz
aussprechen Sie erbleichte für einen Augenblick Dann rötete sich unter der
zurückkehrenden Blutwelle ihr Gesicht um so mehr »Ist das wahr  Ist das
wahr«
    »Ja es ist wahr er ist es« versicherte der »junge Adler«
    »Der beste der wahrste der treueste Freund und Bruder unseres Winnetou
Zum ersten Male im Leben sehe ich ihn O könnte ich   könnte ich  «
    Sie sprach auch diesen Satz nicht ganz aus Sie schlug die Hände zusammen
und schaute wie hilflos zu mir empor Ihre Tochter aber trat zu mir heran und
küsste ehe ich es verhindern konnte meinen Steigbügelriemen Ebenso schnell zog
sie auch den Rocksaum meines Herzle an die Lippen
    »Und das ist seine Squaw    seine Squaw« fuhr die Mutter fort »O hätte
ich doch nicht versprochen zu schweigen Ich würde vor Freude jubeln jubeln
jubeln«
    Da schwang das Herzle sich vom Pferde umarmte sie küsste sie auf Mund und
Wangen und sagte in englischer Sprache
    »Ich verstehe nicht was Ihr sprecht aber ich lese es aus Euren Augen und
von Euren Lippen Ich liebe euch beide Ich begrüsse euch Wir sehen uns wieder
bald bald Jetzt aber müssen wir fort«
    Sie gab der Tochter denselben dreifachen Kuss wie der Mutter und stieg dann
wieder auf das Pferd Ich reichte den beiden lieben schönen Indianerinnen die
Hand und sagte
    »Wakon der unermüdliche Forscher und Finder steht hoch in meinem Geiste
und noch höher in meiner Seele denn es ist die Seele seiner Nation nach der er
sucht Ich freue mich gehört zu haben dass ich ihn am Mount Winnetou sehen
werde Und ich bin stolz darauf schon heut seiner Squaw und seiner Tochter
begegnet zu sein Am meisten aber beglückt es mich zu wissen dass wir
Verbündete sind Das Andenken Winnetous gehört in die Herzen unserer Männer und
Frauen in die Seelen unserer Völker nicht aber auf die kahlen windigen Höhen
prahlerischer Oeffentlichkeit Ich bitte zu verschweigen dass ihr mich hier
getroffen habt Wir sehen uns wieder Zur rechten Zeit an der richtigen Stelle«
    Wir ritten fort mit höflichem Gruß für die Frauen doch ohne einen Blick
für die Männer Es ging langsam dieselben Steilungen hinab die wir
heraufgekommen waren Unten sahen wir die Pferde derer stehen die uns
vertrieben hatten sie kümmerten uns nicht Dann als der Weg eben wurde und wir
aus dem Wald herauskamen konnten wir eine größere Schnelligkeit entwickeln und
unsern Ritt beeilen Denn nun wir einmal den Nuggettsil verlassen hatten galt
es unser nächstes Ziel den Deklilto19 so bald wie möglich zu gewinnen weil
der größte Teil der Strecke zwischen hier und dort aus feindlichem Land bestand
Die alten blutrünstigen Zeiten waren ja Gott sei Dank vorüber aber der Hass
der damals regierte war noch nicht tot der lebt heute noch Das war sehr
deutlich aus den Briefen zu ersehen die ich von Tokeichun dem Häuptling der
RaeurrohKomantschen und von Tangua dem ältesten Häuptling der Kiowa erhalten
hatte Unser Weg führte durch das Gebiet dieser beiden Stämme und ich war mir
sehr wohl bewusst dass ich wenn auch keinen wirklichen Leichtsinn aber doch
gewiss ein Wagnis beging indem ich mit meiner Frau die den doch immerhin
möglichen Gefahren nicht gewachsen sein konnte grad diese schlimme Gegend
durchquerte Ich hatte kein ganz gutes Gewissen hütete mich aber ihr dies zu
sagen
    Sie hatte keine Ahnung von diesen meinen Gedanken Sie war ganz unbefangen
Ja noch mehr sie war sogar sehr heiter Während wir auf ebenem Boden im
köstlichen Galopp nebeneinander dahinflogen warf sie mir von der Seite her
zuweilen einen heimlich sein sollenden Blick zu den ich aber doch wohl
bemerkte Ich verstand diese Blicke Sie kann kein Unrecht ertragen auch dann
wenn dieses Unrecht nicht in einer Tat sondern nur in einem Gedanken besteht
Es muss heraus Sie muss es bekennen Eher lässt es ihr keine Ruhe Sie hatte jetzt
so Etwas was sie loswerden wollte Daher ihre Blicke Endlich als sie wieder
einmal so forschend herüberschaute sah ich ihr voll in das Gesicht und forderte
sie lachend auf
    »Na also heraus damit«
    »Womit« fragte sie
    »Mit dem Geständnis«
    »Geständnis Was sollte ich wohl zu gestehen haben«
    »Irgend Etwas«
    »Aber was«
    »Das hoffe ich von dir zu erfahren«
    »So Höre was hältst du wohl von einer Ehe in welcher die arme
unglückliche Frau ihren Mann nie ansehen darf weil er bei jedem Blick den sie
auf ihn richtet glaubt sie habe ihm ein Geständnis zu machen«
    »Meine Meinung lautet dahin dass diese arme unglückliche Frau sehr
glücklich verheiratet ist denn sie hat einen Mann der sie kennt und
durchschaut«
    »Hm Der aber trotzdem nicht weiß was sie ihm bekennen und gestehen soll
denn er sagt immer nur Ich hoffe es von dir zu erfahren Leider ist es in
diesem jetzigen einen einzigen Falle endlich endlich einmal richtig dass ich
dir Abbitte zu leisten habe Ich war nicht einig mit dir Wenn auch nur im
Stillen aber doch«
    »Nicht einig Inwiefern«
    »Ich wäre so gern da oben geblieben Ich wollte nicht weichen Ich hielt es
wirklich für eine Schwäche von dir ihnen Platz zu machen«
    »Und aber nun«
    »Ja aber nun Du hattest Recht Wären wir geblieben so hätte es nur
Gehässigkeiten gegeben herüber und hinüber Also eher eine Niederlage als einen
Sieg Auch an eine ruhige Durchsicht der ausgegrabenen Manuskripte wäre nicht zu
denken gewesen Hier aber sind wir frei ohne Zank und Streit und Bitterkeit
und   das erste große AvantgardeGefecht von dem du sprachst ist gewonnen«
    »Das siehst du ein«
    »Aber gern sehr gern Diese ältere Aschta die Frau Wakons hat mir
imponiert Sie ist ein Charakter eine groß angelegte Frau Kein einziges von
all den Komiteemitgliedern reicht geistig an sie heran Die ist wahrlich nicht
nach dem Mount Winnetou unterwegs um dort Suffragettenreden zu halten Die
weiß was sie will Aber sie sagt es nicht das imponiert mir ganz besonders
Indem du dich vertreiben ließest hast du dir in ihr eine Helferin gewonnen die
nicht zu unterschätzen ist«
    »Ja« lachte ich fröhlich »es wird eine Amazonenschlacht zwischen ihr und
dem Komitee Ich bin außerordentlich gespannt auf die Entwickelung der wir
nicht etwa nur als Zuschauer entgegengehen sondern an der wir als Mitwirkende
sehr eng beteiligt sind Wir hörten dass Kiktahan Schonka ein unerbittlicher
Feind von Wakon ist Ich vermute dass Wakon an der Spitze der jungen Sioux
ebenso nach dem Mount Winnetou kommen wird wie Kiktahan Schonka die alten Sioux
nach dem dunklen Wasser führt Zwei feindliche Richtungen desselben Stammes die
auf fremdem Gebiete aufeinanderplatzen Wie kurzsichtig Grad hieran ging die
Rasse zugrunde Dem muss gesteuert werden Also du bist wieder einverstanden mit
mir«
    »Vollständig Wo lagern wir heute abend«
    »An der Nordgabel des Red River Morgen kommen wir an die Salzgabel
desselben Flusses an welcher damals das Dorf der Kiowas lag Das ist jetzt
nicht mehr der Fall Wir werden aber trotzdem die Stelle vermeiden um unser
möglichstes zu tun Niemanden zu begegnen«
    Es geschah wie ich gesagt hatte Wir erreichten gegen Abend die Nordgabel
des roten Flusses und machten an ihrem Wasser Lager Sehr interessant war was
wir während unseres Gespräches da von Pappermann erfuhren Er hatte nämlich
während seiner Unterhaltung mit den beiden Aschtas aus einigen Äußerungen der
Mutter geschlossen dass der Kassierer Antonius Paper bemüht gewesen war sich um
die Hand der Tochter bewerben zu dürfen Man hatte ihn rundweg abgewiesen und
nun benutzte er jede Gelegenheit hierfür in seiner ihm eigenen Weise Rache zu
nehmen
    Als der Alte dies erzählte beobachtete ich den »jungen Adler« Er tat als
ob er es gar nicht höre Er sagte kein Wort und bewegte keinen Zug seines
Gesichtes Aber grad diese Unbeweglichkeit sprach deutlicher als lauter Zorn
hätte sprechen können
    Noch ehe wir uns an diesem Abend schlafen legten beschrieb ich meinen
Gefährten den Weg den ich damals um Sander zu verfolgen von dem Dorfe der
Kiowa aus gemacht hatte Von da aus nach dem Rio Pecos und von dort hinauf nach
dem »dunklen Wasser« Es gab von der Stelle aus an der wir uns heut befanden
einen direkteren einen näheren Weg Schlugen wir diesen ein so konnten wir uns
sofort von hier aus nach West wenden ohne erst nach der Salzgabel des Red River
zu reiten Ich hatte damals nur darum nicht den kürzeren sondern den weiteren
Weg gemacht weil er von Sander den ich verfolgte eingeschlagen worden war
Ich stellte es nun jetzt meinen Begleitern anheim sich eine von beiden Routen
zu wählen Sie waren so klug sich für die kürzere zu entscheiden und so kam
es dass wir eher in die Nähe des Zieles gelangten als sie anderen Falles von
uns erreicht worden wäre
    Die Gegend durch welche wir zuletzt ritten war öd und wasserlos Kein Baum
kein Strauch kein Grashalm erfreute das Auge Es gab nur Stein und Felsen
weiter nichts Das Gelände war bisher ziemlich eben gewesen begann aber nun
langsam zu steigen Es war schon Mittag Wir hielten aber nicht an um zu essen
oder auszuruhen denn es fehlte das Wasser auf das wir erst später wenn wir
höher hinaufkamen rechnen durften Da sahen wir einen Reiter weit vor uns
draußen der hinter einer kleinen Anhöhe verborgen gewesen war und nun langsam
hervorkam um uns entgegen zu reiten Er hatte uns von diesem seinem Versteck
aus beobachtet Warum blieb er nicht verborgen Warum kam er schon jetzt hervor
Er konnte uns ja noch gar nicht genau erkennen Ein erfahrener Krieger hätte
gewartet bis er uns in größerer Nähe hatte Lag der Grund etwa nur darin dass
die alten Zeiten der Gefahr vorüber waren und man darum überhaupt nicht mehr so
vorsichtig zu sein brauchte wie früher
    Es war ein Indianer Er lenkte sein Pferd langsamen Schrittes auf uns zu
Dann hielt er an um uns an sich kommen zu lassen Er war keineswegs von hoher
breiter sehniger Gestalt sondern eher klein als groß zu nennen Seine Kleidung
bestand aus buntem Pueblostoff Unter dem aus Agavefasern geflochtenen Hut floss
das dunkle Haar lang auf den Rücken hernieder Im Gürtel trug er ein Messer am
Riemen ein leichtes Gewehr Sein Pferd war kein gewöhnlicher Gaul und die
Haltung des Reiters durfte als selbstbewusst ja ich möchte sagen als
indianischedel bezeichnet werden Das Gesicht ganz selbstverständlich
vollständig bartlos wollte mir bekannt erscheinen nur wusste ich nicht gleich
warum woher und wohin Er hatte weichere Linien und eine hellere wärmere
Farbe als Indianer gewöhnlich zu haben pflegen Und der Blick seines milden
ernsten offenen Auges welches fast an Winnetous Schwester Nschotschi
erinnerte  ah da kam es mir da wusste ich es mit einem Male wo und wann ich
diesen Indianer gesehen hatte Und in demselben Augenblick wurde ich auch von
ihm erkannt Ich war zufällig am Ende unseres kleinen Trupps geritten Darum
traf mich sein Auge zu allerletzt Es vergrößerte sich unter dem Eindruck der
Überraschung der Freude Die Wangen röteten sich zusehends fast wie bei einem
jungen Mädchen dem von dem erregten Pulse das Blut in das Gesicht getrieben
wird Er wollte das zwar verbergen brachte es aber nicht fertig während er es
aber mir ganz gewiss nicht ansehen konnte dass ich mich seiner erinnerte Ich
konnte mich beherrschen er aber nicht ich war ja ein Mann er aber war keiner
Und nun wusste ich auch warum er so gegen alle männliche Vorsicht nicht
versteckt geblieben sondern auf uns zugeritten war Er sah fast verlegen aus
und vergaß uns anzureden Darum ergriff Pappermann der an unserer Spitze ritt
das Wort Er hielt sein Pferd an und sagte
    »Wir grüßen unsern roten Bruder Ist das der richtige Weg nach dem
Pawikonte«
    Der Gefragte antwortete
    »Ich gehöre zu dem Stamme der Kiowa Pawikonte aber ist ein Siouxwort doch
kenne ich es Ja dieser Weg ist der richtige nach dem See Wollen meine Brüder
hin«
    »Ja«
    »So warne ich sie«
    »Warum«
    »Pawikonte heißt Wasser des Todes Reitet ihr hin so kann der See
allerdings sehr leicht zu einem Wasser des Todes für euch werden«
    Pappermann hatte in seinem indianischenglischspanischen Kauderwelsch
gefragt die Antwort war ihm in einem ziemlich guten Englisch geworden Die
Stimme des Kiowa klang wie die Stimme einer Frau die sich bemüht tief wie ein
Mann zu sprechen
    »Warum drohst du uns mit dem Tode« erkundigte sich der alte Jäger
    »Ich drohe nicht sondern ich warne« erwiderte der Rote
    »Beides ist gleich wenn wir nur den Grund erfahren«
    »Gründe wie dieser sind nicht billig Man teilt sie nur den besten
Freunden mit«
    »Wir sind deine Freunde«
    »Das sagst wohl du ich aber kenne dich nicht«
    »So wisse wer wir sind Ich heiße Maksch Pappermann und bin schon vierzig
Jahre lang als Westläufer bekannt Da sind zwei Gentlemen die Hariman und
Sebulon Enters heißen Der dritte Gentleman dort hinten ist Mr Burton und die
Lady hier ist Mrs Burton seine Frau Und unser roter Bruder da an meiner Seite
ist ein Sohn der Apatschen und wird der junge Adler genannt«
    Der Kiowa sah uns in der Reihenfolge in der wir nacheinander aufgezählt
wurden mit scharfem forschendem Auge an Nur bei mir ließ er den Blick sinken
Bei meiner Frau war es als ob er sie durchbohren wolle An den »jungen Adler«
ritt er nahe heran und sprach
    »Man erzählt bei uns von einem jungen Adler der Apatschen welcher aus dem
Stamme Winnetous und sogar sein Verwandter ist Bist du etwa dieser«
    »Ich bin es« antwortete unser Begleiter
    »Du hast diesen Namen schon als Knabe bekommen weil du einen freien
Kriegsadler fesseltest und ihn zwangst dich durch die Luft vom hohen Horst zur
Erde zu tragen Ist das richtig«
    »Es ist richtig«
    »So reiche ich dir meine Hand Ich sehe den Stern der Winnetou auf deiner
Brust Auch ich bin ein Winnetou doch habe ich jetzt noch Grund es nur Wenigen
sehen zu lassen Schau her Vertraust du mir«
    Er hob den Aufschlag seiner Jacke da kam der zwölfstrahlige Stern zum
Vorschein
    »Ich vertraue dir« versicherte der »junge Adler«
    »So erlaube mir euer Führer zu sein Ich habe euch erwartet«
    »Du   Uns  « fragte der Apatsche »Unmöglich«
    »Es ist nicht nur möglich sondern wirklich Glaube es mir«
    Der »junge Adler« schien doch irre werden zu wollen Ein Angehöriger der
feindlichen Kiowa Der Stern konnte leicht den Zweck haben böse Absichten zu
verdecken Ich bekam einen schnellen fragenden Blick herübergeworfen und gab
mit einem bejahenden Augenzwinkern heimliche Antwort Da entschied der »junge
Adler«
    »Ja sei unser Führer«
    Er wollte weiter sprechen kam aber nicht dazu denn Sebulon Enters richtete
die schnelle ganz unvorbereitete Frage an den Kiowa
    »Sind die Sioux schon da«
    »Was für Sioux« fragte dieser
    »Die von dem alten Häuptling Kiktahan Schonka angeführt werden und nach dem
Pawikonte wollen Und die Utahs mit ihrem Anführer Tusahga Saritsch«
    Da verschwand der freundliche Ausdruck aus dem Gesicht unsers neuen
Bekannten sein Blick wurde schärfer und er fragte
    »Kennt Ihr diese beiden Häuptlinge«
    »Ja« antwortete Enters
    »Ich hörte ihr seid Brüder«
    »Die sind wir«
    »Kiktahan Schonka hat euch nach dem Pawikonte gesandt«
    »Ja«
    »So beeilt euch schleunigst hinzukommen Ihr werdet dort erwartet Meldet
euch bei Pida dem Häuptling der Kiowa dem Sohn des alten berühmten Häuptlings
Tangua Der wird euch zu Kiktahan Schonka und Tusagha Saritsch bringen«
    »Beeilen sollen wir uns Warum«
    »Das weiß ich nicht Es wurde mir gesagt«
    »Aber was wird dann aus euch Wann und wo treffen wir euch wieder«
    Diese Frage wurde an mich und meine Frau gerichtet Ich antwortete
    »Sorgt euch nicht um uns Wenn ich euch jetzt verspreche dass ihr uns zur
rechten Zeit und an der richtigen Stelle treffen werdet so werde ich ebenso
Wort halten wie ich in Beziehung auf die Teufelskanzel Wort gehalten habe
Reitet also getrost weiter Ihr könnt euch auf jedes Wort welches hier dieser
Kiowa euch sagt verlassen«
    »Und dieser Pawikonte ist wirklich das dunkle Wasser in dem unser Vater
starb«
    »Ja Ihr habt die Beschreibung der Oertlichkeit in meinem Buch gelesen Ihr
werdet sie sofort erkennen«
    »Aber der Weg ist uns unbekannt Wie lange reitet ihr noch mit«
    Da antwortete der Kiowa schnell an meiner Stelle
    »Ihr reitet von jetzt an allein Die Andern weichen von der bisherigen
Richtung ab So will es Kiktahan Schonka und dem habt ihr zu gehorchen Euer
Weg braucht euch nicht zu sorgen Er geht genau gerade aus Sobald ihr in die
Nähe des Sees gelangt werdet ihr auf Posten treffen welche euch zu Pida
führen«
    Er sagte das in einem Tone der keinen Widerspruch duldete Die beiden
Enters gehorchten Sie trennten sich von uns und ritten weiter Es schien als
ob sie uns nur ungern verließen obgleich sie doch darauf gefasst gewesen waren
sich von uns scheiden zu müssen um uns an die Feinde zu verraten Als sie außer
Hörweite waren wendete sich der Kiowa an den »jungen Adler«
    »Kennt mein Bruder diese zwei Männer«
    »Wir kennen sie genau« nickte dieser
    »Wisst ihr dass sie eure Feinde sind«
    »Ja«
    »Dass sie euch an Kiktahan Schonka auszuliefern haben«
    »Auch das wissen wir«
    »Und dennoch reitet ihr mit ihnen Uff uff Das ist ganz genau wie einst
Winnetou oder Old Shatterhand Lieber mitten in der Gefahr als nur an ihrem
Rande«
    Bei diesen Worten glitt ein warmer Seitenblick über mich hin Dann fuhr er
fort
    »Aber warum begleitetet ihr sie nach dem See der euch Verderben droht Etwa
nur um sie zu entlarven und zu bestrafen Nein Ihr hattet auch noch andere
viel wichtigere Gründe Darf ich sie erraten«
    »Tue es«
    »Ihr wolltet die Zusammenkunft der Kiowa und Komantschen mit den Sioux und
Utahs belauschen Habe ich recht«
    »Mein roter Bruder scheint sehr scharf zu denken«
    Jetzt lächelte der Kiowa und sagte
    »Pida der Freund Old Shatterhands denkt noch viel schärfer«
    »Bist du etwa sein Abgesandter Handelst du in seinem Auftrage«
    Da hob der Kiowa seine schönen ehrlichen Augen zu mir empor und antwortete
    »Nein Er weiß nichts von dem was ich tue Er ist der Häuptling seines
Stammes und der Sohn seines Vaters Als dieses Beides hat er Euer Feind zu sein
Aber er liebt Old Shatterhand und er verehrt ihn wie keinen andern Menschen
Darum wünscht er in seinem Herzen dass Old Shatterhand wie er immer siegte so
auch jetzt wieder siegen möge aber nicht mit den Waffen sondern in Liebe und
Versöhnung Er will nicht wissen was ich tue darum tue ich was ich will ohne
ihn zu fragen Ich führe euch nach dem besten Orte den es für euch und eure
Absichten gibt«
    »Nicht nach dem Wasser des Todes«
    »O doch Aber auf einem Umwege damit man euch nicht sehe Auf diesem
gelangt ihr nicht nur an das Wasser des Todes sondern auch an das Haus des
Todes Fürchtet ihr euch vor Geistern«
    »Nur Lebende sind zu fürchten nicht aber die Toten Ich hörte noch nie von
einem Haus des Todes Wo liegt es«
    »Am See Es war unbekannt Es wurde erst vor zwei Jahren entdeckt Man fand
es voller Gebeine aus uralter uralter Zeit mit zahllosen Totems Wampums und
anderen heiligen Dingen Das Alles hat man geordnet wohl mehrere Wochen lang
Dann wurde das Kalumet des Geheimnisses darüber geraucht und Niemand mehr darf
es betreten Wer es dennoch wagt sich der Stelle des Ufers zu nähern die nach
dem Hause führt wird von den Geistern derer die einst hier starben getötet«
    »Und dennoch willst du es wagen«
    »Ja«
    »Welch ein Mut«
    Es war nicht zu ersehen ob der »junge Adler« diesen Ausruf ernst oder
ironisch meinte Der Kiowa sah vor sich nieder hob dann schnell den Kopf und
antwortete lächelnd
    »Allein würde ich es nicht tun mit Euch aber kann mir nichts geschehen Das
weiß ich so genau als hätte ich es aus dem Munde unseres großen guten Manitou
selbst gehört Ihr kennt mich nicht Ihr dürft mir wohl misstrauen Aber ich
bitte Euch mir dennoch zu folgen Ich kann Euch keine andere Sicherheit als
höchstens nur die Frage geben Kennt Ihr vielleicht Kolma Putschi«
    »Ja«
    »Sie ist meine Freundin Und kennt Ihr vielleicht gar auch Aschta die Squaw
von Wakon des berühmtesten Mannes der Dakotastämme«
    »Auch diese«
    »Wir wohnen weit voneinander entfernt aber wir verkehren öfters durch
besondere Boten Ich hoffe beide in nächster Zeit persönlich zu sehen trotz
der Feindschaft die zwischen unsern Völkern waltet Habt Ihr nun Vertrauen zu
mir«
    Diese Mühe uns Zuversicht einzuflößen war rührend Wer weiß was er alles
wagte um uns zu Diensten zu sein Und er schien gar nicht zu ahnen dass er
dadurch dass er diese beiden Frauen seine Freundinnen nannte sich selbst als
Weib bezeichnete Ich antwortete
    »Wir haben Vertrauen Wir hatten es gleich vom ersten Augenblicke an als
wir dich sahen Führe uns also Wir werden dir folgen«
    »So kommt«
    Die beiden Enters hatten sich schon eine große Strecke entfernt Wir folgten
zunächst langsam ihrer Spur damit sie nicht sehen möchten nach welcher Seite
wir ritten und erst als sie am Horizont verschwunden waren wichen wir von
unserer bisherigen Richtung nach rechts ab weil wir um nach dem »Haus des
Todes« zu kommen nicht in direkter Linie nach dem See zu trachten hatten
sondern ihn umgehen mussten Der Kiowa ritt voran und Pappermann hielt sich an
seiner Seite jedenfalls um ihn auszufragen und kennen zu lernen Ich hörte dass
er sich zunächst bei ihm erkundigte woher er die Brüder Enters kenne
    »Ich kenne sie nicht« lautete die Antwort »Aber Kiktahan Schonka hat einen
Boten gesandt um seine Ankunft zu melden Er ließ durch diesen Boten sagen dass
zwei Bleichgesichter eintreffen würden die Brüder seien und sich verpflichtet
hätten Old Shatterhand seine Squaw einen alten weißen Jäger der ein blaues
Halbgesicht habe und den jungen Adler der Apatschen an die Sioux auszuliefern
diese Vier seien dem sichern Tode geweiht Da machte ich mich auf sie zu
retten Ich entfernte mich einen halben Tagesritt vom See und blieb an einer
Stelle an der sie vorüber mussten sobald sie kamen Ich wartete gestern und
heut Da sah ich euch erscheinen Die Zahl stimmte Ein Indianer vier weiße
Männer und eine weiße Squaw Ich ritt auf euch zu und nahm mir vor euch vor
allen Dingen von den gefährlichen Brüdern zu trennen Das ist geschehen«
    »So glaubt Ihr also Mr Burton sei Old Shatterhand«
    »Ja Irre ich mich«
    »Fragt ihn selbst«
    »Das ist nicht nötig Wäre er es nicht so hättet Ihr sogleich mit einem
Nein geantwortet Die Auskunft die Ihr nicht gegeben habt ist also deutlich
genug«
    Weiter war nichts zu hören weil die beiden Voranreitenden jetzt den Schritt
ihrer Pferde beschleunigten Aber das Herzle sagte zu mir
    »So ist es mit deinem Inkognito also vorbei«
    »Noch nicht« antwortete ich
    »Glaubst du dass dieser Kiowa schweigt«
    »Wenn ich es wünsche ja«
    »So gefällt er dir«
    »Gewiss«
    »Mir auch Weißt du er hat so etwas Aufrichtiges und zugleich Wehmütiges an
sich Die Wehmut blickt allerdings fast aus jedem indianischen Auge aber hier
tritt sie doppelt deutlich hervor Es ist als ob dieser Mann einen tiefen
andauernden Gram in sich trage Man sollte helfen können  Meinst du nicht«
    »Hm Mein Herzle möchte freilich gern allen Leuten helfen doch ist innerem
Kummer nicht so leicht beizukommen wie du denkst Man muss ihn vor allen Dingen
erst kennen lernen und du weißt die Indianer sind verschwiegen«
    »O was das betrifft da kennst du mich Was ich einmal wissen will das
frage ich gewiss heraus«
    »Ja leider leider«
    »Sogar aus Indianern«
    »Gewiss gewiss Ich kenne dich Du fragst es heraus ganz gleich ob die
Menschen weiß oder rot gelb grün oder blau aussehen Aber der hier ist
verschwiegen«
    »Denkst du«
    »Ja Der sagt dir nichts«
    »Hm Wollen wir wetten«
    »Ich wette nie Das weißt du doch«
    »Was zahlst du mir wenn ich schon morgen früh seinen ganzen Kummer kenne«
    »Was forderst du«
    »Nochmals fünfzig Mark für unser Radebeuler Krankenhaus«
    »Kind werde mir nicht zu teuer« rief ich erschrocken aus »Wieviel zahlst
du denn wenn du morgen früh nichts erfahren hast«
    »Das doppelte nämlich zur Strafe hundert Mark«
    »Das ist freilich höchst anständig ja sogar nobel Das Krankenhaus könnte
also bei dieser Wette nur gewinnen Aber woher nimmst du die hundert Mark«
    »Von meinem Kredit bei dir«
    »Ich danke danke Für Wetten kreditiere ich keinen Pfennig Versuche es
dort mit dem alten Pappermann Vielleicht gelingt es dir ihn für dein
Krankenhaus zu interessieren«
    »Der arme Teufel Hat weder in seinem Hotel noch auf seinem Hotel noch etwas
stehen So sagte er doch wohl Übrigens bitte ich dich ihn von dem Kiowa zu
trennen«
    »Warum«
    »Weil ich von jetzt an hingehöre«
    »Ah Du willst deine Forschung sogleich beginnen«
    »Ja Ich muss unbedingt erfahren was dieser Indianer auf dem Herzen hat
Denke dir wenn man ihm helfen könnte Also bitte ruf Pappermann von ihm weg«
    Ich tat es mit heimlichem Vergnügen denn es verstand sich für mich ganz von
selbst dass auch der Kiowa den herzlichen Wunsch hegte sich an meine Frau zu
machen und sie so gründlich wie möglich auszufragen Diese Beiden blieben von
jetzt an während des ganzen Nachmittages beisammen Sie fanden sichtlich
Wohlgefallen aneinander Und ich hatte keinen Grund sie dabei zu stören
    Das Terrain stieg höher und höher Wir näherten uns zusehends den Bergen
zwischen denen das »Dunkle Wasser« liegt Gegen Abend sahen wir seitwärts von
uns die Linie des Waldes welcher den See verkündet Dort hatten wir damals am
Abend gelagert ehe wir früh vollends bis an das Wasser geritten waren Heut
schlugen wir einen Bogen um Wald und See herum überschritten einen breiten
aber nicht sehr tiefen Bach welcher den Ausfluss des hochinteressanten
Wasserbeckens bildete ließ die Pferde hier trinken und lenkten sie dann
zwischen steilen Felsen nach einer dicht bewaldeten Höhe empor auf welcher die
Stelle lag die für heut unser Ziel zu bilden hatte Das »Haus des Todes« noch
zu erreichen war es zu spät denn es dunkelte bereits so sehr dass wir uns
beeilen mussten noch vor vollständiger Nacht das Zelt aufzuschlagen und aus
Steinen eine Feuerstelle zu errichten durch welche die Flamme für Andere
unsichtbar wurde Übrigens versicherte uns der Kiowa dass wir hier oben vor
Lauschern völlig bewahrt seien Der Ort an dem wir uns befanden gehörte schon
zu dem Gebiete welches nicht betreten werden sollte Es bedurfte nur noch eines
kurzen Abstieges um an das »Haus des Todes« zu gelangen doch war dieser
Abstieg so steil dass er während der Abenddämmerung nicht hatte gewagt werden
können Wir waren gezwungen damit bis morgen früh zu warten Unten am See
lagerten getrennt voneinander die Kiowa und die Komantschen Die Sioux und die
Utahs waren noch nicht da wurden aber für jeden Augenblick erwartet
    Während der »junge Adler« die Pferde besorgte errichtete ich mit Pappermann
das Zelt Der alte Westläufer befand sich in schlechter Laune Er hustete und
knurrte vor sich hin als ob er etwas sagen wolle aber den Anfang nicht finden
könne Darum fragte ich ihn direkt was mit ihm sei
    »Was soll mit mir sein« antwortete er doch so dass ich es allein hörte
»Ich ärgere mich«
    »Worüber«
    »Und ich traue nicht«
    »Wem«
    »Dem Kiowa«
    »Warum«
    »Das fragt Ihr noch Seht Ihr denn nichts gar nichts Habt Ihr nicht selbst
auch Augen«
    »Wofür«
    »Wofür Sonderbares Fragen Worüber Wem Warum Wofür Und auf solche
abgerissene Silben soll man eine verständige Antwort geben können Wisst Ihr wie
lange es her ist seit wir diesen Kiowa getroffen haben«
    »Fast sechs Stunden«
    »Richtig Und was hat er in diesen sechs Stunden gemacht«
    »Uns hierher geführt«
    »Das meine ich nicht Das war seine Pflicht Er hat aber etwas getan was
ganz und gar nicht seine Pflicht gewesen ist Ja ganz und gar nicht Aergert
Ihr Euch nicht auch darüber«
    »Ich Es ist mir nichts bekannt worüber ich mich zu ärgern hätte«
    »So Wirklich Nichts gar nichts Ist das nichts wenn dieser Indianer
sechs volle Stunden lang unaufhörlich neben Eurer Lady reitet und derart mit ihr
spricht dass sie weder Augen noch Ohren für andere Leute hat auch nicht für
Euch selbst Ist das wirklich nichts«
    Also das war es Er war eifersüchtig auf den Kiowa Er hatte meine Frau
gern sehr gern und es machte ihn den alten vereinsamten Menschen glücklich
wenn sie sich unterwegs mit ihm ein Vierteloder ein halbes Stündchen
unterhielt Um dieses Glück sah er sich heut gebracht Ich tat aber als ob ich
kein Verständnis dafür habe und antwortete
    »Ja das ist allerdings nichts Es gab während der ganzen Zeit nichts
Wichtiges was ich mit meiner Frau hätte besprechen müssen Ich ersehe also gar
keinen Grund der mich hätte veranlassen müssen ihre Unterhaltung mit diesem
unserm neuen Freunde abzubrechen«
    »Freund Freund nennt Ihr ihn Hm«
    »Soll ich nicht«
    »Nein Man hat vorsichtig zu sein Ich heiße Maksch Pappermann und bin ein
alter erfahrener Kerl Ehe ich Jemand meinen Freund nenne pflege ich tage
wochen und monatelang zu prüfen Auch Ihr pflegt sonst außerordentlich
vorsichtig zu sein noch vorsichtiger als ich Heut aber seid Ihr ganz wie aus
oder umgewechselt Ich warne Euch Ich meine es gut Ich bitte Euch nehmt es
von mir an Wollt Ihr«
    »Ja Sie sollen nicht wieder sechs Stunden lang miteinander reden«
    »So recht so recht Ich finde das außerordentlich vernünftig von Euch Wenn
Ihr in dieser Weise redet werfe ich meinen Ärger über den Haufen und fange
wieder an zu lachen Glaubt Ihr dass wir hier wirklich sicher sind Nichts zu
befürchten haben«
    »Vollständig sicher«
    »Es ist doch toll was für ein Vertrauen Ihr zu diesem Roten habt«
    »Ihr irrt Ich vertraue ihm weil ich mir selbst vertraue Ich höre nicht
auf ihn sondern nur auf mich Es war doch auch bei Euch von Misstrauen keine
Rede«
    »Ja zuerst Aber diese Schwatzhaftigkeit kam mir verdächtig vor Mir
scheint er hat Mrs Burton ausgefragt und wird nun das was er hörte da unten
bei den Kiowa und Komantschen erzählen«
    »Das befürchte ich nicht Übrigens ist er noch gar nicht unten bei ihnen«
    »Well Ich passe auf Mir soll nichts entgehen Ich lasse mich nicht
betrügen«
    Damit war die Sache für jetzt abgemacht Als ich das Herzle nach dem Essen
ein wenig ironisch fragte ob es ihr gelungen sei hinter das Geheimnis des
Indianers zu kommen antwortete sie
    »Leider noch nicht Er ist verschwiegen«
    »Aber du hast doch beinahe sechs Stunden lang nur allein mit ihm gesprochen
Nennst du das schweigen oder verschwiegen sein«
    »Man kann sprechen ohne zu plaudern Wir haben nicht über sein eigenes
kleines Leid sondern über das große erhabene Leid der ganzen roten Rasse
gesprochen Er denkt sehr richtig und er fühlt tief Ich habe ihn liebgewonnen
sehr lieb«
    »Oho«
    »Ja wirklich Es ist mir da freilich Etwas begegnet was ich dir gestehen
muss«
    »Schon wieder ein Geständnis«
    »Leider leider Ich begreife es nicht Wenn er so lieb und warm für seine
Nationen sprach wenn er es so tief beklagte dass wir Weißen die Roten für
minderwertig halten da wurden seine schönen ehrlichen Augen feucht und es
stieg in mir auf als müsse ich ihn auf Stirn und Wange küssen und ihm die
Tränen mit meinen Händen trocknen Das muss ich dir sagen Er ist ein Mann Ich
wiederhole Ich verstehe es nicht«
    »Wenn nur ich es verstehe liebes Kind« antwortete ich
    »Und verstehst du es«
    »Ja«
    »Und erteilst du mir Absolution«
    »Sehr gern Sprechen wir morgen weiter hierüber Hast du vielleicht
erfahren wo das Kiowadorf jetzt liegt in dem ich damals zu Tode gemartert
werden sollte«
    »Ja Es lag an der Salzgabel des RedRiver Jetzt aber liegt es weit im
Westen davon auch an einem kleinen Flüsschen dessen Namen mir aber entfallen
ist Er hat dich sofort erkannt als er dich heut erblickte«
    »Ah So sah er mich also nicht zum ersten Male«
    »Nein Er kennt dich von damals her Er war im Dorf als man dich brachte
Er stand dabei als du mit Händen und Füßen an die Pfähle gebunden warst Er hat
mir Alles erzählt so ausführlich wie ich es nicht einmal von dir selbst
erfahren habe«
    »Sprach er auch vom alten SusHomascha20 der mich so gern retten wollte«
    »Ja SusHomascha hatte zwei Töchter Die eine war die Frau des jungen
Häuptlings Pida Ihre Ehe war außerordentlich glücklich und ist es auch noch
heute Sie war von Santer überfallen und mit einem Schlage auf den Kopf betäubt
worden Man hielt sie für tot Man holte dich Man behauptet noch heut dass du
ihr das Leben gerettet habest Darum ist Pida noch heut in unerschütterlicher
Dankbarkeit dein Freund Denke dir seine Frau ist mit hier«
    »Unten am See Bei den Kiowa«
    »Ja Als man erfuhr dass auch Old Shatterhand mit nach dem Mount Winnetou
geladen sei ließ sie sich nicht halten Sie wollte ihren Retter wieder sehen
Es scheint überhaupt mit den Frauen der Kiowa eine ähnliche Bewandtnis zu haben
wie mit den Squaws der Sioux Auch sie haben sich zusammengetan auch sie wollen
mit beraten Sie sind nicht in den Dörfern zurückgeblieben aber wo sie sich
befinden das konnte ich noch nicht erfahren«
    »Du vergissest dein eigentliches Thema Du sprachst von den zwei Töchtern
des alten SusHomascha Die Eine war Pidas Frau Die Andere   «
    Da fiel das Herzle schnell ein
    »Ja die Andere die hieß KakhoOto21 Sie wollte und sie sollte deine Squaw
werden damit du gerettet würdest du aber wiesest sie ab Sie war trotzdem so
edel dir zur Flucht zu verhelfen Sie lebt noch Sie ist ledig geblieben Nie
hat ein Mann sie berühren dürfen und sie ist es die alle die vielen Jahre
welche zwischen damals und jetzt liegen dazu verwendet hat dein und Winnetous
Andenken auch bei den Kiowa zu heiligen und Eure Ideale der Edelmenschlichkeit
der Friedfertigkeit und der Nächstenliebe in ihnen wachsen und groß werden zu
lassen Sie wünscht nichts sehnlicher als nach dem Mount Winnetou kommen und
dich dort sehen zu können Du aber sollst sie nicht wieder erkennen Sie ist
inzwischen alt geworden und wohl auch hässlich dazu Sie hofft dass du sie sehen
kannst ohne zu wissen wer sie ist Sie hat uns den Kioma entgegengeschickt um
uns zu warnen und hierher zu führen Wir können uns auf ihn verlassen Er wird
sich so verhalten als ob er nicht zu seinem Stamme sondern ganz zu uns gehöre
und uns jeden Wunsch erfüllen der mit seiner Heimatliebe und Indianerehre
vereinbar ist Freust du dich darüber«
    »Ja herzlich Und deine eigene Freude wird eine doppelte sein wenn du
diesen treuen Mann noch näher kennen lernst Bitte lass uns heut zeitig zur
Ruhe gehen Es ist möglich dass morgen ein ereignisvoller Tag wird der
ausgeruhte Kräfte von uns verlangt«
    Sie war einverstanden Sie zog sich sehr bald in ihr Zelt zurück und auch
wir anderen legten uns schlafen Unter anderen Umständen hätte ich für diese
Nacht die Wache unter uns verteilt da ich aber wusste wer der Kiowa war und dass
ich ihm vertrauen durfte war es nicht nötig diese Vorsichtsmassregel zu
treffen Unser alter Pappermann aber war anderer Meinung über ihn Er legte sich
in seine Nähe um ihn während der Nacht zu beaufsichtigen Ich hatte keinen
Grund ihn daran zu verhindern
    Am andern Morgen wachte ich nicht von selbst auf sondern ich wurde geweckt
und zwar von dem von dem ich soeben gesprochen habe von Pappermann Er sah
ganz erregt aus hatte ein rotes Gesicht und sagte
    »Verzeiht Mr Burton dass ich Euch aus dem Schlafe störe Es sind Dinge
geschehen schreckliche Dinge Dinge die mich veranlassten Euch sofort zu
wecken«
    »Was ist es« fragte ich indem ich schnell aufsprang
    »Etwas Entsetzliches Etwas Fürchterliches«
    »Also was Sagt es schnell«
    »So schnell wie Ihr wollt kann ich das nicht Ich muss Euch da erst
vorbereiten«
    »Ist nicht nötig Nur heraus damit«
    »Es ist nötig Sogar sehr Wenn ich Euch nicht vorher vorbereite fallt Ihr
vor Schreck um wie ein Klotz den niemand wieder aufheben kann«
    »Ich«
    »Ja«
    »Vor Schreck«
    »Wie ich sage vor Schreck«
    »Nur ich allein«
    »Ja«
    »Nicht auch Ihr«
    »Nein ich nicht Obgleich auch ich erschrak als ich es sah Ja
wahrhaftig auch ich erschrak Ich erschrak so als ob sie meine eigene Frau
wäre nicht aber die eurige«
    »Ah So betrifft es meine Frau«
    »Ja Natürlich Eure Frau«
    »Gott sei Dank«
    Ich holte tief Atem Der alte brave Jäger sah so aus als ob es sich
wirklich um ein sehr böses nie wieder gut zu machendes Ereignis handle
Vielleicht gar um ein Ereignis durch welches unsere guten Pläne vernichtet
würden Darum hatte er mir dem sonst so Ruhigen denn doch eine Art von Schreck
eingejagt Nun er aber von dem Herzle sprach war ich sofort beruhigt
    »Gott sei Dank« fragte er »Ihr habt Gott gar nicht zu danken«
    »Ist ihr ein Unglück geschehen«
    »Hm wie man es nimmt Vielleicht ihr nicht aber Euch Ihr werdet mit
Händen und Füßen dreinschlagen«
    »Das glaube ich nicht«
    »Oho Ich bin zwar niemals verheiratet gewesen aber ich kann mir trotzdem
denken wie es einem zumute ist wenn so etwas geschieht Ich würde den Kerl
zerreißen«
    »Welchen Kerl«
    »Welchen Ihr ahnt also immer noch nichts«
    »Nichts Rein gar nichts«
    »So muss ich es Euch sagen wirklich sagen Aber versprecht mir vorher nicht
umzufallen«
    »Gut Also ich falle nicht um«
    »Und nicht sofort zuzuschlagen besonders auf mich«
    »Auch das ich schlage nicht zu«
    »Well so will ich es wagen Also hört«
    Anstatt noch näher an mich heranzutreten wie man es bei intimen
Mitteilungen zuweilen zu machen pflegt trat er zwei Schritte zurück und sagte
    »Sie ist Euch untreu«
    »Wer«
    »Welch eine Frage Wer Natürlich Eure Frau Das Herzle wie Ihr sie nennt
wenn Ihr deutsch mit ihr sprecht«
    »Gott sei Dank« wiederholte ich »Nun wird mir das Herz vollends leicht
Ich dachte wunder was für ein Unheil Ihr mir zu beichten hättet«
    »All devils Mir bleibt der Verstand stehen Ich sage diesem Manne da dass
ihm seine Frau untreu geworden ist und da schreit er zum zweiten Male Gott sei
Dank Und da versichert er allen Ernstes dass ihm das Herz vollends leicht
geworden sei Begreife wer das kann Ich nicht«
    Und wieder näher zu mir herantretend fuhr er in sehr ernstem Tone fort
    »Auch ich habe sie lieb gehabt sehr lieb euer Herzle Ich habe sie
geachtet und verehrt Ich habe sie für die beste die liebste die vernünftigste
und die vortrefflichste Frau der ganzen Welt gehalten Ich wäre für sie in das
Feuer und in das Wasser gesprungen Ich hätte für sie mein altes Leben gelassen
zehnmal hundertmal und tausendmal Das ist nun vorbei vollständig vorbei Es
kann mir nicht einfallen für sie auch nur in ein kleines Streichholzflämmchen
oder in einen Kaffeelöffel voll Wassers zu springen Sie ist es nicht wert
nicht wert So einen Mann zu haben so einen Und ihm dennoch untreu zu werden
Und zwar mit was für einem mit was für einem«
    »Wer ist denn dieser eine Oder vielmehr dieser andere«
    »Erratet Ihr das nicht«
    »Nein«
    »Ja begreiflich Es ist auch wirklich gar nicht zu erraten Wenn nur
wenigstens ich es wäre Oder irgend ein anderer Weisser Aber Euch um einer
Rotaut willen untreu zu werden das ist stark das ist sogar noch stärker als
stark Das ist einfach niederträchtig«
    »Rotaut sagt Ihr Der junge Adler liegt noch dort an seiner Stelle der
Kiowa aber ist nicht mehr da er ist fort Ihr meint also den«
    »Ja den Eure Frau ist nämlich auch fort«
    »Ist das alles«
    »Nein sondern es kommt noch viel sehr viel dazu Soll ich es Euch
erzählen«
    »Ja bitte«
    »Das kam so Ich war wütend auf den Kerl weil er gestern am Nachmittage so
lange und so unausgesetzt mit ihr gesprochen hatte Ich habe Euch schon gesagt
dass dies meinen Verdacht erregte Ich nahm an dass er Eure Frau aushorchen
wollte um uns alle dann an die Indianer da unten zu verraten Ich beschloss ihn
zu beobachten und ich tat es Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen Am
frühen Morgen erwachte er sehr zeitig Eure Frau trat aus ihrem Zelte Sie
pflegt des Morgens und des Abends zu beten das weiß ich nun Sie tut das nie im
Zelte sondern stets unter freiem Himmel Sie geht dabei zur Seite damit man es
nicht sehe So auch heut Als sie sich entfernt hatte stand der Kiowa auf und
folgte ihr Das kam mir verdächtig vor Ich ließ eine Zeit vergehen und als
weder sie noch er zurückkehrte schlich ich mich ihnen nach Was denkt Ihr was
ich sah«
    »Nun was«
    »Sie saßen auf einem Steine«
    »Weiter nichts«
    »Neben einander«
    »Weiter nichts«
    Er sah mich verwundert an und fuhr in erhöhtem Tone fort
    »In inniger Umarmung«
    »Weiter nichts«
    Da rief er mich an
    »Sie schnäbelten miteinander«
    »Weiter nichts«
    »Der Rote gab Eurem Herzle einen Kuss« schrie er mir zu
    »Weiter nichts«
    »Und Euer Herzle küsste ihn wieder« brüllte er mir in das Gesicht
    »Weiter nichts Weiter gar nichts« fragte ich sehr freundlich und ruhig
    Da wich er von mir zurück schlug die Hände zusammen und jammerte
    »Hab mirs gedacht hab mirs gedacht Nun ist das Unglück da Wenn auch
in anderer Gestalt als ich mir dachte Er fällt nicht um und er schlägt nicht
zu aber er ist verrückt geworden vor Schreck Er ist übergeschnappt
vollständig übergeschnappt Er sagt weiter nichts als weiter immer weiter«
    »O ich kann auch noch anderes sagen« lachte ich »Sitzen sie denn noch
dort  auf dem Steine«
    »Ich hoffe es«
    »Was Ihr hofft es«
    »Ja Ich hoffe es sogar sehr Um sie überführen zu können Um sie mit Euch
zu überraschen«
    »Das wollen wir tun«
    »Wirklich«
    »Ja und zwar sofort«
    »So kommt Ich führe Euch«
    »Wartet nur noch einen einzigen Augenblick Ich muss Euch nämlich vorher
sagen dass ich mit diesem Kiowa nicht so streng verfahren werde wie Ihr
wahrscheinlich erwartet Wir haben in den letzten Tagen verschiedene Male über
die Kiowa gesprochen Ihr wisst was ich bei ihnen erlebte als ich zum letzten
Male dort war«
    »Ja Jedermann weiß es Und Eure Frau hat es mir unterwegs noch einmal ganz
ausführlich erzählt Dass Ihr zu Tode geschunden werden solltet und nur durch die
Tochter eines berühmten Kriegers welcher Eine Feder hieß gerettet wurdet«
    »Richtig Diese Tochter hieß KakhoOto Ihr habe ich mein Leben zu
verdanken«
    »Wollt Ihr um ihretwillen etwa diesem Kiowa verzeihen der Euch um Eure Frau
betrügt«
    »Ja«
    »Hört Das geht nicht Das wäre Schwäche unverzeihliche Schwäche«
    »Das bestreite ich Nun kommt«
    »So wollt Ihr wirklich nichts tun wirklich gar nichts«
    »Gar nichts«
    »Auch Eurer Frau nicht«
    »Nein«
    Da fuhr er auf
    »Herr    Mr Burton Ich muss Euch sagen dass  dass    dass ich eine
Bitte eine sehr sehr große Bitte habe«
    »Welche«
    »Erlaubt wenigstens mir diesen roten Hallunken bei der Parabel zu nehmen
und ihm ein Dutzend Ohrfeigen herunter zu hauen«
    »Würde Euch das ein Vergnügen machen«
    »Ein großes ein ganz unbändiges«
    »So tut es«
    »Ihr habt nichts dagegen«
    »Ganz und gar nichts Schlagt zu so viel und so kräftig Ihr wollt«
    »So rufe nun jetzt ich Gott sei Dank Das sollen Ohrfeigen sein wie es
nicht gleich wieder welche gibt Nun kommt Schnell schnell«
    Er schritt voran und ich folgte Er führte mich durch das Gebüsch nach
einer kleinen Blöße die er aber nicht sofort betrat sondern er blieb zwischen
den beiden letzten Sträuchern stehen deutete hindurch und sagte leise
    »Da schaut Dort sitzen sie noch Wie gefällt Euch das«
    Das Herzle saß mit dem Kiowa auf einem niedrigen Felsstücke welches einen
sehr bequemen Sitz bildete Sie hatte den rechten Arm um seine Schulter
geschlungen und hielt mit der linken Hand seine beiden Hände fest Er war etwas
kürzer als sie Sein Kopf lehnte zärtlich an ihrer Seite Pappermann sah mich
an als ob er einen gewaltigen Zornesausbruch erwarte Ich lächelte aber Das
regte ihn auf
    »Ihr lacht« fragte er zwar leise aber doch sehr eindringlich »Ich frage
Euch allen Ernstes wie Ihr das findet«
    »Etwas intim weiter nichts« antwortete ich
    »Etwas intim    Weiter nichts « wiederholte er »Nun ich finde es
weit mehr als nur intim von diesem Hallunken ich finde es verbrecherisch Und
da Ihr mir gestattet habt ihm ein Dutzend Maulschellen herunter zu hauen so
werde ich ihn keinen Augenblick länger als nötig ist darauf warten lassen
Also passt auf Es geht los Sofort  sofort«
    Er drang zwischen den beiden Büschen durch und eilte auf die Gruppe zu Ich
folgte ihm mit derselben Schnelligkeit Die beiden vermeintlichen Inkulpaten
standen auf sobald sie uns erblickten Pappermann schien sein Rächeramt ausüben
zu wollen ohne dabei ein einziges Wort zu sagen Er packte den Kiowa mit der
Linken bei der Brust und holte mit der Rechten aus um zuzuschlagen Da griff
ich rasch zu hielt ihm diese Rechte fest und sagte
    »Halt lieber Freund Lassen wir ja keine der Vorschriften außer acht die
einem jeden Gentleman für solche Fälle gegeben sind«
    »Welche Vorschriften« fragte er indem er sich bemühte mir seinen Arm zu
entziehen
    »Wenn zwei Gentlemen die Absicht haben einander zu beohrfeigen so sind sie
unbedingt verpflichtet vorher sich einander vorzustellen«
    »Was heißt das sich einander vorzustellen«
    »Einander zu sagen wer und was sie sind«
    »Das ist hier unnötig denn wir kennen uns ja schon Dieser rote Hallunke
den Ihr einen Gentleman nennt weiß dass ich Maksch Pappermann bin und ich
weiß dass er kein Gentleman sondern eben ein roter Schurke ist Darum kann ich
  «
    »Aber seinen Namen habt Ihr noch nicht beachtet Dieser Gentleman ist
nämlich eigentlich eine Lady und wird so lange ich es weiß KakhoOto genannt
So Nun schlagt zu«
    Ich gab ihm seinen Arm frei Aber er bewegte ihn nicht Er schaute mir
wortlos in das Gesicht als ob er verstummt sei
    »Kakho  Oto« fragte er endlich wie geistesabwesend
    »Ja« nickte ich
    »Kein   Gentleman   sondern eine Lady«
    »Ganz so wie ich sagte«
    »Also wohl gar die Tochter von Eine Feder die Euch damals das Leben
gerettet hat«
    »Ja dieselbe«
    Da holte er tief tief Atem machte ein äußerst verzweifeltes Gesicht und
rief aus
    »Alle guten Geister Das kann nur mir passieren mir der ich Maksch
Pappermann heiße O dieser unglückselige Name dieser unglückselige Name Wo hat
sich jemals wenn irgend einer einen anderen ohrfeigen wollte herausgestellt
dass dieser andere eine Lady ist Und nun ich so selig war einmal so aus ganzem
Herzen zuhauen zu können muss das mir grad mir passieren Ich bin blamiert für
alle Zeit Sogar für alle Ewigkeit Ich trete ab Ich werde unsichtbar Ich
verschwinde«
    Er drehte sich um und rannte fort Doch an den Büschen angekommen blieb er
für einen Augenblick stehen und rief zurück
    »Aber Mr Burton ein Freundschaftsstreich war das ganz und gar nicht von
Euch«
    »Wieso« fragte ich
    »Ihr hättet mir diese Blamage sehr wohl ersparen können Brauchtet mir nur
zu sagen dass diese Lady kein Mann sondern ein Frauenzimmer ist«
    »Euch dieses Geheimnis zu verraten dazu war ich nicht befugt Ich hatte
Euch nicht verschwiegen dass der Kiowa Vertrauen verdient Das war genug Warum
habt Ihr mir nicht geglaubt«
    »Weil ich ein Esel bin Ein kompletter Esel Mit allem möglichen was zu
einem wirklichen Esel gehört Ich Schaf«
    Nun verschwand er KakhoOto stand mit gesenkten Augen vor mir Ihre Wangen
waren vor Verlegenheit tief gerötet Ich zog sie an mich küsste sie auf die
Stirn und sagte in ihrer Muttersprache
    »Ich danke dir Ich habe dein gedacht bis ich Dich wiedersah Willst du uns
Schwester sein Uns beiden«
    »Wie gern Dir und ihr« antwortete sie Dann eilte sie in tiefer Bewegung
fort
    Das Herzle fragte mich zunächst warum Pappermann ausgeholt habe um
zuzuschlagen Einige Worte genügten sie hierüber zu verständigen Sie lachte
herzlich Dann bedankte sie sich bei mir dafür dass ich ihr nicht mitgeteilt
hatte wer der Kiowa eigentlich sei Hätte ich das getan so wäre ihr die
köstliche Überraschung des heutigen Morgens verloren gewesen Dann kehrten wir
zum Zelte zurück wo ich ein kleines Feuer machte an dem sie den Kaffee
bereitete Zu diesem stellten sich Pappermann und KakhoOto ein Beide bemühten
sich möglichst gleichgültig zu erscheinen Aber dem alten braven Westmann ging
der Pudel den er geschossen hatte doch zu nahe Er betrachtete die Indianerin
immerwährend von der Seite her Als »Frauenzimmer« schien sie ihm ausnehmend zu
gefallen Plötzlich griff er nach ihrer Hand zog sie an seine Lippen und
knurrte reumütig
    »Und so etwas habe ich beohrfeigen wollen Bin ich da nicht selbst
Maulschellen wert«
    Damit war die Sache zwischen beiden abgemacht sie wurden die besten
Freunde
    Nach dem Frühstück wurde das Zelt abgebrochen Wir sattelten die Stangen
desselben lang anstatt quer weil KakhoOto sagte dass der Weg nach dem Hause
des Todes ein sehr schmaler sei Er führte zuweilen so steil bergab dass wir
bald nicht mehr reiten konnten sondern absteigen mussten Wir folgten einem
schmalen aber sehr reißenden Bache welcher eine tiefe Schlucht gegraben hatte
die in zahlreichen Windungen zur Tiefe ging Eine Aussicht gab es da nicht So
waren wir weit über eine halbe Stunde lang abwärts geklettert da sahen wir
plötzlich eine hohe fast vollständig nackte Schuttalde vor uns liegen die
aber nicht aus gewöhnlichem kleinem Schutt sondern aus großen Felsstücken
bestand welche den Anschein hatten als ob vor vielen Jahrhunderten hier ein
gewaltiger Bergsturz stattgefunden habe
    »Wir sind beim Haus des Todes angekommen« sagte KakhoOto indem sie auf
diese Felsentrümmer deutete
    »Das ist es« fragte ich »So sind die Felsen hohl«
    »Ja Sie sind nicht von oben herabgefallen sondern künstlich aufgebaut
Kommt«
    Sie führte uns um eine Ecke der Felsenstätte und da standen wir vor einem
massiven mehr breiten als hohen Tore welches keine bogenförmige sondern eine
gerade Schliessung hatte Die beiden Seitensteine hatten eine Breite von über
zwei Metern Sie zeigten gut erhaltene Relieffiguren von Häuptlingen welche im
Begriff standen durch das Tor in das Innere des Tempels zu treten Die
Häuptlinge waren charakterisiert durch ein zwei oder drei Adlerfedern die sie
im Kopfhaar trugen Auch der Oberstein war mehrere Meter hoch Er zeigte die
Figur eines Beratungsaltares auf welchem Häuptlinge ihre Medizinen opferten
    »Aber das ist ja gar kein Haus des Todes gar keine Begräbnisstätte« sagte
ich »sondern ein Beratungstempel in dessen Altar die Medizinen aufbewahrt
werben bis das was man beraten hat ausgeführt worden ist«
    KakhoOto lächelte
    »Das weiß ich wohl« sagte sie »aber wir dürfen das dem gewöhnlichen Volk
nicht sagen sonst würde die Stätte nicht so heilig gehalten wie die Häuptlinge
es wünschen Übrigens gibt es so viele Leichen hier dass der Ausdruck Haus des
Todes gar wohl auch berechtigt ist Gehen wir sogleich hinein«
    »Wie weit ist es von hier bis zum See«
    »Bis zum Wasser nur zweihundert Schritte«
    »So müssen wir vorsichtig sein Es kommen nicht nur einheimische sondern
auch fremde Indianer her welche das Verbot diesen Ort hier zu betreten wohl
kaum beachten werden Wir müssen also vor allen Dingen unsere Pferde verbergen
und uns Mühe geben keine Spuren zu verursachen Erst wenn das geschehen ist
betreten wir den Tempel Suchen wir also nach einer Stelle die sich zum
Versteck für uns und die Pferde eignet«
    »Die ist bereits gefunden« sagte KakhoOto »Ich habe gesucht noch ehe ich
den See verließ um euch entgegen zu reiten Kommt«
    Sie führte uns eine kurze Strecke zurück und dann in eine Seitenschlucht
hinein aus welcher wieder eine dritte Vertiefung abzweigte die grad groß genug
war sich für unsere Zwecke ganz vortrefflich zu eignen Es gab da Wasser und
Grünfutter mehr als genug Wir sattelten ab hobbelten die Pferde und die
Maultiere an und gaben ihnen unsern alten Pappermann als Wächter Er war ganz
damit einverstanden nicht überall mit herumkriechen zu müssen so drückte er
sich aus Wir andern aber kehrten nach dem Haus des Todes zurück
    Dort wieder angekommen schritten wir zunächst die Umgebung ab Es war die
Spur weder eines Menschen noch eines Tieres zu sehen Wir verwischten mit Hilfe
von Zweigen unsere Fährte sofort hinter uns her Als wir vorhin von der Höhe
unseres gestrigen Lagers herabkamen waren wir an die Rückseite des Baues
gelangt An dieser Seite befand sich wie bereits beschrieben das Tor Dies war
hinter Büschen und Bäumen derart verborgen gewesen dass kein Mensch geahnt
hätte dass hier ein Tempel stehe Erst als zufällig ein verlassenes aber nicht
ausgelöschtes Lagerfeuer weiter um sich gefressen und das Gebüsch zerstört
hatte war das Tor sichtbar und das Geheimnis verraten worden Man sah die
Spuren des Feuers noch jetzt am verräucherten Gestein Als wir von der Hinter
nach der Vorderseite des vermeintlichen natürlichen Felsensturzes gelangten
sahen wir das Wasser des Sees in der bereits angegebenen Entfernung vor uns
liegen Die an und übereinandergehäuften Quader und Steinbrocken waren also vom
See aus sehr deutlich und auch weithin zu sehen machten aber einen so
natürlichen Eindruck dass gewiss kein Mensch von selbst auf den Gedanken gekommen
wäre dass es sich um ein künstliches Bauwerk handle Der Felsenabsturz war so
steil und derart angeordnet dass man ihn unmöglich ersteigen konnte Nur in den
Winkeln wo sich im Laufe der Zeit der Staub der Lüfte angesammelt hatte gab es
ein wenig Grün sonst aber war alles nur glatter lebloser Stein
    Hierauf konnten wir zur Betrachtung des Innern gehen Durch das Tor
eingetreten befanden wir uns in einem nicht allzu weiten aber sehr hohen Raum
dessen Bau ein ganz eigentümlicher war Man denke sich einen
auseinandergeschnittenen also halben Zuckerhut der mit seiner geraden
senkrechten Schnittfläche am Felsen lehnt während seine gebogene
halbkegelförmige Wand von den Felsenstücken gebildet wurde aus denen der
vermeintliche Bergsturz bestand Diese Wand ging also nicht senkrecht sondern
schief nach innen empor Sie bildete keine glatte Fläche sondern ihre riesigen
Quader lagen derart neben und übereinander dass immer auf einen vorstehenden
ein zurückliegender folgte Hierdurch wurden Nischen gebildet die zur
Aufbewahrung von Mumien Skeletten oder einzelnen Knochenteilen dienten
    Am Boden genau auf der Mitte desselben stand ein steinerner Altar Er
besaß wie wir erst später bemerkten im Innern eine Höhlung auf welcher eine
schwere glatte Platte lag Die Seitenflächen dieses Altares zeigten
vierundzwanzig Relieffiguren nämlich zwölf Adlerfedern und zwölf
festgeschlossene Hände Es wechselte je eine Hand mit einer Feder ab Die
geschlossene Hand ist das Zeichen der Verschwiegenheit Die Figuren sagten also
dass nur Häuptlinge sich diesem Altare nahen durften und dass über alles was da
beraten und vorgenommen wurde die Geheimhaltung zu beobachten sei Die Platte
sah in ihrer Mitte schwarz aus Es hatte bei jeder Beratung ein Feuer auf ihr
gebrannt Besondere Sitze wenn auch nur aus Stein sah man nirgends
    Die Beleuchtung dieses fremdartigen Raumes war fast möchte ich sagen eine
magische Es herrschte genau abgemessen ein Zweidritteldunkel Das wenige
Licht was es gab kam durch die Quadermauer Man hatte von Stelle zu Stelle in
ihr einen Quader ausgelassen so dass Oeffnungen entstanden waren durch welche
der Schein des Tages Zutritt finden konnte Aber die Mauer war außerordentlich
dick so dass eine jede dieser Oeffnungen schon mehr einen tiefen Gang nach außen
bildete dessen Ende von unten aus nicht zu ersehen war Zudem waren die
Oeffnungen von draußen sehr fürsorglich verkleidet worden damit man sie nicht
etwa vom See aus bemerken möge Es ging also von dem hereinbrechenden Lichte der
größte Teil verloren noch ehe es das Innere des Tempels erreichte Ich habe
eine ähnliche geheimnisvolle Beleuchtung in einigen ägyptischen Königsgräbern
gefunden die allerdings sehr niedrig sind Dieser Tempel am »See des Todes«
hatte aber eine solche Höhe dass die Wirkung sich unendlich steigerte In jeder
Nische eine dunkle hockende Mumie die kaum zu erkennen war oder ein helleres
Skelett in kauender Stellung oder eine Sortierung von Schädeln Arm oder
Beinknochen die keinen Zusammenhang besaßen Das alles Überreste einstiger
Existenzen Denn über jeder Nische war eine Adlerfeder eingehauen zum Zeichen
dass diese Körperteile einst Häuptlingen gehörten
    
    Die Luft in der wir uns befanden war gut denn die Oeffnungen waren
zahlreich Sie gingen bis hinauf an die Spitze Es war also genug Zusammenhang
mit der äußeren Atmosphäre vorhanden Und was mir besonders als wichtig
erschien man konnte von Öffnung zu Öffnung also um mich so auszudrücken
von Fenster zu Fenster gelangen Oder vielmehr man hatte das früher gekonnt
denn es führten von Fenster zu Fenster und von Nische zu Nische freie aus der
Mauer ragende Stufensteine empor die bis zum Boden hinabgereicht hatten Jetzt
aber fehlten die untersten dieser Stufen Man hatte sie abgehauen Dass dies erst
vor kurzer Zeit geschehen war sah man an der zurückgebliebenen Fläche die von
ihrer dunkleren Umgebung hell abstach
    »Schade dass diese Stufen jetzt nun fehlen« sagte das Herzle
    »Warum« fragte ich
    »Weil ich gern da einmal hinauf möchte«
    »Klettergemse« scherzte ich
    Sie klettert nämlich gern Ich muss bei Gebirgswanderungen sie immer
besonders abhalten gefährliche Stellen zu betreten
    »Tyrannisiere mich nicht« antwortete sie »Ich kenne dich genau niemand
wünscht so sehnlichst wie du da hinaufzusteigen Du musst in alle Nischen
gucken Und du musst durch jedes Fenster hinaussteigen um zu wissen was draußen
zu sehen ist Willst du das leugnen«
    »Nein Zwar dass ich in jede Nische gucken will ist übertrieben Aber dass
ich unbedingt einmal zu irgend einem Fenster hinaussteige dazu fühle ich mich
geradezu verpflichtet Es ist unerlässlich von da oben aus Umschau zu halten
Ich muss wissen wie weit man von da aus den See überschaut Vielleicht sieht man
von hier oben aus etwas was man sonst nicht sehen würde«
    »Aber wie kommst du bis da hinauf wo die Stufen beginnen«
    »Sehr einfach Wir bauen eine Leiter«
    »Sehr richtig sehr richtig« spendete sie mir Beifall »Wir bauen eine
Leiter und zwar sofort Komm schnell«
    Wir gingen hinaus Ich fand sehr leicht zwei lang aufgeschossene
Stangenhölzer und schnitt die nötigen Quersprossen dazu Riemen waren genug da
Bald war die Leiter fertig Wir gingen wieder hinein legten sie an und stiegen
hinauf Sie reichte grad bis zu der niedersten der noch vorhanden Stufen Von
dieser aus stiegen wir weiter nach oben ohne Geländer auf frei aus der Mauer
ragenden Steinen die als Stufen galten Das war nicht ungefährlich Ein jeder
dieser Steine musste geprüft werden bevor man sich ihm anvertraute So kamen wir
an vielen Nischen vorüber deren Inhalt wir untersuchten Ich sehe davon ab
diese Mumien und Skelette zu beschreiben Ich liebe es nicht als Schriftsteller
zu gelten der seine Erfolge im Sensationellen Blutigen oder
Schaudererweckenden sucht
    Als wir hoch genug gekommen waren stiegen wir in eine der obersten
Fensteröffnungen Sie war so groß dass wir aufrecht in ihr stehen konnten ja
sogar noch bedeutend größer Sie glich einem Gange Wir hatten neun Schritte zu
tun ehe wir aus ihr in das Freie traten Da standen wir hoch oben auf dem
künstlich aufgeführten Bergsturz und überschauten einen großen Teil des Sees
Aber wir waren vorsichtig wir blieben nicht aufrecht sondern wir setzten uns
Wie leicht konnte ein Kiowa oder ein Komantsche in der Nähe sein der uns sofort
bemerken musste wenn wir so gedankenlos waren uns in ganzer Figur zu zeigen
Und richtig Es war nicht nur einer da sondern wir sahen viele sogar sehr
viele Sie ritten zweihundert Schritte entfernt am Ufer des Sees an uns vorüber
langsam müd und still im Gänsemarsch immer einer hinter dem andern
    »Das sind die Sioux des alten Kiktahan Schonka« sagte ich »Die Utahs sind
entweder schon vorüber oder sie kommen erst hinter ihnen her«
    »So sind wir gerade zur rechten Zeit gekommen« sagte das Herzle »Nun gibt
es wohl Gefahr«
    »Für sie ja aber nicht für uns« antwortete ich
    Der junge Adler war still aber KakhoOto meinte
    »So muss ich euch verlassen Werdet ihr mir aber vertrauen Werdet ihr mir
zutrauen dass ich nichts tue was euch schaden könnte«
    »Wir glauben an dich« anwortete ich ihr in ihrer Muttersprache »Wann
dürfen wir dich wieder erwarten«
    »Das weiß ich nicht Ich gehe um zu beobachten was geschieht um es euch
dann zu sagen Habe ich euch nichts zu berichten so komme ich nicht Erfahre
ich aber Wichtiges so kehre ich sehr schnell zurück Wo treffe ich euch«
    »Da wo du willst«
    »So bitte ich dich möglichst dort wo jetzt die Pferde stehen zu bleiben
Begib dich nicht unnötig in Gefahr Unternimm es vor allen Dingen nicht uns zu
beschleichen Ich wache für euch Meine Augen sind eure Augen Ihr werdet alles
erfahren was ich selbst erfahren kann«
    Ich versprach ihr diesen Wunsch zu erfüllen dann entfernte sie sich Wir
aber blieben noch hier oben um die vorüberziehenden Roten zu beobachten Es
dauerte lange Zeit ehe die Sioux passiert waren Dann kamen die Utahs Es tat
mir innerlich wehe diese kurzsichtigen hasserfüllten Leute so daherschleichen
zu sehen
    »Wer wird gewinnen« fragte das Herzle »sie oder wir«
    »Wir« antwortete ich zuversichtlich »Siehst du nicht ganz deutlich dass es
nicht unser Verderben ist welches da an uns vorüberzieht sondern unser Sieg«
    »Woran soll ich das merken«
    »An ihrer Langsamkeit ihrer Haltung ihrer Gleichgültigkeit und vor allen
Dingen an ihren leeren Futterbeuteln und Satteltaschen«
    »Wieso«
    Auch der junge Adler sah mich fragend an
    Ich fuhr fort »Sie haben keinen Proviant nieder für sich noch für ihre
Pferde«
    »Den bekommen sie doch jedenfalls von ihren jetzigen Verbündeten den Kiowa
und Komantschen«
    »Das ändert nichts denn das ist nur für einstweilen Diese alten Indianer
sind leichtsinniger viel leichtsinniger als früher die jungen jemals waren
Sie denken nur an die Vergangenheit und sind unfähig die Gegenwart zu
begreifen Zog man früher in den Krieg so tat man das in einzelnen Trupps
nicht aber gleich in der Stärke von tausend Mann Und diese Trupps waren leicht
zu erhalten und zu pflegen Es gab Büffel zur Jagd und der Weg wurde möglichst
über die grasigsten Prärien genommen die den Pferden das nötige Futter
spendeten Der Indianer machte im Frühling Fleisch für sechs Monate und im
Herbst wieder Fleisch für sechs Monate Da gab es so große Vorräte von
geriebenem und getrocknetem Fleisch dass es zu jeder Zeit leicht war sich für
lange Kriegszüge zu verproviantieren Wo sind jetzt die Büffel Wo die anderen
jagdbaren Tiere Wo gibt es jetzt einen Indianer der in seinem Zelte
Fleischvorräte für Monate hat Wo sind die Pferde die es früher gab Auf die
man sich in Hunger und Durst in Frost und Hitze in Wind und Wetter in jeder
Gefahr und selbst beim schwersten verwegensten Todesritt verlassen konnte Das
gab es früher jetzt aber ist alles anders Wer da glaubt in der alten Weise
verfahren zu können der ist verloren Mein Bärentöter hängt daheim Mein
Henrystutzen und meine Revolver stecken im Koffer Sie haben sich überlebt Was
aber tun Kiktahan Schonka und Tusahga Saritsch Sie sind ausgezogen mit tausend
Sioux und tausend Utas Mit Leuten und mit Pferden die keine Spur von
Kriegsgewohnheit besitzen Und vor allen Dingen ohne den nötigen Proviant Nun
sind sie gezwungen bei den Kiowa und Komantschen zu betteln Wo aber haben die
ihre Fleisch und Brotvorräte Sie haben nichts Auch sie werden ausziehen zu
zwei Tausenden zusammen also wahrscheinlich viertausend Mann und viertausend
Pferde ohne den mitzuschleppenden Tross Woher den täglichen Proviant das
Futter das Wasser für so unvernünftig viele nehmen Es braucht kein einziger
von ihnen erschossen oder erstochen zu werden Sie kommen vor Hunger um vor
Hunger und Durst alle alle Indem ich sie hier an uns vorbeireiten sehe ist
es mir als ob sie nicht Körper seien sondern verschmachtete Seelen die nach
dem Jenseits ziehen um dort in ihren leeren ewigen Jagdgründen vollends zu
verhungern«
    »Uff uff« rief der junge Adler dem meine Darstellung sofort einleuchtete
    Das Herzle aber war still Auch sie sah ein dass ich recht hatte aber diese
Einsicht erhob sie nicht sondern sie drückte sie nieder Ihr gutes Herz sah
sofort viertausend untergehende Menschen vor sich und dass es unsere Aufgabe
war an diesem Untergange mitzuwirken das tat ihr leid und wehe
    Als der letzte der Utahs vorüber war stiegen wir wieder hinab versteckten
die Leiter sehr sorgfältig so dass sie selbst von einem scharfen Auge nicht
entdeckt werden konnte und kehrten dann zu Pappermann und unseren Pferden
zurück
    »KakhoOto war hier« meldete er »Sie sattelte sehr eilig und ritt dann
sort Sie sagte Ihr wüsstet schon wohin«
    Nun schlugen wir das Zelt auf und machten es uns bequem Ich war
entschlossen dem Wunsche unserer Freundin gehorsam zu sein und uns keiner
Gefahr auszusetzen Es war auf alle Fälle am besten wir blieben hier still
verborgen ohne uns zu regen So gab es also Zeit und Gelegenheit das
Vermächtnis meines Winnetou vorzunehmen und durchzusehen Ich öffnete die
Pakete und dann waren wir beide sowohl das Herzle als auch ich für den ganzen
Vorund Nachmittag in ihren Inhalt vertieft Über diesen Inhalt habe ich an
anderer Stelle zu sprechen für jetzt will ich nur sagen dass wir noch nie etwas
ähnliches gelesen hatten und dass der Schatz der sich uns hier auftat
unendlich größer war als wenn er Geld und Edelsteine im Gewicht von vielen
Zentnern enthalten hätte
    Gegen Abend stellte sich KakhoOto ein Sie meldete uns dass die Kiowa
Komantschen Utahs und Sioux nun alle versammelt seien und zwar über
viertausend Mann stark von jedem Stamme etwas über tausend Krieger Also genau
so wie ich es vermutet hatte Am Vormittage hatte man gegessen Am Nachmittage
waren die verschiedensten Vorberatungen abgehalten worden Es hatte sich nach
langen Widersprüchen endlich Einigkeit ergeben so dass eine nachträgliche
Hauptberatung eigentlich überflüssig gewesen wäre wenn sie nicht als
Schlusszeremonie alles Vorhergehende zu krönen gehabt hätte
    »Also diese Hauptberatung findet statt« fragte ich
    »Ja« antwortete die Freundin
    »Wann«
    »Grad um Mitternacht«
    »Wenn ich doch dabei sein könnte ohne gesehen zu werden«
    Da fiel das stets besorgte Herzle schnell ein
    »Nein Daraus wird nichts Das ist zu gefährlich«
    »Wieso gefährlich«
    »Wenn sie dich erwischen ist es um dich geschehen Ich als deine Frau habe
vor allen Dingen darauf zu sehen dass du zu jeder Zeit mir wenigstens am Leben
bleibst«
    KakhoOto lächelte Das tat ich auch und fragte das Herzle
    »Aber wenn es sich nun herausstellt dass es nicht gefährlich ist«
    »So gehe ich mit um die Sache zu prüfen Als Junggeselle Westmann sein ist
keine Kunst Aber sich noch als Westmann geberden wenn man schon längst
verheiratet ist und seine Frau bei sich hat das wird einem jeden vernünftigen
Mann so fern wie möglich liegen Wenn wir Frauen einmal jemand belauschen so
wird gleich ein großes Hallo darüber gemacht Aber wenn die Herren Männer im
Walde herumkriechen um Indianer zu behorchen da behauptet man es sei erstens
notwendig und zweitens gehöre es zur Kühnheit und zum Heldentum Ich habe da
einen sehr guten Gedanken der diese gefährliche Lauscherei vollständig unnötig
macht«
    »Welchen«
    »KakhoOto nimmt an dieser Hauptberatung teil und sagt uns dann was
gesprochen worden ist«
    Da lachte ich laut auf und entgegnete
    »Diesen Gedanken nennst du gut Er ist so töricht wie möglich Nie wird ein
gewöhnliches weibliches Wesen an einer derartigen Häuptlingsversammlung
teilnehmen dürfen«
    »Wirklich nicht«
    »Nein«
    »Das ist eine Schande Aber erfahren müssen wir auf alle Fälle was beraten
worden ist Wie fangen wir das an«
    Da lächelte die Freundin abermals und antwortete
    »Ihr werdet bei dieser Versammlung zugegen sein«
    »Wir Wir beide« fragte das Herzle schnell
    »Ja«
    »Ich denke als Frau darf ich nicht«
    »Es geschieht im Geheimen Niemand wird euch sehen Die Häuptlinge kommen
nämlich nach dem Haus des Todes Der Medizinmann der Kommantschen will es so
und der Medizinmann der Kiowa stimmt ihm bei Sie behaupten das Haus des Todes
sei schon vor Jahrtausenden ein Beratungshaus der Anführer gewesen und solle es
nach seiner Entdeckung jetzt nun wieder sein Zugleich sei es die
Begräbnisstätte der Häuptlinge Weibern sei es bei sofortiger Todesstrafe
verboten gewöhnlichen Kriegern ebenso außer sie kommen zur Bedienung der
Häuptlinge mit«
    »Das ist ja vortrefflich« meinte das Herzle »Sie kommen also um
Mitternacht«
    »Ja kurz vorher denn die Zeremonie hat genau um Mitternacht zu beginnen«
    »Da stellen wir uns zeitig ein vielleicht schon um elf«
    »Aber du doch nicht« sagte ich
    »Warum nicht« fragte sie
    »Du hast doch soeben erst gehört dass Weibern der Zutritt bei sofortiger
Todesstrafe verboten ist Das ist mir zu gefährlich Ich als dein Mann habe vor
allen Dingen darauf zu sehen dass du zu jeder Zeit mir wenigstens am Leben
bleibst Ich fühle mich also zu der Erklärung verpflichtet dass du von der
Teilnahme an diesem nächtlichen Abenteuer vollständig ausgeschlossen bist«
    »Oho Ich verweigere den Gehorsam Nimmst du deine Erklärung nicht sofort
zurück so gehe ich auf der Stelle nach dem Haus des Todes und verstecke mich
dort bis Mitternacht um euch alle miteinander zu belauschen nicht nur die
Indianer sondern auch euch«
    »Wohin willst du dich verstecken«
    »Das weiß ich noch nicht«
    »Das muss man aber wissen«
    »Schon vorher«
    »Gewiss Es ist sehr schnell gesagt ich verstecke mich Aber den richtigen
Platz zu finden das erfordert Überlegung die nicht zu spät kommen darf Wir
wissen noch nicht wieviel Personen sich einstellen werden   «
    »Ich weiß es« fiel KakhoOto ein »Es kommen Kiktahan Schonka Tusahga
Saritsch Tokeichun und Tangua die vier Oberhäuptlinge sodann die beiden
Medizinmänner der Kiowo und der Komantschen und außerdem fünf Unterhäuptlinge
von jedem der vier Stämme Auch einige gewöhnliche Krieger sind dabei um das
nötige Feuerholz und Tangua zu tragen der nicht gehen kann Jeder Stamm wird
sein eigenes Beratungsfeuer brennen Das Feuer für alle aber wird auf dem Altare
angezündet der die Medizinen der Oberhäuptlinge zu empfangen hat bis das was
die Beratung ergeben hat auch ausgeführt worden ist«
    »So können wir also annehmen« fuhr ich nun fort »dass wenigstens dreißig
Personen vorhanden sein werden Wo und wie sie sich verteilen und plazieren das
wissen mir nicht Es gibt somit im unteren Teil des Hauses im Parterre im
Flur auf dem Fußboden keine einzige Stelle an der wir sicher sein könnten
nicht bemerkt zu werden Es ist da überhaupt kein einziger Gegenstand vorhanden
hinter dem wir uns verstecken könnten Es steht da ganz allein nur der Altar um
den sie sich versammeln werden«
    »So verstecken wir uns oben« rief das Herzle »Mit Hilfe der Leiter In den
Nischen in den Luftlöchern in den Fenstervertiefungen«
    »Ganz recht« nickte ich »Aber denkst du dabei auch an die Feuer«
    »Soll ich das Wozu«
    »Wozu Welche Frage Um nicht zu ersticken oder durch immerwährendes
Räuspern und Husten dich wenigstens zu verraten Es werden fünf Feuer brennen
vier Stammes und ein Altarfeuer Diese Feuer werden mit Holz Reisig usw
genährt Das gibt zumal wenn dieses Material nicht ganz trocken ist einen so
bedeutenden Rauch und Qualm dass es da oben wohin du steigen willst gar nicht
auszuhalten ist außer wir finden einen Platz wo dieser Qualm und Rauch uns
nicht erreicht«
    »Denkst du dass es einen solchen gibt«
    »Ich hoffe es Unten können wir uns freilich nicht verstecken wir müssen
hinauf Aber auch nicht zu hoch weil wir da nichts hören würden Es gilt die
Windrichtung zu kennen und den Luftzug zu berechnen Das Tor und alle
Fensteröffnungen stehen offen Es wird also Luftzug mehr als genug vorhanden
sein Aber nach welcher Seite geht er Ich schlage vor dass wir probieren Wir
haben fast noch eine Viertelstunde Zeit ehe es Abend wird Gehen wir schnell
nach dem Hause um ein Feuer anzuzünden und zu sehen wohin der Rauch
entweicht«
    »Und dabei erwischt zu werden« warnte Pappermann
    »Es kommt niemand« versicherte KakhoOto »Wir können es unbesorgt tun«
    Mein Vorschlag wurde also ausgeführt Wir begaben uns nach dem alten
Bauwerke und sammelten unterwegs so viel dürres Holz wie nötig war den
geplanten Versuch zu machen Die Leiter wurde wieder hervorgeholt Als das Feuer
brannte blieb Pappermann unten um es zu schüren wir vier andern aber stiegen
hinauf und beobachteten die durch die Wärme verursachte Luftbewegung und den
abziehenden Rauch Hierdurch entdeckten wir die für uns am besten geeignete
Stelle und stiegen wieder hinab um das Feuer auszulöschen und jede Spur
desselben sorgfältig zu vertilgen Dann kehrten wir nach unserem Lagerplatz
zurück KakhoOto aber verabschiedete sich von uns um sich zu ihren Kiowa zu
verfügen und am nächsten Morgen zeitig wiederzukommen Während meine Frau uns am
Lagerfeuer das Abendessen bereitete gossen wir uns mit Hilfe des vorhandenen
Bärenfettes und einer aufgedrehten ungefärbten Baumwollenschnur einige kleine
Kerzen die wir nötig hatten um bei unserem nicht ungefährlichen Aufstiege in
die Höhe des Hauses nicht ganz und gar im Dunkeln zu sein Denn gefährlich war
es immerhin auf den frei aus der Mauer ragenden Stufensteinen die keine Spur
von Brüstung oder Geländer hatten ohne hellere Beleuchtung emporzuklimmen
Jedem Ausgleiten musste unbedingt der Absturz folgen Darum wollte ich mit dem
jungen Adler allein hinauf Das Herzle war da eigentlich recht überflüssig
zumal sie von den Verhandlungen die ganz selbstverständlich indianisch geführt
wurden kein Wort verstehen konnte Aber gerade weil sie die Gefahr erkannte
bestand sie darauf uns begleiten zu dürfen weil sie mehr Besorgnis für mich
als für sich selbst hatte und die Überzeugung hegte dass ich in ihrer Gegenwart
vorsichtiger sein würde als ohne sie
    Als die elfte Stunde nahte brachen wir auf und hinterliessen unserem
Pappermann die Weisung falls wir gegen Morgen noch nicht zurück sein sollten
vorsichtig nachzuschauen was uns im Haus des Todes festgehalten habe Wir
nahmen unsere Revolver mit obwohl wir keineswegs glaubten sie brauchen zu
müssen Im Hause angekommen zündeten wir die drei Kerzen an Der Aufstieg war
noch schwieriger als ich vorausgesehen hatte und zwar der Leiter wegen Wir
brauchten sie um zur untersten Stufe hinaufzukommen und da wir sie unmöglich
stehen lassen konnten weil sie uns verraten hätte mussten wir sie mit
hinaufnehmen Ich stieg voran dann folgte das Herzle der »junge Adler« hinter
ihr her Indem ich vorn und er hinten die Leiter wagrecht fasste bildete sie für
meine Frau ein mitwandelndes Sicherheitsgitter an dem sie sich im Falle der Not
zu halten vermochte Wir gelangten langsam sehr langsam aber doch glücklich
hinauf Da schoben wir die Leiter in die tiefe Fensteröffnung so dass sie in ihr
vollständig verschwand löschten unsere kleinen fast ganz unzureichenden Lichte
aus und stiegen durch die Öffnung welche auf den künstlichen Felsensturz
mündete hinaus ins Freie
    Es gab über uns einen hellen Sternenhimmel Das von ihm niederfallende Licht
reichte hin uns den See als eine mattsilberne Fläche zu zeigen die im
Schattenrahmen der Ufersträucher lag Wir brauchten nicht lange zu warten so
bewegte es sich da vorn Es kamen Gestalten langsam und einzeln eine hinter
der andern Je näher sie kamen um so deutlicher konnten wir sie erkennen
Freilich ihre Gesichtszüge nicht Auch die Gestalten waren nicht scharf
konturiert Aber dass es Indianer waren darüber gab es keinen Zweifel Auch die
Bahre sahen wir auf welcher der Häuptling der Kiowa getragen wurde Sie bestand
aus einer Decke welche zwischen zwei Stangenhölzern befestigt war Andere
trugen große Holz und Reisigbündel Wir zählten vierunddreissig Personen Wir
warteten bis die letzte von ihnen im Innern des Hauses verschwunden war und
schlüpften dann auch hinein Wir hatten da eine undurchdringliche Dunkelheit vor
uns und setzten uns nieder
    Geheimnisvolles Geräusch ließ sich in der Tiefe unter uns hören weiter
nichts Niemand sprach kein Ruf kein Befehl kein Kommando erscholl Es schien
alles sehr genau vorherbesprochen worden zu sein Da sprang irgendwo ein Funke
auf noch einer und noch einer Diese Funken verwandelten sich in kleine
Flämmchen Die Flämmchen wurden zu Flammen die Flammen zu brennenden Feuern Es
gab vier Feuer welche die Ecken eines Quadrates bildeten in dessen Mitte der
Altar stand Um diese Feuer lagerten sich phantastische Indianergruppen die
Häuptlinge jedes Stammes um ihre besondere Flamme Der Rauch stieg empor aber
er belästigte uns nicht er verschwand durch die Oeffnungen der
gegenüberliegenden Seite Auch der Schein der Feuer stieg empor aber je höher
um so ungenügender und geheimnisvoller wirkte er Beim Flackern der Flammen
schien sich nicht nur unten sondern auch hier oben alles zu bewegen die
Nischen die Mumien die Gerippe die verworrenen Teile der Knochen Das Herzle
griff nach meiner Hand drückte sie krampfhaft fest und flüsterte mir zu
    »Wie geisterhaft ja gespensterhaft Fast fürchte ich mich«
    »Wünschest du dich weg von hier« fragte ich
    »Nein nein So etwas gibt es ja niemals niemals wieder Denke wir sind im
Inferno«
    Das Bild welches sie da brachte war nicht unzutreffend ich aber hätte
lieber gesagt im Fegefeuer Was da unten beschlossen werden sollte war Sünde
ja aber es hatte nicht unbedingt zur Verdammung zu führen wir selbst waren ja
da um ihm ein besseres Ende einen glücklichen Ausgang zu geben Mir kamen die
Gestalten da unten vor nicht als ob sie Abkömmlinge vergangener Jahrtausende
sondern die zu erlösenden Seelen jener uralten Zeiten seien die sich hier
versammelt hatten zur letzten bösen Tat in deren Schoss die Befreiung aus der
Finsternis zu suchen und zu erfassen war Indem ich dies dachte erklang das
erste Wort welches gesprochen wurde
    »Ich bin Avattowah22 der Medizinmann der Komantschen Ich sage es ist
Mitternacht«
    Und eine zweite Stimme schloss sich an
    »Ich bin Onto tapa23 der Medizinmann der Kiowa Ich fordere auf die
Verhandlung zu beginnen«
    »Sie beginne« rief Tangua
    »Sie beginne« rief Tokeichun
    »Sie beginne« rief Tusahga Saritsch
    »Sie beginne« rief Kiktahan Schonka
    Auch jetzt konnten wir die Gesichtszüge der Genannten nicht erkennen Wir
sahen nur ihre Gestalten und hörten ihre Stimmen wie aus einer nicht mehr zur
Erde gehörenden Unterwelt herauf Da trat der Medizinmann der Komantschen an den
Altar und sprach
    »Ich stehe vor dem heiligen Bewahrungsort der Medizinen Im Tempel unseres
alten berühmten Bruders TatellahSatah hängt die Riesenhaut des längst schon
ausgestorbenen Silberlöwen auf welcher folgendes geschrieben steht Bewahret
eure Medizinen Das Bleichgesicht kommt über das große Wasser und über die weite
Prärie herüber um euch eure Medizinen zu rauben Ist er ein guter Mensch so
wird es euch Segen bringen Ist er ein böser Mensch so wird es ein Wehklagen
geben in allen euren Lagern und in allen euren Zelten«
    Hierauf trat auch der Medizinmann der Kiowa an den Altar und sprach
    »Aber neben diesem Felle des Silberlöwen hängt die Haut des großen
Kriegsadlers auf der steht geschrieben Dann wird ein Held erscheinen den man
den »jungen Adler« nennt Der wird dreimal um den Berg der Medizinen fliegen und
sich dann zu euch niederlassen um euch alles wiederzubringen was das
Bleichgesicht euch raubte Ich frage euch die Oberhäuptlinge der vier
vereinigten Stämme Wollt ihr den Beschlüssen treu bleiben welche heut unter
euch getroffen worden sind«
    »Wir wollen« antworteten alle vier
    »Und seid ihr bereit eure Medizinen hier niederzulegen zum Pfande dafür
dass ihr alles tun werdet es auch auszuführen«
    Ein lautes vierfaches Ja erscholl
    »So bringt sie her und gebt sie ab«
    Sie taten es Sogar Tangua ließ sich zum Altare tragen um seine Medizin mit
eigener Hand abzugeben Kiktahan Schonka klagte indem er dem Medizinmanne die
seinige überreichte
    »Es ist nur die Hälfte Die andere Hälfte ging unterwegs verloren als
Manitou seine Augen von mir wendete Er kehre mir sein Antlitz wieder zu damit
mir nicht auch diese andere Hälfte noch verloren gehe Die Last meiner Winter
drückt mich dem Grabe zu Soll ich jenseits des Todes ohne Medizin erscheinen
und für ewig verloren sein Schon um mich vor diesem Untergang zu retten bin
ich gezwungen alles zu tun um zu halten was ich heut versprach«
    Die Platte wurde vom Altare gehoben und dann als die Medizinen im Innern
desselben verschwunden waren wieder daraufgelegt Dann häufte man Holz und
Reisig darüber und steckte es in Brand doch nicht nach unserer sondern nach
indianischer Weise so dass nur ein kleines Feuer entstand in welches nur die
Spitzen der Hölzer ragten die wenn sie verzehrt waren immer nachgeschoben
wurden Das war das »Feuer der Beratung« die nun begann Sie war sehr
feierlich Sie wurde durch das sehr umständliche Rauchen der Friedenspfeife
eingeleilet Man hielt trotz der vorangegangenen Vorberatungen noch sehr
ausführliche Reden Es wäre wohl interessant wenn ich diese Reden hier wörtlich
wiederholte Einige von ihnen gestalteten sich zu wahren Meisterstücken der
indianischen Redekunst Aber der Mangel an Raum gebietet mir nicht so
umständlich zu sein wie diese Indianer es waren Es genügt zu sagen dass wir
auf unserem Platze alles was gesprochen wurde sehr deutlich verstanden Es
ging uns fast kein einziges Wort verloren Das Resultat der Verhandlungen war
für uns folgendes
    Die vier Stämme planten einen Überfall des Lagers der Apatschen und ihrer
Freunde am Mount Winnetou Durch diesen Überfall sollte die geplante
Verherrlichung Winnetous vereitelt werden Zugleich hoffte man dadurch in den
Besitz großer Beute und all der Schätze zu kommen welche jetzt in diesem Lager
zusammenflossen Es waren das besonders die freiwilligen Gaben an Nuggets und
anderen Edelmetallen die entweder von ganzen Stämmen Klans und Gesellschaften
oder von einzelnen Personen gespendet herbeigetragen wurden Man wollte hier am
dunkeln Wasser noch einige Tage bleiben um von dem bisherigen langen Ritte
auszuruhen und dann nach einem Orte marschieren den sie »das Tal der Höhle«
nannten Dieses Tal lag in der Nähe des Mount Winnetou und bot wie man sagte
selbst für eine so große Zahl von Kriegern ein sicheres Versteck Aus diesem
Verstecke heraus sollten dann die Apatschen und ihre Verbündeten überfallen
werden
    Von höchstem Interesse für uns war ein ganz besonderer Punkt den wir
erlauschten Die vier verbündeten Stämme hatten nämlich einen Kumpan bei den
Apatschen der es übernommen hatte sie über alles zu unterrichten ihren
Streich mit vorzubereiten und ihnen die passendste Zeit zu seiner Ausführung
anzugeben Dieser Spion und Verräter war um so gefährlicher als er nicht zu den
gewöhnlichen gleichgültigen Personen gehörte sondern mit im Denkmalskomitee
saß und als Mitglied desselben alles mögliche wusste und allseitig ein besonderes
Vertrauen genoss Das war Mr Antonius Paper mit dem indianischen Namen
Okihtschintscha und dem schlingernden Gange Dies zu erfahren hatte ganz
besonderen Wert für uns Für diese seine Mitwirkung war ihm ein bedeutender
Anteil an der Beute über dessen Höhe man aber nicht sprach verheißen worden
Die Oberhäuptlinge schienen eine Scheu zu haben sich vor ihren Unterhäuptlingen
über diesen Punkt deutlich auszudrücken Es wurden da die Gebrüder Enters
mitgenannt welche das was man ihnen versprochen hatte nicht bekommen sollten
weil man es diesem Antonius Paper auszuzahlen hatte dem man seinen Lohn aber
auch vorenthalten wollte weil er an die beiden Enters zu entrichten wäre Es
handelte sich da jedenfalls um eine große Lumperei über die man nicht gern
sprach Ich vermutete dass man alle drei sowohl Paper als auch die Enters um
ihren Lohn betrügen und sie dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden lassen
wollte
    Als die Zeremonie zu Ende war wurde das Beratungsfeuer auf dem Altar von
den beiden Medizinmännern ausgelöscht Sie strichen die Asche von der Platte und
traten dann um einige Schritte von dem Altar zurück Hierauf sagte der
Medizinmann der Komantschen in feierlichem Tone
    »So oft das heilige Feuer über den Medizinen erlischt ist das Wort des
Silberlöwen zu wiederholen Bewahret eure Medizinen Das Bleichgesicht kommt
über das große Wasser und über die weite Prärie herüber um euch eure Medizinen
zu rauben«
    Und der Medizinmann der Kiowa fügte hinzu
    »So oft das heilige Feuer über den Medizinen erlischt ist auch das Wort des
großen Kriegsadlers zu wiederholen Es wird ein Held erscheinen den man den
jungen Adler nennt Der wird dreimal um den Berg fliegen und sich dann zu euch
niederlassen um euch die geraubten Medizinen wiederzubringen Dann wird die
Seele der roten Rasse aus ihrem tausendjährigen Schlaf erwachen und was
getrennt war wird zur geeinigten Nation und zum großen Volke werden«
    Von jetzt an sprach niemand mehr aber man blieb sitzen bis die Feuer nach
und nach verlöschten und schließlich auch der letzte noch glimmende Funke
verschwunden war Dann geschah der Aufbruch Die Indianer verließen das Haus
genau so wie sie gekommen waren langsam und still einzeln einer hinter dem
andern Unsere Blicke folgten ihnen bis sie das Wasser des Sees erreichten und
dann nach beiden Seiten abschwenkten Das Herzle holte tief tief Atem
    »Welch ein Abend Welch eine Nacht« sagte sie »Das werde ich nie nie
vergessen Was tun wir jetzt«
    »Wir steigen hinab und holen uns die Medizinen« antwortete ich
    »Dürfen wir das«
    »Eigentlich ist es verboten Es steht der Tod darauf Kein Indianer würde
wagen sich an ihnen zu vergreifen Für uns ist es einfach ein Gebot der
Notwendigkeit«
    Der »junge Adler« hörte das Er sagte nichts dazu Wir brannten unsere drei
Lichter wieder an griffen zu unserer Leiter und stiegen langsam und äußerst
vorsichtig wieder hinab Unten angekommen traten wir an den Altar Da fragte
der junge Apatsche in seiner Muttersprache
    »Du willst sie wirklich nehmen«
    »Ja unbedingt« antwortete ich »Sie sind eine Macht in meiner Hand und
zwar eine große segensreiche Macht«
    »Das weiß ich Aber ich bin Indianer und ich kenne die Bedeutung und die
Unverletzlichkeit der Medizinen die an solcher Stelle niedergelegt worden sind
Weißt du was meine Pflicht mir hier gebietet«
    »Ja Du hast zu verhindern dass ich sie berühre Sogar Gewalt hast du zu
gebrauchen Aber habe ich etwa die Absicht sie nicht heilig zu halten sie zu
verletzen«
    »Nein Die hast du nicht Und du bist Old Shatterhand ich aber bin ein
Knabe Ein Kampf mit dir wäre mein Tod Dennoch bitte ich dich um die Erlaubnis
eine Bedingung stellen zu dürfen«
    »Du darfst«
    »Wenn du das Bleichgesicht des Silberlöwen sein willst welches zu uns
herüberkommt uns unsere Medizinen zu nehmen so lass mich der junge Indianer des
Kriegsadlers sein der vom Mount Winnetou herniederkommt um seinen Brüdern ihre
Medizinen zurückzugeben«
    
    »Kannst du das«
    »Wenn du willst ja«
    »Fliegen«
    »Ja«
    »Dreimal um den Berg«
    »Ja«
    Das war ein ganz eigenartiger vielleicht sogar ein großer Augenblick
Dieses Dunkel Dieser schauerliche Ort Ein Bleichgesicht im Greisenalter Ein
hochbegabter kühner Indianer im hoffnungsreichsten Jugendalter Beide hier am
Altar einander gegenüberstehend mit kleinen winzigen Lichtern in den Händen
deren spärlicher Schein von der Finsternis schon zwei drei Schritte weit
verschlungen wurde Er sprach vom Fliegen Er versicherte es zu können und
zwar mit einer Stimme und in einem Tone der jeden Zweifel ausschloss Er meinte
körperliches Fliegen Ich aber dachte ebenso sehr auch an den seelischen an den
geistigen Flug den er der Typus seiner verjüngten Nation zu nehmen hatte
wenn er ihr die im Verlaufe der Jahrtausende verloren gegangenen »Medizinen«
zurückbringen wollte Aber ich hatte ein großes ein warmes und ich möchte
sagen ein heiliges Vertrauen zu ihm
    »Ich glaube dir« antwortete ich »Ich nehme sie jetzt Aber ich gebe sie
dir sobald du sie von mir verlangst«
    
    »Deine Hand darauf«
    »Hier«
    Wir reichten einander die Hände
    »So nimm sie« sagte er und griff nach der Platte um mir zu helfen sie auf
die Seite zu schieben Sie war fast noch heiß Ich nahm die Medizinen aus dem
geöffneten Altar Wir schoben die Platte in ihre vorige Lage zurück und
verließen dann nachdem wir die Lichter verlöscht hatten das Haus um nach
unserm Lagerplatz zurückzukehren Die Leiter nahmen wir mit damit sie nicht
nachträglich noch zur Verräterin an uns werde Unser Aufenthalt am »Dunkeln
Wasser« hatte von jetzt an als beendet zu gelten So kurz er gewesen war so
sehr konnten wir mit seinen Ergebnissen zufrieden sein
 
                                Sechstes Kapitel
                                        
                               Am Mount Winnetou
Es war ungefähr eine Woche später Wir hatten während der letzten Nacht am
unteren Klekih Toli gelagert und ritten nun am frühen Morgen an seinem Ufer
aufwärts Klekih Toli ist ein Apatschewort Es heißt so viel wie »weißer Fluss«
Dieser Fluss hat ein bedeutendes Gefälle Er kommt in zahlreichen Kaskaden vom
Mount Winnetou herab Der weiße Schaum dieser Kaskaden ist es der ihm seinen
Namen gegeben hat Er ist tief eingeschnitten Darum sind seine Ufer hoch und
steil oben mit Wald und unten mit Buschholz bewachsen Da wo er aus dem
gewaltigen Massiv des Mount Winnetou tritt bildet er mehrere Wasserfälle
welche ihrer Umgebung ein höchst energisches Aussehen erteilen
    Wir waren vier Personen das Herzle der »junge Adler« Pappermann und ich
Die beiden Enters hatten wir am »Dunkeln Wasser« nicht wieder zu sehen bekommen
zumal kein besonderer Grund für uns vorhanden war ein solches Wiedersehen
herbeizuführen Dass wir ihnen irgendwo und irgendwann wieder begegnen würden
verstand sich ganz von selbst KakhoOto war am Morgen nach der Beratung im
»Hause des Todes« zu uns gekommen und hatte uns berichtet dass im Lager der
Roten nichts Besonderes geschehen sei Sie fragte uns nicht was wir erlauscht
hätten darum schwiegen auch wir darüber um sie nicht mit sich selbst und ihren
Stammespflichten in Konflikt zu bringen Vor allen Dingen wurde ihr
verheimlicht dass wir uns in den Besitz der Medizinen gesetzt hatten Je weniger
Personen das wussten um so besser war es für uns Als wir ihr unsern Entschluss
kundgaben sofort weiter zu reiten tat ihr diese schnelle Trennung wehe Sie
hätte uns gern begleitet sah aber wohl ein dass dies mehr eine Belästigung als
eine Erleichterung für uns gewesen wäre und dass sie mehr und besser für uns
wirken konnte wenn sie bei den Kiowa blieb Doch wurde verabredet uns unter
allen Umständen am Mount Winnetou wiederzusehen
    Diesem Berge waren wir jetzt nun nahe obgleich wir ihn noch nicht sahen
der tiefen Flussrinne wegen in der wir ritten Es gab vom »Dunkeln Wasser« aus
einen anderen bequemeren Weg nach dem Mount Winnetou den wir aber vermieden
hatten weil wir annahmen dass er unter den jetzigen Verhältnissen belebter sein
werde als wir wünschten Wir wollten unnütze Begegnungen vermeiden und am
liebsten dort plötzlich eintreffen ohne vorher gesehen und beachtet worden zu
sein Darum kamen wir von einer nicht gerade übermäßig wegsamen Seite her und
waren nun aber doch gezwungen gewesen nach dem Klekih Toli einzubiegen um
nicht an unserem Ziele vorüberzugehen Dass wir dadurch auf einen jetzt viel
betretenen Weg geraten waren bemerkten wir an den Spuren von Menschenfüssen und
Pferdehufen die uns in die Augen fielen Und gar bald sahen wir auch einige
Indianer welche an einer Stelle an der wir vorüber mussten zwischen den
Büschen hockten Es waren ihrer vier Ihre Pferde weideten am Wasser Sie waren
unbemalt und nur mit der Lanze bewaffnet trotzdem aber sofort als
KaneanKomantschen zu erkennen Als sie uns erblickten richteten sie sich aus
ihrer hockenden Stellung auf und schauten uns entgegen Sie bildeten einen
Posten den man hier aufgestellt hatte um alle die hier vorüberkamen zu
kontrollieren Der »junge Adler« ritt uns voran und still grüßend an ihnen
vorbei Ihn ließ sie passieren uns aber hielten sie an
    »Wohin wollen meine weißen Brüder« fragte der Aelteste von ihnen
    »Nach dem Mount Winnetou« antwortete ich
    »Was wollen sie dort«
    »Wir wollen zu Old Surehand«
    »Der ist heut nicht dort«
    »Und zu Apanatschka dem Häuptlinge der KaneanKomantschen«
    »Auch der ist nicht dort Sie sind beide miteinander fortgeritten«
    »So werde ich dort warten bis sie wiederkommen«
    »Das ist unmöglich«
    »Warum«
    »Es dürfen jetzt keine Bleichgesichter nach dem Mount Winnetou«
    »Wer hat es verboten«
    »Das Komitee«
    »Wem gehört der Mount Winnetou Gehört er dem Komitee«
    »Nein« antwortete er verlegen
    »So hat dieses Komitee auch nichts zu befehlen und nichts zu verbieten«
    Ich trieb mein Pferd zum Weitergehen an Da griff er mir in die Zügel und
sagte
    »Ich muss Euch anhalten Ich darf Euch nicht vorüberlassen Ihr habt
umzukehren«
    »Versuche es«
    Bei diesen Worten nahm ich mein Pferd vorn hoch und schüttelte ihn ab Die
drei andern wollten Pappermann und das Herzle zurückhalten Mein Pferd tat einen
Satz mitten zwischen sie hinein und trieb sie auseinander Pappermann rief
lachend aus
    »Mich zurückweisen Den Maksch Pappermann festhalten Hat man schon einmal
so etwas erlebt Wer es wagt mich anzufassen den steche ich auf der Stelle
nieder«
    Er ließ sein Maultier einige Sprünge dorthin tun wo die vier Lanzen in der
Erde steckten Im nächsten Augenblick war ich auch dort Zwei rasche Griffe und
die Lanzen befanden sich in unseren Händen Er nahm die eine durch die
Lederschlinge an den Arm und senkte die andere zum Stosse Ich tat ganz dasselbe
    »So« lachte er »Wer nicht erstochen sein will der mache sich aus dem
Wege Vorwärts«
    Wir ritten weiter
    Die Komantschen waren junge Leute Der älteste von ihnen zählte gewiss noch
nicht dreißig Jahre Sie stammten also nicht aus der alten kriegerischen Zeit
Sie wussten vor Verlegenheit nicht was sie machen sollten Sie schwangen sich
auf ihre Pferde und kamen hinter uns her Sie baten uns ihnen ihre Lanzen
wiederzugeben und ja nicht weiterzureiten sondern zu warten bis sie uns nach
vorn gemeldet hätten Dann würden wir erfahren ob wir unsern Weg fortsetzen
dürften oder nicht Da es nicht in unserer Absicht liegen konnte sie vor ihren
Kameraden zu blamieren so gaben wir ihnen ihre Lanzen wieder setzten unsern
Weg aber ununterbrochen fort Sie getrauten sich nicht mehr dies zu verhindern
und ritten hinter uns her denn ohne Beaufsichtigung durften sie wie es schien
uns nicht lassen
    Nach ungefähr einer Stunde kamen wir an einen zweiten Posten der auch aus
vier Personen bestand Diese machten denselben Versuch uns anzuhalten Wir
weigerten uns zu gehorchen Die ersten vier fühlten sich jetzt stärker als
vorher Da stieg ich vom Pferde ging zu dem Maultier welches meinen Koffer
trug öffnete ihn nahm die beiden Revolver nebst Munition heraus steckte die
letztere zu mir spannte die Revolver ging fünfundzwanzig Schritte zur Seite
zielte und gab schnell hintereinander acht Schüsse ab Jeder der Komantschen
bekam einen Ruck in den Arm in dem er die Lanze hielt Ich hatte alle acht
durchlöchert Ich lud wieder kehrte dann zu meinem Pferde zurück stieg auf und
sagte
    »Jetzt habe ich nur auf die Lanzen gezielt Von jetzt an aber ziele ich auf
die Männer Merkt euch das«
    Wir ritten weiter Sie blieben eine kleine Weile leise miteinander
sprechend halten dann kamen sie hinter uns her alle acht ohne es aber zu
wagen sich uns mehr als wir wünschten zu nähern
    Nach wieder einer Stunde erreichten wir den nächsten Posten der ebenso wie
die vorigen aus vier Mann bestand die nur Lanzen trugen Auch sie wollten sich
uns in den Weg stellen als sie aber sahen dass wir begleitet wurden wichen sie
zur Seite ließ uns vorüber und schlossen sich ihren hinter uns reitenden acht
Stammesgenossen an Das machte dem Herzle Spaß
    »Nun ist es genau ein Dutzend« sagte sie »Und wir sind nur drei Männer und
eine Frau Sind das jene kühnen Rotäute von denen man liest und erzählt Sind
das jene Komantschen die man als die verwegensten unter allen Indianern
schildert«
    »Irre dich nicht« antwortete ich »Sie sind jung sind ungeübt Gib ihnen
eine Handvoll Erfahrung so wirst du sehen dass sie ihren Vätern nichts
nachgeben Wir haben sie einfach verblüfft das ist alles«
    Jetzt hatten wir anderthalb Stunden zu reiten ehe wir den nächsten Posten
erreichten Da stand eine geräumige Blockhütte bei der zahlreiche Holzklötze
lagen die als Sessel dienen sollten Hier waren mehr Menschen als nur vier Ich
zählte zehn acht Indianer und zwei Weiße Der Pferde waren ebenso viele Den
beiden Weißen schienen die Roten nicht vornehm genug zu sein Sie hatten sich
abseits von ihnen gesetzt Sie frühstückten aus ihren Satteltaschen und tranken
Brandy dazu Die Flasche stand zwischen ihnen Das sahen wir von weitem Als wir
aber näher kamen erkannten wir den Irrtum die zwei waren nicht Weiße sondern
ein Indianer und ein Halbindianer aber so wie Weiße gekleidet während die
Komantschen die Tracht ihres Stammes zeigten Und diese beiden waren uns nicht
einmal fremd sondern Bekannte sehr gute Bekannte von uns Nämlich der
Halbindianer war Herr Okihtschintscha genannt Antonius Paper und der
Ganzindianer hatte sich uns als Mr Evening vorgestellt Agent für alles
mögliche Neben ihnen lagen ihre Flinten und einige geschossene Vögel Sie
schienen sich also auf einer Jagdpartie zu befinden
    Sie sprangen beide auf als sie uns erkannten
    »Halloo Halloo« rief Paper aus »Das ist ja dieser ekelhafte Burton mit
seinem blauen Boy Also darum ritt der junge Adler so schnell vorüber Er will
sie einschmuggeln Haltet sie auf Sie dürfen nicht weiter Ergreift sie Nehmt
sie gefangen«
    Diese Aufforderung war an die Indianer gerichtet Mr Evening aber fügte
warnend hinzu
    »Nehmt euch aber in acht Gewalttätige Menschen Dieser Burton ist gewohnt
augenblicklich zuzuschlagen«
    Wir achteten nicht auf diese Rufe sondern lenkten unsere Tiere nach dem
Wasser und stiegen ab um sie trinken zu lassen Es war die Zeit dazu Indem wir
das taten erstatteten unsere zwölf bisherigen Begleiter Bericht über uns Wir
hörten zwar nicht was sie sagten konnten uns aber sehr wohl denken dass sie
sich nicht in Lob und Preis über uns ergingen
    »Dieser Paper wird doch nicht etwa so töricht sein wieder mit dir
anzubinden« meinte das Herzle besorgt
    »Er wird es sehr wahrscheinlich« antwortete ich »Derartige Menschen werden
niemals klug«
    »Schlägst du wieder«
    »Nein«
    »Gott sei Dank Ich sehe das gar nicht gerne«
    »Hier ist ein anderer Ort Da kann man sich auch anders wehren«
    Kaum hatte ich das gesagt so kam der Genannte auf uns zugeschlingert
stellte sich grad vor mich hin und sagte
    »Heut rechnen wir ab Mr Burton vollständig ab Ihr seid mein Gefangener«
    Ich antwortete nicht
    »Habt Ihr es gehört« fragte er »Gäbe es hier Handschellen so würde ich
sie Euch anlegen lassen Denn solche Halunken   «
    »Halunken« fragte ich schnell ihn unterbrechend
    »Ja Halunken Denn nur ein Halunke kann   «
    Er konnte den angefangenen Satz nicht vollenden denn ich packte ihn mit
beiden Händen oberhalb der Hüften trat mit ihm ganz nahe an das Wasser heran
und schleuderte ihn soweit ich konnte in den hier ziemlich tiefen Fluss hinein
    »Hilfe Hilfe« brüllte er noch in der Luft
    Dann sank er unter kam aber schnell wieder zum Vorschein begann wie ein
Hund zu paddeln und wurde von der reißenden Strömung fortgetragen
    »Hilfe Hilfe« schrie er weiter
    »Holt ihn heraus Holt ihn heraus« rief William Evening der Agent für
alles »Lasst ihn nicht ertrinken lasst ihn nicht ertrinken«
    Die Indianer beeilten sich dem im Wasser Treibenden zu folgen und ihn mit
Hilfe ihrer Lanzen an das Ufer zu ziehen Ich aber ging auf den Agenten zu
lächelte ihn ebenso verbindlich an wie er mich am Nuggettsil angelächelt
hatte machte ganz so wie er dort eine noch verbindlichere Verbeugung und
sagte mit seinen eigenen dortigen Worten
    »Wir sind in einer wichtigen Angelegenheit an diesen Platz gekommen Wir
glaubten niemand hier zu finden Eure Gegenwart ist uns störend«
    Er sah mich groß an
    »Ihr versteht mich doch« fragte ich ihn genau so wie er mich gefragt
hatte
    Da kam ihm die Einsicht Er erinnerte sich der Szene und begann zu ahnen
dass ich jetzt im Begriff stand den Spieß herumzudrehen
    »Gewiss« antwortete er »Es ist ja deutlich genug«
    »Nun«
    »Ihr wünschet dass wir uns entfernen«
    »Ja«
    »Wann«
    »Sofort Sonst helfe ich nach«
    Ich zog den Revolver Zugleich nahm Pappermann den seinen aus der Tasche
    »Wir gehen wir gehen« versicherte der Agent für alles sehr eindringlich
und sehr schnell »Da bringen sie Mr Paper Hoffentlich hat ihm der Schreck
nicht die Kraft geraubt auf das Pferd zu steigen«
    »Sollte dies der Fall sein so bin ich sehr gern bereit ihn sofort wieder
stark zu machen Wem gehört der Hut der dort am Aste hängt«
    »Mr Paper«
    »So passt auf was ich tue«
    Die Indianer hatten Herrn Okihtschintscha aus dem Wasser gezogen Er
triefte Er hatte wie es schien genug Er beeilte sich in das Innere des
Blockhauses zu kommen Noch hatte er es nicht erreicht so hob ich den Revolver
und zielte nach dem Hute Ich traf Paper erschrak so über den Schuss dass er
stehen blieb Ich deutete nach der durchlöcherten Kopfbedeckung und sagte
    »Das war der Hut Nun kommt der Mann der mich arretieren wollte Ich gebe
Mr Antonius Paper nur fünf Minuten Zeit Hat er sich dann nicht davongemacht
so bekommt er ein zweites Loch aber nicht durch den Hut sondern durch den
Kopf Fare well Mr Evening Ich hoffe Ihr macht Euch ebenso schnell von
dannen«
    Da hob Pappermann auch seinen Revolver und rief mir zu
    »Also fünf Minuten nicht mehr Dann ich den einen und Ihr den andern«
    Da griff Herr Okihtschintscha schnell nach seinem durchlöcherten Hute
stülpte ihn auf und rannte nach seinem Pferde Der Agent für alles packte alles
was er aus der Satteltasche genommen hatte auch die Brandyflasche wieder
hinein raffte die beiden Gewehre auf denn Antonius Paper hatte das seinige vor
Angst vergessen und noch waren die fünf Minuten nicht vorüber so ritten beide
ohne sich umzusehen in größter Eile davon
    Nichts imponiert dem Indianer mehr als Mut und Energie Unser Verhalten
flößte den Komantschen Achtung ein Die Folge hiervon zeigte sich sofort Der
Aelteste von ihnen kam zu uns heran und fragte
    »Meine weißen Brüder kennen wie man mir sagt Old Surehand«
    »Ja« antwortete ich
    »Und auch Apanatschka unsern Häuptling«
    »Auch ihn Ich kenne sogar Joung Surehand und Joung Apanatschka Die beiden
Väter und die beiden Söhne nennen mich ihren Freund«
    »Haben sie dir gesagt was hier geschehen soll«
    »Ja Sie haben mir Briefe darüber geschrieben Sie haben mich eingeladen
nach dem Mount Winnetou zu kommen«
    »Hast du diese Briefe mit«
    »Ja«
    »Ich bitte dich sie mir zu zeigen damit ich sie lese«
    »Sehr gern sehr gern«
    Ich musste zwar den Koffer wieder öffnen zögerte aber gar nicht es zu tun
Das Herzle half mir dabei Es gibt Augenblicke in denen ihr der Schalk im
Nacken sitzt dann hat man sich vor ihr in acht zu nehmen Jetzt war ein solcher
Augenblick Sie öffnete nicht meinen sondern ihren Koffer nahm vier quittierte
Hotelrechnungen aus Leipzig Bremerhaven Neuyork und Albany heraus reichte sie
dem Komantschen hin und sagte
    »Hier Von den beiden Vätern und von den beiden Söhnen«
    Er machte mit der Hand ein Zeichen der Hochachtung und griff nach den
Papieren Er betrachtete sie sehr eingehend Sein Gesicht nahm dabei mehr und
mehr den Ausdruck an den man als »Kennermiene« bezeichnet Er wendete sich an
seine Leute und bestätigte indem er die Rechnungen einzeln emporhob
    »Es stimmt es ist wahr Hier ist der Brief von Old Surehand und hier von
Joung Surehand hier von Apanatschka und hier von Joung Apanatschka Auf allen
diesen Briefen steht dass diese Bleichgesichter Freunde sind und dass sie nach
dem Mount Winnetou kommen sollen«
    Seine Kameraden wussten wahrscheinlich sehr genau welche Künste ihm
zuzutrauen seien und welche nicht denn einer von ihnen fragte
    »Kannst du es denn lesen«
    »Nein« antwortete er »aber ich sehe es Howgh«
    Er gab dem Frager die »Briefe« hin Dieser prüfte sie ebenso eingehend und
rief dann indem er sie weitergab
    »Auch ich sehe es Howgh«
    So gingen die Rechnungen weiter von Hand zu Hand Ein jeder gab sein
entscheidendes »Auch ich sehe es Howgh« dazu und dann bekamen wir sie
zurück wobei der Anführer unser Schicksal entschied
    »Also dürfen meine weißen Brüder mit ihrer Squaw getrost weiterreiten Die
Krieger der KaneanKomantschen haben ihren Häuptlingen mehr zu gehorchen als dem
Komitee«
    Wir steckten die Rechnungen wieder in den Koffer Das Herzle reichte dem
wackeren Schriftverständigen die Hand zum Abschiede und sprach
    »Mein roter Bruder ist nicht nur klug und verständig sondern auch in der
Deutung unserer Totems und Wampums sehr wohl bewandert Er hat ein sehr gutes
Herz Ich danke ihm und werde mich seiner stets gern erinnern«
    Das war ihm fast zu viel Er war beinahe starr vor Glück Seine Augen
strahlten Er hielt ihre Hand fest als ob er sie nicht wieder hergeben wolle
und stammelte endlich
    »Meine weiße Schwester hat strahlende Worte wie die Sonne klingende
Strahlen hat Ich danke ihr Ich hoffe wir sehen sie wieder«
    Auch wir gaben ihm die Hand dann ritten wir weiter
    Meine Frau nahm an dass der uns vorangeeilte »junge Adler« an irgendeiner
Stelle anhalten werde um auf uns zu warten Ich aber war anderer Meinung Er
hatte sich von uns getrennt um uns bei den zu erwartenden interessanten Szenen
nicht zu stören Er wollte denen die innerlich gegen uns standen Gelegenheit
geben sich zu blamieren und um das zu erreichen durfte er nicht bei uns sein
Ich war also überzeugt dass wir ihn erst an Ort und Stelle wiedersehen würden
    Wir kamen an noch mehreren anderen Wachtstationen vorüber Die dort
befindlichen Indianer hielten uns nicht an Sie wichen vor uns zur Seite Die
argwöhnischen Blicke die sie dabei auf uns warfen sagten nur zu deutlich dass
sie eine Instruktion erhalten hatten die für uns keine freundliche war Ich
vermutete dass uns durch Mr Okihtschintscha ein Empfang bevorstand auf den
uns zu freuen wir keine Veranlassung hatten
    Es gab Anzeichen dass wir uns unserem Ziele näherten Bei gewissen
Krümmungen des Flusses erschien uns ein ganz eigenartig gebildeter Bergkoloss
der je weiter wir vorrückten immer höher und höher stieg und alle anderen
Höhen zwischen denen der Fluss sich hindurchzuwinden hatte weit überragte
Schließlich lag ein Zelt oder ein Halbzelt an unserem Wege bald wieder eins
hierauf wieder und wieder eins Sie mehrten sich Sie traten immer enger
zusammen Es sah ganz so aus als ob wir durch die äußerste Gasse einer weit
ausgedehnten Lagerstadt nach ihrem Mittelpunkte ritten Vor diesen Zelten saßen
Indianerinnen die uns neugierig und mit ungewöhnlichem Interesse betrachteten
Man sah ihnen an dass sie von unserm Kommen unterrichtet waren Kinder gab es
keine Die hatte man nicht mit nach dem Mount Winnetou bringen dürfen Auch
Männer sahen wir nicht Die waren uns schon voraus um bei der Szene zugegen zu
sein die uns erwartete
    Nun verbreiterte sich das Tal des Flusses sehr schnell bis die Uferhöhen
plötzlich derart nach beiden Seiten zurückwichen dass wir die ganze vor uns
liegende Hochebene mit einem einzigen Blicke zu überschauen vermochten Der
Eindruck den das was wir sahen auf uns machte war ein derartiger dass wir
wie mit einem gemeinsamen Rucke unsere Pferde und Maultiere anhielten
    »Herrlich Herrlich« rief ich aus
    »Mein Gott wie schön wie schön« sagte das Herzle »Gibt es denn wirklich
so etwas auf Erden«
    Und der alte Pappermann stimmte ein
    »So eine Stelle habe ich freilich noch nicht gesehen noch nie noch nie«
    Man denke sich einen gigantischen weit über tausend Meter aufsteigenden
Riesendom vor dem sich ein ebenso riesiger freier Platz ausbreitet der durch
mehrere Stufenreihen in eine obere und eine untere Hälfte geschieden ist Der
Dom steht auf der westlichen Seite dieses Platzes und geht nach und nach in
viele andere Türme über die in perspektivischer Verjüngung im geheimnisvollen
Blaugrau des Westens verschwinden Auf den anderen drei Seiten ist der Platz von
niedrigeren Bergen rundum derart eingefasst dass es nur eine einzige Lücke gibt
nämlich das Flusstal im Osten durch welches wir heraufgekommen sind Dieser
Riesendom ist der Mount Winnetou Sein Hauptturm steigt wie eine von den
kühnsten Naturgewalten improvisierte Gotik hoch über die Wolken empor Seine
Zackenspitze besteht aus nacktem Gestein welches aus weichen grünschimmernden
Mattendächern emporwächst Zwischen diesen Zacken liegt weissglänzender Schnee
den unaufhörlich die Sonne küsst bis er sich in Liebe aufgelöst aus
Wasserstaub in Wasserstrahl verwandelt und dann von Stein zu Stein von Schlucht
zu Schlucht zur Tiefe springt Da wo der Turm sich zum eigentlichen Domgebäude
weitet sammeln sich diese Wasser und bilden mit den von den Nachbarbergen
strömenden Bächen einen See aus dem zu beiden Seiten je ein Wasserfall wohl
über sechzig Meter schroff hinunterstürzt und dann der eine nach Süden der
andere nach Norden fließt um die Hochebene also den freien Domplatz zu
umfassen und dann im Osten sich zu dem Klekih ToliFluße zu vereinen an dem
wir heut heraufgeritten sind Unterhalb der grünen Matten hoch oben auf dem
Riesenturme beginnt der erste lichte dann aber immer dunkler und dichter
werdende Wald der den See geheimnisvoll umfasst und dann am Dom herniedersteigt
bis er den freien Platz erreicht und hierauf sich in Gebüsch verwandelnd in
die saftgrasige Prärie der Ebene übergeht Dieser See heißt Nahtowapaapu24 Am
östlichen Teil des dicht bewachsenen Domes liegt das Portal ein breit
geöffnetes Höhental in welchem man zum hohen langen First des eigentlichen
Bergmassives und zu dem »See der Medizinen« steigt Über diesem Portal erhebt
sich der Nebenturm des Mount Winnetou welcher zwar nicht so hoch und nicht so
schwer wie der Hauptturm ist aber zB in Tirol doch als eine Dolomitennadel
allerersten Ranges gelten würde Auch er ist dicht bewaldet Aus dem dunkeln
Grün der Tannen und Fichten steigen die helleren Hochgebirgswiesen empor Auf
halber Höhe steht ein altindianischer Wartturm von dem aus man die ganze Ebene
und die oberen Windungen des Flusses zu überschauen vermag Und einige Fuß
weiter herab weichen Berg und Wald zurück um ein weit hervorragendes Plateau zu
bilden auf welchem einer uneinnehmbaren Festung ähnlich eine nach beiden
Seiten lang ausgestreckte Reihe von Gebäuden steht deren Alter ganz gewiss noch
über die Tolteken und Aztekenzeit zurückreicht und auf jene graue Vergangenheit
deutet deren Reste jetzt so außerordentlich selten sind Da oben wohnt
TatellahSatah der »Bewahrer der großen Medizin« Man geht durch den vorderen
Teil des Tales und dann durch ein Seitental hinauf zu ihm Doch ist es keinem
Menschen gestattet ohne seine besondere Erlaubnis diesen Weg zu betreten
    Der Hauptturm des gigantischen Domes ist der eigentliche Mount Winnetou der
Nebenturm aber der »Berg der Medizinen« Und dieser letztere ist es von dem es
heißt dass der »junge Adler« dreimal um ihn fliegen werde um dem roten Manne
die verloren gegangenen Medizinen zurückzubringen
    Die hochebene Prärie vor dem Mount Winnetou war so groß dass ihr Durchmesser
die Länge fast einer ganzen Reitstunde betrug Sie war jetzt nicht leer sondern
mit Hütten und Zelten besetzt welche in ihrer Gesamtheit eine ganze Stadt
bildeten Weil nun die eine Hälfte der Ebene höher lag als die andere zerfiel
diese Stadt in eine Ober und eine Unterstadt Dies nur der Lage nach Ob auch
in anderer Beziehung ein Unterschied zwischen beiden herrschte war in der
kurzen Zeit die wir betrachtend auf sie hinblickten nicht zu sehen Die untere
Stadt war dichter besetzt als die obere Die letztere enthielt nur Zelte in der
ersteren gab es auch kleinere Blockhütten und weitläufige Holzbauten deren
Zweck wir nicht sogleich erkannten Einige von ihnen schienen Lagerhäuser zu
sein Andere hatten das Aussehen von Hotels oder Restaurationen Vielleicht
waren es auch Versammlungshäuser Vor den Zelten steckten die Lanzen ihrer
Besitzer Zwischen ihnen weideten die Pferde Zahlreiche Feuer brannten an
denen gebacken und gebraten wurde denn es war kurz über Mittagszeit Es
herrschte überhaupt ein reges Leben Man sah keinen einzigen Weißen nur lauter
Rote Die meisten von ihnen trugen indianische Kleidung Ein großer Platz war zu
Kampf und Reiterspielen abgesteckt ein anderer für Beratungen und andere
öffentliche Angelegenheiten Auf dem letzteren sah ich ungefähr zwanzig
nebeneinanderliegende Sitzplätze welche höher waren als der ebene Boden
Wahrscheinlich für das Komitee und andere hervorragende Personen Es waren grad
jetzt eine Menge Menschen dort deren ganze Aufmerksamkeit auf uns gerichtet zu
sein schien denn sie deuteten sobald wir erschienen zu uns herüber und
sprachen auch sehr laut dabei
    Grad vor uns ging eine uralte steinerne Brücke über den Fluss eine von der
Art dass man hüben hoch hinauf und drüben wieder tief hinunter muss Solche
Brücken eignen sich sehr gut zur Verteidigung des betreffenden Flussüberganges
Diese Stelle war also schon in uralter Zeit als eine geographisch und
strategisch sehr wichtige betrachtet worden Drüben auf der anderen Seite hielt
eine Schar von Indianern zu Fuß Sie sahen uns an als ob sie auf uns warteten
Wir aber nahmen uns Zeit Wir genossen den Anblick des grandiosen
unvergleichlichen Gebirgspanoramas und der hochinteressanten Staffage welche
sich innerhalb der gegebenen Riesenlinien klein und belanglos bewegte Waren die
Menschen früherer Jahrtausende vielleicht größer gewesen als die heutigen
Hierher gehörten doch eigentlich wohl Enakssöhne die auf elefantengrossen
Pferden reiten und Fürsten deren Throne bis in die Wolken reichen Die Sonne
stand hoch scheinbar senkrecht über uns Sie warf nur geringen Schatten um
unsere Füße Sie leuchtete in jeden Winkel in jede Spalte und Ritze in alles
Verborgene Kein Wölkchen stand am Himmel kein Lüftchen ging vorüber Die Erde
war hier so bedeutend so hoch so stark so kerngesund Ein Duft von Kraft und
Willensfreude erquickte Auge und Herz Hier oben war der rechte Platz für neue
gute und glückliche Menschheitsgedanken
    Nun ritten wir weiter die Brücke hinauf und hinunter Drüben wurden wir
sofort von den Roten umringt Ja sie hatten auf uns gewartet Sie waren
beauftragt uns gefangen zu nehmen Ein jeder von ihnen trug ein farbiges Band
um den Arm sie bildeten wie wir dann erfuhren die Ordnungspolizei des
Komitees Als sie uns zwischen sich genommen hatten fragte der welcher ihr
Anführer war in englischer Sprache
    »Ihr seid die Bleichgesichter welche unsern Mister Antonius Paper in das
Wasser geworfen haben«
    »Ja die sind wir« antwortete Pappermann in fröhlichem Tone
    »So werdet ihr bestraft«
    »Von wem«
    »Vom Komitee«
    »Pshaw Wo ist denn dieses famose Komitee«
    »Da drüben«
    Er deutete nach dem Beratungsplatz
    »So geht hinüber und sagt wir kommen gleich Solche Leute muss man sich
einmal genau betrachten«
    »Wir tun was uns beliebt Wir gehen nicht voran sondern wir gehen mit
euch Wir arretieren euch Wir bringen euch hinüber«
    »Ihr uns« lachte er »Versucht es einmal«
    Er ließ sein vortreffliches Maultier einen Kreis um sich selbst schlagen
und wir folgten seinem Beispiele Die Roten flogen auseinander mehrere wurden
zur Erde gerissen Wir aber jagten davon direkt nach dem Platz hinüber Sie
sprangen schreiend hinter uns her Dort angekommen sprengten wir mitten in den
Menschenhaufen hinein jagten ihn auseinander und sprangen dann aus dem Sattel
    »Dieser Platz ist gut« sagte ich »hier bleiben wir Herunter mit dem
Gepäck«
    »Oho« rief da eine Stimme hinter mir »der tut ja als ob er gar nicht
Gefangener sei sondern hier zu befehlen hätte«
    Ich drehte mich nach ihm um Es war Herr Okihtschintscha genannt Antonius
Paper Neben ihm stand William Evening der Agent für alles
    »Gefangener« fragte ich indem ich die Hände nach ihnen ausstreckend auf
sie zuging
    Da verschwanden sie schnell hinter den anderen Ihre Stelle wurde sofort von
Simon Bell und Edward Summer den beiden Professoren eingenommen Der erstere
machte eine gebieterische Handbewegung und sprach
    »Zurück mit Euch Ich bitte das Verhältnis zwischen uns und Euch nicht zu
verkennen Ihr seid arretiert«
    »Von wem«
    »Von uns Ihr habt schon am Nugettsil gehört dass Eure Gegenwart uns
störend ist Sie ist es auch noch heute«
    »Ah wirklich«
    »Ja wirklich«
    »Hm Das ist doch nicht zu glauben«
    »Glaubt was Ihr wollt doch was ich sage gilt Ihr seid arretiert«
    »Das heißt doch wohl wir werden von euch festgenommen und festgehalten«
    »Allerdings das heißt es«
    »Also wenn jemand Euch störend ist so arretiert Ihr ihn so haltet Ihr ihn
fest Sonderbar Diese Art der Logik konnte ich von einem Professor der
Philosophie wohl kaum erwarten«
    Da fuhr er mich an
    »Schweigt Wir arretieren Euch nicht weil uns Eure Gegenwart unangenehm
ist sondern weil Ihr es gewagt habt Euch an einer Person unseres Komitees zu
vergreifen Das muss bestraft werden«
    »Hiebe bekommt er Hiebe« rief Antonius Papper
    Da ballte Pappermann die Faust und drängte auf ihn zu Dadurch bildete sich
eine Lücke zwischen den uns umringenden Anwesenden welche uns erlaubte zwei
Personen zu sehen die sich dem Versammlungsorte genähert hatten und auf die
sich da abspielende Szene aufmerksam geworden waren Sie trugen jetzt nicht
europäische Kleidungsstücke sondern indianische Anzüge Trotzdem oder vielmehr
grad darum erkannte ich sie sofort nämlich Atabaska und Algongka die beiden
Häuptlinge aus dem Hotel am Niagarafall
    »Was tut man hier« fragte der erstere indem er sich an Professor Bell
wendete
    »Wir arretieren zwei gefährliche Tramps mit ihrer Squaw die sich an
Okihtschintscha vergriffen und ihn in das Wasser geworfen haben Es wird ein
Präriegericht abzuhalten sein um sie zu bestrafen Wir bitten an dieser
Sitzung teilzunehmen«
    Er hatte im Tone großer Hochachtung gesprochen
    »Zeigt sie uns« gebot Algongka
    Man machte ihnen Platz so dass sie uns sahen Ja das waren noch Häuptlinge
von altem Schrot und Korn Ihre Gesichter zeigten nicht die geringste Spur von
Überraschung Ganz so als ob wir erst gestern Abend auseinandergegangen seien
so küssten sie dem Herzle die Hand drückten mir die meinige und wendeten sich
dann an die Professoren
    »Von Tramps ist hier keine Rede« versicherte Atabaska »Das sind Mistress
und Mister Burton die wir sehr achten und lieben Wer sie beleidigt beleidigt
auch mich Howgh«
    »So richtig« stimmte Algongka bei »Wer sie beleidigt beleidigt auch mich
Howgh«
    »Aber dieser Burton hat mich in das Wasser geworfen« begehrte Antonius auf
    Atabaska mochte ihn schon kennen Er fragte ihn in halb ironischem und halb
geringschätzendem Tone
    »Solltet Ihr etwa ertrinken«
    »Ja gewiss« antwortete er
    »Seid Ihr denn ertrunken«
    »Nein«
    »Mr Burton tut gewiss nichts ohne Grund Geht also hin und springt wieder
hinein und wenn Ihr dann ertrinkt so seid Ihr quitt mit ihm«
    Herr Okihtschintscha war also abgetan Professor Summer aber fühlte sich
in seiner Würde als stellvertretender Vorsitzender gekränkt Er als jetziger
Teoretiker konnte sich dem Eindrucke der kraftvollen Persönlichkeiten dieser
beiden durch die schwere praktische Lebensschule gegangenen Häuptlinge nicht
entziehen Sie imponierten ihm und das war ihm wohl ärgerlich Darum versuchte
er ihnen gegenüber seine Autorität geltend zu machen indem er sich mit den
Worten an sie wendete
    »Ich mache euch darauf aufmerksam Meschschurs dass es nach unseren
Satzungen jedem Weißen verboten ist sich am Mount Winnetou sehen zu lassen Und
diese Personen hier sind ja Weiße«
    Er sagte das in ziemlich scharfem Tone Es klang ganz so als ob hier schon
gewisse Reibungen stattgefunden hätten von denen wir noch nichts wussten
    Atabaska richtete sich in seiner ganzen Länge auf Um seine Lippen spielte
ein stolz ironisches Lächeln als er mit der Frage antwortete
    »Darf ich fragen von wem die Satzungen stammen«
    »Von uns dem Komitee Wir haben sie aufgestellt und zwar aus guten
wohlerwogenen Gründen«
    »Und von wem stammt dieses Komitee Wer hat es eingesetzt Wer hat ihm die
Macht erteilt Gesetze zu geben und gewaltsam auszuführen Könnt ihr euch auf
die Autorität Gottes oder der Vereinigten Staaten berufen Ihr seid ein Komittee
von Old Surehands und Apanatschkas Gnaden weiter nichts Ihr habt euch selbst
gewählt Nun aber kommen wir um diese Wahl und eure Satzungen zu prüfen«
    Er sprach ernst und stolz fast wie ein König Die beiden Professoren
stachen von dieser seiner Größe ganz entschieden ab Er warf einen Blick rundum
und fuhr dann fort
    »Dies ist der Beratungsort an dem sich das Schicksal der roten Nation
entscheiden soll Wer sind die Männer die diese Entscheidung treffen Ich sehe
hier zwanzig Sitze Fünf von ihnen sind sehr hoch die anderen etwas niedriger
Für wen sind diese fünf«
    »Für uns das Komitee«
    »Und die anderen«
    »Für die Häuptlinge welche zu den Beratungen eingeladen werden«
    »Wie heißen sie«
    Er nannte die Namen Atabaska und Algongka waren auch mit dabei auch alle
die mir geschrieben hatten Atabaska fuhr fort
    »Ich vermisse einen Häuptling und zwar gerade denjenigen dessen Namen ich
am allerliebsten hörte nämlich Old Shatterhand«
    »Er ist ein Weisser«
    »Wohl gar nicht mit eingeladen«
    »Doch Wir haben ihn angewiesen sich die Nummermarke für seinen Platz beim
Schriftführer zu holen«
    »Und ihr meint dass er dies tue Was für Menschen ihr seid Und das nennt
sich ein Komitee Ich sage euch falls Old Shatterhand wirklich kommt wird er
sich den Platz nehmen der ihm beliebt nicht aber den den ihr ihm bietet Und
wir beide Atabaska Algongka verzichten überhaupt auf diese von euch
bestimmten Sitze Wie kommt das Komitee dazu sich höher zu setzen als die
alten berühmten Häuptlinge der eingeladenen Nationen Wer hat sie befugt über
unsern Sitzen sich Throne zu errichten Macht Platz Wir gehen Wir gehören
nicht hierher«
    Er nahm mich und meine Frau bei der Hand und schritt vorwärts Die Roten
wichen vor uns zurück Gleich aber blieb er wieder stehen wendete sich an die
Professoren zurück und sagte
    »Es ist der größte aller Fehler grad Bleichgesicher die unsere Rasse
lieben von den Beratungen am Mount Winnetou auszuschliessen Kein Mensch steigt
ohne die Hilfe anderer Menschen empor So auch die Völker die Nationen die
Rassen Streicht euren steinernen Winnetou und euch so rot an wie ihr wollt
Ihr werdet durch alle diese Röte es doch nicht verhüten dass ihr dann gezwungen
seid über euer törichtes Werk noch tiefer als tief zu erröten«
    Dann wendete er sich zu mir
    »Ich kenne Eure Gesinnungen und Gefühle für das arme Volk der Indianer Und
dennoch bin ich überrascht Euch hier zu sehen Wisst Ihr um was es sich hier
handelt«
    »Ich vermute dass man Winnetou ein gigantisches steinernes oder ehernes
Denkmal setzen will«
    »So ist es Diese Idee geht von Old Surehand und Apanatschka aus die ihre
Söhne gern berühmt wissen wollen Denn diese sind es welche das Denkmal zu
fertigen haben Es wurde ein Komitee eingesetzt diese Sache zu leiten Es
ergingen Einladungen an alle Stämme der roten Nation Diese Angelegenheit wurde
mit derselben Smartness behandelt wie man eine Eisenbahn oder Oelgesellschaft
gründet Man begann sehr zeitig und sehr still Man legte vor allen Dingen
Beschlag auf die herrliche Gotteswelt in der Ihr Euch hier befindet Der Berg
wurde Mount Winnetou genannt Man will hier eine Stadt gründen die
WinnetouCity heißen soll und nur von Indianern bewohnt werden darf Man pumpt
in der Nähe schon Öl Man hat den einen Wasserfall schon in Ketten geschlagen
um Elektrizität zu gewinnen Dadurch ist mit der Zerstörung des herrlichen
Landschaftsbildes und der Entweihung und Beschmutzung aller Ideale unseres
großen TatellahSatah begonnen Man fällt den Wald Man zerstört ihn durch
Steinbrüche die man in den Felsen schlägt um Material für den Kollossalbau des
Denkmales und der Häuser zu gewinnen Man will sogar das Wunder dieser Gegend
den herrlichen Schleierfall vernichten um Platz für Profangebäude zu gewinnen
Das wisst Ihr wahrscheinlich noch nicht Ihr werdet es aber sehr bald erfahren
dies und noch viel mehr dazu«
    Er machte eine Pause welche Algongka benutzte einzufallen
    »Man gibt vor durch dieses Denkmalsprojekt alle roten Stämme vereinen zu
können Es ist aber gerade das Gegenteil welches man erreicht Man entzweit uns
mehr und mehr innerlich und äußerlich Ihr seht das schon an dem Platz der vor
Euch liegt hier die Unterstadt und dort die Oberstadt Hier unten haben sich
die Anhänger des Denkmalplanes festgesetzt droben wohnen die Gegner desselben
zu denen auch wir gehören Und hoch oben über uns allen grollt TatellahSatah
und lässt sich vor niemand sehen Seit man hier baut ist er kein einziges Mal
herabgekommen und hat auch keinem einzigen Menschen erlaubt zu ihm
hinaufzukommen Er verkehrt nur mit den Winnetous durch welche er mit der
Menschenwelt in Verbindung steht Auch wir sahen ihn noch nicht Wir ließ ihm
unsere Ankunft melden er aber forderte Geduld bis Einer gekommen sei den er
mit Schmerzen erwarte Dann sei es Zeit für ihn sein Haus zu verlassen und sich
denen zu zeigen die gleichen Gefühles und gleichen Willens mit ihm sind«
    »Wer mag der Eine sein« fragte das Herzle
    »Das wissen wir ebensowenig wie der Winnetou der uns diese Botschaft
brachte Aber wir warten und wir wünschen dass der Betreffende bald kommen
werde Euer Ziel Mr Burton ist uns unbekannt Sei Ihr nur aus Zufall hier«
    »Nein« antwortete ich
    »So war es Eure Absicht nach dem Mount Winnetou zu kommen«
    »Ja«
    »Und hier zu bleiben«
    »Und hier zu bleiben bis die Verwickelungen gehoben sind«
    »Wo werdet ihr wohnen In der Unter oder in der Oberstadt«
    »Droben bei Euch«
    »So bitten wir Euch Euer Zelt in unserer unmittelbaren Nähe auszuschlagen
Vielleicht erfahren wir dann auch wenn es euch beliebt wer euch den Weißen
veranlasst hat Eurer Reise grad und genau nur dieses Ziel zu geben«
    »O was das betrifft so könnt Ihr das schon jetzt erfahren Ich wurde
eingeladen herzukommen Und außerdem wäre ich auch ohnedies nach dem Mount
Winnetou geritten weil Ihr so viel und so interessant nicht nur von diesem
Berge spracht sondern auch von den Plänen welche hier zur Ausführung kommen
sollen«
    »Wir Wir beide« fragte er
    »Ja ihr beide«
    »Wann und wo«
    »Im KliftonHotel am Niagarafall«
    »Dort Ja da haben wir Euch zwar kennen und und sehr sehr schätzen
gelernt aber doch nicht von dem Mount Winnetou gesprochen«
    »Ja nicht mit mir aber doch miteinander Ich hörte zu denn ich saß am
nächsten Tisch«
    »Uff uff« rief er aus
    »Uff uff« rief auch Atabaska »Wir unterhielten uns in der Sprache der
Apatschen Wir waren überzeugt dass dort niemand sie verstehe Ihr aber
verstandet uns doch«
    Ich wollte antworten da aber ertönten von der Oberstadt her laute Rufe Es
ging durch die Zeltgassen eine Bewegung die uns näher kam Man eilte nach allen
Seiten um eine Botschaft zu verbreiten Nicht mehr lange so verstanden wir
was man sich sagte
    »TatellahSatah kommt TatellahSatah kommt« rief man einander zu
    »Ist es möglich« fragte Algongka
    »Ist es wahr« erkundigte sich Atabaska »Dann müsste ja der hier
eingetroffen sein auf den er wartete Wer ist das Wer hat ihn gesehen«
    Und da erschienen zwei Reiter oder vielmehr zwei Reiterinnen die aus der
Oberstadt im Galopp herabgeritten kamen Sie überflogen mit ihren Blicken die
Unterstadt sahen den Menschenhaufen den wir bildeten und lenkten ihre Pferde
auf uns zu Es waren die beiden Aschtas Mutter und Tochter
    Bei uns angekommen sprangen sie von ihren Pferden eilten ohne eine andere
Person anzusehen auf uns zu und begrüßten uns mit rührender mir beinahe
unverständlicher Freude Aber das Verständnis kam mir sofort als die Mutter
ihrem Gruße die Worte hinzufügte
    »Nun sind wir erlöst nun sind wir erlöst Und zwar durch Euch Mr Burton«
    »Erlöst Durch mich« fragte ich
    »Ja durch Euch Denn nun ist das Warten zu Ende und TatellahSatah wird
mit Taten begannen mit Taten Der junge Adler kam hier an und ritt sofort zu
ihm hinauf um Euch zu melden Vom Wachtturm aus wurde ausgeschaut und als ihr
kamet das Zeichen herabgegeben Nun verlässt der größte Medizinmann aller roten
Völker zum erstenmal seit langer Zeit sein hohes Felsenschloss um Euch entgegen
zu kommen Wir sind so froh so froh«
    Sie drückte mir wieder und wieder die Hand und küsste dann das Herzle Dann
bekam auch unser alter braver Pappermann den ihm gebührenden Teil des
herzlichen Willkomms So sehr Atabaska und Algongka ihre Gesichtszüge in der
Gewalt hatten jetzt konnten sie doch ihr Erstaunen nicht verbergen aber sie
fanden keine Zeit es in Worten auszudrücken denn es nahte sich von der
Oberstadt her ein Reiterzug der unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm
    Voran ritt der »junge Adler« Dann folgte in zwei Abteilungen die Leibgarde
des Medizinmannes auf kohlschwarzen Rossen deren Schabracken aus den Fellen
von Silberlöwen bestanden Die Reiter waren auserlesene junge Leute alle genau
so gekleidet wie einst Winnetou sich zu kleiden pflegte nicht mit Lanzen und
Flinten bewaffnet sondern nur mit Messer und Revolver im Gürtel und den Lasso
in Schlingen von der Schulter zur Hüfte herab Ein jeder trug das Zeichen des
Winnetou auf der Brust Als sie in unsere Nähe gelangten lenkte der »junge
Adler« zu uns herüber deutete auf unsere Gruppe und hielt dann an Auch alle
anderen hielten Ihre Reihen lösten sich und aus ihrer Mitte ritt der Gebieter
hervor langsam auf uns zu fast bis zu uns heran parierte da sein Tier und
überflog uns mit prüfendem Blicke
    Er wurde von einem herrlichen schneeweißen Maultiere getragen dessen Mähne
in langgeflochtenen Zöpfen fast bis zur Erde niederhing Die Schabracke bestand
aus jenem unvergleichlichen altindianischen Federgeflecht von dem jeder
Quadratdezimeter ein ganzes Vermögen kostet Die Bügel waren von purem Golde
inkaperuanisch ziseliert Ein Mantel hüllte ihn ein so dass man den Anzug den
er darunter trug nicht sah Dieser Mantel war von blauer Farbe aber von einem
Blau wie ich noch niemals eines gesehen habe und wahrscheinlich auch keines
wiedersehen werde Der Stoff war außerordentlich fein wie allerfeinste
indische Seide aber dennoch keine Seide sondern von jenem längst
verschwundenen sagenhaften Gewebe von dem man erzählt dass nur die Frauen der
alten südamerikanischen Herrscher es herzustellen verstanden Sein Kopf war
unbedeckt und dennoch aber wohlbedeckt und zwar von einem außerordentlich
reichen starken silberglänzenden Haar welches zu beiden Seiten in langen
Zöpfen bis auf die Steigbügel niederfiel
    »Marah Durimeh« flüsterte das Herzle mir zu
    Sie hatte recht Genau so trug auch meine alte herrliche meinen Lesern
wohlbekannte Marah Durimeh ihr Haar Auch seine Gesichtszüge waren den ihren
derart ähnlich dass es mich beinahe erstaunte Vor allem die Augen diese
großen weit offenen unerforschlichen selbst aber alles erforschenden Augen
in denen der Ausdruck einer unerbittlichen Strenge und doch auch wieder einer
heiligen Güte lag die alles verstehen und alles verzeihen konnte Und als er zu
sprechen begann erschrak ich fast Es überlief mich kalt Seine Stimme war
unbedingt die Marah Durimehs so voll so tief so wirkungsstark ein klein
wenig männlicher gefärbt aber doch genau dieselbe
    »Wer von euch ist Old Shatterhand« fragte er indem sein Blick uns prüfte
    Bei seinem Erscheinen war jedermann verstummt so tief wirkte seine
geheimnisvolle unwiderstehliche Persönlichkeit Als er aber diesen Namen
nannte flüsterte es rund um mich her
    »Old Shatterhand Old Shatterhand Ist doch nicht hier Kann unmöglich hier
sein Oder doch oder doch«
    »Ich bin es« antwortete ich indem ich hervortrat und langsam auf ihn
zuschritt
    Eine Sekunde lang war es als ob sein Blick mich umfassen und verbrennen
wolle dann schwang er sich mit jugendlicher Leichtigkeit aus dem Sattel um mir
einige Schritte entgegenzukommen und dann meine Hände zu fassen So standen wir
nun vor einander ernst unendlich ernst und doch mit inniger Freude Auge in
Auge Fest ineinandergetaucht Uns beide der Wichtigkeit des gegenwärtigen
Augenblickes voll und ganz bewusst Da begann er wieder zu sprechen
    »Man sagte mir du seist ein Greis geworden Du bist keiner Das
Menschenleid kann zur Matrone werden doch nie die Menschenliebe die uns
vereint obgleich ich dich seit kurzem erst verstehe Ich heiße dich
willkommen«
    Er küsste mich drückte mich an sich und küsste mich wieder und wieder Dann
ergriff er meine Hand und wendete sich an die Schar der Anwesenden
    »Ich kenne euch nicht Ich bin TatellahSatah und hier an meiner Seite
steht Old Shatterhand Aber irrt euch nicht in uns Wir sind nicht nur das
sondern wir sind mehr Ich bin die Sehnsucht der roten Völker welche nach
Osten schauend auf Erlösung warten Und er ist der anbrechende Tag der über
Länder und Meere wandert um uns die Zukunft zu bringen So soll ein jeder
Mensch zugleich auch die Menschheit bedeuten und was ihr hier an meinem Berge
tut mag es recht oder unrecht sein das tut ihr nicht für euch und nicht für
den heutigen Tag sondern für Jahrhunderte und Jahrtausende und für die Völker
aller Erdenländer«
    Und das Wort nun wieder an mich richtend fuhr er fort
    »Steig auf dein Pferd und folge mir Du bist mein Gast Der liebste den
ich kenne Was mein ist sei auch dein«
    »Ich bin nicht allein« antwortete ich
    »Ich weiß es Es wurde mir vom Nuggettsil gemeldet Bring mir die Squaw
von der meine Späher sagen sie sei wie Sonnenschein Bring mir ihr Pferd Und
bring mir auch den alten treuen Jäger«
    Ich holte das Herzle Es war ihr als müsse sie vor ihm niederknieen und ihm
die Hände küssen Er aber zog sie an sich und sprach
    »Noch nie berührten meine Lippen ein Weib Du sollst die erste sein die
erste und die letzte die einzige«
    Er küsste sie auf die Stirn und auf die Wangen Dann bat er
    »Steig auf Ich hebe dich«
    Pappermann hatte ihr Pferd gebracht Der »Bewahrer der großen Medizin«
faltete seine Hände zum Bügel Das Herzle trat hinein und wurde von ihm in den
Sattel geschwungen Hierauf bekam auch Pappermann einen gütigen Händedruck und
den Befehl sich mit dem Gepäck uns anzuschließen Bevor TatellahSatah selbst
wieder aufstieg hielt ich es für geraten ihm zunächst unsere Freundinnen die
beiden Aschtas und dann auch Atabaska und Algongka vorzustellen Er gewann
sich ihre Herzen sofort durch die Art und Weise in der er das entgegennahm
Dann schwang er sich wieder auf sein Maultier und geleitete uns zu seinen
Trabanten welche mit uns in derselben Ordnung davonritten in der sie gekommen
waren Voran der »junge Adler« dann die Hälfte der Winnetous hierauf
TatellahSatah mit dem Herzle und mir hinter uns Pappermann mit den
Gepäckmaultieren und dann die andere Hälfte der Leibgarde So ging es aus der
Unterstadt hinauf in die Oberstadt und dann dem Innentale zu welches ich als
Portal des Mount Winnetou bezeichnet habe Überall wo wir vorüberkamen
standen rechts und links die Indianer um ihrem größten und berühmtesten
Forscher und Gelehrten in ihrer stillen und doch so laut sprechenden Art und
Weise ihre Hochachtung und Huldigung darzubringen Es war als ob ein König oder
ein Heiliger an ihnen vorüberziehe nach ihrer Anschauung vielleicht beides
zugleich Das Herzle war sehr bleich war tief ergriffen und mir ging es nicht
anders
    Als wir die von Zelten besetzte Vorebene des Mount Winnetou hinter uns
hatten öffnete sich die kompakte Masse des Vorderberges zu einem hohen breiten
Felsentor durch welches wir das in das Innere des Berges führende Tal betraten
Die Wände dieses Tales stiegen hoch an sie waren bewaldet
    »Bevor wir hinauf zum Schloss reiten führe ich euch zu meinem Wunder«
sagte TatellahSatah »Ich meine den Schleierfall den es nur hier sonst
nirgends gibt Ihr werdet vorher noch anderes sehen nämlich das berühmte Ohr
des Teufels dessen Zweck man nicht mehr kennt und das Modell zur
Winnetoustatue an welchem Young Surehand und Young Apanatschka arbeiten«
    Ich antwortete nicht ich blieb still Ich tat als ob mich dieses »Ohr des
Teufels« gar nicht interessiere Bekanntlich hatten wir den alten Kiktahan
Schonka und seinen Verbündeten Tusahga Saritsch in der Bergellipse kennen
gelernt welche den Namen Tscha Manitou »Ohr Gottes« führt Wir erfuhren dort
dass es eine zweite derartige Ellipse gibt die man Tscha Kehtikeh das »Ohr des
Teufels« nennt War damit der Ort gemeint von dem der Medizinmann jetzt sprach
Das Herzle schaute mich an Sie war der Meinung dass es meine Pflicht sei mich
über diesen Gegenstand zu äußern Ich aber schüttelte leise den Kopf Als der
»junge Adler« an der Devils pulpit von dem »Ohr Gottes« und dem »Ohr des
Teufels« sprach hatte er gesagt dass er das Geheimnis dieser beiden Orte von
TatellahSatah zu erfahren hoffe ich aber war der Meinung gewesen dass der
Medizinmann selbst noch nicht alles wisse Darum hielt ich es für richtiger
nicht eher hierüber zu sprechen als bis ich erfahren hatte wie weit seine
Kenntnis dieses Gegenstandes reiche
    Der Boden auf dem wir ritten glich keineswegs einem Wildnispfade sondern
einer alten jämmerlich ab und ausgefahrenen deutschen Dorfstraße auf welcher
schwere Lastwagen verkehren Es gab tief eingeschnittene Wagengeleise und
Pferdespuren die darauf schließen ließ dass die hier transportierten Lasten
nicht ohne Tierquälerei bewegt worden waren Das Herzle konnte nicht umhin eine
bedauernde Bemerkung hierüber zu machen Ich antwortete TatellahSatah war
still Aber seine Brauen zogen sich zusammen und sein Gesicht legte sich in
strenge Züge
    Dieser Fahrweg führte bergan doch so langsam dass man es kaum bemerkte
Bald zweigte links ein breiter Reitweg ab der schneller zur Höhe stieg
    »Unser Weg hinauf zum Schloss« erklärte der Alte »Wir aber bleiben jetzt
noch unten wir reiten weiter«
    Nach vielleicht einer Viertelstunde mündete das Tal ganz plötzlich auf einen
freien Platz der schmal begann aber nach und nach immer breiter und breiter
wurde Mit dieser Breite wuchs die Steilheit der Felsen Diese letzteren zeigten
zu beiden Seiten unseres Weges je einen nicht genau kreisförmigen Einschnitt
Beide Einschnitte lagen einander gegenüber Sie bildeten riesige Felsennischen
zur rechten und linken Seite des Platzes gelegen Es fiel mir auf dass die eine
so tief und breit und auch genau so abgerundet wie die andere war Ich gewann
den Eindruck dass zwar die Natur die Bildnerin gewesen war dass aber die
Menschenhand nachgeholfen hatte und zwar vor mehreren Tausenden von Jahren Dass
diese Menschenarbeit nicht nur einen besonderen Zweck sondern auch einen
tieferen Sinn gehabt hatte verstand sich ganz von selbst Ich hatte sogleich
meine eigenen Gedanken hierüber zumal mir ein Umstand in die Augen fiel der
mich sofort an die Devils pulpit erinnerte wo wir die Beratung der Utahs und
der Sioux belauscht hatten Nämlich im vorderen Teile der beiden Nischen bestand
der Boden aus sehr fest zusammengefügten Steinplatten die keine Vegetation
aufkommen ließ Und über diese Platten erhob sich in beiden Nischen ein
kanzelartiger Felsen der einer kleinen früheren Insel glich und Stufen hatte
Das gemahnte direkt an jene Beratungskanzel auf deren Stufen ich die kleinen
Hundepfötchen gefunden hatte welche einen Teil der Medizin des alten Kiktahan
Schonka bildeten Der hintere Teil beider Nischen aber war derart mit Gestrüpp
Gesträuch und Bäumen besetzt dass man sich hinter diesen Büschen leicht eine
zweite Kanzel denken konnte ähnlich derjenigen auf welcher der Bär sein Lager
aufgeschlagen hatte und von uns erlegt worden war Wenn man nicht tiefer dachte
konnte man also sehr wohl auf den Gedanken kommen dass jede dieser Nischen eine
Wiederholung des ellipsenförmigen Talkessels bedeute der uns als die Devils
pulpit bekannt geworden war Ich sage mit Absicht »wenn man nicht tiefer
dachte« denn ich hatte große Lust diesen Vergleich nicht für einen
tiefsinnigen sondern für einen oberflächlichen zu halten fand aber keine Zeit
weiter nachzudenken weil TatellahSatah jetzt das Schweigen unterbrach indem
er nach rechts und links deutend sagte
    »Das sind die Ohren des Teufels auf dieser Seite eines und auf der anderen
Seite eines Hast du schon einmal von ihnen gehört«
    »Nicht von zweien sondern nur von einem« antwortete ich
    »In Wirklichkeit ist auch nur ein einziges da denn das eine ist richtig
und das andere ist falsch Aber welches das richtige und welches das falsche
ist das weiß man bis heute noch nicht«
    »Aber früher hat man es gewusst«
    »Ja Dieses Wissen ist aber wieder verloren gegangen Ich gab mir alle Mühe
es zurückzufinden doch leider ohne Erfolg Es gibt zwei Teufelskanzeln die
eine hier die andere droben in Kolorado Die dortige ist das Ohr Gottes die
hiesige ist das Ohr des Teufels Ich werde dir erzählen was diese Namen
bedeuten doch nicht jetzt sondern später«
    Wir ritten weiter
    Der Platz auf dem wir uns befanden war jetzt noch von über
tausendjährigen breitwipfeligen Laubbäumen besetzt gewesen die uns die
Aussicht benahmen doch als wir an ihnen vorüber waren wurde der Blick in die
Ferne frei und wir hielten unsere Pferde an denn das was wir sahen fesselte
uns sofort und derartig dass es uns innerlich und äußerlich ganz in Anspruch
nahm
    »Das ist das Wunder von dem ich sprach der Schleierfall« sagte der
Medizinmann indem er vorwärts deutete
    Wir konnten den hohen hinteren Teil des breiten Platzes übersehen Da oben
aber für uns unsichtbar weil wir uns in der Tiefe befanden lag der bereits
erwähnte »Geheimnis oder Medizinensee« Von ihm aus warf sich die Höhe so steil
zu uns herab dass ihre Bewegung eine genau senkrechte war und zwar in ihrer
ganzen Breite Ich habe schon erwähnt dass dieser See zwei Wasserfälle speiste
welche zu beiden Seiten des Mount Winnetou niederfielen um den »Weißen Fluss« zu
bilden Aber in diesen Katarakten entfernte er nicht das ganze Wasser welches
ihm überflüssig war sondern es gab noch einen dritten Weg sich von ihm zu
befreien nämlich eben durch den Schleierfall Während der See nach außen die
beiden schmalen Fälle speiste lief er nach innen in breitester Weise über von
einer bis zur anderen Seite des Platzes auf dem wir uns unten befanden Die
Linie auf der er dies tat war vollständig gerad und vollständig horizontal so
dass das Wasser gleichmäßig verteilt glatt und eben wie ein polierter Spiegel
in das Tal herniederstürzte
    Dieser Spiegel war gewiss fünfzig Meter hoch Seine Glätte wurde an keinem
einzigen Punkte getrübt und sein Zusammenhang um keinen Zentimeter unterbrochen
Und da er die ganze Breite des Innentales einnahm so kann man sich wohl denken
was für einen tiefen tiefen Eindruck er machte Es war jetzt kurz nach Mittag
Die Sonne stand hoch Ihre Strahlen fielen schräg auf den Wasserspiegel und
wurden von ihm derart gebrochen und zurückgegeben dass es schien als ob er
nicht aus Wasser sondern aus flüssigem Gold Silber und Kupfer und aus
fallenden Strömen von Diamanten Rubinen Saphiren Smaragden Topasen und
anderen Edelsteinen bestehe Das erschien allerdings wie ein Wunder Noch
wunderbarer aber war dass dieser Fall unten nicht etwa einen See oder eine
andere derartige Wasseransammlung bildete sondern sofort und restlos in der
Erde verschwand
    »Wo sieht man dieses Wasser wieder« fragte ich TatellahSatah
    »Im Tal der Höhle fünf Reitstunden weit von hier« antwortete er
    Das war mir sehr interessant denn dieses Tal der Höhle war ja der Ort an
dem Kiktahan Schonka mit seinen Verbündeten sich verstecken wollte
TatellahSatah fuhr fort
    »Um diese Tageszeit ist der Fall wie von Gold und Edelsteinen gewebt nicht
aber ein Schleierfall Doch schaut ihn Euch später an Des Abends oder des
Nachts im Dunkel im Halbdunkel im Mondschein im Sternenschein im
vereinigten Mond und Sternenschein Da ist es als ob man sich auf einem
anderen Sterne in einer anderen Welt befinde nicht aber auf dieser Erde der
nichts mehr heilig gilt«
    Er deutete dabei auf ein im Entstehen begriffenes Bauwerk welches in kurzer
Entfernung vor dem Wasserfall aus der Erde und derart zum Himmel strebte als ob
ihm die Aufgabe gestellt sei dieses Wunder zu entweihen Es bestand jetzt aus
einem ungeheuer schweren massigen Postamente von zehn übereinander liegenden
Riesenstufen die so breit und so hoch waren dass ihr Gewicht viele Tausende von
Zentnern betrug und jedenfalls darauf berechnet war ungeheure Lasten zu tragen
Auf diesem Piedestal erhoben sich zwei Balkengerüste mit deren Hilfe an dem
unteren Teile einer Kolossalstatue gearbeitet worden war Das eine Bein war bis
zum Knie das andere bereits bis zur Hälfte des Oberschenkels entwickelt Man
sah deutlich dass die Figur eine indianische Reitose und Mokassins tragen
sollte
    »Welch eine Sünde« klagte das Herzle »So ein formloses Menschenwerk grad
vor so ein Gotteswunder zu stellen Wer ist der Mann der das ersonnen hat«
    »Es ist nicht einer sondern es sind vier« antwortete TatellahSatah »Old
Surehand Apanatschka und ihre Söhne«
    »Was Wie« rief ich aus »Soll diese Figur hier etwa Winnetou werden«
    Der Medizinmann nickte nur
    »Unmöglich Hierher Ich denke man will ihn auf die Höhe des Berges
stellen«
    Seit wir uns in diesem Tale befanden waren wir nicht mehr in der Mitte
sondern an der Spitze der Trabanten geritten Der »junge Adler« befand sich also
bei uns Er antwortete
    »Das ist richtig Die endgültige Figur soll auf den hohen Bergesvorsprung
den ich Euch noch zeigen werde Das Modell steht in der Unterstadt in einem
besonderen Gebäude Dieses hier soll der Probeversuch sein Von ihrem Gelingen
hängt es ab ob der Plan auszuführen ist oder nicht Zu so einem Kolossalwerke
sind auch kolossale Mittel nötig Um diese Mittel zusammenzubekommen muss man
die Geber für das Werk begeistern Darum hat man gerade diesen Platz für die
Probestatue gewählt Old Firehand und Apanatschka bauen sie aus ihren eigenen
Mitteln Die Mittel zur Ausführung des eigentlichen Werkes erwartet man von der
roten Nation Um diese zu begeistern ist der Platz hier am Schleierfall am
geeignetsten Da soll die Statue vorgeführt werden Da soll sie beleuchtet
werden des Nachts mit Elektrizität mit Lampions und künstlichem Feuerwerk
Man rechnet dabei auf die jedenfalls großartige überwältigende Mitwirkung des
Schleierfalles«
    »Und das duldet Ihr« fragte das Herzle das außerordentlich
kunstempfindlich ist und sich durch diesen Plan wie innerlich verwundet fühlte
    »Ich nicht« antwortete TatellahSatah indem er wie schwörend die Hand
erhob »Doch stand ich allein Ich konnte nur vorbereiten und musste warten Nun
aber der gekommen ist auf den ich hoffte gebe ich ihm dieselbe Frage Und das
duldest du«
    Er richtete sie an mich Da stieg etwas ganz Eigentümliches etwas
Unbeschreibliches in mir auf
    »Habe ich Einfluss auf dein Volk auf deine Rasse« fragte ich ihn »Nein«
    »Nein« fragte er »Und hättest du ihn nicht so bist du doch der du bist
Ich brauche dein Auge ich brauche dein Ohr ich brauche deine Hand ich brauche
dein Herz Wenn du mir das gibst so werde ich siegen«
    Da reichte ich ihm die Hand und antwortete
    »Hier Auge und Ohr hier Hand und Herz Ich bin dein«
    Da drückte er mir die Hand dass es mich fast schmerzte und sprach
    »So heiße ich dich zum zweiten und zum höchsten Male willkommen Du sollst
mein Gast sein wie noch niemand mein Gast gewesen ist   «
    Schnell unterbrach ich ihn
    »Lass mich dein Gast sein wie ich es wünsche anders nicht«
    »Und was wünschest du«
    »Ein freier Mann zu sein kommen und gehen zu dürfen ohne gehindert zu
werden Vertrauen bei dir zu finden so wie du dir selbst vertraust«
    »So sei es Du bist dein eigener Herr und alles was ich habe ist dein«
    Da kam es wieder über mich wie vorhin Ich deutete auf das schwer lastende
Bauwerk und sprach
    »So sage ich dir Eher werden diese Quadern von selbst in der Erde
verschwinden auf die man sie gegründet hat als dass man meinen Winnetou mit
Lampions und Feuerwerk beschimpft Doch versuchen wir es zunächst in Liebe«
    »Ja zunächst in Liebe« stimmte er bei »Kommt kehren wir um wir sind
hier fertig«
    Wir ritten den Weg den wir gekommen waren zurück bis wir die Stelle
erreichten an welcher der Reitpfad zur Seite ab hinauf nach dem Schloss
führte Dem folgten wir Unterwegs erfuhren wir von dem »jungen Adler« dass der
Platz am Schleierfalle jetzt regelmäßig von Arbeitern wimmele und heut nur
deshalb so leer und einsam gewesen sei weil alle Kräfte nach den Steinbrüchen
mussten um neue Quadern zu holen Das Herzle war sehr ernst und nachdenklich
geworden Sie sah dass ich sie daraufhin beobachtete und wohl gern den Grund
erfahren hätte darum sagte sie ohne diese meine Frage abzuwarten
    »Dein Wort dass diese Quadern wohl eher in die Erde verschwinden werden als
dass du Lampions und Feuerwerk duldest hat sich wie ein Gewicht auf mich gelegt
Es kommt bei dir so häufig vor dass das was du sagst in Erfüllung geht selbst
wenn andere es für vollständig unmöglich halten Zuweilen ist diese Erfüllung
eine geradezu wörtliche Und als du vorhin sprachst hatte ich das Gefühl als
ob das was du sagtest eine solche Prophezeiung sei aus dir selbst
herausgestiegen ohne alle Ahnung woher es kommt«
    »Und das bedrückt dich nun« fragte ich
    »Bedrücken Nein Es hebt mich ganz im Gegenteile innerlich empor Es macht
mich fest Es ist mir als ob ich ein unerbittliches Schicksal nahen höre
welches uns zu Hilfe kommt Das macht mich still und sinnend«
    Während dieses kurzen Redewechsels hatten wir eine Stelle des Weges
erreicht von welcher aus man frei nach der Spitze des Vorberges zu schauen
vermochte Da hielt TatellahSatah sein Maultier an deutete empor und fragte
    »Seht ihr innerhalb der südlichsten Felsennadel das riesige Adlernest
welches für Menschen nicht erreichbar scheint«
    Wir sahen es Der Medizinmann fuhr fort
    »Da hinauf stieg der junge Adler als er noch Knabe war Er wollte sich aus
dem Horste des großen Kriegsadlers seinen Namen und seine Medizin holen Aber
der Riemen zerriss an dem er hing Er stürzte in das Nest und konnte nicht
wieder hinauf Er tötete die zwei Jungen Da kam die Alte Er kämpfte mit ihr
und zwang sie ihn aus jener fürchterlichen Höhe herunter in das Tal zu tragen
Nun sind ihre Federn ihre Krallen und ihr Schnabel sein Schmuck die Krallen
und Schnäbel der Jungen aber seine Medizin Er wird seitdem der junge Adler
genannt Ich aber bin sein Pate denn als er mit der Adlerin geflogen kam saß
ich vor meiner Tür und er landete gerade vor meinen Füßen«
    Das klang wie ein Märchen oder gar wie eine Münchhauseniade und doch war es
wahr das verstand sich ganz von selbst Der »junge Adler« hatte es nicht
gehört er war weiter fortgeritten und wir folgten ihm ohne dass ich den Alten
bat uns den Vorgang ausführlicher zu erzählen Dem Herzle aber sah ich es an
dass sie entschlossen war es sobald wie möglich zu hören und sich zu diesem
Zweck an den jungen Mann selbst zu wenden
    Der Reitweg führte in zahlreichen Windungen so weit an der Innenseite des
Berges empor bis die Höhe des »Schlosses« erreicht worden war Dann wendete er
sich nach der vorderen also nach der östlichen Seite des Mount Winnetou von
welcher aus als wir sie erreichten wir die Ober und die Unterstadt in der
Tiefe vor uns liegen sahen Von da unten war der »junge Adler« hier
heraufgeritten um TatellahSatah unsere Ankunft zu melden Hoch über uns sahen
wir den Wachtturm ragen Der »Bewahrer der großen Medizin« deutete da hinauf und
sagte zu dem »jungen Adler«
    »Da oben wirst du wohnen Jetzt aber kommst du mit uns die Pfeife des
Friedens und der Gastlichkeit zu rauchen«
    Das »Schloss« bestand nicht etwa aus nur einem oder nur einigen Gebäuden Es
bildete eine Felsenstadt für sich Die Jahrhunderte und Jahrtausende hatten an
ihr gebaut Darum waren alle amerikanischen Bauarten und Baustile hier
vertreten von dem erstbewohnten Felsenloche und der ersten Kordillerenhütte bis
zur altperuanischen Festung zum altmexikanischen Versammlungshause und zum
steinernen Wigwam nördlicher Gegenden Es gab da gewaltige Felsen und
Adobeswerke nach Art der Pueblostämme Die wurden wie ich dann später sah als
Vorratshäuser benutzt in denen seit undenklichen Zeiten große Mengen von
Getreide und getrockneten Nahrungsmitteln aufbewahrt wurden ohne verderben zu
können Da ragten Mauern die aus noch größeren Riesensteinen bestanden als ich
zB in Baalbek und anderen berühmten orientalischen Orten gesehen hatte Wir
ritten an allen möglichen indianischen Zelten Hütten Häusern Palästen
Balkonen Veranden Dächern Tennen Scheunen und Schuppen vorüber die sich wie
ein langgestrecktes festes Mauerband um die Höhe des Berges legten und als
steinerne Grüße aus uralter Zeit hinunter in die Tiefe schauten wo in der Ober
und Unterstadt das kleine Volk der Gegenwart sich mit allen Kräften dagegen
wehrte endlich einmal größer werden zu sollen Aber so aufrichtig ich die rote
Rasse liebe und so gern ich nur Gutes Edles und Großes von ihr berichten
möchte so muss ich doch der Wahrheit die Ehre geben und darum offen bekennen
dass alle diese Bauwerke trotz ihrer teilweisen Riesenhaftigkeit mir doch so
niedrig und so geistesabwesend vorkamen dass sie mir weder imponieren noch mich
erfreuen konnten Sie machten alle einen so  so   indianischen Eindruck auf
mich Es war nichts an ihnen was zum Himmel strebte Wir sahen so wenig
Fenster Es gab kein Verlangen nach freier gesunder Luft nach Licht und
Tageshelle Und es gab unter allen diesen Gebäuden kein einziges welches gleich
einer Kirche oder einer Moschee empor zur Höhe strebte Hiervon bildete der
Wachtturm die einzige Ausnahme aber sein Zweck wies doch auch nur nach unten
nicht nach oben Er war zur Beherrschung der Tiefe da nicht aber als Fingerzeig
für ein geistiges Aufwärtsstreben
    Diese Beobachtung tat mir wehe Und dem Herzle auch das sah ich ihr an Sie
empfindet viel zarter viel feiner als ich Ihre Seele steht dem Leide des
Erdenund des Menschenlebens viel offener als die meine Und hier lag das
ungeheure Leid einer ganzen großen fast untergegangenen Rasse in untrüglichen
steinernen Beweisen vor unsern Augen Selbst der Wachtturm hatte nicht
eigentlich Turmesgestalt sondern er bildete ein niedriges vierseitiges Prisma
mit vollständig ebener Dachfläche Die Indianer haben keine Türme keine
Minareh Sie haben die Winke ihrer Riesenbäume nicht verstanden sie haben keine
Dome gebaut So sind sie auch geistig an der Erde geblieben Sie sahen den Vogel
fliegen Der Adler stand ihnen hoch Ihr stolzester Schmuck bestand aus seinen
Federn Aber es ihm nachzutun und sich über den Boden zu erheben dieser Gedanke
bewegte sie nicht Fliegen lernen Fliegen lernen Wer das nicht will bleibt
unten sei er Volk oder sei er Person Die andern überholen ihn Er aber kriecht
aus der Erde weiter und wird in ihr so ganz und gar verschwinden dass von ihm
kaum ein Gedächtnis übrig bleibt Das ist das Schicksal des Indianers wenn er
nicht im letzten Augenblick noch fliegen lernt
    Dieser Eindruck des Felsenschlosses wurde dadurch gemildert dass es
wohlbevölkert war Überall standen Leute auf den Zinnen auf den Dächern an
den Luken vor den Türen auf den Gassen Männer Frauen und Kinder Die Männer
genau wie Winnetou gekleidet mit dem Sterne auf der Brust auch die Frauen
außerordentlich sauber und intelligenten Auges die Kinder ebenso Nirgends die
indolenten Papusengesichter denen man anderwärts begegnet Und auch nirgends
auf den Gesichtern der Ausdruck der stummen Klage oder jenes nationalen
Trübsinnes der auf jede Freude und auf alles Glück verzichtet zu haben scheint
Ich sah nur intelligente Züge nur heitere Mienen Man freute sich Man lachte
TatellahSatah wurde mit tiefen Verneigungen und respektvollen Handbewegungen
begrüßt Man widmete ihm die größte die aufrichtigste Ehrfurcht und  man
liebte ihn Mit größter Wissbegier waren die Augen auf mich und das Herzle
gerichtet Man wusste wer es war den der »Bewahrer der großen Medizin« in
eigener Person abgeholt hatte Man nannte meinen Namen man rief ihn mir jubelnd
zu denn man wusste dass nun die so lange hinausgeschobene Aktion beginnen werde
    »Und das ist seine Squaw   seine Squaw    seine Squaw« hörte ich
sagen
    Ich erwähne dass das Wort »Squaw« nicht etwa einen unterschätzenden
Beigeschmack besitzt Es gibt Romanschriftsteller welche die Indianerfrauen als
rechtslos als die Sklavinnen ihrer Männer schildern Das ist grundfalsch In
Wahrheit hat es schon Indianerfrauen gegeben welche Häuptlinge gewesen sind
Die Stellung der Frau wird besonders auch dadurch erhöht dass die Erbfolge sich
gewöhnlich in weibliche Linie vollzieht Dem Verstorbenen folgt nicht sein
eigener Sohn sondern der Sohn seiner Schwester Es war also keineswegs etwas
Ungewöhnliches dass man dem Herzle dieselbe Aufmerksamkeit schenkte wie mir
    Wir ritten durch das breite sehr tiefe Tor eines sich lang ausstreckenden
Gebäudes dessen Aussenmauer durch schmale schiessschartenförmige aber sehr hohe
Oeffnungen unterbrochen wurde Jede dieser Oeffnungen führte auf einen
steinernen Balkon von welchem aus man die ganze Vorebene des Mount Winnetou
überblicken konnte Durch dieses Tor gelangten wir in einen sehr geräumigen Hof
in welchem uns ein zweites ähnliches Gebäude gegenüberstand Auch dieses hatte
ein Tor welches in einen zweiten Hof zu einem dritten Gebäude führte So stieg
eine ganze Folge von miteinander abwechselnden Höfen und Gebäuden in einer
Felsspalte empor die unten sehr breit war und nach oben immer enger wurde
Demgemäss waren auch die Gebäude und Höfe unten sehr breit und wurden dann um so
schmäler je höher sie stiegen Die Seiten der Höfe wurden von den beiden Wänden
der Felsenspalte gebildet und an allen diesen Seiten führten tief eingehauene
Pfade rechts und links nach dem Walde empor auf dessen Wiesen der kostbare
Pferdebestand des berühmten Medizinmannes weidete
    Im untersten größten Hofe stiegen wir ab TatellahSatah führte uns in das
Haus mich das Herzle und den »jungen Adler« Niemand durfte uns folgen Er
leitete uns über Stufen zur Etage empor nach einem ziemlich großen und ziemlich
hohen Raume in dessen Mitte eine von sechs ungeheuren Grizzlybären getragene
Platte stand Auf ihr lagen wohl über ein Dutzend Friedenspfeifen mit allem
Zubehör Hier wurden die gewöhnlichen Gäste empfangen uns aber führte er
weiter durch eine ganze Reihe der verschiedensten Räume bis wir an einen
ledernen köstlich gegerbten und bemalten Vorhang gelangten den er mit der
Aufforderung zurückschlug
    »Tretet ein und setzt euch nieder ich kehre schnell zurück«
    Wir taten es und sahen gleich mit dem ersten Blicke dass wir uns in einem
kleinen mit großer Liebe behüteten Heiligtum befanden Zwei mit Glas
verschlossene Luken spendeten helles Licht Das Ganze war als Zelt eingerichtet
doch nicht als Kriegs sondern als Friedenszelt dessen Bahnen abwechselnd aus
höchst seltenen weißen Biber und weißen Präriehuhnfellen bestanden Vier
schlohweisse Büffelfelle lagen am Boden derart arrangiert dass sie weiche Sitze
bildeten während die Köpfe mit den starken Hörnern als Ellbogen und
Rückenstütze dienten Zwischen ihnen trugen vier Jaguarköpfe eine große
polierte Schale die aus dem heiligen Pfeifenton des Nordens geschnitten war
Auf ihr lag ein Kalumet Es war nicht groß nicht kostspielig sondern weit eher
klein und ganz gewöhnlich Es zog durch nichts durch gar nichts den Blick auf
sich und doch erkannte ich es sofort als die wertvollste und unschätzbarste
Friedenspfeife die es hier gab und überhaupt geben konnte
    »Winnetous Pfeife« rief ich aus »Die Pfeife die er trug als ich ihn
kennen lernte Welch eine Überraschung welche Freude«
    »Irrst du dich nicht vielleicht« fragte das Herzle
    »Unmöglich«
    »So muss ich sie betrachten«
    Sie wollte hintreten und zugreifen
    »Halt« bat ich »Rühre ja nichts an Ich sehe hier ist ein heiliger Ort
den haben selbst Freunde wie wir sind heilig zu halten«
    Ich führte sie zu den Fenstern Wir hatten die Ebene mit ihren Zelten und
Blockhäusern unter uns liegen Es schienen soeben wichtige Personen angekommen
zu sein das ersahn wir aus der Bewegung die es gab Wir fanden aber keine
Zeit zur Beobachtung denn TatellahSatah kam jetzt Er hatte den Mantel
abgelegt und nun sahen wir was für ein Gewand er darunter getragen hatte
nämlich einen ganz gewöhnlichen indianischen Anzug von weichgegerbtem
naturfarbenem Leder ohne eine Spur von verschönender Stickerei oder sonstigem
Schmuck
    Er nahm zunächst das Herzle bei der Hand und führte sie dahin wo sie sich
setzen sollte Sein Sitz war ihr gegenüber Ihm zur Rechten war mein Platz und
zur Linken der des »jungen Adlers« Der alte Pappermann war unten bei den
Pferden geblieben TatellahSatah setzte sich zunächst nicht Er blieb stehen
und sprach
    »Mein Herz ist tief bewegt und meine Seele kämpft mit dem Leide vergangener
Zeiten Als zum letzten Male hier an dieser Stelle das Kalumet geraucht wurde
war es ein Rauch des Abschiedes Hier wo jetzt unsere weiße Schwester sitzt
saß Nschotschi die schönste Tochter der Apatschen die Hoffnung unseres
Stammes hier wo jetzt Old Shatterhand sitzt saß Winnetou mein Liebling den
keiner so kannte wie ich hier an Stelle des jungen Adlers saß
Intschutschuna der kluge und tapfere Vater dieser beiden Sie waren gekommen
um Abschied von mir zu nehmen Nschotschi wollte nach dem Osten in die Städte
der Bleichgesichter um ein Bleichgesicht zu werden Im Innern meines Auges
standen Tränen Die Trägerin aller unserer Wünsche und Hoffnungen verließ uns
weil ihre Liebe uns nicht mehr gehörte Es war ein trüber Tag draußen heulte
der Sturm und in meiner Seele war es dunkel Sie gingen Nschotschi kehrte
nicht zurück Sie wurde mit ihrem Vater ermordet Nur Winnetou kam Ich haderte
mit ihm Ich zürnte dem um dessentwillen die Tochter unseres Stammes sich von
uns gewendet hatte Da legte Winnetou sein Kalumet in diese Schale und schwor
dass er diese Pfeife nicht eher wieder berühren werde als bis ich erlaube dass
sein Bruder Shatterhand sich hier zu uns setze und den Gruß des Friedens mit uns
rauche Er war noch oft noch oft bei mir Er wohnte und übte und arbeitete
monatelang am Mount Winnetou nie aber hat er dieses Zelt wieder betreten und
nie hat es ein anderer betreten dürfen Nur sein Schwur saß hier und wartete
wartete lange lange Zeit Winnetou starb Er starb am Herzen Old Shatterhands
Ich zürnte mehr als vorher Mir schien als sei die Zukunft der Apatschen mit
ihm gestorben Ich war der Bewahrer der Medizinen Ich ahnte die Geschichte und
die Geheimnisse unserer Rasse Ich hatte diese Rasse vom Untergange vom Tode
retten wollen Ihre Seele sollte erwachen in Winnetou dem gedankentiefsten
dem edelsten der Indianer Nun war er tot und die Seele seiner Rasse war
gestorben So glaubte ich ich Tor«
    Er hielt inne schaute eine kleine Weile durch das Fenster welches ich
geöffnet hatte und fuhr dann fort
    »Es kamen helle sonnige Tage Die Stimme des Lebens drang wieder zu mir
herein Und wo ich sprechen hörte sprach man von Winnetou Er lebte Er kam vom
Hancockberg wo er erschossen wurde über Prärien Täler und Berge in seine
Heimat zurück Immer näher und näher Er war nicht tot War er überhaupt
gestorben Seine Taten wachten auf Seine Worte wanderten von Zelt zu Zelt
Seine Seele wurde laut Sie begann zu sprechen zu predigen Sie schritt durch
die Täler Sie stieg auf die Berge Sie kam zu uns herauf zum Berg der
Medizinen Sie kam zu mir herein und als ich sie erkannte da war es zwar die
Seele Winnetous zugleich aber auch die Seele seines Stammes seines Volkes
seiner Rasse Sie ließ sich bei mir nieder Ich hörte sie täglich und stündlich
Zu allen Türen zu allen Luken zu allen Oeffnungen drang der Name Winnetou zu
mir herein Er war im Munde aller roten Nationen Er wurde zur Turmesflamme die
über die Savannen und über die Berge leuchtet Wer Gutes Reines und Edles
wollte der sprach von Winnetou Wer nach Hohem nach Erhabenem trachtete der
redete von ihm Winnetou wuchs zum Ideal Er ist die erste geistige Liebe seiner
Rasse Ich lernte viel begreifen was ich früher nicht begreifen konnte Ich
lernte still und ruhig sein wenn ich oft und oft Old Shatterhand neben
Winnetou nennen hörte Ich stieg zu der Erkenntnis empor dass diese beiden
unzertrennlich sind im großen Menschheitsgedanken Trat ich dann in Stunden
inneren Kampfes in dieses Zelt in dem ich jetzt zu euch spreche so sah ich
Winnetou seelisch vor mir stehen wie er das Kalumet in die Schale legte und
seine Hand zum Schwur erhob sie ohne seinen Bruder Shatterhand nicht wieder zu
berühren«
    Wieder machte er eine Pause Wir hörten ferne Stimmen durch das offene
Fenster klingen Sie stiegen von der Stadt herauf Es waren Begrüssungsrufe
TatellahSatah ging hin schaute hinab und sagte
    »Es sind Häuptlinge angelangt sie tragen den Federschmuck Wer sie sind
werden wir bald erfahren«
    Dann kehrte er zu uns zurück und fuhr fort
    »Nie habe ich so deutlich wie jetzt in diesem Augenblick gefühlt dass
Winnetou noch lebt Old Shatterhand kam über Land und Meer herüber und es geht
von ihm eine geheimnisvolle Bestätigung aus dass es für seinen roten Bruder
nicht die alten lügenhaften ewigen Jagdgründe gibt die nur für die Herdenmenge
erfunden waren Ich habe Old Shatterhand geschrieben Ich habe ihn gebeten zu
kommen um seinen Bruder Winnetou zu retten Aber ich bin überzeugt dass Old
Shatterhand sehr wohl weiß von wem diese Bitte ausgegangen ist nicht von
TatellahSatah sondern von Winnetou von der Seele der roten Nation die von
ihren eigenen Söhnen niedergerungen und erstickt werden soll Sie will empor
Sie will fliegen lernen Sie will nicht nur essen und trinken und daran
verhungern sondern sie will mehr Sie will Teil haben an allem was Manitou der
ganzen Menschheit gab nicht nur einzelnen Nationen Sie will nicht länger Kind
bleiben denn wehe dem Volke welches sich sträubt mündig zu werden Sie will
wachsen Da aber eilt die Torheit der Unverständigen herbei dem Kinde
vorzulügen dass es ein Mann ein Held ein Riese sei und diese Lüge in Erz und
Marmor zu verewigen Das ist ein Mord und da er von Personen unserer eigenen
Rasse ausgeht eine Vernichtung unserer selbst Das kann TatellahSatah nicht
dulden und das darf auch Old Shatterhand nicht dulden Ich bin so froh so
glücklich dass er gekommen ist uns seine Hand zu bieten Er sitzt zu meiner
Rechten wie damals Winnetou Es drängt mich zu denken er sei wirklich
Winnetou Und ebenso sei unsere weiße Schwester keine andere als Nschotschi
der Liebling unseres Volkes Ich bin TatellahSatah der Bewahrer der großen
Medizin Ich heiße euch willkommen Ich fühle tief in mir die Nähe dessen den
ich liebte wie ich keinen andern liebte Er sehe und höre dass heut sein
Schwur in Erfüllung geht Old Shatterhand ist hier Ich habe ihn gehasst nun
aber liebe ich ihn Er sei mein Bruder wie ich der seine bin Das Kalumet
unseres Winnetou soll es bezeugen«
    Er griff nach der Pfeife füllte sie setzte sie in Brand tat die sechs
ersten Züge blies den Rauch nach oben nach unten und nach den vier
Himmelsrichtungen sprach die gebräuchlichen Formeln dazu und reichte dann mir
die Pfeife Ich stand auf und sprach
    »Ich grüße meinen Winnetou und ich lausche dem Erwachen seines Volkes Ich
war stets er und er war stets ich So sei es auch heut und so bleibe es
immerdar Dies genug der Worte lassen wir Taten sprechen Die Zeit dazu ist
schon heut«
    Hierauf tat ich dieselben sechs Züge und gab dem Medizinmann das Kalumet
dann wieder Er reichte es dem Herzle und sprach
    »Nimm du es hin wie unsere Nschotschi Sie spreche jetzt zu uns aus deinem
Munde«
    Das war eine große Ehre Ich freute mich darüber doch nicht ohne eine
kleine Bangigkeit Sie sollte sprechen Was würde sie sagen Und sie sollte
rauchen Den scharfen mit Sumach vermischten Tabak Sie hatte nur ein einziges
Mal in ihrem Leben geraucht zum Scherz eine halbe Zigarette Sie schaute mich
an und las in meinen Augen die Warnung »Herzle ich bitte dich um Gottes
willen blamiere mich nicht etwa« Sie aber lächelte zuversichtlich nahm die
Pfeife stand auf und sprach
    »Ich liebe Nschotschi die Tochter der Apatschen Ich kam an ihr Grab und
betete Da fühlte ich dass es kein Grab kein Tod keine Leiche sei Nur
Überflüssiges verwest alles andere aber bleibt So wie sie schwand auch dein
Volk seine Seele aber blieb Und seid ihr stark genug so wird sie sich den
neuen herrlichen Körper schaffen der ihr schon längst gebührte Gib mir dein
Herz o TatellahSatah das meinige ist schon dein eigen«
    Sie tat mutig alle sechs Züge und gab die Pfeife dann zurück Als sie sich
wieder niedersetzte hatte sie feuchte Augen aber es war nicht zu
unterscheiden ob es die Rührung oder eine Folge des Tabaks war
    Hierauf bekam auch der »junge Adler« das Kalumet Er erhob sich und sprach
    »So weit die Erde reicht ist jetzt eine große Zeit Doch ist diese Zeit
nicht vollendet sie steht nur erst im Werden Sie ist noch jung sie hat sich
zu entwickeln und wir mit ihr Die Menschheit steigt zu ihren Idealen auf
Steigen auch wir Bleiben wir nicht unten wie bisher Schon regt der junge
Adler seine Schwingen Fliegt er dreimal um den Berg so fährt der rote Mann aus
dem Scheintode auf und der Tag der ihm gehört bricht heran«
    Auch er tat die vorgeschriebenen sechs Züge und gab das Kalumet dann an den
»Bewahrer der großen Medizin« zurück
    Dieser hatte es langsam auszurauchen ohne dass weiteres dabei gesprochen
wurde Hierauf war die Zeremonie vollendet TatellahSatah geleitete uns nach
dem erstbeschriebenen großen Raume mit den vielen Friedenspfeifen Da zeigte er
auf einen dort wartenden riesenhaften Indianer und sagte
    »Das ist Intschuinta25 euer Diener Er wird euch nach eurer Wohnung
führen Er sagt euch alles was ihr wissen wollt Er war der Liebling Winnetous
Sei er nun auch der eurige Nur einmal bitte ich euch meine Gäste auch beim
Essen zu sein nur heut am ersten Tage in einer Stunde dann aber seid ihr
stets und in allem frei könnt aber zu mir kommen so oft es euch beliebt«
    Er reichte uns die Hand und zog sich dann zurück Wir gingen zunächst nach
dem Hof hinab wo wir unsere Pferde gelassen hatten Da stand aber nur der
Hengst des »jungen Adlers« und das Maultier welches sein Paket trug Er stieg
auf und ritt davon hinauf nach dem Wachtturm der ihm zur Wohnung angewiesen
war Unsere Pferde und Maultiere waren wie wir von Intschuinta erfuhren von
Pappermann nach unserm Quartier geführt worden wohin wir ihnen jetzt
nachfolgten
    Intschuinta war wie bereits gesagt ein wahrer Hüne von Gestalt gewiss
schon über 60 Jahre alt doch von noch jugendlicher Rüstigkeit Ein
wahrheitsliebender treuer stolzer Charakter Wenn er als unser »Diener«
bezeichnet worden war so war er das freiwillig Es hatte nichts mit dem Begriff
der Unterordnung der Gehorsamleistung zu tun Er war trotzdem in jeder
Beziehung sein eigener selbständiger Herr Er führte uns durch die schon
erwähnten Tore nach dem zweiten dritten vierten fünften und sechsten Innenhof
Das dort stehende Gebäude war für uns bestimmt ganz allein nur für uns
    »Es ist Winnetous Haus« erklärte uns das »Gute Auge«
    »Wohnte er da« fragte ich
    »Stets so oft er kam« antwortete der Diener »Die Räume in denen Old
Shatterhand wohnen wird sind noch ganz genau so wie sie von Winnetou verlassen
wurden als er zum letzten Male hier war Wenn Intschutschuna kam wohnte er
bei seinem berühmten Sohne Und ebenso Nschotschi Unsere weiße Schwester wohnt
in den Stuben welche von der schönen gütigen Schwester Winnetous bewohnt
worden sind«
    Auch dieses Gebäude hatte Balkone vor den schmalen Schartenöffnungen der
Mauerfronten Infolge der hohen Lage musste es da einen noch weiteren Fernblick
geben als unten bei TatellahSatah Unsere Pferde und Maultiere waren in einem
stall oder schuppenartigen Nebengebäude untergebracht Wir aber stiegen die
Treppe zu den Wohnräumen empor und gelangten da zunächst in eine große
indianisch ausgestattete Stube in welcher hohe Tongefässe zum Waschen standen
Es gab da zahlreiche Sitze verschiedener Art und auch eine Platte mit
Friedenspfeifen
    »Das ist der Empfangssalon« lächelte das Herzle
    Die Wände waren mit allerlei Waffen ausgestattet Ich sah einige Messer
Pistolen und Flinten die ich kannte Sie hatten Jagdgenossen von uns gehört
Der Diener führte uns durch das ganze Gebäude Es hätte bequemen Raum für 3040
Gäste gehabt und ich müsste mehrere Druckbogen füllen um die Einrichtung und
Ausstattung auch nur einigermaßen zu beschreiben Darum unterlasse ich das
jetzt zumal ich später wenn ich »Winnetous Testament« veröffentliche auf
dieses Haus und seine Räume zurückzukommen habe
    Mit welchen Gefühlen ich die drei nebeneinanderliegenden Stuben betrat
welche den Zweck gehabt hatten Winnetou zum eigentlichen Gebrauch zu dienen
kann man sich wohl denken Links lag die Schlafstube Hieran stieß die bedeutend
größere Wohnstube Hierauf folgte die ebenso große Arbeitsstube Aus jedem
dieser drei Räume konnte man hinaus auf den Balkon treten um die herrliche
Aussicht die sich da bot zu genießen In der Schlafstube gab es ein sehr
weiches sehr hohes und außerordentlich sauberes Lager von Fellen und Decken
Hierzu einige Wassergefässe zum Waschen und Trinken weiter nichts Die Wohnstube
war halb europäisch halb indianisch eingerichtet Es gab niedrige und hohe
Sitze niedrige und hohe Tische Auf diesen Tischen lag und an den Wänden hing
gar mancher Gegenstand den ich kannte weil er von mir stammte Darunter zwei
Photographien die ich für gut getroffen gehalten hatte Jetzt waren sie
ziemlich verblichen An der einen Wand hingen wohl gegen 20 Blätter mit
Versuchen diese Photographien nachzuzeichnen
    »Er muss dich doch sehr sehr lieb gehabt haben« sagte das Herzle indem sie
diese Blätter eingehend betrachtete »Seine Hand ist nicht talentlos gewesen Er
traf war aber ungeübt noch nicht einmal Schüler Es ist das so außerordentlich
rührend«
    In der Arbeitsstube stand   ein Schreibtisch ja wirklich ein
Schreibtisch mit Kästen Federn Tinte und vielem Papier Die Tinte war
eingetrocknet Hier hatte er der Herrliche sich im Schreiben geübt Hier war
er der Bändiger der wildesten Pferde der Meister im Gebrauche einer jeden
Waffe auf die Jagd nach ortographischen Schnitzern gegangen Mein lieber
lieber mein einziger Winnetou Und hier hatte er die bedeutsamsten Kapitel
seines »Testaments« geschrieben dessen Veröffentlichung mir übertragen worden
ist
    Auch anderes hatte er hier gearbeitet mit Messer und Zange mit Hammer und
Feile sogar mit Nadel und Zwirn Nichts war ihm zu niedrig und zu klein
gewesen Sogar eine Ledermappe zu machen hatte er versucht Als ich sie
öffnete lag ein einziges Blatt darin Darauf stand in großen Buchstaben
geschrieben »Charly mein Charly wie liebe ich Dich« Und als ich es
umwendete war auch die andere Seite beschrieben doch klein und wie mit
zitternder Hand »Charly ich sterbe für Dich Ich weiß es ich weiß es Dein
Winnetou«
    Intschuinta stand dabei und sah dass das Herzle als wir das lasen weinte
Auch mir stand ein Tropfen im Auge Er der starke Mann drehte sich um und fuhr
sich mit der Hand ins Gesicht
    »Es ist hier alles so sauber Grad als ob er erst vor einer Stunde hier
gewesen sei« sagte sie »Wer hat hier auf Ordnung gehalten Wer hat gewischt«
    »Ich« antwortete er
    »Wann«
    »Jeden Tag«
    »Seit wann«
    »Seit er zum letzten Male hier war«
    »Diese lange lange Zeit Jeden Tag Trotzdem er nicht mehr kommen konnte
Trotzdem er nicht mehr lebte«
    Da schüttelte er leise den Kopf lächelte ebenso leise und antwortete
    »Er sagte stets es gäbe keinen Tod das habe ihm sein Bruder Shatterhand
versichert Und ich glaubte ihnen beiden Ich glaube es auch noch heut«
    Er strich mit der Hand über den Lederanzug der da an der Wand hing und
fuhr fort
    »Diese Leggins und diese Jacke trug er stets wenn er die Absicht hatte die
Wohnung nicht zu verlassen Bin ich hier allein so ist es mir oft als höre ich
die Lederfalten dieses Anzuges rauschen War das Winnetou Ging er unsichtbar
hinter mir vorüber Wenn ich hier eintrete ist es mir oft als stehe er da
draußen auf dem Altane die Hände gefaltet um zu beten wie er zu tun pflegte
wenn ihn eine Sehnsucht oder ein Leid bewegte Er nannte mich seinen Freund ich
aber war stolz darauf mich seinen Diener nennen zu dürfen Ich legte ihm die
Hände unter die Füße und wäre tausendmal gern für ihn gestorben Aber er hat
sterben müssen Denn nicht sein Leben sondern sein Tod hat alle Stämme der
Apatschen und alle roten Völker aufgeschreckt doch endlich die Augen zu öffnen
und einzusehen wie köstlich das Leben eines einzelnen Menschen ist um wie viel
köstlicher und unersetzlicher also das Leben einer ganzen Nation einer ganzen
Rasse Wir waren blind Wir sind nun sehend geworden Wie habe ich ihn lieb
gehabt wie lieb wie unendlich lieb«
    Und plötzlich stand er vor mir fasste meine Hand und bat
    »Nimm seine Stelle ein Nimm sie ein Nicht nur hier im Hause sondern auch
hier bei mir«
    Er klopfte sich an die Brust Dann nahm er auch das Herzle an der Hand und
fuhr fort
    »Und dich flehe ich an sei uns Nschotschi Sprich zu den Frauen die sich
hier versammeln wollen Führe sie nicht zu Worten sondern zur Tat
TatellahSatah ist Priester aber nicht Krieger Bedenkt das wohl Darum war es
die Sehnsucht unseres großen Winnetou seinen weißen Bruder in dieses Haus zu
leiten Die Seele die hier erwacht braucht Schutz und Schirm vor ihrem eigenen
Volke Sie hofft auf euch auf euch«
 
                               Siebentes Kapitel
                                        
                                     Kämpfe
Der Mount Winnetou liegt im südlichen Winkel zwischen Arizona und Neumexiko Die
dortigen freien Indianer erkennen keine Regierung über sich an Das »Komitee des
Denkmales für Winnetou« war so pfiffig gewesen sich an den
VereinigtenStaatenKongress zu wenden und hatte die Erlaubnis erhalten »am
Mount Winnetou eine Stadt namens Winnetou anzulegen dem einstigen Häuptling der
Apatschen dort ein Denkmal beliebiger Höhe und beliebigen Umfanges zu setzen und
alle Einrichtungen zu treffen und alle Bauten vorzunehmen die zur Erreichung
dieser löblichen Zwecke nötig sind« So lautete die Genehmigung welche der
betreffende Delegierte ihnen erwirkte
    Hierauf hin hatten sie ihr Werk begonnen ohne sich um die Traditionen und
Rechte Anderer zu bekümmern Die Stämme der Apatschen waren leicht gewonnen
weil es sich angeblich um ihren Liebling Winnetou handelte Auch einige
Komantschenstämme dazu denn Apanatschka war ja der Häuptling der
KaneanKomantschen Einen Häuptling auf den alle Stämme der Apatschen hörten
gab es seit Winnetou nicht mehr und was den alten TatellahSatah betraf dessen
Einfluss sich über alle roten Stämme erstreckte so war er zwar nicht zu bewegen
gewesen in das Projekt zu willigen aber Old Surehand und Apanatschka glaubten
dass es ihnen doch noch gelingen werde ihn auf ihre Seite hinüber zu ziehen Sie
rechneten hierbei auf den Zwang der Tatsachen der unwiderstehlich ist und
begannen also zu schaffen und zu bauen ohne seine Einsprüche zu beachten Ein
jeder seiner Einwürfe wurde mit der allerdings sehr wahren Behauptung
zurückgewiesen dass man die Genehmigung des Kongresses habe und eine höhere
Autorität nicht anerkenne Old Surehand und Apanatschka waren nicht mehr die
Indianer resp die Westmänner als die ich sie vor Zeiten kennen gelernt hatte
Sie waren infolge ihrer Reichtümer und weit verzweigten Geschäftsverbindungen
hoch über ihre früheren Anschauungen und Verhältnisse hinausgewachsen Sie
gehörten innerlich schon längst nicht mehr zu den Roten sondern zu den Weißen
Dafür dass der Indianer in jedem Augenblicke bereit ist für seine rote Farbe zu
sterben war ihnen das Verständnis abhanden gekommen Sie wollten mit ihrem
Projekte ein »Geschäft« machen und sie wollten ihre Söhne zu einer Berühmteit
emporschrauben aus welcher immer neue Reichtümer zu schöpfen waren
    Aber TatellahSatah war nicht der Mann der auf das was er für richtig
hielt so leicht verzichtete wie sie dachten Er wich zunächst dem Zwange aber
nur scheinbar Er konnte sie nicht hindern den Wasserfall in elektrische Drähte
zu fesseln den Wald durch Steinbrüche zu entweihen und eine Menge roter
Arbeiter herbeizuziehen die sich ganz gewiss nicht hierzu hergegeben hätten
wenn sie nicht von ihren Stämmen ausgestossenes Gesindel gewesen wären Aber er
sandte zu den Mescaleros den Llaneros den Jicarillas den Taracones den
Nawachos den Tschiriguais den Pinalenjos den Kojoteros den Gilas den Lipans
den Mimbrenjos und den Kupferminenindianern Das sind lauter Apatschenstämme
welche den »Bewahrer der großen Medizin« als den bedeutendsten Mann ihrer ganzen
Rasse verehren
    Er ließ ihre Häuptlinge kommen Er sprach mit ihnen Er erklärte ihnen dass
es sich hier weniger um die Ehrung ihres Winnetou als vielmehr um eine Ehrung
Young Surehands und Young Apanatschkas handle und überhaupt um ein ganz
gewöhnliches Geschäft Es gelang ihm sogar ihnen klar zu machen dass es eine
Versündigung an Winnetou dem in jeder Beziehung Bescheidenen sei ihn auf ein
so laut hinausschreiendes Piedestal zu heben Er bewies ihnen dass dies den
Untergang ihres Volkes nicht verzögern sondern nur beschleunigen könne weil es
die anderen Stämme neidisch gegen die Apatschen reize Kurz er erwirkte sich
bei den Häuptlingen einen durchschlagenden Erfolg und schickte sie zu ihren
Leuten zurück um nun ihrerseits auf diese einzuwirken Der Klan der »Winnetous«
war bereits gegründet der wirkte mit Die eigentliche offene Aktion gegen das
Stadt und DenkmalKomitee verschob TatellahSatah auf die Zeit der großen
Meetings die am Mount Winnetou abgehalten werden sollten Diese Zeit war nun
fast nahe Er wollte zunächst sondieren Er musste wissen wer von den
Häuptlingen für und wer gegen das Projekt war Doch hatte er sich bis jetzt noch
niemandem gezeigt Er war auf seinem »Schloss« verborgen geblieben und heute
zum ersten Male seit langer Zeit herabgekommen um mich zu sich hinaufzuholen
    Das erzählte er uns während des Mittagessens zu dem er uns geladen hatte
Es fiel ihm dabei gar nicht etwa ein diese streitigen Dinge zu beklagen Sein
Blick war scharf und weitschauend Er erkannte sehr wohl dass es fast nur allein
auf ihn ankam die gegenwärtigen Verhältnisse zur Basis einer neuen
hoffnungsreichen Zukunft auszugestalten Ein derartiges Zusammenströmen aller
Arten von Indianern wie jetzt war wohl in Jahrhunderten nicht wieder zu
erwarten ganz abgesehen davon dass diese Rasse überhaupt zu verschwinden hatte
wenn es nicht jetzt gelang ihr neues inneres Leben einzuhauchen Darum war er
fest entschlossen diese Gelegenheit beim Schopfe zu fassen und der erwachenden
Seele seiner Rasse eine breite Bahn zu schaffen Die Eigenschaften welche
hierzu nötig waren besaß er wohl alle außer einer einzigen Ich meine die
initiative Offenheit die aggressive Ehrlichkeit Die besitzt der Indianer
nicht Er hat sie besessen gewiss aber sie ist ihm im Umgange mit den niemals
wortaltenden Bleichgesichtern verloren gegangen Er war gezwungen sich auf die
heimliche List zurückzuziehen und das ist ihm schließlich zum Charakter zum
Merkmal geworden Nur ganz hervorragend edle Indianer wie zB Winnetou haben
sich nicht gescheut dann wenn es nötig war zum ehrlichen offenen Angriff zu
schreiten und dies sogar schon vorher anzukünden gewöhnlich aber hält der
Indianer es nicht für klug in dieser Weise zu verfahren Darum hatte
TatellahSatah so lange gezögert Und darum hatte er mein Kommen erwünscht Ich
will mich eines bekannten vulgären Ausdruckes bedienen indem ich sage Er
traute mir den Mut zu ganz offen das »Karnickel« sein zu wollen »welches
angefangen hat« Darum war es ihm von größter Wichtigkeit gewesen sobald wie
möglich zu erfahren auf welcher Seite ich zu suchen sei auf der seinen oder
auf derjenigen der Denkmalbauer Seit er vom Nuggettsil aus benachrichtigt
worden war dass ich treu zu ihm stehen werde fühlte er sich von einer seiner
größten Sorgen befreit Er hatte von Tag zu Tag gehofft dass ich kommen werde
und nun ich endlich eingetroffen war fragte er mich ob ich bereit sei in
Wirklichkeit sein »Shatterhand« seine Schmetterhand zu sein mit deren Hilfe es
ihm möglich werde seine Gegner niederzuwerfen
    »Ich bin bereit« antwortete ich »Und ich schlage vor dass wir sofort
beginnen womöglich gleich jetzt noch heut Zunächst in Güte und Liebe dann
aber wenn das nicht wirkt mit allen möglichen Fäusten«
    Das befriedigte ihn vollständig Er gab mir Generalvollmacht zu tun was
mir beliebte und über alles zu verfügen was mir als nötig erschien So war ich
also Herr meiner selbst und ohne jede Fessel oder Schranke die mich beengen
konnte Das nutzte ich ganz selbstverständlich ohne Zögern aus
    Es galt zunächst das Modell der Statue zu sehen Darum ritten wir gleich
nach dem Essen hinab nach der Stadt ich das Herzle Pappermann und
Intschuinta der Diener Der letztere bat mich sechs junge aber trotzdem
erfahrene und rüstige »Winnetous« mitnehmen zu dürfen die meine Leibgarde
seien TatellahSatah wünsche das so Ich willigte sehr gern ein Ich hatte sehr
viel vor wobei mir diese Leute von großem Nutzen sein konnten
    Wir ritten nicht direkt nach der Stadt sondern ich lenkte unten im
Innentale angekommen zunächst nach dem Schleierfall ein Wir untersuchten seine
ganze Umgebung auch die zwei Teufelskanzeln zu beiden Seiten des freien
Platzes Wir taten das so unbefangen wie möglich um nicht aufzufallen und ich
äußerte kein einziges Wort über die Gedanken die ich dabei hatte Aber der
»Diener« war wie ich sehr bald bemerkte ein sehr scharfer Beobachter was mich
gar nicht wundernahm da Winnetou ihn erzogen hatte Er forschte nach jedem
meiner Blicke Er dachte nach Er kombinierte Er kam infolge seines wohlgeübten
Scharfsinnes sehr bald auf die richtige Fährte Als wir umkehrten um nun auf
dem schon beschriebenen tief ausgefahrenen Talwege hinaus nach der Stadt zu
reiten lenkte er sein Pferd für einige Augenblicke neben das meinige und sagte
    »Old Shatterhand wollte nicht den Schleierfall sehen«
    Ich schaute ihn fragend an
    »Auch nicht den angefangenen Winnetou den man bauen will« fuhr er fort
    »Was denn« forschte ich
    »Die zwei Ohren des Teufels das richtige und das falsche«
    Er hatte recht Nur dieser beiden »Ohren« wegen hatte ich den Weg nach dem
Innental eingeschlagen Sie waren mir außerordentlich wichtig Noch viel
wichtiger als der herrliche Wasserfall an sich
    »Hm« brummte ich
    Das trieb ihn an aus sich herauszugehen
    »Ich kenne sie« versicherte er »Aber es ist nicht wahr was man von ihnen
sagt Man kann stehen wo man will so hört man nichts«
    »Hast du schon überall gestanden«
    »Ja überall Sogar hinten wo niemand hingehen darf weil es verboten ist
Aber auch da hört man nichts«
    »Versprichst du mir verschwiegen zu sein«
    Er legte die Hand auf das Herz und antwortete
    »Dir ebenso gern wie einst unserm Winnetou«
    »So wirst du bald hören lernen Ich werde dir zeigen wie man das macht
Kennst du vielleicht das Tal der Höhle am Mount Winnetou«
    »Ganz genau«
    »Vielleicht auch die Höhle«
    »Ebenso«
    »Ist sie groß Ist sie lang«
    »Sehr groß und sehr lang Man reitet von hier aus fast fünf Stunden bis man
sie erreicht und doch ist sie so lang dass sie bis zum Schleierfall geht und
erst in seiner Nähe endet«
    »Wir reiten morgen früh hin um sie zu untersuchen Bereite alles vor Doch
sage keinem Menschen ein Wort«
    Jetzt war dieser Redewechsel zu Ende denn wir hatten nun das Innental
hinter uns ritten durch das Felsentor und sahen die Zeltstadt vor uns liegen
Es herrschte jetzt in ihr ein regeres Leben als zur Stunde unserer Ankunft Eine
Reiterschar kam uns entgegen Sie wollte allem Anscheine nach hinauf nach dem
Schloss Als diese Leute uns erblickten hielten sie an Nur zwei von ihnen
ritten weiter bis sie uns erreichten Das waren Atabaska und Algongka Sie
saßen wunderbar zu Pferde Nachdem sie in indianisch höflichster Weise gegrüßt
hatten sagte Atabaska
    »Wir wollten nach dem Berge um Old Shatterhand den Gast der roten Männer
zu begrüßen Wir hatten ihn lieb noch ehe wir ihn sahen Wir achteten ihn sehr
hoch als wir ihn dann kennen lernten ohne seinen Namen zu wissen Und nun er
hier eingetroffen ist und sich genannt hat dürfen wir nicht warten bis er zu
unsern Zelten kommt sondern wir reiten zu ihm weil er der Höhere ist«
    »Kann es unter Brüdern einen geben der höher steht als die andern« fragte
ich »Wir gehören einem einzigen Vater und der heißt Manitou Wir stehen
einander gleich Ich besuche meine Brüder Ich bitte an ihren Zelten die Pfeife
des Willkommens mit ihnen rauchen zu dürfen«
    Diese Höflichkeit erfreute sie Algongka antwortete
    »Wir sind stolz auf diesen Wunsch unsers weißen Bruders Er komme mit uns
Er wird Freunde sehen Bekannte aus früherer Zeit die hier angekommen sind Als
sie hörten dass er schon anwesend sei baten sie uns mit nach dem Berg reiten
zu dürfen um sich an seinem Angesicht zu erfreuen Dort warten sie«
    Er zeigte auf die Gruppe welche halten geblieben war Wir ritten hin Wer
waren sie Wen erkannte ich sofort trotz der langen Zeit die zwischen dem
damals und der jetzigen Stunde lag Es waren WagareTei der Häuptling der
Schoschonen Schahko Matto der Häuptling der Osagen und mehrere ihrer
Unterhäuptlinge Wie groß unsere Freude war uns wiederzusehen Auch Avaht Niah
war da der »Hundertundzwanzigjährige« Sollte man das für möglich halten Ganz
selbstverständlich hatte er jetzt nicht mit nach dem Berge reiten können Er war
vor seinem Zelte sitzen geblieben und ich bat ihn zuerst aufsuchen und begrüßen
zu dürfen Man hatte WagareTei und Schahko Matto veranlassen wollen ihre Zelte
in der Unterstadt aufzuschlagen sie aber waren so klug gewesen sich nach den
Verhältnissen zu erkundigen und was sie da hörten hatte sie veranlasst nach
der Oberstadt zu reiten um sich Atabaska und Algongka beizugesellen
    Wir ritten zunächst nach dem Zelte WagareTeis der mit seinem alten Vater
beisammen wohnte hatten uns aber kaum hierzu in Bewegung gesetzt so kamen uns
zwei KaneanKomantschen entgegen die auch hinauf nach dem Schloss wollten
aber als sie uns sahen halten blieben und sich an mich wendeten Sie waren von
Young Surehand und Young Apanatschka geschickt um mich zu diesen beiden jungen
Künstlern einzuladen die bei unserer Ankunft abwesend gewesen waren Sie
hatten als sie dann kamen gehört dass ich eingetroffen sei und forderten mich
nun durch diese ihre Boten auf zu ihnen zu kommen weil sie beabsichtigten mir
gleich noch heut ihr Kunstwerk die Statue Winnetous zu zeigen Schon öffnete
ich den Mund um Antwort zu geben da forderte Atabaska mich durch eine
Handbewegung auf still zu sein und nahm die Sache selbst in die Hand indem er
zu den beiden Komantschen sagte
    »Ihr seht hier Atabaska und Algongka die Häuptlinge der fernsten
nördlichen Völker ferner Schahko Matto den Häuptling der Osagen und
WagareTei den Häuptling der Schoschonen Kehrt sofort zu Young Surehand und
Young Apanatschka zurück und sagt ihnen dass wir sogleich mit ihnen zu sprechen
haben sogleich Sie sollen augenblicklich kommen Es handelt sich um etwas sehr
Wichtiges«
    Er sprach in einem derartigen Tone dass die beiden Boten kein Wort zu
entgegnen wagten und sich schleunigst davonmachten Dann setzten wir unsern Weg
nach den Zelten fort Die welche Atabaska Algongka WagareTei und Schahko
Matto gehörten standen nahe beisammen Wir sahen noch ehe wir sie erreichten
den Hundertundzwanzigjährigen sitzen Sein weißes nach hinten gebundenes Haar
hing ihm lang über dem Rücken herab Er war kein Skelett wie Kiktahan Schonka
Er konnte sich noch ziemlich leicht bewegen Sein Auge war klar und der Ton
seiner Stimme so frisch und bestimmt wie bei einem Fünfzig oder
Sechzigjährigen Er stand als er uns kommen sah ohne fremde Hilfe von der Erde
auf und erfuhr von WagareTei seinem Sohne dass der Trupp so schnell
zurückkehre weil man mich ganz unerwartet getroffen habe mich und meine Squaw
Sein Gesicht war voll unzähliger kleiner Fältchen die es aber nicht im
geringsten verunzierten Es hatte keinen einzigen Flecken keinen einzigen Zug
keine einzige hässliche Stelle durch welche seine Reinheit was im Alter doch
häufig vorzukommen pflegt beeinträchtigt worden wäre Er war ein schöner ein
wirklich schöner Greis Als er mich sah erkannte er mich sofort Seine alten
guten Augen strahlten vor Freude Er kam auf mich zu legte beide Arme um mich
zog mich an sich und rief aus
    »O Manitou o Manitou du Großer und du Gütiger Wie danke ich dir für
dieses Glück für diese Freude Wie sehnte ich mich den besten den
aufrichtigsten Freund aller roten Völker noch einmal zu sehen bevor ich das
unbekannte Wasser des Todes mit kühn schwimmendem Arm zerteile Meine Sehnsucht
ist erfüllt Ich erfuhr dass er kommen werde Da beschloss ich auch zu kommen
Das Alter streckte den dürren Arm nach mir aus mich festzuhalten Ich aber
fühlte mich jung und riss mich los In meinem Herzen erklang eine Stimme die mir
sagte dass ich zu meinem weißen Bruder eilen müsse denn er bringe uns die Güte
die Liebe und die Einheit zurück die uns einst verlassen haben Und kaum bin
ich gekommen so kommt auch er Und du bist seine Squaw«
    Diese Frage war an das Herzle gerichtet Wir waren von den Pferden
gestiegen Sie stand neben mir
    »Sie ist es« antwortete ich
    Da streckte er den Arm nach ihr aus zog sie grad so an sich wie mich und
fuhr fort
    »Er bringt uns eine Freundin eine weiße Schwester Sie sei uns willkommen
in unseren Zelten und in unseren Seelen Ich bin der Aelteste von allen Setzt
euch im Kreise und bringt mir das Kalumet Es soll eine der letzten und der
schönsten Ehren sein die Versammlung des Grusses zu leiten Old Shatterhand
setze sich zu meiner Rechten seine Squaw zu meiner Linken Man entzünde das
Feuer der Freude«
    Wie gesagt so getan Es war ein außerordentlich rührendes gegenseitiges
Willkommenheissen welches sich nun entwickelte Die Pfeife ging unaufhörlich von
Hand zu Hand Tausend Erinnerungen tauchten auf sie alle mit dem herzlieben
Namen Winnetou verknüpft Doch hatten wir jetzt keine Zeit uns ihnen
hinzugeben Das musste für später verschoben werden
    Mitten in diese lebhafte frohe Szene hinein kamen Young Surehand und Young
Apanatschka Sie waren zu Pferde wie überhaupt dort jedermann Sie stiegen ab
Aber niemand schien sie zu sehen Sie wollten sich zu uns setzen aber keiner
rückte zu und keiner machte ihnen Platz So standen sie eine ganze lange
Weile Dann gingen sie zu ihren Pferden um wieder forzureiten Nun endlich
wurden sie beachtet Atabaska rief ihnen zu
    »Die Söhne von Old Surehand und Apanatschka mögen näher treten«
    Sie kehrten wieder um Seine Stimme hatte jenen unwiderstehlichen Ton dem
man gehorchen muss auch wenn man nicht gehorchen will Alles war plötzlich
still Niemand sprach Man konnte das leise Knistern des kleinen Feuers hören
Da fragte Atabaska die beiden
    »Sind Young Surehand und Young Apanatschka Häuptlinge«
    »Nein« antworteten beide
    »Ist Old Shatterhand Häuptling«
    »Ja«
    »Es sind schon fast siebzig schwere Winter die er verlebte sie aber haben
noch nicht einmal dreißig leichte Sommer hinter sich Und doch gehen sie nicht
zu ihm sondern sie verlangen dass er zu ihnen komme Seit wann ist es bei den
roten Männern Sitte dass das Alter der Jugend zu gehorchen hat und die
Erfahrenheit der Unerfahrenheit Wir wollen dass unser Volk vom Schlafe
auferstehe Wir wollen dass es seine Rechte und seine Pflichten erkennen lerne
Wir wollen dass es sich zu den gebildeten Nationen zähle Wie aber sollen wir
das erreichen wenn wir nicht einmal das Gesetz der wildesten unter den Wilden
achten dass die Jugend das Alter ehre«
    Da warf Young Surehand stolz ein
    »Wir sind Künstler«
    »Uff uff« rief Atabaska aus »Ist das etwas Besseres als Mensch zu sein
und als alt und erfahren zu sein Ihr seid Künstler Habt ihr das schon
bewiesen Vielleicht ist Old Shatterhand auch einer Er hat sich noch nicht als
Künstler bezeichnet Ihr aber nennt euch so Darum werden wir euch prüfen ob
euch dieser Name zukommt oder nicht Und selbst wenn ein Künstler etwas so Hohes
und so Herrliches wäre dass kein anderer Mensch ihn zu erreichen vermöchte so
müsste man doch von ihm wohl erst recht die Tugenden fordern die man an jedem
gewöhnlichen Menschen zu sehen verlangt Fragt eure Väter und fragt Kolma
Putschi was sie Old Shatterhand verdanken Hat er nun für diese seine Taten und
für alle Liebe die er ihnen erwies den Söhnen nachzulaufen weil diese von
sich behaupten Künstler zu sein Was soll denn diese eure Kunst Uns ein
Riesenbild von Winnetou geben Könnt ihr das Ich glaube nicht Unser großer
Winnetou war vor allen Dingen bescheiden Er diente Er achtete und ehrte das
Alter selbst im geringsten Menschen Seine größte Lust war zu helfen zu
tragen zu beglücken Ihr aber seid zu stolz selbst seinem besten Freunde den
ersten Besuch den Höflichkeitsbesuch der nicht euch sondern ihm gebührt zu
machen Ihr habt also Winnetou niemals verstanden und begriffen Wie könnt ihr
uns da ein Bild von ihm geben welches wahr und ehrlich und nicht erlogen ist
Wo sind eure Väter Sind sie anwesend«
    »Noch nicht Sie ritten heute früh fort Sie kehren erst am Abend wieder«
    »So sagt ihnen wenn sie kommen folgendes Die hier versammelten Häuptlinge
verlangen von ihnen dass sie zu Old Shatterhand kommen um ihn für ihre Söhne um
Verzeihung zu bitten Wir aber werden nach Verlauf einer Stunde bei eurem
tönernen Winnetou eintreffen um zu prüfen ob ihr Künstler seid oder nicht
Jetzt könnt ihr gehen«
    Sie stiegen auf ihre Pferde und ritten fort ohne ein einziges Wort der
Entschuldigung zu sagen oder der Verteidigung zu wagen Und als wir nach Verlauf
der angegebenen Zeit bei dem großen hohen Blockhause ankamen in welchem sie an
dem Modell gearbeitet hatten standen sie an der Tür und empfingen uns still und
ehrerbietig wie Leute die gern zürnen möchten und aber doch nicht dürfen Sie
waren übrigens ganz prächtige und sympatische junge Menschen und ich sah es
dem Herzle an dass sie im Innern gern bereit war sie zu verteidigen Sie nickte
und lächelte ihnen heimlich zu ich aber durfte ihnen nur einen grüssenden Blick
geben weiter nichts um Atabaska nicht zu beleidigen
    Als wir in das Gebäude traten sahen wir da sämtliche »Herren vom Komitee«
versammelt Sie hatten sich eingestellt um auf die Häuptlinge einzuwirken
wurden aber von diesen derart als Luft behandelt dass sie es gar nicht wagten
sich ihnen zu nähern oder gar etwa einen von ihnen anzusprechen
    Das Haus war rund wie ein Zirkus gebaut und enthielt nur einen einzigen
Raum Die mit Leinwand überkleidete Holzblockmauer zeigte ein wohlgelungenes
Panorama des hiesigen Platzes mit dem Mount Winntou und seinen beiden riesigen
Felsentürmen Den vorderen kleineren Turm mit dem »Schloss« TatellahSatahs
und den größeren höheren mit der von hoch oben stolz herabschauenden
gigantischen Winnetoufigur selbstverständlich jetzt nur erst projektiert Als
Modell vollendet aber ragte diese Figur in der Mitte des Raumes Sie war
ungefähr acht Meter hoch und stand unter der günstigen Wirkung des durch die
offenen Dachfalten hereinbrechenden Oberlichtes Für die dunklen Abendstunden
war elektrische Beleuchtung vorhanden die hierzu nötige Elektrizität wurde ohne
großen Kostenaufwand am Wasserfall erzeugt Es war berechnet dass sie später für
die ganze Stadt Winnetou ausreichen werde
    Mein erster Blick war nach dem Gesicht Winnetous Es war getroffen
überraschend getroffen Und doch erschien es mir fremd Es waren seine Züge
ganz genau seine Züge aber sie waren nicht so freundlich ernst so gütig und so
lieb wie ich sie kennen gelernt hatte sondern sie zeigten einen fremden
Ausdruck der ihm im Leben niemals eigen gewesen war Dieser Ausdruck
harmonierte allerdings mit der aggressiven Bewegung welche der Figur von ihren
Verfertigern erteilt worden war Die Kleidung war mit peinlichster
Gewissenhaftigkeit ausgeführt Die mit Stachelschweinsborsten geschmückten
Mokassins die gestickten Leggins der eng anliegende fast faltenlose lederne
Jagdrock die über die Schulter geschlagene prächtige Santillodecke unter
welcher die Schlingen des von der rechten Achsel nach der linken Hüfte gehenden
Lassos hervorschauten Am Gürtel hing der Pulver und Kugelbeutel früherer Zeit
Daneben steckte das Messer unweit davon eine Pistole und ein Revolver Den
rechten Fuß wie zum Sprunge vorgesetzt stützte sich die Figur auf die in der
linken Hand gehaltene Silberbüchse während die rechte Hand einen geladenen
zweiten Revolver drohend vorstreckte In dieser vorwärts strebenden Bewegung
hatte die Gestalt etwas aal oder schlangenhaftes Oder man dachte an einen
Panter der sich aus seinem Hinterhalt hervorschnellt um sich auf die Beute zu
stürzen Hierzu passte der nicht etwa nur drohende sondern gierige Ausdruck des
Gesichtes welcher umso befremdender oder abstossender wirkte je deutlicher die
Schönheit dieses Gesichtes trotz alledem hervortrat
    »Schade jammerschade« flüsterte mir das Herzle zu
    »Leider leider« antwortete ich »Und sie sind Künstler wirkliche
Künstler«
    »Ganz zweifellos Nur die Auffassung ist falsch Es ist eine Sünde eine
ungeheure Sünde Wie man Winnetou so etwas antun konnte das begreife ich nicht
Und diese Figur soll auf die Höhe des Berges«
    »Niemals niemals Ich dulde das nicht Und wenn man mich nicht hört so
greife ich zum letzten Mittel und zertrümmere sie vor aller Augen«
    Die Häuptlinge waren still Sie schritten langsam rund um das Bild um es
von allen Seiten zu betrachten sagten aber nichts Young Surehand und Young
Apanatschka standen in der Nähe In ihren Gesichtern drückte sich nicht die
geringste Spannung aus Sie waren vollständig überzeugt dass der Eindruck ihres
Werkes auf uns ein unvermeidlich imponierender sei Die Herren vom Komitee waren
derselben Meinung Sie hatten erwartet uns in Ausrufe des Entzückens ausbrechen
zu hören Als aber Minute um Minute verging ohne dass einer von uns ein Wort
verlautete begannen sie uns Vorspann zu leisten indem sie nun ihrerseits das
taten was wir unterliessen Sie ergingen sich in lobenden Interjektionen um uns
zu verleiten diesem ihrem Beispiele zu folgen Aber die Wirkung die sie
erreichten war dieser ihrer Absicht gerade entgegengesetzt Die Häuptlinge
wendeten sich dem Ausgange zu Sie schritten hinaus einer nach dem andern Ich
folgte mit dem Herzle Da kam das Komitee die beiden Künstler voran uns
nachgeeilt Sie wollten Auskunft haben Atabaska war der erste der in den
Sattel kam Er wartete bis wir andern oben saßen und wendete sich dann an die
Fragenden
    »Dieser euer Winnetou ist die größte Lüge die jemals hier zwischen den
Bergen erklang Zerschmettert sie Da hinauf kommt sie mir nie nie nie«
    Er deutete bei diesen Worten nach der Höhe auf welcher die Figur errichtet
werden sollte
    »Nie« stimmte Algongka bei
    »Nie   nie   nie  nie« fielen auch die anderen Häuptlinge nebst ihren
Unterhäuptlingen ein
    »Und sie kommt hinauf« rief Young Surehand
    »Ja sie kommt hinauf« behauptete auch Young Apanatschka »Beweist es dass
es eine Lüge ist«
    Und Mr Antonius Paper der immer Voreilige kam demonstrativ zu uns
herangeschlingert und schmetterte uns an
    »Wir sind das Komitee zur Errichtung des Winnetoudenkmals Was wir
beschließen das geschieht Die Figur kommt hinauf hinauf hinauf«
    Er fuchtelte dabei mit den Armen grad vor Schahko Mattos Pferd Dieser gab
schnellen Schenkeldruck ritt ihn über den Haufen und antwortete
    »Wirklich Ihr seid das Komitee So setzen wir euch ab und wählen ein
anderes«
    »Ja ein anderes ein anderes« riefen die Unterhäuptlinge während Mr
Antonius Paper sich vom Boden aufraffte und hinter den andern Mitgliedern des
Komitees Schutz suchte
    Da kam dem ersten Vorsitzenden Professor Bell eine Ahnung dass es mit
ihrem Vorhaben denn doch nicht so sicher stehe wie er bisher angenommen hatte
und dass der jetzige Augenblick vielleicht wohl gar der entscheidende sei Er tat
einige Schritte zu mir herbei und fragte
    »Welcher Meinung seid denn Ihr Mr Shatterhand Ich bitte Euch mir das zu
sagen«
    »O auf das was ich denke kommt es hier doch gar nicht an« antwortete
ich
    »Das ist nicht wahr« entgegnete er »Ich bin überzeugt dass man tun wird
was Ihr vorschlagt Darum ersuche ich Euch mir zu sagen Was schlagt Ihr vor«
    »Dazu ist jetzt wohl nicht die richtige Zeit und hier auch nicht der
richtige Platz Ich kenne überhaupt den mir angewiesenen Platz noch nicht Ich
kann also erst dann sprechen wenn ich meine Nummermarke habe Vielleicht hat
euer Schriftführer die Güte sie mir nach meiner jetzigen Wohnung zuzustellen«
    Hierauf ritt ich davon Die anderen folgten sogleich In der Oberstadt
angekommen gab es nur noch eine kurze Beratung Wir alle waren der Ansicht dass
nichts geschehen konnte bevor wir mit Old Surehand und Apanatschka gesprochen
hatten Das war also abzuwarten Hierauf verabschiedeten wir uns von den
Häuptlingen und ritten nach den Zelten der Siouxfrauen um unsere Freundinnen
die beiden Aschtas für heute Abend zu uns einzuladen Sie sagten freudig zu
Dann kehrten wir nach dem »Schloss« zurück übergaben dort unsere Pferde und
stiegen durch den Wald zu Fuß nach dem Wachtturm hinauf um den »jungen Adler«
aufzusuchen und für den Abend auch mit einzuladen Es waren mehrere Indianer und
Indianerinnen bei ihm die er mit leichten Zimmer und Flechtarbeiten
beschäftigte warum und wozu das fragte ich nicht
    TatellahSatah war heut nicht mehr zu sehen Er hielt es für richtig mich
ganz mein eigener Herr sein zu lassen wie auch ich mir vorgenommen hatte ihn
nicht eher aufzusuchen als bis es nötig war So blieben wir am Abend mit unsern
drei lieben Gästen allein und beobachteten mit stiller Freude in wie unendlich
zarter Weise die Herzen der jungen Leute sich einander mehr und mehr näherten
Ich hatte es für möglich gehalten dass Old Surehand und Apanatschka sich noch
heut am Abend bei mir einstellen würden Das geschah aber nicht Dafür aber fand
ich als ich am andern Morgen aufstand einen Boten von ihnen vor Sie ließ
mir sagen dass ich wohl wüsste wie sehr sie mich liebten und achteten und wie
sehr sie sich freuten mich wiederzusehen aber es sei ihnen unmöglich mich in
der Wohnung ihres Feindes TatellahSatah aufzusuchen Ich hätte zu entscheiden
zwischen ihnen und ihm ein Drittes gebe es nicht Übrigens seien sie falls ich
zu ihnen nach der Unterstadt komme zu jeder Zeit für mich zu sprechen Abbitte
zu leisten liege kein Grund vor da es für ihre Söhne unmöglich gewesen sei
mich auf dem »Schloss« aufzusuchen
    Es fiel mir nicht ein mir diese Botschaft zu Herzen zu nehmen Es wirkten
da jedenfalls Dinge die ich nicht kannte und auch nicht kennen zu lernen nötig
hatte Es gab hier nur eines zu beachten nämlich Wer nicht will der muss Und
heut früh hatte ich am allerwenigsten Lust und Zeit mich mit persönlichen
Streitfragen zu befassen Ich musste nach dem »Tal der Höhle« um topographisch
orientiert zu sein wenn die Feinde kamen sich dort zu verstecken
    Intschuinta unser riesiger »Diener« stand mit seiner Leibgarde schon seit
dem Morgengrauen bereit uns dorthin zu begleiten Er hatte für alles gesorgt
für Speise und Trank für Lichter Fackeln Stricke Haken und alle möglichen
anderen Gegenstände deren wir bedurften um die Höhle so wie es notwendig war
kennen zu lernen Sie hatte für mich eine ungewöhnliche Wichtigkeit Es wäre mir
wohl schwer geworden bestimmte klare Gründe hierfür anzugeben Es handelte
sich dabei mehr um eine Ahnung als um ein bestimmtes sicheres Wissen Aber seit
ich gesehen hatte wie plötzlich der Schleierfall in der Erde verschwand und
seit ich wusste dass die unterirdische Höhle bis nahe an diesen Fall
heranreichte war es mir als ob sie in unsern hiesigen Erlebnissen eine nicht
ganz unbedeutende Rolle spielen werde
    Zum besseren Verständnis dessen was nun kommt erinnere ich an die berühmte
Mammutöhle in Kentucky in den Vereinigten Staaten die mit ihren Seitenhöhlen
eine Länge von über dreihundert Kilometern besitzt Ihr Hauptgang erstreckt sich
unter der Erde sechzehn Kilometer weit Es gibt da unzählige Schächte Stollen
Gänge Schluchten Hallen Stuben Säle Grotten Dome Teiche Seen Bäche
Flüsse und Wasserfälle So ungefähr dachte ich mir die Höhle am Mount Winnetou
und die Folge zeigte dass ich mich da nicht geirrt hatte Sie war zwar nicht von
gar so riesigen Dimensionen aber der Wunder gab es auch hier genug Besonders
war es die überaus reichliche und unvergleichliche Stalaktitenbildung welche
wir bestaunten
    Der Weg nach der Höhle ging nicht durch die Stadt und dann den »weißen Fluss«
entlang sondern man ritt auf der anderen Seite von der Höhe hinab und hatte
dann einem Bache zu folgen der den Vorsatz gefasst zu haben schien alle
diejenigen die sich seiner Leitung anvertrauten dahin zurückzuführen woher
sie gekommen waren Es ging immer rundum doch in Schraubenlinien immer tiefer
hinab dabei bekamen wir besonders den kleinen Mount Winnetou auf dem
TatellahSatah wohnte von allen möglichen Gesichtpunkten aus zu sehen Einmal
konnten wir das große Kriegsadlernest welches unser Freund der »junge Adler«
erklettert hatte besonders deutlich erkennen Das war der Grund dass das Herzle
den »Diener« fragte ob er über diesen Vorgang unterrichtet sei Heut war nur
Pappermann nicht aber auch der »junge Adler« bei uns so konnten wir also über
dieses sein Erlebnis sprechen ohne indiskret zu sein
    »Ja ich weiß alles« antwortete Intschuinta »Ich stand ja neben
TatellahSatah der vor seiner Tür saß als der junge Adler vom Horste des
Kriegsadlers herabgeflogen kam und grad zu unsern Füßen landete Ich habe dieses
Weibchen welches viel viel größer als das Adlermännchen war dann mit
erschlagen helfen Einen stärkeren größeren und gewaltigeren Vogel als dieses
Weibchen gab es nie im ganzen Leben Wie alt sie war das wusste man schon längst
nicht mehr Jedermann kannte sie Sie litt kein Männchen bei sich sie biss und
jagte es fort Man schrieb ihr ungeheure Kräfte zu Man behauptete sie könne
einen ausgewachsenen Präriewolf zum Horste tragen Damals zählte der junge Adler
zwölf Jahre Er wohnte hier bei uns Er war ein Verwandter Winnetous und der
Liebling aller derer die ihn kannten Trotz dieser seiner großen Jugend ging er
nach Norden um sich den Ton zu seiner Friedenspfeife aus den heiligen
Steinbrüchen von Dokota zu holen Als er mit dem Ton zurückkam und die Pfeife
geschnitten war erklärte er dass er sich nun auch seine Medizin erbeuten wolle
Er ging vierzig Tage in die Wüste um zu fasten und da träumte ihm dass er der
junge Adler heißen werde und darum die beiden jungen Kriegsadler aus dem Horste
holen solle ihre Krallen und Schnäbel seien seine Medizin Er war vom Fasten
schwach Er wog kaum noch die Hälfte von vorher Dennoch wagte er es das Gebot
des Traumes sofort auszuführen ohne sich recht zu erholen Er nahm einen Lasso
steckte ein Messer und viele Riemen zu sich und begann den Aufstieg in die Höhe
des Horstes Droben angekommen fand er das Nest unzugänglich Um es zu
erreichen musste man ein Stück darüber hinausklettern und sich dann am Lasso
herablassen Er tat das Er befestigte den Lasso am überhängenden Felsen und
griff sich dann daran hinunter Aber der Lasso war zu kurz Als er das Ende
erreichte schwebte er noch hoch über dem Neste und die Kräfte verließen ihn Er
öffnete die Hände und sprang in das Nest herab Der Lasso schwebte hoch über ihm
hin und her und war nicht mehr zu erreichen«
    »Wie fürchterlich« rief das Herzle aus »Gab es keinen Weg aus dem Neste«
    »Nein« lächelte der Erzähler »Adler pflegen nicht an Wegen zu horsten Die
Adlermutter war abwesend die beiden Jungen aber lagen da Sie rissen die
Schnäbel auf und kreischten den Eindringling angstvoll an Er tötete sie
schnitt ihnen die Köpfe und die Krallen ab steckte diese ein und warf die
Körper in die Tiefe Dann begann er zu überlegen wie er sich wohl entfernen
könne Aber es war keine Möglichkeit zu ersehen Hoch über ihm der Lasso den er
nicht erreichen konnte unter ihm die grausige Tiefe und er selbst im
schwindelnden Felsenhorste aus dem keine Ratte keine Maus einen Rettungsweg
gefunden hätte viel weniger ein Mensch Und indem er das erkannte sah er die
Alte kommen mit einem kleinen Wild in den Fängen welches sie für ihre Jungen
erbeutet hatte Sobald sie ihn sah ließ sie es fallen und schoss mit heisseren
Schreien auf ihn zu Er zog sein Messer um sich zu verteidigen Aber in
demselben Augenblicke war es als ob eine laute warnende Stimme ihm zuriefe
Töte sie nicht und verletze sie nicht sonst bist du verloren Sie ist deine
einzige Rettung«
    »Ah fliegen« sagte das Herzle tief Atem holend
    »Ja fliegen« nickte Intschuinta »Das war das Einzige weiter gab es
nichts«
    »Der arme Knabe Wie ermöglichte er das«
    »Nicht der arme Knabe Sondern der kühne der kluge der mutige Knabe Hier
kann es kein Bedauern geben sondern nur ein Bewundern Der Horst liegt auf
einem kleinen Felsenvorsprunge von dem aus ein schmaler Riss in das Innere des
Gesteines führt um aber bald zu enden Da lagen die Hölzer und Knüppel der
früheren Jahrgänge des Horstes denn der Kriegsadler baut sein Nest jährlich
immer neu und also immer höher Es gelang dem Knaben sich in diesen Riss zu
retten noch ehe das kreischende Raubvogelweib den Horst erreichte und den
wütenden Angriff begann Er kroch nach und nach fast ganz unter die Hölzer und
verteidigte sich mit ihnen dabei dachte er eifrig darüber nach wie er sich
retten könne Er war so klug einzusehen dass dies nur dadurch möglich sei dass
der Adler ihn hinunter in die Tiefe trage Er fragte sich ob er trotz seiner
jetzigen Leichtigkeit nicht doch zu schwer für diesen Vogel sei Indem er das
dachte ließ die Alte von ihrem Angriffe ab um nach ihren Jungen zu suchen
Dadurch gewann er Zeit zu ruhigerem Überlegen«
    »Er war zu schwer« fiel das Herzle ängstlich ein
    »Allerdings war das anzunehmen« stimmte Intschuinta bei »Einen sicheren
ruhigen Flug konnte es also nicht geben ganz abgesehen davon dass der Adler
sich aus allen Kräften sträuben würde ihn zu tragen Aber wenn kein
eigentlicher Flug so war es doch wohl auch kein eigentlicher Sturz in die
Tiefe Es war vorauszusehen dass die Flügelschläge die Jähheit und Stärke dieses
Sturzes mildern würden Es galt also den Adler so zu fesseln dass er den Knaben
weder mit dem Schnabel noch mit den Krallen verletzen aber doch fliegen
konnte Schlingen und Fesseln mit denen man dies erreicht sind einem jeden
Indianer sogar auch den Kindern geläufig Kaum war der Gedanke gefasst so
wurde seine Ausführung vorbereitet Riemen waren mehr als genug da Mit Hilfe
eines passenden aus dem Horst gezogenen Holzes und dreier Riemen wurde
schleunigst ein Knebel gefertigt der den Adler zwang Kopf und Hals gradeaus zu
strecken So war ihm der Gebrauch des gefährlichen Schnabels verwehrt Für die
Fänge oder Krallen gab es eine fünffache Schlinge die später noch zu verstärken
war Für den Leib eine Schleife welche den Zweck hatte die Flügel zu schließen
und eng an den Körper zu zwingen natürlich nur bis zu dem Augenblick an dem
der Flug zu beginnen hatte Mehrere Hölzer wurden fest in die Felsenspalte
geklemmt so dass sich eine Art von Gitter zum Schutze des darinsteckenden Knaben
bildete Wollte der Adler ihn fassen so war er gezwungen den Kopf durch dieses
Gitter zu stecken der dann sehr leicht mit der Schlinge gepackt und
festgehalten werden konnte«
    Meine Frau war außerordentlich gespannt ich nicht viel weniger Pappermann
las dem Erzähler die Worte fast von den Lippen weg Intschuinta fuhr fort
    »Kurze Zeit nachdem diese Vorkehrungen getroffen waren kehrte die
Adlersfrau zurück Sie schien die Leichen ihrer Kinder gefunden zu haben denn
sie fuhr in einer bedeutend größeren Wut als vorher auf ihren Feind los Sie
besann sich nicht im Geringsten den Kopf durch das Gitter zu stecken Sofort
legte sich ihr die Schlinge um den Hals und mochte sie sich noch so sehr
wehren einige Minuten später war ihr der Knebel angelegt der sie zwang Kopf
und Hals geradeaus zu strecken Sie wehrte sich aus Leibeskräften mit den
Flügeln und den Krallen Die letzteren wurden sehr leicht in Schleifen gefangen
und dann fest aneinander gebunden Um die ersteren zur Ruhe zu bringen musste
der Knabe den gewaltigen Raubvogel der sich aber nun schon nicht mehr wehren
konnte halb zu sich in den Felsenspalt ziehen um ihm die Schwingen an den Leib
zu drücken und dann mit Riemen festzubinden Als dies geschehen war konnte der
Adler sich nicht mehr bewegen Er war vollständig überwältigt der Sieger aber
hatte nicht die geringste Verletzung davongetragen der Vogel allerdings ebenso
Das Schwierigste war vorüber das Kühnste konnte beginnen nämlich der fliegende
Sturz oder der stürzende Flug in die grausige Tiefe«
    »Gott sei Dank dass ich es nicht war« meinte Pappermann »Mir wäre dieses
Wagnis gewiss nicht gelungen Wen das Schicksal dazu verurteilt hat Pappermann
zu heißen der muss auf fester Erde bleiben sonst geht er sicher kaput Doch
weiter schnell weiter Ich bin gespannt«
    Der Diener fuhr fort
    »Nun das Raubtier gebändigt war konnte der Knabe die Felsenspalte wieder
verlassen Er trat vor und schaute in den Abgrund Es kam keine Spur von Zagen
über ihn Es fiel ihm nicht ein auch nur einen Augenblick zu zögern Jetzt war
der Adler noch bei voller Kraft Je schwächer er wurde desto gefährlicher war
der Sprung von dem Horst in das gähnende Nichts hinaus Der Vogel stank nach
Wild und Blut Seine großen runden Augen glühten vor Hass und Wut Und doch
konnte nur er allein der Retter sein weiter niemand weiter nichts Das sind
Rätsel die nur Einer lösen kann ein Einziger und dieser Einzige ist gut ist
ewig gut Der Knabe befestigte sich die besten seiner Riemen unter den Armen
hindurch über Brust und Rücken band sie an die Krallen des Adlers doch so dass
ihm die schlagenden Flügel des Vogels das Gesicht nicht verletzen konnten und
zog den letzteren bis hart an den Rand des Abgrundes O Manitou o Manitou rief
er aus Dann durchschnitt er die beiden Riemen welche die Flügel fest an den
Leib gehalten hatten Der Adler regte sie er bemühte sich sie auszubreiten
aber er konnte sich nicht aufrichten weil ihm die Krallen zusammengebunden
waren O Manitou o Manitou betete der Knabe noch einmal Dann schloss er die
Augen glitt langsam über den Rand des Felsens hinaus und zog den Vogel nach«
    »Weiter weiter« rief Pappermann »Ich kann es nicht erwarten«
    »Ja schnell schnell« bat auch das Herzle Intschuinta gehorchte
    »Ich habe gesagt dass der Knabe die Augen schloss Stürzte er Nein Er wäre
in einigen Sekunden unten in der Tiefe aufgeschlagen Aber die Sekunden
vergingen und er lebte noch Über ihm rauschten Flügel Er schwankte hin und
her Der Adler schrie in einemfort Sein Kreischen klang über Berg und Tal dass
jedermann zur Höhe schauen musste Da öffnete der Knabe die Augen Er sah dass er
fiel beständig fiel aber nicht stürzend sondern langsam in einer abwärts
gehenden Schraubenlinie Der Adler wehrte sich Er wollte nicht nieder Er
arbeitete mit allen Kräften seiner Schwingen Aber der Knabe war zu schwer der
zog ihn hinab bis in die Nähe des Schlosses Da erreichten sie den festen
Boden Aber der Knabe war noch nicht gerettet Er hatte sein Messer nicht mehr
Er konnte die Riemen nicht durchschneiden sich nicht vom Vogel befreien der
sich bemühte wieder aufzusteigen Es entspann sich ein Kampf in dem der Adler
stärker als der Knabe war Er schlug ihn mit den Schwingen er riss ihn hin und
her Leute eilten herbei Die Angst vor ihnen verdoppelte die Kräfte des Adlers
Er überwand die an ihm hängende Last Er ging noch einmal in die Luft wenn auch
nicht hoch Er flog eine kurze Strecke weit dann sank er wieder zur Erde die
er grad vor uns erreichte vor TatellahSatah und vor mir Da lag ein Stein Ich
hob ihn auf und wir erschlugen den Riesenvogel Der Knabe war gerettet Die
Flügelschläge hatten ihn arg mitgenommen aber er lächelte Er jubelte sogar
Denn er hatte erreicht was er erreichen wollte nämlich seine   Medizin
Seitdem wird er der junge Adler genannt und das Fliegen ist es wovon er am
liebsten spricht Er ist sogar nach den Städten und Dörfern der Bleichgesichter
gegangen um es dort zu lernen«
    »Und kann er es« fragte das Herzle
    »Das weiß ich noch nicht Aber er ist schon seit gestern dabei sich eigene
Flügel zu bauen Also scheint er es doch zu können Das dürfen aber nur wir
wissen andere nicht«
    Wir waren während dieser Erzählung eine gute Strecke vorwärts gekommen und
folgten nun einer ganzen Reihe von Tälern und Schluchten welche miteinander im
Zusammenhange standen aber nach so verschiedenen Richtungen führten dass es oft
schwer war zu sagen ob wir nach Nord oder Süd nach Ost oder West ritten
Schon waren wir über drei Stunden unterwegs Da stießen wir auf einen kleinen
Fluss dessen klarem Wasser man es ansah dass es nicht aus einer erdigen oder gar
lehmigen sondern aus einer felsigen Gegend kam
    »Das ist das Wasser der Höhle an dem wir nun aufwärts reiten werden« sagte
Intschuinta »Es kommt aus der Höhle und führt uns also direkt nach unserem
Ziele«
    Wir schwenkten in diese Richtung ein Als wir an dieses Wasser kamen hatten
wir den tiefsten Punkt unseres heutigen Weges erreicht Nun ging es wieder
aufwärts dem Mount Winnetou zu wenn auch von einer anderen Seite Wir hatten
einen großen Umweg gemacht In der Luftlinie standen wir dem Berge ganz
bedeutend näher Das Tal des Flüsschens war eng und dabei dicht mit Nadelholz
bewachsen Oft fanden wir vor lauter Baumwuchs kaum genug Platz zum
Vorwärtskommen Das dauerte weit über eine Stunde lang dabei wurden die Seiten
des Flusstales immer höher und höher Dann kam eine Stelle wo sie plötzlich weit
auseinandertraten und wohl eine halbe Reitstunde lang in schnurgerader Richtung
verliefen Dadurch entstand eine große lange pfannenähnliche Bodenvertiefung
deren Sohle der Fluss wie eine mit dem Lineal gezogene Schnur durchschnitt Eine
ganz erstaunliche Vegetation von Riesenbäumen stieg zu beiden Seiten hoch empor
Zwischen den gigantischen Stämmen gab es dichtes Unterholz in Menge Dicht war
auch das Gesträuch welches den Boden dieser Felsenpfanne bedeckte Einzelne
Laub und Nadelkronen ragten daraus empor Hier gab es Laub und Gras in reicher
Menge zum Futter für die Pferde Allerdings wenn die Pferde nach Tausenden
zählten und nicht nur einige Tage sondern längere Zeit zu bleiben hatten so
reichte auch diese Menge nicht aus
    »Das ist das Tal der Höhle« sagte Intschuinta
    »Und wo ist die Höhle« fragte das Herzle
    »Ganz hinten am Ende des Tales wo es direkt an den Mount Winnetou stößt
Kommt«
    Wir ritten weiter
    Also hier war es wo die verbündeten Sioux Utas Kiowa und Komantschen
sich verstecken wollten Der Platz war gar nicht übel von ihnen gewählt Nur lag
er von uns sehr weit entfernt und wer uns von hier aus überfallen wollte der
hatte vorher einen fünf Stunden langen mühsamen Weg zurückzulegen Oder gab es
vielleicht einen kürzeren bequemeren Weg Und war er unsern Gegnern bekannt
Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf Sie erschienen mir der Beobachtung
wert Und sonderbar kaum hatte ich ihnen Raum gegeben so parierte ich mein
Pferd und winkte den anderen auch innezuhalten Ich sah nämlich eine Spur Ich
stieg ab sie zu untersuchen Sie stammte von zwei Pferden die nicht denselben
Weg wie wir gekommen waren sondern links von der Höhe herab und zwar vor
höchstens einer Stunde Es gab also zwei Reiter die da vor uns waren Wer sie
waren konnte ich aus den Spuren nicht ersehen jedenfalls aber Indianer Ich
nahm meinen Revolver aus der Tasche Wir ritten weiter aber langsam und
vorsichtig so geräuschlos wie möglich immer einer hinter dem andern ich
voran Wir folgten den Spuren die in dem weichen von den Höhen
herabgeschwemmten Boden sehr deutlich zu sehen waren Sie führten am Fluße hin
zwischen den Büschen hindurch nach dem hinteren Teile der Talpfanne
    »Sie sind nach der Höhle« sagte Intschuinta »Sie kennen sie«
    »Und zwar so gut« fügte ich hinzu »dass sie quer über die wilden Vorberge
gekommen sind und sie dennoch gefunden haben Ihre Kenntnis ist also genauer
noch als die deine«
    Wir näherten uns dem Ende des Tales Es hörte da auf wo der Fluss direkt aus
dem Innern des Berges trat Eine Öffnung führte hinein Sie war dreimal breiter
als der Fluss und nur so hoch dass ein Reiter hinein konnte ohne sich bücken zu
müssen Das war der Eingang zu der großen Höhle die wir kennen lernen wollten
Vor diesem Eingange gab es einen kleinen freien Platz der von dem
herabstürzenden Steingeröll bestrichen wurde und darum vegetationslos war Am
Rande dieses Platzes angekommen hielten wir an denn nun sahen wir die beiden
Reiter die wir suchten Sie waren abgestiegen und lagen auf dem Bauche an der
Erde mit den Köpfen über etwas Weisses gebeugt was ein Papier oder sonst dem
ähnliches zu sein schien Ihre Pferde knusperten von den letztjährigen Zweigen
der Büsche Die beiden Sättel lagen in der Nähe dabei einige Taschen und
Pakete auch die Gewehre
    Wir stiegen ab und führten unsere Pferde eine kleine Strecke zurück um sie
dort anzubinden sonst konnten wir durch sie verraten werden Dann kehrten wir
wieder nach dem Buschrand zurück um die beiden Männer zu beobachten
    »Kennst du sie« fragte ich das Herzle
    »Nein« antwortete sie
    »Du hast sie aber gesehen«
    »Nein gewiss nicht«
    »Aber doch Sogar mehrere Stunden lang«
    »Wo«
    »Im Hause des Todes bei der Beratung der Häuptlinge Es sind die beiden
Medizinmänner der Kiowa und der Komantschen welche den Altar öffneten«
    »Wirklich«
    »Ganz gewiss«
    »Dein Auge ist sicherer als das meine Ich habe sie nur bei dem ungewissen
flackernden Licht der Feuer gesehen«
    »Ich auch Aber der Westmann gibt sich vor allen Dingen Mühe sich die
Gesichtszüge derer die ihm wichtig sind so gut wie möglich einzuprägen Darin
bist du nicht geübt Das Papier mit dem sie sich beschäftigen kann kein
gewöhnliches sein Mir scheint es ist eine Karte oder so etwas Sie fahren mit
den Fingern darauf herum heftig als ob sie sich stritten Sie sprechen dabei
so laut dass man es sogar hier bei uns fast hören kann Ich schleiche mich hin
sie zu belauschen«
    »Ich mit«
    »Nein liebes Herzle« lachte ich »In welcher Sprache willst du lauschen
Und dein Anschleichen dürfte wohl etwas laut ausfallen«
    »Schade Ich möchte gern auch mittun Wie nun wenn sie dich ermorden
wollen Erschiessen erschlagen oder erstechen«
    »So kommst du schnell mir zu helfen«
    »Das darf ich«
    »Ja das darfst du Du darfst sogar dabei schreien und brüllen und heulen
so sehr und so viel du nur willst«
    »So geh Ich komme sogar auf alle Fälle«
    Ich gab Pappermann und Intschuinta die nötige Anweisung und trat dann
zwischen die Büsche um mich zu den Indianern hinzuschleichen Das fiel mir
nicht schwer denn sie waren so sehr mit sich selbst beschäftigt dass sie weder
Augen noch Ohren für etwas anderes zu haben schienen Ich kam so nahe an sie
heran dass ich von dem Strauche aus der mich verbarg mit meiner Hand den Fuß
des auf dem Bauche ausgestreckten Kiowa hätte ergreifen können Das Thema
welches sie behandelten war von größter Wichtigkeit nicht nur für sie sondern
ebensosehr auch für mich
    Das was ich für Papier gehalten hatte war nicht Papier sondern Leder
seidendünn pergamentartig zubereitetes Leder auf beiden Seiten beschrieben oder
wohl auch bemalt Die eine Seite enthielt eine genaue Zeichnung des Mount
Winnetou und den Situationsplan des »Schlosses« welches der »Bewahrer der
großen Medizin« bewohnte Auf der anderen Seite befand sich eine ebenso genaue
Karte des Inneren der großen Höhle vor welcher wir uns befanden Das wusste ich
schon nach Verlauf der ersten Minute in der ich lauschte Die Unterhaltung war
sehr bewegt Die Karte wurde bald hinum und bald wieder herumgedreht Man
nannte suchte und fand die verschiedensten Namen Stellen und Punkte Das alles
hörte ich und merkte es mir Ich erfuhr dass die Karte dem Medizinmann der
Komantschen gehörte Sie war ein ur uraltes Erbstück seiner Familie Niemand
außer ihm durfte von ihr wissen und nur der große hochwichtige Zweck der heut
und hier zu verfolgen war hatte ihn veranlasst dieses Geheimnis zu lüften Der
Medizinmann der Kiowa war außerordentlich begierig darauf den Inhalt dieser
ledernen Urkunde genau kennen zu lernen und sich einzuprägen
    »Also es ist gewiss und wahrhaftig und wirklich so wie es hier steht«
fragte er
    »Ja wirklich« nickte der Komantsche
    »Wir liegen jetzt hier an dieser Stelle«
    dabei deutete er auf den betreffenden Punkt der Karte
    »Ja« antwortete der andere
    »Und von hier aus kann man unterirdisch bis auf den Mount Winnetou kommen
Nicht nur gehend sondern sogar zu Pferde«
    »Gewiss zu Pferde«
    »Und auf diesem Wege willst du uns und unsere viertausend Krieger nach oben
führen um TatellahSatah und seinen ganzen Anhang zu überfallen Uff Uff Das
ist ein großer Plan ein sehr großer Plan Hat mein roter Bruder diesen Weg
schon einmal gemacht Ist er schon einmal oben gewesen«
    »Nein aber einer meiner Ahnen hat es heimlich versucht und es gelang Der
Weg endet an mehreren Stellen es gelang ihm aber nur das eine Ende zu
erreichen nach dem auch ich gelangen will«
    »Das ist hinter dem Schleierfall«
    »Ja Das ist der einzige Punkt den man zu Pferde erreichen kann Zu den
anderen Punkten kann man nur zu Fuß kommen«
    »Aber wenn es nicht gelingt Wenn über viertausend Menschen in der Höhle
stecken ohne vor oder rückwärts zu können Bedenke mein Bruder was so viele
Menschen und so viele Pferde brauchen«
    »Ich habe es bedacht Ich bin darum vorausgeritten um die Höhle vorher zu
untersuchen Und ich nahm dazu nur dich meinen roten Bruder mit keinen andern
Menschen weil du ebenso ein Bewahrer der Medizinen bist wie ich und
TatellahSatah Dir darf ich vertrauen«
    »So lass uns keine Zeit verlieren sondern beginnen«
    Er stand auf
    Sie hatten sich also nicht gezankt sondern es hatte infolge ihrer
Lebhaftigkeit nur so geschienen Der Komantsche erhob sich auch vom Boden Er
legte die Karte mit großer sorgfältiger Langsamkeit zusammen um sie dann
einzustecken Da richtete auch ich mich auf trat hinter dem Gezweig hervor und
sagte
    »Meine roten Brüder werden wahrscheinlich doch ein wenig Zeit verlieren ehe
sie beginnen«
    »Uff« rief der Kiowa erschrocken »Ein Weisser«
    »Uff uff Ein Bleichgesicht« rief zu gleicher Zeit auch der Komantsche
    Ich riss ihm das Pergament aus der Hand steckte es nicht in seine sondern
in meine Tasche stellte mich so dass sie nicht zu ihren Gewehren konnten und
fuhr fort
    »Ich nehme diese Karte einstweilen zu mir weil ich euch helfen werde den
darauf bezeichneten Weg durch die Höhle zu finden«
    Nun hatten sie sich von ihrer Überraschung erholt Sie richteten sich hoch
und kampfbereit auf
    »Wer bist du dass du es wagst mich zu bestehlen« fragte der Komantsche
    dabei näherte er sich mir um zu seinem Gewehre zu gelangen Ich zog den
Revolver spannte ihn und antwortete
    »Ich stehle nicht Wenn diese Karte dein rechtmässiges Eigentum ist wirst du
sie wiederbekommen Weg von den Gewehren sonst schieße ich Ich bin nicht
allein«
    Ich winkte Da kamen Pappermann Intschuinta und die Winnetous das Herzle
langsam hinterher
    »Uff uff« rief der Kiowa als er Pappermann erblickte »Ein halbes blaues
Gesicht«
    »Und eine weiße Squaw« fügte der Komantsche hinzu jetzt wirklich
erschrocken
    »Ihr habt von diesem blauen Gesicht und von dieser Squaw gehört Wer also
bin ich« fragte ich
    »Old Shatterhand« antwortete der Komantsche
    »Old Shatterhand« rief auch der Kiowa »Unser Feind unser grimmigster
Feind«
    »Das ist eine Lüge Ich bin keines Menschen Feind Ja ich könnte wohl eher
der Feind eines Weißen als eines Roten sein Fragt eure Häuptlinge wie ich sie
geschont habe Fragt eure alten Krieger ob sie ein Wort des Hasses von mir
hörten oder euch eine einzige Tat der Rache von mir berichten können Ich liebe
alle Menschen und ich liebe auch euch Ich will euer Glück und trete darum
jeder eurer Absicht entgegen die euch zum Unglück führt Eine solche Absicht
ist es die ihr heut verfolgt Ich dulde nicht dass sie zur Ausführung kommt
Setzt euch wieder nieder und gebt eure Messer ab Ihr seid gefangen«
    »Wir sind nicht gefangen sondern   «
    Mit diesen Worten sprang der Komantsche auf mich ein doch wich ich einen
Schritt nach rechts fasste ihn an der Seite und warf ihn zur Erde Intschuinta
der Riese kniete ihm auf die Brust und überwältigte ihn ohne alle Mühe Ebenso
verfuhr der wackere alte Pappermann mit dem Kiowa In kürzester Zeit waren die
beiden Gefangenen derart gefesselt dass sie sich nicht rühren konnten Wir
setzten uns zu ihnen nieder Die Winnetous holten unsere Pferde Ich aber nahm
vor allen Dingen die Karte wieder aus der Tasche und schlug sie auf um sie
genau zu betrachten Sobald ich den ersten Blick auf sie geworfen hatte wusste
ich woran ich war Ich wendete mich an den Komantschen
    »Avattowah der Medizinmann der Komantschen mag mir sagen ob er eine
große Sammlung von Büchern also eine Bibliothek besitzt«
    »Ich habe keine« antwortete er »Es gibt bei allen Männern der Komantschen
keine«
    »Weiß Avattowah vielleicht wo es eine gibt«
    »Hier am Mount Winnetou bei TatellahSatah«
    »Sonst nirgends«
    »Ich weiß keine andere«
    »So wirst du diese Karte nicht wiederbekommen Ich habe sie ihrem
rechtmäßigen Eigentümer auszuliefern Sie gehört TatellahSatah Sie wurde ihm
gestohlen«
    »Das ist eine Lüge« brauste der Medizinmann auf
    »Das ist keine Lüge sondern die Wahrheit«
    »Beweise es«
    »Sofort Nur besitzest du wahrscheinlich nicht die Kenntnisse welche dazu
gehören zu verstehen was ich sage Diese Karte ist nämlich numeriert und zwar
im alten Pokontschidialekt der Mayasprache Hier unten in dieser Ecke stehen
die Hunderter Iotuc dh fünfmal vierzig das bedeutet also zweihundert Und
hier in der anderen Ecke stehen die Zehner und Einer wuklaj das heißt sieben
und zehn also siebzehn Diese Karte ist also Nummer zweihundertsiebzehn der
betreffenden Bibliothek oder einer ihrer Abteilungen Ich werde sie
TatellahSatah zeigen und es wird sich herausstellen dass sie ihm gehört«
    »Nichts hast du ihm zu zeigen und nichts hat ihm zu gehören Diese Karte
ist allerdings gestohlen aber erst jetzt von dir Du bist der Dieb«
    »Schweig sonst geb ich dir eins auf das Maul alter Spitzbube« unterbrach
ihn Pappermann »Wo sind die Brüder Enters«
    Das war kein übler Trick dass er diesen Namen brachte Die beiden Roten
erfuhren dadurch in bequemster Weise dass wir nicht so unwissend waren wie sie
wahrscheinlich annahmen Sie konnten ihre Überraschung nicht ganz verbergen
doch beherrschten sie sich schnell und der Komantsche fragte in gleichgültigem
Tone
    »Enters Wer ist das«
    »Das sind die zwei Brüder die versprochen haben uns an euch auszuliefern
Nun wisst ihr genug um überzeugt sein zu können dass wir gar keinen Grund und
gar keine Lust haben euch in Samt und Seide einzuwickeln Sagt noch ein
einziges Wort was uns nicht gefällt so setzt es Hiebe ganz gewaltige Hiebe
ab«
    Es wäre zwar besser gewesen wenn Pappermann mich hätte reden lassen aber
heut war es nach seinen früheren Jahren zum ersten Male seit langer langer
Zeit dass er wieder einmal Gefangene vor sich hatte und so gönnte ich dem
alten braven Burschen ganz gern die billige Genugtuung ein wenig zu
bramarbasieren Die beiden Medizinmänner waren von jetzt an still Der Name
Enters hatte sie bedenklich gemacht
    Wir mussten zunächst essen Des Herzle packte also die mitgebrachten Speisen
aus und legte uns vor Die Pferde wurden abgesattelt Sie durften trinken und
sich dann ihr grünes Futter suchen Mir war die Karte ganz selbstverständlich
wichtiger als das Essen Ich studierte sie genau und zog dabei Intschuinta zu
Rate der mir versichert hatte dass er die Höhle genau kenne Da stellte sich
ein Widerspruch zwischen ihm und der Karte heraus Nach der letzteren gab es
hier unten im Tale allerdings nur den einen Eingang zur Höhle vor dem wir uns
befanden droben auf der Höhe aber drei verschiedene Ausgänge zwei schmale und
einen breiten Der breite war der Pferdeweg der hinter dem Schleierfall
mündete Die beiden anderen waren Fusswege die an einer gewissen Stelle von dem
Pferdeweg abzweigten noch eine Strecke beisammen blieben und dann sich teilten
Der eine mündete droben im Schloss an welcher Stelle das war nicht zu sagen
es genau zu bestimmen war die Zeichnung zu klein Der andere stieg nicht ganz
so hoch Er ging im Binnentale aus wie es schien in der Nähe der angefangenen
Riesenstatue Winnetous oder einer der beiden Teufelskanzeln Intschuinta aber
kannte keinen dieser drei Ausgänge Er wusste zwar dass früher in alten Zeiten
mehrere Ausmündungen der Höhle vorhanden gewesen seien doch habe man sie
zugeschüttet Warum das wusste er nicht Er behauptete dass der Höhlenweg immer
breit und sehr gut gangbar im Innern des Berges aufwärts führe bis er
plötzlich schmal werde und dann vor einer Tropfsteingruppe ende Diese Gruppe
liege etwas seitwärts vor dem Schleierfalle den man noch in der Höhle stürzen
höre wenn man scharfe Ohren habe
    Wer hatte nun recht Intschuinta oder die Karte Jedenfalls die letztere
Ich beschloss also mich auf sie zu verlassen wenigstens in Beziehung auf den
oberen Teil der Höhle und die dort befindlichen Ausgänge Bis dorthin aber
konnte ich der Ortskenntnis des »Dieners« vollständig trauen Darum beschloss
ich die Pferde nicht hier zu lassen sondern mitzunehmen Wir hatten
angenommen nach dem Eingang zurückkehren zu müssen aber wenn es oben einen so
breiten und bequemen Ausgang gab wie er auf der Karte verzeichnet war so
befanden wir uns dort ja schon daheim und hatten nicht nötig den Rückweg durch
die Höhle zu machen und dann noch fünf Stunden weit nach Hause zu reiten
Intschuinta blieb zwar dabei dass wir zumal mit den Pferden unbedingt
gezwungen sein würden wieder umzukehren ich aber war der Ansicht dass kein
vernünftiger Mensch auf den Gedanken gekommen sein könne die drei Ausgänge
völlig zuzuschütten Ich nahm vielmehr an dass sie nur maskiert also versteckt
worden seien und verließ mich da auf meine Kombination und auf meine guten
Augen
    Sofort nach dem Essen bereiteten wir uns zur Durchforschung der Höhle vor
Wir selbst hatten Fackeln und Lichter mitgebracht und als wir die Pakete der
beiden Gefangenen öffneten sahen wir dass auch sie sehr reichlich damit
versehen waren Der Feuchtigkeit und Kühle wegen hatten wir uns große dünne
aber wasserfeste indianische Decken mitgenommen die wir wie Mäntel um uns legen
konnten Die Pferde wurden wieder gesattelt die Medizinmänner auf die ihrigen
festgebunden einige Fackeln angebrannt und dann begannen wir den
unterirdischen Ritt von dem ich mir so gute Erfolge versprach obgleich ich gar
nicht wusste woher sie kommen sollten
    Ich würde mehrere Druckbogen brauchen um das Innere dieser wunderbaren
Höhle auch nur einigermaßen zu beschreiben doch kann ich dies einstweilen
unterlassen da sich mir später reichlich Gelegenheit geben wird sie so zu
schildern wie sie es verdient Sie kommt in Winnetous Testament des öfteren vor
und ist dort der Schauplatz von Begebenheiten über die ich jetzt noch schweigen
muss Wir ritten durch eine geradezu herrliche Unterwelt Voran Intschuinta mit
einem Winnetou als Fackelträger hinter ihnen ich mit dem Herzle hierauf die
Gefangenen dann Pappermann mit den übrigen Winnetous von denen einer die
zweite Fackel trug Wo es nötig war zündeten wir uns zu den Fackeln auch noch
Lichter an
    Der Weg ging unausgesetzt aufwärts und zwar oft ziemlich steil Die Höhle
war sogar an ihren niedrigsten Stellen so hoch dass wir nirgends von den Pferden
zu steigen brauchten Kein einziger der unterirdischen Räume durch die wir
kamen glich einem anderen Es folgte Abwechslung auf Abwechslung Überraschung
auf Überraschung Oft war die Überraschung so groß dass wir uns lauter Ausrufe
der Bewunderung nicht enthalten konnten Es war ein Reich der herrlichsten
Tropfsteinmärchen welches wir da kennen lernten Die köstlichsten Gedanken zu
Spat Aragonit und Sinter erstarrt wuchsen als Stalaktiten von oben herab
Ebenso köstliche Stalagmiten stiegen ihnen von unten aus entgegen um sich mit
ihnen zu Pfeifen Säulen Orgeln und anderen Gebilden zu vereinigen von denen
man kaum glauben konnte dass sie der Erde angehörten Wir aber hatten leider
nicht Zeit zu eingehender Betrachtung die wir uns für später aufheben mussten
Es drängte uns vorwärts vorwärts hinauf nach der Stelle wo es sich zu
entscheiden hatte ob wir weiter konnten oder nicht So ritten wir durch Gänge
und Tunnels durch kleine Kammern und riesige Säle durch Refektorien und
Kirchen durch Vorhöfe und weite Säulenhallen durch Veranden und Korridore Wir
kamen an Abgründen vorüber in deren Tiefe der Fluss rauschte Wir schlüpften
zwischen dünnen Wasserfäden hindurch die wie aus unsichtbaren Gartenschläuchen
spritzten Wir kamen über Stellen wo es zu regnen schien Wir sahen Kaskaden
springen und Wasserstrahlen aus unsichtbaren Dachtraufen stürzen Aber wir
verweilten uns nicht weiter ging es immer weiter bis endlich der breite Weg
zu Ende war Er wurde mit einem Male so schmal und so unbequem dass nur noch
Fußgänger vorwärts konnten
    »Du siehst dass ich recht hatte« sagte Intschuinta »Der Weg für Pferde
ist zu Ende Er führt nicht weiter Es gibt keine Mündung die hinter dem
Schleierfall einen Ausgang bildet«
    Er schien recht zu haben Wir befanden uns in einem breiten Gange der vor
einer Doppelgruppe von Stalaktiten und Stalagmiten Halt machte und sich dann als
sehr schmaler Weg von dieser Gruppe nach rechts wendete Nach der Karte aber
machte er diese Wendung nicht sondern er ging geradeaus nachdem er den
schmalen Pfad von sich abgezweigt hatte Das war der entscheidende Punkt Jetzt
musste es sich zeigen ob ich mich auf meine Augen und auf mein
Kombinationsvermögen verlassen konnte oder nicht Ich begann die
Tropfsteingruppe zu untersuchen und sah sehr bald dass es gar keiner großen
Klugheit bedurfte das Richtige zu entdecken
    Stalaktiten sind nämlich die Tropfsteine die sich von oben also von der
Decke herab bilden Unter Stalagmiten aber versteht man die Tropfsteine die
aus dem Boden in die Höhe wachsen Treffen beide in der Mitte zusammen so
bilden sich nach und nach Säulen und Säulengruppen Die Stalagmiten entstehen
anders als die Stalaktiten Beide sind sehr leicht voneinander zu unterscheiden
weil sie nicht dieselbe Struktur besitzen Hier nun sah ich sogleich dass die
von oben herabhängenden Tropfsteine echt waren die von unten emporragenden aber
waren nicht echt sie waren Stalaktiten keine Stalagmiten Sie waren nicht hier
an dieser Stelle entstanden sondern man hatte sie hergeschaft und hier
zusammengestellt Warum und wozu Sehr einfach Um den breiten Pfad
abzuschneiden um ihn zu maskieren zu verbergen ganz genau so wie ich
vermutet hatte
    Ich rüttelte an dem äußersten dieser Steine er ließ sich bewegen Ich
schaffte ihn zur Seite Um das zu tun war ich vom Pferde gestiegen Die anderen
folgten diesem Beispiele und halfen auch die nächsten Steine zu entfernen
Dadurch wurde schon nach kurzer Zeit der breite Weg wenigstens so weit frei dass
wir uns von seiner Fortsetzung überzeugen konnten Wir vergrösserten die Bresche
bis ein Mann hindurch konnte Da forderte ich Pappermann und einen der
fackeltragenden Winnetous auf mir in die Lücke zu folgen Ich wollte sehen was
dahinter lag Die anderen sollten warten und inzwischen noch so viele Steine zur
Seite schaffen bis auch die Pferde passieren konnten
    Wir drei nahmen zu der einen brennenden Fackel noch eine zweite als Reserve
mit und drangen dann weiter vor natürlich zu Fuße Es ging jetzt noch steiler
empor als vorher Bald hörten wir es vor uns rauschen dann brausen dann
donnern ganz wie in der unmittelbaren Nähe des Niagarafalles Dieses Brausen
und Tosen wurde so stark dass wir unsere eigenen Worte nicht mehr hörten Die
Wand zu unserer Rechten sank in die Tiefe die zu unseren Linken blieb Von oben
dämmerte es als ob der Tag durch eine starke Milchglasscheibe zu uns
herniederschaue Und plötzlich nach einer Biegung des Weges sahen wir ihn
stürzend herniederbrausen den Schleierfall in die Unterwelt in der er sich zu
dem Flüsschen bildete an dem wir vorhin nach der Höhle geritten waren Es wehte
ein so scharfer Wind dass wir die Hüte festhalten mussten Wir schritten wie auf
einer Felsenstrasse der Schweiz Auf der einen Seite die Felswand auf der
anderen der gähnende Abgrund in dem der Wasserfall verschwand Keine Barriere
schützte uns Aber der Weg war fest und so breit dass vier Pferde nebeneinander
gehen konnten So passierten wir den Wasserfall in seiner ganzen Breite bis wir
an ihm vorüber waren das Oberlicht verschwand und wir uns wieder nur auf das
Licht unserer Fackel verlassen mussten Hierauf ging es durch einen sehr aufwärts
strebenden Stollen der nicht geraden Laufes sondern gebogen war Hier ließ
sich das Geräusch des Wasserfalles wieder vernehmen Es wurde immer stärker und
stärker und als es so stark geworden war dass es uns beinahe betäubte sahen
wir wieder den Schein des Tages doch nicht von oben sondern von vorn Wir
gingen darauf zu und befanden uns wenige Augenblicke später im Freien Oder
vielmehr nicht eigentlich im Freien sondern zwischen der tosenden Masse des
Schleierfalles und dem hochaufstrebenden Felsen von dem sie sich
herunterstürzte Wir standen hart an dem Abgrunde in dem sie verschwand Da
unten waren wir soeben vorübergekommen Wir befanden uns genau in derselben
Lage wie die Besucher des Niagarafalles die sich hinter die
herniederschmetternde Wogenwand bringen lassen um dann später davon erzählen zu
können Man brauchte nur zwischen Wasser und Felsen nach dem äußersten Ende des
Falles zu gehen um durch ein dort befindliches Pflanzengestrüpp hinaus auf die
feste trockene Erde zu gelangen
    Ich wusste nun genug Wir kehrten also nach der Stelle zurück an der sich
unsere Begleiter befanden Als wir dort ankamen waren sie mit ihrer Arbeit noch
nicht fertig Die fortzuschaffenden Steine besaßen ein derartiges Gewicht dass
lange Zeit dazu gehörte sie zu entfernen Das benutzte ich zu einer weiteren
Exkursion Ich wollte nun auch wissen wohin der schmale Weg uns führte Hiezu
ließ ich mich aber nicht von Pappermann sondern von Intschuinta und einem
Fackelträger begleiten Das Herzle bat mitgehen zu dürfen und ich willigte
ein obgleich ihre Gegenwart uns das Suchen nicht erleichtern sondern nur
erschweren konnte
    Ich rechnete dass wir uns hier fast genau unter der Stelle befanden auf
welcher da oben die gewichtige Winnetoustatue sich im Bau zu erheben begann Von
hier aus bis zu der Stelle wo der schmale Weg sich nach der Karte in zwei noch
schmälere Wege teilte war gar nicht weit Als wir hingelangten sah ich
augenblicklich dass hier wieder Stalaktiten anstatt Stalagmiten lagen Man hatte
also auch da maskiert Intschuinta merkte nichts Er blieb nicht stehen Er
ahnte nicht dass sich hier einer der schmalen Wege abzweigte und ging mit dem
Fackelträger weiter Ich folgte ihnen ohne etwas zu sagen Der Weg den sie
versäumten war jedenfalls derjenige der bei den Teufelskanzeln mündete Den
wollte ich mir aber für mich allein aufheben Der weitere Weg führte nach der
Karte hinauf zum Schloss und den hätte ich sehr gern heut noch kennen gelernt
Wir folgten darum dem schmalen Weg so weit bis er zu enden schien
    »Da hört er auf« sagte Intschuinta indem er stehen blieb
    »Und geht nicht weiter« fragte ich
    »Nein Genau wie vorhin«
    »Ja genau wie vorhin Nimmt man die Steine weg die ihn verhüllen so sieht
man sofort dass er nicht alle ist sondern sich hinter den Steinen fortsetzt
Fort mit ihnen«
    Diese Stalaktiten waren nicht schwer Ich hob einige zur Seite Intschuinta
half Was ich gedacht hatte das zeigte sich der Weg ging weiter Hier war es
gar nicht nötig alle Steine zu entfernen Es genügte über sie hinwegzusteigen
Dann hinderte uns nichts mehr weiter zu gehen Wir taten es Aber von hier an
hörten die Tropfsteine auf Es gab nur noch Höhlen ohne Sinterbildung Und sie
lagen immer eine höher als die andere Man hatte zu steigen Schließlich hörte
diese Bildung natürlicher Hohlräume ganz auf und es ging zwischen Felsenspalten
empor auf künstlichen Stufen und Gängen die übermauert waren dabei war die
Luft außerordentlich trocken und rein Ich hatte nicht nach der Uhr gesehen und
auch weder die Stufen noch unsere Schritte gezählt aber es war mir als ob wir
schon weit über eine Viertelstunde emporgestiegen seien da hörten die Stufen
plötzlich auf Wir konnten nicht weiter Wir befanden uns auf einer schmalen
steinernen Treppe Unter uns die Stufen rechts Mauer links Mauer über uns
Mauer Nirgends eine Türe ein Fenster eine Öffnung oder sonst etwas dem
Ähnliches Wie da hinauskommen
    Grad über der letzten also obersten Stufe war eine Steinplatte angebracht
Sie konnte nicht schwer sein denn sie war höchstens drei Spannen im Geviert
Ich versuchte sie zu heben Es ging nicht Sie hatte zwei Vertiefungen die
jedenfalls nicht ohne Absicht angebracht worden waren Ich konnte das Heft
meines Messers hineinstecken Dadurch gewann ich einen Griff die Platte zu
verschieben Ich versuchte dies nach vorn nach hinten nach rechts  
vergeblich Aber nach links bewegte sie sich endlich Ich hatte das Gefühl als
ob sie auf einer Rolle laufe Es entstand über mir eine viereckige Öffnung
durch welche ich steigen konnte Ich tat dies aber nicht sofort sondern ich war
so vorsichtig meinen Kopf nur erst bis zu den Augen hineinzustecken Was sah
ich
    Einen sehr hohen achteckigen gemauerten Raum mit zwei Türen Die Wände
waren vollständig mit Passifloren26 überwachsen deren Ranken bis hinauf an die
Decke reichten wo es rundum zahlreiche Oeffnungen gab das nötige Licht
hereinzulassen Die Ranken waren so dicht dass man von der darunterliegenden
Mauer nichts sehen konnte Sie grünten und blühten und zwar fast überreich Dass
dies noch jetzt in der ziemlich späten Jahreszeit geschah war wohl eine Folge
der Höhenlage und auch des Umstandes dass die Vegetation nicht im Freien
stattfand sondern auf das Innere eines geschlossenen Raumes angewiesen war Die
Passionsblume hat bekanntlich über zweihundert Arten hier aber waren nur zwei
derselben vertreten Die eigentliche Flächenbekleidung wurde von Passiflora
quadrangularis gebildet deren Prachtblumen innen rosenrot angehaucht einen
Durchmesser von zehn Zentimeter besaßen Das ergab rundum eine Blütenpracht
sondergleichen Von diesem Untergrunde stach an der einen Wand eine vollständig
weiß blühende Passiflora incarnata ab die so gezogen und beschnitten war dass
sie ein vier Meter hohes aufrechtstehendes Kreuz bildete ein ganz auffälliges
Zeichen des Christentums hier an diesem mir fremden geheimnisvollen Orte Mir
gegenüber gab es eine Tür welche nicht geöffnet war Und da wo ich mich
befand schien auch eine zu sein nur konnte ich sie nicht eher sehen als bis
ich höher stieg und dann aus der Öffnung heraustrat Da stellte es sich denn
heraus dass hier auf unserer Seite des Passiflorenraumes mehrere Stufen zu einem
Ausgange emporführten welcher verriegelt war Ich stieg hinauf schob den
Riegel zurück und öffnete Da stand ich draußen im Freien nahm mir aber nicht
Zeit die Stelle zu bestimmen an der ich mich befand sondern machte die Tür
wieder zu ging die Stufen wieder hinab und forderte Intschuinta auf
heraufzukommen und mir zu sagen ob er wohl wisse wo wir seien Er tat es Kaum
sah er den Raum so rief er verwundert aus
    »Uff Das ist die Blumenkapelle in welcher TatellahSatah zu beten pflegt«
    »Zu wem betet er da« fragte ich
    »Zum großen guten Manitou Zu wem sonst«
    »Aber da ist doch das Kreuz das Sinnbild des Christentums«
    »Das stammt von Winnetou Er hat es gepflanzt Er sagte das sei das Zeichen
seines Bruders Old Shatterhand Er verstehe es noch nicht aber er werde es
verstehen lernen je höher es hier wachse Er hatte dich so lieb so unendlich
lieb«
    Man kann sich wohl denken wie tief mich das ergriff Aber ich musste diese
Rührung schnell überwinden und fragte weiter
    »Wohin führt die Tür die uns da gegenüberliegt«
    »Nach TatellahSatahs Schlafgemach«
    »Und die hier über den Stufen«
    »Hinaus auf den Berg Niemand hat geahnt dass es außerdem eine Falltüre
gibt durch die wir jetzt gekommen sind«
    Der Verschluss dieser Falltüre bestand in der Platte welche ich von ihrem
Platze entfernt hatte Sie war unter den Fussbodensteinen derjenige welcher von
der Seite her direkt an die unterste Stufe stieß in die er weil sie hohl war
hineingeschoben werden konnte Indem ich das getan hatte war die Falltüre
geöffnet worden Ich brauchte ihn nur in seine vorige Lage zurückzuschieben so
war sie wieder zu
    Nun stieg auch das Herzle mit dem Fackelträger herauf Sie brach beim
Anblick der unzähligen Leidensblumen in einen Ausruf der Bewunderung aus Sie
hatte da unten im Gange nicht gehört was mir von Intschuinta gesagt worden
war Dennoch erriet sie sofort den Zweck dieses Raumes
    »Das ist ein Zimmer zum Gebet«
    Mit diesen Worten schritt sie nach der Mitte der Stube Dort stand eine
Bank die mit einem Fell überkleidet war Sie setzte sich darauf dem Kreuz grad
gegenüber und sprach weiter
    »Hier sitzt TatellahSatah um mit Gott seinem einzigen Herrn zu sprechen
Er hat das Kreuz vor sich das Erdenleid welches den einzelnen Menschen und
ganze Völker erlöst Da betet er für die Erlösung seiner Rasse Hier möchte ich
sitzen und mit ihm beten dass ihn der Herrgott erhöre«
    »Tue es« antwortete ich »Wir gehen jetzt fort doch nur um
wiederzukommen«
    »Hierher« fragte sie
    »Ja hierher«
    »Wann«
    »Vielleicht schon in einer halben Stunde Ich kehre in die Unterwelt zurück
um die beiden Gefangenen zu holen und auf diesem verborgenen Wege in das Schloss
zu bringen Da sieht sie kein Mensch außer uns Ich wünsche dass niemand von
ihren Angehörigen und Genossen erfahre wo sie sich befinden Es hat keinen
Zweck dass du uns in die Höhle zurückbegleitest Du müsstest doch mit uns wieder
hier herauf«
    »Gut so bleibe ich Aber was tue ich wenn mich jemand hier erwischt«
    »Du würdest als Freundin behandelt werden sei es wer es sei Übrigens ist
es gar nicht nötig dass du dich erwischen lässest Du brauchst nur hier die
Stufen hinauf und in das Freie zu gehen so bleibst du ungesehen Es würde wohl
niemandem einfallen nachzusehen ob die Tür angelehnt ist oder nicht«
    »Ja richtig Also ich warte hier«
    Sie setzte sich wieder auf die Bank Wir anderen aber stiegen wieder in den
Gang hinab Wir ließ ihn nicht offen sondern ich schob die Steinplatte wieder
vor Dann kehrten wir nach der Stelle zurück wo unsere Gefährten auf uns
warteten Sie waren mit ihrer Arbeit die Stalaktiten wegzuräumen fast zu Ende
Ich setzte mich nieder um die wenigen Minuten zu warten Als ich still saß
fühlte ich dass es von der Decke auf mich niedertropfte Aber es war nicht
Wasser sondern zerriebenens Gestein Es streute wie Mehl oder Sand auf mich
herab Zuweilen war auch ein erbsen bohnen oder nussgrosses Stück dabei Ich
schaute empor Das Licht unserer Fackeln reichte nicht bis ganz hinauf trotzdem
sah ich grad über mir einen schmalen Riss aus dem es bröckelte Das war in einer
solchen Höhle nichts Auffälliges Darum kam ich gar nicht auf den Gedanken nach
den Ursachen dieses Risses zu fragen Und doch war es wie sich später zeigte
von außerordentlicher Wichtigkeit für uns
    Als der breite Weg freigeworden war sagte ich dass wir uns hier zu trennen
hätten Die beiden Medizinmänner hatten mit mir Intschuinta und einem
Fackelträger zu Fuß nach oben zu steigen Die andern aber ritten indem sie
unsere ledigen Pferde mitnahmen unter Pappermanns Führung den vorhin von uns
entdeckten Weg empor der hinter dem Schleierfalle mündete Von dort aus hatten
sie sich sogleich nach dem Schloss zu wenden Wir warteten bis sie fort waren
Dann verband ich den Medizinmännern die Augen und verbat mir alles Widerstreben
Hierauf nahm ich den Komantschen und Intschuinta den Kiowa beim Arme Der
Fackelträger schritt voran So stiegen wir den schon einmal gemachten Weg nach
dem Passiflorenraum empor Das ging weil die Augen der Gefangenen verbunden
waren so langsam dass wir nicht wie ich gesagt hatte nach einer halben
Stunde sondern erst nach über einer ganzen Stunde droben bei den letzten Stufen
ankamen Da machte ich mich daran die Platte auf die Seite zu schieben Indem
ich dies tat hörte ich Stimmen Es schien jemand bei meiner Frau zu sein Ich
öffnete die Falltür so geräuschlos wie möglich Dann schob ich vorsichtig nur
den oberen Teil meines Kopfes bis an die Augen hinaus um zu sehen wer da
sprach Das Herzle war verschwunden jedenfalls durch die Treppentür hinaus in
das Freie Jetzt saß TatellahSatah auf der Bank dem Kreuze gegenüber Bei ihm
standen zwölf Apatschenhäuptlinge jüngeren Alters von denen ich keinen kannte
Der älteste von ihnen war nicht über fünfzig Jahre alt Der alte »Bewahrer der
großen Medizin« sprach mit sehr bewegter Stimme zu ihnen Ich hörte die
Fortsetzung des angefangenen Satzes
    »Unser guter Manitou ist größer millionenmal größer als die roten Männer
bisher glaubten Sie nahmen an er sei nur ihr Gott nicht aber auch der Gott
aller Anderen die da leben Falls dies auf Wahrheit beruhte wie klein wäre er
da wie klein Der Gott einiger armen Indianerscharen die von den
Bleichgesichtern zermalmt zerquetscht und zertreten werden Wie groß und wie
mächtig müsste dagegen der Gott der Weißen sein Und wie sehr müssten wir da
wünschen dass dieser Gott der Weißen an Stelle des ohnmächtigen Manitou der
Indianer trete Doch dieser Wunsch wurde uns erfüllt noch ehe wir ihn
empfanden Schaut hin auf das Kreuz Es blüht um uns zu erlösen Es nimmt uns
Manitou um Manitou uns zu geben Es sagt uns dass es nur einen einzigen gibt
den Allmächtigen den Allweisen den Allstarken den Allgütigen und dass wir ihn
seiner Allstärke und seiner Alliebe berauben indem wir ihn nur für uns haben
wollen für uns allein die wir die unglücklichste aller Nationen sind und die
schwächste aller Rassen Das Kreuz ruht in der Erde und ragt zu Gott empor Das
ist das eine was es bedeutet Aber es breitet seine beiden Arme aus um
jedermann und alle Welt zu umfangen Das ist das andere was es bedeutet
Niemand von uns hat das gewusst Old Shatterhand war es der uns dieses Wissen
brachte Wir aber nahmen es nicht an Ein Einziger nur bewegte diese Kunde in
seinem Herzen Dieser Einzige war Winnetou Er beobachtete er prüfte Er
begann zu glauben Und je fester dieser sein Glaube wurde desto öfter kam er
zu mir um mich zu bitten diese Leidensblumen und dieses Kreuz an die
Lieblingsstätte meiner Gebete pflanzen zu dürfen Es war sein inniger Wunsch
Old Shatterhand zu mir zu bringen Sein weißer Bruder sollte hier an dieser
Stelle sehen wie der Kreuzesgedanke und die Überzeugung von einem einzigen
großen Manitou im Herzen seines roten Bruders Wurzel gefasst und sich zur Blüte
und Frucht entwickelt habe Ich aber war dagegen Ich hasste Old Shatterhand Da
ging Winnetou der Herrliche der Unvergleichliche hin und kam nicht wieder
Doch was in seinem Herzen lebte das kehrte zurück Das kam zu mir Das trieb
mich tagtäglich hierher in diesen Raum Das lehrte mich nachdenken Das brachte
mir Licht Das lehrte mich beten nicht zu dem schwachen kleinen Manitou der
roten Männer sondern zu dem gewaltigen unendlichen erhabenen Manitou Old
Shatterhands der allein imstande ist uns seine roten Kinder neu zu beseelen
damit wir endlich werden was wir werden sollten aber nicht geworden sind Heut
ist er da Old Shatterhand dem ich mein Haus und mein Herz versagte Heut liebe
ich ihn Heut weiß ich es dass ich nichts vermag ohne ihn ganz ebenso wie die
rote Rasse ohne die weiße nichts vermag Er wird das Bleichgesicht sein welches
die uns verloren gegangenen Medizinen zurückzubringen hat Wisst ihr was das
bedeutet Er wird es sein der uns in Liebe vereint obgleich wir uns im Hass
zerstören wollen Und während wir  «
    Er hielt mitten im Satze inne Unsere Fackel die wir noch nicht hatten
auslöschen können begann sehr laut zu knistern Sie sprühte Funken Sie gab
Rauch der neben mir aus der Öffnung stieg und von den Indianern sofort
gerochen und gesehen wurde Sie schauten alle zu mir her TatellahSatah stand
überrascht von seinem Sitze auf So blieb mir nichts anderes übrig als um mich
sehen zu lassen aus der Bodenöffnung zu steigen
    »Old Shatterhand« rief er aus »Old Shatterhand von dem ich spreche«
    »Old Shatterhand Er ists Er ists« wurde er von den Häuptlingen gefragt
    »Ja er ist es« antwortete er »Ein Loch im Boden Wo führt es hin Wo
kommst du her«
    Diese letzteren Worte waren an mich gerichtet Ich ging auf ihn zu zog die
Karte die ich dem Medizinmann der Komantschen abgenommen hatte aus der Tasche
faltete sie auseinander gab sie ihm und antwortete
    »Schau hier nach So wirst du sehen woher ich komme«
    Er sah die Überschrift und er sah die Zahl da rief er auch schon aus
    »Aus der geheimen Bibliothek Die hochwichtige Karte die einem meiner Ahnen
gestohlen worden ist Nach deren Dieb wir bisher vergeblich forschten Im
Verdacht stand der damalige Medizinmann der Komantschen der mehrere Wochen lang
hier Gast gewesen war und die Bibliothek sehr oft betreten hatte Und jetzt
bringt Old Shatterhand sie mir Welch ein Wunder welch ein großes Wunder Von
wem hast du sie«
    »Von dem Urenkel des Diebes Ich zeige dir ihn«
    Es genügte ein Ruf von mir so kamen Intschuinta und der Fackelträger zu
uns heraufgestiegen und brachten die beiden Gefangenen mit Sie wurden von den
Apatschenhäuptlingen sofort erkannt Diese letzteren wollten in laute Ausrufe
der Verwunderung ausbrechen ich aber wehrte ihnen durch eine Handbewegung ab
und sagte leise
    »Still Sie dürfen nicht sehen und hören wo sie sind Ich erzähle nachher
Gibt es hier im Schloss einen Ort wo es möglich ist Gefangene derart
aufzubewahren dass sie weder entfliehen noch von anderen Leuten gesehen werden
können«
    »Wir haben sehr gute und sehr sichere Gefängnisse hier« antwortete
TatellahSatah
    »So mag Intschuinta sie dort unterbringen und dann wiederkommen Ich
brauche ihn noch«
    TatellahSatah gab seinem riesigen Diener mit unterdrückter Stimme die
nötigen Befehle worauf dieser sich mit den beiden Medizinmännern und dem
Fackelträger entfernte um sie nach dem Verliess zu schaffen Da wurde über den
Treppenstufen die Tür geöffnet die ins Freie führte und das Herzle ließ sich
sehen Es war ihr gelungen sich rechtzeitig zurückzuziehen Nun da sie durch
die angelehnte Tür sah dass ich wieder da war glaubte sie sich auch mit sehen
lassen zu dürfen Man kann sich denken dass dies das Erstaunen der Häuptlinge
nicht verringerte
    Ich erzählte ihnen so viel ich zu erzählen für nötig hielt denn zum
vollständigen Mitwisser meiner Ansichten und Pläne wollte ich keinen von ihnen
machen Grad als ich fertig war kehrte Intschuinta zurück Er meldete dass die
Gefangenen fest eingeschlossen und dass Pappermann und seine Begleiter vom
Wasserfalle her auf dem Schloss eingetroffen seien Ich teilte ihm mit dass er
mich jetzt noch einmal hinunter in die Höhle zu begleiten und zu diesem Zweck
zwei neue Fackeln zu besorgen habe Das Herzle fragte ob auch sie dabei sein
müsse Als ich das verneinte bat mich TatellahSatah ihm meine Squaw
anzuvertrauen Er erwarte den Besuch von Kolma Putschi und werde sich sehr
freuen die beiden Frauen miteinander bekannt zu machen Ich hatte natürlich
nicht das geringste dagegen und stieg als Intschuinta mit den Fackeln kam mit
ihm wieder in die Höhle hinunter Es sei bemerkt dass die zwölf
Apatschenhäuptlinge erst heut während unserer Abwesenheit hier angekommen waren
und ihre Zelte in der Oberstadt aufgeschlagen hatten Sie bildeten den Stab
sämtlicher Apatschenstämme auf welche TatellahSatah sich verlassen konnte
    Ich hatte meinen ganz besonderen Grund noch einmal hinunter in die Höhle zu
steigen Da ich einmal darüber war sie kennen zu lernen wollte ich sie auch
gleich ganz kennen lernen denn es gab einen kleinen Teil den ich noch nicht
kannte Ich erinnere daran dass der breite reitbare Weg der vom »Tale der
Höhle« aus durch die letztere führte droben hinter dem Schleierfall in das
Freie mündete An der Stelle wo er mit Stalaktiten versetzt worden war die wir
entfernt hatten zweigte von ihm ein schmaler Weg nach rechts der nur für
Fußgänger zur Höhe führte Sein eigentliches Ende fand dieser schmale Weg ganz
oben im Passiflorenraume Bis dorthin waren wir ihn gegangen Aber schon unten
in der Höhle zweigte von ihm ein zweiter schmaler Weg ab an dem wir
vorübergekommen waren ohne dass meine Begleiter etwas von ihm bemerkten Nur mir
allein war die Stelle aufgefallen an welcher die als Stalagmiten verwendeten
Stalaktiten andeuteten dass auch hier ein früher gangbarer Weg mit Steinen
versetzt und maskiert worden sei Nach dieser Stelle kehrten wir jetzt zurück
Ich hatte nur Intschuinta mitgenommen weil er der Vertraute des Medizinmannes
war denn um eine sehr vertrauliche Sache handelte es sich jetzt bei der neuen
Entdeckung die ich machen wollte Nämlich wenn ich die oberirdischen und die
unterirdischen Oertlichkeiten miteinander in Verbindung brachte so ergab sich
für mich folgendes Der breite Weg mündete im Bergtale hinter dem Wasserfalle
Der schmale Weg mündete an seinem letzten höchsten Ende droben im Schloss Die
zwischen beiden liegende Abzweigung dieses schmalen Weges die ich jetzt suchte
musste also zwischen dem Wasserfall und dem Schloss münden Und wenn ich mich da
fragte welcher Ort hierzu wohl am geeignetsten sei so stieß meine Vermutung
immer nur auf die Teufelskanzel oder wie sie hier genannt wurde auf das »Ohr
des Teufels« an dem wir vorübergekommen waren als der Medizinmann uns den
Schleierfall zeigte Es stimmte in jeder Beziehung dass dieser Ort mit der
geheimnisvollen großen Höhle in Verbindung stand Wer weiß was für wichtige
Zusammenhänge vor Jahrtausenden hier oben und da unten stattgefunden hatten
Darum war es jetzt für mich der ich diesen Zusammenhängen nachspürte sehr wohl
geraten dies so diskret wie möglich zu tun und keinen Menschen in das Vertrauen
zu ziehen der dieses Vertrauen nicht verdiente Dies der Grund weshalb ich nur
den altbewährten treuen Intschuinta mitgenommen hatte
    Als wir die betreffende Stelle erreichten an der ich eine Abzweigung des
schmalen Weges vermutete blieben wir stehen um die am Boden liegenden Steine
zu untersuchen Auch sie waren nicht Stalagmiten sondern Stalaktiten also
nicht hier an Ort und Stelle entstanden sondern zu irgendeinem Zwecke
hergeschaft Wir beseitigten so viele von ihnen wie nötig war um Einsicht zu
gewinnen und entdeckten da nun allerdings sehr bald den offenen Pfad der
hinter ihnen aufwärts führte Meine Vermutung hatte mich also nicht getäuscht
Es fragte sich nur noch wo er oben mündete Wir mussten ihm folgen
    Wir ruhten zunächst einige Augenblicke von der Anstrengung aus welche uns
das Beiseiteschaffen der schweren Steine verursacht hatte Es war für diese
kurze Zeit still vollständig still um uns und so hörten wir ein eigenartiges
prasselndes Geräusch welches aus der Ferne zu uns drang wahrscheinlich aus der
Gegend in welcher unser schmaler Weg vom breiten abzweigte Was war das oder
wer war das Befand sich jemand dort Unsere Sicherheit erforderte dies
schleunigst zu erfahren Wir nahmen also die Fackeln hoch und eilten nach der
Richtung aus welcher der Schall zu uns gedrungen war Dort sahen wir dass es
sich nicht um die Anwesenheit von Menschen handelte sondern um ein
Herabbröckeln des Deckengesteines und zwar genau an derselben Stelle an
welcher ich gesessen und den beginnenden Spalt über mir bemerkt hatte Dieser
Spalt war jetzt breiter und größer als vorher Es waren ganz beträchtliche
Sinterstücke herabgefallen Jedenfalls lockerte sich etwas da oben Wer hier
vorüber wollte der hatte von jetzt an vorsichtig zu sein Doch nahm ich diesen
Gedanken sehr gleichgültig auf denn ich hatte nicht die geringste Ahnung von
der eigentlichen Ursache dieses Phänomens
    
    Wir kehrten zu der Stelle zurück an der wir beschäftigt gewesen waren und
folgten von da aus dem neu entdeckten schmalen Seitengang dessen Mündung wir
noch nicht kannten Der riesige Intschuinta war erstaunt
    »Es ist als ob du Winnetou seist« sagte er »Alles hörst du alles siehst
du alles findest du Wir aber die wir schon ewig hier wohnen hören nichts
sehen nichts und finden nichts Du bist wie er und er war wie du«
    Auch dieser Pfad führte von Höhle zu Höhle empor aber viel steiler als der
andere Dann gab es künstliche Stufen die in harten Stein gehauen waren
Schließlich standen wir vor dem Ende Aber dieses Ende bestand nicht aus einer
Tür einer Mauer einem Steine sondern aus unzähligen Wurzeln und Wurzelfasern
die aus dem Boden traten der hier nicht aus Stein sondern aus Erde gebildet
war und die schier undurchdringlich vorwärts strebten Da mussten wir unsere
Messer zu Hilfe nehmen Und sie halfen Indem wir alles was uns im Wege war
wegschnitten und hinter uns schafften drangen wir Schritt für Schritt vor und
standen schließlich nicht mehr vor Wurzeln und lichtscheuen Ranken sondern
hinter einem dichten Gebüsch durch dessen Gezweig hindurch das Tageslicht uns
grüßte Wir löschten die Fackeln aus
    Das Gebüsch wuchs mit noch anderem Gesträuch aus einem Steinhaufen heraus
der jedenfalls nicht natürlich entstanden sondern künstlich hierhergebracht
worden war um den Gang aus dem wir kamen zu verbergen Indem wir
hindurchkrochen gaben wir uns Mühe die Äste und Zweige so wenig wie möglich
zu verletzen Dann standen wir    wo Am linken »Ohr des Teufels« also ganz
so wie ich vermutet hatte das rechte Ohr lag jenseits des Fahrweges grad
gegenüber
    »Uff uff« sagte Intschuinta »Es geschehen Wunder«
    »Die Neuentdeckung von etwas so sehr Altem ist kein Wunder« antwortete ich
»Wir befinden uns an eurer Devils pulpit«
    »Deren Geheimnis kein Mensch entdecken kann«
    »Nicht Wirklich nicht«
    »Nein Nicht einmal Winnetou hat es gekonnt«
    »So warte Vielleicht bist du es der es kann«
    »Ich« fragte er erstaunt
    »Ja du«
    »Unmöglich«
    »Ganz und gar nicht unmöglich sondern sogar sehr wahrscheinlich Willst du
schweigen sogar gegen TatellahSatah wenigstens einstweilen«
    »Ich will« versicherte er mich erwartungsvoll anschauend
    
    »Gut Sehen wir uns erst um Steigen wir hinauf auf das Ohr des Teufels um
seine Verhältnisse kennen zu lernen«
    Wir stiegen hinauf Als wir oben waren befand ich mich fast ganz genau in
derselben Lage und in denselben Verhältnissen wie auf der ersten Devils pulpit
wo der »junge Adler« den Bär erlegte und ich mich dann mit dem Herzle von Kanzel
zu Kanzel unterhielt Es gab auch hier zwei Kanzeln genau wie dort Und drüben
über der Straße gab es wieder zwei die in ganz derselben Ausmessung zueinander
standen Für einen oberflächlichen Denker schien es hier also nicht nur eine
sondern zwei Ellipsen zu geben in deren Brennpunkten man das leise Gesprochene
laut hören konnte nämlich die eine diesseits und die andere jenseits des
Fahrweges Der schärfer Denkende aber musste gleich bei dem ersten Blicke sehen
dass es weder hüben noch drüben eine besondere wirkliche Ellipse gab sondern
dass diese Figur erst dann zustande kam wenn man beide Abteilungen durch
Verbindungslinien über den Fahrweg herüber vereinigte Dann gab es allerdings
eine große Doppelellipse mit vier Brennpunkten hüben zwei und drüben zwei bei
deren richtiger Benutzung sich verschiedene Schallexperimente ermöglichten die
dem nicht Eingeweihten als Wunder erscheinen mussten
    Das sah man wie gesagt schon bei dem ersten Blicke Doch wurde dieser
Blick schnell wieder von seinem Gegenstande abgezogen und zwar durch eine
höchst augenfällige Veränderung die sich seit unserm letzten Hiersein in der
umgebenden Szenerie vollzogen hatte Nämlich die angefangene Winnetoustatue war
inzwischen gewachsen und zwar in einer Weise die mir nur dann begreiflich
wurde wenn ich sah wie groß heut die Zahl der Lastgeschirre war auf denen
die fix und fertig zubereiteten Quader von den Steinbrüchen herbeigeschleppt
wurden und wie groß die Zahl der Arbeiter welche damit beschäftigt waren
diese Quader zur Figur zusammmenzusetzen und mit schon vorgebohrten eisernen
Spindeln Klammern und Bolzen zu befestigten Die Figur war bereits bis zum
Unterleib gediehen der künstliche Felsen an den sie sich anzulehnen hatte war
im Entstehen und die Gerüste auf denen die Monteure zu arbeiten hatten waren
zwar erst heut entstanden ließ aber Dimensionen vermuten die in das
Riesenhafte gingen Als Intschuinta sah dass ich meine Aufmerksamkeit jetzt
darauf richtete sagte er
    »Sie arbeiten wie im Fieber Sie sind ihrer Sache nicht mehr sicher Sie
sehen jetzt täglich mehr und mehr dass nicht alle Welt ihrer Meinung ist Darum
soll diese Figur schleunigst fertigstellt werden um auf die Tausende von
Festgenossen welche man erwartet den Eindruck zu machen den man sich von ihr
verspricht Als ich vorhin die Fackeln holte erfuhr ich dass man entschlossen
ist jetzt Tag und Nacht an der Figur zu arbeiten weil man gehört hat dass auch
du dagegen bist Man hatte geglaubt dich leicht auf die Seite schieben zu
können«
    »Ah Besonders wohl Mr Okihtschintscha genannt Antonius Paper Lass ihn
schieben lass ihn schieben Wir aber wollen zu unsern jetzigen Pflichten
zurückkehren Es war doch unsere Absicht zu versuchen ob du es nicht
vielleicht bist der imstande ist das Geheimnis eurer Devils pulpit zu
entdecken Wir haben hier zwei Kanzeln Drüben sind auch zwei Wir befinden uns
hier auf der ersten da bleibe ich jetzt du aber gehst hinüber auch auf die
erste Da stellst du dich hin und nennst in ganz gewöhnlichem Tone zehn Zahlen
Ich kann das hier hüben nicht hören werde dir aber sofort dieselben Zahlen
sagen«
    »Mir sagen« fragte er »Höre ich es denn«
    »Ja«
    »Unmöglich«
    »Warte es ab Jetzt geh Aber tue geheim Sag niemand wohin du gehst und
was du dort willst«
    Er machte ein sehr ungläubiges Gesicht und entfernte sich Ich schaute ihm
nach ohne mich aber von den Arbeitern und Fuhrleuten welche auf dem Fahrwege
verkehrten sehen zu lassen Sie beachteten ihn nicht Er ging über den Weg
hinüber und stieg auf die erste Kanzel Man kann sich wohl denken wie gespannt
ich darauf war ob das Experiment gelingen werde Ich lauschte Da Gott sei
Dank da kamen sie die zehn Zahlen nämlich alle geraden der Reihe nach von
zwei bis zwanzig Ich wartete nur einen Augenblick dann wiederholte ich sie
ebenso langsam und deutlich wie er sie ausgesprochen hatte
    »Uff uff« hörte ich ihn dann verwundert rufen »Bist du das wirklich oder
bist du es nicht«
    »Ich bin es« antwortete ich
    »Und du hast mich gehört«
    »So genau wie du jetzt mich Nun gehst du jetzt auf die andere Kanzel auf
die zweite und sagst etwas anderes«
    »Was«
    »Irgend etwas Du sprichst eine Frage aus und ich antworte dir Also
jetzt«
    »Gut ich geh«
    Auch ich stieg von meiner Kanzel herab und ging nach der anderen Da gab es
kein Gebüsch ich war also schnell oben Da hörte ich ihn drüben kommen Büsche
raschelten Zweige knackten Dann war er oben und fragte
    »Bist du noch dort Hörst du mich«
    »Ja ich höre dich« antwortete ich ihm ohne ihm aber zu sagen dass ich
inzwischen auch meinen Platz gewechselt hatte
    »Soll ich vielleicht wieder zählen«
    »Ja Zehn andere Zahlen«
    Er sagte die ungeraden Zahlen von einunddreissig bis neunundvierzig auf und
ich wiederholte sie ihm Dann ließ ich ihn wieder nach der ersten Kanzel
zurückkehren um noch weitere zehn Zahlen auszusprechen Ich sah ihn drüben
kommen Er stieg hinauf Jedenfalls zählte er jetzt ich hörte aber nichts Nun
wusste ich alles Es handelte sich wirklich um eine Doppelellipse Man konnte
hören oder nicht hören gehört werden oder nicht gehört werden ganz wie es
einem beliebte Es kam nur auf die Orte an die man wählte Ich stieg von meiner
Kanzel herab und ging nach dem Fahrweg zu Da sah er mich und kam auch
    »Du hast beim letztenmal nicht geantwortet« sagte er »Oder habe ich dich
überhört Welch ein Wunder welch ein Wunder Uff uff Auf so weit kann kein
Mensch das gewöhnliche Wort verstehen und doch habe ich dich verstanden Wie
ist das zu erklären«
    »Denke darüber nach Du bist es doch der das Geheimnis erraten soll«
    »Du scherzest Warum soll ich mühsam erraten was du genau schon weißt Denn
wüsstest du es nicht so hättest du mir nicht die richtigen Plätze anweisen
können Werde ich es erfahren«
    »Wenn TatellahSatah es erlaubt ja«
    »Aber jetzt darf ich ihm nichts davon sagen«
    »Keinem Menschen Du könntest großes Unheil anrichten wenn du es auch nur
einem einzigen verrietest Jetzt komm hinauf nach dem Schloss die Sonne geht
schon unter«
    Der Himmel war so weit man ihn hier im Tale sehen konnte von
golddurchsichtigen Wölkchen überhaucht Ein diamantenes Flammenzucken ging von
Westen aus Das blitzte und flimmerte im herrlichen Spiegel des Schleierfalles
wider Wie schade wie jammerschade dass die grad vor dem Falle sich erhebende
tote steinerne Figur den Genuss dieser Schönheit fast unmöglich machte Wir
standen an der Krümmung der Straße und des Tales an welcher man von der oberen
Stadt kommend den Schleierfall zum erstenmal erblickte Wir waren da stehen
geblieben um seinen Anblick zu genießen Und nun störte uns diese fatale Figur
die dem leichten duftigen Schleier entgegengesetzt so schwer so belastend so
bedrückend wirkte Die Holzgerüste welche sich vor diesem Schleier erhoben
taten dem Auge förmlich wehe zumal man sie ohne Lot errichtet zu haben schien
Sie standen schief Es gab nur einen einzigen Träger der wirklich senkrecht
stand Diese Beobachtung machte ich nur so nebenbei Sie erschien mir völlig
unwichtig Aber im Verlaufe der irdischen Ereignisse gibt es nichts wirklich
Bedeutungsloses das sollte ich auch hier bald sehen
    Wir gingen nun nach dem Schloss Intschuinta war unterwegs sehr still Das
Ergebnis unserer Nachforschung beschäftigte ihn innerlich Oben angekommen
trennten wir uns Er ging zu TatellahSatah ich aber nach meiner Wohnung wo
ich das Herzle vermutete Sie war auch da und zwar nicht allein Kolma Putschi
war bei ihr Beide saßen nebeneinander Hand in Hand Als ich eintrat standen
sie auf und kamen mir entgegen Ihre Gesichter hatten den Ausdruck tiefer
ernster Rührung Der Name Kolma Putschi ist dem Moquidialekte entnommen Er
bedeutet so viel wie Schwarzauge oder Dunkelauge An diesem Auge welches seinen
Glanz noch immer besaß erkannte ich sie sogleich wieder obwohl sie sich
übrigens sehr verändert hatte Sie war bedeutend älter als ich Ihre früher so
elastische Gestalt hatte sich gebeugt Ihr grauglänzendes Haar war in dünn
gewordenen Zöpfen um den unbedeckten Kopf gelegt Ihr sehr gealtertes Gesicht
bestand aus lauter kleinen winzigen eng aneinander liegenden Fältchen Und
doch war es schön dieses Gesicht Es besaß jene von innen heraus sprechende
Schönheit welche man als Altersschönheit bezeichnet Sie pflegt das Produkt
vielen Leidens und Denkens zu sein Ganz selbstverständlich war Kolma Putschi
nicht mehr männlich sondern weiblich gekleidet Sie blieb vor mir stehen
schaute mich lange lange prüfend an und sagte dann indem ihr ernstes Gesicht
zu lächeln begann
    »Ja das ist er Noch ganz wie früher Trotz der vielen vielen Jahre welche
vergangen sind seit wir uns nicht mehr sahen Darf ich Old Shatterhand
begrüßen«
    Sie fragte das ohne mir die Hand entgegenzustrecken Ich antwortete
    »Was gäbe es für einen Grund dies nicht zu dürfen«
    »Die Feindschaft«
    »Welche Feindschaft Ich kenne keine«
    »Auch ich kannte sie nicht nun aber habe ich sie kennen gelernt Old
Shatterhand ist in Beziehung auf das Denkmal unser Gegner«
    »Vielleicht Gegner keineswegs aber Feind Ich habe Kolma Putschi geachtet
geliebt und bewundert so lange ich sie kenne und werde ihr diese Freundschaft
bewahren so lange ich lebe Ich bitte um ihre Hand die so kühn und tapfer sein
konnte und doch so mild und so edel zu gleicher Zeit«
    Da wurde ihr Gesicht wie heller warmer Sonnenschein der aus jedem Fältchen
zu mir aufstrahlte Wir reichten uns die Hände Ich zog sie fest an mich heran
und küsste sie auf die lieben guten einst so tieftraurigen Augen Dann nahmen
wir beieinander Platz um das durch mein Kommen unterbrochene Gespräch
fortzusetzen Da sah und hörte ich denn dass Kolma Putschi im Verlaufe der
letzten Jahrzehnte viel sehr viel gelernt hatte Sie war mit Young Surehand und
Young Apanatschka ihren Enkeln geistig emporgewachsen aber leider nicht über
die Anschauungen und Ansichten dieser Enkel hinaus Sie schwärmte für die
geplante rein äußerliche WinnetouApoteose und sie war überzeugt gewesen dass
ich und das Herzle ganz ebenso schwärmen würden Als Meinungsverschiedenheiten
und Spaltungen entstanden hatte sie geglaubt dass es nur unseres Kommens
bedürfe um diese Konflikte zu lösen Sie war in den letzen Tagen nicht hier
gewesen und erst mit Old Surehand und Apanatschka zurückgekehrt Da hatte sie
dann alles erfahren dass wir angekommen seien dass man uns abstoßend und
geringschätzig behandelt habe und dass uns aber von TatellahSatah die große
Genugtuung bereitet worden sei von ihm persönlich nach dem Schloss abgeholt zu
werden um dort als seine besonderen Gäste in seiner Nähe zu wohnen Das hatte
die Spaltung zwischen Oberstadt und Unterstadt erweitert Man befürchtete in der
Unterstadt dass nun grad Old Shatterhand den man hatte auf die Seite schieben
wollen sich in der Denkmalsfrage das entscheidende Wort anmassen werde und das
hatte Old Surehand und Apanatschka veranlasst zu erklären dass sie fest
entschlossen seien mich in meiner Wohnung bei TatellahSatah nicht aufzusuchen
Kolma Putschi aber hatte es nicht über das Herz gebracht in derselben Weise
schroff zu sein Sie hatte sich bei dem »Bewahrer der großen Medizin« anmelden
lassen um ihn um die Erlaubnis zu bitten uns bei ihm besuchen zu dürfen und
er hatte sehr gern eingewilligt Nun hatten die beiden Frauen während meiner
Abwesenheit schon stundenlang beisammen gesessen und inniges Wohlgefallen
aneinander gefunden Das war zwar nur eine kurze Zeit aber dem Herzle schien es
trotzdem schon gelungen zu sein ihrer Gastin das zu geben was diese von ihr
erwartete Der Brief den Kolma Putschi zu uns hinübergeschrieben hatte schloss
bekanntlich mit den Worten »So komm also und bring mir Deine Menschenliebe
Deine Herzensgüte und    Deinen Glauben an den großen gerechten Manitou den
ich gern ebenso deutlich fühlen möchte wie Du meine Schwester ihn fühlst«
Diese Liebe diese Güte und dieser Glaube sie waren jetzt da Was ich als Mann
in scharfem Tone hätte sagen müssen das hatte das Herzle in freundlicher
Eindringlichkeit gesagt Als ich jetzt kam war Kolma Putschi schon mehr als halb
zu unserer Ansicht herüberbekehrt und es bedurfte nur noch weniger Worte um
ihr meine Ansichten und Entschlüsse zu präzisieren Als sie mich bat doch nach
der Unterstadt zu kommen und Old Surehand und Apanatschka aufzusuchen
antwortete ich
    »Das darf ich nicht Ich bin Gast TatellahSatahs und wer ihn meidet den
habe auch ich zu meiden«
    »Steht es so wirklich so« fragte sie besorgt
    »Ja so« bestätigte ich »Nach den Gesetzen der roten Männer ist das Haus
meines Wirtes auch mein Haus Wer es verachtet der verachtet auch mich«
    »Verzeih Wenn du von Verachtung sprichst so irrst du dich Niemand wird es
wagen dich zu verachten«
    »Falsch Nicht ich bin es der sich irrt Ich wurde eingeladen nach dem
Mount Winnetou zu kommen Ich kam Man hatte mich zu empfangen mich zu
begrüßen mich willkommen zu heißen Wer hat das getan Niemand kam zu mir Ich
wurde aufgefordert zu euch zu kommen euch nachzulaufen Nun sollst du die
Antwort hören die ich euch hierauf erteile«
    Das Herzle gab mir einen heimlichen Wink doch nicht in diesem energischen
Tone zu sprechen es war ja doch eine Frau die ich vor mir hatte Ich aber
wusste gar wohl was ich wollte und fuhr in derselben Weise fort
    »Ich bitte Kolma Putschi zu Old Surehand und Apanatschka zu gehen und ihnen
zu sagen dass ich sie für morgen zum Mittagessen zu mir einlade hierher in
meine Wohnung Es werden auch noch andere Personen geladen sein doch wer sie
sind das weiß ich jetzt noch nicht«
    Da wurde ihr Gesicht noch ernster als es so schon war
    »Du meinst dass meine Söhne kommen werden« fragte sie
    »Ich hoffe es«
    »Zu Mittag«
    »Genau zu Mittag keine Minute später«
    »Und wenn sie nicht kommen«
    Bei dieser Frage waren ihre Augen in größter Spannung auf mich gerichtet
Ich antwortete
    »So nehme ich das als die größte Beleidigung die mir widerfahren ist der
Kampfplatz wird sofort abgesteckt und die Kugeln werden sprechen«
    »Zwischen solchen Freunden wie ihr gewesen seid«
    »Ein Freund der mich beleidigt ist schlimmer als ein Feind Sag ihnen das
Teile ihnen mit dass ich zwar grau geworden aber noch immer der Alte bin Wenn
sie nicht kommen schießen wir uns Und dann wird euer ganzes Komitee zum Teufel
gejagt und ein anderes würdigeres gewählt Winnetou war Häuptling der
Apatschen In welcher Weise er zu ehren ist darüber haben nur Apatschen zu
bestimmen«
    »Wenn Old Shatterhand droht so ist das was er droht so sicher und gewiss
als sei es bereits geschehen Du sprichst im Ernst«
    »Im vollsten Ernst Weshalb hat Winnetou gelebt Weshalb ist er gestorben
Etwa um einen jungen Maler und einen jungen Bildhauer berühmt zu machen Und wie
haben diese beiden unerfahrenen Leute ihn dargestellt Wo ist sein Geist wo
seine Seele Jeder Kowboy Runner Loafer oder Tramp kann genau in derselben
RowdyPose stehen wie die tönerne Figur da unten von der man uns sagte dass sie
Winnetou bedeute Bitte liebes Herzle zeige ihr einmal einen anderen Winnetou
nämlich den unseren«
    Meine Frau ging den betreffenden Koffer zu öffnen und brachte die
photographischen Abzüge welche sie daheim gemacht hatte Als ich zu ihr trat
um den betreffenden herauszusuchen benutzte sie diese Gelegenheit mir leise
zuzuraunen
    »Sei doch gut Nicht so grob Sie weint ja beinahe Sie ist doch nicht
schuld daran«
    »Mehr als du denkst« antwortete ich ebenso leise »Sie versteht nichts von
Kunst und vergöttert ihre Enkel Lass mich nur«
    Ich habe schon früher gesagt dass ich den Sascha Schneiderschen zum Himmel
strebenden Winnetou mitgebracht hatte Wir besaßen mehrere Abzüge davon Ich
nahm einen und befestigte ihn mit vier Nadeln an die Wand dann brannte ich die
Lampe an denn es war inzwischen fast dunkel geworden Das Licht fiel von beiden
Seiten auf das Bild Das Kreuz welchem Winnetou entgegenschwebt begann zu
leuchten
    »Das ist unser Winnetou« sagte ich »nicht der eurige Schau dir ihn an«
    Sie hob die Augen und sagte nichts Sie trat näher hinzu und sagte nichts
Sie trat wieder zurück Schritt um Schritt und sagte nichts Dann an der
gegenüberliegenden Wand angekommen ließ sie sich in sitzende Stellung nieder
hielt ihre Augen unablässig auf das Bild gerichtet und sagte noch immer nichts
Aber in ihrem Gesichte glänzte der Schein einer höheren Freude Es war etwas
seelisch Schönes und seelisch Glückliches über sie gekommen was sie nicht
verstand und nicht zu deuten wusste Da bewegte sich der Türvorhang neben ihr
und es trat jemand herein dessen Kommen wir am allerwenigsten erwartet hatten
nämlich TatellahSatah Er hatte mir vollständige Freiheit gewährt und sich
vorgenommen mich so wenig wie möglich zu stören nach der heutigen Entdeckung
aber und nach dem Bericht den Intschuinta ihm höchst wahrscheinlich erstattet
hatte war es ihm Bedürfnis gewesen mich auszusuchen um Näheres zu erfahren
Er sah das Bild blieb unter der Türe stehen und beobachtete es mit immer größer
werdenden Augen Dann trat er herein in das Zimmer schritt langsam näher und
näher wich wieder zurück tat einige Schritte vorwärts während in seinem
Gesicht die Gedanken kamen und gingen Seine Augen leuchteten mehr und mehr Es
kam ein frohes Erkennen über ihn
    »Uff uff« rief er endlich aus »Das ist Winnetou Der wirkliche Winnetou
Also unser Winnetou«
    Ich nickte
    »Aber nicht sein Körper sondern seine Seele« fuhr er fort »Sie schwebt
zum Himmel Über ihm das Kreuz Aehnlich dem Passiflorenkreuz welches er in
meinem Hause und in meinem Herzen pflanzte Seinem Haar entfällt die
Häuptlingsfeder Das letzte Irdische was noch an ihm haftete Nun ist er
erlöst Nun ist er frei Wie schön wie schön«
    Er stand wie verzückt Seine Lippen bewegten sich doch hörte man die Worte
nicht die ihnen entschlüpfen wollten Erst nach einiger Zeit sprach er laut
    »Das ist er ja das ist er Könnten wir ihn unsern Völkern doch so zeigen
wie wir hier ihn sehen Könnten wir ihm doch ein Denkmal setzen welches ihn
genau so gibt wie ich ihn in diesem Augenblick empfinde   als Seele«
    »Das können wir« antwortete ich
    »Wirklich« fragte er
    »Ja Das können wir und das werden wir«
    »Unmöglich«
    »Warum unmöglich«
    »Ihn als Seele zu zeigen In Erz in Marmor oder in sonstigem Gestein«
    »Nicht in Erz und nicht in Stein Und doch höher und herrlicher ragend als
die steinerne Gestalt welche sich auf dem Mount Winnetou erheben soll«
    »Ich verstehe dich nicht«
    »Du wirst mich verstehen Vielleicht schon morgen Komm Setze dich Ich
habe dir noch mehr zu zeigen«
    Er folgte dieser Aufforderung Da erhob Kolma Putschi sich von ihrem Platze
Sie hatte ihr erstauntes Schweigen bis jetzt beibehalten nun aber sagte sie
sich an mich wendend
    »Old Shatterhand hat gesiegt wie immer Doch nicht allein Sondern mit
seinem Freund und Bruder Winnetou«
    Bei diesen Worten deutete sie auf das Bild und fuhr dann fort
    »Freilich einen solchen Winnetou bringt weder Young Surehand noch
Apanatschka fertig Ich gehe jetzt Ich werde deine Einladung zum Mittagessen
überbringen und ich hoffe sie stellen sich ein die du zu sehen wünschest
Würdest du ihnen deinen Winnetou zeigen«
    »Wenn sie ihn zu sehen wünschen ja«
    »So lebt wohl Ich wusste bisher nicht dass es Bilder gibt die mächtiger und
eindringlicher predigen als Worte predigen können«
    Sie ging
    Ja sie hatte bisher nicht geahnt welch eine Sprache die wahre Kunst
besitzt Ich aber wusste es Und darum hatte ich ihr dieses Bild gezeigt für
dessen Stimme in ihrem Herzen die tiefste Resonnanz zu hoffen war
    Sie hatte ihn ja persönlich gekannt den es darstellte Sie hatte ihn
verehrt und geliebt Und sie hatte es ihm zu verdanken dass ihr einst so
freudeloses Leben eine so unerwartete Wendung zum Glück genommen hatte Da
konnte sein Bild ja ganz unmöglich ohne Wirkung auf sie sein Und diese Wirkung
nahm sie jetzt mit sich heim Meine Strenge war berechnet und ich erwartete
dass diese Rechnung stimmen werde Als sie sich entfernt hatte begann
TatellahSatah
    »Ich komme um dich über deine Höhlenforschung zu hören und dir sodann die
Bibliothek zu zeigen aus welcher die Karte gestohlen worden ist Doch sprechen
wir vorher erst über dieses Bild Hast du vielleicht nur dieses eine Dann darf
ich den Wunsch nicht aussprechen den ich hege«
    »Ich besitze mehrere«
    »So bitte ich dich mir eines davon zu schenken«
    »Nimm dieses hier Es ist dein«
    »Ich danke dir Ist es nicht sonderbar dass Old Shatterhand immer der
Gebende ist so oft er zu seinen roten Brüdern kommt Was er von ihnen bekommt
ist wenig denn sie sind arm Was aber er gibt das sind innere Reichtümer für
die es keine äußere Bezahlung gibt Wenn ich in dieser Weise von Old Shatterhand
spreche so meine ich ihn nicht allein sondern das Bleichgesicht überhaupt dem
wir von jetzt an nur noch Gutes zu verdanken haben werden Glaubst du mit
diesem Bild die Gegner zu besiegen«
    »Nicht mit Winnetous Bild sondern durch Winnetou selbst Das Bild soll nur
der Schlüssel sein der mir die Herzen und das Verständnis öffnet Während die
da unten am Schleiersee am Monumente bauen lasse auch ich bauen«
    »Was«
    »Auch eine Figur eine Winnetoufigur Aber unendlich größer schöner und
edler als sie je ein Künstler herstellen könnte«
    »Und wer baut sie Du«
    »Ich O nein Wenn kein Künstler das vermag so vermag ich es doch noch viel
weniger Der Baumeister der Bildhauer ist Winnetou selbst Und sein Werk ist
ein Meisterwerk Es ist schon vollendet Ich brauche es nur aufzustellen«
    »Wo hast du es«
    »Hier im Nebenzimmer Ich grub es aus Am Nuggettsil Es ist sein
Vermächtnis Es sind die Manuskripte welche er schrieb Lass also die Surehands
und die Apanatschkas da unten am Wasserfall bauen Wir bauen auch Hier oben
bei dir im Schloss Wessen Bau eher fertig wird und welcher der wertvollere
ist das wird sich finden Ich bitte dich um die Erlaubnis morgen ein
Mittagessen zu geben Punkt zwölf Ich ließ Old Surehand und Apanatschka durch
Kolma Putschi laden«
    »Uff Die kommen nicht«
    »Sie kommen Denn ich ließ ihnen sagen dass ich falls sie mich durch Absage
beleidigen die Kugeln sprechen lassen werde«
    »So kommen sie«
    »Ich lade alle deine Häuptlinge dazu Auch Atabaska und Algongka
WagareTei AvahtNiah Schako Matto und andere Nur dich nicht Denn du hast
höher zu stehen als alle die welche ich nannte«
    »Tue was dir beliebt Du weißt dass du Herr hier bist Sag Intschuinta
alles was du brauchst besonders die Speisen welche du wählst Er wird dir
alles besorgen Darf ich fragen Wozu dieses Mittagessen«
    »Erstens um Old Surehand und Apanatschaka herbeizuzwingen Zweitens und
hauptsächlich aber um mit diesen Häuptlingen allen das zu bilden was die
Bleichgesichter als einen Lesezirkel bezeichnen Sie haben täglich des Abends
hier oben im Schloss zu erscheinen Du übernimmst den Vorsitz und ich lese
vor was Winnetou geschrieben und allen roten weißen und anderen Menschen
hinterlassen hat«
    »Uff uff Vortrefflich vortrefflich« rief der »Bewahrer der großen
Medizin« aus
    »In diesen Papieren ist sein Geist und ist seine Seele enthalten Während
ich lese tritt aus ihnen seine klare reine edle und wahrhaft große
Persönlichkeit hervor Im Innern des Zuhörers bildet sich die seelische also
die wirkliche die wahrheitstreue Figur meines und deines Winnetou Und wer
diese in sich fühlt wer sie geistig gesehen und begriffen hat der ist für das
Komitee und für Mr Okihtschintscha alias Antonius Paper verloren Stimmst du
mir bei«
    Er reichte mir die Hand und sprach
    »Ich bin von ganzem Herzen einverstanden Zwar kenne ich das was unser
Winnetou geschrieben hat nicht wörtlich aber er hat mich oft einen Blick in
diese Gedanken tun lassen und so vermute ich dass der von dir vorgeschlagene
Weg wahrscheinlich ohne hässlichen Kampf zum Frieden führt Also ich bin
einverstanden«
    »So nimm dein Bild und erlaube mir dir noch ein zweites zu zeigen«
    Ich gab ihm das erstere und steckte einen großen Abzug von Marah Durimeh an
dessen Stelle Kaum sah er diesen so erhob er sich von seinem Sitze und rief
aus
    »Wer ist das Bin das ich Ist das meine Schwester Ist es meine Mutter
Oder eine Ahne von mir«
    »Es ist Marah Durimeh von der ich dir noch viel erzählen werde«
    »Du sagst Marah Durimeh Ist das gleichbedeutend mit unserer Königstochter
Marimeh«
    »Ja doch davon später Da wir einmal hier bei den Bildern sind zeige ich
dir noch ein drittes«
    Ich steckte neben Marah Durimeh einen Abzug von Abu Kital an die Wand Es
war ein ganz eigentümlicher Eindruck den dieses Porträt auf TatellahSatah
machte Er sah es starr an schloss hierauf die Augen dachte nach und sagte
dann ohne die Augen zu öffnen
    »Den kenne ich Den hat mir Winnetou beschrieben Und dabei sagte er mir er
habe diese Beschreibung von dir Das kann nur der Gewaltmensch sein dessen
bloßer Anblick schon dem Herzen wehe tut Du hast ihn Abukal genannt«
    »Richtig Nur der Name ist falsch Er heißt Abu Kital nicht Abukal Ich
habe mit Winnetou oft über ihn gesprochen«
    »Ich kann ihn nicht ersehen bitte dich aber doch ihn später einmal genau
betrachten zu dürfen«
    »Nimm ihn mit Nimm auch Marah Durimeh mit Du kannst sie beide behalten
ich habe mehrere Exemplare«
    »So schlage sie mir ein und gib sie mir«
    Ich tat dies Erst als er sie in der Hand hatte öffnete er die Augen wieder
und sprach
    »Ich gehe ich nehme sie mit alle drei Sie halten mich und meine Gedanken
fest Ich bin ihr Gefangener Nun fehlt mir für heut die Zeit dir die
Bibliothek zu zeigen Ich werde es morgen tun oder später Also sprich mit
Intschuinta über alles was du zum Mittagessen brauchst Ich gehe«
    Es war ein eigentümliches Gefühl welches er uns zurückließ Unsere
Photographien hatten gar nicht den Zweck gehabt mit nach dem Mount Winnetou
genommen zu werden und nun schienen sie uns hier von Wichtigkeit zu sein Für
das Herzle aber gab es zunächst noch viel größere Wichtigkeiten und es versteht
sich ganz von selbst dass sich diese alle auf das morgige Mittagessen bezogen
Die Einladung war von mir ausgegangen darum fühlte sie sich als Wirtin Sie war
der Ansicht dass sie mit Intschuinta den Speisezettel zu besprechen habe Sie
ließ also den riesigen Diener kommen Das machte mir Spaß Als er sich
einstellte gab er uns vor allen Dingen die Versicherung dass von allem was wir
brauchten Fleisch Mehl und anderes mehr als genug vorhanden sei Das klang so
tröstlich dass das Herzle Mut bekam Sie stellte ein Menü auf Eine Suppe mit
Schaumklösschen Huhn Fisch Braten Kochfleisch Salat süße Speise Käse usw
Vor allen Dingen lag ihr sehr viel an einem Ragout von Wildbret und einem
Flammeri von Gries mit Beerensauce Intschuinta hörte andächtig zu und nickte
zu allem Er hatte alles er wusste alles er kannte alles und er versprach
alles In Wahrheit aber wurde sein Gesicht immer länger und länger Als sie die
verschiedenen Gewürze erwähnte und dabei nach einer Peppermill27 fragte
versicherte er dass mehr als zwanzig Stück vorhanden seien Da strahlte sie vor
Vergnügen
    »Hörst du es ist alles alles da« jubelte sie »Das wird ein Essen mit
dem ich Ehre einlege«
    »Liebes Herzle willst du dir diese schönen Sachen nicht vielleicht erst
einmal zeigen lassen« fragte ich
    »Ja das werde ich« antwortete sie »Aber du darfst nicht dabei sein«
    »Warum nicht«
    »Ich brauche dich nicht Topfgucker verderben den Brei«
    »So gehe hin und koche Meine Wünsche begleiten dich bis in die Küche«
    »Ich danke dir Leb wohl Ich komme bald wieder«
    Sie entfernte sich frohelastischen Schrittes Intschuinta folgte ihr Aber
ehe er ganz hinaus war drehte er sich noch einmal um und warf mir einen derart
hilflosen und verlegenen Blick zu dass ich mir Mühe geben musste nicht laut
aufzulachen Nach einer Stunde brachte man mir das Abendbrot Das Herzle ließ
mir sagen ich solle allein essen sie käme noch nicht Nach wieder einer Stunde
schickte sie Intschuinta und gab mir durch ihn die Nachricht dass sie noch zwei
Stunden brauche um fertig zu werden Ich wollte ihn fragen um näheres zu
erfragen aber er verschwand so schnell dass ich gar nicht zum Worte kam Ich
las in Winnetous Manuskripten Als die zwei Stunden vorüber waren erklang
hinter mir von der Tür her die Stimme meiner Frau
    »Geh immer schlafen wenn du müde bist Ich habe noch längere Zeit zu tun«
    Ich drehte mich schnell nach ihr um sah aber nur noch den Vorhang wackeln
sie selbst war schon wieder fort Ich wartete noch eine Stunde dann ging ich
nach Winnetous Schlafzimmer und legte mich nieder Wie lange ich geschlafen
hatte das weiß ich nicht Da wachte ich auf Ich fühlte ihre frische gesunde
Körperatmosphäre Sie war da Sie stand unter der Tür die von meinem Zimmer
nach der Wohnung von Winnetous Schwester führte die jetzt die ihrige war Ich
räusperte mich Da fragte sie
    »Bist du wach«
    »Ja soeben erst aufgewacht« antwortete ich »Wie viel Uhr ist es«
    »Gleich drei Uhr«
    »Und so lange warst du in der Küche«
    »Ja aber das ist gar keine Küche sondern etwas ganz anderes was ich dir
am Tage zeigen muss Es ist hier alles kolossal «
    »Wie steht es mit der Schaumklösschensuppe«
    »Die gibt es natürlich nicht«
    »Mit dem Wildbretragout«
    »Auch nicht«
    »Mit dem Griesflammerie in Beerensauce«
    »Höre ich glaube gar du willst mich hänseln«
    »Und mit den zwanzig Peppermills«
    »Bitte sei still Du bist ein höhnischer Charakter Ein abstossender
unsympatischer Mensch vor dem man sich in acht zu nehmen hat Ist das der Lohn
dafür dass ich mich so redlich plage um deinem Mittagessen Ehre zu machen
Bedenke doch Neun Indianerinnen und vier Indianer in dem großen riesigen
Gewölbe welches man hier als Küche zeigt Was haben die rennen laufen und
arbeiten müssen Und was werden sie noch zu arbeiten haben bis das Essen
beginnen kann Es wird großartig Ich backe sogar Pfannkuchen Es ist alles dazu
da Nun aber gute Nacht«
    »Auf wie lange«
    »Auf nur zwei Stunden Bis fünf Uhr Dann muss ich wieder fort Alle dreizehn
Personen sind wieder bestellt«
    »Mein armes Herzle«
    »O bitte Hier gibt es gar nichts zu klagen Ich fühle mich unendlich
glücklich für so viele und so berühmte Indianerhäuptlinge kochen braten und
backen zu dürfen Niemals hätte ich mir das träumen lassen Also gute Nacht«
    Sie zog sich in ihre Wohnung zurück und ich schlief wieder ein Als ich
erwachte war es schon später Morgen und auf meiner Decke lag ein vom Herzle
geschriebener Zettel dessen Zeilen folgendermaßen lauteten »Ich bin seit 5 Uhr
munter Es geht alles prächtig Das Essen wird großartig Du kannst schlafen bis
halb 12 Da komme ich dich zu wecken Mit dem Speisesaal bin ich fertig er
steht bereit Solltest du eher aufwachen so inspiziere ihn ob vielleicht etwas
fehlt Über die Gäste haben wir nichts Bestimmtes besprochen darum habe ich an
deiner Stelle alles eingeladen was Häuptling heißt Ist das ein Fehler Zu
essen haben wir genug Es gibt sogar chinesischen Tee aus gerösteten
Erdbeerblättern und einen ganzen Haufen KornSalad aus wildgewachsenen
Rapunzeln Dein Herzle«
    Das war so echt Klara Alle Sorge nimmt sie mir ab Ich soll womöglich
nichts weiter tun als essen trinken und schlafen damit ich so lange wie
möglich lebe Ich stand schnell auf und rief nach Intschuinta Als er kam
teilte er mir mit dass zwei Weiße da seien die seit einer Stunde auf mich
warteten
    »Zwei Weiße« fragte ich »Ich denke es ist Weißen verboten hierher zu
kommen«
    »Sie sind Freunde von Okihtschintscha Der hat es ihnen erlaubt«
    »Ah so Haben sie ihre Namen genannt«
    »Ja sie sind Brüder und heißen Enters«
    »Die kenne ich Wo sind sie«
    »Noch im Hofe Soll ich sie heraufbringen«
    »Nein Ich gehe hinunter Was tut meine Frau Wo steckt sie jetzt«
    »Noch immer in der Küche da gebietet sie wie eine Königin da strahlt sie
wie eine Sonne und da arbeitet sie wie das ärmste Weib eines Koyoteindianers
Sie hat heute früh eine Gehilfin bekommen über die sie sehr glücklich ist«
    »Wen«
    »Aschta die unvergleichliche Frau Wakons des berühmten Medizinmannes der
Sioux Diese hatte unten im Lager gehört dass Old Shatterhands Squaw es
übernommen habe die Wirtin unserer heutigen Gäste zu sein und ging sofort
herauf zu ihr um sie zu bitten ihr helfen zu dürfen Nun werden es zwei
Wirtinnen sein eine europäische und eine indianische die sich vorgenommen
haben die Bedienung der Häuptlinge selbst zu überwachen Doch schau wer kommt
da unten«
    Wir standen am Fenster Er zeigte nach der Unterstadt Dort war ein Zug von
vielleicht hundert Indianern angekommen in Leder gekleidet und wie es schien
sehr gut beritten Welchem Stamme sie angehörten konnten wir nicht erkennen
Sie hielten sich dort nicht auf sondern wendeten sich nach der oberen Stadt
Eine hochgewachsene stolz zu Pferde sitzende Gestalt ritt ihnen voran Ich
hatte keine Zeit sie weiter zu beobachten denn die Brüder Enters warteten auf
mich Als ich in den Hof kam hatten sie sich um möglichst wenig beachtet zu
werden in einen abgelegenen Winkel zurückgezogen Hariman freute sich mich zu
sehen das war ihm anzumerken Sebulon war zurückhaltender wie immer
    »Ihr seid gewiss überrascht uns hier zu sehen Mr Burton« sagte der
erstere »Wir können keine langen Reden halten denn niemand da unten soll
wissen dass wir mit Euch verkehren Warum habt ihr Euch am dunklen Wasser nicht
von uns sehen lassen«
    »Weil wir schneller fort mussten als wir gedacht hatten« antwortete ich
»Sind die vier Stämme noch dort«
    »Heut nicht mehr sie sind unterwegs Sie kommen in drei Tagen hier an«
    »Wie stark«
    »Über viertausend Reiter«
    »Wo verstecken sie sich«
    »In einem fern von hier liegenden Tale welches das Tal der Höhle heißt«
    »Kennt Ihr es«
    »Nein Wir werden es aber heut schon aufsuchen um später zu wissen woran
wir sind Die Hauptsache war uns bei Euch anzumelden«
    »Wie kommt es dass man Euch zugelassen hat Man wollte doch keine Weißen
hier dulden«
    »Wir waren an Mister Antonius Paper empfohlen«
    »Von wem«
    »Von Kiktahan Schonka Da ließ man uns passieren«
    »Wo haltet ihr euch jetzt auf«
    »Eben bei Antonius Paper dem Schurken«
    »Was Wie Schurke Wie kommt ihr dazu ihn so zu nennen«
    »Weil er einer ist Wir kamen hierher um ehrlich gegen ihn zu sein Wir
richteten alles an ihn aus was uns von Kiktahan Schonka anvertraut worden war
Er tat als sei er unser allerbester Freund Er veranlasste uns sogar bei ihm zu
bleiben Dann aber belauschten wir ihn im Gespräch mit dem Agenten Evening und
da erfuhren wir dass er der größte Schuft ist den es geben kann Denkt Euch
Mister Burton wir beide sollen von Kiktahan Schonka Paper und Evening
ausgenutzt werden ohne etwas dafür zu bekommen Ja noch schlimmer Wenn man
uns nicht mehr braucht sollen wir auf die Seite geschafft werden und
verschwinden Ist so etwas zu denken«
    »Ich denke es mir nicht nur sondern ich weiß es schon längst Ich weiß
sogar noch mehr Nämlich Paper und Evening werden von dem alten Kiktahan Schonka
ebenso betrogen wie ihr Auch sie sollen verschwinden wenn der große Streich
gelungen ist Die verbündeten Häuptlinge wollen nichts geben sondern alles für
sich behalten«
    »All devils Da seid Ihr ja der einzige ehrliche Mensch den es hier gibt
Wir stecken mitten zwischen Lügnern und Verrätern Gebt uns guten Rat Mister
Burton wir brauchen ihn«
    Was ich ihnen riet versteht sich ganz von selbst Sie sollten bei Paper
bleiben die Augen offen halten und mir alles mitteilen was sie beobachteten
Das weitere würde sich dann finden Als sie fortgingen war ich ihrer bedeutend
sicherer als vorher Doch ehe sie sich entfernten fragte Sebulon in etwas
zaghafter Weise
    »Darf ich erfahren wie es Mistress Burton geht«
    »Ich danke« antwortete ich »Sie befindet sich sehr wohl Sie spricht oft
von Euch«
    »Wirklich wirklich«
    »Ja Ich glaube sogar sie hat Euch gern«
    Da nahm sein Gesicht einen ganz eigentümlichen glücklichen Ausdruck an der
alles Schlimme was sonst von ihm zu denken war vergessen ließ Seine Lippen
bewegten sich als ob er noch etwas sagen wollte doch wurde es nicht laut
    Als sie zum Tore hinaus wollten mussten sie zur Seite treten Ein Reiter kam
herein Ich erkannte den hohen stolzen Mann der den vorhin angekommenen
Indianern vorangeritten war Er beachtete die Brüder nicht kam bis zu mir
herangeritten schaute mich an und sagte in kurzer bestimmter Weise
    »Noch sah ich dich nie Aber du bist Old Shatterhand«
    »Der bin ich« antwortete ich
    »Ich komme direkt zu dir zu keinem Andern Ich hörte dass du hier oben
wohnest Dass meine Squaw bei der deinen sei Ich kam soeben an Ich bin Wakon
Ich bringe euch die auserlesene Jugend meines Stammes«
    In seinem Gesichte strahlte die Freude des Erkennens Er schwang sich vom
Pferde und begrüßte und umarmte mich wie einen alten sehr lieben und sehr
werten Bekannten
    »Ich bin dein Freund« fügte er hinzu »Lass mich dein Bruder werden Zeig
mir deine Squaw und auch die meine damit ich beide begrüsse«
    Ich hatte keine Ahnung wo die sogenannte Küche zu suchen war Zum Glück
erschien in diesem Augenblick unser riesiger Intschuinta der uns nach der
richtigen Stelle brachte Das war im Parterre hinter einer großen offenen
Halle Man sah uns kommen Da traten sie heraus die beiden die wir suchten
das Herzle die Ärmel aufgeschlagen und die beiden Arme bis an die Ellbogen mit
Teig beklebt und Aschta die Mutter auch beide Ärmel aufgeschlagen die Arme
aber glänzend von Backfett Salatöl und ähnlichen guten Dingen Wir lachten alle
vier Eine gegenseitige Berührung war unmöglich Darum nahm die Begrüßung einen
weniger intimen Verlauf worauf wir beiden Männer unsere Frauen ihrem
schmackhaften Berufe zurückgaben
    Intschuinta nahm das Pferd des Medizinmannes in Verwahrung Ich aber hielt
mich für verpflichtet Wakon zunächst zu TatellahSatah zu führen In seinem
Hause angekommen hörten wir dass er sich in der Bibliothek befinde Diese lag
im zweiten Hause Ich übergehe die Begrüßung dieser hochbedeutenden Männer auch
die sehr wichtige Konferenz und Aussprache welche hierauf folgte Dann
geleitete TatellahSatah uns durch die sämtlichen Räume der Bibliothek und nach
dem dritten und vierten Hause wo wir den Tempel und die weit ausgedehnten Räume
fanden in denen die geheimnisvollen Zeugen vergangener Jahrhunderte und
Jahrtausende untergebracht waren Eigentlich betrachten konnten wir nichts dazu
war die Zeit zu kurz Es handelte sich nur um einen schnellen allgemeinen und
nur orientierenden Blick auf alle die Reichtümer und Herrlichkeiten von deren
Vorhandensein die Angehörigen der ausseramerikanischen Rassen gar nichts ahnten
Wenn ich »Winnetous Testament« veröffentliche werde ich auf diese Räume
zurückkommen und habe dann Zeit ihrer so ausführlich zu gedenken wie sie es
verdienen Eins nur will ich erwähnen Nämlich wir sahen im Tempel die
Riesenhaut des »längst ausgestorbenen Silberlöwen« von welcher der Medizinmann
der Komantschen im »Haus des Todes« gesprochen hat Dieser Löwe war allerdings
ganz bedeutend größer gewesen als die jetzigen Pumas sind Die Schrift war noch
vorhanden Daneben hing die Haut des großen Kriegsadlers die von dem
Medizinmann der Kiowa erwähnt worden war
    Wir waren mit diesem unserem Rundgange noch lange nicht zu Ende so musste
ich TatellahSatah bitten uns für heut zu entlassen Es waren nur noch Minuten
so mussten unsere Gäste erscheinen Es gab da zwei Punkte an die ich mit großer
Spannung dachte Der eine war ob Old Surehand und Apanatschka erscheinen würden
oder nicht Hierauf kam sehr viel an Der andere Punkt betraf das Mahl und das
ganze Arrangement dieses sehr wichtigen festlichen Empfanges In letzterer
Beziehung hatte ich mich auf Intschuinta verlassen der von TatellahSatah mehr
als genügend instruiert worden war Und in ersterer Beziehung war abzuwarten ob
wir uns mit den Künsten der roten und der weißen Küchensee blamieren würden oder
nicht Ich bat Wakon mir beim Empfange der Gäste ebenso beizustehen wie seine
Aschta meinem Herzle im Backen und Braten Hilfe leistete Er war gern
einverstanden
    Der Empfang fand nicht in demselben Raume statt in dem später gegessen
werden sollte sondern in dem wo die Platte mit den Friedenspfeifen stand Kaum
hatten wir uns da eingestellt so kamen die ersten Gäste die anderen folgten
schnell hinterher Die beiden letzten waren   Old Surehand und Apanatschka
Als sie eintraten suchten sie mit den Augen nach mir Sie sahen mich und da
brach alles alles was früher gewesen war durch und all der gegenwärtige
Zwist war verschwunden Sie eilten jubelnd auf mich zu drückten mich wieder und
wieder an sich und baten sich zu meiner Rechten und Linken niedersetzen zu
dürfen Wie froh ich war Ich wusste nun mit einemmale dass ich gewonnen hatte
    Die Pfeifen wurden gefüllt Ich hatte die Gäste zu begrüßen Ich tat dies in
kurzer doch herzlicher Weise Die Zeremonie des Rauchens braucht nicht
beschrieben zu werden Ein jeder antwortete Als das vorüber war galt es den
Hauptgegenstand des heutigen Tages in das Auge zu fassen Eben wollte ich
aufstehen und eine hierauf bezügliche Ansprache halten da ging die Tür auf und
wer trat herein TatellahSatah der »Bewahrer der großen Medizin« Sobald sie
ihn sahen erhoben sich alle Anwesenden ehrerbietig von ihren Plätzen Ich
brannte schnell eine Pfeife an und gab sie ihm Er tat die vorgeschriebenen
sechs Züge der Begrüßung gab sie mir wieder und sprach so kurz und prägnant
wie nur jemand spricht der zu gebieten versteht
    »Ich bin TatellahSatah Ihr seid die Stimmen meines über alles geliebten
Volkes Ihr sollt erklingen und ich will hören Der edelste aller Männer dieses
Volkes war Winnetou der Häuptling der Apatschen Ihm soll ein Denkmal werden
Was heißt das Der Gedanke Winnetou soll äußerlich Gestalt gewinnen Einige von
euch denken sich diese Gestalt von Erz oder Stein Sie soll auf der kalten
einsamen Höhe des Berges stehen Wir andern denken uns diese Gestalt von Fleisch
und Blut nicht tot sondern lebend Ein jeder der zur roten Rasse gehört soll
ein Tropfen dieses warmen edlen Blutes sein Der Winnetou der Erstgenannten
wird gehämmert gemeisselt oder gegossen Unser Winnetou aber soll sich von innen
heraus entwickeln aus dem Herzen heraus Die ganze rote Rasse soll sich zu
einem einigen Winnetou gestalten der hoch über allem was niedrig ist auf den
lichten Höhen des Lebens steht Ein Stolz für uns und eine Freude für Manitou
den Allergrössten und Allerreinsten«
    
    Sich nun an Old Surehand und Apanatschka wendend fuhr er fort
    »Ihr und eure Söhne seid für den steinernen Winnetou Ob das richtig ist
oder falsch will nicht ich allein bestimmen Ihr selbst sollt auch mit
entscheiden Ihr lasst euren Winnetou am Wasserfall stehen damit wir ihn sehen
und bewundern mögen Wohlan so bitten wir euch dasselbe tun zu dürfen Ihr
sollt ganz ebenso unsern Winnetou kennen lernen Er soll nicht nur vor euren
Augen sondern in euch selbst entstehen Ihr sollt ihn nicht nur sehen sondern
auch fühlen und empfinden Dann sollt ihr sie beide vergleichen den eurigen und
den unsrigen Und ist dies geschehen so werden wir wissen für welchen wir uns
entscheiden Wer stimmt mir bei«
    »Howgh« antwortete ich
    »Howgh« fielen alle diejenigen ein die bisher gleicher Meinung mit mir
gewesen waren
    »Howgh« riefen sogar auch Old Surehand und Apanatschka teils hingerissen
von der Erscheinung und der Beredsamkeit des Alten teils aber auch weil sie ihn
nicht ganz verstanden und darum ihr Projekt noch immer als siegreich
betrachteten Hierauf sprach TatellahSatah weiter
    »Ich lade euch alle ein zu mir zu kommen heut abend sobald es dunkel
geworden ist Bringt auch Young Surehand und Young Apanatschka mit die beiden
Künstler die nur ihren steinernen Winnetou kennen den andern den lebendigen
aber nicht Sie sollen die wahre Kunst kennen lernen welche nicht darin
besteht das Irdische abzukonterfeien sondern das Himmlische im Irdischen
nachzuweisen Sie sollen heut abend bei mir den sprechen hören den sie da oben
auf dem Berge versteinern wollen Sie sollen erfahren was er von ihnen
verlangt Und haben sie das von ihm gehört so wollen wir sie fragen ob sie
noch darauf bestehen uns ein totes Bild zu geben anstatt Leben Fleisch und
Blut Also ich erwarte euch alle alle Ich habe gesprochen«
    Er winkte mit der Hand drehte sich um und verschwand aus dem Zimmer
Niemand sprach ein Wort so tief war der Eindruck den er hervorgebracht hatte
Da erschien Intschuinta und meldete dass das Mahl bereitet sei Das brachte
wieder Bewegung in die Versammlung welche sofort aufbrach dem Rufe der roten
und der weißen Köchin zu folgen
    Das gute Herzle überraschte mich durch zweierlei Erstens hatte sie ihr
indianisches Frauengewand angelegt aus seidenweichem Leder gefertigt und mit
uralten Perlen und Fransen verziert Und zweitens war das von ihr und Aschta
getroffene Arrangement ein so frappantes und gelungenes wie ich es nicht hatte
erwarten können Es waren ohne dass ich es gemerkt hatte sehr viele Hände tätig
gewesen den Raum zu einem indianisch festlichen zu gestalten und das Mahl war
geradezu raffiniert bereitet und zusammengestellt wenn es auch dabei Genüsse
gab über die ein englischer oder französischer Koch die Hände über den Kopf
zusammengeschlagen hätte Aber grad das was ich für am gewagtesten hielt das
aßen die Häuptlinge am liebsten Wenn mir angst über ein neues Gericht wurde
über dessen Unbefangenheit ich sehr im Zweifel war da griffen sie am
schnellsten zu Sie fanden alles wunderbar Was vorgelegt wurde verschwand als
sei es nie dagewesen Aber es wurde ergänzt Es kam immer mehr und mehr Es
wollte gar kein Ende nehmen bis schließlich doch der eine und der andere das
Messer beiseite legte und ernstlich erklärte dass es ihm am Atem fehle Der rote
Mann isst gern und isst viel Und grad da wo alles aufhören wollte wurden noch
ganze Berge von Pfannkuchen gebracht mit allen möglichen und unmöglichen Dingen
gefüllt Das kam von diesem nichtsnutzigen Wesen dem Herzle dem es ganz
gleichgültig ist ob man an zu viel Pfannkuchen stirbt oder nicht wenn sie
einem nur gut bekommen Und sie wurden alle Und sie bekamen Dann aber saßen
die würdigen Häuptlinge sehr still und sehr satt neben einander und es war
beiden sowohl der roten als auch der weißen Köchin sehr deutlich anzusehen dass
sie sich in diesem Augenblicke als Siegerinnen fühlten wir aber waren die
Geschlagenen
    Natürlich war die Unterhaltung während des Essens eine außerordentlich
lebhafte gewesen Kein Wunder wenn man bedenkt aus was für Personen und
Charakteren sich die Gesellschaft zusammensetzte Ich saß wie bereits erwähnt
zwischen Old Surehand und Apanatschka Was während der Zeit in der wir einander
nicht gesehen hatten mit uns geschehen war das hatten wir uns sehr bald in
großen allgemeinen Zügen mitgeteilt Auch über die Frage ob ich in Old
Surehands Landhaus vorgesprochen habe und wie ich zu seinen Pferden und
Maultieren gekommen sei wurde verhältnismäßig schnell hinweggegangen Jetzt lag
ihnen vor allen Dingen daran mich womöglich für ihr Denkmalsprojekt zu
gewinnen und so bildete dies das einzige Thema für den ganzen weiteren Verlauf
des Essens Ich aber ließ mich in nichts ein Ich stritt mich nicht Aber indem
ich ihnen erzählte was wir am Nuggettsil ausgegraben hatten bereitete ich
ohne dass sie etwas davon bemerkten die Wirkung des heutigen Abends vor Old
Surehand und Apanatschka waren kürzlich an der Pazific gewesen von welcher aus
die Umgebung des Mount Winnetou zu verproviantieren und mit allen erforderlichen
Lebensbedürfnissen zu versehen war Auch das war ein Geschäft bei dem man viel
Geld zu verdienen hoffte Die Verbindung mit der Bahn musste durch einen regen
Wagen und Packtierverkehr unterhalten werden Diesen einzurichten war die
höchste Zeit weil die Menschenflut die man erwartete hier nun bald
einzutreffen hatte
    Nach dem Festmahle kehrten alle in ihre Zelte heim Nur Wakon blieb mit
seiner Squaw bei uns Wir vier hatten uns gegenseitig schnell liebgewonnen Ihre
Tochter war oben im Wachtturm bei den Arbeiterinnen die von dem »jungen Adler«
beschäftigt wurden Ich schlug vor zu ihm hinaufzuspazieren Aschta war schnell
einverstanden und bat auch den alten guten Pappermann mitzunehmen Wakon aber
hatte den Wunsch in Winnetous Zimmer bleiben und dessen »Testament« durchsehen
zu dürfen Das gestattete ich ganz selbstverständlich sehr gern Pappermann
wurde gerufen dann stiegen wir durch den Wald zu dem »Adler« empor
    Dieser freute sich aufrichtig als er uns sah und führte uns auf das platte
Dach seiner Wohnung Dort gab es große Heimlichkeiten von denen ich jetzt noch
nichts erzählen möchte Es handelte sich soviel sah ich sogleich um einen
Flugapparat aber um keine der bis jetzt bekannten Konstruktionen Ich sah für
heut nur zwei eigenartige flordünne Flügel im Entstehen und zwei hohle Körper
oder sagen wir zwei eng anliegende Gewänder welche außerordentlich kunstreich
aus stahlharten aber federleichten Binsen geflochten waren Es gab hierzu einen
kleinen nicht sehr schweren aber sehr wirkungsvollen Motor den er sich aus dem
Osten mitgebracht hatte Das war das Paket gewesen welches er trug als er in
Trinidad zu uns kam Die Körper waren noch nicht fertig Es wurde noch an ihnen
gearbeitet und zwar schien Aschta die Jüngere sich vorgenommen zu haben sie
gänzlich fertig zu stellen
    Es war eine wunderbare Aussicht hier oben Darum blieben wir so lange da
bis wir nicht länger warten konnten Dann stiegen wir wieder hinab nach unserer
Wohnung wo wir Wakon so vertieft in seine Lektüre fanden dass er es fast
überhörte dass wir bei ihm eintraten Er legte das Heft in dem er soeben
gelesen hatte beiseite stand auf und sprach
    »Ja das ist Winnetou Winnetou selbst Wenn wir heut abend den vorlesen
wird er sich riesengross und riesenstark in uns erheben und alle Gegner aus dem
Felde schlagen Ich fühle ihn schon in mir mild ernst rein keusch und edel
nur aufwärts strebend zur irdisch möglichsten Vollkommenheit Das wird ein
herrliches ein schöpferisches Entstehen in uns selbst Davon soll meine Squaw
nicht ausgeschlossen sein Ich nehme Achta mit«
    »Und auch mich« bat das Herzle »Oder ist es uns Frauen verboten mit
anwesend zu sein«
    »Eigentlich ja« antwortete ich »Aber niemand wird wagen euch
zurückzuweisen Es handelt sich nicht um eine Häuptlingsversammlung denn Young
Surehand und Young Apanatschka sind auch geladen Wo diese sein dürfen dürft
auch ihr erscheinen«
    Eben als ich dies sagte kam Kolma Putschi Sie sagte uns dass Old Surehand
Apanatschka und ihre Söhne schon bei TatellahSatah seien Sie habe sich mit
ihnen eingestellt um bei uns anzufragen ob Aschta und das Herzle gesonnen
seien sich zu beteiligen Da wünsche sie sich ihnen anzuschließen Das wurde
ihr ganz selbstverständlich gewährt Ich nahm als wir nun gingen nur die
ersten beiden der Hefte mit die Winnetou für mich geschrieben hatte
    Als wir bei TatellahSatah ankamen waren schon alle anderen Eingeladenen
anwesend Er hatte sie nach dem herrlichen Passiflorenraum bringen lassen nach
welchem er nun auch uns geleitete Da waren aus Fellen zahlreiche Sitze
bereitet Hohe aus dem Wachse wilder Bienen bereitete Kerzen brannten Damit
die köstliche Blütenluft nicht durch die vielen Lichterflammen verunreinigt
werde stand die in das Freie führende Treppentür offen Für den Vorleser der
war ich gab es einen erhöhten Sitz zu dessen Seiten um mir das nötige Licht
zu geben die Kerzen vervielfacht waren Als wir eintraten standen die
Anwesenden alle auf Dass wir unsere Frauen mitbrachten schien ihnen ganz
verständlich zu sein TatellahSatah forderte sie durch einen Wink auf ihre
Sitze wieder einzunehmen Er selbst blieb stehen um einige Worte des Grusses und
der Einleitung zu sprechen Er erklärte den Zweck unserer heutigen Zusammenkunft
und Vorlesung und forderte die Versammelten auf ihre Augen nach innen zu
richten um die Ankunft dessen dem dieser Abend gewidmet war ja nicht zu
übersehen Dann begann die Vorlesung Die ersten Zeilen lauteten
    »Ich bin Winnetou Man nennt mich den Häuptling der Apatschen Ich schreibe
für mein Volk Und ich schreibe für alle die da Menschen sind auf Erden
Manitou der Große der Allgütige breite seine Hände aus über dies mein Volk
und über alle die es ehrlich mit ihm meinen«
    Als diese Worte erklangen ging eine tiefe fast möchte ich sagen eine
heilige Bewegung durch die Versammlung
    »Winnetou« »Winnetou« »Winnetou« hauchte es rundum
    Ich las weiter Ein voller inhaltsreicher Lapidarstil war meinem
unvergleichlichen roten Bruder eigen gewesen wie stets im Sprechen so auch
hier im Schreiben Das wuchtete Das hob empor Und das riss hin Den Inhalt
dessen was ich vorlas wird man kennen lernen wenn das Testament im Druck
erscheint Es entstand die Seele des Knaben Winnetou die Seele der einstmals
jungen roten Rasse Sie entwickelte sich sie wuchs Die Schicksale Winnetous
waren die Schicksale seiner Nation In dem ersten Hefte aus dem ich vorlas
beschrieb er seine Kindheit in dem zweiten sein Knabenalter Ich saß der
offenen Tür grad gegenüber Als ich zwischen den Zeilen einmal ausblickte sah
ich eine Gestalt welche draußen vor der Tür im freien erschien Sie kam nicht
herein Sie setzte sich draußen nieder um zuzuhören Die Gestalt war jung Ich
konnte ihr Gesicht nicht erkennen Das Haar hing ihr lang und voll über den
Rücken herab War es Winnetou Hatte er sich aus jener anderen Welt
herniedergelassen um dabei zu sein wenn sein Vermächtnis laut zu sprechen
begann
    Die Zuhörer waren bis tief in ihr Innerstes gefesselt Ihre Augen hingen an
meinem Munde Sehr häufig erklang ein leises oder auch ein lauteres »Uff« Die
Spannung war groß Sie ließ nicht nach sondern sie wuchs Die sitzende Gestalt
draußen vor der Tür regte sich nicht so gefangen war sie von dem was sie
hörte Ich las bis Mitternacht da wollte ich aufhören aber kein einziger der
Anwesenden war damit einverstanden
    »Weiter weiter« bat man von allen Seiten
    Wakon erbot sich an meiner Stelle fortzufahren Ich willigte ein Er las
und las noch stundenlang bis draußen der Morgen tagte und man sehen konnte
dass der vor der Tür Sitzende und so aufmerksam Zuhörende der »junge Adler« war
Da stand ich auf und bat Schluss zu machen heut abend sei bessere Zeit als
jetzt in der Vorlesung fortzufahren Nur in der Hoffnung auf dieses letztere
war man einverstanden Man erhob sich von den Sitzen Kein einziger sprach ein
Wort Es erschien ihnen wie eine Entweihung jetzt anderes zu sagen Da deutete
TatellahSatah hinaus nach dem östlichen Horizont und sprach
    »Meine Brüder mögen sehen dass der Tag im Erscheinen ist der junge Tag den
die Sprache der Menschen den Morgen nennt Zur selben Zeit ist in mir und wenn
Manitou es will in ihnen auch ein Tag erschienen ein neuer junger schöner
Tag schöner als alle die Tage die vergangen sind Ich meine den neuen großen
herrlichen Tag der roten Nation Er wurde in diesen unserm Winnetou geweihten
Stunden in euch geboren Fühlt ihr ihn Und fühlt ihr tief in euch die Seele
dessen um dessen Testament wir uns versammelten zu erfüllen was er uns in ihm
erläutert und verheißen hat Fühlt ihr sein Bild welches in euch wachsen will«
    »Es ist da« antwortete Atabaska
    »Ja es ist da« rief Aschta die Begeisterte
    »Es ist da es ist da« stimmten auch die anderen bei
    Sogar Old Surehand und Apanatschka bestätigten es Nur ihre Söhne sagten
noch nichts Auch sie fühlten die tiefe Wirkung des Manuskriptes Aber sie
wussten dass ihr Plan um so unausführbarer wurde je mehr diese Wirkung sich
vertiefte Darum drängten sie das was über ihre Lippen wollte jetzt noch
zurück
    »Und kommen meine Brüder heut abend wieder« erkundigte sich TatellahSatah
»Ich erwarte sie zu ganz derselben Zeit«
    »Wir kommen« versicherte Algongka
    »Ja wir kommen« sagte Kolma Putschi die ganz gewonnen war
    »Wir kommen wir kommen« riefen alle anderen Und diesesmal waren auch die
Stimmen der zwei jungen Künstler dabei
    So brachen wir auf und gingen heim Bei uns angekommen gestand das Herzle
ehe wir zur Ruhe gingen
    »Glaubst du dass ich wirklich ein neues Wesen eine seelische Gestalt in mir
fühle die vorher nicht vorhanden war«
    »Ich glaube es Doch bitte sprechen wir ja nicht in Rätseln Es ist die
Gedankenwelt Winnetous die uns ergriffen hat und uns erobern wird wir mögen
wollen oder nicht Gute Nacht Herzle«
    »Gute Nacht Ich glaube wir siegen«   
                                 Achtes Kapitel
                                        
                                    Der Sieg
Die Vorlesung wurde täglich fortgesetzt Sie bewirkte Wunder Ihre größte
Wirkung war die dass Young Surehand und Young Apanatschka stets die ersten
waren die sich einstellten Sie konnten das Folgende kaum erwarten So große
Freude uns dies machte so taten wir doch als ob wir gar nicht darauf achteten
Und sie ihrerseits versäumten trotz dieses großen Interesses für unseren
seelischen Winnetou doch keineswegs den Aufbau ihres steinernen Bildes am
Schleierfalle so viel wie möglich zu fördern Es wuchs zusehends empor weil die
einzelnen Teile schon fertig behauen waren und nur noch zusammengesetzt zu
werden brauchten Es war als ob ein Wettstreit zwischen uns und ihnen herrsche
welche Figur am ersten fertig sein werde ihre steinerne oder unsere rein
geistige die sich in den Vorleseabenden in immer größerer Höhe und Schönheit
entwickelte
    Am Abende des dritten Tages nachdem die Gebrüder Enters bei mir gewesen
waren wurde ich von Hariman dem einen Bruder wieder aufgesucht Er hatte um
nicht gesehen zu werden zu dieser heimlichen Visite die späte Zeit der
Dunkelheit gewählt Es hatte kurz vor Abend neue Ankömmlinge gegeben die in der
Unterstadt geblieben waren Nach der Aufregung die ihre Ankunft dort
verursachte schienen wichtige Personen dabei zu sein deren Namen wir aber
nicht erfahren hatten Nun kam Hariman Enters sie uns zu nennen Ich empfing
ihn in Gegenwart meiner Frau
    »Wisst ihr Mr Shatterhand wer gegen Abend hier angekommen ist« fragte er
    »Nein« antwortete ich
    »Eure Todfeinde die vier Häuptlinge«
    »Ah Wirklich Allein«
    »Mit nicht viel über dreißig Mann Begleitung mehr nicht«
    »Keine Unterhäuptlinge«
    »Nein«
    »Wie unvorsichtig von ihnen Daraus ist doch auf das zu schließen was sie
vorhaben Die Unterhäuptlinge gehören unbedingt zu ihnen Fehlen sie so
bedeutet das Gefahr Sie sind natürlich bei den viertausend Reitern die man
nach dem Tale der Höhle beordert hat«
    »Ganz sicher Aber das ist jetzt Nebensache Hauptsache ist dass man Euch
morgen zum Zweikampf herausfordern wird«
    »Uff Höchst interessant«
    Da aber fiel das Herzle schnell ein
    »Das ist ganz und gar nicht höchst interessant sondern höchst unverschämt
und höchst gefährlich Wer ist der Mensch der sich vorgenommen hat meinen Mann
umzubringen«
    Diese Frage war an Enters gerichtet Er antwortete
    »Es ist nicht nur einer sondern es sind vier«
    »Wie Höre ich recht Vier Wer sind denn diese vier«
    »Kiktahan Schonka Tusahga Saritsch Tangua und Tokeichun«
    »Wollen sie etwa alle vier zu gleicher Zeit auf einmal auf meinen armen Mann
hineinhauen hineinstechen oder hineinschiessen«
    »Nur schießen weiter nichts«
    »So Weiter nichts Als ob das gar nichts wäre Und alle vier zu gleicher
Zeit«
    »Nein sondern einer nach dem andern«
    »Das verbitte ich mir So hübsch einer nach dem andern Etwa wie drüben in
Deutschland beim Scheiben oder Vogelschiessen Wenn der eine nicht trifft
trifft der andere Danke Da kann doch kein Mensch lebendig davonkommen«
    »Das meinen sie eben auch Old Shatterhand muss unbedingt fallen Dann ist
nicht nur ihrer Rache Genüge geschehen sondern auch der steinerne Winnetou
gerettet Man meint nämlich dass er der einzige wirklich gefährliche Gegner des
Denkmalbaues ist Ist er tot so ist mit Hilfe der viertausend Reiter alles
durchzusetzen   «   «
    »Oho« fiel ihm das Herzle zornig in die Rede »Er wird aber nicht tot sein
Ehe ich mir ihn erschießen lasse schlage ich diese viertausend alle tot auch
einen so ganz hübsch nach dem andern und dann   «
    Sie hielt inne Sie bemerkte was sie da eigentlich gesagt hatte und brach
in ein fröhliches Gelächter aus in welches ich einstimmte Dadurch glättete
sich ihre Erregung und wir konnten in Ruhe weitersprechen
    Es war richtig dass die vier unversöhnlichen Häuptlinge beschlossen hatten
mich zu einem echt indianischen Kampf auf Leben und Tod zu fordern Dass sie
dabei ihre Bedingungen derart stellten dass ich unmöglich entkommen konnte
verstand sich ganz von selbst Jetzt heut abend ließ sich da weder etwas
beschließen noch etwas tun Man musste die Bedingungen kennen lernen Es war
beschlossen dass Pida der Sohn Tanguas mir die Forderung zu überbringen hatte
Er war mir wie man weiß freundlich gesinnt und so ließ sich hoffen dass es
mir mit seiner Unterstützung gelingen werde alles für mich Gefährliche
abzuwenden
    Als ich das dem Herzle vorstellte beruhigte sie sich ganz Sie erhob sich
sogar zu folgender Betrachtung
    »Die Sache ist allerdings nicht im geringsten gefährlich sondern einfach
lächerlich Die vier Halunken werden riesenhaft blamiert Du brauchst nur Mann
zu sein weiter nichts«
    »Hm Wie meinst du das« erkundigte ich mich
    »Sehr einfach Du bist doch Duellgegner«
    »Sogar sehr«
    »Nun also Wenn diese Kerle dich fordern lassen sagst du Ich bin
Duellgegner und mache nicht mit Da schleichen sie davon und müssen sich
schämen«
    »Hm hm« lächelte ich »Und da sagst du ich hätte nur Mann zu sein«
    »Ja Oder ist es etwa nicht männlich seine Duellgegnerschaft offen und
ehrlich zu bekennen«
    »O gewiss Ich bin ja auch ganz gern bereit mich als Mann zu zeigen sogar
als Doppelmann«
    »Doppelmann« fragte sie »Du das klingt verdächtig Wenn du in dieser
Weise kommst ist ganz gewiss etwas nicht richtig Ich schöpfe Verdacht«
    »Verdacht kannst du nichts Besseres schöpfen wenn überhaupt geschöpft
werden muss Ich werde diesem Pida sehr männlich gestehen dass ich Duellgegner
bin Und ich werde dann ebenso männlich hinzufügen dass ich trotzdem sehr gerne
bereit bin mich mit den vier Häuptlingen zu schießen Ist das nicht doppelt
Mann«
    »Nicht doppelt Mann sondern doppelt falsch Ich hoffe dass du scherzest«
    »Ich scherze allerdings und dennoch nehme ich es ernst beides zugleich
Offen gesagt ich nehme diese Forderung einfach als Faxe und werde sie als Faxe
behandeln obwohl sie von feindlicher Seite blutig ernst gemeint ist In welcher
Weise ich das tue und wozu ich mich überhaupt entschliesse das kann ich jetzt
nicht wissen Lass Pida kommen dann wirst du hören was ich ihm antworte«
    »Du hälst die Sache also nicht für gefährlich«
    »Nein«
    »Und glaubst heiler Haut davonzukommen«
    »Unbedingt«
    »Daran haben die Häuptlinge auch gedacht« fiel da Hariman Enters ein »Sie
trauen Eurer List und Findigkeit nicht Darum ließ sie mich und meinen Bruder
kommen und teilten uns ihren Plan mit Euch im Zweikampfe umzubringen Falls
Ihr dem Tode in irgendeiner Weise entgehen solltet bin ich mit meinem Bruder
von ihnen beauftragt Euch auf die Seite zu schaffen Euch und Eure Frau   «
    »Auch mich« fiel ihm das Herzle in die Rede »Seid Ihr darauf eingegangen«
    »Ganz selbstverständlich«
    »Aber nur zum Schein«
    »Nur zum Schein« nickte er »Es fällt uns nicht ein uns an Euch zu
vergreifen Wir sind Euch treu Wir werden Euch beschützen nicht aber
ermorden«
    »Das glaube ich Euch« versicherte sie in schneller aber aufrichtiger
Herzensregung
    »Ist es wahr Glaubt Ihr das wirklich« fragte er indem sein Gesicht sich
froh erhellte
    »Es ist wahr« antwortete sie
    »Und Ihr Mr Shatterhand«
    »Auch ich glaube es« bestätigte ich
    »Das freut mich Das freut mich ungemein Ich kann Euch sogar beweisen dass
wir es ehrlich meinen Ich habe dafür gesorgt dass ich es kann Ich bringe den
Beweis den unumstösslichen Beweis Ich habe eine Art von Kontrakt«
    »Etwa einen geschriebenen« fragte ich
    »Ja«
    »Unglaublich Von wem ausgestellt«
    »Von den vier Häuptlingen ausgestellt und von Mr Evening und Mr Paper als
Zeugen unterschrieben Hier habt Ihr ihn«
    Er gab ihn mir Es war kein Kontrakt sondern ein Zahlungsversprechen
dessen Ausstellung nur dadurch denkbar und möglich war dass sowohl die beiden
Brüder als auch die beiden Unterzeichneten von den Häuptlingen betrogen werden
sollten Dass diese Schrift auf absichtlichem Wege in die Hände eines Gegners
gelangen könne war für die Aussteller eine Unmöglichkeit gewesen Sie hatte den
Brüdern nur für eine kurze Zeit ausgestellt dann aber wieder abgenommen werden
sollen Nachdem ich sie gelesen hatte wollte ich sie Hariman Enters
zurückgeben er aber sagte
    »Kann sie Euch nützen wenn Ihr sie behaltet«
    »Sogar viel« antwortete ich
    »So mag ich sie nicht wieder Betrachtet sie als Euer Eigentum«
    »So danke ich Euch Damit habt Ihr allerdings bewiesen dass Ihr es ehrlich
meint Warum brachtet Ihr Euren Bruder nicht mit«
    »Weil niemand etwas wissen soll und zwei viel eher beobachtet und entdeckt
werden als einer Sobald wieder etwas zu melden ist mag er es tun Jetzt aber
bitte ich mich zu entlassen«
    »Er ist wirklich treu« sagte das Herzle als er fort war
    »Ob aber auch sein Bruder« fragte ich
    »Ich glaube nicht dass er mir etwas Böses zufügt«
    »Ja dir Aber mir Mich liebt er nicht Das ist gewiss Ich fühle mich nur
darum vor ihm sicher weil alles Böse was er mir zufügen könnte ganz unbedingt
auch dich mit treffen muss Ich stehe also wie überall auch hier unter deinem
Schutz«
    »Den hast du allerdings auch nötig« scherzte sie mit »Besonders morgen
wenn vier Häuptlinge auf dich schießen so recht hübsch einer nach dem andern
Sei ja nicht etwa leichtsinnig Dein Leben muss auf alle Fälle erhalten werden
Du gehörst nicht dir allein sondern auch mir« 
    Am nächsten Morgen stellten sich zwei KiowaIndianer bei mir ein die mir
meldeten dass Pida ihr Häuptling mich zu sprechen habe Ich solle ihm durch
sie mitteilen wann ich ihn bei mir empfangen wolle Ich bestellte ihn auf Punkt
die Mittagszeit Als sie sich entfernt hatten ließ ich durch Intschuinta alle
die Personen die zur Vorlesung zu erscheinen pflegten so einladen dass sie
eine Viertelstunde vor Mittag bei mir einzutreffen hatten Sie kamen und ich
teilte ihnen in Kürze mit um was es sich handelte Ich wünschte dass bei der
Forderung soviel Zeugen wie möglich vorhanden seien
    Pida kam in großer Begleitung angeritten wurde aber nur allein vorgelassen
Die bei ihm waren standen nicht im Hänptlingsrang Er suchte es zu verbergen
aber man sah es ihm doch an dass er überrascht war mich nicht allein sondern
so viel andere bei mir zu sehen Das Herzle Aschta und Kolma Putschi waren auch
mit da Als er eingetreten war stand ich von meinem Platze auf ging ihm einige
Schritte entgegen und sprach
    »Pida der Häuptling der Kiowa hat einst mein Herz gewonnen Er besitzt es
auch heute noch Doch weiß ich nicht ob ich in der Sprache des Herzens mit ihm
reden darf oder nicht Er sage mir in welcher Eigenschaft er zu mir kommt ob
als Gast mich zu begrüßen oder als Bote seines Vaters der mir den kleinsten
Gruß verweigern würde«
    Er war damals Jüngling gewesen jetzt aber ein Fünfziger Sein Gesicht war
jetzt schärfer geschnitten als früher aber noch immer sympathisch Sein Auge
ruhte mit freundlichem Blicke auf mir doch klang seine Stimme ernst als er mir
antwortete
    »Old Shatterhand weiß ob Pida ihn liebt oder hasst Ich komme als Bote
meines Vaters und seiner Verbündeten«
    »So mag Pida sich setzen und dann sprechen«
    Indem ich das sagte kehrte ich nach meinem Platze zurück und deutete ihm
durch eine Handbewegung an sich vor mir niederzulassen Er aber lehnte ab
indem er fortfuhr
    »Pida muss stehen Nur der Friede darf sich niederlassen und ruhen Old
Shatterhand sieht in mir den Boten von vier der berühmtesten Krieger Ich nenne
ihre Namen Tangua der Häuptling der Kiowa Tokeichun der Häuptling der
RacurrohKomantschen Tusahga Saritsch der Häuptling der KapoteUtahs und
Kiktahan Schonka der älteste Häuptling der Sioux Es ist lange her viele
Sommer und viele Winter dass diese Häuptlinge von Old Shatterhand gezwungen
wurden danach zu trachten dass er ausgelöscht werde aus der Reihe der Lebenden
Er entkam ihnen Er lebt noch Aber auch seine Schuld besteht noch sie ist
ungesühnt Er hat sie vergessen Er hat geglaubt sie sei auch von ihnen
vergessen Er hat es gewagt in ihr Land zu kommen und die Pfade zu betreten
die seinem Fuße verboten sind Dadurch hat er sich ihnen ausgeliefert Er ist
ihr Eigentum Er muss sterben Aber die Zeiten des Marterpfahles sind vorbei und
die Häuptlinge gedenken edel und gütig zu sein Sie wollen ihm Gelegenheit
geben sich vom wohlverdienten Tode zu erretten Sie wollen mit ihm kämpfen Ich
bin gekommen ihn zu diesem Kampfe einzuladen und aufzufordern Was antwortet er
mir«
    Da stand ich auf und sprach
    »Nicht nur die Zeiten des Marterpfahles sondern auch die Zeiten der langen
Reden sind vorüber Was ich zu sagen habe ist kurz Ich bin der Feind keines
einzigen roten Mannes gewesen Ich habe weder Hass noch Tod verdient Ich wandle
auch heute nicht auf verbotenen Wegen und fühle mich den Häuptlingen keineswegs
ausgeliefert Auch die Zeiten der Mordtaten der Faust und der Zweikämpfe sind
vorüber Ich bin alt und bedachtsam geworden Ich verdamme jedwedes
Blutvergießen Ich bin ein Gegner des Zweikampfes  «
    Da stieß mich das Herzle heimlich an und flüsterte mir zu
    »Recht so recht so Sei ein Mann«
    Sie konnte das tun weil ich ganz dicht neben ihr stand Ich aber fuhr fort
    »Aber weil ich die Berühmteit der Häuptlinge kenne und ihr weissgewordenes
Haar achte will ich es vermeiden sie durch eine Absage zu beleidigen Ich bin
also bereit mit ihnen zu kämpfen«
    »Bist du toll« flüsterte mir das Herzle zu
    Hierauf ergriff Pida wieder das Wort
    »Old Shatterhand ist der alte Er hat nie Furcht gekannt Aber er sehe sich
vor Die Bedingungen welche die Häuptlinge stellen sind scharf sind
unerbittlich Er wird dann zwar auch die seinigen stellen aber es steht nicht
zu erwarten dass   «
    »Ich stelle keine« unterbrach ich ihn schnell »Ich gehe auf alles ein was
die Häuptlinge von mir verlangen«
    Da sah er mich ungewiss an und fragte
    »Spricht Old Shatterhand im Scherz oder im Ernst«
    »Im Ernste«
    »So sage er das was ich jetzt hörte noch einmal Vorher aber höre er was
die Häuptlinge fordern Die Waffe sei das Gewehr    Er hat mit einem jeden
der vier Häuptlinge zu kämpfen    Die Reihenfolge wird durch das Los
bestimmt    Geschossen wird im Sitzen    Es gibt für jeden nur einen
einzigen Schuss    Die Gegner sitzen einander gegenüber nur sechs Schritte
voneinander entfernt    Den ersten Schuss hat stets der ältere    Der
zweite Schuss fällt genau eine Minute nach dem ersten    Es wird gekämpft bis
zum Tode    Wenn die vier Gänge mit den vier Häuptlingen vorüber sind und
Old Shatterhand ist noch nicht tot werden sie von vorn angefangen Das sind die
Bedingungen Old Shatterhand mag sie erwägen«
    Er hatte immer da wo die Gedankenstriche stehen eine Pause gemacht und
mich prüfend ja beinahe besorgt angesehen Jetzt antwortete ich
    »Sie sind bereits erwogen Wer kommandiert die Schüsse«
    »Der erste Vorsitzende des Komitees«
    »Wie lange hat der zweite Schuss zu warten wenn der erste nicht fällt«
    »Nicht fällt Die Häuptlinge sind älter als Old Shatterhand der noch nicht
siebzig Jahre zählt Keiner von ihnen wird zögern Sie werden schießen sobald
das Kommando fällt«
    »Wer kann das behaupten Ich sah schon manches was man für unmöglich hält
möglich werden Also ich frage Die Häuptlinge haben jeder den ersten Schuss
ich aber habe den zweiten Wenn der erste Schuss nicht fällt wann darf ich
schießen«
    »Genau eine Minute nachdem der erste hätte fallen sollen«
    »Einverstanden Wohin soll geschossen werden«
    »In das Herz genau in das Herz«
    »Nach gar keiner anderen Körperstelle«
    »Nach keiner andern«
    »Wo findet der Kampf statt«
    »Auf der Scheide zwischen der Oberstadt und der Unterstadt Der Platz wird
abgesteckt«
    »Wann«
    »Eine Stunde bevor die Sonne hinter dem Mount Winnetou verschwindet«
    »Wer sorgt dafür dass diese Bedingungen streng eingehalten werden«
    »Zwei Personen auf jeder Seite Die Häuptlinge haben hierzu den Agenten
William Evening und den Bankier Antonius Paper gewählt Old Shatterhand wähle
ebenso zwei«
    »So nenne ich hierzu meinen Freund und Bruder Schahko Matto den Häuptling
der Osagen und meinen Freund WagareTei den Häuptling der Schoschonen Sie
werden zu meinen Seiten stehen und jeden Häuptling sofort erschießen der sein
Wort bricht indem er nach einer anderen Stelle als nur auf mein Herz zielt Ist
Pida der Bote meiner Feinde einverstanden«
    »Ich bin es« antwortete er »Und Old Shatterhand«
    »Ich nehme den Kampf an zu den Bedingungen welche soeben besprochen
wurden«
    »Um Gottes willen« raunte mir das Herzle so laut zu dass alle es hörten
»Ich gebe es nicht zu Du bist verloren«
    Es war ein Glück dass sie deutsch gesprochen hatte so dass niemand es
verstand
    »Hat Old Shatterhand mir noch etwas mitzuteilen« erkundigte sich Pida
    »Nur dass ich mich mit meinem Gewehre pünktlich einstellen werde weiter
nichts Pida der Häuptling der Kiowa hat seine Botschaft ausgerichtet Er kann
gehen«
    Er machte eine grüssende Handbewegung und drehte sich um sich zu entfernen
Aber noch unter der Tür blieb er stehen besann sich kehrte um kam schnellen
Schrittes auf mich zu ergriff meine beiden Hände und sagte indem sein Gesicht
ein ganz anderes wurde
    »Pida liebt Old Shatterhand Er will nicht dass Old Shatterhand sterbe
sondern dass er lebe und dass er glücklich sei Kann Old Shatterhand an diesem
Kampfe der doch unbedingt zu seinem Tode führen muss nichts ändern«
    »Ich könnte wohl aber ich will nicht« antwortete ich »Pida ist mein
Bruder und ich bin der seine Dieser Kampf wird nicht zu meinem Tode führen
Old Shatterhand weiß stets was er sagt Pida glaube auch jetzt an mich wie er
früher an mich glaubte Kein Komantsche kein Kiowa kein Utah und kein Sioux
wird mich töten Nur noch kurze Zeit so werden sie alle unsere Freunde sein
Ich bitte dich das zu glauben«
    »Ich glaube es und ich wünsche es« versicherte er »Old Shatterhand
spricht in Geheimnissen aber jedes Wort hat bei ihm seinen Grund und seine
Absicht Er sieht und hört was andere weder sehen noch hören Darum weiß er
voraus was andere nicht wissen können Ich habe gesprochen Ich gehe«
    Ich schüttelte ihm die Hände und küsste ihn auf die Stirn Seine Augen
strahlten Er grüßte rundum und schritt erhobenen Hauptes hinaus
    Es lässt sich wohl denken dass ich nun mit Fragen überschüttet wurde Es war
mir unmöglich so zu antworten wie man wünschte Wollte ich nicht den ganzen
Erfolg auf das Spiel setzen so musste ich über das was ich vorhatte schweigen
Darum wuchs die Spannung der Anwesenden immer mehr und wurde als sie sich dann
entfernten hinunter in die Stadt getragen und dort verbreitet Meinem Herzle
gegenüber durfte ich freilich nicht schweigen Ich musste sie beruhigen Ich
sagte ihr dass ich im Besitze von vier kugelfesten Panzern sei durch die kein
Schuss zu dringen vermöge Diese Panzer waren die Medizinen die wir vom »Haus
des Todes« mitgebracht hatten Keinem Indianer kann es jemals einfallen seine
eigene Medizin zu verletzen Er gibt sich lieber den Tod als dass er dieses tut
Die Medizin des alten Kiktahan Schonka bestand aus seinem Gürtel und aus den
Hundepfötchen die ich damals auf den Stufen gefunden hatte Was die Medizinen
der drei anderen Häuptlinge vorstellten das konnte man nicht sehen weil sie in
lederne Medizinbeutel eingenäht waren Ich knotete die an ihnen vorhandenen
Riemen derart dass die Medizinen wenn ich sie mir um den Hals hing grad auf
das Herz zu liegen kamen Das war die ganze Vorbereitung die ich für den so
gefährlich erscheinenden Zweikampf zu treffen hatte Als das Herzle das hörte
war sie sofort beruhigt Ja sie begann sogar sich auf dieses »Duell« zu
freuen
    Nicht lange so war die Aufregung zu sehen die sich unten im Lager
verbreitete Man steckte den Kampfplatz ab und man war besorgt um Plätze für
Hunderte von Zuschauern Es herrschte sowohl in der Unter als auch in der
Oberstadt eine lebhafte Bewegung Man suchte einander auf Man sprach von nichts
anderem als von dem bevorstehenden Kampf auf Leben und Tod zwischen Old
Shatterhand und den vier berühmten Häuptlingen Man sagte dass es von ersterem
geradezu wahnsinnig sei auf so blutrünstige Bedingungen einzugehen Aber man
hielt dem entgegen dass er oft ganz anders denke und ganz andere Wege gehe als
andere Menschen und dass man darum auch jetzt nicht voreilig urteilen dürfe
sondern einfach den Ausgang des Kampfes abzuwarten habe Kurz das Abenteuer war
in aller Mund und es verstand sich ganz von selbst dass auch TatellahSatah
davon hörte obwohl ich es unterließ ihn zu benachrichtigen Es war nach dem
Mittagessen da suchte er mich auf Ich war mit dem Herzle allein Er setzte
sich nicht Er sagte er beabsichtige gleich wieder zu gehen Er sah mir
forschend in das Gesicht und fragte dann
    »Du wirst dich mit den Häuptlingen schießen«
    »Nein« antwortete ich
    Da ging ein frohes Lächeln über sein Gesicht und er fuhr fort
    »Ich dachte es Old Shatterhand ist kein Selbstmörder Aber du wirst
pünktlich erscheinen«
    »Ja«
    »So frage ich nicht was du vorhast Du bist dein eigener Herr und hast
keinen anderen Menschen um Erlaubnis zu fragen Aber ich komme auch«
    »Allein Oder mit deinen Winnetous«
    »So wie du es wünschest«
    »So komm allein Man soll erfahren dass wir nicht durch große
Kriegerscharen sondern durch uns selbst zu siegen wissen«
    »Liesest du heut abend vor«
    »Ja Es ist ein Tag wie jeder andere Das Duell ist eine Faxe ein Schwank
wenn auch mit sehr ernstem Hintergrund weiter nichts«
    »Wünschen wir dass dieser Schwank nicht anders ende als du denkst«
    Er reichte uns beiden die Hand und ging Einige Zeit darauf sahen wir ihn
unten im Lager Er nahm den abgesteckten Platz in Augenschein und schien Befehle
zu erteilen Die uns befreundeten Häuptlinge hatten sich ihm zugesellt Hierauf
machte ich mit meiner Frau einen Spaziergang aber nicht nach der Lagerstadt
sondern nach dem Binnental und dem Schleierfall hinunter Auch dort gab es ein
reges Leben wenn auch in anderer Weise und zu einem anderen Zwecke Man schlug
hohe Pfähle ein Man zog zahlreiche Schnuren und Drähte Wir sahen ganze Haufen
Papierlaternen liegen Es gab elektrische Kabel Lichtbirnen Tulpen Kugeln und
andere derartige Glasformen Hier und da hantierte man mit photographischen
Apparaten Ein Ingenieur aber auch Indianer schien die Aufgabe zu haben einen
großen Projektionsapparat am Felsen der Teufelskanzel anzubringen Das
interessierte das Herzle im höchsten Grade Sie photographiert so gern Sie ist
da stets bereit zum Alten Neues hinzuzulernen Ich aber habe viel weniger
Interesse für die Abbildungen als für die Gegenstände selbst Darum nehme ich
in ihrer photographischen Hochachtung keineswegs eine hervorragende Stelle ein
Sie weiß sie ist mir über Das genügt ihr Und es ist ihr eine höchst angenehme
Beruhigung zu wissen dass ich niemals die Absicht habe mich in ihre
lichtbildnerischen Geheimnisse einzudrängen Sie ist da sehr resolut Sie tut
als sei ich gar nicht vorhanden Sie gibt mir da sehr leicht und auch sehr gern
Gelegenheit mich auf mich selbst und auf meine anderen Vorzüge zurückzuziehen
So ließ sie mich auch jetzt ganz einfach stehen und eilte in großen Schritten zu
dem Ingenieur hin um ihn  in das Verhör zu nehmen denn anders kann man das
bei ihr nicht nennen Was sie erfahren will das bringt sie heraus unbedingt
heraus Ich setzte mich inzwischen für mich nieder und beobachtete das rege
Treiben rund umher
    Was hatte das für einen Zweck Es war mir wie schon gesagt mitgeteilt
worden dass man den steinernen Winnetou beleuchten und illuminieren wolle um
die Zuschauer für das Denkmalprojekt zu gewinnen Ich hatte da gesagt dass das
Denkmal viel eher in die Erde versinken werde als dass ich dazu zu bringen sei
eine solche Entwürdigung meines Winnetou zuzugeben Sollte das was ich hier
sah etwa schon die Vorbereitung zu dieser Illumination sein Aber die Figur war
noch gar nicht fertig Sie war erst bis zur Schulter gediehen Hals und Kopf
fehlten Und sonderbar Indem ich das dachte und mein Blick dabei an der Figur
auf und niederglitt war es mir als ob sie nicht mehr gerade stehe sondern
schief Ich legte das Auge an verschiedene Stellen an und kam zu immer demselben
Resultate Man wird sich erinnern dass ich die Figur am letzten Male von der
Strassenbiegung aus betrachtet hatte Da war es mir erschienen als ob alle
Gerüstträger senkrecht gestanden hätten nur einer von ihnen nicht Ich ging
jetzt zu dieser Stelle Wahrhaftig Gerüst und Figur hatten sich bewegt hatten
sich nach der einen Seite gesenkt wenn auch nicht viel aber doch so dass ich
es deutlich bemerkte Es war kein Zweifel möglich Der Pfosten der erst schief
gestanden hatte stand jetzt gerade und die anderen welche gerade gestanden
hatten waren ganz zweifellos nach rechts geneigt
    Ich erschrak als ich das sah Ich dachte an die Risse und Sprünge die ich
da unten an der Höhlendecke bemerkt hatte an das Streuen Sieben und
Niederbröckeln des Gesteins War die Last der Figur für die ausgehöhlte
Erdunterlage zu groß Konnte diese Unterlage das so viele Zentner schwere Bild
nicht tragen Welch eine Katastrophe stand uns da allen bevor Indem ich das
dachte kam das Herzle zurück Sie hatte den Ingenieur ausgefragt Es handelte
sich einstweilen nur um eine Probebeleuchtung die morgen abend vorgenommen
werden sollte Man hatte vor alle Anwesenden hierzu zu laden
    »Und was sollte der riesenhafte Projektionsapparat« fragte ich
    »Er enthält die Bilder von Young Surehand und Young Apanatschka welche auf
der Spiegelfläche des Wasserfalles zu beiden Seiten des Denkmales erscheinen
sollen Die Schöpfer der Winnetougestalt rechts und links neben ihrem Werke«
    »Das dulde ich nicht« rief ich aus
    »Was willst du dagegen machen« fragte sie
    »Es verbieten Das genügt«
    »Ja allerdings Selbst wenn man deinen Willen nicht respektieren wollte
würdest du ihm Nachdruck zu geben verstehen Aber bedenke es ist nur erst zur
Probe Ist es nicht ratsam diese Probe ungestört vorüber zu lassen um zu
warten bis sie zur wirklichen Ausführung kommen soll«
    »Ja vielleicht ist das richtiger Aber ich glaube wir haben diese Sache
nicht mehr in unseren Händen Es hat sich eine Gewalt ihrer angenommen der wir
nicht gewachsen sind«
    »Wie meinst du das«
    »Schau genau hin und sag Steht die Figur gerade oder schief«
    Sie prüfte und antwortete dann
    »Sie steht gerade Man wird sie doch wohl nicht schief aufstellen«
    »Absichtlich gewiss nicht Aber sie steht dennoch schief Du merkst das
nicht weil dein Auge nicht so geübt ist wie das meine und weil die Abweichung
von der senkrechten Linie noch nicht so bedeutend ist dass sie dir
notwendigerweise auffallen müsste Vergleiche einmal genau mit der Fallrichtung
des Wassers und sag mir   «
    Da fiel sie mir in die Rede
    »Sie steht schief ja sie steht schief Herrgott Welch ein Gedanke Meinst
du dass sie versinkt«
    »Ob ja oder nein das kann man jetzt noch nicht sagen Man hat abzuwarten
ob und wie sehr die Abweichung steigt Heut habe ich keine Zeit Aber morgen
werde ich hinunter in die Höhle steigen um nachzusehen ob die Decke noch
bröckelt«
    »Ist das nicht lebensgefährlich«
    »Nein«
    »Aber du hältst es doch für möglich dass alles zusammenbricht«
    »Nicht nur für möglich sondern sogar für wahrscheinlich Aber so schnell
dass der Zusammenbruch schon heut oder morgen erfolgt geschieht das nicht Da
müsste die Senkung vorher eine bedeutend größere werden Aber bitte halte alles
geheim«
    »Gegen jedermann«
    »Ja«
    »Auch gegen TatellahSatah«
    »Auch gegen ihn Ich möchte diese Situation allein beherrschen Es soll mir
kein anderer dreinkommen und mich stören oder die Sache gar verderben«
    »Weißt du aber was du da auf dich nimmst«
    »Ja Es ist viel sehr viel Aber ich glaube es verantworten zu können
Doch nun komm Herzle Wir müssen heim Ich darf keine Minute zu spät zum Kampf
erscheinen«
    »Leider bin ich da nicht ganz ohne alle Sorge« seufzte sie
    »Das ist überflüssig vollständig überflüssig Du hast viel mehr
Veranlassung zu lächeln als bange zu sein«
    Als wir droben auf dem Schloss angekommen waren ließ TatellahSatah uns
sagen dass er uns abholen werde Von den Häuptlingen kam ein Bote der mir
meldete dass auch sie sich einstellen würden um mich hinunter zu begleiten Ich
ließ sie aber bitten dies nicht zu tun die Sache sei einer solchen Mühe gar
nicht wert Ich war verpflichtet bei dieser Gelegenheit den Häuptlingsanzug zu
tragen und lud den Henrystutzen obgleich ich annahm dass es wahrscheinlich zu
keinem einzigen Schusse kommen werde Die vier Medizinen durfte ich nicht
tragen Das Herzle nahm sie in ihren Reisepompadour Sie wollte an meiner Seite
sitzend in dieser Weise an dem Zweikampfe teilnehmen Ich hatte nichts dagegen
Als die Zeit da war und wir in den Hof kamen wo Intschuinta unsere Pferde
bereit hielt fanden wir den »jungen Adler« und unseren alten Pappermann vor
die es sich nicht nehmen ließ mich nach dem Platze meines hoffentlichen
Sieges zu begleiten Zu gleicher Zeit erschien TatellahSatah auf seinem weißen
Maultiere ganz allein Da setzten wir uns in Bewegung Der »Bewahrer der großen
Medizin« das Herzle und ich voran der »junge Adler« und Pappermann
hinterdrein
    Wir sahen schon von oben dass alles was in der Ober und der Unterstadt
bisher zerstreut gewesen war sich jetzt um den Kampfplatz eng zusammengezogen
hatte Es war eine Versammlung vieler vieler Menschen doch gab es keine Spur
jener bekannten Unzuträglichkeiten die bei Zusammenhäufungen sogenannter
»zivilisierter« Mengen unvermeidlich zu sein scheinen Jedermann war schon da
Kein einziger der hatte kommen wollen fehlte Wir waren die letzten die
allerletzten
    Meine vier Gegner saßen bereit Als wir in den Kreis traten standen sie
auf Nur Tangua blieb sitzen denn er konnte nicht stehen TatellahSatah hatte
seinen Sitz so bestellt dass er dann grad hinter mir saß und die vier Häuptlinge
scharf im Auge hatte Es wurde mir gesagt dass der erste Vorsitzende des
Komitees eine Rede halten werde Hierauf werde jeder der vier Häuptlinge auch
eine Rede halten Zuletzt habe meine Rede zu kommen worauf dann der Kampf
beginnen könne Da trat ich vor und äußerte mich so laut dass jedermann der im
Kreise saß es hören konnte
    »Old Shatterhand ist nicht gekommen um zu reden sondern um zu kämpfen
Wenn die Gefahr naht reißt nur die Furchtsamkeit den Mund weit auf der Mutige
aber schweigt und handelt Von all diesen Reden ist zwischen mir und Pida kein
Wort erwähnt worden Ich gestatte nur das worauf ich eingegangen bin«
    Da vollführte der »erste Vorsitzende des Komitees« eine große imponierend
sein sollende Armbewegung und begann
    »Es wurde vom Komitee beschlossen dass ich zu sprechen habe und was vom
Komitee beschlossen worden ist das werde ich   «
    »Schweig« donnerte ich ihn an »Beschlossen worden ist nur zwischen Pida
und mir Euer Komitee ist für mich nicht vorhanden Dich dulde ich nur Ich habe
erlaubt dass du die Schüsse der Häuptlinge und genau eine Minute darauf auch die
meinigen kommandierst Mehr ist dir nicht gestattet«
    »Aber ich stehe doch nicht etwa hier um  «
    »Wenn du nicht stehen willst so setze dich« unterbrach ich ihn indem ich
schnell auf ihn zuschritt und ihn mit einem Griff und einem Druck auf die Erde
niedersetzte wo er ganz erschrocken eine Weile sitzen blieb Dann fuhr ich in
demselben lauten energischen Tone fort
    »Ich habe mit Pida meine berühmten Brüder Schahko Matto und WagareTei
gewählt sich die Bedingungen des Kampfes genau zu merken und darauf zu sehen
dass sie ehrlich eingehalten werden Sie mögen jetzt sprechen und diese
Bedingungen aufzählen«
    Sie standen von ihren Sitzen auf und taten dies Zwar hatten meine vier
Gegner ihren William Evening und ihren Antonius Papper zu dem gleichen Zwecke
gewählt aber es fiel mir gar nicht ein dazu beizutragen dass diese überhaupt
in Aktion zu treten hatten Darum ließ ich durch Schahko Matto und WagareTei
auch gleich die Lose besorgen und die vier Häuptlinge fügten sich dem allem mit
innerem Behagen weil sie überzeugt waren dass dies doch sicher meine
allerletzte Willensverschwendung in diesem Leben sei Das Los ergab dass meine
Gegner in folgender Reihe auf mich zu schießen hatten Tusahga Saritsch
Tokeichun Kiktahan Schonka und Tangua Sie nahmen in dieser Reihenfolge in
einem Halbkreise meinem Sitze gegenüber Platz Sie waren alle mit Doppelgewehren
versehen und in ihren Minen glänzte das Bewusstsein des sicheren Sieges Ehe ich
meinen Platz einnahm ging ich nach der Stelle wo AvahtNiah der
hundertundzwanzigjährige Häuptling der Schoschonen saß Ich beugte mich zu ihm
nieder küsste ihm die alte treue Hand und sprach
    »Du bist der Aelteste von allen die hier atmen Auf deinem Haupte ruht der
Segen und die Liebe des großen Geistes der dich nicht hierher geleitet hat um
das Blut derer die dir lieb sind fließen zu sehen Du bist der Weiseste und
der Erfahrenste von uns allen Du wirst der erste sein der aus dem Kampfe zu
dem ich hier gezwungen werde ersieht dass jeder Kampf zwischen den
Menschenkindern nichts weiter als eine Torheit ist über die man lachen könnte
wenn ihre Folgen nicht so traurig wären«
    Er zog als Gegengruss nun auch meine Hand an seine Lippen und antwortete
    »Old Shatterhand mag uns diese Torheit zeigen damit die welche nach uns
kommen nicht mehr tun was ihre Ahnen taten Der Sieg sei dein«
    Nun ging ich zu der mir angewiesenen Stelle und setzte mich Das Herzle ließ
sich neben mir nieder Da brauste Kiktahan Schonka zornig auf
    »Was soll die Squaw unter Kriegern Fort fort mit ihr«
    »Fürchtest du dich vor einer Squaw« antwortete ich »Dann geh Sie aber
fürchtet sich nicht sie bleibt«
    »Ist Old Shatterhand ein Weib geworden dass er die Beleidigung nicht fühlt
die ich als Krieger fühle« fragte er
    »Als Krieger Pshaw Du fragst was meine Squaw unter Kriegern solle
Glaubst du wirklich dass ihr Krieger seid Alte Weiber seid ihr weiter nichts
Darum habe ich alle eure Bedingungen angenommen ohne sie genauer zu betrachten
Es fällt Old Shatterhand nicht ein mit euch zu kämpfen denn er ist en Mann Er
brachte euch seine Squaw von der eine einzige Handbewegung genügt einen jeden
von euch zu vernichten Fürchtet ihr euch vor ihr so geht«
    »Sie bleibe« rief Kiktahan Schonka ergrimmt »Aber meine erste Kugel gilt
dir meine zweite ihr«
    »Ja sie bleibe sie bleibe Sie falle und sterbe mit ihm« stimmten die
drei anderen bei »Der Kampf beginne«
    Wir fünf Duellanten saßen in der Mitte des abgesteckten Platzes Unsere
Beigeordneten befanden sich in nächster Nähe TatellahSatah saß wie schon
erwähnt direkt hinter mir Den ersten großen Kreis um uns bildeten die
anwesenden Häuptlinge Auch die zwölf Apatschenhäuptlinge waren da Hinter ihnen
kamen die Unterhäuptlinge und sonstigen Personen welche eine Art von Rang
besaßen Und weiter hinaus gab es die gewöhnlichen Leute Unter diesen fielen
besonders die schon einmal erwähnten Arbeiter auf welche in den Steinbrüchen
und am Denkmalbau beschäftigt waren Sie hatten ihre Arbeit verlassen um das
Schauspiel des Kampfes zu genießen und betrugen sich als echte Rowdies
obgleich sie in Gegenwart so vieler Häuptlinge es nicht wagten besonders laut
zu werden Bei den Häuptlingen saßen neben Kolma Putschi und den beiden Aschtas
noch zwei andere Frauen deren Gegenwart mir wichtig war nämlich Pidas Frau und
ihre Schwester die jetzt weibliche Kleidung trug Beide hatten es also
durchgesetzt mit nach dem Mount Winnetou genommen zu werden Dass sie sich mit
hier befanden war für mich der sicherste Beweis dass die viertausend Reiter
sich unten in dem »Tale der Höhle« eingestellt hatten
    Dass die Augen aller dieser Menschen mit größter Spannung auf uns gerichtet
waren versteht sich ganz von selbst Der Herr »Vorsitzende des Komitees« den
ich niedergesetzt hatte besann sich jetzt seines Amtes Er stand auf und
stellte sich bereit die Schüsse zu kommandieren Schahko Matto und WagareTei
zogen ihre Revolver spannten sie und versicherten drohend dass sie jeden meiner
vier Gegner der etwas Nichterlaubtes tue augenblicklich niederschiessen würden
Sie waren fest entschlossen diese Drohung auszuführen Und nun ergriff auch
TatellahSatah das Wort Er sprach
    »Jeder Teil des vierfachen Kampfes kann erst dann beginnen wenn ich die
Hand erhebe eher nicht Wer die Schüsse kommandiert darf dies nicht eher tun
als bis er mein Zeichen gesehen hat Der erste Kämpfer ist Tusahga Saritsch der
Häuptling der KapoteUtahs Ist er bereit«
    Der Gefragte spannte sein Gewehr und antwortete
    »Ich bin bereit Nun mag Old Shatterhand beweisen dass eine einzige
Handbewegung seiner Squaw genügt einen jeden von uns zu vernichten Sie tue
das«
    Ich nickte dem Herzle zu Schnell nahm sie die Medizin dieses meines ersten
Gegners aus dem Reisepompadour und hing sie mir um den Hals Mein Herz wurde von
ihr bedeckt Hierauf meldete ich dem »Bewahrer der großen Medizin«
    »Auch ich bin bereit Der Kampf kann beginnen Tusahga Saritsch mag
schießen Eine Minute später dann ich«
    Alles war still Jedermann schaute auf den Beutel den meine Frau mir
umgehängt hatte Niemand wusste sogleich warum dies geschehen war Da befahl
TatellahSatah
    »Die Zeit ist da Es beginne«
    Sofort erscholl das Kommandowort des Komiteevorsitzenden Aber Tusahga
Saritsch schoss nicht Er hatte das Gewehr zwar in der Hand aber er hielt es
gesenkt Seine weit aufgerissenen Augen waren mit dem Ausdrucke des Schreckes
und der wachsenden Angst auf meine Brust gerichtet
    »Meine Medizin Meine Medizin« stammelte er
    »Schiess« rief ich ihm zu
    »Auf meine eigene Medizin schießen« jammerte er »Wo hast du sie her Wer
gab sie dir«
    »Frag nicht sondern schiess« forderte ich ihn zum zweiten Male auf
    Da ging es wie ein lauter erlösender Atemzug über die Menge hin in deren
Mitte wir saßen Man konnte zwar noch nicht begreifen aber man sah nun doch
dass ich keineswegs so schutzlos war wie man angenommen hatte Die Gesichter
meiner Freunde erhellten sich zusehends Und die Stimme TatellahSatahs klang
hell und froh als er die Hand zum zweiten Male erhebend sagte
    »Warum schießt Tusahga Saritsch nicht Und warum wird das Kommando für Old
Shatterhand nicht gegeben Er hat nur eine einzige Minute zu warten länger
nicht Beginnen wir noch einmal Old Shatterhand ergreise sein Gewehr«
    Das tat ich Das Kommando für meinen Gegner erscholl zum zweiten Male Er
schrie auf
    »Ich kann nicht schießen Ich darf nicht schießen Wer seine eigene Medizin
erschiesst erschiesst sein ewiges Leben«
    »Die Minute ist vorüber« rief TatellahSatah
    Da ertönte das Kommando für mich
    »Tusahga Saritsch fahre in die ewigen Jagdgründe« sagte ich und richtete
den Lauf meines Stutzens auf seine Brust
    »Uff uff« brüllte er so laut er brüllen konnte sprang auf und rannte
davon
    »Gott sei Dank« raunte mir das Herzle zu »Nun wird mir erst wieder wohl
Ich glaubte an dich und hatte trotzdem Angst«
    Es war lächerlich den alten Häuptling mit der Schnelligkeit eines jungen
Burschen davonspringen zu sehen aber niemand lachte Nach den alten früher
geltenden Gesetzen der Prärie war er nun ehrlos Er hätte sich von mir
erschießen lassen müssen
    Mein nächster Gegner war Tokeichun Der machte ein ganz eigenartiges gar
nicht zu beschreibendes Gesicht Er wusste dass und wo die vier Medizinen
zusammengelegen hatten Hatte ich die eine so hatte ich höchst wahrscheinlich
auch die andern also auch die seine Ich ließ ihn auch gar nicht lange in
Ungewissheit Ich ließ mir vom Herzle seine Medizin über die vorige hängen und
meldete dann
    »Tokeichun der Häuptling der RacurrahKomantschen ist am Schusse Ich
bin bereit«
    Ich sah dass ihm vor Entsetzen der Atem ausging Er schnappte nach Luft
Seine Augen wurden klein und nass
    »Ist Tokeichun fertig« fragte TatellahSatah
    »Nein Ich bin nicht fertig« schrie der Gefragte sprang auf und eilte
ebenso schnell davon wie Tusahga Saritsch vorher
    Jetzt begann man schon zu lächeln
    »Nun kommt Kiktahan Schonka der Häuptling der Sioux« sagte ich
    Der aber fuhr mich in seinem grimmigsten Tone an
    »Old Shatterhand ist ein räudiger Hund ein Schuft ein Schurke Er stiehlt
Medizinen Hat er auch die meine«
    »Ja« antwortete ich und ließ sie mir von meiner Frau auf die beiden anderen
hängen doch nur den Gürtel
    Er sah das grinste mich höhnisch an und fragte
    »Glaubt Old Shatterhand etwa dass auch ich ausreisse Meine Kugel wird ihn
sicher treffen denn halbe Medizinen wirken nicht Die Hälfte fehlt«
    »Die Medizinen die ich habe sind nicht halb sondern ganz« behauptete
ich
    »Nein« widersprach er »Sie fehlt«
    »Sie fehlt nicht Sie ist hier Kiktahan Schonka mag sich überzeugen«
    Ich ließ mir die Hundepfötchen geben hielt sie so dass er sie deutlich
sehen konnte und hing sie dann dahin wohin sie gehörten
    Er war zunächst starr vor Schreck Dann zischte er mich in unbeschreiblich
gehässiger Weise an
    »Sind räudige Hunde allmächtig Wer gab dir das was ich verloren habe«
    »Niemand gab es mir Ich habe es gefunden«
    »Wo«
    »Auf den Stufen der Teufelskanzel auf welcher die Häuptlinge der Sioux und
der Utahs sich über ihren Zug nach dem Mount Winnetou besprachen Sie warteten
dort auf Old Shatterhand um ihn zu fangen Während sie miteinander sprachen
erscholl die Stimme des großen Geistes Sie erschraken und ergriffen die Flucht
Auf dieser Flucht verlorst du deine Skalpperücke und deine halbe Medizin Die
Perücke wurde dir nachgetragen Die halbe Medizin aber steckte ich zu mir um
sie nun jetzt zur anderen Hälfte zu fügen«
    »So hast du uns belauscht Dort auf der Teufelskanzel«
    »Ja«
    »Uff uff«
    Er sah aus als ob er augenblicklich sterben wolle Er sank in sich
zusammen und zwar so sehr dass sein Gesicht auf die Kniee zu liegen kam
    »Ich bin bereit zum Kampf« meldete ich dem »Bewahrer der großen Medizin«
    Dieser fragte
    »Ist Kiktahan Schonka auch bereit«
    Da hob der Genannte den Kopf empor schaute nach seinen Leuten aus und gab
ihnen einen Wink Zwei von ihnen kamen herbei
    »Hebt mich auf und führt mich fort« befahl er ihnen
    Sie taten es halfen ihm auf sein Pferd und schritten dann nebenher um ihn
zu stützen
    Nun war nur noch Tangua der Vater Pidas übrig der allergrimmigste und
unversöhnlichste meiner Feinde Er saß gelähmt an der Erde und hielt die Augen
geschlossen das Doppelgewehr in der Hand Kein Zug seines unbewegten Gesichtes
verriet was er dachte Da sagte ich
    »Tangua der älteste Häuptling der Kiowa ließ mir schreiben Hast Du Mut
so komm herüber nach dem Mount Winnetou Meine einzige Kugel die ich noch habe
sehnt sich nach Dir Ich bin gekommen Hier sitze ich Wo ist deine Kugel«
    Während ich das sagte ließ ich mir vom Herzle seine Medizin umhängen Er
öffnete die Augen schaute sie an und sprach
    »Ich dachte es Auch die meinige ist da Ich schieße nicht auf sie Lass
kommandieren Ich verzichte auf meinen Schuss Dich aber bitte ich Gib mir nach
deiner Minute eine Kugel in das Herz Und bin ich tot so leg mir meine Medizin
in das Grab Willst du das tun«
    »Nein« antwortete ich
    »So habe ich mich in dir geirrt Ich hasse dich wie ich nie einen andern
Menschen hasste Ich will deinen Tod Ich würde alles tun alles alles ihn
herbeizuführen Aber ich habe dich für einen ehrlichen Feind gehalten«
    »Du irrst Ich bin ehrlich aber nicht dein Feind Ich werde nicht auf dich
schießen Ich will nicht deinen Tod Ich habe also nichts in dein Grab zu legen
auch nicht deine Medizin«
    »Was hast du mit ihr vor Was soll mit ihr geschehen Willst du sie
vernichten«
    »Nein Eure Medizinen gehören mir nicht Ich behalte sie nicht Aber wem ich
sie gebe das kann ich jetzt noch nicht sagen Das werdet ihr selbst
entscheiden«
    »Wir selbst Wir vier«
    »Ja Ich werde euch prüfen Seid ihr es wert so bekommt ihr eure Medizinen
wieder Seid ihr es nicht wert so übergebe ich sie TatellahSatah Er ist der
Bewahrer der Medizinen und wird sie seinen Sammlungen einverleiben damit die
Kinder eurer Kindeskinder erfahren was ihre Urväter für töricht böse Menschen
waren Also Ich schenke dir dein Leben aber ich schenke dir nicht deine
Medizin Verdiene sie dir Ich habe gesprochen Howgh«
    Ich stand auf Das Herzle ebenso Da erhob sich auch TatellahSatah und
verkündete laut
    »Der Kampf ist zu Ende Old Shatterhand hat gesiegt Ein Sieg ohne Blut Und
darum ein zehnfacher Sieg«
    Wir gingen zu unsern Pferden und stiegen auf Doch ehe wir den Platz
verließen ritt ich noch einmal zu Tangua hin und sprach zu ihm
    »Ich bin der Freund von Tangua dem Häuptling der Kiowa ganz gleich ob er
mich hasst oder mich liebt Aber um seinetwillen wünsche ich dass er mir
freundlicher gesinnt werde als er es bis heute gewesen ist Hat er mir hierüber
nichts zu sagen«
    »Ich hasse dich und werde dich hassen ohne aufzuhören« antwortete er »Ich
werde dich verfolgen bis zu deinem Ende«
    »Oder bis zu dem deinigen«
    »Ganz gleich«
    »So bitte ich dich auch wieder nur um deinetwillen wenigstens nicht mit
dem Komitee zum Denkmale verbunden zu bleiben und nichts gegen die welche es
bekämpfen zu unternehmen«
    »Das verspreche ich nicht sondern grad das Gegenteil«
    »Ich sage dir das führt zu deinem Verderben und zum Untergage deines
Stammes«
    Da richtete er sich so hoch auf wie er konnte nahm sein Gewehr zur Hand
und rief in drohendem Tone
    »Schweig Und entferne dich Wenn du das nicht sofort tust jage ich dir
beide Kugeln durch den Kopf«
    »Wage es das Gewehr nur anzuschlagen so bist du eine Leiche« antwortete
ich auf Pappermann deutend der schnell zu ihm getreten war und ihm den Lauf
seines Revolvers vor die Nase hielt »Erst habt ihr euch untereinander
verbunden um gegen das Denkmal zu sein und nun gesellt ihr euch zu dem
Komitee um gegen dessen Gegner zu sein Ist das eines Häuptlings würdig
Handelt so ein ehrlicher Mensch Du willst mein Verderben ich aber warne dich
trotzdem in herzlicher Aufrichtigkeit Hüte dich vor dem Tal der Höhle und vor
allen Dingen vor der Höhle selbst«
    Da duckte er sich zusammen wie eine Katze fauchte mich mit flackernden
Augen an und fragte
    »Was ist mit der Höhle Und was ist mit ihrem Tale«
    »Frage dich selbst Du bist mir einst entgegengetreten und hast es büßen
müssen durch eigene Schuld Dein Leben ist das eines Krüppels gewesen nicht
das eines Häuptlings durch eigene Schuld Nun trittst du mir am Schluße dieses
deines elenden Lebens wieder entgegen um Schuld zur Schuld zu häufen Bedenke
die Folgen Du bist nicht Herr für dich Die Folgen welche deine Person
treffen magst du verantworten können aber die Folgen welche deinen Sohn
Deine Familie und deinen Stamm treffen wird Manitou dir vorhalten wenn du in
jenem anderen Leben erscheinst welches ihr die ewigen Jagdgründe nennt Man
wird dich dort nach deiner Medizin fragen Was kannst du antworten So Nun bin
ich mit dir fertig Howgh«
    Nun ritt ich fort in derselben Begleitung in der ich gekommen war Die
Freunde riefen mir von allen Seiten jubelnd zu Die Feinde verhielten sich
still Nur als wir an der Menge der Arbeiter vorüberkamen hörte ich Worte
erklingen welche sehr geeignet waren meine Aufmerksamkeit zu erregen
    »Old Shatterhand Schuft Eindringling Hund Koyote Feind Rache
Erwürgen Totschlagen« das waren so einige der Drohungen die ich da zu hören
bekam
    Das verwunderte mich Das hatte ich nicht für möglich gehalten Ich ersah
keinen Grund zu solchem Hasse Als ich mich hierüber zu TatellahSatah und dem
»jungen Adler« äußerte erklärte unser alter Pappermann
    »Ja die Arbeiter hassen Euch Mr Shatterhand Sie sind ergrimmt über Euch
vom ersten bis zum letzten Und sie machen gar kein Hehl daraus Sie wissen dass
besonders Ihr gegen den Bau des Denkmales seid Sie behaupten dass Ihr sie um
ihre lohnende Arbeit um ihre Existenz bringen wollt Sie halten seit einigen
Tagen heimliche Versammlungen ab in denen beraten wird in welcher Weise man
sich von Old Shatterhand und TatellahSatah befreien kann Und bei diesen
Versammlungen sind die Herren vom Komitee zugegen«
    »Ah So Das ist wichtig hochwichtig« gestand ich ein »Woher wisst Ihr
das«
    »Von Sebulon Enters«
    »Nicht von Hariman«
    »Nein von Sebulon Ich weiß Ihr traut diesem noch viel weniger als seinem
Bruder Aber seit er erfahren hat dass er nur betrogen werden soll ist er Euch
sicherer als jeder andere Die Brüder kommen des Abends heimlich zu mir Ich
berate mit ihnen   «
    »Ohne mich zu fragen« fiel ich ein
    »Habt keine Sorge« antwortete er »Es gilt jetzt nur Fühlung mit ihnen zu
behalten Sobald ich etwas Positives oder überhaupt Wichtiges höre stelle ich
mich ganz von selbst bei Euch ein Am meisten wird über Euch in der Kantine
gesprochen«
    »In welcher Kantine«
    »Ein Blockhaus bei den Steinbrüchen in dem sich die Arbeiter verpflegen«
    »Kennt Ihr es Mr Pappermann«
    »Ja«
    »Ich noch nicht Ich muss es sehen und zwar sofort noch ehe es Nacht wird
Reiten wir miteinander hin«
    »Im Häuptlingskostüm« fragte das Herzle
    »Ja Ich kann nicht erst mit nach dem Schloss um mich umzukleiden Den
Federschmuck lege ich ab Du nimmst ihn mit heim Auch den Henrystutzen«
    »Ich denke ich reite mit«
    »Diesesmal nicht liebes Kind Es handelt sich um eine kurze sehr schnelle
Rekognoszierung die dich zu sehr anstrengen würde«
    »Ist Gefahr dabei«
    »Keine Spur«
    »So sei es dir erlaubt«
    Sie sagte das so ernst dass ich diese »Erlaubnis« fast selbst auch ernst
genommen hätte Ich gab ihr den Federschmuck dem »jungen Adler« das Gewehr
verabschiedete mich von TatellahSatah und bog dann mit dem alten Pappermann von
unserem Wege ab um an dem Schleierfalle vorüber auf einem wenig betretenen
Umwege nach den Steinbrüchen zu reiten
    Die Sonne war längst hinter dem Mount Winnetou verschwunden doch hatte es
noch nicht begonnen zu dunkeln Wir ritten Galopp kamen durch ein
Seitentälchen aus dem Innental heraus und ritten dann am äußeren nördlichen
Fuße des Mount Winnetou an den Steinbruchs und verschiedenen anderen Anlagen
dahin mit denen der herrlichen Natur hier so rücksichtslos Gewalt angetan
worden war Die Brüche sahen wie unheilbare Wunden aus die man dem Berg
geschlagen hatte Und die hässlichen Gerüste Mauern Drahtseile und Balken mit
denen man den jugendlichen Wasserfall eingefangen und gefesselt hatte um seine
Kraft in Elektrizität zu verwandeln konnten nichts als nur das Gefühl des
Bedauerns erwecken Dort standen schmutzige Pferdeschuppen mit Reihen von
schweren Lastwagen Eine tannenmörderische Sägemühle kreischte Zerfetzte Zelte
krochen an der Erde hin Niedrige Baracken lagen ordnungslos umhergestreut
Pappermann zeigte mir ein großes langgestrecktes Blockhaus
    »Das ist die Kantine« sagte er »Der Wirt ist ein Riese Er wird der Nigger
genannt«
    »Das ist für einen Indianer ein Schimpfwort eine Beleidigung« bemerkte
ich
    »Er ist es gewohnt Er nimmt es nicht übel ist aber sonst ein sehr roher
gewalttätiger Mensch Er ist kein reiner Indianer Man sagt dass seine Mutter
eine Negerin gewesen sei Die Brüder Enters verkehren bei ihm«
    »O weh Warum«
    »Um ihn auszuhorchen Er ist der eigentliche Führer der hiesigen
Arbeiterschaft Man sagt dass sogar gewisse Häuptlinge ihm ihr Vertrauen
schenken Gewiss aber ist dass er ein Liebling der Herren vom Komitee ist Man
sagt dass Mr William Evening und Mr Antonius Paper ganze Nächte lang im Trunk
und Spiele bei ihm sitzen Wollt Ihr ihn vielleicht einmal sehen«
    »Wenn es möglich wäre ja«
    »Es ist möglich Nur noch einige Minuten dann ist es dunkel und ich führe
Euch an die besondere Stube zu der nur seine Vertrauten Zutritt haben Lassen
wir uns nicht sehen Reiten wir diese kurze Zeit spazieren«
    Wir waren bisher einem Gebüsch gefolgt welches uns sehr gut verbarg Wir
konnten sehen ohne selbst gesehen zu werden Nun ritten wir unter derselben
Deckung weiter doch nicht um noch ferneres zu entdecken sondern nur um die
Zeit bis zur Dunkelheit vergehen zu lassen Das dauerte nicht mehr lange Die
Dämmerung kam schnell Sie ging ebenso schnell vorüber Dann war es dunkel
vollständig dunkel denn wir standen im neuen Monde und die Sterne besaßen
jetzt so kurz nach Tag noch keine leuchtende Kraft Wir lenkten nach der
Gegend um in welcher die Baracke lag Bei den letzten Büschen hielten wir an
stiegen ab hobbelten unsere Pferde fest und geboten ihnen sich zu legen Sie
taten es Dann gingen wir vorsichtig dem Blockhause zu um unbemerkt an seine
hintere Seite zu gelangen Das war nicht schwer
    Dort angekommen bemerkten wir Kisten und Fässer welche längs der
Hinterwand standen Das gab uns gute Gelegenheit uns wenn es sein musste zu
verstecken Aber es wurde glücklicherweise nicht nötig Im Innern der Baracke
brannte Licht Das ließ erkennen dass sie aus mehreren Räumen bestand einem
sehr großen und mehreren kleinen Nach einem der letzteren wurde ich von
Pappermann geführt Es gab da nur eine einzige Fensterluke die nicht zu war
sondern offen stand Unter ihr gab es eine schwere starke Kiste auf die man
getrost steigen konnte ohne befürchten zu müssen dass sie ein verräterisches
Geräusch von sich gebe oder gar zusammenbreche Im Innern erklangen Stimmen
    »Das ist die Stube des Niggers« sagte Pappermann leise »Ich kenne sie Die
Enters haben sie mir genau beschrieben Hört Ihr dass man drin spricht«
    »Ja Ich steige auf die Kiste und schaue nach«
    »Gut Ich halte Wacht«
    Als ich mich hinaufgeschwungen hatte konnte ich ganz bequem in die Stube
sehen Da standen zwei rohe Brettertische mit ebenso rohen Sitzen Die
Sprechenden waren fünf Männer von denen ich vier sofort erkannte nämlich die
beiden Enters Tusahga Saritsch und Tokeichun Man denke sich mein Erstaunen
darüber dass auch diese beiden letzteren sich hier befanden der fünfte war
jedenfalls der Wirt Ein Riese von Person mit indianischen Gesichtszügen aber
aufgestülpter Negernase und echter Mohrenhaut Einen treffenderen Typ der
Brutalität als ihn konnte man sich wohl kaum denken Das Gespräch war ein sehr
lebendiges erregtes Grad als ich den ersten Blick vom Fenster hinunter in die
Stube warf sagte der Nigger
    »Ich glaube sie wissen es da oben selbst jetzt noch nicht dass die beiden
Medizinmänner entflohen sind Verdammt sei dieser Old Shatterhand dass er die
Karte der Höhle erwischte Glücklicherweise aber brauchen wir sie nicht Die
Medizinmänner wissen genug um den Weg zu finden Dieser Shatterhand ist trotz
alledem ein Dummkopf Als er nach dem Kampfplatz kam und sich mit den
gestohlenen Medizinen brüstete ahnte er nicht dass seine Gefangenen sich schon
wieder in Freiheit befanden und dass der Plan für morgen schon fertig war Sein
angeblicher Sieg heut nützt ihm nichts Er hat einen Tag Zeit gewonnen weiter
nichts Morgen abend ist er mit seinem Weibe tot Ihr haltet doch Wort«
    Diese Frage war an die Brüder Enters gerichtet
    »Was wir versprochen haben geschieht« antwortete Hariman
    Und Sebulon fügte hinzu
    »Eine größere Rechnung als wir mit diesem Manne und seiner Frau haben kann
es gar nicht geben Es fällt uns gar nicht ein sie ihnen zu schenken«
    »Würde euch auch keinen Segen bringen« drohte der Nigger »Denn ich sage
euch Zwei sterben morgen ganz unbedingt entweder dieses deutsche Ehepaar oder
die Brüder Enters Darauf könnt ihr euch verlassen Ich traue euch nämlich noch
nicht ganz Es handelt sich um unsere Arbeit um unsere Existenz um die vielen
Tausende die wir hier verdienen wollen und können Darum habe ich den
Häuptlingen meine ganze Arbeiterschaft für morgen zur Verfügung gestellt und
darum drücke ich darauf dass alles ganz genau so geschieht wie wir besprochen
haben Wer sein Wort nicht hält wird abgeschossen oder abgestochen dabei
verbleibt es«
    Da stand Tokeichun der Häuptling der RacurrehKomantschen auf und
sprach
    »Ja dabei bleibt es Wir sind alle zum Fest geladen Wir kommen Wir kennen
die Plätze die uns angewiesen werden Unsere viertausend Krieger werden von den
Medizinmännern durch die Höhle geführt Sie werden nicht reiten sondern gehen
Sie werden ihre Pferde im Tale zurücklassen weil wir nicht wissen ob der
letzte Teil des unterirdischen Weges auch wirklich geritten werden kann«
    »Inzwischen stelle ich hier oben meine Arbeiter auf« fiel der Nigger ein
»und die beiden Enters haben sich an Old Shatterhand und seine Frau gemacht
Sobald eure Krieger den Schleierfall hier oben erreicht haben zeigen sie uns
durch einen Schuss dass sie da sind Sobald dieser Schuss fällt wird Old
Shatterhand mit seiner Frau von den Enters abgestochen und ich werfe mich mit
meinen Arbeitern auf die ganze andere Bande um euren Kriegern freien Weg und
freie Arbeit zu machen«
    Jetzt stand auch Tusahga Saritsch auf und sagte
    »So ist es richtig So hat es zu geschehen Soll etwas hieran geändert
werden so sagen wir es dir oder senden einen Boten Wir gehen«
    Sie entfernten sich und der Wirt geleitete sie hinaus Die beiden Enters
waren allein Sie sahen einander bedenklich an
    »Das kann schlimm werden« sagte Sebulon
    »Wieso« fragte Hariman »Wir haben erfahren was wir erfahren wollten
Morgen früh gehen wir beide zu Old Shatterhand um es ihm zu erzählen und ihn zu
warnen Was kann da Schlimmes daraus werden«
    »O um mich und dich ist es mir nicht wir kommen durch Aber dieses
Blutvergießen dann hier oben Denn einen solchen Angriff ohne Kampf abschlagen
das bringt selbst ein Shatterhand nicht fertig Ich denke überhaupt weniger an
ihn als vielmehr an seine Frau Wenn alle sterben sollen aber nur diese
nicht«
    Ich wusste genug und sprang von der Kiste herab
    »Habt Ihr etwas Wichtiges gehört« fragte Pappermann
    »Etwas unendlich Wichtiges« antwortete ich »Man müsste hier wohl an Wunder
glauben Es ist als ob wir grad in diesem Augenblicke hierhergeführt worden
seien um den Schluss dieses Gespräches hören zu müssen Ich werde es Euch
unterwegs erzählen Eins aber muss ich Euch sofort sagen nämlich dass die beiden
Medizinmänner die wir unten am Eingange der Höhle gefangen genommen haben
entflohen sind«
    »Unmöglich«
    »Ja doch«
    »Wann«
    »Heut früh wahrscheinlich Ohne dass wir es wissen Sie haben sofort ihre
Häuptlinge aufgesucht und mit ihnen den Plan besprochen den ich soeben erfahren
habe Kommt schnell Wir müssen nach Hause«
    Wir schlichen nach unsern Pferden hobbelten sie los stiegen auf und ritten
fort Unterwegs erzählte ich dem alten treuen Kameraden was ich erfahren
hatte E wusste dass ein sehr zuverlässiger Indianer ganz ausschließlich mit der
Bewachung der beiden Medizinmänner betraut worden war Dieser wohnte im Parterre
von TatellahSatahs großem Vorderhause und da lag auch der Raum in dem die
Gefangenen untergebracht worden waren Wir gaben unsere Pferde ab und gingen
zunächst nach seiner Wohnung Er war nicht da Er war ein alleinstehender Mann
wohnte allein und niemand konnte Auskunft über ihn geben Dann suchten wir das
Gefängnis auf Das lag weit ab wo niemand wohnte und selten jemand hinkam Es
war eine Art von Keller Wir fanden die Tür von außen verriegelt Kaum schickten
wir uns an zu öffnen so wurde von innen geklopft und es erklang eine Stimme
die uns bat ja möglichst schnell zu machen Als wir die Riegel zurückgeschoben
hatten  wer kam heraus Der Gefängniswächter Als er heut früh den beiden
Gefangenen das Essen und Wasser gebracht hatte waren sie plötzlich über ihn
hergefallen Sie hatten ihm mehrere Schläge versetzt die ihm die Besinnung
raubten Als er zu sich kam fand er sich im finsteren Keller eingeriegelt sie
aber waren weg Er hatte dann fast ohne Unterlass gerufen und Lärm gemacht
jedoch vergeblich Es war niemand gekommen der ihn hörte Er befürchtete eine
strenge Strafe und bat mich bei TatellahSatah für ihn zu verwenden Ich
versprach es ihm und ließ ihn laufen
    Dann begab ich mich nach meiner Wohnung Das Herzle war nicht da Sie hatte
einen Zettel zurückgelassen durch den sie mir mitteilte dass sie weil ich mich
nicht rechtzeitig eingestellt hatte zu Tatellah gegangen sei und die
Manuskripte mitgenommen habe Wakon werde vorlesen ich aber solle nachkommen
Das tat ich denn
    In der Wohnung des »Bewahrers« angekommen ging ich bis in sein
Schlafzimmer In dem daneben liegenden Passiflorenraume war es augenblicklich
still Darum öffnete ich die Tür nur leise Grad als ich das tat erklang die
Stimme Old Surehands
    »Ja wahrhaftig er war größer viel größer als wir alle Viel größer als
wir dachten«
    »Und ist darauf noch größer und größer geworden ohne dass wir es bemerkten«
stimmte Apanatschka bei
    »Wie steht es da mit Eurem Bilde« fragte Atabaska
    »Es ist zu klein viel zu klein für ihn und bauten wir es noch so hoch«
rief Kolma Putschi aus
    Und Aschta die Mutter fügte hinzu
    »Wir wollen kein Bild von Stein Wir wollen ihn selbst ihn selbst in unsern
Herzen Die köstlichen Worte die er soeben zu uns sprach indem sie vorgelesen
wurden sollen in der Seele unserer Nation erklingen fort und fort für alle
Zeit«
    Da sah man mich unter der geöffneten Tür
    »Du kommst zur rechten Zeit« begrüßte mich TatellahSatah »Wir machten
eine Pause wir konnten nicht weiter wir waren zu tief ergriffen wir lasen
seine Beschreibung deines Sieges über ihn und dann seinen Sieg über die
sämtlichen Häuptlinge der Apatschen Seine große Umkehr vom Kriegsgedanken zum
Friedensgedanken vom Hasse zur Liebe von der Rache zur Verzeihung Das hat uns
alle emporgehoben Das hat den Vorhang aufgerollt Nun sehen wir was hinter ihm
und hinter unsern winzigen Taten liegt Das hat sogar Old Surehand Apanatschka
und ihre Söhne aufgerüttelt   «
    »Nicht aufgerüttelt« fiel Young Apanatschka ein »aber sehend gemacht wenn
auch noch nicht ganz Ein Schleier ist gefallen Ob der andere auch noch fällt
das wissen wir nicht Man sagt uns dass unsere Kunst eine äußere sei eine Kunst
ohne Seele und Gedanken genau so wie unser Bild Wir haben euch eingeladen am
morgenden Abend am Wasserfall unsere Gäste zu sein Dort werden wir versuchen
den Stein durch Licht zu beleben Gelingt es dann gut gelingt es nicht  «
    »Es gelingt« fiel ihm Young Surehand siegesgewiss in die Rede
    Ich sah dass ihm gleich einige widersprechen wollten darum ergriff ich
schnell das Wort
    »Er hat recht warten wir es ab«
    »Ja warten wir es ab« stimmte Atabaska mir bei »Aber selbst wenn es
gelänge würde es nur ein belebter Rowdy sein den wir zu sehen bekommen Ein
Rowdy zum Angriff vorgehend mit dem Revolver in der Hand hier aber hat man
einen andern einen wirklichen Winnetou der Geist Gemüt und Adel besitzt und
Geist Gemüt und Adel von uns fordert So wie er sollen auch wir nach oben
streben wir seine ganze Rasse Er nimmt uns mit er zieht uns förmlich
hinauf«
    Indem er dies sagte zeigte er auf das WinnetouPorträt welches wir
TatellahSatah gegeben hatten Dieser hatte es hier an das weiße
Passiflorenkreuz geheftet und zu beiden Seiten die Bilder von Marah Durimeh und
Abu Kital dem Gewaltmenschen aufgestellt Das hatte als die Anwesenden kamen
und es sahen einen großen tiefen Eindruck gemacht und diesem Eindrucke war es
unbedingt mit zuzuschreiben dass die heutige Vorlesung eine so ungewöhnliche
Wirkung hervorgebracht hatte Es hätte eigentlich weitergelesen werden sollen
aber man hatte nun einmal aufgehört und kam nicht recht wieder in die
erforderliche innere Ruhe hinein Darum beantragte Old Surehand für heut
Schluss zu machen zumal von seiner Seite für den morgenden wichtigen Tag noch
sehr viel vorzubereiten sei Man ging darauf ein Hierauf entfernten sich alle
und nur ich blieb mit dem Herzle bei TatellahSatah zurück
    »Es war heut ein Sieg ein großer Sieg« sagte der letztere »Als sie kamen
und Euren nach dem Tode aufsteigenden Winnetou sahen war das Schicksal des
steinernen Bildes besiegelt Selbst die beiden jungen Künstler nebst ihren
Vätern und Kolma Putschi können sich dem nicht entziehen Und sie sind ehrlich
Sie leugnen es nicht Sie werden morgen am Schleierfall versuchen ihre Idee zu
retten aber sie fühlen es schon heut und selbst nur zu gut dass auch diese ihre
größte Anstrengung vergeblich sein wird Du rittest mit Pappermann nach den
Steinbrüchen Du kamst so spät zurück Das lässt vermuten dass ihr nicht umsonst
geritten seid«
    »Allerdings« antwortete ich »Das Resultat ist mehr als befriedigend wenn
auch nicht erfreulich Wir haben sehr viel erfahren zum Beispiel dass die
beiden Medizinmänner der Kiowa und der Komantschen entflohen sind«
    »Uff uff« rief er erschrocken aus
    Das Herzle war nicht weniger überrascht Ich fuhr fort
    »Das ist noch nicht das Schlimmste Es kommt noch Schlimmeres Setzen wir
uns Ich will erzählen«
    Ich berichtete was ich zu berichten hatte Als ich fertig war sagte
TatellahSatah
    »Ich würde wohl in aufgeregter Besorgnis sein wenn ich nicht sähe dass du
so ruhig bist Warum hast du das nicht erzählt als die Häuptlinge noch da
waren«
    »Mussten sie es wissen Brauchen wir sie dazu« fragte ich »Ich pflege das
was ich allein tun kann keinem andern zu übertragen«
    »Du glaubst allein fertig werden zu können«
    »Ja«
    »Mit allen diesen viertausend Feinden«
    »Ja«
    Da sah er mich groß an schüttelte den Kopf und fuhr fort
    »Jetzt begreife ich an Winnetou was ich früher als er noch lebte nicht
begreifen konnte nämlich sein unbeschreibliches Vertrauen zu dir Heut fühle
ich es selbst dieses Vertrauen Und so sag Was gedenkst du gegen das alles
was uns droht zu tun«
    »Das einfachste was es gibt Ich verlege ihnen den Weg durch die Höhle Ich
sperre sie sodann im Tal der Höhle ein bis sie vor Hunger um Erbarmen bitten
müssen Und ich nehme ihre Häuptlinge gefangen um sie als Geiseln zu benutzen
Wieviel bewaffnete Winnetous stehen dir zur Verfügung«
    »Heut über dreihundert bis morgen abend können es fünfhundert sein und
später noch weit mehr«
    »Das ist übergenügend Für jetzt brauche ich ihrer nur vielleicht zwanzig
und unsern treuen Intschuinta dazu Ich gehe jetzt zu mir mich umzuziehen
weil ich das indianische Gewand noch trage Dann komme ich wieder und steige mit
ihnen durch die verborgene Treppe hier in die Höhle hinab um die Stalaktiten
wieder derart aufzustellen dass die beiden Medizinmänner wenn sie mit ihren
Scharen kommen sich nicht weiterfinden können«
    »Und wenn sie den Weg den du ihnen verbergen willst aber doch entdecken
Wenn sie die Steine ebenso wegräumen wie du sie weggeräumt hast«
    »Das könnte höchstens am breiten Wege geschehen dessen Ausgang ich ihnen
aber hinter dem Schleierfalle derart verlegen werde dass sie nicht herauskönnen
Damit ist für heut und morgen alles vorbereitet Zum Einschliessen der Feinde im
Tale ist übermorgen noch Zeit«
    Hierauf schickte ich mich an zu gehen aber das Herzle hatte vorher erst
noch etwas anderes zu erledigen Sie bat nämlich den alten »Bewahrer der großen
Medizin« um die Erlaubnis ihn morgen photographieren zu dürfen Ich erschrak
fast Das war eine Kühnheit die ich mir niemals gestattet hätte Er aber
lächelte gütig und fragte
    »Darf ich wissen für wen oder wozu das Bild sein soll«
    »Das ist Geheimnis« antwortete sie mit ungeminderter Verwegenheit »Aber
ein liebes gutes und sehr nützliches Geheimnis welches Vielen Vielen große
Freude machen wird«
    »So ist es mir unmöglich der Squaw meines Bruders Shatterhand ihren lieben
guten und sehr nützlichen Wunsch abzuschlagen Sie mag kommen wann sie will
ich bin bereit«
    Als wir hierauf gingen fragte ich sie unterwegs wozu sie die Photographie
wohl brauche Sie antwortete
    »Sag wer ist hier am Mount Winnetou die massgebende Persönlichkeit Du oder
TatellahSatah«
    »Ganz selbstverständlich er«
    »Schön Er hat sich begnügt zu fragen ohne eine Antwort zu erhalten
Verlangst du mehr als er«
    »Ja«
    »Mit welchem Rechte«
    »Sag wer ist in unserer Ehe die massgebende Persönlichkeit ich oder
TatellahSatah«
    »Ganz selbstverständlich er« lachte sie
    »Well So muss ich mich bescheiden Ich bin besiegt Du kannst das Geheimnis
behalten«
    »Und ich steige jetzt mit in die Höhle hinab«
    »Nein«
    »Warum nicht«
    »Erstens bist du da unten kein brauchbarer Gegenstand und zweitens bin ich
nun nicht mehr massgebend genug dir diesen Wunsch zu erfüllen Ich kann weiter
nichts tun als dir gute Nacht sagen«
    »Das kränkt mich schwer Weißt du ich teile dir lieber mein
photographisches Geheimnis mit und darf dich dann begleiten Denn schlafen kann
ich doch nicht wenn ich dich da unten weiß«
    »Gut Einverstanden Also Das Geheimnis«
    »Ich will das Bild unseres alten berühmten Freundes für den
Projektionsapparat«
    »In welcher Weise«
    »Heut abend sollen doch bekanntlich die Bilder der beiden Künstler zu beiden
Seiten des Denkmales auf dem Wasserfall erscheinen Ich habe dieselbe Idee für
unsern aufstrebenden Winnetou mit den Bildern von TatellahSatah und Marah
Durimeh zu beiden Seiten Was sagst du dazu«
    »Die Idee ist gut sehr gut Du brauchst da verschiedene Apparate
verschiedene Linsen   «
    »Ist da ist alles da« fiel sie schnell ein
    »Wo«
    »Bei dem Ingenieur mit dem ich schon gesprochen habe«
    »Du denkst dass er es tut«
    »Mit Vergnügen«
    »Und nichts vor der Zeit verrät«
    »Gewiss nicht Ich garantiere«
    »So bin ich einverstanden«
    »Und nimmst mich jetzt mit nach der Höhle«
    »Ja Ich bin nun einmal verpflichtet alles zu tun was du befiehlst«
    »Dass du das tust sind wir einander schuldig« 
    Als wir nach einiger Zeit wieder zu TatellahSatah kamen stand Intschuinta
schon mit seinen zwanzig Mann bereit Sie hatten sich genugsam mit Fackeln und
mit einigem Werkzeug versehen Wir öffneten den Treppenstein und stiegen in den
Gang welcher uns nach unten führte Dort angekommen suchten wir zunächst die
Stelle auf an welcher der schmale Weg von dem breiten abzweigte Dort hatten
wir durch die Beseitigung der Stalaktiten Raum geschafft Sie wurden wieder
herbeigeholt und an ihre frühere Stelle gebracht Wir trugen auch noch eine
Menge anderer Stücke hinzu die wir derart aufstellten dass die Maskierung des
Weges unmöglich mehr entdeckt werden konnte Der Gang war von unten bis oben
vollständig zugefüllt und zwar in so natürlicher Weise dass der Gedanke an eine
künstliche Nachhilfe ausgeschlossen erschien
    Während dieser Arbeit sah ich mich an der Stelle um die mir schon vorher
verdächtig vorgekommen war Aus dem einen Riss in der Decke waren mehrere
geworden Am Boden lagen schon eine ganze Menge herabgestürzter Steintrümmer
Und ein Regen von zerriebenem Kalksinter siebte ununterbrochen aus den
klaffenden Spalten hernieder Zuweilen hörte man ein leises aber
scharfschneidiges Geräusch wie wenn gleichzeitig zwei Glastafeln aneinander
gerieben werden Das klang unheimlich Hier und da ertönte es irgendwo wohin
man nicht schauen konnte als ob Felsen prasselten und Steine aus der Höhe in
die Tiefe fielen Das gab ein so ungewisses beängstigendes Gefühl Ich musste
mich sehr überwinden um still an Ort und Stelle bleiben zu können Ich hatte
eine ununterbrochene Sorge plötzlich zerschmettert zu werden und war froh dass
unsere Arbeit endlich fertig war und wir uns entfernen konnten Und das betraf
nicht nur mich allein sondern das Herzle sagte indem wir gingen
    »Gott sei Dank dass das vorüber ist Mir war zuletzt ganz ängstlich zu
Mute«
    »Warum« fragte ich
    »Weil es scheint als ob hier alles zusammenbrechen soll«
    »Hattest auch du dieses Gefühl«
    »Gleich sofort als wir kamen Ich habe nichts gesagt um dich nicht zu
beunruhigen Was gibt es hier über uns zu unsern Häuptern«
    »Höchstwahrscheinlich die schwere Winnetoufigur Wenigstens denke ich es
Genau kann ich es nicht sagen«
    Da schrie sie auf
    »Du die bricht zusammen«
    »Still still Lass das keinen Menschen hören«
    »Also darum darum steht sie schief«
    »Und stellt sich immer schiefer und schiefer«
    »Hältst du diese Katastrophe für möglich«
    »Fast für unvermeidlich«
    »Wann«
    »Die Zeit lässt sich nicht bestimmen Um dies zu können müsste man die
Felsenunterlage genau untersuchen Ich hoffe aber dass es erst später geschieht
nicht etwa schon dieser Tage«
    Hätte ich gewusst wie nahe uns dieses grässliche Ereignis stand so hätte
mich nichts abhalten können die hier zu erwartenden viertausend Indianer zu
warnen Wir gingen nun auf dem schmalen Weg zurück bis nach der Stelle wo der
steile Pfad nach der Teufelskanzel abzweigte Auch diese Mündung maskierten und
verbarrikadierten wir derart dass niemand hier einen verborgenen Abweg suchen
konnte Von da ging es weiter aufwärts bis dahin wo der Aufstieg nach dem
Passiflorenraume begann Wir versperrten ihn ebenso sorgsam doch nicht von
unten sondern von oben her weil wir uns ja hinter der Sperre befinden mussten
um nach dem Schloss zurückkehren zu können Als wir dort anlangten graute fast
schon der Tag TatellahSatah war nicht da Wir verschlossen die geheimnisvolle
Treppe und trennten uns dann von unsern indianischen Begleitern um heimzugehen
und noch einige Stündchen zu schlafen
    Als wir erwachten wartete Intschuinta schon auf uns um uns zu melden dass
die Gebrüder Enters schon längere Zeit hier seien und uns zu sprechen wünschten
Wir ließ sie kommen und empfingen sie freundlich Sie zeigten sich verlegen
Sie wussten nicht wie sie beginnen sollten Da zerhaute ich den Knoten indem
ich sagte
    »Ihr kommt um uns zu sagen dass wir heut abend sterben sollen«
    Nun erschraken sie gar ich aber fuhr ruhig fort
    »Die beiden Medizinmänner sind entflohen Sie wollen die viertausend Feinde
heut abend durch die Höhle führen um uns zu überfallen Die Arbeiter stehen
unter ihrem Anführer dem Nigger bereit mit ihnen gemeinsame Sache zu machen
Die Roten geben sobald sie hinter dem Wasserfall angekommen sind das Zeichen
durch einen Schuss Sobald dieser Schuss fällt haben die Brüder Enters mich und
meine Frau zu ermorden und die Arbeiter werfen sich auf die Häuptlinge und
sonstigen Freunde von uns«
    Sie sahen mich starr und stumm an Sie sagten zunächst kein Wort so groß
war ihr Erstaunen
    »Nun« fragte das Herzle »Wie gefällt euch das Gebt ihr es zu Oder wollt
ihr es bestreiten«
    Da antwortete Sebulon
    »Bestreiten Nein Wir sind ja nur deshalb gekommen um es euch zu sagen um
euch zu warnen Wir sind nur so betroffen weil ihr schon alles wisst Und so
genau Es soll ja das tiefste Geheimnis sein«
    »Geheimnis Pshaw« fiel ich ein »Wir haben stets alles gewusst und zwar
viel besser als ihr Das habt ihr wohl nun endlich eingesehen Und so wissen wir
auch das Wir wissen sogar dass ihr gestern abend in der Kantine als Tusahga
Saritsch und Tokeichun fort waren beschlossen habt heut früh hierher zu
kommen und uns alles zu erzählen«
    »Wie ist das möglich Ihr könnt doch nicht unter den Tischen oder Sitzen
gesteckt haben«
    »O nein So unbequem brauchen wir es uns gar nicht zu machen Die Leute die
unsere Feinde zu sein scheinen erzählen es uns selbst Seid froh dass ihr es
ehrlich meint Denn wäre dies nicht der Fall so würdet ihr heut abend die
ersten sein die unter unseren Kugeln fallen«
    »O was das betrifft so würden wir wahrscheinlich gar nicht bös darüber
sein uns morgen tot zu wissen Es gibt bei uns weder Glück noch Stern Das ist
der Fluch der vom Vater auf die Söhne erbt«
    »Nicht der Fluch sondern der Segen« widersprach ich ihm
    »Wieso« fragte er
    »Der Segen welcher darin liegt Geschehenes gut zu machen und dadurch den
Vater erlösen zu können«
    »Und daran glaubt Ihr Mr Shatterhand«
    »Ja«
    »Wirklich Wirklich Ich bitte Euch sagt es mir aufrichtig«
    »Gewiss und wirklich«
    »Gott sei Dank So gibt es also doch noch einen Zweck für uns Wir wollen es
fernerhin tragen Ihr wisst also nun dass wir heute abend angewiesen sind uns in
eure Nähe zu machen«
    »Ja«
    »Wollt Ihr uns das erlauben«
    »Gern«
    »Und uns dennoch nicht misstrauen«
    »Wir sind überzeugt dass ihr es ehrlich meint«
    »Gott segne Euch für dieses Wort Habt Ihr irgend einen Befehl für uns«
    »Jetzt noch nicht Vielleicht heute abend Wahrscheinlich kommt es gar nicht
zu einem Kampfe Der Überfall wird auf alle Fälle vermieden«
    »So nehmt Euch aber mag es gehen wie es will vor dem Nigger in acht Er
hasst Euch glühend Er schreibt alles auf Eure Schuld Wenn er die Wahl hat Euch
eine Kugel zu geben oder keine so gibt er Euch sicherlich zwei Jetzt müssen
wir gehen Wir haben schon so lange gewartet und doch soll niemand wissen dass
wir hier verkehren«
    Sie entfernten sich
    »Sie tun mir leid unendlich leid« sagte das Herzle »Sie sind ganz anders
als früher Ich wollte sie hätten ein recht recht glückliches Leben vor sich
liegen«
    Als wir dann bei unserem verspäteten Kaffee saßen stellten sich zwei andere
Personen ein die uns aufzusuchen kamen Das waren die Squaw des Häuptlings Pida
und »Dunkles Haar« ihre Schwester Sie wurden ganz selbstverständlich in der
herzlichsten Weise aufgenommen Das Herzle setzte gleich noch einmal Kaffee an
um sie an unserem Frühstück teilnehmen zu lassen Wir erfuhren von ihnen dass
gestern abend die Frauen der Komantschen und der Kiowa hier angekommen waren
Sie hatten sich sofort mit den Frauen der Sioux unter deren Führerin Aschta
vereinigt um bei den Denkmalsberatungen auch ihre Stimmen zur Geltung zu
bringen Heute früh waren sie alle nach dem Gebäude gezogen in dem die beiden
jungen Künstler ihr Rundgemälde und das Modell zur Winnetoufigur sehen ließ
Sie hatten es ganz enttäuscht verlassen Was ihnen da gezeigt worden war hatte
nichts mit dem herrlichen Winnetou zu tun gehabt den man liebt und verehrt so
weit die Zungen der roten Völker erklingen Nein Den Winnetou den sie da
gesehen hatten den lehnten sie ab Den wollten sie nicht haben Und mir das
sofort zu sagen waren sie gekommen
    Aber es galt mir noch eine andere Mitteilung zu machen die weit
schwieriger war Sie wussten nicht so recht wie sie es anzufangen hatten mich
genügend zu warnen ohne einen Verrat gegen ihre eigenen Krieger zu begehen Ich
machte ihnen Mut indem ich ihnen erklärte dass ich bereits alles wisse Ich
sagte ihnen dass die viertausend Indianer heute durch die große Höhle ziehen
würden um den unsinnigen Plan der alten gegen uns verschworenen Häuptlinge zur
Ausführung zu bringen Das machte es ihnen möglich aufrichtig zu sein Ich
erfuhr von ihnen dass Pida ihr Mann und Schwager heut frühzeitig nach dem »Tal
der Höhle« geritten sei weil man ihn ausersehen hatte den unterirdischen
Marsch zu kommandieren Nun stand für sie die Sache folgendermaßen Siegte er
so musste ich zugrunde gehen und siegte ich so war es um ihn geschehen In
dieser Herzensangst hatten sie es für das Beste gehalten mich aufzusuchen und
sich mir anzuvertrauen Ich versprach ihnen Verschwiegenheit und gab ihnen die
Versicherung dass weder mir noch Pida irgend etwas Böses geschehen werde Als
sie uns nach einiger Zeit verließen waren sie vollständig beruhigt
    Hierauf ging das Herzle zu TatellahSatah um ihn zu photographieren Ich
begleitete sie Als die Aufnahme vorüber war verließ sie uns Es trieb sie zum
photographierenden Ingenieur Wir aber machten einen Spaziergang nach dem
Wartturm um den »jungen Adler« aufzusuchen Dieser schien von dem Kommen
unseres ehrwürdigen Freundes und Beschützers unterrichtet zu sein denn er rief
uns als wir dort anlangten von der Höhe seines Daches aus zu
    »Kommt herauf Es ist alles bereit Mein Adler ist fertig«
    Wir traten in den Turm und stiegen die vielen Stufen bis zum platten Dach
hinauf Da stand auf vier Beinen ein großes vogelähnliches Gebilde mit zwei
Lebern zwei ausgebreiteten mächtigen Flügeln und zwei Schwänzen Die beiden
Leiber vereinigten sich vorn durch ihre Hälse zu einem einzigen Kopfe zu einem
Adlerkopfe Sie waren aus federleichten aber außerordentlich festen Binsen
geflochten Was sie enthielten sah man nicht höchst wahrscheinlich den Motor
Im übrigen bestand der Apparat aus fast gewichtslosen Stoffen die aber
unzerreissbar waren und große Tragfähigkeit besaßen Die Schwänze waren höchst
eigenartig gestaltet Zwischen den Leibern war ein bequemer Sitz angebracht
welcher Platz für zwei Personen gewährte Es gab verschiedene Drähte deren
Bestimmung nicht gleich beim ersten Blick zu erkennen war doch konnte man sich
denken dass sie zur Beherrschung und Lenkung des großen Vogels dienten Außer
dem »jungen Adler« waren noch unser alter Pappermann und Aschta die jüngere
da
    Es ist mir nicht erlaubt eine Beschreibung des Apparates zu geben doch
darf ich versichern dass als der »junge Adler« uns alles erklärt hatte wir
beide TatellahSatah und ich von der Sicherheit und der Verlässlichkeit des
Apparates derart überzeugt waren dass in uns sofort der Wunsch aufstieg uns
seiner recht bald einmal bedienen zu dürfen
    »Und er fliegt er fliegt« versicherte Pappermann »Ich habe es selbst
gesehen«
    »Wann« fragte ich
    »Heute früh« antwortete er »Als Jedermann noch schlief und nur die erste
Spur des Morgengrauens vorhanden war Denn niemand sollte es sehen Ich kam
herauf um zu helfen Da stieg der junge Adler auf den Sitz und zog an einem
Drahte Sofort wurde es in den beiden Leibern lebendig Der Vogel begann zu
atmen Noch ein Draht und die Schwänze breiteten sich aus Die Flügel bewegten
sich Zwei drei Schläge und der Vogel stieg auf verließ das Dach des Turmes
und flog ein Stück hinaus hoch über die Ebene Er stieg höher und höher schlug
einen Bogen kehrte wieder zurück und ließ sich langsam ohne dass es einen Stoß
gab wieder auf das Dach herab Er steht noch genau so da wie er angekommen
ist«
    »Und das ist wahr Wirklich wahr« fragte ich den »jungen Adler«
    Er nickte mir lächelnd zu Dieses Lächeln war kein stolzes aber ein
unendlich glückliches TatellahSatah schaute vom Dach in die Weite hinaus Fast
war es als ob sein Antlitz leuchten wolle
    »Kommt« erklang es erst nach längerer Zeit aus seinem Munde
    Er sagte das zu mir und dem »jungen Adler« und ging zur Treppe um wieder
vom Turme hinabzusteigen Unten angekommen führte er uns in den Hochwald Er
schritt voran wir folgten hinterdrein Keiner sprach ein Wort Er führte uns
nach der anderen Seite des Berges bis zu einer Stelle von welcher aus wir
hinüber nach dem See und hinunter nach dem Schleierfall schauen konnten
Jenseits des Sees ragte der domartige Hauptberg des Mount Winnetou hoch empor
und hinter diesem waren die gewaltigen Kuppen der benachbarten Giganten zu
sehen unter ihnen einer der seinen Gipfel so stolz und steil so scharf und
senkrecht erhob als ob es nie einem menschlichen Wesen gestattet worden sei
seinen Scheitel zu betreten Auf ihn deutend sagte der Alte
    »Das ist der Berg der Königsgräber Bevor die Rasse der Indianer sich in
winzige Stämme auflöste wurde sie nicht von kleinen Häuptlingen sondern von
gewaltigen Kaisern und Königen regiert die alle auf der mächtigen hoch über
den Wolken liegenden Plattform dieses Berges begraben worden sind Die Gräber
sind von Stein gemauert Sie bilden zusammen eine Totenstadt mit Straßen und
Plätzen auf denen es keine Spur von Leben und Bewegung gibt Sie enthalten
nicht nur die Leichen der verstorbenen Herrscher sondern in jeder Gruft liegen
in goldenen Kästen unzerstört erhalten die Bücher über jedes Jahr der Regierung
dessen der hier seine letzte irdische Wohnung fand Hier sind also nicht nur
alle die großen Herrscher der roten Rasse begraben sondern ihre ganze
Geschichte und sämtliche Berichte und Dokumente ihrer langen
vieltausendjährigen Vergangenheit Aber man kann nicht zu ihnen gelangen Man
kann nicht hinauf Als der letzte König begraben worden war vernichtete man die
Felsenstrasse die hinauf zu den Königsgräbern führte so dass es keinem
Sterblichen mehr möglich war hinauf zu ihnen zu gelangen Es soll zwar einen
steilen Nebenpfad geben der damals nicht mit vernichtet worden ist aber
niemand hat ihn bisher gefunden In einem meiner ältesten Bücher steht
geschrieben dass der Schlüssel zu diesem Pfade vorhanden sei aber er liege hoch
oben auf dem Berg der Medizinen genau am Fuße der letzten höchsten
Felsennadel unter einem Steine der die Gestalt einer halben Kugel habe Der
junge Adler auf den die roten Männer schon seit langen langen Jahren warten
wird wie auf der Haut des großen Kriegsadlers zu lesen ist dreimal um den Berg
fliegen und bei diesem Steine anhalten um ihn zu heben und den Schlüssel
hervorzunehmen Ist dies gelungen so kann der Berg der Königsgräber bestiegen
werden und die Berichte und Dokumente der verschwundenen Urzeiten dürfen ihre
Stimmen erheben um die Geheimnisse unserer Vergangenheit zu enthüllen«
    Er schaute nach jener Felsennadel hinauf an deren Fuß der Schlüssel liegen
sollte Und er schaute hinüber nach der Bergeskuppe auf welcher die roten
Kaiser und Könige begraben lagen Dann fuhr er fort
    »Das alles wusste ich In meiner Brust war die ganze glühende Sehnsucht
unserer Rasse vereint Da saß ich vor meiner Tür und vor meinen Füßen landete
aus hohen Lüften der verwegene Knabe der den mächtigsten der Vögel gezwungen
hatte ihn über die Abgründe des Todes zur sicheren Erde herabzutragen Er wurde
von nun an der junge Adler genannt War er der Verheissene der
Vorherverkündigte Ich glaubte es Ich nahm ihn zu mir Ich erzog ihn Er war
ein Verwandter meines Winnetou Ich legte ihm die Sehnsucht fliegen zu lernen
in das Herz Als ich hörte dass drüben in Kalifornien die ersten Flugversuche
gemacht worden seien beschloss ich ihn zu den Bleichgesichtern zu senden damit
er das Fliegen von ihnen lerne Er ging und tat was ich von ihm begehrte Jetzt
ist er zurückgekehrt Er behauptet ein Flieger geworden zu sein Er sagt dass
er einen eigenen Adler erfunden habe auf dessen Flügel er sich verlassen könne
Ich glaube es ihm denn er ist mein erster und oberster Winnetou und es kam
noch nie ein unwahres Wort über seine Lippen Dennoch frage ich ihn heut und
jetzt in diesem wichtigen Augenblick Getraust du dich da hinaufzufliegen und
nachzusehen ob wirklich ein Stein vorhanden ist unter dem der Schlüssel zu den
Gräbern der Könige verborgen liegt«
    Der »junge Adler« antwortete sofort und in zuversichtlichem Tone
    »Ich getraue es mich nicht nur sondern es ist sogar leicht sehr leicht«
    »Und wann kannst du es tun«
    »Sobald du es wünschest Jetzt oder später Die Zeit die du bestimmst ist
mir gleich«
    »Dann jetzt noch nicht Der heutige Tag hat seine Aufmerksamkeit auf anderes
zu richten Aber ich danke dir für deine Zuversicht Sie macht mich fest in
meinem Zukunftsglauben Wir werden die Grüfte der toten Kaiser und Könige
öffnen Wir werden die Bücher finden und die Seele unserer Rasse die in ihnen
schlummert aus dem tausendjährigen Schlafe auferwecken Sie wird wachsen und
groß werden wie die Seelen der anderen Rassen groß geworden sind und niemand
wird uns mehr hindern die Höhen zu gewinnen die uns von Manitou zur Wohnung
angewiesen sind«
    Unser Blick reichte wie bereits gesagt von da aus wo wir uns jetzt
befanden bis hinunter nach dem Schleierfall Da sahen wir jetzt das Herzle mit
dem Ingenieur und einigen Indianern welche photographische Apparate trugen Sie
befand sich also in voller Tätigkeit und hatte wie es schien den Ingenieur für
sich gewonnen Wir aber kehrten nach dem Turm und von da nach dem Schloss zurück
wo ich dadurch überrascht wurde dass ich Old Surehand und Apanatschka auf mich
wartend fand
    »Wundert euch nicht dass ihr uns bei euch seht« redete mich der erstere an
»Es ist eine etwas unklare aber wie es scheint höchst wichtige Sache die uns
zu euch führt Kennt ihr den sogenannten Nigger der die Arbeiterkantine
bewirtschaftet«
    »Ich habe ihn einmal gesehen« antwortete ich
    »Mit ihm gesprochen«
    »Nein«
    »Habt ihn also nicht beleidigt«
    »Nie«
    »Dennoch hat er einen fürchterlichen Hass auf euch Weshalb das könnt ihr
euch wohl denken Er steht auf unserer Seite Wir können ihm also nicht zürnen
Aber er ist ein höchst unbedachtsamer jähzorniger und gewalttätiger Mensch und
scheint jetzt mit seinem Hasse gegen euch zu weit gehen zu wollen Er war vorhin
in einer geschäftlichen Angelegenheit bei uns und hat bei dieser Gelegenheit in
einer Weise von euch gesprochen welche uns in Besorgnis versetzt Er sagte
heut sei euer letzter Lebenstag es würden auch noch andere daran glauben
müssen heut habe es sich zu zeigen wer Herr und Meister am Mount Winnetou sei
Er schien betrunken zu sein Wir haben ihn bisher für treu gehalten diese
Redensarten aber erregen unser Bedenken Wir sind gekommen euch zu warnen Es
scheint etwas gegen euch unterwegs zu sein doch konnten wir leider nicht
erfahren was«
    »Ich danke euch« antwortete ich »Ich bin bereits gewarnt«
    »Wirklich Das soll uns freuen Ihr seid noch immer der Alte Ihr wisst immer
mehr als wir Sagt also ist unsere Vermutung richtig Hat man etwas gegen euch
vor«
    »Nicht nur gegen mich sondern auch gegen euch«
    »In der Tat  Was«
    »Man will mich und euch überhaupt uns alle beiseite schaffen Ich bin von
allem unterrichtet und wollte nicht eher davon sprechen als bis alles vorüber
ist Aber da ihr so ehrlich seid mich euren Gegner zu warnen so will ich
euch in das Vertrauen ziehen«
    Ich erzählte ihnen fast alles was ich wusste Die Wirkung lässt sich denken
Sie wollten sofort mit allen vorhandenen Kräften nach dem »Tale der Höhle«
ziehen um den Feinden in die Höhle zu folgen und sie da drin niederzumetzeln
Zum Glück aber hatte ich ihnen von der Beschaffenheit der Höhle und dass ich ihre
Ausgänge kannte nichts mitgeteilt Es kostete mich große Mühe sie zu beruhigen
und ihnen das Versprechen abzuringen die Leitung dieser Angelegenheit einzig
und allein in meiner Hand zu lassen Eines aber konnte ich nicht verhüten
nämlich dass sie sofort hinaus nach der Kantine wollten um den »Nigger« zur Rede
zu stellen und sich seiner Person zu bemächtigen Es konnte mir dadurch sehr
leicht ein Strich durch alle meine Berechnungen entstehen und so musste ich wohl
oder übel mit ihnen reiten um wenigstens noch das zu verhüten was noch zu
verhüten war
    Als wir während dieses Rittes am Schleierfall vorüberkamen gab es dort eine
außerordentlich rege Tätigkeit Die Vorbereitungen zur Brillantbeleuchtung heut
abend nahmen alle Kräfte in Anspruch Als ich einen forschenden Blick auf die
neu eingegrabenen Masten warf war es mir als ob die Figur heut nicht
unbedeutend schiefer stehe als vorher und als ob sich auch die Gerüste schon
geneigt hätten Ich sagte aber nichts
    Bei der Kantine angekommen fanden wir das Herzle mit dem Ingenieur Sie
photographierten Die beiden Enters waren dabei Sie hatten wie ich später
erfuhr in der Kantine gesessen und waren herausgekommen um zuzusehen Grad als
wir bei ihnen von den Pferden stiegen kam der »Nigger« aus dem Hause Old
Surehand und Apanatschka nahmen ihn sofort in Beschlag Sie machten weder
Einleitungen noch lange Umstände Old Surehand fiel gleich mit der Tür in das
Haus
    »Wir sind gekommen dich zu arretieren« sagte er »Du kommst uns grad so
recht«
    »Arretieren Mich« fragte der »Nigger« »Möchte den sehen der das fertig
brächte Darf ich fragen warum«
    »Wegen des Theaters welches heut abend gespielt werden soll«
    Der Mensch erschrak fasste sich aber schnell Er machte nicht den geringsten
Versuch zu leugnen Er lachte laut auf und rief
    »Dafür dass ich euch eure Gegner vom Halse schaffen will wollt ihr mich
arretieren Well Ist das Dankbarkeit«
    »Glaubst du uns zu täuschen« fragte Apanatschka »Wir wissen sehr genau
dass es sich nicht nur um unsere Gegner handelt sondern auch um uns selbst
Nicht nur sie sondern auch wir sollen abgeschlachtet werden Wir wissen es«
    »Von wem«
    Die Augen des »Niggers« funkelten indem er diese Frage tat Apanatschka
antwortete
    »Waren Tokeichun und Tusahga Saritsch etwa gestern abend nicht bei dir
Ist da nicht deutlich genug davon gesprochen worden was geschehen soll Saßen
nicht die beiden Enters auch dabei«
    Das war ein unverzeihlicher Fehler den Apanatschka da beging Die Folgen
stellten sich augenblicklich ein Der »Nigger« griff mit der Hand in seine
Tasche jedenfalls nach seinem Revolver Er richtete seine Gestalt hoch auf sah
einen nach dem andern von uns an und sagte indem er die Worte wie pfeifend
zwischen den Zähnen hervorstiess
    »Also verraten Alles verraten Doch schadet das nichts Was werden soll
wird doch«
    Das Herzle war an meine Seite geeilt Sie glaubte mich in Gefahr Auch die
beiden Enters hatten sich uns genähert Sie standen jetzt grad neben dem
»Nigger« Dieser betrachtete sie mit einem tiefverächtlichen Blicke und fuhr
fort
    »Und wisst ihr wer es verraten hat Ihr ihr ihr Denn die beiden
Häuptlinge werden sich doch nicht selbst verraten Eigentlich sollte ich euch
sofort niederschiessen Aber ihr kommt erst an zweiter Stelle An erster Stelle
steht dieser fremde deutsche Hund mit seiner Squaw die ich sofort durchlöchern
werde um  «
    Er riss den Revolver aus der Tasche spannte ihn und richtete ihn auf mich
und meine Frau Da aber wurde er von den beiden Enters gepackt so dass er nicht
schießen konnte Old Surehand und Apanatschka zogen ihre Revolver rasch auch
Das Herzle stellte sich vor mich um mir als Schild zu dienen ich aber schob
sie hinter mich und warnte sie
    »Keine Torheit Es geschieht uns nichts«
    Der »Nigger« versuchte die Brüder von sich abzuschütteln Sie ließ nicht
los
    »Du sollst Old Shaterhand nicht schießen schiess lieber mich« rief Hariman
Enters
    »Nicht diese Frau sollst du treffen nicht sie nicht sie sondern mich«
stimmte Sebulon bei
    Da gelang es dem »Nigger« seine Rechte frei zu machen
    »Wohlan wohlan« brüllte er »Also zunächst ihr beide damit ich euch los
werde Dann aber um so sicherer die beiden andern«
    Er richtete den Lauf seiner Waffe blitzschnell auf Sebulon und dann auf
Hariman Die Schüsse krachten Zugleich aber fielen noch zwei andere Schüsse
nämlich aus den Revolvern Apanatschkas und Old Surehands Diese Kugeln drangen
dem Riesen mitten in die Stirn Er drehte sich halb um sich selbst begann zu
wanken und stürzte dann mit den beiden Enters die in die Brust geschossen
waren zu Boden Apanatschka und Old Surehand warfen sich schnell auf ihn um
seine Todeszuckungen unschädlich zu machen Das Herzle kniete bei Sebulon und
ich bei Hariman nieder Beide waren nur zu gut getroffen Hariman öffnete noch
einmal die Augen
    »Ich war euer Winnetou seit jenem Abende am Nuggettsil« flüsterte er
»Ist mir vergeben«
    »Alles alles« antwortete ich
    »Auch meinem Vater«
    »Auch ihm«
    »So  sterbe  ich froh «
    Diese Worte hauchte er nur noch Dann war er tot Sebulon lag still aber
seine geschlossenen Augenlider zitterten Auch er war dem Tode verfallen Das
Herzle weinte Sie strich ihm leise die Wangen Da öffnete er ganz plötzlich die
Augen richtete sich auf dem einen Ellbogen halb auf sah sie an und fragte mit
scheinbar ganz gesunder Stimme
    »Ihr weint Mrs Burton Und ich bin so glücklich«
    Er lächelte und zog mit seiner letzten Kraft ihre Hand an seine Lippen
    »Lest den Namen unter meinem Winnetoustern« bat er
    Sie nickte
    Nach kurzer Pause fuhr er mit immer leiser werdender Stimme fort
    »Glaubt Ihr   dass mein Vater   nun erlöst ist    erlöst«
    »Ich glaube es« antwortete sie
    »Dann   Gott sei Dank   ist es doch nicht umsonst    umsonst«
    Er sank zurück und streckte sich Dann war auch er erlöst Wir standen auf
Der riesige »Nigger« lag mit toten aber starr geöffneten Augen zwischen seinen
Opfern
    »Musste das sein« fragte das Herzle
    »Nein« antwortete ich fast zornig
    »Ja es musste nicht sein« stimmte Old Surehand bei »Wir konnten es
umgehen Wir waren zu schnell wir waren unbesonnen«
    »Wie so oft wie so oft in früherer Zeit« stimmte ich bei denn es war mir
unmöglich mit meinem Tadel ganz zurückzuhalten
    Sie nahmen ihn ruhig hin
    »Was soll nun werden« fragte ich »Glaubt ihr die Verschwörung der
Arbeiter durch den Tod ihres Anführers beseitigt zu haben Oder wird nicht grad
dieser Tod das was wir verhüten wollen zum schnelleren Ausbruch bringen«
    »Hm« brummte Old Surehand verlegen »Richtig richtig Was ist zu tun«
    Sie sahen einander an fanden aber keine Antwort auf diese Frage
    »Wie lange dauert es bis ein Dutzend Eurer KaneanKomantschen hier an
dieser Stelle sein können« erkundigte ich mich
    »Wenn ich sie hole höchstens eine Viertelstunde« antwortete Apanatschka
    »Noch weiß niemand was hier geschehen ist Die Arbeiter sind jetzt nicht
hier sondern bei den Steinbrüchen und am Wasserfall Holt treue Leute die den
Nigger fortschaffen und einstweilen verstecken Dann wird man hören er habe im
Streite die Gebrüder Enters erschossen und sich der Strafe durch die Flucht
entzogen So wissen die Arbeiter nicht woran sie sind und es steht zu
erwarten dass sie sich ruhig verhalten«
    »Das ist ein Gedanke« stimmte Old Surehand bei »Schnell fort und hole die
Leute«
    Diese Aufforderung galt Apanatschka welcher sofort davongaloppierte und
nach wenig über zehn Minuten die Komantschen brachte welche den toten »Nigger«
auf ein Pferd banden und sich mit ihm entfernten Zwei von ihnen blieben als
Totenwache bei dem erschossenen Brüderpaar zurück
    Das Herzle war tief erschüttert Sie verlangte heim Darum ritt ich mit ihr
nach dem Schloss welches sie erst am Nachmittage als sie sich beruhigt hatte
wieder verließ um mit dem bereitwilligen Ingenieur ihre photographischen
Studien fortzusetzen Sie kam erst gegen Abend wieder heim um zu melden dass
man unten schon beginne sich auf dem Festplatze am Schleierfalle einzustellen
Nach dem Essen stiegen wir mit dem »Bewahrer der großen Medizin« und dem »jungen
Adler« hinab Pappermann Intschuinta und andere waren schon vorausgegangen
    TatellahSatah hatte alles was nötig war mit mir besprochen und daraufhin
seine Anweisungen erteilt Die Arbeiter hatten am Denkmal zu bleiben Die
gewöhnlichen Zuschauer waren nach dem großen Platze vor der Figur gewiesen
welcher Tausende von Menschen fasste Dieser Platz zog sich bis nach den beiden
»Teufelskanzeln« zurück welche nur von den Häuptlingen und Unterhäuptlingen
besetzt werden durften Zwischen den Arbeitern und den Zuschauern gab es eine
dreifache Reihe von »Winnetous« welche alle mit Revolvern bewaffnet waren und
dafür zu sorgen hatten dass die ersteren also die Arbeiter sofort überwältigt
werden konnten wenn es ihnen etwa einfallen sollte nach dem Plane des
»Niggers« und der verbündeten vier Häuptlinge zu verfahren
    Zu erwähnen ist dass im Verlaufe des heutigen Tages die ersten Wagenzüge
angekommen waren mit deren Hilfe die hier zu erwartende Menschenmenge von der
Bahn aus verproviantiert werden sollte Mit diesen Wagen hatten sich zugleich
auch mehrere Scharen neuer Mount WinnetouPilger eingestellt die mit Wonne
vernahmen dass sie schon am heutigen Abende das Glück haben würden die herrlich
erleuchtete Gestalt ihres geliebten Winnetou zu sehen Sie waren nun auch schon
da und so kam es dass der Zuschauerraum als »vollbesetzt« bezeichnet werden
konnte Die Häuptlinge waren wie bereits erwähnt um und auf die
»Teufelskanzeln« verteilt und zwar in folgender Weise Links vom Fahrwege lagen
die Kanzeln 1 und 2 rechts von ihm die Kanzeln 3 und 4 Die Kanzel 1
korrespondierte mit der Kanzel 3 die Kanzel 2 mit der Kanzel 4 Wer auf Kanzel
1 war der hörte was auf Kanzel 3 gesprochen wurde Wer sich auf Kanzel 2
befand der vernahm alles was auf der Kanzel 4 zur Rede kam Und so auch
umgekehrt der Schall von 1 kam nach 3 der Schall von 2 ging nach 4 Da ich nun
alles zu hören wünschte was von den uns feindlichen vier Häuptlingen und ihrem
Anhange gesprochen wurde so hatte ich sie auf die Kanzel 3 plazieren lassen
während wir die Kanzel 1 in Anspruch nahmen Sie hörten freilich auch alles was
wir redeten doch wussten wir das und so brauchten wir nur das was sie hören
sollten laut zu sprechen alles andere aber leise zu flüstern Von den Kanzeln
2 und 4 war nur die 4 besetzt die 2 behielten wir für uns leer
    Als wir auf dem Festplatze anlangten war er nur erst notdürftig erleuchtet
und zwar nicht mit Öl sondern ausschließlich elektrisch auch die Laternen
Das war bei der gewaltigen Menge der hier erzeugten Elektrizität ungemein bequem
und billig Man machte uns Platz nach unserer Kanzel 1 zu kommen Das war
dieselbe von deren Fuß aus der geheime Gang in die Höhle führte Dort wurden
wir von den uns befreundeten Häuptlingen empfangen Sie waren alle da sogar
auch AvahtNiah der Hundertundzwanzigjährige Ich hatte ihnen sagen lassen dass
sie die Kanzel ja nicht betreten sondern sich einstweilen am Fuße derselben
lagern sollten Sie hatten das getan ohne den Grund zu kennen Jetzt beeilte
ich mich ihnen diesen mitzuteilen Wie erstaunten sie als sie hörten dass es
sich hier um die Lösung dieses alten sagenhaften Geheimnisses handelte Ich
sagte ihnen dass sie nun auf die Kanzel steigen dort aber ganz leise und mit
vor den Mund gehaltenen Händen sprechen sollten ich aber würde jetzt zu unsern
Gegnern gehen um mit diesen zu reden Es werde jedes Wort hier zu verstehen
sein
    Ich ging Der alte Kiktahan Schonka saß mit seinem Anhange schon oben auf
Kanzel 3 Diese Kanzel war rundum von einer Schar bewaffneter »Winnetous«
besetzt das hatte ich so angeordnet Ich sagte ihnen dass sie alle
Obensitzenden als Gefangene zu betrachten und keinen von ihnen ohne meine
besondere Erlaubnis fortzulassen hätten Darauf stieg ich hinauf
    »Old Shatterhand« rief der alte Tangua der mich zuerst sah und erkannte
    »Ja ich bin es« antwortete ich laut »Ich komme um euch Wichtiges
mitzuteilen damit ihr nicht vergeblich wartet Wisst ihr dass der Nigger euer
Verbündeter geflohen ist«
    »Wir wissen es« antwortete Tokeichun »Aber er ist nicht unser
Verbündeter«
    »Er ist es« behauptete ich »Ich stand gestern am offenen Fenster der
Kantine als ihr mit ihm und den beiden Enters den Plan für den heutigen Abend
bespracht«
    »Uff uff« rief er erschrocken aus
    Ich fuhr fort
    »Nun sind die Enters tot und er ist auch tot Old Surehand und Apanatschka
haben ihn erschossen«
    »Uff uff Uff uff« ertönte es rundum
    »Und Pida der nach dem Tale der Höhle geritten ist um die viertausend
Sioux Utahs Kiowa und Komantschen durch die Höhle nach dem Wasserfall zu
führen wird nicht kommen um uns zu überfallen Wir haben ihm die Wege verlegt
und nehmen ihn mit allen seinen Kriegern gefangen«
    »Uff uff«
    »Und euer Komitee ist aufgelöst Die Brüder Enters haben mir die Schrift
gebracht die von euch unterzeichnet worden ist Eure ganze Betrügerei und euer
Trachten nach meinem Leben ist bekannt Die Strafe folgt Ihr seid hier
gefangen Dieser Ort hier ist von unsern Winnetous umstellt Sie haben euch
festzuhalten Jeder von euch der es wagt zu entfliehen wird augenblicklich
erschossen«
    Jetzt rief niemand uff uff Sie waren zu Tode erschrocken Die vier »Herren
vom Komitee« befanden sich auch mit hier Auch sie waren still Keiner von ihnen
sagte ein Wort Da war es als ob die Erde unter uns wanken wollte Ich fühlte
und hörte ein kurzes aber scharfes Zittern und Knirschen unter mir Ich hatte
mich zu beeilen von hier fortzukommen
    »Hört ihr es« fragte ich »Das war die Stimme der Höhle in der sich eure
unglückliche Krieger befinden Sie sind verloren«
    Nach diesen Worten stieg ich schnell von der Kanzel hinab und beeilte mich
dorthin zu kommen wohin ich gehörte Es herrschte rundum tiefe Stille
Jedermann war darüber dass der Boden gewankt hatte erschrocken Da ertönte die
laute Stimme Old Surehands Er befahl dass die Illumination beginne Der
Ingenieur gehorchte er öffnete den Projektionsapparat Die Winnetoufigur wurde
tageshell erleuchtet und ihr zu beiden Seiten erschienen auf dem Spiegel des
Schleierfalles die vielvergrösserten Gesichtszüge Young Surehands und Young
Apanatschkas Hatte Old Surehand etwa Beifall erwartet Es erfolgte keiner
Jedermann blieb still Die kopflose Steinfigur machte nicht den geringsten
Eindruck und die Porträts der beiden jungen Künstler hatten so wenig
Charakteristisches an sich und so wenig tieferen Sinn dass sie jedermann
vollständig gleichgültig ließ Jetzt war es wo ich meine Kanzel erreichte
Ich gab den Anwesenden das Zeichen ja nicht laut zu sprechen und fragte leise
    »Habt ihr alles gehört«
    Sie nickten
    »Auch das Beben der Erde«
    »Auch das« antwortete das Herzle flüsternd und die Hand an den Mund
haltend um die Luftwelle abzuhalten den Weg der Ellipse zu gehen
    »Die Katastrophe scheint nicht warten zu wollen« fuhr ich fort »Ich
vermute sie ist da«
    Wieder grollte es in der Erde Dann war es als ob irgendwo etwas
zusammenbreche Da erscholl Old Surehands Stimme zum zweiten Male Der Ingenieur
schloss den Apparat und drehte die Leitungskurbel Die Bilder verschwanden dafür
aber begannen alle vorhandenen Lichter große und kleine zu leuchten von der
kleinsten Laternenbirne bis hinauf zu den Riesenkugeln auf hoch emporstrebenden
Masten Aber auch das machte keinen Eindruck Das Licht war kalt und das
Steinbild blieb dasselbe Man hatte es am Tage gesehen und sah es jetzt nicht
anders
    Und doch Ich sah es anders ich Ich sah dass es sich noch mehr zur Seite
geneigt hatte und zwar ganz beträchtlich so beträchtlich dass das Herzle
erschrocken meine Hand ergriff und mir zuraunte
    »Um Gotteswillen Sie stürzt sie stürzt die Figur«
    Und kaum war das gesagt so rollte es unter uns es stob und knallte und
puffte Die Figur neigte sich nach links wankte nach vorn und bog sich nach
rechts ein Donner rollte unter uns hin   ein Krach als ob die ganze Welt
untergehen wolle   
    »Flieht flieht Rettet euch« brüllten die Arbeiter indem sie von der
Figur fortstürzten
    Kaum war das geschehen so gab es ein unbeschreibliches Getöse ein Poltern
Prasseln Knattern Platzen Bersten Schmettern Brausen und Dröhnen Der Boden
öffnete sich Ein Abgrund gähnte Die Figur drehte sich mit ihrer ganzen
gewaltigen Unterlage langsam um sich selbst und verschwand dann mit einem
Schlage als ob uns die Ohren platzen sollten in der Tiefe Und nicht nur die
Figur sondern auch alles was sich in der Nähe befand die Gerüste die
Stangen die Balken die Masten mit den Beleuchtungskörpern alles alles wurde
mit hinabgerissen Im nächsten Augenblick herrschte tiefste Dunkelheit Tausende
von Stimmen vereinten sich zu einem einzigen großen Schrei des Entsetzens Dann
gab es für einige Sekunden eine lautlose Stille aus welcher sich nur die
verzweifelte Stimme des alten Tangua erhob
    »Pida Pida Mein Sohn mein Sohn Er ist verloren«
    Dann aber wurden alle die tausend Stimmen wieder laut Sie vereinigten sich
zu einem Lärmen Brüllen und Zetern welches klang als ob diese ganze große
Menge plötzlich wahnsinnig geworden sei Niemand wollte auf seinem Sitze
bleiben Alles drängte fort zum Tal hinaus Die Katastrophe konnte sich ja
wiederholen und weitergreifen Auch unsere Häuptlinge waren schnell von der
Kanzel gestiegen und berieten sich eiligst was zu tun oder zu lassen sei Nur
drei waren oben geblieben nämlich TatellahSatah das Herzle und ich Der
erstere bat mich
    »Lass keinen wieder herauf Nur wir drei wollen hören was da drüben auf der
andern Kanzel gesprochen wird«
    »Nicht wir drei sondern nur ihr zwei« antwortete ich »Ich habe jetzt
Zeit zu lauschen Hier gilt es zu retten was vielleicht noch zu retten ist«
    Ich schickte Intschuinta und Pappermann nach dem Schloss um Fackeln zu
holen Und ich suchte Old Surehand und den Ingenieur auf um zu fragen ob es
nicht möglich sei schnell wieder elektrisches Licht zu machen Sie versprachen
dies zu tun Leitungsdrähte und Glühkörper seien genug vorhanden Sodann
beauftragte ich sechs von den zwölf Apatschenhäuptlingen mit ihren Leuten
sofort trotz des nächtlichen Dunkels nach dem »Tal der Höhle« zu reiten und
möglichst schnell Bericht zu erstatten wie es dort stehe Und kaum hatte ich
das getan so nahte die Gefahr in neuer Gestalt Der Wasserfall verschwand nicht
mehr vollständig in die Tiefe Die hinabgestürzten Erd und Steinmassen hatten
sich in den Abfluss gelegt und so stieg das Wasser in dem entstandenen
Riesenloche immer höher und höher Nicht lange so musste es das Tal
überschwemmen und dann war es nicht mehr möglich den in der Höhle
wahrscheinlich Verschütteten von hier aus Rettung zu bringen Glücklicherweise
aber kam es nicht so weit Die Gewalt des Wassers war größer als das Gewicht der
Erdmassen Die aufsteigenden Fluten von denen es schien als ob sie einen See
bilden wollten begannen zu mahlen zu drehen und zu gurgeln Sie hatten neuen
Weg gefunden Es bildete sich ein wirbelnder Trichter der mit den Wassern in
der Tiefe verschwand und dann nicht wieder erschien
    Nun kamen Intschuinta und Pappermann vom Schloss Sie brachten die
gewünschten Fackeln Ich nahm zu den beiden Genannten noch einige zuverlässige
Winnetous und stieg mit ihnen von andern unbemerkt in den Gang der unter der
Kanzel mündete Die Fackeln brannten wir nicht schon außen sondern erst drinnen
an dann folgten wir den abwärts führenden Stufen dabei sahen wir dass die
Erschütterung bis hierher gereicht hatte Es waren Steine von den Wänden und der
Decke des Ganges gefallen und zwar um so mehr je weiter wir kamen Oft waren
es ihrer so viele dass wir sie wegzuräumen hatten um weitergehen zu können
Darum kamen wir nur langsam vorwärts Da wo unser Gang in den andern nach dem
Passiflorenraum führenden mündete sah es ziemlich arg aus Zu den Stalaktiten
die wir da aufgehäuft hatten war eine Menge anderes Geröll gekommen so dass wir
fast eine Stunde brauchten uns den freien Weg zu bahnen Von da ging es dann
nach der Stelle an welcher der schmale Weg mit dem breiten zusammenstiess der
hinter dem Schleierfall mündete also nach dem Punkte an dem ich den ersten Riss
in der Decke und das Abbröckeln des Gesteins bemerkt hatte Sie war verschüttet
vollständig verschüttet wir konnten nicht bis ganz hin Aber wir trafen auf
zwei Personen die nebeneinander tief an der Erde saßen und sich nicht rührten
als wir uns ihnen näherten Eine ausgelöschte halbe Fackel lag neben ihnen Es
waren die beiden entflohenen Medizinmänner die an der Spitze unserer
viertausend Gegner durch die Höhle marschiert waren Sie bewegten sich nicht und
kannten uns kaum Der Schreck und die überstandene Todesangst hatten ihnen die
Sinne verwirrt Sie starrten angstvoll vor sich hin und waren nur schwer zum
Sprechen zu bringen Es kostete uns viele Zeit und große Mühe aus ihren
verworrenen Antworten uns zusammenzusetzen was geschehen war Sie halten die
Pferde unter Aufsicht im Tale gelassen und waren zu Fuß in die Höhle
eingedrungen Da sie Zeit hatten rückten sie nur langsam vorwärts Als die
Katastrophe hereinbrach befanden sie sich grad am Ende des breiten Reitweges
glücklicherweise nicht im Mittelpunkt sondern an der Peripherie des
Zerstörungsbereiches Es gab einen Luftstoss der sämtliche Fackeln auslöschte
Die Wände zitterten der Boden bebte die Decke krachte Viele viele wurden von
dem herabstürzenden Gestein verletzt Es brach eine ungeheure Panik aus Man
ergriff die Flucht Aber wohin Die einen drängten vorwärts die andern
rückwärts Alles schrie und brüllte Einer riss den andern nieder Einer trat und
stampfte auf dem andern herum Da versiegte plötzlich der Fluss Bald aber kam er
um so stärker wieder Das war als droben ein See entstehen wollte der aber
schnell wieder zusammenwirbelte und verschwand Das ergab unten in der Höhle
eine gewaltige Hochwelle die alles überflutete und einen jeden der keinen
festen Halt fand mit sich fortzureissen drohte Diese Flutwelle hatte eine
solche Gewalt dass sie große schwere Felsenstücke mit sich fortschleppte und
unten an der Mündung in solcher Menge absetzte dass eine undurchdringliche
Barriere entstand welche den Roten die Flucht aus der Höhle in das freie Tal
zurück unmöglich machte Die Höhle war also nach unten vollständig verstopft so
dass kaum noch das Wasser abfliessen konnte Den Indianern blieb also nur noch der
Weg sich nach oben hinaus zu retten Diejenigen von ihnen welche
zurückgeflohen waren kehrten also wieder um und drängten nach oben Aber dort
war der Weg ja auch verschüttet Die gewaltigen Massen welche da niedergestürzt
waren ließ nur eine kleine schmale Lücke frei welche vorsichtig zu
untersuchen war wie weit und wohin sie führte Das zu tun unternahmen die
beiden Medizinmänner denen es infolge der durchnässten Feuerzeuge nur schwer
gelang eine Fackel anzuzünden Die Lücke erwies sich als gangbar aber kaum war
sie passiert und die beiden Führer wollten zurückkehren um die ihrigen zu
benachrichtigen so tat es einen neuen donnerähnlichen Krach die Erde bebte
und die ganze Umgebung schien in Bewegung zu sein und zusammenbrechen zu wollen
Die beiden stürzten um sich zu retten in wahnsinnigem Entsetzen vorwärts bis
sie übereinander niederfielen und ihrer Gedanken nicht mehr mächtig ganz
einfach sitzen blieben bis wir kamen und sie fanden
    Hieraus wurde mir klar dass die Rettung der Verschütteten nur nach oben
möglich war nicht aber nach dorthin wo die Höhle unten in das Tal mündete Es
galt Arbeiter mit Hacken Schaufeln Lichtern und allen andern Dingen zu holen
die sich als nötig erwiesen Wir zwangen also die Medizinmänner die partout
sitzen bleiben wollten aufzustehen und mit uns zu gehen und kehrten durch den
Gang ins Freie zurück zur Teufelskanzel wo es dem Ingenieur und seinen Leuten
inzwischen gelungen war eine neue wenn auch keine brillante aber doch
genügende Beleuchtung herbeizuschaffen Die Medizinmännner fasste ich hüben und
drüben einen an den Armen und führte sie nach der Kanzel auf der Tangua mit
seinen Genossen gefangen saß
    »Gerettet« rief er aus als er die Beiden erkannte »Gerettet Diese sind
die Führer Wenn sie mit dem Leben davon gekommen sind so ist auch Pida mein
Sohn nicht tot«
    Ich antwortete nicht schob sie zu ihm hin und entfernte mich um mit Old
Surehand das Rettungswerk zu besprechen denn er war es dem die Arbeiter die
wir brauchten zur Verfügung standen Diese Leute dachten gar nicht mehr an
Empörung Sie waren schnell bereit in die Höhle niederzusteigen und einen Weg
durch die niedergestürzten Massen zu bahnen Da zeigte sich nun das elektrische
Licht von hohem Werte Es konnte mit Hilfe der vorhandenen Drähte ganz bequem in
den Gang geleitet werden so dass die düster brennenden und rauchenden Fackeln
vollständig überflüssig wurden Die Arbeit begann Sie war eine sehr schwere und
nicht ungefährliche Es galt ganz gewaltige Gesteinsmassen zu beseitigen In
welcher Zeit dies zu ermöglichen war das konnte man nicht sagen es musste
abgewartet werden TatellahSatah stieg auch einmal mit in die Höhle nieder um
diese Arbeit in Augenschein zu nehmen Sonst aber blieb er am liebsten still auf
seiner Kanzel von welcher aus er alles übersehen und beobachten konnte Am
interessantesten war es ihm auf seinem Sitze jedes Wort welches von den
feindlichen Häuptlingen gesprochen wurde ganz deutlich zu vernehmen Er hatte
schon die ganze Zeit lang zugehört und wollte auch noch länger hören Er kam da
nicht nur hinter alles was verschwiegen worden war sondern er gewann auch
einen klaren Einblick in die Wirkung welche die Katastrophe auf jeden einzelnen
dieser Leute hervorgebracht hatte Hiernach konnte er dann sein Verhalten
richten
    Das Herzle bekam viel Arbeit Sie hatte sich mit Aschta Kolma Putschi und
ihren anderen roten Freundinnen auf den Empfang der Geretteten vorzubereiten
Von diesen waren wohl viele verletzt Man konnte sogar auf Tote rechnen Auch
Hunger war zu stillen Da gab es viel zu überlegen und viel zu tun Es dauerte
gar nicht lange so waren alle am Mount Winnetou vorhandenen Frauen in regster
Tätigkeit Auch wir Männer durften nicht feiern Wir konnten zwar die Rettung
der Gefährdeten nicht beschleunigen denn die ging ihren sicheren ruhigen Weg
aber es galt über das innere und äußere Geschick von viertausend Menschen
Beschluss zu fassen für ihre Unterbringung und Ernährung zu sorgen und sie
womöglich aus Feinden in Freunde zu verwandeln Diese Verwandlung der Feinde in
Freunde war übrigens schon recht gut im Gange nicht nur unten bei den
Untergebenen sondern noch viel mehr auch oben bei den Vorgesetzten Das
bemerkte ich zu meiner Freude als ich während dieser Nacht einmal zu Old
Surehand und Apanatschka trat die mit ihren Söhnen im Gespräch beieinander
standen Mein Kommen schien sie zunächst etwas verlegen zu machen Old Surehand
aber überwand dieses Gefühl sehr schnell und sagte
    »Gut dass Ihr kommt Mr Shatterhand grad jetzt wo wir einen Augenblick
ungestört unter uns sind Wir berieten uns gerade darüber ob wir Euch ein
offenes Geständnis schuldig sind oder nicht Ich meine wir sind es Euch
schuldig Euch und dem alten prächtigen TatellahSatah dem wir so viel Kummer
und Ärger bereitet haben Wir bereuen es sehr Bitte sagt ihm das«
    »Ja bitte sagt es ihm« fiel Apanatschka ein »Wir sind gern bereit es
wieder gut zu machen Das mit dem Riesendenkmal war kein sehr geistreicher
Gedanke von uns Eure Vorlesungen haben da viel und tief gewirkt Und was von
dieser Dummheit trotzdem in uns sitzen blieb das wurde augenblicklich
weggefegt als wir unser sogenanntes Kunstwerk plötzlich in die Erde
verschwinden sahen Das war eine ganz gewaltige Ohrfeige für uns Und wir geben
zu wir haben sie verdient Freilich ist der Spaß den wir uns gestattet haben
kein sehr billiger Unsere Söhne bezahlen ihn mit einem guten Teile ihres
künstlerischen Selbstbewusstseins und was uns die beiden Väter betrifft so
haben wir Summen an die Sache gewendet die nicht unbedeutend sind und die wir
leider nun als verloren betrachten müssen   «
    »Verloren« fragte ich »Keineswegs«
    »O doch«
    »Nein Und auch das verletzte künstlerische Selbstbewusstsein ist schnell zu
heilen Hätten die beiden jungen Herren damals als dieser Plan in euch
entstand mehr Vertrauen zu mir ihrem alten aufrichtigen Freunde gehabt so
wären eure Gedanken in ganz andere Bahnen gelenkt worden und ihr hättet jetzt
nicht mit Verlusten zu rechnen die eigentlich keine Verluste sind weil sie
einen großen inneren Gewinn für euch bedeuten Und der ist nicht zu teuer
bezahlt«
    »Wirklich nicht« fragte Old Surehand
    »Nein Lasst das Denkmal wie wir es meinem immerhin über das wie Ihr es
meintet den Sieg davongetragen haben der andere Teil Eures Planes bleibt doch
Und er ist der pekuniär einträglichere«
    »Welcher Teil«
    »Die Gründung der Stadt Winnetou«
    »Ihr meint nicht dass sie rückgängig wird nun nachdem wir mit unserer
Riesenfigur so abgefallen sind«
    »Gewiss nicht Ich bin ganz im Gegenteile der Allererste der mit größtem
Nachdruck auf diese Gründung dringt«
    »Wenn das wäre« rief er erfreut aus und »Wenn das wäre« stimmten auch
die drei anderen ein
    »Es wird« versicherte ich »Wenn wir wünschen dass die Seele der roten
Rasse erwache genügt es nicht nur allein für ihre geistige Zukunft zu sorgen
sondern wir müssen ihr auch eine äußere Stätte bereiten aus welcher sie die
nötige Erdenkraft zu ziehen vermag Das soll und wird die Stadt Winnetou sein
die Ihr geplant habt ohne an die Volksseele der sie als Residenz zu dienen
hat zu denken Fragt euch was für Straßen für Plätze für Häuser für Gebäude
wir da brauchen Ein Stammeshaus für jeden einzelnen roten Stamm Einen
Heimpalast für jeden einzelnen Klan den größten und schönsten für den
neugegründeten Klan Winnetou Wieviel Monumentalbauten ergibt schon das allein
Denkt euch hierzu das Schloss hoch über der Stadt in würdiger Weise ausgebaut
Denkt euch ferner dass der Berg der Königsgräber sich öffnen wird und ihr die
Schätze die er euch sendet in der Weise unterzubringen habt wie man es
solchen unvergleichlichen Reichtümern schuldig ist Das ist nur Einiges was ich
euch für jetzt und einstweilen sagen kann Verlangt ihr mehr«
    »Nein nein« antwortete Old Surehand »Ihr öffnet uns da Perspektiven von
denen wir bisher keine Ahnung hatten Und das alles alles soll beraten werden«
    »Ja«
    »Und wir dürfen dabei sein«
    »Ganz selbstverständlich«
    »Dann danken wir Euch Wir danken« rief er ganz begeistert aus »Das ist ja
mehr als wir jemals hoffen konnten Hätten wir doch früher mehr an Euch
gedacht«
    »Holt das Versäumte nach noch ist es Zeit« riet ich ihm »An den
Projekten die ich euch jetzt andeutete können eure Söhne sich noch ganz anders
künstlerisch betätigen als an der unglückseligen Figur an welcher ihr alle eure
Kräfte umsonst verschwendet habt Jetzt gibt es keine Zeit mehr wir sprechen
weiter hierüber«
    Sie waren entzückt über das was sie gehört hatten und ich durfte überzeugt
sein sie hiermit ganz für unsere höhere und richtigere Anschauung gewonnen zu
haben
    Gegen Morgen grad als ich mit dem »jungen Adler« sprach kam ein Bote der
Apatschenhäuptlinge die wir nach dem »Tale der Höhle« geschickt hatten und
meldete uns dass sie dort glücklich angekommen seien und einen Teil der Hüter
der Pferde überrumpelt hätten den anderen Teil werde man nach Tagesanbruch
überwältigen Das war ziemlich ungenügend In den früheren kriegerischen Zeiten
hätte sich wohl niemand zur Überbringung einer so halben Nachricht bereit
gefunden Ich hielt es zwar nicht für nötig den Boten durch einen Tadel zu
kränken aber der »junge Adler« sah es mir doch an dass ich nicht befriedigt
war Er fragte als wir wieder allein waren
    »Ich möchte gern bessere Nachricht bringen Darf ich«
    »Ich danke« wehrte ich ab »Für solche Botenritte sind Andere da die man
sonst nicht brauchen kann«
    »Botenritt  Ich will nicht reiten«
    »Was sonst«
    »Fliegen«
    »Ah Wirklich« fragte ich überrascht
    »Ja Ich brauche nur eine halbe Stunde um dort zu sein«
    »Das wäre freilich höchst vorteilhaft aber die Gefahr  die Gefahr«
    »Es gibt keine« lächelte er
    »Und wenn Es ist mir doch zu waghaft es zu erlauben«
    »So will ich nur fragen Ist es mir verboten«
    »Verboten Nein Du bist dein eigener Herr«
    »Ich danke dir Und noch eines da es sich um den fliegenden Adler handelt
Du versprachst mir im Hause des Todes mir die vier Medizinen zu geben sobald
ich dich um sie ersuche Darf ich dich hieran erinnern«
    »Ja Willst du sie haben«
    »Brauchst du sie noch«
    »Nein Für mich haben sie ihre Arbeit getan«
    »Für mich noch nicht Ich soll der Mann sein der die Medizinen die du uns
genommen hast wiederbringt«
    »Du sollst sie haben«
    »Gleich jetzt«
    »Gleich jetzt Komm mit mir nach meiner Wohnung auf dem Schloss«
    Wir gingen hinauf sogleich obwohl es noch dunkel war Dort nahm ich die
Medizinen aus dem Verschlusse und gab sie ihm Er hing sie sich um den Hals
    »Ich danke dir« sagte er »Ich kann sie den Häuptlingen geben wenn ich
will«
    »Ganz nach deinem Belieben«
    »Sie ihnen einstweilen bloß zeigen«
    »Auch das Diese deine Frage sagt mir dass du meine Absichten kennst und
nichts tun wirst was nicht mit ihnen zu vereinigen ist Ich bin beruhigt«
    »So habe ich noch einen Wunsch Du sollst von mir sehen wie leicht und wie
sicher und ungefährlich das Fliegen ist wenn man den richtigen Apparat besitzt
Bitte begleite mich nach meinem Turm«
    Ich war einverstanden Wir gingen hinauf Oben angekommen blieb ich am Fuße
des Turmes zurück Ich setzte mich auf eine Bank er aber stieg nach der
Plattform hinauf Im Osten begann es leise zu dämmern Nun noch einige Minuten
so ging der lichte Streifen auch nach dem Süden über Die unter uns liegende
Landschaft wurde sichtbar und schaute erwachend zu mir herauf Da hörte ich über
mir ein leises Surren
    »Jetzt Ich komme« erklang die Stimme meines jungen Freundes von oben
    Ich schaute auf Der Vogel erschien Er tat wie einen Sprung Von der
Plattform des Turmes in das Luftmeer hinaus Er schlug einige Male die Flügel
Dann begann er zu gleiten zu schweben abwärts und aufwärts nach rechts und
nach links ganz wie der »junge Adler« es wollte Dieser saß zwischen den beiden
Körpern auf bequemem Sitze und lenkte seinen Flieger wie ein sicher gehendes
äußerst gehorsames Pferd Er glitt einige Male in Bogen oder Schlingenform vor
mir hin und her Dann rief er mir zu
    »Jetzt geht es in die Ferne hinaus nach Süden nach dem Tale der Höhle 
Lebe wohl«
    Er wendete sich in die von ihm angegebene Richtung stieg mehrere hundert
Fuß höher und entfernte sich so schnell dass er schon nach kurzer Zeit meinem
Auge als kleiner Punkt entschwand Das versetzte mich in eine ganz eigenartige
Stimmung Ich fühlte mich als Mensch so stolz und doch auch wieder so klein so
außerordentlich klein Es lag in mir wie ein Sieg über alles Hemmende und
Niedrige und doch auch zugleich wie eine Angst ob das Große was wir uns
vorgenommen hatten wohl auch gelingen werde So stieg ich wieder nach dem
Schleierfall hinab wo es inzwischen vollständig hell geworden war so dass wir
die Zerstörung nun sichtbar vor uns liegen hatten Es hätte keinen Zweck sie zu
beschreiben Auch das eigenartige sorgenvolle Regen und Treiben an der
Unglücksstätte will ich nicht schildern Es sah wüst um den großen Abgrund der
gerissen worden war aus und es gab jetzt noch Keinen der den zwecklosen Mut
besaß sich an seinen Rand heranzuwagen um hinabsehen zu können Menschen kamen
und gingen Sie alle wurden von der Frage bewegt wann die ersten Geretteten
wohl erscheinen würden Leider handelte es sich hierbei nicht nur um Stunden
Der Gang in dem gearbeitet werden konnte war sehr schmal es konnten also
nicht zahlreich vereinte Kräfte in Tätigkeit gelangen Darum schritt das
Rettungswerk so langsam vor sich dass mehr als ein voller Tag vergehen konnte
bis man zu den Verschütteten gelangte Zuweilen erklang über den weiten Platz
der Jammerruf des alten Tangua
    »Pida  mein Sohn  mein Sohn«
    Oder man hörte einen der anderen Häuptlinge klagen
    »Meine Komantschen Meine Utahs Meine Sioux«
    Plötzlich aber gab es einen Augenblick wo jedermann rief und jedermann
schrie und jedermann nach oben in die Lüfte deutete
    »Ein Vogel Ein Vogel Ein Riesenvogel«
    Das war nicht ganz zwei Stunden nachdem der »junge Adler« fortgeflogen war
Jetzt kam er wieder Er wusste wo ich zu suchen war Er beschrieb einen weiten
Bogen hoch über uns verengerte ihn nach und nach und kam in einer
Schraubenlinie langsam und mit erstaunlicher Sicherheit zur Erde herab Er fasste
genau zwischen den Kanzeln mitten auf der Fahrstrasse Fuß
    »Der junge Adler der junge Adler ist es« rief es überall
    Jedermann drängte herbei um ihm näher zu kommen Da aber ertönte die
mächtige Stimme Atabaskas
    »Zurück  Gebt Raum  Er ist der verheissene Adler der dreimal um den Berg
der Geheimnisse fliegt und euch die verloren gegangenen Medizinen wiederbringt«
    Da stockte der Zudrang Man staunte Man hielt sich fern
    »Der verheissene Adler    dreimal um den Berg der Geheimnisse    die
Medizinen wiederbringt« so erklang es überall und durcheinander
    TatellahSatah stieg von seiner Kanzel herab und schritt zu dem kühnen
Flieger hin ich mit ihm
    »Du fliegst ohne mich zu fragen« tadelte er Aber auf seinem alten
wunderlieben Gesichte glänzte eine große stolze Freude denn nun war es ja
erwiesen dass der »junge Adler« fliegen konnte
    »Ich flog nicht für dich oder mich« entschuldigte sich dieser »sondern für
Old Shatterhand«
    »Wohin«
    »Nach dem Tale der Höhle«
    »Wie steht es dort«
    »Die Hüter der Pferde sind alle gefangen Man wird sie und die Pferde noch
heut hierherbringen Der Eingang der Höhle ist derart mit heruntergeschwemmten
Felsen versperrt und verrammelt dass kein Mensch von dort aus zu den
Verschütteten zu kommen vermag Ich habe es selbst gesehen Sie können nur von
hier oben aus gerettet werden Wann befiehlst du TatellahSatah dass ich
dreimal um den Berg fliegen und nach dem Schlüssel zu dem Berg der Königsgräber
suchen soll«
    »Heut« antwortete der Gefragte
    »Ich danke dir Es wird genau zur Mittagszeit geschehen wenn die Sonne über
unsern Häuptern steht Aber ich darf nicht allein hinauf Es muss noch jemand
dabei sein sonst fliegt mir der Adler während ich nach dem Schlüssel suche
fort«
    Er schaute sich bei diesen Worten unter uns um sah Wakon mit anderen
Häuptlingen in seiner Nähe stehen und sprach seine Worte an diesen richtend
weiter
    »Mit mir da hinaufzufliegen ist eine Verwegenheit die ich von niemand
fordern kann der sie mir nicht freiwillig anbietet Aschta deine Tochter hat
mich gebeten sie mit hinaufzunehmen Erlaubst du es«
    Wakon sah ihm mit einem langen sehr ernsten Blicke ins Gesicht und
antwortete
    »Du bist kühn Weißt du was du von mir forderst«
    »Ja« antwortete der »junge Adler« ebenso ernst
    »Kennst du die Folgen für dich und sie wenn sie sich dir auf diesem Fluge
zugesellt«
    »Sie sind mir bekannt Aschta hat mein Weib zu werden«
    »Und kennst du ihren Wert Kennst du die Größe der Gabe nach welcher du
verlangst«
    Da zog der »junge Adler« die Brauen leicht zusammen und antwortete
    »Würde ich mir diese Gabe wünschen wenn ich ihren Wert nicht zu schätzen
wüsste Bin ich weniger wert als sie«
    Da ging ein Lächeln über Wakons schönes Angesicht und er entschied mit
lauter Stimme so dass alle es hörten
    »Du bist der erste Winnetou und du wirst deinem Volke das Fliegen lehren
Du wirst ein großer berühmter Häuptling sein Ich erlaube dass mein Kind dich
hinauf gen Himmel begleite«
    Ein lauter Jubel erscholl rundum Der »junge Adler« griff in die Drähte
seines Apparates ließ die Flügel schlagen stieg ein Stück in die Höhe und rief
herab
    »Wir danken dir sie und ich Ich hole mir sie zum Fluge Vorher aber habe
ich ein Wort mit den Häuptlingen zu reden die unsere Gefangenen sind«
    Er stieg noch weiter empor flog zum Erstaunen aller dreimal rund um den
Platz kam dann in Windungen wieder nieder und erreichte die Erde grad vor der
Kanzel auf welcher Kiktahan Schonka mit seinen Verbündeten saß Er trug die
vier Medizinen die ich ihm gegeben hatte auf der Brust Sie sahen sie sofort
und Tokeichun rief ihm zu
    »Unsere Medizinen  Her damit  Wer sie behält ist ein Dieb«
    »Ja es find eure Medizinen« antwortete der »junge Adler« »Wir stahlen sie
nicht sondern wir bewahrten sie nur auf Es wird Gericht über euch gehalten
werden wobei es sich zu zeigen hat in welcher Weise sie mit euch vernichtet
werden Old Shatterhand nahm sie euch Er erlaubte mir sie euch zurückzugeben
Nun wir euch aber als Lügner Räuber und Mörder erkennen nehme ich sie wieder
mit«
    »Uff uff Uff uff« riefen sie erschrocken und streckten die Hände nach
ihm aus
    Er aber beachtete das nicht Er flog wieder auf schwebte wieder dreimal um
den Platz und verschwand dann hinter dem »Berg der Medizinen« um sich auf
seinem Wartturm niederzulassen
    Grad und genau zur Mittagszeit erschien er wieder mit Aschta seiner Braut
neben sich auf dem Sitze Tausende standen rundum und schauten erwartungsvoll zu
ihm auf Die Herzen bebten über die Kühnheit des jungen schönen wagemutigen
Paares Er flog in weitem Kreise und ruhiger sicherer Haltung erst die
vorgeschriebenen drei Male um den Berg Dann stieg er steil und hoch zur Spitze
empor um am Fuße der Felsennadel zu landen Er selbst blieb sitzen um den
Apparat in eigener Gewalt zu behalten Aschta aber stieg aus Das sahen wir
trotz der sehr bedeutenden Höhe Sie verschwand Nach einiger Zeit kehrte sie
zurück und stieg wieder ein Der Riesenvogel trennte sich vom Felsen schwebte
vom Berge ab und in Bogenlinien tiefer immer tiefer flog abermals dreimal um
unsern Platz und ließ sich dann genau auf denselben Punkt der Fahrstrasse wo er
schon einmal gestanden hatte nieder Wir befanden uns in größter Spannung und
eilten alle hin  TatellaSatah mit
    »Habt Ihr gefunden« fragte der letztere
    »Ja« antwortete der junge Adler »Den Stein und unter ihm diese beiden
Teller«
    Er gab sie unserem alten Freunde Es waren zwei kleine uralte irdene
Teller deren Ränder mit einem sehr harten Bindemittel vereinigt waren Wir
mussten sie zerbrechen um zu dem Gegenstande zu kommen der sich zwischen ihnen
befand Dieser Gegenstand war ein zusammengelegtes weissgraues Stück Zeug mit
Nesselglanz Nachdem wir es auseinandergeschlagen hatten sahen wir dass es eine
Karte war eine Wegesroute mit einer sehr dauernden farbigen Flüssigkeit
gezeichnet Kaum hatte TatellahSatah einen Blick auf diese Zeichnung geworfen
so rief er im Tone der freudigsten Genugtuung aus
    »Er ist es Er ist es der Schlüssel Das ist der genaue Weg von dem Berg
der Medizinen bis auf die Spitze des Berges der Königsgräber Wir haben
gewonnen Es ist ein Sieg ein unendlich großer und unendlich wichtiger Sieg
über die Schatten mit denen die Geschichte der roten Rasse bisher zu kämpfen
hatte Es wird hell um uns werden hell klar und warm Wir werden schon morgen
oder übermorgen einen Entdeckungszug nach den hochgelegenen Königsgräbern
veranstalten Es soll Freude sein von heute an Freude Hoffnung und Zuversicht
für alle denen es ein Bedürfnis ist sich an dem großen Aufstieg nach den Höhen
der Menschheit zu betätigen«
    Von jetzt an gab es trotz der ernsten Lage der Verschütteten eine frohe
Feststimmung rund um den Mount Winnetou Es litt uns nämlich TatellahSatah und
mich nicht unten an dem Wasserfall sondern wir stiegen nach dem Schloss
hinauf um in der Bibliothek den so glücklich gewonnenen »Schlüssel« mit anderen
vorhandenen Karten zu vergleichen und die Passierbarkeit des Weges zu studieren
Inzwischen war das Herzle mit dem Ingenieur und seinen photographischen
Apparaten beschäftigt bis sie gegen Abend kam und mir mitteilte dass nun alles
in Ordnung sei
    »Wer oder was ist in Ordnung« fragte ich
    »Unser Winnetou« antwortete sie »nicht der versunkene der steinerne Er
wird so schön wie du es dir kaum denken kannst auf dem Spiegel des
Schleierfalles erscheinen zu beiden Seiten von ihm die charakteristischen
Porträts von Marah Durimeh und TatellahSatah Aber ich werde diese Bilder erst
dann erscheinen lassen wenn wir über das Schicksal der Verschütteten beruhigt
sein können Unser herrlicher Winnetou soll nicht Angst und Sorge sondern
Erlösung und Glück bedeuten Ist dir das recht«
    »Alles was du in dieser deiner Lieblingsatmosphäre tust ist mir recht Lass
uns Abendbrot essen und dann hinuntergehen Ich muss in die Höhle um
nachzuschauen warum denn immer noch kein Erfolg vorhanden ist«
    Dann später in der Höhle angekommen sah ich dass mit ausserordentlichem
Eifer gearbeitet worden war aber es gab eine so große Menge von Gestein und
Erde zu bewegen dass noch immer nicht ersehen werden konnte wann es ein Ende
nehmen werde Es vergingen noch mehrere Stunden Die Pferde der Verschütteten
waren inzwischen angekommen Man nahm das ohne große Aufregung hin Die
allgemeine Aufmerksamkeit war einzig und allein auf die Rettungsarbeiten
gerichtet Und endlich kam die Kunde dass man den Gesuchten so nahe gekommen
sei dass man ihr fernes Klopfen hören könne Es war anzunehmen dass wenigstens
noch eine Stunde vergehen werde bis man die Klopfenden erreiche und so rief
ich sämtliche befreundete Häuptlinge zusammen um unter dem Vorsitze
TatellahSatahs über das Schicksal unserer Gefangenen zu beraten Diese Beratung
fand auf unserer Kanzel statt denn sie sollte von denen über deren Schicksal
wir bestimmten gehört werden Ich gab die Weisung möglichst streng zu
verfahren und so kam es dass die Sitzung einen sehr ernsten Verlauf nahm Das
Urteil lautete Simon Bell und Edward Sommer werden aus dem Komitee entlassen
William Evening und Antonius Paper werden fortgejagt Kiktahan Schonka Tusahga
Saritsch Tangua und Tokeichun kommen an den Marterpfahl bis sie tot sind
ihre Medizinen aber werden verbrannt Ihre Unterhäuptlinge werden erschossen
Ihren viertausend Kriegern werden die Waffen die Haarschöpfe und die Medizinen
genommen dann können sie laufen wohin sie wollen
    Das hatte einen harten Klang war aber nur gut gemeint Wir wussten ja alle
dass keiner von uns die Ausführung dieses Urteils wirklich wünschte Alle die
Genannten hatten sich da drüben auf ihrer Kanzel obwohl sie jedes Wort unserer
Beratung deutlich hörten vollständig still verhalten Wir hatten keinen
einzigen Laut von ihnen vernommen Nun aber das Urteil verkündet war gab es bei
ihnen eine nicht mehr zu unterdrückende Aufregung und einen Lärm der uns der
beste Beweis dafür war wie ernst sie uns und unsere Aussprüche nahmen Nur
allein Tangua beteiligte sich nicht an diesem Lärm Er ließ auch jetzt nichts
weiter als sein klagendes »Pida mein Sohn« hören Er musste diesen Sohn
außerordentlich lieb haben Er war der achtbarste unter allen die wir soeben
verurteilt hatten ja er begann sogar mir sympathisch zu werden Übrigens
taten wir so als ob wir den Lärm da drüben gar nicht hörten
    Und nun kam aus der Höhle die Botschaft dass die Verschütteten erreicht
worden seien und dass ihr Anführer Pida mit Old Shatterhand zu sprechen wünsche
Ich gab die Weisung ihn heraus zu mir zu bringen aber nur ihn allein denn sie
alle seien als unsere Gefangenen zu betrachten Es dauerte nicht lange so kam
er ohne Waffen man hatte sie ihm abgenommen Ich reichte ihm die Hand und
sagte
    »Pida ist mein Gefangener aber mein Freund Er wird uns nicht entfliehen«
    »Nein« antwortete er stolz
    »Er gehe zu seinem Vater um sich mit ihm zu besprechen Dann komme er
wieder zu mir Je schneller er das tut um so rascher werden seine verunglückten
Krieger aus der Höhle befreit«
    Ich gab ihm einen Führer mit Er ging Als er drüben angekommen war hörten
wir jedes Wort welches nun dort verhandelt wurde Dann kehrte er zurück Ich
tat so als ob wir nichts gehört hätten und nichts wüssten und fragte ihn
    »Was hat Pida zu berichten«
    »Die Häuptlinge wünschen mit Euch zu verhandeln«
    »Worüber«
    »Über ihr Schicksal«
    »Kennen sie es«
    »Ja«
    »Von wem  Wer hat es ihnen mitgeteilt«
    »Niemand Sie haben es gehört Ihr habt beraten Sie verstanden jedes Wort
Es geschehen Wunder hier am Mount Winnetou«
    »Ja es geschehen hier Wunder« stimmte ich bei »Und das größte dieser
Wunder ist dass wir gesonnen sind Gnade walten zu lassen Aber nur in Beziehung
auf Eure Krieger Wir wollen ihnen ihre Medizinen lassen Aber ihre Waffen haben
sie in der Höhle abzulegen Sie dürfen einzeln kommen einer nach dem andern
Die Hungrigen werden gespeist die Durstigen getränkt und die Verletzten
verbunden Wenn Pida uns sein Wort verpfändet dass alle diese Krieger sich
dankbar und friedlich verhalten ist es sogar möglich dass wir auch gegen die
Häuptlinge nachsichtig sind«
    »Ich gebe dir dieses Wort Aber dann muss ich noch einmal in die Höhle
zurück um diese Leute anzuweisen wie sie sich zu verhalten haben«
    »So geh und komme bald wieder«
    Er wollte gehen besann sich aber und sagte in etwas wärmerem Tone
    »Tangua mein Vater hörte von mir dass du dich selbst jetzt noch als meinen
Freund betrachtest Er beauftragte mich dir hierfür Dank zu sagen Er hat mich
lieb Seine Angst um mich war groß«
    Nun entfernte er sich Das Herzle war bis jetzt bei ihren Freundinnen
gewesen welche sich mit ihren Scharen bereit hielten die aus der Höhle
Entlassenen mit Speise Trank und Verbandzeug zu empfangen Jetzt kam sie zu
mir um mich zu fragen wann der erste Gerettete erscheine
    »Der war schon da« antwortete ich »Nämlich Pida Er ist in die Höhle
zurück wird aber sofort wiederkehren Und dann erscheinen sie alle einer nach
dem andern«
    »So ist es ja die höchste Zeit Ich habe mich zu beeilen Ich muss zum
Ingenieur Nun die Geretteten kommen soll auch unser Winnetou erscheinen«
    Sie entfernte sich schnell Es hatten bis jetzt nur einige wenige
elektrische Glühlichter gebrannt so dass von einer Beleuchtung des ganzen
großen von Menschen wimmelnden Platzes keine Rede gewesen war Jetzt kam Pida
zurück und grad als er wieder bei mir stand öffnete der Ingenieur seinen
Apparat und sofort erschien auf der grandiosen herabstürzenden Wasserfläche
unser zum Himmel emporstrebender Winnetou mit wehendem Haar und zur Erde
zurückkehrender Häuptlingsfeder Infolge der abwärts gehenden Bewegung des
Wassers hatte es den Anschein als ob die Gestalt sich in Wirklichkeit nach oben
bewege was einen Eindruck hervorbrachte der gar nicht zu beschreiben ist
    »Das ist Winnetou Mein Winnetou Unser Winnetou« rief TatellahSatah über
die in diesem Augenblicke todesstille kaum atmende Menschenmenge hin
    Und da hörte man Wakons sonore weithin schallende Stimme
    »Ja das ist Winnetou Das ist seine Seele«
    Und nun löste sich die allgemeine Überraschung das Staunen die
Bewunderung in tausend laute begeisterte Freudenrufe auf bis der mächtige
Brustton des riesigen Intschuinta erklang
    »TatellahSatah Unser TatellahSatah«
    Das galt dem einen Kopfe den man zu Winnetous rechter Seite erblickte
    »TatellahSatah Unser TatellahSatah« jubelte die Menge
    »Der andere Kopf ist Marimeh die Königin der Sage die Freundin aller
unserer Ahnen«
    Der »junge Adler« war es der das rief
    »Marimeh Die Königin Die Freundin« ging es wiederholend von Mund zu Mund
    Eine Magik sondergleichen für das Auge und für das Herz so lag der
Schleierfall vor uns Niemand dachte in diesem Augenblicke an die gestern
versunkene Figur Niemand achtete des gähnenden Abgrundes in dem die Pläne und
die Hoffnungen unserer Gegner vollständig verschwunden waren Aller Augen und
aller Sinne und Gedanken waren nur von dem wie lebend erscheinenden Bilde
gefesselt von dem kein Blick sich wenden zu können schien Und da kamen die
ersten Geretteten aus der Mündung des unterirdischen Ganges Sie blieben stehen
von dem strahlenden Anblick der nach so langer und tiefer Dunkelheit sich ihnen
jetzt bot wie fasziniert Aber vorwärts vorwärts Sie mussten weiter immer
weiter Denn es kamen hinter ihnen andere die ebenso entzückt stehen blieben
und doch ebenso auch weiter mussten Unsere Winnetous bildeten ein Spalier durch
welche die dem Tode Entgangenen nach den für sie reservierten Teilen des Tales
geleitet wurden wo sie einstweilige Unterkunft und Verpflegung fanden Das ging
so stundenlang Es hatte ungefähr um Mitternacht begonnen und es endete erst
gegen Morgen als der Tag zu grauen begann
    Inzwischen hatte Pida nicht die Hände in den Schoss gelegt Er war zwischen
mir dem Beauftragten von unserer Seite und Tangua dem Sprecher von jener
Seite fast ununterbrochen hin und hergegangen und hatte sich alle mögliche
Mühe gegeben das über die Häuptlinge ausgesprochene Urteil möglichst zu
mildern Wir sahen das sehr gern taten aber so als ob uns an diesen neuen
Verhandlungen gar nichts liege Darum ließ ich zunächst nur in Beziehung auf die
gewöhnlichen Krieger unsere Bestimmungen fallen Sie durften frei sein
vollständig frei ihre Medizinen und ihre Pferde behalten und sich entfernen
sobald sie wollten Als sie das hörten gab es einen großen Jubel unter ihnen
Ihre Lage gestaltete sich den Verhältnissen angemessen so vorteilhaft wie sie
es noch vor einigen Stunden gar nicht hatten ahnen können Sie hatten trotz der
Gefährlichkeit der Katastrophe keinen einzigen Toten gehabt Die Verletzungen
welche meist in Quetschungen bestanden waren zwar schmerzhaft aber nicht
gefährlich Sie wurden von den Frauen verbunden und die Herren Patienten
fühlten sich in der ihnen gewidmeten Fürsorge außerordentlich wohl Sie fanden
es ganz angenehm nun jetzt die Freunde derer zu sein die sie noch gestern
hatten vernichten wollen Sie sahen die Sterne welche ihre Wohltäter und
Wohltäterinnen trugen Sie fragten nach dem Sinn nach der Bedeutung dieser
Sterne Man erklärte sie ihnen Man zeigte auf die herrliche Gestalt unseres
Winnetou Man sagte ihnen dass es sich nicht mehr um die Aufstellung eines
toten steinernen Bildes handle sondern um die Schöpfung eines großen edlen
lebendigen Winnetoukörpers eines sich über ganz Amerika und auch darüber hinaus
verbreitenden »Klan Winnetou« der von seinen Gliedern weiter nichts verlangt
als edle Menschen zu sein die nur Liebe geben weil nur diese allein den
Menschen edel macht Bald hörte man die belehrende Stimme des »jungen Adlers«
erschallen Er war »der erste Winnetou« und gesellte sich jetzt zu ihnen um
ihnen zu erzählen und zu predigen was ihnen zumal in ihrer jetzigen Lage
förderlich und heilsam war An anderen Stellen hörte man die Stimmen anderer
Winnetous Sie gingen um mich eines biblischen Ausdruckes zu bedienen
»Menschen fangen«
    Als Pida das sah freute er sich und sagte
    »Es ist ein wunderbarer Samen den Old Shatterhand in das Herz seines
Bruders Winnetou legte Dieser Same trug köstliche Früchte Die Blüten duften
weiter und weiter und die Körner keimen weiter und weiter Es wird nicht mehr
Stunden sondern nur noch Minuten dauern so werden alle diese eure Feinde
verlangen in den Klan Winnetou aufgenommen zu werden Wäre ihnen diese Bitte zu
erfüllen«
    »Gewiss Sehr gerne« antwortete ich
    »Auch mir«
    »Auch dir«
    »Auch uns«
    Er deutete bei diesen Worten nach der gegnerischen Kanzel hinüber Ich
antwortete lächelnd
    »Mein Bruder Pida ist ein sehr sehr kluger Vermittler Wenn ich die
Wahrheit sage dass auch die gefangenen Häuptlinge in den Klan aufgenommen werden
können muss ich sie freigeben und ihnen alles verzeihen«
    »Wenn du das tust bist du ein Winnetou sonst aber nicht  Erlaubst du
mir zu meinem Vater zu gehen«
    »Geh« sagte ich aber erst nach einer Weile »Doch kehre bald zurück Der
Morgen ist schon unterwegs«
    Er ging Als er bei den Seinen angekommen war hörten wir hier hüben wieder
alles was er drüben sagte Er war auch dort ein vortrefflicher Vermittler Die
in der Höhle ausgestandene Angst der liebevolle Empfang von unserer Seite der
unvergleichliche Eindruck der heutigen Beleuchtung und unserer köstlichen
Winnetoufigur das alles wirkte zusammen den jungen Häuptling der Kiowa zu
unterstützen seinen guten Zweck zu erreichen Er kehrte zu mir zurück und
meldete
    »Tangua mein Vater der Häuptling der Kiowa würde zu dir kommen aber er
kann nicht gehen Er möchte dich um Verzeihung bitten sich mit dir versöhnen«
    »So bleibe er« antwortete ich froh »Ich gehe zu ihm Ich bitte dich mich
zu ihm zu bringen«
    Ehe ich mich mit ihm entfernte bat ich die Häuptlinge hier sitzen zu
bleiben zu lauschen und falls ich von drüben herüber darum bitten sollte mit
zu antworten Am Fuße unserer Kanzel erschien gerade jetzt der »junge Adler« um
irgend eine Frage an mich zu richten Ich ließ ihn gar nicht zu Worte kommen
sondern sagte
    »Die Häuptlinge sollen sofort ihre Medizinen erhalten Wie lange dauert es
bis du sie bringen kannst«
    »Mit dem Vogel« fragte er
    »Wenn es möglich ist ja«
    »Eine halbe Stunde«
    »Das ist mir recht Es wird dann gerade so wie gestern dämmern Das ist
die rechte Zeit Bitte geh sogleich«
    Als ich mit Pida drüben ankam stand seine Frau mit ihrer Schwester an der
Kanzel Wir stiegen hinauf Pida setzte sich zu den Häuptlingen nieder ich aber
blieb stehen Tangua ergriff das Wort Er sagte dass er gern aufstehen möchte
um zu mir zu sprechen leider aber könne er sich nicht erheben Ich ließ ihn
nicht weiterreden sondern fiel ihm in das Wort Ich sagte wenn hier um
Verzeihung gebeten werden solle so sei gewiss nicht der Indianer sondern das
Bleichgesicht zuerst und zumeist hierzu verpflichtet und dieses Bleichgesicht
sei ich Hierauf griff ich in die Vergangenheit und erzählte wie das
Bleichgesicht über das Meer gekommen sei um seinem »roten Bruder« alle seine
»Medizinen« zu rauben Ich ging hierauf der Geschichte nach Ich übertrieb
nichts und bemäntelte nichts Ich erzählte die Wahrheit nackt und ungeschminkt
wie sie wirklich wirklich war Ich sprach von den Fehlern der roten Rasse von
ihren Tugenden von ihren Leiden vor allen Dingen von ihrer bisherigen
Zukunftslosigkeit Das alles habe man vornehmlich dem Bleichgesicht zu
verdanken Aber dieses Bleichgesicht sei zur besseren Erkenntnis gekommen Es
wünsche dass sein roter Bruder leben bleibe und zum Volke werde wie es ihm von
Anfang an beschieden sei Dieses Bleichgesicht sei bereit alle seine Irrtümer
einzugestehen und wieder gut zu machen Es fühle vor allen Dingen dass es
verpflichtet sei sein Herz und sein Gewissen zu reinigen indem es seine roten
Brüder um Verzeihung bitte
    Indem ich dies sagte trat ich zu ihnen hin und streckte meine Hände aus
sie ihnen zur Abbitte zu reichen Einige Augenblicke lang waren alle still dann
aber wurden mir alle Hände entgegengereicht und alle Stämme versicherten mir
dass sie ebenso gesündigt und ebenso um Verzeihung zu bitten hätten wie ich das
Bleichgesicht
    »Einander verzeihen Ihr uns und wir euch« rief Tangua »Und dann einander
helfen Ich habe dich gehasst nun aber werde ich dich lieben Wenn ich sterbe
soll Friede sein über meinem Grabe Sind wir noch eure Gefangenen«
    »Nein« erklang die Stimme TatellahSatahs noch ehe ich antworten konnte
    »Uff« rief Kiktahan Schonka »Wer spricht da«
    »Der Bewahrer der großen Medizin«
    »Wo«
    »Drüben auf der anderen Teufelskanzel«
    »So sind wir hier auch auf einer Kanzel«
    »Ja Ich belauschte euch auf der nördliche Tenfelskanzel die man Tscha
Manitou das Ohr Gottes nennt Dort hört der gute Mensch was die bösen
Menschen sagen und kann sich darum retten Und nun belauschten wir euch hier
auf der südlichen Teufelskanzel die man Tscha Kehtikeh das Ohr des Teufels
nennt Da hören die bösen Menschen was die guten sagen und sehen sich dann
gerettet Der Häuptling Tangua hat gefragt ob ihr noch gefangen seid Er mag
weiter fragen«
    Das ließ er sich nicht zweimal sagen sondern tat es sofort
    »Kommen wir an den Marterpfahl«
    »Nein« antwortete TatellahSatah von drüben herüber
    »Wir müssen also nicht sterben«
    »Nein«
    »Wir behalten unsere Waffen und unsere Pferde«
    »Ja«
    »Dürfen hier bleiben und Winnetous werden«
    »Ja«
    »Sind alle eure Häuptlinge einverstanden«
    »Alle alle alle alle« ertönten so viele Stimmen wie Häuptlinge sich
jetzt bei TatellahSatah befanden
    »Und was wird mit unseren Medizinen«
    »Schau zum Himmel auf  Wen siehst du da«
    Es dämmerte jetzt so dass der Ingenieur den Apparat schloss Winnetou
verschwand vom Schleierfall Dafür aber erschien hoch oben der »junge Adler«
ließ sich tiefer und tiefer herab flog dreimal um den Platz und landete dann
so dass er genau vor der Kanzel auf der ich mich jetzt befand den Boden
berührte Da stieg er aus kam herauf und sprach
    »Old Shatterhand gibt euch durch mich eure Medizinen zurück Ihr seid also
frei«
    Wie hastig sie zugriffen um sie sich umzuhängen Sie jubelten laut und
dieser ihr Jubel verbreitete sich weiter und weiter Dazwischen hinein aber rief
TatellahSatah zu ihnen herüber
    »Ihr seid unsere Freunde Morgen wird ein neues Komitee gebildet welches
über den Klan Winnetou zu beraten hat Und übermorgen reiten sämtlich Häuptlinge
und Unterhäuptlinge nach dem Berg der Königsgräber um nach der Geschichte
unserer Vergangenheit zu suchen Howgh«
    Durch diese Nachricht wurde der Jubel verdoppelt Der »junge Adler« flog
wieder nach seinem Turm zurück Ich aber beschloss mit meinem Herzle einen
Rundgang durch das Tal und alle die verschiedenen Gruppen die sich da gebildet
hatten zu machen Wir kamen da bis hinauf nach der Kantine in deren Nähe die
Brüder Enters noch lagen sorgfältig zugedeckt und von zwei Komantschen bewacht
Niemand hatte Zeit gehabt sich mit ihnen zu beschäftigen Nun aber war es
unsere Pflicht in ernster humaner Weise für ihr Begräbnis zu sorgen Wir
erfüllten ihren letzten Willen wir suchten nach den Namen in ihren
Winnetousternen Hariman hatte meinen Namen Sebulon den Namen meiner Frau
geschrieben So waren sie die uns erst nach dem Leben trachteten durch innere
Wandlung zu unsern Beschützern geworden und für uns in den Tod gegangen
                           
    Das ist der Schluss dieses vierten Bandes Indem ich ihn jetzt Ostern 1910
beende kommt das Herzle und legt mir eine deutsche Zeitung vom 23 März dieses
Jahres vor in welcher unter dem Titel »Ein Denkmal für die Indianer« folgendes
zu lesen ist
    »Aus New York wird berichtet Das große Standbild der Kolumbia in der New
Yorker Hafeneinfahrt wird voraussichtlich in kurzer Zeit ein Gegenstück
erhalten Am Hafen der amerikanischen Metropole soll ein großes mächtiges
Denkmal entstehen das bestimmt ist kommenden Generationen die Erinnerung an
die rote Rasse aufrecht zu erhalten die vielleicht in wenigen Menschenaltern
als solche ausgestorben sein wird Der Plan dieses Denkmales geht auf Mr Rodman
Wanamaker zurück und hat im ganzen Land sofort lebhaften Widerhall gefunden
Auch Präsident Taft hat der Idee zugestimmt An der Hafeneinfahrt soll das
Standbild eines riesigen Indianers errichtet werden als ein Sinnbild dafür dass
das Volk Amerikas trotz aller der roten Rasse zugefügten Ungerechtigkeiten die
edlen Eigenschaften der Ureinwohner Amerikas vollauf würdigt Es soll die Schuld
des Landes gegen die aussterbende Rasse der ersten Amerikaner symbolisieren und
künftigen Geschlechtern die schönen Charakterzüge der roten Rasse vor Augen
führen Der Indianer wird mit ausgestreckten Händen dargestellt wie er die
ersten weißen Männer willkommen hieß die Amerikas Küste beraten«
    Ich frage Ist das nicht interessant
 
                                    Fußnoten
1 Zimmermädchen
2 »Nebeljungfrau«
3 Friedhof
4 Gewaltigen und unvergleichlichen Redner
5 Teufelskanzel
6 Siouxdialekt »Der wachende Hund«
7 Fahrkarten
8 Diener Pferdeknechte
9 Adelig
10 Maultier
11 Sprich Klänn
12 Das Ohr Gottes
13 Ohr des Teufels
14 Utahsprache Schwarzer Hund
15 Utahsprache Der Fuchsberg
16 Siouxsprache Wasser des Todes
17 Tödlicher Staub
18 Dienerschaft
19 Dunkles Wasser
20 »Eine Feder« Siehe Winnetou III S 553
21 »Dunkles Haar«
22 »Große Schlange«
23 »Fünf Berge«
24 »Geheimnis oder Medizinensee«
25 »Gutes Auge«
26 Passionsblumen
27 Pfeffermühle