1899_May_AmJenseits.html




        
                                    Karl May
                                  Am Jenseits
                                  Erstes Kapitel
                                        
                                  Eine Kijahma
»Sihdi1 es war doch immer wunderschön wenn wir beide auf unsern
unvergleichlichen Pferden sitzend so ganz allein von keinem fremden Menschen
begleitet immer hinein in Allahs schöne Welt ritten wohin es uns gefiel Diese
Welt gehörte uns denn da wir keine Seele bei uns hatten konnte niemand sie uns
streitig machen Wir taten was wir wollten und unterliessen was uns nicht
gefiel wir waren unsere eigenen Herren denn wenn es jemanden gab dem wir zu
gehorchen hatten so bestand dieser Jemand aus zwei Personen nämlich aus mir
und aus dir Ich bin mir da oft als der Gebieter des ganzen Erdkreises
vorgekommen und habe die unersteigbaren Höhen meines Ruhmes aus den Tiefen
meines Selbstbewusstseins hervorgeholt um in andachtsvoller Bewunderung an ihnen
emporzuklimmen und dann fröhlich wieder herabzusteigen Das konnte ich weil wir
allein waren und es also keinen unwillkommenen Störenfried gab dem es einfallen
konnte ohne meine Erlaubnis und hinter meinem Rücken mit hinauf und
hinunterzuklettern Ja das war eine sehr sehr schöne Zeit in welcher wir
erlebten was kein anderer Mensch erlebt und zwar nur deshalb weil wir eben so
allein waren und uns nur nach uns selbst zu richten brauchten Ich sage dir
Sihdi alle diese Taten und Begebenheiten sind rundum an den Wänden meiner
innern Seele aufgeschrieben und mit unvergänglichen Pflöcken in den Boden meines
Gedächtnisses eingeschlagen wie man Pferde Kamele und lebhafte Ziegen an
Pflöcke bindet wenn man befürchtet dass sie über Nacht den ihnen angewiesenen
Ort mit einem andern vertauschen wollen«
    Er machte eine Pause um nach diesem langen Satze einmal ausgiebig Atem zu
holen
    Wer dieser »Er« war Wer ihn noch nicht an seiner eigenartigen
Ausdrucksweise erkannt hat der mag weiter hören Er fuhr nämlich sogleich fort
    »Also ich denke noch mit Wonne an die Zeiten zurück in denen wir uns nur
nach uns selbst zu richten brauchten denn da habe ich empfunden dass der Mann
der eigentliche und wirkliche Beherrscher seines Lebens und seines Daseins ist
Aber ebenso schön und in mancher Beziehung noch schöner ist es doch wenn man
einen Tachtirwan2 bei sich hat in welchem die holdselige Gebieterin des
Frauenzeltes sitzt Meinst du dass ich da recht habe«
    »Ob du da recht hast kann doch ich nicht wissen mein lieber Halef«
antwortete ich
    »Wie Das könntest du nicht wissen Warum denn nicht«
    »Weil in diesem Tachtirwan sich die Gebieterin nicht meines sondern deines
Frauenzeltes befindet und es also nur dir aber nicht mir möglich ist einen
solchen Vergleich zwischen früher und heute anzustellen«
    »Ja richtig Um meine Frage beantworten zu können müsstest du deine Emmeh
auch mitgenommen haben Du kannst also gar nicht wissen was für ein großer
Unterschied darinnen liegt ob man die liebliche Behüterin seines Glückes daheim
gelassen oder ob man sie mitgenommen hat Du hast mir einmal gesagt wie das
heilige Buch der Christen das richtige Verhältnis zwischen Mann und Weib
erklärt Kannst du dich darauf besinnen Effendi«
    »Ja«
    »Du sagtest ungefähr Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde und zwar ein
Männlein und ein Weiblein Allah hat zweierlei Eigenschaften nämlich die
Eigenschaften der Allmacht wozu die Ewigkeit Weisheit Gerechtigkeit gehören
und die Eigenschaften der Liebe welche sich auch in seiner Gnade Langmut Güte
und Barmherzigkeit äußert Wenn der Mensch welcher aus zwei Wesen besteht ein
Bild Gottes zu sein hat so soll also der Mann ein Bild der göttlichen Allmacht
und die Frau ein Bild der göttlichen Liebe sein Habe ich mir das nicht sehr gut
gemerkt«
    »Ziemlich richtig«
    »Wenn auch nur ziemlich für mich genügt es doch Seit du mir diese
Erklärung gegeben hast bin ich stets bemüht gewesen ein Bild von Allahs
Allmacht zu sein Du weißt wie tapfer und umsichtig ich im Kampfe und wie
weise klug und gerecht ich in der Regierung meines Stammes bin Diese eine
Seite meines menschlichen Wesens lässt also wohl kaum etwas zu wünschen übrig
Und die andere Seite welche dort in der Sänfte sitzt und ihre freundlichen
Augen unaufhörlich auf mich richtet ist auch genau so wie Allah sie wünscht
nämlich ein Bild der Liebe die mir jeden Tag zur Wonne und jede Stunde zum
Vergnügen macht Und diese Spenderin des Glückes auch während der Reise bei sich
haben zu können das ist eine Seligkeit die mir auf unsern früheren Ritten
leider versagt bleiben musste Ich habe gesagt dass es früher schön war und
möchte aber behaupten dass es jetzt fast noch schöner ist Verstehst du mich
nun«
    »Ja«
    »Hast du denn mit deiner Emmeh noch niemals eine Reise gemacht«
    »Oh doch«
    »Da hast du natürlich auf dem Pferde gesessen und sie im Tachtirwan«
    »Nein Tachtirwanat gibts bei uns nicht«
    »Nicht So hat sie frei auf dem Kamele gesessen«
    »Auch nicht Im Abendlande reist man nicht per Kamel sondern in der Karrusa
3 oder in dem Katr4«
    »Allah Wer darf im Katr fahren«
    »Jeder der seinen Tiskri5 bezahlt hat«
    »Auch Frauen«
    »Ja«
    »Aber neben dem Weibe eines andern zu sitzen das ist doch wohl sehr streng
verboten«
    »Nein«
    »Unmöglich Sihdi sag aufrichtig ob du nämlich du auch schon einmal im
Katr neben einer Frau gesessen hast welche in den Harem eines andern Mannes
gehörte«
    »Schon oft Ich bin nicht nur mit fremden Frauen sondern sogar mit fremden
Töchtern gefahren«
    »Und wie steht es mit deiner Emmeh der jugendlich schönen Bewohnerin deines
Frauenzeltes hat die auch schon neben andern Männern sitzen müssen«
    »Ja«
    »So verderbe Allah eure Eisenbahnen bis in den allertiefsten Abgrund der
Hölle hinab Wenn nicht nur mein Weib welches ich allein besitze sondern auch
alle meine Töchter die ich glücklicherweise noch nicht habe es sich gefallen
lassen müssen dass jeder fremde Stadtbewohner und jeder unbekannte Beduine sich
im Katr an ihre Seite setzen darf so mag ich von eurem Abendlande kein Wort
weiter hören Sihdi du weißt wie sehr ich dich liebe und wie hoch ich dich
achte aber nun ich weiß dass du neben fremden Frauen und Töchtern gesessen
hast die nicht in deinem Zelte geboren worden sind und dass du sogar auch
deiner Emmeh erlaubst mit Männern zu reisen an welche sie kein Akd en Nikah6
bindet nun wird es mir wohl nicht mehr leicht sein dich als meinen besten
Freund den ich im Herzen trage mit Anerkennung zu beehren Die Schienen eurer
Eisenbahn haben sich zwischen mich und dich gelegt und unsere Herzen sind
einander so entfremdet worden dass sie durch keinen Wabur7 wieder verbunden
werden können Ich lasse dich allein und gehe zu meiner Hanneh um in meiner
großen Betrübnis Trost bei ihr zu finden«
    Wer meinen lieben kleinen Halef kennt dem kommt dieses Verhalten nicht
fremd vor für diejenigen welche noch nichts über ihn gelesen haben seien
folgende kurze Bemerkungen bestimmt
    Hadschi Halef Omar jetzt der oberste Scheik der HaddedihnBeduinen vom
großen Stamme der Schammar war früher ein blutarmes Kerlchen gewesen Er
stammte aus der westlichen Sahara hatte mich als mein Diener nach Osten
begleitet und war da so glücklich gewesen die Tochter eines Scheikes der
AteïbehAraber zur Frau zu bekommen Dieser letztere wurde später von den
Haddedihn zum Scheik gewählt und bekam da er keinen Sohn hatte meinen Halef
als seinen Schwiegersohn zum Nachfolger
    Dieser war von Person sehr klein und hager dabei aber von ungewöhnlicher
Tapferkeit und von einem Mute der sehr gern verwegen wurde und darum von mir
oft in die Zügel genommen werden musste Ein guter Schütze auch sonst sehr
waffengewandt ausdauernd körperkräftig außerordentlich mäßig ein
vortrefflicher Reiter pfiffig und mutterwitzig besaß er ein treues goldenes
Herz in welchem keine Spur von Falschheit entdeckt werden konnte Früher war
ich seine einzige Liebe gewesen später musste ich diese Liebe mit seinem Weibe
und seinem Sohne teilen wodurch mir aber kein Verlust geschah Die
Zärtlichkeit mit welcher er an Hanneh seiner Frau hing war nicht nur rührend
sondern fast beispiellos zu nennen Sein erster Gedanke früh und sein letzter
abends gehörten ihr Es war ihm beinahe unmöglich ihren Namen auszusprechen
ohne ihm einige der vorzüglichen Eigenschaften anzuhängen welche sie in seinen
Augen besaß Kara Ben Halef sein und ihr Sohn ihr einziges Kind zählte jetzt
schon fast zwanzig Jahre und die Frauen des Orientes altern bekanntlich sehr
schnell aber dennoch war »meine Hanneh die herrlichste Rose unter allen Blüten
des Blumenreiches« für ihn genau so jung und schön geblieben wie er sie vor
dieser langen Zeit bei ihrem ersten Zusammentreffen gesehen hatte ja seine
Liebe zu ihr schien gewachsen zu sein
    Sie war aber auch  ich möchte mich so ausdrücken eine Prachtfrau Ich
glaube nicht dass eine andere den kleinen voll bunter Raupen steckenden Hadschi
so richtig behandelt hätte wie sie es tat Sie beherrschte ihn vollständig
doch mit einer so liebevollen stets freundlichen scheinbar nachgebenden
Klugheit dass er ihr Pantöffelchen gar nicht fühlte und auch nicht die geringste
Ahnung davon hatte dass nicht er sondern eigentlich sie der Scheik des Stammes
war wobei sich die Haddedihn allerdings sehr wohl befanden
    Eine seiner Eigentümlichkeiten war dass er sich nicht nachhaltig in die
Verhältnisse des Abendlandes denken konnte Ich hatte es ihm in unzähligen
verschiedenen Bildern beschrieben hatte ihm die zwischen dem europäischen und
dem orientalischen Leben vorhandenen Unterschiede bei tausend Gelegenheiten
geschildert sah aber nicht den geringsten Erfolg davon Er sprach trotzdem
immer von meinen Zelten von meinen Kamelen und von meinen Dattelpalmen Eine
weitere Eigenheit von ihm war dass er gern sprach besonders sehr gern erzählte
und zwar in jenen orientalischen Redeblumen welche gern zu Übertreibungen
werden Wenn ich ihn in dieser Weise sprechen lasse ohne seine Vergrösserungen
auf das richtige Maß zurückzuführen so geschieht dies um ihn nach der Wahrheit
zu zeichnen keineswegs aber um mich mit seiner Ausdrucksweise einverstanden zu
erklären Besonders wenn er von unsern Erlebnissen erzählte nahm er den Mund in
einer Weise voll dass ich ihn häufig unterbrechen musste Der Orientale freilich
ist das so gewöhnt dass er gar nichts Auffälliges daran findet
    Seit er wusste dass ich verheiratet war sprach er gelegentlich auch von
meinem »Harem« von meinem Frauenzelte Emma den Namen meiner Frau hatte er in
Emmeh umgemodelt und es verstand sich bei ihm ganz von selbst dass die
Verhältnisse dieser meiner Emmeh ganz genau dieselben wie diejenigen seiner
Hanneh seien Mein Harem durfte nicht den geringsten Vorzug vor dem seinigen
besitzen und durch die leiseste Andeutung eines Vorteiles des meinigen vor dem
seinigen konnte ich ihn wie man sich auszudrücken pflegt fuchsteufelswild
machen
    Zu erwähnen darf ich nicht vergessen dass er sich früher alle mögliche Mühe
gegeben hatte mich zum Islam zu bekehren aber die von ihm damals nicht geahnte
Folge davon war dass er jetzt Isa Ben Marryam8 hoch über Muhammed stellte er
war in seinem Innern Christ geworden und nicht nur seine Hanneh sondern auch
die meisten Haddedihn mit ihm
    Unsere früheren Reisen hatten wir meist allein oder doch mit nur geringer
gelegentlicher Begleitung unternommen dieses Mal aber befanden wir uns in
größerer Zahl beisammen und das war folgendermaßen gekommen
    Der Araber ist der Ansicht dass die Ehre um so größer sei je länger der
Name ist darum pflegt er seinem Namen diejenigen seiner nächsten Vorfahren
anzuhängen So nannte sich Halef als ich ihn kennen lernte Hadschi Halef Omar
Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah Sein Vater hatte also
Abul Abbas und sein Großvater Dawuhd al Gossarah geheißen Ihnen beiden und auch
sich selbst gab er den Titel Hadschi welcher einen Mohammedaner bezeichnet der
in Mekka gewesen ist dabei aber war weder er selbst noch sein Vater oder sein
Großvater jemals dort gewesen Später kamen wir allerdings einmal nach dieser
heiligen Stadt des Islam aber nur für kurze Zeit ich wurde als Christ erkannt
musste fliehen9 und kam glücklicherweise mit dem Leben davon
    Seit jener Zeit war es einer meiner größten Wünsche noch einmal nach Mekka
zu gehen Ich war erfahrner als damals geübter in der Sprache und bewanderter
in den Umgangsformen Ich kannte jetzt die religiösen Gebräuche und alle darauf
bezüglichen Maßregeln und Äußerlichkeiten so genau dass ich gewiss sein konnte
für einen Mohammedaner gehalten zu werden Erst jetzt sah ich es ein welche
Verwegenheit es damals von mir gewesen war eine Stadt zu betreten in welcher
jeden Christen der fast sichere Tod erwartet und um so reger wurde das
Verlangen es mit dieser Gefahr noch einmal und zwar besser vorbereitet
aufzunehmen Ich hatte den Islam und den größten Teil der von seinen Bekennern
bewohnten Länder kennen gelernt ich war zweimal in Kaïrwan gewesen der den
Christen damals auch streng verbotenen heiligen tunesischen Stadt und hatte das
Wagnis glücklich überstanden warum sollte ich nicht wenigstens den Versuch
machen diesen meinen Wanderstudien durch einen längeren Aufenthalt in Mekka
einen befriedigenden Abschluss zu geben Freilich wusste ich gar wohl dass dieses
Unternehmen grad für mich gefährlicher als für jeden andern war Die
mohammedanischen Gegenden und Orte wo man mich als Christen kennen gelernt
hatte waren gar nicht herzuzählen Ich hatte mir da viele viele Freunde
erworben aber auch manchen Schurken zum unversöhnlichen Feind gemacht Dazu
kam dass meine Gesichtszüge leider so charakteristisch sind dass sie sich selbst
einem gewöhnlichen Gedächtnisse für lange Zeit wenn nicht für immer einprägen
Durfte ich erwarten dass während meiner Anwesenheit in Mekka keiner von den
vielen Menschen die mich kennen gelernt hatten dort sein werde Also ich
wusste sehr wohl was ich wagte aber die Gefahr lockte fast noch mehr als der
Wunsch selbst und so nahm der Vorsatz diesen letzteren auszuführen
schließlich eine solche Festigkeit an dass es weiter nichts als nur der
Gelegenheit dazu bedurfte
    Sie ließ nicht auf sich warten sie stellte sich durch meinen diesmaligen
Besuch bei den Haddedihn ein Halef war gewöhnt dass ich stets wenn ich zu ihm
kam einen längeren Ausflug mit ihm unternahm Als er mich fragte welche Gegend
ich jetzt besuchen wolle und ich ihm nur das eine aber bedeutungsvolle Wort
Mekka sagte erschrak er zunächst fühlte sich dann aber grad so wie ich von
der Gefahr doppelt angezogen Für ihn war natürlich die Hauptfrage was seine
Hanneh die »wohltätige Pflegerin seines Erdenglückes« dazu sagen werde Wir
besprachen darum erst alles unter vier Augen und begannen dann hie und da eine
vorsichtige Bemerkung fallen zu lassen welche auf unsere eigentliche Attacke
vorbereiten sollte Aber die kluge »Sonne unter allen Sternen des
Frauenfirmamentes« durchschaute uns schon nach den ersten leisen Andeutungen
und forderte uns auf nicht mit ihr Versteckens zu spielen sondern mit der
Wahrheit offen hervorzutreten Dem Hadschi erschien das doch zu gewagt er
verschwand schleunigst aus dem Zelte in welchem wir mit ihr saßen Ich blieb
und teilte ihr nun aufrichtig meine Absicht mit und den darauf bezüglichen
Wunsch dass Halef mich begleiten möge Jetzt war ich voll gespannter Neugierde
was sie antworten werde Sie sah eine Weile schweigend und überlegend vor sich
nieder und sagte dann
    »Er soll dich nicht allein begleiten Effendi ich reite mit«
    Man mag sich mein frohes Erstaunen denken Sie sah es mir an und fuhr
lächelnd fort
    »Das hast du nicht erwartet Und doch ist der Grund so leicht erklärlich
Ich weiß dass du ein verständiger Mann bist und will dir darum eine Frage
anvertrauen Hast du in deinem Herzen einmal gefühlt was Ischtijak el Watan10
ist«
    »Ja« antwortete ich
    »In deinem eigenen Herzen«
    »Ja«
    »So darf ich dir gestehen dass ich diese Sehnsucht schon oft empfunden habe
und auch noch jetzt in mir trage Du weißt dass ich eine Tochter der Ateïbeh
bin und hast mich und meinen Stamm in der Nähe Mekkas kennen gelernt Dort sind
die lichten Tage meiner Kindheit verflossen ich weiß nicht ob du es glaubst
ich aber halte es für wahr nämlich dass das Herz des Menschen je älter er wird
um so mehr nach den Orten verlangt welche seine Jugend gesehen haben Ich liebe
meinen Halef und auch Kara Ben Halef meinen Sohn ich bin glücklich in dieser
meiner und in ihrer Liebe aber neben diesem Glücke wohnt das Verlangen die
Matarih el Watan11 einmal wiedersehen zu dürfen Ich bitte dich Halef nichts
davon zu sagen denn es würde ihn betrüben zu erfahren dass ich Sehnsucht
leide Für diese Verschwiegenheit sollst du Erfüllung deines Wunsches haben Er
darf dich begleiten und ich reite mit«
    »Und Kara Ben Halef euer Sohn« fragte ich
    »Ihn hier zu lassen würde mir unmöglich sein er geht auch mit Ja ich
glaube dass du noch größere Begleitung bekommst Du weißt zwar dass unsere
Haddedihn den Propheten längst nicht mehr so verehren wie zu der Zeit als sie
dich noch nicht kannten aber Mekka selbst ist vielen von ihnen doch noch eine
wichtige Stadt und wenn sie erfahren dass wir hinwollen wird mancher von ihnen
sich bereit erklären mitzureiten Wirst du etwas dagegen haben«
    »Nein Ich kann als Christ im Gegenteile nur wünschen möglichst viele
Freunde bei mir zu haben die im Augenblicke der Gefahr an meiner Seite stehen«
    »So sind wir also einig und ich werde jetzt gleich Halef suchen um ihm zu
sagen dass er seine Vorbereitungen beginnen könne«
    Das war ihre mir wohlbekannte Energie Wenn sie einmal einen Entschluss
gefasst hatte so pflegte sie mit der Ausführung desselben nicht auf sich warten
zu lassen Wie glücklich sie den Hadschi mit ihrer so unerwartet schnellen
Einwilligung machte das wusste ich nicht nur sondern ich bekam es auch schon
nach kurzer Zeit zu hören als er freudestrahlend mich aufsuchte und mir sagte
    »Effendi sie hat ja gesagt sie die liebenswürdigste unter allen irdischen
Liebenswürdigkeiten Wir gehen nach Mekka ja wir gehen wirklich hin Ich habe
es soeben öffentlich verkündigen müssen Da werden wir wieder einmal große
Taten der Tapferkeit verrichten und Werke der Kühnheit vollbringen die unsern
Ruhm in alle Länder tragen Unsere Kindeskinder werden uns ehren und unsern
Enkels und Urenkelsnachkommen unser Lob verkünden vom Aufgang bis zum
Niedergang der Sonne Habe ich nicht ein herrliches Weib Sihdi«
    »Ja« nickte ich »deine Hanneh ist ganz gewiss die herrlichste aller
Frauen«
    »Ganz gewiss Richtig Aber deine Emmeh auch Und damit es zu keinem Streite
und Zusammenstosse zwischen ihnen komme wollen wir vorsichtig sein und
folgendermaßen beschließen Meine Hanneh ist die herrlichste Frau des Morgen
und deine Emmeh ist die herrlichste Frau des Abendlandes Bist du damit
zufrieden«
    »Ja«
    »Du kannst da aber auch wirklich ganz zufrieden sein denn wenn du dadurch
von mir ohne alle Widerrede die herrlichste Frau des Abendlandes bekommen hast
darf keine andre dort von nun an wagen sich mit ihr zu vergleichen Sage ihr
das wenn du in dein Duar12 heimkehrst damit sie erkenne was für ein Freund
ich von dir bin und also auch von ihr Allah erhalte sie jung er gebe ihr
schwarzgefärbte Augenwimpern seidene Bänder in die Zöpfe und die schönsten
roten Fingernägel«
    Es meldeten sich auch wirklich so viele Haddedihn dass sie gar nicht alle
mitgenommen werden konnten sondern eine Auswahl getroffen werden musste Der
Ritt durch die großen arabischen Wüsten wäre des Wassers wegen um so schwieriger
gewesen je mehr Personen sich an demselben beteiligten Und bei einer so großen
Schar wie sich gemeldet hatte hätten wir an einen längeren Aufenthalt in Mekka
gar nicht denken können Darum wurde bestimmt dass für jetzt nur fünfzig Krieger
teilnehmen durften den andern wurde es freigestellt dann wieder eine Auswahl
unter sich zu treffen und die durch sie bestimmten dann nachfolgen zu lassen Es
war nämlich jetzt noch nicht die Zeit der eigentlichen Hadsch des großen
Pilgerzuges Da bei diesem die Scharen der Mohammedaner zu vielen vielen
Tausenden aus allen Himmelsrichtungen in Mekka zusammenströmen so war zu dieser
Zeit die Gefahr des Erkanntwerdens am größten Darum wollten wir jetzt schon
hin wo der Andrang nicht so groß war und ich meine Studien mit mehr Musse machen
konnte Waren wir dann bei der Ankunft der großen Hadsch noch dort und ich fand
Grund mich schnell in Sicherheit zu bringen so konnte ich das in dem
befriedigenden Bewusstsein tun meinen Zweck trotzdem und schon vorher erreicht
zu haben Es zwang uns ja nichts zur eigentlichen Pilgerzeit in der Stadt der
Kaaba einzutreffen weil der Moslem auch außerhalb derselben während des ganzen
Jahres seinen religiösen Obliegenheiten dort nachkommen und die ihm nach seiner
Ansicht dafür gebotenen geistlichen Vorteile sich aneignen kann Über die von
der mohammedanischen Priesterschaft verbreitete Annahme dass eine Minute
Aufenthalt in Mekka während der Hadsch wertvoller sei und mehr Segen bringe als
ein ganzer Tag zu gewöhnlicher Zeit waren von mir gar nicht zu sprechen Halef
und seine Haddedihn schon längst hinaus Sie schenkten dieser Versicherung
keinen Glauben
    Einige der Männer welche uns begleiteten wollten ihre Frauen mitnehmen
wozu wir aber unsere Einwilligung nicht gaben weil uns schon die Rücksicht auf
Hanneh allein genug hinderte so zu reisen wie wir es ohne sie hätten tun
können Bemerken will ich dass auch Omar Ben Sadek den die meisten meiner Leser
schon kennen gelernt haben mit bei den Auserwählten war
    Als Maßregel zu meiner Sicherheit wurde beschlossen dass ich während dieser
Reise nicht Kara Ben Nemsi genannt werden sollte Dieser Name war so bekannt
dass er mir jetzt nur Verlegenheiten wenn nicht noch mehr bereiten konnte
Halef machte da in seiner eigenartigen Weise die Bemerkung
    »Da siehst du Sihdi wie sehr wir beide den großen berühmten Beherrschern
der Erde gleichen Wir müssen den Abglanz unserer Herrlichkeit hinter einen
fremden Namen verstecken Zwar ist das dieses Mal nicht auch bei mir sondern
nur bei dir der Fall aber wie du dich in meinen Strahlen sonnen darfst so muss
auch mich der wohltätige Schatten deines Madschhul13 treffen Wie aber sollen
wir dich nennen Hast du vielleicht schon über einen andern Namen nachgedacht«
    »Nein Es handelt sich auch nicht nur um den Namen«
    »Ja richtig Wir müssen auch wissen wie wir zu antworten haben wenn wir
gefragt werden was du bist«
    »Am einfachsten wäre es mich für einen Haddedihn auszugeben«
    »Nein das geht nicht Sihdi denn da würde deine Herrlichkeit so
vollständig verschwinden dass sie später vielleicht gar nicht wiederzufinden
wäre Auch will ich stolz darauf sein können dass du bei uns bist darum müssen
wir dir einen Namen und eine Würde erteilen welche unbedingt zur Achtung
fordern Am besten ist es wir geben dich für einen großen Gelehrten aus Ist
dir das recht«
    »Ja«
    »Woher bist du«
    »Aus irgend einem mohammedanischen Lande aber ja nicht aus einer großen
Stadt weil jeder der von dort nach Mekka kommt diesen Gelehrten kennen
müsste«
    »Erlaubst du im fernen Moghreb14 welcher meine Heimat ist geboren worden
zu sein«
    »Ja«
    »Du hast dort im Wadi Draha das erste Licht der Welt erblickt«
    »Sehr gern«
    »Und von welcher Art ist deine Gelehrsamkeit«
    »Das überlasse ich dir lieber Halef«
    »Gut Weil du so bescheiden bist werde ich dich sehr hoch erheben Du
beschäftigst dich nämlich gar nicht mit einer einzigen Art der Wissenschaft
sondern deine unendliche Weisheit ist in die Höhen und in die Tiefen aller Ulum
15 eingedrungen Oder ist dir das noch zu wenig«
    »Es genügt einstweilen«
    »Schön Ein solcher Mann muss sehr berühmte Ahnen und also einen langen Namen
haben Ich werde dir ihn jetzt diktieren Schreib ihn sogleich auf damit wir
ihn festaben und ihn auswendig lernen können«
    Ich folgte mit stillem Vergnügen dieser seiner Aufforderung Er ging sinnend
hin und her und brachte nach und nach Glied für Glied folgende Schlange zum
Vorscheine
    »Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Ibn
Hadschi Dajim Maschhur el Azami Ich hoffe dass dieser schöne Name deinen
Beifall hat«
    In deutscher Sprache würde die Riesenschlange heißen Hadschi Vernünftig
Klug der Erfahrene Sohn des Hadschi Weise Tapfer der Reiche Sohn des
Hadschi Unsterblich Berühmt der Herrliche Das war doch wohl mehr als genug
Dennoch hatte er noch ein Übriges getan und mir und meinen mir bisher völlig
unbekannten Vorfahren den Ehrentitel Hadschi verliehen Mehr konnte ich doch
unmöglich verlangen Trotzdem antwortete ich natürlich nur in der Absicht ihn
zu necken
    »Du scheinst zu glauben mich mit ihm sehr zufriedengestellt zu haben irrst
dich aber er könnte länger und besser sein«
    »Länger    besser   «
    Sein Mund blieb vor Verwunderung offen Er sah mich eine Weile mit großen
Augen an und brach dann zornig los
    »Wie   wie könnte er sein Länger könnte er sein und besser könnte er
sein Soll ich ihn etwa von hier bis hinauf zum Monde und dann wieder herunter
dehnen Soll ich alle sieben Himmel Muhammeds plündern um noch mehr Worte der
Pracht und der Erhabenheit für dich zusammenzustehlen Wie kommst du zu dieser
mich beleidigenden Unzufriedenheit Hast du den Namen bei mir bestellt oder
habe ich ihn dir freiwillig also aus eigenem Antriebe gegeben«
    »Freiwillig«
    »Hast du ihn mir bezahlt oder wirst du ihn bezahlen«
    »Nein«
    »Du musst also zugeben dass er ein Geschenk von mir ist«
    »Ja«
    »Gut so hast du deine Undankbarkeit in ihrer ganzen kolossalen Größe
eingestanden Ich mache dir aus eigenem Antriebe aus der Tiefe meines
freigebigen mildtätigen Herzens heraus einen neuen Namen den du brauchst zum
Geschenk Ich suche in allen Winkeln und Ecken der menschlichen Sprachfertigkeit
herum um das Beste was dort hingelegt und an den Wänden aufgehängt worden ist
herauszufinden Ich wähle die glänzendsten Worte die prächtigsten Ausdrücke und
füge sie für dich mit einem so tiefen Verständnisse mit einer so
bewundernswerten Sachkenntnis zusammen wie der Dschauhardschi16 die seltensten
Edelsteine und die köstlichsten Perlen zu einer Halskette zusammensetzt Ich
überreiche dir dieses unübertreffliche Geschenk indem ich es dir mit meinem
eigenen Munde mühsam diktiere Und nun du es empfangen hast was tust du Du
drehst es in deinen Gedanken und in deinen Händen unzufrieden hin und her du
wirfst die Nichtwohlgewogenheit deiner unfreundlichen Blicke darauf und
beleidigst den Hintergrund meiner Seele und den Vordergrund meines Herzens durch
die schreiende Ungerechtigkeit des unsachgemässen Vorwurfes dass diese
Juwelenkette dieses ganz unzahlbare Geschmeide diese geradezu diamantene
Freundschafts und Ehrengabe länger und auch besser sein könne Wenn das nicht
eine Undankbarkeit ist die dich um meine ganze Achtung und Gegenliebe bringen
muss so habe ich noch nie gewusst was überhaupt Undank ist Du hast mit der
Hacke deiner Unerkenntlichkeit und mit der Schaufel deiner habsüchtigen
Unzufriedenheit zwischen mir und dir einen tiefen Abgrund gegraben dessen
Breite ich nicht überspringen könnte wenn ich hinüberwollte Das Schicksal hat
unsere Trennung beschlossen das Fatum reißt uns für ewig auseinander und wir
werden ich hüben und du drüben von jetzt an einsam durch das Leben gehen und
beide für alle Zeit auf dich verzichten Lebewohl Sihdi lebewohl«
    Er verließ das Zelt und ich prägte mir in größter Seelenruhe den Namen ein
ich wusste ja wie es kommen würde Und es kam wirklich so Nach vielleicht einer
Viertelstunde zog er den Vorhang welcher den Eingang bildete auseinander und
steckte den Kopf herein
    »Sihdi« sagte er
    »Was« fragte ich
    »Ich war bei Hanneh der trauten Krone aller Weiber«
    »So«
    »Ich habe es ihr erzählt«
    »So«
    »Weißt du was sie machte«
    »Ja«
    »Was«
    »Sie lachte dich aus«
    »Nein nicht ausgelacht sondern sie lächelte nur Dann gab sie mir einen
Rat«
    »Welchen«
    »Den allerbesten den es geben kann denn du musst wissen dass Hanneh mein
Stern im Wachen und im Träumen stets nur den besten Rat zu finden weiß Sie
fand den Namen nämlich auch für dich zu kurz«
    »Das war klug von ihr«
    »Und sagte ich solle noch den Großvater deiner Urgrossmutter hinten
anhängen«
    »Schön Hast du den gekannt«
    »Nein aber nimm das Papier und schreib ihn noch hin Sein Name war Ben
Hadschi Taki Abu Fadl el Mukarram«
    Ich schrieb die Worte welche in deutscher Übersetzung »Sohn des Hadschi
Fromm Vater der Güte der Ehrwürdige« heißen
    »Hast du nun den ganzen Namen« fragte Halef jetzt
    »Ja«
    »Lies ihn einmal vor«
    »Hadschi Akil Schakir el Magarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Hadschi
Dajim Maschhur el Azami Ben Hadschi Taki Abu Fadl el Mukarram«
    »Schön Was sagst du nun dazu«
    »Er gefällt mir außerordentlich«
    »Du bist also nun zufrieden«
    »Sehr«
    »Du bist also einverstanden dass wir dich so heißen«
    »Ja«
    Da hellte sich sein Gesicht schnell und vollständig wieder auf und er sagte
im frohen Tone
    »Hamdulillah Allah sei Lob und Dank gesagt dass es mir gelungen ist diesen
deinen Abgrund wieder zuzuschaufeln Nun sind wir die alten Freunde und können
wieder wie vorher in Wonne miteinander verkehren Ich sage dir dass ich es
hüben auf meiner Seite nicht ausgehalten hätte wenn du immer hättest drüben
bleiben müssen Ich werde es mir aber zur Warnung dienen lassen und nie in
meinem Leben wieder so unvorsichtig sein die Namen von verstorbenen Personen zu
entdecken die gar nicht gelebt haben Jetzt bitte ich dich mit herauszukommen
Die Dschemmah17 tritt zusammen um darüber zu beraten wer und in welcher Weise
er während meiner Abwesenheit den Stamm regieren soll Da musst du auch dabei
sein denn so oft und so lange du bei uns bist giltst du genau so wie wir alle
als mitten zwischen unsern Herden geborenes Mitglied der Haddedihn vom großen
berühmten Stamme der Schammar«
    Das war richtig Ich musste wenn ich mich bei diesen guten Leuten befand an
allen ihren Beratungen teilnehmen und wusste die Ehre welche mir dadurch
erwiesen wurde gar wohl zu schätzen Die Schammar haben ihren Namen von dem in
Arabien südlich von der Wüste Nefuhd liegenden Dschebel18 Schammar den sie als
Mittelpunkt ihres ausgedehnten Gebietes betrachten Als Angehörige dieses
Stammes hätten wir eigentlich jetzt dorthin reiten sollen zumal der nächste und
auch beste Weg nach Mekka über den Dschebel Schammar führte aber ich war mit
Halef und seinem Sohne dort gewesen man kannte mich als Christ und es wäre gar
nicht zu verheimlichen gewesen dass ich auch mit nach Mekka wollte Das hätte
sehr wahrscheinlich nicht nur zu Verdrießlichkeiten sondern sogar zu ernsten
Auftritten Veranlassung gegeben welche zu vermeiden wir lieber einen Umweg
machen und den Dschebel Schammar gar nicht berühren wollten Leicht war das
freilich nicht besonders der uns unbekannten Wasserverhältnisse wegen Fünfzig
Mann mit Pferden und Kamelen wollen trinken und in der arabischen Wüste die
nicht weniger schrecklich als die Sahara ist kann der Wassermangel leicht
verderblich werden Glücklicherweise hatte ein Krieger vom Beduinenstamme der
Beni Harb sich eines Haddedihnmädchens wegen welches er liebte aber nicht dazu
bewegen konnte ihm zu seinem Stamme zu folgen in den ihrigen aufnehmen lassen
Er war ein ernster gewandter sehr erfahrener und zuverlässiger junger Mann
der die Gegend durch welche wir reiten mussten sehr genau kannte Dieser
behauptete genug Bijar19 und Ujun20 zu kennen wo wir Wasser finden würden er
werde unser Führer sein und wir könnten ihm getrost unser Vertrauen schenken
Wir beschlossen uns an diese seine Versicherung zu halten worauf er nicht
wenig stolz war und haben es auch dann nicht zu bereuen gehabt
    Für Hanneh wurde ein großer Tachtirwan bestimmt den zwei Kamele zu tragen
hatten Er war sehr geräumig und bequem sie konnte sitzen oder liegen wie sie
wollte und sogar auf den Kissen sich ganz ausstrecken Ein Dach aus bunten
reichgestickten Stoffen bot ihr genügenden Schutz vor den Sonnenstrahlen Da
unser Weg durch die Wüste führte und wir fünfzig Krieger zählten mussten wir
darauf verzichten diese Leute mit Pferden beritten zu machen welche täglich
trinken müssen Die Haddedihn sind berühmt wegen ihrer Zucht vortrefflicher
Reitkamele sie besitzen große Herden dieser Tiere und so konnten wir also eine
gute Auswahl treffen Das Reitkamel wird Hedschihn genannt während das
Lastkamel Dschemal heißt Die besten Reitkamele sah man früher beim Stamme der
Bischari weshalb sie Bischarihnhedschihns genannt wurden Der Plural lautet
Hudschuhn Die Schammar und also auch die Haddedihn sind so klug gewesen sich
dieses vorzügliche Material zu erwerben und züchten nun Reitkamele welche
denen der Bischari wenigstens gleichkommen aber meiner Ansicht nach sie sogar
übertreffen
    Also solche Hudschuhn wollten wir reiten Die mausgrau gefärbten hält man
für die besten und ausdauerndsten Renner Halef suchte deren mehrere für sich
und mich und auch als Reserve aus Außerdem war es uns beiden aber auch nur
uns keinem andern Haddedihn gestattet unsere Pferde mitzunehmen Der Hadschi
behauptete dass dies zu Repräsentationszwecken notwendig sei Da er der berühmte
Scheik der Haddedihn sei und ich der ebenso berühmte Gelehrte Hadschi Akil
Schatir el Megarrib aus dem fernen Wadi Draha so gehe es gar nicht anders als
dass wir in der heiligen Stadt und deren Umgebung und auch sonst bei wichtigen
oder festlichen Gelegenheiten vorzügliche Pferde von reinstem Blute reiten
müssten Sein Rappe hieß Barkh21 und war ein ganz vorzüglicher Nedjedihengst
Mein Pferd auch ein Rapphengst war Assil22 Ben Rih ein gleichwertiger Sohn
meines herrlichen Rih welcher unter mir erschossen wurde Die Kugel welche ihn
traf hatte eigentlich meinem Herzen gegolten Zahllose Briefe meiner Leserinnen
und Leser sprechen von den Tränen welche beim Lesen seines Todes vergossen
worden sind23 Man braucht sich ihrer nicht zu schämen Mir selbst werden noch
heut die Augen nass wenn ich an diese traurige ergreifende Szene denke Jetzt
ritt ich wie bereits gesagt Assil seinen ebenbürtigen Sohn der mich schon
mit hohen Ehren durch ganz Persien getragen hatte und ein hochedles Pferd war
auf welches ich mich in jeder Beziehung verlassen konnte Er war mir lieber als
Halefs Barkh
    Noch kurz vor unserm Aufbruche konnte Halef den dringenden Bitten seines
Sohnes doch auch für ihn ein Pferd mitzunehmen nicht mehr widerstehen Es
wurde für ihn die herrliche Schimmelstute Kawamah 24 bestimmt eine Tochter von
jener weißen berühmten Stute welche das Pferd Muhammed Emins des früheren
Scheikes der Haddedihn gewesen war
    Als wir dann unterwegs waren bildeten wir mit den Kamelen welche die
Wasserschläuche und andere notwendige Sachen zu tragen hatten eine ganz hübsche
und wie Halef sich stolz ausdrückte »wie das Eigentum eines Königs aussehende«
Kavalkade Selbst bei Kamelen sehen Rassetiere eben ganz anders aus als
gewöhnliche vielleicht gar abgenutzte Exemplare Hierbei will ich die
vielleicht nicht ganz unnötige Bemerkung machen dass man die Unwahrheit sagt
wenn man behauptet das Kamel könne über eine Woche lang dürsten und es komme
vor dass die Wüstenreisenden dadurch vor dem Tode des Verschmachtens gerettet
werden dass sie ein Kamel erstechen und das in dem Magen desselben befindliche
Wasser trinken Die Wahrheit ist dass das Kamel in Beziehung auf das Futter
genügsam ist und mit dornigen und stacheligen Gewächsen fürlieb nimmt welche
kein Pferd fressen würde es zeigt sich auch in dieser Hinsicht als brauchbares
Wüstentier Sodann kann es infolge seines weiten Magens eine ungewöhnliche Menge
Wasser zu sich nehmen welche länger reicht als bei dem Pferde aber schon am
zweiten Tage hat es wieder Durst am dritten wird es schwach und am vierten
hinfällig wenn es Lasten zu tragen hat Es kommt ja auch auf die Leistungen an
welche man von ihm verlangt Ich bin mit einem vorher tüchtig getränkten
Bischarihnhedschihn welches nach deutschem Gelde wohl 8000 Mark wert war in
drei Tagen und drei Nächten 450 Kilometer geritten dann aber konnte es vor
Durst nicht weiter Und dass das Magenwasser geniessbar sei ist auch eine alte
ganz unbegründete Fabel Ich habe viele Kamele kurz und auch später nach dem
Tränken schlachten sehen denn das Fleisch wird ja ganz gern gegessen aber
schon zwei Stunden nach der Annahme des Wassers hatte es das Aussehen von Urin
und einen geradezu widerstrebenden Magengeruch Dann wird es schnell dicker und
dunkler bis es nach kurzer Zeit das Aussehen und auch den Gestank von Jauche
hat Ich würde selbst im höchsten Grade des Durstes keinen Schluck von diesem
Mistwasser trinken können wenn ich auch wollte und ich würde auch gar nicht
wollen weil ich überzeugt wäre dass ich an dieser Jauche noch eher als infolge
des Durstes sterben müsste Leider wird die alte wie es scheint unausrottbare
Fabel noch heut in Schul und anderen Büchern weiter verbreitet
    Unser eigentlicher Weg wäre bei Hit über den Euphrat und dann in gerader
Linie durch die Wüste nach Djof und von da nach Haïl dem Hauptorte des Dschebel
Schammar gegangen Eine südlichere Linie geht von Hilleh aus um den
NedschefSee herum und später über den Dschebel Daharah direkt nach Haïl Wir
hielten die Mitte zwischen beiden ein gingen an dem Daharah weit vorüber und
suchten das berühmte Wadi Rumem zu gewinnen Wadi heißt Flussbette und kann nach
den dortigen Verhältnissen ein fliessendes Wasser aber auch eine ganz
ausgetrocknete Mulde bedeuten
    Hier also südlich vom Dschebel Daharah war es wo ich mit Halef voranritt
und das am Anfange dieses Kapitels erwähnte Gespräch über die abendländischen
Eisenbahnen mit ihm hatte Ich hatte ihm wie von so vielen unserer
Einrichtungen auch schon wiederholt von unseren Eisenbahnen erzählt ich hatte
sie ihm beschrieben und ihm ausführlich erklärt welchen Segen sie bringen und
dass sie gar nicht zu entbehren seien Ich hatte um ihm das an einem Beispiele
zu verdeutlichen ihn auf die Pferdebahn hingewiesen welche der so viel und so
unschuldig verkannte MidhatPascha in Bagdad gebaut hatte doch das alles
vergeblich Er der sonst so kluge und einsichtsvolle kleine Mann konnte sich
aus seinem orientalischen Gesichtskreise nicht herausfinden und hielt alles für
unpraktisch oder gar für verwerflich was nicht mit seinen Gewohnheiten und
Erfahrungen übereinstimmte So war es heut seinem orientalischen Gewissen
gradezu als Sünde erschienen dass es bei uns im Bahnwagen den beiden
Geschlechtern erlaubt ist bei einander zu sitzen Das war doch ein Verbrechen
gegen die allererste und oberste Haremsregel Die Sache an sich verurteilte er
bloß sie brachte ihn nicht in Aufregung aber dass ich sie gutiess und mich
selbst an dieser Sünde beteiligt hatte das erregte seinen Zorn und trieb ihn
fort von mir
    Ich ließ ihn ohne Sorge zu seiner Hanneh gehen der er wie ich wusste nun
sein Herz ausschüttete Sie pflegte ihm den Turban wieder auf die richtige
Stelle zu rücken Als ich mich einmal umdrehte sah ich dass er neben dem
Tachtirwan reitend sehr angelegentlich mit ihr sprach Seine Gesten waren dabei
äußerst lebhaft er schien seinen Standpunkt verteidigen zu müssen also war
anzunehmen dass sie zu meinen Gunsten sprach Nach einiger Zeit lenkte er sein
Hedschihn wieder an die Seite des meinigen doch sagte er noch nicht gleich
etwas denn die Strafpredigt welche er mir vorhin gehalten hatte war so
energisch gewesen dass es ihm jetzt nicht leicht wurde in Freundlichkeit wieder
einzulenken Er hustete er räusperte sich wiederholt endlich begann er
    »Sihdi denkst du noch an eure Eisenbahnen«
    »Nein« antwortete ich
    »Aber du scheinst doch so tief in Gedanken zu stecken Darf ich erfahren
was für welche es sind«
    »Ich denke an die Unzuverlässigkeit der Freundschaft«
    
    »Das geht natürlich auf mich«
    »Ja«
    »Meine Freundschaft ist gar nicht unzuverlässig aber sie kann sich nicht
gut an die Wagen bei euch gewöhnen in denen Frauen Mädchen und fremde Männer
beisammensitzen Das Allerschlimmste ist dass du selbst auch mit dabeigesessen
hast«
    »Glaubst du dass mir das geschadet hat«
    »Dir O nein gewiss nicht«
    »Oder den Frauen und Mädchen«
    »Denen Gewiss auch nicht denn du bist ein feiner ein vornehmer Effendi
der sehr gut weiß wie er sich zu benehmen hat«
    »Nun wenn es weder ihnen noch mir etwas geschadet hat warum bist du da so
erzürnt darüber«
    »Weil   hm   weil   weil es sich nicht schickt«
    »Wer behauptet das«
    »Ich«
    »Du Das genügt mir nicht Wer noch«
    »Jeder vernünftige Mann«
    »So Ich behaupte aber das Gegenteil bin also ein unvernünftiger Mensch
Ich danke dir Halef«
    »Sihdi so   so habe ich es nicht gemeint so darfst du es nicht nehmen
Ich kenne dich ja und ich weiß also dass grad du so viel Vernunft besitzest dass
sie für zehn andere Personen mehr als ausreichen würde Dich habe ich am
wenigsten beleidigen wollen«
    »Nun wenn ich eine so bedeutende Portion von Vernunft besitze so bin ich
wohl auch befähigt über unsere Eisenbahnen zu urteilen Ich nehme an dass du
mit Hanneh darüber gesprochen hast«
    »Ja«
    »Was sagte sie«
    »Ich erzählte ihr was ich über eure Eisenbahnen von dir gehört hatte und
fragte sie nach ihrer Meinung«
    »Nun Wie lautete diese«
    »Sihdi ich kann dir fast nicht wiedersagen was ich aus dem Munde meiner
Hanneh hörte welche doch der Inbegriff der Zusammenfassung aller weiblichen
Klugheit ist Sie gab dir nämlich recht«
    »Das dachte ich«
    »Wirklich Du dachtest es Warum Ich dachte es nicht«
    »So scheine ich deine Hanneh besser zu kennen als du Sie will nicht wie
andere Frauen des Orientes nur die willenlose Spielpuppe ihres Mannes sein die
er vor andern Leuten nicht sehen lässt«
    »Spielpuppe Sonderbar Ganz genau dasselbe sagte sie auch Sie fragte mich
ob sie nur mein Dschidschi25 oder meine Kukla26 sei die kein Mensch sehen dürfe
als ich allein Ja denke dir sie drohte mir nach unserer Rückkehr ein
Männerzelt ein männliches Harem zu bauen und mich da einzusperren damit mich
keine andere Frau betrachten dürfe Dann sprach sie sogar von einer ganz
armseligen Haremswirtschaft welche eine große und ganz unverzeihliche
Beleidigung aller Frauen sei«
    »Da hat sie recht«
    »Recht Sihdi willst du haben dass Hanneh eine Revolution gegen mich
unternimmt«
    »Nein ich gebe ihr nur recht was sie macht das ist ihre Sache«
    »Ich wollte das was sie eine Beleidigung aller Frauen nannte nicht
einsehen da erklärte sie es mir«
    »Und dann begriffst du es«
    »Du scheinst wieder einmal alles vorherzuwissen ehe ich es dir sage Und es
ist ja auch wahr Hanneh die schönste Blume im Garten meiner Glückseligkeit
hat eine ganz eigene eine ganz besondere Weise des Erklärens sie bringt
nämlich keine anderen Gründe als solche denen man nicht widerstehen kann So
brachte sie mir auch jetzt zwei Beispiele mit denen sie mich so überwältigte
dass ich wirklich nicht wusste was ich weiter sagen sollte«
    »Darf ich erfahren was für Beispiele das waren«
    »Es war die Rose und die Retschina fena27 denke dir«
    Ich musste über diesen kräftigen Vergleich der guten Hanneh unwillkürlich
lachen da fiel er schnell ein
    »Warum lachst du da Etwa über mich Ich kann doch nicht dafür dass Hanneh
die Wonne meiner Augen grad auf diese stinkende Retschina fena gekommen ist
Sie fragte mich ob man jemandem eine Rose zeigen dürfe und ich musste dies
natürlich bejahen Hierauf wollte sie wissen ob es die Höflichkeit gestatte
jemandem ein Stück Retschina fena vor die Nase zu halten und ich verneinte es
Kaum hatte ich das getan so warf sie mir vor dass sie von mir nicht wie eine
duftende Rose sondern wie stinkende Retschina fena behandelt werde Sie
behauptete die Frauen des Orientes würden von ihren Männern genau so
eingewickelt wie man die Retschina fena einwickelt damit keine Nase von ihr
beleidigt werde das sei die größte Kränkung die es geben könne das müsse
anders werden denn so eine Entwürdigung des weiblichen Geschlechtes könne
unmöglich länger geduldet werden Ich sage dir sie verlangte in ihrem Zorne
auch Eisenbahnen und auch Lokomotiven hierher zu uns sie wolle sich nicht
länger als Retschina fena behandeln lassen sondern auch im Wagen sitzen wie die
Frauen des Abendlandes die keine Puppen sondern Herrinnen seien und ganz
dieselben Rechte wie ihre Männer hätten Denke dir Rechte Meine Hanneh die
schönste die ruhigste die sanfteste die geduldigste die liebenswürdigste
aller Liebenswürdigkeiten sprach von Rechten von denselben Rechten wie die
Männer haben Ist das nicht unerhört«
    »Nein«
    »Nicht Wie denn«
    »Ich halte es für selbstverständlich nicht für unerhört«
    »Aber was soll daraus werden wenn die Frauen nicht mehr so zurückgehalten
werden wie es jetzt geschieht«
    »Zurückhalten Meinst du vielleicht dass sie dann wie wilde Tiere über uns
herfallen um uns zu verschlingen«
    »Nein du musst nicht gleich das Allerschlimmste sagen Ich war aber der
Ansicht dass man ihnen sehr enge Grenzen ziehen muss«
    »Welche Grenzen zum Beispiel«
    »Es muss ihnen verboten sein auszugehen sobald es dunkel ist«
    »Gut weiter«
    »Sie müssen es vermeiden mit einem Manne der nicht ihr Mann ist allein zu
sein«
    »Das verlangst du im vollen Ernste«
    »Jawohl In dieser Beziehung verstehe ich keinen Spaß Gegen eine Frau
welche diese Gesetze übertritt muss man sich genau so wie der Padischah gegen
seinen Harem verhalten«
    »Wie«
    »Er lässt solche Frauen in einen Sack binden und in das tiefste Wasser
werfen«
    »Wirklich«
    »Ja das tut er und ich sage dass dies ganz richtig von ihm ist«
    »Lieber Halef hast du vielleicht einen Sack mit«
    »Ja mehrere für die Pferdedatteln«
    »Sind sie groß genug eine Frau hineinzustecken«
    »Nein«
    »Schade jammerschade«
    »Warum«
    »Wir hätten deine Hanneh in einen solchen Sack gesteckt und in das erste
Wasser geworfen welches wir antreffen«
    »Meine Hanneh Die allernotwendigste Notwendigkeit zum Glücke meines
Erdenlebens« fragte er erstaunt
    »Leider« nickte ich sehr ernst
    »Sie in einen Sack stecken«
    »Ja«
    »Und in das Wasser werfen«
    »In die tiefste Stelle sogar«
    »Warum Sag schnell warum«
    »Weil sie gegen die beiden Gesetze gehandelt hat welche du vorhin
aufstelltest«
    »Du scherzest Effendi du scherzest«
    »Nein Ich bin Zeuge dass sie es getan hat«
    »Sihdi mach mich nicht unglücklich Meine Hanneh wäre mit einem Manne der
ich nicht war allein gewesen«
    »Ja sogar in tiefer Dunkelheit beim Neumonde ganz hinter den Zelten eures
Lagers«
    »Ich sterbe Ja ich sterbe vor Trauer obgleich ich es für vollständig
unmöglich halte dass sie dieses größte aller Verbrechen begangen haben kann
Aber du sagst es Effendi du der mein erster und bester Freund ist und mir so
etwas nicht mitteilen wird ohne es beweisen zu können«
    »Ich habe dir schon gesagt dass ich Zeuge bin und ich teile dir jetzt mit
dass es noch einen zweiten Zeugen gibt«
    »Noch einen Der es gesehen hat«
    »Ja«
    »Wer ist das Sage es Heraus damit Diesen Halunken bringe ich
augenblicklich um weil er es mir verschwiegen hat«
    »Lieber Halef das würde Selbstmord sein«
    »Selbst    «
    »Ja denn du selbst bist dieser zweite Zeuge«
    »Ich    ich    ich selber«
    »Ja«
    »Effendi du wirst mir immer unbegreiflicher«
    »Du scheinst es vergessen zu haben darum will ich deinem Gedächtnisse zu
Hilfe kommen Erinnerst du dich jener Neumondsnacht vor unserem Aufbrauche nach
dem Tigris als wir unsere Reise nach Persien antraten«
    »Ja«
    »Da hat nach Mitternacht sogar deine Hanneh mit einem Manne der nicht
Hadschi Halef war eine ziemlich lange Zeit hinter euren Zelten gesteckt28«
    Da warf er beide Arme freudig empor und rief indem er tief und wie von
einer großen Last befreit Atem holte in frohem Tone aus
    »Hamdulillah Da wird mir ja das Herz gleich wieder leicht O Sihdi was für
eine außerordentliche Bangigkeit hast du in meine Seele gelegt Es war als ob
mir das ganze Glück meines Lebens zerrissen und zertrümmert werden solle Hätte
ein anderer so zu mir gesprochen wie du gleich wäre ihm mein Messer in den Leib
gefahren zur Strafe dafür dass er es wagte Hanneh das köstliche Ebenbild der
reinen Sonne mit seinen Verdächtigungen zu beschmutzen Da du es aber warst
der also sprach so konnten die Worte welche mir so tiefen Schmerz bereiteten
doch keine Lüge sein sie mussten Wahrheit enthalten Darum fühlte ich mich
niedergeschmettert wie ein kleiner Käfer auf welchen ein großer Berg
herabgefallen ist Nun ich aber höre dass du jene Nacht vor unserem Aufbruche
meinst ist dieser Berg wieder verschwunden und der Käfer zappelt lustig
weiter denn ich weiß dass du selbst der fremde Mann gewesen bist der damals
mit ihr gesprochen hat«
    »Und das macht dich nicht unglücklich«
    »Unglücklich Fällt mir gar nicht ein Und wenn ich tausend Hannehs hätte
die alle so schön und so unvergleichlich wären wie diese eine einzige dir
könnte ich sie alle alle anvertrauen«
    »Ich glaube es dir Aber weißt du was du mit dieser für mich so ehrenvollen
Versicherung getan hast«
    »Ja«
    »Nun was«
    »Ich habe dir ein ungeheures Lob gespendet ein geradezu beispielloses
Vertrauen erwiesen«
    »Allerdings aber zugleich hast du noch etwas anderes getan«
    »Von diesem etwas anderem habe ich keine Ahnung Was ist es«
    »Du hast deine Anklage gegen das Abendland zurückgezogen und dich mit
unseren Eisenbahnen einverstanden erklärt«
    »Ist mir gar nicht in den Sinn gekommen Sihdi Eure Eisenbahnen haben es
mit mir verdorben vollständig verdorben Es fällt mir gar nicht ein nicht
einmal im Traume mich mit ihnen auszusöhnen«
    »Du hast es aber doch getan und zwar nicht im Traume sondern soeben
jetzt im vollständig wachen Zustande«
    »Wieso«
    »Pass auf Ich frage dich Du hältst es für verboten dass Frauen mit anderen
Männern im Wagen der Eisenbahn beisammensitzen«
    »Ja streng verboten Davon gehe ich nicht ab«
    »Du hältst es ferner für verboten dass Frauen mit anderen Männern zumal in
der Nacht und hinter den Zelten beisammenstehen«
    »Eigentlich ja aber wenn du es bist so ist es erlaubt«
    »Warum da«
    »Weil ich weiß dass ich sie dir anvertrauen kann«
    »Gut Im Wagen der Eisenbahn sitzen unsere Frauen auch nur in der Nähe von
Männern denen wir sie anvertrauen können Andere Männer würden von den Beamten
sofort hinausgeworfen oder gar arretiert und bestraft werden«
    »Wirklich Das finde ich allerdings sehr lobenswert«
    »Wenn aber zum Beispiel du dich in einem solchen Wagen befändest dann würde
jeder Mann seiner Frau oder seiner Tochter erlauben sich in deine Nähe zu
setzen«
    »Meinst du« fragte er geschmeichelt
    »Ja«
    »Wirklich«
    »Ja denn man sieht dir die Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit ja gleich beim
ersten Blicke an«
    »Hm Würde ich auch mit ihr sprechen dürfen«
    »Sie würde es dir ganz gern erlauben«
    »Ihr guten Rat geben wenn sie welchen braucht«
    »Natürlich«
    »Ihr sogar helfen wenn sie meiner Hilfe bedarf«
    »Gewiss Das ist grad der große Vorteil den unsere Frauen und Töchter
während der Reise genießen dass sie von jedem Mitreisenden unterstützt und
beschützt werden«
    »Du Sihdi das finde ich reizend sehr reizend Du weißt wie gern ich
meine Nebenmenschen beschütze Es ist das schon bei Männern schön wie schön muss
es da erst bei Frauen sein Denke dir wenn ich als Dank ein freundliches
Lächeln dafür bekäme«
    »Das wäre dir gewiss«
    »Wirklich Sie würde lächeln«
    »Aber ja Wenn du ihr einen freundlichen Dienst erweisest lächelt sie dich
auch freundlich an«
    »Sihdi ich bitte dich von diesem freundlichen Lächeln des Dankes musst du
gegen Hanneh schweigen sonst bekommt sie einen ganz falschen Begriff von eurer
Eisenbahn und das sollte mir leid tun«
    »Leid Dir Ich denke du magst nichts von der Eisenbahn wissen«
    »Ganz richtig Eigentlich mag ich sie nicht leiden ja aber wenn die Frauen
nur bei braven dienstbereiten Männern sitzen welche mit einem Lächeln der
freundlichen Anerkennung belohnt werden so sehe ich keinen vernünftigen Grund
warum es grad mir verboten sein soll auf der Eisenbahn zu fahren Ich sage dir
wenn so eine Eisenbahn von hier nach Mekka ginge ich würde wahrscheinlich nicht
auf dem Kamele sitzen bleiben«
    »Sondern fahren«
    »Ja Was kann mir das Lächeln eines Kameles nützen selbst wenn es nämlich
lächeln könnte Dürfte ich denn einer solchen Frau auch von unseren Reisen von
unseren weiten und gefährlichen Ritten und von den Taten des Mutes und der
Tapferkeit erzählen welche wir vollbracht haben«
    »Ja Sie würde dir sogar dankbar dafür sein denn durch diese Erzählungen
würdest du die Langeweile von ihr fernhalten«
    »Nicht nur das sondern ich würde sogar ganz bedeutend zu ihrer Bereicherung
in den Kenntnissen der Dschigrafia und Tarih29 beitragen wofür ich
wahrscheinlich auch ein freundliches Lächeln zu sehen bekäme Du Effendi das
mit euren Eisenbahnen ist ganz anders ganz anders als ich dachte Warum hast
du mir das von dem Lächeln nicht sogleich gesagt Du pflegst aber immer grad die
Hauptsache zu vergessen das ist es was ich an dir auszusetzen habe Und wenn
ich dadurch zu einer irrigen Ansicht verleitet werde so wirfst du die Schuld
nicht auf dich sondern auf mich der ich doch gar nichts dafür kann Jetzt sehe
ich ein dass eure Einrichtungen doch nicht so verwerflich sind wie ich bisher
gedacht habe und    Da schau empor Sihdi Siehst du die beiden Nusura30«
    »Ja« antwortete ich »Ich habe sie schon eine ganze Weile beobachtet«
    »Sie schweben jetzt grad über uns sie scheinen uns also zu beobachten«
    »Ja das tun sie Sie wollen sehen ob sie von uns irgend eine Beute
erwarten dürfen Wenn sie über uns bleiben und uns begleiten können wir
überzeugt sein dass wir uns ganz allein in dieser Gegend befinden Übrigens
hast du dich in diesen Vögeln geirrt es sind keine Nusura Unter Nisr versteht
man den weissköpfigen Geier aber der mit seinem Weibchen da über uns schwebt
ist ein Bartgeier el Büdsch genannt Man sieht ihn häufiger in Ägypten und den
Moghrebländern hier aber ist er sehr selten Ich sah diese beiden vorhin aus
Südwesten kommen Sieh da entfernen sie sich wieder und zwar in dieser
Richtung Das ist mir interessant höchst interessant«
    »Warum Effendi«
    »Weil sie glauben dort leichter Frass zu finden als hier bei uns«
    »Woher weißt du das«
    »Ich schließe es aus ihrem Verhalten Diese Vögel sehen außerordentlich
weit Sie haben uns aus großer Entfernung gesehen und sind gekommen uns zu
betrachten Da sie sich jetzt wieder entfernen dürfen wir annehmen dass es
dort woher sie kamen und wohin sie nun wieder fliegen mehr Beute zu erwarten
gibt als bei uns Unsere Tiere sind gesund und kräftig darum bewegen wir uns
rasch und energisch das wissen diese Vögel wohl zu beurteilen Ich würde jede
Wette darauf eingehen dass es dort im Südwesten von uns leidende Wesen gibt
Menschen oder Tiere wohl auch beides zugleich deren Haltung und Bewegungen den
Geiern Ursache zur Hoffnung auf baldigen reichlichen Frass geben«
    Wir verfolgten die Vögel mit unseren Augen Als Halef sie nicht mehr
erkennen konnte sah ich sie noch als kleine Punkte welche sich nicht mehr
weiter entfernten sondern über einer bestimmten Stelle schwebten die sicher
sehr weit von uns entfernt war obgleich die Geier nicht mehr als zwei Minuten
gebraucht hatten dorthin zu kommen
    »Siehst du sie noch« fragte Halef
    »Ja« antwortete ich »Sie stehen über einer bestimmten Stelle und gehen
nicht von ihr fort Es muss dort irgend ein gebrechliches Geschöpf oder auch
mehrere geben«
    »Vielleicht gar Leichen«
    »Möglich dann befinden sich aber lebende Personen dabei vor denen die
Geier sich fürchten denn sonst würden sie schon längst niedergestossen sein«
    »Du sprichst von einem gebrechlichen Geschöpfe Wäre es da nicht unsere
Pflicht Hilfe zu bringen«
    »Allerdings«
    »Vielleicht aber handelt es sich bloß um Tiere«
    »Das ist möglich dann aber müssten es große Raubtiere Löwen oder Panter
sein die ja in den Felsen Innerarabiens auch vorkommen aber die laufen doch
nicht jetzt am hellen Tage auf der Ebene herum Wären es nicht Raubtiere so
hätten sich die Geier niedergelassen und säßen ruhig wartend in der Nähe ihrer
Beute Ich bin daher der Ansicht dass es Menschen sind müde hinfällige
Menschen die aus irgend einem Grunde nicht mehr fort können Wir sind
verpflichtet ihnen Hilfe zu bringen werden das aber nicht in unvorsichtiger
Weise tun Erkundigen wir uns also bei dem Ben Harb ob es hier in dieser
Gegend vielleicht einen Weideplatz irgend eines Beduinenstammes gibt«
    Als wir den schon erwähnten Führer fragten teilte er uns mit dass wir uns
mitten in der Sandwüste befänden in welcher es keinen einzigen Brunnen also
auch keine Weide gebe das nächste Wasser liege so weit von hier dass sich sein
Einfluss bis hierher gar nicht geltend machen könne
    Da es nicht geraten war unsere ganze Karawane ihre Richtung verändern zu
lassen ritten wir langsam weiter und beauftragten Omar Ben Sadek und einen
Haddedihn nach der Stelle zu reiten über welcher die Geier standen Um wenn
nötig gleich Hilfe bringen zu können nahmen sie einen vollen Wasserschlauch
mit Die Wüstenebene war nur scheinbar glatt in Wirklichkeit aber so gewellt
dass wir die beiden Reiter schon nach kurzer Zeit nicht mehr sehen konnten Es
dauerte weit über eine Stunde bis sie zurückkehrten Es musste sich um etwas
doch nicht Gewöhnliches handeln denn Omar Ben Sadek wartete mit seinem Berichte
nicht bis er uns erreicht hatte sondern rief uns schon von weitem zu
    »Effendi ihr müsst abschwenken und mit uns kommen Es gilt fünf Menschen zu
retten«
    »Wer sind sie« fragte ich
    »Wahrscheinlich Leute aus Mekka«
    »Wahrscheinlich Haben sie nichts Bestimmtes gesagt«
    »Nein Du weißt ja auch dass hier in der Wüste jedermann vorsichtig ist Wir
könnten ja zu einem ihnen feindlichen Stamm gehören«
    »Hast du ihnen nicht gesagt dass wir Haddedihn sind die so weit von hier
wohnen dass sie hier unmöglich eine Tar31 haben können«
    »Das habe ich wohl gesagt aber sie glaubten es nicht Du würdest ja auch
nicht sofort alles glauben sondern vorher die Personen und das was sie sagen
einer Prüfung unterwerfen«
    »Es sind also fünf Personen«
    »Fünf Lebende und ein Toter«
    »Erzähle doch lieber zusammenhängend«
    »Ich tue es Wir ritten nach Südost und sahen bald die Geier wieder die
ganz unbeweglich in der Luft zu stehen schienen aber je näher wir kamen desto
deutlicher bemerkten wir dass sie nicht standen sondern langsame Kreise zogen
Später sahen wir dann den Gegenstand oder vielmehr die Gegenstände ihrer
Aufmerksamkeit Es waren sechs Hudschun welche an dem Boden lagen neben ihnen
ihre Reiter Tiere und Menschen still und unbeweglich wie Leichen Als wir ganz
nahe herankamen hoben die Kamele die Köpfe ließ sie aber gleich wieder
sinken Sie sahen abgetrieben aus wie nach einem langen angestrengten
Eilritte und waren halb verdürstet Drei von den Männern standen in den
mittleren Jahren einer war jung und einer war alt Der Alte schien am wenigsten
erschöpft zu sein er bat sogleich um Wasser das wir ihnen auch sofort gaben
Sie tranken die Dschirbe32 fast ganz leer«
    »Und die Leiche«
    »Wir konnten nicht sehen was für eine Person es war denn sie war mit dem
Haïk zugedeckt«
    »Was gab es für Fragen und Antworten«
    »Der Alte erkundigte sich wer wir seien und wir sagten es ihm er aber
ließ die zweifelnden Worte Allah weiß es dazu hören Als ich ihn nach seinem
Namen fragte sagte er sie alle seien aus Mekka wozu ich ihm nun auch ein
Allah weiß es zu hören gab Er bat um Wasser für Menschen und Tiere auch um
etwas Futter für die Kamele Mehl und Datteln für sich hätten sie noch«
    »Woher kommen sie«
    »Das sagte er nicht Er meinte er habe uns auch keine Frage vorgelegt der
Gläubige müsse seinem Bruder helfen ohne nach seinem Namen und nach seinem
Ausgange und Eingange zu fragen«
    »Entweder hat dieser Mann kein gutes Gewissen oder er ist ein stolzer
eingebildeter Moslem in hoher Stellung in Mekka Vielleicht ist auch beides zu
gleicher Zeit der Fall aber recht hat er doch gehabt Er bedarf unserer Hilfe
und wir müssen sie ihm bringen ohne ihn vorher nach allem ausgefragt zu haben
Glücklicherweise sind wir mit Wasser so reichlich versehen dass diese
Wohltätigkeit uns nicht selbst in Gefahr bringen wird Reiten wir also hin«
    Wir bogen daher von unserem Wege ab und ließ uns von Omar Ben Sadek nach
der betreffenden Stelle führen die wir nach vielleicht drei Viertelstunden
erreichten Da lagen die Kamele noch so wie sie sich vor Erschöpfung
niedergeworfen hatten die Höcker waren abgezehrt man sah nicht die geringste
Lippenbewegung des Wiederkauens Die fünf Männer hockten in einem engen Kreise
in dessen Mitte man den noch immer verhüllten Toten in sitzende Stellung
aufgerichtet hatte in welcher er durch die tief in den Sand gesteckten
langläufigen Gewehre unterstützt und gehalten wurde Sie beteten laut Als wir
bis ganz nahe herangekommen waren unterbrachen sie sich und der Vorbeter dem
die andern Satz um Satz nachsprachen sagte in mehr befehlendem als bittendem
Tone
    »Ich sehe dass ihr Wasser und trockenes Maisstroh habt Gebt den Kamelen zu
saufen und zu fressen und lasst uns einige volle Schläuche hier Dann aber stört
uns nicht weiter im Gebete für den den Allah abgerufen hat«
    Das war ja außerordentlich bescheiden von diesem Manne Hier wo das Futter
und noch viel mehr das Wasser so kostbar war sollten wir zunächst seine Tiere
tränken und sättigen und dann gleich mehrere volle Schläuche hergeben und zwar
ohne ein Wort des Dankes abzuwarten da er uns ja die Weisung gab sie dann
nicht zu stören also wieder fortzureiten Halefs Hand zuckte nach der Peitsche
aus Nilpferdhaut die er stets im Gürtel hängen hatte und gern öfter in Bewegung
setzte als ich ihm erlauben durfte Ich winkte ihm aber ab
    »Ich soll ihm nicht die Peitsche geben« fragte er leise aber zornig »Ist
es nicht die größte aller Unverschämteiten von diesem Menschen das von uns zu
verlangen was er soeben gefordert hat«
    »Allerdings aber das ist noch kein Grund um gleich zuzuschlagen Du
befindest dich hier unter stolzen rachsüchtigen Arabern und nicht bei
geknechteten Fellachen bei denen man die Peitsche schwingen kann ohne dies
später blutig bezahlen zu müssen«
    »So sag was wirst du tun«
    »Wir geben den Pferden Wasser und Stroh diese armen Tiere sollen nicht
unter der Unverschämtheit ihrer Besitzer leiden«
    »Und diese«
    »Bekommen weiter kein Wasser außer sie bitten uns sehr höflich darum Wir
bleiben hier lagern«
    »Hier Bei diesen Kerls Hamdulillah Preis sei Allah der dir diesen
kostbaren Gedanken eingegeben hat Denn wenn wir hier bei ihnen bleiben werden
wir wahrscheinlich etwas erleben sie aber auch«
    »Wir hätten überhaupt nicht viel weiter reiten können denn dann wird es
Nacht und da wir hier doch einmal einige Zeit versäumen halte ich es für das
beste wir bleiben gleich da Gib also deinen Leuten die nötigen Befehle«
    Da wir dieses Mal die Haddedihn bei uns hatten brauchte ich mich um nichts
zu bekümmern es wurde mir jede Handreichung sehr gern und mit Liebe geleistet
Ich stieg also vom Hedschihn gab die Stelle an wohin ich meinen Teppich gelegt
wünschte und ging dann zu meinem Hengste um ihn zu liebkosen und dabei einige
Datteln knuspern zu lassen Er war diese Aufmerksamkeit von mir gewohnt und
dankbar dafür Hierauf machte ich es mir auf meinem Teppiche bequem
    Ich saß wie ich gewollt hatte ganz in der Nähe der Fremden dem Vorbeter
gegenüber den Omar Ben Sadek »den Alten« genannt hatte Er hatte ein echtes
listiges rücksichtsloses gewalttätiges Mekkanergesicht und trotz seines
Alters noch keine grauen Haare vielmehr besaßen diese diejenige Färbung welche
man »Salz und Kümmel« zu nennen pflegt also Grau und Dunkel gemischt Der
»Junge« saß an seiner Seite und war ihm so ähnlich dass ich ihn gleich für
seinen Sohn halten musste Er hatte etwas Unstätes Ruheloses Unzuverlässiges in
seinen sich stets in Bewegung befindenden Augen Die andern drei hatten nichts
an sich wodurch sie eine besondere Erwähnung verdienten Gemein war ihnen allen
die große Hinfälligkeit wahrscheinlich waren wir grad zur rechten Zeit
gekommen sie vor dem Tode des Verschmachtens zu erretten Ich glaubte ihnen
anzuhören dass ihnen das laute lange Beten schwer wurde Warum schwiegen sie da
nicht zumal sie diese Litanei doch ganz und gar nicht nötig hatten Die Stimme
des Alten klang dumpf und mit müdem Zittern
    »O du den unter sämtlichen Geschöpfen der Schöpfer am meisten ehrt33 Bei
dem Eintritte des Ereignisses welches alle trifft34 habe ich keinen zu dem
ich meine Zuflucht nehmen kann als zu dir allein«
    Die andern beteten es ihm nach dann fuhr er fort
    »Und wenn der Gnädige sich als strafender Vergelter offenbaren wird wird es
deiner Macht du Gesandter Gottes nicht unmöglich sein mir zu helfen
    Denn zu der Fülle welche du gespendet hast gehört diese Welt und jene
Welt und du weißt alles was auf der Tafel des Jenseits geschrieben steht und
was die Feder geschrieben hat
    O meine Seele keines schweren Fehltrittes wegen verzweifle an Allahs Gnade
denn wo es sich um die Vergebung handelt da sind die schweren den leichten
Sünden gleich
    Das Erbarmen meines Herrn so hoffe ich wird zu der Zeit wo er es
verteilen wird in den einzelnen Spenden sich nach dem Masse der Sünde gestalten
    O mein Herr gib dass meine Hoffnung bei dir bestehe und meine Rechnung
sich als richtig erweise
    Und verfahre in dieser und in jener Welt gelinde und gnädig mit deinem
Knechte denn ihm ist eine Festigkeit verliehen welche fliehend davoneilt wenn
die grausigen Schrecknisse ihn herausfordern
    Und lass die Wolken deiner Erbarmung für und für Güsse jeder Art auf den
Propheten herabsenden   «
    Als er so weit gekommen war hatten unsere Haddedihn seinen Kamelen Wasser
und Maisstroh gegeben und begannen nun sich mit der Vorbereitung des Lagers zu
beschäftigen Da unterbrach er sich indem er die hastigen Worte an mich den er
für den Anführer halten zu müssen glaubte richtete
    »Was sehe ich Ihr sattelt eure Kamele ab Das sieht ja so aus als ob ihr
hier bleiben wolltet«
    »Es sieht nicht bloß so aus sondern es ist wirklich so Wir bleiben da«
antwortete ich ruhig
    »Dazu habt ihr kein Recht«
    »Warum Die Wüste ist nur Allahs Eigentum hier diese Stelle auch Wir haben
niemanden zu fragen«
    »Auch uns nicht«
    »Nein«
    »Wir waren eher da als ihr«
    »So bleiben wir um grad so viel länger hier dann sind die beiden Zeiten
gleich«
    »Wir wünschen aber allein zu sein«
    »Wir werden so tun als ob ihr gar nicht vorhanden wäret und kein Wort mit
euch sprechen«
    »Aber ihr seht dass wir einen Toten hier haben Leichen aber
verunreinigen«
    »Uns nicht denn wir werden ihn nicht berühren«
    »Allah gebe mir die Beherrschung meines Zornes Du siehst und hörst doch
dass wir euch nicht bei uns haben wollen sondern eure Entfernung wünschen«
    »Und du siehst dass unsere Wünsche das Gegenteil erstreben darum kann Allah
nur die Erfüllung der Wünsche für die eine Partei im Buche des Lebens
verzeichnet haben und diese Partei sind wir In das aber was in dem Buche des
Lebens verzeichnet worden ist habt ihr euch zu fügen«
    Ich hatte immerfort in meinem freundlichsten er aber zuletzt in einem sehr
zornigen Tone gesprochen Ich war neugierig was sich aus diesem sehr
unerquicklichen Verhältnisse entwickeln werde Halef ging es ebenso wie mir er
hatte die Herunternahme des Tachtirwahn und die bequeme Unterbringung seiner
Hanneh unter ihr kleines schnell aufgeschlagenes Frauenzelt beaufsichtigt und
kam nun anstatt sich zu ihr zu setzen was er bisher unterwegs stets getan
hatte zu mir ließ einen Teppich neben dem meinigen ausbreiten und setzte sich
auf demselben nieder Dann sagte er leise
    »Warst du auf einen solchen Empfang vorbereitet Sihdi«
    »Nein« antwortete ich
    »Ich auch nicht Eine solche Undankbarkeit ist geradezu beispiellos Was
wirst du tun«
    »Zunächst ruhig abwarten Ihr Verhalten zu uns interessiert mich
außerordentlich und ihre Leichenceremonien auch Sei jetzt still Ich möchte
hören was sie beten«
    Der Vorbeter begann nämlich jetzt wieder
    »Das ist Muhammed der Herr dieser und jener Welt der Herr der Menschen und
der Dschinnen35 der Herr der beiden großen von einander gesonderten Scharen
der Menschenkinder der Araber und der Barbaren
    Unser Prophet den wenn er gebietet oder wenn er verbietet im Neinsagen
wie im Jasagen niemand an Wahrhaftigkeit übertrifft
    Er ist der Geliebte auf dessen Fürsprache wir hoffen bei jedwedem grauen
Schrecknisse dessen Gewalt wir anheimgefallen sind
    Wer sich an ihn anklammert klammert sich an ein Seil welches nimmer reißt
    Er übertraf die Propheten sowohl an Körpergestalt wie auch an Seelenadel
und sie kamen ihm weder an Wissen noch auch an Tugend oder Edelsinn nahe
    Sie die alle von dem Gesandten Allahs bittend die Erlaubnis begehrten aus
dem Meere mit der Hand zu schöpfen oder das Wasser der anhaltenden Regengüsse
schlürfen zu dürfen
    Und neben ihm den unterscheidenden Punkt seines Wissens oder die
tonangebende Bezeichnung seiner Weisheit zur äußersten Grenze hatten an welcher
sie dastanden ohne sie überschreiten zu können
    Ihn erkor der Schöpfer der Menschen sich zum Geliebten nachdem Inneres und
Äußeres bei ihm zur vollendeten Vollkommenheit gediehen war
    Er hat keinen neben sich der an seinen Vorzügen teilhat und das Wesen
seiner Schönheit ist ein ungeteiltes
    Was die Christen von ihrem Propheten behaupten das behaupte du ja nicht
sondern erkenne getrost an Lob ihm zu was ihm anzuerkennen dir nur immer
beliebt
    Und leg seiner Person jeden Adel bei den ihr beizulegen dir in den Sinn
kommt und lege seiner Würde jede Größe bei die ihr beizulegen du das Verlangen
hast
    Denn die Vortrefflichkeit des Gesandten Gottes hat keine Grenze so dass
irgend ein mit dem Munde Redender sie nicht in ihrer ganzen Grenze aussprechen
könnte
    Wenn seine Wunderzeichen der Größe seiner Würde entsprechen so wird sein
Name wenn man ihn nennt die hingeschwundenen Totengebeine beleben
    Mit Dingen welche der Verstand nicht begreifen kann hat er getrieben vom
Eifer für unsere Wohlfahrt uns verschont und so sind wir weder dem Zweifel
noch dem Wahne anheimgefallen
    Sein inneres Wesen aufzufassen ist eine Aufgabe welche das Vergnügen der
Sterblichen übersteigt und weder in der Nähe noch in der Ferne siehst du einen
der nicht ratlos dasteht wenn es gilt diese Aufgabe zu lösen
    Sein inneres Wesen gleicht der Sonne die in der Ferne sich dem Auge in
verschiedener Kleinheit zeigt und in der Nähe aber das Auge blendet
    Jede Reihe von Wunderzeichen welche die hohen Gesandten Allahs zu Tage
treten ließ ist nur von seinem Lichte her zu ihnen gelangt
    Denn er ist eine große Vortrefflichkeitssonne sie aber sind die Sterne
dieser Sonne und strahlen nur als seine Sterne ihr Licht den Menschen in die
Finsternissen        «
    Obgleich ich befürchten musste den Leser zu langweilen habe ich dieses
Gebet doch hierhergesetzt weil es aus Stellen der Burda eines der berühmtesten
muhammedanischen Gedichte besteht welches zum Lobe Muhammeds verfasst ist und
bei Begräbnissen recitiert wird Es ist vielleicht für manchen interessant ein
berühmtes islamitisches Gedicht wenn auch nur einen Teil desselben kennen zu
lernen mit dessen Schönheiten sich wie die Muhammedaner behaupten kein
Erzeugnis irgend eines andersgläubigen Dichters jemals vergleichen lassen dürfe
    Der »Alte« schien die Burda auswendig zu können denn er recitierte diese
Stellen ohne Hilfe eines Buches er war also kein gewöhnlicher Araber er machte
während des Betens überhaupt den Eindruck eines fanatischen Moslem welcher mit
den Obliegenheiten eines Geistlichen wohlvertraut ist dabei schweiften seine
Blicke sehr oft zu uns herüber und zwar mit einem Ausdrucke welcher nichts
weniger als freundlich genannt werden konnte In den Augen seines Sohnes aber
wohnte gar der offenbare vor uns nicht im geringsten verheimlichte Hass
    Auch jetzt wieder hatte das Gebet auf mich den Eindruck gemacht als ob es
nicht aus innerem Bedürfnisse aus der Seele heraus sondern aus einem andern
Grunde gesprochen werde Es klang so müd so abgespannt die Leute sprachen
langsam als ob es ihnen schwer werde sie ließ Stellen aus welche der
Vorbeter nicht ausgelassen hatte und nun da er eine Pause machte legten sie
sich nieder was er als Veranlassung nahm nicht wieder anzufangen
    Ich dachte mir dass sie nur beteten um uns keine Zeit zu lassen mit ihnen
zu sprechen Sie waren wahrscheinlich gesonnen uns keine Auskunft über sich zu
geben und da dies doch einen Grund haben musste glaubte ich annehmen zu dürfen
dass es kein für ihre Beurteilung vorteilhafter sei
    Während sie nun bewegungslos wie Tote dalagen brach die Dunkelheit
herein und von unsern Haddedihn wurde das Moghreb gebetet welches für kurze
Zeit nach dem Untergange der Sonne vorgeschrieben ist Als es dann vollständig
Nacht geworden war wurde das Aschiah oder Nachtgebet gesprochen Bei beiden
Fällen richteten sich die Fremden in die Kniee auf und beteten mit was sie als
Muhammedaner trotz ihres sonstigen Verhaltens zu uns unbedingt tun mussten doch
taten sie es leise ohne uns ihre Stimmen hören zu lassen ein Zeichen von
Missachtung welches wir aber so ruhig hinnahmen als ob wir es gar nicht
bemerkten Dann ging ich mit Halef zum Zelte seiner Hanneh um ein Feuer zu
machen zu welchem wir heut unterwegs gelegentlich dürres Gezweig geschnitten
hatten Die »lieblichste und wohlschmeckendste unter allen Köchinnen des
Erdkreises« wie Halef sein Weibchen nannte wenn von ihrer Kochkunst die Rede
war wollte uns Kaffee kochen und dann in der heißen Asche Kurss tari backen das
ist frisches Brot in kleiner Kuchenform Wir hatten zum edlen Werke des
Kaffeekochens einen Kessel mitgenommen und die Haddedihn hielten alle ihre auch
für heiße Flüssigkeiten haltbaren Lederbecher bereit um sich ihre Portion des
duftigen Getränkes geben zu lassen
    Als der Wohlgeruch desselben sich vom Feuer aus nach allen Richtungen
verbreitete wurden die Fremden wieder lebendig Sie hielten eine kurze leise
Beratung nach welcher der »Junge« aufstand und zu uns kam
    »Wir wollen auch Kaffee« sagte er indem er uns ein ja nicht zu kleines
Kürbisgefäss hinhielt
    Er hatte das nicht etwa bittend gesagt sondern in einem Tone als ob er nur
zu fordern brauche Halef machte sofort Miene aufzuspringen und ihn zornig
zurechtzuweisen ich hielt ihn aber am Arm nieder und übernahm die Beantwortung
selbst die sehr kurz und bestimmt klang
    »Der ist nur für uns«
    »Für uns auch« behauptete der Mensch
    Ich zuckte die Achsel und sagte nichts weiter auch Halef schwieg
    »Bekomme ich welchen« fuhr der Unverschämte mich an
    »Nein nein nein und zum vierten fünften zehnten und hundertsten
tausendsten Male nein« krachte jetzt der kleine Hadschi los der seinen Zorn
nun nicht länger beherrschen konnte
    Da drehte sich der Mann scharf auf der Ferse um und ging fort Seine Leute
hatten jedes Wort gehört sie steckten die Köpfe zusammen Was sie da sagten
konnte uns sehr gleichgültig sein
    »Sihdi meinst du dass wir uns vor diesen Leuten in acht nehmen müssen«
fragte Halef
    »Nein« antwortete ich »gar nicht«
    »Ich auch nicht Wir sind zweiundfünfzig wohlbewaffnete Männer und sie nur
fünf verschmachtete Personen Trotzdem aber denke ich dass wir während der Nacht
nicht alle schlafen dürfen«
    »Das ist natürlich auch meine Meinung Bestimme also von deinen Leuten
einige welche einander bis früh ablösen um munter zu bleiben«
    Später als der Duft des Brotes sich bemerkbar machte wurde der »Junge«
wieder her zu uns geschickt
    »Gebt uns auch Brot« forderte er in demselben Tone in welchem er vorhin
Kaffee verlangt hatte
    »Das ist auch nur für uns« antwortete ich wieder
    »Wir wollen auch essen«
    »So esst das was ihr habt«
    Er musste ohne Respektierung seines Befehles wieder fortgehen kehrte aber
bald mit einem neuen Verlangen zurück
    »So gebt uns Wasser einen vollen Schlauch«
    »Es ist alle geworden«
    »Ich sehe doch da die Dschirab36 liegen«
    »Die sind nur noch für uns Was wir übrig hatten habt ihr schon bekommen«
    »Kennt ihr die Gesetze und Gebote der Wüste und der Gastfreundschaft so
wenig dass ihr uns sogar das Wasser vorentaltet welches wir zu verlangen
haben«
    »Wir kennen alle Gesetze und Gebote sogar die Vorschriften der Höflichkeit
welche aber euch vollständig unbekannt zu sein scheinen Und nun mach dich fort
von uns sonst   «
    »Sonst fahre ich dir in die Beine dass du nicht nur gehen sondern in alle
Winde fliegen lernst« schrie ihn Halef mir in die Rede fallend zornig an
»Wasser Brot Kaffee Vielleicht verlangt dieser Kerl auch noch Kawuara37 und
eine Istridiar38 die so groß wie eine Tosbadschy afrita39 ist«
    Der kleine Hadschi hatte nämlich Schildkröten Austern und Kaviar als
Delikatessen kennen gelernt als er mit mir in Konstantinopel war Der Mekkaner
wenn er wirklich einer war drehte sich mit einer stolzen wegwerfenden
Handbewegung um und kehrte zu seinen Angehörigen zurück welche längere Zeit mit
einander berieten Als sie zu einem Entschlusse gekommen waren stand der Alte
auf und kam langsam und trotz seiner sichtlichen Schwäche in einer Haltung
herbei als ob sein hocherhobenes Haupt gewohnt sei eine Krone zu tragen
    »Ihr habt meinen Sohn nun dreimal von euch gewiesen« sagte er indem er auf
jedes Wort einen schweren Nachdruck legte wie einer der das Treffen mit
Kanonenschüssen einleitet um den Hauptvorstoss dann später folgen zu lassen
»Ich frage euch warum«
    Eigentlich war er gar keiner Antwort wert da man aber wohltut wenn man
mit solchen Leuten so deutlich wie möglich ist so zog ich es vor ihn nicht
warten zu lassen und erwiderte also
    »Glaubst du denn wirklich eine Antwort zu erhalten«
    »Natürlich«
    »Du bist nicht imstande sie dir selbst zu geben«
    »Nein«
    »Mit diesem Worte gestehest du ein dass du an Einsicht ein kleines Kind an
Unverstand und Unwissenheit aber ein Riese bist«
    »Beleidige mich nicht Ich bin gewöhnt dass man sich nur der größten
Höflichkeit gegen mich befleissigt«
    »Bist aber doch selbst ein Ausbund der Unhöflichkeit Wir sind berechtigt
wenigstens hörst du ich sage wenigstens dieselbe Achtung und Ehrerbietung zu
verlangen welche du vielleicht mit weniger Recht für dich in Anspruch
nimmst«
    »Ihr   « dehnte er so hochmütig dass ich ihm am allerliebsten gleich
eine Ohrfeige gegeben hätte »Doch ja ihr wisst nicht wer ich bin So hört es
denn und beugt dann in Demut eure Häupter Mein Ahne ist Qatadah ich bin ein
Nachkomme des berühmten Muhammed Abu Numehjj der hellsten Leuchte unter allen
Grossscherifen der heiligen Stadt Mekka Wenn wir seine Abkömmlinge sterben
werden unsere Leichen in einem hochfeierlichen Umgang siebenmal um die Kaaba
getragen Welcher andere Mensch auf Allahs weiter Welt kann sich einer solchen
Auszeichnung rühmen«
    »Bist du schon gestorben«
    »Nein« antwortete er verwundert
    »Also auch noch nicht um die Kaaba getragen worden«
    »Nein«
    »So warte mit der dir sehr anzuempfehlenden Geduld bis das geschehen ist
dann sind wir vielleicht bereit deiner Leiche mit Achtung zu gedenken«
    »Mensch wage nicht    Doch du kennst ja auch meinen Namen nicht ich
will also meinen Zorn bemeistern Es ist auch gar nicht nötig diesen Namen mit
dem verstopften Eingang deines Ohres zu belästigen es genügt vielmehr
vollständig dir zu sagen dass man mich El Ghani40 nennt und dass ich der
Liebling Aun er Rafiqs des jetzigen Grossscherifs von Mekka bin Nun weißt du
wie du dich gegen mich und uns alle zu verhalten hast«
    Anspruchsvoller und eingebildeter zu sein als dieser Mann war gar nicht
möglich Um zu erfahren wer der Tote war hielt ich mich noch zurück und
fragte
    »Auch gegen die andern Wer sind sie«
    »Der eine ist Ben Abadilah mein Sohn die übrigen drei sind Männer aus der
heiligen Stadt wo ihre Namen zu den angesehensten gerechnet werden«
    »Und der Verstorbene«
    »Der war ein Lieblingskind Allahs und des Propheten Er wurde El Münedschi41
genannt woraus du die unvergleichliche Höhe seiner Vorzüge erkennen kannst
Seiner Seele war die Gabe verliehen den Körper zu verlassen und nach entfernten
Orten und in entfernte längst verschwundene und auch zukünftige Zeiten zu
gehen um zu sehen und zu hören was kein anderer Sterblicher erfährt War sie
dann in den Körper zurückgekehrt so konnte El Münedschi alle Geheimnisse dieser
Zeiten und Orte mitteilen Er sprach mit den Dschinn und Mlajiki42 wie mit
seinesgleichen und hatte darum Macht über den Willen und die Taten aller mit
denen er verkehrte Nun ist er hingegangen in den Himmel Allahs zu denen mit
denen er schon während seines irdischen Lebens verkehrte Ich war sein bester
Freund Er wohnte in meinem Hause wo ich ihm eine Freistatt gab weil er blind
geworden war Ich übe die Barmherzigkeit welche Allah seinen Bevorzugten
geboten hat und er vergilt sie wieder Nun weißt du wer wir alle sind und
wirst mich und meinen Sohn um Verzeihung bitten«
    »Um Verzeihung bitten Wenn du glaubst dass «
    Ich konnte nicht weitersprechen denn Halef drückte mir die Hand auf den
Mund und sagte nein sondern rief
    »Schweig Sihdi ich bitte dich schweig Ich koche nämlich so wie vorhin
der Kaffee gekocht hat und wenn du mir nicht erlaubst an deiner Stelle zu
sprechen so zerplatzt der Kessel augenblicklich Darf ich Ja«
    »Gut ja Zerplatzen lassen darf ich dich doch nicht«
    »Ich danke dir Effendi ich danke dir Durch diese deine Erlaubnis
errettest du mich vielleicht vom Tode denn in dem jetzigen Augenblicke des
grässlichsten Zornes würde das längere Schweigen wahrscheinlich für mich ein Gift
sein an welchem ich binnen einigen Minuten sterben müsste«
    Er war aufgesprungen jetzt wendete er sich von mir zu El Ghani und fragte
ihn in jenem scheinbar ruhigen aber explosiven Tone in welchem er nur im
Zustande der zornigsten Aufregung zu sprechen pflegte
    »Du denkst also dass wir euch um Verzeihung bitten werden«
    »Ja« lautete die Antwort
    »Und vorhin hast du verlangt wir sollen in Demut unsere Häupter beugen«
    »Ja«
    »Hund Was bildest du dir ein Wir beugen unsere Häupter nur vor Allah aber
vor keinem Menschen und wenn es der Padischah selbst oder auch der Grossscherif
von Mekka wäre Vor dir aber    Ich sage dir dass ich lieber vor der
hässlichsten Kröte anbetend niederfallen würde als dass ich meinem ehrlichen
Haupte die aller allergeringste Neigung vor dir erlaubte Wenn du wirklich der
Liebling des gegenwärtigen Grossscherifs bist so werde ich ihn schleunigst
aufsuchen um ihm zu sagen dass er sich schnell einen anderen Liebling
anschaffen möge wenn er nicht den Gläubigen allen das unwürdige Schauspiel
bereiten wolle sich in Zeit von fünf Minuten vollständig totschämen zu müssen
Ihr Hunde und Söhne von Hunden und Urenkelskinder von Hundeahnen und
Hundenachkommen wart fast verschmachtet als wir kamen Eure schmutzigen Seelen
hingen nur noch am allerletzten und alleräussersten Bartaare mit euren
verdürsteten Gliedern zusammen Da gaben wir euch Wasser das Kostbarste was
man in der Wüste besitzt ihr trankt es aus einen ganzen großen Schlauch voll
ohne ein Wort des Dankes zu sagen Dann verlangtet ihr Kaffee ohne zu bitten
später warft ihr uns den Befehl euch Brot zu geben ins Gesicht und endlich
schicktest du uns die strenge Verordnung euch abermals mit Wasser unter die
Arme zu greifen wieder mit einem ganzen vollen Schlauche obgleich wir auch
eure Kamele getränkt hatten Wo soll dieses Wasser und immer wieder Wasser
herkommen Glaubst du denn wir können regnen lassen oder Quellen aus dem Boden
der Wüste stampfen Und das alles verlangst du in einer Weise als ob wir nicht
deine Sklaven sondern deine Hunde seien Du bist selber Hund und Hundeenkel ja
sogar Enkelshund In der Albernheit deines Hochmutes meintest du wir würden vor
Erstaunen über deinen Namen augenblicklich sämtliche Mäuler aufsperren und vor
Bewunderung sämtliche Finger so ausspreizen dass sie vor freudigem Schreck wie
Pfeile von den Händen flögen und gar nicht wieder zurückzukommen wagten Wie
nennt man dich denn El Ghani den Reichen Kannst du uns beweisen dass du
deinen Reichtum auf ehrliche Weise erworben hast dass er nicht mit Diebes und
Betrügerhänden zusammengeraubt und zusammengestohlen worden ist Und wenn es ein
rechtmässiger Besitz wäre so solltest du doch wissen dass man sich auf den
Reichtum gar nichts einzubilden hat weil man ihn von Allah nur für einstweilen
geliehen bekommt um denen wohlzutun die nichts besitzen Wir sind auch reich
sehr reich jedenfalls zehnmal hundertmal reicher als du aber wir brüsten uns
nicht damit und lassen uns noch viel weniger einen Namen daraus machen der doch
weiter nichts sein würde als wie bei dir ein untrügliches sicheres Zeichen
unserer dreifach aufgeblasenen Dünkelhaftigkeit Eigentlich sollte ich dir nicht
mit dem Munde sondern hier mit dieser Nilhautpeitsche antworten aber deine
Jammergestalt ist so mitleiderweckend und erbärmlich dass mir die Barmherzigkeit
aus allen Fingerspitzen niedertropft darum sollst du jetzt noch ohne Hiebe
davonkommen Aber solltest du nur noch ein einzigesmal und nur von weitem wagen
dir noch einmal den Anschein zu geben als ob wir nicht neunmal himmelhoch über
dir stünden so zerhaue ich dir das Hundefell dass im ganzen Erdkreise nicht
genug Platz für die davonfliegenden Fetzen und Haare zu schaffen ist Nun packe
dich fort und komme uns nicht wieder Und damit du weißt wer jetzt in so
liebreicher geduldiger Freundlichkeit mit dir gesprochen hat so mögen dich
unsere Namen nach deinem Sitze begleiten Ich bin nämlich Hadschi Halef Omar Ben
Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah der oberste Scheik der
Haddedihn von dem großen Stamme der Schammar«
    Er machte das Wort von der Begleitung wahr denn die Peitsche drohend in
der Hand trat er bei jedem Einzelnamen den Mekkaner so auf die Zehen dass
dieser zurückwich In dieser für uns köstlich anzusehenden Weise folgte er ihm
Schritt um Schritt oder vielmehr Fußtritt um Fußtritt indem er immer die
Peitsche schwingend fortfuhr
    »Und da sitzt der erleuchtete und in aller Welt hochberühmte Hadschi Akil
Schatir el Megarribnis Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim
Maschhur el Azami Ben Hadschi Taki Abu Fadl el Mukarram«
    Man sieht dass er meinen neuen Namen sehr gut auswendig gelernt hatte Jedes
Glied desselben ergab einen Tritt auf die Zehen El Ghanis welcher weil diese
Schritte zu schnell aufeinander folgten sich ihnen nicht entziehen konnte und
an seinem Platze angekommen ganz erschöpft dort niedersank ohne während des
ganzen Leidensweges Gelegenheit gefunden zu haben auch nur ein Wort
hervorzubringen
    »So da sitzest du nun in deiner ganzen unbegreiflichen Herrlichkeit«
meinte Halef jetzt im Tone der Befriedigung »Wenn dir der Hochmut wieder in den
Füßen juckt so brauchst du es mir bloß zu sagen ich trete ihn dir gern aus
allen Zehen«
    Er kehrte zurück und setzte sich wieder neben mich nieder
    »Sihdi« fragte er leise »habe ich das gut gemacht oder nicht«
    »Ich bin mit dir zufrieden« antwortete ich
    »Und du Hanneh«
    Sie die an seiner anderen Seite saß erwiderte
    »Mein Halef ist gleich tapfer in Worten wie in Taten ihm kann nicht einmal
der Liebling des Grossscherifs widerstehen«
    »Nein der am allerwenigsten Und du« wendete er sich an seinen Sohn der
seinen Platz neben der Mutter hatte »folge für dein ganzes Leben dem Beispiele
deines Vaters der keine Beleidigung seiner Ehre duldet sondern der vielmehr
selbst Muhammed dem Propheten aller Moslemin auf sämtliche Zehen treten würde
wenn diesem der Gedanke beikommen sollte dem obersten Scheik der Haddedihn die
schuldige Achtung zu verweigern«
    Das energische und für uns andere so still belustigende Verhalten des
Hadschi hatte die Mekkaner so eingeschüchtert dass sie wenigstens für jetzt
nicht laut mit einander zu sprechen wagten Sie saßen oder lagen still
beisammen und wenn einer etwas sagte so geschah es so leise dass wir es nicht
hören konnten
    Das Viertel des Mondes war aufgegangen und übergoss die beiden Gruppen die
kleinere der Mekkaner und die größere der Haddedihn mit genugsam Licht um uns
alles was die ersteren taten deutlich sehen zu lassen Die verhüllte nach
Mekka gerichtete Leiche machte einen ganz eigenen Eindruck auf uns wenigstens
auf mich Seit wann war der blinde Münedschi schon tot Wir wussten es nicht In
der Wüste pflegt man wie in muhammedanischen Ländern überhaupt Verstorbene
sehr schnell zu begraben Wir mussten darauf verzichten etwas darüber zu
erfahren denn nach dem Vorgefallenen konnte es uns nicht einfallen ferner ein
Wort mit diesen Leuten zu sprechen Ebenso würden so glaubten wir sie sich
vollständig schweigend gegen uns verhalten Darum waren wir nicht wenig
erstaunt als nach einiger Zeit El Ghani aufstand bis zur Hälfte zu uns
herüberkam und mir die Worte zuwarf
    »Dein Name ist Hadschi Akil Schatir wie ich gehört habe Darf ich mit dir
sprechen«
    »Ja« antwortete ich verwundert darüber dass der Anfang meines Namens trotz
der Fußtritte in seinem Gedächtnisse sitzen geblieben war
    Da fiel ohne das weitere erst abzuwarten Halef ein
    »Aber befleissige dich ja der Ausdrücke ganz ergebenster Hochachtung denn
dieser Effendi stammt aus dem Wadi Draha im fernen Moghreb und ist der grössste
und berühmteste Gelehrte des Morgen des Mittag und des Abendlandes«
    »Ich möchte gern wissen ob ihr uns richtig gesagt habt wer und was ihr
seid«
    »Wir haben die Wahrheit gesprochen« antwortete ich
    »Darf ich prüfen ob du wirklich ein so großer Gelehrter bist Effendi«
    »Ich habe nichts dagegen obgleich du jedenfalls nicht der Mann bist der es
sonst unternehmen dürfte mich zu prüfen«
    »Was haben wir vorhin gebetet«
    »Einen Teil der Burda«
    »Von wem ist dieses Gedicht«
    »Von El Buschiri«
    »Sage mir seinen vollständigen Namen«
    »Scharaf ed Din Abu Abdallah Muhammad Ben Saïd Ben Hammad Ben Muchsin Ben
Abdallah Ben Schamhagh Ben Hilal Aschamhagi Das ist der Name den du
wahrscheinlich selbst nicht auswendig gewusst hast«
    »Ich wusste ihn denn jeder Gelehrte kennt ihn genau darum weiß ich jetzt
dass du wirklich ein Gelehrter bist Aber wie beweisest du mir dass diese Leute
auch wirklich zum Stamme der Haddedihn gehören«
    »Ich habe dir gar nichts zu beweisen es ist uns höchst gleichgültig ob du
es glaubst oder nicht«
    »Dieses dein Verhalten beweist dass es wahr ist Nun will ich fragen ob es
euch stört wenn wir die vorgeschriebenen Gebete über den Toten weitersprechen«
    »Die Vorschriften der Religion soll man erfüllen«
    »Werdet ihr uns noch Wasser geben«
    »Nein Höchstens dann wenn ihr uns darum bittet«
    »Geht euer Ritt nach Mekka der heiligen Stadt«
    »Ja«
    »Der unserige auch Wir werden jetzt den Toten begraben und dazu beten Dann
brechen wir auf Da ihr unsere Kamele getränkt habt halten sie es nun bis zum
Bir Hilu aus wir aber würden verdursten wenn wir nicht noch hier und unterwegs
trinken könnten Darum bitten wir euch noch um einen Schlauch«
    »Gut weil du bittest werdet ihr ihn bekommen Ihr habt Schläuche bei euch
von denen einer gefüllt werden mag«
    »Ich   danke   dir«
    Er dehnte die Silben weit auseinander und legte einen ungewöhnlichen
Nachdruck darauf was mich aber nicht veranlassen konnte mein Wort nicht zu
halten Als er an seinen Platz zurückgekehrt war und sich dort niedergesetzt
hatte begannen sie die Haschrijeh ein Begräbnislied zu singen in welchem
der jüngste Tag beschrieben wird Es beginnt
    »Ich preise die Vollkommenheiten dessen der alles geschaffen hat was
Gestalt besitzt Er unterwarf seine Diener dem Tode welcher alle Geschöpfe samt
den Menschen zur Vernichtung bringt«
    Als dieser in widerlich klingenden Fisteltönen vorgetragene Gesang beendet
war wühlten sie etwas entfernt von ihrem jetzigen Platze mit ihren Händen in
dem lockeren Sande eine Grube auf holten den Toten und legten ihn hinein Dann
knieten sie den Vorbeter ausgenommen dort nieder Dieser blieb stehen und rief
    »Kommt herbei ihr Gläubigen denn ich habe das Leichengebet über den
verstorbenen Muslim welcher hier anwesend ist zu sprechen«
    Diese Aufforderung ist Vorschrift Wir gingen zwar nicht hin standen aber
auf weil es nach den Regeln des Islam eine unverzeihliche Sünde gewesen wäre
sitzen zu bleiben Jetzt erhob er die Hände bis zum Kopfe berührte mit den
Daumen die Ohren und rief
    »Gott ist groß Gott ist sehr groß«
    Die Mekkaner wiederholten diese Worte laut Er recitierte hierauf die
Fatha das erste Kapitel des Kuran rief nochmals »Gott ist sehr groß« was
wiederholt wurde und fügte hinzu
    »O Gott sei günstig unserm Herrn Muhammed dem der Schrift unkundigen
Propheten auch seiner Familie und seinen Gefährten und behüte sie    
Gott ist sehr groß«
    Nachdem auch dieser Ruf wiederholt worden war betete der Ghani
    »O Gott wahrlich das ist dein Diener und der Sohn deines Dieners Er ist
weggegangen aus dem Schlafe der Welt und ihrer Geschäftigkeit und von allem was
er liebte und von denen die ihn hier liebten in die Finsternis des Grabes und
zu dem was er erfährt Er bekannte dass es keinen Gott gibt als dich allein
dass du keinen Genossen hast und dass Muhammed dein Diener dein Gesandter sei
und dass du hinsichtlich seiner allwissend seist O Gott er ist hingegangen zu
wohnen bei dir denn du bist der beste bei dem man wohnen kann Er bedarf
deines Erbarmens und du bedarfst seiner Strafe Wir sind zu dir gekommen
flehend dass wir für ihn eintreten möchten O Gott wenn es einer war der Gutes
tat so rechne ihm seine guten Taten an wenn er aber einer war der übel
tat so rechne ihm seine bösen Taten nicht an Gewähre in deinem Erbarmen dass
er deinen Beifall finde und spare ihm die Prüfung des Grabes und dessen Qual
mache ihm sein Grab weit und halte ab die Erde von seinen Seiten und gewähre
in deinem Erbarmen dass er Sicherheit finde vor deiner Qual bis du ihn
wohlbehalten sendest zu deinem Paradiese O du Erbarmendster unter denen die
sich erbarmen    Gott ist sehr groß    O Gott verweigere uns nicht
unsern Lohn für den Dienst den wir ihm erwiesen und führe uns nicht zur
Prüfung nach ihm Vergieb uns und ihm und allen Moslemin o Herr aller
Geschöpfe«
    Nach diesem Schluße des eigentlichen Gebetes verneigte er sich nach rechts
und nach links und sagte dabei zweimal
    »Friede sei über euch und das Erbarmen Gottes«
    Dieser Gruß gilt den Engeln welche nach muhammedanischem Glauben unsichtbar
zu beiden Seiten stehen Dann forderte er seine Leute nach der Vorschrift auf
    »Gebt euer Zeugnis über diesen Toten«
    »Er war einer von den Tugendhaften« antworteten sie
    Als nun der Tote mit Sand bedeckt worden war folgte die Fatha wieder und
hierauf das Schlussgebet welches aus den drei letzten Versen der Sure Bagarah
besteht
    »Alles was im Himmel und auf Erden ist gehört Gott Er wird euch über das
was sich in eurem Herzen befindet mögt ihr es veröffentlichen oder
verheimlichen zur Rechenschaft ziehen Er verzeiht wenn er will und er
bestraft wenn er will er Gott der über alle Dinge mächtig ist Der Prophet
glaubt an das was ihm von Gott offenbart worden ist und alle Gläubigen glauben
an Gott an seine Engel an seine Schrift und an seine Propheten Wir machen
keinen Unterschied zwischen seinen Propheten Sie sagen Wir hören und
gehorchen Dich aber o Herr bitten wir um Gnade denn zu dir kommen wir einst
Gott zwingt niemanden über seine Kräfte zu tun aber den Lohn dessen was man
Gutes oder Böses getan hat wird man erhalten O Herr bestrafe uns nicht wenn
wir ohne oder mit Absicht gesündigt haben Lege uns nicht auf das Joch welches
du denen auferlegtest die vor uns lebten Lege uns nicht mehr auf als wir
tragen können Verzeihe uns vergib uns erbarme dich unser du bist unser
Beschützer Hilf uns gegen die Ungläubigen«
    Hiermit war die Zeremonie beendet die bei Begräbnissen in bewohnten Orten
natürlich eine ganz andere ist
    Nun schickte El Ghani einen seiner Leute mit einem leeren Wasserschlauch zu
uns den wir füllen ließ dann rüsteten sie sich zum Aufbruche Als sie die
Kamele bestiegen hatten ritten die andern fort ohne uns zu beachten El Ghani
aber lenkte das seinige nahe zu uns heran und rief uns zu
    »Ihr habt nicht laut mitgebetet obwohl das eure Pflicht gewesen wäre Darum
haben wir das Angesicht des Toten unbedeckt gelassen damit er euch im Jenseits
verfluche wenn ihr nicht dadurch Teil an seiner Bestattung nehmt dass ihr ihm
die noch fehlende Erde gebt Eure Beleidigungen habe ich behalten ich nehme sie
mit mir aber sobald ihr nach Mekka kommt rechne ich dort mit euch ab Es
bleibt euch keines eurer Worte geschenkt Allah verfluche euch«
    Da sprang Halef auf riss die Peitsche empor sprang dem Mekkaner nach und
langte ihm zwei oder drei so kräftige Hiebe zu dass der Getroffene vor Schmerz
brüllte Er hatte bei der außerordentlichen Behendigkeit des Hadschi keine Zeit
gefunden sich schnell genug davonzumachen Dieser rief ihm noch nach
    »Hund Hundsgrossvater und Urhundsenkel Da hast du einen Teil der Abrechnung
schon heute mit Den Rest werde ich dir in Mekka ehrlich zahlen Mach dich
gefasst Was ich verspreche halte ich gewiss«
    Es klangen noch einige Flüche zu uns her dann war der »Liebling des
Grossscherif« mit seinen Leuten verschwunden
    Die Haddedihn tauschten sehr lebhaft ihre Meinung über unsere Begegnung mit
den Mekkanern aus Halef beteiligte sich natürlich sehr daran ich war still
Als ihm das nach längerer Zeit auffiel fragte er mich nach dem Grunde meines
Schweigens Ich musste die Antwort für später aufheben mein Schweigen sollte
eine Strafe für ihn sein ich wusste wie empfindlich er dafür war In Gegenwart
seiner Frau und seines Sohnes konnte ich ihm doch nicht sagen dass er zwei
unverzeihliche Fehler begangen hatte Er hätte den Mekkanern unsere Namen nicht
sagen und dann zuletzt El Ghani nicht schlagen dürfen denn wenn dieser wirklich
ein angesehener Bürger der heiligen Stadt war und gar in persönlicher Beziehung
zu dem Grossscherif stand so konnte er uns nicht nur bedeutende Ungelegenheiten
sondern noch viel mehr bereiten zumal ich ja nicht Muhammedaner und darum auf
die größte Vorsicht angewiesen war
    In Beziehung auf den wiederholt genannten Scherif von Mekka bemerke ich dass
das Wort Scherif so viel wie edel adelig erhaben bedeutet Unter einem
Scherife versteht man einen direkten Abkömmling Muhammeds durch dessen Tochter
Fatima welche die Frau Alis war Den Scherifs steht es allein zu einen grünen
Turban und ein grünes Oberkleid zu tragen Die kleinste Beleidigung eines
solchen Edlen wird sehr streng geahndet Die Sherifwürde überträgt sich sowohl
durch männliche wie auch weibliche Personen Man hat besonders in Persien
mehrere Zweige der Eschraf43 so die Aliiden Fatimiden Dschafariden doch
gibt es auch Familien welche sich als scherif bezeichnen es aber nicht sind
Dies ist der Fall obwohl in fast jeder mohammedanischen Stadt von besonderen
Beamten welche Nakyb el Eschraf heißen Listen über die zu diesem Titel
berechtigten Familien und Personen geführt werden welche alljährlich mit der
großen Pilgerkarawane nach Mekka gebracht und dem dortigen Grossscherif zur
Ansicht und Bestätigung vorgelegt werden Er ist der Stammfürst sämtlicher
Nachkommen des Propheten der Stattalter von Mekka und oberster Hüter der Kaaba
und sämtlicher Heiligtümer und bekommt jährlich vom Sultan reiche Geschenke
geschickt Das Scherifat ist eigentlich nur eine geistliche Auszeichnung oder
Würde und ein Scherif soll durch seine direkte Abstammung von Muhammed nicht
weltliche Vorteile genießen aber in der muhammedanischen Welt dominieren in
jeder Beziehung die geistlichen Verhältnisse und so glauben auch die Eschraf
das Recht zu haben in Beziehung auf die materiellen Güter ebenso wie in
geistlicher Hinsicht den Nichtabkömmlingen des Propheten weit voranzustehen
Diesen Standpunkt nimmt besonders der Grossscherif der Scherif el Eschraf44 ein
Er dünkt sich nicht niedriger zu stehen als der Sultan der doch der Kalif
also der Oberhirt und Beherrscher aller Gläubigen ist und die Geschichte hat
schon wiederholt Beispiele davon gebracht dass der Herr der Kaaba gar wohl im
stande ist dem Padischah die Faust zu zeigen zumal der Weg von Stambul nach
Mekka ein weiter ist und es also seine Schwierigkeiten hat die Zügel zwischen
dort und hier so straff zu halten wie es eigentlich geschehen sollte Den
Millionen muhammedanischer Pilger welche nach Mekka und Medina kommen
erscheint der Grossscherif näher als der von den Heiligtümern so ferne Sultan
und so ist es nicht zu verwundern dass sie glauben mehr unter der Macht und dem
Einflusse des ersteren als des letzteren zu stehen
    Dies also ist über den Grossscherif zu sagen dessen Liebling sich el Ghani
genannt hatte Obwohl ich nun annahm dass diese Bezeichnung auch in der
bekannten orientalischen Übertreibung gebraucht worden war so musste etwas
Wahres doch daran sein Er stand in irgend einer Beziehung zu dem Beherrscher
derjenigen Orte welche ich besuchen wollte obgleich mir dies als Christen bei
Todesstrafe verboten war und konnte mir bei jeder ihm beliebigen Gelegenheit
Fallstricke legen denen trotz aller Vorsicht aller Klugheit und auch allen
Mutes nicht zu entgehen war Und das hatte ich dann der Unüberlegteit Halefs zu
verdanken dessen heissgeliebte Peitsche in Bewegung gesetzt worden war obgleich
der grüne Turban den El Ghani trug bewiesen hatte dass er auch zu den
Abkömmlingen Muhammeds gehörte deren Beleidigung zehnfach gefährlicher als jede
andere ist Mit der sehr kräftigen aber doch bloß wörtlichen Zurückweisung der
Arroganz des Mekkaners durch den Hadschi war ich vollständig einverstanden
gewesen weil dies kein unberechtigter zur Rache herausfordernder Angriff
sondern eine sehr berechtigte Abwehr gewesen war aber Prügel mit der Peitsche
einem Araber welcher die Würde eines Scherif bekleidete das war eine
Übereilung mit welcher ich unmöglich einverstanden sein konnte Ich nahm daher
die Gelegenheit wahr dem Hadschi zu folgen als er vor dem Schlafengehen noch
einmal nach seinem Pferde sah Da waren wir allein Mein ununterbrochenes
Schweigen hatte die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt Er empfing mich mit
den Worten
    »Du bist zornig auf mich Sihdi weil ich diesem hochmütigen Menschen meine
Kurbadsch45 zu schmecken gegeben habe«
    »Natürlich Wunderst du dich vielleicht darüber« antwortete ich
    »Nein aber er hatte es verdient«
    »Die Klugheit verbietet sehr häufig den Menschen nach dieser Art von
Verdienst zu behandeln Du hättest schon unsere Namen nicht sagen dürfen es war
auf alle Fälle besser wenn er über uns im unklaren blieb Aber du musst jedem
unbekannten Menschen gleich sagen was für ein berühmter Kerl du bist«
    »Bin ich das etwa nicht«
    »Nein«
    »Aber du«
    »Auch nicht Wir sind in gewissen Gegenden bekannt das ist alles Wir beide
brauchen uns gar nichts einzubilden es gibt überall Hunderte und Tausende von
Menschen die noch ganz andere Kerls sind als du und ich Du aber denkst ein
Scheik der Haddedihn und ein hier im Oriente herumkrabbelnder abendländischer
Dudi el Kutub46 seien die hervorragendsten und gewaltigsten aller Erdenbewohner
weil sie einmal einen Löwen geschossen haben oder vor einigen Kurden nicht
gleich ausgerissen sind Für so hochwichtige Leute darfst du uns denn doch nicht
halten Ich sage dir wenn eine ganze Million Menschen unserer Sorte jetzt
plötzlich stürbe die Weltgeschichte würde ihren Gang sehr ruhig weitergehen«
    »Das glaube ich nicht Sihdi«
    »Es ist aber so«
    »Nein denn meine Haddedihn gehören doch auch zur Weltgeschichte und wenn
ich jetzt plötzlich stürbe so würde die Haddedihnsche Abteilung der Geographie
und Geschichte in die bittersten Tränen ausbrechen und eine sehr traurige
werden Und was soll aus dem Stamm der deutschen Beduinen werden wenn du hier
stirbst und nicht zu ihnen wiederkehrst Zunächst würde in deinem Harem sich ein
großes Weinen und Klagen erheben und von diesem deinem Frauenzelte aus würde
sich dann eine niemals versiegende Flut der Tränen ergießen über alle Berge
Täler und Ebenen deines Vaterlandes Die Palmen eurer Oasen würden eingehen vor
Schmerz und die Herden der Kamele hinsinken durch die Seuche unheilbarer
Traurigkeit Es würde ein großer unendlicher Jammer ausbrechen    «
    »Sei still« unterbrach ich ihn »Meine Emmeh würde trauern und mir sehr
bald nachfolgen davon bin ich überzeugt sonst aber dürfte deine niemals
versiegende Tränenflut nur deine Phantasie überschwemmen Wir sind nichts
Besseres als andere Menschen und haben keine Ursache zu solchen Posaunentönen
wie du immer erschallen lässest wenn von dir und mir die Rede ist Hörst du
wohl ich sage dir und mir Weißt du was ich meine«
    »Nein«
    »So oft ich von uns beiden spreche bin ich so höflich dich zuerst zu
nennen das habe ich stets getan Du aber sagst stets mir und dir oder mich und
dich stellst also immer dich voran Das habe ich jahrelang beobachtet und
niemals eine Ausnahme bemerkt Kannst du dir wohl denken als welchen Beweis ich
mir diesen an und für sich geringfügigen Umstand wohl habe gelten lassen«
    »Sihdi von diesem Umstande weiß ich ja gar nichts«
    »Das ist es ja eben Wenn ich mit dir von uns beiden spreche so denke ich
nicht nur an die dir schuldige Höflichkeit sondern auch an meine Freundschaft
und Liebe zu dir welche mich bestimmen dich stets voranzusetzen Du aber weißt
nichts davon du denkst gar nicht daran und weil du dich für einen ungeheuer
bedeutenden Menschen hältst bringst du dein liebes Ich ohne alle Ausnahme stets
zuerst«
    »Ist das wahr Effendi«
    »Ja«
    »Das möchte ich aber doch kaum glauben«
    »Ich könnte es dir beweisen wenn auch nur indirekt«
    »Wodurch«
    »Du weißt dass ich in meinen Büchern auch unsere Reisen und Erlebnisse
beschreibe Du hast mich gebeten dich ganz genau so zu schildern wie du bist
um Allahs willen ja nicht anders Das habe ich getan und nun kann jeder der
ein solches Buch in die Hand bekommt nachschlagen und sich überzeugen dass du
mich immer hinter dich stellst mich stets erst nach dir nennst«
    Da fasste er mich schnell und kräftig am Arm zog mich einige Schritte fort
als ob jemand dastehe der seine Worte nicht hören solle und fragte mich in
erschrockenem hastigem Tone
    »Du Sihdi steht das wirklich in den Büchern«
    »Ja«
    »Und jeder kann es lesen«
    »Meine Bücher befinden sich in mehr Händen als du denkst Hunderttausende
haben es schon gelesen«
    »Sei barmherzig und sag dass es nicht so ist«
    »Das kann ich nicht denn es ist wirklich so«
    »Alla kerihm So sei Allah mir gnädig Was müssen diese Leute alle von mir
denken Für was müssen sie mich halten den Scheik der Haddedihn vom großen
Stamme der Schammar Wenn mein Mich stets vor deinem Dich zu finden ist ohne
dass ich deinem Dir vor meinem Mir den Vortritt lasse so ist zu befürchten dass
unser Uns auch stets an der unrechten Stelle steht Mein ganzer Ruhm ist hin
Man wird mein Ich für ungeheuer rücksichtslos halten und mich mit Recht der
unhöflichen und also unverzeihlichen Zurückstellung deines dir mit vollstem
Rechte gehörenden Du beschuldigen Die Ehre meiner bescheidenen Unterwürfigkeit
ist hingeschwunden und der Glanz meiner schönen Umgangsform in Finsternis
verwandelt O Sihdi warum warum hast du das mir deinem treuen Halef
angetan«
    »Du hast es so gewollt Ich sollte dich ja nicht anders beschreiben als du
bist«
    »Das ist wohl wahr aber als ich diesen Wunsch aussprach war mir das Mich
und Dich ganz unbekannt Nun ist dein Hadschi Halef im ganzen Abendlande ein
anrüchiger Mensch geworden und all mein einstiger guter Ruf hat sich in Schimpf
und Schmach verkehrt Ich bin eine verdorbene Wassermelone ein fauler Apfel
ein wurmstichiger Buchecker geworden den kein Sindschab47 verzehren mag Sei
gütig gegen mich Effendi und sag ob das nicht noch zu ändern ist«
    »Was einmal im Buche steht kann leider nicht daraus entfernt werden«
    »Aber wie da wenn du ein neues schreibst«
    »Da will ich dir ganz gern deinen Wunsch erfüllen und zeigen dass du dich
geändert hast Nur muss diese Änderung auch Wahrheit sein«
    »Sie wird es sein das verspreche ich dir Da du mein Freund bist muss es
doch wohl mich und dich betrüben wenn   «
    »Halt« unterbrach ich ihn »Da eben hast du wieder mich und dich gesagt und
dich vorangestellt«
    »Sihdi glaube mir ich wollte hinterherkommen bin mir aber in der Eile so
verkehrt aus dem Munde gefahren dass du keinen Platz gefunden hast vor mir zu
erscheinen Ich bitte dich mich stets und sofort zu erinnern wenn du den
Vorrang nicht bekommst der dir gebührt Also diese Zurücksetzung des Dich hat
mich bei dir um meinen Ruhm gebracht«
    »Nicht um den Ruhm gebracht ich habe nur sagen wollen wie bezeichnend sie
für dich und deine Art und Weise ist Das war die Bestrafung deiner
Unüberlegteit im Verhalten zu el Ghani Deine Peitsche heut kann uns sehr viel
sogar das Leben kosten Er ist Araber also rachsüchtig und sodann gar Scherif
Hast du denn die grüne Farbe seines Turbans nicht beachtet«
    »Sihdi es wurde mir vor Zorn so grün vor den Augen dass die Farbe des
Turbans sich gar nicht extra unterscheiden ließ Ich hoffe doch dass du wenn du
unser Zusammentreffen mit den Mekkanern beschreibst mich und die Kurbadsch
nicht mit erwähnst«
    »Hm Diesen Gefallen möchte ich dir wohl gern tun glaube aber dass es mir
nicht möglich sein wird«
    »Warum nicht«
    »Weil sich wahrscheinlich die Folgen deiner schnellen Handlungsweise
einstellen werden und wenn ich von diesen erzähle muss ich auch die Ursache
deine Peitsche erwähnen«
    »Das tut mir leid sehr leid Du kannst dir doch denken dass ich nicht gern
als ein Mensch beschrieben sein will der nichts als Dummheiten macht«
    »So hüte dich welche zu begehen«
    »Das mir zu sagen ist wohl leicht aber wenn es mir in der Zunge oder in
den Gliedern zuckt so springt die Katze heraus ehe ich sie festhalten kann Es
ist mir aber ein gutes ein sehr gutes Mittel der Bedachtsamkeit eingefallen
vorhin als du die Bücher erwähntest Ich habe mir vorgenommen in diesen
Büchern von jetzt an als leuchtendes Vorbild reiflicher Überlegung und ernster
Behutsamkeit zu glänzen ich werde keinen Finger mehr eher bewegen als bis ich
mir ganz genau berechnet habe welcher von den zehn die ich besitze es sein
muss dabei aber musst du mich als Freund unterstützen indem du mich sofort an
die Bücher welche du noch schreiben willst erinnerst falls ich mich in Gefahr
befinde etwas zu sagen oder zu tun was ich verschweigen oder unterlassen
soll«
    »Da bin ich einverstanden ich werde es gern tun«
    »Aber das braucht keiner der dabei steht zu bemerken Darum musst du
vermeiden mir eine lange Rede zu halten Sihdi«
    »Hast du mich als einen Freund von langen Reden kennen gelernt Halef«
    »Nein Aber auch mir wird ein einziges Wort genügen«
    »Welches«
    »Kultub48 Sag einfach Kultub so weiß ich was du meinst ohne dass ein
anderer es erfährt Sobald du dieses Wort aussprichst werde ich sofort daran
denken dass ich den vielen vielen Lesern deiner Bücher als erhabenes Vorbild
und unerreichtes Muster aller irdischen und männlichen Tugenden zu gelten habe
Dieses Wort wird mich im größten Zorne beruhigen indem es meinen Grimm mit
Sanftmut übergiesst es wird mich in jeder Aufregung überhaupt in jeder Lage
zur Besinnung und Überlegung dessen bringen dass derjenige Teil der
Weltgeschichte welcher von mir von meinen Worten und Werken handeln wird
nichts enthalten darf wodurch der Glanz meines Ruhmes verdunkelt werden könnte
Also nur dieses eine Wort Kultub brauchst du zu sagen wenn du den wütenden
Löwen der ich zuweilen bin schnell in ein stilles geduldiges Lamm verwandeln
willst Dafür bin ich aber auch überzeugt zur Besänftigung deines Zornes nun
alles getan zu haben was du von mir verlangen kannst und bitte dich den
überflüssigen Schwung den ich meiner Peitsche gegeben habe nicht wieder zu
erwähnen«
    Mit diesen Worten war für ihn die Sache abgemacht für mich aber freilich
noch nicht denn ich war überzeugt dass die Folgen gewiss nicht auf sich warten
lassen würden
    Jetzt war es Zeit uns schlafen zu legen ich sah also noch einmal nach dem
Hedschihn welches ich während dieser Reise ritt und rief dann meinen Hengst
Assil zu mir denn er war jetzt ganz genau so mein Schlafkamerad wie sein Vater
Rih es früher gewesen war Sein Hals diente mir als Kopfkissen und vor dem
Einschlafen sagte ich ihm die für ihn bestimmte Sure in das Ohr Dann wurde es
rundum still denn außer dem einen Haddedihn auf welchen die Wache gefallen
war hatten sie alle sich zur Ruhe gelegt Später wurden wir durch einen Schuss
aus dem Schlaf geschreckt die Geier hatten sich zu nahe an den Toten gewagt und
waren von dem Wächter vertrieben worden Als ich später wieder aufwachte war es
um die Zeit des Fagr des Gebetes um die Zeit der Morgenröte Die meisten der
Haddedihn waren schon munter Hanneh hatte das Feuer wieder angezündet um den
Morgenkaffee zu kochen zu welchem die gestern übrig gebliebenen Brotkuchen
verzehrt werden sollten
    Hierbei will ich bemerken dass der Beduine außerordentlich mäßig lebt und
nur bei festlichen Schmausereien von dieser Regel eine Ausnahme macht Der
Fremde welcher sich denselben Anstrengungen wie der Einheimische unterwerfen
will muss sich auch ganz derselben Mäßigkeit befleissigen wenn er nicht von
Krankheiten schnell dahingerafft sein will Ich denke da noch heut mit großem
Vergnügen eines Zusammentreffens zwischen mir und einem Wüstenreisenden dessen
Werke nicht unbekannt sind Er erzählte mir mit großer sichtlicher
Befriedigung dass er »in der Wüste« stündlich mehrere Glas Wasser getrunken
habe Er reiste mit vierzehn Zelten Sobald diese aufgeschlagen waren nahm er
ein Frühstück zu sich welches aus einer Flasche Wein Sardinen kalter Zunge
und Biskuit bestand hierauf aß er zu Mittag eine »Suppe ersten Ranges« so
nannte er sie nämlich Sie bestand notabene für ihn ganz allein aus drei
Hühnern und einer ganzen Ochsenschwanz oder SchildkrötenKonserve Hierauf
folgten Schafs oder Lammbraten eine Eier oder Reisspeise Biskuit nebst Wein
und Kaffee Dieser Herr versicherte mir im Tone stolzer Genugtuung dass er »in
der Wüste« niemals einen Beduinen besucht habe ohne Handschuhe anzuziehen Und
das was er mir erzählte hat er auch geschrieben und durch den Druck
veröffentlicht Wenn es Europäer gibt welche in südlichen Ländern in dieser
ausgiebigen Weise für das Wohlbefinden ihres Körpers sorgen so ist es gar kein
Wunder wenn die durch diese Völlerei erzeugten überschüssigen Säfte sich auf
dem auch schon nicht mehr ungewöhnlichen Wege des Tropenkollers Luft zu machen
suchen Ich habe stets genau in derselben Weise wie die Eingeborenen gelebt und
bin nie der Ansicht gewesen dass ich mich durch den Genuss von Extraspeisen und
Delikatessen vor ihnen auszeichnen müsse Was sie hatten und aßen das hatte und
aß auch ich und da ich diesen Grundsatz auch in jeder andern Beziehung
verfolgte so bin ich mit ihnen stets auch ohne Tropenkoller sehr gut
ausgekommen
    Als wir den Morgenkaffee zu uns genommen hatten durften wir an unsern
Aufbruch denken vorher aber hatten wir das zu tun was zu tun wir uns durch
die Malice el Ghanis gezwungen sahen Wir mussten die Leiche des Münedschi
vollends mit Sand bedecken wenn wir uns nicht einer ganz unverzeihlichen
religiösen Unterlassungssünde schuldig machen wollten Es wurden einige
Haddedihn damit beauftragt denen Halef befahl es nicht bloß bei dem einfachen
Zudecken zu lassen sondern einen hohen und möglichst festen Grabhügel
aufzubauen damit die Geier dann nicht zu der Leiche könnten Meiner alten
Gewohnheit folgend mich womöglich um alles selbst mit zu bekümmern ging ich
mit diesen Leuten nach der Stelle wo die Mekkaner ihren Toten liegen gelassen
hatten Halef war auch dabei
    Der Körper der Leiche war im Sande eingegraben der Kopf noch nicht das
Gesicht hatte man mit einem Zipfel des Gewandes bedeckt Ich schlug diesen
Zipfel zurück
    »Allah w Allah« sagte Halef »Welcher Ausdruck der Ehrwürdigkeit So wie
diesen Mann habe ich mir die Propheten vergangener Jahrhunderte vorgestellt«
    Er hatte recht es ging mir grad so wie ihm Ich hatte wohl noch selten ein
so schönes Ehrfurcht gebietendes Greisenangesicht gesehen noch jetzt im Tode
schön
    »Er hat nicht das Aussehen eines Toten sondern eines Schlafenden« fuhr
Halef fort »eines Schlafenden der von Allahs Himmel träumt Sieh wie er selig
lächelt«
    Es ist nach meinen Erfahrungen mit diesem sogenannten »seligen Lächeln« der
Verstorbenen eine ganz eigene Sache denn ich habe es am ausgeprägtesten am
ergreifendsten bei Personen gefunden deren Ende ein gewaltsames gewesen war
Ich habe in den Zügen im Kampfe Gefallener kurz nach ihrem Tode den
sprechendsten Ausdruck des Hasses des Grimmes der Angst des physischen
Schmerzes gesehen und dann wahrgenommen dass dieser Ausdruck sich sehr bald in
denjenigen der Milde der Ruhe des Friedens verwandelte Und wiederum sah ich
Leute so sanft und kampflos hinüberschlafen dass ich mir wünschte »so möchte
einst auch dein Tod sein« und dann nahmen ihre Gesichter nach und nach das
Gepräge seelischer Angst oder körperlicher Pein des Leidens an Sollten die
Affekte oder Stimmungen welche im Augenblicke des für uns sichtbaren Sterbens
vorherrschend sind nur deshalb keine nachhaltige Wirkung hinterlassen weil die
eigentliche Trennung der Seele von dem Körper erst später von uns unbemerkbar
erfolgt und der Geist erst dann das was ihn bei diesem endgültigen Scheiden
bewegt zum Troste oder zur Warnung für die Hinterbliebenen auf das Angesicht
schreibt Diese Frage gehört auch zu denen welche wir Lebenden wohl
aussprechen aber nicht beantworten können
    Indem ich die Züge des Münedschi betrachtete fiel mir die Färbung des
Gesichtes auf sie war blass und totenähnlich dabei aber von einem so
eigentümlichen Ton dass ich aufmerksam wurde Ich legte die Hand an seine Wange
und fühlte dass sie kalt war Ich entfernte den Sand von den Armen und den
Händen diese letzteren hatten auch die Kälte des Todes Nach der Trübung der
Augen sah ich nicht da ich ja gehört hatte dass der Münedschi blind gewesen
war Leichengeruch gab es nicht doch war die Todesstarre eingetreten die aber
ebenso wie die Kälte und die Veränderung der Hornhaut des Auges kein
unzweifelhafter Beweis des wirklich eingetretenen Todes ist Ich forderte einige
Haddedihn welche bei uns standen auf den Mekkaner ganz vom Sande
freizumachen
    »Warum das« fragte Halef im Tone der Überraschung »Denkst du etwa dass er
noch lebt Sihdi«
    »Das wohl nicht« antwortete ich »aber ich habe das Gefühl als läge auf
dem Gesichte noch ein leiser leiser Lebenshauch der nicht auf wirklichen Tod
sondern nur auf Ohnmacht schließen lässt«
    »Nur ohnmächtig Also scheintot Effendi wir haben schon viel sehr viel
erfahren und gar manches erlebt was kein anderer Mensch erleben wird aber
einen Scheintoten wieder lebendig zu machen dazu haben wir doch noch keine
Gelegenheit gehabt Was für ein großer Ruhm würde es für uns sein wenn wir
sagen könnten dass sogar die Macht des Todes nicht vor uns standhalten könne
Hier ist die beste die allerbeste Gelegenheit dazu dies zu beweisen«
    »Nur langsam nicht wieder so vorschnell lieber Halef Ich habe ja noch gar
nicht behauptet dass es sich hier nur um Scheintod handle Ich täusche mich
jedenfalls halte es aber doch für meine Pflicht diesen Mann nicht eher
vollends zu begraben als bis ich mich überzeugt habe dass der Tod wirklich
eingetreten ist«
    »Wie kannst du zu dieser Überzeugung gelangen«
    »Indem ich seine Atmung und den Puls untersuche«
    »Die Atmung Er holt keinen Atem mehr das muss ja jeder sehen«
    »Das Atmen eines Scheintoten geht so leise vor sich dass es nur bei der
größten Aufmerksamkeit zu bemerken ist Wollen sehen«
    Die Haddedihn hatten den Sand entfernt und den Körper neben die Grube
gelegt Ich kniete bei ihm nieder schlug die Kleidung weit von der Brust zurück
und hielt die Augen auf den Brustkorb gerichtet Halef ließ sich zu gleichem
Zwecke neben mich nieder Es versteht sich ganz von selbst dass alle andern
Haddedihn nun auch herbeigekommen waren und in höchster Spannung im Kreise um
uns standen Noch war kaum eine Minute vergangen so rief Halef
    »Jetzt jetzt hat er Atem geholt Hast du es gesehen Effendi«
    Auch mir war es so gewesen als ob eine ganz leise und sehr flache Bewegung
des Torax stattgefunden hätte aber selbst als sich das nach einiger Zeit
wiederholte glaubte ich an der Wahrheit dieser Beobachtung zweifeln zu müssen
Ich ließ mir ein Stück Leder geben rollte es zum Rohr zusammen und setzte es
die Haddedihn zum tiefsten Schweigen auffordernd dem Mekkaner auf das Herz Es
verging wohl über eine Minute da glaubte ich ein Geräusch gehört zu haben
sagte aber nichts dann hörte ich es wieder auch zum dritten vierten und
fünften Male es waren die Diastolgeräusche die zweiten kürzeren und helleren
Herztöne welche ich bemerkt hatte die ersten Herztöne sind zwar stärker und
länger aber dumpfer und an Scheintoten nie zu hören Jetzt war ich meiner Sache
sicher und sagte indem ich schnell aufsprang
    »Halef dein Wunsch ist erfüllt denn dieser Mann lebt er ist nur
scheintot und mit Gottes Hilfe wird es uns gelingen seine Seele
zurückzurufen«
    »Hamdulillah Wir werden den Tod überwinden und dem Leben befehlen wieder
dahin zurückzukehren wohin es rechtmässigerweise gehört Wir werden es an seine
Pflicht erinnern und nicht eher ruhen als bis es uns Gehorsam geleistet hat
Aber da ich nicht weiß wie das zu machen ist so fordere ich dich auf Effendi
uns zu sagen wie es geschehen soll«
    »Das wird durch den Itnaffas massnu49 geschehen«
    
    »Itnaffas massnu Davon habe ich noch nie etwas gehört Es ist doch keine
Kunst zu atmen Wenn man den Mund öffnet geht die Luft ganz von selbst
hinein«
    »Dir das zu erklären habe ich jetzt keine Zeit Wir dürfen keinen
Augenblick verlieren wenn wir mit unserer Hilfe nicht zu spät kommen wollen«
    »Aber ich darf mitelfen«
    »Ja Ich werde dir zeigen was du zu tun hast«
    Der Oberkörper des Mekkaners wurde ganz entkleidet und etwas erhöht auf
den Rücken gelegt Ich zog seine Arme in regelmäßigen Intervallen vom Brustkorbe
ab langsam nach oben über den Kopf und drückte sie ihm dann wieder an den
Körper Halef musste in den gleichen Intervallen ihm den Unterleib nach oben
drücken wodurch eine regelmäßige Erweiterung und Verengerung des Brustkorbes
entstand durch welche die Lunge gezwungen wurde abwechselnd Luft aufzunehmen
und wieder abzugeben Natürlich hatte ich ihm vorher die Zunge so weit
vorgezogen dass ein Haddedihn sie fassen und festhalten konnte weil durch sie
sonst der Atmungsweg verschlossen worden wäre Während wir in dieser Weise
beschäftigt waren wurde der Körper des Münedschi auch an den Beinen von noch
zwei Haddedihn unausgesetzt sehr stark frottiert
    Es braucht wohl kaum gesagt zu werden dass der kleine gesprächige Hadschi
sich während dieser Arbeit fortwährend in Bemerkungen erging die nicht zur
Sache gehörten von mir aber nicht zurückgewiesen wurden weil dies auf seinen
Eifer abkühlend gewirkt hätte Dieser musste im Gegenteile erhalten werden denn
unsere Bemühungen schienen lange Zeit ohne allen Erfolg zu sein
    Es war wohl schon eine Stunde vergangen und ich wurde von der einförmigen
Bewegung müde Eben wollte ich mich für einige Zeit ablösen lassen als ich
bemerkte dass der Scheintote Farbe bekam da war nun freilich von Ermüdung keine
Rede mehr Schon nach kurzem holte er selbständig Atem und öffnete die Augen
Was für prachtvolle Augensterne das waren
    Ich habe viele viele Reimereien gelesen und gehört in denen von herrlichen
blauen oder gar himmelblauen Augen die Rede ist aber noch nie ein himmelblaues
Augenpaar gesehen Ich behaupte darum dass es gar kein rein blaues Auge gibt
Hat es aber jemals wirkliche herrliche himmelblaue Augen gegeben so sind es
die des Münedschi gewesen welche sich jetzt so weit öffneten und mit einem
unbeschreiblichen Ausdrucke groß und voll auf den Hadschi richteten Das war ein
mir völlig unbekannter Glanz ein Blick der nicht dieser Welt anzugehören
sondern aus dem Jenseits zu kommen schien
    »Sihdi er ist wach Er atmet und schaut mich an« rief Halef überglücklich
    »Durst« hauchte der Kranke
    Es wurde Wasser gebracht wir setzten ihn aufrecht und flössten es ihm
langsam und vorsichtig ein fast nur tropfenweise Durch diese langsamen und
regelmäßigen Schlingbewegungen wurde sein noch schwaches Atmen unterstützt Es
besserte sich
    »Danke« sagte er als der ärgste Durst gelöscht zu sein schien Dann sank
er um schloss die Augen wieder und schlief ein wodurch aber das Atemholen nicht
gestört wurde Die Züge wurden im Gegenteile immer kräftiger und tiefer
    »Hast du seine Augen gesehen Sihdi« fragte mich Halef
    »Ja« nickte ich
    »Und dich über sie gewundert«
    »Nein Diese Augenfarbe hat nicht bloß der Norden Ich habe sie sogar im
Süden der Sahara an ganz dunkel gefärbten Leuten bemerkt«
    »Das ist es nicht was ich meine El Ghani hat doch behauptet dass El
Münedschi blind sei das halte ich aber seit ich diese Augen gesehen habe für
eine große Lüge«
    »Auch ich neige mich dieser Ansicht zu doch ist es nicht unmöglich dass wir
uns täuschen Warten wir es ab«
    »Aber was tun wir nun Wir müssen doch aufbrechen und er schläft«
    »Wir dürfen ihn jetzt nicht stören werden also bleiben bis er erwacht«
    »Und dann«
    »Dann werden wir ja mit ihm sprechen und also erfahren was er zu tun
beschließen wird«
    »Gut warten wir also Es zwingt uns ja nichts zur Eile und so können wir
während er im Schlafe neue Kräfte sammelt uns über die Kijahma50 freuen durch
welche wir seine schon abgeschiedene Seele aus dem Lande des Todes zurückgerufen
haben Hast du schon einmal von einer solchen Kijahma gehört Sihdi«
    »Ja Ich habe sogar eine Auferstandene sehr gut gekannt und außerordentlich
lieb gehabt ich liebe sie noch heut obwohl sie nun nicht mehr zu den Irdischen
gehört«
    »Wer ist das gewesen«
    »Meine Großmutter die Mutter meines Vaters welche der irdische Engel
meiner Kindheit gewesen ist und jetzt nun sicher bei den Engeln weilt Sie war
grad wie auch meine Mutter so reich an Liebe dass ich noch heute von und in
diesem Reichtume lebe es ist das der größte Reichtum den es gibt mein lieber
Halef Die Verletzung eines Nerven war schuld dass sie in Starrkrampf fiel und
für tot gehalten wurde Man bettete sie in den Sarg und erst ganz kurz vor dem
Begräbnisse als die Leidtragenden den letzten Abschied von ihr genommen hatten
wurde entdeckt dass sie noch lebte«
    »Durch einen Zufall«
    »Halef du weißt dass es für mich keinen Zufall gibt Wenn die allmächtige
Weisheit Gottes Ursachen und Wirkungen miteinander verknüpft deren Verbindung
das schwache Auge des Menschen nicht zu erkennen vermag so wird zur Erklärung
das mir so unsympatische Wort Zufall hervorgesucht Es ist das eine Kantara el
humar51 über welche sogar sonst ganz kluge Leute reiten«
    »Lebtest du damals schon als deine Großmutter scheintot war«
    »Nein Sie ist zu jener Zeit noch jung gewesen hat aber bis in ihr sehr
hohes Alter oft von der entsetzlichen Angst gesprochen welche ihr durch den
Gedanken lebendig begraben zu werden verursacht worden war«
    »Hat sie denn diese Angst empfunden Ich habe nämlich gehört dass der
Scheintote gar nichts von sich weiß weil seine Seele den Körper verlassen hat
und außerhalb desselben wandelt«
    »Die Gelehrten behaupten allerdings dass beim wirklichen Scheintode das
Bewusstsein und die Empfänglichkeit der Sinne vollständig erloschen seien Das
ist bei meiner Großmutter zwei Tage lang der Fall gewesen als dann am dritten
Tage ihr die Besinnung zurückkehrte hat sie sich im Sarge liegend gefunden
Doch hat sie das nur aus den Reden der um sie Stehenden schließen nicht aber
sehen oder fühlen können weil es ihr unmöglich gewesen ist die Augen zu öffnen
oder überhaupt mit irgend einem Gliede die geringste Bewegung zu machen Sie
fand später keine Worte die entsetzliche Angst die Verzweiflung zu
beschreiben mit welcher sie sich angestrengt hatte ein Lebenszeichen zu geben
aber ihr Wille die ganze Summe ihrer geistigen Energie war ohne Einfluss auf den
Körper gewesen Da hatte sie eingesehen dass ihre einzige Rettung nur noch im
Gebete liege Sie war eine gottesgläubige sehr fromme Frau und du kannst dir
denken dass sie nie so inbrünstig gebetet hat wie damals vor der dunklen Pforte
des Grabes in welches sie bei vollem Bewusstsein gebettet werden sollte Unsere
heilige Schrift sagt Das Gebet des Gerechten vermag viel wenn es ernstlich
ist An diesem Ernste hat es bei Großmutter wohl nicht gefehlt und so sind
diese Bibelworte auch an ihr zur Wahrheit geworden Als ein Kind zum Abschiede
ihre Hand fasste hat sie endlich endlich die Finger bewegen und den Druck
erwidern können Das Kind hat vor Schreck laut aufgeschrieen und zitternd und
stammelnd die Mitteilung gemacht dass die Tote noch nicht ganz gestorben
sondern in der Hand noch lebendig sei worauf man sich von der Wahrheit dieser
Behauptung überzeugte und nach dem Arzte schickte unter dessen Behandlung die
Kranke dann langsam wiederhergestellt wurde«
    Hanneh hatte vorhin ihr Zelt verlassen und sich uns auch zugesellt Sie
verfolgte das was ich erzählte mit großer Aufmerksamkeit und fiel jetzt mit
der Frage ein
    »Du bist der Ansicht Sihdi dass die Seele der Mutter deines Vaters damals
ihren Körper verlassen habe«
    »Ja« antwortete ich
    »Das ist mir von großer Wichtigkeit Aus dem was du erzähltest folgt dass
deine Großmutter eine Seele gehabt hat«
    »Allerdings«
    »Glaubst du dass sie die einzige Frau auf Erden war welcher Allah eine
Seele gab«
    »Nein denn jedes Weib erhielt dies Gottesgeschenk«
    »Und der Islam lehrt das Weib besitze keine Seele und könne also auch nicht
teilnehmen an den ewigen Freuden des Paradieses Der Islam sagt das Weib sei
nur zu dem Zwecke geschaffen mit ihrem Körper Dienerin des Mannes zu sein und
darum habe mit dem Tode dieses Körpers für sie alles Leben aufgehört Ich habe
mit dir Effendi in jener Nacht hinter den Zelten über diesen uns beleidigenden
Missglauben gesprochen und du erfülltest mein Herz mit Trost und Beruhigung
indem du mir die Überzeugung gabst dass wir Frauen auch eine Seele besitzen und
also ebenso wie ihr zur Seligkeit berufen sind Du hast meine damalige heiße
Bitte erhört und auch Halef den Begründer meines irdischen Glückes zum
Glauben an diese meine unsterbliche Seele gebracht und nun du heut von der
Seele deiner von dir so sehr geliebten Großmutter erzählst muss auch bei all den
Männern welche hier stehen und deine Worte gehört haben der letzte Zweifel an
unsere Unsterblichkeit schwinden Ich danke dir Ich möchte nun noch eins gern
wissen Wenn die Seele deiner Großmutter damals ihren Körper verlassen hat so
muss sie während der Zeit bis zu ihrer Wiederkehr an einem andern Ort gewesen
sein Weißt du wo«
    »Nein«
    »Hast du sie nicht gefragt«
    »Als Kind nie weil mir die dazu nötige Einsicht fehlte aber später als
ich nach den Geheimnissen des Glaubens zu forschen begann die es für den
welcher wirklich glaubt doch gar nicht gibt weil die Erleuchtung die
erstgeborene Tochter des wahren Glaubens ist da erkundigte ich mich allerdings
sehr oft und angelegentlich bei ihr ob die zwischen dem Schwinden und der
Wiederkehr ihres Bewusstseins liegende Lücke nicht vielleicht durch irgend eine
wenigstens später erwachte Erinnerung auszufüllen sei Sie wusste aber nichts«
    »Das kann ich nicht begreifen Nach dem was ich von dir über die
Menschenseele gehört habe kann in ihrem Leben und in ihrem Bewusstsein niemals
eine Pause eintreten«
    »Pause Das ist das richtige Wort Du gibst mir da das Gleichnis in die
Hand welches dir obgleich es nicht ganz treffend ist doch wenigstens
einigermaßen die Erklärung bringt Du wirst mich verstehen weil du die Uhteh52
zu spielen verstehst Es waren während der Abwesenheit der Seele in dem Gehirn
der Scheintoten Pausen entstanden leere unempfindlich gewordene Stellen
welche sich auch später unempfänglich für die Töne der Erinnerung zeigten Aber
wenn sie sich auch nicht klar entsinnen konnte ein nach rückwärts gerichtetes
heiliges Ahnen das fromme Gefühl eines gehabten seligen Schauens war
geblieben und infolgedessen sah ich die größte Hoffnung ihres Erdenlebens
welches ein Leben in Armut und in Sorge war auf das einstige Wiedererwachen der
Herrlichkeit gerichtet welche ihr schwaches irdisches Gedächtnis nicht hatte
festhalten können Sie lebte bis zu ihrem Tode ein doppeltes Leben indem sie in
aufopfernder Treue und Selbstentsagung für die Ihren arbeitete und jeden von
dieser Arbeit freien Augenblick dem Trachten nach der himmlischen Klarheit
widmete Diese ist ihr wie ich überzeugt bin nun schon längst geworden«
    »Wie fest wie fest du glaubst Sihdi« meinte Hanneh indem sie in tiefer
Rührung die Hände faltend ineinander legte »Es gibt wohl nichts gar nichts
was dich in diesem unerschütterlichen Glauben irremachen könnte«
    »Nichts Ich habe mit allen möglichen Unholden des äußeren und des
Seelenlebens um ihn gerungen und bin auch jetzt noch in jedem Augenblicke
bereit für ihn zu kämpfen und mein Leben einzusetzen Glaube mir die in
Menschengestalt sichtbaren Feinde sind nicht die stärksten und die schlimmsten
Gegner dieser meiner seligmachenden Glaubenszuversicht die heißesten Kämpfe
werden vielmehr im verborgenen Innern ausgerungen wo der Einfluss dunkler Mächte
größer ist als im sichtbaren Leben welches nur die Wirkungen dieses Einflusses
zeigen kann Wohl dir meine liebe Hanneh wenn deine Engel die Hände über dich
breiten um solche Mächte und solche Kämpfe von dir fernzuhalten Nicht jeder
besitzt die Überzeugungskraft welche erforderlich ist siegreich aus ihnen
hervorzugehen«
    Da lächelte sie mich herzig an und sagte
    »Sihdi warum sollte ich kämpfen also etwas so Schweres tun was ich ja
gar nicht nötig habe Du hast mir deinen herrlichen Glauben gebracht und mir ihn
in mein Herz gelegt Was du mir gibst ist gut Da liegt er nun wie eine Sonne
die mich und mein ganzes Leben hell erleuchtet und erwärmt und wo es eine
solche Sonne gibt da können finstere Mächte doch nicht sein Wir haben jetzt
hier eine irdische Kijahma erlebt die Auferstehung eines Leibes von den Toten
du aber hast mir durch deinen Glauben schon längst eine schönere eine
herrlichere Kijahma gebracht eine Auferstehung der Seele von dem Tode ein
Hervorsteigen aus dem Grabe des Irrtums in welchem es für mich kein
Wiedererwachen sondern nur Verwesung gab Diese Kijahma ist für dich im Buche
des Lebens aufgezeichnet und wird für dich zeugen wenn einst deine Taten
Worte und Gedanken abgemessen werden«
    »Sie hat in Gottes Willen gelegen und ist das Geschenk seiner Liebe die
alle Menschen selig machen will ich besitze kein Recht mir einen Dank dafür
anzumassen Es ist ja so leicht den Glauben in ein Herz zu legen welches ihm so
sehnend so willig und voll Vertrauen offen steht Zwar ist dieses Sehnen in
jede Menschenbrust gelegt aber zugleich wohnen da auch die Geister des
Hochmutes der Selbstgefälligkeit der Genusssucht des Ungehorsams der sich
nicht strafen lassen will und noch viele andere die es nicht zu Worte kommen
lassen«
    Da nahm Omar Ben Sadek das Wort indem er sagte
    »Effendi du sagst die Wahrheit wenn du von diesen Geistern redest Was war
ich für ein Mann als du mich kennen lerntest Ein nach Rache nach blutiger
Vergeltung schnaubender Mensch ein Anhänger des Islam der nur sich selbst
liebte seine Feinde hasste und gegen alle andern Personen nichts als stolze
Gleichgültigkeit empfand Du warst der erste unter allen Leuten der mich zur
Achtung zwang Darum wünschte ich ebenso wie Hadschi Halef unser jetziger
Scheik dass du Muhammedaner werden möchtest denn wir hatten dir so viel zu
verdanken und wollten dir den Himmel gönnen den wir nur für die Anhänger des
Propheten offen glaubten Wir arbeiteten an dir ohne Unterlass zu jeder Zeit du
sagtest nichts dazu ein Lächeln war alles was dir unsere Bemühungen entlocken
konnten Ein anderer an deiner Stelle hätte uns mit den Lehren des Christentums
bekämpft und es wäre ein unerquicklicher Wortstreit entstanden der uns
verfeindet und unsere schliessliche Trennung herbeigeführt hätte Du aber warst
zu klug in das Verhalten der Prediger zu verfallen welche ohne unsere Lehren
zu kennen uns zumuten die ihrigen als richtiger und besser anzunehmen Du
brachtest keine Lehren du sagtest keine Worte aber du sprachst in Taten Du
lebtest ein Leben welches eine hinreissende eine überzeugende Predigt deines
Glaubens war Wir waren deine Begleiter und lebten also dieses dein Leben mit
Der Inhalt des deinigen war Liebe nichts als Liebe Wir lernten diese Liebe
kennen und liebten zunächst auch dich Wir konnten nicht von dir lassen und also
auch nicht von ihr Sie wurde größer und immer mächtiger in uns sie umfasste
nicht bloß dich sondern nach und nach auch alle mit denen wir in Berührung
kamen Jetzt umfängt diese unsere Liebe die ganze Erde und alle Menschen die
auf ihr wohnen Wir haben den Kuran vergessen wir sind gleichgültig geworden
für die Gesetze des Propheten durch welche die Geister von denen du sprachst
ihre Macht über uns gewannen Unser Stamm ist groß und berühmt geworden durch
das Beispiel welches wir befolgten weil es uns von dir den wir liebten
gegeben wurde Wir sind unabhängig geworden durch dich wir kennen keinen Scheik
und keinen Stamm der Dschesireh53 von dessen Willen wir uns bestimmen lassen
So haben wir uns auch von der Oberhand des Islam freigemacht Wir wollten dich
zu ihm bekehren sind aber ohne dass wir es nur merkten durch die Predigt
deiner Taten welche nichts als Liebe lehrten von Muhammed fort und auf das
hohe Minareh54 dieser Liebe hinaufgeleitet worden von welchem aus es nur ein
Gebot und eine Stimme gibt nämlich die heiligen Worte welche wir von dir
lernten Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt der bleibt in Gott und
Gott in ihm So hast du in uns den Geist der Selbstsucht des Hasses der Rache
besiegt so hast du aus uns Menschen gemacht welche die Friedenspfade Allahs
wandeln und so bin auch ich durch dich aus einem nach Vergeltung schreienden
unerbittlichen Bluträcher ein gläubiger und folgsamer Anhänger des Gottessohnes
geworden der seine Lehre von der ewigen Macht der Liebe durch sein ganzes
Leben durch sein Leiden und dann durch seinen Tod besiegelt und bestätigt hat
Hanneh die Beglückerin unseres Scheikes ist es nicht allein welche von einer
Kijahma sprechen kann sondern wir alle haben eine Kijahma gehabt eine
Auferstehung eine Befreiung eine Rettung aus dem Reiche des Hasses in das
Reich der Liebe und des Friedens Das Effendi wollte und musste ich dir sagen
weil mein Herz mich dazu treibt jetzt wo wir auch eine Kijahma vor uns haben
welche der Schärfe deines Auges zu verdanken ist«
    »Und noch eine Frage« fiel Hanneh wieder ein »Besjetzt Emmeh die
freundliche Spenderin deiner Behaglichkeit auch einen so festen Glauben grad
wie du«
    »Ja« antwortete ich
    »Hat sie ihn stets gehabt«
    »Sie hatte diesen Glauben schon als ich sie kennen lernte er lag in der
Tiefe ihres Gemütes aufbewahrt«
    »Und da brachtest du den Sonnenschein der ihn hervorrief an das Tageslicht
Du hast ihn gepflegt mit liebevoller Hand und nun deine Freude daran wie an
einem Baume an dessen Früchten man sich doppelt erquickt weil man ihn mit
eigener Hand emporgezogen hat Sihdi wie gern wie so gern möchte ich deine
Emmeh kennen lernen Ich würde ihr zu liebe alles tun ich wäre sogar bereit
mich mit ihr wenn sie es wollte in einen Wagen eurer Eisenbahn zu setzen um
mit ihr so weit zu fahren wie es ihr beliebt«
    »Ich aber mit« bemerkte Halef schnell »Frauen bedürfen stets der
Unterstützung und des Schutzes und das freundliche Lächeln welches sie dann
dafür geben ist dem eigenen mehr als einem fremden Manne zu gönnen«
    »Lächeln« fragte sie »Ein freundliches Lächeln Was meinst du damit
lieber Halef Wer lächelt da«
    »Ihr«
    »Wir Also auch ich«
    »Ja«
    »Warum«
    »Weil der    der Schutz    der Schutz den sie bedürfen« stotterte er
verlegen Dann wendete er sich rasch und in resolutem Tone an mich »Sag du es
ihr Effendi Ich habe mich verritten und du verstehst dich auf eure
Eisenbahnen doch besser als ich der ich ja noch gar keine gesehen habe«
    Das Gesicht der »lieblichsten unter allen Lieblichkeiten« hatte einen
ernsten ja strengen Ausdruck angenommen Nun sah sie mich erwartungsvoll an
Darum erklärte ich ihr die von dem Lächeln ja gar nichts hatte erfahren sollen
an seiner Stelle
    »Ich habe mit Halef von unsern Eisenbahnen gesprochen auf denen auch unsere
Frauen und Töchter fahren dürfen Ihnen gefällt es in diesen Wagen so sehr dass
sie vor Vergnügen freundlich zu lächeln pflegen«
    »Und das gefällt ihm wohl nicht« fragte sie »Warum soll eine Frau nicht
lächeln dürfen wenn ihr etwas Vergnügen macht Ich würde auch lächeln
unbedingt lächeln Hast du vielleicht etwas dagegen Halef«
    »Nein gar nichts« antwortete er sehr erfreut darüber dass es mir gelungen
war dieser »lächelnden« Angelegenheit eine unverfängliche Wendung zu geben
»Ich würde im Gegenteile sehr glücklich sein die Strahlen deines Lächelns auf
meinem Angesicht zu fühlen das weißt du doch Doch seht ob ich mich irre Der
vom Tode Errettete scheint sich zu bewegen«
    Er hatte recht und das Erwachen des Mekkaners kam seinem Wunsche den
jetzigen Gesprächsgegenstand fallen zu lassen sehr gelegen
    »Wasser« klang es wieder wie vorhin leise von den Lippen El Münedschis
welcher sich mit dem Oberkörper aufzurichten versuchte wobei ihn zwei Haddedihn
schnell unterstützten
    Es wurde ihm gegeben und er trank diesesmal mit vollen Zügen Dann saß er
da ließ seine herrlichen Augen im Kreise gehen holte tief tief Atem und sagte
dann langsam und wie geistesabwesend indem er die Hände faltete »Die Menschen
schlafen wenn sie aber sterben dann wachen sie auf«
    Dann schloss er die Augen und legte sich wieder nieder wozu er keiner
Unterstützung bedurfte Seine Stimme hatte tief aber doch sonor geklungen wie
von einer innern Resonanz verstärkt Die von ihm gesprochenen Worte mögen einem
Nichtkenner des Arabischen banal erscheinen auf mich aber machten sie einen
ungewöhnlichen Eindruck und dass dieselbe Wirkung auch auf die Haddedihn
stattfand belehrte mich ein leises andächtiges »Amin«55 welches die meisten
von ihnen darunter auch Halef dazu sagten Diese Worte waren einer der
berühmten »Hundert Sprüche« Alis des Kalifen Warum der soeben vom Tode
Erstandene sie ausgesprochen hatte ob aus Überlegung oder infolge eines
momentanen innern Antriebes das wusste ich nicht aber sie passten so genau zu
der gegenwärtigen Situation und den durch sie hervorgerufenen Gefühlen dass ich
von ihnen nicht nur oberflächlich ergriffen wurde zumal die Art und Weise in
der sie erklangen eine so ungewöhnliche war
    Wir standen stumm im Kreise um den Münedschi und warteten was er nun tun
werde Er lag einige Zeit bewegungslos langsam und regelmäßig Atem holend Dann
richtete er sich wieder ohne der Hilfe zu bedürfen in sitzende Stellung auf
behielt aber die Augen noch geschlossen und sagte mit der Hand neben sich
deutend
    »Setz dich zu mir«
    Wir wussten nicht wen er meinte aber es schien nicht nur mir sondern auch
allen andern ganz selbstverständlich zu sein dass ich es war der dieser
Aufforderung folgte
    »Hast du genau gehört was ich vorhin sagte« fragte er jetzt
    »Ja« antwortete ich
    »Kennst du die Worte«
    »Es war der zweite von den hundert Sprüchen des Kalifen Ali Ben Abi Taleb«
    Er neigte den Kopf leicht nach meiner Seite als ob er nachdem ich schon
gesprochen hatte noch auf den Ton meiner Stimme lausche Dann sagte er die
Augen immer noch geschlossen
    »Der zweite Das sagst du Es stimmt Ich weiß dass du mehrere dieser
Sprüche kennst aber nicht ihre Reihenfolge Wie kommt es dass du jetzt so genau
die Nummer Zwei angiebst Das wundert mich Auch klingt deine Stimme anders als
bisher Die Erklärungen dieses Spruches aber kennst du nicht«
    »Ich kenne sie«
    Er neigte den Kopf noch weiter her zu mir und sein Gesicht nahm während der
folgenden Fragen und Antworten den Ausdruck immer größer werdenden Erstaunens
an
    »Alle beide«
    »Die arabische und die persische«
    »Wer hat sie gegeben«
    »Der persische Dichter Reschid ed Din Abd el Dschelil welcher den Beinamen
Watwat bekommen hat«
    »Wie Du kennst ihn so ausführlich«
    »Er lebte an den Höfen dreier Herrscher und starb im Jahre 57856 der
Hedschra57«
    »Maschallah Wie lautet die arabische Erklärung dieses zweiten Spruches des
vierten der Kalifen«
    »So lange die Menschen in dieser Welt leben sind sie ohne Sorge Sie
scheinen in einem so tiefen Schlummer zu liegen dass sie darüber die Wonnen des
Paradieses und die Flammenpein der Hölle vergessen Aber wenn sie sterben dann
wachen sie auf von diesem Schlummer der Sorglosigkeit und bereuen ihre
Saumseligkeit im Dienste dessen der sie geschaffen hat und machen sich selbst
Vorwürfe über ihre Nachlässigkeit im Danke gegen den der ihnen alles gespendet
hat aber erst dann wenn die Reue zu spät kommt und die Selbstvorwürfe nutzlos
sind«
    »Und die persische Erklärung«
    »Die Menschen sind während ihres Aufenthaltes auf dieser Erde unbekümmert um
die Angelegenheiten der andern Welt Erst wenn sie sterben erwachen sie aus dem
Schlafe der Gleichgültigkeit dann erkennen sie dass sie den Wert des Lebens
nicht beachtet haben und nicht den rechten Weg gegangen sind und bereuen ihre
schlimmen Reden und verwerflichen Taten aber dann hilft und nützt ihnen dies
nichts mehr«
    Jetzt war seine ganze Körperhaltung und jeder Zug seines Gesichtes zum
sprechendsten Ausdrucke aufmerksamen Lauschens geworden Er wartete eine Weile
und fragte dann
    »Bist du El Ghani mein Wohltäter von dem ich dachte dass er jetzt bei mir
säße«
    »Nein«
    »So sag o sag ob du mit diesen beiden Erklärungen einverstanden bist«
    »Sie haben meinen Beifall nicht denn sie sind zu oberflächlich Den tiefen
Sinn des Spruches lassen sie unberührt liegen«
    »Und welches ist dieser Sinn«
    »Die Menschen schlafen wenn sie aber sterben dann wachen sie auf Das
heißt Die Menschen leben wie Schlafende mit geschlossenen Augen sie sehen
nicht die Beweise eines ewigen Lebens und wenn sie die Stimmen Allahs und
seiner Boten hören so glauben sie zu träumen und folgen ihnen nicht Aber
dann wenn der Tod sie aus diesem Schlafe rüttelt und sie die Augen öffnen
müssen dann sehen sie sich unvorbereitet jenseits der großen Grenze über
welche sie nicht zurückkönnen um das Versäumte nachzuholen Dann wird ihr
Erwachen ein Beben und ihr Sehen ein Erschrecken sein«
    »Allah Allah« rief er da aus »Ich glaubte auf die Erde zurückgekehrt zu
sein und befinde mich doch noch bei dir der du mich geleitet hast Nein du
bist nicht El Ghani der niemals solche Worte hat Nimm mich wieder bei der
Hand und sage mir ob ich auch zu denen gehöre die mit geschlossenen Augen
leben und deren Erwachen so schrecklich sein wird«
    »Hast du die Liebe«
    Warum tat ich grad diese Frage Wohl weil ich kurz vorher mit den Haddedihn
von der Liebe gesprochen hatte Das Verhalten und die Worte des Arabers waren
mir nicht klar Ich wusste nicht eigentlich wen er mit ihnen meinte Die Szene
war überhaupt eine ganz eigenartige Rings um uns die verbrannte unbegrenzte
Wüste über welcher auch noch jetzt die Geier hungrig schwebten die während der
Nacht wohl in unserer Nähe gesessen hatten die grotesken Formen der
hochbeinigen höckerigen Kamele der andächtige Kreis der phantastisch
gekleideten Beduinen der rätselhafte fremde Mann hier neben dem offenen Grabe
mit seinen mir unerklärlichen Reden unser vorhergehendes religiöses Gespräch
und die Stimmung in welcher ich mich infolgedessen befand dazu die Bedeutung
des wie mit aus dem Grabe auferstandenen AliSpruches das alles zusammen mochte
als Ursache wirken dass ich nichts anderes als nur diese Frage brachte
    »Die Liebe« antwortete er »Wird grad sie so wichtig für den Augenblick des
Erwachens aus dem Schlafe sein«
    »Nur sie allein ist wichtig Sie ist das Öl der Lampe ohne welche du den
rechten Weg nicht finden kannst«
    »Das Öl Der Lampe« fuhr er aus seiner noch immer wie lauschenden Haltung
empor »Das klingt ja wie der Gang der Jungfrauen zur Nikiah58«
    »Ja« fiel ich unter dem Eindrucke dieses Wortes ohne zu bedenken dass ich
einen Moslem vor mir hatte der nicht wissen durfte dass ich Christ war schnell
ein »Das Himmelreich wird gleich sein zehn Jungfrauen welche ihre Lampen
nahmen um auszugehen dem Hochzeitszuge entgegen Fünf von ihnen waren töricht
und fünf aber klug die fünf Törichten nahmen zwar ihre Lampen aber sie nahmen
kein Öl mit sich die Klugen hingegen aber nahmen samt den Lampen auch Öl in
ihren Gefässen mit Als nun der Bräutigam verzog wurden alle müde und
entschliefen Um Mitternacht aber erhob sich ein Geschrei Siehe der Bräutigam
kommt geht heraus ihm entgegen Da standen alle diese Jungfrauen auf und
richteten ihre Lampen zu Die Törichten aber sprachen zu den Klugen Gebt uns
von eurem Oele denn unsere Lampen verlöschen Da antworteten die Klugen und  
  «
    Bis hierher war ich gekommen doch weiter kam ich nicht Während ich
erzählte ging mit dem Münedschi eine ungewöhnliche Veränderung vor
ungewöhnlich wenigstens in Beziehung auf seinen Schwächezustand Es war als ob
seine Adern sich mit neuem Blute füllten und seine Nerven neuen Lebensreiz
bekämen Er richtete seinen Oberkörper auf höher und immer höher Seine Augen
öffneten sich und richteten ihren strahlenden unbeschreiblichen Blick auf mich
die Falten seines Gesichtes schienen sich zu füllen und das Spiel der Mienen
wurde von Satz zu Satz den ich sprach immer lebhafter bis er beide Hände
gegen mich ausstreckend mich mit dem ängstlich abwehrenden Rufe unterbrach
    »Halt ein halt ein Ich mag nichts weiter hören Ich habe mich in dir
geirrt Du bist nicht der der vorhin noch bei mir war und für den ich dich bis
jetzt gehalten habe«
    »So sag wer du dachtest dass ich sei«
    »Ben Nur59 der Bote des Propheten«
    »Der bin ich nicht und kenne ihn auch nicht Sein Name steht in keinem Buche
verzeichnet welches von dem Propheten handelt«
    »In keinem irdischen Buche aber im Kitab et Tubanijin60 ist er zu finden
Nun weiß ich nicht wo ich jetzt bin denn du bist nicht Ben Nur und bist auch
nicht El Ghani Bin ich noch im Lande der Verstorbenen oder kehrte ich schon
wieder auf die Erde zurück«
    Sonderbar höchst sonderbar Hatten wir es etwa mit einem Irren einem
Wahnsinnigen zu tun Er schaute mit weit geöffneten glänzenden Augen um sich
die unmöglich blind sein konnten musste uns also doch sehen Und im Lande der
Verstorbenen wollte er gewesen sein Er wurde el Münedschi genannt der
Wahrsager Dieses türkische Wort bedeutet auch Sterndeuter Wahrsager Stern
und Zeichendeuter diese Worte haben selbst für jemanden der sonst nicht nach
biblischen Verboten fragt einen warnenden Beigeschmack Ich musste an den
Hokuspokus der südafrikanischen Regenmacher die indianischen Medizinmänner und
ähnliche zweideutige Existenzen denken Einen so tiefen Ehrfurcht erweckenden
Eindruck dieser Mann erst auf mich gemacht hatte jetzt fühlte ich nur noch die
Notwendigkeit vorsichtig gegen ihn zu sein Hanneh war weit zurückgetreten
Halef sah ihn misstrauisch von der Seite an und die Haddedihn schienen nicht im
Klaren darüber zu sein ob sie sich wundern oder über ihn lachen sollten
    »Du bist natürlich auf der Erde« beantwortete ich seine letzte Frage
    »Wo da«
    »Wo du vorher warst«
    »Ich war bei El Ghani Wo ist er Ich höre ihn nicht«
    »Aber du siehst doch uns«
    »Euch Sehen Allah wAllah Deine Worte sagen mir dass ich mich bei Leuten
befinde die mich gar nicht kennen Seht ihr denn nicht dass ich blind bin«
    »Nein das sehen wir nicht Du scheinst vielmehr ganz vortreffliche Augen zu
besitzen«
    »Du irrst Ich weiß dass meine Augen glänzen aber dieser Glanz ist
Täuschung Ich höre deiner Stimme an wie weit du dich von mir befindest aber
ich kann dich nicht erkennen Nur wenn du ganz nahe zu mir herankommst kann ich
dich wie die dunkle verschwimmende Schattengestalt eines bösen Geistes
erkennen«
    »Du scheinst solche böse Geister gesehen zu haben«
    »O sehr oft Aber wo ist El Ghani Ich bin besorgt um ihn und also auch um
mich Er ist der Einzige der mich verstehen und behandeln kann er mein
Wohltäter ohne den ich längst gestorben und verdorben wäre Sagt es mir Ich
bitte euch«
    Das schien der Ton wirklicher ungeheuchelter Angst zu sein Ich wollte und
musste ihn prüfen Darum legte ich die Hand um den Griff meines Messers welches
ich im Gürtel stecken hatte zog es plötzlich heraus und stieß damit nach seinem
Gesicht als ob ich ihn ins Auge stechen wolle Er zuckte obgleich dieses
letztere fast von der Spitze der Klinge berührt wurde doch mit keiner Wimper
und veränderte auch den Ausdruck des Gesichtes nicht im Geringsten Ein Sehender
hätte sich bei dieser meiner plötzlichen Bewegung doch wohl anders verhalten er
schien also doch wirklich blind zu sein Darum antwortete ich in freundlicherem
Tone als zuletzt
    »Du wirst die gewünschte Auskunft erhalten wenn du vorher uns welche über
dich gegeben hast Vor allen Dingen will ich dir sagen dass du dich um dich
nicht zu ängstigen brauchst Du befindest dich bei guten Menschen welche dich
als Freund und Hilfsbedürftigen behandeln werden El Ghani ist ein Mekkaner«
    »Ja wir alle sind aus Mekka Aber ich bin blind und sehe euch nicht ich
weiß also nicht ob und wie ich euch antworten soll und darf Ich bitte euch
also nachsichtig gegen meine Unbehilflichkeit zu sein und mir zuerst zu sagen
wer ihr seid«
    »Komm erst zu unserem Lagerplatz Du hast nur höchstens fünfzig Schritte
weit zu gehen«
    »So führe mich«
    Ehe ich ihn bei der Hand nahm wiederholte Halef mein voriges Experiment mit
seinem Messer Der Blinde bemerkte es wirklich nicht Dann als wir gingen nahm
ich ihn so dass das Grab grad vor ihm lag Drei Schritte und dann wäre er
unbedingt hineingelaufen wenn ich ihn nicht auf die Seite gezogen hätte Der
Ortswechsel wäre gar nicht notwendig gewesen wenn ich ihn nicht vorgeschlagen
hätte um den Gang dieses Mannes zu prüfen Er bewegte sich mit einer
Unsicherheit welche gewiss nicht bloß eine Folge der ausgestandenen
Anstrengungen und Entbehrungen war Obgleich er von mir geführt wurde waren
seine Schritte so vorsichtig suchend wie man es nur bei Blinden beobachtet und
ein Sehender es nicht nachmachen kann Wir hatten es also nicht mit einem
Simulanten zu tun
    Die guten Folgen dieser bestandenen Prüfung gaben sich sofort im Verhalten
der Haddedihn zu erkennen die nun nicht mehr Misstrauen gegen sondern
herzliches Mitleid für ihn fühlten Sie bereiteten ihm einen weichen Sitz und
fragten ihn nach Wünschen die sie vielleicht erfüllen könnten Er bat wieder um
Wasser Als er nun zum drittenmale seinen immer wiederkehrenden Durst gelöscht
hatte und wir ihn fragten ob er nicht auch Hunger habe antwortete er
    »Ich weiß nicht wie lange ich nicht gegessen habe denn ich war nicht in
meinem Körper und habe keine Augen für den Unterschied zwischen Tag und Nacht
Der Morgen ist für mich grad wie der Abend und nur wenn von einem mir ganz
nahen Gegenstande der Sonnenstrahl in das Auge zurückgebrochen wird kann ich
ihn als Schatten mit verschwommenen Umrissen erkennen Als ich zum letztenmale
aß wird es am Jom el Guma61 früh gewesen sein«
    »Und heute ist Jom el Itnehn62« rief Halef »Du hast also drei volle Tage
nichts genossen«
    »Ich habe doch noch keinen Hunger Aber Tabak Tabak den gebt mir wenn ich
euch darum bitten darf«
    Da hatte er auch schon eine alte Pfeife mit kurzem Rohre und ungewöhnlich
großem Kopfe aus der Tasche seiner weiten Hosen gezogen und steckte sie in den
Mund Seine Bitte wurde in ich möchte sagen inbrünstigem Tone ausgesprochen
und in seinem Gesichte drückte sich dabei eine Sehnsucht ja fast eine Gier aus
welche die Erfüllung des Wunsches kaum erwarten konnte Und als dies geschehen
war rauchte nein qualmte er mit einem Eifer als ob sein Leben daran hänge
die Pfeife so bald wie möglich wieder stopfen zu können Eine solche
Leidenschaftlichkeit hätte ich einem Blinden niemals zugemutet Sie würde mich
wahrscheinlich auf den Gedanken gebracht haben dass die Blindheit doch und doch
erdichtet sei aber ich hatte nun trotz der Kürze der Zeit die Beobachtung
gemacht dass der Blick dieser schönen Augen leer und seelenlos war und die
Wimpern fast unbeweglich blieben
    »Der arme blinde Mann« raunte Hanneh mir mitleidig zu »Soeben erst vom
Tode erstanden von seinen Freunden verlassen mitten in der Wüste Sihdi was
hast du über ihn beschlossen«
    Ich winkte ihr beruhigend zu und öffnete schon den Mund zum Sprechen als
Halef welcher meine Absicht erriet mir schnell die leise Frage vorlegte
    »Effendi du willst ihm sagen wer wir sind«
    »Ja« antwortete ich ebenso leise
    »Erlaube dass ich dies tue Ich kenne uns ja ebenso gut wie du uns
kennst«
    Er setzte sich an die andere Seite des Blinden zu dessen Linken ich saß
nieder und erklärte ihm
    »Du wirst jetzt zwei sehr berühmte Männer kennen lernen höre also mit
Aufmerksamkeit was ich dir sagen werde Ich bin nämlich Hadschi Halef Omar Ben
Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah der oberste Scheik der
Haddedihn vom großen Stamme der Schammar Und der Mann an deiner andern Seite
ist der größte Gelehrte des Morgen und des Abendlandes Er ist eigentlich der
Alim el Ulema63 denn in seinem Kopfe befinden sich tausend Fächer und in
jedem Fache stecken über hundert vollständige Wissenschaften die er auf
zweihundertsechzig Medahris64 studiert und überwunden hat Er stammt aus dem
Lande des äußersten Moghreb denn er ist im Wadi Draha geboren woher
bekanntlich die klügsten Leute kommen und sein Name   «
    »Kutub« unterbrach ich ihn
    »Was Was meinst du« fragte er mich in seinem Eifer nicht an die zwischen
uns vereinbarte Bedeutung dieses Wortes denkend
    »Kutub Kutub« wiederholte ich
    »Wahajahti« rief er aus sich jetzt besinnend »Bei meinem Leben jetzt
habe ich mich versprochen gehabt Ich hätte mich hinterher und dann dich
voransetzen sollen«
    »Das hast du ja schon getan«
    »Was Nein«
    »Doch Du hast dann mich vorangesetzt nämlich dann«
    »Wallahi fasl  das ist eine sonderbare Geschichte bei Allah Verzeihe mir
Effendi Ich werde es sofort besser machen und wieder von vorn anfangen indem
ich zunächst deinen Namen und dann erst den meinigen nenne«
    »Das ist nun nicht nötig Nenne zuerst meinen und dann lässest du deinen
weg weil du ihn schon genannt hast«
    »Aber er muss doch unbedingt hinterherkommen sonst beleidigt es dich«
    »Aber wenn du ihn noch einmal sagst so hast du den meinigen nur einmal und
den deinigen aber zweimal genannt was doch noch viel beleidigender ist«
    »Gut du sollst deinen Willen haben weil du aus dem äußersten Moghreb
stammst und im Wahdi Draha das erste Licht der Welt erblickt hast Also dein
hochberühmter Name lautet Hadschi Akir Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim
Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim Maschhur el Azami Ben Hadschi Taki Abu Fadl
el Mukarram«
    Es war wirklich lustig anzuhören wie schnell und fehlerlos er diese lange
Schlange herunterleierte Und ebensoviel Spaß machte mir dabei der Anblick der
fünfzig Haddedihn welche die zwei Dutzend Worte leise mitsagten und dabei die
Lippen wie kauende Kaninchen bewegten Da der Münedschi ein Beduine war hatte
ich nicht zu befürchten dass der Name und die vorhergehende Zurechtweisung ihm
lächerlich vorkommen würden Er hatte mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit zugehört
und fragte nun
    »Bist du vielleicht derselbe Scheik Halef Omar der Haddedihn welcher vor
einigen Jahren den Schatz der Schmuggler in den Ruinen des Birs Nimrud im alten
Babylon entdeckt hat«
    »Ja der bin ich allerdings« antwortete der kleine Hadschi mit großem
Selbstbewusstsein »Du weißt also von dieser meiner Ruhmestat Wo hast du denn
davon gehört«
    »In Meschhed Ali der heiligen Stätte der Schiiten«
    »Wann«
    »Jetzt als wir dort waren«
    »Du und El Ghani«
    »Ja«
    »Aber ihr seid doch nicht Schiiten«
    »Nein El Ghani ging als Gesandter des Grossscherifs hin und nahm mich mit«
    »Darf ich fragen was er dort sollte«
    »Das weiß ich nicht er hat es mir nicht gesagt Es scheint eine religiöse
Angelegenheit gewesen zu sein von welcher nur der Grossscherif und sein Bote
wissen durften«
    »Und dort habt ihr von mir gehört«
    »Ja Es waren Perser da welche euer damaliges Erlebnis ganz genau kannten65
 Die Schmuggler welche von euch ergriffen wurden sind anstatt Strafe zu
bekommen mit der Anstellung als Zollbeamte begnadigt worden Darum verkünden
sie euren Ruhm so oft und so weit sie nur können So haben auch wir davon
erfahren«
    »Du sagst euer sprichst also nicht von mir allein«
    »Weil noch jemand bei dir gewesen ist ein Effendi aus dem Abendlande Er
war ein Christ und hat Emir Kara Ben Nemsi geheißen Ist das richtig«
    »Ja«
    »In welchem Reiche des Abendlandes ist er geboren«
    »In Dschermanistan«
    »Das dachte ich mir allerdings denn Ben Nemsi ist ja dasselbe wie Sohn von
Dschermanistan War er auch wirklich ein Christ«
    »Der beste den es geben kann«
    »Es wird von ihm erzählt dass er obgleich er ein Christ ist den ganzen
Kuran auswendig könne Ist das wahr«
    »Ja«
    »Auch sollen ihm alle Auslegungen desselben besser und vollständiger bekannt
sein als muhammedanischen Gelehrten«
    »Auch das ist richtig«
    »Ich bin ein armer Mann und habe keinen Besitz aber wenn ich reich wäre
ich würde gern die Hälfte meines Vermögens dafür geben wenn ich ihn einmal
einige Tage bei mir haben und mit ihm sprechen könnte«
    »Warum«
    »Weil ich die heilige Schrift der Christen so kenne wie er den Kuran kennt
Es würde mir eine Wonne sein mit so einem Manne wie er zu sein scheint die
wirkliche Wahrheit zu ergründen und ihn zu den Lehren des Islam zu bekehren«
    Als er dies sagte holte er tief sehr tief Atem wie einer dem die Sache
von welcher er spricht außerordentlich am Herzen liegt und schon viele Sorgen
bereitet hat Schon das war für seinen Kuranglauben kein günstiges Zeichen Dazu
kam dass er erst mit mir »die wirkliche« Wahrheit zu erforschen wünschte sich
also noch nicht im Besitze derselben wusste Wenn er trotzdem davon sprach mich
zum Islam bekehren zu wollen so war das wohl nur eine Redensart und dazu
bestimmt seine eigene Unsicherheit zu verhüllen Dieser Mann schien zu den
vielen Dürstenden zu gehören welche die Quelle niemals finden weil sie blind
an ihr vorübergehen Er kannte ja nach seiner eigenen Behauptung die heilige
Schrift und also auch das Wort »Ich bin die Wahrheit und das Leben« und doch
war er bei diesem Brunnen der wahren Weisheit nicht geblieben Diese meine
Folgerungen und Schlüsse zog Halef jedenfalls nicht er handelte und sprach ja
meist nach seinem Gefühle dies tat er auch jetzt und zwar in einer Weise die
außerordentlich charakteristisch für ihn war
    »Wünsche das nicht ja nicht« warnte er
    »Warum nicht« erkundigte sich der Münedschi
    »Du würdest von dem was du hoffest grad das Gegenteil erreichen«
    »Wieso«
    »Ich bitte dich es dir durch ein Beispiel erklären zu dürfen Wir waren in
Erbil einer in der Dschesireh liegenden Stadt die du vielleicht nicht kennst
und gingen in die Moschee um zu beten Kara Ben Nemsi Effendi hält es nämlich
für keine Sünde auch in einem muhammedanischen Gotteshause ein christliches
Gebet zu sprechen er meint sogar dass die Moschee dadurch nicht geschändet
sondern geheiligt werde Niemand kannte ihn auch der Mufti66 nicht welcher
neben uns kniete Später erfuhr dieser aber dass der Effendi ein Christ sei und
zeigte ihn wegen Entweihung des Heiligtums an Wir wurden vor das Gericht
beordert wo der Kadi sich bemühte das Verbrechen so streng wie möglich zu
nehmen Aber Kara Ben Nemsi gab solche Antworten dass der Richter immer mehr in
Zorn geriet und ihn endlich grimmig andonnerte Du hast dich wohl vor keinem
Kadi zu fürchten Der Effendi antwortete ruhig Nein sondern der Kadi hat sich
vor mir zu fürchten Hierauf berief er sich auf eine vor kurzem erlassene Fetwa
67 des Scheik ul Islam68 nach welcher studierte Christen die Moscheen betreten
dürfen wenn es in frommer andachtsvoller Weise geschieht um die
nachzueifernden Gebräuche unserer Anbetung kennen zu lernen Als man uns
infolgedessen sagte dass wir gehen könnten erklärte er dass er noch bleiben
müsse um den Kadi wegen Schändung des Heiligtums anzuzeigen weil er ihn jetzt
als die Person erkannt habe die mit uns zu gleicher Zeit in der Moschee gewesen
sei ohne die Pantoffel auszuziehen wie es vorgeschrieben ist Der Kadi war
erschrocken und entrüstet musste aber die Wahrheit der Anzeige zugeben und
entschuldigte sich damit dass er die Dah ilmafasil69 in den Füßen habe und darum
den kalten Steinboden nicht ohne Pantoffel betreten dürfe Der Effendi riet ihm
lachend das nächste Mal sogar die Stiefel anzuziehen und dann entfernten wir
uns Du ersiehst aus diesem Beispiele dass es nicht geraten ist mit ihm etwas
vorzunehmen was ihm nicht behagt er pflegt es in das Gegenteil zu wenden Ich
kenne Moslemin welche ihn zum Islam bekehren wollten aber damit nur erreicht
haben dass sie selbst ihren Glauben geändert haben und Christen geworden sind«
    »Ist das wirklich möglich«
    »Nicht nur möglich sondern wahr Wünsche also ja nicht in dieselbe Gefahr
zu kommen«
    »Diese Gefahr würde es für mich nicht geben selbst wenn seine Gelehrsamkeit
noch größer wäre als sie ist«
    »Du würdest sie gar nicht bemerken er sagt Gott wohlgefällig zu leben das
sei seine Wissenschaft und er höre ein frohes Lachen viel lieber als die
trockenen Chitabat70 aller Ulama71 des ganzen Morgenlandes«
    »Dann ist es ja sehr gut dass er sich nicht hier befindet«
    »Warum«
    »Weil du mir gesagt hast dass dein hier neben mir sitzender Gefährte Hadschi
Akil Schatir der größte Gelehrte des Morgen und sogar auch des Abendlandes
ist«
    »O sie würden sich sehr gut zusammen vertragen denn trotz der unzähligen
Wissenschaften welche im Kopfe dieses meines Freundes Unterkunft gefunden
haben ist ihm niemals etwas davon anzumerken«
    »Ich habe es aber vorhin bemerkt als er die Erklärungen zu dem Spruche
Alis des Kalifen gab«
    »Ja so eine Erklärung entschlüpft ihm wohl zuweilen gewöhnlich aber behält
er sie für sich und das ist sehr lobenswert von ihm weil es so viele
Erklärungen gibt die man um sie zu begreifen sich wieder erklären lassen
muss Jetzt weißt du nun wohl wer und was wir beide sind Allah ist dir
wohlgeneigt gewesen indem er dich mit uns zusammenführte Wir haben fünfzig
tapfere Krieger der Haddedihn bei uns und außerdem wirst du zuweilen auch eine
weibliche Stimme vernehmen Die welche du da sprechen hörst ist Hanneh die
wohlerzogene Gebieterin meines Frauenzeltes deren Schönheit und Leutseligkeit
zu den größten Vorzügen der Türkei und aller persischen Provinzen gehört Allah
gebe ihr ewige Jugend und hierauf dann ein mir und ihr gefälliges Alter Was du
sonst noch wissen willst können wir dir später sagen Jetzt nun sprich auch du
Oder soll ich lieber fragen«
    Der Münedschi zögerte eine ganze Weile mit der Antwort Dann als er an
einem wiederholten Husten des Hadschi hörte dass dieser ungeduldig zu werden
begann sagte er
    »Meine Rede über mich kann sehr kurz sein Man zählt mich auch zu den
gelehrten Leuten Ich war ein gesunder und wohlhabender Mann als ich vor
mehreren Jahren nach Mekka kam Mein Vermögen wurde mir von fremden Pilgern
gestohlen Ich wohnte bei El Ghani Er nahm sich meiner an und behielt mich
selbst dann bei sich als ich erblindete Jetzt lebe ich nur allein von seiner
Güte Als er vor zwei Monaten nach Meschhed Ali musste nahm er mich mit weil
dort meist Perser sind deren Sprache er weder spricht noch versteht Jetzt
befanden wir uns auf dem Rückwege Das Wasser ging uns aus und fast
verschmachtet mussten wir mitten in der Wüste halten bleiben Wir waren
überzeugt dass Allah unsern Tod beschlossen habe Mehr weiß ich nicht zu sagen
das andere wisst nur ihr«
    Das war die ganze Auskunft welche er uns erteilte Ich sah Halef an dass er
wieder fragen wollte winkte ihm aber ab Es gab einige Punkte über welche ich
trotz der Schweigsamkeit und Zurückhaltung des Mekkaners gern Auskunft haben
wollte Er war unser Gast und dabei ein unglücklicher blinder Mann
wahrscheinlich auch noch sonst beklagenswert und gegen solche Leute ist man
nicht gern zudringlich aber wenn man bei Wohltaten auch nicht grad zu wissen
braucht wem man sie erweist so gab es hier doch andere sehr triftige Gründe
es nicht bei dem bisherigen ganz unzureichenden Aufschlusse bewenden zu lassen
Ich erkundigte mich also jedoch in rücksichtsvollem Tone
    »Möchtest du uns wohl sagen welchem Berufe El Ghani angehört«
    »Er ist Schech el Harah72« antwortete er
    »Und wie ist sein eigentlicher Name«
    »Habt ihr ihn gesehen«
    »Ja«
    »Auch mit ihm gesprochen«
    »Ja«
    »Hat er euch seinen Namen nicht gesagt«
    »Nein«
    »So erlaube dass ich ihn auch zurückbehalte Er ist mein Wohltäter dem ich
zur Dankbarkeit verpflichtet bin ich habe also kein Recht das zu sagen
worüber zu schweigen er seine Gründe gehabt haben wird«
    »Ich achte diese deine Dankbarkeit obwohl ich der Ansicht bin dass ein
ehrlicher Mann seinen Namen nicht zu verschweigen braucht Du hast den deinen
auch noch nicht genannt«
    »Effendi willst du mich der Unehrlichkeit zeihen«
    »Nein Es genügt mir von El Ghani erfahren zu haben dass man dich El
Münedschi nennt Aber wann ihr hier mitten in der Wüste Halt gemacht habt das
darf ich wohl erfahren«
    »Es war am Jom es Sabt73 früh«
    »Also vorgestern Wann bist du da eingeschlafen«
    »Sofort als ich vom Kamele gefallen war zum Absteigen fehlte mir die
Kraft«
    »Während dieses Schlafes hat dir von einem andern Leben von einer andern
Welt geträumt«
    »Effendi darüber lass mich schweigen Ich träume nicht Was du für Traum
hältst ist etwas ganz anderes Du bist ein berühmter Gelehrter aber alle deine
Gelehrsamkeit reicht nicht aus das zu begreifen was ich dir darum lieber
verschweige«
    »Ich meine im Gegenteile dass ich als Gelehrter es leichter begreifen würde
als ein Ungelehrter«
    »Nein Du würdest es für eine Krankheit halten während es doch grad ein
Beweis der höchsten geistigen Gesundheit ist Ich bitte dich nicht in mich zu
dringen und mich jetzt wieder mit El Ghani zu vereinigen«
    »Die Erfüllung dieses Wunsches ist leider jetzt nicht möglich El Ghani ist
fort«
    »Fort Wohin«
    »Nach Mekka«
    »Ohne mich«
    »Ja Er hielt dich für tot und hatte dich schon eingescharrt Als er mit
seinen Leuten fortgeritten war nahm ich dich aus dem Grabe und fand dass du
noch lebtest«
    »Tot Begraben schon« fragte er entsetzt »Allah sei mir gnädig El Ghani
weiß doch dass ich stets sehr bald wieder zu mir zurückkehre«
    Mit diesen Worten hatte er mir sein Geheimnis schon halb verraten ohne es
in seiner Aufregung zu bemerken die andere Hälfte dachte ich mir hinzu Darum
fragte wie man sich auszudrücken pflegt ich ihn grad auf den Kopf
    »Wie lange pflegtest du in solchen Fällen gewöhnlich nicht bei dir zu sein«
    »Nur einige Stunden« antwortete er prompt
    »Du wusstest dann wo du gewesen warst«
    »Ja ganz genau«
    »Und dieses Mal hat es länger als zwei volle Tage gedauert Es handelte sich
auch nicht bloß um den bei dir üblichen Zustand sondern du warst scheintot Die
Anstrengungen des langen Rittes und die Entbehrung des Wassers der Einfluss
deiner Nervenkrankheit die ich allerdings nicht wie du als den Beweis der
höchsten geistigen Gesundheit bezeichne und dazu der Umstand dass du ein
außerordentlich starker mit Tabak durch und durch vergifteter Raucher zu sein
und darum sehr wenig zu essen scheinst kurz diese und vielleicht auch noch
andere Gründe welche ich nicht kenne haben zusammengewirkt den Zustand
herbeizuführen den wir als scheintot bezeichnen«
    »Scheintot« sagte er »Zwei volle Tage habe ich gelegen Solltest du recht
haben Es wäre entsetzlich gewesen wenn ich begraben worden wäre ohne wirklich
tot zu sein Scheintot Es gibt ja überhaupt keinen wirklichen Tod denn das
was ihr so nennt das ist eben nichts anderes als scheinbarer Tod Es ist das
Ablegen des irdischen Kleides welches wir unter dem Namen Körper hier getragen
haben aber niemals wieder tragen werden Dieser Körper bleibt zurück um sich
in seine Grundbestandteile wieder aufzulösen die Seele aber die in ihn
gekleidet war wird auf ewig frei von ihm der sie beengte«
    Diese Weise sich auszudrücken machte mich stutzig Er sprach da nicht wie
ein frommer gläubiger Muhammedaner darum konnte ich es nicht unterlassen
einzufallen
    »Damit befindest du dich mit den Lehren Muhamhameds und allen Auslegungen
des Kuran in direktem Widerspruch«
    »Nein« antwortete er »Bedenke dass der Prophet und seine Nachfolger nicht
nüchterne Abendländer sondern Orientalen waren und als solche die Gewohnheit
hatten sich nicht streng treffend sondern bildlich auszudrücken Wenn Hadschi
Halef dich den größten Gelehrten des Morgen und des Abendlandes nennt so habe
ich das nicht wörtlich sondern nur in dem Sinne zu nehmen dass du mehr gelernt
hast und mehr weißt als viele andere gewöhnliche Gelehrten Sogar die
christliche Bibel hat man von diesem Gesichtspunkte aus zu lesen und zu
beurteilen weil die Verfasser der in ihr entaltenen Bücher auch Orientalen
waren«
    »Damit leugnest du also dass diese Bücher von dem Geiste Gottes eingegeben
worden sind«
    »Nein aber er hat durch orientalische Zungen gesprochen falls die Annahme
dieser Eingebung nämlich nicht eine irrtümliche ist Gottes Geist kann natürlich
nicht ein spezifisch morgenländischer sein«
    »So nennst du es also bildlich gemeint dass die Elemente die aufgelösten und
zerstreuten Körperteile bei der Auferstehung nicht zurückgeben werden Dass der
Auferstehende seine Gebeine von der Erde sein Blut von dem Wasser sein Fleisch
und sein Haar von der Pflanze und sein Leben von dem Feuer zurückerhalte«
    »Das ist eine altpersische Lehre du kennst also den Parsismus« fragte er
erstaunt »Warum nimmst du dein Beispiel nicht aus der Bibel von welcher wir
doch sprechen Doch«  fuhr er schnell fort  »ich vergesse dass du ja gar
nichts aus ihr beweisen kannst weil sie dir unbekannt ist«
    Da fuhr ich fort
    »Ich weiß dass sie von der Auferstehung des Fleisches spricht«
    Stellen anzugeben glaubte ich unterlassen zu müssen weil es verheimlicht
werden sollte dass ich Christ war Zu meiner Verwunderung antwortete er mir
    »Der Apostel Paulus sagt Es wird gesäet ein irdischer Leib und auferstehen
wird ein geistiger Leib gibt es einen irdischen Leib so gibt es auch einen
geistigen Leib«
    Jetzt war die Reihe zu erstaunen an mir Dieser Muhammedaner kannte die
Briefe an die Korinter Er fuhr gleich fort
    »Durch das Zusammenwirken der Seele und des Leibes in diesem Leben bildet
sich ein zweiter für uns unsichtbarer Leib welcher für uns unbemerkbar die
Poren des irdischen durchdringt und die Verbindung zwischen ihm und der Seele
herstellt er entsteht aus den unwägbaren Stoffen des sterblichen Leibes und
geht nicht mit diesem verloren sondern begleitet die Seele in die Ewigkeit
Dieser für unser Auge nicht erkennbare Leib ist es welchen der Apostel also
auch die Bibel meint wenn von der Kijahma des Leibes die Rede ist«
    »Das war so ungefähr die Ansicht des Abu en Nasranija74 Origenes«
    Jetzt wunderte wieder er sich über mich
    »Du kennst Origenes« rief er aus »So bist du ja noch unterrichteter als
ich dachte So wirst du mich also vielleicht verstehen wenn ich sage dass ich
den Tod nicht fürchte weil er nichts weiter ist als die Ablegung des groben
Kleides welches hier die Seele und den geistigen Leib zu schützen hatte Beide
bedürfen nach dem Tode dieses Schutzes nicht mehr Freilich ist das Ablegen
dieses groben Leibes also der Tod nicht so leicht und so schmerzlos wie das
Entfernen eines gewöhnlichen Gewandes und darum erschrak ich vorhin als du
sagtest dass ich scheintot gewesen sei Ich kann nicht glauben dass dies richtig
ist sondern nehme vielmehr an dass du dich geirrt hast Mein Körper ist es
gewöhnt von der Seele zeitweilig verlassen zu werden und wenn sie in diesem
Falle zwei Tage abwesend gewesen ist also viel länger als es sonst der Fall zu
sein pflegte so darf man dies doch noch nicht als Scheintod bezeichnen von
welchem es nur ein kleiner Schritt ins Grab hinunter ist«
    Bei dieser Äußerung die geeignet war unser um die Errettung des Münedschi
wohlerworbenes Verdienst zu schmälern nahm Halef das Wort Der letzte Teil des
Gespräches hatte ihm schon nicht gefallen und nun er glaubte um den Dank
welchen er beanspruchte gebracht werden zu sollen fuhr er in beinahe zornigem
Tone auf
    »Noch ein Schritt Also denkst du dich noch außerhalb desselben befunden zu
haben Du lagst ja schon drin vollständig drin im Grabe und es war auch schon
fast ganz zugeworfen nur dein Gesicht war noch frei Wenn deine Seele die üble
Angewohnheit hat den Körper öfters zu verlassen um neugierig in der Welt herum
spazieren zu gehen so kann ich nichts dagegen haben denn sie ist nicht meine
Seele welcher ich solche Unbedachtsamkeiten freilich nicht gestatten würde
denn wenn sie einmal den Rückweg verlieren oder gar vielleicht vergessen sollte
wem sie angehört so irrt sie dann als unernährte gattenlose Witwe im Weltall
herum und ich liege da ohne zu wissen wo ich sie zu suchen habe und wen ich
nach ihr schicken soll Dass mir das und warum es mir im höchsten Grade
unangenehm sein würde das brauche ich dir wohl nicht erst lange zu erklären Es
will doch jeder vernünftige Mensch im faktischen Besitze seiner rechtmäßigen
Seele sein ohne ihr gestatten zu müssen mit freundlichem Lächeln wie die
Frauen und Töchter des Abendlandes auf den Eisenbahnen herumzufahren Beliebt es
dir von dieser vorsichtigen Behandlung der Bewohnerin deines Körpers eine
Ausnahme zu machen so habe ich wie bereits gesagt nichts dagegen einzuwenden
zumal du uns mitgeteilt hast dass sie bisher stets schon nach kurzer Zeit und
pünktlich wieder zurückgekehrt ist obwohl für eine leichtsinnige Seele auch das
schon vollständig genügt verschiedene Allotria und sonstige Dinge zu treiben
die ihr eigentlich verboten sind Aber bedenklich höchst bedenklich wird die
Sache wenn sie auf einmal anfängt gleich zwei volle Tage wegzubleiben Das ist
doch unbedingt gegen den inzwischen leblosen Körper eine Rücksichtslosigkeit
die er sich unmöglich gefallen lassen kann zumal es ihm in seiner Pflichttreue
und Ordnungsliebe niemals eingefallen ist auch einmal ohne sie spazieren zu
gehen und sie einsam und ohne Subsistenzmittel zu Hause sitzen zu lassen Dass du
dir auch das gefallen lassen willst nun ich kann es ja nicht ändern sondern
nur sagen dass ich an deiner Stelle sehr energische Maßregeln ergreifen und ihr
den Standpunkt so klar machen würde wie es einer solchen gern aufsichtslos
herumstreifenden Seele gegenüber nur immer möglich ist Das Schlimmste aber ja
das Allerschlimmste was dabei zum Vorschein kommt ist die Täuschung in
welcher du dich in Beziehung auf deinen von ihr so leichtfertig verlassenen Leib
befindest Du scheinst nämlich zu glauben dass ihm diese ihre Flatterhaftigkeit
nichts schaden könne ja du stellst sogar die Behauptung auf dass du gar nicht
scheintot gewesen seist O Münedschi auf deine Seele ist selbst dann kein
Verlass wenn sie sich daheim in deinem Körper befindet denn sonst würdest du
ganz gewiss anders sprechen Ich sehe ein dass ich dir zu Hilfe kommen muss indem
ich dir der Wahrheit nach berichte wann wo und wie wir dich gefunden und dann
ausgegraben haben Höre mich also an«
    Es folgte nun ein sehr lebendiger und stellenweise sehr drastischer Bericht
über die Begebenheit von dem Augenblicke an welchem wir die Geier bemerkt
hatten bis zum gegenwärtigen Nun erst erfuhr der Blinde in ausführlicher
Weise dass und warum seine Gefährten ihn wirklich verlassen hatten er sah ein
dass er wirklich begraben gewesen war und nun stellte sich die Angst
nachträglich bei ihm ein Er holte den bis jetzt versäumten Ausdruck des Dankes
in einer Weise nach welche selbst den in dieser Beziehung sehr anspruchsvollen
Halef befriedigte Zu der Angst und dem Gefühle der Dankespflicht gesellte sich
dann die schwere Sorge wegen seiner Hilflosigkeit Was sollte nun aus ihm
werden Seine Bekannten hatten ihn begraben und er befand sich blind und ohne
alle Mittel zum Weiterkommen unter fremden Leuten Da verstand es sich dann ganz
von selbst dass wir ihn unsers gern verliehenen Beistandes versicherten Wir
wollten ja auch nach Mekka hatten also gleichen Weg mit ihm und brachten gar
kein Opfer wenn wir eines unserer Kamele für ihn bestimmten Er war als er
dieses hörte natürlich hoch erfreut und erklärte sich für kräftig genug gleich
mit uns aufzubrechen
    Ich glaubte Grund zu haben dieser seiner vermeintlichen Kraft kein allzu
großes Vertrauen schenken zu dürfen Er hatte seit wir von dem Grabe
weggegangen waren und hier auf dem Teppiche saßen gequalmt wie  um mich eines
landläufigen Ausdruckes zu bedienen  wie ein Stadtsoldat und den Tschibuk
achtmal ausgeraucht ich musste ihn zu den stärksten Rauchern zählen die ich
kennen gelernt hatte Wahrscheinlich war sein ganzer Körper vom Gifte des
Tabakes durchzogen und sein Magen vollständig verdorben worden Daher die
Behauptung dass er selbst jetzt nach so langem Fasten keinen Hunger habe Ich
erklärte dass wir den Weiterritt nicht eher antreten würden als bis er tüchtig
gegessen habe und hielt auch Wort obwohl es fast des Zwanges bedurfte die
reichliche Portion zu verzehren welche Hanneh ihm aus unsern Vorratstaschen
brachte Ohne ein Augenarzt zu sein konnte ich mich der Meinung nicht erwehren
dass auch seine Blindheit in enger Beziehung zu diesem starken Rauchen stehe und
dass ich da recht hatte bewies mir dann die spätere Zeit
    Übrigens war es mir gar nicht unlieb diesen Mann hier unterwegs getroffen
zu haben Obgleich blind kannte er Mekka doch jedenfalls besser als wir und
konnte uns also wenn nicht durch die Tat so doch durch seinen Rat wohl
nützlich werden Ferner war er an sich eine interessante Persönlichkeit Und
drittens besaß er für mich den Reiz des Geheimnisvollen Ich hegte die
Vermutung dass er das nicht sei als was er gelten wollte und hatte meine
Gründe dazu
    Dass er ein Gelehrter und zwar kein gewöhnlicher war hatte er bewiesen Er
kannte sogar die Bibel ein höchst seltener Fall Auch in der Theologie der
alten Perser war er bewandert Das musste mehr als bloß meine Aufmerksamkeit
erregen Sodann hatte er erzählt dass er als reicher Mann nach Mekka gekommen
sei Das wollte nicht mit den geringen Einnahmen eines morgenländischen
Gelehrten stimmen Auch seine Ausdrucksweise war mir aufgefallen Sie war nicht
die umschreibende bilderreiche eines geborenen Orientalen sondern eher
diejenige eines Europäers der sich allerdings schon seit langer Zeit im
Morgenlande befunden hat Er drückte sich bestimmt und ohne Anwendung von Tropen
aus Auch auf seine Aussprache einiger arabischer Laute war ich aufmerksam
geworden Die beiden Ha das Ain den Unterschied zwischen dem Sin und Sad des
Rain Ren oder Ghen das erste Kaf das alles brachte er nicht so heraus wie
ein Eingeborener es bringt Auch hatte er sich einiger Worte bedient welche dem
Araber zwar auch aber nicht in dem gebrauchten Zusammenhange geläufig sind Es
ist da wohl kein Wunder wenn ich sage dass er mir ein Rätsel war
    Wenn ich weitergehen will so war mir auch sein Verhältnis zu El Ghani
unklar geblieben nicht etwa weil er so wenig darüber gesagt hatte denn diese
Zurückhaltung war Fremden gegenüber wohl begreiflich aber er schien außer der
Dankbarkeit für empfangene Wohltaten noch etwas für oder gegen diesen Mann zu
empfinden was er sich bemühte zu verheimlichen Warum hatte der vornehme
Mekkaner den Blinden mit nach Meschhed Ali genommen dem alten gebrechlichen
Manne also einen so weiten beschwerlichen Weg zugemutet Um sich seiner als
Dolmetscher zu bedienen Gewiss nicht Es gibt in Mekka junge kräftige Leute
mehr als genug welche des Persischen mächtig sind und unter denen er nur zu
wählen brauchte Hatte er das etwa aus Geiz nicht getan weil er einen
Dolmetscher hätte bezahlen müssen Vielleicht war dies ein Nebengrund aber der
Hauptgrund sicher nicht denn jeder halbwegs gebildete Perser spricht auch
arabisch und so wäre El Ghani in Meschhed Ali mit seinem Arabisch ganz gut
ausgekommen Es lag da jedenfalls etwas vor was niemand am allerwenigsten ein
Fremder erfahren sollte
    Am meisten interessierte mich natürlich sein krankhafter Zustand welchen er
mit den Worten bezeichnet hatte »Mein Körper ist es gewöhnt von der Seele
zeitweilig verlassen zu werden« Tiefe und längere Ohnmachten kommen bei
verschiedenen auch habituellen Krankheiten vor War er epileptisch
hysterisch gar somnambul oder was sonst Jedenfalls nervenkrank Er
behauptete während dieser Ohnmachten in einer andern Welt zu sein und sich
dessen ganz genau erinnern zu können Um meine größte Teilnahme zu gewinnen
hätte er gar nicht mehr zu sagen gebraucht Ich bin ein sehr nüchterner Mann und
jeder Phantasterei abgeneigt ich nehme nur das als wahr und richtig hin was
ich mit kalten Sinnen geprüft und als echt erkannt habe aber trotzdem oder
vielleicht grad darum
»schau ich gern in solche Ecken
wo geheime Sachen stecken«
selbst wenn es geistige Ecken oder Winkel sind und hinter diesen Ohnmachten des
Münedschi war etwas verborgen was meine Neu oder vielmehr Wissbegierde reizte
Ich gestehe es aufrichtig
    Aus all diesen verschiedenen Gründen war mir das Zusammentreffen mit ihm
ganz recht und wenn ich auch gar nichts anderes zu erwarten gehabt hätte er
war eine Person mit welcher ich mich unterhalten konnte Trotz der scheinbaren
Überzeugung mit welcher er von den Lehren und Satzungen des Islam gesprochen
hatte glaubte ich bemerkt zu haben dass der Boden auf welchem er in Beziehung
auf den Glauben stand unter ihm ins Wanken geraten vielleicht niemals fest und
sicher gewesen war Mit solchen nach der Wahrheit Strebenden verkehre ich gern
denn wer sein höchstes Glück bei Gott gesucht und auch gefunden hat der möchte
auch gern andere glücklich machen
    Was El Ghani betrifft welcher uns mit Drohungen verlassen hatte so dachte
ich jetzt mit weniger Sorge an ihn als vorher falls der Ausdruck Sorge da der
richtige gewesen wäre Es war kein klares bestimmtes definierbares Gefühl
welches in mir lag aber es machte sich doch bemerkbar und wurde auch
verstanden nämlich dass unsere Bekanntschaft mit El Münedschi uns in dieser
Beziehung von Nutzen sein werde Derartige Vorgefühle und wenn sie sich noch so
leise bemerkbar machten haben mich fast nie getäuscht
    Es wurde dem Alten der bequemste Sattel den wir hatten mit Decken und
weichen Tüchern so vorgerichtet dass er da behaglich wie in einem Lehnstuhle
sitzen konnte Ehe er aufstieg bat er uns ihn an das Grab zu führen wenn er
es auch nicht sehen könne so wolle er doch wenigstens mit den Händen einmal
nach dem Orte schauen welcher beinahe sein Grab geworden wäre Nicht einer von
uns sondern Hanneh nahm ihn bei der Hand um ihn hinzuleiten indem sie sagte
    »Diese deine jetzige Kijahma ist eine irdische bei welcher dir deine Augen
nicht den Ort der Auferstehung zeigen wenn aber einst deine wirkliche deine
himmlische Kijahma kommt so werden sie geöffnet sein und du wirst mit ihnen
das Land der Herrlichkeit sehen welches Allah allen denen bereitet hat die
reinen Herzens sind und ihn und seine Menschenkinder lieben Allah jekuhn ma ak
 Gott sei mit dir«  
 
                                Zweites Kapitel
                                        
                                El kanz el Ada
Unser heutiger Ritt hatte den Bir Hilu75 zum Ziele welcher nicht auf dem
nordsüdlichen Karawanenwege sondern weit seitwärts von demselben liegt Dass er
auch von El Ghani genannt worden und ihm also bekannt war lieferte mir den
Beweis dass dieser Mekkaner sich nicht immer nur in der Stadt des Propheten
aufgehalten sondern auch die Wüste ziemlich genau kennen gelernt haben musste
    Die Wüste
    Ich habe sie und ihre verschiedenen Arten schon so oft beschrieben dass ich
mich nicht wiederholen darf Ihre Physiographie ist bekannter als die bisher
noch kaum gewürdigte Bedeutung welche sie als Erzieherin des sie betretenden
oder ihre Wahat76 bewohnenden Menschen besitzt Wie die Prairie ein nur ihr
eigenartiges Leben und die nur auf ihr möglichen Gestalten entwickelt so hat
auch die Wüste ihre besonderen Pflanzen Tier Menschen und überhaupt
Lebensformen welche man in andern Gegenden vergeblich suchen würde Damit würde
Freiligrat wenn er es mit seinem
                           »Wüstenkönig ist der Löwe«
ernst gemeint hätte allerdings nicht einverstanden sein denn »der Löwe kommt
auch in anderen Gegenden als nur in der Wüste vor« würde er sagen aber ich
habe trotzdem recht denn wenn der Löwe wirklich einmal in der Wüste vorkommt
so ist es doch nur am Rande derselben und er hat sich verlaufen Er braucht als
Fleischfresser viel Wasser und ist also nichts weniger als ein Wüstentier wie
ja auch die Giraffe auf welcher er seinen berühmten »Löwenritt« ausführt es in
der Wüste nicht viel länger als einen Tag aushalten würde
    Der Mensch hat die Gabe sich den Naturverhältnissen des von ihm zum
Aufenthalte gewählten Landes anzubequemen er wird je länger desto mehr ein Sohn
desselben indem er die Eigenart des Bodens annimmt der seine Wohnung trägt
mag diese nun eine festgegründete oder ambulante sein So auch der
Wüstenbewohner Ich gestatte mir nämlich dieses eigentlich grundfalsche Wort
weil es sich nun einmal eingebürgert hat Die Wüste ist ja unbewohnt und wenn
sie von Karawanenpfaden durchzogen wird kann doch nur von Wanderern nicht aber
von Bewohnern gesprochen werden
    Die Wüste liegt weit und flehend ausgebreitet wie ein endloses Gebet zu Gott
um Gnade und Barmherzigkeit Sie ist ein tief ergreifendes Bild irdischer Armut
und Hilflosigkeit Sonnendurchglüht kahl und nackt ragen ihre Felsen empor oft
grotesk phantastisch geformt oft kühn vereinzelt oft zu gemeinschaftlichen
wilden Zügen vereint bald in seltsamen Gliederungen aufgebaut so dass man
zerfallene Städte verödete Schlösser und Burgen oder prächtige Säulenhallen in
der Ferne zu erblicken meint bald wieder wie von der Faust eines unerbittlichen
Schicksales niedergeschmettert breitgedrückt zerrissen und zerklüftet von
gähnenden Abgründen durchzogen in deren Tiefe selbst die Glut der äquatorialen
Sonne nicht zu dringen vermag Gleicht dieses Bild nicht ganz genau der
Geschichte dieses scheinbar aber eben auch nur scheinbar von Gott verlassenen
Landes
    Diesen oft gen Himmel ragenden Reliefs folgt das Warr jene von
zerstampften wild durcheinander geworfenen Felsenmassen bedeckte Wüste welche
das Aussehen hat als ob der Teufel im Zorne über seine Verstossung hier eine
ganze Welt zerschmettert und dann die Trümmerbrocken umhergewirbelt habe In
allen Größen liegen sie da diese Steinblöcke hier nur einer nur zwei oder
drei dort hoch aufeinander getürmt als ob der Böse dann »Markenumgang« in
seinem Innern gehalten und jede einzelne Sünde jedes einzelne Laster desselben
mit einem aus zermalmten Bergen bestehenden Schandmale bezeichnet habe Rundum
bis an den Horizont so weit das Auge reicht sind diese Zeichen zu sehen und
je weiter er sich dehnt desto größer wird ihre Menge Zwischen ihnen liegen die
Felsenbrocken gesäet wie unzählbare Körner von tausend Höllenfrüchten die in
der Wüstensonne nachreifen und sich schwärzen sollen Den einsamen Wanderer
durchschauert es trotz der glühenden Hitze er treibt sein Kamel an um schnell
weiter zu kommen und ruft »Allah beschütze und behüte mich«
    Dann kommt die Wüste in welcher der Sand sich mit dem Warr vermählt Dort
im Westen Tagereisen weit von hier liegt die glatte Ebene des Sandes Der
stets vorherrschende Westwind streicht über sie und nimmt die feinsten
leichtesten Körnchen mit um sie an jedem festeren Punkte an jeder noch so
kleinen Erhöhung abzusetzen Die Erhöhung wird größer sie wächst von Tag zu
Tag Der West baut höher auf und die mit der Sonne gehenden Nebenwinde helfen
ihm Der von ihm getriebene Sand wird bis zur Spitze gehoben und was nicht da
liegen bleibt fällt jenseits herab Das gibt ein leises süßes metallisches
Klingen und Tönen »Die Engel flüstern« sagt der Beduine wenn er halb
schlafend und halb wachend es während der Nacht hört Das ist die Wüste der
Sandhügel Die feinen klingenden Körner wandern weiter und immer weiter sie
erreichen das Warr sie füllen seine Löcher und Vertiefungen seine
Zwischenräume aus sie steigen an seinen Trümmern empor und hüllen sie die
harten mit weichem Mantel ein geben seinen scharfen Linien Milderung und
verwandeln die rohen Trümmerhaufen nach und nach in sanfte Hügelwellen Die
flüsternden Engel decken das Teufelswerk in liebevoller nie ruhender Arbeit zu
    Und weit weit draußen endlich dehnt sich die von keiner Erhöhung
unterbrochene ewig gleiche Sahar die Wüste des toten Sandes Die Tageshitze
liegt in sichtbarer Verdichtung manneshoch auf ihr der Himmel zieht sich wie
flüssiges Blei darüber hin und scheint sich am Horizonte mit einem Meere von
glühendem Erze zu vereinigen eine Grenzlinie zwischen beiden gibt es tagelang
nicht Das Auge brennt der Sehnerv versagt ermüdet seine Tätigkeit denn der
sehnsüchtige Blick findet keinen Punkt an dem er ruhen könnte Der Sinn für die
Entfernung geht verloren man glaubt inmitten einer halt und gestaltlosen
Ewigkeit zu reiten und verliert in ihr den eigenen Halt Die Tatkraft
schwindet der Wille wird verzehrt die Schärfe der Sinne nimmt ab und an die
Stelle fehlender Wahrnehmungen treten Hallucinationen welche das was man
wünscht vortäuschen und vorgaukeln Darum ist diese Wüste das eigentliche
Gebiet der Fata morgana wie sie auch den Hauptbereich der verderblichen
Sandstürme bildet denen schon mancher einzelne Wanderer und manche vollzählige
Karawane zum Opfer gefallen ist Welches Entzücken dann der Anblick einer
wirklichen nicht vorgespiegelten Oase hervorbringt das zu beschreiben fehlen
die Worte
    Und genau so wie die Wüste ist ist auch ihr Bewohner In seinem Innern
wohnt dieselbe Glut unter welcher die Gebilde seiner Seele zu seltsamen oft
ungeheuerlichen oft zauberischen zuweilen auch wohl anmutigen Formen
erstarren Hilflos hungrig und dürstend wie das steile Warr und der brennende
Sand breitet sich sein Leben vom ersten bis zum letzten Tage dem Himmel
entgegen stets der Barmherzigkeit Allahs gewärtig Daher seine tiefe
Religiosität deren äußerer Eindruck aber an tote ermüdende Formeln gebunden
ist Die unerbittliche Strenge der Wüste macht ihn äußerlich ernst und innerlich
hart wie sie grausam ist gegen ihn so ist auch er rücksichtslos gegen andere
ihm nicht nahestehende Wesen Genau so unbeugsam wie ihre Gesetze sind besteht
auch er auf der Unfehlbarkeit seiner Meinungen und auf der Überlegenheit seines
Willens Ihre Temperaturunterschiede sprechen sich in seinen Regungen aus was
ihn am Tage begeisterte kann er am Abende schon kalt und verächtlich von sich
werfen Das Weib welches er jetzt glühend liebt kann er schon nach einigen
Stunden durch die gesetzlich giltige Formel »Du bist geschieden« von sich jagen
Liebe besonders Nächstenliebe die zweite große Forderung der Christuslehre
kennt er überhaupt nicht wie ja auch die Wüste nichts weniger als liebreich
gegen ihn ist Wie sie nichts gibt sondern nur Opfer fordert so ist auch er
nur Egoist und will sogar den Himmel für sich allein haben Hat sie den ganzen
Tag gedürstet so saugt sie den Tau der Nacht bis auf den letzten Tropfen auf
in derselben Weise unterwirft auch er sich geduldig allen Entbehrungen um sich
dann dem Genuße ohne Maß und Selbstbeherrschung zu ergeben Da sein ganzes
inneres Leben ein nur von einigen Brunnen unterbrochenes Wandern durch die
Öde ist schmückt er sich das Jenseits in den glühendsten Farben als
paradiesische Oase aus wo er ununterbrochen in Freuden schwelgt von denen ihm
das irdische Leben nur zuweilen einen leisen kurzen Vorgeschmack bietet Wie
seine Leiden und Entbehrungen materielle sind so sind auch die Ziele seiner
Wünsche und Bestrebungen meist materieller Art der Wüstensohn hat kein Gemüt
darum kann er sich weder ein irdisches Glück noch seine einstige Seligkeit rein
herzlich denken Der Boden seiner Seele gleicht der Felsen der Trümmerundd
der Tiefsandwüste Seltsam verworren abenteuerlich steigt es oft mit
elementarer Gewalt von da unten auf der heiße Smum77 fegt darüber hin und
wirbelt tödliche wie von höllischem Feuer gefärbte Sandwolken vor sich her
Aber wie die Wüste ist auch diese Seele nicht ohne Tau und wie sich unter der
Wüstendecke genug befruchtendes Wasser befindet nach welchem man nur zu bohren
braucht um es klar und hell hervorsprudeln zu sehen so sind auch ihr die
geistigen Vorbedingungen der wirtschaftlichen etischen und religiösen
Gesittung nicht versagt Wo aber sind die rechten Pioniere welche den
wirklichen echten selbstlosen Beruf in sich tragen nach diesem Wasser zu
bohren Wer hier durch artesische Brunnen helfen will der darf dies nicht von
der Berechnung abhängig machen zu welchem Prozentsatze sich das dabei angelegte
Kapital verzinsen wird auch muss er zunächst auf diejenige religiöse
Aggressivität verzichten welche dort den sofortigen fanatischesten Widerstand
hervorrufen und alles verderben wenigstens das Gelingen auf unabsehbare Zeit
hinausschieben würde Es gibt Kapitalanlagen welche der Herrgott in sein Buch
einträgt um erst am großen Tage der Abrechnung Soll und Haben zu vergleichen
und derjenige Mann oder dasjenige Volk ist der beste Missionar welcher den
Andersgläubigen mehr durch sein Leben als durch seine Lehren zu überzeugen
sucht Ein Gott wohlgefälliges und den Mitmenschen nützliches Leben ist die
einzig richtige Vorbereitung des Bodens zu der Saat die dann allerdings durch
die Predigt in Worten zu geschehen hat
    Komm mit mir im Geiste in die Wüste lieber Leser Du hast gelernt die
Bedürfnisse deines Körpers auf das allergeringste Maß herabzumindern Der Hunger
ficht dich nicht mehr an und auch den Durst hast du bis zum gebotenen Grade zu
beherrschen gelernt Du bist auf Fasten gestellt und wirst nun die Erfahrung
machen dass jetzt die Tätigkeit des Geistes diejenige des Körpers überragt Das
ist der Grund weshalb selbst bei halb oder gar nicht civilisierten Völkern vor
wichtigen Wendepunkten im Leben des Einzelnen oder auch der Gesamtheit ein
Fasten vorgeschrieben ist Sogar der Indianer fastet längere Zeit vor der
Zeremonie des Namengebens oder vor der Wahl der Medizin Es ist als ob die
Seele freier geworden und in ihren Funktionen weniger gehemmt sei als vorher
Deine geistigen Sinne scheinen doppelte Schärfe und deine Gedanken Flügel
bekommen zu haben Du lebst mehr innerlich als äußerlich Du hast dich an den
schaukelnden Gang des Kameles gewöhnt er stört dich nicht mehr Im hohen Sattel
des Hedschihn sitzend achtest du nicht auf die Bewegungen des Tieres dessen
weiche elastische Schritte nicht bis zu dir heraufwirken Reitest du durch die
Hochfelsenwüste oder durch das Warr so fühlst du dich als körperliches
Individuum so klein so nichtig so verlassen in diesem überwältigenden Stein
und Trümmermeere reitest du über den glatten Sandozean so siehst du ihn nicht
hinter dir verschwinden während er sich aber vor dir immer weiter und weiter
ausbreitet Es gibt keinen Anfang und kein Ende keine Grenze hier denn der
Horizont ist zur Vermählung des Himmels mit der Erde geworden die zwischen
beiden keine Linie mehr kennt Du weißt nicht wo das Unten aufhört und das Oben
beginnt und hast das Gefühl als ob die über dir glühende Sonne die Erde und
dich mit ihr immer auf und auf und stetig aufwärts ziehe Und wie du Himmel
und Erde nicht mehr zu trennen vermagst so schaust du zu gleicher Zeit nach
außen und nach innen Die Endlosigkeit vor deinem körperlichen Auge ist gleich
der unmessbaren Weite welche vor deinem geistigen liegt Dein Leib wird
fortgetragen ohne dass du es fühlst und deine Seele fliegt Dein Leib Du hast
keinen Leib mehr du bist nur Seele nichts als Seele Der Leib ist in dieser
Grenzenlosigkeit immer leichter und leichter immer nichtiger und nichtiger
geworden bis er als ein Nichts in der Unendlichkeit dir aus den Gedanken
schwand Aber dass deine Seele besteht bestehen muss und auch fortbestehen wird
das ist dir zu einer Klarheit geworden gegen die kein Hauch des Zweifels
möglich ist Du selbst bist ja diese Seele und kannst kein Ende nehmen wie es
hier überhaupt kein Ende gibt Der Zweifel kann nur auf der Erde wohnen und du
befindest dich ja nicht mehr auf ihr Du bist jetzt überirdisch und atmest im
seligen Reiche der Zuversicht zu dem der da ist das ewige Leben und dessen
Eigentum du bist Du fühlst es und du weißt es dass es von jetzt an keine Macht
mehr gibt der es gelingen kann dich in der Überzeugung deiner
Unsterblichkeit irre zu machen
    Da hörst du Worte sie klingen wie aus weiter weiter Ferne zu dir aber sie
rufen dich doch zur Erde zurück Du bist nicht mehr jenseits sondern diesseits
unserer Grenzen und siehst dass der Schech el Dschemali78 es ist der gesprochen
hat Er deutet vorwärts und indem du diesem Fingerzeige mit dem Auge folgst
bemerkst du eine Karawane welche weit draußen in der Wüste vorüberzieht Ihr
Führer trennt sich von ihr und der eurige von euch Beide reiten einander
entgegen um Frage und Antwort auszutauschen während beide Karawanen ihres
Weges weiterziehen Du staunst über den Anblick dieser fremden Wanderer du
fragst dich ob das die Wirklichkeit oder eine Phantasmagorie sei Die Gestalten
sind von zwei horizontalen Linien durchschnitten zwischen denen sich nichts
befindet unter ihnen siehst du die langen weiterschreitenden Beine und die
halben Leiber der Kamele während über ihnen die oberen Leibeshälften mit den
Reitern in der Luft zu schweben scheinen der eine Teil des Bildes ist
senkrecht der andere schräg Die Ursache davon hast du in den von der Erde
zurückgeworfenen Sonnenstrahlen zu suchen das sagt dir das eigentümliche
Zittern der zerschnittenen Gestalten Wer sind sie Wo kommen sie her wo gehen
sie hin Der Schech el Dschemali wird es erfahren und euch sagen Aber wer sie
auch sein mögen sie befinden sich in derselben Wüste und haben ganz dasselbe
empfunden und gedacht wie du Es gibt unter ihnen keinen der an dem Dasein
Gottes und an dem ewigen Leben Zweifel hegt denn die Seele jedes von ihnen ist
da oben gewesen wo jetzt auch die deine war
    Der Tag vergeht und um die Zeit des Moghreb wird Halt gemacht Das Lager
wird gebildet und dann das Wasser ausgeteilt Wie erhebend klingt dann der Ruf
    »Hai alas Salah hai alal Felah Allah akbar la Ilaha il Allah    auf
zum Gebete auf zum Heil Gott ist sehr groß es gibt keinen Gott außer Gott«
    Nach dem raschen Hereinbruche der Dunkelheit wird noch das Abendgebet
gesprochen dann hüllt ihr euch in eure Decken die Beduinen schlafen du aber
hast die Augen offen denn die Sterne Gottes sind aufgegangen hier in größerer
Pracht und Herrlichkeit als anderswo Sie ziehen mit magischer Gewalt deinen
Blick zu sich hinauf und mit ihm deine Seele mit allen ihren Gedanken
    Du denkst zunächst des heimatlichen Himmels der andere Bilder hat als
dieser südlichere Das liebe Vaterhaus mit allen die in ihm wohnen kommt dir
in den Sinn Dein Herz eilt hin zu ihnen denen deine Liebe gehört Du hältst
Heimkehr aus der Wüste aus der fernen Fremde in die Heimat die dich geboren
hat Aber der Glanz der Sterne zieht dich wieder her ohne dass du das Gefühl
daheim zu sein verlierst Bist du nicht auch hier daheim an der Seite des
himmlischen Vaters von welchem Jesaias79 sagt »Kann denn ein Weib ihres Kindes
vergessen dass sie sich nicht erbarmte des Sohnes ihres Leibes Und wenn sie es
vergässe so wollte doch ich dich nicht vergessen« So wird dir selbst die Wüste
zum Heim und auch die Sterne grüßen dich nicht fremd Es ist als ob sie liebe
verheissungsvolle Worte herniederflimmerten von den Wohnungen im Hause des
Vaters welche Christus uns bereitet hat Ist es nicht wunderbar dass diese
Sonnen und Welten millionenmal größer als unsere winzige Erde dich nicht
erschrecken sondern vielmehr deinen Glauben und dein Vertrauen stärken Es
drückt dich nicht nieder dass sie schon Milliarden von Jahren bestanden haben
und noch Billionen von Jahren bestehen werden während dein Leben höchstens
siebzig Jahre währt und wenn es hoch kommt so sind es achtzig Jahre Und du
tust wohl daran so zuversichtlich zu sein denn Christus sagt »Himmel und
Erde werden vergehen aber meine Worte werden nicht vergehen« Und diese Worte
welche ewig bleiben sind die Worte von der Liebe von der Liebe des Vaters
dessen Kinder wir sind für Zeit und Ewigkeit Bist du ein guter Mensch so schau
hinauf zum Himmel und sag Hast du nicht jeden einzelnen dieser lichten Sterne
lieb Sag »Nein« wenn du es vermagst Höre die Worte welche einst nach meinem
Tode mit meinen andern Gedichten veröffentlicht werden
Ich fragte zu den Sternen
Wohl auf in stiller Nacht
Ob dort in jenen Fernen
Die Liebe mein gedacht
Da kam ein Strahl hernieder
Hellleuchtend in mein Herz
Und nahm alle meine Lieder
Zu dir Gott himmelwärts
Ich fragte zu den Sternen
Wohl auf in stiller Nacht
Warum in jene Fernen
Er sie emporgebracht
Da kam die Antwort nieder
»Denk nicht an irdschen Ruhm
Ich lieh dir diese Lieder
Sie sind mein Eigentum«
Ich fragte zu den Sternen
Wohl auf in stiller Nacht
»Gilt denn in jenen Fernen
Auch mir die Himmelspracht«
Da klang es heilig wieder
»Du gingst von mir einst aus
Und kehrst wie deine Lieder
Zurück ins Vaterhaus«
    Schau so fest und sicher ist mein Glaube so unerschütterlich und freudig
mein Vertrauen dass diese Sterne wohl leichter ihr Licht verlieren obgleich ihr
Dasein nach Jahrmillionen zählt als dass ich das noch nicht sechzig kurze Jahre
alte Menschenkind von meiner Zuversicht zum Vater lassen würde in dessen Haus
auch mir ein Platz bereitet ist wenn ich mich seiner nicht unwürdig mache
    Sieh die Wüste im Glanze dieser Sterne liegen Geht er nicht vom Vater aus
Oder denkst du dass er einen andern Urquell habe den du mit Hilfe deiner
sogenannten Wissenschaft erreichen und chemisch begutächteln kannst um ihn dann
in Flaschen mit patentiertem Gummiverschluss per Reklame zum Verkaufe en gros und
en détail auszubieten Ich sage dir die einzige untrügliche also wahre
Wissenschaft ist Gottes Allweisheit und der Glanz welcher von dieser Weisheit
aus über alle Welten strahlt kann von keines Menschen Sohn auf dem Wege der
Wissenschaft bis an seinen Quell zurückverfolgt werden Wenn Kamille Flammarion
der bekannte französische Astronom mit Hilfe des elektrischen Lichtes mit den
Bewohnern des Mars sprechen will so sind erst Vorfragen zu erledigen die
vielleicht in Jahrtausenden noch nicht beantwortet sind und selbst wenn ihm
dies gelänge so hätte die Wissenschaft eine Linie nur bis zum nächsten äußern
Planeten gezogen was den unzählbaren Fixsternen und ihren unmessbaren
Entfernungen gegenüber nicht einmal als Anfang bezeichnet werden könnte Es
würde das ungefähr dasselbe sein wie wenn der kleine bewegliche Goldfisch in
meinem Aquarium auf den Gedanken käme den fernen Titicacasee einer
ichtyographischen Untersuchung zu unterwerfen Mein Halef nennt die Sterne am
liebsten Ujun es Sema Himmelsaugen und als ich ihn einmal nach dem Grunde
fragte antwortete er »Wenn ich in stiller Nacht unter dem glänzenden
Firmamente liege ist es mir als schaue Allah mit tausend hellen lieben
gütigen Sternenaugen aus dem Himmel auf mich hernieder um mir zu sagen dass ich
in seinem Schutze ruhig und sicher schlafen könne O Sihdi ich habe diese
freundlichen Ujun es Sema so herzlich lieb«
    Wenn dann der Mond erscheint und seinen lichten Schein mit ihren Strahlen
vermählt so liegt es wie ein durchsichtiges Meer von flüssigem Silber dessen
Kräuselungen im herrlichsten Perlmutterglanze flimmern über die Wüste
ausgebreitet Ein so magisches zauberisches Licht besitzt der Mond nirgend
anderswo In der bewegten Luft schweben seine Strahlen hin und her Es geht die
Fee der Wüste durch die helle Nacht Der Saum ihres Gewandes streift leise über
den Sand ein Heer von Elfen fliegt umher die Mondesstrahlen einzufangen um
die Gebieterin mit ihnen zu schmücken Da werden spinnenfeine Lamettafäden zu
glitzernden Shawls verwoben und mit sternleuchtenden Flimmern besetzt
smaragdene Kette und diamantener Einschlag bilden den Schleier lang nachwehend
wie ein schimmernder Duft Aus brillantenen Scintillen entsteht das Diadem
funkelnd in märchenhafter Pracht So schwebt sie dahin über lunarisch mild
funkelnden Filigran schöner noch als Scheheresades herrlichster Traum Die am
Tage so öde todesstarre Wüste ist jetzt ein herrliches geheimnisvolles
Gedicht von dessen Versen du nur den immer wiederkehrenden Refrain verstehst
»Lobe den Herrn meine Seele und alles was in mir ist seinen heiligen Namen
Lobet den Herrn ihr seine Engel all seine Heerscharen die ihr gewaltig seid
an Kraft vollziehet seinen Willen die ihr seine Stimme hört« Vernimmst du die
Lobgesänge dieser Engel Schliesse die Augen und lausche in dein Herz hinab
Auch dort sind leuchtende Sterne aufgegangen und das Licht der Gottesnähe
breitet sich über die erkenntnishungrige Einsamkeit Es werden Stimmen laut in
dir beachte sie nur Sie rufen dich von deinem bisherigen Pfade ab zum
Karawanenwege der Gläubigen der nach dem Lande der Verheißung führt Deine
Seele bricht auf ihnen zu gehorchen deinen müden Körper aber nimmt der Schlaf
in sein Arme Allah jebarik fik Allah jatik nuro leletak saide  Allah segne
dich er spende dir sein Licht gute Nacht
                           
    Die Wüste durch welche wir heut kamen war ein südöstlicher Ausläufer der
arabischen Nefud welche selbst von den Eingeborenen sehr gefürchtet ist Wir
hatten Mühe die Richtung beizubehalten Sie besteht nämlich aus langgestreckten
Sandhügeln welche oft parallel oft divergierend voneinander liegen und durch
unregelmässige Querreihen miteinander verbunden sind Dadurch entstehen zwischen
ihnen tiefer liegende Vierecke und das Ganze würde aus der Vogelschau gesehen
jener Art von Back und Webwaren gleichen welche man Waffeln nennt Es lässt
sich denken dass es da für uns ein sehr schwieriges Fortkommen gab weil keine
zusammenhängende ebene Strecke vorhanden war und wir um von einem Vierecke
nach dem andern zu kommen die zwischen ihnen liegende Höhe überwinden also aus
der einen Waffel heraus und hinauf und dann jenseits wieder in die andere
hinunterreiten mussten Das ermüdete die Kamele zumal sie keine guten Kletterer
sind außerordentlich denn die Abhänge waren oft sehr steil so dass die
Waffeltiefen wahre Abgründe bildeten welche um so schwerer gangbar waren als
die Wände aus lockerem Sande bestanden welcher keinen festen Halt bot und bei
jedem Schritte unter den Füßen der Hudschuhn wich
    Es war da sehr leicht auf unnütze oder gar verderbliche Umwege zu
verfallen aber erstens besaßen wir ja Erfahrung genug zweitens war der Ben
Harb ein wirklich guter Führer und drittens folgten wir den Spuren der
Mekkaner welche durch die Wahl ihres Weges bewiesen dass sie diese Gegend
ausgezeichnet kannten und ganz gewiss schon öfters durch sie geritten waren
Wenigstens galt dies von demjenigen von ihnen welcher die Richtung zu bestimmen
hatte Wie wir später erfuhren war das El Ghani selbst
    Diese Wüste war nicht ganz unbelebt Es gab zuweilen einen einsamen
manneshohen Strauch eine Eidechse und Spuren von kleinen Füchsen Auch die
Fährte eines Panters entdeckten wir doch gehörte er zur kleinen weniger
seltenen Art
    El Münedschi verhielt sich vollständig still er bewegte sich kaum einmal
und schien in einem immerwährenden Halbschlummer zu liegen Wir hatten keine
Ursache ihn zu stören
    Es war noch nicht Mittag als wir indem wir uns auf einem der beschriebenen
Hügelrücken befanden im Zurückblicken bemerkten dass es außer uns auch noch
andere Menschen in dieser Gegend gab Wir sahen auf einem der links seitwärts
hinter uns liegenden Hügel eine Schar von Kamelreitern erscheinen welche sehr
gut beritten sein mussten und große Eile verrieten Ich zählte zweiundzwanzig
Mann Wir ritten unsern Schritt weiter Sie kamen uns näher und da sahen wir
dass zwanzig Mann von ihnen Uniformen trugen sie waren also Soldaten Türkische
Soldaten hier in der arabischen Wüste Das musste einen ganz außerordentlichen
Grund haben
    Der arabische Beduine weist die Botmässigkeit des grossherrlichen Militärs mit
aller Energie von sich ab Auch uns ging die Sache jedenfalls nichts an und so
setzten wir also unsern Ritt ruhig fort
    Nach einiger Zeit holten sie uns ein Die zwei Nichtmilitärs ritten voran
der eine von ihnen sprach uns an Er war ein Perser das sah ich ihm mit dem
ersten Blicke an Seine Kleidung bestand ganz aus Seide und seine Waffen waren
ausgesucht schön und von hohem Werte Gradezu einzig aber war das Hedschihn
welches ihn trug Ein so fehlerlos gebautes wunderbar gezeichnetes Reitkamel
hatte ich noch nicht gesehen Es war hellgrau gefärbt und fein
fliegenschimmelartig dunkelbläulich getüpfelt eine nicht älter als fünfjährige
Stute mit leucotisch hellroten Augen Und sonderbar diese Augen schienen von
dem hellen Tageslichte nicht im geringsten angegriffen zu werden und ihr Blick
war so treu so intelligent wie ich es noch bei keinem einzigen Kamele gesehen
hatte Die Füße waren außerordentlich klein und die Formen ich möchte fast
sagen weiblich voll und rund Bei einem Kamele kann natürlich von Schönheit
nicht die Rede sein hier aber möchte ich doch eine Ausnahme machen und
behaupten dass dieses schön gewesen sei Ich gestehe dass ich ganz entzückt über
dieses Tier war
    Einen ebenso guten Eindruck machte der Reiter auf mich doch nicht etwa
seiner reichen Kleidung und Bewaffnung wegen denn solche Äußerlichkeiten
können mir niemals imponieren Aber er saß im hohen Sattel aufrecht und stolz
wie ein König welcher gewohnt ist zu gebieten und sofortigen Gehorsam zu
finden Und dieser Stolz war kein gemachter sondern ein natürlicher er kam von
innen heraus Auch war es kein dummer hohler kein mit Verachtung gepaarter
Stolz denn sein von einem dunkeln wohlgepflegten Barte umrahmtes Gesicht trug
die Kennzeichen geistiger Tätigkeit und seine Augen hatten einen
mildfreundlichen Blick der aber erraten ließ dass ihm das Feuer der Energie
oder des Zornes auch nicht fremd sei Alles in allem machte dieser Mann den
Eindruck wirklicher Vornehmheit Die Soldaten hatten respektvoll einen
Zwischenraum zwischen ihm gelassen und der andere Civilist wenn ich dieses
Wort hier gebrauchen darf welcher wohl der Khabir der Führer der Truppe war
hielt sich jetzt auch seitwärts hinter ihm ein unwillkürlich gegebenes
Zugeständnis dass dieser Mann der Herr sei und jetzt allein zu sprechen habe
    »Aessälam aleikum« grüßte er mit persischem Anklange in höflichem Tone
indem er seinen Blick forschend über uns gleiten und dann in bewunderndem
Ausdrucke auf unsern Pferden haften ließ
    »Vä aleikum ässälam« antwortete ich ebenso höflich und in demselben
persischen Dialekte
    Halef hatte schon den Mund geöffnet um zu sprechen ich war ihm aber
zuvorgekommen denn seine vorschnelle Art und Weise war einem solchen Manne
gegenüber nicht gut angebracht Über die Züge des letzteren ging bei meiner
Antwort ein freundliches Lächeln und er fragte
    »Du verstehst und sprichst persisch«
    »Ja« nickte ich
    »Bist du Perser«
    »Nein aber ich war wiederholt und längere Zeit in diesem Lande habe es
liebgewonnen und besitze treue Freunde dort«
    »Muhäbbätitu käm nä schäwäd  deine Freundschaft möge nicht abnehmen Ich
bin Khutab Agha der Basch Nazyr80 des Heiligtums von Meschhed Ali Allah segne
und schütze diese Stätte«
    Auch wenn er mich nun nicht so fragend angesehen hätte wie er es jetzt
tat hätte die Höflichkeit es mir geboten ihm meinen Namen auch zu nennen Ich
tat dies also
    »Ich heiße Hadschi Akil Schatir Effendi und bin aus dem fernen Lande des
Moghreb gekommen um die Reiche des Ostens zu sehen und ihre Bewohner kennen zu
lernen«
    Das war aber meinem kleinen Halef viel viel zu bescheiden ausgedrückt Ich
hatte das letzte Wort noch nicht ganz ausgesprochen so fiel er schnell und
außerordentlich eifrig ein
    »Das ist aber nur der Anfang seines Namens den glorreichen Fortgang und das
herrliche Ende desselben pflegt er leider aus falscher Demut zu verschweigen Er
heißt mit seinem vollständigen Namen der aber trotzdem noch viel viel länger
gemacht werden könnte Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim
Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim Maschhur el Azami Ben Hadschi Taki Abu Fadl
el Mukarram Effendi Seine Geburtsstätte ist das große Wadi Draha aus welchem
nur berühmte Männer kommen und in seinem Kopfe sind die Seiten Zeilen und
Paragraphen sämtlicher Wissenschaften aufgestapelt Allah erhalte ihm diese
Vorzüge seines Geistes«
    Khutab Agha wartete geduldig und lächelnd bis dieser lange Riemen
abgewickelt worden war und erkundigte sich dann
    »Und du Wer bist du und wer sind die andern«
    »Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al
Gossarah der oberste Scheik der Haddedihn vom großen Stamme der Schammar Diese
Männer sind einige meiner Krieger welche mit uns nach Mekka pilgern wo wir die
heiligen Stätten sehen und verehren wollen«
    Das bei der Nennung meines Namens etwas ironisch gewordene Lächeln des
Persers verlor jetzt diesen Ausdruck
    »Ich habe von den Haddedihn gehört« sagte er »Sie sind sehr brave und
ruhige Leute welche die Ehrlichkeit und den Frieden lieben Sie besitzen einen
Freund aus dem Abendlande welcher Kara Ben Nemsi Effendi heißt und ihr Lehrer
in allen nützlichen Künsten des Krieges und des Friedens gewesen ist«
    »Das ist richtig das ist wahr Woher weißt du das Von wem hast du es
erfahren«
    »Von einem Manne der mir mitgeteilt hat dass auch du ihn kennst wenn du
wirklich Hadschi Halef bist«
    »Ich bin es Wie heißt dieser Mann«
    »Mirza Dschafar mein bester Freund«
    Mirza Dschafar Der bei meiner letzten Reise mit Halef durch Persien81 eine
für uns so bedeutende Rolle gespielt hatte Der Perser nannte ihn Mirza
Dschafar nicht Dschafar Mirza gab ihm also nicht den prinzlichen sondern den
gewöhnlichen Titel Diese vorsichtige Art diesen Namen zu nennen gab mir den
Beweis dass er von Dschafar mehr wusste als er hier sagen konnte Ich war
überrascht Khutub Agha bezeichnete Dschafar als seinen besten Freund aber die
eigentümlichen Verhältnisse des letzteren geboten uns doch vorsichtig zu sein
Das beste war gar nicht weiter auf diese Bekanntschaft einzugehen leider aber
war es dem sanguinischen Hadschi Halef gradezu unmöglich in solchen Fällen wie
der gegenwärtige einer war die von mir gewünschte Zurückhaltung zu üben Ich
wollte die Fortsetzung des Gespräches selbst übernehmen und ihm winken zu
schweigen er sah mich aber in seinem Eifer gar nicht an und rief unmittelbar
nach der Nennung des Namens so dass ich gar keine Zeit fand das Wort zu
ergreifen in froherstauntem Tone aus
    »Mirza Dschafar Unser persischer Freund Den kennst du auch Ja du nennst
ihn ebenso Freund wie wir ihn nennen Schau hin und sieh den Chandschar82
welcher dort im Gürtel meines Effendi steckt Diese Waffe ist ein Geschenk von
Mirza Dschafar welches für ihn und uns einen großen Wert besitzt«
    O wehe Welch eine Unvorsichtigkeit Mit diesen Worten verriet Halef ohne
es zu wissen dass ich gar nicht der Mann war für den wir mich soeben ausgegeben
hatten Hanneh hustete warnend von ihrem Tachtirwahn herab er sah zu ihr
hinauf ohne sie zu verstehen Khutub Agha ließ sein Auge langsam über mich
gleiten Kein Zug seines Gesichtes sagte mir ob er hinter unser Geheimnis
gekommen sei oder nicht aber er sprach von jetzt an nicht mehr zu Halef
sondern ausschließlich nur zu mir
    »Erlaube dass ich dich nach dem Wege frage den ihr bis hierher geritten
seid Den Grund welcher mich diese Bitte aussprechen lässt werde ich dir
nachher gleich mitteilen«
    »Wir kommen aus der oberen Dschesireh« antwortete ich »und sind südwärts
von Hit über den Euphrat gegangen«
    »Habt ihr den NedschefSee berührt«
    »Nein«
    »Also auch nicht den Karawanenweg welcher von Hilleh und Meschhed Ali nach
Mekka führt«
    »Nein Der hat stets weit links von unserem Pfade gelegen«
    »Wie schade«
    »Warum schade«
    »Wäret ihr diesen Weg geritten so könntet ihr mir wahrscheinlich Auskunft
über eine kleine Karawane geben nach welcher wir suchen«
    »Suchen Ihr sucht Sonderbar«
    »Sonderbar Warum nennst du unser Suchen so«
    »Weil du nach ihr suchst und mir doch sagst wo sie zu finden ist nämlich
auf dem Wege von Meschhed Ali nach Mekka«
    »So will ich dir mitteilen dass diese Karawane allen Grund hat sich vor uns
zu verstecken«
    »Wenn sie sich vor euch verbergen muss hat sie auch alle Ursache sich von
andern die sie an euch verraten könnten nicht sehen zu lassen«
    Er nickte leise vor sich hin ließ ein befriedigtes Lächeln um seine Lippen
spielen als ob bei ihm ein heimlicher Gedanke Bestätigung gefunden habe und
fuhr dann weiter fort
    »Ich sehe jetzt dass du wirklich ein außerordentlich kluger Effendi aus dem
Moghreb bist denn du hast in einigen Augenblicken und in ganz wenigen Worten
mehr durchdacht und mehr gesagt als ein anderer Mann nach tagelangem Nachdenken
erforschen würde und in einer stundenlangen Rede ausdrücken könnte Ich errate
darum deine Gedanken und weiß also dass du dich wunderst uns hier an dieser
Stelle zu sehen«
    »Du irrst Ein anderer würde sich wundern dass ihr hier seid während du
doch selbst sagst dass die von euch Gesuchten den weit von hier liegenden
Karawanenweg eingeschlagen haben Ich aber schließe aus eurem Hiersein darauf
dass diese Leute von dem Karawanenwege abgewichen sind Ihr werdet denke ich
die Spuren dieses Abweichens gefunden haben«
    »Effendi du bist noch scharfsinniger als ich dachte Ja du hast recht
Wir haben entdeckt dass sie von dem Meschhed Aliwege nach Westen abgewichen
sind«
    »Wussten sie sich verfolgt«
    »Nein Aber sie mussten sich allerdings sagen dass man ihnen sofort nachjagen
werde falls ihre Tat zur Entdeckung käme«
    »Darf ich fragen was für eine Tat es ist«
    »Dir sage ich es Man hat das Heiligtum von Meschhed Ali bestohlen Kannst
du das glauben«
    »Warum nicht Ich kenne Menschen welche noch viel Schlimmeres getan
haben«
    »Etwas Schlimmeres gibt es nicht Wer das Heiligtum bestiehlt der
bestiehlt Allah«
    »Ein Faulenzer ein Tagedieb bestiehlt Allah auch denn die Tage des Lebens
gehören nicht ihm sondern Gott und ein Lebenstag ist wenigstens ebenso wichtig
wie irgend ein Gegenstand in den heiligen Mauern von Meschhed Ali oder
Kerbelah«
    »Ich kann darüber nicht mit dir reiten denn als ein Mann aus Fran   « er
hielt einen Augenblick inne und verbesserte sich dann indem er fortfuhr »als
ein Mann aus dem fernen Moghreb musst du anderer Meinung sein als ich Wir
entdeckten vier Tage nachdem die Diebe fort waren den Raub und ich als Hüter
und Bewahrer der Schätze des Heiligtumes bin ihnen ohne Verweilen nach um sie
zu ergreifen und zu bestrafen«
    »Fran   « hatte er gesagt sollte das Frankistan das Land der Franken
der Christen heißen Wenn dies der Fall war so hatte Halefs Unvorsichtigkeit es
allerdings verraten dass ich Kara Ben Nemsi nicht aber ein Mann aus dem Wadi
Draha war Nun kam es darauf an klug zu sein und die Folgen dieser Entdeckung
zu verhüten
    »Wusstest du gleich welchen Weg die Diebe eingeschlagen hatten« fragte ich
    »Ja Sie waren Mekkaner also konnte ich über ihren Weg nicht im Zweifel
sein«
    »Es war aber auch möglich dass sie zunächst eine andere Richtung
einschlugen um euch irre zu führen« warf ich ein
    »Ich war so vorsichtig mir dies auch zu sagen und traf demnach meine
Vorkehrungen Ich sandte Abteilungen auf die Wege welche nach Kerbelah und Hit
nach Hilleh und Bagdad nach Semawat und nach Djof führen Dass alle diese Leute
die Diebe nicht finden würden entdeckte ich in Akabet esch Scheitan wo ich
erfuhr dass die Mekkaner vor vier Tagen durchgekommen seien Die Route nach
Mekka welche ich eingeschlagen hatte war also die richtige«
    »Nun seid ihr dieser Route so lange gefolgt ohne euren Zweck erreicht zu
haben«
    »Du sagst leider die Wahrheit Der Scheitan83 scheint die Schurken zu
beschützen indem er sie für uns unsichtbar macht«
    »So scheint der Scheitan über eure Augen mehr Macht zu besitzen als über die
meinigen«
    Er sah mich erst groß an und fragte dann aber desto schneller
    »Die deinigen Hättest du sie gesehen«
    »Ja«
    »Wirklich«
    »Ja«
    »Wo«
    »Den dritten Teil einer Tagereise von hier«
    »Also hinter euch«
    »Ja«
    »Allah sei Dank Ich glaube deinen Worten du kannst dich nicht täuschen
denn ich weiß dass du der  « wieder hielt er inne und gab dann seinen Worten
eine andere Wendung »dass du ein sehr kluger Effendi aus dem Wadi Draha bist
Wir müssen sofort umkehren sofort denn ich darf keinen Augenblick   «
    »Halt Übereile dich nicht« unterbrach ich ihn »Sie sind nicht mehr
hinter uns sondern vor uns«
    »Wie Wirklich«
    »Ja Sieh da die Spuren denen wir folgen Das ist die Fährte der Diebe die
du suchst«
    Kaum hatte ich das gesagt so rief Halef aus
    »Effendi sag das nicht Du wirst diesen bestohlenen Beschützer der
Heiligtümer irreführen Das sind ja die Spuren der   «
    »Bitte schweig du« unterbrach ich ihn trotz der Anwesenheit Hannehs
seines Sohnes und der Haddedihn in sehr bestimmtem Tone »Du hast erfahren dass
ich stets ganz genau weiß was ich sage«
    »Ja« antwortete er noch immer oppositionslustig »ich habe ja immer
zugegeben dass dein Verstand länger ist als der meinige dafür ist aber meiner
breiter als der deinige und so fragt es sich also ob hier der Irrtum in der
Länge oder in der Breite liegt«
    »Lieber Halef sei ja nicht stolz auf diese Breite deines Verstandes Du
hast trotz derselben vorhin einen Fehler begangen der fast nicht zu verzeihen
ist«
    »Ich    « fragte er erstaunt
    »Ja du«
    »Wann«
    »Vor zwei Minuten«
    »Also hier«
    »Ja«
    »Wodurch Womit«
    »Das werde ich dir später sagen«
    »Nein Sihdi Ich will es jetzt wissen jetzt gleich«
    Da wendete sich der Perser an mich
    »Erlaubst du dass ich es ihm sage«
    »Ja sage es« antwortete ich ihm da es dadurch auch mir klar werden musste
wie weit die Wirkung der Unvorsichtigkeit Halefs reichte
    Khutub Agha ließ sein ironisches Lächeln wieder erscheinen und forderte den
kleinen Hadschi auf
    »Sag mir noch einmal der Wahrheit gemäß wer dieser dein Effendi ist«
    Halef richtete sich im Sattel in Positur und antwortete mit größter
Bereitwilligkeit
    »Dieser mein Effendi heißt Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim
Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim   «
    »Sei still still still« fiel da der Basch Nazyr lachend ein »So heißt er
nicht Ich weiß es besser viel besser als du«
    »Besser    Als ich   « fragte Halef verwundert
    »Ja besser«
    »So Wenn du klüger bist so sag doch seinen Namen«
    »Er ist Hadschi Kara Ben Nemsi aus Dschermanistan«
    Jetzt musste man das Gesicht Halefs sehen Es wurde vor Erstaunen fast noch
einmal so lang als es vorher gewesen war
    »Du weißt    weißt    weißt   « stotterte er
    »Ja ich weiß« nickte der Perser
    »Hast du ihn schon gekannt«
    »Nein«
    »Gesehen«
    »Nein auch nicht gesehen Aber gehört habe ich von ihm und auch von dir«
    »Wie kannst du da aber wissen dass dieser Effendi hier es ist«
    »Es ist mir ja vorhin gesagt worden«
    »Von wem«
    »Von dir«
    »Von    «
    Das »Mir« blieb dem Hadschi im Munde stecken Er sah Khutab Agha aus vor
Erstaunen weit aufgerissenen Augen an und fuhr dann aber zornig fort
    »Höre ich verbiete dir deinen Scherz mit mir zu treiben Du bist zwar als
der Bewohner der Heiligtümer von Meschhed Ali ein Mann den man mit Höflichkeit
und Achtung zu behandeln hat aber wenn du meinst mit mir dem obersten Scheik
der Haddedihn vom großen Stamme der Schammar ein loses Possenspiel treiben zu
können so wirst du sofort erfahren was die Zunge der Unhöflichkeit zu leisten
vermag Ich werfe dir alle Grobheiten der Erde und des Weltalls an den Kopf und
auch noch einige hundert mehr Sobald du dich mit mir streiten willst können
mir alle deine Heiligtümer ganz und gar nicht imponieren weil die Wahrheit
heiliger als dein ganzes Meschhed Ali ist und du hast mir soeben die Unwahrheit
gesagt Gestehe es ein«
    »Ich kann nur eingestehen dass ich die Wahrheit gesprochen habe«
    »Beweise es«
    »Hast du vorhin von dem Chandschar gesprochen den der Effendi im Gürtel
hat«
    »Ja das habe ich«
    »Hast du gesagt dass er ein Geschenk von Mirza Dschafar sei«
    »Ja«
    »Nun damit hast du verraten dass der Effendi nicht Akil Schatir sondern
Kara Ben Nemsi heißt«
    »Wieso«
    »Weil ich von Dschafar weiß dass er diesen Chandschar seinem Freunde Kara
Ben Nemsi geschenkt habe«
    »Wann«
    »Vor einer Reihe von Jahren«
    »Wo«
    »In einem Lande welches jenseits des großen westlichen Meeres liegt und
Yeni dünja84 genannt wird«
    Jetzt machte Halef wieder sein langes Gesicht
    »Das stimmt das stimmt ganz und gar Allah was gibt es doch für
unvorsichtige leichtfertige Menschen Wir wollen mit dem Effendi nach Mekka
und weil er als Christ die heilige Stadt nicht betreten darf habe ich aus ihm
einen berühmten mohammedanischen Gelehrten gemacht und ihm einen Namen gegeben
dessen Länge von Bagdad bis nach Stambul reicht Und nun ich mir alle diese Mühe
gegeben habe muss ich erfahren dass diese Anstrengung der ganzen Breite meines
Verstandes umsonst gewesen ist weil Mirza Dschafar unser Freund so
unvorsichtig war dir die Geschichte von dem Chandschar mitzuteilen«
    Da konnte sich selbst Hanneh nicht länger halten Sie bog sich über den Rand
des Tachtirwahn herab und rief ihm zornig zu
    »Hadschi Halef du bist der Unvorsichtige gewesen du selbst du du«
    »Ich   « fragte er zweifelnd zu ihr aufschauend
    »Ja du«
    »Inwiefern«
    »Mirza Dschafar hat es gut gemeint auch konnte er nicht wissen dass uns
dieser Basch Nazyr einmal zu einer Zeit begegnen werde in welcher der Effendi
Veranlassung hat einen andern Namen zu tragen Giebst du das wohl zu«
    »Ja ja Du weißt ja wenn du sprichst welche die klügste unter den
weisesten aller Frauen ist so hast du stets nur das gesagt was auch ich in
diesem Falle sagen würde«
    »Gut Du aber wusstest dass der eigentliche Name des Effendi verschwiegen
bleiben soll du hörtest auch dass der Basch Nazyr den Mirza kennt und sprachst
dennoch von dem Chandschar Du konntest dir doch denken dass beide von dieser
Waffe von diesem Geschenke mit einander gesprochen hatten«
    »So Konnte ich mir das denken« fragte er kleinlaut
    »Du konntest nicht nur sondern du musstest es Warum sprichst du immer wenn
der Effendi reden will Der berühmte Scheik eines so großen Stammes muss nicht
immer reden sondern schweigsam sein«
    Da legte er den Körper zurück die Hände zusammen und sagte
    »Du hast recht o Hanneh du verständigste unter allen
Selbstverständigkeiten der Frauenzelte ich bin berühmt und werde schweigen Du
hast mir auch dieses Mal aus der Seele gesprochen«
    Und nun nahm er mit der größten Seelenruhe den Trost entgegen den ihm der
Perser gab
    »Sorge dich nicht um die Sicherheit deines Effendi o Scheik der Haddedihn
Keiner von uns wird seinen wahren Namen verraten das verspreche ich dir bei
Allah dem Propheten und bei den Söhnen Alis des Kalifen Es macht mich so
glücklich Kara Ben Nemsi so unerwartet kennen zu lernen und nur weil er es
ist habe ich seinen Worten ein solches Vertrauen geschenkt Wenn er sagt er
habe die Diebe gesehen welche ich suche so bin ich überzeugt dass es wirklich
so und nicht anders ist«
    »Es ist so« bekräftigte ich
    »Du hast Leute gesehen« fuhr er fort »Woher aber weißt du dass es die
sind von denen ich spreche«
    »Du machtest wiederholt die Angabe von vier Tagen und dies war mir im
Zusammenhange mit einigen andern Umständen genug die Personen welche ich
meine für die Gesuchten zu halten«
    Hierbei muss ich bemerken dass El Münedschi sich auch jetzt noch in seinem
schlafähnlichen Zustande befand und von dem Stillhalten der Kamele und unsrem
Gespräche gar nichts merkte Wir hatten ihm das Schleiertuch über das Gesicht
gezogen damit die Sonne ihn nicht stören möge Er war also nicht zu erkennen
    »Du hältst also einen Irrtum für nicht möglich« fragte der Perser
    »Warum nicht möglich Keine menschliche Meinung ist untrüglich aber ich
denke dass ich mich in diesem Falle nicht irre Lass mich fragen Es handelt sich
um sechs Personen«
    »Ja«
    »Darunter war ein Greis von sonderbarem Benehmen«
    »Ja Er war von Djinns85 besessen Von ihm glaube ich dass er von dem
Diebstahle gar nichts weiß«
    »Sodann ein älterer Mann mit graugemischtem Haare dessen Sohn bei ihm war«
    »Ja«
    »Und drei Männer im mittleren Lebensalter«
    »Auch das stimmt«
    Ich beschrieb die Anzüge was auch alles zutraf
    »Sagten diese Leute dass sie aus Mekka seien« fragte ich weiter
    »Ja Der Vater des Sohnes kam sogar als Abgesandter des Grossscherif zu uns«
    »Ist es nicht eine sehr kühne Idee den Gesandten des Beherrschers der
heiligsten Orte des Islam des Diebstahles zu beschuldigen«
    »Ja man kann es kaum fassen Nur darum hat es volle vier Tage gedauert ehe
wir den Beweisen glaubten dann aber hatten sie sich auch so gehäuft und waren
so unwiderstehlich geworden dass wir nicht mehr zweifeln konnten was wir bis
dahin trotz der Sicherheit aller Zeichen doch noch getan hatten«
    »Ist es nicht möglich dass ihr euch doch noch im Irrtum befindet Ich
spreche diese Frage nämlich auch meinetwegen aus denn ich gestehe dir dass die
Beschuldigten auch für mich sehr wichtige Personen sind und vielleicht noch
wichtiger werden als jetzt Ich habe also meine Gründe zu dieser Erkundigung«
    »Effendi ich weiß dass Kara Ben Nemsi niemals etwas tut oder etwas
spricht ohne von guten Ursachen dazu veranlasst zu werden Ich ahne dass euer
Zusammentreffen mit diesen Leuten kein gewöhnliches gewesen ist und versichere
dir dass ihr da wirklich mit Schurken in Berührung gekommen seid welche unsere
Heiligtümer beraubt haben Um dir die Überzeugung zu geben welche ich besitze
müsste ich dir unsere Beweise bringen und dazu würde die Mitteilung von Dingen
und die Beschreibung von Orten nötig sein von denen wir mit keinem Schiiten und
noch viel weniger mit einem Andersgläubigen sprechen dürfen Ich gebe dir aber
mein Wort dass ich mich nicht irre Wahrscheinlich ist es dir möglich mir zur
Ausführung meines Vorhabens behilflich zu sein und so versichere ich dir dass
du das getrost tun kannst ohne befürchten zu müssen diesen Leuten wehe zu
tun ohne dass sie es verdient haben Ich weiß von Mirza Dschafar dass die
Erfahrungen welche du mit den Schiiten gemacht hast nicht geeignet sind in
dir Liebe zu uns zu erwecken aber ich bitte dich mich nicht in gleicher Weise
zu beurteilen wie diejenigen welche dir Abscheu und Verachtung einflössten Du
wendest deine Unterstützung hier einem Manne zu welcher ihrer nicht unwürdig
ist und auch nicht zu den Undankbaren gehört deren du so viele kennen gelernt
hast«
    Das glaubte ich ihm sehr gern Der Eindruck den er nicht nur auf mich
sondern auf uns alle machte lässt sich am besten mit dem Ausdrucke bezeichnen
ein Schiit ja ein sehr hoher Beamter der Stelle an welcher die Schia sich
ihres nichtsnutzigsten Bodensatzes zu entledigen pflegt aber doch ein
Gentleman Ich war also sehr gern bereit ihm die gewünschte Auskunft zu
erteilen und hatte dazu noch zwei weitere Gründe Erstens sah ich nun ein dass
er sich nicht nur den Freund Dschafars nannte sondern es wirklich war und
infolge dieser Freundschaft mir als Christen nichts in den Weg legen sondern
darüber schweigen werde Und zweitens kam mir die so überraschende Entdeckung
dass der so anmassende Ghani der »Liebling des Grossscherifs« ein verfolgter
Verbrecher sei außerordentlich gelegen Ich bin nie rachsüchtig gewesen und war
es auch hier nicht im geringsten denn ich habe mich stets bemüht grad in der
verzeihenden Liebe derjenigen Christenpflicht gerecht zu werden welche eine der
ersten ja wohl die allererste ist ich habe mich sogar so weit überwunden dass
ich und zwar sehr gern meine Feinde die ja jeder Mensch hat täglich in mein
Gebet einschliesse denn für sich selbst für Verwandte und Freunde zu beten ist
keine Kunst und bringt kein Verdienst hier aber durfte ich es ohne alle
Rachsucht oder Schadenfreude als eine für uns willkommene Entdeckung hinnehmen
dass der stolze gegen uns von Verachtung strotzende Moslem der uns noch beim
Abschiede so schwer bedroht hatte jetzt hier als ein ganz gemeiner Verbrecher
bezeichnet wurde Das machte uns ihm in der Weise überlegen dass jede Besorgnis
die wir seinetwegen vielleicht noch gehabt hätten schwinden musste
    »Wir können und werden dir behilflich sein« versicherte ich ihm aus den
angegebenen Gründen »Darum wollen wir keine Zeit verlieren und hier nicht
länger im Gespräche halten bleiben Ich habe dir schon gesagt dass die Gesuchten
sich nicht hinter sondern vor uns befinden Wir können im Weiterreiten das
besprechen was zu besprechen ist«
    Ich setzte mich mit dem Basch Nazyr neben mir an die Spitze des Zuges und
winkte Halef sich uns beizugesellen Das liebe Kerlchen war infolge der
Zurechtweisung die er von dem Perser von mir und auch von Hanneh bekommen
hatte kleinlaut geworden und machte Miene bei dem Tachtirwahn zu bleiben Ich
wusste dass ihm diese Zurückhaltung außerordentlich schwer wurde und
rehabilitierte ihn also dadurch dass ich ihm durch den Wink die Stelle anwies
an welche er als Scheik und als mein Freund gehörte Seine Unvorsichtigkeit war
nicht gutzuheissen aber sie blieb ja ohne die befürchteten Folgen und er hatte
seine unbedachten Äußerungen nur aus Liebe zu mir getan Hinter uns ritten die
Haddedihn denen die Soldaten mit ihrem Khabir folgten Selbstverständlich
trieben wir die Kamele dabei zur Eile an Wahrscheinlich wartete Khutab Agha um
sofort bestimmte Mitteilungen von uns zu hören aber da ein Zusammenhandeln
zwischen ihm und uns zu erwarten war so kam es mir vor allen Dingen darauf an
zu erfahren welche darauf bezüglichen Eigenschaften und Ansichten er besaß
darum sprach ich zunächst die Erkundigung aus
    »Hast du bei deinem Aufbruche von Meschhed Ali an die Gefahren gedacht
welche von einem solchen Ritte unzertrennlich sind«
    »Ja aber ich fürchte sie nicht« antwortete er »Ich bin bevor ich Basch
Nazyr wurde Offizier des SchahinSchah gewesen und befinde mich nicht zum
erstenmal in der Wüste Auch ist unser Khabir ein ausgezeichneter Führer auf
den ich mich verlassen kann«
    »Dass du dich nicht vor der Wüste fürchtest habe ich als selbstverständlich
angenommen denn scheutest du dich vor ihr so hättest du diesen Weg nicht
selbst gemacht sondern einen Anderen damit beauftragt Und dass euer Khabir ein
tüchtiger Mann ist unterliegt auch keinem Zweifel denn wenn er das nicht wäre
hätte er es nicht gewagt von der Karawanenstrasse abzuweichen«
    »Er kennt die Brunnen welche außerhalb dieses Weges liegen und von den
Beduinen heimlich gehalten werden So weiß er zum Beispiel ganz genau dass wir
heut an den Bir Hilu kommen werden wo es gutes nicht salziges oder bitteres
Wasser gibt«
    »Dahin wollen wir auch und dort werden wir höchst wahrscheinlich die Diebe
treffen«
    »Wirklich« fragte er rasch und in frohem Tone
    »Ja«
    »Welche Freude für mich Ich will dir gestehen dass ich es schon fast
aufgegeben hatte ihre Spur wiederzufinden und sie noch in der Wüste einzuholen
was doch unbedingt nötig ist wie ich wohl nicht erst zu sagen brauche«
    »Ja unterwegs haben sie die gestohlenen Sachen noch bei sich und können
also überführt werden auch zählen sie da nicht mehr als gleichviele andere
Leute zählen würden Später aber in Mekka werden sie ihren Raub schleunigst
verstecken und außerdem würde eine Anklage gegen sie auch deshalb fast
unmöglich sein weil ihr Anführer ein Schützling des Grossscherifs zu sein
scheint was dort von großer Wichtigkeit ist während es hier unterwegs nicht in
die Wagschale fällt Das bringt mich aber wieder auf meine Frage zurück mit
welcher ich nicht die Gefahren der Wüste an sich gemeint habe«
    »Welche sonst«
    »Es gibt für euch noch andere viel größere deren Ursache in dem Hasse
zwischen Schiiten und Sunniten liegt Sobald du das an der Grenze befindliche
Meschhed Ali verlassen hast befindest du dich nicht mehr auf schiitischem
Gebiete und je weiter du dem Wege nach Mekka folgst desto mehr näherst du dich
dem Mittelpunkte der Feindschaft welche gegen euch gerichtet ist Die Bewohner
Arabiens sind fanatische Sunniten und dazu kommt dass besonders die Nomaden
unter ihnen jeden Zwang und jede Beeinträchtigung ihrer Freiheit mit
rücksichtsloser Energie von sich weisen Ihr Widerwille richtet sich darum ganz
besonders gegen das Militär Nun kommst du der Schiit mit zwanzig Soldaten in
die arabische Wüste in welcher jeder dir begegnende Beduine dich doppelt hasst
Ich bin überzeugt dass jede Nomadenschar welche nicht weniger Männer zählt als
ihr und darum sich an euch wagen darf sofort über euch herfallen wird Hast du
das bedacht als du den jetzigen Ritt begannst«
    »Ja aber doch so wie du meinst eigentlich nicht Ich glaubte die Diebe
sehr bald zu erreichen«
    »Bei einem Vorsprung von vier Tagen den sie hatten«
    »Den glaubte ich schnell verringern zu können denn wir haben die besten
Kamele welche zu haben waren Sieh mein Hedschihn an welches Maschurah86
heißt Dieser Name sagt zwar viel aber doch noch nicht genug Es stammt aus der
berühmten Züchterei von Tscharbagh deren Leiter der Bruder meines Vaters ist
er hat es mir geschenkt verkäuflich wäre es nie Du bist ein Kenner Was sagst
du dazu Es ist doppelt so schnell als eine Bischaristute und hat die
ausdauernde Lunge des Adlers Sein Ahne stammt aus der afrikanischen
Bajudawüste und sein Großvater war der blaugraue Kamelhengst welchen Mozaffar
ed Din der Emir von Bokhara in der Schlacht bei Irdschar am Syrdarja ritt Die
beispiellose Schnelligkeit mit welcher dieser Hengst seinen Herrn bei der
Verfolgung rettete ist dann von Ben Schaat dem Dichter mit Begeisterung
besungen worden«
    »Ich habe noch nie so ein Hedschihn gesehen und es schon im Stillen
bewundert Allah bewahre es Aber was nützt dir die Vortrefflichkeit der Stute
wenn die Hudschuhn der Soldaten nicht ebenso schnell sind Wenn du berechnet
hättest welche Zeit selbst bei der größten Eile und Ausdauer dazu gehört einen
Vorsprung von vier Tagen auszugleichen so wäre das Ergebnis gewesen dass die
Verfolgten Mekka doch noch eher erreicht hätten als du Glücklicherweise aber
ist ihnen das Wasser ausgegangen sie blieben halb verschmachtet mehrere Tage
liegen und wären zu Grunde gegangen wenn wir sie nicht angetroffen hätten«
    »Yah Ali Ihr habt sie nicht bloß gesehen sondern sogar mit ihnen
gesprochen«
    »Noch mehr als das Wir haben eine Nacht bei ihnen gelagert«
    »Sogar gelagert Effendi das musst du mir erzählen gleich sofort«
    »Erst noch eine Frage Wer ist dieser Abgesandte des Grossscherifs
eigentlich«
    »Hat er es dir nicht gesagt«
    »Ich will es aus deinem Munde hören«
    »Er soll reich sehr reich sein und wird darum El Ghani genannt Auch ist er
als Scheich el Harah der Gebieter eines Stadtteiles von Mekka Er gehört der
berühmten Familie Qatadah an ist ein Nachkomme Muhammed Abu Numehjjs und heißt
Abadilah el Waraka hört aber diesen Beinamen El Waraka87 nicht gern«
    »Warum nicht«
    »Weil ihm der Name leicht einmal gefährlich werden kann«
    »Ah Also darum schwieg er davon Er nannte sich nur El Ghani«
    »Und den eigentlichen Namen verschwieg er«
    »Ja Worin liegt die Gefährlichkeit des Beinamens El Waraka«
    »Um das zu verstehen müsstest du das Leben des jetzigen Grossscherifs und
seinen langen erbitterten Streit mit Otman Pascha dem Abgesandten des
Sultans kennen«
    »Ich kenne beides Der Pascha sollte und wollte Ordnung in die Verwaltung
bringen den Krankheiten besonders der Pest und der Cholera steuern und vor
allen Dingen Sicherheit der Karawanenwege schaffen Der Grossscherif glaubte sich
dadurch in seinen Rechten verletzt und weigerte sich den Pascha anzuerkennen
Es begann zwischen beiden ein erbitterter Kampf der von s des Grossscherifs
mit allen möglichen selbst den verwerflichsten Mitteln geführt wurde So war
zum Beispiel einmal an der Moschee zu lesen dass der Pascha von Allah verflucht
sei und dass jeder der ihn durch Mord aus der Welt schaffe ohne Abrechnung
also ohne dass ihm seine Sünden angerechnet würden Eintritt in die Seligkeit des
Paradieses finden werde«
    »Das das ist es was ich meine« fiel der Perser schnell ein »Diesen
Zettel soll El Ghani im Auftrage des Scherifs geschrieben und angeklebt haben
alle Welt weiß das und sagt das und nennt ihn darum Abadilah el Waraka den
Abadilah mit dem Zettel Er will das nicht dulden denn wenn ein Beamter des
Sultans auf den Gedanken kommt den Ursprung dieses Namens zu verfolgen so kann
es dem Träger desselben die Freiheit das Vermögen und auch noch mehr kosten
Und nun bitte ich dich mir zu erzählen wie sich euer Zusammentreffen mit ihm
zugetragen hat«
    Bei dieser Aufforderung lenkte Halef durch ein sehr demonstratives Hüsteln
meine Augen auf sich und sah mich bittend ja fast flehend an Erzählt sollte
werden erzählt Das wurde von mir verlangt und nicht von ihm Wer da weiß dass
das Erzählen beinahe eine Leidenschaft von ihm war der kann sich denken was
mir sein Blick sagen sollte Er war vollständig überzeugt dass nur er allein das
Geschick besitze eine Begebenheit in der richtigen Weise zu schildern Selbst
mich dem er doch in jeder andern Weise mehr zutraute als allen andern Menschen
hielt er nicht für befähigt genug irgend etwas so zu erzählen wie es sich
seiner Ansicht nach gehörte Und nun gar ein Ereignis wie dasjenige war um
welches es sich jetzt handelte Eine Auferstehung von den Toten Eine Beraubung
des schiitischen Heiligtums durch einen sunnitischen Abgesandten des
Grossscherifs der dessen Liebling war Und wer sollte die Erzählung hören Ein
Mann der eines der höchsten schiitischen Aemter bekleidete und sogar der Freund
unsers Freundes Mirza Dschafar war Waren das nicht mehr als genug Gründe dass
diesen Bericht ein dazu vollständig befähigter Mann zu übernehmen hatte Und wer
war so ein Mann Nur Hadschi Halef Omar allein der oberste Scheik der Haddedihn
vom großen Stamme der Schammar Von jedem andern auch von mir war es gewiss
dass er die kostbare Erzählung vollständig verderben werde Zudem war er vorhin
ausgescholten worden und durfte von mir erwarten dass ich sein Ansehen
wiederherstellen werde was am leichtesten und besten dadurch geschehen konnte
dass ich ihm Gelegenheit gab das Licht seiner Beredsamkeit leuchten zu lassen
Dieser letztere Grund bewog mich ihm einen gewährenden Wink zu geben Er begann
denn auch sofort und in frohem Tone seine Rede
    »In welcher Weise sich unsere Begegnung mit ihnen zugetragen hat willst du
wissen Ich werde dir es genau so berichten wie es sich ereignet hat und bin
überzeugt dass du meiner Rede mit andächtiger Bewunderung folgen wirst Allah
schenkte jedem Menschen einen Mund und eine Zunge nicht allen aber ist die
köstliche Gabe verliehen aus diesem Munde mit Hilfe dieser Zunge die
vergangenen gegenwärtigen und zukünftigen Ereignisse der Weltund aller anderen
Geschichten in so schöner und so vollständiger ungestörter Ordnung hervorlaufen
zu lassen wie die Gesetze der Kunst und die Regeln der wohlklingenden
Sprachfertigkeit es verlangen Ich fordere dich also auf ergebenst zuzuhören
und mich nicht zu unterbrechen«
    Ich muss gestehen dass wir jetzt allerdings ein Meisterstück zu hören
bekamen freilich ein Meisterstück nach Halefs Art Er verstand es das
Unbewegliche beweglich und das Tote lebendig zu machen alles bekam durch ihn
Gestalt Farbe und Inhalt er wusste selbst das Einfachste und wenn es nur das
Sandkorn der Wüste war in einer Weise zu beschreiben die ihm Interesse
verlieh Natürlich wurde der Sperling zum Albatross und der Tropfen zur
Überschwemmung umgewandelt Aus Hanneh machte er eine Göttin aus mir
wenigstens einen Halbgott aber aus sich eines jener unbegreiflichen
paradiesischen Wesen wie sie alle Mächte Kräfte und Gesetze beherrschend in
der Poesie des Morgenlandes leben und Wunder über Wunder tun Es wurde mir
himmelangst wie der Perser diese Schilderung aufnehmen werde Glücklicherweise
war er Orientale verstand es also das wirklich Wahre herauszufühlen und hörte
dem was der Phantasie entsprang mit jener stillen in den Augen strahlenden
Begeisterung zu welche im Abendlande nur dem gläubigen Kinde beim
Märchenerzählen eigen ist
    Als Halef geendet hatte sah er ihn mit einem zur Äußerung fordernden
Blicke an und als der Agha trotzdem schwieg weil er sich nicht so schnell wie
der Erzähler in die Wirklichkeit zurückfinden konnte fragte dieser
    »Nun was sagst du dazu Hast du schon jemals solche Taten vernommen und
schon jemals in der wohlgesetzten Rede eines Hakawati88 so herrliche Poesie
gehört Begreifst du diese Kijahma diese Auferstehung eines Toten der noch gar
nicht gestorben war und wieder zur Erde zurückgekehrt ist obgleich er sie noch
gar nicht ganz verlassen hatte«
    »Ja du bist ein sehr guter ein ausgezeichneter Erzähler wie ich noch
selten einen gehört habe« antwortete der Gefragte allen Ernstes »Man könnte
dir den ganzen Tag zuhören ohne nur einen Augenblick zu ermüden«
    Das war ein Lob welches ihm noch höher viel höher stand als wenn man sich
über seine Klugheit seinen Mut und seine Tapferkeit gewundert hätte Er wendete
sich im Sattel um und rief Hanneh welche uns von ihrem Sohne begleitet in
einiger Entfernung vor den Haddedihn folgte zu
    »Jetzt hättest du hören sollen was der Khutab Agha sagte o Hanneh du
schönste Blume auf allen Beeten der beseligenden Weiblichkeit Er meint ich sei
ein unvergleichlicher Erzähler dem man von heut an bis zum jüngsten Tage
zuhören könne ohne sich nur ein einziges Mal nach den Freuden des Paradieses zu
sehnen So wird also der Getadelte gelobt der Erniedrigte erhöht und das Genie
endlich in seiner ganzen Erhabenheit und Größe anerkannt O Hanneh mein
geliebtes Weib o Kara Ben Halef mein gehorsamer Sohn eifert eurem Gatten und
Vater immer nach dann werdet ihr vielleicht denselben Ruhm erwerben und einst
nur scheinbar sterben sonst aber ganz wohlbehalten auf die Nachwelt kommen
Allah der Behüter und Bewahrer gebe es«
    »Du fragtest mich« fuhr zu ihm der Perser in seinem Gedankengange fort »ob
ich diese Kijahma begreifen könne Diese Mekkaner sind fast zwei Monate lang bei
uns in Meschhed Ali gewesen und wenn es da auch nicht vorgekommen ist dass El
Münedschi in das Grab gelegt wurde so haben wir ihn doch oft stundenlang starr
wie eine Leiche gesehen bis seine Seele wieder zu ihm kam Auch ist er oft im
Schlafe gewandelt ohne zu wissen was er tat und wo er sich befand«
    »Durfte man da auf ihn einsprechen« erkundigte ich mich
    »Wir haben es getan«
    »Wachte er davon auf«
    »Nein Er gab Antworten die wir oft gar nicht oft nur halb und selten ganz
verstanden und wenn dann seine Seele zurückkehrte kam er zum Bewusstsein doch
nur für einen Augenblick denn er legte sich dann um und schlief ein als ob die
Abwesenheit seiner Seele ihn angestrengt habe und er sich davon erholen müsse«
    »Geschah das ohne Aufsicht«
    »Nein denn El Ghani war stets dabei und bewachte ihn Er zeigte ihn den
Leuten und erlaubte dass sie Fragen an ihn richteten die der Münedschi
beantwortete Die Antworten klangen oft so wunderbar als ob sie aus einer
andern Welt nicht von der Erde kämen und dann wieder waren sie so
leichtverständlich dass jedes Kind gleich wusste was er meinte Er wurde
besonders nach Mitteln gegen Krankheiten gefragt und nach allerlei heimlichen
Dingen die man durch ihn entdecken wollte El Ghani ließ sich dafür mit Silber
und sogar mit Gold bezahlen und hat von den vielen Pilgern welche die heiligen
Stätten der Schiiten ja zu Tausenden besuchen und seine Wohnung ohne Aufhören
belagerten so viel Geld eingenommen dass er es nicht nach Mekka schaffen
konnte sondern es bei einem Sarraf89 gegen einen Schein umtauschte«
    »Ah er ließ den Blinden also für Geld sehen«
    »Ja«
    »So nützt er ihn also als immerwährend fliessende und reiche Einnahmequelle
aus Nun ist mir seine sogenannte Mildtätigkeit gegen den Münedschi ja ganz
klar Ich traute ihr gleich anfangs nicht Er wird das in Mekka ebenso und mit
noch größerem Erfolge machen ohne dass der Kranke es ahnt Er behält ihn bei
sich wie einen Gefangenen und nützt ihn aus so viel er kann Nun weiß ich auch
warum er den alten gebrechlichen Mann mit nach Meschhed Ali genommen hat als
Dolmetscher hat er ihm weisgemacht Der eigentliche Grund war aber dass er auch
dort Geld mit ihm verdienen wollte und weil er ihn doch nicht in Mekka lassen
konnte Er hätte ihn einstweilen andern Leuten anvertrauen müssen durch welche
dem Blinden der eigentliche wahre Grund der Wohltätigkeit seines
vermeintlichen Beschützers verraten worden wäre Um das zu verhüten musste er
ihn bei sich behalten und ihn also mitnehmen Also du meinst dass dieser
bedauernswerte alte Mann von dem in Meschhed Ali verübten Diebstahle nichts
weiß«
    »Er ist höchst wahrscheinlich unschuldig Vielleicht erzähle ich dir noch
wie alles zugegangen ist denn vor Kara Ben Nemsi brauche ich obgleich er
Christ ist die Geheimnisse des Heiligtumes nicht so streng verschlossen zu
halten wie vor andern Laien und dann wirst du auch dieser meiner Meinung sein
Ich glaube sogar der Alte würde uns gewarnt haben wenn er gewusst hätte dass
wir bestohlen werden sollen Ich weiß nicht wie du als Christ seinen Zustand
erklärst wahrscheinlich als Krankheit denn du hast ihn den Kranken genannt
ich als Moslem aber bin überzeugt dass er von Geistern besessen ist und zwar
von guten nicht von bösen denn alles was er sagt und was er tut ist fromm
und gut Es freut mich dass er sich nicht mehr bei El Ghani sondern bei euch
befindet da ist er in sicherer Hut und wenn ich den Liebling des Grossscherifs
einholen werde kann ich mit ihm so streng verfahren wie es mir beliebt ohne
auf den alten unschuldigen Münedschi Rücksicht nehmen zu müssen«
    »Was wirst du mit ihnen tun wenn es dir gelingt sie festzunehmen«
    »Ich werde sie nach Meschhed Ali schaffen«
    »Und wenn sie sich wehren«
    »So schieße ich sie nieder Das ist dir wohl zu streng«
    »Ich bin hier weder Ankläger noch Richter noch sonst irgendwie beteiligt und
kann also keine Meinung haben Gibt es vielleicht noch eine Frage welche wir
dir beantworten könnten«
    »Nein Wenn ich noch einen Wunsch finde so werde ich ihn später
aussprechen«
    »Wann«
    »Heut abend«
    »Wo«
    »Am Bir Hilu wo wir doch wieder zusammentreffen«
    »So willst du dich vorher von uns trennen«
    »Natürlich und zwar sogleich denn ihr reitet mir zu langsam Oder willst
du deiner Karawane vorausreiten und mich begleiten Ich brauche dir wohl nicht
erst zu versichern Effendi dass mir das außerordentlich lieb sein würde«
    »Erlaube dass ich bei den Haddedihn bleibe Ich gehöre jetzt zu ihnen auch
ist es stets mein Grundsatz gewesen mich nicht in Dinge zu mischen die mir
fern liegen Dass das Heiligtum von Meschhed Ali bestohlen worden ist geht mich
nichts an und mit dem Ghani habe ich einstweilen auch nichts mehr zu tun es
ist also gar kein Grund vorhanden mich an der Jagd nach den Dieben zu
beteiligen«
    »Auch nicht aus Rücksicht für mich«
    »Auch nicht Diese Rücksicht verbietet mir im Gegenteile dich zu
begleiten«
    »Wieso«
    »Durch meine Beteiligung würde ich zwar nicht in Worten aber durch die
Tat der Ansicht Ausdruck geben als ob du nur mit meiner Hilfe im stande
seist die Aufgabe welche du dir gestellt hast zu erfüllen während ich doch
der festen Überzeugung bin dass du ganz der Mann bist das auszuführen was du
dir vorgenommen hast Habe ich recht«
    Ich sah ihm an dass er zufrieden mit dieser meiner Äußerung war und sich
geschmeichelt fühlte Er antwortete
    
    »Ja du hast recht Effendi ich bitte dich also zurückzubleiben Aber
heute abend werden wir euch ganz bestimmt am Brunnen Hilu wiedersehen«
    »Ja Ich bin wie gesagt überzeugt dass wir die Diebe als deine Gefangenen
finden werden«
    »Ganz gewiss falls wir sie überhaupt noch dort treffen«
    »Sie werden nirgends anders sein denn sie müssen wegen des Wassers hin Und
sie werden auch dort bleiben weil sie zu schwach und angegriffen sind um von
dort aus noch weiter zu reiten Es ist viel eher möglich dass ihr sie noch vor
dem Bir Hilu einholt als dass ihr gezwungen seid ihnen von dort aus noch weiter
nachzureiten Das Eine nur gestatte ich mir dir zu sagen Sei ja dafür besorgt
dass sie nicht fliehen wenn sie euch von weitem kommen sehen und dich etwa
erkennen«
    »Das denke ja nicht Wir werden wie ein Wetter über ihnen sein Nun Allah
mich durch euch den richtigen Weg hat finden lassen werde ich nicht so sorglos
sein ihnen Gelegenheit zum Entkommen zu geben Jetzt erlaube dass ich für
einstweilen Abschied von euch nehme Den Dank den ich euch schuldig bin werde
ich euch später sagen«
    Er rief seinen Führer und die Soldaten herbei und eilte mit ihnen fort Wir
sahen sie noch einige Zeit vor uns auf den Hügelhöhen und in den Tiefen auf und
niedertauchen bis sie sich so weit entfernt hatten dass wir sie nicht mehr
erkennen konnten Da sagte Hadschi Halef zu mir
    »Sihdi wäre es nicht besser gewesen du hättest seinen Wunsch mit ihm zu
reiten erfüllt«
    »Warum«
    »Du wärest gewiss nicht allein mit ihm gegangen sondern hättest mich
mitgenommen Und dann wäre es für uns doch eine wahre Wonne gewesen mit
dabeisein zu können wenn diesen ebenso stolzen wie dummen räuberischen
Mekkanern der Hochmut ausgetrieben wird«
    »Hättest du deine Hanneh wirklich verlassen Halef«
    »Warum nicht Es hätte sich doch nur um wenige Stunden gehandelt und sie
steht unter dem Schutze meines Sohnes und von fünfzig tapfern Kriegern«
    »Wenn du diese wenigen Stunden noch wartest ist es dann noch immer Zeit
genug dich an dem Anblicke der mekkanischen Demut zu laben Und wenn ich meine
Emmeh hier in der arabischen Wüste bei mir hätte würde die Gegenwart von
hundert Kriegern mir nicht den Vorwand geben können sie nur auf eine Stunde zu
verlassen Unsere gemeinschaftlichen Erlebnisse müssen dich ja genugsam belehrt
haben dass die Gefahr meist plötzlich und ganz unerwartet kommt und oft größer
ist als man es für möglich gehalten hat Nein wir bleiben bei deiner Hanneh
Mit El Ghani kommen wir noch zeitig genug zu sprechen«
    Damit war sein Wunsch beiseite gebracht Selbstverständlich lieferte uns nun
das Zusammentreffen mit dem Perser ein hochinteressantes Gesprächstema welches
Halef mit Hanneh und seinem Sohne auf das Eingehendste behandelte wobei er sehr
bestrebt war zu verhüten dass der von ihm gemachte Fehler berührt wurde Dieses
Vorhaben gelang ihm auch vollständig
    Die Mittagszeit war vorüber und die Sonne hatte den Scheitelpunkt ihres
Tagesbogens hinter sich Die Hitze hatte ihren höchsten Grad erreicht und so
machten wir Halt um die Kamele nicht zu sehr anzustrengen sondern ihnen eine
kurze Rast zu gönnen
    Der Münedschi erwachte als wir ihn aus dem Sattel hoben nicht aus seinem
schlafähnlichen Zustande fiel aber sonderbarerweise nicht um als wir ihn auf
die dazu ausgebreitete Decke setzten Es schien also trotz seiner
Geistesabwesenheit eine Art seelisches Prinzip vorhanden zu sein durch welches
die Bewegung seines Körpers beeinflusst wurde Während er im übrigen vollständig
regungslos wie eine aus Holz geschnitzte Figur da saß ahmten seine Lippen von
Zeit zu Zeit als habe er einen Tschibuk im Munde das Tabakrauchen nach Das
sah trotz seiner Erwürdigkeit fast lächerlich aus doch war die Teilnahme für
ihn eine so ernstliche dass sich auf keinem Gesichte ein Lächeln zeigte
    Da breitete er plötzlich die Arme nach beiden Seiten aus als ob er sich
rechts und links festhalten wolle Ich griff schnell zu und stützte ihn sonst
wäre er umgefallen Er tat einen tiefen tiefen Atemzug bewegte den Kopf als
ob er sich im Kreise umsehen wolle und fragte dann
    »Wo sind wir jetzt«
    »Vier Reitstunden im Norden des Bir Hilu« antwortete ich
    »Wer seid ihr Meine Gefährten seid ihr nicht«
    »Wir sind die Haddedihn welche dich heut früh aus dem Grabe genommen
haben«
    Da richtete er dem Klange meiner Stimme folgend die weit geöffneten
strahlenden Augen auf mich und sagte
    »Ja ich besinne mich Ich bin nicht mehr bei El Ghani sondern bei euch
und du bist der Gelehrte aus dem Wadi Draha ich erkenne dich am Klange deiner
Rede Ich war nicht hier bei euch sondern an einem hohen lichterrlichen Orte
und habe deinen Schutzengel gesehen Er heißt Marrya90 und befahl mir dich zu
grüßen Seine Wohnung schmiegt sich an die Stufen von Allahs Thron seine
Gestalt ist Schönheit sein Gewand Weisheit seine Stimme Sanftmut und sein
Blick Liebe Liebe nichts als Liebe Ich sah seine Hände ausgebreitet über dir
und Glaube Zuversicht und Gottestreue floss von ihnen auf dich hernieder Ich
sah dich selbst in zwei verschiedenen Gestalten welche gegen einander kämpften
die eine war dunkel wie der Schatten der Nacht welcher sich gegen die
Morgenröte empört die andere hell und rein wie das sanfte Licht welches um
christliche Altäre leuchtet Die dunkle bestand aus deinen Fehlern die du noch
nicht überwunden hast die lichte aus den Gedanken und Gefühlen welche du der
Vervollkommnung und dem Himmel weihst Die finstere war stark gewandt und
listig die helle aber mächtiger als sie gewappnet mit dem Schilde der
göttlichen Gnade und mit dem Schwerte der Willensfestigkeit Und indem ich sie
miteinander ringen sah hörte ich die Stimme deines Engels Bange nicht für ihn
denn er wird siegen und immer reiner werden bis das Dunkel sich ganz in Licht
verwandelt hat Er kann nicht unterliegen denn er weiß ich schütze ihn Um dir
diese Worte des Herrlichen zu sagen kehrte ich zu dir zurück ich besinne
mich«
    Er hatte in einem Tone gesprochen als ob derartige befremdende Mitteilungen
für ihn gar nichts Besonderes seien Es hatte zwar nicht handwerksmässig wie zum
Beispiel bei einer Kartenlegerin geklungen aber doch gewohnheitsartig und dabei
unbefangen und überzeugt Ich schwieg denn ich wusste wirklich nicht was ich
darauf sagen sollte Er schien aber auch gar keine Antwort zu erwarten denn
seine soeben an einem »hohen lichterrlichen Orte« gewesenen Gedanken
beschäftigten sich sofort mit etwas sehr Materiellem
    »Gebt mir Tabak« bat er indem er seine Pfeife aus der Tasche nahm
    Wir erfüllten ihm diesen Wunsch und er begann mit demselben fast gierigen
Eifer zu rauchen den ich schon an ihm beobachtet hatte Infolge unsers
Gespräches mit dem Perser drängten sich mir einige Fragen auf welche ich dem
Blinden vorzulegen hatte Ich wartete bis sein starkes Qualmen und der dabei
hochbefriedigte Ausdruck seines Gesichtes mir bewiesen dass »seine Seele jetzt
ganz bei ihm« sei und erkundigte mich dann
    »Sagtest du mir nicht dass El Ghani dich des Persischen wegen als
Dolmetscher mit nach Meschhed Ali genommen habe«
    »Ja das sagte ich und es ist auch so« antwortete er
    »So hast du ihn dort auf allen seinen Wegen und Ausgängen begleiten müssen«
    »Nein denn ich bin ja blind Wenn er ausging fand er ja überall Leute mit
denen er sprechen konnte weil sie arabisch oder türkisch verstanden«
    »So wäre es für ihn eigentlich gar nicht nötig gewesen dich mitzunehmen«
    »O doch Denn wenn er daheim war bekam er oft Besucher welche persisch
sprachen dann brauchte er mich«
    »Du bekamst aber auch wohl Besuche wenn er ausgegangen war«
    »Nein denn er schloss mich ein und er tat sehr recht daran denn ein
blinder Mann ist an einem fremden Orte gar wie Meschhed Ali wo ganze Scharen
von Pilgern verkehren unter denen sich auch böse Menschen befinden vielen
Gefahren ausgesetzt«
    »In Mekka verkehren noch mehr Pilger als in der Stadt der Schiiten also
wirst du wohl dort auch eingeschlossen«
    »Ja stets«
    »Ist dir das nicht langweilig«
    »Nein denn es besuchen mich viele viele Leute und ich gehe auch zuweilen
mit El Ghani meinem Wohltäter aus«
    »Diese vielen Leute besuchen dich jedenfalls wegen deiner Gelehrsamkeit«
    »Sie kommen meist um wichtige religiöse Fragen auszusprechen welche ich
ihnen beantworten soll Ich weiß aber dann später nur ganz selten was ich
gesagt habe denn ich verliere das Bewusstsein und komme gewöhnlich erst wieder
zu mir wenn sie fortgegangen sind«
    »Was während deiner Bewusstlosigkeit geschieht das weißt du nicht«
    »Ich sehe in alle Zeiten die vergangene gegenwärtige und zukünftige Ich
sehe Orte welche der Erde angehören und Orte welche nicht auf ihr liegen Nur
alles was mich selbst betrifft was sich auf meine Person bezieht das sehe ich
nicht«
    »Höchst sonderbar dass dir grad das verborgen bleibt was dich am meisten
interessieren muss«
    »Ich bin zufrieden denn Ben Nur der mir diese Zeiten und diese Orte zeigt
will es nicht anders«
    »Erfährt El Ghani alles was du da zu sehen und zu hören bekommst«
    »Ich sage ihm vieles davon aber er glaubt es nicht Er lächelt nur immer
wenn ich ihm sage dass ich im Lande der Abgeschiedenen gewesen sei du aber
würdest es mir glauben«
    »Irre dich nicht Auch der Muhammedaner hält die Bibel für ein heiliges
Buch denn Muhammed hat aus demselben geschöpft und erklärt die Propheten der
Bibel für wirkliche Propheten Und dieses heilige Buch verbietet dass man die
Toten frage«
    »Wenn ich nicht auf der Erde bin so sind es nicht die Toten sondern die
Lebenden bei denen ich mich befinde und wenn ich rede so spreche ich nur mit
Ben Nur der kein Verstorbener ist Niemand braucht sich zu scheuen das zu
hören was meine Seele hört Wenn ich dir sage was ich sehe so brauchst du
auch dein Weib dein Kind nicht fortzuweisen denn es sind gute reine lautere
Himmelstimmen die sich meiner Lippen bedienen Ich bin nicht Stern Traum
oder Zeichendeuter sondern seit ich hilflos geworden bin durch die Blindheit
meiner Augen gehöre ich zu den Armen und Unmündigen denen offenbar wird was
den Reichen und Klugen verborgen ist Ich bin weder ein Geisterseher noch ein
Prophet kein Lügner und auch kein Phantast ich bin weiter nichts als ein in
der Wüste verlorenes Schaf welches seinen Hirten sucht Wenn mich da die
Aufmerksamkeit meiner Sehnsucht die Stimmen der Wüste hören lässt die sonst
niemand hört und wenn mein Durst aus weiter Ferne die Feuchtigkeit des Wassers
spürt welche die Glücklichen nicht empfinden die bei dem Hirten an der Quelle
liegen so mögen wohl sie von Selbstbetrug und Täuschung sprechen ich aber
lasse mir diese Stimmen und diesen feuchten Hauch als Führer aus der
Verlassenheit zum Brunnen dienen Ich wollte gegen dich schweigen denn du warst
mir fremd aber nun ich dich im Kampfe den ich dir beschrieb gesehen habe ist
es mir als müsstest grad du der mich aus dem Grabe geholt hat alles wissen
was ich jenseits desselben liegen sehe Fürchte dich nicht Es entspringt daraus
kein Schaden für deine Seele und für deinen Glauben sondern es wird dir dadurch
die herrliche Erkenntnis gegeben dass die Liebe der Ursprung alles Bestehenden
ist und dass nur sie allein den Weg zum irdischen Glücke und zum Paradiese
zeigt«
    »Hast auch du die Liebe« fragte ich ihn als er jetzt schwieg fast genau
so wie ich ihn heut früh nach der Erklärung des Alispruches gefragt hatte
    »Ich habe sie und finde sie doch nicht« antwortete er »Kannst du das
begreifen«
    »Ja«
    »Indem du dieses Ja aussprichst denkst du an die Gegenliebe sie ist es
aber nicht die ich meine und doch meine ich auch sie Du wirst mich freilich
nicht verstehen«
    »Ich verstehe dich Es gibt nicht Liebe und Gegenliebe also Liebe hin und
Liebe her Die Liebe ist eins ist unteilbar«
    »Das ist richtig o wie so richtig Die Liebe ist eine Gotteskraft ist die
Gotteskraft sie kann nicht wie mit dem Messer zerschnitten werden so dass jeder
einzelne Mensch einen für ihn bestimmten Teil bekommt der nun keine andere als
nur seine Liebe ist Zu sagen ich liebe meine Mutter ich liebe mein Kind ist
falsch denn die Liebe die wahre Liebe lässt sich nicht begrenzen nicht auf
Personen beschränken Liebe ist Leben und Leben ist Liebe Wie du sagst ich
lebe so musst du auch sagen ich liebe Und wie es unrichtig sein würde zu
sagen ich lebe meinem Freund so ist es auch nicht richtig zu sagen ich liebe
meinen Freund Die wahre Liebe kennt nicht ihr Gegenteil kennt nicht den Hass
sie umfängt alle Wesen sie kann kein einziges ausschließen und wer diese
wirkliche diese Gottesliebe besitzt von dem kann also nicht gesagt werden dass
er seinen Bruder seine Schwester dass er einen einzelnen Menschen liebe Du
lebst Kannst du dieses dein Leben zerteilen Du liebst Kannst du diese deine
Liebe zerlegen Wenn du einen Menschen liebst weil er dir nahe steht und den
andern fernen nicht so denke ja nicht dass dies Liebe sei Die Liebe kennt
kein Weil und kein Warum kennt überhaupt keinen Grund als nur sich selbst Nun
wundere dich nicht wenn ich dir deine Frage zurückgebe Hast du die Liebe Hast
du diese wirkliche diese richtige Liebe«
    Er richtete die toten und doch so hellen Augen auf mich Es sollte der
Ausdruck der Frage in ihnen liegen aber der Blick war leer und inhaltslos wie
die Herzen der Millionen welche so viel von Liebe sprechen ohne sie zu
besitzen Seine Frage obwohl es genau dieselbe war musste mich den Christen
ganz anders treffen als die meinige ihn den Muhammedaner hatte treffen
können Da er mich für einen Anhänger des Islam halten sollte durfte ich nicht
von der Liebe sprechen welche Christus lehrt da ich aber doch etwas sagen
musste weil aller Augen jetzt auf mich gerichtet waren so antwortete ich
    »Ich befleissige mich keine Ausnahme darin zu machen dass ich alle Menschen
mit meinem Herzen umfange Ich tue das Gute und verabscheue das Schlechte aber
ich hasse nicht die Person dessen welcher schlecht handelt Es ist mein
eifrigstes Bestreben ein Kind Allahs zu sein und ich hege den aufrichtigen
Wunsch in diesem Sinne alle Menschen als meine Brüder und Schwestern behandeln
zu dürfen Hoffentlich ist das die Liebe welche du meinst«
    »Nein sie ist es nicht Du sprichst vom Bestreben vom Befleissigen vom
Wünschen hast also das noch nicht was du erstrebst und wünschest Die wahre
Liebe hofft nicht und wünscht nicht denn sie ist ja an sich schon die
Erfüllung die ausgeführte volle Tat Sie ist die einzige Macht die einzige
Kraft im Himmel und auf Erden Nenne mir die Namen aller scheinbar andern
Kräfte sie sind doch nichts als nur verschiedene Erscheinungs oder
Wirkungsformen von ihr Die Liebe hört nie auf Sie hat keinen Anfang und kein
Ende sowohl in räumlicher als auch in zeitlicher Beziehung also kann es außer
ihr nichts anderes geben Sie erfüllt das Sonnenstäubchen und den Weltenraum
die kurze Sekunde des irdischen Zeitmasses und auch die ganze Ewigkeit Sie lässt
sich nicht einteilen in Eltern Kindes Gatten Freundes und allgemeine
Menschenliebe Wer sie so zerstückeln zu können meint dem ist sie unbekannt
Unser Erkennen und unser Weissagen ist solches Stückwerk vor der Liebe aber
die das Vollkommene ist hört jedes Stückwerk auf«
    Das war ja eine fast wörtliche Anführung aus dem herrlichen dreizehnten
Kapitel des ersten Korinterbriefes Dass er der Moslem die heilige Schrift
citierte durfte ich nicht ohne Bemerkung vorübergehen lassen sondern ich musste
ihn zwingen sich zu ihr zu bekennen Darum fragte ich schnell
    »Ist das deine eigene Ansicht oder steht es im Kuran geschrieben Ich habe
es nicht da gefunden«
    »Es ist eine Stelle aus dem heiligen Buche der Christen« antwortete er
    »So ziehst du also die höchste und schönste aller Lehren nicht aus dem Werke
Muhammeds sondern aus dem Kitab el mukaddas91«
    »Ja Doch darf das für dich kein Grund sein an meiner Rechtgläubigkeit zu
zweifeln denn Muhammed hat selbst oft auch aus diesem Kitab geschöpft und wenn
ich das auch tue so folge ich nur seinem Beispiele welches er uns für die
Erkenntnis der Vollkommenheit gegeben hat Für uns die wir nicht so erleuchtet
sind wie er es war besitzt sein Kuran zahlreiche Lücken welche nur mit den
Wahrheiten der Bibel auszufüllen sind«
    »So ist also die Vollkommenheit von welcher du sprichst nicht aus dem
Kuran sondern aus der Bibel zu schöpfen Der Wert der letzteren ist folglich
größer«
    »Das habe ich nicht gemeint und nicht behaupten wollen Aus meinen Worten
geht nur hervor dass sie oft deutlicher also leichter zu verstehen ist als die
Suren des Propheten Ihm war ein anderer Weg vorgeschrieben als dem Stifter der
christlichen Religion nämlich der Kampf während Jesus der Prediger der Liebe
und des Friedens sein durfte Da Jesus nicht gehört wurde musste ihm ein
Muhammed folgen Christus fasste den ganzen Inhalt seiner Lehre in das Gebot
zusammen du sollst Gott deinen Herrn von ganzem Herzen lieben und deinen
Nächsten wie dich selbst Hätte er Gehorsam gefunden so wäre das Reich des
Friedens angebrochen dessen Verkündigung in den Worten lag den Frieden
hinterlasse ich euch meinen Frieden gebe ich euch Er der Friedensfürst wurde
an das Kreuz geschlagen und wie dabei der Vorhang im Tempel mitten auseinander
riss so war der Friedensbund zwischen Allah und der Menschheit zerrissen und es
musste der Prophet kommen dessen Religion bestimmt war auf den Spitzen der
Schwerter getragen und verbreitet zu werden Wer den Frieden nicht haben will
der will den Kampf Da die Menschheit die Lehren Christi verwarf und heut noch
verwirft wird sie sich von der Streitbarkeit des Islam bekehren lassen müssen«
    »Ist die Lehre Christi wirklich in der Weise abgewiesen worden wie du
sagst Ich denke es gibt weit mehr Christen als Muhammedaner so dass auf
fünfzehn Moslemin wenigstens vierzig Christen zu rechnen sind«
    »Wenn du die Köpfe zählst so hast du recht Allah aber sieht das Herz an
zähle also die Herzen nicht die Köpfe Dann wirst du erkennen wie wenig wahre
Christen und wie viel viel mehr gläubige Anhänger des Islam es gibt Ich kenne
dieses Namenchristentum leider nur zu gut Ich habe es studiert und darunter
gelitten seit meiner Jugendzeit und   «
    Er hielt plötzlich in seiner mit großem Eifer vorgetragenen Rede inne und
fuhr dann sich verbessernd langsam und mit mehr Überlegung fort
    »Ich wollte sagen Ich habe es aus vielen vielen Büchern studiert und bin
mit manchem sogenannten Christen zusammengetroffen der grad und genau das
Gegenteil von dem war was ein Anhänger der Messiaslehre sein soll Ich habe da
so viel Trauriges erfahren und erlebt dass ich nur höchst ungern davon spreche
Schweigen wir also über diesen Gegenstand Gebt mir lieber Tabak die Pfeife ist
mir wieder ausgegangen«
    Als ihm dieser Wunsch erfüllt worden war gab er sich seinem
Lieblingsgenusse in einer Weise hin welche wenn ich die Absicht dazu gehabt
hätte es vollständig ausschloss das Gespräch mit ihm fortzusetzen Er sah ein
dass er mehr gesagt hatte als eigentlich seine Absicht gewesen war hierin lag
der eigentliche Grund des plötzlichen Abbruches seiner Mitteilungen Was mich
betraf so war ich vollständig zufrieden mit dem was ich gehört hatte Ich
wusste nun warum er die heilige Schrift so gut kannte Er war früher Christ
gewesen und dann Muhammedaner geworden Weshalb Diese Frage beschäftigte mich
freilich doch brauchte ich mir nicht den Kopf darüber zu zerbrechen Er hatte
von Namenchristen und von schlimmen Erfahrungen gesprochen doch war es mir
unbegreiflich dass ein gebildeter Mann aus solchen Gründen zum Renegaten werden
kann Zu der gebildeten Klasse zählte er denn einige seiner Äußerungen ließ
darauf schließen dass er studiert hatte
    Als die Zeit unserer kurzen Rast vorüber war halfen wir ihm wieder in den
Sattel und ritten dann weiter Halef gesellte sich mir wie gewöhnlich zu und
teilte mir seine Ansichten über den Blinden mit Auch ihm war es aufgefallen
dass dieser von seinen traurigen Erfahrungen gesprochen und dabei doch erklärt
hatte er habe das Namenchristentum aus vielen vielen Büchern studiert
    »Weißt du Sihdi« sagte der Hadschi »das mit den vielen Büchern mag wohl
wahr sein denn er ist wirklich ein Gelehrter aber die Ansichten welche er uns
mitteilte schienen weniger aus diesen Schriften als vielmehr aus seinem Leben
zu stammen Ich möchte behaupten dass er sehr oft mit Christen zusammengetroffen
ist welche sich nicht mit dem Herzen sondern nur äußerlich zu diesem Glauben
bekannten Was meinst du dazu«
    »Er ist ein Rätsel dessen Lösung großes Interesse für mich besitzt«
antwortete ich ausweichend »Eine Meinung kann ich erst dann haben wenn ich mir
über ihn klar geworden bin Zunächst müssen wir uns mit der Tatsache begnügen
dass er ein verlassener unglücklicher Mann ist dem wir unsern Beistand zu
widmen haben«
    »Der soll ihm werden Sihdi und zwar von Herzen gern Dieser vom Tode
Erstandene hat mein Mitleid meine ganze Teilnahme in der Weise erweckt dass ich
bereit bin für ihn alles zu tun was mir möglich ist Als diejenigen die ihm
das bereits verschwundene Leben wiedergegeben haben sind wir verpflichtet in
der Weise und so lange für ihn sorgen wie es in unseren Kräften steht und das
werden wir tun« 
    Im Verlauf der nächsten Stunde wurde die Beschaffenheit der Wüste eine
andere als sie bisher gewesen war Der unsere Tiere so ermüdende Wechsel
zwischen Höhen und Tiefen wiederholte sich weniger häufig die Hügelwellen
wurden nach und nach flacher und die Täler hoben sich bis sich beide in der
Weise ausgeglichen hatten dass das entstanden war was man im gewöhnlichen Sinne
unter Wüste versteht nämlich eine vollständig ebene Sandfläche deren Horizont
einen ununterbrochenen Kreis bildet
    Der Sand war zunächst tief und fein Die Füße der Kamele und Pferde
»mahlten« förmlich im Mehle Später wurde er seichter und gröber der Untergrund
war hart Es traten von Zeit zu Zeit und dann immer mehr steinige Stellen
hervor welche an Größe zunahmen und in ihrer schliesslichen Vereinigung den Sand
verschwinden ließ Wir befanden uns im Serir der Wüste des glatten Steines
Der Boden war von den Winden kahlgefegt worden und zuweilen so glatt dass die
Kamele ausrutschten Hier musste man sehr gut aufpassen wenn die Spuren denen
wir folgten nicht verloren werden sollten In dieser Art von Wüste pflegen die
Temperaturunterschiede am größten zu sein weil der am Tage in der Sonne fast
glühende Stein seine Wärme des Abends schneller ausstrahlt als der Sand und dann
erkaltet Der Europäer hat sich vor solchen Gegenden sehr zu hüten weil Fieber
und Erkältungskrankheiten die unausbleiblichen Folgen sind
    Nach einiger Zeit änderte sich die Szene abermals Der Steinboden wurde
uneben Er schlug zunächst flache und dann höhere Wellen deren Zwischenräume
je weiter wir kamen und je tiefer sie waren sich um so mehr mit Sand gefüllt
zeigten den der Wind hineingeweht hatte Die wie glatt polierten Erhöhungen
verwandelten sich in scharfgeschnittene Hügel welche in dem weiten ebenen
Serir als einzelne inselartige Gruppen aufragten und sich dem Blicke in die
Ferne hindernd entgegenstellten Ein solches Terrain ist für Leute welche eine
Begegnung zu scheuen haben natürlich gefährlicher als die offene Wüste welche
Umschau nach allen Richtungen gewährt Da muss auch derjenige der keinen Feind
zu haben glaubt vorsichtig sein weil grad die arabische Wüste eine Stätte nie
aufhörender blutiger Befehdungen ist
    Übrigens teilte uns der Ben Harb unser Führer mit dass der Bir Hilu an
den größten und zerklüftetsten der hier umhergestreuten Felseninseln liege und
zwar in der Entfernung von vielleicht einer halben Reitstunde von uns
    »Da müssen wir sofort unsere Richtung ändern« sagte Halef
    »Warum« fragte ich obwohl ich wusste was er meinte »Welchen Grund könnte
es wohl geben von der geraden und darum auch kürzesten Linie abzuweichen«
    Da machte er eins seiner allerliebsten pfiffigen Gesichter und antwortete
    »Du betest täglich das christliche Vaterunser und handelst jetzt doch selbst
gegen den Teil desselben welcher Führe uns nicht in Versuchung lautet Du
weißt gar wohl was ich will denn ich habe es ja erst von dir gelernt Man
glaubt am Brunnen dass wir von Norden kommen werden und darum machen wir einen
Umweg um ihn aus einer andern Richtung zu erreichen«
    »Hältst du diese Vorsichtsmassregel heut für notwendig Halef«
    »Vorsicht ist stets notwendig das musst du dir merken Effendi Selbst dann
wenn gar keine Veranlassung dazu vorzuliegen scheint ist Vorsicht immer besser
als Unvorsichtigkeit Besonders auf einer Reise wie die unserige ist kann man
nie wissen was die nächste Minute bringen wird«
    Wir hatten einen Augenblick angehalten unser Trupp war beisammen und so
konnten alle diese seine Worte hören Es machte ihn nicht wenig stolz jetzt
einmal Prediger der Bedachtsamkeit sein zu können und so fuhr er in belehrendem
und sehr nachdrücklichem Tone fort
    »Die Tapferkeit ist die erste und vorzüglichste Eigenschaft welche ein
Krieger besitzen muss gleich nach ihr aber ist die Vorsicht nötig Ein nur
tapferer Mann kann sehr leicht tollkühn werden und ein nur vorsichtiger kommt
leicht in die Gefahr dass man ihn der Feigheit zeiht Ist aber die Tapferkeit
mit der Vorsicht gepaart so können Unbesonnenheiten ebenso wenig wie
Bezweifelungen des Mutes vorkommen Die Tapferkeit ist nur im Kampfe die
Vorsicht aber zu jeder Zeit und an allen Orten nötig zum Beispiel jetzt und
hier Wir wissen dass die wenigen Mekkaner nach dem Bir Hilu geritten sind und
dass der ihnen vierfach überlegene Basch Nazyr ihnen nachgeritten ist wir sind
überzeugt dass sie vollständig ohnmächtig gegen ihn sind und noch weniger uns zu
schaden vermögen darum könnten wir den geraden Weg nach dem Brunnen getrost
beibehalten Ich schlage aber trotzdem vor dies nicht zu tun denn ich habe
bereits gesagt dass man auf einem solchen Ritte niemals weiß was der nächste
Augenblick bringen wird Es können ja schon andere Leute am Brunnen gewesen
sein in welchem Falle sich das Zusammentreffen des Persers mit dem Liebling des
Grossscherifs gewiss ganz anders abgespielt hätte als wir bisher angenommen
haben Wir müssen also vorsichtig sein und ehe wir uns am Brunnen zeigen
zunächst zu erfahren suchen wie es dort steht Darum werden wir nicht direkt
hinreiten sondern uns ihm von einer andern Seite vorsichtig nähern Sehen wir
dann ein dass dies nicht nötig gewesen wäre so ist das um so besser wir haben
für den Verlust einer Viertelstunde das Bewusstsein eingetauscht vorsichtig und
also klug und weise gewesen zu sein Nach welcher Seite reiten wir ab rechts
oder links Sihdi«
    »Der Führer kennt die Gegend also mag er entscheiden« antwortete ich
    Der Ben Harb hielt es für geraten den Umweg nach Osten zu machen weil es
dort die größere Anzahl hoher Felsen gab und wir also mehr Deckung hatten als
auf dem westlichen Bogen Es zeigte sich dann dass diese Wahl die richtige
gewesen war und dass wir allerdings sehr wohlgetan hatten vorsichtig zu sein
    Wir ritten südöstlich teils über offene Flächen teils an wie senkrecht aus
dem Boden emporgetriebenen Felsengruppen vorbei bis der Führer annahm dass der
Brunnen nun fast westlich von uns liege Eben wollten wir in diese Richtung
einbiegen nachdem wir eine wirre Steinaufhäufung passiert hatten als der uns
jetzt voranreitende Ben Harb sein Pferd wendete und uns aufforderte
    »Zurück schnell hinter die Felsen Es kommen Reiter«
    »Wie viele« fragte Halef als wir diesem Rufe Folge geleistet hatten und
nun von den Nahenden nicht gesehen werden konnten
    »Es sind nur drei« lautete die Antwort
    »So brauchen wir uns doch nicht zu fürchten Warum hältst du uns also
zurück«
    »Weil du von der Vorsicht gesprochen hast«
    »Drei Personen und wir sind über fünfzig da brauchen wir doch nicht
vorsichtig zu sein«
    »Es handelt sich nicht um die Zahl der Personen« warf ich ein »Woher
kommen sie«
    »Aus Westen« belehrte mich der Führer
    »Also vom Brunnen Gehören sie zu den Leuten des Persers«
    »Nein Soldaten sind sie nicht«
    »So haben wir allerdings Grund zurückhaltend zu sein Wie nahe sind sie
uns«
    »Nur zwei Minuten dann sind sie da«
    »Wir drei reiten ihnen entgegen du Hadschi Halef und ich Die andern
bleiben hier und folgen uns nur dann wenn sie schießen hören Ihre Fragen
beantwortest du Sag was du willst nur nicht was wir sind woher wir kommen
und wohin wir wollen Vorwärts«
    Wir bogen um die Steine und sahen die Reiter in einer Entfernung von
vielleicht zweihundert Metern vor uns Sie stutzten wir ahmten das nach dann
ritten wir gegenseitig in sehr langsamem Schritte aufeinander zu Da sagte der
Führer im Tone der Überraschung
    »Maschallah Den langen Bedawi92 in der Mitte kenne ich Es ist Tawil der
Scheik der Beni Khalid«
    »Kennt er dich« fragte ich
    »Nein Ich habe ihn nur einmal gesehen er mich aber nicht«
    »Wie ist sein Charakter«
    »Roh grausam rachsüchtig aber ohne Falsch er ist stolz darauf nie eine
Lüge zu sagen«
    »So werden wir bald mit ihm fertig sein«
    »Denke das nicht sondern nimm dich in acht Sihdi Er ist jedenfalls nicht
allein in dieser Gegend Furcht kennt er nicht Er ist ehrlich wie der Löwe
welcher durch sein Brüllen anzeigt dass er kommt aber gleich nach dem Donner
seiner Stimme folgt der tödliche Sprung«
    Zu weiteren Worten war keine Zeit denn wir waren dem Beni Khalid jetzt so
nahe gekommen dass die Begrüßung vor sich gehen musste nur fragte es sich wer
damit beginnen sollte sie oder wir Ich fand nur noch Zeit dem Führer zu
sagen dass nicht er das erste Sallam sagen möge da hielten die drei Reiter auch
schon ihre Pferde vor uns an
    Der mittlere von ihnen also Scheik Tawil war ganz seinem Namen gemäß
welcher »groß von Gestalt« bedeutet ein außerordentlich lang gewachsener Mann
mit einem sonnverbrannten Gesichte dessen Züge allerdings nichts weniger als
Liebenswürdigkeit verrieten Er erwartete sichtlich dass wir zuerst grüßen
würden und als wir das nicht taten ließ er seinen Blick zornig lodernd über
uns gleiten und fuhr uns streng an
    »Nun Habt ihr keine Mäuler Oder wisst ihr trotzdem ihr erwachsene Männer
seid noch nicht dass man ein Sallam zu sagen hat wenn man sich begegnet«
    Ich sah meinem kleinen Halef an dass es ihm Anstrengung verursachte auf
diese Anrede still zu sein Doch machte unser Ben Harb seine Sache auch nicht
ganz übel indem er antwortete
    »Zu jeder Begegnung gehören zwei Sag deine Worte also nicht bloß zu uns
sondern auch zu dir zu euch«
    »Allah lasse dich an deiner Rede ersticken Nur Narren sprechen mit sich
selbst Ich verlange den Gruß von euch Wollt ihr es wagen uns durch die
Verweigerung zu beleidigen so bedenkt die Folgen«
    »Auch dazu gehören zwei Warten wir also ab wen die Folgen treffen werden
uns oder euch«
    Tawil fuhr mit seiner Hand drohend nach dem Gürtel aus welchem der Griff
eines Messers und der sonderbar gestaltete Knauf einer alten Pistole
hervorragten besann sich aber eines andern und wendete sich in verächtlichem
Tone an seine Begleiter
    »Diese Menschen scheinen von Allah ganz verlassen zu sein oder aus einer
Gegend zu kommen wo die Grobheit für Höflichkeit gehalten wird ihre
Unwissenheit kann uns also nicht beleidigen sondern nur erbarmen Haben wir
also Mitleid mit ihnen«
    Hierauf richtete er seine Worte wieder an den Ben Harb
    »Ich bin Tawil Ben Schahid der berühmte Scheik der Beni Khalid deren Zahl
ohne Ende ist Meine Macht reicht über die ganze Wüste und alle ihre Grenzen
und kein Feind kann sagen dass er den Sieg über mich gewonnen habe Nun ich in
meiner Güte euch dieses mitgeteilt habe wirst du mir wohl sagen wer ihr seid
So viel wenigstens hast du doch gelernt dass sich dies schickt und gehört«
    »Ich habe gelernt höflich gegen Höfliche zu sein und mich überhaupt gegen
andere genau so zu verhalten wie sie sich gegen mich benehmen Also werde ich
nachdem du uns gesagt hast wer du bist deine Wissbegierde auch befriedigen Wir
gehören zum Stamme der Beni Arab Solaib und kommen also aus der Dschesireh«
    Es muss bemerkt werden dass die SolaibBeduinen infolge abgeschlossener
Verträge niemals von andern Stämmen angegriffen werden dafür aber natürlich
verpflichtet sind sich stets friedlich zu verhalten Sie stehen deshalb nicht
im Rufe der Tapferkeit und so brauchte ich mich jetzt nicht darüber zu wundern
dass Tawil die Brauen hochzog und mit geringschätzigem Lächeln erwiderte
    »Solaib ah Solaib Damit ist eure Dummheit allerdings vollständig erklärt
Ich kenne euch Hundert Männer eures Stammes ergeben obgleich ihr ganz gut
bewaffnet zu sein scheint noch nicht einmal den tausendsten Teil eines
Kriegers Ihr genießt auf Grund eurer Feigheit die Nachsicht aller Stämme und
sollt also auch die unserige haben Wo wollt ihr hin«
    »Wir sind nach Schakra abgeschickt um einige Zuchtkamele zu kaufen«
    »So habt ihr Geld bei euch«
    »Ja natürlich«
    Es ging ein freudiges Aufleuchten welches sich auf dieses Geld bezog über
sein Gesicht und dass er sich nicht scheute dies und den bezeichnenden Blick
den er dabei seinen Gefährten zuwarf sehen zu lassen war ein Beweis dass er
uns wirklich für ganz harmlose ungefährliche Menschen hielt gegen die es nicht
einmal nötig war seine Absichten zu verbergen Sein Plan zu unserm Gelde zu
kommen schien auch sofort fertig zu sein denn er sprach
    »Wenn ihr von hier nach Schakra wollt so müsst ihr durch das Gebiet der Beni
Lam mit denen wir in Fehde liegen Sie dürfen es nicht erfahren wo ich mich
jetzt befinde und da alle SolaibAraber alte schwatzhafte Weiber sind so
werden wir euch bei uns zurückhalten bis unser Streit mit den Beni Lam
ausgeglichen ist«
    Unser Führer war so klug diese Ankündigung der Gewalttätigkeit vollständig
zu übergehen und anstatt einer Weigerung die unbefangene Frage auszusprechen
    »Wir wollen nach dem Bir Hilu Befinden wir uns auf dem richtigen Weg
dorthin«
    »Ja aber ihr werdet einstweilen auf ihn verzichten und jetzt mit uns
reiten«
    »Wohin«
    »Auf Kundschaft«
    »Warum Gegen wen Kundschafterritte pflegen gefährlich zu sein«
    »Da ist ja schon die Angst« lachte er »Man erkennt sofort den Solaib an
deiner Furcht Aber grad weil ihr zu diesem Stamme gehört kann ich euch ohne
Befürchtung sagen was ihr in einiger Zeit doch erfahren würdet Ich lag mit
einer großen Schar von Kriegern am Bir Hilu um uns mit Wasser für den Zug gegen
die Beni Lam zu versehen da kamen Bekannte von uns Männer aus Mekka welche
wir gastlich ausnahmen Ihnen folgten Soldaten des Sultans Die bezahlten
Kriegssklaven des Großherrn werden nie bei uns geduldet und diese machten sich
außerdem des Verbrechens schuldig unsere mekkanischen Freunde dadurch tödlich
zu beleidigen dass sie sie des Diebstahles beschuldigten Sie wurden also
festgenommen und entwaffnet Nun kommen aber noch andere Leute eine Schar von
fünfzig Männern Sie sind Haddedihn vom Stamme der Schammar mit dem wir auch im
Kampfe liegen obgleich wir eigentlich mit ihm verwandt sind Schon aus diesem
Grunde müssten wir uns dieser Haddedihn bemächtigen aber es kommt als weitere
Veranlassung noch dazu dass auch sie sich gegen die Mekkaner in einer Weise
benommen haben welche streng bestraft werden muss Da sie sich uns nicht ohne
Gegenwehr ergeben würden habe ich einen listigen Plan ersonnen Sie sollen
glauben ganz allein am Brunnen zu sein und darum von den gebotenen
Vorsichtsmassregeln absehen dann fallen wir über sie her Wir haben uns also so
weit vom Brunnen zurückgezogen dass sie uns nicht bemerken können wenn sie dann
sorglos lagern kehren wir zurück«
    »Werden sie nicht eure Spuren sehen«
    »Die haben wir ausgelöscht«
    »Aber wenn ihr eine so große Schar seid werdet ihr das Wasser des Bir so
weit verbraucht haben dass dieser Umstand ihnen auffallen muss«
    »Auffallen Diesen Haddedihn denen Allah wohl Köpfe aber kein Gehirn
hinein gab Diesen Menschen würde selbst im Traume nicht der Gedanke kommen dass
ein ausgeschöpfter Brunnen auf Leute deutet von denen er geleert worden ist
Sie wohnen zwischen den Flüssen und verstehen von dem Leben der Wüste grad so
viel wie der Wasserfrosch von den Eigenschaften eines Vollblutpferdes versteht
Wir drei sind jetzt auf einem Umwege von dem Bir fortgeritten ihnen entgegen
um von weitem zu beobachten was sie tun und wie sie sich verhalten werden Ihr
kommt mit Es ist keine Gefahr dabei denn wir haben uns von ihnen fernzuhalten
weil sie uns nicht sehen dürfen Ihr habt also keine Veranlassung euch zu
ängstigen«
    »Aber auch keine mitzureiten Wir wollen nach dem Bir Hilu an andern Orten
haben wir nichts zu suchen«
    »Aber wir Und da ich euch ohne uns nicht nach dem Brunnen lassen darf so
reitet ihr mit uns Ich wiederhole dass eure Furcht uns zu begleiten ganz
unbegründet ist es wird euch nichts gar nichts geschehen Die Haddedihn sind
ja als Feiglinge bekannt und von ihrem Anführer welcher Hadschi Halef Omar
heißt und mit bei diesen fünfzig ist weiß man allüberall dass er wenn es einen
Kampf gibt gleich beim ersten Schusse auszureissen pflegt Er ist eine Memme
sondergleichen von der ihr nicht die geringste Gefahr für euch erwarten dürft«
    Da fuhr Halef mit der rechten Hand nach dem Griffe seiner Peitsche und
öffnete schon den Mund um zornig loszuplatzen ich warf ihm schnell das Wort
»Kutub« zweimal zu und er war zum Glücke so klug infolge der Bedeutung
desselben seinen Grimm zu bemeistern und zu schweigen Für mich aber war die
Zeit gekommen an dem Gespräche teilzunehmen Die Aufrichtigkeit des Scheikes
der Beni Khalid war zwar ein Zeichen seiner Geringschätzung ein Beweis dass er
uns für vollständig geistig arme Menschen hielt sie konnte uns aber nicht
beleidigen sondern musste von uns ausgenutzt werden und dazu besaß unser Führer
nicht die nötige Einsicht und Selbständigkeit da er nicht wissen konnte was
Halef und ich erfahren wollten und wie dann unsere Entschlüsse ausfallen würden
Darum richtete ich an Tawil die Frage
    »Du bist also wirklich überzeugt dass es uns nichts schaden wird wenn wir
jetzt mit euch reiten«
    Er ließ seinen Blick langsam und mit dem Ausdrucke unendlicher Verachtung an
mir niedergleiten und antwortete
    »Ich kann dir versichern dass eure teuren Körper nicht verletzt und eure
schönen reinlichen Anzüge nicht beschmutzt werden Ihr werdet genau so heil und
sauber bleiben wie ihr jetzt seid«
    »Später aber wirst du uns zum Brunnen lassen«
    »Ja sofort nachdem wir mit den Haddedihn fertig geworden sind jetzt aber
darf niemand hin«
    »Sind denn eure Mekkaner nicht dort geblieben«
    »Nein die sind auch bei uns«
    »Und die Soldaten«
    »Die haben wir natürlich auch mit fortgenommen Sie sind um uns die
Bewachung zu erleichtern in eine Seitenschlucht gesperrt worden deren
Steinwände so hoch sind dass man sie nicht erklettern kann vorn können sie auch
nicht heraus weil da ein Posten von uns steht Ich sage das zu deiner
Beruhigung um euch zu überzeugen dass auch diese Leute euch nichts tun
können«
    »Hatten diese Soldaten denn keinen Offizier bei sich der sie kommandierte
Ich denke nämlich dass es euch bei der geübten Umsicht eines solchen
Vorgesetzten wohl nicht so leicht geworden wäre sie an euch zu locken und dann
zwischen Felsen einzusperren«
    »Offizier Geübte Umsicht« lachte er und seine beiden Begleiter stimmten
in das Gelächter ein »Du bist ein Solaib und darum hat man dir diese Dummheit
zu verzeihen Du scheinst noch nicht dabei gewesen zu sein wenn Soldaten
exerzieren Sie drehen sich nach rechts sie drehen sich nach links sie drehen
sich ganz um sie laufen bald vorwärts bald schief bald rückwärts sie tun
das Gewehr ganz herunter sie nehmen es bis zur Brust empor sie werfen es auf
die Achsel sie heben das rechte Bein und bleiben auf dem linken stehen sie
heben das linke Bein und bleiben auf dem rechten stehen sie bücken sich nieder
sie springen wieder auf sie rennen auseinander und laufen dann wieder zusammen
sie legen die Finger an die Stirn sie drücken die Waden aneinander sie pressen
die Brust heraus und das alles tun sie weil der dabeistehende Offizier diese
lächerlichen Verrückteiten von ihnen verlangt Und da meinst du dass so ein
Karagöz93 uns hätte hindern können das zu tun was wir getan haben Das kann
eben nur ein Solaib denken der von kriegerischen Angelegenheiten kein Wort
keinen Laut keinen Hauch versteht Aber es war kein Offizier bei ihnen sondern
ein verdammter Schiit den Allah verurteilt hat im tiefsten Pfuhle der Hölle zu
wohnen Dieser Schurke war so frech gewesen unsern Mekkaner Freunden zu folgen
um sie zu beschimpfen und als Diebe als Räuber zu bezeichnen Er wagte es
sogar dies in unserer Gegenwart zu tun und uns zuzumuten sie ihm
auszuliefern Als wir uns weigerten einen solchen Befehl von ihm anzunehmen
und gar auch auszuführen besudelte er uns mit Vorwürfen und Beleidigungen auf
welche wir nur mit dem Tode dieses Missgläubigen antworten konnten«
    »Er lebt also nicht mehr« fragte ich indem ich mir Mühe gab den Eindruck
zu verbergen den diese Mitteilung auf mich machte
    »Jetzt ist er noch nicht tot wird es aber morgen früh wenn wir den Brunnen
verlassen gewisslich sein Als wir mit unsern Mekkaner Freunden über ihn zu
Gerichte saßen wurde er zur Fassada94 verurteilt Wäre er ein Christ ein Jude
oder sonst ein Heide gewesen so hätten wir ihn ohne Gnade erschossen aber da
er zwar ein missgläubiger Schiit aber doch ein Moslem ist haben wir ihm nur
einige kleine Adern geöffnet welche bis morgen zum Tagesanbruche auslaufen
werden So bleibt ihm also Zeit seine Rechnung mit Allah und dem Engel des
Todes in Ordnung zu bringen Habt ihr schon einmal von der Strafe der Fassada
gehört«
    »Ja Es gibt Stämme bei denen sie aus demselben Grunde angewendet wird
den du soeben bezeichnet hast Der Tod ist bei ihr unvermeidlich doch bietet
die Langsamkeit des Sterbens dem Verurteilten die notwendige Zeit sich auf den
Schritt in das Jenseits vorzubereiten Welche Ader habt ihr ihm geöffnet«
    »Zunächst nur zwei Fingerschlagadern das ist für jetzt genug«
    »Die Soldaten bei denen er liegt werden aber die Verblutung dadurch zu
verhindern suchen dass sie ihn verbinden«
    »Das kann wieder nur ein Solaib sagen Der Schiit ist ja gar nicht bei
ihnen sondern er liegt bei meinen Kriegern welche streng darüber wachen dass
der Ausfluss des Blutes ein stetiger bleibt Er ist so gebunden dass er sich und
besonders den betreffenden Arm gar nicht bewegen kann Wenn ihr euch etwa
darüber wundert dass ich euch das alles so unbedenklich sage so wiederhole ich
dass ihr es doch in kurzer Zeit erfahren und sogar sehen würdet weil wir euch
jetzt mit uns nehmen und dann nach unserm Lager bringen«
    »Werdet ihr das wirklich tun Mein Gefährte hat euch ja gesagt dass wir
nach dem Brunnen wollen und diesen Vorsatz auch ausführen werden«
    »Was ihr beabsichtigt das ist uns gleichgültig denn hier geschieht nur
das was wir wollen«
    »Aber wenn wir uns weigern«
    »So zwingen wir euch«
    »Und wenn wir uns wehren«
    »Wehren Lächerlich Drei SolaibFeiglinge gegen uns«
    Er lachte dabei wieder hell auf
    »Ihr seid ja auch nur drei« warf ich ein
    »Das würde gegen zehn ja gegen hundert von eurer Sorte genügen Versucht ja
keinen Widerstand denn ich schwöre euch bei Allah und all sei   «
    Er hielt mitten in der Rede inne und blickte mit dem Ausdrucke des größten
Erstaunens an uns vorüber nach der Felsenecke hinter welcher wir hervorgekommen
waren Als ich mich umdrehte um zu erfahren was seine Aufmerksamkeit in dieser
Weise und so plötzlich in Anspruch nahm sah ich die beiden Kamele welche den
großen Tachtirwan95 trugen auf dessen Kissen Hanneh tronte Sie waren wie das
bei diesen widerspenstigen Tieren sehr oft vorkommt aus irgend einem Grunde
unruhig geworden und kamen uns nun nach In für uns erfreulicher Weise war
keiner der Haddedihn so unklug der Sänfte zu folgen Sie hegten keine Sorge
weder um uns noch um Hanneh weil sie wussten dass wir es nur mit drei Personen
zu tun hatten und blieben also hinter ihrer Ecke stecken Es war für uns
köstlich die erstaunten Gesichter der Beni Khalid zu sehen
    »Ein Tachtirwan mit einem Weibe« rief Tawil aus »Zu wem gehört diese
Frau«
    »Zu uns« antwortete ich
    »Warum ist sie nicht gleich mitgekommen sondern zurückgeblieben«
    »Frage sie selbst Oder wenn du das für besser hältst frag ihre Kamele
die es wahrscheinlich grad so und nicht anders gewollt haben«
    »Erlaube dir keinen solchen Scherz« wies er meine Aufforderung zurück
»Fragen ein Weib fragen« Er deutete mit der Hand auf Hanneh die inzwischen so
weit herangekommen war dass ihre Tiere in ganz geringer Entfernung von uns
stehen blieben und fuhr fort »Seht diese alte hässliche Büjüdschih96 So ein
Gesicht kann nur die Urahne eines Solaib besitzen bei uns dürfte sie sich gar
nicht sehen lassen Dreht euch auf die Seite sonst macht sie euch mit ihren
triefenden Augen zauberkrank«
    Hanneh hörte diese höhnischen Worte verhielt sich aber still Halef war
zunächst ebenso still Wer da weiß mit welcher fast beispiellosen Liebe er an
seiner »herrlichsten Blume der Frauenzelte« hing und dass er sie für die
»Schönste aller Schönen« hielt der kann sich aber auch nur annähernd denken
welchen Eindruck diese Beschimpfung seiner Liebe und seiner Ehre auf ihn machte
So etwas war ihm noch nie vorgekommen Wenn ich gesagt habe er war still so
ist das nicht das richtige Wort gewesen denn er war nicht nur still sondern
starr geradezu starr Aber wie ihm eine solche Beleidigung noch nicht
vorgekommen war so hatte der Scheik der Beni Khalid das was ihm jetzt geschah
jedenfalls auch noch nicht erlebt Ich glaubte Halef werde nun mit einer Flut
von Schimpfworten gegen ihn losbrechen sah aber bald dass dies ein Irrtum von
mir war Der kleine Hadschi sprang als habe er seine Starrheit mit einem
einzigen Rucke überwunden aus seinem hohen Sattel auf die Erde herab schnellte
zum Kamele Tawils hin ergriff mit beiden Händen das eine Bein des Reiters und
riss ihn mit einer Kraft herunter über welche sogar ich erstaunte Im nächsten
Augenblicke hatte er seine Peitsche aus dem Gürtel gerissen und schlug nun in
einer Weise auf den am Boden Liegenden ein dass dieser weder aufspringen noch
etwas anderes tun als nur durch die vorgehaltenen Vorderarme sein Gesicht gegen
die hageldicht fallenden Hiebe schützen konnte dabei ließ Halef kein einziges
Wort hören seine Wut war so groß dass er sie nicht durch die Zunge
auszudrücken sondern nur mit der Peitsche zu betätigen vermochte Desto mehr
brüllte der Gezüchtigte Er rief nein er schrie seinen Gefährten zu ihm zu
helfen Sie wollten das auch tun da zog ich den Revolver und gab einen Schuss
ab das verabredete Zeichen für unsere Haddedihn welche sofort herbeigeeilt
kamen und durch ihr unerwartetes Erscheinen die Aufmerksamkeit der zwei darüber
bestürzten Beni Khalid so in Anspruch nahmen dass diese gar nicht daran denken
konnten sich um ihren Scheik zu bekümmern Sie wurden umringt und von den
Kamelen gerissen wobei man dem Hadschi Platz ließ seine Züchtigung
fortzusetzen was er auch so lange tat bis er den Arm nicht mehr bewegen
konnte Da warf er die Peitsche von sich trat zu mir heran und rief vor
Anstrengung atemlos aber blitzenden Auges und mit noch vor Wut bebender Stimme
    »Sihdi ich bitte dich um Allahs willen sprich mir jetzt ja nicht darein
sonst platze ich Dieses Mal darfst nicht du bestimmen was geschehen soll
sondern ich bin es dem man zu gehorchen hat Dieser Hund hat mein Weib
begeifert meine Hanneh das schönste reinste und beste aller Wesen die auf
der Erde wandeln er hat ihr nicht nur einen verachteten Namen sondern auch
triefende Augen gegeben und wenn du mich hinderst ihm diese Lästerung
heimzuzahlen so schwöre ich dir zu dass ich die Freundschaft zu dir sofort aus
meinem Herzen reiße Ich verspreche dir als Mensch mit ihm zu verfahren mehr
aber kannst du nicht von mir verlangen Bist du einverstanden«
    »Ja« antwortete ich »denn ich weiß dass du nichts tun wirst was mich
zwingen würde dann meinerseits die Freundschaft zu dir aus dem Herzen zu
reißen Also abgestiegen wer noch im Sattel sitzt Wir bleiben einstweilen
hier«
    Dieser Weisung wurde Folge geleistet Man half Hanneh und dem Münedschi
herab Dieser letztere war wach und munter er wollte wissen was geschehen sei
und noch geschehen werde musste sich aber mit einer ganz kurzen Auskunft
begnügen Die Beni Khalid waren gebunden worden Das Gesicht und die Hände ihres
Scheikes zeigte Spur an Spur der ihm gewordenen Züchtigung Er brüllte in einem
fort und rief Allah den Himmel Muhammed und alle Kalifen zu Zeugen an dass er
sich fürchterlich und blutig rächen werde »an den SolaibHunden« wie er sich
ausdrückte Er war also obgleich Halef ihn doch eines ganz andern belehrt
hatte selbst jetzt noch der Meinung dass wir feige Angehörige des genannten
Stammes seien Da nahm Halef seine Kurbadsch wieder in die Hand trat zu ihm hin
und drohte
    »Schweig du Sohn aller Hundeväter und Ahne aller Hundesöhne sonst beginne
ich von neuem Du sagtest Allah habe die Haddedihn ohne Hirn geschaffen wo
aber hast du das deinige Du weißt dass Hadschi Halef Omar mit fünfzig Haddedihn
kommen werde und nennst uns noch immer Solaib Hast du keine Augen Zähle uns
doch Hast du nicht gehört dass auch die Gebieterin seines Harems sich bei dem
Scheik der Haddedihn befindet Wo ist dir der Verstand verloren gegangen der
dir doch sagen müsste dass wir nicht Solaib sondern diejenigen sind welche du
erkundschaften und dann am Bir Hilu angreifen willst Nun zwinge uns doch mit
dir zu reiten du Wurm der Ohnmacht und des Unvermögens Hast du dich wirklich
vor hundert Leuten unserer Sorte nicht zu fürchten Sind die Haddedihn wirklich
die Wasserfrösche als welche du sie bezeichnet hast Da liegst du nun bedeckt
von den Hieben meiner Peitsche Deine Gestalt ist fast doppelt so lang wie die
meinige aber wenn Allah sie noch hunderttausendmal länger gezogen hätte wäre
sie doch ein Zwerg gegen die endlose Riesenhaftigkeit der Dummheit welche das
einzige dir hinterlassene Erbe aller deiner ohne Verstand geborenen und ohne
Vernunft gestorbenen Ahnen ist Wer nur einen einzigen Blick auf dich wirft der
muss sich sofort abwenden sonst löst er sich so in Tränen der Trostlosigkeit
auf dass nichts aber auch gar nichts von ihm übrig bleibt«
    Um diese seine Worte zu verdeutlichen wendete er sich ab und zufällig
seinem Sohne zu der hinter ihm stand Er nahm ihn bei der Hand zog ihn vor
deutete auf Tawil und fuhr fort
    »Da siehst du ihn liegen der deine Mutter in welcher alle weiblichen und
mütterlichen Vorzüglichkeiten in größter Vollkommenheit vereinigt sind eine
triefäugige Büjüdscheh genannt hat Nun sag du mir was ihm dafür geschehen
soll«
    Kara Ben Halef welcher seinen Namen Kara bekanntlich von mir bekommen
hatte machte eine abwehrende Handbewegung und sagte nur das eine Wort
    »Nichts«
    »Nichts« fragte sein Vater ebenso erstaunt wie unbefriedigt »Nichts soll
ihm geschehen«
    »Nichts Auf eine solche Frechheit kann nur die Peitsche antworten das ist
geschehen Jede weitere Beachtung würde nur eine Ehre für ihn sein und die darf
ihm nicht werden«
    Der brave Jüngling wendete sich ab und ging zu seiner Mutter Halef sah ihm
nach blickte einige Zeit sinnend vor sich nieder hob dann sein Gesicht und
rief mir in entzücktem Tone und strahlenden Auges zu
    »Sihdi hast du gehört was Kara Ben Halef der Sohn meines Herzens soeben
sagte Was sagst du dazu«
    »Er hat recht« antwortete ich
    »Ja er hat recht Der Beleidigung der besten aller Frauen ist Genüge
geschehen und so soll in Beziehung auf sie dieses Hundes nicht wieder gedacht
werden Aber ich habe wegen anderer Dinge weiter mit ihm zu sprechen und hoffe
dass ich auch da das Richtige treffen werde Bindet ihm seine Flinte lang an die
Seite und den Arm so fest daran dass er ihn und die Hand nicht bewegen kann«
    Während Omar Ben Sadek mit zwei Haddedihn diesem Befehle nachkam trat Halef
zu mir hielt mir seine Hand hin und bat
    »Effendi zeige mir wo die Fingerschlagadern liegen ich muss das wissen«
    Ich ahnte was er wollte und stimmte ihm vollständig bei ohne ihm dies
aber zu sagen Ich hätte das was er jetzt vorhatte wahrscheinlich auch getan
weil es das beste einfachste und für uns ungefährlichste Mittel war den Perser
zu retten Darum zeigte und erklärte ich ihm in kurzen Worten die Lage und die
Tätigkeit der betreffenden Adern Als dies geschehen war ging er nach dem
Tachtirwan um sich Hannehs kleines scharfes Näh oder vielmehr Trennmesser zu
holen Dann kehrte er zu dem Scheik der Beni Khalid zurück welchen obgleich er
gebunden war drei oder vier Haddedihn halten wussten Ich stand entfernt davon
und sah nur dass Halef sich über ihn niederbeugte Dann erscholl ein Schrei und
ich hörte Tawil brüllen
    »Was tatest du mit meiner Hand Du hast mich gestochen Da spritzt das Blut
empor«
    »Ja ich habe dich gestochen« antwortete Halef »Es geschieht dir nach dem
Gesetze der Wüste Blut um Blut Leben um Leben Du lässest den Perser am
Aderlasse sterben und teilst nun mit ihm dasselbe Geschick Morgen früh wirst du
mit ihm aus dem Lande der Lebenden gehen und mit ihm zu gleicher Zeit es Ssiret
die Brücke des Todes erreichen Allah weiß wer glücklich hinüberkommt er oder
du«
    »So hast du mir die Fassada gegeben«
    »Ich habe dir nur zwei Fingerschlagadern geöffnet ganz genau das was du
mit ihm getan hast«
    »Allah verdamme dich Wie kannst du es wagen mein Blut zu vergießen«
    »So wie du es gewagt hast das seinige zu vergießen«
    »Das war der Beschluss des Gerichtes«
    »Hier auch denn ich bin der oberste Richter des Stammes der Haddedihn«
    »Dieser Schiit soll an der Fassada sterben weil er die Mekkaner unsere
Gastfreunde beleidigt hat«
    »Und du sollst ebenso an der Fassada sterben weil du ihn der unser
Gastfreund ist beleidigt und sein Blut vergossen hast und auch noch weiter
vergießen und ihn dadurch töten willst Du siehst ich tue ganz genau dieselbe
Tat aus ganz genau demselben Grund wie du«
    »Es ist doch nicht dasselbe denn dieser Schiit hat nicht bloß die Mekkaner
sondern auch mich und meinen ganzen Stamm beleidigt«
    »Und du hast dich nicht nur an ihm vergriffen sondern auch mich und den
ganzen Stamm der Haddedihn mit dem Schmutze deines Mundes besudelt Du darfst
dir also nicht einbilden etwas vor ihm voraus zu haben«
    »Aber woher nimmst du das Recht Richter über mich zu sein«
    »Daher woher du dir die Befugnis genommen hast über ihn abzuurteilen Du
siehst es gibt für dich keine Tür durch welche du mir entschlüpfen kannst
Stirbt er so stirbst auch du willst du leben bleiben so muss auch er gerettet
werden Deine Lage ist genau dieselbe wie die seinige und ich sorge dafür dass
sie sich in jeder Beziehung auch weiter nach ihr richtet«
    »So ist es dein Ernst dass ich mich hier verbluten soll«
    »Ja natürlich Wenn du geglaubt hast dass ich scherze so befindet sich in
deinem Kopfe noch weniger Denkkraft als ich dachte Menschenblut ist eine sehr
teure und ernste Sache mit welcher man keinen Scherz treiben darf zumal hier
in der Wüste wo strenger als sonstwo Blut mit Blut zu bezahlen ist Überlege
dir das Du hast Zeit dazu Jetzt bin ich einstweilen mit dir fertig«
    Er wendete sich von ihm ab und kam zu mir
    »Sihdi habe ich einen Fehler gemacht« fragte er mich
    »Nein« antwortete ich
    »So bist du also mit mir zufrieden«
    »Ja sogar sehr«
    »Wie mich das freut lieber Effendi Du weißt wie ich dich liebe und dass
dein Wohlgefallen das Endziel meines ganzen Strebens ist Du bist so schwer zu
befriedigen um so größer ist mein Entzücken darüber dass es mir hier gelungen
ist mich der ganzen Fülle deines Beifalles zu erfreuen Nun wollte ich dich
fragen ob ich diesem Menschen jetzt die Bedingungen mitteilen soll unter
welchen er sich sein Leben erhalten kann«
    »Jetzt noch nicht«
    »Warum nicht«
    »Weil er noch nicht überzeugt ist dass du es mit dem Aderlasse ernst meinst
Er muss erst Angst wirkliche Angst bekommen Sorge also dafür dass die Blutung
nicht aufhört«
    »Kann das der Fall sein«
    »Ja weil es sich nur um schwache Nebenadern handelt Welche Bedingungen
willst du stellen«
    »Ich gebe ihn nur gegen den Perser und die Soldaten frei Bist du damit
einverstanden«
    »Ja«
    »Ich dachte auch an die Mekkaner und wollte verlangen dass er sie dem Perser
ausliefere Aber er hat sie als seine Gastfreunde bezeichnet und da verlangt
die Wüstenregel von ihm dass er lieber stirbt anstatt auf diese meine Forderung
einzugehen«
    »Das ist richtig und bei seinem Charakter bin ich überzeugt dass er auch
gar nicht anders handeln würde Lass ihm also diese Leute wir bekommen sie
doch«
    »Wann«
    »Heute am Abend oder in der Nacht«
    »Wieso«
    »Denke an das was nun kommen wird nachdem er in unsere Hände gefallen ist
Du willst doch seine Beni Khalid benachrichtigen lassen wo er sich befindet«
    »Natürlich«
    »Und dass er sterben muss wenn sie den Perser sich verbluten lassen«
    »Ja Ich schicke einen seiner Begleiter fort der ihnen zu sagen hat dass
ihr Häuptling so lange bluten wird bis der Perser sich bei uns einfindet Wie
meinst du werden sie ihn schicken«
    »Jedenfalls«
    »Auch die Soldaten«
    »Auch diese Es wird ihnen zwar schwer ankommen aber um ihren Häuptling
ihren Scheik zu retten bleibt ihnen ja nichts anderes übrig Nun frage dich
einmal was die Mekkaner tun werden sobald sie sehen dass ihre Verfolger
wieder freigelassen werden«
    »Sie werden sich schleunigst aus dem Staube machen«
    »In welcher Richtung«
    »Nach Mekka zu das ist doch selbstverständlich«
    »Ja aber ebenso selbstverständlich ist es dass wir sie dort erwarten und
abfangen um sie dem Perser auszuliefern Freilich müssen wir auch die
Möglichkeit in Betracht ziehen dass sie sich bei den Beni Khalid sicherer fühlen
als anderswo und also bei ihnen bleiben wollen bis wir und der Perser fort
sind Dies müssen wir zu verhüten suchen denn diese mekkanischen Diebe haben
sich so zu uns verhalten dass es uns gar nicht einfallen kann ihnen das
Entkommen zu erleichtern Es liegt vielmehr so eine Ahnung in mir dass wir auch
für uns ein kluges Werk vollbringen wenn wir dafür sorgen dass sie den
Diebstahl eingestehen müssen Wir haben dann eine Waffe gegen El Ghani in der
Hand falls es ihm einfallen sollte sich in der heiligen Stadt feindlich gegen
uns zu verhalten«
    »Das begreife ich gar wohl Sihdi aber du befindest dich da mit dir selbst
im Widerspruch«
    »Wieso«
    »Erst sagst du dass wir ihre Auslieferung von Tawil nicht verlangen dürfen
weil sie seine Gäste sind und er also lieber sterben als auf unsere Forderung
eingehen wird und nun bestimmst du dass wir sie dennoch haben müssen selbst
wenn sie nicht fortgehen sondern bei ihm bleiben um unsere Entfernung
abzuwarten Wie sind diese verschiedenen Dinge zu vereinigen«
    »Durch ein allerdings sehr kriegerisches Mittel bei welchem man das Leben
auf das Spiel zu setzen hat«
    »Allah w Allah Du meinst den Zweikampf«
    »Ja Den Perser und die Soldaten gibt er gegen seine eigene Freiheit
heraus das schändet ihn nicht die Auslieferung der Gäste aber können wir nach
dem Gesetze der Wüste nur durch die Entscheidung der Waffen durch einen
Zweikampf erzwingen Es kann ihm dann niemand einen Vorwurf machen Sage ihm
also dass ich bereit bin mit jedem Gegner den er mir stellt und in jeder
Waffe und Weise die ihm beliebt die Entscheidung herbeizuführen«
    »Du also Sihdi du«
    »Ja«
    »Du selbst« wiederholte er
    »Ich selbst«
    »Maschallah Nach der strengen Regel müsste da El Ghani mit dir kämpfen weil
es sich ja um ihn handelt Der wird sich aber wohl hüten sein teures Leben auf
das Spiel zu setzen Man wird also gezwungen sein ihm aus der Schar der Beni
Khalid einen Stellvertreter zu wählen«
    »Das setze ich voraus«
    »Aber Sihdi bedenke dass man da nicht etwa einen Schwächling auslesen
wird«
    »Eine solche Schande würde ich zurückweisen Zur Besprechung dieser
Angelegenheit ist noch Zeit Es gilt mir zunächst zu wissen wo die Beni Khalid
lagern und da ihr Scheik uns das nicht sagen wird so werde ich jetzt
fortreiten um es zu erkunden«
    »Ich reite mit«
    »Nein Die Lage hier ist eine kritische es kann sich von Augenblick zu
Augenblick etwas Wichtiges ereignen und da darfst du als Scheik und Anführer
dich nicht entfernen aber ich werde Kara Ben Halef mitnehmen«
    »Meinen Sohn Ich danke dir Effendi Ich hätte mich nicht zurückweisen
lassen aber da es Kara Ben Halef und kein anderer ist den du wählst so stimme
ich freudig bei und bleibe sehr gern hier denn er findet da Gelegenheit dir zu
beweisen dass er von mir gelernt hat sich sogar am Tage unbemerkt
anzuschleichen Was reitet ihr Kamele oder Pferde«
    »Unsere Pferde natürlich Wer setzt sich wenn er die Wahl hat bei einem
unter Umständen gefährlichen Späherritte auf unzuverlässige Kamele«
    »Gut Ich werde sofort satteln lassen«
    »Ist nicht notwendig wir reiten nur mit Zügel Es dauert ja nicht lange In
einer kleinen Stunde ist es Nacht da müssen wir wieder hier sein«
    Wenige Minuten später bestieg ich meinen Assil Ben Rih und Kara Ben Halef
den Rappen seines Vaters den er an Stelle seiner Schimmelstute nahm weil die
weiße Farbe derselben uns verraten hätte Aus eben demselben Grunde hatten wir
unsere hellen Haiks abgelegt und trugen also nur die Anzüge deren Farbe nicht
von der Umgebung abstach Eine kurze unauffällige Erkundigung bei dem Führer
klärte mich über die genaue Lage des Brunnens und über seine Umgebung auf so
dass wir uns nicht irren konnten dann ritten wir fort erst langsam dann aber
schnell um die uns gegebene Zeit recht auszunützen
    Wir hielten uns natürlich nicht auf der geraden Linie nach dem Brunnen
sondern etwas südlicher und kamen an mehreren der erwähnten Felseninseln
vorüber Wir ritten hinter keiner derselben hervor ohne uns vorher überzeugt zu
haben dass die offene Strecke bis zur nächsten unbeobachtet sei So ging es
weiter und weiter bis wir von weitem auf einem jener freien Zwischenräume helle
Punkte bemerkten welche sich bewegten Das waren Beni KhalidBeduinen die
ihren Pferden Bewegung machten Sie ritten eine sogenannte Phantasia ein
wohlgeordnetes Figurenstück woraus wir schließen konnten dass sie es nicht für
nötig hielten da wo sie sich befanden vorsichtig zu sein und sich nicht sehen
zu lassen Sie waren ja weit genug vom Bir Hilu entfernt um von dort aus nicht
bemerkt zu werden und verließen sich überhaupt ganz auf ihren Scheik von
welchem sie wussten dass er auf Kundschaft geritten sei und sie von der
Annäherung der Haddedihn rechtzeitig benachrichtigen werde Sie waren ihrer
Sache so sicher dass sie die Möglichkeit ihm könne etwas zustossen für ganz
ausgeschlossen hielten
    Wir hatten uns eigentlich vorgenommen sobald wir sie erblicken würden von
den Pferden zu steigen um uns möglichst nahe an sie zu schleichen das war nun
aber da sie nicht lagerten sondern sich in solcher Bewegung befanden
unmöglich auszuführen Wir mussten also wohl oder übel darauf verzichten über
die Soldaten und die Mekkaner vielleicht etwas für uns Nützliches zu erfahren
Das Einzige was wir tun konnten war den Brunnen aufzusuchen wo sie alle bis
vor kurzem gewesen waren Günstigen Falles gab es dort eine Entdeckung welche
geeignet war uns die späteren Verhandlungen mit diesen Leuten zu erleichtern
Wir bogen also im rechten Winkel nach Norden ab und erreichten da wir
galoppierten schon nach zehn Minuten die Gegend in welcher der Beschreibung
des Führers nach der Brunnen liegen musste
    Vier ziemlich hohe und steil aufsteigende Felsenmassen bildeten die
Winkelpunkte eines unregelmässigen Viereckes dessen längste Seite vielleicht
achthundert die kürzeste fünfhundert Meter messen mochte Da wo diese beiden
Seiten zusammenstiessen befanden wir uns und in der uns gegenüber liegenden
Ecke trat aus dem Felsen ein schutzdachähnliches Gemäuer hervor welches
jedenfalls den Bir bezeichnete Der Boden des Vierecks bestand aus Sand und
wenn Tawil auch gesagt hatte dass die Spuren alle ausgelöscht worden seien so
kam mir jetzt die Überzeugung mit welcher uns diese Mitteilung von ihm gemacht
worden war im höchsten Grade lächerlich vor Der Boden war nämlich so
zerstampft dass man hätte gradezu blind sein müssen um nicht zu sehen dass eine
ungewöhnlich große Reiterschar sich hier befunden habe Freilich die einzelnen
Fährten auseinander zu halten das war selbst für meine geübten Augen eine
absolute Unmöglichkeit
    Der Fährtenleser sucht beim Vorhandensein so massenhafter Fuß und
Hufeindrücke ganz unwillkürlich nach einer Einzelspur oft ohne eine andere
Absicht dabei zu haben als die den eigenen Blick zu prüfen So tat ich auch
hier Es war aber keine einzige herauszubringen    und doch grad da beim
Vorderfusse meines Pferdes lag ein höchstens zwei Hände großes Steinstück
welches sobald ich es erblickte meine Aufmerksamkeit auf sich zog weil die
eine glatte Seite desselben ein ganz sauberes neues Aussehen hatte während
die andern Seiten schmutzig und verwittert waren Ganz gewiss war dieses Stück
erst vor kurzer Zeit von dem neben uns aufsteigenden Felsen abgebrochen worden
und heruntergefallen Höchst wahrscheinlich war das ein für uns ganz
gleichgültiger Vorgang gewesen ich sah aber doch nach oben und gewahrte da auch
die Stelle an welche die Bruchfläche des Steines ganz genau passte Damit hätte
ich mich wohl zufrieden gegeben aber ich sah noch mehr Nicht weit von der
erwähnten Stelle gab es nämlich eine mit Sand gefüllte Ritze und in diesem Sande
vier senkrechte halb wieder zugekörnelte Striche Da hatte jemand sich
festhalten wollen war aber ab und mit den vier Handfingern durch den Sand
geglitten Was hatte der Betreffende da oben gewollt
    Das war eigentlich eine ganz nichtige Frage aber gewohnt selbst auf
Kleinigkeiten und scheinbar bedeutungslose Dinge stets auch zu achten forderte
ich Kara Ben Halef auf einmal vom Pferde zu steigen und da hinaufzuklettern
Ich hätte das wohl selbst getan wollte aber meinem Schützlinge Gelegenheit
geben seinen Scharfsinn zu zeigen Der Beduine klettert nicht gern wenn er es
doch einmal tut so muss immerhin eine nicht ganz gewöhnliche Ursache dazu
vorhanden sein Und grad hier an dieser Stelle war es gar nicht bequem gewesen
hinaufzukommen Hatte etwa einer der Beni Khalid da oben etwas versteckt Ah es
waren sogar zwei gewesen denn jetzt da ich nun genauer hinschaute sah ich
ganz unten und hart am Felsen die tiefen Eindrücke zweier Fußspitzen aus denen
ich schloss dass der eine hier gestanden und sich angestrengt hatte den andern
emporzuschieben Dieser andere musste entweder unbehilflich oder alt gewesen
sein sonst hätte er dieser Hilfe nicht bedurft Ich weiß nicht warum und wie
es kam aber ich musste dabei an El Ghani denken hielt dies jedoch für sehr
erklärlich weil ich mich in der letzten Zeit mit diesem Manne so viel in
Gedanken und Worten beschäftigt hatte
    Der gewandte und sehr kräftige Kara schwang sich ohne einer Hilfe zu
bedürfen schnell hinauf bis dahin wo ich ihn nicht mehr sehen konnte und es
verging einige Zeit ehe er wieder erschien und den Kopf vorbeugend mir
zurief
    »Sihdi ich habe es gefunden«
    »Was ists«
    »Ein Paket in einen Gebetsteppich gewickelt und mit einer Burnusschnur
umwunden«
    »Ist es groß«
    »Nein aber schwer Willst du es haben Sihdi«
    »Nein wenigstens jetzt noch nicht Ich komme hinauf um es selbst zu
sehen«
    Ich sprang vom Pferde und kletterte an dem hier vielleicht acht Meter hohen
Gestein empor Oben angekommen stand ich nicht etwa schon auf der Höhe der
Felseninsel sondern erst auf einem beinahe rund herumlaufenden Absatze
derselben welcher den Fussrand mehrerer kahl und nackt aufstarrenden Spitzen
bildete Ich sah dass es zwar keine einzige Stelle gab an welcher man bequem
hier heraufkommen konnte aber diejenige welche wir erklettert hatten war grad
die schwierigste von allen
    Daraus war zu schließen dass diejenigen welche das Paket nach oben
brachten sehr große Eile und darum keine Zeit gehabt hatten sich ein
zugänglichere Stelle zu wählen Die erwähnten Spitzen waren mehrfach von Spalten
zerrissen und in einem dieser Einschnitte steckte das Paket welches damit man
es nicht sehen solle mit Steinen zugedeckt gewesen war welche Kara jetzt
weggenommen hatte
    »War der Pack gut versteckt« fragte ich ihn
    »Nein« antwortete er »Der welcher es hier verbarg hatte sich fast gar
keine Mühe gegeben dies so zu tun dass es nicht zu finden war Die Stelle ist
ja ganz gut ausgewählt denn unter tausend Beduinen wird es wohl kaum einem
einfallen ohne besonderen Grund hier heraufzuklettern aber das Zudecken mit
den Steinen hat man mit sehr wenig Sorgfalt ausgeführt«
    »Weil die Zeit dazu gefehlt hat lieber Kara Nicht der Leichtsinn sondern
die Eile ist schuld daran Ah kennst du diesen Sidschdschadi97«
    »Nein«
    »So hast du nicht auf ihn geachtet Mir fiel er wegen seines eigentümlichen
Musters auf welches aus einem Fe und einem verkehrt darüberliegenden Khaf
besteht Dieser Teppich ist El Ghanis Eigentum«
    »So wäre es dieser Alte der da heraufgeklettert ist«
    »Wahrscheinlich«
    »Was mag in dem Pakete stecken«
    »Ich vermute dass es die in Meschhed Ali gestohlenen Gegenstände sind Wir
werden nachsehen müssen aber dafür sorgen dass es ganz genau wieder so
zugebunden wird und zu liegen kommt wie vorher«
    Die Umschlingung des Teppichs bestand wie Kara gesagt hatte in einer
Burnusschnur weil nichts anderes dazu passendes augenblicklich dagewesen war
Wir entfernten sie und öffneten das Paket Es enthielt über zwanzig Beutel aus
Leder gefertigt und von verschiedener Größe welche mit goldenen Quasten
verziert und mit farbigen seidenen Schnüren zugebunden waren An jedem hing ein
künstlerisch geschnittenes Elfenbeinblättchen welches eine Buchstabennummer und
die persische Bezeichnung des Inhaltes trug Das machte den Eindruck des Wertes
des Reichtums Ich las einige der Aufschriften sie lauteten
    »Sih ängust  drei Finger pänj tschasm  fünf Augen du bini  zwei Nasen
tschähar dil  vier Herzen nuh pah  neun Füße sih zäbahn  drei Zungen du
kahm  zwei Gaumen«
    Diese Inhaltserklärungen kamen mir keineswegs verwunderlich vor denn ich
kannte den Brauch der ihm zu Grunde lag Es kommt nämlich unter den Schiiten
besonders bei langwierigen Krankheiten und schwer heilenden Verletzungen sehr
häufig vor dass der Patient an den heiligen Stätten die Hilfe sucht die er bei
den Aerzten nicht gefunden hat Dies geschieht wenn es ermöglicht werden kann
durch die persönliche Wanderung nach Meschhed Ali oder Kerbelah im andern Falle
sendet man eine Ab oder Nachbildung des betreffenden Gliedes oder Körperteiles
nach einem dieser Orte und dazu ein Geldgeschenk welches die »Heiligen der
Stätte« veranlassen soll sich des Absenders im Gebete anzunehmen Dies ist das
letzte und wie man meint zugleich sicherste Heilmittel zu welchem man greift
Der Arme kann es nur zu einer Nachbildung aus Holz aus Ton aus Blei Zinn
oder sonst einem billigen Stoffe bringen und hat also nur wenig Hoffnung von
Allah geheilt zu werden Der Reiche ist viel besser daran weil er die Mittel
besitzt ein wertvolleres Material zu bezahlen Er wählt Silber Gold und sogar
edle Steine Auf diese Weise gelangen Kostbarkeiten nach den Pilgerstätten mit
denen man selbst den berühmtesten Arzt nicht honorieren würde Es kommt vor dass
Fürsten oder sonstige Geldleute wahre Schätze schicken die in den
unterirdischen Kammern von Kerbelah und Meschhed Ali aufgehäuft werden und einen
immer wachsenden Wert von vielen Millionen besitzen Dass da Allah nicht der
einzige Empfänger ist versteht sich ganz von selbst Auch ist es dagewesen dass
Eroberer sich dieser Schätze bemächtigt haben ohne ihn um Erlaubnis zu fragen
Aber sie wachsen immer wieder und immer weiter an so dass man eben jetzt in
gegenwärtiger Zeit behauptet dass man mit den an den beiden genannten Orten
aufgehäuften Vermögen ganz Persien aufkaufen und bezahlen könne
    Unser neuer Bekannter Khutab Agha war in Meschhed Ali als Basch Nazyr als
Oberaufseher der dortigen Schatzkammer angestellt also einer der
hervorragendsten Beamten dieser Stadt Wenn so ein Mann die Verfolgung eines
Diebes persönlich unternahm und sich dabei den Gefahren eines weiten Rittes
durch die für ihn als Schiit doppelt gefährliche arabische Wüste aussetzte so
konnte es sich nicht um unbedeutende Objekte handeln Ich öffnete den kleinen
Beutel welcher mit »Sih ängust  drei Finger« bezeichnet war Er enthielt drei
Finger wie zu erwarten war aus purem Golde und mit den erkrankten Stellen
nachgebildet an jedem steckte ein Ring mit Edelsteinen Wenn der Inhalt der
andern Beutel ein gleich oder auch nur ähnlich kostbarer war so verlohnte es
sich für einen Dieb gar wohl des allerdings großen Wagnisses nach Meschhed Ali
zu gehen und dort in den Kanz el Ada einzudringen Kanz el Ada Schatz der
Glieder heißt nämlich dort diejenige Abteilung der tief unter der Erde
liegenden Räume in welcher die aus edlen Metallen und Steinen bestehenden
Nachbildungen menschlicher Körperteile aufbewahrt werden
    Wir banden den Beutel wieder zu und verzichteten darauf noch andere zu
öffnen denn erstens fehlte uns die Zeit dazu zweitens war eine Überraschung
durch die Beni Khalid möglich und drittens durften wir annehmen dass wir den
Inhalt der übrigen auch noch sehen würden Wir wickelten den Teppich wieder
zusammen und banden die Schnur genau wieder so um ihn wie sie vorher um ihn
geschlungen gewesen war
    »Nehmen wir das Paket mit Sihdi« fragte Kara dem das was er gesehen
hatte gewaltig imponierte was bei seiner Jugend ja auch sehr begreiflich war
    »Nein« erwiderte ich
    »Nicht Warum nicht Effendi Dieses Gold und diese Diamanten sollen hier
liegen bleiben«
    »Ja und zwar weil sie uns überhaupt nicht gehören und wir sie doch nicht
stehlen werden und weil wir El Ghani nur dann des Raubes überführen können
wenn er glaubt dass niemand das Paket gesehen hat«
    Ich sah ihm an dass er mich nicht begriff da er es aber nicht wagte mich
mit einer darauf bezüglichen Frage zu belästigen so forderte ich ihn auf
    »Komm jetzt wieder mit herab Ich werde es dir nachher erklären Leg die
Steine möglichst so darauf wie sie erst gelegen haben Jetzt möchte ich vor
allen Dingen erfahren warum El Ghani beim Ersteigen des Felsens so große Eile
gehabt hat Es ist mir bis jetzt nicht möglich dieses heimliche Heraufklettern
und Verstecken der Sachen hier mit der Anwesenheit so vieler Beni Khalid in
Einklang zu bringen Sie müssen doch unbedingt gesehen haben was er tat«
    Als die Stelle ihre frühere Beschaffenheit wieder erhalten hatte stiegen
wir wieder hinab und auf die Pferde welche weil gut erzogen ruhig stehen
geblieben waren Wir ritten hinüber nach dem Gemäuer wo wir den Brunnen
vermuteten Er war es allerdings Ein oben festgebundenes Seil aus Dattelfasern
führte hinab ein Ledereimer mit einem Steine beschwert hing daran So und
nicht anders war wohl auch der Brunnen beschaffen aus welchem einst Rebekka dem
Oberhirten Abrahams und seinen Kamelen Wasser schöpfte An gewissen
Einrichtungen und Gebräuchen des Orientes können Jahrtausende vorübergehen ohne
das geringste zu ändern
    In der Nähe des Brunnens war Ekel erregend gegen den Felsen geworfen das
Gescheide98 von zwei Gazellen zu sehen und dort von Westen her kam eine sehr
breite noch junge Reiterspur aus der Wüste herbei Es war ein wahres Wunder
dass sich in der ganzen Umgegend kein einziger Geier zeigte sonst wären die
Überreste dieser beiden Tiere längst verschwunden gewesen Mir aber kam sobald
ich sie sah sofort die Klarheit die mir bis jetzt gefehlt hatte
    »Schau dies Gescheide und sieh diese Spuren« sagte ich zu Kara »Sie teilen
mir das mit was ich vorhin so gern wissen wollte Die Beni Khalid haben
während sie hier lagerten die Gazellen gesehen und sind von der Jagdlust
gepackt alle fortgeritten ohne dass ein einziger von ihnen hier blieb
Inzwischen kamen die Mekkaner an welche schwach und müde waren und also nicht
weiterkonnten sondern hier bleiben mussten obgleich sie sahen dass der Platz
schon von Beduinen besetzt sei Da lag nichts näher als dass sie versuchten vor
allen Dingen ihren kostbaren Raub in Sicherheit zu bringen denn mochten diese
Beduinen ihnen befreundet oder nicht befreundet sein Gegenstände von solchem
Werte wirken wenn sie zufällig entdeckt werden überall verführerisch diese
hier wahrscheinlich sogar verräterisch Während El Ghani darum hier unten herum
nach einem bequemen und zugleich zuverlässigen Verstecke vergeblich suchte sah
er die Beni Khalid zurückkehren Nun galt es die höchste Eile Da unten kein Ort
zu finden war richtete sich sein hilfesuchender Blick nach der Höhe des
Felsens welcher dem Brunnen am fernsten lag und darum wahrscheinlich am
wenigsten beachtet wurde Er packte die Sachen schnell in den Sidschdschadi
eilte hin und stieg mit Hilfe seines Sohnes dessen Fussspitzeneindrücke wir noch
sahen hinauf um sie dort zu verbergen Er konnte die Stelle nur flüchtig mit
Steinen zudecken denn er musste eher wieder herunter als die Beduinen so nahe
herankamen dass sie sehen konnten wo er sich befand und was er da zu tun
hatte Zu seiner Freude erkannte er in ihnen befreundete Leute hütete sich aber
doch ihnen von dem Pakete etwas zu sagen denn von gestohlenen Sachen spricht
man außer wenn sie Mitschuldige sind selbst zu den besten Bekannten oder den
nächsten Verwandten nicht Später sah er den Perser mit den Soldaten kommen und
war nun doppelt froh darüber dass er die gestohlenen Gegenstände versteht hatte
denn er konnte nun sich und seine Begleiter getrost aussuchen lassen und
dadurch dass man nichts fand beweisen dass er und sie unschuldig seien Ja er
konnte noch mehr nämlich seinen Verfolger dadurch verderben dass er ihn den
von den Beduinen grimmig gehassten und verachteten Schiiten beschuldigte ihm
nur aus Glaubensfeindschaft nachgeritten zu sein um ihn den Liebling des
Oberhauptes der Sunniten zu überfallen und zu töten Wenn es ihm gelang die
Beni Khalid hiervon zu überzeugen so war der Perser unbedingt verloren Dass es
ihm gelungen ist haben wir gehört denn dem Oberaufseher des Kanz el Ada sind
die Adern geöffnet worden damit er sich verbluten möge«
    »So ist es Effendi ja so ganz genau so ist es Ich freilich wäre nicht
auf diese sich wie von selbst ergebenden Gedanken gekommen deren Zusammenhang
gar nicht zu zerreißen ist Die Mekkaner haben natürlich die Absicht die Sachen
heimlich zu holen ehe sie den Brunnen verlassen«
    »Ja Eben darum nahm ich sie nicht mit sondern ließ sie liegen um beweisen
zu können dass der Liebling des Grossscherifs den Schatz der Glieder wirklich
bestohlen hat Wenn ich bemerke dass die Zeit dazu gekommen ist steige ich
natürlich ohne dass er es ahnt mit Scheik Tawil Ben Schahid heimlich hinauf um
ihn zu erwarten Sobald er die Gegenstände aus dem Verstecke genommen hat ist
der Beweis erbracht Es ist zwar immerhin möglich dass diese Begebenheit einen
andern Verlauf nimmt als ich jetzt denke aber dann werden wir uns in Beziehung
auf unser Verhalten dieser Änderung anbequemen und auf keinen Fall den Vorteil
welchen wir hier errungen haben aus der Hand geben Jetzt aber wollen wir
zurückreiten denn die Sonne ist dem Horizonte nahe und wir müssen ehe es
dunkel wird bei unsern Leuten sein«
    Wir ritten zurück eine ziemliche Strecke nördlich von dem Wege den wir
herzu eingeschlagen hatten Als wir ankamen lagen die drei Beni Khalid noch
immer gebunden an der Erde es schien also wie ich auch bestimmt erwartete
alles beim alten zu sein doch Halef meldete mir sobald er uns sah mit lauter
Stimme und in mit sich selbst zufriedenem Tone
    »Gut dass ihr kommt Sihdi Wir haben nur noch auf euch gewartet«
    »Womit«
    »Den Vertrag mit dem Scheik der Beni Khalid abzuschließen«
    »So hast du mit ihm verhandelt«
    »Ja«
    »Ohne mich zu fragen«
    »Ich habe dich doch gebeten hier mich allein bestimmen zu lassen«
    »Das bezog sich nur auf die Bestrafung der Beleidigung deiner Hanneh aber
nicht auch auf das weitere«
    »Verzeih Effendi Das habe ich nicht gewusst Ich bin aber überzeugt dass du
dem was wir ausgemacht haben deine Genehmigung nicht versagen wirst«
    »Ich bin nicht überzeugt hoffe es aber Welches Übereinkommen habt ihr
getroffen«
    »Der Scheik der Beni Khalid ist einverstanden sich gegen den Perser
austauschen zu lassen die Soldaten gibt er aber noch nicht frei«
    »Warum«
    »Er sagt Person gegen Person er mit seinen beiden Leuten hier seien drei
der Perser mit seinen Soldaten und dem Khabir aber zweiundzwanzig Personen also
ein sehr ungleiches Verhältnis Darum sollen einstweilen nur er und der Perser
freigegeben werden«
    »Wieso einstweilen«
    »Weil um die Mekkaner gekämpft werden soll Siegen wir so werden die
Soldaten freigegeben und wir bekommen die Mekkaner doch nur gegen das
Versprechen ihnen nichts gegen Leib und Leben zuzufügen«
    »Und siegen die Beni Khalid was dann«
    »In diesem Falle bekommen wir weder die Mekkaner noch die Soldaten und
haben auch den Perser wieder auszuliefern«
    »Auch diesen Das ist zuviel verlangt Warum bist du auf diesen Punkt
eingegangen«
    Da ging ein unendlich selbstbewusstes Lächeln über sein liebes kleines
Gesicht und er antwortete
    »Ich wäre auch auf noch mehr eingegangen Effendi denn dass wir besiegt
werden das liegt ja nicht im Bereiche selbst der allerentferntesten
Möglichkeit Davon bist du doch grad ebenso wie ich überzeugt«
    »Ich warne dich allzu sicher zu sein Hochmut kommt sehr leicht vor den
Fall«
    »Es ist kein Hochmut Sihdi sondern nur die demütigste die allerdemütigste
Überzeugung Gib dem großen schwarzen Panter auf mit einer Zeltkatze um
Leben und Tod zu kämpfen Ist es Hochmut wenn er darüber lacht Sie ist ja
nicht seinesgleichen sein Schwanz ist dreimal länger als sie wenn er sie mit
seiner Pranke nur berührt muss ihre arme Seele aus dem Fell heraus Das weiß er
aber das ist kein Hochmut von ihm sondern nur bescheidene Selbsterkenntnis Nun
denke dass wir Haddedihn die Panter die Beni Khalid aber die Katzen sind Wir
besitzen infolgedessen die Demut und Bescheidenheit des Panters und es ist
also eine vollständige Verkennung der Umstände und eine vollständig umgedrehte
und ganz verkehrte Anwendung des Fernrohres deiner Urteilskraft wenn du anstatt
das kleine das große Glas vor die Augen hältst und meine Demut als Hochmut
bezeichnest«
    Wenn mir diese sonderbare Art seiner Beweisführung nicht bekannt gewesen
wäre so hätte ich jetzt lachen müssen so aber fragte ich
    »Du sprichst von Leben und Tod Soll der Kampf so scharf genommen werden«
    »Ja«
    »Sind die Personen schon bestimmt zwischen denen er stattzufinden hat«
    »Nur erst zwei«
    »Was Wie Nur erst zwei Das ist ja genug«
    »Nein Sihdi das genügt noch nicht Tawil Ben Schahid bestand darauf dass
es sechs sein sollen von jeder Seite drei«
    »Warum«
    »Das weiß ich nicht Ich habe ihn nicht danach gefragt Es ist uns ja ganz
gleich oder vielmehr meinen Haddedihn wäre es am liebsten wenn bei dieser
vortrefflichen Gelegenheit jedem von ihnen erlaubt würde sich mit einem Ben
Khalid zu messen«
    »Dennoch hättest du auf einen dreifachen Zweikampf nicht eingehen sollen
ohne mich vorher zu fragen Welche zwei sollen wir außer mir noch wählen Es
werden sich alle dazu drängen und das macht die Sache schwer«
    »Außer dir sagst du«
    »Natürlich«
    »Für so natürlich halte ich das nicht«
    »Habe ich dir nicht gesagt dass du mich dem Scheik als denjenigen bezeichnen
sollst den der betreffende Ben Khalid als Gegner haben wird«
    »Ja das hast du freilich gesagt«
    »Und du hast es getan«
    »Nein Hast du denn wirklich geglaubt dass ich so wenig Ehrgefühl besitze
einen andern an meine Stelle treten zu lassen Ich habe selbstverständlich nicht
dich sondern mich genannt«
    »Hm Was sagte Hanneh dazu«
    »Sie hatte gar nichts anderes erwartet und freute sich darüber«
    »So hat sie keine Sorge«
    »Sorge Angst Um mich O Sihdi Sihdi Sihdi Meine Hanneh soll Angst um
ihren tapfern unüberwindlichen Hadschi Halef Omar haben Nimm es mir nicht
übel aber ich muss dich wirklich fragen ob du vielleicht zufälligerweise von
Sinnen ganz von Sinnen bist Ich bin ja schon überhaupt gar nicht zu besiegen
aber wenn ich während des Kampfes ihre schönen lieben Augen auf mich gerichtet
weiß so würde ich hundert Riesen erwürgen wenn sie es wagten mich nur falsch
anzusehen Das kannst du dir doch denken Erweckt der Anblick deiner Emmeh nicht
auch solche Kampfeslust in dir«
    »Nein«
    »So kann ich wirklich nicht umhin dir mitzuteilen dass meine Hanneh deiner
Emmeh vorzuziehen ist Bei einem Weibe die ihren Mann so friedlich stimmt muss
er ja seine ganze Tapferkeit verlieren Wie kann sie denn stolz auf ihn sein und
auf sein Heldentum welches ihm von der Lieblichkeit ihres Angesichtes und von
der Anmut ihres freundlichen Benehmens abgestohlen worden ist Nein meine
Hanneh hat mich als Helden kennen gelernt hat mich trotz aller ihrer
fünftausend bezaubernden Eigenschaften einen Helden bleiben sehen und wird es
nie erleben dass in diesem meinem Ruhme jemals auch nur die allergeringste Lücke
entsteht Also nicht dich habe ich dem Scheik genannt sondern mich«
    »So fehlt also nur noch der dritte«
    »Du meinst der zweite und der dritte«
    »Nein denn der zweite bin ich«
    »Du Effendi ich bitte dich sieh hier doch einmal ab von deiner
Gewohnheit die größten Gefahren immer auf dich zu nehmen Erstens bist du doch
eigentlich kein Haddedihn obgleich du ganz zu uns gehörst sondern ein
Europäer den stets für uns kämpfen zu lassen uns unsere Ehre rauben würde Und
zweitens üben sich meine Krieger täglich ohne Gelegenheit zu finden ihre
Tapferkeit im Ernste beweisen zu können weil wir auf deinen Rat nach Allahs
Willen mit allen Stämmen die uns umgeben in Frieden leben Und nun sich hier
einmal die Möglichkeit zeigt sich mit andern Kriegern zu messen willst du sie
um diese große Freude bringen indem du den Ruhm gesiegt zu haben für dich in
Anspruch nimmst Was sagst du jetzt«
    »Deine Gründe sind gut doch weißt du ja dass ich mich stets lieber auf mich
selbst als auf andere verlasse«
    »So will ich dir noch einen bringen und der wird deinen Widerstand ganz
gewiss besiegen«
    Er trat ganz nahe an mich heran machte ein höchst bedenkliches Gesicht hob
den Zeigefinger warnend empor und sagte leise
    »Wenn du mitkämpfest und wir werden alle drei besiegt so sind wir tot und
es ist alles alles verloren Bist du aber nicht mit dabei so bist du eben dann
noch da und es ist noch nichts verloren Das musst du doch einsehen Nicht
Sihdi«
    Jetzt musste ich nun freilich lachen Ich legte ihm die Hand auf die Achsel
und antwortete
    »Du spielst den schlauen Fuchs und zwar nicht ganz umsonst Ich werde mir
die Sache überlegen wir haben ja noch Zeit Komm mit hin zu den Beni Khalid«
    Indem wir zu ihnen gingen kam ich an Kara Ben Halef vorüber dem zu sagen
ich vergessen hatte dass er gegen jedermann auch gegen seinen Vater und seine
Mutter von dem was wir auf dem Felsen entdeckt hatten schweigen solle Ich
holte das jetzt heimlich nach weil unter Umständen eine unbedachte Äußerung
genügte meinen Plan zu nichte zu machen
    Ich sagte schon dass die drei Beni Khalid noch so dalagen wie wir sie
verlassen hatten Dem Scheik spritzte noch das Blut aus den geöffneten dünnen
Adern doch hatte ihn der Verlust desselben noch nicht geschwächt Als ich zu
ihm trat richtete er seine dunkeln finster blickenden Augen fest auf mich sah
mich forschend an und sagte
    »Ich habe mit dem Scheik Hadschi Halef Omar vom Stamme der Schammar ein
Übereinkommen getroffen von welchem er behauptete dass es erst dann Gültigkeit
habe wenn es von seinem Effendi bestätigt worden sei Der bist du«
    »Ja« antwortete ich
    »Also Effendi wirst du genannt Das genügt mir nicht Wie heißt du und wer
bist du«
    Da fiel natürlich Halef ehe ich ein Wort sagen konnte rasch ein
    »Dieser in allen Erdteilen des In und Auslandes hochberühmte Mann heißt
Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Ibn Hadschi
Dajim Maschhur el Azani Ben Hadschi Taki Abu Fadl el Mukarram er stammt aus dem
Wadi Draha im fernsten Moghreb und hat wie alle Leute welche dort geboren
sind nicht nur die Bücher aller Wissenschaften in seinem Kopfe sondern ist
auch ein Krieger von solcher Tapferkeit Klugheit und Stärke dass ihn kein Feind
jemals zu besiegen vermochte«
    Tawil Ben Schahid bedachte die lange Schlange meines Namens und Ruhmes mit
keinem Worte sondern fragte mich kurz
    »Bist du einverstanden«
    »Ja« erklärte ich noch kürzer
    »Die Soldaten bleiben meine Gefangenen«
    »Ja«
    »Und hier meine beiden Begleiter die eurigen«
    »Darauf werde ich dir nachher antworten Wann soll der vereinbarte Kampf
stattfinden«
    »Wann es euch beliebt doch möglichst bald«
    »Und wo«
    »An einem Orte an welchem ihr euch sicher fühlt denn ihr werdet euch
natürlich fürchten euch uns zuzugesellen weil die Schar meiner Krieger der
Zahl der eurigen so vielmal überlegen ist«
    Ich bewegte die Hand geringschätzend durch die Luft und erkundigte mich
weiter
    »Habt ihr Holz um Feuer zu machen«
    »Getrockneten Kamelmist und Holz genug Da du einverstanden bist so gib
mir die Hände frei denn ich habe versprochen auf mein Hamaïl zu schwören dass
wir unser Übereinkommen ehrlich halten werden und jeder Hinterlist entsagen
Das werde ich jetzt tun und Allah weiß dass ich gewohnt bin schon ein
einfaches Versprechen als Schwur gelten zu lassen«
    »Wer soll deine Krieger benachrichtigen«
    »Es reitet einer von euch mit einem von meinen Begleitern hin zu ihnen
beide kommen zurück und bringen den Perser mit Dann gebt ihr mich frei«
    Ich sah ihm ebenso fest in die Augen wie er vorhin mir zog meine kleine
Verbandtasche hervor und ließ mich zu ihm nieder um zunächst die Blutung zu
stillen Als dies geschehen war löste ich die Knoten seiner Fesseln Er sprang
sofort auf und fragte erstaunt
    »Du bindest mich los«
    »Wie du siehst«
    »Das soll ja erst dann geschehen wenn der Perser hier ankommt und ihr euch
also überzeugt habt dass er von uns freigegeben worden ist«
    Ich antwortete nicht sofort sondern band auch seine Leute los und sagte
erst dann als dies geschehen war
    »Sie sind auch frei Das ist meine Antwort auf deine vorhin ausgesprochene
Frage Du meintest ferner dass wir uns wahrscheinlich vor euch fürchten werden
Hadschi Halef Omar und seine Haddedihn die fürchten sich vor keiner
Feindesschar auch wenn sie zehnmal größer wäre als die eurige ist das eben
will ich dir beweisen«
    »Tajjib tajjib   Bravo bravo« rief da Halef begeistert aus und die
Haddedihn stimmten ein
    Ich aber fuhr fort
    »Den Schwur auf dein Hamaïl erlasse ich dir Ich sehe zwar diesen aus Mekka
stammenden Kuran an der Schnur an deinem Halse hängen aber du hast gesagt dein
Versprechen gelte gleich einem Schwure und ich glaube und vertraue dir Wer
sein Versprechen nicht hält der achtet auch nicht die Heiligkeit des Schwures
Ihr kehrt jetzt zu euren Leuten zurück und wir reiten mit«
    »Sogleich« fragte er indem sein Gesicht ein einziges großes Staunen war
    »Ja«
    »Ihr alle Mit diesem Weibe Ohne weitere Sicherheit«
    »Jawohl«
    »So glaubst du meinem Worte wirklich nur meinem Worte«
    »Du siehst und hörst es ja«
    Da hellte sich sein finstres Gesicht auf und der Ausdruck des Erstaunens
ging in den der Freude über
    »Effendi« rief er aus »so etwas ist mir noch nicht vorgekommen Entweder
bist du ein höchst leichtsinniger oder ein sehr braver Mann«
    »Leichtsinnig bin ich nicht sondern ich pflege jedem Menschen die Ehre zu
geben die ihm gebührt Du bist ein rauer ja ein harter vielleicht gar ein
grausamer und blutgieriger Krieger aber das Wort welches du gegeben hast das
wirst du niemals brechen Habe ich recht«
    Da streckte er mir die Hand entgegen
    »Da fass an Ihr seid jetzt unsere Feinde und wir sind die eurigen der
Kampf wird zwischen uns entscheiden aber wenn ihr wirklich mit uns reitet so
könnt ihr nirgends sichrer sein als bei uns Ich habe als ich euch für
SolaibAraber hielt von den Haddedihn verächtlich gesprochen jetzt weiß ich
dass sie keine Knaben sondern furchtlose Männer sind denen ich meine Achtung
nicht versagen kann Kommt also mit uns wenn ihr wollt Lieber aber ist es mir
wenn ihr mich voranreiten lasst damit ich Zeit finde meine Leute zu
unterrichten wie sie sich zu euch zu verhalten haben«
    »Gut reitet fort alle drei Wir werden euch nicht folgen sondern den Weg
nach dem Brunnen einschlagen welcher doch wohl euer eigentlicher Aufenthalt
ist«
    »Kennt ihr den Weg  Es wird gleich dunkel sein«
    »Wir finden ihn wir brauchen keinen Führer«
    Sie bestiegen ihre Kamele und ritten fort Als wir sie nicht mehr sahen kam
Hanneh welche schon längst ihre Sänfte verlassen hatte zu mir her und sagte
    »Effendi lieber Effendi weißt du dass du einen großen Sieg errungen hast«
    »Ja«
    »Das war wieder einmal die Liebe welche du nicht nur in Worten predigst
sondern auch durch dein Verhalten lehrst Dürftest du diesem Scheik doch sagen
dass du Christ bist Dann würde er wissen wem er diese seltene Behandlung und
das Vertrauen welches du ihm zeigtest zu verdanken hat Der Zweikampf wird
ganz gewiss für uns entscheiden aber selbst wenn dies nicht der Fall wäre würde
dieser Scheik der Beni Khalid nicht taub gegen unsere Wünsche sein«
    »Aber wenn er sich nur verstellt hätte« warf Halef ein »Ich glaube es
nicht sondern gebe diesen Fall nur zu bedenken Dann hätte dein Vertrauen uns
wahrscheinlich in eine schlimme Lage gebracht«
    »Auch dann nicht Vater« antwortete ihm sein Sohn »Unser Effendi weiß was
er tut Wir können uns auf ihn verlassen«
    In so bestimmter Weise in unser Gespräch einzugreifen das hatte Kara bisher
stets unterlassen aber dass ich ihn heut mitgenommen hatte und er dadurch
Mitwisser eines Geheimnisses geworden war das gab ihm den Mut seine Meinung
auch einmal in solcher Art zu erkennen zu geben Sein Vater sah ihn ganz
verwundert an nickte ihm aber dann befriedigt zu und sagte
    »Ja wenn so große und bedeutende Leute sich des Effendi annehmen dann muss
freilich ich mit meinen Bedenken weichen Hast du etwa noch etwas auf deinem
mutigen Herzen«
    »Ja«
    »Was«
    Da flog ein energischer leuchtender Blick vom Sohne zum Vater herüber und
die Antwort erklang
    »Ich will einer von den dreien sein welche mit den Beni Khalid kämpfen«
    »Wa   wa   was Du   u   u   u«
    Halef fuhr einen ganzen großen Schritt zurück und sah den Jüngling aus weit
geöffneten Augen an
    »Ja ich will ich will« wiederholte dieser in sehr bestimmtem Tone indem
sein ganzes Gesicht erglühte
    Ich ahnte dass Halef ihn am liebsten vor Freude über diesen mutigen
Entschluss an sein Herz gedrückt hätte aber Kara war nicht nur sein sondern auch
Hannehs Sohn darum hielt er noch an sich richtete einen unsicheren Blick auf
sie und fragte
    »Hanneh du beste Mutter aller tapfern Söhne hast du gehört was Kara
unser Liebling soeben für einen Wunsch ausgesprochen hat«
    »Ich habe es gehört« nickte sie lächelnd
    »Was sagst du dazu«
    »Ich lasse dich zuerst sprechen«
    »Nein Zwar weiß ich dass ich der Gebieter meines Stammes und auch der
Gebieter meines Zeltes meines Weibes und meines Sohnes bin aber hier hat nicht
der Vater der Krieger zu bestimmen sondern nur das Herz der Mutter zu
entscheiden«
    »Und diese Mutter kennt den Vater und weiß womit sie ihn erfreuen und
glücklich machen kann Es glüht in dir doch das heiße Verlangen dass ich meinem
und deinem Kinde nicht hinderlich sein möge zu zeigen dass er in der Führung
der Waffen der Schüler seines Vaters gewesen ist«
    »Ja das das wünsche ich allerdings von ganzem Herzen« gab Halef zu
    »So mag er kämpfen ich gestatte es«
    Da stieß der Hadschi einen Jubelruf aus und öffnete die Arme um sie in
seinem Entzücken um Hanneh zu schlingen da fiel ihm aber noch rechtzeitig ein
dass ihm dies so öffentlich nicht gestattet sei und so suchte er sich denn ein
anderes Objekt für diesen zärtlichen Ausdruck seines Entzückens Er umarmte erst
Kara ein zwei drei Mal und warf dann auch die Arme um mich wobei er vor
Freude dem Weinen nahe rief
    »Hast du es gehört Sihdi Hast du es gehört dass Hanneh die Blume meines
Herzens ihre Einwilligung zur Tat des Ruhmes gegeben hat Alle Völker welche
zwischen dem Euphrat und dem Tigris wohnen werden mich den glücklichsten Vater
nennen denn die Tapferkeit meines Sohnes wird der meinigen vollständig
gleichen und so wird man unser Lob verkünden in allen Zelten und allen Häusern
in denen man von unsern Taten spricht Das habe ich auch dir mit zu verdanken
weil du die Güte gehabt hast zurückzutreten und nicht mit am Kampfe
teilzunehmen«
    »Das habe ich nun freilich nicht versprochen Ich habe nur gesagt dass ich
es mir überlegen wolle«
    »Zum Überlegen ist es nun zu spät da Kara eingetreten ist«
    »Ich kann ja doch der Dritte sein«
    Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen so schob sich Omar Ben Sadek
schnell herbei und sprach
    »Das wirst du nicht Sihdi ich bitte dich Es wäre ja eine Schande für den
ganzen Stamm wenn keiner der gewöhnlichen Krieger sich beteiligen dürfte Ich
bin kein Held und kein berühmter Mann aber ich war dein und Halefs treuer
Gefährte durch die Sahara durch Ägypten Arabien und das ganze Kurdistan Ich
habe mit euch gehungert gedürstet und gekämpft und niemand kann sagen ich
hätte jemals meine Pflicht versäumt Soll es jetzt heißen dass mein Arm schwach
geworden und meine Waffe eingerostet sei Soll mein Platz in dem Winkel sein in
welchen man das alte unbrauchbare verrostete Eisen wirft Das kannst du mir
deinem treuen Omar doch unmöglich zu leide tun Ich will dich nicht mit langen
Bitten quälen Hier stehen fünfzig Krieger Sollen sie alle zusehen dass ihr
drei ihnen alles nehmt und ihnen gar nichts gönnt Soll nicht wenigstens einer
von ihnen zeigen dürfen dass auch ein einfacher Krieger für die Ehre seines
Stammes kämpfen kann Ich bin fertig mit meinen Worten Nun entscheide du«
    Da gab ich ihm meine Hand und sagte
    »Du hast vollständig recht Omar Es handelt sich um Haddedihn und Beni
Khalid also um die Ehre unsers Stammes da darf ich mich euch nicht in den Weg
stellen Es sei dir also dein Wunsch erfüllt Wir wissen dass du die Haddedihn
in einer Weise vertreten wirst die uns erlaubt stolz auf dich zu sein  Du
wirst zu deinen frühern Siegen heute einen neuen fügen«
    Damit war diese Angelegenheit erledigt Hanneh bestieg ihren Tachtirwan
wieder und dann ritten wir dem Brunnen zu von welchem uns als wir uns ihm
näherten die letzten Gebetsklänge des Moghreb entgegentönten Die Beni Khalid
waren also schon da
    Es war dunkel geworden und nach dem Schluße des Gebetes beschäftigten sich
die Beduinen damit ein Feuer anzuzünden Darum wurde unser Kommen nicht sofort
bemerkt Wir hatten den Platz an der nordöstlichen ganz unbeobachteten Ecke
erreicht und hielten dort an Wir wollten den Blinden zunächst den Mekkanern
nicht sehen lassen darum musste er hier absteigen und Hanneh mit ihm in deren
Obhut wir ihn gaben Es konnte nicht auffallen dass sie sich hier absonderte
indem diese entlegene Stelle so zu sagen ihren Harem bildete wodurch zugleich
die Mekkaner gezwungen waren ihn zu meiden Als wir beide gut und bequem
untergebracht hatten ritten wir weiter der Brunnenecke zu an welcher jetzt
das Feuer aufloderte
    Der Scheik sah uns und kam uns höflich entgegen Zwar begrüßte er uns nicht
mit einem Marhaba99 denn wir waren ja seine Feinde er machte überhaupt keine
Worte aber diese stille Art und Weise drückte ebenso viel Achtung aus als er
uns hätte durch die Rede erweisen können Um so lauter aber war einer der vom
Feuer wo er saß aufsprang und gar nicht wartete bis ich abgestiegen war
sondern mir beide Hände entgegenstreckte und dabei in frohem Tone rief
    »Endlich endlich sehe ich dich Effendi Ich wusste dass du unbedingt kommen
und mir helfen würdest aber die Zeit wurde mir doch recht lang zumal mit ihr
mein Blut hinfloss«
    Es war der Perser
    »Du hattest also deine Hoffnung auf uns gesetzt« fragte ich
    »Ja nur auf dich denn eine andere gab es nicht Ich erfuhr vorhin dass der
Scheik dir mitgeteilt hat was man mit mir beschlossen hatte und habe also
nicht nötig es dir zu erzählen Nur eins muss ich dir sagen damit du weißt
woran du bist Die Mekkaner sprachen davon dass ihr kommen würdet ich hütete
mich aber zu verraten dass ich euch getroffen und mit euch gesprochen hatte Du
hast mir das Leben gerettet Von meinem Danke wirst du nicht jetzt sondern
später hören«
    »Du hast mir nichts gar nichts zu verdanken Es war Allahs Schickung dass
dein Weg mit dem unseren zusammenstiess und wenn dir dadurch das Leben erhalten
wurde so wende dich nicht an mich sondern an ihn Wo sind deine Asaker«100
    »Gefangen an einem Orte den ich nicht kenne«
    »Du aber bist frei«
    »Ja Als der Scheik vor kurzem von seinem Ritte zurückkehrte wurden mir die
Fesseln abgenommen und die geöffneten Adern verbunden Ich hätte mich unbedingt
während der Nacht verblutet«
    »Hat dich der Blutverlust bis jetzt angegriffen«
    »Doch Ich bin ziemlich schwach werde aber sehr bald nichts mehr davon
merken Komm mit mir an das Feuer und sag mir wie sich alles zugetragen hat
und was geschehen wird Ich hörte dass es einen dreifachen Zweikampf geben soll
Ist das wahr«
    Scheik Tawil Ben Schahid hatte sich wieder bei dem Feuer niedergesetzt wir
nahmen als ob sich das ganz von selbst verstehe neben ihm Platz Halef und
Kara auch Unsere Haddedihn lagerten sich in geringer Entfernung von uns Die
Beni Khalid bildeten zerstreut rundum liegende Gruppen Sie unterhielten sich
sehr eifrig doch nicht so laut dass wir etwas verstehen konnten Die Mekkaner
endlich saßen abgesondert an der Brunnenmauer beisammen ganz nahe bei uns Sie
hörten jedes Wort welches wir sprachen Hierauf gar keine Rücksicht nehmend
beantwortete ich die Frage des Persers
    »Ja es ist wahr Wir haben die drei Betreffenden schon bestimmt«
    »Wer sind sie« erkundigte er sich weiter
    »Scheik Hadschi Halef Omar Kara sein Sohn hier und Omar Ben Sadek einer
unserer Krieger«
    »Wie und mit welchen Waffen soll der Kampf stattfinden«
    »Das ist wohl erst noch zu bestimmen«
    »Auf Tod und Leben«
    »Ja«
    »Allah So bin ich schuld dass diese drei ihr Leben für mich wagen müssen
und kann doch nichts dafür Denke dir diese diebischen Hunde haben ihren Raub
unterwegs in der Wüste versteckt Selbst wenn ihr siegt und meine Asaker wieder
frei werden haben wir den weiten Ritt umsonst gemacht und bekommen die
gestohlenen Gegenstände nicht wieder«
    »Darüber hast du zu schweigen« gebot ihm der Scheik der Beni Khalid »Die
welche du beschuldigst hören deine beleidigenden Worte das darf ich nicht
dulden denn sie sind meine Freunde und Gäste Wenn du in dieser Weise
weitersprichst nehme ich mein Wort zurück und lasse dir die Adern wieder
öffnen«
    Vielleicht war es zu kühn von mir aber ich durfte um unsertwillen ihn nicht
in dem Glauben lassen dass er hier der alleinige Gebieter sei und erwiderte ihm
darum in zwar ruhigem aber doch sehr bestimmten Tone
    »Gestatte mir o Scheik dass ich da anderer Meinung bin Habe ich auf eines
der Rechte welche ich besitze hier zu verzichten«
    »Nein« antwortete er
    »Gut Wenn die Mekkaner deine Freunde sind so ist er der meinige Er wurde
gegen dich ausgetauscht und ist also ein ebenso freier Mann wie du Ein freier
Mann aber darf auch frei sprechen und wenn er damit jemanden beleidigt so mag
dieser jemand sich dagegen wehren einem andern aber geben wir die Erlaubnis
nicht dazu«
    »Ob ihr es mir erlaubt oder nicht das ist mir gleich« entgegnete er stolz
»Hier an diesem Brunnen bin ich der Herr und wenn meine Gäste beleidigt werden
so bin auch ich beleidigt und werde das bestrafen Ich wiederhole dass ich
diesen Schiiten wieder fesseln lasse wenn er nochmals ähnliche Worte sagt«
    »So tue ich mit dir dasselbe«
    »Was«
    »Ich nehme auch dich wieder fest«
    »Maschallah Wie wolltest du das anfangen«
    »Das lass getrost meine Sache sein Ich weiß ganz genau wie man sich in
einer solchen Angelegenheit zu verhalten hat  Kennst du vielleicht diese Art
von Waffen«
    Ich zog meine beiden Revolver aus dem Gürtel und zeigte sie ihm
    »Allah« rief er aus »Das sind Pistolen mit vielen schnellen Schüssen wie
die Franken haben Wie bist du zu solchen Waffen gekommen«
    »Du hast gehört dass ich aus dem Moghreb bin Dort besitzen nicht nur die
Christen sondern auch die Moslemin dergleichen Pistolen und verstehen sehr gut
mit ihnen umzugehen Sobald du die Bestimmung träfest hier meinen persischen
Freund wieder festzunehmen würde ich meinen Haddedihn befehlen dich wieder zu
ergreifen und wenn du dich dagegen wehrtest führe dir sofort die erste Kugel
aus einem dieser vielschüssigen Läufe durch den Kopf«
    »Du scherzest« versuchte er zu lächeln
    »Es ist mein Ernst darauf gebe ich dir mein Wort und ich halte mein Wort
ganz ebenso wie du das deinige«
    Er sah mir lange und starr in das Gesicht Als ich diesen Blick aushielt und
erwiderte zürnte er
    »Fast bereue ich es dir mein Wort gegeben zu haben«
    »Sorge lieber dafür dass ich es nicht bereue diesem Worte mein Vertrauen
geschenkt zu haben«
    »Du drückst dich sehr gebieterisch aus Effendi«
    »Dazu bin ich auch berechtigt Du meintest vorhin zwar dass du Herr hier am
Brunnen seist mag sein aber du bist es nicht allein es sind noch andere
Herren da«
    »Wer«
    »Zum Beispiel ich Der Bir Hilu gehört weder dir noch mir wir haben also
beide gleiche Rechte«
    »Ich war eher hier als du«
    »So warst du eher Herr und ich bin es später geworden das ändert aber an
der Gleichheit unserer Rechte nichts Ich gebe dir übrigens den Rat nicht so
oft und nachdrücklich zu erwähnen dass diese Mekkaner deine Freunde seien Wenn
ich hier den Basch Nazyr als meinen Freund bezeichne so wage ich nichts denn
er ist ein ehrlicher Mann aber Leute welche des Diebstahls wegen durch die
halbe Wüste gejagt worden sind als meine Freunde darzustellen das würde ich
mir wohl erst reiflich überlegen«
    »Sie sind keine Diebe sie sind unschuldig«
    »Wer sagt das«
    »Ich«
    »Beweise es«
    »Wir haben sie ausgesucht und nichts gar nichts bei ihnen gefunden«
    »Khutab Agha behauptet dagegen dass sie ihren Raub versteckt haben Es steht
also Behauptung gegen Behauptung«
    »So reitet zurück und durchsucht die Wüste Wenn ihr die gestohlenen
Gegenstände findet und mir bringt dann werde ich euch glauben eher aber
nicht«
    »Gut Wir werden suchen und nicht bloß finden sondern dich auch überzeugen
Ja ich sage noch mehr du selbst sollst diese Sachen finden«
    »Willst du dass ich über dich lache«
    »Tue was dir beliebt wir werden ebenso tun was uns beliebt Am
allerwenigsten aber lassen wir uns vorschreiben was wir sprechen dürfen und was
nicht«
    Er öffnete schon den Mund zu einer scharfen Erwiderung hielt sie aber
zurück denn grad in diesem Augenblicke erscholl da wo die Mekkaner saßen ein
mehrstimmiger Schrei und als ich mich nach der Ursache ihres Schreckes
umschaute sah ich die hoch aufgerichtete Gestalt des Blinden welcher langsamen
Schrittes in den Lichtkreis des Feuers trat und da stehen blieb Er hielt die
Linke so als ob ihn jemand an dieser Hand führe die Rechte hatte er zu einer
sehr eigentümlichen Aufmerksamkeit heischenden Geste erhoben Hanneh sagte uns
später dass er erst wie im Schlafe gelegen und dann plötzlich aufgesprungen und
fortgegangen sei ohne dass sie Zeit gefunden habe ihn zurückzuhalten
    »El Münedschi el Münedschi    Sein Geist    sein Geist    sein
Geist« schrie El Ghani vor Entsetzen laut auf und seine Gefährten schmiegten
sich vor Angst eng aneinander und blickten starren Auges auf die allerdings
geisterhafte Erscheinung
    Auch die Beni Khalid waren im höchsten Grade betroffen Sie sahen die vom
flackernden Feuer ungewiss und gespensterisch beleuchtete starre Figur sie
hörten das Wort »Geist« und als abergläubische Leute fühlten auch sie sich von
der Furcht ergriffen So waren alle Augen erschrocken auf den Münedschi
gerichtet die unserigen voller Erwartung was er jetzt tun werde
    Da trat er zwei schnelle Schritte vor und rief mit lauter vernehmlicher
Stimme hoch erhobenen Hauptes die Augen aber geschlossen haltend
    »Ich schwöre bei dem Tage der Auferstehung und ich schwöre bei der Seele
die ihre Sünden bekennt Will der Mensch wohl glauben dass wir seine Gebeine
nicht einst zusammenbringen können Wahrlich wir vermögen es selbst die
kleinsten Gebeine seiner Finger zusammenzufügen doch der Mensch will selbst
das was vor ihm liegt gern leugnen Er fragt Wann kommt der Tag der
Auferstehung Wenn das Auge sich verdunkelt und der Mond sich verfinstert und
Sonne und Mond sich verbinden dann wird der Mensch an diesem Tage fragen Wo
findet man wohl einen Zufluchtsort Aber vergebens denn es gibt dann keinen
Ort des Versteckes Dein Standort an diesem Tage wird vor dem Herrn sein und an
demselben wird man dem Menschen verkünden was er zuerst und was er zuletzt
getan hat und der Mensch wird Zeuge gegen sich selbst sein und wenn er seine
Entschuldigungen vorbringt so werden sie nicht angenommen werden«
    Das war der Anfang der fünfundsiebzigsten Sure des Kuran Er hielt inne Er
hatte mit tiefem hohlem Klange gesprochen sein langer silberweisser Bart
zitterte und sein Gewand bewegte sich leise das Feuer warf wechselnde Lichter
und Schatten über seine Gestalt Das gab ihm etwas Jenseitiges etwas
Überirdisches zumal die gesprochenen Worte sich auf die Auferstehung bezogen
Ich gestehe aufrichtig dass selbst ich der ich doch wusste woran ich war nicht
unergriffen blieb Eine ganz eigene Art von Grauen ging mir nicht bloß durch die
Seele sondern ich möchte sagen auch fühlbar durch die Glieder Wer kennt alle
die vielen verschiedenen Regungen des Menscheninnern und die geheimnisvollen
Antriebe von denen sie emporgeweckt werden
    Da begann der Blinde in demselben eindringlichen Tone von neuem
    »Ja du bist da du sprichst mit mir du leitest mich und ich folge dir
Ich bin fern von der Erde Ich kann die Körper der Menschen nicht erkennen aber
ich sehe die Fluten ihrer Gebrechen und Sünden wogen wie einen Ozean von Pol zu
Pol Hoch über mir leuchtet ohne Anfang und Ende die Liebe des Himmels Hoch
über mir beten die Scharen der Seligen zum Lichte der Welt Tief unten zieht
Finsternis über die Länder der Hass und die Zwietracht über Berg und über Tal
Wo sind die welche Gottes Stimme hören und aufwärts steigen zum ewigen Glück
Es sind ihrer so wenige dass ich sie nicht zu sehen vermag Das Geschlecht der
Menschen hat keine Augen um zu sehen und keine Ohren um zu hören es geht der
Nacht entgegen anstatt dem Tage Einer lockt und winkt dem andern einer schiebt
und drängt den andern so führen und stoßen sie sich weiter und weiter vom
Lichte ab und der Finsternis entgegen Die Menschen wollen sich von Allah nicht
mehr strafen nicht mehr leiten und führen lassen Sie halten ihren eigenen
Geist für klüger als den Geist der Liebe und der Wahrheit der alle Himmel
regiert und alle Welten lenkt Sie sitzen darüber zu Gericht ob es einen Gott
gibt oder nicht Entweder verleugnen sie ihn oder wenn sie das nicht tun so
lassen sie sich von ihrer armen blinden Wissenschaft einen Tempel bauen in
welchen sie ein Abbild ihrer hochmütigen Schwäche setzen um es Gott zu nennen
Ich sage euch diese Anbetung ihrer eigenen Ohnmacht ist eine Abgötterei welche
Allah strenger bestrafen wird als den unverschuldeten Irrtum der Heiden welche
nur deshalb Götzen verehrten weil sie keine Offenbarung hatten Das sagt Ben
Nur der Sohn des wahren Lichtes dem ihr verwehrt in eure Herzen einzudringen
und eure Seelen zu erleuchten«
    Nach diesen Worten blieb er noch einige Zeit mit hoch erhobenem Arme stehen
ließ ihn dann sinken und drehte sich um den Lichtkreis wieder zu verlassen und
im dunkeln Hintergrunde zu verschwinden Niemand wagte es ihm dorthin zu
folgen Keiner der Beni Khalid rührte sich von der Stelle El Ghani der erst
starr vor Schreck gewesen war sprang jetzt auf und rief
    »Er war es er war es ganz gewiss Es ist eine Kijahma Er ist von den Toten
auferstanden und uns erschienen um uns von dem Leben nach dem Tode zu
überzeugen wie er es mir einst als ich nicht daran glaubte versprochen hat«
    »Eine Kijahma Vom Tode erstanden« fragte Scheik Tawil Ben Schahid »Also
ein Geist Welchem Manne hat diese zurückgekehrte Seele angehört«
    »Dem Münedschi von dem ich dir heut nach unserm Zusammentreffen mit euch
erzählt habe dass er gestorben und von uns begraben worden ist«
    »Allah beschütze und bewahre uns Es gehe ja keiner von euch da hinüber wo
der Geist verschwunden ist denn er würde ihm ins Reich der Toten folgen müssen
Wir wollen uns vielmehr beeilen so schnell wie möglich von diesem Orte der
Gespenster fortzukommen«
    »Aber der Zweikampf Was wird aus ihm« fragte ich
    »Er wird morgen wenn es Tag ist ausgefochten werden Wir reiten jetzt
hinaus in die Wüste bis dahin wo wir vorhin gewesen sind Ihr reitet natürlich
mit«
    »Nein«
    »Warum nicht«
    »Weil wir uns nicht vor Gespenstern fürchten und weil unsere Kamele durstig
sind Wir müssen sie tränken«
    »Der Brunnen ist leer wir haben ihn ausgeschöpft und das Wasser muss sich
erst wieder ansammeln Ihr könnt also vor dem Morgen eure Tiere doch nicht
trinken lassen«
    Ohne meine Antwort darauf abzuwarten wendete er sich an El Ghani
    »Steht auf und macht euch fertig Ihr bleibt natürlich auch nicht hier an
diesem Orte der spukenden Geister«
    Der Mekkaner antwortete anstatt sogleich ja zu sagen
    »Erst muss ich wissen ob die Haddedihn mitgehen«
    »Warum«
    »Da uns der Geist unseres Freundes erschienen ist so müssen wir noch kurze
Zeit hier bleiben um für ihn zu beten dabei müssen wir aber ungestört von
ihnen sein Wenn sie sich mit euch entfernen können wir das tun sonst nicht
Dann kommen wir sogleich nach«
    Es konnte gar nichts Dümmeres als diese Bedingung und dieses Versprechen
geben Es handelte sich natürlich um das Versteck El Ghani wollte die Sachen
dort holen und dann mit seinen Leuten die Flucht ergreifen Gelang ihm dies so
bekam er während der langen Nacht die vor uns lag einen Vorsprung der ihn in
Sicherheit brachte zumal der Perser gar nicht wagen durfte ihn noch weiter zu
verfolgen Da vorhin das Entsetzen des Mekkaners vor dem vermeintlichen Geiste
ein so großes gewesen war so musste sich der Scheik der Beni Khalid eigentlich
sagen dass ihn wohl ein anderer Grund als derjenige des Gebetes hier
zurückhalte es kam ihm aber kein derartiger Gedanke Er sah mich fragend an
und ich erklärte ihm
    »Gut wir wollen diese Männer nicht in der Ausübung ihrer frommen Pflicht
stören wir reiten also mit euch Du hast aber dafür zu sorgen dass sie uns auch
wirklich folgen da um sie gekämpft werden soll Brechen wir also auf«
    An Hanneh welche sich da drüben befand wohin der Münedschi verschwunden
war schien keiner von allen diesen Leuten zu denken darum brachte ich sie gar
nicht in Erwähnung Wir konnten sie ruhig lassen wo sie war da es gar nicht in
meiner Absicht lag den Platz zu verlassen Ich gab vielmehr Halef die heimliche
und schnelle Weisung
    »Pass auf was ich dir sage und führe es genau aus Ich habe jetzt keine
Zeit dir die Gründe zu sagen Wir reiten hinter den Beni Khalid her Sobald die
Mekkaner euch nicht mehr sehen bleibt ihr zurück um den Platz des Brunnens
heimlich zu umzingeln Ihr bildet einen Kreis innerhalb dessen die vier Felsen
liegen und lasst keinen Mekkaner durch«
    »Aber warum soll   «
    »Still wir müssen fort« unterbrach ich ihn
    »Und was soll mit Hanneh    «
    »Keine Angst um sie Die bleibt wo sie ist Ich werde mit dem Perser nicht
bei euch bleiben Kara dein Sohn wird dir Aufklärung geben Sage ihm dass ich
das erlaube«
    Von einer Stelle wohin der Schein des Feuers nicht reichte klang jetzt die
laute kommandierende Stimme des Scheikes Es handelte sich um die Soldaten
welche dort vor uns versteckt gewesen waren und mit fortgeschaft werden
sollten Dann setzte sich der Zug in Bewegung dessen Schluss die Haddedihn
bildeten
    Als wir uns weit genug entfernt hatten blieb Halef mit ihnen zurück Den
Perser behielt ich bei mir
    »Effendi ich merke dass ihr etwas vorhabt« sagte er »Darf ich erfahren
was es ist«
    »Jetzt noch nicht jedoch schon in kurzer Zeit Jetzt muss ich den Scheik
Tawil rufen«
    Dies zeigte sich als gar nicht nötig denn der Beni Khalid war halten
geblieben um die Reiter an sich vorüber zu lassen bis wir kommen würden Er
sah trotz der Dunkelheit dass wir zwei allein waren und erkundigte sich darum
    »Wo sind die Haddedihn Warum bleiben sie so weit zurück«
    »Um mir zu ermöglichen mein dir gegebenes Wort zu halten«
    »Welches Wort«
    »Dass sogar du selbst die gestohlenen Gegenstände finden wirst ohne sie
gesucht zu haben Vor allen Dingen sag Hältst du mich für einen ehrlichen
Mann«
    »Ja«
    »So hast du Vertrauen zu mir«
    »Ja Du bist stolz und gewalttätig aber kein Betrüger«
    »So lass deine Leute weiterreiten und komm mit uns«
    »Wohin«
    »Nach dem Orte an welchem El Ghani seinen Raub versteckt hat«
    »So ist das von dem Diebstahle also wahr«
    »Ja Als er euch von der Jagd zurückkehren sah verbarg er die Gegenstände«
    »Und du kennst den Ort«
    »Ja«
    »Wer hat ihn dir verraten«
    »Ich habe jetzt keine Zeit es dir zu erzählen Komm«
    Er zauderte doch mir zu folgen
    »Führst du mich etwa in eine Falle um mich wieder gefangen zu nehmen«
fragte er
    »Ich denke du hast Vertrauen zu mir Wäre es auf dich abgesehen so könnte
ich es mir bequemer machen«
    »Das ist wahr Sind die Gegenstände um welche es sich handelt wertvoll«
    »Sehr«
    Er überlegte noch einen Augenblick und sagte dann
    »Wohlan ich werde tun was du willst Dauert es vielleicht lange«
    »Nein Wir haben nur eine kurze Strecke zurückzukehren«
    Wenn es Tag gewesen wäre so hätte ich in seinem Gesichte wahrscheinlich
folgende Gedanken lesen können Dieser Effendi aus dem fernen Moghreb welcher
trotz seiner großen Gelehrsamkeit ein sehr dummer Mensch ist weil er mir das
Versteck zeigen will soll erfahren dass ich gescheiter bin als er Wenn die
Sachen so kostbar sind wie er sagt so bekommt sie weder er noch der Perser
noch ein anderer Mann sondern ich behalte sie
    Wir kehrten um und ritten rechts ab nach dem betreffenden Felsen hinüber Da
wurden wir angerufen Es war einer unserer Haddedihn dem ich mich zu erkennen
gab Wir ließ unsere Kamele niederknieen stiegen ab und wiesen ihn an auf
sie zu achten Dann führte ich die beiden zu Fuße weiter bis wir den Felsen
erreichten und zwar nicht da wo ich mit Kara hinaufgestiegen war sondern auf
der entgegengesetzten Seite wo das Erklettern weniger Schwierigkeiten bot Ich
bat so leise und vorsichtig wie möglich zu verfahren und da wir uns
unterstützten kamen wir verhältnismäßig schnell und leicht hinauf Der Platz
war mir bekannt und so konnte ich trotz der Dunkelheit die für unsern Zweck
geeignetste Stelle bestimmen da setzten wir uns nieder um auf El Ghani zu
warten von dessen Kommen ich so vollständig überzeugt war als ob er selbst es
mir versprochen hätte Der Scheik verhielt sich still der Perser aber war zu
erregt als dass er hätte schweigen können Die Mekkaner waren ausgesucht worden
ohne dass man etwas bei ihnen gefunden hatte es war für ihn ein großes Glück
gewesen vom Tode errettet und wieder freigeworden zu sein auf die Erreichung
des Zweckes seines weiten und gefährlichen Rittes hatte er verzichtet Da hörte
er so ganz unerwartet von mir dass die gestohlenen Gegenstände zwar versteckt
aber doch vorhanden seien Natürlich versetzte ihn das in eine Aufregung die er
nicht beherrschen konnte Wir hatten kaum nebeneinander Platz genommen so
flüsterte er mir zu
    »Ich kann kaum glauben was ich von dir höre El Ghani hat also die Sachen
wirklich bei sich gehabt«
    »Ja«
    »Und hier oben versteckt«
    »Ja«
    »Weißt du das genau«
    »Ich habe sie gesehen alle die Beutel mit den persischen Aufschriften auf
den Elfenbeinplättchen«
    »Allah Beutel  Aufschriften  Elfenbeinplättchen Nun ich diese Worte
höre muss ich es glauben Der Kanz El Ada wird in solchen Beuteln aufbewahrt
Du denkst dass der Dieb hier heraufkommen wird«
    »Er kommt ganz gewiss«
    »Wo stecken die Sachen«
    »Hier nebenan in einer Ritze Sobald El Ghani sie herausgenommen hat halten
wir ihn fest Er ist dann so überführt dass er unmöglich leugnen kann«
    »Also darum wollte er am Feuer bleiben darum Trotz der Angst welche ihm
das Gespenst einflößte«
    »Ja darum Seine Habsucht war doch noch größer als seine Furcht«
    »Wie aber hast du diese Stelle entdeckt«
    »Ich war mit Kara Ben Halef hier und sah an den Spuren dass jemand hier oben
gewesen war Das fiel mir auf Wir stiegen also herauf und fanden den Schatz«
    »Warum nahmt ihr ihn nicht sogleich mit«
    »Hätten wir da den Mekkanern beweisen können dass sie die Diebe sind«
    »Nein das ist wahr Du hast sehr klug gehandelt Nun können wir sie
überführen und ich werde mit ihnen so streng verfahren dass sie   «
    »Pst Still Ich hörte ein Geräusch«
    Wir lauschten Ja es kam jemand und zwar da herauf wo auch wir
heraufgestiegen waren Der Betreffende hatte also bemerkt dass es auf dieser
Seite bequemer war Erwähnen will ich dass das Feuer noch brannte Wir konnten
es aber nicht sehen weil die Spitze unseres Felsens dazwischen lag
    »Seid ganz still« flüsterte ich den beiden zu »Überlasst ihn nur meinen
Händen und sagt nicht eher etwas zu ihm als bis ich euch dazu auffordere Je
ruhiger es hier oben abläuft desto weniger kommen seine Gefährten da unten auf
den Gedanken die Flucht zu ergreifen«
    Das Geräusch wurde je weiter er heraufkam um so lauter Nun hatte er oben
Fuß gefasst und ging gerade auf die Spalte zu Wir saßen so dass wir als er
vorüber war nur ein wenig vorzurücken brauchten um ihm den Weg zu verlegen Er
bückte sich Wir hörten und sahen auch dass er die auf dem Pakete liegenden
Steine entfernte Dann zog er dieses vor und schickte sich an den Rückweg
anzutreten
    Ich richtete mich hinter ihm auf Er drehte sich um und sah mich stehen
denn jetzt befand sich die Felsenspitze nicht mehr zwischen mir und dem Feuer
    »Allah kehrim  Gott sei mir gnädig« rief er aus doch mit unterdrückter
Stimme vielleicht unwillkürlich vielleicht auch vor Schreck
    Ich zog mein Messer ließ die Klinge vor seinen Augen funkeln und herrschte
ihn an doch auch nicht laut
    »Hier stehen noch zwei Männer Siehst du sie Wenn du ein lautes Wort
sprichst stoße ich dir das Messer in das Herz Setz dich nieder«
    Er gehorchte augenblicklich und war ganz still Er gehörte zu derjenigen Art
von Dieben welche unternehmend und pfiffig aber dabei feig sind Ich nahm ihm
die Waffen aus dem Gürtel und sagte zu dem Scheik und dem Perser
    »Haltet ihn hier fest Ich komme bald wieder«
    Ich entfernte mich um hinabzusteigen denn er war jedenfalls nicht allein
hier am Felsen und ich wollte seinen Begleiter auch noch ohne großen Lärm
bekommen Ich hatte den Abstieg kaum begonnen so fragte eine Stimme von unten
    »Kommst du«
    »Ja«
    »Es war doch noch alles da«
    »Jawohl«
    »So komm Ich stütze dich Dann aber machen wir uns augenblicklich fort«
    »Wo sind die andern«
    »Bei den Kamelen am Feuer Wir brauchen nur aufzusteigen Spring«
    Er hatte an meiner gedämpften Stimme nicht erkennen können dass er nicht mit
demjenigen sprach dem seine Worte galten Ich tat den letzten Sprung und zwar
mit Absicht so dass ich ihn niederriss
    »Pass doch auf    «
    Mehr konnte er nicht sagen denn ich hatte ihn schon mit den beiden Händen
an der Gurgel Der Schreck darüber machte ihn stumm Es war der Sohn des Alten
ebenso feig wie sein Vater Er ließ sich ohne Widerstand zu versuchen die
fünfzehn oder zwanzig Schritte bis zu dem Haddedihn schleppen dem wir unsere
Kamele gelassen hatten
    »Hole schnell aber still die fünf nächsten Krieger herbei« befahl ich
diesem
    In kaum zwei Minuten waren sie da Ich übergab ihm und einem von ihnen den
Sohn des Ghani und ging mit den andern vier rasch hinüber zu dem Brunnen wo das
Feuer noch nicht ausgegangen war und ich die Gefährten des »Lieblings des
Grossscherifs« erwartungsvoll bei den Kamelen stehen sah welche schon bepackt
und zum Besteigen bereit an der Erde lagen Diese Männer ahnten nicht was mit
ihrem Anführer und seinem Sohn geschehen war sie hatten geglaubt wir seien
fort und waren daher über unser unerwartetes Erscheinen nicht nur erstaunt
sondern sogar betroffen weil wir ja das Paket nicht sehen durften mit welchem
El Ghani ihrer Überzeugung nach jetzt erscheinen musste
    »Ihr seid wieder hier« fragte mich einer von ihnen »Warum seid ihr
zurückgekehrt«
    »Um euch zu fragen wo euer Anführer ist« antwortete ich
    »Er ist einmal fortgegangen«
    »Wohin«
    »Das wissen wir nicht Wir haben ihn nicht gefragt«
    »Ihr wolltet doch beten Seid ihr damit schon fertig«
    »Was geht das dich an Wer hat dir erlaubt dich in dieser Weise um uns zu
bekümmern«
    Es wurde mir erspart ihm hierauf die richtige Erwiderung zu geben denn in
diesem Augenblicke kam Halef eiligst herbei und sagte
    »Sihdi ich habe deinen Auftrag ausgeführt und bin dann zu Hanneh der Krone
aller Frauentugenden gegangen um ihre etwaige Bangigkeit zu zerstreuen Da sah
ich euch hier und bin herübergekommen um dich zu fragen ob du mich jetzt
vielleicht brauchst«
    »Du kommst zur richtigen Zeit auch deine Leute können kommen«
    Er legte um den Schall zu verstärken die Hände an den Mund und rief nach
den Haddedihn welche sich rasch einstellten und der Mekkaner versicherten Der
Sohn des Ghani wurde von den betreffenden zwei Kriegern gebracht dann ging ich
mit Halef und Kara nach dem Felsen um auch den Alten zu holen Der Scheik der
Beni Khalid und der Perser standen noch oben bei ihm und zwangen ihn jetzt
herabzusteigen Dann wurde er mit seinem Pakete nach dem Feuer geschafft in
welches wir um es jetzt anzufachen eine Anzahl von Dschilal warfen von
welchen die Beni Khalid einen Vorrat danebengelegt und nicht mitgenommen hatten
weil sie früh doch wiederkommen wollten Es sind das Fladen aus getrocknetem
Kamelmist die in der Wüste als Brennmaterial dienen
    Wir hatten die Mekkaner nicht gefesselt denn diese Leute waren viel zu
feig als dass sie zum Zwecke der Flucht einen gewalttätigen Widerstand hätten
wagen mögen Sie saßen beisammen und wir bildeten einen Kreis um sie Tawil Ben
Schahid hatte zwischen Halef und mir Platz genommen Ihn interessierte die
Entdeckung der gestohlenen Gegenstände so sehr dass er gar nicht mehr an den
»Geist« dachte vor welchem er doch vorhin mit allen seinen Leuten geflohen war
Er hatte sich des Pakets bemächtigt was Halef außerordentlich ärgerte mir aber
heimlichen Spaß machte denn es verstand sich doch von selbst dass er es nicht
behalten durfte obgleich es wahrscheinlich seine Absicht war nichts aber auch
gar nichts davon herzugeben Er nestelte an der Burnuschnur herum um es zu
öffnen Halef war zornig darüber ich winkte ihm aber ebenso zu schweigen wie
ich still war
    Der liebe Scheik der Beni Khalid befand sich in sichtbarer Verlegenheit Er
hatte die Mekkaner als seine Freunde und Gäste bezeichnet und musste sich also
dem gemäß verhalten Durfte er da nehmen was sie mitgebracht hatten Als Diebe
konnte er sie bezeichnen und war ganz ohne Besorgnis sie dadurch zu
beleidigen denn der Raub ist zumal wenn er an einem Andersgläubigen begangen
wird in den Augen dieser Beduinen kein entehrendes Verbrechen Aber wenn er
ihnen damit das Recht des jetzigen Besitzes zugestand so war es ihm nicht
erlaubt ihnen die Sachen vorzuentalten Dazu kamen die noch viel
berechtigteren Ansprüche des Persers die wir jedenfalls sehr kräftig
unterstützen würden Der Schiit war feindlich behandelt worden und hatte sogar
sterben sollen weil er die Mekkaner fälschlich angeklagt haben sollte und nun
stellte es sich heraus dass er recht gehabt hatte Wie war aus diesen
Widersprüchen herauszukommen
    Endlich hatte er einen Entschluss gefasst Das Paket war geöffnet Er wog
einen der Beutel nach dem andern wie spielend in der Hand und sagte
    »Ich habe diese Sachen hier gefunden und es ist nun zu entscheiden wem sie
gehören sollen«
    Der Perser wollte schnell und mit Nachdruck antworten ich winkte aber auch
ihm zu dies nicht zu tun Der Scheik konnte also fortfahren
    »Wahrscheinlich erheben zwei Parteien Anspruch darauf Ich werde ihre Rechte
genau abwägen und dann die Entscheidung treffen«
    Da wurde er gestört Es kamen zwei Beni Khalid zurückgeritten Einer allein
hätte sich vor dem »Gespenst« gefürchtet darum waren es zwei Man hatte
bemerkt dass der Scheik fehle und sie beauftragt nach ihm zu sehen Es war ihm
anzusehen dass ihm diese Unterbrechung nicht gelegen kam Er gab in unwilligem
Tone den Bescheid
    »Bin ich ein Kind welches beaufsichtigt werden muss Ich habe hier zu tun
Reitet sofort wieder hin und sagt den Kriegern dass sie sich nicht um mich
kümmern sollen Ich komme wenn es mir beliebt und wenn es erst morgen früh
sein sollte Vorwärts fort«
    Er hatte dabei den Teppich wieder zusammengeschlagen so dass die Beutel
nicht zu sehen waren Er schien die Angelegenheit also so handhaben zu wollen
dass seine Leute falls es ihm gelang sich in den Besitz der Sachen zu bringen
nichts oder wenigstens nichts genaues darüber erfuhren Mir aber hätte nichts so
erwünscht kommen können wie der Bescheid den er diesen beiden Boten gab denn
er hatte dadurch für jetzt und für die ganze Nacht auf den Beistand seiner
Krieger verzichtet Als sie fortgeritten waren öffnete er den Teppich wieder
und sagte zu El Ghani gewendet
    »Hattest du diese Sachen da oben im Felsen versteckt oder ists ein anderer
gewesen«
    »Ich selbst habe es getan« antwortete der Gefragte dessen finstere
entschlossene Miene die Absicht verriet auf den Besitz der Gegenstände nicht
Verzicht zu leisten
    »Warum verbargst du sie«
    »Aus Vorsicht«
    »Vor mir vor uns euren Freunden«
    »Nicht vor euch denn wir wussten ja gar nicht wer die Krieger waren die
wir von weitem kommen sahen«
    »Das mag dich entschuldigen Vor Freunden versteckt man nichts Wo hast du
diese Beutel her«
    »Ich besitze sie schon seit langen Jahren nämlich seit dem Tode meines
Vaters von dem ich sie geerbt habe«
    »Warum trägst du sie mit dir in der Wüste herum Solche Dinge lässt man doch
daheim«
    »Nein denn bei mir sind sie sicherer als daheim wenn ich mich nicht dort
befinde Ich verlange ihre augenblickliche Auslieferung«
    »Warte noch eine kleine Weile Ich befürchte nämlich dass sich noch andere
Eigentümer melden werden«
    »Allerdings« fiel da der Perser ein »El Ghani hat die Unwahrheit gesagt
Ich brauche das wohl gar nicht zu beweisen denn seine Lüge ist eine so alberne
und ungeschickte dass derjenige bei dem sie Glauben fände geradezu ohne Kopf
sein müsste«
    »Willst du etwa behaupten dass du der rechtmäßige Herr dieser Beutel seist«
    »Nein das sage ich nicht aber ich behaupte dass der ganze Inhalt dieses
Teppichs aus dem Kanz el Ada der heiligen Stätte Meschhed Ali gestohlen wurde«
    »Was du behauptest musst du auch beweisen können«
    »Ich kann es«
    »So tue es«
    Der Perser nahm aus seinem Gürtel ein Notiztäschchen öffnete es und
erklärte
    »Ich habe sofort als ich den Verlust bemerkte ein genaues Verzeichnis der
gestohlenen Gegenstände angefertigt Hier ist es Ich werde es vorlesen und du
kannst da hören dass es genau mit den hier an den Beuteln hängenden Inschriften
stimmt«
    Er las und der Scheik verglich das was er hörte mit den auf den
Elfenbeintäfelchen stehenden Worten Das eine klang ganz so wie das andere es
war keine Silbe zu wenig oder zu viel
    »Nun Habe ich recht« fragte der Perser
    »Es ist allerdings beides gleich« gab der Scheik notgedrungen zu »aber
wenn du meinst damit den Beweis geliefert zu haben so irrst du dich Dein
Verzeichnis scheint sich freilich hier auf diese Gegenstände zu beziehen aber
ob diese gestohlen worden sind und zwar aus dem Schatz der Glieder in Meschhed
Ali davon musst du uns erst überzeugen«
    Der Perser war von dieser so ganz unerwarteten ja für unmöglich gehaltenen
Einwendung so betroffen dass er nicht gleich eine Entgegnung fand Dafür aber
machte sich El Ghani diesen Kniff mit größter Geistesgegenwart zunutze indem er
schnell ausrief
    »Halt Ich kann jetzt nachweisen dass ich nicht der Dieb sondern der
Bestohlene bin Dieses Verzeichnis gehört nämlich mir Ich habe es angefertigt
über mein Eigentum welches ich bei mir hatte und es ist mir in Meschhed Ali
als ich in der Wohnung dieses schiitischen Basch Nazyr war aus der Tasche
gestohlen worden Nun ist er so frech dieses Verzeichnis dazu zu benutzen mich
um meine Habe zu bringen Dieser Halunke hat also nicht nur die Strafe von
welcher er leider vorhin errettet wurde sondern eine noch viel schärfere und
strengere verdient«
    Halef sah mich an und ich ihn Jetzt waren wir beide ebenso erstaunt wie
soeben der Perser Diese Halunkenhaftigkeit des alten Mekkaners war zugleich
empörend und imponierend Dem Scheik der Beni Khalid kam sie sehr gelegen Er
lächelte mit dem ganzen Gesichte als er dem Perser nun die Frage vorlegte
    »Was sagst du dazu Du bist aus dem Ankläger der Angeklagte geworden
Verteidige dich«
    Diese Aufforderung steigerte den in dem Oberaufseher kochenden Grimm in der
Weise dass er nicht im Stande war zusammenhängend zu antworten sondern nur
mühsam und in Pausen hervorstiess
    »Verteidigen    Ich   mich    Ya Ali      Welch eine   
eine Frechheit    Kein Wort    kein Wort sage ich«
    »Das war zu erwarten Dass du von Frechheit sprichst darüber werde ich noch
mit dir abrechnen Der Diebstahl liegt jetzt folgendermaßen Du behauptest die
Sachen seien in Meschhed Ali gestohlen worden und mein Gast und Freund
behauptet du habest ihm das Verzeichnis gestohlen um in den Besitz dieser
Sachen zu kommen Ihr beide befindet euch hier aber im Bereiche des Stammes der
Beni Khalid welcher also über diesen Fall zu entscheiden hat Sobald der ganze
Stamm von dem wir hier nur eine kleine Abteilung sind versammelt ist werde
ich die Dschemmah101 zusammenrufen welche dann das gerechte Urteil fällt Bis
dahin lege ich Beschlag auf alles was sich hier in dem Teppich befindet und
nehme es in meine Verwahrung«
    Er wickelte das Paket wieder zu und band die Schnur darum Der Perser wollte
die Arme ausstrecken um ihn daran zu hindern ich gab ihm aber wieder einen
Wink dies nicht zu tun Als der Scheik mit dem letzten Knoten fertig war
wollte er aufstehen ich hielt ihn aber am Arme zurück und fragte
    »Du willst fort«
    »Ja« antwortete er
    »Wohin«
    »Zu meinen Leuten«
    »Mit diesem Pakete«
    »Natürlich Es wurde ja so darüber bestimmt«
    »Von dir ja Aber willst du nicht vorher abwarten was ich darüber
bestimme«
    »Du   «
    »Ja ich Ich erlaube mir nämlich etwas anderer Meinung zu sein als du«
    »In welcher Beziehung«
    »In mehrfacher Hinsicht Zunächst sagtest du vorhin wörtlich Ich habe diese
Sachen hier gefunden Bist wirklich du es gewesen der sie gefunden hat«
    »Das hat gar keine Bedeutung Es ist ganz gleich wer der eigentliche Finder
ist«
    »Nein denn dem Finder haben diese Gegenstände zu gehören bis über sie
entschieden worden ist«
    »Das ist ja soeben geschehen«
    »Nein denn derjenige welcher sich einbildet entschieden zu haben besitzt
nicht das geringste Recht dazu eine gültige Entscheidung zu treffen«
    »Meinst du damit mich«
    »Ja Ich sagte dir heut schon einmal dass nicht ihr hier die Herren seiet
Als ich dies sagte waren deine Beni Khalid zugegen jetzt aber sind sie fort
und der Bir Hilu befindet sich im Besitze der Haddedihn welche also jetzt hier
zu befehlen haben Aus diesem Grunde liegt der Fall den wir verhandeln nicht
so wie du gesagt hast sondern so wie ich dir jetzt sagen werde Nämlich der
Basch Nazyr behauptet die Sachen seien in Meschhed Ali gestohlen worden und El
Ghani behauptet dieser habe ihm das Verzeichnis entwendet um dadurch in den
Besitz der Gegenstände zu kommen Beide befinden sich hier im Bereiche der
Haddedihn welche also über diesen Fall zu entscheiden haben Hadschi Halef
Omar der Scheik dieses Stammes hat folglich die Pflicht auf alles was sich
in dem Teppich befindet Beschlag zu legen bis das Urteil gesprochen worden
ist Das ist die richtige Ansicht über diese Angelegenheit und sie gilt die
deinige aber ist falsch und gilt also nicht«
    Er hatte wohl einen Widerspruch erwartet aber einen so klaren und
bestimmten nicht Er musste sich sagen dass er gegen diese meine Worte unmöglich
etwas Kluges und Überzeugendes vorbringen könne und darum an die wenigstens
jetzt einzige Art und Weise denken uns das Objekt des Streites zu entziehen
Dass er dies tat sah ich ihm an Er warf einen langen lauernden Blick in mein
Gesicht und zog den Fuß zum schnellen Sprunge an den Leib Zugleich bemerkte
ich dass ich nicht der einzige war der dies beobachtete Kara der Sohn unsers
Halef stand von seinem Platze auf und tat so als ob er bei einem
naheliegenden Kamele etwas zu tun habe dabei ging ein bezeichnendes listiges
Lächeln über sein hübsches jugendliches Gesicht Grad dieser seiner Jugend
wegen wurde er von dem Scheik der Beni Khalid für ungefährlich gehalten Dieser
tat einen raschen Griff nach dem Pakete und sprang auf um fortzueilen und im
Dunkel der Nacht zu verschwinden Da aber holte Kara aus machte einen weiten
Satz durch die Luft und sprang ihn von hinten in der Weise an dass der Fliehende
nach vorn in den Sand stürzte Er wollte sofort wieder auf konnte aber nicht
denn Kara lag auf ihm und hielt mit beiden Händen seinen Hals fest umklammert
Ganz selbstverständlich warfen sich nun mehrere Haddedihn auf Tawil und sorgten
dafür dass er an Händen und Füßen so gebunden wurde dass er sie nicht bewegen
konnte
    Halef war auch aufgesprungen um den blitzschnellen Vorgang zu beobachten
Sein Gesicht strahlte vor Freude als er mir nun die Worte zuwarf
    »Sihdi hast du es gesehen alles ganz genau gesehen«
    »Jawohl« antwortete ich
    »Hat er es gut gemacht«
    »Ausgezeichnet«
    »Ja ausgezeichnet Schade wirklich jammerschade dass Hanneh die
vortrefflichste und berühmteste aller Mütter und Frauen so weit von hier
entfernt ist dass sie es nicht auch sehen konnte Was soll nun mit diesem Scheik
der Beni Khalid werden«
    »Tue mit ihm was du willst«
    »Du übergiebst ihn also mir«
    »Ja«
    »Gut Sei überzeugt dass ich ganz in deinem Sinne handeln werde«
    »Wenn du das tust so übergebe ich dir noch mehr«
    »Was«
    »Das Paket und hier die Mekkaner dazu«
    »Wirklich«
    »Ja«
    »Ich danke dir Vor allem danke ich dir dafür dass du mich dadurch in den
Stand setzest als Scheik der Haddedihn handeln zu können ohne jemanden um
Erlaubnis fragen zu müssen Du wirst sofort hören was für weise und praktische
Bestimmungen ich treffen werde«
    Er trat in würdevoller Haltung zu Tawil Ben Schahid hin und sagte
    »Jetzt haben wir dir bewiesen wer nun hier zu bestimmen hat ich oder du
mein Stamm oder der deinige Ich habe dich schon einmal mit der Peitsche darüber
belehrt dass die Haddedihn vom großen Stamme der Schammar gar wohl wissen wer
sie sind und was sie leisten du aber hast es dir nicht gemerkt und darum diese
Wiederholung meines Unterrichtes erhalten Wir sind überall wohin wir kommen
die Gebieter also auch hier Wir werden tun was uns gefällt selbst wenn du
zehntausend oder noch mehr Krieger bei dir hättest Du hast zwar einen Vertrag
mit uns abgeschlossen den wir bisher gehalten haben und auch ferner halten
wollten aber glaubst du denn dass ich dir getraut habe Von dem Augenblicke an
da meine Peitsche dich überzeugte dass Hanneh der huldreichste Inbegriff aller
Lieblichkeit Anmut und irdischen Schönheit ist musste in deinem Herzen die
Rache gegen uns gären und wenn du das auch zu verbergen suchtest so konntest
du doch mich nicht täuschen«
    
    »Schweig« herrschte ihn der Gefangene an »Ich hätte unsern Vertrag
gehalten«
    »Du hast ihn doch schon dadurch gebrochen dass du uns um das Paket betrügen
wolltest«
    »Das ist in unserem Übereinkommen nicht mit genannt worden«
    »Gut so will ich annehmen dass du unsere Bedingungen erfüllt hättest Von
dem Momente an aber an welchem wir uns von euch getrennt hätten wärest du uns
gefolgt um dich zu rächen«
    »Ja das hätte ich getan Ich bin zu stolz um dies zu leugnen und sage
dir auch jetzt dass ich auf diese meine Rache nicht verzichte Ihr seid gleich
von allem Anbeginn betrügerisch gegen uns aufgetreten indem ihr euch für Beni
Solaib ausgabt während ihr doch Haddedihn seid«
    »Ja« lachte Halef vergnügt »Beni Solaib welche Einkäufe machen wollten
und also Geld bei sich hatten dem du deine ganz besondere Aufmerksamkeit
schenken wolltest Da tut es deinem menschenfreundlichen Herzen nun unendlich
wehe zu erfahren dass es dieses Geld entweder gar nicht gibt oder dass es
falls es doch vorhanden sein sollte uns nicht genommen werden kann Wer so ein
gutes liebevolles Gemüt besitzt wie du den muss das bitter kränken«
    »Höhne nicht Ich verlange losgelassen zu werden Nach unseren Abmachungen
habt ihr kein Recht mich wieder zu binden Ich habe den Perser freigegeben und
muss darum verlangen auch frei zu sein Sogar sein kostbares Hedschihn hat er
wieder bekommen«
    »Das verstand sich ganz von selbst Nicht so selbstverständlich aber ist es
dass wir deine Fesseln jetzt zum zweitenmal zu entfernen haben Einmal taten wir
es um dich gegen ihn auszulösen da waren wir mit dir quitt Das zweite Mal
wurdest du aber nicht seinetwegen festgenommen sondern weil du uns mit dem
gestohlenen Teile des Kanz el Ada ausreißen wolltest und nun steht es nicht in
deinem Willen sondern in unserem Belieben ob und wann wir dir für diesen
Schatz der Glieder den Gebrauch der Glieder wiedergeben werden«
    »So mache ich euch darauf aufmerksam dass meine Krieger zurückkehren und
mich nicht nur befreien sondern blutig rächen werden«
    »Allah w Allah Vor morgen kommen sie nicht dafür hast du vorhin ja selbst
gesorgt Und wenn sie kämen oder wenn sie früh kommen so denke ja nicht dass
wir uns vor ihnen fürchten Ein Haddedihn nimmt es mit zwanzig Beni Khalid auf
und außerdem bist du für uns der beste Schutz gegen sie Wenn sie erfahren dass
du im Falle eines Angriffes sofort eine Kugel in den Kopf bekommst werden sie
sich wohl sehr hüten dein teures Leben in Gefahr zu bringen«
    »Allah verbrenne euch«
    »Denke ja nicht dass er das tut Wir brennen nicht so gut wie ihr die ihr
in euren Sünden dürr wie altes Holz geworden seid Du bist also einstweilen
abgetan und hast ruhig zu warten was ich über dich bestimmen werde Jetzt
kommen die hohen Mekkaner Herrschaften daran«
    Der Scheik mochte einsehen dass Worte jetzt unnütz seien er schwieg Halef
wendete sich an El Ghani
    »Mit euch brauche ich mir keine Mühe zu geben ich werde es also so kurz wie
möglich machen«
    Der Angeredete glich einem mit Wut gefüllten Feuerwerkskörper den die
verächtlichen Worte des Hadschi in Brand setzten Er prasselte los Die
arabische Sprache ist wie wohl kaum eine andere reich an Schimpfwörtern El
Ghani schien sie alle zu kennen und jetzt die Absicht zu haben sich ihrer so
schnell wie möglich zu entledigen Es brach ein solcher Redeschwall über Halef
herein dass er den doch nicht so leicht etwas verblüffte zunächst ganz still
war vor Erstaunen dann aber lachte er erst in seiner gewöhnlichen herzlichen
Weise hernach lauter und immer lauter Ein Haddedihn fiel ein noch einer noch
einer immer mehrere und mehrere bis sie alle alle im Chore und zwar derart
lachten dass ich mit einstimmen musste ich mochte wollen oder nicht Das brachte
den Mekkaner doch zum Schweigen Als dann die lustige Explosion vorüber war und
Halef sein beinahe krampfhaft verzerrtes Gesicht wieder in Ordnung gebracht
hatte rief er El Ghani zu
    »Du siehst dass du uns beinahe getötet hast Du bist ein noch viel
gefährlicherer Mensch als ich dachte denn wer keine gute Lunge hat der muss
vor Lachen über dich ersticken Darum will ich lieber gleich gar nichts mit dir
zu tun haben und es mit dir noch kürzer machen als ich vorhin beabsichtigte
Ich übergebe dich dem Basch Nazyr Er hat dich verfolgt um dich zu fangen er
hat euch hier eingeholt und nun gehört ihr ihm Keine Sünde bleibt unbestraft
also auch die eurige nicht«
    Da fragte der Perser schnell
    »Hadschi Halef Omar sag ist das dein Ernst«
    »Ja natürlich« antwortete Halef
    »Aber bedenke Indem du diese Leute mir übergiebst erklärst du dass sie
schuldig sind«
    »Das weiß und will ich ja«
    »Ich kann also mit ihnen machen was ich will sie bestrafen wie es mir
beliebt«
    »Nein«
    »So widersprichst du doch dir selbst Du gibst sie in meine Hände und
erlaubst mir doch nicht mit ihnen nach meinem Gefallen zu verfahren«
    »Ich bitte dich mich richtig zu verstehen Indem ich der hier zu bestimmen
hat sie dir übergebe entscheide ich die Schuldfrage zu deinen Gunsten Du
warst gefangen und bist frei sie waren frei und sind nun gefangen Daran würden
tausend oder selbst zehntausend Beni Khalid nichts ändern können Sie sind dir
zugesprochen worden aber über ihre Bestrafung hast nicht du allein sondern
haben auch wir mit zu bestimmen weil du dich mit ihnen im Bereiche der
Haddedihn befindest und weil wir in Beziehung auf sie mit dem Scheik der Beni
Khalid Verpflichtungen eingegangen sind die wir erfüllen müssen weil man ein
einmal gegebenes Wort selbst seinem ärgsten Feinde zu halten hat Du sagtest
heut am Tage dass du die Absicht habest die Mekkaner falls du sie ereiltest
nach Meschhed Ali zu schaffen wo man sie wie mit Gewissheit vorauszusehen ist
am Leben strafen würde Wir aber haben mit Tawil Ben Schahid das Übereinkommen
getroffen dass um sie gekämpft werden solle und dabei versprochen dass ihnen
falls wir siegen an Leib und Leben nichts geschehen soll Um dieses unser
Versprechen mit deinen Absichten in Einklang zu bringen werden wir eine
Beratung abhalten an welcher drei Personen teilzunehmen haben«
    »Wer sind diese drei«
    »Das bin zunächst ich denn ich habe ja   «
    »Kutub kutub« fiel ich ihm da in die Rede
    Er musste sich doch einen Augenblick besinnen was ich mit diesem Zurufe
meine dann verbesserte er sich indem er mir lachend antwortete
    »Verzeih Sihdi du hast recht weil ich wieder mich zuerst genannt habe
Also die drei sind folgende Personen Zuerst unser Effendi dem ich durch diese
Ernennung zum Schiedsrichter meinen Dank dafür abstatte dass er meine Herrschaft
vorhin anerkannte Sodann du o Khutab Agha als Oberaufseher des Schatzes
welcher bestohlen worden ist Und zuletzt   hörst du Sihdi zuletzt ich
komme zuletzt   zu allerletzt ich als Scheik der Haddedihn in deren
Machtbereich ihr alle euch befindet Also wir drei werden beraten was geschehen
soll und was wir beschließen das wird dann ausgeführt kein Mensch soll uns
daran hindern«
    Da widersprach El Ghani zornig
    »Ihr habt nichts gar nichts zu beraten und zu bestimmen Die Sachen gehören
mir wie das mir gestohlene Verzeichnis beweist Bedenkt welche Macht ich in
Mekka besitze und   «
    »Sei still« unterbrach ihn der Scheik der Beni Khalid »Wer und was du in
Mekka bist das ist diesen Haddedihn hier doch sehr gleichgültig und deine
Drohungen sind also ganz unnütz Ich aber kann ganz anders sprechen weil das
was ich sage Grund und Nachdruck hat Ich bin zwar unvorsichtig gewesen als
ich vorhin die zwei Boten fortwies denn meine Krieger werden nun bis früh
warten dann aber kommen sie gewiss und dann wird es sich ja zeigen ob ein
Haddedihn es mit zwanzig von ihnen aufnimmt Außerdem haben wir die Soldaten
fest welche uns als Geiseln dienen Wird nur einem einzigen von uns ein Haar
gekrümmt so werden sie alle erschossen Das werden die drei mächtigen und
berühmten Männer welche es wagen wollen über uns zu Gericht zu sitzen wohl
bedenken müssen Der Beschluss den sie treffen werden kann uns also gar nicht
bange machen Außerdem ist abgemacht worden dass nicht nur um diese Soldaten
sondern auch um euch gekämpft werden soll Es kann euch also vor Austrag dieses
Zweikampfes nichts geschehen und da es gar keinem Zweifel unterliegt dass wir
Beni Khalid siegen werden so ist es für mich schon jetzt gewiss dass ihr ebenso
wie ich dann freigelassen werden müsst«
    Da fiel Halef spöttisch ein
    »Dein Scharfsinn ist unendlich groß Er reicht von hier bis zum Himmel
hinauf aber weil er seinen Kopf so hoch da oben hat kann er nicht sehen dass
diese Angelegenheit sich hier unten inzwischen ganz anders gestaltet hat
Zunächst hat kein Mensch gesagt dass auch um dich gekämpft werden soll du
bleibst also unser Gefangener wie immer das Ergebnis ausfallen wird Sodann
wurde unsere Vereinbarung getroffen als die Mekkaner sich noch in deinem
Schutze befanden sie sind jetzt in unserer Gewalt und so hat also unser
Abkommen soweit es sich auf sie bezieht keine Geltung mehr Oder hältst du uns
wirklich für so dumm um den Besitz von Sachen oder Personen zu kämpfen den wir
indessen schon auf andere Weise ergriffen haben«
    »Das wäre feig« brauste der Scheik auf »Wir würden es aller Welt
verkünden dass ihr euch vor uns fürchtet«
    »Darüber lache ich Verkünde es doch indem du unser Gefangener bist der
wahrscheinlich eine Kugel bekommt Auch irrst du dich gewaltig wenn du meinst
der Mann zu sein dessen Urteil über den Mut der Haddedihn massgebend sei Wir
sind fünfzig ihr aber zählt mehrere hundert Krieger dennoch liegt ihr
gefesselt hier bei uns Eure tapfern Beni Khalid sind vor dem Geiste
ausgerissen wir aber sind geblieben Wer hat da Mut und wer nicht Und was die
Soldaten betrifft so wird der Zweikampf natürlich nur dann über sie
entscheiden wenn sie sich zu der Zeit in welcher er beginnen soll noch in den
Händen der Beni Khalid befinden Merke dir genau was ich dir jetzt gesagt habe
denn um Leute welche ihr nicht mehr habt kann es keine Entscheidung geben
Damit bin ich einstweilen mit euch fertig Ich wünsche von jetzt an nicht mehr
von euch mit Worten belästigt zu werden Seht hier meine Peitsche Wer von euch
noch ein Wort sagt ohne dass ich ihn dazu auffordere dem wird sie den Mund
sofort schließen Dies ist ein Versprechen welches ich gewisslich halten werde
Wir haben mehr zu tun als uns so ganz unnützer Weise hier mit euch
herumzustreiten«
    Der Ton in welchem er dies sagte war so überzeugend dass sie von nun an
schwiegen Sein Verhalten hatte meine volle Billigung Ich freute mich über ihn
Seit ich die Entscheidung in seine Hand gelegt hatte war es als ob er ein ganz
anderer Mann geworden sei Er fühlte sich unabhängig von mir und das gab ihm
eine Sicherheit eine Ruhe welche von seiner sonstigen Leichterregbarkeit
wohltätig abstach So stellte er auch jetzt ohne mich vorher zu fragen einige
Haddedihn als Posten aus welche den Zweck hatten uns von einer etwaigen
Annäherung der Beni Khalid rechtzeitig zu unterrichten Der Brunnen wurde
untersucht der hinabgelassene Eimer schöpfte Wasser und so konnten wenigstens
so weit es jetzt reichte unsere Pferde und Kamele getränkt werden Während dies
geschah ging er zu Hanneh hinüber um ihr Bericht zu erstatten Wir hätten sie
gern herüber zu uns geholt aber da sich der Münedschi den wir noch
verheimlichen wollten unter ihrer Aufsicht befand so konnte dies für jetzt
noch nicht geschehen
    Kara Ben Halef überwachte die Arbeiten am Brunnen damit jedes Tier sein
Teil bekomme und ich machte einen Spaziergang um nachzusehen ob die Posten
sich so wie es ihrer Aufgabe entsprach aufgestellt hatten Unser
Zusammentreffen mit den Beni Khalid hatte sich jetzt verwickelter gestaltet als
es anfangs zu vermuten gewesen war doch zweifelte ich nicht daran dass die
Lösung eine für uns befriedigende sein werde Wir hatten ja immer Glück gehabt
und es gab keinen Grund anzunehmen dass es uns grad dieses Mal verlassen werde
 
 
                                Drittes Kapitel
                                        
                                    El Mizan
Grad als ich von meinem Gange zurückkehrte kam auch Halef wieder Als er mich
sah kam er auf mich zu und verhinderte mich dadurch ganz bis zum Feuer zu
gehen Er schien mir also etwas mitteilen zu wollen was für mich allein
bestimmt war
    »Sihdi« sagte er in geheimnisvollem Tone »du hast mir zwar erlaubt ganz
allein und selbständig zu bestimmen aber es liegt jetzt etwas vor was ich doch
nicht tun möchte ohne dich vorher gefragt zu haben«
    »Was ists« erkundigte ich mich
    »Du kennst doch meine Hanneh welche nicht nur die herrlichste unter allen
Erdenblumen ist sondern auch das klügste Köpfchen unter sämtlichen Köpfen aller
Menschen hat Das weißt du doch«
    »Allerdings«
    »Schön Wenn du das noch nicht wüsstest so würdest du es jetzt erfahren
erkennen einsehen zugeben und bestätigen müssen In diesem ihrem gescheiten
Köpfchen ist nämlich ein Plan entstanden welcher der vortrefflichste Plan aller
Pläne ist und mich geradezu begeistert hat Du stehst so still da Bist du nicht
begierig zu erfahren was ich meine«
    »Ich bin still weil ich es umso eher erfahre je weniger ich selbst rede
sondern dich sprechen lasse«
    »Dieser Plan betrifft nämlich die gefangenen Soldaten Wir haben uns von dem
Versprechen welches wir dem Scheik der Beni Khalid gaben in jeder Beziehung
unabhängig gemacht nur aber nicht in Betreff dieser Soldaten um deren
Befreiung noch erst gekämpft werden muss Dies wäre nicht nötig wenn es uns
gelänge sie jetzt während der Nacht den Beni Khalid durch List zu entführen
Bist du nicht auch dieser Meinung«
    »Ich gebe dir recht Ja ich gestehe sogar dass ich auch schon daran gedacht
habe Es gibt zwar eine sehr leichte Art und Weise sie loszumachen nämlich
indem wir sie gegen den Häuptling umtauschen worauf die Beni Khalid ja
gezwungen wären einzugehen aber da er schon einmal umgetauscht worden ist so
kommt mir diese Manipulation keineswegs sehr geistreich vor und ich   «
    Da fiel er mir rasch in die Rede
    »Geistreich geistreich Ja das ist das richtige Wort Sihdi Wir wollen
und wir müssen geistreich sein und ich sage dir dass wir es gar nicht zu sein
brauchen weil Hanneh die pfiffigste aller irdischen Pfiffigkeiten schon
geistreich für uns gewesen ist Wir haben es gar nicht nötig unsere hehren
Seelenkräfte anzustrengen weil diese doch immerhin belästigende Arbeit uns von
dem herrlichsten Gegenstande meiner Liebe und Verehrung welcher Hanneh heißt
abgenommen worden ist Ich ging vorhin zu ihr um ihr den Bericht zu erstatten
den ich als der Mann ihres Herzens ihr schuldig bin So erfuhr sie dass wir die
Soldaten noch nicht frei gemacht haben und also um sie kämpfen müssen Sie ist
mutig tapfer kühn und verwegen sowohl im Frieden wie auch im Streite sie
weiß dass wir uns nicht besiegen lassen würden und hat also nicht eine Spur von
Sorge oder gar Angst um uns aber als kluge Frau ist sie doch der ganz richtigen
Ansicht dass man wenn man die Wahl besitzt ganz denselben Erfolg durch List
oder durch Gewalt zu erreichen der List den Vorzug geben soll Und kaum hatte
sie diesen Gedanken ausgesprochen so war auch schon der Plan zur Ausführung in
ihrem lieben Köpfchen fertig Du wirst staunen staunen wenn du ihn erfährst«
    »Hoffentlich teilst du ihn mir noch im Verlaufe dieses Jahrhunderts mit«
    »Spotte nicht Bist du nicht gespannt darauf«
    »Sehr«
    »Ich war es auch außerordentlich sogar Und ich sage dir Als sie ihn mir
klargelegt hatte wusste ich dass ein solcher Entwurf nur aus einem weiblichen
Kopfe kommen könne und zwar aus dem weiblichen Kopfe meiner Hanneh deren
Scharfsinn über alle andern Scharfsinnigkeiten hoch erhaben ist«
    »So bitte ich dich mich an deinem Entzücken doch baldigst teilnehmen zu
lassen«
    »Das sollst du auch Effendi Gestatte mir nur erst die Frage Vor wem sind
die Beni Khalid vorhin ausgerissen«
    »Vor dem Münedschi weil sie ihn für ein Gespenst hielten«
    »Wie nun wenn ihnen dieser Geist jetzt wieder erschiene ganz plötzlich
erschiene«
    »Hm«
    »Du hmst dazu Ich dachte du würdest ganz entzückt davon sein«
    »Ist dies der Gedanke deiner Hanneh«
    »Ja Wie findest du ihn«
    »Hm«
    »Hmse nicht sondern sage es offen«
    »Er ist echt weiblich«
    »Nicht wahr Echt weiblich Grossartig ausgedacht und ungemein praktisch Der
Erfolg kann gar nicht ausbleiben sie reißen alle alle aus«
    »Meinst du das wirklich«
    »Bloß meinen Ich bin überzeugt vollständig überzeugt davon Also du
stimmst bei Es wird gemacht«
    »Langsam langsam lieber Halef Wer hat gesagt dass ich beistimme Ich
nicht«
    »Du hast das Gegenteil nicht getan und also beigestimmt Wir werden darum
den köstlichen Gedanken meiner Hanneh sofort zur Ausführung bringen«
    Schon hob er den Fuß um fortzugehen da hielt ich ihn fest und sagte
    »Nicht so schnell Halef Erlaube dass ich deine Begeisterung ein wenig
abkühle Wie nun wenn die Beni Khalid nicht ausreißen«
    »Sie reißen aus« behauptete er »Hanneh hat es gesagt und folglich tun
sie es Ich weiß zwar dass du ein vollständig nüchterner Mensch bist aber so
viel Phantasie besitzest du doch wohl dir ausmalen zu können welcher Schreck
sie erfasst wenn der Geist plötzlich abermals bei ihnen erscheint und zwar
mitten unter ihnen und mit brennenden Fackeln in den Händen«
    »Mit Fackeln«
    »Ja mit Fackeln aus Lef und Katran102 gefertigt Du weißt doch dass wir
welche mitgenommen haben um unterwegs wenn es nötig werden sollte das Lager
hell zu erleuchten«
    »Das weiß ich wohl Also mit Fackeln soll er erscheinen und ausreißen
werden sie Wenn sie nun da die Soldaten mitnehmen«
    »Mitnehmen Fällt ihnen gar nicht ein Ihr Schreck wird so groß sein dass
sie augenblicklich fortrennen ohne sich um sie zu bekümmern«
    »Und dann«
    »Dann machen wir die Soldaten schnell frei und gehen mit ihnen fort ehe die
Beni Khalid zurückkehren«
    »Dazu brauchen wir sehr lange Zeit«
    »Nein das geht sehr rasch«
    »Bedenke dass wir doch auch die Waffen die Kamele und alles was den
Soldaten gehört haben müssen«
    »Das dauert trotzdem nicht lange denn wir nehmen soviel Haddedihn mit wie
wir brauchen die bleiben natürlich im Dunkel der Nacht hinter dem Münedschi
bis der geeignete Augenblick gekommen ist«
    »Aber der Münedschi ist blind Er kann nicht geführt werden da sie zunächst
nur ihn sehen dürfen«
    »Wir stellen ihn so dass er nur geradeaus zu gehen hat Das ist doch nicht
schwer«
    »Wird er sich zu diesem Koup brauchen lassen«
    »Warum nicht Wir sagen ihm um was es sich handelt«
    »Das dürfen wir nicht«
    »Warum nicht«
    »Weil wir noch nicht wissen wie er sich von jetzt an zu den Mekkanern
seinen bisherigen Freunden stellen wird Hat er etwa alles gehört was du
Hanneh erzählt hast«
    »Nein gar nichts denn er befand sich wieder in seinem schlafähnlichen
Zustande aus welchem er infolge seiner Schwäche und Ermüdung nur zuweilen und
für kurze Minuten kommt In diesem Halbschlafe ist er als er zu uns beinahe an
das Feuer kam plötzlich aufgesprungen und so schnell fortgelaufen dass ihn
Hanneh gar nicht hat halten können aber ebenso rasch wiedergekommen um sich
niederzusetzen und weiterzuschlafen Er weiß also gar nicht wo wir sind und was
hier geschehen ist«
    »Wir wollen es ihm auch nicht sagen um zu vermeiden dass er im Gefühle
seiner Zugehörigkeit zu den Mekkanern vielleicht etwas sagt und tut was uns
hinderlich ist In seinem jetzigen Zustande ist er zur Ausführung von Hannehs
Plan unmöglich zu verwenden«
    »So warten wir bis er erwacht«
    »Womit willst du ihn dann dazu bringen den fackeltragenden Geist zu
spielen«
    »Sihdi das lass nur Hannehs Sorge sein Sie weiß jeder Sache einen Grund zu
geben und wenn dieser nicht ausreicht sogar mehrere und viele Gründe und wird
also auch hier zur rechten Zeit den richtigen Gedanken finden darauf kannst du
dich verlassen Und nun sag Stimmst du endlich bei«
    »Noch nicht«
    »Aber warum nicht«
    »Weil mir die Sache vorkommt als ob Kinder spielten sie ist kindlich
sogar kindisch und nicht so tapferen Kriegern angemessen wie unsere Haddedihn
doch jedenfalls sind Wir können unseren Zweck ja doch auf ganz andere uns
würdigere Weise erreichen«
    »Das gebe ich zu Sihdi aber diese andere Weise würde mir nicht gefallen
weil sie nicht der Klugheitstiefe meiner Hanneh entsprungen ist Ich bitte dich
doch einmal in den Brunnen ihrer Gedanken hinabzusteigen Sie hat einen so
köstlichen Plan ersonnen und nun soll er nicht ausgeführt werden Dass du diesen
Plan kindisch genannt hast das darf sie nie im Leben erfahren weil dies eine
Kränkung für sie wäre welche ihr Herz wohl gar nicht überstehen könnte Du musst
also schon um ihretwillen deine Genehmigung erteilen ohne dass ich dich darauf
aufmerksam zu machen brauche dass nach deinem eigenen Willen jetzt ich allein zu
bestimmen habe was geschehen soll Ja das hast du gesagt Und nun willst du
dich meiner Anordnung doch nicht fügen Ist das recht Ist das gut und schön von
dir«
    Da seine Appellation sich auf diese seiner Meinung nach gewichtigen Gründe
stützte beeilte ich mich zu antworten
    »Lieber Halef ich bleibe zwar bei meiner Ansicht will dich aber nicht
hindern den Versuch zu machen ob der großartige Plan deiner guten Hanneh
ausgeführt werden kann«
    »Ich danke dir Sihdi Wie wird sie sich freuen wenn sie erfährt dass du
eingewilligt hast Ich werde alles Nötige sogleich mit ihr besprechen und mich
dann beeilen es auszuführen«
    »Alles Nötige Was verstehst du darunter«
    »Was Das will ich eben mit ihr beraten«
    »Lieber Hadschi der Plan ist ihrem Köpfchen entsprungen die Ausführung
desselben aber lass Männersache sein Über das dabei Nötige ist unser Urteil
wohl nicht weniger genügend als das ihrige Ich werde natürlich auch mit dabei
sein Wir müssen zunächst vor allen Dingen wissen wo die Beni Khalid sind und
in welcher Weise sie sich gelagert haben Ich gehe sofort dies zu erforschen
und du wirst mich begleiten Komm«
    »Jetzt gleich« fragte er enttäuscht
    »Ja«
    »Du willst mit helfen«
    »Natürlich«
    »Aber Effendi es war uns ja eben darum zu tun diese Sache ohne deinen
Beistand auszuführen«
    »Das kann ich nicht zugeben Du sollst zwar bestimmen was zu geschehen hat
aber dass ich von der Erfüllung deiner Befehle ausgeschlossen sein soll davon
habe ich nichts gesagt Der Streich den du den Beni Khalid spielen willst hat
große Ähnlichkeit mit einem Knabenscherze kann aber sehr ernste und
beklagenswerte Folgen für uns haben Wenn ich trotzdem darauf eingehe so tue
ich das nur unter der Voraussetzung dass die Ausführung unter meinen Augen
geschieht Wenn du es nicht willst so verzichten wir ganz darauf und tauschen
die Soldaten gegen den Scheik aus Jetzt entscheide«
    »Sihdi du nimmst da meiner Hanneh die Butter von der Milch herunter aber
da ich einsehe dass ich dich nicht anders zu stimmen vermag so sollst du deinen
Willen haben Komm also jetzt ich gehe mit«
    Er war jetzt unzufrieden mit mir doch durfte mich das nicht beirren
Glücklich zwar ist der Mensch dem es gelungen ist seinen kindlichen Sinn mit
herüber in die ernsten Jahre zu retten aber der Ernst soll sich ihm nicht
unterzuordnen haben
    Wir gingen miteinander nach der Richtung in welcher wir die Beni Khalid
wussten Ich nahm an dass sie die Gegend gewählt hatten wo ich sie gegen Abend
ihre Fantasia hatte reiten sehen und es stellte sich heraus dass diese
Vermutung richtig war Sie hatten dort wohl noch Brennmaterial liegen gehabt
denn es brannten zwei Feuer zwar nur klein und nicht hell leuchtend aber sie
genügten für uns doch uns leichter zu orientieren als wir es ohne sie gekonnt
hätten
    Der Platz war von einigen Felsen flankiert welche unsere unbemerkte
Annäherung ermöglichten Indem wir einen von ihnen als Deckung benutzten und von
ihm aus unsere Beobachtungen machten gewannen wir folgendes Resultat Es war
zwar nicht hell genug die Beduinen einzeln unterscheiden und also zählen zu
können aber die Figuren ihrer Gruppen konnten wir erkennen Gleich vor unserem
Felsen lagerten die Kamele deren Sättel und Gepäckstücke unweit davon mehrere
wohlgeordnete Reihen bildeten Eine besondere kleine Abteilung von Kamelen war
nicht zu sehen woraus wir schlossen dass die Tiere der Soldaten bei den anderen
untergebracht worden waren Das musste es uns leider fast unmöglich machen sie
so schnell wie dies nötig war herauszufinden Links davon bildeten die an der
Erde liegenden Beduinen zwei halbmondförmige Gruppen deren Sichelspitzen gegen
einander gerichtet waren Dadurch hatte sich zwischen ihnen ein freier länglich
schmaler Platz ergeben an dessen Enden die Feuer brannten während in der Mitte
die Soldaten lagen welche gefesselt zu sein schienen Sehen konnten wir das
nicht genau Dass die Beduinen ihre Waffen bei sich hatten verstand sich von
selbst aber wo sich diejenigen der »bezahlten Krieger des Sultans« befanden
das konnten wir nicht entdecken Es stand mit ihnen also gerade so wie mit den
betreffenden Kamelen Bei der Schnelligkeit mit welcher unser Streich
auszuführen war fehlte es uns wahrscheinlich an der nötigen Zeit nach ihnen zu
suchen und sie mitzunehmen Als ich Halef diesen meinen Gedanken mitteilte
antwortete er
    »Ich finde keinen Grund unseren Vorsatz nicht dennoch auszuführen Die
Hauptsache ist die Befreiung der Soldaten Der Scheik der Beni Khalid pocht
darauf dass sie gefangen sind und ich freue mich schon jetzt auf sein
enttäuschtes Gesicht welches er uns zeigen wird wenn er sieht dass sie im
besten Wohlbefinden zu ihm kommen um ihm den höflichen Besuch der
hochachtungsvollen Zuneigung zu machen Ihre Waffen und Kamele und was ihnen
sonst noch alles gehört das muss man ihnen später doch herausgeben weil wir
sonst den Scheik nicht freilassen würden Ich bin vollständig überzeugt dass du
das einsiehst«
    »Und ich bin dir außerordentlich dankbar dass du mir den nötigen Scharfsinn
zutraust der zu dieser Einsicht erforderlich ist«
    »Oh bitte bitte Du machst mich stolz mit dieser deiner Dankbarkeit
Bleiben wir vielleicht noch länger hier«
    »Nein wir sind fertig Komm«
    Wir kehrten nach unserem Lagerplatz zurück und gingen da sogleich zu Hanneh
hinüber welche mit Spannung auf das Ergebnis ihres Vorschlags gewartet hatte
    »Der Effendi ist einverstanden« berichtete ihr Halef »vollständig
einverstanden Er war ganz entzückt als ich ihm den köstlichen Gedanken
mitteilte welcher der fruchtbaren Tiefe deines geistigen Vermögens entsprossen
ist Wir sind sofort gegangen um das Lager der Beni Khalid zu erspähen und
kehren nachdem uns dies gelungen ist zu dir zurück um dich um weitere
Erleuchtung zu ersuchen«
    Während er in dieser Weise meine widerstrebende Ansicht in eine begeistert
zustimmende verwandelte richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den Münedschi
von dessen Verhalten das Gelingen unseres Planes abhing Ich konnte hier in
dieser Dunkelheit sein Gesicht nicht deutlich erkennen aber seine im Sitzen
gerade Haltung und die Art und Weise wie er den Worten Halefs zuhörte sagten
mir dass er wach und geistig munter sei Dieses bestätigte sich durch die Worte
welche er als Halef gesprochen hatte an diesen richtete
    »Ich höre an deiner Stimme dass du Hadschi Halef bist der Scheik der
Haddedihn und ich habe erfahren dass ich mich hier bei Hanneh deinem Weibe
befinde Mein Ohr sagt mir dass jemand mit dir gekommen ist Wer ist das«
    »Es ist Hadschi Akil Schatir der Effendi aus dem Wadi Draha« antwortete
Halef
    »So nimm meinen Gruß Hadschi Akil Schatir Effendi Du hast Worte der
Freundschaft der Liebe und Barmherzigkeit mit mir gesprochen bevor und nachdem
ich Marrya deinen Schutzengel sah Ihr seid gut und hilfreich zu mir gewesen
dem armen verlassenen Blinden in der Wüste und so werde ich tun was ihr
verlangt und nicht nach dem Grunde dieses eures Wunsches fragen«
    »Welchen Wunsch meinst du« erkundigte ich mich
    »Hanneh bat mich in jede Hand eine brennende Fackel zu nehmen und langsamen
Schrittes ohne ein Wort zu sagen vorwärts zu gehen Sie versprach mir dass ich
die Ursache dieses Verlangens dann später erfahren werde jetzt dürfe man es mir
nicht mitteilen weil sonst die dabei gehegte Absicht sehr leicht zu verfehlen
sei Ich tue nie etwas ohne zu wissen warum ich es tue in diesem Falle aber
will ich gegen diesen Grundsatz handeln weil ich weiß wie sehr ich euch zur
Dankbarkeit verpflichtet bin«
    In diesen seinen Worten lag die indirekte Mitteilung dass Hanneh in ihrem
weiblichen Scharfsinne so vorsichtig gewesen war ihm über die Vorgänge der
letzten Stunden nichts mitzuteilen Das war gut Ebenso hätte es mich
befriedigt wenn sie das Verlangen von welchem er sprach noch nicht an ihn
gestellt sondern gewartet hätte bis sie unseres Einverständnisses sicher
gewesen wäre Sie war um eine Erklärung ihres Wunsches verlegen gewesen hatte
keine gefunden und sich so allein auf seinen guten Willen verlassen müssen Das
war mir nicht lieb konnte aber nun nicht geändert werden Jetzt sagte sie zu
mir
    »Du hörst Effendi dass ich alles wohl vorbereitet und eingeleitet habe und
da mir Halef sagt dass auch ihr fertig seid so brauchen wir mit dem Beginne
wohl nicht länger zu warten«
    Indem ich mich nicht fragte ob diese liebe Ungeduld des EwigWeiblichen
etwa eine spezielle Eigenschaft nur der Orientalinnen sei antwortete ich
    »Ja wir können sofort die Probe machen ob der Erfolg den du erwartest
sich einstellen wird«
    »Ich zweifle nicht daran Sihdi Wir können also gehen«
    »Wir Du meinst damit auch dich«
    »Ja Der Plan ist von mir und so möchte ich auch gern dabei sein wenn
meine Gedanken zur Wirklichkeit werden Hast du etwas dagegen«
    »Eigentlich ja Was wir vorhaben ist nicht Frauensache Aber ich will dich
nicht um das Vergnügen bringen auf welches du dich freust erwarte aber dass du
stets an meiner Seite bleibst«
    »Ich verspreche dir dies zu tun«
    »So besorg die Fackeln Halef Zehn Haddedihn bleiben mit Kara Ben Halef
hier zur Bewachung derer welche dort am Feuer liegen Die anderen gehen mit
uns sie nehmen die Gewehre nicht mit weil diese hinderlich sein würden doch
die Messer Ich habe meinen Stutzen welcher wohl genügen wird etwaigen Andrang
von uns fernzuhalten Ich mit dem Münedschi und du mit Hanneh wir gehen voraus
die andern folgen hinter uns und tun nichts weiter als das was wir ihnen
sagen«
    Diese Weisungen gab ich deshalb ohne die Mekkaner zu nennen weil der
Blinde noch nicht wissen durfte dass sie sich und gar als Gefangene bei uns
befanden Kurze Zeit darauf waren wir unterwegs
    Halef führte seine Hanneh ich den Münedschi am Arme die Haddedihn folgten
uns mit leisen Schritten Es war ein eigentümliches Unternehmen ich fühlte
etwas wie Scham in mir Die Anregung dazu hatte allerdings nur von einer Person
kommen können welche mit der Natur noch so direkt in Berührung stand wie eben
unsere Hanneh und dabei doch so schlau berechnend war wie sie Ihre Hoffnung
stand auf dem Aberglauben der Beni Khalid und da ich wusste wie groß er bei den
Beduinen im allgemeinen ist so hatte ich keinen Grund anzunehmen dass er grad
bei diesem Stamme kleiner sei
    Wir kamen ohne von irgend etwas auf oder abgehalten zu werden bei der
Stelle an von welcher aus ich vorhin mit Halef die Beduinen beobachtet hatte
und sahen dass keine Veränderung inzwischen eingetreten war Es bekam jeder
seine Weisung in Betreff dessen was von ihm gefordert wurde und ich muss sagen
dass es unter den Haddedihn keinen gab der die Sache als ernstaft oder gar als
gefährlich aufgenommen hätte sie machte vielmehr ihnen allen Spaß Sie stellten
sich hinter uns im Dunkeln auf den Augenblick erwartend an welchem sie den
Befehl zum Zuspringen erhalten würden Vor ihnen stand der Münedschi mit dem
Gesichte nicht etwa ganz genau dahin wohin er gehen sollte sondern ein wenig
nach rechts gerichtet Warum das Darum Wer sich in einem wegelosen Wald
verläuft und immer wieder an die Stelle kommt von welcher er ausgegangen ist
der weiß wohl kaum weshalb sein Weg einen Kreis bildete Ganz dasselbe kann
einem in der Wüste in der Prärie auf jeder pfadlosen Strecke begegnen wenn
die Sonne nicht scheint oder es keine Sterne gibt und man die Zeichen nicht
kennt aus denen die Himmelsrichtung zu ersehen ist Die Kreislinie welche man
läuft wird stets nach links gerichtet sein und zwar deshalb weil bei den
meisten Menschen der Schritt des rechten Fußes oder Beines ein wenig länger als
derjenige des linken ist Dadurch wird der Körper mehr und mehr nach links
gedreht während man doch überzeugt ist in schnurgerader Richtung zu gehen
Jeder Westmann jeder Beduine jeder mit der Wildnis vertraute Mensch weiß ganz
gut wie sehr schwer es ist auch nur eine halbe Stunde lang einen genau
linealen Weg zurückzulegen wenn die natürlichen Richtungszeichen fehlen
    Der Münedschi sollte nach dem ersten Feuer der Beni Khalid gehen Er war
blind und konnte es also nicht sehen Folglich stellte ich ihn nicht front zum
Feuer sondern ein ganz wenig nach rechts gedreht Die Folge zeigte dann dass
das ganz richtig gewesen war Er behielt diese Stellung die kurze Zeit bei
während welcher ich mit Halef hinter den Felsen ging um die beiden Fackeln
anzuzünden was sehr leicht und schnell geschah weil sie oben ausgefasert
waren Sobald sie brannten sprangen wir zu dem Münedschi zurück und gaben sie
ihm mit der Weisung in die Hände nun grad vorwärts zu gehen und sie schräg nach
oben damit kein Funke auf ihn fliege weit von sich abzuhalten Er tat das und
setzte sich langsamen Schrittes in Bewegung
    Diese Übergabe der Fackeln war natürlich so rasch geschehen dass der
Vorgang vom Lager der Beni Khalid aus nicht anders als ein plötzliches
Erscheinen zweier Lichter bemerkt werden konnte Obgleich der Schein dieser
beiden flackernden Flammen ein so beweglicher und darum ungewisser war dass
unsere Gestalten nicht von ihm fixiert werden konnten waren wir doch so
vorsichtig uns niederzuducken um die Möglichkeit dennoch gesehen zu werden
gänzlich auszuschliessen
    Zunächst hatte es den Anschein als ob der Blinde viel zu weit nach rechts
gehen werde was Halef zu der besorgten Bemerkung veranlasste
    »Sihdi er wird zwischen den Leuten und den Kamelen hindurchgehen und dies
bringt uns um die Hälfte des Erfolges Wenn alles so gelingen soll wie wir
wünschen müssen die Beni Khalid ihn genau auf sich zu kommen sehen und dies
ist leider nicht der Fall«
    »Diese Sorge ist unnötig« antwortete ich »Er wird sich allmählich nach
links wenden Pass nur auf«
    Und wie ich gesagt hatte so geschah es Die Linie welche er ging neigte
sich als ob unser Wunsch ihm Führer sei nach und nach dem uns am nächsten
liegenden Feuer der Beduinen zu Ich hatte also ganz richtig gerechnet
    Was die Beni Khalid betrifft so schienen ihnen die Flammen während der
ersten Augenblicke des Brennens entgangen zu sein aber noch hatte der Münedschi
nicht zwanzig Schritte getan so zeigte sich der Beginn der von uns erwarteten
Wirkung Wir hörten zunächst einige laute aufmerksam machende Rufe und sahen
dann dass die Beduinen aufsprangen Zwei so plötzlich in der Finsternis
auftauchende Flammen Was war das Was hatte das zu bedeuten Sie mochten dabei
wohl an uns an die Mekkaner und ihren Scheik denken aber aus welchem Grunde
konnte es einem von den genannten Leuten einfallen in dieser befremdenden Weise
vom Brunnen hierher zu kommen Sie standen still erwartungsvoll und stumm Je
mehr der Blinde sich ihnen näherte desto deutlicher wurde ihnen seine Gestalt
Seine hoch aufgerichtete Figur seine langsamen feierlichen Schritte verfehlten
ihren Eindruck nicht Sie wurden bestürzt Sein ehrwürdiges Gesicht sein
langer silberweiss glänzender Bart trat immer mehr hervor Dazu seine wallende
Kleidung welche weit mehr als ein europäischer Anzug geeignet war ihm ein
geisterhaftes Aussehen zu verleihen das bewegliche Flackern der Fackeln deren
düsterrot glühende Lichter mit hin und her huschenden Schatten wechselten als
ob er von tanzenden springenden und schleichenden Dschinnen103 umgeben und
begleitet werde   ihre Bestürzung wuchs und verwandelte sich in Furcht Jetzt
jetzt erkannten sie sein Gesicht und die Entscheidung ob wir unsere Absicht
erreichen würden oder nicht war gekommen Wenn sie ihre Angst bemeisterten und
ihn festnahmen hatten wir uns im höchsten Grade lächerlich gemacht und unsere
Angelegenheit verschlimmert anstatt verbessert
    Aufrichtig gestanden war ich beinahe überzeugt dass wir einen Misserfolg
haben würden nicht so aber die Haddedihn welche vor Spannung kaum zu atmen
wagten und bereit zum schnellen Vorwärtsspringen waren
    »Es gelingt es gelingt vortrefflich« raunte Halef seiner Hanneh und mir
zu »Sie haben solche Angst dass es mir ist als ob ich sie zittern sähe«
    »Ja es gelingt« stimmte sie bei »Wie schön dass ihr mich mitgenommen
habt Passt auf Nur noch einen Augenblick so werden sie die Flucht ergreifen«
    Ich zweifelte noch immer aber die »beste aller Frauen« sollte Recht
bekommen denn gerade jetzt ertönten von den Feuern her die Rufe
    »El Chajal el Chajal   das Gespenst das Gespenst Allah beschütze uns
Reisst aus reißt aus«
    Hierauf wurden alle vorhandenen Beine die nicht gefesselt waren so
energisch in Bewegung gesetzt dass wir nach nur einigen Sekunden keinen einzigen
Ben Khalid mehr sehen konnten Nun schnellten die Haddedihn vorwärts Halef an
ihrer Spitze ich folgte ihnen allerdings etwas langsam Hanneh sollte
eigentlich stehen bleiben war aber über das Gelingen ihres Planes so
entusiasmiert dass sie die gebotene weibliche Zurückhaltung ganz vergessend
sich auch in eilige Bewegung setzte mir zurufend
    »Mach schnell Effendi mach schnell Haltet den Münedschi auf sonst läuft
er grad in das Feuer hinein«
    
    Da diese Warnung nicht ganz unnötig war folgte ich ihr und erreichte den
Blinden so dass er kaum noch zehn oder zwölf Schritte zu tun brauchte um sein
bis zur Erde herabreichendes Gewand in Flammen zu setzen Als ich ihn angehalten
hatte war Hanneh auch schon da Ich nahm ihm die Fackeln aus den Händen
übergab ihn ihr und bat sie
    »Führe ihn fort dahin zurück wo wir gestanden haben Ihr dürft uns hier
nicht im Wege sein«
    »Aber Effendi ich will doch zusehen« entgegnete sie
    »Das ist unmöglich das geht nicht so wie du denkst Schau wie alle sich
beeilen Wir müssen schnell sein denn wenn die Beni Khalid sehen was hier
geschieht so kehren sie zurück und ihr beide könnt euch nicht so rasch
entfernen wie es notwendig ist Fort also fort Oder willst du uns zwingen
deinetwegen Blut zu vergießen«
    »Das nicht nein ich gehe schon«
    Sie nahm den Blinden bei der Hand und entfernte sich mit ihm Ich hatte
während ich mit ihr sprach die Fackeln natürlich mit den Griffen nach unten
so dass sie weiterbrannten in den Sand gesteckt und nahm den übergehängten
vielschüssigen Stutzen vor um die etwa zurückeilenden Beduinen durch ein ihnen
unbegreifliches Schnellfeuer abzuschrecken aber sie schienen so weit gelaufen
zu sein dass sie das was jetzt hier vorging wohl nicht genau sehen konnten
    Das erste was unsere Haddedihn taten war natürlich die Soldaten zu
befreien diese sprangen sobald sie nicht mehr gebunden waren auf
    »Nun möchten wir eure Kamele haben« sagte Halef zu ihnen »die sind aber in
der Dunkelheit nicht schnell genug herauszufinden«
    Es war ein Unteroffizier bei ihnen dieser antwortete
    »Wir wissen wo sie sind Es ist die erste Reihe dort am Felsen Die andern
Reihen gehören den Beni Khalid«
    »Und eure Waffen«
    »Sie stecken mit allem was man uns sonst noch abgenommen hat in dem
Felseneinschnitte am Brunnen wohin wir gleich nach unserer Gefangennahme
geschafft worden sind«
    Da erkundigte ich mich an Halefs Stelle
    »Seid ihr trotz der Dunkelheit imstande diesen Ort zu finden«
    »Ja«
    »So nehmt jetzt schnell eure Kamele und dann holt ihr auch diese Sachen
Hier sehe ich zwei Säcke mit Kameldünger zum Feuern liegen Nehmt sie mit Wir
brauchen sie«
    Sie taten das und suchten dann ihre Kamele auf Ich blieb mit Halef noch
eine kleine Weile stehen ohne dass sich ein zurückkehrender Ben Khalid sehen
ließ dann traten wir ihre Feuer aus nahmen jeder eine der noch brennenden
Fackeln und gingen zu Hanneh welche mit dem Münedschi wieder bei dem Felsen
stand Wir hatten nur ganz kurze Zeit zu warten bis die Soldaten mit ihren
Tieren bei uns waren Der Unteroffizier musste mir die Lage des
Felseneinschnittes beschreiben und da ich daraus entnahm dass man vom Brunnen
aus nicht dahin sehen konnte und uns also von dort aus niemand bemerken könne
brauchten wir die Fackeln nicht auszulöschen und zogen bei ihrem Scheine mit den
Kamelen diesem Ziele zu
    Die Stelle lag auf der dem Brunnen entgegengesetzten Seite nämlich nach
Westen er aber nach Osten Ich sah als wir dort ankamen das Gestein
auseinander treten und eine ziemlich tiefe aber nicht breite Kluft bilden in
welcher die Asaker104 mit den Fackeln verschwanden Sie kamen bald mit ihren
Sachen wieder und ich wies sie an sich an der Nordseite des Felsens zu lagern
und zu warten bis wir sie holen lassen würden aber nach Süd und West je einen
Posten auszustellen um falls die Beni Khalid ja noch während der Nacht
nachforschen sollten vor einer Überraschung durch sie sicher zu sein Ich
wollte Tawil Ben Schahids wegen die Soldaten nicht gleich mit nach dem Brunnen
nehmen weil ich es für besser hielt ihm ihre Befreiung jetzt noch zu
verschweigen Nach dieser Anordnung kehrten wir zu unserm Lager zurück trennten
uns aber vor demselben von Hanneh und dem Münedschi welche im Dunkeln und also
von unseren Gefangenen ungesehen nach ihrem Ruheplatz hinübergingen
    Der Perser war nicht mit uns gewesen Er saß mit Kara Ben Halef beisammen
und teilte uns mit dass El Ghani und Scheik Tawil sich während unserer
Abwesenheit außerordentlich widerspenstig benommen hätten und er es für das
Beste halte ihre an Frechheit grenzende Zuversicht dadurch herunterzustimmen
dass wir uns jetzt gleich anschickten in Beratung über die zu treffenden Strafen
zu treten
    »Ja das soll sofort geschehen« sagte der kleine gernfertige Hadschi »Je
eher die Strafe kommt desto länger wirkt sie und je länger sie wirkt desto
inniger wird man mit ihr bekannt und desto mehr liebt man sie«
    Da fiel der Scheik der Beni Khalid schnell ein
    »Von einer Strafe kann bei mir nur in dem Sinne die Rede sein dass ich euch
bestrafe aber nicht ihr mich«
    »Hast du schon vergessen dass du jetzt nicht sprechen sollst« wies Halef
ihn zurecht »Wenn du so herzlich wünschest nicht bestraft zu werden gut so
werden wir dir zu deinem Glücke nicht hinderlich sein sondern dir diesen Wunsch
sehr gern erfüllen Du wirst also nicht bestraft sondern belohnt werden und
zwar mit einer solchen Tracht von Prügeln dass sie gar nicht auf einmal auf
deine Haut zu bringen sind sondern wir sie in mehrere Portionen teilen müssen
Und wenn du noch einmal redest ohne um Erlaubnis zu fragen so sorge ich dafür
dass dir diese Belohnung verdoppelt wird«
    Er schlug dabei in sehr energischer und bezeichnender Weise auf den Griff
seiner Peitsche und da hielt der Scheik es denn doch für geraten still zu
sein Wir drei aber setzten uns zusammen um die zwar sehr einfach scheinende
aber doch höchst schwierig zu erledigende Angelegenheit mit einander zu
besprechen Dies geschah selbstverständlich in der Weise dass weder El Ghani
noch der Scheik etwas davon hörten
    Darüber dass der letztere straffrei ausgehen werde waren wir gleich anfangs
einig Um so mehr Bedenken verursachte uns der erstere mit seinen Begleitern
Khutab Agha hatte sie nach Meschhed Ali bringen wollen wo ihnen der Tod und
zwar kein gewöhnlicher gewiss gewesen wäre Das durften aber wir nicht zugeben
weil wir an unser dem Scheik gegebenes Versprechen gebunden waren Er erklärte
dass er darauf verzichte sie mitzunehmen aber diesen Ort hier nicht eher
verlassen werde als bis die Beraubung des Heiligtums in der strengsten Weise an
ihnen gerächt worden sei
    »Das ist ja eben das was wir leider nicht zusammenbringen können« klagte
Halef »Du verlangst die strengste Strafe also eine Bestrafung am Leib oder gar
am Leben und das ist gegen dieses unser Versprechen Hätte ich es doch nicht
gegeben«
    »Beruhige dich lieber Halef« warf ich ein »Dieser Fehler darf sich nicht
über Einsamkeit beklagen er befindet sich in guter Gesellschaft«
    »Soll das heißen dass ich auch noch andere gemacht habe«
    »Ja«
    »Welchen zum Beispiel«
    »Als der Scheik der Beni Khalid zum erstenmal unser Gefangener war hast du
als Auslösung gegen ihn nur hier unsern Freund Khutab Agha verlangt mir aber
hätte er auch die Soldaten geben müssen«
    »Die haben wir nun auch«
    »Ja nun Das ist aber keine Entschuldigung Doch lassen wir die Vorwürfe
weg Es handelt sich um eine strenge Bestrafung aber am Leibe nicht und am
Leben nicht Etwa an Hab und Gut Er hat ja nichts mit An der Ehre Er besitzt
keine Andere Strafarten die ich vorschlagen könnte erfordern Zeit lange
Zeit und die steht uns nicht zu Gebote Ich muss zu meiner Beschämung gestehen
dass ich keinen Rat weiß«
    »Ist das wahr Sihdi« fragte Halef schnell
    »Ja«
    »Du weißt keinen Rat wirklich keinen«
    »Wirklich«
    »Allah l Allah Mein Sihdi und Effendi weiß einmal keinen Rat Jetzt können
wir uns in die Teppiche des letzten Gebetes einnähen lassen denn der letzte Tag
bricht an«
    »Scherze nicht mir ist die Sache ernst« verwies ihn der Perser »Wenn ich
heimkehre ohne die Diebe mitzubringen so muss ich wenigstens sagen können dass
sie nach der Größe ihrer Missetat bestraft worden sind Euer Versprechen macht
mir dies aber unmöglich«
    »Zürne nicht« bat Halef »Es gibt bei jeder Verlegenheit einen Weg ihr zu
entgehen also auch bei dieser Es gehört zwar Klugheit dazu aber
glücklicherweise kenne ich den Ort wo ich sie zu suchen habe Was man im
Selamlük105 nicht findet das muss man im Harem106 suchen und da mein Effendi
keinen Rat weiß werde ich zu Hanneh gehen«
    Er sprang so schnell auf dass ich ihn nicht halten konnte und eilte fort
Er war vollständig überzeugt dass Hanneh helfen könne und auch helfen werde und
diese seine Überzeugung steckte mich an Richtig Als er schon nach kurzer Zeit
zurückkehrte nahm er seinen Sitz mit einem wonnevollen Lächeln wieder ein und
sagte
    »Ich habe mich nicht geirrt denn Hanneh der schlaue Inbegriff sämtlicher
Klugheiten war augenblicklich mit einer Auskunft da«
    Er sah uns erwartungsvoll an ob wir in Worte der Bewunderung ausbrechen
würden und als wir aber gar nichts sagten fragte er mich
    »Willst du denn nicht wissen was sie gesagt hat Sihdi«
    »Jawohl will ich es wissen«
    »Du fragst mich aber doch nicht«
    »Gut so frage ich dich jetzt Welches Mittel hat sie geraten«
    »Ihr Mittel heißt Bastonnade Ist das nicht großartig«
    »Findest du es so«
    »Natürlich Und du«
    »Nicht Du kannst doch sicher sein dass wir beide nämlich Khutab Agha und
ich auch schon an die Bastonnade gedacht haben«
    »Aber nicht in der richtigen Weise«
    »Wieso«
    »Ihr habt folgendermaßen gedacht Die Mekkaner dürfen nicht an Leib und
Leben gestraft werden die Bastonnade aber trifft den Leib und kann sogar wenn
der Hiebe zu viele fallen tödlich wirken folglich dürfen wir sie nicht in
Anwendung bringen Nicht wahr so waren eure Gedanken«
    »Wenigstens die meinigen ja«
    »Das ist aber falsch vollständig falsch Hanneh die scharfsinnigste aller
Frauen macht das viel besser Beantworte mir die Fragen die ich an ihrer
Stelle an dich richte Wenn die Bastonnade nicht tötet ist sie da eine Strafe
am Leben«
    »Nein«
    »Du ziehst die Pantoffel an die Füße sind sie da eine Bekleidung für den
Leib«
    »Eigentlich nicht«
    »Was eigentlich Du kannst die Pantoffel nicht an den Leib ziehen und wirst
sie auch nicht als Leibbinde anlegen Sie gehören nur an die Füße Weiter Wohin
bekommt man die Bastonnade«
    »Auf die Fusssohlen«
    »Wird da der Leib bestraft«
    »Ja denn die Füße sind ein Teil des Leibes«
    »Nein Sie sind ein Teil des menschlichen Körpers aber nicht des Leibes
Lautet aber unser Versprechen etwa so dass die Mekkaner nicht an Körper und
Leben bestraft werden sollen«
    »Nicht an Leib und Leben« antwortete ich sehr ernstaft obgleich seine Art
und Weise mich innerlich belustigte
    »Nun gut Hanneh hat also vollständig recht wenn sie sagt Wenn ihr ihm die
Bastonnade in der Weise gebt dass er nicht daran stirbt so handelt ihr nicht
gegen euer Versprechen denn er bekommt sie nicht auf den Leib sondern auf die
Sohlen seiner Füße welche zwar Teile des Körpers aber nicht des Leibes sind
Nun Effendi was denkst du nun Bewunderst du nicht die Folgerichtigkeit der
unübertrefflichen weiblichen Gedanken welche ich euch jetzt aus meinem
Tachtirwan herübergeholt habe«
    »Ja ich zolle ihnen meine Bewunderung«
    »Schön Da aber Bewunderung zugleich Anerkennung bedeutet so liegt in
diesen Worten die Zustimmung welche wohl auch du Khutab Agha mir nicht
verweigern wirst«
    Der Perser erteilte seine Einwilligung nur zu gern
    »Ich danke dir Hadschi Halef ich danke dir von ganzem Herzen Erst schien
es als ob diese verruchten Diebe sich hohnlächelnd hinter eurem Versprechen
verbergen könnten und ich hatte schon den stillen Entschluss gefasst sie auf
meine eigene Faust zu bestrafen was mir niemand verbieten kann weil ich mich
durch kein Versprechen verpflichtet habe ihnen nichts zu tun Um so mehr freut
es mich dass die Blume deines Herzens uns diese schöne und hochwillkommene
Erleuchtung gespendet hat und es kann mir gar nicht in den Sinn kommen mit
meiner Einwilligung auch nur einen Augenblick zu zögern Diese diebischen
Schänder des Heiligtums sind um so strafbarer als sie ihr Verbrechen als unsere
Gäste und Abgesandte des Grossscherifs begangen haben und es versteht sich darum
ganz von selbst dass wir uns nicht etwa für einen milden Grad der Bastonnade
entscheiden«
    »Das fällt uns nicht ein« stimmte Halef sehr gern bei »So viel wie
möglich das ist der Grundsatz welcher uns zu leiten hat wenn wir die Zahl der
Hiebe bestimmen«
    »Ganz recht so viel wie möglich Die meisten aber hat der Ghani zu
bekommen weil er der Urheber des Verbrechens und zugleich der boshafteste von
ihnen allen ist Da wir über diesen Punkt unter uns wohl sehr einig sind bitte
ich dich Hadschi Halef mir zu sagen welches Quantum du für jeden einzelnen
bestimmst«
    »Einzeln Hm Am liebsten wäre es mir wenn jeder einzelne die ganze Summe
bekäme weil da jeder das was er zu viel erhalten hat den andern zurückgeben
könnte was eine unaufhörliche Bastonnade zur Folge hätte Die Bestimmung
welche du von mir verlangst ist schwer zu treffen Möglichst viel aber Keiner
darf daran sterben Ich schlage also zunächst eine Probebastonnade vor durch
welche wir erfahren wieviel Hiebe jeder von ihnen aushalten kann Wenn wir das
dann wissen ist die Zahl der Schläge leichter zu bestimmen«
    »Das ist wohl wahr« lächelte der Perser »Leider aber würde dieser Versuch
uns um die eigentliche Vollstreckung bringen weil wir zu lange auf die Heilung
der Sohle warten müssten und dazu haben wir ja keine Zeit«
    »So nehmen wir die Probe gleich als Vollziehung und beschäftigen uns mit
jedem Paar der Sohlen so lange mit hingebender Aufmerksamkeit bis wir sehen
dass seine Zufriedenheit den höchsten Grad erreicht hat«
    »Das ist das einzig Richtige ich stimme bei«
    »Ich natürlich auch da es doch mein eigener Vorschlag ist Und du Sihdi
Was sagst du dazu«
    »Ich gebe auch meine Einwilligung« antwortete ich da dieses Urteil mir ein
Einschreiten immer offen ließ
    »Ich danke dir« nickte mir der Hadschi freundlich zu »Schon dachte ich du
würdest in deiner bekannten nur allzu oft geübten Milde deine Stimme gegen
diesen unsern ebenso gerechten wie weisen Beschluss erheben Wir sind also einig
und nun fragt es sich nur noch wann die Bestrafung vorgenommen werden soll Ich
stimme für jetzt gleich«
    »Ich auch« erklärte der Basch Nazyr
    »Ich nicht« sagte ich
    »Warum nicht« fragte Halef
    »Weil jetzt der nötige Effekt fehlen würde Ein Exempel muss am hellen Tage
und vor den Augen sämtlicher Krieger der Beni Khalid statuiert werden«
    »Das ist richtig ganz richtig außerordentlich richtig« belobte mich der
Hadschi ohne sich zu sagen dass mich ein heimlicher Grund zu diesem Vorschlage
veranlasst haben könne »Jetzt bist du so genau so wie ich mir meinen Effendi
immer wünsche Du bist zu meinem größten Leidwesen so oft der Meinung gewesen
dass man das Ebenbild Gottes nicht durch Prügel schänden und beleidigen dürfe
ich aber sage dir dass für einen Menschen der sich dieses Ebenbildes entäussert
hat grad nur die Prügel die allein richtige Bestrafung bilden Der Verbrecher
ist und bleibt im allgemeinen ein Mensch und so soll die Strafe menschlich
sein aber wenn zu seiner Tat sich noch besondere Unmenschlichkeiten gesellen
so ist der Stock die allein richtige Antwort darauf Es kommt auch auf die Art
und Weise an in welcher gegen das Gesetz gehandelt wird und ich bin überzeugt
dass viele viele Rohheiten Frechheiten und Schamlosigkeiten unterbleiben
würden wenn die Betreffenden überzeugt wären dass darauf die Prügel die
unbedingte und unvermeidliche Folge seien Ja wir warten bis früh weil da das
den Mekkanern gereichte Gericht durch die vielen auf sie gerichteten Augen die
verschönernde und verfeinernde Würze bekommt Aber dagegen wirst du doch nichts
haben dass ich ihnen schon jetzt mitteile wie freundlich wir für ihre
Morgenunterhaltung sorgen werden Ich setze sie durch diese zarte Rücksicht in
den Stand die lieblichen Wohlgeschmäcke der Bastonnade schon jetzt in Gedanken
mit Wonne vorauszugeniessen«
    »Das magst du tun ich will dich gar nicht hindern«
    Da erhob er sich von seinem Sitze was mir die Überzeugung gab dass er
beabsichtigte seine Mitteilung in eine schöne rhetorisch tadellose Form zu
kleiden Das war ja seine geliebte Spezialität Sich an die Mekkaner wendend
sprach er mit lauter Stimme um auch von Hanneh drüben gehört und verstanden zu
werden
    »Ihr habt den aus drei erlauchten Richtern bestehenden Ars odassi es Sahra
107 jetzt hier vor euch versammelt gesehen Diese edlen und erhabenen
Rechtsgelehrten vor denen es kein Ansehen der Personen und keinen
nachträglichen Justizmord gibt sind mit den Augen ihres Geistes und den
Blicken ihres Scharfsinnes in die moralischen Tiefen des von euch begangenen
Diebstahles eingedrungen Sie haben die Verworfenheit eurer Herzen die
Verwahrlosung eurer Seelen die Unzulässigkeit eurer Absichten und die große
Strafbarkeit der Ausführung so vollständig durchschaut und so vollkommen
erkannt dass eure Schuld in ihrem ganzen zur Rache fordernden Umfange vor ihnen
liegt Da jede Schuld also auch die eurige gesühnt werden muss und dieser
Gerichtshof dazu berufen ist nicht nur die Art und Weise sondern auch die Höhe
der durch euer Verbrechen herausgeforderten Strafe erst zu bestimmen und dann an
euch vollziehen zu lassen so neige ich mich in Freundlichkeit zu euch nieder
um euch den von uns gefällten Urteilsspruch zunächst vor die Füße und dann euch
in die Herzen zu legen Wir haben nämlich beschlossen euch das Andenken an die
Beraubung des Kanz el Ada so tief und unauslöschlich auf die Fusssohlen zu
zeichnen dass ihr euch nie darüber beklagen könnt für euer späteres Dasein
keine liebe Erinnerung daran von uns mitbekommen zu haben Da diese Eingrabung
der Denkzeichen bei Beginn des Morgens und im Beisein sämtlicher Krieger der
Beni Khalid von unserer Seite gewiss mit dem größten Nachdrucke vorgenommen wird
so sind wir überzeugt dass ihr sie dann von eurer Seite mit derjenigen Tiefe des
Verständnisses und des Gefühles entgegennehmen werdet welche unbedingt nötig
ist wenn unser dabei gehegter Wunsch in Erfüllung gehen soll auch später in
der Ferne mit euch und euren Gedanken in steter und ununterbrochen schöner
geistiger Beziehung zu bleiben«
    Hierauf machte er ihnen eine liebenswürdige Verbeugung und setzte sich dann
wieder nieder vollständig überzeugt dass er seine Sache gar nicht besser hätte
machen können
    Die Mekkaner waren zunächst still sie hatten den Eindruck des Gehörten erst
zu überwinden Nicht so aber der Scheik der Beni Khalid welcher ohne zu
berücksichtigen dass er in unsern Händen war zornig aufbrauste
    »Was fällt euch ein Ist etwa der Diebstahl der euch nur als Vorwand zur
Bereicherung dient schon erwiesen Und wäre dies der Fall so seid ihr doch am
allerwenigsten die Leute welche das Recht besitzen darüber abzuurteilen Auch
habt ihr euer Wort gegeben dass meinen Gastfreunden welche unter meinem Schutze
stehen nichts an Leib und Leben geschehen soll und wer sein Versprechen nicht
hält der ist ein Schurke Die Bastonnade ist auf alle Fälle unmöglich«
    Da antwortete Halef
    »Ich habe euch zwar verboten unaufgefordert zu sprechen will aber in
gnädiger Nachsicht meine Peitsche jetzt noch stecken lassen Wenn du von
Schurken redest so findest du sie nicht bei uns Wir halten unser Wort und
zwar ganz genau so wie es gelautet hat Mehr kannst und darfst du nicht
verlangen Die Bastonnade kommt auf die Fusssohle und wird nicht tödlich sein
hat also mit Leib und Leben nichts zu tun«
    »Das ist Lüge Der Fuß gehört zum Leibe«
    »Wenn dein Leib Sohlen hat so ist das eine Ausnahme welche ich ganz gern
achte du wirst also die Bastonnade nicht bekommen Die Mekkaner aber werden wir
sehr genau untersuchen Finden wir dass sie so wie gewöhnliche Menschen gebaut
sind und die Sohlen also nicht am Leibe sondern an den Füßen haben so sind sie
der ihnen bestimmten Strafe unbedingt verfallen«
    »Das sind Spitzfindigkeiten die ich mir verbitten muss Ich mache dich
darauf aufmerksam dass ich die Macht besitze meine Gäste in Schutz zu nehmen«
    »Wieso«
    »Denke an meine Krieger«
    »Sehr gern Grad jetzt denke ich an sie nämlich dass sie gegen uns machtlos
sind weil wir dich als Geisel haben«
    »Und an die Soldaten Ich lasse sie alle erschießen sobald nur ein einziger
meiner Gastfreunde Hiebe bekommt«
    Da bog sich Halef zu einem der in der Nähe sitzenden Haddedihn und gab ihm
einen leisen Befehl Da Halef mein Nachbar war so hörte ich die Worte der Mann
sollte die Soldaten holen welche dann hier bei uns zu bleiben hatten Zu
gleicher Zeit sah ich einen der ausgestellten Posten kommen Er meldete dass ein
Ben Khalid gekommen sei um seinem Scheike eine wichtige Nachricht zu bringen
Er sprach vorsichtigerweise mit so unterdrückter Stimme dass kein dazu
Unberufener seine Worte hörte Der Hadschi erteilte ihm die ebenso heimliche
Weisung
    »Sag dem Ben Khalid sein Scheik sei zornig darüber gewesen dass er gestört
werden solle er wünsche bis morgen früh in Ruhe gelassen zu werden es sei
hier alles in Ordnung und der Bote möge also wieder gehen«
    Der Haddedihn entfernte sich Inzwischen war den Mekkanern nun auch die
Sprache gekommen Sie wagten es Halefs Peitsche wegen zwar nicht ihre
Interjektionen direkt gegen uns zu richten sondern warfen sie Scheik Tawil zu
aber bestimmt waren diese Worte doch von uns gehört zu werden Da plötzlich
wurden sie still sie richteten ihre Blicke nach der westlichen Felsenecke um
welche jetzt der fortgeschickte Haddedihn mit den Soldaten kam Jeder von diesen
hatte das Gewehr geschultert und führte sein Kamel an der Leine
    Jetzt war es köstlich das Gesicht unseres kleinen Hadschi zu sehen welcher
mit kaum verhaltener Wonne den Eindruck beobachtete den das Erscheinen der
Asaker auf den Ben Khalid und die Mekkaner machte Diese waren still ganz still
und folgten mit vor Überraschung weit geöffneten Augen den Soldaten welche
nach der Stelle gingen die ihnen als die ihrige zum Lagern angedeutet wurde
    »Nun« fragte Halef endlich den Scheik »Du wolltest sie doch erschießen Da
sind sie Tue es«
    Da schrie ihn dieser im höchsten Grimme an
    »Jilan daknak  verflucht sei dein Bart Du bist ein Betrüger von innen und
von außen Ich mag mit dir nichts mehr zu schaffen haben«
    Wer die Vorliebe Halefs für seinen an Haaren allerdings sehr armen Bart
kennt der kann sich denken wie sehr er sich durch diesen Zuruf beleidigt
fühlte Er riss seine Peitsche heraus strich mit ihr pfeifend durch die Luft und
antwortete zornig
    »Das glaube ich dass du nichts mehr mit mir zu schaffen haben willst denn
du musst nun trotz deiner bergeshohen Dummheit doch einsehen dass du das Spiel
jetzt ganz verloren hast Was aber meinen Bart betrifft so hat ihn mir noch
niemand schänden dürfen den deinigen jedoch werde ich bei deinem nächsten
schmutzigen Worte dir mit der Kurbadsch so aus dem Gesichte holen dass auch kein
einziges Haar dort sitzen bleibt Wir sind mit euch vollständig fertig bis zum
Morgen Ihr lasst kein Wort mehr vernehmen sonst rede ich in der Sprache zu
euch die man nicht nur klatschen hört sondern auch mit dem Verstande und mit
der Haut zu gleicher Zeit versteht Versucht jetzt zu schlafen Nach dem
Erwachen wird euch der Morgengruß der Bastonnade«
    Diese an die Gefangenen gerichteten Worte konnten wir auch auf uns beziehen
da es nun wirklich Zeit zum Schlafen war Da galt es freilich uns gegen die
Beni Khalid sicher zu stellen und darum gab Halef in Beziehung auf den
Wachtdienst an welchem sich auch die Soldaten zu beteiligen hatten so
umfassende Befehle dass wir eine Überrumpelung nicht zu befürchten hatten
Feuermaterial war wenn sparsam damit umgegangen wurde zur Genüge vorhanden um
wenigstens einigermaßen Licht zu haben beim Tränken der Kamele welches
allerdings in Pausen für das Ansammeln des Wassers während der ganzen Nacht
fortgesetzt werden musste
    Wir drei Halef Kara und ich wollten nicht am Feuer bleiben sondern wir
holten unsere Pferde und führten sie zum Tachtirwan hinüber um zum Schutze für
Hanneh und den Münedschi uns dort niederzulegen Der Perser kam uns nach und
wir hatten natürlich nichts dagegen dass er bei uns blieb
    Selbstverständlich wurde das heutige Erlebnis erst noch gründlich
durchgesprochen Der Befriedigtste von uns allen war Khutab Agha Noch vor
kurzer Zeit ein Gefangener und mit geöffneten Adern dem Tode geweiht war er
jetzt frei befand sich im Besitze der geraubten Gegenstände und hatte dazu die
Gewissheit die Diebe streng bestraft zu sehen Das Paket lag natürlich bei ihm
denn es wäre ihm nicht eingefallen sich nur einen Augenblick davon zu trennen
    Zu erwähnen brauche ich wohl nicht dass Hanneh teils ihres Planes teils
auch ihrer Bastonnadenentscheidung wegen von Halef mit den wohlklingensten
Censuren bedacht wurde Sie nahm sie als ganz selbstverständlich weil
wohlverdient entgegen und zog sich dann befriedigt hinter die Vorhänge ihrer
Sänfte zurück Der Münedschi saß mit dem Rücken an den Felsen gelehnt und
schlief Für die Befriedigung seiner leiblichen Bedürfnisse hatte Hanneh während
des Abends gern gesorgt Speise war von ihm nur wenig Wasser aber öfters
genommen worden Dann hatte er den Fackelgang zu den Beni Khalid abgerechnet
die ganze Zeit in seinem eigentümlichen traumwachen Zustande und dabei fast
immer rauchend zugebracht Wie uns Hanneh am nächsten Tage berichtete war es
für sie nicht bequem gewesen ihm so oft Feuer zu geben Tabak und Kibritat108
hatte sie allerdings für ihn genug gehabt aber da das Aufleuchten der Hölzer
nicht zu uns hinüberscheinen durfte war sie gezwungen gewesen das Anbrennen
hinter der Sänfte vorzunehmen und da die ersten Züge immer selbst zu tun Auf
die Gefahr hin indiskret zu erscheinen will ich die hochverräterische
Bemerkung machen dass die Beduininnen im Anzünden eines Tschibuk nicht ganz
unbewandert sind und man von Hanneh in keiner Beziehung sagen konnte sie stehe
ihren Stammesgenossinnen nach Alt sehr alt und ganz durchsogen freilich war
die Pfeife des Blinden doch weiß ein von Mitleid erfülltes Frauenherz selbst
solche sagen wir einmal Malpropretäten zu überwinden
    Wie gewöhnlich vor dem Schlafengehen liebkoste ich meinen lieben Rappen
sagte ihm die gewohnte Sure ins Ohr und hüllte mich dann in den Haïk um
einzuschlafen Es sollte dieser Absicht jetzt noch nicht gelingen von Erfolg zu
sein denn als der wohlbekannte und vielbesungene Effendi Morpheus eben um den
Tachtirwan geschlichen kam um mir die Augen zuzudrücken begann der Münedschi
sich zu regen wobei er in eigentümlicher Weise vor sich hin sprach ungefähr so
 es gibt keinen besseren Vergleich  wie man die Stimme eines träumenden
Vogels hört Diesen leisen abgerissenen Lauten folgten die lauteren besser
zusammenhängenden Worte
    »Er ist da    Ja ich gehorche dir    ich sage es ihm    ich gehe
mit ihm    führe mich nur   «
    Er rückte von dem Felsen ab bewegte den Kopf wie suchend nach beiden Seiten
und fragte
    »Ist Akil Schatir Effendi da«
    »Ja hier liege ich« antwortete ich
    »Du liegst Willst du jetzt schlafen«
    »Ja«
    »Lass deine Seele jetzt nicht schlafen sondern wach sein Steigt ein Strahl
des Himmels nieder muss er dich gerüstet finden ihm dein Inneres zu öffnen und
ihn dankbar aufzunehmen«
    Wie klang das Das war gebundene Rede Es war seine Stimme und schien doch
nicht die seinige zu sein
    »Steh auf« fuhr er fort »und hilf auch mir empor Ich soll dich führen«
    »Wohin« fragte ich indem ich den Haïk von mir warf und mich erhob
    »Das weiß ich nicht frage nicht du wirst es sehen«
    Ich gab ihm die Hand und richtete ihn auf
    »Komm folge mir«
    Indem er diese Aufforderung aussprach ließ er meine Hand wieder los und
verließ den Platz und zwar nicht mit seinen gewöhnlichen suchenden sondern mit
zwar leisen aber dabei festen sicheren Schritten Die andern waren auch wieder
munter sie standen auf
    »Sihdi darf ich mit« fragte Halef leise
    »Ja«
    »Kara auch«
    »Nein«
    »Aber ich« fragte der Perser
    »Ich weiß es nicht es ist so sonderbar aber kommt ihr beide mit Kara muss
bei der Mutter bleiben«
    Der Münedschi ging uns voran ohne dass ihn jemand führte stracks von dem
Platze fort und in die Wüste hinaus Seine Haltung war aufrecht jeder seiner
Schritte gewiss und bestimmt als ob es einen gebahnten von Schranken
eingefassten Pfad gelte Es war ganz so als ob es nicht dunkle Nacht sondern
heller Tag und als ob er nicht blind sondern sehend sei Wir folgten ihm mit
Staunen
    So ging es weiter und weiter in ungefähr nördlicher Richtung grad auf die
nächste Felseninsel zu welche im leisen Scheine der Sterne tiefdunkel vor uns
lag Er wich ihr nicht aus und blieb auch nicht halten sondern stieg die
Steilung langsam aber so sicher empor wie ich der Sehende es wohl am hellen
Tage auch nicht sicherer hätte tun können dabei brauchte er zum Balancieren
nur die eine Hand die andere hielt er unausgesetzt so als ob jemand den wir
nicht sahen neben ihm hergehe und ihn an dieser Hand gefasst halte um ihn zu
führen Bei hohen Schritten schien es sogar so als ob er gezogen werde Das
konnte ich deutlich sehen weil ich mich gleich hinter ihm befand Halef und der
Perser folgten mir Das Überraschendste war dass wir drei in der Dunkelheit
öfters strauchelten der Blinde aber nicht Es führte nicht etwa ein Weg auch
nichts dem Ähnliches hinauf denn wohl noch nie hatte der Fuß eines Menschen
diese hohe Felsengruppe berührt Es gab Stellen an denen ich die Hände zu Hilfe
nehmen und mich festhalten musste ebenso meine beiden Begleiter der Münedschi
tat es nicht Es war mir unbegreiflich
    Oben angekommen blieben wir zunächst stehen um den vom Steigen schneller
gehenden Atem sich beruhigen zu lassen er nicht Er kniete nieder und betete
leise dies geschah nicht in der den Muhammedanern bei jedem Gebete
vorgeschriebenen Richtung nach Mekka sondern mit nach Süden gewendetem Gesicht
von ihm als Moslem eigentlich eine schwere Unterlassungssünde Als er sich
wieder aufgerichtet hatte deutete er auf eine kleine vor uns liegende
Felsenerhöhung und sagte
    »Setze dich auf diesen Stein Ich werde stehen bleiben denn nur der Leib
ermüdet der Geist aber kennt keine Verringerung seiner Kraft und nicht mein
Körper sondern meine Seele ists die du jetzt zu dir sprechen hören wirst«
    Ich folgte dieser Aufforderung und Halef und der Basch Nazyr ließ sich
auch und zwar eng neben mir nieder Hierauf stand er eine ganze Weile hoch
aufgerichtet und unbeweglich da den Kopf ein wenig zur Seite als ob er in die
Ferne lausche Wir befanden uns in einer ganz ungewöhnlichen Spannung der wir
aber keine Worte gaben denn in der ganzen Situation und wohl auch in uns selbst
lag Etwas was uns das Sprechen verbot Da begann er
    »Seid mir gegrüßt ihr Pilger dieser Erde gegrüßt in der Sprache dieser
eurer Welt Wenn ich zu euch in unserer Weise spräche ihr würdet nichts
vernehmen denn euer Ohr hat nur Empfängnis für den Schall durch Schwingungen
der Luft zu euch getragen wir aber sprechen nicht durch dieses Mittel und
unser Wort ist kein Geräusch ist Tat«
    Wir horchten höchst verwundert auf denn das war nicht die Stimme des
Münedschi sondern eine ganz andere Ich habe Verwandlungskünstler und
Stimmenimitatoren gesehen und gehört deren Leistungen gewiss vortrefflich waren
aber wohl keiner von ihnen hätte es fertig gebracht nicht nur seine Stimme
sondern auch den Ausdruck derselben so vollständig zu verändern wie es hier von
dem Münedschi geschah Hätte ich ihn nicht da vor mir stehen sehen ich wäre
überzeugt gewesen dass wir von einer ganz andern Person angesprochen würden Er
fuhr fort
    »Richtet eure Blicke empor zum Himmelszelt Über und hinter euch stehen die
Sterne des Herkules rechts der Adler und Delphin links die Schlange und vor
euch der Schlangenträger mit dem Ras Alhagua und hunderten von Welten von denen
ihr nur wenige als kleine Punkte erkennt Darüber hin zieht sich die Saman
oghrisi109 bestehend aus noch nie gezählten Himmeln deren jeder wieder in
andre neue Himmel führt So schaut ihr von euch aus nach allen Seiten hinaus und
hinein in Millionen und Milliarden Ewigkeiten und haltet eure kleine ach wie
beschränkte irdische Weisheit doch für klug genug den Herrn und Schöpfer dieser
Welten und Aeonen im letzten höchsten herrlichsten der Himmel zu entdecken
Ich sage euch es gibt keinen Himmel welcher der höchste der letzte ist Wie
diese Himmel alle doch nur einen einzigen bilden so ist der Herr auch nur in
diesem einen nicht in einem besonderen zu suchen und wenn ihr ihn nicht im
Mittelpunkte eures irdischen Firmamentes findet also hier bei euch selbst so
werdet ihr ihn dort in jenen Himmeln auch vergeblich suchen Ihr findet ihn
weder hier noch dort weil ihr die falschen Augen öffnet die richtigen aber
fest geschlossen haltet Ihr sucht ihn so wie ihr nach der Erkenntnis irdischer
Dinge trachtet nämlich mit den Augen eurer Wissenschaft die doch schon um nur
Irdisches zu sehen der Brille bedarf Die Augen des Glaubens aber welche nie
eines Glases bedürfen und bedürfen werden haltet ihr geschlossen«
    Er machte eine kurze Pause Bisher hatte er laut mit voller Stimme
gesprochen nun fuhr er wie wenn man so recht eindringlich und vertraulich
reden will in unterdrücktem Tone fort
    »Ich habe euch etwas HimmlischWichtiges zu sagen schenkt mir die
Aufmerksamkeit nicht nur eures Geistes sondern auch eures Herzens Ihr
unterscheidet am Menschen Leib Seele und Geist ihr sprecht von Kopf und Herz
vom Verstehen Fühlen Erkennen und Wollen von Vernunft Verstand und Gefühl
Könntet ihr euch sehen wie ich euch sehe indem mein Auge jede innerste Faser
eures Körpers und die verborgenste Regung eures Geistes eurer Seele
durchschaut so würde euch klar werden wie falsch alle diese Unterscheidungen
sind Der geistige Mensch kann nicht zergliedert werden wie der Körper er ist
nicht mit verschiedenen Kräften und Vermögen tätig wie der Körper es bald mit
den Armen den Beinen bald mit den Augen oder den Ohren ist Selbst wenn ihr
diese Tätigkeit nach ihren verschiedenen Weisen und Richtungen bezeichnet
bedient ihr euch falscher Namen Wie es keine Grenze zwischen Gottes Allmacht
Allweisheit und Allliebe gibt denn Gott ist Eins so sind auch bei seinem
Ebenbilde dem Menschen das Denken das Fühlen das Wollen nicht voneinander zu
trennen denn der geistige Mensch ist auch Eins Doch muss ich mich eurer Weise
anbequemen weil ihr mich sonst nicht verstehen würdet Hört und merkt euch
genau was ich euch jetzt sage    Der Mensch ward ein Pilger auf Erden um
ein Bürger des Himmels zu werden Er hat hier zu säen um dort ernten zu können
Er hat hier die Augen zu öffnen um dort sehend zu sein Er hat hier zu lernen
um dort zu bestehen Nach seiner Arbeit hier richtet sich dort sein Lohn denn
seine Werke folgen ihm ins Jenseits nach die guten sowohl wie auch die bösen
und wer hier seiner Trägheit fröhnt und nicht rastlos und unausgesetzt für den
Himmel wirkt der tritt in jenes Leben mit leeren Händen ein und wird
zurückgewiesen werden Sprecht ja nicht in eurer Bequemlichkeit Ich hüte mich
ja Böses zu tun und muss also selig werden Wer so sich nur hütet von der
Arbeit nicht beschmutzt zu werden wer so hier nur von Gottes Gnade lebt wie ein
fauler Sohn vom Reichtume seines Vaters der erwirbt nichts für die Ewigkeit und
tritt dereinst als Bettler vor Gottes Thron Am Jenseits aber wird der Bettler
abgewiesen denn wer das Mitleid Gottes hier verbrauchte dem bleibt nichts
davon für den Himmel übrig So ist also das Erdenleben eine Vorbereitung auf das
große einstige Examen Das Zelt welches du als Pilger hier aufschlägst es sei
dir ein Kalyb110 des Hauses welches dich in jenem Leben erwartet Du darfst
nicht nur nein du sollst sogar dir dieses Zelt so fest und sicher wie möglich
bauen du sollst es schmücken und verschönern mit den Gaben welche dir
verliehen sind Du sollst die Erde mit allem was sie trägt und bietet kennen
lernen du sollst die Kräfte mit denen und die Gesetze nach denen Gott hier
waltet wohl mit Fleiß studieren du sollst die Erscheinungen der irdischen
Natur und die Entwickelung des Menschengeschlechtes mit steter Aufmerksamkeit
verfolgen und ja nicht versäumen auch deinen Teil für den auf das Glück dieses
Geschlechtes gerichteten Fortschritt beizutragen aber du darfst dabei nie
vergessen dass du hier eben nur in einem Zelte wohnst welches Gott der Herr
von Augenblick zu Augenblick abbrechen kann um dich hinauf ins ewig feste Haus
ins Vaterhaus zu rufen«
    Er machte hier wieder eine Pause während welcher er leise vor sich
hinflüsterte als ob er mit jemand spreche den wir nicht sehen und nicht hören
konnten Dann sagte er wieder laut
    »So ist also deine Tätigkeit geteilt zwischen hier und dort du hast nach
irdischer Erkenntnis und nach himmlischer zu trachten die irdische brauchst du
für nur kurze Zeit die himmlische aber für die Ewigkeit diese letztere ist
also unendlich wichtiger als die erstere Ihr aber handelt in trauriger
Verblendung grad umgekehrt Ihr arbeitet als ob die Erde und euer hiesiges
Leben mit ihr von ewiger Dauer das Jenseits aber nur der vergängliche
trügerische Traum eines kurzen Schlummers sei Und wer oder was ist schuld
daran Nur diese eure Verblendung welche euch verhindert einzusehen dass es
zweierlei Erkenntnis gibt Zur Erkenntnis des Irdischen führt euch die
Wissenschaft die Erkenntnis des Jenseits bietet euch nur der Glaube Jeder
einzelne Gelehrte ist stolz auf seine kleine irdische Wissenschaft und der
Stolz aller Gelehrten die es gab und gibt zusammengenommen lieferte das
Material zu einer Mauer der Einbildung und Überhebung mit welcher ihr euch
umgeben und eingeschlossen habt Hinter dieser Mauer sitzt ihr als Gefangene
eurer Wissenschaft und könnt nun nicht mehr über sie die immer höher steigt
hinweg und hinaus ins Weite blicken Das kleine runde Stück Himmel welches ihr
über euch noch sehen könnt imponiert euch nicht weil es eurer Gelehrsamkeit ja
so leicht wird die Luft da oben in Stick und Sauerstoff und das darin
flutende Licht mit einem Stückchen Glas in Farben zu zerlegen Seht doch ein
dass dies auch noch zur irdischen Erkenntnis gehört und mit der himmlischen nicht
im geringsten in Beziehung steht Und wenn es euch gelänge die Sonne und alle
Planeten welche sie umkreisen bis auf ihre Mittelpunkte zu erforschen so
würde das noch kein einziger Schritt zur Erkenntnis des Jenseits sein Steigt
mit eurer Wissenschaft noch über die Bahn der Sonne hinaus um noch fernere
Sonnen fernere Welten zu berechnen es wird euch wohl auch das gelingen aber
ihr habt es doch nur immer mit Stoff und Kraft zu tun die Seele bleibt euch
unerforscht Vor dem Jenseits sinkt eure Wissenschaft eure Gelehrsamkeit in
sich zusammen denn hier handelt es sich nicht um die irdische sondern um die
himmlische Erkenntnis zu welcher nur der Glaube führt Wisst ihr was Glaube
ist«
    Er sprach diese Frage in verstärktem aufforderndem Tone aus und richtete
das Gesicht zu uns nieder als ob er eine Antwort erwarte Ich sagte darum
obgleich ich nicht wusste ob ich ihn unterbrechen dürfe oder nicht
    »Der Glaube ist das geistliche Sehen dessen was das körperliche Auge nicht
sieht«
    Er gab weder eine Zustimmung noch einen Widerspruch sondern sprach als ob
er meine Worte nicht gehört habe weiter
    »Dieses Wort hat bei euch nicht die volle Bedeutung des Begriffes den es
ausdrücken soll Für das was der Glaube ist hat keine Erdensprache das
richtige den ganzen Sinn umfassende Wort Das Wort Glaube bezeichnet bei euch
eine Zuversicht ohne den tatsächlichen Beweis aber bei denen die nicht in
irdischen Leibern wohnen bedeutet der Glaube eine jeden Irrtum ausschliessende
Überzeugung welche auf der innigsten Vereinigung des Glaubenden mit dem
Gegenstande des Glaubens beruht und darum nicht das Ergebnis eines auch nur eine
Erdensekunde langen oder gar Jahrhunderte in Anspruch nehmenden Forschens ist
Darum steht der Glaube so unendlich hoch über der Wissenschaft Könnte ich euch
ein Beispiel geben euch dies zu erklären Hier sitzest du Hadschi Halef Omar
vor mir Die Geliebte deines Herzens Hanneh ist dein Weib Glaubst du das«
    Der kleine Hadschi war so ganz Ohr dass er sich zusammenraffen musste um zu
antworten
    »Natürlich ist sie es«
    »Sie wohnt bei dir sie isst und trinkt mit dir sie sorgt für dich sie
reitet jetzt mit dir durch die Wüste Ist sie wirklich dein Weib«
    »Alla lAllah Wehe dem der mir das nicht glauben wollte wenn ich es ihm
sagte«
    »Du glaubst es das heißt du weißt es Keine Wirklichkeit steht für dich so
sicher so untrüglich bewiesen da wie diese Da aber kommt der Kadi111 und
fordert von dir Beweise Du musst ihm nachweisen wann und wo ihr geboren seid
wer eure Eltern waren welchem Glauben ihr angehört wessen Untertanen ihr euch
nennt und an welchem Orte zu welcher Zeit und vor welchen Zeugen ihr euch zu
diesem Bunde vereinigt habt«
    »Er soll nur wagen zu kommen Er muss glauben dass   «
    »Sprich nicht vom Glauben bei ihm« unterbrach ihn der Münedschi »Das
Überzeugtsein nach solchen Beweisen ist nicht Glaube zu nennen und hat vor dir
keinen Wert Deine Hanneh war das Beispiel welches ich euch zeigen wollte Du
bist der Glaube der Kadi ist die Wissenschaft Der Gläubige ist in inniger
Liebe mit Gott verbunden er kennt ihn er lebt in ihm er wirkt durch ihn und
mit ihm Die Wissenschaft verlangt von Gott einen ausführlichen Urkundenbeweis
sie sieht ihn nicht sie hört ihn nicht sie fühlt ihn nicht weil sie über das
Irdische nicht hinüber kann und dringt über die Mauer ja einmal ein Hauch des
Himmels herein dessen Ursprung der Gelehrte nicht zu erkennen vermag so
spricht er in seiner Verlegenheit von einer Wissenschaft des Verborgenen112
Aber was ihm verborgen ist das ist dem Gläubigen offenbar denn mag die
Wissenschaft behaupten sie allein könne sehen es gibt noch ganz andere Augen
als die ihrigen klare helle scharfe Augen die nie und nimmer altern die
ohne Brille im kleinen Sonnenstäubchen und ohne Fernrohr in den unmessbaren
Welten das beglückende Wort der Offenbarung Gottes lesen Wie viel solche Augen
aber gibt es unter den Millionen Menschen welche auf Erden wandeln Es sind
seit dem Dasein eures Geschlechtes tausend Generationen gekommen und wieder
gegangen der Glaube war für sie das Wort welches er noch heut bei euch ist
Verschwindend nur ist die Zahl derer für die er das ist was er sein soll Er
wurde nicht geübt Das Organ aber welches man nicht übt wird schwächer und
immer schwächer in dieser Schwachheit vererbt und dann noch weniger beachtet
verschwindet es mehr und mehr und endlich kommt ein Geschlecht dem es gänzlich
mangelt und fehlt Die Wissenschaft die Erkenntnis des Irdischen wurde
bevorzugt seit uralten Zeiten Darum entwickelte sie sich mehr und mehr
Unzählig sind die welche ihr dienten welche sie nährten und pflegten in
unausgesetzter Arbeit bei Tag und bei Nacht So wuchs sie empor zur Riesin
welche hinaufgreift sogar nach den Sternen Nun wird sie die trotz dieser Größe
von Mauern Umgebene von ihren Jüngern noch höher gehalten als Gott Die
Erkenntnis des Himmlischen fand nicht dieselbe Pflege denn zu üben was sie
verlangte das hielt man für zu schwer Ja Kinder Gottes gab es in Scharen
aber die sich so nannten die waren es nicht Zuweilen wohl tauchte hier oder
dort der lebendige Glaube auf dann ging auch sogleich eine Kraft von ihm aus
welche Ströme von Segen spendete Doch kaum war er mächtig geworden so machte
man ihn wieder zum Worte zum Wahlspruch für irdische Zwecke zur blutigen
Fahnendevise die man von Schlacht zu Schlacht schleppte bis er zusammenbrach
Der Wissenschaft gönnte man Frieden obwohl sie dem Menschen die Werkzeuge des
Kampfes verfertigte den Glauben aber den friedlichen Sohn des Himmels der die
Liebe die Versöhnung predigte verwandelte man in das Zerrbild seiner selbst
kleidete ihn in das Gewand des Hasses und nahm ihn zum Vorwand des Kampfes bis
auf den heutigen Tag So hat man aus dem Worte Glaube allerdings nicht aus ihm
selbst das Gegenteil gemacht von dem was er ist und für die Menschheit sein
soll und schüttelt höhnisch lächelnd den Kopf wenn jemand sich unterfängt zu
behaupten er führe zur höchsten Erkenntnis und sei der einzige Weg zur
Wahrheit Aber der Allweise gab ewige Gesetze die stetig bestehen und wirken
die nimmer aufhören auch eure verehrten Kräfte und Stoffe zu lenken und zu
beherrschen und diese Gesetze verbürgen dem Glauben den einstigen Sieg Nehmt
euch nur seiner an wie ihr euch der Wissenschaft angenommen habt Widmet ihm
denselben Fleiß dieselbe Arbeit und Tatkraft die von jeher auf sie verwendet
wurden und ihr werdet sehr bald erkennen dass er stärker und mächtiger ist als
sie Denn die Wissenschaft ist das Ergebnis nur menschlichen Strebens der
Glaube aber ist göttlichen Geschlechtes sie belehrt euch über das Wesen und die
Wechselwirkungen der Stoffe er aber lässt euch Gott schauen und führt euch zur
Gemeinschaft mit ihm Denkt ja nicht sie beherrsche mehr Gebiete als er Im
unendlichen Reiche des Glaubens gibt es mehr Provinzen als in ihrem
vergänglichen Bezirke nur liegen die ihrigen dem irdischen Sinne näher als die
seinigen die ihrigen stehen in euren Büchern schon verzeichnet die seinigen
sind noch zu entdecken Wenn ihr an der Erforschung dieser himmlischen Gebiete
in treuer Begeisterung arbeitet so schärft ihr die seelischen Augen welche
bisher geschlossen waren es wächst ihre Übung im Erkennen und bald werden sie
dann schauen was jetzt für sie noch im Verborgenen liegt Die Menschheit ist
wohlgeübt in irdischen Dingen aber in himmlischen nicht Bindet einen eurer
Füße herauf fest an den Körper und bewegt euch hinfort auf dem andern der
gefesselte wird nach und nach steif wird verdorren und euch schließlich seinen
Dienst wenn ihr ihn braucht versagen So humpelt und springt der Mensch jetzt
einbeinig durchs Leben nur für den irdischen Wandel gerüstet fehlt ihm für den
Pfad zum Jenseits der Fuß Darum übt euch im Gehen auf diesem himmlischen Wege
er ist nicht so schwierig und eintönig wie ihr meint Führt er auch anfangs
über raue steinige Strecken so kommt ihr doch bald durch Gefilde wie sie
euch so herrlich der andere niemals kann bieten und aufgehen wird euch dann
weiter und mehr die erhabene strahlende Pracht die jenseits des Zweifels dem
gläubigen Blick sich erschliesst Ihr sollt euch ja freuen über das auf der Erde
für die Erde Errungene denn der Kampf mit dem Leben und der Erfolg geistigen
Forschens stählen auch die seelische Kraft Doch bietet der Weg nach dem
Jenseits euch noch höhere Freuden die sich dann am Ziele vergrößern zur
seligen ewigen Wonne Zwei Pflichten also sind es zu deren Erfüllung euch der
Herr berufen hat Ihr sollt mit allen euch gegebenen Kräften für das Diesseits
und für das Jenseits wirken Doch sind diese Pflichten eigentlich nicht zwei
sondern nur eine Ihr sollt im Diesseits für das Jenseits wirken Und wie wenig
ist das doch bisher geschehen Das Diesseits nahm die Tätigkeit des Menschen so
für sich gefangen dass er jetzt nach einer Reihe von Jahrtausenden noch am
Beginne des Himmelspfades steht und nicht einmal Es Setschme den Ort der
Sichtung kennt der zwischen dem Augenblicke des Sterbens und dem Tore der
Himmel sich befindet Ich schaue in eure Herzen und sehe in ihnen das Verlangen
nach dem Lichte jener Welt Zwar darf ich euch nicht jene Sphären zeigen in
denen Gott mit seinen Seligen wohnt denn vor dem Glanz der Herrlichkeit dort
oben würde euer Auge gleich bei dem ersten Blick erblinden aber nach diesem Ort
der Sichtung nach diesem Vorhof kann ich eure Seelen führen Ihr sollt euch
meiner Führung anvertrauen und eine kleine Erdenstunde lang am offenen Jenseits
stehen Was ihr dort seht merkts euch fürs ganze Leben Ich tue es um euch
eine Ahnung dessen zu geben was der Glaube den ich meine und für den ihr nicht
das rechte Wort besitzt zu sehen und zu erreichen vermag während selbst eurer
höchsten Gelehrsamkeit dort der Zutritt streng und für ewig verboten ist Denn
sage ich euch am Tage des Gerichtes welcher für die Verstorbenen eher beginnt
und länger währt als ihr hier unten denkt wird niemand über den Reichtum
seines Geistes sondern ein jeder nur über die Schätze seines Herzens
Rechenschaft abzulegen haben Es wird nicht zwischen gebildet oder ungebildet
sondern nur zwischen gut oder bös zwischen Liebe und Lieblosigkeit
unterschieden Ich werde jetzt meinem Freund durch den ich zu euch spreche
zeigen was ihr wissen sollt er sagt es euch und wenn ihr etwas nicht
versteht so dürft ihr fragen doch Erkundigungen irdischer Neugierde werden
unbeantwortet bleiben«
    Es ist unmöglich die Stimmung zu beschreiben in welcher ich mich jetzt
befand Über uns der mit einem nicht eigentlich sicht aber doch wahrnehmbaren
Schleier bedeckte Himmel an welchem nur die Sterne bis mit vierter Größe zu
sehen waren um uns die im unzureichenden Scheine dieser Sterne liegende Wüste
mit ihrer geheimnisvollen Verschwiegenheit vor uns der rätselhafte Mann der
für das Diesseits blind war aber für das Jenseits sehend zu sein behauptete
und in uns die Ahnung der Enthüllung und Beleuchtung einer bisher unerforschten
Dunkelheit Aber wo lag dieser »Ort de Sichtung« von welchem wir gehört hatten
Wirklich und wahrhaftig im Jenseits oder in der Einbildung eines
phantastischen vielleicht gar geisteskranken Menschen Worauf würden wir die
versprochene Aufklärung zu beziehen haben Auf einen der höchsten und
wichtigsten unserer Glaubenssätze oder auf die Träumereien und Truggebilde eines
hirn und nervenleidenden Muhammedaners Ich war im höchsten Grade gespannt und
Halef und der Perser waren dies nicht weniger als ich denn ihnen als Orientalen
war für solche Situationen wohl mehr Empfänglichkeit gegeben als mir dem
weniger glühend fühlenden und kälter denkenden Europäer
    »So komm Ich führe dich« hörten wir jetzt den Münedschi mit der
bisherigen fremdartigen Stimme sagen und mit seiner eigenen ganz anders
klingenden antwortete er hierauf »Ich folge dir Ben Nur der du ein Engel
Allahs und der Lehrer meiner Seele bist«
    Es sei mir um das nun Folgende leichter verständlich zu machen erlaubt
diesen von mir nur in der Einbildung existierend gehaltenen Ben Nur von dem
Münedschi zu unterscheiden Zwar war es natürlich nur der Blinde welcher
sprach aber das was wir hörten war ein Gespräch zwischen zwei Personen deren
Stimmen so verschieden klangen dass wir bei geschlossenen Augen auf die
Anwesenheit zweier Menschen außer uns geschworen hätten wenn die Gewissheit
nicht dagewesen wäre dass es nur allein der Münedschi sei
    Es verging eine Zeit während welcher wir um das sich vor uns Entwickelnde
ja durch keinen Hauch zu stören nur leise zu atmen wagten Einmal hörten wir
den Blinden mit seiner eigenen ängstlich klingenden Stimme »Halte mich oh
halte mich« sagen dann war es wieder still Er stand wie von Anfang an hoch
aufgerichtet da die eine Hand nach der Seite erhoben als ob er an ihr geleitet
werde Da ließ er sie sinken als ob niemand mehr sie halte strich sich mit der
andern über das Gesicht und bewegte den Kopf wie jemand der staunend um sich
blickt
    »Wir sind angekommen Nun bleib an meiner Seite stehen und sag was du
erblickst Fürchte dich vor nichts denn ich bin bei dir und niemand darf sich
uns nahen«
    Das sagte der Blinde mit Ben Nurs Stimme worauf er mit seiner eigenen
erwiderte
    »Ich fürchte mich nicht denn du hast mir schon oft Furchtbares gezeigt
ohne dass es mir schadete Ich weiß also dass ich bei dir sicher bin«
    Er schaute wieder mit zwar geschlossenen Augen aber sehr lebhaften
Kopfbewegungen um sich und sagte dann
    »Welch ein Wunder Wohin hast du mich geführt Ich sehe Gegenstände und
Menschen die doch keine Gegenstände und Menschen sind Es ist alles so
gestaltet und es bewegt sich alles so wie auf der Erde und doch bin ich der
vollen Überzeugung dass nichts hier irdisch ist«
    »Sag nur was du siehst dann werde ich es dir erklären« gebot die andere
Stimme also der sogenannte Ben Nur
    Hierauf erhob der Münedschi die Arme um alles was wir nun hörten mit
verdeutlichenden Bewegungen derselben zu begleiten und fuhr fort
    »Ich stehe auf einem hohen breiten Steine ganz allein mit dir« sagte er
»Hinter uns dehnt sich eine Mauer deren Höhe und deren Enden ich nicht erkennen
kann Sie hat viele viele enge niedrige Oeffnungen durch welche immerfort
Menschen erscheinen und auf uns zukommen um sich vor uns zu einem breiten
Heereszuge zu vereinen«
    »Das ist El Widah113 die Mauer an deren andern Seite das Erdenleben endet
indem es zu einer dieser Türen führt vor denen kein Sterblicher stehen bleiben
oder gar umkehren kann außer Gott erlaubt es ihm Sprich weiter«
    »Es liegt ein weites ebenes ödes Land vor mir« folgte der Blinde dieser
Aufforderung »von einem tief und schwarz gähnenden Abgrund begrenzt über den
eine Brücke hinüberführt deren Breite kaum die Schärfe eines Rasiermessers
beträgt«
    »Das ist Es Ssiret die Brücke des Todes« erklärte Ben Nur »Sie geht über
El Halahk den Abgrund des Unterganges des Verderbens Erkennst du wo sie
endet«
    »Ja ich sehe es doch nicht so deutlich wie ich möchte Es ist ein Tor
welches ich wohl bestimmter sehen würde wenn nicht darüber die Flammeninschrift
leuchtete Zur Seligkeit Auch die Fortsetzungen seiner Seiten welche sich aus
dem Abgrunde erheben sind mir dunkel darüber aber leuchtet eine Klarheit
welche von keinem irdischen und von keinem Sonnenlichte stammen kann Indem ich
sie erblicke steigt eine unbeschreibliche Wonne und Sehnsucht in mir auf die
mich emporheben und hinübertragen will aber mein Fuß klebt fest an diesem
Steine ich kann nicht fort ich bin zu schwer«
    »Du bist so schwer weil du noch zur Erde gehörst auf der das Gesetz der
Schwere gilt welches ich für dich für diese kurze Stunde überwand Ich sage
Stunde denn hier wo wir uns befinden gibt es noch Zeit Die Ewigkeit beginnt
dort an der Brücke Du stehst hier am Jenseits nicht in demselben das ist der
äußerste Punkt wohin ich deine unsterbliche Seele führen durfte weil sie noch
das irdische Gewand zu tragen hat Du siehst dich hier also zwischen Zeit und
Ewigkeit nicht vor dem Tode und nicht nach dem Tode sondern mitten in
demselben und alles was du hier erblickst geschieht mit der Seele während der
Zeit des Sterbens Was siehst du noch«
    »Ich sehe die Scharen der Seelen welche durch die stille unheimlich
lautlose Öde des Todes nach der Brücke wallen Allah Allah beschütze und
bewahre mich«
    Diesen letzten Satz schrie er laut auf als ob eine plötzliche große Gefahr
über ihn hereingebrochen sei dabei breitete er wie nach einem Halte suchend
ängstlich beide Arme aus Hierauf ließ er sie beruhigt wieder sinken und
antwortete dann sich selbst mit der Stimme Ben Nurs
    »Sei getrost ich halte dich Du nanntest die Zeit des Sterbens in welcher
du dich befindest still und lautlos Jetzt erfährst du dass es auch ein anderes
als still ergebenes Scheiden gibt Sprich«
    »Es erhob sich ein Sturm in welchem mein Felsen zitterte finstere
Wolkenschwaden wurden über mich hingepeitscht Donner rollte Blitze zuckten
Ich hörte Schlachtengeschrei und das Krachen der Schüsse Jetzt ist das vorüber
aber ein Nebel breitet sich um mich her Ich sehe nichts mehr aber ich höre die
Stimmen der Sterbenden Mütter jammern um ihre Kinder Frauen winseln nach ihren
Männern Geizige schreien nach den Reichtümern die sie verlassen müssen
Herrscher nach ihren Tronen Ehrsüchtige nach ihrem Ruhme Es ist ein Brüllen
Zetern Klagen und Weinen um mich her welches mich selbst zum Sterben bringen
wird wenn ich es noch länger hören muss  Allah sei Dank Vater in deine
Hände befehle ich meinen Geist rief die Stimme eines gläubig sich Ergebenden
und sofort ward alles still Die Nebel weichen und ich sehe die Scharen wieder
ohne Laut und ruhig wallen Auf der Mitte des Weges sehe ich einen Steg zu
dessen Seiten lichte Engel stehen Er ist beweglich und so schmal dass man ihn
nur einzeln betreten kann aber keiner darf ihm ausweichen alle müssen
darüber«
    »Das ist El Mizan die entscheidende Wage der Gerechtigkeit Sie misst jede
Tat jedes Wort und jeden einzelnen Gedanken Lege das leiseste kürzeste
deiner Gefühle darauf so wird sie dir sagen wie schwer es vor dem allwissenden
Erforscher deines Innern wiegt Siehst du was die Engel an diesem Stege an
dieser Wage tun«
    »Soeben tritt einer aus ihren Reihen hervor und nimmt die über die Wage
gegangene Seele an der Hand um sie nach der Brücke zu leiten«
    »Nicht nur nach der Brücke sondern über sie hinüber Diese Seele ist
gewogen und der Gnade Gottes wert befunden worden Darum wird sie an der Hand
ihres lichten Führers glücklich über Es Ssiret gelangen Aber die zu leicht
Gefundenen welche hier auf Erden stolz auf ihre Vorzüge pochten oder ihrer
Trägheit fröhnend sich nur auf ihre vermeintliche Sündlosigkeit verließen und
darum versäumten wirkliche Arbeit zu vollbringen anstatt in bequemer
Sorglosigkeit kommen zu lassen was da kommen werde diese finden hier keinen
Beschützer sondern bleiben auch hier ihrem gewohnten Selbstvertrauen
überlassen El Halahk der Abgrund des Verderbens steht für sie offen denn
schon hier in der Stunde des Todes nicht erst im sondern bereits am Jenseits
tritt das große Gesetz der ewigen Gerechtigkeit in Kraft dass der Mensch genau
mit dem bestraft wird womit er auf Erden sündigte Trau ja den friedlichen
still lächelnden Zügen einer Leiche nicht Sie ist ein abgelegtes Gewand dem du
nicht anzusehen vermagst unter welchen Qualen die Besitzerin die Seele von
ihm schied Der Tod tritt nicht mit dem letzten Worte ein welches der Sterbende
spricht auch nicht mit der letzten Bewegung die man an ihm bemerkt und kein
Irdischer vermag zu ergründen was zwischen diesem Worte oder dieser Bewegung
und dem wirklichen Schritte hinüber für eine Folterpein zu überstehen ist Nun
richte deine Augen auf die vorübergehenden Scharen selbst Du siehst wie sie
sich zusammenfinden und sich ordnen um zu einander passend in Gruppen den
Entscheidungsweg zurückzulegen Sag mir was du erblickst Was du nicht weißt
das werde ich dir erklären«
    Der Münedschi berichtete
    »Es versammelt sich soeben eine große große Menge von Leuten welche fromm
die Hände falten und still ergeben ihre Köpfe senken Ihre Lippen bewegen sich
im Gebete Ihnen vorangetragen wird eine Standarte auf welcher das Wort Dijanet
114 zu lesen ist Das sind gute Menschen welche gewiss glücklich über die Brücke
hinüberkommen«
    »Du irrst Du lässest dich von ihrer zur Schau getragenen Frömmigkeit ebenso
täuschen wie die Genossen ihres Erdenlebens von ihnen betrogen worden sind Das
sind die Gewohnheitsbesucher der Kirchen und Moscheen Sie versäumten keinen
Gottesdienst und saßen da auf ihren mit Geld bezahlten wohlnummerierten
Plätzen auf welche sich ja kein anderer setzen durfte wenn er nicht zu seiner
öffentlichen Beschämung von ihnen hinweggestossen werden wollte Sie gingen zur
bestimmten Zeit und in dem dazu bestimmten Rocke nach dem Gotteshause gesenkten
Blickes wie auch jetzt und die Fata oder das Gesangbuch von den Händen innig
umschlungen dabei aber blickten sie verstohlen nach rechts und links ob man
sie denn auch gehen sehe Sie sprachen ihre Gebete oder sangen die
vorgeschriebenen Lieder sie hörten die Worte des Predigers und wurde ihnen das
zu langweilig so ließ sie sich andachtsvoll in das süße Schläfchen des
Bewusstseins fallen dass sie das alles wohl schon tausendmal gehört hätten und es
also ebenso gut wüssten wie der Mann dort auf der Kanzel Dann gingen sie
erhobenen Hauptes heim denn sie hatten jetzt für diese Woche ihre Pflicht
getan und dadurch Gott gezwungen ihnen nun auch eine Woche lang dafür dankbar
zu sein Sie forderten von diesem Gotte dass die Nummer des Platzes den sie für
sich gelöst und nur höchst selten leer gelassen hatten in das Buch des Lebens
eingetragen werde weil nur ihnen und ja keinem andern das wohlerworbene Recht
zustehe auf ganz derselben Nummer der Seligkeit auch im Himmel zu sitzen
Dieser Himmel aber ist unnummeriert und hat also nicht den auf der Erde
bezahlten Platz für sie sie werden alle alle von der Brücke in den Abgrund
stürzen Weiter«
    »Ich sehe freundliche Menschen sich um ein Banner scharen welches das Wort
Kerem115 trägt Auf ihren Gesichtern glänzt das Lächeln der Sanftmut der Milde
der Güte der Weichherzigkeit Sie sind in Liebe vereint sie drücken sich die
Hände und scheinen so froh darüber zu sein dass sie sich hier zusammengefunden
haben Die leitet ein Engel hinüber ganz gewiss«
    »Nein Das sind die sogenannten guten Menschen die Sanften die Angenehmen
die stets Friedlichen die Wohltäter die Barmherzigen die wegen ihrer
Menschenfreundlichkeit so oft und viel Gepriesenen Du nennst ihr Lächeln sanft
und mild aber die Wage dort wird es als Selbstgefälligkeit bezeichnen Diese
edlen Menschen waren nur freundlich um gerühmt zu werden Ihre Nächstenliebe
ihre Sanftmut besaß einen verborgenen Skorpionenstachel Es war ihnen eine Lust
bei dem freundlichsten Gesichte und während der gütigsten Rede ein tief und
schwer verletzendes Wort in die Seele ihres Nächsten zu bohren und dadurch sein
Leben zu vergiften Sie wussten dass der Glanz ihrer Wohltaten auf sie selbst
zurückfallen werde sie erwiesen sie also nicht andern sondern sich selbst
Ihre stete rücksichtsvolle Höflichkeit war nur Schein war berechnet denn sie
wussten dass man einer solchen Liebenswürdigkeit nicht leicht einen Wunsch
abschlagen könne Diese stets nach außen strahlende Huld und Leutseligkeit war
innerlich ein Vampyr welcher die von dieser Huld Getäuschten möglichst
auszusaugen wusste Siehst du wie ihre Schar sich mehr und mehr vergrößert
Wundere dich ja nicht darüber denn zu ihnen gehören alle jene guten Freunde und
Freundinnen deren gleissende Anhänglichkeit nichts als Selbstsucht war Sie
benutzten dich selbst und deinen Einfluss deine Güter sie forschten mit
Begierde nach allen deinen Schwächen und Fehlern um sie sich dienstbar zu
machen oder sie mit ihresgleichen zu belachen Sie nisten sich bei dir ein wie
Flöhe der Wüste116 deren Stich erst ein wohltuendes Jucken dann aber
schmerzende und gefährliche Geschwüre erzeugt Sie freuten sich lauter als du
wenn du dich freutest barsten dabei aber heimlich fast vor Neid sie nahmen
scheinbar tief betrübt an deiner Trauer teil fühlten sich aber im Herzen
glücklich darüber Sie gaben dir in inniger Teilnahme und scheinbar gut meinend
einen schlechten Rat und kamst du durch die Befolgung desselben zu Schaden so
wussten sie die Schuld auf dich zu schieben und höhnten dich innerlich aus Schau
jetzt hinunter zu ihnen Ja sie drücken sich innig die Hände und ihre
Gesichter glänzen in Freundschaftswonne aber dabei denkt ein jeder in seinem
Innern dass er hinüberkomme die andern aber nicht Denen welche unter dem
Zeichen Kerem stehen ist der Himmel verschlossen Sprich weiter«
    »Es naht eine unabsehbare Menge welcher ein Panier mit dem Worte Hakk117
vorangetragen wird In ihr scheinen alle Stände vertreten zu sein denn ich sehe
unter ihnen Hoch und Niedrig Reich und Arm Gelehrt und Ungelehrt Fürsten
Beamte Krieger Kaufleute Bauern Handwerker und sogar auch Bettler Sie
kommen getrost und wohlgemut heran mit festen sicheren Schritten und
unbeirrten Blicken Die Gewissheit dass sie die Brücke in kräftigem Marsche
überschreiten werden ist ihnen allen anzusehen«
    »Warte bis sie an die Wage kommen wie sie da so ganz anders blicken und
angstvoll weiterschleichen werden« sagte die Stimme Ben Nurs »Sie folgen dem
Banner ihrer vermeintlichen Rechte aber sie meinen damit nicht die
Menschenrechte die ihnen von Gott für die Erde verliehen waren sondern die von
ihnen selbst erfundenen Sie sind nicht das wofür sie sich ausgeben sondern
das genaue Gegenteil davon nämlich Aufrührer und Empörer Mit diesem Worte
Aufruhr meine ich nicht die Verschwörung gegen irdische Herrschertrone sondern
die Auflehnung gegen göttliche und von Gott geheiligte menschliche Gesetze Es
geht über die Erde eine ununterbrochene Revolution gegen diese Gebote hier in
still wühlender Verborgenheit da in sichtbarer immer weiter greifender Gärung
und dort in offener gewalttätiger Angriffsweise Die Menschen haben verlernt
zu gehorchen sie wollen alle befehlen Der Reiche verlangt von Goldes Gnaden
und der Bettler auf Befehl der Mildtätigkeit Gehorsam Der Arbeitgeber stützt
sich auf das Recht seines Unternehmungsgeistes seines kaufmännischen Talentes
und der Arbeiter auf den Wert seiner Geschickteit und seiner Fäuste Die Großen
der Erde betonen die Vorrechte der Geburt und die andern heben dagegen ihre
persönlichen Errungenschaften hoch empor Hier dieser fordert in seinem eigenen
Interesse Gehorsam für im Laufe von Jahrhunderten bewährte Einrichtungen und
dort jener verlangt aus demselben Grunde dass man den Anforderungen der Neuzeit
folgsam sei Es werden neue Rechte und neue Pflichten angefertigt denen man
wohlklingende Namen gibt Da wird von einem Rechte auf Gleichheit in den
verschiedensten Beziehungen gesprochen von einem Rechte des freien Denkens der
Arbeit des Lohnes der Verbindung und Verbrüderung Jeder stellt sich
kampfbereit um grad das Recht welches er für das seinige hält zu verteidigen
und erkennt dabei nicht dass in dieser Verteidigung schon der Angriff gegen
andere Rechte liegt So wirkt einer gegen den andern und die eigentliche
wirkliche Wahrheit ist doch dass sie alle unrecht haben Denn nach Gottes
Ratschluss besitzt der Mensch nur ein einziges Recht und nur eine einzige
Pflicht nämlich das Recht und die Pflicht der Liebe Wie aber steht es bei euch
damit im Erdenleben Gibt es einen einzigen Menschen welcher auf dieses Recht
der Liebe verzichtet Und wie viele aber sind es welche wie Gott es doch
gebietet ihr ganzes Leben der Pflicht der Liebe weihen Schau sie an die da
vorüberziehen Sie alle haben nach Gerechtigkeit geschrien aber keine
Gerechtigkeit gegeben weil sie keine Liebe besaßen Sie haben gesprochen und
geschrieben gestritten und gebrüllt für ihre einander widerstreitenden
einander aufhebenden Rechte sie haben gehadert gegen die Menschen und gegen
Gott von welchem sie mit erhöhter Stimme Gerechtigkeit verlangten wobei sie
ihm aber sein Recht den Glauben an ihn und die Liebe zu ihm verweigerten Und
nun kommen sie sogar hier mit derselben Forderung herangeschritten Sie
verlangen die Seligkeit als ihr Recht sie bringen das große Ausrufungszeichen
nach Gottes Gerechtigkeit getragen und ahnen nicht dass sie dort an der Wage
nach der ihrigen gewogen werden Sie haben sich gegen sein großes Gesetz der
Liebe empört ihm den Gehorsam verweigert ihm den Glauben versagt ihn
verleugnet und aus ihrem Leben gestrichen und nun übt er dasselbe Recht wie
bisher sie nämlich sie ebenso nicht zu kennen wie sie ihn nicht gekannt haben
Sie sind vorüber Wer kommt jetzt«
    »Ich sehe die schöne Inschrift Muhabba118 Die welche hinter ihr schreiten
sind sicher für die Seligkeit bestimmt denn du hast ja soeben Liebe gefordert
Ich unterscheide   «
    »Schweig Schweig von ihnen« unterbrach ihn Ben Nur streng »Die welche
jetzt an dir vorüberziehen sind entweder Abgötter oder Götzendiener gewesen
eins von beiden weiter nichts Das sind die Väter die Mütter welche nur einen
einzigen Gegenstand für ihre Liebe ihren Sohn oder ihre Tochter kannten Das
sind die Männer welche ihre Frauen vergötterten und die Frauen welche ihre
Männer anbeteten Die Liebe welche nur auf eine einzige Person gerichtet ist
ist keine Liebe sondern das hässliche abstossende Narrbild derselben Schau die
Mütter welche als Sklavinnen vor den Füßen ihrer Töchter knieen und die
Gatten welche sich von den heissgeliebten angebeteten Füßen in den Staub treten
lassen Der nichtigste Wunsch der vergötterten Lippen setzt sie in Galopp
während sie zur Erfüllung göttlicher Gebote oder für das Wohl ihres Nächsten
kaum einen langsamen Schritt übrig haben Wie sie auf jedes Wörtchen lauschen
und sich bei der geringsten Trennung sehnen Wie sie arbeiten und sich sorgen
sich ganz hingeben sich aufopfern bis sie am Charakter vollständig zum
Schatten geworden sind Für den aber dem sie alles alles verdanken was ihnen
gegeben worden ist und dem sie dafür gehören für Zeit und Ewigkeit für den
haben sie keine Handreichung Und wenn er dann in seinem heiligen Zorne um
diesem Götzendienste ein Ende zu machen den Gegenstand dieser Narretei aus dem
Leben nimmt welch ein Stöhnen und Jammern ist da zu hören und welche
Verzweiflung die sich selbst Vernichtung wünscht zu sehen Wer in dieser Weise
einen Menschen höher setzt als Gott der wird sich dort an der Wage und dann an
der Brücke auch nur auf diesen Menschen nicht aber auf Gott zu verlassen haben
das ist die unerschütterliche Gerechtigkeit welche den Gegenstand der Sünde zum
Mittel der Bestrafung macht Nun schau hinab auch zu den so heiß angebeteten
Idolen Sie wurden so lange verehrt und bedient bis ihnen das als ganz
selbstverständlich vorkam und so ließ sie sich in dem Bewusstsein ganz
erstaunliche Vorzüge zu besitzen weiter bedienen und weiter bewundern So
wurden sie zum Hochmute und zur Selbstüberhebung geführt Da sie nichts zu tun
hatten als sich lieben und anbeten zu lassen wurden sie körperlich und geistig
träge und waren je länger desto weniger imstande ihre irdischen Pflichten zu
erfüllen und sich gar noch mit Gedanken über das Jenseits zu befassen Sie
wurden geistig totgeliebt und geistig totgepflegt ihre Kräfte schwanden immer
mehr und mehr bis von ihnen nichts übrig blieb als nur auch ein Schatten ihrer
selbst der aber immer noch angebetet sein wollte und jetzt in der stolzen
Überzeugung hier vorüberschreitet dass ihm ein Sitz ersten Ranges im Himmel
sicher sei Sie haben aber ihr Gutes schon auf Erden genossen und Götzenbilder
kennt das Jenseits nicht Weiter«
    Der Blinde fuhr fort
    »Es kommt ein stolzer Zug daher dem die Inschrift Hanahhn119 hoch und
weithin sichtbar vorangetragen wird Diese Leute gehen stolz mit majestätischen
Schritten und sieghaften Mienen Über ihre Gesichter breitet sich das
Bewusstsein der Würde und Erhabenheit Auch sie scheinen verschiedenen Ständen
anzugehören und obwohl sie langsam schreiten sehe ich doch dass jeder von
ihnen bemüht ist den andern voranzukommen Das müssen hohe Herren sein die
sicher nicht erwarten zu leicht befunden zu werden«
    »Ja sie waren Herrscher auf Erden Herrscher auf verschiedenen Gebieten
haben sich aber auf dem Wege zur Wage der Gerechtigkeit zusammenfinden müssen
Da sind Fürsten welche über Länder und Völker regierten aber nicht einmal sich
selbst beherrschen konnten Da sind allerlei Würdenträger welche der ihnen von
Gott anvertrauten Würde nicht würdig waren Da sind hohe Gelehrte Koryphäen der
Wissenschaft welche sich für Erb und Gerichtsherren der Weisheit hielten und
sich gegen die Einsicht sträubten dass alles irdische Wissen und Erkennen
Stückwerk ist und nur der Glaube zur Wahrheit und Vollkommenheit führt Da sind
die Paschas und Sultane des Mammons welche von ihren protzenden Tronen aus die
Unbemittelten knechteten und in Fesseln schlugen ohne zu ahnen dass sie selbst
die Fesseln der niedrigsten Knechtschaft trugen die es auf Erden gibt die aus
Goldbarren geschmiedeten Handschellen die erwürgenden Zugstricke des
Geldsackes Da sind die Genies welche ihre herrlichen Geistesgaben nur
brauchten um gegen den zu kämpfen der sie ihnen lieh auch die Künstler denen
die Mahnung dass die wahre echte Kunst himmelan zu streben hat nur lächerlich
war Da sind die Herren der Feder der Literatur die Zeitungsmonarchen welche
unter ihrer sechsten Weltmacht die Macht ihres eigenen Einflusses die
Wirkungskraft nur ihrer Zwecke verstanden Da sind die Helden der Phrase die
Redner des Volkes die Sprecher der Parlamente die ihre Schlagworte wie
platzende Bomben das Göttliche verneinend zerstörend in die Versammlungen
warfen unbekümmert darum dass sie dafür dereinst das zermalmende Richterwort
treffen werde von welchem geschrieben steht denn das Wort Gottes ist wie ein
Hammer der Felsen zerschmettert Sie alle alle die ich dir jetzt bezeichnete
haben ihre eigene zufällige oder angemasste Macht an die Stelle der Macht der
Liebe gesetzt und werden nun dort an der Wage zu ihrem Schrecken erfahren dass
alle diese von ihnen missbrauchte Gewalt nicht imstande ist die ewige
Gerechtigkeit auch nur um das Tausendstel eines Haares breit zu ihren Gunsten zu
neigen Fahre fort in deinem Berichte«
    »Die jetzt kommen folgen einem Banner auf welchem Schatahra120 zu lesen
ist«
    »Sprich nicht weiter von ihnen ich sehe sie Das sind die irdisch Klugen
welche sich hüteten mit ihrem Glauben offen hervorzutreten ihr Vorteil verbot
ihnen dies Auch sind die Schamvollen dabei welche befürchteten sich
lächerlich zu machen Ich sage dir es gibt sogar Menschen welche wohl beten
möchten aber dies nicht fertig bringen weil sie sich dabei nicht nur vor sich
selbst sondern sogar vor Gott genieren Sie sahen den Säemann der göttlichen
Liebe über die Felder schreiten und sie sahen dass die Krähen des Unglaubens
hinter ihm den Samen wegfrassen sie sind untätig nebenhergegangen sie ließ
ihn ungestört säen und sie hinderten die Vögel nicht diese Arbeit der Liebe um
den Erfolg zu bringen Die einen haben sich vor Gott versteckt die andern sind
weder für noch gegen ihn gewesen nur werden die ersteren ihn jetzt auch nicht
sehen und die letzteren erwartet ganz dieselbe Gleichgültigkeit Sie mögen
sehen wie sie hinüberkommen Weiter«
    »Es kommen jetzt weissgekleidete fleckenlose Gestalten an deren Spitze ich
den Wahlspruch Nadahfa121 lese Ihr Gang ist sehr vorsichtig damit ihr Fuß
nichts Unsauberes berühre und ihre Hände sind unausgesetzt bemüht die
Stäubchen zu entfernen welche ihren Gewändern angeflogen sind«
    »Ja das sind die Reinen die Unbefleckten deren einziges Bestreben war
auch nicht die allergeringste Unsauberkeit an sich sehen zu lassen Sie gingen
in Beziehung auf ihren äußerlich moralischen Lebenswandel auf den Zehenspitzen
um ihre Füße ja nicht zu beschmutzen sie taten die lächerlichsten Schritte und
Sprünge um sich die sittlich trockenen Stellen auszusuchen sie hielten sich
stets allein und setzte sich ja einmal ein anderer neben sie so rückten sie
erschrocken von ihm ab Sie kamen niemals mit der Polizei niemals mit einem
Paragraphen des Strafgesetzes in Berührung sie hüteten sich auch vor jeder
andern Sünde die nicht von diesem Gesetz getroffen wird Schon der Gedanke dass
etwas von ihnen falsch gedeutet werden könne versetzte sie in Schreck denn der
gute Leumund war ihr allerhöchstes Gut im Leben und im Sterben So war ihr
ganzes Bestreben nur auf ein gutes Aussehen nach außen auf ihren Ruf bei den
Mitmenschen gerichtet an ihrer innern Reinheit aber arbeiteten sie nicht So
ein Fleckenloser war gewiss keines Diebstahls fähig aber dem Herrgott hat er den
größten Teil seines Lebens abgestohlen Eines strafbaren Betruges machte er sich
niemals schuldig aber sein Weib hat er um das Lebensglück und seine Kinder um
den frohen schönen Glanz ihrer Jugend gebracht Ein Mörder ein Totschläger
ein Unmensch war er nie aber für seine Wissenschaft konnte er Tausenden von
Pferden Hunden Katzen und andern armen tief beklagenswerten Tieren die
entsetzlichsten Martern und den qualvollsten Tod bereiten Ein Hochverrat eine
Majestätsbeleidigung wäre ihm unmöglich gewesen aber die himmlische Majestät
Gottes hat er in seinem Innern unzähligemal geschändet Meineid und Fahnenflucht
verachtete er aber vom Militär hat er sich lossimuliert Raub und Erpressung
hielt er für die schändlichsten der Taten aber Bücher hat er unter anderm
Titel und unter vorsichtiger Veränderung der Namen nachgedruckt und seine
Arbeiter gezwungen sich für ihn für geringeren Lohn zu schinden weil sie nur
von ihm abhängig waren Falschmünzerei oder falsches Gewicht war bei ihm nicht
zu finden aber die Geschäftsgeheimnisse seines Mitbewerbers hat er ausgespürt
und seinen Kunden verkaufte er Wasser in der Milch und das Fleisch verendeter
oder krank gewesener Tiere Bestechung gab es nicht in seinem Amte doch die
Stelle welche er zu vergeben hatte bekam der Schützling seines Freundes aber
nicht der ihrer Würdige So waren diese alle äußerlich rein aber innerlich voll
Schmutz Nun misst die Wage dort nicht den äußern sondern den innern Menschen
Denkst du auch jetzt noch dass diese Reinen glücklich über die Brücke kommen
werden«
    Der Münedschi antwortete
    »Mir ist das Herz zum Brechen schwer So viele viele viele ich bisher
gesehen habe es war kein einziger unter ihnen den du der Gnade Allahs für wert
gehalten hast Soll denn der Abgrund alle alle verschlingen Soll ich mich denn
nicht wenigstens über einen nur einen einzigen freuen der drüben an das Tor
der Seligkeit gelangt«
    »Sie waren der Gnade Gottes nicht würdig weil sie nicht nach ihr gestrebt
haben Wer auf seine vermeintlichen Verdienste pocht und dafür den verdienten
Lohn aber keine Gnade fordert der wird auch keine finden Aber ich bemerke
dass dein Wunsch in Erfüllung geht Sag mir was du jetzt siehst«
    »Es kommen zwei Frauen ganz allein nebeneinander die eine ist sehr schön
die andere sehr einfach gekleidet Dann eine Strecke hinter ihnen folgt eine
unabsehbare Schar von Männern und Frauen denen aber kein Panier vorangetragen
wird Es sind auch viele viele Kinder dabei Und nun flammt es plötzlich dort
drüben über dem Tore der Seligkeit hell leuchtend auf so dass hier bei uns die
bisherige Düsterkeit wie ein heller schöner Tag erscheint Ich sehe dass die
Engel diesem Zuge in freudiger Erwartung entgegenblicken Sollte er aus
Glücklichen bestehen denen es beschieden ist den Himmel zu erreichen«
    »Ja ihnen ist er bestimmt Du hast gehört dass du dich hier mitten in der
Zeit des Sterbens befindest Das helle Licht des Jenseits dringt plötzlich zu
uns herüber die Todesstunde derer die jetzt kommen ist eine glückverheissende
sie wird von der Morgenröte des ewigen Himmelstages überflutet Die welche sich
Standarten vorantragen ließ stellten Forderungen an Gott sie verlangten hier
den himmlischen Lohn für ihre eingebildeten irdischen Vorzüge und Tugenden Die
aber jetzt erscheinen sind solcher Selbsttäuschung und Überhebung fern In der
Erkenntnis ihrer Mangelhaftigkeit nähern sie sich in zagender Demut der Wage
der Gerechtigkeit und den Demütigen gibt Gott Gnade Für sie ist die ihnen
entgegenleuchtende Freude der Engel schon im Sterben der Beginn der Seligkeit«
    »Wer sind die beiden Frauen« fragte der Blinde
    »Es sind Heldinnen des Herzeleides des Duldens Eine Fürstin und eine
Arbeiterin standen sie die eine auf der höchsten und die andere auf der
niedrigsten Stufe des Erdenlebens einander so fern dass keine die andere
kannte aber so verschieden die Arten und die Wege des Lebens sind sie führen
alle vor der großen Entscheidung der Todesstunde zusammen Die Fürstin war ein
liebes heiteres Kind welches mit frohen Augen in die verheissungsvolle Zukunft
blickte es waren ja alle Vorbedingungen irdischen Glückes vorhanden Da aber
griff die Staatskunst mit eiserner Faust in ihr bisher holdes Geschick Man
entriss sie den liebenden Eltern und Geschwistern und brachte sie die sich
vergeblich Sträubende in ein fernes Land zu einem fremden Volke an die Seite
eines Herrschers dem nie ihr Herz gehören konnte Ihr goldener Jugendtag war
dahin die Sonne des irdischen Glückes verschwand Kalte Pflichten begannen mit
furchtbarer Last auf ihr warmes Herz ihr weiches Gemüt zu drücken nur schwer
fand sie Atem für ihre nach Verständnis und Liebe verlangende Seele In diesem
Gefühl des Erstickens schrie sie zu Gott und er sandte ihr den Engel des
Glaubens als rettenden Boten Aus den Höhen des Himmels floss ihr die Kraft den
Pflichten der Erde zu leben darum strebte dieses Leben auch wieder zu ihm
empor Sie legte ihr einstiges Sehnen nach Glück in die Hände der ewigen Liebe
und erhielt es als Erhörung für das ihr anvertraute fremde Volk zurück Sie
teilte obgleich selbst ungeliebt diese Liebe aus vom Gletschereise ihrer Höhe
herab nach allen Seiten Für sich auf alles gleissende Erdengut verzichtend ward
sie in schlichter Anspruchslosigkeit eine Spenderin der Güte die im Verborgenen
wirkt Als Fürstin angefeindet und in frostige Einsamkeit geschoben war
heimlich sie die Barmherzigkeit und Segen spendende Mutter der Bedürftigen Ein
jeder ohne stille Wohltat vollbrachter Tag erschien ihr als verloren So gingen
ihre Jahre hin und nun sie von der Erde scheidet umstrahlt kein fürstlicher
Pomp ihr einsames gemiedenes Sterbelager Nur eine einzige treue Dienerin
kniet unter herzbrechendem Schluchzen dort und betet betet laut und
erschütternd obgleich ihr bei jedem Worte die Stimme versagen will Sie allein
hat die sterbende Fürstin verstanden und geliebt sie war die vertraute Zeugin
ihrer Leiden die verschwiegene Botin ihrer Wohltätigkeit Nur sie weiß es was
die geliebte Herrin ihrem Volke war nur sie Doch nein nicht nur sie Es gibt
außer ihr noch Einen der alles sieht und kennt den allwissenden Erforscher der
Herzen und Gedanken In seinem Buche stehen all die zahllosen Bitterkeiten die
sie auf dem schweren Pfade der Entsagung hinabzukämpfen hatte alle Angriffe
die sie in gottergebenem Verzicht auf Gegenwehr erduldete aber auch die ganze
Fülle der Liebe welche sie über die Armen und Bedrängten ausgegossen hat für
alle Ewigkeit verzeichnet Jetzt im Augenblicke des Abschiedes klingt das
Schluchzen der neben ihr Betenden aus immer weiterer Ferne in ihr Ohr und so
verschwindet vor ihr auch die Zeit des Duldens und des unverschuldeten Leidens
Zu ihren Seiten tauchen die schönen goldenen Jugendtage wieder auf und vor ihr
die in himmlischer Liebe lächelnden Engel welche ihr dort an der Wage der
Gerechtigkeit entgegenwinken Ich sage dir der irdische Thron war ihr ein
Marterstuhl wie er es so vielen um ihn Beneideten ist aber was sind alle diese
Qualen gegen die Herrlichkeit jenseits des Tores da drüben wo aus jedem
Augenblicke des einstigen Herzeleides und aus einer jeden einzelnen ihrer
Liebestaten ihr ein unerschöpflicher Bronn der Seligkeit entgegenfliessen wird
Vom allwissenden Vater im Himmel wird keine Sekunde des Leides und keine noch so
heimlich geweinte Träne seiner Kinder vergessen«
    Da rief der Münedschi freudig aus
    »Ich sehe du hast recht Jetzt sieht sie die Engel winken sie breitet die
Arme nach ihnen aus und beflügelt ihre Schritte Die andere auch die mit ihr
geht«
    »Diese war eine Tochter der ärmsten Dürftigkeit« erklärte Ben Nur »Ihre
Kindheit war Hunger Verachtung und Arbeit Sie hat nie das Auge einer liebenden
Mutter gesehen und vom harten Vater nur die unbarmherzig schlagende Hand
gefühlt Unter fremde Leute geworfen diente sie treu und ehrlich doch stets
nur bei herzlosen Menschen und als sie glaubte ein Herz gefunden zu haben dem
sie sich anvertrauen dürfe und sich ihm zu eigen gab da war es ein roher ein
gefühlloser Mann Er fröhnte dem Spiel dem Trunk und andern Lastern er hasste
die Ordnung die Arbeit und jede ihn bindende Pflicht Sie musste schaffen und
sorgen für ihn und die zahlreichen Kinder und tat es still und ergeben als
seis ihr nicht anders beschieden Doch was sie mit eigener Entbehrung durch
rastlose Arbeit errang das floss bei ihm durch die Gurgel fiel im Spiele andern
zu Sie sah keine Frucht ihres Fleißes und hielt doch nicht auf sich zu mühen
denn sie glaubte es seien die Kinder ein Segen des Himmels dem sie durch
treue mütterliche Pflege sich würdig zu erweisen habe Da starb der Mann Sie
begrub ihn sie weinte an seinem Grabe sie trauerte um ihn ohne ihm einen
Vorwurf in die Grube nachzusenden Dann aber schienen sich ihre Kräfte für die
Kinder zu verdoppeln Sie nährte sie besser als vorher sie schickte sie in die
Schule sie gab sie in die Lehre sie sorgte für ihr Fortkommen und hatte kein
Wort der Klage über die Nächte in denen sie bei der stillen Lampe saß um viel
viel mehr zu tun als ihre Pflicht Die Söhne nahmen sich Frauen die Töchter
Männer die Mutter arbeitete weiter Es stellten sich Enkel ein da gab es noch
viel mehr zu sorgen Was sie da alle tat tat sie nicht für sich selbst doch
niemand dankte ihr Man nahm es nicht nur als selbstverständlich hin sondern es
wurde für noch viel zu wenig gehalten Kein Kind hatte einen Platz die Mutter
zu sich zu nehmen ein dürftiger Raum unter dem Dache ein Tischchen ein Stuhl
und eine ärmliche Lagerstätte das war das Schaffensfeld unendlicher
Muttertreue die keine Ruhepause kannte und sich selbst vollständig vergaß Sie
wurde auch vergessen in der Stadt Niemand kam zu ihr auch nicht ihre Kinder
und Enkel diese verlangten dass sie komme und zürnten anstatt zu danken wenn
die zitternden Hände der Greisin nicht mehr soviel brachten wie früher Nun
liegt sie endlich im Sterben kein Mensch kein Kind ist bei ihr um ihr die
guten stets so wachen Augen zur endlichen Ruhe liebend zuzudrücken Sie lebte
jenes Heldentum des Duldens dem niemand anmerkt dass es Dulden ist und wie sie
es lebte so stirbt sie es jetzt Das Erdenleben versagte ihr jedes Glück jede
Freude jeden Sonnenstrahl Erst jetzt in ihrer Todesstunde lernt sie den
Glanz des Lichtes kennen Zwar kommt er spät nun da ihr Auge bricht aber er
ist kein irdischer und wird darum nie wieder von ihr scheiden Das Diesseits hat
sie um den Lohn ihrer Arbeit betrogen das Jenseits wird ihr diesen Verlust
tausendfach ersetzen«
    »Und ihr Mann Wird sie den dort sehen« fragte der Blinde
    »Frag nicht nach ihm Er gehörte zu den Hetzern zu den Schreiern welche in
Versammlungen mit glühender Begeisterung für ihre Menschenrechte Streiter
sammeln daheim aber ihre Gatten ihre Vaterpflichten verleugnen Er ist nicht
über Es Ssiret die Brücke des Todes hinübergekommen Schau lieber auf die
dichten Scharen welche jetzt vorüberwallen«
    »Ja das sind liebe stille gottergebene Menschen denen anzusehen ist dass
sie keine irdischen Ansprüche bei sich tragen obwohl ich sehr vornehme Personen
unter ihnen bemerke Und der Glanz aus dem Jenseits herüber wird immer heller
Ist er es den ich wie Glorienschein um ihre Häupter liegen und aufwärtsund
hinüberstreben sehe«
    »Nein Was du im Jenseits leuchten siehst das ist die ewige Liebe von
welcher jedem Menschen ein Strahl mit auf die Erde gegeben wird Pflegt er
dieses himmlische Feuer so bleibt es bei ihm leuchtet ihm durch das Leben und
strebt mit ihm in der Todesstunde nach dem Jenseits hinüber nach seinem Urquell
hin Während der Erdentage brannte es auf den Altären der Herzen als das
unverlöschliche heilige Licht des Glaubens jetzt wo der Glaube in das Schauen
überfliesst fließt auch dieser Strahl dahin zurück woher er kam und legt sich
als Erkennungszeichen um die Stirnen derer denen er die Überwindung der Brücke
und des Abgrundes verbürgt Wie gerne würde ich dir hier von jedem Einzelnen
sagen warum gerade er diese Aureole trägt Aber es sind ihrer zu viele und es
ist dir hier an diesem Orte nur eine ganz bestimmte kurze Zeit gegeben welche
fast vorüber ist Du gehörst ja noch dem Diesseits an hier aber geht dieses in
das Jenseits über bleibst du zu lange hier so würde die Auflösung auch dich
ergreifen und das muss ich verhindern Ich als dein Schutzengel bin
verpflichtet dafür zu sorgen dass dein Erdenlauf nicht um einen Augenblick
gekürzt werde denn er ist die Vorbereitung für El Mizan die Wage der
Gerechtigkeit welche auch du zu überschreiten hast und jede Sekunde des
Diesseits ist von unersetzbarer Kostbarkeit weil eine einzige genügen kann
eine verlorene Seele dem Himmel zurückzugewinnen Doch einige darf ich dir noch
kurz zeigen  Ich sehe unter ihnen viele die gegen die staatlichen Gesetze
gesündigt haben und dafür bestraft worden sind Es ist im Himmel ja mehr Freude
über einen Sünder der Busse tut als über Neunundneunzig welche glauben der
Busse nicht zu bedürfen weil sie sich für gerecht halten Es sind unter ihnen
Gefallene aller Art denen die erbarmende Liebe Kraft verlieh wieder
aufzustehen Es sind Regenten und Feldherren dabei die man des Massenmordes der
Schlachten anklagte an dem sie aber unschuldig waren weil er ihnen
aufgezwungen wurde Ich sehe da berühmte Träger der Wissenschaft die aber über
ihrer Gelehrsamkeit nicht den Glauben und die Liebe vergaßen Ihr Ruhm wird im
Himmel doppelt leuchten Ich sehe Reiche welche die Hungrigen speisten die
Durstigen tränkten und die Nackenden kleideten Sie haben ihren Reichtum auf
Erden lassen müssen sich aber himmlische Schätze gesammelt welche dort an der
Wage bis auf das Gewicht einer Tauperle für sie eingetragen werden Ich sehe
Priester welche nicht bloß Lehrer des Wortes sondern Verkündiger und Täter
des Geistes im Worte wirkliche Prediger der Liebe waren Ihnen ist es gegeben
das Lob des Herrn erklingen zu lassen in alle Ewigkeit Ich sehe Gewaltige der
Erde welche gütige Väter weise Erzieher und freundliche Beglücker ihrer Völker
waren Wahrlich ich sage dir im Jenseits werden sie über mehr gesetzt werden
als sie diesseits beherrschten Ich sehe den Millionär welcher der
Barmherzigkeit sein Vermögen widmete und den Bettler der mit dem Strassenhunde
sein letztes Stück Brot teilte Ich sehe die Gründer großer Armen und
Waisenhäuser und den kleinen Knaben welcher dem dürstenden Vöglein Wasser gab
Ich sehe Fürstinnen und Prinzessinnen welche von der Glorie irdischer
Erhabenheit umgeben aus ihrem hohen Kreise heraustraten um herniederzusteigen
und als Huldspenderinnen der Liebe zu walten Glaube mir der Herr aller Himmel
wird ebenso herabsteigen wie sie und ihnen diese Güte tausendfältig lohnen Ich
sehe edlen Frauen welche sich nicht schämten die Hütten der Armen der
Kranken der Witwen und Waisen zu besuchen und den Verachteten zu zeigen dass
auch sie Brüder und Schwestern in der großen die ganz Menschheit umfassenden
Familie des Allvaters seien Du darfst überzeugt sein dass sie nun dort an der
Wage für würdig befunden werden zur Familie der Seligen zu gehören Ich sehe
Seelen deren bloße Anwesenheit die Wirkung hatte als ob ein warmer tröstender
und beruhigender Sonnenstrahl mit ihnen hereingekommen sei Es ist ein
Himmelsglück dass es solche Menschen gibt sie werden im Jenseits noch viel
heller strahlen als während ihrer diesseitigen Pilgerzeit Ich sehe Richter
welche selbst in dem ärgsten Verbrecher noch den Menschen suchten um so mild
wie möglich sein zu dürfen Betrogene Bestohlene Beleidigte welche nicht nur
vergeben sondern sogar vergessen konnten Gott wird auch ihnen ein milder
Richter sein und ganz so vergeben und vergessen wie sie es taten Ich sehe
unter dieser Schar auch Künstler deren Streben es war in ihren Werken die
wahre Natur die Übermacht des Guten und Schönen über das Böse und Hässliche
als die Offenbarung Gottes im Menschen des Himmlischen im Irdischen
nachzuweisen Sie wühlten nicht wie andere mit Wollust im Schmutze sie machten
nicht unter dem irrigen Vorgeben wahr sein zu müssen die Roheit und das Laster
zur Staffel ihres Ruhmes denn sie wussten dass die Sünde nicht die Wahrheit
sondern ihre abstossende Verneinung ist Die Kunst ist nur dann wirkliche Kunst
wenn sie nach dem Edlen auch auf edlem Wege strebt Wer da glaubt er könne dem
Hohen durch die Darstellung des Niedrigen dienen der versteht die Aufgabe
nicht die ihm von Gott dem Urquell des höchsten Könnens und also auch aller
Kunst geworden ist Ich sehe ferner Freunde welche wahre ehrliche Freunde
waren Sie hielten wenn es nötig war nicht mit der bitteren heilsamen
Wahrheit zurück standen aber auch mit ihrem ganzen Haben und Können für die
Freundschaft ein Ich sehe Väter welche die Schwäche nicht mit der Liebe
verwechselten sondern ihrer Pflicht mit wohlabgewogener Gerechtigkeit walteten
obwohl dies ihrem Herzen oft nicht leicht geworden ist So ein Vater hat seinen
Sohn nicht moralisch totgelobt oder durch nachsichtige Schwachheit selbst zum
Schwächling gemacht und seine Tochter nicht zu einem Weibe erzogen welches für
seinen Beruf verloren ist Und ich sehe Mütter denen die Kinder nicht als
herausgeputzte Gegenstände eitlen Stolzes und überhebender Prahlsucht dienten
sondern denen sie das waren was sie jeder Mutter sein sollen Seelenblumen von
Gott dem Elternhause anvertraut um von des Vaters Hand begossen und von dem
Mutterauge bestrahlt zum Himmel emporzuwachsen Sei versichert dass solche
Eltern an solchen Kindern nicht nur im Diesseits Freude erleben denn bei
solcher aufwärts strebender Pflege steigen Vater und Mutter selbst mit
himmelan«
    Nach diesen Worten trat wieder wie schon einmal eine Pause ein während
welcher der Münedschi leise für uns unverständliche Worte vor sich hinmurmelte
Dann hörten wir die Stimme Ben Nurs wieder laut sagen
    »Nein du darfst nicht länger hier verweilen die Zeit ist abgelaufen
Komm«
    Ich behielt den Blinden aufmerksam im Auge Er griff mit der Rechten zu als
ob er eine Hand erfasse und ahmte mit der Linken leise die Bewegung des
Schwebens nach Dann hob er erst den einen und hierauf den andern Fuß trat fest
auf und sprach
    »Das ist die Erde wieder ich fühle es Nun führe mich zu dem Orte zurück
von welchem du mich holtest«
    Er begann jetzt ohne sich um uns zu bekümmern den Felsen wieder
hinabzusteigen Dies geschah ganz in der für uns so unerklärlichen Weise wie er
heraufgeführt worden war Er hielt sich nicht an und kam doch ohne zu
straucheln hinunter während wir uns Mühe geben mussten nicht auszugleiten und
zu fallen Es war wirklich wunderbar Es drängte sich mir wieder der Gedanke
auf dass er trotz allem doch wohl sehend sei aber ich musste ihn von mir
abweisen weil ein solcher Betrug einfach unmöglich war
    Unten angekommen gingen wir wieder still hinter ihm her Er schritt ganz
genau auf dem Wege zurück den wir gekommen waren ohne nur ein einziges Mal zu
zögern Auch setzte er sich als wir unsern Platz erreicht hatten ebenso genau
auf derselben Stelle nieder auf welcher er vorher gesessen hatte
    »Ich danke dir Ben Nur du treuer lichter Begleiter meiner Seele« sagte
er mit halblauter Stimme dann lehnte er den Oberkörper an den Felsen zurück
und nach kurzer Zeit hörten wir an seinen leisen regelmäßigen Atemzügen dass er
schlief
    Kara Ben Halef war munter er wagte aber nicht zu fragen wo wir gewesen
seien Wir verhielten uns zunächst ebenso still wie er weil das was wir
gesehen und gehört hatten das Denken und Fühlen jedes von uns für sich selbst
in Anspruch nahm Ich ging mein ganzes bisheriges Leben durch um in demselben
vielleicht einen Wink für die Erklärung dieser eigentümlichen nächtlichen Szene
zu finden doch vergebens
    Ich weiß ja wohl ebenso gut wie mancher andere dass den sogenannten
Naturvölkern eine  ich will sagen Hinneigung zum Geheimnisvollen innewohnt
für welche das Wort Aberglaube doch nicht ganz treffend ist Die reizlose oft
ärmliche Kost die der gestaltenden Phantasie so günstige Wüste oder Savanne
das magische Halblicht des lautlosen unergründlichen Urwaldes jenseits des
Missisippi das sind Faktoren welche in Verbindung mit ererbter psychischer
Disposition gewiss im stande sind den Menschen für das empfänglich zu machen
was der bekannte Ausspruch als »zwischen Himmel und Erde« liegend bezeichnet
Daher der reiche Märchenschatz des Orients und die Stimmung der Steppen und
Wüstenvölker für das Übersinnliche Man glaubt gar nicht was für eine
ausgiebige Gestaltungskraft dem Beduinen in diesem Sinne innewohnt Je weniger
Lebewesen die ungeheuren Strecken seiner Heimat bevölkern desto schöpferischer
wird seine Einbildungskraft Er ersetzt ihnen überreich an imaginären Bewohnern
was ihnen an wirklichen fehlt und weiß zuletzt selbst nicht mehr wo die
Tatsache aufhört und die Erfindung beginnt Ebenso und doch auch wieder anders
ist es bei den Indianern Auch sie sind phantastisch tätig doch fehlt ihnen
die Sonne des Südens und die Unerbittlichkeit ihres traurigen Geschickes
vertieft die Schatten in denen ihre Bilder sich bewegen Es ist ein ernstes
sehr ernstes Reich welches man betritt wenn am verglimmenden Lagerfeuer ein
alter auch am Verlöschen des Lebens stehender Indsman beginnt zu erzählen was
längst verstorbene berühmte Krieger auf der schlafenden Prairie in den
Schluchten des Gebirges in den Tiefen der Kañons und zwischen den Riesenstämmen
des Urwaldes gesehen haben Das sind keine Märchen wie jene des Orients sondern
Berichte über nächtlich auferstandene Tote welche an dem blutigen Geschicke
ihrer Rasse sterben mussten und doch nicht ruhen konnten weil der Mord noch
ferner rücksichtslos auf ihren Gräbern tanzt Das sind Menschen die wirklich
gelebt haben die man einst kannte und einst sah Und wenn es nicht wahr ist
was man von ihnen erzählt dass man sie nach ihrem Tode noch oft gesehen habe so
sind sie dennoch wieder lebend geworden aus der Erde gekratzt von den
Klagegeistern einer dem Untergange dem gewaltsamen Untergange geweihten Nation
Winnetou der nüchternste der hell und scharfdenkendste aller roten Männer
war gewiss kein Phantast aber zuweilen wenn wir miteinander im nächtlichen
Dunkel lagen rings von Gefahr umgeben da geschah es dass er die Hand hob um
grüßend rundum zu winken und als ich ihn einst fragte warum er das tue
antwortete er
    »Mein weißer Bruder frage nicht Wir sind beschützt das mag dir genügen«
    Und ehe ihn die tödliche Kugel traf war er von einer ganz bestimmten
Todesahnung ergriffen die leider auch in Erfüllung ging122 Ahnung sage ich
denn er sprach sich nicht deutlich aus aber später fiel mir ein Abend ein an
welchem wir ganz allein hoch oben in der Einsamkeit des Flintpasses saßen
ernste Gedanken austauschend und dabei auch das Übersinnliche berührend Ich
hatte das Gebet erwähnt da sagte er
    »Ja der große gute Manitou123 verlangt dass man mit ihm rede denn jedes
Kind soll doch mit seinem Vater sprechen Wenn man in Gefahr ist und ihn um
Hilfe bittet so sendet er seine Krieger herab die für uns kämpfen Mein weißer
Bruder nennt diese Freunde Engel ich sage Krieger denn das Leben ist ja stets
nur Kampf Du hast auch zuweilen nicht Engel sondern Schutzengel gesagt und nur
von einem gesprochen ich aber weiß dass mehrere bei mir sind so oft ihr
Beistand nötig ist«
    »Woher weißt du das« fragte ich
    »Wenn ich sie sehe grüße ich sie also weiß ich es denn was man sieht das
ist gewiss Ich werde auch wissen wenn ich sterbe sie sagen es mir«
    »Winnetou« fuhr ich betroffen auf denn ich wusste dass er im Ernste sprach
Er scherzte nur selten und in solchen Sachen nie
    »Ja sie werden es mir sagen« behauptete er »Du wirst dich wohl schon oft
gewundert haben dass ich in Gefahren etwas ganz Unerwartetes tat was keinen
Grund zu haben schien und uns doch errettete Du schriebst es meiner Klugheit
zu aber ich handelte nur nach dem Willen derer die du Schutzengel nennst
Vielleicht kommt die Zeit dass ich dir mehr über sie sage Jetzt muss ich selbst
noch lernen und erfahren denn es ist nicht leicht sie zu verstehen und sehr
oft irre ich mich noch Es könnte jeder Mensch empfinden was der große Manitou
ihm durch die Engel sagt wenn er mehr auf sich und ihre Stimme achtete und sich
befleissigte sie nicht dadurch zu betrüben und von sich fortzustossen dass er
Böses tut«
    An dieses Gespräch musste ich jetzt hier am Bir Hilu denken Hatte Winnetou
sich getäuscht Waren diese »Krieger des großen guten Manitou«
Phantasiegestalten Gebilde seiner eigenen Anima Das konnte ich bei seiner
beispiellos scharfen Beobachtungsgabe doch wohl kaum annehmen Und selbst wenn
ich seinen Worten vollen Glauben schenkte so war damit noch nichts für die
Erklärung des heutigen Vorganges des Schlafsprechens und gar der Wesenszweiheit
des Münedschi getan
    Auch während der tiefsinnigen Reden meiner alten hochehrwürdigen Marah
Durimeh124 war manches Wort gefallen welches über das Diesseits hinüberzeigte
doch aber keines an welches ich mich jetzt hätte halten können Ganz
selbstverständlich lag mir vor allen Dingen die Frage nahe welche Stellung ich
als gläubiger Christ zu dem was ich gesehen und gehört hatte einnehmen sollte
Da konnte ich denn in allem was der angebliche Ben Nur gesagt hatte oder
anders ausgedrückt in allen Reden welche ihm zugeschrieben werden sollten
nichts entdecken was ich als glaubensfeindlich zu bezeichnen hätte Es bezog
sich alles nur auf die Sterbestunde nicht auf den Himmel selbst denn wir
hatten uns ja vorzustellen gehabt dass der Blinde nicht im sondern am Jenseits
stehe Bedenklich waren mir nicht seine Worte sondern war mir nur er selbst
und wenn wir es da mit einem Nervenkranken einem Somnambulen oder Noctambulus
zu tun hatten so war das eine rein ärztliche aber keine teologische
Angelegenheit Übrigens hatte er so manche wenn auch nicht landläufige Idee
ausgesprochen die schon längst die meinige auch war
    Freilich war der Eindruck den die Stunde dort auf dem Felsen auf mich
gemacht hatte kein gewöhnlicher Das Vorhergeschehene die Oertlichkeit die
Person des Blinden seine tief ergreifende Ausdrucksweise das hatte sich zur
Hervorbringung einer Wirkung vereinigt welche ebenso tief wie nachhaltig war
Was hätte ich nicht für die Berechtigung gegeben annehmen zu dürfen dass dieser
Ben Nur dieser »Sohn des Lichtes« kein Phantom sei
    Ich war so in Sinnen und Grübeln versunken dass ich um darauf eingehen zu
können mich zusammennehmen musste als Halef nach längerer Zeit endlich fragte
    »Sihdi geht es dir auch so wie mir Ich will einschlafen und kann doch
nicht Was ich gehört habe wird zur Tat die Worte verwandeln sich in
Gestalten Ich stehe an der Pforte des Jenseits inmitten der Todesstunde und
sehe die Schären der Unseligen und Seligen nach El Mizan der Wage der
Gerechtigkeit an mir vorüberziehen Wie werde ich von jetzt an flehend beten
dereinst nicht zu denen zu gehören welche in den Abgrund des Verderbens
stürzen Und welche Mühe werde ich mir geben so zu leben dass einer der Engel
welche an der Wage flehen meine Hand fasse und mich glücklich über Es Ssiret
die Brücke des Todes nach dem Tore der Seligkeit bringe Wahrlich ich sage
dir dieser Ben Nur von dessen Dasein ich bis heut gar nichts wusste hat einen
ganz ganz andern Menschen aus mir gemacht Ich sage nichts und ich verspreche
nichts aber du wirst es sehen und beobachten«
    Es war eine heilige Begeisterung welche aus ihm sprach und mit ganz
demselben Enthusiasmus ließ auch der Basch Nazyr seine Worte folgen
    »Ja Effendi ich stimme Hadschi Halef vollständig bei Was bin ich doch
bisher für ein armer sündhafter unnützer Mensch gewesen Wie viele viele
Worte Ben Nurs klangen so als ob sie nur für mich gesprochen worden seien
Höre was ich dir sagen werde Oder errätst du es vielleicht schon«
    »Nein« antwortete ich
    »Die Liebe die Liebe die hat es mir angetan die hat mich so tief
ergriffen Die Milde die Barmherzigkeit die Versöhnlichkeit und das Vergeben
Wer hier nicht vergibt dem wird dort auch nicht vergeben werden Mir ist
himmelangst geworden Es bangt mir vor El Mizan der fürchterlichen Wage der
Gerechtigkeit Wir haben die Mekkaner zur Bastonnade verurteilt aber wenn es
auf mich ankommt so werden sie keinen Schlag erhalten keinen einzigen Schlag
Allah behüte Mir soll diese Bastonnade nicht im Jenseits angerechnet werden Du
wirst einverstanden sein aber was sagt Hadschi Halef Omar dazu«
    Jetzt war ich gespannt auf die Antwort meines kleinen Halef Er der an
seiner Kurbadsch mit so großer Liebe hing und nicht gern eine Gelegenheit sie
in Bewegung zu setzen vorübergehen ließ sagte
    »Ich stimme bei Ich haue sie nicht und lasse sie auch nicht hauen Sie
mögen unbestraft weiterziehen bis nach Mekka und dann hinauf zur Brücke der
Gerechtigkeit Dort oben wird ihnen dann gewisslich werden was sie verdienen
ich rühre keine Hand Ihr habt gehört was Ben Nur von den Richtern sagte Sie
werden im Jenseits so gerichtet wie sie hier im Diesseits gerichtet haben Ich
richte nicht Habe ich recht Sihdi«
    »Ja und auch nein Der Unberufene soll nicht richten Der Richter aber hat
das Gesetz zu vertreten und muss nach den Vorschriften desselben sein Urteil
fällen Jene strenge Wage der Gerechtigkeit verlangt nicht dass der Missetäter
unbestraft bleibe aber da wir das Gestohlene wiedererlangt haben und Khutab
Agha sowohl Richter als auch Vertreter des Kanz el Ada ist so bin auch ich der
Meinung dass wir den Dieben die allerdings verdiente Strafe erlassen die sie
wohl auch ohnedem nicht erhalten hätten wenigstens nicht in der Weise oder in
dem Masse wie ihr es euch vorgenommen hattet«
    »Was ich da höre Du hattest also schon wieder deine Humanität im Nacken«
    »Dieses Mal war es weniger sie als vielmehr die Klugheit Wir werden sie
höchst wahrscheinlich in Mekka wieder treffen und so meinte ich dass wir ihre
Rache nicht bis auf den höchsten Grad steigern dürften Darum freut es mich dass
ihr beide auf ihre Bestrafung ganz verzichtet habt Wenn noch eine gute Ader in
ihnen ist wird diese Güte auf ihre Besserung wirken wenn aber nicht so habt
ihr nach dem Willen der ewigen Liebe gehandelt von welcher Ben Nur gesprochen
hat und die Genugtuung darüber wird euch willig machen ihr auch fernerhin
gehorsam zu sein«
    »Das ist wahr Ich fühle es dass diese Kraft schon in mir rege wird Darum
habe ich eine Bitte von welcher ich hoffe dass du sie mir erfüllen wirst
Sihdi«
    »Welche«
    »Du weißt doch dass das Wort Kutub zwischen dir und mir verabredet worden
ist«
    »Natürlich weiß ich das«
    »Ich wünsche dass noch ein Wort hinzukomme«
    »Welches«
    »El Mizan die Wage«
    »Warum«
    »Kutub bezieht sich nur auf das Sprechen ich will aber auch in Hinsicht auf
das was ich tue gewarnt sein Ich meine die Tat wiegt schwerer als das
Wort und da ist die zweite Warnung nötiger als die erste Du weißt dass ich die
Angst nicht kenne ich gehe jedem Feinde selbst dem Löwen ja sogar dem
schwarzen Panter ohne Furcht entgegen heut aber habe ich noch viel mehr als
die Furcht nämlich das Entsetzen kennen gelernt Als eine Schar der Sterbenden
nach der andern kam wohlgemut und mit vorangetragenem Panier und Ben Nur immer
und immer wieder sagte dass ihnen allen der Abgrund beschieden sei da packte
mich ein Grauen für welches es keine Worte gibt Sihdi mir soll dereinst
keine stolze Standarte vorangetragen werden sondern ich will in Demut nach der
Wage wandern denn ich habe mir das Wort gemerkt dass Allah den Demütigen Gnade
gibt Darum bitte ich dich Wenn mich der Hochmut und der Stolz wieder einmal
was sie doch so oft tun bei meinem Zorne packen und wenn ich überhaupt im
Begriffe stehe etwas zu tun was gegen die uns heute verkündigte Liebe ist so
rufe mir ja schnell El Mizan die Wage zu dann wirst du sehen dass ich sofort
in mich gehe um meinem Zorne die Bastonnade zu geben welche die Mekkaner nun
nicht bekommen werden Willst du das tun«
    »Sehr gern«
    »Ich wollte ich könnte so einen Warner auch stets bei mir haben« sagte der
Perser »Ich habe bisher nur mich geliebt keinen andern Menschen von heute an
aber soll es anders werden Sag Effendi spricht euer Christentum auch von der
Liebe«
    »Nur von ihr« antwortete ich
    »Nur Wirklich Ich habe aber bei den Christen welche ich bisher traf
keine gefunden«
    »So will ich dir jetzt eine Sure unseres heiligen Buches sagen Höre«
    Ich citierte das dreizehnte Kapitel des ersten Briefes Pauli an die
Korinter Er hörte andächtig zu und rief als ich zu Ende war aus
    »Das ist ja ganz so als ob Ben Nur diese Sure auch so auswendig könnte wie
du Welch ein Wunder Er hat immer ganz nach diesen herrlichen Worten
gesprochen und doch hat unser Kuran eine solche Sure nicht Darum also darum
dieser Hass dieser Kampf und Streit bei uns Darum der gegenseitige Abscheu
zwischen den Schiiten und Sunniten und bei diesen wieder die ununterbrochene
Feindschaft zwischen den Schafeiten den Hanefiten den Hanbaliten und den
Malekiten Es fehlt die Liebe nur allein die Liebe Allah bessere es Wie
herrlich wäre es auf Erden wenn die Liebe wirklich und allein die Regierung
hätte Aber Effendi   «
    Er stockte überlegend ob er weitersprechen solle dann fuhr er fort
    »Habt ihr eine große einige eine ganze Christenheit«
    »Leider nicht«
    »Ja ich weiß es ich wollte nur hören ob du es aufrichtig eingestehen
werdest Es gibt bei euch Katulikijihn Rum rum Katulikijihn Ingilijihn
Mawarne Protestanijihn125 und noch viele andere Spaltungen deren Namen ich
nicht kenne Ich will dich nicht betrüben aber beim Islam ist die Zwietracht
kein Wunder weil der Kuran keine solche Sure der Liebe kennt ihr jedoch habt
sie in eurem heiligen Buche stehen und kämpft trotzdem in noch mehr Heerlagern
gegeneinander als wir Ist da diese Sure in eure Herzen oder nur in euer Buch
geschrieben Seid ihr da nicht noch schärfer anzuklagen und nicht noch viel mehr
zu bedauern als wir«
    Ich hätte mich wirklich in größter Verlegenheit befunden was ich auf diese
nur zu wohlbegründeten Vorwürfe antworten sollte wenn mir nicht dies ahnend
der wackere Hadschi schnell beigesprungen wäre
    »Was fällt dir ein meinen Effendi so schwer zu beleidigen Kann er dafür
und trägt etwa er die Schuld daran dass diese Sure bei so vielen Christen nicht
da wohnt wo sie wohnen soll Ich sage dir er schreibt Bücher welche gedruckt
und dann von vielen Tausenden gelesen werden Er braucht nur ein einziges Mal
die Bitte hineinzubringen dass sie einig sein und sich einander lieben sollen
so tun sie es sofort und auch von ganzem Herzen gern Ich weiß das so gewiss
wie ich überzeugt bin dass diese Liebe ihn und mich verbindet«
    Er hielt inne um den Eindruck seiner Verteidigung zu beobachten Was aber
dachte ich Ich war still sehr still
    Lieber Halef Und wenn ich auch mit Engelszungen redete und meine Bücher mit
einer Engelsfeder schriebe meine Worte würden doch erfolglos verklingen bis
die Zeit kommt welche kommen wird und kommen muss weil sie die Zeit der
Verheißung ist Es wird dann nur ein Hirte und eine Herde sein Aber wann
Sollen wir die Hände wartend in den Schoss legen und Gott allein walten lassen
Können wir denn nichts gar nichts tun diese Einigung herbeizuführen 
    Der Perser antwortete nichts Er sah wohl ein dass sein Vorwurf mich
persönlich hatte treffen müssen obwohl das nicht von ihm beabsichtigt gewesen
war darum fuhr der Hadschi in zwar milderem aber doch nachdrücklichem Tone
fort
    »Was verstehst du überhaupt vom Christentum Kennst du das Kitab el mukaddas
126 der Christen«
    »Nein« gestand der Oberaufseher
    »Hast du es gelesen und studiert«
    »Wenn ich das hätte würde ich es doch kennen«
    »So kannst du also auch nicht über die Christen sprechen Den Kuran kennst
du also ist es dir erlaubt von der gegenseitigen Feindschaft seiner Bekenner
zu reden und die ist so groß dass du dich gar nicht um die Christen zu
bekümmern brauchst«
    Da klang es hinter den Vorhängen des Tachtirwan hervor
    »El Mizan el Mizan die Wage der Gerechtigkeit«
    Hanneh schlief also auch noch nicht Sie hatte alles gehört und rief ihrem
»Gebieter« jetzt das Mahnwort zu
    »Was ists mit El Mizan« fragte er
    »Hast du den Effendi nicht gebeten dich mit diesem Worte zu warnen wenn du
zornig wirst«
    »Ja das habe ich allerdings«
    »Darum habe ich es dir zugerufen denn du bist jetzt gegen Khutab Agha den
Basch Nazyr von Meschhed Ali unwillig gewesen«
    Da antwortete er in seinem freundlichsten Tone
    »O Hanneh du anmutigste der schönsten Lieblichkeiten nimm meinen Dank für
die Aufmerksamkeit welche du deinem Halef erweisest Doch bitte ich dich um die
Erlaubnis dir mitzuteilen dass du nicht der Effendi bist Er allein ists der
mich warnen soll das ist ein Recht für ihn welches du ihm nicht nehmen darfst
Wenn zwei Personen an meinem Zorne rütteln so wird er größer anstatt kleiner
Und außerdem war es gar kein Zorn sondern die Liebe und Freundschaft welche
mir gebieten mich dessen anzunehmen dem in Gemeinschaft mit dir und unserm
Sohne mein ganzes Herz gehört Und nun versuch zu schlafen du Liebling meiner
Seele Das ist für dich und mich ja stets das Beste was du tun kannst wenn du
mich für zornig hältst Leletak mubaraka  es sei deine Nacht gesegnet Amin 
amen«
    Sie entgegnete nichts sondern antwortete nur mit einem kurzen lustigen
Lachen welches er so gerne von ihr hörte Dann sagte er leise zu uns
    »Horcht Sie lacht Wie hübsch und gut das klingt wenn eine brave liebende
Frau fröhlich ist Es gibt Weiber welche stets die Gesichter des saueren Essigs
machen Genau so wie ihr Äußeres ist bei ihnen auch ihr Inneres das einem
verfinsterten Zelte gleicht in welchem man nicht findet was man sucht sie
verwandeln den Tag ihres Lebens für sich und andere in Nacht Das Gemüt einer
heitern Frau aber ist der Quell des lichten warmen Sonnenscheins für ihren
Mann für ihre Kinder und auch für alle mit denen sie in Berührung kommt So
einen Quell des Frohsinns und des Glückes habe ich in meinem Frauenzelte Allah
segne Hanneh deren Herz der Ursprung ist aus welchem er fließt Sie wird nun
schlafen Wollen wir das nicht auch tun Sihdi Die Nacht ist kurz und wer
weiß welche Anstrengungen uns der morgende Tag bringt«
    Er hatte recht obgleich er ebenso wenig wie wir ahnte dass dieser Tag ein
viel viel bewegterer für uns werden sollte als wir jetzt dachten Wir
versuchten die durch Ben Nur in uns erweckten lebhaften Vorstellungen zur Ruhe
zu bringen was uns schließlich auch gelang wir schliefen ein Aber die Sorge
weckte mich schon wieder auf als der Morgen sich im Osten durch seinen immer
heller werdenden Schein verkündete Halef Hanneh Kara der Münedschi und der
Perser schliefen noch Ich weckte sie nicht stand auf und entfernte mich mit
leisen Schritten um zunächst die Kette unserer Posten abzugehen Da erfuhr ich
dass die Nacht ohne jedwede Störung vergangen war es hatte sich kein Ben Khalid
sehen oder hören lassen Hierauf ging ich nach dem Brunnenplatze und erfuhr zu
meiner Genugtuung dass unsere Kamele und Pferde alle getränkt worden waren Das
Wasser war nicht schlecht wie ja schon der Name des Brunnens sagte  Bir Hilu
bedeutet »süßer Brunnen«  und so konnten wir ihnen heut einen ausgiebigen Ritt
zumuten Der Scheik der Beni Khalid und die Mekkaner hatten nicht geschlafen
was allerdings auch ganz erklärlich war Die letzteren verhielten sich still
doch war ihnen der Grimm über ihre Lage sehr deutlich anzusehen und aus den
Augen El Ghanis blickte mir ein Hass entgegen welcher mich sofort getötet hätte
wenn es wirkliche und nicht bloß seelische Blitze gewesen wären Tawil Ben
Schahid aber war dieser Schweigsamkeit nicht fähig Kaum sah er mich
herantreten so herrschte er mich an
    »Binde mich augenblicklich los Ich hoffe du hast während der Nacht
eingesehen dass euer gewalttätiges Verhalten die schlimmsten Folgen für euch
nach sich ziehen muss«
    »Nein das habe ich nicht eingesehen« antwortete ich
    »So hat Allah um euch zu verderben dich so geblendet dass du die Folgen
nicht zu erkennen vermagst Sagst du dir denn nicht dass meine Krieger nun
kommen werden«
    »Das werden sie allerdings« lächelte ich
    »Sie werden sehen dass ich gefangen bin«
    »Ja vielleicht«
    »Sie werden sie müssen es ja sehen«
    »Wenn wir ihnen erlauben hierherzukommen ja«
    »Wenn ihr es ihnen nicht erlaubt werden sie es erzwingen Dann befreien sie
mich und fallen über euch her«
    »So Wirklich Mir scheint nicht mich sondern dich hat Allah geblendet
Wenn nur ein einziger deiner Krieger es wagen sollte sich feindlich gegen uns
zu verhalten so wird er an dir zum Mörder denn ich jage dir in diesem Falle
eine Kugel in den Kopf«
    »Das wagst du nicht ganz gewiss nicht denn mein Tod könnte euch nicht
retten sondern er würde das über euch hereinbrechende Verderben nur
beschleunigen«
    »Das wollen wir ruhig abwarten Zunächst scheinen sie noch zu schlafen was
leider kein Beweis dafür ist dass sie mit so großer Treue an dir hangen wie du
mich glauben machen willst Wenn sie dich wirklich liebten und nur eine Spur des
gewöhnlichsten Scharfsinnes besässen hätten sie sich schon längst sagen müssen
dass es hier nicht ganz sicher um dich steht Sie mögen also kommen wir fürchten
uns nicht vor ihnen«
    Er hatte in seinem Zorne so überlaut gesprochen dass seine Stimme über den
Platz hinübertönte und Halef aufweckte Er sah mich hier bei den Gefangenen
stehen stand auf und kam herüber Dadurch wurden die Blicke der Gefangenen auf
ihn und nach der Stelle gezogen wo wir gelegen hatten und da es inzwischen
hell genug dazu geworden war so sahen sie den Blinden welcher in seiner
sitzenden Stellung mit dem Oberkörper noch schlafend an dem Felsen lehnte Ich
bemerkte dies und war gespannt darauf wie sie sich nun verhalten würden
    Der »Liebling des Grossscherifs« riss seine Augen so weit wie möglich auf und
rief mit dem Ausdrucke der größten Überraschung
    »Wer   wer    wer ist das Wer liegt dort an der Felsenwand«
    Sein Sohn war ebenso betroffen Förmlich aufschreiend antwortete er
    »Maschallah Welch ein Wunder ist geschehen Das ist ja der Münedschi der
gestorben ist«
    »Nicht nur gestorben ist er sondern sogar auch begraben worden« fügte der
Vater hinzu »Diese   diese Hunde der Haddedihn haben sein Grab geschändet und
ihn herausgenommen«
    Halef hatte mich inzwischen erreicht Als er das Wort Hunde hörte wendete
er sich schnell um er wollte wieder fort
    »Wohin Halef« fragte ich
    »Wieder hinüber« antwortete er »Ich habe meine Kurbadsch da drüben liegen
lassen Dieser Kerl hat uns Hunde genannt«
    »El Mizan el Mizan Halef Denke an die Wage der Gerechtigkeit«
    Da drehte er sich mir wieder zu und sprach in gelassenem Tone
    »Ganz richtig Sihdi Ich dachte nicht daran Der Schlaf hat mich um den
Zusammenhang mit der gestrigen Stunde des Todes gebracht du aber weckst in mir
die Erinnerung an meine Vorsätze«
    Hierauf wendete er sich an El Ghani und sagte in ironischer Weise
    »Ja wir haben ihn ausgegraben und seine Leiche mit uns geschleppt Diese
ist dann gestern abend von dort drüben zu euch herübergelaufen und hat nicht nur
die Arme und die Beine bewegt sondern sogar zu euch und uns gesprochen Ihr
seid ja außerordentlich kluge Menschen«
    Da sah der Mekkaner seine Gedankenlosigkeit ein und rief mit allerdings
nicht weniger Erstaunen
    »So ist er gar nicht gestorben gar nicht tot gewesen Allah Allah Allah«
    »Ja Aber ihr seid so dumm so hirnverbrannt gewesen ihn lebendig zu
begraben Ihr habt über einen Lebenden die heiligen Gebete des Todes
gesprochen«
    »Dafür konnten wir nicht Er war starr wir mussten ihn für tot halten«
    »Warum haben aber wir diesen Fehler nicht gemacht Wir bemerkten sofort dass
er noch lebte«
    »Weil er wahrscheinlich grad an dem Augenblicke als ihr zu ihm kamt wieder
erwachte du hast mit deinen Vorwürfen zu schweigen«
    »Du willst mir verbieten zu sagen was mir beliebt Mache dich doch nicht
lächerlich Ihr wusstet dass seine Seele ihn zuweilen verlässt und hättet also
auf ihre Rückkehr warten sollen Wir wussten das nicht und haben ihn dennoch aus
dem Grabe genommen Ihr habt euch als seine Mörder zu betrachten obgleich wir
ihm das Leben gerettet haben«
    Da richtete El Ghani einen besorgt forschenden Blick auf Halef und fragte
    »Hat er mit euch gesprochen«
    »Ja«
    »Gleich am Grabe«
    »Ja«
    »Dann später auch«
    »Auch«
    »War er dabei wach oder abwesend«
    »Beides«
    »Hat er von mir gesprochen«
    »Sehr viel«
    »Was hat er gesagt«
    »Das hat er zu uns gesagt und nicht zu dir Wir behalten es also für uns«
    »Ich will und muss es aber wissen«
    »Und wir müssen wollen und werden aber darüber schweigen«
    »Ich werde euch zwingen zu reden wenn die Beni Khalid gekommen sind«
    »Versuche das ich habe nichts dagegen Da ich aber grad guter Laune bin
will ich dir folgendes sagen Viel Gutes kann kein Mensch von dir berichten er
also auch nicht«
    »So hat er euch angelogen Er gehört zu uns Bringt ihn zu uns herüber«
    »Das wollen wir uns doch erst überlegen So viel wir wissen ist er nicht
dein Sklave sondern sein eigener Herr der tun kann was er will«
    »So weckt ihn auf und sagt ihm dass ich ihn hier bei mir haben will«
    »Mensch denke ja nicht dass du nur zu befehlen brauchest so müsse es
geschehen Er verdankt uns das Leben und gehört nun also zu uns aber nicht zu
euch«
    Die Besorgnis des Mekkaners schien zu wachsen Es klang als stehe er im
Begriffe ganz außer sich zu geraten so aufgeregt rief er aus
    »Zu mir zu mir gehört er Ich habe ihm tausendfältige Wohltaten erwiesen
für die er mir die größte Dankbarkeit und Anhänglichkeit schuldet Ich kann
nicht dulden dass er bei fremden Leuten ist Er muss unbedingt herüber«
    »Wirklich unbedingt«
    »Ja unbedingt und augenblicklich Er darf keine Minute mehr bei euch sein«
    »Keine Minute So Du hast wahrscheinlich sehr große Angst vor uns«
    »Angst Warum Wieso«
    »Weil das was wir von ihm hören können vielleicht gefährlich für dich
ist«
    »Gefährlich« lachte er höhnisch auf doch klang dieses Lachen sehr
gezwungen
    »Jawohl gefährlich« nickte Halef »Dein Gewissen ist jedenfalls nicht
rein«
    »Bekümmere dich um die Reinheit des deinigen Schickst du ihn herüber«
    »Nein«
    »So wirst du gleich sehen was ich tue Ich wecke ihn Da kommt er
jedenfalls«
    Er schrie mit aller Stärke seiner Stimme den Namen des Blinden über den
Platz hinüber Der Gerufene wachte auf und richtete sich horchend empor
    »Schweig augenblicklich Kein Wort weiter« befahl da Halef indem er sein
Messer zog und es gegen den Ghani zückte »Rufst du noch ein einziges Mal so
schweigt dein Mund für immer«
    Diese Drohung klang so energisch und überzeugend dass sie ihren Zweck
erreichte der Mekkaner sank in sich zurück und war nun still Halef gab so dass
dieser es hörte den strengen Befehl ihn augenblicklich zu erstechen wenn er
wieder rufe Dann wendete er sich zu mir
    »Hanneh ist wach geworden Sie wird uns den Kaffee bereiten Komm«
    Auch ich sah dass die »schönste Besitzerin der Frauenzelte« ihre Sänfte
verlassen hatte und sich mit dem Kochgeschirr beschäftigte Einige
kaffeedürstende Haddedihn waren schnell bereit ihr Brennmaterial zu bringen und
ein Feuer anzuzünden Indem wir langsam zu ihr hinübergingen und uns also
niemand hörte fragte der kleine Hadschi
    »Habe ich das jetzt recht gemacht Sihdi«
    »Hm« machte ich
    »Brumme nicht sondern sprich deutlich Bist du etwa im Zweifel«
    »Ja«
    »Warum«
    »Du hältst es wohl gar nicht für möglich dass der Münedschi wieder zu seinen
Gefährten will Ich schließe das nämlich aus deinem Verhalten«
    »Aus meinem Verhalten Das verstehe ich nicht Wie meinst du das«
    »Du hast den Ghani glauben lassen dass der Münedschi uns von ihm
Mitteilungen gemacht habe die er nicht hätte machen sollen«
    »Was schadet das Ich wollte ihn ärgern und das ist mir gelungen«
    »Das ist ein Erfolg dessen du dich gar nicht rühmen solltest Halef«
    »Nicht Aus welchem Grunde«
    »Erstens ist es nicht edel Menschen zu ärgern Und zweitens hast du damit
unserm Schützlinge dem Münedschi keinen guten Dienst erwiesen Das Misstrauen
welches du zwischen ihm und dem Ghani gestreut hast kann diesem armen Blinden
schlimme Früchte bringen wenn er darauf besteht sich seinen früheren Gefährten
wieder zuzugesellen Ich meine dass du das nicht hättest tun sollen«
    »Hm   hm   Du hörst dass jetzt ich es bin der brummt und zwar brumme
ich nicht über dich sondern über mich denn ich sehe ein dass ich dir diesen
deinen Vorwurf nicht widerlegen kann Ich bin nicht nur unedel sondern auch
unvorsichtig gewesen Warum hast du mich nicht mit dem vereinbarten Wort
gewarnt«
    »Weil ich das gleich einen Augenblick vorher schon getan hatte«
    »Ja das war aber nur wegen der Peitsche nicht des Sprechens wegen«
    »So so Es würde dir also nicht lästig sein von mir in einer Minute
nochmal gewarnt zu werden«
    »O doch sogar sehr Ich sehe ein dass ich mich noch viel viel mehr
zusammenzunehmen habe als ich dachte Weißt du Sihdi der Mensch ist doch ein
außerordentlich schwaches Geschöpf und ich dein alter unvorsichtiger Halef
gehöre wohl zur allerschwächsten Sorte Nicht«
    »Diese Frage ist unnütz denn da du es selbst einsiehst brauchst du ja
meine Antwort nicht Komm zu Hanneh Sie hat dir gewinkt«
    Er eilte mir voraus um diesem Winke zu folgen Sie hatte mit ihm zu
sprechen da sie natürlich wissen wollte wo wir gestern noch so spät gewesen
waren und was wir getan hatten Kara gesellte sich ihnen zu ich aber ging zu
dem Perser der auch vom Schlafe erwacht war und in der Nähe des Münedschi saß
    Als ich mich bei ihnen niedergelassen hatte und mit dem Basch Nazyr sprach
erkannte mich der Blinde an der Stimme und fragte
    »Irre ich mich wenn ich denke dass der Effendi aus dem Wadi Draha bei mir
ist«
    »Nein du irrst dich nicht« antwortete ich ihm »Ich bin es«
    »Wer ist noch da«
    »Ein Freund von dir und mir welcher zu unserer Schar gehört«
    »Besjetzt er dein Vertrauen«
    »Ja«
    »So darf er vernehmen was ich dir zu sagen habe«
    »Ich weiß zwar noch nicht was du mir sagen willst habe aber ganz und gar
keinen Grund ihm mein Vertrauen zu verweigern«
    »Welche Tageszeit haben wir jetzt Es scheint hell zu sein«
    »Ja es ist früh morgens Die Sonne wird in kurzer Zeit erscheinen«
    »Wann war es als ihr mich fandet«
    »Gestern«
    »Nicht länger So betrifft also das was ich dir sagen will unser gestriges
Gespräch Ich sollte vielleicht lieber schweigen aber es liegt ein mir
wohlbekannter Trieb in mir zu dir zu reden Dieser Drang ist mir stets der
Beweis dass Ben Nur der Sohn des Lichtes es will Dieser Name ist dir doch
bekannt«
    »Ja«
    »Und du weißt dass er meine Seele oft nach Orten führt welche nicht hier
auf der Erde liegen«
    »Ich weiß es«
    »So will ich dir mitteilen dass er in der vergangenen Nacht auch wieder bei
mir gewesen ist und dass ich die Erde mit ihm verlassen habe«
    »Wo warst du mit ihm«
    »In der Todesstunde«
    »Das ist doch eine Zeit aber kein Ort«
    »Das habe ich bisher auch gedacht nun aber weiß ich es besser In dieser
Nacht war sie für mich ein Ort an welchem ich mit Ben Nur auf einem hohen
Steine stand um die Seelen der Sterbenden an mir vorüberziehen zu sehen Ich
sehe ihn noch jetzt so deutlich vor mir dass ich ihn dir ganz genau beschreiben
kann«
    Er tat dies und seine Schilderung stimmte ganz genau mit dem überein was
wir gestern auf dem Felsen gehört hatten Uns seine Begleiter erwähnte er gar
nicht Darum fragte ich
    »Warst du ganz allein an dieser sonderbaren Stelle«
    »Ich und Ben Nur«
    »Niemand weiter«
    »Nein«
    »Von wo hat er dich abgeholt«
    »Natürlich von hier wo ich jetzt sitze«
    »Hast du die Erde direkt von hier aus verlassen oder bist du erst an einem
andern Orte gewesen«
    »Direkt von hier aus Willst du vielleicht hören was und wen ich alles
durch die Türen der Mauer habe kommen sehen«
    »Ja ich bitte dich darum es uns zu erzählen«
    Er wusste also nicht wer bei ihm gewesen war und dass wir ihn hinaus nach
dem Felsen begleitet hatten der von ihm und uns erstiegen worden war
    Und nun begann er seinen Bericht Er beschrieb uns die einzelnen Scharen der
Seelen ganz in derselben Reihenfolge und in derselben Weise wie Ben Nur sie ihm
gestern gezeigt hatte Nur war alles viel kürzer nicht so ausführlich er wusste
zwar den Sinn aber die Worte nicht welche von dem »Sohn des Lichtes«
gesprochen worden waren Als er zu Ende gekommen war fragte ich ihn
    »Bist du überzeugt dass dies ein wirkliches Gesicht gewesen ist«
    »Ja vollständig überzeugt« antwortete er
    »Kein Traum«
    »Kein Traum Ich träume zwar manchmal auch weiß aber meine Träume so genau
von meinen Gesichtern zu unterscheiden dass ein Irrtum gar nicht möglich ist«
    »Ist die Grenze oder der Unterschied zwischen Traum und Gesicht so scharf
so bemerkbar dass du beide wirklich nicht verwechseln kannst«
    »Ja Ich kann sogar zwischen Traum und Traum unterscheiden Es gibt Träume
welche einfach nur die Fortsetzung der letzten Gedanken sind mit denen man sich
vor dem wirklichen Einschlafen beschäftigt diese haben nichts zu bedeuten Und
es gibt noch andere welche eingegeben worden sind Wenn Ben Nur mir etwas
sagen will was er mir in keiner andern Weise mitteilen kann so sagt er es mir
im Traume Nach dem Erwachen weiß ich dann dass ich nicht mit ihm fortgewesen
bin sondern nur geträumt habe dass aber dieser Traum sein beabsichtigtes Werk
und keine Folge meiner Gedanken war Und ebenso täusche ich mich nie wenn ich
weiß dass meine Seele den Körper verlassen hat und wo sie dann gewesen ist Ja
in der ersten Zeit als ich es noch nicht gewöhnt war und keine Übung in der
Unterscheidung hatte da kam zuweilen ein Irrtum vor jetzt aber nie mehr«
    »Du glaubst also an alles was du bei solchen Führungen siehst«
    »Ja«
    »Auch an alles was du da hörst«
    »Ja obgleich mir dieser Glaube oft schwer wird«
    »Glaubst du was Ben Nur dir heute in der Nacht gesagt hat«
    »Auch das Und doch ist es mir wohl noch niemals so schwer wie grad dieses
Mal geworden ihm Glauben zu schenken«
    »Warum«
    »Weil es so viele viele waren von denen er sagte dass sie über den Abgrund
des Verderbens gelangen würden«
    »Wie kann dich die Frage ob es viele oder wenige waren stören«
    »Weil ich selbst in meinem ganzen langen Leben nur einen einzigen Menschen
gefunden habe von dem ich unbedingt überzeugt bin dass die Pforte der Seligkeit
ihm geöffnet sein wird Was für eine große reiche Fülle von Liebe Güte und
Barmherzigkeit muss von allen denen hier im Leben ausgeflossen sein welche Ben
Nur mir als für den Himmel Bestimmte bezeichnete Und ich habe nie nie Liebe
gefunden dieses eine einzige Mal nur ausgenommen«
    »Aber du hattest doch Eltern«
    »Sie liebten mich nicht«
    »Geschwister«
    »Sie hassten mich«
    »Freunde«
    »Sie nannten sich so waren es aber nicht«
    »Ein Weib«
    »Sie war eine Heuchlerin«
    »Kinder«
    »Die hatte ich nicht Allah sei tausend tausendmal Dank dafür Denn wenn
ich auch Kinder gehabt hätte und von ihnen ebenso betrogen worden wäre wie von
den andern die mich hassten und hintergingen so lebte ich schon längst nicht
mehr und wäre infolge der Rache die ich genommen hätte von der Brücke des
Todes in den Abgrund des Verderbens gestürzt Glaubst du dass ich nach allem
was ich erlebt und erduldet habe noch der Liebe fähig sein kann«
    »Ja«
    »Allah segne deinen guten Glauben denn während du nur an mich zu glauben
meinst glaubst du an die Menschheit Ja ich halte die Liebe noch im Herzen
fest dieses Einen Einen wegen bei dem ich Liebe gefunden habe Er nahm sich
in seiner selbstlosen Barmherzigkeit meiner an und hat mich dadurch von der
Verzweiflung von dem diesseitigen und dem jenseitigen Verderben gerettet Seine
Liebe ist es die mir das bereits verlorene Vertrauen zur Menschheit und den
Glauben an sie wiedergegeben hat Frage mich nicht warum ich grad gegen dich so
aufrichtig bin Es liegt in mir es treibt mich dir das zu sagen obwohl ich
weiß dass auch du die Welt und mein Geschick nicht anders machen kannst Ich
habe nach Liebe vergeblich gesucht so lange ich denken kann Ich habe sie
gesucht bei Gott bei den Menschen im Leben in der Kirche   «
    »In der Kirche« fragte ich
    »Ja in der Kirche Ich will es dir nicht verschweigen dass ich Christ
gewesen bin Dir als Moslem ist es ja ganz gleich ob ich dem Islam seit meiner
Kindheit oder erst seit kurzem angehöre«
    »Was hat dich veranlasst aus der christlichen Kirche zu treten«
    »Eben mein vergebliches Suchen nach Liebe Lerne sie nur kennen diese
Christen Wie sie sich getrennt haben in Sekten Konfessionen und viele anders
genannte Abteilungen von denen jede behauptet dass ihre Angehörigen allein
selig werden Wie sie sich hassen sich anfeinden sich verleumden und
verfolgen Wie sie sich gegenseitig nach den Fehlern spüren um einander so viel
wie möglich herabsetzen und in Schaden bringen zu können Welche Freude welchen
Hohn welche Selbsterrlichkeit gibt es da wenn wieder einmal ein Fehler
entdeckt worden ist Dazu kam die Traurigkeit meiner persönlichen Erfahrungen
meines eigenen Schicksales Ich mochte nichts mehr wissen von einem Glauben
welcher Liebe lehrt während seine Bekenner die lieblosesten Menschen des ganzen
Erdballes sind Die Bibel der Christen sagt dass man den Menschen an seinen
Werken erkenne und aber ich sagte dass auch der Glaube an seinen Früchten an
seinen Werken zu erkennen sei und da diese Früchte nichts als Hass Streit Neid
und Egoismus waren so war es kein großer kein schwerer Entschluss von mir in
der Moschee zu suchen was ich in der Kirche nicht fand«
    »Und hast du es da gefunden« fragte ich
    Wie gern wie so sehr gern hätte ich ihn noch ganz anders gefragt und ihn
einmal so recht fest zwischen meine Hände genommen Aber ich musste mich auf
diese eine kurze Frage beschränken denn zu weiten Auseinandersetzungen war
jetzt keine Zeit und da ich zu verschweigen hatte dass ich ein Christ war so
musste ich darauf bedacht sein mein Herz nicht mit dem Verstande durchgehen zu
lassen Er war ein Überläufer und man weiß ja dass der Fanatismus bei den
Renegaten am größten und gefährlichsten ist  Er antwortete nicht gleich
sondern erst nach einer Weile
    »Ich habe dieses Gespräch mit dir nicht begonnen um das Christentum mit dem
Islam zu vergleichen Du hast ja bereits gehört dass ich nur einen einzigen
Menschen gefunden habe der mir das entgegenbrachte was ich suchte   Liebe
Diesem Manne habe ich es zu verdanken dass ich überhaupt noch existiere er hat
mich materiell geistig und seelisch neu geschaffen und so habe ich mich ihm
ergeben mit allem was ich bin und was ich habe mit meinem Körper meinem
Herzen meiner Seele meinem ganzen Leben«
    »Und wer ist dieser Mann«
    »Abadilah«
    »Der Schech el Harah von Mekka den man El Ghani nennt«
    »Ja Ich will dich etwas fragen Darf ich«
    »Ja«
    »Wirst du mir die Wahrheit sagen«
    »Ich lüge nicht«
    »Versprich es mir«
    »Ich gebe dir hiermit mein Wort«
    Ich gab ihm dieses Versprechen obwohl ich vermutete dass er beabsichtige
nach dem Ghani zu fragen Wie unendlich leid tat mir dieser arme alte blinde
Mann Dass er vom Christentum zum Islam übergetreten war hielt ich natürlich für
die größte Sünde seines ganzen Lebens aber ich war es nicht der darüber zu
rechten und zu richten hatte Vor mir saß er hier und jetzt nicht als Renegat
sondern als unglücklicher Mensch und da musste ich ein unbeschreibliches Mitleid
mit ihm fühlen Der dem er sich wie er selbst sagte mit seinem Körper seinem
Herzen seiner Seele seinem ganzen Leben ergeben hatte war ein Schurke ein
Halunke von dem er in einer Weise ausgebeutet wurde für welche das Wort
abscheulich noch viel zu mild zu rücksichtsvoll klang Durfte ich ihm sagen
was geschehen war und was wir von dem den er so liebte und verehrte wussten
Musste ich ihn nicht schonen Konnte ihn diese letzte größte aller Täuschungen
nicht sofort in den Abgrund werfen den Ben Nur ihm gestern gezeigt hatte
    »Ich habe vorhin die Stimme meines Beschützers meines Wohltäters meines
einzigen Freundes gehört« fuhr er fort »Sag ist er hier«
    »Ja« antwortete ich
    »Hier am Bir Hilu«
    »Ja«
    »Hat er mich gesehen«
    »Erst vorhin als er dich rief«
    »Warum kommt er nicht her zu mir«
    »Er und seine Begleiter hielten dich für tot sie haben dich begraben und
sind hierhergeritten Sie erschraken als sie dich so plötzlich sahen sie
hielten dich für einen Geist«
    Während ich mit diesen Worten hin und her lavierte suchte ich nach einer
Weise ihm die Wahrheit so schonend wie möglich und zwar allmählich
mitzuteilen Der Perser rückte auf seinem Platze ungeduldig hin und her Er
dachte jetzt nicht an die Pflicht gegen den Blinden sondern nur an den
Diebstahl und an die Behandlung die ihm geworden war Ich bat ihn durch einen
Blick sich zu beherrschen fand aber leider keine Erhörung
    »Ich bin kein Geist kein Gespenst« sagte der Alte »Ich will ihn bei mir
haben ihn seinen Sohn und auch die andern Ruft sie her«
    Da brach der Basch Nazyr los
    »Her zu uns Das fällt uns gar nicht ein«
    Ich sah ihm die Entschlossenheit ohne Beschönigung zu reden an und hielt
es für das Beste jetzt still zu sein
    »Nicht Warum nicht« fragte der Münedschi
    »Ehrliche Leute sitzen nicht mit Schurken zusammen«
    »Schurken Wen meinst du mit diesem Worte«
    »Den Ghani und seine ganze Diebsbande«
    »Die   bes    ban     de Habe ich richtig gehört«
    »Du hast ganz richtig gehört«
    »Ein Schurke soll er sein Ein Dieb Entweder treibst du einen grausamen
Scherz mit mir oder du befindest dich in einem Irrtum wie es größer gar keinen
geben kann«
    »Ich treibe weder Scherz noch irre ich mich Ich spreche im Ernste und was
ich sage das ist die volle Wahrheit«
    »Nein die Wahrheit kann es nicht sein«
    »Sie ist es denn wir haben die Beweise in den Händen«
    »Welche Beweise«
    »Die Sachen welche er gestohlen hat und ihm von uns wieder abgenommen
worden sind«
    »Wo   und was   was soll er gestohlen haben«
    »Er hat den Kanz el Ada in Meschhed Ali beraubt Ich der Basch Nazir
dieses Schatzes bin euch mit meinen Soldaten bis hierher nachgeritten und habe
die Diebe und die Gegenstände alle hier erwischt«
    Da war der Blinde still Seine Finger bewegten sich krampfhaft als ob sich
zwischen ihnen etwas befinde was bis auf die kleinste Faser zerrissen und
zerzaust werden müsse Erst nach längerer Zeit wendete er mir das Gesicht zu
öffnete die strahlend scheinenden Augen und sagte
    »Effendi bist du noch da«
    »Ja«
    »Ich will mit dir reden nur mit dir mit diesem andern nicht kein Wort
mehr Ich beschwöre dich bei Allah bei dem Khalifen bei dem Kuran bei allem
überhaupt was dir heilig ist Wirst du mir die Wahrheit sagen«
    »Ja«
    »So sprich Befinden sich meine Begleiter wirklich als ertappte Diebe bei
euch«
    »Leider ja«
    »Erzähle mir wie das gekommen ist Aber füge ja nichts hinzu und lass auch
nichts weg«
    Ich folgte dieser Aufforderung in der Weise wie es die Rücksicht auf ihn
mit sich brachte Er hörte mir zu ohne mich mit einem Worte zu unterbrechen
und saß dann nachdem ich geendet hatte wieder eine ganze Weile still da Ich
sah dass nicht nur seine Hände sondern alle seine Glieder leise zitterten Er
war innerlich furchtbar aufgeregt Ich wartete mit mehr als bloßer Spannung
darauf was für einen Entschluss er fassen werde Da endlich sagte er
    »Effendi wirst du tun um was ich dich jetzt bitte«
    »Das kann ich doch nicht wissen«
    »Ich werde um nichts bitten was du mir nicht erfüllen kannst Es ist sogar
sehr leicht für euch«
    »Sage es«
    »Der Ghani ist euer Gefangener«
    »Ja«
    »Erlaube dass ich zu ihm gehe und auch gefangen bin«
    Ich hatte dies und nichts anderes erwartet Durfte ich ihm diesen Wunsch
erfüllen Durfte ich es ihm verweigern Als ich mit meinem Bescheide zögerte
fuhr er fort
    »Ich gebe dir mein Wort ja meinen Schwur dass ich tun werde was ich will
obgleich ich blind bin und den Ghani nicht sehen kann Ihr könnt mich nur
dadurch hindern dass ihr mir Fesseln anlegt Tut ihr das aber nicht so gehe
ich zu ihm Ihr braucht ihn mir nicht zu zeigen Ich rufe und wenn er
antwortet wird mich seine Stimme zu ihm führen Nun sag also was du
beschlossen hast«
    Da trat Halef herbei welcher während des letzten Teiles des Gespräches von
Hanneh zu uns gekommen war und den Wunsch des Alten gehört hatte Er antwortete
an meiner Stelle
    »Ich Hadschi Halef werde dir sagen was geschehen soll Sie sind gefangen
weil sie gestohlen haben du aber bist ein ehrlicher Mann und also frei Wir
dürfen dich nicht hindern zu tun was dir beliebt Willst du wirklich und auch
jetzt noch hinüber zum Ghani«
    »Ja ich will unbedingt will ich«
    »So steh auf und gib mir deine Hand Mögest du nicht bereuen was du jetzt
tust Ich werde dich hinüberführen«
    Ich sah ihnen nicht nach sondern stand auf und ging zu Hanneh welche den
Teppich zum Kaffeetrinken ausgebreitet hatte Der Perser wurde natürlich
eingeladen mitzutrinken Als Halef wiederkam setzte er sich an meine Seite und
fragte mich wie gewöhnlich wenn er irgend etwas aus eigenem Entschlusse
ausgeführt hatte
    »Habe ich es recht gemacht Sihdi«
    »Ja« antwortete ich
    »Es freut mich dass ich deine Zustimmung erhalte über die Sache selbst
freue ich mich nicht Wir konnten nicht anders denn der Blinde ist sein eigener
Herr und wir haben kein Recht gegen seinen Willen über ihn zu verfügen Was
hätten wir mit ihm machen können wenn er gezwungen gewesen wäre bei uns zu
bleiben«
    »Ihn mit nach Mekka nehmen«
    »Und dort«
    »Ich zweifelte gar nicht daran dass es uns dort gelingen würde ihn besser
unterzubringen als er jetzt untergebracht ist«
    »Das denke ich auch Und hätten wir keinen geeigneten guten Platz für ihn
gefunden nun so gibt es unter den Zelten der Haddedihn genug Raum für einen
blinden Mann dessen Anwesenheit gar keine Opfer fordert Dieser Münedschi wird
nicht lange mehr leben er steht dem Jenseits näher als der Erde Seine Seele
war ja bereits fast an der Brücke Und was alles hätten wir von ihm noch
erfahren können«
    »Bist du neugierig geworden«
    »Nicht neu sondern wissbegierig«
    »Und glaubst du dass dieses Wissen dir und deinem Stamme Nutzen bringen
würde«
    »Ja Wenn das Erdenleben eine Vorbereitung für den Himmel ist so ist es ja
Pflicht jede Gelegenheit zu ergreifen etwas über das Jenseits zu erfahren«
    »Du meinst etwas Wahres«
    »Hältst du das was wir gestern gehört haben für Täuschung«
    »Ich kann mir darüber heute noch kein Urteil erlauben Wenn der Blinde zu
uns anstatt zu seinem vermeintlichen Wohltäter gehalten hätte wäre uns
wahrscheinlich mehr Stoff zu einem Urteile geboten worden als wir jetzt
besitzen Wir wollen also den Gedanken an das Jenseits jetzt nicht weiter
verfolgen und uns lieber mit dem Diesseits befassen«
    »Ja das ist für den Augenblick wohl ebenso nötig Was denkst du dass
zunächst geschehen soll«
    »Wir sind gewillt die Diebe nicht zu bestrafen werden sie also freigeben
selbstverständlich den Scheik der Beni Khalid auch Doch darf das nicht so ohne
weiteres geschehen Wir haben uns sicher zu stellen dass wenigstens so lange
wir uns hier befinden nichts gegen uns unternommen wird Später dann können wir
anderweit für uns sorgen«
    »So schlage ich vor dass wir den Scheik erst dann loslassen wenn er
geschworen hat hier nichts gegen uns zu unternehmen«
    »Das werden wir allerdings tun«
    »Sag Sihdi gibt es für uns keine andere keine bessere Gewähr als nur
seinen Schwur«
    »Nein wenigstens ich weiß keine Du etwa«
    »Nein«
    »Oder Khutab Agha«
    »Auch ich weiß nichts anderes« antwortete dieser »Ihr habt mich zu eurem
Freund gemacht und meine Dankbarkeit gehört euch so lange ich lebe Darum kann
es mir nicht gleichgültig sein ob euch noch fernere Gefahren von s der
Beni Khalid drohen Sonst aber wäre ich mit meiner Angelegenheit hier zu Ende
Die gestohlenen Glieder habe ich hier zurückbekommen und meine Asaker sind auch
wieder frei Wir brauchen also nur aufzusitzen und heimzukehren«
    »Wann wirst du das tun«
    »Wenn auch ihr fortreitet eher natürlich nicht«
    »Nun und wir Sihdi Wann reiten wir«
    »Wenn die Beni Khalid fort sind« antwortete ich
    »Früher nicht«
    »Nein«
    »Warum nicht«
    »Du scheinst mich nicht mehr zu kennen Halef«
    »Was Wie Ich dich nicht mehr kennen Oh Effendi was treibst du da für
Allotria Du weißt doch ganz genau dass ich dich besser kenne als mich selbst«
    »Nach deiner letzten Frage muss ich das aber bezweifeln denn du hast einen
Brauch vergessen der so zu mir gehört wie der Griff zum Säbel«
    »Welchen Brauch«
    »Mich stets und so viel wie möglich rückenfrei zu machen Dieser Gewohnheit
haben wir so viele Erfolge zu verdanken lieber Halef dass es mir gar nicht
einfallen kann grad hier in dieser gefährlichen Wüste von ihm abzuweichen«
    »Rückenfrei In Beziehung auf die Beni Khalid«
    »Ja Wenn wir eher fortreiten als sie haben wir sie im Rücken und wissen
nicht was sie hinter uns vornehmen Sind sie aber vor uns so können wir sie
so lange dies nötig ist derart im Auge behalten dass es ihnen unmöglich wird
uns ernstaft zu belästigen Das siehst du wohl ein«
    »Welche Frage Wenn ich das nicht einsähe so wäre ich ein Fluss ohne Wasser
ein Pferd ohne Beine oder eine Feder ohne Tinte und meinetwegen auch eine Hanneh
ohne Halef Nur weiß ich nicht ob die Beni Khalid darauf eingehen werden«
    »Sie müssen«
    »Wie willst du sie zwingen«
    »Dadurch dass wir sie nicht an den Brunnen lassen Wenn sie überzeugt sind
für ihre Kamele kein Wasser zu bekommen so müssen sie sich beeilen nach einem
anderen Brunnen zu kommen«
    »Wo sie uns aber das Wasser wegnehmen so dass wir dann wenn wir hinkommen
keines finden«
    »Das ist meine geringste Sorge Erstens ist es doch noch gar nicht bestimmt
wohin sie sich und wir uns wenden werden Die Gegend vor uns ist wasserreicher
als die nun hinter uns liegende wir haben es also sehr wahrscheinlich nicht
nötig grad denjenigen Weg einzuschlagen den die Beni Khalid reiten Und
zweitens verweise ich dich auf den Bir Hilu hier Die Beni Khalid waren ja auch
vor uns da und wir haben nicht nur trotzdem Wasser bekommen sondern wir sind
sogar jetzt in der Wüste Herren des Brunnens dass unsere Gegner ohne unsere
Erlaubnis gar nicht herankommen dürfen Bist du nun zufriedengestellt«
    »Ja vollständig Sihdi Doch schau hin zu den Mekkanern wie der Ghani so
eifrig in den Blinden hineinspricht Er wird ihm alles ganz anders erzählen als
es sich zugetragen hat Wir werden da dem Münedschi in einem Lichte erscheinen
auf welches wir wenn es die Wahrheit wäre nichts weniger als stolz sein
könnten Doch sieh da kommt ein Posten mit einem Ben Khalid Der Anfang des
Endes wird also beginnen«
    Der Haddedihn welcher den Boten zu uns brachte sagte dass die ganze Schar
der Beni Khalid im Anrücken sei um nach dem Brunnen zu gehen Es habe
Überredung gekostet sie anzuhalten und zu bewegen auf die Antwort ihres
Scheiks zu warten
    »Was habt ihr als Grund angegeben dass sie nicht her dürfen« erkundigte
sich Halef
    »Den Willen ihres Scheiks« lautete die Antwort »Sie haben also diesen
Boten geschickt der mit ihm sprechen soll«
    »Das war richtig Wir werden diese Angelegenheit sofort in Ordnung bringen
Gehen wir hinüber zum Scheik«
    Diese Frage war an mich gerichtet ich antwortete indem ich aufstand Der
Perser tat dasselbe und dann schritten wir gefolgt von dem Ben Khalid nach
dem Brunnen wo er seinen Scheik gefesselt liegen sah Dieser rief ihm noch ehe
wir ihn erreicht hatten zornig entgegen
    »Da kommt nun endlich einmal einer Konntet ihr euch nicht eher um mich
bekümmern«
    Der Mann war sichtlich erstaunt den Führer seines Stammes als Gefangenen zu
finden sah sich mit unsicheren Blicken um und antwortete
    »Du hast es so gewollt«
    »Das war kein Befehl sondern nur eine Mitteilung von mir Diesen
Unterschied müsst ihr beherzigen Wo habt ihr diese Nacht gelagert«
    »Auf dem Platze der Fantasia«
    Wir hatten keinen Grund den Scheik in seinen Erkundigungen zu stören und
hörten mit Vergnügen zu
    »Mit den Soldaten« fragte er weiter
    »Ja«
    »Wo habt ihr sie«
    Seine Augen funkelten bei dieser Erkundigung Der Bote schlug die Augen
nieder und erwiderte höchst verlegen
    »Sie sind fort«
    »Wohin«
    »Das wussten wir nicht jetzt aber sehe ich dass sie hier sind«
    »Natürlich sind sie hier wenn ihr sie entwischen lasst Ich hielt sie als
ich sie in der Nacht kommen sah für Geister verstorbener Asaker denn dass es
die unserigen seien mit ihren Waffen und Kamelen noch dazu das musste ich doch
für ganz unmöglich halten Der Scheitan127 scheint euch blind und taub gemacht
zu haben denn auf eine andere Weise konnte es gar nicht geschehen dass zwanzig
Gefangene einer ihnen so vielfach überlegenen Wächterschar entrinnen Ihr hattet
sie doch gefesselt«
    »Ja«
    »Aber nicht gut bewacht«
    »Sogar sehr scharf Sie lagen in unserer Mitte Wir haben keine Vorsicht
oder Pflicht versäumt«
    »Das ist nicht wahr Ohne große Fehler von euch hätten sie nicht entkommen
können Ich werde diesen Fall genau untersuchen und die Schuldigen heim zu den
alten Weibern schicken mit denen sie Pantoffeln machen können denn zu weiter
sind sie ja nichts nütze«
    Da begann der Ben Khalid nun auch einen andern Ton anzuschlagen
    »Wir sind weder alte Weiber noch gehören wir zu ihnen Ich bin ein Ben
Khalid ein freier Beduine und nur dem untertan dem ich gehorchen will An
dem Entkommen der Asaker ist kein einziger von uns schuld sondern nur die
Dschinn128 welche in großen Massen kamen«
    »In Massen Was für Dschinn waren es«
    »Dunkle Gestalten welche wie Schatten aussahen aber wie wir dann wohl
bemerkten keine Schatten waren ihnen voran kam das gestrige Gespenst«
    »Welches«
    »Der Geist der hierher kam und sprach«
    »Allah« rief der Scheik indem er seine Aufmerksamkeit verdoppelte
»Dieser derselbe Geist war es«
    »Ja«
    »Und ihr seid natürlich sofort ausgerissen«
    »Nein Aber er hielt zwei flammende Irrlichter in Händen aus denen lauter
Köpfe lebendiger Teufel hervorsprühten Wir sind Gläubige des Kuran und fromme
Bekenner des Propheten aber mit Geistern und Teufeln zu kämpfen das darf uns
niemand zumuten«
    »Ich werde bald erfahren was für flammende Irrlichter das gewesen sind
Hattet ihr denn ein Feuer brennen«
    »Sogar zwei Erst als der Geist sich dem ersten so weit genähert hatte dass
wir sahen es sei wirklich dieser Geist entfernten wir uns eher nicht«
    »Und liesset die Asaker liegen«
    »Allerdings Was hätten wir sonst machen sollen Dann sahen wir aus der
Ferne viele viele dunkle schattenhafte Gestalten über den Platz huschen und
als sie fort waren und wir zurückkehrten fanden wir die Asaker nicht mehr vor
auch ihre Kamele waren weg Sie sind uns von den Geistern entführt worden«
    »Ich will dir den größten dieser Geister zeigen Schau dorthin Wer sitzt da
bei Abadilah unserm Gaste«
    Der Bote hatte den Münedschi noch nicht bemerkt Als er ihn nun erblickte
rief er aus
    »Allah behüte mich vor dem neunmal gesteinigten Teufel Da sitzt er ja Das
ist er das ist er«
    »Schau ihn an Ist das ein Teufel ein Gespenst oder ein Mensch«
    »Sollte   sollte   ist    sollte   ist   «
    Der Mann war ganz perplex Der Scheik schrie ihn an
    »Wenn du jetzt am hellen Tage noch nicht weißt woran du bist so brauch
ich mich allerdings nicht darüber zu wundern dass ihr in der dunkeln Nacht vor
Angst fast den Verstand verloren habt Er war es gewiss er muss es unbedingt
gewesen sein Wer weiß was für Flammen er in den Händen gehabt hat Abadilah
mein Freund ich bitte dich ihn doch einmal zu fragen«
    Der Ghani kam diesem Wunsche nach indem er sich bei dem neben ihm sitzenden
Blinden erkundigte
    »Hast du gehört was jetzt gesprochen wurde«
    »Ja jedes Wort« antwortete der Gefragte welcher vollständig wach und
munter war
    »Weißt du dass du gestern am Abende hier hüben bei uns am Brunnen gewesen
bist«
    »Nein«
    »Dass du da gesprochen hast«
    »Nein«
    »Aber dass du an einem andern Orte warst das weißt du wohl«
    »Ja«
    »Wo«
    »Den Ort kenne ich nicht Ich wurde geführt und bekam dann zwei brennende
Fackeln in die Hände«
    »Von wem«
    »Von dem Scheik der Haddedihn und dem Effendi aus dem Wadi Draha Ich bin
darauf eingegangen weil das Weib sagte es geschehe nur zu meinem Wohle«
    »Hast du gewusst um was es sich handelt«
    »Nein Es wurde mir nicht mitgeteilt Dieser Dieb deines Verzeichnisses und
seine Hehler haben mich betrogen und mich schmachvoll hintergangen Wenn sie
aufrichtig gewesen wären hätte ich es um keinen Preis getan Allah wird sie
strafen«
    »Kannst du dir vielleicht denken was für Schatten das gewesen sind welche
bei dir gewesen sein sollen«
    »Wahrscheinlich waren es die Verbündeten der Betrüger die Krieger der
Haddedihn denn auf dem Wege den ich gehen musste hörte ich neben und hinter
mir die Schritte vieler Menschen welche mich begleiteten Und auf dem Rückwege
sagte mir mein Ohr dass sich Kamele hinter mir befanden Ich bin zur Ausführung
einer Schlechtigkeit benützt worden von der ich keine Ahnung hatte aber Allah
ist gerecht er lässt keine Tat ohne Lohn oder ohne Strafe und ich weiß dass
diese Diebe und Betrüger einst nicht über Es Ssiret die Brücke des Todes
hinüberkommen sondern in den Abgrund des Verderbens stürzen werden«
    »So ist also jetzt alles erklärt« zürnte der Scheik »Das Licht der Fackeln
hat eure Phantasie erhitzt und euch Teufelsköpfe vorgeflackert wo gar keine
waren Die Haddedihn habt ihr für Geister gehalten und seid vor ihnen
ausgerissen anstatt sie einfach niederzuschiessen Dadurch wurde die Befreiung
der Gefangenen möglich mit denen ich mir hier den Sieg erzwingen wollte und
auch erzwungen hätte Ich werde mit euch abrechnen Diesen alten blinden
kindischen und unvorsichtigen Menschen werden wir unschädlich machen müssen
damit wir nicht noch Aergeres erleben als schon bisher geschehen ist Der
unerfahrenste Knabe muss meinen Grimm begreifen dass ich mich dieser Fehler wegen
ganz unfähig zum Widerstande in den Händen derer befinde über die wir hätten
lachen können wenn meine Absichten ausgeführt worden wären Aber ich schwöre zu
Allah und den Propheten dass ich ganz gewiss alles nachholen werde was versäumt
worden ist«
    Diese seine Drohung war nicht nur unschädlich für uns sondern ein
abermaliger Fehler den er beging denn wenn wir nicht schon entschlossen
gewesen wären uns möglichst sicher zu stellen so hätte nun sie uns zur
Vorsicht mahnen müssen Viel mehr als sie beschäftigte mich die Bemerkung dass
es El Ghani gelungen war den Blinden von seiner Unschuld und infolgedessen von
unserer Bosheit von unsern schlechten Absichten zu überzeugen Der Münedschi
befand sich schon nach so kurzer Zeit wieder ganz unter dem Einflusse dieses
Schurken den er nicht nur für seinen Wohltäter sondern überhaupt für den
besten Menschen hielt
    Halef hatte der letzten Ausführung des Scheikes mit wohlgefälligem Lächeln
zugehört Jetzt ergriff er das Wort und sagte zu ihm
    »Es freut mich dass du zur Einsicht gekommen bist und so aufrichtig deine
Ohnmacht eingestehst Wir könnten sie in einer Weise ausnützen welche dich für
alle Zeit an uns denken lassen würde aber in unserer weithin bekannten und
berühmten Güte haben wir den Beschluss gefasst mit euch so glimpflich zu
verfahren wie uns die Liebe gebietet die wir zu allen Menschen und sogar zu
unsern Feinden haben«
    »Ich mag eure Liebe nicht« brauste Tawil Ben Schahid auf
    »Du wirst sie nehmen müssen und ihr nicht widerstehen können ganz
gleichgültig ob du willst oder nicht«
    »Und dass ich meine Ohnmacht eingestanden habe davon weiß ich nichts Noch
habe ich meine Krieger die euch vielfach überlegen sind«
    »Die fürchten wir nicht Zunächst sind wir in der Überlegenheit und werden
dafür sorgen dass wir sie auch behalten«
    »Ich verlange augenblicklich freigelassen zu werden Wenn ihr euch weigert
dies zu tun so schicke ich diesen meinen Ben Khalid den sie jetzt zu mir
gesandt haben mit dem Befehle zu ihnen zurück sofort gegen euch zu den Waffen
zu greifen«
    »Versuche es doch ihn fortzuschicken Wenn er es wagen wollte diesen Platz
ohne unsere Erlaubnis zu verlassen würden wir ihn durch eine Kugel für immer
hier festhalten«
    »Allah zerschmettere dich« zischte der Scheik der ja doch wusste wie recht
der kleine Hadschi hatte
    Dieser nahm keine Notiz von dieser Verwünschung und fuhr fort
    »Ich werde dir jetzt sagen was unsere Nachsicht und Milde über euch
beschlossen hat Khutab Agha unser Freund hat die Einbrecher in den Kanz el
Ada von Meschhed Ali verfolgt um sie zu ergreifen und nach der heiligen Stadt
der Schiiten zu bringen wo sie keine andere Strafe als nur diejenige des Todes
erwarten würde Nun aber hat er sich entschlossen davon abzusehen Er wird sie
also nicht mitnehmen sondern laufen lassen wie man hässliches Gewürm laufen
lässt mit dem man sich nicht besudeln mag Wir hatten über sie die Bastonnade
beschlossen sehen aber auch hiervon ab eben weil wir gar nicht weiter mit dem
Schmutze in welchem sie starren in Berührung kommen wollen Hast du alles
gehört was ich jetzt sagte«
    »Sprich nur immer weiter« forderte ihn der Scheik auf »Ich werde dir dann
wenn du fertig bist sagen was ich dir zu sagen habe«
    »Schön Ich gehorche dir du mächtiger Gebieter dieses Lagers Die Diebe
sind also abgetan für uns nun kommt die Reihe an dich Auch dich werden wir
freilassen Bist du damit einverstanden«
    »Weiter«
    »Ist dir das noch nicht genug«
    »Es ist nicht nur genug sondern mehr als genug nämlich der Arglist und
Verschlagenheit die euch ja schon von Anbeginn dieser ganzen Angelegenheit
gekennzeichnet hat Wie schön und wie ergreifend du von eurer Güte und eurer
Milde doch zu sprechen weißt Aber ich kenne den Abgrund der Verworfenheit
welcher hinter dieser angeblichen Nachsicht gähnt Ihr seht von der Bestrafung
der Diebe ab weil ihr nur zu gut wisst dass sie nicht gestohlen haben sondern
vollständig unschuldig sind Erst wurde ihnen das Verzeichnis entwendet und nun
es euch gelungen ist auch die Gegenstände selbst an euch zu raffen wollt ihr
mit ihnen verschwinden und euch mit der vorgegebenen Milde den Rückzug decken
So ists ihr Schurken anders nicht«
    Ein höhnisches Lachen folgte diesen Worten die so viel Unverschämteiten
enthielten dass Halef rasch zu mir sich wendete und mit zornblitzenden Augen
fragte
    »Sihdi jetzt kann es doch keine Sünde sein ihm mit der überzeugenden
Entgegnung meiner Peitsche zu antworten«
    »Wir schlagen nicht Halef« erwiderte ich
    »Gut So will ich meinen Grimm beherrschen«
    »Sprich nicht von Grimm« lachte der Ben Khalid wieder »Du weißt ganz
genau dass ihr die Diebe seid und kannst also unmöglich zornig sein Was du
Grimm nennst ist nur der Ärger darüber dass ich euch durchschaue und die
versteckte Scham der du nicht erlaubst deine Wangen vor meinen Augen rot zu
machen Dazu kommt die Feigheit die verächtliche Angst vor unserer bekannten
wohlbewährten Tapferkeit«
    »Feigheit Angst« fragte Halef in größtem Erstaunen
    »Ja Furcht habt ihr Furcht vom Herzen herab bis in die Spitzen eurer
Füße«
    »Vor wem«
    »Vor uns Das sagte ich soeben«
    »Furcht Angst Feigheit Allah w Allah Mensch ich fordere dich auf mir
diese freche Behauptung zu beweisen«
    »Der Beweis liegt darin dass ihr unsere Freunde die Mekkaner freigeben
wollt«
    »Das tun wir doch aus Güte nicht aus Angst«
    »Leugne nicht Du weißt doch nur zu gut was ausgemacht worden war Es
sollte um sie gekämpft werden Jetzt gebt ihr sie ohne Kampf frei Ist das nicht
Feigheit«
    Der Hadschi konnte seinen Zorn kaum bemeistern Er musste sich die größte
Mühe geben möglichst ruhig zu antworten
    »Das ist eine Verdrehung der Tatsachen welche du dir ausgesonnen hast um
prahlen zu können«
    »Ich habe nicht geprahlt sondern die Wahrheit gesagt«
    »Nein sondern die Lüge Es ist nicht beschlossen worden um die Freigebung
der Diebe zu kämpfen sondern der Kampfpreis war der Besitz ihrer Personen Sie
befanden sich bei euch und wir wollten sie haben Darum wurde festgestellt dass
sie dem Sieger gehören sollten Jetzt aber handelt es sich nicht um ihre
Personen denn die haben wir ja sondern um ihre Freilassung Eigentlich könnten
nun wir nämlich wir wir auch verlangen dass um ihre Freiheit gekämpft werde
aber sie sind unsere Gastfreunde nicht und so haben wir nicht wie du die
Pflicht sie zu beschützen Wenn wir sie unbestraft entkommen lassen tun wir
das also aus Barmherzigkeit nicht aus Angst Das ist doch so klar dass man
darüber kein Wort zu verlieren braucht«
    »Du ereiferst dich ohne Erfolg Es bleibt bei dem was ich gesagt habe Es
sollte um sie gekämpft werden und weil ihr Angst vor unserer Tapferkeit hattet
so versuchtet ihr sie durch feige Hinterlist in eure Gewalt zu bringen was
euch leider auch gelungen ist Und nun ihr euch wohl sagen müsst dass ich sie
und sei es mit Hilfe der Gewalt von euch zurückfordern werde gebt ihr sie uns
freiwillig wieder aber das Eigentum des Ghani wollt ihr behalten«
    Wie ich meinen kleinen mutigen Hadschi kannte dem Feigheit das
Allererbärmlichste auf Erden war stand jetzt eine Übereilung von ihm zu
befürchten darum wollte ich schnell das Wort ergreifen aber er sah das und
forderte mich auf
    »Du bist jetzt still Effendi ich bitte dich Einen solchen Vorwurf lässt
kein Krieger der Haddedihn auf sich sitzen«
    Da klang es hinter uns
    »Auch keine Frau der Haddedihn«
    Ich drehte mich um Da stand Hanneh mit blitzenden Augen und dunkel
geröteten Wangen Die erregte Verhandlung war so laut geführt worden dass sie
drüben an der andern Seite des Brunnenplatzes alles gehört hatte Nun war sie
eilends herübergekommen um auch ihrerseits die beschimpfende Anschuldigung
energisch zurückzuweisen ein Vorgang dessen Ungewöhnlichkeit eine
augenblickliche Stille hervorbrachte Tawil Ben Schahid war der erste der sie
unterbrach
    »Ein Weib ein Weib« höhnte er »Das beweist die Wahrheit dessen was ich
gesagt habe denn wir hören nun ja dass bei den Haddedihn die Frauen mutiger als
die Männer sind«
    Da ergriff Hanneh des Hadschi Arm zog ihn mit einem kräftigen Ruck zu sich
heran und sagte
    »Halef weißt du was ich jetzt von dir verlange«
    »Ja« antwortete er
    »Wirst du es tun«
    »Man soll mich fortan den feigsten Hund der Erde nennen wenn ich es nicht
tue«
    »Und weißt du welche drei ich meine«
    »Natürlich uns die wir zum Kampf bestimmt gewesen sind«
    »Ja ich bin Hanneh die Tochter der Ateïbeh die Frau des obersten Scheiks
der Haddedihn vom Stamme der Schammar Man hat uns den Vorwurf der Furchtsamkeit
in das Gesicht geschleudert obgleich dieser grosssprecherische Scheik der Beni
Khalid von meinem Knaben zur Erde geworfen und überwältigt worden ist wie ein
kraftloser Greis dessen Schwachheit die einzige Eigenschaft ist die ihm das
Leben gelassen hat Wir werden diese Niederträchtigkeit zurückweisen und
bestrafen und ich will haben dass außer Omar Ben Sadek mein Gatte und mein Sohn
es sind in deren Hände man diese Aufgabe legt Wir wollen nichts gar nichts
von diesen Menschen Wir leisten Verzicht auf alles was wir bisher errungen
haben sogar auf die gestohlenen und wiedererlangten Glieder Wir kämpfen um
sie aber wer uns nach unserm Siege noch als Diebe bezeichnet den geben wir den
Hyänen und Schakals zu fressen Ich das Weib habe gesprochen nun mögen die
Männer handeln«
    Sie trat zurück um nun nur noch zuzuhören Die Wirkung ihres unerwarteten
Auftretens und ihrer ich möchte sagen flammenden Worte war eine tiefe eine
durchschlagende Es war für einige Zeit rundum so still wie in einer Moschee
welche soeben erst geöffnet wird Auch ich konnte mich diesem Einflusse nicht
entziehen Im Grunde war ich allerdings ganz und gar nicht damit einverstanden
dass alles was wir bis jetzt erreicht hatten wieder auf das Spiel oder
richtiger gesagt auf die Entscheidung der Waffe gesetzt werden sollte aber es
war für uns die Männer gradezu unmöglich uns zu dieser mutigen ehrliebenden
und entschlossenen Frau in Widerspruch zu stellen die nicht an ihre Gatten und
nicht an ihre Mutterliebe dachte und sodann kannte ich ja die drei Personen um
welche es sich auf unserer Seite handelte so genau dass es mir nicht einfiel
Angst zu haben Halef stellte seinen Mann wie selten einer das wusste ich Omar
Ben Sadek hatte sich so oft bewährt warum sollte dies nicht auch jetzt wieder
geschehen Seine körperliche und geistige Spannkraft war noch ganz dieselbe Und
Kara Ben Halef Nun er war zwar noch jung und konnte also keine so reiche
Erfahrung hinter sich haben wie wir aber er hatte in seinem Vater den besten
Lehrmeister gehabt den es für ihn geben konnte und so oft ich bei den
Haddedihn gewesen war hatte auch ich ihn täglich und mit Fleiß vorgenommen und
mich über seine Gelehrigkeit Geschicklichkeit Kraft und Ausdauer nicht nur
stets zu freuen sondern oft sogar zu wundern gehabt Er hatte viele jener
Griffe Kniffe und Schlauheiten von mir gelernt welche auch im ehrlichsten
Kampfe erlaubt sind und die eigentliche Übermacht über einen sonst ganz
ebenbürtigen Gegner verleihen Sein Vater war schon zu alt als dass ich ihm
diese Vorteile hätte beibringen können ein desto geeigneterer Erbe war der Sohn
geworden und so hatte ich also auch keine Veranlassung um Kara bange zu sein
    Niemandem konnte der Vorschlag Hannehs so willkommen sein wie dem Scheik der
Beni Khalid dem er die Hoffnung wiedergab in den Besitz der kostbaren
Gliedernachbildungen zu gelangen Er wartete auch nicht bis Halef dem dies
doch nun eigentlich zukam das Wort wieder ergriff sondern kam ihm zuvor
    »Also doch noch Kampf Die Frau gibt den Männern den Mut Und nicht nur um
die Mekkaner soll es gehen sondern auch um den Schatz der Glieder
Wahrscheinlich aber fehlt euch der Mut ihn gegen uns einzusetzen«
    Es war als ob Halef jetzt plötzlich ein ganz anderer geworden sei Seine
zornige Aufregung hatte nun da es einen festen Entschluss und eine sichere
Entscheidung für ihn gab jener kalten Ruhe Platz gemacht welche gegen den
nicht so kalten Widersacher den Sieg verleiht Es war ein selbstbewusstes
überlegenes Lächeln welches um seine Lippen spielte als er in beinahe
gleichgültigem Tone antwortete
    »Ja wir kämpfen auch um den Schatz der Glieder und du sollst die
Bedingungen vernehmen von denen wir auf keinen Fall abgehen werden Bist du mit
ihnen einverstanden so liegt es in euren Händen und an eurer Tapferkeit uns
wieder abzunehmen was wir jetzt besitzen Nimmst du sie aber nicht an so
bleibt es wie es jetzt ist«
    »Dann heraus mit ihnen Ich will sie hören«
    »Zuerst verlange ich dass die Entscheidung mag fallen wie sie will alle
Schimpf und andere beleidigende Reden vermieden werden Wir sind nämlich ihr
sowohl wie wir Männer aber keine Knaben welche im Bewusstsein ihrer Ohnmacht
Worte an die Stelle der Taten setzen«
    »Ich stimme bei«
    »Sodann findet der Kampf auf der da draußen liegenden Sandebene statt wo
kein Felsen deine Beni Khalid und meine Haddedihn hindert zuzuschauen Beide
Stämme stehen einander gegenüber die Zweikämpfe gehen in der Mitte vor sich
Diese finden einzeln statt zwischen drei Beni Khalid und drei Haddedihn
Gewonnen hat der Stamm auf dessen Seite die Mehrzahl der Sieger ist Ihm gehört
der Schatz der Glieder welcher bis dahin in unserer Verwahrung bleibt Die
Besiegten haben den Brunnen sofort zu verlassen und also ihre Reise
fortzusetzen Als Zeit stellen wir euch die nächsten drei Stunden zur Verfügung
wenn sie vorüber sind muss auch die Sache ausgetragen sein Ist dir das recht«
    »Ja da setze ich aber voraus dass ich jetzt freigelassen werde«
    »Habe keine Sorge um deinen geliebten Körper Wir können ihn nicht brauchen
und geben ihn dir zurück Doch musst du vorher die zwischen euch und uns
getroffene Vereinbarung auf dein Hamaïl129 beschwören«
    »Ich bin bereit dazu«
    »In diesem Schwur ist vor allen Dingen eingeschlossen dass beide Parteien
für den ganzen heutigen Tag auf Hintergedanken verzichten«
    »Für später aber nicht« fragte der Scheik schnell
    »Nein Wir fürchten uns ja nicht«
    »So bin ich auch hiermit einverstanden Aber ich hoffe dass dieser Kampf
keine Spielerei sein sondern um das Leben gehen soll«
    »Natürlich Macht nur ihr Ernst dann ist es ja sehr gleichgültig ob wir
nur zu spielen brauchen oder nicht«
    »Mit welchen Waffen soll er geführt werden«
    Da antwortete mein kleiner in solchen Dingen geradezu einziger Halef in
unendlich gleichgültigem nachsichtigem Tone
    »Das ist uns einerlei wirklich ganz und gar einerlei Wir überlassen also
diese Bestimmung euch Suche die drei tüchtigsten Beni Khalid heraus und jeder
von ihnen mag diejenige Kampfesart bestimmen in welcher er am geschicktesten
ist Wir sind es nicht gewöhnt uns über solche Nebensachen die Köpfe zu
zerbrechen«
    »Stelle dich nicht so stolz und siegesgewiss Der Schakal welcher am ärgsten
bellt wird am ehesten von dem Geier zerrissen Ich bin bereit zu schwören«
    Halef zeigte sich in seiner Noblesse sofort bereit doch ergriff nun auch
ich einmal das Wort um in Hinsicht auf die Ehrlichkeit des Kampfes und unsere
Sicherheit noch einige Bedingungen zu stellen auf welche Tawil Ben Schahid
einging um seiner Fesseln so schnell wie möglich entledigt zu sein Als dann
alles so lückenlos verabredet worden war dass für uns auch die geringste
Übervorteilung seitens der Beni Khalid ausgeschlossen erschien banden wir ihn
los Halef setzte sich ihm gegenüber Der Kuran wurde zwischen sie gelegt und
dann schworen sie die Hände darauf haltend jeder für sich und die Seinen die
eingegangenen Bedingungen ehrlich und treu zu halten Dann hing sich der Scheik
sein Hamaïl wieder um den Hals und stand auf um sich zu entfernen Ehe er das
aber tat wendete er sich noch einmal nach uns um und sagte
    »Ich habe noch nie mein Wort gebrochen und werde es auch heut halten aber
wehe euch wenn ihr dem eurigen nicht treu bleibt Ich werde schon in kurzer
Zeit einen Boten senden um euch mitteilen zu lassen welche Waffen gewählt
worden sind Aber dass ihr es mit den drei Siegessichersten meiner Krieger zu
tun haben werdet das kann ich euch schon jetzt sagen Ich gebe euch den Rat
immer schon jetzt drei Gruben zu machen in die unsere Gegner zu liegen kommen
ohne eine Kijahma eine Auferstehung von den Toten zu erleben wie der Münedschi
gestern«
    Nun ging er und nahm den Boten seiner Leute mit
    Es versteht sich ganz von selbst dass sich aller Haddedihn eine sehr
gespannte erwartungsvolle Stimmung bemächtigt hatte Ein Zweikampf auf Tod oder
Leben und zwar ein dreifacher welch ein Ereignis für jeden Beduinen Am
wenigsten einverstanden mit dieser Wendung der Sache war der Perser und das
konnte man ihm auch gar nicht übelnehmen Er hatte sich schon vollständig am
Ziele befunden und sah sich nun gezwungen die bereits erlangten Vorteile wieder
aufzugeben und von dem Erfolge der Waffen abhängig zu machen Ich nahm mich
seiner Sorge möglichst an und es gelang mir auch ihn soweit zu beruhigen dass
er darauf verzichtete gegen den Kampf um den Inhalt des Gebetsteppichs zu
protestieren   
 
                                Viertes Kapitel
                                        
                                   El Aschdar
Der für den Kampf bestimmte Platz war die weite sandige Strecke über welche
wir gestern abend mit dem Münedschi von Ben Nur geführt worden waren Wir gingen
hinaus und zeichneten unsere Stellung und diejenige unserer Gegner mit Strichen
in den feinkörnigen Boden Halef wollte ihr die Richtung nach Norden und nach
Süden geben ich schlug die beiden andern Himmelsgegenden vor und erklärte ihm
dass derjenige Duellant im Vorteile sei welcher die Sonne im Rücken habe
während sie den mit dem Gesicht ihr Zugekehrten blende Wir beschlossen also
den östlichen Teil des gezeichneten Kreises einzunehmen Es war das einer der
erwähnten »Kniffe« welche nicht als Unredlichkeiten gelten obgleich man dabei
ein Überlisten des Gegners im Auge hat Dass wir uns darüber kein Gewissen zu
machen brauchten zeigte sich als der Bote der Beni Khalid kam denn aus dem
was er uns zu sagen hatte erfuhren wir dass sie sich einer wenigstens ebenso
großen Pfiffigkeit befleissigten wie wir Halef als unser Scheik und Anführer
ließ ihn zu sich kommen und fragte ihn nach seinem Auftrage Er erhielt die
Antwort
    »Tawil Ben Schahid der Scheik der tapfern Beni Khalid lässt dir sagen dass
geschossen gerungen und mit dem Speer geworfen wird«
    »Wird Wird Das klingt ja so abgerissen und befehlshaberisch als ob wir es
nur so hinzunehmen hätten wie es ihm beliebt«
    »So meint er es auch« betonte der Bote
    »Ah«
    »Ja Er sagte nur er allein habe die Waffen zu bestimmen und ihr hättet
nicht die Erlaubnis Einwendungen dagegen zu machen«
    »So Die Wahrheit aber ist dass ich ihm erlaubt habe diese Bestimmung zu
treffen und so konnte er mir seinen Entschluss wohl in etwas höflicherer Weise
mitteilen lassen Also geschossen soll werden«
    »Ja das ist der erste Gang«
    »Womit«
    »Mit Flinten natürlich Das ist doch selbstverständlich warum fragst du
also«
    »Mann vergiss nicht dass du vor Hadschi Halef stehst dem obersten Scheik
der Haddedihn Wenn du nicht weißt in welchem Tone du zu mir zu reden hast
kannst du unverrichteter Sache wieder gehen und wir behalten was wir haben
Ich habe mit Tawil Ben Schahid beschworen dass nicht beleidigend gesprochen
werden darf Das bezieht sich nicht bloß auf die Wahl der Worte sondern auch
auf die Art und Weise wie du mit mir redest Merke dir das Du hast dich mit
deiner übel angebrachten Frage nur selbst blamiert denn du scheinst noch gar
nicht zu wissen dass es außer den Flinten noch andere Waffen gibt mit denen
geschossen werden kann Hat er die Entfernung bestimmt«
    »Sechzig Schritte und Jeder drei Schüsse«
    »So sehr weit Wer soll da sicher treffen können«
    Sein Gesicht zeigte Enttäuschung und Besorgnis im Innern aber war er höchst
befriedigt denn sein und auch Karas Gewehr waren jeder Beduinenflinte weit
überlegen ich hatte sie ihnen als Geschenke mitgebracht
    »Soll mit Hurduk130 oder mit Rusahs131 geschossen werden« fuhr er
vorsichtig fort
    »Natürlich nur mit Rusahs«
    »Ich stimme bei Doch sag deinem Scheik dass die Kugeln vor dem Laden
vorgezeigt werden müssen damit nicht aus Versehen Hurduk genommen wird Und
sodann soll auch gerungen werden«
    »Ja mit nacktem Oberkörper und einem Messer im Gürtel«
    »Wozu das Messer Das braucht man doch zum Ringen nicht«
    »Weil es ein Ringkampf auf Tod und Leben sein soll Sobald einer den andern
platt auf den Boden gebracht hat besitzt er das Recht ihn mit dem Messer zu
erstechen«
    »Also platt auf den Boden Eher nicht«
    »Nein«
    »Ihr scheint einen bedeutenden Ringer unter euch zu haben«
    »Ja« lächelte der Ben Khalid unbescheiden »Unser Abu el Khuba132 wird von
keinem Menschen besiegt Das hörst du auch dem Namen an den wir ihm deshalb
gegeben haben«
    »Ist die Zeit bestimmt worden wie lange das Ringen zu dauern hat«
    »Natürlich bis der eine erstochen worden und der andere Sieger ist«
    »Wieder natürlich Bei dir scheint alles natürlich zu sein Wahrscheinlich
hältst du es auch für natürlich dass unsere drei Krieger von den eurigen in
kürzester Zeit und mit der größten Leichtigkeit abgeschlachtet werden Und auch
mit Speeren soll geworfen werden Meinst du da die lange Lanze oder den kurzen
Dscherid133«
    »Den Dscherid natürlich«
    »Schon wieder natürlich Du bist wirklich ein vollständiger Abu el Malumat
134 Es sind doch jedenfalls auch Bedingungen dabei«
    »Natür   « er hielt dieses Mal mitten im Worte inne und verbesserte sich
dann »Ja ich hab sie dir mitzuteilen Die Entfernung ist fünfundzwanzig
Schritte Jeder bekommt drei Speere«
    »Wenn nun aber diese sechs geworfen sind ohne dass einer getroffen hat was
dann Da wird wohl von neuem begonnen«
    »Oh nein« lächelte der Bote
    »Warum nicht«
    »Weil es ganz unmöglich ist dass keiner trifft«
    »So Ihr habt wohl auch einen sehr geschickten Speerwerfer unter euch«
    »Er trifft stets« nickte der Gefragte
    »Du machst mich ja ganz neugierig auf ihn Ist das alles was du mir zu
sagen hast«
    »Ich soll besonders betonen dass keine Schonung stattfinden wird Es soll
auf den Tod gekämpft werden Blut wenigstens muss fließen sonst gilt der Gang
nichts Wer so verwundet ist dass er sich nicht vom Boden erheben kann der gilt
als besiegt und der Sieger hat das Recht ihn vollends zu töten Jetzt bin ich
fertig«
    »Ich aber nicht Wann werdet ihr kommen«
    »Eine halbe Stunde nach meiner Rückkehr«
    »So schlagt den Weg westlich des Felsens ein Wir bleiben hier auf dem
Punkte wo wir jetzt stehen Welche Waffe hat euer Scheik gewählt«
    »Welche    Der Scheik   « fragte der Ben Khalid sehr erstaunt
    »Ja euer Scheik«
    »Du denkst der kämpft mit«
    »Allerdings«
    »Oh nein das tut er nicht«
    »Nicht Warum«
    »Schon der Gedanke dass er sich mit beteilige ist eine Beleidigung für ihn
Ein Scheik ist kein gewöhnlicher Krieger er kämpft natürlich nur mit Scheiks«
    »Wie natürlich wieder Wenn wir nicht ausgemacht hätten dass nicht
beleidigend gesprochen werden darf würde ich ihm jetzt den Vorwurf der Feigheit
zurückgeben den er uns gemacht hat Ich bin auch Scheik aber ich kämpfe auch
mit jedem Krieger welcher meiner Tapferkeit würdig ist Ich werde mich auch
nachher beteiligen denn ich setze meine Ehre und meinen Stolz darauf dass ich
nicht aus der sichern Ferne zusehe wenn meine Krieger für den Ruhm ihres
Stammes ihr Blut vergießen und ihr Leben wagen Ich weiß zwar noch nicht ob ich
die Flinte den Dscherid oder den Ringkampf wählen werde denn ich muss mir da
erst die Gegner ansehen aber wenn   «
    »Das darfst du gar nicht« fiel der Bote ein
    »Was«
    »Wählen«
    »Wie Ich darf nicht wählen«
    »Nein«
    »Wer will und kann mir das verbieten«
    »Unser Scheik«
    »Ah Warum«
    »Er hat die Waffen zu bestimmen und also auch die Bedingungen zu stellen«
    »Von den Bedingungen ist keine Rede gewesen aber sprich nur weiter Ich
werde ja hören was du sagst«
    »Unser Scheik verlangt dass eure drei Krieger zu losen haben«
    »Sie dürfen sich nicht selbst entscheiden«
    »Nein Jeder von ihnen hat an dem Kampfe teilzunehmen für den ihn das Los
bestimmt«
    »Ihr aber habt den besten Ringer gewählt«
    »Natürlich«
    »Den besten Speerwerfer«
    »Natürlich«
    »Und wahrscheinlich auch den besten Schützen«
    »Natürlich«
    »Höre Mann wenn ich dieses Wort natürlich nur noch einmal aus deinem Munde
höre so tue ich etwas was dir zur Abwechslung einmal ganz unnatürlich
vorkommt Eure Pfiffigkeit wäre ja ganz lobenswert wenn sie nicht ein so dummes
Aussehen hätte Ihr wählt für jede Waffe den besten Mann und wir sollen uns von
dem Zufall dahin werfen lassen wohin es dem Lose beliebt Das ist nicht etwa
klug von euch sondern etwas ganz anderes was ich der Höflichkeit wegen nicht
näher bezeichnen will«
    Er machte eine Pause während welcher er seine Augen von Kara auf Omar Ben
Sadek und von diesem dann auf mich richtete Ich wusste was er dachte Sein Sohn
erriet es auch
    »Vater tue es« sagte er in bittendem Tone
    »Was« fragte Halef lächelnd
    »Wir fürchten uns doch nicht vor dem Lose und wenn du nicht darauf
eingehst so denken sie es sei bei uns so wie bei ihnen«
    »Wie denn mein Sohn«
    »Bei ihnen weiß man wahrscheinlich wohl mit der einen Waffe umzugehen aber
mit der andern nicht Wir wollen ihnen aber zeigen dass die Krieger der
Haddedihn gelernt haben in jedem Sattel fest zu sitzen«
    Da ging der Ausdruck stolzer Vaterfreude über Halefs Gesicht er wendete
sich wieder zu dem Boten und sagte
    »Du hast die Worte Kara Ben Halefs meines Sohnes gehört und kennst also
nun den Grund der mich veranlasst auf das Verlangen deines Scheikes einzugehen
Er mag also ja nicht denken dass er uns überlistet habe oder dass wir aus
gewaltigem Respekt vor ihm das tun was ihm seine Klugheit eingegeben hat Die
Ursache ist nur die dass es uns ganz gleich ist welche Waffe wir in die Hand
bekommen Bist du fertig«
    »Ja«
    »So kannst du gehen«
    Der letzte Teil des Gespräches war nicht im Stehenbleiben gesprochen worden
denn Halef hatte sich während desselben nach unserm Lagerplatze gewendet und
wir gingen nebenher der Ben Khalid auch Anstatt sich nun nach der
Verabschiedung welche ihm von dem Hadschi geworden war von uns zu trennen
blieb er noch Weshalb das erfuhren wir denn er erkundigte sich
    »Du sagtest o Scheik dass du selbst mitkämpfen werdest Ist das wahr«
    »Ja« nickte Halef »Ich sage nie etwas was nicht wahr ist«
    »Wer sind die beiden andern«
    »Warum fragst du«
    »Weil ich sie gern sehen möchte«
    »Ihr alle werdet sie ja zu sehen bekommen«
    »Ich will sie jetzt sehen«
    »Will Du willst Allah Das ist ja sehr gütig von dir dass du willst
Erlaubst du mir vielleicht einmal auch zu wollen«
    »Was«
    »Sie dir nicht zeigen Also du kannst gehen«
    Wir waren jetzt bei dem Brunnen angekommen auf dessen Rande der gefüllte
Ledereimer stand Der Ben Khalid folgte der Aufforderung nicht er blieb
zudringlich stehen und sagte
    »Ich wollte sie gern sehen weil ich selbst es mit einem von ihnen zu tun
bekommen werde«
    »Du« fragte der Hadschi indem er einen forschenden Blick über die sehnige
Gestalt des Beduinen gleiten ließ
    »Ja ich Ich bin einer der Kämpfenden«
    Auf seinem Gesichte war die deutliche Aufforderung zu lesen dass wir ihn
bewundern sollten
    »Bist du etwa der Ringer«
    »Nein«
    »Der Schütze«
    »Nein«
    »Also der Mann mit den drei Speeren welche unbedingt treffen werden«
    Da warf der Mann den rechten Arm empor dass der weite Ärmel von ihm
zurückfiel und wir die stark entwickelte Muskulatur sehen konnten und rief in
selbstbewunderndem Tone aus
    »Ja der bin ich Seht diesen Arm und diese seine Muskeln Kein Speer ist
mir zu schwer und keine Entfernung zu weit Entferne dich vierzig Schritte von
mir hebe die Hand empor und sage mir welchen Fingernagel ich treffen soll  
 ich treffe ihn«
    Das war eine Prahlerei welche dem Hadschi das Blut in die Stirne trieb
Seine Augen irrten nach dem Eimer hin und er fragte
    »Du triffst ihn also wirklich«
    »Gewiss Natürlich treffe ich ihn«
    »Und bist also überzeugt nachher zu siegen«
    »Natürlich«
    »Dem Haddedihn drei Speere in den Leib zu geben«
    »Natürlich«
    »So will ich dir zur Abkühlung deiner glühenden Einbildung auch etwas geben
zwar nicht in sondern auf den Leib aber helfen wird es doch«
    Er griff schnell nach dem Eimer schwang ihn hoch empor und goss dem Ben
Khalid den ganzen Inhalt mit solcher Geschicklichkeit über den Kopf dass ihm das
Wasser in regelrechten Kaskaden an allen Seiten herunterlief worüber die
Haddedihn in ein ungeheures laut schallendes Gelächter ausbrachen Der Stolz
des Beduinen kennt außer den tödlichen Beleidigungen nichts Schlimmeres als der
Lächerlichkeit preisgegeben worden zu sein Dieser Ben Khalid stand für einige
Augenblicke bewegungslos dann aber riss er mit einer blitzschnellen Bewegung das
Messer aus dem Gürtel und stieß zu um es in Halefs Herz zu bohren Der Hadschi
wäre bei der Raschheit dieses Angriffes unbedingt getroffen worden aber ich
hatte seinen nach dem Eimer gerichteten Blick gesehen und seine Absicht erraten
ich wusste wie gefährlich es ist einen Beduinen in solcher Weise zum
Gegenstande der Belustigung zu machen und hatte aufgepasst Ich griff sehr
schnell zu aber doch beinahe zu spät es gelang mir einstweilen nur dem
bewaffneten Arme eine andere Richtung zu geben so dass das Messer nur die
Kleidung Halefs traf und da einen langen Schnitt verursachte Dann aber nahm ich
den Mann an den beiden Oberarmen fest drückte ihm diese so an den Leib dass er
sich nicht bewegen konnte und herrschte ihn an
    »Mensch du hast gestochen Du hast als Abgesandter eures Stammes die Waffe
gegen einen von uns gebraucht Weißt du was das heißt Weißt du welche Strafe
das Gesetz der Wüste auf eine solche Schändung deiner Unverletzlichkeit
vorschreibt«
    Er war sofort von unsern Kriegern umringt worden Sie zogen alle ihre Messer
und ließ drohende Worte hören Er versuchte vergeblich sich von mir
loszumachen und stieß dabei die abgerissene Entschuldigung hervor
    »Er hat   hat   hat   mich beleidigt   mir Wasser    Wasser über
  «
    »Er hat nichts getan als sein Versprechen erfüllt welches er dir vorhin
gab als er dich warnte nicht so siegesbewusst aufzutreten und unsere Niederlage
nicht für so selbstverständlich und natürlich zu halten Das war eine
Beleidigung für uns Ein Abgesandter hat seinen Auftrag auszurichten und sich
dabei jedes Wortes zu enthalten was nicht zur Sache gehört Du hast dich deiner
Arme und ihrer Muskulatur gerühmt jetzt fühlst du was du kannst Wenn ich
will drücke ich dir den Atem aus dem Leibe Wir haben da du zur Waffe
gegriffen hast das Recht dich sofort und ohne vorherige Beratung
niederzuschiessen aber da wir neugierig auf dein unvergleichliches Speerwerfen
sind so wollen wir dich laufen lassen Das Messer behalten wir zur
Beweisführung hier falls dein Scheik auf den Gedanken kommen sollte uns
darüber zur Rechenschaft zu ziehen dass ich mich an dir seinem Boten
vergriffen habe Mach dich schleunigst fort ehe es die andern reut dass ich
dich entkommen lasse«
    Ich gab ihn frei Er ließ das Messer welches ihm infolge meines ihn
schmerzenden Druckes aus der Hand gefallen war liegen und entfernte sich rasch
indem die Haddedihn auseinander traten um ihn durchzulassen In einiger
Entfernung blieb er stehen hob drohend den Arm und rief uns zu
    »Das sollt ihr büßen Für diese Nässe des Wassers fordere ich die Nässe
eures Blutes«
    »Natürlich natürlich Vollständig einverstanden« lachte Halef
    »Höhne nur jetzt Nach unserm Siege wird dir der Hohn vergehen Meine
sausenden Speere werden euch zum Geheul des Jammers zwingen«
    »Natürlich des Jammers natürlich«
    Als hierauf das Gelächter der Haddedihn wieder erscholl zog er es vor zu
schweigen und zu verschwinden
    Hanneh kam besorgt herbei und freute sich herzlich als sie sah dass der
Messerstich kein Blut gekostet habe und mit Hilfe von Nadel und Zwirn zu heilen
sei
    Wir wussten nun zwar welche Art von Kampf uns erwartete aber leider das
Nötigste nicht welche Waffe auf jeden von den Dreien fallen werde Es klang
eigentlich rührend als Halef der doch so geschickt geübt und vielerfahren
war in bescheidener Weise zu mir sagte
    »Es wäre freilich viel viel besser Effendi wenn wir in dieser Beziehung
nicht im Unklaren wären Wir könnten mit dir darüber sprechen und ich weiß
wenn die Rede auf solche Dinge kommt so kann man immer noch von dir lernen«
    »Schwerlich lieber Halef Denn was ich kann und weiß das ist dir alles
schon bekannt«
    »Noch lange nicht Weißt du Sihdi bei dir ist es nämlich so Während du
über den Gebrauch dieser oder jener Waffe sprichst fallen dir immer noch mehr
und noch weitere Erlebnisse ein bei denen du dich dieser Waffen bedient hast
Da ist jeder Fall anders jede Anwendung und jeder Erfolg anders Da werden
Messer Flinte und Pistole lebendig da fühlen sie da denken und berechnen sie
da sprechen sie förmlich mit«
    »Wie deine Peitsche« warf ich scherzend ein
    »Lache nicht über sie Sie ist eine vornehme Haremsdame die ihre guten
Seiten aber auch ihre Mucken hat Wir reden jetzt nicht von ihr Fällt dir
nichts ein Kein guter Rat Keine nützliche Verhaltungsmassregel die wir
befolgen könnten«
    »Ihr wisst ja alles schon Aber auf Eins will ich euch doch aufmerksam
machen Richtet eure Augen ja nur auf den Gegner alles andere schadet weil es
zerstreut Bei den Zuschauern kann geschehen was nur immer will es geht euch
nichts an Oft ist ein fester unbeirrter Blick schon der halbe Sieg ich habe
das erlebt Für das Gewehr habe ich keine Bemerkung für die drei Dscheride aber
doch Ich würde es folgendermaßen machen Ich ließe den Gegner seine Speere erst
verschiessen weil ich da nur auf ihn und nicht auch auf mich aufzupassen hätte
Bei dieser ungeteilten Aufmerksamkeit ist es kinderleicht seinen Würfen
auszuweichen Hat er dann keinen mehr und hat mich auch nicht getroffen so weiß
er sich machtlos und mich als ihm über Das gibt ihm ein Gefühl der
Unsicherheit welches mir Vorteil bringt«
    »Aber er macht es dann auch wie du Er braucht nur auf dich aufzupassen und
weicht also deinem Speerwurfe leicht aus«
    »Diese Sicherheit nehme ich ihm indem ich eine Zeit lang die Bewegung des
Werfens mache aber doch nicht werfe Das erscheint ihm lächerlich und er passt
weniger auf Wenn ich merke dass er bei diesen Finten ruhig stehen bleibt und
nicht einmal mehr zuckt dann werfe ich wirklich und zwar die drei Speere
schnell hintereinander«
    »Maschallah Alle drei Warum das«
    »Er wird glauben dass ich nur einen werfe und darum seine ganze
Aufmerksamkeit nur auf diesen und nicht mehr auf mich richten Während er den
Bogenflug des Speeres verfolgt und aufwärts blickt sieht er wahrscheinlich gar
nicht dass ich wieder werfe Dieser zweite Speer wird ihn treffen und wenn ja
nicht so doch ganz gewiss der dritte Es ist dazu freilich notwendig dass man
erstens ein guter Dscheridwerfer ist und zweitens ein scharfes und geübtes Auge
dafür hat nach welcher Seite der Gegner ausweichen will denn nach dieser Seite
hat man den zweiten Wurf zu richten«
    »Ich danke dir Sihdi Das ist eine Lehre die ich in Übung nehmen werde
Ich wollte das Los drückte mir die Speere in die Hände ich würde es genau so
machen wie du uns jetzt geraten hast Und wie würdest du dich bei dem
Ringkampfe verhalten«
    »Das käme auf den Gegner und auf die Art und Weise an in der er vorgenommen
werden soll und da ich beides nicht kenne ist es mir als unmöglich einen Plan
zu haben Es gibt Ringkämpfe verschiedenster Art Es handelt sich hier
jedenfalls um den bei den Beduinen der arabischen Wüste ganz gewöhnlichen dass
man den Gegner ohne Befolgung irgend einer Vorschrift so niederzubringen sucht
dass der Besiegte den Boden mit dem ganzen Körper also nicht nur mit einem
Teile nur Händen und Knien berührt«
    »Da wollte ich dass dies mir zufiele« wünschte Omar Ben Sadek »Mir sollte
der stärkste Ben Khalid gar nicht lange aufrecht stehen bleiben«
    Omar war wenn man ihn so wie jetzt stehen sah scheinbar allerdings nicht
geeignet einem Gegner große Besorgnis einzuflößen er besaß weder eine hohe
noch eine ungewöhnlich breite Gestalt aber wer ihn unbekleidet gesehen hatte
und vielleicht gar wusste wie oft schon er seinen Mann gestellt hatte der
traute ihm gewiss mehr zu als ihm anzusehen war Grad im Ringen schienen seine
Muskeln von Eisen und seine Sehnen und Nerven von Stahl zu sein Wenn er sich
mit auseinandergespreizten Beinen hinstellte die Fäuste ballte und die Ellbogen
fest an den Körper legte hatten mehrere Männer sich anzustrengen wenn sie ihn
von der Stelle auf welcher er stand fortbringen wollten Seine Beine glichen
dann Säulen die nicht ins Wanken zu bringen sind Und diese Zähigkeit besaß
ich möchte sagen jedes einzelne Glied von ihm nicht nur im Zusammenwirken
sondern auch für sich besonders
    »Ja um dich hätte ich da keine Sorge« stimmte Halef bei »Dich bringt
keiner nieder Und deinen Griff zum langsamen Hinlegen dessen den du gepackt
hast macht dir sogar keiner von unseren Haddedihn nach«
    »Das ist nicht mein Griff denn ich habe ihn ja von unserm Effendi gelernt
Er ist sehr leicht aber die Finger die dürfen freilich wenn sie sich einmal
eingebohrt haben keinen Augenblick nachgeben das ist die ganze Kunst Wenn
dieses Los mir zufiele könntet ihr unbesorgt um unsere Ehre sein Aber Sihdi
wie hältst du es damit dass der Kampf auf Tod oder Leben gehen soll Die Beni
Khalid werden uns freilich nicht im geringsten schonen Meinst du dass wir
ebenso streng mit ihnen verfahren«
    »Eigentlich ist diese Frage überflüssig« antwortete ich »denn meine
Ansichten in dieser Beziehung sind euch ja bekannt Wenn ich einen Feind
unschädlich machen kann ohne ihm das Leben zu nehmen so lasse ich es ihm Das
gebietet mir schon die einfachste Menschlichkeit von meinem christlichen
Glauben gar nicht zu sprechen Freilich dürfen wir diese Rücksicht nicht so weit
treiben dass der Sieg in Frage gestellt wird Es ist gesagt worden dass
wenigstens Blut fließen soll das können wir nicht ändern aber notwendig ist es
doch nicht dass die Verletzungen tödlich sind Wenn die drei Beni Khalid nur
verwundet werden sind sie für uns ebenso unschädlich geworden als ob sie nicht
mehr lebten die Hauptsache ist dass sie sich nicht vom Boden erheben können«
    »Es ist aber doch bestimmt dass der Besiegte glatt an der Erde liegen soll«
warf Halef ein
    »Das bietet keine besondere Schwierigkeit denn wer zum Beispiel von einer
Kugel so getroffen wurde dass er in die Kniee zusammenbricht bei dem erfordert
es ja nur noch einen Stoß der Hand um ihn vollends hinzulegen Ich würde also
nach seinem Knie nicht nach dem Kopfe oder Herzen zielen Treffe ich gut so
ist er für das ganze Leben untauglich gemacht und das ist für einen Beduinen
schlimmer als der Tod weil er daheim bei den Schwachen den Greisen Frauen und
Kindern hocken muss«
    »So wollte ich der Kampf mit der Flinte wäre für mich bestimmt« sagte
Kara welcher als Mitkämpfer das Recht fühlte aus der stets von ihm geübten
bescheidenen Zurückhaltung herauszutreten »Hadschi Halef mein Vater wird dir
bestätigen Effendi dass ein Fehlschuss jetzt bei mir etwas höchst Seltenes ist
Doch schaut Was will der Blinde Er kommt grad auf uns zu«
    Der Münedschi hatte bei den Mekkanern gesessen Jetzt war er mit einer
raschen Bewegung als ob er unter einem plötzlichen Entschlusse handle
aufgestanden und kam mit großen sichern Schritten als ob er ganz gut sehen
könne auf die Stelle zu an welcher wir standen Er hielt die Linie so genau
und so gerade ein dass wir auseinander treten mussten um den Zusammenstoß mit
ihm zu verhüten
    »Effendi komm mit mir Du allein« forderte er er mich auf indem er ohne
anzuhalten zwischen uns hindurchging
    Das war nicht nur sonderbar sondern erstaunlich Woher wusste er wo wir
standen und dass ich mit dabei war Hatten die Mekkaner es ihm gesagt Aber auch
in diesem Falle wäre die von ihm gezeigte Sicherheit nicht zu erklären gewesen
Und er hatte nicht mit seiner sondern mit Ben Nurs Stimme gesprochen Sein
Gesicht zeigte das Aussehen der Leblosigkeit der Todesstarre und als er
sprach hatte er die Lippen kaum bewegt Er schritt ganz in derselben Weise
weiter grad auf den Felsen Ben Nurs zu und ich folgte ihm Wollte er wieder
hinauf Es konnte gar kein Zweifel darüber sein dass er geistes oder wenn dies
bezeichnender sein sollte seelisch abwesend war jetzt am hellen lichten
Tage War das auch Somnambulismus
    Noch ehe er den Felsen erreicht hatte blieb er stehen drehte sich nach mir
um und sagte wieder nicht mit seiner eigenen Stimme
    »Effendi ich liebe dich Ich liebe alle Wesen Gottes und also auch alle
Menschen doch sehe ich ein dem Gesetze der Liebe so freiwillig geöffnetes
Herz so neigt es mich ihm mit besonderer Liebe zu Die Worte der Güte welche
du jetzt sprachst ich habe sie gehört Du willst das Leben eurer Feinde schonen
und achtest also die ihnen gegebene Vorbereitungszeit das wird dir für das
Jenseits eingetragen und schon auch hier vergolten denn ihr werdet Sieger sein
Doch warne ich dich vor dir selbst und vor El Aschdar135 der das Verderben der
Menschen will und auch das deinige Vor dir selbst denn du bedrohst dich als
dein eigener Feind«
    Er nahm meine Hand in seine Linke strich mit der Rechten leise zärtlich
darüber hin und fuhr fort
    »Sei ja nie stolz auf deine Liebe Der Himmel hat sie dir geliehen sie ist
also nicht dein sondern sein Eigentum welches du ihm nachdem du sie hier
wirken ließest mit Zins und Zinseszins zurückzugeben hast Sie ist das höchste
größte Gut des Lebens und darum hat der welcher sie empfing viel mehr
Verantwortung zu tragen und viel strengere Rechenschaft abzulegen als jene
Seelen denen weniger anvertraut worden ist Denk nicht du seist ein besserer
Mensch als sie Vom armen Steppenstrauch wird nur bescheidenes Grünen vom Baume
an dem Wasser aber Frucht gefordert werden Bilde dir also nichts auf die
Früchte deiner Liebe ein Deine Pflicht ists sie zu bringen und wenn du sie
bringst so hast du nichts als eben nur deine Pflicht getan und darfst nicht
meinen Anspruch auf besonderen Lohn zu haben Dies ist der Grund dass ich dich
vor dir selbst zu warnen habe Gehorche mir Dein Schutzgeist steht bei dir Du
siehst ihn nicht mich aber bat er dir zu sagen was du jetzt vernommen hast
Er leitet dieses Blinden Hand deren Berührung eine Liebkosung von ihm ist für
dich dem er den rechten Weg zu zeigen hat«
    Hierauf ließ er meine Hand los und sprach weiter
    »Und vor El Aschdar warne ich dich auch Du hast mit ihm gekämpft solange
du lebst er hat dich oft zum Fall gebracht doch standest du immer wieder auf
gehoben von deinem eigenen Willen und gehalten von der unsichtbaren Hand die
dich beschützt Diese Hand ist ohne diesen deinen Willen schwach mit ihm
vereint aber wird sie riesenstark Darum leiste auf dein Wollen nie Verzicht es
wird im Schutz des Himmels zum Vollbringen Dein Wille der nach der Vereinigung
mit Gottes Willen strebt gewinnt durch diese Vereinigung eine Macht welcher
das Böse zwar widerstreben kann doch endlich unterliegt El Aschdar ist ein
unermüdlicher und starker Feind der immerwährend auf der Lauer liegt Auch dich
hat er nicht etwa freigegeben er wartet nur und kommt der Augenblick an dem
du eine Schwäche deiner Seele zeigst so schlägt er seine Krallen plötzlich ein
und dann beginnt der schwere Kampf mit seiner Macht von neuem Ich seh ihn
lauern hier an deinem Wege schon speit er seinen Geifer dir entgegen es kommt
mit ihm bald zum Zusammenprall drum sei darauf bedacht dass du dich seiner
wehrst«
    Als er jetzt für einen Augenblick innehielt schwebte mir eine Erkundigung
auf der Zunge Als ob er diesen meinen Gedanken lesen könne sagte er
    »Wer dieser Drache ist das möchtest du gern wissen«
    »Ja« antwortete ich
    »Der Abfall ists von Gott Nicht nur der äußere Übertritt von einem
Glaubenspfad zum andern ist gemeint El Aschdar ist das Renegatentum vom Reiche
dessen Bürger du jetzt bist nach dem Gebiete der Lieblosigkeit Hab acht dass
du den ersten Schritt nicht tust Ihm folgt der andre nach und ehe du es
merkst dass du den Pfad verlassen hast bist du schon fern von ihm Ich warne
dich nicht nur in diesem Augenblick Zwar werde ich dich heut verlassen müssen
doch führt mein Weg mich wieder zu dem deinen Ich wurde jetzt gebeten dir zu
sagen dass du dem Drachen grad entgegengehst Es ist ein Kampf mit ihm nicht zu
vermeiden und darum soll ich dir ein Zeichen geben wenn er die Tatzen hebt um
dich zu fassen Du wirst mich im Momente der Gefahr das Wort El Aschdar dreimal
rufen hören Sobald du es vernimmst weich schnell zurück vor dem Entschluss den
du vollbringen willst er würde dich ins unvermeidliche Verderben führen«
    Er hatte die Hand erhoben und so dringend gesprochen als ob es sich
wirklich um eine Gefahr für mich handle Nun ließ er die Hand wieder sinken und
sprach mit weniger lauter Stimme
    »Der schwache Körper welcher vor dir steht ist durch Verführung dir zum
Feind geworden ich bitte dich entzieh ihm dennoch nicht die Liebe deren er so
sehr bedarf dahin zu kommen wo er landen soll Zusammen hab ich dich mit ihm
geführt zum Heile ihm und dir zur schönen Übung Verzeih ihm was er nur im
Irrtum tut und bleib ihm Freund trotz seines Widerstrebens Ich weiß im
heiligen Mekka ein Gemach in dem drei Decken des Gebetes liegen von roter
Farbe zwei die sind es nicht der Grund der mittleren ist blau gefärbt
gestickt mit goldnen Sprüchen des Kurans das ist die richtige dort findest du
das Ziel schon deiner jetzigen Gedanken und auch zugleich den Schlüssel für die
Tat die ihm den Glauben bringt und euch die Rettung  Nun hab ich dir das
Nötige gesagt Geh also hin wo man dich schon erwartet Halt fest an dem was
dir gegeben ist und bleib ein guter Mensch Leb wohl doch nicht für immer«
    Nach diesen Abschiedsworten verließ der Münedschi die Stelle an welcher er
stand Er schritt an mir vorüber und ging zurück geraden Weges wieder auf den
Brunnen zu Ich hatte mit dem Rücken nach dieser Gegend gestanden Als ich mich
umdrehte sah ich die Beni Khalid kommen im Westen des Brunnenfelsens also so
wie es dem Boten gesagt worden war Meine Anwesenheit war also dort geboten
Hatte das der Blinde gemeint als er sagte ich solle dahin gehen wo man mich
schon erwarte Sonderbar Ich ging also ohne Zeit zu haben über das
nachzudenken was mir gesagt worden war Freilich wollte sich mir ganz besonders
das einprägen was ich über das Gemach in Mekka gehört hatte Das war ja wie
eine Prophezeiung gewesen Drei Decken oder Teppiche des Gebetes der mittlere
blau mit goldgestickten Kuransprüchen Dieser mittlere sollte es sein Was denn
Meine Gedanken seien schon jetzt auf dieses Ziel gerichtet Ich hatte allerdings
schon wiederholt im stillen die Idee gehabt dass El Ghani welcher den Blinden
so auszunützen wusste auch schuld an den großen Verlusten sei über welche der
Münedschi geklagt hatte War etwa das gemeint Und Rettung sollten wir durch
diesen Teppich finden Rettung kann sich nur auf eine Gefahr eine Not eine
Bedrängnis überhaupt auf etwas nicht Wünschenswertes beziehen Erwartete uns
dort so etwas Denkbar war dies allerdings zumal nach dem Zusammentreffen mit
El Ghani und seinen Leuten und El Aschdar der Drache Er laure schon auf mich
und der Zusammenstoß mit ihm sei unvermeidlich
    Ich musste dieses Sinnieren aufgeben weil mich jetzt die Wirklichkeit mit
ihren Anforderungen mehr als zur Genüge in Anspruch nahm
    Die Beni Khalid kamen nicht gegangen sondern geritten sie brachten ihre
Kamele und die ganze Bagage mit Daraus war zu schließen dass sie sich des
Sieges bewusst waren und dann gleich den Platz des Brunnens besetzen wollen
Einstweilen ließ sie ihre Tiere draußen jenseits des Felsens lagern und kamen
dann herbei um sich so aufzustellen wie der Bote es ihnen sagte Wenigstens
sah ich dass er sie nach der Westseite des von uns gezogenen Kreises führte und
sprechend und rufend dort hin und her ging Es schien uns also gelingen zu
sollen die Sonne hinter uns zu haben Ihr Scheik war in stolzer Zurückhaltung
einstweilen noch bei den Kamelen geblieben Unsere Haddedihn ordneten sich auch
bereits hüben auf unserer Seite Sie hatten eine Decke ausgebreitet auf welcher
Hanneh saß um dem Kampfe zuzuschauen So befand sich also am Brunnen jetzt
niemand denn auch die Mekkaner waren fort Halef hatte ihnen während meiner
Abwesenheit gesagt dass sie tun könnten was ihnen beliebe und so sah ich sie
jetzt nach der Rückkehr des Münedschi mit ihm hinüber zu den Beni Khalid ziehen
Sie hatten ihre Tiere mit Der Schatz um den es sich handelte befand sich
selbstverständlich in unserer Verwahrung
    Ich holte vor allen Dingen meinen fünfundzwanzigschüssigen Stutzen Als
Halef mich mit diesem Gewehre kommen sah dem wir schon manche Rettung aus
verwickelter Lage verdankten sagte er
    »Recht so Sihdi Der Häuptling ist zwar sehr eifersüchtig auf seinen Ruf
dass er sein Wort nie breche aber man kann diesen Beni Khalid doch nicht trauen
Wenn sie nicht Sieger werden kann die Aufregung sie leicht zu
Gewalttätigkeiten führen welche er nicht zu verhindern vermag Da ist dein
Stutzen das beste Mittel sie in Schach zu halten Dein Platz ist hier neben
Hanneh Khutab Agha wird an ihrer andern Seite sitzen«
    Bei uns hier hüben herrschte Ruhe bei den Beni Khalid aber eine ungemeine
Beweglichkeit und Aufregung es dauerte lange ehe sie sich gelegt hatte
Endlich hatten sie sich in einem großen Kreisbogen niedergesetzt in dem es der
fliegenden Kugeln und Speere wegen eine Lücke gab damit kein Nichtkämpfer
verletzt werden könne Nur drei saßen nicht Sie gingen mit stolzen Schritten
und herausfordernden Gesten hin und her Das waren unsere Gegner der Wassermann
befand sich bei ihnen
    Nun kam endlich auch Tawil Ben Schahid Er betrat den Kreis und ging langsam
und würdevoll nach der Mitte desselben Seine drei Helden folgten ihm Er
erwartete dass wir zu ihm kommen würden und wir taten es In seinem von den
gestrigen Hieben geschwollenen und gefärbten Gesichte war nichts als Hass zu
lesen aber hinter äusserlicher Ruhe versteckt
    »Es ist verboten beleidigend zu sprechen« sagte er »Darum werden wir so
wenig wie möglich reden und euch lieber unsere Taten zeigen«
    Es schien uns imponieren zu wollen und eine Antwort zu erwarten Als wir
nichts sagten fragte er
    »Ihr kennt die Bedingungen«
    »Ja« antwortete Halef kurz
    »Es wird nicht geschont Tot wollen wir euch sehen oder doch wenigstens so
schwer verwundet dass ihr euch nicht vom Boden erheben könnt und nachträglich
elend zu Grunde gehen müsstet wenn wir euch nicht sogleich vollends töteten«
    »Du sprichst nur davon was ihr tun werdet Ich sage nur dass wir euch
schonen werden Wir trachten nicht nach Mord und Blut«
    »Das kannst du wohl sagen weil ihr gar nicht dazu kommen werdet Schonung
an uns zu üben Wir wollen losen Wo sind eure Kämpfer«
    »Hier wir drei«
    »Dieser Knabe auch«
    »Ja«
    »Ihr seid verloren Allah hat euch schon bei der Wahl den Verstand so
verfinstert dass eure drei schwächsten Personen ausgesucht worden sind Die Lose
habe ich hier es sind drei Hölzchen das längste ist die Flinte das kürzeste
das Ringen und das dritte der Dscherid Zieht«
    Er hielt ihm die Hand hin aus welcher die Enden der Lose hervorragten Als
sie gezogen hatten sah mich Halef fröhlich lächelnd an doch ohne ein Wort zu
sagen Unsere Wünsche waren erfüllt denn auf ihn fiel der Speer auf Kara das
Gewehr und auf Omar der Ringkampf
    Der Scheik hatte das Lächeln doch bemerkt Er sagte
    »Lass deine Fröhlichkeit du solltest lieber weinen denn ihr habt die Lose
des unvermeidlichen Todes gezogen Ich werde den Kampf selbst überwachen Erst
wird geschossen dann der Dscherid geworfen und zuletzt gerungen Wir beginnen
gleich denn wir haben keine Lust zu warten in einer Viertelstunde seid ihr
alle drei über die Brücke des Todes gegangen Dann aber erwarte ich dass ich den
Kanz el Ada bekomme Was versprochen und gar noch mit einem Schwur bekräftigt
worden ist das muss gehalten werden Versprecht es mir nochmals«
    »Wir halten unser Wort« erklärte Halef »Und du«
    »Ich auch Der Sieg ist uns zwar gewiss aber für den Fall dass er uns nicht
wird habe ich versprochen diese Gegend mit meinen Kriegern sofort zu verlassen
und für den heutigen Tag Frieden zu halten Das würde ich tun denn Tawil Ben
Schahid der berühmte Scheik der Beni Khalid hat noch nie sein Wort gebrochen
und so wäre ihm auch der heutige Schwur heilig Jetzt werde ich sechzig Schritte
abmessen«
    »Und die Kugeln vorzeigen« erinnerte Halef
    »Das tue ich nicht Ich gebe euch mein Wort dass nur mit Kugeln geschossen
wird und das muss euch genügen Wir wollen nicht verwunden sondern töten da
kann es uns gar nicht einfallen Schrot zu nehmen«
    Das war uns auch recht denn wie hätten wir ihm beweisen wollen dass Karas
Patronen keinen Schrot enthielten
    Die Entfernung wurde abgeschritten und die beiden Schützen stellten sich
auf Wir hatten auf unserer Linie hinter Kara auch einen freien Raum gelassen
um von den ihr Ziel verfehlenden Kugeln nicht getroffen zu werden Der
betreffende Ben Khalid schwang sein Gewehr und warf wie das bei den Beduinen so
gebräuchlich ist seinem Gegner eine Menge Ausrufe zu welche sich auf seine
angebliche unübertreffliche Fertigkeit im Schießen bezogen Beleidigend aber
wurde er nicht Man schien also entschlossen zu sein die gestellten Bedingungen
auch in dieser Beziehung einzuhalten Kara sagte nichts
    Nun setzte ich mich mit dem Perser zu Hanneh Sie schaute unbesorgt und
munter drein und sagte
    »Sihdi es gibt in mir vielleicht auch in jedem andern Mutterherzen eine
Stimme welche mich zu warnen pflegt wenn meinem Sohn Kara etwas Unerwünschtes
begegnen soll Ich habe dann eine ungewisse Angst in mir welche mir die Ruhe
raubt bis das Ereignis vorüber ist Da ich diese Stimme jetzt nicht vernehme
so bin ich überzeugt dass Kara sich außer aller Gefahr befindet Darum bin ich
heiter und lasse Allah walten«
    Jetzt gab Tawil Ben Khalid das Zeichen dass das Schießen begonnen werden
könne Wann und in welcher Reihenfolge dies zu geschehen habe darüber war
nichts gesagt worden Es konnte sich jeder der beiden Duellanten verhalten wie
ihm gutdünkte
    Der Ben Khalid hielt seinen Körper in einer herausfordernden Stellung als
ob er erwarte dass zunächst auf ihn geschossen werde Dies geschah aber nicht
Da wurde ihm die Zeit zu lang er legte sein Gewehr an und zielte Ich richtete
nun meine Augen auf Kara ob ein Zucken seines Körpers uns sagen werde dass er
getroffen worden sei Der Schuss krachte Kara stand still und machte erst nach
kurzer Zeit sich zu uns umdrehend eine Handbewegung der Geringschätzung für
die Gegner und der Beruhigung für uns Die Kugel war vorübergegangen Halef
welcher mit Omar Ben Sadek neben uns stand sagte indem er in väterlichem
Stolze glücklich lächelte
    »Seht ihr ihn stehen Wie eine Mauer Er hat nicht mit einem Finger gezuckt
als der Schuss fiel Wenn das der beste Schütze ist den die Beni Khalid haben
so dürfen sie sich vor uns nicht sehen lassen«
    »Ob unser Sohn ihm wohl den Schuss zurückgeben wird« fragte Hanneh gespannt
    »Ich glaube es nicht denn er hat das Gewehr an den Fuß genommen und rührt
sich nicht Allah Allah Ich danke dir Wie getrost und stolz er dasteht Es
ist eine Wonne ihn zu sehen Du siehst hier Effendi die Erfolge deiner und
meiner Lehren Wie freue ich mich über ihn Er zeigt dass er einem Stamm
angehöre dessen Kriegern eine pfeifende Kugel ist wie nichts Er macht uns
Ehre wirklich Ehre Schaut doch dagegen den andern an«
    Ich konnte die Gefühle meines Halef und seiner Hanneh gar wohl begreifen
war es doch jetzt das erste Mal dass ihr Liebling sich im offenen Zweikampfe zu
bewähren hatte Wenn man das lebhafte Temperament des Beduinen in Rechnung
zieht so war die kalte Ruhe welche der Jüngling zeigte sehr anzuerkennen Ein
anderer hätte lebhaft gejubelt und seine Freude über die Vergeblichkeit des
Schusses in lärmender Weise geäußert
    Diese Ruhe und Stille herrschte überhaupt auf unserer ganzen Seite Nicht so
bei den Beni Khalid welche in ein zorniges Geschrei der Enttäuschung
ausgebrochen waren Viele von ihnen waren aufgesprungen und zeigten durch ihre
lebhaften Gestikulationen wie erregt sie waren Das musste doch dem Schützen die
für ihn so notwendige Kaltblütigkeit und Fassung rauben Der Scheik rief ihm
laut schallende Vorwürfe zu die er mit ärgerlichen Entgegnungen beantwortete
indem er wieder lud
    Als er das getan hatte und also wieder schussfertig war trat drüben wieder
Stille ein Er forderte Kara auf ihm nun auch eine Kugel zuzusenden dieser
antwortete nicht und blieb so unbeweglich stehen als ob er auf seiner Stelle
festgewachsen sei So verging eine längere Zeit Da rief der Scheik dem
Vertreter der Ehre seines Stammes zu
    »Dieser Knabe der Haddedihn getraut sich gar nicht zu schießen er hat es
gar nicht gelernt Wir haben keine Zeit Schiess du schiess wieder Aber mach es
besser als vorhin sonst wirst du heimgeschickt zu den kleinen Knaben die noch
nichts gelernt haben«
    Er sagte sich nicht dass er durch solche Drohungen den Mann aufregen müsse
Dieser antwortete mit einem unwilligen Ausrufe und riss sein Gewehr wieder empor
Er zielte dieses Mal länger als vorher dann knallte der Schuss    Kara machte
ganz dieselbe Bewegung der Hand er war wieder nicht getroffen worden Nun erhob
sich drüben ein größeres Geschrei als vorher Da drehte sich der unglückliche
Schütze nach seinen Leuten um und rief ihnen so laut zu dass wir es hören
konnten
    »Haltet die Mäuler Wer soll da ruhig zielen und schießen können wenn euer
Gebrüll die Arme zittern macht Ich schwöre bei Allah dass die dritte Kugel
nicht vorübergehen wird Jetzt gilts und darum muss und wird sie treffen«
    Er lud sehr sorgfältig und legte das Gewehr dann sogleich wieder an ohne zu
warten ob Kara nun vielleicht schießen werde Er zielte diesmal viel viel
länger als vorher so lange dass die Anlage unruhig werden musste
    »Er trifft wieder nicht« sagte Hanneh
    »Der Mensch ist kein Schütze« nickte Halef vergnügt »Er müsste wieder
absetzen um den Arm ausruhen zu lassen Doch nein da    da   «
    Der Schuss war gefallen und auch diese dritte Kugel hatte ihr Ziel verfehlt
    »Hamdulillah« rief Halef aus »Hanneh du lieblichster Abglanz meiner
Seele siehst du ihn stehen unsern Herzenssohn Ungetroffen unverletzt und
ruhig als ob er nur Luft vor sich gehabt habe nicht aber den besten Schützen
des Stammes der Beni Khalid und nicht ein auf sich gerichtetes Gewehr aus
dessen Lauf der Tod ihn treffen sollte Ich bin stolz auf ihn sehr stolz Du
doch auch«
    »Ja er ist dein Ebenbild« antwortete sie
    »Ich danke dir In Beziehung auf die Tapferkeit ist überhaupt jeder Krieger
der Haddedihn mein Ebenbild und Kara ist ein Haddedihn da braucht man sich gar
nicht zu wundern«
    Auf der uns gegenüberliegenden Seite gab es andere Worte als hier bei uns
da herrschte ein Tumult der gar kein Ende nehmen wollte Kara hatte uns auch
jetzt die schon zweimal erwähnte verächtliche Handbewegung zugeworfen nun
schob er den einen Fuß von dem andern ab und stützte sich auf sein Gewehr um
zu warten bis bei den Beni Khalid wieder Ruhe eingetreten sei
    »Effendi« fragte mich Halef »siehst du ihm nicht auch ganz deutlich an
dass gleich seine erste Kugel grad da sitzen wird wo er will«
    »Er wird keinen Fehlschuss tun« antwortete ich
    »Er hat sich das zu Herzen genommen was du in Beziehung auf den Speerkampf
sagtest nämlich dass du warten würdest bis der Gegner keine Lanze mehr habe
So hat auch er seine Kugeln aufgehoben und ich bin bereit zu wetten dass er
nur die erste braucht Wettest du mit«
    »Nein«
    »Aber so tue es doch«
    »Nein Du weißt ja dass ich niemals wette«
    »Allerdings aber jetzt solltest du doch gegen mich setzen«
    »Wie kann ich das da ich doch ganz derselben Ansicht bin wie du«
    »Ja richtig Also wetten wir nicht Passt auf ihr Leute Er hat uns gesagt
dass er nun zeigen will was er den man einen Knaben nannte gelernt hat«
    Kara hatte sich umgedreht und uns zugenickt Drüben war es endlich wieder
still geworden Der Beni Khalid stand auf seinem Platze und es war ihm
anzumerken dass er sich da doch nicht ganz behaglich fühle Doch machte er mit
dem Arme eine auffordernde Geste durch die Luft und rief
    »So schiess doch nur Getraust du dich denn gar nicht ein Gewehr in die Höhe
zu nehmen Dir zittern wohl alle Glieder vor Angst den Knall des Pulvers zu
hören Fürchte dich nicht mein Knabe Deine Kugel gilt ja nicht dir sondern
mir und die Luft da um mich her hat Platz genug für sie«
    Da sagte Kara sein erstes Wort und zwar in so gelassener Weise dass wir uns
alle darüber freuen mussten
    »Diese Luft hat keinen Raum für sie denn die Stelle wo meine erste Kugel
sitzen wird liegt nicht in der Luft sondern in deinem Körper Ihr trachtet
nach unserm Leben wir aber nicht nach dem eurigen Ich werde dir also das
deinige schenken«
    »Ich brauche nicht geschenkt zu nehmen was mir überhaupt gehört und nicht
von dir genommen werden kann Prahle also nicht sondern schiess«
    »Ich werde dir beweisen dass ich es dir nehmen könnte wenn ich wollte Ich
sage dir vorher dass ich dich in das Knie schießen werde Ebenso gut aber würde
ich dich in den Kopf oder in das Herz treffen«
    »Schiess schiess sage ich Ich warte mit Ungeduld darauf um dich dann
auszulachen«
    Das war natürlich nur Redensart denn dass er Angst hatte getroffen zu
werden zeigte er dadurch dass er jetzt eine Stellung einnahm welche zur Folge
hatte dass er seinem Gegner so wenig wie möglich Körperfläche zum Zielen bot Er
kehrte ihm nämlich nicht den Vorderkörper sondern die Seite zu
    Als ich das sah musste ich an meinen dann so vielbesprochenen Schuss denken
mit welchem ich Tangua dem Häuptling der KiowaIndianer beide Kniee
zerschmetterte136 und infolgedessen Mitglied des Apatschenstammes wurde Tangua
hatte damals dieselbe Stellung gewählt um nicht getroffen zu werden und sie
trotz meiner Warnung beibehalten die Strafe war für diese Unredlichkeit
gewesen dass ihm meine Kugel nicht bloß durch eines sondern durch beide Kniee
gegangen war Genau denselben Schuss konnte Kara jetzt auch tun und ich traute
ihm allerdings zu denselben Erfolg zu haben
    »Warum stellst du dich anders als ich gestanden habe« fragte er
    »Ich tue was ich will«
    »Du fürchtest dich«
    »Lass dich nicht auslachen unerfahrener Junge Ich werde sogar selbst
zählen Also Eins     zwei   «
    Da nahm Kara sein Gewehr nicht langsam und bedächtig auf um nach Beduinen
oder überhaupt gewöhnlicher Weise zu schießen sondern er bediente sich der
schnellen Tempi der amerikanischen Westmänner die er nach meiner Anleitung
eingeübt hatte Das Schießen auf diese Art scheint schwerer zu sein ist es aber
nicht es erfordert allerdings eine nur durch lange Ausdauer zu erreichende
Fertigkeit bietet dafür aber eine um so größere Treffsicherheit Er warf als
der Ben Khalid »Eins« sagte das Gewehr empor hatte es bei »Zwei« im
Anschlage und bei »Drei« krachte ganz genau nach dem höhnischen Kommando der
Schuss so dass das Wort gar nicht zu hören war Fast in demselben Augenblicke
warf der Ben Khalid beide Arme hoch in die Luft taumelte einmal hin und einmal
her und stürzte dann zur Erde von welcher er sich nicht mehr erheben konnte
Kara hatte ihn wirklich durch beide Kniee getroffen es war ein Meisterschuss
gewesen Für einige Augenblicke war alles still darum hörte man die lauten
stolzen Worte des Siegers
    »Der unerfahrene Junge hat sein Wort gehalten Es fließt das Blut folglich
ist dieser Kampf zu Ende Der Besiegte gehört nun mir aber ich schenke ihm die
zweite und die dritte Kugel und mit ihnen das Leben Kara Ben Halef ist ein
Krieger aber kein Mörder«
    Hierauf drehte er sich um und kam mit ernstem und doch freudestrahlendem
Gesicht auf uns zugegangen Drüben waren alle Beni Khalid aufgesprungen sie
rannten zu dem Verwundeten Diese hinderte von Stimmen vollführten einen wahren
Höllenlärm um den wir uns aber nicht kümmerten Halef drückte seinen Sohn an
das Herz und küsste ihn wohl zehnmal auf die Wangen Als er sich vor der Mutter
niederbeugte legte diese ihm die Hand wie segnend auf das junge Haupt und sagte
in überquellender Zärtlichkeit
    »Ich wusste dass du siegen und auch nicht verwundet würdest Mein Sohn du
hast alle alle unsere Hoffnungen so schön erfüllt Deine Eltern und der ganze
Stamm der Haddedihn sind stolz auf dich Allah behüte und beschirme deine Wege«
    Ich drückte ihm nur still die Hand und nickte ihm anerkennend zu Da sah er
mir so ernst in die Augen und sagte
    »Sihdi weißt du was ich dachte als ich dort stand und auf seine erste
Kugel wartete«
    »Nun« fragte ich
    »Ich hatte keine Sorge um mich nicht die geringste aber ich wusste dass
nicht ich es war der dort stand sondern der ganze Stamm meiner lieben lieben
Haddedihn Und als ich dreimal nicht getroffen worden war und ihn in meine Hand
gegeben wusste da hatte ich die feste Überzeugung dass von meinen drei Kugeln
zwei überflüssig seien weil gleich die erste ihre Schuldigkeit tun werde Mein
Schuss hat diesen Beni Khalid die Frage entgegengekracht Wenn bei den Haddedihn
schon die Knaben so sicher treffen wie erst müssen da wohl die Männer
schießen«
    »Du bist von dieser Stunde kein Knabe mehr mein braver Kara Ben Halef Ich
will es jetzt sein der auf den unerfahrenen Jungen die richtige Antwort gibt
Du hast von jetzt an das Recht an allen unsern Beratungen teilzunehmen Ich
gebe es dir als dein Lehrer und als der treuste Freund des Stammes der stets
bereit ist sein Leben für euch einzusetzen«
    Er trat in freudigem Schrecke einen Schritt zurück und fragte fast
stammelnd
    »Ist das wahr Effendi wirklich wahr«
    »Ja Und ich hoffe dass die Dschemmah die Versammlung der Ältesten es
bestätigen wird«
    Da ergriff er meine beiden Hände drückte sie an sein Herz und küsste sie
dann Sein Vater nahm sie ihm und sagte dann die Augen voll schneller Tränen
zu mir
    »Natürlich wird die Dschemmah jedes deiner Worte bestätigen Sihdi Du bist
nicht nur unser Freund sondern du gehörst unserm Stamm und er gehört dir Du
bist der Herr und Besitzer aller unserer Herzen Ich bin der Scheik und doch
bist auch du unser Scheik wenn auch in anderer Weise Für den Rang den du bei
uns einnimmst ist das rechte Wort noch nicht erfunden worden aber du darfst
auch ohne dieses Wort sicher sein dass die Ehrenstelle die es bezeichnen würde
dir für die ganze Zeit des Lebens Anspruch auf unsern Gehorsam und auf unsere
Liebe gibt Du hast diese Stunde zu einer Stunde der Freude des größten
Stolzes für mich gemacht Ich werde von ihr noch sprechen und erzählen wenn mir
die Zunge des Alters zu andern Erzählungen zu schwer geworden ist«
    Hanneh dankte mir auch und zwar in echter Frauenweise
    »Ich bitte dich Effendi sag deiner Emmeh der Bewohnerin deines Zeltes
von mir dass sie dich stets recht herzlich recht wahr und innig lieben soll Du
bist ein unerschöpflicher Spender der Liebe ihr Quell der in dir liegt kann
zwar nie versiegen aber trotz seiner Fülle soll er doch auch nehmen dürfen und
empfangen was er gibt Sage ihr also das und füg hinzu dass Hanneh auch dich
liebt«
    »Ja vergiss das nicht und teile ihr mit dass ich das gern erlaube«
bekräftigte der kleine Hadschi »Nun wird der Kampf mit den Speeren gleich
beginnen Ich sage euch Ich hätte meinen Mann auch schon so gestellt aber das
Bewusstsein der Nachfolger meines siegreichen Sohnes zu sein dem von unserm
Effendi die höchste Kriegerehre zu teil geworden ist wird mir
Unüberwindlichkeit verleihen Ich fühle dass ich nicht in den Kampf gehe
sondern nur zum Spiele und ich werde es gewinnen wie Kara es gewonnen hat«
    Diese freudige Zuversichtlichkeit war von nicht geringem Werte Sie machte
auch auf den Perser einen wohltätigen Eindruck das ersah ich aus den Worten
mit denen er sich an mich wendete
    »Du kannst gar nicht glauben wie besorgt ich war Es geht ja um das
Eigentum der heiligen Stätte welches schon in meinen Händen lag und wieder auf
die Spitze des Wagnisses gelegt worden ist Jetzt aber bin ich fast wieder ganz
ruhig geworden Wir haben zwar erst nur einen Sieg errungen und müssen
wenigstens zwei haben doch wenn ich Halef so sehe und so sprechen höre ist es
mir als hätte er seinen Gegner schon in den Sand gestreckt Wie denkst du
darüber«
    »Ich wünsche dir bloß so ruhig zu sein wie ich es bin Halef ist ein
ausgezeichneter Dscheridwerfer Er hat mir so oft Gelegenheit gegeben ihn zu
bewundern dass mich sein Gegner zumal wir ihn gesehen haben gar nicht bange
machen kann«
    »Aber denke an die Muskeln seines Armes«
    »Die hat der Hadschi auch und sie sind es ja nicht allein worauf es
ankommt Horch Es soll losgehen«
    Es war dem Scheik Tawil Ben Schahid gelungen die Ruhe wieder herzustellen
er hatte den Schwerverwundeten hinter die Linie schaffen lassen und schritt nun
die Entfernung ab welche zwischen den Speerwerfern zu liegen hatte Der »Vater
der Selbstverständlichkeit« stand auch schon bereit
    Einen Wurfspeer hat jeder Haddedihn auch wenn er mit dem Gewehre bewaffnet
ist stets bei sich und zwar meist zu Jagdzwecken Gasellen zum Beispiele
werden meist nur mit dem Dscherid und nur höchst selten durch die Kugel erlegt
Die Spitze dieser Speere besteht in einem scharf und lang zugespitzten Eisen
der schafft aus Palmenholz Halef hatte sich die drei ihm handlichsten und dem
jetzigen Zwecke entsprechendsten ausgesucht Den Haïk trug er gar nicht nun
warf er auch die Jacke ab und als hierauf die nackten Arme zu sehen waren und
ich den Perser durch einen Wink auf sie aufmerksam machte sagte er mir leise
    »Das ist allerdings beruhigend für mich Solche Muskeln hätte ich diesem
kleinen Manne freilich nicht zugetraut«
    »Und ich wiederhole dass es auf sie nicht allein ankommt Sieh wie er über
seinen Gegner lächelt«
    Dieser sprang nämlich Probewürfe machend hin und her Halef schenkte ihm
nur kurze Aufmerksamkeit und fällte dann sein Urteil über ihn
    »Er weiß nichts von der Dschewirma137 Effendi Und indem er tut als habe
er nur die Absicht mich bange zu machen indem er mir seine Geschicklichkeit
zeigt will er seinen Arm für die Entscheidung vorbereiten Das habe ich nicht
nötig Ich werde deinen Rat befolgen und ebenso wie Kara warten bis er keinen
Speer mehr hat«
    »Und dann die deinigen rasch nacheinander«
    »Ja«
    »So pass auf seine Füße auf Aus ihrer Stellung und der Neigung seines
Körpers kannst du schließen wohin er ausweichen will dorthin wirfst du die
beiden andern«
    Jetzt erscholl die Stimme des Scheikes und Halef schritt langsam seinem
Platze zu Ich warf unwillkürlich einen Blick auf Hanneh Sie lächelte und als
sie bemerkte dass ich sie ansah nickte sie mir zu und sagte
    »Es ist mein Hadschi Halef«
    Sie ahnte wahrscheinlich gar nicht welches Lob sie in solcher Kürze
ausgesprochen hatte und welche Summe von Vertrauen in diesem einfachen
Ausspruche lag
    Tawil Ben Schahid empfing unsern Scheik mit den Worten
    »Der Schejtan138 hat gewollt dass der erste Gang zu euren Gunsten
ausgefallen ist er hat unserm besten Schützen die Ruhe des Armes und die
Festigkeit des Blickes genommen aber bildet euch ja nicht ein dass ihr gewinnen
werdet Ich sehe die drei Lanzen schon in deinem Leibe«
    »Was hast denn du hier herumzureden« fragte ihn Halef »Du hast dich vom
Kampfe ausgeschlossen obwohl du als Scheik die erste Person desselben sein
solltest Was wirfst du also mit Worten um dich herum Du gehörst gar nicht
hierher«
    Da stieß der Zurechtgewiesene einen zornigen Fluch aus zog sich aber
zurück ohne noch etwas zu sagen
    Nun standen sich die beiden Hauptpersonen in einer Entfernung von
fünfundzwanzig Schritten gegenüber Der Ben Khalid hatte zwei seiner Speere vor
sich in den Sand gesteckt den dritten hielt er in der Hand fuhr mit ihm
demonstrierend durch die Luft und rief
    »Schau her Hier steht der berühmteste Mann des Speeres vor dessen Kraft
und Geschicklichkeit du dich verkriechen musst«
    »Natürlich« antwortete Halef lachend
    »Du wirst jetzt erfahren was es zu bedeuten hat wenn jemand das Wagnis
unternimmt sich mit mir messen zu wollen«
    »Natürlich«
    »Mein Dscherid wird dir mitten durch den Leib fahren«
    »Natürlich«
    Erst jetzt beim drittenmal erkannte der Prahler die ironische Bedeutung
dieses Wortes Er wurde darüber zornig und schrie den Hadschi an
    »Du willst mich höhnen Meine Antwort darauf wird deinen augenblicklichen
Tod bedeuten«
    »Natürlich« lachte Halef nun zum viertenmal
    »Das das soll dein letztes dein allerletztes Lachen sein Pass auf er
kommt    er kommt«
    Während er das sagte holte er aus und ließ den Speer bei dem letzten Worte
fliegen Die Waffe ging sehr nahe an Halef vorbei und fuhr hinter ihm mit ihrer
Spitze in den Sand Dieser Mann war ein sehr beachtenswerter Gegner
    Es hatte genau so ausgesehen als ob der Dscherid den Hadschi treffen müsse
Der Wurf war gut gezielt und so ließ keiner der Beni Khalid ein Wort des Tadels
hören vielmehr erklangen die aufmunternden Rufe
    »Das war gut recht gut Schnell noch einmal   noch einmal ehe er selbst
wirft«
    Der Mann folgte dieser Aufforderung Er zog den zweiten Dscherid aus dem
Sande und wog ihn vor dem Wurfe weit länger als den ersten in der Hand Er
sauste zwei Hände hoch über Halefs Kopf hinweg in den Sand
    Das war nicht schlechter als das erste Mal aber nun wurde doch gezürnt
denn die Siegessicherheit war von drei Dritteln auf eines und zwar auf das
letzte gefallen
    Es wurden dem Ben Khalid eine solche Menge von Ratschlägen zugerufen und so
kräftige moralische Rippenstösse versetzt dass er sich zornig umdrehte und
seinen Leuten zurief
    »Ich brauch euer Besserwissen nicht Wenn ihr mehr könnt als ich warum habt
ihr euch nicht gemeldet Kommt her und macht es anders Ich lasse mich von  
«
    Er wurde in seiner Rede durch einen scharfen Pfiff Halefs unterbrochen dem
er sich jetzt wieder zuwendete
    »Was fällt dir ein dich umzudrehen« tadelte ihn der Hadschi »Wenn ich das
benutzt und geworfen hätte wärst du jetzt eine Leiche«
    »Warum hast du es denn nicht getan« hohnlachte der andere
    »Weil der Scheik der Haddedihn keinen Feind heimlich angreift Diese meine
Ehrlichkeit hat dich gerettet«
    »Bilde dir das nicht ein Wer weiß wohin dein Speer geflogen wäre So nahe
wie ich dir kommst du mir nicht«
    »Natürlich«
    »Lass deinen Spott Bis jetzt habe ich nur probiert nun aber werde ich dich
so gewiss durchbohren wie ich den Dscherid schon hier in der Hand halte«
    »Natürlich«
    Es war klar dass Halef durch die immerwährende Wiederholung dieses
lächerlich gewordenen Wortes seinen Feind in Aufregung setzen und dadurch
veranlassen wollte auch noch den dritten Wurf zu tun Diese Absicht erreichte
ihren Zweck denn der Ben Khalid schrie jetzt wütend
    »Ja natürlich natürlich und zum drittenmal natürlich ganz natürlich Ich
werde dir beweisen dass es so ist«
    Er tat um mehr Wucht geben zu können einige Schritte zurück holte aus
und schleuderte wieder vorwärtsspringend den Speer mit solcher Kraft dass wir
sein summendes Zischen hörten Dann stand er bewegungslos um mit weit
vorgelegenem Oberkörper und stieren Augen den Flug der Waffe zu verfolgen denn
sie musste musste und musste treffen weil sie die letzte war
    Halef hatte zwei Speere in der linken und den dritten in der rechten Hand
Er sah dass der Speer richtig gezielt war und ganz genau auf ihn zugeflogen kam
es schien als könne er sich nur durch einen Seitensprung retten Aber der
Hadschi war zu ehrliebend als dass er hätte von sich sagen lassen mögen dass er
auch nur einen Finger breit von seinem Platze gewichen sei Die rechte Faust
bereit haltend sah er der feindlichen Lanze scharf entgegen die beabsichtigte
lebensgefährliche Parade gelang Wir hörten die Speere zusammenschlagen   der
feindliche flog seitwärts abgelenkt vorüber
    Da erschollen nicht etwa hundert Schreie sondern es war nur ein einziger
Schrei der aus mehreren hundert Kehlen kam Der Wurf war ausgezeichnet gewesen
er hatte treffen sollen und hätte auch absolut treffen müssen unbedingt
getroffen wenn diese gewagte und so außerordentliche Parade nicht gewesen wäre
Dazu kam dass dies die letzte Waffe des zweiten Ganges war Man kann sich also
die Enttäuschung die Empörung der Beni Khalid über dieses Misslingen denken So
viele Männer sie zählten so viele Stimmen schallten durcheinander bis
diejenige des Scheikes sie alle übertönend Ruhe gebot
    »Seid still« rief er »Der Gang ist ja noch nicht vorüber Wenn der
Haddedihn auch nichts trifft so ist noch gar nichts verloren Er mag nun auch
zeigen was er kann oder vielmehr was er gar nicht kann«
    Dieser Scheik sagte sich nicht dass eine so meisterhafte Art der Abwehr auch
in Beziehung auf den Angriff auf ein ungewöhnliches Können schließen ließ Es
trat wieder Ruhe ein und der frühere Besitzer von drei Speeren ließ seine vor
Wut heiser klingende Stimme erschallen um dem Hadschi allerhand zu sagen was
alles aber nur nicht höflich war doch auch nicht direkt beleidigend Es war so
wie der Scheik gesagt hatte der jetzige Augenblick lag auf dem Mittelpunkte der
Wage Wenn Halef dasselbe Unglück hatte und der dritte Gang von den Feinden
gewonnen wurde so gab es keine Entscheidung und es musste wahrscheinlich
beschlossen werden noch einmal von vorn anzufangen Darum war wenigstens bei
den Beni Khalid die Spannung jetzt auf das höchste gestiegen
    Halef sah die Augen aller auf sich gerichtet Ich nahm an dass er seinen
Gegner nun für einige Zeit mit Finten beschäftigen werde er tat dies aber
nicht Später erklärte er mir auf meine darauf bezügliche Frage dass er es als
der Würde eines Scheikes der Haddedihn nicht für angemessen gehalten habe wie
ein Gaukler unausgeführte Bewegungen vorzutäuschen Er hatte recht
    Er stand lange still und unbeweglich wie aus Marmor gemeisselt und ließ
alle Zurufe von sich abprallen Aber dann fuhr auch ganz plötzlich gradezu
gedankenschnell sein Arm mit dem Speer empor der so lange erwartete Wurf
geschah und der Dscherid flog in einem hohen Bogen so genau auf sein Ziel zu
dass der Ben Khalid verloren war wenn er auf seinem Platze blieb Aller Augen
außer den unserigen waren auf die fliegende Waffe gerichtet und niemand
achtete in diesem Augenblicke auf Halef
    Dieser sah dass sein Gegner den Fuß hob um sich durch einen Sprung nach
rechts zu retten und ließ darum schnell hintereinander auch die beiden übrigen
Speere fliegen sie um ein weniges nach dieser Richtung dirigierend Die erste
Lanze kam und der Ben Khalid machte die vorausgesehene Bewegung des
Ausweichens doch kaum hatte er das getan so fuhr ihm die zweite ihn mit sich
niederreissend in den seitlich oberen Teil der Brust und die dritte nagelte ihm
den Arm fest in den Sand
    Der Aufruhr den dies bei den Beni Khalid hervorbrachte ist nicht zu
beschreiben Der Sieger kümmerte sich nicht um diesen mehr als hörbaren Erfolg
seiner Überlegenheit Er kehrte so ruhig wie er gegangen war zu uns zurück
und sprach da nur die Frage aus
    »Hätte ich es besser machen können Sihdi«
    »Nein« antwortete ich »Du hast alle Erwartungen so vollständig erfüllt
dass ich dir danken muss Komm gib mir deine Hand«
    Während ich sie ihm schüttelte richtete er sein Auge auf Hanneh Sie sah
lächelnd zu ihm auf und sagte nichts als
    »Ich wusste es«
    Doch reichte sie ihm beide Hände hin die er sich zu ihr neigend an seine
Lippen zog dabei flüsterte er ihr zu
    »Ich zeige auch sonst meinen Rücken keinem Feinde aber wenn ich dich bei
mir weiß dann wird aus deinem alten tapfern Löwen eine ganze Löwenschar«
    Auch der Basch Nazyr richtete das Wort an ihn
    »Hadschi Halef du hast mir den Schatz gerettet denn nach dieser ihrer
zweiten Niederlage haben die Beni Khalid keinen Anspruch darauf Wahrscheinlich
werden sie nun auf den dritten Gang verzichten«
    Da entgegnete ihm Omar Ben Sadek der sich schon bereit gemacht und seinen
Oberkörper entkleidet hatte
    »Das darfst du ja nicht denken Du siehst dass ich schon kampffertig bin
Dieser Gang wird ihnen zwar auf keinen Fall den Schatz der Glieder bringen aber
sie meinen sich rächen zu können darum darfst du sicher sein dass sie nicht
auf ihn verzichten werden«
    Der Perser betrachtete den jetzt nicht mehr verhüllten Bau des Oberkörpers
dessen der dies sagte Er schüttelte den Kopf und sprach
    »Eure kriegerische Befähigung entdeckt man erst wenn man euch ohne Hülle
sieht Du bist ja fast zweimal so breit wie ich«
    »Das hast du noch nicht bemerkt« lachte Omar vergnügt
    »Nein«
    »So pass nachher auf wenn ich den Ben Khalid aus den Angeln hebe Wir haben
von unserm Effendi einen wunderbaren Griff unter das Schlüsselbein gelernt Dazu
gebe ich einen Stoß in die andere Achselhöhle fasse an der Seite herunter in
das Fleisch und lege wenn dies sehr schnell und mit voller Körperkraft
geschieht den stärksten Mann dann nieder in den Sand«
    »Also das ist auch vom Effendi«
    »Nein« fiel ich da ein »Nur den Griff unter das Schlüsselbein habe ich
gezeigt das andere hat Omar Ben Sadek hinzuprobiert und mir erst kurz vor
unserer Reise gezeigt Er ist also in Beziehung auf dieses Kunst und Kraftstück
mein Lehrer und ich bin neugierig ob ich es ihm nachmachen kann Heut werde
ich es zum erstenmale im Ernste ausgeführt sehen«
    Da ertönte die donnernde Stimme des Scheiks Tawil
    »Der Ringer her«
    Ich stand sofort auf und ging hinüber zu ihm Diese Art und Weise uns
anzuschreien verdiente eine Lektion
    »Bist du es denn der ringen wird« fragte er mich indem er mich mit seinen
Augen durchbohren zu wollen schien
    »Nein« antwortete ich
    »So packe dich fort Hier haben nur die Ringer Platz«
    »Bist du einer«
    »Welche Frage Ich doch nicht«
    »So packe auch du dich fort«
    »Ich befehlige den Kampf«
    »Ich auch«
    »Wer hat dir das erlaubt«
    »Wer dir«
    »Ich«
    »Ich sage ebenso Ich Du hast dir dieses Recht angemasst und wir sind dazu
still gewesen weil es dem Stärkeren geziemt dass er nachgibt aber den Ton in
welchem du jetzt zu uns zu sprechen wagst den werden wir uns verbitten Du
hättest vielmehr alle Veranlassung höflich und bescheiden zu sein denn wir sind
nicht nur bisher Sieger sondern werden euch beweisen dass wir es auch bleiben
Der Kanz el Ada gehört uns schon die Fortsetzung des Kampfes ist also
vollständig überflüssig«
    »Ihr fürchtet euch«
    »Diese Frage ist nach dem bisher Geschehenen so kindisch lächerlich dass ich
sie gar nicht beantworte Ich will dir nur das Verständnis dafür geben dass wir
wenn wir auch den dritten Gang beenden dies nur freiwillig tun«
    »Freiwillig Ich würde euch zwingen«
    »Alah mahlak«139
    »Sieh dort meine Leute«
    »Alah mahlak«
    »Und sieh hier mich«
    Er warf sich in die Brust als ob er ein Halbgott und ich ein reiner
Garnichts sei Darum ließ ich meine Augen vom Kopfe bis zu den Füßen herab
langsam und höchst geringschätzig über ihn gleiten und antwortete wieder nur
    »Alah mahlak«
    Dies brachte ihn so in Wut dass er mich beim Arme fasste und mir grad in das
Gesicht brüllte
    »Leiste sofort Abbitte sonst zermalme ich dich mit meinen Fäusten«
    »Ich habe nichts abzubitten« antwortete ich sehr ruhig »Es ist ausgemacht
dass jede Beleidigung zu vermeiden sei du aber hast uns angebrüllt als ob wir
räudige Hunde seien du beleidigst jetzt auch mich ja du wagst es sogar die
Hand an mich zu legen Du brichst also den Frieden Pass auf was ich dir jetzt
sage Achtest du nicht sofort auf meine Worte so zeige ich dir ob du es bist
der mich zermalmen kann Also Weg mit deiner Hand von meinem Arm«
    »Hund« antwortete er indem er auch den andern fasste »Ihr habt euch
darüber aufgehalten dass ich mich nicht mit am Kampfe beteiligt habe Jetzt will
ich dir zeigen ob   «
    Er sprach nicht weiter denn was jetzt geschah raubte ihm die Sprache Er
hatte während seiner überlaut gebrüllten Worte versucht mich niederzuwerfen da
aber bekam er den vorhin erwähnten Griff unter das Schlüsselbein was ihn zwang
mit der entgegengesetzten Hand mich loszulassen und herüberzulangen Dadurch gab
er die Achselgrube frei in welche sofort von unten herauf mein Hieb zu sitzen
kam der ihn mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Seite warf indem er ihm den
Fuß aushob und nun fuhr ich mit derselben Hand schnell herunter und fasste ihn
so rücksichtslos fest in der Weiche dass er sogar das Schreien vergaß So hob
ich ihn auf und warf ihn nieder auf die Erde
    Das war in Zeit von kaum zehn Sekunden geschehen so schnell dass seine
Leute ihn liegen sahen ohne eigentlich zu wissen wie das zugegangen war Er
wollte zwar wieder aufspringen um mich zu fassen konnte aber nicht Es gelang
ihm nur sich unter schmerzlichem Aechzen und fast atemlos sehr langsam zu
erheben Als er dann gebeugt vor mir stand denn den Oberkörper grad zu halten
das brachte er noch nicht gleich fertig sprach ich in demselben ruhigen Tone
wie vorher
    »Nun wie steht es mit dem Zermalmen Dass du mich einen Hund genannt hast
das verzeihe ich dir aber du hast dich an mir vergriffen und das bringt
Schande über dich und deinen ganzen Stamm Von nun an wird es heißen Tawil Ben
Schahid der Scheik der Beni Khalid der so stolz auf die Unverbrüchlichkeit und
Heiligkeit seines Wortes ist hat nicht nur dieses sein Wort sondern sogar
seinen Schwur höre seinen auf den Kuran geleisteten Schwur gebrochen Wenn du
diese Schande tragen kannst so trage sie ich aber würde mir eine Kugel durch
den Kopf jagen«
    Nach diesen Worten ließ ich ihn stehen und ging an meinen Platz zurück Von
da aus sah ich ihn langsam fortinken zu seinen Leuten hin
    »Das hast du recht gemacht« sagte Halef »Nun ist auch er besiegt
körperlich und moralisch Wie wird er seinen Zorn verwünschen der ihn zu diesem
Fehler verführt hat«
    »Und ich habe da gleich Gelegenheit gefunden den Kraftstreich auszuführen
den ich von Omar gelernt habe Er ist ausgezeichnet Nur schonen darf man nicht
dabei dann nimmt er dem Betreffenden den Atem und die ganze Kraft zum
Widerstande«
    »Das scheint der Fall zu sein« bemerkte Halef »denn Tawil Ben Schahid geht
gebückt wie ein alter Greis der den Stock zu Hilfe nehmen muss Nun bin ich
wirklich neugierig was geschehen wird Vielleicht hetzt er seine Krieger zum
offenen und sofortigen Angriff gegen uns«
    »Das befürchte ich nicht« war meine Meinung »Ich halte den Stolz welchen
er auf die Unverletzlichkeit seines Wortes legt für echt Er wird die jetzige
Niederlage schwer empfinden so schwer dass er gegen seine Leute darüber
schweigt Wenn mich meine Vermutung nicht täuscht so tritt etwas ganz
Unerwartetes ein«
    »Was«
    »Das kann Verschiedenerlei sein wahrscheinlich ein Rückzug ohne Beendigung
des Kampfes«
    »Das würde mir sehr unlieb sein« bemerkte Omar Ben Sadek »Ich will doch
auch meinen Gegner haben«
    »Sei nicht unwirsch darüber Du wirst später mehr als nur diesen einen
finden Unser Übereinkommen bezieht sich ja nur auf den heutigen Tag von
morgen an ist ihre Feindschaft doppelt unversöhnlich Ich bin vollständig
überzeugt dass wir nach unserer Entfernung von hier nicht lange auf einen neuen
und zwar viel gefährlicheren Angriff von ihnen zu warten haben Sie werden
überhaupt nach Rache dürsten und der Scheik wird im Besonderen danach
trachten denjenigen den Mund sprachlos zu machen welche erzählen können dass
er seinen Schwur gebrochen hat«
    Die Vermutung von welcher ich gesprochen hatte ging wirklich in Erfüllung
Wir sahen dass der Scheik die ansehnlichsten seiner Krieger um sich versammelt
hatte und mit ihnen beriet Das dauerte eine geraume Zeit dann kam er allein
wieder über den Platz herüber und blieb uns winkend dort stehen Er konnte
sich schon besser aufrichten als vorhin Ich ging mit Halef hin Als wir ihn
erreichten versuchte er seinem Gesichte nur einen Ausdruck des Ernstes zu
geben aber er konnte doch nicht ganz verleugnen dass ein Vulkan des Hasses und
der Rache in ihm lag
    »Hadschi Halef Omar und Akil Schatir Effendi« begann er »ich will euch mit
dem Freimute eines berühmten Kriegers gestehen dass ich eine Übereilung
begangen habe die ich hätte unterlassen sollen Ich bitte euch sie zu
vergessen und gegen niemanden davon zu sprechen Für die Erfüllung dieses
Wunsches biete ich euch Entschädigung«
    »Welche« fragte ich
    »Wir verzichten zunächst auf die Fortsetzung des Kampfes«
    »Das heißt wir sollen auf den dritten Sieg verzichten so ist es Doch
weiter«
    »Wir nehmen sofort unsern Aufbruch und ziehen fort«
    »Das müsstet ihr so wie so denn der Besiegte ist dazu gezwungen Weiter«
    »Wir lassen euch den Kanz el Ada«
    »Den könnt ihr uns nicht nehmen er ist dem Sieger zuerkannt und wir haben
ja gesiegt Noch etwas«
    »Ihr macht keine Ansprüche auf die Mekkaner«
    »Behaltet sie in Allahs Namen denn wir sind herzlich froh dass wir uns
nicht mehr mit ihnen zu befassen brauchen«
    »So seid ihr also einverstanden«
    »Das habe ich nicht gesagt Du verlangst von uns das Geschenk der
Verschwiegenheit und bietest uns dafür nur Dinge die schon unser Eigentum sind
Das ist für dich freilich ein vorteilhafter Handel bei dem du alles bekommst
und nichts zu geben hast Da wir nun keine geistig blinden Menschen sind so
wollen wir uns ehe wir dir unser Wort geben die Angelegenheit doch erst einmal
näher betrachten Wohin reitet ihr von hier«
    »Nach der Ain Bahrid«140
    »Wirklich«
    »Ja«
    »Irre ich mich nicht so liegt sie eine volle Tagesreise im Südwesten von
hier«
    »Ja«
    »Und dorthin wollt ihr reiten So so Ich habe bisher angenommen dass der
Pfad des Krieges auf dem ihr euch befindet euch nach Westen und Nordwesten
führt Doch geht uns das nichts an denn eure Wege sind nicht unsere Wege aber
weil wir darum wünschen dass sie nicht wieder zusammenführen so hoffen wir dass
ihr auch wirklich und direkt nach der Ain Bahrid reitet Es war ausgemacht dass
nach der Beendigung des Zweikampfes für heute Friede zwischen uns sein solle
Wie steht es damit«
    »Es bleibt dabei«
    »Für heute nur«
    »Ja«
    »Und später«
    »Wieder Kampf«
    »Und da sollen wir dir Verschwiegenheit versprechen für die du nichts
weiter als nur Fortsetzung der Feindschaft bieten kannst«
    »Ich habe euch doch viel viel mehr versprochen«
    »Das haben wir ja alles schon Dieser dein Vorschlag ist so kindisch dass
wir uns sogar schämen müssen darüber zu lachen Wir sind keine Kinder die man
mit nichtssagenden Worten oder mit leblosen Puppen beruhigen kann sondern
Männer denen die Stürme der Wüste und des Lebens noch öfter und drohender als
euch um die Nase gepfiffen sind und als solche durchschauen wir dich nur zu
wohl Du sollst also auf deine Anfrage nicht eine kindische Zusage sondern eine
Männerantwort zu hören bekommen und diese lautet folgendermaßen Ihr verlasst
den Bir Hilu sofort und gebt uns für heute den ausbedungenen Frieden Wenn ihr
das tut so versprechen wir dir die gewünschte Verschwiegenheit für uns so
lange als uns nichts Feindliches von euch widerfährt Das ist unser Entschluss
zu welchem nichts getan und von welchem auch nichts genommen wird«
    »Hast du nichts hinzuzufügen«
    »Nein ich sage es ja kein Wort«
    »Also ihr werdet schweigen so lange euch von uns nichts geschieht«
    »Ja«
    »Gut ich bin zufrieden«
    »Dieser jetzige Handel gilt«
    »Ja«
    »Du gibst dein Wort«
    »Ich gebe es«
    »Reiche Hadschi Halef Omar dem Scheik der Haddedihn deine Hand darauf
dann sind wir fertig«
    Er tat es hielt die Hand Halefs fest sah ihm und dann auch mir ebenso
fest in die Augen und wiederholte jedes Wort einzeln und schwer betonend
    »Ihr schweigt so lange euch von uns nichts geschieht Abgemacht Wir reiten
fort«
    Hierauf drehte er sich um und ging hinüber zu seinen Leuten Halef sah mich
fragend an schüttelte den Kopf
    »Dir ist etwas nicht klar« fragte ich ihn
    »Allerdings«
    »Was«
    »Warum wiederholte er diesen Satz und betonte ihn in solcher Weise
Effendi«
    »Weil er ein höchst unvorsichtiger Mann ist der gar nicht ahnt dass er uns
seine Absichten damit verraten hat«
    »Wieso«
    »Du glaubst doch dass die Beni Khalid darauf brennen sich an uns zu
rächen«
    »Das ist doch so sicher dass wir gar kein Wort darüber zu verlieren
brauchen«
    »So dauert also unsere Verschwiegenheit von heut an bis zum nächsten
Angriffe ihrerseits da der Scheik aber unserer Schweigsamkeit nicht traut wird
er diese Zeit möglichst abzukürzen zu verringern suchen Verstehst du mich«
    »Sehr gut sehr gut Du meinst dass wir es baldigst wieder mit ihnen zu tun
haben werden«
    »Ja Heut zwar nicht denn Wort wird er halten aber sehr wahrscheinlich
morgen schon und wenn das nicht dann sicher übermorgen damit wir nicht etwa
Gelegenheit bekommen mit Leuten zusammenzutreffen denen wir von seinen
Schwuresbruche erzählen können Wir haben uns also so in acht zu nehmen wie
noch selten in unserm Leben Das hat er uns verraten ohne es zu wissen Er
wollte uns unsere Verpflichtung so tief und fest wie möglich einprägen und
dachte dabei aber nicht dass grad in dieser Wiederholung für einen vorsichtigen
und scharfsinnigen Mann die Aufforderung lag zwischen seinen Worten die
verborgenen Gedanken herauszulesen«
    Omar Ben Sadek sah sich also zu seinem wirklichen Leidwesen gezwungen auf
eine der Ehre seines Stammes geltende Heldentat zu verzichten Er versicherte
sich darauf gefreut zu haben und wir alle glaubten ihm das gern Eigentlich
trug ich die Schuld an dieser Entsagung denn wenn ich nicht auf den Gedanken
gekommen wäre dem Scheik der Beni Khalid die erteilte Lektion zu geben so
hätte der dritte Gang wohl noch ausgekämpft werden müssen aber dann wäre uns
nicht durch den Wortbruch Tawils eine Waffe in die Hand gegeben worden die
nicht nur für heut sondern auch für später geeignet war uns gute Dienste zu
leisten
    Wir sahen zu unserer Genugtuung dass sich die Beni Khalid zum schnellen
Aufbruche rüsteten Dass sie nicht direkt nach der Ain Bahrid reiten würden
stand für mich außer allem Zweifel Ich hatte diese Quelle und ihre Lage als er
von ihr sprach gekannt weil sie auch unser nächstes Ziel war nach welchem wir
uns zu wenden hatten gleichviel ob die Beni Khalid auch hingingen oder nicht
Sie war die nächste Wasserstation auf unserer Route
    Eigentlich konnten wir mit unserm Erfolge sehr zufrieden sein Wir hatten
die gestohlenen Sachen bekommen und den Perser mit seinen Soldaten befreit wir
Fünfzig gegen eine uns so vielfach überlegene Schar Ja sogar den Kampfplatz
hatten wir behauptet während die Überlisteten und Besiegten gezwungen waren
abzuziehen
    Als ihre Vorbereitungen ziemlich vollendet waren sahen wir den Scheik noch
einmal herüberkommen Hinter ihm ging zu unserem Erstaunen der Ghani welcher
den Münedschi an der Hand führte Dass dem ersteren noch etwas eingefallen war
was er uns nachträglich zu sagen hatte das war ja leicht denkbar was aber
wollten die beiden andern noch hier bei uns
    Sie kamen zunächst nicht ganz heran sondern blieben in einiger Entfernung
von uns stehen Der Scheik sagte
    »Ich komme nicht um meinetwillen sondern nur um dieser beiden Männer wegen
Sie wollen von euch etwas holen und fürchten von euch feindlich behandelt zu
werden Da sie als Gastfreunde unter meinem Schutze stehen habe ich dafür zu
sorgen dass dies nicht geschehe und sie also begleitet Dürfen sie hinkommen zu
euch«
    »Ja« antwortete Halef
    »Ihr vergreift euch nicht an ihnen und haltet sie fest«
    »Das kann uns gar nicht in den Sinn kommen«
    »So habe ich meine Pflicht getan und werde hier stehen bleiben um auf sie
zu warten Geht«
    Diese letztere Aufforderung war an den Ghani gerichtet welcher ihr folgte
indem er mit dem Blinden vollends zu uns kam Er deutete auf das Paket welches
neben dem Perser lag und sagte
    »Ihr habt mir dieses mein Eigentum gestohlen welches ihr als Kanz el Ada
bezeichnet um euren Diebstahl   «
    »Halt« unterbrach ich ihn da »Wir haben euch erlaubt mit uns zu sprechen
und unser Wort gegeben dass euch nichts geschehen soll Wenn du es aber wagst
uns solche schamlose freche Beschuldigungen deren Grundlosigkeit du am
allerbesten kennst in das Gesicht zu werfen so stehe ich für nichts Sag also
kurz was du willst und nimm dich zusammen kein unnützes Wort zu sprechen«
    Er schien sich gar nicht sehr eingeschüchtert zu fühlen fuhr aber nun ohne
weitere Beleidigungen fort
    »Die Sachen sind in meinen Gebetsteppich gewickelt Ich muss sie euch lassen
weil der Scheik der Beni Khalid sie euch zugesprochen hat aber den Teppich
verlange ich zurück«
    »Du irrst Es hat uns niemand diese Gegenstände zugesprochen sondern das
Wüstengericht der Haddedihn hat erkannt dass sie Eigentum des Kanz el Ada in
Meschhed Ali sind wo sie gestohlen wurden Dass ein Teppich des Gebetes zur
Umhüllung gestohlener Sachen benutzt wird könnte man vielleicht einem
ungläubigen Abd el Asnahm141 nie aber dem Liebling des Grossscherifs von Mekka
zutrauen Ihr habt da eben ganz Unglaubliches geleistet Dass ein so entweihter
Teppich wieder seine fromme Benutzung finden werde halte zwar ich für ganz
ausgeschlossen euch aber ist das allerdings wohl zuzutrauen   «
    »Ibn Harahm Chain«142 rief der Blinde laut dazwischen indem er mit der
Gebärde tiefsten Abscheues seine Hände emporwarf
    Ich wusste in diesem Augenblicke nicht wem das gelten sollte und fuhr also
fort
    »Es fällt uns gar nicht ein uns an diesem Stücke zu bereichern es wird dir
gleich zurückgegeben werden«
    »Ja sofort« stimmte der Basch Nazyr bei »Es kann mir bloß lieb sein wenn
ich nichts mehr zu berühren brauche was Eigentum von Dieben ist«
    Er wickelte das Paket auf legte die Beutel einstweilen neben sich und warf
dem Ghani den Teppich samt der Schnur zu Dieser hob beides auf
    »Seid ihr nun fertig« fragte ich
    »Nein Der Münedschi ist auch da« antwortete der »Liebling«
    »Was will er«
    Da trat der Blinde dem Klange meiner Stimme folgend nahe zu mir heran und
sagte
    »Damit ich mich ja nicht irre muss ich wissen ob du der Effendi aus dem
Wadi Draha bist Du hast seine Stimme ich könnte mich trotzdem täuschen und
einen großen Fehler begehen Was ich dir zu sagen habe ist für keinen andern
Also du bist es«
    »Ja«
    »Neige dein Gesicht ganz nahe her zu mir Du weißt dass ich dich dann
erkennen kann weil die Sonne scheint«
    Ich hatte keinen Grund ihm diese Bitte abzuschlagen und hielt ihm das
Gesicht hin Er hob die Hände fasste hüben und drüben meinen Kopf hielt ihn
fest und    spie mir ein zwei dreimal in das Gesicht Auf so einen
Angriff gar nicht gefasst und von ihm mit allen seinen Kräften festgehalten
gelang mir die Befreiung meines Kopfes nicht schnell genug der dreimaligen
Misshandlung zu entgehen Ein fünfzigfacher Schrei der Haddedihn ertönte rundum
und Halef packte mit beiden Fäusten den Blinden an der Brust
    »Mensch Wahnsinniger« schrie er ihn ganz außer sich an »Was hast du
getan Du bist ein Greis und blind dazu aber das soll mich nicht abhalten
dich zu Brei zu malmen«
    Er hatte ihn schon fast nieder ich griff also ohne mich abwischen zu
können schnell zu riss ihn von dem Münedschi weg und befahl mit lauter Stimme
    »Dass keiner den Blinden anrührt Diese Beleidigung geht nur mich an keinen
andern Menschen«
    »Aber Sihdi er hat es gewollt er hat es beabsichtigt« rief Halef noch
immer höchst aufgeregt »Er befindet sich nicht in seinem Zustande des Traumes
sondern er ist wach und vollständig im Besitze seiner Sinne Er hat also nicht
unbewusst gehandelt sondern mit klarer Überlegung und da ist es eine so freche
und infame Besudelung deiner Person dass die Strafe gar nicht hart und schnell
genug erfolgen kann«
    »Das ändert gar nichts daran dass nur ich allein darauf zu antworten habe
Er will sprechen seid still«
    Hanneh war auch erschrocken aufgesprungen Sie kam heran zu mir wischte mir
den Geifer aus dem Gesichte und liebkoste mir dann ohne dabei zu sprechen mit
ihrer Hand die nach Ansicht ihres Mannes so fürchterlich gekränkten Wangen
Während sie das tat sprach der Münedschi
    »Das das wollte ich dir sagen ja sagen denn das Anspeien ist ja die
deutlichste der Sprachen Du bist der elendeste der armseligste Mensch der mir
jemals vorgekommen ist Mit Worten der Liebe hast du dich in mein Herz
gestohlen während in dem deinigen nur der Hass regiert Du gabst dir den
Anschein der Seelenreinheit der Gedankenhöhe und wälzest dich doch in dem
tiefsten niedrigsten Schmutze des Verbrechens Du hast das Kleid der Güte der
Barmherzigkeit um dich geschlagen und hetzest doch die Menschen wie Hunde die
sich zerreißen sollen auf einander Du heuchelst Wahrheit Ehrlichkeit
Gerechtigkeit und Treue und bist doch voller Falschheit Lug und Trug Ja deine
Gelehrsamkeit ist groß wohl größer als das Wissen welches ich mir mühsam
erworben habe aber du hast sie in den Pfuhl der sittlichen Verdorbenheit
geworfen aus dem heraus sie nur verderbend anstatt Segen bringend wirken kann
Du gibst vor himmelan zu streben und stehst doch nicht nur auf dem Weg zur
Hölle sondern bist schon jetzt und selbst ein Abgrund schlimmster Teufelei Du
tust als liege dir der Menschen Seligkeit am Herzen und bist doch ein
Verführer zum Verbrechen und trägst die Schuld an all der Schlechtigkeit die
hier geschehen ist Ihr sprecht von einem Kanz el Ada der eine unverschämte
Lüge ist du aber hast einen Raub an mir begangen hast meine Seele betrogen und
bestohlen und mir einen innern Verlust zugefügt für den es keinen Ersatz gibt
Das musste ich dir sagen nur darum ließ ich mich jetzt zu dir führen um dich
des Seelenraubes ja des Seelenmordes anzuklagen und dir in das Gesicht zu
speien damit du erfährst wie der von dir denkt dem du das Herz nur öffnetest
um es noch ärmer und elender zu machen als es vorher war Das erblindete Auge
meines Körpers ist trocken aber mein inneres Auge weint Ich gebe dich der
Strafe Allahs heim und fordere von ihm für dich nicht Gnade nicht
Barmherzigkeit zu haben sondern nur den Untergang das ewige Verderben«
    Die Wucht dieser gegen mich geschleuderten Anklagen wurden durch den
Eindruck seiner Persönlichkeit überhaupt und dann auch durch die Art und Weise
verstärkt wie er sie vorbrachte Das waren ja wahre Keulenschläge die mich
aber nicht treffen konnten und also in die Luft geführt Die Haddedihn waren so
betroffen dass sie nur erstaunte Blicke hatten Halef schaute mich
erwartungsvoll an was ich nun sagen werde Ich öffnete auch schon den Mund um
zu antworten da trat der Ghani auch zu mir heran und warf mir die Worte zu
    »Mein Schützling der von meiner Barmherzigkeit lebt und unsere Unschuld
kennt hat mir aus dem Herzen gesprochen Ich bestätige alles was er gesagt
hat und zeige dir meine Verachtung in ganz derselben Weise wie er indem ich
dich ansp    «
    Wahrhaftig dieser Mensch war so frechverwegen auch speien und spucken zu
wollen Vielleicht machte ihn meine Selbstbeherrschung welche ich dem Münedschi
gegenüber zeigte so vermessen Aber er hatte das Wort noch nicht ganz
ausgesprochen so bekam er von mir eine so gewaltige Maulschelle nicht etwa
bloß Ohrfeige dass er wie von Pulverkraft getrieben zur Seite und unter die
Haddedihn hineinflog Fast hätte er einige von ihnen mit in seinen Sturz
gerissen Sie waren sofort über ihn her um das von meiner Hand begonnene Werk
so tatkräftig fortzusetzen dass seine heulende Stimme über den ganzen Platz
schallte Da sprang der Scheik herbei Er schlug um ihn zu befreien auf sie
ein und schrie
    »Weg von ihm weg Er steht unter meinem Schutze Indem ihr euch an ihm
vergreift brecht ihr die für heut getroffene friedliche Vereinbarung«
    Da drängte ihn Halef von ihnen ab und antwortete drohend
    »Zurück mit dir augenblicklich zurück Wer hat sie zuerst gebrochen wir
oder ihr Das weiche Herz unsers Effendi hat den Münedschi geschont weil der
alte Mann blind und auch sonst unzurechnungsfähig ist dem Ghani aber diesem
Ausbund der masslosesten Unverschämtheit muss gezeigt werden dass wir ihn mit
demjenigen Eifer zu behandeln wissen den wir seinem Verhalten schuldig sind
Ich an deiner Stelle würde mich schämen hier noch von Schutz zu sprechen Eure
Dreistigkeit ist geradezu empörend«
    Er nahm sich aber doch des Gezüchtigten an indem er ihn aus den Händen der
Haddedihn befreite was allerdings nicht allzuschnell von statten ging Die
»eifrige Behandlung« hatte zur Folge dass er fast des Gebrauches seiner Glieder
beraubt war Er hinkte zu dem Münedschi hin und ergriff seine Hand um ihn
fortzuführen dies geschah aber nicht ohne dass er uns noch drohend zuzischte
    »Wartet bis Mekka bis Mekka Oder vielleicht noch viel viel eher ihr
Hunde«
    Der Scheik entfernte sich mit schnellen Schritten Sein »Schützling« krümmte
sich so gut oder übel er konnte mit dem Blinden hinter ihm her
    »Ich habe schon viel sehr viel erlebt« meinte Halef »und so manchen von
Gott verlassenen Menschen kennen gelernt aber so etwas hätte ich doch nicht für
möglich gehalten Doch er hat für einstweilen seinen Lohn und wahrscheinlich
wird er uns in dieser Beziehung noch besser kennen lernen Aber Effendi du
warft ganz still Warum hast du zu dem Münedschi kein einziges Wort der
Verteidigung gesagt Nun ist er überzeugt dass er recht habe«
    »Erstens ging alles so schnell dass es für mich keine Zeit zum Sprechen gab
und zweitens war es wohl genug von mir dass ich überhaupt schwieg Und wenn ich
ihm eine stundenlange Rede gehalten hätte so wäre sie doch ohne Erfolg
geblieben Ich habe ihm verziehen und denke dass für jetzt nicht mehr
erforderlich war Betrachten wir diesen so ganz unerwarteten Angriff als
ungeschehen«
    »Gut Es ist wohl auch am richtigsten so Wir haben jetzt an Dinge zu
denken welche für uns wichtiger sind als diese grundlosen Beschuldigungen aus
dem Munde eines armen missgeleiteten blinden Mannes Ich hätte ihn in der
ersten Hitze umbringen können nun aber freue ich mich dass du mich davon
abgehalten hast ihn zu züchtigen   Was tun wir jetzt Wann setzen wir
unsere Reise fort«
    »Morgen früh«
    »Erst Warum nicht schon heut«
    »Weil wir erst an der Ain Bahrid Wasser finden und sie heut nicht erreichen
würden denn die Beni Khalid sind zwischen uns und ihr Ich vermute überhaupt
dass wir nicht so schnell wie wir es wünschen an diese Quelle kommen werden
die Rache Ben Schahids hält uns auf Darum haben wir uns vor allen Dingen mit
Wasser zu versehen und werden den heutigen Tag zur Füllung unserer Schläuche
benutzen doch nicht eher als bis Khutab Agha dies mit den seinigen getan
hat«
    »Warum ich« fragte der Perser
    »Weil du natürlich so bald wie möglich fortreitest«
    »So bald wie möglich Nein Effendi Ich habe gesagt dass wir diesen Ort
nicht eher als ihr verlassen werden und von diesem Vorhaben bringt mich niemand
ab auch du nicht Soll Dschasar unser gemeinschaftlicher Freund wenn ich ihn
treffe mir den erstaunten Vorwurf machen dass ich mit Kara Ben Nemsi zusammen
gewesen bin und dieses Glück diesen Vorzug nicht bis zum letzten Augenblick
ausgenützt habe Und wenn du mir alles zumuten darfst alles andere aber nur
das nicht«
    »So ist es meine Pflicht dich zu warnen Der Scheik der Beni Khalid ist
ohne Zweifel gewillt dir den Kanz el Ada wieder abzunehmen Jetzt wenn du
dich so bald wie möglich von hier entfernst muss er darauf verzichten bleibst
du aber bis morgen hier so gibst du ihm Zeit diese seine Absicht auf irgend
eine Weise auszuführen Das musst du bedenken«
    »Ich bedenke es und bleibe dennoch da Auf mein gestriges Zusammentreffen
mit ihm war ich nicht vorbereitet nun ich aber weiß woran ich bin kann es ihm
unmöglich gelingen mich zum zweitenmal festzunehmen Also ich bitte dich rede
mir nicht darein ich bleibe«
    Er sagte das in einem so bestimmten Tone dass ich die Vergeblichkeit jedes
weiteren Einspruches einsehen musste und also schwieg obgleich ich es viel viel
lieber gesehen hätte wenn er von diesem seinem Vorhaben abgewichen wäre
welches gefährlicher für ihn war als er in seiner Unerfahrenheit jetzt dachte
    Bald hierauf sahen wir die Beni Khalid mit ihren »Gastfreunden« abziehen
und einige Zeit später schickten wir ihnen zwei Haddedihn zur Beobachtung nach
Das war eine Vorsichtsmassregel deren Ausführung wir nicht versäumen durften
    Nun waren wir allein und für den heutigen Tag wahrscheinlich sicher Da
machten unsere Leute es sich bequem Der Platz und seine Umgebung wurden auf das
genaueste durchforscht und die hiesigen Verhältnisse ebenso genau und ausgiebig
im Gespräche durchgenommen Der Vormittag verlief vollends ohne dass etwas
Erwähnenswertes geschah und ein großer Teil des Nachmittages auch Dann aber
bekamen wir am Brunnen Besuch nämlich zwei Beduinen welche auf Eilkamelen aus
westlicher Richtung kamen und als sie den Brunnen besetzt sahen von weitem
halten blieben Sie beobachteten uns eine Weile und kamen dann näher Der
Umstand dass Soldaten bei uns waren mochte ihr Misstrauen zerstreut haben Als
sie uns erreicht hatten stiegen sie aber nicht sogleich ab
    »Hadschahdsch« sagte der eine von ihnen weiter nichts
    Dieses Wort ist der Plural von Hadschi und sollte soviel heißen wie »Wir
sind Mekkapilger« Es gibt nämlich eine Vorschrift nach welcher man gegen
jeden Pilger Frieden zu halten hat während er unterwegs ist selbst wenn er
einem feindlichen Stamme angehört Doch aber sind es grad die Pilgerzüge welche
sich vor den räuberischen Beduinen am meisten in acht zu nehmen haben Dass diese
beiden Männer hier Hadschahdsch seien das glaubten wir nicht sie legten sich
diese Eigenschaft nur bei um von uns nicht feindlich aufgenommen zu werden
Halef antwortete
    »Seid uns willkommen und steigt getrost ab Wir haben Platz und auch Wasser
für euch«
    »Wer seid Ihr«
    »Ich bin Hadschi Halef Omar der oberste Scheik der Haddedihn vom Stamme der
Schammar«
    »Und diese Asaker«
    »Sie sind in der hiesigen Gegend gewesen um einen Flüchtling einzufangen
und kehren nun nach Meschhed Ali zurück Und welchem Stamme gehört ihr an«
    »Wir sind Scherarat von der Ferkah143 Fawwahl und haben nicht die Absicht
lange hier zu bleiben Erlaubt uns nur unsere Kameele zu tränken dann reiten
wir wieder fort«
    Das musste auffallen Wenn sie friedliche Pilger waren so blieben sie hier
denn der nächste Brunnen war eine Tagereise entfernt und als Wallfahrer treibt
man sich doch nicht des Nachts in einem unbekannten Teile der Wüste herum Ich
machte also Halef die leise Aufforderung seinen Leuten und auch den Soldaten
den Befehl zu geben sich ja nicht etwa ausfragen zu lassen Er tat dies so
dass die Fremden es nicht bemerkten
    Diese letzteren hatten ganz besondere Blicke für unsere Pferde und für das
getüpfelte Hedschihn des Persers Die Art und Weise wie sie diese Tiere nur
ganz verstohlen aber mit gieriger Bewunderung betrachteten und einander dann
ansahen fiel nicht mir sondern auch Hadschi Halef auf
    »Effendi das sind Pferdediebe« flüsterte er mir zu
    »Vom Stamme der Beni Lam« ergänzte ich seine Worte
    »Maschallah Das ist möglich«
    »Ich habe zwar keine Beweise dafür möchte aber behaupten dass ich mich
nicht irre Dass sie zu den Fawwahl der Scherarat gehören ist eine Lüge denn
wären sie das wirklich so führte sie der Weg nach Mekka immer den Tebuk
Madschihn und MedinaKarawanenpfad entlang aber nicht so weit in die
südöstliche NedschdWüste herüber Der Scheik der Beni Khalid hat uns ja gesagt
dass sein Kriegszug den Beni Lam gelte und so ist es klar wenigstens für mich
dass diese zwei Beduinen Kundschafter dieses Stammes sind welche nach den Beni
Khalid suchen«
    Bald darauf wurde uns der Beweis geliefert dass ich mit dieser Vermutung
nicht fehlgegangen war denn als ihre Kamele getrunken hatten fragte uns der
eine
    »Wohin geht von hier aus euer Weg«
    »Nach der Ain Bahrid« antwortete ich
    »Dahin reiten wir jetzt und ruhen uns dann dort aus Ihr werdet uns also
morgen abend dort wiedersehen«
    Wie schlau Er wollte nur wissen wann wir von hier aufzubrechen
beabsichtigten Darum führte ich ihn irre
    »Die Freude euch dort zu treffen ist uns versagt denn wir sind so
ermüdet dass wir diesen Brunnen hier erst übermorgen verlassen werden«
    Da fragte er unvorsichtig schnell »So seid ihr morgen den ganzen Tag noch
hier«
    »Ja«
    »Habt ihr vielleicht Begegnungen gehabt Wir wurden vor den Beni Khalid
gewarnt welche sich auf einem Kriegszuge gegen die Beni Lam in der Gegend des
Bir Hilu herumtreiben sollen«
    Jetzt hätten wir die beste Gelegenheit gehabt uns dadurch an den Beni
Khalid zu rächen dass wir die Beni Lam auf sie hetzten Eine schnelle Bewegung
Halefs sagte mir dass er auch wirklich in diesem Sinne an meiner Stelle
antworten wolle ich kam ihm aber zuvor
    »Wir sind Hadschahdsch grad so wie ihr und bekümmern uns nicht um die
Streitigkeiten fremder Leute«
    »Aber Auskunft könnt ihr uns doch geben ob ihr eine Spur der Beni Khalid
oder gar sie selbst gesehen habt«
    »Nein denn ihr seid Beni Lam und keine Scherarat Wir Haddedihn lassen uns
nicht täuschen und es fällt uns nicht ein die Schuld am Blute anderer auf uns
zu laden«
    Da wollte er heftig werden besann sich aber eines anderen und war still
Nach kurzer Zeit stiegen sie auf grüßten ganz kurz und ritten fort und zwar in
westlicher Richtung während der Weg nach der Ain Bahrid sie doch nach Süden
geführt hätte Sie hielten es also für überflüssig noch einen Versuch zu
machen unsere Ansicht über sie zu ändern
    »Warum sagtest du ihnen die Wahrheit über die Beni Khalid nicht« fragte
mich der Hadschi als sie fort waren
    »Habe ich ihnen die Unwahrheit gesagt«
    »Nein Du hast nichts als nur geschwiegen Aber wie schön hätten wir uns der
Rache Tawil Ben Schahids entziehen können wenn wir ihnen die Beni Lam
nachgeschickt hätten von denen ich jetzt überzeugt bin dass sie da im Westen
von uns irgendwo stecken«
    »Wir hätten dadurch einen blutigen Zusammenstoß zwischen ihnen verursacht«
    »Der aber doch auch ohne uns ganz sicher geschehen wird«
    »Da sind wir ohne Schuld meine Mitteilung aber wäre eine so direkte Ursache
gewesen dass ich mir später die bittersten Vorwürfe gemacht hätte Denke doch an
El Mizan lieber Halef an El Mizan«
    »Ja ja an die Wage der Gerechtigkeit Du hast recht Effendi Es wird
Liebe von uns verlangt immer nur Liebe hättest du aber die Frage dieses
Kundschafters beantwortet so würde es uns dereinst als Hass als Rache
angerechnet werden und diese schwere Last wollen wir ja nicht auf unsere Seelen
laden Ich fürchte mich in meinem Leben zum allererstenmal und zwar vor dieser
fürchterlichen Wage welche nichts verschweigt sondern alles Verborgene an das
helle Licht des Tages zieht« 
    Wollte doch jedermann die Augen stets immer zu der Beobachtung offen halten
dass das Gute die Belohnung und das Böse die Bestrafung ohne alles Zutun des
Menschen schon in sich trägt Leider üben die meisten Menschen diese
Aufmerksamkeit fast nie und nur in ganz in die Augen springenden Fällen lässt
man sich zu einer Art von Erstaunen herbei denkt einen kurzen Moment darüber
nach und hält dann die Sache mit dem geistreichen Endurteile Sonderbarer Zufall
für abgetan Und doch gibt es keinen Zufall Wenigstens für den gläubigen
Christen ist durch dieses Wort ein starker dicker Strich gemacht Der Erfinder
desselben wusste von Gottes Weisheit und Gerechtigkeit nichts und alle die es
nach ihm in den Mund nahmen hatten grad wie er ihr Augenmerk zwar auf die
irdische nicht aber auf die himmlische Erkenntnis gerichtet Man spricht so
schön gelehrt vom Makrokosmos und vom Mikrokosmos der erstere bedeutet die
ganze Welt der letztere ist der Mensch Nun ist man wohl bereit jene
sogenannte große Weltordnung zu bewundern nach welcher alles zum Makrokosmos
Gehörige sich auf streng vorgeschriebener Gesetzesbahn bewegt und keine einzige
der Welterscheinungen absolut für sich selbst bestehen kann sondern sich in der
innigsten Beziehung zum Ganzen befindet weil sich das eine aus dem andern mit
lückenloser Folgerichtigkeit entwickeln muss und bisher auch entwickelt hat Das
hat man wohl erkannt und das gibt auch der Gottesleugner zu Er gibt sogar
auch zu dass Gesetze von ähnlicher Unverbrüchlichkeit ebenso im Mikrokosmos
also im Menschen walten meint aber damit nur den für die Erde existierenden
Menschen der für den Himmel bestimmte den ich hier Seele nennen will
existiert ja für ihn nicht Und doch gibt es eine   bitte ja nicht zu
lächeln   eine Seelenweltordnung welche wenigstens ebenso große Bewunderung
verdient wie jene angestaunte Ordnung der makrokosmischen Welt
    Wie das Leben der Einzelseele eine gottgewollte Entwicklung eng
zusammenhängender Folgerichtigkeiten zeigt so werden auch die Beziehungen der
Seelen zu einander von Gesetzen regiert von welchen es keine Abwege und gegen
die es kein Widerstreben gibt Schau nur hinein in deine Seele lieber Leser
Beobachte sie und ihre Regungen mit nachdenkender Aufmerksamkeit Du wirst bald
wunderbare Entdeckungen machen und vor allen Dingen zu der Erkenntnis gelangen
dass dir diese deine eigene Seele bisher eine vollständig unbekannte Welt gewesen
ist Es ist mir ja ganz ebenso gegangen Aber als ich erst einmal mit Ernst
angefangen hatte da wuchs mein Interesse für diese meine innere Welt von Tag zu
Tag und es taten sich mir Ausblicke auf die mich zum Weiterforschen förmlich
begeisterten Es begann zunächst eine große leider so unendlich schwierige
Reinigung dass ich gar wohl einsehe mit ihr in diesem kurzen Erdenleben nicht
fertig werden zu können aber es wurde doch wenigstens soviel Erdenschmutz
überwunden dass mir jetzt wo ich fast sechzig Jahre zähle das Weiterlernen und
Weiterüben als die schönste Aufgabe der mir noch beschiedenen abendroten Tage
erscheint Wie herzlich aber wie so von ganzem Herzen wünsche ich dass jeder
meiner Mitmenschen ein so beseligendes Abendrot haben möge
    Könntest du meine Freundin oder mein Freund deine Seele in die Hand nehmen
und beobachten wie eine Uhr welch ein wunderbares wohlgeordnetes
Ineinandergreifen sämtlicher Regungen würdest du da bemerken Du würdest sehen
wie reingehalten sie werden muss wieviel hinderlicher Erdenstaub stets zu
entfernen ist Du würdest erkennen dass jedes einzelne Tick und Tack darauf
berechnet ist den Zeiger nach der mitternächtlichen letzten Zwölf zu leiten
nach welcher dir die Eins des Jenseits schlägt Das hängt alles alles so innig
zusammen das kommt wie ganz von selbst da kannst du dir nicht eine einzige
Sekunde ohne die vorhergehenden denken da kann nicht eine einzige Minute als
überflüssig weggelassen und zur zeitleeren Lücke werden Genau so steht die
leiseste Seelenvibration im Zusammenhange mit dem Ganzen und ob dein Leben ein
Streben nach dem Himmel oder ein Sträuben gegen den Himmel sei es ist nicht das
kleinste seelische Stäubchen in dir zu finden welches unbeteiligt an diesem
Streben oder Sträuben ist Und wie in deinem Seelenmikrokosmos die treibenden
Kräfte nur nach ganz bestimmten Regeln und Geboten tätig sind so herrschen
auch im Seelenmakrokosmos also auf dem Gebiete der Zusammen der
Aufeinanderwirkung menschlicher Seelen Vorschriften und Gesetze welche selbst
die geringste Ordnungslosigkeit also auch den Zufall vollständig ausschließen
Es können zwei Seelen nicht wenn auch noch so kurz aneinander vorüberstreifen
ohne aufeinander zu wirken Und wenn eine Seele die deinige nur einen Augenblick
berührt so wird diese Berührung einen Punkt in deinem innern Leben schaffen
der sich zur für dich vielleicht nicht bemerkbaren Linie weiterbildet So
entstehen Beziehungen für dich einstweilen geheimnisvolle Fäden welche dich
mit andern unsichtbar aber doch für immer vereinen und als einen nicht zu
missenden sondern notwendigen Teil des Ganzen mit der großen unendlichen Welt
der Seelen verbinden Du gehörst notwendig zu ihr wie die einzelne Minute zur
Stunde zum Tag zum Jahr zur Ewigkeit sie würde ohne dich nicht vollständig
sein Und wie sie auf dich und deinen Einfluss mag er auch noch so winzig und
unbedeutend sein nicht verzichten kann so stehst auch du und so steht auch
jede andere Seele in fortwährender unabweisbarer Beziehung zu ihr und ihren
Gesetzen welche weit weit entfernt liegende Ursachen an dir oder durch dich
zur Tätigkeit bringen so dass scheinbar plötzliche Handlungen entstehen oder
vermeintlich zusammenhanglose Ereignisse eintreten welche man sich nicht
erklären kann Dieses Herüberwirken der Seelenwelt in die Welt der Seele diese
Folgen deren Gründe und diese Schlüsse deren Voraussetzungen im Verborgenen
liegen sind nicht etwa Unbegreiflichkeiten sondern ganz das gerade Gegenteil
nämlich Beweise eines von der göttlichen Weisheit vorgeschriebenen und unendlich
logischen Zusammenhanges der unsichtbaren mit der sichtbaren Welt Wer diese
unsichtbare freilich leugnet weil er unter dem Pantoffel seines gelehrten und
geliebten Materialismus steht oder nicht gewohnt ist nachzudenken der weiß
sich beim Eintritte solcher für ihn zusammenhangsloser Ereignisse nicht anders
zu helfen als dass er sie auf die Rechnung des großen Unbekannten und doch so
Wohlbekannten schreibt den man so wie jenen berüchtigten kriminellen
Unbekannten an den Haaren herbeizieht wenn man sich nicht mehr zu helfen weiß
auf die Rechnung des Zufalles nämlich
    Wenn ich mich des Wortes Materialismus bediene so meine ich nicht nur die
ungläubigen Materialisten Es gibt auch gläubige Christen und zwar sind es
leider Millionen welche ich so nenne Sie halten sich für das Material der
Erlösung des Heiles der Seligkeit Unser Herrgott hat sie geschaffen er wird
sie auch erhalten Er hat sie für den Himmel berufen und muss sie also nun auch
hinaufführen Sie beten sie singen sie sind fleißige Kirchenbesucher und
fühlen sich unendlich behaglich dabei Der himmlische Vater hat es nun einmal
grad auf sie abgesehen Die Überzeugung seine Lieblinge zu sein verleiht
ihnen einen Komfort der ihnen über die irdischen Freuden geht und das halten
sie für ein Verdienst welches er ihnen hoch anzurechnen hat Sie sind geladene
Hochzeitsgäste und da sie damit einverstanden sind und ganz gern kommen wollen
so wird man sie per Equipage abholen Da sie das Material der Seligkeit sind so
ist diese Seligkeit ohne sie gar nicht möglich welche Freude muss also im Himmel
über sie sein Alle Mühen und Beschwerden des Himmelsweges legen sie in Gottes
Hand er wird ihnen schon darüber hinweghelfen und seine Diener müssen Vorspann
leisten Für ihn und sie bestehen diese Leute nur aus dem äußern Menschen dem
die Auferstehung von den Toten und das ewige Leben verheißen ist Ihre Seele
aber Gibt es denn eine Seele Wenn ja nun so gehört sie zum Körper und muss
doch mit ihm selig werden Über diesen Punkt viel nachzudenken oder gar an
dieser Seele zu arbeiten das würde die ganze Behaglichkeit zu nichte machen
Für diese Materialisten diese Liebhaber des religiösen Komfortes gibt es
keinen Zufall denn dass sie so fromm sind und so selig werden das ist doch
wahrlich kein Zufall sondern die unbedingte Folge ihres hohen geistlichen und
auch sonstigen Wertes das ist doch leicht erklärlich Und was sie nicht
erklären können das nennen sie nicht Zufall denn dieses Wort passt für einen
guten Christen nicht sondern Gottes Schickung Aber wie das Wort Schickung hier
gemeint ist bedeutet es eben auch nur Zufall und zwar nicht nur ein blindes
sondern ein gewolltes Ungefähr und das ist noch schlimmer Das Wort Schickung
in diesem Sinne bringt das allgerechte und allweise Walten der göttlichen Liebe
um die ihr auf den Knieen zu zollenden Ehre Geistliche Güter sind in gewissem
Sinne auch als materielle Gaben zu bezeichnen und die Liebe Gottes teilt diese
Geschenke nicht nach Willkür aus sondern nach Gesetzen die ihre eigenen sind
sie handelt nicht regellos Ist doch grad sie es die jene geheimen Fäden in den
Händen hält welche Seele mit Seele vereinen und Ursache mit Ursache verbinden
so dass die Wirkung dann als eine Schickung im wirklichen Sinne nämlich als eine
Fügung des allgütigen Ratschlusses Gottes erscheint Wer gelernt hat zu sehen
der kann in seinem Leben Beweis um Beweis finden dass das was andere Zufall
nennen ein von der belohnenden warnenden oder wohl auch strafenden Liebe
herübergeleitetes Ergebnis seelischer Zusammenwirkung ist Und wenn er eifrig
sucht wird er dann gewiss in seiner eigenen Seele den Berührungspunkt entdecken
der ihm erklärt warum grad ihn und keinen andern diese Fügung traf die dann
für ihn nichts weniger als ein Zufall ist 
    Warum aber hier diese Darlegung meiner Ansicht über den Zufall Zunächst
weil es mir so sehr am Herzen liegt soviel Menschen wie möglich an dem sonnigen
Glücke teilnehmen zu lassen welches ich meinem Glauben verdanke Und sodann bin
ich jetzt beim Bir Hilu überzeugt dass viele meiner Leser unser Zusammentreffen
mit den beiden Beni Lam und unser Gespräch mit ihnen für Zufall halten werden
aber es stand mit dem was geschehen war und noch geschehen sollte in so engem
Zusammenhange und grad der Umstand dass ich die Beni Khalid nicht verraten
hatte obgleich sie unsere Feinde waren und ihre Ablenkung von uns auf die Beni
Lam vom größten Vorteile für uns zu sein versprach lieferte uns dann später den
augenfälligsten Beweis dass eine jede Tat ihre guten oder bösen Folgen schon in
sich trägt Hätte ich nicht den seelischen Einflüssen in mir sondern meiner
kalten Berechnung und Klugheit gefolgt so wären wir schon am nächsten Tage alle
verloren gewesen
    Am Abende dieses Tages saßen wir beisammen zum letztenmal mit dem Basch
Nazyr wie wir alle meinten Wir hatten einige Wachen ausgestellt und
unterhielten uns wie das ja begreiflich ist fast ausschließlich über das was
wir seit unserm Zusammentreffen mit ihm gemeinschaftlich erlebt hatten Später
als die Zeit zum Schlafen gekommen war richtete er die Frage an mich
    »Sihdi ich habe eine Bitte an dich Wirst du sie mir erfüllen«
    »Recht gern wenn ich kann« antwortete ich
    »Ich möchte gern eines meiner Kamele mit einem von euch vertauschen«
    »Warum«
    »Um ein Andenken zu haben«
    »So Ich habe kein Kamel bezweifle es aber nicht im geringsten dass Halef
auf deinen Wunsch eingeht«
    »Das wird er gewiss tun nur möchte ich gern wissen ob du gewillt bist das
Kamel von mir anzunehmen«
    »Ich«
    »Ja denn du bist es der es reiten soll«
    »Warum ich«
    »Weil es ein Andenken von mir an dich sein soll Ich gebe dir meine
HedschihnStute und weil ich dann ein Kamel zu wenig haben würde bitte ich mir
dafür ein anderes aus«
    Ich sah ihn an ohne zunächst zu antworten Diese herrliche unbezahlbare
Stute wollte er mir schenken Als Scherz konnte ich dieses Anerbieten unmöglich
auffassen und behandeln und da es also Ernst war so handelte es sich um eine
gradezu fürstliche Freigebigkeit von der ich nicht wusste wie ich mich zu ihr
verhalten sollte Ja zu sagen widerstrebte meinem ganzen Wesen und ein Nein
hätte ihn nicht nur kränken sondern sogar schwer beleidigen müssen Da fuhr er
fort
    »Ich begreife dass dir mein Wunsch überraschend kommt hoffe aber dass du
ihn nicht für zudringlich halten wirst Es würde mir eine stolze Freude sein zu
wissen dass Kara Ben Nemsi Effendi auf meinem Hedschihn sitzt Den Wert des
Tieres darfst du nicht berücksichtigen denn ich habe es ja nicht zu bezahlen
gehabt und kann mir von Tscharbagh zu jeder Zeit ein ähnliches erbitten Dazu
kommt dass du mir das Leben gerettet hast und   «
    »Ich nicht« warf ich ein
    »Ja doch du dabei will ich aber die Verdienste Halefs um mich gar nicht
schmälern Auch hast du den Kanz el Ada entdeckt ohne dich würde ich ihn nicht
wiederbekommen haben Du wirst also einsehen dass das Geschenk dieses Kameles
gar nichts ist gegen das was ich dir zu verdanken habe Ich will jetzt nicht in
dich dringen du hast ja eine ganze Nacht Zeit dazu es dir zu überlegen Aber
ich gebe mich der Hoffnung hin dass du mir morgen früh nicht den Schmerz
bereitest mir diese Bitte abzuschlagen die mir so aus dem Herzen kommt«
    Er wendete sich ab und schien also die Sache als für einstweilen erledigt zu
betrachten darum sagte auch ich nichts mehr aber Halef der dabeigesessen
hatte raunte mir dringlichst zu
    »Effendi du wirst es annehmen ja du musst sogar Einen Freund darf man
doch nicht durch die Verweigerung der Annahme eines Geschenkes beleidigen«
    »Aber eines solchen« antwortete ich
    »Es ist freilich wertvoll höchst wertvoll ja aber du musst bedenken dass
du es zwar jetzt für dich dann aber auch für uns bekommst«
    »Ah Du schaust aus diesem verborgenen Loch heraus«
    »Ja In deiner Heimat ist dir dieses Hedschihn nutzlos und so wirst du es
mit ihm wohl ebenso machen wie du es damals mit deinem herrlichen Rih gemacht
hast nämlich du wirst es nicht mitnehmen sondern bei uns lassen Und nun denke
dir unsere Freude wenn wir für unsere Zucht eine fünfjährige tadellose Stute
von dieser Vortrefflichkeit erhalten Wenn du es annimmst erweisest du unserm
Stamme einen Dienst der uns dir zur größten Dankbarkeit verpflichtet Ich
hoffe dass du das einsiehst Oder etwa nicht«
    »Doch Es wäre eine vortreffliche Erwerbung für euch«
    »Schön Effendi Es freut mich dass du diese Einsicht besitzest Sie ist
aber nur die Nebeneinsicht und ich hoffe dass dir nun auch noch die
Haupteinsicht kommt«
    »Welche«
    »Dass du es annehmen musst Willst du«
    »Hm«
    Da wendete er sich rasch zum Perser
    »Mein Freund Khutab Agha Es liegt mir sehr am Herzen dass mein Sihdi deinen
Wunsch erfüllt Ich habe ihn jetzt in diesem Sinne bearbeitet und kann dir
mitteilen dass ich zufrieden bin denn er hat soeben schon gehmt Da ich ihn
sehr genau kenne so weiß ich dass man bei ihm von diesem unschlüssigen Hm bis
zum schliesslichen Ja nicht weit zu reiten hat Es ist mir gelungen ihn schon
halb und halb ja schon vielleicht dreiviertel für deinen Vorschlag einzunehmen
und so darfst du der angenehmen Hoffnung sein dass das vierte Viertel sich bis
morgen früh auch noch einstellen wird Du wirst also einsehen dass das Kismet
dir und deinem Kamele nicht ungünstig gestimmt ist Ihr werdet von einander
befreit werden«
    Dieser liebe kleine Pfiffikus So schwer es ihm stets wurde sich in die
Verhältnisse und Anschauungen meines Vaterlandes zu versetzen in welches er den
Orient fast stets zu übertragen pflegte jetzt wo es sich um die Aneignung des
Hedschihn handelte hatte er sich sofort daran erinnert dass mir ein Kamel in
der Heimat nichts nützen könne Und dann die rasche und sonderbare Ausbeutung
meines Hm So etwas brachte eben nur mein Hadschi Halef fertig
    Früh gestand er mir dass er wegen des Hedschihn fast die ganze Nacht nicht
habe schlafen können und dass ich es unbedingt annehmen müsse wenn ich ihn
nicht für seine ganze Lebenszeit um den Schlaf bringen wolle was doch unbedingt
seinen schliesslichen Tod zur Folge haben müsse Dann zog er den Basch Nazyr
heran und ich wurde von ihnen nach Halefs gestrigem Ausdrucke in der Weise
»bearbeitet« dass ich schließlich wohl oder übel meine Einwilligung erteilte
Das gab einen Jubel bei den Haddedihn Ebenso kann ich von dem Perser sagen dass
er sich wirklich und aufrichtig freute Er hatte mir das Geschenk nicht in
chinesischer Weise auf welche man mit der Nichtannahme zu antworten hat
angeboten und diese seine Freude war mir ebenso lieb wie der Gegenstand seiner
Freigebigkeit Während die andern das Kamel umringten und alle seine Vorzüge
aufzählten wobei es von ihnen als »unser« Hedschin bezeichnet wurde nahm er
mich auf die Seite und sagte
    »Effendi da du mich mit der Annahme meines Geschenkes beglückt hast muss
ich dir etwas sagen was jetzt noch niemand außer dir zu wissen braucht Es ist
dir wohl bekannt dass man den Kamelen nicht wie den Pferden reinsten Blutes
ein Geheimnis geben kann denn sie sind zu dumm dazu bei diesem Hedschihn aber
ist es mir gelungen und zwar vortrefflich Es besitzt eine Intelligenz welche
man bei seinesgleichen sonst vergeblich sucht und ist so treu anhänglich und
willig wie ein Pferd Da es nun dein Eigentum ist will ich dir sein Geheimnis
mitteilen damit du es anwenden kannst Das Tier heißt Maschurah144 Um es
vorher aufmerksam zu machen musst du diesen Namen zweimal nennen worauf du
dreimal hintereinander das Wort Bubuna145 sagst Hast du das getan so
entwickelt es eine Eile welche dir die stille Luft als Wind erscheinen lässt
und hört nicht eher auf als bis du ihm das Wort Yawahsch146 auch dreimal
sagst Da das Kamel das Pferd an Ausdauer überhaupt übertrifft so hält meine
Maschurah die nun die deinige ist auch unter dem Geheimnisse viel länger aus
als ein Pferd was dich aus großer Gefahr erretten kann und jede Verfolgung
nutzlos machen wird Hast du dir das alles gut gemerkt«
    »Ja ich danke dir Aber sag warum hast du grad dieses Wort Bubuna
gewählt«
    »Weil dieses Hedschihn eine große und ganz sonderbare Vorliebe für Kamillen
hat Ich habe darum so oft ich es reite stets einige von diesen Pflanzen in
der Tasche Ich reibe sie in der Hand so dass sie nach ihnen riecht und liebkose
dann das Maul und die Nase Maschurahs mit dieser Hand Wenn du das tust wirst
du seine Freundschaft und Liebe schnell erwerben Nur darfst du es keinem andern
verraten dem es dann durch Anwendung dieses Mittels gelänge die Anhänglichkeit
des Tieres auf sich zu lenken Ich habe auch jetzt Kamillen mit und werde sie
dir geben Sie sind trocken geworden duften aber noch stark genug«
    Ein Kamel mit einem »Geheimnisse« Das hatte auch ich bisher für unmöglich
gehalten Wenn es sich bewährte so war diese Stute allerdings unbezahlbar zu
nennen Er gab mir die Pflanzen welche ich einsteckte und erteilte dann seinen
Asaker den Befehl sich zum Aufbruche zu rüsten
    Als dies geschehen war verabschiedete er sich von uns Es geschah das in
der herzlichsten Weise Man sah ihm an dass er uns liebgewonnen hatte die
Tränen standen ihm in den Augen und er griff immer und immer wieder nach
unsern Händen Es war wirklich als ob er sich gar nicht von uns trennen könne
    Ich forderte ihn zur größten Vorsicht auf und bat ihn wenigstens für heut
ja den Weg zu meiden den er und wir nach ihm hierhergeritten war Er
versprach das auch doch leider nicht in der bestimmten Weise wie ich es
wünschte und ich merkte gar wohl dass er die ihm von den Beni Khalid drohende
Gefahr nicht für so bedeutend hielt wie ich Er glaubte seinen Kanz el Ada
sicher zu haben denn sie waren ja nach Süden gezogen während er nach Norden
ritt Als er sich schon in Bewegung gesetzt hatte rief ich ihm meine Warnung
noch einmal dringend nach Er drehte sich nach uns um und nickte mir lächelnd
zu doch grad dieses Lächeln wollte mir nicht gefallen
    Es verstand sich ganz von selbst dass Halef ihm eines unserer besten
Hudschuhn gegeben hatte welches zwar nicht den Wert von Maschurah besaß aber
doch verlässlich war Als sich die Reiter so weit entfernt hatten dass wir sie
nicht mehr sehen konnten beschäftigte ich mich mit der Stute Sie hatte ihrem
bisherigen Herrn sehr lange nachgesehen eine Anhänglichkeit die von uns allen
noch bei keinem Kamele beobachtet worden war Als ich ihr mit meiner nach den
Kamillen duftenden Hand über die Nase strich sog sie den Geruch mit sichtbarer
Wonne ein streckte die Lippen wie Fangschalen so außerordentlich weit dass ich
darüber lachen musste aus und ließ die Hand vollständig im Maule verschwinden
wo sie das Gebiss nur ganz sanft auflegend an ihr zu saugen begann wie ein Kind
an einem Zuckerstücke Ich sah dass es mir nicht schwer fallen werde ihre
Zuneigung zu gewinnen und ließ ihr meinen Sattel auflegen denn es verstand
sich ganz von selbst dass ich sie nun ritt
    Nun konnten auch wir den Bir Hilu verlassen den wir wohl nicht wiedersehen
würden so dachten wir weil wir uns für die Heimkehr von Mekka einen andern Weg
vorgenommen hatten doch es steht geschrieben »Denn meine Gedanken sind nicht
eure Gedanken noch meine Wege eure Wege spricht der Herr« Unsere Schläuche
waren voll In dieser Beziehung waren wir darauf vorbereitet die Ain Bahrid
heute abend schon besetzt zu finden Wir hatten Wasser für mehrere Tage
    Als wir den Brunnenplatz verlassen hatten waren die Spuren der Beni Khalid
so deutlich zu sehen dass wir ihnen mühelos folgen konnten denn es verstand
sich ganz von selbst dass wir dies taten Wir mussten wissen woran wir mit
ihnen waren Nach vielleicht einer Stunde kamen wir aus der Wüste der
zerstreuten Felsengruppen heraus auf den offenen ebenen Sand Die Fährte führte
genau in der Richtung der »kalten Quelle«
    Halef und Kara ritten neben mir Unsere Unterhaltung hatte fast nur den
Perser zum Gegenstande der in dem gestern abend geführten Gespräche wiederholt
den tiefen Eindruck verraten hatte der ihm von der vorgestrigen Szene mit Ben
Nur hinterlassen worden war Das Wort von der Liebe hatte sich seinem Herzen so
tief eingeprägt dass er wiederholt und mit großem Eifer darauf zurückgekommen
war Darum hegten wir die Überzeugung dass sie von jetzt an wohltätig auf sein
Tun und Leben einwirken werde
    Nach einer zweiten Stunde bog die Spur nach Westen ab Das war ein Umstand
der uns auffallen musste Es kam uns nicht bei unsere bisherige Richtung
innezuhalten sondern wir blieben der Fährte der Beni Khalid treu So ritten wir
vielleicht zwei Stunden lang nach Sonnenuntergang und sahen dann an dem
Horizonte vor uns eine dunkle Linie auftauchen von welcher der Ben Harb unser
Führer vermutete dass sie ein lang gestreckter Höhenzug sei von dem er wohl
gehört hatte dessen Namen er aber nicht kannte Wenn er sich nicht irre müsse
die Wüste nun wieder steinigt werden
    Dies war auch wirklich der Fall Je näher wir dieser Höhe kamen desto
gerölliger wurde der Sand dann trat der nackte unbedeckte Felsen zu tage auf
welchem wir nur noch mit Mühe die Spuren entdecken konnten
    »Warum mögen die Beni Khalid wohl von ihrem Wege abgewichen und
hierhergeritten sein« fragte Halef »Ob das mit uns zusammenhängt Sihdi«
    »Zunächst wohl mit dem Perser und dann auch mit uns« antwortete ich »Mir
wird jetzt angst um ihn und ich wünsche von Herzen dass meine Vermutung sich
nicht bestätigen möge Die Beni Khalid haben diese ihre neue Richtung in so
auffälliger Weise eingeschlagen dass die Absicht wir möchten ihnen folgen für
mich bewiesen ist Wahrscheinlich stecken sie dort an einer verborgenen Stelle
dieser Höhe um uns zu überfallen wenn wir kommen Aber es gibt auch wieder
einen Grund grad dies nicht anzunehmen Ich bin überzeugt dass es Tawil Ben
Schahid nicht eingefallen ist auf den Kanz el Ada zu verzichten Er weiß dass
ihn der Perser hat von dem er ihn nur dadurch erlangen kann dass er ihm
unterwegs auflauert Wenn er diese Absicht verfolgt kann er nicht hier stecken
sondern ist in einem weiten Bogen um den Bir Hilu zurückgeritten um sich
jenseits desselben dem Basch Nazyr in den Weg zu legen Wir haben es also mit
zwei verschiedenen Annahmen zu tun Entweder sind die Beni Khalid hier um uns
aufzulauern oder sie sind jetzt nördlich vom Bir Hilu zu suchen«
    »Aus welchem Grunde wären sie da aber hierhergeritten«
    »Des felsigen Bodens wegen auf welchem die Spuren schwer zu lesen sind Sie
halten unsere Augen nicht für besser als die ihrigen und sind darum überzeugt
dass wir ihre Fährte hier verlieren werden Zugleich haben sie wohl an den
Vorteil gedacht den sie über uns erringen wenn sie sich zuerst den Perser
holen denn dadurch kommen sie uns in den Rücken während wir glauben sie vor
uns zu haben Es ist auch ein dritter Fall möglich nämlich der dass der Scheik
seine Leute geteilt hat Wenn dies geschehen sein sollte so werden wir von der
einen wahrscheinlich größeren Abteilung hier erwartet während er selbst mit
der andern nach Khutab Agha sucht Ich werde mir sogleich darüber Klarheit
verschaffen Wir halten um ihnen nicht zu nahe zu kommen jetzt hier an und
ich suche ob es eine Spur gibt welche zurück nach Norden führt«
    »Das wird hier auf diesem harten Felsen lange dauern«
    »Nein denn ich gehe bis zur Grenze des Sandes hinüber Reite ich dieser
entlang so muss ich die Eindrücke wenn es überhaupt welche gibt unbedingt
finden Auch lange dauert das nicht weil ich ja weiß nach welcher Seite sich
Tawil gewendet hat ich habe also nicht die ganze Höhe zu umreiten«
    »Darf ich mit«
    »Ja Wir nehmen aber unsere Pferde Die Kamele sind mir zum Spurensuchen zu
hoch Komm«
    Halef bestieg seinen Barkh ich meinen Assil Ben Rih Wir ritten seitwärts
ab bis wir den Sand erreichten und bogen dann links um wodurch wir auf die
Spur einer etwa nach Norden gerittenen Ben KhalidSchar treffen mussten Mich zur
Seite des Pferdes möglichst tief herunterneigend um die Augen dem Boden nahe zu
bringen ließ ich meinen Rappen schlank vorwärts fliegen und hatte sehr bald die
Genugtuung ihn anhalten zu müssen denn wir trafen auf eine sehr deutliche
Fährte welche von der Höhe hierher und dann in nördlicher Richtung
weiterführte Wir stiegen ab um sie zu betrachten Diese Beni Khalid waren so
eng zusammen geritten dass die Einzelspuren nicht auseinander gehalten werden
konnten es gelang uns also nicht sie zu zählen doch glaubte ich der Wahrheit
nahe zu kommen wenn ich über dreißig und höchstens vierzig Reiter schätzte
Diese Zahl war ja auch vollständig ausreichend den Perser mit seinen zwanzig
Soldaten zu überwältigen zumal Scheik Tawil gewiss annahm dass der Khutab Agha
auf so einen Überfall gar nicht vorbereitet sei
    Jetzt wurde es auch dem Hadschi angst
    »Effendi deine Befürchtung ist eingetroffen« sagte er »Ich wette dass
unser Freund jetzt in diesem Augenblicke schon tot ist Was tun wir Sage es
schnell sehr schnell«
    »Es kommt alles darauf an ob er meine Warnung beachtet hat den Herweg zu
meiden In diesem Falle kann er den Beni Khalid entgangen sein«
    »Ich befürchte dass er sie nicht befolgt hat denn er nahm sie nicht so
ernst auf wie du sie meintest Denkst du dass er noch zu retten ist«
    »Vielleicht Wir dürfen keinen Augenblick versäumen Steig schnell auf Wir
müssen alle umkehren«
    Während wir zu unseren Leuten zurückjagten teilte ich ihm meinen Entschluss
mit
    »Wir reiten so schnell wie möglich nach dem Bir Hilu zurück nicht auf dem
Wege den wir gekommen sind denn er bildet einen rechten Winkel sondern auf
der geraden Schnur von hier nach hin Von dort aus halten wir uns auf der Spur
des Persers und werden dann wohl bald erfahren wie es mit ihm steht Da ich das
Schlimmste befürchte so reite ich voraus denn wenn es notwendig ist halte ich
mit meinem Henrystutzen die ganze Beni KhalidSchar in Schach und ihr habt
hinter mir nur meiner Spur zu folgen«
    »Warum wir hinterher und nicht gleich mit«
    »Weil eure Kamele nicht schnell genug sind sie müssen ja zurückbleiben«
    »Aber unsere Pferde doch«
    »Ich nehme Maschurah die Hedschihnstute Selbst wenn ihr den Pferden das
Geheimnis sagt könnt ihr nicht mit mir fort denn sie hält länger aus als jedes
Pferd Das ist abgemacht Sprich also nicht dagegen Auch bitte ich dich sehr
ernstlich ja keine Fehler zu begehen Ihr kommt so schnell ihr könnt mir
immer nach und habt euch dabei stets vor einem plötzlichen Zusammentreffen mit
den Beni Khalid zu hüten denn sie nehmen ihren Rückweg auf alle Fälle über den
Bir Hilu und so ist es möglich dass ihr schon auf sie stosst während ich dem
Perser nacheile Dieses letztere kann allerdings nur dann der Fall sein wenn
sie ihn nicht gefunden haben weil er meine Warnung befolgt und einen andern Weg
gewählt hat Also Halef Schnelligkeit und Vorsicht Weiter habe ich jetzt
nichts zu sagen«
    Wir hatten nun unsere Leute erreicht Ich schwang mich vom Pferde und sofort
in den Sattel des Kameles Ein kurzer Gruß und ich ritt fort dem Hadschi die
Erklärung dieser meiner Eile überlassend
    Ich ließ Maschurah einige hundert Schritte langsam gehen dann trieb ich sie
an sie gehorchte es ging ja zum Brunnen zurück Wir wären vom Bir Hilu aus
erst in gerader Linie zwei Stunden lang und dann in einem rechten Winkel von
ihr aus über zwei Stunden wieder geradeaus geritten Das machte zusammen einen
Weg von ungefähr vier Stunden und eine halbe Dieser Weg bildete die zwei
Kateten eines rechtwinkligen Dreiecks auf dessen Hypotenuse ich nun
zurückkehrte Sie war also nach der von uns bis jetzt innegehaltenen
Schnelligkeit ungefähr drei Stunden lang Aber Maschurah griff so erstaunlich
aus dass ich den Bir Hilu schon nach drei Viertelstunden erreichte
    Die Beni Khalid konnten freilich schon hier sein ich hatte aber keine Zeit
mich von diesem Gedanken aufhalten zu lassen denn wenn sie sich am Brunnen
befanden so lag grad in der Schnelligkeit für mich der beste Schutz vor ihnen
ich kam an ihnen vorüber ehe sie nur daran denken konnten etwas gegen mich zu
unternehmen Der Platz war aber leer kein Mensch zu sehen
    Maschurah hatte einen wunderbar leichten elastischen Gang Ich saß obwohl
ich balancierte wie in einem unbeweglichen Stuhle Sie besaß im höchsten Grade
die hochgeschätzte Eigenschaft welche der Beduine mit dem Worte
»raumverzehrend« bezeichnet und dabei ließ sie auch nicht die Spur von
Anstrengung bemerken
    Als ich den Brunnen hinter mir hatte war ich außerordentlich gespannt
darauf ob der Basch Nazyr einen andern Weg eingeschlagen hatte oder nicht Im
ersteren Falle durfte ich hoffen dass er von den Beni Khalid verfehlt worden
sei im letzteren aber war fast mit Sicherheit anzunehmen dass sie ihren Zweck
erreicht hatten
    Bekanntlich waren wir bei unserm Wege nach dem Brunnen östlich ausgewichen
Ich konnte also erst nachdem ich diesen Bogen abgeschnitten hatte auf unsere
alte Fährte treffen Dies geschah sehr bald und da bemerkte ich denn dass der
Perser meine Warnung nicht befolgt hatte seine Spur führte auf der früheren
zurück
    Nun gab es nur noch eine wenn auch sehr kleine Hoffnung Wenn er langsam
geritten war und der Hinterhalt der Beni Khalid in bedeutender Entfernung von
dem Brunnen lag so war es möglich dass er sie noch nicht erreicht hatte
Freilich waren seit seinem Fortritte schon über fünf Stunden vergangen die ich
nun einzuholen hatte Welch ein Glück also dass der Perser so aufrichtig gewesen
war mir das Geheimnis der Stute mitzuteilen Denn nur durch die Anwendung
desselben konnte ich es ermöglichen meine Absicht auszuführen
    Ich beobachtete das Hedschihn also sehr aufmerksam ob es eine Spur von
Ermüdung oder Atemmangel zeige Es ging aber so leicht und frisch als ob es
soeben erst das Nachtlager und die Tränke verlassen habe Darum gab ich ihm nun
das Zeichen Ich rief zweimal seinen Namen und dann als es aufhorchte dreimal
das Wort Bubuna Der Erfolg war dass es mit den Ohren spielte und in seinem
bisherigen Schritt verblieb Ich wartete eine Weile und wiederholte es dann  
 ganz mit demselben Misserfolge Ich hatte ganz genau getan was mir von Khutab
Agha gesagt worden war Hatte er vielleicht bei seiner Mitteilung etwas
vergessen
    Es wurde mir heißer und heißer nicht etwa bloß von der über mir brennenden
Sonne sondern auch weil meine Angst um den Perser in stetem schnellem Wachsen
war Wie konnte ich ihn retten wenn mir das Kamel nicht gehorchte Ich
wiederholte den Versuch noch zweimal doch vergeblich ich bekam ganz dasselbe
Ohrenspiel zur Antwort weiter nichts Da dachte ich denn nun endlich an den
Umstand dass mich das Hedschihn ja noch gar nicht kannte Vielleicht war das
schuld an seiner Weigerung Ich hielt also an stieg ab rieb mir die Hand mit
den Kamillen ein und hielt sie ihm dann hin Sie wurde mit Begierde in das Maul
genommen und dort festgehalten Ich hatte nur acht oder zehn Pflanzen bekommen
die schon ganz abgebraucht waren beschloss aber dennoch einige davon zu opfern
Maschurah schnappte mit wahrer Wonne zu ich bekam die Hand frei und stieg
wieder auf Zunächst ließ ich sie eine kleine Strecke langsam gehen dann trieb
ich sie an und als sie gehorcht hatte wartete ich nicht länger den letzten
Versuch zu machen
    »Maschurah Maschurah    Bubuna bubuna bubuna   «
    Da bekam ich einen Ruck der mich fast aus dem Sattel warf und dann   
ja dann ging es los und aber wie Ja es war genau so wie der Perser gesagt
hatte die stehende Luft die wir durchschnitten wurde für mich zum Winde Ich
war früher einigemale gezwungen gewesen bei meinem Rapphengste Rih auch das
Geheimnis anzuwenden und muss der Wahrheit nach gestehen dass es mir jetzt war
als ob Rih damals schneller gewesen sei als das Hedschihn jetzt ich bin auch
jetzt noch überzeugt dass dies kein Irrtum war aber es kam nun darauf an auf
wessen Seite die größte Ausdauer war ob auf der Seite des Pferdes oder des
Kameles Der Basch Nazyr hatte wie man weiß dem letzteren den Vorzug gegeben
    Es war jetzt kein Ritt kein Jagen mehr sondern ein Fliegen zu nennen Die
Felsengruppen die es noch gab schossen förmlich an uns vorüber Dann kamen wir
hinaus auf die steinige Serir wo ich um mich eines vaterländischen Ausdruckes
zu bedienen »aufzupassen hatte wie ein Heftelmacher« um die Fährte welcher
ich folgte nicht zu verlieren Doch gehorchte Maschurah trotz der ungeheueren
Schnelligkeit jedem meiner Worte und auch der leisesten Berührung mit dem dünnen
Metrek147 Auf dieser Ebene brauchte das Hedschihn zehn Minuten um eine Strecke
zurückzulegen für welche auf dem Herwege im Schritte eine ganze Stunde
notwendig gewesen war Und diese unbeschreibliche Hast wurde nicht geringer
sondern blieb sich stetig gleich auch als wir die Serir hinter uns hatten und
in den Sand kamen bei dessen Beschreibung ich vom »Mahlen« der Hufe sprach
Aber er strengte unbedingt mehr an als der Felsenboden Maschurah begann zu
schwitzen
    Dann wuchsen die schon beschriebenen Dünenreihen aus dem Sande empor An der
ersten hatte wie ich aus den Spuren sah der Perser aus irgend einem Grunde
längere Zeit gehalten Es war mir der Gedanke gekommen das Hedschihn hier
verschnaufen zu lassen aber bei dem Anblicke dieses Halteplatzes unterließ ich
es das Zeichen dazu zu geben denn durch die hier entstandene Verzögerung war
das Zusammentreffen des Basch Nazyr mit den Beni Khalid verzögert worden und
dadurch vergrößerte sich für mich die Möglichkeit ihn doch noch vorher
einzuholen und von ihnen abzulenken
    Es war eine böse Anstrengung welche das brave Tier zu überwinden hatte Auf
der einen Seite sich an den steilen Sandbergen in fast rasenden Sätzen
emporschnellend schoss es an der andern mehr rutschend gleitend und oft dem für
uns beide gleich gefährlichen Sturze nahe wieder hinab um die nächste Düne in
eben dieser Weise zu überwinden Der Schweiß zeigte sich stärker schon bildete
sich ein weißer Schaumrand an den Lefzen und   ja da hörte ich den ersten
hastigen lauten Atemstoss Es war Zeit innezuhalten
    »Yawahsch yawahsch yawahsch« rief ich
    Maschurah fiel sofort in ein langsameres Tempo in welchem ich sie aus
Vorsicht noch eine ziemliche Strecke gehen ließ bis sich wieder ruhiger Atem
zeigte und der Schaum verschwunden war Dann hielt ich an stieg ab liebkoste
sie mit wirklicher Dankbarkeit denn sie hatte mehr weit mehr als ihre Pflicht
getan und gab ihr die Datteln welche ich für Assil Ben Rih eingesteckt hatte
Die Art wie sie mich dabei ansah war geradezu rührend Ein solches Kamelauge
hatte ich noch nicht gesehen Das war nicht die rote Farbe desselben sondern
der Inhalt des Blickes Es schien als ob sie mich fragen wolle ob ich mit ihr
zufrieden sei Wahrlich der Mensch sollte doch stets beherzigen dass das Tier
auch eine denkende und fühlende Seele besitzt welche Liebe und Härte vielleicht
tiefer empfindet und besser zu unterscheiden weiß als wir alle denken Ich habe
zum Beispiele Beobachtungen gemacht welche mir bewiesen dass der Hund ein
schärferer Menschenkenner ist als der Mensch selbst und wenn das Tier in dieser
Beziehung eine anerkennenswerte Tätigkeit der Seele zeigt so widerstrebt es
mir auch in anderer Beziehung es für unfähig zu halten Und doch wie gefühllos
verfährt der Mensch gegen seine Mitgeschöpfe die ebenso wie er ihr Dasein der
Güte des Allliebenden verdanken Ich glaube nicht dass er sie dazu geschaffen
hat versengt verbrüht verhungernd und verdürstend an das Marterbrett
geschnallt qualgekrümmt und schmerzheulend auf dem Felde des Tierversuches der
heiligen Vivisektion zu verenden oder vielmehr noch lebend schon als Aas
behandelt zu verrecken Man verzeihe mir diesen unästetischen doch wahren
Ausdruck Ich bin ein Menschenfreund und darum auch ein Tierfreund und beides
muss und muss und muss ich sein weil ich als Christ nicht anders kann Wer als
Tierquäler über diesem Christentum erhaben steht der mag immerhin über mein
schwaches lächerlich gefühlvolles Herz aburteilen ich aber bin ganz froh dass
ich grad dieses und kein anderes auch nicht das seinige habe Halef würde
sagen »El Mizan el Mizan die Brücke der Gerechtigkeit Sie misst auch das
kleinste unserer Gefühle« Und ich gestehe aufrichtig dass ich wenn ich ein
Jünger der so inbrünstig festgehaltenen inevitabeln Vivisektion wäre mich vor
dieser Wage fürchten würde Doch weg von dieser Abschweifung welche vielleicht
Entschuldigung findet weil sie aus dem Herzen kam
    Ich gab dem Hedschihn noch einige der BubunaPflanzen und stieg dann wieder
auf denn nach dieser höchst notwendigen Schonung des braven Tieres durfte keine
weitere Minute versäumt werden Wir begannen wieder im Schritte gingen dann in
schnelleres Tempo über worauf ich das Geheimnis wieder wirken ließ Maschurah
gehorchte dieses Mal sofort
    Es tat mir leid sie zum zweitenmal in dieser Weise anstrengen zu müssen
aber es handelte sich um viele Menschenleben und so außerordentlich ihre
Leistung war das was man »Schinden« nennt das war es denn doch nicht Sie
ging freiwillig sie trug keine Kandare kein schmerzendes Gebiss und sie wurde
von keinem Peitschenschlage getrieben
    So flogen wir wieder bergan und bergab wie vorher Wie oft wich der Sand
unter ihren Füßen wie häufig war sie dem Sturze dem Überschlagen nahe ohne
dass ich sie wie bei einem Pferde mit Hilfen unterstützen konnte Und doch kam
sie wohl zum Straucheln zum Stolpern Gleiten doch aber nicht zum Fall Sie
hielt aus sie war ein wirklich unbezahlbares Tier
    Da kam ein Augenblick an welchem eine ungewöhnlich hohe aber auf dieser
Seite nicht steile Düne zu nehmen war Sie stieg langsam empor allmählich und
Maschurah fegte im rasenden Laufe hinauf hätte ich auf dem Herwege gewusst dass
und in welcher Weise ich wiederkommen würde so wäre ich wohl aufmerksam
gewesen mir die gefährlichen Stellen gut zu merken Es schwebte mir jetzt eine
vor wo die nördliche Kante einer Düne oben eingefallen war es gab da einen
steilen Sandsturz den wir um auf die Höhe zu gelangen hatten umreiten müssen
Jenseits war es dann umso weniger schroff fast bequem hinabgegangen Sollte
das die jetzt vor uns liegende Höhe gewesen sein Es ging ja hier auf der
südlichen Seite leicht hinan Herrgott Dann stand uns ein schwerer Fall bevor
    »Yawahsch yawahsch yawahsch« schrie nein brüllte ich
    Aber das Hedschihn war schon hinauf es wollte auch gehorchen konnte es
aber nicht so schnell wie es erforderlich war Ja ein Pferd welches man an
den Zügeln hat das reißt man auf die Seite was allerdings auch nicht
ungefährlich ist Aber hier saß ich im hohen Kamelsattel und besaß weder im
Metrek noch in der Maulleine ein Mittel das Tier so rasch von der gefährlichen
Richtung abzubringen Mein Ruf bewirkte zwar sofort eine Verringerung der
vorwärtstreibenden Energie aber doch schon zu spät Ich sah nicht hinüber nach
der nächsten Höhe und auch nicht hinuter in das zwischen ihr und uns liegende
Dünental ich hatte keine Zeit dazu denn das was jetzt geschah vollzog sich
in einem einzigen Augenblicke Ich bemerkte in dem Momente als wir die Kante
oben erreichten nur den vor uns gähnenden Sandsturz weiter nichts zog das
linke Bein auf die rechte Seite und warf mich vorwärts vom Kamele herab und in
das Loch hinunter
    Das war das einzige was ich zu meiner Rettung tun konnte während das im
Schusse befindliche Tier hinaus in die Luft sprang Nur die Weichheit des
hinuntergerollten Sandes auf den mein Sturz gerichtet war konnte mich retten
    Ich fiel   ich fiel und fiel   fiel tiefer und immer tiefer Das war
kein Fallen mehr sondern ein langsames gemächliches Niedersinken welches gar
kein Ende nahm Ich hatte die Augen zu und fühlte keinen andern Schmerz als nur
einen scharfen Druck in den Hand und Fussgelenken Es war ein ganz eigenartiger
Zustand Hörte denn dieses Sinken gar nicht auf Welche Tiefe war es denn
eigentlich in welche ich mich hinunterbewegte Ich öffnete die Augen um es zu
sehen Die Lider gehorchten dem seelischen Impulse ohne Widerstreben Da sah ich
  
    Ja was ich da sah das brachte mich augenblicklich zu der Überzeugung dass
dieses Gefühl der unaufhörlichen Abwärtsbewegung nicht Wahrheit sondern
Täuschung dass ich betäubt gewesen war Nur eines hatte mich nicht betrogen
nämlich der Schmerz an den Händen und den Füßen Sie waren gebunden und zwar so
fest dass man jedenfalls alle Gewalt angewendet hatte um diese Arbeit so gut
wie möglich zu machen Vor mir saß Scheik Tawil Ben Schahid zu seiner Rechten
der Ghani und zu seiner Linken dessen Sohn Neben dem Vater sah ich den
Münedschi der wach und munter war Die drei andern Mekkaner saßen mehr auf der
Seite
    Indem ich weiter um mich blickte sah ich oben den Sandrutsch in den ich
mich hatte werfen wollen Der Schwung aber den ich mir gegeben hatte war im
Vereine mit der Beharrungskraft des ungestümen Rittes zu groß gewesen und so
war ich darüber hinausgefallen und den steilen Abhang hinunter in das Tal
gerollt Da lagen die Soldaten zerstreut umher alle tot fast jeder in einer
Lache von Blut Der Überfall war den Beni Khalid geglückt und ich hatte den
Ritt zur Rettung des Persers und seiner Leute nicht nur vergeblich sondern zu
meinem eigenen Unheile unternommen Die Kamele der Soldaten standen nicht weit
von uns und etwas weiter davon lag   mein Hedschihn ganz gemächlich
wiederkäuend und mit den roten Augen hell um sich blickend Es hatte also den
Sturz ebenso überstanden wie ich und zwar wohl nur infolge des tiefen weichen
Sandes welcher sich grad an und unter der betreffenden Stelle aufgehäuft hatte
Wo aber war der Basch Nazyr
    Als ich den Kopf wendete um mich nach ihm umzuschauen sah ich ihn oder
vielmehr nur seine Beine welche hinter einer niedrigen Sandwehe hervorragten
War auch er tot Ich nahm an dass er noch lebte denn seine Füße waren
zusammengebunden wie die meinigen was bei einem Leblosen doch nicht notwendig
ist Auch saßen fünf Beni Khalid bei ihm wahrscheinlich um ihn zu
beaufsichtigen Auch das ließ darauf schließen dass er noch am Leben war Hinter
ihnen lagen Kamele vielleicht ein Dutzend welche den Beni Khalid gehörten Wo
aber waren die andern Menschen und Tiere Die von uns untersuchte Fährte hatte
doch auf wenigstens dreißig schließen lassen Später wurde es mir klar dass der
Scheik sie fortgeschickt hatte um möglichst wenig Zeugen für das zu haben was
hier an dieser Stelle geschehen sollte Auch wollte er den Kanz el Ada nur für
sich allein oder falls dies nicht zu erreichen war mit möglichst wenigen
Personen zu teilen haben Warum aber hatte er da die Mekkaner welche doch den
ersten Anspruch darauf erhoben mit hierhergenommen
    Jedenfalls war die ganze Abteilung der Beni Khalid hier beisammengewesen um
dem Perser aufzulauern Oben hatten wahrscheinlich Posten gestanden um seine
Ankunft zu melden Sie waren mit einer Salve von über dreißig Schüssen empfangen
worden und wer dann noch lebte war den Basch Nazyr ausgenommen durch
weitere schnelle Schüsse abgetan worden Der seinen Soldaten voranreitende
Perser hatte ebensowenig wie ich an den Sandrutsch gedacht er war wenn auch in
weniger gefährlicher Weise herabgestürzt und den Beni Khalid in die Hände
gefallen und sogleich von ihnen in Fesseln gelegt worden
    Man kann sich meine Stimmung denken Nicht etwa dass ich mich verloren gab
o nein Selbst wenn ich nicht meine Haddedihn hinter mir gewusst hätte wäre es
mir nicht eingefallen der Hoffnung auf Rettung zu entsagen Aber der Anblick
der zwanzig hingemordeten Asaker erfüllte mich mit Grauen An diesem Scheik der
Beni Khalid schien nur das eine Gute zu sein dass er sein Wort heilig hielt
Weiter aber nichts
    Als er bemerkte dass ich die Augen geöffnet hatte und mich bewegte ging ein
höhnisch grausames Lächeln über sein von Halefs Peitsche gekennzeichnetes
Gesicht Er deutete mit der Hand auf mich und sagte zu El Ghani
    »Schau Er lebt er hat also den Hals nicht gebrochen Allah hat mir ihn für
meine Kugel aufgehoben Jetzt muss er sagen warum er hierhergekommen ist Wenn
er es nicht gesteht werden wir ihn schon zu zwingen wissen die Wahrheit zu
sagen Du hast meine Worte gehört Nun sprich Hund«
    Diese Aufforderung galt mir Ich antwortete ohne auf den Hund zu achten
    »Ich habe keinen Grund zu schweigen Es fiel mir ein dass ihr auf den
Gedanken gekommen sein könntet den Basch Nazyr zu überfallen und ihm den Kanz
el Ada wieder abzunehmen da bin ich ihm auf seinem Hedschihn welches er mir
geschenkt hat nachgeritten um ihn zu warnen«
    »Allein«
    »Ja«
    »Wo sind die Haddedihn«
    »Auf dem Wege welcher von hier nach der Ain Bahrid führt«
    »Sie werden dich nicht wiedersehen aber uns denn wir holen sie ein um sie
zu vernichten Also das Hedschihn das kostbare hat er dir geschenkt Wohl
weil du ihm das Leben und den Schatz gerettet haben willst«
    »Ja«
    »So ist es liebreich von dir dass du es mitgebracht hast Ich werde es
behalten und eure Pferde von denen ich gestehe dass sie ihresgleichen suchen
kommen auch in den Besitz meines Stammes ihr aber lauft alle in die Krallen des
Teufels Dass dies geschieht dafür werde ich jetzt sorgen«
    Während er sprach waren seine Augen und auch die Blicke der Mekkaner in
einer Weise auf mich gerichtet dass ich einsehen musste bei ihnen keine Spur von
Erbarmen zu finden Der Münedschi horchte aufmerksam auf jedes Wort Jetzt als
der Scheik schwieg wendete er sich mit der Frage an ihn
    »Das ist der Effendi aus dem Wadi Draha der hier gefangen vor uns liegt«
    »Ja« antwortete Tawil
    »Was werdet ihr mit ihm tun«
    »Er wird erschossen und zwar gleich hier Hast du etwas dagegen
einzuwenden«
    »Nein gar nichts Ich stimme vollständig bei Ich hätte ihm noch einige
Bemerkungen zu machen unterlasse es aber weil so ein Mensch nicht wert ist
dass ich mit ihm spreche Ich habe ihm in das Gesicht gespuckt das ist für ihn
genug um zu wissen was ich von ihm denke und wie unendlich ich ihn verachte
Während er vorgibt ein frommes unschuldiges Lamm zu sein ist er ein
Raubtier und zwar ein so gefährliches dass man sich mit seiner Tötung Allahs
Lohn verdient Ihn zu schonen würde die größte Sünde sein die ihr auf euch
laden könnt Er gehe also dahin wohin er gehört in die Hölle«
    Da ließ sich auch El Ghani hören
    »Das ist ganz so als ob ich es gesagt hätte Ich gebe also auch meine
Zustimmung und fordere von dir oh Scheik dass er erschossen wird«
    »So Ihr stimmt also bei« fragte der Scheik in einem so ironisch
wegwerfenden Tone dass ich vermutete das Verhältnis zwischen ihm und seinen
Gastfreunden sei nicht mehr das frühere »Es ist prahlerisch und lächerlich mir
eure Einwilligung anzubieten Ich tue hier was mir beliebt und frage nicht
ob es euch passt oder nicht Ihr wisst ja wie wir jetzt zusammen stehen Bildet
euch also nicht ein dass ich mich nach euren Wünschen richte«
    »Ich wünsche nichts sondern ich fordere mein Recht Vor allem verlange ich
den Perser für mich Er hat mir dem Liebling des Grossscherifs die Schande des
Diebstahls frech in das Gesicht geworfen er ist mir mit Soldaten nachgeritten
wie man einen ehrlosen Verbrecher verfolgt er trägt die Schuld an der
Behandlung und an allen Beleidigungen die wir am Bir Hilu erduldet haben er
der von Allah verdammte Schiit der nicht wert ist dass ich ihn auch nur mit dem
Fuße berühre um ihn fortzustossen Darum verlange ich der Vollstrecker des
Urteiles zu sein Es darf ihn keine andere Kugel treffen als nur die meinige«
    »Dagegen habe ich nichts« lachte der Scheik in einer jeden Gefühles baren
Weise »Wenn es dir Spaß macht ihn mit deiner eigenen Hand in die Hölle zu
schleudern so werde ich dich nicht hindern es zu tun Hast du geladen Du
kannst es sofort tun denn unsre Zeit für hier ist abgelaufen«
    Er stand auf der Ghani auch Sollte das im Ernst gemeint gewesen sein Das
wäre ja fürchterlich Ich erhob meine Stimme um gegen diesen Mord zu
protestieren erhielt als Antwort aber nur ein höhnisches Gelächter Da hörte
ich jetzt und hier zum erstenmal die Stimme des Basch Nazyr
    »Ich bitte dich gib dir keine Mühe Effendi Ich habe schon selbst
erfahren dass jedes Wort umsonst ist Mein Tod ist beschlossen und davon gehen
diese Leute um keinen Preis ab Ich bin selbst schuld daran denn ich habe deine
Worte in den Wind geschlagen und werde nun dafür bestraft Aber ich will nicht
wie ein armseliges Paket sondern wie ein Mann sterben Bindet mir die Füße los
Ich will die Kugel stehend empfangen Tut mir wenigstens diesen Gefallen Ich
fliehe nicht ich gehe keinen Schritt von der Stelle von welcher aus ich durch
die Pforte des Todes treten soll«
    Da lachte der Scheik wieder in der schon beschriebenen Weise auf und
antwortete
    »Diesen Wunsch werde ich dir gern erfüllen denn ich bin ein
menschenfreundlicher Mann und es wird ja doch dein letzter sein in diesem
Leben«
    Er ging zu ihm hin und gab ihm die Füße frei Der Perser stand auf kam
langsam auf mich zu und sah mir in das Gesicht Er mochte auf demselben lesen
was in mir vorging denn er schüttelte den Kopf und sagte
    »Denk nicht darüber nach wie mir vielleicht zu helfen wäre Wir sind nicht
zu retten und können nichts tun als mit Würde sterben Ich bin nicht nur
schuld an meinem sondern auch an deinem Tode Hier bitte ich dich nicht um
Verzeihung denn alle Ohren welche es hier gibt sind es unwert solche Worte
anzuhören Aber du wirst nur wenige Minuten nach mir durch die große Mauer
welche Ben Nur uns zeigte nach Es Setschme den Ort der Sichtung kommen und
da erwarte ich dich um dich auf meinen Knieen und mit der Hand zu bitten mir
meine Unbedachtsamkeit zu verzeihen Wie ich dich kenne weiß ich dass ich nicht
umsonst bitten werde Ja«
    »Ich verzeihe dir schon jetzt« antwortete ich »Das Leben der Menschen
steht in einer höheren Hand die uns noch im letzten Augenblicke retten und
sogar die Kugeln lenken kann Ihr wollen wir uns anvertrauen«
    »Tut das wenn es euch beliebt« lachte der Scheik abermals »Ich habe aber
auch eine Hand und der entkommt ihr nicht so wahr euer Es Setschme der Ort
der Sichtung nichts als Schwindel ist Aber da ihr glaubt dort drüben so schön
vereinigt zu sein will ich euch zu Liebe dafür sorgen dass ihr es schon hier
sein werdet Wir graben jetzt ein Grab in welches wir euch neben einander
legen Die Leichen der Asaker mögen die Geier fressen sie bleiben liegen euch
aber sollen nur die Würmer bekommen Das ist der einzige Unterschied den wir
zwischen zwei Arten von Halunken machen In der Hölle trefft ihr doch mit ihnen
zusammen«
    Seine Beni Khalid machten sich auf seinen Befehl daran ein Loch in den Sand
zu wühlen nicht weit von uns und grad vor unsern Augen so dass wir zusehen
konnten Das gab doch einen Aufschub wenn auch nur einen kurzen aber jede
Minute war jetzt kostbar denn es stand außer allem Zweifel dass Halef sich der
allergrössten Eile befleissigen werde Ich wusste zwar nicht wie lange Zeit ich
betäubt gelegen hatte aber da mein Hedschihn sich während derselben so ruhig
niedergelegt hatte und von den Beduinen trotz der Erregung welche unser
Erscheinen hatte hervorbringen müssen gar nicht mehr beachtet worden war so
durfte ich annehmen dass dieser Zustand der Besinnungslosigkeit von längerer
Dauer gewesen sei Die Hoffnung dass die Haddedihn noch rechtzeitig zu unserer
Rettung eintreffen würden war also gar nicht ausgeschlossen
    Das hätte ich dem Perser gerne gesagt aber der Scheik und auch der Ghani
hielten uns so scharf unter ihren Augen dass mir kein leises Wort ermöglicht
war Sie hinderten aber den Basch Nazyr nicht laut zu sprechen
    »Effendi da unser Geschick sich in dieser Weise geändert hat will ich dir
eine Mitteilung machen welche dich interessieren wird Ich habe darüber
geschwiegen weil ich glaubte dass du Dschafar Mirza zürnen werdest«
    »Warum«
    »Er hat mir ein Geschenk gemacht welches er erst von dir erhalten hat«
    »Darüber kann ich doch nicht zornig sein Das Geschenk gehörte dann ihm und
er konnte also darüber verfügen wie es ihm beliebte Wir haben uns gegenseitig
wiederholt mit Gaben erfreut Welches Geschenk meinst du«
    »Das kleine Buch in persischer Sprache El Beschaïr el arba148 Ich habe mit
ihm in innigerer Beziehung gestanden als ich dir bisher gesagt habe und jetzt
in der Todesstunde sagen kann Du weißt sein Leben war geheimnisvoll und darum
schwieg ich gegen dich Er hat das Buch gelesen und jede Zeile desselben in sein
Herz gegraben Dann schenkte er es mir damit auch ich erleuchtet werde Du hast
mir verziehen was ich über die Spaltung eures Glaubens sagte nur die Bekenner
sind uneinig die Lehre selbst aber kennt und will diese Teilung nicht Sie ist
auch mir in das Herz gedrungen obgleich ich zu dir kein Wort davon gesprochen
habe denn du solltest ja nicht wissen dass ich das was ich jetzt denke und
fühle aus deinem Geschenk gezogen habe Ich las täglich darin auch heut früh
wieder als ihr es nicht merktet Da schlug ich die Stelle nach welche lautet
Ich aber sage euch Liebet eure Feinde tut Gutes denen die euch hassen und
betet für die welche euch verfolgen und verleumden auf dass ihr Kinder seid
eures Vaters der im Himmel ist der seine Sonne aufgehen lässt über die Guten
und die Bösen und lässt regnen über die Gerechten und die Ungerechten Es lebte
jedes Wort in mir welches wir von Ben Nur gehört hatten als der Quell und die
Summe seiner ganzen Rede nur das Eine nur die Liebe war Ich dachte an unser
Verhalten gegen diese unsere Feinde hier denen wir für den Hass die Liebe gaben
Es schien mir der Güte allzu viel gewesen zu sein und darum schlug ich diese
Stelle auf um meiner Schwachheit Kraft zu geben Nun scheint es aber doch als
hätten wir besser gehandelt wenn wir schwach geblieben wären denn wir werden
du und ich unsern Gehorsam gegen die Liebe mit dem Leben bezahlen«
    »Nein das glaube ich nicht« antwortete ich tief ergriffen von diesem so
unerwarteten Glaubensbekenntnisse des dem Tode Geweihten »Das Leben hat
dieselbe Ewigkeit wie die Liebe Wir sterben nicht vielleicht nicht einmal
leiblich Der welcher als du heut die Stelle lasest von dir forderte deine
Feinde zu lieben hat wohl die Macht dich grad durch diese Liebe zu erretten
Sein Evangelium ist ein fester Schutz und Schirm im Leben und auch in der
größten Todesgefahr Wenn du auf ihn vertraust ist seine Hilfe vielleicht
näher als du denkst«
    »So wollen wir uns ja beeilen dieser Hilfe schnell zuvorzukommen« lachte
der Scheik »Das Loch ist fertig«
    »Ja es ist fertig und meine Kugel ist bereit« fügte El Ghani entschlossen
hinzu »Wir müssen fort Nun wird nicht länger gezaudert«
    »Stelle dich hierher«
    Bei diesem an den Perser gerichteten Befehle deutete der Scheik neben das
Grab Khutab Agha gehorchte Als er dort stand rief er mir zu
    »Effendi ich sage kein Lebewohl zu dir denn wir trennen uns doch nur für
einige Augenblicke Du kannst deine Hände nicht falten weil du auch gefesselt
bist aber sprich in deiner Seele ein Gebet für mich dass ich an El Mizan der
Wage der Gerechtigkeit die Hand des Engels fassen darf der mich hinüberführt«
    Bei dieser Bitte kam ein Grimm über mich den ich wenigstens für mich und
mein ganzes Leben wohl beispiellos nennen kann Es erhob sich eine fast möchte
ich sagen bisher unbekannte dämonische Kraft in mir welche keinen Widerstand
achtend zum rücksichtslosen Ausbruch trieb Da vor mir stand der Freund
mitten unter den Mördern in einer roten Lache des vergossenen Soldatenblutes
Musste es geschehen Durfte es geschehen Konnte ich denn nicht helfen War ich
armseliger Kerl denn wirklich zu schwach für meine Fesseln
    »Du sollst noch nicht nach dieser Hand fassen« schrie ich auf »Ich befreie
mich ich komme ich komme Steh nur nicht still sondern wehre dich Du hast ja
die Füße frei Stoß zu tritt sie nieder immer nieder«
    Ich zog und drehte an meinen Fesseln obgleich ich fühlte dass sie mir in
das Fleisch schnitten ich bäumte und schnellte mich auf stürzte aber sofort
wieder hin doch nicht ohne dass der um die Fussgelenke geschlungene Strick
zerriss Er hatte der Kraft mehr derjenigen des Falles als meiner eigenen doch
nicht widerstehen können
    »Drauf Drauf auf ihn Der Hund macht sich wirklich frei« rief der Scheik
    Er die Beni Khalid und die drei Mekkaner warfen sich auf mich Ich stieß
mit den noch gefesselten Händen und den frei gewordenen Füßen nach ihnen
schnellte mich hin und her    vergeblich Es war ein zu ungleicher Kampf und
da    da fiel der Pistolenschuss des Ghani ich sah aus der Umschlingung in
der ich mich befand heraus dass der Perser mit ausgebreiteten Armen
hintenüberstürzte da war mein Widerstand dahin ich streckte mich aus und ließ
mir auch ruhig die Füße wieder zusammenbinden und gestehe dass ich dabei laut
und bitterlich weinte Ich wollte nicht ich wusste nur zu gut welch eine
Schande mir dieser Weinkrampf machte aber es war eben ein Krampf der sich
nicht unterdrücken ließ Es war mir das noch nie passiert doch da die
beispiellose Aufregung welche sich meiner bemächtigt hatte nicht auf anderem
Wege hatte explodieren können tat sie es eben in diesem Schluchzen welches
bei denen die es hörten ein schallendes Gelächter hervorrief
    Auf den Hohn mit dem ich nun beworfen und überschüttet wurde achtete ich
gar nicht Sie mussten ja von selbst aufhören und das taten sie sehr bald weil
der Ghani die Aufmerksamkeit der andern von mir auf sich ablenkte Er kniete
nämlich bei dem Basch Nazyr nieder und begann dessen Taschen zu durchsuchen
    »Halt Was fällt dir ein« störte ihn der Scheik
    »Nichts fällt mir ein als nur das was ich darf« antwortete der andere
»Soll das was er bei sich hat etwa mit ihm begraben werden«
    »Nein aber dir gehört es nicht«
    »Dieser Schiit ist mein Eigentum Mir ist er nachgeritten mich hat er
beschuldigt und beleidigt von meiner Kugel ist er gefallen Sein Eigentum sein
ganzes ganzes Eigentum gehört also nur mir«
    Ich sah da einen Streit kommen der sich vielleicht in die Länge ziehen und
mir dadurch Rettung bringen konnte Dieser Gedanke wirkte wohltätig auf mich
ich wurde innerlich wieder ruhig
    »Sollen wir dich vielleicht ebenso auslachen wie wir jetzt über diesen
weinenden Hund gelacht haben« fragte Tawil Ben Schahid »Wer hat den Angriff
hier geleitet wer die Soldaten besiegt du oder ich Wer ist also Besitzer
alles dessen was sich hier befindet«
    Er stand hochaufgerichtet und drohend vor dem Ghani und seine Beni Khalid
näherten sich ihre Gewehre in den Händen den Mekkanern in einer Weise welche
zwar diesen nicht aber mir auffiel Das sah ja ganz so aus als ob jetzt etwas
geschehen solle was der Scheik vorher mit seinen Leuten heimlich verabredet
hatte In dieser Vermutung wurde ich durch die Beobachtung bestärkt dass sie
ihre Augen nur auf ihn gerichtet hielten als ob sie auf ein mit ihm
vereinbartes Zeichen warteten
    »Etwa du« rief der Liebling des Grossscherifs »Warum hast du den Kanz el
Ada dort neben dein Kamel gelegt Willst du mich um ihn betrügen Ich habe
schon gestern während des ganzen Tages gemerkt dass du etwas gegen uns im
Schilde führst Ists ein Betrug eine Verräterei so denke nicht dass ich sie
dulden werde Meine Macht reicht weiter als die deinige«
    Seine Augen funkelten der Scheik antwortete um so ruhiger und kälter
    »Wie weit deine Macht und dagegen die meinige reicht wirst du sofort
erfahren    Jetzt«
    Dieses Wort welches den erwarteten Befehl enthielt galt seinen Leuten Wie
von nur einer einzigen Hand gehoben flogen die Kolben ihrer Gewehre empor und
krachten auf die Köpfe der Mekkaner nieder die auf eine solche Überrumpelung
nicht vorbereitet waren und vor Schreck sich gar nicht wehrend durch weitere
Hiebe niedergeschlagen wurden Dass diese Tat vorher besprochen worden war
bestätigte sich nun gleich auch dadurch dass die zum Binden der Mekkaner nötigen
Stricke sofort bei der Hand waren Es war für mich ein unendlich hässlicher
widerlicher Vorgang der mich empören musste obwohl die so verräterisch
Behandelten meine Feinde waren Nur für wenige Augenblicke bestürzt oder betäubt
gewesen wandten und krümmten sie sich nun schreiend fluchend und heulend hin
und her Der Scheik stand eine ganze Weile stumm dabei um ihre erste Wut
vorübergehen zu lassen aber als ihm das zu lange dauerte zog er seine Pistole
und gab sein Wort als Schwur dass er jeden der nicht sofort ruhig sei
erschießen werde Das wirkte augenblicklich denn sie wussten ja wie stolz er
darauf war dass er sein Wort oder gar seinen Schwur niemals breche
    Hatte ich mich vorhin in einer beinahe beispiellosen Aufregung befunden so
fühlte ich mich jetzt von einer fast ebenso großen Spannung ergriffen Indem die
Ereignisse der letzten Tage an mir vorüberflogen wurde es für mich gewiss dass
der Tod der Mekkaner für den Scheik eine beschlossene Sache sei Er wollte den
Kanz el Ada haben und musste sich auch aller Zeugen dessen was geschehen war
entledigen Aber seine Leute Wie stand es da mit diesen Durften sie alles
wissen
    Es zeigte sich dass dies eine Frage war die er schon vorher im stillen
beantwortet hatte Er gab ihnen den Befehl
    »Jetzt könnt auch ihr nun fort ich komme nach Ich habe diesen früheren
Freunden und jetzigen Feinden einige gute Lehren zu erteilen ehe ich sie wieder
freigebe Nach dem Bir Hilu dürfen sie auf keinen Fall wieder Der Effendi
bekommt von mir selbst eine Kugel«
    Sie gehorchten wenn auch sichtlich widerstrebend Sie schienen wenigstens
in Beziehung auf den Kanz el Ada auch ihre Absichten und Wünsche zu haben
Wahrscheinlich durchschauten sie den Scheik und hielten es aber für klug ihm
einstweilen alles zu überlassen und erst später dann mit ihren Forderungen
hervorzutreten Sie gingen zu ihren Kamelen stiegen auf und ritten fort und
zwar nicht auf dem Wege den ich gekommen war sondern auf demjenigen der sie
hierhergeführt hatte denn sie waren einen weiten Bogen um den Bir Hilu geritten
und so vorsichtig gewesen erst hier auf die Linie zu treffen auf welcher ihrer
Ansicht nach die Rückkehr des Persers erfolgen werde Das war ein für mich sehr
günstiger Umstand da ich nun nicht zu befürchten brauchte dass sie mit Halef
zusammentreffen oder gar ihn vorzeitig sehen und schnell zurückkehren würden um
den Scheik zu warnen
    Dieser hatte für mich einstweilen keine Beachtung mehr womit ich allerdings
sehr gern einverstanden war Jetzt da seine Leute sich entfernt hatten war
meine Lage so ganz unerwartet hoffnungsvoll geworden Ich hatte es mit ihm
allein zu tun und hielt es für gar nicht unmöglich mit ihm fertig zu werden
ohne Halefs Hilfe abzuwarten Die Hauptsache dabei war ihn nahe an meine Hände
zu bekommen
    Auf seine Flinte gelehnt hatte er dagestanden bis seine Beni Khalid
verschwunden waren Nun wendete er sich dem Ghani zu
    »Ich wiederhole es Es spricht keiner von euch eher als bis ich es erlaube
sonst ist ihm eine Kugel sicher Ich gebe noch einmal mein Wort darauf«
    Er sah sie einzeln einen nach dem andern finster an und fuhr dann fort
    »Ihr seid ganz unbeschreiblich dumme und dabei ebenso unbeschreiblich freche
Menschen Es ist eine Unverschämtheit sondergleichen mir zuzumuten euch für
unschuldig zu halten Allah weiß es und ich weiß es auch dass der Schiit dort
in seinem Rechte war Ich sage euch das in Gegenwart dieses Effendi den ich dem
Perser nicht nachschicken will ohne ihn vorher zu überzeugen dass ich euch gar
wohl durchschaut habe Das tue ich weil ich mich bisher vor ihm zu schämen
hatte denn er musste ja annehmen dass ich verbrannte Dattelkörner anstatt des
Gehirnes im Kopfe habe«
    »Wir sind   « wollte der Ghani beginnen
    »Schweig« wurde er unterbrochen »Ich werde dir sagen wenn du zu sprechen
hast«
    »Aber ich muss   «
    Er hielt sofort wieder inne denn der Scheik richtete den Lauf der Pistole
auf ihn
    »Du scheinst gern reden zu wollen Gut du sollst es dürfen aber ja nicht
mehr als ein einziges Wort«
    Er trat hart an ihn heran näherte die Waffe seinem Herzen und fuhr fort
    »Wenn du eine Lüge antwortest oder mehr als nur ein einziges Wort auch wenn
du auf den Gedanken kommen solltest nicht zu antworten also in jedem von
diesen drei Fällen trifft dich meine Kugel augenblicklich und ebenso sicher wie
die deinige dort den Unschuldigen getroffen hat Also jetzt Habt ihr den Kanz
el Ada gestohlen Ja oder nein«
    »Ja« würgte der Ghani als ob er am Ersticken sei hervor
    »Daran habe ich natürlich keine Sekunde lang gezweifelt und darum verdient
es die härteste aller Strafen dass ihr mich für einen Geisteskranken gehalten
und von mir gefordert habt euch nicht nur als Unschuldige gegen die Haddedihn
und die Asaker zu verteidigen sondern was noch tausendmal schlimmer ist euch
auch wirklich für unschuldig zu halten Ich kannte dich Ghani schon früher
und ihr kamt zu uns an den Brunnen Ihr wart also meine Gäste und wir haben
mehr als unsere Pflicht gegen euch getan Sogar das Leben wagten wir
wiederholt zuletzt im Zweikampfe den wir um euretwillen forderten Dann aber
war euch genug von uns geschehen Als wir vom Brunnen reiten mussten erklärte
ich euch dass wir uns von euch trennen müssten Ihr weigertet euch zu gehen Ich
sagte euch dass ich euch nicht mehr als Gäste betrachten dürfe Ihr bliebt
dennoch bei uns Als wir hierherritten befahl ich euch zurückzubleiben Ihr
gehorchtet nicht sondern kamt uns nachgeritten Wir mussten euch dulden weil
ihr sonst zu den Feinden geritten wäret um zu verraten dass wir dem Perser
auflauern wollen Ihr seid also nicht als meine Gäste und Freunde mitgeritten
sondern als zudringliches Ungeziefer dessen man sich entledigt wenn es zu
frech geworden ist Und das tue ich jetzt Was den Kanz el Ada betrifft so
ist diese Angelegenheit durch den Zweikampf vollständig für euch erledigt
worden Er gehörte euch nicht denn ihr hattet ihn gestohlen und er wurde dem
rechtmäßigen Besitzer zugesprochen Wolltet ihr ihn wiederhaben so konntet ihr
ihn ja zum zweitenmal stehlen dagegen hatte ich nichts und es war allein eure
Sache ihr hättet euch also von uns trennen sollen Ebenso hatte ich das Recht
ihn mir zu holen denn euer Recht ist nicht größer als das meinige nämlich gar
keins Ich habe das unternommen und der Fang ist mir gelungen nun seid ihr an
der Reihe nichts dagegen zu haben Anstatt dessen der sehe und höre ich dass
ihr es wagt mich um den wohlerworbenen Lohn zu bringen Ihr seid trotz eurer
Schwäche und Erbärmlichkeit so dreist ihn mir streitig zu machen Ihr bezahlt
meine Güte mit Feindschaft meine Gastfreundlichkeit mit Undank und es ist für
mich also Pflicht der Selbsterhaltung dass ich mich gegen euch sicherstelle Da
ich euch weder durch Güte noch durch ernste Vorstellungen loswerden konnte muss
ich zu einem andern Mittel greifen mich eurer zu entledigen Bis vorhin war ich
gewillt kein Blut zu vergießen Ich wollte euch gefesselt hier liegen lassen
bin aber anderer Meinung geworden Ihr würdet langsam verschmachtet sein ohne
dass ich mir die Schuld zu geben hätte weil ihr gegen meinen Willen mit
hierhergeritten seid Doch seit ich vorhin gesehen habe welche Freude es dir
macht mit eigener Hand das Blut eines Unschuldigen zu vergießen kann ich euch
denselben Dienst erweisen ohne mir den geringsten Vorwurf machen zu müssen Ja
eine Kugel ist nur die wohlverdiente Strafe für euch und indem ich euch den Weg
von der Erde zeige befreie ich die Menschheit von einer Anzahl von Schurken
welche der allerärgsten Verbrechen fähig sind«
    Es war gewiss eine sonderbare Logik welche dieser langen Rede zugrunde lag
Machte es die Plötzlichkeit mit welcher der Scheik jetzt seine Feindseligkeit
enthüllte oder die Angst vor der angedrohten Kugel kurz es ließ keiner ein
Wort der Entgegnung hören Auch der Münedschi war still Ich kann die Art und
Weise in der er dem Ben Khalid zugehört hatte wohl nicht besser bezeichnen
als indem ich sage dass er ihm mit den Ohren die Worte von den Lippen las Seine
blaustrahlenden Augen standen weit auf und sein Mund war geöffnet sein Gesicht
schien plötzlich versteinert zu sein denn kein Zug desselben kein einziges
Haar seines Bartes wollte sich bewegen Es war mir mehr weit mehr als
interessant ihn zu beobachten Er hatte das Geständnis des Ghani gehört ebenso
alles was von dem Scheik gesagt worden war und musste nun also wissen was es
mit dem Kanz el Ada für eine Bewandtnis hatte Obgleich es wohl eigentlich
nicht nötig ist will ich doch erwähnen dass er weder einen Kolbenschlag
empfangen hatte noch gefesselt worden war Dieser Gewaltmassregeln bedurfte es
bei ihm dem Blinden nicht
    Während ich den Blick beobachtend auf ihn gerichtet hatte sah ich dass die
Starrheit aus seinen Zügen wich Er stand auf langsam sehr langsam wie
jemand der aus einem tiefen Schlaf mit süßem Traume zur ganz entgegengesetzten
harten Wirklichkeit erwacht
    »Darf ich reden« fragte er
    »Du  Ja« antwortete der Scheik
    »Ich hörte alles was du sprachst Ich bitte dich bei Allah und allem was
dir heilig ist mir die Wahrheit zu sagen Haben meine Gefährten wirklich den
Kanz el Ada in Meschhed Ali bestohlen«
    »Ja«
    »Es ist ihnen wirklich nachgewiesen Sie sind wirklich überführt worden«
    »Ja Der Ghani hat es doch jetzt sogar gestanden«
    »Und sie haben die Gegenstände des Raubes bei sich gehabt«
    »Gewiss Du hast es ja gehört Im Zweikampfe handelte es sich doch nur um
sie«
    »So hatte der erschossene Perser recht«
    »Vollständig recht«
    »Bedenke was du damit sagst Du wühlst damit in mir das größte Unglück auf
welches es im Leben der Bewohner dieser Erde geben kann«
    »Es ist so wie ich sage Der Basch Nazyr hat nichts als seine Pflicht
getan und wurde dafür von der ruchlosen Hand des Hauptdiebes umgebracht«
    »So ist der Ghani also nicht nur Dieb sondern auch Mörder«
    »Beides Überhaupt wenn du diesen deinen Beschützer welcher so oft und
sehr mit seinen dir erwiesenen Wohltaten prahlt für einen guten Menschen
gehalten hast so ist dieser dein Irrtum nur mit deiner Blindheit zu
entschuldigen Auf ihn nicht auf den Effendi passt das Wort welches du diesem
in das Gesicht warfst nämlich dass er ein höchst gefährliches Raubtier sei von
welchem man die Menschheit zu erlösen habe«
    »So hat also dieser Effendi aus dem Wadi Draha nicht gelogen und betrogen
sondern es ist von ihm die Unschuld das Gesetz verteidigt worden«
    »Ja Er ist mit euch ganz unbegreiflich gütig verfahren Ein anderer an
seiner Stelle hätte euch alle ohne Gnade und Rücksicht umgebracht«
    »Oh Allah Allah Allah Er hat mich vom Grabe errettet Er hat mir solche
Liebe und Barmherzigkeit geschenkt Und ich ich    ich    ich habe ihm in
das Gesicht gespieen Welch eine Sünde welche Undankbarkeit«
    Er schlug die Hände zusammen und sah dabei grad so aus als ob er vor Scham
und Reue in die Erde sinken wolle Tahil Ben Schahid antwortete
    »Wäre ich er gewesen als du ihn anspucktest so hätte ich dich zerrissen«
    »Welch eine Selbstbeherrschung welch ein Edelmut von ihm Und er ist hier«
    »Ja Da liegt er nur fünf Schritte von dir«
    »Er hat alles was hier geschehen ist gesehen Er hört auch was ich jetzt
sage«
    »Natürlich sieht und hört er alles Er hält seinen Blick auf dich
gerichtet«
    »So erbarme sich Allah meiner Was habe ich getan was habe ich getan«
    Nach diesem Ausrufe sank er wieder nieder legte die Arme auf die
angezogenen Kniee und verbarg das Gesicht in die Hände Jetzt durfte ich mich
über meine ihm gegenüber geübte Schonung freuen Er hatte die einzig richtige
Antwort auf seinen wörtlichen und tätlichen Angriff ohne mein Zutun nun
erhalten Es gibt eben eine Gerechtigkeit welche hoch über der menschlichen
steht und mit ebenso unerschütterlicher wie unnachsichtlicher Strenge darüber
wacht dass sich nach dem großen etischen Weltgesetze des Allgerechten die
Strafe aus der Sünde zu entwickeln hat Nicht ein einziges menschliches Gesetz
ist fähig eine solche Kongruenz zwischen Schuld und Sühne eine solche innere
»Einerleiheit« von Tat und Folge zu erreichen
    Der Scheik hatte seine Antworten in der sehr bemerkbaren Absicht gegeben
die Schlechtigkeit des Ghani zu beleuchten Vielleicht war es ihm dabei
gleichgültig oder dachte er gar nicht daran dass er damit auch über sich selbst
ein nicht weniger treffendes Urteil sprach
    Er setzte nun seine Rede an den Ghani fort doch hörte ich nicht was er
sagte denn meine Aufmerksamkeit war jetzt von ihm ab und auf die Höhe der Düne
gelenkt worden Ich sah nämlich zwei Reiter oben erscheinen dann einen dritten
   Halef Kara und Omar Ben Sadek Sie rissen als sie uns sahen ihre Pferde
zurück wodurch sie auch aus der gefährlichen Nähe des Sandsturzes kamen Ein
schneller Blick unterrichtete sie über die Lage in welcher ich mich befand
dann verschwanden sie wieder Hatte ich schon seit dem Fortritte der Beni Khalid
nichts mehr für mich befürchtet so war ich nun erst recht meiner Sache gewiss
Das Blatt sollte sich für den Scheik gefährlich wenden
    Jedenfalls waren die drei unsern Haddedihn eine Strecke vorausgeritten sie
saßen auf unsern Pferden welche schneller als die Kamele waren Es war auch
gut dass sie den jähen Abfall auf dieser Seite der Höhe gesehen hatten denn nun
konnten sie sich vor ihm hüten Jetzt berieten sie wohl ob sie auf das
Herankommen unserer Krieger warten sollten oder nicht Wie ich meinen
ungeduldigen gern rasch handelnden Halef kannte stimmte er gegen den Verzug
Sie hatten es ja nur mit einem einzelnen Gegner dem Scheik zu tun Und wie
ich gedacht hatte so geschah es Ich sah sie wieder erscheinen seitwärts von
der gefährlichen Stelle Sie kamen um dem Ben Khalid keine Zeit zum Besinnen zu
geben trotz der Steilheit des Terrains in einer Weise heruntergejagt dass es
mir um sie und auch die Pferde hätte angst und bange werden mögen
    »Allah Allah« rief der Ghani der sie zuerst erblickte
    Seine Augen waren mit einem Ausdrucke auf die Höhe gerichtet der den Scheik
aufmerksam machen musste Er drehte sich rasch um und sah sie kommen
    »Die Haddedihn« schrie er auf »Die führt der Teufel her Aber sie haben
sich getäuscht«
    Er hatte seine Pistole noch in der Rechten und das Gewehr in der Linken Die
erstere auf mich richtend drückte er ab Ich schnellte mich sofort zur Seite
und wurde nicht getroffen Ohne dies in seinem Eifer zu bemerken legte er das
Gewehr auf Halef welcher der vorderste war an und schoss Auch diese Kugel ging
fehl Nun sprang er zu den Gewehren der Mekkaner welche in meiner Nähe lagen
Ich musste annehmen dass sie geladen seien und es lag noch so viel Raum zwischen
ihm und meinen Helfern dass es für ihn ehe sie ihn erreichen konnten genug
Zeit zu mehreren Schüssen gab denn das was er tat geschah so schnell dass es
in dem winzigen Zeitraum einiger Sekunden lag
    Jetzt war es an mir ihm den Gebrauch dieser Waffen unmöglich zu machen Das
war nicht allzuschwer denn indem er sich zu ihnen niederbückte kehrte er mir
den Rücken zu Ich stemmte die Hände und die Füße ein und arbeitete mich mit
einigen kräftigen Stößen zu ihm hin Als ich ihn erreichte hatte er sich schon
wieder aufgerichtet und das ergriffene Gewehr im Anschlage Ich konnte trotz der
Fesseln den Fuß packen auf welchen er den Schwerpunkt legte Ein Ruck und er
stürzte nieder wobei er das Gewehr fallen ließ Im Begriffe sich
augenblicklich wieder emporzuraffen sah er wer ihn zum Falle gebracht hatte
und machte den Fehler den ihm noch zustehenden Augenblick mit mir zu versäumen
Er schleuderte sich herum fasste mich mit der Linken an der Brust und griff mit
der andern Hand nach dem Messer
    »Du lebst noch Hund« schrie er »Also zuerst noch dich«
    Es kam mir darauf an ihn beim Halse nehmen zu können darum gab ich ihm in
die Ellbogenbeuge einen Stoß welcher seinen Arm zusammenklappte und seinen
Oberkörper zu mir nieder brachte Sofort hatte ich ihn bei der Kehle und presste
sie ihm so zusammen dass es ihm alle Kraft benahm Das Messer blieb stecken
sein Körper fiel vollends nieder und seine Arme und Beine bewegten sich
krampfhaft in der Todesangst
    »Halte ihn fest Sihdi Ich bin schon da« rief da der kleine Hadschi
    Er hatte mich erreicht parierte sein Pferd sprang ab und griff auch mit
zu
    »Ich halte ihn schon fest Bindet ihn« sagte ich
    »Mit Wonne und mit Stricken« lachte er »Den lassen wir ja nicht wieder
laufen er weiß nichts als nur Unheil anzurichten«
    Nun standen auch Kara und Omar da Sie banden mir die Fesseln los welche zu
den Händen und Füßen des Scheikes hinüberwanderten auch eine unmittelbare
Gerechtigkeit Erst jetzt als ich mich aufgerichtet hatte und die Arme
streckte fühlte ich den ganzen Schmerz meiner verletzten Handgelenke
    »Allah erbarme sich« klagte Halef nun indem er rund umherblickte »Alle
Soldaten tot alle«
    »Und dort der Basch Nazyr auch« machte ich ihn aufmerksam indem ich auf
die in der schon erwähnten Blutlache liegende Leiche zeigte
    Sie lag mit dem Rücken nach oben Der Hadschi ging hin zog sie auf das
Trockene drehte sie um und untersuchte sie
    »Mich schaudert Sihdi« sagte er fast stöhnend »Warum hat er dir nicht
gefolgt Der Aermste ist ganz vom Blute durchtränkt Hier sehe ich das Loch im
Gewand Die Kugel ging ihm in die Brust grad in das Herz Und dieses Gesicht
so todesstarr und bleich Ich kann es nicht länger ansehen«
    Er wendete sich ab
    »Und nicht etwa im Kampfe erschossen sondern als gefesselter Gefangener von
dem Ghani mit Bedacht ermordet« erklärte ich
    Da sah mich Halef stumm an dann trat er zu dem Mekkaner hin und sprach
    »Ungeheuer So also dankst du es ihm und uns dass wir euch eine Nachsicht
zeigten die man fast für unmöglich halten sollte Mit dieser deiner Kugel hast
du nicht nur ihn sondern auch dich selbst erschossen Du wirst in kurzer Zeit
eine Leiche sein wie er«
    Er kehrte sich mit der Gebärde des Abscheues wieder von ihm ab betrachtete
die umherliegenden Leichen schüttelte traurig den Kopf und fuhr dann fort
    »Es ist mir als ob ich gar nicht daran glauben könne Wie ist das nur
gekommen Zwanzig zwanzig Asaker tot und doch nur der Scheik mit den Mekkanern
hier die noch dazu gefesselt sind Das ist mir unerklärlich vollständig
unerklärlich Und wie bist du in die Hand dieses Teufels gefallen welcher im
Körper des Scheikes der Beni Khalid steckt Erzähle es doch Effendi«
    »Wann kommen unsere Krieger« fragte ich
    »Sie werden gleich hier sein Unser Vorsprung vor ihnen war nicht groß«
    »So will ich mit meiner Erzählung warten bis sie da sind sonst müsste ich
sie dann wiederholen Kara mag auf die Höhe steigen und sie auf die eingesunkene
Stelle aufmerksam machen sonst geht es wenigstens den Vorderen von ihnen so
wie mir Ich bin nämlich mit dem Hedschihn abgestürzt von oben herunter bis
hierher«
    »Oh Und darum konnten sie dich erwischen nur darum«
    »Ja Ich hatte dem Kamele das Geheimnis gegeben und so entwickelte es eine
Schnelligkeit welche es mir unmöglich machte mitten im Laufe vor dem Loche
anzuhalten«
    »Und da mussten diese Halunken auch grad hier unten sein«
    »Wahrscheinlich hatten sie nur dieser Stelle wegen sich für hier
entschieden Freilich weiß ich nicht ob sie sie vorher kannten«
    »Sie werden auch stürzen und zwar nicht von da oben herunter in den weichen
Sand sondern von der Brücke des Todes hinab in El Halahk den Abgrund des
Verderbens Denn das versteht sich doch nun ganz von selbst dass wir von jetzt
an nur die größte Strenge walten lassen Blut um Blut Leben um Leben So wie
die Kerls hier liegen werden sie erschossen und dann suchen wir die Beni
Khalid auf Wir sind zwar nur fünfzig Mann aber auch wenn sie tausend zählten
würde ich nicht eher ruhen als bis für jeden ermordeten Soldaten wenigstens
zwei oder drei von ihnen tot am Boden liegen«
    Jetzt kamen unsere Haddedihn deren Kamelen man es ansah dass sie zur
größten Eile angetrieben worden waren Am meisten schwitzten und außer Atem
waren die beiden welche den Tachtirwan zu tragen hatten Dieser Ritt immer auf
und nieder war eine große Anstrengung für Hanneh gewesen die ihr aber nicht
hatte erspart werden können weil auch schon nur der Gedanke sie einstweilen
irgendwo zurückzulassen sich unter den gegenwärtigen Verhältnissen ganz von
selbst verbot
    Auf sie die Frau machte der Anblick der Leichen natürlich noch einen ganz
anderen Eindruck als auf die rauheren Männer und doch gab es auch unter diesen
wohl keinen der jetzt das Verlangen nach Rache nicht empfunden hätte
    Als alle abgestiegen waren lagerten sie sich um meine Erzählung zu hören
in einem Kreise der die Gefangenen umschloss Diese wagten kaum eine Bewegung
zu machen und gar vom Sprechen war erst recht keine Rede Auch der Münedschi
war still Er saß aufrecht und mit geschlossenen Augen da wie ein lebloses Bild
er war nach der Aufregung von vorhin wieder in seinen Zustand der
InsichselbstVersunkenheit gefallen
    Ehe ich meinen Bericht begann schickte ich einen Haddedihn auf die Höhe um
dort Wache zu stehen Da sie die andern Dünen überragte hatte er einen weiten
Fernblick und musste also jede Annäherung so rechtzeitig bemerken dass wir nicht
überrascht werden konnten Es war zwar wenigstens für jetzt kein Grund
vorhanden unsere Sicherheit für gefährdet zu halten aber wir hatten annehmen
müssen dass die Hauptabteilung der Beni Khalid sich an dem westlichen Bergeszug
befand in dessen Nähe wir umgekehrt waren Da war es denn leicht möglich dass
sie uns gesehen und beobachtet hatten Ihr Scheik war mit einer kleinen Schar
wieder nordwärts geritten und da auch wir in dieser Richtung zurückgingen
konnten sie sich denken dass wir dies in der Absicht taten ihm zu folgen Sie
wussten ihn also von uns bedroht und so wäre es eine unverzeihliche
Nachlässigkeit von ihnen gewesen wenn sie unterlassen hätten uns nachzukommen
oder uns wenigstens eine hinreichend starke Rotte nachzuschicken Hatten sie
aber dies getan so war die von mir getroffene Vorsichtsmassregel gar nicht
überflüssig zumal wir nicht wussten wohin die Begleiter des Scheikes geritten
waren deren größter Teil sich schon vor meinem Eintreffen von hier entfernt
hatte während der Rest dann nach dem Angriffe auf die Mekkaner von ihm
fortgeschickt worden war
    Meine Erzählung fand einen Zuhörerkreis der so bei der Sache war dass ich
sie sehr oft unterbrechen musste um den vielfältigen Ausrufungen des Beifalles
des Staunens des Zornes und des Abscheues Raum zu lassen Die Empörung gegen
die Mörder wuchs immer mehr und als ich geendet hatte waren die braven
Haddedihn kaum vor sofortigen Gewalttätigkeiten zurückzuhalten
    Während die Stimmen der aufgeregten Leute wirr durcheinander klangen und die
Interjektionen hin und her flogen wobei niemand auf die Umgebung achtete
geschah etwas was so unerwartet und so außerordentlich war dass ich es noch
heut nach Jahren so deutlich vor mir sehe als ob es erst vor einigen Minuten
geschehen wäre Das Stimmengewirr wurde nämlich von einem lauten ja überlauten
schrillen Schrei unterbrochen Hanneh hatte ihn ausgestoßen Sie saß mit
blutleeren Wangen und weit aufgerissenen Augen da und deutete mit der Hand nach
der Gegend nach welcher auch ihr vor Schreck starrer Blick gerichtet war Wir
sahen hin Es erklangen mehrere Schreie nicht Hannehs sondern der Haddedihn
dann aber trat die tiefste allertiefste Stille ein
    Das was wir sahen wäre uns vorher so undenkbar gewesen dass unser jetziges
Erstaunen welches nahe an Schreck grenzte allerdings keiner Erklärung
bedurfte Khutab Agha nämlich der Totgeglaubte lag nicht mehr an seiner
Stelle er war aufgestanden und kam mit sehr langsamen taumelnden Schritten auf
uns zu Wir mussten uns jawohl sagen dass dies auf ganz natürliche Weise zugehe
dass sein Tod eine Täuschung gewesen sei und doch gab es wohl wenige unter uns
die sich nicht einer Art von Grauen zu erwehren hatten Wir dachten gar nicht
daran aufzustehen wir blieben alle alle sitzen so groß war der Einfluss den
das Wiederaufleben des Erschossenen auf unsere Bewegungsnerven ausübte
    Mit blutleerem Gesichte aber bluttriefendem Gewande kam er uns Schritt um
Schritt näher zuweilen den Kopf hebend den Mund öffnend und mit der Hand nach
dem Herzen greifend als ob ihm das Atmen schwer werde dabei wankte er bei
jedem Schritte wie ein Kind welches noch nicht die Fertigkeit des Gehens
besitzt Da sprang ich denn doch auf um ihn zu unterstützen Er aber hob die
Hand winkte mir ab und sagte
    »Bleib    Ich    komme    hin    zu    dir    Ich will 
  neben    neben    dir sitzen«
    Das klang so dumpf so hohl und doch so mit Gewalt herausgepresst Ich blieb
stehen bis er da war bis er bei mir stand und sich bückte um sich
niederzusetzen Er verlor dabei das Gleichgewicht und wäre vornüber gestürzt
wenn ich ihn nicht gehalten hätte Dann kam er mit meiner Hilfe zum Sitzen und
ich setzte mich an seine Seite Niemand hatte ein Wort gesagt und auch jetzt
schwiegen alle Ich hatte eine ganze Menge von Worten und Fragen auf der Zunge
behielt sie aber zurück denn ich sah ihm an dass er nicht wünschte jetzt
angeredet zu werden Woran ich das merkte das weiß ich nicht mehr oder hätte es
vielleicht auch schon damals nicht sagen können Er hatte auch ganz abgesehen
von seiner blutigen Kleidung etwas Fremdes Geisterhaftes an sich was keine
Neugierde aufkommen ließ sondern zum Schweigen mahnte Wenn er sprach bewegte
er bloß die Lippen das Mienenspiel schien erstarrt zu sein Auch seine Augen
waren nicht dieselben wie vorher sie hatten das Aussehen als ob ihr Blick vor
Angst vor Entsetzen gestorben sei
    Ich suchte die Stelle wo die Kugel eingedrungen war Das Loch befand sich
genau in der Gegend des Herzens Da musste er doch tot sein Und doch war zwar
die Kleidung blutig aber es schien kein Tropfen mehr zu fließen Jetzt wendete
er mir das Gesicht zu und sagte mit tonloser Stimme
    »Effendi ich war dort«
    »Wo« fragte ich indem ich eine Art von Grauen fühlte
    »Dort«
    Er senkte den Kopf hob ihn nach einer Weile wieder und fügte hinzu
    »Wo der Münedschi mit Ben Nur war«
    »In der Phantasie«
    »Nein wirklich«
    »Das kann doch nicht sein«
    »Es ist so Effendi Ich bin soeben erst von dort zurückgekommen Da wachte
ich auf und sah mich im Blute liegen Es fiel mir ein dass ich erschossen worden
bin und fragte mich ob ich gestorben oder lebend sei Ich dachte nach und da
kam ich zu der Überzeugung dass ich nicht mehr tot sei denn ich bin ja nur
wieder ich allein und nicht mehr ich und mein Leib«
    »Ich verstehe dich nicht«
    »Vielleicht lernst du mich erst dann verstehen wenn du gestorben bist Ich
weiß nicht wie ich es deutlich machen soll Mein Sterben war folgendermaßen «
    Er legte wieder beide Hände auf das Herz holte tief und schmerzlich
seufzend Atem und fuhr dann in der Weise fort wie er auch bis zu Ende sprach
nämlich als ob ein schwerer Druck auf ihm auf seinem ganzen Innern und auch auf
seiner Stimme liege
    »Ich sah dich mit den Beni Khalid ringen ich sah dass der Ghani seine
Pistole auf mich richtete und schoss ich hörte den Schuss und fühlte die Kugel in
mein Herz dringen Doch schnell war dieser Schmerz vorüber denn nur der Körper
fühlt diese Art von Schmerz ich aber war nicht mehr in ihm sondern ich stand
als Seele bei ihm Ich sah ihn liegen ich sah euch alle dieses Tal die
beiden Höhen den Himmel darüber die Mekkaner die Beni Khalid ihre Kamele
dein Kamel und auch dich selbst der seine Füße befreit hatte und den sie nun
wieder banden«
    »Das das hast du gesehen« fragte ich betroffen
    »Ja«
    Was sollte ich da denken Der Schuss der ihn niederwarf war ja schon längst
gefallen als ich wieder gefesselt wurde Wie also konnte er davon wissen
Totgestellt hatte er sich doch jedenfalls nicht Man denke mit der Kugel im
Herzen Und nur erraten konnte er es auch nicht denn ich war ja nicht mehr
gebunden Überhaupt war es mir wenn ich ihn so neben mir sitzen sah und in
dieser Weise sprechen hörte ganz und gar unmöglich anzunehmen dass er uns auch
nur mit dem geringsten Worte täuschen wolle
    »Ja« fuhr er fort »ich stand mitten unter euch und sah meinen Körper
meine Leiche liegen Ich war also Seele als Mensch gestorben als Seele aber
weiterlebend«
    »Konntest du diese deine Seele also dich selbst sehen«
    »Ja denn ich besaß alle meine Sinne noch und mein Seelenkörper glich ganz
genau dem irdischen ganz genau bis auf das einzelne Haar meines Bartes und den
Nagel meines kleinen Fingers Vor dem Tode fürchtete ich mich nicht vor ihm ich
war voller Mut und bot der Waffe des Ghani ruhig meine Brust Kaum aber war mein
Körper tot so erfüllte mich der Gedanke gestorben zu sein mit Entsetzen Ich
dachte an die Mauer mit den vielen Todespforten    Allah w Allah kaum hatte
ich an sie gedacht so war ich schon dort Während der Mensch auf Erden nur
langsam zur Einsicht kommt gelangte ich da ich nun Seele war nicht nach und
nach sondern sofort zu der Erkenntnis zu der Überzeugung dass Gedanke und
Tat Wunsch und Wirklichkeit in jenem Leben nur eins nicht zweierlei ist Kaum
dachte ich an Es Setschme den Ort der Sichtung hinter jener Mauer so war ich
auch schon da Und als mir El Mizan die Wage der Gerechtigkeit einfiel stand
ich auch schon vor derselben Was Ben Nur dem Münedschi zeigte muss ein Gesicht
eine Übertragung gewesen sein denn in Wirklichkeit vollzieht sich alles viel
viel schneller ja mit Gedankenschnelligkeit Nur die Zeit vor der Wage dünkte
mir eine Ewigkeit eine ganze ganze Ewigkeit zu sein Mich schauert noch in
diesem Augenblick vor ihr«
    Er schüttelte sich und das war nicht bloß ein Schütteln des Körpers
sondern nach innen hinein wobei die Blässe seines Gesichtes ganz erschrecklich
wurde Was sollte ich von ihm und von dem was er sagte denken War er nur
betäubt gewesen wie ich nach meinem Sturze von der Höhe Ich hatte da das
Gefühl eines unaufhörlichen Fallens gehabt Hatte da vielleicht ein ähnliches
Gefühl in ihm ihm die jenseitigen Orte vorgegaukelt deren Namen ihm seit
unserer Szene mit Ben Nur im Gedächtnisse standen Aber nur betäubt das konnte
ich mir gar nicht denken Es war kein Zweifel daran zu setzen dass ihn die Kugel
getroffen hatte und zwar in das Herz Ich selbst sah ja das Loch in seinem
Gewande Um mir Klarheit zu verschaffen sprach ich jetzt die Bitte aus
    »Du hast viel geblutet und blutest wohl jetzt noch Erlaube mir dass ich vor
allen Dingen einmal nach deiner Wunde sehe«
    »Warte jetzt noch« antwortete er »Das Bluten hat aufgehört Ich habe
keinen Schmerz Was ich fühle ist nichts als ein Druck der mir das Atmen
erschwert Wahrscheinlich verblute ich mich sobald die Wunde wieder berührt
wird aber doch ist mir auch gesagt worden dass ich noch länger leben muss Mag
es nun das eine oder das andere sein so will ich zunächst meine Seele von der
Last erleichtern welche sich an der Wage der Gerechtigkeit mit zermalmender
Schwere auf sie gelegt hat«
    Er bat um Wasser trank als es ihm gegeben wurde einen Schluck und sprach
dann weiter
    »Der Münedschi scheint eine wirkliche Wage gesehen zu haben Vielleicht
haben bei ihm an jenem Abende die seelisch gemeinten Gegenstände eine
körperliche Gestalt angenommen Ich habe keine wirkliche Wage kein Werkzeug zum
Wiegen gesehen aber dennoch und dennoch war diese Wage da Hast du Effendi
schon einmal gehört dass in der Todesstunde das ganze ganze Leben des
Sterbenden sogar mit allem was er längst vergessen hat an ihm vorüberziehe«
    »Ja Das hat man mir schon öfters behauptet«
    »Diese Behauptung ist wahr ganz entsetzlich wahr Als ich an die Wage der
Gerechtigkeit dachte stand ich sofort vor ihr Ich wusste dass sie es war sah
sie aber nicht Ich wusste auch dass viele viele Seelen sich bei mir befanden
konnte sie aber weder sehen noch hören denn meine Seele hatte nur mit sich
selbst zu tun Ihr Denken Fühlen und Tun war mit ihr eins war sie selbst
Außer ihr gab es nichts als sie selbst und ihr vergangenes Leben Und dieses
Leben war doch auch wieder nur sie selbst Es lag nicht außerhalb von ihr nicht
in der Vergangenheit sondern sie war das Produkt und zugleich der Inbegriff
alles dessen was sie getan gedacht und empfunden hatte so wie zum Beispiel
das Meer das Ergebnis und zugleich die Summe all der unzähligen Tropfen ist
welche hineingeflossen sind Ebenso war meine Seele Die Quellen Rinnsale
Bäche Flüsschen Flüsse und Ströme das waren die Stunden Tage Wochen und
Jahre meines Lebens Das Wasser in ihnen das waren die der Prüfung
entgegenfliessenden zahllosen Tropfen meiner Regungen Entschlüsse und
Ausführungen und das große Meer selbst war meine Seele in welcher jeder
einzelne dieser Tropfen lebte und sich geltend machte Es fehlte nichts kein
einziger von ihnen allen So war ich selbst dieses Meer diese Seele ich selbst
bestand aus allen diesen Tropfen für welche es kein Maß und keine Ziffer gibt
und doch erkannte ich sie alle alle alle Dieses Erkennen geschah nicht mit
dem Auge dem Ohre dem Gefühle nicht mit irgend einem Sinne denn ich stand ja
nicht außerhalb mir selbst und doch wusste ich alles und doch begriff ich
alles denn ich war ja dieses Alles selbst Ich kann euch das nicht sagen nicht
beschreiben der Ausdruck mangelt mir und indem ich vergeblich danach suche
stelle ich das jetzt Gesagte mit dem Früheren in Widerspruch Diese Unklarheit
gab es vor der Wage nicht sondern es herrschte da eine Deutlichkeit für welche
der Ausdruck zum Erschrecken viel ja viel zu wenig sagt Ich kannte jedes aber
auch jedes Wort welches ich in meinem Leben gesprochen habe mochte es nun
nützlich schädlich oder gleichgültig sein Aber diese Bezeichnung gleichgültig
ist eine irdische vor der Wage der Gerechtigkeit gibt es nichts
Gleichgültiges denn nichts keine Silbe kein Laut kann ohne Wirkung bleiben
weil er in einem Zusammenhange steht welcher unzerreissbar ist Ich kannte auch
jede noch so leise Regung meines Innern und das war fürchterlich Ich kannte
alles was ich getan hatte denn nichts gar nichts war vergessen weil es
überhaupt kein Vergessen gibt Das was wir vergessen nennen ist nur das
einstweilige Verschwinden des Einzelnen im Ganzen in der Summe aber dann wenn
dieses Ganze im Augenblicke der Prüfung durchsichtig klar und offenbar wird
muss das Verschwundene im Zusammenhange wieder erscheinen Gäbe es doch eine
Sprache die wir aber alle auch sprechen und verstehen müssten in welcher ich
euch das alles begreiflich machen könnte was zwischen dem Schusse und meinem
Erwachen in mir und mit mir vorgegangen ist Es beginnt ja schon jetzt sich in
mir selbst zu verwischen Darum eben soll vorher gar nichts geschehen und darum
sollst du Effendi nicht einmal nach meiner Wunde sehen bis ich nicht so gut
ich kann davon gesprochen habe Ich will es euch direkt und ohne Aufschub von
dem Orte der Sichtung herüberbringen Jeder Augenblick löscht mehr davon aus«
    Er hatte sehr langsam und in wiederholten Pausen gesprochen Jetzt ruhte er
sich länger aus Wir waren still denn jeder von uns hatte das Gefühl dass laute
Worte auf seinen Gedankengang störend wirken müssten Als er sich erholt und
gesammelt hatte begann er wieder
    »Es ist mir unmöglich euch das nun Folgende in der gewünschten richtigen
Weise zu sagen Es gab keine sichtbare Wage denn auch diese Wage war ich
selbst Der Gewogene die Wage und der Wägende das war in mir vereint Ich
stand vor Gericht und war zugleich der Ankläger und der Richter Es wurde jeder
aber auch jeder meiner Gedanken in mir laut Über einige wenige durfte ich mich
freuen die unendliche Zahl der andern aber machte mich erzittern Es zeigte
sich dass jeder Ton der über meine Zunge gegangen war von ewiger Dauer sei
Der irdische Klang ist nur die Wirkung der Luftbewegung ist sie vorüber so ist
er nicht mehr vorhanden Aber der seelische Teil des Menschen der in diesen Ton
gekleidet wurde um zu wirken der ist unvergänglich und bleibt ihm angehörig
für die Ewigkeit Was alles hatte ich da gesprochen Die entsetzliche
Erkenntnis dass auch nicht eine einzige Silbe vernichtet sei hätte mich zum
glühenden Wunsche der Selbstvernichtung bringen können wenn es überhaupt
Vernichtung gäbe Gegen die brausende Sündflut all dieser wieder erklingenden
Worte gibt es keine andere Hilfe als den sie übertönenden Schrei nach Gnade
Gnade Gnade Und so wachten auch all meine Taten auf Es war keine von ihnen
verschwunden denn auch sie waren Teile meines Lebens also Teile meiner selbst
Ich bestand aus ihnen sie bildeten mein seelisches Gerippe meine Muskeln
jeder Tropfen meines Blutes war eine Tat oder eine Folgerung meiner Taten Ich
konnte also jede von ihnen selbst die geringste in mir nach ihrem Wert oder
Unwert empfinden Und da war ich denn so voller Aussatz und voller Schwären dass
ich der ich doch berufen war ein Ebenbild Gottes zu sein in fürchterlichster
Angst mir sagen musste dass es besser für mich gewesen wäre gar nicht gelebt zu
haben So sprach die Wage Sie musste so sprechen weil meine Seele also ich
selbst zwar ein Dasein aber kein Leben gelebt hatte Das einzige Licht der
Seele ist die Liebe die einzige Nahrung der Seele ist die Liebe die einzige
Luft welche sie zu atmen vermag ist die Liebe In Liebe soll sie sich kleiden
sich mit Liebe schmücken und wenn sie in Liebe tätig gewesen ist soll sie
auch in Liebe ruhen Mein Dasein aber hatte nur mir gegolten ich war liebeleer
gewesen und hatte also nicht gelebt Und was ich als Leben bezeichnet hatte das
war eine Aufeinanderfolge von Gedanken Worten und Taten gewesen die mich
jetzt hinab in den Abgrund des Verderbens ziehen mussten Ich brach zusammen und
stöhnte in meiner Angst und Not O hätte ich Liebe gehabt mehr Liebe mehr
Liebe Könnte ich noch einmal zurück wie wollte ich lieben und leben wie
wollte ich leben und lieben Und kaum hatte ich das gesagt so wurde es licht um
mich her eine helle Gestalt stand neben mir sie fasste mich an der Hand und gab
mir den himmlischen Trost Dein Gebet sei erhört denn der letzte Tag deines
Erdenlebens ist Liebe gewesen Liebe selbst für den Feind Lebe sie weiter
diese Liebe damit wenn du hier wieder erscheinst die Wage dann anders
spreche als sie jetzt gesprochen hat Beseligt von dieser Barmherzigkeit
fragte ich ihn Bist du vielleicht Ben Nur der am letzten Tage meines Lebens
bei uns war Er lächelte gütig und sprach Hier gibt es nur Liebe die namenlos
ist und darum für ihre Boten auch keine Namen Wenn einer ihrer Strahlen sich
einen Namen gab so tat er das nur für euch Nenne mich immerhin auch Ben Nur
denn ich bringe dir das Licht um welches du hier flehtest Während er so
sprach wurden wir von einer mir unbekannten Kraft empor und über die Mauer der
Trennung hinübergetragen Ich befand mich also an seiner Hand wieder diesseits
der Sterbestunde« 
    Da er eine Pause machte fragte ich ihn
    »Das war wohl nun der Augenblick an welchem du erwachtest«
    »Nein Ich kehrte noch nicht in meinen Körper zurück sondern ich wurde mit
ihm durch eine Unermesslichkeit getragen in welcher es keine Schranken gab Ich
sah die Welten die Sonnen und die Sterne aber ich sah sie anders als ich sie
von der Erde aus gesehen hatte denn mein Auge war ja dasjenige meiner Seele
nicht das irdische welchem die Herrlichkeit durch die wir schwebten verborgen
ist Wir befanden uns in einem Oceane des Lichtes welches so rein und so klar
war dass mein Blick die fernste aller Fernen schauen konnte Ich sah dass alle
diese Welten bewohnt waren so wie die Erde das Geschlecht der Menschen trägt
Das kam mir so leichtbegreiflich so ganz selbstverständlich vor dass ich mich
wunderte früher danach gefragt und gar daran gezweifelt zu haben Ich sah dass
alle diese Kinder des Lichtes herrlich gestaltet waren und aber doch auch wieder
keine Gestalt hatten denn sie besaßen keine sich durch den Stoffwechsel immer
erneuernde und dem Tode verfallende Form sondern sie waren    sie selbst
Der Mensch aber ist so lange er seinen sich stetig verwandelnden Körper trägt
in keinem Augenblicke er selbst er ist niemals wahr diese aber waren es sie
wohnten in Wahrheit und Klarheit ja sie bestanden aus ihr Warum und auf
welche Weise ich das sah und auch so mühelos begriff das kann ich nun nicht
sagen da ich wieder in den Leib zurückgekehrt bin mein Unsterbliches ist
wieder eingehüllt in ihn und darum der Klarheit beraubt in welcher ich mich
befand Die Augen meiner Seele sind trübe geworden und mit ihnen die Gedanken
darum ist das Licht welches ich euch mitbringen möchte nun nichts als ein
Nebelschein den auch ich selbst nicht mehr durchdringen kann Dort aber gab es
eine wunderbare ununterbrochene Helligkeit die auch mich selbst durchdrang und
mir ein Gefühl des Glückes der Seligkeit verlieh welches ich nicht beschreiben
kann Darum sprach die Engelsgestalt an meiner Seite Ich halte dich an meiner
Hand und darum dringt die Wonne welche dich durchflutet zu mir herüber Was
dich jetzt durchdringt was dich umleuchtet hält und trägt es ist nicht Licht
es ist nicht Wärme nicht Äther und nicht Luft denn diese Bezeichnungen
gehören nur der Erde an es ist die Liebe Ihr kennt einstweilen fast nicht mehr
als nur das Wort noch aber nicht sie selbst in ihrer ganzen Fülle und
Unendlichkeit Ihr sprecht von Liebe und sprecht auch vom Leben doch beides ist
dasselbe nur eure Worte sind verschieden Und weil sie das Leben ist wird jede
Lebensform und jede neu entstehende Welt aus ihr geboren Hat diese Welt ihren
Zweck erfüllt die ihr anvertrauten Wesen zur Liebe zu erziehen so übergibt
sie sie der Seligkeit und löst sich auf um für dieselbe Aufgabe dann wieder zu
erstehen Dies ist der Zweck auch eurer Erdenwelt Das Dasein auf ihr soll zum
Leben soll zur Liebe werden Und dieses Ziel wird unbedingt erreicht denn was
ist euer Sträuben gegen die Allmacht dessen der es will Ob ihr es leugnet oder
eingesteht es ist doch wahr dass ihr in Liebe atmet und in Liebe lebt Die
größte Selbstsucht ist mit allen Regungen die ihr entspringen doch nichts und
nichts als Liebe wenn auch nur Liebe zu dem eigenen Ich Dass dieses Ich ohne
die andern Ichs unmöglich wäre das ist der große unwiderstehlich zwingende
Grund der im Verlaufe dessen was ihr als Zeit bezeichnet die Liebe zu sich
selbst zur Bruder und zur Menschenliebe macht Dieser Mangel an Erkenntnis
dieses Sträuben des »Ich« gegen das »Wir« umhüllt die Erde mit dem Dunkel
welches das auf ihr ruhende Auge der Seligen betrübt obgleich wir wissen dass
es sich in Licht verwandeln wird und muss Sobald wir diesem Dunkel nahen
scheide ich von dir doch höre vorher meine Bitte Lass es wenigstens in dir und
auch um dich hell werden Streu Liebe aus Je mehr die Zahl der Menschen wächst
die dieses tun desto mächtiger wirkt das Licht auch auf die andern und desto
eher erreicht das Geschlecht der Sterblichen das Ziel   die Seligkeit   
Nachdem er das gesprochen hatte war es als vermindere sich die Helle um mich
her wir kamen durch ein immermehr sich dämpfendes Licht die unermessliche
Ferne in welche ich vorher zu schauen vermochte trat mir immer näher und
näher und in demselben Masse ging mir auch die Gabe verloren die Worte des
Engels und alles was ich gesehen hatte ohne Mühe zu verstehen und zu begreifen
Das ist die Erdennähe lächelte er wehmütig Du hast die Furchtbarkeit der
»Wage« empfunden vergiss sie nicht Lass alle die wiedergeschenkten Tage so sein
wie dein letzter war dem du die Rückkehr zu verdanken hast weil er der Liebe
zu dem Feind gewidmet war Du wirst erfahren dass es die Liebe war die dich
beschützte sei ihr dankbar dadurch dass du in ihr die einzige Regentin deines
weiteren Lebens anerkennst   Ich weiß nicht sah ich ihn schwinden oder war
ich es der sich von ihm entfernte Es wurde dunkler immer dunkler um mich her
und auch in mir selbst ich sah nichts mehr ich hörte nichts mehr und fühlte
einen drückenden Schmerz auf meinem Herzen Dann als ich angstvoll lauschte
hörte ich eure Stimmen und öffnete die Augen Ich lag neben einer Blutlache und
besann mich auf alles wieder an was ich nicht mehr gedacht hatte Ich versuchte
aufzustehen und es gelang mir trotz des Druckes auf meiner Brust der mich
nicht emporlassen wollte Jetzt hat er sich vermindert es ist mir wohler
geworden Und nun ich euch erzählt habe was ich nicht aufschieben wollte weil
ich es zu vergessen befürchtete bitte ich dich Effendi nach meiner Wunde zu
sehen«
    Ich hatte ihm mit so gespannter Aufmerksamkeit zugehört dass ich mich erst
besinnen musste um seiner Aufforderung nachzukommen Er musste sich legen dann
knöpfte ich ihm die Nimtaneh149 und das Qämihs150 auf und    konnte mich
eines lauten Ausrufes des Staunens nicht erwehren Es gab keine Wunde seine
Brust war unverletzt Ich sah nur eine dunkelgefärbte unregelmäßig verlaufende
Stelle welche auf einen vorhanden gewesenen Druck schließen ließ Welch ein
Wunder Es war gar nicht anders möglich als dass sich auf der Brust ein
Gegenstand befunden hatte von welchem die Kugel aufgehalten worden war Ich
griff an die geöffnete Nimtaneh und fühlte in der Tasche einen viereckigen
Gegenstand Ich nahm ihn heraus
    »Was suchst du da« fragte er verwundert »Das ist mein Beschaïr el arba151
welches stets in der Satteltasche steckte Heute aber als ich die Stelle von
der Liebe zu den Feinden gelesen hatte tat ich es in die Brusttasche der
Nimtaneh Warum ich das tat das weiß ich nicht es fiel mir grad so ein«
    »Aber ich weiß es Dein Schutzengel war es der dir diesen Gedanken
eingegeben hat Das Buch hat dir das Leben gerettet«
    »Wie  Das Leben gerettet«
    »Ja steh auf und betrachte es Du brauchst nicht liegen zu bleiben denn du
bist gar nicht verwundet Der Schmerz den du auf der Brust fühlst ist alles
was der Schuss dir hinterlassen hat«
    Das gab nun eine allgemeine Verwunderung und eine noch viel viel größere
Freude Dschafar Mirza dem das kleine Evangelienbuch von mir geschenkt worden
war hatte es in Metall binden und ein silbernes Lesezeichen dazu fertigen
lassen Es hatte verkehrt ich meine mit der Anfangsseite nach innen nach dem
Körper zu in der Tasche des Basch Nazyr gesteckt und war von dem Geschosse also
auf die hintere Platte des Einbandes getroffen worden Da diese Platte dünn war
hatte sie der Kugel nicht genug Widerstand geleistet diese war
hindurchgeschlagen und auch so weit durch die Blätter gegangen bis das
Lesezeichen sie aufgehalten hatte Dort steckte sie noch jetzt nicht
breitgeschlagen sondern ein wenig abgeplattet Der Schuss hatte also keine große
Kraft gehabt Es war ja wie sich dann herausstellte eine Pistole alter
Konstruktion und wahrscheinlich hatte auch das Pulver nicht viel getaugt So
war der durch das Buch verminderte Prall nicht einmal stark genug gewesen eine
Rippe zu verletzen Schmerzhaft freilich war die Quetschung der Perser
laborierte längere Zeit daran
    Das Buch ging natürlich aus einer Hand in die andere denn jeder wollte es
nicht nur sehen sondern auch genau betrachten Als dies geschehen war ließ ich
es mir wieder geben und sah nach der Seite in welcher das Zeichen gesteckt
hatte Welch eine Fügung Ja eine Fügung war es denn Zufall gibt es nicht für
mich Die Kugel war fast durch das ganze Buch gedrungen denn das Lesezeichen
hatte fast ganz vorn nämlich in der Bergpredigt im fünften Kapitel des
Mattäus gesteckt wo durch den verbogenen Rand des Zeichens ein kleiner
Einschnitt entstanden war welcher die letzte im Buche sichtbare Wirkung des
Schusses bildete Und wo befand sich diese Stelle Ich hielt sie dem Perser hin
und bat ihn
    »Lies«
    »Warum« fragte er
    »Das nachher Jetzt aber lies«
    »Es ist dasselbe was ich heute früh gelesen habe Ich aber sage euch
Liebet eure Feinde tut Gutes denen die euch hassen und betet für die welche
euch verfolgen und verleumden auf dass ihr Kinder seid eures Vaters der im
Himmel ist der seine Sonne aufgehen lässt über die Guten und die Bösen und lässt
regnen über die Gerechten und die Ungerechten Hierher habe ich das Zeichen
gelegt«
    »Und was siehst du hier grad neben diesen beiden Versen«
    »Ein kleines Loch wahrscheinlich von dem verbogenen Zeichen«
    »Ja aber für mich ist es noch mehr und auch für dich soll und muss es noch
mehr sein«
    »Was«
    »Du hast mir gesagt dir sei heut früh der Gedanke gekommen dass wir viel zu
gütig gegen unsere Feinde gewesen seien um dieser deiner Schwachheit Kraft zu
verleihen habest du hier diese Stelle aufgeschlagen und gelesen Das ist doch
so«
    »Ja so ist es«
    »Nun hier steht der Befehl Liebet eure Feinde Vorhin erzähltest du der
Engel wünsche dass dein ganzes noch folgendes Leben so sei wie der letzte hier
vergangene Tag Und hat er nicht auch ausdrücklich gesagt dass es die Liebe sei
welche dich beschützt habe«
    »Ja das war eines seiner Abschiedsworte«
    »Nun der Drang nach dem Gebote der Feindesliebe gab dir dieses Buch in die
Hand Aus Gehorsam für dieses Gebot schlugst du diese Stelle auf und legtest das
Zeichen hinein Grad bis hierher ist die Kugel gedrungen Hier an dem Worte der
Liebe hat sie ihre Macht verloren Ist das ein Zufall«
    »Allah Allah Nein gewiss nicht«
    »Ich denke das auch Und jetzt fallen mir meine Worte ein welche ich dir
über das Evangelium sagte kurz ehe du erschossen werden solltest Kannst du
dich besinnen«
    »Nein«
    »Ich versicherte dir dass Gott welcher von dir die Liebe zu den Feinden
fordere auch die Macht habe dich grad durch diese Liebe zu retten Ich sagte
sein Evangelium sei ein starker Schutz und Schirm selbst in der größten
Todesgefahr und vielleicht stehe dir die Hilfe näher als du denkest«
    »Ja das ist sonderbar Effendi«
    »Nicht nur sonderbar Ich sprach von dem Schutze des Evangeliums ohne eine
Ahnung davon zu haben dass dieses Buch der vier Evangelien in deiner Brusttasche
steckte Und dazu kommt noch mehr Besinne dich nur Als du davon sprachst dass
du mich im Jenseits um Verzeihung bitten werdest sagte ich dir dass ich dir
schon verziehen habe und fügte hinzu dass Gottes Hand dich noch im letzten
Augenblicke retten und sogar die Kugeln lenken könne«
    »Ich besinne mich Ja so sagtest du wirklich«
    »Und noch etwas Der Scheik sagte Meiner Hand entkommt ihr nicht so wahr
euer Es Setschme der Ort der Sichtung nichts als Schwindel ist Du behauptest
auf Es Setschme und an der Wage der Gerechtigkeit gewesen zu sein dieser Ort
ist also für dich kein Schwindel Und schau Wir sind ihm entkommen wir sind
frei während aber nun er unser Gefangener ist und uns ohne unsern Willen sicher
und wahrlich nicht entkommen wird Ist dieses wiederholte und erstaunliche
Zusammenstimmen der gesprochenen Worte mit den späteren Ereignissen Zufall«
    »Nein nein« sagte der Perser
    Und »Nein nein« riefen auch Halef Hanneh Kara und alle alle Haddedihn
    »Entweder müssen wir uns für Propheten halten« fuhr ich fort »oder wir
sind der Überzeugung dass wir unter einer allliebenden und allweisen Führung
stehen welche für uns das Unheil in Heil das Unglück in Glück verwandelt Da
wir aber nicht den Wahnsinn haben zu behaupten dass wir mit der Gabe der
Weissagung ausgerüstet seien so ist für uns nur die zweite Annahme möglich Ich
habe stets an Gottes Führung geglaubt ich werde an sie glauben und mich ihr mit
herzlicher Zuversicht anvertrauen so lange ich lebe und ich bitte euch alle
dies auch zu tun Wir stehen hier an einem Orte den wir wohl nie vergessen
werden an der Stelle eines Ereignisses welches nicht bloß für Khutab Agha
unsern Freund sondern auch für uns alle von der größten Wichtigkeit ist Wir
haben hier abermals eine Kijahma eine Auferstehung von den Toten erlebt Sie
mag uns nicht nur auf unsere einstige Auferstehung von dem leiblichen Tode
hinweisen sondern uns zu einer Auferstehung schon jetzt erwecken zu einem
Erwachen alles dessen was noch tot und fruchtlos in uns liegt zu einem
Lebendigwerden besonders der Liebe die uns gegeben ist nicht dass wir sie in
uns vergraben sondern dass wir sie von uns hinausstrahlen lassen auf jedermann
auf Freund und Feind der mit uns in Berührung kommt Ihr habt durch den Mund
des Basch Nazyr die Worte seines Engels gehört welcher sagte dass dies der Weg
sei zum klaren Lichte zum wirklichen Leben und zur Seligkeit Und in diesem
Sinne wollen wir uns jetzt zusammensetzen um Gericht zu halten über die
welche sich so schwer gegen uns vergangen haben dass sie nach dem Gesetze der
Wüste nur den Tod erwarten dürfen«
    Es antwortete hierauf niemand Selbst mein kleiner sonst so sprechfertiger
Halef war still Die allgemeine Stimmung zeigte überhaupt einen Ernst ich
möchte sagen eine Feierlichkeit welche in diesem Grade und bei diesen Menschen
nur bei höchst seltenen Gelegenheiten zu bemerken war Mochte die Quelle aus
welcher die Reden und Darstellungen des Persers geflossen waren sein welche
sie wolle der Eindruck war ein ebenso tiefer wie nachhaltiger Der Orientale
ist für ein solches Hereinragen des Übersinnlichen in das Sinnliche ganz
besonders empfänglich und ich bin überzeugt dass ein Abendländer der dem Basch
Nazyr zugehört hätte wohl schwerlich so unverständig gewesen wäre über ihn und
seine Erzählung zu lächeln Ich bin ja auch kein Orientale und das Leben hat
mich gelehrt allem was mir unbekannt erscheint zunächst kühl und forschend
gegenüberzutreten aber das was wir erst von Ben Nur und nun von dem Perser
gehört hatten kam mir denn doch nicht wie das ausschliessliche Produkt eines
kranken Gehirns oder wie die innere Folge eines äußerlichen Druckes auf die
Herzgegend vor Der Gelehrte wird zwar da gleich von Krankheit sprechen Ja
krank war der Münedschi das ist nicht zu leugnen und den Basch Nazyr hatte gar
eine Kugel hingestreckt aber der letztere war nach seinem Erwachen aus der
Ohnmacht geistig völlig gesund und klar und was den ersteren betrifft so gibt
es mehr als genug Gelehrte sogar echte richtige Zunftgelehrte welche
behaupten es sei nicht durchgängig wahr dass eine kräftige Seele nur in einem
kräftigen Körper wohnen kann sondern es habe sich umgekehrt sehr häusig
erwiesen dass die Seele erst und grad dann ihre Kräfte und Tätigkeiten
entfalten könne wenn die körperlichen Banden in denen sie gefesselt ist
schwach und darum weniger hinderlich geworden sind
    Was unsere Gefangenen betrifft so hatten auch sie alles gesehen und alles
gehört Das Erwachen des Persers hatte bei ihnen gewiss dasselbe Erstaunen
hervorgebracht wie bei uns Höchst wahrscheinlich freuten sie sich nun
desselben denn sie glaubten wohl der Umstand dass die Kugel unschädlich
gewesen sei müsse uns zur Milde stimmen Gesagt aber hatte keiner von ihnen
etwas kein einziges Wort Der Münedschi saß mit geschlossenen Augen bei ihnen
er rührte sich nicht und wenn er ja einmal eine Bewegung machte so war es
diejenige des Rauchens obgleich er seine Pfeife nicht in den Händen hatte Was
mit ihm geschehen werde das hing ganz von dem Schicksale seiner Mekkanischen
Gefährten ab
    Dem Perser konnte ich in unserer gegenwärtigen Lage nur eine kalte Kompresse
raten welche von Zeit zu Zeit erneuert wurde Er war schon sonst ein ernst
angelegter Mann jetzt nun schien sich dieser Ernst verdoppelt zu haben und ich
will gleich bei dieser Gelegenheit bemerken dass während unsers ganzen späteren
Beisammenseins nur sehr selten ein Lächeln auf seine Lippen kam Die Wirkung der
»Wage der Gerechtigkeit« welche er so oft er von ihr sprach eine entsetzliche
nannte war keine vorübergehende bei ihm
    An der Beratung über die Strafe welche die Schuldigen treffen sollte
hatten folgende Personen teilzunehmen Halef Kara der Perser Omar Ben Sadek
und ich Es galt vor allen Dingen festzustellen wer sich an dem Kampfe gegen
die Soldaten beteiligt hatte Khutab Agha behauptete gesehen zu haben dass
nicht bloß die Beni Khalid sondern auch die Mekkaner geschossen hätten Um sich
Gewissheit zu verschaffen ging Halef hin zu ihnen und fragte den Ghani
    »Hast du auf die Soldaten geschossen«
    »Nein« antwortete er
    »Dein Sohn«
    »Nein«
    »Einer deiner andern Gefährten«
    »Auch nicht Warum hätten wir uns an dem Kampfe beteiligen sollen Es waren
ja genug Beni Khalid da«
    »Glaubt ihm nicht« rief da der Scheik dazwischen »Er hat gar wohl
geschossen und zwar mehrere Male«
    »So« meinte Halef »Sein Sohn etwa auch«
    »Ja«
    »Und die andern«
    »Diese ebenso Sie haben alle geschossen alle Nun aber sind sie so feig
es zu leugnen«
    »Und du sagst diese dir vom Teufel eingegebene Lüge um nicht der einzige zu
sein den die Strafe trifft Du willst uns mit dir ins Verderben ziehen« rief
der Ghani
    Der Scheik antwortete ihm wieder und so entspann sich ein Hin und Her von
Schimpfworten dem ich dadurch ein Ende machte dass ich ihnen befahl
    »Seid still Ich werde gleich sehen wer die Wahrheit sagt«
    Ich untersuchte ihre Flinten Sie waren alle geladen aber auch ebenso alle
vor kurzem abgeschossen worden Um aber doch ganz sicher zu gehen richtete ich
die Frage an den Ghani
    »Eure Flinten sind noch geladen das spricht für euch denn der Kampf ist
sehr kurz gewesen und wenn ihr euch an ihm beteiligt hättet so wären die Läufe
leer Ist es so«
    »Ja ja so ist es Du hast das richtige getroffen Effendi« antwortete er
    »Was hättet ihr auch jetzt oder in den letzten Tagen zu schießen gehabt Ich
wüsste nichts«
    Er ließ sich wirklich durch den beistimmenden Ton in welchem ich dies
sagte irre machen und antwortete
    »Nichts gar nichts Effendi Wir haben weder gejagt noch sonst eine
Gelegenheit zum Schießen gehabt«
    »Wirklich nicht«
    »Nein«
    »Auch nicht auf eurem gestrigen Wege vom Brunnen weg nach Südwest und dann
hierher«
    »Nein Du siehst also dass wir unschuldig sind«
    »Ich sehe vielmehr dass ihr schuldig seid Es sind alle eure Flinten erst
vor kurzem abgeschossen worden und da du mir jetzt soeben bewiesen hast dass
dies nirgends anderswo geschehen ist so ist es hier geschehen«
    Da lachte der Scheik höhnisch auf und rief ihm zu
    »Dummkopf Hörtest du es denn diesem Effendi aus dem fernen Westen nicht an
dass er von vorn ganz ungefährlich tat weil er dich von hinten packen wollte
Das ist ein schlauer Teufel an den du nicht reichtest auch wenn du das Gehirn
von hundert solchen Kerlen wie du bist unter deinem Schädel hättest Nun hat
er dich gefangen und ich habe recht behalten Ich wiederhole und ich mache
keine Lüge ihr habt vier oder fünf von den Soldaten erschossen Ich gebe mein
Wort darauf und da ist es wahr«
    Der Ghani war nun still und das genügte Wir setzten uns zusammen Die
Haddedihn lauschten damit ihnen kein Wort entgehen möge Auch Hanneh hatte sich
aus demselben Grunde ganz in unserer Nähe niedergelassen Ihr liebes gütiges
und dabei doch so kluges Gesicht strahlte vor Stolz ihren Sohn zum erstenmale
in der Dschemmah der »Versammlung der Ältesten« nicht nur zu wissen sondern
sogar zu sehen und sprechen zu hören Sein Vater war nicht weniger von
Genugtuung erfüllt Er selbst gab sich sehr ernst und würdevoll was ihm dem
Jüngling gar nicht übel stand
    Halef ergriff zuerst das Wort Die Anwesenheit seiner Frau und seines Sohnes
war für ihn eine sehr zwingende Ursache eine seiner berühmten Reden zu halten
Ich kann sie hier übergehen und bringe nur den Schluss
    »Ihr wisst wie gerne ich meine Peitsche sprechen lasse aber nach dem was
wir von Ben Nur vernommen haben bin ich gewillt ihr von jetzt an weniger als
früher das Wort zu geben und hier wo es sich um den Tod von soviel Menschen
und auch außerdem um eine ganze Anzahl von Sünden und Verbrechen handelt hat
sie überhaupt zu schweigen Eine Untersuchung ist nicht notwendig denn die
Taten liegen offen und deutlich vor unsern Augen Es kann sich nur um den Tod
handeln Den haben sie mehr als verdient Stimmen wir schnell ab Das ist zwar
nur eine Förmlichkeit die aber doch erfüllt werden muss Dein Urteil Sihdi«
    »Ich will der Letzte sein« antwortete ich
    »So mag es nach der Reihe gehen Khutab Agha du sitzest neben mir Also
sag Nicht wahr den Tod«
    Der Perser sah in die Weite hinaus als ob er von dorther einen Rat erwarte
Dann antwortete er
    »Nein«
    »Was   wie   Nicht den Tod« rief Halef erstaunt
    »Nein«
    »Was sonst«
    »Ich begnadige sie Sie mögen laufen Ich weiß dass sie der Strafe nicht
entgehen werden nicht entgehen können aber ich will nicht derjenige sein der
das Tuch über ihnen zerreißt«
    »Das soll ich für Ernst nehmen«
    »Es ist mein Ernst Und nun bitte ich dich mich nicht weiter zu drängen
Ich habe die Wage kennen gelernt und will erst selbst besser werden ehe ich
über andere richte«
    »Ich kann dich nicht zwingen und wünsche nur dass du es nicht bereuen magst
Jetzt du Omar Ben Sadek«
    »Ich stimme für den Tod«
    Das sagte er fest und streng und weiter kein einziges Wort
    »Jetzt du Kara Ben Halef mein Sohn« fuhr der Hadschi fort
    Es war ein jugendlich helles gutes freundliches Auge welches Kara jetzt
auf mich richtete Dass er grad mich ansah das war mir erklärlich denn ich
wusste ja dass er schon als Knabe stets gesagt hatte er werde sich alle Mühe
geben so zu sein wie Kara Ben Nemsi Effendi Ich war selbst auch neugierig auf
das Wort welches wir aus seinem Munde hören würden
    »Ich begnadige sie auch« klang es mild und doch so fest
    »Allah Du auch mein Sohn« fragte Halef »Wahrscheinlich hast du es dir
nicht recht überlegt«
    »Ich habe es überlegt Allah verlangt Liebe und ich gebe sie ich werde sie
geben so lange ich lebe«
    Da konnte ich nicht anders Ich langte zu ihm hinüber und drückte ihm die
Hand Und von dem Platze her wo seine Mutter saß erklang der anerkennende Ruf
    »Kara mein Sohn sässest du jetzt nicht in der Versammlung der Ältesten
ich würde jetzt kommen und dich küssen«
    Er errötete denn geküsst zu werden wenn auch von der Mutter ist etwas
wovon in der würdevollen Dschemmah nicht gesprochen werden darf
    »Nun habe ich mein Wort zu sagen« erklärte Hadschi Halef »Ich stimme
natürlich für den Tod und füge hinzu dass das Urteil sofort zu vollstrecken ist
denn wir haben keine Zeit zum langen nutzlosen Verweilen hier Jetzt bist noch
du als der letzte übrig Effendi Es sind zwei Stimmen für und zwei Stimmen
gegen den Tod Bei dir liegt also die Entscheidung Darf ich vorher noch ein
Wort sagen«
    »Ja doch kurz«
    »Ich sehe nämlich ein dass wir uns in Gefahr befinden Taten welche
gradezu zum Himmel schreien unbestraft zu lassen Das hat Ben Nur nicht gesagt
und auch nicht gewollt Er hat von Richtern gesprochen welche selbst in dem
ärgsten Verbrecher noch den Menschen suchten um ihrem Urteile Milde verleihen
zu dürfen aber dass ein zwanzigfacher Mord keine Strafe finden soll dass wir
diese Menschen nach all den schweren Plänen und Anschlägen die sie gegen uns
hegten und nur deshalb nicht zur Vollendung bringen konnten weil wir klüger
erfahrener und vorsichtiger sind als sie freizulassen haben das will selbst El
Mizan nicht die Wage der Gerechtigkeit Was wird geschehen wenn wir ihnen
nicht die verdienten Kugeln geben Sie reiten fort und lauern uns wieder auf
Und können sie uns nichts anhaben so leben sie in ihrer Weise weiter und alle
schlechten Taten welche sie dann begehen haben wir zu verantworten und zu
tragen wenn wir dereinst durch die Pforte des Todes gehen Wenn ich mir Mühe
gebe ein guter Mensch zu sein so will ich mich ja hüten nicht etwa durch
meine eigenen sondern durch die Taten anderer doch noch hinabgerissen zu
werden in den Abgrund des Verderbens Das habe ich geglaubt noch sagen zu
müssen und das gebe ich besonders dir zu bedenken Effendi Überlege es dir
wohl ehe du das letzte entscheidende Wort auf die Lippen nimmst«
    Der Hadschi hatte in seinem Leben wohl viel Überflüssiges gesprochen das
jetzt aber war wie mir schien ein Wort zur rechten Zeit Ich gestehe dass auch
ich beabsichtigt hatte Gnade walten zu lassen nicht etwa aus falscher
Liebesduselei oder um meinen Standpunkt als Christ besonders hervortreten zu
lassen sondern aus dem Grunde welcher für mich in dem Namen lag Ben Nur Ich
sage aufrichtig dass ich noch unter dem Eindrucke seiner Reden stand und grad
hier nicht fern dem Orte an welchem er gesprochen hatte widerstrebte es mir
das Blut von sechs Menschen zu vergießen welche mochten sie auch noch so
schlecht gehandelt haben doch die Entschuldigung für sich hatten Angehörige
einer Bevölkerung zu sein welche den Raub als eine Art ritterliches Handwerk
betrachtet Aber die ernste und sehr begründete Vorstellung Halefs war zu
beherzigen Ich überlegte Leider sollte nur eine Strafe geltend sein die
Todesstrafe Wäre diese Bedingung nicht gemacht worden so hätte sich wohl ein
Weg oder ein Mittel finden lassen die Sühne ohne Blutvergießen mit der Schuld
in das möglichste Gleichgewicht zu bringen Die Hauptschuldigen waren unbedingt
der Scheik und der Ghani wenn diese    ja das war es Auf diese Weise
konnte ich hier der Strenge und dort der Milde gerecht werden diese beiden
sollten bestraft die andern aber begnadigt werden Als Halef dem mein
Nachsinnen zu lange dauerte mit einem »Nun Effendi« drängte beschloss ich
demgemäss zu sprechen
    Ich achtete dabei kaum darauf dass der alte Münedschi aufgestanden war und
sein Gesicht doch mit geschlossenen Augen nach uns gerichtet hatte
    »Mein Entschluss ist folgender« sagte ich »der Scheik der Beni Khalid und
Abadilah el Waraka den man El Ghani nennt sollen miteinander    «
    »El Aschdar    El Aschdar    El Aschdar   « schrie da mich
unterbrechend der Münedschi mit aller Kraft seiner Stimme herüber
    Trotz der hohen Tageshitze überlief es mich eiskalt Niemand sah auf mich
aller Augen waren auf den Blinden gerichtet welcher mit hocherhobenen Händen
dastand als ob er uns vor einer großen Gefahr zu warnen habe Halef Kara
Hanneh und der Perser kannten die Bedeutung dieses Wortes denn Halef war
neugierig gewesen und mit seinen Fragen so lange in mich gedrungen bis ich ihm
gesagt und erzählt hatte warum ich kurz vor dem Zweikampfe von dem Münedschi
fortgeführt und was mir da gesagt worden war
    »El Aschdar Der Drache« sagte Halef indem er mich ganz betroffen
anschaute »Er hat es dreimal gesagt hörst du Effendi dreimal Weißt du noch
was das zu bedeuten hat«
    »Ja wohl weiß ich es« antwortete ich
    »Wenn dir der Drache droht will Ben Nur im Momente der Gefahr dreimal das
Wort El Aschdar rufen Welche Gefahr aber soll das jetzt sein Ich sehe keine«
    »Aber ich«
    »Wo«
    »Hier in unserer Dschemmah Ich stand im Begriffe eine Entscheidung zu
treffen welche nicht in und nach dem Sinne der Liebe ist Es scheint wir
sollen uns vor Blutvergießen hüten«
    »Höre Effendi werde nicht bedenklich Was kann es uns persönlich schaden
wenn wir der Gerechtigkeit Genüge tun«
    »Vielleicht ist eine persönliche Gefahr dabei vielleicht auch nicht das
ist jetzt Nebensache Die Hauptsache besteht darin dass ich vor dem Drachen der
Lieblosigkeit gewarnt worden bin«
    »Vielleicht bezieht sich diese Warnung gar nicht auf das Urteil welches wir
hier zu fällen haben«
    »Ich beziehe es darauf Horch«
    Der Blinde begann wieder zu sprechen Es war ganz unmöglich dass ein Wort
von uns zu ihm gedrungen war denn ich hatte und Halef ebenso in gedämpftem
Tone gesprochen Dennoch rief der Münedschi jetzt zu uns herüber
    »Ja es ist das Urteil gemeint streitet euch also nicht Es gibt ein
großes Gesetz der Gerechtigkeit dessen Walten euch verborgen ist Dasselbe
Gesetz stellt neben die Gerechtigkeit die Gnade Wenn die Gnade spricht ist die
Gerechtigkeit erfüllt Ihr habt euch zu Richtern gesetzt des vergossenen Blutes
wegen dessen Lachen ich hier starren sehe Wer unter euch besitzt das Recht
dazu Nur einer denn den andern haben diese Toten fern gestanden Und dieser
eine hat sich für das Wort der Gnade entschieden Woraus schöpft ihr andern nun
die Pflicht die Ausführung seines dem Himmel wohlgefälligen Entschlusses
unmöglich zu machen Ruft das was euch getan wurde eine blutige Rache heraus
Es ist El Aschdar dessen Stimme ich in eurem Urteile höre Vermesst euch nicht
in den Gang der höheren Gerechtigkeit einzugreifen Sie hat die Faust schon hoch
erhoben zum wohlverdienten Schlage Wenn ihr sie stört trifft dieser Schlag
euch darum weicht zurück jetzt ist noch Zeit dazu Der Mund der die
Berechtigung dazu besitzt hat Gnade ausgesprochen nun lasst sie walten Ich
fordere es von euch«
    Das war mit der Stimme Ben Nurs nicht mit der gewöhnlichen des Münedschi
gesprochen worden Nun setzte sich der Blinde wieder nieder und war ganz so
teilnahmlos wie vorher ein Werkzeug welches nicht weiß was es getan hat
    Halef holte tief Atem und sah mich bedenklich an
    »Effendi du hast es gehört« fragte er
    Ich nickte
    »Und auch verstanden«
    »Wahrscheinlich Sag Halef wer war wohl mit dem gemeint welcher allein
zum Urteile berechtigt ist«
    »Hier Khutab Agha«
    »Ja Und es ist richtig Gehen wohl uns die Soldaten etwas an Sind wir ihre
Vorgesetzten ihre Offiziere gewesen«
    »Allerdings nein«
    »Sie gehörten zu Khutab Agha nicht zu uns«
    »Aber sie sind mit uns zusammengetroffen sie waren unsere Gefährten und so
haben wir sie zu rächen So lautet das Gesetz der Wüste nach welchem wir uns
hier richten müssen Effendi«
    »Ja sie waren unsere Gefährten Khutab Agha aber war ihr Gebieter darum
steht seine Bestimmung über der unserigen Ich weiß jetzt genau was ich zu tun
und was ich zu sagen habe«
    »Nun was«
    »Ich stimme für Gnade«
    Er senkte den Kopf die andern waren alle still Dann als er ihn wieder
hob war in seinem Gesichte keine Spur von Enttäuschung zu sehen er lächelte
vielmehr zustimmend indem er sagte
    »Wahrscheinlich hätte ich es auch grad so gemacht wie du Ich war für die
größte Strenge denn ich glaubte dass ich verpflichtet dazu sei da dies aber
nicht der Fall ist so soll Khutab Agha seinen Willen haben Jetzt sag mir ob
du an den Hieb glaubst Sihdi«
    »An welchen Hieb«
    »Er sprach doch von der Faust die bereits zum Schlage erhoben sei Wenn wir
sie stören soll er uns treffen Das scheint eine Prophezeiung zu sein Ob sie
sich wohl in Erfüllung setzt«
    »Halef bin ich allwissend Wir haben mehr zu tun als uns mit solchen
ungewissen Dingen zu beschäftigen Du weißt nun wofür ich meine Stimme
abgegeben habe Ich denke wir haben nichts weiter zu beraten«
    »Ja Ich erkläre die Dschemmah für beendet und geschlossen Die Mörder sind
begnadigt weil nicht wir es sind welche den Tod der Soldaten zu rächen haben
Und was die Halunken gegen uns gesündigt haben das wollen wir aus dem Buche der
Vergeltung streichen sie sind ja arme machtlose Würmer gegen uns«
    Die Haddedihn hörten das Es war keiner unter ihnen der durch ein Wort oder
auch nur durch irgend ein Zeichen zu verstehen gegeben hätte dass er mit diesem
so unerwarteten Ausgange der Beratung nicht einverstanden sei Erstens verbot
ihnen das die Achtung die sie uns ja nie versagten und zweitens standen sie
unter dem Einflusse der Rede welche der Münedschi gehalten hatte Er galt bei
ihnen für das was auch sein Name bedeutete für einen Wahrsager und die
Drohung mit der schon erhobenen Faust hatte einen ganz besonderen Eindruck auf
sie gemacht
    Unsere Herren Verbrecher aber hatten von unserem Entschlusse nichts gehört
Als sie sahen dass wir aufstanden ruhten ihre Blicke mit ängstlicher Erwartung
auf uns Halef ließ es sich natürlich nicht nehmen ihnen die betreffende
Mitteilung selbst zu machen Er trat zunächst vor den Ghani hin nahm seine
allerfreundlichste Miene an und fragte ihn
    »Mein heissgeliebter Milch und Waffenbruder was denkst du wohl was über
dich den Liebling des Grossscherifes beschlossen worden ist«
    Der Gefragte sah ihn forschend an Er wusste nicht was er aus dieser
plötzlichen und so strahlend freundlichen Brüderschaft zu machen hatte
Wahrscheinlich war sie Hohn und darum zog er vor keine Antwort zu geben Halef
fuhr fort
    »Warum willst du mich denn nicht mit dem ersehnten Tone deiner Stimme
beglücken Ich schmachte nach ihm Also sei so gut und sprich«
    »Spotte nicht« würgte der Mekkaner doch hervor
    »Spotten Ich deiner Was denkst du von mir Ich kenne jedes einzelne Gesetz
der Höflichkeit und trachte stets mit Eifer danach sie zu erfüllen Du bist
als Schech el Harah der berühmte Gebieter eines ganzen Stadtviertels von Mekka
und so weiß ich was ich dir schuldig bin Dein Fuß wandelt täglich in dem
größten Heiligtum Muhammeds des Propheten und die Blicke von tausend frommen
Pilgern sehen auf deine erhabene Gestalt wenn sie über den Suq el Lehl152 oder
durch den Schib el Maulid153 spaziert Genau so bin auch ich erfüllt von
Ehrfurcht und Bewunderung für dich das unerreichbare Vorbild aller derer
welche das Glück haben dich in den Strahlen deiner unzählbaren Tugenden kennen
zu lernen Und da meinst du dass ich deiner spotte Ich bin im Gegenteile ganz
von Seligkeit erfüllt dir mitteilen zu können dass du dich über das Ergebnis
unserer Beratung freuen darfst«
    Das Gesicht des Mekkaners wurde  es gibt keinen andern Ausdruck dafür und
ich muss es also sagen  immer dümmer
    »Freuen  Wieso« fragte er
    »Wir haben alles was für dich und was gegen dich sprach sehr genau
miteinander verglichen und wohl erwogen und sind zu dem Ergebnisse gelangt dass
du unschuldig bist«
    »Ich« rief der Mekkaner
    »Ja du«
    »Unschuldig«
    »Gewiss Vollständig unschuldig«
    »Hadschi Halef das ist Schlechtigkeit von dir die allergrösste
Schlechtigkeit denn was du sagst das ist ja wirklich nichts als Spott«
    »Mein Freund wie wenig kennst du mich Es tut meinem Herzen bitter wehe
dass ich grad von dir so falsch beurteilt werde«
    »Aber un   unschuldig«
    »So unschuldig wie der Frosch daran unschuldig ist dass er im Wasser nass
wird Du bist rein unendlich rein von allen deinen Fehlern«
    Der Ghani stieß ohne auf die Doppelzüngigkeit dieser letzten Worte zu
achten sondern nur an das was er getan hatte denkend den Einwand hervor
    »Ich habe aber doch auf den Perser geschossen«
    »Ja das hast du allerdings Nun sag in welcher Absicht du das tatest«
    »Ich wollte ihn töten«
    »Schön Aber ist er tot«
    »Nein er lebt«
    »Bist du daran schuld dass er lebt«
    »Nein«
    »So liegt die Sache doch so klar wie sie klarer gar nicht liegen kann Sei
so herablassend mir noch zu sagen Bist du schuld an seinem Tode«
    »Nein Er ist ja gar nicht tot«
    »Nun so denke doch nach Du bist nicht schuld an seinem Tode und du bist
nicht schuld daran dass er noch lebt also bist du nicht nur überhaupt
unschuldig sondern sogar doppelt unschuldig«
    Die Verblüffteit des Ghani hatte jetzt ihren höchsten Grad erreicht Er
wusste nicht was er sagen könne ohne sich lächerlich zu machen und zog es
darum vor zu schweigen und zu warten
    Halefs Gesicht strahlte vor Vergnügen Er fuhr freundlich fort
    »Da also erwiesen ist dass nicht die geringste Schuld auf dich fällt so
haben wir kein Recht dich länger festzuhalten und ich bitte dich um dein
gütiges Einverständnis dass ich dich befreie«
    »Allah Allah«
    Ein weiteres Wort als diesen Ausruf fand er nicht Halef bückte sich nieder
und band die Fesseln los Da sprang der alte Sünder freilich augenblicklich auf
und rief in frohestem Tone
    »Also frei frei Wirklich frei«
    »Ja Du siehst und fühlst es doch«
    »Und keine Strafe«
    »Nein denn Unschuldige bestrafen wir nicht«
    »Und mein Sohn«
    »Wird auch frei«
    »Wann«
    »Sofort«
    »Und meine andern Gefährten«
    »Ebenso Wenn du mir eine Liebe erweisen willst so befreie sie selbst von
ihren Banden Du wirst dir dadurch ihre Dankbarkeit erwerben«
    Das ließ sich der Ghani freilich nicht zweimal sagen Er kniete sofort
nieder und machte sich mit vor freudiger Aufregung zitternden Händen an die ihm
so willkommene Arbeit Als sie beendet war und seine Leute den freien Gebrauch
ihrer Glieder wieder erhalten hatten holte er tief tief Atem und fragte
    »Dürfen wir aber auch fort«
    »Jawohl« nickte Halef
    »Wann«
    »So bald wie möglich am liebsten gleich jetzt«
    »Mit allem was uns gehört«
    »Ja Wir sind keine Räuber«
    »Und wie steht es mit dem Kanz el Ada«
    Da bekam das Gesicht Halefs plötzlich einen ganz andern Ausdruck Er riss die
Peitsche aus dem Gürtel und antwortete in drohendem Tone
    »Mensch Kerl Halunke Sag dieses Wort nur noch ein einziges Mal so
zerhaue ich dir das Gesicht dass die Fetzen bis nach Mekka fliegen Eine solche
Frechheit ist noch nie auf Erden vorgekommen«
    »Verzeih verzeih Ich glaubte ich müsse doch wenigstens eine Erwähnung
davon tun«
    »Und ich glaube oder ich bin vielmehr davon überzeugt dass unsere Nachsicht
nur bis hierher aber keinen Schritt weiter geht Schlägst du dir den Kanz el
Ada nicht vollständig aus dem Kopfe so wird er dir trotz aller unserer
Barmherzigkeit doch noch zum Verderben«
    »Ich verzichte ich verzichte Wir dürfen uns also unsere Waffen nehmen«
    »Ja Aber unsere Gewehre werden auf euch gerichtet sein bis ihr aus unsern
Augen verschwindet Und schlagt euch ja auch alle weiteren Pläne gegen uns aus
den Köpfen Von diesem Augenblicke an bringt euch die kleinste Bewegung eines
Fingers die ihr gegen uns wagt den Tod Weiter habe ich euch nichts zu sagen«
    Wir hatten den Kanz el Ada natürlich schon längst an uns genommen und uns
auch überzeugt dass nichts davon fehlte Die Mekkaner nahmen den Blinden auf und
gingen mit ihm zu ihren Kameraden Er war geistesabwesend und ließ sich führen
ohne zu wissen was geschah Sie beeilten sich außerordentlich in die Sättel zu
kommen denn sie mochten dem Landfrieden doch nicht recht trauen Ihrem Anführer
aber fiel ehe er aufstieg noch etwas ein Er kam eilfertig zu Halef gelaufen
und richtete an ihn die Frage
    »Wie steht es aber nun mit dem Scheik der Beni Khalid«
    »Warum fragst du« antwortete der Hadschi
    »Weil ich wissen möchte was ihr über ihn beschlossen habt«
    »Geht dich das etwas an«
    »Sehr viel sogar Er hat den Tod verdient Was er gegen euch unternommen
hat das wisst ihr ja ebenso genau wie ich Schon das muss ihn um das Leben
bringen Aber außerdem wollte er auch uns hier ermorden um sich in den Besitz
des Schatzes zu setzen Ich brauche das nicht zu beweisen denn der Effendi aus
Wadi Draha hat alles mit angehört Darum muss ich unbedingt von euch verlangen
dass er ohne Gnade erschossen wird«
    »Ah Also unbedingt«
    »Ja«
    »Und ohne Gnade«
    »Ja«
    »Du bist also nicht bereit dich zur Milde zur Nachsicht bewegen zu
lassen«
    »Nein auf keinen Fall Er ist der größte Halunke den es gibt Er hat uns
seine Freunde betrügen und umbringen wollen Ihr habt ihn zu erschießen«
    »So Wir«
    »Ja«
    Da brauste der Hadschi zornig auf
    »So wagst du also uns zuzumuten die Henker zu sein welche deine Befehle
auszuführen haben Kerl nicht er ist es sondern du du selbst bist der größte
Halunke den es gibt Ja du bist noch mehr als das nämlich eine Bestie in
menschlicher Gestalt Wir haben dich mit Gnade und Erbarmen förmlich
überschüttet ein anderer hätte dafür Allah und uns auf seinen Knieen gedankt
und in seinem Herzen den Schwur getan von nun an ein besserer Mensch zu
werden Du aber hast als Antwort auf all diese große Liebe nur den Hass und
forderst das Blut dessen der dein Helfer war und für dich mehr ja viel mehr
wagte als er durfte Eigentlich sollten wir nun unsern Gnadenspruch
zurücknehmen aber es graut uns allen so vor dir dass wir nur den einen Wunsch
haben dich nicht mehr zu sehen Mach dich rasch fort«
    Der Ghani hatte ihm mit seinem gespannten Blicke jedes einzelne Wort
sozusagen aus dem Munde gezogen nun da er erfahren hatte was er wissen
wollte machte er seinem Grimme rücksichtslos Luft
    »Es scheint also ihr wollt ihn auch begnadigen Dieser räudige Hund dieser
Verräter dieser Mörder seiner Gastfreunde soll entkommen Und warum Ich weiß
es wohl und will es euch sagen Aus Liebe Liebe Liebe«
    Er lachte höhnisch auf warf die Arme mit einer verächtlichen Bewegung hoch
empor ließ das Gelächter zum zweitenmal hören und fuhr dann fort
    »Ich muss sprechen muss reden und wenn es mir das Leben kosten sollte Ich
saß bei euch und habe eure verrückten Reden über diese Liebe anhören müssen Ich
habe alles gesehen was ihr tatet ich habe alles beobachtet und weiß also nur
zu gut dass dieses Nebel und Jammerbild welches ihr Liebe nennt von euch
erfunden wurde um eure Albernheit und Schwäche zu entschuldigen oder gar zu
beschönigen In dieser eurer Liebe begeht ihr jetzt wieder die hirnlose
Einfältigkeit eurem größten und unerbittlichsten Feinde das Leben zu schenken
und ihn wieder gegen euch loszulassen In dieser eurer Liebe bildet ihr euch
ein etwas Höheres und Besseres zu sein als andere Menschen Wegen dieser eurer
Liebe sollen die Bewohner dieses Landes sollen ihre Sitten und Gebräuche
sollen ihre Gedanken und Taten ja soll sogar die Wüste sich plötzlich
verändern In dieser eurer Liebe dünkt ihr euch weiße reine heilige Schwäne zu
sein welche sich den freien Adlern und Geiern dieses Gebietes zugesellen und
von ihnen verlangen dürfen ihren Gewohnheiten und Instinkten gänzlich zu
entsagen In dieser Liebe glaubt ihr Wunder zu tun und wenn man diese Wunder
näher betrachtet so sind sie erbärmliche Knabenstreiche über welche man nur
lachen kann In dieser eurer Liebe scheint ihr sogar zu glauben dass wir euch
für diese Streiche loben preisen und danken sollen denn eure Lippen fließen
von salbungsvollen Ermahnungen und Warnungen über die ihr uns am liebsten nach
hinten auf den Rücken heften möchtet Es wird dem der das anzusehen und
anzuhören hat so schlimm dass es ihm scheint sein Inneres wolle sich nach
außen wenden Ich fordere euch um Allahs willen auf ja dem Gedanken zu
entsagen dass ihr mich damit anders macht als ich gewesen bin und auch für
immer bleiben werde Ihr habt in mir nur Ekel erregt weiter nichts Hier seht
mich an ob ich nicht ein ganz anderer Mann bin als ihr alle seid Hier stehe
ich Ich habe euch ohne mich vor euch zu fürchten den ganzen Inhalt meines
Herzens ausgeschüttet Nun schießt mich augenblicklich nieder Denn soviel
Gerippe wird euer Charakter und eure Ehre doch vielleicht noch haben dass ihr
nicht sogar auch noch jetzt euch hinter dieses schwache vor Angst zitternde
Weib die Liebe steckt um euer schönes weißes Gefieder ja nicht durch den
Vorwurf einer Tat der Rache zu beschmutzen Ich wiederhole Hier stehe ich nun
schießt mich nieder«
    Der Grimm mit dem er seine Rede begonnen hatte war von Satz zu Satz
gewachsen Sein Gesicht hatte sich verzerrt und seine Lippen geiferten Dieser
Mensch hatte uns alle Veranlassung gegeben ihn für einen Feigling zu halten
und er war es auch Die treibende Kraft seines jetzigen Auftretens war nicht
etwa das Selbstbewusstsein der Mannesmut sondern die zügellose unbezähmbare Wut
darüber dass wir ihn nicht an dem Scheik rächen wollten Grad dass er diese Wut
nicht beherrschen konnte war ein Beweis seiner Schwachheit denn wer für das
Leben der Psyche ein aufmerksames Auge besitzt wird die Erfahrung gemacht
haben dass Leute welche eine so plötzliche Eruption einen in dieser Weise
ausbrechenden Todesmut zeigen eigentlich feig und zaghaft sind Der wahre Mut
ist ruhig und weiß sich in jeder Lage zu beherrschen
    Darum konnte mich der Anblick dieses so ganz und gar aus dem Gleichgewicht
gebrachten Mannes nur mit Mitleid erfüllen mir aber ja nicht imponieren Die
Haddedihn drängten sich drohend zu ihm hin Der Perser blieb ruhig stehen aber
er schaute außerordentlich finster drein Halef war dunkler im Gesicht geworden
ich sah dass er Mühe hatte sich zu beherrschen Darum übernahm ich die Antwort
indem ich mich dem Wütenden näherte und zu ihm sagte
    »Du willst wirklich dass wir dich erschießen«
    »Ja ich will ich will« donnerte er mir zu
    »Mach uns doch nichts weiß Wir kennen dich da besser Du bist ein so
mutloser feiger Kerl wie ich fast noch niemals einen gefunden habe Es ist dir
ja nicht einmal in den Sinn gekommen dich an dem Zweikampfe um den Kanz el Ada
zu beteiligen obwohl du ihn für dich haben wolltest und also eigentlich der
erste unter den Kämpfern hättest sein sollen Das hast du nicht getan ja du
hast es nicht einmal gewusst dass du es tun solltest und wer so wenig weiß was
ein mutiger Mann zu tun hat der darf uns getrost schwach und furchtsam nennen
denn er versteht ja nichts davon Was du jetzt zeigst ist nicht Mut sondern
das Gefäß in dem du Rache gegen den Scheik kochst ist umgestürzt und nun
zischt und brodelt und dampft und stinkt sie auf und macht einen Lärm der gar
nichts weiter ist als eben bloß nur Lärm Was du von unserer Liebe denkst das
kann uns ebenso gleichgültig sein wie überhaupt alles was du denkst An dieser
Liebe kannst du so wenig rühren dass sie selbst zu deinem jetzigen Angriffe so
viel Getöse er auch verursacht hat nur lächelt Er war noch törichter als ein
Knabenstreich der unerfahrenste Junge hätte ihn unterlassen Wir erlauben dir
zu gehen und geben dir unser Mitleid mit Entferne dich«
    Das Feuer seiner Wut war schon fast niedergebrannt seine Haltung hatte
schon nicht mehr das Herausfordernde wie vorhin Jedoch bei meinem Worte Mitleid
brauste er rasch wieder auf
    »Euer Mitleid brauche ich nicht behaltet es für euch Ihr wollt euch also
alles was ich gesagt habe ruhig gefallen lassen«
    »Ja«
    »Und schämt euch nicht vor euch selbst«
    »Nein nicht einmal vor dir«
    »So wiederhole ich Behaltet ja euer Mitleid für euch selbst Und da ihr
davon so sehr viel braucht so lasse ich euch noch dazu das meinige zurück Eure
Liebe macht mir so unendlichen Spaß dass ich so oft ich an sie denke die
Tränen des Gelächters über sie vergießen werde«
    »Lach immerhin Doch will ich dir auch etwas Ernstes mitgeben Sei ja
darauf bedacht dass aus diesen Lachtränen nicht etwa Tränen der Reue und des
Schmerzes werden Die Liebe welche dir jetzt so spaßhaft vorkommt lächelt
nicht immerwährend Sie wohnt in jedem Menschen auch in dir Halte sie ja fest
und lache nicht zu lange über sie sonst könnte sie sich von dir wenden und
dann das sage ich dir ist es mit dem Gelächter aus«
    Er hielt mir seine Hand entgegen mit der innern Fläche nach oben als ob
etwas darauf liege und drehte sie schnell um als ob er es fallen lasse wie
man zu tun pflegt wenn es etwas abstoßend Hässliches ist Diese Gebärde
bedeutet in der Zeichensprache der Beduinen noch mehr als Nichtbeachtung oder
Gleichgültigkeit Man will damit sagen dass einem das was man gehört hat im
höchsten Grade widerwärtig ist Dazu rief er lachend aus
    »Ich mag nichts von ihr wissen sie mag sich von mir wenden ich hasse sie
Desto fester halte ich die Rache Da mir die Beni Khalid nicht mehr helfen
werden so bin ich jetzt zu schwach gegen euch aber wehe euch wenn ihr nach
Mekka kommt Kehrt lieber jetzt noch um Denn sobald ihr mit dem Fuße das Gebiet
der heiligen Stadt betretet habt ihr den ersten Schritt in euer Verderben
getan Ich schwöre es bei Allah und dem Propheten«
    Er erhob die Hand zum Schwure drehte sich um und ging Niemand hinderte ihn
daran obgleich es wohl den meisten Haddedihn in den Händen zuckte ihm eine
derbe Erinnerung mitzugeben
    Wir sahen dass der Münedschi im Sattel festgebunden wurde eine
Vorsichtsmassregel welche bei seinem eigenartigen Zustande sehr geboten war Er
schien das gar nicht zu bemerken doch als sein Kamel sich in Bewegung setzte
wendete er uns sein Gesicht zu in welchem die Augen geschlossen waren und
rief
    »Lebt wohl für kurze Zeit El Aschdar hungerte vergeblich nach euch Nun
wird er seine eigenen Kinder verzehren Das Lächeln der Liebe ist verschwunden
nun wird sie streng und   «
    Mehr hörten wir nicht denn der Ghani versetzte dem Blinden mit dem Metrek
einen Hieb dass er schwieg Es war auch dieses Mal wieder nicht seine Stimme
sondern diejenige Ben Nurs gewesen
    Ich hatte vorhin gesagt dass unsere Gewehre auf die Abziehenden gerichtet
sein würden denn es war ja doch möglich dass einer von ihnen auf den Gedanken
kommen könne uns aus der Entfernung einen Schuss zuzusenden Sie waren aber doch
so klug keinen Versuch dazu ja nicht einmal eine drohende Bewegung zu machen
Wohin sie ritten das war uns zunächst gleichgültig doch wenn die Worte Ben
Nurs eintrafen so wie sie bisher eingetroffen waren so war uns ein Wiedersehen
mit ihnen gewiss und zwar voraussichtlich ein sehr baldiges
    Nun wendete Halef sich dem Scheik Tawil Ben Schahid zu Sein Gesicht wurde
wieder freundlich und seine Stimme klang wie diejenige eines besorgten
aufmerksamen Freundes als er zu ihm sagte
    »Du hast vielleicht geglaubt dass ich dich ganz vergessen habe Entschuldige
mich Ich fühlte mich verpflichtet zunächst meinen lieben alten Ghani mit der
Wonne meiner Freundschaft zu beleuchten Du hast wohl gehört was ich zu ihm
sagte Bitte sprich dich doch aus«
    Der Scheik gab sich Mühe weder Hoffnung noch Befürchtung in seinem Gesichte
sehen zu lassen Er antwortete möglichst gleichgültig
    »Ich habe alles gehört«
    »Auch dass wir dich erschießen sollen«
    »Ja«
    »Was sich dieser Liebling des Grossscherifs nicht alles einbildet Wir
sollten für ihn die Henker sein Was sagst denn du dazu«
    »Dass es ganz recht war dass ihr euch nicht dazu hergegeben habt«
    »Ja richtig Es ist zwar wahr dass du erschossen wirst doch davon braucht
der Ghani nichts zu wissen Wir tun das bloß für uns«
    »Erschossen  Ich«
    »Ja du Wer anders«
    »Ich dachte    dachte    dachte  «
    »Du dachtest    Ich bitte dich gewöhne dir das unnötige Denken ab Es
fällt schon schwer genug wenn es nötig ist Warum soll man sich da auch noch in
überflüssiger Weise damit beschäftigen«
    »Aber ich meinte   «
    »Sei still Das unnütze Meinen ist ebenso zeitraubend wie das vergebliche
Denken es kommt nichts dabei heraus Da habe ich doch recht«
    »Aber du willst doch mit mir sprechen«
    »Allerdings«
    »So muss ich auch antworten«
    »Das wünsche ich sogar«
    »Du lässest mich aber doch nicht dazukommen«
    »Nicht Tröste dich Weißt du wenn es auch nicht gleich auf der Stelle sein
muss im Verlaufe des heutigen Tages oder spätestens morgen kommst du schon noch
dazu«
    »So lange soll ich gefesselt sein«
    »Oh noch viel viel länger«
    »Warum«
    »Weil du uns sonst fortlaufen würdest Das siehst du doch wohl ein«
    »So sag doch was ihr eigentlich mit mir vorhabt«
    »Wir nehmen dich mit nach Mekka«
    »Allah Warum«
    »Um dich dort dem Pascha auszuliefern«
    Der Scheik erschrak schwieg eine Weile und sagte dann
    »Das wäre teuflisch von euch«
    »Warum«
    »Ich würde elend aufgehenkt werden«
    »Ja das würdest du und das freut mich um deinetwillen denn es ist ja viel
ehrenvoller so hoch da oben als bloß ganz unten am Erdboden zu sterben Als
Scheik kannst du dir das bieten und wir werden dir dabei behilflich sein
soviel wir nur können«
    »Und sodann würde er einen Rachezug gegen meinen Stamm unternehmen«
    »Ja das würde er Denke nur wie gut das für die Beni Khalid ist Wie sie
da zeigen und beweisen können dass sie tapfer sind Denn unter uns gesagt
bisher hat man davon noch fast gar nichts gesehen«
    »Hadschi Halef du treibst dein Spiel mit mir«
    »Wie der Löwe mit der Maus meinst du«
    »Ja«
    »So wissen wir ja gleich wer du bist und wer ich bin Aber da der Löwe
großmütig sein soll will ich es auch sein indem ich dir verrate dass wir dich
nicht mit nach Mekka nehmen wollen«
    »Ja so sprich doch endlich Was wollt ihr mit mir tun«
    »Dich erschießen«
    »Wann«
    »Sofort«
    »Das ist ein Mord«
    »Oh nein Es ist nur eine gerechte Strafe Das Morden überlassen wir euch«
    »Ich bin nicht schuldiger als die Mekkaner es waren und die habt ihr
entkommen lassen Messt ihr mit zweierlei Maß«
    »Nein aber wenn wir gemessen haben tun wir dann was wir wollen Sag mir
doch einmal aufrichtig Hast du den Tod verdient«
    »Nach den Gesetzen der Wüste ja«
    »Schau das ist schön von dir Da gefällt mir außerordentlich«
    »Aber denke auch an meine Beni Khalid welche jetzt wieder am Bir Hilu
liegen«
    »Du hast ja gehört dass man nicht überflüssig denken soll«
    »Das ist nicht überflüssig Wenn ihr mich erschiesst so rächen sie mich«
    »Damit hast du uns schon öfters gedroht ohne dass es ein einziges Mal
eingetroffen ist Woher weißt du übrigens dass sie dort sind Sie sind doch
diejenigen abgerechnet mit denen du hierher geritten bist vier Stunden hinter
dem Brunnen an der Höhe zurückgeblieben«
    »Um euch dort zu erwarten Da ihr wie ich jetzt höre dort gewesen und
wieder umgekehrt seid so sind sie euch gefolgt Ich meinte aber nicht einmal
diese große Abteilung sondern die kleine welche ich von hier weg nach dem
Brunnen geschickt habe«
    »Ja du wolltest den Kanz el Ada nicht mit so Vielen teilen«
    »Und da nun also mein Haupttrupp wieder zurückgekehrt ist hat er den
kleineren am Brunnen getroffen Es sind also alle beisammen Ich mache dich auf
diese Gefahr für euch aufmerksam«
    »Das ist sehr freundlich von dir Ich danke dir mein Freund«
    »Spotte nicht«
    »Wenn du meinst dass ich spotte so musst du annehmen dass wir uns nicht
fürchten Was sagst du zu dem Einfalle den ich jetzt habe Wir erschießen dich
und reiten dann gar nicht nach dem Brunnen wo deine Leute sind Es ist ja gar
nicht notwendig dass wir sie wieder mit unserer Gegenwart belästigen«
    Da konnte der Scheik seinen bisher niedergehaltenen Zorn doch nicht mehr
bemeistern Er schrie Halef zornig an
    »Ihr seid Schurken«
    »Oh Warum«
    »Weil ihr die Mekkaner diese Hunde freigegeben habt mich aber erschießen
wollt Ihr habt wahrscheinlich schon vergessen was der alte Münedschi von der
Gnade sagte«
    »Hm Gnade Ja denkst du denn da wärest auch du gemeint«
    »Natürlich«
    »Das ist freilich etwas anderes etwas ganz ganz anderes Du bittest also
auch um Gnade«
    »Bitten Nein Ich verlange sie«
    Da zeigte Halef schnell wieder sein ernstes Gesicht und warnte
    »Scheik Tawil Ben Schahid der Ton in welchem du sprichst gefällt mir
nicht Höre was ich dir jetzt sage Und das gilt«
    Er winkte einen Haddedihn herbei und befahl ihm
    »Du zielst jetzt auf das Herz dieses Mörders welcher glaubt die Gnade
müsse ihm gehorchen Sobald ich die Hand hebe gibst du ihm eine Kugel in den
Kopf genau in die Stirn Pass auf«
    Der Krieger hielt den Lauf auf den Scheik zielte und legte den Finger an
den Drücker Hierauf richtete der Hadschi sein Wort wieder an Tawil
    »Du siehst die Folgen deines Verhaltens Ich gebe dir zwei Minuten Zeit
Hast du bis dahin noch nicht gesprochen so hebe ich die Hand«
    Es trat eine tiefe Stille der Erwartung ein Die Hälfte der Frist verlief
dann aber wirkte die Drohung
    »Nehmt die Flinte weg« bat der Scheik
    »Du willst Gnade« fragte Halef
    »Ja«
    »Du willst«
    »Ja«
    »Das Wollen ist noch kein Bitten«
    »Allah zerschmettere euch mitsamt dieser Flinte So sei es denn Ich bitte
um Gnade«
    Da senkte der Haddedihn das Gewehr und der Hadschi lachte
    »So war es recht oh Scheik der Beni Khalid Aber ich will dir trotzdem
mitteilen dass ich das Zeichen auf keinen Fall gegeben hätte Es war ja
beschlossene Sache auch dich laufen zu lassen Ich wollte nur hören wie es
klingt wenn ein Scheik um Gnade bittet«
    Tawil antwortete hierauf kein Wort und schenkte von jetzt an keinem einzigen
von uns einen Blick Als er losgebunden worden war stand er auf ging nach der
Stelle wo sein Gewehr lag hob es auf schritt zu seinem Kamele hin setzte
sich in den Sattel gab ihm das Zeichen sich zu erheben und ritt fort Wir
sahen ihm ebenso still nach
    Fast war er so weit gekommen dass er um den Fuß der Düne biegen und dann
verschwinden musste da lenkte er um kam im schnellen Laufe wieder hergeritten
hielt vor uns an maß uns mit stolzen grausam kalt blickenden Augen und sagte
indem er seine Hand zum Schwure hoch erhob
    »Auch ich habe über eure Liebe gelacht und lache jetzt noch über sie
Zwischen mir und euch gibt es nichts als nur die Rache Ich schwöre bei Allah
beim Propheten bei den Khalifen und bei der heiligen Kaaba Die Wüste welche
hier um uns liegt richtet zwischen mir und euch Entweder verlasst ihr oder
verlasse ich sie nicht Ihr seid fünfzig und ich bin nur einer aber in den
Augen der Rache zähle ich ebenso viel wie ihr Ich rufe die Wüste auf sich
entweder für euch oder für mich zu öffnen Von diesem Augenblicke an gähnt
zwischen uns ein Grab Wen es aufnehmen soll ob mich oder euch das mögen die
entscheiden bei denen ich geschworen habe«
    Schon stand er im Begriff sein Kamel zu wenden da stieß er noch ein
spöttisches Lachen aus und fügte hinzu
    »Oder mag das auch die Liebe entscheiden die eure angebetete Götzin ist
ich habe nichts dagegen«
    Hierauf ritt er fort ohne sich noch einmal umzusehen
    
    Wir blickten ebenso wortlos wie vorhin hinter ihm drein So ein Schwur ist
eine eigene Sache Es wäre einem jeden von uns jetzt unmöglich gewesen die
eingetretene Stille durch ein alltägliches Wort zu unterbrechen Man hatte da
eine so unbeschreibliche andachtsähnliche Empfindung dass ich wenn ich
Muhammedaner gewesen wäre gesagt hätte
    »Die angerufenen Geister von Muhammed und seinen Nachfolgern stehen
unsichtbar um uns her um zwischen uns und ihm zu entscheiden«
    So war es nicht nur mir sondern den andern auch Einige der Haddedihn
nahmen sich der verwundeten Militärkamele an und die andern taten was an den
Leichen der Soldaten zu tun war und das alles geschah ohne dass man ein lautes
Wort hörte Diese Heiligkeit der Situation möchte ich es nennen hatte ihren
obersten Grund natürlich in dem Umstande dass überall wo der Tod einzieht sich
mit ihm auch jene fromme Scheu jenes andächtige Grauen einfindet über dessen
Ursache sich so wenige Menschen klar werden Und doch ist es etwas so sehr
Einfaches Der Mensch scheint so lange er lebt sein eigener Herr zu sein Er
kann tun und lassen was ihm beliebt er kann glauben oder bezweifeln was er
will er kann gut oder böse handeln ganz wie er sich entschließt er ist ja
überhaupt derjenige auf den alles ankommt Da plötzlich streckt sich die Hand
des Todes nach ihm aus und der Tod ist das Gericht Der »Herr und Gebieter«
liegt im Staube vor Gott dem einzigen Herrn außer dem es keinen andern gibt
Er hat nun plötzlich Rechenschaft abzulegen über sein ganzes Leben Er besitzt
nicht die Spur eines Willens mehr er muss sich fügen Jede Sekunde seines Lebens
tritt als Zeugin für oder gegen ihn auf und er muss das ruhig geschehen lassen
Der Herrgott hält Gericht zu seinen Seiten sitzen die Gerechtigkeit und die
Gnade Tief vor ihm hingestreckt liegt auf seinem Gesichte der zu Richtende am
ganzen Leibe zitternd im Gefühle seiner Ohnmächtigkeit Er kann nichts nichts
mehr für sich tun Wer wird nun das entscheidende Wort sprechen die Gnade oder
die Gerechtigkeit Gehe während der Verhandlung in einen Gerichtssaal Du wirst
unwillkürlich leise auftreten und auch leise sprechen Warum Du kannst nicht
anders die Ehrfurcht vor dem Gesetz vor dem Gerichte dämpft deine Schritte und
deine Stimme So trittst du auch in das Sterbezimmer Ob du es ahnst oder nicht
du hast den Ort des ewigen Gerichtes betreten welches mit dem Augenblicke des
Todes seinen Anfang nimmt Es ist der unsichtbare Richter welcher hier waltet
du siehst ihn nicht und trittst aber doch so unhörbar wie möglich auf Es ist
die Ehrfurcht vor dem Gesetze des Ewigen nach welchem hier über dem
Dahingeschiedenen das Urteil gesprochen wird es ist diese Ehrerbietung welche
dich zwingt dein Haupt zu entblössen das mehr oder weniger deutliche
Bewusstsein dass auch du selbst über kurz oder lang so ohnmächtig daliegen wirst
um auf der Wage der Gerechtigkeit gewogen zu werden Das das ist die Ursache
des Grauens welches jeder nicht ganz verdorbene Mensch in der Nähe einer Leiche
empfindet und nicht von sich abzuwehren vermag
    Und wir hatten zwanzig Tote hier und diese Toten waren ermordet worden was
noch viel viel mehr sagen will Es wurde ihnen ein möglichst tiefes und großes
gemeinsames Grab bereitet Dahinein legten wir sie einen neben den andern in
ihren Uniformen und mit den Seitengewehren die Flinten neben sich Als wir die
Sterbegebete über sie gesprochen hatten gaben wir eine dreimalige Salve ab
legten einem jeden seinen kleinen Gebetsteppich auf das Gesicht und warfen das
Grab zu Während dieser ganzen Handlung weinte Khutab Agha der Ernste
immerfort still vor sich hin Da tauchte wohl in manchem von uns die Frage auf
ob wir nicht mit den Mördern denn doch wohl zu mild verfahren seien und es
gesellte sich der feste Vorsatz hinzu nun aber streng zu sein wenn wir wieder
in Konflikt mit ihnen kommen sollten Und dass dies geschehen werde das hatte
uns der Scheik der Beni Khalid ja schon angedroht
    Darüber waren wieder mehrere Stunden vergangen und als wir nun diesen für
uns unvergesslichen Ort verlassen konnten war die größte Hälfte des Nachmittages
vorüber Aber wohin jetzt Weit konnten wir für heute nicht Zum Glück waren wir
mit Wasser versehen und so beschlossen wir den Weg der Sanddünen den wir nun
schon einmal hin und einmal her geritten waren zum drittenmal zurückzulegen und
dann im Tale zwischen der letzten und vorletzten Düne zu übernachten So ein
Tal war mit wenigen Posten am leichtesten zu bewachen und gewährte uns den
besten Schutz Morgen früh wollten wir uns dann nach den Umständen richten
    Dies wurde ausgeführt Der Weg wurde sehr langsam und vorsichtig indem eine
Vorhut voranritt zurückgelegt und wir erreichten die betreffende Stelle als
es eben dunkel werden wollte
    Wenn ich von der letzten und vorletzten Düne sprach so meinte ich die
letzten bedeutenden Höhen nicht die kleineren die dann nach und nach immer
niedriger werdend in die flache Sandwüste übergingen in welcher unsere Kamele
»gemahlen« hatten Das Tal war außerordentlich passend zum Lagerplatz Die
Höhen zwischen denen es lag vereinigten sich auf der einen Seite während sie
auf der andern so nahe nebeneinander herliefen dass ein Einzelposten genügte
diesen Zugang zu bewachen Eine vortrefflichere Stelle konnten wir gar nicht
finden
    Heut mussten die Militärkamele von den Haddedihn mit bedient werden welche
also mehr als bisher zu tun hatten Was den Perser betraf so konnte er
natürlich nicht daran denken den Rückweg nach Meschhed Ali allein anzutreten
Er musste bei uns bleiben und einstweilen mit uns weiterreiten bis wir auf einem
der Hauptwege eine Karawane treffen würden der er sich heimwärts anschließen
konnte Er war aussergewöhnlich still und beteiligte sich nicht an unserm
Gespräche Wenn ja einmal eine Frage an ihn gerichtet wurde so beantwortete er
sie so kurz wie möglich oft nur mit einem einzigen Worte Das war so auffällig
dass ich ihn nach dem Grunde dieser Einsilbigkeit fragte
    »Meine Asaker« seufzte er »Ich muss nur immer an sie denken«
    »Ich tue das auch aber kannst du es vielleicht dadurch anders machen«
    »Nein Ja du Effendi Dich braucht das nicht zu bedrücken«
    »Etwa dich mehr als mich«
    »Ja denn ich bin schuld an ihrem Tode Zwanzig zwanzig Seelen die nun
durch meine Schuld ganz unvorbereitet an die Wage der Gerechtigkeit treten
Dieser Gedanke ist unerträglich schwer«
    »Wieso trägst du die Schuld«
    »Weil ich deine heutige Warnung ebensowenig beachtet habe wie deinen
gestrigen Rat Du sagtest ich solle sofort heimkehren ich blieb aber trotzdem
Wenn wir gestern gleich nach dem Zweikampfe fortgeritten wären so hätten die
Beni Khalid keine Zeit gehabt mir einen solchen Hinterhalt zu legen Ich habe
also die Schuld zu tragen ich ganz allein Denn ich bin nicht nur einmal
sondern wiederholt gewarnt worden und habe nicht darauf geachtet Wie schwer
wie unendlich schwer wird mich das dereinst belasten wenn für mich die Zeit da
ist Rechenschaft abzulegen«
    Die Vorwürfe welche er sich machte waren leider nicht unbegründet doch
tat und sagte ich alles was ich tun und sagen konnte ihm das Herz leichter
zu machen es gelang mir aber nicht so wie ich wollte
    Wir hatten die Kamele nach dem Hintergrunde geschafft dahin wo die beiden
Höhen zusammenstiessen Dort war nicht ein besonderer Wächter für sie nötig Wir
lagerten so vor ihnen dass sie eingeschlossen waren Zu unserer Sicherheit waren
drei Posten erforderlich welche wir ausstellten nämlich auf die vor uns und
auf die hinter uns liegende Höhe und den dritten rechts in die schon erwähnte
Enge unsers Tales Es schien also eine Überrumpelung ganz unmöglich zu sein
und in diesem Gefühle legten wir uns sehr zeitig schlafen um früh gut ausgeruht
zu haben denn infolge der Drohung des Scheikes hatten wir anzunehmen dass der
morgende Tag ein anstrengender und gefährlicher für uns sein werde Dieser Mann
tat jedenfalls alles mögliche seinen Schwur ganz und baldigst in Erfüllung
gehen zu lassen
    Während uns dies natürlich Sorgen machen musste waren wir heut in Beziehung
auf die Sicherheit unseres Lagerplatzes vollständig beruhigt Wir hatten einen
wunderbaren Sternenhimmel es war bedeutend heller als gestern und vorgestern
abend und so hätten unsere Wächter blind oder sehr nachlässig sein müssen um
den Beni Khalid einen Überfall zu ermöglichen Überhaupt war diesen letzteren
die Stelle an welcher wir lagen höchst wahrscheinlich nicht bekannt
    Ich schlief sehr tief und traumlos bis ein Ruf erscholl der mich weckte
Noch aber hatte ich die Augen nicht geöffnet so vervielfältigte sich dieser Ruf
zu einem vielstimmigen Geschrei welches von den Lippen sämtlicher Haddedihn
kam Ich wollte aufspringen konnte aber nicht denn es hatten sich zwei drei
vier Gestalten auf mich gestürzt welche alle ihre Kräfte anwendeten mich
niederzuhalten
    Der Schlaf war mir da so vollständig aus den Augen vertrieben dass er sie
nicht mehr trübte Ich schnellte mich empor um um mich blicken zu können wurde
zwar sofort wieder niedergerissen hatte aber doch genug gesehen Es wimmelte
von Beduinen rund um uns her es waren ihrer so viele dass jetzt da sie uns
einmal hatten der Widerstand gradezu Wahnsinn gewesen wäre und uns nur zum
Untergange hätte führen müssen Darum schrie ich so laut wie möglich
    »Ergebt euch ihr Haddedihn Ich Akil Schatir Effendi sage es euch Ich
ergebe mich auch«
    »Ich auch« erschallte hierauf Halefs Stimme  »Wehrt euch nicht Ich
befehle es euch«
    Hierauf streckte ich mich aus und ließ mich binden Es gab noch ein nur
kurzes Durcheinander rund umher dann war es still Diejenigen Haddedihn welche
der Widerstand von ihren Plätzen getrieben hatte wurden wiedergebracht Wir
lagen alle alle beisammen und unsere Sieger setzten sich so dass sie uns in
ihrer Mitte hatten Nun da ich ungehindert Umschau halten konnte sah ich dass
bei dem Tachtirwan welcher sich natürlich an einer von uns abseits liegenden
Stelle befand drei Beduinen standen welche ihn in Schutz genommen hatten Das
war eine Rücksicht welche man den Beni Khalid besonders aber ihrem Scheik gar
nicht hätte zutrauen sollen Ich bemerkte ihn Er bewegte sich die Reihe seiner
Leute entlang hin nach der Sänfte um sich dort nach irgend etwas zu erkundigen
Dann kam er auch zu uns
    »Welcher von euch ist der Scheik der Haddedihn« fragte er
    »Ich bin es« antwortete Halef
    »Welcher ist der fremde Effendi«
    »Ich« sagte ich
    Seine Stimme klang ganz anders als die Stimme Tawil Ben Schahids Er fuhr
fort
    »Welcher ist der Basch Nazyr aus Meschhed Ali«
    »Hier liege ich« rief der Perser
    »Hört was ich euch sage Wenn ihr drei mir euer Ehrenwort gebt nichts ohne
meine Erlaubnis zu unternehmen so lasse ich euch wieder losbinden Antwortet
mir«
    Das war ja wunderbar Dieser Mann hatte nicht Tawils Stimme und  das
bemerkte ich erst jetzt  auch nicht ganz seine Gestalt Wer war er Ich dachte
bei dieser Frage an die Kundschafter welche kurze Zeit bei uns am Brunnen
gewesen waren
    »Sprich du zuerst Sihdi« forderte mich Halef auf
    Ich antwortete
    »Ich gebe mein Ehrenwort doch einstweilen nur für so lange wie wir uns an
diesem Orte befinden Für länger können wir uns nicht verpflichten weil wir
nicht wissen wer diese Leute sind warum sie uns überfallen haben und was sie
mit uns beabsichtigen Verhalte dich also wie ich«
    »Gut Auch ich gebe mein Ehrenwort aber auch nur für die Zeit welche der
Effendi jetzt angedeutet hat« erklärte Halef
    Und der Perser folgte diesem Beispiele
    »Ich ebenso«
    »Das genügt mir vollständig« sprach der Anführer »Bindet also diese drei
Männer wieder los«
    Er tat es nicht selbst sein Befehl wurde von dreien seiner Leute
ausgeführt während er unbeweglich vor uns stand Als es geschehen war und wir
uns zum Sitzen aufgerichtet hatten setzte er sich uns gegenüber nieder und
machte uns die Mitteilung
    »Ich bin Abd el Idrak154 der Scheik der Beni Lam«
    Er machte das was man eine Kunstpause nennt um seinen Worten Zeit zu
lassen die beabsichtigte Wirkung auf uns auszuüben Diese Wirkung blieb auch
gar nicht aus Also mit den Beni Khalid hatten wir es nicht zu tun Aber
konnten wir nicht dadurch aus dem Regen in die Traufe gekommen sein Die Beni
Khalid hatten wir kennen gelernt die Beni Lam aber noch nicht Aber dass grad
uns dreien den Anführern die Fesseln gleich wieder abgenommen worden waren
das gab uns doch wohl die Berechtigung unsere jetzige Lage für keine allzu
schlimme zu halten Diese Beni Lam befanden sich in einer so bedeutenden Anzahl
hier dass wir uns bei ihnen den Feinden der Beni Khalid gegen diese im
vortrefflichsten Schutz befanden den wir uns nur wünschen konnten Das war auch
sehr viel wert Übrigens hatte Abd el Idrak die Absicht jetzt mit uns zu
sprechen und da musste es sich ja zeigen welchen Zweck er mit dem ihm so
wohlgelungenen Überfalle verfolgte
    »Ihr werdet keine Ahnung davon gehabt haben dass sich eine so große Schar
der Beni Lam in der Nähe des Brunnens Hilu befand« begann er
    »Oh doch« antwortete ich
    »Also ist es trotzdem so wie ich dachte Dieser Tawil Ben Schahid hat euch
gesagt dass er es auf uns abgesehen hatte«
    »Ja«
    »Ich sandte zwei Kundschafter nach dem Brunnen sie haben mit euch
gesprochen Für wen oder was habt ihr sie gehalten«
    »Für das was sie waren für deine Späher«
    »Warum gabt ihr ihnen keine Auskunft über die Beni Khalid an denen ihr euch
dadurch nicht nur hättet so schön rächen sondern von denen ihr euch dadurch
auch hättet befreien können«
    »Wir sind ehrliche Krieger also keine Verräter Wir handeln schon überhaupt
nach dem Grundsatze dass Allah den Frieden nicht aber den Krieg zwischen seinen
Kindern will und jetzt befinden wir uns als Pilger auf dem Wege nach der
heiligen Stadt und sind als solche verpflichtet uns bei keiner Gelegenheit von
der Hand der Unfriedfertigkeit leiten zu lassen«
    »Ja« nickte er nachdenklich »du überhaupt bist ein Abd el Musalaha155«
    »Wie kommst du dazu mich so zu nennen« fragte ich verwundert
    »Du hast bewiesen dass du es bist«
    »Weißt du das«
    »Ja Ich weiß mehr von euch als ihr denkt Es gibt mehrere Personen
welche mir von euch erzählt haben«
    »Darf ich fragen wer diese Personen sind«
    »Zunächst meine beiden Kundschafter Es hat mich sehr von euch gefreut dass
ihr eure Feind nicht verraten habt Ich sage euch wenn ihr das getan hättet
wäre euch dasselbe Los wie ihnen beschieden gewesen denn der Verräter ist ein
stinkender Dib156 den man nicht schonen darf sondern vernichten muss«
    Da stieß mich Halef mit dem Ellbogen an Ich wusste was er meinte Er hatte
mir Vorwürfe darüber gemacht dass ich gegen die beiden Späher so verschwiegen
gewesen war Nun sah er ein wie richtig dieses Verhalten von mir gewesen war
Dieser Abd el Idrak war ein ganz ganz anderer Mann als der Scheik der Beni
Khalid ein bei aller Barschheit des hiesigen Lebens edel angelegter und edel
handelnder Charakter das sollten wir später noch deutlicher erkennen als jetzt
Er trug seinen Namen Abd el Idrak Diener der Einsicht mit vollem Rechte Er
fuhr fort
    »Der Scheik der Beni Khalid glaubte uns ganz unvorbereitet zu finden aber
Allah schützt die Guten und verdunkelt die Augen der Bösen Er fügte es dass ich
das Unternehmen unserer Feinde zur rechten Zeit erfuhr Ich rüstete meine
Krieger und zog den Beni Khalid entgegen um die Entscheidung zwischen uns und
ihnen in die Wüste zu legen damit nicht die Wohnungen friedlicher Leute dabei
verwüstet würden Meine Späher standen von ferne und lauschten Ich hörte dass
sie nach Süden gezogen seien und folgte ihnen Sie waren von dort
zurückgekehrt hatten aber einen Mann zur Beobachtung zurückgelassen den wir
festnahmen Er musste uns alles erzählen was am Brunnen geschehen war So
erfuhren wir von euch von dem Kanz el Ada von seinen Dieben und von dem Kampf
um ihn Der Schatz hat einen großen großen Wert ich beschloss ihn in meine
Hände zu bringen und euch zu überfallen Darum ließ ich euch genau beobachten
ohne dass ihr eine Ahnung davon hattet Auch die Beni Khalid merkten nichts
davon«
    »Bi KhatiriKhudah  um Gottes willen« rief da der Perser aus »Nun soll
ich den Kanz el Ada schon wieder hergeben«
    »Das sollst du nicht« lachte der Scheik doch es war ein freundlich
klingendes Lachen »Wir haben ihn doch schon«
    »Ja das Paket ist fort«
    »Dort liegt es bei dem Tachtirwan und wird mit dem Harem des Scheikes der
Haddedihn sehr gut bewacht wie du siehst«
    »Ihr werdet es behalten«
    Der Scheik tat als ob er diese Frage gar nicht gehört habe und sprach
weiter
    »Abadilah el Waraka den man El Ghani nennt trat vor einigen Monaten eine
Reise an welche von Mekka nach Meschhed Ali gehen sollte Auf dieser Reise kam
er auch nach Oneizeh der großen Stadt Er hatte seinen Sohn mit drei andere
Begleiter und auch einen alten Mann den man El Münedschi nennt weil er die
Gabe der Weissagung besitzt Dieser Münedschi verkehrt mit einem Engel des
Himmels welcher Ben Nur heißt und ihm alle Geheimnisse des Lebens entdeckt
Darum ist alles alles wahr was der Münedschi sagt und wenn er etwas
verkündet so geht es in Erfüllung Er muss sehr sehr reich sein denn es kommen
Tausende von Pilgern zu ihm welche ihn sehen und hören wollen und dann nicht
gehen ohne eine Gabe der Dankbarkeit zurückzulassen Zu derselben Zeit war auch
ein junger Krieger unsers Stammes in Oneizeh um Blei und Pulver für uns
einzukaufen Er hieß Ibn Kurban157 und war der einzige Sohn von Abu Kurban158
des reichsten Mannes unseres Stammes Er hatte diamantene Ringe an den Fingern
und seine Waffen waren mit edlen Steinen besetzt deren Wert ein Vermögen
betrug Als er mit seinen drei Begleitern die Stadt verließ schloss er sich dem
Ghani an weil er eine Zeitlang den gleichen Weg mit diesem hatte aber er ist
nicht heimgekehrt und auch seine Gefährten hat man nicht wieder gesehen Abu
Kurban reiste nach Oneizeh um nachzuforschen Er erfuhr dass die Verschwundenen
mit dem Ghani fortgeritten seien Der Weg war gegen El Kasab gegangen Er ritt
dorthin und erfuhr dass weder sein Sohn noch der Ghani hier gewesen sei aber es
war ein junger Mann mit drei älteren Männern gekommen welche folgendes verkauft
hatten drei Reit und vier Lastkamele viel Pulver und auch Waffen denen man
ansah dass sie mit Steinen verziert gewesen waren die man aber ausgebrochen
hatte Diese Waffen besaß der Händler noch auch zwei von den Kamelen waren noch
vorhanden und Abu Kurban überzeugte sich dass sie seinem Sohne gehört hatten
Wer die vier Fremden gewesen seien das wusste man nicht Der jüngere Mann hatte
zwar einen Namen nennen müssen doch war anzunehmen dass er sich eines falschen
bedient habe Der Händler konnte sich nur noch erinnern dass dieser Mann eine
gewöhnliche und eine stärkere buschige Hadschib159 gehabt habe Weiter konnte
er nichts sagen Es stand fest dass die vier Beni Lam ermordet worden seien
aber wer die Mörder seien das konnte man zwar vermuten doch nicht eher
beweisen als bis es möglich war sie den Personen zu zeigen von denen sie in
El Kasab gesehen worden waren«
    »O nein nein« rief da Halef aus »Ihr braucht nicht so lange zu warten
Ich weiß schon jetzt wer sie waren«
    »Nun wer« fragte der Scheik
    »Der Sohn des Ghani hat zwei solche Brauen Ihr Unterschied ist so groß dass
er mir sogleich aufgefallen ist Diese Kerle haben den Kanz el Ada beraubt und
so ist es ihnen auch zuzutrauen dass sie diesen Raubmord begangen haben Sie
sind allein nach El Kasab gegangen der Ghani hat mit dem Münedschi einstweilen
gewartet denn wenn diese beiden auch mitgegangen wären hätten sie dadurch die
Entdeckung sehr erleichtert Diese Mekkaner sind gestern nach Mittag von uns
fort Sie können sich noch nicht weit von hier entfernt haben und wenn du dich
beeilst so kannst du sie wahrscheinlich noch einholen«
    Da rief der Scheik einem seiner Leute einige Worte zu worauf dieser sich
entfernte und zwar nach rechts hin wo in der Enge unser Posten gestanden
hatte Als dieser Ben Lam fort war sprach der Scheik
    »Ich werde euch etwas zeigen doch müsst ihr eine kleine Weile warten
Inzwischen will ich euch eine Frage beantworten welche euch wahrscheinlich auf
den Lippen liegt nämlich die Frage wie es uns möglich gewesen ist euch zu
überraschen obgleich ihr drei Wachen ausgestellt hattet«
    »Ja« stimmte Halef bei »wir bitten dich uns das zu sagen«
    »Wir haben in unserem Stamme einige vorzügliche Läufer welche ich dann
wenn es der größten Vorsicht bedarf als Späher verwende Sie laufen ebenso
schnell wie die Kamele und sind aber nicht so leicht und so weit zu sehen wie
diese Diese Läufer sind dem Scheik Tawil gefolgt als er mit vierzig seiner
Leute wieder nach Norden ritt um euch einen Hinterhalt zu legen Sie haben die
nördliche Grenzhöhe des Tales erstiegen und sich dort so in den Sand
eingegraben dass sie nicht bemerkt werden aber selbst alles beobachten konnten
Sie sind Zeugen alles dessen gewesen was dort geschehen ist auch haben sie das
meiste von dem verstanden was gesprochen wurde Zuerst waren die Beni Khalid
allein da sie sprachen davon dass sie auf den Perser und seine Soldaten
warteten um ihm den Kanz el Ada abzunehmen Da ich aber diesen Schatz auch
haben wollte so machte sich einer der Läufer sofort auf um mich zu
benachrichtigen Der Weg zu mir war sehr weit und so bekam ich diese Kunde so
spät dass es mir unmöglich war zur rechten Zeit zu kommen So sehr ich mich
auch beeilte ich kam doch erst dann dort an als ihr euch schon entfernt
hattet Aber ein zweiter Läufer war euch gefolgt und der dritte und letzte
hatte gewartet bis ich eintraf Er erzählte mir alles und nannte mir auch die
Zeit und den Ort wann und wo der zweite wieder zu uns stoßen wollte um mir zu
sagen wo wir euch während der Nacht finden würden Dorthin ritten wir natürlich
und trafen dabei auf die Fährte von sechs Kamelen welche genau in unserer
Richtung lief«
    »Maschallah« rief Halef aus »Gewiss die Spur des Ghani«
    »Ja sie war es«
    »Habt ihr diese Halunken eingeholt«
    »Davon später Als es dunkel geworden war stieß der zweite Läufer zu uns
und beschrieb mir euren Lagerplatz den also auf welchem wir uns jetzt
befinden Ihr seid sehr vorsichtig gewesen er aber auch Er ist stets hinter
euch her und hat sich so eingerichtet dass er stets erst dann eine Höhe
erklommen hat wenn ihr euch im übernächsten Tale befandet Darum wäre er
unentdeckt geblieben selbst wenn ihr euch noch so oft umgeschaut hättet«
    »Das war ungeheuer klug von ihm« lobte Halef »Dieser Krieger wäre wirklich
wert ein Haddedihn zu sein«
    »Ich kann ihn auch brauchen« lachte der Scheik in gütiger Weise »Dieser
Läufer führte uns später bis in die Nähe eures Lagers hier und ich gab meinen
zwei gewandtesten Kundschaftern nämlich denen welche bei euch am Bir Hilu
waren den Auftrag sich das Lager anzusehen«
    »Aber unsere Posten« fragte Halef
    »Es handelt sich bloß um den von ihnen bei welchem sie vorüberkamen und
der hat nichts gesehen«
    »Welcher war es Ich werde ihn so bestrafen dass   «
    »Sei still« unterbrach ihn der Scheik »Grad weil du ihn bestrafen willst
werde ich dir nicht sagen welcher es gewesen ist Du selbst würdest auch nichts
bemerkt haben«
    »Ich   « fragte der Hadschi sich gekränkt fühlend
    »Ja du  Wenn du des Abends oder Nachts kundschaften gehst so kommt es
auf die Farbe des Sandes an Leg also möglichst viele Haïks ausgebreitet in den
Sand Denjenigen den du am schwersten vom Sande unterscheiden kannst weil
seine Farbe am meisten mit derjenigen des Sandes stimmt den nimmst du um in
den hüllft du dich ein Wenn du dann recht leise so dass man dich nicht hört am
Boden hinkriechst und dabei den Haïk so weit wie möglich ausbreitest kann man
dich nur sehr schwer oder wohl auch gar nicht bemerken Begreifst du das«
    »Gewiss begreife ich es denn ich muss dir sagen dass mein Verstand kein Haïk
ist den man nicht entdecken kann«
    »Auf diese Weise erfuhr ich« erklärte der Scheik weiter »dass auf der
hinter dem Tachtirwan aufsteigenden Steilung wo die beiden Talwände
zusammenstossen keine Wache stehe und entschloss mich also auf dieser Stelle
herunterzukommen«
    »Aber die fällt ja zu jäh ab«
    »Wo man nicht klettern kann da rutscht man der Sand eignet sich dazu ganz
vortrefflich und das geht auch so schnell dass wir unten waren ehe das
Geräusch des mit abstürzenden Sandes euch aufgeweckt hatte«
    »Erlaube mir dir in der aufrichtigsten Höflichkeit mitzuteilen dass es mir
wenn nicht ihr es gewesen wäret unendlich lieb sein würde wenn ihr alle die
Hälse gebrochen hättet«
    Da aber reichte ich dem Scheik die Hand hin und bat
    »Gib mir deine Hand ich muss sie drücken Das ist eine Kühnheit gewesen
welche mich zur Hochachtung zwingt«
    Ich musste diesen Mann wirklich achten dass er den Kampf in die Wüste verlegt
hatte um die Bewohner der bebauten Gegend zu schonen und dass er den
nachlässigen Posten nicht verraten hatte das waren zwei Züge von ihm die ihm
meine Zuneigung gewannen obwohl er nach dem Kanz el Ada trachtete
    »Ich danke dir Effendi« antwortete er »Du wirst noch weiter hören dass
ich nicht so schlimm bin wie ich euch erscheine Doch still Da kommen sie
Schaut hin denn das ist etwas für euch«
    Es nahte nämlich von der Talenge her ein kleiner Zug Voran gingen zwei
Beni Lam hinterher auch zwei Zwischen ihnen sahen wir zwei Kamele Auf dem
ersten saß ein einzelner Mann das zweite aber schien zwei Personen zu tragen
Man konnte das noch nicht deutlich erkennen weil sie noch nicht nahe genug
waren Der erste Reiter saß zusammengedrückt im Sattel Da aber richtete er
seinen Oberkörper gerade auf breitete die Arme aus und rief
    »Seid mir gegrüßt ihr Folgsamen der Liebe Hier bring ich euch den Mann
den sie gerichtet hat die höhnisch er verlachte Ihr habt das gute Teil erwählt
und er für sich die Strafe«
    Welche Überraschung für uns Ja er war es der alte Münedschi der auch
jetzt wieder mit der Stimme Ben Nurs gesprochen hatte Die Kamele knieten
nieder er wurde abgebunden und auf eine ausgebreitete Decke gesetzt Der
andere oder die andern denn es waren wirklich zwei waren auch angebunden
Auch sie wurden losgemacht und da sahen wir dass nur einer von ihnen sich
bewegte der andere hing unbeweglich auf seinem Rücken
    »Wer sind diese zwei« fragte Halef
    »Geh hin und schau sie an« antwortete der Scheik
    Der Hadschi tat es Kaum war er dort so rief er aus
    »Der Ghani der Ghani Und der andere ist sein Sohn Er trieft von Blut und
ist an ihm festgebunden Oh Sihdi Sihdi ich glaube er ist tot«
    Es war mir als ob jemand mir mit einer in kaltes Wasser getauchten Hand
über den Rücken streiche Das war ja entsetzlich entsetzlich Das war ihm
wahrsten und zugleich im überzeugendsten Sinne ein Gottesgericht Wer da noch
von Zufall sprechen kann an den ist jedes weitere Wort Verschwendung
    Der »Liebling des Grossscherifs« musste sich auch setzen und zwar zwischen
zwei Beni Lam welche seine Wächter waren Und das tat er mit der hinter ihm
festgebundenen Leiche seines Sohnes Es war so grauenhaft anzusehen dass ich
mich abwendete Er sagte kein Wort keinen Laut ließ er hören Sein Gesicht
konnte ich der Dunkelheit wegen von meinem Platze aus nicht sehen oder doch
nicht erkennen Halef kam wieder her und sagte in bewegtem Tone
    »Wie mich das gepackt hat Effendi das kann ich dir gar nicht sagen Es ist
mir als ob ich an der Wage der Gerechtigkeit stände und selbst gewogen werden
sollte Nichts Böses tun nur nichts Böses tun Ich wollte tausend Menschen
Millionen Menschen alle Menschen die ganze Menschheit ständen hier um diesen
niederschmetternden Beweis zu sehen dass Allah sich nicht spotten lässt Horch
Was war das Hast du es gehört«
    »Ja«
    Es war vom Tachtirwan her ein Schluchzen geklungen dem man anhörte dass es
zurückgehalten werden sollte aber doch nicht unterdrückt werden konnte
    »Das ist Hanneh die weichherzigste aller gütigen Frauen Sie fühlt sich
auch ergriffen tief ergriffen Oh Effendi und früher habe ich mich oft mit
ihr gestritten weil ich als Moslem behauptete dass die Frauen keine Seelen
haben Und jetzt geht mir nicht nur die meinige sondern noch viel viel mehr
die ihrige über alle irdischen Vorzüge und alle Reichtümer dieser Welt Wenn ich
mir den Mann dort vorstelle wie er geifernd vor uns stand um unsere Liebe zu
schmähen und zu verlachen wie er lästernd sie herausforderte ihn zu strafen
und ihn nun zusammengebrochen unter der fürchterlichen Last der Leiche seines
Sohnes dort hocken sehe so habe ich das Gefühl als ob mir alle meine Nerven
einzeln aus dem Leibe gezogen werden sollen Ich möchte es hinausschreien über
die Wüste die Städte und Dörfer über die Flüsse und Ströme über alle Länder
und alle Meere dass es außer dem Glauben für die Seele keine andere Luft zum
Atmen gibt und dass die Liebe das einzige Licht die einzige Wärme im Himmel
und auf Erden ist«
    Scheik Abd el Idrak saß noch neben uns Er hörte Halefs Worte machte eine
Bewegung der Hände um unsere Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen und
sagte dann
    »Es hat auch für mich stille und einsame Stunden gegeben in denen ich
hinabgetaucht bin in die Fluten meines Innern um zu sehen was ich da unten
finden werde ob Perlen oder hässliches Getier Meist war es das letztere Und es
hat wieder Stunden gegeben in denen ich hinausgeschaut habe auf die Fluten des
Lebens auf die Segel welche den heimatlichen Hafen verlassen um nach der
fremden Stätte getrieben zu werden Ich sah die Güter die sie trugen vor Allah
wertlose Lasten und wunderte mich nicht dass sie im Sturme dann sanken oder an
Rissen zerschellten Ich bin ein Bewohner der Wüste und diese scheinbar so öde
Wüste ist voller Gedanken Ich erhielt meinen Teil davon doch machten sie mich
nicht glücklich Es wohnte ein Verlangen in mir eine oft laut aufschreiende
Sehnsucht die keine Erhörung fand so weit die einsame Wüste so weit das
bewohnte Land und so weit mein Leben reicht Ich wusste nicht was das war es
machte mich elend und krank Da da hörte ich es heut heut zum erstenmale das
große das herrliche Wort von der Liebe Nicht von der Liebe wie ich sie bisher
gekannt habe sondern von einer höheren reineren edleren Liebe von der Liebe
die Himmel und Erde verbindet und die Menschen zu Brüdern zu Kindern Gottes
macht Das ist es wonach ich suchte ohne es zu kennen das ist es wonach sich
meine Seele sehnt das ist es dem sich mein leeres Innere schon längst öffnen
wollte um von ihm ganz ja ganz erfüllt zu werden Ich will es haben ich muss
es haben darum bin ich hierhergekommen denn ihr habt es ihr habt diese Liebe
ihr übt diese Liebe und nur von euch von euch kann ich sie bekommen Darum
nur darum habe ich euch überrumpelt und überfallen Nicht den Kanz el Ada will
ich nun Erst ja erst wollte ich ihn und ich hätte ihn mir geholt und wenn
ich alle Beni Khalid und alle Haddedihn hätte erschießen müssen Nun ich aber
von eurer Liebe gehört habe verzichte ich auf diesen armseligen Schatz der
Glieder und will nur sie nur sie Sagt kann ich sie bekommen Wollt ihr sie
mir geben«
    Er war aufgesprungen und hatte nach und nach immer lauter und lauter
gesprochen als ob er seine Sehnsucht über alle Höhen und über alle Berge und
Täler über die ganze Wüste hinausschreien wolle Das war jener Schrei von
welchem die heilige Schrift sagt »Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser
so verlangt meine Seele o Gott nach dir« Diese Sehnsucht geht durch die ganze
Schöpfung durch die ganze Erdenwelt durch die ganze Menschheit Grad in der
heutigen Zeit ist es kein stilles heimlich klagendes Verlangen sondern ein
lautes Schreien nach Liebe aber die denen es gilt die wollen es nicht hören
Nicht nur aus menschlichem Munde sondern auch von den Lippen des unter dem
unbarmherzigen Messer gemarterten Tieres ertönt dieser Jammerschrei Nicht nur
der Mensch sondern auch die fälschlicher Weise »leblos« genannte Kreatur wartet
auf die Erlösung Gebt sie ihr o gebt sie ihr Gebt ihr Liebe Liebe Liebe
Lacht um Gotteswillen nicht wie der Ghani über diese Liebe denn was ihm
gesagt wurde das sage ich auch hier Die Liebe lächelt nicht immer Sie bittet
und was man ihr versagt was man ihr von ihren Rechten vorentält das holt und
nimmt sie sich mit unwiderstehlicher Gewalt nachdem sich ihre linde milde Hand
in die strafende Faust des Zorns verwandelt hat Gebt also Liebe aus Liebe und
wartet nicht bis ihr aus Zwang geben müsst was mit eiserner Strenge von euch
gefordert wird
    Die Worte des Scheikes Abd el Idrak hatten uns so ergriffen dass keiner von
uns sogleich die doch so leichte Antwort gab Da wiederholte er mit derselben
lauten Stimme seine Frage
    »Sagt kann ich sie bekommen Wollt ihr sie mir geben«
    »Ja von Herzen gern« antwortete ich nun
    Da drehte er sich um und warf seinen Leuten den Befehl zu
    »Macht sie frei Bindet sie alle los sofort augenblicklich«
    Es war gewiss nicht vorher besprochen worden aber ganz so schnell und
einmütig als ob es so verabredet worden sei beeilten sich die Beni Lam dieser
Weisung nachzukommen Im Handumwenden wie man zu sagen pflegt waren alle
unsere Haddedihn ihrer Fesseln wieder los Dann rief der Scheik
    »Diese tapferen und ehrlichen Krieger der Haddedihn sind von diesem
Augenblicke an die Brüder und Gäste unseres ganzen Stammes Ihre Freunde gelten
als unsere Freunde und ihre Feinde werden als die unsrigen behandelt Ich habe
es gesagt Abd el Idrak der Scheik der Beni Lam«
    Er reichte uns seine Hand die wir ihm recht herzlich aber auch ganz und
gar herzlich schüttelten Wer solche Szenen nicht erlebt hat der ahnt gar
nicht welche Reichtümer ein Menschenherz in sich trägt Und seine Leute taten
mit Das war ein Drücken und Schütteln der Hände welches kein Ende nehmen zu
wollen schien Als sich die frühere Ruhe einigermaßen wenn auch nicht ganz
wieder eingestellt hatte ergriff unser Gastfreund der Scheik von neuem das
Wort
    »Ihr werdet die Ursachen meines Verhaltens jetzt nur halb verstehen ich
will es euch nun aber ganz erklären Ihr wisst dass wir die Spur des Ghani fanden
und ihr folgten Dort sitzt er und hört alles was ich sage das mag eine
Verschärfung seiner Strafe sein und Allah gebe dass die Härte seines Herzens
unter ihr nun endlich einmal zu schmelzen beginne Nach längerer Zeit führte
diese Fährte zwar von unserer Richtung ab aber so wenig dass wir auf ihr
blieben Schaut hinüber zu dem Liebling des Grossscherifs Der alte Mann der eng
an seiner Seite sitzt ist Abu Kurban der Vater des Ermordeten und der fast
ebenso alte Krieger an der andern Seite ist der Oheim der drei Brüder welche
mit ermordet wurden Es ist dunkel darum könnt ihr nicht sehen wie tief der
Gram um den Verlust des einzigen Kindes sich in das Gesicht Abu Kurbans
eingefressen hat und wie sehr ihn der Gedanke quälte dass diese Missetat von
ihm im Buche der Rache noch zu durchstreichen sei Als beide hörten wen wir vor
uns hatten taten sie den Schwur sich Blut für Blut zu nehmen falls es ihnen
gelingen sollte sich von der Schuld zu überzeugen Sie haben diesen Schwur
gehalten denn sie mussten es Der Ghani hatte sich mit seinen Begleitern
zwischen zwei niedrigen Ausläufern der Dünenwüste gelagert Sie erschraken als
sie uns erblickten denn wir waren über sie gekommen ehe sie die Anwesenheit
einer solchen großen Schar nur ahnen konnten Wir umringten sie Wir sahen den
Sohn des Ghani er besaß die Verschiedenheit der Brauen und so stand es fest
dass er und die drei andern es gewesen sind Ich zögerte nicht ihnen das
Verbrechen sofort in die Gesichter zu werfen Sie erbleichten vor Angst
leugneten aber Da sahen wir einen Ring am Finger des Sohnes Abu Kurban
betrachtete ihn und tat einen Eid dass er Ibn Kurbans Eigentum gewesen sei Wir
durchsuchten die Mörder und fanden die andern Ringe und Steine Da glaubte einer
der drei er könne sich durch den Verrat der andern retten Er erzählte wie die
Tat sich zugetragen hatte Die vier Mörder hatten zunächst ohne das Wissen des
Ghani gehandelt ihm aber nach dem Morde gleich alles mitgeteilt Auf seinen Rat
waren sie dann nach El Kasab geritten in dessen Nähe der Alte mit dem Münedschi
auf sie wartete Was hatten die Mörder verdient Sag es mir Scheik Hadschi
Halef«
    »Den Tod« antwortete Halef
    »Hättest du sie begnadigt«
    »Nein«
    »Trotz der Liebe deren Kinder und Söhne ihr seid«
    »Nicht nur trotz sondern sogar infolge dieser Liebe Du darfst ja nicht
glauben dass sie eine Beschützerin der Sünde sei Kann sie nicht durch Güte
wirken so greift sie zur Rettung durch die Strenge Sie ist nachsichtig und
barmherzig so lange sie glauben darf dass dies zum Ziele führt zwingst du sie
aber zum Gegenteile so wird sie zur Mutter welche ihr Kind straft nicht
obgleich sondern weil sie es liebt«
    Das hatte der Hadschi vortrefflich gesagt aber weil er weggelassen hatte
was hier für diesen Fall die Hauptsache war fügte ich hinzu
    »Und hat sie ein Kind welches auch der Strenge nicht gehorcht so trennt
sie es von den andern damit diese nicht auch verderben Das ist die Strafe des
Todes die hart erscheint aber als Folge einer gebieterischen Ursache
entspringt«
    »Also auch du hättest für den Tod dieser Mörder gestimmt« fragte mich der
Scheik
    »Ja«
    »Aber ihr habt doch heute Mörder begnadigt«
    »Sie standen uns nicht so nahe dass die Rache unsere Pflicht gewesen wäre
Und was wichtiger ist es wurde uns der Befehl Liebe walten zu lassen«
    »Ja ich weiß es denn meine Späher haben es gehört und mir dann erzählt
Ben Nur sprach zu euch Er hat dann auch zu mir zu uns gesprochen«
    »Vor dem Urteile«
    »Nein sondern nach der Vollstreckung desselben Bis dahin war der Münedschi
still ganz so in sich versunken wie er jetzt dort sitzt als ob er schlafe
Desto mehr aber sprach der Ghani Er schwor alle Himmel auf die Erde herab er
wollte Allah zwingen die Lüge zu beglaubigen er zog alles was heilig ist
herbei auf seinen falschen Eid und als er sah dass diese Lästerungen keinen
Erfolg hatten wurde er zum Rasenden Dieser verlorene Mensch hat nur sich
selbst und seinen Sohn geliebt aber nie ein anderes Wesen Wir hörten das aus
seinen verzweiflungsvollen Reden Er hielt ihn fest er umklammerte ihn und als
wir beide auseinanderrissen heulte er auf wie ein Tier verfluchte sich
verfluchte die Menschheit verfluchte die Himmel und schwor wenn sein Sohn
schuldig sei so wolle er die Schuld desselben auf sich nehmen und tragen in
alle Ewigkeit Das war so schrecklich dass ein heiliger Grimm über mich über
uns alle kam In diesem Zorne verurteilte ich ihn den Sohn diese Nacht tragen
zu müssen um nur eine Ahnung davon zu bekommen was es heiße ihn und seine
Schuld durch endlose Nacht der Ewigkeit zu schleppen Die Mörder sind erschossen
worden kurz schnell ohne sie zu quälen Drei von ihnen haben wir begraben
den vierten seht ihr dort wie ich euch sagte Der Alte hat alle seine Sünden
nur für den Sohn begangen nun liegen sie und nun liegt auch der Sohn auf ihm
So will es die Gerechtigkeit Vielleicht hätte ich ihm das nicht angetan denn
Grausamkeit wohnt nicht in meinem Herzen aber meine Kundschafter welche
heimlich Zeugen seiner letzten Tat waren haben ihn auf die Asaker schießen
sehen und dann gehört wie er gegen euch und gegen eure Liebe wütete Das hat
mich gegen ihn unerbittlich gemacht Es war heut überhaupt ein Tag der
Abrechnung ein Tag an welchem wir Gericht gehalten haben Ihr sollt jetzt noch
nichts wissen doch wenn es Tag geworden ist so werdet ihr es sehen«
    »Bist du etwa mit den Beni Khalid zusammengestossen« fragte Halef
    »Ja« antwortete der Scheik
    »Ihr habt mit ihnen gekämpft«
    »Nur kurze Zeit In wenigen Minuten war es aus« klang es in verächtlichem
Tone
    »Allah w Allah Ihr habt gesiegt«
    »Mein Freund säßen wir hier wenn wir nicht Sieger wären Es währt nicht
lange mehr so wird es Tag Dann werdet ihr die Spuren des Kampfes an uns sehen
Den Platz des Sieges zeige ich euch«
    »Wo liegt er«
    »Da wo ihr gelegen habt am Bir Hilu Diese Beni Khalid haben seit dem
Tage an welchem Tawil Ben Schahid ihr Gebieter wurde niemals Ruhe gehalten
Der Stamm der Beni Lam litt unter ihren Raubzügen so dass ihm die Armut drohte
Da fasste ich endlich den Entschluss dass es mit einemmale mit einem großen
Schlage zwischen uns und ihnen zur Entscheidung kommen solle Ich bereitete mich
vor und wartete nur auf den nächsten Angriff ihrerseits Da wurde mir vor kurzer
Zeit die Kunde dass sie sich wieder zu einem Überfalle rüsteten sie wollten
ihren Weg über den Bir Hilu nehmen um wenn wir ja etwas erfahren sollten uns
glauben zu machen dass dieser Zug nicht uns gelte Es wurde mir auch die Anzahl
ihrer Krieger gesagt Um es kurz mit ihnen machen zu können zog ich ihnen mit
einer bedeutend größeren Schar entgegen die ich des Wassers wegen teilen musste
Drei Brunnen waren es westlich vom Bir Hilu die wir besetzten Ich schickte
dem Feinde meine Läufer entgegen die nicht leicht zu entdecken sind Als diese
mir das Nahen der Beni Khalid meldeten zog ich die drei Scharen zusammen Dann
lagen die Läufer in der Nähe des Brunnens tief im Sande eingewühlt und
beobachteten euch alle Nach dem Zweikampfe schickte ich zwei Kundschafter zu
euch nicht etwa um zu erfahren ob ihr euch noch am Brunnen befändet sondern
ich wollte wissen wie ich euch zu behandeln hätte Euer Kanz el Ada sollte
unser werden ich fragte mich ob ich euch dabei schonen solle oder nicht Da
hörte ich dass ihr eure Feinde nicht verraten hättet Ich traute meinen Ohren
nicht denn ein solcher Edelmut war mir noch nicht vorgekommen Als ihr dann
nach Süden rittet wurdet ihr von den Beni Khalid erwartet Ich wollte dies
benutzen um sie und euch zugleich zu fassen Sie sollten geschlagen ihr aber
mit Zurücklassung des Schatzes wieder freigelassen werden Ich wusste nicht dass
die Soldaten mit ihm nach Norden reiten sollten Da kehrte Scheik Tawil mit
einer kleinen Schar zurück Ich schickte ihm meine Läufer nach und so entging
es mir dass sich der Perser von euch trennte Dann rittet ihr auch nach Süden
kehrtet aber ebenso wieder um die Beni Khalid folgten euch Was nun geschah
wisst ihr zum kleinen Teile das andere sollt ihr erst dann erfahren nachdem ihr
es gesehen habt Der Osten scheint sich schon lichten zu wollen Sobald es hell
wird brechen wir auf von hier«
    »Wohin« fragte Halef
    »Zum Bir Hilu«
    »Nehmt ihr den Ghani mit«
    »Ja«
    »Und was geschieht dann mit ihm«
    »Wir jagen ihn fort«
    »Allah Ihr werdet ihn nicht auch erschießen«
    »Nein Er ist an dem Morde den wir zu rächen hatten nicht beteiligt
sondern nur später der Verhehler gewesen hat also nicht das Blut eines Ben Lam
vergossen wir dürfen ihm also auch nicht das seinige nehmen Was er gegen euch
und die Asaker getan hat das ist nicht unsere sondern eure Sache Auch ist
ein einsames Alter ohne seinen Sohn für ihn eine größere Strafe als es ein
rascher Tod sein würde«
    »Das ist wahr Er hat die Liebe von sich gestoßen sie ist von ihm gegangen
nun muss er ohne Liebe dem Grabe entgegenwanken Er hat es grad so und nicht
anders gewollt«
    »Um so fester werden wir sie und besonders werde ich sie halten« sagte Abd
el Idrak sehr ernst »Schon aus den Beobachtungen welche ich am Bir Hilu an
euch machen ließ ergab sich ein Verhalten welches mich zunächst befremdete
Ihr wenigen Leute fürchtetet euch nicht vor einer großen Übermacht von Feinden
die ihr sogar noch schontet Dann hattet ihr für die Mörder der Soldaten Gnade
anstatt Rache Eure Reden wurden mir berichtet auch wie ihr die Toten bestattet
und über ihrem Grabe geschossen habt Das tut kein Ibn Arab160 und ist so tief
ergreifend Dazu kommt etwas was ich euch doch sagen will obgleich ich mir
vorgenommen hatte darüber zu schweigen Als einer meiner Läufer beim Brunnen
tief im Sande steckte um euch zu beobachten entfernten sich von dort vier
Männer die nahe an ihm vorübergingen Er schlich ihnen nach Sie stiegen auf
einen Felsen Der Münedschi ist bei ihnen gewesen Er sprach lange Zeit mit
lauter Stimme Mein Späher hat zugehört und mir alles berichtet auch das was
ihm zu schwer gewesen ist es zu begreifen Sein Bericht ist unvollständig und
wohl auch in vielem falsch gewesen aber ich habe doch so manches davon tief in
mein Herz geschlossen wo es mir die Ahnung dessen brachte was ich im Leben
besitzen muss um den Tod in Leben zu verwandeln Wisst ihr wer die andern drei
gewesen sind«
    »Der Effendi Khutab Agha und ich« antwortete Halef
    »Könnte ich diese Reden von euch ausführlicher erfahren«
    »Ja Wir sind sehr gern bereit dazu«
    »Ich danke dir schon jetzt«
    Er gab dem Hadschi die Hand und sprach dann weiter
    »Ich habe euch schon gesagt dass der Münedschi still war bis das Urteil an
den vier Mördern vollzogen worden war Gleich nach dem letzten Schusse aber
stand er auf und sprach mit geschlossenen Augen längere Zeit so ernste und
tiefsinnige Worte von dem Leben und dem Tode von der Liebe und der
Gerechtigkeit dass wir alle so andächtig lauschten wie ich in meinem ganzen
Leben noch keinem Chatib161 zugehört habe Es war als ob der Engel der durch
ihn sprach die Absicht hätte alles aus meinem Herzen zu treiben was sich
gegen euch noch darinnen befand Ich beschloss auf den Kanz el Ada zu
verzichten auch auf eure Pferde und auf das Hedschihn auf welche ich es noch
mehr als auf den Schatz der Glieder abgesehen hatte Ich kann das was in mir
vorging nicht beschreiben ich weiß dass dies kein Mensch zuwege gebracht
hätte und bin überzeugt dass es der Einfluss dieses unsichtbaren Ben Nur gewesen
ist Es wuchs und wuchs es wallte und wallte ein Gefühl doch nein kein Gefühl
bloß sondern eine Überzeugung in mir auf dass ich euch bitten müsse mich mit
meinen Armen an euch festhalten zu dürfen dass über mich und mein Leben von euch
eine Kraft ausgehen werde die mir segensreicher sei als der Schatz und die
Tiere welche ich euch hatte nehmen wollen Und ganz sonderbarerweise gab es
eine Stimme in mir welche mir riet euch zu zeigen dass wir Krieger sind
welche eure Achtung verdienen Darum nahm ich mir vor euch zum Scheine zu
überfallen und zwar so dass ich euch überwältigte ohne dass einem von euch ein
Leid geschehen durfte Das war freilich nur dadurch möglich dass wir den
gefährlichen Abstieg dort von der Sandwand herunter wagten Es ist niemand von
uns dabei verunglückt und ihr werdet zugeben dass auch das übrige gelungen ist
Den Ghani und den Münedschi ließ wir mit ihren Wächtern natürlich einstweilen
in der Nähe zurück und dort stehen auch unsere Kamele auf denen wir
hergeritten sind Nun wird es hell Wir werden aufbrechen können Ihr reitet
doch mit«
    »Das brauchst du gar nicht erst zu fragen« antwortete Halef »Du hast sehr
recht daran getan dir zunächst unsere Achtung zu erwerben Sie ist euch
geworden und die Liebe ist auch schon unterwegs«
    »Das wünsche ich Es gibt ein reiches Feld für sie wohl überall vor allen
Dingen aber hier in diesem vom Hass zerrissenen Lande Allah will das Glück der
Menschen er bietet es ihnen an schon seit es Menschen gibt sie greifen aber
nicht zu es von ihm zu nehmen Sie suchen es an Orten die fern von seinen
Wegen liegen«
    Ich verwunderte mich im stillen immer mehr über diesen seltenen Mann Er war
ein Suchender und wer sucht der findet so lautet die Verheißung Ich sah da
es nun heller wurde sein Gesicht nicht plötzlich sondern nach und nach um so
deutlicher je heller der Morgen wurde »Das ist Petrus« sagte ich mir Und es
war so Je mehr es tagte desto bestimmter trat seine Ähnlichkeit mit diesem
Jünger wie er auf dem bekannten Abendmahlsbilde von Leonardo da Vinci zu sehen
ist hervor Ich hätte es ihm am liebsten sagen mögen aber ich durfte dieses
Bild ja gar nicht kennen
    Welch ein anderes geradezu fürchterliches Gesicht war dagegen jetzt
dasjenige des Ghani Der »Liebling des Grossscherif« Er sah nichts weniger als
wie ein Liebling aus Seine aufgedunsene Physiognomie wirkte mehr als abstoßend
seine Augen waren mit Blut unterlaufen seine Lippen blau Er bot einen mehr
tierischen als menschlichen Anblick dar Sein Gewand war mit Blut getränkt Und
die Leiche auf seinem Rücken  es war schrecklich
    Halef betrachtete ihn auch Er sah es und da brach er nach so langem
Schweigen brüllend los
    »Hund schau nicht her Euch euch habe ich dieses Elend zu verdanken nur
euch euch allein Ich verfluche euch verfluche euch beim Himmel und der Hölle
Seid alle alle verflucht und   «
    Doch still Denn was nun noch folgte kann unmöglich wiedergegeben werden
Als Halef annahm dass er sich ausgetobt hatte sagte er ihm
    »Schieb ja die Schuld nicht auf uns du trägst sie ganz allein wie du die
Leiche deines Sohnes trägst Der Effendi hat dir vorher gesagt dass dein
Gelächter sehr bald enden und sich in das Gegenteil verkehren wird Nun ist es
so eingetroffen Die Last welche auf dir liegt hast du dir   «
    Weiter konnte er nicht sprechen denn er wurde von einem neuen Ausbruche des
Ghani unterbrochen Ich bat ihn doch lieber zu schweigen und er gab mir recht
Wir ließ diesen Auswurf den Beni Lam über und nahmen uns des Münedschi an
welcher von dem immerwährenden Hin und Herreiten so geschwächt war dass er gar
nicht mehr recht zu sich kam Wir richteten ihm den Sitz im Sattel so bequem wie
möglich her banden ihn fest und ließ ihn dann als wir aufgebrochen waren
zwischen uns reiten
    Es ging zu der schon öfters erwähnten Enge hinaus und nach der Stelle wo
sich die Kamele der Beni Lam befanden hierauf setzte sich der Scheik derselben
an die Spitze und führte den Zug hinaus auf die offene Sandwüste wo wir nach
der von uns schon zweimal gerittenen Linie einlenkten Später ging es über den
Serir die Wüste des glatten Steines bis wir die Wüste der Felseninseln
durchritten in welcher der Bir Hilu lag
    Noch ehe wir diesen ganz erreicht hatten trafen wir auf einen ausgestellten
Beni LamPosten welcher seinem Scheik meldete dass sich nichts Neues ereignet
habe und die Grube bereit zur Aufnahme der Leichen sei Was für eine Grube und
was für Leichen gemeint seien das sahen wir zu unserem Grausen als wir den
Platz erreichten auf welchem der Zweikampf zwischen uns und den Beni Khalid
stattgefunden hatte
    Dieser Platz war von über dreihundert Beni Lam belebt von denen wie wir
sahen eine ziemliche Anzahl verwundet war Sie empfingen uns still was wohl
eine Folge der Tätigkeit war welche sie hier zu verrichten gehabt hatten
Nämlich der Felsen welcher den Platz im Norden begrenzte derselbe den wir mit
dem Münedschi erstiegen hatten besaß eine nicht sehr breite aber tief
einschneidende Bucht welche von dem Winde fast bis oben mit den leichtesten
Teilen des Sandes also mit Flugsand vollgeweht worden war Das hatten wir
früher wohl gesehen aber nicht zu beachten gehabt Dieser Sand nun war
herausgeschaft und vor dem Felsen für einstweilen aufgehäuft worden Man hatte
auch noch den Boden möglichst tief ausgeworfen so dass eine ganz bedeutende
Grube entstanden war welche an drei Seiten von den aufragenden Felswänden
eingeschlossen wurde Vor dieser Spalte dieser Grube lagen die aus dem ganzen
Umkreise soweit der Kampf gewütet hatte zusammengetragenen Leichen der
Gefallenen Die erschreckend große Zahl dieser Toten bewies dass das Wort
»gewütet« keine Übertreibung war Nun erst erfuhren wir wie es sich zugetragen
hatte
    Als wir vom Süden zurückkehrend um dem Perser nachzureiten und ihn zu
retten am Brunnen vorüber gewesen waren hatten die Beni Lam den Platz besetzt
und hinter den Felsen Stellung nehmend auf die Beni Khalid gewartet
    Diese waren zwar ziemlich vorsichtig herangekommen weil es doch in der
Möglichkeit gelegen hatte dass wir hier geblieben waren doch dass auch andere
Feinde und zwar in solcher Zahl hier stecken könnten dieser Gedanke war ihnen
gar nicht in den Sinn gekommen Sie hatten auf dem Brunnenplatze einen kurzen
Halt gemacht und da war es gewesen wo von allen Seiten her die Schüsse ganz
unerwartet gekracht hatten und die Beni Lam auf sie eingedrungen waren Scheik
Abd el Idrak hatte zu uns ganz richtig gesagt »Nur kurze Zeit in wenigen
Minuten war es aus« Ja es war aus gewesen und wie mochte es dann auch
ausgesehen haben Der Boden sah noch jetzt so rot vom Blut dass es fast keine
anders gefärbte Stelle gab Jetzt lagen die erbeuteten Kamele da Auch sahen wir
einen ganzen Hausen ebenso erbeuteter Waffen und allerlei Gegenstände liegen
welche den Toten aus den Taschen genommen worden waren Die nicht oder nur
leicht verwundeten Beni Khalid waren schon nach kurzer aber um so blutiger
Gegenwehr in wilder Flucht davongejagt viele hatten sich nur zu Fuß retten
können Voraussichtlich hatten nun lange lange Jahre zu vergehen ehe sie daran
denken konnten für diese Niederlage Rache zu nehmen
    Die Leichen zu zählen das unternahmen wir gar nicht denn schon der bloße
Anblick tat ja wehe Sie lagen in einem großen weiten Halbkreise um die
Felsengrube Da wo wir standen sahen wir auch einen nur zu bekannten liegen
nämlich den speerwerfenden »Vater der Selbstverständlichkeit« Er war
»natürlich« auch mit gefallen seine Armmuskeln hatten ihn nicht retten können
    Da zeigte Abd el Idrak nach der andern Seite
    »Kennt ihr den« fragte er
    Da sahen wir sitzend aufgerichtet und mit dem Rücken an den Felsen gelehnt
den Scheik Tawil Ben Schahid Er hatte mitten in sein schon von Halefs Peitsche
gezeichnetes Gesicht einen Kolbenhieb bekommen der ihn fast unkenntlich machte
den Tod aber hatte ihm eine Brustwunde gebracht Er war während des Hauptkampfes
nicht zugegen gewesen sondern dann später ebenso abgefangen worden wie die
vierzig Mann die er in zwei Abteilungen zurückgeschickt hatte um den Kanz el
Ada für sich allein zu haben Ohne diese Selbstsucht hätte er sich mit seinem
Truppe vielleicht retten können
    »Das Grab das Grab zwischen uns und ihm« sagte Halef indem er erst auf
ihn und dann auf die Grube deutete »Sind dir die Worte welche er sagte noch
gegenwärtig Effendi«
    »Ja« antwortete ich
    »Wie lauteten sie doch«
    »Von diesem Augenblicke an gähnt zwischen uns ein Grab Wen es aufzunehmen
hat mich oder euch das mögen die entscheiden bei denen ich geschworen habe 
 oder mag es auch die Liebe entscheiden die eure angebetete Götzin ist Ich
habe nichts dagegen«
    »Ja sie hat entschieden und er kann nun freilich nichts dagegen haben Ist
es nicht sonderbar dass uns jetzt solche Reden schon wiederholt ganz genau fast
wörtlich in Erfüllung gegangen sind«
    »Es ist das mehr als sonderbar Es ist mir das einigemale mit meinen eigenen
Worten passiert es möchte mir fast vor mir selber grauen Ich sage nichts mehr
derartiges Komm wir wollen gehen Dieser Anblick tut mir sogar körperlich
wehe«
    Wir gingen nach dem Brunnen wo man den Münedschi hingesetzt hatte Er war
nicht allein Der Ghani befand sich bei ihm Dieser war damit beschäftigt drei
Kamele zu tränken nämlich das seinige das des Blinden und auch dasjenige
welches die Leiche seines Sohnes hierhergetragen hatte er war nur für die Nacht
mit ihr zusammengebunden und dann früh kurz bevor wir aufbrachen von ihr
befreit worden
    »Es scheint ganz so als ob er den Toten mit sich nehmen will« sagte Halef
zu mir
    »Und den Münedschi wohl auch«
    »Dulden wir das«
    »Hm Eigentlich gehört der Blinde nicht zu uns sondern zu ihm«
    »Jetzt nicht mehr denn der Ghani hat sich als ein Mensch erwiesen dem so
ein armer Mann unmöglich anvertraut bleiben darf Bist du einverstanden dass wir
uns seiner annehmen«
    »Sehr gern sogar«
    »Gut ich werde sofort mit dem Blinden sprechen«
    Dieser war grad jetzt bei voller Besinnung Wir traten zu ihm und Halef
fragte
    »Weißt du o Münedschi wo du bist«
    »Ja mein Beschützer hat es mir gesagt«
    »Dein Beschützer Hältst du ihn auch jetzt noch dafür«
    »Er wird es bleiben so lange ich lebe Ich weiß dass unsere Gefährten
erschossen worden sind aber ich bleibe bei ihm und reite mit ihm heim nach
Mekka«
    »Das ist dein Ernst«
    »Ja«
    »Bist du vollständig wach und munter«
    »Ich bin im Besitze meiner vollsten Selbständigkeit Deiner Stimme nach bist
du der Scheik Hadschi Halef«
    »Ja der bin ich«
    »Wo ist der Effendi aus dem Wadi Draha«
    »Er steht hier neben mir«
    »So muss ich ihm ein Wort sagen Effendi ich weiß dass ich dich verkannt
habe und bitte dich um Verzeihung Wirst du sie einem alten blinden Manne
versagen«
    »Nein Ich habe dir überhaupt nicht gezürnt« antwortete ich »Das kann ich
dir durch die Mitteilung beweisen dass wir uns entschlossen haben dich mit uns
nach Mekka zu nehmen«
    »Ich danke euch für diese Güte kann sie aber nicht annehmen«
    »Warum«
    »Weil ich bei dem Ghani meinem Beschützer bleibe«
    »Bei diesem   «
    »Sag nichts weiter« unterbrach er mich »Wenn du wüsstest wie wehe du mir
damit tust würdest du ganz gewiss gern schweigen Mein Herz hängt an ihm Sei
gut mit mir und dränge nicht in mich ihn zu verlassen«
    »Du bist also überzeugt dich ihm auch ferner anvertrauen zu dürfen«
    »Vollständig Wenn ihr mich mit Gewalt von ihm nehmen wolltet müsste ich
mich so nach ihm grämen dass ich mein Unglück mehr als doppelt fühlen würde«
    »Wenn du so sprichst dürfen wir nicht weiter in dich dringen Wann will er
fort«
    »Wenn die Kamele getrunken haben Lasst uns nicht hungern gebt uns Essen
mit und auch Tabak für mich«
    »Das sollst du haben Wir reiten hinter euch drein und ich denke dass wir
uns sehr bald wiedersehen Wehe dann ihm wenn wir erfahren dass er dich leiden
lässt«
    Während dieses Gespräches hatte der Ghani getan als ob er sich gar nicht
um uns bekümmere Jetzt drehte er sich nach uns um und rief uns mit einer
Stimme welche vor innerem Ingrimm heiser klang zu
    »Ich rufe auch ein Wehe über euch schon jetzt Ja du hast recht wir sehen
uns wieder Aber dann    dann    dann   «
    Er fletschte die Zähne und schüttelte drohend die Fäuste Wir erwiderten
hierauf nichts und entfernten uns Er rief uns noch nach
    »Drei Kamele kann ich bloß mitnehmen Bezahlt mir die andern drei ihr
Hunde«
    Abd el Idrak stand in der Nähe Er hörte das zuckte die Achsel und meinte
    »Abu Kurban könnte ihm alle sechs nehmen als Ersatz für die geraubten die
in El Kasab verkauft worden sind Hört nicht mehr auf diesen Menschen«
    Wir befolgten diesen Rat doch als ich nach einiger Zeit sah dass der Blinde
von seinem »Beschützer« auf das Kamel gesetzt und dort festgebunden wurde ging
ich doch noch einmal zu ihm um ihm für voraussichtlich kurze Zeit Lebewohl zu
sagen Tabak und Proviant hatte ich ihm vorher geschickt Sie ritten miteinander
und mit der Leiche auf dem dritten Kamele fort ohne dass sich jemand um sie
kümmerte ausgenommen Halef Hanneh Kara und der Perser Diese sahen ihnen noch
nach bis sie hinter dem nächsten Felsen verschwunden waren Im stillen war mir
um den Münedschi angst
    Die Toten wurden in die Grube und dann als diese voll war noch immer
weiter übereinander gelegt bis sie alle waren und sich die Einbuchtung des
Felsens von ihnen fast gefüllt hatte Obenauf kamen die wenigen Gefallenen der
Beni Lam zu liegen Dann wurde der ausgeworfene Sand auf sie geschüttet bis er
eine hinreichende Decke über ihnen und an der offenen Seite herunter bildete
Dadurch wurde der Riss im Gestein so vollständig geschlossen dass niemand außer
dem Eingeweihten wissen konnte was er enthielt Der Scheik hatte vorher die
Gebete des Todes gesprochen und jetzt befahl er dass fünfzig Krieger dreimal
schießen sollten ganz so wie wir es über das Grab der Soldaten getan hatten
Dieser militärische Brauch hatte ihm imponiert
    Diese Bestattung hatte längere Zeit in Anspruch genommen und dann gab es
noch soviel zu verrichten dass die Beni Lam gar nicht daran denken konnten den
Bir Hilu heut schon alle zu verlassen Die Mehrzahl von ihnen musste des Wassers
wegen allerdings fort Aus demselben Grunde hatten sie den Heimweg in
verschiedenen Abteilungen über verschiedene Brunnen zu nehmen um nicht Mangel
leiden zu müssen Der Scheik blieb bis zuletzt da und da es bis zu unserm
nächsten Ziele der Ain Bahrid eine ganze Tagesreise war und wir auch schon
der Spur des Ghani wegen nicht des Nachts unterwegs sein wollten so hatten wir
uns entschlossen diesen Weg erst morgen früh anzutreten
    Aber es kam anders als wir uns vorgenommen hatten
    
    Da Abd el Idrak die Beschäftigungen seiner Leute nur überwachte und sich
nicht auch daran beteiligte so hatte er Zeit bei uns zu sein und das nützte
er so reichlich aus dass er sich fast keinen Augenblick von uns entfernte
Gesprächsstoffe waren überreich vorhanden Am meisten natürlich wurde über sein
und unser Zusammentreffen mit den Beni Khalid gesprochen und das brachte uns
wieder und immer wieder auf den Münedschi auf Ben Nur und auf die von ihm oder
um ausführlicher zu sein von ihnen erhaltenen Lehren zurück Der Scheik gehörte
zu den nicht sehr zahlreichen Menschen denen die Religion Herzenssache ja die
wichtigste Sache ihres Lebens ist Auch davon abgesehen dass er sich zum Islam
bekannte war er noch nicht auf den eigentlichen Grund davon gekommen warum es
grad so sein muss und nicht anders sein soll oder doch sein sollte und nun hatte
er hier von Ben Nur einen so wichtigen Fingerzeig bekommen der ihn auf diesen
Grund aller Gründe die Liebe aufmerksam machte Er hatte sogleich und mit
Feuereifer zugegriffen und fühlte sich von der entdeckten Neuheit die doch so
uralt ist weil sie von Anfang war so begeistert dass er hunderte von Fragen
hatte deren Beantwortung selbst für einen der diesen Stoff beherrschte eine
Kunst zu nennen war Diese seine Entzückung riss auch uns mit sich fort und so
fragten und antworteten wir uns immer mehr ineinander hinein bis wir als wir
am späten Abend endlich doch aufhören mussten bemerkten dass wir uns herzlich
liebgewonnen hatten Nicht nur seine innern Vorzüge auch sein Äußeres sein
Petrusgesicht hatten es mir angetan Er fühlte diesen Zug der Herzen ebenso
wie wir und sagte indem er glücklich lächelte
    »Es scheint ganz so zu sein wie Hadschi Halef heut früh verkündigt hat Die
Achtung ist euch geworden und die Liebe ist auch schon unterwegs Ja die
Liebe sie hat sich wirklich eingefunden wenigstens was mich betrifft Ich
möchte so gern weiter fortschreiten in ihr und bin so unbeholfen Ich möchte sie
gern so fest haben dass sie mich nimmer wieder verlassen kann ich möchte sie
meinem ganzen Stamm verleihen und weiß doch nicht wie ich das anzufangen habe
ich bin noch zu unerfahren und zu ungeschickt dazu Ich brauche euch ja ja
ich brauche euch ich muss euch noch haben wenn auch nur für noch kurze Zeit
Und darum spreche ich die Bitte aus Kommt für einige Tage mit uns Seid unsere
lieben hochwillkommenen Gäste Ich weiß dass euch ein schnelles Nein auf den
Lippen liegt aber ich flehe euch an es ja nicht auszusprechen Ihr bringt
Glück in unsere Zelte und wer Glück spenden kann der darf ja nicht
unterlassen es zu tun Sagt also ja statt nein ich bitte euch von Herzen«
    Wir sahen einander an und während wir uns so anschauten ließ jeder ein
vergnügtes Lachen hören Und in dieses Lachen hinein ertönte Hannehs Stimme
    »Wir nehmen die Einladung an wir gehen mit ich will die Frauenzelte der
Beni Lam kennen lernen«
    Da war das große Wort ja schon gesprochen Wir waren nicht abgeneigt die
Bitte des Scheikes zu erfüllen und hätten es wahrscheinlich nach einigen
Wiederholungen derselben getan aber da es eine solche Fürsprache gab lachte
Halef noch lauter als vorher sprang auf und rief
    »Oh Hanneh du Retterin aus der schwersten Not der Unentschlossenheit
gesegnet sei dein Wort Nie schlage ich dir eine Bitte ab auch diese nicht Du
sollst die Zelte kennen lernen nach denen du dich sehnst«
    »Da bat Abd el Idrak den Hadschi um die Erlaubnis zu Hanneh gehen und ihre
Hand küssen zu dürfen«
    »Ja küsse sie sie hats um dich verdient« antwortete Halef »Küsse ihr
auch die andere Und wenn du dann noch weiterküssen willst so habe auch ich
zwei Hände und auch die andern haben jeder deren zwei Dann legen wir uns
schlafen denn wenn wir mit dir ziehen ist der Weg des morgenden Tages sehr
weit und wir müssen sehr früh zum Aufbruche fertig sein«
    So wendet sich der Weg des Menschen oft anders als er denkt Wir sollten
später erfahren dass dieser so rasch beschlossene Besuch bei den Beni Lam ein
für uns nicht nur wichtiges sondern wie sich herausstellte fast
unvermeidliches Ereignis war Und es kam noch etwas ganz Überraschendes dazu
    Nämlich als wir am andern Morgen aufbrachen schlugen wir natürlich nicht
den Weg nach der Ain Bahrid ein sondern den kürzesten den es nach dem Gebiete
der Beni Lam gab Das war eine äußerst selten von einem Wanderer benützte
Richtung wie uns der Scheik sagte und darum wunderten wir uns als wir um die
Mittagszeit auf eine Spur trafen welche quer über die unsrige ging und nach
einer Gegend lief wo es mehrere Tagereisen weit keinen Brunnen gab Die Stapfen
deuteten auf drei Kamele und auf die Zeit von gestern Als wir eine
Viertelstunde geritten waren kehrte diese Spur zurück Da blieb Abd el Idrak
halten und sagte
    »Das ist auffällig Wer so in die trockene Wüste reitet und so straks wieder
umkehrt den kann nur ein ganz bestimmter Grund geführt haben Und dieser Grund
ist dass es in der Einöde da einen verborgenen Brunnen gibt den der welcher
ihn braucht mit einem Fell und mit Sand bedeckt damit ihn weiter niemand
finde So ein Wasser ist von größter Wichtigkeit und ich schlage vor wir
reiten hin um uns zu überzeugen Weit fort von hier geht es ja nicht das sieht
man an den Spuren«
    Halef zeigte ein bedenkliches Gesicht nach der Ursache gefragt antwortete
er
    »Mir will es nicht gefallen dass es grad drei Kamele sind Ich muss an den
Ghani denken Die Spur kommt aus der Gegend seines Weges  Was sagst du dazu
Effendi«
    »Ich bin deiner Ansicht« stimmte ich bei »Wir folgen der Fährte und zwar
schnell Wer weiß was er vorgehabt hat wenn er es gewesen ist Etwas Gutes
jedenfalls nicht«
    Es ging nun also quer vom Wege ab in die Wüste hinein und zwar in viel
schnellerem Tempo als bisher Unsere Spannung wuchs je weiter wir kamen Es
vergingen zwei Viertelstunden und auch fast noch die dritte da sahen wir
endlich einen Gegenstand welcher mitten in der tiefsten Einsamkeit im Sande
lag Näher kommend sahen wir dass er sich bewegte und als wir ihn erreichten
erscholl ein Schrei der Empörung aus aller Munde es war ein Mensch es war  
 der Blinde
    Er lag abseits von dem Ende der Fährte Er war gebunden und wir sahen dass
er sich in seiner Todesangst von ihr fortgewälzt und immer weitergewunden hatte
bis hierher wo er nun lag Er hatte die Augen geschlossen ein Zeichen dass er
in diesem Augenblicke geistesabwesend war Seine Bewegungen welche wir gesehen
hatten schienen unwillkürlich gewesen zu sein Jetzt lag er still
    Das war eine Tat von höchster Grausamkeit Später erfuhren wir von ihm das
Nähere Der Ghani hatte ihn ausgefragt wen er für den Dieb des Kanz el Ada
halte
    »Dich« hatte er geantwortet »Auch die Soldaten hast du mit gemordet Aber
ich bleibe trotzdem bei dir denn du bist mein Wohltäter den ich nicht
verlassen darf«
    Das war am Brunnen geschehen ehe ich mit Halef hinkam Der Ghani sah also
in dem Münedschi einen Zeugen seiner Verbrechen der ihn in Mekka verraten
konnte und den er darum unschädlich zu machen beschloss Für einen direkten Mord
zu feig beschloss er ihn in der Wüste auszusetzen und führte diesen grässlichen
Vorsatz wie wir nun sahen aus
    Wer hatte uns zu seiner Rettung hergeführt Der Zufall O nein Oder der
Weg den wir ja doch zu reiten hatten Auch nicht denn der Scheik hatte über
den Bir Nafad gewollt und erst gestern als wir beschlossen mit ihm zu gehen
sich für den heutigen den kürzeren wenn auch wasserlosen entschlossen Ich
bin überzeugt dass wir geführt worden waren
    Wir flössten dem beklagenswerten Manne Wasser ein welches ihn sichtlich
erquickte doch wachte er nicht dabei auf Als wir ihn auf irgend welche
Verletzung untersuchten fanden wir keine er hatte einfach verschmachten
sollen
    »In Mekka in Mekka« knirschte Halef »Ghani Ghani für dich wäre es
besser du selbst wärest hier verhungert und verdürstet als dass wir kommen um
dich in der heiligen Stadt in deinem Ruhm zu stören«
    In ganz derselben Weise sprachen sich auch die andern aus Ich aber sagte
nichts gar nichts Ich fühlte keinen solchen Zorn keinen Grimm wie sie ich
fühlte nichts als eine tiefe tiefe Traurigkeit Auswurf der Menschheit und
Gottes Ebenbild welche Stufen gibt es zwischen dieser Tiefe und dieser Höhe
Welche von ihnen ists auf der wir selber stehen
    Der Blinde bekam das ruhigste Kamel und den besten Platz den wir ihm
schaffen konnten Dann ritten wir zurück Er bewegte sich nicht Sein tief
eingefallenes Gesicht war dasjenige eines Toten Aber als wir die Stelle an
welcher wir abgebogen waren erreichten und uns unserer ursprünglichen Richtung
zukehrten da hob er den Arm deutete nach dort wo wir ihn gefunden hatten und
sagte in dem tiefen Tone Ben Nurs
    »Schaut noch einmal zurück und merkt euch diese Stelle denn ihr kommt
wieder her wenn abgerechnet wird«   
 
                                    Fußnoten
1 Anrede  Herr
2 Kamelsänfte für Frauen
3 Kutsche
4 Bahnzug
5 Billet
6 Zeremonie des Ehekontraktes
7 Lokomotive
8 Jesus Mariens Sohn
9 Siehe Karl May »Durch die Wüste« Seite 299
10 Heimweh
11 Stätten der Heimat
12 Zeltdorf
13 Unbekannt Incognito
14 Westliche Sahara
15 Wissenschaften
16 Juwelier
17 Versammlung der Ältesten
18 Berg Gebirge
19 Plural von Bir  Brunnen
20 Plural von Ain  Quelle
21 Blitz
22 Der Edle
23 Siehe Karl May »Der Schut« Seite 635
24 Die Schnelle
25 Spielzeug
26 Puppe
27 Asa foetida Teufelsdreck
28 Siehe Karl May »Im Reiche des silbernen Löwen« Bd I S 370
29 Geographie und Weltgeschichte
30 Plural von Nisr  Geier
31 Blutrache
32 Schlauch
33 Muhammed ist gemeint
34 Der Tod
35 Geister
36 Plural von Dschirbe  Schlauch für Wasser
37 Kaviar
38 Auster
39 Riesenschildkröte
40 »Der Reiche«
41 Der Wahrsager
42 Geistern und Engeln
43 Plural von Scherif
44 Scherif der Scherife
45 Peitsche
46 Bücherwurm
47 Eichhörnchen
48 »Bücher«
49 Künstliches Atmen
50 Auferstehung
51 Eselsbrücke
52 Guitarreähnliches Saiteninstrument
53 Insel Land zwischen Euphrat und Tigris
54 Gebetsturm
55 Amen
56 1182 n Chr
57 Juni 622 n Chr
58 Hochzeit
59 Sohn des Lichtes
60 Buch der Seligen
61 Freitag
62 Montag
63 Gelehrte aller Gelehrten
64 Universitäten
65 Siehe Karl May »Im Reiche des silbernen Löwen« Band II
66 Beamter für religiösjuristische Angelegenheiten
67 Entscheidung
68 Oberste geistliche Behörde
69 Rheumatismus
70 Vorträge
71 Gelehrten
72 Oberster eines Stadtviertels
73 Samstag
74 Kirchenvater
75 Süsser Brunnen
76 Plural von Wah  Oase
77 Samum  Wüstenwind
78 Karawanenführer
79 Kap 19 15
80 Oberwächter Oberaufseher
81 Siehe Karl May »Im Reiche des silbernen Löwen«
82 Dolch
83 Teufel
84 Amerika
85 Geistern
86 Der Berühmte
87 »Der Zettel«
88 Erzähler
89 Wechsler Bankier
90 Marie
91 Die Bibel
92 Beduine
93 Lustigmacher Hanswurst
94 Aderlass
95 Sänfte
96 Hexe
97 Gebetsteppich
98 Gedärme
99 Willkommen
100 Plural von Askari  Soldat
101 Versammlung der Ältesten
102 Palmfaser und Teer
103 Geister
104 Soldaten
105 Empfangs oder Herrenzimmer
106 Frauengemach
107 Oberster Gerichtshof oberstes Appellationsgericht der Wüste
108 Zündhölzer
109 Milchstrasse
110 Modell
111 Richter
112 Occulten
113 »Der Abschied«
114 Frömmigkeit Gottesfurcht
115 Güte
116 Sarcopsylla penetrans
117 Das Recht
118 Liebe
119 Demonstrativ »Wir da« »Wir sind es«
120 Klugheit
121 Reinheit
122 Siehe Karl May »Winnetou« Band II
123 Gott
124 Siehe Karl May »Durchs wilde Kurdistan« Kap VII und »Im Reiche des
silbernen Löwen« Bd II Kap VI
125 Katholiken griechisch Ortodoxe griechische Schismatiker Evangelische
Maroniten Protestanten
126 Bibel
127 Teufel
128 Geister
129 Aus Mekka stammender und darum besonders heilig gehaltener Kuran
130 Schroot
131 Koll von Rusahsa  Flintenkugel
132 »Vater der Kraft«
133 Wurfspeer
134 Vater der Selbstverständlichkeit
135 Drache
136 Siehe Karl May »Winnetou« Bd I Seite 376
137 Das Drehen Effektgeben
138 Teufel
139 Gemach Pah
140 Kalte Quelle
141 Heide Götzendiener
142 Schurke Schuft
143 Unterabteilung
144 »Die Berühmte«
145 Kamille
146 »Langsam« »sachte«
147 Lenkstab
148 Die vier Evangelien
149 Jacke Taille
150 Hemde
151 Die vier Evangelien
152 »Nachtmarkt« in Mekka
153 Straße mit dem Geburtshaus Muhammeds
154 »Diener der Einsicht des Verständnisses der Intelligenz«
155 Diener der Versöhnlichkeit
156 Wolf
157 Sohn des Opfers Vater des Opfers
158 Sohn des Opfers Vater des Opfers
159 Augenbraue
160 Araber
161 Muhammedanischer Prediger