1897_Wassermann_JudenZirndorf.html




        
                                Jakob Wassermann
                             Die Juden von Zirndorf
                            Dem Andenken meines Vaters
 
                                    Vorspiel
Gemächlich schwebt die Zeit hin über die Länder und über die Geschlechter und
wenn sie auch Städte zertritt und Wälder zerstampft und neue Städte und neue
Wälder hinwirft mit gleichgültiger Gebärde so vermag sie doch dem heimatlichen
Boden niemals seine Lieblichkeit zu rauben oder seine Rauheit kurz jene Gestalt
und jenes Antlitz womit die Heimat ihren Sohn erfüllt indem sie ihn gleichsam
als ihr Eigentum in Anspruch nimmt und ihm auf den Weg seines Lebens die Worte
ins Herz sät aus meinem Ton bist du gemacht
    Die süße und einschmeichelnde Linie des Horizonts die von den Mauern
Nürnbergs über Altenberg nach der Kadolzburg zieht hat sicherlich im Lauf der
Jahrhunderte keinerlei Veränderung erlitten es sei denn dass ein
gewitterreicher Sommer eine einsame Pappel gefällt oder dass eine ungestüme
Überschwemmung einen stillen Fichtenhain mit fortgerissen hätte Dort wo
Rednitz und Pegnitz zusammenfliessen haben freilich die letzten zweihundert
Jahre den Flor der Wälder vernichtet aber weiter hinüber jenseits der alten
Veste mit ihren Steinbrüchen und ihren dunklen Tannen dehnt sich der fränkische
Gau seit Urandenken als eine weite breite friedliche fruchtbare Ebene wo das
Korn gedeiht und die Kartoffel gedeiht und der Mohn blüht und die weiße Rübe
reist
    Aber in jenem Winkel zwischen den beiden Strömen haben die Kriege des
siebzehnten Säkulums dem natürlichen Schmuck des Bodens gar sehr Abbruch getan
In den dreissiger Jahren befand sich hier das große Lager der Schweden und der
geängstigte Bauer fand seine Äcker mit Blut gedüngt Schnellfüssig hastete der
Kriegsschrecken durch Franken und die kurfürstlich Onolzbachischen und die
Nürnbergischen sahen sich gleicherweise gedrängt Mut und Gottvertrauen nicht
fahren zu lassen Lange Jahre gingen hin bis die zertretenen Felder wieder zu
ihrer natürlichen Fruchtbarkeit erstarkten und selbst nach dem Friedensschluss
lag noch manches Stück Land verödet Überall zeigten sich Spuren frecher
Feindeshände Unweit der Kapelle Karls des Großen die am Schiessanger in Fürt
steht ragt ein mächtiger Steinhaufen in die Höhe und man sagt die Schweden
hätten ihn aufgerichtet als ein Wahrzeichen ihrer Siege nämlich jeder Stein
bedeutet ein geplündertes Haus Langsam entfaltete sich der Frieden wieder
schüchtern wuchs er heran und sah mit ungläubigen Augen ins ebene Land der
Regnitz hinauf Das Volk begann zu vergessen und es kam die Zeit wo schon die
Väter und die alten Veteranen von den Schrecken der Schlacht erzählten und sie
ließ sich die Mühe nicht verdrießen die erlittenen Fährlichkeiten
phantasievoll auszuschmücken und was sie an Heldentaten von andern vernommen
sich selbst zuzuschreiben So war es Kriegerbrauch seit Kriege bestehen und
auch die von Franken waren mit ihrer Zunge mehr Helden als mit ihrem Arm Der
Krieg gewinnt an Bunteit und an Froheit wenn ihn die Jahre fortgetragen haben
und gar mancher erzählt schmunzelnd von denselben Gräueln die ihn einst
erzittern ließ bis in seine tiefste Seele
    Auf jenem Schwedenstein bei der Kapelle befand sich unter vielem andern
Gemäuer ein gut zubehauener Granitblock welcher mit seltsamen und
fremdländischen Lettern bemalt war Es war eine jüdische Inschrift auf einem
Grabmonument die Schweden hatten ihn vom Gottesacker der Juden gestohlen und
ihn mitten unter die Steine rechtgläubiger Christen geworfen Kein Christ wagte
es aber den Stein zu entfernen denn ein großes Befremden ging von seinen
verschnörkelten Lettern aus und sie hatten Furcht dass sie dem Bann eines
Zauberspruchs verfallen möchten wenn ihre Hand den verruchten Judenblock
berührte Mehr als drei Jahrzehnte lag der Grabstein so wollte man seine
Inschrift in die Sprache jener Zeit übersetzen so lautete sie »Der schöne
Joseph den man nur gern angesehen unsere AugenLust ist nicht mehr vorhanden
Jetzt sind ihm Gabriel und Michael als Hüter zu seiner rechten und linken Hand
zugegeben worden Die Jahre seines Lebens waren wenig und boess Er brachte sie
nicht höher als auf siebzig Er war ein solcher Regent der wie Barak und
Deborah das Volk mit großem Ruhm regieret Er suchte seine Lust in dem
Studieren sein Sterben war wie seine Geburt nämlich ohne Sünde Als seine
Seele am fünften Tag in der Woche von ihm geschieden hörte man Heulen und
Weinen In Bamberg ist er freudig gestorben den achtundzwanzigsten Tag des
Sivans Jetzt ist dies die Zeit da wir vor Jammer und Herzeleid unsere Kleider
zerreißen und unserer Augen Tränen fließen lassen Nach seinem Abscheiden hat
man ihn zu Fürt zur Grabesruhe gebracht Seine Seele soll gebunden sein in das
Bündelein der Lebendigen mit der Seele Abrahams Isaaks und Jakobs und der
Sara«
    Lange Zeit hindurch war es der Kummer der Juden einen Stein aus ihrem
Heiligtum solcher Entweihung preisgegeben zu wissen Sie glaubten die Seele des
schönen Joseph des Naphtali Sohn hätte keine Ruhe und wandle allnächtlich
klagend zum Schwedenstein Denn auch sie wagten nicht den Stein zu entfernen
weil der Schwedenstein als eine Art von FriedensSymbol galt und jede
Beschädigung einer Vorbedeutung neuen Krieges gleichgeachtet wurde Schwer trug
der Bürger und der Bauer noch an Kriegeslasten und viele ließ vom Pfaffen ein
Bittgebet um langen Frieden sprechen
    So stand also das Grabmal der Juden unter ungleichartigen Genossen wie ein
Fremdling aus weiter Ferne Es sprach eine unbekannte Sprache und seine edlere
Form ließ es zu besserem Dienst berechtigt erscheinen Es blickte nicht hinaus
auf die Ebene sondern sah herein gegen die niederen Häuser und in die krummen
winkeligen Gassen von Fürt Unfern rauschte der Fluss hinunter ins Bistum
Bamberg und wenn er im Herbst die gelben Fluten zum Uferrand und noch weit
darüber hinauswälzte so mussten bisweilen einige Linden am Schiessanger ihr Leben
lassen Das Wasser brach sie wie dürre Zweiglein und trieb sie ins Mainland
hinab innig gesellt mit Balken und Astwerk und Hausgeräten und allerlei
spasshaften Dingen die der wildgewordene Strom aus der Stadt Nürnberg mit sich
führte
    Wenn der Stein des schönen Joseph an Gottesfrieden verlor so gewann er
hingegen an Weltweisheit und Kenntnis der Dinge und Menschen Ernst besah er
sich das Treiben der Leute die um ihn herumwandelten wie Sperlinge um einen
gedeckten Tisch Gewitter und Schneegestöber Regen und Sonnenhitze er hielt
sie mit gleicher Geduldigkeit aus und wenn die sanfte Nacht seine graue Stirn
beschattete so schien darauf noch ein süßer Abglanz der letzten purpurnen
Sonnenröte zu haften oder ein Vorglanz des kommenden Morgenrots Denn die Sonne
strahlt diesem Erdstrich beim Aufgang und beim Niedergang mit einer unerhörten
Glut was die Gelehrten dem Dünstereichtum des Landes zuschreiben
    Fest Tanz und Kirmesspiel waren von jeher üblich bei den Fränkischen die
einen leichten Sinn haben und ihre Pfennige gern zum Schenkwirt tragen An einem
Kirchweihtag im Oktober siebzehn Jahre nach dem großen Friedenspakt  das Volk
jubelte auf dem Schiessanger zum Tanze schwangen sich die Mädchen und lustige
Weisen spielten die Zigeuner und Spielleute  ging ein alter Mann nachdem er
lange Zeit nachdenklich vor der jüdischen Inschrift am Schwedenstein gestanden
gegen den Anger zu Der Abend sank schon herab und der Himmel war von einem
matten Rot getränkt Blaue Schatten fielen auf den rauschenden Fluss
Schmiedehämmer tönten von fernen Gassen her und der schrille Laut verklang erst
weit draußen in den Wiesen Dann setzte wieder die Musik ein Orgel und
Fiedelbögen die Maultrommel und die Wasserpfeife Die Buben lachten und
sprangen wild um die alten Bäume und die Mädchen hatten glänzendere Augen an
diesem festlichen Tag Die Nürnberger Kaufleute boten niegesehene Waren aus und
Seiltänzer Taschenspieler und Zigeuner versprachen Wunder ihrer Kunst zu
bieten Als die Dämmerung herabsank wurden Pechfackeln an die Stämme und die
fahrenden Häuser der Komödianten befestigt und der schwere braune Rauch erhob
sich in weiten Wellungen zog hinüber gegen den Strom zog über die Wiesen hin
und einzelne Funken sprangen knisternd in die Lindenäste Die dumpfe Glut gab
den Gesichtern der Menschen ein abenteuerliches Farbenspiel und die Sterne am
Himmel verblassten für jeden der sich in dem trüben Lichtkreis befand Der alte
Jude hielt die rechte Hand wie einen Schirm über die Augen und blickte finster
und forschend in das heitere Getümmel Sein Gesicht war von grünlichweißer
Färbung und ein roter Bart floss mager um Wangen und Kinn so dass er nur
eigentlich eine Art von Rahmen bildete und dem Gesicht etwas Fremdes etwas
erschreckend Deutliches verlieh Die braunen Sterne seiner Augen irrten unruhig
in dem geröteten Weiß umher und bisweilen erweiterten sich die Pupillen rasch
wie die eines Raubtieres Es waren Judenaugen voll Hast voll Unfrieden voll
von unbestimmtem Flehen von einer gedrückten Innigkeit bald in Leidenschaft
flackernd bald in Schwermut alle Glut verlierend die Augen des gehetzten
Tieres das angstvoll und kraftlos die Blicke dem Verfolger zuwendet oder in
bebender Sehnsucht hinausstarrt in das ferne Land der Freiheit »Das Volk ist
wild« murmelte er »da tanzen sie und blasen Schalmeien und morgen schon wird
Gott ein Gericht halten« Er blieb stehen verbeugte sich tief nach Osten und
lispelte ein kurzes Gebet durch die schmalen Lippen
    Unter den Linden des Angers tanzte ein Zigeunermädchen einen wunderlichen
Tanz und zwei Burschen spielten die Geige dazu Eine Menge von Zuschauern hatte
sich im weiten Kreis versammelt und alle waren atemlos vor Schaubegierde So war
es immer in den Tagen Remigius Leodegar und Lukretia in Fürt die Menschen
erwachten aus dem drückenden Traum ihrer Sorgen und dünkten sich freigeboren und
glückbestimmt einmal im Jahr
    Nach der Zigeunerin kam ein junges Mädchen von großer Schönheit langsam in
die Mitte des Kreises Sonderbar irrten schmale Schatten auf ihren bleichen
Wangen und auf ihrer Stirn und sie war schlank wie jene Frauen die man zu
Florenz malte Ein langes Gewand floss an ihrem Leib herab und sie begann ohne
die Arme zu bewegen ohne die Augen vom Boden zu erheben mit klagender Stimme
ein Rezitativ
Ich weiß nicht wos Vögelein ist
ich weiß nicht wos pfeift
Hinterm kleinen Lädelein
Schätzlein wo leist
Es sitzt ja das Vögelein
nicht alleweil im Nest
schwingt seine Flügelein
hüpft auf die Äst
Wo ich gelegen bin
darf ich wohl sagen
Hinterm grün Nägeleinstock
zwischen zwei Knaben
    Doch sang sie diese Worte leise und melancholisch Ihre Lippen zitterten und
sie senkte den Kopf tief gegen die Brust Der Harlekin kam und äffte sie aber
sie blieb starr wie eine Bildsäule er begann an ihr herumzuschnuppern und
erklärte endlich grinsend das sei ein feines Aschenputtel für sein Ehegespons
Er wollte sie umfassen und davontragen da kam ein Ritter in glänzender Rüstung
um sie zu befreien Der Hanswurst verwandelte sich und stand nun in seiner
wahren Gestalt da als der Teufel Er kämpfte mit dem Ritter und als er nahe
daran war zu siegen zog jener ein elfenbeinernes Kruzifix heraus und hielt es
dem Bösen hin Der Satan stieß ein schreckliches Geheul aus und sprang in großen
Sätzen davon
    Da trat aus einer Lücke in dem Kreis der Zuschauer der alte Jude stieg über
die niedrige Planke hinweg und sein langer Kaftan flatterte im Abendwind als er
auf das blasse Mädchen zuschritt Sie schlug ihre Augen zu ihm auf und
schüttelte sich plötzlich wie im Fieberfrost seine Blicke bohrten sich gleich
Nadeln in sie ein und sie las etwas in dem flackernden Feuer dieser Augen das
lange schon ihre Seele mit grüblerischer Furcht erfüllt hatte Es war als ob
ihre Seele auf einmal von frühen Erinnerungen der Kindheit ergriffen würde und
darüber erschüttert wäre Der rotbärtige Jude hatte seine Finger um ihren Arm
gelegt dass sie wie Spangen sich schlossen und er blickte sie unverwandt an
als ob er einen Wunsch einen unwiderstehlichen Befehl tief in ihr Herz zu
senken wisse so dass kein Wesen daran zu rühren vermochte Die Musik schwieg
der Lärm in der nahen Runde dämpfte sich zum Gemurmel viele empfanden ein
zielloses Grauen viele nur Neugier und Erwartung Den Fluss hörte man rauschen
der Wind strich durch die Bäume er warf gelbe Blätter herab und eine leichte
Kühlnis ging herbstahnend über den Anger Der Jude beugte sich nieder und
murmelte in des Mädchens Ohr »Gedenkst du noch an den Feuerbrand in deiner
Heimat Zirle An den Vater an die Mutter an die Brüder und an alle andern
die tot sind Zirle denkst dus noch« Tränen flossen über des Mädchens Wangen
und es schaute völlig verloren in eine vergangene Nacht Und der Alte fuhr fort
»Um die Mitternacht des nächsten Vollmondes musst du zu mir kommen du wirst
Zacharias Naar zufinden wissen wo es auch sei Den Messias verkündige ich dem
die geheimnisvollen Tiefen der Wesenheiten offenbar geworden sind«
    Ein unwilliges Murren erhob sich über die Störung des Festes und der
Fröhlichkeit Zacharias Naar wandte sich ab von dem Mädchen und schritt bald
darauf langsam dem Ausgang des Angers zu Niemand kannte ihn alle wichen ihm
aus und schnell lief ein Wort von Mund zu Mund Ahasverus »Ja ja er laufft
umher wie der tolle Judt« sagte ein verschrumpftes Weiblein und schnüffelte mit
der dünnen Nase in der Luft umher Sie wisse einen Spruch erzählte sie mit
klirrender Stimme den jungen Leuten die sie umstanden
Der Jud Ahasverus weit und breit
vor alters und vor dieser Zeit
bekannt geht nun durch alle Welt
redt alle Sprachen veracht das Geld
Was er von Christo reden tut
kannst hören hie doch mit Unmut
Veracht ihn nicht lasst wandern ihn
weil Gott ihm geben solchen Sinn
dass er von Christo seinem Sohn
redt alles Guts und ohne Hohn
Ihn zehret ungemessne Pein
es ängstet ihn der Sonnenschein
dein Urtel wie es auch mag sein
lass Gott der kennt das Herz allein
    Zacharias Naar schritt durch die dunklen Straßen des Orts zum Tempel der
Juden Dort war noch Gottesdienst denn es war der Vorabend des
Versöhnungsfestes Bald stand er unbeachtet unter der Menge der Gebete
Murmelnden den Tallis um die Schultern und starrte mit glühenden Augen gegen
den Altar Keine friedliche Feststimmung herrschte in diesem Raum Jeder schien
seinem Gott für sich zu dienen und bisweilen entstand ein unbestimmter Lärm in
dem sich eine schreiende oder keifende Stimme abhob Ein dumpfer Höhlengeruch
erfüllte das Gotteshaus es roch nach altem Leder nach alten Gewändern nach
Rauch und faulem Holz Kinder standen umher und glotzten mit stumpfsinniger
Andacht in Bücher mit gebräunten Blättern Der Raum glich einem unterirdischen
Gemach für Verschwörer einer Büsserklause für Asketen nichts von Lebensfreude
und nichts von Gottesfreude war hier zu finden Die Lichter qualmten und wer aus
freier Luft hereinkam glaubte alsbald in eine schwülqualmende Schlucht zu
versinken
    Das letzte Kaddisch war beendet alle rüsteten sich zum Aufbruch Da schritt
Zacharias Naar dem Altar zu und erhob die Hand ein Zeichen dass er zu reden
wünsche Es wurde still und aller Augen wandten sich dem Fremdling zu Der
begann  nicht laut und scheinbar mehr für sich selbst Er sprach zuerst in
hastig hingeworfenen Worten von der Niedrigkeit und Erbärmlichkeit des jüdischen
Volkes von der Unterdrückung die es erlitten und von der Zerstreuung in alle
Teile der Welt Dann als er gewiss war dass alle aufmerksam lauschten wurde
seine Stimme lauter sie verlor den belanglosen Ton und seine Augen begannen zu
blitzen Er rief den alten Gott der Juden an der Verheißung auf Verheißung
gehäuft und die Armut über sein erwähltes Volk geschüttet habe und die Qualen
der Heimsuchung ärger als zur Zeit der ägyptischen Plagen Es wurde totenstill
Selbst die Mauern schienen zu lauschen und die Worte mit Begierde einzusaugen
Der Redner fuhr fort »Der Zorn des Herrn ist entbrannt wider sein Volk und er
streckt seine Hand aus und er schlägt es so dass die Berge erzittern und ihre
Leichen wie Kehricht auf den Straßen liegen Haben sie uns nicht beschuldigt
ihr vergiftet unsere Brunnen haben sie nicht unsere Brüder hingeschlachtet zu
Tausenden Haben sie nicht geschrien ihr nehmt das Blut unserer Kinder zum
Opfer beim Passahfeste Ihr nehmt das Blut und braucht es für eure schwangeren
Weiber haben sie uns nicht ausgewiesen aus ihren Städten und unsere Häuser
verbrannt und unsere Güter geraubt Müssen wir nicht vogelfrei dahinwandern und
viele finden keine Hütte wie Kain der seinen Bruder erschlug Haben sie uns
nicht aufs Rad geflochten und den Henkern im Land preisgegeben wie krankes Vieh
nicht unsere Kinder verbrannt nicht unsere Weiber geschändet und als die Pest
kam nicht schlimmer unter uns gewütet denn die Pest Bei alledem hat sich der
Zorn des Herrn nicht gewandt Doch jetzt jetzt wird er ein Panier aufrichten
dem Heidenvolk aus der Ferne und wird ihm pfeifen vom Ende der Erde und siehe
eilends flugs kommt es Keilt Matter und kein Strauchelnder ist darunter nicht
gibt es sich dem Schlummer noch dem Schlafe hin auch springt nicht der Gurt
seiner Lenden noch zerreißt der Riemen seiner Schuhe Die Hufe seiner Rosse
sind wie Kiesel zu achten und seine Räder wie der Sturmwind Gebrüll hats wie
die Löwin und brüllt wie die jungen Löwen und knurrt und packt den Raub und
trägt ihn davon und niemand vermag zu retten Und es wird über Juda dröhnen wie
Meeresdröhnen und blickt er auf das Land hin siehe da ist angsterregende
Finsternis und das Licht ward dunkel in dem Gewölbe darüber Nahet euch ihr
Heiden um zu hören und ihr Völker merket auf Es hört die Erde was sie
erfüllt der Weltkreis und alles was ihm entsprosst Denn einen Groll hat der
Herr auf alle Heiden er hat sie bestimmt für die Schlachtung und ihre
Erschlagenen werden hingeworfen und ihre Leichen  aufsteigen soll ihr
Gestank und es sollen die Berge zerfließen von ihrem Blut Die Sterne sollen
zerbröckeln und wie ein Pergamentum soll der Himmel zusammengerollt werden Aber
unsere Trift soll lustig sein frohlocken soll unsere Steppe und blühen wie die
Narzisse Sie soll blühen ja blühen und frohlocken frohlocken und jubeln Die
Herrlichkeit des Libanon wird ihr geschenkt und die Pracht des Karmel Stärkt
die erschlafften Glieder und die wankenden Knie macht fest Sagt zu denen die
bekümmerten Herzens sind seid stark Aufgetan werden die Augen der Blinden und
die Ohren der Tauben geöffnet Dann wird wie ein Hirsch der Lahme springen und
jubeln die Zunge des Stummen Denn seht ein Mann ist aufgestanden in der
kleinasiatischen Stadt Smyrna das ist der wahre Messias und das Himmelreich ist
nah Ja ich sehe eure Blicke leuchten und eure Hände beben Habt ihr ihn nicht
rufen hören von den Gestaden des Mittelmeers Ein neues Erlösungswerk geht ihm
voran und Olam ha Tikkun wird erstehn Das göttliche Wesen hat er allein
erkannt er Sabbatai Zewi Sammelt euch Brüder richtet euch empor richtet
eure Weiber empor lehrt eure Kinder seinen Namen aussprechen und eure Waisen
tröstet mit seinem Wort Im Jahre fünftausendvierhundertundacht der Welt begann
die Erlösungszeit zu tagen und in diesem Jahre hat sich Sabbatai Zewi uns
offenbart Wunder über Wunder hat er verrichtet und die Juden des Morgenlandes
jauchzen ihm zu«
    Ein furchtbarer Tumult unterbrach den Redner Lange schon war die Kunde von
dem Ereignis nach Franken gedrungen aber stets waren es nur dunkle Laute
gewesen geheimnisvolle Andeutungen von wandernden Mönchen von wandernden
Juden oder von Zigeunern hergetragen Es war nur das dumpfe Geräusch eines sehr
fernen Wetters gewesen das die Gemüter wohl in nächtlicher Stille und Träumerei
zu ergreifen vermag aber das Licht des Tages machte zweifeln und ungläubig Zum
ersten Male nun war es wie ein Trompetenstoss in die Ohren der Juden gefahren
wie ein heller schmetternder Schlachtruf wie ein Klirren von tausend Schildern
und Schwertern ein Auferstehungsschrei Es wurde leuchtend um ihre Augen rings
herum ward es Tag das bange Los der Unterdrückung schien dem Ende nahe Sonne
Freiheit göttliches Auserwähltsein zu großen Dingen Glanz und Freudigkeit und
verzückte Sehnsucht  eine wundervolle Erfüllung tausendjähriger
Glaubensdienste In ihre bedrückten Seelen fuhr es wie der Aufruf zu einer neuen
Weltordnung Knaben sahen sich zu Männern geworden Männer ballten ihre Fäuste
und es rieselte ihnen kalt und heiß über den Rücken Und als der erste Taumel
sich gelegt drängten sie sich um den Fremden bestürmten ihn um Einzelheiten
und lauschten lauschten Vergessen war die Stunde der Heimkehr vergessen die
Gebote des Fasttags die Weiber drängten sich aus ihren Verschlägen und hörten
mit erhitzen Wangen zu Sie sahen ihn in ihrer Phantasie lebendig werden den
geheimnisvollen Propheten von Smyrna der am hellen Tag der Geschichte wie ein
glühendes Meteor hinwandelte und ergriffen von lurjanischer Mystik das Ende
der Zeitalter herbeizuführen glaubte Zacharias Naar erzählte versunken und
hingegeben gleich einem Träumenden wie Sabbatai seinen Leib kasteite und Sommer
und Winter bei Tag oder bei Nacht im Meer badete Wie sein Leib vom Wasser des
Ozeans einen Wohlgeruch erhielt und sein Auge klar davon wurde Niemals hatte er
ein Weib berührt und obwohl er zwei Frauen vermählt worden war mied er sie und
verstiess sie bald Ernst und einsam war sein Wesen und er hatte eine schöne
Stimme mit der er die kabbalistischen Verse oder seine eigenen Poesien sang
Das Jahr sechszehnhundertsechsundsechzig bezeichnete er als das messianische
Jahr den Juden sollte es eine neue Herrlichkeit bringen und sie sollten nach
Jerusalem zurückkehren Seine Seele ergab sich jauchzend dem süßen Rausch des
Gottesbewusstseins Man hatte ihn von Smyrna verjagt aber da brach das glimmende
Feuer zur verheerenden Flamme aus seine Demütigung war seine Größe geworden und
seine Verklärung Er ließ zu Salonichi ein Fest bereiten und vermählte sich in
Gegenwart seiner Freunde feierlich mit der heiligen Schrift Tora die
Himmelstochter ward mit dem Sohn des Himmels in unzertrennlichem Bund
vereinigt Fünfzig Talmudisten speisten an seiner Tafel und kein Armer ging
hungrig von seiner Türe Er vergoss Ströme von Tränen beim Gebet und nächtelang
sang er bei hellem Kerzenlicht die Psalmen Er sang auch Liebeslieder Er sang
das Lied von der schönen Kaisertochter Melliselde
Aufsteigend auf einen Berg
und niederschreitend in ein Tal
kam ich zur schönen Melliselde
in des Kaisers Krönungssaal
Mild kam sie einher
mit flutendem Haar
und ihr Antlitz milde
süß ihre Stimme war
ihr Antlitz glänzte wie ein Degen
ihr Augenlid wie ein Bogen von Stahl
ihre Lippen waren Korallen
ihr Fleisch wie Milch so fahl
    Die Kinder folgten ihm auf den Straßen indes die Mütter seinen Namen
lobpriesen Er ließ verkünden dass er vom Fluße Sabbation aus die zehn Stämme
nach dem heiligen Lande führen werde auf einem Löwen reitend der einen
siebenköpfigen Drachen werde im Maule haben 
    Wie von einem ergreifenden Zauber umschlungen wanderten die Juden nach
Hause Das Fieber der Erwartung hatte sie gepackt das von Land zu Land floss wie
ein berauschender Strom In dieser Nacht konnte keiner schlafen
    Man sagte damals der Herr der Welten öffne seine Tore den Propheten zu
empfangen oder er pflücke die Sterne vom Himmel als wären es Trauben am
Rebstock das Volk sähe ein edles Licht und die Todesschatten verschwänden
neben ihm hinabgestürzt sei die Pracht der Könige und das Rauschen ihrer
Harfen der Prophet steige zum Himmel empor und oberhalb der Gestirne errichte
er seinen Thron viele Stimmen schrien zu ihm empor Wächter wie weit ists in
der Nacht Da verkündete er schon das Morgenrot In seiner Nähe gab es nichts
alltägliches mehr der Fürst schien dem Bauer gleich der Bettler dem Richter
keine liebende Hand streckte sich dem Kranken hin und es war erhaben alle Pein
der Kasteiung zu erdulden und der aufgehenden Gnadensonne zerknirscht
entgegenzuwinseln Die Schule der Kabbalisten glaubte die Verkündigung klarer zu
verstehen Aus dem göttlichen Schoss hatte sich die neue göttliche Person
entfaltet der wahre König der Messias der Erlöser und Befreier der Welt und
die Herrschaft des Metatron ist zu Ende Es steht aber im Buche Sohar sagten
sie Metatron ist das erste der Geschöpfe der Abglanz Gottes er ist die
mittelste Säule die das Himmlische vollkommen macht er ist das Vereinigende in
der Mitte Denn der wahre Messias ist der verkörperte Urmensch der Adam Kadmon
der Schrift ein Teil der Gottheit
    Der Tag brach an ein trüber und dunstiger Herbstmorgen Kühler trockner
Wind ging durch die Gassen Die christlichen Einwohner waren verwundert über das
aufgeregte Wesen der Juden Der Rabbi Bärmann rannte bleich von einem Haus ins
andere Der Rabbi Salman Klef stand ein vergilbtes Pergament lesend
stundenlang vor seinem Haus Salman Ulman Käsbauer rief mit lebhafter Stimme
nach dem Fremdling von gestern Hutzel Davidla hinkte nachdenklich umher und
Boruchs Klöss wurde nicht müde an den heiligen Fasttag zu erinnern und dass man
zur Schul gehen müsse Gegen neun Uhr kam ein staubbedeckter Bote aus der
Richtung der Stadt Nürnberg Er brachte ein Sendschreiben Michel Chased der
Chassan nahm es entgegen und die Juden Männer Weiber und Kinder in stets
wachsender Anzahl sammelten sich um ihn als er mit lauter Stimme vorlas Das
Schreiben kam von dem berühmten Samuel Primo einem Jünger des Sabbatai und
lautete »Der einzige und erstgeborene Sohn Gottes Sabbatai Zewi Messias und
Erlöser des jüdischen Volkes bietet allen Söhnen Israels Frieden Nachdem ihr
gewürdigt worden seid den großen Tag und die Erfüllung des Gotteswortes durch
den Propheten zu sehen so müssen eure Klagen und Seufzer in Freude und eure
Fasten in frohe Tage umgewandelt werden Denn ihr werdet nicht mehr weinen
Freut euch mit Gesang und Lied und verwandelt den Tag der Betrübnis und der
Trauer in einen Tag des Jubels weil ich erschienen bin«
    Ein Todesschweigen folgte diesen Worten Die Zumutung des Propheten war für
dies Volk das mit unerschütterlichem Fanatismus am Hergebrachten am
überlieferten Gesetz hing etwas Furchtbares und Unerhörtes Wolf Käsbauer wurde
weiß wie Schnee und stotterte ein hebräisches Gebet Viele andere besonders
Frauen beteten ihm nach Aber es waren doch auch solche da die von Mut erfüllt
waren für die neue und große Sache Sie riefen Hallelujah und ihre Augen
leuchteten dem Kommenden froh entgegen Der Messias weil er so fern war wuchs
ins Unermessliche vor ihren Augen sein Haupt stand golden in den Morgenwolken
ihre Seele war ausgefüllt von ihm weil der Druck niederer Dienstbarkeit auf
ihnen lastete die Verachtung eines ganzen Volkes einer ganzen Welt Tagelang
wohnte eine dumpfe Angst über den Juden in Fürt sie wagten nicht aus ihren
Häusern zu gehen sie ergaben sich ganz den Gefühlen der Zerknirschung oder der
Erbitterung oder der Reue oder der Hoffnung
    Da kam am zweiten Tage nach dem Fest die Kunde aus Norden der berühmte
Hamburger Jude Manoel Texeira der Vertraute der Königin Christine von Schweden
habe sich öffentlich in der Synagoge für den Messias erklärt Aus Amsterdam aus
London aus Prag aus Mainz aus Frankfurt und aus Wien gingen Huldigungen an
den Propheten ab und seltsame Zeichen am Himmel machten auch den Christen das
Herz schwer Der Jude Wassertrüdinger in Fürt genannt WeiberLambden der bei
schwangeren Weibern herumging und mit lauter Stimme Gebete las sah nämlich am
Samstag Abend dem ersten des Monats Tibet einen großen anwachsenden
Feuerschein am nördlichen Himmel Seine Augen wurden nass vor Grauen und mit
seinem Hinkbein lief er so schnell es ging in die Häuser der Juden und schrie
mit halberstickter Stimme dass Gott ein Zeichen gegeben habe Viel Volk sammelte
sich schweigend an den Ufern der Regnitz und Pegnitz und Christen und Juden
standen in gleicher Furcht in gleicher mystischer Andacht Schulter an Schulter
Zacharias Naar tauchte auf fiel am Schilf des Flusses nieder und wandte sein
gelbes Gesicht mit den weiten Augen dem himmlischen Feuer zu Er begann ein
flehendes Gebet zu singen eine klagenvolle Anrufung des Gottessohnes zu Smyrna
und die Gemeinde fiel im Chorus beim letzten Vers mit ein Einsilbig rauschte
der Fluss durchs Land und die erblassende Röte des Firmaments beleuchtete
unsicher die dunklen Talare der in süßer Verzückung heimkehrenden Juden
    In derselben Nacht erhob sich ein gewaltiger Sturm riss das heilige Kreuz
von der katholischen Kirche herab und als die Juden in der Morgenfrühe zum
Gebet gingen sahen sie über dem niederen Portal der Synagoge die
Anfangsbuchstaben vom Namen des Sabbatai Zewi in goldenen Lettern stehen
    Nun lebte ein Mann in Fürt den man Maier Knöcker nannte er hieß auch
Maier Nathan und bei den Christen Maier Satan Er hatte einen offenen Mund und
eine hässliche Nase und war wegen seines Schacherns verhasst Knöckern heißt bei
den Juden stammeln und ein Stammler war Maier Knöcker der Nathan Er sah mit
scheelen Augen in das erregte Treiben seiner Glaubensbrüder und inmitten des
allgemeinen Rausches blieb er nüchtern und kalt Er war nur besorgt dass er von
seinem Geld nichts verliere und beriet sich oft mit seiner Frau wie man die
Kasse am besten verwahren solle Er wohnte in einem alten Haus mit vielen
Löchern und Winkeln und jeden Tag in der Woche brachte er sein Geld in ein
anderes Versteck Sobald eine Nachricht von auswärts kam über irgend einen
bedeutsamen Vorfall irgend ein unerklärliches Ereignis begann Maier Knöcker zu
zittern und lief in sein Haus um seine Schätze nachzusehen Und als die Flut
der Ereignisse schwoll und sich ausbreitete und die Länder bedeckte wuchs auch
in der Seele des Knöckers die Furcht vor dem Verluste seines Vermögens und er
konnte keinen ruhigen Schlaf mehr finden und musste seine Bissen bei den
Mahlzeiten in Unfrieden hinunterwürgen Er betete sogar weniger um seinem Hab
und Gut ein besserer Wächter sein zu können Er verdammte diese unruhigen Zeiten
und es gab Tage wo er sich nicht mehr über die Gasse wagte und die Türen
versperrte um einen geheimnisvollen Feind abzuhalten
    Aber es war noch eine andere Furcht in diesem schiefen und winkelreichen
Haus das in jeder Stunde einzufallen schien und das beim hellen Mondschein der
Herbstnächte einer Ruine glich Der Maier Knöcker hatte eine Tochter Sie war
nicht gerade schön aber sie hatte die üppigen Formen und die äußerliche
Leidenschaft der jüdischen Weiber und in ihren Augen war etwas dumpf
Sinnliches das die Männer zu ihr trieb Rahel hatte nun vor langem ein
Liebesverhältnis mit einem christlichen Studiosus aus Erlangen angeknüpft und
war in dessen Armen gefallen Seit Monaten fühlte sie ein junges Leben in ihrem
Leib und so oft sie daran dachte was Vater und Mutter sagen würden wenn sie
es entdeckten wurde ihr das Herz wund Ratlosigkeit und Traurigkeit
verdunkelten ihr Dasein und machten ihre Jugend finster und bereuenswert Aber
als die Woge der Messiasbegeisterung in den stillen Hofmarkt stürzte sah das
gequälte Mädchen darin eine Art Erlösung Sie fand es leichter als sonst ihren
leiblichen und seelischen Zustand geheim zu halten denn die Erregung der
Gemüter wandte sich nichts Einzelnem mehr zu Trotzdem rückte die Zeit immer
näher wo nichts mehr zu verbergen war wo sie ohne zu reden ihr Geheimnis
offenbar werden lassen musste Sie sann und sann in schlaflosen Nächten und
endlich fand sie durch angeborene Schlauheit einen verwegenen Ausweg aus ihrer
Bedrängnis und sie beschloss ihren Geliebten um Hilfe zu bitten
    Maier Knöcker war von der Abendschul nach Hause gekommen und erzählte
finster dass er mit vier andern unverrichteter Sache wieder gegangen sei Die
Juden vergässen sich zum Gebet zu versammeln er sah darin ein schreckliches
Zeichen Beklommenen Herzens lugte er hinaus auf die Straße als erwarte er
Stunde für Stunde den unerbittlichen Gegner des häuslichen Friedens von
Angesicht zu Angesicht zu schauen Da läutete die Hausglocke und Itzig
Gänsshenker kam und berichtete atemlos dass sich ein wahrhaftes Gotteswunder
begeben habe An der Küste von Nordschottland habe sich nämlich ein Schiff
gezeigt mit seidenen Segeln und seidenen Tauen und die Schiffsleute die es
führten hätten hebräisch gesprochen und die Flagge habe die Inschrift getragen
die zwölf Stämme oder die Geschlechter Israels Dies Schiff sei für die Braut
des Messias bestimmt
    Sie sprachen nun von vielen Dingen auch Telsela das Weib des Knöckers
mischte sich in die Unterhaltung bis Boruchs Klöss kam und man im Talmud lesen
wollte Auch Klöss wusste von dem geheimnisvollen Schiff und alle alle draußen
wussten es schon Es kam nicht zum Studium des Talmuds da Boruchs Klöss manche
neue Seltsamkeiten zu berichten wusste wie ein jüdischer Schneider zu Mailand in
einen Zustand der Raserei gefallen sei und sich seitdem in prophetischen
Verzückungen winde stundenlang liege er am Boden und spreche bald lachend bald
weinend von der nahen Erlösung und von Sabbatais Macht im Himmel und auf Erden
Ferner erzählte er dass sein Oheim aus der Türkei nach Hause zurückgekehrt sei
und gänzlich betäubt sei von dem Großen und Wundervollen das er dort gesehen
Das Volk von Smyrna sei wie im Wahnsinn und jauchze dem Befreier zu der in
Prozessionen von nie gesehener Pracht durch die Straßen ziehe Die Ungläubigen
die Chofrim seien ihres Lebens nicht sicher Chajim Peña sei vom Volk fast
zerfleischt worden als er gegen Sabbatai aufgetreten war des Peña eigne
Tochter habe mit verzückten Sinnen das Heil des Erlösers ausgerufen habe
geweissagt und sei wie berauscht gewesen Da gaben sie Chajim Peña frei und er
wurde später zum Jünger So wurde erzählt und Boruchs Klöss wusste immer noch
erstaunlichere Dinge als Itzig Gänsshenker Maier Knöcker aber schwieg mit
schwerem Herzen Ringsum sah er den wilden Tanz sich gestalten seine Klugheit
warnte ihn davor zu widerstehen um so mehr als noch in derselben Nacht das
Gerücht laut wurde Zacharias Naar stehe in Verbindung mit dem Propheten selbst
Er erhielt dadurch eine förmliche Weihe er ging in die Häuser der Juden
überzeugte die Zweifler und entstammte die Hoffenden Überall schritt er umher
überall fand man ihn oft hob er sich gegen den dunklen Himmel der Felder ab
einsam im Abend
    Die Glocke verkündete die Mitternacht Ein junger Mensch schlich über den
Lilienplatz in die Wassergass zum Haus des Knöckers Er hatte ein langes Rohr
unter seinem Mantel verborgen und sein Kopf war sorglich in eine Kapuze
gehüllt Der rote Mond senkte sich gegen Westen und schien ein zauberhaftes
Blühen auf die Dächer zu breiten Gelbe Blüten zarte Nebelschleier er hauchte
sie hin dass es keiner sah und die Steine waren nicht mehr Steine sondern
Knospen von Mondblüten und jeder Zaunpfahl erwachte aus einem traumlosen Schlaf
und guckte schwermütig in die Welt Die windschiefen Häuser sahen unbekleidet
hilflos und gottverlassen aus manche erschienen rührend in ihrer trostlosen
Verfallenheit während ihre Fenster traurigen Augen glichen die in die dunstige
Glasglocke des Himmels hineinstarrten als ob sie geblendet wären von dem
sanften natürlichen Licht
    Der junge Mensch überkletterte einen niederen Zaun und erstieg eine schmale
morsche Treppe von wo er auf ein Dach kam und dort schritt er auf den Zehen
weiter Vor einem grünen Fensterladen stand er still und steckte sein Rohr durch
einen schmalen Spalt Nun rief er mit dumpfer und verstellter Stimme in das
Sprachrohr »Boruch ado adonai elohim O ihr gerechten und gottliebenden
Eheleute Maier Nathan und Telsela freut euch denn eure Tochter die eine
Jungfrau ist hat eine Tochter in ihrem Leib empfangen die wird die Braut sein
dem Erlöser des Volkes Israel dem Messias zu Smyrna«
    Der Knöcker der vergebens seine Kissen um Schlaf zerwühlt hatte und dessen
Phantasie in wilder Bewegung war weckte sein Weib »O meine Liebste« flüsterte
er beklommen »hast du die himmlische Stimme gehört Es ist ein Engel dagewesen
stehe auf wir wollen beten dass du die himmlische Stimme auch zu hören
gewürdigt werdest« Zitterndes Leibes erhob sich die Frau sie lauschte in die
Nacht hinaus legte die vermagerte Hand auf die klopfende Brust und kniete
nieder Da ertönte die Stimme von neuem »Ihr sollt eure Tochter in hohen Ehren
halten und großen Fleiß anwenden dass sie wohl versorgt werde Denn aus ihrem
jungfräulichen Leib wird die Messiasbraut geboren werden«
    Da packte Telsela ihren Mann und zog ihn hinüber in das Zimmer wo die
Tochter schlief Sie schien ruhig zu schlummern sah abgehärmt aus und ihre
Lider zuckten ein wenig Als die Mutter ihr die Decke vom Körper ziehen wollte
stieß sie einen heiseren Schrei aus und krampfte die Hände von tödlicher Angst
erfasst in den Stoff Doch der Knöcker streichelte ihr die Wangen und stotterte
unverständliche Zärtlichkeiten während Telsela den Leib des Mädchens befühlte
ernst nickte und von Andachtsschauern durchrieselt wurde Eine große Freude
hatte den Maier Nathan befallen sein Haus war zu solch vorzüglichen Dingen
auserwählt worden dass er in diesen Stunden sogar der Sorge um sein Geld vergaß
und mit seinem Weib am Lager der Tochter sitzen blieb um ungeduldig den Anbruch
des Tages zu erwarten Über Nahels Wangen flossen bittere Tränen Mit
weitgeöffneten Augen sah sie beständig auf einen Punkt Böse Gesichte schienen
sie zu foltern das Licht tat ihr weh jede Tröstung schmerzte sie
    Der Maier Nathan indessen dem eine ganz neue Welt aufgegangen war sah sich
schon als den Patriarchen der Gemeinde gepriesen als den Vater eines unerhörten
Glückes Er nahm sein Weib bei der Hand führte sie in das Schlafgemach zurück
stammelte trunken fuhr sich in die Haare lachte tänzelte und ging endlich
fort um zuerst seinen Freund Boruchs Klöss und dann den Chassan aufzusuchen
    Der Morgen war nahe Eine drückende Öde lag auf den Gassen Fern in der
Ebene rauschte der Fluss und bisweilen klang es herein wie das Klappern eines
Mühlenrades oder das Geläute von Kuhglocken Den Zenit belagerten große Wolken
Wie Raubtiere lagen sie und schienen bereit sich auf das Land zu stürzen
    Fast in allen Judenhäusern war Licht Wo auch Maier Knöcker das neugierige
Ohr an einen Türverschluss oder an eine dünne Mauerwand legte hörte er Gebete
murmeln Klagen Anrufungen und Lobpreisungen
    Als der helle Tag angebrochen war kam wunderbare Kunde Es hieß nämlich
die Juden in dem Städtchen Avricourt rüsteten sich nach Jerusalem zu ziehen
Dann hieß es auch Jakob Sasportas der wütende Feind des Zewi sei plötzlich
zum glühenden Anhänger geworden und mit der heiligen Schrift im Arm tanze er
verzückt durch die Straßen von Worms Ferner kam die Nachricht Manoel Texeira
sei mit zehn Ältesten nach Smyrna gepilgert und habe sich dem Messias zu Füßen
geworfen Ein gewisser Nathan Ghazati war von Sabbatai zum König von
Griechenland und Elisa Levi ein Bettler zum Kaiser von Afrika bestimmt worden
Die Palästiner die durch Jakob Zemach eine Huldigung an den neuen König der
Juden abgeschickt hatten schmückten ihren Tempel und zogen psalmensingend und
blumenstreuend durch die Städte als ob Davids Zeiten sich erneuert hätten Der
berühmte Sabbatai Raphael in Polen und Matatia Bloch seien vom heiligen Geist
erfasst so dass sie wahrsagten auf offenem Markt in Warschau und in Torn
    So kommt der Föhn im Frühjahr über das deutsche Hochland wie all diese
Botschaften nach Fürt Selbst die Christen wurden miterregt von der Wucht der
fremdartigen Ereignisse Ein Taumel ging durch Europa die alte Welt schien
aufzuwachen aus einem Schlaf Der Bedrücker fürchtete den Bedrückten der Knecht
träumte von Freiheit Kein Tag verging an dem nicht Kunde von Ausserordentlichem
eintraf wäre es nur auch ein geheimnisvolles deutungsreiches Wort des Messias
gewesen Er steht auf einer Terrasse am Meer streckt seine Hand aus und
spricht Seht ich gebe euch heute das Leben und den Tod So wurde von
wandernden Juden berichtet Sendschreiben liefen durch die Städte wunderliche
Dinge lagen in der Luft
    Maier Knöcker der Nathan der das unerwartete Glück dessen er teilhaftig
geworden voll Entzücken weitergetragen hatte traf zuerst auf Misstrauen dann
auf Verwunderung dann auf blinden Glauben Er fand einen begeisterten Apostel
in Boruchs Klöss und dieser beredsame Mann erwies sich in der Tat als der beste
Anwalt einer so begnadeten Sache Die Ältesten der Gemeinde kamen zu Rahel um
sie durch Gebete heilig zu sprechen Am gleichen Abend wurde ein großes Festmahl
unter dem Vorsitz des OberRabbis abgehalten und das Haus des Stammlers wurde
als eine fromme Zuflucht erklärt Aber Rahel selbst blieb finster und
verschlossen Sie wich jedermann aus und hatte es verlernt Vater und Mutter
gerade ins Gesicht zu sehen Wenn einer länger mit ihr redete begann sie zu
zittern Ihre Hände waren feucht ihre Lippen trocken und aufgesprungen ihre
Augen gerötet Sie konnte in keiner Nacht mehr schlafen die Finsternis nahm
eine purpurne Färbung an so dass es wie ein Vorhang vor ihren Blicken lag
undurchdringlich und beängstigend Oft bevor noch der Tag anbrach erhob sie
sich vom Lager und schleppte sich hinauf in die Bodenkammer um an irgend einer
Luke zu kauern und starren Blickes stundenlang zu brüten Sie freute sich wenn
sie fror sie wünschte zu frieren wünschte zu leiden ein äußerer Schmerz
verlieh dem inneren Milderung Am Sabbat nach der Schul kamen die Weiber zu ihr
aber sie war so bedrückt dass sie vor den Besucherinnen in lautes Weinen
ausbrach Sie rang die Hände stöhnte warf sich zu Boden fletschte die Zähne
und murmelte Worte ohne Sinn und Klang Das war ein sehenswertes Schauspiel
eine Bestätigung des Wunders das mit dieser Jungfrau vorgegangen Sie brachten
Geschenke doch das Mädchen warf sie ihnen vor die Füße und schalt und drohte
fassungslos Auch viele Männer kamen Turatara Wolf Batsch Seligman Schrenz
Seligman Rumpel Hirsch und Herz die Rumpeln Wolf Bieresel Joel und David
die Bieresel Maier Anschel und Itzig Gänsshenker ja sogar Moses Bock aus
Würzburg und Michael bar Abraham aus Markt Erlbach So schnell hatte sich die
Kunde im Lande verbreitet Alle brachten sie Geschenke Güldene Schleier oder
Sternlein oder durchgezogene Sternlein oder Umhänge von Drapdor oder gestickte
von Gold von goldenen oder silbernen Blumen Kleider von Samt mit einer
Blumenbordüre einen Mantel von Damast Schuhe oder Pantoffeln mit gutem oder
schlechtem Gold verbrämt Bänder von schwarzem oder gefärbtem Leder
Kartelsteine oder andere Gehänge auch Hand und Leibschnallen güldene Gürtel
und einen Gürtel von Gold der mit Diamanten besetzt war Ringe und Ohrgehänge
Handschuhe von Pelz und Halstücher bis auf zwei Gülden Wert
    Das waren festliche Tage für Maier Knöcker den Nathan Mit zitternden
Händen tastete er über den Reichtum nahm die Tücher faltete sie wieder
zusammen liebkoste die Schuhe und Ringe legte die Gehänge um seinen Hals und
stolzierte im Zimmer damit auf und ab auch stellte er sich damit vor einen
Spiegel machte Bücklinge schnitt lächerliche Grimassen und ging dem finsteren
Schicksal mit kindischer Heiterkeit entgegen
    Am Tag Dionysius war die Luft so klar dass man die Kirchenglocken von
Nürnberg vernahm Ein gelber Schimmer lag auf den Wiesen und der Himmel war mit
weißen feinen runden Wölkchen marmoriert Ein Zug jüdischer Spielleute die
von der Domprobster Bamberg verwiesen worden waren brachte die Nachricht der
Messias sei von Smyrna aufgebrochen und käme nach Deutschland die Gläubigen um
sich zu versammeln und an ihrer Spitze ins heilige Land zu ziehen
    Als Rahel dies vernahm erwachte sie aus ihrer langen Apathie In ihr war
nur ein Gedanke dass sie fort sollte aus dem Land wo der Geliebte wohnte denn
in ihrer heißen und erregten Phantasie war ein Gerücht schon einem Geschehnis
gleich Mit glühenden Augen eilte sie auf die Gassen niemand beachtete sie
heute Viele schienen in einer Tollheit befangen wie eine Schar
Verschmachtender denen man feurigen Wein gegeben hat Kein Ritus wurde mehr
beachtet weder das Abend noch das Morgenminjan weder der Socher noch der
Bund der Beschneidung Über den Lilienplatz lief ein junger Mensch mit nacktem
Oberkörper er hatte sich auf die Brust die Worte gemalt wir empfahen was
unsere Taten wert sind wir leiden Pein in heißen Flammen Der Schmuel der
Richter der Gemeinde ein Mann von siebzig Jahren der sonst Tag und Nacht den
Talmud studiert hatte sich im Schulhof bis an den Hals in Erde eingegraben und
sein Leib war beinahe erstarrt In hebräischen Worten schrie er leidenschaftlich
das Lob des Messias und viele Menschen standen bleich und andächtig um ihn her
Rahel eilte hinaus zum Schiessanger wo noch von der Kirchweih die Wagen der
Zigeuner standen und dann lief sie hinüber zum Schwedenstein wo sie kraftlos
ins Gras sank Sie hörte die Zigeuner schreien in ihrem Rotwälsch und sah sie
gestikulieren trotz des Nebels der über der Landschaft lag Der Schulklopfer
und der Totengräber liefen an der Kapelle vorbei aber sie nahm es nicht wahr
Ihr war zu Mut als läge sie schon tagelang hier ohne Sinn für die Flucht der
Zeit und als müsse sie noch tagelang und wochenlang hier kauern unfähig zu
begreifen was in ihr vorging Der Himmel bedeckte sich mit Wolken und ein
feiner Perlenregen fiel Eine dieser Wolken die heraufzogen vom VestnerWald
hatte die Gestalt und die Züge des jungen Studenten den sie liebte Sie sah es
genau die Wolke trug einen schwarzen Bart der zierlich um Kinn und Wangen
stand und kokett zugespitzt war Sie sah auch den kleinen Mund und die kleine
Nase und die unsteten Augen Und dann stand er plötzlich bei ihr Thomas Peter
Hummel und ihr war als könne sie seine Hand fassen Er sprach ihr zu fein und
schnell und geschickt und wenn er überzeugte war es nicht in dem was er sagte
sondern in seiner Stimme in seiner gewandten schlangenhaften Art in seiner
heiteren Geschwätzigkeit Er wählte seine Worte wie ein scharfer Politiker und
spielte taschenspielerhaft mit den Gefühlen Aber wie es in der Welt geht sie
liebte ihn
    Ein Mann und ein Weib kamen vom Anger her Ihr gemächlicher Schritt zeigte
dass sie den Regen nicht achteten Rahel erkannte Zacharias Naar und jenes
schlanke Mädchen das sie bei den Schaustellungen am Schiessanger gesehen hatte
Sie war schön Man muss die Augen zumachen wenn man sie sieht dachte Rahel Sie
war blass und krank wie verzehrt von einer geheimen Sehnsucht Jede Linie an
ihrem Körper hatte etwas Leidendes und die Form ihres Mundes verriet Geduld und
Lieblichkeit Dennoch war etwas an ihr das all dies Lügen strafte vielleicht
in der Heftigkeit und dem Trotz ihrer Augen Bald verschwanden sie an der
Biegung des Wiesenwegs Rahel blickte starr in die leise dämmernde Landschaft
hinein und war froh dass sie nicht gesehen worden war Sie fühlte nicht Kraft
genug wieder nach Hause zu gehen und fürchtete die einbrechende Nacht könne
sie noch immer hier finden Sie erschien sich ausgestoßen und verfolgt
verurteilt für sich allein Schmach Bedrückung Ruhelosigkeit und
Heimatlosigkeit zu ertragen sie wollte nicht mehr heimkehren Sie hasste Vater
und Mutter hasste die bleichen gebetseifrigen jüdischen Männer ihre
gefrässigen schwatzhaften Weiber die altklugen Knaben die frühreifen Mädchen
die kindischen fanatischen Greise alle schienen ihr verächtlich und unrein
Doch wohin sollte sie gehen wenn nicht nach Hause sie dachte endlos ist die
Welt und für ein Judenmädchen gibt es kein Erbarmen keine Unterkunft selbst
ein Räuber darf sie stoßen mit seinen Füßen Schließlich stechen sie einem die
Augen aus wenn sie es für gut finden und dann musst du verhungern Sie glaubte
nicht an diesen Messias sie glaubte nicht an seine Prophezeiungen vielleicht
nur deshalb weil es ihr gelungen war durch einen plumpen Betrug alle die um
sie herum waren im Namen desselben Messias zu täuschen
    Während sie so sann und dabei in den westlichen Himmel sah teilten sich
dort die Wolken und auf einmal warf die untergehende Sonne eine Flut
schwefelgelben Lichtes über das Firmament Bäume Steine Wiesen das Wasser
der Wald die Häuser in der Ferne die Kirchtürme ja die Luft selbst schien
lebendiger Körper zu werden Da lächelte Rahel und die Spannung ihrer Seele
löste sich Tiefer Frieden erfüllte sie und sie schloss träumend die Augen
    Ein Bauer kam von Ronhof her über das Feld geschritten der seinen Kopf mit
einem Sack verhüllt hatte Er sah das Judenmädchen am Boden kauern und war so
erschrocken über den Anblick den sie bot dass er sich bekreuzigte und
spornstreichs gegen die Häuser des Orts rannte Eine Schar von Juden kam ihm
entgegen die zum Schwedenstein wollte um das Grabmal des schönen Joseph mit
Gewalt fortzunehmen nachdem die Familie beim Schultheiß und beim
Friedensrichter mit ihren Bitten abgewiesen worden war Der Bauer dessen eines
Auge erblindet war machte den Juden die Mitteilung dass er eine Hexe am
Schwedenstein gesehen habe Aber jene erkannten schon von weitem die Tochter des
Knöckers und einer lief zurück um Maier Nathan zu holen Der Ronhofer Bauer
hatte schnell erhorcht dass die Juden den Schwedenstein berauben wollten er
schwang drohend den Arm lief fort und alarmierte einen Hornmacher einen
Schneider einen Goldplätter und zwei Metzger oder Schlächterburschen die in
der Nähe des Schiessangers ihre Verrichtung hatten Als Maier Knöcker bleich und
atemlos aus der Fischergasse kam stürzten sich Hornschuch der Kammacher und
Federlein der Schneider voll Wut auf ihn während ein paar alte Weiber aus dem
Erdgeschoss eines grünen Hauses herauskeiften und ihren Hass gegen das
Judengesindel nicht zu zügeln vermochten Die andern Helden rannten mit dem
Ronhofer Bauern zum Schwedenstein und freuten sich bass auf die bevorstehende
Prügelei im Laufen verteilten sie die Opfer unter sich und rechneten aus dass
jeder etwa drei Juden zum Prügeln bekommen würde
    Es war dunkel geworden ein milder Abend Die Sterne blinkten unter den
Wolkentüchern hervor auch der volle Mond stieg im Osten herauf gerade über den
Türmen Nürnbergs Ein olivenfarbenes Licht ging von ihm aus während im Westen
das finstere Not und das bronzene Gold allmählich verblassten Wer sich
niederließ auf die Knie oder sich platt auf den Leib legte und aufmerksam
hineinsah in das ebene Land konnte glauben dass die Erde Atem schöpfe wie ein
Mensch dass das melancholische Frankenland gleichsam die Brust der Erde sei die
sich auf und nieder bewegte in ruhigem Traumschlaf
    Kaum waren die händelsüchtigen Burschen am Schwedenstein angekommen als sie
erstaunt und bestürzt stillstanden Der Schelomo Schneiors der Bürgermeister
der Juden hatte sich seiner Kleider entledigt und mit einer kurzen Geissel
schlug er wütend auf seinen Körper los Sein Gesicht war so verzerrt dass es
einen widerlichen Anblick bot und seine dicken blutroten Lippen schoben sich
Gebete murmelnd hin und her Sein Körper zuckte vor Schmerz und die Rippen
quollen heraus unter der mageren verwundeten Haut Die andern Juden standen
totenbleich um ihn her wie Scharwächter und beugten taktmässig das Knie Behrman
der Levit rief mit einer Stimme die schrill und unheimlich hinausscholl in den
friedlichen Abend der Felder eine kabbalistische Anrufung Der König Messias
wird erscheinen und ein auf der Morgenseite befindlicher Stern wird sieben
Sterne von der Mitternachtsseite verschlingen und eine schwarze Feuersäule wird
vom Himmel herabhangen sechzig Tage lang Alsdann werden alle Völker
zusammentreten gegen die Sprösslinge Jakobs und eine große Finsternis wird in
der Welt sein fünfzehn Tage lang
    Mit einem irren Schrei stürzte Maier Nathan den seine Feinde endlich
losgelassen hatten in den Kreis ergriff Rahels Kopf mit beiden Händen
streichelte sie und fragte mit Todesangst in der Stimme warum sie fort sei und
ob sie krank sei Rahel schüttelte den Kopf
    Der Schneider Federlein und der Hornmacher hatten ihren Mut eingebüßt und
unverrichteter Sache zogen sie mit den andern davon sie schickten den Ronhofer
Bauern zu Herrn Pfarrer Wagenseil damit er Bericht gebe und sie wegen des
Schwedensteins keinerlei Verschulden treffe Die beiden Schlächterburschen und
der Goldplätter die alle drei sehr gedrückt schienen wünschten alsbald eine
geruhsame Nacht und der Schneider und Herr Hornschuch gingen allein weiter Am
Gänsgraben kam ihnen ein Leiterwagen entgegen dessen Fuhrmann dem Hornmacher
bekannt war und nun teilte jeder dem andern seine Gedanken mit Der Fuhrmann
wusste befremdliche Dinge zu sagen von Himmelszeichen und vom nahen Ende der
Welt Es sei gut meinte er dass es in Nürnberg keine Juden gäbe denn dort
seien die Bürgersleute noch halbwegs zu vernünftigen Dingen zu gebrauchen Er
erzählte beiläufig dass er am JudenBühel in Nürnberg einen großen Stein gesehen
habe mit der Inschrift
Der Stein ist nach den Juden blieben
Als sie von Nürnberg wurden vertrieben
in Wolfgang Eysen Haus das ist wahr
im vierzehnhundertneunundneunzigsten Jahr
    Allmählich wurden die Gassen mondhell Herüber von den Wäldern der Veste
wogten herbstliche Dünste Die Blätter der Bäume ein wenig regenfeucht
schimmerten silbern und zitterten im Abendwind
    Fast alle Fenster in den Häusern waren erleuchtet Die Juden schienen
dreifaches Licht zu brennen und die Christen hatten den unbestimmten Trieb
wachsam zu sein Uralte Prophezeiungen waren auf dem Wege der Erfüllung und die
Schwülnis die vom Morgenland herüberkam war so drückend wie einst vor
sechzehnhundert Jahren als man Jesus Christus gekreuzigt hatte
    Junge jüdische Mädchen liefen in den Gassen umher mit aufgelösten Haaren
manche hatten die Brust entblößt und ihre Augen glänzten wie von übermässigem
Weingenuss Knaben saßen in Gruppen vor den Türen und sangen Psalmen und Hymnen
an den Messias In den Zimmern hatten sich die Greise versammelt und gaben sich
mit tiefer Inbrunst dem Studium der Kabbala hin Es erhob sich in einem Haus am
Kohlenmarkt der neunzigjährige Chajim Chaim Rappaport und sprach »Wäre er es
nicht der die Schmerzen von Israel über sich nähme wahrlich kein Mensch wäre
es zu erdulden imstande Unsere Krankheiten wird er tragen und alle Übel und
Schmerzen nimmt er ab von der Welt« Dann verkündete er Zabbatai Zewi habe den
vierbuchstabigen Gottesnamen auszusprechen gewagt und der Türke Murad Effendi
sei dadurch bekehrt worden
    Im Hause des OberRabbi waren fünfzig Männer und Frauen zu einem Mahl
vereinigt Je weiter der Abend vorschritt je ungezügelter wurde der
Freudenrausch je heißer wurden die Köpfe vom Wein vom Spiel von Erregungen
seltsamer Art Viele warfen die silbernen Becher in die Luft und viele knieten
hin und schrien mit heiserer Stimme Gebete Der Rabbi selbst war es der zuerst
die Kleider von sich warf und dann der schönen Ester Fränkel das Gewand vom
Leibe zerrte Ihre Lippen küssten sich wie zwei Ertrinkende hielten sie sich
umschlungen und nahezu nackt schwangen sie sich in einem orgiastischen Tanz
umher Andere folgten bald dem Beispiel überall erhoben sich bleiche Gesichter
von der Tafel glühende Augen starrten fassungslos in die kommende Welt der
Erlösungen wie wenn ein scheuer Sklave plötzlich die Freiheit empfängt und in
wilder Zügellosigkeit sich selbst zerfleischt und seine eigene Habe zerstört
Männer die schon an der Schwelle des Greisentums standen gebärdeten sich wie
Faune Weiber mit grauen Haaren gaben sich beklagenswerter Verirrung hin Die
Telsela Knöcker trank fast ohne auszusetzen schweren Burgunderwein lallte mit
kindischer Stimme hebräische Worte von der Messiasbraut bis sie besinnungslos
zu Boden sank Es waren junge Mädchen da die sich einer rasenden Liebesgier
überließen als wollten sie damit die Jahre der Entbehrungen in ihrem Gedächtnis
verwischen Manche sahen aus wie Furien die lechzend von Lust zu Lust wankten
und sich schamlos in finsteren Lastern begruben Geschrei Ächzen und schrilles
Johlen herrschte und eine scheussliche Musik wurde ausgeübt von fünf betrunkenen
Spielleuten Dazwischen erhob sich ein düsterer Gebetskanon den drei oder vier
Männer in einer dunklen Ecke hersagten oder ein fanatischer Schrei um Erlösung
der von einem Haus in einer fernen Gasse erwidert wurde Michel Chased der
Chassan hatte die Gesetzrolle von der Schul geholt und tanzte damit umher wie
mit einer Geliebten er trieb eine lächerliche und furchtbare Unzucht und als
er keuchend die andern gleichsam um Atem bettelnd hinstürzte bohrte er eine
stählerne Nadel tief in den Oberarm dass dunkelrotes Blut auf die Gesetzrolle
und auf den Boden rann Boruchs Klöss Wolf Batsch und die Rumpeln knieten hin
und leckten und schlürften winselnd das halbgeronnene Blut indes der Chassan
stumm und steif in die Arme seines Sohnes sank Zwei junge Leute sahen den
bleichen Zacharias Naar durch den Raum gehen beschwörend die Hände heben und
wieder verschwinden Auch der alte Turatara dessen gerötete Augen stets wie
aus einem dünnen Spalt hervorblinzten hatte die Erscheinung wahrgenommen und
behauptete jener habe ein wunderschönes blasses Kind auf den Armen getragen und
lächelnd und heiter habe das goldlockige Geschöpf in das schreckliche Treiben
geschaut Der alte Seligman Schrenz wollte die Blöße seiner Tochter bedecken
wollte sie mit seinem Mantel umhüllen aber jauchzend mit halbgeöffneten Lippen
lief die schwarze Noemi davon warf sich in die Arme ihrer Freundin der
Schwester des Schulklopfers und die beiden Mädchen küssten sich warfen sich zu
Boden und drückten ihre fieberheissen Körper aneinander
    Ein Haus weiter lag der Maier Lambden mit seiner Familie auf den Dielen
denn sie schliefen nicht mehr in Betten Bei Tage hüllten sie sich in Tücher von
grobem Stoff und hörten nicht auf zu beten Es gab Männer die sich des
Schlafes gänzlich enthielten und sich Tag und Nacht mit dem Studium des Gesetzes
befassten denn durch die Tikkunim in der Mitternachtsstunde wurden die Sünden
verwischt Maier Wolf genannt der Fünkler und sein Bruder Samuel Fünkler
gingen des Morgens bei dem kühlen Herbstwetter hinaus und badeten im Fluss um
ihren Leib zu reinigen So stieg und stieg die Erregung der Gemüter und es war
bald ein gewöhnlicher Anblick wenn einer nackend durch die Gassen taumelte und
sich geisselte bis sein Körper über und über mit Blut bedeckt war
    Als am Freitag Serapion die Glocke die zehnte Abendstunde schlug kam die
Familie des schönen Joseph auf dem Lilienplatz zusammen und vier junge Männer
trugen den Grabstein vom Schwedendenkmal hinweg Es war eine Menge Menschen
dabei Frauen und Kinder die sich mit farbigen Tüchern geschmückt hatten und
Freudengebete sangen Auch viele Männer hatten sich eingefunden Im langsamen
schmalen Zug schritten sie dem Gottesacker zu an der Spitze die vier mit dem
Stein der mit goldbestickter Samtschärpe umwunden war Der Mond lugte über das
Dach der Michaeliskirche und es war als müsse man überall erst die feinen Nebel
zerreißen bevor man hineingehen konnte in die blaue Nacht Über dem Fluss weit
hinunter bis an ferne Waldgrenzen lag der Dunst gleich einem weißen Gewölbe oder
wie die lange Säulenhalle eines Schlosses Rote dumpfe Flecken wachte dort und
da ein rätselhaftes Licht Das Wasser rauschte und nichts Bewegtes war zu sehen
außer den lichten fast blendenden Wolken am Himmel und dem jüdischen Zug an der
Straße
    Da sie sich den Mauern des Bes Chajim näherten kam aus dem weitgeöffneten
Tor ein Weib mit aufgelösten Haaren gelaufen und stammelte oft unterbrochen
durch staunende erschreckte Ausrufe der Zuhörer ein Geist schwebe über die
Gräber und singe wunderbare Weisen und rufe Messias o Messias o Sabbatai
Stern der Höhe Alle blickten angestrengt hinüber Der Gräberort lag
ausgebreitet an einer Hügelsenkung und die zahllosen Grabsteine gaben ihm ein
phantastisch zerklüftetes Aussehen Darüber hinaus die nebelschimmernde Ebene
baumlos häuserlos einem Meer ähnlich darin einsame Dörfer wie Toteninseln
lagen
    Die Juden bemerkten nichts von dem gemeldeten Geist überwanden ihre
natürliche Furchtsamkeit und schritten ängstlich und zaudernd durch das Tor
Vorsichtig zogen sie den breiten Hauptweg entlang immer spähend zum Grab des
schönen Joseph Am mutigsten waren die Knaben sie sangen ein Lied vom Stolze
Zions und ihre köstlichen frischen Stimmen erfüllten weithin die Nacht
    Das Grab lag an der westlichen Mauer die hart an den Schindanger der
Christen stieß und wo auch die verurteilten Verbrecher hingerichtet wurden
Deutlich war die alte Veste mit ihrem düsteren Wald sichtbar und ein flötender
Hornruf klang herein Der Totengräber kam und Obadia Änsel Steinblaser trat als
Vorbeter heraus um die im Schulchan Aruch vorgeschriebenen Gebete zu sagen
Aber er fing nicht an Minuten vergingen und weil die hinten Stehenden sein
Gesicht nicht sehen konnten drängten sie sich gierig vor Einige verwünschten
schon die Furcht vor den Christen die sie veranlasst hatte die Zeremonie zur
Nachtzeit vorzunehmen und viele Weiber schlossen die Augen um nichts sehen zu
müssen Als aber Obadia Änsel noch immer keinen Laut von sich gab näherten sie
sich ihm so dicht sie konnten und nun sahen sie dass er mit aufgerissenen Augen
und leichenfahlem Gesicht beständig nach einem Punkt starrte Sie folgten seinem
Blick und sahen eine weibliche Gestalt bei einem Weidenbusch mitten unter den
Steinen stehen Die Stille tödlichen Schreckens entstand als ob alle auf einmal
zu atmen aufgehört hätten leise und eindringlich erscholl eine Mädchenstimme
von dorther eine Melodie in einem fremden Rhythmus und einer fremden Sprache
Der Totengräber und der Rabbi Seligman in der Klauss waren die mutigsten und da
es doch eine menschliche Stimme war die sie vernahmen so folgten schließlich
auch die andern Männer dann die Kinder und zuletzt die Frauen
    Niemand erkannte Zirle in dem jungen Mädchen Nur mit einem Hemd bekleidet
stand sie da und schien doch nicht zu frieren Wer sie so gewahrte musste im
Innern jedes Leiden mitfühlen das sie bedrückte Aber es war etwas Listiges in
ihrem Schmerz und etwas Begehrliches in ihren klagenden Augen
    »Was willst du hier liegt wer von den Deinigen hier begraben« fragte Änsel
Steinblaser flüsternd
    Ein junges Weib bot ihr ein wollenes Tuch an aber Zirle wies es schweigend
zurück
    »Hört was ich euch erzählen will« sagte das Mädchen und flüchtige Schauer
überliefen sie während sich alle dicht herandrängten
    »Ich bin im Kloster gewesen und Nonnen haben mich gelehrt an Jesus Christus
zu glauben Aber als Kind war ich Jüdin und meine Heimat war im Polenland Eines
Tages sind die Christen über uns hergefallen und unsere Betten schwammen in
Blut Vater Mutter Brüder und Schwestern sind aufs grausamste erschlagen
worden Die Häuser brannten Frauen und Mädchen wurden in den Tempel gesperrt
und kamen in den Flammen um Ich hörte ihr Röcheln und Wimmern als ich in einem
Stalle versteckt lag Die Zeit verging Und wenn ich gleich Christengebete unter
Christen sagte ich vergaß nichts ein Jude vergisst nichts Wieder eines Tags
entlief ich und Zigeuner nahmen mich auf Ich lebte bei ihnen wie in einem bösen
Traum und von Stimmen umgeben die mich riefen in der Nacht Der Bräutigam
wartet riefen sie er breitet seine Arme aus und wartet er ist mehr als Jesus
Christus er ist selber Gott«
    »Und gestern war es gen Morgengrauen da kam mein Vater zu mir im Schlaf
Der Herr der Heerscharen hat dich zur Braut des Sabbatai bestimmt sagte er Du
sollst ihm entgegengehen denn er ist der Stern der aufgegangen ist aus Jakob
wie es in der Bibel steht Den ganzen Tag war ich voll Angst und konnte nicht
Ruhe finden Und heute lag ich da kam wieder der Geist meines Vaters und fasste
mich mit seinen Händen an und trug mich hierher«
    Sie streifte das Hemd zurück und zeigte Nägelspuren an ihrem Leib wo die
Hand des Vaters sie gepackt hatte Oberhalb der rechten Brust und an der linken
Hüfte waren blutige Schrammen
    Ein langes Schweigen entstand Sonderbare Scheu hielt jeden ab das junge
Mädchen anzureden Stille Schwärmerei fanatische Gläubigkeit geheimnisvolle
Extase und die Taumel der Bacchanterei das alles hatten sie gesehen oder
gefühlt Aber das offenbare Wunder so dicht vor ihren Augen machte sie
verdutzt und erfüllte sie mit Angst
    Eine schwarze Menge tauchte in der Richtung des Tores auf und kam mit
dumpfunruhigem Gemurmel näher Am Leichenhaus zündeten sie Fackeln an die
einen blutigen Glanz über die Gesichter warfen und deren Rauch die Mondscheibe
verdüsterte Von der Senkung des Hügels kam Zacharias Naar herauf nahm Zirle
bei der Hand und sagte laut und vernehmlich »Führe sie Tochter Zions Alle
die da kommen werden sich dir beugen«
    In den Gassen des Hofmarkts war die Nacht zum Tag geworden Überall standen
aufgeregte Leute Von Ottensoos Schnaittach Unterfarrnbach und Hüttenbach
waren die Juden hereingekommen Niemand wusste wie sich das Gerücht so schnell
verbreitet hatte zu Fürt habe sich Außerordentliches auf dem Gottesacker
begeben jede Stunde sei unerschöpflich an neuen Geschehnissen Zwei Juden
Samuel Ermreuter und Nachman Sandel Mahler markgräfischer Schulklopfer hatten
große kostbare Teppiche auf der Straße ausgebreitet und sie mit Blumen bestreut
Rosen Nelken und Orchideen aus dem Treibhaus einer vornehmen Gärtnerei
Girlanden hingen an den Fenstern und goldene und silberne Leuchter standen auf
den Simsen Höher und höher sturmflutgleich stieg der Aufruhr der Gemüter Da
war ein kluger und vielgereister Jude namens David Tischbeck ein Bruderssohn
des Wolf Bieresel er erzählte dass überall in deutschen österreichischen
italienischen und spanischen Landen ein so wüster Taumel eine so entsetzliche
Verwirrung herrsche dass niemand wisse ob nicht sein Nachbar sein Weib oder
sein Kind in Wahnsinn verfallen sei Es war als sei die Luft selbst zu
betäubendem Wein geworden und wer da atmete wurde auch trunken Könige
begannen für ihren Thron zu zittern
    Im ersten Schein des Frührots ging Zacharias Naar am Haus des OberRabbi
vorbei wo noch die Lichter brannten Erstickte gequälte Rufe wilde Schreie
leidenschaftliche Gebete schmerzliches Stöhnen drangen heraus Naar ging
versonnen seinen Weg weiter hinaus gegen Westen wo die Häuser bald im
Morgendunst verschwanden Der hagere Mann mit seinem spitzen dütenförmigen Hut
der nach der Vorschrift jener Zeit orangegelb mit weißem Rand war schritt unter
den tiefhängenden Ästen der Bäume dahin und die braungewordenen Blätter gerieten
in leise Bewegung wenn der Judenhut sie streifte Zacharias Naar ließ sich
unter einem Apfelbaum nieder und starrte ins Morgenrot Die Ebene schien sich zu
recken und zu dehnen und der Schlaf flog auf von ihr in Gestalt der Raben und
Krähen Der Wanderer zog eine schwarze Tafel und einen Stift aus dem Gewand und
mit träumerisch zaudernden Fingern formte er Buchstaben und Worte immer
bestimmter und rascher »Mein Mund ist schwer wie der Mund eines Mörders Mein
Geist schreit nach dir Der blasse Morgen drückt deine zitternden Lider zu da
du kommst Du liegst schon schlafen und ich küsse im grünlichen Schein der
Nachtwende dein Gewand Kraft Kühnheit Stolz und Genugtuung sind nichts mehr
vor dir Soll ich lächelnd an den kommenden Morgen denken wenn du enteilst Die
Liebe schreitet jauchzend der Finsternis zu und verachtet den Regentag Was ist
im Himmel und auf Erden außer der Liebe Leib der Leiber und Schoss aller
Schoße Die heimliche Glut der Erdbrust wohnt in dir Ich gehe durch die
Dämmerung wo die Wetter schlummern in die jahrlose Einsamkeit der großen
Ewigkeiten hinab Ich gehe Gott zu suchen« Hastig fuhr der Stift wieder über
das Geschriebene und machte es unleserlich Dann wischte Naar alles mit feuchten
Gräsern wieder weg und schaute bitteren Mundes hinaus ins Land über dem die
Sonne kam Zum zweitenmal nahm er den Stift und schrieb bedächtig bei jedem Zug
den Stift gleichsam in die Tafel eingrabend »Ist ein Gott in diesem leeren All
Ich will ihm schreien ich will ihm die Glut meiner Seele opfern Ist ein Gott
dass er die Unbill räche die Kränkung des Stolzes dass er den Höfling demütige
Ist ein barmherziger Vater der das Feuer stillt wenn es des Armen Dach
beleckt Der den Schläfer auf nackter Erde bewahrt dem frierenden Hund eine
Hütte gibt Ich rufe dich Ewiger und deine Welten verneinen dich deine Sonnen
verleugnen dich Ich suchte dich und nirgends fand ich dich Die Himmel sind
echolos wenn ich dich rufe schweigend starren die Wälder Allein bin ich
gegangen im Angesicht der Nacht und die Dunkelheit war mein Mantel und meines
Kummers Kleid breit ist das Meer und tief und maßlos dehnen sich die Himmel
aber du bist nicht Jahrtausende verschwinden wie ein Lächeln und wer gut ist
verdirbt und die Falschen und Treulosen werden zu Propheten Aber lass es laufen
das Volk lass es springen zu den Kammern des Todes Wo bist du Gott Bist du wo
das Jahr zeitlos ist und die Unendlichkeiten zusammenschrumpfen wie Leichname
Bist du wo die Sonne aus dem Westen steigt und der Mond aus Brunnen strahlt
Bist du beim Gastmahl der Toten und hast du den neuen Morgen der Welten
verschlafen Ach wo lauf ich hin Der Himmel ist nur in mir Wo ist Raum für
meine Seele«
    Als er fertig war zerschmetterte Zacharias Naar die Tafel am Baumstamm und
streute die Trümmer in alle Winde Dann erhob er sich und ging den Häusern zu
    Im Schindelhof begegnete ihm ein Zug jüdischer Männer und Frauen mit Kerzen
in den Händen Vier Jungfrauen trugen einen Purpurbaldachin unter dem ein Knabe
und ein Mädchen trippelten beide noch Kinder Sie sollten einander vermählt
werden denn es war der Glaube jener Zeit dadurch den Rest der noch ungeborenen
Seelen in die Leiblichkeit eingehen zu lassen und so das letzte Hindernis zum
Eintreffen des Gottesreiches zu beseitigen Die Kinder deren Namen Benjamin und
Eva waren hielten sich fest an den Händen und ihre Augen standen voll Tränen
wenn sie sich einander anschauten so geschah es gleichzeitig und sie lächelten
dabei schwermütig wie Menschen denen eine Strafe bevorsteht der sie nicht
entrinnen können und die sie auch nicht verdient haben Plötzlich bedeckte sich
Evas Gesicht mit einer glühenden Röte Die schwarze Noemi kam mit ihrer Freundin
nackt die Gasse heruntergelaufen und trotz der frischen Herbstmorgenluft
schienen ihre Körper heiß zu sein von Tanz und Ausschweifungen Schier
besinnungslos doch graziös wie Gazellen liefen sie dahin und in jedem Laut
ihres Mundes war etwas Bacchantisches Die kleine Eva wusste sich nicht zu helfen
vor Scham in heller Verzweiflung schlang sie einen Arm um den Hals des Knaben
und mit der freien Hand bedeckte sie seine Augen
    Der sonderbare Brautzug kam in ein buntes Gewühle Über den Gärtnerplatz
ging eine Kinderprozession und jedes Kind trug einen Teller südländischer
Früchte oder Schalen mit Wein oder Backwerk In diesen Tagen des Wahnsinns ging
auch kein Christ im weiten Umkreis seinen Geschäften nach und keiner wie
mächtig er auch sein mochte versuchte den leidenschaftlichen Brand der unter
dem verachteten und verhassen Judenvolk ausgebrochen war zu dämpfen oder gar zu
verspotten Fremde Musikanten kamen des Wegs es wusste niemand woher und
spielten auf Instrumenten die man vorher niemals gehört Alles war zauberisch
überirdisch aufregend und bestürzend
    Unerhörtes begab sich auf dem Platz vor dem Pfarrhof Dort nahm ein junges
und schönes Mädchen die symbolische Handlung vor deren Deutung war dass auch
die Tiere eingehen sollten in das messianische Reich Die Zeremonie geschah mit
einem mächtigen Hunde und das junge Mädchen sang dabei wilde Lieder und schrie
verzückt Die Zuschauer waren wohl entsetzt oder erschüttert oder verwundert
aber sie empfanden es gleichwohl als einen religiösen Vorgang von tiefer Feier
Mit bleichen Wangen standen sie umher und zitterten vor Grauen In der Synagoge
blies man das Schofar und es klang wie ein einsamer Weckruf in alle Gassen
hinweg über alle Häuser  wie ein Ruf aus den dunklen Tiefen der Kabbala Eine
Krone auf dem Haar kam Zirle einher mit einem Gefolge wie eine Fürstin Wer
sie sah glaubte an sie wie an den Erlöser selbst Ein junger Christ namens
Wagenseil der Sohn des Pfarrers folgte ihr wie behext auf Tritt und Schritt
Schließlich sang er das Lob des Sabbatai fast in dichterischen Worten und Zirle
erhörte ihn noch ehe der Tag zur Neige ging Ihr Wesen war ohne Schüchternheit
sie hatte etwas Glänzendes in jeder Gebärde Die Männer verloren alle Vernunft
wenn sie vor ihnen stand und die Glorie der Messiasbraut gab ihrem Wort ein
unwiderstehliches Gepräge Sie kam zu den Fastenden und Betenden und richtete
sie auf Denn manche wälzten sich tagelang wie Würmer auf der Erde enthielten
sich jeglicher Nahrung oder sie hockten regungslos in den feuchten Winkeln
unterirdischer Gewölbe hatten Visionen »strahlende Nächte« wie sie sagten
fromme Gesichte widerstanden so den Verlockungen des Satans und erfüllten zur
Nachtzeit die Luft mit ihren Klageliedern Ohne zu erlahmen studierten sie alle
Bücher der Kabbala alle Seiten des Talmud nach neuen und wunderbaren Deutungen
ihre Weiber wenn sie nicht zu den Orgien gingen ergaben sich einem
grenzenlosen Fanatismus stellten sich auf den Markt unter viele Leute
stachelten zu nutzlosen Grausamkeiten und nutzlosen Versündigungen auf und
fluchten den Christen bitter Die Kinder waren sich selbst überlassen Säuglinge
schrien umsonst nach der Mutterbrust und starben bald Hunger und Überfluss
Prunk und Erbärmlichkeit reichten einander die Hände Es fand kein regelmässiger
Gottesdienst mehr statt und wenn man gemeinsam vor dem Altar betete schrie
forderte triumphierte war es einer Schändung des alten Gottes gleich Zigeuner
zogen umher und vermehrten das Unheimliche und die Verwirrung Der Papst und der
Kaiser schickten wie in alle Städte auch hierher Beamte und Abgesandte die
unverrichteter Sache wieder ziehen mussten Die freie Stadt Nürnberg entbot einen
Hauptmann und fünfzig Reiter aber den Hauptmann samt seinen Reitern sah man
noch am selben Abend wüst johlend durch die Gassen taumeln Am Fluss oben gegen
Buch zu wohnte ein ehrwürdiger christlicher Mann von bedeutender Gelehrsamkeit
Er kannte gründlich die klassischen Sprachen und befasste sich auch mit
Astrologie und Alchymie Die Leute behaupteten er habe den Stein der Weisen
gefunden und ihn für einen unermesslichen Schatz an den Grosstürken abgegeben Er
wurde befragt was er von all dem Sturm und Aufruhr halte und da sagte er »Der
Jüd ist ein tolles Tier So ihr ihn aus dem Käfig lasst frisst er euch auf mit
Stumpf und Stiel So er aber im Käfig bleibt ist er zahm wie ein Hund Viel
Verstand hat der Jüd und er ist wie ein Blindschleich So du ihn entzwei hackst
kriechen zweie hinweg«
    Niemals stand die Anarchie drohender über den Völkern als zu dieser Zeit
der Dämonie und der Ekstase Da die Nachricht eintraf die Juden von Frankfurt
Worms und Mainz rüsteten sich zum Aufbruch nach Zion entstand eine Erregung
die mit einer langen inbrünstigen Andacht zu vergleichen war Alle Sehnsucht
hatte nun ein Ziel bekommen und jeder einzelne beschloss dem Rufe des Propheten
zu folgen
    An demselben Tage es war Allerseelen lag Rahel auf ihrem Bette und starrte
stumpfgleichgültig durch das Fenster in den Abendhimmel Das Haus war leer die
Schritte mochten darin nachhallen denn die Dielen knisterten oft von selbst
Rahel hatte die Mutter schon seit zwei Tagen nicht gesehen der Vater war seit
dem Morgen fort Niemand hatte sich in der letzten Zeit um sie gekümmert und
keine der jüdischen Frauen kam mehr um stundenlang bei ihr zu sitzen Aber
darüber dachte sie nicht nach Sie war froh dass wieder die Nacht kam
    Als es dunkel war trat Maier Nathan ins Zimmer Sein Wesen war verstört
und bisweilen brach er in kurzes meckerndes Lachen aus Beim Schein eines
Öllichts zählte er sein Geld nach und vergrub später einen Kasten mit Perlen und
Schmucksachen im Hofe neben dem Brunnen Erhjetzt von der Arbeit schnaufend und
pustend kam er zurück und setzte sich neben seine Tochter das Kinn auf den
Griff des Spatens gestützt Er seufzte fuhr mit den Fingern in die Haare
schnitt Grimassen sprang endlich auf warf den Spaten heftig von sich focht
mit den Armen in der Luft umher und brach in ein glucksendes Weinen aus Rahel
rührte sich nicht Sie war daran gewöhnt seit Zirle erschienen war »Schadai
Schadai voller Gnade« rief der Knöcker aus »Ich habe die himmlische Stimme
gehört ich hab sie doch sicherlich gehört mit meinen Ohren Gott soll mich
strafen aber mein Rahelchen ist doch keine Hur« Er kniete vor Rahel hin
streichelte mit der Hand ihre Haare und stammelte »Mein Rahelchen mein gutes
Jelet mein Engelchen Mise meschinne über die Narren dass sie an die falsche
Braut glauben Sterben sollen sie den Tod durch Aussatz« Und er erhob sich und
rannte wie gepeitscht davon
    Die Nacht war stürmisch Die Winde kamen von Süden und draußen in der Ebene
gurgelte es wie in einem Strudel Der Mond grinste fahl durch geborstene Wolken
und es war als ob er selbst sie zerrissen hätte und sie aufgelöst vor sich her
triebe Gegen Mitternacht kam ein Herbstgewitter Flatternde schwere
lichtsaugende Nebel fielen nieder und die Blitze fuhren hinein mit einem
süssgelben Leuchten Rahel sah zu und ihr wurde bitter in der Kehle vor Grauen
in der Ferne heulten die Hunde
    Rahel war müde Was da draußen vorging in der Welt sie kümmerte sich nicht
darum An nichts glaubte sie mitten in einem Haufen von Wahnsinnigen blieb sie
ruhig und nachdenklich Doch hatte sie Furcht vor der Zukunft Was soll aus dem
Kind werden dachte sie und was aus mir wenn sie alles erfahren Gegen zwei
Uhr das Gewitter hatte sich verzogen rief das Schofar die Juden in den
Tempelhof Zacharias Naar verlas einen Brief des Sabbatai an seine Braut Zirle
die er Zilla nannte Es war ein feuriges und sinnlich überschwengliches
Liebesgedicht und es hieß zum Schluss dass er sie samt ihrem Volk den Lebenden
und denen welche von den Toten auferstehen würden am siebzehnten Tag des
Monats Tamuz zu Salonichi empfangen würde Darauf stellte Zacharias Naar drei
Fragen an die schweigende Gemeinde Ob sie mit Gut und Blut sich dem Messias
ergeben wollten ob sie die Mühen und Beschwerden der langen Wanderung nicht
scheuen wollten ob sie ohne Murren und Weigern die Göttlichkeit der
Messiasbraut anerkennen und ihren Befehlen folgen wollten Ein bebendes Ja aus
vielen hundert Kehlen antwortete Nun trat Zirle in die Mitte des Kreises hob
ihre Arme verzückt zum Himmel und ihr leidenschaftliches Gebet ließ die Zuhörer
erglühen vor Sehnsucht und Begierde nach dem Neuen Großen Wundervollen das
für sie bereit war Noch wussten sie nichts was ihnen Sicherheit gab aber mehr
war es zu glauben und dem Kommenden begeistert entgegen zu leben Jauchzend
wollten sie ein Land verlassen das nur Verachtung und unmenschliche Grausamkeit
für sie gehabt hatte Es schien leicht alles hinter sich zu werfen wenn im
Osten die Triften der ererbten Wohnsitze lockten wenn ein königlicher Prophet
sie zum unverbrüchlichen Bunde rief Hier war kein Vaterland für sie und konnte
es niemals werden wie sich auch die Zeiten wandeln mochten
    Die Ältesten der Gemeinde erklärten sich zum Aufbruch bereit bei Anbruch
des Tages sollte mit den Vorbereitungen begonnen werden Plötzlich sprang Maier
Knöcker der Nathan schreiend auf Zirle zu packte sie bei den Haaren und riss
sie zu Boden Die andern Juden hätten ihn sicherlich in Stücke zerrissen wenn
nicht sein Weib die Telsela und die tugendsame Treinla des Rabbi Man
Ehewirtin sich über ihn geworfen und flehentlich um sein Leben gebeten hätten
    Gleich fernem Brandschein zeigte sich der erste Streifen des Morgenrots und
hoch in der Luft zogen Vögel mit zirpenden Schreien dahin
    Als Maier Knöcker nach Haus kam fand er seine Tochter schlafend Aber es
bedurfte nur einer leisen Berührung und sie erwachte Ihr Blick war scheu
verstört und furchtsam »Gebenscht ich hab se zugericht« sagte der Nathan mit
stumpfsinnigem Frohlocken »Unbeschrien ich habr die Haare ausgerissen der
falschen Braut« Er sah seine Tochter durchdringend an schüttelte bekümmert den
Kopf und fragte die Telsela wie lang es noch dauern könne bis zu Rahels
Niederkunft Geistesabwesend erwiderte das arme Weib sie wisse das nicht
jedenfalls aber noch vier bis sechs Wochen Gegen Mittag kam der OberRabbi mit
finsterem Gesicht und fünf Älteste begleiteten ihn In harten Worten stellte er
den Knöcker zur Rede und gab schließlich Zweifel darüber zu erkennen dass Maier
Nathan die himmlische Stimme gehört habe Der Knöcker begann zu weinen Sein
leidenschaftlicher Protest und die schwermütige Bestätigung der Tatsache durch
die Telsela stimmten den Rabbi milder und Chajim Chaim Rappaport meinte in
seiner wohlwollenden Art man könne ja doch das Ende der Schwangerschaft
abwarten auch sei es nicht ausgeschlossen dass dem Messias zwei Bräute bestimmt
seien obwohl Zacharias Naar ein Gegner solchen Glaubens sei
    Wenn Maier Knöcker sich auf den Gassen blicken ließ sah er sich mit
Misstrauen beobachtet und seine ehemaligen Freunde gingen ihm aus dem Weg Nur
die ameisenhafte Geschäftigkeit die überall herrschte schützte ihn vor
Schlimmerem Doch hatte er nirgends Rast Ein wühlender Schmerz über die
ungeordneten Zustände bedrückte ihn Er suchte nach der Reihe seine Schuldner
auf und keifte überall und drohte mit dem Landrichter Dann eilte er wieder
schnellen Laufs nach Hause in die Kammern zu seinen Kostbarkeiten und
Pfandpapieren Da er sich von allen verachtet fand nahm die Liebe zu den
Schätzen zu wie auch ein gewisses trotziges Vertrauen in die Mission seiner
Tochter und mit zorniger Ungeduld erwartete er die Ankunft der gottgeweihten
Enkelin überzeugt dass es dabei an himmlischen und weit erkennbaren Zeichen
nicht fehlen werde
    Änsel Obadja und Hutzel Davidla standen am Abend des vierten November
tuschelnd unter einem Haustor und gaben ihren Sorgen Ausdruck über die
Vernachlässigung jeglichen Gottesdienstes »Wenn es sich zuträgt dass viele
trinken werden« sagte Hutzel Davidla zitternd und seine Mausaugen schauten
glitzernd gegen Himmel »dann hat unser Herrgott uns strafen gewollt« Davidla
gebrauchte das Wort trinken und meinte damit den Tod denn die Juden reden
ungern vom Sterben und schon im Talmud Ketubot steht die Redensart vom
Trinken Ein gelehrter Chronist der zu Fürt lebte schreibt Man frage nicht
warum sich dieses Volk allezeit so sehr für dem Tod entsetzet Dies macht es
sie wissen nicht wie sie dem künftigen Zorn entfliehen sollen Das Sterben der
Juden ist daher allezeit mit Furcht und Schrecken umgeben Alle alle müssen mit
Entsetzen für den Dingen die da kommen aus der Welt scheiden
    Das Laubhüttenfest war unbeachtet herangekommen und sah nun in den Taumel
und Wirrwarr der kommenden großen Wanderung Breite Lastwagen die von Bauern
draußen oder von Christen im Markt erkauft worden waren rumpelten
ununterbrochen vor die Häuser der Juden Die streitenden Stimmen der Fuhrleute
mengten sich mit dem Gekeife der Weiber Pferde Esel und Rinder wurden mit
vielem Lärm erhandelt die Gassen lagen voll von zerbrochenem Hausrat leeren
Kisten Kleider und Leinwandfetzen Stroh Pergamenten und Spänen Wenn
Christen vorbeikamen hatten sie ein finsteres und drohendes Gesicht und sahen
aus als ob sie die Mittel überlegten um diese Anstalten zu nichte zu machen
    Auf einer Kiste saß sinnend der kleine Benjamin und pendelte mit den
Beinchen hin und her Ihm war unwohnlich Durch die hohlen Fensterlöcher schaute
er in das Haus des Maier Lambden er sah Kasten auf Kasten getürmt sah die
Weiber mit weißen Tüchern um den Kopf hin und hereilen wie sie die Schränke
leerten und das Geschirr verpackten und er hörte das Silberzeug klirren und den
Lärm von Hammer und Meissel Daneben stand das Haus von Samuel Ermreuter der
von seinen Söhnen das Dach abtragen ließ denn nichts sollte den Gojim
verbleiben von seinem Gut und Eigentum Bei Itzig Gensshenker hatten sich viele
junge Mädchen zusammengefunden und nähten emsig Wagendecken und Reisegewänder
und sangen alte Gesänge Stunde für Stunde zogen arme Juden aus fremden
Ortschaften durch die Hauptstraße und in der frischen Glut ihrer Begeisterung
vermochten sie nicht länger Rast zu machen als es nötig ist um ein Gebet zu
sagen Dann eilten sie weiter in ihren Lumpen und mit ihrer jämmerlichen Habe
    Betrübt ging Benjamin an den Häusern entlang Er blickte in die Gärten in
denen alle Blüten verwelkt waren und dürre Blätter den Boden bedeckten Einmal
sah er Eva seine Verlobte über die Gasse eilen und er ging zu ihr hin Aber
das Kind mit aufgestreiften Ärmeln und geröteten Wangen schüttelte den Kopf
und sagte sie habe zu viel zu tun um plaudern zu können Benjamin hatte
Hunger und weil man ihm daheim nicht zu essen gab ging er hinaus an den Fluss
wo er Haselstauden wusste und wo er sich sättigen wollte Die Ereignisse von
seiner melancholischen Stimmung in farbige Dämmerung gehüllt gaben ihm viel zu
denken und er träumte sich mit klopfendem Herzen das Land der Verheißung wo es
keine Christen gab und keinen Stadtvogt und keine Daumenschrauben und kein
Spiessrutenlaufen Wie klar und furchtbar erinnerte er sich des Tages wo sein
Vater wegen einer angeblich gestohlenen Sanduhr gefoltert worden war Seinen
Oheim hatten sie aus Nürnberg hinausgepeitscht weil er dort übernachtet hatte
Oft hatte die Mutter erzählt dass ihre Muhme als Hexe verbrannt worden war
obwohl sie eine fromme und sanfte Frau gewesen war Dies alles machte ihn
ungeduldig nach Macht und Größe
    Ein Jubelgesang scholl von den Häusern herüber Er hörte eine Weile zu und
fragte sich warum eigentlich die Juden so verachtet seien Er kam zu keinem
Schluss Im Grunde schmerzte es ihn von diesen Feldern fort zu müssen wer weiß
wie weit Es war so schön hier Wie breit und ruhig lag das Land da Ein
glanzloser Nebel kroch über die Äcker und drüben lag Nürnberg mit seiner
kaiserlichen Burg mit seinen starken Mauern mit seinen schmalen stolzen
Türmen Die Häuser waren vielleicht aus Marmor gebaut und die Stoffe und das
viele Gold und die herrlichen Rosse die Kampfspiele der Jahrmarkt auf der
Schüttinsel der Metzgersprung  wie bunt und wechselvoll wie freudig und
schimmernd alles
    Die Welt versank allmählich in der Dämmerung Er ging heimwärts Die dumpfe
drohende Geschäftigkeit die überall herrschte und die immer mehr anschwoll
erweckte eine unbestimmte Angst in ihm Bei einer Gartentür lag ein Stein und er
ließ sich ermüdet nieder Samson Weinschenk und die Seinen hatten schon zwei
Wagen vollbepackt und saßen nun zwischen leeren Wänden Auch David Tischbeck und
Samuel Schrenz und Hutzel Davidla und Löw Wassertrüdinger und Moses Käsbauer und
Maier Wolf alle waren sie schon fertig und bereit das fremde Land für immer zu
verlassen Der Knabe fühlte gleichsam schwere Schicksale voraus darum war er
traurig und es war als ob von irgendwoher eine schmerzlich schöne Musik
erschalle und durch die kümmerlichen Gassen des Judenviertels fliesse
    Er blickte empor und sah Rahel Nathan mit plumpen aber hastigen Schritten
daherkommen Sie wollte vorbei aber Benjamin rief sie an Da fuhr sie zusammen
winkte mit beiden Armen ab und wollte schnell weitergehen  gegen die Häuser
der Christen hinüber Doch besann sie sich eines andern und setzte sich neben
den Knaben auf den Stein »Morgen soll es fortgehen weißt du das Junge«
fragte sie Er bejahte aber sie redete nicht mehr es war als ob sie sich ganz
in sich selbst verkröche Der Knabe sah dass sie mit ihren Händen das Gesicht
bedeckt hatte und die Ellbogen waren durch das niedere Sitzen tief in den Schoss
vergraben Es fiel ihm ein dass es im Gesetz verboten sei so niedrig zu sitzen
nur die Leidtragenden dürfen es um ihre Verstorbenen Da stand er rasch auf
Aber ehe er sich dessen versah hatte ihn das Mädchen heftig bei den Armen
gepackt zog ihn an sich nahm seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände und
drückte die glühendheissen trockenen Lippen leidenschaftlich auf seinen Mund
Benjamin glaubte zu versinken auf seiner Stirn perlte feiner Schweiß der ihn
gleich Nadeln verwundete Er hörte Rahels Herz wie einen dumpfen Hammer pochen
die Wärme ihres Körpers strömte auf ihn über ihre aufgelösten Haare umhüllten
seinen Kopf Und nun fielen nasse Tropfen auf seine Wangen nieder und erst
durch das laute Schluchzen des jungen Mädchens ward er schaudernd inne dass es
Tränen waren Auf einmal stand sie auf stieß den Knaben rau von sich und eilte
davon
    In der Rosengass stand ein kleines grünangestrichenes Haus darin wohnte der
Studiosus Thomas Peter Hummel Rahel tastete sich mühsam durch die Finsternis
des Flurs Plötzlich fiel ihr sie wusste nicht warum ein Vers aus dem Talmud
Taanit ein Und ich mache allen ihren Jubel still ihre Feste Monden und
Sabbate Heiserer Gesang scholl aus einem Raum im Hintergrund dann kam ein
wüstes Lärmen und Durcheinanderreden Gläserklirren und Zurufe und auf einmal
war es wieder ganz still Eine weiche schmiegsame Mittelstimme begann ein Lied
zu singen Rahel kannte die Stimme die so verführerisch war und von der sie
meinte dass niemand ihr widerstehen könne »Es ist ein Ros entsprungen aus
einer großen Zahl«  ein altes Lied voll Trauer und Sehnsucht Wer es sang
musste gewiss um der Liebe willen leiden Es war wie wenn ein Vogel gefangen
sitzt von dem man weiß dass er nur durch Freiheit leben kann und er sitzt in
einem finsteren Käfig und flattert sich die Flügel wund Das Lied war schon lange
zu Ende aber Rahel stand immer noch regungslos da und ein schmaler
Lichtstreifen aus der Türspalte fiel auf ihre Stirn Plötzlich wurde die Tür
aufgerissen und lachend in der einen Hand den Weinkrug mit der andern der
Schar von Studenten am Tisch in der übertriebenen Lustigkeit die ihm eigen war
zuwinkend trat Thomas Peter Hummel heraus Das Zimmer war von Rauch erfüllt
denn die jungen Leute saßen alle mit Pfeifen im Mund und pafften fleißig drauf
los Hummel schloss die Tür und setzte mit einem Feuerstein ein Öllicht in Brand
um in den Keller zu gehen Als er sich mit dem Lämpchen in der Hand umdrehte
gewahrte er Rahel Er erbleichte Sein kleiner Mund kniff sich zusammen die
Pupillen erweiterten sich wie bei einer Katze und endlich stieß er einen
dumpfen fragenden Laut hervor »Wir gehen fort von hier« murmelte Rahel und
ihr Kinn sank gegen die Brust Der Student lächelte schnell unter seinem
schwarzen koketten Bart hervor und sagte in eine Stube könne er sie nicht
führen sie sollte mit ihm in den Keller kommen und Rahel folgte ihm in den
feuchten Keller hinab Hummel ließ sie auf ein leeres Fässchen setzen nahm ihre
Hand und begann zu sprechen Das war seine Kunst zu sprechen Da vergaß er sich
selbst und den andern wusste hundert Gründe oder Dinge an die kein Mensch
dachte oder denken konnte geriet vom zehnten ins zwanzigste und von da noch
weiter unterbrach niemals den freien Fluss der Rede setzte wo es anging ein
gelehrtes Zitat statt eigener Meinung oder brachte füglich eine bedeutsame
Geschichte von spannender Erfindung an kurz er wusste das Wort so vollkommen zu
gebrauchen dass er es in knapper Zeit vermochte ein großes Unglück höchst
winzig erscheinen zu lassen und war im ganzen ein glänzendes Beispiel für den
Ausspruch des alten Cicero über die Beredsamkeit dabei war seine Stimme leise
und berückend eindringlich und gleichsam erziehend Seine Gesten waren rund und
gefällig gemessen und wohlwollend besonders wenn er Daumen und Zeigefinger mit
den Spitzen zusammendrückte und den Arm pendelartig auf und abbewegte Er
schien nichts als Liebe und Uneigennützigkeit zu empfinden und alles was er
sagte hatte Klang und Vernunft sozusagen Hut und Schuh und er vermochte einen
Menschen zu trösten dass er all seine Schmerzen vergaß und sich so vollgeredet
fand als habe er am Tisch des Grossmoguls die köstlichsten Speisen gespeist
    Nach geraumer Weile und als von oben das ungeduldige Fussgetrampel der andern
Studenten hörbar wurde erhob sich Rahel und ging wieder Draußen in der Nacht
erinnerte sie sich dunkel dass Thomas Peter ihr empfohlen hatte die Juden zu
warnen es sei etwas im Werk aber es ließ sie kühl Sie fühlte sich wie das
tote Werkzeug in einer fremden Hand Sie dachte an den Geliebten von dem sie
eben auf so seltsame Weise ewigen Abschied genommen und ein Schauer zog ihr die
Brust zusammen und ihr Herz lag wie Blei im Körper Jenes Haus das so Teures
für sie beherbergt hatte konnte nicht mehr das Bild ihrer Träume verschönen
Stand doch schon über seinem Eingang ein roher Landsknechtspruch neu hingemalt
Wer so fährt wie ich fährt boess
Meines Vaters Guett hab ich versoffen
Bis auff einen alten Filzhuett
Der leit da
Den ofen wer ich aach ball versaufen
    Die Nacht war kalt Die Wolken am Himmel hatten in ihrem gelben Leuchten und
ihren kargen Umrissen etwas Wesenhaftes und Persönliches Vor manchen Haustüren
der Christen standen Männer im Schein düsterer Lichter und berieten über die
Vorgänge im Judenviertel Sie schienen besorgt denn wie auch dies Volk verhasst
bei ihnen war so beleidigten doch all diese Dinge ihr Herrischkeitsgefühl und
sie glaubten es nicht zugeben zu dürfen dass sich der Knecht so leichterdings
frei mache und davonziehe Nur die zu Wucherzins Verpflichteten rieben sich
insgeheim die Hände und beglückwünschten sich zu den so mühelos errungenen
Kapitalien
    Rahel wagte sich nicht heim Sie wusste nicht was sie davon abhielt aber
ihre Seele verging in Furcht Sie wanderte dahin ohne über ein Ziel
nachzudenken Sie lebte völlig in einer dunklen Innenwelt und die Blicke die
sie in die erleuchteten Fenster der Wohnungen warf hatten etwas Irres Wie so
oft ging sie in das Haus des frommen Elieser Rappaport der ihr Verwandter war
Die ganze Familie saß um den großen Tisch herum die Wände waren kahl die
Schränke fortgeschaft Geschirr Betten Wäsche und Gewänder auf den Wagen
verpackt Es war unheimlich zu sehen wie die Menschen um das trübe rauchende
Licht herumhockten mit blassen erwartungsvollen Gesichtern oder mit milden
Gesichtern in denen gleichsam nur noch eine entfernte eine fliehende
Sehnsucht ein schüchternes Hoffen leuchtete und wie sie dem Vorlesen des
Elieser lauschten Draußen fauchte der Wind und überall klimperte und klirrte es
und oft blökten ängstliche Rinder oder wieherten die Pferde
    Rahel setzte sich in eine Ecke des Raumes wo ein Balken aus der Wand
hervortrat Niemand achtete ihrer Elieser las aus dem Buch Simchas Chamefesch
der »Seelenfreude« welches zu Frankfurt und zu Sulzbach deutsch gedruckt worden
war Mit bebender Stimme las der alte Mann die Parabel die von der Stärke des
Glaubens handelt »Einer hat drei gute Freund einer is sein Leibfreund der
ander is aach ein guter Freund un der dritter den hat er vor gar nix geacht
Urbizling schickt der Melech der König einen Boten nach den Mensch er soll
geschwind zum Melech kommen Der Mensch derschreckt sehr denkt was muss das
bedeuten als der Melech nach mer schickt und fercht sich sehr un geht zu sein
Leibfreund der soll mit ihm gehen zum Melech der will aber nit mit ihn gehen Da
geht er zu den andern Freund er soll mit ihn gehen zum Melech da spricht er
ich will dich begleiten bis an das Schloss aber weiter will ich nit gehen Da
geht er zu den dritten Freund den er vor gar nix geacht hat Da spricht er ich
will mit dir gehen zum Melech un will dich beschermen Un is mit ihm gangen zum
Melech un hat ihm beschermt Aso aach die drei Freund einer das is Geld der
ander das is sein Weib un Kind der dritt Freund den er vor nix hat gehalten
das is die Tora die Gebote die guten Taten das acht der Mensch vor nix Der
Melech das is Got der Bote das is der Tod den schickt Got urbizling soll dem
Menschen seine Seel nehmen Der beste Freund das is das Geld das bleibt
derheim wenn er gleich noch aso viel hat kann er doch nix mitnehmen Der ander
Freund das is sein Weib un Kinder gehen mit ihn bis ans Grab schreien un
weinen kennen ihm nit helfen Der dritt Freund den acht der Mensch vor nix der
geht mit zum Melech«
    Die Stimme verklang wie in einer Höhle Es befand sich aber noch ein Rabe im
Zimmer der vom alten Elieser aufgezogen worden war und der lauernd auf einer
Stange hockend sein düstres Krächzen in die gelehrtesten Disputationen zu
werfen pflegte Rahel sah den Vogel beständig an denn ihr war als sei ein
menschliches Wesen in ihm verborgen ja sie dachte so ist mein Volk wie dieser
Rabe Doppelt schwarz und doppelt unruhig sah er aus im Gegensatz zu den
glutgeröteten Mauern mitten im Dunkel saß er wie auf einer Insel in einem Ozean
von Finsternis
    Gebete und Fasten füllten allenthalben die Nacht aus Es gab freilich
manche die wieder zaghaft geworden waren und die am liebsten zurückgeblieben
wären aber zu ihnen kam Zacharias Naar Es war als ob er die Schwächlinge und
Feiglinge am Blick zu erkennen vermöchte Es war erstaunlich wenn er zu ihnen
sprach und sie folgsam wurden wie Hunde wenn er seine Augen auf sie heftete und
in geheimnisvoller Weise ihre Entschlüsse formte wie Ton
    Der Zug der wandernden Juden nahm nicht ab Im Osten häuften sich Ereignisse
verwirrender Art Es kam die Kunde Sabbatai sei zum Sultan der Türkei zu Gast
geladen worden und reise nun in Begleitung seiner zwölf Jünger und einer großen
Schar von gelehrten Talmudisten zu Schiffe nach Salonichi Eine ganze Flottille
von Smyrnaer Schiffen sei in seinem Gefolge Ehefrauen hätten ihre Männer
verlassen um seinetwillen Mütter ihre Kinder Jungfrauen und Knaben das
elterliche Heim Gold und Geschmeide flösse ihm zu aus unerschöpflichen Bornen
und die Khalifen der Bucharei die Fürsten Afghanistans und die Rajahs von
Indien schickten Perlen und Geschmeide Gesandte Speisen für seine Festmahle
Gewänder von Purpur und Seide und Samt Dergleichen war wie ein Rausch für das
ganze Judenvolk der Erde Ihre Erwartung hielt kaum Schritt mit ihrer Freude
eine sinnlose Vergötterung für den Menschengott erfüllte sie und der Jude der
so leicht der Raserei in jeglicher Gestalt zugänglich ist vergaß sein irdisches
Gut und die irdischen Dinge Engel bliesen auf Sturmschalmeien und der finstere
Gott der Juden der Moses erhoben und Pharao gezüchtigt hatte kam selbst um
dem Messias entgegenzuschreiten Darum war es kein Wunder wenn Zirle sich
alsbald zu ungeahnter Höhe emporgerissen fand Ihre Seele im Beginn dieser
Mission ein wenig fremd entstammte sich im Angesicht des Mysteriums Ihr Wesen
war nicht keusch wer ihr gefiel dem ergab sie sich oft mehr aus Mitleid als
aus Begierde denn sie sah die Männer vor sich zerschmelzen wie Wachs Dennoch
blickte sie mit Schauern hinüber in jenes heilige Land wo der Sohn des Himmels
ihrer harrte der so schön sein sollte dass niemand ihn anzuschauen vermochte
ohne geblendet zu werden Sie empfing auf rätselhafte Art Briefe von ihm deren
Inhalt ihrem Träumen und Wachen eine Fülle von Glückseligkeit verlieh
    Einst ging sie am Haus des Knöckers vorbei und sah Rahel unter der Türe
sitzen Etwas in dem Gesicht des Mädchens zog sie an vielleicht die hilflosen
Augen oder der bleiche Mund Sie trat näher stellte sich vor Rahel hin nahm
ihre Hand und drückte sie sanft Rahel schüttelte befremdet den Kopf und
lächelte störrisch Aber plötzlich konnte sie sich nicht mehr zurückhalten es
war wie wenn etwas in ihr zerbrochen wäre sie fiel auf die Knie und drückte
ihr Gesicht schluchzend in den Schoss Zirles die sich schmerzlich unzufrieden
fand Auf der Gasse stand Wagen an Wagen vollbepackt zur langen schweren
Reise Darin und in den Mienen der alten Männer die so besorgt waren und doch
eine freudige Zuversicht glauben ließ lag etwas Erschütterndes für Zirle
    Der Maier Nathan wurde mit jedem Tag unruhiger fragte seine Tochter wann
sie denn glaube dass das Große sich ereignen würde und holte den Rat der Frau
Pesla ein einer erfahrenen Wehmutter von der noch in alten Chroniken zu lesen
ist dass sie mit frühem Morgen jedesmal nach dem Tempel geeilet sei dass sie
viele Jahre weder Fleisch noch Wein genossen und ohne Betten auf der Erde lag
Wenn der Nathan sein Weib betrachtete die sich einer stillen Schwermut so
ergeben hatte dass sie oft stundenlang mit geschlossenen Augen kauerte so wurde
ihm bang in seiner Seele und seine letzte Zuflucht waren seine Kostbarkeiten
Auch tat er alles um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und dies um so mehr
je stärker er die Verachtung empfand mit der man ihm begegnete So errichtete
er in einer Nacht einen großen Scheiterhaufen hinter seinem Haus setzte ihn in
Brand stand davor wie vor einem Altar und betete als das Feuer lohend gegen
Himmel stieg Entsetzt kamen Männer herbeigelaufen ihn zu fragen was dies zu
bedeuten habe »Ich hab Flachs hineingeworfen« sagte der Nathan doch kein
Mensch konnte es begreifen »Ich faste« fuhr er fort »wegen eines bösen
Traums und Rabbi bar Mechasja sagt Fasten ist dem Traum wie Feuer dem
Flachs« Alle schüttelten spöttisch die Köpfe und gingen Die Gerüchte die über
Rahel umliefen wurden hässlich und abenteuerlich und bald galt sie für unrein
und doch wandelte sie umher wie im Schlaf dachte der Wochen wo noch die Liebe
ihren Gang verschönt hatte wo keine Nacht saumselig genug war für den frischen
Trunk des Glücks  das aber war vorbei
    Am Samstag Kreszenz den achtundzwanzigsten November sollte der Aufbruch
stattfinden Frühe des Morgens lang ehe der Osten sich rötete versammelte sich
die Gemeinde in der Synagoge Die heilige Schrift wurde aus der Lade genommen
und der Älteste trug sie mit gesenktem Kopf demütig und bleich hinaus während
die Gemeinde Mann hinter Mann betend folgte und der Schammes oder Schuldiener
die Lichter verlöschte die Türe fest versperrte und den großen hohlen
Schlüssel an einem sicheren Ort neben der Klauss vergrub Dann hörte man weinen
hinter vielen Wänden es galt den Abschied vom Ort der Fron und der Verachtung
    Unsern der Mauer des Gottesackers kamen die Wagen zusammen Regen wälzte
sich her im grauenden Tag und der Sturmwind pfiff durch die Wagenzelte Doppelt
öde lagen die weiten Felder in der Dämmerung und die verlassenen Häuser schienen
zu rufen ihre leeren Fenster hatten etwas Ziehendes und Warnendes Frauen
kreischten auf dem feuchten Plan Hunde bellten Kinder wimmerten die Männer
riefen nach ihren Angehörigen und die Rinder brüllten Zigeuner gesellten sich
dem Zug bei und sie wurden geduldet weil sie als Wegweiser dienen konnten ihre
Weiber riefen sich ihr gellendes Rotwelsch durch den brausenden Wind zu und aus
einem verschlossenen Zigeunerwagen tönte in seltsamer Unbekümmerteit eine Geige
in langen Mollakkorden Es kam ein Bote und meldete die freie Reichsstadt gebe
den Durchzug durch ihr Gebiet nicht frei Das nächste Ziel der Wanderung war
daher die Schwedenveste im Süden Die Besorgnis wurde laut die Nürnberger
möchten Soldaten aufbieten um die Juden zum Bleiben zu zwingen Manchen schien
es als ob Geschehnisse sich wiederholten von vieltausendjährigem Alter Der
Himmel gab ihnen recht vor allen Plagen schien die Plage der Finsternis sich
vorzudrängen Der Tag war angebrochen und doch war es noch Nacht Die Wege waren
durchweicht und die Wagenräder standen tief im Kot Zirle der man eine Art
vornehmer Karosse gegeben hatte lehnte bleich im Rücksitz Im strömenden Regen
stand der junge Wagenseil vor dem Gefährt Unter großer Feierlichkeit hatte er
gestern den christlichen Glauben abgeschworen und war zum Jünger des Messias
geworden nun wollte er mit fortziehen wollte alle Bande der Heimat
zerschneiden nur um unverwandt in Zirles Antlitz schauen zu können Nicht
beachtenswert erschien es ihm dass sie die Braut des Sabbatai war darin war so
viel Überirdisches und Unsinnliches dass ihn nichts bei diesem Gedanken
beunruhigte Er wusste nicht dass er der Urheber des Verderbens für die
Auswanderer war Die stille Gärung unter den Christen des Hofmarkts war vom
alten Pfarrer Wagenseil zur offenen Flamme geschürt worden und noch im Lauf des
Tages entstand ein Einverständnis mit den Nürnbergischen zur raschen Tat Nur
die Furcht vor dem Gloriosen und Erhabenen die in der Stimmung dieser Tage lag
hatte bisher den feindseligen Arm gelähmt
    Um den Gottesacker vor frevlerischen Händen zu sichern wurde das Tor mit
fünffachem heiligem Siegel verschlossen Gegen acht Uhr wurde endlich mitten in
der größten Verwirrung durch ein dreimaliges Hornsignal das Zeichen zum Aufbruch
gegeben Die Zigeuner hatten sich bereits an die mit Lebensmitteln gefüllten
Wagen gemacht und rauften um Fleisch und Brot wie die Wölfe Keiner verstand den
anderen im Tumult Ermahnungen und Ermunterungen verhallten fruchtlos In
manchen Augen tauchte jene geheimnisvolle Verzweiflung auf die durch einen
unsicheren und brennenden Glanz den Schein von Mut erhält und sich durch
rastlose Geschäftigkeit unkenntlich macht Der Lärm und das Geschrei erscholl
weit hinaus scheuchte die Krähen aus den kahlen Feldern empor und die Peitschen
der Kärrner schallten durchdringend bis an den Wald hinüber und klangen zurück
als ein schüchternes Echo Die Wolken sahen aus wie zerzauste Leinwand und der
ganze Himmel glich einer grauen Wüste Am Kreuzweg nach Unterfarrnbach stieß die
kleine Judengemeinde dieses Dorfes zum großen Hauptzug Bald flatterten schlecht
befestigte Zelttücher im Wind und allerlei leichte Gegenstände flogen in der
Luft herum Was half das Beten der Frommen und das fromme Deuten der
Talmudisten Was half der Glaube und die Begeisterung Der finstere Judengott
ließ nicht mit sich spassen und streckte seine grausame Hand herab dass sie wie
eine Mauer vor jenen süßen und verlockenden Zielen stand die eine
morgenländische Phantasie herausgezaubert hatte Oft saß ein Gefährt fest im
dicken Kot und fünfzig und mehr Männer mussten es unter Anspannung aller Kräfte
herausschieben Ein Wagen diente als Betzelt und in ihm war auch die heilige
Lade in kostbarem Putz aufbewahrt Der OberRabbi der Chassan die Rumpeln und
Wolf Batsch saßen herum und sangen Lieder des Sabbatai Boruchs Klöss in seinem
Wagen hielt sein Weib umschlungen das Mittagessen eine fettige Mehlspeise
stand in einer zinnernen Schüssel vor ihnen aber sie aßen nicht sondern sahen
beide stumpfsinnig in die erkaltende Speise Dumpfe Schreie schallten in ihre
erbärmliche Behausung manche hatten ihre Hauskatzen mitgenommen und die Tiere
miauten unaufhörlich aus unauffindbaren Verstecken Dann wurde wieder das Ächzen
des Windes laut an den spärlichen Baumalleen der Straße flogen die braunen
nassen Blätter in geisterhaftem Tanz umher und die Äste bogen sich knarrend
Der Regen prasselte und trommelte auf die dünnen Dächer die Achsen wimmerten
an vielen Gespannen standen die Tiere störrisch still und waren nicht
fortzubringen man mochte sie quälen oder ihnen gütlich zureden Im Gefährt des
Maier Knöcker war es ruhig denn die Telsela kauerte teilnahmslos in einem
Winkel und in einem anderen Winkel kauerte Rahel Nur der Nathan selbst schien
froh bewegt Aus irgend einem Grunde schien er glücklich zu sein er zwinkerte
oft freundlich mit den Augen und fragte »Rahelchen wann kommt das güldene
Mädchen das himmlische Töchterchen«
    Nach drei Stunden erreichte die Karawane den Wald der eine Viertelmeile
entfernt lag In sanfter Steigung sollte es nun bergan gehen aber vorher wurde
eine Stunde Rast gehalten Der Wald war finster die Zweige trieften vom Regen
der Boden war schwarz und schlammig Ein eigentümlich klirrendes Geräusch lief
wie eine Welle durch die Baumkronen Zwischen den Stämmen in der Tiefe lagerte
aufdringlich die Nacht und bisweilen war der ferne Schrei eines Wildes
vernehmbar oder ein Laut wie das Schlagen einer Axt Der Himmel war
verschwunden die Ebene war nicht mehr zu sehen und Regenschleier und
Nebelschleier machten den Pfad zu einem unsicheren Bilde Ein Vogel flog auf und
huschte scheu und hastig ins tiefere Gehölz Über dem sumpfigen Grund lag der
Tod Fern fühlten sich alle schon der Heimat ihren Gärten ihren Häusern dem
Bereich ihrer Kinderspiele dem Schauplatz ihrer Sorgen Rahel lehnte mit einem
dicken Wolltuch geschützt stumpf in ihrer Ecke Dennoch fühlte sie etwas in
sich das sie von allen unterschied sie fühlte sich edler und besser durch die
vergangene Leidenschaft Auch empfand sie schaudernd das junge Leben in sich
täglich mehr täglich erschreckender gleichwohl war es so märchenhaft und
unglaubwürdig dies zu tragen dass die Seele stark wurde und sich aufrichtete
als sei sie selbst etwas Körperliches
    Es ging zur Höhe wo die Veste stand Männer und Weiber waren ausgestiegen
und schleppten sich zu Fuß Die Kärrner die für schweres Geld gemietet worden
waren weil die meisten jüdischen jungen Leute nicht mit Pferden zu hantieren
verstanden und die an der nächsten Grenze durch andere abgelöst werden mussten
machten bissige und feindselige Bemerkungen Viele Frauen trugen ihre Kinder auf
dem Rücken in Tücher eingehüllt Langsam und mühevoll ging es hinan Das
Geschrei der Fuhrleute erfüllte die Luft die Zigeuner heulten durcheinander
dass es rings widerhallte wie in einem Kessel und als einmal eine Wildsau über
den Weg rannte kreischten die furchtsamen Weiber durchdringend auf auch Männer
wurden blass und starrten fassungslos vor sich hin In halber Höhe begannen die
Steinbrüche die nach dem großen Frieden von Nürnberger Bürgern gekauft und
ausgebeutet worden waren Jetzt galt es Gestrüpp und überhangende Äste aus dem
Wege zu räumen und man musste vorsichtig sein damit kein Rad dem Abgrund eines
Bruches zu nahe kam Drunten lagerte schwarzes Wasser und schien brunnentief zu
sein Der Regen bildete enge Ringe und der Himmel spiegelte sich darin mit
düsterer Stirn Schutt Geröll und unbehauene Steine lagen umher allenthalben
gab es Löcher und tückische Schluchten Heidekraut und Brennnessel wuchsen an
den Hängen Die Brüche glichen zerstörten Häusern von Riesen und hatten etwas so
frisch Verlassenes dass man oft aus einem Abgrund den ungeheueren Leib des
Bewohners auftauchen zu sehen glaubte
    Es ward Abend Dicke Pfützen von Regenwasser standen in den Höhlungen des
Weges die Räder fuhren hinein und das Wasser spritzte hoch auf Erstaunlich war
es dass noch keiner an eine Rückkehr dachte da doch nur Peinigungen und Mühsale
zu erwarten standen Sie blickten unerschüttert in die mysteriösen Weiten und
es war eine dumpfe Ergebung die sie hinauswandeln hieß verstummt vor dem
unhörbaren Gebot eines Hüters in der Ferne Wühlten Zweifel in ihrer Seele
Waren sie zu müde mit ihren Zweifeln sich abzufinden Zu stoisch oder zu
sklavisch den Willen der Idee zu brechen Zu feige um sich blosszustellen durch
Ahnungen Ein geduldiger Fatalismus war über sie gekommen Als es finster wurde
erhob sich ein ungestümer Sturm Die Stämme erzitterten die Pechfackeln
verlöschten
    Auf einmal es mochte um die sechste Nachmittagsstunde sein erschallten von
vier Seiten im Dickicht des Waldes gleichzeitig Trompetensignale Der ganze
Wagenzug hielt fast mit einem Ruck still Ein furchtbares Schweigen eine wahre
Totenstille entstand im Nu Alle wussten was nun kommen würde Da oder dort in
einer Lücke des Gehölzes erschien ein Reiter in der Tracht der Nürnbergischen
Bürgersoldaten beleuchtet von den Fackeln die sie am Bug des Pferdes befestigt
hatten Mit höhnischem Lächeln betrachteten sie den erstarrten Zug der
Auswanderer sie verachteten die kriegerische Aufgabe die ihnen zu teil
geworden war Die Stimme des jungen Wagenseil erschallte zu den Waffen zu den
Waffen Ein heiserer Schrei erstickt durch die Erkenntnis der
Hoffnungslosigkeit und des Fehltritts Da krachte donnernd eine Flinte der
greise Rabbi Elieser sank ohne einen Laut von sich zu geben ins schwammige
Erdreich und sein altes Blut floss ungehemmt dahin und mischte sich mit dem
Regen Jetzt wurden die Gemüter aufgerüttelt Viele waren plötzlich wie
betrunken Sie stürzten zu den Wagen packten was sie gerade fanden ein
Küchengerät einen Strick eine Latte einen Eisenstab einen Besen eine
Flasche ein altes Türschloss Lenkriemen für die Pferde Steine Stöcke und
Baumäste das alles sollte Schutz geben gegen die Waffen geübter Landsknechte
Nur zehn oder zwölf hatten Flinten aufzufinden vermocht aber da sie nicht mit
der Hantierung vertraut waren ergriffen sie sie vorn am Lauf und schwangen die
Kolben drohend in der Luft Doch schon knallten die Nürnberger von allen Seiten
ihre Gewehre los und ein Knabe und zwei Frauen folgten dem Elieser in den Tod
Die Weiber begannen ein herzzerreissendes Weinen ihr Wehklagen muss tief in den
Schoss der Erde gedrungen sein denn noch heute hört man es zur Nachtzeit dort in
den Wäldern Die Zigeuner allein verstanden zu schießen aber sie hatten kein
Ziel denn die Pferde der Angreifer waren überaus unruhig und sprangen gequält
von Baum zu Baum während sie im Fackelfeuer ihre eigenen Schatten vor sich
tanzen sahen Viele alte Männer hockten mit fanatisch glänzenden Augen im Wagen
wo sich die Bundeslade befand küssten die Schrift mit bebenden Lippen beteten
und sangen Psalmen Die Kinder verkrochen sich unter die Räder betäubt vor
Schreck Einer der Angreifer schrie auf seinem hockenden Gaul etwas von Ergeben
und Umkehren aber seine Worte verhallten worauf er Befehl zu neuem Feuern gab
Nun mussten Boruchs Klöss und Wolf Bieresel an den Tod glauben und fielen hin und
streckten sich aus Mit ihren lächerlichen Waffen liefen die Juden auf ihre
grausamen Feinde zu und fürchteten weder Sterben noch Wunden Sie sahen nicht
mehr hörten nicht mehr sie schrien hebräische Worte und ihre wunderliche
Kleidung gab ihnen etwas Gespensterhaftes Ein Teil stürzte zu Boden über
Knorren und Wurzeln denn das Erdreich war glatt und schlüpfrig die nassen
Zweige schlugen ihnen ins Gesicht und dann lagen sie da und wälzten sich in
konvulsivischen Zuckungen Nichts mehr schien zu helfen eine blutige Nacht
schien im Nahen zu sein da gellte plötzlich eine wie toll kreischende Stimme
Feuer der Wald brennt Und der Wald brennt der Wald brennt lief es weiter in
der Kette Die Tannenstämme am zweiten Steinbruch waren wie von innen
erleuchtet in der Tiefe des Forstes stieg ein breiter Lichtkegel empor ruhig
und blendend Die Luft war durchdrungen vom Purpur der Flammen die nassen
Blätter glänzten das nasse Moos flimmerte Schlängelnde Flammen spiegelten sich
jäh im nachtschwarzen Moorwasser Aufsteigend und aufsteigend wie aus einem
unerschöpflichen Schlund vermehrte sich die Kraft der Feuersbrunst Das feuchte
Holz prasselte und knatterte die Flammen leckten gierig von Baum zu Baum
angetrieben durch den sausenden Sturm der von den Feldern herauffegte Es wurde
drückend heiß als ob sie aus den Wolken hervorgetreten wären erschienen die
Ruinen der Schwedenveste zwischen den Feuern Schrei auf Schrei erschallte
Schreie grässlicher Angst wie sie der Wald niemals vorher und niemals nachher
vernommen hat Die Gäule der Landsknechte heulten mit Tönen die stundenweit ins
Land dringen und rannten unaufhaltsam den Abhang hinunter durch Gestrüpp und
über Felsen Ein junger Reiter der Sohn des Nürnberger Stadtschreibers blieb
mit seinen langen Haaren an einem Ast hängen während das tolle Ross weitersauste
zur Tiefe Hilflos mit stets schwächer werdenden Rufen hing er wie einst
Absalom und musste die Flammen heranschleichen sehen die ihn beleckten bei
lebendigem Leib Unter den Juden war die Verwirrung so groß geworden dass viele
geradewegs in das Feuer hineinflüchten wollten die mit Pferden bespannten Wagen
rollten hinter den entsetzt fliehenden Tieren davon und wurden halb
zerschmettert schmerzliches Stöhnen drang aus allen Ecken und die Zigeuner
machten sich den Wirrwarr zu nutze und stahlen was ihnen unter die Faust kam
In der größten Ratlosigkeit erschien Zacharias Naar Er stellte sich vor die
Fliehenden erhob die Arme und vermochte ihren Lauf zu hemmen Er führte sie so
sicher durch die Flammen als ob ihm diese aus Ehrfurcht den Weg frei gäben und
alle folgten ihm wie Lämmer dem Hirten und ruhig zogen die Fuhrleute die Wagen
nach
    Im Wagen des Maier Knöcker lag ein neugeborenes Wesen auf der bloßen Diele
Rahel durch die Häufung von Schrecknissen erschüttert war mit einer Frühgeburt
niedergekommen Sie lag regungslos auf nacktem Stroh während draußen der große
Tumult wie Laute aus einer fernen Welt zu ihr kam Sie hörte wie die beiden
Ochsen vor dem Gefährt angstvoll blökten ein feiner Lichtschein der stärker
und stärker wurde fiel in den Raum aber auch das vermehrte ihr Wohlbehagen Es
war ihr als stünde der Geliebte neben ihrem Lager und streichle sie und sie
sah einen alten gepressten Lederdeckel vor sich schweben den sie oft in seiner
Wohnung gesehen hatte und der etwas Fremdes und Liebliches etwas Märchenhaftes
an sich hatte Thomas Peter hatte sie oft zum Heiland bekehren wollen aber was
war ihr der Heiland und was war ihr selbst der Gott ihrer Väter neben der Liebe
die sie empfunden In ihr sang und klang es stolz von alten Liedern mit einem
süßen hallenden Kehrreim da der Abend im Mai kommt und die Blüten zart
umhaucht und die stille Nacht von Erwartung schwer ist
    Holpernd rollte der Wagen gleich den andern unter der Leitung von Zacharias
Naar ins Tal Wortlos kniete Maier Knöcker vor dem Neugeborenen und achtete
nicht das durchdringende Quietschen des Wurms Er war völlig zusammengebogen
der Nathan und schien nur noch ein Haufen von Kleidern Er hatte die Fäuste
geballt wie zum Schlag und bisweilen zitterte er am ganzen Körper Das Wesen
das vor ihm sich wand war ein Knabe Sonst vermochte er nichts zu denken In
seinem Innern war ein Loch und um ihn herum war es kalt und finster Ihm
gegenüber saß sein Weib Sie hatte Hilfe geleistet bei der Geburt Sie war durch
nichts bewegt worden Es schien als könne sie durch nichts mehr in der Welt
überrascht werden nicht durch Reichtum und Kleinodien nicht durch Schmerzen
und die Wandlungen des blinden Schicksals
    Die Bauern standen auf den Feldern und sahen hinauf in die brennende Höhe
und in den glühenden Himmel Scheu wichen sie zurück vor den Juden die sich
langsam zu sammeln begannen Aus allen Richtungen kamen die Verstreuten und
fanden sich mit Freudenrufen ein Für die Nacht wurde ein Lager bereitet die
Zigeuner deren Hilfe jetzt nötig gewesen wäre waren spurlos verschwunden
Zacharias Naar stand sinnend an einem Ginsterstrauch und lächelte trüb seinem
Werk zu dem brennenden Wald
    Noch in der Nacht kam eine große Menge von Bauern mit Sensen Beilen und
Knüppeln bewaffnet und sie konnten nur mit Mühe und unter großen Opfern an Gold
und Silber auf friedlichem Weg zum Abzug bestimmt werden Am Mittag des nächsten
Tages wollte man aufbrechen und den Marsch beschleunigen um den
Feindseligkeiten der Nürnberger zu entgehen und sich zum Weiterzug in den Schutz
der Markgrafen von Onolzbach zu begeben Der Morgen sollte der Bestattung der
Toten gewidmet werden Das Kind des Wolf Batsch und die Frau des Samuel
Ermreuter waren in der Eile im Wald liegen geblieben und ihre Leichen waren
verbrannt Die Familie des Elieser war die ganze Nacht an der Leiche des Greises
gesessen während die Frauen an den Sterbekleidern näheten Auch in den andern
Wagen in denen es Verstorbene gab blieb das Licht brennen zu den aufrichtigen
Tränen der Trauernden Oft klang der Schrei des Wildes aus der Höhe des Waldes
herab wo sich das Feuer beruhigt hatte über der Ruine lag eine Rauchkrone und
die noch glimmenden Stamme leuchteten herrlich in die weite Ebene hinein
    Der Morgen kam Die Gräber waren rasch gegraben denn das geschieht bei den
Juden mit Hingebung weil sie alles für ein gutes Werk ansehen was für einen
Verstorbenen geschieht Die Weiber mussten in der Behausung bleiben sie durften
nicht mitgehen bei Begräbnissen außer den nächsten Blutsverwandtinnen und
denen durfte sich während dieser Zeit kein Mann nähern weil es hieß der Engel
des Todes tanze mit dem bloßen Schwert vor den Weibern her Bevor der Körper in
den Sarg gebettet wurde begoss man ihn dreimal mit Wasser und ein alter
Chronist sagt schon dass dies etwas anderes bedeute als eine äußerliche
Reinigung Feierlich erklingen dazu die Worte des Propheten ich will rein
Wasser über euch sprengen dass ihr rein werdet von eurer Unreinigkeit und von
all euren Götzen will ich euch reinigen Und als die Begiessung geschehen fasste
der Chassan den Körper bei der großen Zehe an und kündigte ihn der Gesellschaft
der Menschen völlig auf Dann wurde der Leichnam mit weißen Kleidern angetan
sein Haupt wurde mit dem Gebetstuch bedeckt und so wurde er in den Sarg gelegt
Und weil die Juden alle Erde außer der Erde Kanaans für unrein achten so
bedeckten sie die Augen des Toten mit einer weißen Erde die aus dem heiligen
Land sein soll und auf die Erde legten sie zerbrochene Scherben von Töpfen
Dann wurde der Sarg zum Grab getragen und es war üblich ihn auf diesem Weg
dreimal niederzusetzen Und jeder Freund warf drei Schaufeln Erde in das Grab
und der nächste Blutsverwandte zerriss seine Kleider Der Totengräber nahm dabei
sein Messer und schnitt oben einen Riss in das Kleid dieses Leidtragenden der
dann den Riss mit der Hand vollendete
    Die Sonne brach hervor aus den Nebeln und leuchtend lag das Land Langsam
schritten die Leidtragenden zurück wuschen dreimal ihre Hände weil sie sich
mit dem Tod verunreinigt haben und rissen dreimal Gras aus um es rückwärts
hinter sich zu werfen
    Die Zurückkehrenden wurden mit der Nachricht empfangen dass Maier Knöcker
der Nathan in Wahnsinn verfallen sei Der Eindruck dieser Kunde war nicht tief
um so weniger als Zacharias Naar vor dem Aufbruch in Worten von eindringlicher
Kraft den Mut und die Zuversicht schwellte wie der Sturm das schlaffe Segel Sie
vergaßen Not und Mühen wieder und weihten sich von neuem dem Glauben an die
große Zukunft an die Macht und Unumstösslichkeit des Langgehofften
Langentbehrten In solchen Stunden des Vertrauens wirkte jede Herbstzeitlose
die kümmerlich aus den Feldern grüßte als ein Freudezeichen jeder Sonnenstrahl
hatte etwas Liebenswürdiges und Ergreifendes Der eine Mensch macht den andern
gut und froh es ist ein stummes Zureden unter ihnen ein wortloses
Sichbestärken Es ist als ob das Unglück sie nun geweiht hätte zum Dienst des
Glücks
    Mit gutem Mut zogen also die Juden im Schein der Herbstsonne ins Tal der
Rednitz hinunter Drei Wagen  die des Obadja Änsel des Hutzel Davidla des
Simon Fränkel  waren schon früher aufgebrochen und bildeten die Vorhut Sie
fuhren nicht mehr so langsam wie am vorhergehenden Tag Die weißen Wagendecken
leuchteten freundlich in der Landschaft der Wald stand in seinem matten Grün
wie eine niedere Wand am Horizont der Himmel war klar und lichtbegossen und
die Helligkeit strömte verschwenderisch über die Gefilde Weit drüben lag die
alte Kadozburg und auf der andern Seite kaum noch als zarter Umriss erkennbar
das Kaiserschloss von Nürnberg
    Da sah der Hauptzug wie die Vorhut im Gelände stille hielt Maier Lambden
hielt die Hand über die Augen und sagte er sehe eine Anzahl fremder Wagen die
aus einem Gehölz herausgefahren kämen Jetzt stiegen mehrere auf die Kutschböcke
und sahen aufmerksam hinaus Den meisten schlug das Herz in der Brust sie
fürchteten einen neuen Überfall Der junge Wagenseil der vortreffliche Augen
hatte sagte es seien Leute in fremdländischer Kleidung aber er hielte sie für
Juden Dann sagte er Obadja Änsel ginge den Vordersten der unbekannten Karawane
entgegen Dann sahen alle wie sie sich trafen und wie sie kurze Zeit
miteinander redeten Und dann sahen sie wie der Obadja Änsel die Arme
ausbreitete wie ein Ertrinkender und hinfiel wie ein Stock Und dann liefen zwei
nach und redeten ebenfalls und schienen in Weinen auszubrechen und gebärdeten
sich wie Verrückte Zirle stand und schaute unablässig in die Ferne wo diese
Bilder spielten und plötzlich stieß sie einen markerschütternden Schrei aus als
ob sie alles durch die Lüfte vernommen hätte und sank vom Wagen herab Die
vordersten Wagen kehrten um kehrten zurück und in kurzer Zeit hatte sich ein
tötender Bann von wildem Schmerz um die vorher so wanderungslustigen Menschen
gelegt
    Sabbatai Zewi war zum Islam übergetreten
    Der Prophet der seine Zeit beunruhigt hatte wie eine seltene
Himmelserscheinung hat bei Zeitgenossen und Nachwelt nur den Schatten des
Geheimnisvollen hinterlassen Wenn nicht seine außerordentliche Schönheit die
Welt trunken gemacht so war es doch der Zauber seines Geistes die Größe seiner
Seele oder das Hinreissende seiner Worte Oder wäre es nichts dergleichen
gewesen Es gibt Stimmen aus jener Zeit die ihn dem Teufel gleich erachten oder
einem schlechten Schauspieler oder einem Würfelspieler oder einem Lüsternen oder
einem Charlatan Aber wer kann den Beweggrund seiner Handlungen kennen Die
Geschichte wie ein leichtgläubiges Frauenzimmer lässt sich betören von der
Fabel und von der Fama und das ist gut denn wie sollte der Nachgeborene die
Fülle erdrückender Wahrheit ertragen die sie ihm sonst nicht vorenthalten
könnte
    Der fremde Zug der den Weg der Fürter Juden so jäh gehemmt hatte war ein
kleiner Teil der Wiener Juden die um diese Zeit von Kaiser Leopold des Landes
verwiesen worden waren Die Verzweiflung der Juden war groß Es war wie wenn
ein hoffnungsvoller Sohn plötzlich hinstirbt auf den man alles gesetzt von dem
man alles erwartet und der nun geht Doch es war schlimmer Es war mehr als der
Tod schrecklicher als der Tod etwas das die ganze Haltlosigkeit des Lebens in
einem grellen Blitz zeigte Die Juden sind ein starkes und störrisches Volk
doch sind sie nur groß wenn ein wenig Gelingen bei ihnen wohnt und sie sind
nicht lange groß denn sie brechen leicht in dem Erstaunen über ihre eigne
Größe Auch Sabbatai Zewi war ein Jude vielleicht das klarste Bild des Juden
ein Stück Judenschicksal
    Viele zogen wieder nach Fürt zurück Einige Familien der österreichischen
Vertriebenen die große Not litten und furchtbare Entbehrungen hinter sich
hatten siedelten sich nebst einigen jungen Leuten aus Fürt in dem stillen Tale
an Bei ihnen blieb Telsela das Weib des blödsinnigen Maier Nathan mit ihrer
Tochter und ihrem Enkel der der Stammvater jenes denkwürdigen Menschen wurde
von dem in den folgenden Blättern die Rede ist Die Telsela war zu müde
geworden nach der stiefmütterlichen Heimat zurückzukehren an der Seite der
Christen zu leben und stets durch den Ort wo sie gelitten an die Reihe ihrer
Leiden erinnert zu werden Sie verkaufte ihr Haus und baute dort drüben ein
neues Sie wollte nichts mehr vom Leben sie trug ihre Tage knechtisch und trug
still
    Jener Ort der mit Erlaubnis des freundlichen Herrn von Onolzbach gegründet
wurde hieß zuerst Zionsdorf welcher Name dann durch die einwandernden Christen
in Zirndorf umgewandelt wurde Er gedieh die Felder um ihn herum waren
fruchtbar und gern bereit die anvertraute Saat zehnfach zurückzugeben
    Zacharias Naar und Zirle blieben für immer verschwunden Ihr Leben verlor
sich in eine Folge von Sagen und schließlich wurden auch ihre Taten sagenhaft
Geschlecht auf Geschlecht erstand und verblühte und eine neue Zeit kam Und das
Kommende war immer größer freier und vollendeter als das Vergangene und der
Jude anfänglich nur Knecht wert genug den Fußtritt des übelgelaunten Herrn zu
empfangen tat seine Augen auf und erspähte die Schwächen und erriet die
Geheimnisse dieses Herrn Da griff er alsbald mit seinen Händen hinein in die
Maschinerie der Völker und ihrer Gerichte und ihrer Kriege und oft verrichtete
er ungesehen kaiserliche Dinge wenn die Monarchen schliefen und die Minister
schwach waren Sabbatai wurde ein Moslem und manche sagen zum Schein Der Jude
wurde ein Kulturmensch und manche sagen zum Schein Manche sagen der Verderber
und der Verführer sitze in ihm und er verstünde die Bühne dieser Welt besser als
ihre Erbauer Dies ist sicher ein Schauspieler oder ein wahrer Mensch der
Schönheit fähig und doch hässlich lüstern und asketisch ein Charlatan oder ein
Würfelspieler ein Fanatiker oder ein feiger Sklave alles das ist der Jude Hat
ihn die Zeit dazu gemacht die Geschichte der Schmerz oder der Erfolg Gott
allein weiß es Vor den Blicken tut sich ein unermessliches Bild auf denn das
Wesen eines Volkes ist wie das Wesen einer einzelnen Person sein Charakter ist
sein Schicksal
 
                                 Erstes Kapitel
Im Jahre achtzehnhundertfünfundachtzig fing es in den Ebenen der Rednitz und
Pegnitz einige Tage nach Maria Himmelfahrt an zu regnen und es regnete fast
unaufhörlich bis Mitte August Die Saaten gingen zugrunde und alles Land war ein
einziger See Bis ins Tal der Zenn hinein erstreckte sich die Überflutung und
nach Norden in die Erlanger und Bayersdorfer Gegend Graugelb und gurgelnd
schlug das Wasser gegen die Eisenbahndämme die Fussstege waren weggerissen die
Hütten am Ufer zerstört tagelang sah man Bretter und Balken und Fetzen von
Schindeldächern mit der Strömung hinuntertreiben In der Fischergasse und am
Schiessanger in Fürt beleckte das Wasser die Häuser füllte die Keller und
schlug drohend an die Schwelle kleiner Krämereien oder an die Wohnungen der
Goldschläger deren Gehämmer sonst mit anziehender Taktmässigkeit das ganze
Viertel erfüllte
    Wie eine geheimnisvolle Berginsel sah der Vestnerwald mit seinem viereckigen
Turm in das überschwemmte Land Wenn man von dort aus gegen Zirndorf
hinunterblickte ragten nur ein paar Pappeln oder die Bäume einer
Obstanpflanzung oder quer durcheinander geschichtete Hopfenstangen oder der
Pfahl worauf bei Schützenfesten der bemalte Adler befestigt wird aus dem
Wasser hervor das gelbschimmernd dalag ohne sonderliche Bewegung wie ein
matter Spiegel Das Dorf selbst war zum größten Teil verschont geblieben weil
es etwas höher lag Kein Rauch stieg aus den Schloten der Ziegelei am Eingang
der Hauptstraße Die roten Dächer sahen ergeben in das helle Grau des Himmels
und die Krähen die mit unruhigerem Flügelschlag als sonst aufund abflogen
stießen schmerzlichgellende Schreie aus
    Den Wirten im Dorf ging es schlecht bei diesen feuchten Zeiten besonders
Zürich Sperling dem Sebalderwirt und Herrn Ambrunn der die »gläserne Burg«
besaß Das Turnerfest war auf den nächsten Sommer verschoben worden und die
Fürter Kirchweih stand vor der Tür wo ohnehin wieder alles Geld in die Stadt
wandern würde Als der Burgwirt keinen andern Ausweg sah schickte er bei den
Juden herum und ließ sagen dass er koscheres Fleisch zum Aushacken bringen
werde Der Bauer litt gleichfalls schwer unter der Wassersflut und mancher dem
bislang eine selige Talerfülle im Beutel geklappert schlich nunmehr gebückt und
finster ins Wirtshaus um seinen Groll zu vergessen
    Zwischen Altenberg und Zirndorf wurde der Verkehr durch Boote vermittelt
und an einem Donnerstag fuhren zwei Kähne ungefähr gleichzeitig der eine von
Zirndorf der andere von Altenberg ab und befanden sich einander in Sehweite
noch ehe jeder hundert Meter zurückgelegt hatte Der Wind strich übers Wasser
und warf lautlose Wellen auf In kleinen Entfernungen erhoben sich die
Chausseebäume aus der Flut und das dünne Zweigwerk hing trauernd nieder und
wurde vom Wasser bespült Die Bäume zeichneten den Weg vor und die Boote
näherten sich einander rasch das von Zirndorf kommende in dem Zürich Sperling
seine zwei Knechte der Milchmeier von Altenberg der Metzger Frühwald von Fürt
und ein fremd aussehender junger Mann saßen glitt schneller dahin als das
andere Sie waren sich auf zehn Schritte nahe gekommen und Zürich Sperling
schrie eine Warnung hinüber doch es lag etwas Gehässiges in seiner Stimme und
es hatte den Anschein als suchte er das kleinere Boot zu kentern Die Bedrohten
wichen furchtsam aus aber Zürich Sperling der das aus einer alten
Kohlenschaufel verfertigte Steuer handhabte richtete die Spitze des Kahns gegen
die Breitseite des andern Fahrzeugs und dieses stieß daher ziemlich heftig an
einen Baumstamm Gleichzeitig ertönte ein entsetzlicher Schrei aus fünf oder
sechs Kehlen und ein junger Mensch von etwa siebzehn Jahren stürzte kopfüber
ins Wasser »Lasst das Judenpack ersaufen« sagte Zürich Sperling und die zwei
Knechte und Herr Frühwald begannen zu lachen während sie hastig davonruderten
Selbst der schwarzbärtige junge Mann lächelte offenbar nur um seinen
Reisegefährten gefällig zu sein Dann warf er stirnrunzelnd den Rest einer
Zigarre ins Wasser und sah mit angestrengten Blicken nach der Stelle des Unfalls
zurück Etwas Düsteres und Drohendes glomm in seinen Augen als er die Anstalten
beobachtete unter welchen die jüdischen Männer den Verunglückten aus dem Wasser
zu ziehen suchten
    Dort herrschte große Ratlosigkeit der Kahn wurde vom anschwellenden Wind
und von einer leichten Strömung fortgetragen und die Köpfe waren so verwirrt
dass der eine Ruderer das Fahrzeug dahin und der andere dorthin lenkte Keiner
konnte schwimmen Wasser war ihnen das unfehlbar totbringende Element und als
Elkan Geier in heller Angst um seinen Sohn den Rock von sich warf um in die
Flut zu springen hielten ihn sechs Arme zurück wobei das Boot fast zum Kippen
gekommen wäre Plötzlich stieß Bärman Schrot einen Freudenschrei aus Agaton
tauchte empor erfasste den weit überhängenden Ast eines Birnbaumes dann
schnellte er aus dem Wasser und kletterte mit erstaunlicher Behendigkeit ins
Gezweig des Baumes Als er oben saß streckte er seinen Kopf wie aus einem
Korbgeflecht heraus und sah spöttisch ins Boot »Komm Agaton« rief Elkan
Geier mit der schüchternen Zärtlichkeit eines Schuldbewussten
    »Mag nicht« schallte es kurz zurück
    »Aber komm doch« bat Elkan erschrocken Er kannte den wunderlichen
Starrsinn seines Sohnes
    »Ich will nicht Ich will nicht mehr in euer Boot«
    »Aber Agaton deine Kleider sind nass du wirst totkrank werden«
    »Gut so will ich totkrank werden«
    »Hopp mein Junge hopp« rief Isidor Rosenau entschlossen und befehlend
    »Ich will euch etwas sagen« rief Agaton ernst »Ich werde warten bis
Zürich Sperling zurückkommt und wenn es Nacht wird und wenn es morgen wird Ich
will ihm sagen dass er ein Hund ist ich will ihm sagen dass er es büßen muss
Ihr lasst euch ja alles gefallen Wenn sie euch die Ohren abreißen küsst ihr
ihnen noch die Hand Zu Hause könnt ihr dann schimpfen«
    »Aber Agaton komm doch« flehte Elkan Geier »Du kannst doch nicht droben
sitzen bleiben bis in die Nacht Gott behüte«
    »Ich bleibe sitzen« beharrte Agaton und seine Augen funkelten
    »So eine Verrückteit« rief Isidor Rosenau entrüstet Er packte sein Ruder
und stieß den Kahn vom Baum Elkan Geier schlug jammernd die Hände zusammen und
bat die Ruderer umzukehren aber diese lachten ihn aus
    Der Kahn flog rasch gegen das Dorf und Elkan Geier wartete ungeduldig auf
die Landung um allein wieder zurückfahren zu können Den Kopf in die Hand
gestützt sah er verträumt hinaus gegen den Horizont wo ein trübes Rot die
Wolken zu säumen begann und sich auch im Wasser spiegelte mit einem seltsam
schwanken Schein Es war überhaupt etwas Verträumtes in Elkans Wesen in seinem
Blick lag flehende Hilflosigkeit sein frühergrautes Haar war Zeuge davon dass
er alles zu Herzen nahm woran andere nicht lange tragen Ja wenn es andere
fortwarfen hob es Elkan Geier erst auf und er wusste seine Angelegenheit immer
von einer Seite anzugreifen von wo sie misslingen musste
    Agaton fror auf seinem Baum erbärmlich Aber er verzog keine Miene wenn
ihn auch schauderte in den nassen Kleidern er machte ein Gesicht als gelte es
sich vor den eigenen Leiden zu verstecken Friedlich gluckste das Wasser bei
langem Hinlauschen war es als plauderte es immer in demselben müden Tonfall mit
hellen wiederkommenden Lauten
    In diesem Augenblick hatte er eine wunderliche Erscheinung Aus dem Wasser
hob sich ein Körper die Arme breit in die Luft gestreckt das Gesicht
sehnsüchtig nach oben gerichtet Lautlos wuchs die Gestalt herauf und ihre
Muskeln schwollen wie unter einer gewaltigen Anstrengung Daneben zeigte sich
ein kleines Männchen spitz winzig mit einem gefälligen Grinsen auf den Zügen
in beständigen Verbeugungen begriffen und es reichte der großen Gestalt die
Hand Aber als diese die Hand nahm sank sie tief und tiefer ins Wasser wich
angstvoll zurück strauchelte und verflüchtigte sich im Dunst der in der Ferne
über dem Wasserspiegel lag Mit vorgestrecktem Hals starrte Agaton hin und
atmete tief auf da er nichts weiter sah als die glatte Fläche und kein Geräusch
vernahm als das klagende Glucksen des Wassers
    Als es zu dämmern anfing wurde ein Ruderschlag hörbar Elkan Geier kam
Agaton zögerte nicht mehr und ließ sich ins Boot hinab Sie fuhren heim auf der
stillen Fläche über die es langsam hindunkelte und sprachen kein Wort
miteinander Die Krähen flogen ums Boot lautlos und geängstigt und bisweilen
war das Wasser von einer Schicht gelber Blätter bedeckt Die Röte am westlichen
Himmel glich einer schmalen Schleife und wurde zusehends trüber und einige
Wolken lagerten dort die sensenschwingenden Männern glichen Am Kirchhof
landeten die beiden schritten die kotige Straße des Dorfes hinauf und traten in
ein kleines grüngestrichenes Haus das dem Verfall keinen Widerstand mehr bot
und in jeder Stunde zusammenzubrechen schien Das Dach drückte schwer auf Giebel
und Mauern und die unregelmässigen Fenster glichen schielenden Augen Elkan
Geier schritt durch einen finsteren Gang mit brüchigen Ziegelsteinfliessen an
vielen Türen vorbei in die Kammer wo Obstvorräte und Spezereien für den
Kramladen aufgestapelt lagen Eine sonderbare Mischung von Gerüchen herrschte
es roch nach frischen Äpfeln und alten Stoffen nach schlechter Schokolade nach
eingemachten Früchten nach Essig und Konserven nach geräuchertem Fleisch und
Kaffee Dazu lag feiner Mehlstaub in der Luft und dunkelgrünes Tuch war über
große Kasten gebreitet
    Agaton war seinem Vater gefolgt der den Kerzenstumpf anzündete und
bekümmert in das dürftige Flämmchen schaute Mit seiner müden Stimme begann er
zu reden dass ihm wohl sein Ältester das Leben leichter machen könne als er es
täte und wie er Agaton sich eigentlich die Zukunft vorstelle Daran läge
jetzt alles mehr als alles es sei bitter ernst und er Elkan werde jetzt alt
und es werde ihm schon schwer das viele Schulgeld aufzubringen Auch dürfe er
sich nicht schlecht benehmen gegen Zürich Sperling denn er Elkan sei tief
verschuldet bei diesem Mann so dass er sich keinen Rat mehr wisse Niemand wolle
helfen auch nicht Enoch Pohl der es doch wahrscheinlich vermöchte Elkan Geier
sagte mehr als er beabsichtigte er sah endlich wie Agatons Glieder
zitterten vielleicht nicht nur der nassen Kleider wegen Schnell gebot er ihm
sich umzukleiden aber er solle es so anstellen dass die Mutter nichts merke
    Gedankenvoll ging Elkan hinaus in den kleinen Hof der zwischen Haus und
Gemüsegarten lag und trotzdem es schon ziemlich dunkel war traf er seinen
Schwiegervater noch bei der Arbeit Enoch Pohl war zweiundachtzig Jahre alt
aber er übte noch immer sein Handwerk als Seiler aus Er wanderte noch täglich
den langen Weg nach Fürt doch zu keiner Zeit hatte er eine Nacht unter fremdem
Dach geschlafen niemals hatte er für länger als zehn Stunden das Dorf
verlassen Er kannte keine Sehnsucht als die nach dem Gold und Gefühlen anderer
Art war er verschlossen Die Welt in der er lebte veraltete ihm nicht und er
dachte auch nicht an den Tod Er war fromm dh er ging allmorgendlich und
allabendlich zum Gottesdienst um das Gebetstuch das er seit neunundsechzig
Jahren um die Schultern legte von neuem zu küssen und das halbzerfetzte Buch
mit den braungewordenen Blättern von neuem aufzuschlagen
    Einige Sterne zuckten unter schnellen Wolken auf Die Luft war satt von
Feuchtigkeit und hatte etwas Durchdringendes Das Laub des wilden Weins war
blutrot und leuchtete durch die Dunkelheit Von der »gläsernen Burg« herüber
schallte das Geschrei der Zecher und einer sang mit simpler Geduld und in
flennenden Tönen immerfort dieselbe Melodie spinn spinne Töchterlein Die
Abendglocken begannen zu läuten bald klang es fern bald klang es nah
    Enoch Pohl hatte eine kleine verrostete und verbogene Laterne angezündet
holte eine Wanne herbei die mit Schafsdärmen angefüllt war und bedeckte sie mit
einem tellerartigen Holzsturz den er zur Beendigung seines Tagewerks mit Fugen
für die Henkel des Bottichs versehen hatte
    »Nun Vater« flüsterte Elkan Geier und sah ängstlich auf die Hände des
Alten die mit braunen Flecken und langen Haaren bedeckt waren
    Enoch schwieg
    »Und wenns Jette erfährt« murmelte Elkan »Schließlich ist sie doch dein
Kind«
    »Sie waass ja nix« erwiderte Enoch mürrisch
    »Sie wirds bald wissen Zürich Sperling ist ein Halsabschneider«
    »Wärst nit leichtsinnig gewesen Mer hätten keine Scheuer zu bauen
gebraucht Ich kann der nit helfen Ich ha ka Geld«
    Elkan rang stumm die Hände Dann sagte er »Du hast so vielen das Messer an
die Gurgel gesetzt Vater Und jetzt bist du erbarmungslos gegen die eigenen
Kinder«
    Enoch richtete sich langsam auf und machte eine abwehrende Armbewegung
Gleich darauf ging er ins Haus Die Laterne zitterte in seiner Hand und sein
Schatten schwankte hinter ihm auf dem schwarzen Erdreich
    Im Wohnzimmer rauchten die Kartoffeln auf dem Tisch und zwei Heringe lagen
in gelber Brühe auf einer Schüssel
    Die Kinder hatten blecherne Teller vor sich die alt waren und unappetitlich
aussahen In der Ofennische brodelte der Kaffee und sein Geruch vermischte sich
mit dem übergelaufener und verbrannter Milch Der Raum war niedrig und schwül
und eine von Tagen aufgehäufte Unordnung herrschte Die Möbel standen krumm und
schief die Dielen waren rissig und durch die gardinenlosen Fenster schaute
unbehindert die schwarze Nacht und wer sonst noch wollte herein Dennoch zeugte
alles von der Hand einer bemühten Hausfrau die nur zu schwach war ihren
Bereich zu regieren Sie beherrschte auch ihre Kinder nicht das sah man schon
an den Gesichtern der Kinder die so unbekümmert dasassen als ob sie niemals zu
gehorchen brauchten Sie griffen gierig in die Schüsseln und wenn eines ein
größeres Stück Hering erwischte erhob das andere ein neidisches Zetergeschrei
Eine Katze schlich unter dem Tisch herum rieb sich an den Stuhlbeinen und stieß
bisweilen ein begehrliches Miauen aus woraus die dicke Bauernmagd schadenfroh
kicherte »Wo ist denn Agaton« fragte der Knabe ein lockiger Pausback von
fünf Jahren Frau Jettes Mund verzog sich ärgerlich »Red nicht wenn dus Mund
voll hast« schrie sie Wie alle Frauen die von ihren Kindern tyrannisiert
werden suchte sie durch grundlose Heftigkeit ihre Schwäche zu bemänteln Enoch
Pohl kam mit müdtappenden Schritten herein pustete sein Laternchen aus und
stellte es in den Eckschrank der zugleich als Waschbehälter diente wusch sich
die Hände und sprach das übliche Gebet Niemand beachtete ihn Da er den Tisch
besetzt fand ließ er sich in die Ecke des Ledersofas fallen seufzte und sah
mit glanzlosen Augen in das Ofenloch aus dem der purpurne Feuerschein zitterte
»Warum singt denn der Mann immer Großpapa« fragte der Pausbäckige Enoch
murrte und schüttelte den Kopf »Was singt er denn Großpapa«  »Sei still«
schrie Frau Jette wieder und klopfte mit der Faust auf den Tisch dass alles
klapperte »Spinn spinne Töchterlein singt er« flüsterte dem Pausbäckigen
schüchtern die ältere Schwester Mirjam zu ein Kind von großer Schönheit
Plötzlich sprang Enoch auf ergriff mit einem Satz das Kätzchen bei seinem
aufgerichteten Schwanz öffnete die Tür und warf das quietschende Geschöpf an
die gegenüberliegende Flurwand Da trat Elkan Geier auf die Schwelle und warf
dem Alten einen schmerzlichen Blick zu
    Eine Fensterscheibe klirrte leise Aller Blicke wandten sich hin Mirjam
stieß einen Schrei aus Frau Jette blieb der Bissen im Mund stecken »Zürich
Sperling« murmelte Enoch In der Tat war es das rote Gesicht des Wirts das zu
einer breiten Fratze verzerrt augenlos und mit plattgedrückter Nase
hereinstierte Elkan Geier wurde totenbleich und machte einen Schritt gegen das
Fenster doch da war Zürich Sperling schon wieder verschwunden Mirjam lief dem
Vater in die Arme der das Kind aufhob und es küsste Enoch rückte sich in seinem
Sofawinkel zurecht um geduldig zu warten bis am Tisch ein Platz für ihn frei
würde
    »Wo ist Agaton« fragte jetzt auch Frau Jette und blickte ihren Mann
forschend an Elkan Geier sah sich erstaunt um stellte das Kind auf die Erde
und ein Schatten von Besorgnis ging über seine Stirn Er öffnete die Tür und
rief Agatons Namen in den Flur keine Antwort Frau Jette wollte hinausgehen
aber Elkan hielt sie zurück schlug die Tür zu und setzte sich an den Tisch um
zu essen
    Er machte ein verdriessliches Gesicht als vor dem Haus Lärm ertönte und
gleich darauf die Rosenaus Mädchen hereinstürmten die sich stets aus irgend
einem Grunde atemlos und erhitzt gebärdeten Ihnen folgte ihr Bruder Isidor
würdig ernst gemessen Er trug einen steifen englischen Hut Krawatten nach
der neuesten Mode umgestülpte Hosen und hellgelbe kotbedeckte Schuhe Seine
Finger waren mit Ringen bedeckt und seine Uhrkette war schwer von goldenem
Behängsel Er hatte etwas Impertinentes in seinem Wesen wie ein Mensch dem
nichts in der Welt mehr neu ist er ging in der Stadt am liebsten dorthin wo
man ihn nicht kannte und nichts beglückte ihn mehr als wenn man ihn für einen
Christen hielt Klara Rosenau berichtete hastig die neueste Neuigkeit ein
junger Mann wohne seit gestern im Dorf mit der Absicht über den Kauf der
Ziegelei zu verhandeln Er sei sehr schön und heiße Stefan Gudstikker doch
niemand wisse was es sonst für eine Bewandtnis mit ihm habe Bei der Nennung
des Namens begann Frau Jette zu zittern lehnte sich kraftlos zurück und schloss
die Augen
    Elkan Geier und Isidor standen beim Ofen und flüsterten miteinander Der
schwächliche und furchtsame Elkan schien von wilder Beredsamkeit ergriffen aber
Isidor zuckte fortwährend die Achseln und sein Gesicht wurde grausam und kalt
    »Und wenn er mir das Haus wegnimmt und das letzte Stück Brot was soll ich
tun« jammerte Elkan »wer wird helfen«
    Isidor nickte mit schaler Teilnahme und klimperte mit den Talern in seiner
Tasche Und Elkan Geier fuhr fort »Der Zürich ist nicht wie Gläubiger sonst
das muss man nicht glauben Es ist ein eigener Geist in ihm Er kommt herein und
in seinen Augen funkelts vor Hass Er kommt herein streckt seinen Hals lacht
knipst mit den Fingern er ist unheimlich jawohl aber er hat etwas Edles an
sich wie ein Löwe Man müsste einmal von Herzen mit ihm sprechen vielleicht will
er gar nicht das Böse«
    Die Frauen und die Kinder unterhielten sich abseits Nur Enoch blickte starr
auf die beiden Männer und sein gelbes Gesicht mit dem struppigen Bartrand schien
versteinert Er grämte sich dass man ihm nichts zu essen gab und weil alle
seiner vergaßen wie eines abgebrauchten Hausrats »Sie lauern auf meinen Tod«
dachte er »aber ich werde noch lange nicht sterben« Das Kätzchen miaute vor
der Tür Er hörte es nicht in dunklen Bildern stieg Vergangenes herauf und
mischte sich mit Bildern der Gegenwart
    »Ach ja euren Agaton hab ich gesehen« rief plötzlich Helene Rosenau Und
sie schilderte nun einen sonderbaren Auftritt dessen Zeugin sie gewesen und der
die Zuhörer mit stummer Erregung erfüllte Da sie merkte dass das Vorgefallene
am Ende wichtiger war als sie geahnt suchte sie durch teatralisches Gebaren
ihr langes Schweigen vergessen zu machen
    Zürich Sperling war vor seinem Haus am Kirchenplatz gestanden und sein
Gesicht war gerötet vom Feuer der Schmiede gegenüber Da ging Lämelchen Erdmann
ein kleines altes Jüdchen vorüber und sein Köpfchen wackelte betrübt hin und
her Zürich Sperling rief es solle zu ihm kommen Und als Lämelchen sich
furchtsam aus dem Staube machen wollte ging Zürich hin und zog es bei den Ohren
zu seiner Treppe Er stierte dem Kleinen lange in die Augen und sein Mund
begann zu lächeln »Hin ist hin« sagte er und machte mit dem Arm eine
unbestimmte weite Gebärde »Ich bin ein Mann mit dems die Welt verdorben hat
Wenn ich einen Juden seh kocht mein Blut Ich kann die Juden riechen wie der
Hund das Wild Schmied komm mal rüber leg den Kerl da unter deinen Amboss« Der
Schmied trat ins Freie und nickte Zürich freundlich zu der den Kopf des
Lämelchen niederzog dass das Männchen zu schreien anfing Plötzlich trat Agaton
Geier aus dem Schatten des Brunnens stürzte auf den Wirt zu und spie ihm ins
Gesicht Zürich Sperling ließ sein Opfer los packte Agaton nahm ihn wie ein
Paket und verschwand mit ihm im Haus Der Schmied lachte die Mägde am Brunnen
lachten alle fanden den Sebalderwirt höchst spaßhaft
    Und war er denn nicht ein prächtiges MenschenExemplar »Er ist ein Germane
das Urbild des Germanen« sagte Professor Brünotte in Fürt der Philologe
Zürich Sperling hasste die Juden unbeschreiblich jede Gebärde jede Stimme jede
Handlung eines Juden regte ihn auf wie Wein Es war unerhört und wunderlich
keines Menschen Erfahrung wies einen ähnlichen Fall auf Er war ein Tier wild
stolz unbezähmbar keinem Vernunftgrund der Welt zugänglich Niemals hatte er
vor einem Herrn den Nacken gebeugt nie war er wie andere junge Leute seiner
Abkunft Knecht gewesen Es gab Leute die sich fürchteten wenn jemand von der
Regierung ins Dorf kam sie fürchteten ein Unglück für den Regierungsmann und
für den Wirt Denn Zürich Sperling verachtete den Adel verachtete das Gesetz
verachtete den Pfaffen und verachtete die Obrigkeit Er war ein Sohn der großen
Natur rings umher der großen Ebene die sich riesenleibig dehnt Doch war sein
Gemüt kindlich und er war leicht zu lenken Oft war er rätselhaft in seinem
Wesen schrie und tobte und war innerlich traurig Sein Vater soll ein Riese
gewesen sein und von seiner Mutter erzählte man sich seltsame Dinge wie von
einer Messalina Zürich Sperling passte nicht in das enge Dorf »Das Urbild des
Germanen« fand hier kein Bett worin es bequem ruhen konnte
 
                                Zweites Kapitel
Kaum hatte Helene Rosenau berichtet was sie gesehen als Elkan Geier seinen Hut
vom Nagel riss und hinausrannte Die Kinder begriffen nicht worum es sich
handelte und blickten scheu und fragend umher Isidor stand leise und verlegen
trällernd am heißen Ofen und tippte mit den Fingern an die Kacheln Der alte
Enoch war still sein Blick hatte sich umschleiert es war als ob die
beängstigende Stimmung von ihm ausflösse
    Elkan eilte die Gasse hinunter Am Brunnen standen noch immer schwatzende
Jungfern Das Wasser lief plätschernd in den Trog und der dünne Strahl war
blutrot im Widerschein des Schmiedefeuers Zürich Sperling hockte vor seinem
Haus auf den Steinfliessen hatte das Gesicht zwischen die Hände geklemmt und
starrte unverwandt hinüber in die Esse vor deren Glut die Gesellen schwarz hin
und hereilten Elkan Geier ging hin zu ihm und fragte »Was haben Sie mit meinem
Sohn gemacht Reden Sie« Zürich Sperling schwieg er erhob nicht einmal die
Augen Elkan wiederholte seine Frage aber der andere öffnete den Mund nicht
machte keine Bewegung blieb starr wie im Schlaf Sein Gesicht hatte den
Ausdruck eines Menschen der in tiefem Nachdenken begriffen ist oder eines
Kranken dem man den Tag seines Todes vorhergesagt hat Was ist mit ihm
vorgegangen dachte Elkan und er wagte es diesen Feind an der Schulter zu
rütteln Er hätte nicht den Mut dazu gehabt wenn ihn nicht Furcht und
Verzweiflung getrieben hätten Da richtete sich Zürich Sperling auf und ging
schweigend ins Haus Elkan der sich nicht getraute ihm zu folgen zitterte vor
Besorgnis Er ging hinüber zu den Mägden Sie sagten dass Agaton kurz zuvor
Zürich Sperlings Haus verlassen hätte Erleichterten Herzens aufseufzend kehrte
Elkan den finsteren und schmutzigen Weg zurück
    Frau Jette kam ihm im Flur entgegen ihre Augen fragten angstvoll ihr Mund
nicht Die Rosenaus hatten sich mit Trostsprüchen entfernt wenn es nicht mehr
munter und witzig herging wurde es ihnen unbehaglich »Ist er nicht da« stieß
Elkan heftig hervor indem er in die Stube trat und sich unruhig umsah Niemand
antwortete Aber kaum hatte Frau Jette die Türe hinter sich geschlossen als sie
leise wieder aufging und Agaton hereintrat Sofort gewahrten alle dass in
seinem Gesicht etwas war das sie vorher nicht darin gesehen hatten Er schlich
mehr als dass er ging sagte weder guten Abend noch sonst eine Silbe setzte
sich neben seine Schwester Mirjam der er flüchtig schmeichelnd übers Haar
strich nahm einen der erkalteten Erdäpfel von der Platte schälte ihn und
begann zu essen Aller Augen waren auf ihn gerichtet aber er schien nichts
davon zu bemerken Mit bleiernem und glanzlosem Blick guckte er auf seinen
Teller und aß anscheinend mit Ekel und Überwindung An seinem Hals war eine
blutige Schramme
    »Wo warst du« fragte Elkan Geier mit richterlicher Würde und trat an den
Tisch Seine Stimme bebte Agaton sah seinen Vater ausdruckslos an und fuhr
fort zu kauen Frau Jette hatte sich den Kopf auf den Arm gestützt weit über
den Tisch gelegt und sah ihren Sohn durchdringend an
    »Woher hast du die Schramme« fragte Elkan Geier weiter und stützte beide
Fäuste auf den Tisch Seine weichen guten Augen begannen zu funkeln Auch Enoch
trat jetzt herzu schob den Kopf Agatons mit der Hand so weit zurück dass ihm
das Gesicht aufwärts zugewandt war und blickte ihn finster an Agaton schlug
die Augen nieder »Woher hast die Schramme« brach Frau Jette mit ihrer
kreischenden Stimme aus  »Vom Baum« murmelte Agaton Elkan Geier verfärbte
sich und sprach plötzlich zum Erstaunen der andern von den Erfolgen seiner Fahrt
nach Altenberg
    Agaton erhob sich und verließ das Zimmer »Sag mir um Gotteswillen was
der Junge hat« klagte Frau Jette Elkan stand am Fenster Ihm war als sähe er
den Wasserspiegel in der Ferne oder spüre den feuchten Hauch der Flut Sein Herz
wurde eng
    Er folgte Agaton denn der Gedanke an ihn bedrückte seine Sinne Er öffnete
eine Tür des finsteren Flurs und kam in eine kalte kahle Kammer wo auf einem
hochbeinigen Holztisch eine Kerze stand Agaton war über ein dickes Buch
gekrümmt die Finger in den Haaren verwühlt Es war das Neue Testament Kaum
hatte Elkan das Buch angesehen als er es mit einer wütenden Bewegung packte es
unter den Armen Agatons hervorzerrte die einzelnen Blätter zerfetzte und den
Band in eine Ecke warf »Das tust du Das tust du mir« flüsterte er atemlos
Agaton schwieg wandte die Augen nicht von denen seines Vaters und veränderte
nicht seine kauernde Stellung Elkan empfand plötzlich eine unerklärliche Furcht
vor ihm setzte sich auf den Bettrand und fragte schüchtern »Was hat er mit dir
gemacht der Zürich«
    Agatons Augen funkelten Er schüttelte den Kopf und sah begierig in den
schmalen Spiegel an der Wand als ob er jede Veränderung seines Gesichts
studieren wolle
    »Kannst dus nicht sagen Deinem Vater«
    »Nein«
    »Ja aber «
    »Nein Warum hast du denn das Buch zerrissen«
    »Weil es Sünde ist es zu lesen Sünde gegen den Gott Israels Woher hast
dus«
    »Sünde Was Millionen gläubig wissen kann doch nicht für irgend einen Sünde
sein Du sagst Israel ist Gottes Lieblingsvolk Er beschützt es vor allen
andern«
    »Ja«
    »Das ist Unsinn und Lüge«
    »Agaton«
    »Ja Alle Völker hassen uns und ich glaube Gott hasst uns ebenfalls«
    »Was für Reden«
    »Wir haben Jesus gekreuzigt und «
    »Wir  nicht wir Agaton«
    » aber wenn wir es nicht getan hätten wäre er nicht Jesus Christus Sie
haben uns also Jesus Christus zu verdanken«
    »Natürlich«
    »Trotzdem fluchen sie uns« fuhr Agaton fort »und wir haben kein
Vaterland«
    »Warum nicht Hier ist unser Vaterland Deutschland Uns beschützt der
Kaiser und das Gesetz«
    »Kaiser und Gesetz sind nicht Deutschland Vater Und wo man beschützt
werden muss ist man nicht daheim«
    »Du bist ein Klügler Das Leben ist einfacher als die Klugheit eines
Knaben«
    »Ich bin kein Knabe mehr Vater Wenn uns das Volk lieb hätte wären wir
nicht so wie wir sind Wir sind Unebenbürtige in diesem Land und wir sind doch
mehr als sie stärker als sie« Wieder funkelten seine Augen und es lief ein
Zittern durch seinen Körper er stand da sein schmales Gesicht war verzerrt
seine Hände waren ineinander gekrampft und er stieß einen Laut des Grauens aus
Elkan blickte verstört umher aber er gewahrte nichts Er packte Agaton bei den
Armen schüttelte ihn und begegnete seinem ausdruckslosen starrenden Blick
    Die Türe knarrte und Frau Jette kam herein Sie sagte ein armer Gast sei
gekommen und wolle für die Nacht Unterkunft Fast willenlos verließ Elkan das
Zimmer Als er wieder den Flur entlang schritt überfiel ihn beklemmend das
Gefühl seiner Not Morgen würde ihn Zürich Sperling pfänden lassen und selbst
die kleine Krämerei die den Bedarf für den Tag deckte würde verloren gehen
Hätte er nur seiner Kinder Geld bei Löwengard bekommen können Er überlegte wie
er dies anstellen könne
    Der Fremde stand im Zimmer und murmelte Gebete seine Augen flogen gierig
über die schmutzigen Blätter des Buches und sein Gesicht hatte einen
übertriebeninbrünstigen Ausdruck Als er fertig war wurden seine Mienen finster
und feindselig er beantwortete alle Fragen so kurz als möglich schaute keinem
ins Gesicht und als die Magd mit den aufgewärmten Kartoffeln kam wandte er sich
ab und bedeckte das Gesicht mit den Händen um nicht durch den Anblick einer
Christin verunreinigt zu werden Sein Hut den er während des Essens aufbehielt
war alt und zerlöchert
    Alle gingen zur Ruhe auch der Fremde der in der oberen Kammer am Giebel
eine Bettstätte bekam Immer klang es wie Wasserrauschen und Wellengeplätscher
herein ins Dorf Regen strömte herab dann war es wieder still dann kam ein
summender Wind dann trat wieder der Mond aus den Wolken und seine Strahlen
legten sich scheu auf die Dächer Frau Jette sagte am Morgen sie habe zweimal
die Haustüre gehört aber alle lachten sie aus Frisches warmes Brot stand auf
dem Tisch und Kaffeedampf erfüllte die Stube Die Männer kamen mit ihren
Gebetsriemen um das Morgengebet zu verrichten denn sie konnten nicht zur
Synagoge gehen weil der alte Vorbeter durch Zwistigkeiten wie sie stets unter
den Juden des Dorfes herrschten daran verhindert wurde sein Amt auszuüben
    Agaton rüstete sich zum Aufbruch er musste um acht Uhr zum Schulbeginn in
Fürt sein und es war eine Stunde Wegs die er täglich zweimal zurücklegen
musste Mittags hatte er Freitische bei reichen Juden in der Stadt Er steckte
die Bücher in seinen Träger und schien dabei weniger entschlossen und überlegt
als sonst Oft besann er sich lange drückte die Augen zusammen schaute fremd
auf die Geschwister und die Mutter Elkan Geier war schon aufgebrochen er ging
über Land wie er sagte wegen der Geschäfte in Wahrheit aus Angst vor Zürich
Sperling
    Während Frau Jette einen Scherz erzählte und Enoch mit großem Geräusch
Kaffee schlürfte erschallte auf der Straße ein gellender durchdringender
Schrei wie wenn einer die Finger zwischen den Zähnen in der Art des
Metzgerpfiffs aus aller Kraft pfiffe Dann lief der Bauer Jochen Wässerlein
vorbei und überstürzte sich fast vor Eile Dann kam Pavlowsky der Gendarm er
lief zwar nicht aber er ging so schnell wie noch niemand im Dorf ihn hatte
gehen sehen Sein Körper wurde bei jedem Schritt förmlich durchschüttelt
Agaton stand mitten im Zimmer weiß wie ein Hemd und ein irrsinniges oder
triumphierendes Lächeln spielte um seine Lippen Frau Jette hatte das Fenster
aufgerissen und sich weit hinausgebeugt sie sah am Kirchenplatz viele Menschen
stehen auch vor Martin Ambrunns Wirtschaft standen Leute
    Die Magd Katrin stürzte herein Der Ausdruck ihres Gesichts war nicht mehr
Schrecken zu nennen es war ein Krampf Sie ließ die Unterkiefer herabhängen
dass der Mund weit offen stand und machte bloß Versuche den Arm zu heben »Was
ist geschehen« fragte Frau Jette mit starrendem Herzen Katrin brachte kein
Wort hervor Alle umstanden sie und endlich flüsterte das Mädchen »Der
Sebalderwirt ist tot sie habn ihn umgebracht heißts« Alle schwiegen
Joelsohn und Enoch Pohl murmelten ein Gebet Die Kinder eilten auf die Straße
und standen vor der Tür furchtsam still
    Auf Agatons Antlitz malte sich von neuem jenes irre und frohlockende
Lächeln und auch er legte wie die beiden Alten betend die Hände aneinander doch
was ihn erfüllte war nicht Andacht sondern unendliche Lust und
grenzenlosglückselige Genugtuung
    »Dank Dank Dank« flüsterten seine Lippen als er den Weg nach der Stadt
antrat und er schritt dahin wie beflügelt
    Er verfolgte zuerst den aufsteigenden Weg nach der Veste und von dort aus
ging er den Kamm der Hügel entlang über Dambach und die äußere
Schlachtausbrücke Er wanderte im Halbkreis um das überflutete Gelände überall
rauschte und brandete das Wasser und wenn sich die Morgennebel hoben
entstanden phantastische Städtebilder Am Schlachtaus war der Anprall des
Wassers gewaltig das Gerassel der Wagen auf der Brücke wurde verschlungen vom
Dröhnen der Brandung
    Hier traf Agaton seit den acht Tagen da er diesen Weg gehen musste
jedesmal um dieselbe Zeit und an derselben Stelle eine Frau die leise murmelnd
daherkam eigentlich mehr kroch als ging Erst hatte sie Agaton wenig
beachtet dann war sie ihm aufgefallen durch den hartnäckigen bösen und
trotzigen Ausdruck mit dem sie ihren Korb schleppte Dann begann er sie aus
einem geheimnisvollen Grund zu hassen wenn sie seinen Weg kreuzte funkelten
seine Augen als er ihr einmal ausweichen wollte begann sein Herz zu klopfen
und trieb ihn ihr entgegen und dann war ihm als müsse alles was er an diesem
Tag unternahm zerbrechen und fehlschlagen
    Heute kam sie nicht Er blieb am Brückenpfeiler stehen und sah sich um Sie
kam nicht Er selbst der den ganzen Weg wie im Traum zurückgelegt begann
dadurch gleichsam aufzuwachen und er fuhr mit der Hand über die Augen Sein
Blick ging forschend durch die aufsteigenden Gassen des Uferviertels
    Sonst wenig geneigt zu Gesprächen redete er am Obstmarkt einen
Schulkameraden an einen kleinen unbeholfenen Jungen der sehr jüdisch aussah
Die beiden gingen eine zeitlang wortlos endlich sagte der Kleine gedrückt von
dem schweigenden Wesen Agatons »Wie sonderbar es hier riecht«
    »Nach Kohl« entgegnete Agaton sarkastisch
    »Au« schrie der Kleine entusiastisch Er war wie erlöst durch diesen
anscheinenden Witz »Hast du die salischen Kaiser gelernt« fragte er dann
    »Ich lerne nicht Ich kann nicht lernen« murmelte Agaton »Ich kann nicht
Zahlen einpauken und Namen und Regeln was weiß ich Das quält mich Wenn
Bojesen nicht wäre ich könnte nichts arbeiten nichts denken in all den
Stunden Das ist alles tot«
    Der Kleine schien sehr erstaunt und betreten Agaton wurde immer bleicher
je näher sie dem Schulhaus kamen In allen Gassen wurden die Läden geöffnet und
die Kaufleute und Gehilfen meist Juden standen frisiert und frisch gewaschen
vor den Türen und Auslagefenstern die Hände tief in die Hosentaschen vergraben
    Schon von weitem sah man die Schar der Schüler vor dem Schulgebäude Viele
standen um eine Litfasssäule wo eine Göttin der Vernunft auf einem grünen Plakat
ein gelbes Stück Seife emporhielt als wäre es eine Brandfackel Die Schüler
machten ihre unangenehmen Zoten über die Nacktheit der Seifengöttin Kaum waren
Agaton und sein Begleiter der jetzt seinerseits in Schweigen versunken war und
nur bisweilen einen schelen Seitenblick auf den Mitschüler warf hinzugekommen
als eine Anzahl von Agatons Klassenkameraden auf ihn zustürzte ihn an
Schultern und Armen packte und in ihn hineinschrien es sei doch einer ermordet
worden in Zirndorf ob er ihn gesehen habe er solle erzählen wie es zugegangen
sei und so weiter Die Schüler der unteren Klassen machten respektvoll Platz und
begnügten sich damit am Rande des Kreises ihre Ohren zu spitzen um etwas zu
erlauschen Agaton sah sich dicht umstellt und der Kleine schaute in naiver
Furcht zu ihm auf und sagte »Warum hast du das mir nicht gesagt«
    Herr Pedell Dunkelschott erschien pustend auf der Schwelle des Schulhauses
und die Schar strömte laut lärmend in die hallenden Korridore Agaton saß bald
auf dem kleinen Klappstuhl steif und still  und hörte nichts von dem Toben um
sich Ein süßes Wohlbehagen kam über ihn der Ofen summte an seiner Seite und
draußen lag durchsichtig der lichte Herbstnebel Er sah die Landkarten und es
öffneten sich die fernen Länder den Globus und er fühlte sich weit über der
Erde Er fühlte sich edler und älter wie ein Mensch der seine schlummernden
Leidenschaften kennen gelernt hat
    Der Unterricht begann Professor Schachno spazierte mit seinen kurzen
Veinchen geziert umher und schien bisweilen im Gehen zu schlummern oder er
summte behäbig eine stille Weise vor sich gleichsam einen Hymnus an jene sanfte
Milde mit der er die Welt betrachtete Seine Haupttätigkeit bestand im
Zudiktieren von Strafarbeiten welche ihm das Ideal der Pädagogik zu sein
schienen Ein vergessenes Heft ein schlecht gelernter Vers ein Tintenfleck
ein unzeitgemässes Lachen ein unanständiges Rülpsen das alles waren Fehler
einzig und allein ausrottbar durch das Universal Strafarbeit Er dozierte
deutsche Literatur und sprach über Goethe so als ob Goethe froh sein müsste
einen Schachno als Nachgeborenen gefunden zu haben Er summte gerade wieder und
schlummerte zugleich ein wenig als sich Agaton Geier schwankend erhob und mit
erloschenem Blick vor sich hindeutete In seinem Gesicht lag ein tierisches
Entsetzen Die Schüler erhoben sich bang und flüsternd Agaton stürzte zum
Podium fiel in die Knie machte eine Armbewegung als ob er die Füße eines
Menschen umklammerte und sah mit brechenden Augen hinauf in das Gesicht dieser
unsichtbaren Gestalt Zürich Sperlings
 
                                Drittes Kapitel
Niemals sinkt der Abend so still herab als wenn die Kirchenglocken läuten
Nebel fällt wie ein Gespinst über die Dächer gleitet an den Häuserwänden herab
umhüllt flatternd die Laternen liegt unbeweglich still in den Gärten und gibt
ihnen das Ansehen eines Sees Die Schritte scheinen leiser zu werden wie auf
Teppichen
    Agaton stand auf dem nassen Pflaster und schaute in eine glänzend
erleuchtete Etage hinauf Er dachte etwas verwundert nach über die Pracht und
den Reichtum dieses Judenhauses ging dann weiter und begegnete den Juden die
aus dem Abendgottesdienst kommend laut feilschten und handelten Als er sie
sah fühlte Agaton dass die Judenreligion etwas Totes sei etwas nicht mehr zu
Erweckendes Steinernes Gespensterhaftes Er wandte seine Augen ab von den
hässlichen Gesichtern voll Schachereifers und Glaubensheuchelei
    Die Kirchweihbuden füllten die Königstrasse bis zur protestantischen Kirche
hinauf Die Ausrufer der Schaubuden schrien sich heiser und verdrehten den
Körper als ob sie Leibschmerzen hätten mit gesträubten Haaren schrien sie die
Vorzüge ihrer Sehenswürdigkeiten aus Wirr und schrill klangen die Orgeln
Pfeifen und Trompeten und das Gebrüll der Tiere drang aus der Menagerie
Trompeten Pfeifen und Ratschen erschallten ein wüstes Summen Surren und
Johlen Kinder mit vor Neugier bleichen Gesichtern machten sich keuchend Bahn
In den Wirtschaften gröhlten die Zecher Aus den engen Gässchen zog der
übelriechende Rauch der Heringsbratereien An der Glückshalle stand Kopf an Kopf
eine bewegungslose Menge Daneben lief ein großes Karussel auf Schienen es
wurde durch einen sinnreichen Mechanismus in rasende Schnelligkeit versetzt Man
sah dann nur schattenhafte Gestalten verzerrte Gesichter und bacchantische
Schreie Unter den Leinwanddecken des Zeltes brannten Pechfackeln es sah aus
wie ein ungeheures von schwarzem schwälendem Rauch durchzogenes Feuerloch
    Agaton schob sich durch die Massen während seine Seele warm und gerührt
wurde Ein beglücktes Heimatsgefühl erfasste ihn er hatte freudige Augen für
das was rings geschah und sah die vielen Gegenstände die allenthalben zur
Schau geboten wurden mit zärtlichen Blicken an Er blieb vor dem Kasperlteater
stehen und schaute zu ein alter Arbeiter mit grauem Lockenhaar stand neben ihm
und wollte schier sterben vor Lachen Die Kirchenglocke begann wieder zu läuten
Bestürzt blickte Agaton am Turm empor
    Der Ausrufer des Wachsfigurenkabinetts strengte sich mehr an als seine
Kameraden »Hier kann man sehen die Passion Christi unseres Heilands in
siebzehn Stationen  großartig meine Damen und Herren großartig« schrie er
heiser vor Begeisterung
    Wie von einer Faust gestoßen bestieg Agaton das Podium zahlte zwanzig
Pfennige das einzige Geldstück das er besaß und verschwand hastig hinter dem
braunen Vorhang
    Tiefaufatmend stand er in der dumpfen Luft des Innenraumes Nur eine
Bauernfamilie ging mit scheuen Schritten umher Gegen eine scharlachrote Wand
hoben sich die Gruppen der Leidensstationen ab Das gleichmäßige und beruhigende
Licht milderte das Starre der Wachsgebilde Es war etwas Erhabenes und Heiliges
über den Gestalten ferne Zeiten stiegen langsam herauf und es war als ob die
Schicksalsgöttin selbst träumend die Augen aufschlüge Das ist also der Heiland
dachte Agaton befremdet als er vor dem Bild der Kreuzabnahme stand Er presste
die Hände zusammen und dachte nach Freunde und Eltern kamen wie eine Reihe
vorbereiteter Wandelfiguren an ihm vorbei und die toten Gebilde vor ihm wurden
mitlebendig Er lächelte traurig und begriff dass er um etwas betrogen worden
war ohne dass er es hatte hindern können
    Draußen war der Nebel dichter geworden Agaton ließ sich stoßen und
schieben bis er in dunkle unbelebte Gassen kam Er ging eiliger und seine
Gedanken wurden quälender Unversehens stand er vor der Klaussschule wo sich nur
die frömmsten der Juden zum Abendgebet versammelten Ein Lächeln dessen
Bedeutung er selbst nicht begriff glitt über seine Züge und er trat in das
düstere und niedrige Gemach Der Vorbeter an seinem kleinen Pult lallte mit
zitterigem Stimmchen das Schlussgebet Nachdenklich blickte Agaton in die
verbissenen steinernen Gesichter die voll waren von einer jahrhundertalten
Grausamkeit voll Hass Erbitterung und zelotischem Glaubenseifer Zum erstenmal
in seinem Leben wurde ihm klar dass Jude sein eine Ausnahme sein heiße zum
erstenmal hörte er die hebräischen Formeln mit Unsicherheit und Groll und er
glaubte sich in einer verderblichen Abgeschiedenheit wo Verschwörungen
gestiftet werden
    Als er auf die Straße trat prallte er erschrocken zurück Jener städtisch
gekleidete Mensch der in Zürich Sperlings Boot gesessen war stand dicht vor
ihm und schaute angestrengt gegen ein erleuchtetes Fenster hinauf Die Gasse war
sehr eng daher musste er den Kopf weit zurückbiegen Indem er noch seitwärts
gegen die Mauer schritt stieß er plötzlich an den regungslos dastehenden
Agaton bat um Verzeihung und griff geschmeidig an den Hutrand
    »Ach Sie sind der junge Mann von gestern« sagte er überrascht »Sind Sie
nicht gestern bei der Kahnpartie « Er schmunzelte und die schwarzen Augen
hinter den Gläsern leuchteten flüchtig fast drohend auf »Haben Sie vielleicht
ein Streichholz bei sich«
    In diesem Augenblick kam ein Arbeiter mit brennender Zigarre aus dem Tor
Der Schwarzbärtige bat ihn mit etwas übertriebener Höflichkeit um Feuer dann
ging er an Agatons Seite weiter »Was meinen Sie denn zu der geheimnisvollen
Geschichte da mit dem Mord« sagte er den Rauch mit geblähten Nasenflügeln in
die nebelerfüllte Luft blasend
    »Ich weiß nicht«
    »Es interessiert Sie wohl gar nicht Im übrigen es ist ganz und gar
Legende Es ist durch nichts erwiesen dass ein Mord vorliegt Die
Gerichtskommission hat alle Türen alle Fenster versperrt und keinerlei
Verdachtsmerkmale gefunden Das einzige was zu denken gab war ein
unerklärlicher roter Fleck auf der Brust des Leichnams und dann der jähe Tod
selbst«
    »Ein roter Fleck« hauchte Agaton sein Hals schnürte sich wie unter einer
Faust zusammen
    »Ja aber lassen wir das Ich liebe nicht derlei krasse Furchtbarkeiten
Wohin gehen Sie«
    »Zu Löwengards«
    »Baron Löwengard Was wollen Sie denn dort«
    »Ich esse dort zu abend« erwiderte Agaton »Dienstag und Freitag
Übernacht ich auch dort weil Mittwoch und Samstag die Schule schon um sieben
beginnt«
    »Die Genauigkeit Ihrer Auskunft lässt nichts zu wünschen übrig Das alles
dürfen Sie Sogar übernachten Sagen Sie mal  Ihre Eltern sind wohl sehr arm«
    »Ja«
    »Wie alt sind Sie denn Achtzehn«
    »Siebzehn«
    »Na um so besser So kennen wir uns also Ich heiße Gudstikker Rufname
Stefan Geboren zwölften Mai achtzehnhundertsechzig Verrichtung unbekannt Aber
nun erzählen Sie einmal was hat eigentlich Zürich Sperling gestern mit Ihnen
angestellt Er nahm Sie unter den Arm und ging mit Ihnen ins Haus Sie rührten
sich nicht Andere hätten gezappelt wie ein Fisch aber Sie waren bloß stumm wie
ein Fisch Ich habe alles gesehen vom oberen Stock Ich wohnte ja im
Sebalderhaus«
    Agaton blieb stehen und lehnte sich schweigend an einen Laternenpfahl
    »Reden Sie doch« fuhr Gudstikker fort und stellte den Kragen seines Mantels
in die Höhe »Ich kenne den Zürich Sperling schon lange Er war kein
gewöhnliches Exemplar der Spezies Mensch Er konnte lumpen durch sieben Nächte
ohne Schlaf zu suchen Wenn er müde wurde setzte er sich in einen Stuhl schloss
für zwanzig Minuten die Augen und wusste von sich und der Welt nichts mehr Erhob
er sich wieder so war er frisch wie vor den sieben Tagen Einmal als er
melancholisch war ging er auf den Speicher und zertrümmerte mit der nackten
Faust Kisten und Kasten und Bretter Seinen Hund schlug er halbtot wenn er
unfolgsam war und danach konnte er sich hinsetzen und heulen wie ein kleines
Mädchen Bis vor sechs Jahren hatte er überhaupt keine Frau berührt und als er
die erste nahm wäre das arme Weib ihm fast in den Armen gestorben Das war ein
Mensch«
    Es entstand ein langes Schweigen Agaton wurde durch das ganze Wesen
Gudstikkers verwundet Seine Geschwätzigkeit beunruhigte und jede Geste
erschreckte ihn
    »Wie heißen Sie denn eigentlich« fragte Gudstikker
    »Agaton Agaton Geier«
    »A  ga  ton «
    »Ja«
    »Seltsam Wie kommen Sie zu dem Namen Agaton  So hieß mein Vater«
Wieder eine Pause Dann wurde Gudstikkers Stimme gütig »Sie gefallen mir«
sagte er »Ich weiß kaum warum aber vielleicht steckt etwas in Ihnen was mir
imponiert Bei euch Juden gibt es manchmal Individuen von wunderlicher Kraft
Besonders in Ihrem Alter Daran mag es liegen Wenn sie so jung sind ist ihre
Seele von unbeschmutztem Feuer erfüllt Sie sind starke Träumer möchten die
Welt aus den Angeln heben und wissen doch nichts von der Welt Wenn sie es nur
wüssten Gehen Sie hin Agaton wecken Sie Ihr Volk auf Sagen Sie wach auf
mein Volk wie der Prophet in der Wüste Na gleichviel was scheren mich denn
die Propheten Glauben Sie dass es heut Nacht regnen wird«
    »Ich weiß nicht Vielleicht Vielleicht schneit es Vielleicht auch nicht«
    »Ah Sie sind boshaft Na gleichviel Ich muss Ihnen sagen es ist nicht
Neugierde wenn ich Sie vorhin fragte was Zürich Sperling mit Ihnen gemacht
hat Auch nicht Teilnahme Nun werden Sie nur nicht wieder ungeduldig Stellen
Sie sich die ganze Situation vor Später kommt Zürich in mein Zimmer bleich
erregt und redet von gleichgültigen Sachen Er spricht von der Ziegelei die
der Vater meiner Braut jetzt gekauft und plötzlich legt er sich auf mein Bett
und verstummt«
    »Verstummt« fragte Agaton mechanisch
    »Verstummt Nach fünf Minuten stand er auf ging vors Haus und dort saß er
dann wieder zwei geschlagene Stunden ohne sich zu rühren Um neun Uhr ging der
Schmied heim und rief ihn an Wer aber nicht antwortete war Zürich Und wer um
zehn Uhr in sein Zimmer stolperte ohne sich um die Wirtschaft zu kümmern war
Zürich Nun am Morgen war er tot Es wäre immerhin interessant die Ursache zu
erfahren Vielleicht hat er selbst  nun nun was gibts«
    Agaton hatte mit den Händen Gudstikkers Arm umklammert und schwankte als
ob er zu Boden sinken wolle Gudstikker schüttelte den Kopf und warf den
Zigarettenstumpf weit über die Gasse Agaton blickte ihn gespannt an beim
matten Schein des Strassenlichts als ob er sein Gesicht nie wieder vergessen
wollte und ging dann weg ohne ein Wort zu sagen dem Löwengardschen Palast an
der nächsten Ecke zu Scheu betrat er das breite lichtgebadete mit Teppichen
belegte Vestibül Der Plafond und die Wände waren von Künstlerhand mit
Darstellungen aus der antiken Mythologie geschmückt Vor ihm stand wie eine
lebende Gestalt Kassandra den Arm gegen das brennende Troja erhoben Sie war
fast nackt die Brüste waren geschwellt von Hass Stets musste Agaton die Augen
vor dem Bild niederschlagen Die dem Juden angeborene Scham vor dem Nackten ging
bei ihm bis zu physischem Schmerz Auch wurden seine Sinne erregt wenn er in
der Nacht sich des Bildes erinnerte
    Stefan Gudstikker wandte sich gegen den Lilienplatz lauschte mit gesenktem
Kopf auf das Stimmengewirr aus den Gastäusern das mit dem Wimmern der Geigen
und dem Fistelgesang der Harfendamen vermischt war Schweigend zogen Musikanten
an ihm vorbei und der Älteste zählte die Tageseinnahme Gudstikker sah das alles
mit den Augen des Beobachters der sich freut dass ihm nichts von den kleinsten
Dingen des Lebens entgeht und den die Gewohnheit des Scharfsehens dazu verführt
hat den vielgestaltigen Bau der Welt mit Sprüchen der Weisheit zu beleuchten
    Der kalte Glanz des Mondes brach hervor Gudstikker ging am Rand der Anlage
auf und ab und spähte gegen die Strassenflüchte Die Turmuhren schlugen acht
kreischend fielen die Rolläden herab die kleinen Ladnerinnen eilten von dannen
und die Kontoristen drehten die gesunkenen Schnurrbartspitzen wieder empor
    Endlich kam Käte Estrich Mit schwachem Lächeln hing sie sich an den Arm
ihres Verlobten »Ich musste mich fortstehlen« sagte sie »der Vater hat
geschimpft über dich Er nannte dich Müßiggänger Sie plagen mich mit dir und
quälen mich Bist du bös Nicht bös sein Ich hab ja nur dich nur dich
allein«
    »Ich bin nicht bös aber du darfst nicht so dumm reden Wie gehts dir«
    »Schlecht«
    »Warst du beim Arzt«
    »Nein«
    »Nein  Wenn dein Herr Vater sich besser um dich gekümmert hätte das wäre
eine größere Heldentat als meine Lebensführung zu kritisieren«
    »Ach Stefan ich möchte sterben  mit dir«
    »Sterben ja wenn sonst nichts wäre als sterben Das bleibt einem jeden
Es ist das Sicherste und soll das letzte sein«
    »Du bist so kalt« flüsterte Käte und schauerte zusammen als ob diese
Kälte sie frösteln mache »Ich muss wieder heim« fuhr sie mit derselben leisen
Stimme fort »ich wollte dich nur sehen« Gudstikker musste sie fast tragen Als
sie am Ziel waren küsste er sie flüchtig auf die Wange und ging
    Unter dem Portal des jüdischen Waisenhauses wo er vorbeikam stand ein
Knabe und blickte mit ängstlichen Augen in das erleuchtete Treppenhaus »Wie
heißt du« fragte Gudstikker und beugte sich herab zu dem Kind das seine Finger
in den Mund steckte und verlegen zu Boden sah »Wie heißt du« wiederholte er
streng
    »Weiß nicht«
    »Wem gehörst du denn«
    »Weiß nicht«
    »Wo ist denn deine Mutter«
    »Tot«
    »Und dein Vater«
    »Auch tot« sagte der Knabe drückte sich scheu an ihn und fragte bang
»Bist du der Herr Jesus«
    Da erschallte ein herzzerreissendes Schreien im Innern des Waisenhauses
»Hörst Hörst« machte der Knabe und begann leise zu schluchzen
    Gudstikker nahm das Kind bei der Hand und stieg mit ihm die Treppen hinan
 
                                Viertes Kapitel
Agaton ging in die Küche und aß was man ihm an Überbleibseln und für die Tafel
Unbrauchbarem gab Dann stieg er in die Bodenkammer wo er die Nacht verbringen
durfte Von unten klang Musik herauf Gläserklingen dumpfe Rufe der
Fröhlichkeit das Schlürfen des Tanzschrittes und das wogende Murmeln der
Gespräche
    Er wälzte sich lange Zeit schlaflos und ein bitteres Gefühl erfüllte sein
Herz dass er im Haus des reichen Verwandten auf Stroh unter dem Dach schlafen
musste denn dass der Baron ein Vetter seiner Mutter war hatte er Stefan
Gudstikker stolz verschwiegen Sem geschärftes Ohr vernahm durchdringender den
Lärm des Festes und es war als ob ihn eine Stimme riefe Dunkle Sehnsucht ließ
ihn zittern vor Ungeduld er sprang aus dem Bett warf sich wieder in die
Kleider und die Augen noch umschleiert von der Finsternis stieg er die Treppe
hinab mit dem Bewusstsein einer Schuld Es war ihm gleich wohin er kam er
öffnete im zweiten Stock eine Tür deutlicher hörte er Musik und Tanz von unten
und befand sich in einem großen Salon der noch warm war von erloschenem
Kaminfeuer Er lächelte die Musik unter ihm ließ die Dunkelheit rings gleichsam
erbeben
    Da hörte er vom Nebenzimmer ein Geräusch wie wenn jemand weint und will es
nicht hören lassen Agaton ging hin öffnete die Tür und stand nun verlegen und
bestürzt vor seiner Base zu deren Verlobung das prunkvolle Fest im Hause
gefeiert wurde Sie saß vor einer Kerze und schluchzte in ihr Taschentuch
    Jeanette blickte auf und vor Erstaunen brachte sie kein Wort hervor
Endlich fragte sie heiser was er hier zu suchen habe
    Agaton zuckte die Achseln »Nichts« antwortete er »Ich habe dich weinen
hören«
    »Von oben Von deiner Kammer«
    Agaton wurde bleich und ließ den Blick verächtlich durch den geschmückten
Raum schweifen »Nein« sagte er »nicht von meiner Kammer«
    »Nun«
    Agaton schwieg Die großen von Tränen nassen Augen des Mädchens erweckten
ein Gefühl von Niedrigkeit in ihm Jeanette nahm ihn bei der Hand »Nun gestehe
Weshalb bist du gekommen Hast du Hunger Dann soll man dir geben was du
willst Auch Wein sollst du haben Ich will es dem Diener sagen Oder willst du
Geld Hier ist meine Börse« Sie lächelte bitter und wollte aufstehen Doch
Agaton nahm ihre Hand und drückte sie mit großer Kraft so fest zusammen dass
das Mädchen ihn mit einem überraschten Ausdruck des Schmerzes ansah »Ich bin
nicht was du meinst« sagte Agaton
    »So« Ein unsicherer Spott trat auf Jeanettens Gesicht
    »Ich bin nicht hungrig« sagte Agaton leise »Ich brauche auch kein Geld
Also nimm dein Geld hier weg sonst muss ich es zum Fenster hinauswerfen«
    Jeanette sah lange in Agatons erregtes Gesicht dann fasste sie ihn
plötzlich an beiden Händen zog ihn zu sich und sagte herzlich »Nun sprich«
    Agaton schüttelte den Kopf »Ich glaubte du hast etwas zu sagen Ich habe
ja nicht geweint Freilich woher sollst du Vertrauen zu einem so schlecht
gekleideten Menschen haben« Er lächelte wieder wandte das Gesicht ab und
starrte ins Dunkle Die Wände schienen sich aufzutun vor seinen Blicken und aus
zahllosen Augen schauten ihn die Sorgen an unter denen die Menschen Schätze
zusammentragen um sie wieder von Sorgen bewachen zu lassen
    »Agaton« flüsterte Jeanette Sie ließ seine Hand nicht mehr los und er
fühlte wie heiß ihre Hand war »Ich habe dich stets übersehen wie einen
Schatten Du hast dich auch so schmal gemacht wie ein Schatten du wunderlicher
Agaton«
    Agaton antwortete nicht
    »Sprich Agaton hast du schon viel Böses getan Warum zitterst du was ist
dir«
    »Böses fragst du Was ich getan war nicht böse Es war auch nicht gut Es
wäre schlechter gewesen wenn ich einem Vogel die Flügel genommen hätte Oder
kann es böse sein wenn es dich erhebt glücklich macht Oder gut wenn es das
ganze finstere Leben erkennen lässt und was man versäumt hat und was andere
versäumt haben «
    Jeanette tief erregt durch das Wesen des jungen Menschen flüsterte
stockend »Setz dich zu mir So Und nun hör mich an Sieh ich soll einen
Menschen heiraten den ich noch nicht zweimal im Leben gesehen habe Er ist
nicht jung er ist nicht alt er ist nicht edel er ist nicht gemein ich kenne
ihn nicht ich weiß nichts von ihm aber ich soll ihn heiraten der
Geschäftsverbindung wegen Ich werde verkauft und soll mich ruhig verkaufen
lassen in das Bett eines Schweins Erröte nicht Agaton jetzt ist nicht die
Stunde zum Erröten bei uns werden alle Mädchen verschachert wie Häuser und
Grundstücke aber du wirst doch zugeben dass man bisweilen auch aus andern
Gründen heiraten kann Wie Aus Liebe zum Beispiel wie«
    »Aus Liebe ja« wiederholte Agaton und zuckte zusammen
    »Sieh her sieh her« sagte das Mädchen und ihre roten Haare fielen wild in
die Stirn und sie zog Agaton dichter neben sich »Hab ich nicht die feinste
Haut die du dir denken kannst Rühr mich nur an hab ich nicht einen weichen
Mund siehst du ich küsse dich damit und liebe ich nicht alles was schön ist
zum Beispiel deine Augen Und wenn du mich liebst siehst du dann ist es dir
gleich ab ich in Gold und Ehren lebe oder ob ich verstoßen und verachtet bin
ein Frauenzimmer der Gasse es ist dir gleich du nimmst mich wenn du mich
liebst verstehst du Ja du freust dich sogar wenn du zeigen kannst wie hoch
der Preis ist den du für mich zahlst Und doch gibt es einen Mann an den ich
geglaubt hatte und der anders gehandelt hat einzig und allein deswegen weil
er leiden wollte um mich weil er mich mehr zu lieben wähnt wenn er mich
entbehren muss Ist das nicht närrisch Ich sitze da mit meinem Herzen voll
Leben dass es nur so brennt und soll das Schwein heiraten und ich habe Ja
gesagt aus Rache gegen den Leidenssüchtigen der mich liebt und verschmäht den
ich lieben und verachten muss«
    Agaton starrte fassungslos in diese zigeunerhaften leidenschaftlichen
Züge Jeanette sprang auf und rief »Du musst mit mir kommen Du musst sie sehen
die da drunten Kannst du tanzen Gut wir wollen ihnen Schrecken einjagen
indem wir tanzen« Sie nahm Agaton bei der Hand und zog den Erstaunten und
Willenlosen der nicht begriff was mit ihm vorging durch das dunkle Zimmer zur
Treppe über die Stufen hinab bis sie mit ihm unter der Saaltür stand die der
Diener mit einem Gemisch von Respekt und Verdutzteit eifrig aufstiess Mit
blitzenden Augen sah Jeanette in das bunte Treiben der Gäste Nicht einmal die
Haare hatte sie geordnet
    Der Baron kam rasch und fragte mit einem finsteren Blick auf Agaton wo sie
so lange bleibe und was der Unfug bedeute Herren und Damen standen alsbald
lauernd im Halbkreis um das junge Mädchen Es war eine ziemlich ungemischte
Gesellschaft jüdische Kaufleute Journalisten Ärzte und Advokaten Alle
Gesichter verrieten Intelligenz aber nur jene Intelligenz des Augenblicks die
von den verborgenen Werten der Dinge nichts weiß die an der Stunde klebt mit
der Stunde rechnet und die Augen schließt wenn die Nacht kommt Alle Gesichter
hatten etwas Überlebtes etwas von dem Abgeglühtsein wie es das gemeine Leben
mit sich bringt das Edlere war verwischt von der Freude an flüchtigen Genüssen
von der Verachtung des wahren Ernstes und der Sucht den Tag leicht zu nehmen
Ihre Macht war der greifbare Besitz und sie waren wie Sklaven die heuchlerisch
ihre in der Dunkelheit gesammelten Kräfte verstecken und sich auf die Stunde
freuen wo sie die Fäuste zeigen dürfen Agaton blickte in den Lichterglanz an
der Decke und plötzlich musste er an die arme niedere Stube zu Haus denken und
das gelbe Gesicht seiner Mutter stieg wie aus einem Schattengewühle auf Und er
verlor sich selbst aus diesen Schatten erhoben sich Generationen Greise und
Greisinnen die mit müdem Kopfschütteln vorbeigingen
    »Herr Salomon Hecht« rief nun Jeanette und ihre Augen leuchteten grün
    Ein elegant gekleideter ziemlich fetter Mann trat vor und verbeugte sich
ironisch Er hatte ein süssliches Lächeln auf den Lippen aber in seinen Augen
war die stumpfsinnige Traurigkeit eines Tieres
    »Was hast du vor« knirschte Baron Löwengard und trat schneebleich vor Wut
an die Seite seiner Tochter »Was soll dieses Benehmen Was soll der Junge hier
Wenn du nicht Vernunft annimmst werde ich dich aus dem Haus peitschen lassen«
    »Ja lass mich nur peitschen« erwiderte Jeanette zum Entsetzen ihres Vaters
beinahe schreiend »Was ich vorhabe Ich will einen Mann haben und keinen
Getreidesack und keinen Geldschrank und keine zehnprozentigen Aktien Verstehst
du das nicht Was soll ich denn anfangen mit Herrn Hecht in der Nacht wenn ich
von Männern träume die nicht ein paar Nachtlichter im Kopf haben sondern
Augen Augen Augen  Wenn ihr nur das wollt was ihr wollt dann schachert
Verschachert euren letzten Flederwisch im Kehrichtfass und für das andere geb
ich mich nicht her wie eure hochmütigen Weiber die mich jetzt anglotzen wie
eine Hexe Da da habt ihr und mich lasst zufrieden da da da« Und sie ging
hin weiß wie Kalk warf die kostbare Broche ins Kaminfeuer die Armreife die
Ringe an den Fingern riss die Spitzen über der Brust entzwei und öffnete mit
einem Ruck die Knöpfe der Taille Da stürzte Löwengard mit unartikuliertem
Schreien auf seine Tochter nahm sie in die Arme und wollte sie hinaustragen
Sie wehrte sich wie von Sinnen die Damen eilten jammernd herbei Salomon Hecht
suchte aus dem Kaminfeuer erst mit entblösstem Arm dann mit der Schaufel die
Kostbarkeiten herauszuholen viele wandten sich feig und finster nach der Tür
der Diener sah mit eigentümlichem Lächeln in den von schwüler Luft erfüllten
Raum und auf einmal blieben alle regungslos stehen
    Der jetzt hereintrat ohne dass der Türsteher versucht hätte ihn abzuhalten
war ein Greis von mehr als neunzig Jahren Er hatte etwas wie eine seltsame
Ruine etwas gleichsam Unvergängliches war in seinem Gesicht ein Schimmer von
wandelloser Milde und Güte An Gliedern riesenhaft in den Augen jenes Funkeln
das man zuweilen bei alten Männern sieht die die Jugend müde hinwanken sehen
und selber niemals müde zu werden scheinen so kam er herein und Agaton
lächelte wie ein Kind das an den Wendepunkt eines Märchens gelangt ist wo die
wohlbekannte gute Fee kommt um die Verwicklung zu lösen Jedermann auf den
Dörfern kannte den Gedalja Löwengard aus Rot
    Der Alte ging ohne weiteres auf seinen Sohn zu stutzte aber als er dessen
Gesicht sah ließ die halbausgestreckte Hand wieder sinken nahm ruhig Platz und
schaute grüblerisch lächelnd vor sich hin Der Baron der sich der armseligen
Erscheinung seines Vaters schämte trat mit verlegener Miene zu seinen Gästen
die sich wie eine Phalanx vor ihm aufgepflanzt hatten Jeanette ließ sich vor
dem Greis auf die Knie nieder streichelte seine Hände und fragte »Großvater
was ist geschehen Warum kommst du so spät noch zu uns« Mit einer scheuen und
entsetzten Geste wandte sie sich nun zu den andern und sagte »Er weint«
    Der alte Gedalja packte schnell ihre Hand und lispelte ihr zu »Sags ihnen
nicht Sie wollen nicht sein gestört Mein Sohn hat vergessen dass ich nicht
habe zu kaufen einen Frack Hat vergessen dass ich bin arm Heut abend ist
abgebrannt ganz Rot Der Herr hat mich wollen gedenken lassen dass es mir
gegangen is zu gut im Leben Mei Haus mei Hof mei bisla Vieh alles is hin«
    Die Gesellschaft schickte sich zum Aufbruch an Baron Löwengard verfluchte
sich und seine Tochter und vermochte kaum einen oberflächlichen Anteil an dem
Unglück seines Vaters zu nehmen dem er ein Zimmer zum Schlafen anweisen ließ
Dann forderte er Jeanette auf ihm zu folgen Agaton hörte ihn mit heiserer
Stimme schreien  Der Diener suchte ein vertrauliches Gespräch mit Agaton
anzuknüpfen seine Worte klangen widerlich zurück von den Wänden des verödeten
Saales Agaton schlich beschämt in seine Kammer warf sich angekleidet aufs
Lager und fiel sofort in schweren Schlaf
    Am Morgen hörte er vom Hausgesinde dass Jeanette verschwunden sei Er fühlte
sich darüber glücklich ohne zu wissen warum Die Luft war kühl und gleichsam
gereinigt als er zur Schule ging Die Welt schien neu Am Morgen hat alles nur
ein Auge nach dem Licht hin alles hat Zweck Bedeutung Form und Rundung alles
ist mit Frieden gesättigt die Dächer glänzen die Sonne taucht langsam auf mit
kupferigem Glanz der Rauch erhebt sich kerzengerade jeder Schornstein ist ein
Bild des Emporstrebens Die Mägde haben weiße Schürzen die Bäckerbuben pfeifen
über die große Brücke rollt der Schnellzug aus dem rätselhafte übernächtige
Gesichter in die überschwemmte Ebene schauen die Schranke am Dambacher Weg ist
geschlossen ganze Reihen von Ochsen stehen da und warten gutmütig Und zwischen
den Häusern verschwindet der Zug rasselnd polternd pustend und Agaton hört
wie er mit schrillem Pfiff am Bahnhof hält und seine Sehnsucht eilt hin und
steigt ein um in ihr geheimnisvolles Vaterland zu fahren Er geht gerade am
Haus des Abraham Porkes vorbei der Millionen besitzt und als edler
Menschenfreund bekannt ist über eine halbe Million hat er für das Waisenhaus
vermacht Es gibt viele Dinge die Agaton bewundert und er liebt die Menschen
Die Wandlung die er seit kurzem durchgemacht kommt ihm merkwürdig vor Er
weiß dass es neu ist was er fühlt aber er will sich nicht durchforschen Es
ist als ob man in seinem Herzen etwas baue und er will warten bis es fertig
ist Er denkt an jenes Bild der Stationen wo der nackte Jüngling mit einer
Zange dem Heiland die Dornen von der Dornenkrone nimmt Und während er daran
denkt erschrickt er bleibt stehen und lauscht Aber es pfeifen nur die
Bäckerjungen in ihrem monotonen Diskant
    In der Schule hörte er nichts von dem was gelehrt wurde hatte nicht
memoriert eine wichtige Lektion nicht geschrieben und kam in den Strafbogen Er
begriff nicht warum er all das Tote in sich aufnehmen solle da es doch auf
jedem Schritt des Lebens genug gab Er begriff die Verachtung in der die
meisten Lehrer bei den Schülern stehen sie galt nicht der Person sondern dem
Amt Es galt der Handwerkerart die feierlichen Dinge der Geschichte mit dem
Gedächtnis feilschend herabzuwürdigen erlauchte Namen so zu nennen als ob es
gälte ein Adressbuch durchzulesen Alt diesem Morgen begann Agaton zu sehen
wie wenn ein Brett von den Augen seiner Seele genommen wäre und dies erregte ihn
so dass seine Wangen ab und zu erbleichten Nur ein Lehrer war es an dem er mit
abgöttischer Verehrung hing an den er mit keinem Hauch von Kritik zu rühren
wagte Dieser Lehrer Erich Bojesen hatte sich von Anfang an durch die Art
empfohlen wie er die Wissenschaft der Chemie vor den Schülern zerlegte so dass
auch der Blöde und der Boshafte aufmerksam wurden Er griff gleichsam mit
lebendiger Hand in die Nacht der Natur oder in die Feuer der Natur und holte
ihre Rätsel hervor die er trotz aller Erläuterungen Rätsel und Wunder bleiben
ließ Er tat nicht wichtig mit der Wissenschaft und spielte nie mit ihr machte
auch nichts »Interessantes« daraus sondern er stand hinter seinen Retorten und
Röhren wie einer der im Tempel steht und im Begriff ist einen Gott zu
predigen dessen ganze Schönheit und Größe nur er selbst kennt Er glich einem
jungen Priester der die gedruckten Gebetbücher verachtet und sein eigenes Gebet
haben will und hat
 
                                Fünftes Kapitel
Als Stefan Gudstikker mit dem kleinen Knaben das Innere des hallenden Gebäudes
betreten hatte hörte das Schreien wieder auf Dennoch beschloss er der Sache
auf den Grund zu gehen Er stieg die Treppe hinan wurde nachdenklich gestimmt
durch die düstere Stille des Hauses schüttelte den Kopf über die mangelhafte
Beleuchtung und betrachtete ein bemaltes Glasfenster das den Propheten Jephta
mit seiner Tochter zeigte Er öffnete eine Türe wobei sich das Bürschchen
ungeduldig zwischen seine Beine drängte und hatte einen weissgetünchten fast
finsteren Saal vor sich in welchem Bett an Bett stand dreißig oder vierzig wie
in einer Kaserne und über jedem der weißen Tücher schaute ein kaum weniger
weißes Knabengesicht hervor mit geschlossenen Augen geschlossenen Lippen
angestrengten Lippen die sich zu bemühen schienen Seufzer zurückzuhalten Eine
dumpfe Luft schlug heraus und Gudstikker schloss schnell wieder zu stand ratlos
da und sah die Augen des zerlumpten Knaben verehrungsvoll und flehend auf sich
ruhen Da ertönte wieder das Schreien lauter und eindringlicher Der Kleine
rang stumm die Hände und das Verzweifelte in der Gebärde trieb Gudstikker mehr
an als Worte
    In einem schmalen Raum saß der Schuldiener mit einer blauen Brille
riesenhaften Filzschuhen und einer Art Kaftan und nickte schläfrig wenn ihn
sein Gegenüber der Vorsteher anredete fuhr er auf machte ein devotes Gesicht
und schlug mit einem spanischen Rohr klatschend auf den Rücken eines etwa
dreizehnjährigen Knaben der mit Riemen auf ein Brett festgeschnallt war Der
Knabe öffnete dann den Mund zu einem Schrei der lang hinhallte und langsam
erstarb worauf er in eine schmerzliche Starrheit verfiel Dies alles hatte
etwas Gespensterhaftes und Stefan Gudstikker hätte lachen müssen wenn er nicht
das Gesicht des Knaben gesehen hätte ein altjunges Gesicht mit der Erfahrenheit
früher Schmerzen und bohrendunruhigen Augen Knabenaugen die manchem Mann zu
denken geben konnten Kaum sah der Bursche an Stefans Seite das Unglück seines
Freundes als er auf ihn zustürzte und bitterlich zu weinen anfing
    »Ruhig was ist hier los« rief der Vorsteher erstaunt
    »Was ist hier los« wiederholte getreulich der mit den Filzschuhen und
zeigte einen wahren Schwertfischzahn der wie eine Schaufel aus der Unterlippe
hervorragte
    »Wo kommt ihr her« fragte der Vorsteher und schaute seine dicken Finger an
als wären sie durch die Erscheinung der Fremden beschmutzt
    »Wo kommt ihr her« fragte auch der Blaubebrillte und versteckte seinen
Zahn so gut es ging
    Stefan Gudstikker erwiderte nichts nahm sein Messer durchschnitt die
Riemen und hob den Knaben herab
    »Was soll das bedeuten Was erlauben Sie sich junger Mann« donnerte der
Vorsteher und suchte die Angst seines schlechten Gewissens vergeblich zu
bemänteln
    »Was berechtigt Sie zu einer so grausamen Folter« fragte Gudstikker
finster
    »Er huldigt der Unzucht verstehen Sie und das muss bestraft werden Da alle
andern Mittel vergebens sind muss er bestraft werden Seine Mutter selbst hat
ihn hergebracht mir allein steht es zu über seine Bestrafung zu entscheiden
Was haben Sie hier zu suchen und dieser nichtsnutzige Bengel wessen erfrecht er
sich«
    »Wollen Sie mir den Knaben für einige Tage überlassen« fragte Gudstikker
nach einigem Nachdenken »Ich werde ihn heilen Ich habe mich wissenschaftlich
mit solchen Dingen beschäftigt«
    »Sind Sie Jude«
    »Nein«
    »Dann bedaure ich Bedaure lebhaft«
    »Aber Herr Direktor« erwiderte Gudstikker sanft »Bei Ihrer Vernunft und
Bildung müssen Sie doch einsehen dass hier die Frage der Konfession von geringer
Wichtigkeit ist Ich bin wohlbekannt in der Stadt Ich bringe den Knaben zu
meiner Mutter Frau Elise Gudstikker und sobald Sie ihn zurückverlangen können
Sie ihn haben«
    »Ja wenn Sie glauben« meinte der Vorsteher unentschieden »Gut« sagte er
dann »auf acht Tage vorausgesetzt dass nichts geschieht was die Religion
beleidigt Du kannst mit diesem braven Mann gehen Sema Hellmut Marsch Troll
dich Ungeratener«
    Gudstikker ging mit den zwei Knaben Er lachte in sich hinein Er wusste dass
der Vorsteher froh war den Knaben los zu sein
    Zu Hause fand er die Mutter unpässlich Sie lag auf dem Sofa sah etwas
bekümmert aus forderte ihn aber gar nicht auf zu erklären wie er zu den
Kindern komme Sie kannte sein jäh und abenteuerlich handelndes Wesen gut genug
Sie kannte auch seine redselige und mitteilsüchtige Natur zu sehr um sich
neugierig zu zeigen Sie hatte eine eigentümliche Strenge im Gesicht einen
Blick von dem man glaubte dass er den Körper wie Glas durchdringe Den
jüdischen Knaben sah sie an lachte leise und hart betrachtete seine langen
dünnen Finger das abgesetzte Handgelenk nickte Stefan zu legte sich ruhig
wieder hin und sah mit spöttischem Lächeln in die Lampe
    »Können sie hier schlafen Mutter« fragte Gudstikker
    Der Judenknabe schien alles tief in sich aufzunehmen was er sah und hörte
dem Spiel seiner Augen nach zu schließen Die einfache und gemütliche Stube mit
dem weißen Kachelofen der leise in sich hineinbrummte die Nacht draußen mit
dem einförmigen Flussgerausche die stille Lampe die alten Bilder an den Wänden
er besah es mit scheinbar verächtlicher Gelassenheit doch mit einer gewissen
inneren Unruhe Er schien wenig empfänglich für die unaufhörlichen Liebkosungen
seines Freundes doch tauchte bisweilen sein Blick angstvoll in den des kleinen
Zerlumpten
    »Nun das ist doch jüdische Degeneration wie sie im Buch steht« sagte
Gudstikker zu seiner Mutter
    »Ich weiß nicht was im Buch steht« entgegnete sie lakonisch »Eigentlich
sind die Juden viel bessere Menschen als wir edlere Menschen Sie trinken
nicht sie betrinken sich nicht sie stehen besser da in der Welt als wir Wenn
bei uns nicht alles aus dem Leim geht haben wirs den Juden zu danken«
    »Im Gegenteil Sie sind ein Geschlecht von Zerstörern Ich bin der Ansicht
dass unsere ganze Kulturkrankheit Judentum heißt«
    »Wer weiß vielleicht heißt sie auch anders« entgegnete Frau Gudstikker mit
feinem Lächeln »Das sind so Worte mein Lieber Ich bin zu dumm dazu«
    Gudstikker schwieg und verfolgte ein wunderliches Schauspiel zu seinen
Füßen Der große Bernhardinerhund erhob sich aus der Ofenecke tappte zu den
zwei Knaben beschnüffelte den kleinen Zerlumpten brummte er war kein Freund
der Kinder beschnüffelte Sema und statt wieder zu brummen leckte er die Hand
des Knaben ließ sich neben ihm nieder und blickte gespannt in dessen Gesicht
als ob er einen Befehl erwarte
    Am andern Tag gegen Mittag kurz nachdem er aufgestanden war bat Gudstikker
seine Mutter um Geld Sie erwiderte dass sie schwer etwas entbehren könne er
möge einstweilen seine Uhr versetzen
    »Mutter« erwiderte er ernst »du weißt dass das gegen meine Natur geht
Willst du aushelfen oder willst du nicht«
    Sie gab was sie konnte »Wie lange wird es noch dauern bis deine großen
Ideen verwirklicht sind« sagte sie sarkastisch seufzend »Dein Wahn ist nicht
billig«
    Gudstikker lachte verächtlich und ging Nach dem Essen begab er sich ins
Kafehaus vergrub sich in Zeitungen saugte alle belletristischen politischen
und vermischten Neuigkeiten in sich auf wie ein trockener Schwamm das Wasser
zahlte erst als es dämmerte dann ging er zu einem Trödler versetzte sein Uhr
und machte sich auf den Weg nach Zirndorf um die Nacht in der Ziegelei zu
verbringen
    Die Flut war nun so weit zurückgetreten dass die gewöhnlichen Wege gangbar
waren Bei Dambach war ein Notsteg errichtet und schwankte hin und her wie eine
Schaukel Abenddunst huschte schattenhaft über das Wasser das rauschend
dahinschoss Dann trat der Mond heraus kalt klar eine halbe Scheibe Aus der
öden Ebene wurde ein Nebelreich die ferne Stadt schien eine alte Festung aus
Rauch und Staub erbaut der Wald schien zu hüpfen oder sich zu verschieben wie
eine Kulisse Der Mond war tausendmal in tausend Wellen zu sehen auch in dem
ruhigen breiten Wasser womit die Wiesen überschwemmt waren Lichter schauten
aus einem Weiler flimmerlos matte Punkte wie Leuchtkäfer ein Bauer schrie
ein Hund bellte dann fingen plötzlich die Glocken von der Stadt
herüberzuläuten eine unendliche Melodie die langsam strömte wie dunkler Wein
aus grünem Glas
    Gudstikker sah eine Gestalt vor sich Sie wanderte müßig dahin griff nach
Stauden am Weg nach Halmen warf Steine ins Wasser Es war Agaton Gudstikker
griff aus und wünschte guten Abend Agaton erschrak
    »Was denken Sie so den langen Weg ins Dorf« fragte Gudstikker
    »An vieles Oder an nichts«
    »Mir scheint mir scheint Sie sind ein Träumer ein heimtückischer Träumer
ein versteckt kochendes Wasser Niemand ahnt dass es kocht auf einmal fliegt
der Deckel herunter «
    Agaton lächelte überlegen »Warum glauben Sie das« fragte er sanft »Sie
kennen mich doch kaum Sie wollen mir nur imponieren«
    Gudstikker schüttelte melancholisch den Kopf Dann schnupperte er die Luft
durch die Nase und rief »Was für ein Abend Zum Sterben schön Aber dafür haben
Sie ja keinen Sinn Juden haben keinen Natursinn Übrigens muss ich Ihnen etwas
erzählen Ich hatte gestern ein merkwürdiges Abenteuer Als ich am jüdischen
Waisenhaus vorbeiging hörte ich furchtbares Schreien Die Straße menschenleer
ein kleiner Junge stürzt auf mich zu nennt mich Herr Jesus zerrt mich die
Stiege hinauf durch drei vier Schlafsäle durch ein ödes Schulzimmer durch
eine Art Betsal und ich höre wieder schreien«
    »Im Haus«
    »Im Haus Ich öffne eine Tür zwei große Kerle in schwarzem Talar stehen
da der eine betet und der andre schlägt mit einer Hundspeitsche auf den Knaben
los Ich wie toll schlage den einen zu Boden drücke den anderen an die Wand
nehme den Knaben ab und gehe mit ihm fort Die beiden Zuchtmeister mir nach auf
der Gasse entsteht ein Auflauf und schließlich hab ich noch Mühe die Elenden
vor der Wut des Volkes zu retten« Gudstikker ward bleich bei dem Bericht es
war als sähe er alles mit doppelter Deutlichkeit vor sich
    Agaton sah seinen Begleiter mit leisem Misstrauen von der Seite an »Weshalb
hatten sie ihn denn so gegezüchtigt« fragte er
    Gudstikker sagte etwas wobei Agaton die Hände zusammenschlug
    »Ja es ist eine schmutzige Welt in der wir leben« seufzte der andere
»Wir waten durch den Kot in dem sich die Sterne spiegeln Wir sind zu gebildet
um noch brauchbare Menschen zu sein Wir wissen zu viel wir schnüffeln zu viel
in uns selber herum Die Psychologie hat lauter Hamlets aus uns gemacht Zürich
Sperling der war kein Hamlet der war ein Fortinbras«
    »Warum reden Sie immer wieder von Zürich Sperling« sagte Agaton gequält
    Gudstikker blieb stehen heftete seine Blicke durchdringend auf den
Gefährten und seine Augen sahen groß und feurig aus im Licht des Mondes Sie
waren auf dem Hügelkamm angelangt Die Waldnacht starrte sie an in der Tiefe
schimmerten die Lichter von Zirndorf Agaton lehnte sich an einen Baumstamm
sein Gesicht hatte einen visionären Ausdruck »Ich sehe ihn« sagte er
    Gudstikker wich scheu zurück
    »Hören Sie« fuhr Agaton fort »mir ist als könnte ich auch die Zukunft
sehen Einer hat mich so weit hinaufgehoben dass ich sie sehen kann Zürich
Sperling Nicht weil er gelebt hat sondern weil er tot ist Aber fragen Sie
nicht«
    Sie gingen weiter Gudstikker kaute an einer erloschenen Zigarette Über den
Mond zogen flaumige Wolken ohne dass sie seinen Glanz zu mindern vermochten
    »Was ist eigentlich Ihr Beruf« fragte Agaton
    Gudstikker errötete »Ich schreibe« sagte er bemüht sich selbst zu
verspotten »Ich mache in Kunst Vielleicht wird man bald von mir hören«
    »Aber nicht lange« fügte Agaton versunken hinzu »Sie haben bloß Funken
keine Flamme« Er brach erschrocken ab als er bemerkte wie Gudstikkers Gesicht
sich verzerrte
    An der Ziegelei trennten sie sich Agaton ging heim Es war Vorabendfeier
des Laubhüttenfestes Zum erstenmal hatte Elkan Geier keine Hütte gebaut Doch
fromme Liebe übergoldete die Ärmlichkeit Aus nichtigen Dingen war unter den
Händen Frau Jettes Poesie entstanden Äpfel Nüsse Trauben lagerten auf
blendend weißen Decken Dielen und Fenster waren gescheuert eine kupferne Ampel
brannte über dem Tisch
    Enoch Pohl starrte im Sofawinkel Der fremde Gast war wieder da und las
Gebete Elkan Geiers Gesicht war wie durchpflügt von Unglück So ging er seit
dem Mord herum keine Silbe war aus ihm herauszubringen Die verschuldete Summe
hatte er im letzten Augenblick noch aufgetrieben und dem Bruder des Toten
eingehändigt Frau Jette siechte hin Es war oft als ringe sie mit einer
unsichtbaren Macht und sei nicht stark genug die Arme frei zu bekommen Daher
leuchtete es bisweilen dämonisch auf in ihren Augen wie von der Gewissheit der
Niederlage erfüllt und doch voll trotziger Widerstandslust Die Sorge um die
Kinder beschäftigte sie am meisten und sie glaubte Ruhe zu haben wenn nur
Elkan endlich die streitige Vorbeterstelle erhielte
    Um neun Uhr wurden die Kleinen ins Bett geschickt Alles war still Der Gast
las die Zeitung für das Judentum und sah plötzlich empor
    »Es steht schlimm mit Jisroel« sagte er »Habt ihr gelesen von Russland Is
der Jüd ein Verbrecher dass er sich soll steinigen lassen von die Gojim Es wird
ein böses End nehmen ein End mit Schrecken«
    Sie sprachen dann vom Brand in Rot und vom Bankrott einiger Nürnberger
Bankfirmen Frau Jette sagte dass Isidor Rosenau entschlossen sei sein Geld
beim Baron Löwengard zu erheben Das sei lächerlich warf Enoch hin Löwengard
sei sicher wie Rotschild Der Gast hörte es nicht er redete sich in eine
flammende Hitze gegen die Christen und wurde schließlich phantastisch in seinen
Anklagen Er ist um ein paar Jahrhunderte verspätet dachte Agaton Er kannte
viele solcher Juden das Gebet ging ihnen über alles über Gott selbst und wer
nicht betete war der Feind der Christ etwas Unreines Übelriechendes lag über
diesen Eiferern wie über abgestandener Speise
    »Ja« sagte Elkan Geier müde »das ist ja ganz recht aber schließlich sind
wir doch nur Geduldete Wir speisen an einer fremden Tafel und bei einem fremden
Volk Was können wir fordern Nichts Erobert haben wir ja genug die einen
viel die andern wenig«
    »Und wenn der Messias kommt wird alles unser sein« murmelte der Gast und
drückte die Augen zusammen
    Elkan bog den Kopf leicht vor und seine beiden Mundwinkel zuckten Darin lag
schmerzlicher Zweifel Agaton liebte in diesem Augenblick den Vater sehr
    Bald sagte er gute Nacht Ihm war wunderlich zu Mut Er hatte ein Gefühl von
Macht und Freiheit ihm war als könne er die bunten Verwicklungen des Lebens
lösen wenn er nur die Hand erhob Er wollte noch nicht schlafen darum ging er
in den Hof und schlürfte die Nacht in sich ein die so still war spätsommerlich
lau trotzdem der Oktober schon weit vorgerückt war Der zerbrochene Zaun der
verwilderte Gemüsegarten in der Ferne die Felder die niederen Häuser alles
zitterte in der sanften Bronzierung des sinkenden Mondes Er hörte etwas
murmeln ging ohne Furcht den Lauten nach öffnete das Scheunentor und wurde
bleich vor Bestürzung als er auf einem Strohlager den alten Gedalja gewahrte
der in einen Kerzenstumpf blickte und Agaton eifrig zu sich herwinkte als er
ihn gewahrte
    »Psch nix reden« rief er mit unterdrückter Stimme »Mausstill sein sonst
schneid ich dr ab die Ohren Setz dich her zu mir und ich will dr sagen was
Guts für dein Leben Hör zu Jung Ob de bist reich ob de bist arm s is ganz
egal ob de bist gottesfürchtig ob de bist nit gottesfürchtig s is aach egal
Müsst ich sonst sitzen auf Stroh in der Scheune wie Hiob und unterm Gras wie
Nebukodnezor Ich will dir geben en guten Rat un sollstn nit vergessen in
deinem Leben Sag niemals un wenn de wirst siebzig Jahr sag niemals dass de
hast einen Menschen wozu de haben kannst Vertrauen Gott im Himmel bin ich
geworden neunzig Jahr un meine Kinder schämen sich meiner Hab ich gehabt e
Gut e Haus un e Viech un e Frau un es Unglück is gekommen un hat aufgesperrt
seinen Rachen dass ich jetzt sein muss heimlich in der Scheune meines Vetters
bis er wird sein willig mir zu geben e Kammer für die Nacht Glauben is kaaner
mehr in der Welt ich spürs am eignen Fleisch Gott hat die Zeit verloren sie
is ihm gefallen aus der Hand nebbich Du hörst se schreien von Juden un
Christen aber was se meinen is das Geld un was se nicht meinen is die
Frommheit Was is Gott Is das Gott wenn ich mach e Kreuz wenn ich bet in der
Tora Is das Papier Gott Is das Holz Gott Is Gott der Himmel is Gott der
Mond Nix is Gott Gott is meine Gutwilligkeit un mein Armsein Ich bin Gott du
bist Gott e Gespenst is Gott e Stück Armut und Elend«
    Er hatte die Hände erhoben und seine Augen standen voll Tränen Zerrissen
mit sich und der Welt lag er da Agaton war versteinert Dann begann der Alte
wieder leiser und ruhiger »Jetzt gehste wieder hin wo de bist hergekommen
legst dich schlafen un bist still Du bist e gescheiter Mensch un wirst
schweigen Ich muss sein allein Ich kann nit sehen vor mir e menschliches
Gesicht«
    Agaton wandte sich verschloss die Tür ging ins Haus in sein Zimmer
kleidete sich aus  alles wie bewusstlos Dann legte er sich ins Bett und dachte
nach weit über Mitternacht hinaus
 
                                Sechstes Kapitel
Er stand auf spürte die Nacht um sich her mit den Fingern kleidete sich an
ging hinab und obwohl er sich nicht bemühte leise zu gehen schwebte er nur so
hin über die Treppe und den Flur Aus der Straße war es zauberhaft still
Häuser Gärten Brunnen gefroren in Ruhe Er schlich um das Sebalderwirtshaus
herum erkletterte das Weinlaubgerüst stand oben vor einem vergitterten
Fenster presste sich mit seltsamer Geschicklichkeit durch und hüpfte durch die
geöffneten Fenster in Zürich Sperlings Schlafgemach Es war vollkommen finster
doch sah er jeden Gegenstand auch den verstecktesten mit brennender
Deutlichkeit Zürich Sperling lag nicht im Bett sondern saß auf einem Stuhl
starrte in den leeren Ofen und sagte »Mich friert«  »Soll ich einschüren«
fragte Agaton sanft Er kniete hin und heizte Das Material das er dazu
gebrauchte fühlte sich an wie Wolle und schließlich wurde es nass und er sah
dass er mit Blut geheizt hatte Dann öffnete sich die Tür und von den flackernden
Flammen beleuchtet kam Stefan Gudstikker herein Er führte an einer Leine zwei
Hunde zwei Katzen und zwei weiße Mäuse die alle gehorsam hinter ihm
herschritten Er ging auf Agaton zu und reichte ihm einen Brief über den
Agaton in große Bestürzung geriet und dann sah er plötzlich seine Mutter die
mit rollenden Augen etwas Unverständliches sagte Jetzt stand Zürich Sperling
auf und sagte »Es lebe das Kapital Es lebe die Schnaps und Fuselbrennerei Es
lebe die Bürgerschaft die überem Pulverfass schnarcht Es lebe die Revolution
Ich bin Robespierre Ich bin der ewige Jude Es lebe der Tod« Plötzlich wurde
es hell im Zimmer Agaton wusste nicht ob durch die Flammen im Ofen oder durch
ein Feuer von draußen Da begann das Kruzifix an der Wand lebendig zu werden
Agaton sah ein Männergesicht von erhabener Schönheit und kniete nieder Doch
als er wieder emporblickte sah er statt dessen eine nackte Frau Es war
Jeanette Sein Herz klopfte zum Zerspringen Sie nahm ihn bei der Hand und
führte ihn fort durch das leere Dorf durch die Stadt durch Wiesen und Wälder
und Felder dann kam eine öde Strecke dann eine Brücke die über einen
grauenhaften Schlund hinwegführte und endlich kam ein Garten auf einem Hügel
und in der Tiefe erwachte der Morgen die Sonne rot schwer und langsam Alles
war zerstoben glänzend kam der Tag
    Frau Jette blieb als die Männer zur Synagoge gingen im Bett Die
Morgenzeitung brachte die Nachricht von dem Bankrott einer großen Nürnberger
Firma Darüber war alles erregt im Dorf Aber der Putz in dem die Weiber zum
Gottesdienst eilten war darum nicht weniger prächtig In Samt und Seide mit
kostbaren Hüten und gelben Schuhen tänzelten sie an den Düngerhaufen vorüber
durch das schmutzige Dorf Ernster und stiller betrugen sich die jungen Mädchen
Es waren Mädchen mit schönen zarten Gesichtern dabei voll jener grundlosen
Schwermut die nur den Juden eigen ist mit jenen schwarzen Augen die keine
Tiefe haben mit den zartleuchtenden Stirnen alter Geschlechter
    Die Männer schalten und disputierten lauter als je Sie gingen in Haufen und
kamen kaum vorwärts Alle redeten mit den Händen und fochten mit den Armen man
danke für die Ehre einen halben Goij zum Vorbeter zu haben man möge überlegen
dass Elkan Geier nicht einmal geborener Zirndorfer sei Das sei gleichgültig
wenn er nur ein guter Jüd sei Er sei aber kein guter Jüd Schicke er nicht
seinen Sohn in die Christenschule nach Fürt Das täten andere auch dann seien
andere auch Schweine Goijem Schabbesgoijem Kämme er sich nicht am heiligen
Schabbes mit einem Kamm
    Die schwarzen Zylinder fuhren ruh und ratlos hin und her
    Weit hinter ihnen schritt Agaton unschlüssig ob er dem Gottesdienst
beiwohnen solle Da gesellte sich ein junges Mädchen von etwa sechzehn Jahren zu
ihm Es war Monika Olifat die Tochter einer jüngst aus Polen eingewanderten
Frau Sie kam aus freien Stücken zu ihm und er errötete vor ihrer Schönheit und
vor ihrer Unbefangenheit
    »Sie sind Agaton Geier« redete sie ihn in reinem Deutsch an mit einer
glockenhellen melodischen Stimme
    Er nickte langsam
    »Ich habe von Ihnen gehört Ihr Vater will Vorbeter werden«
    Er nickte wieder
    »Aber warum wollen es die Leute nicht«
    »Ich weiß nicht Sie sind neidische erbärmliche Menschen«
    »Braucht ihr es denn so nötig«
    »Ja meine Eltern sind sehr arm Wenn sie nicht die Zinsen von dem Geld
hätten das für uns Kinder beim Bankier Löwengard deponiert ist hätten wir kaum
Brot genug« Er sprach etwas stockend und war schließlich geärgert über seine
ungewohnte Mitteilfreude
    »Wissen Sie was« sagte Monika Olifat »wir wollen Freunde werden
Vorausgesetzt dass es Ihnen nicht langweilig ist« Agaton sah sie an und jetzt
errötete sie »Ich suche einen Freund« fuhr sie verwirrt und wie entschuldigend
fort »Also wollen Sie« Sie hielt ihm schüchtern die Hand entgegen und
schüchtern legte er die seine hinein
    »Freunde sind Verbündete« sagte Monika Olifat »Sie dürfen einander nicht
verraten und nichts voreinander verschweigen Und jetzt sagen wir uns Du« Sie
nickte ihm vertraulich zu und verschwand in dem für die Frauen bestimmten
Aufgang der Synagoge
    Der Tempel war ein kahler Raum mit hohen farblosen Fenstern alten
Gebetspulten und voll moderiger Luft Während des ganzen Gottesdienstes
herrschte derselbe Lärm wie vorher auf der Straße Erst als ein Rabbiner aus
Fürt die Kanzel betrat um zu predigen wurde es ruhig Diese Predigt war
anfangs mit gelehrten und biblischen Zitaten geschmückt erging sich dann in
patetischen Verwünschungen der Heiden befasste sich des weiteren mit der
Untersuchung eines spitzfindigen Satzes aus der Mischna empfahl die Fahne des
Glaubens hochzuhalten und schloss mit einem Preis des Vaterlandes und des
Kaisers Da erschallte ein erschreckendes Gelächter im Hintergrund Alles wandte
sich mit aufgerissenen Augen um und man sah einen alten Mann sich krümmen und
verbeugen wie eine Katze und einem unsichtbaren Etwas in der Luft zugrinsen Es
war Gedalja Enoch Pohl ging hin um ihn hinauszuführen Tuschelnd verließ die
Gemeinde das Haus
    Als Agaton nach Haus kam saß Gedalja fröstelnd am Ofen und neben ihm
stand Enoch in finsterem Schweigen Elkan Geier hockte auf der Bank am Tisch und
hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt Der pausbäckige Knabe trippelte auf
dem Polster eines Stuhls herum und leckte behaglich summend an der
Zinneinfassung der Fensterscheibe Der Himmel war grau und regnerisch
    »Es nützt nix Enoch« sagte Gedalja »Ich waass dass de hast vergraben dein
Geld im Garten oder im Hof viel Geld Aber mir brauchste ja nix zu geben
dervon«
    »Schweig still du versündigst dich« erwiderte Enoch durch die Zähne
    Der andere Greis schien es nicht zu hören »Es nützt nix« sagte er eintönig
und bekümmert »Wucher treibste aach und ich seh dich noch kommen ins Zuchthaus
mit aller deiner Frommheit Ich seh dich noch kommen ins Zuchthaus so wahr ich
leb un so wahr ich da sitz«
    »Du versündigst dich« murmelte Elkan Geier gequält
    »Was soll ich tun Kann ich mer helfen Er kann helfen Wenn er ausleiht
Geld zu fufzig Prozent soll ich halten mei Maul Ich habs gehört von en
redlichen Mann von en bedauernswerten Mann Enoch den de hast gericht zu
grund Soll kommen sein Wohlstand über dich Soll kommen sein Ansehen über dich
Aber haste zu grund gericht den Bäcker wirste aach zu grund richten den
Schuster Un endlich wird kommen der Zugrundrichter über dich un werd haben kein
Erbarmen wie du hast gehabt kein Erbarmen Enoch Dann is geschändet dein Name
un deine Familie un is geschändet der Jud Haste nicht mir geliehen dreißig
Taler Enoch voriges Jahr Ostern zu gutem un ich hab dr zurückgegeben fufzig
Taler um Pfingsten Die Welt is groß un dreht sich ich waass un mancher
verschlupft in en Winkel vor der Vergeltung aber manchen packts auch un er muss
lassen Ruh un Frieden for sein Alter Ich hab gesprochen und bin stumm«
    Isidor Rosenau kam und wurde sehr lau begrüßt Er der bisweilen
ateistische Anwandlungen verspürte begann einen etwas umständlichen Vortrag
über Widersprüche in der Bibel zu halten Er hatte irgend etwas irgendwo
aufgeschnappt und glaubte damit die ganze Schöpfungsgeschichte um ihre Vernunft
gebracht zu haben »Wenn Adam und Eva und Kain und Abel allein in der Welt waren
und Abel ging hin und nahm sich ein Weib aus der Fremde so waren sie doch nicht
allein gewesen« So rief er triumphierend
    Erst antwortete ihm niemand dann sagte Gedalja mit einer Geste deren Stolz
und Vornehmheit Agaton unvergleichlich schienen »Junger Mann die Schrift is
nit geschrieben dass se wird gelesen mit die leiblichen Augen sondern mit die
geistigen Sie soll nicht werden studiert sondern sie soll werden getrunken wie
Wein Sie hat Symbole dass wir können messen daran unseres eigenes Leben Un wir
sollen nicht messen daran mit der Schneiderelle sondern mit unserm Gewissen«
    Agaton fühlte seine Augen feucht werden Er erhob sich ging zu dem Greis
und küsste ihm rasch und errötend die Hand
    Doktor Schreigemut kam um nach Frau Jette zu sehen Er brachte eine
Gemütlichkeit zum Krankenlager als sei der Tod eine eitle Schrulle und sein
weinrotes Gesicht glänzte als ob Kranksein den erstrebenswertesten Zustand
bedeute Er schrieb ein »Rezeptchen« wie er sich ausdrückte verbreitete sich
eingehend über die politische Lage kniff Mirjam in die Wange und entfernte sich
befriedigt Die Ladenglocke läutete und ein Bauer verlangte Tabak zu kaufen
Elkan Geier rief hinaus heute sei Feiertag und der Laden geschlossen Er schlug
die Tür zu gleich darauf verließ er aber das Zimmer Agaton wusste dass er in
die Küche ging um die Magd zu bitten dass sie den Tabak verkaufe
    Der Tag ging hin Aber diese Herbsttage sind gar nicht sie sterben langsam
sind bloß ein Vergehen Sie fallen kraftlos in die Arme der heraufsteigenden
Nacht und die Nacht nimmt sie auf den Arm wie die Mutter ein Kind nimmt und es
einlullt mit gesummten Liedern Am Nachmittag half Agaton ein Zimmer für
Gedalja instand setzen für die nächsten Wochen war dem Alten eine elende Kammer
zwischen Hof und Hühnerstall überlassen worden Dann ging er spazieren Über
sein Tun und Denken war eine leidenschaftliche Unruhe gebreitet Der Weg führte
ihn vor das Haus wo Monika Olifat wohnte Sie sah aus dem Fenster und winkte
ihn freudig hinauf Sie war allein die Mutter und die kleinere Schwester
machten Besuche
    »Ich freue mich dass du gekommen bist« sagte Monika sanft als er in das
hübsche Zimmer trat Sie redeten eine Weile verlegen hin und her dann brachte
Monika ein Buch woraus sie ihm polnische Gedichte vorlas Er hatte sie darum
gebeten obwohl er die Sprache nicht verstand Es war ihm genug ihre Stimme zu
hören die rein und hell dahinfloss ein ungetrübter Strom Die Stimme machte
alles heiter um ihn und er hatte ein unbezwingliches Verlangen nach Heiterkeit
und Freude in sich ein Verlangen das täglich wuchs und ungestümer wurde So
kam es ihm vor dass in diesen mysteriös klingenden Versen das Herrlichste und
Sonnigste enthalten sei das je ein menschliches Ohr vernommen und dass man sie
nur zu verstehen brauchte um von allen Sorgen erlöst zu sein
    Sie klappte das Buch zu und sagte entschieden »So jetzt wollen wir uns
unterhalten«
    Das war nun wohl gesagt aber dabei blieb es Denn Agaton war still und
Monika auch Denn wer konnte reden wenn es draußen dämmerte Der müde Himmel
schien herunterzusinken die Bäume bogen sich verschwammen schienen in die
Erde zu fallen Das Wasser auf den Wiesen spiegelte den Himmel wider stets
matter und matter wie Glas das überhaucht wird Agaton sah nur noch die
zarten Linien eines Profils eine leicht gebogene Nase eine schmale Stirnlinie
zuckende Lider hinter denen dunkle Augen gleich lebenden Kugeln strahlten und
ein Kinn das ihn an eine Puppe erinnerte
    »Du sprichst ja nichts« flüsterte Monika befangen
    »Lass uns nicht sprechen« erwiderte Agaton mit bebender Stimme
    »Was soll man auch sagen« gab Monika zu Sie ergriff seine Hand und
streichelte sie vorsichtig »Warum zitterst du denn Agaton«
    Agaton sprang auf nahm seinen Hut und rannte fort  hinaus und ging erst
wieder langsam als er in der Hauptstraße des Dorfes war Er lächelte voll Scham
und Neue
    Den Kopf voll marternder Gedanken ging er zu Hause vom Flur in den Hof vom
Hof in den Flur Dann stieg er die Treppe hinauf wie unwillkürlich aus dem
Bedürfnis nach der Höhe An ihrer Kammertür stand die Magd nur mit einem
Unterrock und einem Hemd bekleidet Ihr Haar war lose ihre festen Schultern und
die Hälfte der Brust waren nackt So stand sie vor der halboffenen Tür
schwankend beleuchtet von dem Kerzenlicht in der Kammer und lächelte halb
blöde halb begehrlich Agaton zu Seine Zähne schlugen aneinander er wollte
nach einem Halt greifen er wollte etwas sagen doch sogleich legte es sich wie
eine Kette um seinen Hals und es wurde ihm so unerträglich heiß dass er den
ganzen Körper feucht werden fühlte Mit einem dumpfen Schrei floh er
    Noch besinnungslos stürzte er in die Kammer des alten Gedalja kniete vor
ihm nieder nahm dessen Hand und flüsterte wirr bleichen Gesichts Der Greis
fragte und konnte nichts herausbringen doch bald bekam er auf Umwegen Klarheit
Er nickte ein paarmal wissend vor sich hin »Setz dich her mein Jung und ich
will dir sagen was for dein Herz un wie de sollst sein gegen die Weiber Bin ich
worn gestraft un hab gehabt zwaa Weiber nebbich un war kein Glück und kein Segen
dabei Das Weib is gut für die Stund wenn se hat keine Sanfteit for den Mann
Sie mag sein aufgeklärt sie mag haben Geld sie mag sein sparsam sie mag sein
gottesfürchtig wenn se nicht is weich wie lehmige Erd dass de kannst formen das
Bild wo de willst taugt se nix for dich Und wenn de hast eine große Begehr
dann gehste hin sonst wird verstopft dein Geist un dein Gemüt un du siehst
Gespenster beim helllichten Tag Lass dr nit einjagen Angst durch die falschen
Lehren es is kein Unglück un kein Verbrechen es is menschlich un du sollst
bloß schweigen davon Un wenn de eines Tages fühlst mehr und dein Herz werd sein
voll Liebe dann gehste hin und siehst ob se gefällt deinen Sinnen Un wenn se
gefällt deinen Sinnen gefällt se aach deinem Haus un deine Kinder Das wirste
nit verstehen heut aber de wirst es verstehen bald un wirst gedenken an meine
Worte«
    Agaton war nicht beruhigt Im Gegenteil er war noch erregter als vorher
Es wurde Abend und er fühlte sich gefangen in einem verworrenen Knäuel von
Rätseln Er stand in dem schmalen Vorplatz der zur Kirche führte und wo es
stockfinster war Er drückte sich krampfhaft an die Holzplatten der Rückwand und
sah in das winzige Lämpchen das auf dem Anricht in der Küche stand Er hörte
nahende Schritte und erschrak wie ein Verbrecher Es waren trippelnde tastende
gleichsam spionierende Schritte und endlich kam die geduckte spähende Gestalt
Enoch Pohls zum Vorschein Er lispelte unhörbar seine Augen stierten in die
matt erhellte Küche es war als ob sie ihm vorauseilten um die Küche
abzusuchen dann tappte er hastig auf den Blechkorb am Vorhang zu wo das
Hausbrot aufbewahrt wurde nahm das Brot riss die Anrichteschublade auf packte
mit schlotternden Händen ein Messer und schnitt ein großes Stück Brot herab
immer angstvoll lauernd in die Richtung des Flurs blickend Dann klappte er den
Blechkorb vorsichtig zu legte das Messer wieder an seinen Platz biss hungrig in
das erbeutete Stück Brot hinein und schluckte den Bissen gierig hinunter Das
andere verbarg er in seinem Wams Schleichend wie er gekommen entfernte er sich
wieder
    Agaton hatte alles gesehen Er wankte und mit einem Aufschrei brach er
zusammen Lange kauerte er so und niemals war in seiner Seele das inbrünstige
Verlangen so stark gewesen dieser dunklen Welt um sich her Freude zu bringen
Als er aufsah und sich entfernen wollte erblickte er seinen Vater der
unbeweglich vor ihm stand und die Hand schwer auf seine Schulter legte
 
                               Siebentes Kapitel
Als Frau Gudstikker am Morgen das Frühstück bereitete musste sie zum Brunnen
und als sie zurückkam waren die beiden Knaben Sema und Wendelin verschwunden
Sie hatte nun wieder Grund zu jenen stoischen und schwarzsichtigen
Betrachtungen die ihr ein hartes Leben und ihre stolze Natur nahe legten Ihre
Gedanken nahmen stets einen erbarmungslosen Gang und dabei schonte sie nicht
was ihr teuer war Als Stefan spät nachmittags nach Hause kam fragte sie ihn
wo er herumgestreunt sei
    »Du weißt ich streune nicht Mutter« entgegnete er mit blitzenden Augen
den Kopf hoch aufrichtend
    »Ja ich weiß es« entgegnete sie wie nachdenklich und blickte ironisch auf
seine staubbedeckten Stiefel
    »Wo sind die Knaben«
    »Fort«
    »Wie«
    »Ich habe sie heimgeschickt«
    »Was heißt das Du weißt doch dass ich den Burschen brauchte Es war ein
interessanter Fall Wie konntest du sie fortschicken«
    »Es ist nicht nötig dass du mit Menschen spielst Spiele mit deinen Ideen
Darüber bist du Herr«
    Gudstikker atmete schwer »Mutter ich betrete dein Haus nicht mehr« presste
er endlich hervor und stürzte fort Sie lächelte gutmütig hinter ihm her
öffnete das Fenster und schaute ihm lange Zeit nach
    Stefan Gudstikker ging zum Friseur wo er über eine halbe Stunde saß um
sich Haar und Bart verschönen zu lassen und bei Anbruch der Dämmerung erwartete
er vor den Anlagen seine Verlobte
    »Sie haben mich fast geschlagen« waren Kätes erste Worte »Ich sei
heimlich mit dir zusammengetroffen Du sollst zu uns ins Haus kommen«
    »So« Er nahm hastig ihren Arm und schritt weiter
    »Nein nein« wehrte sie angstvoll »Nicht jetzt Du darfst sie nicht
herausfordern«
    »Ich schlag alles kurz und klein« Er machte eine verzweifelte Gebärde der
Auflehnung
    »Ach Stefan warum ist das alles so Warum hast du nicht viel Geld Bei
deinem Genie Warum ist alles so traurig um uns«
    »Es wird anders Liebchen es wird anders Ich werde Geld haben Macht
haben alles was du willst Ich werde die Welt aus den Angeln heben Ich habe
ein großes Werk vor Du wirst sehen«
    »Ich glaube ja gern daran Nur ist die Zeit so lang Jeder Tag ein Jahr«
    »Nur Geduld Du wirst sehen Kann ich bei euch essen«
    »Willst du kommen Wirklich Und ohne Zorn Wie herrlich«
    »Mach um Gotteswillen nicht so viel Ausrufezeichen in deine Rede Das macht
mich nervös Ich hasse alle Ausrufezeichen«
    »Was hast du denn Du bist so verbissen seit einigen Tagen«
    »Verbissen Nein Nachdenklich ja Ich verkehre da mit einem jungen
Menschen Agaton Geier einem Juden Ich bin nicht sentimental aber  na du
müsstest ihn sehen Er sieht aus wie es klingt lappisch aber ich muss immer an
Aladdin mit der Wunderlampe denken Und was am sonderbarsten ist unter den
Papieren meines Vaters der ja auch Agaton hieß hab ich Briefe von seiner
Mutter gefunden Sie sind mit Jette Pohl unterzeichnet Sie war noch Mädchen
damals Schön gescheit liebenswürdig vielleicht Etwas Merkwürdiges liegt in
den Briefen dasselbe was in Agatons Augen liegt Aber du schläfst ja«
    »Nein ich bin nur müde«
    Familie Estrich war sehr liebenswürdig gegen Gudstikker und Gudstikker war
ebenfalls liebenswürdig gegen die Familie Estrich Er küsste seine künftige
Schwiegermutter auf die Wange fragte Herrn Estrich nach dem Gang der
ZiegeleiAngelegenheit sang nach dem Abendessen zur Guitarre Volkslieder die
von treuer Liebe handelten und vom Kampf des Mannes um seinen Herd Um elf Uhr
ging er Auf der Straße wurde sein Gesicht finster herb und verzerrt Er schlug
sich an die Stirn und sprach zu sich selbst
    Er suchte ein Kafe auf und in dem Augenblick wo er den Raum betrat
erhielt sein Gesicht wieder den aufmerksamen und übertrieben stolzen Ausdruck
Er begrüßte den Lehrer Bojesen setzte sich zu ihm an den Tisch rieb sich
fröhlich die Hände und erzählte eine heitere Schnurre von einem Soldaten und
einem Fuhrmann die er erfunden hatte aber so darstellte als ob er sie eben
erlebt hätte »Also wie geht es Ihnen lieber Bojesen« fragte er darauf und
rieb sich wieder die Hände »Gut«
    »Wenns nicht geht so zwingt mans eben«
    »Sie sind immer allein Ich habe Sie noch nicht anders als allein gesehen
Wie kommt das«
    »Nun das ist so Gelehrtenart« erwiderte Bojesen mit einer sanften
Selbstironie »Ich muss Ihnen sagen diese Stadt diese Menschen hier sie liegen
nicht innerhalb der Welt Es ist etwas Verlorenes und Verkommenes ein Sumpf«
    »Kein Wunder« sagte Gudstikker »wie leben wir denn Sternenlos Und unsre
jüdischen Mitbürger sorgen dafür dass uns der Himmel holder Ideale noch weiter
fortrückt Eigentlich wundre ich mich immer wenn ich einen anständig
gekleideten Menschen treffe der kein Jude ist«
    »Freilich das ist ein Kardinaltema« gab Bojesen leicht errötend zu »Und
das ganze Land ist in dieser Beziehung was unsre Stadt im kleinen ist Die
Juden bringen ja das geistige Leben der Nation in Bewegung es ist wahr schon
deswegen weil die Presse in ihren Händen ist Vielleicht ist das ein Unglück
vielleicht auch nicht Vielleicht sind da diese scharfen Reagentien diese
Gewandtheit und Schlüpfrigkeit am Platz Vielleicht hat ihre wirtschaftliche
Unternehmungslust mehr Aufschwung im Gefolge als unsrer Bedächtigkeit
erreichbar wäre Aber für das Hauptunglück halte ich dass sie sich nun und von
allen Seiten her auch in die Kunst eindrängen«
    »Ich verstehe Sie haben recht« murmelte Gudstikker den die Beredsamkeit
eines andern ungeduldig machte »Aber schließlich Kunst ist Kunst Man kann ja
Gold legieren aber reines Gold kommt dabei nicht um den Wert«
    »Gewiss Trotzdem ist eine Gefahr Sehen Sie mal früher hatten die Juden
genug zu tun sich die Gebiete zu erobern die ihnen nahe standen Plötzlich
nahmen sie teil an der reichen Kultur die sie selbst mitschaffen halfen und
wuchsen in die Kunst hinein Es war eine unausbleibliche Verbindung Jetzt sehen
Sie überall jüdische Künstler erschreckend viele erschreckend gute Ich
spreche nicht von denen aus vergangenen Jahrzehnten das ist keine Frage mehr
sie haben meist mit der Kunst wie ich sie meine nichts zu tun Von den
heutigen will ich reden Sie sind Künstler echte Künstler daran ist nicht zu
zweifeln Aber sie richten uns zugrunde Alles was wir erworben haben lang und
mühselig damit können sie hantieren alles wonach wir ringen das haben sie
und wenn wir unser Blut hingeben für eine Sache stecken sie dieselbe Sache
schon lachend in ihre Tasche Es fließt ihnen so zu sie haben keinerlei Kampf
damit zu bestehen Und ich will Ihnen sagen woran es liegt sie haben keine
Tiefe Nur in die Breite gehen sie und wenn sie tief scheinen ist es eine Lüge
Sie kommen ja aus dem Schoss eines wunderbaren Volkes Welche Verfolgungen
welche Unterdrückungen Aber wie ein Wurm krümmt sich dieser Volkskörper durch
die Zeiten unerschöpflich an Lebenskraft Aber jetzt naht die Krisis Sie
nehmen uns die Wahrheit und die Aufrichtigkeit in der Kunst das ist wichtiger
als alles andere Sie ersetzen es unbewusst mit dem Schein von Wahrheit dem
Schein von Aufrichtigkeit sie bringen uns eine neue Art von Sentimentalität
die sich als Naivetät gibt und mit grüblerischer Wehmut nach den Gründen der
Dinge schreit Ich schwöre Ihnen mein Lieber das ist eines von den Dingen die
das Schicksal und das Leben ganzer Jahrhunderte verdüstern Darin liegt die
Judenfrage wie man das Ding läppisch nennt Darum müssten die Juden fort und
tausendmal fort Was ist alles andere eine lokale Sache Religion Was ist uns
Religion wir haben keine Religion mehr im kirchlichen Sinn Sie sollen sich ein
Land suchen wo es auch immer sei sie sollen einen König über sich setzen wie
in den alten Zeiten sollen ihren Weizen bauen und ihr Gras mähen und ihre
Häuser aufrichten sagen wir in Australien nur nicht bei uns Sonst geht der
Verfall weiter und wir werden sitzen wie der Frosch an der Mergelgrube Das
Christentum hätte schon längst ausgeatmet wenn das Judentum nicht wäre
abgesehen davon dass es garnicht gekommen wäre und die germanischen Völker sich
einen Gott nach ihrem Blut geschaffen hätten«
    Gudstikker hatte erstaunt und erstaunter zugehört und er war so voll von
Zweifeln und Einwänden dass er zuletzt kein Wort herausbrachte und ein
missmutiges Gesicht schnitt Bojesen lächelte schwermütig »Ich bin abgeschweift
von meinem Thema« bemerkte er mit einer Miene die um Verzeihung bat für das
Feuer und die Leidenschaft seiner Worte »Ich meinte wie man hier lebt darin
sei etwas Unwürdiges etwas Zeitloses und Teilnahmloses für die Zeit Hier wird
man entweder zum Fanatiker oder zum Dummkopf Man kann nicht einmal Einfluss
haben auf die Jugend selbst das ist unmöglich Es ist erstaunlich aber es ist
so Sie dürfen mir glauben Mein Gott was ist das für eine Jugend Sie hat
nichts als was man ihr schenkt Sie ist so arm und man macht sie noch ärmer
dadurch wie man den Unterricht betreibt Doch davon darf ich gar nicht reden«
    »Sie haben wohl Schlimmes hinter sich« fragte Gudstikker der sich völlig
bewusst war eine Allerweltsfrage zu tun Aber er empfand deutlich dass ihm
dieser Mann heute nichts geheimhalten würde dass er sich betäubte durch
Mitteilung und dass er sich jedem Fremden ebenso eröffnet hätte
    »Schlimmes Nein Es ist so gewöhnlich zu gewöhnlich um Aufhebens davon zu
machen Mein Vater war reich und hat mich enterbt weil ich zur Wissenschaft
ging Ich sollte Soldat werden Dann hat mich auch die Wissenschaft verstoßen
und da bin ich Lehrer geworden Ich hätte schon ausgeharrt aber es traf mich
das Unglück dass ich mich verliebte«
    Bojesen schwieg und sah sich mit träumenden Augen rings um Der Raum leerte
sich die Kellner säuberten die Tische viele Lichter wurden verlöscht die
weißen Marmorplatten starrten grell aus den dunklen Teilen des Saales Die Uhr
schien stillzustehn die Zeit schien stillzustehn
    »Und nun wundern Sie sich jedenfalls dass ich hier sitze« begann Lehrer
Bojesen wieder mit gedämpfter Stimme »und nicht daheim bei dieser Frau in die
ich mich verliebt habe Jeden Abend bin ich hier zu treffen im Kreis meiner
sublimen Gedanken denen ich Audienz gebe Ich weiß nicht welcher Geist uns
immer noch mit der Ehe foltert uns die wir mit frischgewaschenen Manschetten
ins zwanzigste Jahrhundert treten sollen An die Harmonie der Flitterwochen bin
ich ja bereit zu glauben vielleicht noch ein Jahr länger aber dann Sagen Sie
mir lieber Freund was soll man tun mit einer Frau die so schön ist wie sie
jung ist wie sie anmutig ist und die nicht hungrig wird an ihrem Körper
Verstehen Sie mich Sie hat kein Verlangen liebt seelisch und wie die schönen
Dinge alle heißen nennt es Schmutz wenn sich die Leiber vereinigen wie es die
Natur sanktioniert hat Vielleicht ist das auch eine Zeitkrankheit eine
Frauenkrankheit aber was soll man tun mit einem solchen Weib Man kann ihr
nichts mehr geben nichts Sie wird einem zum Stein«
    Gudstikker nickte und spielte peinlich berührt mit einem Streichholz
    »Ja« fuhr Bojesen mit einer offenbaren und immer steigenden Lust sich
selbst zu zerfleischen und preiszugeben fort »wenn sonst etwas wäre Ich
wünsche Ihnen niemals Lehrer zu sein Was sind das für Herren auf deren guten
Willen man angewiesen ist Doch lassen Sie mich aufhören zu reden erzählen Sie
mir etwas«
    Gudstikker fragte Bojesen ob er Agaton Geier kenne und Bojesen bejahte
Er scheine ihm ein ziemlich talentloser Schüler zu sein wie alle Er meine
Talent im höheren Sinn wobei das Bewusstsein eines Zieles sei ein um der Sache
willen Schaffen Das könne er bei keinem dieser Schüler finden die die ganze
Schule als eine Art Strafarbeit oder Hindernisrennen betrachten »Das kommt von
oben und geht durch bis zum Pedell Arbeitergeist In wessen Augen ein
Evangelium glänzt der ist gebrandmarkt Das Beste wird von Strebern geleistet
Nun malen Sie sich das aus«
    Die beiden Männer zahlten ihre Zeche Wie Wellen schwankten die Nebel auf
der Straße Am Bahnhof verabschiedete sich Gudstikker
    Bojesen empfand jenes Grauen vor den eigenen vier Wänden das den
energielosen Naturen oft eigen ist und er fürchtete die stumme Sprache seiner
Bücher seiner Spiegel seiner Kerze Ein warmer Wind erhob sich der allmählich
zum Sturm anwuchs und seinen Hut mit beiden Händen festhaltend schritt er
langsam dahin froh des Kampfes mit dem Element Er achtete nicht des Weges den
er schritt er war froh allein zu sein ihm war als ob es völlig einsam wäre
auf dem Erdball In dem bergigen Viertel am Fluss kam er an ein Haus dessen
erleuchtete Fenster mit den Worten geschmückt waren »Zum siebenten Himmel«
    Bojesen ging hinein Vor dichtem Rauch sah er zuerst überhaupt nichts Ein
säuerlicher Geruch von abgestandenem Bier drang auf ihn ein Dann sah er im
Hintergrund neben dem Büffet das Podium mit einem verwahrlosten Vorhang Die
Tische starrten von verschütteten Getränken und Speiseresten Die Stühle lagen
teils auf der Erde teils standen sie auf einem Haufen einer stand auf dem
Tisch In einer Nische befand sich die Ruine eines Billards und die Ruine eines
Klaviers Eine verblühte Dame stellte eine Flasche Wein vor den Ankömmling hin
und erklärte dass die heutige Galavorstellung unterblieben sei weil das
Publikum sich geprügelt habe Bojesen starrte in die Höhe in irgend eine
sonnige Ferne und murmelte »Geliebt und verloren« So saß er eine Stunde lang
ohne sich zu rühren Plötzlich schob sich der Vorhang über dem Podium zur Seite
und der Kopf eines jungen Weibes mit nackten Schultern guckte heraus Das
Gesicht war leuchtend bleich mit einer niederen Stirn mit Augen von einem
ruhigen leidenschaftlichen Feuer mit einem trotzigen Mund »Holla Luisina Es
lebe das Proletariat« rief eine heisere aber jugendliche Stimme Bojesen
schaute hin sah jedoch niemand Das junge Mädchen nickte lächelnd zurück
prüfte Bojesen mit flüchtigem Blick und verschwand Bojesen vergaß niemals den
bösen Ausdruck des Gesichts in jener Sekunde da sie ihn angeschaut Wieder saß
er lange ohne zu wissen was er tun oder denken sollte Dann stand er auf ging
zum Podium schlug den Vorhang zurück und sah eine armselige Bühne vor sich
mit zerrissenen Kulissen an der Seite In einer Ecke saß Luisina und lächelte
ihn spöttisch an als er auf sie zukam »Wollen Sie spionieren« fragte sie
schroff »Es steht Ihnen nichts im Weg Mein Name ist Luisina Stellamare Sie
halten es für unwahrscheinlich Sie glauben dass ich Barbara Müller heiße
Möglich Aber sobald es Ihr Amt erlaubt bitte ich mich des verdrießlichen
Anblickes Ihrer Person zu enteben«
    »Es lebe die Anarchie« rief die exaltierte Stimme wieder »Morgenröte
Fackeltanz Meine Seele ist wie ein Lamm am Ostertag Es lebe der Messias«
    »Das ist der Glühende« sagte Luisina Bojesen zunickend »Er ist meine
Fanfare« Sie lachte und dies Lachen klang wie wenn Glasscheiben klirren Dann
wurde sie wieder ernst drohend und verächtlich ernst »Ja« sagte sie mit einem
Wesen als erachte sie ihre Worte als zu wertvoll um gesprochen zu werden »ich
bin aus der Art geschlagen ungeraten landflüchtig Ich lebe nun das Leben wie
ich es will auf eigene Faust auf eigene Taler mit der Erlaubnis zu jauchzen
wenn ich will und zu lieben wenn ich will Wollen Sie noch mehr wissen Meine
Biographie ist erst nach meinem Tod zu haben«
    »Ich bin der tanzende Stern des Chaos« erschallte die Stimme des Glühenden
eine fette Stimme brummte befriedigt bravo
    Bojesen hatte sich an eine Kulisse gelehnt und sah Luisina mit
halbgeschlossenen Lidern unverwandt an »Glauben Sie an Zufälle« fragte er
endlich »Ich bin hier hereingekommen mit dem Bewusstsein dass ich Ihnen begegnen
würde Meine Seele wusste davon Ich kenne Sie nicht wer Sie auch sein mögen
ich will Sie nicht kennen Nur wünschte ich einen anderen Nahmen für dies Bild«
    »Ach« Luisina sprang überrascht und stirnrunzelnd auf In ihrem Wesen war
etwas so Fischhaftes beunruhigend Lebendiges dass Bojesen auf jedes ihrer
Worte jede ihrer Gebärden harrte Sie kam auf ihn zu lauernd wie ein Tiger
bohrte den Blick ihrer blauen Augen fest in den seinen und sagte »Kommen Sie
hierher um den müden Mann zu spielen Sprechen von Seele Hier gibts keine
Seele Hier wird gelacht getanzt gesungen und getrunken und wer hier
eintritt lasse seine Seele fahren Ihre Dienerin Monsieur« Damit ging sie
graziös und schnell
    Und Bojesen ging auch legte sein Geld auf den Tisch und ging Er verlor
sich selbst in der Nacht Er zählte die Laternen in den Straßen Dann stand er
auf der Brücke und starrte in den Fluss und dachte nach woher all das Wasser
kam wohin es ging warum fließt es in weiten Streifen und Falten dahin nicht
glatt wie ein Glas dachte er Was rauscht es leise was schlägt es an die
steinernen Pfeiler
Es fließt der Fluss und steht nicht
Und Gott ist und vergehet nicht
murmelte er vor sich hin Er suchte ein kleines Gasthaus auf wo er in einem
harten Bett in feuchter Kammer den Rest der Nacht schlaflos zubrachte von
einem Bild gepeinigt das die wachen Glieder zittern ließ bis der Leib unwillig
zurückkehrte in die Finsternis der Kammer mit dem Lichtfleck von Fenster
    Als er am Morgen dem Schulhaus zuschritt dachte er an seine Frau daheim
Aber sie rückte ihm noch ferner in diesen Gedanken als da er ihrer vergessen
hatte sie verschwand in dem Nebel der die Gassen nässte und emporstieg zum
Himmel um selber während des Tages Himmel zu sein
    Im Laboratorium lärmten schon die Schüler Bei seinem Eintritt wurde es
still und alle erhoben sich Die Bänke waren amphiteatralisch aufgebaut
Schränke mit Mineralien klebten an den Wänden Auf dem langen Tisch standen und
lagen Retorten Brennapparate Röhren Schmelztiegel Drahtnetze Flaschen und
Schachteln Bald nach Beginn des Unterrichts kam der Rektor er übergab Bojesen
ein kleines Schreibheft und sagte ernst »Sie sind Ordinarius von Agaton Geier
Lesen Sie dies und kommen Sie in einer Stunde aufs Rektorat« Gnädig nickend
verschwand er
    Bojesen suchte sein Privatzimmer auf wo ein starker Chlorgeruch herrschte
Auf dem Heft stand Deutsche Aufsätze von Agaton Geier Bojesen blätterte bis
zu dem letzten vom Rektor signierten Thema Was soll uns die Schule sein und
las zuerst ziemlich gleichgültig Die Schrift war schlecht schattenhaft
fieberhaft die Buchstaben schienen aufeinander loszustürzen besinnungslos
hinzutaumeln dann schien irgend einer plötzlich steif zu stehen Halt zu
gebieten aber nichts konnte die allgemeine Verwirrung hemmen Bojesen las mit
wachsendem Erstaunen erst kopfschüttelnd dann errötend dann erblassend und
als er am Schluss angelangt war stützte er den Kopf in die Hand nickte trostlos
vor sich hin und begann das Stück des Schülers noch einmal zu lesen bedächtiger
und immer mehr verwundert welch klare und fast dichterische Form die glühende
Seele des Unmündigen gefunden hatte
    Die Schule so lautete der Aufsatz sollte uns das Tor zum Leben aufmachen
Sie sollte uns erwachsen machen mutig und gefahrenkundig Sie sollte uns zu
tüchtigen edlen Menschen machen Sie sollte uns die Lehrer lieben lehren und
die Lehrer sollten uns lehren das Leben zu lieben den künftigen Beruf die
Menschen die großen Männer der Vergangenheit die großen Ideen die Freude an
der Freundschaft an der Natur Sie sollten uns überlegen sein Sie sollten uns
liebevoll entgegenkommen damit wir froh würden Aber ist das alles wahr
Bereitet uns die Schule für den Beruf vor Wenn wir sie verlassen wissen wir
vielleicht was wir werden sollen aber nicht was wir sind Die Schule
speichert Kenntnisse in uns auf die tot bleiben Wir werden in unserer Seele
nicht harmonisch Die Natur bleibt uns tot wie das Leben Niemals werden wir
ihre Sprache verstehen Daran seid ihr schuld und ich muss euch anklagen Warum
kümmern sich die Lehrer nicht um die Seele der Schüler sondern bloß um das was
sie gelernt haben Warum bleiben wir die Stopfgänse die ihr ausschimpft wenn
sie nicht beständig fressen wollen Warum fürchtet man den Lehrer oder verachtet
ihn statt ihn zu lieben Ihr seid die Feinde der Schüler darum spionieren sie
nach euren Schwächen ihr sitzt auf dem Pult und seid wie ein Buch statt wie
ein Mensch Was ihr sagt ist euch leblos geworden wes es euch langweilt Warum
seid ihr so hochmütig seht auf uns herunter von einem Turm so dass wir ganz
klein sind zu hochmütig sogar um uns über das Wichtigste des Lebens
aufzuklären Warum eröffnet ihr uns nicht dass Geheimnis der Geburt Warum tut
das die Schule nicht trotzdem sich so oft Gelegenheit bietet Wie viel reiner
bliebe dann die Phantasie der Knaben Jetzt machen sie ellen Schmutz daraus und
kichern blinzeln erröten bei jedem Gedicht eines Dichters durchsuchen sogar
die Bibel nach jenen Stellen haben immerfort schmierige Heimlichkeiten Ist das
nicht schrecklich Sie haben deshalb keine Ehrfurcht vor keinem Menschen und
keinem Ding und die ganze Welt ist ihnen etwas KlebrigUnanständiges Sie
treiben Dinge an die man nicht denken darf ohne verrückt zu werden Warum
bemerken das die Lehrer nicht Warum verhindern es die Lehrer nicht Warum
Warum sitzt ihr auf eurem Pult und seid durch eine Mauer von uns getrennt
Niemals können eure Schüler glückliche Menschen werden und daran seid ihr
schuld mit eurem kalten eisigen Herzen Jeder der ins Leben tritt muss erst
euch und eure Schule und eure Lieblosigkeit vergessen vielleicht kann er dann
Festigkeit erlangen Aber glücklich wird er nie Was ich geschrieben habe musste
ich schreiben und jetzt ist um leicht Eine unwiderstehliche Stimme im Innern
hat mir befohlen
    Bojesens Lippen zitterten und seine Arme sein Leib zitterte Es war etwas
aufgewühlt in ihm dessen er sich schämte der Neid um diesen großen und
ahnungslosen Wahrheitsmut Er war so tief erschüttert dass er den Raum in dem
er sich befand nur wie durch Schleier sehen konnte Im Treppenhaus läutete die
Zehnuhrglocke und er ging seine Schüler zu entlassen Dann schritt er selbst
hinaus durch die Korridore trat an das hohe Fenster und sah in den Hof hinab
der auf allen Seiten von Mauern und Häusern eingeschlossen war Er sah ins
Gewühl der Knaben die mit wildem Geschrei umhertollten aber darin war nichts
von Freiheitsgefühl und frischer Jugendlichkeit Ja er sah es mit seinen
eigenen Augen dies war das Jauchzen des Sträflings dem die Kette gelockert
wird das krampfhafte unwahrscheinliche Jauchzen des Rekruten am Sonntag wenn
er Heimat und Heimweh und Kaserne vergisst Das war keine Jugend für den Gebrauch
der kommenden Zeit diese Jugend mit den umränderten Augen und hervorstehenden
Backenknochen dem zynischen brutalen schreiähnlichen freudlosen Lachen den
hässlichen Bewegungen und dem lichtlosen Blick Das war eine vergängliche Sorte
von Menschen er sah es selbst
    Und als er weiterging erblickte er Agaton an einen Pfeiler gelehnt
allein Als er den Lehrer gewahrte wandte sich Agaton langsam und schritt in
das Klassenzimmer Bojesen folgte ihm der Saal war leer und machte die Tür zu
Agaton wurde leichenblass und schloss wie im Schmerz die Augen Bojesen nahm
seine Hand legte seine rechte Hand auf Agatons Schulter und sah ihn
durchdringend an Dann strich er mit der Hand über Agatons Haar schmeichelnd
und liebkosend und niemals zuvor oder nachher hatte dieser ein solches
Glücksgefühl gehabt so unirdisch grenzenlos und heiter Der Kampf des Lebens
lag vor ihm wie ein leicht lösbares Rätsel dies Haus diese Schulbänke schienen
mit Glück verbrämt Er verstand seinen Lehrer er wusste was die Berührung
seiner Hand zu bedeuten hatte
    Eine Viertelstunde später wurde er zum Rektor gerufen
 
                                 Achtes Kapitel
Die Lehrer der Anstalt waren in dem großen fünfeckigen Raum versammelt Alle
hatten ein feierliches Gesicht und ihr Wesen war das von Leuten die sich ihres
Amtes und ihrer Verantwortung bewusst sind Sie starrten Agaton an mit
höhnischen oder vorwurfsvollen oder hochmütigen oder verwunderten Augen Der
jüdische Kantor zeigte eine so finstere und empörte Miene dass man ihn nicht
ansehen konnte ohne sich als Verbrecher zu fühlen
    Der Rektor wandte sich auf seinem Drehsessel langsam um und bohrte den
kalten Blick seiner tiefliegenden Augen in die Agatons »Wie sind Sie dazu
gekommen Geier diesen  sagen wir impertinenten Artikel zu schreiben dieses
Pamphlet wenn ich mich so ausdrücken darf«
    Der Kantor wollte reden doch der Rektor winkte vornehm ab und fuhr mit
erhöhter Stimme fort »Ich frage wie Sie dazu gekommen sind die schuldige
Ehrfurcht gegen Ihre Lehrer in so ungeheurer Weise zu verletzen Ich glaube
meine Herren wir haben hier einen Fall von geradezu typischer Bosheit vor uns
Dieser junge Mensch befindet sich auf der abschüssigen Bahn des Lasters Er ist
das bedauerliche Beispiel für das sittliche Niveau auf dem unsere Jugend steht
und in einem solchen Falle muss mit aller verfügbaren Strenge vorgegangen werden
ein solcher Fall muss geradezu exemplarisch bestraft werden«
    Der Rektor hatte sich erhoben seine schmetternde Stimme ließ den Raum
erbeben Agaton war es als dringe sie durch Mauern in alle Häuser der Stadt
    Wieder wollte der Kantor reden und abermals winkte ihm der Rektor zu zu
schweigen und fuhr fort »Ich gestehe dass mir ein ähnlicher Fall von
Verworfenheit überhaupt noch nicht vorgekommen ist und hoffen wir zur Ehre
unserer Anstalt auch nicht mehr vorkommen wird Geier wann haben Sie Ihr
niedriges Skriptum verfasst«
    »Gestern Herr Rektor«
    »Lauter«
    Agaton schwieg
    »Lauter«
    »Gestern Ich habe es laut gesagt Herr Rektor«
    »In welcher Absicht« fragte der Rektor fast berstend vor Wut
    »In der Absicht die Schüler glücklicher und besser zu machen«
    »Das ist eine infame Lüge« schrie der Rektor wie außer sich
    »Es ist wahr« erwiderte Agaton ruhig
    »Kreatur« knirschte der Rektor in dessen Mund das Wort eine zermalmende
Bedeutung hatte
    Nun konnte sich der Kantor nicht länger bezähmen Er trat vor kreuzte die
Arme über der Brust beugte sich zurück und den Oberkörper beständig schaukelnd
sagte er mit scharfer salbungsvoller Stimme »Wer bist du Hast du den Namen
Gottes vergessen Hast du die Ehre deines frommen Vaters vergessen Bist du dir
nicht selbst zur Last Bist du Jude oder bist dus nicht Ich verwerfe dich
stoße dich aus der Gemeinschaft der Guten hinaus breche den Stab über dir«
    »Nein ich bin kein Jude mehr« sagte Agaton mit seltsamem Lächeln ohne
die klare Ruhe zu verlieren die ihn bis jetzt erfüllt hatte Die Lehrer sahen
auf bestürzt und kopfschüttelnd Bojesens Gesicht war tief niedergebeugt Er
hatte sich gesetzt die blassen Hände lagen regungslos auf den Knien
    »Nun haben Sie den vollgültigen Beweis seiner Bösartigkeit und
Gefährlichkeit meine Herren« sagte der Rektor verächtlich »Eine verstockte
gottlose pietätlose Natur Sie können gehen Geier«
    Agaton ging Draußen überfiel ihn plötzlich große Schwäche und er sank auf
die Treppe Er hörte eine leise aber feste Stimme in dem Raum wo man Gericht
über ihn hielt  Bojesens Stimme Lange redete diese Stimme bis auf einmal der
Rektor zu schreien anfing wilder als ihn Agaton je gehört Gleich darauf
öffnete sich die Türe and Bojesen kam allein heraus Er sah Agaton und
bedeutete ihm dass er ihm folgen möge
    Als sie im Privatzimmer des Chemikers angelangt waren verschloss Bojesen die
Türe »Ich verstehe Ihren Antrieb« sagte er etwas gequält »ich kann ihn
menschlich würdigen mag er so nutzlos sein als er eben ist Aber wie sind Sie
dazu gekommen Es gehört doch ein Entschluss dazu die eigene Zukunft so mit
Füßen zu zertreten«
    Agaton saß auf dem Rand eines Stuhls und fror Er blickte ins Kohlenfeuer
wo sich wunderliche Ruinen türmten aus der scharlachroten Glut Dann fing er
fast willenlos an zu sprechen nicht ohne Furcht vor den eigenen Worten »Ich
weiß eigentlich nicht Es ist schon lange her dass ich daran dachte Ich meinte
viele Menschen könnten leicht zu dem gelangen was ihnen zum Glück fehlt Ich
habe nie die jüdische Religion geliebt Ost war mir als müsse ich allen Juden
ein Wort sagen das sie befreien könnte Aber das war mehr wie ein Traum bis
die Geschichte mit Zürich Sperling kam«
    »Und was war das«
    »Zürich Sperling hieß der Sebalderwirt bei uns im Dorf Mein Vater fürchtete
ihn so dass er schon zitterte wenn er seinen Namen hörte Er hatte einen
Schuldschein meines Vaters an sich gebracht und damit quälte er ihn Als wir
einmal bei der Überschwemmung nach Altenberg fuhren kam er in einem anderen
Boot stieß mit Absicht an unseres und ich stürzte ins Wasser Da dachte ich
mir es könne keine Sünde sein ihn zu töten Am selben Abend sah ich zu wie er
ein altes Männchen misshandelte da ging ich hin und spie ihm ins Gesicht Er
schleppte mich in sein Zimmer nahm einen Strick und band mich an ein schwarzes
Kreuz an der Wand und schlug mich Alles das sag ich nur Ihnen weil ich weiß
dass Sie verschwiegen sind«
    Agaton schlug die Hände vors Gesicht und Erich Bojesen hörte mit
aufgerissenen Augen zu Agaton fuhr fort ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen
»Da sagte ich zu ihm Zürich Sperling das ist Ihr Tod Da lachte er und sagte
sprich du Aas habt ihr nicht den Heiland gekreuzigt
    Da war mir als ob die Tür aufginge und Lämelchen Erdmann hereinkäme eben
jener Alte den Zürich Sperling beschimpft hatte und es war mir als ob er sich
niedersetzte und nickte und lächelte und es war sein Gesicht das ich kannte
und wars auch wieder nicht O Zürich Sperling sagt er das ist eine Handlung
voll Bedeutung denn von jetzt an sind die Juden frei Nimmer die Milde wird
regieren sondern die Kraft Wir werden hassen unsere Feinde hassen hassen
Der ewige Jud ist erlöst und du Zürich Sperling wirst werden der ewige Christ
Denn die Welt wird neu sie wird sich häuten gleich einer Schlange dann wirst
du sein der ewige Christ und du wirst verurteilt sein all das Blut zu sühnen
das der Christ unschuldig hat fließen lassen Plötzlich verschwand die
Erscheinung Zürich Sperling band mich los er war totenbleich zitternd hieß er
mich gehen und seine Augen blickten auf mich voll Angst und Entsetzen«
    Bojesen blickte durch die Fenster auf die Straße wo die Menschen wanderten
einzeln oder zu zweien und mit Schirmen denn es begann zu regnen Ihm kam alles
unwirklich vor als ob das ganze Leben nur ein flüchtiges Bild sei der Traum
eines Traumes in uns selbst wobei man nah ist zu erwachen es wünscht oder
fürchtet Er ging hin nahm Agatons Kopf zwischen beide Hände richtete ihn mit
einem Ruck empor schaute ihm in die Augen und machte die Wahrnehmung dass es
die seltsamsten Augen waren die er je gesehen schwarz und tief von einem
mühlos lodernden und doch verhaltenen Feuer voll von der Gabe der Vision Wenn
sie ihn anblickten war es als ob der Blick aus weiter Ferne besinnend
zurückkehrte und erst lange zaudernd Klarheit und Festigkeit gewänne Dann stand
Agaton auf er war etwas größer als Bojesen und sein Gesicht hatte sich mit
schrecklicher Blässe bedeckt Er deutete vor sich hin sank auf die Knie und
blieb so einige Sekunden
    »Was ist was haben Sie« fragte Bojesen bestürzt
    Agaton schüttelte den Kopf und sein Gesicht verzog sich wie zum Weinen
    »Und was geschah dann weiter« fragte Bojesen flüsternd gegen seinen Willen
und seine Vernunft ergriffen von der Sonderbarkeit des jungen Menschen
    »Das kann ich jetzt nicht sagen« erwiderte Agaton »Zürich Sperling starb
in derselben Nacht«
    »In derselben Nacht«
    »Ja Ich lag  und lag  und wünschte den Tod in sein Herz«
    Ungläubig und staunend schaute Bojesen in das erschütterte Gesicht des
Jünglings Er schloss die Augen ihm schwindelte Als Agaton mit leisem Gruß das
Zimmer verlassen hatte schritt er tief erregt auf und ab
    Agaton irrte planlos durch die Gassen und als er am Löwengardschen Haus
vorbeikam sah er Flur und Vestibül voll von Menschen die sich aufgeregt
gebärdeten auch vor dem Haus standen Leute darunter viele Arbeiter mit
drohender Miene
    Er machte sich auf den Heimweg ohne dass er all diese Dinge eines besonderen
Nachdenkens gewürdigt hätte Sie bereicherten nur seine Seele um das wunderliche
Gefühl dass etwas Entscheidendes in der Welt vorging und dass er selbst die
Ursache und berufen sei die Umwandlung herbeizuführen Wahrend des ganzen Weges
hatte er die bestimmte Vorempfindung von etwas Schönem und Angenehmem und wie
wenn er einen lange vermissten Freund aufsuchte schritt er gegen das Dorf hinab
Wirklich stand Monika Olifat am Weg und begrüßte ihn indem sie ihm beide Hände
entgegenstreckte »Wie geht es dir Agaton Warum bist du denn fortgerannt
neulich Du bist so eigen Agaton Wie das lautet Agaton« sagte sie
nachdenklich lächelte froh und sah ihm in die Augen
    »Es ist ein griechischer Name und bedeutet der Gute« entgegnete Agaton
mit demselben innerlich frohen Lächeln
    »Bist du denn auch gut«
    »Ich weiß es nicht Niemand kann es von sich wissen und wer es weiß ist es
nicht mehr«
    »Ich muss dir erzählen« plauderte das Mädchen »erstens dass ich eine neue
Freundin habe Käte Estrich Sie ist hübsch und lieb ihre Eltern ziehen
hierher sie haben die Ziegelei gekauft«
    »Zweitens«
    »Zweitens ist sie verlobt und ich kenne auch ihren Verlobten Ein
interessanter Mann«
    »Stefan Gudstikker«
    »Du kennst ihn Er hat mir ein Gedicht gezeigt das er gemacht hat Eine
Stelle weiß ich auswendig
Es ist so still dass alle Wandrer staunen
Wenn solche wundervolle Nacht aufziehet
Hört man die Wolken und die Blumen raunen
Dir Wünsche schlafen und kein Feuer glühet
Du spürst nicht Duft von Myrten und Cypressen
Die Welle ruht im Strom kein Vogel fliehet«
    »Das ist schön« rief Agaton aus blieb stehen und erblasste
    »Ach Agaton ich mag dich so gern leiden« sagte nach einer Pause Monika
erglühend »Du bist so still und sein und was du sagst ist so warm Ich glaube
dich könnt ich nicht weinen sehen«
    »Ich hab auch noch nie geweint« erwiderte Agaton den Kopf senkend
    Monika nahm seine bebende Hand und küsste sie Dann gingen sie weiter wie
zwei Schlafwandler
    Auch im Dorf sah Agaton viele erregte finstere zornige Gesichter Er
wurde unruhig Als er die Schwelle des Hauses überschritt überfiel ihn ein
stechender Schrecken er sah jene Frau im Flur stehen die ihm einige Zeit
allmorgendlich begegnet war Da er sie fassungslos anstarrte klärte sie ihn
auf »Ich bin die Frau Hellmut und bin zur Pflege Ihrer Mutter da junger Herr
Sie ist sehr krank Sei ruhig Sema« herrschte sie den Knaben an der zu ihr
reden wollte und schlug mit dem Knöchel eines Fingers roy gegen die Schläfe des
Knaben so dass dieser zu heulen anfing
    Als Agaton ins Zimmer kam fiel ihm auf dass seine beiden Geschwister wie
Wachspuppen auf der Bank saßen und sich nicht rührten Elkan Geier starrte mit
roten Augen vor sich hin Bisweilen erwachte er wie aus einer Betäubung und rang
stumm die Hände Enoch saß schweigend am Ofen Agaton wollte nicht fragen Voll
Besorgnis schritt er die Stufen hinauf die vom Wohn ins Schlafzimmer führten
und fand seine Mutter allein Ihr Gesicht war von einem grauenhaften Gelb Sie
lächelte so matt und gezwungen dass Agaton nach einer geflüsterten Frage die
Frau Jette nur mit einem Zudrücken ihrer Augenlider beantwortete wieder
hinausging
    Plötzlich kam Bärman Schrot mit der blauen Schürze mit schmutzigen Händen 
geradewegs von seinem Acker Er deutete mit ängstlichen Bewegungen hinter sich
der Schuster Garneelen sowie der Schmied folgten ihm auf dem Fuß Sie kamen
herein der Schmied mit einem Hammer der Schuster mit aufgestreiften Ärmeln
beide mit Gesichtern die wie von Trunkenheit gerötet waren und der Schmied
schlug mit dem Hammer auf die Lehne eines Stuhls dass sie krachend zerbrach Mit
schrillen Schreien flüchteten die zwei Kinder in das Zimmer der Mutter und
gleich darauf erschien Frau Jette im Bettgewand auf der Schwelle einer Leiche
gleich und musste sich am Pfosten aufrecht halten Der Schuster schrie dass ihm
seine Ersparnisse gestohlen seien und er werde dafür sorgen dass in drei Tagen
kein Jud mehr lebe im Dorf dafür werde er sorgen man könne sich darauf
verlassen Der Schmied heulte mehr als er redete schlug mit dem Hammer blind
um sich wollte seine zweitausend Mark haben oder er haue alles zusammen vom
Dach bis zum Keller Auf ein paar Jahre Zuchthaus käme es ihm nicht an ihm
nicht So schrien sie beide Auf der Gasse sammelten sich die Menschen drückten
die Gesichter an die Fensterscheiben drängten sich in den Flur standen unter
der Türe und endlich entschlossen sich ein paar ältere Männer den zwei
Wütenden zuzureden und sie langsam und durch Übermacht hinauszuschieben Sie
taten es jedoch sichtlich mit Widerwillen nur aus Mitleid mit dem entsetzlichen
Bild der Frau die steif und regungslos an der Schwelle ihres Krankenzimmers
stand hinter sich zwei zitternde Kinder
    Als der Raum wieder leer von Menschen war versperrte Agaton die Tür und
sah seinen Vater prüfend an der in sich zusammengesunken mit blauen Lippen
hockte und ein Gebet murmelte Enoch Pohl sagte nichts seine Züge waren
unbewegt Er brachte seine Tochter ins Bett zurück puffte die Kinder die Stufen
hinunter und stellte sich dann mit dem Rücken gegen den Ofen
    Es klopfte an die Türe erst leiser dann stärker Agaton fragte wer da
sei Gedalja war es Agaton ging hinaus schloss den Laden ab und rief der Magd
zu sie solle den Arzt zur Mutter holen Aber die Stimme der Frau Hellmut die
sich mit der Magd eingeschlossen hatte antwortete sie mache nicht auf sie
könne nicht ihr Leben riskieren bei diesen Zuständen
    »Ich habs vorausgesehen« sagte Gedalja beständig nickend während er
redete »Werd ihn Gott beglücken dafor den Herrn Baron Löwengard Sin user
fufzig Leit im Dorf die um alles Geld kommen Werd wachsen die Feindschaft dass
mer nit haben e friedliche Stund Mich dauert nor sein Kind nebbich Is as wie e
Rose zwischen die Dorner die sticht sich stets un bleibt dennoch in ihrer Farb
Elkan du dauerst mich aach Hast dich abgeschunden s ganze Leben hast
gesammelt en übrigen Heller für die Kinder un jetzt is es weg Du bist der beste
Mensch den ich kenn aber Mark haste kaans in die Knochen Da sjetzte jetzt un
starrst Zu was Bin ich worn gestraft un hab verloren alles was der Mensch
nötig hat for sein Alter Sitz ich da un starr Müsst ich nit starren und
erstarren wenn mein eigen Fleisch und Blut is geworn zum Bösewicht Ball is es
aus das Töpsche Leben ausgeleert un ausgeschütt nachher gitts nix mehr zum
Starren«
    Am Nachmittag kam Pavlovsky der Gendarm und ein Gerichtsschreiber Alle
erschraken »Enoch Pohl« rief der dicke Pavlovsky und erhob die Augen nicht von
dem Papier in seiner Hand Ein Todesschweigen folgte worauf der Gendarm einen
Verhaftsbefehl wegen betrügerischen Wuchers verlas Pavlovsky war noch nicht zu
Ende als Elkan Geier von seinem Sitz auf die Erde sank und wie ein Wurm sich
windend hilflos zu schluchzen begann Agaton konnte es nicht sehen und wandte
sich ab Seine Geschwister stürzten sich über den Vater und begannen jämmerlich
zu heulen Frau Hellmut kam herein und schrie laut auf Sema faltete stumm die
Hände und seine Augen waren für einige Sekunden förmlich gebrochen »Mutter«
murmelte Agaton verstört als er vom Krankenzimmer her ein beängstigendes
Stöhnen vernahm Er sah hinaus auf die Gasse wie ein gefangenes Tier in den
Wald sieht er sah den grauen wolkenvollen Himmel und die Häuser die
unbeweglich standen und wunderte sich dass die Welt noch dasselbe Bild der Ruhe
und Herbstlichkeit bot Pavlovsky hatte die Blicke noch nicht von seinem
Dokument erhoben der Gerichtsschreiber nahm seine große Brille ab und musterte
Raum und Menschen mit großen verwunderten wässerigen Augen
    Gedalja der sich so zusammengekrümmt hatte dass sein Kinn die Knie
berührte richtete sich plötzlich straff empor und rief »Hab ichs nicht
gesehen kommen Elkan hab ichs nicht gesagt zum voraus Hab ich nicht gesagt
der Zugrundrichter werd kommen über ihn Nu is geschändet Gemeinde un Haus un
Hof un die Kinder wern haben zu tragen an deiner Guttat Enoch Was is Vernunft
dass se könnt bestehn vorm schlechten Gemüt Haste abgestreift die Ehrfurcht wo
dr haben deine grauen Haare gegeben un musst hinwandeln in Sünd und Schand O
Enoch Enoch hättste gehabt Erbarmen mit andere hätteste aach gehabt Erbarmen
mit dir selber«
    Der Gendarm führte Enoch ab Agaton sah dass er keine Miene verzog Etwas
Starkes lag im Wesen dieses Alten das die Furcht nicht kannte
    Die Dämmerung brach herein Agaton ging auf die Straße und wollte gegen den
Wald hinauf als er Gudstikker begegnete Dieser zog ihn in den Schein einer
Hauslaterne und gab ihm einen Brief mit der stummen Aufforderung ihn zu lesen
Agaton erbleichte und legte die Hand vor die Augen das hatte er schon irgend
einmal erlebt dass ihm dieser Mann einen Brief gab vielleicht in einem
vergangenen Leben vielleicht in einem Traum
    Langsam entfaltete er das vergilbte Papier und las beim Scheine des
armseligen Lichtes »Mein Liebster das kann ich nicht was du von mir forderst
Ich bin keine freie Frau kein freies Mädchen Ich bin nicht geboren dass ich so
hoch fliegen kann bis zu dir Aber meine Liebe ist in mir und will nicht
vergessen dich nie vergessen Doch muss ich dich lassen denn ich kann nicht
tun was du willst Ich weiß nicht welches Leben noch vor mir liegt aber kann
es nicht sein dass das Kind dessen Seele noch in meinem Leib schläft mich
deshalb anklagen würde Darum leb wohl und werde glücklich Deine Jette Pohl«
    Agaton wusste zuerst nichts anzufangen mit diesen Worten Dann zuckte er
zusammen wie unter einem Schlag und flüsterte »Meine Mutter«
    Gudstikker nickte und erwiderte »An meinen Vater«
    »Und warum zeigen Sie mir das« rief Agaton voll Kummer
    »Warum Das weiß ich selbst nicht Vielleicht nur um Ihnen zu zeigen wie
das Leben ist Wie im Schauspiel geht alles Ein Kobold hält uns an einem Faden
und lässt uns genau so weit tanzen wie er will«
    Agaton sah verloren in die breite Mauer der aufgeschichteten Ziegelsteine
die sich für seine Blicke öffnete wie ein Sesam und ihn Jahre und Jahrzehnte
zurückschauen ließ Das war seine Mutter Und wozu hatte sie das Leben gemacht
Hatte seine Mutter das empfinden können Und wo war es nun hingeschwunden das
alles wohin Er begriff es nicht
    »Ich weiß was Sie denken« sagte Gudstikker und fuhr mit seiner Lust an
Weisheiten fort »Es gibt nur zwei Wege für einen Menschen  aus den Berg oder
ins Tal Droben ist er allein und vergeht wenn ihn seine Seele im Stich lässt
unten wird er gemein Doch reden wir von etwas anderem Wissen Sie dass das
Gericht noch immer Nachforschungen hält wegen des plötzlichen Todes von Zürich
Sperling Eine Zeitlang glaubte man an Vergiftung Sogar Ihr Vater kam in
vorübergehenden Verdacht Ein gewisser Rosenau hat den Untersuchungsrichter
darauf geführt«
    »Was « schrie Agaton und schlug die Hände zusammen
    »Ihr Vater ist sogar einvernommen worden Wissen Sie das nicht Natürlich
konnte er sich glänzend rechtfertigen aber irgendwer sagte mir gestern dass er
seitdem von Furcht gepeinigt würde Er ängstigt sich vor allen Gedanken die er
früher einmal gegen Zürich Sperling hatte«
    »Mein Vater Das sagen Sie wirklich Und das ist wahr«
    »Ob es wahr ist weiß ich nicht Ich glaube derselbe Rosenau erzählte es
spöttisch im Wirtshaus«
    »Nein nein es ist nicht möglich«
    »Weshalb regen Sie sich auf Ich habe einen ziemlich sonderbaren Fall
erlebt In einer Familie kam ein Ring abhanden Ich kenne die Familie es sind
Juden Ein Verwandter den ich auch kenne Eduard Nieberding war zu Gast Als
nun alle den Ring suchten wurde Niederding wie gelähmt Denn er war vorher
allein in dem Zimmer gewesen wo der Ring aufbewahrt war Beachten Sie wohl es
konnte nicht der Schatten eines Verdachtes auf ihn fallen er ist selbst ein
reicher Mann aber er beteiligte sich nicht am Suchen damit man nicht glaube
er suche nur deshalb um zu zeigen dass er den Ring nicht habe Er wähnte sich
beargwohnt und er bildete sich schließlich so fest ein jeder vermute ihn als
den Dieb dass er fürchtete man könne den Ring in seiner Tasche finden wenn man
nur hineingreife Schließlich ergab es sich dass die Katze den Ring
fortgeschleppt hatte Aber Sie sehen daraus wie verwickelt alles ist Unsere
Seele sie glaubt oft nicht was die Hand tut«
    Als Agaton sich von Gudstikker verabschiedet hatte und dem Haus zuschritt
sah er auf einmal Sema Hellmut neben sich gehen Er sah des Knaben fragende
Augen mit einem Blick voll Ergebenheit und Hingabe auf sich gerichtet
    Agaton wunderte sich über das bedürftige Anschmiegen des Knaben Aber er
dachte daran nur halb Der andere Teil seines Nachdenkens war der Ringgeschichte
gewidmet seinem Vater seiner Mutter dem Schicksal das über ihm hing wie die
Wolken und alles dunkel machte gleichwie die sich mehrende Finsternis des
Abends von den Wolken auszufliessen schien
    Daheim fand Agaton eine friedlichere Stimmung Müssig wandelte er in den
Garten Ein kalter feuchter Wind ging Er hörte es rascheln wie vom Graben
eines Spatens Plötzlich sah er seinen Vater schaufeln Elkan keuchte und grub
ruhelos bald hier bald dort  ein Schatzgräber Es war unheimlich anzusehen
»Was tust du Vater« fragte Agaton
    Elkan ließ den Spaten sinken stützte sich darauf und Agaton sah trotz der
Dunkelheit sein fahles Gesicht leuchten »Agaton Gott hat seine Hand abgezogen
von uns und sein Antlitz verhüllt Aber wir dürfen nicht murren Gepriesen seist
du Ewiger der du des Vergessenen gedenkst« Elkan betete ein Lobgebet
    »Vater« sagte Agaton »ich darf nicht mehr in die Schule Ich bin
davongejagt worden obwohl ich nichts Schlechtes getan habe«
    Elkan Geier warf den Spaten weg und lehnte sich an den Zaun Nach einem
langen Schweigen tappte er ins Haus Agaton blieb nahm die Mütze ab und gab
das Haar den Winden preis Die Nacht öffnete ihm ihre dunklen Wunder
unvorhanden für andachtlose Augen Er glaubte in einem Tempel zu sein doch
erkannte er den Gott nicht
    Gegen acht Uhr kam Doktor Schreigemut und sein Gesicht war sorgenvoller als
sonst Agaton sah die Augen Semas beständig auf sich gerichtet sie folgten
jeder seiner Bewegungen
    »Gepriesen seist du Ewiger der du des Vergessenen gedenkst« murmelte
Elkan
    »Die Welt ist gar groß und hat viele Sterne und viele Erden Elkan« sagte
Gedalja »Worum soll er nit vergessen an den Gedalja nit vergessen an den
Elkan Elkan is brav aber worum soll er nit vergessen an die Braven wenn er
hat so viel zu bessern an die Sünder Wenn de tot bist waasst de nix dervon und
in deiner Sterbestund kannst de dir ausdenken du hättest gelebt e großes Leben
e reiches Leben un nit e Elkanleben Gehängt is gehängt mitn Strick oder mitn
Goldfaden hat mei seliger Onkel gsagt E weiser Mann«
    Agaton schlief nicht in der Nacht Seine Seele war heiter und erregt sah
er in die Finsternis Er hatte ein Gefühl wie oft wenn er ein Geschenk
erwarten durfte und ungeduldig war es zu sehen Die Nacht war unbewegt nur
selten gestört durch das Heulen eines Hundes Als es drei Uhr schlug kam der
Mond und warf ruhige Lichtflecke in den Raum Mit diesen Strahlen wurden die
Figuren in Agatons Sinnen lebendiger und verklärter Sie brachten ihm
Reichtümer von denen er nicht begriff dass er sie je hatte entbehren können er
fühlte sich wachsen und es war als hörte er einen Ruf über die Felder
hinschallen der ihm galt lang und eindringlich
    Am folgenden Vormittag brachte der Pedell Dunkelschott ein Schreiben des
Rektorats und des Kantors der Schule für Elkan Geier Er verlangte den Weglohn
und trollte ins nächste Wirtshaus Elkan setzte sich an den Tisch und las Kaum
war er damit zu Ende als er aufschrie wie ein Gefolterter Gedalja ging zu ihm
aber Elkan ließ sich nicht halten sein Gesicht wurde blaurot er fiel über
Agaton her presste die Hände um seinen Hals und hätte ihn erdrosselt wenn
nicht ein furchtbarer Angstruf aus dem Krankenzimmer ihn zur Besinnung gebracht
hätte »Aus meinem Haus du Christ« röchelte er und stieg schwankend die Stufen
zum Schlafgemach hinauf
    Gedalja strich langsam und nachdenklich über Agatons Haar »Was haste
getan« murmelte er »Der sanfte Mann der sanfte Elkan is geworden e wildes
Tier Die Welt is nimmer ganz Es is was los in der Welt un mer stehen da wie die
hilflosen Kinder« Er nickte Agaton lehnte die Stirn an seine Schulter
    »Zum Doktor Zum Doktor« kreischte plötzlich die Pflegerin und rannte fort
Elkan stand gebrochen auf der Schwelle und sagte »Sie stirbt Schemaa Jisroel
adonai elohim adonai echot«
    Agaton richtete sich auf Sein bleiches Gesicht war plötzlich von einem
überirdischen Feuer erfüllt das alle mit Bestürzung und Scheu gewahrten Die
heulenden Kinder sahen ihn an und waren auf einmal ruhig Er ging ins Zimmer der
Mutter an Elkan vorbei der sich zusammenduckte wie vor einem Pestkranken und
trat an das Lager der Mutter Sie röchelte Ihre Augen blickten matt leblos
stumpf suchten gleichsam den Tod Agaton sah nicht dies Bild Er sah die
jüngere Mutter die entsagt hatte geliebt verloren hatte und nun unter der
schweren Bürde der Tage erlegen war Er nahm ihre Hand und begegnete ihren
Augen Er legte seine Hand auf ihre verfallene Brust gegen die das Herz
verlöschend klopfte Er wünschte das Fenster möge offen sein und da öffnete es
jemand als ob es eine unsichtbare Hand wäre Seine Brust war zum Springen voll
er wusste nicht ob vor Schmerz oder vor verhaltenem Jauchzen »Werde gesund
Mutter wache Mutter du bist nicht krank du darfst nicht sterben« Er kannte
seine Stimme nicht mehr sie war ihm etwas Neues die Kraft die seinen Körper
aufatmen und sich aufrichten ließ als wäre eine unerhörte Last von ihm
genommen erhellte seine Augen mit einem himmlischen Glanz Und das Feuer schien
in den Körper der Kranken überzuströmen sie lächelte plötzlich unter seiner
bebenden Hand sie seufzte erleichtert auf sie drückte mit den schwachen
fleischlosen Fingern seine Hand und rief seinen Namen Und je länger er die
erloschenen Züge ansah je mehr belebten sie sich in einer geheimnisvollen
Weise  bis sie frei mild und hoffnungsvoll schienen Und als der Arzt kam
hereingeleitet von der Pflegerin richtete sich Frau Jette zu dessen Erstaunen
empor legte den Kopf auf den aufgestützten Arm und lächelte dem Doktor und
ihren Kindern mit dem inbrünstig strahlenden Lächeln einer Genesenden zu
 
                                Neuntes Kapitel
Novemberstürme
    Bojesen schritt durch die leeren Gassen und der Umhang seines Mantels wehte
hoch empor Sein Hut flog vom Kopf rollte hin über die Steine und blieb vor dem
Eingang zum »siebenten Himmel« ruhig liegen wie ein Pferd das seine Station
kennt Bojesen hob ihn gemächlich auf und trat in das Lokal das voll Menschen
war Er nahm Platz bestellte Bier und wandte bald keinen Blick mehr von der
Bühne Über eine nächtige Landschaft schien ein kunstloser Mond ein Ritter
wandelte an einem primitiven Wasser und streckte bisweilen den Arm aus Da
öffneten sich die unglaubwürdigen Wolken und eine Erscheinung stand zwischen
ihnen Luisina Der Ritter verzweifelte diesem geliebten Bilde jemals nahe zu
kommen warf sich auf die Erde und gab vor zu weinen Da erhob sich ein
Zauberer aus einer mangelhaften Versenkung oder es war Satan selbst wies ein
Pergamentum vor und befahl dem Ritter ihm seine Seele zu verschreiben Das tat
der Ritter darauf schwebte die schöne Luisiana aus den Wolken herab die Nacht
war beendet Wasser und Mond verschwunden Mädchen mit wilden Haaren stürzten
auf die Szene und zerrten junge Männer hinter sich nach Nun begann das Publikum
mitzuspielen Ein langhaariger Mensch saß am Klavier und entlockte dem
unwilligen Instrumente eine Folge von schrillen Harpeggien im Walzertempo Der
Glühende erschien mit emporgehobenen Armen und ekstatischen
Begeisterungsausbrüchen die Köchin kam und schrie sie könne das Wasser zum
Punsch nicht kochen denn der Wind fahre stets in den Schlot und lösche das
Feuer aus »Nimm das Feuer meiner Brust Aglaia« heulte der Glühende Ein Mann
mit langem Haupthaar war da den man Barbin nannte und der sich ängstlich
gebärdete obwohl er zugleich den Übermütigen zu spielen versuchte Sein Äußeres
wie sein Wesen deuteten auf eine jener zwecklosen Existenzen wie sie die Städte
hervorbringen eines jener unglücklichen Geschöpfe für die die Zeit eine
käufliche Dirne ist da sie ihnen ohne Münze nichts gibt womit sie ihr Leben
verkürzen können Dieser Barbin wandte sich bisweilen an den Glühenden als
flehe er ihn um Schutz an und suchte dies durch ironische Worte zu bemänteln
die aber von dem tollen Jauchzen auf der Bühne verschlungen wurden
    Plötzlich sah Bojesen sich gegenüber Luisina sitzen »Nun da sind Sie ja
wieder« redete sie ihn spöttisch an »Was wissen Sie Neues Warum sind Sie so
finster nachdenklich schwermütig Wer sind Sie Was wollen Sie«
    »Verzeihen Sie dass ich Frage mit Frage beantworte warum würdigen Sie mich
Ihrer Beachtung Madame«
    »Das will ich Ihnen erklären Mir ist als spräche ich in Ihrer Person zur
ganzen sogenannten guten Gesellschaft Ich habe auch dazu gehört und kenne
Blicke und Gesichter Aber so war es um mich bestellt dass ich gezwungen war
hier wo sonst das Niedrigste und Schmutzigste zu treffen ist mich selbst zu
suchen und zu finden Was soll ein armes Weib tun in eurem Kreis von schalen
Vergnügungen von ekeln und zehnmal wiedergekäuten Genüssen Was soll sie tun
da sie erst anfängt unter Menschen zu zählen wenn sie heiratet Was kann sie
dafür wenn sie in einer Welt lebt wo jeder darauf stolz ist wenn er ein wenig
unglücklich ist wo die Lebensfreude beim Verlust der bürgerlichen Ehre anfängt
Sagen Sie selbst reden Sie doch Ach Sie haben ein Gesicht dem ich eigentlich
vertrauen könnte Glauben Sie mir nicht die Not allein ist schuld an dem Fall
so vieler Frauen sondern die Sehnsucht ja die Sehnsucht«
    Sie schwieg Sie stützte den Kopf in die Hand und sah lächelnd hinein in den
Qualm Der Glühende sprach nur noch in Versen Barbin hieb wie besessen auf das
Instrument ein und gab seinem Körper einen erschreckenden Ruck wenn er vom
Fortissimo in ein effektvolles Piano heruntersprang Einige Paare tanzten
plötzlich wurden die Gaslichter zu halber Höhe herabgedreht Barbin hörte auf zu
spielen die Tanzenden blieben stehen und flüsterten »Die Dämonen«
    Auf der Bühne erschienen in einem matten grünen Licht vier Männer mit
grünen Gesichtern und düstergrünen Gewändern so enganschliessend dass sie wie
nackt aussahen und begannen ein phantastisches unheimliches Spiel Wie Fische
im Wasser so bewegten sie sich in der Luft ihre Füße schienen des festen
Grundes nicht zu bedürfen ihre Glieder schienen an kein anatomisches Gesetz
gebunden Bald schienen sie alle ein einziger Leib zu sein der sich in
entsetzlichen Krümmungen wand bald war der eine einem leblosen Klumpen gleich
wurde von unsichtbaren Händen in die Luft geschleudert und fiel krachend auf die
Bretter zurück Bald waren sie wie eine Meute von Hunden denen der Jäger aus
der Ferne pfeift bald glichen sie Würmern und krochen auf unbegreifliche Art an
den Kulissen empor Als Bojesen den Blick abwandte sah er in geringer
Entfernung im Dämmerlicht Luisina stehen Sie schien ihn lange beobachtet zu
haben Nun winkte sie ihm zu und wandte sich dann nach der Türe als sie sah
dass er ihr folgen würde Sie hatte einen Pelzmantel umgeworfen und ein
blauseidenes Tuch um den Kopf geschlungen und ihre großen Augen sahen mit einem
ungewissen Glanz doch voll Entschlossenheit in eine weite Ferne
    »Man hat mir verraten dass Sie der Lehrer Bojesen sind« sagte sie als sie
auf der Straße waren »ich habe oft von Ihnen gehört ich kenne Ihre
pädagogischen Schriften und bin froh dass meine Sympatie nicht grundlos war
Wundern Sie sich nicht über das was ich jetzt vorhabe Ich brauche einen
Zeugen ein Urteil eine Stimme einen Blick der mich billigt ein Ohr das
sich nicht böswillig verschließt denn noch Einmal heute will ich tun was mein
Herz fordert und sehen ob ich das Tor zu eurer Welt für ewig hinter mir
zuschlagen muss«
    Welch eine Nacht dachte Bojesen Es herrschte nicht eigentlich Dunkelheit
und auch nicht Helligkeit es war eine jener seltsamen Herbstnächte in denen
sich alles Leben der Natur verinnerlicht zu haben scheint Es fehlten auch jene
Stimmen jenes unbestimmte Geräusch das wie ein aufbewahrtes fernes Echo des
Tages ist Der Wind hatte sich gelegt Der Mond eine unvollendete Scheibe lag
in einem graugelb schimmernden Flaum von Wolken und sah verquollen aus wie
Farbe auf seinem Fliespapier Das Leben war von den Straßen wie fortgeblasen
Die Häuser mit den dunklen Fenstern und den weißen Gardinen sahen aus als ob
sie schliefen Bojesen konnte die Straße entlang blicken bis an die Grenzen des
Horizonts und diese unbewegte Linie hatte etwas Beruhigendes
    Luisina schritt rasch dahin hastig atmend offenbar noch mit ihren
Entschlüssen ringend An einem vornehmen Haus jenseits des Bahndammes machte sie
endlich Halt drückte dreimal wie in verabredeten Pausen auf den elektrischen
Knopf und eilte dann die teppichbelegte Steintreppe empor Aus einer Türe kam
ein junges Mädchen dessen Gesicht alsbald das größte Erstaunen ausdrückte
»Jeanette« rief sie aus »Ist Nieberding zu Hause« fragte JeanetteLuisina
bebend  »Nein Eduard ist noch nicht da« entgegnete das Mädchen bestürzt und
schüchtern und blickte furchtsam auf Bojesen der nichts zu sagen ja nicht
einmal sich zu bewegen wusste
    »Ach Kornely« rief Jeanette und fasste mit beiden Händen nach der
dargebotenen Hand des Mädchens
    »Komm doch herein Jeanette Willst du auf Eduard warten Es ist alles so
sonderbar was du tust« sagte Kornely mit einer leisen kindlichen Stimme Sie
hatte stets ein schwaches und undeutbares Lächeln auf den Lippen aber hätte man
ein Tuch über den Mund gebreitet so wäre ein Ausdruck von Schwermut mehr als
Schwermut geblieben Sie machte den Eindruck eines Geschöpfs das durch einen
Zustand vollständig betäubt ist und sich nur bestrebt die Gedanken geheim zu
halten
    Bald saßen sie im Salon bei mattem Licht das durch gelbrote Seidenschirme
schimmerte und in den Ecken zu verfliessen oder zu der allgemeinen Nacht draußen
zu streben schien
    Bojesen befand sich in einem Zustand fast zorniger Erwartung Er konnte sich
dem vibrierenden Wesen Jeanettes nicht entziehen Er dachte wieder an sein
eigenes Weib das er wusste es zu Hause in kurzen Zwischenräumen zur Treppe
lief mit der kleinen Lampe hinunterleuchtete von jedem Schritt auf der Gasse
aufgescheucht wurde wie ein Vögelchen und auf ihn wartete wartete
    Als Jeanette den Mantel abwarf weil es ihr zu heiß wurde stand sie da im
Teaterkostüm sah ins Kaminfeuer und ihre Nasenflügel blähten sich gierig
Kornely stieß einen dumpfen Schrei aus und faltete die Hände
    »Wie lange willst du noch so bleiben meine arme kleine Kornely« sagte
Jeanette »Soll ich recht behalten von damals her als ich dich beim
Pfänderspiel zur alten Jungfer machte« Etwas Triumphierendes lag in ihrem
Gesicht
    »Selbstüberwindung ist die größte Freiheit« erwiderte die Bleiche mit ihrem
sanften Lächeln
    Die Haustüre wurde zugeworfen schlürfende Schritte wurden laut und Bojesen
glaubte eine wallende Erregung in Jeanette mitzufühlen Ein junger Mann trat ins
Zimmer und blieb versteinert stehen weiß wie Leinwand Er war schlank groß und
bartlos hatte dicke Lippen und eine dicke Nase tiefliegende etwas gerötete
Augen und einen eigenen Zug von Adel und Feinheit im Gesicht Das feinste waren
seine Hände sie waren lang und zartlinig wie gotische Bögen Kornely schlich
geräuschlos davon
    »Du bist erstaunt wie ich sehe« flüsterte Jeanette »Dieser Herr Herr
Bojesen du kennst ihn vielleicht ein Freund von mir hatte die Güte mich zu
begleiten Er ist von allem unterrichtet Ich will dass er bleibt und ich will
dass du so bist als ob er nicht da wäre«
    Eduard Nieberding senkte den Kopf »Rede Was willst du Ich begreife nichts
von alledem«
    »Wie solltest du auch begreifen« erwiderte Jeanette leidenschaftlich »Du
der eher begreift was auf dem Mond vorgeht als in der Seele einer Frau Du
Bist du es nicht der das erfunden hat von der keuschen Liebe Der diese eisigen
Dinge von Resignation und kühler Anbetung und von der unsinnlichen Macht des
Schönen oder wie du es nennst im Munde führt Rede du Rede Hast du mich nicht
irre gemacht an allem was strahlt in der Welt und was warm ist«
    »Verschone mich Jeanette Wie töricht von dir Warum in der Gegenwart eines
Fremden Was tust du«
    »Ich will es dir sagen Hier ist ein Mann Ich glaube Bojesen Sie sind ein
Mann Ich frage Sie nun  und dazu sind Sie hier dass Sie mir auf Ihr Gewissen
antworten ich frage Sie kann ein Mann ein Weib lieben wenn er sie bittet
gehe fort von mir damit meine Liebe größer und mein Gefühl reiner wird Der sie
bittet küsse mich nicht denn sonst begehre ich dich und das würde meine Liebe
verringern  Ich will von dir träumen so spricht er ich will von dir träumen
aber ich will dich nicht besitzen denn der Besitz macht arm  Liebt ein
solcher Mann«
    »Jeanette«
    »Was sagen Sie dazu wenn ein Mann der Frau die er zu lieben beteuert den
Rat gibt einen andern Mann zu heiraten nur damit sie ihm begehrenswerter
erscheine Reden Sie Bojesen reden Sie Vielleicht finden Sie ein Wort der
Erklärung oder der Entschuldigung damit ich Ihnen danken kann«
    Eine lange Pause entstand
    »Wenn ich nun reden muss und wenn dies alles vorgefallen ist« sagte Bojesen
langsam und betrachtete mit Trauer die schwammigen nervösen Züge des jungen
Mannes »dann ist es gewiss erstaunlich aber es liegt in der Zeit Ja es liegt
in der Zeit Mit welchem Wort Sie es nennen wollen ist gleichgültig Es ist all
dies Mystische und Schwächliche das über uns gekommen ist wie eine Krankheit
dass wir nicht mehr wissen was Kraft oder Roheit oder wahrhafte Scham oder
Unnatur ist Sie sind Jude Herr Niederding wie Nun Ihr Volk ist es das uns
dies Geschenk gemacht hat Ihr arbeitsames intelligentes stets an Extremen
bauendes Volk Sie lieben nicht das Weib sondern Sie lieben die Liebe nicht
die Selbstbetrachtung und Selbstvervollkommnung sondern das Quälerische
Zerstörende Erniedrigende alles was Sie zum Märtyrer macht Es gibt viele von
Ihrer Art Flagellanten unsere Flagellanten und der Gott vor dem sie sich
geisseln ist das wohlbekannte Ich diese Phrase von der Individualität vor der
jetzt alles auf den Knien rutscht Und wenn ich sage die Juden sind schuld so
ist es keine gedankenlose Anschuldigung Nicht jene alten Juden die noch fromm
sind sie sind entweder ehrwürdig oder komisch nein die sogenannten modernen
Juden die vollgesogen sind mit dem ganzen Geist und der Überkultur des
Jahrhunderts sie sind es die mit ihrer menschlichen Düsterkeit und geistigen
Schärfe ein Pseudochristentum aufrichten mit Gefühlskasteiungen fleckenloser
Liebe und dergleichen Ich weiß es nur zu gut es ist ein altes Erbe Ihres
Volks«
    Nieberding erhob sich zitternd trat auf Bojesen zu und flüsterte »Herr «
    Bojesen hielt seinen Blick ruhig aus und schwieg
    »Ich habe ihn geliebt« sagte Jeanette leise und sah gedankenvoll vor sich
hin »Weißt du wozu ich nun geworden bin« fragte sie laut und fest
    Nieberding der jetzt am Fenster stand und unbeweglich hinaussah wandte
sich um und sagte »Jeanette du hast niemals eine Schätzung gehabt für das edle
Gestein und für seltene Menschen Aber dass du zu solchen Mitteln greifen musst
Wie überflüssig und teatralisch Seine einleuchtenden Erläuterungen mag sich
dieser Herr für den Horsaal sparen Mag ich sein was ich will ein Flagellant
oder ein Bacchus damit die Ausdrucksweise des Herrn zu Ehren kommt du hattest
gegen meine Gefühle gewisse Pflichten mehr will ich nicht sagen Ich trinke das
Leben aus den Tiefen wo andere Leute nur Finsternis gewahren ich finde
Genüsse wo andere nur Narrheiten sehen  gut lass mich so sein Geh jetzt
fort und lass mich allein«
    Jeanette hatte kein Auge von ihm gewandt Nun ging sie hin legte ihren Mund
auf den seinen und so blieben sie minutenlang »Und nun leb wohl« sagte
Jeanette »wer weiß wo wir uns wieder finden«
    »Im Kot oder bei den Sternen« entgegnete Nieberding trübe lächelnd
    An der Treppe stand Kornely »Was war es« fragte sie hastig mit einem
scheuen Seitenblick auf Bojesen
    Jeanette schüttelte den Kopf ihre Augen standen voll Tränen zugleich
lächelte sie in einem wunderlichen frauenhaften Trotz »Du weißt alles was
geschehen ist gute Kornely Du ahnst es Du weißt was mein Vater getan hat
dass er zahllose Familien um ihr Brot gebracht hat Nun sollte ich eigentlich
ehrlos sein Aber ich habe mich losgerissen von meinem Namen und von meiner
Familie und was ihr Niedrigkeit nennt nenne ich vielleicht Ehre und was dir
Selbstüberwindung ist ist mir Feigheit und Furcht Gute Nacht Liebe«
    Bojesen folgte ihr und ihm war wie wenn er durch die Luft hinschwebte wie
wenn nichts mehr an der Erde wäre was ihn festhalten könnte
    Es schneite Große Flocken fielen hernieder Ein friedliches Fallen ein
lautloses Herabgleiten schimmernder Kristalle Plötzlich sagte Jeanette indem
sie ihre Schritte hemmte »Wissen Sie woran ich denke An die grünen Dämonen
vom siebenten Himmel So ist die Welt so sind die Menschen ein zielloses
Hinund Hergleiten man fürchtet jeder könne den Hals brechen und jeder wird
doch wieder durch den andern getragen und beschützt Und dann was ich nicht so
recht ausdrücken kann dies Spielen auf die Wirkung oder so «
    »Ja eigentlich ist das ganze Leben bloß ein Symbol und wir können nichts
anderes tun als alles was uns zustösst symbolisch zu betrachten Darum sind
auch die Dichter am größten die das Leben möglichst vereinfachen«
    Wieder entstand ein Schweigen »Ach die Dichter« sagte Jeanette dann
nachdenklich und traurig »Sehen Sie ich habe so viele kennen gelernt von den
berühmten denn ich war mit meinem Vater in Berlin und mein Vater war versessen
auf die berühmten Leute Da Hab ich Dichter kennen gelernt und manchen bei dem
mir vorher das Herz geklopft hat Aber wie schrecklich bin ich immer enttäuscht
worden Ich habe mich immer gefragt du lieber Gott wie konnten die Leute das
oder das schreiben In den Büchern so große Gefühle ein so kompliziertes Leben
und als Menschen genau wie andere Menschen und so leicht durchschaubar so
eitel so abgemessen so sparsam mit ihrem Herzen so vorsichtig mit ihren
Worten Ehrfurcht will ich haben vor einem Dichter ob er nun jung oder alt ist
Ehrfurcht will ich haben«
    Bojesen ging still dahin und lauschte mit glänzenden Augen
    »Sie wundern sich vielleicht über mich« fuhr sie fort und schlug den Mantel
fröstelnd zusammen »Ich auch Ich habe stets geglaubt wahnsinnig zu werden bei
dem Gedanken an das Gewöhnliche Nur nicht gewöhnlich werden nur nicht irgendwo
unten stecken bleiben Nur nicht immer Anläufe nehmen und dann beschämt
zugestehen dass man zu viel gewollt hat Nur fort fort von Ziel zu Ziel
selbst um den Preis der Ruhe der Ehre der Gesundheit des Lebens Auch ich
will ein Symbol sein« Bojesen sah sie lächeln Er fragte ob sie nicht seinen
Arm nehmen wolle und wo er sie hinführen solle
    Sie nahm den Arm »Wohin Ach irgend wohin Sagen Sie Bojesen sind Sie
nicht ein wenig Dichter«
    »Ich Nein ganz und gar nicht Ich bin ein Mann der Wissenschaft«
    »Wie pedantisch Kann man dabei nicht auch Dichter sein Ist nicht jeder ein
Dichter der eine Empfindung in sich zur Gestalt machen kann«
    Sie waren an einer Allee beschneite Bäume und beschneite Wege blickten
ihnen entgegen An einem zerstörten Staket lagen Steine Mörtelbehälter
Schaufeln aufgeschichtete Ziegel und dahinter stand ein unfertiger Bau mit
schwarzen Fensterhöhlen Nur im Erdgeschoss brannte ein Trockenofen und düstere
Röte strahlte durch die Fensterscheiben fiel auf die blätterlosen Sträucher und
Baume bis über die Straße Die beiden gingen an den Fenstern vorbei schauten
zufällig hinein und sahen vier Knaben um den Glühofen kauern und mit den
geröteten Gesichtern emporschauen zu einem jungen Menschen der mit dem Rücken
gegen das Fenster stand und zu ihnen redete »Agaton Geier« flüsterte Bojesen
erschrocken und auch Jeanette war aufs höchste erstaunt Bojesen hatte ihn
sofort erkannt an Gestalt und Bewegung Als Agaton ein wenig seitwärts trat
konnten sie beide sein Profil sehen gedankenvoll und entschlossen sah er ins
Feuer Die Knaben schienen Agatons Worte zu trinken und es lag etwas Gläubiges
und Ergebenes in ihren Gesichtern der Älteste der etwa sechzehn Jahr alt war
trug die Kappe der Waisenhauszöglinge
    »Wir wollen gehen« sagte Bojesen leise »es ist kalt« Jeanette riss sich
los und sagte im Weitergehen langsam »Es ist etwas Außerordentliches in ihm«
    »Sie kennen ihn« fragte Bojesen betroffen
    Jeanette nickte Eine Viertelstunde darauf standen sie wieder vor dem
siebenten Himmel Jeanette schaute hilflos umher und schien nachzusinnen
    In diesem Augenblick ging eine in einen dicken Pelz vermummte Gestalt
vorüber Nur die Augen waren sichtbar die boshaft funkelnd denen Bojesens
begegneten Bojesen kannte diese Augen und wusste was er von der Begegnung zu
halten habe Er lächelte ergeben Sie traten ein Barbin schlief auf dem
Villard die jungen Männer in Trikot schliefen auf dem Podium Liebespaare saßen
flüsternd oder stumfsinnig in finsteren Ecken der Glühende allem war noch wach
Er hockte an der Rampe mit weit von sich gestreckten Beinen die Stirn
nachlässig in die gerundete Hand gestützt den Blick mit stillem Triumph in die
Ferne sendend Eine Schnapsflasche stand vor ihm auf dem Boden
    »Was sinnst du Liebling der Götter« fragte Jeanette seine Schulter leicht
mit den Fingern berührend und jener deklamierte
»Wenn ich doch auf einem Felsen stünde
weit im Meer
und erlöst von meinen Träumen wär«
    Dann zog er eine Mundharmonika aus der Tasche und begann ein Menuett zu
spielen Jeanette erhob sich fasste den Rock mit den Fingerspitzen beider Hände
und tanzte lächelnd berückend Bojesen stand auf ging hinab vom Podium in die
Dämmerung des übrigen Raumes und stellte sich unter die Schläfer In ihm
erwachte eine heiße Leidenschaft und das Menuett wie er es jetzt vernahm fast
wie hinter Mauern hätte ihn beinahe aufschluchzen lassen Er glaubte kaum dass
ihn mit solchen Gefühlen der Erdboden würde tragen können so schwer war seine
Seele von ihnen
    Er wandte zufällig den Kopf nach rückwärts und sah Jeanette hinter sich
stehen Sie blickte ihn verträumt und selbstvergessen an ihre Augen waren jetzt
von einem dunklen undurchdringlichen Grün und die roten Lippen gaben dem
überaus bleichen Gesicht etwas von dem Wesen einer Fabelwelt Langsam nahm sie
ihn bei der Hand und zog ihn fort hinaus in den finsteren Gang und weiter
 
                                Zehntes Kapitel
Die strahlende Mittagssonne leuchtete als Agaton von der Höhe herabstieg ins
Dorf Zu beiden Seiten des Wegs standen die Bäume im Schnee spärlich behangen
mit braunroten Blättern Weitin leuchtete die Schneedecke und bisweilen lag ein
dunkles mürbes Blatt gleich einem großen Blutstropfen darauf Als Agaton
durchs Dorf ging grüßten ihn viele Leute mit scheuem Gruß Rasch hatte sich die
Kunde verbreitet dass Frau Jette durch seine wunderbare Berührung gesundet war
und alle suchten in seinem Gesicht an seinem Wesen nach einem äußeren Zeichen
der inneren Kraft Er fühlte sich Herr über diese Kraft gehoben und
emporgetragen alles was rein in ihm war hatte sich mit diesen Gefühlen
vereinigt und alles Düstere und Kleinliche seiner Seele war abgestreift wie
verbrauchtes Gewand Er hatte ein altes Buch aufgefunden und darin die
Geschichte des Sabbatai Zewi entdeckt Mit durstigen Augen las er sie Wie wusste
er gut zu scheiden unter dem Wahren und Erlogenen dem Phantastischen und
Tiefsinnigen Wie sah er durch die Person des falschen Propheten in die Seele
der Menschen die nicht dem beharrlichen Ernst sich beugen nicht der
beweglichen Stimme des mitleidenden Beraters sondern dem prunk und
goldstrotzenden Wortelden dem Halboffenbarer dem der mit ihrer Begeisterung
spielt und dann achtlos über ihre Leichen schreitet Aber noch fehlte all diesen
Dingen der tiefere Bezug auf sein eigenes Tun und er fand sich in der Welt mit
einer Binde vor den Augen des gütigen Lösers harrend Es war nichts von
Prophetentum oder Prophetenwollen in ihm Das reiche innere Leben verlieh seinen
Zügen etwas Leuchtendes doch er fand sich klein neben einem geträumten Bilde
von sich selbst Mehr als sonst waren seine Nächte belebt von schwülen Bildern
nackte Frauen die ihn neckten die ihn zu sich zogen ihn umarmten ihn
verlachten Wie oft sprang er auf vom Bett und trat aus Fenster um durch die
Kälte sein Blut zur Ruhe zu bringen Wie oft schaute er bittend in den schwarzen
Nachthimmel mit den klaren Wintersternen und erwartete dass das Gewölbe sich zu
einer freundlichen Vision öffne Dann suchte er seine Gedanken abzulenken
dachte an die große Welt und an die Bunteit der Ereignisse in ihr die nur wie
ferner Marktlärm hereinklangen in das kleine Leben das er lebte
    Es gab zwei Wesen im Hause die ihn oft und viel beschäftigten Das eine war
Frau Hellmut das andere Sema Jene hatte das Schreckhafte das sie anfangs für
ihn gehabt verloren Doch ihre ganze Art hatte etwas von einem Irrlicht
Ruhelos beständig redend beständig geschäftig ging sie umher obwohl schon
lange nichts mehr für sie zu tun war obwohl sie nicht bezahlt wurde und auch
kein Geld dazu dagewesen wäre Bevor sie nicht zu anderen Leuten gerufen wurde
lebte sie hier billig und »ein Maul mehr macht den Tisch nicht leer« sagte
Gedalja Ost saß sie dann wieder und sprach kein Wort ihre Augen quollen unter
den entzündeten Lidern hervor sie lächelte in wahnsinniger Weise vor sich hin
nickte und atmete wie beglückt tief auf Agaton pflegte sie bei solchen
Gelegenheiten genau anzublicken und es wollte ihm scheinen als ob diese Frau
einmal sehr schön gewesen wäre vielleicht nur einen Tag lang schön in der
Seele und am Körper um sich dann wegzuwerfen für eine vorüberrauschende Stunde
So dachte er oft über die Menschen indem er sie in der Vergangenheit wirken
oder in einer bestimmten von ihm selbst erfundenen Situation handeln sah
    Mit Sema wusste er nichts anzufangen Voll ängstlicher Fürsorge achtete der
Knabe auf alles was Agaton tat suchte ihm jeden Wunsch von den Augen
abzulesen schleppte einen Stuhl herbei wenn Agaton stand brachte ihm den
Löffel der bei der Suppe fehlte schlich in eine Ecke um zu weinen wenn ihm
jener etwas abschlug und als Gedalja und Frau Jette einmal in Agatons
Abwesenheit ernstlich über seinen Lebensberuf Rat hielten hörte Sema zu und
fing auf einmal an zu schluchzen Es war mehr als eifersüchtige Verliebteit in
ihm es war Anbetung ein Sichverlieren und Sichauflösen der Wunsch nichts zu
sein vor dem vergötterten Freund
    Einmal wanderten beide von der Stadt nach Hause als sie einem der
Waisenhauszöglinge begegneten einem etwas verwachsenen Knaben mit äußerst
abgehärmtem Gesicht Er blieb eine Weile bei Sema und Agaton stehen betrug
sich aber sehr einsilbig und schrak ein paarmal grundlos zusammen Später
erzählte Sema dass dieser Knabe oft gezüchtigt werde weil er die Gebete nicht
auswendig behalten könne dabei erfuhr Agaton erst dass Sema einige Wochen im
Waisenhaus zugebracht habe und dass es ihm dort schlimm ergangen sei
    »Sind viele Knaben dort« fragte Agaton
    »Vielleicht dreißig«
    »Und sehen alle so unglücklich aus wie der den du eben gesprochen hast«
    »Fast alle«
    »Werden sie denn hart bestraft«
    »Das nicht aber sie müssen beständig beten und beten Im Winter sind die
Zimmer kalt Zu essen gibt es nicht viel die Lehrer sind lieblos und das
Schrecklichste ist dass man schon um sechs Uhr früh aufstehen muss«
    Agaton schwieg lange Dann sagte er mit vertieftem Ausdruck des Gesichts
»Man müsste mit den Knaben sprechen Man müsste ihnen gute Bücher geben Man müsste
sie mit Hoffnung füllen Worte sind mächtig Man müsste ihnen beweisen wie
herrlich das Leben ist Kennst du den Ältesten der Knaben«
    »Ja«
    »Könntest du es möglich machen dass er und vielleicht ein zweiter in der
Nacht mit uns kommen wenn alle schlafen«
    »Ist das nicht gefährlich Agaton«
    »Gefährlich Gewiss Alles ist gefährlich wobei man sich ein bisschen opfern
muss Bei Tag werden doch wahrscheinlich die Knaben überwacht«
    »Ja sie müssen über jede Stunde Rechenschaft ablegen«
    »Willst du mir also helfen«
    »Ja Agaton«
    »Ich weiß ein leeres Haus am Engelhardtspark wo seit einiger Zeit ein
Trockenofen gebrannt wird Dort wollen wir uns treffen Du müsstest die Knaben
verständigen und sie hinführen«
    »Ich tue was du willst« sagte Sema beugte sich herab suchte Agatons
Hand und drückte sie an seine Wange Agaton erschrak
    Als sie durch das Dorf gingen sah er seinen Vater im Wirtshaus sitzen und
mit Schmerz dachte er des üblen Geredes das über den Vater an sein Ohr
gedrungen war Ja man sprach Schlimmes über Elkan Geier nicht nur wegen des
verhafteten Enoch nicht nur wegen des heidnischen Agaton Elkan musste eine
unheimliche Schuld in der Brust tragen dass er halbe Tage lang in der Kneipe
hockte sein Geschäft vernachlässigte der Frau alle Sorgen aufbürdete und
dunkle Worte und Klagen verlauten ließ
    Zu Hause fand Agaton seine Mutter in gewaltiger Erregung Keines Wortes
mächtig zeigte sie nach dem Garten und er ging hinaus Auf dem Nebengrundstück
befand sich die Estrichsche Ziegelei die der neue Besitzer vergrößern ließ Es
sollten Trockenschuppen gebaut werden die Erde wurde ausgegraben und die
Arbeiter nahmen keine Rücksicht auf den Geierschen Garten beschädigten den Zaun
und warfen Steine herüber Frau Jette war schimpfend unter sie gefahren wurde
aber verhöhnt und nun geschah was anfangs Achtlosigkeit gewesen in böswilligem
Trotz Als Agaton hinaustrat schleuderte gerade ein junger Bursche lachend
einen Ziegelstein herüber Ohne sich zu besinnen trat er durch eine Bresche des
zerbrochenen Zaunes zu dem jungen Menschen und fragte »Hast du eine Mutter
daheim« Das Du und Agatons fester Blick verwirrte den andern der unter den
Lärmendsten gewesen war Er schlug die Augen nieder und sagte nichts »Rede
nur« drängte ihn Agaton »gib Antwort« Der Bursche lachte und wusste nicht
wohin er den Blick wenden solle Endlich schüttelte er in unbestimmter Weise den
Kopf »Aber wenn du eine hättest würdest du sie beschimpfen lassen« fragte
Agaton eindringlich »nimm mal an du hast daheim einen Garten und der Garten
ist fast alles was ihr habt und es kommen Leute die sich ein Vergnügen daraus
machen den Garten zu ruinieren den Zaun umzureissen die Beete mit Steinen zu
bewerfen auf denen ihr im Sommer euer Gemüs wachsen lasst ich glaube du
nähmst die erste beste Flinte und schössest die Kerle zu Boden Oder nicht
Sähst du vielleicht zu und bedanktest dich Und wenn es Juden wären dächtest
du es sind rechtgläubige Juden man muss kuschen « Der Bursche zeigte betreten
die Zähne und spielte mit einigen Zweigen des verdorrten Buschwerks Die andern
hatten alles gehört und waren nach und nach still geworden Eine Stunde später
waren die Steine aus dem Garten verschwunden
    Frau Jette lehnte im Flur als Agaton zurückkam und blickte ihn starr an
Sie standen in einer dunklen Ecke und ehe sich Agaton dessen versah war die
Mutter auf einen Holzblock gesunken und schluchzte herzbrechend Er schwieg und
blickte trüb herunter auf ihre kümmerliche Gestalt er fühlte wohl was sie
beweinte und dass es sich nicht auf diesen Tag und nicht allein auf die
letztvergangenen Tage bezog
    Gegen Abend bei klarem Himmel und hindämmerndem Untergangsrot der Sonne
ging Agaton fort Als er in die Nähe von Frau Olifats Haus kam sah er Stefan
Gudstikker aus der Gartentüre kommen hastig über die Straße eilen und mit
schnellen Schritten in der Richtung der Ziegelei verschwinden Agaton stutzte
und obwohl er sonst nicht unaufgefordert zu Monika kam entschloss er sich heute
doch dazu Er klopfte an und auf ein leises Herein öffnete er die Tür und sah
sie allein im Zimmer am Fenster sitzen Ihre Mutter und Schwester waren wie
gewöhnlich um diese Zeit in der Stadt Monika erwiderte freundlich Agatons Gruß
und drückte seine Hand
    »Ist dirs nicht recht dass ich gekommen bin« fragte Agaton beklommen
    »Ich nein ich freue mich Ich bin froh dich zu sehen Agaton«
    »Wirklich«
    Monika nickte ernst dann sah sie wieder in verlorener Träumerei auf die
Felder »Ich muss dir etwas vorlesen« sagte sie nach einer Weile Sie zog ein
Papier aus der Tasche entfaltete es und las
»Wir küssen uns bei Kerzenlicht
sonst sehen wir uns vor Tränen nicht
Sonst ist uns gar zu still die Stund
zu schweigsam der beklommene Mund
Wir küssen uns in finsterer Nacht
weil sie die Zukunft schöner macht
Wir sehen das goldne Haus am Meer
von Schätzen voll von Sorgen leer
Was spricht der Vogel Zeitvorbei
Dass alles dies vergänglich sei
Was spricht die Mutter Zweifelschwer
Ein Schattenbild das Haus am Meer
Der Vogel hat die Nackt vertrieben
die Mutter ist bei uns geblieben
Den blassen Traum an dunkler Wand
hat sie verblasen und verbrannt«
    Es entstand eine lange Pause
    »Wie konntest du denn lesen« fragte Agaton endlich bedrückt »da es doch
schon dunkel ist«
    »Ich kenne es auswendig« flüsterte Monika in sich versunken »Es ist
schön es ist schöner als schön«
    »Aber weshalb nimmst du denn das Papier wenn du es auswendig weißt O wie
rot wirst du Monika Du bist glühend rot« Agatons Stimme zitterte »Monika«
rief er dann
    »Was«
    »Es ist ein unwahres Gedicht Es ist schön aber unwahr Alles was darin
steht ist schön und nur weil es schön ist stehts da aber es ist erlogen Ich
weiß wer es gemacht hat Aber er ist kein wahrhaftiger Mensch Nur ein
wahrhafter Mensch kann ein Kunstwerk machen Ich meine nicht dass er im Leben
nicht lügen darf aber mit seiner Seele darf er nicht spielen Er aber spielt
Monika«
    Monika hatte den Freund noch nie so erregt gesehen und es war auch als ob
ein anderer ein offenbarender Mund ihr das zugerufen hatte Als er fort war
saß sie im Finsteren bis ihre Mutter kam
    Agaton traf Stefan Gudstikker wie schon einmal unter einem Laternchen am
Ziegeleigebäude stehend Nach einigem Hin und Herreden lud er Agaton ein mit
ihm ins Haus zu kommen Agaton folgte ihm Der alte Estrich brummig und
knurrig wenn er liebenswürdig war beinahe komisch erfüllte das Zimmer mit dem
Rauch seiner Pfeife und ging bald fort Käte erschien still scheu und
gedrückt Sie hatte bisweilen ein ergebenes Lächeln für ihren Verlobten jedes
Stirnrunzeln von ihm beeinflusste sie jedem halben Wort sann sie nach
Gudstikker strich ihr oft über die Haare er schien sich der grenzenlosen Macht
über das einfache Kind zu freuen ja er schien damit zu prahlen Oft wenn sie
etwas sagte lachte Gudstikker und Agaton dachte wie in einer Erleuchtung er
hat ihr den Glauben geraubt was hat er ihr dafür gegeben nicht mehr als ein
Stück seiner eigenen Person Jeder Tag lehrte Agaton mit unabweisbarer Stimme
das Leben wie es wirklich war wie es nicht aus einem göttlichen Wesen floss
sondern aus dunklen unterirdischen Quellen vielgestaltig mit Trübsand
vermischt nur selten Gold im Grunde führend selten im geraden Strom klar und
kraftvoll rauschend
    Plötzlich schallte von draußen das ängstliche und fortgesetzte Miauen einer
Katze herein Alle lauschten Gudstikker und Agaton gingen hinaus
    Der Mond stand hoch und rein am Himmel Der Schnee blitzte und funkelte weit
umher Auf den Feldern lag der Rauhreif schimmernd wie Silberstaub Vor dem Tor
lag ein Kätzchen in seinem Blut Gudstikker kniete hin streichelte das Tier
zärtlich und redete ihm zu wie einem Kind Dann gebärdete er sich wie rasend
drohte den Kerl zu erdrosseln der diese Schandtat vollbracht und konnte sich
kaum beruhigen Agaton wollte ihn trösten obwohl er etwas Gekünsteltes in
diesem Zorn fühlte als er einen Schatten gewahrte und Käte neben sich sah Sie
hatte ein Tuch um den Kopf ihre Lippen deren Rot durch eine scharfe und runde
Linie von der blassen Haut abgegrenzt war waren ein wenig geöffnet »Ist das
Kätzchen tot« fragte sie
    Gudstikker nickte
    »Wer hat es getan Vielleicht der Vater er stellt immer den Katzen nach«
    »Dein Vater sagst du« fuhr Gudstikker auf »Weißt du dass es mir jetzt zu
bunt wird Weißt dus nicht Ja es wird mir zu bunt Ich Hab euch auch satt
dich und deine ganze Familie«
    Wieder fühlte Agaton das Künstliche des Wutausbruches und fragte sich
vergeblich nach Gründen
    »Stefan« flüsterte Käte und legte zitternd ihre beiden Hände um seinen
Arm »Stefan«
    Es entstand eine peinliche Pause »Es ist kalt Herzchen« erwiderte
Gudstikker endlich und streichelte tröstend ihre Hand »Geh nur und leg dich
schlafen Du wirst ja krank«
    Als er heimging hatte Agaton eine seltsame Sinnestäuschung Aus einem
dunklen Torweg trat Käte Estrich auf ihn zu und hob flehend die Hände Als er
weiterging und sich die Erscheinung vor seinen Blicken in den Winternebel
auflöste dachte er mit hilfsbereitem Herzen an sie Wie groß war sein Erstaunen
und sein Schrecken als er sie auf einmal wirklich sah Raschen Schrittes kam
sie und lächelte matt als sie vor ihm stehen blieb Sie wolle zu Stefan sagte
sie
    »Was wollen Sie denn bei ihm«
    »Ich weiß nicht Ich will ihn nur sehen Wenn ich noch einmal in sein
Gesicht sehe weiß ich alles«
    »Was Was denn« Agaton erbebte vor Mitgefühl
    »Ach  nichts«
    In diesem Augenblick ging viel vor in Agatons Seele Er sah dieses zarte
Geschöpf vor sich wie sie in jeder Stunde mehr hinwelkte Er sah die kleinen
mondlichtübergossenen Häuser die dunkle Unendlichkeit des Nachtimmels zage
Sterne glänzende Fensterscheiben  dies alles im Gegensatz zu der wunderlichen
Unruhe der Menschen ihrer Lust an der Lüge ihrer Furcht vor dem Kämpf und zum
erstenmal sprach heute die Natur ein unüberhörbares Wort zu ihm und er konnte
die gärende Inbrunst seiner Seele nicht mehr missverstehen Da stand nun dies
stille wortkarge Geschöpf vor ihm mit dem treuherzigen Blick dem hilflosen
Zucken um die Lippen und sie sah ihn ratlos an als Agaton wie erleuchtet
lächelte
    »Sie sind immer so traurig Fräulein Käte« sagte er
    Sie nickte
    »Sie müssen sich einmal recht von Herzen freuen«
    »Aber wie kann ich das« erwiderte sie seufzend
    »Nur einmal eine Stunde lang sollen Sie froh werden Vertrauen Sie mir«
    »Sie sind so merkwürdig Agaton Man muss Ihnen vertrauen auch wenn man
nicht will«
    »Und Sie wollen tun was ich verlange«
    »Was verlangen Sie denn«
    »In unserem Hof steht ein Schlitten Da sollen Sie sich hineinsetzen Ich
fahre Sie«
    »Jetzt Um Gotteswillen jetzt Ich kann nicht Meine Mutter lässt mich nicht
fort«
    »Ihrer Mutter dürfen Sie alles gestehen wenn wir zurückkommen Ich ziehe
meine Schlittschuhe an und wir fahren bis zum See bei Weinzierlein«
    »Bis zum See Nein Agaton das ist zu weit«
    »Jetzt dürfen Sie nicht kleinlich und furchtsam sein Ich hab auch noch ein
dickeres Tuch für Sie und einen Mantel meiner Mutter«
    Käte zögerte noch immer aber Agatons Blick und Wesen in dem etwas
Triumphierendes und Flammendes lag überredeten sie unwiderstehlich
    Eine Viertelstunde später flog der Schlitten auf der Landstraße dahin und
Agaton auf Stahlschuhen hinterher Rechts lag der Wald dann lag er links das
Mondlicht wohnte in ihm die braunen Blatter glänzten silbern die Birkenrinde
strahlte wie Gold der Schnee lag wie ein faltenloses Gewand und der Himmel
wölbte sich in mattem kalten Licht
    »Sehen Sie die Nebelelfen« fragte Agaton
    »Ja Und Irrlichter zeigen den Weg«
    »Ist Ihnen warm«
    »Ja«
    »Das ist gut Das nächste Mal nehmen wir Mirjam mit«
    »Wer ist Mirjam«
    »Meine Schwester«
    »Sonderbarer Name«
    »Er ist hebräisch und heißt die Widerspenstige«
    »Ist sie widerspenstig«
    »Ganz und gar nicht«
    Dies wurde in vollstem Lauf auf klirrender Schneebahn hin und hergerufen
Endlich kam der See Zauberhaft Glattgefroren die weite Flache Schimmer auf
Schimmer golden silbern Millionen blitzender Funken und Agaton flog hin wie
ein Pfeil
    Vom Ufer erhob sich eine Gnomenschar lachend echoend und tanzte mit weiten
Sprüngen um das Gefährt Käte schlug voll Entzücken die Hände zusammen denn
die Landschaft war zum Zauberreich geworden Man sah Lichter wie in einem Saal
bisweilen tönte es aus der Ferne wie Gesang von Mädchenstimmen bisweilen wie
Glockenklang Ritter und Knappen und edle Damen stiegen aus der Tiefe zum Tanz
gekleidet hier war einst eine mächtige Burg versunken Kätes Blut floss rasch
und stürmisch Sie erinnerte sich nicht je so glücklich gewesen zu sein sie
war wie berauscht und Agaton lächelte sie an seltsam träumerisch Wie ein
Sturm fuhr die Sehnsucht in seine Brust ein ganzes Land ein ganzes Volk so
zum Glücke zu verwandeln selber hinzufliegen in freudigschauernder Bewegung
in der Hand die stammende Fackel einer neuen Zeit 
    Aber Käte erinnerte daran dass es zehn Uhr sein müsse und der Schlitten
musste umkehren
 
                                 Elftes Kapitel
In heiterer Stimmung verließ Bojesen seine Wohnung und der neblige
Dezembermorgen trübte nicht die Klarheit seines Innern Da begegnete ihm der
Postbote und händigte ihm ein Schreiben ein Er riss den Brief auf und las
    Kommen Sie nicht wieder Lassen Sie mir die Freiheit ganz die ich einmal
erwählt habe Ich könnte ja fordern aber ich bitte nur Fragen Sie nicht
warum Haben Sie nie bemerkt dass wenn zwei Schicksale sich verketten der Weg
doppelt so schmal wird Das Leben ist zu klein und kann nicht durch einen großen
Sinn regiert werden Können Sie sich denken dass man nicht mehr an all die
schönen Worte glaubt von Freiheit Liebe Seele und so weiter sondern nur an
das taube blinde Ungefähr  Der eine sucht sein Schicksal den andern findet
es Kommen Sie nicht wieder
    Bojesen war nicht genug Frauenkenner um die matte Energie des gequälten
Schreibens zu durchschauen Er nahm sich den Brief zu Herzen kehrte hastig in
seine Wohnung zurück setzte sich an den Schreibtisch kaute einige Zeit
beklommen am Federhalter und begann
    Ich dachte eine starke Frau zu finden und fand eine schwache Oder wie ist
es Was soll ich davon denken Bedeutet das die Schrankenlosigkeit der
Leidenschaft von der du geträumt hast Ist es die gewöhnliche banale
Romanreue Sind die Flügel schon zerbrochen ehe man sich über das Dach des
nächsten Philisterhauses erhoben hat Das Schicksal ist ungewöhnlich mit uns
verfahren und wir müssen uns ungewöhnlich an ihm revanchieren Ich sehe dich
noch in deiner Glut in deinem Lächeln in deiner Hinreissendheit Und nun
    So weit war er gekommen als sich eine Hand auf seine Schulter legte
Zurückschauend gewahrte er seine Gattin und zuckte zusammen »Erich du
schreibst an eine Frau« sagte sie langsam und betont
    Sie war leichenblass und hatte mit der Hand krampfhaft die Stuhllehne gefasst
    In einem solchen Fall erfindet ein Mann entweder eine zärtliche Lüge oder er
wird brutal Bojesen lachte schlug das angefangene Schreiben zusammen und
zerfetzte es Dann setzte er seinen Hut auf um zu gehen
    »Erich ich kenne sie nicht diese Frau aber sie wird dich zu Grund
richten Ich will mich nicht vor dich hinstellen mit Verzweiflungsausbrüchen
Ich bin dir nicht gut genug zur Offenheit obwohl ich zu vielen Dingen nicht zu
gut war wie das schon so geht«
    »Aber du phantasierst ja du träumst« rief Bojesen erschrocken und
gespannt
    »Wir liegen immer noch Bett an Bett und auch du träumst«
    »Was soll das heißen«
    »Ich kann oft nachts nicht schlafen und ich höre und sehe deine Träume Die
Ampel bescheint dein Gesicht und mit diesem Gesicht bist du dann bei ihr
verstehst du«
    Bojesen nagte an seinen Lippen Er ging und war beschämt Er kaufte Zigarren
und begann zu rauchen was er sonst des Vormittags nie zu tun pflegte In den
düsteren Korridoren des Schulgebäudes traf er die Herren die das akademische
Viertel benutzend gravitätisch oder tiefsinnig umherstolzierten die Hand aus
dem Rücken oder zwischen dem zweiten und dritten Knopf der Rockbrust
    Bojesen sah die finsteren Mienen seiner Kollegen nicht oder gab vor sie
nicht zu sehen Doch fühlte er wohl dass etwas in der Luft lag Nach Ablauf der
Stunde kam der Pedell und bat ihn zum Rektor Bojesen lächelte entließ seine
Schüler schritt bedächtig die Stufen hinan und stand alsbald vor dem Herrscher
des Schulreiches und fünf der ältesten Herren die seine Garde bildeten
    »Herr Bojesen« begann der Rektor feierlich mit einer fast unmerklichen
Mischung von Sarkasmus und Schadenfreude »Sie sind uns als Kollege lieb gewesen
und als Lehrer wertvoll Wir konnten uns täglich von der strengen Tatkraft
überzeugen mit der Sie Ihr Pensum durchführten Wir glaubten in Ihnen dereinst
eine stolze Säule unserer Anstalt zu besitzen einen verehrten und geachteten
Mitbürger einen tadellosen Erzieher Vaterlandsliebe einwandsfreier
sittlicher Wandel Religiosität das sind Tugenden die die Brust eines Beraters
der Jugend mehr schmücken als königliche Orden Wir müssen bekennen dass wir uns
in Ihnen getäuscht haben«
    Ein undefinierbares Murmeln der Garde folgte dieser Ansprache
    »Was wollen Sie damit sagen Herr Rektor« entgegnete Bojesen ruhig
    »Damit soll gesagt sein dass Sie wie unsere gewissenhaften Nachforschungen
zweifellos ergeben haben in bezug auf Ihre moralische Führung nicht geeignet
sind einen günstigen Einfluss auf die Schüler zu üben Herr Bojesen  kurz dass
Sie sich auf Abwegen befinden Als Mensch kommt es mir lediglich zu Sie zu
warnen Sie kraft meines Alters aus tiefstem Herzen zu warnen Als Vorstand
dieses Instituts dagegen ist es meine Pflicht Sie zu bitten von Ihrer
Lehrtätigkeit Abstand nehmen zu wollen bis wir die Sachlage an das Ministerium
berichtet und weiteren Bescheid empfangen haben«
    Bojesens Wangen und Stirn röteten sich und seine Hand zitterte Doch der
Rektor richtete sich straff empor und fuhr fort
    »Verteidigen Sie sich nicht Suchen Sie uns nicht zu überzeugen wovon es
auch sei Wir waren vorsichtig in bezug auf unsere Schritte Sie verkehren in
einer verrufenen Spelunke mit verrufenen Subjekten und verrufenen Frauenzimmern
Es ist schändlich und für mich als Haupt einer Anstalt an deren Ruf kein
Flecken haftet deren pädagogischer Ruhm weit über die Grenzen unseres engeren
Vaterlandes gedrungen ist ich sage es ist beschämend für mich einen solchen
Vorfall konstatieren zu müssen Ihr unverzeihlicher Fehltritt fällt um so
schwerer ins Gewicht als Sie verehelicht sind lind trotzdem nicht Ehrgefühl
genug besaßen Ihren Hang zu zügeln Aber nicht einmal das allein war massgebend
für mich Nur aus wenigen Andeutungen die sich scharf in den Geist jugendlicher
Zuhörer graben können das werden Sie selbst gut genug wissen ist erwiesen dass
Sie es im Unterricht nicht verschmähten skeptische Worte fallen zu lassen die
die Religiosität der Schüler gefährden konnten und dass Sie so auf dem
verbrecherischen Wege sind die scheussliche Zeitkrankheit des Ateismus und der
Pietätlosigkeit mitverbreiten zu helfen Wir wissen dass Sie sich mit dem
dimittierten Schüler Agaton Geier auch nach seinem Vergehen noch liebevoll
befasst haben und jetzt wird mir auch vieles von der unerhörten Tat dieses
irregeleiteten Jünglings klar Ich hoffe Sie bereuen und werden ein besserer
Mensch Für die unschuldigen Blüten die man Ihnen anvertraut hat ist ein
anderer Gärtner von nöten Und jetzt bitte ich Sie uns zu verlassen Oder haben
Sie noch etwas einzuwenden Ich mache Sie aufmerksam dass unsere Zeit kurz
bemessen ist«
    Bojesen rührte sich nicht Seine Augen schauten unverwandt ins Weite als
suchten sie sich mit den kommenden Stunden der Entbehrung und der Brotlosigkeit
schon jetzt vertraut zu machen Um seine Lippen spielte ein halb mitleidiges
halb trauriges Lächeln Der Rektor blickte ratlos die fünf Gardeherren der Reihe
nach an die dann in derselben Reihenfolge schweigend die Köpfe schüttelten
Endlich sagte Bojesen »Meine Verbrechen sind Verbrechen Für Sie müssen es
solche sein natürlich Ich kann also nichts dagegen einwenden Aber was die
unschuldigen Blüten betrifft darüber möchte ich noch ein paar Worte sagen Das
was ich anstrebte war die Schüler von selbst zum Denken zu bringen aus
Andeutungen und aus Anschauungen ein Gesetz zu konstruieren Ich habe ihnen aus
der Wissenschaft immer ein schmackhaftes Stück Brot gemacht nicht ein Pensum
für das Gedächtnis Aber was Sie meine Herren unternehmen ist aussichtslos
Sie machen aus der Schule eine Verdummungsanstalt und kein munter fliessendes
Wasser wird aus diesem Sumpf herauskommen Alle bleiben unglückselige
Marionetten oder wie Sie es nennen faule Schüler Aber faul sind nur Ihre
Einrichtungen Wer dem Geist der Jugend etwas nahe bringen will muss es mit dem
Herzen tun nicht mit dem Vocabularium Ich möchte sagen er muss ein wenig
spielen dabei Sie müssten beinahe ein wenig Künstler sein Hat mein verehrter
Kollege  verzeihen Sie Exkollege Lehrer der Geschichte jemals daran
gedacht den Schüler mit den großen menschlichen Dingen der Geschichte vertraut
zu machen jemals den Geist des grandiosen Zusammenhangs zu erklären versucht
jemals ein farbenreiches Bild daraus gemacht und das wäre von höherem
sittlichem Wert als hunderttausend Jahreszahlen und Dynastiennamen Und was
Religiosität betrifft Herr Rektor so haben Sie keine Angst um mich Beide
zeigen sich nicht im Götzendienst Was Sie mit diesen schönen Worten meinen ist
Duckmäuserei und Frömmelei Vielleicht kommt die Zeit selbst für Sie noch der
Sie graue Haare haben wo Sie mit Kummer an das denken werden was ich Ihnen
eben gesagt habe Ich empfehle mich den Herren«
    Er eilte hinaus und ließ die sechs würdigen Schulmänner in unbeschreiblicher
Verblüffung zurück »Gehen Sie hinunter Schachno und verhindern Sie dass er
mit den Schülern spricht« sagte der Rektor erregt
    
    Daran dachte Bojesen nicht Er hatte bereits das Schulhaus verlassen und
ging bis die Häuser zu Ende waren bis die Ebene vor ihm lag Und wie er weiter
und immer weiter ging vergaß er auch mehr und mehr seinen persönlichen Schmerz
und das Drückende und Gedrücktsein das in ihm war löste sich auf in allgemeine
Wehmut um etwas unbestimmtes Verlorenes in eine wie hingehauchte Trauer um
vergebliches Ringen Er empfand jene Müdigkeit zu denken die zu vagen aber
tröstlichen Bildern führt bis an die Pforte der Melancholie wo sie sich mit
liebevoller Innigkeit an alle Gegenstände der Natur hängt und auch dem
zufälligen Flug eines Vogels eine tiefe vorbedeutungsvolle Wichtigkeit
verleiht
    Still und neblig wie erfroren lag da oder dort ein Dorf Gleich einer Wand
von Schleiern erhob sich bisweilen ein Gehölz Der Himmel war unbeweglich keine
einzelne Wolke war zu sehen nur eine schwerhingezogene Decke Dornenhecken
standen am Weg und vermehrten das Grüblerische Insichgekehrte dieser
Landschaft Raben flogen lautlos über die Äcker setzten sich majestätisch auf
schwarze Erdschollen die aus dem Schnee ragten und guckten furchtlos mit
schlauen und boshaften Augen auf den Wanderer
    Als es dunkelte kam er zurück in die Stadt und es war ihm als ob er ein
Jahr lang fortgewesen wäre In langsamem Gleichmut als wäre es die Folge eines
weit zurückliegenden Entschlusses wanderte er nach der Richtung von Jeanettens
Wohnung und fand sie zu Hause
    Sie war nicht erstaunt ihn zu sehen und reichte ihm ruhig die Hand
    »Man weiß natürlich schon in der ganzen Stadt wo ich bin und was ich
treibe« sagte sie im Lauf des Gesprächs verächtlich »Die Herren der
Gesellschaft werden zum siebenten Himmel kommen und ich werde die Sensation
sein der Stadtklatsch Das ist mir widerlich Wenn ich mit meinen Vorübungen
fertig bin geh ich nach Paris Ich brauche anderes Leben Es wird auch ein
anderer Tod sein wenn es so kommt« Sie lachte
    »Fort gehst du Und was für Vorbereitungen meinst du«
    »Tanz Die menschlichen Leidenschaften im Tanz Der Tanz soll wieder Kunst
werden Ich denke zum Beispiel an einen Tanz der Liebe Alles ist Feuer
hinneigende und verborgene Glut Jede Linie andächtig und verzückt und
schließlich die unterdrückte Erregteit Dann der Hass Offene Glut wildes
Gebärdenspiel wildes Spiel aller Linien Dann viele andere Ich denk es mir
wundervoll Eure andern Künste haben abgewirtschaftet Sie beruhen auf der
Eitelkeit Es gibt nur noch Wissenschaft und Tanz in der Zukunft«
    Bojesen sah hilflos vor sich hin Redensarten dachte er
    Jeanette begann jetzt wieder zu tanzen auf den Zehen den Körper in
wellenhaften Bewegungen vorund zurückbiegend und mit schwärmerischem Gesicht
und weitgeöffneten Augen in den Spiegel schauend Dann holte sie Wein dessen
Purpur in den dunklen Gläsern und in der beginnenden Dämmerung schwarz erschien
    Währenddem öffnete sich die Tür und Bojesen sah einen alten sehr gebückten
Mann mit einem Hausierkasten sich mühselig hereinschleppen Es war Gedalja den
Jeanette vor einiger Zeit auf der Straße getroffen hatte und der nun fast
täglich zu ihr kam Er setzte keuchend den Kasten am Ofen nieder und trocknete
sich die Stirn mit dem Rockärmel Bojesen schaute Jeanette an begriff und
wollte gehen Aber sie befahl ihm durch einen Blick zu bleiben und zündete die
Lampe an »Hast du was verkauft Grossvaterle« fragte sie die Hand in die des
Alten legend
    Gedalja verneinte »Se welln nix haben Se sind alle versehen Se welln bloß
ihren Spaß haben mit em alten Juden Ich will nit klagen Enkelin nit klagen
Aber was for Gesichter wer ich sehen wenn ich sterb Wer wird reden zu mir in
die lange Nächte Hast de schon gesehen en alten Mann über neunzig wo hat kein
Haus un kein Hof und kein Bett Bin ich nit gewesen e Vieh dass ich nit gewesen
bin e Wucherer un e Betrüger Wo soll ich haben en neuen Rock wenn der wird
sein zu Fetzen Wo sin meine Kinder dass se sitzen zu meine Füße und lauschen
meine Worte O Enkelin es is gut zu nehmen e Schwert und zu zerreißen sein
eigenes Herz«
    Bojesen blickte nicht vom Boden empor Gedalja begann wieder »Ich waass nit
was de hast getan un was de hast vor im Leben Jeanette Aber ich seh drs an an
deine Stirn und deine Augen dass de willst hoch naus dass de hast überspannte
Gedanken vom Leben un von die Menschen Es gibt im Jüdischen e Sprichwort un
haasst wenn SchabbesNachme afn Mittwoch fallt kriegt die Schmue Vernunft So
is es mit deine Pläne SchabbesNachme fallt alleweil afn Schabbes
natürlicherweis Sei vernünftig vorher Sei immer bei dir un hab gut acht auf
deine Handlungen Schlaf nit ein in der Nacht wenn de nit hast ausgelöscht s
Licht nor die Toren scheuen den Schlaf beim Finsteren Bleib e gute Jüdin wenn
de aach nit glaubst denn wir sin e großes Volk mit bedeutende Gelehrte Merk
dr was ich hab gesagt Haste vielleicht was zessen Hab Hunger Bin in ganzen
Tag rumgeloffen bis nach Burgfarrnbach nüber«
    Bojesen dem es schwer ums Herz war schickte sich zum Aufbruch an Jeanette
begleitete ihn liebenswürdig hinaus sagte aber nichts Er hasste diese
Liebenswürdigkeit an ihr die undurchdringlich war wie ein Panzer
    Er irrte lange Zeit durch die Straßen aß gegen sieben Uhr irgendwo zu
Nacht setzte seine ruhelose Wanderung fort und kam endlich wieder vor
Jeanettens Wohnung an wo immer noch die Fenster erleuchtet waren Am
gegenüberliegenden Haus sah er einen jungen Mann im Schnee stehen Er glaubte
diese blassen unbestimmten Züge zu erkennen ging hinüber und stand vor
Nieberding der den Blick nicht von Jeanettens Fenstern wandte Bojesen lächelte
ironisch Der andere gewahrte ihn und eine Zeitlang standen sie Auge in Auge
ohne eine Bewegung »Wie lange stehen Sie schon« fragte endlich Bojesen mit
schlecht verhehltem Spott Aber Nieberding überraschte ihn indem er ihm die
Hand bot und sagte »Weshalb wollen Sie mich verhöhnen Was würden Sie sagen
wenn ich bissige Reden führte weil ich Sie etwa am Grab Ihres Vaters sähe Ich
stehe am Grab meiner Liebe Es ist mehr als eine Phrase« Er schob seinen Arm
unter den Bojesens und zog ihn mit sich fort
    »Aber sind Sie jetzt nicht glücklich« fragte Bojesen noch immer
sarkastisch
    »Glücklich weil ich leide Allerdings in gewissem Sinn«
    »Sie sind Arzt«
    »Verzeihen Sie  ein Wort kommen Sie eben von ihr«
    »Nein«
    »Ob ich Arzt bin Nein Ich war es«
    »Ein schöner Beruf«
    »J  Ja«
    »Aber er macht hart grausam«
    »Im Gegenteil Aber Sie spotten immer noch«
    »Im Gegenteil «
    »Er hebt uns Macht weich bereichert die Gefühle«
    »Das sind Worte Es gibt solche und solche Ärzte«
    »Allerdings«
    Darauf schwiegen sie »Verzeihen Sie« sagte Nieberding »darf ich Sie zu
einem Abendessen einladen«
    »Danke ich habe schon gegessen«
    »Aber dann kommen Sie auf ein Glas Wein zu mir«
    »Wenn es Ihnen nicht unbequem ist « Nieberdings offene Herzlichkeit und
seine kindlichschüchterne Art zu fragen beschämten Bojesen ein wenig Bald
saßen sie in Nieberdings kleinem Salon wo ein behagliches Feuer brannte
Bojesen sah hier Jeanettens Schatten weilen und empfand eine nagende Unruhe
Kornely kam mit ihrem rätselhaften Lächeln und für Bojesen war es seltsam zu
sehen wie sie den Bruder verehrungsvoll küsste und wieder ging
    Nach einem schier endlosen Schweigen fragte Nieberding hastig »Was halten
Sie von Jeanette Löwengard«
    Bojesen schwieg und zuckte die Achseln »Sie ist ein feines Tier« sagte er
endlich leise mit einem lauernden Zucken der Mundwinkel
    Nieberding blickte verletzt auf Aber im Nu unterwarf er sich Bojesen
wieder
    »Und Sie« fuhr Bojesen fort »welche Art von Frauen lieben Sie eigentlich
Sagen Sie nicht dass es Jeanette sei das steht Ihnen fern Sie lieben die
schlanken überzarten Formen Sie lieben Frauen die größer sind als Sie die
präraphaelitischen Gestalten hab ich nicht recht«
    Nieberding blickte furchtsam sein Gegenüber an Er wagte nicht zu
widersprechen Bojesens weit aufgerissene Augen schienen etwas anderes zu sagen
als was er jetzt sprach Sein Mund war ein wenig geöffnet und seine Haltung
glich der einer Katze Er war wie verwandelt
    Nach einer Weile begann Eduard Nieberding »Sie haben neulich beliebt mich
als den Typus des modernen Verfallsjuden hinzustellen So war es doch nicht
Ich habe viel darüber nachgedacht Wenn etwas von Ihren Anschauungen begründet
ist ist es dies wir wirklich modernen Juden haben ausgehört Juden zu sein
Wir sind in unserer Seele Christen geworden Nicht Christen nach der Form
sondern nach dem Geist«
    Bojesen nickte halb verächtlich halb bekümmert »Das ist es ja« sagte er
»Das ist es was uns ins Unglück stürzen wird Ja Sie werden das Christentum
aufbauen Wir sollen wieder Mumien werden da wir angefangen haben die Fenster
zu öffnen und die Moderluft zu vertreiben Sind wir nicht ein krankes Geschlecht
bis ins Mark Sehen Sie mich an was ich bin Heute bin ich neunundzwanzig Was
werde ich mit vierzig sein Das geistige Christentum Und wie belieben Sie das
andere zu nennen das unsere säftereiche Nasse aufgelöst und vernichtet hat
binnen sechzehnhundert oder weniger Jahren Was ist schuld wenn wir den
natürlichsten Vorgang des Lebens zu einem Akt der Lüsternheit machen Wenn wir
in den Schulen Maschinen züchten statt Menschen Wenn tausende von großen
Weibern auf der Gasse und in Spezialitätenteatern lungern und eine anämische
Herde tummelt sich im Salon Wenn wir nicht hinauskommen über die niedrigen
Begriffe von Ehre und Nächstenliebe wenn unsere Dichter Hysterie für Tragik
nehmen Sie moderner Jude sind daran schuld mit Ihrem Mystizismus und Ihrem
asketischen Verlangen der Sie im Schnee stehen und Ihre Geliebte nur seelisch
begehren der Sie das frevelhafte Wort von der Selbstüberwindung neuprägen Ja
ja richten Sie nur das Christentum wieder auf Hauen Sie nur die Renaissance
von der große Menschen geträumt haben in Stücke bevor sie geboren ist Nur
zu«
    »Mit all dem sagen Sie eigentlich nichts Neues« erwiderte Nieberding
traurig und mit gesenkter Stimme »Aber das ist ja gleich wenn Sie es fühlen
Ist es denn so schlimm Wieviel Poesie und Verklarung hat uns nur allein die
katholische Kirche gegeben«
    »Lassen Sie uns hier nicht von Poesie reden Lassen wir die Poesie beiseite
samt der Verklärung ich bitte Sie Das sind triste Dinge zu deren Verteidigung
die Poesie der katholischen Kirche nötig ist Und reden Sie niemals per uns
wenn Sie so etwas sagen das ist ein wenig komisch Sie sind ein Emigrant und
es gibt kein Bindeglied zwischen Ihnen und uns Beachten Sie die Zeichen der
Zeit Rekrutieren Sie sich seien Sie nicht blind«
    »Warum denn warum« rief Nieberding und sprang mit verzweifelter Gebärde
empor »Haben wir denn noch nicht genug bezahlt mit Leib und Leben und Seele
und Freiheit bezahlt Ist es denn unmöglich euch zu befriedigen Seit
Jahrhunderten dienen wir euch unsere Besten haben so viel Gutes gewirkt dass
ihr es heute noch nicht einmal ermessen könnt wir lieben eure Sprache wir
haben unser Blut für euer Vaterland vergossen keine Werbung war uns zu
demütigend im stillen saßen wir und harrten auf das Licht der Erlösung und als
ihr uns das schenktet wofür ein eingesperrt gewesener Hund euch nicht einmal
die Finger lecken würde da dankten wir euch durch einen ungemessenen
Überschwall von Kräften und Talenten  und trotz alledem wenn heute ein
beschnittener Kerl bankrott macht so wendet sich euer unverborgener Hass nicht
gegen ihn sondern gegen uns und die verlogenste von allen verlogenen Phrasen
muss aufmarschieren um euch einen Schein von Grund und Recht zu geben ihr
sprecht von Rassenhass und Nassenkluft wo es besser wäre von dem Neid und dem
Geifer des Stumpfsinns zu reden und als ob nickt ein Pommer und ein Franke von
verschiedenerem Blut und Geist wären als ein Jude und ein sogenannter Germane
Rekrutieren sollen wir uns Was heißt das Sollen wir ein Land kaufen und einen
Staat gründen Das hieße uns vernichten Wir sind stark als Einzelne das ist
eben das Geniale an uns wenn Sie das kühne Wort verzeihen wollen als Nation
wären wir das Gespött der ganzen Welt Wir sind stark als Helfer als Diener des
Geistes wir sind groß als Priester aber wir sind nicht ein Volk das zu
politischen Taten aufgelegt ist«
    Bojesen blickte überrascht in das Gesicht des jungen Mannes das durch die
Erregung beinahe schön war »Sie haben Recht« erwiderte er ernst »Und doch
kann nicht geleugnet werden dass wir viel schneller dem Abgrund zurollen seit
die Juden emanzipiert sind wie das prächtige Wort nun einmal heißt Ich kenne
so viele gebildete Juden wirkliche Menschen Künstler oder Männer der
Wissenschaft oder auch Kaufleute aber ich muss sagen so sympathisch und lieb
mir die meisten sind sie haben alle einen seelischen Defekt einen sittlichen
Krankheitsstoff der ihre andersblütige Umgebung alsbald ansteckt Worin das
besteht ist mir ein Rätsel Aber sie sind es die mich immer am schmerzlichstes
empfinden lassen dass wir im Begriff sind eine Nation vom Säufern Strebern und
Phlegmatikern zu werden Ihr seid eben Dämmerungskinder Propheten der
Dämmerung manchmal vielleicht der Morgendämmerung diesmal aber sicher der
Abenddämmerung Tragt ihr nicht einen großen Teil der Schuld wenn unsre Reichen
und Vornehmen Geist und Ohren mit Musik verstopfen Niemals war ein blödsinniger
Musikkultus zu solchen Ehren gelangt Es mutet mich so kindisch an wenn in
Paris die Gräfin Rotschild ihre Hündin mit dem Hund eines Marquis oder Lords
öffentlich und feierlich verlobt und unter großem Gepränge Hochzeit halten lässt
In Rom war das alles seinerzeit viel großartiger Wir können nicht einmal eine
anständige Dekadenze inszenieren Unsere gute Gesellschaft ist ausschließlich
auf das Vertreiben der Langeweile angewiesen und die Kunst hat keine
Lebensnotwendigkeit sondern sie verrichtet Hofnarrendienste oder gefallt sich
in volksfremder Unnahbarkeit oder wird zum weltflüchtigen Traum Betrachten Sie
nur einmal eine Erscheinung wie Richard Wagner Wie aufgedonnert wie asketisch
wie mönchisch wie schmerztrunken wie jüdisch Daher auch sein rasender Hass
gegen das Judentum«
    Eine Zeitlang war es still im Zimmer Beide schauten finster sinnend in ihre
Gläser Dann begann Bojesen von neuem
    »Und doch und doch Ich weiß nicht welcher Dämon mir diesen Gedanken
eingegeben hat es ist mir als müsse gerade aus den Juden noch einmal ein
großer Prophet aufstehen der alles wieder zusammenleimt Es ist selten aber
bisweilen trifft man einen Juden der das herrlichste Menschenexemplar ist was
man finden kann Alle reinen Glieder der Rasse scheinen sich vereinigt zu haben
ihn hervorzubringen ihn mit allen köstlichen Eigenschaften auszustatten die
die Nation je besessen hat Kraft und Tiefe sittliche Größe und Freiheit kurz
alles und alles ausgenommen vielleicht den Humor In seinem Kopf sitzen ein
paar Augen voll Mildheit und Güte man möchte sagen Frommheit in einem neuen
Sinn feurig und doch wieder schüchtern phantasievoll und nach keiner Seite hin
borniert  kurz wundervoll«
    Nieberding spielte mit einer Aschenschale die in Form einer Ampel an einem
Traggestell hing Er drehte das mattbraune Gefäß um die eigene Achse wobei die
Kettchen klapperten »Es ist sonderbar« sagte er »wie alles auch das
Bedeutende und Wichtige gering erscheint wenn man es mit dem eigentlichen Sinn
des Lebens vergleicht«
    »Ja aber was ist der eigentliche Sinn Hoffentlich antworten Sie nicht wie
der gelehrte Mann den ich einmal fragte was er selbst für einen Zweck habe da
er die Welt schrecklich vernünftig fand Ich bin eine Verdichtungsmaschine
sagte er pathetisch«
    »Ach ich meine nur alles zusammengenommen gegen das Unendliche betrachtet
Symbol Symbol alles nur Symbol Kennen Sie dieses Experiment der Fakire sie
bezeichnen einen Kreis im Zimmer dessen Peripherie niemand überschreiten darf
Dann schauen sie es ist helllichter Tag fest auf eine Kerze und plötzlich der
Fakir selbst steht am andern Ende des Zimmers plötzlich brennt die Kerze ohne
dass jemand daran gerührt Nun ist aber das Seltsame sowie einer die
vorgeschriebene Kreislinie überschreitet ist das Licht für ihn verschwunden
Das enthält für mich ein Stück Lösung des ganzen Lebensrätsels«
    »Ich muss gehen« sagte Bojesen »es ist spät«
    »Wieviel Uhr ist es«
    »Zwölf«
    »Schon Darf ich Sie begleiten«
    Sie gingen Kalt und klar war die Nacht bis an die fernsten Grenzen
lichtlos und still Nieberding murmelte
»Mühsam ist der Pfad und lang
kein geschmückter Priester schreit
ein versöhnliches Gebenedeit
wenn dein Fuß im Finsteren vorwärts drang«
    »Von wem ist das« fragte Bojesen
    »Von Gudstikker Er hat ein Buch sehr schöner Verse veröffentlicht Ich muss
ihn aufsuchen muss mit ihm sprechen Ein großes Talent«
    »Kein Charakter doch ein Genie« sagte Bojesen bitter
    »Was meinen Sie damit«
    »Nun dieses große Talent  ich kenne es genau und schon lange Eine
Intrigantenseele ein verwickelter Lügenkomplex Was soll man dazu sagen Die
Kunst eines solchen Menschen ist vergänglich selbst wenn sie für den Augenblick
noch so sehr blendet«
    Sie gingen vorbei an Bojesens Wohnung und wanderten weiter in die Stadt
hinein Ihr Schweigen war nicht das von vertrauten Menschen sondern ein
beunruhigtes und misstrauisches Selten waren noch Fenster erleuchtet Der Turm
einer Kirche erhob sich plötzlich auf einem Platz und dies gab der ganzen
Umgebung einen solchen Ausdruck stummer Majestät dass Bojesen glaubte mit
verschärften Ohren könne man die Orgel klingen hören Auf der Königsstrasse
blieben sie vor einem kleinen Wirtshaus stehen Durch die grünverhängten Fenster
drang die Fistelstimme einer Soubrette die ein laszives Lied mit entschiedener
Betonung zum besten gab Die Stimme war so dass man die Haltung des Körpers
danach beurteilen konnte ja man glaubte die falsch lächelnden Lippen und die
gezierten Gesten zu sehen Wütendes Händeklatschen belohnte die Leistung und
der Klavierspieler gab einen Tusch Da sah Bojesen wie sich Nieberding an den
Kopf schlug auflachte und wieder auflachte und dann davonstürzte Bojesen sah
ihm kopfschüttelnd nach und setzte seinen Weg allein fort
    Auf einmal sah er eine Schar von zehn bis zwölf Knaben auf der Straße
stehen sich lautlos um einen Mittelpunkt scharen sich lautlos ordnen und dann
ebenso geheimnisvoll die Straße hinausmarschieren Sie trugen die schwarze Mütze
der Waisenhauszöglinge bis auf zwei die an der Spitze gingen In dem einen
erkannte Bojesen sofort Agaton Geier
    Bojesen zu erstaunt um nach Gründen zu raten beschloss dem Zug zu folgen
Er empfand eine unerklärliche Scheu die ihn hinderte Agaton kurzweg
anzureden Die Wanderung ging über die schlechten und winkeligen Gassen des
Altstadtviertels und über den Schiessanger und Bojesen wurde so begierig zu
erfahren was all dies bedeute dass er seine Vorsicht vergaß und sich den Knaben
zu sehr näherte Einige standen still und wandten sich ihm zu Agaton kam
stutzte erkannte ihn ließ den Kopf sinken und schwieg Der Himmel schien von
einem weit entfernten Licht innerlich erleuchtet und Bojesen konnte jeden Zug in
Agatons Gesicht erkennen
    »Tun Sie es nicht Folgen Sie uns nicht« sagte Agaton endlich stehend
    »Was geschieht hier Agaton« fragte Bojesen und er war seltsam bewegt
aus einem Grund der ihm später zu denken gab Er war matt und feig geworden
diesem jungen Menschen gegenüber
    »Nichts Unrechtes Herr Bojesen« entgegnete Agaton heftete den Blick fest
in den des Lehrers und lächelte so dass Bojesen ihm die Hand hinstreckte Er
machte sich auf den Rückweg ohne sich ein einziges Mal umzudrehen »Wie
romantisch« murmelte er und suchte sich im Innern über Agaton zu stellen aber
sein Herz war beklommen
    Am andern Tag als er über die Wiesen spazieren ging sah er Agaton von
ferne Er hatte nicht das Verlangen ihn anzureden er empfand ein Vertrauen zu
ihm das ihm Neugierde als etwas Verächtliches erscheinen ließ Agaton ging
langsam mit in sich gekehrtem Blick seine Kleider waren etwas beschmutzt Noch
nie hatte Bojesen den Ausdruck einer solch gespannten Erwartung eines fast
atemlosen Lauschens in einem Gesicht erblickt Am Eingang des Nadelwäldchens
entschwand er seinen Blicken
    Gegen drei Uhr kam Agaton ins Dorf zurück Er begegnete Frau Olifat die
aus ihrem Haus kam Sie bemerkte seinen Gruß nicht Auf ihrem Gesicht lag etwas
so finster Drohendes neben einer bangen Ratlosigkeit ja Verzweiflung dass
Agaton ihr erschreckt nachsah dann eilends ins Haus ging und am Wohnzimmer
pochte Das kleine Mädchen öffnete legte den Zeigefinger auf die Lippen und
deutete dann wortlos auf das Sofa wo Monika lag Agaton schlich auf den
Fußspitzen hin Sie schien zu schlafen Ihre Wangen glühten Durch die
geschlossenen Lider und die langen Wimpern schimmerte es wie von aufbewahrten
Tränen Der Körper lag in einer gequälten Lage der Kopf und die Beine nach
rückwärts gebogen Die Finger waren in den Stoff des Polsters eingekrampft die
Lippen waren in leiser Bewegung Agaton ging es wie ein Stich von der Stirn bis
zum Knie Nicht nur Angst und Schrecken waren es sondern er hatte plötzlich die
unwiderstehliche Begierde diese unhörbar flüsternden Lippen zu küssen Die
wogende Brust des Mädchens die leidenschaftliche Glut in der sie lag hilflos
einer Wucht von Träumen überliefert der schwach geöffnete Mund mit den
begehrlich blitzenden Zahnen  das ließ Agaten schaudern und er verdeckte die
Augen mit der Hand Aber noch deutlicher sah er so das Bild und er seufzte
schwer streichelte flüchtig wie huschend das glatte Haar der kleinen Ester
und verließ das Zimmer Alles Klare Gute Getröstete seines Innern war wie
verblasen Er ging heim es dunkelte schon und er war so erregt dass er wie
blind umhertappte Das Haus war wie ausgestorben doch als er in den Flur trat
um in seine Kammer zu gehen stand wieder wie damals die Magd unter ihrer Türe
Wieder wie damals stand sie breit und gleichsam wartend vor dem düstern
Kerzenschein Ein trotziges und sinnliches Lächeln umspielte ihre dicken Lippen
und Agaton starrte sie furchtsam an wie ein Schicksal dem er nicht entrinnen
konnte Sie sprach ihn an aber er hörte es nicht sie tätschelte seine Hand
und er fühlte es nicht Sie nahm sein Gesicht mit grober Zärtlichkeit zwischen
Daumen und Zeigefinger ihrer Linken und lachte er war wie versteinert
Begierde Trotz und Scham wollten fast seine Brust sprengen Endlich machte er
sich keuchend los und stürzte mit drei Sätzen die morsche Treppe hinab
    Die Finsternis des Hofes empfing ihn  es wurde ihm zu eng Er eilte
hinaus bis in die Felder und über den Kirchhof und wusste nicht wieviel Zeit
verronnen war als er wieder vor Frau Olifats Haus stand und hinaufschaute Da
öffnete sich die Gartentür Monika war es Sie blickte hinauf und hinunter und
als sie Agaton gewahrte erschrak sie kam schnell auf ihn zu stockte machte
wieder ein paar Schritte stockte wieder und fiel endlich nieder umklammerte
fest Agatons Knie und begann klagend und kummervoll zu schluchzen
    Agaton wurde bis in die Lippen bleich »Was ist denn nur« stammelte er
Aber sie antwortete nicht er sah ihre Schultern zucken und ihr Weinen wurde
immer verstörter und fassungsloser Es schien aus einer Tiefe zu kommen wohin
sonst nicht leicht ein menschlicher Schmerz gelangt Agaton wollte sie
emporziehen doch sie wehrte ihm heftig fast zornig Endlich und ganz
unerwartet war sie still geworden hielt die Schläfe mit beiden Händen und sah
zu ihm auf mit einem gebrochenen Blick in dem etwas Böses und Schuldiges war
und der von einer Andern zu kommen schien als jener Monika die Agaton bisher
gekannt Er wagte nichts zu sagen
    »Ach Agaton« flüsterte endlich Monika mit einer weitentfernten Stimme
»ich hab dich erwartet so lange so lange Denke nicht schlecht von mir tus
nicht Höre mich an wenn du kannst und verstoss mich nicht Es hat Gott gewollt
dass ich hier so werden sollte wie ich bin O Agaton Agaton« Und sie blickte
mit dem Ausdruck tierischer Verzweiflung in sein Gesicht Da stieg in Agaton
eine Angst vor ihr auf wie sie in einer finsteren Landschaft kommen mag wenn
uns vor einem unsichtbaren Begleiter graut Er machte sich los von ihr aus
irgend einem Grunde erschien sie ihm niedrig er drückte ihr unentschlossen die
Hand und sagte beklommen gute Nacht Kaum war er fort so bereute er tief was
er getan doch die Stimme des Lämelchen Erdmann schreckte ihn empor aus seinem
Brüten Lämelchen Erdmann stand vor dem Wirtshaus focht mit den Armen durch die
Luft und schrie Agaton zu den er im Schein des Laternenlichts erkannte
    »Hel Agaton schnell Dein Vater Dein Vater«
 
                                Zwölftes Kapitel
In dem dumpferhellten Vorflur der Schenke standen mit aufgerissenen Augen ein
paar jüdische Händler die um diese Zeit zu einem Glas Bier zu gehen pflegten
außerdem zwei Bauern Jochen Gensfleisch und Jochen Wässerlein dann Lämelchen
Erdmann der Gendarm Pavlovsky wie immer schnaufend und wild um sich blickend
als wünsche er einen Widersetzlichen zu zermalmen und der Wirt selbst mit dem
Gesicht eines alten Komödianten
    Gegen neun Uhr war Lämelchen Erdmann in die Schenke gekommen und die beiden
Bauern hatten ihren Spaß mit ihm zu treiben und ihn zu zwingen versucht die
gelbe Katze des Wirts beim Schwanz zu fassen und emporzuheben
    Lämelchen blickte bebend am ganzen Körper um sich Alle wussten dass er
einen namenlosen Abscheu vor Katzen hatte Er wich jeder Katze in weitem Bogen
aus und wenn die Katzen des Nachts vor seinem Hause schrien verstopfte er sich
die Ohren und lag dennoch voll fiebernder Furcht in seinem Bett
    Die jüdischen Händler die schwatzend an einem Tisch beisammen saßen wagten
dem bedrängten Alten nicht beizustehen sie runzelten die Stirn und sahen halb
furchtsam halb entrüstet hinüber Der Wirt suchte sich ins Mittel zu legen
aber jetzt kamen der Doktor der Schmied und der Apotheker herein und lachten
als sie sahen dass Jochen Wässerlein die Katze nahm und sie wie einen Pelz
Lämelchen Erdmann um den Nacken legte und wie der Unglückliche dann dastand mit
einem Gesicht das nicht mehr Angst nicht mehr Schrecken ausdrückte sondern
etwas das jenseits aller menschlichen Empfindungen lag Das Kätzchen das nicht
scheu war blieb faul sitzen blinzelte schloss die Augen und fuhr behaglich
fort zu schnurren
    Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Elkan Geier taumelte herein Kopf
Gesicht Hände und Kleider waren mit Kot besudelt was um so sonderbarer war
als draußen überall Schnee lag und alles im Umkreis gefroren war Seine Haare
hingen steif in drei oder vier Strähne verteilt auf die Augenbrauen herab den
Hut schien er verloren zu haben Sein Gesicht war weiß wie Kalk eingefallen und
verzerrt in seinen Augen flackerte ein unstetes und beängstigendes Feuer sein
Mund war nicht geschlossen Er machte eine weitausholende Gebärde wie ein
Betrunkener stützte sich mit beiden Händen auf eine Stuhllehne und sein Kopf
sank tief zwischen seine Schultern
    »Allmächtiger Gott was haste denn Elkan« raunte ihm einer der Händler zu
»Biste schikker«
    »Ich weiß gar nicht was mit mir ist« sagte Elkan langsam legte die Hand
über die Augen und sah dann alle die sich um ihn herumgestellt hatten mit
leerem Ausdruck an »Ich war beim Zürich Sperling in der Nacht« murmelte er
dicht an den Apotheker herantretend »Und wie alles still war rief er nach mir
dass ich an sein Bett kommen sollte und er fing an im Zimmer Gesichter zu
sehen die von Hause kamen«
    »Ruf mir meinen Sohn« schrie er auf einmal streckte beide Hände vor sich
aus und drehte sich ganz um sich selbst Er fiel hin wie ein Stock sein
Hinterkopf stieß mit einem dumpfen Krach an das Tischeck und alle wandten sich
schaudernd ab Der Wirt schrie nach Wasser Pavlovsky kam Lämelchen lief fort
und traf Agaton zufällig auf der Straße der Doktor drängte die müßigen
Zuschauer in den Flur und ging dann selbst ratlos hinaus da der Unglückliche
sich von niemand berühren ließ
    Als Agaton zu seinem Vater trat nahm ihn der mit beiden Händen beim Kopf
zog ihn zu sich herunter und flüsterte »Agaton ich will dir was sagen aber
sei still in die Ewigkeit Ich habe Zürich Sperling durch mein Wünschen in den
Tod gebracht Ich bin herumgegangen wie ein Geschlagener vor dem Herrn und habs
auf meinem Herzen lasten gefühlt dass ich sterben muss weil mein schuldiges Herz
befleckt ist Sag nichts bin ich tot so Hab ich gebüßt und der jüdische Name
braucht nicht verunreinigt zu werden Ich wollte mir das Leben nehmen und Hab
mich hinuntergestürzt in den Steinbruch dass es aussehen sollte wie ein Unglück
Aber die Decke vom gefrorenen Wasser ist durchbrochen und da Hab ich mich ins
Dorf geschleppt Was schaust du so Ich atme schwer und rede schwer Hol
jüdische Männer dass sie mich heimtragen«
    Während Agaton hinter dem Handwagen herschritt womit der Vater nach Haus
gefahren wurde während er angstvoll nach einer Aufklärung suchte die ihm seine
Vernunft verweigerte stieg seine innere Erregung mehr und mehr Allmählich kam
ein Nachdenken über ihn so wie es selten einem Menschen vergönnt ist in sich
die Dinge der Welt zu sehen Er war plötzlich nicht mehr jung Einsicht und
Inspiration überflügelten seine Jahre Er hatte etwas begangen wofür ein
anderer sühnte und litt Er jedoch hatte sich gereinigt und erhoben gefühlt
dadurch es war ihm danach geschehen als hätte man seine Hände entfesselt zu
freiem Gebrauch Er war sehend geworden und alles um ihn herum Menschen und
Dinge und Fügungen hatten einen Bund geschlossen ihn zu schützen Er hatte
sich keiner irdischen Macht unterworfen gefühlt doch auch keiner göttlichen
Eine Stimme in ihm die aber fremd war und ihn schaudern ließ so oft er sie
vernahm rief ihn hinaus rief ihn fort von den Seinen und er ahnte zu welchem
Krieg sie ihn befehligte
    Daheim sah er bestürzte und erschrockene Gesichter Die Kartoffeln standen
unberührt und erkaltet auf dem Tisch Die Petroleumlampe war ausgelöscht worden
und die Talgkerze stand auf dem KommodeEck in einem mit Grünspan überzogenen
Leuchter Mirjam saß auf der Bank und hielt den Kopf in den Händen
    Vor seines Vaters Bett in der Kammer stehend rief Agaton den bleich mit
geschlossenen Augen Daliegenden an Elkan öffnete die Lider mit einem entsetzten
Starrblick Tiefe Furchen liefen auf beiden Seiten seines Gesichts bis zu den
Mundwinkeln herab und erinnerten an die übertriebenen Falten eines grotesken
Schnitzwerks
    Agaton stieß mit einer ungeschickten Bewegung an das wackelige Tischchen
vor dem Bett der Leuchter fiel um und es war finster Unwillkürlich atmete er
auf als ob er gewünscht hätte es möge finster sein Doch erblickte er an der
Wand die nur durch einen Bretterverschlag gebildet wurde und einen ursprünglich
größeren Raum in zwei erbärmliche Löcher teilte ein glühendes Schimmern und
als er näher trat sah er im andern Gemach seine Mutter sitzen die den
Oberkörper über den Tisch gelegt hatte Das Gesicht war verdeckt durch die
verschränkten Arme Vor ihr saß der Gast von damals mit seinem Asketengesicht
dm dünnen Lippen den kaltfunkelnden Augen den hageren Mönchsfingern Finster
starrte er vor sich hin als ob er in ein Grab schaute Und er schaute in ein
Grab Er selbst hatte es gegraben mit seinesgleichen um darin alles zu
verscharren was frei und schön ist Desungeachtet betete er die Worte der
Schrift Sochrenu lachajim melech chofes bachajim gedenke unser o Herr zum
Leben der du Wohlgefallen hast am Leben
    »Vater« flüsterte Agaton leidenschaftlich »Vater hör mich an«
    »Licht Licht« erwiderte Elkan dumpf
    »Hör mich erst Vater Es ist nicht wahr dass du Zürich Sperling getötet
hast Ich habs getan«
    »Nein Agaton du willst eine Wohltat an mir verrichten aber es ist
umsonst«
    »Weißt du denn noch wie es war«
    »Sobald er nur ins Haus kam Hab ich ihm das Böseste gewünscht was malt
einem Menschen zudenken kann Ich bin auf den Knien vor ihm gelegen und Hab
geschluchzt wie ein Kind aber er hat kein Erbarmen mit mir und meinen Kindern
gehabt Wie ein Narr bin ich nach Geld gelaufen und ging über Land und dachte
mir wenn er doch tot wäre Und immer war der Gedanke in mir bis der Tag kam
wo er dich ins Wasser stieß und in der Nacht darauf lag ich da und mein
glühender Wunsch war wie ein Engel mit feurigem Schwert wie auf einer
Feuerkugel schwebte er aus meiner Brust heraus und ging hin und öffnete das Tor
und mein Auge begleitete seine Rachegestalt und sah wie er aus Bett des Elenden
trat und das finstere Herz durchbohrte und ich lag da und jubelte Später
freilich bäumte sich meine Seele dagegen auf und das ganze Leben war mir ein
schwarzes Gewand«
    Atemlos staunend hatte Agaton gelauscht all das war sein Erlebnis sein
Gesicht nur hatte ihn das Schicksal dann nicht verworfen sondern erhöht
    »Es war ein Traum Vater« sagte er mit seltsamer Freudigkeit und jene
hinreissende Inspiration kam wieder über ihn »Ich war es ich hab es getan mein
Engel schwebte hinüber meine Rache hat ihn getötet Ich bin kein Jude mehr und
auch kein Christ mehr und meine Tat ist über dich gekommen weil du ein Jude
bist und ich von deinem Blut Weil dein Haus deine Wände deine Kleider deine
Messer und dein Gebet es nicht dulden dürfen und sie mussten alles das an dich
heften wovon ich frei war und frei sein musste Denn ich weiß was bevorsteht
Vater und meine Hände sind schon ausgestreckt für das Werk Mir ist als ob mit
Zürich Sperling die ganze christliche Religion gestorben wäre oder vielleicht
nur der böse Geist in diesem Volk durch den es hassen musste und Blut vergießen
und wusste nicht warum und war selber gequält dadurch Nimm dein Leben wieder
trag es froher press es an die Brust glaube mir dass du schuldlos bist«
    Elkan Geier hatte sich erschrocken aufgerichtet und ihm war als sähe er
seines Sohnes Gesicht in der Dunkelheit leuchten Dann ächzte er plötzlich
schwach auf und verlor das Bewusstsein Agaton rief nach Licht
    In ruhigem Fall sank der Schnee bisweilen glitzernd und gleissend im
Lichtstrom eines Fensters als Agaton am späten Abend noch umherwanderte Er
begegnete Stefan Gudstikker in der Nähe der Ziegelei und wich ihm aus Er hatte
keine Sympatien mehr für Gudstikker der zu den Menschen gehörte die bei ihren
Versicherungen stets die Hand auf das Herz legen Auch hatte er die Gewohnheit
wenn er mit einem Menschen in Streit gelegen dem andern einen langen Brief zu
schreiben voll von advokatischen Wendungen und rätselhaften Andeutungen auf
Ewiges Zukünftiges und Unveränderliches  Lügenworte Verlegenheitsworte Er
liebte die eigene Melancholie prahlte gern vor Unkundigen verriet die Pläne zu
seinen Arbeiten jedermann in überschwenglichen Schilderungen und Prophezeiungen
schimpfte über alles Große und Anerkannte sofern es von Lebenden ausging
erhorchte aber dabei stets des Zuhörers Meinung vorher der er entweder wenn es
sein Vorteil heischte beipflichtete oder sie in einem hinterlistigen Feldzug
besiegte All das wusste Agaton wenn er auch neben diesem Neid dieser
Verbitterung und Grossmannssucht einen hohen Zug gewahrte durch den Gudstikker
fähig war das wirklich Große zu verstehen und sich ihm hinzugeben
    Als Agaton am Haus der Frau Olifat vorbeiging sah er einen helleren
Lichtschimmer als sonst aus den Fenstern strahlen Er stieg auf einen an der
Straße liegenden Quaderstein und erblickte ein Bild voll Frieden Monika saß am
Klavier in einem alten blauen Kleid das die Arme entblößt ließ und sie
spielte in einer schweren langsamen tragen Art das Gesicht nach oben
gewendet wie wenn sie einer oft gehörten und nun vergessenen Melodie nachhinge
Ihre sonst so geschwätzige Mutter schien stumm und sah aus als ob sie ihr
ganzes Leben an sich vorbeiziehen ließe Agaton wandte sich ab und blickte in
die finstere Landschaft Er war bewegt Ziellos ging er weiter  zur Höhe In
der Luft hing eine Fülle feinen Schneestaubs Bald kamen die Tannen und eine
furchtbare Finsternis brütete zwischen ihnen Fern im Norden sah er den
Lichtschein über Nürnberg Als er dann wieder umkehrte gewahrte er den
Kirchturm des Dorfes wie eine drohende Nachtgestalt
    Wieder ging Agaton vor das Olifatsche Haus wieder starrte er nachdenklich
zu den Fenstern empor und entschloss sich endlich trotzdem es schon elf Uhr
geschlagen hatte hinauszugehen
    Frau Olifat eine unansehnliche Dame die beständig etwas einfältig lächelte
und von ihrer großen Vergangenheit zu erzählen liebte lag auf dem Sofa und las
Monika spielte mit ihrer kleinen Schwester Ball Sie saß auf einem Schemel fing
den Ball auf oder warf ihn fort beides mit gleichgültiger Gebärde und ohne die
Richtung ihres in der Ferne weilenden Blickes zu ändern
    Agaton setzte sich zu ihr auf einen zweiten Schemel stützte den Kopf in
die Hand und den Arm aufs Knie und betrachtete Monikas Hände die weiß und sein
waren mit schlanken Fingern und blassen Nägeln An der Linken trug sie einen
spiralförmig gewundenen Ring der nur locker saß und den sie bei jeder Bewegung
mechanisch zurückschob Jede Bewegung selbst schien nur mechanisch oft sanken
die Hände matt in den Schoss und blieben müßig liegen selbst wenn der Ball schon
durch die Luft flog dann legte sie den Kopf zur Seite und ließ ihn an sich
vorbeisausen »Ester muss jetzt zu Bett il est tard« rief Frau Olifat aber
die Mädchen achteten nicht darauf und begannen ein anderes Spiel Monika setzte
sich auf die Erde und legte zwanzig Spielkarten rund um sich herum Nun sollte
Ester mit verbundenen Augen die HerzDame suchen Ein seltsames Spiel um so
mehr als Monika dabei fortwährend lächelte und gespannt auf die Karten sah ihr
Lächeln hatte etwas von dem einer Wahnsinnigen
    »Warum bist du so eifrig beim Spiel Monika« fragte Agaton eigentümlich
bewegt
    Sie richtete ihre Augen trotzig und verwundert auf ihn Dann sagte sie
»Wenn du die Dame erwischst darfst du mich schlagen Ester«
    Sie legte sich mit dem ganzen Körper auf die Dielen streckte die Arme über
sich hinaus und schloss die Augen
    Als Agaton sich verabschiedete folgte ihm Monika mit einem kleinen
Lämpchen in den Flur Doch ein starker Zugwind schlug ihnen entgegen und löschte
das Licht aus Eine kurze Zeitlang standen sie unschlüssig im Dunkeln noch
geblendet vom Licht des Zimmers dann konnten sie einander sehen und fanden dass
es gar nicht finster sei Indes Agaton an der Treppe gute Nacht sagen wollte
lehnte sich Monika weit über die Brüstung und er sah ihre wilden Augen leuchten
Er streckte beide Hände nach ihr aus und wusste nicht wie er sie plötzlich ganz
in den Armen hielt und seine Lippen behutsam und voll Innigkeit auf ihre beiden
Augen drückte Sie lag wie eine leblose Masse an seiner Brust und obwohl sie
weder weinte noch sprach zuckten ihre Lippen unaufhörlich
    Dann stand Agaton vor dem Gartentor und träumte sah über das weite
nachtdunkle schneeblaue Land und fühlte gleichsam in seinen Augen wie sehr er
dies Land liebte das ihm Heimat war
    Als er am nächsten Morgen es war der erste Weihnachtstag an Estrichs Zaun
vorbeikam hörte er grimmiges Schelten im Hause Er lauschte Es war die
wetternde böse Stimme des Alten Er traf dann Gudstikker der ihm mit großer
Erzählerfreude den Grund des Streites berichtete Der Bruder des Alten sei ein
heruntergekommener Mensch der nichts mehr besitze als ein ererbtes
Patrizierhaus in Nürnberg das er nicht verkaufen dürfe Er sei ein höchst
sonderbarer Kumpan Alchymist suche schon seit zwanzig Jahren den Stein der
Weisen und habe dabei ein großes Vermögen verschwendet Nun sei er zum Bruder
betteln gekommen Merkwürdig sei dabei nur dass Käte an diesem verrückten Onkel
Goldmacher mit überschwenglicher Zärtlichkeit hänge Onkel Baldewin komme bei
ihr gleich neben der Bibel »Wie glücklich sich doch manches trifft in der
Welt« schloss er in philosophischer Art seine Ausführungen »dass solch ein
närrischer Karpfen auch noch Baldewin heißen muss Zu dumm« Er schüttelte sich
vor Lachen schaute auf seine Uhr die er dann aus Ohr legte und eilte davon
    Daheim angelangt sah Agaton einen Postboten der für den Feiertagsgang von
Frau Jette ein Trinkgeld erbat Er hatte die Zeugenvorladung für die Verhandlung
gegen Enoch Pohl gebracht Frau Jette vermochte kaum ihren Namen unter den
Empfangszettel zu setzen Elkan Geier würde Zeugnis ablegen  im Himmel Er lag
in Krämpfen und Fieberträumen und Frau Jette hatte niemand der ihr beistehen
konnte Die Magd hatte sie gestern schon fortgeschickt sie konnte das fremde
Maul nicht mehr füttern sie die jeden Pfennig bewachen musste
    Gegen die Mittagszeit entstand ein Schreien und Durcheinanderreden vor den
Fenstern Agaton blickte hinaus Die Rosenaus Mädchen verkündeten mit roten
Gesichtern irgend einen aufregenden Vorfall Agaton hätte es kaum beachtet da
die beiden zum Zeitvertreib alles zur Katastrophe aufbauschten aber als Isidor
ihm winkte hinauszukommen folgte er und erfuhr dass sich eine von den
vertriebenen russischen Judenfamilien auf der Altenberger Landstraße befinde
und vor Elend und Hunger nicht weiter könne
    Die Unglücksstätte war nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernt und als
Agaten dort war bot sich ihm ein schrecklicher Anblick Ein Mann oder nur
noch der Schatten eines Mannes lag auf der Erde und seine erloschenen Blicke
irrten stier durch die Luft Die Frau ein Weib von etwa dreißig Jahren das
vielleicht noch vor Wochen schön gewesen war jetzt aber das Aussehen einer
Greisin hatte kniete vor ihm und wimmerte wie ein geschlagener Hund Ihre
Finger schienen erfroren Sie trug in Tüchern ein Kind auf dem Rücken ein
zweites noch Säugling lag im Schnee ein Knabe von nicht mehr als sechs Jahren
stand zusammengekrümmt mit verweintem schmierigen Gesicht neben ihr klammerte
sich schlotternd vor Frost an ihren Rock und richtete zuweilen in
fremdländischen Lauten eine verzweifelte Frage an seine Mutter
    Agaton nicht geneigt zu träumen unterbrach das Fragen und Gassen der
andern schickte Mirjam die mitgelaufen war zurück um einen Wagen zu holen
und da sich die Rosenaus zur Beherbergung der Unglücklichen erboten waren seine
Dienste bald überflüssig Erst in der Nacht die nun folgte kamen die Gedanken
Er empfand eine eherne Zusammengehörigkeit mit seinem Volk und doch hasste er
dies Volk  jetzt mehr als je Er hasste die Frommen und hasste die die sich des
religiösen Gewands entäussert hatten und wie Trümmer eines großen Baues verloren
auf dem Ozean des Lebens trieben verachtet oder mächtig doch auf jeden Fall
Schmarotzer aus einem fremden Stamm Inmitten fremden Lebens ein fremdes Volk
voll gezwungener Fröhlichkeit in einem unsichtbaren Ghetto Der alte
Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren zweitausendjährigen
Elends am Leibe spielen sie die Herren und bedecken ihre Wunden ihre
Unzulänglichkeit die Schmach der Unterdrückung mit einem Mantel von Gold Und
er hasste auch die andern diese ungrossmütigen Gastgeber mit ihrem Munde voll
Lügen und Phrasen und falschen Versicherungen mit ihren trügerischen Gesetzen
und scheinheiligen Göttern Und er hasste die Zeit die sinnlos hinrollende
atemlose Zeit die Hoffnung gibt um sie nur mit dem Tode einzulösen und die
Glieder mit Krankheit schlägt wenn der Geist den Körper überwinden will
    Gleichwohl erfüllte ihn die ungeheuerste Sehnsucht nach dem Leben irgendwo
da draußen und er beschloss auszugehen wie einst David der sich ein Königreich
gewann Halb im Traum gewann sein Vorsatz Kraft und Unumstösslichkeit
    Am andern Vormittag packte er ein schmales Bündel und reichte seiner Mutter
die Hand zum Abschied Frau Jette war so erschrocken dass sie sich nicht fassen
konnte Sie konnte den Entschluss des Sohnes nicht missbilligen nur fragte sie
weshalb er gerade jetzt fort wolle da der Vater auf den Tod krank sei
    Agaton schüttelte den Kopf Zwischen ihm und seinem Vater durfte kein Band
mehr sein Gewaltsam und unerbittlich drängte es ihn fort und er ließ sich
durch nichts bestimmen zu sagen wohin er sich wenden würde Er nahm auch die
paar Groschen die ihm die Mutter bot nicht an sondern versicherte lächelnd
dass er kein Geld brauche Er steckte ein Dutzend Äpfel in das Bündel Käse und
Brot küsste die Mutter und die Geschwister und ging in den kalten Wintertag
hinein
 
                              Dreizehntes Kapitel
An Bojesen konnte man jenen leise fortschreitenden Verfall gewahren der sich in
einer mehr und mehr glänzenden Rocknaht offenbart in jener Vernachlässigung des
Äußeren die sich bis zum Trotz steigert in der Verringerung des Trinkgeldes
für Kellner und Oberkellner in der beflisseneren Art vornehme wenn auch sonst
gehasste Personen zu grüßen in der erkünstelten Ruhe womit man in den Läden
nach dem Preis der Waren fragt  kurz in all jenen Dingen die so tief gehen
wie sie unbedeutend scheinen und mehr verwunden als das offene Geständnis der
Not Die Behaglichkeit gesicherter Zustände ist dann das einzig Wünschens und
Ersehnenswerte und wenn es zu Hause kalt ist träumt man von einem offenen
Kaminfeuer mit fallenden Glutkohlen so wie man sonst die Gedanken in alle
Tiefen der Metaphysik sandte
    Er war verlassen und er überredete sich dass er in seiner Verlassenheit
glücklich sei Eine befremdliche Ruhelosigkeit war über ihn gekommen die ihn
von Rast zu Rast und von Arbeit zu Arbeit trieb aber die Rast war ohne Frieden
und die Arbeit ohne Frucht Die Häuser die eingefrorenen Parkanlagen vor seinem
Haus die vorbeisausenden Züge der Eisenbahn Menschen Hunde und Steine alles
hatte sich verändert hatte in seinen Augen etwas Flüssiges erhalten und schien
durch die unlösbare Kette der Teilnahmlosigkeit die alles und alle umfangen
hielt verächtlich Ost wenn der Sturm bei Nacht um die Mauern fuhr dass es
schien als koche die Atmosphäre kam sich Bojesen als ein unermesslich einsames
Wesen vor im weiten Universum das sich im Zustand des Wartens befand auf irgend
einen magischen Befehl jener Dame die die Lebensfäden so kühn und unberechenbar
ineinanderstickt Wie leer erfand sich schließlich die Wissenschaft vor seinem
Nachdenken Selbst die Lampe auf seinem Tisch die Stühle die Bücher im Regal
 sie hatten etwas Wesenloses für ihn
    Um Geld zu verdienen suchte er Stunden zu geben Es gelang ihm die zwei
Söhne des Witwers Samuel Binsheim zum Privatunterricht zu bekommen Dieser Herr
Binsheim setzte einen eigenen Ehrgeiz darein mit Bojesen gelehrte Gespräche zu
führen Er übersiel ihn also oft auf der Straße und versicherte ihm stets von
neuem dass er ein Materialist sei ein Freidenker Freigeist ein Ateist und
machte ihn mit seinem Plan bekannt einen Ateistenverein zu gründen Er sah
darin die höchste Vollkommenheit des Geistes jeder Ateist war im Voraus sein
Freund er suchte Disziplin in die Ateisten zu bringen und wollte sie
organisieren
    Herr Binsheim war es auch der ihm erzählte Stefan Gudstikker habe ein Buch
veröffentlicht worin die Leiden eines tragisch endenden Schulknaben so
meisterhaft geschildert seien dass das Werk in kurzer Zeit das größte Aufsehen
erregt habe Bojesen bat Herrn Binsheim um das Buch doch als er es lesen
wollte fand sich dass Herr Binsheim die Blattränder dazu benutzt hatte um
seine Feder in kritischen Anmerkungen schwelgen zu lassen Daher konnte sich
Bojesen lange Zeit nicht zur Lektüre entschließen denn ihm war als solle er
sich in ein Bett legen das noch warm war vom Schlaf eines Fremden Schließlich
las er es doch und fand viel Gewandtheit der Darstellung in dem Buch viele
blendende Einzelheiten er fand viel Wollen das nicht zur Kraft entwickelt war
und jenes wunderbare Spiel mit Natürlichkeit jene leicht überspannte Romantik
der Gefühle die sich um einfache Wirkungen herumlügt weil sie des Einfachen
nicht fähig ist
    Ost wenn Bojesen nach Hause gekommen war und sich in seinem Zimmer
eingeschlossen hatte wurde vor der Türe ein schwaches Knistern hörbar Dies
Knistern stammte von einem Kleide und die dies Kleid trug war Fanny Bojesen
Fanny Bojesen schlich über die sich krümmenden Dielen dahin schreckte bei jedem
Laut zusammen und legte ihr Ohr an die Türe des Gemachs hinter dem sich der
einsame Mann verschanzt hatte vor dem Leben und vor der Liebe Sie wurde nicht
müde zu lauern und zu lauschen und nicht einmal ein Seufzen von drinnen
belohnte ihre Qual Oft nach solch fruchtlosem Spionieren setzte sie sich in
ihrem Zimmer an den Tisch und schrieb schrieb schrieb  die lange klagende
Epistel des unglücklichen Weibes und am folgenden Morgen verbrannte sie was sie
geschrieben Wenn Bojesen ausging versteckte sie sich wenn er kam versteckte
sie sich aber nie war ihr Gehör seiner und wachsamer gewesen für jedes
Berausch das auf sein Kommen oder Gehen deutete wenn sie sich zufällig
begegneten wusste sie ihr Gesicht von Gleichgültigkeit förmlich strotzen zu
lassen und war sie dann allein so weinte sie stundenlang Als später das
Dienstmädchen abgeschafft wurde war es an ihr ihm die nicht allzu reichlichen
Mahlzeiten zu servieren Keine Regung ihres Innern war dann auf ihrem Antlitz zu
gewahren kein Erblassen kein Zittern ihrer Hand zu sehen Trotzdem schluckte
Bojesen in dieser Zeit manche Träne ahnungslos mit hinunter die ohne sein
Wissen die Speisen gewürzt hatte
    Er ergab sich jetzt den stillen Studien die an der Grenze der Wissenschaft
liegen und den Ausblick gestatten auf ein unermessliches Reich von Hypotesen
auf die schrankenlose Nutzniessung phantastischer Probleme Es schien ihm oft
als ob sein Verstand dabei in die Brüche gehen müsse aber dies gefährliche
Tappen im Reich unumstösslicher Gesetze entzog ihn der Welt und seinen eigenen
Sorgen und wenn er spät spät in der Nacht in irgend einer ungeheuerlichen
Formel den Boden neuer Entdeckungen zu sehen glaubte konnte er in eine erhitzte
Wonne geraten wie ein Wirt über das Bier das er selbst gebraut und konnte
vergessen wie nahe ihm die Forderung praktischer und lohnender Arbeit gerückt
sei
    Eines Tages der Schnee war im Schmelzen und laue Winde kamen fühlte er
sich gänzlich abgespannt fühlte er sich alt Es war ein wunderlich wissender
Zustand durch den er über sich selbst hinausspähen konnte und zugleich das
Gefühl von Wichtigkeit verlor das die Quelle nützlicher Leistungen ist Da
wurde ein Brief in sein Zimmer geworfelt der den Poststempel Paris trug und so
lautete
    »Eines Wortes bist du noch wert Ich erfülle deine Bitte hier hast du ein
Lebenszeichen Ich kann es dir mit Recht senden denn ich lebe hier Hier hört
man das Herz der Menschheit schlagen Hier bin ich die ich stets gewesen bin
nur unentdeckt gewesen bin hier trinkst du dich wahnsinnig am immergefüllten
Becher Tausende purzeln Hunderte steigen Tausende jubeln und sterben
zugleich Aber es ist vielleicht nicht das Echte nicht Nektar sondern
Haschich Nichts für deinesgleichen Nichts für gute Charaktere für euch Perlen
am alternden Hals Europas Ich komme vielleicht zurück weil es mich reizt euch
dort ein wenig toll zu machen Ich habe erst hier von einem König gehört der
bei euch leben soll  ein Heliogabal jammervoll misskannt ein Sohn der Sonne
Und nun leb wohl Erich löse dich aus dem Niedrigen das dich umfängt und denke
ohne Groll an deine Jeanette«
    Bojesen warf den Brief in eine Ecke hob ihn jedoch wieder auf legte ihn
mit feierlichen Gebärden zusammen und zerriss ihn dann in lauter kleine
Stückchen In diesem Augenblick kam ihm alles was er trieb so erbärmlich vor
und alles was er wusste so oberflächlich dass er in einer schmerzlichen Apathie
die Augen schloss Dann nahm er eine Feder zur Hand und schrieb auf das nächste
Stück Papier Wissenschaft
Es war ein Mann ich weiß nicht wie er hieß
Den das Geschick im tiefen Schoss der Erde
Vor langer Zeit zum Leben kommen ließ
Und Finsternis war Mutter die ihn nährte
    Doch er vermochte nicht zu reimen auch fühlte er dass sein Gedanke dabei
die Klarheit verlor Deshalb fuhr er in Prosa fort Schweigen erfüllte sein
Leben und nichts störte die Ruhe um ihn her als ein beständiges dumpfes Summen
und Dröhnen über ihm Der Unterirdische setzte jedoch alle Geisteskräfte daran
den Grund des ewigen drohenden geheimnisvollen Dröhnens zu erforschen Er
glaubte nicht an ein Wunder er teilte auch den Glauben von dem göttlichen
Ursprung des Dröhnens nicht wie er in überlieferten Dokumenten las sondern
forschte erfand Messapparate und andere Instrumente stellte Gesetze und Regeln
auf berechnete die Stärke des Dröhnens und die Zeit die verging bis der
Schall an sein Ohr kam und viele andere Dinge mehr die ihn zu gigantischen
Spekulationen führten Und nach langer langer Zeit begann er zu graben
emporzugraben und je mehr er grub je vernehmlicher wurde das Dröhnen bis
endlich die letzte Schicht Erde fiel und der Sohn der Finsternis geblendet in
die Höhe starrte  ins Licht Da kehrte er zurück in seinen unterirdischen
Wohnsitz und war beglückt als er sah dass das Licht die Ursache des Dröhnens
war Doch wie andere Dinge hatte er sehen können wenn er noch hundert Meter
höher gekrochen wäre Wie hatte das Surren und Brausen von tausend irdischen
Dampfmaschinen sein einsamkeitgewöhntes Ohr betäubt Wie wäre er entsetzt
gewesen von dem endlosen Krieg der über ihm tobte von den Schicksalen die in
das Stampfen der Motore verwoben waren dabei hatte er vielleicht nicht einmal
das wirkliche Licht erblickt sondern nur das künstliche einer Maschinenhalle
    Enttäuscht und gelangweilt legte Bojesen das beschriebene Blatt Papier in
eine Schublade Jetzt erst empfand er den nagenden Schmerz den ihm jener Brief
zugefügt hatte Jeanettens Bild stieg heraus Nun wusste er auch sein ruheloses
Forschen zu deuten und er blickte im Zimmer umher als ob er sich vor den
Möbeln schäme dass er sie je getäuscht und hintergangen durch sein nächtliches
Wachen Er sah Jeanette unbeweglich stehen wohin er auch blicken mochte er sah
sie in einem dunkelgrünen Kleid das rote Haar gelöst in den Augen eine
schwermütige Ruhe die er in Wirklichkeit nie bei ihr bemerkt Er ging im Zimmer
umher und dachte an nichts anderes als wie er sie wieder gewinnen könne und
der törichteste Ausweg erschien ihm schließlich als der beste Er schickte sich
an zu Baron Löwengard zu gehen Sein wahnsinniges Verlangen redete ihm ein dass
Jeanettes Vater vielleicht Macht über sie besaß oder dass es mit dessen Hilfe
gelingen könne Jeanette durch eine List zur Rückkehr zu bewegen Er wusste kaum
was er tat
    Eine Viertelstunde später trat er ins Löwengardsche Haus Noch immer trugen
die Karyatiden geduldig die Last des Balkons noch immer besann sich Merkur auf
dem Dache ob er stiegen solle oder nicht Außerdem tropfte das Schneewasser von
den Rinnen und Brüstungen so dass die Riesen zu schwitzen schienen und eine
ahnungsvolle Sonne vergoldete die Fassade Auch im Innern des Hauses hatte sich
nichts verändert Die alte Pracht bestand noch nicht als ob der Besitzer
dieser Reichtümer kürzlich zu Fall gekommen wäre und Hunderte in Not gerissen
hätte sondern als ob irgend ein hochgeborener Gast die Ursache der vornehmen
Stille sei
    Bojesen wurde angemeldet und vorgelassen Mit zusammengepressten Lippen stand
er vor dem Kaufmann der ihn einige Zeit unbekümmert musterte ehe er sich
entschloss ihm einen Sitz anzubieten
    »Ich komme wegen Ihrer Tochter« sagte Bojesen mit stockender Stimme
    Das Gesicht des Bankiers veränderte sich im Nu Er richtete sich straff
empor schob seine Hand in die Rockbrust und sein Gesicht wurde steinern als er
antwortete »Meine Tochter hat mit der Firma Löwengard nichts zu tun Wenn dies
also der Zweck Ihrer Anwesenheit ist muss ich bedauern Wenn meine Tochter in
Not ist hat die Firma keinen Grund diesem Umstand Aufmerksamkeit zu schenken«
    »Ihre Tochter ist nicht in Not« entgegnete Bojesen stirnrunzelnd »Ich
wollte nur fragen ob Sie nicht Auskunft über ihren gegenwärtigen Aufenthalt
wünschen oder ob Sie sie vielleicht zurückrufen wollen In diesem Fall wäre ich
bereit «
    »Verehrter Herr ich sagte Ihnen schon dass meine Tochter mit den
Angelegenheiten der Firma nichts zu schaffen hat Sie ist tot für das Haus
Löwengard Ich sehe deshalb keinen Anlass dies Gespräch fortzusetzen«
    Das war ein deutlicher Wink aber Bojesen blieb ruhig sitzen und folgte mit
finsterem Blick dem Aufund Abgehen des Bankiers der die Hände auf dem Rücken
hielt und mit den Fingern ein Geräusch machte wie wenn man den Pfropfen aus
einer Flasche reißt »Vatergefühle und dergleichen kennen Sie wohl nicht« sagte
er empfand jedoch zugleich das Selbstsüchtige seiner Bitterkeit und errötete
flüchtig
    »Vatergefühle setzen Tochtergefühle voraus« erwiderte der Bankier kalt
    »Und Sohnesgefühle« fügte Bojesen verächtlich hinzu indem er an Gedaljas
Schicksal dachte
    »Herr« rief der Bankier feig werdend Seine tückischen Augen blickten
unsicher nach der Türe
    Als Bojesen ging war die Sonne im Sinken und ergoss Ströme purpurroten
Lichts auf die tauenden Schneeflächen Der Himmel einem Teppich gleich war mit
seltsam regulären Wolkenmustern besät und in der Tiefe des westlichen Horizonts
stand ein Rest der Sonne als glühendes Segment und war bald verschwunden eine
gleichmäßigbrennende Röte hinter sich lassend Bojesen schritt vorbei an den
Schreibzimmern der Firma Löwengard wo seit einigen Tagen wieder gearbeitet
wurde und sah durch die mit grünen Gittern versehenen Fenster Pult an Pult
Kommis neben Kommis bleiche langnasige Menschen mit trüben Augen mit
Augengläsern mit beschäftigten sorgenvollen Mienen freudlose Rechenmaschinen
Staub
    Die Landschaft breitete sich flach und trostlos aus nicht anziehender
geworden durch die blendenden Abendgluten Eisenbahnremisen ein abgebrochener
Zaun durcheinanderlaufende Schienen rötlich schimmernd im Widerschein des
westlichen Feuers einzelne Güterwagen eine Lokomotive stumm und kalt ein
Lastwagen Bahnwärter und Signalhäuschen Telegraphenstangen Güterhallen und
weit drüben ein schüchternes Etwas von Wald mit letztem Schnee behangen und
das erste oder vielleicht vorjährige blasse Grün einer Wiese Und all das weckte
in Bojesen auf wunderbare Art Erinnerungen an die Kindheit ließ Bilder der
Heimat in ihm wachsen und er hatte Heimweh
    Gleichwohl sehnte er sich nach Gesellschaft und da er nicht weit von
Nieberdings Villa entfernt war wandte er sich dorthin Er schritt an den
feuchten Hängen hin zwischen Gesträuchern zur Rechten war die Mauer des
Kirchhofs tief unten schimmerte das Wasser des Flusses und drüben lag das ebene
Tal das vom Horizont verschlungen wurde
    Er fand das Tor der Villa offen schritt die Treppe hinauf und pochte da er
niemand sah an die nächste Tür und als niemand antwortete ging er hinein Das
Zimmer war leer er ging weiter öffnete eine zweite Tür und stand betroffen
still
    An einem Sessel kniete ganz zusammengeschrumpft und gekauert Kornely
Nieberding und richtete sich erst auf als sich Bojesen verlegen räusperte Sie
warf mit einem energischen Schütteln das Haar zurück und rief angstvoll »Was
ist Ist er tot«
    Als Bojesen sie erschreckt anstarrte trat sie auf ihn zu bot ihm
schüchtern die Hand und flehte »Helfen Sie mir Seit zwei Tagen ist Eduard
nicht nach Hause gekommen hat keine Nachricht hinterlassen keine Zeile
geschrieben Ich habe meine Leute auf die Polizei und zu allen Bekannten
geschickt helfen Sie mir«
    Bojesen sah gespannt in ihr blasses Gesicht das unaufhörlichen Zuckungen
unterworfen war und durch Schlaflosigkeit und Sorgen gealtert erschien Als sie
sich so schweigend betrachtet sah ließ sie den Kopf sinken und ihre Ohren
wurden glühend rot während Stirn und Wangen bleich blieben
    Bojesen suchte nach Worten
    »Er ist ja mein Stiefbruder« sagte Kornely mit einer krankhaften
Versunkenheit und lächelte so schuldbewusst dass es Bojesen wie ein Stich traf
    »Er wird zurückkehren Fräulein« tröstete er mit gesellschaftlicher
Liebenswürdigkeit »Vielleicht beschäftigt ihn ein kleines Abenteuer« Doch
sogleich empfand er das Ungehörige seiner Worte denn Kornely schaute ihn
erschreckt und fremd an Um den Fehler wieder gut zu machen und da ihr Schmerz
etwas so Wühlendes und Gepresstes hatte dass er fast ungeduldig wurde ihr
beizustehen fragte er wodurch er ihr helfen könne
    Sie dankte ihm durch einen Händedruck und teilte ihm mit zögernd als ob
sie durch das Versprechen des Schweigens gebunden sei dass Nieberding seit
einigen Wochen mit einem gewissen Baldewin Estrich in Nürnberg viel verkehre es
sei ihr nicht bekannt wo der Mann wohne aber sie träfen sich stets in dem
Kaffeehaus an der Frauenkirche Wenn Bojesen sich ihr freundlich erweisen wolle
möge er nach Nürnberg fahren und dort Erkundigungen einziehen
    Ohne viel Worte zu machen entfernte sich Bojesen war eine halbe Stunde
darauf in Nürnberg und fragte in dem angegebenen Kaffeehaus nach Nieberding 
umsonst Darauf nannte er den Namen Baldewin Estrich den er von Kornely
vernommen und dieser Name war den Leuten bekannt es wurde Umschau gehalten und
man schien erstaunt den Herrn gerade heute zu vermissen der seit Jahr und Tag
um diese Stunde hier zu finden war
    Als Bojesen durch die winkligschiefen Gassen wieder zum Bahnhof eilte 
denn die Wohnung jenes Estrich hatte er nicht zu erfragen vermocht  stutzte er
plötzlich beim Anblick einer rasch vorübereilenden Frau blieb dann wie
angewurzelt stehen und lehnte sich an einen Laternenpfahl Er hatte Jeanettes
Züge zu erkennen geglaubt Er war sich der Täuschung bewusst und doch zitterte er
an Armen und Beinen
    Spät am Abend kam er wieder in Nieberdings Haus und erfuhr von Kornely dass
ihr Bruder gekommen sei Sie dankte ihm mit scheuer Herzlichkeit führte ihn
aber nicht ins Zimmer und sagte Eduard sei krank und unbegreiflich erregt
    Wieder schloss sich Bojesen tagelang mit seinen Büchern ein brütete
grübelte träumte draußen herrschten Frühjahrsstürme Es pfiff und jauchzte und
heulte und wühlte um die Mauern wie bei einem Wrack das hilflos auf Felsenboden
sitzt Es sang und brummte und brodelte in den Lüften und der ganze Himmel mit
Wolken glich einer hurtig fahrenden Maschinerie indes der Mond in der Nacht
schreckhaft und fahl von Wolkenloch zu Wolkenloch stürzte
    An einem solchen Abend ging Bojesen aus Er fühlte sich erschüttert im Sturm
und sein Herz wurde weit Er sah Blitze leuchten im Osten und hörte den
entfernten Donner eines Februargewitters Als er in die Gegend des Marktes kam
hörte er eine Stimme hinter sich die den Wind laut übertönte Er glaubte diese
Stimme zu kennen verzögerte seinen Schritt und lauschte
    »No sag selber hab ich geschlafen sitter ach Täg Haste geschlossen
gesehen meine Augen Bin ich gewesen in schlechter Gesellschaft dass se mer
gemacht hat e schlechtes Gewissen Haste schon emol son Sturmwind derlebt Hu 
uch wirbel wirbel bl bll bll «
    Bojesen war so entsetzt dass er keinen Schritt mehr machen konnte
    »Holla aach e Mann den ich kenn« rief Gedalja und lachte unbändig »Komm
mit Mann komm mitle Ich  ich kenn die Welt ich kenn se in un auswendig
kenn ich se oben un unten kenn ich se hinten un vorn kenn ich se«
    Bojesen wich zurück und packte die Frau die den Greis begleitete fest beim
Arm Es war Frau Hellmut »Ist er betrunken« flüsterte er ihr zu
    Sie schüttelte den Kopf »Mein Sema hat ihn gebracht so wie er ist«
    »Und warum führen Sie ihn denn herum«
    »Er ist uns fortgerannt He halt halt« Und sie rannte dem alten Mann in
die Hände schlagend nach während er in der Mitte der Straße umhertanzte Der
Mond beschien ihn kalt und unheimlich Bojesen empfand einen kühlen Schauder
    Auf einmal wurde der Greis still und ließ sich führen wie ein Kind Bojesen
ging an Frau Hellmuts Seite die sich in seiner Gesellschaft unbehaglich fühlte
und ihm zweifelnde Seitenblicke zuwarf
    »Ich kenne ihn« sagte Bojesen »Es erschreckt mich sehr das alles«
    »Wer sind Sie denn«
    »Bojesen«
    »So Der Lehrer«
    »Gewesen ja«
    Als sie vor Frau Hellmuts Wohnung angelangt waren ging Bojesen mit hinauf
Nach kurzer Weile kam auch Sema Gedalja hockte auf einem Schemel äffte den
Wind und lachte
    »Jeanetterl kumm her kumm her Jeanetterl Ich muss dr was sagen«
flüsterte er kaum hörbar »Ich hab drs ja gleich gsagt Geld will ich kaans
Ich pfeif dr af dei Geld« Plötzlich fuhr er wie toll auf und stieß Sema der
ihn beruhigen wollte mit voller Kraft weit von sich dass der Knabe gegen den
Ofen taumelte »Dei Geld Na Dei Geld Da klebt Schweiß draa un Blut lieber
Sohn Es rollt  tief Komm herla Eisenhäärla Chomezfresserla Chuzpeponim
Ach was haste gemacht mit en alten Mann«
    »Warum bringen Sie ihn nicht fort« fragte Bojesen erschüttert
    »Morgen früh kommt er in die Anstalt Herr Bojesen« Bei dem Namen blickte
Sema hastig empor und schaute Bojesen an Dann stand er auf trat zu Bojesen und
fragte stehend »Wo ist Agaton«
    Bojesen war erstaunt Er schüttelte den Kopf nahm Semas Hand und
streichelte sie Eine Zeitlang war es still Bojesen war versunken in den
Anblick des langsam einschlummernden Greises dessen Rücken steif an die Wand
gepresst war Sema saß vor Gedalja auf der Erde
    Als Bojesen die finsteren Treppen hinabsteigen wollte eilte ihm Sema nach
»Herr Bojesen« rief er leise »die Schüler« In abgerissenen Worten atemlos
von dem Bestreben beseelt ein Unglück abzuwenden erzählte er dass viele
Schüler der obersten Klasse morgen Nacht den Rektor überfallen wollten wenn er
vom Wirtshaus heimging es sei eine Verschwörung sie wollten sich auch
verkleiden einer habe einen Aufruf geschrieben worin die Rückkehr Bojesens
gefordert sei auch hätte eine Geldsammlung stattgefunden um Bojesen ein
Ehrengeschenk überreichen zu können Er Sema sei von all dem durch einen guten
Freund unterrichtet und er fürchte dass es den Schülern schlecht ergehen werde
    Bojesen sah nachdenklich ins Finstere Er legte seine Hand beschwichtigend
auf Semas Haupt drückte ihm dann schweigend die Hand und ging während ihm der
Knabe hilflos nachschaute Nebenan wohnte ein Firmenmaler der in nächtlichen
Mussestunden klassische Monologe einübte und Sema hörte ihn brüllen während er
bang in die Nacht sah
    Indes wurde Bojesen nicht müde gegen den Sturm anzukämpfen Er ging über
die Felder die Landschaft schien zu wogen wie aufgewühlte See der Fluss stürzte
rauschend einher und war bis zum Rand angeschwollen Bojesen empfand ein Grauen
davor heimzukehren und sann darüber nach wo er den Rest der Nacht verbringen
solle Er kehrte um und stand alsbald unschlüssig vor dem Eingang zum siebenten
Himmel Während er noch überlegte kam der Glühende heraus begrüßte ihn und
fragte ob Bojesen nichts von den sonderbaren Ereignissen gehört habe die sich
heute Abend in Nürnberg abgespielt Ein halbwahnsinniger Mensch ein Goldmacher
habe das Volk aufgewiegelt ein junger Mensch habe die Lorenzerkirche in Brand
gesteckt und die ganze Stadt sei wie von Sinnen Er gehe jetzt um sich die
Geschichte anzuschauen
    Bojesen vernahm das alles wie im Traum Schließlich verging die Nacht und
verbrauste mit ihrem Sturm eine Nacht für alle und dann den Tod in den Wellen
sterben dachte er War es nicht auch ein Traum gewesen dass einst ein weißer
Arm schmeichlerisch seinen Hals umschlungen hatte oder war dies vor langen
Jahren geschehen in einer entlegenen Zeit der Geschichte
    Am Morgen verließ er früh das Haus Die Straßen waren vom Sturm reingeleckt
Ob er geschlafen oder nicht geschlafen wusste er nicht Einem Entschluss folgend
den er schon gestern bis in die Einzelheiten gefasst und erwogen und der ihn
jetzt von selber vorwärts trieb ging er ins Schulhaus um die Schüler zur
Vernunft zu bringen und von törichten Streichen abzuhalten die ihm und ihnen
schaden mussten Er tat es widerwillig denn er hatte sich gesagt lass diese
Jugend einmal sich empören
    Es schlug acht Uhr als Bojesen die Klasse betrat Sobald die Knaben ihn
gewahrten entstand ein feierliches Schweigen Plötzlich kam ein junger Mensch
mit offenem liebenswürdigem Gesicht das ein wenig an die Züge Agatons
erinnerte auf Bojesen zu und reichte ihm die Hand Dann erhoben sich auf einmal
alle in sorgloser Erregung in mühsam verhaltenem Jubel mit erstickten
Ausrufen stürmten auf den verstossenen Lehrer ein drückten und schüttelten
seine Hände sahen mit leuchtenden Augen zu ihm auf und die Boshaften die
Dummen und Launischen verloren alles was sie abstoßend machte Bojesen in
seiner Ergriffenheit vermochte anfangs nicht zu reden doch bald bemerkten sie
seine Absicht und schwiegen bereitwillig still Er sagte ihnen was er sagen
wollte ernst verständlich und verständig und sie schienen beschämt In ihren
Blicken war das offene Versprechen des Gehorsams zu lesen
    In diesem Augenblick wurde die Türe aufgerissen und der Rektor trat ein Bei
dem Anblick der sich ihm bot ging eine förmliche Versteinerung mit ihm vor Er
lallte und seine Brille fiel von der Stirn auf die Nase Er ließ einen eisigen
Blick auf Bojesen fallen und einen finsterdrohenden auf die Schüler die trotzig
stehen blieben Bojesen wollte nichts zu einer theatralischen Auseinandersetzung
beitragen Er fühlte sich zu froh und zu bewegt Er entfernte sich mit einer
sarkastischen Verbeugung gegen den Rektor
    Stunden vergingen für Bojesen in einer Reihe lustiger und beglückender
Visionen von einer neuen Zeit von dem Wachsen verborgener Keime von denen die
Welt ein paradieshaftes Blühen erwarten konnte Doch als der Abend kam wurde es
wieder dunkel in ihm Er ging über den Kohlmarkt nach der Wohnung die Jeanette
innegehabt und die noch leer stand Die alte Dame die hier wohnte ließ Bojesen
ungehindert eintreten Durch ihr Lächeln leuchtete ein menschliches Verstehen
als sie ihn allein ließ in Jeanettens Zimmer
    So blieb er warf sich auf einen Sessel und ließ den gefürchteten Schatten
kommen Er dachte dass er sie küssen könne doch sie ging hastig ohne zu sehen
oder zu hören an ihm vorbei Dann kamen andere  geschwätzige Gestalten Alle
hatten etwas zu erzählen wobei sie auf den Zehen leicht dahinhuschten sich ein
Tuch umnahmen es wieder liegen ließ und sie sahen aus als hätten sie dreißig
Tage lang unter der Erde gelegen
    Es war sehr spät als er ging Die Gassen waren leer und still Er wusste
nicht wie er heim gelangte In seiner Wohnung war alles finster Lange stand er
auf dem Korridor in quälerischem Besinnen dann begab er sich vorsichtig und
leise in das Zimmer wo Fanny seit Wochen allein schlief zündete eine Kerze an
und setzte sich auf den Rand ihres Bettes Er sah sie friedlich schlummern und
nahm ihre rundliche Hand Die Kerze warf tiefe Schatten auf eine Seite ihres
Gesichts Plötzlich erwachte sie Sie fuhr jäh empor und schrie auf streckte
die Hände aus und schlug sie dann vor das Gesicht Bojesen hielt den Blick auf
die Dielen geheftet und atmete tief auf
 
                              Vierzehntes Kapitel
Im kleinen Schustergässchen in Nürnberg welches vom großen Schustergässchen aus
zur Burg führt stand ein altes düsteres Haus Selten wurde zur Tageszeit das
Tor von schwerem Eichenholz geöffnet selten waren die vor Staub und Bejahrteit
blinden Fenster abends erleuchtet
    Das Haus war von Baldewin Estrich bewohnt und zwar nicht in allen seinen
Räumen sondern Herr Estrich hauste vornehmlich in einer großen mit Steinen
gepflasterten Küche die ein Fenster nach dem einsamen Hof hatte mit seinen
Holzgalerien und wunderlichen Säulen und Schnitzwerken Hier verbrachte Baldewin
Estrich seine Tage und einen großen Teil der Nächte um zu experimentieren zu
analysieren in Retorten dickliche Flüssigkeiten zu kochen auf seltsamfarbenen
Flammen noch seltsamere Körper bis zur Weissglut zu erhitzen und was er auf
diese Art suchte und erfinden wollte war nichts mehr und nichts weniger als die
Kunst des »Goldmachens«
    Doch nicht aus gemeiner Habsucht oder nur aus dem Drang reich zu sein
frönte Baldewin Estrich dieser Leidenschaft Auch war er weit davon entfernt
der Wissenschaft einen Dienst leisten zu wollen Ja er war sogar davon
überzeugt dass sein Weg von dem der Wissenschaft weitab lag und dass er selbst
ein Gespött der Fachgelehrten bilden müsse als ein Mensch aus vergangenen
Jahrhunderten wo Wunder und Traktätchen Zauberei und Hexenkunst die Brücke
zwischen Sehnsucht und Besitz schlagen sollten Auch war er nicht betört durch
jene uralten Bücher der schwarzen Kunst jene dunklen und verschwommenen
Nachrichten über rätselhafte Magier und über den verlorenen Schlüssel zu dem
großen Geheimnis Er war mit der Wissenschaft der Zeit gegangen eifrig und
unermüdet hatte in ihre verstecktesten Winkel geschaut ihre zahllosen
Dokumente durchstöbert war an ihr verzweifelt und in dieser Verzweiflung
zusammengebrochen wie ein Kind Denn was sie ihm bot war nicht das was er
darin suchte ein Mittel die Menschheit glücklicher zu machen Dann begann er
aus eigenem Antrieb hinauszubauen über das Vorhandene stellte ungeheuerliche
und gefährliche Experimente an um den chemischen Urstoff zu finden jenes vage
Etwas Äther oder sonstwie genannt an das er mit allen Sinnen glaubte weil ihm
das Element sei es nun Gold oder Eisen Schwefel oder Chlor nicht mehr ein
untrennbares Eins bedeutete Freilich wollte er mit der Praktik nichts gemein
haben und so baute er weiter kühn und mutig wie ein Munn der in der Wüste
wohnt und dort Städte gründet für die späten Geschlechter die da wohnen werden
wenn das Meer von Sand fruchtbares Erdreich geworden sein wird Durch nichts
glaubte er die Menschen sicherer glücklich zu machen als durch Gold er glaubte
ihnen den Frieden zu bringen wenn er die heisseste Begierde stillen konnte die
sie erfüllte oder vielmehr wenn er ihnen so viel des Begehrten gab dass sie
der Überfluss gleichgültig machte Die Überzeugung durchdrang mit Glut sein
ganzes Innere gab seinen Augen einen prophetischen Glanz und seinem Wesen das
Gepräge der Versunkenheit Nur wenigen war er bekannt als der Auffinder aller
Höhlen des Elends in der Stadt er wusste Bescheid in jenen anrüchigen Kneipen
in denen der Verbrecher Unterschlupf findet in jenen Herbergen wo der reisende
Bettler sein Nachtquartier hat in den Schlupfwinkeln unter Brückenbögen in den
abgelegenen Gassen der Vorstadt in den Remisen der Eisenbahn an Kirchenmauern
in Kellern und übelberufenen Höfen  kurz an jenen Orten wo sich das
menschliche Elend beständig oder vorübergehend ein trauriges Asyl sichert und
es war als ob er sich durch den Anblick von Schmutz und Verkommenheit in seinem
Vorsatz und Eifer stärken wolle
    Er lebte ganz allein Das weite düstere Haus das ihm selbst nicht einmal in
allen Winkeln bekannt war sah nur zwei Besucher von Zeit zu Zeit seine Nichte
Käte und Frau Gudstikker Diese kam nur um den Kopf zu schütteln und alles
was Estrich tat oder sagte unbegreiflich zu finden Käte lauschte begeistert
den dürftigen Reden des Oheims und gab ihm zu erkennen dass sie an ihn und sein
Werk glaube
    Im Laufe von neunundzwanzig Jahren hatte er sein ganzes Vermögen an seine
Träume gesetzt Nun war er arm und litt darunter tief Er konnte einen wie er
glaubte letzten und entscheidenden Versuch nicht ausführen weil ihm das
Kapital zur Anschaffung eines seltenen und teuren Apparates fehlte Alles was
er an barem aufbringen konnte betrug nicht mehr als zweitausend Mark Er wandte
sich an seinen Bruder im voraus überzeugt von der Fruchtlosigkeit dieses
Schrittes denn dieser Mann der ihn verachtete und verspottete würde eher eine
Hand hingegeben haben als Geld zu solchen Zwecken Da trug es sich zu dass
Baldewin Estrich mit Nieberding bekannt wurde
    Es war in der Nacht ziemlich weit draußen in der Vorstadt Schmerzlich
grübelnd gleichgültig gegen Menschen und Dinge schritt Estrich seines Weges
als mehrere durchdringende Schreie hörbar wurden Am hohen Bahndamm zog ein
offenbar betrunkener Kerl ein Frauenzimmer an den Haaren nach sich Sie lag auf
der Erde und so schleifte er sie weiter wie ein Bündel Holz und erwiderte jeden
ihrer Schreie mit einem Schlag seines dicken Spazierstocks Fast in demselben
Augenblick als Estrich dies gewahrte sprang ein Mann hinzu stellte sich
erregt vor den Burschen und forderte ihn auf das Frauenzimmer los zu lassen
worauf ihm jener eine Flut von Beschimpfungen zubrüllte Nieberding dies war
der junge Mann wiederholte seine etwas patetische Aufforderung Der Bursche
schlug ihn mit dem Ende seines Prügels vor die Brust dass er zurücktaumelte
Jetzt mischte sich Estrich darein Sein grauer Bart eine gewisse Feierlichkeit
seines Wesens und der Zorn der seine Stimme vibrieren ließ mochten Eindruck
auf den Burschen machen denn er befahl der Dirne aufzustehen und sie gingen
weiter er fluchend sie heulend
    Nieberding und Estrich blieben die ganze Nacht zusammen Nieberding lauschte
gierig den Ideen des Greises Seine an Idealen so armen und ihrer so bedürftigen
Sinne berauschten sich an der willkürlichen Umwertung der Materie an dem alten
und nun wieder neu gewordenen Glauben vom Urstoff Die
mittelalterlichromantische Welt der Versuchsküche das überzeugte und
überzeugende Wesen des alten Mannes der wie ein Magier sich inmitten seines
Reiches bewegte um beim leisesten Wunsch die Geister der Luft zu bannen dass
sie den leblosen Stoff durchdrangen und beseelten all dies machte Nieberding
zum Spielball einer aufregenden Vision Und dann kam er Tag für Tag blieb oft
eine Nacht und einmal sogar zwei Nächte hindurch in dem düstern Bau wo er in
einem riesengrossen halbvermoderten Patrizierzimmer übernachtete Und nach zehn
Tagen kam er und brachte Baldewin Estrich fünftausend Mark zum Ankauf eines
elektrischen Apparats Mit feierlichem Schweigen nahm der Greis das Geld dann
bat er den jungen Mann ihn allein zu lassen
    Baldewin Estrich saß wie im Fieber vor seinem Versuchstisch die fünf
braunen Banknoten neben der Hand Er konnte die ersehnten Apparate anschaffen
und die Mischung die jetzt im Tongefäss vor ihm stand musste ihm zeigen ob sein
Leben ein phantastisches Irrwandeln oder ein Schicksalspfad war Sein Arm
zitterte als er die Hand vor die Augen legte gleich Feuerkugeln perlte es hin
vor den verfinsterten Blicken Tiefes Schweigen herrschte in dem verödeten Haus
Die Galerien des Hofes versanken in die Dämmerung und eine blitzende Scheibe sah
bisweilen aus dem Grund der Wandelgänge Ein Kater Estrichs einziger Gefährte
während der langen schweigenden Nächte saß schnurrend an der heißen Glut des
Kamins
    Plötzlich schreckte der Alte auf machte Licht  eine hektische Röte war
auf seine Wangen getreten  nahm das Tongefäss betrachtete die weißschillernde
Mischung entzündete ein Drumondsches Kalklicht hielt den Topf darüber und
schüttete eine Säure in die kochende Masse bis übelriechender Qualm den Raum
erfüllte und den Chemiker in einer Wolke verhüllte Dann nahm er eine
pulverisierte Masse von violetter Färbung und schüttete eine Messerspitze voll
in das Gefäß das er hermetisch verschloss Hierauf verlöschte er die Flamme
stellte den Topf ins Wasser um ihn einem plötzlichen Erkaltungsprozess
auszusetzen und schritt unruhig mit zusammengepressten Lippen auf und ab Als er
nach einer Viertelstunde das Gefäß zertrümmerte und den erstarrten Inhalt
prüfte fand er ihn unverändert außer dass die Farbe statt des reinen Weiß in
bräunliches Gelb spielte Mutlos ließ er die Arme sinken Schließlich ist die
ungeheure Hitze die ich durch den elektrischen Apparat erzeugen will gar nicht
nötig dachte er Aber auch so sah er kein Ziel mehr All die Säuren und Vasen
Metalle und Metalloide nahmen für ihn das Wesen von persönlichen Feinden an mit
einer ausdauernden Bösartigkeit begabt Er zündete die Lampe an und sah in ihrem
Schein das Zimmer noch erfüllt von dem unerträglichen Dunst Er nahm ein
Fläschchen vom Sims das eine blauschwarze Flüssigkeit enthielt die beim Licht
herrliche Reflexe warf Er öffnete das Glas ging zum offenen Kohlenfeuer immer
noch hielt er fast krampfhaft das erkaltete Metall in der Hand und wollte
einige Tropfen auf die hochrot glühenden Kohlen gießen um den schlechten Geruch
zu vertreiben als die Masse samt dem Glas seiner bebenden Hand entsank auf den
Kohlen zersprang das Glas und erschrocken bebte Estrich zurück ging ans
Fenster öffnete es und die milde Luft des Februarabends floss herein und
streifte seine heiße Stirn In tiefen Gedanken saß er am Fenster fast zwei
Stunden lang Dann stand er schwerfällig und leise stöhnend auf um die Lampe zu
füllen die heruntergebrannt war Seine Blick hefteten sich auf die
halbverglommenen Kohlen im Kamin und unter den schwarzgewordenen oder noch
düsterroten Stücken erblickte er einen großen schwach glänzenden Gegenstand
Und je mehr er hinschaute je mehr nahm der Glanz dieses Gegenstands zu Seiner
Wahrnehmung misstrauisch gesinnt hörte er nicht auf starr in den Kamin zu
blicken bis ihn plötzliche Ungeduld und Erwartung näher treten ließ Er
zündete eine Kerze an holte das gleissende Stück mit dem Feuerhaken heraus nahm
es in die Hand schrie laut und durchdringend auf so dass es in allen Teilen des
Hauses widerhallte und sank vor Schwäche auf die Knie 
    Gold
    Er hielt Gold in den Händen
    Es konnte ihn nicht täuschen in Form und Farbe Er wog es in der Hand und
es war schwer Er hielt es zitternd mit überquellenden Augen zum Licht und sein
Glanz schien den ganzen Raum zu füllen
    Gold
    Die Sehnsucht des Mittelalters war gestillt Der Traum des modernen
Forschers in Erfüllung gegangen durch die Hand eines Blinden der nun auf dem
Thron der Welt saß und die Menschheit seinen Knecht nannte Der jeglichen Hunger
enden jeden Durst befriedigen konnte für den es nichts Unerreichbares mehr gab
im Reich der Träume Welcher Zufall hatte es ihm geschenkt das edle Geheimnis
Ein langsam glühender Kohlenhaufen eine harmlose Tinktur  bedeuteten sie mehr
als ein Leben der Einsamkeit und des Nachdenkens
    Baldewin Estrich sank zusammen und weinte Dann hielt es ihn nicht länger in
dem öden Haus Er nahm Hut und Mantel und stürzte fort Schon war er durch viele
Gassen geeilt als er innehielt die Hand an die Stirn legte zurückkehrte die
eiserne Truhe aufschloss und alles was er noch an barem Geld besaß in Gold und
in Banknoten zu sich steckte Damit eilte er den Stadtteilen des Elends zu den
Herbergen für Handwerksburschen den dachlosen Nachtquartieren im Norden Und
keine Stunde war verstrichen als er zurückkehrte  nicht allein Eine Armee
schreiender Männer und Frauen waren um ihn und hinter ihm verkommene Gestalten
die den Tod auf den Wangen trugen oder das Verbrechen auf der Stirn Gesellen in
Lumpen barfuß mit bloßer Brust keifende Weiber aller Lebensalter und aller
Abstufungen des Lasters Kinder mit den frühblassen Wangen der Not  und diese
entfesselte Schar schwoll und schwoll Wo Baldewin Estrich die ersten
aufgetrieben hatte wusste er nicht denn er handelte in einer Trunkenheit die
nach Taten verlangte Er hatte Gold Gold unter sie verteilt immer mehr und
die Kunde davon eilte wie ein Lauffeuer von Straße zu Straße so dass der Haufen
zuletzt die ganze Breitegasse ausfüllte In den Häusern wurden die Fenster
aufgerissen und lachende oder furchtsame Menschen schauten herab die Polizei
erschien in den Nebengassen und schickte sich an das Militär zu alarmieren
aber das Ungestüm des Pöbels stieg ums hundertfache und war durch nichts mehr zu
ersticken
    Am weißen Turm tauchte eine Abteilung des Reiterregiments mit blankgezogenen
Säbeln auf aber eher hätte sie eine Felsenmauer durchbrechen können als die
dichtgestaute Volksmenge die Kopf an Kopf stand über die es hinwogte von
Schreien und Zurufen und Hilferufen und Anfeuerungen und heiseren Lauten der
Begierde Alle drängten nach oben wo Baldewin Estrich totenbleich in einem
engen Kreis finsterer Burschen stand die ihm näher und näher rückten
tobsüchtig gemacht durch den Geruch des Goldes Mit den wildesten Drohungen
drangen sie auf den Greis ein der kein Glied zu rühren vermochte Es war als
könne er nicht glauben was um ihn her vorging Ihm war als seien es
fürchterliche Traumbilder diese von den scheusslichsten Trieben bewegte Masse
die um ihn wogte ihn hasserfüllt anstierte den kleinen Kreis um ihn verengerte
und verengerte als ob sie ihn erdrücken und ersticken wollte die nach Geld
schrie und heulte nach Geld und nach sonst nichts Ein stürmischer und
geheimnisvoller Schmerz erfüllte seine Brust und er erschien sich wie ins große
Meer verschlagen schiffbrüchig dem Tod geweiht Da nahm er sämtliche Banknoten
in seiner Tasche mit einer leidenschaftlich verächtlichen Bewegung und
schleuderte sie fort hinein in das brodelnde Meer den ausgestreckten Händen
den funkelnden Augen entgegen Wahnsinnige Schreie erschallten er fühlte sich
fortgerissen wie in einem Strudel dahingeschleudert dortingeschleudert
fühlte Stoß auf Stoß an seiner Brust sah hundert Arme hoffnungslos
ausgestreckt und wieder andre die mehr Geld wollten mehr da schwanden ihm
die Sinne Er erhielt einen schrecklichen Schlag an die Stirn sank hin wurde
mit Füßen getreten fühlte Blut an sich herabströmen und doch schlossen sich
seine Augen nicht als wolle seine Seele gewaltsam wach bleiben und alles sehend
erdulden
    Und der Strom der nun einmal in Bewegung geraten war wälzte sich weiter
Diejenigen die Gold erhalten hatten waren noch unersättlicher als die andern
Ihr Geist befand sich in Raserei und diese Raserei war ansteckend Viele
zertrümmerten die Fensterscheiben der Bürgerhäuser Steine flogen in die
Stockwerke hinauf die Weiber benutzten ihre Schuhe als Wurfgeschosse Die Rufe
Blut Rache Tod Nieder donnerten oder kreischten durch die Luft Die
Verkaufsläden wurden eingeschlagen und mit dem Schrei nieder die Juden
erstürmten entfesselte Scharen die verschlossenen Räume demolierten Tische
Fenster Verkaufsgegenstände und manche reizten zu Brandlegung und Plünderung
An vielen Punkten gelang es dem Militär durchzudringen einzelne Schüsse wurden
abgefeuert denen höhnisches Gebrüll folgte
    Während dieser Vorgänge war ein eigentümlich schwüler Wind durch die Gassen
gefahren erschreckend schwarze Wolken waren herausgezogen und hatten sich im
Norden getürmt indes ihnen gegenüber ein Stück reinen Himmels lag auf dem der
klare Mond schwamm Dann zuckten Blitze aus dieser Wolkenwand deren
beängstigendes Dunkel die Firste der Häuser seltsam bleich erscheinen ließ
leiser Donner rollte über die Dächer hin allmählich anschwellend die Blitze
wurden fahler zackiger breiter schneidender und tiefer der Donner weniger
schwerfällig und das Februargewitter hatte sich drohend angesammelt ohne dass
in dem Tumult irgend jemand darauf geachtet hätte
    Die Soldaten begannen erregte Massen von Männern und Weibern vor sich her zu
treiben Ein vor Hass wütender Haufe von Männern stellte sich gegen eine ganze
Kompagnie die Leute an den Fenstern stießen Angstrufe aus Steine flogen unter
die Soldaten aufgestellte Messer Glasscherben von eingedrückten Fenstern ja
ganze Holzklötze bis endlich der Kommandant der Abteilung zum Angriff überging
Alles wandte sich zur Flucht ein panischer Schrecken verbreitete sich nur noch
verzerrte Gesichter waren zu erblicken die Weiber stürzten hin und waren vor
Entsetzen gelähmt die Männer nahmen Kinder unter den Arm und eilten davon wie
gejagt Aus den ferner liegenden Straßen kamen Zuschauer herbei und
mitergriffen von dem furchtbaren Schauspiel schrien sie so laut sie konnten
ergriffen nach dieser oder jener Seite hin Partei folgten entflammt den immer
noch tätlich vorgehenden Soldaten wurden jedoch von der nachkommenden
Reiterkolonne in die Seitenstrassen vertrieben Währenddem floh der geängstigte
Volkshaufen in immer größerer Verwirrung und gelangte auf den Lorenzerplatz wo
die Türen der Kirche weit offen standen Aus dem Innern wie aus einer dunklen
Höhle schimmerte das glührote ewige Licht und die von den Soldaten wie Hühner
vorwärts getriebene Menge flüchtete sich in die Kirche drängte sich unter
heiseren Schreien hinein zum Teil mit emporgehobenen Händen als ob sie beten
wollten was jedoch nur deshalb geschah weil das unbeschreibliche Gedränge sie
dazu nötigte Zornige Rufe erschallten aus dem seitab sich schiebenden Publikum
Polizisten und Gendarmen versuchten umsonst sich Bahn zu machen Die Soldaten
schienen wie trunken von blödsinniger Kampf und Verfolgungsbegier und hörten
die Befehle ihrer Vorgesetzten nicht mehr Die ersten Reihen wollten eben durch
das Tor des Domes eindringen als eine Gestalt vor ihnen in Wahrheit förmlich
aufwuchs Die Soldaten blieben stehen Sie sahen finster staunend in das Gesicht
dieses Menschen
    Es war Agaton
    Wie eine Mauer stand er da
    Auf einmal fuhr ein entsetzlicher Blitz herab der den ganzen Himmel in
Stücke zu zerreißen schien Ein fürchterlicher Schlag folgte Und darauf
Totenstille Plötzlich erschallte von draußen aus einer engen Nebengasse ein
langgezogener Schrei Mehrere Schreie folgten Die Leute an den Fenster deuteten
angstvoll in die Höhe und wandten die Blicke von dem Schauspiel auf der Gasse
ab Zugleich mit dem Blitz waren die elektrischen Bogenlampen an der
Strassenkreuzung erloschen so dass einen Augenblick lang eine drückende Dämmerung
den Platz füllte die durch den Wind auf und abbewegt zu werden schien Dann
fiel eine schmale Feuergarbe aus der Höhe herab ähnlich dem Aufflackern eines
Strohfeuers nur dunkler purpurner und zugleich wurde das Wächterhorn auf dem
Henkerturm hörbar die Menschen fingen an zu heulen mit den Händen zu deuten
liefen dahin dorthin die Offiziere schrien die Pferde der ausgerückten
Eskadron begannen scheu zu werden Eine grauenhafte Verwirrung entstand Im
Innern der Kirche hatte sich ein Knäuel von Menschen um den Altar gedrängt und
starrte empor Der Blitz war durch die Kirche gefahren und mehrere leblose
Körper lagen auf den Steinfliessen ausgestreckt Das mystische Halbdunkel des
Raumes begann allmählich einer satten Helligkeit zu weichen mit unruhigen
gespenstisch flackernden Schatten dabei blieben die bemalten Glasfenster
dunkel hinter ihnen lag graue Nacht denn die Brandflut kam aus der Höhe Viele
zwängten sich mit Schreien und Rufen herein riefen nach der Feuerwehr dazu
tönte schauerlich die Glocke vom brennenden Turm es schien dass der Glöckner
der keinen Ausweg sah dessen Weg nach unten in Flammen stand es schien dass er
mit der Anstrengung der Todesangst am Glockenstrang riss während rote und trübe
Flammen Rauch und Funken um ihn emporschlugen
    Agaton stand totenbleich Er streckte die Hände empor und von den mageren
Armen glitt der Rockärmel zurück Die am Altar gestanden scharten sich bang um
ihn und jetzt kamen drohende oder warnende Stimmen die Zurück und Hinaus
riefen auch hörte man das Gerassel der auffahrenden Spritzen während die
Glocke im Turm rasend wurde und lauter hell gellende Hilfeschreie von sich gab
Agaton blickte in das versteinerte Gesicht eines der Leblosen unter ihm und der
Kampf der vergangenen Wochen wurde ihm in diesem Augenblick leuchtend
gegenwärtig Wie er in Winkeln und Verstecken die Nächte hingebracht wie er
einsam auf den Landstraßen geirrt trank und speiselos wie er die stürmischen
Tage an sich hatte vorbeisausen lassen wie trotzdem mit unbezähmbarer Kraft
seine Liebe zum Leben gewachsen war wie seine Vergangenheit stimmenlos
versunken war ein Nichts wie sein Auge schärfer wurde für die Zeit und für die
Menschen wie er überall Geduckteit und Unfrohheit gewahrte Unoffenheit
Duckmäuserei geheime Empörungslust Und je einsamer er ward da draußen je
feuriger wurden seine Phantasien von einer gewaltsamen Wandlung und er dachte
dass nicht nur das Alte stürzen müsse damit das Neue komme sondern dass es
gestürzt werden müsse Er dachte dass die Städte zerstört niedergerissen
werden verlassen werden müssten damit der Mensch wieder sich selbst finde Er
schwelgte in glühenden Traumen sein jugendlicher Geist saugte sich fest an den
Brüsten des Lebens Und wie er sich Herr über die Kräfte der Natur fühlte
empfand er auch Macht über die Menschen Er dachte als er jetzt eine bebende
Menge sich um ihn drängen sah daran wie die Kinder aus den Dörfern ihm
gefolgt als wären sie durch einen Zauberruf angelockt wie ihm die Bauern Essen
und Trank gegeben ohne dass er darum gebeten So voll von sich selbst berührte
er mit der Hand den Körper eines der vom Blitz Hingestreckten während die
Kommandorufe der Feuerwehrleute erschallten das Militär dem Zudrang Neugieriger
Einhalt tat das Dach eines benachbarten Hauses vom Feuer ergriffen wurde die
Glocke des Turmes schwächer gleichsam hinsterbend erschallte die Dämmerung in
der Kirche einer hellen Brunst wich und ein junger Priester in die Flammen
stürzte die auf den Altar herabgefallen waren um das Allerheiligste zu retten
In diesem Moment bewegte der leblos Daliegende die Hand Agaton selbst
bestürzt wich zurück Rufe wurden laut die Kirche müsse geräumt werden
Gebrause und Zischen der Spritzen erschallte da stieg Agaton auf eine Bank und
gellte hinaus in den Raum mit einer Stimme als ob es gälte über den ganzen
Erdkreis hinzuschreien
    »Lasst sie brennen die Kirche«
    Er sah viele Gesichter unter sich verzerrt und lauernd zu ihm aufblicken
elende sorgenvolle Stirnen Munde mit kriechendem fast flehentlichem Ausdruck
sogar Kinder deren kranke Glieder er zu empfinden glaubte und es war als
könne er durch das ganze Elend der Welt hindurchblicken den verknoteten Knäuel
des Daseins entwirren und er schrie noch einmal »Lasst sie brennen die Kirche«
Er hatte das Gefühl als schauten alle Menschen sterbend nach ihm und er dünkte
sich wie der Vater eines neuen freien Gottlosen Geschlechts Der fanatische
Priester stürzte auf ihn zu und wollte ihn herunterreissen seine fahlen Wangen
zitterten vor Zier aber die Menge schützte Agaton Die Gefahr nahm zu Agaton
riss eine brennende Leiste vom Altar hielt sie hoch wie eine Fackel und wandte
sich dem Tore zu gefolgt und umringt von einem erregten Schwarm
    Die Glocke hatte aufgehört zu läuten
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Agaton verschwand bald unter der Menge Obwohl viele ihm nachstürzten obwohl
ein Offizier mit dem Säbel nach ihm deutete und ein berittener Gendarm das Pferd
nach ihm lenkte verlor er sich in fernere Gassen und war in Sicherheit Sinnend
ging er weiter den Blick ins Unbestimmte geheftet wie von einem Räderwerk
fortbewegt durch Gassen die er nicht kannte die leer waren in denen die
Schritte hallten an Häusern vorbei die zu zucken schienen sich zu besinnen
schienen ob sie ihm den Weg versperren sollten Der Himmel war licht geworden
flimmerlose Sterne waren angeheftet wie Perlen die Milchstrasse war wie der
Rauch aus einem Bäckerschlot die Bäume der Alleen standen wie Lanzen am Weg
erleuchtete Fenster im Weiten waren wie große Blutstropfen durch die ganze
Natur ging es wie ein Recken Sichaufrichten Dann lag die Stadt im Rücken ein
vielverzacktes Schattenbild ein Knäuel Unglück schwarz ungeheuerlich starr
still greifbar deutlich in der Mitte ein glühender Fleck eine beginnende
Säule der Brand der im Verlöschen war da oder dort ein Loch da oder dort ein
Fabrikschlot wie ein riesenhafter Finger Dann nahm ihn der Wald auf groß
dicht leer von allen Geräuschen der Welt eine drückende zentnerschwere
Finsternis Hier atmete Agaton auf Er legte sich aufs Geradewohl hin obwohl
es kühl und feucht war verfiel er sofort in einen bleiernen Schlaf schlief
weiter als der Tag graute weiter als es Abend wurde und wiederum Nacht und tat
erst die Augen auf als ein klares kleines Stück Mond im Herabsinken begriffen
war Er presste die Hände gegen die Schläfen und meinte vierzehn Jahre lang
geschlafen zu haben fühlte sich freier mutiger reicher an Hilfskräften an
Vertrauen an Überzeugung Er starrte eine Weile hinein in den Wald empfand
dann Hunger erhob sich erblickte bald das freie Feld sah den Schmausenbuk
unweit im bläulichen Nachtdunst und die Burg sich erheben über der Stadt
    Er hatte kein Geld um in einer Schenke etwas zu sich nehmen zu können Er
hatte auch bisher kein Geld gehabt Die Leute hatten ihm gegeben mehr als er
gebraucht um satt zu werden Sie wurden durch seine Person und sein Wesen in
hohem Grade für ihn eingenommen Er hatte eine außerordentliche Milde zu
lächeln Er war schön und groß Auch der einfachste Mann konnte seine tiefen
Leidenschaften sein mächtiges Herz seinen überlegenen Mut die Wildheit seiner
Wünsche ahnen Nie grübelte er sondern träumte nur Sein Blick hatte etwas von
dem unbestimmten Blick eines Pferdes edler Rasse
    Er kam in die Stadt zurück Wieder leere Gassen dunkle Fenster und eine
kaum wahrnehmbare Traurigkeit gleich feinem Reif über allem Säulen mit
Plakaten verschlafene Schutzleute hallende Stundenschläge hallende Schritte
Eine Stadt ohne König ohne Wille ohne Kraft ohne Leben dachte Agaton und
er fühlte sich einsam Er dachte an die Menschen hinter all den Fenstern an die
Art ihres Schlafes ihrer Träume an die Stärke ihrer Todesfurcht an ihre
Krankheiten ihre Sorgen Er kam in eine breite Straße außerhalb des
Weichbildes wo in einem Erdgeschoss drei Fenster erleuchtet waren Gegenüber
befand sich eine Allee und am Wege war eine Bank Agaton setzte sich müde vom
Schlaf hungrig durstig und doch erwartungsvoll als ob er jetzt in ein neues
Leben träte nach dem vierzehnjährigen Schlaf Der gelbe Vorhang des einen
erleuchteten Fensters färbte sich mit Bildern schwankend und gleitend die
dahinglitten wie Wolken am blauen Himmel Nebenan hinter dem Busch rieselte das
Wasser eines Brunnens vertraulich und leise Plötzlich erschien unter den
unwirklichen hingeträumten Bildern des Vorhanges ein Schatten dann wurde der
Vorhang aufgezogen das Fenster geöffnet und eine weibliche Gestalt trat in
seinen Rahmen Dann knirschte das Tor die Gartentüre kreischte und ein sehr
schlanker Herr fest umhüllt mit dem Mantel schritt über die Straße Agaton
hatte sofort die Gestalt am Fenster erkannt
    Die Luft war lau und unbewegt Sie verkündete den Frühling Sie schien
aufzusteigen aus dem Erdboden wie ein warmer Brodem umwand Baum und Stein
kroch an Häusermauern empor bis zum Mond Agaton ging hinüber gegen das
Fenster das bei seinem Nahen geschlossen wurde  langsamer als es geöffnet
worden war In diesem Augenblick fühlte er sich verlassen Das Schliessen des
Fensters glich für ihn einer höhnischen Zurückweisung Er blickte an seinen
Kleidern herab sie waren in schlechtem Stand seine Stiefel waren zerrissen
    Er ging weiter und die Nacht erschien ihm tot so dass selbst das Bellen der
Hunde nicht mehr in ihr widerhallte Nach einer Stunde kam er wieder an dasselbe
vornehme Haus vor dasselbe Fenster und wieder war das Fenster geöffnet und
Jeanette lehnte weit heraus den Kopf auf beide Hände gestützt spähte hinein
ins Finstere war unbeweglich und ihr Gesicht erschien bleicher als die bleiche
Mauer des Hauses Agaton blieb stehen und grüßte hinauf Sie fuhr zusammen
veränderte ihre sphinxhafte Haltung und stieß einen Schrei aus Dann schlug sie
die Hände zusammen und rief Agatons Namen
    Einige Minuten später war er im Zimmer Sie selbst hatte ihm geöffnet und
saß nun vor ihm während er stand seine Blicke in einen Spiegel geheftet hielt
und über sein eigenes Gesicht erstaunt war Jeanette blickte ihn forschend
überrascht beinahe unterwürfig an
    »Wie geht es dir Agaton« fragte sie »Was hast du getrieben Großer Gott
wie siehst du aus Wo kommst du her Was hast du erlebt Erzähle doch«
    Und Agaton erzählte Er erzählte von sich und seinem Zigeunerleben und von
dem Brand der Kirche so kühl und so gleichmütig als ob er ein paar Seiten aus
einer alten Chronik vorläse Gerade dadurch vielleicht machte es auf Jeanette
einen erschütternden Eindruck Sie sah ihn an ihre Augen flammten ihr Antlitz
wurde reiner und stiller Als er fertig war klagte er über Hunger und sie
brachte ihm zu essen und zu trinken Plötzlich erblasste Agaton unter der Glut
ihrer Blicke und ließ das Glas wieder sinken das er an die Lippen führen
wollte Dies schien sie aufzurütteln Sie lachte und erzählte von ihrem Leben in
Paris erzählte dass sie in die Residenz gehen würde weil der König sie zu
sehen wünsche dass sie inzwischen zu Ruf und Ruhm gekommen sei erzählte
Episoden schien begeistert von dem heiteren bunten Leben das sie führte das
sich ihr täglich in neuen vergnüglichen Bissen darbot Es war zuletzt als ob
sie phantasiere so geriet sie in Hitze über das freudig Schäumende
Wohlschmeckende dieses Daseins Dann ging sie plötzlich zum Klavier und begann
zu spielen leicht duftig aber auch leichtfertig endigte mit Misstönen die
klangen als ob sich jemand auf die Tasten werfe schlug krachend den Deckel zu
und lachte mit ihrem knirschenden Lachen nachdem sie sich auf dem Sessel
umgedreht hatte Plötzlich erschien sie wie eine abgehetzte Läuferin Ihr Kopf
war nach hinten gebeugt ihre Lippen ein wenig geöffnet die Adern des Halses
klopften stürmisch so lehnte sie gegen das mattglänzende Ebenholz des Klaviers
die Ellbogen nach rückwärts gestemmt und sah in die Höhe »Bist du müd« wandte
sie sich zu Agaton »Wenn du müd bist kannst du in dein Zimmer gehen« Sie
schaute ihm fremd und befangen ins Gesicht Agaton musste aufstehen Sein Herz
wurde weit und weiter hatte nicht Raum mehr
    »Ich liebe nämlich die Nacht« sagte Jeanette »So sitzt man da und denkt
aller seiner Sünden Liebst du nicht deine Sünden Agaton« Wieder traf ihn ein
Blick der gleichsam aus ihrer geöffneten und stammenden Seele zu kommen schien
»Weißt du ich möchte dumm sein« fuhr sie fort »So dumm dass ich nicht wüsste
wie man lügt so dumm dass ich Respekt vor den Männern hatte so dumm dass ich
fromm wäre Dann würde ich beten Ich würde beten  na das ist gleich Nun
will ich tanzen Setz dich dort in die Ecke So«
    Sie tanzte indem sie leise dazu sang oder vielmehr summte Sie tanzte mit
schwermütigen Bewegungen die an das Hingleiten eines Körpers auf ruhigem
Wasserspiegel erinnerten Aller Spott war aus ihrem Gesicht gewichen die Augen
waren halbgeschlossen beschattet durch die langen roten Wimpern die Arme
hatten das Kleid gefasst Agaton schaute hin und ihm war als müsse das Blut aus
ihrer Brust sickern bei dem schmerzlichen und düsteren Ringen ihres Körpers
Plötzlich der Übergang war so grell wie der von der Dunkelheit zur Feuerhelle
reckte sie sich auf ihr Gesicht erhielt ein frivoles Leben und nun tanzte sie
den Goignade einen altfranzösischen Tanz voll wollüstiger Extase Agaton biss
die Lippen zusammen ihn schwindelte Als sie fertig war lächelte sie flüchtig
nickte und sagte kühl Agaton solle in das Zimmer nebenan wo er schlafen
könne Damit ging sie Agaton wartete aber sie kam nicht wieder Er betrat das
Nebenzimmer ließ jedoch die Türe offen damit er das Licht sehen konnte legte
sich in den Kleidern aufs Bett faltete die Hände unter dem Hinterhaupt und
verblieb so mit offenen Augen bis der Morgen anbrach
    Dann erhob er sich und trat zum Fenster Er war beunruhigt und mit dem
Wachsen des Tages nahm seine Unruhe zu Er gefiel sich nicht in den kostbar
ausgestatteten Räumen es schien ihm als sei seine Seele zusammengeschrumpft
Als Jeanette spät am Vormittag erschien erstaunte er über die Veränderung an
ihr Sie war müde die Haut ihrer Wangen war schlaff der Blick hart ihre
Bewegung mühsam ihre Worte kalt Bisweilen brach die Erstarrung in einer
heftigen Geste in einem circenhaften Blick »Hast du geschlafen« fragte sie
    »Wessen Blut steckt eigentlich in dir« fuhr sie unvermittelt fort »Ich
kenne keinen von den Leuten bei denen du aufgewachsen bist der mit dir zu
vergleichen wäre Und auch sonst « Sie stand auf stellte sich hinter seinen
Stuhl legte beide Hände auf seine Schultern so dass er den Kopf zurückbog um
sie zu sehen und sie fragte lächelnd indem sie ihre Augen tief in die seinen
bohrte »Hast du die Kirche in Brand gesteckt Agaton«
    Agaton machte sich los und entgegnete ebenfalls lächelnd »Wolltest du
dass ich es getan hätte«
    Sie schwieg finster »Es ist wahrscheinlich dass es der Blitz getan hat«
sagte sie dann mit einem seltsam boshaften Ausdruck Sie standen sich eine Weile
stumm gegenüber endlich meinte sie spöttisch lächelnd »Aber du musst andere
Kleider bekommen trotz alledem Bist du zornig« fügte sie erschrocken und
demütig hinzu als sie die Röte auf seiner Stirn gewahrte »Oder kränkt dich der
Tag so wie mich Dann werde ich die Türen zusperren meine Dienstboten
fortschicken die Rollläden schließen und Nacht sein lassen« Alles dies sagte
sie fast kühl hinwerfend Agaton konnte nicht klug aus ihr werden
    »Dass wir beide Juden sein müssen« rief sie aus als sie sich in einen
Winkel gesetzt hatte »Ich fühle das ganze Alter des Judentums auf meinen
Schultern und alle seine Verbrechen alle seine Leiden Ich habe alle seine
Fehler in mir ich bin der pure Verstand und die pure Schwäche Ich bin
grüblerisch und scheu feig und frech ich liebe die Nacht und das Orgelspiel
und bin gern geistreich wie du siehst Und du was bist du eigentlich Wie
kommst du zu uns mit deiner reinen Stirn«
    Plötzlich ging sie nahm Agatons Kopf zwischen beide Hände zog ihn mit
einem gewaltsamen Ruck herab und küsste ihn auf die Lippen Fast zugleich aber
ließ sie ihn wieder los und starrte ihn an bleich mit weiten Augen »Diese
Lippen« flüsterte sie bewegt »Du hast noch nie ein Weib geküsst« Langsam
ergriff sie seine Hand beugte sich und küsste auch sie Agaton dachte an
Monika die einst ein gleiches getan Warum
    »Was bist du Was willst du« fragte sie ihn nach einem langen Schweigen
    »Was ich will das ist zu schwer für Worte Was ich will  Den Menschen
den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben Jeanette das ist es was ich will
Freilich viele haben schon die Erde aber nur die Erde ohne den Himmel sie
wissen dass der Himmel fehlt Verstehst du Sie müssen die reine Erde haben
ohne Kreuz ohne Abfall ohne Verzicht ohne Abrechnung mit einem Droben Sie
haben bloß Genüsse und Schmerzen Aber es ist wie mit dem Vogel im Käfig Er hat
keine Freude auch beim schönsten Futter nicht und wenn es der bequemste
vergoldetste mildeste Käfig von der Welt ist So ist der Himmel ein Käfig für
die Menschheit geworden Und so lange schon dass sie gar nicht mehr das Gitter
gewahren und meinen sie könnten fliegen Aber solange ein einziges Gebet auf
der Welt ist können sie nicht fliegen Ich will die Stäbe zerbrechen Jeanette
oder nur einen ein anderer nach mir zerbricht vielleicht mehr Und wenn auch
dann das Dach herunterstürzen und viele zermalmen wird das schadet nichts Nur
die Großen die Unterdrücker werden dann zermalmt Simson der Täter und die
Philister werden zermalmt aber die Gefangenen werden frei und werden ein neues
Geschlecht gründen Freude wird sein«
    Sein bleiches Gesicht spiegelte sich strahlend in den Bewegungen der Seele
Jeanette sah ihn an und vergaß seine Jugend wie alle die mit ihm sprachen Ein
reiner Strom umfloss sie der Strom reiner Gefühle »Und was willst du tun für
diese Idee« fragte sie mühsam lächelnd »Sterben natürlich wie alle diese
Schwärmer«
    »Sterben Nein leben«
    Ihre Augen trafen sich Agaton wandte sich ab vor ihrem Blick
    »Schwärmer Schwärmer Gütiger Himmel wohin träumst du Aber ich liebe
dich Agaton ich liebe dich seltsam Und was denkst du dir unter dieser Freude
da Auch so ein Wort wie viele Worte Nicht«
    »Es müsste ein Glanz sein der von einem zum andern strahlt Man dürfte
nichts mehr verehren nicht mehr die Natur weil man selbst die Natur selbst
ein Stück Wald ein Stück Meer ist der Lehrer müsste Freund sein und vieles
andere Alles ohne Trunkenheit verstehst du Jeanette ohne Gelehrsamkeit
jedes Ding eine Welt und die Welt ein Ding Alle Juden müssten ausgerottet
werden nicht der Körper aber der Geist denn aller Glaube ist Judentum Immer
werden die Juden auch die Christen sind Juden immer werden sie neue Götter
bringen Immer werden sie eine neue Art von Heiland bringen Warum lächelst du
Jetzt könnte die Menschheit ihre Kinderschuhe verlassen und könnte Gott eine
andere Erde grosssäugen Dann ist das Leben nicht mehr wie ein unverdientes
Geschenk oder wie eine unverdiente Strafe Dann gibt es keine Todesfurcht mehr
kein Verbrechen mehr dann wird alles größer unermesslich größer Aber ich kann
nicht das Eigentliche sagen ich kann dir nicht das Bild schenken Jeanette«
    Ein langes Schweigen entstand
    »Du meinst vielleicht es ist Ateismus« begann Agaton wieder »Nein das
wäre borniert Die Ateisten sind bloß ungezogene Kinder und sie wollen selber
Papa spielen wenn der Vater ausgegangen ist Aber siehst du Jeanette« fügte
Agaton etwas schüchtern hinzu und leiser als bisher »etwas quält mich und ich
weiß nicht was es ist Es macht mich unruhig in der Nacht und quält mich bei Tag
und es ist mir als stünde ich vor einer Mauer«
    Jeanette lag mit aufgestütztem Ellbogen auf dem Sofa während ihre Füße den
Boden berührten Die Linien der Beine zeichneten sich durch den Stoff hindurch
ab und Agaton blickte wie gebannt auf diese etwas gewaltsam geschwungene
Kurve während ihn Jeanette mit einem heißen träumerischen Blick gleichsam
suchte
    Am Nachmittag wurden Kleider gebracht für Agaton sowie ein Domino denn
Jeanette wollte dass er abends mit ihr zu einem Karnevalsfest ginge Er wunderte
sich über ihr Wesen das jetzt an Grellheit abgenommen hatte über ihren Gang
der etwas Wiegendes Zögerndes Erwartendes hatte über ihre Worte die bald
kühn bald zaghaft bald heftig bald gedrückt waren
    Der Festsaal war groß Die Galerien und Wandelgänge waren durch Glühlampen
erleuchtet und glichen einem breiten Feuerband das um eine milde Dämmerung
geschlungen war in der die Säulen silbern glänzten die Guirlanden wie aus dem
schwülen Duft herausgewachsen schienen die künstlichen Rosen wie Blut
schimmerten und der goldverbrämte Plafond einem glühenden Abendhimmel glich Das
bunte Treiben erweckte Agaton den Eindruck des Geräuschlosen
Zauberspielhaften alle Farben flossen in ein Bild alle Töne in einen Ton alle
Heiterkeit hatte ein Ziel und dies wogende Murmeln war wie das ferne Branden
eines Meeres über dem der Tag aufgehen will
    Aber plötzlich ganz mit einem Male und auf einen Anstoß wurde Agaton
sehend Und zwar in solchem Maß dass er vor Grauen Scham und Beleidigung wie
verwundet war Er schritt durch einen etwas abseits gelegenen Wandelgang als er
einen alten und ziemlich zerlumpten Mann an der Tür stehen sah Der Alte spähte
lauernd und unruhig in den Saal legte die Hand wie einen Schirm gegen die Augen
und murmelte Bald darauf kam ein junges Mädchen deren Bewegungen graziös und
übertrieben kindlich waren auf den Alten zu und ihr Mund unter der Maske
verlor sein Lächeln Sie reichte dem Alten Geld mit unbeschreiblicher Gier riss
er ihr die Münzen aus der Hand und flüsterte ihr etwas zu wobei seine Augen
fast aus den Höhlen traten Das Mädchen nickte und der Alte humpelte hinaus Das
Mädchen setzte sich auf eine Bank drückte beide Hände gegen die Brust und
atmete auf dann warf sie beide Arme in die Luft als wolle sie den Wirbelwind
von Gedanken beschwichtigen und sprang wieder mit dem übertriebenkindlichen
Gebaren davon Agaton suchte ihr zu folgen verlor sie aber aus den Augen Er
sah statt ihrer einen befrackten Herrn der zu Komplimenten verbogen war wie ein
Fragezeichen einen andern der übernächtig fahl von Säule zu Säule schlich in
der Art eines Gewürms lichtscheu träg voll Verachtung Müdigkeit
Hinfälligkeit einen dritten dessen Lachen wie ein Schuss war der abgefeuert
wird um eine nahende nagende Angst oder das fletschende Gespenst der Sorgen zu
verscheuchen einen vierten der künstlich und aufgeregt geschäftig herumeilte
und dessen Züge durch eine Aufgabe von eingebildeter Wichtigkeit bis zur wilden
Erregung zerwühlt waren einen fünften der grinsend und nickend durch die Reihen
strolchte der Zynismus in Person mit einem von Lastern aufgepflügten vom
Unglück mit Narben gezeichneten Gesicht einen sechsten der voll Anstand
Schüchternheit und Zuvorkommenheit sich allenthalben überflüssig schien um
dessen Mund eine wachsende Bitterkeit lag während in seinen Augen fast greifbar
der Entschluss zu einem Verbrechen zu lesen war ein Weib das kichernd sich
drehend mit erlogenem Lächeln mit erstohlener Anmut von einem Chor befrackter
Bettler bezaubernd genannt wurde ein zweites das mit allen Kräften heimisch zu
werden suchte in diesem Haus zusammengetragener Lustbarkeit ein drittes das
mit geheimer Angst die Maskengarderobe aus dem Gewölbe des Verleihers einer
öfteren Musterung unterzog und heftige Bewegungen zu vermeiden suchte ein
viertes das mit erhitzen Blicken und eisiger Seele dasaß während die Sorge um
die Haltbarkeit der Schminke sie im Innern beschäftigte Und hinter der Bunteit
der Gewänder der Höflichkeit der Worte hinter den ziehenden Blicken den vom
Wein geröteten Stirnen und benetzten Lippen was lag da Agaton sah es Hundert
Schicksale öffneten sich ihm wie auf einen Schlag auf einen Schlag wurde der
Vorhang von hundert Bühnen von hundert Augenpaaren gezogen dass es vor seinen
Blicken dalag wie ein schwärender Knäuel Jammer ein ungesichtet
zusammengeworfener Haufen Schmerzen ein Mischmasch von Betrübnissen
Verbrechen Betrug und Lügen Jener dicke Herr mit dem gütigen ehrenhaften
Gesicht hält das Glück von Hunderten wie an einer Schnur und er wird all dies
Glück das ihm anvertraut ist morgen getrost an der Börse verspielen den
ungünstigen Fall erwägend hat er bereits eine Schiffskarte bei sich Dieser
unwiderstehliche Stutzer der so diskret lächelt ist ein Arzt der durch
schmutzige Geschäfte in seiner eigenen Meinung längst der Schatten eines
anständigen Menschen ist Jene bleiche Dame mit dem schwermütigen Blick lebt
nur sich zu amüsieren und es amüsiert sie die Schwermütige zu sein ihr Haus
ist ein finsteres Bild der Verkommenheit der Vernachlässigung der
Sittenlosigkeit des geraubten erborgten Prunkes des versteckten Hungers
jener wohlwollende Graubart ist ein unentdeckter Bankdieb jene pastorenhafte
Gestalt schachert mit jungen Mädchen jener imposante Schwarzbärtige ist ein
nichtswürdiger Wucherer jener behäbige und joviale Greis ist ein gefürchteter
Verläumder  Und hinter ihnen welch ein Chaos verödete Stuben tränennasse
Betten von Lastern besteckte Hände das wahnsinnige Geheul Unterliegender und
Gefesselter das verschwiegene Lächeln der Sieger die erheuchelte Trauer der
verstellte Hochmut der Hunger die Schande die Raserei der Liebe Krankheit
und Tod eine Armee bis zur Tollheit verzerrter Gesichter die im
Geschwindmarsch dem Abgrund zueilten eine ganze fallende stürzende
vermorschte Gesellschaft und darüber darunter  nichts
    Es war Agaton als ob sein Körper durch die zermalmende Wucht der Visionen
zusammengepresst würde Es war ihm als dränge sich die gärende Masse des
Unglücks ein schreiender Haufen Verfolgter an ihn erflehe Hilfe Rettung und
gepeinigt floh er erreichte die Straße eilte weiter ohne sich umzublicken und
wusste kaum wie er in Jeanettens Wohnung kam Er hatte sie selbst seit beide
den Saal betreten hatten nicht wieder gesehen Das Dienstmädchen öffnete ihm
wollte Licht machen aber er bat sie ihn im Finsteren zu lassen fiel wie
vernichtet aufs Sofa und krampfte sich zusammen wie ein Sterbender
    Lange mochte er so gelegen sein als er einen Hauch an seiner Stirn
verspürte Er schlug die Augen auf die Nacht kam ihm doppelt finster vor
Hierauf bemerkte er einen schwarzen Schatten der sich nah an seinem Körper
gegen das unsicher verfliessende Licht des Fensters abhob Erschrocken tastete er
mit den Händen vor sich und tastete in knisterndes Haar »Jeanette« flüsterte
er dumpf Sie kniete bei ihm Er glaubte ihre Augen flammen zu sehen es
entstand eine Hitze um ihn die aus diesen Augen zu kommen schien Er wurde
starr am Körper und seine Sinne badeten sich in einer Erregung die seine Brust
zusammenschnürte gleich einem Strick »Jeanette« flüsterte er »sie brauchen
doch einen Heiland«
    Jeanette zündete eine Kerze an und legte eine blutrote Orange neben den
Leuchter Ihr Gesicht war um vieles bleicher als sonst aber von zitterndem
Leben erfüllt Sie stand an der mit purpurfarbenem Tuch verhangenen Wand und das
meergrüne Kleid das sie trug warf Strahlen gegen diese dunkle Farbe Ihr Hals
entblößt leuchtete im Rahmen der Haare und ihre Brust hob sich schwer Einer
warmen Welle gleich lief es von ihr zu Agaton Er saß und blickte sie
unverwandt an und glaubte eine Stimme zu hören welche ihn rief wo bist du
Agaton
    Jeanette lächelte und trat an den Tisch Er setzte sich zu ihr so nahe dass
ihre Körper sich streiften und Agaton wurde völlig ausgefüllt von dem
Bewusstsein dieser großen und wie ihm vorkam unverdienten Nähe die Welt rückte
dadurch in eine masslose Ferne versank in einen Abgrund Jeanette schälte und
zerlegte die Orange und Agaton erlebte jede ihrer Bewegungen mit ja es war
ihm als ob er selbst die Frucht zerteilte Dann reichte sie ihm ein Stück und
er aß Er fühlte nicht die Süßigkeit der Frucht es wurde ihm kaum bewusst dass
er aß Sie beschäftigten sich damit das Öl der saftreichen Schale in die Flamme
zu spritzen es knallte und zischte beide lächelten Agaton lächelte aber wie
über etwas in einem andern Leben Erlebtes er lächelte Jeanettens Lächeln mit
vielleicht aus Furcht dass sie aufhören könne zu lächeln Plötzlich machte
Jeanette eine halbe Drehung gegen ihn ihr Gesicht wurde beinahe steinern ihr
Blick verschlingend groß unbarmherzig wild und er sah ihre Zähne schimmern
Sie stand auf
    Die Kerze war erloschen Agaton fühlte zwei Arme um sich geschlungen und an
seinem Halse die feuchte Berührung eines Mundes Seine Sinne schmerzten dass er
glaubte es müsse mit ihm zu Ende gehen dass er die Nacht verwünschte Was er
dann empfand war eine sich ausbreitende Angst das Gefühl als ob das Zimmer
luftleer sei und endlich eine verzweifelte brennende Begierde
    »Was zitterst du so« fragte Jeanette leise Dann knisterten wieder ihre
Kleider es fielen ihre Haare herab und hüllten seine Hände ein Er lag mit
offenen Augen die wie erblindet waren und fühlte die warme Haut ihres Körpers
und ihn schauerte bis ins innerste Mark seiner Knochen Sie küsste ihn er
dachte dass sie ihn besser hätte nicht küssen sollen denn er glaubte zu
ertrinken in einer heißen Gischt sein ganzer Leib war ein zuckender Schmerz
der alles in einen übermäßigen Rausch versetzte dann kam ein bewusstloses
Versinken das anfänglich blendende Licht verlor sich und plötzlich fiel er wie
zerschmettert nieder auf Steine und blieb liegen voll von einem grenzenlosen
vorher nie erfassten noch geahnten Jammer
    Er wusste nicht mehr wie er sich erhob in die Kleider kam wie er das
Zimmer verließ auf der Straße stand die sich breit hindehnte in einen mühsam
aufquellenden Morgennebel Er sah einen Garten vor sich und sah das Tor offen
er streckte sich hin auf den Sockel eines Brunnens der noch mit Stroh umwunden
war er streckte sich hin und legte den Kopf auf die Arme und begann bitterlich
zu weinen
    Als er aufsah war die Sonne emporgegangen aus der Umarmung riesenhafter
Wolken Ein Hahn krähte Kräftige Frische lag in der Luft
    Jeanette schlief noch als er zurückkehrte Ihr Gesicht hatte etwas so
Eisiges und Totes als ob das Leben nie wieder die Züge bewegen könne Auf den
geschlossenen Lidern lag eine Müdigkeit die an den vollen Tafeln des Lebens
entstanden und genährt worden war Durch die Spalten der Gardinen fiel ein
schmales Sonnenband auf ihre schneeweiße Brust
    Als sie zusammen frühstückten blickte ihn Jeanette scharf an und sagte
»Nun siehst du wohl dass die Welt aus Schmutz besteht«
    Agaton schwieg
    »Du siehst was ich bin« fuhr sie fort »Und du kommst und verlangst dass
wir nicht mehr glauben sollen Das ist ja ohnehin unsere Krankheit das
Nichtglauben jetzt ist deine Mauer gefallen Agaton und du hast dich
überzeugt dass sie dir nur einen Haufen Schmutz vorenthalten hatte «
    »Ist es nicht vielleicht deswegen Schmutz weil wir es so wollen Weil du es
willst« fragte Agaton »Weil du dich der Stunde schämst in der du dich
hergegeben hast Liegt nicht in der Vereinigung von Mann und Weib
Unsterblichkeit und Unvergänglichkeit Und nur darin Warum sollte das Schmutz
sein was so erhaben sein kann«
    »Wirklich Kann es das Kann es so erhaben sein Köstlich Ihr Männer seid
unverbesserliche Trunkenbolde«
    Dann fuhr sie mit starrem Blick fort »Auch du auch du Agaton musstest
fallen Aber es ist mir klar wozu es dich treibt Du willst die Sinnlichkeit
wieder auf den Thron setzen den sie seit zweitausend Jahren verlassen hat Das
liegt in dir spricht aus deinen Worten strahlt aus deinen Augen Aber eher
kannst du dein Hirn verbrennen oder du musst neue Menschen formen Das ist alles
unanständig was du willst verstehst du unanständig das ist das Wort das
dich erdrosselt Wenn du es aus der Welt schaffst dann glaube ich an dich Ist
es nicht unanständig wenn wir die Kleider abnehmen und uns sehen Ist es nicht
unanständig Kleider zu haben und an Liebe zu denken Ach nur die Kleider sind
schuld dass wir so krank lieben Und dann bedenke eine Religion die nicht die
Sinnlichkeit erstickt schleudert die Könige vom Thron«
    Eine Zeitlang schwieg sie dann stand sie so heftig auf dass der Stuhl
hinter ihr auf den Teppich zurückfiel »Nun sollst du alles wissen Damit
wenigstens ein Mensch weiß was ich leide Nicht mich ruft der König sondern
ich habe alles daran gesetzt um zu ihm zu kommen Keinen Schleichweg keine
Hinterlist habe ich gescheut Er soll mein letztes Medikament sein Vielleicht
finde ich dort Heilung Es geht ein Stolz und eine Hoheit von ihm aus wie ein
Sturm übers ganze Land Denn siehst du ich langweile mich Ich langweile mich
seit ich auf der Welt bin Ich langweile mich bei Putz und Schmuck beim
herrlichsten Sonnenaufgang und beim schönsten Gemälde Versteh mich recht es
ist mehr als die Langeweile aus der müßige Frauen Ehebruch begehen Dummköpfe
zu Verbrechern werden aus der die Hälfte alles Übels in der Welt geschieht
Nein ich habe noch keinen einzigen Menschen kennen gelernt Ich war in Paris am
Herzen der Erde gelegen und habe gezittert mit den Pulsschlägen der Nacht ich
habe den vornehmsten Pöbel rasend gemacht durch den Tanz ich habe jubelnd
sämtliche Tugend zum Teufel gehen lassen  aber ich habe mich gelangweilt Ich
habe mich in den Betten gewälzt die Kissen zernagt und jeden Tag verflucht ich
habe um Krieg gebetet und ein grauenhaftes Kanonenmodell konstruiert ich bin in
die Berge gegangen und einsam geblieben ich habe die berühmten Männer
aufgesucht und fand sie so öde dass mir war als müsste ich sie in den Arm
zwicken damit sie wenigstens einmal schreien möchten  alles war umsonst Und
was willst du armer Agaton hier Geh fort auch ich packe heut mein Bündel
und fahre« Sie ging zum Fenster riss es auf und sog mit geblähten Nasenflügeln
die Luft ein Als Agaton ruhig blieb und sie beobachtete stampfte sie mit dem
Fuß auf und knirschte mit den Zähnen wie ein bösartiger Hund
    Ein leises aber bald anschwellendes helles Gemurmel wurde hörbar Eine
Prozession von Kindern zog die Straße herab Die zuerst Kommenden beteten
wodurch das silbrige monoton gleitende Murmeln entstand die letzte Schar sang
Alle Gesichter hatten eine so abenteuerliche Gleichgültigkeit eine solch dumme
und gequälte Feierlichkeit dass es zugleich lächerlich und schrecklich war Den
Nachtrab bildeten sechs Ministranten in weißen Gewändern einer trug ein großes
schwarzes Kreuz Jeanette sah darauf und ihr Blick war fasziniert Sie
schauderte
    Agaton wich zurück vor ihr und ging Ihm war als ob er eine Tote verließ
deren Seele man da draußen schon zum Grab geleitete
    Auf der Straße folgte er dem Leichenzug in der Nähe des Sargs Es war ein
Kindersarg ein blasses und gebrechliches Häuschen und der Tod hockte mit einem
Kranze darauf und sang im Chor Agaton dachte den Tod um die Zukunft zu fragen
da das Leben so schweigsam war
 
                              Sechzehntes Kapitel
Nach dem unerwarteten Erfolg seines Buches hatte sich Stefan Gudstikker beeilt
eine vornehme Wohnung zu mieten Er betrieb eine eigene Art von Leutseligkeit
gegen seine Bekannten die darin bestand dass er seinen berühmten Namen auf
Visitenkarten gedruckt häufig in ihre Briefkasten schob er ließ das Haar ein
wenig länger wachsen den Bart ein wenig imposanter stutzen ließ sich
photographieren und zwar in einem Gesellschaftsrock mit einer Kravatte von
durchbrochenem Rips den Zylinder in der Hand mit fest nach vorwärts
gerichtetem gleichsam unparteiischem Blick und etwas mitleidig verzogenem Mund
Nach solchen Vorbereitungen beschloss er sich seinen Kollegen in der Hauptstadt
zu zeigen und sprach gegen seine vertrauten Freunde stirnrunzelnd von den
Kniffen die er werde anwenden müssen um gewissen Festlichkeiten zu entgehen
    Kisten und Koffer waren gepackt Die Fenster standen offen und ein würziger
Strom Vorfrühlingsluft floss herein Gudstikker war beschäftigt seine
Reiselektüre zu sichten als sich die Türe öffnete und Monika Olifat hereinkam
Sie öffnete die Türe nur wenig und schob sich furchtsam durch den Spalt
Gudstikker war nicht angenehm überrascht doch nahm er sich zusammen ging hin
und bot ihr die Hand
    Monika sah nicht dass er ihr die Hand gab Sie setzte sich oder sie sank
vielmehr auf einen der herumstehenden Koffer ließ den Blick unsicher
umherschweifen und murmelte »Du gehst fort Stefan«
    »Aber natürlich Närrchen ich muss doch« erwiderte Gudstikker »Begreifst
du denn nicht dass ich muss Willst du dich nicht lieber auf den Stuhl setzen«
    »Also du gehst fort« wiederholte Monika mechanisch »Du gehst fort« Und
sie wollte die Hand an die Stirn heben ließ sie aber im Schoss ruhen Beide
Hände lagen da schwer aneinandergepresst
    Gudstikker lächelte schnell unter seinem schwarzen koketten Bart hervor
Dann nahm er ihre Hand und sagte »Liebes Kind die Pflicht ruft Dagegen ist
nichts auszurichten Wer aber sagt denn dass ich nicht wieder komme nicht
wieder zu dir komme Angenommen auch wir könnten uns nicht wieder treffen
selbst diesen Fall angenommen bliebe uns nicht die köstliche Erinnerung übrig
dir und mir Flammen in der Vergangenheit wärmen selbst die Zukunft sagt
irgendwo ein großer Dichter Ist es denn ein so großes Unglück einmal vom
vollen Becher des Lebens getrunken zu haben Die Hauptsache ist dass man einmal
sich sättigt Ich behandle ein solches Thema in meiner neuen Arbeit Es ist
außerordentlich interessant sie werden Gift und Galle spritzen die Herren
Kritiker aber das macht Spaß Ich habe den Plan meiner Mutter erzählt sie
meint sogar dass es ein ungewöhnlicher Vorwurf ist Sie hat ihr eigenes Urteil
in derlei Sachen weißt du Mein Gott was hat sie aber auch durchgemacht Bei
solchen Leiden kommt man zur Philosophie ohne es zu wollen Nach dem Tod meines
Vaters ist es ihr so schlecht gegangen dass sie ihr Brautkleid das Teuerste
was sie an Erinnerungen besitzt ins Pfandhaus tragen musste Seit einiger Zeit
kränkelt sie übrigens Und nun was ich dir anempfehlen will Liebste das ist
Ruhe innere und äußere Ruhe Du musst solche Ruhe bewahren dass unser Kind einst
der Abglanz unserer besten und tiefsten Stunden sein wird Nur dadurch können
wir uns vor dem Schicksal rechtfertigen«
    Monika hatte sich erhoben und starrte hinaus gegen den Himmel in eine lange
Linie rosenroter Wölkchen »Nun ja« sagte sie gepresst Das war alles Ihre
beiden einst so frohen einst so frischen Augen glänzten verräterisch und als
sie mit kurzem Nicken sich zum Gehen wandte perlte Träne auf Träne herab ohne
dass sie es zu hindern vermochte Im Treppengang lehnte sie sich an einen Pfeiler
und hielt ihre Stirn mit beiden Händen
    Es zeigt sich dass zweihundert Jahre das Gemüt der Menschen nicht verändern
dass dies nur eine winzige Phase ist im Prozess der Umwandlungen Es scheint als
ob Charaktere oder Seelen über Jahrhunderte hinweg in einer neuen Kette von
Erscheinungen und Ereignissen zu neuem Dasein erwachen müssen Es ist dann
gleichgültig ob dieser Wiedergekehrte Thomas Peter Hummel oder Stefan
Gudstikker heißt
    Als Gudstikker das Haus verließ stieß er so heftig mit einem die Straße
heraufeilenden Menschen zusammen dass ihm der Hut vom Kopfe flog Zornig blickte
er auf da war es Eduard Nieberding zu dem er in letzter Zeit in
freundschaftliche Beziehung getreten war Sie wechselten ein paar verlegene
Redensarten Nieberding schien nicht allein zerstreut und abwesend sondern auf
seinem Gesicht spiegelten sich auch die Bilder aufregender Sorgen und um seinen
Mund lag jener leise Ekel in den sich bei schwachen Naturen so schnell jede
Missstimmung verwandelt »Ich muss nach Hause« sagte er und rannte davon
    Er war in fieberhafter Ungeduld eine Nachricht die er vernommen der
Schwester mitzuteilen Er klopfte an ihre Türe doch sie antwortete nicht Er
drückte auf die Klinke doch die Türe war versperrt Er pochte stärker und rief
ihren Namen umsonst Er ging wieder in sein Zimmer und schritt unruhig umher
Seine matten Augen lagen tiefer als sonst seine Hände schienen ein eigenes
Leben für sich zu führen schienen stets miteinander im Kampf zu liegen sich
gegenseitig aufzureiben worauf sie wieder lange Zeit bewegungslos und müde
herabhingen Sie schienen begierig danach sich im Gebet zu falten begierig
nach einem Leiden
    Nieberding hatte seltsame Gerüchte vernommen über Jeanette die sich in
einem der königlichen Schlösser aufhalten sollte Überall im Volk gärte die
Erregung über das Schicksal des Königs eine Unruhe die täglich zunahm ein
wachsender Hass gegen die Minister gegen den Hof gegen die Familie des Fürsten
denn das Volk liebte diesen Herrscher Leute die den König einmal gesehen
konnten ihn nie wieder vergessen Der Eindruck seiner Person war so tief dass
wer ihn sah selbst ein Stück Adel in seiner Seele davontrug Er stand so
außerhalb des Gewöhnlichen und MenschlichAlltäglichen dass der Nimbus der
seine Handlungen umgab ihn unantastbar machte für Kritik
    Als Kornely noch immer nicht kam rief Nieberding die beiden Dienstboten
Sie wussten nichts Da pochte Nieberding von einer schmerzlichen Ahnung erfasst
noch einmal so heftig er konnte an die Türe Er lauschte und glaubte ein Seufzen
zu vernehmen das wie durch Tücher gedämpft herausklang
    Mit übermenschlicher Angst und Kraft stemmte er sich gegen die Türe und sie
sprang auf
    Kornely lag mit nacktem Oberkörper ohnmächtig da und Brust und Schultern
waren mit Striemen bedeckt Ihr Gesicht war entstellt die Lippen zu einer
schmalen Linie verzogen die Brauen bogen sich angestrengt über den Lidern
Nieberding kniete nieder zu ihr hob sie empor und legte sie aufs Bett Bebend
starrte er sie an während sein Herz langsamer schlug
    »Kornely« flüsterte er an ihrem Ohr
    Sie schlug die Augen auf Dann zog sie voll Schrecken die Decke bis an den
Hals
    »Was hast du getan Kornely« sagte Nieberding in dessen Gesicht eine
zunehmende Furcht sichtbar war
    Kornely richtete sich verstört empor und griff nach der Hand des Bruders
»Ich kann nicht mehr schweigen« stammelte sie »Ich habe dich geliebt liebe
dich Eduard es ist entsetzlich Ich habe mein Blut gezüchtigt den Leib
gepeinigt die Zunge wund gebissen umsonst«
    »Schwester« rief Nieberding und wich zurück
    »Warum mir ein solches Geschick« fuhr sie fort »Warum weiß ich es und kann
es denken Es gibt keine Rettung Der Geist hat keine Gewalt nur auf den Tod
ist Hoffnung«
    Vermehrte Furcht malte sich in Nieberdings Gesicht Er nahm Kornelys Hand
und tröstete sie aber seine Worte waren so gewicht und überzeugungslos wie die
eines Menschen der weder an sich selbst noch an die Zukunft noch an das Leben
überhaupt Hoffnungen zu knüpfen vermag Deshalb atmete er erleichtert auf als
das Dienstmädchen eintrat und sagte Herr Bojesen sei da und wünsche ihn
dringend zu sprechen Er ging rasch hinaus und stand alsbald vor Bojesen dessen
Kleidung solche Spuren geheimer und mühselig verborgener Vernachlässigung
aufwies dass wer ihn früher gekannt nunmehr Mitleid fühlte und noch mehr als
das
    »Sie wissen nicht wo Agaton Geier ist« begann Bojesen ohne weitere
Einleitung als einen flüchtigen Gruß
    Nieberding antwortete verwundert er kenne Agaton Geier gar nicht Er wurde
immer mehr verwundert durch Bojesens ruhlos zuckendes Wesen Zahllose Male fuhr
Bojesen mit der flachen Hand über die Stirn und lächelte verstört in sich
hinein
    »Ich habe ja nicht gefragt ob Sie ihn kennen« sagte Bojesen und blickte
sich mit leeren Augen um
    »Aber was gibt es denn Was haben Sie«
    »Entschuldigen Sie dass ich komme« murmelte Bojesen »Entschuldigen Sie
Natürlich können Sie nichts wissen Aber seit heute morgen renne ich bei allen
möglichen Leuten herum hier und in Nürnberg Deshalb komme ich auch zu Ihnen
Kennen Sie die Schrift« Er hatte einen verschlossenen Brief aus der Brusttasche
gezogen dessen Adresse er Nieberding hinhielt
    Nieberding erbleichte »Es ist Jeanettens Hand «
    »Jeanettens Hand sehr richtig« erwiderte Bojesen mit einem hämischen
Zucken der Mundwinkel »Jeanettens Hand die in meinem Haushalt das unterste zu
oberst wirft Ich glaubte schon Ruhe zu haben vor Jeanettens Hand Aber das
braucht Sie nicht zu interessieren Es ist nur ein Fingerzeig für meinen
Biographen Er kann meiner Lebensbeschreibung den Titel geben Jeanettens Hand«
    Nieberding der feige vor den Herzensqualen seiner Schwester zurückgewichen
war sah sich hier einer neuen Verwicklung von Schmerzen gegenüber Auch ihn
hatte der Gedanke an Jeanette erregt doch Bojesen erschien ihm so überlegen an
Leidenschaft dass er Angst hatte ihn zu einem gewaltsamen Ausbruch zu reizen
»Und was will sie Weshalb schreibt sie an diesen Agaton« wagte er endlich zu
forschen
    »Sie bittet mich bei allem was mir heilig ist als obs dergleichen noch
gäbe ich solle Agaton suchen und ihm den Brief geben Sie wisse niemand an
den sie sonst schreiben könne Ich solle keinen Schritt scheuen ihn zu finden
Der Brief ist auf schwarzes Papier mit grüner Tinte in Eile hingekritzelt Der
Poststempel ist von einem Dorf im Hochgebirg Gehen Sie mit mir nach Zirndorf
Ich kann jetzt nicht allein sein Es sind so öde Strecken Oder wir wollen einen
Wagen nehmen Bezahlen müssen Sie«
    Wie gebannt starrte Nieberding in das Gesicht des Lehrers Fast willenlos
nahm er den Hut und ging sich von der Schwester zu verabschieden Er fand sie
am Fenster stehend Befangen und schuldbewusst reichte er ihr die Hand und sagte
er komme bald wieder
    Sie schien zuerst nicht verstehen zu können Dann nickte sie Ihr Blick
wandte sich fremd auf die dunkle Landschaft Als Nieberding fort war nahm sie
ein Tuch hüllte den Kopf damit ein schlug mit einer krampfhaften Gebärde die
Hände zusammen dann legte sie einen Schlüsselbund und ihre Geldbörse auf das
Bett und kurze Zeit darauf stand sie unter den noch kahlen Bäumen der
abschüssigen Wasseranlagen Sie beschleunigte ihren Schritt nicht Sie ging
immer langsamer oft mit geschlossenen Lidern mit einem Ausdruck im Gesicht
der ein Gemisch von Erwartung und Horchen war Sie glich einer verwelkten
Pflanze
    Sie hatte geglaubt als sie von Hause ging sie suche den Tod aber jetzt
bemerkte sie dass es nicht der Tod war den sie suchte Das wurde ihr so jähe
klar dass sie fröstelnd stillstand und überlegte Auf der Straße befand sich ein
Lastwagen und auf ihm waren trotz der Abendstunde noch Leute damit
beschäftigt massive Eisenschienen auf Strohbolzen herabfallen zu lassen Es gab
ein hallendes Getöse ein schrillwuchtiges Klingen das dem Geschrei einer
fernen Volksmenge glich in einer andern Straße spielten Kinder als ob die
Nacht gar keine Unterbrechung für ihr Spiel bringen würde in einer andern
Straße rauften zwei Dienstmänner und brachten ein Droschkenpferd zum Durchgehen
Das war gewöhnlich aber für Kornely war es Leben Sie kannte solches Leben
nicht jetzt jedoch sah sie das Leben über die Schürzen der Mädchen huschen die
über das Pflaster liefen sie sah es tropfen von den Balkonen wo man die
Zimmerpalmen begoss es kletterte in Gestalt einer Katze über die Zäune es
bellte als Hund es läutete als Abendgeläut
    Mit jedem Schritt klammerte sie sich fester an diese neuen Vorstellungen
Sie dachte an Jeanette an die Spiele die sie als Kind mit ihr gespielt und
bekam plötzlich Sehnsucht Jeanette zu sehen Sie vergaß dass Jahre seitdem
hingegangen waren und es kam ihr vor als könne sie Jeanette treffen wie
damals wenn sie nur das Löwengardsche Haus betrete Als sie aber wirklich vor
dem Gebäude stand schämte sie sich und kehrte seufzend um
    Sie kehrte um nach Hause setzte sich in Eduards Zimmer und dachte nach
Sie grübelte über sich selbst und durch welche Umstände und Fügungen sie zu dem
geworden was sie eben war Es schien ihr als ruhte die Lügenlast von
Jahrhunderten auf ihr und drücke sie nieder ersticke jede Freiheit jeden
Willen zur Freiheit Unter all diesen Gedanken war auch einer der sie zittern
ließ Zittern vor dem Reichtum vor der Fülle die sie jetzt umgaben Ihr Vater
war Sklavenhändler in Amerika gewesen Dies war genug für sie dass sie die
Seelen Hingepeitschter in den Polstern versteckt sah dass die Luft um sie herum
erfüllt schien von aufbewahrten Rufen des Jammers und des Schreckens
Unwillkürlich erhob sie sich als fürchte sie die Berührung mit dem Stoff des
Sessels könne sie beschmutzen und ihre Bedrückteit stieg bis zu einem kaum
erträglichen Grad Von einem Abgrund zum andern getrieben haltlos voll
mystischer Sehnsucht und sinnlicher Begierde glaubte sie das Herz springe ihr
unter dem wachsenden Druck entzwei Fast mechanisch wie ein Fallender nach
einem Halt greift nahm sie ein altes Buch aus dem Regal schlug die Blätter um
und ihr Blick fiel auf ein Gedicht Es lautete
Sag mir an du trübes Gespenst
was du Wissen und Leiden nennst
Sag mir du ruhige Finsternis
warum Gott seinen Sohn verließ
Sprich du Himmel ohne Gnaden
weshalb hat mich der Freund verraten
O sprich du lange Einsamkeit
was ist Tod und was ist Zeit
Da begann das trübe Gespenst
Was du Wissen und Leiden nennst
das ist kraft eines deutlichen Traumes
das ist Spiel eines bunten Saumes
Saum vom Kleide der Ewigkeit
Kraft eines langerloschenen Lichts
dies ist Wissen dies ist Leid
und sonst nichts
Sprach die ruhige Finsternis
Warum Gott seinen Sohn verließ
das ist kraft seiner Lust zur Freude
es ist Kampfspiel das stets erneute
Hangen und Bangen am Lebensbaum
Gott wünschte einen Sohn des Lichts
seine Vaterliebe ist nur ein Traum
und sonst nichts
Sprach der Himmel ohne Gnaden
Mit Recht hat dich der Freund verraten
Freundschaft ist zärtliches Betrügen
Kopfnicken und Rückenbiegen
Umklammert deine Faust das Schwert
dann freu dich du des Verrätergerichts
entbehren ist was dich der Freund gelehrt
und sonst nichts
Sprach die lange Einsamkeit
Frage nicht was Tod und Zeit
Tod bist du und Zeit bist du
Rast und Flucht und Kampf und Ruh
Aus dem Knäuel der Wirklichkeiten
wirst du am Tag des großen Verzichts
hin vor meine Füße gleiten
und sonst nichts
    Als Kornely dies gelesen schaute sie geraume Zeit mit staunenden Augen ins
Lampenlicht Dann ging sie in ihr Schlafgemach und begann sich mit träumerischer
Ruhe zu entkleiden Sie entfernte auch das Hemd vom Körper und trat vor den
Spiegel um sich mit dem gleichen verträumten etwas staunenden und verlorenen
Blick zu betrachten Diese Empfindung des Losgelöstseins und der Leichtigkeit
hatte sie wünschen lassen nackt zu sein Doch sah sie nicht den eigenen Körper
sondern freundliche Gestalten umschwebten sie deren Nähe ihr beglückend dünkte
 
                              Siebzehntes Kapitel
Der flüchtige Traum von Frühling war schon wieder vorbei als Agaton an einem
kalten Spätnachmittag nach Fürt kam Er war ziemlich lange umhergewandert ohne
dass er sich entschließen konnte jemand von den Menschen aufzusuchen die er
kannte Es dunkelte schon als er aus dem ersten Stock eines kleinen Hauses zu
seinem Erstaunen den wolligen Kopf der Frau Olifat gewahrte Im Nu hatte die
lebhafte Dame auch ihn erkannt und winkte ihm zu er solle hinauskommen
    Monika saß in einem Lehnstuhl und schaute mit einem hasserfüllten Blick auf
ihn als er eintrat Sie wehrte ihre Mutter von sich ab die mit
schmeichlerischer Geschwätzigkeit auf polnisch in sie hineinredete darauf
wandte sich Frau Olifat an Agaton und setzte ihm mit großer Zungengeläufigkeit
halb deutsch halb französisch die Gründe auseinander weshalb sie in die Stadt
gezogen sei Dann klagte sie über Monika die den ganzen Tag dasitze ohne zu
sprechen ohne zu essen ohne zu lachen Und wieder ergriff sie Monikas Hände
und redete auf sie ein Doch das Mädchen drehte mit einer bösartigen
Gleichgültigkeit als sei sie taub das Gesicht nach einer anderen Richtung Die
gequälte Mutter wurde zornig unerschöpflich entfloss ein Strom von Schmähungen
ihren Lippen und sie erhob den Arm wie zum Schlag Dann richtete sie sich
gravitätisch auf schritt zur Tür und warf sie dröhnend hinter sich zu
    Agaton sah sich mit Monika allein Wieder fühlte er eine atemraubende
Beklemmung ihr gegenüber Er vermochte nichts zu reden Ihre Wangen hatten sich
kaum dass die Mutter das Zimmer verlassen mit einem brennenden Rot bedeckt und
ihre Augen glänzten feucht  vor Scham und Verzweiflung »Ich kann ja gehen
Agaton wenn Sie nicht mit mir allein sein wollen« sagte sie mit einer
eigentümlich brüchigen Stimme und um ihre Lippen spielte ein sinnloses Lächeln
    Gern hätte Agaton ihre Hand ergriffen um sie zu bitten sie möge wieder du
sagen Aber er konnte nicht Unüberwindliche Scheu fesselte ihn an den Platz wo
er war »Was hast du nun eigentlich Monika« fragte er ruhig
    Ihre Blicke begegneten sich zum erstenmal Agaton hatte dabei das Gefühl
als schaue er in einen Raum mit kahlen Wänden
    »Ich weiß es du hast Gudstikker geliebt« sagte Agaton »aber deshalb musst
du noch nicht am Leben verzweifeln Monika Du hast ja den Kopf immer hoch
getragen Und jetzt Was ist mit dir Ist denn das Leben für dich weniger groß
und gut geworden Viele haben geliebt und entbehren müssen Monika Nun kommt
bald der Frühling und du wirst dich freuen wenn die warme Sonne auf dich
scheint und du wirst mit Ester in den Wald gehen und deine Wangen werden
wieder rot sein Und wenn der Herbst kommt wirst du alles vergessen haben
Monika diesen ganzen elenden Winter wirst du vergessen haben«
    Da richtete sich Monika auf und über ihre Züge ging eine zuckende Bewegung
»O Agaton« rief sie aus »nie mehr können meine Wangen rot werden nie mehr
nie mehr Nie mehr kann ich in den Wald und die Sonne sehen nie mehr kann ich
vergessen Agaton nie mehr nie mehr«
    Agaton näherte sich ihr beugte sich herab ergriff ihre Hand und schaute
sie an »Was hast du getan Monika Warum schweigst du Warum verschweigst du
mirs«
    Monika erhob beide Arme und legte die Hände um Agatons Nacken So sah sie
zu ihm empor mit einem feierlichen Blick der etwas Drohendes in der Ferne zu
erblicken schien und sagte jede Silbe betonend »Er hat mich betrogen Geh hin
und räche mich «
    »Monika« flüsterte Agaton und machte sich los von ihr
    »Es ist so finster« sagte Monika verstört und schauerte zusammen »Es wird
schon Nacht Ja ich habe mich ihm hingegeben ganz und gar Aber denke nicht
schlecht von mir Agaton was wusste ich denn von solchen Künsten wie er sie
besitzt Gehst du Agaton Jetzt willst du gehen Bleib doch «
    Als die Türe sich hinter Agaton geschlossen hatte warf sie sich jammernd
zu Boden Aber bald darauf kam er wieder und fragte sie die hilflos vor ihm
lag »Wo wohnt er«
    Monika das Gesicht gegen die Dielen gewandt nannte die Straße und das
Haus
    Gudstikker war daheim als Agaton bei ihm anklopfte Er hatte seine Abreise
verschoben Er zeigte ein überraschtes und freudiges Gesicht bei Agatons
Anblick und ging mit ausgestreckten Händen auf ihn zu blieb aber auf halbem
Wege wie angewurzelt stehen »Was machen Sie denn für ein Gesicht
Verehrungswürdiger« sagte er erblassend halb scherzhaft halb trotzig
    Agaton stand ihm gegenüber und er fühlte plötzlich all seine Kraft wie
verblasen Voll von brennendem Zorn der sein Herz zusammenzog war er noch die
Treppe heraufgekommen aber sobald er in dies lügnerische Gesicht geblickt war
er entwaffnet Es war die Lüge selbst die ihm entgegentrat »Ich komme wegen
Monika« das war alles was er herausbrachte und Gudstikker nickte vor sich hin
als ob es ihn traurig mache diesen Namen zu hören Er ist eine jüdische Natur
dachte Agaton plötzlich indem er das Wort in seinem hässlichsten Sinn fasste
Gudstikker schien ihm der jüdischste Mensch den er je getroffen
    »Monika Ein schöner Name ein herrliches Mädchen« begann Gudstikker wie
in Erinnerungen verloren und schritt langsam auf und ab »Wir haben zusammen den
Lenz des Lebens genossen Sie hat mich über eine wüste Strecke meines Daseins
mit Flügeln hinweggetragen Ich danke ihr viel und meinem Herzen bleibt sie was
sie war Sie würde es nicht bleiben wenn ich kleinlich sein und unsere
Schicksale auch weiterhin verketten wollte Nach bürgerlichen Begriffen hätte
ich vielleicht die Pflicht es zu tun aber meine Aufgabe ist es jetzt mit den
bürgerlichen Begriffen zu brechen ja sogar sie als das zu zeigen was sie sind
nämlich Gespenster die den holden Tag des Glückes verfinstern Der schaffende
Geist muss frei sein Was allen andern rücksichtslos erscheint ist für ihn ein
Naturgesetz und die einzige Möglichkeit der Selbsterhaltung«
    Erstaunt blickte Agaton auf diese redseligen Lippen Er schwieg
    »Ja eine gewisse Grausamkeit ist nötig das wird mir immer klarer« fuhr
Gudstikker fort »sie ist nötig um die widerwilligen Dämonen des eigenen Lebens
gehorsam zu machen Nicht um schlechtin tugendhaft zu sein sind wir da
sondern um aus unseren Gaben Tugenden zu machen Sie Agaton sind ein wenig
allzusehr reiner Idealist Es fehlt Ihnen an Kenntnis des Lebens Ich mache
Ihnen einen Vorschlag seien Sie einmal eine Nacht lang mein Begleiter Lassen
Sie mich von jetzt an bis zum Morgengrauen Ihren diable boiteux sein Haben Sie
schon zu Abend gegessen Vortrefflich dann kommen Sie«
    Wie gebannt folgte Agaton jeder Bewegung jeder Geste Gudstikkers Zugleich
empfand er ein unheimliches Grauen vor seiner Zunge die bisweilen hinter dem
schwarzen Schnurrbart hervorbljetzte wie ein Flämmchen Er suchte sich all diesem
zu entziehen aber umsonst Er folgte Gudstikker der mehrmals kurz vor sich
hinlachte ins Freie
    Der Weg führte sie durch dunkle Gassen in die Vorstadt wo verrufene Häuser
standen wo wenige Laternen ein dürftiges Licht spendeten und wo Schutzleute zu
zweien und dreien gingen streng finster sorgsam spähend
    Sie kamen zunächst an ein einstöckiges Häuschen über dessen Portal eine
grüne Lampe brannte Die Fenster waren dicht verhängt
    Als Gudstikker das Tor geöffnet hatte und in einen mit verblichener
gleichsam abgesessener Pracht ausgestatteten Raum getreten war kam den beiden
eine Schar von geschminkten Mädchen entgegen die mit Gudstikker sehr vertraut
taten sich an seinen Arm hingen lachten trällerten scherzten nach Wein
riefen und sich auf jede Weise geräuschvoll gebärdeten Sie waren mit nichts
bekleidet als mit einem Hemd und langen Strümpfen ihre Augen glänzten
krankhaft oder schienen müde ihre Bewegungen waren geziert ihr Lachen
übertrieben ihre Scherze zynisch Ihr Gang hatte etwas Schwankendes das Spiel
ihrer Hände und Finger etwas Gieriges und Abenteuerliches Seltsamerweise
beachteten sie Agaton gar nicht manche blickten scheu nach ihm hin aber taten
dann wieder als sähen sie ihn nicht Bisweilen erschien eine ältere Dame und
führte Reden die etwas Anfeuerndes haben sollten bisweilen auch läutete eine
Glocke dann verschwand eines der Mädchen lächelnd und die andern sahen
teilnahmlos ins Leere immer dieselbe auffordernde Miene beibehaltend
    Gudstikker benahm sich wie zu Hause Gönnerhaft verabreichte er seine Worte
lehnte sich breit und behaglich auf den verschabten Polstern zurück klatschte
leutselig auf nackte Arme schlug ein paar Takte auf einem schrillklingenden
Klavier an lächelte nachsichtig wenn ihn die Mädchen neckten und den schwarzen
Doktor nannten doch bei alledem schwand eine gewisse ernste Falte nicht von
seinem Gesicht und ein stechender Blick nicht aus seinen Augen Bald ging er
weiter mit Agaton in ein daneben befindliches Gebäude und Agaton folgte
betäubt durch eine beengende Erwartung die er nicht deuten konnte Wiederum sah
er den verkommenen Putz erbärmlicher Prunkstuben halberblindete Spiegel von
Staub zerfressene Goldrahmen wieder sah er die für den Gebrauch der Nacht
überschminkten Frauengesichter in denen jedes Leiden jeder Schmerz jedes
Nachdenken jede Erinnerung jede Feinheit verschwunden war wiederum roch er
die abgelagerte Luft von gestern atmete den Rauch der Zigaretten den Dunst der
Weine und wurde behandelt wie einer der nicht da ist oder den man nicht sieht
Er sah in dunkle Nebenkammern wie man auf einer längstverödeten Straße
Wagenspuren verfolgt das heimische Laster hatte seine Spuren selbst in die
Finsternis gegraben Er sah in andern Stuben junge Männer lungern und sich
erhitzen um einen Kuss von dem sie vergessen wollten wie feil er war und wie
jedem er gewährt worden war Er sah Spielkarten fliegen und hörte rohe Scherze
durch die Wände dringen Pfropfen knallen Goldstücke rollen und glaubte zu
erkennen wie mancher seine Ohren verschloss gegen die Stimmen die er nicht
hören wollte nie hören durfte ohne den Verstand zu verlieren Er erblickte die
Kammern dieser Frauen und Mädchen die von unsinnigem Zierat starrten worin sie
sich bei Tag einem bleiernen Schlaf überließen worin ein rotes oder grünes
Licht künstliche Schwülnis hervorbrachte und selbst den abgeschabten Stellen der
Tapete etwas Schmückendes verlieh gleich dem Märchen von der ersten Sünde und
der poetischen Verführung das die Bewohnerin in seinem matten Schein ersinnt
und dem empfindsam gewordenen Besucher verabreicht Er sah die verschnörkelten
steilen Treppen auf denen die Mädchen hinauf und hinabeilten und dabei
berechneten wieviel sie noch verdienen müssten um sich bezahlt zu machen dafür
dass sie hier in Hemd und Strümpfen sich mästen durften ohne dass man mehr von
ihnen verlangte als dass sie lachten lachten immer lachten Mochten sie fett
oder mager sein blond oder schwarz alt oder jung sie hatten keine Aufgabe
als die zu lachen Und jedes neue Läuten der Glocke brachte einen neuen Gast in
diese Krämerei wo lebendiges Fleisch verhandelt wurde Junge Menschen die mit
zitternden Lippen und studiertem Gleichmut unter der Schwelle standen um zu
warten was man mit ihnen beginnen würde schiefe Greise die einen letzten
Funken ihres vergehenden Lebens anzufachen bemüht waren Männer von Langeweile
und Gewohnheit hergetrieben Knaben sogar mit den erschreckenden Zeichen
vorzeitiger Fehltritte in den Augen die sie wissend einem alles verschlingenden
Abgrund zueilen ließ Bräutigame die ein Mittel suchten die ideale
Schwärmerei des Brautstandes zu überdauern geachtete Bürger die liebenswürdige
und gute Frauen besaßen Lehrer Beamte Studenten Handwerker  Wie um
Erbarmen stehend suchten Agatons Augen diejenigen Gudstikkers und diese
antworteten Hier gibt es kein Erbarmen Und Agaton verlor Ruhe Kraft und
Besinnung und Bild auf Bild in stummer Reihenfolge bedrängte ihn Oft war es
auch ein leidendes Gesicht das er gewahrte das mit hineingerissen wurde in den
Strudel und versank Erschüttert wollte er fliehen doch schon war Gudstikker
neben ihm der ihn führte  durch die menschenleeren Gassen der Stadt
    Warum warum ist das alles fragte Agaton flüsternd Aber nichts gab ihm
Antwort während Gudstikkers Nähe mehr und mehr beklemmend auf ihn wirkte Und
er sah durch die Mauern der Häuser armer und reicher Häuser er hörte
Angstrufe Hilfeschreie einer versinkenden Gesellschaft einer Welt die wie ein
Schiff sich langsam mit Wasser füllt um unrettbar in den Abgrund zu tauchen
Bis jetzt war es nur das offene Spiel gewesen das lediglich zum Schein den
Stempel der Heimlichkeit trägt und um jenen Anstand zu wahren der noch die
letzte Klammer der berstenden Wände bildet Er sah dass jedes Haus eine Wunde
hatte die unheilbar war dass jede Tür eines jeden Zimmers mit unverlöschlichen
Lettern das Gedächtnis eines schweren Makels aufbewahrte dass jedes Glas eines
jeden Fensters auf Dinge geschaut die besser in dichtem Dunkel begangen worden
wären dass kein Schläfer unter allen so ruhig schlief dass selbst seine reinsten
Träume nicht durch den Nachhauch eines begangenen Frevels getrübt wurden dass
die Bereitwilligkeit sich zu verkaufen in keinem verschlossenen Haus geringer
war als in jenen öffentlichen dass das Glück und die Ruhe aus den Zügen des
Lebens verwischt waren und dass der Weinende wie der Lachende eine Maske trägt
dass die Händler des Fleisches und die Händler des Geistes bei Tag und Nacht
jahraus jahrein durch die Gassen gehen und harmlos scherzend Gift säen dass die
Kaserne und das Spital der Palast und das Gefängnis die Kirche und das
Wirtshaus das Theater und die Schule von einem Schmerz gepeinigt von einer
Lüge erhalten von einer Hoffnung betrogen werden Und Agaton sah das Ziel in
der Ferne zerstäuben zu nichts die Fackel die seinen Weg erleuchtet langsam
vergehen und erkannte dass er gegen die gigantische Masse des Elends nichts war
als ein Kind das mit seinen Händchen Gebirge abtragen will Und Jude oder
Christ was bedeutete ihm das noch gegenüber diesem heimlichen und lautlosen
Kampf der hier zwischen schlafenden Mauern geführt wurde Jude und Christ
hatten in gleicher Weise dazu beigetragen das Jahrhundert dorthin zu führen wo
es stand und ihre Todeszeugen fielen einander grinsend in die Arme und
schlossen Bruderschaft
    »Gute Nacht Bester « sagte Gudstikker jovial als sie vor seinem Haus
standen »Ich denke meine Dienste haben Ihnen gut getan Die Welt ist viel
größer als Sie glauben Setzen Sie sich auseinander mit ihr gute Nacht«
    Agaton nahm den Gruß verständnislos hin und blieb als er sich allein sah
lange Zeit an derselben Stelle stehen Mit dem Verschwinden Gudstikkers waren
die Bilder und Gesichte vorbei Agaton hatte kein Bett keinen Zufluchtsort
begehrte keinen Zufluchtsort begehrte keine Ruhe Betrunkene taumelten an ihm
vorbei gröhlend oder still begeistert oder trübsinnig Alles was noch lebendig
war auf den Straßen wurde durch den Geist der Besoffenheit bewegt der einen
übelriechenden Dunst erzeugte Dieser Geruch wird auch morgen das öffentliche
Leben durchdringen und die Seelen der Besseren unmutig machen er wird jede
Frau die schlaflos an dem Lager ihrer Kinder brütet den Mann und die Liebe
verachten lassen und wird alle Gefühle der Anmut und Frische zerstören jede
Vereinigung von Kräften unterwühlen
    Agaton war im tiefsten Herzen verzweifelt
    Vielleicht gab es noch eines was ihn aufrichten konnte Die Gestalt
Bojesens erhob sich plötzlich aus der Vergangenheit von einem übertriebenen
Nimbus verklärt Agaton blickte auf sie hin wie auf eine tröstende Gestalt
Ehe er es überlegte befand er sich schon vor dem Haus in dem der Lehrer
wohnte Da das Tor bei der späten Stunde schon geschlossen war ließ sich
Agaton kraftlos auf die feuchten Steinfliessen nieder umschloss die Knie mit den
Armen und wartete Er wartete ohne Empfindung für das Vorbeifliessen der Zeit Im
dritten Stock wo Bojesen wohnte öffnete sich bisweilen ein Fenster Die Uhren
schlugen eins zwei schlugen drei Die Finsternis der Gasse schien klebriger
und körperlicher zu werden
    Aber war das nicht Bojesen der vor ihm stand Diese etwas zusammengekrümmte
Figur die den Hut schief auf dem Kopf sitzen die Hände tief in den Taschen
vergraben hatte Waren das nicht Bojesens Züge Agaton musste unwillkürlich
lächeln dass dies seltsam abstossende Bild eines Menschen diese schwankende
Nachtgestalt solche Ähnlichkeit aufwies Aber warum starrte nun der
ScheinBojesen so suchte in seinen Taschen nach Schlüsseln  brummte als er
sie nicht fand 
    Es erwies sich dass es mehr als eine bloße Ähnlichkeit gab zwischen dem
falschen Bojesen und dem Bojesen in Agatons Erwartung Schließlich erhob
Agaton in stechendem Schrecken die Hände und öffnete den Mund zu einem Schrei
den seine Kehle ihm nicht bewilligte Dann fuhr Bojesen der seine Schlüssel
noch immer nicht hatte finden können zurück und lehnte sich stammelnd an den
Laternenpfahl »Ich  suchte  Sie  sch  schon  l  lange genug  Ag 
Agaton« sagte er
    Agaton stand auf und trat dicht vor ihn hin
    Bojesen zog mit einer mechanischen Bewegung den Brief aus seiner
Brusttasche »Da lesen Sie ihn gleich« sagte er und war plötzlich wieder im
Besitz seiner Sprache »Sagen Sie mir was es ist Sagen Sie es mir Ich vergehe
sonst Ja ja ich liebe dieses Weib kann mich nicht losreißen verbrenne mir
das Herz dabei verliere mein Seelenheil mein Geistesheil alles alles Ich
bin hin eine Null ein hohler Stamm ein mürbes Blatt ausgeblasen bankrott
Was weichen Sie zurück vor mir Agaton haben Sie Mitleid Oder sind Sie die
Tugend selbst dass Sie mich verachten dürfen Was weichen Sie zurück mit
entsetzten Augen«
    Agaton wich zurück vor dem Schnapsgeruch der aus Bojesens Munde kam
Bojesen hatte wie ein Fiebernder geredet mit überstürzten Sätzen purzelnden
Worten und theatralischen Armbewegungen
    »Nein nein ich bin nicht betrunken« fuhr er fort und ballte die Fäuste
»nur ein paar Gläser Grog das ist alles für einen Bankrotteur Agaton lesen
Sie den Brief seine Stimme wurde heiser und seien Sie aufrichtig mit Ihrem
Freund «
    Da wandte sich Agaton nachdem er den Brief an sich genommen und ging fort
so schnell er immer konnte Und hinter sich hörte er den verzweifelten
ersterbenden Ruf in die Nacht verhallen Agaton Agaton Als er die
Wasseralleen erreicht hatte und den Fluss neben sich rauschen hörte vernahm er
es immer noch dies Agaton als ob es aus dem Bett des Stromes käme
    Der Tag war für ihn beschlossen und das Jahr Und viele Bauten die unlängst
noch prächtige Pforten vor ihm aufgetan hatten schlossen diese Pforten von
selbst wieder Über der schier mit Händen zu greifenden Finsternis der Allee sah
er eine brennende Stadt ein brennendes Land Erst brannte es sichtbar und
lichterloh dann war das Feuer unterirdisch und man hörte keinen Hilferuf
    Er kam an die Stelle wo die Neubauten waren Das Haus in dem damals der
Trockenofen gebrannt war schon bewohnt Aber daneben war noch ein anderer
Neubau und heute brannte in diesem der Trockenofen und verbreitete seine düstere
Röte in dem Gebäude und in dem Buschwerk der Umgebung Nach einiger Mühe gelang
es Agaton sich durch das verrammelte Tor zu zwängen Er legte sich vor den
Ofen und bemerkte dass seine Knie vor Kälte schlotterten Doch er empfand es
kaum Sein bleiches Gesicht zuckte nur bisweilen unter der ungeheueren Bewegung
seines Innern
    Schließlich Stunden mochten verronnen sein und die Hähne begannen schon zu
krähen erinnerte er sich des Briefes Er sah ihn an und erkannte Jeanettens
Schriftzüge Er riss ihn auf und eine Banknote fiel heraus Auf dem Papier stand
mit gleichsam entsetzten und befehlenden Lettern nichts als eine Adresse der
Hauptstadt und die Worte Komme sogleich hierher
 
                              Achtzehntes Kapitel
Bevor noch der Morgen graute stand Agaton auf dem Bahnhof und erfragte die
Abfahrtszeit des nächsten Zuges nach der Residenz Um ein Viertel nach acht Uhr
sah er sich durch die Ebenen Frankens rasen über denen ein milder Nebel lag
sah Flüsse unter sich und neben sich verschwinden tauchte den Blick in die
Nacht raschverfliegender Wälder suchte das Bild von Dörfern festzuhalten die
sich ängstlich an sanft ansteigende Höhen klammerten von Städten die erst
aufzuwachen schienen und er glaubte dies alles sei vorher gar nicht dagewesen
sondern sei um dieses einen Tages willen eigens für ihn gemacht Dann kamen
Mittelgebirgsländer mit der idyllischen Ruhe dichtzusammenliegender
Marktflecken mit alten Steinbrüchen tiefen Tälern kahlen Hügelketten
vergoldet von der Morgensonne die sich schlaftrunken aus umlagernden Wolken
löste dann ein Strom breit und grün dann wieder eine endlose dürre Ebene
über der es zu regnen anfing alles eine Folge von sich jagenden Bildern wie in
einem Scheindasein
    In der Residenz angelangt suchte er sogleich die Straße die ihm Jeanette
angegeben Betäubt von Lärm und Getöse aber ganz ohne Aufnahmefähigkeit für die
Dinge um sich her gelangte er endlich vor das Haus Eine alte Frau öffnete ihm
Auf sein Fragen wies sie ihn ohne weiteres in ein längliches etwas dumpfes
Zimmer und bedeutete ihn er möge warten
    So wartete er Er hatte sich auf einen niedrigen Sessel gesetzt und blickte
mit unbewegtem Gesicht vor sich hin Er konnte kaum begreifen wie er hierher
gelangt war Seine Wangen waren fahl seine Augen erloschen seine Haltung
zeugte von einem sich verkriechenden Schmerz
    Plötzlich ging die Tür auf Herein trat Jeanette Sie warf Hut und Mantel
achtlos in eine Ecke Sie schien außer Atem ihr Blick abgehetzt wie so oft und
von trügerischem Feuer erfüllt Sie hatte Agaton kaum begrüßt als sie auf den
nächsten Sitz sank die Hände vor das Gesicht schlug und laut aufstöhnte
    »Warum bist du nicht früher gekommen Agaton« murmelte sie nach einer
Weile »Ich habe dich erwartet Ich brauchte einen Menschen ich brauchte dich
ein einziges Herz in dieser Wüste ich wollte dich sehen dein zuhörendes Auge
sehen den Rat hören der in deinem Schweigen liegt denn du bist klüger als du
ahnst«
    Agaton stand auf und trat zu ihr Als er sie berührte sah sie zu ihm
empor Seine Berührung schien sie zu trösten Sie drückte ihm die Hand »Ich
glaubte ich hätte den Verstand verloren« sagte sie und strich sich über die
Stirn »Setz dich zu mir Agaton ich will dir erzählen Wie köstlich wie gut
dass du da bist und ich zu dir reden kann«
    Und sie erzählte
    Sie war wie schon vorher verabredet auf eines der königlichen Schlösser
gebracht worden in dem sich der Fürst gerade aufhielt Es war ein unerhörter
Glanz der sie mitten im Hochwald empfing Sie hatte den Eindruck als verfolge
man mit ihrer Person irgend eine Absicht bei dem Monarchen der seit Jahren sich
von allen Frauen ferngehalten Sie sah also den König Jene Leidenschaft deren
Gefäß sie von da ab war erfüllte sie sogleich beim ersten Anblick Er war von
ziemlich fetter aber zugleich riesenhafter Gestalt Seine Schultern waren so
breit und mächtig dass sie für jeden über den sie sich beugten etwas
Zermalmendes hatten Sein Gesicht war aussergewöhnlich bleich sein Haar
glanzlos tiefschwarz und stand so dicht wie das Gras vor dem Mähen Doch all
das wurde belanglos durch die Augen Tiefblau wie die Gebirgsseen waren sie von
einem hinreissenden Ausdruck von einem heftigen Feuer erfüllt Es schien dass
ihnen keine Qual erspart geblieben dass sie keine Schönheit unwiderstrahlt
gelassen Niemand konnte ertragen furchtlos in sie zu schauen Seine Kleidung
war die eines einfachen Bürgers In seinem Wesen war wenig von Majestät
Ruhelosigkeit die Angst des Verfolgten machtloser Zorn tiefe Bitterkeit
beherrschten ihn
    »Es schien etwas Schreckliches im Werk zu sein« fuhr Jeanette fort »Das
ganze Schloss die Dienerschaft die Offiziere alles war in Bewegung in Hast
in Erwartung In der Nacht fuhr der König in sechsspänniger Karosse in die
Residenz und Vorreiter mit Fackeln beleuchteten den Weg Er verschmäht es die
Bahn zu benutzen Am Morgen ich hatte nicht schlafen können sondern war am
Fenster gelegen und hatte in den Wald gestiert am Morgen kam er wieder und die
Unruhe die ich an ihm bemerkt hatte sich verzehnfacht Ich beobachtete ihn vom
Fenster aus und sah wie sein gewaltiger Körper sich fröstelnd schüttelte als
er den Wagen verließ Einen Augenblick lang kam es mir vor als wolle er
zusammenbrechen unter einer Last Die Diener gingen hin und her ich glaube sie
wussten nicht warum Bald nach seiner Ankunft führte mich der Adjutant der sein
Freund und Vertrauter war zu ihm und ließ mich mit ihm allein«
    Jeanette schwieg lange Dann begann sie mit etwas erhobener Stimme wieder
»Ich werde mein Lebelang diese Stunde nicht vergessen Agaton und wenn ich so
alt würde wie die Erde selbst Als ich hineintrat in den Saal der von Licht
und Gold strahlte wusste ich dass meine Seele diesem Mann unwiderruflich
angehöre und ich küsste in Gedanken die geheimnisvolle Hand des Schicksals die
mich zu ihm geführt Ich wusste dass ich für ihn sterben könnte und sterben würde
und sterben müsste und dass Sterben nichts bedeute gegenüber dem Glück seine
Sklavin zu sein Wer hat dich hereingelassen fragte er mich Ich fand keine
Antwort Meine Zunge gehorchte mir nicht Indem ich ihn anschaute zitterte ich
am ganzen Körper Du bist Tänzerin  Ja Majestät  Dann tanze Er stand auf
und drückte auf einen elektrischen Knopf und eine Musik ertönte ebenso
zauberhaft wie die Art durch die sie hervorgebracht war Es war wie wenn ein
ganzer Wald mit seinen Mysterien sich in die Höhe hebt und zu singen und zu
jauchzen anfängt Ich tanzte also Anfangs kam es mir vor als wenn ich mein
Bewusstsein verloren hätte und leblos hinschwebte aber dann ging eine
außerordentliche Verwandlung mit mir vor Ich spürte den Boden nicht mehr und
nicht mehr die Luft und obwohl es eine Musik war nach der vielleicht niemand
in der Welt sonst zu tanzen vermocht hätte fühlte ich doch dass alles was Nerv
und Bewegung heißt gerade in ihr lag Der König schien überrascht Das
Höhnische Verächtliche und Finstere verschwand von seinem Gesicht zuletzt
versank er in tiefes Träumen und seine Augen schauten schmerzlich in die weite
Ferne Als die Musik schwieg stand er auf und reichte mir die Hand die ich
küsste Wer bist du fragte er Alles was Majestät aus mir machen will erwiderte
ich Er zuckte zusammen Majestät Majestät murmelte er Bald nicht mehr
Majestät Bald nur noch Hund vor dem Tor bettelnder Hund Majestät Jedes Glied
einzeln gebunden jeden Finger verschnürt jedes Wort beschmutzt jede Tat
bekläfft das nennst du Majestät Anfangs hab ich dem Volk vertraut Aber die
Seele des Volkes ist so tief dass man sie auf den Knien suchen muss Ich habe mir
den Kopf zerschunden an den Mauern dieses Landes Alle diese Hände die du um
mich siehst haben die Zeit wohl benutzt mich zu verunreinigen Um Land und
Volk und Freund bin ich betrogen worden und muss schweigen und darf nicht einmal
Frieden haben in der Einsamkeit Ich bin um meine Würde betrogen worden und du
nennst mich Majestät Was ist Majestät heute dass sie sich beugen muss vor einem
Krämer der in einer guten Stunde unter Beihilfe seiner Schwäger und Tanten
Minister wurde und zufrieden das christliche Hausbrot isst Eine schöne Majestät
die sich der Kirche opfern soll und keine Hand rühren darf ohne den Pfaffen
Wäre ich doch jung gestorben damals als ich noch glaubte König zu sein ein
Volk zu besitzen Wäre ich doch gestorben Geh fort Weib verlasse mich Das
waren seine Worte Agaton Zuletzt war seine Stimme heiser geworden vor Zorn
und Scham Seine Augen hatten sich noch vergrößert und die Brust arbeitete so
heftig wie unter anstürmendem Wind Ich konnte nicht mehr hören nicht mehr
sehen ich folgte seinem Wink und eilte hinaus
    Ich sah im Saal der gegen den linken Flügel führte und als Audienzraum
benutzt wurde sechs bis acht vornehme Herren mit feierlichen Gesichtern auch
einige Offiziere Sie betrachteten mich voll Staunen Es war die Deputation des
Adels die Abgesandten vom Hof Sie wollten den König zur Vernunft bringen
Agaton Bald darauf geschah etwas Schreckliches Der Adjutant erhielt den
Befehl niemand vorzulassen und stand mit gezogenem Seitengewehr vor der
Flügeltür Er verweigerte der Deputation den Eintritt Mitten in dem heftigen
Hin und Herreden erschien der König unter der Türe Er hatte die Schlosswache
und die Diener herbeigerufen Ein Diener sagte mir dass der Ausdruck seines
Gesichts so schrecklich gewesen sei dass niemand mehr zu atmen geschweige denn
zu sprechen gewagt habe Mit vernehmlichen Worten befahl der König den Soldaten
die Abgesandten zu binden und ihnen die Augen auszustechen Noch bin ich der
König rief er aus und erhob die Hand Die Abgesandten wurden von
unbeschreiblicher Furcht gepackt Die Soldaten wagten sich dem Befehl nicht zu
widersetzen und wagten nicht zu gehorchen Der König war seiner nicht mehr
mächtig Er lief auf und ab wie ein wildes Tier erhitzt und schnaufend ballte
die Fäuste rollte die Augen bis es seinem Adjutanten gelang ihn in eines der
Seitengemächer zu führen Aber der König ließ die drei Saaltüren versperren und
vor jeder Türe zwei Posten mit aufgepflanztem Bajonett patrouillieren Die
Deputierten schwebten in Todesangst
    Nun verstoss der ganze Nachmittag ohne dass irgend etwas sich ereignete Man
sagte mir der König liege wie gebrochen auf einem Ruhebett Am Abend kam eine
berittene militärische Abteilung mit einem Oberst Er hatte ein Dekret das ihm
Zugang zum König verschaffen musste Ein Arzt begleitete ihn Die Abgesandten
wurden befreit Kurze Zeit darauf bestieg der König den Wagen und in Begleitung
der Berittenen wurde er als Gefangener nach Schloss Berg am Starnberger See
gebracht So ist es zugegangen Agaton Ich bin nicht mehr was ich gewesen
bin ich habe mich verloren Ich weiß nicht mehr was ich denken soll was ich
tun soll mein Hirn ist wie zerfressen Dass dieser Mann verbluten soll werde
ich nie verwinden können Er war zur Größe und zum Licht und zur Schönheit
geboren und alle Dämonen der Finsternis haben sich geeinigt ihn in den Schmutz
zu zerren«
    Agaton starrte in das dunkler werdende Zimmer Auf einmal trat er einen
Schritt zurück streckte die Hände aus und lispelte verstört So stand er und
seine Gestalt schwankte Er sah den König mit dem düster flehenden Blick eines
gehetzten Tieres vor sich stehen und erkannte ihn obwohl er ihn noch nie
gesehen außer auf schlechten Bildern Agaton wollte reden doch er kam nicht
dazu Jeanette stürzte auf ihn los packte seine Hände erhaschte seinen Blick
und wie durch ein wunderbares Zeichen verstand sie alles sah selber hin und ihr
war als würde sie gerufen mit fieberhafter Eile schlug sie den Mantel um und
stürzte fort
    Agaton fasste sich seufzte tief auf und ging Auf der Straße standen
überall Gruppen und flüsterten und beratschlagten Vor den Zeitungsredaktionen
warteten Hunderte auf Nachrichten und achteten nicht den Regen der sie
durchnässte Viele Tausende drängten sich vor der Residenz und keiner wich nur
eine Sekunde lang von seinem mühsam eroberten Platz dabei wussten alle dass der
König nicht in der Stadt war Die Behörde hatte bekannt gemacht der König habe
seines Amtes entkleidet werden müssen da er bedeutsame und zweifellose Symptome
der Geistesstörung gezeigt habe Aber das Volk glaubte es nicht Agaton erfuhr
bald alles und ein wilder und phantastischer Entschluss erwachte in ihm Er ließ
sich von Arbeitern den Weg erklären der zu jenem See hinausführte und machte
sich ohne Zögern obwohl er an diesem Tag noch keinen Bissen Nahrung zu sich
genommen hatte auf die Wanderung Er dachte nicht daran die Eisenbahn zu
benutzen oder ein anderes Beförderungsmittel Er hatte das Gefühl als müssten
ihn seine Füße viel schneller dortintragen als jede Dampfmaschine es vermocht
hätte Ausserhalb der Stadt fragte er noch Handwerksburschen oder Bauern um die
Wegrichtung und obgleich die Dunkelheit schon angebrochen war erschrak er nicht
vor der Nachricht dass es mehr als fünf Stunden zu gehen seien Das Mühsame des
Marsches kam ihm nicht zu Bewusstsein er wurde nicht müde Die Glut seiner
Sehnsucht war auf eine Tat gerichtet An der Grenze alles Denkens und der
Überlegung angelangt beherrschten ihn nur noch Gefühle dumpfe doch gewaltige
Regungen Er wollte die Bauern führen am Morgen und den König befreien nie
zuvor hatte er zweifelloser die Fähigkeit empfunden alle die sich ihm nahten
von einem Trieb entflammen zu lassen
    Die dunkle Nacht ringsum nährte seine Phantasien Nirgends war ein Licht
Die Landstraße war nur durch einen schwachen Schein kenntlich Der Regen
plätscherte unaufhörlich herab Schweigend lagen Felder und Wälder Oft gelangte
er an einen Kreuzweg aber kühn und unbesorgt schritt er weiter Er wusste dass
er nicht fehlgehen würde Stundenlang wanderte er durch einen Wildpark wo oft
ein geheimnisvolles Murren und Rascheln hörbar wurde aber nichts konnte ihn
ablenken oder ängstigen
    Endlich tauchte in der Tiefe ein oft unterbrochener Kranz von Lichtern auf
es waren die Seeufer Agatons Augen wurden nass vor Freude In kurzer Zeit war
er im Tal angelangt Alle Bewohner des Dorfes das er betrat waren in Bewegung
In jedem Haus brannte noch Licht Er betrat die nächste Schenke die voll war
von leidenschaftlich disputierenden Bauern während Weiber und sogar Kinder auf
der Straße standen Beim Anblick der vielen Menschen der sich anscheinend
zwecklos drehenden und windenden Körper des Rauches der aus Pfeifen quoll der
von der Zeit gleichsam gerösteten Bilder und Wände fühlte Agaton plötzlich die
Übermüdung seines Körpers in einer schrecklichen Weise Es war ihm als ob sich
seine Haut löste dabei glaubte er fortwährend zu sinken durch zahllose
Wiederholungen desselben Raumes zu fallen
    Die Bauern wurden aufmerksam Sein totenbleiches Gesicht übte auf sie den
Zauber einer Erscheinung Sie standen alsbald um ihn her und einige die
höhnisch gelächelt hatten lächelten nicht mehr als er zu sprechen begann
Seine hohle und erschöpfte Stimme klang gedämpft und füllte trotzdem den Raum
sie hatte etwas Klingendes und Messerscharfes Seine Rede schien von einem
unsichtbaren Wesen zu kommen das ihn umfangen hielt denn er blieb so
bewegungslos als ob seine Glieder gefesselt seien Es war der Schmerz und der
Zorn des Königs selbst der in geheimnisvollem Bündnis mit dem Redner zu stehen
schien dieses Königs der ein Märtyrer seines Amtes und dessen Geist nicht
aber dessen Herz wahnsinnig geworden war
    Die Wirkung von Agatons Worten die für ihn selbst einem Fiebertraum
glichen war auf die Bauern eine wahrhaft beängstigende Sie schrien tobten
stiegen auf Tische und Bänke fuchtelten mit den Händen umher zerbrachen Gläser
und Fensterscheiben hoben Agaton auf ihre Schultern dass sein Kopf an die
Decke stieß schlugen den Wirt nieder der sie besänftigen wollte und in kurzer
Zeit hatte sich die Furie eines tierischen Rausches durch das ganze Dorf
verbreitet Ein alter Bauer dessen eines Auge verklebt war fluchte und heulte
beständig eine Art Hausierer oder Kärrner schwang eine Sense versammelte die
jungen Leute um sich und wollte mit ihnen über den See nach dem Schloss fahren
Agaton nicht mehr fähig zu gehen zu sprechen oder zu handeln war dem Gewühl
entflohen und saß mit leeren Augen in einem Winkel der Schenke Er war
verwundert und hatte fast Angst wegen dieser grundlosen Verwunderung Er starrte
hinüber ans andere Ufer das weit entfernt war und von dem spärliche Lichter
durch den allmählich aufdämmernden Morgen flimmerten Er sah auch Lichter die
in beständiger Bewegung von Punkt zu Punkt huschten wie Fackeln die man hin und
her trägt Da erschallten im Innern des Dorfes durchdringende Schreie die sich
wiederholten und fortpflanzten und an Stärke zunahmen »Der König ist tot«
gellte plötzlich eine Stimme dicht vor dem Fenster an dem Agaton saß »Er ist
ertrunken« schrie eine andere und »im See ertrunken« eine dritte Stimme
Agaton erhob sich fiel aber gleich darauf wie ein Stock zu Boden
    Der angebrochene Morgen sah das Landvolk in hellen Scharen gegen das
königliche Schloss ziehen und man erfuhr dass die Leiche des Königs erst vor
einer Stunde im See aufgefunden worden war In allen Dörfern der Umgegend
läuteten die Glocken Tausende von Bauern standen am Ufer und vor dem
Schlosspark Viele schrien um Einlass und als niemand erschien erbrachen sie das
Tor Eine furchtbare Erregung hatte die Gemüter ergriffen mit Sensen Knütteln
Schaufeln und Hacken organisierten sich ganze Haufen um nach der Hauptstadt zu
ziehen und die Residenz zu stürmen Am Mittag rückten einige Regimenter
Infanterie aus der Stadt um die Ordnung herzustellen Ein hünenhaft gebauter
Kerl der sich auf unerklärliche Weise den Wortlaut einer Proklamation
verschafft hatte die des Königs letzte Niederschrift war lief damit von Dorf
zu Dorf von Weiler zu Weiler von einem Wirtshaus ins andere und wurde nicht
müde sie aus der Abschrift immer wieder in einer rührenden und schlichten Weise
vorzulesen Diese Proklamation war das Glänzendste und Bewegteste was jemals
die verzweifelte Seele eines Fürsten geschaffen Sie ist unbekannt geblieben
und es gab Gründe ihre Verbreitung nicht zu wünschen Ihre Sprache war einfach
und klar jedes Wort ein Bekenntnis eine Klage eine Anklage Sie war von einer
bitteren Ruhe diktiert und ein kraftvoll gebändigtes Feuer war in ihr und
niemals ward dem Thron ein besserer Dienst geleistet als durch die
Verheimlichung dieses gefährlichen Dokuments das auf dem Thron entstanden war
    In der Stadt waren alle Beziehungen der Gewerbe und des Handels gelöst
Kaufhäuser und Schulen Krämereien und Fabriken waren geschlossen Trauerfahnen
wehten vierundzwanzig Stunden lang tönten ununterbrochen die Glocken in einem
niederdrückenden Konzert Aufgeregte Menschenmassen füllten Plätze und Straßen
und Kirchen an den Fenstern sah man heulende Weiber aber auch Männer schämten
sich nicht zu weinen Der König der seit fünfzehn Jahren sich nicht mehr
öffentlich gezeigt dessen Leben für alle ein Geheimnis war dessen Stolz bis
zur Schroffheit ging dessen Menschenverachtung am Hof gefürchtet war er hatte
die Liebe seines Volkes in unvergleichlichem Masse genossen
    Agaton ging durch die Straßen der Stadt einsam und verlassen Er fühlte
sich krank und wund Ihm schien es vergeblich zu leben zu fühlen zu wollen
wie er gelebt gefühlt gewollt Ihm war als trage er sein Herz ausgebrannt in
der dunklen Brust und in einem andern zermalmenderen Sinne nahm er an der
Trauer des Volkes teil
    Da ging er an einem Haus vorbei in dessen Erdgeschoss ein Fenster offen
stand Verdrossen und trotzig blieb er stehen und nach einer Weile blickte er
hinein in ein ärmliches Zimmer Drei Kinder saßen darin und spielten drei
schöne Kinder Sie spielten ein gewöhnliches Spiel und waren allein Aber wie
sie sich dabei benahmen wie sie nicht etwa jauchzten sondern innig froh waren
wie ihre Augen glänzten wie sie miteinander und mit sich selbst zufrieden und
befriedigt waren von dem Gang des Spiels das sich doch wenig unterschied von
allen Spielen aller andern Kinder darin lag etwas so Warmes Gutes und
Befreiendes es stand in so leuchtendem Gegensatz zu der Welt da außen dass es
wie ein Stück Zukunft in der Gegenwart berührte
    Daher atmete Agaton tief und lange auf sein Körper begann zu zittern wie
unter Wellenschlägen neuen Lebens und lächelnd setzte er seinen Weg fort
 
                              Neunzehntes Kapitel
Sommer und Sommerwinde Blüten an allen Ecken der Welt Ein tiefes Grün auf den
Feldern die schmeichlerische Stille der Wohnlichkeit unter den Bäumen des
Waldes Flockige Wolken die wie Schiffe über den strahlenden Himmel ziehen und
Rosen an den Gärten und Wicken in den Hecken
    »Ich wusste dass Sema Hellmut dem Tod verfallen war« sagte Agaton zu
Monika als sie vom Vestnerwald herab gegen Zirndorf wanderten »Er ist mit dem
frühen Tod geboren worden«
    »Mit dem Tod geboren« fragte Monika leise staunend
    »Ja Er war schon zu alt als er geboren wurde Seine Seele hat Jahrtausende
gelebt eine echte müde Judenseele«
    Sie schwiegen lange An einer einsamen Stelle im Feld blieb Monika stehen
umarmte Agaton mit leidenschaftlicher Bewegung und stammelte »Wie dank ich
dir dass du mich liebst Du hast mir das Leben wiedergeschenkt Agaton Du hast
es nicht geachtet dass ich gesündigt habe du bist groß und mutig Agaton«
    »Es ist kein Zufall dass alles so gekommen ist Monika Nun bist du eine
Kämpferin geworden Die Zeit geht nicht mehr über dich hinweg sondern du gehst
vor der Zeit einher«
    »Und was willst du tun jetzt Agaton«
    »Warten Ich will den Acker meines Vaters bestellen Für mich und dich wird
es Brot geben Und die Mutter hat ja das Vermögen des alten Enoch«
    »Warten Agaton Worauf«
    Agaton schüttelte lächelnd den Kopf
    Als es Abend war standen sie im Garten und bewunderten die farbigen Gluten
des Himmels Monika stand unter einem Apfelbaum und wiegte ihr Kind im Arm
Ester saß singend mit Mirjam vor dem Tor Frau Olifat und Frau Jette
unterhielten sich flüsternd auf einer morschen Gartenbank nahe der Laube
    Monika blickte hinauf in den Baum wo die Äpfel hingen purpurn bestrahlt
von der Sonne Sie kniff die Augen zusammen und sagte begehrlich »Ich möchte
gern einen haben Agaton einen Apfel von da droben«
    »Du musst warten Monika«
    »Immer warten Worauf denn«
    »Sie sind noch nicht reif Liebste«
    »Das dauert aber noch lange «
    »O nein zwei gute Sommerwochen und sie sind reif Lass sie erst reif sein
Monika«
    Und Agaton küsste die junge Mutter auf die Stirn
                                      Ende