Friedrich Spielhagen
Zum Zeitvertreib
Erstes Kapitel
Jetzt nur noch die Speisekammer rief Adele von der Küche aus eine schmale
niedrige Tür nach einem winzigen Gelass öffnend das durch ein viereckiges
vergittertes Fensterchen spärlich erhellt wurde
Bewunderungswürdig sagte Klotilde mit einem gelangweilten Blick über die
Schulter der Freundin
Nicht wahr erwiderte Adele sich so schnell wendend dass Klotilde eben nur
noch ihr Gähnen verbergen konnte Zwölf Fuß im Quadrat nicht mehr Elimar hat
es ausgemessen Und alles darin untergebracht selbst die zwanzig
Einmachebüchsen die mir die gute Mama gestern geschickt hat Aber Eure Berliner
Baumeister habe ich doch auf dem Strich Alles für den äußeren Schein Keine
Spur von einem Verständnis für das was eine Hausfrau braucht Na nun wollen
wir wieder nach vorn gehen Das heißt erst musst Du mein Kleid für heute abend
sehen Bei der Gelegenheit kann ich Dir gleich auch noch unser Schlafzimmer
zeigen Elimar mag das zwar nicht Er findet es undelikat Ich weiß nicht
warum dabei ist doch nichts Schlimmes Meinst Du nicht auch
Gewiss nicht sagte Klotilde honni soit qui mal y pense
Nicht wahr Besonders wenn wir Frauen unter uns sind Und nun gar wir beide
Lieber Gott wir haben doch keine Geheimnisse vor einander Ach Klotilde wenn
ich Dich nicht hier hätte in diesem grässlichen Berlin Freust Du Dich nicht
auch dass wir nun wieder beisammen sind
Ob ich mich freue Also das ist Euer Schlafzimmer
Das ist unser Schlafzimmer Klein aber furchtbar nett Findest Du nicht
Und Morgensonne sagt der Wirt haben wir auch Na in den acht Tagen dass wir
hier sind hat noch keine geschienen und Elimar ist zweifelhaft ob sie wenn
sie mal scheint bis zu uns kommt im Hochsommer meint er wäre es möglich
Abwarten sage ich Na wie findest Du es Das Kleid meine ich
Dein Brautkleid
Also doch
Also was
Ich dachte Du würdest es nicht wiedererkennen Ich habe es nämlich während
der zwei Jahre schon sechsmal angehabt zuletzt auf dem Kommandanturball und
jedesmal ein bisschen verändert Das heißt diesmal nicht ich hatte keine Zeit
Meinst Du dass es noch geht
Die Damen standen vor dem Bett über welches das Kleid gebreitet war
Das heißt es muss gehen fuhr Adele eifrig fort während Klotilde hier und
da einen Zipfel musternd aufhob ich habe kein anderes
Dann ist die Sache ja erledigt sagte Klotilde lächelnd
Ganz meine Ansicht rief Adele Mein Gott von einer armen Hauptmannsfrau
kann man doch nicht verlangen dass sie wie eine Prinzessin ausstaffiert ist
besonders wenn man eben einen kostspieligen Umzug durchgemacht hat Ich deutete
so etwas gegen Frau Sudenburg an und weißt Du was sie erwiderte Die Tochter
meiner besten Freundin ist mir in jedem Kleide willkommen War das nicht
furchtbar nett von ihr Was wirst Du denn anziehen
Meine Auswahl ist nicht viel größer als Deine arme Hauptmanns und arme
Assessorenfrauen cest toute la même chose
Ich denke Dein Viktor steht dicht vor dem Regierungsrat
Dann haben wir was Rechtes Aber Kind es ist Zeit dass ich nach Hause
komme
Eile doch nicht so Ich habe mich die ganzen grässlichen acht Tage auf diese
Stunde gefreut Und bin Dir so dankbar dass Du gleich heute morgen angetreten
bist nach der langen Nachtfahrt
Es war nicht so schlimm bloß schauderhaft langweilig
Habt Ihr Euch gut amüsiert
Amüsiert In dem miserablen Ostseenest Vier Wochen lang dieselben
Alltagsgesichter shopkeepers Weiber aus Berlin O und wenn es hoch kam eine
pommersche oder mecklenburgische dicke Gutsbesitzerfrau
Das wird für Viktor auch nicht gerade etwas gewesen sein
Viktor Er hat mich bloß hingebracht und wieder abgeholt Die ganze übrige
Zeit in Kopenhagen Stockholm und ich weiß nicht wo Du kennst ihn doch Die
Rosinen in dem Kuchen kommen immer auf sein Teil
Aber den Kindern ist es doch gut bekommen
Hoffentlich
Ich freue mich so furchtbar darauf sie endlich einmal zu sehen Nach den
Photographien die Du mir geschickt hast müssen es wahre Engel sein
Ich kann es nicht finden Du wirst Dich ja morgen überzeugen Ich muss jetzt
wirklich fort Viktor kommt um vier Uhr aus dem Amt
Elimar schon um Drei Er muss gleich hier sein Er wird mir es nicht
vergeben wenn ich Dich fortgelassen habe seine alte Flamme
Warum hat er dann Dich geheiratet
Du hattest es gar so eilig unter die Haube zu kommen Weißt Du übrigens
dass Kurt Platow nun doch die Komtesse Gardewitz heiraten wird
Ich wüsste nichts was mir gleichgültiger wäre
Hast recht Schatz Schwamm drüber Ganz meine Maxime Wenn mir irgend was
gegen den Strich gegangen ist Schwamm drüber Das konserviert die gute Laune
Und die glänzenden Augen und die rosigen Backen Sieh mich einmal an
Wahrhaftig ich sehe zehn Jahre älter aus als Du
Sie standen vor dem hohen Stellspiegel dem einzigen einigermaßen
prunkhaften Möbel in dem sonst bis zur Nüchternheit bescheidenen Gemach und
betrachteten prüfend ihre Bilder Klotilde ernst mit einem Fältchen zwischen
den dunklen scharf gezeichneten Brauen Adele lachend dass die weißen Zähne
durch die vollen roten Lippen blitzten
Zehnmal vornehmer ja rief sie Kunststück Du mit Deiner hohen schlanken
Gestalt Ich glaube Du bist in der Ehe noch gewachsen Beinahe einen Kopf
größer als ich Sag mal Schatz Du richtest wohl jetzt noch fürchterlichere
Verwüstungen in der Männerwelt an als schon damals
Du bist nicht gescheit sagte Klotilde den Arm welchen die andere um ihre
schlanke Taille gelegt hatte zurückschiebend
Ich habe es nicht bös gemeint
Und ich es Dir nicht übelgenommen Komm Meine Sachen liegen glaube ich in
Deinem Zimmer
Die Damen waren nach Adelens Zimmer zurückgekehrt Adele half Klotilden in
den Paletot
Es ist kalt draußen
Für den ersten Oktober schauderhaft Zieh Dich nur heute abend warm an
Weißt Du Klotilde ich fürchte mich ordentlich vor heute abend Du nicht
noch zur rechten Zeit gekommen wärest ich glaube ich hätte noch in der letzten
Stunde abgesagt
Als ob es die erste Gesellschaft wäre die Du mitmachst
Aber die erste in Berlin
Wo es genau so ist wie in Magdeburg und überall Assessoren
Regierungsräte Geheimräte und so weiter Lieutenants Hauptleute Obristen und
so weiter immer dieselben stereotypen Gesichter immer dieselben stereotypen
Redensarten Es ist zum Verrücktwerden Was machst Du so ein kleines dümmliches
Gesicht
Dass ich Dich so reden höre Und ich denke Du schwimmst hier in Glück
Um Klotildens feine Lippen zuckte ein bittres Lächeln
Sei Du erst vier Jahre verheiratet sagte sie Adelens volle Wange leicht
berührend dann wollen wir uns wieder sprechen
Und wenn wir hundert Jahre verheiratet wären würden wir höchstens noch
hundertmal glücklicher sein bloß dass es nicht möglich ist
Ja Du und Dein Elimar
Du meinst wir könnten nicht die Ansprüche machen
Das habe ich weder gesagt noch gedacht Es wäre auch sehr dumm wenn ich es
gedacht hätte Ich wüsste nicht welche Ansprüche ich vor Dir voraus geltend
machen könnte oder Viktor vor Deinem Manne besonders jetzt wo er in das
Kriegsministerium berufen ist und zweifellos eine glänzende Karriere machen
wird
Die Damen standen in der geöffneten Tür Klotilde bereits halb auf dem
schmalen dunklen Flur Aber sie machte keine Anstalt zum Gehen sondern blieb
unbeweglich nachdenklich vor sich nieder blickend In Adelens Herzen regte sich
eine peinliche Empfindung Sie hatte nie anders geglaubt als dass ihre Kousine
in der glücklichsten Ehe lebte Aber ihre letzten Worte klangen nicht danach
ihre düstere Miene war nicht danach schon während des ganzen Besuches und nun
eben jetzt
Nicht als ob wir Elimar und ich immer daccord wären sagte sie gutmütig
schnell Gar nicht Wir zanken uns oft ganz fürchterlich Das ist in der Ehe mal
so Nicht wahr
Je nachdem erwiderte Klotilde mit demselben starren nachdenklichen Blick
Viktor und ich zanken uns nie
Na da siehst Du es rief Adele triumphierend
Aus einem sehr triftigen Grunde fuhr Klotilde fort die Augen langsam
erhebend aber an Adele vorüber in das Zimmer sehend er geht seinen Weg ich
gehe den meinen Da ist denn dafür gesorgt dass wir nicht karambolieren
Das ist doch nicht Dein Ernst sagte Adele ganz verblüfft
Weshalb nicht erwiderte Klotilde Du glaubst gar nicht wie gut es sich
lebt wenn jeder seine Interessen verfolgt Was ja nicht ausschliesst dass die
Interessen gelegentlich zusammenfallen Im Gegenteil Ich habe zum Beispiel ein
großes Interesse daran dass Viktor in seiner Karriere schnell vorwärts kommt
und helfe ihm dabei wo und wie ich kann
Aber was kann man dabei groß helfen fragte Adele verwundert
Klotilde wurde die Antwort erspart In der Flurtür wurde ein Schlüssel
gedreht eine hohe männliche Gestalt trat schnell herein und kam mit langen
Schritten auf die Damen zu
Elimar rief Adele ihrem Gatten entgegenlaufend Rate wer mich besucht
Da ist nicht groß zu raten Närrchen erwiderte Elimar an Klotilden
herantretend und die Hand die sie ihm reichte küssend Aber blieb sehr lieb
ist es von Ihnen dass Sie so schnell gekommen sind sich meiner Kleinen in ihren
tausend Nöten anzunehmen Wollen wir nicht in das Zimmer treten Die wichtigen
Dinge welche die Damen zwischen Tür und Angel zu erledigen pflegen müssten da
freilich vertagt werden
Nur einen Augenblick sagte Klotilde nur um mich zu überzeugen ob es wahr
ist dass der Mensch mit seinen größeren Zwecken wächst
Das sollte mir bei meinen sechs Fuß und darüber doch schwer werden
erwiderte der Hauptmann lächelnd
Aber Klotilde ist noch gewachsen rief Adele Jetzt sehe ich er erst recht
wo Ihr nebeneinander steht Findest Du nicht auch
Ich finde Deine Kousine nur so schön und schlank und elegant wie immer
seitdem ich das Glück habe sie zu kennen
Mit welchem Kompliment ich mich denn ganz gehorsamst verabschieden will
sagte Klotilde sich ironisch tief verbeugend Also adieu Schatz bis heute
abend Au revoir Herr Hauptmann Und wenn ich Ihnen raten darf gehen Sie
heute abend mit Ihren Galanterien etwas sparsamer um die Konkurrenz ist zu
groß
Wenn alle Damen mir durch ihre Liebenswürdigkeit die Galanterie so leicht
machten
Adele Dein Mann ist positiv gemeingefährlich Du musst ihn kürzer in den
Zügel nehmen
Ist schlechterdings unmöglich gnädige Frau
So sagt Ihr Männer stets Übrigens das »gnädige Frau« darf ich mir wohl
verbitten Ich denke wir nennen uns einfach bei unsern Vornamen wenn wir unter
uns und meinetwegen lieber Cousin und liebe Kousine wenn wir unter Leuten
sind
Seien Sie versichert dass ich diese Erlaubnis wie einen höchsten Orden
tragen werde
Nun mach aber dass Du fortkommst rief Adele Du verdrehst mir ihm ja völlig
den Kopf
Aber Schatz von Zeit zu Zeit einem Manne den Kopf zu verdrehen das ist
doch noch der einzige Spaß den wir im Leben haben
Sie war zur Flurtür hinausgeschlüpft Adele hatte sich in den Arm ihres
Gatten gehängt während sie über den dunklen Korridor nach dem Wohnzimmer
gingen
Sie meint es gewiss nicht so sagte Adele den untergefassten Arm zärtlich
drückend
Ich weiß nicht erwiderte Elimar ihre Augen schienen mir das Programm zu
bestätigen
Ja was ist das nur mit ihren Augen rief Adele Es ist mir auch
aufgefallen Die sind gar nicht mehr wie vor vier Jahren Hast Du nicht auch die
Empfindung dass sie in ihrer Ehe nicht glücklich ist
Möglich wäre es schon In der Ehe wie überall stoßen gleichnamige Pole
einander ab
Was heißt das gleichnamige Pole
Das heißt erstens dass Du mein höchst ungleichnamiger Pol bist und
zweitens dass ich in Ohnmacht falle wenn nicht in fünf Minuten die Suppe auf
dem Tisch steht
Mit Dir ist doch kein vernünftiges Wort zu sprechen Du Ungeheuer Wenn ich
nur wüsste weshalb ich Schaf das Ungeheuer so lieb habe
Sie hatte sich auf die Zehen stellend Elimar ein paar herzhafte Küsse auf
die Lippen gedrückt und war zu Tür hinaus
Elimar war aus dem Wohnzimmer in sein kleines Arbeitskabinett nebenan
getreten legte die Mütze und eine dünne schwarze Mappe die er noch immer unter
dem linken Arme geklemmt hielt auf den Tisch schnallte seinen Säbel ab den er
in die Ecke stellte und begann langsam die Handschuhe ausziehend nachdenklich
auf und ab zu gehen
Ja ich habe sie sehr geliebt das schöne schlanke braunäugige Mädchen
Und sie hat es gewusst Wann wüsste ein Mädchen das nicht Aber damals spielte die
Geschichte mit Baron Platow der dann abschnappte Und dann heiratet man Hals
über Kopf den ersten Besten der einem in den Weg läuft und macht sich Zeit
seines Lebens unglücklich Pah
Er warf die ausgezogenen Handschuhe in die Mütze
Unglücklich Wer ist denn glücklich Wer zu resignieren gelernt hat Niemand
sonst
Elimar rief Adelens helle Stimme aus dem Speisezimmerchen neben der
Wohnstube
Ich komme Kind rief Elimar zurück
Zweites Kapitel
Klotilde schritt die Mauerstrasse in welcher die Wohnung der Meerheims lag nach
der Leipziger Straße zu In dem Putzladen an der Ecke hatte sie nach einem
Fächer zu fragen der repariert werden sollte Der Fächer war noch nicht fertig
Während sie vor dem Ladentische wartend saß und eine der Verkäuferinnen die
gnädige Frau zu unterhalten sich bemühte dachte sie an Adelens Kleid für heute
abend Sie hätte ihr doch eigentlich sagen sollen dass das Kleid für die große
Gesellschaft unmöglich war Sie wird darum doch riesig gefallen Ich kenne das
Eine neue Erscheinung danach schnappen sie alle Und die lachenden Augen die
weißen Zähne die frischen roten Lippen Furore wird sie machen Dass in dem
kleinen hohlen Schädel auch nicht ein einziger Gedanke steckt was tut denn
das Wer fragt danach
Der Fächer wurde gebracht Klotilde griff nach dem Portemonnaie
Aber gnädige Frau lassen Sie doch sagte die Verkäuferin Wir schreiben es
zu dem übrigen
Wie Sie wollen
Der Pferdebahnwagen nach dem Lützowplatz kam nicht gleich An der Ecke
standen nur Droschken zweiter Klasse die sie grundsätzlich nicht benutzte So
fing sie an die Leipziger Straße hinabzugehen die im Laden angesponnene
Gedankenkette weiter spinnend
Wie er sie nur hat heiraten können Ein so geistvoller Mensch Darüber ist
doch nur eine Stimme Sie hätten ihn auch sicher sonst nicht in das
Kriegsministerium genommen Und dieses Gänschen Diese richtige Gans Ihre paar
Groschen können es auch nicht gewesen sein die hätte er bei mir ebenfalls
gehabt Und was kann ihm der SchwiegerpapaOberst aD für seine Karriere
nützen Also das hübsche Mäskchen und die Langweile die grauenhafte
Magdeburger Langeweile Ein bisschen amüsanter ist es hier doch Doch wenigstens
die Möglichkeit einer interessanten Begegnung eines pikanten Zufalls
Klotilde war bis zur nächsten Haltestelle gekommen gerade als der
erwartete Wagen sie einholte Sie stieg ein Der Wagen war nur mäßig besetzt
was sie durchaus in der Ordnung fand ein sehr gefüllter erschien ihr stets als
eine persönliche Beleidigung Wer mag denn mit Kreti und Pleti in dem engen
Kasten eingepfercht sein
Nichtsdestoweniger musterten ihre scharfen Augen gewohnheitsmässig die
Insassen und blieben auf einem Herrn in der entferntesten Ecke der
gegenüberstehenden Bank haften Da war ja so etwas von einem pikanten Zufall
Wenigstens begegnete einem ein so hübscher Mann nicht alle Tage Man hätte ihn
vielleicht sogar schön nennen können mit seiner geraden Nase und dem offenbar
sorgfältig gepflegten rötlichen Vollbart Ein Offizier in Civil Möglich Nur
dass der Anzug dafür vielleicht zu elegant war und vor allem zu gut saß Auch
pflegen Offiziere unterwegs nicht in einem Buche zu lesen Wenn er doch mit dem
dummen Lesen aufhören wollte dass man wenigstens seine Augen sehen könnte
In dem Momente senkte der Herr das zusammengeklappte Buch zwischen den
behandschuhten Händen auf die Kniee steckte es dann in die Seitentasche seines
Paletots ließ seine Blicke durch den Wagen schweifen und sah mit der Miene
eines der sich tödlich langweilt seitwärts zum Wagenfenster hinaus auf die
Straße
Klotilde war empört Sie hatte als der Herr sie erhob seine Augen sehr
deutlich gesehen ganz ungewöhnlich große ausdrucksvolle blaue Augen und
förmlich körperlich gefühlt dass diese Augen im Vorüberstreifen des Blicks ein
paar Sekunden auf ihr geruht hatten Und konnten jetzt durch das Fenster nach
der wimmelnden Menge auf dem Trottoir starren als ob es hier im Wagen
schlechterdings nichts zu sehen gäbe
Ich habe mich geirrt sagte sie bei sich er gehört nicht zur Gesellschaft
Während der Wagen in vollem Fahren war hatte sich ein Herr auf den
Hinterperron geschwungen einen Blick in den Wagen geworfen mit freudig
erregter Miene vor Klotilde tief den Hut gezogen und stand jetzt die Tür eilig
aufschiebend vor ihr auf den leeren Sitz neben ihr deutend
Darf ich gnädige Frau
Aber lieber Fernau was könnte mir angenehmer sein
Sie sind die Güte selbst rief der junge Mann Klotildens dargebotene Hand
feurig drückend während er ihr zur Seite Platz nahm Seitdem ich weiß dass
gnädige Frau Pferdebahn fahren werde ich mich nie eines andern als dieses mir
so verhassten Vehikels bedienen
Ja lieber Freund wir armen Assessorenfrauen
Wer denkt an arme Assessorenfrauen wenn er Sie sieht Wer kann Sie sich
anders vorstellen als in einem goldnen von Tauben gezogenen Wagen
Den ich mir sofort anschaffen werde sobald ich Ihnen in einem Muschelkahn
begegnet bin vor den ein Schwan gespannt ist
Gnädige Frau waren gestern im Lohengrin
Ich habe mit Bedauern bemerkt dass Sie fehlten
Sehr gütig Aber offen gestanden seit ich im Sommer in Baireut die
Musteraufführung gesehen habe kann ich mich nicht entschließen mir den
kolossalen Eindruck durch unsern landläufigen Schlendrian hier zu verleiden
Aber ein Schwanenritter im seidenen Wams das denke ich mir schrecklich
Ich versichere gnädige Frau das heißt ich war auch stupéfait aber nur
im ersten Augenblick Dann ging mir sofort das rechte Licht auf Und nun gar
Sie mit Ihrer für alles Grossartige so empfänglichen Seele Sie würden entzückt
sein
Klotilde hatte das leise Gespräch mit ihrem Bewunderer eifriger geführt als
sie es sonst vielleicht getan hätte aber ihre Absicht die Aufmerksamkeit des
Herrn da drüben zu erwecken erreichte sie nicht er blickte jetzt zwar nicht
mehr zum Fenster hinaus aber gerade vor sich nieder nach dem ernsten Ausdruck
seiner Miene in wenig erfreuliche Gedanken versunken
Kennen Sie den Herrn dort fragte Klotilde ihren eifrigen Begleiter mitten
in einem angefangenen Satze unterbrechend
Welchen Herrn
Klotilde winkte mit den Augen nach dem Nachdenklichen in der Ecke
Legationsrat von Fernau klemmte das Lorgnon in das Auge blickte in die von
der Dame angedeutete Richtung und erwiderte
Nein Warum
Wofür halten Sie den Herrn
Das Lorgnon welches bereits fallen gelassen war musste abermals seine
Dienste tun diesmal länger als das erste Mal
Nun
Für einen Plebejer der sich furchtbare Mühe gibt wie ein Gentleman zu
erscheinen
Der pure Brotneid
Aber gnädige Frau Sie können doch unmöglich anderer Meinung sein
Vielleicht doch
Dann werde ich mir von morgen an einen Vollbart stehen lassen und mir Mühe
geben wie ein Schulmeister auszusehen
Und das wäre kein Brotneid
Ja bei Gott er ist es furchtbarer Neid auf jeden der nur an den Saum
Ihres Kleides rührt nur in Ihre Nähe kommt nur
Bitte halten sagte Klotilde zu dem Schaffner der eben gerade durch den
Wagen ging
Gleich meine Dame sagte der Schaffner
Klotilde saß in ihre Ecke zurückgelehnt ihr Gesicht war lebhaft gerötet
Fernau erschrak offenbar war er zu weit gegangen und hatte die schöne Frau
ernstaft beleidigt
Aber das war es nicht Es war nur dass gerade in dem Moment als der junge
Mann soweit es die Schicklichkeit irgend erlaubte sich zu ihr hinabbeugend
leidenschaftlich hastig die letzten Worte flüsterte der Herr drüben den Kopf
gewandt und sie wie ihr schien scharf ins Auge gefasst hatte Sie sagte sich
sofort dass es nur zufällig gewesen sein könne überdies hatte sie vom ersten
Augenblick etwas der Art gewünscht die kleine Komödie wesentlich deshalb
gespielt und fühlte sich jetzt beschämt wie ein Schulmädchen das der Lehrer an
der Straßenecke im têtêàtête mit dem hübschen Primaner ertappt
Sie zürnen mir gnädige Frau sagte der junge Mann bedrückt
Ach lieber Freund da hätte man viel zu tun wenn man Euch Kindern so oft
zürnen wollte wie Ihr es verdient Wir sehen uns doch heute abend bei
Sudenburgs
Gewiss gnädige Frau
Dann also au revoir
Darf ich bitten mich dem Herrn Gemahl zu empfehlen
Wenn ichs nicht vergesse
Der Wagen hielt Fernau wäre für sein Leben gern mit der schönen Frau
ausgestiegen aber er wagte es nicht Dafür warf er während der Wagen weiter
fuhr dem Herrn in der Ecke mehr als einen wütenden Blick zu welchen dieser
der wieder vor sich nieder sah glücklicherweise nicht bemerkte
Das ist doch seltsam sagte Klotilde bei sich während sie in der Querstrasse
auf ihre Wohnung zuschritt Was war das nur eigentlich mit dem Herrn Er war
nicht einmal so schön wie Fernau und Fernau hatte recht trotz seiner Eleganz
sah er doch eigentlich wie ein Spiessbürger aus Dennoch wunderlich ich glaube
wahrhaftig das Herz hat mir ordentlich geschlagen Es ist nur die wahnsinnige
Langweile Es ist nur weil
Sie brach ihr Selbstgespräch jäh ab Auf der andern Seite der Straße um ein
weniges ihr voraus ging ihr Mann Sie hätte ihn mit ein paar Schritten
einholen auf der fast menschenleeren Straße leichtlich mit einem halblauten
Viktor abrufen können Wozu Er würde sich nicht freuen sie zu sehen und sie
brannte nicht darauf sein gleichgültiges Ach sieh da Klotilde zu hören
Wenn ihr doch ein Mensch sagen könnte weshalb sie diesen gerade diesen
geheiratet hatte Und weshalb Menschen die sich nicht mehr lieben vielleicht
einander nie geliebt haben nun so miteinander weiter leben müssen
Ein bittres Lächeln zuckte um ihre Lippen Wie hatte sie zu Adele gesagt er
geht seinen Weg ich den meinen Nun ja da ging er und sie ging hier
Viktor war an dem Hause angelangt Er hatte geschellt blickte auf das
Öffnen der Tür wartend sich zufällig um und sah seine Frau über den
Strassendamm kommen
Ach sieh da Klotilde Aus der Stadt
Ja Ich muss an Dir vorübergefahren sein
Drittes Kapitel
Die schönen Räume der Wohnung des Ministerialdirektors Sudenburg hatten seit
einer halben Stunde angefangen sich mit den eingeladenen Gästen zu füllen Die
ersten waren wie stets die jungen unverheirateten Offiziere gewesen die mit
dem Glockenschlage acht sich einfanden Kameraden zumeist der beiden älteren
Söhne des Hauses Fritz und Franz Sekondelieutenants Fritz in der Artillerie
Franz in der Infanterie Zum Glück für Stephanie die kaum noch wusste was sie
mit dem uniformierten wenig ausgiebigen Schwarm beginnen sollte waren dann
auch bald beinahe gleichzeitig ihre liebste Freundin Klotilde mit Viktor und
Adele mit ihrem Gatten gekommen und sie musste vorerst einmal Adele welche ganz
neu in diesen Kreis trat »ein wenig lancieren« Adele hatte es ihr nicht schwer
gemacht Von der Furcht die sie heute vormittag angesichts ihres Debüts in der
Berliner Gesellschaft gehabt haben wollte war schlechterdings nichts zu
bemerken Jeder der ihr Vorgestellten gleichviel ob Herr oder Dame schien für
sie eine intime Bekanntschaft zu sein deren Anfang bis in ihre Kinderjahre
zurück datierte Eine entzückende kleine Person sagte Hauptmann von Luckow zu
ein paar jüngeren Kameraden Diese lachenden blauen Augen diese lustig
blitzenden weißen Zähne dies fröhliche Geplauder wahrhaftig das wirkt wie
eine Oase auf den verschmachtenden Wanderer in der Wüste
Das Wort machte die Runde Es dauerte nicht lange bis mindestens unter
den jüngeren Herren keiner von Adele anders als von der »Oase« sprach
Inzwischen hatte sich Elimar ebenfalls sein Terrain erobert ohne dass man
von ihm so wenig wie von Adele sagen konnte er habe es darauf abgesehen
gehabt Aber seine gehaltene gegen Höher und Niedrigerstehende gleich
liebenswürdige Freundlichkeit seine große Unterhaltungsgabe der jedes Thema
genehm und die doch niemals nach Beifall und Bewunderung zu haschen schien die
Melodie selbst seiner immer nur halblauten und immer gleich verständlichen
Stimme es wäre nicht erst nötig gewesen dass der Kriegsminister der eben
erschienen war ihn sobald er nur erst die Wirte begrüßt sofort durch ein
längeres augenscheinlich sehr intimes Gespräch auszeichnete um die
Gesellschaft von der Bedeutenheit des Mannes zu überzeugen
Die Gesellschaft war jetzt beinahe vollzählig es schien sogar ein wenig an
Raum zu fehlen aber nur weil in der langen Flucht der Zimmer einige so gut wie
leer blieben während die Herrschaften sich in einigen wenigen zusammendrängten
Mama hat gut reden sagte Fritz zu Franz sich heimlich den Schweiß von der
Stirn wischend ich kann sie nicht auseinander bringen sie stehen wie die
Mauern
Wenn man die kleine Meerheim da loseisen könnte Es laufen dann gleich ein
Dutzend nach
Wird sich kaum noch der Mühe verlohnen Endlich müssen wir doch einmal zum
Souper kommen Bist Du mit der Tischordnung fertig
Hat sich was mit Tischordnung wenn Stephanie mir die ganze Geschichte
wieder umkrempelt Sagt ich hätte lauter dummes Zeug gemacht
Wirst Du auch alter Sohn
Meinetwegen Ich bekümmere mich nicht mehr darum
An einen Schwarm von Herren der Klotilde umringte trat Viktor eilfertig
heran
Verzeihung Ihr Herren Ich möchte meiner Frau
Bitte bitte
Was gibts fragte Klotilde
Hast Du mit Excellenz schon gesprochen
Welcher Es sind ein halbes Dutzend hier
Mein Gott mit unsrer natürlich
Ich weiß noch gar nicht dass sie hier sind
Schon seit einer Viertelstunde Er ist allein da und hat mich schon nach Dir
gefragt Bitte komm gleich mit
Er hatte ihr den Arm geboten den sie ihm willig reichte Excellenz war
einer ihrer wärmsten Verehrer und von Excellenz allein hing es ab ob Viktors
Ernennung zum Regierungsrat bereits zu Neujahr oder erst zu Ostern erfolgte
Du kannst ihm auch sagen flüsterte Viktor während sie sich durch die Menge
drängten dass ich die halben Nächte über den Akten sitze
Lass mich nur machen flüsterte Klotilde zurück und bei sich sagte sie
meinetwegen die ganzen
Es musste für diesmal bei ihrem guten Willen bleiben Als sie endlich bis in
die Nähe des allmächtigen Mannes gelangten fanden sie ihn in einer wie es
schien sehr eifrigen Unterhaltung mit dem Kollegen vom Kriegsministerium einem
andern hohen Offizier und dem Wirt des Hauses Für den Augenblick war an eine
Annäherung nicht zu denken
Dann aber unter allen Umständen nach Tisch sagte Viktor ärgerlich Wirst Du
tanzen
Sonderbare Frage
Ich wollte nur sagen richte es so ein dass Du für einen oder ein paar
Tänze frei bleibst Nach Tisch ist er immer am zugänglichsten
Nachgerade weiß ich wirklich was ich zu tun habe
Ich wäre der Letzte der daran zweifelte
Also Wollten Sie etwas von mir liebe Stephanie
Etwas sehr Dringendes Bitte Herr von Sorbitz
Viktor war mit einer Verbeugung zurückgetreten Stephanie hatte die Freundin
unter den Arm gefasst und ein paar Schritte seitwärts aus dem Schwarm in eine
leere Fensternische geführt
Um was handelt es sich fragte Klotilde
Liebes Herz Du kannst mir aus einer großen Verlegenheit helfen Wie ich
eben die Tische revidiere sehe ich dass Franz neben anderm Unsinn man kann
dem Jungen wirklich nichts überlassen einen Gast den wir heute zum erstenmale
hier haben ganz falsch placiert hat
Meinen Cousin Meerheim
Den habe ich für mich genommen Nein Aber Klotilde nun kannst Du einmal
wirklich zeigen dass Du mich lieb hast
Mein Gott das klingt ja ganz feierlich
Feierliches ist nun schon gar nicht dabei Aber Franz hatte Dir Fernau
gegeben und ich weiß dass Du ihn gern hast
In allen Ehren
Aber Schatz das versteht sich doch von selbst Er soll jetzt Deine Kousine
führen Ich habe eben Franz zu ihm geschickt er habe Euch beide verwechselt
Fernau wird entzückt sein
Das gerade nicht obgleich die kleine Dame wirklich ganz allerliebst ist
trotz ihres mindestens dreimal neu garnierten Kleides Für Dich nur Du armes
Opferlamm
Ich bin auf alles gefasst
Das heißt so schrecklich ist er gar nicht im Gegenteil ich kann mir
denken dass es Damen gibt die für ihn schwärmen ebenso wie seine Jungen Gott
sei Dank nun ist es heraus Es ist also der Ordinarius von Oskars Klasse der
sich Oskars sehr annimmt Und Papa der sehr große Stücke auf ihn hält was Du
ja schon daraus sehen kannst dass er heute abend eingeladen ist hat mir auf
die Seele gebunden ihn auf irgend eine Weise auszuzeichnen Nun Schatz wie
könnte ich das besser als wenn Du die kolossale Liebenswürdigkeit hättest
Ich habe die kolossale Liebenswürdigkeit Her mit dem Mann Wo ist er
Er ist eben erst gekommen diese Leute denken es ist vornehm wenn man
spät kommt und spricht oder sprach vorhin nebenan mit Mama Ich hole ihn
Dir
Noch eins Wie heißt er
Winter Doktor Winter oder Professor Ich weiß nicht Finde ich Dich hier
wieder
Stephanie war davongeeilt
Adieu the quitter cest mourir sagte hinter Klotilde nicht eben weit von
ihrem Ohr eine leise Stimme
Aber es muss doch nicht gleich sein rief Klotilde sich lachend wendend
Auf der Stelle erwiderte Fernau Hélas madame
un présage terrible
Doit livrer mon coeur à leffroi
Jai cru voir dans un songe horrible
Un échafaud dressé pour moi
Sollte das nicht etwas zu spät kommen Mir scheint Sie haben Ihren Kopf
bereits verloren
Wer ihn über gewisse Dinge nicht verliert hat keinen zu verlieren Also
Adieu charmant pays de France
Adieu Sie Unverbesserlicher Sie
Klotilde kam nicht weiter die Stimme versagte ihr und das Blut schoss ihr in
die Wangen neben ihr stand Stephanie mit einem Herrn der sich eben tief
verbeugte und in welchem sie trotz der veränderten Kleidung und der andern
Beleuchtung sofort jenen Passagier in der entgegengesetzten Ecke des
Pferdebahnwagens erkannte
Hier liebe Klotilde bringe ich Dir Herrn Professor Albrecht Winter der
glücklich ist Deine Bekanntschaft zu machen Herr Professor Winter Herr
Legationsrat von Fernau
Ich habe die Reisebriefe des Herrn Legationsrats durch die südlichen
Provinzen Frankreichs mit Entzücken gelesen sagte Albrecht verbindlich
Sehr obligiert Herr Professor Die Tage des seligen Tümnel mit ihrem
sentimentalen Postornschall und lustigem Peitschenknall sind leider vorüber
Was wir an Sentimentalität und Humor verloren haben wir an der scharfen
Beobachtung von Land und Leuten reichlich gewonnen
Und so weiter nach Tisch rief Stephanie Herr Professor Sie wissen dass
Ihnen das große Los zugefallen ist die gnädige Frau zu führen Da kommen die
älteren Herrschaften schon Schliessen Sie sich bitte hernach an Machen Sie
dass Sie zu Ihrer Dame gelangen Herr von Fernau Ich muss auch nach meinem Herrn
sehen
Stephanie hatte Fernau mit sich genommen
Da das große Los nun einmal auf mich Unwürdigen gefallen sagte Albrecht
Klotilde den Arm bietend
Ich glaube ich bin verrückt sagte Klotilde bei sich als sie fühlte dass
die Hand die sie auf ihres Begleiters Arm legte zitterte
Sie hörte auch kaum etwas von dem was der Professor sagte während sie so
auf den Moment warteten wo sie sich dem paarweisen Zuge der aus den
Nebenzimmern nach dem Speisesaale strömte anschließen konnten Das Geschwirr
der Stimmen welches vorhin die Räume sinnverwirrend erfüllt hatte konnte nicht
schuld daran sein es herrschte eben jetzt eine fast lautlose Stille Aber auf
ihrer Seele lag es wie eine Betäubung die ihr sonst völlig fremd war und für
die sie vergebens nach einer Erklärung suchte Diese so unerwartete
Wiederbegegnung noch an demselben Tage war ja überraschend nur dass sie für
Überraschungen eine große Vorliebe hatte und die verblüffte Miene von Fernau
bei der Vorstellung dessen der ihn aus dem »charmant pays« verdrängte das war
eigentlich furchtbar komisch gewesen Weshalb dann also dies alberne Herzklopfen
und diese bängliche Empfindung wie vor einer hereindrohenden Gefahr Es war
positiv lächerlich und der Herr Professor musste wirklich glauben sie sei ein
Gänschen von Buchenau das zum erstenmal von Sterne und sentimental yournei
reden hörte Sie wollte wenn sie erst einmal saßen schnell ein Glas Sekt
trinken Das würde ihr den Kopf schon wieder in Ordnung bringen
Als die letzten der jüngeren Herrschaften zu denen Klotilde und ihr
Begleiter gehörten den Speisesaal betraten hatten die älteren bereits in
dessen kleinerem nur durch ein paar Säulen von dem größeren vorderen getrennten
Teil ihre Plätze eingenommen Der gewaltige von dem blendenden Licht der
Kronenleuchter und der zahlreichen Wandkandelaber durchflutete Raum bot einen
zauberhaften Anblick zumal als alle nun in ihren schmucken Uniformen
tadellosen Gesellschaftstoiletten lichten Gewändern um die vielen reich
servierten blumengeschmückten Tische gruppiert lachend und plaudernd saßen
und die Menge der Diener in schmuckhaften Livreen lautlos geschäftig die
Schüsseln präsentierte und die Gläser füllte
Albrechts Herz schwoll Da war doch einmal einer seiner Träume zur
Wirklichkeit geworden Er in diesem fürstlichen Saal inmitten der besten
Gesellschaft der Residenz an der Seite einer schönen Frau Da würden ja
vielleicht auch die andern nicht immer Träume bleiben sich ihm die Pforten des
königlichen Schauspielhauses öffnen an die er nun bereits seit zwei Jahren
vergebens ungeduldig pochte Und die kaiserliche Loge in die ihn der
GeneralIntendant führte huldreiche Worte über sein gelungenes Werk aus
allerhöchstem Munde zu vernehmen Evoe Bakche evoe rief es in ihm während er
den Schaum von seinem Champagnerglase schlürfte und dabei in die prachtvollen
Augen seiner reizenden Nachbarin blickte
Viertes Kapitel
Klotilde hatte gefürchtet sie würde mit dem Herrn Professor ein schauderhaft
gelehrtes Gespräch zu führen haben und sah sich aufs angenehmste überrascht
als ihr diese Pein durchaus erspart blieb Nicht dass von den Lippen des Herrn
nicht hin und wieder eine Anspielung auf irgend einen wissenschaftlichen
Gegenstand oder etwas das ihr wenigstens so erschien gekommen wäre Aber
immer doch nur eine Anspielung die seiner Unterhaltung sogar einen gewissen
originellen Reiz gab und ihr schmeichelte da er doch jedenfalls annahm dass sie
für diese Winke nach höheren Regionen das volle Verständnis besaß Im übrigen
war was er vorbrachte und er brachte viel sehr viel vor er schien
unerschöpflich doch nur eine Plauderei die ihr allerdings um einen
beträchtlichen Grad geistreicher schien als die an welche sie in ihrer
Gesellschaft gewöhnt war Zu der er wollte sie ihn nur nach seinen Manieren und
seinem Äußeren beurteilen am Ende auch gehörte Einer eleganteren Toilette
konnte sich keiner der Herren in Civil rühmen Frack und Weste waren nach dem
neuesten Schnitt das feine Vorhemd von blendender Weiße die Krawatte saß
tadellos War ihr doch schon heute nachmittag in dem Pferdebahnwagen die
Sorgfalt mit der er sich kleidete aufgefallen Und jetzt in seiner
unmittelbaren Nähe konnte sie sich überzeugen dass sie auch sonst seine
Erscheinung richtig taxiert hatte Mit seinen regelmäßigen Zügen der
feingewölbten Stirn den großen ausdrucksvollen blauen Augen dem prächtigen
blonden Vollbart der stattlichen breitschulterigen hochbrustigen Figur musste
sie ihn wirklich für einen schönen Mann gelten lassen trotzdem sie eigentlich
an Blondins nicht leicht Geschmack fand und in Fernau mit seinem blauschwarzen
Haar und Bart und dem südlichen Oliventeint ihr Ideal sah Das Einzige was ihr
an dem schönen Manne unangenehm auffiel waren seine großen knochigen allzu
roten Hände In den Augen der Dame aus uralt freiherrlichem Geschlecht durfte
ein Mann den sie als ihresgleichen nehmen sollte solche Hände nicht haben
Las der Mann in ihren heimlichen Gedanken
Sie waren auf die landwirtschaftlichen Reize der deutschen Mittelgebirge
zuletzt auf die des Harzes zu sprechen gekommen
Aber Sie kennen den Harz wohl nicht sagte sie als sie bemerkte dass er
stiller geworden war und sie schließlich nur noch allein sprach
Meine Heimat erwiderte er mit einem melancholischen Lächeln
Da wären wir ja Landsleute rief Klotilde und nannte das Städtchen am Fuß
eines der Ausläufer des Gebirges in dessen Nähe das Stammgut ihrer Familie lag
Ich bin in der Wahl meines Geburtsortes weniger vorsichtig gewesen sagte er
mit demselben trüben Ausdruck Es ist ein armseliges hoch oben zwischen kahlen
Bergen eingeklemmtes Dorf Meine Eltern waren blutarme Bergleute Der Vater
wurde als ich sechs Jahre zählte in einem zusammenstürzenden Schacht
verschüttet meine Mutter starb ein Jahr darauf Die Gemeinde der ich zur Last
gefallen war machte mich zu ihrem Gänsejungen von dem ich zum Schafhirten
avancierte und ich hätte es sicher bei meiner entschiedenen Veranlagung zu dem
Berufe noch zum Kuhhirten gebracht nur dass sich der alte kinderlose Pastor
unseres Dorfes meiner annahm Er hatte in der Konfirmationsstunde Wohlgefallen
an mir gefunden glaubte ein zukünftiges Kirchenlicht entdeckt zu haben ließ
mich studieren adoptierte mich später sogar und vermachte mir als er starb
sein bisschen Hab und Gut Nun ich Undankbarer habe die Hoffnungen des guten
Mannes nicht erfüllt es nicht einmal über den Schafhirten hinausgebracht als
der sich so ein armseliger Schulmeister wenn die Jungen einmal wieder durchaus
nichts begreifen können oft genug vorkommt
Die kleine in halb elegischem halb satirischen Ton vorgetragene
Geschichte hatte einen starken Eindruck auf Klotilde gemacht und während der
Professor mit seinem Gegenüber dem Hauptmann von Luckow in ein Gespräch
geraten war hatte sie Musse sich diesen Eindruck zurecht zu legen Ein
Gänsejunge da oben auf den Bergen der es immerhin so weit bringt das war doch
einmal etwas anderes als das ewige Einerlei der Offizier und Beamtencarriere
das war doch sehr interessant sehr romantisch Und wie hübsch von ihm dass er
sich frank und frei zu seiner plebejischen Herkunft bekannte die Leute der Art
sonst nach Möglichkeit zu verschleiern suchen Und je tiefer er geboren war um
so großartiger war es doch von ihr wenn sie sich zu ihm herabliess Adieu
plaisant pays de France Maria Stuart und Rizzio Gewiss war Rizzio auch ein
armer Junge gewesen der sich von den sonnigen Gassen irgend einer italienischen
Stadt bis nach Schottland und in die königlichen Hallen und in das Herz der
schönen Königin gesungen hatte Mein Gott so ein bisschen unschuldige Liebelei
muss doch einer gelangweilten Königin erlaubt sein wenn auch Graf BoswellFernau
drüben am dritten Tische fortwährend wütende Blicke herüberschleudert Das macht
die Geschichte nur pikanter Welche denn Eine Episode die ein paar
Abendstunden währt und dann definitiv zu Ende geht ist doch noch lange keine
Geschichte wie sie das Verhältnis mit Fernau allerdings bereits zu werden
drohte Hier war nach keiner Seite auch nur die mindeste Gefahr
Und während diese Gedanken durch ihr erregtes Gehirn zuckten überlegte sie
schon wie es wohl aufzufangen sein möchte dass die Episode keine Episode
bliebe wie der interessante Mann wohl in ihren Kreis einzuführen in ihrem
Kreise festzuhalten wäre Viktor mit seiner hochmütigen Verachtung alles
Plebejischen und aller Plebejer musste schon aus der Rechnung fallen Aber das
wäre nicht das erste Mal gewesen Adele sie war so grundgutmütig und hing an
ihrer Schleppe Es würde ihr ein Leichtes sein Adele für den Professor zu
begeistern Und Elimar natürlich Er war ein halber Gelehrter Wie sollte der
nicht Geschmack an ihm finden Und Luckow da drüben der eben in seiner
Eigenschaft als Lehrer an der Kadettenschule ihn seinen Kollegen nannte Der
Hauptmann war freilich Junggesell aber als Intimer des Kreises immerhin ein
Stein mehr im Brett Hier im Hause erschien der Professor so wie so völlig
akkreditiert Die Sache würde sich machen musste sich machen Sie hatte schon
schwierigere Dinge siegreich zustande gebracht
Da in dem Moment als der Professor sich aus der Unterhaltung mit Luckow
wieder zu ihr wandte wurde die Tafel aufgehoben Bereits kamen die Excellenzen
und andere Hochwürdenträger mit ihren Damen durch den Saal die jüngeren
Herrschaften standen nur noch an ihren Plätzen jene vorüberzulassen und sich
ihnen dann anzuschließen Der Professor hatte ihr wieder den Arm gereicht Ihre
Hand zitterte jetzt nicht mehr eine freudig sieghafte Empfindung füllte ihr
Herz und ließ sie mit einem ihrer vollen Blicke deren Gewalt über Männerherzen
sie nun schon so oft erprobt hatte zu ihrem Begleiter aufschauen und die Lider
nicht senken vor dem Feuer der Bewunderung das aus seinen großen Augen auf sie
herabflammte
Gott segne Sie gnädige Frau für die selige Stunde die Sie einem
Unglücklichen bereitet haben sagte er so leise dass nur eben sie es verstehen
konnte
Es war eben auch für mich eine liebe Stunde gab sie ebenso leise zurück
Und Sie tun unrecht mir die freundliche Erinnerung durch solche schmerzlichen
Worte zu trüben
Wenn ich das Glück hätte näher von Ihnen gekannt zu sein würden Sie in
Ihrem schönen Herzen nicht mehr den Mut finden mir den Titel eines
Unglücklichen zu bestreiten
Es klang in dem Flüstertone so herzbeklemmend Klotilde musste nun doch die
Wimpern niederschlagen aber nur weil sie fühlte dass ihre Augen brannten und
fürchtete sie könnte die unsägliche Torheit begehen und in Tränen ausbrechen
Ich bin positiv verrückt sagte sie bei sich
Man war in die Vorderzimmer gelangt Er hatte sich mit einer tiefen
Verbeugung von ihr verabschiedet und war alsbald in dem Gedränge verschwunden
das jetzt noch größer war als vor Tisch In dem Lärm der durcheinander
schwirrenden weinlauten Stimmen konnte man das eigene Wort kaum noch verstehen
Klotilde kam es gelegen sie war sich bewusst zu den Herren die sie umringten
und alle zugleich auf sie einsprachen ganz tolles Zeug zu reden Denn
urplötzlich hatte sie im stärksten Grade eine jener übermütigen Launen gepackt
die man an ihr kannte und in diesen Kreisen entzückend fand In witzigen und
neckischen Wendungen verteidigte sie gegen den Ansturm von einem halben Dutzend
Aspiranten die beiden freien Tänze die sie noch auf ihrer Karte hatte Sie
habe während man diese Tänze tanze eine hohe diplomatische Mission zu
erfüllen sie müsse unterdessen den Staat retten dabei war ihre freudige
Hoffnung die »Kourschneiderei« bei Excellenz zu der sie ihr Mann verpflichtet
werde nur ein paar Minuten dauern und sie so wenigstens einen Tanz für den
Professor herausbringen der ja unmittelbar vor dem Souper gekommen war und
sich sicher in diesem ihm fremden Kreise nicht engagiert hatte Vorausgesetzt
dass er überhaupt tanzte Aber warum sollte er nicht Er tanzte sogar zweifellos
vorzüglich
Ein lustiges Wort das sie eben dem Hauptmann von Luckow erwidern wollte
erstarb ihr auf den Lippen Sie sah den Professor auf sich zukommen mit einer
Dame am Arm die sie nicht kannte einer kleinen untersetzten Dame deren
unmodische Frisur und einfache dunkle Toilette so gar nicht in diesen Kreis
passten dass ihr erster Gedanke war »wie um Himmelswillen kommt denn die
hierher« Zu einem zweiten Gedanken blieb ihr keine Zeit denn jetzt war
während die anderen Herren etwas zurückwichen der Professor an sie
herangetreten und sagte die Dame vom Arm lassend
Ich wollte nicht aus der Gesellschaft scheiden ohne der gnädigen Frau meine
Frau vorgestellt zu haben
Klotilde war aufs heftigste erschrocken kaum dass sie die etwas linkische
Verneigung der Frau Professor mit dem nötigen gesellschaftlichen Anstand
erwidern konnte Das Blut musste ihr aus den Wangen geschwunden sein sie fühlte
es deutlich und wie es im nächsten Moment gewaltsam zurückschoss Dann aber
hatte sie die angewohnte Selbstbeherrschung zurückgewonnen
Aber wie unrecht gnädige Frau sagte sie mit einem Lächeln das vielleicht
noch etwas gewaltsam war so spät kommen und die Gesellschaft dann wenn ich
Ihren Herrn Gemahl recht verstanden habe so früh verlassen wollen
Ich habe drei Kinder zu Haus erwiderte die Dame und das jüngste ist erst
acht Wochen alt Da hat man nicht viel Zeit für Gesellschaften übrig
Nein gewiss nicht sagte Klotilde höflich
Besonders wenn man selbst stillt fügte die Dame hinzu
Dann besonders nicht sagte Klotilde
Ihr Blick hatte unwillkürlich den Professor gestreift sie hätte beinahe
laut aufgelacht Welch ein verlegen albernes Gesicht der Mann machte
Er mochte es selber empfinden denn er sagte mit hörbarer Ungeduld
Wir dürfen die gnädige Frau der Gesellschaft nicht länger entziehen liebe
Klara Gnädige Frau meine gehorsamste Empfehlung
Es hat mich sehr gefreut sagte Klotilde der Frau Professor die Hand
reichend während der Professor sich mit einem gnädigen Kpofnicken begnügen
musste Dann hatte sie sich schnell zu den andern Herren gewandt die sofort
wieder herangetreten waren die meisten mit lächelnden Mienen
Um Himmelswillen gnädige Frau rief der Lieutenant von Sperber wer war
denn diese höchst eigentümliche Erscheinung
Darüber kann ich genaue Auskunft geben erwiderte anstatt Klotildes der
Assessor von Visselbach Mir ward die völlig unverdiente Ehre die Dame zu Tisch
zu führen Bei Gott nach zehn Minuten hätte ich glauben können mich in einer
Kleinkinderbewahranstalt zu befinden
Schade sagte der Hauptmann von Luckow Der Professor ist wirklich ein sehr
unterrichteter sehr charmanter Mann Habe ich nicht recht gnädige Frau
Klotilde brauchte nicht zu antworten Viktor kam sie zu seinem hohen Chef
zu führen der aufbrechen wollte Es war keine Minute zu verlieren
Sie hätte nicht sagen können was sie dann mit seiner Excellenz gesprochen
Aber sie musste wohl das Rechte getroffen haben Excellenz waren die
Liebenswürdigkeit und Güte selbst gewesen Viktor der in decenter Nähe dabei
gestanden hatte wiederholt zufrieden gelächelt und sagte als die Unterredung
zu Ende war ihren Arm in den seinen nehmend und ordentlich zärtlich drückend
Das hast Du einmal wieder superb gedeichselt Klotilde In so etwas ist Dir doch
keine über Und in allem andern auch nicht hatte er mit schneller Höflichkeit
hinzugefügt
Frau MinisterialDirektor war gewohnt dass man ihre Gesellschaften reizend
fand So oft wie an diesem Abend war es ihr noch nicht gesagt worden Es war nur
eine Stimme darüber Und ebenso über das zweite dass die Königin des Festes die
entzückende Frau von Sorbitz sei Einige wollten freilich die Fahne der neuesten
Acquisition aufwerfen aber wenn auch jetzt noch »die Oase« nicht nur gelten
ließ sondern sie »ganz charmant« fand und dass sie »ein fideler Kamerad« und
ein »höllisch netter Käfer« sei gegen ihre prachtvolle Kousine komme sie doch
nicht auf und sie ihr gar vorziehen wollen sei »einfach lachhaft«
Er wurde für Klotilde in ihrem an Triumphen derart nicht armen Leben der
glänzendste den sie bis jetzt gefeiert hatte Unter der Menge der Bettler um
eine Extratour kam es manchmal fast zu unliebsamen Szenen in dem Blumenwalzer
häuften sich die Bouquets um sie zu Bergen Und mit vollen Zügen sog sie den
berauschenden Duft dieser Huldigungen ein Ihre großen blaugrauen Augen
strahlten während um die halbgeöffneten feinen Lippen beständig ein Lächeln
schwebte das wie zauberhaft immer doch stolz ja hochmütig war und sagen zu
wollen schien dies alles kommt mir von rechtswegen zu mir eurer Königin
Als die unermüdlichen Wirte ihre Intimen die sie nach dem Balle noch zu
einem Plauderstündchen beisammen behalten hatten endlich entliessen und Viktor
mit Klotilden nach Hause fahren konnte war es drei Uhr geworden Viktor war
über den Sieg seiner Gattin so entzückt als hätte er ihn selbst erfochten Mit
leuchtenden Farben malte er sich ihre beiderseitige Zukunft aus
Mit einer solchen Frau zur Seite rief er in einer Aufwallung von Stolz und
Zärtlichkeit den Arm um ihre Schulter legend
Und wenn man selbst so Hervorragendes leistet sekundierte Klotilde
gefällig
Müsste es doch sonderbar zugehen
Brächte man es nicht zum Minister
Seit manchen Wochen war die Einigkeit zwischen den beiden Gatten nicht so
groß gewesen
Fünftes Kapitel
Für Albrecht Winter rollten die nächsten Tage in dem gewohnten ausgefahrenen
Geleise eben so fort Lektionen abhalten griechische lateinische Exercitia
deutsche Aufsätze korrigieren sich von seinen Sekundanern anstaunen lassen mit
den Kollegen in den Zwischenviertelstunden und in den Konferenzen »fachsimpeln«
die alte Leier deren hohler Ton ihn manchmal zur Verzweiflung bringen wollte
mochte er andern noch so wohlgefällig in das anspruchslose Ohr klingen
An den Abend bei dem MinisterialDirektor dachte er mit sehr gemischten
Gefühlen Wenn er es recht überlegte waren die Hoffnungen in denen er sich
während jener paar Stunden gewiegt bunte Seifenblasen gewesen Weshalb hatte
man ihn eingeladen Doch um seiner selbst willen wahrhaftig nicht Doch nur
damit er sich des faulen Schlingels des Oskar Sudenburg annehme der die
richtige Berliner Treibhauspflanze eines Mentors freilich auch sehr dringend
bedurfte Man würde ihn sich in derselben Absicht noch ein oder zweimal kommen
lassen natürlich nur zu den großen routs wo er in der Menge verschwinden
konnte bis er den Jungen nach Prima gelotst hatte wo denn anstatt seiner der
Kollege in Prima an die Reihe kam Was war man denn diesen Aristokraten anderes
als ein Werkzeug Hatte es seinen Dienst getan warf man es zu dem alten Eisen
Die Socialdemokraten hatten ganz recht jedes Zugeständnis das sie unsereinem
machen wird ihnen durch die Not und die Furcht abgepresst Ganz vergebene Mühe
ihnen zu schmeicheln um ihre Gunst zu buhlen Den Fuß muss man ihnen auf den
steifen Nacken setzen ihre Herrlichkeit vor die Füße werfen ihre freche
zusammengelogene und gestohlene brutale Herrlichkeit Ah ein Luther ein
Luther Nicht der Reformator der Kirche die doch zerbröckelt und an der nichts
mehr zu halten ist Nein der die eisernen Fessel sprengt mit denen die Junker
und ihre Spiessgesellen ein mündig gewordenes Volk noch immer einzwängen die
schandbaren Fessel an welchen sie in den Bauernkriegen schon gerüttelt haben
die Armen und Elenden meine Ahnen Deren Söhnen einzig und allein noch
frisches kraftvolles Blut durch die Adern rollt einzig und allein noch der
Funke der Freiheit die Herzen erglühen macht
Und während Albrecht so in der Phantasie die Welt in Trümmer schlug raunte
ihm eine leise Stimme ins Ohr möchte sie doch bestehen und bleiben wie sie
ist könntest Du einmal nur einmal von ihren Lippen die Worte hören ich liebe
Dich
Er durfte sich sagen und sagte es sich diese Tage wieder und wieder dass er
es für seine Verhältnisse erfreulich weit in seinem Berufe gebracht habe und
nach menschlicher Berechnung noch ein gut Stück weiter bringen werde Und hatte
sich auch der Lorbeer des Dichters noch immer nicht auf seine Stirn senken
wollen über kurz oder lang musste es doch geschehen nannte man die besten
Namen würde man auch den seinen nennen Aber die Anerkennung des Gelehrten den
Ruhm des Dichters und alles hätte er freudig hingegeben für die Erfüllung des
großen Traumes seines Lebens geliebt zu werden von einer Frau wie wie nun
ja beim Himmel wie die an deren Seite er an jenem Abend gesessen hatte Das
wäre sein Adelsdiplom gewesen Die Bürgschaft dafür dass er der arme
Bergmannssohn ebenbürtig war den Hoch und Höchstgeborenen Dass nicht was er
mit andern teilte sein bisschen Wissen und Können ihm zum Siege verholfen bei
des Lebens olympischen Spielen sondern das Beste was der Mensch ist und hat
und das er mit niemand teilen kann und worauf er für sein Teil deshalb von jeher
den höchsten ja einzig und allein Wert gelegt hatte seine Persönlichkeit
Eine Stunde lang hatte er sich in diesem holden Traum gewiegt Sein Ideal
das nur immer eine goldene Morgen und Abendwolke in unerreichbarer Ferne vor
seines Geistes Aug dahingeschwebt war hier hatte es in wonnesamster
Leibhaftigkeit vor ihm gestanden die hohe schlanke Gestalt die feinen
aristokratischen Züge die großen stolzen Augen das reiche weiche dunkle
Haar der königliche Anstand die lässige Anmut jeder auch der kleinsten
Bewegung die etwas tiefe metallische Stimme selbst er hatte sich in jener
seligen Stunde immer wieder gefragt ist es denn möglich kann es denn sein hat
denn wirklich endlich der Himmel Barmherzigkeit geübt und will den brennenden
Durst löschen des Verschmachtenden in der Wüste
Und er hatte an dem labenden Quell getrunken mit vollen gierigen Zügen ihr
holdseliges Wesen in sich gesogen mit dem süßen Duft der von ihrem Haar
auszuströmen schien und sie umwitterte wie eine köstliche Sommergartenblume ihr
hoheitsvolles Bild eingegraben in sein Gedächtnis dass es dastand in leuchtender
Schöne wie von eines Raphael eines Tizian Hand gemalt tagsüber wo er ging
und stand im Dunkel der Nacht selbst wenn er das schlummerlose tief in die
Kissen drückte damit Klara die nebenan mit den Kindern schlief sein
verzweifeltes Stöhnen nicht hörte
Die gute Klara die nicht ahnte was Furchtbares das unselige Weib in seinem
Herzen angerichtet hatte Und dass wenn er sich von dem Graus lösen konnte und
er war jetzt sicher er zu können er es ihr und ihr allein verdankte Denn an
dem Empfang den die hochmütige Aristokratin seiner Gattin zu bereiten gewagt
hatte war er zur Besinnung gekommen Ah dies verächtliche Zucken der
Nasenflügel Dies hohnvolle Lächeln Diese demütigende Herablassung mit der sie
der Ärmsten dann schließlich doch die Hand gereicht oder waren es nur ein paar
Finger Wenn er ihr das vergaß und dass er selbst in dem Moment für sie Luft
gewesen verflucht wollte er sein in diesem Leben und in jenem wenn es eines
gab
Nun ja er hätte die Vorstellung unterlassen können Wenn er es nicht
getan die sich Sträubende fast zu dem Schritt gezwungen hatte so war es doch
aus einem Gefühl heraus gewesen dessen er sich nicht zu schämen brauchte Er
wollte durch diese Gesellschaft nicht als ein Komödiant gegangen sein der mit
einer Frau hinter sich die Rolle des flotten Junggesellen spielt Und ihr der
er gesagt hatte dass er ärmster Bergleute Sohn sei weshalb ihr die
Dorfschulmeistertochter unterschlagen mit der er da oben auf den Bergen
gespielt und Vogelnester gesucht und sich verlobt als er auf die Universität
ging und der er Treue bewahrt die langen langen Jahre unendlicher Arbeit durch
Hunger und Kummer bis er sie endlich als sein eheliches Weib heimführen konnte
Hatte er es denn je zu bereuen gehabt
Nein und tausendmal nein
Wie einfach und unscheinbar sie sein mochte das war für ihn Axiom es gab
keine bravere Frau keine sorgsamere Mutter keine die ihn inniger liebte es
so treu und ehrlich mit ihm meinte wenn auch manchmal ihre Formen zu wünschen
ließ und ihre Rede hätte gewählter sein können Was brauchte sie der es stets
ernst war mit dem was sie sagte Worten nachzujagen Traf sie darum nicht doch
immer den Nagel auf den Kopf Hatte sie es nicht wieder diesmal getan als sie
für sich die Einladung zu dem Ball nicht annehmen wollte und sagte wenn Du es
den Leuten schuldig zu sein glaubst und Du Dir etwas von dem Verkehr in dem
Hause versprichst obgleich ich nicht recht sehen kann was und mit großen
Herren ein für allemal schlecht Kirchen pflücken ist nun so gehe in Gottes
Namen hin aber mich lass zu Haus Ich passe nicht dahin Wenn Du eine Frau
wolltest mit der Du Staat machen konntest hättest Du eine andere heiraten
müssen Ich gehöre ins Haus und in die Kinderstube Unter all den feinen und
geputzten Leuten werde ich eine traurige Rolle spielen und Dir nur im Wege
stehen wenn Du auch meinst Du könntest mich so mit durchschleppen und man
würde mich Dir Deinetalben abnehmen
Ja das hatte er gemeint wenn er sich auch weislich gehütet hatte es zu
sagen Er hatte gemeint man wird es Dir in den Kreisen zur Ehre anrechnen dass
Du der Du zu ganz andern Ansprüchen berechtigt bist treu zu der kleinen
unscheinbaren Frau hältst Es ist wahr während der Stunde bei Tisch hatte er
sie in dem Taumel seines Entzückens vergessen bis die Rede auf seine Abstammung
kam er vielmehr die Rede darauf brachte um nun von seinem bescheidenen
Lehrerhaushalt zu sprechen und dem Vivitur parvo bene des Horaz und seiner
guten kleinen Frau Und gerade da musste die Tafel aufgehoben werden Gerade in
dem Moment als das aristokratische Eisen zu glühen begann es nur vielleicht
noch eines geschickten Schlages bedurft hätte dass der Funke heraussprang ich
muss Ihre Frau kennen lernen Die Frau eines Mannes wie Sie kann nicht anders
als eine EliteNatur sein die ich zu meiner Freundin machen die ich lieben
werde
O des Toren der er gewesen war des jämmerlichen Toren der sich eine
volle Stunde lang am Narrenseil hatte führen lassen um dahin geschickt zu
werden wohin die Narren gehören
Gut es war ihm eine Lehre gewesen die er nicht wieder vergessen würde Von
Stund an wollte er nur seinem Berufe leben
Und wenn er auch das Träumen nicht würde lassen können wer kann dem
Seidenwurm verbieten zu spinnen er wollte fürder nie wieder in diese Schwäche
verfallen sich immer bewusst bleiben dass die Wirklichkeit Wirklichkeit ist und
die Träume Träume sind Und nur ein unklarer Kopf beide durcheinander mischt
Er war kein unklarer Kopf er nicht
Es war inmitten eines solcher Selbstgespräche die Albrecht in diesen Tagen
endlos hielt dass Auguste der Familie Mädchen für alles ihm ein Briefchen
brachte dessen Aufschrift von unbekannter offenbar weiblicher Hand sein Herz
schlagen machte Bereute sie die kalte Grausamkeit mit der sie ihn
verabschiedet hatte wollte sie Abbitte leisten Sollte er ihr verzeihen
Mit bebenden Händen erbrach er das Billet hastig nach der Unterschrift
blickend Stephanie Sudenburg
Also nur eine neue Einladung Mit Dank abgelehnt Selbstverständlich
Nur dass der Brief für eine bloße Einladung ein wenig lang war
Was also will man von mir
Hochgeehrter Herr Professor
Darf eine Gesellschaft junger Leute die eben in strengster Heimlichkeit unter
meinem Vorsitz bei uns tagt sich in ihrer Rat und Hilflosigkeit an Ihre
bewährte Güte wenden und Sie bitten Ihren Geist über ihr leuchten zu lassen
Ich will Sie und mich nicht lange mit der Vorrede aufhalten und gleich zur Sache
kommen
Heute über vierzehn Tage ist Papas nebenbei sechzigster Geburtstag Es
ist der lebhafteste Wunsch von uns Kindern und unsern Freunden den Tag durch
eine Festlichkeit zu feiern von der wir annehmen dürfen dass sie Papa ein
Vergnügen bereiten wird So weit sind wir alle einig aber es scheint wir
kommen ohne die Beihilfe eines superioren Geistes darüber nicht hinaus Deshalb
unser wiederum einmütiger und einstimmiger Appell an Sie Raten Sie helfen
Sie uns Dass Sie es können wissen wir alle dass Sie es wollen daran zweifelt
niemand Wir geben uns ganz in Ihre Hand Sie werden an uns eine willige
gehorsame Gefolgschaft finden
Noch eines Da der liebe Papa in seiner grenzenlosen Bescheidenheit
dergleiche Ovationen so sehr er sich nachträglich daran freut grundsätzlich
ablehnt sind wir willens vielmehr gezwungen wenigstens so lange als möglich
unser Vorhaben vor ihm geheim zu halten Ein häufiges Zusammenkommen der
Verschworenen das doch jedenfalls nötig sein wird und ja auch eigentlich der
Hauptspass bei der Sache ist würde ihm zweifellos auffallen In dieser
Verlegenheit hat sich Frau Hauptmann von Meerheim Mauerstrasse 8 part
freundlichst erboten uns bei sich aufzunehmen Wie ich von der liebenswürdigen
Dame erfahre haben Sie hochgeehrter Herr Professor sowohl ihre als auch des
Herrn Hauptmanns wenn auch nur flüchtige Bekanntschaft neulich auf unserm rout
gemacht Sie beide freuen sich sehr Sie bei sich zu sehen und bitten mich
Ihnen ausdrücklich zu sagen dass Sie von einer vorhergehenden Visite dispensiert
sind Wie hochwillkommen uns Ihre verehrte Frau Gemahlin wäre im Falle sie an
unsern Kindereien Geschmack fände bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung
Unsere nächste Zusammenkunft ist auf morgen Sonnabend 8 Uhr abends
anberaumt
Wir hoffen zuversichtlich auf Ihr gütiges Erscheinen speciell bitte ich um
eine möglich umgehende Zeile die uns unsere Zuversicht bestätigt
Die ich mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung und Bitte um
Empfehlung an Ihre verehrte Frau Gemahlin bin
Ihre
ergebenste
Stephanie Sudenburg
PS Frau von Sorbitz die mir fortwährend über die Schulter sieht verlangt die
Hinzufügung dass sie mit dem Inhalt dieser Kritzelei nicht nur völlig
einverstanden sei sondern das Verdienst beansprucht als die erste in unserer
Versammlung Ihren Namen genannt uns auf die absolute Notwendigkeit uns Ihrer
Hilfe zu versichern hingewiesen zu haben Als ob das nötig gewesen wäre
Indessen will ich hiermit der Schmeichlerin da sie gar so schön bittet den
Gefallen getan haben
DO
Albrecht hatte den in einer zierlichen Handschrift geschriebenen Brief in
atemloser Hast durchflogen bei dem Postskript hatten die Hände die den Brief
hielten heftig gezittert
Also doch
Er ließ das Blatt auf den OdysseeKommentar fallen in welchem er als das
Mädchen eintrat eine Notiz für die Lektion heute gesucht hatte sprang auf
fing an mit großen Schritten in dem kleinen Zimmer hin und her zu gehen blieb
vor dem Spiegel stehen um ein paar Momente höchst aufmerksam sein Gesicht zu
betrachten und dann abermals seine Wanderung zu beginnen
Also doch Keine bunten Seifenblasen keine täuschenden Träume Was er in
den großen stolzen Augen zu sehen geglaubt hatte es war wirklich der
Wiederschein des Feuers gewesen das in seiner Seele brannte Denn von ihr
allein ging dies aus die Nachschrift die köstliche Nachschrift bewies es ja
deutlich Nicht für ein Königreich hätte er diese Nachschrift hingegeben Kein
Mensch würde an ihn gedacht haben aber sie sie hatte mit ihrer schönen
kühlen weißen Hand die Gelegenheit bei der Stirnlocke ergriffen die
Gelegenheit mit ihm wieder zusammen zu kommen mit ihm wieder beisammen zu
sein nicht einmal wiederholt eine vorläufig unabsehbare Reihe von Malen man
weiß ja wie es bei dergleichen herzugehen pflegt wie unersättlich die Leute
nach Proben und immer wieder Proben sind
Eine kleine weinende Stimme die aus dem zweiten Zimmer neben dem seinen
kam ließ ihn den schon erhobenen Fuß wieder niedersetzen und verstört um sich
blicken
Klara Wie sollte er ihr das beibringen plausibel machen Sie würde ihn
auslachen Nein auslachen nicht Sie nahm ja alles ernstaft Gott sei es
geklagt Aber um so schlimmer Die gründliche Beweisführung dass er ein Narr
sei wenn er sich darauf einließ und den vornehmen Herrschaften abermals nach
der Pfeife tanzte Er konnte ihr doch nicht sagen nein Schatz diesmal liegt
die Sache anders Diesmal handelt es sich um ja großer Gott um was denn
Ja um das Um das einzig und allein
Darum mir den Beweis zu führen dass ich kein törichter Knabe bin der sich
durch ein paar heuchlerisch gütige Blicke aus schönen Augen ein paar
schmeichelhafte Worte von Sirenenlippen um sein bisschen Verstand bringen lässt
Ja Du tapferer Griechenheld Du sollst mein Vorbild sein Würden die Menschen
noch heute von Dir singen und sagen wärest Du daheim in Deinem kleinen Itaka
geblieben mit dem Vater Laertes Reben planzend und dem göttlichen Sauhirten
Wirtschaftsfragen erörternd anstatt Dich durch die Welt zu schlagen vieler
Menschen Städte und Sinn kennen lernend ja und auch viele Leiden erduldend in
Deiner Seele Die vor allem Ohne Leiden keine Leidenschaft Ohne Leidenschaft
keine Größe keine Erfolge kein Ruhm bei dem kommenden Geschlecht Jacta est
alea
Er setzte sich an den Arbeitstisch schob den OdysseeKommentar auf die
Seite und schrieb mit fliegender Feder an Stephanie dass er es sich zur Ehre
schätze dem verehrten Sudenburgschen Hause seine schwache Kraft zur Verfügung
zu stellen Zu der auf morgen abend anberaumten Zusammenkunft werde er sich
pünktlich einfinden
Sollte er Klara gleich jetzt von der Sache benachrichtigen Es war besser
wenn er ihr mit einem fait accompli gegenüber trat Mochte sie dann ihre
Philippika halten an der Sache war nichts mehr zu ändern
Er musste in die Schule Angezogen war er bereits nur noch den Überzieher
und Hut und Handschuh Noch heute morgen hatte er sich in seiner zerknirschten
Stimmung gesagt dass mit dem neuen Leben welches er beginnen wolle auch der
Kleiderluxus der einzige freilich dessen er sich schuldig machte aufhören
müsse Nun kam ihm doch die gewohnte Sorgfalt seiner Toilette zu statten Er
konnte nach dem Schluss der Schule um zwei Uhr wie er ging und stand seinen
Besuch bei den Meerheims machen Der Besuch war ihm freilich erlassen Aber
diesen Aristokraten gegenüber muss man in der Beobachtung der Form lieber ein
wenig zu viel tun als zu wenig
Als er das Haus verließ sah er noch einmal emporblickend Klara mit dem
Baby am Fenster stehen Er winkte mit der Hand hinauf Klara ließ zur Antwort
Baby auf dem Arm tanzen
Sechstes Kapitel
Ich komme Dir zu früh sagte Klotilde als sie in der Dämmerstunde des nächsten
Abends bei Adele eintrat
Niemals rief Adele ihrer Kousine Hut und Mantel abnehmend Gott Herz was
für ein reizendes Kleid natürlich funkelnagelneu
Funkelnagelneu aus einem Ausverkauf bei Gerson
Und wie das sitzt rief Adele Klotilden wie eine Modellpuppe herumdrehend
Ja wer so gewachsen ist Kunststück Du was hat denn das gekostet
Wenn ich es Dir sage ist es mit Deiner Bewunderung vorbei So lächerlich
billig Aber kann ich Dir nicht helfen Ich bin eigens deshalb gekommen
In dem Kleide das fehlte noch Übrigens bin ich gleich fertig Viel
Umstände werden bei uns nicht gemacht weißt Du
Das war die Bedingung Was ich fragen wollte wird die Frau Professor Winter
auch kommen Er hat in seiner Antwort an Stephanie nur von sich gesprochen
Hier ist sein Brief sagte Adele an ihren kleinen Schreibtisch laufend und
in einem Kasten kramend Er hat uns gestern mittag doch seinen Besuch gemacht
Elimar war zufällig zu Hause Die Herren führten eine schauderhaft gelehrte
Unterhaltung von der ich kein Wort verstanden habe Er sagte er könne noch
nichts über seine Frau bestimmen wollte heute na wo ist denn da Lies
selbst das heißt ich kann es Dir in drei Worten sagen sie kommt nicht die
Kinder nehmen sie zu sehr in Anspruch und so weiter
Sie hatte den Brief wieder in den offen gebliebenen Kasten geworfen und sich
zu Klotilden gewandt
Na ehrlich gestanden ich habe die Frau Professor nur ganz flüchtig gesehen
würde sie auf der Straße nicht einmal wieder kennen aber ich glaube viel
verlieren wir nicht an ihr Oder glaubst Du
Nein keineswegs Aber es wäre vielleicht doch gut gewesen um des
Professors willen
Ach weißt Du der sieht mir gar nicht so aus als ob er an der Schürze
seiner Frau besonders fest hängt
Er gefällt Dir nicht
Nicht besonders Ich mag diese geschniegelten Männer nicht Nur
Nur was
Warum hast Du eigentlich darauf bestanden dass er eingeladen wurde Wir
wissen doch noch gar nicht was wir wollen
Das soll er uns eben sagen
Aber dazu hatten wir doch schon die beiden Künstler
Gott sei es geklagt Was haben sie denn bisher getan als sich zanken Das
werden sie heute wieder tun Damit kommen wir nicht weiter
Meinetwegen Mir ist alles recht Aber Herz nun musst Du mich wirklich für
ein paar Minuten entschuldigen Du siehst ich bin noch in der Küchenschürze
Nur ein paar Minuten Mach es Dir unterdessen bequem
Hab keine Sorge Und übereile Dich nicht
Adele war aus dem Zimmer Klotilde hatte sich in einen Fauteuil sinken
lassen und richtete sich wieder auf als Adele den Kopf zur Tür hereinsteckte
Du kommt Viktor nicht
Nein Er bittet um Entschuldigung Hat zu viel zu tun
Diese Männer sind schrecklich
Die Tür wurde abermals geschlossen Klotilde lehnte sich wieder zurück
richtete sich von neuem auf horchte nach dem Geräusch welches über den Flur
von der Küche her zu kommen schien erhob sich und war mit ein paar schnellen
Schritten an Adelens Schreibtisch
Ich muss doch sehen wie er schreibt murmelte sie Sie hatte den Brief aus
dem Kasten genommen auf dem Schreibtisch brannten bereits die beiden Lichter
sie konnte bequem lesen
Es gab nicht viel zu lesen fünf Zeilen Und es stand auch nichts darin als
was sie durch Adele bereits wusste Dennoch starrte sie mit zusammengezogenen
Brauen auf das Blatt als gäbe es da ein Geheimnis zu entziffern Die Hand in
der sie es hielt fing an zu zittern Ärgerlich ließ sie es in den Kasten
fallen
Ich weiß nicht was das ist murmelte sie Das ist mir im Leben noch nicht
begegnet Im Leben hat mich noch nicht nach einem Menschen so gedürstet Es ist
positiv lächerlich
Aber sie lachte nicht Die Brauen zogen sich nur noch düsterer zusammen
während sie den Blick auf den Teppich geheftet in dem Zimmer hin und wieder zu
gehen begann
Und ich glaubte ihn mir ganz aus dem Sinne geschlagen zu haben hatte es
auch drei oder vier Tage lang da kam es wieder mir tat es so leid dass
ich ihn vor seiner Frau brüskiert hatte die Frau selbst eine grundehrliche
Person wie es schien mit dem breiten Munde und der Stumpfnase die reine
Köchin glaubs dass er sich bei der unglücklich fühlt seine Hände freilich
die stimmen zu der Köchin Wenn der Mensch nur nicht so wunderschöne Augen
hätte O mon dieu diese Augen Es ist ein Glanz drin ein Feuer Eine
Liebesglut eine verhaltene Eine die noch nie hat herauslodern können Das
ist gerade das Anziehende Diese anderen Fernau Viktor wie oft hat das
da schon gebrannt alles Asche Und das quält sich denn ab uns glauben zu
machen es brenne lichterloh pah Aber so eine taufrische jungfräuliche
Liebe ach ihn nur einmal ein einziges Mal
Sie hatte es immer hastiger schreitend bald leiser bald lauter vor sich
hingemurmelt und blieb jetzt erschrocken stehen vor einem Geräusch aus dem
Nebenzimmer Elimars Er konnte doch nichts gehört haben
Die Tür tat sich auf Elimar stand auf der Schwelle
Ach gnädige Frau Verzeihung ich sollte mich ja einer vertraulicheren
Anrede bedienen Ich hörte vorhin sprechen konnte aber die Stimme nicht
erkennen Wo ist denn Adele
Sie macht Toilette
Das pflegt bei ihr nicht lange zu dauern Nun und wir wollen heute abend
endlich die Quadratur des Zirkels finden
Ich setze meine Hoffnung auf den Professor Winter
Wenigstens scheint es dass wir mit unserem Latein zu Ende sind Ich glaube
es war ein Fehler von Fräulein Stephanie zwei Kunstlöwen auf einmal in die
Schranken zu fordern Man hätte voraussehen können dass sie sich einander
auffressen würden
Ich habe mich halb tot gelacht
Es war lächerlich genug obgleich doch im Grunde dieser völlig blinde Hass
hinüber und herüber im Interesse der Kunst tief bedauerlich ist
Daran denkt unsereine nicht
Als ob Sie so mir nichts dir nichts »unsereine« wären
Was denn sonst
Der Hauptmann zuckte lächelnd die Achseln
Bitte bitte so kommen Sie nicht fort Ich will wissen wie ich in Ihren
Augen dastehe wofür Sie mich eigentlich halten
Elimar war einen Schritt näher getreten und blickte aus seiner Höhe lächelnd
auf sie hinab
Wie Sie in meinen Augen dastehen Nun ich glaube einen lebhaften Sinn für
Frauenschönheit zu haben da würde es vielleicht Ihre Bescheidenheit verletzen
wenn ich es sagte Und wofür ich Sie halte Wollen Sie es wirklich wissen
Ich bestehe darauf
Nun denn Für eine Frau die mit ihren herrlichen Gaben des Geistes und auch
des Herzens eine für Menschen ganz seltene Anwartschaft auf Glücklichsein hätte
wenn ihr nicht eines fehlte
Das ist
Genügsamkeit
Was verstehen Sie darunter
Die Einsicht dass uns Menschen Vollkommenes nun einmal nicht wird und werden
kann wir überall und zu jeder Zeit auf einen mehr oder weniger peinlichen
Erdenrest gefasst sein müssen und auf Kompromisse die wir machen dürfen ohne
unserer Würde etwas zu vergeben
Das sagen Sie weil Sie alles besitzen was Sie wünschen
Umgekehrt ich besitze alles weil ich nichts wünsche
Auch nicht in noch sehr absehbarer Zeit es bis zur Excellenz zu bringen
Um ihre Lippen spielte ein so malitiöses Lächeln aus den halb zugekniffenen
Augen die zu ihm aufblinzelten flimmerte ein so drolliger Ausdruck Elimar
musste lächeln wie ernst es ihm auch zu Sinn war
Sie unverbesserliches Weltkind Sie sagte er Wer kann Ihnen bös sein
Die Tür wurde aufgerissen Adele stürzte herein
Kinder es hat geklingelt Gott sei Dank dass ich noch fertig geworden bin
Bis auf die Schleife die entschieden an eine andere Stelle gehört sagte
Klotilde an ihrem Anzug nestelnd
Meinst Du Na stecke sie hin wo Du willst
Der Hauptmann von Luckow und der Landschafter Christian Wollberg waren
zugleich gekommen dann erschien Stephanie in Begleitung ihrer beiden Brüder
nach einer kleinen Weile der Legationsrat von Fernau mit dem Historienmaler
Professor Hederich als der letzte Albrecht Klotilde war so in ein Gespräch
mit dem Legationsrat vertieft Adele musste sie erst auf den Nachzügler
aufmerksam machen
Ah sagte sie ihm die Hand reichend wie lieb von Ihnen dass Sie gekommen
sind
Haben Sie daran gezweifelt gnädige Frau
Offen gestanden ich fürchtete wir würden einen Korb bekommen
Weshalb
Mein Gott ein ernster Mann wie Sie und solche Allotria
Wir sind hier alles ernste Männer gnädige Frau sagte der Legationsrat
Ich weiß nicht Herr Professor ob ich noch die Ehre
Schulmeister müssen ex officio ein gutes physiognomisches Gedächtnis haben
Gewisse Erscheinungen nicht zu vergessen dazu gehört freilich weder Übung noch
Kunst
Die beiden Herren waren gegeneinander von ausgesuchter Höflichkeit Aber
Klotilde hatte als sie sich zu Albrecht wandte in Fernaus dunklen Augen einen
eigentümlich lauernd aufmerksamen Blick bemerkt
Ich werde sehr vorsichtig sein müssen sagte sie bei sich
Wir sind alle zur Stelle gnädige Frau meldete Fritz Sudenburg Adelen in
militärischer Haltung die Hacken zusammenschlagend
Elimar rief Adele mit hilfeheischender Stimme
Meine Frau hat gemeint es verschwört sich besser bei einer Tasse Tee Darf
ich die Herrschaften ersuchen hier einzutreten wo wir es nebenbei auch ein
klein wenig weniger eng haben
Elimar hatte die Flügeltüren zu dem größeren dritten und letzten Gemach
geöffnet das in dem bescheidenen Haushalt für etwaige gesellschaftliche Zwecke
reserviert war und wo jetzt ein länglicher sauber gedeckter mit den nötigen
Teesachen Kuchen und belegten Brötchen besetzter Tisch für die Gäste bereit
stand
Siebentes Kapitel
Man hatte nach einigem Hinundherkomplimentieren Platz genommen Klotilde hatte
es so einzurichten gewusst dass sie Albrecht schräg gegenüber zwischen Elimar
auf der einen Stephanie auf der andern Seite zu sitzen kam Auch dass die beiden
Künstler durch die Länge des Tisches voneinander getrennt waren mochte kein
Zufall sein Adele hinter ihrer Teemaschine füllte die Tassen welche Elimars
Bursche ein gewandter heute abend in einfacher kleidsamer Livree steckender
junger Mensch herumreichte Bald hatte sich um den Tisch herum eine lebhafte
Konversation angesponnen über alles Mögliche nur nicht über das was der
Gegenstand des Abends sein sollte bis der junge Maler Wollberg von einem
Konvolut Radierungen und Zeichnungen in welchem er emsig gewühlt hatte sein
struppiges Haupt erhebend mit einer lauten Stimme in wenig verbindlichem Tone
sagte
Ich dächte meine Herrschaften wir kämen endlich zur Sache Viel Zeit habe
ich so wie so nicht Ich muss nachher noch in den Künstlerverein
Sofort war eine halb komische halb peinliche Stille entstanden Fast aller
Blicke hatten sich wie instinktiv auf Elimar gerichtet Adele setzte die
Tasse die sie eben auf Johanns Präsentierteller stellen wollte wieder auf den
Tisch und faltete mit niedergeschlagenen Augen die Hände in dem Schoss
Meine verehrten Damen und Herren begann Elimar lächelnd
Hört hört rief Hans von Luckow sich in seinen Stuhl zurücklehnend
Ich weiß wirklich nicht wie ich zu der Ehre komme fuhr Elimar fort Es
wäre denn dass es schließlich einer von uns sein muss der die Diskussion nicht
leitet wozu ich keineswegs den Beruf in mir fühle aber doch einleitet was
mit sehr wenigen Worten geschehen kann Wir haben in unsrer letzten und bis
jetzt einzigen Zusammenkunft ich konstatiere das besonders im Interesse des
Herrn Professor Winter der nicht zugegen war uns nach längerer Debatte dahin
verständigt dass das Stellen von einer Reihe sogenannter lebender Bilder unsern
Zwecken am meisten und besten entsprechen würde um so mehr als wir uns bei
diesem Vorhaben auf den massgeblichen Rat und die sachkundige Führung zweier
gleich ausgezeichneter dem verehrten Sudenburgschen Hause gleich wohlgesinnter
und befreundeter Künstler verlassen können Die Notwendigkeit uns neben diesem
künstlerischen Beirat auch eines literarischpoetischen zu versichern wurde
allgemein empfunden und auf einen Antrag von geschätzter Seite dem Mangel
abgeholfen durch Hinzuziehung einer Kraft die uns jeder Sorge nach der beregten
Seite überhebt Doch wollen wir wenn es den Herrschaften genehm ist diesen
Teil unsres Temas vorläufig in suspenso lassen und dafür die Herren Künstler
ersuchen uns die Vorschläge über welche sie sich bis heute einigen wollten
Ein dumpfes Oho ertönte von dem Ende des Tisches wo Herr Wollberg jetzt
wieder seinen struppigen Kopf über die Kunstblätter gebeugt hatte während von
dem andern wo Herr Professor Hederich in einem großen Album blätterte ein sehr
vernehmliches Räuspern kam
So wenigstens habe ich die Herren verstanden sagte Elimar von einem zum
andern blickend Es sollte mir leid tun wenn
Darf ich um das Wort bitten sagte mit sanfter Stimme der Professor
Hederich ohne die Augen von seinem Album zu erheben
Ich ebenfalls rief Herr Wollberg den Kopf noch tiefer auf seine Blätter
senkend
Also Herr Professor forderte Elimar freundlich den Akademiker auf
Ich wollte nur bemerken begann dieser sich mit seiner langen dürren
Gestalt vom Sitze erhebend dass der Herr Hauptmann was mich betrifft durchaus
richtig verstanden hat Ich hatte und habe den aufrichtigen Wunsch in dieser
Sache mit dem verehrten Kollegen Hand in zu gehen Leider ist ein zweimaliger
Versuch ihn in seinem Atelier anzutreffen resultatlos geblieben und da der
Herr Kollege seinerseits den analogen Versuch der nebenbei keinesfalls
resultatlos geblieben sein würde anzustellen unterlassen hat
Wüsste nicht was dabei hätte herauskommen sollen brummte Herr Wollberg
Vielleicht eben die von der Gesellschaft gewünschte Einigung bemerkte
Elimar in versöhnlichem Ton
An die im Leben nicht zu denken ist rief Herr Wollberg Mir deucht das
hätte den verehrten Herrschaften schon neulich einleuchten müssen Ich stelle
den Antrag dass Herr Professor Hederich seine Vorschläge macht ich werde dann
meine Vorschläge machen
Die wir doch aber wenn es angeht und es wird gewiss angehen kombinieren
dürfen schaltete Elimar ein
Auch dagegen muss ich auf das entschiedenste protestieren rief Herr
Wollberg Ein solches Durcheinanderrühren der Stile ist schon das
Kunstwidrigste was es gibt Jeder für sich und Gott für uns alle Die
Gesellschaft kann ja dann ihre Wahl treffen
Und wer die Wahl hat hat die Qual sagte Elimar Indessen Herr Wollberg
ich hoffe dass dies noch nicht Ihr letztes Wort ist Nun aber meine
Herrschaften werden wir um weiter zu kommen wohl oder übel auf den Antrag des
Herrn Wollberg eingehen müssen Wollen Sie also Herr Professor die Güte haben
uns Ihre Vorschläge mitzuteilen
Ich möchte denn doch gehorsamst bitten sagte der Professor sich abermals
erhebend diese Aufforderung zuerst an den zu richten von dem der Antrag
ausgegangen ist
Also Herr Wollberg bat Elimar
Ich werde mich hüten mir zuerst die Finger zu verbrennen murrte Herr
Wollberg
Ja aber meine Herren sagte Elimar sie werden mir zugeben dass wir so
nicht von der Stelle kommen
Na meinetwegen rief Herr Wollberg Man soll wenigstens nicht sagen können
ich bin ein Spielverderber wenn ich auch zum voraus weiß dass na es wird
sich ja gleich zeigen Also meine Herrschaften ich habe hier einen ganzen
Packen Blätter wie Sie sehen alles Reproduktionen von Gemälden aus unsern
letzten Kunstausstellungen Die habe ich gewählt weil sie noch in Erinnerung
von aller Welt sind oder doch sein sollten Und ich habe immer gefunden die
Leute sind nicht dankbarer als wenn man ihnen Sachen zeigt die sie kennen
Darin sind sie wie die Kinder Ich werde die Blätter eines nach dem andern
herumgehen lassen die Herrschaften können sich dann selbst überzeugen Also
Hier ist zuerst die Blinde von Piglhein Ein Wort zum Lobe dieses
ausgezeichneten Bildes zu sagen ist wohl überflüssig Ich darf also annehmen
dass die Blinde acceptiert ist
Hier erhob sich Professor Hederich
Mir scheint die Annahme denn doch etwas gewagt Der Herr Kollege selbst hat
eben erst jedes Kompromiss von der Hand gewiesen und der Gesellschaft nur die
Wahl zwischen ihm und mir gelassen
Zwischen meinen und Ihren Vorschlägen wollen Sie sagen rief Herr Wollberg
höhnisch
Das dürfte auf dasselbe herauskommen erwiderte der Professor jetzt schon
sichtlich gereizt Übrigens unterbreche ich Sie nicht wenn Sie das Wort haben
und darf mir wohl vice versa dasselbe von Ihnen erbitten Nun ist es aber ohne
weiteres klar es kann unter diesen Umständen von der Annahme eines einzelnen
Bildes nicht die Rede sein sondern nur von der ganzen Serie notabene nachdem
ich vorher ebenso meine Vorschläge gemacht habe und der Gesellschaft das ganze
beiderseitige Material unterbreitet ist Was speciell das Piglheinsche Bild
betrifft darf ich denn doch die Bemerkung nicht unterdrücken dass es mir für
unsere Zwecke völlig ungeeignet scheint
Nun hört aber verschiedenes auf rief Herr Wollberg
Denn meine Herrschaften fuhr der Professor fort diesmal ohne auf die
Unterbrechung zu achten der nebenbei für meinen Geschmack stark gesuchte und
raffinierte Reiz des Bildes liegt in der die Nerven des Beschauers pickelnden
respektive auf seine Tränendrüsen berechneten Grausamkeit mit welcher hier die
hilflose Blindheit in schärfsten Gegensatz gebracht ist zu einer in allen Farben
prangenden Welt um sie her Nehmen Sie ein Glied des Gegensatzes weg so ist es
mit der Wirkung vorbei Ich möchte aber wissen wie Herr Wollberg es zustande
bringen will in seinem lebenden Bilde die Gestalt mit der hier völlig
unentbehrlichen Landschaft zu umgeben
Das würde ja dann wohl meine Sache sein sagte Herr Wollberg höhnisch
Meine gewiss nicht gab der Professor nicht minder höhnisch zurück
Wir dürfen wohl annehmen fiel hier Elimar begütigend ein dass Herr Wollberg
sich seine Vorschläge auch hinsichtlich ihrer Ausführbarkeit reiflich überlegt
hat Ich möchte ihn also bitten fortzufahren
Schön sagte Herr Wollberg Die beiden nächsten Blätter also welche während
der Rede des Herrn Professors Zeit genug gehabt haben die Runde zu machen sind
die beiden pietá von Klinger und Stuck Die Damen haben eine verwunderte Miene
gemacht einige Herren die Köpfe geschüttelt einige offenbar nur aus
Höflichkeit nicht gelacht Ich habe es nicht anders erwartet Die große Kunst
ist eben noch nicht salonfähig aber sie muss es werden die Welt will zur
Anerkennung des wahrhaft Schönen allemal gezwungen sein Gott sei Dank werden
die Bänke auf denen die Spötter sitzen schon mit jedem Tage kürzer Übrigens
will ich zur Beruhigung der zarten Seelen doch bemerken dass ich mir in dem
lebenden Bilde den Leichnam des Herrn gemalt denke Bis wir uns so weit
aufgeschwungen haben in dem in dem lebendigen nackten Menschenleib ein für
allemal das Meisterwerk der Schöpfung zu sehen und zu bewundern wird wohl noch
viel Wasser bergab fließen müssen
Nach dem Wagnis mit den beiden pietá hatte der junge Künstler für seine
übrigen Vorschläge freie Bahn Tomas Versuchung Christi Looschens Luna und
Abendstern Skarbinas die Mansardentreppe hinabsteigender Blusenmann Uhdes
Schauspieler man ließ die Blätter cirkulieren ohne seinen Empfindungen
welcher Art sie auch waren durch Worte oder Mienen einen Ausdruck zu geben Es
kam die Reihe an den Professor Hederich nun seinerseits die Gesellschaft mit
seinen Vorschlägen bekannt zu machen
Wie immer wenn er sprechen wollte erhob er sich von seinem Sitz diesmal
mit besonders langsamer Feierlichkeit
Meine verehrten Damen und Herren Was ich Ihnen ohne jede Anmasslichkeit der
Unfehlbarkeit zu proponieren die Ehre habe wird sich Ihnen vielleicht durch
seine große Einfachheit einigermaßen empfehlen Sie alle wissen und die hier
anwesenden Kinder der Familie werden es mir bestätigen dass unser
hochverehrter zu feiernder Freund und Gönner wie alle Männer von wahrhaft
klassischer Bildung ein entusiastischer Bewunderer des Genius unseres größten
Dichters ist wir infolgedessen ihm seiner Gemahlin und ihren im Geist des
Hauses sympathisch mitlebenden Gästen nicht leicht eine größere Freude bereiten
können als wenn wir die Vorwürfe zu den lebenden Bildern aus der Wunderwelt
selbst unsers Dichterheroen entnehmen Wenn Sie wie ich mir schmeichle so weit
mit mir eines Sinnes sind ahnen Sie auch bereits dass ich in meinen Händen hier
ein Exemplar der Prachtausgabe des Bruckmannschen Albums der Goeteschen
Frauengestalten meines unsterblichen Meisters und Lehrers Wilhelm von Kaulbach
Hier wurde der Redner durch ein seltsam unheimliches Geräusch unterbrochen
das wie ein mühsam unterdrücktes krampfhaftes Lachen klang und von dem andern
Ende des Tisches kam wo Herr Wollberg sein sommersprossiges Gesicht so tief in
seine Blätter begraben hatte dass man nur den massiven Schädel mit der üppigen
Fülle seiner verwirrten krausen roten Haare sah Die Gesellschaft wollte
offenbar nichts gehört haben nur Fritz Sudenburg musste schnell sein Taschentuch
ziehen und sich dessen mit einigem Geräusch bedienen für welche Indiskretion er
von seinem Bruder Franz der neben ihm saß unter dem Tisch mit einem gelinden
Fußtritt bestraft wurde Der Professor dessen immer blutarmes Gesicht der Zorn
völlig fahl gemacht hatte fuhr mit bebender Stimme fort
Dass meinem Vorschlag von einer gewissen Seite auf der Pietät und Rücksicht
sinnlose Worte sind mit Spott und Hohn begegnen würde habe ich vorausgesehen
Es lässt mich völlig kalt Darf ich doch überzeugt sein eine Gesellschaft wie
diese eine Gesellschaft feinfühliger edler Damen grossgesinnter
hochgebildeter Männer hält mit mir die heilige Fahne des Idealismus hoch gegen
den wüsten Ansturm von des Gassenvolkes Windsbraut will mit mir lieber silberne
Früchte aus goldenen Schalen nehmen als sich an widerwärtigen von Sudelköchen
bereiteten Speisen Hand und Seele beschmutzen sich gern mit mir erheben in
Regionen in denen aus gottbegnadeter DichterKünstlerphantasie entsprossene
gesteigerte Gestalten ihr unsterbliches Leben führen wird mit Freuden
Der Redner kam nicht weiter an dem entgegengesetzten Ende des Tisches war
Herr Wollberg aufgesprungen hatte mit geballter Faust auf seine Kunstblätter
geschlagen und rief
Ich will mich nicht länger beleidigen lassen von jemand dem ich jedes
Verständnis für die wahre Kunst abspreche Und dazu muss ich erklären bei aller
schuldigen Achtung vor den Damen und mit einer einzigen Ausnahme der ganzen
hier versammelten Gesellschaft wenn Sie es fertig bringen einen Vorschlag
ruhig anzuhören bei dem unsereinem die Haare zu Berge stehen nur einen
Augenblick daran denken können die affenschändlichen Produkte eines durch und
durch manierierten durch und durch verlogenen eitlen Windmachers und
Charlatans wie dieser Kaulbach ernstaft zu nehmen dann muss ich gestehen
bin ich hier vollständig überflüssig Und glaube es mir schuldig zu sein und
Ihnen einen Gefallen zu erweisen wenn ich Sie von meiner nutzlosen Gegenwart
befreie Ich habe die Ehre mich den Herrschaften ganz gehorsamst zu empfehlen
Der junge Mann hatte seine Blätter zusammengerafft und war zur Tür hinaus
während der Gesellschaft der Schrecken über den wilden Ausbruch noch lähmend in
den Gliedern lag und bevor selbst Elimar der in der Nähe des Wütenden saß
eine Bewegung ihn zurückzuhalten hatte ausführen können Die Damen hatten
bleiche starre Gesichter die Herren blickten einander kopfschüttelnd an nur
der Akademiker lächelte verächtlich in den Stuhl zurückgelehnt mit seiner
goldenen Uhrkette spielend
Achtes Kapitel
Nach einer kleinen Weile hatte sich die Spannung denn doch gelöst Der
Brausekopf Nun ja sein Betragen war in unerhörter Weise unschicklich gewesen
aber mein Gott er war eben ein Künstler einer von den jungen die
extravagant zu sein als ihr gutes Recht betrachteten Und wenn man billig sein
wollte der Professor hatte ihn schwer gereizt Gassenvolk Sudelköche das
waren am Ende keine schmeichelhaften Ausdrücke deren sich gerade der ältere
Mann hätte enthalten sollen Und dann die peinliche Szene hatte denn doch ihr
sehr Drolliges gehabt Nachträglich musste man doch darüber lachen
Und man lachte ganz ungeniert zum Entsetzen des Akademikers der sich durch
das frivole Betragen einer sonst so formvollen Gesellschaft aufs tiefste
beleidigt fühlte Anstatt wie es in der Ordnung gewesen wäre ihn zu bedauern
dass er sich den Insulten dieses Grünschnabels dieses Frechlings ohne jegliche
weder große noch kleine goldene Medaille hatte aussetzen müssen Zweifel an
der Korrekteit seines Betragens ja offenbare Parteinahme für den Frechling
Und hatte er denn seine fulminante Rede in die leere Luft gehalten Es schien
sich ja kein Mensch mehr um ihn und seinen genialen Vorschlag zu kümmern
In der Tat hatte man sich nach der tragikomischen Szene einer Aussprache
bedürftig von dem Teetisch erhoben und stand in kleinen Gruppen eifrig
plaudernd so herum fing bereits auch an durch die kleinen Gemächer zu
promenieren bis in das dritte kleinste das Arbeitskabinett des Hauptmanns
Hier aber hatten die Gebrüder Sudenburg ein Tischchen mit Zigarren und
Cigaretten Kästen und Kästchen entdeckt und der Versuchung sich für die
endlosen Kunstdebatten durch ein paar kräftige Züge zu entschädigen nicht
widerstehen können selbstverständlich nach pflichtschuldigem wenn der Herr
Hauptmann es gütigst verstatten Die Damen würden nichts dagegen haben Im
Gegenteil Stephanie beehre sie zu Hause nicht selten auf ihren Zimmern nur um
mit ihnen in der Wette zu rauchen und Frau von Sorbitz habe gar nichts gegen
eine gelegentliche Cigarette die Frau Gemahlin werde ja auch wohl Gnade für
Recht ergehen lassen
Elimar verließ die Rauchlustigen zu denen sich nun auch noch der
Legationsrat gesellt hatte um in den Salon nebenan zu gehen wo inzwischen an
dem runden Tisch unter der Hängelampe ein Teil der Gesellschaft sich um den
Professor Hederich versammelt hatte der das KaulbachAlbum vor sich eifrig
Blatt um Blatt wendend seine Absichten des näheren auseinandersetzte
Sie sehen meine Herrschaften wir haben eine überreiche Auswahl Von dem
Titelbilde will ich Abstand nehmen der schwebende »Genius der Wahrheit« mit der
Dichtung Schleier in der einen dem Lorbeerkranz des Siegers in der andern Hand
dürfte in der Darstellung seine Schwierigkeit haben Auch von dem folgenden
dem köstlichen »LotteBild« wir möchten am Ende so viele Kinder nicht
zusammenbringen »Dorotea und die Auswanderer« überschlage ich das
Ochsengespann der Wagen mit der ehem das geht natürlich in einem lebenden
Bilde nicht so wundervoll es auch hier im Original ist »Gretchen vor der
mater dolorosa« ich muss mich immer der Tränen erwehren so oft ist das
herrliche Blatt ansehe Indessen der Gegenstand ich fürchte meine
Herrschaften wir müssen darauf verzichten Ebenso wie auch die sich
umfangenden »Faust und Helena« Wagner hat uns ja allerdings in Lohengrin und
gar in Tristan und Isolde indessen und dann der Euphorion der doch
notwendig dazu gehört und der sich in seiner kühnen Stellung eine Wolke die
in der Luft verflattert mit einem Worte ich fürchte es geht nicht Bei
»Mädchen im Walde« bin ich zweifelhaft Die Gestalt des getreuen Eckart
wunderbar die Gruppe der sich ängstlich zusammendrängenden Mädchen
zauberhaft Aber Frau Holle da hinten mit ihrem Gefolge Der Meister ist da
etwas stark ins Dämonische geraten Da blieben wir doch am Ende zu weit hinter
dem Urbilde zurück
Verzeihen Sie Herr Professor sagte der Hauptmann von Luckow der eifrig
dem Vortrage gefolgt war ich möchte mir die gehorsamste Bemerkung verstatten
wenn das so fort geht werden wir für unsere Zwecke verzweifelt wenig übrig
behalten Denn nun kommt noch »Lilis Park« mit dem wegen der Unmasse von
gackernden Hühnern und schnatternden Gänsen honni soit qui mal y pense gar
nichts anzufangen ist so wenig wie mit dem »Heidenröslein« wo sich wieder
niemand zu den blökenden Schafen und meckernden Böcken wird hergeben wollen
Für den schlittschuhlaufenden jungen »Wolfgang« finden wir vielleicht unter den
jüngeren Herren einen besonders schneidigen Turner mit der Devise »Nur Mut es
wird schon schief gehen« was man auch der lieben »Ottilie« mit dem ertrunkenen
Kinde auf dem Schoss in ihrem Kippelkahn zurufen möchte Und damit sind wir
glaube ich am Ende angelangt
Am Ende rief der Akademiker dessen Gesicht bei der lustigen Rede des
Hauptmanns immer länger geworden war Ja aber verehrtester Herr Hauptmann
meine geschätzten Damen wir fangen ja erst an Wir werden anfangen mit dem
herrlichen »Tasso der Prinzessin sein Opus überreichend« das heißt einem
entzückenden Tabeleau von sechs interessanten Frauengestalten und der des
Dichterjünglings Das wird auf unser empfängliches Publikum einen ungeheuren
Eindruck machen Wir werden folgen lassen das großartige »Klärchen die Bürger
zum Kampf aufrufend« und mit ihr ebenso wie mit der »sich zum Ball
schmückenden Eugenie« einen rasenden Beifall erzielen Wir werden
Und der Professor sich immer mehr in Eifer sprechend fuhr fort sein
Projekt anzupreisen dessen Ausführbarkeit er nach allen Seiten bis ins kleinste
durchdacht habe und von dessen ganz immensen Erfolg er überzeugt sei
Aber so laut der Mann auch seine dünne Stimme erhob zwei in der ihn
umgebenden Gruppe vernahmen kein Wort von seiner begeisterten Rede Klotilde und
Albrecht
Sie hatten nach den ersten begrüssenden Worten keine Silbe miteinander
gewechselt Auch war da man sich alsbald in das Teezimmer begeben und an dem
Tisch Platz genommen hatte keine Zeit dazu gewesen Aber auch als man sich
jetzt bereits seit einer halben Stunde zwanglos durch die Zimmer bewegen konnte
hatte zwischen ihnen nicht einmal der Versuch einer Annäherung stattgefunden
Klotilde konversierte aufs eifrigste erst mit dem Legationsrat dann mit
Stephanie und Adele Albrecht war mit Elimar in ein lebhaftes Gespräch geraten
das erst abgebrochen wurde als dieser sich in das Rauchzimmer begab dort nach
dem Rechten zu sehen Albrecht blieb allein sich nicht zum erstenmal an diesem
Abend unmutig fragend was er hier eigentlich solle wo niemand seiner zu
bedürfen schien und die Hindeutung auf den literarischen Beirat den man von
ihm erwarte ganz augenscheinlich eine leere Phrase gewesen war und bleiben
würde Warum da nicht lieber seinen Hut nehmen und gehen Er gehörte nun einmal
nicht in diese Gesellschaft so wenig wie der junge Künstler der ihr mutig den
Stuhl vor die Tür gesetzt hatte Und auf ihre ganz besondere Veranlassung
sollte er eingeladen sein die über den Tisch herüber bei den endlosen Debatten
nicht einen Blick für ihn gehabt und für die er jetzt abermals Luft war
Welcher Lug war dies nun wieder zu welchem Zweck Sich so weiter über ihn
lustig zu machen Nein meine Gnädigste dazu gibt man sich in seiner Dummheit
wohl einmal her zu einem zweiten Male nicht
Er suchte mit den Augen nach seinem Hut ohne ihn entdecken zu können
Wahrscheinlich hatte ihn der Diener auf den Flur getragen Er hatte sich mit dem
Hut in der Hand seine Abschiedsverbeugung vor der Gesellschaft machen sehen so
ohne Hut musste er auf eine andere Attitüde denken
Und dann stand er in seiner Unentschlossenheit bei der kleinen Gruppe
welche dem am Tisch sitzenden mit nervösen Fingern in dem Album bald vorwärts
bald zurück blätternden Professor über die Schultern sah
So den Kopf vornübergebeugt mochte er eine halbe Minute lang verharrt
haben als er an seiner linken Schulter eine andere Schulter fühlte Er wollte
mit einem Pardon seitwärts zucken und blieb von freudigem Schrecken gelähmt
im Bann der äterischen Wolke süßen Duftes die zu ihm aufstieg desselben
süßen Duftes in dessen Erinnerung sein Herz alle diese Tage wild geschlagen
hatte Wild wie es jetzt wieder schlug als wollte es ihm die Brust
zersprengen Denn dies war kein Zufall konnte keiner sein Hier war Raum genug
sich einer ungewollten Berührung sofort wieder zu entziehen Aber der leichte
Druck blieb wurde nur noch stärker wärmer inniger Und er stand regungslos
mit dem rasenden Herzen in der atemlosen Brust nur des einen Gedankens mächtig
so sterben sterben im Vollgefühl dieser unaussprechlichen götterhaften Wonne
Da war der holde Druck von seiner Schulter geschwunden der wonnige Traum
ausgeträumt Der Akademiker hatte sein Album zugeklappt die Gruppe sich gelöst
Albrecht suchte ihren Blick und fand ihn nicht Die langen dunklen Wimpern
waren tief gesenkt aber um ihre feinen Lippen spielte ein Lächeln als habe
auch sie einen köstlichen Traum geträumt den sie noch ein paar Sekunden
festhalten wollte
Nun sind die Herrschaften einig fragte Elimar der jetzt herantrat
Der Akademiker erhob sich von seinem Stuhl und sagte erbost
Da ist schwer zu einer Einigung zu gelangen wenn die eine Hälfte der
Gesellschaft umherpromeniert und ich von der andern anstatt der freudigen
Zustimmung auf die ich gerechnet nur Widerspruch zu befahren habe Jetzt eben
noch den letzten von s des Herrn Hauptmanns von Luckow wie ich auf meinem
Schlusstableau »Goethes Huldigung im Park von Ettersburg« für die bartlosen
Männer des vorigen Jahrhunderts Karl August Goethe selbst Herder Musäus
Merck unter unsern bärtigen Herrn die Repräsentanten finden will Ja meine
Herrschaften auf derartige Einwände die denn doch es mild auszudrücken recht
lieblos sind will sagen wenig Liebe zur Sache zeigen die Herren brauchten
sich ja nur die Bärte abschneiden zu lassen bin ich allerdings nicht gefasst
gewesen
Der aufgeregte Herr hatte seine dünne Stimme bis zu den höchsten Fisteltönen
hinaufgeschraubt dass selbst die Herren aus dem Rauchzimmer herbeigelockt waren
und jetzt in der Tür standen leider mit lachenden Gesichtern die den nur noch
mühsam verhaltenen Grimm des Beleidigten zum Überfliessen brachten Er raffte
sein Album vom Tisch presste es unter den linken Arm erhob gegen Elimar und
Adele die sich ihm in den Weg stellen wollten abwehrend die Rechte und hatte
im nächsten Augenblick das Zimmer verlassen
Die Zurückgebliebenen blickten einander betreten an
Sie haben uns da eine nette Suppe eingebrockt sagte der Lagationsrat leise
zu Herrn von Luckow
Was wollen Sie erwiderte dieser laut Danken wir Gott dass wir endlich
unter uns sind »Nur unter dem Streben der eigenen Hand erblühet des Glückes
vollendeter Stand«
Er hatte es mit so drolligem Patos gesagt alle lachten so wenig
lächerlich auch den meisten zu Mute war
Nun sind wir uns aber schuldig etwas ganz besonders Hübsches zustande zu
bringen sagte Elimar
Indessen schien das leichter gesagt als getan Man riet hin und her bis
Klotilde plötzlich rief
Ich habs Komödie müssen wir spielen
Sie sprechen ein großes Wort gelassen aus gnädige Frau sagte Luckow
Was sollte daran so Großes sein sagte Klotilde Ich bin überzeugt der Herr
Professor hier kann uns sofort ein passendes Stück vorschlagen wenn er nicht
selbst eines in petto hat
Das wäre herrlich Herr Professor wandte sich Elimar zu Albrecht Das würde
denn freilich den Prolog und den verbindenden Text die wir uns von Ihrer Güte
erbitten wollten noch weit übertreffen
Albrecht empfand nichts mehr von der trüben Stimmung in die seine Seele den
ganzen hindurch bis zu jenem köstlichen Augenblick eingesponnen gewesen war wie
in einen grauen Schleier Als hätte eine göttliche Macht ihn angehaucht fühlte
er sein Herz von Mut geschwellt mit einer Welt würde er es aufgenommen haben
Er erwiderte ohne sich eine Sekunde zu besinnen
In der Tat liegen bei mir zu Hause im Kasten ein paar Versuche die sich
bereits seit mehreren Jahren nach dem Lampenlicht sehnen Ob sie es werden
aushalten können ist freilich eine andere Frage jedenfalls steht Ihnen meine
schwache Kunst von ganzem Herzen zu Diensten
Ich hoffe dass eine Rolle für mich abfällt sagte Lieutenant Franz
Und für mich rief Lieutenant Fritz
Und für mich und für mich erschallte es rings aus der Gesellschaft
Ich denke es sollen sämtliche Herrschaften zufrieden sein erwiderte
Albrecht Nötigenfalls lassen wir einem etwas längeren Einakter den ich im Sinn
habe einen ganz kurzen nur aus ein paar Szenen bestehenden folgen oder
vorangehen Aber eine Bedingung meine Herrschaften Sie dürfen mir meine Ware
nicht abnehmen ohne sie vorher geprüft zu haben Sie müssen mir erlauben Ihnen
die Sächelchen die natürlich noch nicht gedruckt sind vorzulesen
Darüber dürfte zu viel Zeit verloren gehen wandte von Luckow ein Ich
schlage vor der Herr Professor lässt die Rollen sogleich ausschreiben und
verteilt sie nach seinem Ermessen Wir können dann sofort an die Leseprobe
gehen
Ich würde damit eine Verantwortung auf mich nehmen die zu tragen ich nicht
imstande bin erklärte Albrecht entschieden
Ich möchte mir einen Kompromissvorschlag erlauben sagte Elimar Der Herr
Professor hat die Güte uns die beiden Stücke in den Umrissen zu skizzieren und
sich so unserer für mich und Sie alle bereits jetzt zweifellosen Zustimmung
zu versichern Ich bin überzeugt dass er dann dem Vorschlag Herrn von Luckows
gern Folge geben wird
Ja bitte erzählen Sie uns die Stücke
Der Ruf war von verschiedenen Seiten gekommen von Klotilde nicht Aber in
ihren großen Augen die er fest auf sich gerichtet sah glänzte ein Lächeln das
zu sagen schien mir zuliebe Was hätte er für dies Lächeln nicht getan
Neuntes Kapitel
Während die Gesellschaft sich auf Sofa Stühlen und Sesseln um ihn gruppiert
hatte war er stehen geblieben den rechten Arm auf ein niedriges Schränkchen
ihm zur Seite stützend mit der freien Hand während des Sprechens den blonden
Vollbart gelegentlich sinnend streichelnd
Was ich den werten Damen und Herren jetzt zu skizzieren versuchen werde ist
die Dramatisierung einer Novelle die ich vor ein paar Jahren veröffentlichte
und von der ich nicht sagen kann dass sie ein großes Publikum gefunden hat
Seltsamerweise aber ist der Stoff schon wiederholt Bühnenschriftstellern
anziehend genug erschienen den Versuch zu wagen ihn zu einem Drama
umzugestalten Diese Versuche sind leider sämtlich missglückt Ich glaubte zu
sehen weshalb sie missglücken mussten und traute mir das Geschick zu den
dramatischen Kern rein aus der novellistischen Hülle herausschälen zu können und
so die Klippe zu vermeiden an der meine Vorgänger gescheitert waren
Nun gab er in kecken Umrissen kein kleines Drama in welchem es sich um die
bittere Verlegenheit eines jungen eben mit der Gattin von der Hochzeitsreise
heimgekehrten Mannes handelt der nicht den Mut gehabt hat den vornehmen
Schwiegereltern und der Braut rechtzeitig einzugestehen dass er in seinem
reichen Kaufmannshause nebenbei einen durch die Tradition seiner Vorfahren und
testamentarische Bestimmungen geheiligten offenen Laden hält Indem er seine
kindische Geheimniskrämerei hartnäckig weiter treibt und ein humoristischer
Freund durch krauses Eingreifen die einfache Sache immer mehr verwickelt gerät
er zuletzt sogar in den Verdacht ein Verbrechen begangen zu haben bis sich
alles in der harmlosesten Weise aufklärt der Polizeichef welcher seine Beute
bereits sicher zu haben glaubte beschämt davonschleicht und über dem reuigen
Sünder dem die mutige junge Frau gern verzeiht und den jubelnden
Glückwünschen der Angestellten des Hauses der Vorhang fällt
Albrecht hatte ohne zu stocken in dem anmutig leichten Erzählerton
gesprochen für den er bei seinen Schülern und selbst unter den Kollegen berühmt
war Nun erscholl es bravo bravissimo aus der Gesellschaft die Damen
klatschten in die Hände Albrecht den Arm von dem Schränkchen nehmend
verbeugte sich
Klotilde Sie müssen die junge Frau spielen rief Stephanie Die Rolle ist
wie für Sie geschrieben
Und ich habe während der ganzen Zeit nur immer Sie vor mir gesehen
erwiderte Klotilde Da sind mitunter ganz patetische Töne anzuschlagen Das ist
nicht mein Fall
Ich dachte meine Damen sagte Elimar wir wollten die Verteilung der Rollen
dem Dichter anheimstellen Oder wenn er dazu zu bescheiden ist werden wir uns
doch bei der Leseprobe leicht einigen Wichtiger scheint mir die Frage ob
unsere kleine Gesellschaft zur Besetzung sämtlicher Rollen ausreichen wird
Es passt ausgezeichnet rief Luckow Ich habe genau gezählt es sind neun
Rollen drei Damen und sechs Herrenrollen Wir sind hier ebenfalls neun in
genau derselben Verteilung drei Damen sechs Herren
Und die große Komparserie des schließlich erscheinenden Geschäftspersonals
warf Elimar ein
Die kriegen wir schon rief Franz Ich stelle ein halbes Dutzend Kameraden
Ich trommle eben so viele zusammen rief Fritz
Darf ich mir noch ein Bedenken zu äußern erlauben Herr Professor fragte
Fernau
Aber ich bitte Sie Herr Legationsrat wenn ich selbst so schwere Bedenken
habe erwiderte Albrecht höflich
Ich wollte nur dies bemerkten sagte Fernau Das vortreffliche Stück weist
eine einzige jugendliche Damenrolle auf die junge Frau Wer von unsern Damen
sie auch spielen wird es ist mir ein schmerzlicher Gedanke die Huldgestalten
der beiden anderen in den Masken der alten Haushälterin und der Schwiegermama
welche letztere ich mir nebenbei etwas korpulent vorstellte verschwinden zu
sehen
Darüber muss man erhaben sein wenn man Komödie spielen will rief Klotilde
pathetisch
Du hast gut reden sagte Adele treuherzig Du kriegst sie ja doch
Nein Stephanie rief Klotilde
Nein Sie rief Stephanie
Meine Damen sagte Elimar lächelnd erneuern wir nicht den Streit um das
prächtige Bärenfell Überdies der Herr Professor hatte von einem zweiten
kleineren Stücke gesprochen Vielleicht dass uns das noch eine oder die andere
jugendliche Damenrolle bringt
Ach ja das zweite Stück bitte bitte das zweite Stück
Herzlich gern meine Damen sagte Albrecht wenn Ihre Geduld denn wirklich
noch nicht erschöpft ist Ich muss aber befürworten es kann von einem
eigentlichen Stück diesmal noch weniger die Rede sein keinesfalls von einem
Lustspiel höchstens von einem Schwank einer Farce
Desto besser rief Luckow
Nun denn sagte Albrecht
Er hatte sich nicht wieder an den Vertikow gestellt sondern auf einem
Sessel Platz genommen von dem aus er wie vorhin Klotilde im Auge behalten
konnte sich an ihrem glänzenden Blick und freudig zustimmenden Lächeln immer
neuen Mut für seine Erzähleraufgabe zu trinken
Ein schönes junges Mädchen aus bester Familie nennen wir sie Erna
erwartet ihren Verlobten einen jungen Offizier
Bravo rief Fritz Sudenburg Wie heißt er
Sagen wir Udo zu der gewohnten Besuchsstunde Da der Erwartete für ihre
sehnende Ungeduld zu lange ausbleibt tritt sie an das Fenster und sieht ihn
über den Platz auf das Haus zukommen zu ihrem masslosen Erstaunen in Begleitung
einer ihr völlig unbekannten jungen sehr eleganten Dame Sie sieht weiter wie
Udo sich an der Haustür von der Dame verabschiedet nicht ohne ihr wie es
scheint verschiedenes Wichtige mitzuteilen worauf er sich langsam über den
Platz entfernt Während sie vergebens nach der Erklärung eines so seltsamen
Vorganges sucht und sich trotzdem sie wohl die Torheit empfindet einer Regung
von Eifersucht nicht erwehren kann bringt der Diener eine Karte Miss Jane
Stephenson Es ist eine junge Amerikanerin die Tochter einer der Mutter eng
befreundeten Familie welche nach Berlin gekommen ist ihre musikalischen
Studien zu vollenden Sie kann haute erst eingetroffen sein als man sich
gestern in dem vorausbestimmten Hotel nach ihr erkundigte erwartete man ihre
Ankunft stündlich Erna geht der Fremden entgegen natürlich ist es dieselbe
die ihr Verlobter bis an die Haustür begleitet hat
Das ist was für Sie Stephanie flüsterte Klotilde halblaut der Freundin zu
Sie sprechen so wundervoll englisch
Ich nehme allerdings an dass Miss Jane das Deutsche nur unvollkommen spricht
und auch wohl versteht sagte Albrecht Doch ist hier für die Darstellerin ein
weiter Spielraum gelassen
Bitte bitte fortfahren
Erna immer noch unter dem Druck ihrer eifersüchtigen Regung empfängt die
Dame mit einiger Reserve erhält aber alsbald eine Lösung des Rätsels Miss Jane
als echte Amerikanerin hat sich zugetraut bewaffnet mit einem Plan der Stadt
die ja doch nur ein Dorf im Vergleich zu Newyork sei allein den Weg von dem
Hotel zu dem gesuchten Hause zu finden Auf dem Platz nachdem sie sich um sich
zu orientieren ein paarmal umgedreht sei sie kurz vor ihrem Ziele denn doch
aus der Richtung gekommen In ihrem Reisehandbuch habe sie gelesen dass man sich
in einem solchen Falle vertrauensvoll an einen »Konstable« zu wenden habe die
auf jedem Platze an jeder Straßenecke zu finden an ihrer Uniform Helm und
Säbel leicht erkenntlich und die Zuvorkommenheit und Liebenswürdigkeit selbst
seien Gerade in dem Moment sei einer an ihr vorübergegangen der natürlich
sofort die Fremde in ihr erkannt habe dann er habe sie sehr scharf fixiert sei
auch auf ihren Anruf heigh Konstable sogleich stehen geblieben Nun müsse sie
sagen ihr Grundsatz sei sich über nichts in der Welt zu wundern aber wie
groß auch ihre Erwartungen von der Dienstwilligkeit der Berliner Konstabler
gewesen der hübsche junge Mann habe sie weit übertroffen Mit der größten
Kourtoisie habe er sich sofort erboten sie bis zu dem gesuchten Hause das
übrigens ganz in der Nähe sei zu begleiten was er denn nun getan während der
ganzen Zeit ein perfektes Englisch fliessend sprechend Sie würde hätte sie dies
nicht selbst erlebt es für unmöglich gehalten haben Ein gewöhnlicher
Konstabel der durch seinen feinen Anstand seine ritterliche Höflichkeit die
most accomplished gentlemen ihres Heimatlandes beschäme
Erna die einen ausgeprägten Sinn für Humor besitzt hat bei dieser völlig
ernstaft vorgetragenen Erzählung tausend Mühe gehabt nicht in Lachen
auszubrechen Die Erklärung liegt ja auf der Hand Udo hat die Dame nur bis an
das Haus nicht in das Haus begleitet um seiner improvisierten Schutzmannsrolle
treu zu bleiben Natürlich wird er alsbald in Person erscheinen Sie findet den
Spaß zu gut als dass sie nicht wünschen sollte ihn noch ein wenig fortzusetzen
Die Berliner Konstabler die man übrigens im Deutschen sehr bezeichnend
»Schutzmänner« nenne seien allerdings ein Elitecorps alle ohne Ausnahme
feingebildete gentlemanlike Leute Das sei aber freilich auch höchst nötig
denn die Unsicherheit in Berlin sei so groß jede anständige Familie in Berlin
habe ihren Hauskonstabler vulgo Schutzmann der als ein Glied der Familie
betrachtet werde und auf diesem Fuße ungeniert mit ihr verkehre Das kommt nun
doch der Miss die erklärt hat sich über nichts in der Welt zu wundern ein
wenig wunderbar vor sie deutet an dass die neue Freundin hier ihrer Unkenntnis
von Land und Leuten spotten wolle Eine derartige Insinuation weist Erna als
fast beleidigend zurück Miss Jane müsse ihr verstatten den Beweis ihrer
Wahrhaftigkeit sofort führen und den PrivatSchutzmann der Familie herbeiholen
zu dürfen In diesem Moment öffnet sich die Tür und Ernas Bruder ein Kamerad
Udos von demselben Regiment tritt zum Ausgehen gerüstet ein den Säbel an
der Seite auf dem Kopfe den Helm den er beim Erblicken der schönen Fremden
bestürzt abnimmt
Hier ist er ruft Erna und läuft davon unter dem Vorwand die Mutter
benachrichtigen zu müssen nachdem sie zuvor den Namen der Fremden genannt auf
deren Kommen übrigens der junge Offizier ebenso wie die anderen Mitglieder der
Familie vorbereitet ist
Also Sie sind der Schutzmann der Familie beginnt Miss Jane die
Unterhaltung Arnulf kann er so heißen
Warum nicht rief Franz Sudenburg Wir haben drei Arnulfs im Rement
Arnulf ist über den »Schutzmann« ein wenig verwundert aber warum sollte
Erna ihn als einzigen Haussohn und Vertreter des verstorbenen Vaters der Dame
nicht als Beschützer der Familie bezeichnet haben woraus denn diese in ihrer
mangelhaften Kenntnis der Sprache einen Schutzmann gemacht hat Nun entwickelt
sich zwischen den beiden eine drollige Unterhaltung in welcher die Fremde den
»Schutzmann« buchstäblich und Arnulf allegorisch nimmt bis die Widersprüche und
Unmöglichkeiten sich so häufen dass eine Erklärung stattfinden muss Miss Jane ist
empört so arg gehänselt worden zu sein Arnulf der sich mit jeder Minute
heftiger in das junge Mädchen verliebt
Die Rolle spiele ich rief Fritz
hält dafür sie müsse eine eklatante Revanche nehmen Miss Jane in ihrer
Erregung auf und ab gehend ist an das Fenster getreten und sieht den Offizier
der sich ihr vorhin für einen Schutzmann ausgegeben und so die ganze lächerliche
Geschichte eingefädelt hat auf das Haus zukommen Arnulf der ihr gefolgt ist
und über die Schulter blickt ruft das ist mein zukünftiger Schwager der
Verlobte meiner Schwester Er wird sogleich hier sein ebenso wie meine
Schwester nebenbei ohne die Mama die gar nicht zu Haus ist Hätten Sie Mut zu
einem tollen Scherz Miss Jane
Ich habe Mut für alles erklärt Miss Jane entschieden
Geben wir uns den beiden Verlobten ebenfalls für Verlobte aus
Was ist geben aus fragt Miss Jane
Stellen wir uns ihnen als Verlobte vor
Dann wir werden tun müssen wie Verlobte sagt Miss Jane nachdenklich
Da Sie Mut für alles haben
Well wir werden tun wie Verlobte sagt Miss Jane
Sie nehmen vorn auf dem Sofa Platz in einer Vertraulichkeit die man
Verlobten gern gestattet
Du Fritz sagt hier Franz Sudenburg den Kameraden überlässt Du mir
Ich habe zuerst auf ihn abonniert entgegnete Fritz
Es tritt sofort noch der zweite auf fuhr Albrecht lächelnd fort Udo dem
Erna aus der Tür durch welche sie vorhin verschwunden entgegeneilt Udo küsst
seiner Braut zärtlich die Hand
Na Franz fragte hier Fritz
Abwarten alter Sohn entgegnete Franz
Jetzt muss ich die beiden Ruhestörer aber wirklich zur Ordnung rufen sagte
Elimar mit freundlichem Ernst
Die beiden jungen Offiziere verbeugten sich und Albrecht fuhr fort
küsst also seiner Braut die Hand was Arnulf sofort auch bei Miss Jane tut
die diese Huldigung als etwas scheinbar Selbstverständliches hinnimmt und auch
sonst in dieser Szene ihrem Wort von dem »Mut für alles« volle Rechnung trägt
Auf den Gesichtern Udos und Ernas prägt sich tiefstes Erstaunen aus über das
was sie sehen müssen sie treten an die beiden auf dem Sofa die in eine wie es
scheint intimste Unterhaltung versunken gar keine Notiz von ihnen nehmen
heran und Erna stellt Udo als ihren Verlobten vor der sich ungemein freue die
auf der Straße angeknüpfte Bekanntschaft fortsetzen zu können und für den
kleinen Scherz den er sich erlaubt habe um Verzeihung bitte
Miss Jane ohne Arnulfs Hand zu lassen erklärt sie wisse nicht was der
»Herr Konstable« unter dem Scherz den er sich erlaubt haben wolle verstehe
freue sich aber ihm und seiner Braut mitteilen zu können dass sie sich eben mit
seinem »comrade« dem »private constable of the family« verlobt habe Was dann
Udo durch feurige Küsse auf ihre Hand bestätigt
Aber Miss Jane ruft Erna die ihren Sinnen kaum noch traut es ist ja mein
Bruder
Haben Sie etwas dagegen dass ich Ihren Bruder heirate
Und ein Konstabel schon gar nicht sondern Offizier ruft Erna
Wie Ihr Verlobter
Wie mein Verlobter
Da können wir uns beide nur gegenseitig gratulieren Wenn bei Euch zu Lande
die Schutzleute so liebenswürdig sind wie sehr müssen es dann die Offiziere
sein
Bravo riefen hier Fritz und Franz wie aus einem Munde
Nun und und fragten die Damen
Der Rest versteht sich von selbst meine Damen sagte Albrecht Miss Jane
beweist dass sie unter anderm den Mut hat aus einem Scherz veritablen Ernst zu
machen die Mama kommt hinzu und segnet einen Bund durch den ihr Sohn zum
glücklichen Gatten einer nicht nur reizenden sondern auch wie sie sehr wohl
weiß steinreichen Frau wird
Und damit meine Damen und Herren schloss Albrecht bin ich mit meiner
schwachen Kunst zu Ende Wenn Sie glauben dass die harmlosen Scherze Ihren
Zwecken genügen
Aber daran kann doch gar kein Zweifel sein sagte Elimar Das ist ja gerade
was wir brauchen Ich bin überzeugt dies im Namen der ganzen Gesellschaft
auszusprechen
Der ganzen Gesellschaft Freilich Selbstverständlich kam es von allen
Seiten
So werde ich die Rollen sogleich ausschreiben lassen sagte Albrecht Das
kann in zwei Tagen spätestens geschehen sein Wir müssten dann sofort an die
Leseprobe und die Verteilung der Rollen gehen
Man war mit allem einverstanden Auch wollte man vorläufig mit dem
Heranziehen anderer Kräfte warten bis sich herausgestellt haben würde wie weit
man mit den vorhandenen auskommen werde
Inzwischen war es spät geworden man durfte die Nachsicht der
liebenswürdigen Wirte nicht länger in Anspruch nehmen Doch ging der Aufbruch
nicht so schnell von statten Man war von dem Gehörten zu aufgeregt es gab für
die nächsten Tage noch so vieles zu erwägen festzustellen Dass die eigentlichen
Proben in den etwas engen Meerheimschen Räumen nicht würden abgehalten werden
können leuchtete allen ein Stephanie schlug vor in das elterliche Haus
überzusiedeln es komme am Ende nicht darauf an ob der Papa ein wenig früher
oder später von ihrem Vorhaben Kenntnis erhalte Man gab das zu aber die
Leseprobe verlangte Adele müsse jedenfalls noch bei ihr stattfinden
Das alles wurde auf dem engen Flur verhandelt während die Damen ihre Mäntel
umgelegt bekamen und die Herren sich ihre Paletots und Überröcke anzogen wobei
es denn ohne einige Verwirrung und die obligaten »Pardon« nicht abging
Albrecht sah sich in seiner Hoffnung noch ein Wort mit Klotilde wechseln zu
können getäuscht Sie sollte von den Sudenburgs deren Equipage bereits seit
einer Stunde vor der Tür hielt nach Hause gebracht werden die beiden
Lieutenants wichen ihr nicht von der Seite er musste sich mit einem Gute Nacht
Herr Professor und einem Händedruck begnügen der ihm eine wenig flüchtig
deuchte
Dann stand er mit den Herren von Fernau und von Luckow auf der Straße
Fernau der noch auf einen Ball musste er war am Abend in voller
Gesellschaftstoilette mit einem Ordensband im Knopfloch erschienen rief eine
vorüberfahrende Droschke an der Hauptmann der für eine Strecke denselben Weg
hatte stieg mit ein man trennte sich mit den höflichsten Grüssen und seitens
des Hauptmanns der Versicherung dass er dem Herrn Professor einen ganz
ungewöhnlich genussreichen Abend verdanke
Dafür hatte sich denn die Wagentür kaum hinter den Eingestiegenen
geschlossen als Fernau in erregtem Tone rief
Aber bester Luckow wie können Sie so dem albernen Menschen noch mehr den
Kopf verdrehen als es unsere Damen Gott sei es geklagt schon getan haben
Das kann doch gar nicht Ihre wahre Meinung sein Das war ja positiver Blödsinn
was der Mensch da vorgebracht hat Bei Gott ich habe mich ordentlich geschämt
aus purer Höflichkeit den Nonsens über mich ergehen lassen zu müssen
Sollte hier nicht etwas wie Eifersucht mit im Spiel sein fragte lächelnd
Luckow der die Leidenschaft Fernaus für Klotilde wohl kannte
Der Legationsrat brauste auf
Nehmen Sie mir es nicht übel Luckow das ist beinahe eine Beleidigung Ich
eifersüchtig auf den Menschen Da könnte ich mit mehr Recht sagen Sie
protegieren ihn nur weil Ihnen die Gelegenheit mit Fräulein Stephanie
möglichst oft zusammenzukommen zu verführerisch erscheint
Was ich gar nicht in Abrede stelle erwiderte der Hauptmann trocken
Aber weshalb dazu diesen Menschen in unsere Gesellschaft ziehen der nun
einmal schlechterdings nicht dahin gehört Diesen aufgeblasenen geckenhaften
vor Eitelkeit schier übergeschnappten Plebejer Es ist heute das letzte Mal
gewesen dass ich mich zu dieser lächerlichen Farce hergegeben habe
Der Hauptmann drückte auf den Gummiknopf im Wagen
Ich muss hier aussteigen Gute Nacht Ich denke Fernau Sie überlegen sich
die Sache noch einmal
Unterdessen war Albrecht durch die Straßen gestürmt achtlos des sprühenden
kalten Regens der eingesetzt hatte An Nachhausegehen dachte er nicht Was
sollte er in seinem engen Hause bei seiner guten kleinen langweiligen Frau mit
diesem Sturm der Gefühle im Herzen mit dem Bilde der Zauberin im Herzen Ja
sie war eine Zauberin die aus den Menschen machen konnte was sie wollte aus
einem armseligen Schulmeister der in der elenden Frohnde seines Berufes
hinkeuchend sein Dasein so oft verwünscht hatte einen Göttersohn Die letzte
Berührung der kleinen Hand Nun ja sie hätte von ihrer Seite wärmer sein
können länger währen können Aber dann die Späherblicke rings umher Dieser
Legationsrat mit den stechendem schwarzen Kalmückenaugen dem bei all seiner
glatten Höflichkeit nicht über den Weg zu trauen war Und hatte ihn auch die
Hand nur flüchtig berührt eine Frau eine Dame der feinsten Gesellschaft die
ach er konnte nicht zweifeln sie liebte ihn
Und sie liebt mich sie liebt mich verzückt vor sich hinmurmelnd rannte
er weiter durch die leeren dunklen verregneten Straßen
Als die Flurtür sich hinter ihren Gästen geschlossen hatte und sie sich
wieder im Wohnzimmer befanden war Elimar seine längst vermisste Zigarre
rauchend schweigend auf und ab gegangen während Adele in die Sofaecke
gelehnt die Ereignisse des Abends rekapitulierend jetzt zu der Verteilung der
Rollen gelangt war mit der sie nicht zurecht kommen konnte da sie die Personen
der beiden Stücke beständig durcheinander mischte Aber darüber sei sie mit sich
im reinen dass sie die Haushälterin in dem zweiten nein in dem ersten Stück
spielen müsse mit einer ungeheuren Haube auf dem Kopfe und einem kolossalen
Schlüsselbunde am Gürtel Ob Elimar nicht auch meine sie werde sich so ganz
vorzüglich ausnehmen
Was soll ich meinen fragte Elimar stehen bleibend
Mein Gott Eli wie zerstreut Du bist Was hast Du nur
Mir geht die fatale Sache mit den beiden Künstlern durch den Kopf sagte
Elimar Es ist recht unangenehm dass das gerade bei uns passieren musste
Ja aber was können denn wir dafür rief Adele Dafür ist doch Fräulein
Stephanie verantwortlich die sich die beiden Zankhähne ausgesucht und uns ins
Haus geschickt hat Meinst Du nicht auch
Freilich sagte Elimar
Er hatte gar nicht an die närrischen Künstler gedacht sondern an Klotilde
und den Professor Als er aus dem Rauchzimmer kommend an die Gruppe trat
welche am Tisch um den Akademiker herumstand hatte er zu seinem masslosen
Erstaunen die beiden gesehen Schulter eng an Schulter geschmiegt Er hätte sich
einreden können das Opfer einer Sinnestäuschung gewesen zu sein denn in der
Tat hatte seine seltsame Beobachtung da sich die Gruppe alsbald löste nur ein
paar Sekunden gewährt Aber die beiden im weiteren Verlauf des Abends scharf
beobachtend waren ihm die höchst verdächtigen Blicke nicht entgangen welche
sie wiederholt in Momenten die sie für sicher halten mochten miteinander
austauschten Handelte es sich noch nicht um Liebe so zweifellos um eine
bereits recht vorgeschrittene Liebelei die ihm schwere Sorge machte Kannte er
doch Klotildens lebhaftes Temperament ihre Neigung mit Männerherzen zu
spielen die Leere welche ihr eine sicher nicht sehr beglückte Ehe im eigenen
Herzen ließ auf diese gefährliche Weise auszufüllen Hatte er das alles doch
vor fünf Jahren an sich selbst erfahren und seine ganze Festigkeit und Klugheit
aufbieten müssen sich aus der Gefahr zu retten
Und diese Festigkeit und Klugheit dem Professor mit seinen großen
lebenshungrigen Augen traute er sie schon gar nicht zu Dergleichen Leute
besonders wenn sie aus niederen Kreisen stammen sind in den weißen Händen einer
gefallsüchtigen keineswegs übrig gewissenhaften aristokratischen Dame weiches
Wachs Sie würde das Wachs schon zu kneten wissen sie Der arme Teufel mochte
an das Heil seiner Seele denken Und an das seines Leibes dazu Viktor ließ
seine Frau frei gewähren zu frei vielleicht Aber an seine Ehre durfte man dem
alten Korpsburschen und Reservelieutenant nicht rühren und mit dem Schulmeister
würde er verzweifelt kurzen Prozess machen
Vielleicht waren das alles nur kassandrische schwarze Träume
Nur wäre es nicht das erste Mal gewesen dass sein böses Geträume sich
erfüllt hätte
Jedenfalls wollte er die Augen offen behalten Wenn Klotilde auf einen
Menschen hörte durfte er sich schmeicheln dass er es sei
Zehntes Kapitel
In seinem Gymnasium war man gewohnt Albrecht Winter mit stolz erhobenem Haupt
und erfolgbewusst leuchtenden Augen zu sehen offen bewundert von seinen für ihn
schwärmenden Schülern heimlich sogar von denen seiner Kollegen welche ihm sein
stattlichschönes Äußere die Vielseitigkeit seines Wissens den leichten Fluss
der Rede und die Erfolge in seinen verhältnismäßig jungen Jahren beneideten
Aber seit einiger Zeit schien er nicht mehr derselbe In den Lehrstunden war er
nicht selten zerstreut vergebens harrten die jungen Leute auf eine jener
begeisterten Improvisationen mit denen er sie sonst wohl entzückte gerade wenn
die trockensten Gegenstände behandelt wurden und er dem früher niemals ein
hartes Wort entschlüpfte konnte bei geringfügigen Veranlassungen heftig und
unduldsam werden Die Kollegen sahen den freundlich gesprächigen Mann in einen
Kopfhänger verwandelt der sein Schweigen nur unterbrach um eine bitter
sarkastische Bemerkung in die Debatte zu werfen Dann wieder eines Morgens
erschien »Siegfried« wie ihn der Schulwitz getauft hatte strahlender als je
um bereits am nächsten Tage abermals die Beute seiner seltsamen Missstimmung und
Melancholie zu sein
Niemand wusste sich diese Wunderlichkeiten zu erklären er selbst freilich
musste sich heimlich eingestehen dass seine Seele nur noch der Spielball der
Leidenschaft war die ihn für die schöne Frau von Sorbitz mit einer Gewalt
ergriffen hatte gegen welche er in sich keinen Widerstand fand Das ganze
Dasein drehte sich für ihn um die Frage erwidert sie meine Liebe Glaubte er
sie mit ja beantworten zu dürfen schien ihm der herbstlich graue Himmel von
rosigem Licht verklärt Musste er und das war der weitaus häufigere Fall an
ihrer Gegenliebe zweifeln sah er sich am sonnigsten Tag umgeben von den
Schrecken des arktischen Eises unter einem Himmel von dem der letzte
Hoffnungsstern verschwunden war
Unterdessen hatten die theatralischen Angelegenheiten den erfreulichsten
Fortgang genommen Die Rollen der beiden Stücke welche jetzt offiziell »Das
Schild« und »Der Schutzmann« genannt wurden waren in kürzester Frist
ausgeschrieben worden und bei der nächsten Zusammenkunft in Adeles kleinem Salon
zur Verteilung gekommen Hier hatte Albrecht eine erste schmerzliche
Enttäuschung erfahren Ein wie reiches Lob er auch für seine dichterische
Leistung einerntete und mit welcher Einhelligkeit man ihm die Rolle des Helden
im »Schild« zuerkannte seine stille Hoffnung die angebetete Frau dann zur
Partnerin zu haben ging nicht in Erfüllung Klotilde die sein bittendes
Augenspiel nicht zu verstehen oder verstehen zu wollen schien erklärte mit
aller Entschiedenheit eine Rolle nicht übernehmen zu können bei der die
Darstellerin auch tragische Töne in der Gewalt haben müsse Das sei Stephanies
Sache Dagegen glaube sie mit der resoluten Miss Jane des zweiten Stücks wohl
fertig zu werden wenn sie auch keine so perfekte Engländerin wie Stephanie sei
die mit ihren großen dunklen feuchtschimmernden Augen als geängstete junge
Kaufmannsfrau brillieren werde Und da Stephanie der es vor allem um das
Zustandekommen des Unternehmens zu tun war sich damit einverstanden erklärte
wurde Klotildens Vorschlag zum Beschluss erhoben zur besonderen Freude Luckows
der den ärztlichen Freund des Helden im »Schild« übernehmen sollte und sich so
mit dem Gegenstand seiner stillen Verehrung in dem Rahmen eines und desselben
Stückes umschlossen sah
Ein paar andere Rollen fanden leicht ihre Liebhaber Für den Mann der
Polizei schien der Legationsrat der Luckows Rat »sich die Sache noch einmal zu
überlegen« beherzigt hatte und am zweiten Abend pünktlich erschienen war mit
seinem Oliventeint und dem durchbohrenden Blick ganz der geeignete Repräsentant
Adele schwärmte für die Haushälterin Elimar erklärte dass seine Schauspielkunst
über den alten Diener Baltasar der nur wenige Worte zu sprechen hatte nicht
hinausreiche Für das kommerzienrätliche Elternpaar sollten zwei Befreundete des
Sudenburgschen Hauses ein älteres behagliches von aller Welt Tante Julie
genanntes Fräulein und ein jovialer Rittmeister von den zweiten Dragonern Herr
von Rotenburg engagiert werden Den durchtriebenen Ladenjüngling Fridolin zu
übernehmen erklärte sich der behende Lieutenant von Sperber gern bereit zum
großen Trost für Fritz und Franz Sudenburg die als Offiziere im »Schutzmann« zu
glänzen hofften und deren Hünengestalten sich für den windigen Schalk auch wenig
schickten Schwester Erna in der kleinen Posse würde bei Fräulein von
Breitenbach einem schönen sanften Mädchen vortrefflich aufgehoben sein Zu
der Komparserie in der Schlussscene des »Schilds« war der Andrang der Kameraden
so groß dass Fritz und Franz nur abzuwehren hatten
Dies alles war entweder schon auf der Leseprobe bei Meerheims festgestellt
worden oder was man da noch nicht endgiltig machen konnte auf der folgenden
welche bereits in der großen Sudenburgschen Wohnung stattfand nachdem der
Direktor erklärt hatte gegen das Treiben der jungen Leute blind und taub sein
zu wollen
Was denn freilich beides recht wünschenswert schien in Anbetracht des
fortwährenden Kommens und Gehens der Teaterleute welches die folgenden Tage
brachten und des nicht unbedeutenden Lärmens den sie bei ihren Proben
vollführten Wollte doch des fröhlichen Lachens und lustigen Schwätzens kein
Ende nehmen Albrecht musste nicht selten seine ganze Autorität aufbieten den
Übermut zu zügeln und die Herrschaften daran zu erinnern dass man ja wohl
zusammengekommen sei um Komödie zu spielen
Das Amt eines Regisseurs war ihm als etwas Selbstverständliches zugefallen
Einmal schien es dem Dichter zu gebühren und dann stellte sich auch bald
heraus dass er von theatralischen Dingen ein gut Teil mehr verstand als die
übrigen Herrschaften die nur immer von ihren Logenplätzen aus den Schaum des
Trankes abgeschlürft hatten Schon dem Studenten war das Theater eine
Leidenschaft gewesen der Traum dermaleinst als Schauspieler oder Dichter von
der Bühne herab zu glänzen hatte ihn unablässig verfolgt Weit lieber als mit
seinen Kommilitonen hatte er mit Schauspielern verkehrt und in ihrem Umgang die
rauen Manieren des Bergmannssohnes abzuschleifen versucht mit einem Erfolg der
für naivere Augen und Gemüter ein vollkommener war Wie oft hatte er als ein
gern gesehener Zaungast hinter den Kulissen gestanden mit brennenden Augen
und gespannten Ohren die Darstellung irgend einer Paraderolle irgend eines
berühmten Mimen einsaugend so dass er jeden Ton und jede Geste des Wundermannes
mit verblüffender Treue kopieren konnte Wie oft hatte er mit der Vorführung
solcher Künste der Heiterkeit eines Studentengelages einer kollegialischen
Tischgesellschaft erhöht
Das alles kam ihm jetzt herrlich zu statten und ließ ihn unter diesen
Dilettanten als ein durchgebildeter Künstler erscheinen dessen Anordnungen man
sich willig fügte dessen Kritik und Korrekturen man sich gern gefallen ließ
Verehrter Herr Professor kann ich das so machen Lieber Herr Professor
meinen Sie dass es so geht kamen die Fragen von allen Seiten und der Herr
Professor war nie um eine entscheidende Antwort verlegen wusste sofort die
nötige Wendung die obligate Stellung anzugeben sprach die betreffenden Worte
in richtigem Ton und Tonfall mit so überzeugender Wahrheit dass man
schlechterdings nichts Besseres tun konnte als ihm so gut es gehen wollte
nachzuahmen
Das waren denn freilich Stunden die seinem Selbstgefühl schmeicheln mussten
und ihm ungemischte Freude gebracht hätten nur dass den Sonnenglanz eine dunkle
Wolke trübte nur dass in seiner erregten Seele die eine Frage unbeantwortet
blieb von deren Lösung mochte sie nun gut oder schlimm sein das war seine
Überzeugung das Glück oder Unglück seines Lebens abhing
Er fühlte dass seine Nerven es nicht lange mehr ertrügen er wollte
Gewissheit um jeden Preis und wenn sie ihn zerschmetterte wie den Jüngling von
Sais der Anblick der unverschleierten Göttin Und es gab Momente wo sich der
Schleier heben zu wollen und ihm der Glanz der höchsten Himmel entgegen zu
schimmern schien ein wärmerer und immer verstohlener Blick aus ihren mächtigen
Augen ein herzlicheres und immer geflüstertes Wort ein festerer und immer
schnell wieder gelöster Druck der schlanken kühlen Hand Was aber verbürgte
ihm dass dies alles nicht Zufall gesellschaftliche Höflichkeit salonläufige
Koketterie war wenn dann wieder Tage kamen an denen er sich auch nicht des
geringsten Vorzugs vor den anderen Herren rühmen durfte ja er zu bemerken
glaubte dass sie ihn kühler behandelte als jene und einmal wieder die vornehme
Dame herauskehrte die den Abstand zwischen sich und dem Roturier nur zu
vergessen schien wenn ihr die Laune danach stand oder es in ihre Absichten
passte
In solchen verzweifelten Momenten hätte er das schöne Weib das so zum
Zeitvertreib ihre Circekünste an ihm übte an dem weißen Hals packen und
erwürgen dieser vornehmen Gesellschaft die in ihm nur ihren Tanzmeister sah
sein Regiebuch vor die Füße schleudern mögen
Und hatte er sich dann aus dieser Gesellschaft verabschiedet verbindlich
lächelnd die ihm von allen Seiten entgegengebrachten Danksagungen für seine
Nachsicht und Geduld bescheiden ablehnend stürmte er durch die nächtlichen
Straßen nach Hause in sich hinein wütend mit allen heiligsten Eiden sich
gelobend diesen Tanz um das goldene Kalb der Eitelkeit zum letztenmale getanzt
zu haben
Ein Trost blieb ihm und er wiederholte ihn sich beständig in all dem Sturm
und Drang seiner Leidenschaft in diesem Chaos durcheinander wirbelnder sich
wild befehdender Empfindungen von seinen Berufs und häuslichen Pflichten
hatte er keine einzige verletzt Mochten seine Schüler den gütigen Lehrer ungern
vermissen der strengere war ihnen vielleicht der bessere und seine Gattin
seine Kinder so verstört ihm auch oft der Kopf und wie weh es ihm ums Herz
war sie sollten noch das erste unfreundliche Wort aus seinem Munde hören Ja
es dünkte ihm seltsam und ein psychologisches Rätsel dass er sich mit der
wahnsinnigen Liebe für die andere im Herzen von Klara nicht entfremdet fühlte
ja mehr noch denn sonst zu ihr hingezogen als zu einer befreundeten Seele von
der er Rat in seiner Ratlosigkeit Hilfe in seiner Hilflosigkeit mit Sicherheit
erwarten durfte Sollte er vor ihr hinknieen den Kopf in ihren Schoss drücken
und der Treuen Guten Verständigen alles alles sagen Mehr als einmal stand er
vor dem Entschlusse so nah dass nur noch eines Haares Breite fehlte Dann
fädelte sie gerade eine Nadel ein oder aus ihrem Munde kam ein Alltagswort
über Karlchen der wieder sein Höschen zerrissen hatte über Frau Doktor Müller
bei der morgen das sechste Dienstmädchen binnen Jahresfrist anzog und der
mutige Entschluss kroch feig zum Herzen zurück Nein sie würde ihn nicht
verstehen Und wie konnte sie ihm verzeihen wenn sie ihn nicht verstand
Ihn der sonst als ein gesunder Mann sich eines soliden Schlafes alle Zeit
erfreut hatte plagte jetzt eine hartnäckige Schlaflosigkeit Klara über den
wahren Grund seines Leidens wegzutäuschen und sich selbst die qualvollen Stunden
zu verkürzen studierte und schrieb er die halben Nächte hindurch an einer
großen gelehrten Arbeit die ihn schon seit längerer Zeit beschäftigt hatte und
auf deren Fertigstellung der Verleger jetzt dringe Klara die ihr Leben dafür
gelassen haben würde dass kein unwahres Wort aus seinem Munde gehen könne hatte
dessen kein Arg Wie aber ein verständiger Mensch wenn ihm das Feuer auf die
Nägel brenne es über sich gewinne vier fünf Abende in der Woche mit diesem
albernen Komödienspiel zu vertrödeln gehe über ihren Horizont Und wenn er
glaube sich weil er sich für sie opfere den Dank dieser vornehmen
Herrschaften zu verdienen irre er gewaltig Die Sorte habe es an sich den
Leuten Komplimente zu machen solange sie sie brauchten und sie dann
wegzuwerfen wie ausgequetschte Citronen
Worauf denn Albrecht etwas murmelte von der Notwendigkeit B zu sagen
nachdem man die Torheit begangen sich auf das A einzulassen und dass ja Gott
sei Dank der leidige Spaß nun bald ein Ende haben werde
Versprich mir wenigstens Albrecht sagte Klara dass er dann auch wirklich
ein Ende hat
Aber wie sollte er denn nicht entgegnete Albrecht
Ich weiß nicht sagte Klara Ich habe nur immer gefunden wenn man erst mal
Unordnung in seine Wirtschaft kommen lässt hernach ist es schwer sie wieder
hinauszubringen Du bist doch sonst ein so ordentlicher Mann
Und Du eine verständige Frau die nicht gleich in jedem Schatten an der Wand
ein Gespenst sieht Geh zu Bett Kind Ich werde heute nicht so lange
aufbleiben
Elftes Kapitel
Wenn Albrecht nicht wusste ob Klotilde ihn liebe Klotilde selbst hätte es ihm
nicht sagen können
Es war da etwas Sonderbares für das sie keine Erklärung fand
Fern von ihm konnte sie an ihn denken sich seine Erscheinung in allen
Einzelheiten ausmalen ohne die geringste Wallung in ihrem Herzen zu verspüren
Mehr noch sie sah dann mit unheimlicher Klarheit seine Schwächen seine
Eitelkeit und Selbstgefälligkeit seine pompöse Weise zu gehen und zu stehen
durch die doch immer der pedantische Schulmeister blickte sein krampfhaftes
Bemühen durch nichts an seine plebejische Abkunft zu erinnern um gerade das
Gegenteil von dem hervorzubringen was er erzielte War es nicht beschämend
geschmacklos und grenzenlos lächerlich sich für einen solchen Mann zu
interessieren zu entusiasmieren sogar Würde nicht die seine Stephanie würden
nicht wenn sie es wüssten ihre sämtlichen Bekanntinnen sie auslachen Mit Fug
und Recht sie eine sentimentale Närrin nennen die schleunigst in ihre Pension
zurückkehren möge für den Litteraturlehrer so weiter zu schwärmen
Sie hätte sich die Ohren zuhalten mögen so deutlich hörte sie das höhnische
Gelächter
Und dann brauchte sie nur wieder in seine Nähe zu kommen um von neuem zu
spüren wie ein Zittern durch ihre Nerven rieselte das Blut sich ihr zum Herzen
drängte atemraubend zum Kopf ihr das Gehirn umnebelnd wie ihr der Mund
trocken wurde und ihr die Lippen brannten nach einem Kuss von seinen Lippen
In solchen Momenten hatte sie auch Empfindung und Verständnis für seine
geistige Bedeutenheit in der er die andern Männer ihres Kreises um Haupteslänge
zu überragen schien Mit einziger Ausnahme Elimars Aber Elimar war ihr stets
inkommensurabel und ein Gegenstand geheimer Furcht gewesen in dem
unerschütterlichen Gleichmass seines Temperaments und der krystallenen Klarheit
seines Denkens So hatte sie auch damals seiner stillen Werbung keinerlei
Vorschub geleistet und wunderte sich jetzt auch nicht mehr darüber dass er ihre
unbedeutende Kousine geheiratet hatte Von seiner Höhe aus gesehen welch großer
Unterschied konnte da zwischen den Weibern sein Aber die Menge der Übrigen
dieser Herdentiere die sich zum Verwechseln ähnlich sahen alle dieselben
Manieren hatten dieselben abgebrauchten Phrasen gedankenlos herunterplapperten
und von denen keiner einen Schritt wagte es wäre denn irgend ein Leitammel
vorausgesprungen worauf sie sämtlich in stupider Hast nach derselben Seite
drängten
Selbst Fernau den sie in letzter Zeit ziemlich stark bevorzugt hatte weil
er unter diesen Nullen noch der einzige Zähler schien wie weit blieb er hinter
Albrecht Winter zurück Sie hatte seine »Reisebriefe« wieder hervorgesucht In
ihren Kreisen galt das Buch als ein Wunder von Geschmack Geist und Witz ihr
selbst war es noch vor einem Jahr so erschienen Wo aber hatte sie dann ihre
Augen ihren Verstand gehabt Wie trocken trival hausbacken war dies alles
Und wenn der Mann sich einmal zu etwas aufschwingen wollte was er vermutlich
für poetisch hielt wie musste er sich recken und strecken wütend die Flanken
peitschen und wie kläglich war das Resultat
Albrecht Winter Wie leicht und anmutig floss die Rede von seinen Lippen wie
hatte er für alles den rechten den treffenden Ausdruck ohne dass er jemals
danach zu suchen brauchte Und sie hatte doch auch ihre Mädchenträume gehabt und
ihren Geibel ihren Heine mit Herzklopfen in holden Stunden gelesen die längst
verklungen waren Und jetzt wieder herangeschwebt kamen wenn sie nur den Ton
seiner Stimme hörte und in seine Augen blickte die verklärt schienen von dem
Licht das ihr Leben einmal ahnungsvoll gestreift hatte
Ein schöner Traum der kam sobald er in die Tür trat und gegangen war
wenn sie sich hinter ihm schloss Dann war sie wieder die sie gewesen die
Weltdame »die sich mit ihrem faible für den Schulmeister einfach ridikül
vorkam«
Und sich weiter so vorkommen würde wollte sie das Leben nicht nehmen
leicht wie alle Welt um sie herum es nahm Man brauchte ja deshalb nicht die
Kappe über die Dächer zu werfen Hatte sie es denn je getan Dass sie ihren Mann
nicht liebte dafür konnte sie doch nichts Wenn man mit neunzehn Jahren
heiratet aus Ärger dass einem die einzig wünschenswerte Partie entgangen ist
man sie sich in seiner Dummheit hat entgehen lassen mein Gott der Ärger macht
blind Und so ganz vorbeigegriffen hatte sie in ihrer Blindheit doch auch nicht
Viktor war nicht schlechter und nicht besser als die übrigen Eher noch ein
bisschen besser Jedenfalls hatte er sich die Hörner vorher abgelaufen was man
nicht von allen sagen konnte und wenn er ein wütender Aktentiger und
rücksichtsloser Streber war so trug das zu seiner Unterhaltsamkeit nicht gerade
bei aber es waren doch die rechten Eigenschaften für den Sohn eines armen
Generals aD welcher die Tochter eines Gutsbesitzers geheiratet hatte der
beständig erklärte nicht zu wissen wie er sich Frau und sechs Kinder weiter
so durch die Welt bringen sollte
Nein sie hatte die Kappe nicht über die Dächer geworfen Flirtations Nun
ja Wer unter den ihr bekannten Damen hätte denn keine gehabt Auch sie die
keineswegs jung und nichts weniger als schön waren Und bei denen es nicht
einmal immer mit der Flirtation als abgetan galt in den Augen derer die es
besser wussten Konnte in diesem Kreise mit der wunderbaren Akustik und seinen
hundert gierigen Späheraugen jemand gegen sie auftreten und ihr nachsagen sie
sei zu weit gegangen War in dem Techtelmechtel mit Fernau einer zu weit
gegangen so war es Fernau nicht sie Hatte Viktor an dem Manne einen Narren
gefressen schien er ohne ihn nicht mehr leben zu können und riss alle Türen
seines Hauses geschäftig für ihn auf sollte sie ihm den Staar stechen Er sah
doch sonst wenn man ihm glaubte durch die dicksten Wände und hörte das Gras
wachsen Und hatte sie nicht ein Übriges getan und Fernau zu verstehen gegeben
dass sie seine Avancen kompromittierend fände für eine ehrbare Frau und er sich
in Zukunft eines gesetzteren Vertragens befleissigen möge
Vielleicht war das eine Dummheit gewesen Ist es doch vielmehr ein Gebot der
Klugheit die alten Liebhaber nicht vor den Kopf zu stoßen will man sich des
neuen in Sicherheit erfreuen Und es bedurfte keines besonderen Scharfblicks um
zu sehen dass Fernau vor Eifersucht auf den Professor beinahe toll war Trotzdem
sie sich doch wahrlich von Anfang an die erdenklichste Mühe gegeben hatte und
bis zu diesem Augenblicke gab ihre närrische Leidenschaft für den Schulmeister
vor aller Welt zu verbergen Aber freilich Leidenschaft versteht sich auf
Leidenschaft kennt all ihre Winkelzüge und Schleichwege ihren Augenaufschlag
den leisesten Ton ihrer Stimme Es war kein Zweifel Fernau hatte mehr gehört
und gesehen als er hätte hören und sehen dürfen
Und er war Viktors Intimus
Hier musste einer drohenden Gefahr kühn die Spitze abgebrochen werden
So fragte sie denn am Morgen als Viktor im Begriff stand auf sein Bureau
zu gehen in lässigem Tone
Du kommst heut nicht so spät nach Haus
Warum
Ich habe den Professor Winter gebeten Dir einen Besuch zu machen und
möchte natürlich gern dass er Dich zu Haus fände
Viktor ließ den Türgriff den er bereits in der Hand hielt wieder los
Du hast den Mann gebeten mir einen Besuch zu machen
»Uns« wäre richtiger gewesen obgleich mir hauptsächlich daran gelegen ist
dass Du ihn empfängst Ich sehe ihn ja beinahe alle Tage
Ich beneide Dich nicht darum aber was soll ich mit dem Menschen
Viktor war zu ihr an den Kaffeetisch zurück gekommen mit dem finsteren Blick
wenn ihm etwas gegen den Willen ging und den sie in diesem Falle erwartet
hatte
So sah sie denn freundlich von ihrer Tasse zu ihm empor und sagte ruhig
trotzdem ihr das Herz heftig schlug
Ich kann Dich versichern ich hätte es sehr viel lieber nicht getan Aber
setz Dich doch noch ein wenig hin es ist gut wenn wir uns darüber aussprechen
es ging nicht anders Ich bin mit dem Mann bei Sudenburgs jetzt so oft
zusammen er ist wirklich für einen Menschen seines Standes so übel nicht und
wenn ich mit meiner Rolle reüssiere woran Dir denn doch auch gelegen ist
verdanke ich es nur oder doch beinahe nur ihm Wir verdanken ihm alle viel und
geben uns natürlich Mühe höflich und artig gegen ihn zu sein Bei Sudenburgs
geht er aus und ein während der ersten Proben ist er zweimal bei Meerheims
gewesen und Frau von Breitenbach ich sagte Dir ja wohl schon dass Lotte
Breitenbach in dem zweiten Stück mitspielt hat ihn sofort gebeten einen
Besuch bei ihnen zu machen und Du weißt dass gerade Breitenbachs sehr
wählerisch sind Nur bei uns ist er noch nicht gewesen und gerade da wäre es am
nötigsten weil Du an unsern Abenden nicht zugegen bist
Ich habe auch wahrhaftig Besseres zu tun
Gewiss und so bin ich nicht weiter in Dich gedrungen was mich nachträglich
sehr gereut denn Du hättest es doch wohl mir zuliebe getan und ich wäre aus
der Verlegenheit Es ist und bleibt eine für eine Dame wenn sie dergleichen
Geschichten mitmacht ohne von ihrem Mann oder wenigstens einem Bruder einer
Schwester oder Mutter begleitet zu sein Alle die andern sind in der glücklichen
Lage Stephanie Adele Lotte Breitenbach alle nur ich nicht Es sieht immer
so aus als ob man seinem Manne weggelaufen und unter die Komödianten gegangen
ist Das mag ich nicht
Wenn ich nur einsehen könnte was dadurch besser wird dass der Mann mich
meinetwegen uns besucht
Du bist doch sonst in solchen Dingen so feinfühlig Dadurch dass Du ihn in
Deinem Hause empfängt gibst Du mir die Legitimation mit ihm in andern Häusern
zu verkehren die ich ohne das nicht habe
Aber der Mensch ist mir gründlich fatal
Du hast ihn ja nur einmal gesehen
Mir war das gerade genug Und was ich von Fernau über ihn gehört habe
Was kannst Du gehört haben
Was ich lieber nicht wiederhole
Und gerade deshalb muss ich darauf bestehen dass Du es sagst Übrigens wenn
Du nicht willst ich kann es Dir sagen der Professor erdreistet sich mich
schön zu finden
Etwas der Art
Worüber sich lustig zu machen Fernau doch zu allerletzt ein Recht hätte
Wer in einem Glashause wohnt soll nicht mit Steinen werfen
Fernau ist mein bester Freund
Als ob es nicht immer die besten Freunde wären über deren Betragen die
Ehemänner am sorgfältigsten wachen sollten
Du willst doch nicht sagen
Genau nicht mehr als ich gesagt habe Nur noch dies da wir einmal bei dem
Thema sind gerade Fernaus wegen wünsche ich und muss ich wünschen dass Du Herrn
Professor Winter empfängst
Du bist völlig lächerlich mit Deiner Furcht vor Fernau
Ich fürchte mich vor Fernau nicht aber ich habe ein Recht von Dir zu
verlangen dass Du mich gegen seine Spöttereien und hämischen Insinuationen in
Schutz nimmst Du kannst es in diesem Falle leicht wenn Du mir meine Bitte
gewährst
Schön ich werde den Herrn empfangen
Ich danke Dir im voraus
Unter der Bedingung dass die Sache keine weiteren Konsequenzen hat
Ich wüsste nicht welche Mit seinem Besuche und einer Karte die Du
hinterher bei ihm abgiebst
Auch das noch Na meinetwegen Wann hast Du ihm gesagt dass ich zu Hause
bin
Vier Uhr Deine gewöhnliche Zeit
Also adieu
Adieu
Zwölftes Kapitel
Es fehlten nur noch wenige Minuten an vier und er würde gewiss pünktlich kommen
während Viktor nicht wohl vor ein viertel fünf da sein konnte
Sie saß in einem Fauteuil ihres Salons auf dem Tischchen neben sich ein
geöffnetes Buch das sie in dem Augenblicke wo es draußen klingelte ergreifen
konnte
Noch kurz vorher war das Arrangement ein anderes gewesen Sie hatte eine
Näharbeit in der Hand gehabt und vor ihr auf dem Teppich hatte Liesbet ihr
»Zeigekind« gespielt Aber sie fürchtete man könnte die Absicht merken oder
die Bonne würde im ungeeigneten Moment hereinplatzen Liesbet zu holen oder
die Kleine möchte anfangen zu weinen es war doch besser wenn sie die Idylle
fallen ließ und ihm ganz als Salondame erschien So war Liesbet in die
Kinderstube zu Brüderchen zurückgeschickt worden
Bereits mehrmals im Laufe des Vormittags hatte sie im Gedächtnis die Szene
mit Viktor heute morgen rekapituliert und eben war sie wieder dabei Es wollte
ihr doch jetzt dünken als habe sie ein sehr gewagtes Spiel gespielt indem sie
um des Professors willen Fernau so gut wie preisgab Es war nicht ihre Absicht
gewesen Sie hatte als sie Albrecht zu dem Besuche aufforderte Fernau zeigen
wollen Sie sehen dass ich ganz unbefangen bin wäre ich es nicht würde ich
mich wohl hüten Viktor in mein Spiel blicken zu lassen sondern es ruhig für
mich weiter spielen Nun hatte ein Wort das andere gegeben und zuletzt war eine
richtige Anklage daraus geworden gegen den einzigen ihrer Kurmacher mit dem
sich eine Flirtation verlohnte Das Sprichwort von dem unreinen Wasser das man
nicht voreilig weggiessen solle fiel ihr ein Über den blinden Eifer Um das
eine zu tun brauchte man doch das andere nicht zu lassen Oder den andern Und
Viktor würde nun nichts eiliger haben als »seinen besten Freund« zur Rede zu
stellen und er der hinter jedem Busch gestanden hatte würde in ein höhnisches
Gelächter ausbrechen siehst Du denn nicht Verehrtester dass Dir Deine Frau ein
X für ein U macht Sand in die Augen lieber Sohn Den Sack schlägt man und den
Esel meint man Ich hätte Dich für klüger gehalten
Und wozu das alles Wenn ich wenigstens wüsste ob ich den Menschen liebte
Aber davon ist doch gar keine Rede Es ist doch nur
Auf dem Flur ertönte die Klingel Klotilde zuckte zusammen griff mit
nervöser Hast nach dem Buch und lehnte sich scheinbar lässig in den Fauteuil
zurück während ihr das Herz gewaltsam klopfte
Es war ihr nichts Neues mehr sie hatte es jetzt jedesmal durchzumachen
wenn sich die Tür öffnete durch die er eintreten sollte
Das eben ergriffene Buch lag in ihrem Schoss sie hatte dem Eintretenden
gütig entgegengelächelt und ohne sich zu erheben ihn mit einer Handbewegung
aufgefordert auf einem Faulteil vor ihr Platz zu nehmen Nun erst streckte sie
ihm sich vorüberbeugend die Hand hin und sagte mit einer Stimme deren leises
Zittern ihm hoffentlich entging
Wie lieb von Ihnen Ich denke mein Mann wird jeden Augenblick nach Hause
kommen
Und inzwischen habe ich Sie in Ihrer Lektüre gestört
Sie wundern sich dass unsereine auch mal ein Buch zur Hand nimmt
Wenn ich dergleichen blasphemische Gedanken je gehegt hätte was nicht der
Fall gewesen ist diese letzten Abende in denen ich an den Damen Ihres Kreises
ebensoviele Repräsentantinnen der feinsten Bildung des exquisitesten
Kunstsinnes bewundern durfte hätten mich eines Besseren belehrt
Sehr gütig Und doch kann ich den Verdacht nicht los werden dass Sie in uns
ohne Ausnahme besten Falls nur dressierte Puppen sehen
Welches Recht hätte ich zu einem so herben Urteil der ich auf dem
identischen Standpunkt der übrigen Herrschaften stehe dem des Dilettanten
Was versteht man eigentlich unter einem Dilettanten
Ich glaube jemand der lebhafte Freude an der Kunst hat sich auch wohl in
ihr übt und es bis zu einem gewissen Grade der Fertigkeit bringt ohne doch
Künstler zu sein
Und wie wird man Künstler
Wenn man dazu geboren ist
Das ist sehr bequem
Nicht so ganz Es gehört dazu dass man von diesem seinem Geburtsrecht den
rechten Gebrauch macht und den Nachweis seiner Legitimität führt
Wodurch
Durch unablässigen unerschöpflichen Fleiß dessen der geborene Dilettant
niemals fähig ist
Mein Gott wie ist das schön
Was gnädige Frau
Von einem klugen Manne sich so belehren zu lassen
Es war ihr keine Phrase gewesen Albrecht hatte das wohl herausgehört und
sah es an dem Glanz ihrer großen Augen der ihm bis ins tiefste Herz leuchtete
Noch nie war ihm die schöne Frau so schön erschienen noch nie glaubte er sie
so geliebt zu haben Aber auch bei Klotilde wirkte der Zauber den die Gegenwart
des Mannes stets auf sie übte mit voller Kraft Wie ertappte Verbrecher hatten
sie beide gleichzeitig die flammenden Augen niedergeschlagen
Klotilde hatte in ihrer Erregung das Buch von ihrem Schoss auf den Teppich
gleiten lassen Albrecht hob es auf Indem sie unwillkürlich dieselbe Bewegung
ausführte hatten sich die greifenden Hände für einen Moment flüchtig berührt
Es war so unverfänglich Keiner hatte die Absicht gehabt Dennoch waren beide
tief errötet Klotilde strich über eine Falte ihres Kleides Albrecht blätterte
verlegen in dem Buch
Verzeihen Sie die Indiskretion Es ist so die leidige Gewohnheit von uns
Büchermenschen nach dem Titel zu sehen
Das hätten Sie nun wirklich nicht bei mir gesucht
Aufrichtig gnädige Frau nein Aber ich freue mich es hier gefunden zu
haben
Sie schwärmen für unsere neueste Literatur
Ich interessiere mich sehr für sie wie für allen kühnen Experimente auf
welchem Gebiete immer von denen ich hoffen darf die wenigstens die Möglichkeit
gewähren dass die Menschheit einen Schritt weiter kommt
Mein Mann findet diese Sachen entsetzlich
Ihr Herr Gemahl gehört zu der höchst ehrwürdigen Klasse von Staatsbürgern
denen es obliegt das Bestehende zu konservieren und unsere findesiècle
Menschen vor den Orgien einer kopf und ziellosen Revolution zu bewahren
Klotilde lachte
Nein wahrhaftig rief sie mein Mann ist kein Revolutionär Aber ich
fürchte Sie sind einer
Nein gnädige Frau Ich bin nur ein Mensch der nichts dagegen hätte wenn
eines schönen Tages die vierte Dimension entdeckt würde und weil er weiß sie
wird nun und nimmer entdeckt werden von Herzen dankbar ist für jede auch die
kleinste Erweiterung der drei innerhalb derer wir Erdgeborenen uns in alle
Ewigkeit zu bewegen haben
Worin finden Sie eine derartige Erweiterung
In jeder Entdeckung Amerikas zum Beispiel oder der Buchdruckerkunst
heutzutage der Dampfkraft der Elektricität
Des Kochschen KommaBacillus und so weiter Ich will zugeben unser Leben
wird durch diese und andere schöne Dinge erweitert wie Sie es nennen Bleibt es
deshalb weniger langweilig
Ich langweilte mich nie gnädige Frau
Ich immer furchtbar Es bringt mich oft an den Rand der Verzweiflung Ich
könnte ein Verbrechen begehen wenn ich sicher wäre es rettete mich auf ein
paar Tage ein paar Stunden nur aus diesem Sumpf in dem ich ersticke Ihr
Männer freilich O ja ich glaube schon dass Ihr Euch nicht langweilt Da ist
Euer Beruf da ist der Sport das Spiel la femme Da sind die Dummheiten die
Ihr ungestraft begehen könnt oder meinetwegen auch gestraft und die dann
jedenfalls noch viel interessanter und pikanter werden Aber wir Puppen habe
ich vorhin gesagt und dabei bleibe ich dressierte Puppen dressiert von Euch
und für Euch die Ihr mit uns spielt und uns in den Winkel werft wenn Ihr Euch
satt gespielt habt
Sie hatte sich in den Fauteuil zurückgelehnt ihre sonst bleichen Wangen
waren gerötet die großen Augen halb geschlossen und wie gebrochen durch die
leise geöffneten Lippen blitzten die weißen Zähne Albrecht saß da
vorübergebeugt starren Blickes in einem Rausch wahnsinnigen Entzückens Ja da
war sie die er sich geträumt hatte in seinen schönsten kühnsten Träumen das
Weib das empfand wie er dachte wie er diese schnöde Welt mit einer Spitze
ihres Fußes verächtlich von sich stieß wie er Und die wenn er sie fand er
lieben würde lieben müsste und kostete es ihm Leben und Seligkeit
Ich höre aus dem allen nur eines heraus sagte er mit dumpfer Stimme
Was fragte sie ohne ihre Stellung zu verändern
Dass Sie nie von Grund des Herzens aus geliebt haben
Sie lachte ein kurzes hohnvolles Lachen
Das fehlte mir noch
Ja rief Albrecht das fehlt Ihnen und weil es Ihnen fehlt sind Sie was
Sie sind die unglückliche Frau die mit allen ihren wundersamen Reizen des
Leibes und der Seele ihren herrlichen Eigenschaften des Herzens und Geistes
tantalische Qualen duldet Aus denen Wonnen werden würden götterhafte Wonnen
bei dem ersten Strahl wahrhafter Liebe der Ihr Herz träfe O gnädige Frau ich
spreche aus Erfahrung Auch ich bin durch eine steinige Wüste gewandert Und der
Himmel war ehern über mir Und die Zunge dorrte mir im Munde und das Herz
verzagte mir in der Brust Und ich verfluchte mein Dasein und bat den Dämon der
Wüste er möchte seinen glühendsten Samum schicken und eine Sandwelle häufen zum
Grabhügel eines Verzweifelten Und da gnädige Frau kein Dämon der Wüste der
Herr der Welten nahte sich mir nicht im heulenden Sturm sondern im Säuseln des
Windes im sanften und doch allgewaltigen Anhauch der Liebe Denn siehe er
hatte mir Dich gesandt Du schönste herrlichste aller Frauen Und mir gesagt
liebe sie von ganzer Seele mit jeder Kraft Deines Herzens mit jedem Tropfen
Deines Blutes mit jeder Fiber Deines Leibes Und bete sie an wie Du mich
anbeten würdest
Er war von dem Sessel hinabgeglitten zu ihren Füßen die glühende Stirn auf
ihre Kniee drückend
In demselben Moment wurde laut und schrill die Flurglocke gezogen
Klotilde fuhr mit den Händen die sie eben auf sein Haupt hatte legen wollen
zurück
Um Gottes willen
Er war bereits aufgesprungen und hatte mit einer Geistesgegenwart die sie
ihm nicht zugetraut raschen Griffs seinen Hut von dem Teppich neben seinem
Stuhle aufgerafft
Da betrat auch schon der junge Diener der ihn vorhin angemeldet hatte das
Zimmer
Eine Depesche gnädige Frau
Klotilde hatte von der ihr präsentierten Schale das Blatt genommen und
erbrochen
Ist vielleicht Rückantwort gnädige Frau Der Bote wartet noch
Einen Augenblick Nein es ist keine Rückantwort Der Herr kann erst um
sechs zu Tisch kommen sagen Sie es in der Küche
Zu Befehl gnädige Frau
Der junge Diener war gegangen während von der anderen Seite die Bonne mit
Liesbet kam Liesbet hatte das Klingeln gehört gemeint es sei der Papa sich
nicht halten lassen
Gib dem Herrn ein Händchen Liesbet sagte Klotilde
Die hübsche Kleine kam dreist auf ihn zugelaufen er hob sie in die Höhe
küsste sie und sagte indem er sie wieder niedersetzte
Ich darf Sie nicht länger aufhalten gnädige Frau Wollen Sie die Güte
haben mich Ihrem Herrn Gemahl zu empfehlen
Er wird sehr bedauern Diese leidigen Plenarsitzungen die alle Augenblicke
unverhofft kommen Haben wir heute Probe Sei artig Liesbet
Nein aber morgen die Generalprobe
Das ist der Anfang des Endes
Sie hatte es lachend gesagt und er hatte gelacht Aber als er draußen war
und die Treppe hinabstieg lachte er nicht mehr Seine Stirn war gefurcht und er
murmelte durch die Zähne
Oder war es schon das Ende selbst
Klotilde saß wieder in ihrem Fauteuil Liesbet spielte zu ihren Füßen auf
dem Teppich ganz wie in der projektierten hernach verworfenen Idylle
Schade Wir waren so gut im Zuge Glaube wahrhaftig ich hätte ihm im
nächsten Augenblick einen Kuss gegeben Die dumme Depesche Aber so ist es immer
Dreizehntes Kapitel
In dem großen Freundes und Bekanntenkreise des Sudenburgschen Hauses war seit
vierzehn Tagen beinahe nur von den theatralischen Aufführungen gesprochen durch
welche das sechzigjährige Geburtstagsfest des Direktors am fünfzehnten November
gefeiert werden sollte Zwar hatten die zunächst Beteiligten einander zugesagt
der profanen Menge nichts von ihren Künsten zu verraten Aber von einzelnen
mochte die Zusage nicht streng gehalten worden sein oder die ab und zugehenden
Dienstboten hatten geplaudert lange vor dem bestimmten Tage hatte sich ein
Mytennebel um das kommende Ereignis gelagert Es sollten ein paar ganz tolle
Possen zur Aufführung gelangen in deren einer über die shopkeepers in der
anderen gar über die Offiziere die blutigste Geissel der Satire geschwungen
würde Die Verständigeren widersprachen eine derartige Ausschreitung sei in dem
Hause eines Ministerialdirektors unmöglich der genau wisse welche Rücksichten
er auf seine Stellung zu nehmen habe von denen welche er seiner Gattin
bekanntlich einer reichen Bankiertochter und den Portepees seiner beiden Söhne
schuldig sei zu schweigen Auch pflegten sich Gymnasialprofessoren und der
Verfasser der Stücke sei einer auf dergleichen Extravaganzen nicht
einzulassen Viel eher stehe bei einer solchen Autorschaft zu fürchten es werde
sich um steifstellige akademische hochgradig langweilige dramatische
Stilübungen handeln und man tue gut sich darauf gefasst zu machen
Wie immer dies Gerede hinüber und herüber sich zu der Wirklichkeit verhielt
die Erwartungen waren allerseits hochgespannt und man zeigte einander die
erhaltenen Einladungskarten als einen Schatz den man um vieles nicht weggegeben
hätte
Nun war der vielbesprochene Abend da Vor dem Portal des Hauses in welchem
die Dienstwohnung des Direktors lag war ein mächtiges Zelt errichtet
Teppichläufer erstreckten sich aus dem hellerleuchteten Flur über das breite
Trottoir bis zu dem Fahrdamm Auf welchem jetzt Wagen auf Wagen heranrollte
deren geputzte Insassen nachdem der stattliche Portier den Schlag aufgerissen
eilig dem Hause zuschritten zwischen dem dichten Spalier sämtlicher
Portierkinder der Straße und der sonst zusammengelaufenen Neugierigen Dass die
Damen so dicht verhüllt waren und man nur eben ihre frisierten
blumengeschmückten Köpfe bewundern konnte war freilich ein Jammer Dafür
entschädigte einigermaßen der Glanz der Orden den die Mäntel und Paletots der
Herren nicht immer verhüllten Von den Herren die zu Fuß kamen und sich nicht
selten erst mit Hilfe der beiden Schutzmänner durch die Menge winden konnten
wurden höchstens noch die Offiziere beachtet
Die höfliche Bitte der Einladungskarten um möglichst pünktliches Erscheinen
wäre wohl kaum nötig gewesen verstand es sich doch von selbst dass man an einem
solchen Abend die Wirte nicht warten lassen dürfe So hatte sich denn auch
binnen kaum einer halben Stunde die ganze Gesellschaft versammelt und den
prächtigen Festsaal bis auf den letzten der aufgestellten dreihundert Stühle
gefüllt während in dem Nebensalon den eine breite Schiebetür mit dem Saal
verband noch Kopf an Kopf eine beträchtliche Menge stand der man beim besten
Willen zu einem Sitzplatz nicht mehr verhelfen konnte Glücklicherweise hatten
die zwei Kameraden welche an Stelle der verhinderten Haussöhne als Arrangeurs
fungierten noch sämtliche Damen im Saale selbst unterbringen können und baten
nur den Himmel dass jetzt keine mehr kommen möchten Hatte es doch schon
entsetzliche Mühe gekostet die ersten Sesselreihen für die Minister und ihre
Gemahlinnen frei zu halten in deren Mitte auf Ehrensesseln der Gefeierte selbst
und seine Gattin unmittelbar vor dem rotseidenen golddurchwirkten Vorhang
saßen der von der einen der Seitensäulen bis zur anderen ausgespannt die in
der kleineren Abteilung des Saales aufgebaute Bühne verdeckte
Und das summte schwirrte wirrte nun in der großen erwartungsvollen eifrig
konversierenden Gesellschaft dass es das Publikum der Première eines neuen
Stückes aus der Feder des meistumworbenen bestgehassten Modeautors nicht anders
zustande gebracht hätte
Albrecht machte diese Bemerkung zu Elimar mit dem er hinter dem Vorhang auf
der noch leeren Bühne stand
Glücklicherweise sind diese Herrschaften ein gut Teil naiver als das
Premièrepublikum unserer Modeteater entgegnete Elimar
Glauben Sie
Ganz gewiss Schon deshalb weil sie aus sehr triftigen ökonomischen
Rücksichten die Theater sehr selten besuchen Ich möchte darauf wetten dass die
meisten von ihnen überhaupt niemals einer Première beigewohnt haben
Dann dürfte man wohl sagen Iliacos intra muros et extra wir hier auf der
Bühne leisten doch auch an Naivetät das Menschenmögliche und taumeln sorglos an
klaffenden Abgründen hin
Das mag für uns gelten nicht für Sie
Ich prätendiere nicht eine Ausnahme zu sein und fühle mich in Rom ganz
Römer schließe die Augen und lasse es gehen wies Gott gefällt
Ich habe immer gemeint es gefällt Gott am besten wenn sie denen er Augen
zum Sehen gab sie möglichst weit auftun Glauben Sie mir lieber Herr
Professor in einer Welt voll von Gebärdenspähern und Geschichtenträgern ist das
dringend nötig
Elimar hatte sich zu Adele gewandt die aus dem Ankleideraum der Damen auf
die Bühne gestürzt kam sich in ihrer HaushälterinnenMaske zu präsentieren Und
ob die Geschichte noch immer nicht losgehe
Mit dem Glockenschlage neun gnädige Frau sagte Albrecht die Uhr in der
Hand Es fehlen noch volle fünf Minuten
Nun kam auch Stephanie in der vorgeschriebenen Reisetoilette Die vier in
der ersten Szene auftretenden Personen waren zur Stelle Der Inspicient ein
wirklicher Schauspieler den man zu diesem Zweck engagiert hatte überzeugte
sich dass von den Requisiten keines fehle der Souffleur ebenfalls ein Mann
von Fach saß auf seinem Posten hinter der Säule in dem Buche blätternd man
konnte jeden Augenblick beginnen und plauderte sich die bangen fünf Minuten weg
ohne recht zu wissen was man sagte
Jedenfalls wusste es Albrecht nicht
Die letzten Worte Elimars klangen ihm im Ohr Und die klugen Augen des
Mannes hatten dabei einen so seltsamen Ausdruck gehabt Gewiss es war das eine
Warnung gewesen Vor wem Hatte er nicht von Anfang an mit peinlicher Sorge über
seine Mienen seine Augen gewacht nicht jedes in Gegenwart anderer gesprochene
Worte genau abgewogen Und dann die Warnung kam zu spät Seit vorgestern seit
der Szene bei ihr im Salon war ja alles vorbei Er hatte ihr seine Liebe
gestanden und sie nun der Diener mit der Depesche und Kind und Bonne die
hereinplatzten hatten sie der Antwort überhoben Die Antwort die sie ihm
gestern auf der Generalprobe und heute als sie sich vorhin auf der Bühne
trafen dann doch gegeben in ihrer souveränen Gleichmütigkeit für die ein
armer Erdenwurm wie er nicht existierte oder dem man doch seine knabenhafte
Schwärmerei mit königlicher Milde nachsehen wollte Ach er hatte vor einer
Stunde beim Abschied seine gute Klara nicht umsonst so innig ans Herz gedrückt
Es hatte ein stummer Schwur sein sollen den er halten wollte ein Schwur der
Absage dieser unsinnigen entwürdigenden Leidenschaft und der erneuten Treue und
Liebe für sie die Lilie auf dem Felde in ihrer keuschen Bescheidenheit
herrlicher als die hoffärtigste Prunkblume mit ihrem Patschuliduft modischer
Verderbteit
Herr Professor wir müssen anfangen Bitte noch einen Schritt näher nach
der Tür Es muss aussehen als ob Sie eben mit der Gnädigen eingetreten sind
So Vorhang auf
Der Vorhang rauschte auseinander vor einem Publikum in welchem das zuletzt
fast betäubende Geschwirr der Stimmen urplötzlich einer lautlosen Stille
gewichen war die denn auch während das Spiel vor sich ging durch ein Kichern
hier durch ein schnell unterdrücktes Lachen dort selten unterbrochen wurde Auf
die beifallsbedürftigen Seelen einer wirklichen Künstlerschar hätte diese Stille
sicher lähmend gewirkt Hier war das nicht der Fall Den Darstellern selbst
bereitete ihr Treiben ein viel zu großes Vergnügen und wie Albrecht gesagt
von den Abgründen an denen sie in ihrer dilettantischen Naivetät sorglos
dahintaumelten hatten sie keine Ahnung An seinem Text fehlte keinem ein Wort
das war doch jedenfalls weitaus die Hauptsache Höchstens fürchtete man noch
nicht laut genug zu sprechen Nur in den ersten Minuten Dann hatte man sich
auch dieser Sorge entschlagen und sprach und spielte im Frohgefühl seiner guten
Absicht munter darauf los ohne viel zu fragen ob die Zuschauer sich dabei
langweilten oder nicht
Sie hatten sich nicht gelangweilt Der Vorhang war zusammengerauscht über
den jungen Gatten die sich nun endgültig gefunden hatten ihren teilnahmvollen
Freunden und dem Geschäftspersonal zwölf jungen Offizieren in nicht
durchgängig modischen Fracks aber tadellosen weißen Handschuhen und Krawatten
alle aus voller Brust das Festlied nach der Melodie »Wem Gott will rechte Gunst
erweisen« unisono schmetternd Nun für ein paar Augenblicke die vorherige
Stille Dann aber brauchten nur auf den ersten Reihen die Hände von ein paar
Excellenzen und Excellenzdamen sich zu rühren und das Klatschen pflanzte sich
immer kräftiger lauter durch den ganzen Saal fort bis zu den Stehplätzen des
Nebensaales wo es seinen Höhegrad erreichte Und nun da man zu seiner
freudigen Überraschung entdeckt hatte dass man nicht nur eine Meinung sondern
den Mut seiner Meinung habe musste die rotseidene Gardine sich wieder und wieder
lüften und die glückliche Künstlerschar sich dankend verneigen
Dann als der Beifallssturm sich endlich gelegt hatte wagte man sich erst
schüchtern dann dreister an die Kritik wobei eine überaus seltene erfreuliche
Einhelligkeit des Urteils an den Tag zu treten schien Das Stück war
allerliebst sehr unterhaltend durchaus nicht böswillig wie einige hatten
wissen wollen und die Herrschaften hatten ausnahmslos ganz überraschend famos
gespielt Der Preis gebührte natürlich Fräulein Stephanie die jeden Augenblick
die unvergessliche Klara Meyer ersetzen könne der sie nebenbei auch merkwürdig
ähnlich gesehen habe Ganz überaus charmant war auch Frau von Meerheim als
Haushälterin Dörte gewesen so unglaublich drollig Und welche
Selbstüberwindung sich aus der anmutigen jungen Frau in die alte Hausunke zu
travestieren Das hätte die selige Frieb nicht besser machen können oder jetzt
die immer urkomische Schramm Aber auch die Herren alle Achtung Der Herr
Professor hatte sich in diesem ihm fremden Kreise wohl befangen gefühlt und war
ein wenig steif und hölzern gewesen natürlich Herr von Meerheim als alter
Diener schade dass seine Rolle nur aus ein paar Worten bestand Dafür dann
der Doktor Herrn von Luckows der Polizeikommissar Herrn von Fernaus
vortrefflich ich versichere Sie Schönfeld und Reicher auf dem Lessingteater
bringen das nicht besser heraus Und Herr von Sperber als Fridolin das war ja
der leibhaftige Vollmar vom königlichen Schauspielhause gewesen geradezu
stupend
Man war noch im besten Zuge des Kritisierens als der Vorhang wieder
auseinander schwirrte Fräulein Lotte von Breitenbach steht als Erna am Fenster
des mütterlichen Salons den Liebsten erwartend der zu ihrem großen Erstaunen
mit einer ihr unbekannten eleganten jungen Dame über den Platz kommt um sich
von dieser an der Haustür zu verabschieden nach einem augenscheinlich wichtigen
Zwiegespräch Die Fremde Frau von Sorbitz als schneidige amerikanische Miss
wird von dem Bedienten eingeführt die kleine Komödie der Irrungen beginnt
Von der Zaghaftigkeit des Publikums während des ersten Stückes war jetzt
nichts mehr zu spüren Man war nun einmal in der Gebelaune und gab mit vollen
Händen Jede drolligere Situation jede witzigere Wendung jede kühnere Pose
alles wurde belacht beklatscht bejubelt Es kamen Momente wo die Spieler auf
der Bühne pausieren mussten weil sie von dem Beifallslärm der ihnen
entgegenschallte ihre eigenen Worte nicht mehr verstanden Das steigerte dann
wieder den guten Mut mit dem sie an ihre Aufgabe gegangen waren zum Übermut
und hatten sie im Anfang manchmal vor dem Lachen der Zuhörer nicht weiter
sprechen können wurde es ihnen jetzt von Minute zu Minute schwerer ihre
Ernsthaftigkeit zu bewahren
In solchen kritischen Momenten war es jedesmal die Geistesgegenwart
Klotildens die der drohenden Gefahr das Ganze aus den Fugen gehen zu sehen
die Spitze abbrach indem sie durch ihr geistreiches stummes Spiel eine mit
besonderer Verve vorgebrachte Phrase im äußersten Falle durch eine kühne
Improvisation die Aufmerksamkeit von den andern auf sich zu lenken wusste Zur
Bewunderung und zum Entzücken Albrechts der neben dem Souffleur hinter der
deckenden Säule stand und nun die Rettung seines durch den Leichtsinn der
andern bedrohten Stückes in der Hand der Frau sah die er liebte Die den
Widerstrebenden immer wieder zur Liebe zur Anbetung zwang Mochte sie zuerst
für ihre Person nach dem Beifall des Publikums die verlangenden schönen Hände
strecken sein Herz flüsterte ihm zu sie hat dabei doch Dein nicht vergessen
trägt mit vorsichtiger Kraft dein Werk wie ein kostbares Gefäß durch den
Wirrwar in dem es zu zerschellen droht und kann sie dich nicht von Herzen
lieben um deiner selbst willen hat sie doch Achtung vor deinem Talent Ist das
nicht viel ist es nicht mehr als du verlangen kannst Man liebt die Götter ja
nicht weil sie uns wieder lieben sondern weil sie so groß und herrlich sind
dass unsre Kniee sich beugen müssen sie mögen nun wollen oder nicht Wie meine
Kniee sich beugen vor dir du schönste du einzige Frau
Im Stück war die heimgekehrte Mama aufgetreten hatte den so schnell
geschlossenen Bund der jungen Herzen gesegnet die seidene Gardine rauschte
zusammen und wieder und wieder auseinander und zusammen bei dem nicht
endenwollenden Beifallsjubel der elektrisierten Gesellschaft
Und jetzt hatten erst einzelne dann viele Stimmen auf einmal energisch nach
dem »Dichter« gerufen Fräulein von Breitenbach und Frau von Sorbitz kamen zu
der Stelle gelaufen wo er nun doch mit freudig klopfendem Herzen stand und
zerrten und führten ihn auf die Bühne wo er dann die beiden Damen krampfhaft
an den Händen haltend seine Verbeugung machte
Und nun ohne Begleitung der Damen noch wiederholt machen musste bis er
sich endlich zu ein paar Worten entschloss in welchen er die freundliche
Anerkennung seiner schwachen Leistungen auf die Darsteller übertragen zu wollen
bat als auf das Licht das von innen seines armseligen Kirchleins heraus
leuchtend die verworrenen Farben der Fenster in so anmutendem Schein hätte
erglänzen machen
Laute Bravos die noch andauerten als der Vorhang nun wirklich zum
letztenmal sich geschlossen hatte kamen ihm aus dem Publikum zurück Auf der
Bühne schüttelten die von ihrem Erfolg berauschten Darsteller einander die Hände
und stoben nach allen Seiten davon als jetzt die geschlossene Koulisse förmlich
auseinanderbrach vor den eifrigen Händen der Arbeiter unter Führung ihres
Meisters Binnen zehn Minuten müsse alles abgeräumt sein sonst sehe es um das
Abendessen der Herrschaften übel aus
Vorgesehen Vorgesehen
Um Himmelswillen rief Klotilde
Ein paar Arbeiter die ein großes Versatzstück schleppten hätten sie
beinahe umgerannt Seitwärts springend war sie in einen Winkel geraten den
zwei aneinander geschobene Kulissen bildeten und in den sich Albrecht einen
Moment vorher ebenso geflüchtet hatte Plötzlich war die nach der Bühne zu freie
Seite auch geschlossen die Arbeiter hatten das Versatzstück vor die Öffnung
geschoben achtlos der beiden so Gefangenen die in dem engen Raum Schulter an
Schulter gedrängt standen
Gnädige Frau stammelte Albrecht
Du liebster Mann flüsterte Klotilde ihn mit beiden Armen umschlingend und
einen heißen Kuss auf seine Lippen drückend In der nächsten Sekunde klaffte die
Öffnung nach der Bühne wieder Klotilde war davongeschlüpft langsamer folgte
Albrecht betäubt von seinem ungeheuren Glück und der rasenden Kühnheit mit
welcher die geliebte Frau ihm ihre Gunst gewährt auf die Gefahr hin
augenblicklicher fürchterlichster Entdeckung War doch alles ihr
beiderseitiges Verschwinden das Vorschieben das Wegschieben des Versatzstückes
so blitzschnell vor sich gegangen niemand hatte von der wundersamen Episode
das mindeste bemerkt Er sah es an der unbefangenen Miene der geschäftigen
Arbeiter und der paar Damen und Herren die noch auf der Bühne miteinander
scherzten um sich nun auch eiligst von der Trümmerstätte in die sicheren
Garderobezimmer zu retten
Vierzehntes Kapitel
Als Albrecht eine Viertelstunde später mit Luckow und ein paar andern
»Künstlern« in die überfüllten vorderen Gesellschaftsräume trat kam alsbald der
Wirt des Hauses auf ihn zu mit ausgestreckter Hand
Lieber Herr Professor Sie haben meine Frau und mich zu so großer
Dankbarkeit verpflichtet Wir sind ja ganz beschämt Welcher Welt von Arbeit
haben Sie sich unseretwillen entzogen Aber wie herrlich ist auch alles
gelungen Nun müssen Sie zuerst mit zu meiner Frau und sich ihren Dank holen
Albrecht wollte abwehren der liebenswürdige Mann ließ ihn kaum zu Worte
kommen und zog ihn mit sich durch die Menge fort in das nächste Gemach wo sie
die Frau Direktor fanden im Gespräch mit einem hochgewachsenen sehr eleganten
ordengeschmückten Herrn in welchem Albrecht nicht ohne eine gelinde Empfindung
von Schrecken den GeneralIntendanten der königlichen Schauspiele erkannte Die
gütige Frau hatte ihren ehrlich gemeinten Dank hergesagt um dann sofort von
ihren anderweitigen wirtlichen Pflichten in Anspruch genommen zu werden nicht
ohne vorher »unsern trefflichen Hausdichter« Seiner Excellenz vorgestellt zu
haben
Excellenz hatte dem Vorgestellten höflich seine schlanke Hand gereicht
Ich habe auch ein Haus an welchem der treffliche Dichter wohl schon einmal
hätte anklopfen sollen sagte er mit verbindlichem Lächeln
Ich tat es bereits vor zwei Jahren erwiderte Albrecht mit schneller
Entschlossenheit Es wurde mir leider nicht aufgetan
O sagte Excellenz ich erinnere mich nicht
Ein so unbedeutender Fall wird schwerlich zur Kognition von Excellenz
gelangt sein
Um was handelte es sich
Albrecht berichtete in kurzen Worten dass er vor zwei Jahren ein
historisches fünfaktiges Trauerspiel eingereicht aber mit dem Bescheid
zurückerhalten habe man glaube es zur Aufführung bringen zu können falls sich
der Verfasser entschlösse gewisse näher bezeichnete Änderungen vorzunehmen Er
habe diese Änderungen vorgenommen harre aber seitdem seit anderthalb Jahren
vergebens auf Antwort
Das tut mir ja recht leid sagte Excellenz Indessen meine Herren sind
wirklich über die Massen beschäftigt die vielen eingesandten Manuskripte man
macht sich draußen davon gar keine Vorstellung und dann ein Trauerspiel ein
historisches fünfaktiges das ruft so viele Bedenken wach schon was den
Inhalt betrifft und nun erst das Drum und Dran neue Kulissen neue
Kostüme sehr wahrscheinlich eine große Komparserie jedenfalls warum haben
Sie es nicht mit den allerliebsten Sächelchen von heute abend versucht
Ich habe es nicht gewagt Excellenz
Sehr mit Unrecht mein Bester Gerade so was will das Publikum harmlos
ohne leidige Tendenz dabei doch von kräftiger drastischer Komik
Excellenz sind zu gütig
Ich habe wirklich ein paarmal herzlich lachen müssen die Idee in dem
ersten Stück mit dem geheimnisvollen Schrank das ist sehr gut ganz originell
auch die zweite Bluette allerdings der Titel es schmeckt doch ein wenig
nach Persiflage der Polizeipräsident
Vielleicht eine Änderung des Titels Excellenz
Würde allerdings zu überlegen sein Und dann die beiden Offiziere in Uniform
hier im Privatkreise als Söhne des Hauses zum Wiegenfest des Vaters à la
bonne heure Aber auf der königlichen Bühne völlig unmöglich
Wenn man fremdländische Uniformen nähme Excellenz Obgleich dann freilich
der Humor
Freilich der Humor Das ist wichtig bin ein großer Freund von Humor Nun
wir werden sehen Jedenfalls bitte ich um die Manuskripte Und was ich sagen
wollte schicken Sie sei mir direkt persönlich es könnte sonst leicht wieder
Wie Excellenz befehlen
Also abgemacht Hat mich sehr gut gefreut
Albrecht war mit einem nochmaligen sanften Druck der schlanken Hand und
obligatem verbindlichem Lächeln entlassen und hatte kaum seine Verbeugung
gemacht als der Direktor abermals eilig an ihn herantrat und ihm zuflüsterte
Muss Sie nun auch unserer Excellenz vom Kultus vorstellen Er wünscht Sie zu
sprechen
Die Unterredung mit der zweiten Excellenz war kürzer als die erste aber für
Albrecht nicht minder schmeichelhaft und erfreulich Excellenz sah es gern wenn
die Herren neben ihren Berufsarbeiten die freilich vorgingen eine freie Stunde
für die Musen erübrigen könnten Der schöne Bund von Dichtung und Gelehrsamkeit
wie er in der GoetheSchillerZeit bestand und eifrig gepflegt wurde sei
freilich heute wo eine konsequente Arbeitsteilung die conditio sine qua non
nicht länger aufrecht zu erhalten Als Regel Aber keine Regel das wisst Ihr
Schulmänner am besten ohne Ausnahmen Und ich für meinen Teil lasse die
Ausnahmen gern gelten als eine freundliche Reminiscenz der klassischen Tage von
Weimar und Jena Sie lieber Herr Professor haben mich durch Wachrufen dieser
Erinnerung heute abend zu Dank verpflichtet Es soll mir lieb sein wenn Sie mir
Gelegenheit geben diesen Dank durch die Tat zu beweisen
So huldvoll verabschiedet tauchte Albrecht wieder in das Gewühl zurück das
Herz geschwellt von einem Frohgefühl er hätte hineinjauchzen mögen in diese
geschminkte Maskerade der oberen Zehntausend wie er es in der Einsamkeit seiner
Berge als Junge getan hatte wenn die Welt hell sonnig um ihn wogte unter ihm
sich breitete War er denn wirklich der arme Schulmeister von gestern von heute
vormittag noch der sich in seiner Verzweiflung OdyseeExemplar nicht an die
hohlen Köpfe zu werfen Aber »aus den Wolken muss es fallen aus der Götter Schoss
das Glück« Und spenden sie einmal die Unsterblichen so tun sie es mit vollen
Händen den Kuss von den süßen Lippen der angebeteten Frau die Gunst und Huld
der Mächtigen dieser Erde die den Schlüssel führen zu der Halle des Ruhms
Liebe und Ruhm die beiden höchsten Sterne an denen der sehnsuchtsvolle Blick
des Knaben schon gehangen Nun nicht mehr unerreichbar in unermesslicher Höhe
Als holde Genien niedergeschwebt zu ihm die glänzenden Fittige um ihn breitend
die finstere Gruft zum lichten Wolkenbette wandelnd auf dem er gehoben wurde
aufwärts zum Olymp fortan zu speisen mit den Seligen von Ambrosia und Nektar
So flutete es in mächtigen Wogen durch seine Seele während er mit
unzähligen Menschen sprach Herren und Damen die er nicht kannte die ihm auch
völlig gleichgültig waren und die er doch wie sie sich um ihn drängten und ihm
huldigten mit geistreichen Worten und Erwiderungen zu bezaubern nicht
verschmähte Mein Gott ein Alexander auf seinem Eroberungszug er annektiert
auch die dürren Provinzen steht ein königliches Herz gleich nach Indien mit
seinen Lotosblumen und Palmenwäldern Wie mein Herz nach dir du Königin der
Frauen nach dem Moment wo wir uns wieder Aug in Auge blicken dürfen
Er konnte sie nicht entdecken so gierig seine Blicke auch in der wühlenden
Menge nach ihr spähten Aber das würde ja nicht lange mehr währen Der Moment
wo man zu Tisch ging musste sie wieder vereinigen Fräulein Stephanie hatte
durch ihre Adjutanten herumsagen lassen dass die »Künstler« auf dem Schauplatz
ihrer Triumphe eine besondere Tafel bereit finden sollten Sich von der
erlauchten Runde auszuschliessen sei bei Strafe ihrer allerhöchsten Ungnade
verboten
Albrecht wusste Klotilde würde sich nicht ausschließen
Wie sie überzeugt war dass er kommen würde
In einem der anderen Gemächer von einer dichten Schar Herren in Uniform und
Civil umgeben war sie inzwischen der Gegenstand ausschweifender Huldigungen
gewesen Hundertmal hatte sie zu hören bekommen dass sie großartig superb
magnifique gespielt habe von ihrer Erscheinung der kein Ausdruck gerecht
werden könne zu schweigen Die Bernhardt und die Duse Kunststück wenn man
jeden Abend den Gott werden ließe auf den Brettern stände Aber so aus dem
Stegreif aus dem Handgelenk es sei einfach stupend
Lächerliche Übertreibung niemand wusste das besser als sie selbst die beide
große Künstlerinnen wiederholt gesehen und nicht ohne ein starkes Gefühl des
Neides bewundert hatte Aber sie war in der Stimmung auch größeren Unsinn zu
goutieren Und dann fragte es sich noch sehr ob die Teaterdamen auf dem
Parkett des Salons das leisten könnten was sie unter anderm heute abend fertig
gebracht Endlich einmal in der Welt in der man sich langweilt ein pikantes
Abenteuer Und das sie sich ganz allein verdankte Der schüchterne Mensch Wie
lange sie wohl hätte warten müssen bis er sich den Mut fasste Und die Keckheit
mit der sie es ausgeführt Ein Stück Tapete das bloß umzufallen brauchte und
sie hielt vor aller Welt den heimlich Geliebten in den Armen Es war unglaublich
lächerlich
Und Klotilde lachte und scherzte tollte und neckte sich mit den jungen
Herren und wünschte von Elimar der eben herangetreten war zu wissen weshalb
er unter all den fröhlichen Leuten ein so ernstes Gesicht mache wie der
steinerne Gast im Don Juan
Tue ich das sagte Elimar Es wäre freilich das möglichst Unpassende von
einem der mit der großen Bitte kommt Sie zu Tisch führen zu dürfen
Lieber Freund da kommen Sie freilich zu spät rief Klotilde Ich habe meine
arme Seele bereits unserm Dichter verschrieben besser verschreiben müssen auf
Stephanies Befehl
Das tut mir aufrichtig leid sagte Elimar Ich wäre für Sie ein gewiss
weniger geistreicher aber ich glaube weniger gefährlicher Nachbar gewesen
Sie waren so weit von den andern weggetreten dass es als ein Gespräch unter
vier Augen gelten konnte
Jetzt sich nichts merken lassen sagte Klotilde bei sich und erwiderte
lachend
Sehr freundschaftlichritterlich Aber ich gebe Ihnen mein Wort der
Professor ist der letzte der mir gefährlich werden würde
Was ja nicht ausschliesst dass Sie es ihm bereits geworden sind
Das große Unglück
Noch ist es denke ich keins Aber aus einem kleinen Brande entwickelt sich
leicht ein großer Liebe Klotilde ich will ohne Umschweif sprechen Was mir
aufgefallen ist kann auch andern aufgefallen sein die es aus diesem oder jenem
Grunde weniger ruhig nehmen und entschuldbar finden als ich Mir würde es leid
sehr leid tun sollten Ihnen daraus Ungelegenheiten erwachsen Es ist eine
undankbare Rolle den treuen Eckart zu spielen ich weiß es wohl Aber um
jemandes willen den man aufrichtig lieb hat übernimmt man auch einmal eine
solche Rolle Sollte ich Sie heute abend nicht wiedersehen leben Sie wohl
Aber Sie müssen ja mit an den Künstlertisch
Meine Excellenz hat mir befohlen wenn ich mich frei machen könnte mich zu
ihm zu setzen Da ich nun frei bin
Auf Klotildens Lippen schwebte das Wort Elimar führen Sie mich Aber
bereits hatte sich der Freund gewandt und in demselben Augenblick kam Stephanie
mit ihrer Schar in der sich auch Albrecht befand und rief
Klotilde wir haben keinen Augenblick zu verlieren Sonst kommen wir durch
das Gedränge nicht mehr zu unsern Plätzen
Fünfzehntes Kapitel
Das rauschende Fest hatte bis zwei Uhr gewährt und war dann programmmässig
pünktlich wie es angefangen beschlossen worden Vor dem Portale hatte es da
Dutzende von Dienerstimmen zugleich nach den Equipagen ihrer Herrschaften
riefen ein starkes Gedränge gegeben durch welches die zu Fuß Erschienenen
nicht leicht zu den auf der anderen Seite der Straße haltenden Droschken kommen
konnten indessen war alles ohne Unfall abgegangen und auch das Sorbitzsche
Ehepaar rechtzeitig zu seinem Mietwagen gelangt
In dessen Ecke gedrückt sie nun den langen Weg zu ihrer Wohnung machten
ohne dass ein Wort zwischen ihnen gewechselt wäre
Sie hatten mit den eignen Gedanken genug zu tun
Die Viktors waren schwarz wie die Novembernacht Welch ein Dummkopf war er
gewesen als er nach der Aufführung dem Menschen in dem Gedränge begegnend
ihm ein lobendes Wort gegönnt hatte So völlig gegen seine Überzeugung Diese
kläglichen Farcen Die reinen Schülerarbeiten Und sein Bedauern ausgesprochen
hatte ihn neulich bei seinem Besuche verfehlt zu haben Er sollte sich nur
wieder sehen lassen Fernau hatte ganz recht die Reitpeitsche für den Gecken
den aufgeblasenen Narren Aber Fernau mochte auch der Teufel holen Wenn er es
schon neulich bei Tisch bemerkt haben wollte um es bei jeder der Proben
abermals und in verstärktem Masse bestätigt zu finden weshalb da vierzehn Tage
warten bis man zu einem Freund kommt und sagt Hör mal so und so Erst heute
abend mit der Sprache herausrücken und auch nur nachdem man ihn zur Rede
gestellt ihm das Messer an die Kehle gesetzt hat Aber der Sache sollte bald
ein Ende gemacht werden Klotilde würde sich wundern
In Klotildens Seele klang die Melodie von dem Walzer nach dessen Takt sie
in seinen Armen an seiner Brust durch den Saal geflogen war Des geliebten
Mannes der so gut walzen wie Komödienstücke schreiben konnte Und dessen
schönes Haupt sie an dem Künstlertisch mit dem Lorbeerkranz hatte schmücken
dürfen den Stephanie bereit gehalten Die liebe Stephanie die an Luckows Seite
so glücklich gewesen war wie sie an der ihres Albrechts Ein grässlicher Name
Er sagt sie nennen ihn in der Schule Siegfried Der eitle Mensch Der herzige
Narr Die prächtigen Augen Wie sie leuchteten als er seine kleine Dankrede
hielt mit halber Stimme damit sie es an den andern Tischen nicht hörten
vive la joie vive lamour lalala lalala la la la
Und wieder summte durch ihren Kopf die Melodie des Straussschen Walzers
Da hielt der Wagen Schade Es hatte sich so nett in der Ecke geträumt Nun
war noch das obligate NachGesellschaftsgespräch durchzustehen mit den
interessanten stereotypen liebevollen Glossen über die grässliche Toilette von
der der unglaublichen Frisur von der Sie würde es heute kurz machen
Es scheint Du willst noch länger aufbleiben sagte sie als man oben
angekommen war und das Mädchen auf dem Flur ihr Kapuze und Mantel abgenommen
hatte Ich werde zu Bett gehen Ich bin schrecklich müde
Wie nach Deiner Gesprächigkeit im Wagen zu vermuten stand
Ich wüsste nicht dass Du mitteilsamer gewesen wärest
Vielleicht nicht dass Du mitteilsamer gewesen wärest
Vielleicht wünschte ich für die Mitteilungen die ich Dir zu machen habe
eine geeignetere Zeit
Dann ist diese gewiss die ungeeignetste Also gute Nacht
Sie hatte aus dem Salon in den sie eingetreten waren die Wendung nach der
Tür gemacht durch die man in das Speisezimmer und weiter zu ihrem Schlafgemach
gelangte Er war ihr in den Weg getreten
Dennoch muss ich bitten dass Du mir noch einige Minuten schenkst
Damit ich mich hier auf den Tod erkälte
Ich werde Dich nicht lange in Anspruch nehmen Ich wollte Dir nur sagen dass
ich Dein Benehmen heute abend besonders bei Tisch ich habe Dich von meinem
Platze aus sehr gut beobachten können unter der Kritik finde
Dann würde ich es an Deiner Stelle nicht kritisieren
Und ich den Herrn Professor hätte er die Frechheit sich hier wieder sehen
zu lassen
Wenn er meinen Geschmack teilt wird er sich hüten
die Treppe hinunterwerfen werde
Du bist ganz sicher dass Du heute abend nicht zu viel getrunken hast
Ich verbitte mir eine so anzügliche Bemerkung
Ich wüsste nicht dass sie für einen Mann anzüglicher wäre als die Du eben
Deiner Frau zu machen beliebt hast
Wenn ich sie allein gemacht hätte
Freilich Herr von Fernau
Und andre
Die Du die Güte haben wirst mir zu nennen
Da müsste ich die halbe Gesellschaft herzählen Ich habe keine Lust zu
warten bis die andre Hälfte auch kommt
Also worauf sollen alle diese Liebenswürdigkeiten hinaus
Ich habe es Dir bereits gesagt darauf dass ich eine Änderung eine totale
Änderung Deines Benehmens in der Gesellschaft wünsche
Auch Deinem Herrn Minister gegenüber
Ich weiß nicht was das hier zu tun hat
So will ich es Dir sagen mein Benehmen in der Gesellschaft gefällt Dir
ausnehmend wenn es Dir für Deine Absichten förderlich scheint Die
einflussreichen Leute und Du findest sie bekanntlich mit absoluter Sicherheit
heraus dürfen mir den Kopf machen Deinetwegen bis zur Unverschämtheit Dazu
die guten Freunde gegen die man ein für allemal blind ist Wagt ein andrer
mich nicht zu übersehen spielt man sich als Otello auf
Ich dächte ich hätte Dir jede Freiheit gelassen
Ich danke für diese Sorte Freiheit die weiter nichts ist als Sklavenarbeit
im Dienst des klugen Herrn der recht gut weiß was in unsrer Gesellschaft eine
junge Frau gilt welche die Leute schön finden und deren alter Adel für seinen
von gestern so treffliches Relief abgibt
Von gestern
Nun denn von vor acht Jahren als Dein Vater die Division bekam Es hat
nicht gehindert dass er heute aD ist Alte Generäle besonders wenn sie nicht
reich sind pflegen wenig Einfluss mehr zu haben
Ich wüsste nicht was ich Deiner Familie zu verdanken hätte Es müsste denn
sein dass Du in ihr auf einem Fuß zu leben gelernt hast der unsere Mittel weit
übersteigt
Ich bin Dir ja nie gut genug angezogen Glaubst Du dass Gerson mir meine
Toiletten um meiner schönen Augen willen liefert
Jedenfalls werde ich mir erlauben auf seine Rechnungen und die Deiner
andern Lieferanten ein schärferes Auge zu haben als bisher
Das kann dann ja allerliebst werden Ich möchte Dir einen andern Vorschlag
machen Wir haben jetzt über vier Jahre Zeit gehabt einzusehen dass wir
schlechterdings nicht zu einander passen Ich dächte Du ließest mich meiner
Wege gehen und versuchtest es mit einer die für Deine Liebenswürdigkeiten
empfänglicher ist
Die entsprechende Wahl Deinerseits hättest Du wohl bald getroffen
Da würde ja meine Sache sein
Auf deutsch Du wünschst eine Scheidung
Ich glaube mich deutlich genug ausgedrückt zu haben
Und das ist kein schlechter Scherz
Ich hielte ihn dann mindestens für einen sehr guten
Schlecht oder gut ich würde mich unter keinen Umständen auf ihn
einlassen Ich habe keine Lust meinen Namen wenn er auch nicht so alt ist wie
der Deine durch die Gerichte gezerrt zu sehen und mich zum Gespräche der Stadt
zu machen
Es könnte Dir in der Karriere schaden
Deine Schnödeleien lassen mich völlig unberührt Ich weiß was ich mir
schuldig bin Und nebenbei unsern Kindern an die Du gar nicht zu denken
scheinst
»Nebenbei« ist ausgezeichnet Ich denke nebenbei dass Kinder von Eltern die
ehrlich und mutig genug waren sich zu trennen als gegenseitige Abneigung ihnen
ein anständiges Zusammenleben unmöglich gemacht hatte besser daran sind als
von solchen die sich nicht schämen die miserable Lüge fortzusetzen Wenn ich
ein Mann wäre ich brächte es nicht fertig eine Frau zurückzuhalten die ihm so
deutlich gesagt hat dass sie von ihm befreit sein will
Als ob die Frauen immer wüssten was sie in ihrer Heftigkeit so herausreden
Ich bin durchaus nicht heftig im Gegenteil vollkommen kühl Ich habe es
sogar empfindlich kalt und muss dringend bitten dieser lieblichen Unterredung
ein Ende zu machen
Du wirst morgen ganz anders denken und reden
Das werden wir ja sehen
Sie war von dem kleinen Sofa auf welchem sie gesessen hatte aufgestanden
und die lange Schleppe ihres Kleides zusammenraffend mit ein paar großen
Schritten bereits an der Tür die nach dem Flur führte
Wo willst Du hin rief er
Sie wandte ihm ihr Gesicht zu Es war bleich bis in die Lippen mit dunklen
Rändern unter den starren hohnvoll blickenden Augen
Du glaubst doch nicht dass dieser Streit dasselbe erbärmliche Ende nehmen
soll wie schon so mancher
Sie war zur Tür hinaus Er hörte ihren Schritt über den Flur nach dem
kleinen Zimmer neben der Flurtür in welchem sie ihre häufigen Logierbesuche
unterzubringen pflegten und das immer zum Empfang der Gäste bereit stand Sollte
er ihr nachrennen sie mit Gewalt zurückhalten Aber sie würde vor keiner
schlimmsten Szene zurückschrecken und es war auch schon zu spät da ging die
Tür und der Schlüssel wurde umgedreht
Er begann im Salon auf und ab zu schreiten in seiner ratlosen Wut sich an
den Möbeln vergreifend
So weit hatte es nicht kommen sollen keinen Augenblick hatte er gedacht
dass es so weit kommen könne Sich scheiden lassen Sie musste verrückt sein Wenn
sich alle Leute scheiden lassen wollten weil sie sich einmal gezankt haben oder
sich öfter zanken und gerade in diesem Augenblick wo ihm alles darauf
ankommen musste dass sein Name nicht im Gerede war Überhaupt ein solcher
Unsinn ein solcher haarsträubender Blödsinn Fernau hatte recht jetzt war es
sonnenklar dass er recht hatte Wenn es noch Fernau selbst wäre oder irgend
einer von den andern es ließe sich doch zur Not begreifen Aber dieser
Schulfuchs dieser lächerliche Pedant Eine so grauenhafte Geschmacksverwirrung
Es ist ja rein zum Lachen
Und Viktor lachte laut auf Es klang ihm selbst hässlich er biss die Zähne
aufeinander
Gut Madame gut Man wird Ihnen ein paar Tage Bedenkzeit geben Wenn Sie
sich dann nicht besonnen haben wird man aus einem andern Tone mit Ihnen
sprechen Mit Ihnen und Ihrem Schulmeister
Sechzehntes Kapitel
Wie er zu Fuß gekommen hatte Albrecht das festliche Haus verlassen zusammen
mit einigen jüngeren Herren Referendaren Assessoren und zwei oder drei
Offizieren Da man sich einmal zusammengefunden wolle man auch zusammenbleiben
Was solle man mit der angebrochenen Nacht Unter den Linden werde schon noch ein
Café auf sein Der Herr Professor müsse mit Mitgefangen mitgehangen
Die geplante Expedition führte Albrecht weit von seiner Wohnung in eine der
westlichsten Straßen Aber sie hatten recht was solle man mit der angebrochenen
Nacht wenn einem das Herz so voll ist
Das Café des LindenTheaters zu dem man zuerst gelangte war noch nicht
geschlossen wenn auch wie man sich überzeugte als man eingetreten in dieser
späten Stunde nur mäßig besucht Desto besser so konnte man in respektvoller
Distanz von dem süßen Pöbel um so behaglicher plaudern Es ging doch nach einer
solchen Strapaze nichts über ein vernünftiges Wort bei einer Tasse Kaffee mit
Kognac oder auch einem SherryKobbler oder Glühpunsch und einer guten Zigarre
Ein famoser Abend das Ein bisschen sehr eng und das Souper nicht ganz auf
der Höhe der Situation aber alles in allem first rate Man könne doch in der
Wahl seiner Frau nicht vorsichtig genug sein Beispiel der Direktor Lieber
Gott mit seinen Fähigkeiten das sei auch nur so so la la aber wenn einer
einen Schwiegervater in der haute finance habe und der mit seinen Millionen so
klug zu klimpern wisse könne man es leicht zum Ministerialdirektor bringen und
solche routs geben Nun schon der zweite in der kaum angefangenen Saison Woran
es nur eigentlich mit der Verlobung von Fräulein Stephanie und Hauptmann von
Luckow hapre Alle Welt habe geglaubt sie werde heute proklamiert werden
An Luckow liegt es gewiss nicht sagte ein Referendar Barkis is willing
Einige lachten Was heißt das fragte ein blutjunger Lieutenant
Aber Leisegang Sie werden doch den Kopperfield gelesen haben
Habe ich
Nur wie es scheint nicht englisch
Liegt ganz aus unsrer Schusslinie Büffle jetzt furchtbar russisch Verdammt
schwere Sprache
Keine gelehrten Unterhaltungen Ihr Herren rief ein Dritter Um auf
Fräulein Stephanie zurückzukommen sah heute großartig aus
Die Sorbitz ist ihr doch über
Sie haben nun einmal ein faible für die Sorbitz
Sie etwa nicht
Wer keins für sie hat hebe die Hand hoch Da kein Widerspruch erfolgt
erkläre ich Frau von Sorbitz für die Krone der Weiber
Und Fernau für den Beneidenswertesten der Sterblichen
Wenigstens gibt er sich die erdenklichste Mühe es zu werden
Mir scheint er hat in letzter Zeit merklich an Terrain verloren
Oder das Rennen aufgegeben
Sorbitz versteht in gewissen Dingen keinen Spaß
Versteht er überhaupt welchen
Ich lasse nichts auf ihn kommen
Weil er Ihr Korpsbruder war
Allerdings Und der Stolz des ganzen Korps Er hat mindestens zwanzig
Mensuren gehabt wobei ich noch zwei auf Pistolen nicht einmal mitrechne
Niemand zweifelt an seiner Bravour
Würde dem Zweifler auch schlecht bekommen Er hat die Gewohnheit seinen
Gegner mit ein paar Blutigen abzuführen
Was nicht hindert dass er die Kourmacher seiner Frau ein bisschen sehr frei
laufen lässt
Que voulezvous Er ist eben ein Mann von Welt
Na jeder nach seinem Geschmack Meiner wäre es nicht
Seien Sie überzeugt dass Sorbitz verdammt genau weiß wie weit er gehen
kann
Oder sie gehen lassen
Was in diesem Falle auf dasselbe hinauskommen dürfte
Haben Sie Monselet »Les femmes« gelesen
Nein warum
Es ist da eine reizende Geschichte »Ma femme mennuie« in welcher der
betreffende Unglückliche aus Langeweile auf die verrücktesten Einfälle kommt
zuletzt auf den einen Hühneraugenoperateur der ihn in die Zehe geschnitten
hat tot zu schießen Vor die Assisen gestellt weiß er kein Wort zu seiner
Verteidigung vorzubringen als »Ma femme mennuie«
Was soll das hier
Man kann die Geschichte auch umkehren und »Mon mari mennuie« überschreiben
Wo dann die aus Langeweile begangenen Tollheiten auf die Seite der Frau fallen
Der Sorbitz kann niemand etwas nachsagen
Was ich auch himmelweit entfernt bin nur habe andeuten zu wollen
Was wollten Sie denn
Mit meiner Belesenheit Parade machen Was sonst
Ich sage noch einmal kein gelehrtes Gespräch Ihr Herren
Es war in der Tat kein gelehrtes Gespräch was nun folgte Man war einmal
bei dem Kapitel der Frauen und zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht muss da
unter jungen Leuten ein freies Wort erlaubt sein Man machte von dieser Freiheit
sattsamen Gebrauch Was den Herren an Reife der Jahre etwa fehlte schienen sie
durch die Vielseitigkeit ihrer Erfahrung mehr als gutgemacht zu haben Die
bedenklichsten Geschichten wurden erzählt die ungeheuerlichsten Behauptungen
aufgestellt Wenn man den Herren glaubte musste man die Existenz einer ehrbaren
Frau für eine Fabel halten Und doch sind dies Leute sagte sich Albrecht denen
man Geist und Verstand und Bildung nicht absprechen kann und die doch auch
Mütter und Schwestern haben
Er sagte es sich aber bereits auf dem Heimweg nachdem er bis drei Uhr
ausgehalten und sich dann unter dem Vorwand dass er morgen zu früher Zeit in
seine Schule müsse verabschiedet Weshalb er nur mitgetrottet war Was ging ihn
diese Gesellschaft an So wenig wie er sie Nicht mit einer Wendung hatte man
seine dramatischen Leistungen von heute abend auch nur gestreift nicht ein Wort
war über Literatur und Kunst gesprochen worden Dagegen musste er die
Zusammenkünfte mit seinen Kollegen die wahrhaftig keine Lichter waren
Festmahle des Geistes nennen
Und sie sie gehörte denn doch auch in diesen Kreis blaublütiger Junker und
ihnen ebenbürtiger Weiber Die hochnasige Verachtung der bürgerlichen Plebs die
Überzeugung von ihrem adligen Gottesgnadentum die Verrannteit in ihre
engherzigen Vorurteile die Wichtigtuerei mit ihren Kirchturminteressen es
war ja doch die Atmosphäre in der sie aufgewachsen war Und dass man sie völlig
zu der Klique rechnete hatte die Impertinenz bewiesen mit der man von ihr
sprach »die Sorbitz« Himmel und Hölle Als es zuerst sein Ohr traf er glaubte
sich verhört zu haben Und dann wieder und wieder »die Sorbitz« Als ob man von
der ersten besten Komödiantin spräche Sie waren alle halb betrunken gewesen
Ich auch Ich hätte sonst diese Blasphemien nicht so geduldig mit angehört
hätte diese Burschen wo bin ich denn eigentlich
Er stand still Die Straße in der er sich befand kam ihm ganz fremd vor
Dann entzifferte er in dem Flackerlicht einer Laterne an der Ecke mühsam den
Namen Es war nicht so schlimm nur ein geringfügiger Umweg Aber seine Uhr
hatte auf beinahe vier gewiesen Wenn Klara doch aufgeblieben wäre Er hatte sie
so dringend gebeten diesmal von ihrer Gewohnheit abzuweichen er sei gewiss es
werde sehr spät werden Dennoch
Richtig Da oben in den Fenstern seines Arbeitszimmers noch Licht Und vor
der Haustür eine Droschke
Jäher Schreck durchrieselte ihn
Wen haben Sie gefahren
Der Kutscher raffte sich mühsam aus seinem Halbschlaf auf
Weiß nicht Wird wohl ein Doktor sein Ich soll warten
Wo haben Sie ihn abgeholt
Gar nicht Er hat mich auf der Straße angerufen Ein Mädchen war bei ihm
Albrecht hatte genug gehört Sein Rausch war völlig verflogen Im ganzen
Hause war kein Licht außer bei ihm
Hastig schloss er auf Ein Glück dass er jede Stufe seiner drei Treppen so
genau kannte die kleine Lampe die ihn sonst erwartete war nicht da und in
dem Hause war es grabfinster Die Tür zu seinem Flur brauchte er nicht
aufzuschließen sie stand offen und auf dem Tischchen unter dem Spiegel die
unten vermisste Lampe Er warf den zusammengedrückten chapeau claque auf das
Tischchen Paletot und Galoschen auszuziehen ließ er sich keine Zeit und
stürzte in sein Zimmer An dem Schreibtisch beim Schein der Studierlampe saß
einer und schrieb sein Hausarzt
Der wandte jetzt den Kopf blickte dann wieder auf das Papier und erhob
sich
Guten Abend oder vielmehr guten Morgen lieber Professor Wir haben hier
inzwischen eine böse Zeit gehabt Glücklicherweise ist es nicht ganz so schlimm
wie Ihre Frau fürchtete
Baby
Nein Helenchen Ihre Frau glaubte Diphteritis Ich offen gestanden im
ersten Moment auch Aber wir werden wohl mit einer gründlichen Halsentzündung
davonkommen
Klara war plötzlich im Zimmer Albrecht hatte sie nicht eintreten hören
Bist Du endlich da Kann das Mädchen gehen
Ich habe meine Droschke noch unten muss so wie so an der Apotheke vorüber
und nehme am besten Auguste so heißt sie ja wohl gleich mit Sie soll dann
selbstverständlich auf das Rezept warten und die Droschke zur Rückfahrt
benutzen Es liegt mir daran dass Helenchen die Medizin möglichst schnell
bekommt
Aber dann müssten Sie gehen
Das tut nichts ist auch nicht so weit Vorläufig wollen wir noch mal nach
der Kleinen sehen
Man ging nach dem Kinderzimmer in welchem jetzt auch Klara mit Baby
schlief Das Bettchen von Fritz und die Wiege waren entfernt
Es ist in solchen Fällen immer gut wenn man vorsichtig ist sagte der
Doktor im Flüsterton
Er hatte sich über die kleine Kranke gebeugt und richtete sich nach einer
halben Minute wieder auf
So Es bleibt also dabei Frau Professor Und was ich sagen wollte
Er gab noch einige Verhaltungsmassregeln und ging dann während Klara bei dem
Kinde blieb mit Albrecht über den engen Korridor in das Vorderzimmer zurück
Liegt Gefahr vor Doktor
Lieber Freund Gefahr das ist für uns Ärzte ein weites Wort
Ich meine müssen wir uns auf das Schlimmste gefasst machen
Nach meiner Philosophie sollte man das eigentlich immer In diesem
speciellen Falle brauchen wir nicht ganz so stoisch zu sein Ist das Mädchen da
Na also gute Nacht Ich komme morgen oder heute früh wahrscheinlich schon um
neun Noch eins Sie haben eine verständige tapfere kleine Frau Bringen Sie
mir sie nicht aus dem Text Das war wohl heute ein großer Zauber
Ich mag nicht daran denken
Ja das Leben gefällt sich in Kontrasten Auf Wiedersehen morgen
Doktor Ribbeck stieg mit dem Mädchen die Treppen hinab Albrecht war wieder
im Studierzimmer Er griff sich mit beiden Händen an den brennenden Kopf O
Gott Gott straf mich nicht so hart Nimm mir meinen Liebling nicht
Er entledigte sich jetzt der Galoschen den Paletot behielt er an Ihn
fröstelte Wer setzt sich auch im Ballanzuge an das Bettchen seines todkranken
Kindes und seine Hauskleider befanden sich in dem Zimmer in welchem jetzt die
beiden andern Kinder schliefen So geräuschlos er konnte schlich er in das
Krankenzimmer zurück Klara saß an dem Bettchen er nahm den Stuhl auf dem der
Doktor vorhin gesessen hatte Von dem Licht der verhüllten Lampe auf dem
Tischchen zwischen den Fenstern kam nur ein schwacher Schein aber hell genug
dass er sehen konnte wie die Bäckchen des Kindes brannten Es warf sich unruhig
im Halbschlaf hin und her und murmelte von Zeit zu Zeit abgerissene
unverständliche Worte
Wann hat es angefangen fragte er flüsternd
So um halb elf Ich machte zuerst nichts daraus Schien auch besser zu
werden Aber um zwei
Das Kind hatte plötzlich laut aufgeschrieen Klara legte ihm eine frische
Kompresse auf das Köpfchen Albrecht hatte für einen Moment seine Hand auf eins
der winzigen heißen Händchen gelegt Nun saßen sie sich wieder gegenüber Klara
nur Ohr und Auge für das Kind fuhr in ihrem Bericht nicht fort er mochte nicht
weiter fragen
Um halb elf Da musste es gewesen sein als sie sich hinter der
vorgeschobenen Koulisse küssten Um zwei da war er trunken von Liebe und Wein
auf die Straße getreten um mit den angezechten jungen Gesellen in die Kneipe zu
gehen anstatt nach Hause zu seinem kranken Kinde zu eilen Mein Gott er hatte
ja nicht gewusst dass es krank war es nicht wissen können und das Leben
gefällt sich in Kontrasten Aber wenn dieser hier so ein schauerliches Gesicht
zeigte es war doch seine Schuld
Und hätte er wenigstens seine Schuld ehrlich bereut aber was er als das
wahrhaft Grässliche deutlich empfand war dass er es nicht konnte Dass die
Erinnerung der süßen sündigen Stunden sich nicht bannen ließ Dass er das Bild
der schönen verführerischen Frau die er in seinen Armen gehalten deren Busen
an seiner Brust geklopft vergleichen musste mit ihr die da vor ihm saß
bleichen unschönen in der Sorge versteinerten Gesichtes das schlichte
glanzlose blonde Haar verwirrt um den viereckigen Kopf in ihrem abgetragenen
schief geknöpften Schlafrock an den großen Füßen die ausgetretenen
Morgenschuhe
Es half nicht dass er die Augen schloss dann sah er sie beide erst recht
deutlich nebeneinander den schlanken Hals sogar von der andern und die
feingerundeten aristokratischen Schultern und den Busen dessen Schönheit der
weite Ausschnitt des Ballkleides mehr als ahnen ließ
Du bist todmüde und hier helfen kannst Du mir doch nicht sagte Klara
Morgen ist überdies Dein früher Schultag
Lass mich wenigstens Augusten abwarten
Ich hab ihr schon gesagt dass sie Dir auf Deinem Sofa ein Bett zurecht
machen soll so gut es geht
Das Mädchen kam mit der Medizin die Klara dem Kinde eingab Nicht ohne
große Mühe das Kind wollte den Trank nicht nehmen Albrecht machte einen
ungeschickten Versuch ihr zu helfen Klara wurde ungeduldig
Tu mir den Gefallen und geh Du stehst hier wirklich nur im Wege
Er ging von ihrem rauen Wort beleidigt Es war immer dasselbe sie hatte
eben keine Formen keine Spur von Anmut keine Ahnung davon dass der Ton die
Musik macht
Und so ins Unabsehbare weiter leben müssen an der Seite einer anmutlosen
Frau mit den ewigen Kindersorgen Schulsorgen Nahrungssorgen dem Raubzeug
das dem Prometeus das Herz ausfrisst während er verzweifelt an den
unzerreissbaren Ketten zerrt
Und Prometeus ist ein Gott und hat an den goldenen Tischen mit den andern
Göttern geschwelgt in Ambrosia und Nektar
Er stand am Fenster und starrte hinaus Über den hohen Dächern der
gegenüberliegenden Häuser dämmerte bereits der Morgen herauf
Der Morgen der nichts besser machen würde nichts
Siebzehntes Kapitel
In seiner Hoffnung Klotilde werde an dem nächsten Tage anderen Sinnes sein sah
Viktor sich getäuscht Auch die folgenden brachten keine Besserung des
Verhältnisses Zwar die Zankscene der Nacht wiederholte sich nicht es war auch
keine Veranlassung dazu Klotilde hüllte sich in eisiges Schweigen er
seinerseits hütete sich einen Streit von neuem zu beginnen in welchem er
keineswegs sicher war nicht den Kürzeren zu ziehen Und doch hätten sie gerade
in diesen Tagen die zufällig keine Gesellschaften brachten reichlich Zeit zu
einer Aussprache gehabt Dafür wechselten sie bei Tisch ein paar gleichgültige
Worte und auch die nur solange die Dienstboten ab und zugingen Nach Tisch
zog sich Klotilde in ihren Salon zurück den sie für den Abend nicht wieder
verließ um sich meistens sehr zeitig in ihr improvisiertes Schlafgemach zu
begeben das sie inzwischen mit den nötigen Toilettengegenständen ausgestattet
hatte Wie Viktor auf seine diskrete Nachfrage erfuhr war den Dienstboten das
neue Regime dahin erklärt worden das »die gnädige Frau an einem bösen
nächtlichen Husten leide und den Herrn um den Schlaf bringe welchen er bei
besonders schwerer Arbeit gerade jetzt notwendig brauche« So hatte sie doch
wenigstens den Leuten gegenüber den Schein zu bewahren gesucht
Aber welches waren ihre wirklichen Absichten
Darüber zerbrach sich Viktor den Kopf und je länger und eifriger er des
Rätsels Lösung zu finden suchte desto dunkler wurde es ihm Mein Gott ja sie
waren von Anfang an recht oft sehr verschiedener Meinung gewesen und hatten
daraus nie ein Hehl gemacht Im übrigen war doch ihre Ehe nicht besser und nicht
schlechter nicht behaglicher oder unbehaglicher als die aller seiner Kollegen
und sonstigen näheren Bekannten Eher noch ein wenig wenn nicht inniger so
doch einiger hinsichtlich alles dessen was ihm in seiner Karriere förderlich
sein konnte wo es Klotilde nie an sehr verständigen Ratschlägen und
tatkräftiger Unterstützung hatte fehlen lassen Dass die relative Enge ihrer
ökonomischen Verhältnisse sie manchmal ungeduldig machte ja lieber Himmel er
hätte auch gern die Ellbogen freier gehabt Schließlich hatte sie doch gewusst
dass er kein reicher Mann war es auch nie werden konnte und die Zuschüsse die
sie von seinem Vater erhielten waren um ein namhaftes reichlicher und liefen
vor allem sehr viel regelmässiger ein als die ihres Vaters der die unangenehme
Gewohnheit hatte die Quartalsdaten zu vergessen
Schließlich blieb nur ein Erklärungsgrund ihrer Tollheit ein völlig
ungeheuerlicher freilich Aber wie hätte er sich nicht immer wieder herzudrängen
sollen wenn alle andern etwa möglichen sich bei nur einigermaßen genauerer
Prüfung als hinfällig erwiesen
Viktor hatte diese Zweifelssorgen drei Tage lang mannhaft still getragen
immer bei sich erwägend ob er nicht Elimar ins Vertrauen ziehen sollte Elimar
war klug und die Diskretion selbst Aber Viktor glaubte mit Sicherheit zu
wissen es habe seiner Zeit nur wenig gefehlt so hätte Klotilde jenen und nicht
ihn geheiratet Da war denn auf ein unbefangenes Urteil bei dem Manne in dieser
Sache nicht zu rechnen Fernau Sonst wäre Fernau sicher der Rechte gewesen
aber seit der unerquicklichen Szene zwischen ihnen neulich an dem Abend bei
Sudenburgs Und wiederum hatte der Freund wie Klotilde behauptete seine
Kourmacherei zu weit getrieben so war es ein seiner diplomatischer Zug den
Nebenbuhler gegen den Nebenbuhler auszuspielen Unbefangen würde seine
Auffassung der Sachlage wohl noch weniger sein als die Elimars aber weshalb
nicht von der Scharfrichtigkeit des Hasses profitieren
Und da wollte der Zufall dass er am vierten Tage mit Fernau zusammentraf
als sie nach den Bureaustunden das Amt in welchem beide gemeinschaftlich wenn
auch in verschiedenen Abteilungen arbeiteten zu gleicher Zeit verließen
Sie hatten sich erblickend beide einen Moment gestutzt waren dann aber
ein etwas gezwungenes Lächeln um die Lippen mit ausgestreckten Händen
aufeinander zugegangen
Sieh da mon brave sagte Fernau Haben uns ja in einer Ewigkeit nicht
gesehen Wie gehts
Nicht zum besten erwiderte Viktor
Etwas mit dem Alten
Auch das Er kann sich noch immer in den neuen Kurs nicht finden
Der Ihnen doch auch gegen den Strich geht
Man laviert eben Aber das macht mir weiter keine Schmerzen
Was sonst
Sie waren aus der Wilhelmstrasse in die Vossstrasse gebogen
Werden Sie fahren fragte Viktor mit einem Blick nach dem Droschkenstande
Ich hatte nicht die Absicht Aber wenn Sie wollen
Gar nicht
Also andiamo
Der lange Weg nach Hause war bis auf ein kleines für beide derselbe Fernau
hatte durchaus das Gefühl dass Viktor eine Fortsetzung ihrer letzten
Auseinandersetzung wünsche Ihm kam es gelegen war ihm die Sache während dieser
letzten Tage doch ebenfalls sehr durch den Kopf gegangen
Hören Sie Sorbitz sagte er nachdem sie eine Minute schweigend
nebeneinander hingeschritten waren es ist zwischen uns nicht alles so klar wie
es zwischen guten Freunden sein sollte Ich kann Ihnen nur auf Ehrenwort
wiederholen was ich Ihnen neulich abends bereits gesagt habe dass
Sie brauchen nicht weiter zu sprechen unterbrach ihn Viktor Ich habe mich
längst überzeugt dass man mich geflissentlich auf Sie gehetzt hat um
Sie auf eine falsche Fährte zu bringen Ganz meine Meinung
Aber um Gottes willen Fernau das ist doch ganz unbegreiflich total
verrückt Was kann sie an dem Menschen finden
Lieber Sorbitz wer lernt diese findesiècleFrauen aus Es ist da alles
Nerven Idiosynkrasien Illusionen perdues oder à perdre falsche Appetite was
weiß ich Nehmen wir an man hat sich an Kuchen übergessen und schwelgt in dem
Gedanken wie himmlisch es sein müsste wenn man die weißen Zähne so einmal in
Schwarzbrot vergraben könnte Solche Anfälle gehen vorüber glauben Sie mir
Sie haben gut reden Sie sind nicht verheiratet Sie wissen nicht wie
unsereinem ein solcher Anfall zu Haus und Hof kommt besonders wenn er so
lächerlich akut ist wie dieser
Also erzählen Sie mir was ist geschehen Ich brauche Sie nicht zu
versichern dass Sie sich auf meine Diskretion unbedingt verlassen können
Würde ich sonst von der vertrackten Geschichte angefangen haben Die Sache
ist aber die
Und Viktor berichtete ziemlich getreu seinen Zank mit Klotilde in der
Ballnacht und wie sich die ehelichen Verhältnisse seitdem gestaltet hatten Nur
von einem gewissen Arrangement zu sprechen das Klotilde zu treffen beliebt
fand er nicht den Mut und wollte die ziemlich deutliche Anspielung Fernaus auf
die nicht ganz ungewöhnliche Methode der Herbeiführung einer Verständigung in so
verzweifelten Fällen lieber nicht verstehen
Man war bis zum Potsdamer Platz gelangt
Ich will Ihnen einen Vorschlag machen Sorbitz sagte Fernau Da steht ein
Dienstmann Schreiben Sie Ihrer Frau auf einer Karte Sie können heute nicht zu
Mittag kommen Basta Und lassen Sie uns im PalastHotel dinieren Ich selbst
bin noch nicht dagewesen aber es soll sehr gut sein
Wozu dann noch die Karte
Bitte sehr Immer die Form bewahren Darin liegt eine ungeheure Macht Die
Weglassung jedes Entschuldigungsgrundes wird die Demonstration für Ihre Frau
verständlich genug machen
Der Dienstmann war mit der Karte seines Weges geschickt die Herren waren in
das Hotel getreten und hatten in dem Restaurant bald die ihnen zusagenden Plätze
entdeckt Fernau als vielerfahrener Junggesell übernahm die Zusammenstellung
des Menü und die Auswahl der Weine Er war in der behaglichsten Stimmung Je
länger er Zeit gehabt hatte über die Angelegenheit nachzudenken desto schwerer
war es ihm geworden den »Schulmeister« ernstaft zu nehmen Die Sache hatte
entschieden keine tiefere Bedeutung als die eine ihm sehr genehme das
Verhältnis zwischen den beiden Gatten war wirklich so schlecht wie er es sich
nur immer wünschen konnte und wünschen musste sollte seiner Liebe Müh nicht
vergeblich gewesen sein Wer konnte sogar wissen ob die kluge Frau das
Techtelmechtel mit dem Schulmeister nicht arrangiert hatte Viktor von der
richtigen Fährte abzubringen Und den schlimmsten Fall gesetzt sie hatte
wirklich ein momentanes Faible für den Menschen das müsste doch sonderbar
zugehen wenn ihm es nicht gelänge sie zur Raison zu bringen über ihre
Verblendung lachen zu machen in seinen Armen natürlich
Aber er hütete sich wohl Viktor von diesen seinen wirklichen Empfindungen
und Gedanken auch nur das mindeste merken zu lassen ein Bruder konnte um den
Bruder nicht besorgter sein als er es um den Freund war Dergleichen könne peu
à peu zu ganz ungeheuerlichen Konsequenzen führen wenn man nicht rechtzeitig
vorbeuge Hier heiße es durchaus principiis obsta Und Viktor möge die
schrankenlose Freiheit bedenken in der seine Frau aufgewachsen sei Ein Mädchen
auf dem Lande in den breiten Verhältnissen an der Seite von ein paar
leichtsinnigen Brüdern und einem Vater der noch jeden Augenblick geneigt sei
von vorn anzufangen Mein Gott man kenne doch diese jungen Damen Sie seien
überall dieselben hinten in Ostpreussen wie in Pommern oder Hannover Tags
über im Sattel Nacht für Nacht in Gesellschaft auf diesem oder jenem Gute zehn
Meilen in der Runde Und hernach die Pension wo sie lernten was sie etwa
wirklich noch nicht wüssten Aus dem allen mache er ja keiner einzelnen einen
Vorwurf Gott bewahre Aber man müsse die lieben Dinger nun einmal nehmen wie
sie seien
Habe ich das etwa nicht getan rief Viktor der ohne es zu merken den
Wein beinahe allein trank Habe ich meiner Frau nicht jede Freiheit gelassen
Ich glaube liberaler als ich gewesen bin kann man nicht sein
Ja lieber Freund erwiderte Fernau die Augenbrauen in die Höhe ziehend
nun kommen wir zu der anderen Seite der Medaille Sie haben ihr zu viel Freiheit
gelassen viel zu viel Ein Vollblutfüllen Sie verzeihen mir den Vergleich
will eben anders behandelt sein als ein gewöhnliches Es will leicht geführt
sein dann aber muss es auch gegebenen Falles fühlen dass sein Reiter eine Faust
von Eisen hat
Sprechen wir nicht in Bildern bleiben wir bei der Wirklichkeit Sie werden
nun gewiss sagen ich solle das ihr bis jetzt gewährte Maß der Freiheit
einschränken Das ist leichter gesagt als getan So ist sie nach wie vor des
Morgens stundenlang in der Stadt ich habe keine Ahnung wo obgleich es mir
sehr unbehaglich ist Ich kann sie doch nicht einsperren wie ein Schulmädchen
das nicht gut tun will
Das können Sie freilich nicht aber vielleicht diese Ausflüge ein wenig
kontrollieren
Wie das wenn ich gerade während dieser Zeit auf dem Amt festsitze
Auf Ihre Leute haben Sie keinen Verlass
Ich traue keinem über den Weg Meine Frau hat sie alle an ihrer Schleppe
Und wenn auch nicht ich kann sie nicht hinter ihr herschicken
Fernau nippte bedächtig an seinem Sekt
Da bleibt nur noch ein Detektive
Viktor hatte längst über Gebühr getrunken das Wort machte ihn doch stutzig
Sie sind nicht recht gescheit Fernau sagte er nach einer Pause während
der er sein Gegenüber zornig angestiert hatte
Einen PrivatDetektive selbstverständlich fuhr Fernau ruhig fort Lieber
Himmel wir Deutsche sind so schwerfällig verzeihen Sie mir lieber Sorbitz
Aber ein Londoner oder Pariser in dem analogen Fall brauchte nicht erst durch
einen Freund an dieses nächstliegende und unverfänglichste Hilfsmittel erinnert
zu werden Ich will Ihnen nur gestehen dass ich mich seiner bereits wiederholt
und mit bestem Erfolge bedient habe Nach ein paar Tagen wusste ich stets was
ich zu wissen wünschte Die Leute sind treu wie Gold und verschwiegen wie das
Grab Auch brauchten Sie gar nicht ins Spiel zu kommen ich nehme das Ganze auf
mich
Viktor schenkte sich ein Glas voll und trank es auf einen Zug leer Er war
offenbar schon halb gewonnen
Und dann sehen Sie Sorbitz ich würde Ihnen den Rat nicht geben wenn ich
glaubte der Mann würde entdecken was Sie in der exceptionellen Stimmung in
der Sie nun einmal sind fürchten Ich bin wie von meinem Leben überzeugt dass
er nichts entdecken wird Nun und dann haben Sie Ihre Ruhe wieder Mir deucht
bei Gott ein solcher Gewinn ist die lumpigen paar hundert Mark wert Was sagen
Sie zu meiner Idee
Sie könnten den Mann besorgen
Einen absolut sichern Menschen
Und instruieren
Ich übernehme alles und jede Garantie dazu
Und Sie werden mich hinterher nicht auslachen denn offen gestanden ich
komme mir doch bei der Geschichte ein wenig sehr
Lieber Freund das ist mir das erste Mal genau so gegangen ich kam mir auch
»sehr« vor Hinterher macht man sich ein Kompliment über seinen Verstand zur
rechten Zeit Also abgemacht
Meinetwegen
Bravo Und nun lassen Sie uns noch eine
Keinen Tropfen mehr
Wie Sie wollen Also den Mokka Kellner und Ihren besten Hennesi
Achtzehntes Kapitel
Um dieselbe Zeit als Fernau und Viktor sich vor ihrem Amte in der Wilhelmstrasse
trafen war Klotilde in der Mauerstrasse bei Adele vorgefahren Sie wusste dass
Elimar an diesem Tage einem Mittwoch stets erst um sechs Uhr nach Hause kam
So war sie sicher Adele allein zu finden
Sie hatte die Klingel gezogen und stand wartend mit einer finsteren Miene
die sich jäh in ein graziöses Lächeln verwandelte Adele selbst war es welche
die Tür geöffnet hatte
Klotilde Du Um diese Stunde Es ist ja Eure Essenszeit
Ich habe mich heute bei Sudenburgs zu Tisch gebeten
Und Dein Mann
Muss einmal allein essen Ich denke es wird ihm darum nicht weniger gut
schmecken
Na ja Du hast eine perfekte Köchin wie sie es hier nennen Ich Du
siehst ich bin in der Küchenschürze
Ich störe Dich
Ganz und gar nicht Wir essen heute »Verklebtes« echt magdeburgisch weißt
Du Das kocht sich allein Und bei Sudenburgs hast Du Dich angemeldet
Die Damen waren in das Wohnzimmer getreten Adele hatte Klotilde den Mantel
abgenommen und sich zu ihr auf das Sofa gesetzt
Du weißt natürlich nichts von dem großen Ereignis Stephanie hat sich mit
Luckow verlobt
Adele legte beide Hände auf Klotildes Kniee
Ist es möglich
Hast du nichts davon gewusst
Doch doch alle Welt sprach ja davon am Sonnabend schon Aber es sollte ja
noch in weitem Felde liegen
Nur bis Luckow Hauptmann erster Klasse wurde Gestern hat er das Patent
erhalten Stephanie meldete es mir vor einer Stunde per Rohrpost Du begreifst
dass ich als ihre beste Freundin heute bei dem Verlobungsdiner nicht fehlen
darf
Freilich selbstverständlich sagte Adele im stillen verwundert weshalb
sich dann Klotilde erst hatte zu Tisch bitten müssen anstatt gebeten zu werden
Aber in Berlin war alles anders als in Magdeburg
Warum sie nur so lange gewartet haben fragte sie ich denke Sudenburgs
sind so reich
Aber Luckow will nicht direkt abhängig sein was ich ihm nebenbei nicht
verdenken kann Diese Abhängigkeit ist im Grunde schauderhaft Und dann reich
Ja Kind das ist ein sehr relativer Begriff Wenn man wie Sudenburgs zwei
Söhne hat die Offiziere sind davon weiß mein Papa ein Lied zu singen Er
klagt Gott und die Not was ihn Ernst und Otto in Bonn und Düsseldorf kosten
Und ich armes Wurm muss natürlich warten und warten bis die Reihe auch mal an
mich kommt Ach Kind es ist ein großes Ding reich zu sein steinreich
Ich weiß nicht sagte Adele ich denke es mir eigentlich schrecklich Und
Elimar auch Die armen Reichen sagt er immer Aber Du hattest es doch in der
Hand reich und sogar steinreich zu sein Warum hast Du damals Kurt Platow nicht
genommen
Klotilde lachte
Lieber Schatz wenn Du es durchaus wissen willst er war so fürchterlich
dumm Ich abominiere dumme Menschen Und seine Dummheit hätte ich ihm vielleicht
noch verziehen aber seine antediluvianischen Westen und gestreiften
Beinkleider die konnte ich ihm nicht verzeihen Es war wirklich au fond eine
Kleiderfrage Und da er durchaus seinen Schneider nicht wechseln wollte was
konnte ich tun als ihn zu Klarisse Gardewitz schicken die in diesen Dingen
vielleicht weniger difficil war
Der arme Mensch Er hat vier Jahre gebraucht ehe er Dich soweit vergessen
konnte sagte Adele kopfschüttelnd
Gibt es einen stärkeren Beweis für seine Dummheit
Klotilde versündige Dich nicht Danke lieber Gott dass Du bei Deiner Art zu
denken noch einen so guten Mann bekommen hast
Da wären wir ja endlich so weit sprach Klotilde bei sich
Sie richtete sich aus ihrer Sofaecke auf blickte ihre Kousine scheinbar
forschend an und sagte in einem andern Ton der Stimme als sie bis jetzt
gesprochen
Das ist wirklich Dein Ernst
Was
Das mit dem »guten Mann«
Ist er das etwa nicht
Und Du glaubst auch was ich Dir neulich gesagt habe dass wir uns niemals
zanken
Ja tut Ihr es denn
Klotilde lachte höhnisch auf wurde aber sofort wieder ernst Es war eine
falsche Note gewesen Wenn sie ihre Absicht erreichen wollte durfte Adele nur
die Hälfte von der Wahrheit erfahren
Liebes Kind sagte sie wie konntest Du meine Prahlerei nur einen Augenblick
ernst nehmen Viktor ist wirklich ein guter Mann in seiner Weise aber darum
zanken wir uns gelegentlich doch gerade wie andere Leute Wir haben uns sogar
am Sonnabend nach dem Ball ganz fürchterlich verzankt so dass wir heute noch
auf dem Kriegsfuss gegeneinander stehen
Ist es möglich aber warum denn
Elimar ist nicht eifersüchtig
Nicht die Spur Ich gebe ihm aber auch keine Veranlassung dazu
Das klingt als ob Du sagen wolltest natürlich Du gibst Deinem Mann
welche
Fällt mir gar nicht ein Ich habe nur sagen wollen ich bin ein so einfaches
Menschenkind in mich vergafft sich so leicht keiner
Du weißt wie man Dich in dem Sudenburgschen Kreise getauft hat
Keine Ahnung
Die Oase
Adele blickte ihre Kousine stumm mit verwunderten Augen an
Du weißt doch was eine Oase ist die Stellen in der Wüste wo Wasser quillt
und alles grünt und blüht und duftet und die Vögel singen So als eine solche
grüne Insel in dem Sandmeer erscheinst Du unsern Kamelen hätte ich beinahe
gesagt
Adele lachte herzlich
Das ist ja reizend
Nicht wahr Aber wenn Du nun mit Deinem Mann nach Hause kommst und er
schlägt die Arme übereinander misst Dich von oben nach unten mit einem Blick
wie ein Grossinquisitor und sagt mit eisiger Kälte Ich habe gehört Madame man
nennt Sie in der Gesellschaft »Oase« Ich verbitte mir das Wenn es noch einmal
passiert lasse ich mich von Ihnen scheiden
Das hätte Viktor gesagt
Närrchen ich bin doch nicht die Oase Ich bin eine ganz simple Frau die
schön zu finden hier und da mal einer dumm genug ist
Aber Herz alle Männer finden Dich schön Darüber ist doch nur eine Stimme
Am Sonnabend im zweiten Walzer Du tanztest den ersten mit ihm wenn Du Dich
erinnerst hat Professor Winter zu mir gesagt Ist sie nicht wunderbar schön
Ist sie nicht wie eine kann er Ballade gesagt haben
Klotilde fühlte wie ihr das Blut in die Wangen schoss Er hatte es ihr
selbst gesagt traumhaft schöne Ballade Der liebe Mensch Und nun durfte sie ja
auch zur Sache kommen
Sieh sieh mein kleines Professorchen das sein Herz so auf dem
Präsentierteller trägt Ja Liebchen da wird mir freilich klar wie Viktor auf
die absurde Idee hat kommen können
Er glaubt doch nicht etwa
Ja mein Schatz er glaubt allen Ernstes dass der Professor in mich verliebt
ist was ich ja nebenbei gar nicht in Abrede stellen will wir armen Frauen
können doch nichts gegen die Verliebteit der Männer Und wenn Viktor dabei
stehen bliebe aber es ist wirklich zu albern
Er glaubt dass Du
Er glaubt dass ich sprich es nur aus
Dass Du nun ja wunderbar schöne große Augen hat er
Mein Gott fängst Du auch noch an
Klotilde war vom Sofa aufgesprungen ging wie in großer Erregung zum
Fenster blickte ein paar Momente auf die Straße wandte sich und sagte
Das geht so nicht länger Dem muss ein Ende gemacht werden Und Du musst mir
dabei helfen
Sie hatte sich wieder zu Adelen gesetzt und deren beide Hände in die ihren
genommen
Ich stammelte Adele noch voller Schrecken über Klotildens Heftigkeit Mit
dem größten Vergnügen Aber worin wobei Ich weiß ja gar nicht
Die Sache ist einfach die Wie der Professor Dir sein Herz ausgeschüttet
hat so hat er es zweifellos auch mit andern gemacht und mich in das schönste
Gerede gebracht Ich brauche Dich nicht zu versichern dass ich daran absolut
unschuldig bin Aber die Welt ist so grundschlecht und auf mich haben es die
schlechten Menschen Gott mag wissen warum noch besonders abgesehen Der
Professor muss entweder aus unsrer Gesellschaft verschwinden oder da das seine
Schwierigkeit hat er ist bei zu vielen schon eingeführt jetzt auch bei
Breitenbachs sein Betragen vollständig ändern seine Augen beherrschen lernen
seine Zunge im Zaum zu halten
Aber Klotilde das kostet Dich doch nur ein Wort
O ja wenn der Professor ein Mann von Welt wäre Die verstehen einen mit
denen verständigt man sich à demi mot Solchem Schulgelehrten muss man alles
umständlich auseinandersetzen sonst begreift ers nicht
Und das soll ich unternehmen
Dir würde er nicht glauben meinen Du seist von irgend einem angestiftet
sagen wir Fernau der es wohl imstande wäre und der gute Professor weiß ja
nicht kann ja auch nicht wissen dass Du Dich zu dergleichen niemals hergeben
würdest Nein das kann ich allein
So tus doch
Wo wann in der Gesellschaft Ich wiederhole Dir dazu brauche ich eine
Stunde eine halbe mindestens Während der wir in der Ecke stehen und die Köpfe
zusammenstecken damit die liebe Gesellschaft die ihren zusammensteckt haben
wir es nicht gesagt Da sieht man es ja
Nun weiß ich aber wirklich keinen Rat sagte Adele ganz verzweifelt
Klotilde rückte dicht an sie heran und sagte abermals ihre beiden Hände
nehmend
Der doch so leicht gefunden wäre wenn Du sieh Kind ich denke mir es so
Du schreibst an den Professor und bittest ihn Dich auf eine halbe Stunde zu
besuchen natürlich zu einer Zeit in der Dein Mann nicht zu Hause ist Er kommt
selbstverständlich Du empfängst ihn freundlich aber ernst und sagst ihm in
demselben freundlich ernsten Ton Du habest gehört dass sein Benehmen gegen mich
in der Gesellschaft aufgefallen sei
Aber ich habe es ja gar nicht gehört
So sagst Du es dennoch Und dass Du als meine Kousine und intimste Freundin
Dir die Freiheit nähmest ihn darauf aufmerksam zu machen
Aber Du hast ja noch eben erst versichert auf mich würde er nicht hören
Ganz richtig In diesem Moment klingelt es und ich erscheine
Du
Ganz zufällig Lass mich nur machen So was bringe ich in all meiner Dummheit
doch ganz gut fertig Er ist natürlich verlegen Du bist verlegen wir alle sind
verlegen Nun erinnerst Du Dich dass Du vergessen hast dem Mädchen oder dem
Burschen einen notwendigen Auftrag zu geben verschwindest und vergisst für eine
halbe Stunde wiederzukommen Wenn Du wiederkommst ist der Herr Professor
kuriert Das versichere ich Dich Nun Schatz willst Du
Adele war in der bittersten Verlegenheit Die Rolle die ihr Klotilde da
zugeteilt hatte deuchte ihr entsetzlich Und wenn sie auch Klotilden das
ungeheure Opfer bringen wollte
Guter Gott rief sie ich bin ja bereit das heißt ich würde es ja
versuchen obgleich bei meinem grenzenlosen Ungeschick aber was würde Elimar
dazu sagen
Elimar Der bleibt doch ganz aus dem Spiel
Aber nachher müsste ich es ihm sagen
Warum
Ich muss Elimar alles sagen Ich kann nicht anders
Sie hatte die Hände gefaltet und sah ihre Kousine mit flehenden Blicken an
Ja so sagte Klotilde gedehnt
Sie begriff sofort dass sie das Spiel verloren geben musste An dieses
Übermaß von Einfalt hatte sie nicht gedacht Der kluge Elimar der im Nu heraus
haben würde dass man sein Gänschen düpiert und sich mit ihrer Küchenschürze als
Deckmantel ein Rendezvous gegeben hatte
Nun bist Du mir bös sagte Adele traurig als Klotilde aufstand und
schweigend nach ihrem Mantel ging
Gar nicht erwiderte Klotilde bereits im Begriff den Mantel umzunehmen Du
hast ganz recht Deinem Manne müsstest Du es sagen und das geht aus vielen
Gründen nicht Ich weiß freilich nicht ob Du ihm dann nicht auch wirst sagen
müssen was ich Dir eben
Aber Klotilde das ist doch ganz was anders Auf so was hat Elimar
natürlich kein Recht Das bleibt unter uns
Dann ist ja alles gut Und ich danke Dir aufrichtig für Deinen guten Willen
Soll ich Stephanie vorläufig Deinen Glückwunsch bringen
Wenn Du so freundlich sein wolltest Aber wie willst Du es denn nun machen
Ich weiß noch nicht Das wird sich finden
Und Du bist mir wirklich nicht bös
Keine Spur
Sie hatten sich umarmt und geküsst was sie an der Flurtür noch einmal
taten Dann war Klotilde gegangen
Langsam schritt sie die Mauerstrasse hinab nach der Leipziger Straße zu
Sollte sie es aufgeben Es war am Ende das Vernünftige Was konnte dabei
herauskommen Wenn sie es recht überlegte der Streit mit Viktor drehte sich
doch darum ob er in ihr Tun und Lassen von jetzt an solle hineinreden dürfen
oder nicht Der Professor war nur eine Gelegenheitsursache wie die Ärzte sagen
Eine freilich die für sie etwas seltsam Reizendes hatte etwas Morphiumartiges
Sinnbetäubendes Nun ja sie würde schon darüber wegkommen natürlich Aber
einmal noch von ihm hören traumhaft schöne Ballade Du Einmal noch
Da war sie ganz nahe an dem Briefkasten den sie während sie die Straße
heraufkam immer im Auge gehabt hatte Ihre Rechte glitt aus dem Muff in ihre
Manteltasche nach dem Brief den sie geschrieben für den doch möglichen Fall
dass das Rendezvous bei Adele nicht zustande kam Es war nicht ihre Schuld wenn
Adele so unglaublich philiströs war Adele hatte es zu verantworten
Ihr Schritt war immer langsamer geworden Nun hatte sie doch den Kasten
erreicht Ein paar schnelle scharfe Blicke nach rechts und links und über die
Straße hinüber Dann hatte sie den Brief aus der Tasche genommen und durch den
Spalt geschoben Die beweglichen Stifte am Spalt machten ein hässliches Geräusch
wie Zähne eines Rachens der zusammenschnappt
Pah sagte sie das sind die Nerven Man ist so lächerlich gewissenhaft
Eine Droschke erster Klasse kam im Schritt an ihr vorüber Sie rief den
Kutscher an gab ihm die nötige Weisung und stieg ein
Der Kutscher fuhr im schlanken Trab davon Er war ein lustiger Gesell und
ließ den Braunen immer schlanken Trab laufen wenn er eine schöne elegante Dame
fahren durfte
Neunzehntes Kapitel
Die Diagnose des treuen Hausarztes hatte sich als richtig erwiesen nicht der
Würgengel Diphteritis hatte klein Helenchen mit seinem mitleidlosen Schwert
berührt über die Schwelle der Kinderstube war nur einer seiner minderen
Gesellen geschlichen der sich den Künsten des Doktors nicht gewachsen zeigte
Böse Tage angstvolle Stunden hatte es darum doch genug gegeben Eine
völlige Absperrung der beiden andern Kinder war in der engen Wohnung schon
deshalb eine Unmöglichkeit weil Klara während sie die Kranke pflegte Baby
immer in ihrer Nähe haben musste So blieb die Gefahr der Ansteckung auch als am
dritten Tage in dem Befinden der Kranken eine entschiedene Besserung eingetreten
war und mit der Gefahr die Sorge die auf unhörbaren Sohlen durch die Wohnung
schlich jegliches Behagen aus ihr verscheuchend
Klara schien nichts davon zu empfinden sie hatte mehr zu tun desto
drückender empfand es Albrecht In wie musterhafter Ordnung Klara auch ihre
Wirtschaft hielt es war unvermeidlich dass in diesen Tagen nicht alles so glatt
ging wie sonst Wenn Baby schrie konnte sie mit ihm nicht hinten bleiben wo
vielleicht gerade Helenchen eingeschlafen war Fritzchen musste jetzt manche
Stunde vorn in Papas Zimmer spielen das auch sonst gelegentlich zu Zwecken
herangezogen wurde welche mit seiner wirklichen Bestimmung in grellem Kontrast
standen fand Albrecht doch einmal sogar als er aus der Schule heimkehrte von
dem Ofen in der Ecke bis zum Fenster quer über seinen Arbeitstisch eine Leine
gespannt an der noch die feuchte Kinderwäsche hing Der Gegenstand des Anstoßes
wurde in wenigen Minuten entfernt dafür war dann das Mittagessen das man eine
halbe Stunde später in dem kleinen Berliner Zimmer einnahm noch bedenklicher
als gestern Klara die sonst auch die Küche zum größten Teil besorgte musste
sie jetzt ganz Augusten überlassen und Auguste konnte unter ihren übrigen
löblichen Qualitäten die einer guten Köchin nicht zählen
Doch das waren Vorkommnisse welche in einem so beschränkten Haushalt wohl
verzeihlich erschienen und die Albrecht in den Familien seiner Kollegen unter
ähnlichen misslichen Umständen in ganz anders abstossender Gestalt oft genug
beobachtet hatte Und was dort nicht selten der dunklere Hintergrund des dunklen
Bildes war die Not um das materielle Dasein davon konnte hier keine Rede sein
für den Augenblick wenigstens sicher nicht Seine jetzt vollendete Arbeit hatte
ihm ein für seine Verhältnisse ansehnliches Honorar gebracht und für die
geringen Ansprüche die Klara und er an das Leben stellten genügten auch sonst
seine laufenden Einnahmen
Er sagte sich das alles in Momenten ruhiger Überlegung aber deren hatte er
jetzt wenige Wie ein weidwunder Hirsch durch den Wald schleppte er sich durch
das Dasein todmüde den Schlaf herbeisehnend der nicht kommen wollte vor dem
brennenden bohrenden Schmerz in der frischen Wunde Sonst hatte er in trüben
Stunden nur seinen Homer oder Sophokles seinen Horaz oder Virgil aufzuschlagen
brauchen und sich in eine Welt entrückt gefühlt unter der die gemeine
Wirklichkeit in wesenlosem Scheine lag Nun wollte die Heilquelle nicht mehr
fließen und der Balsam hatte seine Kraft verloren Er der früher nur ein
verächtliches Lächeln gehabt hatte für die Klagen der Alltagsseelen über
Alltagsleiden musste jetzt seinen ganzen Stolz zusammennehmen um nicht in den
Chor einzustimmen er spürte eine beständige Neigung zum Weinen und manchmal
fehlte nur ein Geringes und er wäre mitten in seiner Lehrstunde oder im Gespräch
mit den Kollegen in Tränen ausgebrochen
Dann raffte er sich wohl gewaltsam zusammen schalt sich einen Undankbaren
einen Feigling einen Weiberknecht aber die heroische Wallung war nur zu bald
verflogen Wieder stand es vor seines Geistes Auge in erschreckender Klarheit
das Bild der Zauberin wieder fühlte er auf seinen Lippen ihren Kuss wieder
fluchte er den Göttern die mit dem Menschen ihren schnöden Spaß treiben und ihm
ein Glück vorgaukeln das ihm ewig unerreichbar bleibt
Weshalb in seine Brust die Leidenschaft der Schönheit pflanzen wenn sie sie
nicht stillen wollten Weshalb ihm das herrliche Weib an die Brust drücken um
es sofort in eine IxionWolke zu wandeln
Aus der nur noch ein leises ironisches Kirchen schallte Weißt Du jetzt
wie weich einer Göttin Arme sind und ihre Küsse brennen du armseliges
gefopptes Menschenkind
Ja er war gefoppt genasführt sein übermütiges frivoles Spiel hatte man
mit ihm getrieben und war dann unbekümmert um ihn der sich verzweifelt am
Boden rang auf und davongeflogen in höhere Regionen
Wären es doch wirklich höhere gewesen
Konnte er die so nennen in welchen die Herren von Fernau und Genossen
Sterne erster Ordnung waren die jungen Herren mit denen er nach der Ballnacht
in dem Café gewesen war das große Wort führten Und sie »die Sorbitz« nannten
und von ihr sprachen wie von einer Balletteuse
Den abscheulichen Eindruck den diese Reden auf ihn gemacht hatten konnte
er nicht los werden wie den Nachgeschmack einer widerlichen Medizin Und er
hatte die Empfindung als sei gerade von ihr in einem besonders leichtfertigen
Ton gesprochen worden Es konnte doch wohl nur sein weil alles was über sie
gesagt wurde ihn so viel schmerzlicher berührt hatte und doch mochte er
dagegen ankämpfen wie er wollte der Zweifel an ihr schlich sich in seine Seele
und verdoppelte seine Qual Sein gutes Weib zu verraten war schlimm sie
verraten zu haben um eine die von der Kourtisane nur der gesellschaftliche Rang
trennte schien unerträglich
Die Flurschelle wurde gezogen er war es jetzt schon gewohnt selbst zu
öffnen Der Postbote brachte zwei Briefe der eine von einem Studienfreund in
Petersburg mit dem er gelegentlich korrespondierte die Handschrift auf dem
Kouvert des andern eines Stadtbriefes kannte er nicht Als er sie bei dem
helleren Licht in seinem Zimmer genauer ansah sagte er sich sofort dass es eine
weibliche und im nächsten Augenblick dass sie verstellt sei Ein Zittern
überfiel ihn in dem Berliner Zimmer bewegte es sich er ließ den Brief zwischen
ein paar Bücher gleiten die auf dem Schreibtisch standen Es war Klara die mit
einer Frage kam auf welche er eine kurze verwirrte Antwort gab
Du bist sehr beschäftigt sagte Klara
Ich habe noch ein paar Hefte zu korrigieren und möchte dann eine Stunde in
den Straßen herumlaufen mein Kopf ist heute nicht besonders
Du kommst auch jetzt so wenig heraus Wer schreibt Dir denn da
Professor Möller Warum
Ich frage nur so Zieh Dich hernach warm an Doktor Ribbeck sagte vorhin es
sei ein hässlicher Nordost Helenchen hustet auch heute abend wieder mehr
Klara war aus dem Zimmer um Albrechts Lippen zuckte ein unschönes Lächeln
Wie klug von ihm dass er den andern Brief hatte verschwinden lassen und auf
alle Fälle gesagt hatte er wolle noch ausgehen Es war doch möglich der Brief
war von ihr und dann
Der Brief war von ihr konnte nur von ihr sein wenn er auch keine
Unterschrift hatte
Über seine Schulhefte gebückt zwischen deren Blättern das teure Blatt in
jedem Moment einen sichern Versteck finden konnte las er mit wild klopfendem
Herzen
Ich bin heute abend bei S bis neun Uhr Da ich weiß dass Du zu derselben
Zeit in der Nähe bist rechne ich darauf dass wir eine Strecke zusammen fahren
Ich werde zu diesem Zweck an der Ecke der Behrenund Wilhelmstrasse die Droschke
I Klasse eine Minute halten lassen Ich kenne ja Deine Pünktlichkeit Also au
revoir
Der Brief mit dem Kouvert stak in der inneren Tasche seines Rockes Er saß
und korrigierte seine Hefte ganz mechanisch die Fehler anstreichend eine
elegantere Wendung an den Rand seine Censur unter die Arbeit schreibend
während seine Gedanken in wildem Aufruhr durcheinander stürmten und die Hand ihm
wiederholt so zitterte dass er die Feder mit der roten Tinte niederlegen musste
Welchen Mut hatte sie Und wie musste sie ihn lieben um diesen Mut zu haben Wie
kläglich nahm sich damit verglichen die Kleingläubigkeit aus mit der er alle
diese Tage an ihrer Liebe gezweifelt hatte Und wie klug war der Brief wie
scheinbar unverfänglich Jeder gute Freund konnte ihn geschrieben haben Mit ihr
beisammen in der Enge des Wagens Hand in Hand Es war nicht auszudenken
Er sprang auf ging mit hastigen leisen Schritten ein paarmal durch das
Zimmer und setzte sich wieder zu seinen Heften
Der Brief war um sieben Uhr mit der letzten Post gekommen Er hatte
reichlich Zeit Aber wie die Zeit hinbringen Zu lange durfte er auch nicht vom
Hause wegbleiben Er wollte bis um acht zu arbeiten scheinen erklären er könne
es nicht mehr aushalten und mit der Weisung an Auguste oder der Bitte an Klara
ihm sein Abendbrot aufzuheben davonstürzen
Es war alles nach seinem Wunsch gegangen zehn Minuten vor neun stand er an
der bezeichneten Ecke Auf der einen Seite war ein Droschkenhalteplatz es
handelte sich also allein um die andere Ein kleiner Vorteil nur aber in der
Liebe wie im Kriege gelten alle auch die kleinsten Das Sudenburgsche Haus
lag eine ziemliche Strecke weiter die Behrenstrasse hinauf auf der Seite des
Halteplatzes ein Wagen der von dort kam musste also um zu seiner Ecke zu
gelangen über die Straße herüberbiegen und sich so kenntlich machen Wiederum
ein Vorteil Fortes fortuna adjuvat Der Mut der Geliebten war voll in ihn
übergeströmt in seinen Adern pulste fröhlich das Blut seine Wangen brannten
ein schneidend kalter Wind wehte die Straße herauf er fühlte ihn nicht und
lachte der Passanten welche die Kragen ihrer Röcke und Mäntel ängstlich in die
Höhe geschlagen hatten Er fühlte nur was er in dem Masse Jahre und Jahre lang
nicht gefühlt dass er jung und stark war und dass es noch Blütenträume gab die
köstlich reiften
Dennoch spürte er wie jede Minute Wartens mehr an seinen Nerven grausamer
nagte Es wurde neun zehn Minuten darüber Und plötzlich überfiel ihn die
Furcht sie würde nicht kommen sei vielleicht schon in einem der vielen Wagen
welche von der Friedrichstrasse her seine Ecke passiert hatten an ihm vorbei
gefahren ohne ihn zu sehen oder ihn sehen zu wollen und alles laufe auf einen
schlechten Spaß hinaus den sie oder eine andere sich mit ihm gemacht Noch
fünf Minuten wollte er warten wenn dann nicht
In seiner zornigen Angst hätte er fast die Droschke nicht bemerkt die eben
von der anderen Seite über die Straße gebogen war und jetzt fünf Schritte von
ihm still hielt Mit einem Sprunge war er an der Wagentür deren Fenster
heruntergelassen war In die andere Ecke geschmiegt so dass der Sitz auf seiner
Seite frei blieb saß eine Dame die jetzt als er die Tür aufriß ihm die Hand
entgegenstreckte Er war hineingesprungen und hatte die Tür hinter sich
zugeschlagen In demselben Moment setzte sich auch die Droschke wieder in
Bewegung Er hatte die Hand ergriffen und leidenschaftlich an seine Lippen
gedrückt Die Hand wurde ihm schnell entzogen
Erst das Fenster schließen sagte ihre Stimme Nun
Sie hatte ihm statt der Hand den Mund geboten Und wenn die Erde sich unter
ihnen aufgetan hätte sie zu verschlingen er würde den letzten Moment als den
seligsten seines Lebens gepriesen haben
Auch Klotilde war glücklich Hatte sie sich in diesen verdrießlichen Tagen
doch sehr ernstlich nach einem solchen Moment und seinem Kusse gesehnt Aber das
Glück sich den lieben Menschen nun doch erobert zu haben aller Welt zum Trotz
ohne Adelens schwächliche Güte in Anspruch nehmen zu müssen raubte ihr nicht
die Besonnenheit Nach dem ersten Erguss stürmischer Zärtlichkeit hinüber und
herüber sagte sie ihn sanft von sich wehrend
Nun einen Augenblick vernünftig sein Wir fahren durch das Brandenburger
Tor die Charlottenburger Chaussee die Siegesalle hinauf Tiergartenstrasse und
so weiter bis zur Landsbergerstrasse Dort steige ich aus und du fährst sofort
weiter Bis dahin ist der Kutscher genau instruiert Für den Rest musst Du
sorgen Und wenn wir an Laternen vorüberkommen bieg Dich in Deine Ecke zurück
Es wird uns so leicht keiner erkennen Aber man kann nicht vorsichtig genug
sein So jetzt darfst Du mir noch einen Kuss geben
Es blieb auch nicht bei diesem zweiten Küsse in die sich von seiner Seite
kaum ein Tropfen von Sinnlichkeit mischte Es wäre denn eine Sinnlichkeit
gewesen wie sie Götter empfinden mögen in deren Adern statt des Blutes Ichor
fließt Der sanfte Druck ihrer schlanken Hand von der sie den Handschuh
gestreift die Berührung des weichen Pelzes mit dem ihr Sammetmantel besetzt
war der süße Duft der aus ihrem Haar zu wallen schien der Blick in ihre
großen im Licht einer vorübergleitenden Strassenlaterne erglänzenden Augen ihr
kurzes lustiges Lachen der tiefe metallene Klang ihrer Stimme die so
deutlich war obgleich sie immer nur halblaut und hastig sprach es umspann
ihn wie die Maschen eines Zaubernetzes gewoben von Feenhänden
Ach nur leider nicht auch unzerreissbar
Der Kanal war passiert Klotilde rückte an ihrem Hut nestelte an ihrem
Mantel und sagte
Jetzt aufgepasst mein Herr Wir müssen uns schreiben Ich habe alles schon
überlegt selbstverständlich poste restante Du unter der Chiffre Ballade ich
Siegfried Das Postamt darf keines sein wo man uns kennt Mir am gelegensten
ist Nummer sie nannte eine Ziffer die sie wiederholte Kannst Du mir eines
für Deine Briefe angeben
Albrecht konnte es nach kurzem Besinnen
Du bist mein kluger Junge sagte sie und zur Belohnung für Deine Klugheit
will ich auch den ersten Brief schreiben Du antwortest natürlich umgehend
Der Wagen wird in einer Minute halten Wenn ich aussteige rufst Du dem Kutscher
irgend eine Straße zu nur nicht Deine Sorge Dich nicht um mich ich habe wie
Du weißt zu Fuß nur noch eine kurze Strecke Und nun leb wohl
Der Wagen stand Ein letzter flüchtiger Kuss Sie hatte den Schleier über
das Gesicht gezogen und war kaum herausgeschlüpft hinter der Droschke
verschwunden Albrecht hatte dem Kutscher eine der seinen benachbarte Straße
zugerufen Der Mann trieb das Pferd wieder an Albrecht starrte auf den leeren
Platz wo sie gesessen hatte War denn dies alles nur ein seliger Traum gewesen
Zwanzigstes Kapitel
Nein kein Traum Traumgeister schreiben keine Briefe
Und da hielt er ihn nun in der Hand ihren ersten wirklichen Brief
Nach dem er auf dem von ihm angegebenen Postamt mit einer Stimme die sich
vergeblich bemühte möglichst unbefangen zu klingen gefragt und der ihm von
dem Beamten mit einem schnellen prüfenden Blick ausgeliefert war
Der köstliche Brief Er war nicht eben lang und besonders Geistreiches
stand nicht darin Aber das hatte Albrecht auch nicht erwartet Der Brief war
gerade so wie er ihn sich gewünscht enthielt gerade das was ihn zu hören
verlangt hatte die Versicherung ihrer Liebe ein paar anmutige Scherze über das
gelungene Abenteuer die Bitte ihr möglichst umgehend und möglichst ausführlich
zu antworten und ihr in der Misère ihres Lebens eine andere glückliche Stunde zu
bereiten
Er hatte den Brief auf dem Wege in seine Schule abgeholt und schrieb auch
dort nach dem Schluss der Lektionen in dem Konferenzzimmer das nun niemand mehr
betreten würde die Antwort
Sie war ein gut Teil länger als ihr Brief und aus einer andern innigeren
freudigeren Tonart die anzuschlagen ihn keine Mühe kostete die im Gegenteil
nicht zu hoch zu schrauben sein guter Geschmack ihn mahnte Mein Gott konnte
er auch jetzt nicht mehr den leisesten Zweifel daran hegen dass sie ihn liebe
sie war eine Weltdame gewohnt ihre Rede zu mäßigen selbst im Affekt sich vor
scharfen Accenten zu hüten Er musste ihr zeigen dass seit seiner Primanerzeit
Jahre verflossen waren die er nicht unbenutzt gelassen hatte ein Mann jetzt
vor ihr stand der das Leben kannte Nur dass sich ihm jetzt eine neue Region
erschlossen die bisher nur in dämmernden Umrissen ahnungsvoll durch seine
Träume geglitten sei bis eine geliebte Hand ihm die Pforten zu dem Paradiese
erschloss in welchem er jetzt wandle durch selige Gefilde in einem ambrosischen
Licht das nachdem es einmal sich über ihm erhoben nie nie wieder untergehen
könne
Diese Hyperbel war die einzige die er wagte
Dann sagte er wie schmerzlich ihre Klage über die Misère ihres Lebens ihn
berührt habe die Klage welche in seiner Brust ein so schwermutvolles Echo
finde Aus dieser beiderseitigen Misère ein Glück zu schaffen er sehe sehr
wohl die tausend Hindernisse die sich ihnen entgegenstemmten Aber wo ein Wille
sei da sei ja auch ein Weg Er für seine Person schrecke vor keiner Gefahr
zurück Aber freilich ein Mann dessen Metier es sei Gefahren zu trotzen habe
da leicht reden und nicht nur um zu wissen was sich zieme müsse man bei den
Frauen anfragen auch um das was in dieser Welt der Unnatur und Verlogenheit
freie Geister und tapfere Herzen noch zu hoffen wagen dürften
Klotildens zweiter Brief ließ nicht auf sich warten bereits der folgende
Tag brachte ihn Wie er länger war als der erste so hatte sich auch seine
Temperatur erhöht er enthielt Ausdrücke der Leidenschaft von einer Glut
Koseworte von einer Zärtlichkeit die Albrecht entzückten berauschten Aber
auch die Klage ertönte diesmal lauter es blieb immer noch die Sprache einer
Weltdame aber Mignons Seufzer »Nur wer die Sehnsucht kennt« tönte hindurch
Wie herrlich er auch zu schreiben wisse sein gesprochenes Wort klänge doch
süßer und das »Glück der Entfernung« könne das der geliebten Nähe nicht
ersetzen Der Geliebte solle seinen klugen Kopf anstrengen und darüber
nachdenken wie ein Wiedersehen zu ermöglichen sei Zwar die Verlobung
Stephanies mit Herrn von Luckow eröffne eine Perspektive von Festlichkeiten in
dem Sudenburgschen Hause bei denen der »verehrte Dichter« sicher nicht fehlen
werde Aber so lange ließe sich ihre Ungeduld nicht zügeln Ihr wolle durchaus
kein guter Einfall kommen Er habe hier wie überall seine Superiorität zu
erweisen
Die schöne Frau hätte seine Begierde sie wieder zu sehen nicht noch zu
schüren brauchen Er wälzte Tag und Nacht die Möglichkeiten eines zweiten
Rendezvous in seiner Seele Auf seinen einsamen Spaziergängen die er jetzt bei
Einbruch der Nacht über die gewohnten Grenzen seiner nächsten Nachbarschaft
hinaus zu machen pflegte war er in Charlottenburg den brennenden Durst zu
stillen in ein Restaurant getreten das wie verödet es auch jetzt schien
Spuren ehemaligen Glanzes aufwies Sein Bier trinkend hatte er sich mit dem
einzigen Kellner der sich blicken ließ einem älteren Mann in ein Gespräch
eingelassen und seine Vermutung bestätigen hören Das Lokal sei früher ein sehr
besuchtes gewesen jetzt hätten andere dem Tiergartenbahnhof näher es tot
gemacht Nicht ganz Gott sei Dank Ein so renommiertes Restaurant verliere den
alten guten Ruf nicht so leicht Es kämen immer noch Herrschaften alte Kunden
zuweist die wüssten dass in der Küche gerade noch so schmackhaft gekocht werde
und in dem Keller die feinen Marken nicht ausgegangen seien Da gebe es denn
manchmal noch ein kleines Dinerchen oder Souperchen hier im Saal unten oder
oben oder in separaten Kabinetten die bei ihnen ebenso komfortabel zu finden
wären wie bei Hiller Unter den Linden oder einem sonstigen sogenannten
eleganten Restaurant
Zum Beweis dass er die lautere Wahrheit spreche hatte er den einsamen Gast
in ein oder zwei Kabinette blicken lassen auch die Gasflammen entzündet um ihn
die verblichene Pracht bewundern zu lassen
An dies Lokal das seine Phantasie eigentümlich berührt hatte als sei es
aus einem Dickensschen Roman herausgewachsen dachte Albrecht Es war nicht
oder so gut wie nicht besucht abgelegen und doch unschwer zu erreichen Aber er
wagte nicht es Klotilden in Vorschlag zu bringen es hätte ihren
aristokratischen Gewohnheiten allzu wenig entsprochen
Vor einer andern Idee die ihm ebenfalls kam bebte er gar zurück
Er hatte wohl von Chambres garnies gehört die für einzelne Tage ja für
Stunden zu mieten wären und die Ankündigungen oft genug auf den betreffenden
Schildern gelesen Und weiter gehört in welcher Absicht diese Zimmer nicht
selten gemietet würden Wenn es ihm undenkbar war dass er jemals ein solches
Haus betreten könne wie hätte ihr Fuß die unsaubere Schwelle überschreiten
dürfen Es war eine Versündigung es nur zu denken
Aber was nun Sie sagte dass sie sich nach seinem Anblick nach dem Ton
seiner Stimme sehne und seine Seele lechzte nach ihr wie die Lippen des auf
dem Schlachtfeld an seinen Wunden Verblutenden nach einem Tropfen Wasser
Nochmals eine Wagenexpedition Aber wenn ihr die ausführbar erschienen wäre
hätte sie selbst wohl daran gedacht Oder wahrscheinlicher sie fühlte wie er
dass eine solche Situation bei aller Süßigkeit des Augenblicks im Nachgeschmack
etwas Plebejisches habe
Bis ihm ein besserer Einfall kam ein neutraler Ort der nichts Anstössiges
hatte und wo man sich wenigstens sehen und wenn das Glück gut war ein paar
Worte wechseln könnte
Die große Ausstellung war leider längst geschlossen Schultes Salon wäre
gewiss unverfänglich gewesen nur dass man dort gar zu leicht auf Bekannte treffen
konnte Eines der Museen Sie waren der gesuchte Rendezvousplatz für sämtliche
verliebten Studenten und Grisetten in Berlin Höchstens das NationalMuseum
Und da fiel ihm ein dass dort in den oberen Räumen gerade eine jener
Ausstellungen der hinterlassenen Werke von ein paar Künstlern stattfand die
nicht eben zu den Koryphäen gehört hatten und deren Namen sicher wenig
Anziehungskraft auf das Publikum ausüben würden Nur ein pis aller freilich In
seiner Verlegenheit machte er ihr doch den Vorschlag und dass er am nächsten
Tage um zwei Uhr sich auf alle Fälle da einfinden werde
Es war ein dunkler regnerischer Tag der nächste möglichst wenig für die
Besichtigung von Kunstgegenständen geeignet Was konnten sie sich Besseres
wünschen
Mit klopfendem Herzen hatte er die hohen Treppen erstiegen wie er es
erwartet fand er die unfreundlichen Räume bis auf einige wenige Personen völlig
leer In der Tat war auch nur in dem größeren Oberlichtsaal mit einiger
Deutlichkeit zu erkennen was in sauberster Ordnung an den Wänden herumhing
größere Landschaften Farbenskizzen Zeichnungen in den kleinen hinteren
Kammern herrschte beinahe völliges Dunkel Er war einmal rasch durch sämtliche
Räume geschritten und hatte dann in dem Oberlichtsaal Posto gefasst Die Sachen
hätten ihn sonst wohl lebhaft interessiert besonders der eine der beiden
Künstler ein allzu früh verstorbener junger Mann zeigte bei aller tastenden
Unsicherheit ein bedeutsames freilich ganz im Bann der jüngsten Schule
stehendes Talent Er hatte den Brausekopf sogar gekannt und im Café Bauer ein
und das andre interessante Gespräch mit ihm geführt
Was war ihm das alles jetzt wo seine Seele nur den einen Gedanken hatte
sein Herz nur der eine Wunsch erfüllte
Immer verzehrender als nun Minute um Minute schwand ohne dass sie kam
Anstatt ihrer erschien der Professor Hederich um glücklicherweise wieder zu
verschwinden nachdem er kaum einen flüchtigen Blick auf die Bilder geworfen und
ein vernehmliches Pfui Teufel durch die Zähne gemurmelt
Endlich
Sie war von Kopf bis zu Fuß in dunkler Kleidung dennoch schien ihm
plötzlich der ganze Raum mit Sonnenlicht gefüllt Er trat auf sie zu und
begrüßte sie formvoll obgleich im Moment nur noch ein einziger schlichter Mann
ein höherer Handwerker wie es schien zugegen war der unmittelbar nach ihr
gekommen sein musste Doch stand der Mann in einer entfernteren Ecke wo ihn ein
paar Zeichnungen besonders interessieren mochten sie konnten in der andern
lächelnde Blicke und geflüsterte Liebesworte austauschen
Wie habe ich mich nach Dir gesehnt
Und ich mich nach Dir
Bist Du noch meine wonnige Ballade
Und Du mein mutiger Siegfried Hast Du schon lange auf mich gewartet
Eine Ewigkeit wenn ich sie nach meiner Sehnsucht berechne
Ich konnte beim besten Willen nicht eher Und nun leb wohl herztausiger
Schatz
Um Gottes willen Du wolltest schon wieder fort Wir haben noch eine gute
halbe Stunde
Von der jede Minute uns einen Bekannten das heißt eine Gefahr bringen
kann Ich bin unten an Herrn Wollberg vorübergestreift Er stand vor einem
Farbendruck nach Gustav Richter und wollte sich tot lachen
Sie selbst lachte übermütig Wenn sie lachte drang ein eigentümlich
girrender und doch klangvoller Ton aus ihrer Kehle in der linken Wange zeigte
sich ein tiefes Grübchen und durch die Lippen schimmerten die Spitzen der weißen
Zähne Niemals schien sie ihm entzückender als in solchen Momenten
In einem der nächsten Kabinette ist ein schöner Frauenkopf den ich Dir
zeigen möchte
Ich muss wirklich fort
Es sind nur drei Schritte Bitte komm
Aber Du närrischer Mensch hier kann man ja nicht die Hand vor Augen sehen
Er hatte sie mit dem einen Arm umfasst und ihr einen Kuss auf den Mund
gedrückt
Bist Du toll So da hast Du ihn wieder Und nun adieu
Sie befanden sich in dem letzten der Kabinette Als Klotilde sich wandte
hörten sie Stimmen und Schritte in dem nächsten Sofort hatten sie ihre
Gesichter nach dem Frauenkopf gekehrt vor dem sie wirklich standen und in
dessen Betrachtung sie versunken schienen
Es hätte keine Sekunde später sein dürfen die Schritte waren unmittelbar
hinter ihnen
Wenn sie sich doch wenigstens zu elektrischem Licht aufschwingen wollten
Klotilde und Albrecht durchzuckte es Herrn von Luckows Stimme
Und nun Stephanies
Sind Sie es wirklich Klotilde Und Herr Professor Welch angenehme
Überraschung
Nicht wahr sagte Klotilde während man sich allerseits die Hände reichte
Da will ich nun eine meiner vielen müßigen Stunden totschlagen und muss hier den
Herrn Professor finden der dann freilich von der Kunst ein wenig mehr versteht
als ich armer Wurm Eben hatte er mich auf diesen Kopf aufmerksam gemacht
Findest Du ihn nicht auch wundervoll
Wenn man nur etwas sehen könnte rief Stephanie
Ich dächte es ginge noch sagte Klotilde
Sie sind aber wirklich anspruchslos gnädige Frau sagte Luckow lachend Die
reine ägyptische Finsternis Ich habe Stephanie gewarnt sie wollte durchaus
her
Ich muss den Barbaren doch ein wenig zu bilden suchen rief Stephanie
Man lachte und scherzte Für Albrechts Ohr klang alles recht gezwungen und
Klotilde war der schnelle verwunderte Blick nicht entgangen den das Brautpaar
in dem ersten Moment der Begegnung gewechselt hatte Sie fürchtete Albrecht
würde die Taktlosigkeit begehen und sich empfehlen aber Albrecht fühlte nicht
weniger deutlich dass hier nur die größte anscheinende Unbefangenheit retten
könne Er brachte sein Bedauern vor Stephanies verehrte Eltern und Stephanie
selbst bei seinem vorgestrigen Versuch zu der Verlobung zu gratulieren nicht
angetroffen zu haben und kam dann mit einer geschickten Wendung wieder auf den
jungen talentreichen Künstler zu sprechen aus dessen wirrem Leben er
Interessantes zu berichten wusste
Glücklicherweise kam nun auch noch der Maler Wollberg dazu Er hatte sich
unten an den »alten braunen Schwarten« wieder einmal satt geärgert und wollte
sich hier oben wo denn doch Gott sei Dank eine andere Luft wehe für ein paar
Augenblicke die Seele ausweiten Ja der hier war ein Künstler Wenn der nur mit
einem Fuß auftrat fingen sämtliche Zöpfe der Akademie an zu wackeln Für eine
Radierung wie diese gebe er den ganzen Kunstquark hin von Albrecht Dürer bis
Menzel
Was stellt es eigentlich vor fragte Stephanie
Ich weiß es nicht rief der Künstler Darauf kommt es auch gar nicht an
Aber sehen Sie diese grandiosen Linien diese fulminante Verteilung von Licht
und Schatten Dass der Künstler seine Seele gibt nackt gibt mein gnädiges
Fräulein splitternackt das ist die Sache Wo nichts ist freilich hat der
Kaiser sein Recht verloren Waren ja ganz nette Sächelchen Herr Professor die
Sie uns bei dem Fest neulich vorgegaukelt haben Ein bisschen aus dem Handgelenk
wie Na immer noch besser als der Kaulbachsche Schund den uns der alte Esel
von na de mortuis nil nisi bene heißt es ja wohl Und diese ganze Sippe ist
tot toter als tot
Das Glöckchen des Saaldieners mahnte die Herrschaften daran dass die von ihm
ersehnte Stunde endlich geschlagen habe die Herrschaften und den kleinen
handwerkermässigen Mann der noch immer an den Zeichnungen sich nicht satt
gesehen hatte nun mit ihnen den Saal verließ und hinter ihnen die Treppen
hinunterstieg
Unten vor dem Portal hielt die Sudenburgsche Equipage und in einiger
Entfernung eine einzelne Droschke
Wir bringen Sie natürlich nach Hause Klotilde sagte Stephanie
Wird mit Dank angenommen sagte Klotilde nach einem freundlichen Kopfnicken
gegen Albrecht und den Maler zuerst in den Wagen schlüpfend
Die Equipage mit Klotilde und dem Brautpaar war davon gerollt Zu gleicher
Zeit hatte sich auch die Droschke in Bewegung gesetzt
Nun hat der verfluchte kleine Kerl der hinter uns her zottelte auch noch
die einzige Droschke genommen rief der Künstler ärgerlich Bei dem Hundewetter
Sie finden bald eine andere
Wollen Sie gehen
Nur bis zur Leipziger Straße Ich nehme dort die Pferdebahn
Na denn adieu Ich muss machen dass ich zu der Kommerzienrätin Rosenstock
komme Grässliches Weib mit ihrem geschwollenen Kunstentusiasmus Aber ihre
Diners sind gut und sie kauft meine Bilder
Einundzwanzigstes Kapitel
Hatte sich schon in den Nachgeschmack des ersten Rendezvous ein Tropfen Wermut
gemischt der des zweiten war bitterer
Und wurde nicht versüsst durch Klotildens nächsten Brief
Sie wolle ihrem geliebten Siegfried keine Vorwürfe machen eher sich selber
die den Verstand für beide hätte haben voraussehen sollen wie gefährlich ein
Stelldichein an einem so exponierten Orte sei Nun hätten sie den schwer wieder
gut zu machenden Schaden Stephanie habe ihr ins Gesicht gesagt wie im höchsten
Grade verdächtig ihr ein so merkwürdiges Rencontre vorkomme wenn die
Betreffenden der Gesellschaft auch sonst schon recht unzweideutige Zeichen eines
starken gegenseitigen Interesses gegeben hätten und dass ihr Bräutigam diese
Empfindung durchaus teile Bei ihm und ihr dürfe sie freilich sicher sein dass
sie reinen Mund halten würden Aber wer stehe für dieselbe Diskretion auch nur
bei dem schwatzhaften völlig taktlosen Künstler Es bleibe nichts anderes
übrig als zu erklären dass ihr Klotildens und des Brautpaars
Zusammentreffen in der Galerie die Folge einer gemeinsamen Verabredung gewesen
sei Aber sie müsse ihr in die Hand versprechen in Zukunft besser auf ihren
guten Ruf achten zu wollen
Ich habe ihr den Handschlag verweigert fuhr der Brief fort denn damit
hätte ich ja die Berechtigung des mir gemachten Vorwurfs eingestanden und das
werde ich nun und nimmermehr Aber Du siehst in welcher prekären Lage ich bin
gegenüber einer Gesellschaft die tausend Augen hat und keinen Pardon kennt
dabei will ich von meinem Manne noch gar nicht einmal sprechen obgleich wir auf
einem Kriegsfusse miteinander stehen bereits seit acht Tagen wo jede Blöße
die ich mir gebe verhängnisvoll für mich werden muss
Wenn Du aber glaubst dass ich deshalb von Dir lasse so hast Du keine Ahnung
von der Stärke meiner Liebe Nur muss unsre nächste Zusammenkunft und ich habe
Dir tausend Dinge zu sagen die ich auch einem posterestanteBrief nicht
anzuvertrauen wage absolut sicher sein Ich weiß dass Deine erfinderische
Liebe das Rechte zu treffen nicht verfehlen wird Also auf Wiedersehen
Einziggeliebter
Der Brief war für Albrecht unsäglich peinlich Die geliebte Frau machte ihm
keine Vorwürfe wozu auch wenn er sich selber nicht verzeihen konnte dass er
sie durch seine Voraussichtslosigkeit in eine so schlimme Lage gebracht Nein
so ging es länger nicht aber wie sollte es anders und besser wie sollte es gut
werden
Doch nur durch eines
Und das Eine wagte er zu denken als Entgelt für des Schicksals Gnade die
ihm seinen Liebling erhalten hatte der nun wieder in seinem Bettchen mit der
neuen Puppe spielen durfte und wenn der Papa in das Zimmer kam ihm beide
Ärmchen entgegenstreckte für den Heroismus mit dem die kleine tapfere Frau
diese Leidenstage wieder einmal durchgefochten ohne auch nur für einen
Augenblick zu ermüden ohne dass nur ein leisestes Wort der Klage über ihre
bleichen Lippen gekommen wäre
Dachte die Geliebte an das Eine Keine Andeutung sprach dafür es hätte denn
die sein müssen dass es sehr schlecht zwischen ihr und ihrem Gatten stehe und
sie ihm Mitteilungen zu machen habe die sie einem Briefe nicht anvertrauen
könne Aber war es denn nicht Wahnsinn zu hoffen sie werde ihre bevorzugte
gesellschaftliche Stellung aufgeben sein dunkles Los mit ihm zu teilen Das
doch auch in ihren stolzen Augen gewiss kaum ein wenig heller wurde wenn er das
Ziel seines Ehrgeizes wirklich erreichte und es zum UniversitätsProfessor
brachte
Vorläufig hatte er noch die Kläglichkeiten seines Lehreramts über sich
ergehen zu lassen
Am Tage nach dem gestörten Rendezvous in der Nationalgalerie ließ ihn sein
Direktor rufen und empfing ihn mit einer unfreundlichen Miene
Er habe bei der Durchsicht der AufsatzHefte seiner Klasse einiges gefunden
das er monieren müsse Mit der Wahl des letzten Temas sei er nicht
einverstanden Ob die Prinzessin Tasso liebe oder nicht sei eine
Kontroversfrage mit deren Beantwortung man die leichten Gehirne von Sekundanern
nicht beschweren dürfe
Und wollten Sie einmal ich nehme an nach vorhergegangener gründlicher
Durchsprechung und Einschränkung auf das sittlichästhetische Gebiet eine
solche Aufgabe stellen so durfte man gewiss annehmen Sie würden auf die
Korrektur die peinlichste Sorgfalt verwenden Und gerade die habe ich
schmerzlich vermisst Ihre Urteile stimmen mit dem Inhalt der Arbeiten oft so
wenig überein dass ich mich kaum überwinden kann zu glauben Sie hätten das
krause Zeug welches sich dieser und jener geleistet hat wirklich gelesen Es
tut mir weh einem Kollegen dessen gewissenhaften Fleiß ich bis jetzt nur zu
rühmen hatte dergleichen Vorhaltungen machen zu müssen
Albrecht murmelte etwas von den Störungen welche die schwere Erkrankung
eines seiner Kinder in den letzten Tagen ihm während seiner Arbeitsstunden
gebracht habe
Das entschuldigt freilich manches sagte der Direktor Und dann lieber Herr
Kollege die gesellschaftlichen Zerstreuungen So höre ich dass Sie kürzlich in
dem Hause eines hochgestellten Beamten den Namen hat man mir nicht genannt
er tut auch nichts zur Sache der maître de plaisir gewesen sind Dulce est
desipere in loco freilich Aber derselbe Dichter rühmt auch wie Sie wissen
die aequa mens die man nicht bewahren kann wenn man sich unmässiger Lust
hingibt
Es war der erste ernsthafte Vorwurf den Albrecht sich während seiner ganzen
Lehrerlaufbahn zugezogen und sein Stolz litt darunter um so fürchterlicher als
er sich sagen musste dass es ein verdienter sei
Nicht minder empfindlich traf ihn ein zweiter Schlag der von einer Seite
kam nach der all diese Zeit hindurch hoffnungsvoll sehnender Blick gerichtet
gewesen war
Wieder am nächsten Tage empfing er einen Brief und ein Paket beide mit dem
Stempel »Königliche Angelegenheiten« versehen Das Paket enthielt die
Manuskripte der beiden kleinen Stücke welche er dem Generalintendanten auf
dessen ausdrücklichen Wunsch zugeschickt hatte der Brief war von der Hand eines
Intendanturrates und benachrichtigte ihn dass Seine Excellenz nach genauerer
Einsicht in die ihm übersandten übrigens vielfach trefflichen Arbeiten sich
denn doch nicht zu einer Aufführung entschließen könne von der vorauszusehen
sei dass sie an einer gewissen Stelle und gewissen Kreisen denen eine
königliche Schaubühne immer Rechnung tragen müsse Anstoß erregen würden
Das waren Kalamitäten die er bei einer ruhigeren Stimmung des Gemütes
immerhin mit einigem Gleichmut hätte über sich ergehen lassen In der jetzigen
Verstörung seiner Seele sah er rings um sich her Glück auf Glück scheitern und
keine Rettung als in seiner Liebe Brach auch dieser letzte Anker so mochten
die Wogen über ihm zusammenschlagen und er zum Abgrund sinken
Hier musste er Gewissheit haben Sie musste ihm sagen was sie für ihre Liebe
zu tun entschlossen sei
Und Aug in Auge musste sie es ihm sagen aus ihrem Munde musste er es hören
Er schrieb ihr welchen neuen Plan für eine abermalige Zusammenkunft er
ersonnen habe Nach menschlicher Voraussicht seien sie in dem Restaurant das er
entdeckt hatte und ihr nun ausführlich schilderte absolut sicher Es komme nur
darauf an dass sie sich für ein paar Abendstunden völlig frei machen könne
Sie antwortete umgehend der Plan gefalle ihr nicht in allen Punkten Aber
sie wisse nichts anderes und besseres und darin habe er sicher recht
aussprechen müssten sie sich Ein glücklicher Zufall wolle dass ihr bereits der
nächste Sonnabend es waren noch zwei Tage bis dahin die gewünschte Freiheit
bringe
Es folgte dann noch die Angabe der Stunde und die Aufstellung einer Reihe
von Vorsichtsmassregeln deren Notwendigkeit Albrecht anerkennen musste
So sollte ihm denn der nächste Sonnabend die Entscheidung bringen mochte
sie nun Sieg lauten oder Tod
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Bereits am Mittwoch auf dem Nachhausewege von dem Junggesellendiner im
PalastHotel hatte Viktor es bereut Fernau eine so weitgehende Vollmacht
gegeben zu haben Fernau war gar zu beflissen gewesen gar zu geschäftig Wenn
auf Seite Klotildens doch alles nur auf eine für ihn freilich sehr beleidigende
Rechtaberei auf Trotz Kaprice Gott weiß auf welche Weiberschrulle
hinauslief schlimmsten Falles es sich um eine ganz gewöhnliche Flirtation mit
dem Schulmeister handelte der ja wirklich ein verdammt hübscher Kerl war und
Klotilde recht hatte wenn sie behauptete Fernaus Hetzereien hätten keinen
anderen Zweck als ihn auf eine falsche Fährte zu locken
Je mehr sein Rausch in der kalten Abendluft verflog umsomehr befestigte er
sich in diesen Gedanken und beschleunigte zuletzt sogar unwillkürlich seine
Schritte um schneller nach Hause zu kommen und ein vernünftiges Wort mit
Klotilden zu reden an dem er es doch wohl hatte fehlen lassen und auf das sie
gewiss nur wartete Dann war die dumme Geschichte aus der Welt er hatte wieder
Frieden im Hause und den Kopf frei für die wichtige Arbeit die ihn schon seit
Wochen in Atem hielt und an der Excellenz ein so lebhaftes Interesse nahm
Anstatt Klotildens fand er im Salon auf dem Tisch neben seiner Karte durch
welche er ihr sein Ausbleiben gemeldet hatte einen Zettel »Ich werde heute
auswärts speisen« Weiter nichts nicht einmal eine Unterschrift
Er war wütend der kaum verflogene Rausch kam zurück die lichten Farben in
denen er eben noch Gegenwart und Zukunft erblickt waren ausgelöscht zu einer
schwarzen Tafel geworden auf der mit Flammenlettern nur das eine Wort stand
Rache Dass seine Rücksichtslosigkeit der ihren völlig gleich kam er sie hatte
brüskieren wollen wie sie ihn und sie ihren Zweck durch dasselbe Mittel zu
erreichen gesucht hatte wie er den seinen daran dachte er nicht Jetzt war es
völlig klar sie wollte es zu einem Bruch treiben Gut Sie sollte ihn haben
Aber die Trümpfe sollten in seiner Hand sein und sie sollte das Spiel
verlieren schmachvoll verlieren
Nun scheute er vor Fernaus Plan der ihm anfangs so widerwärtig erschienen
war zu dem er seine Einwilligung mit so großem innerlichen Sträuben gegeben
hatte nicht mehr zurück nur die Ausführung durfte so nicht sein Fernau musste
daraus fortbleiben er selbst den Detektiv engagieren instruieren Fernau hatte
ihm die genaue Adresse des Mannes gegeben er machte sich stehenden Fußes auf
den Weg der Zufall wollte dass er den Vielbeschäftigten in dem Augenblicke
traf als dieser seine Wohnung zu einem seiner Kommissionsgänge verlassen
wollte
Sich mit Herrn Krüger zu verständigen bedurfte es nicht vieler Worte der
Mann verstand die leiseste Andeutung Bereits nach fünf Minuten sagte er
Ich weiß jetzt alles Herr Assessor was ich zu wissen brauche Natürlich
kann ich nicht an zwei Orten zu gleicher Zeit sein und auch über den Herrn die
Kontrolle übernehmen Ist auch nicht nötig Die Hauptfrage bleibt in solchen
Fällen immer was treibt die Dame Man schlägt da stets zwei Fliegen mit einer
Klappe Nur noch eines Wie ist das Verhältnis der Dame zu ihren Dienstboten
Ich vermute sie stehen auf ihrer Seite
Das müssen Sie zu ändern suchen und so bald wie möglich Ein paar Zehn oder
Zwanzigmarkstücke je nachdem können da Wunder tun
Es liegt das ganz außer meinen Gewohnheiten für mich sind die Dienstboten
eben Dienstboten
Sehr löblich Aber im Kriege Herr Assessor verschmähen auch sehr
christliche Feldherrn die Spionage nicht Ich selbst bin doch nichts anderes als
ein Spion sozusagen
Aber es ist Ihr Metier
Leider Es gibt deren welche weniger Mühe machen und besser rentieren
Und Herr Assessor da wir einmal bei dem Thema sind
Hier stellte der Mann seine Forderung die von Viktor ohne Markten bewilligt
wurde
Seitdem war er wie Herr Krüger es ausdrückte »auf dem Laufenden« erhalten
worden Sie trafen sich nach Viktors Amtsstunden in dem Café des Kaiserhofs zu
einiger Verwunderung der Kellner die nicht wohl begreifen konnten wie der
vornehme Herr zu dem sonderbaren Verkehr kam Die Zusammenkünfte dauerten nicht
lange obgleich Herr Krüger stets etwas Wichtiges zu berichten hatte
Zuerst die Dame Herr Krüger bediente sich nie eines anderen Ausdrucks
holte sich regelmäßig eine halbe Stunde nachdem der Herr Assessor die Wohnung
verlassen Briefe von dem Postamt Nr 10 poste restante selbstverständlich
Er hatte zweimal in ihrer Nähe am Schalter gestanden ihr einmal sogar über die
Schulter gesehen als ihr der Brief ausgehändigt wurde leider aber die Chiffre
nicht völlig herausbringen können Es war nur ein Wort dessen erste Silbe Ball
war Ballnacht vielleicht oder Ballabend wahrscheinlich das letztere Dann
nach Hause den Brief zu beantworten dann zu dem Briefkasten an der Ecke der
Nachbarstrasse Dann Kommissionswege in die Stadt unverdächtige wie er zugeben
müsse heute freilich eine mehr als verdächtige Affäre
Hier folgte eine genaue Schilderung von dem Rendezvous in der
Nationalgalerie Die Sache würde entscheidend sein ohne das Hinzukommen eines
Paares junge Dame und Offizier zweifellos Braut und Bräutigam
augenscheinlich so befreundet und vertraulich mit der Dame und dem Herrn dass
eine vorhergegangene gemeinschaftliche Verabredung sich in der Galerie zu
treffen mindestens nicht ausgeschlossen sei
Viktor der aus der sehr genauen Schilderung in dem hinzugekommen Paar
sofort Stephanie und Herrn von Luckow erkannt hatte war unter dem Vorwande des
Hauptmanns Verwendung für einen empfohlenen verwandten Kadetten in Anspruch zu
nehmen zu diesem gefahren offenbar aber schon zu spät gekommen Herr von
Luckow als er wie zufällig das Gespräch auf diese bewusste Begegnung
brachte hatte gewiss auf vorhergegangene Verständigung mit seiner Braut sich
so diplomatisch ausgedrückt man konnte wenn man wollte auf ein Rendezvous
zu vieren schließen Aus Furcht Luckow den er jetzt auf Klotildens Seite
glaubte tiefer in seine Karten blicken zu lassen war er von dem heiklen Thema
alsbald auf ein anderes unverfängliches übergegangen
Das war vorgestern
Der achttägige Kampf mit einem so entschlossenen Gegner wie Klotilde hatte
Viktors Nerven doch mehr angegriffen als sein Stolz zugeben wollte Unter nur
einigermaßen annehmbaren Bedingungen hätte er auch jetzt noch Frieden
geschlossen die Gleichförmigkeit der zum größeren Teil indifferenten
Nachrichten welche Herr Krüger ihm täglich mitteilte diente eher dazu seine
Streitlust einzuschläfern
Da kam der Sonnabend auf den zufällig einer der in regelmäßigen Intervallen
stattfindenden Kneipabende der alten Herren seines Bonner Korps fiel Für ihn
immer eine besondere Freude Die Studentenzeit galt ihm als das Paradies seiner
Erinnerungen Auch hatten diese Zusammenkünfte eine praktische Seite deren Wert
er völlig zu schätzen wusste Unter den Korpsbrüdern befanden sich hoch und
höchstgestellte Beamte mit denen sich von Zeit zu Zeit zu begegnen und ein
behaglichfreimütiges Wort auszutauschen ebenso angenehm wie vorteilhaft war
Sein specieller hoher Chef fehlte selten bei diesen Symposien und gestern
vormittag hatte er im Vorübergehen mit freundlichem Kopfnicken zu ihm gesagt
Nun lieber Sorbitz wir sehen uns doch morgen abend und er sich verbeugend
geantwortet Gewiss Excellenz
Wäre es auch nur gewesen in lebhaftem Gespräch mit geistesverwandten oder
doch gesinnungsgleichen Kollegen über dem Glase diesen schlimmen Hader mir
seiner Frau für ein paar Stunden vergessen zu können die Aussicht auf den
Abend würde ihm willkommen gewesen sein
Am Nachmittage in der Konferenz mit Herrn Krüger erwähnte er zufällig seiner
Absichten für den Abend Der Detektive rieb sich das Kinn
Die Dame weiß was Sie vorhaben fragte er
Ja Weshalb
Und diese Sitzungen pflegen lange zu dauern
Ich komme selten vor zwei Uhr nach Hause Manchmal auch später
Herr Krüger blickte starr vor sich hin
Ich bin überzeugt heute abend passiert etwas sagte er langsam
Viktor stieg das Blut in die Stirn
Sie haben dafür einen besonderen Anhalt fragte er fast heftig
Nein erwiderte Herr Krüger es ist das auch gar nicht nötig Der Herr und
die Dame haben sich seit vier Tagen nicht gesehen das ist sicher Mir ist nicht
weniger sicher dass sie dazu heute abend die Gelegenheit suchen werden vielmehr
bereits verabredet haben Wozu auch sonst die restanten Briefe
Ich habe mich zu fest engagiert sagte Viktor ärgerlich ich kann nicht zu
Hause bleiben
Würde auch zu nichts dienen entgegnete der Detektive Im Gegenteil Wir
wollen doch ein Resultat Ich kann nur wiederholen ich bin überzeugt der Abend
bringt uns eines
In Viktors Seele begann ein wunderlicher Kampf Der Gedanke dass
Befürchtungen gegen die er sich aus allen Kräften wehrte in denen er schien
ihm einmal die Lebenssonne ein wenig heller nur Nachtgespenster seiner
verstörten Phantasie sah Wirklichkeit werden könnten war ihm schauderhaft Auf
der andern Seite der Mann hatte recht dies musste zu einem Resultat kommen
Seine Nerven hielten es nicht länger aus Und seine Devise war immer der
Wahlspruch Theodor Körners gewesen »Durch« War das Wort doch weil er es in
jedes Stammbuch der Freunde schrieb auf der Universität sein Spitzname
geworden
Was also wollen Sie dass ich tun soll fragte er nach einer dumpfen Pause
Ruhig in Ihre Gesellschaft gehen erwiderte Herr Krüger und mir nur
gefälligst sagen wo das ist damit ich Sie eintretenden Falles dort aufsuchen
ich meine herausrufen lassen kann
Viktor hätte den Mann am liebsten mit der Faust in das bleiche Gesicht
geschlagen Statt dessen nannte er mit leidlich gut gespielter Ruhe das Lokal
in welchem er zu finden sein würde und sagte seinen Hut nehmend
Es wird vergebliche Mühe sein aber ich will hernach nicht von Ihnen hören
ich sei schuld daran gewesen dass wir zu keinem Resultat gekommen sind
Am Schluss des heute wie jetzt immer schweigsamen Mittagmahles fragte er
Klotilde
Hast Du für den Abend etwas vor
Ich weiß nicht erwiderte sie vielleicht fahre ich auf eine Stunde zu
Stephanie
Er wollte antworten ich wünsche ich befehle dass Du zu Hause bleibst aber
was galten ihr jetzt noch seine Wünsche und einem Befehl gegenüber würde sie
ihm ins Gesicht gelacht haben
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Albrechts nächste Sorge war gewesen sich in dem Restaurant eines separaten
Kabinetts zu versichern Es hätte so großer Eile nicht bedurft sämtliche vier
derer sich das Lokal rühmte standen zu seiner Verfügung Einen behaglichen
Aufenthalt versprach freilich keines die Tapeten zeigten hässliche wie es
schien von Feuchtigkeit herrührende Flecke die Überzüge der alten unschönen
Möbel bedenkliche Risse in den abgeschabten Teppichen klafften große Löcher
die Versicherung des schäbigen vermauserten Kellners ein zweiter ließ sich
auch diesmal nicht blicken dass sich bei voller Beleuchtung alles viel besser
und wunderschön ausnehme klang nicht sehr glaubwürdig
Und dann sagte der Mann wir legen auf die Ausstattung weniger Wert unser
Ruhm sind unsere Küche und unser Keller
Ein schwacher Trost für Albrecht dem der Sinn wahrlich nicht nach Essen und
Trinken stand und der nun doch ein Langes und Breites mit dem umständlichen
Alten über das Souper verhandeln musste War doch das Souper der Rechtstitel auf
den hin er sich den Aufenthalt in dem fürchterlichen Kabinett erkaufte
Klotildens Rat folgend bestellte er drei Kouverts für sich seine Braut und
deren Bruder Er werde einige Minuten vor neun kommen sich zu versichern dass
alles in gewünschter Ordnung sei Der Alte beteuerte der Herr Graf werde seine
Erwartungen übertroffen sehen
Um sich Klara gegenüber für sein Ausbleiben am Abend zu entschuldigen hatte
er eine gesellige Zusammenkunft mit ein paar Kollegen vorgeschützt Er erschrak
aufs heftigste als am Sonnabend vormittag der Direktor durch den Schuldiener
herumsagen ließ er müsse die für heute nach dem Schluss der Stunden anberaumte
Konferenz auf den Abend verlegen und bitte die Herren Kollegen um pünktliches
Erscheinen da sehr wichtige Dinge zur Beratung resp zur Entscheidung ständen
und die Sitzung voraussichtlich geraume Zeit in Anspruch nehmen werde
Albrecht kannte nur zu gut eines dieser wichtigen Dinge
Der seiner besonderen Sorge empfohlene und anvertraute jüngste Sohn des
Sudenburgschen Hauses war nachdem er sich längere Zeit gut gehalten in seine
angewohnte Liederlichkeit zurückgefallen und hatte sich Vergehen gegen die
Schuldisciplin zu schulden kommen lassen die nicht ungeahndet bleiben durften
Die Wage schwankte nur noch zwischen der Relegation und dem consilium abeundi
Albrecht hatte sich darauf vorbereitet heute mittag für das mildere Urteil zu
plaidieren so hoffend dem würdigen Manne in dessen Hause er als Freund der
Familie verkehrte das Äußerste ersparen zu können In diesem Sinne hatte er mit
dem über den neuen Schlag ganz gebeugten Vater gesprochen und war von ihm des
innigsten Dankes im voraus versichert worden
Was nun beginnen Der Konferenz fern bleiben schien unmöglich die
Verabredung mit Klotilde war nicht rückgängig zu machen da sie heute keinen
Brief mehr erwartete also auch auf dem Postamt nicht nachfragen würde und
direkt an sie zu schreiben das teure Geheimnis jedem blöden Zufall preisgeben
hieß In seiner verzweifelten Ratlosigkeit dachte er einen Augenblick daran
Adeles oder Stephanies Vermittlung anzurufen aber Klotilde hatte ihm
geschrieben wie kläglich ihr Versuch die erstere in ihr Interesse zu ziehen
abgelaufen sei und ihre Klage über die Strafpredigt die ihr Stephanie
gehalten war noch bei ihm in zu frischer Erinnerung Wiederum eine
Entschuldigung welche immer sie sei würde ja wie er sich selbst eingestand
konnte der Direktor in diesem Falle nicht gelten lassen Er riskierte blieb
er der Konferenz fern nicht weniger als eine DisciplinarUntersuchung
vielleicht Schlimmeres
Dennoch hier war keine Wahl Er wollte in der letzten Stunde ein Billet
an den Direktor schreiben und ein plötzlich eingetretenes heftiges Unwohlsein
vorschützen
Um acht Uhr sollte die Konferenz beginnen um acht Uhr verließ er seine
Wohnung sich nach dem Restaurant auf den Weg zu machen Klotildens Rat folgend
hatte er eine Droschke auf Zeit genommen in der sie auch die gemeinschaftliche
Rückfahrt antreten wollten während sie die mit der sie selbst kommen würde
ablohnte
Der dunkle Abend war windig und kalt Ein früher Schnee stöberte in der
Luft bildete auch hier und da auf dem schwarzen nassen Boden weissliche
Streifen Die Chaussee schien ausgestorben selten einmal dass ein verspätetes
Lastfuhrwerk oder ein Pferdebahnwagen vorüberrasselte Die Lichter in den
Laternen an den Wegseiten flackerten trübselig in ihrem matten Schein standen
die kahlen Bäume des Tiergartens rechts und links wie undurchdringliche Mauern
Als die Droschke den Bogen der Stadtbahn passierte donnerte gerade ein externer
Zug darüber weg in Albrechts beklommenem Herzen den seufzenden Wunsch
erweckend er säße in dem Zuge mit ihr und sie flöhen hinaus in die weite
weite Welt auf Nimmerwiederkehr Nun ein lebhafteres Treiben auf der Straße
Lichter aus den Fenstern und Läden der Häuser zu beiden Seiten und da hielt die
Droschke vor dem Restaurant Der Kutscher hatte jämmerlich gefahren und Albrecht
würde ihn gern entlassen haben wagte aber nicht gegen die Verabredung zu
handeln
In dem unwohnlichen schlecht erleuchteten Saal des Restaurant spielten in
einer Ecke drei Männer Karten in einer anderen saß ein junges Pärchen eifrig
sprechend die Köpfe dicht zusammengedrängt Es mochte ein Student mit seiner
Grisette sein oder ein Handlungscommis mit seiner Flamme Albrecht hatte sich
nicht anders gedacht als dass er das Lokal leer finden werden wie die beiden
ersten Male Es war das zweifellos eine ganz willkürliche Annahme gewesen
dennoch ärgerte ihn die Anwesenheit dieser Menschen an denen nun auch Klotilde
wenn sie kam vorüber musste zu den Kabinetten konnte man nur durch den Saal
gelangen
Der Kellner schlurfte ihm entgegen in demselben vom langen Gebrauch
unheimlich glänzenden Frack mit demselben selbstzufriedenen Lächeln auf dem
schlecht rasierten dicken dummpfiffigen Gesicht zum Empfang der Herrschaften
sei alles bereit
Eine Behauptung die sich nicht wohl rechtfertigen ließ da in dem Kabinett
noch nicht einmal die Gasflamme brannte und der runde Tisch vor dem Sofa
ungedeckt stand überhaupt alles in dem unheimlichen dumpfigen Gemach war wie
es Albrecht bei seiner ersten Besichtigung gefunden hatte Er ließ deswegen den
Mann heftig an den das aber keineswegs aus seinem Phlegma brachte Albrecht
musste froh sein als der Mann nun wirklich Tischtuch Servietten Teller
Gläser Messer Gabel Löffel eines nach dem andern langsam herbeitrug und
eine nichts weniger als elegant ausgestattete kaum völlig saubere Tafel endlich
zu stande kam
Es war verabredet dass er Klotilden vor der Tür des Hauses erwarten sollte
So ging er denn hinaus nachdem er die Weine bezeichnet die man bereit zu
halten habe Die Auswahl war nicht groß gewesen aber der lächerliche
Widerspruch in welchem die Dürftigkeit der Karte mit der Prahlerei des Kellners
von dem berühmten GroßWeinlager des Restaurant stand fiel ihm bereits nicht
mehr auf
Nun ging er vor der Tür auf und ab fröstelnd in dem eisigen Zugwind
während ihm der Kopf brannte Neulich an der Straßenecke hatte er nichts von der
Kälte gespürt Neulich konnte das wirklich vor nur vier Tagen gewesen sein
Aber wie voller Sorgen und Qualen waren diese Tage gewesen wie schlaflos die
Nächte Und jetzt der Direktor sein Billet erhalten und er sah wie sich die
hohe Stirn des Mannes vor Zorn rötete Und dann fiel ihm ein woran er mit
keinem Gedanken gedacht hatte der Entrüstete könne den Schuldiener in seine
Wohnung schicken ihm sagen zu lassen in einem Falle von solcher Dringlichkeit
dürfe man nicht krank sein und er müsse unter allen Umständen kommen Wenn er
stehenden Fußes in die Stadt zurück führe Klotilden ein Billet hinterlassend
in welchem er ihr kurz die Sachlage auseinandersetzte und sie bat ihm zu
verzeihen
Er sah nach der Uhr es fehlten nur noch ein paar Minuten an neun Die
Konferenz hatte bereits eine Stunde gewährt bis er die Schule erreichte auch
wenn er von der Tiergartenstation aus die Stadtbahn benutzte musste mindestens
wieder eine Stunde vergehen Es hatte keinen Sinn und da kam auch schon
Klotilde
Er hob die Dichtverschleierte aus dem Wagen und führte sie an seinem Arm
durch den Saal des Restaurant nach dem Kabinett Es ging so schnell er durfte
hoffen dass sie die Gruppe der Spieler und das kosende Pärchen im Saal nicht
bemerkt hatte Auch machte sie als er ihr in dem Kabinett Hut und Mantel
ablegen half nur die Bemerkung Na Schatz in einem Feenpalast sind wir hier
gerade nicht aber offen gestanden das habe ich auch nicht erwartet
Es war so lieb von ihr und sie sah in dem eleganten schwarzen Kleide mit
den von der Kälte rosig überhauchten Wangen entzückend aus aber der Kuss den
sie ihm dann gab deuchte ihm seltsam kühl Es blieb auch bei dem einen da der
Kellner jetzt hereintrat und fragte ob auf die dritte Herrschaft gewartet
werden sollte Klotilde brachte das Märchen von dem Bruder der in dem letzten
Augenblick verhindert worden sei aber jedenfalls nachkommen werde mit solcher
Ruhe vor dass Albrecht ein wenig von der Fassung wieder gewann die er fast ganz
verloren hatte Sie hatten Platz genommen Klotilde auf dem verschlissenen Sofa
er ihr zur Seite auf einem der brüchigen Stühle und das Mahl konnte seinen
Anfang nehmen
Ein Mahl das einen Gourmand hätte zur Verzweiflung treiben müssen Die
Gerichte welche der Mann im fettglänzenden Frack eine unsaubere Serviette
unter dem Arm mit bedächtiger Langsamkeit in endlosen Zwischenräumen auftrug
erwiesen sich als ungeniessbar die Weine waren von der schlechtesten Sorte Aber
die beiden am Tisch hatten wichtigeres zu tun als auf Speise und Trank zu
achten der Kellner mochte nach den ersten Gängen die unberührten Schüsseln nur
wieder hinaustragen was seinen Gleichmut keineswegs zu erschüttern schien
Klotilde machte diese Bemerkung lachend es war das erste Mal an diesem
Abend dass sie eine Spur von Heiterkeit zeigte Wie sollte sie auch wohl heiter
sein wenn sie an ihre Lage denke die mit jedem Tage prekärer werde Seit der
bekannten Szene der verunglückten Rekognoscierung habe Adele die kurioseste
Miene angenommen halb unheilschwanende Kassandra halb barmherzige Samariterin
zu Stephanie wage sie schon gar nicht mehr zu gehen aus Furcht es könne zu
einer neuen Handschlagsforderung kommen Bekannte habe sie seit acht Tagen keine
gesehen da ihr Mann sich weigere Gesellschaften mit ihr zu besuchen und sie
keine Lust habe ihr Strohwitwentum durch die Welt spazieren zu führen Auch
müsse es binnen kurzem in dem Verhältnisse mit ihrem Manne zu einer Katastrophe
kommen dass es so bleibe wie jetzt sei einfach eine Unmöglichkeit Sie trage
sich seit zwei Tagen mit dem Plane unter irgend einem Vorwande ihre Eltern auf
dem Gute zu besuchen und wäre es auch nur den Beobachtungen zu entgehen denen
sie in Berlin ausgesetzt sei wo ihre Bekannten nach Hunderten zählten die
jetzt jedenfalls nichts eifriger hätten als das Zerwürfnis mit ihrem Gatten zu
kommentieren Und wäre es nur das aber sie habe die feste Überzeugung dass sie
bewacht werde Gestern bereits zum zweitenmale als sie ihren Brief von der Post
holte habe sie dicht hinter sich jenes Individium bemerkt das in der
Nationalgalerie so eifrig die Zeichnungen studierte Dann sei sie zu Gerson
gefahren und wahrhaftig als sie nach einer halben Stunde das Geschäft
verlassen da stehe der Mensch wieder an einem der Schaufenster scheinbar in
Betrachtung der dort ausgestellten RobenStoffe versunken Das könne kein Zufall
sein Und zu allem Unglück müsse sie nun noch seinen letzten Brief den in
welchem er ihr die Einzelheiten der heutigen Zusammenkunft mitgeteilt
verlieren Gestern abend habe sie ihn noch gehabt das wisse sie bestimmt Eine
Stunde später als sie ihn vor dem Zubettgehen verbrennen wollte wie sie es
mit allen seinen Briefen getan sei er verschwunden gewesen und geblieben
trotzdem sie die halbe Nacht nach ihm gesucht Es sei ihr völlig rätselhaft Sie
zittere vor der Möglichkeit er könne doch wieder auftauchen und in die Hände
ihrer Kammerjungfer fallen der sie gar nicht mehr traue Sie traue überhaupt
keinem Menschen mehr
Das alles kam über ihre Lippen so gewandt und zierlich die graziöse Form
hätte Albrecht entzücken können wäre der Inhalt nicht so unerfreulich gewesen
Und dann in seiner Erwartung sie werde schließlich auf das eine was sie als
endgültige Befreiung aus diesem Elend ersehne wenigstens hindeuten fand er
sich getäuscht Sie nippte als sie ihr Klagelied beendet an dem miserablen
Sekt der längst das letzte seiner spärlichen Schaumbläschen hatte aufsteigen
lassen und erklärte nach Hause zu müssen
Das konnte Albrecht nicht zugeben Hatte sie ihm ihr Leid geklagt er durfte
erwarten dass er das seine wahrlich nicht minder große ihr klagen durfte die
Ruhelosigkeit die ihn peinigte im Bunde mit der fürchterlichen Sehnsucht die
mehr als menschliche Aufgabe das Herz übervoll von solchen Empfindungen den
Kopf zerwüstet von so verzweifelten Gedanken ruhig erscheinen zu müssen als
sei nichts geschehen scheinbar harmlos dahinleben zu müssen an der Seite seiner
verratenen ungeliebten aber in ihrer Bravheit verehrungswürdigen Frau
zwischen den ihn umspielenden ahnungslosen Kindern Und an bösesten Zufällen
fehle es auch ihm nicht eben zu dieser Stunde sei etwas geschehen habe er
etwas geschehen lassen müssen das ihn aller Wahrscheinlichkeit nach um Amt und
Brot bringen werde
Er hatte innig bewegt zuletzt leidenschaftlich mit Tränen in den Augen
gesprochen aber den Eindruck den seine Rede auf die geliebte Frau machen
sollte hatte er entschieden verfehlt Ihr Ausdruck war immer düsterer geworden
immer finsterer hatten sich die Brauen über den gesenkten Lidern einander
genähert immer ungeduldiger hatte es um die zusammengepressten Lippen gezuckt
Und nun als er geendet brach es mit einer Heftigkeit hervor die ihn um so
mehr erschreckte als sie sich augenscheinlich Mühe gab die vornehme Dame nicht
zu vergessen
Ja mein Bester das alles hättest Du doch voraussehen können als Du mir
die Ehre erwiesest mich zu lieben hättest an Deine brave Frau und die
ahnungslosen Kinder denken sollen bevor Du Dich in eine Leidenschaft stürztest
die Dir jetzt wie es scheint über dem Kopf zusammenschlägt Jedenfalls meine
ich bin ich die letzte der Du mit Deinen Klagen kommen durftest Ich leide
ohnehin schon genug und meine ich hätte es Dir deutlich genug zu verstehen
gegeben Ja mein Lieber da bleibt uns doch wohl nur eines übrig und je eher
wir uns dazu entschließen desto besser ist es für uns beide
Mehr noch als der Mangel an Logik den er ihr freilich auch nicht zugetraut
hätte empörte Albrecht die Lieblosigkeit welche jedes ihrer Worte ihn bis ins
Herz erkältend aushauchte Aber die zornige Antwort blieb ihm auf der Zunge
Der Kellner diesmal wie auch sonst keine Zeit mit Anpochen verlierend trat
ein zu melden dass der Kutscher im Saal sei und anfrage wann die Herrschaften
zu fahren gedächten
Sogleich sagte Klotilde
Der Kellner war gegangen die beiden standen einander gegenüber mit
funkelnden Augen bleich bis in die Lippen Um die Klotildens zuckte ein
gequältes Lächeln
Wir haben uns in eine kindische Aufregung hineingeredet Das ist so wenn
man bei schlechter Laune ist und sie nun an dem andern auslässt Komm lass uns
wieder Frieden schließen
Sie streckte ihm die Hand hin die er stumm an seine Lippen führte
Nun bitte hilf mir den Mantel um Gott welch ein elender Spiegel man
sieht wie eine Vogelscheuche aus und weißt Du ich möchte doch lieber allein
fahren Du wirst hier noch mit dem Kellner abzurechnen haben und mir ist jede
Minute kostbar Du kannst ja dann die Pferdebahn nehmen
Albrecht erwiderte nichts So herzkränkend dies alles war dem langen
Têteàtête im Wagen mit ihr enthoben zu sein dünkte ihm doch eine Wohltat
Er geleitete sie zu dem Wagen Du schreibst mir morgen sagte sie im
Einsteigen Er verneigte sich wortlos das Fuhrwerk setzte sich schwerfällig in
Bewegung er kehrte in das Restaurant zurück mit dem Kellner die Rechnung zu
begleichen über deren unverschämte Höhe er keine Bemerkung machte In dem jähen
Zusammenbruch seines Glücks spielte eine Handvoll Mark die er zum Fenster
hinauswarf keine Rolle
Vierundzwanzigstes Kapitel
Klotildens Verzweiflung war minder groß aber ihr war doch übel genug zu Mute
während sie in der Ecke ihres Wagens saß sich gegen den Zug der durch die
Ritzen ging möglichst dicht in ihren Pelzmantel hüllend Sie hatte als sie
kam nicht die Absicht gehabt mit ihm zu brechen nun mochte es sein Dass dies
ein Bruch war ein vollständiger darüber konnte man sich doch nicht täuschen
Und Gott sei Dank dass er es war Die Sache hatte ja schon angefangen
lächerlich zu werden Und das eben war doch der Gipfel der Lächerlichkeit über
dies Souper in der hässlichen Spelunke mit dem komischen Kellner ging es nicht
Und der Mensch hatte offenbar den Humor von der Situation gehabt sie hatte
deutlich sein Grinsen gesehen wenn er sich unbeobachtet glaubte Mein Himmel
in welche kuriose Lagen gerät man wenn man sich mal ein bisschen amüsieren will
Weiter hatte es doch keinen Zweck gehabt Und wäre es noch amüsant gewesen Aber
dies Laufen nach seinen überschwenglichen Briefen dies Warten an dem Schalter
während der Beamte in dem Haufen herumsucht und einem endlich den Brief
hinreicht mit einem Blick als wolle er sagen Meine Gnädige lassen Sie das Es
führt zu nichts Gutem Glauben Sie mir ich spreche aus alter Erfahrung Der
Mann hat ja so recht zu nichts Gutem aber möglicherweise zu was ganz
Schlimmen Viktor steht auf dem Punkt mir den Stuhl vor die Tür zu setzen
Kanns ihm auch nicht verdenken keiner ließe sich das gefallen Ich muss mich
nur wundern dass er mit seiner Empfindlichkeit es so lange ausgehalten hat Aber
ich werde heute abend Frieden mit ihm machen Es wird nicht so schwer sein ein
großes Donnern und Blitzen seinerseits ein paar Tränchen meinerseits und das
Gewitter ist passé Er kommt von solchen Abenden so wie so immer etwas
angeheitert nach Hause Allerdings muss er mich dann da finden wo er mich diese
acht Tage hoffentlich schmerzlich vermisst hat
Sie sah bei dem Schein einer vorübergleitenden Laterne nach der Uhr und
erschrak aufs heftigste beinahe elf sie hatte gemeint es könne noch nicht
zehn sein Viktor pflegte von seiner Korpskneipe freilich immer sehr spät
heimzukehren In seiner jetzigen Stimmung wer konnte wissen ob ihm die
Kneiperei Spaß machte ihn nicht die Sehnsucht nach Hause trieb oder mein
Gott am Ende gar ein unbestimmter Verdacht Der nun bestätigt wurde wenn er
kam und fand sie nicht
Sie wollte dem Kutscher zurufen er solle schneller fahren doch das
verquollene Fenster ließ sich so bald nicht öffnen erst nach unsäglicher Mühe
kam sie damit zu stande Sie rief es dem Kutscher hinaus der etwas antwortete
wovon sie nur das Wort »Glatteis« verstand Und auch das nicht verstanden haben
würde hätte sie nicht bereits seit einiger Zeit bemerkt dass der Wagen auf
bedenkliche Weise hin und herrutschte Als Landkind wusste sie wohl was eine
solche Kalamität zu bedeuten hat besonders auf chaussierten Wegen und wenn
noch gar das Pferd schlecht beschlagen ist Was hier entschieden der Fall war
mehrere andere Wagen hatten sie überholt die jetzt wo möglich schon in der
Stadt waren während sie eben erst den Großen Stern passierten Freilich wenn
der Mensch jetzt sogar auf längere Strecken Schritt fuhr Sie wollte anhalten
lassen aussteigen und einen vorüberkommenden Pferdebahnwagen anrufen Aber es
würde jetzt um halb zwölf Uhr keiner mehr kommen oder sie die Haltestelle nicht
finden und so hier in der rabenschwarzen Nacht auf der einsamen Chaussee
umherlaufen jedem Strolch der des Weges kam schutzlos ausgeliefert Sie wusste
sich nicht zu raten zu helfen und vor Frost und Angst an allen Gliedern
bebend brach sie in krampfhaftes Weinen aus
Endlich war die KleineSternAllee erreicht und der Kutscher bog wenigstens
in diese ein nachdem er die Korsoallee überschlagen und so einen Umweg von
mindestens einer dreiviertel Stunde gemacht hatte jedenfalls nicht weil es
sich wie er behauptete auf der Charlottenburger Chaussee doch noch immer
besser fuhr sondern um eine möglichst lange Zeit gefahren zu sein
Klotilde hatte längst den Kampf aufgegeben in der Stumpfheit der Seele die
sie befallen ließ sie sich die Allee die Tiergartenstrasse hinauf und weiter
die endlosen Straßen schleppen bis der Wagen mit einem jähen Ruck vor ihrer
Wohnung hielt und der Kutscher den Schlag aufreissend mit heiserer Stimme
sagte er könne die Nummer nicht erkennen aber es werde schon richtig sein
Sie zahlte dem Mann seine ganz unverschämte Forderung und gab ihm eine Mark
dazu hatte sie die Hoffnung überhaupt noch anzukommen doch schon beinahe
aufgegeben Der Kutscher der plötzlich sehr gemütlich geworden war schloss ihr
sogar die Haustür auf da sie mit ihren ungeübten völlig erstarrten Fingern
nicht damit zustande kommen konnte
Die Treppe war dunkel jedenfalls eine Chikane des Dieners der mit de
Kammerjungfer gemeinschaftliche Sache machte Sie standen jetzt auf Viktors
Seite Wenn sie sich heute abend mit Viktor ausgesöhnt würde morgen früh den
beiden gekündigt
Sie hatte ihren Flur erreicht durch die schmalen Fenster der Flurtür kam
der Schein eines Lichtes das sich bewegte Man hatte wohl ihren Schritt auf der
Treppe gehört und wollte die Unbotmässigkeit wieder gutmachen Es würde ihnen
nichts helfen
Die Tür wurde von innen geöffnet Klotilde prallte zurück vor ihr mit
einer Lampe in der Hand stand Viktor
Bitte doch einzutreten sagte er die Lampe auf eine Konsole an der Wand
stellend
Sein Überzieher hing neben seinem Hut auf dem Regal neben der Konsole
augenscheinlich war er bereits längere Zeit zu Hause
Sie standen jetzt auf dem Korridor einander gegenüber im Licht der Lampe
das scharf auf die bleichen hier in Schreck dort in Zorn verzerrten Gesichter
fiel
Ich habe Dich bereits seit einer Stunde erwartet sagte Viktor mit einer
rauen Stimme die offenbar ruhig gelassen klingen sollte aber freilich nicht
bedacht dass der Weg von Charlottenburg etwas weit und heute nacht vermutlich
nicht besonders ist Dieser Herr hier der denselben Weg machen musste hat Dich
um eine volle Stunde überholt Kommen Sie doch mal heran Herr Krüger Wir haben
hier keine Geheimnisse voreinander
Aus dem Schatten des großen prächtigen Schrankes den sie von dem
elterlichen Gute mitgebracht hatte trat ein kleiner bleicher Mann der Mann
der in dem NationalMuseum hinter ihnen die Treppe hinabgestiegen war und den
sie seitdem nun schon so oft hinter sich neben sich immer in unheimlicher Nähe
bemerkt hatte
Dies ist die Dame die Sie um neun Uhr am Arm des Ihnen bekannten Herrn in
das Restaurant haben treten sehen
Jawohl Herr Assessor
Und die mit ihm in dem cabinet séparé verschwand
Jawohl Herr Assessor
Und mit ihm dann eine Unterredung hatte die Sie Wort für Wort von dem
nächsten Kabinett aus gehört haben
Jawohl Herr Assessor
Es ist gut Sie können hinausgehen Erwarten Sie mich auf dem Treppenabsatz
Herr Krüger hatte die Flurtür hinter sich zugemacht
Nur noch ein paar Worte sagte Viktor während er sich den Überzieher anzog
und den Hut herabnahm Ich kann die Frau die unglücklicherweise die Mutter
meiner Kinder ist nicht um zwölf Uhr nachts auf die Straße werfen wohin sie
gehört Aber noch eine Nacht unter demselben Dache mit ihr zu verbringen
verbietet sich von selbst Ich räume Dir also das Feld Morgen vormittag um zehn
werde ich wieder hier sein wir werden dann das weitere miteinander besprechen
Gute Nacht Friedrich
Die nur angelehnte Tür zum Speisezimmer wurde schnell aufgemacht und der
junge Diener trat heraus ein Licht in der Hand
Leuchte uns hinab sagte Viktor Du kannst dann zu Bett gehen
Er war mit Friedrich aus der Flurtür Klotilde hörte die drei die Treppe
hinabsteigen Sie stand noch auf derselben Stelle unbeweglich Nur einmal hatte
sie die Regung gehabt Viktor zu Füßen zu fallen seine vornehme Ruhe hatte ihr
so imponiert Es wäre dann alles gut geworden ganz gewiss Aber in Gegenwart
jenes grässlichen bleichen kleinen Menschen und nun gar Friedrichs
unmöglich Und nun war alles aus
Hätte es doch noch einen Sinn murmelte sie Um eine solche Geschichte eine
so alberne Geschichte
Sie wollte in Lachen ausbrechen aber aus ihrer Kehle kamen nur ein paar
raue hässliche Töne vor denen sie erschrak
Von der Konsole nahm sie die Lampe und ging in ihr improvisiertes
Schlafzimmer dessen Tür sie hinter sich verschloss
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Viktor hatte den Rest der Nacht im PalastHotel ruhig verbracht jetzt da die
Entscheidung gefallen war konnte er schlafen
Zur bestimmten Stunde um zehn Uhr war er vor seiner Wohnung Friedrich
öffnete ihm die Flurtür
Ist die gnädige Frau aufgestanden
Die gnädige Frau ist vor einer halben Stunde ausgegangen ich habe eine
Droschke holen müssen
Viktors erster Gedanke war sie ist zu ihren Eltern gereist Dahin hatte
auch er sie schicken wollen freilich nachdem man sich über verschiedene denn
doch sehr wichtige Dinge auseinandergesetzt Indessen das ließ sich auch
schriftlich machen und vielleicht besser und man ersparte sich eine immerhin
peinliche Szene
Die gnädige Frau hatte einen Koffer bei sich
Nein gnädiger Herr
Wie denn auch keine Reisetasche
Nein gnädiger Herr Die gnädige Frau ist so ausgegangen wie immer
Sie hat nicht hinterlassen wann sie wiederkommt
Mir hat sie nichts gesagt Vielleicht dass Julie
Julie soll kommen
Klotildens hübsche Kammerzofe wusste auch nichts die gnädige Frau hatte sich
ohne sie angezogen
Haben Sie noch sonst etwas fragte Viktor als das Mädchen an der Tür
zögerte
Als die gnädige Frau fort war habe ich das Bett gemacht Und dabei habe ich
diesen Brief gefunden Er war zwischen die Kissen gerutscht
An mich
Ich lese keine fremden Briefe gnädiger Herr Nicht einmal die Adresse
Geben Sie Sie können gehen
Das Mädchen war gegangen froh dass sie aus dem Zimmer kam sie hatte sich
das Lachen kaum noch verbeissen können
Der Brief steckte noch im Kouvert Die Adresse enthielt nur das Postamt
dessen Nummer Viktor schon kannte die Bezeichnung poste restante und die
Chiffre Ballade
Man sollte so was nur mit der Zange anfassen zischte Viktor durch die
Zähne
Mit einem Laut der Verachtung und des Widerwillens warf er den Brief auf den
Tisch und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab Aber gelesen musste der Wisch
doch werden Es war ein Stück Belastungsmaterial mehr das in dem Prozess eine
entscheidende Rolle spielen konnte Und vielleicht stand etwas darin von den
Zukunftsplänen des sauberen Paares Wer konnte wissen ob sie nicht eben jetzt
zu ihm gelaufen war gemeinschaftlich mit ihm durchzubrennen und er hatte die
Blamage ohne die Revanche
Der Brief enthielt nichts von Zukunftsplänen nur die Verabredung zu dem
Rendesvouz gestern abend außerdem zwei enggeschriebene Seiten greulichen
sentimentalen Gewäsches
Viktor hatte den Brief wieder in das Kouvert getan und sein Pult
geschlossen Möglich aber nicht wahrscheinlich dass ihr Schreibtisch noch mehr
dergleichen enthielt Sie hatte jedenfalls das Zeug immer verbrannt und
vermutlich nach diesem lange genug vergeblich gesucht Mit ihrem Willen war er
sicher nicht zwischen die Kissen geraten jedenfalls nicht da liegen geblieben
Die Flurklingel ertönte
Sollte sie den Mut haben
Friedrich brachte einen Rohrpostbrief herein von Elimar
Verehrter Cousin Wollen Sie mir die Freundlichkeit erweisen mich um halb
zwölf Uhr in Ihrer Wohnung zu erwarten Ich habe Ihnen Mitteilungen von
äußerster Wichtigkeit zu machen Ich würde anstatt dieser Zeilen kommen aber
der Kriegsminister hat mich zu einer Audienz befohlen
Nun wusste Viktor wohin Klotilde sich gewandt hatte die gutmütige Adele und
Don Quixote Elimar sollten vermitteln wo nichts mehr zu vermitteln war Aber
Sie irren sich Madame Übrigens bin ich Ihnen dankbar dass Sie nicht mit Ihrem
Herrn Galan an der Schleppe davongelaufen sind und ich meine Rache jetzt
sicher habe
Abermals klingelte es es würde Fernau sein er hatte noch vom Hotel aus
einen Kommissionär an ihn gesandt und ihn gebeten alles liegen zu lassen und
spätestens um elf bei ihm vorzusprechen
Es war Fernau mit einem sehr übernächtigen Gesicht aber wie immer in
tadelloser Toilette
Lieber Freund sagte Fernau sich wie gebrochen in einen Lehnsessel fallen
lassend mich aufzujagen nachdem ich kaum zwei Stunden geschlafen hatte das
möge Ihnen der Himmel verzeihen
Er hat mir schlimmere Dinge zu verzeihen erwiderte Viktor unter anderm das
Unrecht das ich Ihnen getan als ich fürchtete Sie hätten mich an den
ehrenwerten Herrn Krüger aus nicht völlig lauteren Absichten empfohlen Bitte
lesen Sie diesen Brief
Der eben eingeschlossene Brief wurde wieder hervorgeholt Fernau besah ihn
von allen Seiten
Ich wittre Morgenluft sagte er zu Viktor aufblinzelnd und während die
Linke den Brief hielt mit dem kleinen Finger der Rechten sanft die Oberlippe
zwischen dem Schnurrbart reibend
Bitte lesen Sie
Viktor hatte sich nach dem Fenster gewandt und blickte auf die Straße Es
dauerte eine Zeit die ihm unendlich dünkte bis Fernau mit der Lektüre zu Ende
war Diesmals schloss er den Brief nicht wieder weg er würde Elimar gegenüber
abermals seine Dienste tun müssen
Und die Sache ist zu stande gekommen fragte Fernau
Völlig programmmässig erwiderte Viktor ich war inzwischen auf unserer
Korpskneipe wo Sie wieder einmal geschwänzt haben Krüger ließ mich
herausrufen Es war hinter ihnen her und mit ihnen in Charlottenburg gewesen
Und so teilte er dem Freunde weiter alles mit was jener wissen musste
sollte er in dem Drama die Rolle übernehmen können die er ihm zugedacht hatte
Nun wissen Sie lieber Fernau schloss er welchen Dienst ich von Ihnen
erwarte
Sollte ich wohl ganz die geeignete Persönlichkeit sein fragte Fernau
Viktor blickte ihn verwundert fast erschrocken an
Denn sehen Sie fuhr Fernau fort ich bin wirklich ein bisschen zu sehr
Partei in der Sache um die Pflichten eines Sekundanten regelrecht erfüllen zu
können Ein Sekundant muss bis zu einem gewissen Grade unparteiisch sein zum
wenigsten ein Ohr für die etwaigen Gründe der andern Partei haben Das habe ich
nicht Ich habe den Menschen von dem ersten Augenblick als ich ihn im
Pferdebahnwagen sah ich habe Ihnen die Episode nie erzählt sie tut auch
nichts Wesentliches zur Sache gründlich in Aversion genommen und so oft ich
ihn wiedersah fühlte ich ein Kribbeln in den Fingerspitzen den Kerl zu
reitpeitschen Wenn die Gelegenheit günstiger gewesen wäre ich glaube ich
hätte einen Grund vom Zaun gebrochen und ein Rencontre mit ihm provoziert Das
ist das eine Sodann ich habe mit Ihrer Frau Gemahlin bis dahin immer so gut
gestanden sie ich brauche Ihnen das nicht zu sagen aufrichtig und herzlich
verehrt Was sie jetzt getan hat ist unverzeihlich schauderhaft gewiss Aber
schließlich hat sie es doch nicht mir getan Sie werden begreifen dass meine
Empfindungen nicht so lebhaft sein können wie die Ihren und es mir
schmerzlich sehr schmerzlich und peinlich ist zu ihrer Bestrafung wenn ich
mich so ausdrücken darf die Hand bieten zu sollen
Viktor war die Zornröte in die Stirn gestiegen
Ich danke Ihnen also für Ihre Offenherzigkeit sagte er und werde mich nach
jemand umsehen der weniger bedenklich ist als Sie
Fernau gereute bereits was er gesagt hatte Er war auf dem besten Wege
Viktors Misstrauen von neuem zu erregen ja er hatte es bereits getan Das
durfte nicht sein er musste es wieder gutzumachen suchen Und schließlich
Klotilde war ihm nun doch verloren Nach der Affäre mit dem Schulmeister war
sie für die Gesellschaft tot Folglich auch für ihn
Aber wo denken Sie hin lieber Freund rief er aus dem Sessel in die Höhe
fahrend Mir fällt doch nicht im Traum ein Ihnen meine Dienste zu verweigern
wenn Sie ihrer zu bedürfen glauben Man sagt so etwas heraus um die Seele
hernach um so freier zu haben Also wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen Sie
sehen mich bereit Aber ist denn der Mensch satisfaktionsfähig
Ich wüsste nicht weshalb nicht erwiderte Viktor wieder halb beruhigt
Macht man diese Leute doch jetzt sogar zu Reserveoffizieren
Gott sei es geklagt
Vielleicht ist der Mensch selber einer
Heutzutage ist alles möglich
Jedenfalls hat man ihn in unsere Gesellschaft aufgenommen
Leider Nächstens werden wir noch unsere Schneider mit Einladungen beehren
Und nicht bloß aufgenommen man hat dem Kerl ja förmlich den Hof gemacht
fand es höchst ehrenwert dass er es von einem Bergmannsjungen so weit gebracht
Ipsissima verba des Herrn Ministerialdirektors
Man sollte in solche Stellungen Bürgerliche nie gelangen lassen
Und da nun auch meine Frau die Geschmacklosigkeit hatte so tief aus ihrer
Sphäre herabzusteigen
Werden Sie ihr wohl auf das Terrain folgen müssen Ja ja es ist sehr
notwendig dass da mal ein Exempel statuiert und die Rotüre in ihre Schranken
zurückgewiesen wird Zeichnen Sie den Kerl nur ordentlich
Ich habe durchaus diese löbliche Absicht
Zwischen den Freunden wurden nun die Einzelheiten der Forderung
durchgesprochen und festgestellt Fernau hatte auf die schärfsten Bedingungen zu
dringen und sollte sich nichts abhandeln lassen Einen besonderen Wert legte
Viktor darauf dass keine Zeit verloren gehen dürfe und das Rencontre wenn es
sich irgend machen ließ bereits morgen in der Tagesfrühe stattfinde Fernau
wollte den Gegner sofort aufsuchen und ihm die Forderung überbringen
Er hatte sich kaum verabschiedet als Elimar angemeldet wurde Die Herren
mussten sich noch auf der Treppe begegnet sein
Hol ihn der Teufel fluchte Viktor bei sich Aber
Ich lasse den Herrn Hauptmann bitten näher zu treten
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Elimar und er saßen einander gegenüber nach einer kurzen auf beiden Seiten
etwas verlegenen Begrüßung
Sie wissen weshalb ich komme begann Elimar
Ich ahne es wenigstens
Das erleichtert mir meine Mission wenn ich etwas so nennen darf wozu mich
auch die eigene Empfindung gedrängt haben würde
Ich meine dass die Empfindung in solchen Fällen ein sehr trügerisches
Leitmotiv ist
Mag sein aber als Erstes Spontanes verdient sie doch wohl einige
Berücksichtigung
Dann kann ich nur sagen ich würde es tief beklagen wenn ein Mann wie Sie
keine Empfindung hätte für die furchtbare Beleidigung mit der man mich
heimgesucht hat
Der in Ihren Worten versteckte Vorwurf trifft mich nicht Im Gegenteil ich
glaube es gibt niemand der diese Beleidigung tiefer mitfühlt
Nichtsdestoweniger
Verzeihen Sie wenn ich Sie unterbreche was wissen Sie von diesem ganzen
Handel
Alles
Aus dem Munde meiner Frau
Ja
Dürfte dann Ihre Behauptung nicht etwas gewagt sein Wir Juristen haben den
Grundsatz Audiatur et altera pars
Ich weiß es Und gerade deshalb habe ich mir erlaubt Sie aufzusuchen
Leider wie ich fürchten muss zu spät ich traf in Ihrer Haustür mit Herrn von
Fernau zusammen Ich habe nicht gewagt ihn zurückzuhalten er würde sich auch
schwerlich haben zurückhalten lassen Aber die einem Kartellträger gegebenen
Instruktionen sind ja nicht unwiderruflich sind jedenfalls modificierbar und
ich hege die stille Hoffnung Ihr gerechter Unwille wird nach unserer
Unterredung weniger etwas weniger heftig sein
Ich teile zu meinem Bedauern Ihre Hoffnung nicht Indessen bitte sagen Sie
mir was Sie mir sagen zu müssen glauben Ich muss dabei freilich bemerken dass
meine Zeit gerade heute nicht sehr reichlich bemessen ist da ich noch eine
Menge wichtiger Dinge zu erledigen habe
Ich will mich bemühen möglichst kurz zu sein Ihre Frau kam heute morgen um
zehn zu meiner Frau ich darf wohl sagen zu meiner Frau und mir denn meine
Gegenwart hinderte sie in nichts an der Offenherzigkeit und Vollständigkeit
ihrer Beichte Einer tief traurigen Beichte Sie bereut aufs tiefste sich von
einem Gefühl haben hinreißen zu lassen welches sie selbst jetzt als ein
schiefes oberflächliches ihr durchaus unwürdiges anerkennen muss Sie räumt
willig ein sich an Ihnen an Ihren Kindern in einer Weise vergangen zu haben
die es schwer sehr schwer macht ihr zu verzeihen Ich wiederhole sehr schwer
Und doch wohl nicht unmöglich sie hat uns geschworen es sei nichts geschehen
was zu verzeihen den Menschen allerdings selten gelingt wenngleich des Menschen
Sohn uns mit seinem erhabenen Beispiel vorangegangen ist
Warum der Mann nur nicht Pastor geworden ist dachte Viktor der diese ganze
Auseinandersetzung im Grunde beleidigend fand und laut sagte er
Nehmen wir an meine Frau ist in ihrer Beichte um mich Ihres Ausdrucks zu
bedienen streng bei der Wahrheit geblieben obgleich das in solchen Fällen sehr
schwer sein soll Hat sie Ihnen zum Beispiel auch ihre saubere Aventüren von
gestern abend gebeichtet Wo nicht würde Ihnen dieser Brief
Den sie verloren hat sagte Elimar Bemühen Sie sich nicht Ich weiß durch
sie was der Brief enthält und was gestern abend geschehen ist vielleicht
besser und ausführlicher als Sie es aus dem Bericht Ihres Beauftragten erfahren
haben
Viktor richtete sich in den Hüften auf
Ich erwarte jetzt nur noch sagte er mit schneidender Ironie dass Sie mir
Vorwürfe machen über die Maßregeln die ich treffen zu müssen glaubte um hinter
die Schliche der Dame zu kommen
Er hatte unwillkürlich das Wort gebraucht welches ihm aus den Berichten
Herrn Krügers so geläufig war
Um Gottes willen rief Elimar ihm die Hand auf das Knie legend erhitzen
wir uns nicht in einem Augenblick wo ich den Himmel anflehe uns seinen Frieden
zu geben
Ich bin völlig kaltblütig entgegnete Viktor Und so ganz kaltblütig frage
ich Sie würden Sie der Hauptmann von Meerheim wenn Ihnen begegnet wäre was
mir begegnet ist Sie beleidigt wären wie ich beleidigt worden bin in Ihrer
Ehre gekränkt vor der Gesellschaft in der Sie leben blossgestellt wären wie
ich es bin würden Sie ja könnten Sie anders handeln als ich zu handeln
gedenke Würden Sie und könnten Sie unterlassen den Buben der gewagt hat mit
seinen schmutzigen Fingern an Ihr blankes Wappenschild an Ihren reinen Namen zu
tasten vor die Mündung Ihrer Pistole zu stellen
Die Worte hatten Elimar schwer getroffen Da klaffte wieder einmal der tiefe
Spalt zwischen dem was sein Herz und sein Verstand ihm gesagt und geboten
hatten lange bevor es ihm seine geliebten Denker und Dichter bestätigten und
jenem andern in dessen engem Bann er nun schon so viele Jahre gelebt hatte in
schmerzlicher Resignation einer besseren Ordnung der menschlichen Dinge die
herbeizuführen dem einzelnen Menschen nicht gegeben war Hatte er nie die Kraft
in sich gefunden Fesseln zu sprengen die ihm ins Fleisch schnitten wie durfte
er es erwarten und verlangen von einem den sie nicht einmal drückten der sie
im Gegenteil als einen höchsten Schmuck trug
Er fühlte peinlich dass er eine Position verteidigte die er nicht würde
behaupten können aber ohne einen letzten Versuch wollte er sie nicht aufgeben
Es gibt zweierlei Ehre sagte er die gesellschaftliche und die
individuelle Die erstere trägt ihre Gesetze nicht sowohl in sich als sie ihr
vielmehr von dem Milieu diktiert werden in welchem wir leben Die Vernunft
dieses Milieu braucht nicht die unsre zu sein ich kann mir sogar denken dass
wir in ihr die bare Unvernunft sehen Aber freilich solange das Milieu das
unsre ist ich meine solange wir aus diesem oder jenem Grunde den Schwerpunkt
unserer äußerlichen Existenz darein verlegt haben müssen wir in Rom wie die
Römer tun Quaeritur ist in unserm Falle diese MilieuEhre beleidigt Sind Sie
es der Gesellschaft schuldig ihre in Ihnen beleidigte Ehre zu rächen Ich
glaube nein Die ganze unglückselige Angelegenheit ist für den Ihnen
befreundeten und bekannten Kreis tiefes Geheimnis ich nehme meine Frau und mich
aus von denen wir hier wohl absehen dürfen
Pardon erwiderte Viktor ich urteile darin anders und ich glaube
richtiger als Sie Es ist mir nicht gleichgültig wie Herr von Fernau der in
die ganze Sache eingeweiht werden musste über mich denkt ob er mich für einen
Mann von Principien hält oder für einen der seine Principien ich weiß nicht
welcher sentimentalen Wallung wegen aufgibt Herr von Fernau spielt in meinem
speciellen Kreise eine große und ich darf sagen verdiente Rolle Es handelt
sich aber keineswegs um ihn allein Herr von Luckow und Fräulein Stephanie
Sudenburg hegen den schlimmsten Verdacht davon habe ich mich überzeugen müssen
als ich vorgestern eine sehr vorsichtige Rekognoscierung nach dieser Seite
anstellte Niemand steht mir dafür dass die Genannten ihre Wissenschaft für sich
behalten bei der großen Solidarität der Gedanken und Interessen die in der
Sudenburgschen Familie herrscht ist es sogar mehr als unwahrscheinlich Ich
kann also Fritz und Franz Sudenburg nicht mehr in die Augen sehen Und wem noch
sonst nicht Ich habe in dieser Gesellschaft Blicke aufgefangen Anspielungen
hören müssen auf welche die einzig richtige Antwort eine Forderung gewesen
wäre Das alles ist schon mehr als genug Soll ich noch von meinen Dienstboten
sprechen die seit zehn Tagen Zeugen des schlimmsten ehelichen Zerwürfnisses
sind und die nun hingehen und meine Schande durch die ganze Stadt tragen
werden
Viktor war aufgesprungen und maß mit heftigen Schritten das Zimmer auf und
ab
Das wäre die gesellschaftliche Ehre die mit Füßen getreten ist Nun die
individuelle so nannten Sie sie ja wohl Ja mein Bester jeder ist seines
Glückes Schmied und die Ehre die jeder in sich trägt kann niemand in ihrem
Wert taxieren als er selbst Mir nun gilt meine Ehre so hoch dass wenn ich sie
angegriffen sehe mein Leben mir nicht einen Strohhalm wert ist Sie können
nicht verlangen dass ich das des Angreifers für heilig halte
Elimars Stirn war auf die Hände gebeugt die er über den Knauf des Säbels
zwischen seinen Knieen gestaltet hatte Ein leises Stöhnen kam aus seiner Brust
Nun richtete es das bleiche Gesicht in die Höhe und sagte schmerzlich
Mein Gott in welcher Welt der schauderhaften Widersprüche leben wir Da ist
eine Gesellschaft vor der wir innerlich keinen Respekt haben und die ihn auch
konfus zerfahren unlogisch oberflächlich nur nach dem äußeren Schein
urteilend wie sie ist wahrlich nicht verdient Da sind wir Männer die wir uns
nicht sündlos fühlen und bei dem Leben das wir und wären wir die besten
geführt haben fühlen können und wir heben den Stein auf gegen ein Weib das
aus der Erziehung die es gehabt aus dem Leben in das es unvorbereitet trat
keine Kraft des Widerstandes schöpfen konnte gegen die Versuchung von der es
doch nicht verschont bleiben sollte Ein Weib das der Mann der trotzdem den
Stein aufhebt geliebt hat Und das so liebenswert ist
Die letzten Worte fand Viktor empörend Wie durfte ihn der Mann daran
erinnern dass auch er zu den Liebhabern Klotildens gehört und wie die Rede
ging es nur an ihm und nicht an Klotilde gelegen hatte wenn sie nicht seine
Frau geworden war
Gewiss sagte er mit kaum noch verhehlter Wut sehr liebenswert zu
liebenswert Es mag das der Geschmack anderer Leute sein meiner ist es nicht
Elimar erhob sich aus dem Sessel und ergriff seinen Helm der neben ihm auf
einem Tischchen stand
Ich bin umsonst hier gewesen sagte er traurig aber ohne Bitterkeit ich
hätte es voraussehen können Verzeihen Sie einem alten Idealisten seine
unbefugte Einmischung in den Lauf dieser realen Welt
Er hatte die Hand ausgestreckt die Viktor an den Fingerspitzen ergriff um
dann den unwillkommenen Gast mit der größten Höflichkeit zur Tür hinaus zu
begleiten
Dann schellte er Friedrich und hieß ihn seine Uniform in das Ankleidezimmer
zu bringen auch die Schärpe nicht zu vergessen
Er musste zu dem Kommandeur seines Regiments der ihm besonders gewogen war
und dem er zu seinem Geburtstag heute gratulieren wollte Der Kommandeur war ein
schneidiger Herr der in Ehrensachen keinen Spaß verstand Dem sollte Elimar mit
seinem sentimentalen Wischiwaschi gekommen sein Wie die struppigen Augenbrauen
in die Höhe gefahren wären Nach der FriedensapostelPhysiognomie Elimars schon
der Anblick des alten Haudegens bei Gott eine willkommene Erquickung Er hatte
eine Stunde Zeit Früher konnte Fernau nicht zurück sein Und vorher konnte er
die Anzeige an den Präses des Ehrenrats mit der Angabe von Zeit und Ort des
Rencontre und dem Namen des Unparteiischen nicht machen Und dann vielleicht
kniff der Schulmeister Und es musste bei der Reitpeitsche sein Bewenden haben
Er war wieder in seinem Zimmer sich die Handschuhe aus dem Kasten zu
nehmen Die Bonne kam anzufragen ob sie die Kinder heute herausbringen dürfe
Es sei nur weil die gnädige Frau nicht gesagt habe wann sie wiederkommen
würde
Viktor hatte auf der Zunge sie wird niemals wiederkommen statt dessen
sagte er heftig
Wozu sind Sie Bonne wenn Sie nicht wissen was man mit Kindern zu tun hat
Die Bonne ein braves nicht ungebildetes Mädchen ging traurig davon die
armen Kinder Seit acht Tagen hatte sich die gnädige Frau kaum einmal flüchtig
nach ihnen umgesehen und dem Herrn waren sie ja offenbar auch nur eine Last
Viktor warf die ergriffenen Handschuhe wütend auf den Tisch
Das hat man davon Und das soll nun so weiter gehen Liebenswert Die
liebenswert diese wie heißt es doch irgendwo in Maria Stuart
Meinetwegen Aber diesen Mortimer will ich zeichnen dass alle andern daran
denken sollen
Er setzte vor dem Spiegel den Helm auf zupfte die Schärpe zurecht strich
mit der Taschenbürste den Schnurrbart rechts und links aufwärts und stieg die
Handschuhe anziehend die Treppe hinab
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Es war später Abend geworden für Albrecht nach dem fürchterlichsten der Tage
Als er gestern nach Hause kam ein in seinem stolzen Selbstgefühl für immer
gebrochener Mann war geschehen was er erwartet der Direktor hatte geschickt
er müsse unbedingt in der Konferenz erscheinen Die ratlose Klara hatte bei
allen Bekannten herumfragen lassen niemand hatte ihr Auskunft geben können es
gab keine andre Erklärung als die entsetzliche dass ihm ein Unglück zugestoßen
sei
Es war ihm eines zugestoßen sie sah es dann aus der tiefen Verstörung
seiner bleichen Miene nur dass er trotz ihres flehentlichen Bittens nicht sagen
wollte welches Er werde ihr später alles erklären für jetzt möge sie ihm nur
die eine Liebe tun und ihn in Ruhe lassen Gehorsam wortlos tränenlos war
sie zu den Kindern gegangen in der Tür noch einmal die schreckenstarren Augen
mit stummer Frage und Klage auf ihn wendend
Und heute morgen hatte er sie wieder auf später vertrösten müssen Dann
hatte sie nicht mehr gefragt nicht mehr geklagt Setzte sie doch ein
unbedingtes Vertrauen in seine Redlichkeit seine Ehrenhaftigkeit Auch nicht
der leiseste Schatten des Verdachtes dass hier eine Frau im Spiel sein müsse
stieg in ihrer reinen Seele auf Zweifellos hatte Albrecht mit dem Direktor der
ihm auch sonst wenig gewogen war einen bösen Streit gehabt und seine Stellung
an der Schule war in Gefahr vielleicht verloren wenn auch zweifellos das Recht
auf seiner Seite stand Er würde seine gute Sache mannhaft durchfechten dessen
war sie gewiss und wenn für den Augenblick das Amtsgeheimnis ihm die Zunge band
so musste sie sich in Geduld fassen durfte ihm die Ruhe und Sammlung die er
sicher jetzt hochnötig brauchte nicht nach Weiberart durch Ein und Dreinreden
stören und rauben
Ihre Vermutung wurde zur Gewissheit als im Laufe des Vormittags der
Schuldiener »ein amtliches Schreiben von dem Herrn Direktor« brachte und kurz
darauf ein sehr eleganter Herr wie Auguste sagte seine Karte hereinschickte
ein Herr Rat sagte Auguste mit einem »von« vor dem Namen jedenfalls ein
Beamter aus dem Kultusministerium der mit Albrecht die Sache besprechen sollte
in dem für Albrecht günstigsten Sinne natürlich Der Herr Direktor mochte sich
vorsehen Albrecht hatte da oben hohe Gönner die mit einem Herrn
Gymnasialdirektor nicht viel Federlesens machten Das waren gewiss keine leeren
Worte gewesen die der Herr Minister neulich abends zu Albrecht gesprochen
hatte er hoffe bald Gelegenheit zu haben ihm seine Dankbarkeit für den
gehabten Genuss durch die Tat zu beweisen Hier war nun die Gelegenheit Der
Herr Direktor würde sich wundern
Der Herr aus dem Kultusministerium war nur kurze Zeit geblieben aber die
Unterredung musste von der größten Wichtigkeit gewesen sein er und Albrecht
hatten so leise gesprochen kaum ein Laut geschweige denn ein verständliches
Wort war durch die Tür die doch schlecht genug schloss aus seinem
Arbeitszimmer in das Berliner Zimmer gedrungen
Dann war Albrecht ausgegangen um nach einer Stunde wiederzukommen Abermals
nach einer Stunde hatte sich sein Freund Doktor Rodeck von der Universität
melden lassen zu einer Besprechung die sehr lange währte und bei der er ebenso
geheimnisvoll zuging wie bei der mit dem Herrn vom Kultus Diesmal handelte es
sich fraglos um die Berufung Albrechts zum Universitätslehrer Es war nur noch
nicht entschieden ob außerordentlicher oder ordentlicher Wenn Albrecht sich
nur nicht zu billig verkaufte Er war in solchen Fällen so lächerlich
bescheiden hatte gar keine Ahnung davon wie weit er die andern Leute
überragte Hätte sie doch nur bei den Verhandlungen zugegen sein dürfen Galt es
für Albrecht zu sprechen hatte es ihr im Leben noch nicht an den rechten Worten
gefehlt Aber das ging doch nun nicht Und Albrecht würde wenn nicht an sich
doch an Frau und Kinder denken und seine Bedingungen nicht zu niedrig stellen
So ein kluger klarer Kopf sobald er sich einmal die Mühe gab etwas ordentlich
zu überlegen Dann traf er ja immer das Richtige
Das alles stimmte Klara so heiter wie sie sich seit langer Zeit sie
meinte nie gefühlt Sie musste beinahe lachen wenn sie an ihre Angst gestern
abend dachte und an die gewiss ganz verrückte Miene mit der sie ihren armen
geplagten Albrecht empfangen hatte
Natürlich kam Doktor Rodeck noch einmal irgend ein wichtiger Punkt war
vergessen worden Ja verehrter Herr Doktor unter dem Ordentlichen tun wir es
nicht Und da beißt kein Mäuslein ein Fädlein ab
Auguste traute ihren Ohren nicht als sie Frau Professor in der Kinderstube
lachen und tollen und zuletzt gar singen hörte Sie war nun schon fünf Jahre bei
Professors Das war ihr noch nicht passiert
Über all dem Kommen und Gehen war es drei Stunden später als sonst mit dem
Mittagstisch geworden Das hätte unter normalen Umständen Klaras Geduld auf eine
harte Probe gestellt Heute fand sie es ganz in der Ordnung Helenchen die
jetzt wieder ganz munter auf den kleinen Füßen durch alle Zimmer lief und
Fritzchen hatten vorher essen müssen aber der Papa verlangte nach ihnen und so
durften sie mit bei Tisch sitzen und bekamen jedes eine halbe Birne und einen
Schluck aus Papas Glase Der arme Papa hatte es sich gestern und heute so sauer
werden lassen da musste eine von den sechs Flaschen die sie für die nächste
Gesellschaft in der Speiseklammer verwahrt hielt »springen« Und die Kinder
waren glücklich und sie war glückselig und Albrecht obgleich er von all den
Anstrengungen und Aufregungen noch ein wenig bleich aussah war so freundlich
so liebevoll zu ihr und den Kindern erzählte nach Tisch den Kleinen so reizende
Geschichtchen die er sich immer selbst ausdachte sprach mit ihr so herzlich
obgleich von der großen Angelegenheit natürlich nicht die Rede war Und als es
spät geworden und er sagte er sei zwar rechtschaffen müde aber das helfe nun
nicht er müsse noch drei oder vier wichtige Briefe schreiben und morgen zu
einer nochmaligen Besprechung mit Doktor Rodeck sehr früh ausgehen da sagte
sie nichts als dann gute Nacht Du liebster bester Mann Und sie hatte ihn
geküsst und er sie wie sie sich seit den Tagen ihres Brautstandes nicht wieder
geküsst
Nun war er in seinem Zimmer allein Allein mit dem grauenhaften Bewusstsein
seiner Schuld die er morgen früh mit dem Leben bezahlen sollte Nicht einen
Moment hatte er daran gezweifelt dass er auf dem Platze bleiben würde Von
Doktor Rodeck wusste er dass seinem Gegner schon von der Universität der Ruf
eines unfehlbar sichern Schützen gefolgt war er hatte seinem Sekundanten nicht
eingestehen mögen dass er kaum je eine Pistole in der Hand gehabt und ganz gewiss
keine abgeschossen hatte War er doch sogar auf Grund eines Herzfehlers den die
Ärzte herausgefunden haben wollten vom Militärdienst befreit gewesen Und heute
vormittag als die Herausforderung kam hatte er bei sich gesagt Gott sei Dank
so kommst du doch auf eine honette Art aus einem Leben in dem du nur in Scham
und Schande so weiter vegetieren könntest jetzt
Aber jetzt hatte er erst seine Briefe zu schreiben Die Augen brannten und
der Kopf schmerzte und das Herz hing ihm in der Brust wie ein schwerer Stein
geschrieben mussten die Briefe werden
Zuerst an den Direktor den er um Verzeihung bat für das Ärgernis das er
ihm gestern gegeben und dem er morgen ein noch viel schlimmeres folgen lassen
müsse An seine Tür klopfte nun der Tod den er in seines Sinnes Torheit
selbst heraufbeschworen und hinter dem Tod würde sich die Schattengestalt der
Not hereinschleichen sein Weib und seine Kinder mit ihrem grauen Gespinst
umstrickend Ihm gewähre es in diesen seinen letzten trüben Stunden einen Trost
zu wissen dass der Direktor in welchem er stets den ausgezeichneten Philologen
verehrt habe ein eben solcher Christ sei eingedenk der Christenpflicht gegen
Witwen und Waisen Sollte wie er fürchten müsse die Art seines Scheidens aus
dem Leben die Pensionsberechtigung seiner Frau kompromittieren der Freund der
Verlassenen werde es an einer warmen Befürwortung bei den höheren Instanzen
nicht fehlen lassen
Nun ein Brief an den Kultusminister ihn an sein neuliches Wort bescheiden
erinnernd und auf die Gelegenheit die ihm jetzt geboten werde sein Wort
einzulösen mit schwermutvollen tiefernsten Worten deutend
Nun an den GeneralIntendanten dem Lebenden sei das Schicksal seines
Trauerspiels das schon so lange in den Händen der Intendanz ruhe vorenthalten
geblieben Möchte es ein freundliches sein für sie denen er nach seinem Tode
nichts hinterlasse als etwa den Anspruch auf den bescheidenen Nachruhm den er
sich durch nimmermüdes Mühen um die Gunst der dramatischen Muse erworben zu
haben glaube
An seinen Verleger jetzt ihm nochmals dankend für das letzthin übersandte
reichliche Honorar und unter Bedingungen die jener selbst stellen möge den
Verlag übertragend der mehrere Bände füllenden Arbeiten in Versen und Prosa die
sich in seinem Nachlasse vorfinden würden
Auch an den MinisterialDirektor musste geschrieben werden der sich heute
brieflich über die nun ausgesprochene Relegation seines Otto bitter beklagt
aber daran den Wunsch geknüpft hatte dass die leidige Sache an deren Ausgang
Albrecht sicher keine Schuld trage in den für ihn und seine Familie so
erfreulichen angenehmen Beziehungen zu dem geistreichen Hausdichter keinerlei
Störung veranlassen werde
Der gute Mann von dem er stets nur Liebes erfahren hatte das Recht zu
verlangen dass er nicht aus dem Leben ging ohne Abschied von ihm genommen zu
haben
Es war zwei Uhr als Albrecht diese Briefe beendet hatte Sie waren ihm
nicht leicht geworden aber vor dem der ihm noch zu schreiben blieb dem
letzten krampfte sich sein Herz in Jammer und Schmerz zusammen und er betete
ob dieser bitterste Kelch nicht an ihm vorübergehen könne wissend dass er ihn
werde leeren müssen bis auf die Neige
Ein langer langer Brief Während er ihn jetzt zögernd jetzt mit
fliegender Feder schrieb verdunkelten sich wiederholt seine Augen von den
hervorbrechenden Tränen und mehr als eine fiel auf das Papier Seit seinen
frühesten Knabenjahren hatte kein körperlicher oder seelischer Schmerz ihm
Tränen erpressen können Dieser schämte er sich nicht Er hätte sich totweinen
mögen musste er sich den unendlichen Jammer das furchtbare Herzeleid ausmalen
das er nun der Guten Lieben Braven bereiten sollte für die abgöttische Liebe
mit der sie ihn geliebt hatte Zu seiner eigenen Verwunderung bedrückte ihn
dabei was andern wohl als das Schrecklichste erschienen wäre das Bekenntnis
seiner Schuld am wenigsten War er doch überzeugt sie würde ihm aufs Wort
glauben wenn er ihr schrieb es war eine von den Torheiten meiner Phantasie
die Du ja kennst und für die Du immer ein Verständnis gehabt hast wenn Du Dir
auch oft den Anschein des Gegenteils gabst Du Gute mochtest ahnen welche
Gefahr auf diesem Wege liegt und es da einen Punkt gibt über den hinaus die
Torheit zum Verbrechen wird Aber bei dem was uns das Teuerste auf Erden ist
bei dem Leben und den Häuptern unsrer Kinder schwöre ich Dir verbrecherisch
wie das ist dessen ich mich zeihe es war doch nur ein Rausch der Phantasie
der meine Sinne kaum gestreift hat Ich glaubte die Schönheit nach der meine
Seele lechzt verkörpert zu sehen bis der Wahn zerstob und ich inne wurde dass
alles was das scheinbare Götterwerk über alles Irdische hinauszurücken schien
nichts war als der Glanz mit dem ich selbst es ausgestattet hatte und wieder
einmal ein törichter Pygmalion vor seiner Galatea kniete Hunderte von Poeten
vor mir sind in denselben Wahn verfallen hunderte werden es nach mir tun Die
Busse blieb keinem aus wird keinem ausbleiben Dass die meine so schwer sein soll
ich habe noch stets die Folgen meiner Schwächen und Irrtümer willig auf mich
genommen Ich würde es mit diesen so grausam sie sind und in welchem
schreienden Missverhältnis sie mit meiner Verschuldung stehen nicht anders
halten wäre es nicht um Dich mein teures Weib Ich spreche nicht von den
Kindern Sie werden mich leicht vergessen unschwer entbehren und Kinder die
eine Mutter haben wie sie können selbst in dieser mitleidslosen Welt nicht
untergehen Aber Du Du die Du mich nie vergessen nie mich entbehren lernen
wirst Und nun den Kampf mit der Welt so weiter kämpfen musst ohne ihn um dessen
willen Du Dein Kreuz willig auf Dich nahmst ohne Freude als die welche Dir
es ist mein letztes innigstes Gebet aus unsern Kindern erblühen möge Lebe
wohl Du Einzige Beste Und zum letztenmal lebe wohl
Er hatte den Brief gesiegelt und zu den andern in den Umschlag getan der
ebenfalls versiegelt den Vermerk trug Nach meinem Tode zu eröffnen
Nun stand er am Fenster gegen dessen kalte Scheiben er die fiebernde Stirn
drückte Vier Uhr war schon vorüber um sieben pünktlich wollte Doktor Rodeck
ihn abholen Der Freund hatte ihn dringend gebeten sich während der Nacht Ruhe
zu gönnen es komme alles darauf an dass er sich morgen frisch fühle ein klares
Auge und eine sichere Hand habe Und er war müde so müde Er wollte sich auf
das Sofa legen und stand doch immerfort am Fenster in die Finsternis
hineinstarrend während allerhand Bilder die er nicht rief und nicht bannen
konnte durch seine Seele zogen Keine aus den letzten Tagen die ausgelöscht
schienen als wären sie nie gewesen alle aus der ferneren aus der fernsten
Vergangenheit Er war wieder der kleine Knabe der mit einer langen Weidenrute
seine Gänse vor sich her durch die mageren Stoppeln trieb nach Hause nach dem
Dorf da unten aus dessen Schornsteinen die abendlichen Rauchwolken kerzengrade
in die bläuliche Nebelluft stiegen Oder er saß auf einem Felsblock der aber
ein Thron war von dem aus er der Prinz seine Getreuen musterte die wie
Schafe aussahen aber tapfere Ritter waren mit denen er in den Krieg gegen
Heiden und Mohren ziehen wollte welche die schöne Prinzessin in dem stählernen
Turm gefangen hielten Dann sagte ein Stimmchen das ist ja alles dummes Zeug
Ich bin keine Prinzessin und gefangen bin ich auch nicht Komm herunter Du
wolltest mir schon gestern das Finkennest aus der Buche holen Die kleinen Vögel
sind alle ausgeflogen und ich habe das Nest so nötig für meine Puppe die kein
Kopfkissen hat Wozu braucht sie das sagte er sie hat ja keinen Kopf Den
siehst Du nur nicht weil Du ein Junge bist sagte sie wenn Du ein Mädchen
wärst könntest Du ihn ganz gut sehen Nun mach das Du herab kommst oder ich
gehe nach Haus und dann kannst Du lange suchen ehe Du eine findest die Deine
dummen Geschichten mit anhören will Dann lag er im dürren Laube auf dem
Rücken und sein Kopf auf ihrem Schoss Der Kopf tat ihm weh und sie hatte ein
blasses verheultes Gesichtchen und sagte er sei als er schon dicht an dem
Nest war auf einen morschen Ast getreten und so hoch heruntergestürzt und sie
habe gemeint er sei tot Sie habe eine so grässliche Angst gehabt das Blut aus
dem großen Loch in der Stirn habe gar nicht stehen wollen trotzdem sie ihre
Schürze in zwei Stücke gerissen und ihm immer eines auf die Wunde gedrückt habe
während das andre da im Bach liege und auskühle
Er fuhr jäh aus seinen halbwachen Träumen auf Ganz deutlich hatte er
diesmal nicht einen Knaben sondern einen Mann gesehen der war er gewesen und
sein Kopf aus dessen Stirn das Blut in schwarzen Tropfen rann hatte auf dem
Schoße einer Frau gelegen ihrem Schoße Und plötzlich hatte sie die Hände über
ihm zusammengekrampft und vor sich hinstierend ganz leise und doch mit
fürchterliches Deutlichkeit gesagt er ist tot
In wilder Verstörung blickte er um sich Sie war nicht da Er selbst musste
es gesagt haben Stand er auf dem Punkte verrückt zu werden
Um Gottes Barmherzigkeit nur das nicht nicht das Sie würden sagen er ist
es aus Furcht geworden Die Schmach sollen sie mir nicht antun dürfen die
hochmütigen Junker Ich habe mich aus dem Heer der Armen und Elenden in ihre
Reihen gedrängt Gott seis geklagt und trage die Strafe für meine Felonie
Damit sei es genug
Ein wilder Trotz war über ihn gekommen Er hatte sich auf das Sofa geworfen
die Arme über die Brust verschränkt eine schwere Falte zwischen den
zusammengezogenen Brauen über den geschlossenen Augen
Abgerissene wirre Worte kamen gemurmelt über seine Lippen
Er konnte nicht schlafen und hatte kein Frau keine Kinder das ist ja
nichts Frau und Kinder da liegts und wusste dass er für die Menschheit
starb für eine große heilige Idee wofür sterbe ich einen Wahn eine
Seifenblase und hatte das Paradies vor sich ich das Nichts das öde leere
Nichts
Und kann doch schlafen schlafen
Achtundzwanzigstes Kapitel
Am nächsten Morgen kurz nach neun kam durch den Nebel der über der Stadt lag
und mit jeder Minute dicker zu werden schien von Westen her ein geschlossener
Wagen langsam die Lützowstrasse heraufgefahren bog durch das Gittertor des
ElisabetKrankenhauses und hielt vor dem Portale Ein Schwerverwundeter wurde
ausgeladen und in ein Zimmer geschafft das Dr Herbert einer von den zwei
Herren die den Verwundeten begleiteten tags zuvor den ihm befreundeten
Assistenzarzt der Anstalt auf alle Fälle bereit zu halten gebeten hatte Dr
Rodeck der andere der beiden Begleiter blieb in dem Vorraum während die
beiden jungen Ärzte mit dem Oberarzt der sich alsbald eingefunden ihre
Untersuchung anstellten Dr Rodeck war an das breite Fenster getreten und
starrte auf die entlaubten Bäume des Gartens durch deren Gespensterarme der
Nebel in grauen Schwaden zog Das Furchtbare das er während dieser letzten
Stunden erlebt wollte ihm das Herz abdrücken und nicht minder Furchtbares ja
das Furchtbarste von allem erwartete ihn Er seufzte tief auf und wandte sich
zu Dr Herbert um der aus dem Untersuchungszimmer zu ihm trat
Es ist wie ich diagnosierte sagte er leise die Kugel hat über dem
Jochbein rechts an der innern Schädelwand ihren Weg genommen und steckt hinten
an einer Stelle die sich nicht mit Bestimmtheit ermitteln ließ Es kommt auch
wenig darauf an
Also keine Hoffnung
Gar keine Er hat keine zwei Stunden mehr zu leben
Und wird nicht wieder zum Bewusstsein kommen
Unmöglich
O mein Gott mein Gott murmelte Dr Rodeck
Ja lieber Freund es ist ein saurer Gang aber das hilft doch nun nicht
Die arme Frau muss es jetzt erfahren Kennen Sie sie
Ganz oberflächlich
Na wie gesagt Das hilft nun nicht Ich will wieder zu dem Patienten Es
ist ein interessanter Fall
Der junge Arzt war gegangen Dr Rodeck stand noch eine kleine Weile
versunken im Nachdenken über die ersten Worte mit denen er die Ärmste auf das
Grässliche vorbereiten sollte schüttelte verzweifelt den Kopf fühlte in der
Tasche nach den Schlüsseln die ihm Albrecht bevor er sich aufstellte gegeben
hatte seufzte noch einmal drückte mit einem jähen Entschluss den Hut fester in
die Stirn und verließ den Vorraum
Ein paar Stunden später es ging bereits auf Mittag saß Adele in der
Wohnstube mit einer Näharbeit beschäftigt und wartete auf Klotilde die aus
dem Logierzimmerchen noch immer nicht zum Vorschein gekommen war Wahrscheinlich
kramte sie in den Sachen die sie sich gestern abend spät aus ihrer Wohnung
hatte holen lassen
Wie sie für so was noch Sinn haben kann in einem solchen Augenblick
unbegreiflich sagte Adele bei sich
Was sollte daraus werden Klotilde schien sich darüber kaum Gedanken
geschweige denn Sorge zu machen trotzdem der Brief den sie gestern auf
Andringen man konnte sagen auf Befehl Elimars an Viktor geschrieben hatte bis
zur Stunde unbeantwortet geblieben war Den Brief hatte sie weder ihr noch
Elimar zeigen wollen Ihr werdet doch nicht damit zufrieden sein hatte sie sich
entschuldigt Ihr nehmt so was immer gleich tragisch Das ist Unsinn Ich kenne
Viktor Sinn für Humor hat er freilich auch nicht Aber Sentimentalität und
dergleichen kann er noch weniger leiden Wenn man vernünftig mit ihm spricht
nimmt er auch Vernunft an
Ich habe mich davon heute nicht überzeugen können sagte Elimar
Ja worüber habt Ihr eigentlich verhandelt rief Klotilde
Ich muss bitten darüber vorläufig schweigen zu dürfen erwiderte Elimar Nur
so viel die Sache steht nicht gut für Sie liebe Klotilde nicht für Sie und
für keinen der Beteiligten Ich rate Ihnen sehr ernstlich sich auf Schlimmeres
gefasst zu machen
Darüber war denn doch Klotilde für einen Augenblick stutzig geworden
Elimar hatte es in einem so eigenen Ton gesagt ordentlich feierlich dann aber
hatte sie gleich wieder den Kopf geschüttelt und gemeint Ihr wollt mir nur
bange machen Wirklich Ihr kennt Viktor nicht Er sollte einer solchen
nichtigen Farce willen lächerlich
Sie will nicht hören so wird sie denn wohl leider fühlen müssen hatte
Elimar als Klotilde aus dem Zimmer war vor sich hingemurmelt
Weiter war er aber auch ihr gegenüber mit seinen Mitteilungen nicht
gegangen und sie hatte nicht mehr gefragt Wenn Elimar schwieg hatte er seine
guten Gründe Das musste sie doch wissen
Aber er war gestern den ganzen Tag sichtbar verstimmt geblieben und hatte
was Adele auffiel Klotilde möglichst vermieden Heute morgen hatte er sogar
noch ernster drein geblickt fast kein Wort gesprochen und nur als er auf sein
Bureau ging kurz gesagt Wenn etwas Besonders vorfallen sollte kannst Du Karl
nach mir schicken Er soll mich herausrufen lassen
Das war doch genug um eine arme Frau in tausend Ängste zu jagen Und
Klotilde konnte währenddessen an ihren albernen Garderobekram denken
Endlich
Klotilde kam herein in einem prachtvollen resedagrünen Schlafrock mit sehr
vielen Bändern und Schleifen
Verzeihung Herz ich habe heute lange gebraucht und Dich warten lassen Die
dumme Person von Julie hat mir lauter falsche Sachen geschickt trotzdem ich
ihr wie Du weißt jedes Stück einzeln aufgeschrieben habe Ich merke ich bin
schon zu lange von Hause weg Was siehst Du mich so wunderlich an Du meinst
und schon zu lange hier
Wie magst Du nur so sprechen
Lieber Schatz ich bin Euch lästig Das würde mittlerweile auch eine andre
herausgebracht haben die weniger scharfe Augen hätte als ich Elimar behandelt
mich miserabel und freundlichere Gesichter als Du eben eins machst habe ich
auch schon gesehen
Wie willst Du dass wir andere machen wenn wir uns so um Dich ängstigen
Aber um Gottes willen weshalb Ich weiß ja ganz gut was Deinem Manne
und natürlich auch Dir Ihr seid ja ein Herz und eine Seele im Kopfe
herumgeht dass Viktor den Mann fordert Ich habe es mir überlegt und bin zu dem
Resultat gekommen Viktor wird sich hüten Was hätte er davon An seiner
Schneidigkeit zweifelt kein Mensch von der hat er zu viele Beweise gegeben
Nun und große Ehre ist doch nicht bei einem Duell zu holen bei dem der andre
auf einer so viel tieferen gesellschaftlichen Stufe steht Weiter Viktor kennt
die Welt in seiner Weise recht gut und weiß ganz genau man kann ihr keinen
größeren Gefallen tun als wenn man ihr Stoff zum Skandal gibt Er wird sich
hüten in einem Augenblicke wo er vor dem Regierungsrat hält wenn er nicht
einen Landratsposten vorzieht zu dem ich dringend geraten habe Er soll mich
nur gewähren lassen Nur noch ein bisschen etwas dreistere Flirtation mit
Excellenz et le tour est fait
Klotilde machte ein paar triumphierende Schritte durch das Zimmer blieb
dann wieder vor Adele stehen und fuhr fort
Und angenommen das heißt ich nehme es nicht an es käme zum Duell Was
wäre denn dabei so Außerordentliches Die Herren fordern einander um ein
unüberlegtes Wort schon wenn einer den andern fixiert wie sie es nennen
Viktor renommiert mit den vielen Duellen die er gehabt hat Er sagt zwanzig Es
ist möglich ich bin nicht dabei gewesen So viel ist gewiss er wird nicht den
kürzeren ziehen
Aber der Professor
Sehr wahrscheinlich
Und Klotilde begann wieder ihre Wanderung durch das Zimmer
Adele blickte ratlos vor sich hin Klotilde wurde ihr immer rätselhafter
Aber Du musst den Mann doch geliebt haben rief sie ganz verzweifelt
Keinen Moment sagte Klotilde
Sie war Adele den Rücken wendend an eine Etagère getreten uns schob die
dort aufgestellten Nippes durcheinander
Das heißt offen gestanden ich bin gar nicht sicher ob ich genau weiß
was Liebe ist Gibt es überhaupt welche und ist nicht alles bloß eine façon de
parler Nach meinen Beobachtungen wenigstens reden sich die Leute so was immer
nur ein um es sich nach einiger Zeit wenn sie davon genug wieder auszureden
So viel glaube ich aber davon zu verstehen dass man einen Mann nicht lieben
kann der so große rote Hände hat
Mein Gott ich habe auch rote Hände rief Adele kläglich
Aber sie sind nicht groß sagte Klotilde zu ihr zurückkommend und sich vor
ihr auf einen Sessel setzend Zeig mal her Sie sind wirklich ein bisschen rot
Aber wie kannst Du es anders verlangen wenn Du so in der Wirtschaft aufgehst
wie ich es gestern und heute zu meinem Entsetzen beobachtet habe Du spielst ja
Deine eigene Jungfer und Köchin dazu Ganz unnötigerweise meine ich man
erzieht sich damit nur faule Leute Aber wenn Du es durchaus nicht lassen
kannst so trage wenigstens in der Nacht Handschuhe nachdem Du vorher die Hände
nur ganz leicht mit crême Simon
Sie brach plötzlich ab an der Schelle der Flurtür war heftig gerissen
worden Dann auf dem Flur eine fremde Stimme der das Mädchen etwas erwiderte
Dann hastige Schritte nach dem Salon zu Die Tür flog auf und herein stürzte
eine kleine untersetzte Frau in wenig modischer Kleidung bei deren Anblick
Adele einen Schrei außstieß und Klotilde vom Sessel emporschnellend
erbleichte
Sie hatten Klara nur einmal auf dem Balle bei Sudenburgs gesehen aber auch
ohne das hätten sie gewusst wer es war
Fürchten Sie nichts sagte Klara zu Adele mit seltsam heiseren Ton ich hab
es nur mit der da zu tun
Sie schritt auf Klotilde zu
Was wollen Sie von mir murmelte Klotilde zurückweichend
Meinen Mann will ich schrie Klara mit jetzt gellender Stimme Meinen Mann
den Sie mir gemordet haben
Du grundgütiger Gott stöhnte Adele ihr Gesicht in die Hände drückend
Klotilde hatte instinktiv eine Bewegung nach der Tür des Speisezimmers gemacht
Klara war ihr in den Weg getreten
O ja Unglück anrichten das kann man dem Unglück das man angerichtet hat
ins Gesicht sehen das kann man nicht
Liebe beste Frau Professor sagte Adele ich
Schweigen Sie doch rief Klara Mit Ihnen habe ich ja nichts zu schaffen Zu
Ihnen wäre ich nicht gekommen wenn man mir nicht gesagt hätte dass ich diese
hier finden würde diese elende Person
Hüten Sie Ihre Zunge sagte Klotilde mit einem gewaltsamen Versuch die
vornehme Dame herauszukehren
Hüten Sie Ihre hochmütige Fratze schrie Klara mit funkelnden Augen und
gespreizten Händen vor sie hintretend so dass sie abermals erschrocken
zurückwich Sehen Sie mich nicht an als wäre ich verrückt Danken Sie Gott dass
ich es nicht bin Oder ich schlüge Ihnen meine Nägel in Ihre geschminkten Backen
und zeichnete Sie wie Sie es verdienen
Genug sagte Klotilde jetzt mit Entschlossenheit auf die Tür zugehend
Aber sie hatte noch nicht zwei Schritte gemacht als sie von Klara am Handgelenk
gepackt und mit solcher Kraft zurückgeschleudert wurde dass sie vor Schmerz
stöhnend auf dem Sofa zusammenknickte
Aber auch Klaras tobende Wut schien gebrochen Sie fuhr sich mit beiden
Händen an den Kopf auf dem unter dem verdrückten Hut das gelbblonde krause
Haar in wirren Strähnen hervorquoll und murmelte Was habe ich nur gewollt was
habe ich nur gewollt
Plötzlich ließ sie die Hände wieder fallen Ihr vorher gerötetes Gesicht war
todbleich ihre tief in die Höhlen zurückgesunkenen Augen hatten einen gläsern
starren Ausdruck und ihre Stimme als sie nun wieder zu sprechen anhub klang
unheimlich ruhig
Das wars Meinen Mann dem ich vor einer Stunde die Augen zugedrückt habe
konnten Sie mir nicht wiedergeben unseren verwaisten Kindern nicht ihren Vater
Aber ohne meinen Fluch sollen Sie doch nicht weiter leben Kokettieren und
grimassieren und buhlen Sie nur so weiter seien Sie sicher mein Fluch
begleitet Sie auf Tritt und Schritt Und der blutige Schatten des dem Sie sein
frühes Grab gegraben haben Ja verflucht tausendmal verflucht sei fortan Ihr
Leben Es müsste keinen Gott im Himmel geben bliebe das ungehört
Sie hatte sich zu Adele gewandt
Man sagte mir dass Sie eine gute Frau sind Sie würden auch sonst nicht so
weinen Dann jagen Sie die da von Ihrer Schwelle Die gehört in kein reines
Haus Leben Sie wohl
Erlauben Sie gnädige Frau dass ich Sie begleite
Elimar stand in dem Zimmer in Uniform den Säbel an der Seite die Mütze in
der Hand wie er vor einer Minute in sein Arbeitskabinett vom Flur aus getreten
war Niemand hatte ihn komme hören
Wer sind Sie sagte Klara einen irren Blick auf ihn heftend
Ein Freund erwiderte Elimar den sie nicht zurückweisen werden Sie
bedürfen jetzt eines Freundes Bitte nehmen Sie meinen Arm
Es war ein so herzlicher Klang in seiner tiefen Stimme Klara schaute zu der
hohen Gestalt hinauf nicht mehr irr mit großen Augen aus denen plötzlich die
Tränen stromweis stürzten Sie hatte seine Hand ergriffen und wollte sie an
ihren Mund drücken
Nicht doch nicht doch sagte er abwehrend Kommen Sie
Er hatte ihren Arm in den seinen gelegt und mit ihr das Zimmer verlassen
Adelen mit den Augen winkend Für Klotilde hatte er keinen Blick gehabt
Die Flurtür war gegangen auf dem Korridor war es wieder still Adele
unfähig zu sprechen hatte sich über ihren Nähkorb gebeugt in den von ihren
Wimpern Tropfen um Tropfen fiel
Plötzlich schreckte sie auf bei einem seltsamen Schrei der hinter ihr
erscholl und halb wie lautes Schluchzen halb wie gellendes Lachen klang
Klotilde lag vor dem Sofa auf den Knieen das Gesicht in die flachen Hände
pressend während der schlanke Leib in krampfhaftem Weinen zuckte