1897-8_Fontane_Stechlin.html




        
                                Theodor Fontane
                                  Der Stechlin
                                     Roman
                                 Schloss Stechlin
                                 Erstes Kapitel
Im Norden der Grafschaft Ruppin hart an der mecklenburgischen Grenze zieht
sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin und noch darüber hinaus
eine mehrere Meilen lange Seenkette durch eine menschenarme nur hie und da mit
ein paar alten Dörfern sonst aber ausschließlich mit Förstereien Glas und
Teeröfen besetzte Waldung Einer der Seen die diese Seenkette bilden heißt
»der Stechlin« Zwischen flachen nur an einer einzigen Stelle steil und
quaiartig ansteigenden Ufern liegt er da rundum von alten Buchen eingefasst
deren Zweige von ihrer eignen Schwere nach unten gezogen den See mit ihrer
Spitze berühren Hie und da wächst ein weniges von Schilf und Binsen auf aber
kein Kahn zieht seine Furchen kein Vogel singt und nur selten dass ein Habicht
drüber hinfliegt und seinen Schatten auf die Spiegelfläche wirft Alles still
hier Und doch von Zeit zu Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig Das
ist wenn es weit draußen in der Welt seis auf Island seis auf Java zu
rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane
bis weit auf die Südsee hinausgetrieben wird Dann regt sichs auch hier und
ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe Das wissen alle die
den Stechlin umwohnen und wenn sie davon sprechen so setzen sie wohl auch
hinzu »Das mit dem Wasserstrahl das ist nur das Kleine das beinah
Alltägliche wenns aber draußen was Großes gibt wie vor hundert Jahren in
Lissabon dann brodelts hier nicht bloß und sprudelt und strudelt dann steigt
statt des Wasserstrahls ein roter Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein«
Das ist der Stechlin der See Stechlin
    Aber nicht nur der See führt diesen Namen auch der Wald der ihn
umschließt Und Stechlin heißt ebenso das langgestreckte Dorf das sich den
Windungen des Sees folgend um seine Südspitze herumzieht Etwa hundert Häuser
und Hütten bilden hier eine lange schmale Gasse die sich nur da wo eine von
Kloster Wutz her heranführende Kastanienallee die Gasse durchschneidet
platzartig erweitert An eben dieser Stelle findet sich denn auch die ganze
Herrlichkeit von Dorf Stechlin zusammen das Pfarrhaus die Schule das
Schulzenamt der Krug dieser letztere zugleich ein Eck und Kramladen mit einem
kleinen Mohren und einer Girlande von Schwefelfäden in seinem Schaufenster
Dieser Ecke schräg gegenüber unmittelbar hinter dem Pfarrhause steigt der
Kirchhof lehnan auf ihm so ziemlich in seiner Mitte die frühmittelalterliche
Feldsteinkirche mit einem aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Dachreiter und
einem zur Seite des alten Rundbogenportals angebrachten Holzarm dran eine
Glocke hängt Neben diesem Kirchhof samt Kirche setzt sich dann die von Kloster
Wutz her heranführende Kastanienallee noch eine kleine Strecke weiter fort bis
sie vor einer über einen sumpfigen Graben sich hinziehenden und von zwei
riesigen Findlingsblöcken flankierten Bohlenbrücke haltmacht Diese Brücke ist
sehr primitiv Jenseits derselben aber steigt das Herrenhaus auf ein
gelbgetünchter Bau mit hohem Dach und zwei Blitzableitern
    Auch dieses Herrenhaus heißt Stechlin Schloss Stechlin
Etliche hundert Jahre zurück stand hier ein wirkliches Schloss ein Backsteinbau
mit dicken Rundtürmen aus welcher Zeit her auch noch der Graben stammt der die
von ihm durchschnittene sich in den See hinein erstreckende Landzunge zu einer
kleinen Insel machte Das ging so bis in die Tage der Reformation Während der
Schwedenzeit aber wurde das alte Schloss niedergelegt und man schien es seinem
gänzlichen Verfall überlassen auch nichts an seine Stelle setzen zu wollen bis
kurz nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I die ganze Trümmermasse
beiseite geschafft und ein Neubau beliebt wurde Dieser Neubau war das Haus das
jetzt noch stand Es hatte denselben nüchternen Charakter wie fast alles was
unter dem Soldatenkönig entstand und war nichts weiter als ein einfaches Korps
de logis dessen zwei vorspringende bis dicht an den Graben reichende
Seitenflügel ein Hufeisen und innerhalb desselben einen kahlen Vorhof bildeten
auf dem als einziges Schmuckstück eine große blanke Glaskugel sich
präsentierte Sonst sah man nichts als eine vor dem Hause sich hinziehende
Rampe von deren dem Hofe zugekehrter Vorderwand der Kalk schon wieder abfiel
Gleichzeitig war aber doch ein Bestreben unverkennbar gerade diese Rampe zu was
Besonderem zu machen und zwar mit Hilfe mehrerer Kübel mit exotischen
Blattpflanzen darunter zwei Aloes von denen die eine noch gut im Stande die
andre dagegen krank war Aber gerade diese kranke war der Liebling des
Schlossherrn weil sie jeden Sommer in einer ihr freilich nicht zukommenden Blüte
stand Und das hing so zusammen Aus dem sumpfigen Schlossgraben hatte der Wind
vor langer Zeit ein fremdes Samenkorn in den Kübel der kranken Aloe geweht und
alljährlich schossen infolge davon aus der Mitte der schon angegelbten
Aloeblätter die weiß und roten Dolden des Wasserliesch oder des Butomus
umbellatus auf Jeder Fremde der kam wenn er nicht zufällig ein Kenner war
nahm diese Dolden für richtige Aloeblüten und der Schlossherr hütete sich wohl
diesen Glauben der eine Quelle der Erheiterung für ihn war zu zerstören
    Und wie denn alles hier herum den Namen Stechlin führte so natürlich auch
der Schlossherr selbst Auch er war ein Stechlin
    Dubslav von Stechlin Major a D und schon ein gut Stück über Sechzig
hinaus war der Typus eines Märkischen von Adel aber von der milderen
Observanz eines jener erquicklichen Originale bei denen sich selbst die
Schwächen in Vorzüge verwandeln Er hatte noch ganz das eigentümlich sympathisch
berührende Selbstgefühl all derer die »schon vor den Hohenzollern da waren«
aber er hegte dieses Selbstgefühl nur ganz im stillen und wenn es dennoch zum
Ausdruck kam so kleidete sichs in Humor auch wohl in Selbstironie weil er
seinem ganzen Wesen nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte Sein
schönster Zug war eine tiefe so recht aus dem Herzen kommende Humanität und
Dünkel und Überheblichkeit während er sonst eine Neigung hatte fünf gerade
sein zu lassen waren so ziemlich die einzigen Dinge die ihn empörten Er hörte
gern eine freie Meinung je drastischer und extremer desto besser Dass sich
diese Meinung mit der seinigen deckte lag ihm fern zu wünschen Beinah das
Gegenteil Paradoxen waren seine Passion »Ich bin nicht klug genug selber
welche zu machen aber ich freue mich wenns andre tun es ist doch immer was
drin Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht und wenn es welche gibt
so sind sie langweilig« Er ließ sich gern was vorplaudern und plauderte selber
gern
    Des alten Schlossherrn Lebensgang war märkischherkömmlich gewesen Von jung
an lieber im Sattel als bei den Büchern war er erst nach zweimaliger Scheiterung
siegreich durch das Fähnrichsexamen gesteuert und gleich danach bei den
brandenburgischen Kürassieren eingetreten bei denen selbstverständlich auch
schon sein Vater gestanden hatte Dieser sein Eintritt ins Regiment fiel so
ziemlich mit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV zusammen und wenn er
dessen erwähnte so hob er sich selbst persiflierend gerne hervor »dass alles
Große seine Begleiterscheinungen habe« Seine Jahre bei den Kürassieren waren im
wesentlichen Friedensjahre gewesen nur Anno vierundsechzig war er mit in
Schleswig aber auch hier ohne »zur Aktion« zu kommen »Es kommt für einen
Märkischen nur darauf an überhaupt mit dabeigewesen zu sein das andre steht in
Gottes Hand« Und er schmunzelte wenn er dergleichen sagte seine Hörer
jedesmal in Zweifel darüber lassend ob ers ernstaft oder scherzhaft gemeint
habe Wenig mehr als ein Jahr vor Ausbruch des vierundsechziger Kriegs war ihm
ein Sohn geboren worden und kaum wieder in seine Garnison Brandenburg
eingerückt nahm er den Abschied um sich auf sein seit dem Tode des Vaters halb
verödetes Schloss Stechlin zurückzuziehen Hier warteten seiner glückliche Tage
seine glücklichsten aber sie waren von kurzer Dauer  schon das Jahr darauf
starb ihm die Frau Sich eine neue zu nehmen widerstand ihm halb aus
Ordnungssinn und halb aus ästetischer Rücksicht »Wir glauben doch alle mehr
oder weniger an eine Auferstehung« das heißt er persönlich glaubte eigentlich
nicht daran »und wenn ich dann oben ankomme mit einer rechts und einer links
so is das doch immer eine genierliche Sache« Diese Worte  wie denn der Eltern
Tun nur allzu häufig der Missbilligung der Kinder begegnet  richteten sich in
Wirklichkeit gegen seinen dreimal verheiratet gewesenen Vater an dem er
überhaupt allerlei Großes und Kleines auszusetzen hatte so beispielsweise auch
dass man ihm dem Sohne den pommerschen Namen »Dubslav« beigelegt hatte »Gewiss
meine Mutter war eine Pommersche noch dazu von der Insel Usedom und ihr
Bruder nun ja der hieß Dubslav Und so war denn gegen den Namen schon um des
Onkels willen nicht viel einzuwenden und um so weniger als er ein Erbonkel
war Dass er mich schließlich schändlich im Stich gelassen ist eine Sache für
sich Aber trotzdem bleib ich dabei solche Namensmanscherei verwirrt bloß Was
ein Märkischer ist der muss Joachim heißen oder Woldemar Bleib im Lande und
taufe dich redlich Wer aus Friesack is darf nicht Raoul heißen«
    Dubslav von Stechlin blieb also Witwer Das ging nun schon an die dreißig
Jahre Anfangs wars ihm schwer geworden aber jetzt lag alles hinter ihm und
er lebte »comme philosophe« nach dem Wort und Vorbild des großen Königs zu dem
er jederzeit bewundernd aufblickte Das war sein Mann mehr als irgendwer der
sich seitdem einen Namen gemacht hatte Das zeigte sich jedesmal wenn ihm
gesagt wurde dass er einen Bismarckkopf habe »Nun ja ja den hab ich ich soll
ihm sogar ähnlich sehen Aber die Leute sagen es immer so als ob ich mich dafür
bedanken müsste Wenn ich nur wüsste bei wem vielleicht beim lieben Gott oder
am Ende gar bei Bismarck selbst Die Stechline sind aber auch nicht von
schlechten Eltern Außerdem ich für meine Person ich habe bei den sechsten
Kürassieren gestanden und Bismarck bloß bei den siebenten und die kleinere
Zahl ist in Preußen bekanntlich immer die größere  ich bin ihm also einen
über Und Friedrichsruh wo alles jetzt hinpilgert soll auch bloß ne Kate
sein Darin sind wir uns also gleich Und solchen See wie den Stechlin nu den
hat er schon ganz gewiss nicht So was kommt überhaupt bloß selten vor«
    Ja auf seinen See war Dubslav stolz aber desto weniger stolz war er auf
sein Schloss weshalb es ihn auch verdross wenn es überhaupt so genannt wurde
Von den armen Leuten ließ er sichs gefallen »Für die ist es ein Schloss aber
sonst ist es ein alter Kasten und weiter nichts« Und so sprach er denn lieber
von seinem »Haus« und wenn er einen Brief schrieb so stand darüber »Haus
Stechlin« Er war sich auch bewusst dass es kein Schlossleben war das er führte
Vordem als der alte Backsteinbau noch stand mit seinen dicken Türmen und
seinem Luginsland von dem aus man über die Kronen der Bäume weg weit ins Land
hinaussah ja damals war hier ein Schlossleben gewesen und die derzeitigen
alten Stechline hatten teilgenommen an allen Festlichkeiten wie sie die
Ruppiner Grafen und die mecklenburgischen Herzöge gaben und waren mit den
Boitzenburgern und den Bassewitzens verschwägert gewesen Aber heute waren die
Stechline Leute von schwachen Mitteln die sich nur eben noch hielten und
beständig bemüht waren durch eine »gute Partie« sich wieder leidlich in die
Höhe zu bringen Auch Dubslavs Vater war auf die Weise zu seinen drei Frauen
gekommen unter denen freilich nur die erste das in sie gesetzte Vertrauen
gerechtfertigt hatte Für den jetzigen Schlossherrn der von der zweiten Frau
stammte hatte sich daraus leider kein unmittelbarer Vorteil ergeben und
Dubslav von Stechlin wäre kleiner und großer Sorgen und Verlegenheiten nie los
und ledig geworden wenn er nicht in dem benachbarten Gransee seinen alten
Freund Baruch Hirschfeld gehabt hätte Dieser Alte der den großen Tuchladen am
Markt und außerdem die Modesachen und Damenhüte hatte hinsichtlich deren es
immer hieß »Gerson schicke ihm alles zuerst«  dieser alte Baruch ohne das
»Geschäftliche« darüber zu vergessen hing in der Tat mit einer Art Zärtlichkeit
an dem Stechliner Schlossherrn was wenn es sich mal wieder um eine neue
Schuldverschreibung handelte regelmäßig zu heikeln Auseinandersetzungen
zwischen Hirschfeld Vater und Hirschfeld Sohn führte
    »Gott Isidor ich weiß du bist fürs Neue Aber was ist das Neue Das Neue
versammelt sich immer auf unserm Markt und mal stürmt es uns den Laden und
nimmt uns die Hüte Stück für Stück und die Reiherfedern und die
Straussenfedern Ich bin fürs Alte und für den guten alten Herrn von Stechlin Is
doch der Vater von seinem Großvater gefallen in der großen Schlacht bei Prag und
hat gezahlt mit seinem Leben«
    »Ja der hat gezahlt wenigstens hat er gezahlt mit seinem Leben Aber der
von heute«
    »Der zahlt auch wenn er kann und wenn er hat Und wenn er nicht hat und ich
sage Herr von Stechlin ich werde schreiben siebeneinhalb dann feilscht er
nicht und dann zwackt er nicht Und wenn er kippt nu da haben wir das Objekt
Mittelboden und Wald und Jagd und viel Fischfang Ich seh es immer so ganz klein
in der Perspektiv und ich seh auch schon den Kirchturm«
    »Aber Vaterleben was sollen wir mit m Kirchturm«
    In dieser Richtung gingen öfters die Gespräche zwischen Vater und Sohn und
was der Alte vorläufig noch in der »Perspektive« sah das wäre vielleicht schon
Wirklichkeit geworden wenn nicht des alten Dubslav um zehn Jahre ältere
Schwester mit ihrem von der Mutter her ererbten Vermögen gewesen wäre Schwester
Adelheid Domina zu Kloster Wutz Die half und sagte gut wenn es schlecht stand
oder gar zum Äußersten zu kommen schien Aber sie half nicht aus Liebe zu dem
Bruder  gegen den sie ganz im Gegenteil viel einzuwenden hatte  sondern
lediglich aus einem allgemeinen Stechlinschen Familiengefühl Preußen war was
und die Mark Brandenburg auch aber das Wichtigste waren doch die Stechlins und
der Gedanke das alte Schloss in andern Besitz und nun gar in einen solchen
übergehen zu sehen war ihr unerträglich Und über all dies hinaus war ja noch
ihr Patenkind da ihr Neffe Woldemar für den sie all die Liebe hegte die sie
dem Bruder versagte
    Ja die Domina half aber solcher Hilfen unerachtet wuchs das Gefühl der
Entfremdung zwischen den Geschwistern und so kam es denn dass der alte Dubslav
der die Schwester in Kloster Wutz weder gern besuchte noch auch ihren Besuch
gern empfing nichts von Umgang besaß als seinen Pastor Lorenzen den früheren
Erzieher Woldemars und seinen Küster und Dorfschullehrer Krippenstapel zu
denen sich allenfalls noch Oberförster Katzler gesellte Katzler der Feldjäger
gewesen war und ein gut Stück Welt gesehen hatte Doch auch diese drei kamen
nur wenn sie gerufen wurden und so war eigentlich nur einer da der in jedem
Augenblicke Red und Antwort stand Das war Engelke sein alter Diener der seit
beinahe fünfzig Jahren alles mit seinem Herrn durchlebt hatte seine glücklichen
Leutnantstage seine kurze Ehe und seine lange Einsamkeit Engelke noch um ein
Jahr älter als sein Herr war dessen Vertrauter geworden aber ohne
Vertraulichkeit Dubslav verstand es die Scheidewand zu ziehen Übrigens wär es
auch ohne diese Kunst gegangen Denn Engelke war einer von den guten Menschen
die nicht aus Berechnung oder Klugheit sondern von Natur hingebend und demütig
sind und in einem treuen Dienen ihr Genüge finden Alltags war er so Winter wie
Sommer in ein Leinwandhabit gekleidet und nur wenn es zu Tisch ging trug er
eine richtige Livree von sandfarbenem Tuch mit großen Knöpfen dran Es waren
Knöpfe die noch die Zeiten des Rheinsberger Prinzen Heinrich gesehen hatten
weshalb Dubslav als er mal wieder in Verlegenheit war zu dem jüngst
verstorbenen alten Herrn von Kortschädel gesagt hatte »Ja Kortschädel wenn
ich so meinen Engelke wie er da geht und steht ins märkische Provinzialmuseum
abliefern könnte so kriegt ich ein Jahrgehalt und wäre raus«
    Das war im Mai dass der alte Stechlin diese Worte zu seinem Freunde
Kortschädel gesprochen hatte Heute aber war dritter Oktober und ein
wundervoller Herbsttag dazu Dubslav sonst empfindlich gegen Zug hatte die
Türen aufmachen lassen und von dem großen Portal her zog ein erquicklicher
Luftstrom bis auf die mit weiß und schwarzen Fliesen gedeckte Veranda hinaus
Eine große etwas schadhafte Markise war hier herabgelassen und gab Schutz gegen
die Sonne deren Lichter durch die schadhaften Stellen hindurchschienen und auf
den Fliesen ein Schattenspiel aufführten Gartenstühle standen umher vor einer
Bank aber die sich an die Hauswand lehnte waren doppelte Strohmatten gelegt
Auf eben dieser Bank ein Bild des Behagens saß der alte Stechlin in Joppe und
breitkrempigem Filzhut und sah während er aus seinem Meerschaum allerlei Ringe
blies auf ein Rundell in dessen Mitte von Blumen eingefasst eine kleine
Fontäne plätscherte Rechts daneben lief ein sogenannter Poetensteig an dessen
Ausgang ein ziemlich hoher aus allerlei Gebälk zusammengezimmerter
Aussichtsturm aufragte Ganz oben eine Plattform mit Fahnenstange daran die
preußische Flagge wehte schwarz und weiß alles schon ziemlich verschlissen
    Engelke hatte vor kurzem einen roten Streifen annähen wollen war aber mit
seinem Vorschlag nicht durchgedrungen »Lass Ich bin nicht dafür Das alte
Schwarz und Weiß hält gerade noch aber wenn du was Rotes drannähst dann reißt
es gewiss«
    Die Pfeife war ausgegangen und Dubslav wollte sich eben von seinem Platz
erheben und nach Engelke rufen als dieser vom Gartensaal her auf die Veranda
heraustrat
    »Das ist recht Engelke dass du kommst Aber du hast da ja was wie n
Telegramm in der Hand Ich kann Telegramms nicht leiden Immer is einer dod
oder es kommt wer der besser zu Hause geblieben wäre«
    Engelke griente »Der junge Herr kommt«
    »Und das weißt du schon«
    »Ja Brose hat es mir gesagt«
    »So so Dienstgeheimnis Na gib her«
    Und unter diesen Worten brach er das Telegramm auf und las »Lieber Papa
Bin sechs Uhr bei dir Rex und von Czako begleiten mich Dein Woldemar«
    Engelke stand und wartete
    »Ja was da tun Engelke« sagte Dubslav und drehte das Telegramm hin und
her »Und aus Cremmen und von heute früh« fuhr er fort »Da müssen sie also die
Nacht über schon in Cremmen gewesen sein Auch kein Spaß«
    »Aber Cremmen is doch soweit ganz gut«
    »Nu gewiss gewiss Bloß sie haben da so kurze Betten Und wenn man wie
Woldemar Kavallerist ist kann man ja doch auch die acht Meilen von Berlin bis
Stechlin in einer Pace machen Warum also Nachtquartier Und Rex und von Czako
begleiten mich Ich kenne Rex nicht und kenne von Czako nicht Wahrscheinlich
Regimentskameraden Haben wir denn was«
    »Ich denk doch gnädger Herr Und wovor haben wir denn unsre Mamsell Die
wird schon was finden«
    »Nu gut Also wir haben was Aber wen laden wir dazu ein So bloß ich das
geht nicht Ich mag mich keinem Menschen mehr vorsetzen Czako das ginge
vielleicht noch Aber Rex wenn ich ihn auch nicht kenne zu so was Feinem wie
Rex pass ich nicht mehr ich bin zu altmodisch geworden Was meinst du ob die
Gundermanns wohl können«
    »Ach die können schon Er gewiss und sie kluckt auch bloß immer so rum«
    »Also Gundermanns Gut Und dann vielleicht Oberförsters Das älteste Kind
hat freilich die Masern und die Frau das heißt die Gemahlin und Gemahlin is
eigentlich auch noch nicht das rechte Wort die erwartet wieder Man weiß nie
recht wie man mit ihr dran ist und wie man sie nennen soll Oberförsterin
Katzler oder Durchlaucht Aber man kanns am Ende versuchen Und dann unser
Pastor Der hat doch wenigstens die Bildung Gundermann allein ist zuwenig und
eigentlich bloß ein Klutentreter Und seitdem er die Siebenmühlen hat ist er
noch weniger geworden«
    Engelke nickte
    »Na dann schick also Martin Aber er soll sich proper machen Oder
vielleicht ist Brose noch da der kann ja auf seinem Retourgang bei Gundermanns
mit rangehen Und soll ihnen sagen sieben Uhr aber nicht früher sie sitzen
sonst so lange rum und man weiß nicht wovon man reden soll Das heißt mit ihm
sie redt immerzu Und gib Brosen auch nen Kornus und funfzig Pfennig«
    »Ich werd ihm dreißig geben«
    »Nein nein funfzig Erst hat er ja doch was gebracht und nu nimmt er
wieder was mit Das is ja so gut wie doppelt Also funfzig Knaps ihm nichts
ab«
 
                                Zweites Kapitel
Ziemlich um dieselbe Zeit wo der Telegraphenbote bei Gundermanns vorsprach um
die Bestellung des alten Herrn von Stechlin auszurichten ritten Woldemar Rex
und Czako die sich für sechs Uhr angemeldet hatten in breiter Front von
Cremmen ab Fritz Woldemars Reitknecht folgte den dreien Der Weg ging über
Wutz Als sie bis in Nähe von Dorf und Kloster dieses Namens gekommen waren bog
Woldemar vorsichtig nach links hin aus weil er der Möglichkeit entgehen wollte
seiner Tante Adelheid der Domina des Klosters zu begegnen Er stand zwar gut
mit dieser und hatte sogar vor ihr wie herkömmlich auf dem Rückwege nach
Berlin seinen Besuch zu machen aber in diesem Augenblick passte ihm solche
Begegnung die sein pünktliches Eintreffen in Stechlin gehindert haben würde
herzlich schlecht So beschrieb er denn einen weiten Halbkreis und hatte das
Kloster schon um eine Viertelstunde hinter sich als er sich wieder der
Hauptstraße zuwandte Diese durch Moor und Wiesengründe führend war ein
vorzüglicher Reitweg der an vielen Stellen noch eine Grasnarbe trug weshalb es
anderthalb Meilen lang in einem scharfen Trabe vorwärts ging bis an eine Avenue
heran die geradlinig auf Schloss Stechlin zuführte Hier ließ alle drei die
Zügel fallen und ritten im Schritt weiter Über ihnen wölbten sich die schönen
alten Kastanienbäume was ihrem Anritt etwas Anheimelndes und zugleich etwas
beinah Feierliches gab
    »Das ist ja wie ein Kirchenschiff« sagte Rex der am linken Flügel ritt
»Finden Sie nicht auch Czako«
    »Wenn Sie wollen ja Aber Pardon Rex ich finde die Wendung etwas trivial
für einen Ministerialassessor«
    »Nun gut dann sagen Sie was Besseres«
    »Ich werde mich hüten Wer unter solchen Umständen was Besseres sagen will
sagt immer was Schlechteres«
    Unter diesem sich noch eine Weile fortsetzenden Gespräche waren sie bis an
einen Punkt gekommen von dem aus man das am Ende der Avenue sich aufbauende
Bild in aller Klarheit überblicken konnte dabei war das Bild nicht bloß klar
sondern auch so frappierend dass Rex und Czako unwillkürlich anhielten
    »Alle Wetter Stechlin das ist ja reizend« wandte sich Czako zu dem am
andern Flügel reitenden Woldemar »Ich find es geradezu märchenhaft Fata
Morgana  das heißt ich habe noch keine gesehen Die gelbe Wand die da noch das
letzte Tageslicht auffängt das ist wohl Ihr Zauberschloss Und das Stückchen
Grau da links das taxier ich auf eine Kirchenecke Bleibt nur noch der
Staketzaun an der andern Seite  da wohnt natürlich der Schulmeister Ich
verbürge mich dass ichs damit getroffen Aber die zwei schwarzen Riesen die da
grad in der Mitte stehen und sich von der gelben Wand abheben abheben ist
übrigens auch trivial entschuldigen Sie Rex die stehen ja da wie die
Cherubim Allerdings etwas zu schwarz Was sind das für Leute«
    »Das sind Findlinge«
    »Findlinge«
    »Ja Findlinge« wiederholte Woldemar »Aber wenn Ihnen das Wort anstößig
ist so können Sie sie auch Monolite nennen Es ist merkwürdig Czako wie
hochgradig verwöhnt im Ausdruck Sie sind wenn Sie nicht gerade selber das Wort
haben Aber nun meine Herren müssen wir uns wieder in Trab setzen Ich bin
überzeugt mein Papa steht schon ungeduldig auf seiner Rampe und wenn er uns so
im Schritt ankommen sieht denkt er wir bringen eine Trauernachricht oder einen
Verwundeten«
Wenige Minuten später und alle drei trabten denn auch wirklich von Fritz
gefolgt über die Bohlenbrücke fort erst in den Vorhof hinein und dann an der
blanken Glaskugel vorüber Der Alte stand bereits auf der Rampe Engelke hinter
ihm und hinter diesem Martin der alte Kutscher Im Nu waren alle drei Reiter
aus dem Sattel und Martin und Fritz nahmen die Pferde So trat man in den Flur
»Erlaube lieber Papa dir zwei liebe Freunde von mir vorzustellen Assessor von
Rex Hauptmann von Czako«
    Der alte Stechlin schüttelte jedem die Hand und sprach ihnen aus wie
glücklich er über ihren Besuch sei »Seien Sie mir herzlich willkommen meine
Herren Sie haben keine Ahnung welche Freude Sie mir machen mir einem
vergrätzten alten Einsiedler Man sieht nichts mehr man hört nichts mehr Ich
hoffe auf einen ganzen Sack voll Neuigkeiten«
    »Ach Herr Major« sagte Czako »wir sind ja schon vierundzwanzig Stunden
fort Und ganz abgesehen davon wer kann heutzutage noch mit den Zeitungen
konkurrieren Ein Glück dass manche prinzipiell einen Posttag zu spät kommen
Ich meine mit den neuesten Nachrichten Vielleicht auch sonst noch«
    »Sehr wahr« lachte Dubslav »Der Konservatismus soll übrigens seinem Wesen
nach eine Bremse sein damit muss man vieles entschuldigen Aber da kommen Ihre
Mantelsäcke meine Herren Engelke führe die Herren auf ihr Zimmer Wir haben
jetzt sechseinviertel Um sieben wenn ich bitten darf«
    Engelke hatte mittlerweile die beiden von Dubslav etwas altmodisch als
»Mantelsäcke« bezeichneten Plaidrollen in die Hand genommen und ging damit den
beiden Herren voran auf die doppelarmige Treppe zu die gerade da wo die
beiden Arme derselben sich kreuzten einen ziemlich geräumigen Podest mit
Säulchengalerie bildete Zwischen den Säulchen aber und zwar mit Blick auf den
Flur war eine Rokokouhr angebracht mit einem Zeitgott darüber der eine Hippe
führte Czako wies darauf hin und sagte leise zu Rex »Ein bisschen graulich« 
ein Gefühl drin er sich bestärkt sah als man bis auf den mit ungeheurer
Raumverschwendung angelegten Oberflur gekommen war Über einer nach hinten zu
gelegenen Saaltür hing eine Holztafel mit der Inschrift »Museum« während hüben
und drüben an den Flurwänden links und rechts mächtige Birkenmaser und
Ebenholzschränke standen wahre Prachtstücke mit zwei großen Bildern
dazwischen eines eine Burg mit dicken Backsteintürmen das andre ein
überlebensgrosser Ritter augenscheinlich aus der Frundsbergzeit wo das bunt
Landsknechtliche schon die Rüstung zu drapieren begann
    »Is wohl ein Ahn« fragte Czako
    »Ja Herr Hauptmann Und er ist auch unten in der Kirche«
    »Auch so wie hier«
    »Nein bloß Grabstein und schon etwas abgetreten Aber man sieht doch noch
dass es derselbe ist«
    Czako nickte dabei waren sie bis an ein Eckzimmer gekommen das mit der
einen Seite nach dem Flur mit der andern Seite nach einem schmalen Gang hin
lag Hier war auch die Tür Engelke vorangehend öffnete und hing die beiden
Plaidrollen an die Haken eines hier gleich an der Tür stehenden Kleiderständers
Unmittelbar daneben war ein Klingelzug mit einer grünen etwas ausgefransten
Puschel daran Engelke wies darauf hin und sagte »Wenn die Herren noch was
wünschen Und um sieben  Zweimal wird angeschlagen«
    Und damit ging er die beiden ihrer Bequemlichkeit überlassend
    Es waren zwei nebeneinandergelegene Zimmer in denen man Rex und Czako
untergebracht hatte das vordere größer und mit etwas mehr Aufwand eingerichtet
mit Stehspiegel und Toilette der Spiegel sogar zum Kippen Das Bett in diesem
vorderen Zimmer hatte einen kleinen Himmel und daneben eine Etagere auf deren
oberem Brettchen eine Meissner Figur stand ihr ohnehin kurzes Röckchen lüpfend
während auf dem unteren Brett ein Neues Testament lag mit Kelch und Kreuz und
einem Palmenzweig auf dem Deckel
    Czako nahm das Meissner Püppchen und sagte »Wenn nicht unser Freund Woldemar
bei diesem Arrangement seine Hand mit im Spiele gehabt hat so haben wir hier in
bezug auf Requisiten ein Ahnungsvermögen wies nicht größer gedacht werden
kann Das Püppchen pour moi das Testament pour vous«
    »Czako wenn Sie doch bloß das Necken lassen könnten«
    »Ach sagen Sie doch so was nicht Rex Sie lieben mich ja bloß um meiner
Neckereien willen«
    Und nun traten sie von dem Vorderzimmer her in den etwas kleineren
Wohnraum in dem Spiegel und Toilette fehlten Dafür aber war ein Rokokosofa da
mit hellblauem Atlas und weißen Blumen darauf
    »Ja Rex« sagte Czako »wie teilen wir nun Ich denke Sie nehmen nebenan
den Himmel und ich nehme das Rokokosofa noch dazu mit weißen Blumen
vielleicht Lilien Ich wette das kleine Ding von Sofa hat eine Geschichte«
    »Rokoko hat immer eine Geschichte« bestätigte Rex »Aber hundert Jahr
zurück Was jetzt hier haust sieht mir Gott sei Dank nicht danach aus Ein
bisschen Spuk trau ich diesem alten Kasten allerdings schon zu aber keine
Rokokogeschichte Rokoko ist doch immer unsittlich Wie gefällt Ihnen übrigens
der Alte«
    »Vorzüglich Ich hätte nicht gedacht dass unser Freund Woldemar solchen
famosen Alten haben könnte«
    »Das klingt ja beinah« sagte Rex »wie wenn Sie gegen unsern Stechlin etwas
hätten«
    »Was durchaus nicht der Fall ist Unser Stechlin ist der beste Kerl von der
Welt und wenn ich das verdammte Wort nicht hasste würd ich ihn sogar einen
perfekten Gentleman nennen müssen Aber«
    »Nun «
    »Aber er passt doch nicht recht an seine Stelle«
    »An welche«
    »In sein Regiment«
    »Aber Czako ich verstehe Sie nicht Er ist ja brillant angeschrieben
Liebling bei jedem Der Oberst hält große Stücke von ihm und die Prinzen machen
ihm beinah den Hof «
    »Ja das ist es ja eben Die Prinzen die Prinzen«
    »Was denn wie denn«
    »Ach das ist eine lange Geschichte viel zu lang um sie hier vor Tisch
noch auszukramen Denn es ist bereits halb und wir müssen uns eilen Übrigens
trifft es viele nicht bloß unsern Stechlin«
    »Immer dunkler immer rätselvoller« sagte Rex
    »Nun vielleicht dass ich Ihnen das Rätsel löse Schließlich kann man ja
Toilette machen und noch seinen Diskurs daneben haben Die Prinzen machen ihm
den Hof so geruhten Sie zu bemerken und ich antwortete Ja das ist es eben
Und diese Worte kann ich Ihnen nur wiederholen Die Prinzen  ja damit hängt es
zusammen und noch mehr damit dass die feinen Regimenter immer feiner werden
Kucken Sie sich mal die alten Ranglisten an das heißt wirklich alte voriges
Jahrhundert und dann so bis Anno sechs Da finden Sie bei Regiment Garde du
Korps oder bei Regiment Gensdarmes unsere guten alten Namen Marwitz Wakenitz
Kracht Löschebrand Bredow Rochow höchstens dass sich mal ein höher betitelter
Schlesischer mit hinein verirrt Natürlich gab es auch Prinzen damals aber der
Adel gab den Ton an und die paar Prinzen mussten noch froh sein wenn sie nicht
störten Damit ist es nun aber seit wir Kaiser und Reich sind total vorbei
Natürlich sprech ich nicht von der Provinz nicht von Litauen und Masuren
sondern von der Garde von den Regimentern unter den Augen Seiner Majestät Und
nun gar erst diese Gardedragoner Die waren immer pik aber seit sie pour
combler le bonheur auch noch Königin von Grossbritannien und Irland sind wird
es immer mehr davon und je piker sie werden desto mehr Prinzen kommen hinein
von denen übrigens auch jetzt schon mehr da sind als es so obenhin aussieht
denn manche sind eigentlich welche und dürfen es bloß nicht sagen Und wenn man
dann gar noch die alten mitrechnet die bloß à la suite stehen aber doch immer
noch mit dabei sind wenn irgendwas los ist so haben wir wenn der Kreis
geschlossen wird zwar kein Parkett von Königen aber doch einen Zirkus von
Prinzen Und da hinein ist nun unser guter Stechlin gestellt Natürlich tut er
was er kann und macht so gewisse Luxusse mit Gefühlsluxusse Gesinnungsluxusse
und wenn es sein muss auch Freiheitsluxusse So nen Schimmer von
Sozialdemokratie Das ist aber auf die Dauer schwierig Richtige Prinzen können
sich das leisten die verbebeln nicht leicht Aber Stechlin Stechlin ist ein
reizender Kerl aber er ist doch bloß ein Mensch«
    »Und das sagen Sie Czako gerade Sie der Sie das Menschliche stets
betonen«
    »Ja Rex das tu ich Heut wie immer Aber eines schickt sich nicht für
alle Der eine darfs der andre nicht Wenn unser Freund Stechlin sich in diese
seine alte Schlosskate zurückzieht so darf er Mensch sein soviel er will aber
als Gardedragoner kommt er damit nicht aus Vom alten Adam will ich nicht
sprechen das hat immer noch so ne Nebenbedeutung«
Während Rex und Czako Toilette machten und abwechselnd über den alten und den
jungen Stechlin verhandelten schritten die die den Gegenstand dieser
Unterhaltung bildeten Vater und Sohn im Garten auf und ab und hatten auch
ihrerseits ihr Gespräch
    »Ich bin dir dankbar dass du mir deine Freunde mitgebracht hast Hoffentlich
kommen sie auf ihre Kosten Mein Leben verläuft ein bisschen zu einsam und es
wird ohnehin gut sein wenn ich mich wieder an Menschen gewöhne Du wirst
gelesen haben dass unser guter alter Kortschädel gestorben ist und in etwa
vierzehn Tagen haben wir hier ne Neuwahl Da muss ich dann ran und mich populär
machen Die Konservativen wollen mich haben und keinen andern Eigentlich mag
ich nicht aber ich soll und da passt es mir denn dass du mir Leute bringst an
denen ich mich für die Welt sozusagen wieder wie einüben kann Sind sie denn
ausgiebig und plauderhaft«
    »O sehr Papa vielleicht zu sehr Wenigstens der eine«
    »Das is gewiss der Czako Sonderbar die von Alexander reden alle gern Aber
ich bin sehr dafür Schweigen kleidt nicht jeden Und dann sollen wir uns ja
auch durch die Sprache vom Tier unterscheiden Also wer am meisten redt ist der
reinste Mensch Und diesem Czako dem hab ich es gleich angesehen Aber der Rex
Du sagst Ministerialassessor Ist er denn von der frommen Familie«
    »Nein Papa Du machst dieselbe Verwechslung die beinah alle machen Die
fromme Familie das sind die Reckes gräflich und sehr vornehm Die Rex
natürlich auch aber doch nicht so hoch hinaus und auch nicht so fromm
Allerdings nimmt mein Freund der Ministerialassessor einen Anlauf dazu die
Reckes womöglich einzuholen«
    »Dann hab ich also doch recht gesehen Er hat so die Figur die so was
vermuten lässt ein bisschen wenig Fleisch und so glattrasiert Habt ihr denn beim
Rasieren in Cremmen gleich einen gefunden«
    »Er hat alles immer bei sich lauter englische Von Solingen oder Suhl will
er nichts wissen«
    »Und muss man ihn denn vorsichtig anfassen wenn das Gespräch auf kirchliche
Dinge kommt Ich bin ja wie du weißt eigentlich kirchlich wenigstens
kirchlicher als mein guter Pastor es wird immer schlimmer mit ihm aber ich
bin so im Ausdruck mitunter ungenierter als man vielleicht sein soll und bei
niedergefahren zur Hölle kann mirs passieren dass ich nolens volens ein bisschen
tolles Zeug rede Wie steht es denn da mit ihm Muss ich mich in acht nehmen
Oder macht er bloß so mit«
    »Das will ich nicht geradezu behaupten Ich denke mir er steht so wie die
meisten stehen das heißt er weiß es nicht recht«
    » Ja ja den Zustand kenn ich«
    »Und weil er es nicht recht weiß hat er sozusagen die Auswahl und wählt
das was gerade gilt und nach oben hin empfiehlt Ich kann das auch so schlimm
nicht finden Einige nennen ihn einen Streber Aber wenn er es ist ist er
jedenfalls keiner von den schlimmsten Er hat eigentlich einen guten Charakter
und im cercle intime kann er reizend sein Er verändert sich dann nicht in dem
was er sagt oder doch nur ganz wenig aber ich möchte sagen er verändert sich
in der Art wie er zuhört Czako meint unser Freund Rex halte sich mit dem Ohr
für das schadlos was er mit dem Munde versäumt Czako wird überhaupt am besten
mit ihm fertig er schraubt ihn beständig und Rex was ich reizend finde lässt
sich diese Schraubereien gefallen Daran siehst du schon dass sich mit ihm leben
lässt Seine Frömmigkeit ist keine Lüge bloß Erziehung Angewohnheit und so
schließlich seine zweite Natur geworden
    Ich werde ihn bei Tisch neben Lorenzen setzen die mögen dann beide sehen
wie sie miteinander fertig werden Vielleicht erleben wir ne Bekehrung Das
heißt Rex den Pastor Aber da höre ich eine Kutsche die Dorfstraße raufkommen
Das sind natürlich Gundermanns die kommen immer zu früh Der arme Kerl hat mal
was von der Höflichkeit der Könige gehört und macht jetzt einen zu weitgehenden
Gebrauch davon Autodidakten übertreiben immer Ich bin selber einer und kann
also mitreden Nun wir sprechen morgen früh weiter heute wird es nichts mehr
Du wirst dich auch noch ein bisschen striegeln müssen und ich will mir nen
schwarzen Rock anziehn Das bin ich der guten Frau von Gundermann doch schuldig
sie putzt sich übrigens nach wie vor wie n Schlittenpferd und hat immer noch
den merkwürdigen Federbusch in ihrem Zopf  das heißt wenns ihrer ist«
 
                                Drittes Kapitel
Engelke schlug unten im Flur zweimal an einen alten als Tamtam fungierenden
Schild der an einem der zwei vorspringenden und zugleich die ganze Treppe
tragenden Pfeiler hing
    Eben diese zwei Pfeiler bildeten denn auch mit dem Podest und der in Front
desselben angebrachten Rokokouhr einen zum Gartensalon diesem Hauptzimmer des
Erdgeschosses führenden ziemlich pittoresken Portikus von dem ein auf Besuch
anwesender hauptstädtischer Architekt mal gesagt hatte sämtliche Bausünden von
Schloss Stechlin würden durch diesen verdrehten aber malerischen Einfall
wiedergutgemacht
    Die Uhr mit dem Hippenmann schlug gerade sieben als Rex und Czako die
Treppe herunterkamen und eine Biegung machend auf den von berufener Seite so
glimpflich beurteilten sonderbaren Vorbau zusteuerten Als die Freunde diesen
passierten sahen sie  die Türflügel waren schon geöffnet  in aller
Bequemlichkeit in den Salon hinein und nahmen hier wahr dass etliche ihnen zu
Ehren geladene Gäste bereits erschienen waren Dubslav in dunkelm Überrock und
die Bändchenrosette sowohl des preußischen wie des wendischen Kronenordens im
Knopfloch ging den Eintretenden entgegen begrüßte sie nochmals mit der ihm
eignen Herzlichkeit und beide Herren gleich danach in den Kreis der schon
Versammelten einführend sagte er »Bitte die Herrschaften miteinander bekannt
machen zu dürfen Herr und Frau von Gundermann auf Siebenmühlen Pastor
Lorenzen Oberförster Katzler« und dann nach links sich wendend
»Ministerialassessor von Rex Hauptmann von Czako vom Regiment Alexander« Man
verneigte sich gegenseitig worauf Dubslav zwischen Rex und Pastor Lorenzen
Woldemar aber als Adlatus seines Vaters zwischen Czako und Katzler eine
Verbindung herzustellen suchte was auch ohne weiteres gelang weil es hüben und
drüben weder an gesellschaftlicher Gewandtheit noch an gutem Willen gebrach Nur
konnte Rex nicht umhin die Siebenmühlener etwas eindringlich zu mustern
trotzdem Herr von Gundermann in Frack und weißer Binde Frau von Gundermann aber
in geblümtem Atlas mit Marabufächer erschienen war  er augenscheinlich
Parvenu sie Berlinerin aus einem nordöstlichen Vorstadtgebiet
    Rex sah das alles Er kam aber nicht in die Lage sich lange damit zu
beschäftigen weil Dubslav eben jetzt den Arm der Frau von Gundermann nahm und
dadurch das Zeichen zum Aufbruch zu der im Nebenzimmer gedeckten Tafel gab Alle
folgten paarweise wie sie sich vorher zusammengefunden kamen aber durch die
von s Dubslavs schon vorher festgesetzte Tafelordnung wieder auseinander
Die beiden Stechlins Vater und Sohn placierten sich an den beiden Schmalseiten
einander gegenüber während zur Rechten und Linken von Dubslav Herr und Frau von
Gundermann rechts und links von Woldemar aber Rex und Lorenzen saßen Die
Mittelplätze hatten Katzler und Czako inne Neben einem großen alten
Eichenbüfett ganz in Nähe der Tür standen Engelke und Martin Engelke in
seiner sandfarbenen Livree mit den großen Knöpfen Martin dem nur oblag mit
der Küche Verbindung zu halten einfach in schwarzem Rock und Stulpstiefeln
    Der alte Dubslav war in bester Laune stieß gleich nach den ersten Löffeln
Suppe mit Frau von Gundermann vertraulich an dankte für ihr Erscheinen und
entschuldigte sich wegen der späten Einladung »Aber erst um zwölf kam Woldemars
Telegramm Es ist das mit dem Telegraphieren solche Sache manches wird besser
aber manches wird auch schlechter und die feinere Sitte leidet nun schon ganz
gewiss Schon die Form die Abfassung Kürze soll eine Tugend sein aber sich
kurz fassen heißt meistens auch sich grob fassen Jede Spur von Verbindlichkeit
fällt fort und das Wort Herr ist beispielsweise gar nicht mehr anzutreffen Ich
hatte mal einen Freund der ganz ernstaft versicherte Der hässlichste Mops sei
der schönste so lässt sich jetzt beinahe sagen das gröbste Telegramm ist das
feinste Wenigstens das in seiner Art vollendetste Jeder der wieder eine neue
Fünfpfennigersparnis herausdoktert ist ein Genie«
    Diese Worte Dubslavs hatten sich anfänglich an die Frau von Gundermann sehr
bald aber mehr an Gundermann selbst gerichtet weshalb dieser letztere denn auch
antwortete »Ja Herr von Stechlin alles Zeichen der Zeit Und ganz
bezeichnend dass gerade das Wort Herr wie Sie schon hervorzuheben die Güte
hatten so gut wie abgeschafft ist Herr ist Unsinn geworden Herr passt den
Herren nicht mehr  ich meine natürlich die die jetzt die Welt regieren wollen
Aber es ist auch danach Alle diese Neuerungen an denen sich leider auch der
Staat beteiligt was sind sie Begünstigungen der Unbotmässigkeit also Wasser
auf die Mühlen der Sozialdemokratie Weiter nichts Und niemand da der Lust und
Kraft hätte dies Wasser abzustellen Aber trotzdem Herr von Stechlin  ich
würde nicht widersprechen wenn mich das Tatsächliche nicht dazu zwänge 
trotzdem geht es nicht ohne Telegraphie gerade hier in unsrer Einsamkeit Und
dabei das beständige Schwanken der Kurse Namentlich auch in der Mühlen und
Brettschneidebranche«
    »Versteht sich lieber Gundermann Was ich da gesagt habe Wenn ich das
Gegenteil gesagt hätte wäre es ebenso richtig Der Teufel is nich so schwarz
wie er gemalt wird und die Telegraphie auch nicht und wir auch nicht
Schließlich ist es doch was Großes diese Naturwissenschaften dieser
elektrische Strom tipp tipp tipp und wenn uns daran läge aber uns liegt
nichts daran so könnten wir den Kaiser von China wissen lassen dass wir hier
versammelt sind und seiner gedacht haben Und dabei diese merkwürdigen
Verschiebungen in Zeit und Stunde Beinahe komisch Als Anno siebzig die Pariser
Septemberrevolution ausbrach wusste mans in Amerika drüben um ein paar Stunden
früher als die Revolution überhaupt da war Ich sagte Septemberrevolution Es
kann aber auch ne andre gewesen sein sie haben da so viele dass man sie leicht
verwechselt Eine war im Juni ne andre war im Juli  wer nich ein
Bombengedächtnis hat muss da notwendig reinfallen Engelke präsentiere der
gnädgen Frau den Fisch noch mal Und vielleicht nimmt auch Herr von Czako«
    »Gewiss Herr von Stechlin« sagte Czako »Erstlich aus reiner Gourmandise
dann aber auch aus Forschertrieb oder Fortschrittsbedürfnis Man will doch an
dem was gerade gilt oder überhaupt Menschheitsentwickelung bedeutet auch
seinerseits nach Möglichkeit teilnehmen und da steht denn Fischnahrung jetzt
obenan Fische sollen außerdem viel Phosphor enthalten und Phosphor so heißt
es macht helle«
    »Gewiss« kicherte Frau von Gundermann die sich bei dem Wort »helle« wie
persönlich getroffen fühlte »Phosphor war ja auch schon eh die Schwedischen
aufkamen«
    »Oh lange vorher« bestätigte Czako »Was mich aber« fuhr er sich an
Dubslav wendend fort »an diesen Karpfen noch ganz besonders fesselt 
beiläufig ein Prachtexemplar  das ist das dass er doch höchstwahrscheinlich
aus Ihrem berühmten See stammt über den ich durch Woldemar Ihren Herrn Sohn
bereits unterrichtet bin Dieser merkwürdige See dieser Stechlin Und da frag
ich mich denn unwillkürlich denn Karpfen werden alt daher beispielsweise die
Mooskarpfen welche Revolutionen sind an diesem hervorragenden Exemplar seiner
Gattung wohl schon vorübergegangen Ich weiß nicht ob ich ihn auf
hundertfünfzig Jahre taxieren darf wenn aber so würde er als Jüngling die
Lissaboner Aktion und als Urgreis den neuerlichen Ausbruch des Krakatowa
mitgemacht haben Und all das erwogen drängt sich mir die Frage auf «
    Dubslav lächelte zustimmend
    » Und all das erwogen drängt sich mir die Frage auf wenns nun in Ihrem
Stechlinsee zu brodeln beginnt oder gar die große Trichterbildung anhebt aus
der dann und wann wenn ich recht gehört habe der krähende Hahn aufsteigt wie
verhält sich da der Stechlinkarpfen dieser doch offenbar Nächstbeteiligte bei
dem Anpochen derartiger Weltereignisse Beneidet er den Hahn dem es vergönnt
ist in die Ruppiner Lande hineinzukrähen oder ist er umgekehrt ein Feigling
der sich in seinem Moorgrund verkriecht also ein Bourgeois der am andern
Morgen fragt Schießen sie noch«
    »Mein lieber Herr von Czako die Beantwortung Ihrer Frage hat selbst für
einen Anwohner des Stechlin seine Schwierigkeiten Ins Innere der Natur dringt
kein erschaffener Geist Und zu dem innerlichsten und verschlossensten zählt der
Karpfen er ist nämlich sehr dumm Aber nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung
wird er sich beim Eintreten der großen Eruption wohl verkrochen haben Wir
verkriechen uns nämlich alle Heldentum ist Ausnahmezustand und meist Produkt
einer Zwangslage Sie brauchen mir übrigens nicht zuzustimmen denn Sie sind
noch im Dienst«
    »Bitte bitte« sagte Czako
Sehr sehr anders ging das Gespräch an der entgegengesetzten Seite der Tafel
Rex der wenn er dienstlich oder ausserdienstlich aufs Land kam immer eine
Neigung spürte sozialen Fragen nachzuhängen und beispielsweise jedesmal mit
Vorliebe darauf aus war an das Zahlenverhältnis der in und außer der Ehe
geborenen Kinder alle möglichen teils dem Gemeinwohl teils der Sittlichkeit
zugute kommende Betrachtungen zu knüpfen hatte sich auch heute wieder in einem
mit Pastor Lorenzen angeknüpften Zwiegespräch seinem Lieblingstema zugewandt
war aber weil Dubslav durch eine Zwischenfrage den Faden abschnitt in die Lage
gekommen sich vorübergehend statt mit Lorenzen mit Katzler beschäftigen zu
müssen von dem er zufällig in Erfahrung gebracht hatte dass er früher Feldjäger
gewesen sei Das gab ihm einen guten Gesprächsstoff und ließ ihn fragen ob der
Herr Oberförster nicht mitunter schmerzlich den zwischen seiner Vergangenheit
und seiner Gegenwart liegenden Gegensatz empfinde  sein früherer
Feldjägerberuf so nehme er an habe ihn in die weite Welt hinausgeführt
während er jetzt »stabiliert« sei »Stabilierung« zählte zu Rex
Lieblingswendungen und entstammte jenem sorglich ausgewählten Fremdwörterschatz
den er sich  er hatte diese Dinge dienstlich zu bearbeiten gehabt  aus den
Erlassen König Friedrich Wilhelms I angeeignet und mit in sein Aktendeutsch
herübergenommen hatte Katzler ein vorzüglicher Herr aber auf dem Gebiete der
Konversation doch nur von einer oft unausreichenden Orientierungsfähigkeit fand
sich in des Ministerialassessors etwas gedrechseltem Gedankengange nicht gleich
zurecht und war froh als ihm der hellhörige mittlerweile wieder frei gewordene
Pastor in der durch Rex aufgeworfenen Frage zu Hilfe kam »Ich glaube
herauszuhören« sagte Lorenzen »dass Herr von Rex geneigt ist dem Leben draußen
in der Welt vor dem in unsrer stillen Grafschaft den Vorzug zu geben Ich weiß
aber nicht ob wir ihm darin folgen können ich nun schon gewiss nicht aber auch
unser Herr Oberförster wird mutmasslich froh sein seine vordem im Eisenbahncoupé
verbrachten Feldjägertage hinter sich zu haben Es heißt freilich im engen
Kreis verengert sich der Sinn und in den meisten Fällen mag es zutreffen Aber
doch nicht immer und jedenfalls hat das Weltfremde bestimmte große Vorzüge«
    »Sie sprechen mir durchaus aus der Seele Herr Pastor Lorenzen« sagte Rex
»Wenn es einen Augenblick vielleicht so klang als ob der Globetrotter mein
Ideal sei so bin ich sehr geneigt mit mir handeln zu lassen Aber etwas hat es
doch mit dem AuchdraußenzuHauseSein auf sich und wenn Sie trotzdem für
Einsamkeit und Stille plädieren so plädieren Sie wohl in eigener Sache Denn wie
sich der Herr Oberförster aus der Welt zurückgezogen hat so wohl auch Sie Sie
sind beide darin ganz individuell einem Herzenszuge gefolgt und vielleicht
dass meine persönliche Neigung dieselben Wege ginge Dennoch wird es andre geben
die von einem solchen Sichzurückziehen aus der Welt nichts wissen wollen die
vielleicht umgekehrt statt in einem Sichhingeben an den einzelnen in der
Beschäftigung mit einer Vielheit ihre Bestimmung finden Ich glaube durch Freund
Stechlin zu wissen welche Fragen Sie seit lange beschäftigen und bitte Sie
dazu beglückwünschen zu dürfen Sie stehen in der christlichsozialen Bewegung
Aber nehmen Sie deren Schöpfer der Ihnen persönlich vielleicht nahesteht er
und sein Tun sprechen doch recht eigentlich für mich sein Feld ist nicht
einzelne Seelsorge nicht eine Landgemeinde sondern eine Weltstadt Stoeckers
Auftreten und seine Mission sind eine Widerlegung davon dass das Schaffen im
Engen und Umgrenzten notwendig das Segensreichere sein müsse«
    Lorenzen war daran gewöhnt seis zu Lob seis zu Tadel sich mit dem
ebenso gefeierten wie befehdeten Hofprediger in Parallele gestellt zu sehen und
empfand dies jedesmal als eine Huldigung Aber nicht minder empfand er dabei
regelmäßig den tiefen Unterschied der zwischen dem großen Agitator und seiner
stillen Weise lag »Ich glaube Herr von Rex« nahm er wieder das Wort »dass Sie
den Vater der Berliner Bewegung sehr richtig geschildert haben vielleicht sogar
zur Zufriedenheit des Geschilderten selbst was wie man sagt nicht eben leicht
sein soll Er hat viel erreicht und steht anscheinend in einem Siegeszeichen
hüben und drüben hat er Wurzel geschlagen und sieht sich geliebt und gehuldigt
nicht nur seitens derer denen er mildtätig die Schuhe schneidet sondern beinah
mehr noch im Lager derer denen er das Leder zu den Schuhen nimmt Er hat schon
so viele Beinamen und der des heiligen Krispin wäre nicht der schlimmste Viele
wird es geben die sein Tun im guten Sinne beneiden Aber ich fürchte der Tag
ist nahe wo der so Ruhige und zugleich so Mutige der seine Ziele so weit
steckte sich in die Enge des Daseins zurücksehnen wird Er besitzt wenn ich
recht berichtet bin ein kleines Bauerngut irgendwo in Franken und wohl
möglich ja mir persönlich geradezu wahrscheinlich dass ihm an jener stillen
Stelle früher oder später ein echteres Glück erblüht als er es jetzt hat Es
heißt wohl Gehet hin und lehret alle Heiden aber schöner ist es doch wenn die
Welt uns suchend an uns herankommt Und die Welt kommt schon wenn die
richtige Persönlichkeit sich ihr auftut Da ist dieser Wörishofener Pfarrer  er
sucht nicht die Menschen die Menschen suchen ihn Und wenn sie kommen so heilt
er sie heilt sie mit dem Einfachsten und Natürlichsten Übertragen Sie das vom
Äußeren aufs Innere so haben Sie mein Ideal Einen Brunnen graben just an der
Stelle wo man gerade steht Innere Mission in nächster Nähe seis mit dem
Alten seis mit etwas Neuem«
    »Also mit dem Neuen« sagte Woldemar und reichte seinem alten Lehrer die
Hand
    Aber dieser antwortete »Nicht so ganz unbedingt mit dem Neuen Lieber mit
dem Alten soweit es irgend geht und mit dem Neuen nur soweit es muss«
Das Mahl war inzwischen vorgeschritten und bei einem Gange angelangt der eine
Spezialität von Schloss Stechlin war und jedesmal die Bewunderung seiner Gäste
losgelöste Krammetsvögelbrüste mit einer dunkeln Kraftbrühe angerichtet die
wenn die Herbst und Ebereschentage da waren als eine höhere Form von
Schwarzsauer auf den Tisch zu kommen pflegten Engelke präsentierte Burgunder
dazu der schon lange lag noch aus alten besseren Tagen her und als jeder
davon genommen erhob sich Dubslav um erst kurz seine lieben Gäste zu begrüßen
dann aber die Damen leben zu lassen Er müsse bei diesem Plural bleiben
trotzdem die Damenwelt nur in einer Einheit vertreten sei doch er gedenke dabei
neben seiner lieben Freundin und Tischnachbarin er küsste dieser huldigend die
Hand zugleich auch der »Gemahlin« seines Freundes Katzler die leider  wenn
auch vom Familienstandpunkt aus in hocherfreulichster Veranlassung  am
Erscheinen in ihrer Mitte verhindert sei »Meine Herren Frau Oberförster
Katzler«  er machte hier eine kleine Pause wie wenn er eine höhere Titulatur
ganz ernstaft in Erwägung gezogen hätte  »Frau Oberförster Katzler und Frau
von Gundermann sie leben hoch« Rex Czako Katzler erhoben sich um mit Frau
von Gundermann anzustossen als aber jeder von ihnen auf seinen Platz
zurückgekehrt war nahmen sie die durch den Toast unterbrochenen Privatgespräche
wieder auf wobei Dubslav als guter Wirt sich darauf beschränkte kurze
Bemerkungen nach links und rechts hin einzustreuen Dies war indessen nicht
immer leicht am wenigsten leicht bei dem Geplauder das der Hauptmann und Frau
von Gundermann führten und das so pausenlos verlief dass ein Einhaken sich kaum
ermöglichte Czako war ein guter Sprecher aber er verschwand neben seiner
Partnerin Ihres Vaters Laufbahn der es ursprünglich Schreibund Zeichenlehrer
in einer langen schon mit Anno dreizehn beginnenden Dienstzeit bis zum
Hauptmann in der »Plankammer« gebracht hatte gab ihr in ihren Augen eine
gewisse militärische Zugehörigkeit und als sie nach mehrmaligem Auslugen
endlich den ihr wohlbekannten Namenszug des Regiments Alexander auf Czakos
Achselklappe erkannt hatte sagte sie »Gott Alexander Nein ich sage Mir
war aber doch auch gleich so Münzstrasse Wir wohnten ja Linienstrasse Ecke der
Weinmeister  das heißt als ich meinen Mann kennenlernte Vorher draußen
Schönhauser Allee Wenn man so wen aus seiner Gegend wiedersieht Ich bin ganz
glücklich Herr Hauptmann Ach es ist zu traurig hier Und wenn wir nicht den
Herrn von Stechlin hätten so hätten wir so gut wie gar nichts Mit Katzlers«
aber dies flüsterte sie nur leise »mit Katzlers ist es nichts die sind zu hoch
raus Da muss man sich denn klein machen Und so toll ist es am Ende doch auch
noch nicht Jetzt passen sie ja noch leidlich Aber abwarten«
    »Sehr wahr sehr wahr« sagte Czako der ohne was Sicheres zu verstehen
nur ein während des Dubslavschen Toastes schon gehabtes Gefühl bestätigt sah
dass es mit den Katzlers was Besonderes auf sich haben müsse Frau von Gundermann
aber den ihr unbequemen Flüsterton aufgebend fuhr mit wieder lauter werdender
Stimme fort »Wir haben den Herrn von Stechlin und das ist ein Glück und es
ist auch bloß eine gute halbe Meile Die meisten andern wohnen viel zu weit und
wenn sie auch näher wohnten sie wollen alle nicht recht die Leute hier mit
denen wir eigentlich Umgang haben müssten sind so diffizil und legen alles auf
die Goldwaage Das heißt vieles legen sie nicht auf die Goldwaage dazu reicht
es bei den meisten nicht aus nur immer die Ahnen Und sechzehn ist das
wenigste Ja wer hat gleich sechzehn Gundermann ist erst geadelt und wenn er
nicht Glück gehabt hätte so wär es gar nichts Er hat nämlich klein angefangen
bloß mit einer Mühle jetzt haben wir nun freilich sieben immer den Rhin
entlang lauter Schneidemühlen Bohlen und Bretter einzöllig zweizöllig und
noch mehr Und die Berliner Dielen die sind fast alle von uns«
    »Aber meine gnädigste Frau das muss Ihnen doch ein Hochgefühl geben Alle
Berliner Dielen Und dieser Rhinfluss von dem Sie sprechen der vielleicht eine
ganze Seenkette verbindet und woran mutmasslich eine reizende Villa liegt Und
darin hören Sie Tag und Nacht wie nebenan in der Mühle die Säge geht und die
dicht herumstehenden Bäume bewegen sich leise Mitunter natürlich ist auch
Sturm Und Sie haben eine PonyEquipage für Ihre Kinder Ich darf doch annehmen
dass Sie Kinder haben Wenn man so abgeschieden lebt und so beständig aufeinander
angewiesen ist«
    »Es ist wie Sie sagen Herr Hauptmann ich habe Kinder aber schon
erwachsen beinah alle denn ich habe mich jung verheiratet Ja Herr von Czako
man ist auch einmal jung gewesen Und es ist ein Glück dass ich die Kinder habe
Sonst ist kein Mensch da mit dem man ein gebildetes Gespräch führen kann Mein
Mann hat seine Politik und möchte sich wählen lassen aber es wird nichts und
wenn ich die Journale bringe nicht mal die Bilder sieht er sich an Und die
Geschichten sagt er seien bloß dummes Zeug und bloß Wasser auf die Mühlen der
Sozialdemokratie Seine Mühlen was ich übrigens recht und billig finde sind
ihm lieber«
    »Aber Sie müssen doch viele Menschen um sich herum haben schon in Ihrer
Wirtschaft«
    »Ja die hab ich und die Mamsells die man so kriegt ja ein paar Wochen
geht es aber dann bändeln sie gleich an am liebsten mit nem Volontär wir
haben nämlich auch Volontärs in der Mühlenbranche Und die meisten sind aus ganz
gutem Hause Die jungen Menschen passen aber nicht auf und da hat mans denn
und immer gleich Knall und Fall All das ist doch traurig und mitunter ist es
auch so dass man sich geradezu genieren muss«
    Czako seufzte »Mir ein Greuel all dergleichen Aber ich weiß vom Manöver
her was alles vorkommt Und mit einer Schläue nichts schlauer als verliebte
Menschen Ach das ist ein Kapitel womit man nicht fertig wird Aber Sie sagten
Linienstrasse meine Gnädigste Welche Nummer denn Ich kenne da beinah jedes
Haus kleine nette Häuser immer bloß Beletage höchstens mal ein
OEildeboeuf«
    »Wie was«
    »Großes rundes Fenster ohne Glas Aber ich liebe diese Häuser«
    »Ja das kann ich auch von mir sagen und in gerade solchen Häusern hab ich
meine beste Zeit verbracht als ich noch ein Quack war höchstens vierzehn Und
so grausam wild Damals waren nämlich noch die Rinnsteine und wenn es dann
regnete und alles überschwemmt war und die Bretter anfingen sich zu heben und
schon so halb herumschwammen und die Ratten die da drunter steckten nicht mehr
wussten wo sie hin sollten dann sprangen wir auf die Bohlen rauf und nun die
Biester raus links und rechts und die Jungens hinterher immer aufgekrempelt
und ganz nackicht Und einmal weil der eine Junge nicht abliess und mit seinen
Holzpantinen immer drauflosschlug da wurde das Untier falsch und biss den Jungen
so dass er schrie Nein so hab ich noch keinen Menschen wieder schreien hören
Und es war auch fürchterlich«
    »Ja das ist es Und da helfen bloß Rattenfänger«
    »Ja Rattenfänger davon hab ich auch gehört  Rattenfänger von Hameln Aber
die gibt es doch nicht mehr«
    »Nein gnädige Frau die gibt es nicht mehr wenigstens nicht mehr solche
Hexenmeister mit Zauberspruch und einer Pfeife zum Pfeifen Aber die meine ich
auch gar nicht Ich meine überhaupt nicht Menschen die dergleichen als Metier
betreiben und sich in den Zeitungen anzeigen unheimliche Gesichter mit einer
Pelzkappe Was ich meine sind bloß Pinscher die nebenher auch noch
Rattenfänger heißen und es auch wirklich sind Und mit einem solchen
Rattenfänger auf die Jagd gehen das ist eigentlich das Schönste was es gibt«
    »Aber mit einem Pinscher kann man doch nicht auf die Jagd gehen«
    »Doch doch meine gnädigste Frau Als ich in Paris war ich war da nämlich
mal hinkommandiert da bin ich mit runtergestiegen in die sogenannten
Katakomben hochgewölbte Kanäle die sich unter der Erde hinziehen Und diese
Kanäle sind das wahre Ratteneldorado da sind sie zu Millionen Oben drei
Millionen Franzosen unten drei Millionen Ratten Und einmal wie gesagt bin
ich da mit runtergeklettert und in einem Boote durch diese Unterwelt
hingefahren immer mitten in die Ratten hinein«
    »Grässlich grässlich Und sind Sie heil wieder rausgekommen«
    »Im ganzen ja Denn meine gnädigste Frau eigentlich war es doch ein
Vergnügen In unserm Kahn hatten wir nämlich zwei solche Rattenfänger einen
vorn und einen hinten Und nun hätten Sie sehen sollen wie das losging
Schnapp und das Tier um die Ohren geschlagen und tot war es Und so weiter so
schnell wie Sie nur zählen können und mitunter noch schneller Ich kann es nur
vergleichen mit Mr Karver dem bekannten Mr Karver von dem Sie gewiss einmal
gelesen haben der in der Sekunde drei Glaskugeln wegschoss Und so immerzu
viele Hundert Ja so was wie diese Rattenjagd da unten das vergisst man nicht
wieder Es war aber auch das Beste da Denn was sonst noch von Paris geredet
wird das ist alles übertrieben meist dummes Zeug Was haben sie denn Großes
Opern und Zirkus und Museum und in einem Saal ne Venus die man sich nicht
recht ansieht weil sie das Gefühl verletzt namentlich wenn man mit Damen da
ist Und das alles haben wir schließlich auch und manches haben wir noch
besser So zum Beispiel Niemann und die dellEra Aber solche Rattenschlacht
das muss wahr sein die haben wir nicht Und warum nicht Weil wir keine
Katakomben haben«
    Der alte Dubslav der das Wort »Katakomben« gehört hatte wandte sich jetzt
wieder über den Tisch hin und sagte »Pardon Herr von Czako aber Sie müssen
meiner lieben Frau von Gundermann nicht mit so furchtbar ernsten Sachen kommen
und noch dazu hier bei Tisch gleich nach Karpfen und Meerrettich Katakomben
Ich bitte Sie Die waren ja doch eigentlich in Rom und erinnern einen immer an
die traurigsten Zeiten an den grausamen Kaiser Nero und seine Verfolgungen und
seine Fackeln Und da war dann noch einer mit einem etwas längeren Namen der
noch viel grausamer war und da verkrochen sich diese armen Christen gerade in
eben diese Katakomben und manche wurden verraten und gemordet Nein Herr von
Czako da lieber was Heiteres Nicht wahr meine liebe Frau von Gundermann«
    »Ach nein Herr von Stechlin es ist doch alles so sehr gelehrig Und wenn
man so selten Gelegenheit hat«
    »Na wie Sie wollen Ich hab es gut gemeint Stoßen wir an Ihr Rudolf soll
leben das ist doch der Liebling trotzdem er der Älteste ist Wie alt ist er
denn jetzt«
    »Vierundzwanzig«
    »Ein schönes Alter Und wie ich höre ein guter Mensch Er müsste nur mehr
raus Er versauert hier ein bisschen«
    »Sag ich ihm auch Aber er will nicht fort Er sagt zu Hause sei es am
besten«
    »Bravo Da nehm ich alles zurück Lassen Sie ihn Zu Hause ist es am Ende
wirklich am besten Und gerade wir hier die wir den Vorzug haben in der
Rheinsberger Gegend zu leben Ja wo ist so was Erst der große König und dann
Prinz Heinrich der nie ne Schlacht verloren Und einige sagen er wäre noch
klüger gewesen als sein Bruder Aber ich will so was nicht gesagt haben«
 
                                Viertes Kapitel
Frau von Gundermann schien auf das ihr als einziger also auch ältester Dame
zustehende Tafelaufhebungsrecht verzichten zu wollen und wartete bis statt
ihrer der schon seit einer Viertelstunde sich nach seiner Meerschaumpfeife
sehnende Dubslav das Zeichen zum Aufbruch gab Alles erhob sich jetzt rasch um
vom Esszimmer aus in den nach dem Garten hinaussehenden Salon zurückzukehren dem
es  war es Zufall oder Absicht  in diesem Augenblick noch an aller
Beleuchtung fehlte nur im Kamin glühten ein paar Scheite die während der
Essenszeit halb niedergebrannt waren und durch die offenstehende hohe Glastür
fiel von der Veranda her das Licht der über den Parkbäumen stehenden Mondsichel
Alles gruppierte sich alsbald um Frau von Gundermann um dieser die
pflichtschuldigen Honneurs zu machen während Martin die Lampen Engelke den
Kaffee brachte Das ein paar Minuten lang geführte gemeinschaftliche Gespräch
kam all die Zeit über über ein unruhiges Hin und Her nicht hinaus bis der
Knäuel in dem man stand sich wieder in Gruppen auflöste
    Das erste sich abtrennende Paar waren Rex und Katzler beide passionierte
Billardspieler die sich  Katzler übernahm die Führung  erst in den Esssaal
zurück und von diesem aus in das daneben gelegene Spielzimmer begaben Das hier
stehende ziemlich vernachlässigte Billard war schon an die fünfzig Jahre alt
und stammte noch aus des Vaters Zeiten her Dubslav selbst machte sich nicht
viel aus dem Spiel aus Spiel überhaupt und interessierte sich soweit sein
Billard in Betracht kam nur für eine sehr nachgedunkelte Karoline von der ein
Berliner Besucher mal gesagt hatte »Alle Wetter Stechlin wo haben Sie die
her Das ist ja die gelbste Karoline die ich all mein Lebtag gesehen habe« 
Worte die damals solchen Eindruck auf Dubslav gemacht hatten dass er seitdem
ein etwas freundlicheres Verhältnis zu seinem Billard unterhielt und nicht
ungern von »seiner Karoline« sprach
    Das zweite Paar das sich aus der Gemeinschaft abtrennte waren Woldemar und
Gundermann Gundermann wie alle an Kongestionen Leidende fand es überall zu
heiß und wies als er ein paar Worte mit Woldemar gewechselt auf die
offenstehende Tür »Es ist ein so schöner Abend Herr von Stechlin könnten wir
nicht auf die Veranda hinaustreten«
    »Aber gewiss Herr von Gundermann Und wenn wir uns absentieren wollen wir
auch alles Gute gleich mitnehmen Engelke bring uns die kleine Kiste du weißt
schon«
    »Ah kapital So ein paar Züge das schlägt nieder besser als Sodawasser
Und dann ist es auch wohl schicklicher im Freien Meine Frau wenn wir zu Hause
sind hat sich zwar daran gewöhnen müssen und spricht höchstens mal von paffen
na das is nicht anders dafür is man eben verheiratet aber in einem fremden
Hause da fangen denn doch die Rücksichten an Unser guter alter Kortschädel
sprach auch immer von Dehors«
    Unter diesen Worten waren Woldemar und Gundermann vom Salon her auf die
Veranda hinausgetreten bis dicht an die Treppenstufen heran und sahen auf den
kleinen Wasserstrahl der auf dem Rundell aufsprang
    »Immer wenn ich den Wasserstrahl sehe« fuhr Gundermann fort »muss ich
wieder an unsern guten alten Kortschädel denken Is nu auch hinüber Na jeder
muss mal und wenn irgendeiner seinen Platz da oben sicher hat der hat ihn
Ehrenmann durch und durch und loyal bis auf die Knochen Redner war er nicht
was eigentlich immer ein Vorzug und hat mit seiner Schwätzerei dem Staate kein
Geld gekostet aber er wusste ganz gut Bescheid und unter vier Augen ich habe
Sachen von ihm gehört großartig Und ich sage mir solchen kriegen wir nicht
wieder«
    »Ach das ist Schwarzseherei Herr von Gundermann Ich glaube wir haben
viele von ähnlicher Gesinnung Und ich sehe nicht ein warum nicht ein Mann wie
Sie «
    »Geht nicht«
    »Warum nicht«
    »Weil Ihr Herr Papa kandidieren will Und da muss ich zurückstehen Ich bin
hier ein Neuling Und die Stechlins waren hier schon«
    »Nun gut ich will dies letztere gelten lassen und nur was das Kandidieren
meines Vaters angeht  ich denke mir es ist noch nicht soweit vieles kann noch
dazwischenkommen und jedenfalls wird er schwanken Aber nehmen wir mal an es
sei wie Sie vermuten In diesem Falle träfe doch gerade das zu was ich mir
soeben zu sagen erlaubt habe Mein Vater ist in jedem Anbetracht ein treuer
Gesinnungsgenosse Kortschädels und wenn er an seine Stelle tritt was ist da
verloren Die Lage bleibt dieselbe«
    »Nein Herr von Stechlin«
    »Nun was ändert sich«
    »Vieles alles Kortschädel war in den großen Fragen unerbittlich und Ihr
Herr Vater lässt mit sich reden «
    »Ich weiß nicht ob Sie da recht haben Aber wenn es so wäre so wäre das
doch ein Glück«
    »Ein Unglück Herr von Stechlin Wer mit sich reden lässt ist nicht stramm
und wer nicht stramm ist ist schwach Und Schwäche die destruktiven Elemente
haben dafür eine feine Fühlung Schwäche ist immer Wasser auf die Mühlen der
Sozialdemokratie«
    Die vier andern der kleinen Tafelrunde waren im Gartensalon zurückgeblieben
hatten sich aber auch zu zwei und zwei zusammengetan In der einen
Fensternische so dass sie den Blick auf den mondbeschienenen Vorplatz und die
draußen auf der Veranda auf und ab schreitenden beiden Herren hatten saßen
Lorenzen und Frau von Gundermann Die Gundermann war glücklich über das
Têteàtête denn sie hatte wegen ihres jüngsten Sohnes allerhand Fragen auf dem
Herzen oder bildete sich wenigstens ein sie zu haben Denn eigentlich hatte sie
für gar nichts Interesse sie musste bloß richtige Berlinerin die sie war
reden können
    »Ich bin so froh Herr Pastor dass ich nun doch einmal Gelegenheit finde
Gott wer Kinder hat der hat auch immer Sorgen Ich möchte wegen meines
Jüngsten so gerne mal mit Ihnen sprechen wegen meines Arthur Rudolf hat mir
keine Sorgen gemacht aber Arthur Er ist nun jetzt eingesegnet und Sie haben
ihm Herr Prediger den schönen Spruch mitgegeben und der Junge hat auch gleich
den Spruch auf einen großen weißen Bogen geschrieben alle Buchstaben erst mit
zwei Linien nebeneinander und dann dick ausgetuscht Es sieht aus wie n Plakat
Und diesen großen Bogen hat er sich in die Waschtoilette geklebt und da mahnt
es ihn immer«
    »Nun Frau von Gundermann dagegen ist doch nichts zu sagen«
    »Nein das will ich auch nicht Eher das Gegenteil Es hat ja doch was
Rührendes dass es einer so ernst nimmt Denn er hat zwei Tage dran gesessen
Aber wenn solch junger Mensch es so immer liest so gewöhnt er sich dran Und
dann ist ja auch gleich wieder die Verführung da Gott dass man gerade immer
über solche Dinge reden muss noch keine Stunde dass ich mit dem Herrn Hauptmann
über unsern Volontär Vehmeier gesprochen habe netter Mensch und nun gleich
wieder mit Ihnen Herr Pastor auch über so was Aber es geht nicht anders Und
dann sind Sie ja doch auch wie verantwortlich für seine Seele«
    Lorenzen lächelte »Gewiss liebe Frau von Gundermann Aber was ist es denn
Um was handelt es sich denn eigentlich«
    »Ach es ist an und für sich nicht viel und doch auch wieder eine recht
ärgerliche Sache Da haben wir ja jetzt die Jüngste von unserm Schullehrer
Brandt ins Haus genommen ein hübsches Balg rotbraun und ganz kraus und Brandt
wollte sie solle bei uns angelernt werden Nun wir sind kein großes Haus
gewiss nicht aber Mäntel abnehmen und rumpräsentieren und dass sie weiß ob
links oder rechts soviel lernt sie am Ende doch«
    »Gewiss Und die Frida Brandt oh die kenn ich ganz gut die wurde jetzt
gerade vorm Jahr eingesegnet Und es ist wie Sie sagen ein allerliebstes
Geschöpf und klug und aufgekratzt ein bisschen zu sehr Sie will zu Ostern nach
Berlin«
    »Wenn sie nur erst da wäre Mir tut es beinahe schon leid dass ich ihr nicht
gleich zugeredet Aber so geht es einem immer«
    »Ist denn was vorgefallen«
    »Vorgefallen Das will ich nicht sagen Er is ja doch erst sechzehn und eine
Dusche dazu gerade wie sein Vater der hat sich auch erst rausgemausert seit
er grau geworden Was beiläufig auch nicht gut ist Und da komme ich nun gestern
vormittag die Treppe rauf und will dem Jungen sagen dass er in den Dohnenstrich
geht und nachsieht ob Krammetsvögel da sind und die Tür steht halb auf was
noch das beste war und da seh ich wie sie ihm eine Nase dreht und die
Zungenspitze raussteckt so was von spitzer Zunge hab ich mein Lebtag noch nicht
gesehen Die reine Eva Für die Potiphar ist sie mir noch zu jung Und als ich
nu dazwischentrete da kriegt ja nu der arme Junge das Zittern und weil ich
nicht recht wusste was ich sagen sollte ging ich bloß hin und klappte den
Waschtischdeckel auf wo der Spruch stand und sah ihn scharf an Und da wurde
er ganz blass Aber das Balg lachte«
    »Ja liebe Frau von Gundermann das ist so Jugend hat keine Tugend«
    »Ich weiß doch nicht ich bin auch einmal jung gewesen«
    »Ja Damen«
Während Frau von Gundermann in ihrem Gespräch in der Fensternische mit
derartigen Intimitäten kam und den guten Pastor Lorenzen abwechselnd in
Verlegenheit und dann auch wieder in stille Heiterkeit versetzte hatte sich
Dubslav mit Hauptmann von Czako in eine schräg gegenüber gelegene Ecke
zurückgezogen wo eine altmodische Kauseuse stand mit einem Marmortischchen
davor Auf dem Tische zwei Kaffeetassen samt aufgeklapptem Liqueurkasten aus
dem Dubslav eine Flasche nach der andern herausnahm »Jetzt wenn man von Tisch
kommt muss es immer ein Kognac sein Aber ich bekenne Ihnen lieber Hauptmann
ich mache die Mode nicht mit wir aus der alten Zeit wir waren immer ein
bisschen fürs Süße Creme de Kacao na natürlich das is Damenschnaps davon
kann keine Rede sein aber Pomeranzen oder wie sie jetzt sagen Curaçao das
ist mein Fall Darf ich Ihnen einschenken Oder vielleicht lieber Danziger
Goldwasser Kann ich übrigens auch empfehlen«
    »Dann bitte ich um Goldwasser Es ist doch schärfer und dann bekenne ich
Ihnen offen Herr Major Sie kennen ja unsre Verhältnisse so n bisschen Gold
heimelt einen immer an Man hat keins und dabei doch zugleich die Vorstellung
dass man es trinken kann  es hat eigentlich was Grossartiges«
    Dubslav nickte schenkte von dem Goldwasser ein erst für Czako dann für
sich selbst und sagte »Bei Tische hab ich die Damen leben lassen und Frau von
Gundermann im speziellen Hören Sie Hauptmann Sie verstehens Diese
Rattengeschichte«
    »Vielleicht war es ein bisschen zuviel«
    »I keineswegs Und dann Sie waren ja ganz unschuldig die Gnädge fing ja
davon an erinnern Sie sich sie verliebte sich ordentlich in die Geschichte von
den Rinnsteinbohlen und wie sie drauf rumgetrampelt bis die Ratten rauskamen
Ich glaube sogar sie sagte Biester Aber das schadet nicht Das ist so Berliner
Stil Und unsre Gnädge hier beiläufig eine geborene Helfrich is eine
Vollblutberlinerin«
    »Ein Wort das mich doch einigermaßen überrascht«
    »Ah« drohte Dubslav schelmisch mit dem Finger »ich verstehe Sie sind
einer gewissen Unausreichendheit begegnet und verlangen mindestens mehr Quadrat
von Kubik will ich nicht sprechen Aber wir von Adel müssen in diesem Punkte
doch ziemlich milde sein und ein Auge zudrücken wenn das das richtige Wort ist
Unser eigenstes Vollblut bewegt sich auch in Extremen und hat einen linken und
einen rechten Flügel der linke nähert sich unsrer geborenen Helfrich Übrigens
unterhaltliche Madam Und wie beseligt sie war als sie den Namenszug auf Ihrer
Achselklappe glücklich entdeckt und damit den Anmarsch auf die Münzstrasse
gewonnen hatte Was es doch alles für Lokalpatriotismen gibt«
    »An dem unser Regiment teilnimmt oder ihn mitmacht Die Welt um den
Alexanderplatz herum hat übrigens so ihren eigenen Zauber schon um einer
gewissen Unresidenzlichkeit willen Ich sehe nichts lieber als die große
Marktalle wenn beispielsweise die Fischtonnen mit fünfhundert Aalen in die
Netze gegossen werden Etwas Unglaubliches von Gezappel«
    »Finde mich ganz darin zurecht und bin auch für Alexanderplatz und
Alexanderkaserne samt allem was dazugehört Und so brech ich denn auch die
Gelegenheit vom Zaun um nach einem Ihrer früheren Regimentskommandeure zu
fragen dem liebenswürdigen Obersten von Zeuner den ich noch persönlich gekannt
habe Hier unsre Stechliner Gegend ist nämlich Zeunergegend Keine Stunde von
hier liegt Köpernitz eine reizende Besitzung drauf die Zeunersche Familie
schon in friderizianischen Tagen ansässig war Bin oft drüben gewesen nun
freilich schon zwanzig Jahre zurück und komme noch einmal mit der Frage Haben
Sie den Obersten noch gekannt«
    »Nein Herr Major Er war schon fort als ich zum Regimente kam Aber ich
habe viel von ihm gehört und auch von Köpernitz weiß aber freilich nicht mehr
in welchem Zusammenhange«
    »Schade dass Sie nur einen Tag für Stechlin festgesetzt haben sonst müssten
Sie das Gut sehen Alles ganz eigentümlich und besonders auch ein Grabstein
unter dem eine uralte Dame von beinah neunzig Jahren begraben liegt eine
geborene von Zeuner die sich in früher Jugend schon mit einem Emigranten am
Rheinsberger Hof mit dem Grafen La RocheAymon vermählt hatte Merkwürdige
Frau von der ich Ihnen erzähle wenn ich Sie mal wiedersehe Nur eins müssen
Sie heute schon mit anhören denn ich glaube Sie haben den Gustus dafür«
    »Für alles was Sie erzählen«
    »Keine Schmeicheleien Aber die Geschichte will ich Ihnen doch als Andenken
mitgeben Andre schenken sich Photographien was ich selbst wenn es hübsche
Menschen sind ein Fall der übrigens selten zutrifft immer greulich finde«
    »Schenke nie welche«
    »Was meine Gefühle für Sie steigert Aber die Geschichte Da war also drüben
in Köpernitz diese La RocheAymon und weil sie noch die PrinzHeinrichTage
gesehen und während derselben eine Rolle gespielt hatte so zählte sie zu den
besonderen Lieblingen Friedrich Wilhelms IV Und als nun  sagen wir ums Jahr
fünfzig  der Zufall es fügte dass dem zur Jagd hier erschienenen König das
Köpernitzer Frühstück ganz besonders aber eine Blut und Zungenwurst über die
Massen gut geschmeckt hatte so wurde dies Veranlassung für die Gräfin am
nächsten Heiligabend eine ganze Kiste voll Würste nach Potsdam hin in die
königliche Küche zu liefern Und das ging so durch Jahre Da beschloss zuletzt
der gute König sich für all die gute Gabe zu revanchieren und als wieder
Weihnachten war traf in Köpernitz ein Postpaket ein Inhalt eine zierliche
kleine Blutwurst Und zwar war es ein wunderschöner rundlicher Blutkarneol mit
Goldspeilerchen an beiden Seiten und die Speilerchen selbst mit Diamanten
besetzt Und neben diesem Geschenk lag ein Zettelchen Wurst wider Wurst«
    »Allerliebst«
    »Mehr als das Ich persönlich ziehe solchen guten Einfall einer guten
Verfassung vor Der König glaub ich tat es auch Und es denken auch heute noch
viele so«
    »Gewiss Herr Major Es denken auch heute noch viele so und bei dem
Schwankezustand in dem ich mich leider befinde sind meine persönlichen
Sympatien gelegentlich nicht weitab davon Aber ich fürchte doch dass wir mit
dieser unsrer Anschauung sehr in der Minorität bleiben«
    »Werden wir Aber Vernunft ist immer nur bei wenigen Es wäre das beste
wenn ein einziger AlterFritzenVerstand die ganze Geschichte regulieren könnte
Freilich braucht ein solcher oberster Wille auch seine Werkzeuge Die haben wir
aber noch in unserm Adel in unsrer Armee und speziell auch in Ihrem Regiment«
    Während der Alte diesen Trumpf ausspielte kam Engelke um ein paar neue
Tassen zu präsentieren
    »Nein nein Engelke wir sind schon weiter Aber stell nur hin In Ihrem
Regiment sag ich Herr von Czako schon sein Name bedeutet ein Programm und
dies Programm heißt Russland Heutzutage darf man freilich kaum noch davon
reden Aber das ist Unsinn Ich sage Ihnen Hauptmann das waren Preußens beste
Tage als da bei Potsdam herum die russische Kirche und das russische Haus
gebaut wurden und als es immer hin und herging zwischen Berlin und Petersburg
Ihr Regiment Gott sei Dank unterhält noch was von den alten Beziehungen und
ich freue mich immer wenn ich davon lese vor allem wenn ein russischer Kaiser
kommt und ein Doppelposten vom Regiment Alexander vor seinem Palais steht Und
noch mehr freu ich mich wenn das Regiment Deputationen schickt Georgsfest
Namenstag des hohen Chefs oder wenn sichs auch bloß um Uniformabänderungen
handelt beispielsweise Klappkragen statt Stehkragen diese verdammten
Stehkragen  und wie dann der Kaiser alle begrüßt und zur Tafel zieht und so
bei sich denkt Ja ja das sind brave Leute da hab ich meinen Halt«
    Czako nickte war aber doch in sichtlicher Verlegenheit weil er trotz
seiner vorher versicherten »Sympatien« ein ganz moderner politisch stark
angekränkelter Mensch war der bei strammster Dienstlichkeit zu all
dergleichen Überspannteiten ziemlich kritisch stand Der alte Dubslav nahm
indessen von alledem nichts wahr und fuhr fort »Und sehen Sie lieber
Hauptmann so hab ichs persönlich in meinen jungen Jahren auch noch erlebt und
vielleicht noch ein bisschen besser denn Pardon jeder hält seine Zeit für die
beste Vielleicht sogar dass Sie mir zustimmen wenn ich Ihnen mein Sprüchel
erst ganz hergesagt haben werde Da haben wir ja nun jenseits des Njemen wie
manche Gebildete jetzt sagen die drei Alexander gehabt den ersten den zweiten
und den dritten alle drei große Herren und alle drei richtige Kaiser und fromme
Leute oder doch beinah fromm dies gut mit ihrem Volk und mit der Menschheit
meinten und dabei selber richtige Menschen aber in dies Alexandertum das so
beinah das ganze Jahrhundert ausfüllt da schiebt sich doch noch einer ein ein
NichtAlexander und ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen der war doch der
Häupter Und das war unser Nikolaus Manche dummen Kerle haben Spottlieder auf
ihn gemacht und vom schwarzen Niklas gesungen wie man Kinder mit dem schwarzen
Mann graulich macht aber war das ein Mann Und dieser selbige Nikolaus nun
der hatte hier ganz wie die drei Alexander auch ein Regiment und das waren
die NikolausKürassiere oder sag ich lieber das sind die NikolausKürassiere
denn wir haben sie Gott sei Dank noch Und sehen Sie lieber Czako das war
mein Regiment dabei hab ich gestanden als ich noch ein junger Dachs war und
habe dann den Abschied genommen viel zu früh Dummheit hätte lieber
dabeibleiben sollen«
    Czako nickte Dubslav nahm ein neues Glas von dem Goldwasser »Unsre
NikolausKürassiere Gott erhalte sie wie sie sind Ich möchte sagen in dem
Regimente lebt noch die Heilige Alliance fort die Waffenbrüderschaft von Anno
dreizehn und dies Anno dreizehn das wir mit den Russen zusammen durchgemacht
haben immer nebeneinander im Biwak in Glück und Unglück das war doch unsre
größte Zeit Grösser als die jetzt große Große Zeit ist es immer nur wenns
beinah schiefgeht wenn man jeden Augenblick fürchten muss Jetzt ist alles
vorbei Da zeigt sichs Kourage ist gut aber Ausdauer ist besser Ausdauer
das ist die Hauptsache Nichts im Leibe nichts auf dem Leibe Hundekälte Regen
und Schnee so dass man so in der nassen Patsche liegt und höchstens nen Kornus
Kognac ja hast du was den gab es damals kaum und so die Nacht durch da
konnte man Jesum Christum erkennen lernen Ich sage das wenn ich auch nicht mit
dabeigewesen Anno dreizehn bei Grossgörschen das war für uns die richtige
Waffenbrüderschaft jetzt haben wir die Waffenbrüderschaft der Orgeldreher und
der Mausefallenhändler Ich bin für Russland für Nikolaus und Alexander
Preobraschensk Semenow Kaluga  da hat man die richtige Anlehnung alles andre
ist revolutionär und was revolutionär ist das wackelt«
Kurz vor elf der Mond war inzwischen unter brach man auf und die Wagen fuhren
vor erst der Katzlersche Kaleschwagen dann die Gundermannsche Chaise Martin
aber mit einer Stallaterne leuchtete dem Pastor über Vorhof und Bohlenbrücke
fort bis an seine ganz im Dunkel liegende Pfarre Gleich darauf zogen sich auch
die drei Freunde zurück und stiegen unter Vorantritt Engelkes die große Treppe
hinauf bis auf den Podest Hier trennten sich Rex und Czako von Woldemar
dessen Zimmer auf der andern Flurseite gelegen war
    Czako sehr müde war im Nu bettfertig »Es bleibt also dabei Rex Sie
logieren sich in dem Rokokozimmer ein  wir wollen es ohne weiteres so nennen 
und ich nehme das Himmelbett hier in Zimmer Nummer eins Vielleicht wäre das
Umgekehrte richtiger aber Sie haben es so gewollt«
    Und während er noch so sprach schob er seine Stiefel auf den Flur hinaus
schloss ab und legte sich nieder
    Rex war derweilen mit seiner Plaidrolle beschäftigt aus der er allerlei
Toilettengegenstände hervorholte »Sie müssen mich entschuldigen Czako wenn
ich mich noch eine Viertelstunde hier bei Ihnen aufhalte Habe nämlich die
Angewohnheit mich abends zu rasieren und der Toilettentisch mit Spiegel ohne
den es doch nicht gut geht der steht nun mal hier an Ihrem statt an meinem
Fenster Ich muss also stören«
    »Mir sehr recht trotz aller Müdigkeit Nichts besser als noch ein bisschen
aus dem Bett heraus plaudern können Und dabei so warm eingemummelt Die Betten
auf dem Lande sind überhaupt das Beste«
    »Nun Czako das freut mich dass Sie so bereit sind mir Quartier zu gönnen
Aber wenn Sie noch eine Plauderei haben wollen so müssen Sie sich die
Hauptsache selber leisten Ich schneide mich sonst was dann hinterher immer
ganz schändlich aussieht Übrigens muss ich erst Schaum schlagen und so lange
wenigstens kann ich Ihnen Red und Antwort stehen Ein Glück nebenher dass hier
außer der kleinen Lampe noch diese zwei Leuchter sind Wenn ich nicht Licht von
rechts und links habe komme ich nicht von der Stelle das eine wackelt zwar
alle diese dünnen Silberleuchter wackeln aber wenn gute Reden sie
begleiten Also strengen Sie sich an Wie fanden Sie die Gundermanns
Sonderbare Leute  haben Sie schon mal den Namen Gundermann gehört«
    »Ja Aber das war in Waldmeisters Brautfahrt«
    »Richtig so wirkt er auch Und nun gar erst die Frau Der einzige der sich
sehen lassen konnte war dieser Katzler Ein Karambolespieler ersten Ranges
Übrigens Eisernes Kreuz«
    »Und dann der Pastor«
    »Nun ja auch der Eine ganz gescheite Nummer Aber doch ein wunderbarer
Heiliger wie die ganze Sippe zu der er gehört Er hält zu Stoecker sprach es
auch aus was neuerdings nicht jeder tut aber der neue Luther der doch schon
gerade bedenklich genug ist  Majestät hat ganz recht mit seiner Verurteilung 
der geht ihm gewiss nicht weit genug Dieser Lorenzen erscheint mir im Gegensatz
zu seinen Jahren als einer der Allerjüngsten Und zu verwundern bleibt nur dass
der Alte so gut mit ihm steht Freund Woldemar hat mir davon erzählt Der Alte
liebt ihn und sieht nicht dass ihm sein geliebter Pastor den Ast absägt auf dem
er sitzt Ja diese von der neuesten Schule das sind die allerschlimmsten
Immer Volk und wieder Volk und mal auch etwas Christus dazwischen Aber ich
lasse mich so leicht nicht hinters Licht führen Es läuft alles darauf hinaus
dass sie mit uns aufräumen wollen und mit dem alten Christentum auch Sie haben
ein neues und das überlieferte behandeln sie despektierlich«
    »Kann ich ihnen unter Umständen nicht verdenken Seien Sie gut Rex und
lassen Sie Konventikel und Partei mal beiseite Das Überlieferte was einem da
so vor die Klinge kommt namentlich wenn Sie sich die Menschen ansehen wie sie
nun mal sind ist doch sehr reparaturbedürftig und auf solche Reparatur ist ein
Mann wie dieser Lorenzen eben aus Machen Sie die Probe Hie Lorenzen hie
Gundermann Und Ihren guten Glauben in Ehren aber Sie werden diesen Gundermann
doch nicht über den Lorenzen stellen und ihn überhaupt nur ernstaft nehmen
wollen Und wie dieser Wassermüller aus der Brettschneidebranche so sind die
meisten Phrase Phrase Mitunter auch Geschäft oder noch Schlimmeres«
    »Ich kann jetzt nicht antworten Czako Was Sie da sagen berührt eine große
Frage bei der man doch aufpassen muss Und so mit dem Messer in der Hand da
verbietet sichs Und das eine wacklige Licht hat ohnehin schon einen Dieb
Erzählen Sie mir lieber was von der Frau von Gundermann Debattieren kann ich
nicht mehr aber wenn Sie plaudern brauch ich bloß zuzuhören Sie haben ihr ja
bei Tisch nen langen Vortrag gehalten«
    »Ja Und noch dazu über Ratten«
    »Nein Czako davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen dann doch noch lieber
über alten und neuen Glauben Und gerade hier In solchem alten Kasten ist man
nie sicher vor Spuk und Ratten Wenn Sie nichts andres wissen dann bitt ich um
die Geschichte bei der wir heute früh in Cremmen unterbrochen wurden Es schien
mir was Pikantes«
    »Ach die Geschichte von der kleinen Stubbe Ja hören Sie Rex das regt
Sie aber auch auf Und wenn man nicht schlafen kann ist es am Ende gleich ob
wegen der Ratten oder wegen der Stubbe«
 
                                Fünftes Kapitel
Rex und Czako waren so müde dass sie sich wenn nötig über Spuk und Ratten
weggeschlafen hätten Aber es war nicht nötig nichts war da was sie hätte
stören können Kurz vor acht erschien das alte Faktotum mit einem silbernen
Deckelkrug aus dem der Wrasen heißen Wassers aufstieg einem der wenigen
Renommierstücke über die Schloss Stechlin verfügte Dazu bot Engelke den Herren
einen guten Morgen und stattete seinen Wetterbericht ab Es gebe gewiss einen
schönen Tag und der junge Herr sei auch schon auf und gehe mit dem alten um das
Rundell herum
    So war es denn auch Woldemar war schon gleich nach sieben unten im Salon
erschienen um mit seinem Vater von dem er wusste dass er ein Frühauf war ein
Familiengespräch über allerhand diffizile Dinge zu führen Aber er war
entschlossen seinerseits damit nicht anzufangen sondern alles von der Neugier
und dem guten Herzen des Vaters zu erwarten Und darin sah er sich auch nicht
getäuscht
    »Ah Woldemar das ist recht dass du schon da bist Nur nicht zu lang im
Bett Die meisten Langschläfer haben einen Knacks Es können aber sonst ganz
gute Leute sein Ich wette dein Freund Rex schläft bis neun«
    »Nein Papa der gerade nicht Wer wie Rex ist kann sich das nicht gönnen
Er hat nämlich einen Verein gegründet für Frühgottesdienste abwechselnd in
Schönhausen und Finkenkrug Aber es ist noch nicht perfekt geworden«
    »Freut mich dass es noch hapert Ich mag so was nicht Der alte Wilhelm hat
zwar seinem Volke die Religion wiedergeben wollen was ein schönes Wort von ihm
war  alles was er tat und sagte war gut  aber Religion und Landpartie
dagegen bin ich doch Ich bin überhaupt gegen alle falschen Mischungen Auch bei
den Menschen Die reine Rasse das ist das eigentlich Legitime Das andre was
sie nebenher noch Legitimität nennen das ist schon alles mehr künstlich Sage
wie steht es denn eigentlich damit Du weißt schon was ich meine«
    »Ja Papa«
    »Nein nicht so nicht immer bloß ja Papa So fängst du jedesmal an wenn
ich auf dies Thema komme Da liegt schon ein halber Refus drin oder ein
Hinausschieben ein Abwartenwollen Und damit kann ich mich nicht befreunden Du
bist jetzt zweiunddreissig oder doch beinah da muss der mit der Fackel kommen
aber du fackelst verzeih den Kalauer ich bin eigentlich gegen Kalauer die
sind so mehr für Handlungsreisende also du fackelst sag ich und ist kein
Ernst dahinter Und soviel kann ich dir außerdem sagen deine Tante Sanctissima
drüben in Kloster Wutz die wird auch schon ungeduldig Und das sollte dir zu
denken geben Mich hat sie zeitlebens schlecht behandelt wir stimmten eben nie
zusammen und konnten auch nicht denn so halb Königin Elisabet halb
Kaffeeschwester das is ne Melange mit der ich mich nie habe befreunden
können Ihr drittes Wort ist immer ihr Rentmeister Fix und wäre sie nicht
sechsundsiebzig so erfänd ich mir eine Geschichte dazu«
    »Mach es gnädig Papa Sie meint es ja doch gut Und mit mir nun schon ganz
gewiss«
    »Gnädig machen Ja Woldemar ich will es versuchen Nur fürcht ich es wird
nicht viel dabei herauskommen Da heißt es immer man solle Familiengefühl
haben aber es wird einem doch auch zu blutsauer gemacht und ich kann umgekehrt
der Versuchung nicht widerstehen eine richtige Familienkritik zu üben Adelheid
fordert sie geradezu heraus Andrerseits freilich in dich ist sie wie vernarrt
für dich hat sie Geld und Liebe Was davon wichtiger ist stehe dahin aber
soviel ist gewiss ohne sie wär es überhaupt gar nicht gegangen ich meine dein
Leben in deinem Regiment Also wir haben ihr zu danken und weil sie das
geradesogut weiß wie wir oder vielleicht noch ein bisschen besser gerade
deshalb wird sie ungeduldig sie will Taten sehen was vom Weiberstandpunkt aus
allemal soviel heißt wie Verheiratung Und wenn man will kann man es auch so
nennen ich meine Taten Es ist und bleibt ein Heroismus Wer Tante Adelheid
geheiratet hätte hätte sich die Tapferkeitsmedaille verdient und wenn ich
schändlich sein wollte so sagte ich das Eiserne Kreuz«
    »Ja Papa«
    »Schon wieder ja Papa Nun meinetwegen ich will dich schließlich in
deiner Lieblingswendung nicht stören Aber bekenne mir nebenher  denn das ist
doch schließlich das um was sichs handelt  liegst du mit was im Anschlag
hast du was auf dem Korn«
    »Papa diese Wendungen erschrecken mich beinah Aber wenn denn schon so
jägermässig gesprochen werden soll ja meine Wünsche haben ein bestimmtes Ziel
und ich darf sagen mich beschäftigen diese Dinge«
    »Mich beschäftigen diese Dinge Nimm mirs nicht übel Woldemar das ist
ja gar nichts Beschäftigen Ich bin nicht fürs Poetische das ist für
Gouvernanten und arme Lehrer die nach Görbersdorf müssen bloß dass sie
meistens kein Geld dazu haben aber diese Wendung sich beschäftigen das ist
mir denn doch zu prosaisch Wenn es sich um solche Dinge wie Liebe handelt
wiewohl ich über Liebe nicht viel günstiger denke wie über Poesie bloß dass
Liebe doch noch mehr Unheil anrichtet weil sie noch allgemeiner auftritt 
wenn es sich um Dinge wie Liebe handelt so darf man nicht sagen ich habe mich
damit beschäftigt Liebe ist doch schließlich immer was Forsches sonst kann sie
sich ganz und gar begraben lassen und da möcht ich denn doch etwas von dir
hören was ein bisschen wie Leidenschaft aussieht Es braucht ja nicht gleich was
Schreckliches zu sein Aber so ganz ohne Stimulus wie man glaub ich jetzt
sagt so ganz ohne so was geht es nicht alle Menschheit ist darauf gestellt
und wos einschläft ist so gut wie alles vorbei Nun weiß ich zwar recht gut
es geht auch ohne uns aber das ist doch alles bloß etwas was einem von
Verstandes wegen aufgezwungen wird das egoistische Gefühl das immer unrecht
aber auch immer recht hat will von dem allem nichts wissen und besteht darauf
dass die Stechline weiterleben wenn es sein kann in aeternum Ewig weiterleben
 ich räume ein es hat ein bisschen was Komisches aber es gibt wenig ernste
Sachen die nicht auch eine komische Seite hätten Also dich beschäftigen
diese Dinge Kannst du Namen nennen Auf wem haben Eurer Hoheit Augen zu ruhen
geruht«
    »Papa Namen darf ich noch nicht nennen Ich bin meiner Sache noch nicht
sicher genug und das ist auch der Grund warum ich Wendungen gebraucht habe
die dir nüchtern und prosaisch erschienen sind Ich kann dir aber sagen ich
hätte mich lieber anders ausgedrückt nur darf ich es noch nicht Und dann weiß
ich ja auch dass du selber einen abergläubischen Zug hast und ganz aufrichtig
davon ausgehst dass man sich sein Glück verreden kann wenn man zu früh oder
zuviel davon spricht«
    »Brav brav Das gefällt mir So ist es Wir sind immer von neidischen und
boshaften Wesen mit Fuchsschwänzen und Fledermausflügeln umstellt und wenn wir
renommieren oder sicher tun dann lachen sie Und wenn sie erst lachen dann
sind wir schon so gut wie verloren Mit unsrer eignen Kraft ist nichts getan
ich habe nicht den Grashalm sicher den ich hier ausreisse Demut Demut Aber
trotzdem komm ich dir mit der naiven Frage denn man widerspricht sich in einem
fort ist es was Vornehmes was Pikfeines«
    »Pikfein Papa will ich nicht sagen Aber vornehm gewiss«
    »Na das freut mich Falsche Vornehmheit ist mir ein Greuel aber richtige
Vornehmheit  à la bonne heure Sage mal vielleicht was vom Hofe«
    »Nein Papa«
    »Na desto besser Aber da kommen ja die Herren Der Rex sieht wirklich
verdeubelt gut aus ganz das was wir früher einen Gardeassessor nannten Und
fromm sagst du  wird also wohl Karriere machen fromm is wie ne untergelegte
Hand«
    Während dieser Worte stiegen Rex und Czako die Stufen zum Garten hinunter
und begrüßten den Alten Er erkundigte sich nach ihren nächtlichen Schicksalen
freute sich dass sie »durchgeschlafen hätten« und nahm dann Czakos Arm um vom
Garten her auf die Veranda wo Engelke mittlerweile unter der großen Markise den
Frühstückstisch hergerichtet hatte zurückzukehren »Darf ich bitten Herr von
Rex« Und er wies auf einen Gartenstuhl ihm gerade gegenüber während Woldemar
und Czako links und rechts neben ihm Platz nahmen »Ich habe neuerdings den Tee
eingeführt das heißt nicht obligatorisch im Gegenteil ich persönlich bleibe
lieber bei Kaffee schwarz wie der Teufel süß wie die Sünde heiß wie die
Hölle wie bereits Talleirand gesagt haben soll Aber Pardon dass ich Sie mit so
was überhaupt noch belästige Schon mein Vater sagte mal Ja wir auf dem Lande
wir haben immer noch die alten WienerKongressWitze Und das ist nun schon
wieder ein Menschenalter her«
    »Ach diese alten Kongresswitze« sagte Rex verbindlich »ich möchte mir die
Bemerkung erlauben Herr Major dass diese alten Witze besser sind als die neuen
Und kann auch kaum anders sein Denn wer waren denn die Verfasser von damals
Talleirand den Sie schon genannt haben und Wilhelm von Humboldt und Friedrich
Gentz und ihresgleichen Ich glaube dass das Metier seitdem sehr herabgestiegen
ist«
    »Ja herabgestiegen ist alles und es steigt immer weiter nach unten Das
ist was man neue Zeit nennt immer weiter runter Und mein Pastor den Sie ja
gestern abend kennengelernt haben der behauptet sogar das sei das Wahre das
sei das was man Kultur nenne dass immer weiter nach unten gestiegen würde Die
aristokratische Welt habe abgewirtschaftet und nun komme die demokratische«
    »Sonderbare Worte für einen Geistlichen« sagte Rex »für einen Mann der
doch die durch Gott gegebenen Ordnungen kennen sollte«
    Dubslav lachte »Ja das bestreitet er Ihnen Und ich muss bekennen es hat
manches für sich trotzdem es mir nicht recht passt Im übrigen wir werden ihn
ich meine den Pastor ja wohl noch beim zweiten Frühstück sehen wo Sie dann
Gelegenheit nehmen können sich mit ihm persönlich darüber auseinanderzusetzen
er liebt solche Gespräche wie Sie wohl schon gemerkt haben und hat eine kleine
Luterneigung sich immer auf das jetzt übliche Hier steh ich ich kann nicht
anders auszuspielen Mitunter sieht es wirklich so aus als ob wieder eine
gewisse Märtyrerlust in die Menschen gefahren wäre bloß ich trau dem Frieden
noch nicht so recht«
    »Ich auch nicht« bemerkte Rex »meistens Renommisterei«
    »Na na« sagte Czako »Da hab ich doch noch diese letzten Tage von einem
armen russischen Lehrer gelesen der unter die Soldaten gesteckt wurde sie
haben da jetzt auch so was wie allgemeine Dienstpflicht und dieser Mensch der
Lehrer hat sich geweigert eine Flinte loszuschiessen weil das bloß Vorschule
sei zu Mord und Totschlag also ganz und gar gegen das fünfte Gebot Und dieser
Mensch ist sehr gequält worden und zuletzt ist er gestorben Wollen Sie das
auch Renommisterei nennen«
    »Gewiss will ich das«
    »Herr von Rex« sagte Dubslav »sollten Sie dabei nicht zu weit gehen Wenn
sichs ums Sterben handelt da hört das Renommieren auf Aber diese Sache von
der ich übrigens auch gehört habe hat einen ganz andern Schlüssel Das liegt
nicht an der allgemein gewordenen Renommisterei das liegt am Lehrertum Alle
Lehrer sind nämlich verrückt Ich habe hier auch einen an dem ich meine Studien
gemacht habe heißt Krippenstapel was allein schon was sagen will Er ist grad
um ein Jahr älter als ich also runde siebenundsechzig und eigentlich ein
Prachtexemplar jedenfalls ein vorzüglicher Lehrer Aber verrückt ist er doch«
    »Das sind alle« sagte Rex »Alle Lehrer sind ein Schrecknis Wir im
Kultusministerium können ein Lied davon singen Diese AbcPauker wissen alles
und seitdem Anno sechsundsechzig der unsinnige Satz in die Mode kam der
preußische Schulmeister habe die Österreicher geschlagen  ich meinerseits würde
lieber dem Zündnadelgewehr oder dem alten Steinmetz der alles nur kein
Schulmeister war den Preis zuerkennen  seitdem ist es vollends mit diesen
Leuten nicht mehr auszuhalten Herr von Stechlin hat eben von einem der
Humboldts gesprochen nun an Wilhelm von Humboldt trauen sie sich noch nicht
recht heran aber was Alexander von Humboldt konnte das können sie nun schon
lange«
    »Da treffen Sies Herr von Rex« sagte Dubslav »Genauso ist meiner auch
Ich kann nur wiederholen ein vorzüglicher Mann aber er hat den
Prioritätswahnsinn Wenn Koch das Heilserum erfindet oder Edison Ihnen auf
fünfzig Meilen eine Oper vorspielt mit Getrampel und Händeklatschen dazwischen
so weist Ihnen mein Krippenstapel nach dass er das vor dreißig Jahren auch schon
mit sich rumgetragen habe«
    »Ja ja so sind sie alle«
    »Übrigens Aber darf ich Ihnen nicht noch von diesem gebackenen Schinken
vorlegen Übrigens mahnt mich Krippenstapel daran dass die Feststellung eines
Vormittagsprogramms wohl an der Zeit sein dürfte Krippenstapel ist nämlich der
geborene Cicerone dieser Gegenden und durch Woldemar weiß ich bereits dass Sie
uns die Freude machen wollen sich um Stechlin und Umgegend ein klein wenig zu
kümmern Dorf Kirche Wald See  um den See natürlich am meisten denn der ist
unsre pièce de résistance Das andere gibt es woanders auch aber der See
Lorenzen erklärt ihn außerdem noch für einen richtigen Revolutionär der gleich
mitrumort wenn irgendwo was los ist Und es ist auch wirklich so Mein Pastor
aber sollte beiläufig bemerkt so was lieber nicht sagen Das sind so
Geistreichigkeiten die leicht übel vermerkt werden Ich persönlich lass es
laufen Es gibt nichts was mir so verhasst wäre wie Polizeimassregeln oder einem
Menschen der gern ein freies Wort spricht die Kehle zuzuschnüren Ich rede
selber gern wie mir der Schnabel gewachsen ist«
    »Und verplauderst dich dabei« sagte Woldemar »und vergisst zunächst unser
Programm Um spätestens zwei müssen wir fort wir haben also nur noch vier
Stunden Und Globsow ohne das es nicht gehen wird ist weit und kostet uns
wenigstens die Hälfte davon«
    »Alles richtig Also das Menü meine Herren Ich denke mir die Sache so
Erst da gleich hinter dem Buchsbaumgange Besteigung des Aussichtsturms  noch
eine Anlage von meinem Vater her die sich nach Ansicht der Leute hier vordem
um vieles schöner ausnahm als jetzt Damals waren nämlich noch lauter bunte
Scheiben da oben und alles was man sah sah rot oder blau oder orangefarben
aus Und alle Welt hier war unglücklich als ich diese bunten Gläser wegnehmen
ließ Ich empfand es aber wie ne Naturbeleidigung Grün ist grün und Wald ist
Wald Also Nummer eins der Aussichtsturm Nummer zwei Krippenstapel und die
Schule Nummer drei die Kirche samt Kirchhof Pfarre schenken wir uns Dann Wald
und See Und dann Globsow wo sich eine Glasindustrie befindet Und dann wieder
zurück und zum Abschluss ein zweites Frühstück eine altmodische Bezeichnung die
mir aber trotzdem immer besser klingt als Lunch Zweites Frühstück hat etwas
ausgesprochen Behagliches und gibt zu verstehen dass man ein erstes schon hinter
sich hat Woldemar dies ist mein Programm das ich dir als einem
Eingeweihten hiermit unterbreite Ja oder nein«
    »Natürlich ja Papa Du triffst dergleichen immer am besten Ich meinerseits
mache aber nur die erste Hälfte mit Wenn wir in der Kirche fertig sind muss ich
zu Lorenzen Krippenstapel kann mich ja mehr als ersetzen und in Globsow weiß
er all und jedes Er spricht als ob er Glasbläser gewesen wäre«
    »Darf dich nicht wundern Dafür ist er Lehrer im allgemeinen und
Krippenstapel im besonderen«
So war denn also das Programm festgestellt und nachdem Dubslav mit Engelkes
Hilfe seinen noch ziemlich neuen weißen Filzhut den er sehr schonte mit einem
wotanartigen schwarzen Filzhut vertauscht und einen schweren Eichenstock in die
Hand genommen hatte brach man auf um zunächst auf den als erste
Sehenswürdigkeit festgesetzten Aussichtsturm hinaufzusteigen
    Der Weg dahin keine hundert Schritte führte durch einen sogenannten
»Poetensteig« »Ich weiß nicht« sagte Dubslav »warum meine Mutter diesen etwas
anspruchsvollen Namen hier einführte Soviel mir bekannt hat sich hier niemals
etwas betreffen lassen was zu dieser Rangerhöhung einer ehemaligen Taxushecke
hätte Veranlassung geben können Und ist auch recht gut so«
    »Warum gut Papa«
    »Nun nimm es nicht übel« lachte Dubslav »Du sprichst ja wie wenn du
selber einer wärst Im übrigen räum ich dir ein dass ich kein rechtes Urteil
über derlei Dinge habe Bei den Kürassieren war keiner und ich habe überhaupt
nur einmal einen gesehen mit einem kleinen Verdruss und einer Goldbrille die er
beständig abnahm und putzte Natürlich bloß ein Männchen klein und eitel Aber
sehr elegant«
    »Elegant« fragte Czako »Dann stimmt es nicht dann haben Sie so gut wie
keinen gesehen«
    Unter diesem Gespräche waren sie bis an den Turm gekommen der in mehreren
Etagen und zuletzt auf bloßen Leitern anstieg Man musste schwindelfrei sein um
gut hinaufzukommen Oben aber war es wieder gefahrlos weil eine feste Wandung
das Podium umgab Rex und Czako hielten Umschau Nach Süden hin lag das Land
frei nach den drei andern Seiten hin aber war alles mit Waldmassen besetzt
zwischen denen gelegentlich die sich hier auf weite Meilen hinziehende Seenkette
sichtbar wurde Der nächste See war der Stechlin
    »Wo ist nun die Stelle« fragte Czako »Natürlich die wos sprudelt und
strudelt«
    »Sehen Sie die kleine Buchtung da mit der weißen Steinbank«
    »Jawohl ganz deutlich«
    »Nun von der Steinbank aus keine zwei Bootslängen in den See hinein da
haben Sie die Stelle die wenns sein muss mit Java telephoniert«
    »Ich gäbe was drum« sagte Czako »wenn jetzt der Hahn zu krähen anfinge«
    »Diese kleine Aufmerksamkeit muss ich Ihnen leider schuldig bleiben und hab
überhaupt da nach rechts hin nichts andres mehr für Sie als die roten
Ziegeldächer die sich zwischen dem Waldrand und dem See wie auf einem Bollwerk
hinziehen Das ist Kolonie Globsow Da wohnen die Glasbläser Und dahinter liegt
die Glashütte Sie ist noch unter dem Alten Fritzen entstanden und heißt die
grüne Glashütte«
    »Die grüne Das klingt ja beinah wie aus nem Märchen«
    »Ist aber eher das Gegenteil davon Sie heißt nämlich so weil man da grünes
Glas macht allergewöhnlichstes Flaschenglas An Rubinglas mit Goldrand dürfen
Sie hier nicht denken Das ist nichts für unsre Gegend«
    Und damit kletterten sie wieder hinunter und traten nach Passierung des
Schlossvorhofs auf den quadratischen Dorfplatz hinaus an dessen einer Ecke die
Schule gelegen war Es musste die Schule sein das sah man an den offenstehenden
Fenstern und den Malven davor und als die Herren bis an den grünen Staketenzaun
heran waren hörten sie auch schon den prompten Schulgang da drinnen erst die
scharfe kurze Frage des Lehrers und dann die sofortige Massenantwort Im
nächsten Augenblick unter Vorantritt Dubslavs betraten alle den Flur und weil
ein kleiner weißer Kläffer sofort furchtbar zu bellen anfing erschien
Krippenstapel um zu sehen was los sei
    »Guten Morgen Krippenstapel« sagte Dubslav »Ich bring Ihnen Besuch«
    »Sehr schmeichelhaft Herr Baron«
    »Ja das sagen Sie wenns nur wahr ist Aber unter allen Umständen lassen
Sie den Baron aus dem Spiel Sehen Sie meine Herren mein Freund
Krippenstapel is ein ganz eigenes Haus Alltags nennt er mich Herr von Stechlin
den Major unterschlägt er und wenn er ärgerlich ist nennt er mich gnädger
Herr Aber sowie ich mit Fremden komme betitelt er mich Herr Baron Er will was
für mich tun«
    Krippenstapel still vor sich hin schmunzelnd hatte mittlerweile die Tür zu
der seiner Schulklasse gegenüber gelegenen Wohnstube geöffnet und bat die
Herren eintreten zu wollen
    Sie nahmen auch jeder einen Stuhl in die Hand aber stützten sich nur auf
die Lehne während das Gespräch zwischen Dubslav und dem Lehrer seinen Fortgang
nahm »Sagen Sie Krippenstapel wird es denn überhaupt gehen Sie sollen uns
natürlich alles zeigen und die Schule ist noch nicht aus«
    »Oh gewiss geht es Herr von Stechlin«
    »Ja hören Sie wenn der Hirt fehlt rebelliert die Herde«
    »Nicht zu befürchten Herr von Stechlin Da war mal ein Burgemeister
achtundvierziger Zeit Namen will ich lieber nicht nennen der sagte Wenn ich
meinen Stiefel ans Fenster stelle regier ich die ganze Stadt Das war mein
Mann«
    »Richtig den hab ich auch noch gekannt Ja der verstand es Überhaupt
immer in der Furcht des Herrn Dann geht alles am besten Der Hauptregente
bleibt doch der Krückstock«
    »Der Krückstock« bestätigte Krippenstapel »Und dann freilich die
Belohnungen«
    »Belohnungen« lachte Dubslav »Aber Krippenstapel wo nehmen Sie denn die
her«
    »Oh die hats schon Herr von Stechlin Aber immer mit Verschiedenheiten
Ist es was Kleines so kriegt der Junge bloß nen Katzenkopp weniger ist es
aber was Großes dann kriegt er ne Wabe«
    »ne Wabe Richtig Davon haben wir schon heute früh beim Frühstück
gesprochen als Ihr Honig auf den Tisch kam Ich habe den Herren dabei gesagt
Sie wären der beste Imker in der ganzen Grafschaft«
    »Zuviel Ehre Herr von Stechlin Aber das darf ich sagen ich versteh es
Und wenn die Herren mir folgen wollen um das Volk bei der Arbeit zu sehen  es
ist jetzt gerade beste Zeit«
    Alle waren einverstanden und so gingen sie denn durch den Flur bis in Hof
und Garten hinaus und nahmen hier Stellung vor einem offenen Etageschuppen drin
die Stöcke standen nicht altmodische Bienenkörbe sondern richtige
Bienenhäuser nach der Dzierzonschen Methode wo man alles herausnehmen und
jeden Augenblick in das Innere bequem hineingucken kann Krippenstapel zeigte
denn auch alles und Rex und Czako waren ganz aufrichtig interessiert
    »Nun aber Herr Lehrer Krippenstapel« sagte Czako »nun bitte geben Sie
uns auch einen Kommentar Wie is das eigentlich mit den Bienen Es soll ja was
ganz Besondres damit sein«
    »Ist es auch Herr Hauptmann Das Bienenleben ist eigentlich feiner und
vornehmer als das Menschenleben«
    »Feiner das kann ich mir schon denken aber auch vornehmer Was Vornehmeres
als den Menschen gibt es nicht Indessen wies damit auch sei ja oder nein
Sie machen einen nur immer neugieriger Ich habe mal gehört die Bienen sollen
sich auf das Staatliche so gut verstehen beinah vorbildlich«
    »So ist es auch Herr Hauptmann Und eines ist ja da worüber sich als Thema
vielleicht reden lässt Da sind nämlich in jedem Stock drei Gruppen oder Klassen
In Klasse eins haben wir die Königin in Klasse zwei haben wir die Arbeitsbienen
die was für alles Arbeitsvolk wohl eigentlich immer das beste ist
geschlechtslos sind und in Klasse drei haben wir die Drohnen die sind
männlich worin zugleich ihr eigentlicher Beruf besteht Denn im übrigen tun sie
gar nichts«
    »Interessanter Staat Gefällt mir Aber immer noch nicht vorbildlich genug«
    »Und nun bedenken Sie Herr Hauptmann Winterlang haben sie so dagesessen
und gearbeitet oder auch geschlafen Und nun kommt der Frühling und das
erwachende neue Leben ergreift auch die Bienen am mächtigsten aber die Klasse
eins die Königin Und sie beschliesst nun mit ihrem ganzen Volk einen
Frühlingsausflug zu machen der sich für sie persönlich sogar zu einer Art
Hochzeitsreise gestaltet So muss ich es nennen Unter den vielen Drohnen
nämlich die ihr auf der Ferse sind wählt sie sich einen Begleiter man könnte
sagen einen Tänzer der denn auch berufen ist alsbald in eine noch intimere
Stellung zu ihr einzurücken Etwa nach einer Stunde kehrt die Königin und ihr
Hochzeitszug in die beengenden Schranken ihres Staates zurück Ihr Dasein hat
sich inzwischen erfüllt Ein ganzes Geschlecht von Bienen wird geboren aber
weitere Beziehungen zu dem bewussten Tänzer sind ein für allemal ausgeschlossen
Es ist das gerade das was ich vorhin als fein und vornehm bezeichnet habe
Bienenköniginnen lieben nur einmal Die Bienenkönigin liebt und stirbt«
    »Und was wird aus der bevorzugten Drohne aus dem PrinzessinnenTänzer dem
Prince Konsort wenn dieser Titel ausreicht«
    »Dieser Tänzer wird ermordet«
    »Nein Herr Lehrer Krippenstapel das geht nicht Unter dieser letzten
Mitteilung bricht meine Begeisterung wieder zusammen Das ist ja schlimmer als
der Heinesche Asra Der stirbt doch bloß Aber hier haben wir Ermordung Sagen
Sie Rex wie stehen Sie dazu«
    »Das monogamische Prinzip woran doch schließlich unsre ganze Kultur hängt
kann nicht strenger und überzeugender demonstriert werden Ich finde es
großartig«
    Czako hätte gern geantwortet aber er kam nicht dazu weil in diesem
Augenblicke Dubslav darauf aufmerksam machte dass man noch viel vor sich habe
Zunächst die Kirche »Seine Hochwürden der wohl eigentlich dabeisein müsste
wird es nicht übelnehmen wenn wir auf ihn verzichten Aber Sie Krippenstapel
können Sie«
    Krippenstapel wiederholte dass er Zeit vollauf habe Zudem schlug die
Schuluhr und gleich beim ersten Schlage hörte man wies drinnen in der Klasse
lebendig wurde und die Jungens in ihren Holzpantinen über den Flur weg auf die
Straße stürzten Draußen aber stellten sie sich militärisch auf weil sie
mittlerweile gehört hatten dass der gnädige Herr gekommen sei
    »Morgen Jungens« sagte Dubslav an einen kleinen Schwarzhaarigen
herantretend »Bist von Globsow«
    »Nein gnädger Herr von Dagow«
    »Na lernst auch gut«
    Der Junge griente
    »Wann war denn Fehrbellin«
    »Achtzehnte Juni«
    »Und Leipzig«
    »Achtzehnter Oktober Immer achtzehnter bei uns«
    »Das ist recht Junge Da«
    Und dabei griff er in seinen Rock und suchte nach einem Nickel »Sehen Sie
Hauptmann Sie sind ein bisschen ein Spötter soviel hab ich schon gemerkt aber
so muss es gemacht werden Der Junge weiß von Fehrbellin und von Leipzig und hat
ein kluges Gesicht und steht Red und Antwort Und rote Backen hat er auch Sieht
er aus als ob er einen Kummer hätte oder einen Gram ums Vaterland Unsinn
Ordnung und immer feste Na solange ich hier sitze so lange hält es noch Aber
freilich es kommen andre Tage«
    Woldemar lächelte
    »Na« fuhr der Alte fort »will mich trösten Als der Alte Fritz zu sterben
kam dacht er auch nu ginge die Welt unter Und sie steht immer noch und wir
Deutsche sind wieder obenauf ein bisschen zu sehr Aber immer besser als
zuwenig«
    Inzwischen hatte sich Krippenstapel in seiner Stube proper gemacht
schwarzer Rock mit dem Inhaberband des Adlers von Hohenzollern den ihm sein
gütiger Gutsherr verschafft hatte Statt des Hutes den er in der Eile nicht
hatte finden können trug er eine Mütze von sonderbarer Form In der Rechten
aber hielt er einen ausgehöhlten Kirchenschlüssel der wie ne rostige Pistole
aussah
    Der Weg bis zur Kirche war ganz nah Und nun standen sie dem Portal
gegenüber
    Rex zu dessen Ressort auch Kirchenbauliches gehörte setzte sein Pincenez
auf und musterte »Sehr interessant Ich setze das Portal in die Zeit von
Bischof Luger Prämonstratenserbau Wenn mich nicht alles täuscht Anlehnung an
die Brandenburger Krypte Also sagen wir zwölfhundert Wenn ich fragen darf
Herr von Stechlin existieren Urkunden Und war vielleicht Herr von Quast schon
hier oder Geheimrat Adler unser bester Kenner«
    Dubslav geriet in eine kleine Verlegenheit weil er sich einer solchen
Gründlichkeit nicht gewärtigt hatte »Herr von Quast war einmal hier aber in
Wahlangelegenheiten Und mit den Urkunden ist es gründlich vorbei seit Wrangel
hier alles niederbrannte Wenn ich von Wrangel spreche mein ich natürlich nicht
unsern Vater Wrangel der übrigens auch keinen Spaß verstand sondern den
Schillerschen Wrangel Und außerdem Herr von Rex ist es so schwer für einen
Laien Aber Sie Krippenstapel was meinen Sie«
    Rex über den plötzlich etwas von Dienstlichkeit gekommen war zuckte
zusammen Er hatte sich an Herrn von Stechlin gewandt wenn nicht als an einen
Wissenden so doch als an einen Ebenbürtigen und dass jetzt Krippenstapel
aufgefordert wurde das entscheidende Wort in dieser Angelegenheit zu sprechen
wollte ihm nicht recht passend erscheinen Überhaupt was wollte diese Figur
die doch schon stark die Karikatur streifte Schon der Bericht über die Bienen
und namentlich was er über die Haltung der Königin und den Prince Konsort
gesagt hatte hatte so merkwürdig anzüglich geklungen und nun wurde dies
Schulmeisteroriginal auch noch aufgefordert über bauliche Fragen und aus
welchem Jahrhundert die Kirche stamme sein Urteil abzugeben Er hatte
wohlweislich nach Quast und Adler gefragt und nun kam Krippenstapel Wenn man
durchaus wollte konnte man das alles patriarchalisch finden aber es missfiel
ihm doch Und leider war Krippenstapel  der zu seinen sonstigen Sonderbarkeiten
auch noch den ganzen Trotz des Autodidakten gesellte  keineswegs angetan die
kleinen Unebenheiten in die das Gespräch hineingeraten war wieder
glattzumachen Er nahm vielmehr die Frage »Krippenstapel was meinen Sie« ganz
ernstaft auf und sagte
    »Wollen verzeihen Herr von Rex wenn ich unter Anlehnung an eine neuerdings
erschienene Broschüre des Oberlehrers Tucheband in Templin zu widersprechen
wage Dieser Grafschaftswinkel hier ist von mehr mecklenburgischem und
uckermärkischem als brandenburgischem Charakter und wenn wir für unsre
Stechliner Kirche nach Vorbildern forschen wollen so werden wir sie
wahrscheinlich in Kloster Himmelpfort oder Gransee zu suchen haben aber nicht
in Dom Brandenburg Ich möchte hinzusetzen dürfen dass Oberlehrer Tuchebands
Aufstellungen soviel ich weiß unwidersprochen geblieben sind«
    Czako der diesem aufflackernden Kampfe zwischen einem Ministerialassessor
und einem Dorfschulmeister mit größtem Vergnügen folgte hätte gern noch weitere
Scheite herzugetragen Woldemar aber empfand dass es höchste Zeit sei zu
intervenieren und bemerkte nichts sei schwerer als auf diesem Gebiete
Bestimmungen zu treffen  ein Satz den übrigens sowohl Rex wie Krippenstapel
ablehnen zu wollen schienen  und dass er vorschlagen möchte lieber in die
Kirche selbst einzutreten als hier draußen über die Säulen und Kapitelle weiter
zu debattieren
    Man fand sich in diesen Vorschlag Krippenstapel öffnete die Kirche mit
seinem Riesenschlüssel und alle traten ein
 
                                Sechstes Kapitel
Gleich nach zwölf  Woldemar hatte sich wie geplant schon lange vorher um bei
Lorenzen vorzusprechen von den andern Herren getrennt  waren Dubslav Rex und
Czako von dem Globsower Ausfluge zurück und Rex feiner Mann der er war war
bei Passierung des Vorhofs verbindlich an die mit Zinn ausgelegte blanke
Glaskugel herangetreten um ihr als einem mutmasslichen Produkte der eben
besichtigten »grünen Glashütte« seine Ministerialaufmerksamkeit zu schenken Er
ging dabei so weit von »Industriestaat« zu sprechen Czako der
gemeinschaftlich mit Rex in die Glaskugel hineinguckte war mit allem
einverstanden nur nicht mit seinem Spiegelbilde »Wenn man nur bloß etwas
besser aussähe« Rex versuchte zu widersprechen aber Czako gab nicht nach und
versicherte »Ja Rex Sie sind ein schöner Mann Sie haben eben mehr
zuzusetzen Und da bleibt denn immer noch was übrig«
    Oben auf der Rampe stand Engelke
    »Nun Engelke wie stehts Woldemar und der Pastor schon da«
    »Nein gnädger Herr Aber ich kann ja die Christel schicken«
    »Nein nein schicke nicht Das stört bloß Aber warten wollen wir auch
nicht Es war doch weiter nach Globsow als ich dachte das heißt eigentlich
war es nicht weiter bloß die Beine wollen nicht mehr recht Und hat solche
Anstrengung bloß das eine Gute dass man hungrig und durstig wird Aber da kommen
ja die Herren«
    Und er grüßte von der Rampe her nach der Bohlenbrücke hinüber über die
Woldemar und Lorenzen eben in den Schlosshof eintraten Rex ging ihnen entgegen
Dubslav dagegen nahm Czakos Arm und sagte »Nun kommen Sie Hauptmann wir
wollen derweilen ein bisschen recherchieren und uns einen guten Platz aussuchen
Mit der ewigen Veranda das is nichts unter der Markise steht die Luft wie ne
Mauer und ich muss frische Luft haben Vielleicht erstes Zeichen von Hydropsie
Kann eigentlich Fremdwörter nicht leiden Aber mitunter sind sie doch ein Segen
Wenn ich so zwischen Hydropsie und Wassersucht die Wahl habe bin ich immer für
Hydropsie Wassersucht hat so was kolossal Anschauliches«
    Unter diesen Worten waren sie bis in den Garten gekommen an eine Stelle wo
viel Buchsbaum stand dem Poetensteige gerad gegenüber »Sehen Sie hier
Hauptmann das wäre so was Niedrige Buchsbaumwand Da haben wir Luft und doch
keinen Zug Denn vor Zug muss ich mich auch hüten wegen Rheumatismus oder
vielleicht ist es auch Gicht Und dabei hören wir das Plätschern von meiner
SanssouciFontäne Was meinen Sie«
    »Kapital Herr Major«
    »Ach lassen Sie den Major Major klingt immer so dienstlich Also hier
Engelke hier decke den Tisch und stell auch ein paar Fuchsien oder was gerade
blüht in die Mitte Nur nicht Astern Astern sind ganz gut aber doch sozusagen
unterm Stand und sehen immer aus wie n Bauerngarten Und dann mache dich in den
Keller und hol uns was Ordentliches herauf Du weißt ja was ich zum Frühstück
am liebsten habe Vielleicht hat Hauptmann Czako denselben Geschmack«
    »Ich weiß noch nicht um was es sich handelt Herr von Stechlin aber ich
möchte mich für Übereinstimmung schon jetzt verbürgen«
    Inzwischen waren auch Woldemar Rex und der Pastor vom Gartensalon her auf
die Veranda hinausgetreten und Dubslav ging ihnen entgegen »Guten Tag Pastor
Nun das ist recht Ich dachte schon Woldemar würde von Ihnen annektiert
werden«
    »Aber Herr von Stechlin Ihre Gäste Und Woldemars Freunde«
    »Betonen Sie das nicht so Lorenzen Es gibt Umgangsformen und
Artigkeitsgesetze Gewiss Aber das alles reicht nicht weit Was der Mensch am
ehesten durchbricht das sind gerade solche Formen Und wer sie nicht
durchbricht der kann einem auch leid tun Wie geht es denn in der Ehe Haben
Sie schon einen Mann gesehen der die Formen wahrt wenn seine Frau ihn ärgert
Ich nicht Leidenschaft ist immer siegreich«
    »Ja Leidenschaft Aber Woldemar und ich«
    »Sind auch in Leidenschaft Sie haben die Freundschaftsleidenschaft Orest
und Pylades  so was hat es immer gegeben Und dann was noch viel mehr sagen
will Sie haben nebenher die Konspirationsleidenschaft«
    »Aber Herr von Stechlin«
    »Nein nicht die Konspirationsleidenschaft ich nehm es zurück aber Sie
haben dafür was andres nämlich die Weltverbesserungsleidenschaft Und das ist
eine der größten die es gibt Und wenn solche zwei Weltverbesserer zusammen
sind da können Rex und Czako warten und da kann selbst ein warmes Frühstück
warten Sagt man noch Déjeuner à la fourchette«
    »Kaum Papa Wie du weißt es ist jetzt alles englisch«
    »Natürlich Die Franzosen sind abgesetzt Und ist auch recht gut so wiewohl
unsre Vettern drüben erst recht nichts taugen Selbst ist der Mann Aber ich
glaube das Frühstück wartet«
    Wirklich es war so Während die Herren zu zwei und zwei an der
Buchsbaumwandung auf und ab schritten hatte Engelke den Tisch arrangiert an
den jetzt Wirt und Gäste herantraten
    Es war eine längliche Tafel deren dem Rundell zugekehrte Längsseite man
frei gelassen hatte was allen einen Überblick über das hübsche Gartenbild
gestattete Dubslav das Arrangement musternd nickte Engelke zu zum Zeichen
dass ers getroffen habe Dann aber nahm er die Mittelschüssel und sagte während
er sie Rex reichte »Toujours perdrix Das heißt es sind eigentlich
Krammetsvögel wie schon gestern abend Aber wer weiß wie Krammetsvögel auf
französisch heißen Ich wenigstens weiß es nicht Und ich glaube nicht einmal
Tucheband wird uns helfen können«
    Ein allgemeines verlegenes Schweigen bestätigte Dubslavs Vermutung über
französische Vokabelkenntnis
    »Wir kamen übrigens« fuhr dieser fort »dicht vor Globsow durch einen
Dohnenstrich überall hingen noch viele Krammetsvögel in den Schleifen was mir
auffiel und was ich doch wie so vieles Gute meinem alten Krippenstapel
zuschreiben muss Es wäre doch ne Kleinigkeit für die Jungens den Dohnenstrich
auszuplündern Aber so was kommt nicht vor Was meinen Sie Lorenzen«
    »Ich freue mich dass es ist wie es ist und dass die Dohnenstriche nicht
ausgeplündert werden Aber ich glaube Herr von Stechlin Sie dürfen es
Krippenstapel nicht anrechnen«
    Dubslav lachte herzlich »Da haben wir wieder die alte Geschichte Jeder
Schulmeister schulmeistert an seinem Pastor herum und jeder Pastor pastort über
seinen Schulmeister Ewige Rivalität Der natürliche Zug ist doch dass die
Jungens nehmen was sie kriegen können Der Mensch stiehlt wie n Rabe Und wenn
ers mit einmal unterlässt so muss das doch nen Grund haben«
    »Den hat es auch Herr von Stechlin Bloß einen andern Was sollen sie mit
nem Krammetsvogel machen Für uns ist es eine Delikatesse für einen armen
Menschen ist es gar nichts knapp soviel wie n Sperling«
    »Ach Lorenzen ich sehe schon Sie liegen da wieder mit dem Patrimonium der
Enterbten im Anschlag Sperling das klingt ganz so Aber so viel ist doch
richtig dass Krippenstapel die Jungens brillant in Ordnung hält wie ging das
heute Schlag auf Schlag als ich den kurzgeschornen Schwarzkopp ins Examen nahm
und wie stramm waren die Jungens und wie manierlich als wir sie nach ner
Stunde in Globsow wiedersahen Wie sie da so fidel spielten und doch voll
Respekt in allem Frei aber nicht frech das ist so mein Satz«
    Woldemar und Lorenzen die nicht mit dabeigewesen waren waren neugierig
auf welchen Vorgang sich all dies Lob des Alten bezöge
    »Was hat denn« fragte Woldemar »die Globsower Jungens mit einem Mal zu so
guter Reputation gebracht«
    »Oh es war wirklich scharmant« sagte Czako »wir steckten noch unter den
Waldbäumen als wir auch schon Stimmen wie Kommandorufe hörten und kaum dass wir
auf einen freien von Kastanien umstellten Platz hinausgetreten waren
eigentlich war es wohl schon ein großer Fabrikhof so sahen wir uns wie mitten
in einer Bataille«
    Rex nickte zustimmend während Czako fortfuhr »Auf unserer Seite stand die
bis dahin augenscheinlich siegreiche Partei deren weiterer Angriff aber wegen
der guten gegnerischen Deckung mit einem Male stoppte Kaum zu verwundern Denn
eben diese Deckung bestand aus wohl tausend ein großes Karree bildenden
Glasballons hinter die sich die geschlagene Truppe wie hinter eine Barrikade
zurückgezogen hatte Da standen sie nun und nahmen ein mit den massenhaft
umherliegenden Kastanien geführtes Feuergefecht auf Die meisten ihrer Schüsse
gingen zu kurz und fielen klappernd wie Hagel auf die Ballons nieder Ich hätte
dem Spiel ich weiß nicht wie lange zusehn können Als man unserer aber
ansichtig wurde stob alles unter Hurra und Mützenschwenken auseinander Überall
sind Photographen Nur wo sie hingehören da fehlen sie Genauso wie bei der
Polizei«
    Dubslav hatte schmunzelnd der Schilderung zugehört
    »Hören Sie Hauptmann Sie verstehen es aber Sie können mit nem Dukaten den
Großen Kurfürsten vergolden«
    »Ja« sagte Rex seinen Partner plötzlich im Stiche lassend »das tut unser
Freund Czako nicht anders dreiviertel ist immer Dichtung«
    »Ich gebe mich auch nicht für einen Historiker aus und am wenigsten für
einen korrekten Aktenmenschen«
    »Und dabei lieber Czako« nahm jetzt Dubslav das Wort »dabei bleiben Sie
nur Auf Ihr Spezielles In so wichtiger Sache müssen Sie mir aber in meiner
Lieblingssorte Bescheid tun nicht in Rotwein den mein berühmter Miteinsiedler
das natürliche Getränk des norddeutschen Menschen genannt hatte Einer seiner
mannigfachen Irrtümer vielleicht der größte Das natürliche Getränk des
norddeutschen Menschen ist am Rhein und Main zu finden Und am vorzüglichsten
da wo sich wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf beide vermählen Ungefähr
von dieser Vermählungsstelle kommt auch der hier« Und dabei wies er auf eine
vor ihm stehende Bocksbeutelflasche »Sehen Sie meine Herren verhasst sind mir
alle langen Hälse das hier aber das nenn ich eine gefällige Form Heißt es
nicht irgendwo Lasst mich dicke Leute sehen oder so ähnlich Da stimm ich zu
dicke Flaschen die sind mein Fall« Und dabei stieß er wiederholt mit Czako an
»Noch einmal auf Ihr Wohl Und auf Ihres Herr von Rex Und dann auf das Wohl
meiner Globsower oder wenigstens meiner Globsower Jungens die sich nicht bloß
um Fehrbellin kümmern und um Leipzig sondern wie wir gesehen haben auch
selber ihre Schlachten schlagen Ich ärgere mich nur immer wenn ich diese
riesigen Ballons da zwischen meinen Globsowern sehe Und hinter dem ersten
Fabrikhof ich wollte Sie nur nicht weiter damit behelligen da ist noch ein
zweiter Hof der sieht noch schlimmer aus Da stehen nämlich wahre
Glasungeheuer auch Ballons aber mit langem Hals dran und die heißen dann
Retorten«
    »Aber Papa« sagte Woldemar »dass du dich über die paar Retorten und Ballons
nie beruhigen kannst Solang ich nur denken kann eiferst du dagegen Es ist
doch ein wahres Glück dass soviel davon in die Welt geht und den armen
Fabrikleuten einen guten Lohn sichert So was wie Streik kommt hier ja gar nicht
vor und in diesem Punkt ist unsre Stechliner Gegend doch wirklich noch wie ein
Paradies«
    Lorenzen lachte
    »Ja Lorenzen Sie lachen« warf Dubslav hier ein »Aber bei Lichte besehen
hat Woldemar doch recht was und Sie wissen auch warum eigentlich nicht oft
vorkommt Es ist genau so wie er sagt Natürlich bleibt uns Eva und die
Schlange das ist uralte Erbschaft Aber soviel noch von guter alter Zeit in
dieser Welt zu finden ist soviel findet sich hier hier in unsrer lieben alten
Grafschaft Und in dies Bild richtiger Gliederung oder meinetwegen auch
richtiger Unterordnung denn ich erschrecke vor solchem Worte nicht in dieses
Bild des Friedens passt mir diese ganze Globsower Retortenbläserei nicht hinein
Und wenn ich nicht fürchten müsste für einen Querkopf gehalten zu werden so
hätt ich bei hoher Behörde schon lange meine Vorschläge wegen dieser Retorten
und Ballons eingereicht Und natürlich gegen beide Warum müssen es immer
Ballons sein Und wenn schon na dann lieber solche wie diese Die lass ich mir
gefallen« Und dabei hob er die Bocksbeutelflasche
    »Wie diese« bestätigte Czako
    »Ja Czako Sie sind ganz der Mann meinen Papa in seiner Idiosynkrasie zu
bestärken«
    »Idiosynkrasie« wiederholte der Alte »Wenn ich so was höre Ja Woldemar
da glaubst du nun wieder wunder was Feines gesagt zu haben Aber es ist doch
bloß ein Wort Und was bloß ein Wort ist ist nie was Feines auch wenn es so
aussieht Dunkle Gefühle die sind fein Und so gewiss die Vorstellung die ich
mit dieser lieben Flasche hier verbinde für mich persönlich was Celestes hat
kann man Celestes sagen« Lorenzen nickte zustimmend »so gewiss hat die
Vorstellung die sich für mich an diese Globsower Riesenbocksbeutelflaschen
knüpft etwas Infernalisches«
    »Aber Papa«
    »Still unterbrich mich nicht Woldemar Denn ich komme jetzt eben an eine
Berechnung und bei Berechnungen darf man nicht gestört werden Über hundert
Jahre besteht nun schon diese Glashütte Und wenn ich nun so das jedesmalige
Jahresprodukt mit hundert multipliziere so rechne ich mir alles in allem
wenigstens eine Million heraus Die schicken sie zunächst in andre Fabriken und
da destillieren sie flott drauflos und zwar allerhand schreckliches Zeug in
diese grünen Ballons hinein Salzsäure Schwefelsäure rauchende Salpetersäure
Das ist die schlimmste die hat immer einen rotgelben Rauch der einem gleich
die Lunge anfrisst Aber wenn einen der Rauch auch zufrieden lässt jeder Tropfen
brennt ein Loch in Leinwand oder in Tuch oder in Leder überhaupt in alles
alles wird angebrannt und angeätzt Das ist das Zeichen unsrer Zeit jetzt
angebrannt und angeätzt Und wenn ich dann bedenke dass meine Globsower da
mittun und ganz gemütlich die Werkzeuge liefern für die große
Generalweltanbrennung ja hören Sie meine Herren das gibt mir einen Stich
Und ich muss Ihnen sagen ich wollte jeder kriegte lieber einen halben Morgen
Land von Staats wegen und kaufte sich zu Ostern ein Ferkelchen und zu Martini
schlachteten sie ein Schwein und hätten den Winter über zwei Speckseiten jeden
Sonntag eine ordentliche Scheibe und alltags Kartoffeln und Grieben«
    »Aber Herr von Stechlin« lachte Lorenzen »das ist ja die reine
Neulandteorie Das wollen ja die Sozialdemokraten auch«
    »Ach was Lorenzen mit Ihnen ist nicht zu reden Übrigens Prosit wenn
Sies auch eigentlich nicht verdienen«
Das Frühstück zog sich lange hin und das dabei geführte Gespräch nahm noch ein
paarmal einen Anlauf ins Politische hinein Lorenzen aber der kleine
Schraubereien gern vermeiden wollte wich jedesmal geschickt aus und kam lieber
auf die Stechliner Kirche zu sprechen Er war aber auch hier vorsichtig und
beschränkte sich unter Anlehnung an Tucheband auf Architektonisches und
Historisches bis Dubslav ziemlich abrupt ihn fragte »Wissen Sie denn
Lorenzen auf unserm Kirchenboden Bescheid Krippenstapel hat mich erst heute
wissen lassen dass wir da zwei vergoldete Bischöfe mit Krummstab haben Oder
vielleicht sind es auch bloß Äbte« Lorenzen wusste nichts davon weshalb ihm
Dubslav gutmütig mit dem Finger drohte
    So ging das Gespräch Aber kurz vor zwei musste dem allem ein Ende gemacht
werden Engelke kam und meldete dass die Pferde da und die Mantelsäcke bereits
aufgeschnallt seien Dubslav ergriff sein Glas um auf ein frohes Wiedersehen
anzustossen Dann erhob man sich
    Rex bei Passierung der Rampe trat noch einmal an die kranke Aloe heran und
versicherte dass solche Blüte doch etwas eigentümlich Geheimnisvolles habe
Dubslav hütete sich zu widersprechen und freute sich dass der Besuch mit etwas
für ihn so Erheiterndem abschloss
Gleich danach ritt man ab Als sie bei der Glaskugel vorbeikamen wandten sich
alle drei noch einmal zurück und jeder lüpfte seine Mütze Dann ging es
zwischen den Findlingen hin auf die Dorfstraße hinaus auf der eben eine
ziemlich ramponiert aussehende Halbchaise das lederne Verdeck zurückgeschlagen
an ihnen vorüberfuhr die Sitze leer alles an dem Fuhrwerk ließ Ordnung und
Sauberkeit vermissen das eine Pferd war leidlich gut das andre schlecht und
zu dem neuen Livreerock des Kutschers wollte der alte Hut der wie ein fuchsiges
Torfstück aussah nicht recht passen
    »Das war ja Gundermanns Wagen«
    »So so« sagte Czako »Auf den hätt ich beinah geraten«
    »Ja dieser Gundermann« lachte Woldemar »Mein Vater wollt Ihnen gestern
gern etwas Grafschaftliches vorsetzen aber er vergriff sich Gundermann auf
Siebenmühlen ist so ziemlich unsere schlechteste Nummer Ich sehe er hat Ihnen
nicht recht gefallen«
    »Gott gefallen Stechlin  was heißt gefallen Eigentlich gefällt mir jeder
oder auch keiner Eine Dame hat mir mal gesagt die langweiligen Leute wären
schließlich geradesogut wie die interessanten und es hat was für sich Aber
dieser Gundermann Zu welchem Zwecke lässt er denn eigentlich seinen leeren Wagen
in der Welt herumkutschieren«
    »Ich bin dessen auch nicht sicher Wahrscheinlich in Wahlangelegenheiten Er
persönlich wird irgendwo hängengeblieben sein um Stimmen einzufangen Unser
alter braver Kortschädel nämlich der allgemein beliebt war ist diesen Sommer
gestorben und da will nun Gundermann der sich auf den Konservativen hin
ausspielt aber keiner ist im trüben fischen Er intrigiert Ich habe das in
einem Gespräch das ich mit ihm hatte ziemlich deutlich herausgehört und
Lorenzen hat es mir bestätigt«
    »Ich kann mir denken« sagte Rex »dass gerade Lorenzen gegen ihn ist Aber
dieser Gundermann für den ich weiter nichts übrig habe hat doch wenigstens die
richtigen Prinzipien«
    »Ach Rex ich bitte Sie« sagte Czako »richtige Prinzipien
Geschmacklosigkeiten hat er und öde Redensarten Dreimal hab ich ihn sagen
hören Das wäre wieder Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie So was sagt
kein anständiger Mensch mehr und jedenfalls setzt er nicht hinzu dass er das
Wasser abstellen wolle Das ist ja eine schreckliche Wendung«
    Unter diesen Worten waren sie bis an den hochüberwölbten Teil der
Kastanienallee gekommen
    Engelke der gleich frühmorgens ein allerschönstes Wetter in Aussicht
gestellt hatte hatte recht behalten es war ein richtiger Oktobertag klar und
frisch und milde zugleich Die Sonne fiel hie und da durch das noch ziemlich
dichte Laub und die Reiter freuten sich des Spieles der Schatten und Lichter
Aber noch anmutiger gestaltete sich das Bild als sie bald danach in einen
Seitenweg einmündeten der sich durch eine flache nur hie und da von
Wasserlachen durchzogene Wiesenlandschaft hinschlängelte Die großen Heiden und
Forsten die das eigentlich Charakteristische dieses nordöstlichen
Grafschaftswinkels bilden traten an dieser Stelle weit zurück und nur ein paar
einzelne wie vorgeschobene Kulissen wirkende Waldstreifen wurden sichtbar
    Alle drei hielten an um das Bild auf sich wirken zu lassen aber sie kamen
nicht recht dazu weil sie während sie sich umschauten eines alten Mannes
ansichtig wurden der nur durch einen flachen Graben von ihnen getrennt auf
einem Stück Wiese stand und das hochstehende Gras mähte Jetzt erst sah auch er
von seiner Arbeit auf und zog seine Mütze Die Herren taten ein Gleiches und
schwankten ob sie näher heranreiten und eine Ansprache mit ihm haben sollten
Aber er schien das weder zu wünschen noch zu erwarten und so ritten sie denn
weiter
    »Mein Gott« sagte Rex »das war ja Krippenstapel Und hier draußen so weit
ab von seiner Schule Wenn er nicht die Seehundsfellmütze gehabt hätte die wie
aus einer konfiszierten Schulmappe geschnitten aussah hätt ich ihn nicht
wiedererkannt«
    »Ja er war es und das mit der Schulmappe wird wohl auch zutreffen« sagte
Woldemar »Krippenstapel kann eben alles  der reine Robinson«
    »Ja Stechlin« warf Czako hier ein »Sie sagen das so hin als ob Sies
bespötteln wollten Eigentlich ist es doch aber was Großes sich immer selber
helfen zu können Er wird wohl nen Sparren haben zugegeben aber Ihrem
gepriesenen Lorenzen ist er denn doch um ein gut Stück überlegen Schon weil er
ein Original ist und ein Eulengesicht hat Eulengesichtsmenschen sind anderen
Menschen fast immer überlegen«
    »Aber Czako ich bitte Sie das ist ja doch alles Unsinn Und Sie wissen es
auch Sie möchten nur ganz wie Rex wenn auch aus einem andern Motiv dem armen
Lorenzen was am Zeug flicken bloß weil Sie herausfühlen Das ist eine lautere
Persönlichkeit«
    »Da tun Sie mir unrecht Stechlin Ganz und gar Ich bin auch fürs Lautere
wenn ich nur persönlich nicht in Anspruch genommen werde«
    »Nun davor sind Sie sicher  vom Brombeerstrauch keine Trauben Im übrigen
muss ich hier abbrechen und Sie bitten mich auf ein Weilchen entschuldigen zu
wollen Ich muss da nämlich nach dem Forstause hinüber da drüben neben der
Waldecke«
    »Aber Stechlin was wollen Sie denn bei nem Förster«
    »Kein Förster Es ist ein Oberförster zu dem ich will und zwar derselbe
den Sie gestern abend bei meinem Papa gesehen haben Oberförster Katzler
bürgerlich aber doch beinah schon historischer Name«
    »So so jedenfalls nach dem was mir Rex erzählt ein brillanter
Billardspieler Und doch wenn Sie nicht ganz intim mit ihm sind find ich
diesen Abstecher übertrieben artig«
    »Sie hätten recht Czako wenn es sich lediglich um Katzler handelte Das
ist aber nicht der Fall Es handelt sich nicht um ihn sondern um seine junge
Frau«
    »A la bonne heure«
    »Ja da sind Sie nun auch wieder auf einer falschen Fährte So was kann
nicht vorkommen ganz abgesehen davon dass mit Oberförstern immer schlecht
Kirschen pflücken ist die blasen einen weg man weiß nicht wie Es handelt
sich hier einfach um einen Teilnahmebesuch um etwas wenn Sie wollen schön
Menschliches Frau Katzler erwartet nämlich«
    »Aber mein Gott Stechlin Ihre Worte werden immer rätselhafter Sie können
doch nicht bei jeder Oberförstersfrau die erwartet eine Visite machen wollen
Das wäre denn doch eine Riesenaufgabe selbst wenn Sie sich auf Ihre Grafschaft
hier beschränken wollten«
    »Es liegt alles ganz exzeptionell Übrigens mach ich es kurz mit meinem
Besuch und wenn Sie Schritt reiten worum ich bitte so hol ich Sie bei
Genshagen noch wieder ein Von da bis Wutz haben wir kaum noch eine Stunde und
wenn wirs forcieren wollen keine halbe«
    Und während er noch so sprach bog er rechts ein und ritt auf das Forstaus
zu
    Woldemar hatte die Mitte zwischen Rex und Czako gehabt jetzt ritten diese
beiden nebeneinander Czako war neugierig und hätte gern Fritz herangerufen um
dies und das über Katzler und Frau zu hören Aber er sah ein dass das nicht
ginge So blieb ihm nichts als ein Meinungsaustausch mit Rex
    »Sehen Sie« hob er an »unser Freund Woldemar trabt er da nicht hin wie
wenn er dem Glücke nachjagte Glauben Sie mir da steckt ne Geschichte
dahinter Er hat die Frau geliebt oder liebt sie noch Und dies merkwürdige
Interesse für den in Sicht stehenden Erdenbürger Übrigens vielleicht ein
Mädchen Was meinen Sie dazu Rex«
    »Ach Czako Sie wollen ja doch nur hören was Ihrer eignen frivolen Natur
entspricht Sie haben keinen Glauben an reine Verhältnisse Sehr mit Unrecht
Ich kann Ihnen versichern es gibt dergleichen«
    »Nun ja Sie Rex Sie der sich Frühgottesdienste leistet Aber
Stechlin«
    »Stechlin ist auch eine sittliche Natur Sittlichkeit ist ihm angeboren und
was er von Natur mitbrachte das hat sein Regiment weiter in ihm ausgebildet«
    Czako lachte »Nun hören Sie Rex Regimenter kenn ich doch auch Es gibt
ihrer von allen Arten aber Sittlichkeitsregimenter kenn ich noch nicht«
    »Es gibts ihrer aber Zum mindesten hats ihrer immer gegeben sogar solche
mit Askese«
    »Nun ja Cromwell und die Puritaner Aber long long ago Verzeihen Sie die
abgedudelte Phrase Aber wenn sichs um so feine Dinge wie Askese handelt muss
man notwendig einen englischen Brocken einschalten In Wirklichkeit bleibt alles
beim alten Sie sind ein schlechter Menschenkenner Rex wie alle Konventikler
Die glauben immer was sie wünschen Und auch an unserm Stechlin werden Sie
mutmasslich erfahren wie falsch Sie gerechnet haben Im übrigen kommt da gerade
zu rechter Zeit ein Wegweiser Lassen Sie uns nachsehen wo wir eigentlich sind
Wir reiten so immer drauflos und wissen nicht mehr ob links oder rechts«
    Rex der von dem Wegweiser nichts wissen wollte war einfach für
Weiterreiten und das war auch das Richtige Denn keine halbe Stunde mehr so
holte Stechlin sie wieder ein »Ich wusste dass ich Sie noch vor Genshagen
treffen würde Die Frau Oberförsterin lässt sich übrigens den Herren empfehlen
Er war nicht da was recht gut war«
    »Kann ich mir denken« sagte Czako
    »Und was noch besser war sie sah brillant aus Eigentlich ist sie nicht
hübsch Blondine mit großen Vergissmeinnichtaugen und etwas lymphatisch auch
wohl nicht ganz gesund Aber sonderbar solche Damen wenn was in Sicht steht
sehen immer besser aus als in natürlicher Verfassung ein Zustand der
allerdings bei der Katzler kaum vorkommt Sie ist noch nicht volle sechs Jahre
verheiratet und erwartet mit nächstem das siebente«
    »Das ist aber doch unerhört Ich glaube so was ist Scheidungsgrund«
    »Mir nicht bekannt und auch offen gestanden nicht sehr wahrscheinlich
Jedenfalls wird es die Prinzessin nicht als Scheidungsgrund nehmen«
    »Die Prinzessin« fuhren Rex und Czako a tempo heraus
    »Ja die Prinzessin« wiederholte Woldemar »Ich war all die Zeit über
gespannt was das wohl für einen Eindruck auf Sie machen würde weshalb ich mich
auch gehütet habe vorher mit Andeutungen zu kommen Und es traf sich gut dass
mein Vater gestern abend nur so ganz leicht drüber hinging ich möchte beinah
sagen diskret was sonst nicht seine Sache ist«
    »Prinzessin« wiederholte Rex dem die Sache beinah den Atem nahm »Und aus
einem regierenden Hause«
    »Ja was heißt aus einem regierenden Hause Regiert haben sie alle mal Und
soviel ich weiß wird ihnen dies mal regiert haben auch immer noch angerechnet
wenigstens sowie sichs um Eheschliessungen handelt Um so großartiger wenn
einzelne der hier in Betracht kommenden Damen auf alle diese Vorrechte
verzichten und ohne Rücksicht auf Ebenbürtigkeit sich aus reiner Liebe
vermählen Ich sage vermählen weil sich verheiraten etwas plebeje klingt Frau
Katzler ist eine IppeBüchsenstein«
    »Eine Ippe« sagte Rex »Nicht zu glauben Und erwartet wieder Ich bekenne
dass mich das am meisten schockiert Diese Ausgiebigkeit ich finde kein andres
Wort oder richtiger ich will kein andres finden ist doch eigentlich das
Bürgerlichste was es gibt«
    »Zugegeben Und so hat es die Prinzessin auch wohl selber aufgefasst Aber
das ist gerade das Große an der Sache ja so sonderbar es klingt das Ideale«
    »Stechlin Sie können nicht verlangen dass man das so ohne weiteres
versteht Ein halb Dutzend Bälge wo steckt da das Ideale«
    »Doch Rex doch Die Prinzessin selbst und das ist das rührendste hat
sich darüber ganz unumwunden ausgesprochen Und zwar zu meinem Alten Sie sieht
ihn öfter und möcht ihn glaub ich bekehren  sie ist nämlich von der strengen
Richtung und hält sich auch zu Superintendent Koseleger unserm Papst hier Und
kurz und gut sie macht meinem Papa beinah den Hof und erklärt ihn für einen
perfekten Kavalier wobei Katzler immer ein etwas süsssaures Gesicht macht aber
natürlich nicht widerspricht«
    »Und wie kam sie nur dazu Ihrem Papa gerade Konfessions in einer so
delikaten Sache zu machen«
    »Das war voriges Jahr genau um diese Zeit als sie auch mal wieder
erwartete Da war mein Vater drüben und sprach als das durch die Situation
gegebene Thema berührt wurde halb diplomatisch halb humoristisch von der
Königin Luise hinsichtlich deren der alte Doktor Heim als der Königin das
sechste oder siebente geboren werden sollte ziemlich freiweg von der
Notwendigkeit der Brache gesprochen hatte«
    »Bisschen stark« sagte Rex »Ganz im AltenHeimStil Aber freilich
Königinnen lassen sich viel gefallen Und wie nahm es die Prinzessin auf«
    »Oh sie war reizend lachte war weder verlegen noch verstimmt sondern
nahm meines Vaters Hand so zutraulich wie wenn sie seine Tochter gewesen wäre
Ja lieber Herr von Stechlin sagte sie wer A sagt der muss auch B sagen Wenn
ich diesen Segen durchaus nicht wollte dann musste ich einen
Durchschnittsprinzen heiraten  da hätt ich vielleicht das gehabt was der alte
Heim empfehlen zu müssen glaubte Statt dessen nahm ich aber meinen guten
Katzler Herrlicher Mann Sie kennen ihn und wissen er hat die schöne
Einfachheit aller stattlichen Männer und seine Fähigkeiten soweit sich
überhaupt davon sprechen lässt haben etwas Einseitiges Als ich ihn heiratete
war ich deshalb ganz von dem einen Gedanken erfüllt alles Prinzessliche von mir
abzustreifen und nichts bestehen zu lassen woraus Übelwollende hätten herleiten
können Ah sie will immer noch eine Prinzessin sein Ich entschloss mich also
für das Bürgerliche und zwar voll und ganz wie man jetzt glaub ich sagt
Und was dann kam nun das war einfach die natürliche Konsequenz«
    »Grossartig« sagte Rex »Ich entschlage mich nach solchen Mitteilungen jeder
weiteren Opposition Welch ein Maß von Entsagung Denn auch im Nichtentsagen
kann ein Entsagen liegen Andauernde Opferung eines Innersten und Höchsten«
    »Unglaublich« lachte Czako »Rex Rex Ich hab Ihnen da schon vorhin alle
Menschenkenntnis abgesprochen Aber hier übertrumpfen Sie sich selbst Wer
Konventikel leitet der sollte doch wenigstens die Weiber kennen Erinnern Sie
sich Stechlin sagte sie sei lymphatisch und habe Vergissmeinnichtaugen Und nun
sehen Sie sich den Katzler an Beinah sechs Fuß und rotblond und das Eiserne
Kreuz«
    »Czako Sie sind mal wieder frivol Aber man darf es mit Ihnen so genau
nicht nehmen Das ist das Slawische was in Ihnen nachspukt latente
Sinnlichkeit«
    »Ja sehr latent durchaus vergrabner Schatz Und ich wollte wohl dass ich
in die Lage käme besser damit wuchern zu können Aber«
    So ging das Gespräch noch eine gute Weile
    Die große Chaussee darauf ihr Weg inzwischen wieder eingemündet stieg
allmählich an und als man den Höhepunkt dieser Steigung erreicht hatte lag das
Kloster samt seinem gleichnamigen Städtchen in verhältnismässiger Nähe vor ihnen
Auf ihrem Hinritte hatten Rex und Czako so wenig davon zu Gesicht bekommen dass
ein gewisses Betroffensein über die Schönheit des sich ihnen jetzt darbietenden
Landschafts und Architekturbildes kaum ausbleiben konnte Czako besonders war
ganz aus dem Häuschen aber auch Rex stimmte mit ein »Die große
Feldsteingiebelwand« sagte er »so gewagt im allgemeinen bestimmte Zeitangaben
auf diesem Gebiete sind möcht ich in das Jahr 1375 also Landbuch Kaiser Karls
IV setzen dürfen«
    »Wohl möglich« lachte Woldemar »Es gibt nämlich Zahlen die nicht gut
widerlegt werden können und Landbuch Kaiser Karls IV passt beinah immer«
    Rex hörte drüber hin weil er in seinem Geiste mal wieder einer
allgemeineren und zugleich höheren Auffassung der Dinge zustrebte »Ja meine
Herren« hob er an »das geschmähte Mittelalter Da verstand mans Ich wage den
Ausspruch den ich übrigens nicht einem Kunstandbuch entnehme sondern der
langsam in mir herangereift ist Die Platzfrage geht über die Stilfrage Jetzt
wählt man immer die hässlichste Stelle Das Mittelalter hatte noch keine Brillen
aber man sah besser«
    »Gewiss« sagte Czako »Aber dieser Angriff auf die Brillen Rex ist nichts
für Sie Wer mit seinem Pincenez oder Monocle soviel operiert«
    Das Gespräch kam nicht weiter weil in eben diesem Augenblicke mächtige
Turmuhrschläge vom Städtchen Wutz her herüberklangen Man hielt an und jeder
zählte »Vier« Kaum aber hatte die Uhr ausgeschlagen so begann eine zweite und
tat auch ihre vier Schläge
    »Das ist die Klosteruhr« sagte Czako
    »Warum«
    »Weil sie nachschlägt alle Klosteruhren gehen nach Natürlich Aber wie dem
auch sei Freund Woldemar hat uns glaub ich für vier Uhr angemeldet und so
werden wir uns eilen müssen«
 
                                  Kloster Wutz
                               Siebentes Kapitel
Alle setzten sich denn auch wieder in Trab mit ihnen Fritz der dabei näher an
die voraufreitenden Herren herankam Das Gespräch schwieg ganz weil jeder in
Erwartung der kommenden Dinge war
    Die Chaussee lief hier auf eine gute Strecke zwischen Pappeln hin als man
aber bis in unmittelbare Nähe von Kloster Wutz gekommen war hörten diese
Pappeln auf und der sich mehr und mehr verschmälernde Weg wurde zu beiden
Seiten von Feldsteinmauern eingefasst über die man alsbald in die
verschiedensten Gartenanlagen mit allerhand Küchenund Blumenbeeten und mit
vielen Obstbäumen dazwischen hineinsah Alle drei ließ jetzt die Pferde wieder
in Schritt fallen
    »Der Garten hier links« sagte Woldemar »ist der Garten der Domina meiner
Tante Adelheid etwas primitiv aber wundervolles Obst Und hier gleich rechts
da bauen die Stiftsdamen ihren Dill und ihren Meiran Es sind aber nur ihrer
vier und wenn welche gestorben sind  aber sie sterben selten  so sind es
noch weniger«
    Unter diesen orientierenden Mitteilungen des hier aus seinen Knabenjahren
her Weg und Steg kennenden Woldemar waren alle durch eine Maueröffnung in einen
großen Wirtschaftshof eingeritten der baulich so ziemlich jegliches enthielt
was hier bis in die Tage des Dreissigjährigen Krieges hinein der dann freilich
alles zerstörte mal Kloster Wutz gewesen war Vom Sattel aus ließ sich alles
bequem überblicken Das meiste was sie sahen waren wirr
durcheinandergeworfene von Baum und Strauch überwachsene Trümmermassen
    »Es erinnert mich an den Palatin« sagte Rex »nur ins christlich Gotische
transponiert«
    »Gewiss« bestätigte Czako lachend »Soweit ich urteilen kann sehr ähnlich
Schade dass Krippenstapel nicht da ist Oder Tucheband«
    Damit brach das Gespräch wieder ab
    In der Tat wohin man sah lagen Mauerreste in die seltsamlich genug die
Wohnungen der Klosterfrauen eingebaut waren zunächst die größere der Domina
daneben die kleineren der vier Stiftsdamen alles an der vorderen Langseite hin
Dieser gegenüber aber zog sich eine zweite parallel laufende Trümmerlinie
darin die Stallgebäude die Remisen und die Rollkammern untergebracht waren
Verblieben nur noch die zwei Schmalseiten von denen die eine nichts als eine
von Holunderbüschen übergrünte Mauer die andere dagegen eine hochaufragende
mächtige Giebelwand war dieselbe die man schon beim Anritt aus einiger
Entfernung gesehen hatte Sie stand da wie bereit alles unter ihrem beständig
drohenden Niedersturz zu begraben und nur das eine konnte wieder beruhigen dass
sich auf höchster Spitze der Wand ein Storchenpaar eingenistet hatte Störche
deren feines Vorgefühl immer weiß ob etwas hält oder fällt
    Von der Maueröffnung durch die man eingeritten bis an die in die
Feldsteintrümmer eingebauten Wohngebäude waren nur wenige Schritte und als man
davor hielt erschien alsbald die Domina selbst um ihren Neffen und seine
beiden Freunde zu begrüßen Fritz der wie überall so auch hier Bescheid
wusste nahm die Pferde um sie nach einem an der andern Seite gelegenen
Stallgebäude hinüberzuführen während Rex und Czako nach kurzer Vorstellung in
den von Schränken umstellten Flur eintraten
    »Ich habe dein Telegramm« sagte die Domina »erst um ein Uhr erhalten Es
geht über Gransee und der Bote muss weit laufen Aber sie wollen ihm ein Rad
anschaffen solches wie jetzt überall Mode ist Ich sage Rad weil ich das
fremde Wort das so verschieden ausgesprochen wird nicht leiden kann Manche
sagen ci und manche sagen schi Bildungsprätensionen sind mir fremd aber man
will sich doch auch nicht blossstellen«
    Eine Treppe führte bis in den ersten Stock hinauf eigentlich war es nur
eine Stiege Die Domina nachdem sie die Herren bis an die unterste Stufe
begleitet hatte verabschiedete sich hier auf eine Weile »Du wirst so gut sein
Woldemar alles in deine Hand zu nehmen Führe die Herren hinauf Ich habe unser
bescheidenes Klostermahl auf fünf Uhr angeordnet also noch eine gute halbe
Stunde Bis dahin meine Herren«
    Oben war eine große Plättkammer zur Fremdenstube hergerichtet worden Ein
Waschtisch mit Finkennäpfchen und Krügen in Kleinformat war aufgestellt worden
was in Erwägung der beinah liliputanischen Raumverhältnisse durchaus passend
gewesen wäre wenn nicht sechs an ebenso vielen Türhaken hängende
Riesenhandtücher das Ensemble wieder gestört hätten Rex der sich  ihn
drückten die Stiefel  auf kurze zehn Minuten nach einer kleinen Erleichterung
sehnte bediente sich eines eisernen Stiefelknechts während Czako sein Gesicht
in einer der kleinen Waschschüsseln begrub und beim Abreiben das feste Gewebe
der Handtücher lobte
    »Sicherlich Eigengespinst Überhaupt Stechlin das muss wahr sein Ihre
Tante hat so was man merkt doch dass sie das Regiment führt Und wohl schon
seit lange Wenn ich recht gehört ist sie älter als Ihr Papa«
    »Oh viel beinahe um zehn Jahre Sie wird sechsundsiebzig«
    
    »Ein respektables Alter Und ich muss sagen wohl konserviert«
    »Ja man kann es beinahe sagen Das ist eben der Vorzug solcher die man
schlank nennt Beiläufig ein Euphemismus Wo nichts ist hat der Kaiser sein
Recht verloren und die Zeit natürlich auch sie kann nichts nehmen wo sie
nichts mehr findet Aber ich denke  Rex tut mir übrigens leid weil er wieder
in seine Stiefel muss  wir begeben uns jetzt nach unten und machen uns
möglichst liebenswürdig bei der Tante Sie wird uns wohl schon erwarten um uns
ihren Liebling vorzustellen«
    »Wer ist das«
    »Nun das wechselt Aber da es bloß vier sein können so kommt jeder bald
wieder an die Reihe Während ich das letzte Mal hier war war es ein Fräulein
von Schmargendorf Und es ist leicht möglich dass sie jetzt gerade wieder dran
ist«
    »Eine nette Dame«
    »O ja Ein Pummel«
Und wie vorgeschlagen nach kurzem »Sichadjustieren« in der improvisierten
Fremdenstube kehrten alle drei Herren in Tante Adelheids Salon zurück der
niedrig und verblakt und etwas altmodisch war Die Möbel lauter
Erbschaftsstücke wirkten in dem niedrigen Raume beinahe grotesk und die
schwere Tischdecke mit einer mächtigen ziemlich modernen Astrallampe darauf
passte schlecht zu dem Zeisigbauer am Fenster und noch schlechter zu dem über
einem kleinen Klavier hängenden Schlachtenbilde »König Wilhelm auf der Höhe von
Lipa« Trotzdem hatte dies stillose Durcheinander etwas Anheimelndes In dem
primitiven Kamin  nur eine Steinplatte mit Rauchfang  war ein Holzfeuer
angezündet beide Fenster standen auf waren aber durch schwere Gardinen so gut
wie wieder geschlossen und aus dem etwas schief über dem Sofa hängenden
Quadratspiegel wuchsen drei Pfauenfedern heraus
    Tante Adelheid hatte sich in Staat geworfen und ihre Karlsbader
Granatbrosche vorgesteckt die der alte Dubslav wegen der sieben mittelgrossen
Steine die einen größeren und buckelartig vorspringenden umstanden die
»SiebenKurfürstenBrosche« nannte Der hohe hagere Hals ließ die Domina noch
größer und herrischer erscheinen als sie war und rechtfertigte durchaus die
brüderliche Malice »Wickelkinder wenn sie sie sehen werden unruhig und wenn
sie zärtlich wird fangen sie an zu schreien« Man sah ihr an dass sie nur immer
vorübergehend in einer höheren Gesellschaftssphäre gelebt hatte sich trotzdem
aber zeitlebens der angeborenen Zugehörigkeit zu eben diesen Kreisen bewusst
gewesen war Dass man sie zur Domina gemacht hatte war nur zu billigen Sie
wusste zu rechnen und anzuordnen und war nicht bloß von sehr gutem natürlichen
Verstand sondern unter Umständen auch voller Interesse für ganz bestimmte
Personen und Dinge Was aber trotz solcher Vorzüge den Verkehr mit ihr so
schwer machte das war die tiefe Prosa ihrer Natur das märkisch Enge das
Misstrauen gegen alles was die Welt der Schönheit oder gar der Freiheit auch nur
streifte
    Sie erhob sich als die drei Herren eintraten und war gegen Rex und Czako
aufs neue von verbindlichstem Entgegenkommen »Ich muss Ihnen noch einmal
aussprechen meine Herren wie sehr ich bedaure Sie nur so kurze Zeit unter
meinem Dache sehen zu dürfen«
    »Du vergisst mich liebe Tante« sagte Woldemar »Ich bleibe dir noch eine
gute Weile Mein Zug geht glaub ich erst um neun Und bis dahin erzähl ich dir
eine Welt und  beichte«
    »Nein nein Woldemar nicht das nicht das Erzählen sollst du mir recht
recht viel Und ich habe sogar Fragen auf dem Herzen Du weißt wohl schon
welche Aber nur nicht beichten Schon das Wort macht mir jedesmal ein
Unbehagen Es hat solch ausgesprochen katholischen Beigeschmack Unser
Rentmeister Fix hat recht wenn er sagt Beichte sei nichts weil immer
unaufrichtig und es habe in Berlin   aber das sei nun freilich schon sehr
sehr lange her  einen Geistlichen gegeben der habe den Beichtstuhl einen
Satansstuhl genannt Das find ich nun offenbar übertrieben und habe mich auch in
diesem Sinne zu Fix geäußert Aber andrerseits freue ich mich doch immer
aufrichtig einem so mutig protestantischen Worte zu begegnen Mut ist was uns
not tut Ein fester Protestant selbst wenn er schroff auftritt ist mir
jedesmal eine Herzstärkung und ich darf ein gleiches Empfinden auch wohl bei
Ihnen Herr von Rex voraussetzen«
    Rex verbeugte sich Woldemar aber sagte zu Czako »Ja Czako da sehen
Sies Sie sind nicht einmal genannt worden Eine Domina  verzeih Tante 
bildet eben ein feines Unterscheidungsvermögen aus«
    Die Tante lächelte gnädig und sagte »Herr von Czako ist Offizier Es gibt
viele Wohnungen in meines Vaters Hause Das aber muss ich aussprechen der
Unglaube wächst und das Katolische wächst auch Und das Katolische das ist
das Schlimmere Götzendienst ist schlimmer als Unglaube«
    »Gehst du darin nicht zu weit liebe Tante«
    »Nein Woldemar Sieh der Unglaube der ein Nichts ist kann den lieben
Gott nicht beleidigen aber Götzendienst beleidigt ihn Du sollst keine andern
Götter haben neben mir Da steht es Und nun gar der Papst in Rom der ein
Obergott sein will und unfehlbar«
    
    Czako während Rex schwieg und nur seine Verbeugung wiederholte kam auf die
verwegene Idee für Papst und Papsttum eine Lanze brechen zu wollen entschlug
sich dieses Vorhabens aber als er wahrnahm dass die alte Dame ihr Dominagesicht
aufsetzte Das war indessen nur eine rasch vorüberziehende Wolke Dann fuhr
Tante Adelheid das Thema wechselnd in schnell wiedergewonnener guter Laune
fort »Ich habe die Fenster öffnen lassen Aber auch jetzt noch meine Herren
ist es ein wenig stickig Das macht die niedrige Decke Darf ich Sie vielleicht
auffordern noch eine Promenade durch unsern Garten zu machen Unser
Klostergarten ist eigentlich das Beste was wir hier haben Nur der unsers
Rentmeisters ist noch gepflegter und größer und liegt auch am See Rentmeister
Fix der hier alles zusammenhält ist uns wie in wirtschaftlichen Dingen so
auch namentlich in seinen Gartenanlagen ein Vorbild überhaupt ein
charaktervoller Mann und dabei treu wie Gold trotzdem sein Gehalt unbedeutend
ist und seine Nebeneinnahmen ganz unsicher in der Luft schweben Ich hatte Fix
denn auch bitten lassen mit uns bei Tisch zu sein er versteht so gut zu
plaudern gut und leicht ja beinahe freimütig und doch immer durchaus diskret
Aber er ist dienstlich verhindert Die Herren müssen sich also mit mir begnügen
und mit einer unsrer Konventualinnen einem mir lieben Fräulein das immer
munter und ausgelassen aber doch zugleich bekenntnisstreng ist ganz von jener
schönen Heiterkeit die man bloß bei denen findet deren Glaube feste Wurzeln
getrieben hat Ein gut Gewissen ist das beste Ruhekissen Damit hängt es wohl
zusammen«
    Rex an den sich diese Worte vorzugsweise gerichtet hatten drückte
wiederholt seine Zustimmung aus während Czako beklagte dass Fix verhindert sei
»Solche Männer sprechen zu hören die mit dem Volke Fühlung haben und genau
wissen wies einerseits in den Schlössern andererseits in den Hütten der Armut
aussieht das ist immer in hohem Masse fördernd und lehrreich und ein Etwas auf
das ich jederzeit ungern verzichte«
    Gleich danach erhob man sich und ging ins Freie
    Der Garten war von sehr ländlicher Art Durch seine ganze Länge hin zog sich
ein von Buchsbaumrabatten eingefasster Gang neben dem links und rechts in
wohlgepflegten Beeten Rittersporn und Studentenblumen blühten Gerade in seiner
Mitte weitete sich der sonst schmale Gang zu einem runden Platz aus darauf eine
große Glaskugel stand ganz an die Stechliner erinnernd nur mit dem
Unterschied dass hier das eingelegte blanke Zinn fehlte Beide Kugeln stammten
natürlich aus der Globsower »grünen Hütte« Weiter hin ganz am Ausgange des
Gartens wurde man eines etwas schiefen Bretterzaunes ansichtig mit einem
Pflaumenbaum dahinter dessen einer Hauptzweig aus dem Nachbargarten her in den
der Domina herüberreichte
    Rex führte die Tante Dann folgte Woldemar mit Hauptmann Czako weit genug
ab von dem voraufgehenden Paar um ungeniert miteinander sprechen zu können
    »Nun Czako« sagte Woldemar »bleiben wir wenns sein kann noch ein
bisschen weiter zurück Ich kann Ihnen gar nicht sagen wie gern ich in diesem
Garten bin Allen Ernstes Ich habe hier nämlich als Junge hundertmal gespielt
und in den Birnbäumen gesessen damals standen hier noch etliche hier links wo
jetzt die Mohrrübenbeete stehen Ich mache mir nichts aus Mohrrüben woraus ich
übrigens schließe dass wir heute welche zu Tisch kriegen Wie gefällt Ihnen der
Garten«
    »Ausgezeichnet Es ist ja eigentlich ein Bauerngarten aber doch mit viel
Rittersporn drin Und zu jedem Rittersporn gehört eine Stiftsdame«
    »Nein Czako nicht so Sagen Sie mir ganz ernstaft ob Sie solche Gärten
leiden können«
    »Ich kann solche Gärten eigentlich nur leiden wenn sie eine Kegelbahn
haben Und dieser hier ist wie geschaffen dazu lang und schmal Alle unsre
modernen Kegelbahnen sind zu kurz wie früher alle Betten zu kurz waren Wenn
die Kugel aufsetzt ist sie auch schon da und der Bengel unten schreit einen an
mit seinem acht um den König Für mich fängt das Vergnügen erst an wenn das
Brett lang ist und man der Kugel anmerkt sie möchte links oder rechts abirren
aber die eingeborene Gewalt zwingt sie zum Ausharren zum Bleiben auf der
rechten Bahn Es hat was Symbolisches oder Pädagogisches oder meinetwegen auch
Politisches«
    Unter diesem Gespräche waren sie ganz nach unten hin bis an die Stelle
gekommen wo der nachbarliche Pflaumenbaum seinen Zweig über den Zaun
wegstreckte Neben dem Zaun aber in gleicher Linie mit ihm stand eine
grüngestrichene Bank auf der von dem Gezweig überdacht eine Dame saß mit
einem kleinen runden Hut und einer Adlerfeder Als sich die Herrschaften ihr
näherten erhob sie sich und schritt auf die Domina zu dieser die Hand zu
küssen zugleich verneigte sie sich gegen die drei Herren
    »Erlauben Sie mir« sagte Adelheid »Sie mit meiner lieben Freundin
Fräulein von Schmargendorf bekannt zu machen Hauptmann von Czako
Ministerialassessor von Rex Meinen Neffen liebe Schmargendorf kennen Sie
ja«
    Adelheid als sie so vorgestellt hatte zog ihre kleine Uhr aus dem Gürtel
hervor und sagte »Wir haben noch zehn Minuten Wenn es Ihnen recht ist bleiben
wir noch in Gottes freier Natur Woldemar führe meine liebe Freundin oder
lieber Sie Herr Hauptmann  Fräulein von Schmargendorf wird ohnehin Ihre
Tischdame sein«
    Das Fräulein von Schmargendorf war klein und rundlich einige vierzig Jahre
alt von kurzem Hals und wenig Taille Von den sieben Schönheiten über die jede
Evastochter Verfügung haben soll hatte sie soweit sich ihr »Kredit«
feststellen ließ nur die Büste Sie war sich dessen denn auch bewusst und trug
immer dunkle Tuchkleider mit einem Sammetbesatz oberhalb der Taille Dieser
Besatz bestand aus drei Dreiecken deren Spitze nach unten lief Sie war immer
fidel zunächst aus glücklicher Naturanlage dann aber auch weil sie mal gehört
hatte Fidelität erhalte jung Ihr lag daran jung zu sein obwohl sie keinen
rechten Nutzen mehr daraus ziehen konnte Benachbarte Adlige gab es nicht der
Pastor war natürlich verheiratet und Fix auch Und weiter nach unten ging es
nicht
    Adelheid und Rex waren meist weit voraus so dass man sich immer erst an der
Glaskugel traf wenn das voranschreitende Paar schon wieder auf dem Rückwege
war Czako grüßte dann jedesmal militärisch zur Domina hinüber
    Diese selbst war in einem Gespräch mit Rex fest engagiert und verhandelte
mit ihm über ein bedrohliches Wachsen des Sektiererwesens Rex fühlte sich davon
getroffen da er selbst auf dem Punkte stand Irvingianer zu werden er war aber
Lebemann genug um sich schnell zurechtzufinden und vor allem auf jede
nachhaltige Bekämpfung der von Adelheid geäusserten Ansichten zu verzichten Er
lenkte geschickt in das Gebiet des allgemeinen Unglaubens ein dabei sofort
einer vollen Zustimmung begegnend Ja die Domina ging weiter und sich
abwechselnd auf die Apokalypse und dann wieder auf Fix berufend betonte sie
dass wir am Anfang vom Ende stünden Fix gehe freilich wohl etwas zu weit wenn
er eigentlich keinem Tage mehr so recht traue Das seien nutzlose
Beunruhigungen weshalb sie denn auch in ihn gedrungen sei von solchen
Berechnungen Abstand zu nehmen oder wenigstens alles nochmals zu prüfen »Kein
Zweifel« so schloss sie »Fix ist für Rechnungssachen entschieden talentiert
aber ich habe ihm trotzdem sagen müssen dass zwischen Rechnungen und Rechnungen
doch immer noch ein Unterschied sei«
    Czako hatte dem Fräulein von Schmargendorf den Arm gereicht Woldemar weil
der Mittelgang zu schmal war folgte wenige Schritte hinter den beiden und trat
nur immer da wo der Weg sich erweiterte vorübergehend an ihre Seite
    »Wie glücklich ich bin Herr Hauptmann« sagte die Schmargendorf »Ihre
Partnerin zu sein jetzt schon hier und dann später bei Tisch«
    Czako verneigte sich
    »Und merkwürdig« fuhr sie fort »dass gerade das Regiment Alexander immer so
vergnügte Herren hat einen Namensvetter von Ihnen oder vielleicht war es auch
Ihr älterer Herr Bruder den hab ich noch von einer Einquartierung in der
Priegnitz her ganz deutlich in Erinnerung trotzdem es schon an die zwanzig
Jahre ist oder mehr Denn ich war damals noch blutjung und tanzte mit Ihrem
Herrn Vetter einen richtigen Radowa der um jene Zeit noch in Mode war aber
schon nicht mehr so recht Und ich hab auch noch den Namenszug und einen kleinen
Vers von ihm in meinem Album Jegor von Baczko Secondelieutenant im Regiment
Alexander Ja Herr von Baczko so kommt man wieder zusammen Oder doch
wenigstens mit einem Herren gleichen Namens«
    Czako schwieg und nickte nur weil er Richtigstellungen überhaupt nicht
liebte Woldemar aber der jedes Wort gehört und in bezug auf solche Dinge
kleinlicher als sein Freund der Hauptmann dachte wollte durchaus Remedur
schaffen und bat das Fräulein darauf aufmerksam machen zu dürfen dass der Herr
der den Vorzug habe sie zu führen nicht ein Herr von Baczko sondern ein Herr
von Czako sei
    Die kleine Rundliche geriet in eine momentane Verlegenheit Czako selbst
aber kam ihr mit großer Kourtoisie zu Hilfe
    »Lieber Stechlin« begann er »ich beschwöre Sie um sechsundsechzig Schock
sächsische Schuhzwecken kommen Sie doch nicht mit solchen Kleinigkeiten die
man jetzt glaub ich Velleitäten nennt Wenigstens habe ich das Wort immer so
übersetzt
    Czako Baczko Baczko Czako  wie kann man davon soviel Aufhebens machen
Name wie Sie wissen ist Schall und Rauch siehe Goethe und Sie werden sich
doch nicht in Widerspruch mit dem bringen wollen Dazu reicht es denn doch am
Ende nicht aus«
    »Hihi«
    »Außerdem ein Mann wie Sie der es trotz seines Liberalismus fertigbringt
immer seinen Adel bis wenigstens dritten Kreuzzug zurückzuführen ein Mann wie
Sie sollte mir doch diese kleine Verwechslung ehrlich gönnen Denn dieser mir in
den Schoss gefallene Baczko Gott sei Dank dass auch unsereinem noch was in den
Schoss fallen kann«
    »Hihi«
    »Denn dieser mir in den Schoss gefallene Baczko ist doch einfach eine Rang
und Standeserhöhung ein richtiges Avancement Die Baczkos reichen mindestens
bis Hus oder Ziska und wenn es vielleicht Ungarn sind bis auf die Hunyadis
zurück während der erste wirkliche Czako noch keine zweihundert Jahre alt ist
Und von diesem ersten wirklichen Czako stammen wir doch natürlich ab Erwägen
Sie bevor es nicht einen wirklichen Czako gab also einen steifen grauen
Filzhut mit Leder oder Blech beschlagen eher kann es auch keinen von Czako
gegeben haben der Adel schreibt sich immer von solchen Dingen seiner Umgebung
oder seines Metiers oder seiner Beschäftigung her Wenn ich wirklich noch mal
Lust verspüren sollte mich standesgemäss zu verheiraten so scheitre ich
vielleicht an der Jugendlichkeit meines Adels und werde mich dann dieser Stunde
wehmütig freundlich erinnern die mich wenn auch nur durch eine
Namensverwechslung auf einen kurzen Augenblick zu erhöhen trachtete«
    Woldemar seiner Philisterei sich bewusst werdend zog sich wieder zurück
während die Schmargendorf treuherzig sagte »Sie glauben also wirklich Herr
von Herr Hauptmann dass Sie von einem Czako herstammen«
    »Soweit solch merkwürdiges Spiel der Natur überhaupt möglich ist bin ich
fest davon durchdrungen«
    In diesem Moment nach abermaliger Passierung des Platzes mit der Glaskugel
erreichte das Paar die Bank unter dem Pflaumenbaumzweige Die Schmargendorf
hatte schon lange vorher nach zwei großen dicht zusammensitzenden Pflaumen
hinübergeblickt und sagte während sie jetzt ihre Hand danach ausstreckte »Nun
wollen wir aber ein Vielliebchen essen Herr Hauptmann wo wie hier zwei
zusammensitzen da ist immer ein Vielliebchen«
    »Eine Definition der ich mich durchaus anschliesse Aber mein gnädigstes
Fräulein wenn ich vorschlagen dürfte mit dieser herrlichen Gabe Gottes doch
lieber bis zum Dessert zu warten Das ist ja doch auch die eigentliche Zeit für
Vielliebchen«
    »Nun wie Sie wollen Herr Hauptmann Und ich werde diese zwei bis dahin für
uns aufheben Aber diese dritte hier die nicht mehr so ganz dazu gehört die
werd ich essen Ich esse so gern Pflaumen Und Sie werden sie mir auch gönnen«
    »Alles alles Eine Welt«
    Es schien fast als ob sich Czako noch weiter über dies Pflaumentema
namentlich auch über die sich darin bergenden Wagnisse verbreiten wollte kam
aber nicht dazu weil eben jetzt ein Diener in weißen Baumwollhandschuhen
augenscheinlich eine Gelegenheitsschöpfung in der Hoftür sichtbar wurde Dies
war das mit der Domina verabredete Zeichen dass der Tisch gedeckt sei Die
Schmargendorf ebenfalls eingeweiht in diese zu raschen Entschlüssen drängende
Zeichensprache bückte sich deshalb um von einem der Gemüsebeete rasch noch ein
großes Kohlblatt abzubrechen auf das sie sorglich die beiden rotgetüpfelten
Pflaumen legte Gleich danach aber aufs neue des Hauptmanns Arm nehmend schritt
sie unter Vorantritt der Domina auf Hof und Flur und ganz zuletzt auf den
Salon zu der sich inzwischen in manchem Stücke verändert hatte vor allem
darin dass neben dem Kamin eine zweite Konventualin stand in dunkler Seide mit
Kopfschleifen und tiefliegenden starren KakaduAugen die in das Wesen aller
Dinge einzudringen schienen
    »Ah meine Liebste« sagte die Domina auf diese zweite Konventualin
zuschreitend »es freut mich herzlich dass Sie sich trotz Migräne noch
herausgemacht haben wir wären sonst ohne dritte Tischdame geblieben Erlauben
Sie mir vorzustellen Herr von Rex Herr von Czako Fräulein von Triglaff aus
dem Hause Triglaff«
    Rex und Czako verbeugten sich während Woldemar dem sie keine Fremde war
an die Konventualin herantrat um ein Wort der Begrüßung an sie zu richten
Czako die Triglaff unwillkürlich musternd war sofort von einer ihn
frappierenden Ähnlichkeit betroffen und flüsterte gleich danach dem sein Monocle
wiederholentlich in Angriff nehmenden Rex leise zu »Krippenstapel weibliche
Linie«
    Rex nickte
    Während dieser Vorstellung hatte der im Hintergrunde stehende Diener den
oberen und unteren Türriegel mit einer gewissen Ostentation zurückgezogen einen
Augenblick noch und beide Flügel zu dem neben dem Salon gelegenen Esszimmer
taten sich mit einer stillen Feierlichkeit auf
    »Herr von Rex« sagte die Domina »darf ich um Ihren Arm bitten«
    Im Nu war Rex an ihrer Seite und gleich danach traten alle drei Paare in
den Nebenraum ein auf dessen gastlicher und nicht ohne Geschick hergerichteter
Tafel zwei Blumenvasen und zwei silberne Doppelleuchter standen Auch der Diener
war schon in Aktion er hatte sich inzwischen am Büfett in Front einer Meissner
Suppenterrine aufgestellt und indem er den Deckel mit einem abgestossenen Engel
obenauf abnahm stieg der Wrasen wie Opferrauch in die Höhe
 
                                 Achtes Kapitel
Tante Adelheid wenn sich nichts geradezu Verstimmliches ereignete war von
alten Zeiten her eine gute Wirtin und besaß neben anderm auch jene
Direktoralaugen die bei Tische soviel bedeuten aber eine Gabe besaß sie nicht
die das Gespräch wies in einem engsten Zirkel doch sein sollte
zusammenzufassen So zerfiel denn die kleine Tafelrunde von Anfang an in drei
Gruppen von denen eine wiewohl nicht absolut schweigsam doch vorwiegend als
Tafelornament wirkte Dies war die Gruppe WoldemarTriglaff Und das konnte
nicht wohl anders sein Die Triglaff wie sich das bei Kakadugesichtern so
häufig findet verband in sich den Ausdruck höchster Tiefsinnigkeit mit ganz
ungewöhnlicher Umnachtung und ein letzter Rest von Helle der ihr vielleicht
geblieben sein mochte war ihr durch eine stupende Triglaffvorstellung
schließlich doch auch noch abhanden gekommen Eine direkte Deszendenz von dem
gleichnamigen Wendengotte etwa wie Czako von Czako war freilich nicht
nachzuweisen aber doch auch nicht ausgeschlossen und wenn dergleichen
überhaupt vorkommen oder nach stiller Übereinkunft auch nur allgemein angenommen
werden konnte so war nicht abzusehen warum gerade sie leer ausgehen oder auf
solche Möglichkeit verzichten sollte Dieser hochgespannten ganz im Speziellen
sich bewegenden Adelsvorstellung entsprach denn auch das gereizte Gefühl das
sie gegen den Zweig des Hauses Tadden unterhielt der sich nach seinem
pommerschen Gute Triglaff TaddenTriglaff nannte  eine Zubenennung die ihr
der einzig wirklichen Triglaff einfach als ein Übergriff oder doch mindestens
als eine Beeinträchtigung erschien Woldemar der dies alles kannte war dagegen
gefeit und wusste seinerseits seit lange wie zu verfahren sei wenn ihm die
Triglaff als Tischnachbarin zufiel Er hatte sich für diesen Fall der übrigens
öfter eintrat als ihm lieb war die Namen aller Konventualinnen auswendig
gelernt die während seiner Kinderzeit im Kloster Wutz gelebt hatten und von
denen er recht gut wusste dass sie seit lange tot waren Er begann aber trotzdem
regelmäßig seine Fragen so zu stellen als ob das Dasein dieser längst
Abgeschiedenen immer noch einer Möglichkeit unterläge
    »Da war ja hier früher mein gnädigstes Fräulein eine Drachenhausen
Aurelie von Drachenhausen und übersiedelte dann wenn ich nicht irre nach
Kloster Zehdenick Es würde mich lebhaft interessieren in Erfahrung zu bringen
ob sie noch lebt oder ob sie vielleicht schon tot ist«
    Die Triglaff nickte
    Czako dieses Nicken beobachtend sprach sich später gegen Rex dahin aus
dass das alles mit der Abstammung der Triglaff ganz natürlich zusammenhänge
»Götzen nicken bloß«
    Um vieles lebendiger waren Rede und Gegenrede zwischen Tante Adelheid und
dem Ministerialassessor und das Gespräch beider das nur sittliche
Hebungsfragen berührte hätte durchaus den Charakter einer gemütlichen aber
doch durch Ernst geweihten Synodalplauderei gehabt wenn sich nicht die Gestalt
des Rentmeisters Fix beständig eingedrängt hätte dieses Dominaprotegés von dem
Rex unter Zurückhaltung seiner wahren Meinung immer aufs neue versicherte
»dass in diesem klösterlichen Beamten eine seltene Verquickung von
Prinzipienstrenge mit Geschäftsgenie vorzuliegen scheine«
    Das waren die zwei Paare die den linken Flügel beziehungsweise die Mitte
des Tisches bildeten Die beiden Hauptfiguren waren aber doch Czako und die
Schmargendorf die ganz nach rechts hin saßen in Nähe der dicken
Fenstergardinen aus Wollstoff in deren Falten denn auch vieles glücklicherweise
verklang An die Suppe hatte sich ein Fisch und an diesen ein Linsenpüree mit
gebackenem Schinken gereiht und nun wurden gespickte Rebhuhnflügel in einer
pikanten Sauce die zugleich Küchengeheimnis der Domina war herumgereicht
Czako trotzdem er schon dem gebackenen Schinken erheblich zugesprochen hatte
nahm ein zweites Mal auch noch von dem Rebhuhngericht und fühlte das Bedürfnis
dies zu motivieren
    »Eine gesegnete Gegend Ihre Grafschaft hier« begann er »Aber freilich
heuer auch eine gesegnete Jahreszeit Gestern abend bei Dubslav von Stechlin
Krammetsvögelbrüste heute bei Adelheid von Stechlin Rebhuhnflügel«
    »Und was ziehen Sie vor« fragte die Schmargendorf
    »Im allgemeinen mein gnädigstes Fräulein ist die Frage wohl zugunsten
ersterer entschieden Aber hier und speziell für mich ist doch wohl der
Ausnahmefall gegeben«
    »Warum ein Ausnahmefall«
    »Sie haben recht eine solche Frage zu stellen Und ich antworte so gut ich
kann Nun denn in Brust und Flügel «
    » Hihi«
    »In Brust und Flügel schlummert wie mir scheinen will ein großartiger
Gegensatz von hüben und drüben es gibt nichts Diesseitigeres als Brust und es
gibt nichts Jenseitigeres als Flügel Der Flügel trägt uns erhebt uns Und
deshalb trotz aller nach der andern Seite hin liegenden Verlockung möchte ich
alles was Flügel heißt doch höher stellen«
    Er hatte dies in einem möglichst gedämpften Tone gesprochen Aber es war
nicht nötig weil einerseits die links ihm zunächst sitzende Triglaff aus purem
Hochgefühl ihr Ohr gegen alles was gesprochen wurde verschloss während
andrerseits die Domina nachdem der Diener allerlei kleine Spitzgläser
herumgereicht hatte ganz ersichtlich mit einer Ansprache beschäftigt war
    »Lassen Sie mich Ihnen noch einmal aussprechen« sagte sie während sie sich
halb erhob »wie glücklich es mich macht Sie in meinem Kloster begrüßen zu
können Herr von Rex Herr von Czako Ihr Wohl«
    Man stieß an Rex dankte unmittelbar und sprach als man sich wieder gesetzt
hatte seine Bewunderung über den schönen Wein aus »Ich vermute Montefiascone«
    »Vornehmer Herr von Rex« sagte Adelheid in guter Stimmung »eine Rangstufe
höher Nicht Montefiascone den wir allerdings unter meiner Amtsvorgängerin auch
hier im Keller hatten sondern Lacrimae Christi Mein Bruder der alles
bemängelt meinte freilich als ich ihm vor einiger Zeit davon vorsetzte das
passe nicht das sei Begräbniswein höchstens Wein für Einsegnungen aber nicht
für heitere Zusammenkünfte«
    »Ein Wort von eigenartiger Bedeutung darin ich Ihren Herrn Bruder durchaus
wiedererkenne«
    »Gewiss Herr von Rex Und ich bin mir bewusst dass uns der Name gerade dieses
Weines allerlei Rücksichten auferlegt
    Aber wenn Sie sich vergegenwärtigen wollen dass wir in einem Stift einem
Kloster sind und so meine ich denn der Ort an dem wir leben gibt uns doch
auch ein Recht und eine Weihe«
    »Kein Zweifel Und ich muss nachträglich die Bedenken Ihres Herrn Bruders als
irrtümlich anerkennen Aber wenn ich mich so ausdrücken darf ein kleidsamer
Irrtum Auf das Wohl Ihres Herrn Bruders«
    Damit schloss das etwas diffizile Zwiegespräch dem alle mit einiger
Verlegenheit gefolgt waren Nur nicht die Schmargendorf »Ach« sagte diese
während sie sich halb in den Vorhängen versteckte »wenn wir von dem Wein
trinken dann hören wir auch immer dieselbe Geschichte Die Domina muss sich
damals sehr über den alten Herrn von Stechlin geärgert haben Und doch hat er
eigentlich recht schon der bloße Name stimmt ernst und feierlich und es liegt
was drin das einem Christenmenschen denn doch zu denken gibt Und gerade wenn
man so recht vergnügt ist«
    »Darauf wollen wir anstossen« sagte Czako völlig im dunkeln lassend ob er
mehr den Christenmenschen oder den Ernst oder das Vergnügtsein meinte
    »Und überhaupt« fuhr die Schmargendorf fort »die Weine müssten eigentlich
alle anders heißen oder wenigstens sehr sehr viele«
    »Ganz meine Meinung meine Gnädigste« sagte Czako »Da sind wirklich so
manche Man darf aber andrerseits das Zartgefühl nicht überspannen Will man
das so bringen wir uns einfach um die reichsten Quellen wahrer Poesie Da haben
wir beispielsweise so ganz allgemein und bloß als Gattungsbegriff die Milch
der Greise  zunächst ein durchaus unbeanstandenswertes Wort Aber alsbald denn
unsre Sprache liebt solche Spiele treten mannigfache Fort und Weiterbildungen
selbst Geschlechtsüberspringungen an uns heran und ehe wirs uns versehen hat
sich die Milch der Greise in eine Liebfrauenmilch verwandelt«
    »Hihi Ja Liebfrauenmilch die trinken wir auch Aber nur selten Und es
ist auch nicht der Name woran ich eigentlich dachte«
    »Sicherlich nicht meine Gnädigste Denn wir haben eben noch andre
dezidiertere denen gegenüber uns dann nur noch das Refugium der französischen
Aussprache bleibt«
    »Hihi Ja französisch da geht es Aber doch auch nicht immer und
jedesmal wenn Rentmeister Fix unser Gast ist und die Triglaff die Flasche hin
und her dreht und ich habe gesehen dass sie sie dreimal herumdrehte dann
lacht Fix Übrigens sieht es so aus als ob die Domina noch was auf dem Herzen
hätte sie macht ein so feierliches Gesicht Oder vielleicht will sie auch bloß
die Tafel aufheben«
    Und wirklich es war so wie die Schmargendorf vermutete »Meine Herren«
sagte die Domina »da Sie zu meinem Leidwesen so früh fortwollen wir haben nur
noch wenig über eine Viertelstunde so geb ich anheim ob wir den Kaffee lieber
in meinem Zimmer nehmen wollen oder draußen unter dem Holunderbaum«
    Eine Gesamtantwort wurde nicht laut aber während man sich unmittelbar
danach erhob küsste Czako der Schmargendorf die Hand und sagte mit einem
gewissen Empressement »Unter dem Holunderbaum also«
    Die Schmargendorf verstand nicht im entferntesten auf was es sich bezog
Aber das war Czako gleich Ihm lag lediglich daran sich ganz privatim ganz für
sich selbst die Schmargendorf auf einen kurzen aber großen Augenblick als
»Kätchen« vorstellen zu können
    Im übrigen zeigte sichs dass nicht bloß Czako sondern auch Rex und
Woldemar für den Holunderbaum waren und so näherte man sich denn diesem
    Es war derselbe Baum den die Herren schon beim Einreiten in den Klosterhof
gesehen aber in jenem Augenblick wenig beachtet hatten Jetzt erst bemerkten
sie was es mit ihm auf sich habe Der Baum der uralt sein mochte stand
außerhalb des Gehöftes war aber ähnlich wie der Pflaumenbaum im Garten mit
seinem Gezweig über das zerbröckelte Gemäuer fortgewachsen Er war an und für
sich schon eine Pracht Was ihm aber noch eine besondere Schönheit lieh das
war dass sein Laubendach von ein paar dahinter stehenden Ebereschenbäumen wie
durchwachsen war so dass man überall neben den schwarzen Fruchtdolden des
Holunders die leuchtenden roten Ebereschenbüschel sah Auch das verschiedene
Laub schattierte sich Rex und Czako waren aufrichtig entzückt beinahe mehr als
zulässig Denn so reizend die Laube selbst war so zweifelhaft war das
unmittelbar vor ihnen in großer Unordnung und durchaus ermangelnder Sauberkeit
ausgebreitete Hofbild Aber pittoresk blieb es doch Zusammengemörtelte
Feldsteinklumpen lagen in hohem Grase dazwischen Karren und Düngerwagen Enten
und Hühnerkörbe während ein kollernder Trutahn von Zeit zu Zeit bis dicht an
die Laube herankam seis aus Neugier oder um sich mit der Triglaff zu messen
    Als sechs Uhr heran war erschien Fritz und führte die Pferde vor Czako
wies darauf hin Bevor er aber noch an die Domina herantreten und ihr einige
Dankesworte sagen konnte kam die Schmargendorf die kurz vorher ihren Platz
verlassen mit dem großen Kohlblatt zurück auf dem die beiden
zusammengewachsenen Pflaumen lagen »Sie wollten mir entgehen Herr von Czako
Das hilft Ihnen aber nichts Ich will mein Vielliebchen gewinnen Und Sie sollen
sehen ich siege«
    »Sie siegen immer meine Gnädigste«
 
                                Neuntes Kapitel
Rex und Czako ritten ab Fritz führte Woldemars Pferd am Zügel Aber weder die
Schmargendorf noch die Triglaff erwiesen sich als die beiden Herren fort und
die drei Damen samt Woldemar in die Wohnräume zurückgekehrt waren irgendwie
beflissen das Feld zu räumen was die Domina die wegen zu verhandelnder
diffiziler Dinge mit ihrem Neffen allein sein wollte stark verstimmte Sie
zeigte das auch war steif und schweigsam und belebte sich erst wieder als die
Schmargendorf mit einem Male glückstrahlend versicherte jetzt wisse sies sie
habe noch eine Photographie die wolle sie gleich an Herrn von Czako schicken
und wenn er dann morgen mittag von Cremmen her in Berlin einträfe dann werd er
Brief und Bild schon vorfinden und auf der Rückseite des Bildes ein »Guten
Morgen Vielliebchen« Die Domina fand alles so lächerlich und unpassend wie nur
möglich weil ihr aber daran lag die Schmargendorf loszuwerden so hielt sie
mit ihrer wahren Meinung zurück und sagte »Ja liebe Schmargendorf wenn Sie so
was vorhaben dann ist es allerdings die höchste Zeit Der Postbote kann gleich
kommen« Und wirklich die Schmargendorf ging nur die Triglaff zurücklassend
deren Auge sich jetzt von der Domina zu Woldemar hinüber und dann wieder von
Woldemar zur Domina zurückbewegte Sie war bei dem allem ganz unbefangen Ein
Verlangen etwas zu belauschen oder von ungefähr in Familienangelegenheiten
eingeweiht zu werden lag ihr völlig fern und alles was sie trotzdem zum
Ausharren bestimmte war lediglich der Wunsch solchem historischen
Beisammensein eine durch ihre Triglaffgegenwart gesteigerte Weihe zu geben
Indessen schließlich ging auch sie Man hatte sich wenig um sie gekümmert und
Tante und Neffe ließ sich als sie jetzt allein waren in zwei braune
Plüschfauteuils Erbstücke noch vom Schloss Stechlin her nieder Woldemar
allerdings mit äußerster Vorsicht weil die Sprungfedern bereits jenen
Altersgrad erreicht hatten wo sie nicht nur einen dumpfen Ton von sich zu
geben sondern auch zu stechen anfangen
    Die Tante bemerkte nichts davon war vielmehr froh ihren Neffen endlich
allein zu haben und sagte mit rasch wiedergewonnenem Behagen »Ich hätte dir
schon bei Tische gern was Bessres an die Seite gegeben aber wir haben hier wie
du weißt nur unsre vier Konventualinnen und von diesen vieren sind die
Schmargendorf und die Triglaff immer noch die besten Unsre gute Schimonski die
morgen einundachtzig wird ist eigentlich ein Schatz aber leider stocktaub und
die Teschendorf die mal Gouvernante bei den Esterhazys war und auch noch den
Fürsten Schwarzenberg dessen Frau in Paris verbrannte gekannt hat ja die
hätt ich natürlich solchem feinen Herrn wie dem Herrn von Rex gerne vorgesetzt
aber es ist ein Unglück die arme Person die Teschendorf ist so zittrig und
kann den Löffel nicht recht mehr halten Da hab ich denn doch lieber die
Triglaff genommen sie ist sehr dumm aber doch wenigstens manierlich soviel
muss man ihr lassen Und die Schmargendorf«
    Woldemar lachte
    »Ja du lachst Woldemar und ich will dir auch nicht bestreiten dass man
über die gute Seele lachen kann Aber sie hat doch auch was Gehaltvolles in
ihrer Natur was sich erst neulich wieder in einem intimen Gespräch mit unserm
Fix zeigte der trotz aller Bekenntnisstrenge die selbst Koseleger ihm
zugesteht an unserm letzten Whistabend Äußerungen tat die wir alle tief
bedauern mussten wir die wir die Whistpartie machten nun schon ganz gewiss
aber auch die gute taube Schimonski der wir weil sie uns so aufgeregt sah
alles auf einen Zettel schreiben mussten«
    »Und was war es denn«
    »Ach es handelte sich um das was uns allen wie du dir denken kannst
jetzt das Teuerste bedeutet um den Wortlaut Und denke dir unser Fix war
dagegen Er musste wohl denselben Tag was gelesen haben was ihn abtrünnig
gemacht hatte Personen wie Fix sind sehr bestimmbar Und kurz und gut er
sagte das mit dem Wortlaut das ginge nicht länger mehr die Werte wären jetzt
anders und weil die Werte nicht mehr dieselben wären müssten auch die Worte
sich danach richten und müssten gemodelt werden Er sagte gemodelt Aber was er
am meisten immer wieder betonte das waren die Werte und die Notwendigkeit der
Umwertung«
    »Und was sagte die Schmargendorf dazu«
    »Du hast ganz recht mich dabei wieder auf die Schmargendorf zu bringen
Nun die war außer sich und hat die darauffolgende Nacht nicht schlafen können
Erst gegen Morgen kam ihr ein tiefer Schlaf und da sah sie so wenigstens hat
sies mir und dem Superintendenten versichert einen Engel der mit seinem
Flammenfinger immer auf ein Buch wies und in dem Buch auf eine und dieselbe
Stelle«
    »Welche Stelle«
    »Ja darüber war ein Streit die Schmargendorf hatte sie genau gelesen und
wollte sie hersagen Aber sie sagte sie falsch weil sie sonntags in der Kirche
nie recht aufpasst Und wir sagten ihr das auch Und denke dir sie widersprach
nicht und blieb überhaupt ganz ruhig dabei Ja sagte sie sie wisse recht gut
dass sie die Stelle falsch hergesagt hätte sie habe nie was richtig hersagen
können aber das wisse sie ganz genau die Stelle mit dem Flammenfinger das sei
der »Wortlaut« gewesen«
    »Und das hast du wirklich alles geglaubt liebe Tante Diese gute
Schmargendorf Ich will ihr ja gerne folgen aber was ihren Traum angeht da
kann ich beim besten Willen nicht mit Es wird ihr ein Amtmann erschienen sein
oder ein Pastor Dreißig Jahre früher wär es ein Student gewesen«
    »Ach Woldemar sprich doch nicht so Das ist ja die neue Façon in der die
Berliner sprechen und in dem Punkt ist einer wie der andre Dein Freund Czako
spricht auch so Du mokierst dich jetzt über die gute Schmargendorf und dein
Freund der Hauptmann soviel hab ich ganz deutlich gesehen tat es auch und hat
sie bei Tische geuzt«
    »Geuzt«
    »Du wunderst dich über das Wort und ich wundre mich selber darüber Aber
daran ist auch unser guter Fix schuld Der ist alle Monat mal nach Berlin rüber
und wenn er dann wiederkommt dann bringt er so was mit und wiewohl ichs
unpassend finde nehm ichs doch an und die Schmargendorf auch Bloß die
Triglaff nicht und natürlich die gute Schimonski auch nicht wegen der Taubheit
Ja Woldemar ich sage geuzt und dein Freund Czako hätt es lieber unterlassen
sollen Aber das muss wahr sein er ist amüsant wenn auch ein bisschen auf der
Wippe Siehst du ihn oft«
    »Nein liebe Tante Nicht oft Bedenke die weiten Entfernungen Von unsrer
Kaserne bis zu seiner oder auch umgekehrt das ist eine kleine Reise Dazu
kommt noch dass wir vor unserm Hallischen Tor eigentlich gar nichts haben bloß
die Kirchhöfe das Tempelhofer Feld und das Roterstift«
    »Aber ihr habt doch die Pferdebahn wenn ihr irgendwohin wollt Beinah muss
ich sagen leider Denn es gibt mir immer einen Stich wenn ich mal in Berlin
bin so die Offiziere zu sehen wie sie da hinten stehen und Platz machen wenn
eine Madam aufsteigt manchmal mit nem Korb und manchmal auch mit ner
Spreewaldsamme Mir immer ein Horreur«
    »Ja die Pferdebahn liebe Tante die haben wir freilich und man kann mit
ihr in einer halben Stunde bis in Czakos Kaserne Der weite Weg ist es auch
eigentlich nicht wenigstens nicht allein weshalb ich Czako so selten sehe Der
Hauptgrund ist doch wohl der er passt nicht so ganz zu uns und eigentlich auch
kaum zu seinem Regiment Er ist ein guter Kerl aber ein Äquivokenmensch und
erzählt immer Nachmitternachtsgeschichten Wenn man ihn allein hat geht es
Aber hat er ein Publikum dann kribbelt es ihn ordentlich und je feiner das
Publikum ist desto mehr Er hat mich schon oft in Verlegenheit gebracht Ich
muss sagen ich hab ihn sehr gern aber gesellschaftlich ist ihm Rex doch sehr
überlegen«
    »Ja Rex natürlich Das hab ich auch gleich bemerkt ohne mir weiter
Rechenschaft darüber zu gehen Du wirst es aber wissen wodurch er ihm überlegen
ist«
    »Durch vieles Erstens wenn man die Familien abwägt Rex ist mehr als
Czako Und dann ist Rex Kavallerist«
    »Aber ich denke er ist Ministerialassessor«
    »Ja das ist er auch Aber nebenher oder vielleicht noch darüber hinaus
ist er Offizier und sogar in unsrer Dragonerbrigade«
    »Das freut mich da ist er ja so gut wie ein Spezialkamerad von dir«
    »Ich kann das zugeben und doch auch wieder nicht Denn erstens ist er in der
Reserve und zweitens steht er bei den zweiten Dragonern«
    »Macht das nen Unterschied«
    »Gott Tante wie mans nehmen will Ja und nein Bei MarslaTour haben wir
dieselbe Attacke geritten«
    »Und doch«
    »Und doch ist da ein gewisses je ne sais quoi«
    »Sage nichts Französisches Das verdriesst mich immer Manche sagen jetzt
auch Englisches was mir noch weniger gefällt Aber lassen wir das ich finde
nur es wäre doch schrecklich wenn es so bloß nach der Zahl ginge Was sollte
denn da das Regiment anfangen bei dem ein Bruder unsrer guten Schmargendorf
steht Es ist glaube ich das hundertfünfundvierzigste«
    »Ja wenn es so hoch kommt dann vertut es sich wieder Aber so bei der
Garde«
    Die Domina schüttelte den Kopf »Darin mein lieber Woldemar kann ich dir
doch kaum folgen Unser Fix sagt mitunter ich sei zu exklusiv aber so exklusiv
bin ich doch noch lange nicht Und solch Verstandesmensch wie du bist so ruhig
und dabei so abgeklärt wie manche jetzt sagen und Gott verzeih mir die Sünde
auch so liberal worüber selbst dein Vater klagt Und nun kommst du mir mit
solchem Vorurteil ja verzeih mir das Wort mit solchen Überheblichkeiten Ich
erkenne dich darin gar nicht wieder Und wenn ich nun das erste Garderegiment
nehme das ist ja doch auch ein erstes Ist es denn mehr als das zweite Man
kann ja sagen soviel will ich zugehen sie haben die Blechmützen und sehen aus
als ob sie lauter Holländerinnen heiraten wollten Was ihnen schon gefallen
sollte«
    »Den Holländerinnen«
    »Nun denen auch« lachte die Tante »Aber ich meinte jetzt unsre Leute
Missverstehe mich übrigens nicht Ich weiß recht gut was es mit den großen
Grenadieren auf sich hat aber die andern sind doch ebensogut und Potsdam ist
doch schließlich bloß Potsdam«
    »Ja Tante das ist es ja eben Dass sie noch immer in Potsdam sind das
macht es Deshalb ist es nach wie vor die Potsdamer Wachtparade Und dann das
Wort erstes spielt allerdings auch mit Ein alter Römer mit dessen Namen ich
dich nicht behelligen will der wollte in seinem Potsdam lieber der Erste als in
seinem Berlin der Zweite sein Wer der Erste ist nun der ist eben der Erste
und als die andern aufstanden da hatte dieser Erste schon seinen
Morgenspaziergang gemacht und mitunter was für einen Sieh als das zweite
Garderegiment geboren wurde da hatten die mit den Blechmützen schon den ganzen
Siebenjährigen Krieg hinter sich Es ist damit wie mit dem ältesten Sohn Der
älteste Sohn kann unter Umständen dümmer und schlechter sein als sein Bruder
aber er ist der älteste das kann ihm keiner nehmen und das gibt ihm einen
gewissen Vorrang auch wenn er sonst gar keinen Vorzug hat Alles ist göttliches
Geschenk Warum ist der eine hübsch und der andere hässlich Und nun gar erst die
Damen In das eine Fräulein verliebt sich alles und das andre spielt bloß
Mauerblümchen Es wird jedem seine Stelle gegeben Und so ist es auch mit unserm
Regiment Wir mögen nicht besser sein als die andern aber wir sind die ersten
wir haben die Nummer eins«
    »Ich kann da beim besten Willen nicht recht mit Woldemar Was in unsrer
Armee den Ausschlag gibt ist doch immer die Schneidigkeit«
    »Liebe Tante sprich wovon du willst nur nicht davon Das ist ein Wort für
kleine Garnisonen Wir wissen was wir zu tun haben Dienst ist alles und
Schneidigkeit ist bloß Renommisterei Und das ist das was bei uns am
niedrigsten steht«
    »Gut Woldemar was du da zuletzt gesagt hast das gefällt mir Und in
diesem Punkte muss ich auch deinen Vater loben Er hat vieles was mir nicht
zusagt aber darin ist er doch ein echter Stechlin Und du bist auch so Und das
hab ich immer gefunden alle die so sind die schießen zuletzt doch den Vogel
ab ganz besonders auch bei den Damen«
    Dies »bei den Damen« war nicht ohne Absicht gesprochen und schien auf das
bis dahin vorsichtig vermiedene Haupttema hinüberführen zu sollen Aber ehe die
Tante noch eine direkte Frage stellen konnte wurde der Rentmeister gemeldet
der ihr in diesem Augenblicke sehr ungelegen kam Die Domina wandte sich denn
auch in sichtlicher Verstimmung an Woldemar und sagte »Soll ich ihn
fortschicken«
    »Es wird kaum gehen liebe Tante«
    »Nun denn«
    Und gleich danach trat Fix ein
 
                                Zehntes Kapitel
Während Woldemar und die Domina miteinander plauderten erst im Têteàtête
dann in Gegenwart von Rentmeister Fix ritten Rex und Czako Fritz mit dem
Leinpferd folgend auf Cremmen zu Das war noch eine tüchtige Strecke gute drei
Meilen Aber trotzdem waren beide Reiter übereingekommen nichts zu übereilen
und sichs nach Möglichkeit bequem zu machen »Es ist am Ende gleichgültig ob
wir um acht oder um neun über den Cremmer Damm reiten Das bisschen Abendrot das
da drüben noch hinter dem Kirchturm steht Fritz wie heißt er Welcher
Kirchturm ist es«  »Das ist der Wulkowsche Herr Hauptmann«  » Also
das bisschen Abendrot das da noch hinter dem Wulkowschen steht wird ohnehin
nicht lange mehr vorhalten Dunkel wirds also doch und von dem
Hohenlohedenkmal das ich mir übrigens gern einmal näher angesehen hätte man
muss so was immer auf dem Hinwege mitnehmen kommt uns bei Tageslicht nichts
mehr vor die Klinge Das Denkmal liegt etwas ab vom Wege«
    »Schade« sagte Rex
    »Ja man kann es beinah sagen Ich für meine Person komme schließlich drüber
hin aber ein Mann wie Sie Rex sollte dergleichen mehr wallfahrtartig
auffassen«
    
    »Ach Czako Sie reden wieder tolles Zeug diesmal mit einem kleinen
Abstecher ins Lästerliche Was soll Wallfahrt hier überhaupt Und dann was
haben Sie gegen Wallfahrten Und was haben Sie gegen die Hohenlohes«
    »Gott Rex wie Sie sich wieder irren Ich habe nichts gegen die einen und
ich habe nichts gegen die andern Alles was ich von Wallfahrten gelesen habe
hat mich immer nur wünschen lassen mal mit dabeizusein Und ad vocem der
Hohenlohes so kann ich Ihnen nur sagen für die hab ich sogar was übrig in
meinem Herzen viel viel mehr als für unser eigentliches Landesgewächs Oder
wenn Sie wollen für unsre Autochtonen«
    »Und das meinen Sie ganz ernstaft«
    »Ganz ernstaft Und wir wollen mal fünf Minuten wie vernünftige Leute
darüber reden Wenn ich sage wir so meine ich natürlich mich Denn Sie sprechen
immer vernünftig Vielleicht ein bisschen zu sehr«
    Rex lächelte »Nun gut ich wills Ihnen glauben«
    »Also die Hohenlohes« fuhr Czako fort »Ja wie steht es damit Wie liegt
da die Sache Da kommt hier so Anno Domini ein Burggraf ins Land und das Land
will ihn nicht und er muss sich alles erst erobern die Städte beinah und die
Schlösser gewiss Und die Herzen natürlich erst recht Und der Kaiser sitzt mal
wieder weitab und kann ihm nicht helfen Und da hat nun dieser Nürnberger
Burggraf wenns hoch kommt ein halbes Dutzend Menschen um sich schwäbische
Leute die mit ihm in diese Mördergrube hinabsteigen Denn ein bisschen so was
war es Und geht auch gleich los und die Quitzows und die dies sein wollen
rufen die Pommern ins Land und hier auf diesem alten Cremmer Damm stoßen sie
zusammen und die paar die da fallen das sind eben die Schwaben dies gewagt
hatten und mit in den Kahn gestiegen waren Allen vorauf aber ein Graf so ein
Herr in mittleren Jahren Der fiel zuerst und versank in den Sumpf und da liegt
er Das heißt sie haben ihn rausgeholt und nun liegt er in der Klosterkirche
Und dieser eine der da voran fiel der hieß Hohenlohe«
    »Ja Czako das weiß ich ja alles Das steht ja schon im Brandenburgischen
Kinderfreund Sie denken aber immer Sie haben so was allein gepachtet«
    »Immer vorsichtig Rex im Kinderfreund steht es Gewiss Aber was steht
nicht alles  von Kinderfreund gar nicht zu reden  in Bibel und Katechismus
und die Leute wissen es doch nicht Ich zum Beispiel Und ob es nun drinsteht
oder nicht drinsteht ich sage nur so hat es angefangen und so läuft der Hase
noch Oder glauben Sie dass der alte Fürst der jetzt dran ist dass der zu
seinem Spezialvergnügen in unser sogenanntes Reichskanzlerpalais gezogen ist
drin die Bismarckschen Nachfolger die sich wahrhaftig nicht danach drängten
ihre Tage vertrauern Ein Opfer ist es nicht mehr und nicht weniger und ein
Opfer bringt auch der alte Fürst gerade wie der der damals am Cremmer Damm als
erster fiel Und ich sage Ihnen Rex das ist das was mir imponiert immer
dasein wenn Not an Mann ist Die Kleinen von hier trotz der Loyalität bis auf
die Knochen die mucken immer bloß auf aber die wirklich Vornehmen die
gehorchen nicht einem Machtaber sondern dem Gefühl ihrer Pflicht«
    Rex war einverstanden und wiederholte nur »Schade dass wir so spät an dem
Denkmal vorbeikommen«
    »Ja schade« sagte Czako »Wir müssen es uns aber schenken Im übrigen
denk ich lassen wir in dem was wir uns noch weiter zu sagen haben die
Hohenlohes aus dem Spiel Andres liegt uns heute näher Wie hat Ihnen denn
eigentlich die Schmargendorf gefallen«
    »Ich werde mich hüten Czako Ihnen darauf zu antworten Außerdem haben Sie
sie durch den Garten geführt nicht ich und mir war immer als ob ich Faust und
Gretchen sähe«
    Czako lachte »Natürlich schwebt Ihnen das andre Paar vor und ich bin nicht
böse darüber Die Rolle die mir dabei zufällt  der mit der Hahnenfeder ist
doch am Ende ne andre Nummer wie der sentimentale HabenunachMann  diese
Mephistorolle sag ich gefällt mir besser und was die Schmargendorf angeht so
kann ich nur sagen Von meiner Marta lass ich nicht«
    »Czako Sie münden wieder ins Frivole«
    »Gut gut Rex Sie werden unwirsch und Sie sollen recht haben Lassen wir
also die Schmargendorf so gut wie die Hohenlohes Aber über die Domina ließe
sich vielleicht sprechen und sind wir erst bei der Tante so sind wir auch bald
bei dem Neffen Ich fürchte unser Freund Woldemar befindet sich in diesem
Augenblick in einer scharfen Zwickmühle Die Domina liegt ihm seit Jahr und Tag
er hat mir selber Andeutungen darüber gemacht mit Heiratsplänen in den Ohren
mutmasslich weil ihr die Vorstellung einer stechlinlosen Welt einfach ein
Schrecknis ist Solche alten Jungfern mit einer Granatbrosche haben immer eine
merkwürdig hohe Meinung von ihrer Familie Freilich auch andre die klüger sein
sollten Unsre Leute gefallen sich nun mal in der Idee sie hingen mit dem
Fortbestande der göttlichen Weltordnung aufs engste zusammen In Wahrheit liegt
es so dass wir sämtlich abkommen können Ohne die Czakos geht es nun schon
gewiss wofür sozusagen historischsymbolisch der Beweis erbracht ist«
    »Und die Rex«
    »Vor diesem Namen mach ich halt«
    »Wers Ihnen glaubt Aber lassen wir die Rex und lassen wir die Czakos und
bleiben wir bei den Stechlins will sagen bei unserm Freunde Woldemar Die Tante
will ihn verheiraten darin haben Sie recht«
    »Und ich habe wohl auch recht wenn ich das eine heikle Lage nenne Denn ich
glaube dass er sich seine Freiheit wahren will und mit Bewusstsein auf den
Célibataire lossteuert«
    »Ein Glauben in dem Sie sich lieber Czako wie jedesmal wenn Sie zu
glauben anfangen in einem großen Irrtum befinden«
    »Das kann nicht sein«
    »Es kann nicht bloß sein es ist Und ich wundre mich nur dass gerade Sie
der Sie doch sonst das Gras wachsen hören und allen Gesellschaftsklatsch kennen
wie kaum ein zweiter dass gerade Sie von dem allen kein Sterbenswörtchen
vernommen haben sollen Sie verkehren doch auch bei den Xylanders ja ich
glaube Sie da letzten Winter mal kämpfend am Büfett gesehen zu haben«
    »Gewiss«
    »Und da waren an jenem Abend auch die Berchtesgadens Baron und Frau und in
lebhaftestem Gespräche mit diesem bayerischen Baron ein distinguierter alter
Herr und zwei Damen Und diese drei das waren die Barbys«
    »Die Barbys« wiederholte Czako »Botschaftsrat oder dergleichen Ja gewiss
ich habe davon gehört aber ich kann mich jedenfalls nicht erinnern ihn und die
Damen gesehen zu haben Und sicherlich nicht an jenem Abend wo ja von
Vorstellen keine Rede war die reine Völkerschlacht Aber Sie wollten mir
glaube ich von eben diesen Barbys erzählen«
    »Ja das wollt ich Ich wollte Sie nämlich wissen lassen dass Ihr
Célibataire seit Ausgang vorigen Winters in eben diesem Hause regelmäßig
verkehrt«
    »Er wird wohl in vielen Häusern verkehren«
    »Möglich aber nicht sehr wahrscheinlich da das eine Haus ihn ganz in
Anspruch nimmt«
    »Nun gut so lassen wir ihn bei den Barbys Aber was bedeutet das«
    »Das bedeutet dass in einem solchen Hause verkehren und sich mit einer
Tochter verloben so ziemlich ein und dasselbe ist Bloß eine Frage der Zeit Und
die Tante wird sich damit aussöhnen müssen auch wenn sie wie beinah gewiss
über ihr Herzblatt bereits anders verfügt haben sollte Solche Dinge begleichen
sich indessen fast immer Unser Woldemar wird sich aber mittlerweile vor ganz
andre Schwierigkeiten gestellt sehen«
    »Und die wären Ist er nicht vornehm genug Oder mankiert vielleicht
Gegenliebe«
    »Nein Czako von mankierender Gegenliebe wie Sie sich auszudrücken
belieben kann keine Rede sein Die Schwierigkeiten liegen in was anderm Es
sind da nämlich wie ich mir schon anzudeuten erlaubte zwei Komtessen im Hause
Nun die jüngere wird es wohl werden schon weil sie eben die jüngere ist Aber
so ganz sicher ist es doch keineswegs Denn auch die ältere wiewohl schon über
dreißig ist sehr reizend und zum Überfluss auch noch Witwe  das heißt
eigentlich nicht Witwe sondern richtiger eine gleich nach der Ehe geschiedene
Frau Sie war nur ein halbes Jahr verheiratet oder vielleicht auch nicht
verheiratet«
    »Verheiratet oder vielleicht auch nicht verheiratet« wiederholte Czako
während er unwillkürlich sein Pferd anhielt »Aber Rex das ist ja hoch pikant
Und dass ich erst heute davon höre und noch dazu durch Sie der Sie sich von
solchen Dingen doch zunächst entsetzt abwenden müssten Aber so seid ihr
Konventikler Schließlich ist all dergleichen doch eigentlich euer
Lieblingsfeld Und nun erzählen Sie weiter ich bin neugierig wie ein Backfisch
Wer war denn der unglücklich Glückliche«
    »Sie meinen wenn ich Sie recht verstehe wer es war der diese ältere
Komtesse heiratete Nun dieser glücklich Unglückliche  oder vielleicht auch
umgekehrt  war auch Graf sogar ein italienischer vorausgesetzt dass Sie dies
als eine Steigerung ansehen und hatte natürlich einen echt italienischen Namen
Konte Ghiberti derselbe Name wie der des florentinischen Bildhauers von dem
die berühmten Türen herrühren«
    »Welche Türen«
    »Nun die berühmten Baptisteriumtüren in Florenz von denen Michelangelo
gesagt haben soll sie wären wert den Eingang zum Paradiese zu bilden Und
diese Türen heißen denn auch ihrem großen Künstler zu Ehren die Ghibertischen
Türen Übrigens eine Sache von der ein Mann wie Sie was wissen müsste«
    »Ja Rex Sie haben gut reden von wissen müssen Sie sind aus einem großen
Hause haben mutmasslich einen frommen Kandidaten als Lehrer gehabt und sind dann
auf Reisen gegangen wo man so feine Dinge wegkriegt Aber ich Ich bin aus
Ostrowo«
    »Das ändert nichts«
    »Doch doch Rex Italienische Kunst Ich bitte Sie wo soll dergleichen bei
mir herkommen Was Hänschen nicht lernt  dabei bleibt es nun mal Ich erinnere
mich noch ganz deutlich einer Auktion in Ostrowo bei der es war in einem
kommerzienrätlichen Hause schließlich ein roter Kasten zur Versteigerung kam
ein Kasten mit Doppelbildern und einem Opernkucker dazu der aber keiner war
Und all das kaufte sich meine Mutter Und an diesem Stereoskopenkasten ein
Wort das ich damals noch nicht kannte habe ich meine italienische Kunst
gelernt Die Türen waren aber nicht dabei Was können Sie da groß verlangen Ich
habe wenn Sie das Wort gelten lassen wollen ne Panoptikumbildung«
    Rex lachte »Nun gleichviel Also der Graf der die ältere Komtesse Barby
heiratete hieß Ghiberti Seiner Ehe fehlten indes durchaus die Himmelstüren 
soviel lässt sich mit aller Bestimmtheit sagen Und deshalb kam es zur Scheidung
Ja mehr die scharmante Frau scharmant ist übrigens ein viel zu plebejes und
minderwertiges Wort hat in ihrer Empörung den Namen Ghiberti wieder abgetan
und alle Welt nennt sie jetzt nur noch bei ihrem Vornamen«
    »Und der ist«
    »Melusine«
    »Melusine Hören Sie Rex das lässt aber tief blicken«
Unter diesem Gespräch waren sie bis an den Cremmer Damm herangekommen Es
dunkelte schon stark und ein Gewölk das am Himmel hinzog verbarg die
Mondsichel Ein paarmal indessen trat sie hervor und dann sahen sie bei halber
Beleuchtung das Hohenlohedenkmal das unten im Luche schimmerte
Hinunterzureiten was noch einmal flüchtig in Erwägung gezogen wurde verbot
sich und so setzten sie sich in einen munteren Trab und hielten erst wieder in
Cremmen vor dem Gasthause »Zum Markgrafen Otto« Es schlug eben neun von der
Nikolaikirche
    Drinnen war man bald in einem lebhaften Gespräch in dem sich Rex über die
in der Stadt herrschende Gesinnung und Kirchlichkeit zu unterrichten suchte Der
Wirt stellte der einen wie der andern ein gleich gutes Zeugnis aus und hatte die
Genugtuung dass ihm Rex freundlich zunickte Czako aber sagte »Sagen Sie Herr
Wirt Sie haben da ein so schönes Billard ich habe mir jüngst erst sagen
lassen wenns wirklich flott gehe so könne mans im Jahr bis auf dreitausend
Mark bringen Natürlich bei zwölfstündigem Arbeitstag Wie steht es damit Für
möglich halt ich es«
 
                            Nach dem »Eierhäuschen«
                                 Elftes Kapitel
Die Barbys der alte Graf und seine zwei Töchter lebten seit einer Reihe von
Jahren in Berlin und zwar am Kronprinzenufer zwischen Alsen und Moltkebrücke
Das Haus dessen erste Etage sie bewohnten unterschied sich ohne sonst
irgendwie hervorragend zu sein Berlin ist nicht reich an Privatäusern die
Schönheit und Eigenart in sich vereinigen immerhin vorteilhaft von seinen
Nachbarhäusern von denen es durch zwei Terrainstreifen getrennt wurde der eine
davon ein kleiner Baumgarten mit allerlei Buschwerk dazwischen der andre ein
Hofraum mit einem zierlichen malerisch wirkenden Stallgebäude dessen obere
Fenster hinter denen sich die Kutscherwohnung befand von wildem Wein umwachsen
waren Schon diese Lage des Hauses hätte demselben ein bestimmtes Maß von
Aufmerksamkeit gesichert aber auch seine Fassade mit ihren zwei Loggien links
und rechts ließ die des Weges Kommenden unwillkürlich ihr Auge darauf richten
Hier in eben diesen Loggien verbrachte die Familie mit Vorliebe die Früh und
Nachmittagsstunden und bevorzugte dabei je nach der Jahreszeit mal den zum
Zimmer des alten Grafen gehörigen in pompejischem Rot gehaltenen Einbau mal
die gleichartige Loggia die zum Zimmer der beiden jungen Damen gehörte
Dazwischen lag ein dritter großer Raum der als Repräsentations und zugleich
als Esszimmer diente Das war mit Ausnahme der Schlaf und Wirtschaftsräume das
Ganze worüber man Verfügung hatte man wohnte mithin ziemlich beschränkt hing
aber sehr an dem Hause so dass ein Wohnungswechsel oder auch nur der Gedanke
daran so gut wie ausgeschlossen war Einmal hatte die liebenswürdige besonders
mit Gräfin Melusine befreundete Baronin Berchtesgaden einen solchen
Wohnungswechsel in Vorschlag gebracht aber nur um sofort einem lebhaften
Widerspruche zu begegnen »Ich sehe schon Baronin Sie führen den ganzen
Lennéstrassenstolz gegen uns ins Gefecht Ihre Lennéstrasse Nun ja wenns sein
muss Aber was haben Sie da groß Sie haben den Lessing ganz und den Goethe halb
Und um beides will ich Sie beneiden und Ihnen auch die Spreewaldsammen in
Rechnung stellen Aber die Lennéstrassenwelt ist geschlossen ist zu sie hat
keinen Blick ins Weite kein Wasser das fließt keinen Verkehr der flutet
Wenn ich in unsrer Nische sitze die lange Reihe der herankommenden
Stadtbahnwaggons vor mir nicht zu nah und nicht zu weit und sehe dabei wie
das Abendrot den Lokomotivenrauch durchglüht und in dem Filigranwerk der
Ausstellungsparktürmchen schimmert was will Ihre grüne Tiergartenwand dagegen«
Und dabei wies die Gräfin auf einen gerade vorüberdampfenden Zug und die
Baronin gab sich zufrieden
    Ein solcher Abend war auch heute die Balkontür stand auf und ein kleines
Feuer im Kamin warf seine Lichter auf den schweren Teppich der durch das ganze
Zimmer hin lag Es mochte die sechste Stunde sein und die Fenster drüben an den
Häusern der andern Seite standen wie in roter Glut Ganz in der Nähe des Kamins
saß Armgard die jüngere Tochter in ihren Stuhl zurückgelehnt die linke
Fussspitze leicht auf den Ständer gestemmt Die Stickerei daran sie bis dahin
gearbeitet hatte sie seit es zu dunkeln begann aus der Hand gelegt und
spielte statt dessen mit einem Ballbecher zu dem sie regelmäßig griff wenn es
galt leere Minuten auszufüllen Sie spielte das Spiel sehr geschickt und es
gab immer einen kleinen hellen Schlag wenn der Ball in den Becher fiel
Melusine stand draußen auf dem Balkon die Hand an die Stirn gelegt um sich
gegen die Blendung der untergehenden Sonne zu schützen
    »Armgard« rief sie in das Zimmer hinein »komm die Sonne geht eben unter«
    »Lass Ich sehe hier lieber in den Kamin Und ich habe auch schon zwölfmal
gefangen«
    »Wen«
    »Nun natürlich den Ball«
    »Ich glaube du fingst lieber wen anders Und wenn ich dich so dasitzen
sehe so kommt es mir fast vor als dächtest du selber auch so was Du sitzt so
märchenhaft da«
    »Ach du denkst immer nur an Märchen und glaubst weil du Melusine heißt du
hast so was wie eine Verpflichtung dazu«
    »Kann sein Aber vor allem glaub ich dass ich es getroffen habe Weißt du
was«
    »Nun«
    »Ich kann es so leicht nicht sagen Du sitzt zu weit ab«
    »Dann komm und sag es mir ins Ohr«
    »Das ist zuviel verlangt Denn erstens bin ich die ältere und zweitens bist
dus die was von mir will Aber ich will es so genau nicht nehmen«
    Und dabei ging Melusine vom Balkon her auf die Schwester zu nahm ihr das
Fangspiel fort und sagte während sie ihr die Hand auf die Stirn legte »Du bist
verliebt«
    »Aber Melusine was das nun wieder soll Und wenn man so klug ist wie du
Verliebt Das ist ja gar nichts etwas verliebt ist man immer«
    »Gewiss Aber in wen Da beginnen die Fragen und die Finessen«
    In diesem Augenblicke ging die Klingel draußen und Armgard horchte
    »Wie du dich verrätst« lachte Melusine »Du horchst und willst wissen wer
kommt«
    Melusine wollte noch weitersprechen aber die Tür ging bereits auf und
Lizzi die Kammerjungfer der beiden Schwestern trat ein unmittelbar hinter ihr
ein Gersonscher Livreediener mit einem in einen Riemen geschnallten Karton »Er
bringt die Hüte« sagte die Kammerjungfer
    »Ah die Hüte Ja Armgard da müssen wir freilich unsre Frage vertagen Was
doch wohl auch deine Meinung ist Bitte stellen Sie hin Aber Lizzi du du
bleibst und musst uns helfen du hast einen guten Geschmack Übrigens ist kein
Stehspiegel da«
    »Soll ich ihn holen«
    »Nein nein lass Unsre Köpfe worauf es doch bloß ankommt können wir
schließlich auch in diesem Spiegel sehen Ich denke Armgard du lässt mir die
Vorhand dieser hier mit dem Heliotrop und den Stiefmütterchen der ist
natürlich für mich er hat den richtigen Frauencharakter fast schon Witwe«
    Unter diesen Worten setzte sie sich den Hut auf und trat an den Spiegel
»Nun Lizzi sprich«
    »Ich weiß nicht recht Frau Gräfin er scheint mir nicht modern genug Der
den Komtesse Armgard eben aufsetzt der würde wohl auch für Frau Gräfin besser
passen  die hohen Straussfedern wie ein Ritterhelm und auch die Hutform
selbst Hier ist noch einer fast ebenso und beinah noch hübscher«
    Beide Damen stellten sich jetzt vor den Spiegel Armgard hinter der
Schwester stehend und größer als diese sah über deren linke Schulter fort
Beide gefielen sich ungemein und schließlich lachten sie weil jede der andern
ansah wie hübsch sie sich fand
    »Ich möchte doch beinah glauben« sagte Melusine kam aber nicht weiter
denn in eben diesem Augenblicke trat ein in schwarzen Frack und Escarpins
gekleideter alter Diener ein und meldete »Rittmeister von Stechlin«
    Unmittelbar darauf erschien denn auch Woldemar selbst und verbeugte sich
gegen die Damen »Ich fürchte dass ich zu sehr ungelegener Stunde komme«
    »Ganz im Gegenteil lieber Stechlin Um wessentwillen quälen wir uns denn
überhaupt mit solchen Sachen Doch bloß um unsrer Gebieter willen die man ja
vielleicht leider auch noch hat wenn man sie nicht mehr hat«
    »Immer die liebenswürdige Frau«
    »Keine Schmeicheleien Und dann diese Hüte sind wichtig Ich nehm es als
eine Fügung dass Sie da gerade hinzukommen Sie sollen entscheiden Wir haben
freilich schon Lizzis Meinung angerufen aber Lizzi ist zu diplomatisch Sie
sind Soldat und müssen mehr Mut haben Armgard sprich auch du bist nicht mehr
jung genug um noch ewig die Verlegene zu spielen Ich bin sonst gegen alle
Gutachten namentlich in Prozesssachen ich weiß ein Lied davon zu singen aber
ein Gutachten von Ihnen da lass ich all meine Bedenken fallen Außerdem bin ich
für Autoritäten und wenn es überhaupt Autoritäten in Sachen von Geschmack und
Mode gibt wo wären sie besser zu finden als im Regiment Ihrer Kaiserlich
Königlichen Majestät von Grossbritannien und Indien Irland lass ich absichtlich
fallen und nehme lieber Indien woher aller gute Geschmack kommt alle alte
Kultur alle Shawls und Teppiche Buddha und die weißen Elefanten Also
antreten Armgard du natürlich an den rechten Flügel denn du bist größer Und
nun lieber Stechlin wie finden Sie uns«
    »Aber meine Damen«
    »Keine Feigheiten Wie finden Sie uns«
    »Unendlich nett«
    »Nett Verzeihen Sie Stechlin nett ist kein Wort Wenigstens kein nettes
Wort Oder wenigstens ungenügend«
    »Also schlankweg entzückend«
    »Das ist gut Und zur Belohnung die Frage wer ist entzückender«
    »Aber Frau Gräfin das ist ja die reine Geschichte mit dem seligen Paris
Bloß er hatte es viel leichter weil es drei waren Aber zwei Und noch dazu
Schwestern«
    
    »Wer Wer«
    »Nun wenn es denn durchaus sein muss Sie gnädigste Frau«
    »Schändlicher Lügner Aber wir behalten diese zwei Hüte Lizzi gib all das
andre zurück Und Jeserich soll die Lampen bringen draußen ein Streifen
Abendrot und hier drinnen ein verglimmendes Feuer  das ist denn doch zuwenig
oder wenn man will zu gemütlich«
    Die Lampen hatten draußen schon gebrannt so dass sie gleich da waren
    »Und nun schließen Sie die Balkontür Jeserich und sagen Sies Papa dass
der Herr Rittmeister gekommen Papa ist nicht gut bei Wege wieder die
neuralgischen Schmerzen aber wenn er hört dass Sie da sind so tut er ein
übriges Sie wissen Sie sind sein Verzug Man weiß immer wenn man Verzug ist
Ich wenigstens hab es immer gewusst«
    »Das glaub ich«
    »Das glaub ich Wie wollen Sie das erklären«
    »Einfach genug gnädigste Gräfin Jede Sache will gelernt sein Alles ist
schließlich Erfahrung Und ich glaube dass Ihnen reichlich Gelegenheit gegeben
wurde der Frage Verzug oder Nichtverzug praktisch näherzutreten«
    »Gut herausgeredet Aber nun Armgard sage dem Herrn von Stechlin ich
persönlich getraue michs nicht dass wir in einer halben Stunde fortmüssen
Opernhaus Tristan und Isolde Was sagen Sie dazu Nicht zu Tristan und Isolde
nein zu der heikleren Frage dass wir eben gehen im selben Augenblick wo Sie
kommen Denn ich seh es Ihnen an Sie kamen nicht so bloß um five oclock teas
willen Sie hatten es besser mit uns vor Sie wollten bleiben«
    »Ich bekenne«
    »Also getroffen Und zum Zeichen dass Sie großmütig sind und Verzeihung
üben versprechen Sie dass wir Sie bald wiedersehen recht recht bald Ihr Wort
darauf Und dem Papa der Sie vielleicht erwartet wenn es Jeserich für gut
befunden hat die Meldung auszurichten  dem Papa werd ich sagen Sie hätten
nicht bleiben können eine Verabredung Klub oder sonstwas«
Während Woldemar nach diesem abschliessenden Gespräch mit Melusine die Treppe
hinabstieg und auf den nächsten Droschkenstand zuschritt saß der alte Graf in
seinem Zimmer und sah den rechten Fuß auf einen Stuhl gelehnt durch das
Balkonfenster auf den Abendhimmel Er liebte diese Dämmerstunde drin er sich
nicht gerne stören ließ am wenigsten gern durch vorzeitig gebrachtes Licht
und als Jeserich der das alles wusste jetzt eintrat war es nicht um dem alten
Grafen die Lampe zu bringen sondern nur um ein paar Kohlen aufzuschütten
    »Wer war denn da Jeserich«
    »Der Herr Rittmeister«
    »So so Schade dass er nicht geblieben ist Aber freilich was soll er mit
mir Und der Fuß und die Schmerzen dadurch wird man auch nicht interessanter
Armgard und nun gar erst Melusine ja da geht es da redet sichs schon besser
und das wird der Rittmeister wohl auch finden Aber soviel ist richtig ich
spreche gern mit ihm er hat so was Ruhiges und Gesetztes und immer schlicht und
natürlich Meinst du nicht auch«
    Jeserich nickte
    »Und glaubst du nicht auch denn warum käme er sonst so oft dass er was
vorhat«
    »Glaub ich auch Herr Graf«
    »Na was glaubst du«
    »Gott Herr Graf«
    »Ja Jeserich du willst nicht raus mit der Sprache Das hilft dir aber
nichts Wie denkst du dir die Sache«
    Jeserich schmunzelte schwieg aber weiter weshalb dem alten Grafen nichts
übrigblieb als seinerseits fortzufahren »Natürlich passt Armgard besser weil
sie jung ist es ist so mehr das richtige Verhältnis und überhaupt Armgard ist
sozusagen dran Aber weiß der Teufel Melusine«
    »Freilich Herr Graf«
    »Also du hast doch auch so was gesehen Alles dreht sich immer um die Wie
denkst du dir nun den Rittmeister Und wie denkst du dir die Damen Und wie
steht es überhaupt Ist es die oder ist es die«
    »Ja Herr Graf wie soll ich darüber denken Mit Damen weiß man ja nie 
vornehm und nicht vornehm klein und groß arm und reich das is all eins Mit
unsrer Lizzi is es gerad ebenso wie mit Gräfin Melusine Wenn man denkt es is
so denn is es so und wenn man denkt es is so denn is es wieder so Wie meine
Frau noch lebte Gott habe sie selig die sagte auch immer Ja Jeserich was du
dir bloß denkst wir sind eben ein Rätsel Ach Gott sie war ja man einfach
aber das können Sie mir glauben Herr Graf so sind sie alle«
    »Hast ganz recht Jeserich Und deshalb können wir auch nicht gegen an Und
ich freue mich dass du das auch so scharf aufgefasst hast Du bist überhaupt ein
Menschenkenner Wo dus bloß her hast Du hast so was von nem Philosophen Hast
du schon mal einen gesehen«
    »Nein Herr Graf Wenn man soviel zu tun hat und immer Silber putzen muss«
    »Ja Jeserich das hilft doch nu nich davon kann ich dich nicht frei
machen«
    »Nein so mein ich es ja auch nich Herr Graf und bin ja auch fürs Alte
Gute Herrschaft und immer denken man gehört so halb wie mit dazu  dafür bin
ich Und manche sollen ja auch halb mit dazu gehören Aber ein bisschen
anstrengend is es doch mitunter und man is doch am Ende auch ein Mensch«
    »Na höre Jeserich das hab ich dir doch noch nicht abgesprochen«
    »Nein nein Herr Graf Gott man sagt so was bloß Aber ein bisschen is es
doch damit«
 
                                Zwölftes Kapitel
Woldemar  wie Rex seinem Freunde Czako als beide über den Cremmer Damm ritten
ganz richtig mitgeteilt hatte  verkehrte seit Ausgang des Winters im Barbyschen
Hause das er sehr bald vor andern Häusern seiner Bekanntschaft bevorzugte
Vieles war es was ihn da fesselte voran die beiden Damen aber auch der alte
Graf Er fand Ähnlichkeiten selbst in der äußern Erscheinung zwischen dem
Grafen und seinem Papa und in seinem Tagebuche das er trotz sonstiger
Modernität in altmodischer Weise von jung an führte hatte er sich gleich am
ersten Abend über eine gewisse Verwandtschaft zwischen den beiden geäußert Es
hieß da unterm 18 April »Ich kann Wedel nicht dankbar genug sein mich bei den
Barbys eingeführt zu haben alles was er von dem Hause gesagt fand ich
bestätigt Diese Gräfin wie scharmant und die Schwester ebenso trotzdem
größere Gegensätze kaum denkbar sind An der einen alles Temperament und Anmut
an der andern alles Charakter oder wenn das zuviel gesagt sein sollte
Schlichteit Festigkeit Es bleibt mit den Namen doch eine eigne Sache die
Gräfin ist ganz Melusine und die Komtesse ganz Armgard Ich habe bis jetzt
freilich nur eine dieses Namens kennengelernt noch dazu bloß als Bühnenfigur
und ich musste beständig an diese denken wie sie da ich glaube es war Fräulein
Stolberg die ja auch das Maß hat dem Landvogt so mutig in den Zügel fällt
Ganz so wirkt Komtesse Armgard Ich möchte beinah sagen es lässt sich an ihr
wahrnehmen dass ihre Mutter eine richtige Schweizerin war Und dazu der alte
Graf Wie ein Zwillingsbruder von Papa derselbe Bismarckkopf dasselbe humane
Wesen dieselbe Freundlichkeit dieselbe gute Laune Papa ist aber ausgiebiger
und auch wohl origineller Vielleicht hat der verschiedene Lebensgang diese
Verschiedenheiten erst geschaffen Papa sitzt nun seit richtigen dreißig Jahren
in seinem Ruppiner Winkel fest der Graf war ebensolange draußen Ein
Botschaftsrat ist eben was andres als ein Ritterschaftsrat und an der Temse
wächst man sich anders aus als am Stechlin  unsern Stechlin dabei natürlich in
Ehren Trotzdem die Verwandtschaft bleibt Und der alte Diener den sie
Jeserich nennen der ist nun schon ganz und gar unser Engelke vom Kopf bis zur
Zeh Aber was am verwandtesten ist das ist doch die gesamte Hausatmosphäre das
Liberale Papa selbst würde zwar darüber lachen  er lacht über nichts so sehr
wie über Liberalismus  und doch kenne ich keinen Menschen der innerlich so
frei wäre wie gerade mein guter Alter Zugeben wird ers freilich nie und wird
in dem Glauben sterben Morgen tragen sie einen echten alten Junker zu Grabe
Das ist er auch aber doch auch wieder das volle Gegenteil davon Er hat keine
Spur von Selbstsucht Und diesen schönen Zug ach so selten den hat auch der
alte Graf Nebenher freilich ist er Weltmann und das gibt dann den Unterschied
und das Übergewicht Er weiß  was sie hierzulande nicht wissen oder nicht
wissen wollen  dass hinterm Berge auch noch Leute wohnen Und mitunter noch
ganz andre«
Das waren die Worte die Woldemar in sein Tagebuch eintrug Von allem was er
gesehen war er angenehm berührt worden auch von Haus und Wohnung Und dazu war
guter Grund da mehr als er nach seinem ersten Besuche wissen konnte Das von
der gräflichen Familie bewohnte Haus mit seinen Loggien und seinem diminutiven
Hof und Garten teilte sich in zwei Hälften von denen jede noch wieder ihre
besonderen Annexe hatte Zu der Beletage gehörte das zur Seite gelegene
pittoreske Hof und Stallgebäude drin der gräfliche Kutscher Herr Imme
residierte während zu dem die zweite Hälfte des Hauses bildenden Hochparterre
ziemlich selbstverständlich noch das kleine niedrige Souterrain gerechnet wurde
drin außer Portier Hartwig selbst dessen Frau sein Sohn Rudolf und seine
Nichte Hedwig wohnten Letztere freilich nur zeitweilig und zwar immer nur
dann wenn sie was allerdings ziemlich häufig vorkam mal wieder ohne Stellung
war Die Wirtin des Hauses Frau Hagelversicherungssekretär Schickedanz hätte
diesen gelegentlichen Aufenthalt der Nichte Hartwigs eigentlich beanstanden
müssen ließ es aber gehen weil Hedwig ein heiteres quickes und sehr
anstelliges Ding war und manches besaß was die Schickedanz mit der
Ungehörigkeit des ewigen Dienstwechsels wieder aussöhnte
    Die Schickedanz eine Frau von sechzig war schon verwitwet als im Herbst
fünfundachtzig die Barbys einzogen Komtesse Armgard damals erst zehnjährig
Frau Schickedanz selbst war um jene Zeit noch in Trauer weil ihr Gatte der
Versicherungssekretär erst im Dezember des voraufgegangenen Jahres gestorben
war »drei Tage vor Weihnachten« ein Umstand auf den der Hilfsprediger ein
junger Kandidat in seiner Leichenrede beständig hingewiesen und die gewollte
Wirkung auch richtig erzielt hatte Allerdings nur bei der Schickedanz selbst
und einigermaßen auch bei der Frau Hartwig die während der ganzen Rede
beständig mit dem Kopf genickt und nachträglich ihrem Manne bemerkt hatte »Ja
Hartwig da liegt doch was drin« Hartwig selber indes der im Gegensatz zu den
meisten seines Standes humoristisch angeflogen war hatte für die merkwürdige
Fügung von »drei Tage vor Weihnachten« nicht das geringste Verständnis gezeigt
vielmehr nur die Bemerkung dafür gehabt »Ich weiß nicht Mutter was du dir
eigentlich dabei denkst Ein Tag ist wie der andre mal muss man ran«  worauf
die Frau jedoch geantwortet hatte »Ja Hartwig das sagst du so immer aber
wenn du dran bist dann redst du anders«
    Der verstorbene Schickedanz hatte wie der Tod ihn ankam ein Leben hinter
sich das sich in zwei sehr verschiedene Hälften in eine ganz kleine
unbedeutende und in eine ganz große teilte Die unbedeutende Hälfte hatte lange
gedauert die große nur ganz kurz Er war ein Ziegelstreichersohn aus dem bei
Potsdam gelegenen Dorfe Kaputt was er als er aus dem diesem Dorfnamen
entsprechenden Zustande heraus war in Gesellschaft guter Freunde gern
hervorhob Es war so ziemlich der einzige Witz seines Lebens an dem er aber zäh
festhielt weil er sah dass er immer wieder wirkte Manche gingen so weit ihm
den Witz auch noch moralisch gutzuschreiben und behaupteten Schickedanz sei
nicht bloß ein Charakter sondern auch eine bescheidene Natur
    Ob dies zutraf wer will es sagen Aber das war sicher dass er sich von
Anfang an als ein aufgeweckter Junge gezeigt hatte Schon mit sechzehn war er
als Hilfsschreiber in die deutschenglische Hagelversicherungsgesellschaft
Pluvius eingetreten und hatte mit sechsundsechzig sein fünfzigjähriges
Dienstjubiläum in eben dieser Gesellschaft gefeiert Das war aus bestimmten
Gründen ein großer Tag gewesen Denn als Schickedanz ihn erlebte hieß er nur
noch so ganz obenhin »Herr Versicherungssekretär« war aber in Wahrheit über
diesen seinen Titel weit hinausgewachsen und besaß bereits das schöne Haus am
Kronprinzenufer Er hatte sich das leisten können weil er im Laufe der letzten
fünf Jahre zweimal hintereinander ein Viertel vom Großen Lose gewonnen hatte
Dies sah er sich allerseits als persönliches Verdienst angerechnet und auch wohl
mit Recht Denn arbeiten kann jeder das Große Los gewinnen kann nicht jeder
Und so blieb er denn bei der Versicherungsgesellschaft lediglich nur noch als
verhätscheltes Zierstück weil es damals wie jetzt einen guten Eindruck machte
Personen der Art im Dienst oder gar als Teilnehmer zu haben An der Spitze muss
immer ein Fürst stehen Und Schickedanz war jetzt Fürst Alles drängte sich
nicht bloß an ihn sondern seine Stammtischfreunde die zu seiner zweimal
bewährten Glückshand ein unbedingtes Vertrauen hatten drangen sogar eine
Zeitlang in ihn die Lotterielose für sie zu ziehen Aber keiner gewann was
schließlich einen Umschlag schuf und einzelne von »bösem Blick« und sogar ganz
unsinnigerweise von Mogelei sprechen ließ Die meisten indessen hielten es für
klug ihr Übelwollen zurückzuhalten war er doch immerhin ein Mann der jedem
wenn er wollte Deckung und Stütze geben konnte Ja Schickedanz Glück und
Ansehen waren groß am größten natürlich an seinem Jubiläumstage Nicht zu
glauben wer da alles kam Nur ein Orden kam nicht was denn auch von einigen
Schickedanzfanatikern sehr missliebig bemerkt wurde Besonders schmerzlich empfand
es die Frau »Gott er hat doch immer so treu gewählt« sagte sie Sie kam aber
nicht in die Lage sich in diesen Schmerz einzuleben da schon die nächsten
Zeiten bestimmt waren ihr Schwereres zu bringen Am 21 September war das
Jubiläum gewesen am 21 Oktober erkrankte er am 21 Dezember starb er Auf dem
Notizenzettel den man damals dem Kandidaten zugestellt hatte hatte dieser
dreimal wiederkehrende »Einundzwanzigste« gefehlt was alles in allem wohl als
ein Glück angesehen werden konnte weil entgegengesetztenfalls die »drei Tage
vor Weihnachten« entweder gar nicht zustande gekommen oder aber durch eine
geteilte Herrschaft in ihrer Wirkung abgeschwächt worden wären
    Schickedanz war bei voller Besinnung gestorben Er rief kurz vor seinem
Ende seine Frau an sein Bett und sagte »Riekchen sei ruhig Jeder muss Ein
Testament hab ich nicht gemacht Es gibt doch bloß immer Zank und Streit Auf
meinem Schreibtisch liegt ein Briefbogen drauf hab ich alles Nötige
geschrieben Viel wichtiger ist mir das mit dem Haus Du musst es behalten damit
die Leute sagen können Da wohnt Frau Schickedanz Hausname Strassenname das
ist überhaupt das Beste Strassenname dauert noch länger als Denkmal«
    »Gott Schickedanz sprich nicht soviel es strengt dich an Ich will es ja
alles heilighalten schon aus Liebe«
    »Das ist recht Riekchen Ja du warst immer eine gute Frau wenn wir auch
keine Nachfolge gehabt haben Aber darum bitte ich dich vergiss nie dass es
meine Puppe war Du darfst bloß vornehme Leute nehmen reiche Leute die bloß
reich sind nimm nicht die quängeln bloß und schlagen große Haken in die
Türfüllung und hängen eine Schaukel dran Überhaupt wenn es sein kann keine
Kinder Hartwigen unten musst du behalten er ist eigentlich ein Klugschmus aber
die Frau ist gut Und der kleine Rudolf mein Patenkind wenn er ein Jahr alt
wird soll er hundert Taler kriegen Taler nicht Mark Und der Schullehrer in
Kaputt soll auch hundert Taler kriegen Der wird sich wundern Aber darauf freu
ich mich schon Und auf dem Invalidenkirchhof will ich begraben sein wenn es
irgend geht Invalide ist ja doch eigentlich jeder Und Anno siebzig war ich
doch auch mit Liebesgaben bis dicht an den Feind trotzdem Luchterhand immer
sagte Nicht so nah ran Sei freundlich gegen die Leute und nicht zu sparsam du
bist ein bisschen zu sparsam und bewahre mir einen Platz in deinem Herzen Denn
treu warst du das sagt mir eine innere Stimme«
    Diesem allem hatte Riekchen seitdem gelebt Die Beletage die leer stand
als Schickedanz starb blieb noch drei Vierteljahre unbewohnt trotzdem sich
viele Herrschaften meldeten Aber sie deckten sich nicht mit der Forderung die
Schickedanz vor seinem Hinscheiden gestellt hatte Herbst fünfundachtzig kamen
dann die Barbys Die kleine Frau sah gleich »ja das sind die die mein Seliger
gemeint hat« Und sie hatte wirklich richtig gewählt In den fast zehn Jahren
die seitdem verflossen waren war es auch nicht ein einziges Mal zu Konflikten
gekommen mit der gräflichen Familie schon gewiss nicht aber auch kaum mit den
Dienerschaften Ein persönlicher Verkehr zwischen Erdgeschoss und Beletage konnte
natürlich nicht stattfinden  Hartwig war einfach der alter ego der mit
Jeserich alles Nötige durchzusprechen hatte Kam es aber ausnahmsweise zwischen
Wirtin und Mieter zu irgendeiner Begegnung so bewahrte dabei die kleine winzige
Frau die nie »viel« war und seit ihres Mannes Tode noch immer weniger geworden
war eine merkwürdig gemessene Haltung die jedem mit dem Berliner Wesen
Unvertrauten eine Verwunderung abgenötigt haben würde Riekchen empfand sich
nämlich in solchem Augenblicke durchaus als »Macht gegen Macht« Wie beinah
jedem hierlandes Geborenen war auch ihr die Gabe wirklichen Vergleichenkönnens
völlig versagt weil jeder echte mit Spreewasser getaufte Berliner männlich
oder weiblich seinen Zustand nur an seiner eignen kleinen Vergangenheit nie
aber an der Welt draußen misst von der er wenn er ganz echt ist weder eine
Vorstellung hat noch überhaupt haben will Der autochtone »Kellerwurm« wenn er
fünfzig Jahre später in eine Steglitzer Villa zieht bildet  auch wenn er
seiner Natur nach eigentlich der bescheidenste Mensch ist  eine gewisse naive
Krösusvorstellung in sich aus und glaubt ganz ernstaft jenen Gold und
Silberkönigen zuzugehören die die Welt regieren So war auch die Schickedanz
Hinter einem Dachfenster in der Georgenkirchstrasse geboren an welchem
Dachfenster sie später für ein Weisszeuggeschäft genäht hatte kam ihr ihr Leben
wenn sie rückblickte wie ein Märchen vor drin sie die Rolle der Prinzessin
spielte Dementsprechend durchdrang sie sich still aber stark mit einem
Hochgefühl das sowohl Geld wie Geburtsgrössen gegenüber auf Ebenbürtigkeit
lossteuerte Sie rangierte sich ein und wies sich soweit ihre historische
Kenntnis das zuließ einen ganz bestimmten Platz an Fürst Dolgoruki Herzog von
Devonshire Schickedanz
    Die Treue die der Verstorbene noch in seinen letzten Augenblicken ihr
nachgerühmt hatte steigerte sich mehr und mehr zum Kult Die Vormittagsstunden
jedes Tages gehörten dem hohen Palisanderschrank an drin die Jubiläumsgeschenke
wohlgeordnet standen ein großer Silberpokal mit einem drachentötenden Sankt
Georg auf dem Deckel ein Album mit photographischen Aufnahmen aller
Sehenswürdigkeiten von Kaputt eine große Huldigungsadresse mit
Aquarellarabesken mehrere Lieder in Prachtdruck darunter ein Kegelklublied mit
dem Refrain »alle neune« Riesensträusse von Sonnenblumen ein Oreiller mit dem
Eisernen Kreuz und einem aufgehefteten Gedicht von einem Damenkomitee
herrührend in dessen Auftrag er Schickedanz die Liebesgaben bis vor Paris
gebracht hatte Neben dem Schrank auf einer Ebenholzsäule stand eine
Gipsbüste Geschenk eines dem Stammtisch angehörigen Bildhauers der daraufhin
einen leider ausgebliebenen Auftrag in Marmor erwartet hatte Fauteuils und
Stühle steckten in grossblumigen Überzügen desgleichen der Kronleuchter in einem
Gazemantel und an den Frontfenstern standen den ganzen Winter über Maiblumen
Riekchen trug auch Maiblumen auf jeder ihrer Hauben war überhaupt seit das
Trauerjahr um war immer hell gekleidet wodurch ihre Gestalt noch
unkörperlicher wirkte Jeden ersten Montag im Monat war allgemeines Reinmachen
auch bei Wind und Kälte Dies war immer ein Tag größter Aufregung weil jedesmal
etwas zerbrochen oder umgestossen wurde Das blieb auch so durch Jahre hin bis
das Auftreten von Hedwig die sich einer sehr geschickten Hand erfreute Wandel
in diesem Punkte schaffte Die Nippsachen zerbrachen nun nicht mehr und
Riekchen war um so glücklicher darüber als Hartwigs hübsche Nichte wenn sie
mal wieder den Dienst gekündigt hatte regelmäßig allerlei davon zu erzählen und
mit immer neuen und oft sehr intrikaten Geschichten ins Feld zu rücken wusste
    Die Barbys hatten alle Ursache mit dem Schickedanzschen Hause zufrieden zu
sein Nur eines störte das war dass jeden Mittwoch und Sonnabend die Teppiche
geklopft wurden immer gerade zu der Stunde wo der alte Graf seine
Nachmittagsruhe halten wollte Das verdross ihn eine Weile bis er schließlich zu
dem Ergebnis kam »Eigentlich bin ich doch selber schuld daran Warum setz ich
mich immer wieder in die Hinterstube statt einfach vorn an mein Fenster Immer
hasardier ich wieder und denke heute bleibt es vielleicht ruhig willst es doch
noch mal versuchen«
Ja der alte Graf war nicht bloß froh die Wohnung zu haben er hielt auch
beinah abergläubisch an ihr fest Solange er darin wohnte war es ihm gut
ergangen nicht glänzender als früher aber sorgenloser Und das sagte er sich
jeden neuen Tag
    Sein Leben so bunt es gewesen war trotzdem in gewissem Sinne
durchschnittsmässig verlaufen ganz so wie das Leben eines preußischen
»Magnaten« worunter man in der Regel Schlesier versteht aber es gibt doch auch
andre zu verlaufen pflegt
    Im Juli dreißig gerade als die Franzosen Algier bombardierten und nebenher
das Haus Bourbon endgültig beseitigten war der Graf auf einem der an der
mittleren Elbe gelegenen Barbyschen Güter geboren worden Auf eben diesem Gute 
das landwirtschaftlich einer von fremder Hand geführten Administration
unterstand  vergingen ihm die Kinderjahre mit zwölf kam er dann auf die
Ritterakademie mit achtzehn in das Regiment Garde du Korps drin die Barbys
standen solang es ein Regiment Garde du Korps gab Mit dreißig war er
Rittmeister und führte eine Schwadron Aber nicht lange mehr Auf einem in der
Nähe von Potsdam veranstalteten Kavalleriemanöver stürzte er unglücklich und
brach den Oberschenkel unmittelbar unter der Hüfte Leidlich genesen ging er
nach Ragaz um dort völlige Wiederherstellung zu suchen und machte hier die
Bekanntschaft eines alten Freiherrn von Planta der ihn alsbald auf seine
Besitzungen einlud Weil diese ganz in der Nähe lagen nahm er die Einladung
nach Schloss Schuder an Hier blieb er länger als erwartet und als er das schön
gelegene Bergschloss wieder verließ war er mit der Tochter und Erbin des Hauses
verlobt Es war eine große Neigung was sie zusammenführte Die junge Freiin
drang alsbald in ihn den Dienst zu quittieren und er entsprach dem um so
lieber als er seiner völligen Wiederherstellung nicht ganz sicher war Er nahm
also den Abschied und trat aus dem militärischen in den diplomatischen Dienst
über wozu seine Bildung sein Vermögen seine gesellschaftliche Stellung ihn
gleichmäßig geeignet erscheinen ließ Noch im selben Jahre ging er nach
London erst als Attaché wurde dann Botschaftsrat und blieb in dieser Stellung
zunächst bis in die Tage der Aufrichtung des Deutschen Reichs Seine Beziehungen
sowohl zu der heimischenglischen wie zu der ausserenglischen Aristokratie waren
jederzeit die besten und sein Freundschaftsverhältnis zu Baron und Baronin
Berchtesgaden entstammte jener Zeit Er hing sehr an London Das englische
Leben an dem er manches vor allem die geschraubte Kirchlichkeit beanstandete
war ihm trotzdem außerordentlich sympathisch und er hatte sich daran gewöhnt
sich als verwachsen damit anzusehen Auch seine Familie die Frau und die zwei
Töchter  beide wenn auch in großem Abstande während der Londoner Tage geboren
 teilten des Vaters Vorliebe für England und englisches Leben Aber ein harter
Schlag warf alles um was der Graf geplant die Frau starb plötzlich und der
Aufenthalt an der ihm so liebgewordenen Stätte war ihm vergällt Er nahm in der
ersten Hälfte der achtziger Jahre seine Demission ging zunächst auf die
Plantaschen Güter nach Graubünden und dann weiter nach Süden um sich in Florenz
sesshaft zu machen Die Luft die Kunst die Heiterkeit der Menschen alles tat
ihm hier wohl und er fühlte dass er genas soweit er wieder genesen konnte
Glückliche Tage brachen für ihn an und sein Glück schien sich noch steigern zu
sollen als sich die ältere Tochter mit dem italienischen Grafen Ghiberti
verlobte Die Hochzeit folgte beinah unmittelbar Aber die Fortdauer dieser Ehe
stellte sich bald als eine Unmöglichkeit heraus und ehe ein Jahr um war war
die Scheidung ausgesprochen Kurze Zeit danach kehrte der Graf nach Deutschland
zurück das er seit einem Vierteljahrhundert immer nur flüchtig und
besuchsweise wiedergesehen hatte Sich auf das eine oder andre seiner Elbgüter
zu begeben widerstand ihm auch jetzt noch und so kam es dass er sich für Berlin
entschied Er nahm Wohnung am Kronprinzenufer und lebte hier ganz sich seinem
Hause seinen Töchtern Von dem Verkehr mit der großen Welt hielt er sich so
weit wie möglich fern und nur ein kleiner Kreis von Freunden darunter auch die
durch einen glücklichen Zufall ebenfalls von London nach Berlin verschlagenen
Berchtesgadens waren versammelte sich um ihn Außer diesen alten Freunden waren
es vorzugsweise Hofprediger Frommel Doktor Wrschowitz und seit letztem Frühjahr
auch Rittmeister von Stechlin die den Barbyschen Kreis bildeten An Woldemar
hatte man sich rasch attachiert und die freundlichen Gefühle denen er bei dem
alten Grafen sowohl wie bei den Töchtern begegnete wurden von allen
Hausbewohnern geteilt Selbst die Hartwigs interessierten sich für den
Rittmeister und wenn er abends an der Portierloge vorüberkam guckte Hedwig
neugierig durch das Fensterchen und sagte »So einen  ja das lass ich mir
gefallen«
 
                              Dreizehntes Kapitel
Woldemar als er sich von den jungen Damen im Barbyschen Hause verabschiedet
hatte hatte versprechen müssen seinen Besuch recht bald zu wiederholen
    Aber was war »recht bald« Er rechnete hin und her und fand dass der dritte
Tag dem etwa entsprechen würde das war »recht bald« und doch auch wieder nicht
zu früh Und so ging er denn als der Abend dieses dritten Tages da war auf die
Hallische Brücke zu wartete hier die Ringbahn ab und fuhr am Potsdamer und
Brandenburger Tor vorüber bis an jene sonderbare Reichstagsuferstelle wo von
mächtiger Giebelwand herab ein wohl zwanzig Fuß hohes riesiges Kaffeemädchen
mit einem ganz kleinen Häubchen auf dem Kopf freundlich auf die Welt der
Vorübereilenden herniederblickt um ihnen ein Paket Kneippschen Malzkaffee zu
präsentieren An dieser echt berlinischpittoresken Ecke stieg Woldemar ab um
die von hier aus nur noch kurze Strecke bis an das Kronprinzenufer zu Fuß
zurückzulegen
    Es war gegen acht als er in dem Barbyschen Hause die mit Teppich überdeckte
Marmortreppe hinaufstieg und die Klingel zog Im selben Augenblick wo Jeserich
öffnete sah Woldemar an des Alten verlegenem Gesicht dass die Damen aller
Wahrscheinlichkeit nach wieder nicht zu Hause waren Aber eine Verstimmung
darüber durfte nicht aufkommen und so ließ er es geschehen dass Jeserich ihn
bei dem alten Grafen meldete
    »Der Herr Graf lassen bitten«
    Und nun trat Woldemar in das Zimmer des wieder mal von Neuralgie Geplagten
ein der ihm auf einen dicken Stock gestützt unter freundlichem Gruß
entgegenkam
    »Aber Herr Graf« sagte Woldemar und nahm des alten Herrn linken Arm um ihn
bis an seinen Lehnstuhl und eine für den kranken Fuß zurechtgemachte Stellage
zurückzuführen »Ich fürchte dass ich störe«
    »Ganz im Gegenteil lieber Stechlin Mir hochwillkommen Außerdem hab ich
strikten Befehl Sie coûte que coûte festzuhalten Sie wissen Damen sind groß
in Ahnungen und bei Melusine hat es schon geradezu was Prophetisches«
    Woldemar lächelte
    »Sie lächeln lieber Stechlin und haben recht Denn dass sie nun schließlich
doch gegangen ist natürlich zu den Berchtesgadens ist ein Beweis dass sie
sich und ihrer Prophetie doch auch wieder einigermaßen misstraute Aber man ist
immer nur klug und weise für andre Die Doktors machen es ebenso wenn sie sich
selber behandeln sollen wälzen sie die Verantwortung von sich ab und sterben
lieber durch fremde Hand Aber was sprech ich nur immer von Melusine Freilich
wer in unserm Hause so gut Bescheid weiß wie Sie wird nichts Überraschliches
darin finden Und zugleich wissen Sie wies gemeint ist Armgard ist übrigens
in Sicht keine zehn Minuten mehr so werden wir sie hier haben«
    »Ist sie mit bei der Baronin«
    »Nein Sie dürfen sie nicht so weit suchen Armgard ist in ihrem Zimmer und
Doktor Wrschowitz ist bei ihr Es kann aber nicht lange mehr dauern«
    »Aber ich bitte Sie Herr Graf ist die Komtesse krank«
    »Gott sei Dank nein Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor sondern
ein Musikdoktor Sie haben von ihm rein zufällig noch nicht gehört weil erst
vorige Woche nach einer langen langen Pause die Musikstunden wieder
aufgenommen wurden Er ist aber schon seit Jahr und Tag Armgards Lehrer«
    »Musikdoktor Gibt es denn die«
    »Lieber Stechlin es gibt alles Also natürlich auch das Und sosehr ich im
ganzen gegen die Doktorhascherei bin so liegt es hier doch so dass ich dem
armen Wrschowitz seinen Musikdoktor gönnen oder doch mindestens verzeihen muss
Er hat den Titel auch noch nicht lange«
    »Das klingt ja fast wie ne Geschichte«
    »Trifft auch zu Können Sie sich denken dass Wrschowitz aus einer Art
Verzweiflung Doktor geworden ist«
    »Kaum Und wenn kein Geheimnis«
    »Durchaus nicht nur ein Kuriosum Wrschowitz hieß nämlich bis vor zwei
Jahren wo er als Klavierlehrer aber als ein höherer denn er hat auch eine
Oper komponiert in unser Haus kam einfach Niels Wrschowitz und er ist bloß
Doktor geworden um den Niels auf seiner Visitenkarte loszuwerden«
    »Und das ist ihm auch geglückt«
    »Ich glaube ja wiewohl es immer noch vorkommt dass ihn einzelne ganz wie
früher Niels nennen entweder aus Zufall oder auch wohl aus Schändlichkeit In
letzterem Falle sind es immer Kollegen Denn die Musiker sind die boshaftesten
Menschen Meist denkt man die Prediger und die Schauspieler seien die
schlimmsten Aber weit gefehlt Die Musiker sind ihnen über Und ganz besonders
schlimm sind die die die sogenannte heilige Musik machen«
    »Ich habe dergleichen auch schon gehört« sagte Woldemar »Aber was ist das
nur mit Niels Niels ist doch an und für sich ein hübscher und ganz harmloser
Name Nichts Anzügliches drin«
    »Gewiss nicht Aber Wrschowitz und Niels Er litt glaub ich unter diesem
Gegensatz«
    Woldemar lachte »Das kenn ich Das kenn ich von meinem Vater her der
Dubslav heißt was ihm auch immer höchst unbequem war Und da reichen wohl nicht
hundert Mal dass ich ihn wegen dieses Namens seinen Vater habe verklagen hören«
    »Genauso hier« fuhr der Graf in seiner Erzählung fort »Wrschowitz Vater
ein kleiner Kapellmeister an der tschechischpolnischen Grenze war ein
NielsGadeSchwärmer woraufhin er seinen Jungen einfach Niels taufte Das war
nun wegen des Kontrastes schon gerade bedenklich genug Aber das eigentlich
Bedenkliche kam doch erst als der allmählich ein scharfer Wagnerianer werdende
Wrschowitz sich zum direkten NielsGadeVerächter ausbildete Niels Gade war ihm
der Inbegriff alles Trivialen und Unbedeutenden und dazu kam noch wie Amen in
der Kirche dass unser junger Freund wenn er als Niels Wrschowitz vorgestellt
wurde mit einer Art Sicherheit der Phrase begegnete Niels Ah Niels Ein
schöner Name innerhalb unsrer musikalischen Welt Und hocherfreulich ihn hier
zum zweiten Male vertreten zu sehen All das konnte der arme Kerl auf die Dauer
nicht aushalten und so kam er auf den Gedanken den Vornamen auf seiner Karte
durch einen Doktortitel wegzueskamotieren«
    Woldemar nickte
    »Jedenfalls lieber Stechlin ersehen Sie daraus zur Genüge dass unser
Wrschowitz als richtiger Künstler in die Gruppe gens irritabilis gehört und
wenn Armgard ihn vielleicht aufgefordert haben sollte zum Tee zu bleiben so
bitt ich Sie herzlich dieser Reizbarkeit eingedenk zu sein Wenn irgend
möglich vermeiden Sie Beziehungen auf die ganze skandinavische Welt besonders
aber auf Dänemark direkt Er wittert überall Verrat Übrigens wenn man auf
seiner Hut ist ist er ein feiner und gebildeter Mann Ich hab ihn eigentlich
gern weil er anders ist wie andre«
Der alte Graf behielt recht mit seiner Vermutung Armgard hatte den Doktor
Wrschowitz aufgefordert zu bleiben und als bald danach Jeserich eintrat um den
Grafen und Woldemar zum Tee zu bitten fanden diese beim Eintritt in das
Mittelzimmer nicht nur Armgard sondern auch Wrschowitz vor der die Finger
ineinandergefaltet mitten in dem Salon stand und die an der Büfettwand
hängenden Bilder mit jenem eigentümlichen Mischausdruck von aufrichtigem
Gelangweiltsein und erkünsteltem Interesse musterte Der Rittmeister hatte dem
Grafen wieder seinen Arm geboten Armgard ging auf Woldemar zu und sprach ihm
ihre Freude aus dass er gekommen auch Melusine werde gewiss bald dasein sie
habe noch zuletzt gesagt »Du sollst sehen heute kommt Stechlin« Danach wandte
sich die junge Komtesse wieder Wrschowitz zu der sich eben in das von Hubert
Herkomer gemalte Bild der verstorbenen Gräfin vertieft zu haben schien und
sagte gegenseitig vorstellend »Doktor Wrschowitz Rittmeister von Stechlin«
Woldemar seiner Instruktion eingedenk verbeugte sich sehr artig während
Wrschowitz ziemlich ablehnend seinem Gesicht den stolzen Doppelausdruck von
Künstler und Hussiten gab
    Der alte Graf hatte mittlerweile Platz genommen entschuldigte sich mit der
unglücklichen Stellage beschwerlich fallen zu müssen und bat die beiden Herren
sich neben ihm niederzulassen während Armgard dem Vater gegenüber an der
andern Schmalseite des Tisches saß Der alte Graf nahm seine Tasse Tee schob
den Kognac »des Tees bessren Teil« mit einem humoristischen Seufzer beiseit und
sagte während er sich links zu Wrschowitz wandte »Wenn ich recht gehört habe 
so ein bisschen von musikalischem Ohr ist mir geblieben  so war es Chopin was
Armgard zu Beginn der Stunde spielte«
    Wrschowitz verneigte sich
    »Chopin für den ich eine Vorliebe habe wie für alle Polen vorausgesetzt
dass sie Musikanten oder Dichter oder auch Wissenschaftsmenschen sind Als
Politiker kann ich mich mit ihnen nicht befreunden Aber vielleicht nur deshalb
nicht weil ich Deutscher und sogar Preuße bin«
    »Sehr warr sehr warr« sagte Wrschowitz mehr gesinnungstüchtig als artig
    »Ich darf sagen dass ich für polnische Musiker von meinen frühesten
Leutnantstagen an eine schwärmerische Vorliebe gehabt habe Da gab es unter
anderm eine Polonäse von Oginski die damals so regelmäßig und mit soviel
Passion gespielt wurde wie später der Erlkönig oder die Glocken von Speier Es
war auch die Zeit vom Alten Feldherrn und von Denkst du daran mein tapferer
Lagienka«
    »Jawohl Herr Graff eine schlechte Zeit Und warr mir immerdarr eine
besondere Lust zu sehen wie das Sentimentalle wieder fällt Immer merr immer
merr Ich hasse das Sentimentalle de tout mon coeur«
    »Worin ich« sagte Woldemar »Herrn Doktor Wrschowitz durchaus zustimme Wir
haben in der Poesie genau dasselbe Da gab es auch dergleichen und ich bekenne
dass ich als Knabe für solche Sentimentalitäten geschwärmt habe Meine besondere
Schwärmerei war König Renés Tochter von Henrik Hertz einem jungen Kopenhagener
wenn ich nicht irre«
    Wrschowitz verfärbte sich was Woldemar als er es wahrnahm zu sofortigem
raschen Einlenken bestimmte » König Renés Tochter ein lyrisches Drama Aber
schon seit lange wieder vergessen Wir stehen jetzt im Zeichen von Tolstoi und
der Kreutzersonate«
    »Sehr warr sehr warr« sagte der rasch wieder beruhigte Wrschowitz und nahm
nur noch Veranlassung energisch gegen die Mischung von Kunst und Sektierertum
zu protestieren
    Woldemar großer Tolstoischwärmer wollte für den russischen Grafen eine
Lanze brechen aber Armgard die wenn derartige Temata berührt wurden der
Salonfähigkeit ihres Freundes Wrschowitz arg misstraute war sofort aufrichtig
bemüht das Gespräch auf harmlosere Gebiete hinüberzuspielen Als ein solches
friedeverheissendes Gebiet erschien ihr in diesem Augenblicke ganz eminent die
Grafschaft Ruppin aus deren abgelegenster Nordostecke Woldemar eben wieder
eingetroffen war und so sprach sie denn gegen diesen den Wunsch aus ihn über
seinen jüngsten Ausflug einen kurzen Bericht erstatten zu sehen »Ich weiß wohl
dass ich meiner Schwester Melusine die voll Neugier und Verlangen ist auch
davon zu hören einen schlechten Dienst damit leiste Herr von Stechlin wird es
aber nicht verschmähen wenn meine Schwester erst wieder da ist darauf
zurückzukommen Es braucht ja wenn man plaudert nicht alles absolut neu zu
sein Man darf sich wiederholen Papa hat auch einzelnes das er öfter erzählt«
    »Einzelnes« lachte der Graf »meine Tochter Armgard meint vieles«
    »Nein Papa ich meine einzelnes Da gibt es denn doch ganz andre zum
Beispiel unser guter Baron Und die Baronin sieht auch immer weg wenn er
anfängt Aber lassen wir den Baron und seine Geschichten und hören wir lieber
von Herrn von Stechlins Ausfluge Doktor Wrschowitz teilt gewiss meinen
Geschmack«
    »Teile vollkommen«
    »Also Herr von Stechlin« fuhr Armgard fort »Sie haben nach diesen
Erklärungen unsers Freundes Wrschowitz einen freundlichen Zuhörer mehr
vielleicht sogar einen begeisterten Auch für Papa möcht ich mich verbürgen Wir
sind ja eigentlich selber märkisch oder doch beinah und wissen trotzdem sowenig
davon weil wir immer draußen waren Ich kenne wohl Saatwinkel und den
Grunewald aber das eigentliche brandenburgische Land das ist doch noch etwas
andres Es soll alles so romantisch sein und so melancholisch Sand und Sumpf
und im Wasser ein paar Binsen oder eine Birke dran das Laub zittert Ist Ihre
Ruppiner Gegend auch so«
    »Nein Komtesse wir haben viel Wald und See die sogenannte
Mecklenburgische Seenplatte«
    »Nun das ist auch gut Mecklenburg wie mir die Berchtesgadens erst neulich
versichert haben hat auch seine Romantik«
    »Sehr warr Habe gelesen Stromtid und habe gelesen Franzosentid«
    »Und dann glaub ich auch zu wissen« fuhr Armgard fort »dass Sie Rheinsberg
ganz in der Nähe haben Ist es richtig Und kennen Sies Es soll soviel
Interessantes bieten Ich erinnere mich seiner aus meinen Kindertagen her
trotzdem wir damals in London lebten Oder vielleicht auch gerade deshalb Denn
es war die Zeit wo das Karlylesche Buch über Friedrich den Großen immer noch in
Mode war und wos zum guten Ton gehörte sich nicht bloß um die Terrasse von
Sanssouci zu kümmern sondern auch um Rheinsberg und den Orden de la générosité
Lebt das alles noch da Spricht das Volk noch davon«
    »Nein Komtesse das ist alles fort Und überhaupt von dem großen König
spricht im Rheinsbergischen niemand mehr was auch kaum anders sein kann Der
große König war als Kronprinz nur kurze Zeit da sein Bruder Heinrich aber
fünfzig Jahre Und so hat die PrinzHeinrichZeit beklagenswerterweise die
Kronprinzenzeit ganz erdrückt Aber beklagenswert doch nicht in allem Denn
Prinz Heinrich war auch bedeutend und vor allem sehr kritisch Was doch immer
ein Vorzug ist«
    »Sehr warr sehr warr« unterbrach hier Wrschowitz
    »Er war sehr kritisch« wiederholte Woldemar »Namentlich auch gegen seinen
Bruder den König Und die Malkontenten deren es auch damals schon die Hülle
und Fülle gab waren beständig um ihn herum Und dabei kommt immer was heraus«
    »Sehr warr sehr warr«
    »Denn zufriedene Hofleute sind allemal öd und langweilig aber die
Frondeurs wenn die den Mund auftun da kann man was hören da tut sich einem
was auf«
    »Gewiss« sagte Armgard »Aber trotzdem Herr von Stechlin ich kann das
Frondieren nicht leiden Frondeur ist doch immer nur der gewohnheitsmässig
Unzufriedene und wer immer unzufrieden ist der taugt nichts Immer
Unzufriedene sind dünkelhaft und oft boshaft dazu und während sie sich über
andre lustig machen lassen sie selber viel zu wünschen übrig«
    »Sehr warr sehr warr gnädigste Komtesse« verbeugte sich Wrschowitz
»Aber wollen verzeihn Komtesse wenn ich trotzdem bin für Frondeur Frondeur
ist Krittikk und wo Guttes sein will muss sein Krittikk Deutsche Kunst viel
Krittikk Erst muss sein Kunst gewiss gewiss aber gleich danach muss sein
Krittikk Krittikk ist wie große Revolution Kopf ab aus Prinzipp Kunst muss
haben ein Prinzipp Und wo Prinzipp is is Kopf ab«
    Alles schwieg so dass dem Grafen nichts übrigblieb als etwas verspätet
seine halbe Zustimmung auszudrücken Armgard ihrerseits beeilte sich auf
Rheinsberg zurückzukommen das ihr trotz des fatalen Zwischenfalls mit »Kopf
ab« im Vergleich zu vielleicht wiederkehrenden Musikgesprächen immer noch als
wenigstens ein Notafen erschien
    »Ich glaube« sagte sie »neben manchem andern auch mal von der
Frauenfeindschaft des Prinzen gehört zu haben Er soll  irre ich mich so
werden Sie mich korrigieren  ein sogenannter Misogyne gewesen sein Etwas
durchaus Krankhaftes in meinen Augen oder doch mindestens etwas sehr
Sonderbares«
    »Sehr sonderbarr« sagte Wrschowitz während sich unter huldigendem
Hinblick auf Armgard sein Gesicht wie verklärte
    »Wie gut lieber Wrschowitz« fuhr Armgard fort »dass Sie mein Wort
bestätigend für uns arme Frauen und Mädchen eintreten Es gibt immer noch
Ritter und wir sind ihrer so sehr benötigt Denn wie mir Melusine erzählt hat
sind die Weiberfeinde sogar stolz darauf Weiberfeinde zu sein und behandeln
ihr Denken und Tun als eine höhere Lebensform Kennen Sie solche Leute Herr von
Stechlin Und wenn Sie solche Leute kennen wie denken Sie darüber«
    »Ich betrachte sie zunächst als Unglückliche«
    »Das ist recht«
    »Und zum zweiten als Kranke Der Prinz wie Komtesse schon ganz richtig
ausgesprochen haben war auch ein solcher Kranker«
    »Und wie äußerte sich das Oder ist es überhaupt nicht möglich über das
Thema zu sprechen«
    »Nicht ganz leicht Komtesse Doch in Gegenwart des Herrn Grafen und nicht
zu vergessen auch in Gegenwart von Doktor Wrschowitz der so schön und
ritterlich gegen die Misogynität Partei genommen unter solchem Beistande will
ich es doch wagen«
    »Nun das freut mich Denn ich brenne vor Neugier«
    »Und will auch nicht länger ängstlich um die Sache herumgehen Unser
Rheinsberger Prinz war ein richtiger Prinz aus dem vorigen Jahrhundert Die
jetzigen sind Menschen die damaligen waren nur Prinzen Eine der Passionen
unsers Rheinsberger Prinzen  wenn man will in einer Art Gegensatz von dem was
schon gesagt wurde  war eine geheimnisvolle Vorliebe für jungfräuliche Tote
besonders Bräute Wenn eine Braut im Rheinsbergischen am liebsten auf dem
Lande gestorben war so lud er sich zu dem Begräbnis zu Gast Und eh der
Geistliche noch dasein konnte den vermied er erschien er und stellte sich an
das Fussende des Sarges und starrte die Tote an Aber sie musste geschminkt sein
und aussehen wie das Leben«
    »Aber das ist ja schrecklich« brach es beinahe leidenschaftlich aus Armgard
hervor »Ich mag diesen Prinzen nicht und seine ganze Fronde nicht Denn die
müssen ebenso gewesen sein Das ist ja Blasphemie das ist ja Gräberschändung 
ich muss das Wort aussprechen weil ich so empört bin und nicht anders kann«
    Der alte Graf sah die Tochter an und ein Freudenstrahl umleuchtete sein
gutes altes Gesicht Auch Wrschowitz empfand so was von unbedingter Huldigung
bezwang sich aber und sah statt auf Armgard auf das Bild der Gräfinmutter das
von der Wand niederblickte
    Nur Woldemar blieb ruhig und sagte »Komtesse Sie gehen vielleicht zu weit
Wissen Sie was in der Seele des Prinzen vorgegangen ist Es kann etwas
Infernales gewesen sein aber auch etwas ganz andres Wir wissen es nicht Und
weil er nebenher unbedingt große Züge hatte so bin ich dafür ihm das in
Rechnung zu stellen«
    »Bravo Stechlin« sagte der alte Graf »Ich war erst Armgards Meinung Aber
Sie haben recht wir wissen es nicht Und soviel weiß ich noch von der
Juristerei her in der ich wohl oder übel eine Gastrolle gab dass man in
zweifelhaften Fällen in favorem entscheiden muss Übrigens geht eben die Klingel
An bester Stelle wird ein Gespräch immer unterbrochen Es wird Melusine sein
Und sosehr ich gewünscht hätte sie wäre von Anfang an mit dabeigewesen wenn
sie jetzt so mit einem Male dazwischenfährt ist selbst Melusine eine Störung«
    Es war wirklich Melusine Sie trat ohne draußen abgelegt zu haben ins
Zimmer warf das schottische Kape das sie trug in eine Sofaecke und schritt
während sie noch den Hut aus dem Haare nestelte bis an den Tisch um hier
zunächst den Vater dann aber die beiden andern Herren zu begrüßen »Ich seh
euch so verlegen woraus ich schließe dass eben etwas Gefährliches gesagt worden
ist Also etwas über mich«
    »Aber Melusine wie eitel«
    »Nun dann also nicht über mich Aber über wen Das wenigstens will ich
wissen Von wem war die Rede«
    »Vom Prinzen Heinrich Aber von dem ganz alten der schon fast hundert Jahre
tot ist«
    »Da konntet ihr auch was Besseres tun«
    »Wenn du wüsstest was uns Stechlin von ihm erzählt hat und dass er  nicht
Stechlin aber der Prinz  ein Misogyne war so würdest du vielleicht anders
sprechen«
    »Misogyne Das freilich ändert die Sache Ja lieber Stechlin da kann ich
Ihnen nicht helfen davon muss ich auch noch hören Und wenn Sie mirs
abschlagen so wenigstens was Gleichwertiges«
    »Gräfin Melusine was Gleichwertiges gibt es nicht«
    »Das ist gut sehr gut weil es so wahr ist Aber dann bitt ich um etwas
zweiten Ranges Ich sehe dass Sie von Ihrem Ausfluge erzählt haben von Ihrem
Papa von Schloss Stechlin selbst oder von Ihrem Dorf und Ihrer Gegend Und davon
möcht ich auch hören wenn es auch freilich nicht an das andre heranreicht«
    »Ach Gräfin Sie wissen nicht wie bescheiden es mit unserem Stechliner
Erdenwinkel bestellt ist Wir haben da von einem Pastor abgesehen der beinah
Sozialdemokrat ist und des weiteren von einem Oberförster abgesehen der eine
Prinzessin eine IppeBüchsenstein geheiratet hat«
    »Aber das ist ja alles großartig«
    »Wir haben da von diesen zwei Sehenswürdigkeiten abgesehen eigentlich nur
noch den Stechlin Der ginge vielleicht über den ließe sich vielleicht etwas
sagen«
    »Den Stechlin Was ist das Ich bin so glücklich zu wissen« und sie machte
verbindlich eine Handbewegung auf Woldemar zu »ich bin so glücklich zu wissen
dass es Stechline gibt Aber der Stechlin Was ist der Stechlin«
    »Das ist ein See«
    »Ein See Das besagt nicht viel Seen wenn es nicht grade der
Vierwaldstätter ist werden immer erst interessant durch ihre Fische durch
Sterlet oder Felchen Ich will nicht weiter aufzählen Aber was hat der
Stechlin Ich vermute Steckerlinge«
    »Nein Gräfin die hat er nun gerade nicht Er hat genau das was Sie
geneigt sind am wenigsten zu vermuten Er hat Weltbeziehungen vornehme
geheimnisvolle Beziehungen und nur alles Gewöhnliche wie beispielsweise
Steckerlinge hat er nicht Steckerlinge fehlen ihm«
    »Aber Stechlin Sie werden doch nicht den Empfindlichen spielen
Rittmeister in der Garde«
    »Nein Gräfin Und außerdem den wollt ich sehen der das Ihnen gegenüber
zuwege brächte«
    »Nun dann also was ist es Worin bestehen seine vornehmen Beziehungen«
    »Er steht mit den höchsten und allerhöchsten Herrschaften deren
genealogischer Kalender noch über den Gotaischen hinauswächst auf du und du
Und wenn es in Java oder auf Island rumort oder der Geiser mal in Doppelhöhe
dampft und springt dann springt auch in unserm Stechlin ein Wasserstrahl auf
und einige wenn es auch noch niemand gesehen hat einige behaupten sogar in
ganz schweren Fällen erscheine zwischen den Strudeln ein roter Hahn und krähe
hell und weckend in die Ruppiner Grafschaft hinein Ich nenne das vornehme
Beziehungen«
    »Ich auch« sagte Melusine
    Wrschowitz aber dessen Augen immer größer geworden waren murmelte vor sich
hin »Sehr warr sehr warr«
 
                              Vierzehntes Kapitel
Es war zu Beginn der Woche dass Woldemar seinen Besuch im Barbyschen Hause
gemacht hatte Schon am Mittwoch früh empfing er ein Billet von Melusine
    »Lieber Freund Lassen Sie mich Ihnen noch nachträglich mein Bedauern
aussprechen dass ich vorgestern nur gerade noch die letzte Szene des letzten
Aktes Geschichte vom Stechlin miterleben konnte Mich verlangt es aber
lebhaft mehr davon zu wissen In unsrer sogenannten großen Welt gibt es so
wenig was sich zu sehen und zu hören verlohnt das meiste hat sich in die
stillen Winkel der Erde zurückgezogen Allen vorauf wie mir scheint in Ihre
Stechliner Gegend Ich wette Sie haben uns noch über vieles zu berichten und
ich kann nur wiederholen ich möchte davon hören Unsre gute Baronin der ich
davon erzählt habe denkt ebenso sie hat den Zug aller naiven und
liebenswürdigen Frauen neugierig zu sein Ich ohne die genannten
Vorbedingungen zu erfüllen bin ihr trotzdem an Neugier gleich Und so haben wir
denn eine Nachmittagspartie verabredet bei der Sie der große Erzähler sein
sollen In der Regel freilich verläuft es anders wie gedacht und man hört nicht
das was man hören wollte Das darf uns aber in unsern guten Vorhaben nicht
hindern Die Baronin hat mir etwas vorgeschwärmt von einer Gegend die sie
Oberspree nannte die vielleicht auch wirklich so heißt und wos so schön sein
soll dass sich die Havelherrlichkeiten daneben verstecken müssen Ich will es
ihr glauben und jedenfalls werd ich es ihr nachträglich versichern auch wenn
ich es nicht gefunden haben sollte Das Ziel unsrer Fahrt  ein Punkt den
übrigens die Berchtesgadens noch nicht kennen sie waren bisher immer erheblich
weiter flussaufwärts  das Ziel unsrer Reise hat einen ziemlich sonderbaren
Namen und heißt das Eierhäuschen Ich werde seitdem die Vorstellung von etwas
Ovalem nicht los und werde wohl erst geheilt sein wenn sich mir die so
sonderbar benamste Spreeschönheit persönlich vorgestellt haben wird Also
morgen Donnerstag Eierhäuschen Ein Nein gibt es natürlich nicht Abfahrt vier
Uhr Jannowitzbrücke Papa begleitet uns es geht ihm seit heut um vieles
besser so dass er sichs zutraut Vielleicht ist vier etwas spät aber wir haben
dabei wie mir Lizzi sagt den Vorteil auf der Rückfahrt die Lichter im Wasser
sich spiegeln zu sehen Und vielleicht ist auch irgendwo Feuerwerk und wir
sehen dann die Raketen steigen Armgard ist in Aufregung fast auch ich Au
revoir Eines Herrn Rittmeisters wohlaffektionierte
                                                                       Melusine«
Nun war der andre Nachmittag da und kurz vor vier Uhr fuhren erst die
Berchtesgadens und gleich danach auch die Barbys bei der Jannowitzbrücke vor
Woldemar wartete schon Alle waren in jener heitern Stimmung in der man geneigt
ist alles schön und reizend zu finden Und diese Stimmung kam denn auch gleich
der Dampfschiffahrtsstation zustatten Unter lachender Bewunderung der sich hier
darbietenden Holzarchitektur stieg man ein Gewirr von Stiegen und Treppen hinab
und schritt unten angekommen an den um diese Stunde noch leeren Tischen eines
hier etablierten »Lokals« vorüber unmittelbar auf das Schiff zu dessen Glocke
schon zum erstenmal geläutet hatte Das Wetter war prachtvoll flussaufwärts
alles klar und sonnig während über der Stadt ein dünner Nebel lag Zu beiden
Seiten des Hinterdecks nahm man auf Stühlen und Bänken Platz und sah von hier
aus auf das verschleierte Stadtbild zurück
    »Da heißt es nun immer« sagte Melusine »Berlin sei so kirchenarm aber wir
werden bald Köln und Mainz aus dem Felde geschlagen haben Ich sehe die
Nikolaikirche die Petrikirche die Waisenkirche die Schlosskuppel und das Dach
da mit einer Art von chinesischer Deckelmütze das ist glaub ich der
Ratausturm Aber freilich ich weiß nicht ob ich den mitrechnen darf«
    »Turm ist Turm« sagte die Baronin »Das fehlte so gerade noch dass man dem
armen alten Berlin auch seinen Ratausturm als Turm abstritte Man eifersüchtelt
schon genug«
    Und nun schlug es vier Von der Parochialkirche her klang das Glockenspiel
die Schiffsglocke läutete dazwischen und als diese wieder schwieg wurde das
Brett aufgeklappt und unter einem schrillen Pfiff setzte sich der Dampfer auf
das mittlere Brückenjoch zu in Bewegung
Oben in Nähe der Jannowitzbrücke hielten immer noch die beiden
herrschaftlichen Wagen dies für angemessen erachten mochten ehe sie selber
aufbrachen zuvor den Aufbruch des Schiffes abzuwarten und erst als dieses
unter der Brücke verschwunden war fuhr der gräflich Barbysche Kutscher neben
den freiherrlich Berchtesgadenschen um mit diesem einen Gruß auszutauschen
Beide kannten sich seit lange schon von London her wo sie bei denselben
Herrschaften in Dienst gestanden hatten In diesem Punkte waren sie sich gleich
sonst aber so verschieden wie nur möglich auch schon in ihrer äußeren
Erscheinung Imme der Barbysche Kutscher ein ebenso martialisch wie gutmütig
dreinschauender Mecklenburger hätte mit seinem angegrauten Sappeurbart ohne
weiteres vor eine Gardetruppe treten und den Zug als Tambourmajor eröffnen
können während der Berchtesgadensche der seine Jugend als Trainer und halber
Sportsmann zugebracht hatte nicht bloß einen englischen Namen führte sondern
auch ein typischer Engländer war hager sehnig kurzgeschoren und glattrasiert
Seine Glotzaugen hatten etwas Stupides er war aber trotzdem klug genug und
wusste wenns galt seinem Vorteil nachzugehen Das Deutsche machte ihm noch
immer Schwierigkeiten trotzdem er sich aufrichtige Mühe damit gab und sogar das
bequeme Zuhilfenehmen englischer Wörter vermied am meisten dann wenn er sich
die Berlinerinnen seiner Bekanntschaft abquälen sah ihm mit »well well Mister
Robinson« oder gar mit einem geheimnisvollen »indeed« zu Hilfe zu kommen Nur
mit dem einen war er einverstanden dass man ihn »Mister Robinson« nannte Das
ließ er sich gefallen
    »Now Mister Robinson« sagte Imme als sie Bock an Bock nebeneinander
hielten »how are you I hope quite well«
    »Danke Mister Imme danke Was macht die Frau«
    »Ja Robinson da müssen Sie denk ich selber nachsehen und zwar gleich
heute wo die Herrschaften fort sind und erst spät wiederkommen Noch dazu mit
der Stadtbahn Wenigstens von hier aus Jannowitzbrücke Sagen wir also neun
eher sind sie nicht zurück Und bis dahin haben wir einen guten Skat Hartwig
als dritter wird schon kommen Portiers können immer Die Frau zieht ebensogut
die Tür auf wie er und weiter is es ja nichts Also Klocker fünf ein Nein gilt
nicht where tere is a will tere is a way Ein bisschen is doch noch
hängengeblieben von dear old England«
    »Danke Mister Imme« sagte Robinson »danke Ja Skat ist das Beste von all
Germany Komme gern Skat ist noch besser als Bayrisch«
    »Hören Sie Robinson ich weiß doch nicht ob das stimmt Ich denke mir so
beides zusammen das ist das Wahre Tats it«
    Robinson war einverstanden und da beide weiter nichts auf dem Herzen
hatten so brach man hier ab und schickte sich an die Rückfahrt in einem mäßig
raschen Trab anzutreten wobei der Berchtesgadensche Kutscher den Weg über
Molkenmarkt und Schlossplatz der Barbysche den auf die Neue Friedrichstrasse
nahm Jenseits der Friedrichsbrücke hielt sich dieser dann dicht am Wasser hin
und kam so am bequemsten bis an sein Kronprinzenufer
Der Dampfer gleich nachdem er das Brückenjoch passiert hatte setzte sich in
ein rascheres Tempo dabei die linke Flussseite haltend so dass immer nur eine
geringe Entfernung zwischen dem Schiff und den sich dicht am Ufer hinziehenden
Stadtbahnbögen war Jeder Bogen schuf den Rahmen für ein dahinter gelegenes
Bild das natürlich die Form einer Lunette hatte Mauerwerk jeglicher Art
Schuppen Zäune zogen in buntem Wechsel vorüber aber in Front aller dieser der
Alltäglichkeit und der Arbeit dienenden Dinge zeigte sich immer wieder ein Stück
Gartenland darin ein paar verspätete Malven oder Sonnenblumen blühten Erst als
man die zweitfolgende Brücke passiert hatte traten die Stadtbahnbögen so weit
zurück dass von einer Ufereinfassung nicht mehr die Rede sein konnte statt
ihrer aber wurden jetzt Wiesen und pappelbesetzte Wege sichtbar und wo das Ufer
quaiartig abfiel lagen mit Sand beladene Kähne große Zillen aus deren Innerem
eine baggerartige Vorrichtung die Kies und Sandmassen in die dicht am Ufer hin
etablierten Kalkgruben schüttete Es waren dies die Berliner Mörtelwerke die
hier die Herrschaft behaupteten und das Uferbild bestimmten
    Unsre Reisenden sprachen wenig weil unter dem raschen Wechsel der Bilder
eine Frage die andre zurückdrängte Nur als der Dampfer an Treptow vorüber
zwischen den kleinen Inseln hinfuhr die hier mannigfach aus dem Fluss
aufwachsen wandte sich Melusine an Woldemar und sagte »Lizzi hat mir erzählt
hier zwischen Treptow und Stralau sei auch die Liebesinsel da stürben immer die
Liebespaare meist mit einem Zettel in der Hand drauf alles stünde Trifft das
zu«
    »Ja Gräfin soviel ich weiß trifft es zu Solche Liebesinseln gibt es
übrigens vielfach in unsrer Gegend und kann als Beweis gelten wie
weitverbreitet der Zustand ist dem abgeholfen werden soll und wenns auch
durch Sterben wäre«
    »Das nehm ich Ihnen übel dass Sie darüber spotten Und Armgard wird es noch
mehr tun weil sie gefühlvoller ist als ich Zudem sollten Sie wissen dass sich
so was rächt«
    »Ich weiß es Aber Sie lesen auch durchaus falsch in meiner Seele Sicher
haben Sie mal gehört dass der der Furcht hat zu singen anfängt und wer nicht
singen kann nun der witzelt eben Übrigens so schön Liebesinsel klingt der
Zauber davon geht wieder verloren wenn Sie sich den Namen des Ganzen
vergegenwärtigen Die sich so mächtig hier verbreiternde Spreefläche heißt
nämlich der Rummelsburger See«
    »Freilich nicht hübsch das kann ich zugeben Aber die Stelle selbst ist
schön und Namen bedeuten nichts«
    »Wer Melusine heißt sollte wissen was Namen bedeuten«
    »Ich weiß es leider Denn es gibt Leute die sich vor Melusine fürchten«
    »Was immer eine Dummheit aber doch viel mehr noch eine Huldigung ist«
    Unter diesem Gespräche waren sie bis über die Breitung der Spree
hinausgekommen und fuhren wieder in das schmaler werdende Flussbett ein An
beiden Ufern hörten die Häuserreihen auf sich in dünnen Zeilen hinzuziehen
Baumgruppen traten in nächster Nähe dafür ein und weiter landeinwärts wurden
aufgeschüttete Bahndämme sichtbar über die hinweg die Telegraphenstangen ragten
und ihre Drähte von Pfahl zu Pfahl spannten Hie und da bis ziemlich weit in
den Fluss hinein stand ein Schilfgürtel aus dessen Dickicht vereinzelte
Krickenten aufflogen
    »Es ist doch weiter als ich dachte« sagte Melusine »Wir sind ja schon wie
in halber Einsamkeit Und dabei wird es frisch Ein Glück dass wir Decken
mitgenommen Denn wir bleiben doch wohl im Freien Oder gibt es auch Zimmer da
Freilich kann ich mir kaum denken dass wir zu sechs in einem Eierhäuschen Platz
haben«
    »Ach Frau Gräfin ich sehe Sie rechnen auf etwas extrem Idyllisches und
erwarten wenn wir angelangt sein werden einen Mischling von Kiosk und Hütte
Da harrt Ihrer aber eine grausame Enttäuschung Das Eierhäuschen ist ein
sogenanntes Lokal und wenn uns die Lust anwandelt so können wir da tanzen oder
eine Volksversammlung abhalten Raum genug ist da Sehen Sie das Schiff wendet
sich schon und der rote Bau da der zwischen den Pappelweiden mit Turm und
Erker sichtbar wird das ist das Eierhäuschen«
    »O weh Ein Palazzo« sagte die Baronin und war auf dem Punkt ihrer
Missstimmung einen Ausdruck zu geben Aber ehe sie dazu kam schob sich das
Schiff schon an den vorgebauten Anlegesteg über den hinweg man einen Uferweg
einschlagend auf das »Eierhäuschen« zuschritt Dieser Uferweg setzte sich als
man das Gartenlokal endlich erreicht hatte jenseits desselben noch eine gute
Strecke fort und weil die wundervolle Frische dazu einlud beschloss man ehe
man sich im »Eierhäuschen« selber niederließ zuvor noch einen
gemeinschaftlichen Spaziergang am Ufer hin zu machen Immer weiter flussaufwärts
    Der Enge des Weges halber ging man zu zweien vorauf Woldemar mit Melusine
dann die Baronin mit Armgard Erheblich zurück erst folgten die beiden älteren
Herren die schon auf dem Dampfschiff ein politisches Gespräch angeschnitten
hatten Beide waren liberal aber der Umstand dass der Baron ein Bayer und unter
katholischen Anschauungen aufgewachsen war ließ doch beständig Unterschiede
hervortreten
    »Ich kann Ihnen nicht zustimmen lieber Graf Alle Trümpfe heut und zwar
mehr denn je sind in des Papstes Hand Rom ist ewig und Italien nicht so fest
aufgebaut als es die Welt glauben machen möchte Der Quirinal zieht wieder aus
und der Vatikan zieht wieder ein Und was dann«
    »Nichts lieber Baron Auch dann nicht wenn es wirklich dazu kommen sollte
was glaub ich ausgeschlossen ist«
    »Sie sagen das so ruhig und ruhig ist man nur wenn man sicher ist Sind
Sies Und wenn Sies sind dürfen Sies sein Ich wiederhole die letzten
Entscheidungen liegen immer bei dieser Papst und Romfrage«
    »Lagen einmal Aber damit ist es gründlich vorbei auch in Italien selbst
Die letzten Entscheidungen von denen Sie sprechen liegen heutzutage ganz
woanders und es sind bloß ein paar Ihrer Zeitungen die nicht müde werden der
Welt das Gegenteil zu versichern Alles bloße Nachklänge Das moderne Leben
räumt erbarmungslos mit all dem Überkommenen auf Ob es glückt ein Nilreich
aufzurichten ob Japan ein England im Stillen Ozean wird ob China mit seinen
vierhundert Millionen aus dem Schlaf aufwacht und seine Hand erhebend uns und
der Welt zuruft Hier bin ich allem vorauf aber ob sich der vierte Stand
etabliert und stabiliert denn darauf läuft doch in ihrem vernünftigen Kern die
ganze Sache hinaus  das alles fällt ganz anders ins Gewicht als die Frage
Quirinal oder Vatikan Es hat sich überlebt Und anstaunenswert ist nur das
eine dass es überhaupt noch so weitergeht Das ist der Wunder größtes«
    »Und das sagen Sie der Sie zeitweilig den Dingen so nahegestanden«
    »Weil ich ihnen so nahegestanden«
Auch die beiden voranschreitenden Paare waren in lebhaftem Gespräch
    An dem schon in Dämmerung liegenden östlichen Horizont stiegen die
Fabrikschornsteine von Spindlersfelde vor ihnen auf und die Rauchfahnen zogen
in langsamem Zuge durch die Luft
    »Was ist das« fragte die Baronin sich an Woldemar wendend
    »Das ist Spindlersfelde«
    »Kenn ich nicht«
    »Doch vielleicht gnädigste Frau wenn Sie hören dass in eben diesem
Spindlersfelde der für die weibliche Welt so wichtige Spindler seine
geheimnisvollen Künste treibt Besser noch seine verschwiegenen Denn unsre
Damen bekennen sich nicht gern dazu«
    »So der Ja dieser unser Wohltäter den wir  Sie haben ganz recht  in
unserm Undank so gern unterschlagen Aber dies Unterschlagen hat doch auch
wieder sein Verzeihliches Wir tun jetzt leider so vieles was wir nach einer
alten Anschauung eigentlich nicht tun sollten Es ist mein ich nicht passend
auf einem Pferdebahnperron zu stehen zwischen einem Schaffner und einer
Kiepenfrau und es ist noch weniger passend in einem Fünfzigpfennigbazar
allerhand Einkäufe zu machen und an der sich dabei aufdrängenden Frage Wodurch
ermöglichen sich diese Preise still vorbeizugehen Unser Freund in
Spindlersfelde da drüben degradiert uns vielleicht auch durch das was er so
hilfreich für uns tut Armgard wie denken Sie darüber«
    »Ganz wie Sie Baronin«
    »Und Melusine«
    Diese gab kopfschüttelnd die Frage weiter und drang darauf dass die beiden
älteren Herren die mittlerweile herangekommen waren den Ausschlag geben
sollten Aber der alte Graf wollte davon nichts wissen »Das sind Doktorfragen
Auf derlei Dinge lass ich mich nicht ein Ich schlage vor wir machen lieber
kehrt und suchen uns im Eierhäuschen einen hübschen Platz von dem aus wir das
Leben auf dem Fluss beobachten und hoffentlich auch den Sonnenuntergang gut sehen
können«
Ziemlich um dieselbe Stunde wo die Barbyschen und Berchtesgadenschen
Herrschaften ihren Spaziergang auf Spindlersfelde zu machten erschien unser
Freund Mister Robinson von seinem Stallgebäude her in Front der Lennéstrasse
sah erst gewohnheitsmässig nach dem Wetter und ging dann quer durch den
Tiergarten auf das Kronprinzenufer zu wo die Immes ihn bereits erwarteten
    Frau Imme die wie die meisten kinderlosen Frauen und Frauen mit
Sappeurbartmännern sind fast immer kinderlos einen großen Wirtschafts und
Sauberkeitssinn hatte hatte zu Mister Robinsons Empfang alles in die schönste
Ordnung gebracht um so mehr als sie wusste dass ihr Gast als ein verwöhnter
Engländer immer der Neigung nachgab alles Deutsche wenn auch nur
andeutungsweise zu bemängeln Es lag ihr daran ihn fühlen zu lassen dass mans
hier auch verstehe So war denn von ihr nicht bloß eine wundervolle
Kaffeeserviette sondern auch eine silberne Zuckerdose mit Streuselkuchentellern
links und rechts aufgestellt worden Frau Imme konnte das alles und noch mehr
infolge der bevorzugten Stellung die sie von langer Zeit her bei den Barbys
einnahm zu denen sie schon als fünfzehnjähriges junges Ding gekommen und in
deren Dienst sie bis zu ihrer Verheiratung geblieben war Auch jetzt noch hingen
beide Damen an ihr und mit Hilfe Lizzis die so diskret sie war doch gerne
plauderte war Frau Imme jederzeit über alles unterrichtet was im Vorderhause
vorging Dass der Rittmeister sich für die Damen interessierte wusste sie
natürlich wie jeder andre nur nicht  auch darin wie jeder andre  für welche
    Ja für welche
    Das war die große Frage selbst für Mister Robinson der regelmäßig wenn er
die Immes sah sich danach erkundigte Dazu kam es denn auch heute wieder und
zwar sehr bald nach seinem Eintreffen
    Eine große Familientasse mit einem in Front eines Tempels den Bogen
spannenden Amor war vor ihn hingestellt worden und als er dem Streuselkuchen
für den er eine so große Vorliebe hatte dass er regelmäßig erklärte so was gäb
es in den vereinigten drei Königreichen nicht  als er dem Streusel liebevoll
und doch auch wieder massvoll zugesprochen hatte betrachtete er das Bild auf der
großen Tasse zeigte was bei seiner Augenbeschaffenheit etwas Komisches hatte
schelmisch lächelnd auf den bogenspannenden Amor und sagte »Hier hinten ein
Tempel und hier vorn ein Lorbeerbusch Und hier tis little fellow wit his
arrow Ich möchte mir die Frage gestatten  Sie sind eine so kluge Frau Frau
Imme  wird er den Pfeil fliegen lassen oder nicht und wenn er den Pfeil
fliegen lässt ist es die Priesterin die hier neben dem Lorbeer steht oder ist
es eine andre«
    »Ja Mister Robinson« sagte Frau Imme »darauf ist schwer zu antworten
Denn erstens wissen wir nicht was er überhaupt vorhat und dann wissen wir auch
nicht wer ist die Priesterin Ist die Komtesse die Priesterin oder ist die
Gräfin die Priesterin Ich glaube wer schon verheiratet war kann wohl
eigentlich nicht Priesterin sein«
    »Ach« sagte Imme in dem sich der naturwüchsige Mecklenburger regte »sein
kann alles Über so was wächst Gras Ich glaube es is die Gräfin«
    Robinson nickte »Glaub ich auch And whats the reason dear Mistress Imme
Weil Witib vor Jungfrau geht Ich weiß wohl es ist immer viel die Rede von
virginity aber widow ist mehr als virgin«
    Frau Imme die nur halb verstanden hatte verstand doch genug um zu
kichern was sie übrigens sittsam mit der Bemerkung begleitete sie habe so was
von Mister Robinson nicht geglaubt
    Robinson nahm es als Huldigung und trat nachdem er sich mit Erlaubnis der
»Lady« ein kurzes Pfeifchen mit türkischem Tabak angesteckt hatte an ein
Fensterchen in dessen mit einer kleinen Laubsäge gemachten Blumenkasten rote
Verbenen blühten und sagte während er auf den Hof mit seinen drei
Akazienbäumen herunterblickte »Wer ist denn der hübsche Junge da der da mit
seinem Hoop spielt Hier sagen sie Reifen«
    »Das is ja Hartwigs Rudolf« sagte Frau Imme »Ja der Junge hat viel Chic
Und wie er da mit dem Reifen spielt und die Hedwig immer hinter ihm her wiewohl
sie doch beinahe seine Mutter sein könnte Na ich freue mich immer wenn ich
ausgelassene Menschen sehe und wenn Hartwig kommt  ich wundere mich bloß dass
er noch nicht da ist  da können Sie ihm ja sagen wie hübsch Sie die verwöhnte
kleine Range finden Das wird ihn freuen er ist furchtbar eitel Alle
Portiersleute sind eitel Aber das muss wahr sein es ist ein reizender Junge«
    Während sie noch so sprachen erschien Hartwig auf den Imme skatdurstig
schon seit einer Viertelstunde gewartet hatte und keine drei Minuten mehr so
war auch Hedwig da die sich bis kurz vorher mit ihrem kleinen Cousin Rudolf in
dem Hof unten abgeäschert hatte Beide wurden mit gleicher Herzlichkeit
empfangen Hartwig weil nach seinem Erscheinen die Skatpartie beginnen konnte
Hedwig weil Frau Imme nun gute Gesellschaft hatte Denn Hedwig konnte
wundervoll erzählen und brachte jedesmal Neuigkeiten mit Sie mochte
vierundzwanzig sein war immer sehr sauber gekleidet und von heiterübermütigem
Gesichtsausdruck Dazu krauses kastanienbraunes Haar Es traf sich dass sie mal
wieder außer Dienst war
    »Nun das ist recht Hedwig dass du kommst« sagte Frau Imme »Rudolfen hab
ich eben erst gefragt wo du geblieben wärst denn ich habe dich ja mit ihm
spielen sehen aber solch Junge weiß nie was der denkt bloß immer an sich und
ob er sein Stück Kuchen kriegt Na wenn er kommt er solls haben Robinson isst
immer sowenig wiewohl er den Streusel ungeheuer gern mag Aber so sind die
Engländer sie sind nicht so zugreifsch und dann geniert sich mein Imme auch
und die Hälfte bleibt übrig Na jedenfalls is es nett dass du wieder da bist
Ich habe dich ja seit deinem letzten Dienst noch gar nicht ordentlich gesehen
Es war ja wohl ne Hofrätin Na Hofrätinnen die kenn ich Aber es gibt auch
gute Wie war er denn«
    »Na mit ihm ging es«
    »Deine krausen Haare werden wohl wieder schuld sein Die können manche nicht
vertragen Und wenn dann die Frau was merkt dann is es vorbei«
    »Nein so war es nicht Er war ein sehr anständiger Mann Beinahe zu sehr«
    »Aber Kind wie kannst du nur so was sagen Wie kann einer zu anständig
sein«
    »Ja Frau Imme Wenn einen einer gar nicht ansieht das is einem auch nicht
recht«
    »Ach Hedwig was du da bloß so redst Und wenn ich nich wüsste dass du gar
nich so bist Aber was war es denn«
    »Ja Frau Imme was soll ich sagen was es war es is ja immer wieder
dasselbe Die Herrschaften können einen nich richtig unterbringen Oder wollen
auch nich Immer wieder die Schlafstelle oder wie manche hier sagen die
Schlafgelegenheit«
    »Aber Kind wie denn Du musst doch ne Gelegenheit zum Schlafen haben«
    »Gewiss Frau Imme Und ne Gelegenheit so denkt mancher is ne
Gelegenheit Aber gerade die die hat man nich Man ist müde zum Umfallen und
kann doch nicht schlafen«
    »Versteh ich nich«
    »Ja Frau Imme das macht weil Sie von Kindesbeinen an immer bei so gute
Herrschaften waren und mit Lizzi is es jetzt wieder ebenso Die hat es auch gut
un is wie wenn sie mit dazu gehörte Meine Tante Hartwig erzählt mir immer
davon Und einmal hab ich es auch so gut getroffen Aber bloß das eine Mal
Sonst fehlt eben immer die Schlafgelegenheit«
    Frau Imme lachte
    »Sie lachen darüber Frau Imme Das is aber nich recht dass Sie lachen
Glauben Sie mir es is eigentlich zum Weinen Und mitunter hab ich auch schon
geweint Als ich nach Berlin kam da gab es ja noch die Hängeböden«
    »Kenn ich kenn ich das heißt ich habe davon gehört«
    »Ja wenn man davon gehört hat das is nich viel Man muss sie richtig
kennenlernen Immer sind sie in der Küche mitunter dicht am Herd oder auch
gerade gegenüber Und nun steigt man auf eine Leiter und wenn man müde is kann
man auch runterfallen Aber meistens geht es Und nun macht man die Tür auf und
schiebt sich in das Loch hinein ganz so wie in einen Backofen Das is was sie
ne Schlafgelegenheit nennen Und ich kann Ihnen bloß sagen auf einem Heuboden
is es besser auch wenn Mäuse da sind Und am schlimmsten is es im Sommer
Draußen sind dreißig Grad und auf dem Herd war den ganzen Tag Feuer da is es
denn als ob man auf den Rost gelegt würde So war es als ich nach Berlin kam
Aber ich glaube sie dürfen jetzt so was nich mehr bauen Polizeiverbot Ach
Frau Imme die Polizei is doch ein rechter Segen Wenn wir die Polizei nich
hätten und sie sind auch immer so artig gegen einen so hätten wir gar nichts
Mein Onkel Hartwig wenn ich ihm so erzähle dass man nicht schlafen kann der
sagt auch immer Kenn ich kenn ich der Bourgeois tut nichts für die
Menschheit Und wer nichts für die Menschheit tut der muss abgeschafft werden«
    »Ja dein Onkel spricht so Und war es denn bei deinem Hofrat wo du nu
zuletzt warst auch so«
    »Nein bei Hofrats war es nicht so Die wohnten ja auch in einem ganz neuen
Hause Hofrats waren Trockenwohner Und in dem was jetzt die neuen Häuser sind
da kommen glaub ich die Hängeböden gar nicht mehr vor da haben sie bloß noch
die Badestuben«
    »Nu das is aber doch ein Fortschritt«
    »Ja das kann man sagen Badestube als Badestube ist ein Fortschritt oder
wie Onkel Hartwig immer sagt ein Kulturfortschritt Er hat meistens solche
Wörter Aber Badestube als Schlafgelegenheit is kein Fortschritt«
    »Gott Kind sie werden dich aber doch nich in eine Badewanne gepackt
haben«
    »I bewahre Das tun sie schon der Badewanne wegen nich Da werden sie sich
hüten Aber Ach Frau Imme ich kann nur immer wieder sagen Sie wissen nich
Bescheid Sie hatten es gut wie Sie noch unverheiratet waren und nu haben
Sies erst recht gut Sie wohnen hier wie in einer kleinen Sommerwohnung un dass
es ein bisschen nach Pferde riecht das schadet nich das Pferd is ein feines und
reinliches Tier und all seine Verrichtungen sind so edel Man sagt ja auch das
edle Pferd Und außerdem soll es so gesund sein fast so gut wie Kuhstall womit
sie ja die Schwindsucht kurieren Und dazu haben Sie hier den Blick auf die
Kugelakazien und drüben auf das Marinepanorama wo man sehen kann wie alles is
und dahinter haben Sie den Blick auf die Kunstausstellung wo es so furchtbar
zieht bloß damit man immer frische Luft hat Aber bei Hofrats Nein diese
Badestube«
    »Gott Hedwig« sagte Frau Imme »du tust ja wie wenn es eine Mördergrube
oder ein Verbrecherkeller gewesen wäre«
    »Verbrecherkeller Ach Frau Imme das is ja gar nichts Ich habe
Verbrecherkeller gesehen natürlich bloß zufällig Da trinken sie Weissbier und
spielen Sechsundsechzig Und in einer Ecke wird was ausbaldowert aber davon
merkt man nichts«
    »Und die Badestube warum is sie dir denn so furchtbar dass du dich
ordentlich schudderst Der Mensch muss doch am Ende baden können«
    »Ach was baden natürlich Aber ne Badestube is nie ne Badestube
Wenigstens hier nicht Eine Badestube is ne Rumpelkammer wo man alles
unterbringt alles wofür man sonst keinen Platz hat Und dazu gehört auch ein
Dienstmädchen Meine eiserne Bettstelle die abends aufgeklappt wurde stand
immer neben der Badewanne drin alle alten Bier und Weinflaschen lagen Und nun
drippten die Neigen aus Und in der Ecke stand ein Bettsack drin die Fräuleins
ihre Wäsche hineinstopften und in der andern Ecke war eine kleine Tür Aber
davon will ich zu Ihnen nicht sprechen weil ich einen Widerwillen gegen
Unanständigkeiten habe weshalb schon meine Mutter immer sagte Hedwig du wirst
noch Jesum Christum erkennen lernen Und ich muss sagen das hat sich bei Hofrats
denn auch erfüllt Aber fromm waren sie weiter nich«
    Während Hedwig noch so weiterklagte hörte man dass draußen die Klingel
ging und als Frau Imme öffnete stand Rudolf auf dem kleinen Flur und sagte
dass er Vatern holen solle und Hedwigen auch Mutter müsse weg
    »Na« sagte Frau Imme »dann komm nur Rudolf un iss erst ein Stück Streusel
und bestell es nachher bei deinem Vater«
    Bald danach nahm sie denn auch den Jungen bei der Hand und führte ihn in das
Nebenzimmer wo die drei Männer vergnügt an ihrem Skattisch saßen Ein großes
Spiel war eben gemacht alles noch in Aufregung
    Robinson als er Rudolfen sah nickte ihm zu und sagte zu Imme »Das is ja
der hübsche Junge den ich vorhin auf dem Hof gesehen habe mit seinem Hoop 
nice boy«
    »Ja« sagte Imme »das is unsrem Freund Hartwig seiner« Hartwig selber aber
rief seinen Jungen heran und sagte »Na Rudolf was gibts Du willst mich
holen Du sollst aber auch noch ne Freude haben Kuck dir mal den Herrn da an
der dich so freundlich ansieht Das is Robinson«
    »Haha«
    »Ja Junge warum lachst du Glaubst dus nich wenn ich dir sage das is
Robinson«
    »I bewahre Vater Robinson den kenn ich Robinson hat nen Sonnenschirm
und ein Lama Un der is auch schon lange dod«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Unsere Landpartieler waren im Angesicht von Spindlersfelde nach dem
»Eierhäuschen« zurückgekehrt und hatten sich hier an zwei dicht am Ufer
zusammengerückten Tischen niedergelassen eine Laube von Baumkronen über sich
Sperlinge hüpften umher und warteten auf ihre Zeit Gleich danach erschien auch
ein Kellner um die Bestellungen entgegenzunehmen Es entstand dabei die
herkömmliche Verlegenheitspause niemand wusste was zu sagen bis die Baronin auf
den Stamm einer ihr gegenüberstehenden Ulme wies drauf »Wiener Würstel« und
daneben in noch dickeren Buchstaben das gefällige Wort »Löwenbräu« stand In
kürzester Frist erschien denn auch der Kellner wieder und die Baronin hob ihr
Seidel und ließ das »Eierhäuschen« und die Spree leben zugleich versichernd
»dass man ein echtes Münchener überhaupt nur noch in Berlin tränke« Der alte
Berchtesgaden wollte jedoch nichts davon wissen und drang in seine Frau lieber
mehr nach links zu rücken um den Sonnenuntergang besser beobachten zu können
»der sei freilich in Berlin ebensogut wie woanders« Die Baronin hielt aber aus
und rührte sich nicht »Was Sonnenuntergang den seh ich jeden Abend Ich sitze
hier sehr gut und freue mich schon auf die Lichter«
    Und nicht lange mehr so waren diese Lichter auch wirklich da Nicht nur das
ganze Lokal erhellte sich sondern auch auf dem drüben am andern Ufer sich
hinziehenden Eisenbahndamme zeigten sich allmählich die verschiedenfarbigen
Signale während mitten auf der Spree wo Schleppdampfer die Kähne zogen ein
verblaktes Rot aus den Kajütenfenstern hervorglühte dabei wurde es kühl und
die Damen wickelten sich in ihre Plaids und Mäntel
    Auch die Herren fröstelten ein wenig und so trat denn der ersichtlich etwas
planende Woldemar nach kurzem Aufundabschreiten an das in der Nähe befindliche
Büfett heran um da zur Herstellung einer besseren Innentemperatur das Nötige zu
veranlassen Und siehe da nicht lange mehr so stand auch schon ein großes
Tablett mit Gläsern und Flaschen vor ihnen und dazwischen ein Deckelkrug aus
dem als man den Deckel aufklappte der heiße Wrasen emporschlug Die Baronin
in solchen Dingen die scharfblickendste war sofort orientiert und sagte
»Lieber Stechlin ich beglückwünsche Sie Das war eine große Idee«
    »Ja meine Damen ich glaubte dass etwas geschehen müsse sonst haben wir
morgen samt und sonders einen akuten Rheumatismus Und zurück müssen wir doch
auch Auf dem Schiffe wo solche Hilfsmittel glaub ich fehlen sind wir allen
Unbilden der Elemente preisgegeben«
    »Und Sie konnten wirklich nicht besser wählen« unterbrach Melusine
»Schwedischer Punsch für den ich ein liking habe Wie für Schweden überhaupt
Da Doktor Wrschowitz nicht da ist können wir uns ungestraft einem gewissen Maß
von Skandinavismus überlassen«
    »Am liebsten ohne alles Maß« sagte Woldemar »so skandinavisch bin ich Ich
ziehe die Skandinaven den sonst Meistbegünstigten unter den Nationen immer noch
vor Alle Länder erweitern übrigens ihre Spezialgebiete Früher hatte Schweden
nur zweierlei Mut und Eisen von denen man sagen muss dass sie gut
zusammenpassen Dann kamen die Säkerhets Tändstickors und nun haben wir den
schwedischen Punsch den ich in diesem Augenblick unbedingt am höchsten stelle
Ihr Wohl meine Damen«
    »Und das Ihre« sagte Melusine »denn Sie sind doch der Schöpfer dieses
glücklichen Moments Aber wissen Sie lieber Stechlin dass ich in Ihrer
Aufzählung schwedischer Herrlichkeiten etwas vermisst habe Die Schweden haben
noch eins  oder hatten es wenigstens Und das war die schwedische Nachtigall«
    »Ja die hab ich vergessen Es fällt vor meine Zeit«
    »Ich müsste« lachte die Gräfin »vielleicht auch sagen es fällt vor meine
Zeit Aber ich darf doch andrerseits nicht verschweigen die Lind noch
leibhaftig gekannt zu haben Freilich nicht mehr so eigentlich als schwedische
Nachtigall Und überhaupt unter anderm Namen«
    »Ja ich erinnere mich« sagte Woldemar »sie hatte sich verheiratet Wie
hieß sie doch«
    »Goldschmidt  ein Name den man schon um Goldschmieds Töchterlein willen
gelten lassen kann Aber an Jenny Lind reicht er allerdings nicht heran«
    »Gewiss nicht Und Sie sagten Frau Gräfin Sie hätten sie noch persönlich
gekannt«
    »Ja gekannt und auch gehört Sie sang damals wenn auch nicht mehr
öffentlich so doch immer noch in ihrem häuslichen Salon Diese Bekanntschaft
zählt zu meinen liebsten und stolzesten Erinnerungen Ich war noch ein halbes
Kind aber trotzdem doch mit eingeladen was mir allein schon etwas bedeutete
Dazu die Fahrt von Hyde Park bis in die Villa hinaus Ich weiß noch deutlich
ich trug ein weißes Kleid und einen hellblauen Kaschmirumhang und das Haar ganz
aufgelöst Die Lind beobachtete mich und ich sah dass ich ihr gefiel Wenn man
Eindruck macht das behält man Und nun gar mit vierzehn«
    »Die Lind« warf die Baronin etwas prosaisch ein »soll ihrerseits als Kind
sehr hässlich gewesen sein«
    »Ich hätte das Gegenteil vermutet« bemerkte Woldemar
    »Und auf welche Veranlassung hin lieber Stechlin«
    »Weil ich ein Bild von ihr kenne Wir haben es wie bekannt seit einiger
Zeit von einem unsrer besten Maler auf unsrer Nationalgalerie Aber lange bevor
ich es da sah kannt ich es schon en miniature und zwar aus einer im Besitz
meines Freundes Lorenzen befindlichen Aquarelle Diese Kopie hängt über seinem
Sofa dicht unter einer Rubensschen Kreuzabnahme Wenn man will eine etwas
sonderbare Zusammenstellung«
    »Und das alles in Ihrer Stechliner Pfarre« sagte Melusine »Wissen Sie
Rittmeister dass ich die Tatsache dass so was überhaupt in einem kleinen Dorfe
vorkommen kann Ihrem berühmten See beinah gleichstelle Unsre schwedische
Nachtigall in Ihrem Ruppiner Winkel wie Sie selbst beständig sich auszudrücken
lieben Die Lind Und wie kam Ihr Pastor dazu«
    »Die Lind war glaub ich seine erste Liebe Sehr wahrscheinlich auch seine
letzte Lorenzen saß damals noch auf der Schulbank und schlug sich mit
Stundengeben durch Aber er hörte die Diva trotzdem jeden Abend und wusste sich
auch trotz bescheidenster Mittel das Bildchen zu verschaffen Fast grenzt es
ans Wunderbare Freilich verlaufen die Dinge meist so Wär er reich gewesen so
hätt er sein Geld anderweitig vertan und die Lind vielleicht nie gehört und
gesehen Nur die Armen bringen die Mittel auf für das was jenseits des
Gewöhnlichen liegt aus Begeisterung und Liebe fließt alles Und es ist etwas
sehr Schönes dass es so ist in unserm Leben Vielleicht das Schönste«
    »Das will ich meinen« sagte die Gräfin »Und ich dank es Ihnen lieber
Stechlin dass Sie das gesagt haben Das war ein gutes Wort das ich Ihnen nicht
vergessen will Und dieser Lorenzen war Ihr Lehrer und Erzieher«
    »Ja mein Lehrer und Erzieher Zugleich mein Freund und Berater Der den
ich über alles liebe«
    »Gehen Sie darin nicht zu weit« lachte Melusine
    »Vielleicht Gräfin oder sag ich lieber gewiss Und ich hätte dessen
eingedenk sein sollen gerade heut und gerade hier Aber soviel bleibt ich
liebe ihn sehr weil ich ihm alles verdanke was ich bin und weil er reinen
Herzens ist«
    »Reinen Herzens« sagte Melusine »Das ist viel Und Sie sind dessen
sicher«
    »Ganz sicher«
    »Und von diesem Unikum erzählen Sie uns erst heute Da waren Sie neulich mit
dem guten Wrschowitz bei uns und haben uns allerhand Schreckliches von Ihrem
misogynen Prinzen wissen lassen Und während Sie den in den Vordergrund stellen
halten Sie diesen Pastor Lorenzen ganz gemütlich in Reserve Wie kann man so
grausam sein und mit seinen Berichten und Redekünsten so launenhaft operieren
Aber holen Sie wenigstens nach was Sie versäumt haben Die Fragen drängen sich
ordentlich Wie kam Ihr Vater auf den Einfall Ihnen einen solchen Erzieher zu
geben Und wie kam ein Mann wie dieser Lorenzen in diese Gegenden Und wie kam
er überhaupt in diese Welt Es ist so selten so selten«
    Armgard und die Baronin nickten
    »Ich bekenne mich quält die Neugier mehr von ihm zu hören« fuhr Melusine
fort »Und er ist unverheiratet Schon das allein ist immer ein gutes Zeichen
Durchschnittsmenschen glauben sich so schnell wie möglich verewigen zu müssen
damit die Herrlichkeit nicht ausstirbt Ihr Lorenzen ist eben in allem wie mir
scheint ein Ausnahmemensch Also beginnen«
    »Ich bin dazu besten Willens Frau Gräfin Aber es ist zu spät dazu denn
das helle Licht das Sie da sehen das ist bereits unser Dampfer Wir haben
keine Wahl mehr wir müssen abbrechen wenn wir nicht im Eierhäuschen ein
Nachtquartier nehmen wollen Unterwegs ist übrigens Lorenzen ein wundervolles
Thema vorausgesetzt dass uns der Anblick der Liebesinsel nicht wieder auf andre
Dinge bringt Aber hören Sie der Dampfer läutet schon wir müssen eilen
Bis an die Anlegestelle sind noch mindestens drei Minuten«
Und nun war man glücklich auf dem Schiff auf dem Woldemar und die Damen ihre
schon auf der Hinfahrt innegehabten Plätze sofort wieder einnahmen Nur die
beiden in ihre Plaids gewickelten alten Herren schritten auf Deck auf und ab und
sahen wenn sie vorn am Bugspriet eine kurze Rast machten auf die vielen
hundert Lichter die sich von beiden Ufern her im Fluss spiegelten Unten im
Maschinenraum hörte man das Klappern und Stampfen während die Schiffsschraube
das Wasser nach hinten schleuderte dass es in einem weißen Schaumstreifen dem
Schiffe folgte Sonst war alles still so still dass die Damen ihr Gespräch
unterbrachen »Armgard du bist so schweigsam« sagte Melusine »finden Sie
nicht auch lieber Stechlin Meine Schwester hat noch keine zehn Worte
gesprochen«
    »Ich glaube Gräfin wir lassen die Komtesse Manchem kleidet es zu
sprechen und manchem kleidet es zu schweigen Jedes Beisammensein braucht einen
Schweiger«
    »Ich werde Nutzen aus dieser Lehre ziehen«
    »Ich glaub es nicht Gräfin und vor allem wünsch ich es nicht Wer könnt es
wünschen«
    Sie drohte ihm mit dem Finger Dann schwieg man wieder und sah auf die
Landschaft die da wo der am Ufer hinlaufende Strassenzug breite Lücken aufwies
in tiefem Dunkel lag Urplötzlich aber stieg gerad aus dem Dunkel heraus ein
Lichtstreifen hoch in den Himmel und zerstob da wobei rote und blaue
Leuchtkugeln langsam zur Erde niederfielen
    »Wie schön« sagte Melusine »Das ist mehr als wir erwarten durften Ende
gut alles gut  nun haben wir auch noch ein Feuerwerk Wo mag es sein Welche
Dörfer liegen da hinüber Sie sind ja so gut wie ein Generalstäbler lieber
Stechlin Sie müssen es wissen Ich vermute Friedrichsfelde Reizendes Dorf und
reizendes Schloss Ich war einmal da die Dame des Hauses ist eine Schwester der
Frau von Hülsen Ist es Friedrichsfelde«
    »Vielleicht gnädigste Gräfin Aber doch nicht wahrscheinlich
Friedrichsfelde gehört nicht in die Reihe der Vororte wo Feuerwerke sozusagen
auf dem Programm stehen Ich denke wir lassen es im ungewissen und freuen uns
der Sache selbst Sehen Sie jetzt beginnt es erst recht eigentlich Die Rakete
die wir da vorhin gesehen haben das war nur Vorspiel Jetzt haben wir erst das
Stück Es ist zu weit ab sonst würden wir das Knattern hören und die
Kanonenschläge Wahrscheinlich ist es Sedan oder Düppel oder der Übergang nach
Alsen Übrigens ist die Pyrotechnik eine profunde Wissenschaft geworden«
    »Und es soll auch Personen geben die ganz dafür leben und ihr Vermögen
hinopfern wie früher die Holländer für die Tulpen Tulpen wäre nun freilich
nicht mein Geschmack Aber Feuerwerk«
    »Ja unbedingt Und nur schade dass alle die die damit zu tun haben über
kurz oder lang in die Luft fliegen«
    »Das ist fatal Aber es steigert andrerseits doch auch wieder den Reiz
Sonderbar gefahrlose Berufe solche die sozusagen eine Zipfelmütze tragen
sind mir von jeher ein Greuel gewesen Interesse hat doch immer nur das
Vabanque Torpedoboote Tunnel unter dem Meere Luftballons Ich denke mir das
Nächste was wir erleben sind Luftschifferschlachten Wenn dann so eine Gondel
die andre entert Ich kann mich in solche Vorstellungen geradezu verlieben«
    »Ja liebe Melusine das seh ich« unterbrach hier die Baronin »Sie
verlieben sich in solche Vorstellungen und vergessen darüber die Wirklichkeiten
und sogar unser Programm Ich muss angesichts dieser doch erst kommenden
Luftschifferschlachten ganz ergebenst daran erinnern dass für heute noch wer
anders in der Luft schwebt und zwar Pastor Lorenzen Von dem sollte die Rede
sein Freilich der ist kein Pyrotechniker«
    »Nein« lachte Woldemar »das ist er nicht Aber als einen Aeronauten kann
ich ihn Ihnen beinahe vorstellen Er ist so recht ein Excelsior ein
Aufsteigemensch einer aus der wirklichen Obersphäre genau von daher wo alles
Hohe zu Haus ist die Hoffnung und sogar die Liebe«
    »Ja« lachte die Baronin »die Hoffnung und sogar die Liebe Wo bleibt aber
das dritte Da müssen S zu uns kommen Wir haben noch das dritte das heißt
also wir wissen auch was wir glauben sollen«
    »Ja sollen«
    »Sollen gewiss Sollen das ist die Hauptsache Wenn man weiß was man soll
so findt sichs schon Aber wo das Sollen fehlt da fehlt auch das Wollen Es
ist halt a Glück dass wir Rom haben und den Heiligen Vater«
    »Ach« sagte Melusine »wers Ihnen glaubt Baronin Aber lassen wir so
heikle Fragen und hören wir lieber von dem den ich  ich bin beschämt darüber 
in so wenig verbindlicher Weise vergessen konnte von unserm Wundermann mit der
Studentenliebe von dem Säulenheiligen der reinen Herzens ist und vor allem
von dem Schöpfer und geistigen Nährvater unsers Freundes Stechlin Eh bien was
ist es mit ihm An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen  das könnt uns beinahe
genügen Aber ich bin doch für ein Weiteres Und so denn attention au jeu Unser
Freund Stechlin hat das Wort«
    »Ja unser Freund Stechlin hat das Wort« wiederholte Woldemar »so sagen
Sie gütigst Frau Gräfin Aber dem nachkommen ist nicht so leicht Vorhin da
war ich im Zuge Jetzt wieder damit anfangen das hat seine Schwierigkeiten Und
dann erwarten die Damen immer eine Liebesgeschichte selbst wenn es sich um
einen Mann handelt den ich was diese Dinge betrifft so wenig versprechend
eingeführt habe Sie gehen also wie heute schon mehrfach ich erinnere nur an
das Eierhäuschen einer grausamen Enttäuschung entgegen«
    »Keine Ausflüchte«
    »Nun so seis denn Ich muss es aber auf einem Umwege versuchen und Ihnen
bei der Gelegenheit als Nächstes schildern wie meine letzte Begegnung mit
Lorenzen verlief Er war als ich bei ihm eintrat in ersichtlich großer
Erregung und zwar über ein Büchelchen das er in Händen hielt«
    »Und ich will raten was es war« unterbrach Melusine
    »Nun«
    »Ein Buch von Tolstoi Etwas mit viel Opfer und Entsagung Anpreisung von
Askese«
    »Sie sind auf dem richtigen Wege Gräfin nur nicht geographisch Es handelt
sich nämlich nicht östlich um einen Russen sondern westlich um einen
Portugiesen«
    »Um einen Portugiesen« lachte die Baronin »Oh ich kenne welche Sie sind
alle so klein und gelblich Und einer fand einen Seeweg Freilich schon lange
her Ist es nicht so«
    »Gewiss Frau Baronin es ist so Nur der um den es sich hier handelt das
ist keiner mit einem Seeweg sondern bloß ein Dichter«
    »Ach dessen erinnere ich mich auch ja ich habe sogar seinen Namen auf der
Zunge Mit einem großen C fängt er an Aber Kalderon ist es nicht«
    »Nein Kalderon ist es nicht es deckt sich da manches auch schon rein
landkartlich nicht mit dem um den sichs hier handelt Und ist überhaupt kein
alter Dichter sondern ein neuer Und heißt Joao de Deus«
    »Joao de Deus« wiederholte die Gräfin »Schon der Name Sonderbar Und was
war es mit dem«
    »Ja was war es mit dem Dieselbe Frage tat ich auch und ich habe nicht
vergessen was Lorenzen mir antwortete Dieser Joao de Deus so etwa waren seine
Worte war genau das was ich wohl sein möchte wonach ich suche seit ich zu
leben wirklich zu leben angefangen und wovon es beständig draußen in der Welt
heißt es gäbe dergleichen nicht mehr Aber es gibt dergleichen noch es muss
dergleichen geben oder doch wieder geben Unsre ganze Gesellschaft und nun gar
erst das was sich im besonderen so nennt ist aufgebaut auf dem Ich Das ist
ihr Fluch und daran muss sie zugrunde gehen Die Zehn Gebote das war der Alte
Bund der Neue Bund aber hat ein andres ein einziges Gebot und das klingt aus
in Und du hättest der Liebe nicht
    Ja so sprach Lorenzen« fuhr Woldemar nach einer Pause fort »und sprach
auch noch andres bis ich ihn unterbrach und ihm zurief Aber Lorenzen das
sind ja bloß Allgemeinheiten Sie wollten mir Persönliches von Joao de Deus
erzählen Was ist es mit dem Wer war er Lebt er Oder ist er tot
    Er ist tot aber seit kurzem erst und von seinem Tode spricht das kleine
Heft hier Höre Und nun begann er zu lesen Das aber was er las das lautete
etwa so  Und als er nun tot war der Joao de Deus da gab es eine
Landestrauer und alle Schulen in der Hauptstadt waren geschlossen und die
Minister und die Leute vom Hof und die Gelehrten und die Handwerker alles
folgte dem Sarge dicht gedrängt und die Fabrikarbeiterinnen hoben schluchzend
ihre Kinder in die Höh und zeigten auf den Toten und sagten »Un Santo un
Santo« Und sie taten so und sagten so weil er für die Armen gelebt hatte und
nicht für sich«
    »Das ist schön« sagte Melusine
    »Ja das ist schön« wiederholte Woldemar »und ich darf hinzusetzen in
dieser Geschichte haben Sie nicht bloß den Joao de Deus sondern auch meinen
Freund Lorenzen Er ist vielleicht nicht ganz wie sein Ideal Aber Liebe gibt
Ebenbürtigkeit«
    »Und so schlag ich denn vor« sagte die Baronin »dass wir den mit dem C
dessen Name mir übrigens noch einfallen wird vorläufig absetzen und statt
seiner den neuen mit dem D leben lassen Und natürlich unsern Lorenzen dazu«
    »Ja leben lassen« lachte Woldemar »Aber womit worin Les jours de
fête« und er wies auf das »Eierhäuschen« zurück
    »In dieser Notlage wollen wir uns helfen so gut es geht und uns statt
andrer Beschwörung einfach die Hände reichen selbstverständlich über Kreuz
hier erst Stechlin und Armgard und dann Melusine und ich«
    Und wirklich sie reichten sich in heiterer Feierlichkeit die Hände
    Gleich danach aber traten die beiden alten Herren an die Gruppe heran und
der Baron sagte »Das ist ja wie Rütli«
    »Mehr mehr Bah Freiheit Was ist Freiheit gegen Liebe«
    »So hats denn eine Verlobung gegeben«
    »Nein noch nicht« lachte Melusine
 
                            Wahl in RheinsbergWutz
                              Sechzehntes Kapitel
Der andre Morgen rief Woldemar zeitig zum Dienst Als er um neun Uhr auf sein
Zimmer zurückkehrte fand er auf dem Frühstückstisch Zeitungen und Briefe
Darunter war einer mit einem ziemlich großen Siegel der Lack schlecht und der
Brief überhaupt von sehr unmodischer Erscheinung ein bloß zusammengelegter
Quartbogen Woldemar nach Poststempel und Handschrift sehr wohl wissend woher
und von wem der Brief kam schob ihn während Fritz den Tee brachte beiseite
und erst als er eine Tasse genommen und länger als nötig dabei verweilt hatte
griff er wieder nach dem Brief und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger
»Ich hätte mir nach dem gestrigen Abend heute früh was andres gewünscht als
gerade diesen Brief« Und während er das so vor sich hin sprach standen ihm er
mochte wollen oder nicht die letzten Wutzer Augenblicke wieder vor der Seele
Die Tante hatte kurz bevor er das Kloster verließ noch einmal vertraulich
seine Hand genommen und ihm bei der Gelegenheit ausgesprochen was sie seit
lange bedrückte
    »Das Junggesellenleben Woldemar taugt nichts Dein Vater war auch schon zu
alt als er sich verheiratete Ich will nicht in deine Geheimnisse eindringen
aber ich möchte doch fragen dürfen wie stehst du dazu«
    »Nun ein Anfang ist gemacht Aber doch erst obenhin«
    »Berlinerin«
    »Ja und nein Die junge Dame lebt seit einer Reihe von Jahren in Berlin und
liebt unsre Stadt über Erwarten Insoweit ist sie Berlinerin Aber eigentlich
ist sie doch keine sie wurde drüben in London geboren und ihre Mutter war eine
Schweizerin«
    »Um Gottes willen«
    »Ich glaube liebe Tante du machst dir falsche Vorstellungen von einer
Schweizerin Du denkst sie dir auf einer Alm und mit einem Milchkübel«
    »Ich denke sie mir gar nicht Woldemar Ich weiß nur dass es ein wildes Land
ist«
    »Ein freies Land liebe Tante«
    »Ja das kennt man Und wenn du das Spiel noch einigermaßen in der Hand
hast so beschwör ich dich«
    An dieser Stelle war wie schon vorher durch Fix abermals weil eine
Störung kam das Gespräch mit der Tante auf andre Dinge hingeleitet worden und
nun hielt er ihren Brief in Händen und zögerte das Siegel zu brechen »Ich
weiß was drinsteht und ängstige mich doch beinahe Wenn es nicht Kämpfe gibt
so gibt es wenigstens Verstimmungen Und die sind mir womöglich noch fataler
Aber was hilft es«
    Und nun brach er den Brief auf und las
    »Ich nehme an mein lieber Woldemar dass Du meine letzten Worte noch in
Erinnerung hast Sie liefen auf den Rat und die Bitte hinaus gib auch in dieser
Frage die Heimat nicht auf halte Dich wenn es sein kann an das Nächste Schon
unsre Provinzen sind so sehr verschieden Ich sehe Dich über solche Worte
lächeln aber ich bleibe doch dabei Was ich Adel nenne das gibt es nur noch in
unsrer Mark und in unsrer alten Nachbar und Schwesterprovinz ja da vielleicht
noch reiner als bei uns Ich will nicht ausführen wies bei schärferem Zusehen
auf dem adligen Gesamtgebiete steht aber doch wenigstens ein paar Andeutungen
will ich machen Ich habe sie von allen Arten gesehen Da sind zum Beispiel die
rheinischen jungen Damen also die von Köln und Aachen nun ja die mögen ganz
gut sein aber sie sind katholisch und wenn sie nicht katholisch sind dann
sind sie was andres wo der Vater erst geadelt wurde Neben den rheinischen
haben wir dann die westfälischen Über die ließe sich reden Aber Schlesien Die
schlesischen Herrschaften die sich mitunter auch Magnaten nennen sind alle so
gut wie polnisch und leben von Jeu und haben die hübschesten Erzieherinnen
immer ganz jung da macht es sich am leichtesten Und dann sind da noch
weiterhin die preußischen das heißt die ostpreussischen wo schon alles aufhört
Nun die kenn ich die sind ganz wie ihre Litauer Füllen und schlagen aus und
beknabbern alles Und je reicher sie sind desto schlimmer Und nun wirst Du
fragen warum ich gegen andre so streng und so sehr für unsre Mark bin ja
speziell für unsre Mittelmark Deshalb mein lieber Woldemar weil wir in unsrer
Mittelmark nicht so bloß äußerlich in der Mitte liegen sondern weil wir auch in
allem die rechte Mitte haben und halten Ich habe mal gehört unser märkisches
Land sei das Land drin es nie Heilige gegeben drin man aber auch keine Ketzer
verbrannt habe Sieh das ist das worauf es ankommt Mittelzustand  darauf
baut sich das Glück auf Und dann haben wir hier noch zweierlei in unserer
Bevölkerung die reine Lehre und in unserm Adel das reine Blut Die wo das nicht
zutrifft die kennt man Einige meinen freilich das was sie das Geistige
nennen das litte darunter Das ist aber alles Torheit Und wenn es litte es
leidet aber nicht so schadet das gar nichts Wenn das Herz gesund ist ist der
Kopf nie ganz schlecht Auf diesen Satz kannst du Dich verlassen Und so bleibe
denn wenn Du suchst in unsrer Mark und vergiss nie dass wir das sind was man
so brandenburgische Geschichte nennt Am eindringlichsten aber lass Dir unsre
Rheinsberger Gegend empfohlen sein von der mir selbst Koseleger  trotzdem
seine Feinde behaupten er betrachte sich hier bloß wie in Verbannung und sehne
sich fort nach einer Berliner Domstelle  von der mir selbst Koseleger sagte
Wenn man sich die preußische Geschichte genau ansieht so findet man immer dass
sich alles auf unsre alte liebe Grafschaft zurückführen lässt da liegen die
Wurzeln unsrer Kraft Und so schließe ich denn mit der Bitte heirate heimisch
und heirate luterisch Und nicht nach Geld Geld erniedrigt und halte Dich
dabei versichert der Liebe Deiner Dich herzlich liebenden Tante und Patin
Adelheid von St«
    Woldemar lachte »Heirate heimisch und heirate luterisch  das hör ich nun
schon seit Jahren Und auch das dritte höre ich immer wieder Geld erniedrigt
Aber das kenn ich Wenns nur recht viel ist kann es schließlich auch eine
Chinesin sein In der Mark ist alles Geldfrage Geld  weil keins da ist 
spricht Person und Sache heilig und was noch mehr sagen will beschwichtigt
zuletzt auch den Eigensinn einer alten Tante«
    Während er lachend so vor sich hin sprach überflog er noch einmal den Brief
und sah jetzt dass eine Nachschrift an den Rand der vierten Seite gekritzelt
war »Eben war Katzler hier der mir von der am Sonnabend in unserm Kreise
stattfindenden Nachwahl erzählte Dein Vater ist aufgestellt worden und hat auch
angenommen Er bleibt doch immer der alte Gewiss wird er sich einbilden ein
Opfer zu bringen  er litt von Jugend auf an solchen Einbildungen Aber was ihm
ein Opfer bedünkte waren bei Lichte besehen immer bloß Eitelkeiten Deine A
von St«
 
                              Siebzehntes Kapitel
Es war so wie die Tante geschrieben Dubslav hatte sich als konservativen
Kandidaten aufstellen lassen und wenn für Woldemar noch Zweifel darüber gewesen
wären so hätten einige am Tage darauf von Lorenzen eintreffende Zeilen diese
Zweifel beseitigt Es hieß in Lorenzens Brief
    »Seit Deinem letzten Besuch hat sich hier allerlei Großes zugetragen Noch
am selben Abend erschienen Gundermann und Koseleger und drangen in Deinen Vater
zu kandidieren Er lehnte zunächst natürlich ab er sei weltfremd und verstehe
nichts davon Aber damit kam er nicht weit Koseleger der  was ihm auch später
noch von Nutzen sein wird  immer ein paar Anekdoten auf der Pfanne hat
erzählte ihm sofort dass vor Jahren schon als ein von Bismarck zum
Finanzminister Ausersehener sich in gleicher Weise mit einem Ich verstehe nichts
davon aus der Affäre ziehen wollte er der bismarckischprompten Antwort
begegnet sei Darum wähle ich Sie ja gerade mein Lieber  eine Geschichte der
Dein Vater natürlich nicht widerstehen konnte Kurzum er hat eingewilligt Von
Herumreisen ist selbstverständlich Abstand genommen worden ebenso vom
Redenhalten Schon nächsten Sonnabend haben wir Wahl In Rheinsberg wie immer
fallen die Würfel Ich glaube dass er siegt Nur die Fortschrittler können in
Betracht kommen und allenfalls die Sozialdemokraten wenn vom Fortschritt was
leicht möglich ist einiges abbröckelt Unter allen Umständen schreibe Deinem
Papa dass Du Dich seines Entschlusses freutest Du kannst es mit gutem Gewissen
Bringen wir ihn durch so weiß ich dass kein Besserer im Reichstag sitzt und dass
wir uns alle zu seiner Wahl gratulieren können Er sich persönlich allerdings
auch Denn sein Leben hier ist zu einsam so sehr dass er was doch sonst nicht
seine Sache ist mitunter darüber klagt Das war das was ich Dich wissen lassen
musste Sonst nichts Neues vor Paris Krippenstapel geht in großer Aufregung
einher ich glaube wegen unsrer auf Donnerstag in Stechlin selbst angesetzten
Vorversammlung wo er mutmasslich seine herkömmliche Rede über den Bienenstaat
halten wird Empfiehl mich Deinen zwei liebenswürdigen Freunden besonders
Czako Wie immer Dein alter Freund Lorenzen«
    Woldemar als er gelesen wusste nicht recht wie er sich dazu stellen
sollte Was Lorenzen da schrieb »dass kein Besserer im Hause sitzen würde« war
richtig aber er hatte trotzdem Bedenken und Sorge Der Alte war durchaus kein
Politiker er konnte sich also stark in die Nesseln setzen ja vielleicht zur
komischen Figur werden Und dieser Gedanke war ihm dem Sohne der den Vater
schwärmerisch liebte sehr schmerzlich Außerdem blieb doch auch immer noch die
Möglichkeit dass er in dem Wahlkampf unterlag
Diese Bedenken Woldemars waren nur allzu berechtigt Es stand durchaus nicht
fest dass der alte Dubslav so beliebt er selbst bei den Gegnern war als Sieger
aus der Wahlschlacht hervorgehen müsse Die Konservativen hatten sich freilich
daran gewöhnt RheinsbergWutz als eine »Hochburg« anzusehen die der
staatserhaltenden Partei nicht verlorengehen könne diese Vorstellung aber war
ein Irrtum und die bisherige Reverenz gegen den alten Kortschädel wurzelte
lediglich in etwas Persönlichem Nun war ihm Dubslav an Ansehen und Beliebteit
freilich ebenbürtig aber das mit der ewigen persönlichen Rücksichtnahme musste
doch mal ein Ende nehmen und das Anrecht das sich der alte Kortschädel
ersessen hatte mit diesem musst es vorbei sein eben weil sichs endlich um
einen Neuen handelte Kein Zweifel die gegnerischen Parteien regten sich und
es lag genau so wie Lorenzen an Woldemar geschrieben »dass ein Fortschrittler
aber auch ein Sozialdemokrat gewählt werden könne«
    Wie die Stimmung im Kreise wirklich war das hätte der am besten erfahren
der im Vorübergehen an der Komptoirtür des alten Baruch Hirschfeld gehorcht
hätte
    »Lass dir sagen Isidor du wirst also wählen den guten alten Herrn von
Stechlin«
    »Nein Vater Ich werde nicht wählen den guten alten Herrn von Stechlin«
    »Warum nicht Ist er doch ein lieber Herr und hat das richtige Herz«
    »Das hat er aber er hat das falsche Prinzip«
    »Isidor sprich mir nicht von Prinzip Ich habe dich gesehen als du hast
scharmiert mit dem Mariechen von nebenan und hast ihr aufgebunden das
Schürzenband und sie hat dir gegeben einen Klaps Du hast gebuhlt um das
christliche Mädchen Und du buhlst jetzt wo die Wahl kommt um die öffentliche
Meinung Und das mit dem Mädchen das hab ich dir verziehen Aber die
öffentliche Meinung verzeih ich dir nicht«
    »Wirst du Vaterleben haben wir doch die neue Zeit Und wenn ich wähle
wähl ich für die Menschheit«
    »Geh mir Isidor die kenn ich Die Menschheit die will haben aber nicht
geben Und jetzt wollen sie auch noch teilen«
    »Lass sie teilen Vater«
    »Gott der Gerechte was meinst du was du kriegst Nicht den zehnten Teil«
    Und ähnlich ging es in den andern Ortschaften In Wutz sprach Fix für das
Kloster und die Konservativen im allgemeinen ohne dabei Dubslav in Vorschlag zu
bringen weil er wusste wie die Domina zu ihrem Bruder stand Ein Linkskandidat
aus Cremmen schien denn auch in der Wutzer Gegend die Oberhand gewinnen zu
sollen Noch gefährlicher für die ganze Grafschaft war aber ein Wanderapostel
aus Berlin der von Dorf zu Dorf zog und die kleinen Leute dahin belehrte dass
es ein Unsinn sei von Adel und Kirche was zu erwarten Die vertrösteten immer
bloß auf den Himmel Achtstündiger Arbeitstag und Lohnerhöhung und
Sonntagspartie nach Finkenkrug  das sei das Wahre
    So zersplitterte sichs allerorten Aber wenigstens um den Stechlin herum
hoffte man der Sache noch Herr werden und alle Stimmen auf Dubslav vereinigen zu
können Im Dorfkruge wollte man zu diesem Zwecke beraten und Donnerstag sieben
Uhr war dazu festgesetzt
Der Stechliner Krug lag an dem Platze der durch die Kreuzung der von Wutz her
heranführenden Kastanienallee mit der eigentlichen Dorfstraße gebildet wurde
und war unter den vier hier gelegenen Eckhäusern das stattlichste Vor seiner
Front standen ein paar uralte Linden und drei vier Stehkrippen waren bis dicht
an die Hauswand herangeschoben aber alle ganz nach links hin wo sich Eckladen
und Gaststube befanden während nach der rechten Seite hin der große Saal lag
in dem heute Dubslav wenn nicht für die Welt so doch für RheinsbergWutz und
wenn nicht für RheinsbergWutz so doch für Stechlin und Umgegend proklamiert
werden sollte Dieser große Saal war ein fünffenstriger Längsraum der schon
manchen Schottischen erlebt was er in seiner Erscheinung auch heute nicht zu
verleugnen trachtete Denn nicht nur waren ihm alle seine blanken Wandleuchter
verblieben auch die mächtige Bassgeige die jedesmal wegzuschaffen viel zu
mühsam gewesen wäre guckte schräg gestellt mit ihrem langen Halse von der
Musikempore her über die Brüstung fort
    Unter dieser Empore quer durch den Saal hin stand ein für das Komitee
bestimmter länglicher Tisch mit Tischdecke während auf den links und rechts
sich hinziehenden Bänken einige zwanzig Vertrauensmänner saßen denen es
hinterher oblag im Sinne der Komiteebeschlüsse weiterzuwirken Die
Vertrauensmänner waren meist wohlhabende Stechliner Bauern untermischt mit
offiziellen und halboffiziellen Leuten aus der Nachbarschaft Förster und
Waldhüter und Vormänner von den verschiedenen Glas und Teeröfen Zu diesen
gesellte sich noch ein Torfinspektor ein Vermessungsbeamter ein
Steueroffiziant und schließlich ein gescheiterter Kaufmann der jetzt Agent war
und die Post besorgte Natürlich war auch Landbriefträger Brose da samt der
gesamten Sicherheitsbehörde Fussgensdarm Uncke und Wachtmeister Pyterke von der
reitenden Gensdarmerie Pyterke gehörte nur halb mit zum Revier es war das
immer ein streitiger Punkt erschien aber trotzdem mit Vorliebe bei
Versammlungen der Art Es gab nämlich für ihn nichts Vergnüglicheres als seinen
Kameraden und Amtsgenossen Uncke bei solcher Gelegenheit zu beobachten und sich
dabei seiner ungeheuren übrigens durchaus berechtigten Überlegenheit als
schöner Mann und ehemaliger Gardekürassier bewusst zu werden Uncke war ihm der
Inbegriff des Komischen und wenn ihn schon das rote verkupferte Gesicht an und
für sich amüsierte so doch viel viel mehr noch der gefärbte
Schuhbürstenbackenbart vor allem aber das Augenspiel mit dem er den
Verhandlungen zu folgen pflegte Pyterke hatte recht Uncke war wirklich eine
komische Figur Seine Miene sagte beständig »An mir hängt es« dabei war er ein
höchst gutmütiger Mann der nie mehr als nötig aufschrieb und auch nur selten
auflöste
    Der Saal hatte nach dem Flur hin drei Türen An der Mitteltür standen die
beiden Gensdarmen und rückten sich zurecht als sich der Vorsitzende des
Komitees mit dem Glockenschlag sieben von seinem Platz erhob und die Sitzung für
eröffnet erklärte
    Dieser Vorsitzende war natürlich Oberförster Katzler der heute statt des
bloßen schwarzweißen Bandes sein bei St Marie aux Chênes erworbenes Eisernes
Kreuz in Substanz eingeknöpft hatte Neben ihm saßen Superintendent Koseleger
und Pastor Lorenzen an der linken Schmalseite Krippenstapel an der rechten
Schulze Kluckhuhn letzterer auch dekoriert und zwar mit der Düppelmedaille
trotzdem er bei Düppel in der Reserve gestanden Er scherzte gern darüber und
sagte während er seine beneidenswerten Zähne zeigte »Ja Kinder so geht es
Bei Alsen war ich aber bei Düppel war ich nich und dafür hab ich nu die
Düppelmedaille«
    Schulze Kluckhuhn war überhaupt eine humoristisch angeflogene
Persönlichkeit Liebling des alten Dubslav und trat immer wenn sich die alten
Kriegerbundleute von sechsundsechzig und siebzig aufs hohe Pferd setzen wollten
für die von vierundsechzig ein »Ja vierundsechzig Kinder da fing es an Und
aller Anfang ist schwer Anfangen ist immer die Hauptsache das andre kommt dann
schon wie von selbst« Ein alter Globsower der bei Spichern mit gestürmt und
sich durch besondere Tapferkeit hervorgetan hatte war denn auch bloß weil er
einer von Anno siebzig war ein Gegenstand seiner besonderen Bemängelungen »Ich
will ja nich sagen Tübbecke dass es bei Spichern gar nichts war aber gegen
Düppel wenn ich auch nicht mit dabeigewesen gegen Düppel war es gar nichts
Wie war es denn bei Spichern wovon du soviel redst als ob sich vierundsechzig
daneben verstecken müsste Bei Spichern da waren Menschen oben aber bei Düppel
da waren Schanzen oben Und ich sage dir Schanzen mit m Turm drin Da pfeift
es ganz anders Das heißt von Pfeifen war schon eigentlich gar keine Rede
mehr« Eine Folge dieser Anschauung war es denn auch dass in den Augen
Kluckhuhns der Pionier Klinke der bei Düppel unter Opferung seines Lebens den
Palisadenpfahl von Schanze drei weggesprengt hatte der eigentliche Held aller
drei Kriege war und alles in allem nur einen Rivalen hatte Dieser eine Rivale
stand aber drüben auf Seite der Dänen und war überhaupt kein Mensch sondern ein
Schiff und hieß »Rolf Krake« »Ja Kinder wie wir nu da so rübergondelten da
lag das schwarze Biest immer dicht neben uns und sah aus wie n Sarg Und wenn
es gewollt hätte so wär es auch alle mit uns gewesen und bloß noch plumps in
den Alsensund Und weil wir das wussten schossen wir immer drauflos denn wenn
einem so zumute ist dann schießt der Mensch immerzu«
    Ja »Rolf Krake« war eine fatale Sache für Kluckhuhn gewesen Aber dasselbe
schwarze Schiff das ihm damals soviel Furcht und Sorge gemacht hatte war doch
auch wieder ein Segen für ihn geworden und man durfte sagen sein Leben stand
seitdem im Zeichen von »Rolf Krake« Wie Gundermann immer der Sozialdemokratie
das »Wasser abstellen« wollte so verglich Kluckhuhn alles zur Sozialdemokratie
Gehörige mit dem schwarzen Ungetüm im Alsensund »Ich sag euch was sie jetzt
die soziale Revolution nennen das liegt neben uns wie damals Rolf Krake Bebel
wartet bloß und mit eins fegt er dazwischen«
    Schulze Kluckhuhn war in der ganzen Stechliner Gegend sehr angesehen und
als er jetzt mit seiner Medaille so dasaß dicht neben Koseleger war er sich
dessen auch wohl bewusst Aber gegen Krippenstapel den er als Schulpauker und
Bienenvater eigentlich nicht für voll ansah kam er bei dieser Gelegenheit doch
nicht an Krippenstapel hatte heute ganz seinen großen Tag so sehr dass selbst
Kluckhuhn seinen Ton herabstimmen musste
    Katzler ein entschiedener Nichtredner begann als er sich mit seinem
Notizenzettel auf dem verschiedene Satzanfänge standen erhoben hatte mit der
Versicherung dass er den so zahlreich Anwesenden unter denen vielleicht auch
einige Andersdenkende seien für ihr Erscheinen danke Sie wüssten alle zu
welchem Zweck sie hier seien Der alte Kortschädel sei tot »er ist in Ehren
hingegangen« und es handle sich heute darum dem alten Herrn von Kortschädel im
Reichstag einen Nachfolger zu geben Die Grafschaft habe immer konservativ
gewählt es sei Ehrensache wieder konservativ zu wählen
    »Und ob die Welt voll Teufel wär« Es liege der Grafschaft ob dieser Welt
des Abfalls zu zeigen dass es noch »Stätten« gäbe Und hier sei eine solche
Stätte »Wir haben glaub ich« so schloss er »niemand an diesem Tisch der das
Parlamentarische voll beherrscht weshalb ich bemüht gewesen bin das was uns
hier zusammengeführt hat schriftlich niederzulegen Es ist ein schwacher
Versuch Jeder tut soviel er kann und der Brombeerstrauch hat eben nur seine
Beeren Aber auch sie können den durstigen Wanderer erfrischen Und so bitte ich
denn unsern politischen Freund dem wir außerdem für die Erforschung dieser
Gegenden soviel verdanken ich bitte Herrn Lehrer Krippenstapel uns das von mir
Aufgesetzte vorlesen zu wollen Ein Promemoria Man kann es vielleicht so
nennen«
    Katzler unter Verneigung setzte sich wieder während sich Krippenstapel
erhob Er blätterte wie ein Rechtsanwalt in einer Anzahl von Papieren und sagte
dann »Ich folge der Aufforderung des Herrn Vorsitzenden und freue mich berufen
zu sein ein Schriftstück zur Verlesung zu bringen das unser aller Gefühlen 
ich bin dessen sicher und glaube von den Einschränkungen die unser Herr
Vorsitzender gemacht hat absehen zu dürfen  zu kräftigstem Ausdruck verhilft«
    Und nun setzte Krippenstapel seine Hornbrille auf und las Es war ein ganz
kurzes Schriftstück und enthielt eigentlich dasselbe was Katzler schon gesagt
hatte Die Betonungen Krippenstapels sorgten aber dafür dass der Beifall
reichlicher war und dass die Schlusswendung »und so vereinigen wir uns denn in
dem Satze was um den Stechlin herum wohnt das ist für Stechlin« einen
ungeheuren Beifall fand Pyterke hob seinen Helm und stieß mit dem Pallasch auf
während Uncke sich umsah ob doch vielleicht ein einzelner Übelwollender zu
notieren sei Nicht um ihn direkt anzuzeigen aber doch zur Kenntnisnahme
Brose der wohl eine Folge seines Berufs unter dem ungewohnten langen
Stillstehen gelitten hatte nahm im Vorflur wie zur Niederkämpfung seiner
Beinnervosität eine Art Probegeschwindschritt rasch wieder auf während
Kluckhuhn sich von seinem Stuhl erhob um Katzler erst militärisch und dann
unter gewöhnlicher Verbeugung zu begrüßen wobei seine Düppelmedaille dem
Katzlerschen Eisernen Kreuz entgegenpendelte Nur Koseleger und Lorenzen blieben
ruhig Um des Superintendenten Mund war ein leiser ironischer Zug
    Dann erklärte der Vorsitzende die Sitzung für geschlossen alles brach auf
und nur Uncke sagte zu Brose »Wir bleiben noch Brose morgen wird es Lauferei
genug geben«
    »Denk ich auch Aber lieber laufen als hier so stillestehen«
 
                              Achtzehntes Kapitel
Draußen unter dem Gezweig der alten Linden standen mehrere Kaleschwagen aber
der des Superintendenten fehlte noch weil Koseleger eine viel längere Sitzung
erwartet und daraufhin seinen Wagen erst zu zehn Uhr bestellt hatte Bis dahin
war noch eine hübsche Zeit der Superintendent indessen schien nicht unzufrieden
darüber und seines Amtsbruders Arm nehmend sagte er »Lieber Lorenzen ich muss
mich wie Sie sehen bei Ihnen zu Gaste laden Als Unverheirateter werden Sie
so hoffe ich über die Störung leicht hinwegkommen Die Ehe bedeutet in der
Regel Segen wenigstens an Kindern aber die Nichtehe hat auch ihre Segnungen
Unsre guten Frauen entschlagen sich dieser Einsicht und dieser unbedingte
Glauben an sich und ihre Wichtigkeit hat oft was Rührendes«
    Lorenzen der sich  bei voller Würdigung der Gaben seines ihm vorgesetzten
und zugleich gern einen spöttischen Ton anschlagenden Amtsbruders  im
allgemeinen nicht viel aus ihm machte war diesmal mit allem einverstanden und
nickte während sie schräg über den Platz fort auf die Pfarre zuschritten
    »Ja diese Einbildungen« fuhr Koseleger fort zu dessen Lieblingsgesprächen
dieses Thema gehörte »Gewiss ist es richtig dass wir samt und sonders von
Einbildungen leben aber für die Frauen ist es das tägliche Brot Sie
malträtieren ihren Mann und sprechen dabei von Liebe sie werden malträtiert und
sprechen erst recht von Liebe sie sehen alles so wie sies sehen wollen und
vor allem haben sie ein Talent sich mit Tugenden auszurüsten erlassen Sie mir
diese Tugenden aufzuzählen die sie durchaus nicht besitzen Unter diesen meist
nur in der Vorstellung existierenden Tugenden befindet sich auch die der
Gastlichkeit wenigstens hierlandes Und nun gar unsre Pfarrmütter Eine jede
hätt sich für die heilige Elisabet mit den bekannten Broten im Korb Haben Sie
übrigens das Bild auf der Wartburg gesehen Unter allen Schwindschen Sachen
steht es mir so ziemlich obenan Und in Wahrheit um auf unsere Pfarrmütter
zurückzukommen liegt es doch so dass ich mich bei pastorlichen Junggesellen
immer am besten aufgehoben gefühlt habe«
    Lorenzen lachte »Wenn Sie nur heute nicht widerlegt werden Herr
Superintendent«
    »Ganz undenkbar lieber Lorenzen Ich bin noch nicht lang in dieser Gegend
in meinem guten QuadenHennersdorf da drüben aber wenn auch nicht lange so
doch lange genug um zu wissen wies hierherum aussieht Und Ihr Renommee
Sie sollen so was von einem Feinschmecker an sich haben Kann ich mir übrigens
denken Sie sind Ästetikus und das ist man nicht ungestraft am wenigsten in
bezug auf die Zunge Ja das Ästetische Für manchen ist es ein Unglück Ich
weiß davon Das Haus hier vor uns ist wohl Ihr Schulhaus Weiß gestrichen und
kein Fetzchen Gardine das ist immer ne preußische Schule So wird bei uns die
Volksseele für das was schön ist grossgezogen Aber es kommt auch was dabei
heraus Mitunter wunderts mich nur dass sie die Bauten aus der Zeit Friedrich
Wilhelms I nicht besser konservieren Eigentlich war das doch das Ideal Graue
Wand hundert Löcher drin und unten großes Hauptloch Und natürlich ein
Schilderhaus daneben Letzteres das Wichtigste Schade dass so was verlorengeht
Übrigens rettet hier der grüne Staketenzaun das Ganze Wie heißt doch der
Lehrer«
    »Krippenstapel«
    »Richtig Krippenstapel Katzler nannte ihn ja während der Sitzung mit einer
Art Aplomb Ich erinnere mich noch wie mir der Name wohltat als ich ihn das
erste Mal hörte So heißt nicht jeder Wie kommen Sie mit dem Manne aus«
    »Sehr gut Herr Superintendent«
    »Freut mich aufrichtig Aber es muss ein Kunststück sein Er hat ein Gesicht
wie ne Eule dabei so was Steifleinenes und zugleich Selbstbewusstes Der
richtige Lehrer Meiner in QuadenHennersdorf war ebenso Aber er lässt nun schon
ein bisschen nach«
    Unter diesen Worten waren sie bis an die Pfarre gekommen in der man ohne
dass ein Bote vorausgeschickt worden wäre doch schon wusste dass der Herr
Superintendent mit erscheinen würde Nun war er da Nur wenige Minuten waren
seit dem Aufbruch vom Krug her vergangen die trotz Kürze für Frau Kulicke eine
Lehrerswitwe die Lorenzen die Wirtschaft führte ausgereicht hatten alles in
Chic und Ordnung zu bringen Auf dem länglichen Hausflur an dessen äusserstem
Ende man gleich beim Eintreten die blinkblanke Küche sah brannten ein paar
helle Paraffinkerzen während rechts daneben in der offenstehenden
Studierstube eine große Lampe mit grünem Bilderschirm ein gedämpftes Licht gab
Lorenzen schob den Sofatisch darauf Zeitungen hoch aufgeschichtet lagen ein
wenig zurück und bat Koseleger Platz zu nehmen Aber dieser eben jetzt das
große Bild bemerkend das in beinahe reicher Umrahmung über dem Sofa hing nahm
den ihm angebotenen Platz nicht gleich ein sondern sagte sich über den Tisch
vorbeugend »Ah gratuliere Lorenzen Kreuzabnahme Rubens Das ist ja ein
wunderschöner Stich Oder eigentlich Aquatinta Dergleichen wird hier wohl im
siebenmeiligen Umkreis nicht oft betroffen werden nicht einmal in dem etwas
heraufgepufften Rheinsberg in Rheinsberg war man für Watteausche Reifrockdamen
auf einer Schaukel aber nicht für Kreuzabnahmen und dergleichen Und stammt
auch sicher nicht aus dem sogenannten Schloss Ihres liebenswürdigen alten Herrn
drüben Riesenkate mit Glaskugel davor Ach wenn ich diese Glaskugeln sehe Und
daneben das hier Wissen Sie Lorenzen das Bild hier ruft mir eine schöne
Stunde meines Lebens zurück einen Reisetag wo ich mit Grossfürstin Wera vom
Haag aus in Antwerpen war Da sah ich das Bild in der Kathedrale Waren Sie da«
    Lorenzen verneinte
    »Das wäre was für Sie Dieser Rubens im Original in seiner Farbenallgewalt
Es heißt immer dass er nur Flamänderinnen hätte malen können Nun das wäre wohl
auch noch nicht das schlimmste gewesen Aber er konnte mehr Sehen Sie den
Christus Wohl jedem der draußen war und zu dem die Welt mal in andern Zungen
redete Hier blüht der Bilderbogen Türke links Russe rechts Ach Lorenzen es
ist traurig hier versauern zu müssen«
    Als er so gesprochen ließ er sich vor sich hin starrend in die Sofaecke
nieder ganz wie in andre Zeiten verloren und sah erst wieder auf als ein
junges Ding ins Zimmer trat groß und schlank und blond und dem Pastor verlegen
und errötend etwas zuflüsterte
    »Meine gute Frau Kulicke« sagte Lorenzen »lässt eben fragen ob wir unsern
Imbiss im Nebenzimmer nehmen wollen Ich möchte beinahe glauben es ist das
beste wir bleiben hier Es heißt zwar ein Esszimmer müsse kalt sein Nun das
hätten wir nebenan Ich persönlich finde jedoch das Temperierte besser Aber ich
bitte bestimmen zu wollen Herr Superintendent«
    »Temperiert Mir aus der Seele gesprochen Also wir bleiben wo wir sind
Aber sagen Sie mir Lorenzen wer war das entzückende Geschöpf Wie ein Bild von
Knaus Halb Prinzess halb Rotkäppchen Wie alt ist sie denn«
    »Siebzehn Eine Nichte meiner guten Frau Kulicke«
    »Siebzehn Ach Lorenzen wie Sie zu beneiden sind Immer solche
Menschenblüte zu sehen Und siebzehn sagen Sie Ja das ist das Eigentliche
Sechzehn hat noch ein bisschen von der Eierschale noch ein bisschen den
Einsegnungscharakter und achtzehn ist schon wieder alltäglich Achtzehn kann
jeder sein Aber siebzehn Ein wunderbarer Mittelzustand Und wie heißt sie«
    »Elfriede«
    »Auch das noch«
    Lorenzen wiegte den Kopf und lächelte
    »Ja Sie lächeln Lorenzen und wissen nicht wie gut Sies haben in dieser
Ihrer Waldpfarre Was ich hier sehe heimelt mich an das ganze Dorf alles
Wenn ich mir da beispielsweise den Tisch wieder vergegenwärtige dran wir
drüben im Krug vor einer halben Stunde gesessen haben an der linken Seite
dieser Krippenstapel er sei wie er sei und an der rechten Seite dieser Rolf
Krake Das sind ja doch lauter Größen Denn das Groteske hat eben auch seine
Größen und nicht die schlechtesten Und dazu dieser Katzler mit seiner
Ermyntrud All das haben Sie dicht um sich her und dazu dies Kind diese
Elfriede die hoffentlich nicht Kulicke heißt  sonst bricht freilich mein
ganzes Begeisterungsgebäude wieder zusammen Und nun nehmen Sie mich Ihren
Superintendenten das große Kirchenlicht dieser Gegenden Alles nackte Prosa
widerhaarige Kollegen und Amtsbrüder die mir nicht verzeihen können dass ich im
Haag war und mit einer Grossfürstin über Land fahren konnte Glauben Sie mir
Grossfürstinnen selbst wenn sie Mängel haben und sie haben Mängel sind mir
immer noch lieber als das Landesgewächs von QuadenHennersdorf und mitunter ist
mir zumut als gäbe es keine Weltordnung mehr«
    »Aber Herr Superintendent«
    »Ja Lorenzen Sie setzen ein überraschtes Gesicht auf und wundern sich dass
einer für den die hohe Klerisei soviel getan und ihn zum Superintendenten in
der gesegneten Mittelmark und der noch gesegneteren Grafschaft Ruppin gemacht
hat  Sie wundern sich dass solch zehnmal Glücklicher solchen Hochverrat redet
Aber bin ich ein Glücklicher Ich bin ein Unglücklicher«
    
    »Aber Herr Superintendent«
    » Und möchte dass ich eine HundertundfünfzigSeelenGemeinde hätte sagen
wir auf dem Toten Mann oder in der Tuchler Heide Sehen Sie dann wär es vorbei
dann wüsst ich bestimmt Du bist in den Skat gelegt Und das kann unter Umständen
ein Trost sein Die Leute die Schiffbruch gelitten und nun in einer
Isolierzelle sitzen und Tüten kleben oder Wolle zupfen das sind nicht die
Unglücklichsten Unglücklich sind immer bloß die Halben Und als einen solchen
habe ich die Ehre mich Ihnen vorzustellen Ich bin ein Halber vielleicht sogar
in dem worauf es ankommt aber lassen wir das ich will hier nur vom allgemein
Menschlichen sprechen Und dass ich auch in diesem Menschlichen ein Halber bin
das quält mich Über das andre käm ich vielleicht weg«
    Lorenzens Augen wurden immer größer
    »Sehen Sie da war ich also  verzeihen Sie dass ich immer wieder darauf
zurückkomme  da war ich also mit siebenundzwanzig im Haag und kam in die
vornehme Welt die da zu Hause ist Und da war ich denn heut in Amsterdam und
morgen in Scheveningen und den dritten Tag in Gent oder in Brügge Brügge
Reliquienschrein Hans Memling  so was müssten Sie sehen Was sollen uns diese
ewigen Markgrafen oder gar die Faule Grete Mancher ich weiß wohl ist fürs
härene Gewand oder zum Eremiten geboren Ich nicht Ich bin von der andern
Seite meine Seele hängt an Leben und Schönheit Und nun spricht da draußen all
dergleichen zu einem und man tränkt sich damit und hat einen Ehrgeiz nicht
einen kindischen sondern einen echten der höher hinauf will weil man da
wirken und schaffen kann für sich gewiss aber auch für andre Danach dürstet
einen Und nun kommt der Becher der diesen Durst stillen soll Und dieser
Becher heißt QuadenHennersdorf Das Dorf das mich umgibt ist ein großes
Bauerndorf aufgesteifte Leute geschwollen und harterzig und natürlich so
trocken und trivial wie die Leute hier alle sind Und noch stolz darauf Ach
Lorenzen immer wieder wie beneide ich Sie«
    Während Koseleger noch so sprach erschien Frau Kulicke Sie schob die
Zeitungen zurück um zwei Kouverts legen zu können und nun brachte sie den
Rotwein und ein Kabaret mit Brötchen In dünngeschliffene große Gläser schenkte
Lorenzen ein und die beiden Amtsbrüder stießen an »auf bessere Zeiten«
    Aber sie dachten sich sehr Verschiedenes dabei weil sich der eine nur mit
sich der andre nur mit andern beschäftigte
    »Wir könnten glaub ich« sagte Lorenzen »neben den besseren Zeiten noch
dies und das leben lassen Zunächst Ihr Wohl Herr Superintendent Und zum
zweiten auf das Wohl unsers guten alten Stechlin der uns doch heute
zusammengeführt Ob wir ihn durchbringen Katzler tat so sicher und Kluckhuhn
und Krippenstapel nun schon ganz gewiss Aber ich habe trotzdem Zweifel Die
Konservativen  ich kann kaum sagen unsre Parteigenossen oder doch nur in sehr
bedingtem Sinne  die Konservativen sind in sich gespalten Es gibt ihrer
viele denen unser alter Stechlin um ein gut Teil zu flau ist Fortiter in re
suaviter in modo hat neulich einer der sich auf Bildung ausspielt von dem
Alten gesagt und von suaviter wenn auch nur in modo wollen alle diese Herren
nichts wissen Unter diesen Ultras ist natürlich auch Gundermann auf
Siebenmühlen der Ihnen vielleicht bekannt geworden ist«
    »Versteht sich War neulich bei mir Ein Mann von drei Redensarten von
denen die zwei besten aus der Wassermüllersphäre genommen sind«
    »Nun dieser Gundermann wie immer die Dummen ist zugleich Intrigant und
während er vorgibt für unsern guten alten Stechlin zu werben tropft er den
Leuten Gift ins Ohr und erzählt ihnen dass der Alte senil sei und keinen Schneid
habe Der alte Stechlin hat aber mehr Schneid als sieben Gundermanns Gundermann
ist ein Bourgeois und ein Parvenu also so ziemlich das Schlechteste was einer
sein kann Ich bin schon zufrieden wenn dieser Jämmerling unterliegt Aber um
den Alten bin ich besorgt Ich kann nur wiederholen es liegt nicht so günstig
für ihn wie die Gegend hier sich einbildet Denn auf das arme Volk ist kein
Verlass Ein Versprechen und ein Kornus und alles schnappt ab«
    »Ich werde das Meine tun« sagte Koseleger mit einer Mischung von Patos und
Wohlwollen Aber Lorenzen hatte dabei den Eindruck dass sein
QuadenHennersdorfer Superintendent bereits ganz andern Bildern nachhing Und so
war es auch Was war für Koseleger diese traurige Gegenwart Ihn beschäftigte
nur die Zukunft und wenn er in die hineinsah so sah er einen langen langen
Korridor mit Oberlicht und am Ausgang ein Klingelschild mit der Aufschrift »Dr
Koseleger Generalsuperintendent«
So ziemlich um dieselbe Stunde wo die beiden Amtsbrüder »auf bessere Zeiten«
anstiessen hielt Katzlers Pürschwagen  die Sterne blinkten schon  vor seiner
Oberförsterei Das Blaffen der Hunde das solange der Wagen noch weitab war
unausgesetzt über die Waldwiese hingeklungen war verkehrte sich mit einem Mal
in winseliges Geheul und wunderliche Freudentöne Katzler sprang aus dem Wagen
hing den Hut an einen im Flur stehenden Ständer von den ewigen »Geweihen«
wollte er als feiner Mann nichts wissen und trat gleich danach in das an der
linken Flurseite gelegene matt erleuchtete Wohnzimmer seiner Frau Das
gedämpfte Licht ließ sie noch blasser erscheinen als sie war Sie hatte sich
als der Wagen hielt von ihrem Sofaplatz erhoben und kam ihrem Manne wie sie
regelmäßig zu tun pflegte wenn er aus dem Walde zurückkam zu freundlicher
Begrüßung entgegen Ein als Weihnachtsgeschenk für eine jüngere Schwester
bestimmtes Batisttuch in das sie eben die letzte Zacke der
IppeBüchsensteinschen Krone hineinstickte hatte sie bevor sie sich vom Sofa
erhob aus der Hand gelegt Sie war nicht schön dazu von einem
lymphatischsentimentalen Ausdruck aber ihre stattliche Haltung und mehr noch
die Art wie sie sich kleidete ließ sie doch als etwas durchaus Apartes und
beinahe Fremdländisches erscheinen Sie trug nach Art eines Morgenrockes ein
glatt herabhängendes leis gelbgetöntes Wollkleid und als Eigentümlichstes einen
aus demselben gelblichen Wollstoff hergestellten Kopfputz von dem es unsicher
blieb ob er einen Turban oder eine Krone darstellen sollte Das Ganze hatte
etwas Gewolltes war aber neben dem Auffälligen doch auch wieder kleidsam Es
sprach sich ein Talent darin aus etwas aus sich zu machen
    »Wie glücklich bin ich dass du wieder da bist« sagte Ermyntrud »Ich habe
mich recht gebangt diesmal nicht um dich sondern um mich Ich muss dies
egoistischerweise gestehen Es waren recht schwere Stunden für mich die ganze
Zeit dass du fort warst«
    Er küsste ihr die Hand und führte sie wieder auf ihren Platz zurück »Du
darfst nicht stehen Ermyntrud Und nun bist du auch wieder bei der Stickerei
Das strengt dich an und hat wie du weißt auf alles Einfluss Der gute Doktor
sagte noch gestern alles sei im Zusammenhang Ich seh auch wie blass du bist«
    »Oh das macht der Schirm«
    »Du willst es nicht wahrhaben und mir nichts sagen was vielleicht wie
Vorwurf klingen könnte Ich mache mir aber den Vorwurf selbst Ich musste
hierbleiben und nicht hin zu dieser Stechliner Wahlversammlung«
    »Du musstest hin Wladimir«
    »Ich rechne es dir hoch an Ermyntrud dass du so sprichst Aber es wäre
schließlich auch ohne mich gegangen Koseleger war da der konnte das Präsidium
nehmen so gut wie ich Und wenn der nicht wollte so konnte Torfinspektor
Etzelius einspringen Oder vielleicht auch Krippenstapel Krippenstapel ist doch
zuletzt der der alles macht Jedenfalls liegt es so wenn es der eine nicht
ist ist es der andre«
    »Ich kann das zugeben Wie könnte sonst die Welt bestehen Es gibt nichts
was uns so Demut predigte wie die Wahrnehmung von der Entbehrlichkeit des
einzelnen Aber darauf kommt es nicht an Worauf es ankommt das ist Erfüllung
unsrer Pflicht«
    Katzler als er dies Wort hörte sah sich nach einem Etwas um das ihn in
den Stand gesetzt hätte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben Aber wie
stets in solchen Momenten das was retten konnte war nicht zu finden und so
sah er denn wohl dass er einem Vortrage der Prinzessin über ihr Lieblingstema
»von der Pflicht« verfallen sei dabei war er eigentlich hungrig
    Ermyntrud wies auf ein Taburett das sie mittlerweile neben ihren Sofaplatz
geschoben und sagte »Dass ich immer wieder davon sprechen muss Wladimir Wir
leben eben nicht in der Welt um unsert sondern um andrer willen Ich will
nicht sagen um der Menschheit willen was eitel klingt wiewohl es eigentlich
wohl so sein sollte Was uns obliegt ist nicht die Lust des Lebens auch nicht
einmal die Liebe die wirkliche sondern lediglich die Pflicht«
    »Gewiss Ermyntrud Wir sind einig darüber Es ist dies außerdem auch etwas
speziell Preussisches Wir sind dadurch vor andern Nationen ausgezeichnet und
selbst bei denen die uns nicht begreifen oder übelwollen dämmert die
Vorstellung von unsrer daraus entspringenden Überlegenheit Aber es gibt doch
Unterschiede Grade Wenn ich statt zu der Stechliner Wählerversammlung lieber
zu Doktor Sponholz oder zur alten Stinten in Kloster Wutz die ja schon früher
einmal dabei war gefahren wäre so wäre das doch vielleicht das Bessere
gewesen Es ist ein Glück dass es noch mal so vorübergegangen Aber darauf darf
man nicht in jedem Falle rechnen«
    »Nein darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen Aber man darf darauf
rechnen dass wenn man das Pflichtgemässe tut man zugleich auch das Rechte tut
Es hängt soviel an der Wahl unsers alten trefflichen Stechlin Er steht außerdem
sittlich höher als Kortschädel dem man trotz seiner siebzig allerhand
nachsagen durfte Stechlin ist ganz intakt Etwas sehr Seltenes Und einem
sittlichen Prinzip zum Siege zu verhelfen dafür leben wir doch recht
eigentlich Dafür lebe wenigstens ich«
    »Gewiss Ermyntrud gewiss«
    »In jedem Augenblicke seiner Obliegenheiten eingedenk sein ohne erst bei
Neigung oder Stimmung anzufragen das hab ich mir in feierlicher Stunde gelobt
du weißt in welcher und du wirst mir das Zeugnis ausstellen dass ich diesem
Gelöbnis nachgekommen«
    »Gewiss Ermyntrud gewiss Es war unser Fundament«
    »Und wenn es sich um eine sittliche Pflicht handelt wie doch heute ganz
offenbar wie hätt ich da sagen wollen bleibe Ich wäre mir klein vorgekommen
klein und untreu«
    »Nicht untreu Ermyntrud«
    »Doch doch Es gibt viele Formen der Untreue Das Persönliche hat sich der
Familie zu bequemen und unterzuordnen und die Familie wieder der Gesellschaft
In diesem Sinne bin ich erzogen und in diesem Sinne tat ich den Schritt
Verlange nicht dass ich in irgend etwas diesen Schritt zurück tue«
    »Nie«
    Das kleine Dienstmädchen eine Heideläufertochter deren storres Haar von
keiner Bürste gezähmt immer weit abstand erschien in diesem Augenblicke
meldend dass sie das Teezeug gebracht habe
    Katzler nahm seiner Frau Arm um sie bis in das zweite nach dem Hof hinaus
gelegene Zimmer zu führen Als er aber wahrnahm wie schwer ihr das Gehen wurde
sagte er »Ich freue mich dich so sprechen zu hören Immer du selbst Ich bin
aber doch in Unruhe und will morgen früh zur Frau schicken«
    Sie nickte zustimmend während ein halb zärtlicher Blick den guten Katzler
streifte der solange das ihm nur zu wohlbekannte Gespräch über Pflicht
gedauert hatte von Minute zu Minute verlegener geworden war
 
                              Neunzehntes Kapitel
Und nun war Wahltagmorgen Kurz vor acht erschien Lorenzen auf dem Schloss um in
Dubslavs schon auf der Rampe haltenden Kaleschewagen einzusteigen und mit nach
Rheinsberg zu fahren Der Alte bereits gestiefelt und gespornt empfing ihn mit
gewohnter Herzlichkeit und guter Laune »Das ist recht Lorenzen Und nun wollen
wir auch gleich aufsteigen Aber warum haben Sie mich nicht an Ihrem Pfarrgarten
erwartet Muss ja doch dran vorüber«  und dabei schob er ihm voll Sorglichkeit
eine Decke zu während die Pferde schon anrückten »Übrigens freut es mich
trotzdem man widerspricht sich immer dass Sie nicht so praktisch gewesen und
doch lieber gekommen sind Es is ne Politesse Und die Menschen sind jetzt so
schrecklich unpoliert und geradezu unmanierlich Aber lassen wirs ich kann
es nicht ändern und es grämt mich auch nicht«
    »Weil Sie gütig sind und jene Heiterkeit haben die menschlich angesehen so
ziemlich unser Bestes ist«
    Dubslav lachte »Ja soviel ist richtig Kopfhängerei war nie meine Sache
und wäre das verdammte Geld nicht Hören Sie Lorenzen das mit dem Mammon und
dem Goldnen Kalb das sind doch eigentlich alles sehr feine Sachen«
    »Gewiss Herr von Stechlin«
    » Und wäre das verdammte Geld nicht so hätt ich den Kopf noch weniger
hängenlassen als ich getan Aber das Geld Da war noch unter Friedrich Wilhelm
III der alte General von der Marwitz auf Friedersdorf von dem Sie gewiss mal
gehört haben der hat in seinen Memoiren irgendwo gesagt er hätte sich aus dem
Dienst gern schon früher zurückgezogen und sei bloß geblieben um des
Schlechtesten willen was es überhaupt gäbe um des Geldes willen  und das hat
damals als ich es las einen großen Eindruck auf mich gemacht Denn es gehört
was dazu das so ruhig auszusprechen Die Menschen sind in allen Stücken so
verlogen und unehrlich auch in Geldsachen fast noch mehr als in Tugend Und
das will was sagen Ja Lorenzen so ist es Na lassen wirs Sie wissen ja
auch Bescheid Und dann sind das schließlich auch keine Betrachtungen für heute
wo ich gewählt werden und den Triumphator spielen soll Übrigens geh ich einem
totalen Kladderadatsch entgegen Ich werde nicht gewählt«
    Lorenzen wurde verlegen denn was Dubslav da zuletzt sagte das stimmte nur
zu sehr mit seiner eignen Meinung Aber er musste wohl oder übel so schwer es
ihm wurde das Gegenteil versichern »Ihre Wahl Herr von Stechlin steht glaub
ich fest in unsrer Gegend wenigstens Die Globsower und Dagower gehen mit
gutem Beispiel voran Lauter gute Leute«
    »Vielleicht Aber schlechte Musikanten Alle Menschen sind Wetterfahnen ein
bisschen mehr ein bisschen weniger Und wir selber machens auch so Schwapp
sind wir auf der andern Seite«
    »Ja schwach ist jeder und ich mag mich auch nicht für all und jeden
verbürgen Aber in diesem speziellen Falle Selbst Koseleger schien mir voll
Zuversicht und Vertrauen als er am Donnerstag noch mit mir plauderte«
    »Koseleger voll Vertrauen Na dann geht es gewiss in die Brüche Wo
Koseleger amen sagt das ist schon so gut wie Letzte Ölung Er hat keine
glückliche Hand dieser Ihr Amtsbruder und Vorgesetzter«
    »Ich teile leider einigermaßen Ihre Bedenken gegen ihn Aber was vielleicht
mit ihm versöhnen kann er hat angenehme Formen und durchaus etwas
Verbindliches«
    »Das hat er Und doch sosehr ich sonst für Formen und Verbindlichkeiten
bin nicht für seine Man soll einem Menschen nicht seinen Namen vorhalten Aber
Koseleger Ich weiß immer nicht ob er mehr Kose oder mehr Leger ist vielleicht
beides gleich Er ist wie ne Baisertorte süß aber ungesund Nein Lorenzen
da bin ich doch mehr für Sie Sie taugen auch nicht viel aber Sie sind doch
wenigstens ehrlich«
    »Vielleicht« sagte Lorenzen »Übrigens hat Koseleger inmitten seiner
Verbindlichkeiten und schönen Worte doch auch wieder was Freies beinah Gewagtes
und ist mir da neulich mit Bekenntnissen gekommen fast wie ein Charakter«
    Dubslav lachte hell auf »Charakter Aber Lorenzen Wie können Sie sich so
hinters Licht führen lassen Ich verwette mich er hat Ihnen irgendwas über Ihre
Gaben gesagt das ist jetzt so Lieblingswort das die Pastoren immer gegenseitig
brauchen Es soll bescheiden und unpersönlich klingen und sozusagen alles auf
Inspiration zurückführen für die man ja wie für alles was von oben kommt am
Ende nicht kann Es ist aber gerade dadurch das Hochmütigste War es so was
Hat er meinen klugen Lorenzen eh er sich als Charakter ausspielte durch solche
Schmeicheleien eingefangen«
    »Es war nicht so Herr von Stechlin Sie tun ihm hier ausnahmsweise unrecht
Er sprach überhaupt nicht über mich sondern über sich und machte mir dabei
seine Konfessions Er gestand mir beispielsweise dass er sich unglücklich
fühle«
    »Warum«
    »Weil er in QuadenHennersdorf deplaciert sei«
    »Deplaciert Das ist auch solch Wort das kenn ich Wenn man durchaus will
ist jeder deplaciert ich Sie Krippenstapel Engelke Ich müsste Präses von
einem Stammtisch oder vielleicht auch ein Badedirektor sein Sie Missionar am
Kongo Krippenstapel Kustos an einem märkischen Museum und Engelke nun der
müsste gleich selbst hinein Nummer hundertdreizehn Deplaciert Alles bloß
Eitelkeit und Größenwahn Und dieser Koseleger mit dem Konsistorialratskinn Er
war Galopin bei ner Grossfürstin das kann er nicht vergessen damit will ers
nun zwingen und in seinem Ärger und Unmut spielt er sich auf den Charakter aus
und versteigt sich wie Sie sagen bis zu Konfessions und Gewagteiten Und wenn
er nun reüssierte Gott verhüt es so haben Sie den Scheiterhaufenmann comme il
faut Und der erste der rauf muss das sind Sie Denn er wird sofort das
Bedürfnis spüren seine Gewagteiten von heute durch irgendein Brandopfer wieder
wettzumachen«
    Unter diesem Gespräche waren sie schließlich aus dem Walde heraus und
näherten sich einem beinah meilenlangen und bis an den Horizont sich
ausdehnenden Stück Bruchland über das mehrere mit Kropfweiden und Silberpappeln
besetzte Wege strahlenförmig auf Rheinsberg zuliefen Alle diese Wege waren
belebt meist mit Fussgängern aber auch mit Fuhrwerken Eins davon aus
gelblichem Holz das hell in der Sonne blinkte war leicht zu erkennen
    »Da fährt ja Katzler« sagte Dubslav »Überrascht mich beinah Es ist
nämlich was Sie vielleicht noch nicht wissen werden wieder was einpassiert er
schickte mir heute früh einen Boten mit der Nachricht davon und daraus schloss
ich er würde nicht zur Wahl kommen Aber Ermyntrud mit ihrer grandiosen
Pflichtvorstellung wird ihn wohl wieder fortgeschickt haben«
    »Ist es wieder ein Mädchen« fragte Lorenzen
    »Natürlich und zwar das siebente Bei sieben freilich müssen es Jungens
sein darf man glaub ich den Kaiser zu Gevatter laden Übrigens sind mehrere
bereits tot und alles in allem ist es wohl möglich dass sich Ermyntrud über das
beständige bloß Mädchen allerlei Sorgen und Gedanken macht«
    Lorenzen nickte »Kann mirs denken dass die Prinzessin etwas wie eine zu
leistende Sühne darin sieht Sühne wegen des von ihr getanen Schrittes Alles an
ihr ist ein wenig überspannt Und doch ist es eine sehr liebenswürdige Dame«
    »Wovon niemand überzeugter ist als ich« sagte Dubslav »Freilich bin ich
bestochen denn sie sagt mir immer das Schmeichelhafteste Sie plaudre so gern
mit mir was auch am Ende wohl zutrifft Und dabei wird sie dann jedesmal ganz
ausgelassen trotzdem sie eigentlich hochgradig sentimental ist Sentimental
was nicht überraschen darf denn aus Sentimentalität ist doch schließlich die
ganze Katzlerei hervorgegangen Bin übrigens ernstlich in Sorge wo Hoheit den
richtigen Taufnamen für das Jüngstgeborene hernehmen wird In diesem Stücke
vielleicht dem einzigen ist sie nämlich noch ganz und gar Prinzessin geblieben
Und Sie lieber Lorenzen werden dabei sicherlich mit zu Rate gezogen werden«
    »Was ich mir nicht schwierig denken kann«
    »Sagen Sie das nicht Es gibt in diesem Falle viel weniger Brauchbares als
Sie sich vorzustellen scheinen Prinzessinnennamen an und für sich ohne weitere
Zutat ja die gibt es genug Aber damit ist Ermyntrud nicht zufrieden sie
verlangt ihrer Natur nach zu dem DynastischGenealogischen auch noch etwas
poetisch Märchenhaftes Und das kompliziert die Sache ganz erheblich Sie können
das sehen wenn Sie die Katzlersche Kinderstube durchmustern oder sich die Namen
der bisher Getauften ins Gedächtnis zurückrufen Die Katzlersche Kronprinzess
heißt natürlich auch Ermyntrud Und dann kommen ebenso selbstverständlich Dagmar
und Tyra Und danach begegnen wir einer Inez und einer Maud und zuletzt einer
Arabella Aber bei Arabella können Sie schon deutlich eine gewisse Verlegenheit
wahrnehmen Ich würde ihr wenn sie sich wegen des Jüngstgeborenen an mich
wendete was Altjüdisches vorschlagen das ist schließlich immer das Beste Was
meinen Sie zu Rebekka«
    Lorenzen kam nicht mehr dazu Dubslav diese Frage zu beantworten denn eben
jetzt waren sie durch das Stück Bruchland hindurch und rasselten bereits über
einen ein weiteres Gespräch unmöglich machenden Steindamm weg scharf auf
Rheinsberg zu
Dubslav war in ausgezeichneter Laune Das prachtvolle Herbstwetter dazu das
bunte Leben alles hatte seine Stimmung gehoben am meisten aber dass er
unterwegs und beim Passieren der Hauptstraße bereits Gelegenheit gehabt hatte
verschiedene gute Freunde zu begrüßen Von der Kirche her schlug es zehn als er
vor dem als Wahllokal etablierten Gasthause »Zum Prinzregenten« hielt in dessen
Front denn auch bereits etliche mehr oder weniger verwogen aussehende Wahlmänner
standen alle bemüht ihre Zettel an mutmassliche Parteigenossen auszuteilen
    Drinnen im Saal war der Wahlakt schon im Gange Hinter der Urne präsidierte
der alte Herr von Zühlen ein guter Siebziger der die groteskesten
Feudalansichten mit ebenso grotesker Bonhomie zu verbinden wusste was ihm auch
bei seinen politischen Gegnern eine große Beliebteit sicherte Neben ihm
links und rechts saßen Herr von Storbeck und Herr van dem Peerenboom letzterer
ein Holländer aus der Gegend von Delft der vor wenig Jahren erst ein großes Gut
im Ruppiner Kreise gekauft und sich seitdem zum Preußen und was noch mehr sagen
wollte zum »Grafschaftler« herangebildet hatte Man sah ihn aus allen möglichen
Gründen  auch schon um seines »van« willen  nicht ganz für voll an ließ aber
nichts davon merken weil er der bei den meisten Grafschaftlern stark ins
Gewicht fallenden Haupteigenschaft eines vor soundso viel Jahren in Batavia
geborenen holländischjavanischen Kaffeehändlers nicht entbehrte Seines
Nachbarn von Storbeck Lebensgeschichte war durchschnittsmässiger Unter denen
die sonst noch am Komiteetisch saßen befand sich auch Katzler den Ermyntrud
wie Dubslav ganz richtig vermutet mit der Bemerkung »dass im modernen
bürgerlichen Staate Wählen so gut wie Kämpfen sei« von ihrem Wochenbette
fortgeschickt hatte »Das Kind wird inzwischen mein Engel sein und das Gefühl
erfüllter Pflicht soll mich bei Kraft erhalten« Auch Gundermann der immer mit
dabeisein musste saß am Komiteetisch Sein Benehmen hatte was Aufgeregtes weil
er  wie Lorenzen bereits angedeutet  wirklich im geheimen gegen Dubslav
intrigiert hatte Dass er selber unterliegen würde war klar und beschäftigte ihn
kaum noch aber ihn erfüllte die Sorge dass sein voraufgegangenes doppeltes
Spiel vielleicht an den Tag kommen könne
    Dubslav wollte die Sache gern hinter sich haben Er trat deshalb nachdem er
sich draußen mit einigen Bekannten begrüßt und an jeden einzelnen ein paar Worte
gerichtet hatte vom Vorplatz her in das Wahllokal ein um da so rasch wie
möglich seinen Zettel in die Urne zu tun Es traf ihn bei dieser Prozedur der
Blick des alten Zühlen der ihm in einer Mischung von Feierlichkeit und Ulk
sagen zu wollen schien »Ja Stechlin das hilft nu mal nicht man muss die
Komödie mit durchmachen« Dubslav kam übrigens kaum dazu von diesem Blicke
Notiz zu nehmen weil er Katzlers gewahr wurde dem er sofort entgegentrat um
ihm durch einen Händedruck zu dem siebenten Töchterchen zu gratulieren An
Gundermann ging der Alte ohne Notiznahme vorüber Dies war aber nur Zufall er
wusste nichts von den Zweideutigkeiten des Siebenmühlners und nur dieser selbst
weil er ein schlechtes Gewissen hatte wurde verlegen und empfand des Alten
Haltung wie eine Absage
    Als Dubslav wieder draußen war war natürlich die große Frage »Ja was
jetzt tun« Es ging erst auf elf und vor sechs war die Geschichte nicht vorbei
wenn sichs nicht noch länger hinzog Er sprach dies auch einer Anzahl von
Herren aus die sich auf einer vor dem Gasthause stehenden Bank niedergelassen
und hier dem Liqueurkasten des »Prinzregenten« der sonst immer erst nach dem
Diner auftauchte vorgreifend zugesprochen hatten
    Es waren ihrer fünf lauter Kreis und Parteigenossen aber nicht eigentlich
Freunde denn der alte Dubslav war nicht sehr für Freundschaften Er sah zu
sehr was jedem einzelnen fehlte Die da saßen und aus purer Langeweile sich
über die Vorzüge von Allasch und Chartreuse stritten waren die Herren von
Molchow von Krangen und von Gnewkow dazu Baron Beetz und ein Freiherr von der
Nonne den die Natur mit besonderer Rücksicht auf seinen Namen geformt zu haben
schien Er trug eine hohe schwarze Krawatte drauf ein kleiner vermickerter Kopf
saß und wenn er sprach war es wie wenn Mäuse pfeifen Er war die komische
Figur des Kreises und wurde gehänselt nahm es aber nicht übel weil seine
Mutter eine schlesische Gräfin auf »inski« war was ihm in seinen Augen ein
solches Übergewicht sicherte dass er wie Friedrich der Große jeden Augenblick
bereit war »die sich etwa einstellenden Pasquille niedriger hängen zu lassen«
    »Ich denke meine Herren« sagte Dubslav »wir gehen in den Park Da hat man
doch immer was An der einen Stelle ruht das Herz des Prinzen und an der andern
Stelle ruht er selbst und hat sogar eine Pyramide zu Häupten wie wenn er
Sesostris gewesen wäre Ich würde gern einen andern nennen aber ich kenne bloß
den«
    »Natürlich gehen wir in den Park« sagte von Gnewkow »Und es ist
schließlich immer noch ein Glück dass man so was hat«
    »Und auch ein Glück« ergänzte von Molchow »dass man solchen Wahltag wie
heute hat der einen ordentlich zwingt sich mal um Historisches und
Bildungsmässiges zu kümmern Bismarcken is es auch mal so gegangen noch dazu mit
ner reichen Amerikanerin und hat auch gleich das heißt eigentlich lange
nachher das rechte Wort dafür gefunden«
    »Der hat immer das rechte Wort gefunden«
    »Immer Aber weiter Molchow«
    » Und als nun also die reiche Amerikanerin so runde vierzig Jahr später
ihn wiedersah und sich bei ihm bedanken wollte von wegen des Bildermuseums in
das er sie halb aus Verlegenheit und halb aus Ritterlichkeit begleitet und ihr
mutmasslich alle Bilder falsch erklärt hatte da hat er all diesen Dank
abgewiesen und ihr  ich seh und hör ihn ordentlich  in aller Fidelität gesagt
sie habe nicht ihm sondern er habe ihr zu danken denn wenn jener Tag nicht
gewesen wäre so hätt er das ganze Bildermuseum höchstwahrscheinlich nie zu
sehen gekriegt Ja Glück hat er immer gehabt Im großen und im kleinen Es
fehlt bloß noch dass er hinterher auch noch Generaldirektor der Königlichen
Museen geworden wäre was er schließlich doch auch noch gekonnt hätte Denn
eigentlich konnt er alles und ist auch beinah alles gewesen«
    »Ja« nahm Gnewkow der aus Langeweile viel gereist war seinen Urgedanken
dass solcher Park eigentlich ein Glück sei wieder auf »Ich finde was Molchow
da gesagt hat ganz richtig es kommt drauf an dass man reingezwungen wird
sonst weiß man überhaupt gar nichts Wenn ich so bloß an Italien zurückdenke
Sehen Sie da läuft man nu so rum was einen doch am Ende strapziert und dabei
dieser ewige pralle Sonnenschein Ein paar Stunden geht es aber wenn man nu
schon zweimal Kaffee getrunken und Granito gegessen hat und es ist noch nicht
mal Mittag ja ich bitte Sie was hat man da Was fängt man da an Gradezu
schrecklich Und da kann ich Ihnen bloß sagen da bin ich ein kirchlicher Mensch
geworden Und wenn man dann so von der Seite her still eintritt und hat mit
einem Male die Kühle um sich rum ja da will man gar nicht wieder raus und
sieht sich so seine funfzig Bilder an man weiß nicht wie Is doch immer noch
besser als draußen Und die Zeit vergeht und die Stunde wo man was Reguläres
kriegt läppert sich so heran«
    »Ich glaube doch« sagte der für kirchliche Kunst schwärmende Baron Beetz
»unser Freund Gnewkow unterschätzt die Wirkung die vielleicht gegen seinen
Willen die Quattrocentisten auf ihn gemacht haben Er hat ihre Macht an sich
selbst empfunden aber er will es nicht wahrhaben dass die Frische von ihnen
ausgegangen sei Jeder der was davon versteht«
    »Ja Baron das is es eben Wer was davon versteht Aber wer versteht was
davon Ich jedenfalls nicht«
    Unter diesen Worten war man vom »Prinzregenten« aus die Hauptstraße
hinuntergeschritten und über eine kleine Brücke fort erst in den Schlosshof und
dann in den Park eingetreten Der See plätscherte leis Kähne lagen da mehrere
an einem Steg der von dem Kiesufer her in den See hineinlief Ein paar der
Herren unter ihnen auch Dubslav schritten die ziemlich wacklige Bretterlage
hinunter und blickten als sie bis ans Ende gekommen waren wieder auf die
beiden Schlossflügel und ihre kurz abgestumpften Türme zurück Der Turm rechts
war der wo Kronprinz Fritz sein Arbeitszimmer gehabt hatte
    »Dort hat er gewohnt« sagte von der Nonne »Wie begrenzt ist doch unser
Können Mir weckt der Anblick solcher Friderizianischen Stätten immer ein
Schmerzgefühl über das Unzulängliche des Menschlichen überhaupt freilich auch
wieder ein Hochgefühl dass wir dieser Unzulänglichkeit und Schwäche Herr werden
können Tod wo ist dein Stachel Hölle wo ist dein Sieg Dieser König Er war
ein großer Geist gewiss aber doch auch ein verirrter Geist Und je
patriotischer wir fühlen je schmerzlicher berührt uns die Frage nach dem Heil
seiner Seele Die Seelenmessen  das empfind ich in solchem Augenblicke  sind
doch eine wirklich trostspendende Seite des Katholizismus und dass es
selbstverständlich unter Gewähr eines höchsten Willens in die Macht
Überlebender gelegt ist eine Seele freizubeten das ist und bleibt eine große
Sache«
    »Nonne« sagte Molchow »machen Sie sich nicht komisch Was haben Sie für
ne Vorstellung vom lieben Gott Wenn Sie kommen und den Alten Fritzen freibeten
wollen werden Sie rausgeschmissen«
    Baron Beetz  auch ein Anzweifler des Philosophen von Sanssouci  wollte
seinem Freunde Nonne zu Hilfe kommen und erwog einen Augenblick ernstlich ob er
nicht seinen in der ganzen Grafschaft längst bekannten Vortrag über die »schiefe
Ebene« oder »cest le premier pas qui coûte« noch einmal zum besten geben solle
Klugerweise jedoch ließ er es wieder fallen und war einverstanden als Dubslav
sagte »Meine Herren ich meinerseits schlage vor dass wir unsern Auslug von dem
Wackelstege drauf wir hier stehen jeden Augenblick kann einer von uns ins
Wasser fallen endlich aufgeben und uns lieber in einem der hier herumliegenden
Kähne über den See setzen lassen Unterwegs wenn noch welche da sind können
wir Teichrosen pflücken und drüben am andern Ufer den großen
PrinzHeinrichObelisken mit seinen französischen Inschriften durchstudieren
Solche Rekapitulation stärkt einen immer historisch und patriotisch und unser
Etappenfranzösisch kommt auch wieder zu Kräften«
    Alle waren einverstanden selbst Nonne
Gegen vier war man von dem Ausfluge zurück und hielt wieder vor dem
»Prinzregenten« auf einem mit alten Bäumen besetzten Platz der wegen seiner
Dreiecksform schon von alter Zeit her den Namen »Triangelplatz« führte Die
Wahlresultate lagen noch keineswegs sicher vor es ließ sich aber schon ziemlich
deutlich erkennen dass viele Fortschrittlerstimmen auf den sozialdemokratischen
Kandidaten Feilenhauer Torgelow übergehen würden der trotzdem er nicht
persönlich zugegen war die kleinen Leute hinter sich hatte Hunderte seiner
Parteigenossen standen in Gruppen auf dem Triangelplatz umher und unterhielten
sich lachend über die Wahlreden die während der letzten Tage teils in
Rheinsberg und Wutz teils auf dem platten Lande von Rednern der gegnerischen
Parteien gehalten worden waren Einer der mit unter den Bäumen Stehenden ein
Intimus Torgelows war der Drechslergeselle Söderkopp der sich schon lediglich
in seiner Eigenschaft als Drechslergeselle eines großen Ansehns erfreute Jeder
dachte der kann auch noch mal Bebel werden »Warum nicht Bebel is alt und
dann haben wir den« Aber Söderkopp verstand es auch wirklich die Leute zu
packen Am schärfsten ging er gegen Gundermann vor »Ja dieser Gundermann den
kenn ich Brettschneider und Börsenfilou jeder Groschen is zusammengejobbert
Sieben Mühlen hat er aber bloß zwei Redensarten und der Fortschritt ist
abwechselnd die Vorfrucht und dann wieder der Vater der Sozialdemokratie
Vielleicht stammen wir auch noch von Gundermann ab So einer bringt alles
fertig«
    Uncke während Söderkopp so sprach war von Baum zu Baum immer näher gerückt
und machte seine Notizen In weiterer Entfernung stand Pyterke schmunzelnd und
sichtlich verwundert was Uncke wieder alles aufzuschreiben habe
    Pyterkes Verwunderung über das »Aufschreiben« war nur zu berechtigt aber
sie wär es um ein gut Teil weniger gewesen wenn sich Unckes aufhorchender
Diensteifer statt dem Sozialdemokraten Söderkopp lieber dem Gespräch einer
nebenstehenden Gruppe zugewandt hätte Hier plauderten nämlich mehrere
»Staatserhaltende« von dem mutmasslichen Ausgange der Wahl und dass es mit dem
Siege des alten Stechlin von Minute zu Minute schlechter stünde Besonders die
Rheinsberger schienen den Ausschlag zu seinen Ungunsten gehen zu sollen
    »Hole der Teufel das ganze Rheinsberg« verschwor sich ein alter Herr von
Kraatz dessen roter Kopf während er so sprach immer röter wurde »Dies elende
Nest Wir bringen ihn wahr und wahrhaftig nicht durch unsern guten alten
Stechlin Und was das sagen will das wissen wir Wer gegen uns stimmt stimmt
auch gegen den König Das ist all eins Das ist das was man jetzt solidarisch
nennt«
    »Ja Kraatz« nahm Molchow an den sich diese Rede vorzugsweise gerichtet
hatte das Wort »nennen Sies wie Sie wollen solidarisch oder nicht das eine
sagt nichts und das andre sagt auch nichts Aber mit Ihrem Wort über
Rheinsberg da haben Sies freilich getroffen Aufmuckung war hier immer zu
Hause von Anfang an Erst frondierte Fritz gegen seinen Vater dann frondierte
Heinrich gegen seinen Bruder und zuletzt frondierte August unser alter
forscher Prinz August den manche von uns ja noch gut gekannt haben ich sage
frondierte unser alter August gegen die Moral Und das war natürlich das
schlimmste« Zustimmung und Heiterkeit »Und bestraft sich zuletzt auch immer
Denn wissen Sie denn meine Herren wies mit Augusten schließlich ging als er
durchaus in den Himmel wollte«
    »Nein Wie war es denn Molchow«
    »Ja er musste da wohl ne halbe Stunde warten und als er nu mit nem
Anschnauzer gegen Petrus rausfahren wollte da sagte ihm der Fels der Kirche
Königliche Hoheit halten zu Gnaden aber es ging nicht anders Und warum nicht
Er hatte die elftausend Jungfrauen erst in Sicherheit bringen müssen«
    »Stimmt stimmt« sagte Kraatz »So war der Alte Der reine Deubelskerl
Aber schneidig Und ein richtiger Prinz Und dann meine Herren  ja du mein
Gott wenn man nu mal Prinz is irgendwas muss man doch von der Sache haben
Und soviel weiß ich wenn ich Prinz wäre«
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Um sechs stand das Wahlresultat so gut wie fest einige Meldungen fehlten noch
aber das war aus Ortschaften die mit ihren paar Stimmen nichts mehr ändern
konnten Es lag zutage dass die Sozialdemokraten einen beinahe glänzenden Sieg
davongetragen hatten der alte Stechlin stand weit zurück Fortschrittler
Katzenstein aus Gransee noch weiter Im ganzen aber ließ beide besiegte
Parteien dies ruhig über sich ergehen bei den Freisinnigen war wenig bei den
Konservativen gar nichts von Verstimmung zu merken Dubslav nahm es ganz von der
heiteren Seite seine Parteigenossen noch mehr von denen eigentlich ein jeder
dachte »Siegen ist gut aber zu Tische gehen ist noch besser« Und in der Tat
gegessen musste werden Alles sehnte sich danach bei Forellen und einem guten
Chablis die langweilige Prozedur zu vergessen Und war man erst mit den Forellen
fertig und dämmerte der Rehrücken am Horizont herauf so war auch der Sekt in
Sicht Im »Prinzregenten« hielt man auf eine gute Marke
    Durch den oberen Saal hin zog sich die Tafel der Mehrzahl nach
Rittergutsbesitzer und Domänenpächter aber auch Gerichtsräte die so glücklich
waren den »Hauptmann in der Reserve« mit auf ihre Karte setzen zu können Zu
diesem gros darmée gesellten sich Forst und Steuerbeamte Rentmeister
Prediger und Gymnasiallehrer An der Spitze dieser stand Rektor Tormeier aus
Rheinsberg der große vorstehende Augen ein mächtiges Doppelkinn noch
mächtiger als Koseleger und außerdem ein Renommee wegen seiner Geschichten
hatte Dass er nebenher auch ein in der Wolle gefärbter Konservativer war
versteht sich von selbst Er hatte was aber schon Jahrzehnte zurücklag den
großartigen Gedanken gefasst und verwirklicht die ostelbisschen Provinzen da wo
sie strauchelten durch Gustav Kühnsche Bilderbogen auf den richtigen Pfad
zurückzuführen und war dafür dekoriert worden Es hieß denn auch von ihm »er
gelte was nach oben hin« was aber nicht recht zutraf Man kannte ihn »oben«
ganz gut
    Um halb sieben Lichter und Kronleuchter brannten bereits war man unter den
Klängen des Tannhäusermarsches die hie und da schon ausgelaufene Treppe
hinaufgestiegen Unmittelbar vorher hatte noch ein Schwanken wegen des
Präsidiums bei Tafel stattgefunden Einige waren für Dubslav gewesen weil man
sich von ihm etwas Anregendes versprach auch speziell mit Rücksicht auf die
Situation Aber die Majorität hatte doch schließlich Dubslavs Vorsitz als ganz
undenkbar abgelehnt da der Edle Herr von AltenFriesack trotz seiner hohen
Jahre mit zur Wahl gekommen war der Edle Herr von AltenFriesack so hieß es
sei doch nun mal  und von einem gewissen Standpunkt aus auch mit Fug und Recht
 der Stolz der Grafschaft überhaupt ein Unikum und ob er nun sprechen könne
oder nicht das sei wo sichs um eine Prinzipienfrage handle durchaus
gleichgültig Überhaupt die ganze Geschichte mit dem »Sprechenkönnen« sei ein
moderner Unsinn Die einfache Tatsache dass der Alte von AltenFriesack dasässe
sei viel viel wichtiger als eine Rede und sein großes Präbendenkreuz ziere
nicht bloß ihn sondern den ganzen Tisch Einige sprächen freilich immer von
seinem Götzengesicht und seiner Hässlichkeit aber auch das schade nichts
Heutzutage wo die meisten Menschen einen Friseurkopf hätten sei es eine
ordentliche Erquickung einem Gesicht zu begegnen das in seiner Eigenart
eigentlich gar nicht unterzubringen sei Dieser von dem alten Zühlen trotz
seiner Vorliebe für Dubslav eindringlich gehaltenen Rede war allgemein
zugestimmt worden und Baron Beetz hatte den götzenhaften AltenFriesacker an
seinen Ehrenplatz geführt Natürlich gab es auch Schandmäuler An ihrer Spitze
stand Molchow der dem neben ihm sitzenden Katzler zuflüsterte »Wahres Glück
Katzler dass der Alte drüben die große Blumenvase vor sich hat sonst so bei
veau en tortue  vorausgesetzt dass so was Feines überhaupt in Sicht steht 
würd ich der Sache nicht gewachsen sein«
    Und nun schwieg der von einem Tormeierschen Unterlehrer gespielte
Tannhäusermarsch und als eine bestimmte Zeit danach der Moment für den ersten
Toast da war erhob sich Baron Beetz und sagte »Meine Herren Unser Edler Herr
von AltenFriesack ist von der Pflicht und dem Wunsch erfüllt den Toast auf
Seine Majestät den Kaiser und König auszubringen« Und während der Alte das
Gesagte bestätigend mit seinem Glase grüßte setzte der in seiner
alteregoRolle verbleibende Baron Beetz hinzu »Seine Majestät der Kaiser und
König lebe hoch« Der AltenFriesacker gab auch hierzu durch Nicken seine
Zustimmung und während der junge Lehrer abermals auf den auf einer Rheinsberger
Schlossauktion erstandenen alten Flügel zueilte stimmte man an der ganzen Tafel
hin das »Heil dir im Siegerkranz« an dessen erster Vers stehend gesungen wurde
    Das Offizielle war hierdurch erledigt und eine gewisse Fidelitas an der es
übrigens von Anfang an nicht gefehlt hatte konnte jetzt nachhaltiger in ihr
Recht treten Allerdings war noch immer ein wichtiger und zugleich schwieriger
Toast in Sicht der der sich mit Dubslav und dem unglücklichen Wahlausgange zu
beschäftigen hatte Wer sollte den ausbringen Man hing dieser Frage mit einiger
Sorge nach und war eigentlich froh als es mit einem Male hieß Gundermann werde
sprechen Zwar wusste jeder dass der Siebenmühlener nicht ernstaft zu nehmen
sei ja dass Sonderbarkeiten und vielleicht sogar Scheiterungen in Sicht
stünden aber man tröstete sich je mehr er scheitere desto besser Die meisten
waren bereits in erheblicher Aufregung also sehr unkritisch Eine kleine Weile
verging noch Dann bat Baron Beetz dem die Rolle des Festordners zugefallen
war für Herrn von Gundermann auf Siebenmühlen ums Wort Einige sprachen
ungeniert weiter »Ruhe Ruhe« riefen andre dazwischen und als Baron Beetz
noch einmal an das Glas geklopft und nun auch seinerseits um Ruhe bittend eine
leidliche Stille hergestellt hatte trat Gundermann hinter seinen Stuhl und
begann während er mit affektierter Nonchalance seine Linke in die Hosentasche
steckte
    »Meine Herren Als ich vor soundso viel Jahren in Berlin studierte«
»Nanu« »als ich vor Jahren in Berlin studierte war da mal ne
Hinrichtung«
    »Alle Wetter der setzt gut ein«
    »war da mal ne Hinrichtung weil eine dicke Klempnermadam nachdem sie
sich in ihren Lehrburschen verliebt ihren Mann einen würdigen Klempnermeister
vergiftet hatte Und der Bengel war erst siebzehn Ja meine Herren soviel muss
ich sagen es kamen damals auch schon dolle Geschichten vor Und ich weil ich
den Gefängnisdirektor kannte ich hatte Zutritt zu der Hinrichtung und um mich
rum standen lauter Assessoren und Referendare ganz junge Herren die meisten
mit nem Kneifer Kneifer gab es damals auch schon Und nun kam die Witwe wenn
man sie so nennen darf und sah soweit ganz behäbig und beinahe füllig aus weil
sie was damals viel besprochen wurde nen Kropf hatte weshalb auch der Block
ganz besonders hatte hergerichtet werden müssen Sozusagen mit nem Ausschnitt«
    »Mit nem Ausschnitt  gut Gundermann«
    »Und als sie nun ich meine die Delinquentin all die jungen Referendare
sah wobei ihr wohl ihr Lehrling einfallen mochte«
    »Keine Verspottung unsrer Referendare«
    » Wobei ihr vielleicht ihr Lehrling einfallen mochte da trat sie ganz
nahe an den Schafottrand heran und nickte uns zu ich sage uns weil sie mich
auch ansah und sagte Ja ja meine jungen Herrens dat kommt davon  Und
sehen Sie meine Herren dieses Wort wenn auch von einer Delinquentin
herrührend bin ich seitdem nicht wieder losgeworden und wenn ich so was erlebe
wie heute dann muss einem solch Wort auch immer wieder in Erinnerung kommen und
ich sage dann auch ganz wie die Alte damals sagte Ja meine Herren dat kommt
davon Und wovon kommt es Von den Sozialdemokraten Und wovon kommen die
Sozialdemokraten«
    »Vom Fortschritt Alte Geschichte kennen wir Was Neues«
    »Es gibt da nichts Neues Ich kann nur bestätigen vom Fortschritt kommt es
Und wovon kommt der Davon dass wir die Abstimmungsmaschine haben und das große
Haus mit den vier Ecktürmen Und wenn es meinetwegen ohne das große Haus nicht
geht weil das Geld für den Staat am Ende bewilligt werden muss  und ohne Geld
meine Herren geht es nicht« Zustimmung »Ohne Geld hört die Gemütlichkeit
auf«  »nun denn wenn es also sein muss was ich zugebe was sollen wir auch
unter derlei gern gemachten Zugeständnissen anfangen mit einem Wahlrecht wo
Herr von Stechlin gewählt werden soll und wo sein Kutscher Martin der ihn zur
Wahl gefahren tatsächlich gewählt wird oder wenigstens gewählt werden kann Und
der Kutscher Martin unsers Herrn von Stechlin ist mir immer noch lieber als
dieser Torgelow Und all das nennt sich Freiheit Ich nenn es Unsinn und viele
tun desgleichen Ich denke mir aber gerade diese Wahl in einem Kreise drin
das alte Preußen noch lebt gerade diese Wahl wird dazu beitragen die Augen
oben helle zu machen Ich sage nicht welche Augen«
    »Schluss Schluss«
    »Ich komme zum Schluss Es hieß Anno siebzig dass sich die Franzosen als die
glorreich Besiegten bezeichnet hätten Ein stolzes und nachahmenswertes Wort
Auch für uns meine Herren Und wie wir ohne uns was zu vergeben diesen Sekt
aus Frankreich nehmen so dürfen wir glaub ich auch das eben zitierte stolze
Klagewort aus Frankreich herübernehmen Wir sind besiegt aber wir sind
glorreich Besiegte Wir haben eine Revanche Die nehmen wir Und bis dahin in
alle Wege Herr von Stechlin auf Schloss Stechlin er lebe hoch«
    Alles erhob sich und stieß mit Dubslav an Einige freilich lachten und von
Molchow als er einen neuen Weinkübel heranbestellte sagte zu dem neben ihm
sitzenden Katzler »Weiß der Himmel dieser Gundermann ist und bleibt ein Esel
Was sollen wir mit solchen Leuten Erst beschreibt er uns die Frau mit nem
Kropf und dann will er das große Haus abschaffen Ungeheure Dämelei Wenn wir
das große Haus nicht mehr haben haben wir gar nichts das ist noch unsre
Rettung und die beinah einzige Stelle wo wir den Mund ich sage Mund
einigermaßen auftun und was durchsetzen können Wir müssen mit dem Zentrum
paktieren Dann sind wir egal raus Und nun kommt dieser Gundermann und will uns
auch das noch nehmen Es ist doch ne Wahrheit dass sich die Parteien und die
Stände jedesmal selbst ruinieren Das heißt von Ständen kann hier eigentlich
nicht die Rede sein denn dieser Gundermann gehört nicht mit dazu Seine Mutter
war ne Hebamme in Wriezen Drum drängt er sich auch immer vor«
    Bald nach Gundermanns Rede die schon eine Art Nachspiel gewesen war
flüsterte Baron Beetz dem AltenFriesacker zu dass es Zeit sei die Tafel
aufzuheben Der Alte wollte jedoch noch nicht recht denn wenn er mal saß saß
er aber als gleich danach mehrere Stühle gerückt wurden blieb ihm nichts
anderes übrig als sich anzuschließen und unter den Klängen des
»Hohenfriedbergers«  der »Prager« darin es heißt »Schwerin fällt« wäre mit
Rücksicht auf die Gesamtsituation vielleicht passlicher gewesen  kehrte man in
die Parterreräume zurück wo die Majorität dem Kaffee zusprechen wollte während
eine kleine Gruppe von Allertapfersten in die Straße hinaustrat um da unter
den Bäumen des Triangelplatzes sich bei Sekt und Kognac des weiteren bene zu
tun Obenan saß von Molchow neben ihm von Kraatz und van Peerenboom Molchow
gegenüber Direktor Tormeier und der bis dahin mit der Festmusik betraute
Lehrer der bei solchen Gelegenheiten überhaupt Tormeiers Adlatus war
Sonderbarerweise hatte sich auch Katzler hier niedergelassen er sehnte sich
wohl nach Eindrücken die jenseits aller »Pflicht« lagen und neben ihm was
beinahe noch mehr überraschen konnte saß von der Nonne Molchow und Tormeier
führten das Wort Von Wahl und Politik  nur über Gundermann fiel gelegentlich
eine spöttische Bemerkung  war langst keine Rede mehr statt dessen befleissigte
man sich die neuesten Klatschgeschichten aus der Grafschaft heranzuziehen »Ist
es denn wahr« sagte Kraatz »dass die schöne Lilli nun doch ihren Vetter
heiraten wird oder richtiger der Vetter die schöne Lilli«
    »Vetter« fragte Peerenboom
    »Ach Peerenboom Sie wissen auch gar nichts Sie sitzen immer noch zwischen
Ihren Delfter Kacheln und waren doch schon ne ganze Weile hier als die
LilliGeschichte spielte«
    Peerenboom ließ sichs gesagt sein und begrub jede weitere Frage was er
ohne sich zu schädigen auch ganz gut konnte da kein Zweifel war dass der der
das LilliThema heraufbeschworen über kurz oder lang ohnehin alles klarlegen
würde Das geschah denn auch
    »Ja diese verdammten Kerle« fuhr von Kraatz fort »diese Lehrer
Entschuldigen Sie Luckhardt aber Sie sind ja beim Gymnasium da liegt alles
anders und der der hier ne Rolle spielt war ja natürlich bloß ein
Hauslehrer Hauslehrer bei Lillis jüngstem Bruder Und eines Tages waren beide
weg der Kandidat und Lilli Selbstverständlich nach England Es kann einer noch
so dumm sein aber von Gretna Green hat er doch mal gehört oder gelesen Und da
wollten sie denn auch beide hin Und sind auch Aber ich glaube der Gretna
Greensche darf nicht mehr trauen Und so nahmen sie denn Lodgings in London
ganz ohne Trauung Und es ging auch so bis ihnen das kleine Geld ausging«
    »Ja das kennt man«
    »Und da kamen sie denn also wieder Das heißt Lilli kam wieder Und sie war
auch schon vorher mit dem Vetter so gut wie verlobt gewesen«
    »Und der sprang nu ab«
    »Nicht so ganz Oder eigentlich gar nicht Denn Lilli ist sehr hübsch und
nebenher auch noch sehr reich Und da soll denn der Vetter gesagt haben er
liebe sie so sehr und wo man liebe da verzeihe man auch Und er halte auch
eine Entsühnung für durchaus möglich Ja er soll dabei von Purgatorium
gesprochen haben«
    »Missfällt mir klingt schlecht« sagte Molchow »Aber was er vorher gesagt
Entsühnung das ist ein schönes Wort und eine schöne Sache Nur das Wie  ach
man weiß immer sowenig von diesen Dingen  will mir nicht recht einleuchten Als
Christ weiß ich natürlich so schlimm steht es am Ende auch nicht mit einem
als Christ weiß ich dass es eine Sühne gibt Aber in solchem Falle Tormeier
was meinen Sie was sagen Sie dazu Sie sind ein Mann von Fach und haben alle
Kirchenväter gelesen und noch ein paar mehr«
    Tormeier verklärte sich Das war so recht ein Thema nach seinem Geschmack
seine Augen wurden größer und sein glattes Gesicht noch glatter
    »Ja« sagte er während er sich über den Tisch zu Molchow vorbeugte »so was
gibt es Und es ist ein Glück dass es so was gibt Denn die arme Menschheit
braucht es Das Wort Purgatorium will ich vermeiden einmal weil sich mein
protestantisches Gewissen dagegen sträubt und dann auch wegen des Anklangs
aber es gibt eine Purifikation Und das ist doch eigentlich das worauf es
ankommt Reinheitswiederherstellung Ein etwas schwerfälliges Wort Indessen die
Sache drum sichs hier handelt gibt es doch gut wieder Sie begegnen diesem
Hange nach Restitution überall und namentlich im Orient  aus dem doch unsre
ganze Kultur stammt  finden Sie diese Lehre dieses Dogma diese Tatsache«
    »Ja ist es eine Tatsache«
    »Schwer zu sagen Aber es wird als Tatsache genommen Und das ist ebensogut
Blut sühnt«
    »Blut sühnt« wiederholte Molchow »Gewiss Daher haben wir ja auch unsere
Duellinstitution Aber wo wollen Sie hier die Blutsühne hernehmen In diesem
Spezialfalle ganz undurchführbar Der Hauslehrer ist drüben in England
geblieben wenn er nicht gar nach Amerika gegangen ist Und wenn er auch
wiederkäme er ist nicht satisfaktionsfähig Wär er Reserveoffizier so hätt ich
das längst erfahren«
    »Ja Herr von Molchow das ist die hiesige Anschauung Etwas primitiv
naturwüchsig das sogenannte Blutracheprinzip Aber es braucht nicht immer das
Blut des Übeltäters selbst zu sein Bei den Orientalen«
    »Ach Orientalen dolle Gesellschaft«
    »Nun denn meinetwegen bei fast allen Völkern des Ostens sühnt Blut
überhaupt Ja mehr nach orientalischer Anschauung  ich kann das Wort nicht
vermeiden Herr von Molchow ich muss immer wieder darauf zurückkommen  nach
orientalischer Anschauung stellt Blut die Unschuld als solche wieder her«
    »Na hören Sie Rektor«
    »Ja es ist so meine Herren Und ich darf sagen es zählt das zu dem
Feinsten und Tiefsinnigsten was es gibt Und ich habe da auch neulich erst eine
Geschichte gelesen die das alles nicht bloß so obenhin bestätigt sondern
beinahe großartig bestätigt Und noch dazu aus Siam«
    »Aus Siam«
    »Ja aus Siam Und ich würde Sie damit behelligen wenn die Sache nicht ein
bisschen zu lang wäre Die Herren vom Lande werden so leicht ungeduldig und ich
wundere mich oft dass sie die Predigt bis zu Ende mit anhören Daneben ist
freilich meine Geschichte aus Siam«
    »Erzählen Direktorchen erzählen«
    »Nun denn auf Ihre Gefahr Freilich auch auf meine Da war also und es
ist noch gar nicht lange her ein König von Siam Die Siamesen haben nämlich
auch Könige«
    »Nu natürlich So tief stehen sie doch nicht«
    »Also da war ein König von Siam und dieser König hatte eine Tochter«
    »Klingt ja wie aus m Märchen«
    »Ist auch meine Herren Eine Tochter eine richtige Prinzessin und ein
Nachbarfürst aber von geringerem Stande so dass man doch auch hier wieder an
den Kandidaten erinnert wird  dieser Nachbarfürst raubte die Prinzessin und
nahm sie mit in seine Heimat und seinen Harem trotz alles Sträubens«
    »Na na«
    »So wenigstens wird berichtet Aber der König von Siam war nicht der Mann
so was ruhig einzustecken Er unternahm vielmehr einen heiligen Krieg gegen den
Nachbarfürsten schlug ihn und führte die Prinzessin im Triumphe wieder zurück
Und alles Volk war wie von Sieg und Glück berauscht Aber die Prinzessin selbst
war schwermütig«
    »Kann ich mir denken Wollte wieder weg«
    »Nein ihr Herren Wollte nicht zurück Denn es war eine sehr feine Dame
die gelitten hatte«
    »Ja Aber wie«
    »Die gelitten hatte und fortan nur dem einen Gedanken der Entsühnung lebte
dem Gedanken wie das Unheilige das Berührtsein wieder von ihr genommen werden
könne«
    »Geht nicht Berührt is berührt«
    »Mitnichten Herr von Molchow Die hohe Priesterschaft wurde herangezogen
und hielt wie man hier vielleicht sagen würde einen Synod in dem man sich mit
der Frage der Entsühnung oder was dasselbe sagen will mit der Frage der
Wiederherstellung der Virginität beschäftigte Man kam überein oder fand es
auch vielleicht in alten Büchern dass sie in Blut gebadet werden müsse«
    » Brrr«
    »Und zu diesem Behufe wurde sie bald danach in eine Tempelhalle geführt
drin zwei mächtige Wannen standen eine von rotem Porphyr und eine von weißem
Marmor und zwischen diesen Wannen auf einer Art Treppe stand die Prinzessin
selbst Und nun wurden drei weiße Büffel in die Tempelhalle gebracht und der
Hohepriester trennte mit einem Schnitt jedem der drei das Haupt vom Rumpf und
ließ das Blut in die daneben stehende Porphyrwanne fließen Und jetzt war das
Bad bereitet und die Prinzessin nachdem siamesische Jungfrauen sie entkleidet
hatten stieg in das Büffelblut hinab und der Hohepriester nahm ein heiliges
Gefäß und schöpfte damit und goss es aus über die Prinzessin«
    »Eine starke Geschichte bei Tisch hätt ich mehrere Gänge passieren lassen
Ich find es doch entschieden zuviel«
    »Ich nicht« sagte der alte Zühlen der sich inzwischen eingefunden und seit
ein paar Minuten mit zugehört hatte »Was heißt zuviel oder zu stark Stark ist
es soviel geb ich zu aber nicht zu stark Dass es stark ist das ist ja eben
der Witz von der Sache Wenn die Prinzessin bloß einen Leberfleck gehabt hätte
so fänd ich es ohne weiteres zu stark es muss immer ein richtiges Verhältnis
dasein zwischen Mittel und Zweck Ein Leberfleck ist gar nichts Aber bedenken
Sie ne richtige Prinzessin als Sklavin in einem Harem da muss denn doch ganz
anders vorgegangen werden Wir reden jetzt soviel von großen Mitteln Ja meine
Herren auch hier war nur mit großen Mitteln was auszurichten«
    »Igni et ferro« bestätigte der Rektor
    »Und« fuhr der alte Zühlen fort »soviel wird jedem einleuchten um den
Teufel auszutreiben als den ich diesen Nachbarfürsten und seine Tat durchaus
ansehe dazu musste was Besonderes geschehen etwas Beelzebubartiges Und das war
eben das Blut dieser drei Büffel Ich find es nicht zuviel«
    Tormeier hob sein Glas um mit dem alten Zühlen anzustossen »Es ist genau
so wie Herr von Zühlen sagt Und zuletzt geschah denn auch glücklicherweise
das was unsre mehr auf Schönheit gerichteten Wünsche  denn wir leben nun mal
in einer Welt der Schönheit  zufriedenstellen konnte Direkt aus der
Porphyrwanne stieg die Prinzessin in die Marmorwanne drin alle Wohlgerüche
Arabiens ihre Heimstätte hatten und alle Priester traten mit ihren Schöpfkellen
aufs neue heran und in Kaskaden ergoss es sich über die Prinzessin und man sah
ordentlich wie die Schwermut von ihr abfiel und wie all das wieder aufblühte
was ihr der räuberische Nachbarfürst genommen Und zuletzt schlugen die
Dienerinnen ihre Herrin in schneeweiße Gewänder und führten sie bis an ein Lager
und fächelten sie hier mit Pfauenwedeln bis sie den Kopf still neigte und
entschlief Und ist nichts zurückgeblieben und ist später die Gattin des Königs
von Annam geworden Er soll allerdings sehr aufgeklärt gewesen sein weil
Frankreich schon seit einiger Zeit in seinem Lande herrschte«
    »Hoffen wir dass Lillis Vetter auch ein Einsehen hat«
    »Er wird er wird«
    Darauf stieß man an und alles brach auf Die Wagen waren bereits
vorgefahren und standen in langer Reihe zwischen dem »Prinzregenten« und dem
Triangelplatz
    Auch der Stechliner Wagen hielt schon und Martin um sich die Zeit zu
vertreiben knipste mit der Peitsche Dubslav suchte nach seinem Pastor und
begann schon ungeduldig zu werden als Lorenzen endlich an ihn herantrat und um
Entschuldigung bat dass er habe warten lassen Aber der Oberförster sei schuld
der habe ihn in ein Gespräch verwickelt das auch noch nicht beendet sei
weshalb er vorhabe die Rückfahrt mit Katzler gemeinschaftlich zu machen
    Dubslav lachte »Na dann mit Gott Aber lassen Sie sich nicht zuviel
erzählen Ermyntrud wird wohl die Hauptrolle spielen oder noch wahrscheinlicher
der neu zu findende Name Werde wohl recht behalten Und nun vorwärts
Martin«
    Damit ging es über das holperige Pflaster fort
In der Stadt war schon alles still aber draußen auf der Landstraße kam man an
großen und kleinen Trupps von Häuslern Teerschwelern und Glashüttenleuten
vorüber die sich einen guten Tag gemacht hatten und nun singend und johlend
nach Hause zogen Auch Frauensvolk war dazwischen und gab allem einen
Beigeschmack
    So trabte Dubslav auf den als halber Weg geltenden Nehmitzsee zu Nicht weit
davon befand sich ein Kohlenmeiler DietrichsOfen und als Martin jetzt um die
nach Süden vorgeschobene Seespitze herumbiegen wollte sah er dass wer am Wege
lag den Oberkörper unter Gras und Binsen versteckt aber die Füße quer über das
Fahrgeleise
    Martin hielt an »Gnädiger Herr da liegt wer Ich glaub es ist der alte
Tuxen«
    »Tuxen der alte Süffel von DietrichsOfen«
    »Ja gnädiger Herr Ich will mal sehen was es mit ihm is«
    Und dabei gab er die Leinen an Dubslav und stieg ab und rüttelte und
schüttelte den am Wege Liegenden »Awer Tuxen wat moakst du denn hier Wenn
keen Moonschien wiehr wiehrst du nu all kaputt«
    »Joa joa« sagte der Alte Aber man sah dass er ohne rechte Besinnung war
    Und nun stieg Dubslav auch ab um den ganz Unbehilflichen mit Martin
gemeinschaftlich auf den Rücksitz zu legen Und bei dieser Prozedur kam der
Trunkene einigermaßen wieder zu sich und sagte »Nei nei Martin nich doa
pack mi lewer vörn uppn Bock«
    Und wirklich sie hoben ihn da hinauf und da saß er nun auch ganz still und
sagte nichts Denn er schämte sich vor dem gnädigen Herrn
    Endlich aber nahm dieser wieder das Wort und sagte »Nu sage mal Tuxen
kannst du denn von dem Branntwein nich lassen Legst dich da hin is ja schon
Nachtfrost Noch ne Stunde dann warst du dod Waren sie denn alle so«
    »Mehrschtendeels«
    »Und da habt ihr denn für den Katzenstein gestimmt«
    »Nei gnädger Herr för Katzenstein nich«
    Und nun schwieg er wieder während er vorn auf dem Bock unsicher hin und her
schwankte
    »Na man raus mit der Sprache Du weißt ja ich reiss keinem den Kopp ab Is
auch alles egal Also für Katzenstein nich Na für wen denn«
    »För Torgelown«
    Dubslav lachte »Für Torgelow den euch die Berliner hergeschickt haben Hat
er denn schon was für euch getan«
    »Nei noch nich«
    »Na warum denn«
    »Joa se seggen joa he will wat för uns duhn un is so sihr för de armen
Lüd Un denn kriegen wi joa n Stück Tüffelland Un se seggen ook he is klöger
as de annern sinn«
    »Wird wohl Aber er is doch noch lange nich so klug wie ihr dumm seid Habt
ihr denn schon gehungert«
    »Nei dat grad nich«
    »Na das kann auch noch kommen«
    »Ach gnädger Herr dat wihrd joa woll nich«
    »Na wer weiß Tuxen Aber hier is DietrichsOfen Nu steigt ab und seht
Euch vor dass Ihr nicht fallt wenn die Pferde anrucken Und hier habt Ihr was
Aber nich mehr für heut Für heut habt Ihr genug Und nu macht dass Ihr zu Bett
kommt und träumt von Tüffelland«
 
                            In Mission nach England
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Woldemar erfuhr am andern Morgen aus Zeitungstelegrammen dass der
sozialdemokratische Kandidat Feilenhauer Torgelow im Wahlkreise
RheinsbergWutz gesiegt habe Bald darauf traf auch ein Brief von Lorenzen ein
der zunächst die Telegramme bestätigte und am Schluße hinzusetzte dass Dubslav
eigentlich herzlich froh über den Ausgang sei Woldemar war es auch Er ging
davon aus dass sein Vater wohl das Zeug habe bei Dressel oder Borchardt mit
viel gutem Menschenverstand und noch mehr Eulenspiegelei seine Meinung über
allerhand politische Dinge zum besten zu geben aber im Reichstage fachund
sachgemäss sprechen das konnt er nicht und wollt er auch nicht Woldemar war so
durchdrungen davon dass er über die Vorstellung einer Niederlage dran er als
Sohn des Alten immerhin wie beteiligt war verhältnismäßig rasch hinwegkam
pries es aber doch um eben diese Zeit mit einem Kommando nach Ostpreussen hin
betraut zu werden das ihn auf ein paar Wochen von Berlin fernhielt Kam er dann
zurück so waren Anfragen in dieser Wahlangelegenheit nicht mehr zu befürchten
am wenigsten innerhalb seines Regiments in dem man sich von ein paar Intimsten
abgesehen eigentlich schon jetzt über den unliebsamen Zwischenfall ausschwieg
    Und in Schweigen hüllte man sich auch am Kronprinzenufer als Woldemar hier
am Abend vor seiner Abreise noch einmal vorsprach um sich bei der gräflichen
Familie zu verabschieden Es wurde nur ganz obenhin von einem abermaligen Siege
der Sozialdemokratie gesprochen ein absichtlich flüchtiges Berühren das nicht
auffiel weil sich das Gespräch sehr bald um Rex und Czako zu drehen begann
die seit lange dazu aufgefordert gerade den Tag vorher ihren ersten Besuch im
Barbyschen Hause gemacht und besonders bei dem alten Grafen viel Entgegenkommen
gefunden hatten Auch Melusine hatte sich durch den Besuch der Freunde durchaus
zufriedengestellt gesehen trotzdem ihr nicht entgangen war was nach freilich
entgegengesetzten Seiten hin die Schwäche beider ausmachte
    »Wovon der eine zuwenig hat« sagte sie »davon hat der andre zuviel«
    »Und wie zeigte sich das gnädigste Gräfin«
    »Oh ganz unverkennbar Es traf sich dass im selben Augenblicke wo die
Herren Platz nahmen drüben die Glocken der Gnadenkirche geläutet wurden was
denn  man ist bei solchen ersten Besuchen immer dankbar an irgendwas anknüpfen
zu können  unser Gespräch sofort aufs Kirchliche hinüberlenkte Da
legitimierten sich dann beide Hauptmann Czako weil er ahnen mochte was sein
Freund in nächster Minute sagen würde gab vorweg deutliche Zeichen von
Ungeduld während Herr von Rex in der Tat nicht nur von dem Ernst der Zeiten zu
sprechen anfing sondern auch von dem Bau neuer Kirchen einen allgemeinen uns
nahe bevorstehenden Umschwung erwartete Was mich natürlich erheiterte«
Woldemars Kommando nach Ostpreussen war bis auf Anfang November berechnet und
mehr als einmal sprachen im Verlaufe dieser Zeit Rex und Czako bei den Barbys
vor Freilich immer nur einzeln Verabredungen zu gemeinschaftlichem Besuche
waren zwar mehrfach eingeleitet worden aber jedesmal erfolglos und erst zwei
Tage vor Woldemars Rückkehr fügte es sich dass sich die beiden Freunde bei den
Barbys trafen Es war ein ganz besonders gelungener Abend da neben der Baronin
Berchtesgaden und Doktor Wrschowitz auch ein alter Malerprofessor eine neue
Bekanntschaft des Hauses zugegen war was eine sehr belebte Konversation
herbeiführte Besonders der neben seinen andern Aparteiten auch durch langes
weißes Haar und große Leuchteaugen ausgezeichnete Professor hatte  gestützt auf
einen unentwegten PeterKorneliusEnthusiasmus  alles hinzureissen gewusst »Ich
bin glücklich noch die Tage dieses großen und einzig dastehenden Künstlers
gesehen zu haben Sie kennen seine Kartons die mir das Bedeutendste scheinen
was wir überhaupt hier haben Auf dem einen Karton steht im Vordergrund ein
Tubabläser und setzt das Horn an den Mund um zu Gericht zu rufen Diese eine
Gestalt balanciert fünf Kunstausstellungen will also sagen netto
fünfzehntausend Bilder Und eben diese Kartons samt dem Bläser zum Gericht die
wollen sie jetzt fortschaffen und sagen dabei in naiver Effronterie solch
schwarzes Zeug mit Kohlenstrichen dürfe überhaupt nicht soviel Raum einnehmen
Ich aber sage Ihnen meine Herrschaften ein Kohlenstrich von Kornelius ist mehr
wert als alle modernen Paletten zusammengenommen und die Tuba die dieser
Tubabläser da an den Mund setzt  verzeihen Sie mir altem Jüngling diesen
Kalauer  diese Tuba wiegt alle Tuben auf aus denen sie jetzt ihre Farben
herausdrücken Beiläufig auch eine miserable Neuerung Zu meiner Zeit gab es
noch Beutel und diese Beutel aus Schweinsblase waren viel besser Ein wahres
Glück dass König Friedrich Wilhelm IV diese jetzt etablierte Niedergangsepoche
nicht mehr erlebt hat diese Zeit des Abfalls so recht eigentlich eine Zeit der
Apokalyptischen Reiter Bloß zu den dreien die der große Meister uns da
geschaffen hat ist heutzutage noch ein vierter Reiter gekommen ein Mischling
von Neid und Ungeschmack Und dieser vierte sichelt am stärksten«
    Alles nickte selbst die die nicht ganz so dachten denn der Alte mit
seinem Apostelkopfe hatte ganz wie ein Prophet gesprochen Nur Melusine blieb in
einer stillen Opposition und flüsterte der Baronin zu »Tubabläser Mir
persönlich ist die Böcklinsche Meerfrau mit dem Fischleib lieber Ich bin
freilich Partei«
Die Abende bei den Barbys schlossen immer zu früher Stunde So war es auch heute
wieder Es schlug eben erst zehn als Rex und Czako auf die Straße hinaustraten
und drüben an dem langgestreckten Ufer Tausende von Lichtern vor sich hatten
von denen die vordersten sich im Wasser spiegelten
    »Ich möchte wohl noch einen Spaziergang machen« sagte Czako »Was meinen
Sie Rex Sind Sie mit dabei Wir gehen hier am Ufer entlang an den Zelten
vorüber bis Bellevue und da steigen wir in die Stadtbahn und fahren zurück Sie
bis an die Friedrichsstrasse ich bis an den Alexanderplatz Da ist jeder von uns
in drei Minuten zu Haus«
    Rex war einverstanden »Ein wahres Glück« sagte er »dass wir uns endlich
mal getroffen haben Seit fast drei Wochen kennen wir nun das Haus und haben
noch keine Aussprache darüber gehabt Und das ist doch immer die Hauptsache Für
Sie gewiss«
    »Ja Rex das für Sie gewiss das sagen Sie so spöttisch und überheblich
weil Sie glauben Klatschen sei was Inferiores und für mich gerade gut genug
Aber da machen Sie meiner Meinung nach einen doppelten Fehler Denn erstlich ist
Klatschen überhaupt nicht inferior und zweitens klatschen Sie geradeso gern wie
ich und vielleicht noch ein bisschen lieber Sie bleiben nur immer etwas steifer
dabei lehnen meine Frivolitäten zunächst ab warten aber eigentlich darauf Im
übrigen denk ich wir lassen all das auf sich beruhn und sprechen lieber von der
Hauptsache Ich finde wir können unserm Freunde Stechlin nicht dankbar genug
dafür sein uns mit einem so liebenswürdigen Hause bekannt gemacht zu haben Den
Wrschowitz und den alten Malerprofessor der von dem Engel des Gerichts nicht
loskonnte  nun die beiden schenk ich Ihnen ich denke mir der Maler wird wohl
nach Ihrem Geschmacke sein aber die andern die man da trifft wie reizend
alle wie natürlich Obenan dieser Frommel dieser Hofprediger der mir am
Teetisch fast noch besser gefällt als auf der Kanzel Und dann diese bayrische
Baronin Es ist doch merkwürdig dass die Süddeutschen uns im Gesellschaftlichen
immer um einen guten Schritt vorauf sind nicht von Bildungs aber von
glücklicher Natur wegen Und diese glückliche Natur das ist doch die wahre
Bildung«
    »Ach Czako Sie überschätzen das Es ist ja richtig wenn sie da so die
Würstel aus dem großen Kessel herausholen und irgendeine Loni oder Toni mit dem
Masskrug kommt so sieht das nach was aus und wir kommen uns wie verhungerte
Schulmeister daneben vor Aber eigentlich ist das was wir haben doch das
Höhere«
    »Gott bewahre Alles was mit Grammatik und Examen zusammenhängt ist nie
das Höhere Waren die Patriarchen examiniert oder Moses oder Christus Die
Pharisäer waren examiniert Und da sehen Sie was dabei herauskommt Aber um
mehr in der Nähe zu bleiben nehmen Sie den alten Grafen Er war freilich
Botschaftsrat und das klingt ein bisschen nach was aber eigentlich ist er doch
auch bloß ein unexaminierter Naturmensch und das gerade gibt ihm seinen Charme
Beiläufig finden Sie nicht auch dass er dem alten Stechlin ähnlich sieht«
    »Ja äußerlich«
    »Auch innerlich Natürlich ne andre Nummer aber doch derselbe Zwirn 
Pardon für den etwas abgehaspelten Berolinismus Und wenn Sie vielleicht an
Politik gedacht haben auch da ist wenig Unterschied Der alte Graf ist lange
nicht so liberal und der alte Dubslav lange nicht so junkerlich wies aussieht
Dieser Barby dessen Familie glaub ich vordem zu den Reichsunmittelbaren
gehörte dem steckt noch so was von Gottesgnadenschaft in den Knochen und das
gibt dann die bekannte Sorte von Vornehmheit die sich den Liberalismus glaubt
gönnen zu können Und der alte Dubslav nun der hat dafür das im Leibe was die
richtigen Junker alle haben ein Stück Sozialdemokratie Wenn sie gereizt
werden bekennen sie sich selber dazu«
    »Sie verkennen das Czako Das alles ist ja bloß Spielerei«
    »Ja was heißt Spielerei Spielen Wir haben schöne alte Fibelverse die vor
der Gefährlichkeit des MitdemFeuerSpielens warnen Aber lassen wir Dubslav
und den alten Barby Wichtiger sind doch zuletzt immer die Damen die Gräfin und
die Komtesse Welche wird es Ich glaube wir haben schon mal darüber
gesprochen damals als wir von Kloster Wutz her über den Cremmer Damm ritten
Viel Vertrauen zu Freund Woldemars richtigem Frauenverständnis hab ich
eigentlich nicht aber ich sage trotzdem Melusine«
    »Und ich sage Armgard Und Sie sagen es im stillen auch«
Es war zwei Tage vor Woldemars Rückkehr aus Ostpreussen dass Rex und Czako dies
Tiergartengespräch führten Eine halbe Stunde später fuhren sie wie verabredet
vom Bellevuebahnhof aus wieder in die Stadt zurück Überall war noch ein reges
Leben und Treiben und Leben war denn auch in dem aus bloß drei Zimmern
verschiedener Größe sich zusammensetzenden Kasino der Gardedragoner In dem
zunächst am Flur gelegenen großen Speisesaale von dessen Wänden die früheren
Kommandeure des Regiments Prinzen und Nichtprinzen herniederblickten sah man
nur wenig Gäste Daneben aber lag ein Eckzimmer das mehr Insassen und mehr
flotte Bewegung hatte Hier über dem schräggestellten Kamin drin ein kleines
Feuer flackerte hing seit kurzem das Bildnis des »hohen Chefs« des Regiments
der Königin von England und in der Nähe eben dieses Bildes ein ruhmreiches
Erinnerungsstück aus dem sechsundsechziger und siebziger Kriege die Trompete
darauf derselbe Mann Stabstrompeter Wollhaupt erst am 3 Juli auf der Höhe von
Lipa und dann am 16 August bei MarslaTour das Regiment zur Attacke gerufen
hatte bis er an der Seite seines Obersten fiel der Oberst mit ihm
    Dies Eckzimmer war wie gewöhnlich auch heute der bevorzugte kleine Raum
drin sich jüngere und ältere Offiziere zu Spiel und Plauderei zusammengefunden
hatten unter ihnen die Herren von Wolfshagen von Herbstfelde von Wohlgemut
von Grumbach von Raspe
    »Weiß der Himmel« sagte Raspe »wir kommen aus den Abordnungen auch gar
nicht mehr heraus Wir haben freilich drei Sendens im Regiment aber es sind der
Sendbotschaften doch fast zuviel Und diesmal nun auch unser Stechlin dabei
    Was wird er sagen wenn er oben in Ostpreussen von der ihm zugedachten Ehre
hört Er wird vielleicht sehr gemischte Gefühle haben Übermorgen ist er von
Trakehnen wieder da mutmasslich bei dem scheußlichen Wetter schlecht ajustiert
und dann Hals über Kopf und in großem Trara nach London Und London ginge noch
Aber auch nach Windsor Alles wenn es sich um Chic handelt will doch seine
Zeit haben und gerade die Vettern drüben sehen einem sehr auf die Finger«
    »Lass sie sehen« sagte Herbstfelde »Wir sehen auch Und Stechlin ist nicht
der Mann sich über derlei Dinge graue Haare wachsen zu lassen Ich glaube dass
ihn was ganz andres geniert Es ist doch immerhin was dass er da mit nach
England hinüber soll und einer solchen Auszeichnung entspricht
selbstverständlich eine Nichtauszeichnung andrer Das passt nicht jedem und nach
dem Bilde das ich mir von unserm Stechlin mache gehört er zu diesen Er ficht
nicht gern unter der Devise nur über Leichen hat vielmehr umgekehrt den Zug
sich in die zweite Linie zu stellen Und nun sieht es aus als wär er ein
Streber«
    »Stimmt nicht« sagte Raspe »Für so verrannt kann ich keinen von uns
halten Stechlin sitzt da oben in Ostpreussen und kann doch unmöglich in seinen
Mussestunden hierher intrigiert und einen etwaigen Rivalen aus dem Sattel
geworfen haben Und unser Oberst Der ist doch auch nicht der Mann dazu sich
irgendwen aufreden zu lassen Der kennt seine Pappenheimer Und wenn er sich den
Stechlin aussucht dann weiß er warum Übrigens Dienst ist Dienst man geht
nicht weil man will sondern weil man muss Spricht er denn Englisch«
    »Ich glaube nicht« sagte von Grumbach »Soviel ich weiß hat er vor kurzem
damit angefangen aber natürlich nicht wegen dieser Mission die ja wie vom
blauen Himmel auf ihn niederfällt sondern der Barbys wegen die beinah zwanzig
Jahre in England waren und halb englisch sind Im übrigen hab ich mir sagen
lassen es geht drüben auch ohne die Sprache Herbstfelde Sie waren ja voriges
Jahr da Mit gutem Deutsch und schlechtem Französisch kommt man überall durch«
    »Ja« sagte Herbstfelde »Bloß ein bisschen Landessprache muss doch noch
dazukommen Indessen es gibt ja kleine Vademekums und da muss man dann eben
nachschlagen bis mans hat Sonst sind hundert Vokabeln genug Als ich noch zu
Hause war hatten wir da ganz in unsrer Nachbarschaft einen verdrehten alten
Herrn der  eh ihn die Gicht unterkriegte  sich so ziemlich in der ganzen Welt
herumgetrieben hatte Pro neues Land immer neue hundert Vokabeln Unter anderm
war er auch mal in Südrussland gewesen von welcher Zeit ab  und zwar nach
vorgängiger vor einem großen Liqueurkasten stattgehabten Anfreundung mit einem
uralten Popen  er das Amendement zu stellen pflegte Hundert Vokabeln aber bei
nem Popen bloß fünfzig Und das muss ich sagen ich habe das mit den hundert in
England durchaus bestätigt gefunden Mary please a jug of hot water soviel
muss man weghaben sonst sitzt man da Denn der Naturengländer weiß gar nichts«
    »Wie lange waren Sie denn eigentlich drüben Herbstfelde«
    »Drei Wochen Aber die Reisetage mitgerechnet«
    »Und sind Sie so ziemlich auf Ihre Kosten gekommen Einblick ins Volksleben
Parlament Oxford Kambridge Gladstone«
    Herbstfelde nickte
    »Und wenn Sie nun so alles zusammennehmen was hat da so den meisten
Eindruck auf Sie gemacht Architektur Kunst Leben die Schiffe die großen
Brücken Die Strassenjungens wenn man in einem Kab vorüberfährt sollen ja immer
Rad neben einem her schlagen und die Dienstmädchen was noch wichtiger ist
sollen sehr hübsch sein kleine Hauben und Tändelschürze«
    »Ja Raspe da treffen Sies Und ist eigentlich auch das Interessanteste
Denn sogenannte Meisterwerke gibt es ja jetzt überall von Kirchen und
dergleichen gar nicht zu reden Und Schiffe haben wir ja jetzt auch und auch ein
Parlament Und manche sagen unsres sei noch besser Aber das Volk Sehen Sie
da steckt es Das Volk ist alles«
    »Na natürlich Volk Oberschicht überall ein und dasselbe Was da los ist
das wissen wir«
    »Und eigentlich hab ich die ganzen drei Wochen auf nem Omnibus gesessen und
bin abends in die Matrosenkneipen an der Temse gegangen Ein bisschen
gefährlich man hat da seinen Messerstich weg man weiß nicht wie ganz wie in
Italien Bloß in Italien gibt es vorher doch immer noch ein Liebesverhältnis
was in Old Wapping  so heißt nämlich der Stadtteil an der Temse  nicht mal
nötig ist Und dann wenn ich zu Hause war sprach ich natürlich mit Mary Viel
war es nicht Denn die hundert Vokabeln die dazu nötig sind die hatte ich
damals noch nicht voll«
    »Na s ging aber doch«
    »So leidlich Und dabei hatt ich mal ne Szene die war eigentlich das
Hübscheste Meine Wohnung befand sich nämlich eine Treppe hoch in einer kleinen
stillen Querstrasse von Oxford Street Und Mary war gerade bei mir Und in dem
Augenblicke wo ich mich mit dem hübschen Kinde zu verständigen suche«
    »Worüber«
    »In demselben Augenblicke sieht ein Chinese grinsend in mein Fenster hinein
so dass er eigentlich eine Ohrfeige verdient hätte«
    »Wie war denn das aber möglich«
    »Ja das ist ja eben das was ich das Londoner Volksleben nenne Alles
mögliche wovon wir hier gar keine Vorstellung haben vollzieht sich da mitten
auf dem Strassendamm Und so waren denn auch an jenem Tage zwei Chinesen ihres
Zeichens Akrobaten in die Querstrasse von Oxford Street gekommen und der eine
ein dicker starker Kerl hatte einen Gurt um den Leib und in der Öse dieses
Gurtes steckte ne Stange auf die der zweite Chinese hinaufkletterte Und wie
er da oben war war er gerade in Höhe meiner Beletage und sah hinein als ich
mich eben bemühte mich Mary klarzumachen«
    »Ja Herbstfelde das war nu freilich ein Pech und wenn Sie wieder drüben
sind müssen Sie nach hinten hinaus wohnen oder höher hinauf Aber interessant
ist es doch Und ich bezweifle nur dass Stechlin in eine gleiche Lage kommen
wird«
    »Gewiss nicht Daran hindern ihn seine Moralitäten«
    »Und noch mehr die Barbys«
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
Woldemar von der ihm bevorstehenden Auszeichnung unterrichtet kürzte seinen
Aufenthalt in Ostpreussen um vierundzwanzig Stunden ab hatte trotzdem aber nach
seinem Wiedereintreffen in Berlin nur noch zwei Tage zur Verfügung Das war
wenig Denn außer allerlei zu treffenden Reisevorbereitungen lag ihm doch auch
noch ob verschiedene Besuche zu machen so bei den Barbys bei denen er sich
für den letzten Abend schon brieflich angemeldet hatte
    Dieser Abend war nun da Die Koffer standen gepackt um ihn her er selber
aber lehnte sich ziemlich abgespannt in seinen Schaukelstuhl zurück nochmals
überschlagend ob auch nichts vergessen sei Zuletzt sagte er sich »Was nun
noch fehlt fehlt ich kann nicht mehr« Und dabei sah er nach der Uhr Bis zu
seinem am Kronprinzenufer angesagten Besuche war noch fast eine Stunde Die
wollt er ausnutzen und sich vorher nach Möglichkeit ruhen Aber er kam nicht
dazu Sein Bursche trat ein und meldete »Hauptmann von Czako«
    »Ah sehr willkommen«
    Und Woldemar sowenig gelegen ihm Czako auch kam sprang doch auf und
reichte dem Freunde die Hand »Sie kommen um mir zu meiner englischen Reise zu
gratulieren Und wiewohl es soso damit steht Ihnen glaub ichs dass Sies
ehrlich meinen Sie gehören zu den paar Menschen die keinen Neid kennen«
    »Na lassen wir das Thema lieber Ich bin dessen nicht so ganz sicher
mancher sieht besser aus als er ist Aber natürlich komm ich um Ihnen wohl
oder übel meine Glückwünsche zu bringen und meinen Reisesegen dazu
Donnerwetter Stechlin wo will das noch mit Ihnen hinaus Sie werden natürlich
Londoner Militärattaché sagen wir in einem halben Jahr und in ebensoviel Zeit
haben Sie sich drüben sportlich eingelebt und etablieren sich als Sieger in
einem Steeplechase vorausgesetzt dass es so was noch gibt ich glaube nämlich
man nennt es jetzt alles ganz anders Und vierzehn Tage nach Ihrem ersten
großen Sportsiege verloben Sie sich mit Ruth Russel oder mit Geraldine
Kavendish haben den Bedforder oder den DevonshireHerzog als Rückendeckung und
gehen als Generalgouverneur nach Mittelafrika links die Zwerge rechts die
Menschenfresser Emin soll ja doch eigentlich aufgefressen sein«
    »Czako Sie machen sichs zunutze dass die Mittagsstunde glücklich vorüber
ist sonst könnten Sies kaum verantworten Aber rücken Sie sich einen Sessel
ran und hier sind Zigaretten Oder lieber Zigarre«
    »Nein Zigaretten Ja sehen Sie Stechlin solche Mission oder wenn auch
nur ein Bruchteil davon«
    »Sagen wir Anhängsel«
    » Solche Mission ist gerade das was ich mir all mein Lebtag gewünscht
habe Bloß Erhörung kam nicht geschritten Und doch ist gerad in unserm Regiment
immer was los Immer ist wer auf dem Wege nach Petersburg Aber weiß der Teufel
trotz der vielen Schickerei meine Wenigkeit ist noch nicht rangekommen Ich
denke mir es liegt an meinem Namen Hier hat Czako ja auch schon einen
Beigeschmack einen Stich ins Komische aber das Slawische drin gibt ihm in
Berlin etwas Apartes während es in Petersburg wahrscheinlich heißen würde
Czako was soll das Was soll Czako Dergleichen haben wir hier echter und
besser Ja ich gehe noch weiter und bin nicht einmal sicher ob man da drüben
nicht Lust bezeugen könnte in der Wahl von Czako einen Witz oder versteckten
Affront zu wittern Aber wie dem auch sei Winterpalais und Kreml sind mir
verschlossen Und nun gehen Sie nach London und sogar nach Windsor Und Windsor
ist doch nun mal das denkbar Feinste Russland wenn Sie mir solche
Frühstücksvergleiche gestatten wollen hat immer was von Astrachan England
immer was von Kolchester Und ich glaube Kolchester steht höher In meinen
Augen gewiss Ach Stechlin Sie sind ein Glückspilz ein Wort das Sie meiner
erregten Stimmung zugute halten müssen Ich werde wohl an der Majorsecke
scheitern wegen verschiedener Mankos Aber sehen Sie dass ich das einsehe das
könnte das Schicksal doch auch wieder mit mir versöhnen«
    »Czako Sie sind der beste Kerl von der Welt Es ist eigentlich schade dass
wir solche Leute wie Sie nicht bei unserm Regiment haben Oder wenigstens nicht
genug Fein ist ja ganz gut aber es muss doch auch mal ein Donnerwetter
dazwischenfahren ein Zynismus eine Bosheit sie braucht ja nicht gleich einen
Giftzahn zu haben Übrigens was die Patenteit angeht so fühl ich deutlich
dass ich auch nur so gerade noch passiere Nehmen Sie beispielsweise bloß das
Sprachliche Wer heutzutage nicht drei Sprachen spricht gehört in die Ecke«
    »Sag ich mir auch Und ich habe deshalb auch mit dem Russischen angefangen
Und wenn ich dann so dabei bin und über meine Fortschritte beinah erstaune dann
berapple ich mich momentan wieder und sage mir Kourage gewonnen alles
gewonnen Und dabei lass ich dann zu meinem weitern Trost all unsre preußischen
Helden zu Fuß und zu Pferde an mir vorüberziehen immer mit dem Gefühl einer
gewissen wissenschaftlichen und mitunter auch moralischen Überlegenheit Da ist
zuerst der Derfflinger Nun der soll ein Schneider gewesen sein Dann kam
Blücher  der war einfach ein Jeuer Und dann kam Wrangel und trieb sein
verwegenes Spiel mit mir und mich«
    »Bravo Czako Das ist die Sprache die Sie sprechen müssen Und Sie werden
auch nicht an der Majorsecke scheitern Eigentlich läuft doch alles bloß darauf
hinaus wie hoch man sich selber einschätzt Das ist freilich eine Kunst die
nicht jeder versteht Das Wort vom Alten Fritz Denk Er nur immer dass Er
hunderttausend Mann hinter sich hat dies Trostwort ist manchem von uns ein
bisschen verlorengegangen trotz unsrer Siege Oder vielleicht auch eben deshalb
Siege produzieren unter Umständen auch Bescheidenheit«
    »Jedenfalls haben Sie lieber Stechlin zuviel davon Aber wenn Sie erst
Ihre Ruth haben«
    »Ach Czako kommen Sie mir nicht immer mit Ruth Oder eigentlich seien Sie
doch bedankt dafür Denn dieser weibliche Name mahnt mich dass ich mich für heut
abend am Kronprinzenufer angemeldet habe bei den Barbys wos wie Sie wissen
freilich keine Ruth gibt aber dafür eine Melusine was fast noch mehr ist«
    »Versteht sich Melusine is mehr Alles was aus dem Wasser kommt ist mehr
Venus kam aus dem Wasser ebenso Hero Nein nein entschuldigen Sie es war
Leander«
    »Egal Lassen Sies wies ist Solche verwechselte Schillerstelle tut einem
immer wohl Übrigens können Sie mich in meinem Koupé begleiten vom
Kronprinzenufer aus haben Sie knapp noch halben Weg bis in Ihre Kaserne«
Das Koupé tat seine Schuldigkeit und es schlug eben erst acht als Woldemar vor
dem Barbyschen Hause hielt und sich von Czako verabschiedend die Treppe
hinaufstieg Er fand nur die Familie vor was ihm sehr lieb war weil er kein
allgemeines Gespräch führen sondern sich lediglich für seine Reise Rats erholen
wollte Der alte Graf kannte London besser als Berlin und auch Melusine war
schon über siebzehn als man bald nach dem Tode der Mutter England verlassen
und sich auf die Graubündner Güter zurückgezogen hatte Darüber waren nun wieder
nah an anderthalb Jahrzehnte vergangen aber Vater und Töchter hingen nach wie
vor an Hyde Park und dem schönen Hause das sie da bewohnt hatten und gedachten
dankbar der in London verlebten Tage Selbst Armgard sprach gern von dem
wenigen dessen sie sich noch aus ihrer frühen Kindheit her erinnerte
    »Wie glücklich bin ich« sagte Woldemar »Sie allein zu finden Das klingt
freilich sehr selbstisch aber ich bin doch vielleicht entschuldigt Wenn Besuch
da wäre nehmen wir beispielsweise Wrschowitz und ich ließe mich hinreißen von
der Prinzessin von Wales und in natürlicher Konsequenz von ihren zwei Schwestern
Dagmar und Tyra zu sprechen so hätt ich vielleicht wegen Dänenfreundlichkeit
heut abend noch ein Duell auszufechten Was mir doch unbequem wäre Besser ist
besser«
    Der alte Barby nickte vergnüglich
    »Ja Herr Graf« fuhr Woldemar fort »ich komme mich von Ihnen und den
Damen zu verabschieden aber ich komme vor allem auch um mich in zwölfter
Stunde noch nach Möglichkeit zu informieren In dem Augenblick wo der gänzlich
ignorante Kandidatus in seinen Frack fährt guckt er  so was soll vorkommen 
noch einmal ins Korpus juris und liest sagen wir zehn Zeilen und gerad über
diese wird er nachher gefragt und sieht sich gerettet Dergleichen könnte mir
doch auch vorbehalten sein Sie waren lange drüben und die Damen ebenso Auf was
muss ich achten was vermeiden was tun Vor allem was muss ich sehen und was
nicht sehen Das letztere vielleicht das Wichtigste von allem«
    »Gewiss lieber Stechlin Aber ehe wir anfangen rücken Sie hier ein und
gönnen Sie sich eine Tasse Tee Freilich dass Sie den Tee würdigen werden ist
so gut wie ausgeschlossen dazu sind Sie viel zu aufgeregt Sie sind ja wie ein
Wasserfall ich erkenne Sie kaum wieder«
    Woldemar wollte sich entschuldigen
    »Nur keine Entschuldigungen Und am wenigsten über das Alles ist heutzutage
so nüchtern dass ich immer froh bin mal einer Aufregung zu begegnen Aufregung
kleidet besser als Indifferenz und jedenfalls ist sie interessanter Was meinst
du dazu Melusine«
    »Papa schraubt mich Ich werde mich aber hüten zu antworten«
    »Und so denn wieder zur Sache Ja lieber Stechlin was tun was sehen Oder
wie Sie ganz richtig bemerken was nicht sehen Überall etwas sehr Schwieriges
In Italien vertrödelt man die Zeit mit Bildern in England mit
Hinrichtungsblöcken Sie haben drüben ganze Kollektionen davon Also möglichst
wenig Historisches Und dann natürlich keine Kirchen immer mit Ausnahme von
Westminster Ich glaube was man so mit billiger Wendung  Land und Leute nennt
das ist und bleibt das Beste Die Temse hinauf und hinunter Richmond Hill
auch jetzt noch trotzdem wir schon November haben und Werbekneipen und
Dudelsackspfeifer Und wenn Sie bei Passierung eines stillen Squares einem
sogenannten StraßenRaffael begegnen dann stehenbleiben und zusehen was das
sonderbare Genie mit seiner linken und oft verkrüppelten Hand auf die breiten
Strassensteine hinmalt Denn diese StraßenRaffaels haben immer nur eine linke
Hand«
    »Und was malt er«
    »Was Das wechselt Er ist imstande und zaubert Ihnen in zehn Minuten eine
richtige Sixtina aufs Trottoir Aber in der Regel ist er mehr Ruysdael oder
Hobbema Landschaften sind seine Force dazu Seestücke Die Klippe von Dover hab
ich wohl zwanzigmal gesehen und über das Meer hin den zitternden Mondstrahl Da
haben Sie schon was zur Auswahl Und nun fragen Sie Melusine Die hat von London
und Umgegend viel mehr gesehen als ich und weiß glaub ich in Hampton Kourt und
Waltam Abbei besser Bescheid als an der Oberspree natürlich das Eierhäuschen
ausgenommen Und wenn Melusine versagen sollte nun so haben wir ja noch unsere
Tochter Kordelia Kordelia war damals freilich erst sechs oder doch nicht viel
mehr Aber Kindermund tut Wahrheit kund Armgard wie wär es wenn du dich
unsers Freundes annähmest«
    »Ich weiß nicht Papa ob Herr von Stechlin damit einverstanden ist oder
auch nur sein kann Vielleicht ging es wenn du nur nicht von meinen sechs
Jahren gesprochen hättest Aber so Mit sechs Jahren hat man eben nichts erlebt
was in den Augen andrer des Erzählens wert wäre«
    »Komtesse gestatten Sie mir die Dinge an sich sind gleichgültig Alles
Erlebte wird erst was durch den der es erlebt«
    »Ei« sagte Melusine »So bin ich zum Erzählen noch mein Lebtag nicht
aufgefordert worden Nun wirst du sprechen müssen Armgard«
    »Und ich will auch selbst auf die Gefahr hin einer Niederlage«
    »Keine Vorreden Armgard Am wenigsten wenn sie wie Selbstlob klingen«
    »Also wir hatten damals eine alte Person im Hause die schon bei Melusine
Kindermuhme gewesen war und hieß Susan Ich liebte sie sehr denn sie hatte wie
die meisten Irischen etwas ungemein Heiteres und Gütiges Ich ging viel mit ihr
im Hyde Park spazieren wohnten wir doch in der an seiner Nordseite sich
hinziehenden großen Straße Hyde Park erschien mir immer sehr schön Aber weil
es tagaus tagein dasselbe war wollt ich doch gern einmal was andres sehen
worauf Susan auch gleich einging trotzdem es ihr eigentlich verboten war Ei
freilich Komtesse sagte sie da wollen wir nach Martins le Grand  Was ist
das fragte ich aber statt aller Antwort gab sie mir nur ein kleines Mäntelchen
um denn es war schon Spätherbst so etwa wie jetzt und dunkelte auch schon
Aus dem was dann kam muss ich annehmen dass es um die fünfte Stunde war Und so
brachen wir denn auf unsre Straße hinunter und weil an dem Parkgitter entlang
lauter große Rohren gelegt waren um hier neu zu kanalisieren so sprang ich auf
die Röhren hinauf und Susan hielt mich an meinem linken Zeigefinger So gingen
wir ich immer auf den Röhren oben bis wir an eine Stelle kamen wo der Park
aufhörte Hier war gerad ein Droschkenstand und Hafer und Häcksel lagen umher
und zahllose Sperlinge dazwischen In der Mitte von dem allem aber stand ein
eiserner Brunnen Auf den wies Susan hin und sagte Look at it dear Armgard
Tere stood Tyburn Gallows Und wer soviel gestohlen hatte wie gerad ein Strick
kostete der wurde da gehängt«
    »Eine merkwürdige Kindermuhme« sagte Stechlin »Und erschraken Sie nicht
Komtesse«
    »Nein von Erschrecken solange Susan bei mir war war keine Rede Sie hätte
mich gegen eine Welt verteidigt«
    »Das söhnt wieder aus«
    »Und kurz und gut wir blieben auf unserm Weg und stiegen alsbald in ein
zweirädriges Kab aus dem heraus wir sehr gut sehen konnten und jagten die
Oxfordstrasse hinunter in die City hinein in ein immer dichter werdendes
Strassengewirr drin ich nie vorher gekommen war und auch nachher nicht wieder
gekommen bin Bloß vor zwei Jahren als wir auf Besuch drüben waren und ich den
alten Plätzen wieder nachging«
    »Ich glaube« sagte Melusine »dass du bei diesem zweiten Besuch eine gute
Anleihe machst Denn von dem mit Susan Gesehenen wirst du zur Zeit nicht mehr
viel zur Verfügung haben«
    »Doch doch Und nun hielt unser Hansom Kab vor einem großen Hause das halb
wie ein Palast und halb wie ein griechischer Tempel aussah und unter dessen
Säulengang hinweg wir in eine große mit vielen hundert Menschen erfüllte Halle
traten Über ihren Köpfen aber lag es wie ein Strom von Licht und ganz nach
hinten zu wo die Lichtmasse sich zu verdichten schien standen auf einem Podium
zwei in rote Röcke gekleidete Bedienstete mit ein paar großen Behältern links
und rechts neben sich die wie Futterkisten mit weit aufgeklapptem Deckel
aussahen«
    »Und nun lass Stechlin raten was es war«
    »Er braucht es nicht zu raten« fuhr Armgard fort »er weiß es natürlich
schon Aber er muss trotzdem aushalten Denn er hat es selber so gewollt Also
Podium und Rotröcke samt aufgeklappter Kiste links und rechts Und die
hellerleuchtete Uhr darüber zeigte dass es nur noch eine Minute bis sechs war
An ein Sichherandrängen war nicht zu denken und so flogen denn die Brief und
Zeitungspakete die noch mit den letzten Postzügen fort sollten in weitem Bogen
über die Köpfe der in Front Stehenden weg was aber dabei statt in die Behälter
bloß auf das Podium fiel das wurde von den Rotröcken mit einer geschickten
Fussbewegung in die Futterkisten wie hineingeharkt Und nun setzte der Uhrzeiger
ein und das Fliegen der Pakete steigerte sich bis genau mit dem sechsten
Schlag auch der Deckel jeder der beiden Kisten zuschlug«
    »Reizend Komtesse Natürlich seh ich mir das an und wenn ich ein
Rendezvous mit der Königin darüber versäumen müsste«
    »Nichts Antimonarchisches« lachte der alte Graf »Und so kommen Susans
Untaten schließlich noch ans Licht«
    »Und meine eignen dazu Glücklicherweise durch mich selbst«
    Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort und allerlei Schilderungen
aus dem Klein und Alltagsleben behielten dabei die Oberhand Ein paarmal weil
er wohl sah dass Woldemar gern auch andres zu hören wünschte versuchte der alte
Graf das Thema zu wechseln aber beide Damen blieben bei »shopping« und »five
oclock tea« bis Melusine der Woldemars Ungeduld ebenfalls nicht entgangen
war mit einem Male fragte »Haben Sie denn je von Traitors Gate gehört«
    »Nein« sagte Woldemar »Ich kann es mir aber übersetzen und meine Schlüsse
daraus ziehen«
    »Das reicht aus Also natürlich Tower Nun sehen Sie Traitors Gate das war
meine Domäne wenn Besuch aus Deutschland kam und ich wohl oder übel den Führer
machen musste Vieles im Tower langweilte mich aber Traitors Gate nie
vielleicht deshalb nicht weil es ziemlich zu Anfang liegt so dass ich wenn
wirs erreichten immer noch bei Frische war nicht abgestumpft durch all die
Schrecklichkeiten die dann weiterhin folgen«
    »Also Traitors Gate muss ich sehen«
    »Unbedingt Freilich wenn ich dann wieder erwäge dass an dieser berühmten
Stelle nichts unmittelbar Wirkungsvolles zu sehen ist so muss ich mich bei meinen
Ratschlägen auf Ihre Phantasie verlassen können Und ob das geht weiß ich
nicht Wer aus der Mark ist hat meist keine Phantasie«
    Der alte Graf und Armgard schwiegen und auch Melusine sah wohl dass sie mit
ihrer Bemerkung etwas zu weit gegangen war Irgendeine Reparierung schien also
geboten »Ich wills aber doch mit Ihnen wagen« nahm sie das Gespräch wieder
auf und lachte »Traitors Gate Nun sehen Sie Sie kommen da vom Eingange her
einen schmalen Gang entlang und mit einem Male haben Sie statt der grauen
Steinwand ein eisenbeschlagenes Holztor neben sich Hinter diesem Tor aber
befindet sich ein kleiner ganz unten in der Tiefe gelegener Wasserhof von dem
aus eine mehrstufige Treppe heraufführt und an eben der Stelle mündet an der
Sie stehen Und nun rechnen Sie dreihundert Jahre zurück Wem sich die Pforte
damals auftat um sich hinter ihm wieder zu schließen der hatte vom Leben
Abschied genommen Es sind da verzeihen Sie das Wort lauter glibbrige
Stufen und wer alles stieg diese Stufen hinauf Essex Sir Walter Raleigh
Thomas Morus und zuletzt noch jene Klanhäuptlinge die für Prince Charlie
gefochten hatten und deren Köpfe wenige Tage später von Temple Bar herab auf
die City niedersahn«
    »Liegt Gott sei Dank weit zurück«
    »Ja weit zurück Aber es kann wiederkommen Und gerade das war es was
immer wenn ich da so stand den größten Eindruck auf mich machte Diese
Möglichkeit dass es wiederkehre Denn ich erinnere mich noch sehr wohl  ja du
warst es selbst Papa der es mir erzählte  dass Lord Palmerston einmal
unwirsch über die koburgische Nebenpolitik ich glaube während der
Krimkriegtage sich dahin geäußert hätte Dieser Prince Konsort er täte gut
sich unser Traitors Gate bei Gelegenheit anzusehen Es ist zwar schon lange dass
Könige da die glibbrige Treppe hinaufgestiegen sind aber es ist doch noch nicht
so lange dass wir uns dessen nicht mehr entsinnen könnten Und ein Prince
Konsort ist noch lange nicht ein König«
    Woldemar als Melusine dies mit überlegener Miene gesagt hatte lächelte vor
sich hin was die Gräfin derartig verdross dass sie mit einer gewissen
Gereiztheit hinzusetzte »Sie lächeln Da seh ich doch wie sehr ich im Rechte
war Ihnen die Phantasie abzusprechen«
    »Verzeihen Sie mir«
    »Und nun werden Sie auch noch pathetisch Das ist die richtige Ergänzung Im
übrigen wie könnt ich mit Ihnen ernstaft zürnen Ein berühmter deutscher
Professor soll einmal irgendwo gesagt haben niemand sei verpflichtet ein
großer Mann zu sein Und ebensowenig wird er große Phantasie als etwas
Pflichtmässiges gefordert haben«
    Woldemar küsste ihr die Hand »Wissen Sie Gräfin dass Sie doch eigentlich
recht hochmütig sind«
    »Vielleicht Aber mancher entwaffnet mich wieder Und zu diesen gehören
Sie«
    »Das ist nun auch wieder aus dem Ton«
    »Ich weiß es nicht Aber lassen wirs Und versprechen Sie mir lieber mir
von Windsor oder London aus eine Karte zu schreiben nein eine Karte das
geht nicht also einen Brief darin Sie mir ein Wort über die Engländerinnen
sagen und ob Sie jede taillenlose Rotblondine drüben auch so schön gefunden
haben werden wies von den Kontinentalen wenn sie dies Thema berühren fast
immer versichert wird«
    »Es wird davon abhängen an wen ich gerade denke«
    »Nach dieser Bemerkung ist Ihnen alles verziehn«
Woldemar blieb bis neun Er hatte gleich in den Zeilen in denen er sich
anmeldete die Damen wissen lassen dass er seinen Besuch auf eine kurze Stunde
beschränken müsse So war er denn bei guter Zeit wieder daheim Auf seinem
Tische fand er ein Briefchen vor und erkannte Rex Handschrift »Lieber
Stechlin« so schrieb dieser »ich höre eben dass Sie nach London gehen In der
Zeitung wos schon gestanden haben soll hab ich es übersehn Ich
beglückwünsche Sie von Herzen zu dieser Auszeichnung und lege Ihnen eine Karte
bei die Sie wenns Ihnen passt bei meinem Freunde Ralph Waddington einführen
soll Er ist Advokat und einer der angesehensten Führer unter den Irvingianern
Fürchten Sie übrigens keine Bekehrungsversuche Waddington ist ein durchaus
feiner Mann also zurückhaltend Er kann Ihnen aber mannigfach behilflich sein
wenn Ihnen daran gelegen sein sollte sich um das Wesen der englischen
Dissenter ihre Chapels und Tabernakels zu kümmern Er ist ein Wissenschaftler
auf diesem Gebiet Und ich kenne ja Ihre Vorliebe für derlei Fragen«
    Stechlin legte den Brief unter den Briefbeschwerer und sagte »Der gute Rex
Er überschätzt mich Dissenterstudien Es genügt mir wenn ich einen einzigen
Quäker sehe«
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
Was Rex da schrieb hatte doch ein Gutes gehabt Woldemar erheitert bei dem
Gedanken sich durch Ralph Waddington in ein Tabernakel eingeführt zu sehen sah
sich mit einem Male einer gewissen Abspannung entrissen und war froh darüber
denn er brauchte durchaus Stimmung um noch einige Briefe zu schreiben Das ging
ihm nun leichter von der Hand und als elf Uhr kaum heran war war alles
erledigt
    Der andre Morgen sah ihn selbstverständlich früh auf Fritz war um ihn her
und half wo noch zu helfen war »Und nun Fritz« so waren Woldemars letzte
Worte »sieh nach dem Rechten Schicke mir nichts nach Zeitungen wirf weg Und
die drei Briefe hier wenn ich fort bin die tue sofort in den Kasten Ist die
Droschke schon da«
    »Zu Befehl Herr Rittmeister«
    »Na dann mit Gott Und jeden Tag lüften Und pass auf die Pferde«
    Damit verabschiedete sich Woldemar
Von den drei Briefen war einer nach Stechlin hin adressiert Er traf weil er
noch mit dem ersten Zuge fort konnte gleich nach Tisch bei dem Alten ein und
lautete
    »Mein lieber Papa Wenn Du diese Zeilen erhältst sind wir schon auf dem
Wege Wir das will sagen unser Oberst unser zweitältester Stabsoffizier ich
und zwei jüngere Offiziere Aus Deinen eignen Soldatentagen her kennst Du den
Charakter solcher Abordnungen Nachdem wir Regiment Königin von Grossbritannien
und Irland geworden sind war dies uns drüben vorstellen nur noch eine Frage der
Zeit Dieser Mission beigesellt zu sein ist selbstverständlich eine große Ehre
für mich doppelt wenn ich die Namen über die wir in unserm Regiment Verfügung
haben in Erwägung ziehe Die Zeiten wo man das Wort historische Familie
betonte sind vorüber Auch an Tante Adelheid hab ich in dieser Sache
geschrieben Was mir persönlich an Glücksgefühl vielleicht noch fehlen mag wird
sie leicht aufbringen Und ich freue mich dessen weil ich ihr alles in allem
doch soviel verdanke Dass ich mich von Berlin gerade jetzt nicht gerne trenne
sei nur angedeutet Du wirst den Grund davon unschwer erraten Mit besten
Wünschen für Dein Wohl unter herzlichen Grüssen an Lorenzen wie immer Dein
Woldemar«
    Dubslav saß am Kamin als ihm Engelke den Brief brachte Nun war der Alte
mit dem Lesen durch und sagte »Woldemar geht nach England Was sagst du dazu
Engelke«
    »So was hab ich mir all immer gedacht«
    »Na dann bist du klüger gewesen als ich Ich habe mir gar nichts gedacht
Und nu noch drei Tage so stellt er sich mit seinem Oberst und seinem Major vor
die Königin von England hin und sagt Hier bin ich«
    »Ja gnädger Herr warum soll er nich«
    »Is auch n Standpunkt Und vielleicht sogar der richtige Volksstimme
Gottesstimme Na nu geh mal zu Pastor Lorenzen und sag ihm ich ließ ihn
bitten Aber sage nichts von dem Brief ich will ihn überraschen Du bist
mitunter ne alte Plappertasche«
Schon nach einer halben Stunde war Lorenzen da
    »Haben befohlen«
    »Haben befohlen Ja das ist gerade so das Richtige sieht mir ähnlich
Nun Lorenzen schieben Sie sich mal nen Stuhl ran und wenn Engelke nicht
geplaudert hat denn er hält nicht immer dicht so hab ich eine richtige
Neuigkeit für Sie Woldemar ist nach England«
    »Ah mit der Abordnung«
    »Also wissen Sie schon davon«
    »Nein ausgenommen das eine dass eine Deputation oder Gesandtschaft
beabsichtigt sei Das las ich und dabei hab ich dann freilich auch an Woldemar
gedacht«
    Dubslav lachte »Sonderbar Engelke hat sich so was gedacht Lorenzen hat
sich auch so was gedacht Nur der eigne Vater hat an gar nichts gedacht«
    »Ach Herr von Stechlin das ist immer so Väter sind Väter und können nie
vergessen dass die Kinder Kinder waren Und doch hört es mal auf damit Napoleon
war mit zwanzig ein armer Leutnant und an Ansehen noch lange kein Stechlin Und
als er so alt war wie jetzt unser Woldemar ja da stand er schon zwischen
Marengo und Austerlitz«
    »Hören Sie Lorenzen Sie greifen aber hoch Meine Schwester Adelheid wird
sich Ihnen übrigens wohl anschließen und von heut ab eine neue Zeitrechnung
datieren Ich nehm es ruhiger trotzdem ich einsehe dass es nach großer
Auszeichnung schmeckt Und ist er wieder zurück dann wird er auch allerlei
Gutes davon haben Aber solang er drüben ist Ich trau der Sache nicht Von
Behagen jedenfalls keine Rede Die Vettern sind nun mal nicht
zufriedenzustellen vielleicht ärgern sie sich dass es draußen in der Welt auch
noch ein Regiment Königin von Grossbritannien und Irland gibt Das besorgen sie
sich lieber selbst und nehmen so was wenn andre damit kommen wie ne
Prätension Wie stehen denn Sie dazu Sie haben die Beefeaters vielleicht in Ihr
Herz geschlossen wegen der vielen Dissenter Ein Kardinal der freilich auch
noch Gourmand war soll mal gesagt haben Schreckliches Volk hundert Sekten und
bloß eine Sauce«
    »Ja« lachte Lorenzen »da bin ich freilich für die Beefeaters wie Sie
sagen und gegen den Kardinal Das mit den hundert Sekten lass ich auf sich
beruhn mein Geschmack beiläufig ist es nicht aber unter allen Umständen bin
ich für höchstens eine Sauce Das ist das einzig Richtige weil Gesunde Die
Dinge müssen in sich etwas sein und wenn das zutrifft so ist eigentlich jede
Sauce und nun gar erst die Sauce im Plural von vornherein schon gerichtet Aber
lassen wir den Kardinal und seine Gewagteiten und nehmen wir den Gegenstand
seiner Abneigung England Es hat für mich eine Zeit gegeben wo ich
bedingungslos dafür schwärmte Nicht zu verwundern Hiess es doch damals in dem
ganzen Kreise drin ich lebte Ja wenn wir England nicht mehr lieben sollen
was sollen wir dann überhaupt noch lieben Diese halbe Vergötterung hab ich noch
ehrlich mit durchgemacht Aber das ist nun eine hübsche Weile her Sie sind
drüben schrecklich runtergekommen weil der Kult vor dem Goldenen Kalbe
beständig wächst lauter Jobber und die vornehme Welt obenan Und dabei so
heuchlerisch sie sagen Christus und meinen Kattun«
    »Is leider so wenigstens nach dem bisschen was ich davon weiß Und alles in
allem und neuerdings erst recht bin ich deshalb immer für Russland gewesen
Wenn ich da so an unsern Kaiser Nikolaus zurückdenke und an die Zeit wo seine
Uniform als Geschenk bei uns eintraf und dann als Kirchenstück in die
Garnisonkirche kam Natürlich in Potsdam Wir haben zwar die Reliquien
abgeschafft aber wir haben sie doch auf unsre Art und ganz ohne so was geht es
nu mal nicht Mit dem Alten Fritzen fing es natürlich an Wir haben seinen
Krückstock und den Dreimaster und das Taschentuch na das hätten sie vielleicht
weglassen können und zu den drei Stücken haben wir nu jetzt auch noch die
NikolausUniform«
    Lorenzen sah verlegen vor sich hin etwas dagegen sagen ging nicht und
zustimmen noch weniger
    Dubslav aber fuhr fort »Und dann sind sie da forscher in Petersburg und
geht alles mehr aus dem vollen auch wenn die besten Steine mitunter schon
rausgebrochen sind So was kommt vor is eben noch ein Naturvolk Ich kann das
Schenken eigentlich nicht leiden es hat so was von Bestechung und sieht aus wie
n Trinkgeld Und Trinkgeld ist noch schlimmer als Bestechung und passt mir
eigentlich ganz und gar nicht Aber es hat doch auch wieder was Angenehmes
solche Tabatiere Wenn es einem gut geht ist es ein Familienstück und wenn es
einem schlecht geht ist es ne letzte Zuflucht Natürlich ein ganz reinliches
Gefühl hat man nicht dabei«
    Lorenzen blieb eine volle Stunde Der Alte war immer froh wenn sich ihm
Gelegenheit bot sich mal ausplaudern zu können und heute standen ja die
denkbar besten Temata zur Verfügung Woldemar England Kaiser Nikolaus und
dazwischen Tante Adelheid über die zwar immer nur kurze Worte fielen aber doch
so dass sie weil spöttisch die gute Laune des Alten wesentlich steigerten
    Und in dieser guten Laune war er auch noch als er um die fünfte Stunde
seinen Eichenstock und seinen eingeknautschten Filzhut vom Riegel nahm um am
See hin in der Richtung auf Globsow zu seinen gewöhnlichen Spaziergang zu
machen Unmittelbar am Südufer da wo die Wand steil abfiel befand sich eine
von Buchenzweigen überdachte Steinbank Das war sein Lieblingsplatz Die Sonne
stand schon unterm Horizont und nur das Abendrot glühte noch durch die Bäume
Da saß er nun und überdachte sein Leben Altes und Neues seine Kindheits und
seine Leutnantstage die Tage kurz vor seiner Verheiratung wo das junge blasse
Fräulein das seine Frau werden sollte noch Lieblingshofdame bei der alten
Prinzess Karl war All das zog jetzt wieder an ihm vorüber und dazwischen seine
Schwester Adelheid in jenen Tagen noch leidlich gut bei Weg aber auch schon
hart und herbe wie heute so dass sie den reizenden Kerl den Baron Krech bloß
weil er über ein schon halb abgestorbenes Verhältnis und eine freilich noch
fortlebende Spielschuld verfügte durch ihre Tugend weggegrault hatte Das waren
die alten Geschichten Und dann wurde Woldemar geboren und die junge Frau
starb und der Junge wuchs heran und lernte bei Lorenzen all das dumme Zeug das
Neue dran vielleicht doch was war und nun fuhr er nach England rüber und war
vielleicht schon in Köln und in ein paar Stunden in Ostende
    dabei sah er vor sich hin und malte mit seinem Stock Figuren in den Sand
Der Wald war ganz still auf dem See schwanden die letzten roten Lichter und
aus einiger Entfernung klangen Schläge herüber wie wenn Leute Holz fällen Er
hörte mit halbem Ohr hin und sah eben auf die von Globsow her heraufführende
schmale Straße als er einer alten Frau von wohl siebzig gewahr wurde die mit
einer mit Reisig bepackten Kiepe den leis ansteigenden Weg heraufkam etliche
Schritte vor ihr ein Kind mit ein paar Enzianstauden in der Hand Das Kind ein
Mädchen mochte zehn Jahr sein und das Licht fiel so dass das blonde wirre Haar
wie leuchtend um des Kindes Kopf stand Als die Kleine bis fast an die Bank
heran war blieb sie stehen und erwartete da das Näherkommen der alten Frau
Diese die wohl sah dass das Kind in Furcht oder doch in Verlegenheit war
sagte »Geih man vorupp Agnes he deiht di nix«
    Das Kind sich bezwingend ging nun auch wirklich und während es an der
Bank vorüberkam sah es den alten Herrn mit großen klugen Augen an
    Inzwischen war auch die Alte herangekommen
    »Na Buschen« sagte Dubslav »habt Ihr denn auch bloß Bruchholz in Eurer
Kiepe Sonst packt Euch der Förster«
    Die Alte griente »Jott jnädiger Herr wenn Se doabi sinn denn wird he joa
woll nich«
    »Na ich denk auch is immer nich so schlimm Und wer is denn das Kind da«
    »Dat is joa Karlinens«
    »So so Karlinens Is sie denn noch in Berlin Und wird er sie denn
heiraten Ich meine den Rentsch in Globsow«
    »Ne he will joa nich«
    »Is aber doch von ihm«
    »Joa se seggt so Awers he seggt he wihr et nich«
    Der alte Dubslav lachte »Na hört Buschen ich kanns ihm eigentlich nicht
verdenken Der Rentsch is ja doch ein ganz schwarzer Kerl Un nu seht Euch mal
das Kind an«
    »Dat hebb ick ehr ook all seggt Un Karline weet et ook nich so recht un
lacht man ümmer Un se brukt em ook nich«
    »Geht es ihr denn so gut«
    »Joa man kann et binah seggen Se plätt ümmer Alle so ne plätten ümmer
Ick wihr oak dissen Summer mit Agnessen se heet Agnes in Berlin un doa wihrn
wi joa tosamen in n Zirkus Un Karline wihr ganz fidel«
    »Na das freut mich Und Agnes sagt Ihr heißt sie Is ein hübsches Kind«
    »Joa det is se Un is ook en gaudes Kind se weent gliks un is immer so
patschlich mit ehre lütten Hänn Sünne sinn immer so«
    »Ja das is richtig Aber Ihr müsst aufpassen sonst habt Ihr nen Urenkel
Ihr wisst nicht wie Na gun Abend Buschen«
    »n Abend jnädger Herr«
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Der Baron Berchtesgadensche Wagen fuhr am Kronprinzenufer vor und die Baronin
als sie gehört hatte dass die Herrschaften oben zu Hause seien stieg langsam
die Treppe hinauf denn sie war nicht gut zu Fuß und ein wenig astmatisch
Armgard und Melusine begrüßten sie mit großer Freude »Wie gut wie hübsch
Baronin« sagte Melusine »dass wir Sie sehen Und wir erwarten auch noch Besuch
Wenigstens ich Ich habe solch Kribbeln in meinem kleinen Finger und dann kommt
immer wer Wrschowitz gewiss denn er war drei Tage lang nicht hier und
vielleicht auch Professor Cujacius Und wenn nicht der so Doktor Pusch den Sie
noch nicht kennen trotzdem Sie ihn eigentlich kennen müssten  noch alte
Bekanntschaft aus Londoner Tagen her Möglicherweise kommt auch Frommel Aber
vor allem Baronin was bringen Sie für Wetter mit Lizzi sagte mir eben es
neble so stark man könne die Hand vor Augen nicht sehen«
    »Lizzi hat Ihnen ganz recht berichtet der richtige London fog wobei mir
natürlich Ihr Freund Stechlin einfällt Aber über den sprechen wir nachher
Jetzt sind wir noch beim Nebel Es war draußen wirklich so dass ich immer
dachte wir würden zusammenfahren und am Brandenburger Tor mit den großen
Kandelabern dazwischen sah es beinah aus wie ein Bild von Skarbina Kennen Sie
Skarbina«
    »Gewiss« sagte Melusine »den kenn ich sehr gut Aber allerdings erst von
der letzten Ausstellung her Und was außer den Gaslaternen im Nebel mir so
eigentlich von ihm vorschwebt das ist ein kleines Bild langer Hotelkorridor
Tür an Tür und vor einer der vielen Türen ein Paar Damenstiefelchen Reizend
Aber die Hauptsache war doch die Beleuchtung Von irgendwoher fiel ein Licht ein
und vergoldete das Ganze den Flur und die Stiefelchen«
    »Richtig« sagte die Baronin »Das war von ihm Und gerade das hat Ihnen so
sehr gefallen«
    »Ja Was auch natürlich ist In meinen italienischen Tagen  wenn ich von
italienischen Tagen spreche so meine ich übrigens nie meine Verheiratungstage
während meiner Verheiratungstage hab ich Gott sei Dank so gut wie gar nichts
gesehen kaum meinen Mann aber freilich immer noch zuviel  also während meiner
italienischen Tage hab ich vor so vielen Himmelfahrten gestanden dass ich jetzt
für Stiefeletten im Sonnenschein bin«
    »Ganz mein Fall liebe Melusine Freilich bin ich jetzt nebenher auch noch
fürs Japanische Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben In meinen Jahren
darf ich ja von Storch sprechen Früher hätt ich vielleicht Kranich gesagt«
    »Nein Baronin das glaub ich Ihnen nicht Sie waren immer für das was sie
jetzt Realismus nennen was meistens mehr Ton und Farbe hat und dazu gehört
auch der Storch Deshalb lieb ich Sie ja gerade so sehr Ach dass doch das
Natürliche wieder obenauf käme«
    »Kommt liebe Melusine«
Melusinens kribbelnder kleiner Finger behielt recht Es kam wirklich Besuch
erst Wrschowitz dann aber  statt der drei die sie noch nebenher gemutmasst
hatte  nur Czako
    Der Empfang des einen wie des andern der beiden Herren hatte vorn im
Damenzimmer stattgefunden ohne Gegenwart des alten Grafen Dieser erschien
erst als man zum Tee ging er hieß seine Gäste herzlich willkommen weil er
jederzeit das Bedürfnis hatte von dem was draußen in der Welt vorging etwas
zu hören Dafür sorgte denn auch jeder auf seine Weise die Baronin durch
Mitteilungen aus der oberen Gesellschaftssphäre Czako durch Avancements und
Demissionen und Wrschowitz durch »Krittikk« Alles was zur Sprache kam hatte
für den alten Grafen so ziemlich den gleichen Wert aber das Liebste waren ihm
doch die Hofnachrichten die die Baronin mit glücklicher Ungenierteit zum
besten gab Wendungen wie »Ich darf mich wohl Ihrer Diskretion versichert
halten« waren ihr gänzlich fremd Sie hatte nicht bloß ganz allgemein den Mut
ihrer Meinung sondern diesen Mut auch in betreff ihrer jedesmaligen
Spezialgeschichte von der man in der Regel freilich sagen durfte dass sie
desselben auch dringend bedürftig war
    »Sagen Sie liebe Freundin« begann der alte Graf »was wird das jetzt so
eigentlich mit den Briefen bei Hofe«
    »Mit den Briefen Oh das wird immer schöner«
    »Immer schöner«
    »Nun immer schöner« lachte hier die Baronin »ist vielleicht nicht gerade
das rechte Wort Aber es wird immer geheimnisvoller Und das Geheimnisvolle hat
nun mal das worauf es ankommt will sagen den Charme Schon die beliebte
Wendung rätselhafte Frau spricht dafür eine Frau die nicht rätselhaft ist ist
eigentlich gar keine womit ich mir persönlich freilich eine Art Todesurteil
ausspreche Denn ich bin alles nur kein Rätsel Aber am Ende man ist wie man
ist und so muss ich dies Manko zu verwinden suchen Es heißt immer üble
Nachrede drin man sich mehr oder weniger mit Vorliebe gefalle sei was
Sündhaftes Aber was heißt hier üble Nachrede Vielleicht ist das was uns so
bruchstückweise zu Gehör kommt nur ein schwaches Echo vom Eigentlichen und
bedeutet eher ein Zuwenig als ein Zuviel Im übrigen wies damit auch sei mein
Sinn ist nun mal auf das Sensationelle gerichtet Unser Leben verläuft offen
gestanden etwas durchschnittsmässig also langweilig und weil dem so ist setz
ich getrost hinzu Gott sei Dank dass es Skandale gibt Freilich für Armgard ist
so was nicht gesagt Die darf es nicht hören«
    »Sie hört es aber doch« lachte die Komtesse »und denkt dabei was es doch
für sonderbare Neigungen und Glücke gibt Ich habe für dergleichen gar kein
Organ Unsre teure Baronin findet unser Leben langweilig und solche Chronik
interessant Ich umgekehrt finde solche Chronik langweilig und unser
alltägliches Leben interessant Wenn ich den Rudolf unsers Portiers Hartwig
unten mit seinem Hoop und seinen dünnen langen Berliner Beinen über die Straße
laufen sehe so find ich das interessanter als diese sogenannte Pikanterie«
    Melusine stand auf und gab Armgard einen Kuss »Du bist doch deiner Schwester
Schwester oder mein Erziehungsprodukt und zum erstenmal in meinem Leben muss ich
meine teure Baronin ganz im Stiche lassen Es ist nichts mit diesem Klatsch es
kommt nichts dabei heraus«
    »Ach liebe Melusine das ist durchaus nicht richtig Es kommt umgekehrt
sehr viel dabei heraus Ihr Barbys seid alle so schrecklich diskret und ideal
aber ich für mein Teil ich bin anders und nehme die Welt wie sie ist ein Bier
und ein Schnaderhüpfl und mal ein Haberfeldtreiben damit kommt man am
weitesten Was wir da jetzt hier erleben das ist auch solch Haberfeldtreiben
ein Stück Feme«
    »Nur keine heilige«
    »Nein« sagte die Baronin »keine heilige Die Feme war aber auch nicht
immer heilig Habe mir da neulich erst den Götz wieder angesehen bloß wegen
dieser Szene Die Poppe beiläufig vorzüglich Und der schwarze Mann von der Feme
soll im Urtext noch viel schlimmer gewesen sein so dass man es Goethe war
damals noch sehr jung eigentlich kaum lesen kann Ich würde mirs aber doch
getrauen Und nun wend ich mich an unsre Herren die dies diffizile Kampffeld
ich weiß nicht ritterlicher oder unritterlicherweise mir ganz allein
überlassen haben Doktor Wrschowitz wie denken Sie darüber«
    »Ich denke darüber ganz wie gnädige Frau Was wir da lesen wie
Runenschrift nein nicht wie Runenschrift« Wrschowitz unterbrach sich
hier missmutig über sein eigenes Hineingeraten ins Skandinavische  »was wir da
lesen in Briefen vom Hofe das ist Krittikk Und weil es Krittikk ist ist es
gutt Mag es auch sein Missbrauch von Krittikk Alles hat Missbrauch
Gerechtigkeit hat Missbrauch Kirche hat Missbrauch Krittikk hat Missbrauch Aber
trotzdem Auf die Feme kommt es an und das große Messer muss wieder stecken im
Baum«
    »Brrr« sagte Czako was ihm einen ernsten Augenaufschlag von Wrschowitz
eintrug 
    Als man sich nach einer halben Stunde von Tisch erhoben hatte wechselte man
den Raum und begab sich in das Damenzimmer zurück weil der alte Graf etwas
Musik hören und sich von Armgards Fortschritten überzeugen wollte »Doktor
Wrschowitz hat vielleicht die Güte dich zu begleiten«
    So folgte denn ein Quatremains und als man damit aufhörte nahm der alte
Barby Veranlassung seiner Vorliebe für solch vierhändiges Spiel Ausdruck zu
geben was Wrschowitz dessen Künstlerüberheblichkeit keine Grenzen kannte zu
der ruhig lächelnden Gegenbemerkung veranlasste dass man dieser Auffassung bei
Dilettanten sehr häufig begegne Der alte Graf wenig befriedigt von dieser
»Krittikk« war doch andrerseits viel zu vertraut mit Künstlerallüren im
allgemeinen und mit den Wrschowitzschen im besonderen um sich ernstlich über
solche Worte zu verwundern Er begnügte sich vielmehr mit einer gemessenen
Verbeugung gegen den Musikdoktor und zog auf einer nebenstehenden Kauseuse
Platz nehmend die gute Frau von Berchtesgaden ins Gespräch von der er wusste
dass ihre Munterkeiten nie den Charakter »goldener Rücksichtslosigkeiten«
annahmen
    Wrschowitz seinerseits war an dem aufgeklappten Flügel stehengeblieben ohne
jede Spur von Verlegenheit so dass ein Sichkümmern um ihn eigentlich nicht nötig
gewesen wäre Trotzdem hielt es Czako für angezeigt sich seiner anzunehmen und
dabei die herkömmliche Frage zu tun »ob er der Herr Doktor Wrschowitz sich
schon in Berlin eingelebt habe«
    »Hab ich« sagte Wrschowitz kurz
    »Und beklagen es nicht Ihr Zelt unter uns aufgeschlagen zu haben«
    »Au contraire Berlin eine schöne Stadt eine serr gutte Stadt Eine serr
gutte Stadt pour moi en particulier et pour les étrangers en général Eine serr
gutte Stadt weil es hat Musikk und weil es hat Krittikk«
    »Ich bin beglückt Doktor Wrschowitz speziell aus Ihrem Munde soviel Gutes
über unsre Stadt zu hören Im allgemeinen ist die slawische besonders die
tschechische Welt«
    »Oh die tschechische Welt Vanitas vanitatum«
    »Es ist sehr selten in nationalen Fragen einem so freien Drüberstehn zu
begegnen Aber wenn es Ihnen recht ist Doktor Wrschowitz wir stehen hier wie
zwei Schildhalter neben diesem aufgeklappten Klavier  vielleicht dass wir uns
setzen könnten Gräfin Melusine lugt ohnehin schon nach uns aus« Und als
Wrschowitz seine Zustimmung zu diesem Vorschlage Czakos ausgedrückt hatte
schritten beide Herren vom Klavier her auf den Kamin zu vor dem sich die Gräfin
auf einem Fauteuil niedergelassen hatte Neben ihr stand ein Marmortischchen
drauf sie den linken Arm stützte
    »Nun endlich Herr von Czako Vor allem aber rücken Sie Stühle heran Ich
sah die beiden Herren in einem anscheinend intimen Gespräche Wenn es sich um
etwas handelte dran ich teilnehmen darf so gönnen Sie mir diesen Vorzug Papa
hat sich wie Sie sehen mit der Baronin engagiert ich denke mir über
berechtigte bajuwarische Eigentümlichkeiten und Armgard denkt über ihr Spiel
nach und all die falschen Griffe Was müssen Sie gelitten haben Wrschowitz Und
nun noch einmal Hauptmann Czako worüber plauderten Sie«
    »Berlin«
    »Ein unerschöpfliches Thema für die Medisance«
    »Worauf Doktor Wrschowitz zu meinem Staunen verzichtete Denken Sie sich
gnädigste Gräfin er schien alles loben zu wollen Allerdings waren wir erst bei
Musik und Kritik Über die Menschen noch kein Wort«
    »Oh Wrschowitz das müssen Sie nachholen Ein Fremder sieht mehr als ein
Einheimischer Also frei weg und ohne Scheu Wie sind die Vornehmen Wie sind
die kleinen Leute«
    Wrschowitz wiegte den Kopf hin und her als ob er überlege wie weit in
seiner Antwort gehen könne Dann mit einem Male schien er einen Entschluss gefasst
zu haben und sagte »Oberklasse gutt Unterklasse serr gutt Mittelklasse nicht
serr gutt«
    »Kann ich zustimmen« lachte Melusine »Fehlen nur noch ein paar Details
Wie wär es damit«
    »Mittelklassberliner findet gutt was er sagt aber findet nicht gutt was
sagt ein andrer«
    Czako trotzdem er sich getroffen fühlte nickte
    »Mittelklassberliner wenn spricht andrer fällt in Krampf In versteckten
Krampf oder auch in nicht versteckten Krampf In verstecktem Krampf ist er ein
Bild des Jammers in nicht verstecktem Krampf ist er ein Affront«
    »Brav Wrschowitz Aber mehr Ich bitte«
    »Berliner immer an der Tête So wenigstens glaubt er Berliner immer Held
Berliner weiß alles findet alles entdeckt alles Erst Borsig dann Stephenson
erst Rudolf Hertzog dann Herzog Rudolf erst Pfefferküchler Hildebrand dann
Papst Hildebrand«
    »Nicht geschmeichelt aber ähnlich Und nun Wrschowitz noch eins dann
sind Sie wieder frei Wie sind die Damen«
    »Ach gnädigste Gräfin«
    »Nichts nichts Die Damen«
    »Die Damen Oh die Damen serr gutt Aber nicht speziffisch Speziffisch in
Berlin bloß die Madamm«
    »Da bin ich aber doch neugierig«
    »Speziffisch bloß die Madamm Ich war gnädigste Gräfin in Pettersburg und
ich war in Moscou Und war in Budapest Und war auch in Saloniki Ah Saloniki
Schöne Damen von Helikon und schöne Damen von Libanon hoch und schlank wie die
Zeder Aber keine Madamm Madamm nirgendwo Madamm bloß in Berlin«
    »Aber Wrschowitz es müssen doch schließlich Ähnlichkeiten dasein Eine
Madamm ist doch immerhin auch eine Dame wenigstens eine Art Dame Schon das
Wort spricht es aus«
    »Nein gnäddigste Gräfin rien du tout Dame Dame denkt an Galan Dame
denkt an Putz oder vielleicht auch an Divorçons Aber Madamm denkt bloß an Rike
draußen und mitunter auch an Paul Und wenn sie zu Paul spricht der ihr
Jüngster ist so sagt sie Jott dein Vater Oh die Madamm Einige sagen sie
stürbe aus andre sagen sie stürbe nie«
    »Wrschowitz« sagte Melusine »wie schade dass die Baronin und Papa nicht
zugehört haben und dass unser Freund Stechlin der solche Temata liebt nicht
hier ist Übrigens hatten wir heut ein Telegramm von ihm Haben Sie vielleicht
auch Nachricht Herr Hauptmann«
    »Heute gnädigste Gräfin Und auch ein Telegramm Ich hab es mitgebracht
weil ich an die Möglichkeit dachte«
    »Bitte lesen«
    Und Czako las »London CharingCrossHotel Alles über Erwarten groß
Sieben unvergessliche Tage Richmond schön Windsor schöner Und die Nelsonsäule
vor mir Ihr v St«
    Melusine lachte »Das hat er uns auch telegraphiert«
    »Ich fand es wenig« stotterte Czako verlegen »und als Doublette find ich
es noch weniger Und ein Mann wie Stechlin ein Mann in Mission Und jetzt sogar
unter den Augen Ihrer Majestät von Grossbritannien und Indien«
    Alles stimmte dem »dass es wenig sei« zu Nur der alte Graf wollte davon
nichts wissen
    »Was verlangt ihr Es ist umgekehrt ein sehr gutes Telegramm weil ein
richtiges Telegramm Richmond Windsor Nelsonsäule Soll er etwa
telegraphieren dass er sich sehnt uns wiederzusehn Und das wird er nicht
einmal können so riesig verwöhnt er jetzt ist Ihr werdet euch alle sehr
zusammennehmen müssen Auch du Melusine«
    »Natürlich ich am meisten«
 
                                   Verlobung
                         Weihnachtsreise nach Stechlin
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
Drei Tage später war Woldemar zurück und meldete sich für den nächsten Abend am
Kronprinzenufer an Er traf nur die beiden Damen die Melusine voran kein Hehl
aus ihrer Freude machten »Papa lässt Ihnen sein Bedauern aussprechen Sie nicht
gleich heute mit begrüßen zu können Er ist bei den Berchtesgadens zur
Spielpartie bei der er natürlich nicht fehlen durfte Das ist Dienst weit
strenger als der Ihrige Wir haben Sie nun ganz allein und das ist auch etwas
Gutes An Besuch ist kaum zu denken Rex war erst gestern auf eine kurze Visite
hier etwas steif und formell wie gewöhnlich und mit Ihrem Freunde Czako haben
wir letzten Sonnabend eine Stunde verplaudern können Wrschowitz war an
demselben Abend auch da beide treffen sich jetzt öfter und vertragen sich
besser als ich bei Beginn der Bekanntschaft dachte Wer also sollte noch
kommen Und nun setzen Sie sich um Ihr Reisefüllhorn über uns auszuschütten
 die Füllhörner die jetzt Mode sind sind meist Bonbontüten und genau so was
erwart ich auch von Ihnen Sie sollten mir in einem Briefe von den
Engländerinnen schreiben Aber wer darüber nicht schrieb das waren Sie wenn
wir uns auch entschließen wollen Ihr Telegramm für voll anzusehen« Und dabei
lachte Melusine »Vielleicht haben Sie uns in unsrer Eitelkeit nicht kränken
wollen Aber offen Spiel ist immer das beste Wovon Sie nicht geschrieben davon
müssen Sie jetzt sprechen Wie war es drüben Ich meine mit der Schönheit«
    »Ich habe nichts einzelnes gesehen was mich frappiert oder gar hingerissen
hätte«
    »Nichts einzelnes Soll das heißen dass Sie dafür das Ganze beinah bewundert
haben will also sagen die weibliche Totalität«
    »Fast konnt ich dem zustimmen Ich erinnere mich dass mir vor Jahr und Tag
schon ein Freund einmal sagte in der ganzen Welt fände man Gott sei Dank
schöne Frauen aber nur in England seien die Frauen überhaupt schön«
    »Und das haben Sie geglaubt«
    »Es liegt eigentlich schlimmer gnädigste Gräfin Ich hab es nicht geglaubt
aber ich hab es meinem Nichtglauben zum Trotz nachträglich bestätigt
gefunden«
    »Und Sie schaudern nicht vor solcher Übertreibung«
    »Ich kann es nicht sosehr ich gerade hier eine Verpflichtung dazu fühle«
    »Keine Bestechungen«
    »Ich soll schaudern vor einer Übertreibung« fuhr Woldemar fort »Aber Sie
werden mir Frau Gräfin dies Schaudern vielleicht erlassen wenn ich
Erklärungen abgegeben haben werde Der Englandschwärmer den ich da vorhin
zitierte war ein Freund von zugespitzten Sätzen und zugespitzt Sätze darf man
nie wörtlich nehmen Und am wenigsten auf diesem diffizilen Gebiete Nirgends in
der Welt blühen Schönheiten wie die gelben Butterblumen übers Feld hin
wirkliche Schönheiten sind schließlich immer Seltenheiten Wären sie nicht
selten so wären sie nicht schön oder wir fänden es nicht weil wir einen
andern Maßstab hätten All das steht fest Aber es gibt doch
Durchschnittsvorzüge die den Typus des Ganzen bestimmen und diesem Masse nicht
geradezu frappierender aber doch immerhin noch sehr gefälliger
Durchschnittsschönheit dem bin ich drüben begegnet«
    »Ich lass es mit dieser Einschränkung gelten und Sie werden in Papa mit dem
wir oft darüber streiten einen Anwalt für Ihre Meinung finden
Durchschnittsvorzüge Zugegeben Aber was sich darin ausspricht das beinah
Unpersönliche das Typische«
    Melusine schrak in diesem Augenblick leise zusammen weil sie draußen die
Klingel gehört zu haben glaubte Wirklich Jeserich trat ein und meldete
»Professor Cujacius«  »Um Gottes willen« entfuhr es der Gräfin und die
kleine Pause benutzend die ihr noch blieb flüsterte sie Woldemar zu
»Cujacius Malerprofessor Er wird über Kunst sprechen bitte widersprechen
Sie ihm nicht er gerät dabei so leicht in Feuer oder in mehr als das« Und kaum
dass Melusine so weit gekommen war erschien auch schon Cujacius und schritt
unter rascher Verbeugung gegen Armgard auf die Gräfin zu dieser die Hand zu
küssen Sie hatte sich inzwischen gesammelt und stellte vor »Professor
Cujacius Rittmeister von Stechlin« Beide verneigten sich gegeneinander
Woldemar ruhig Cujacius mit dem ihm eignen superioren Apostelausdruck der
wenn auch ungewollt immer was Provozierendes hatte »Bin« so ließ er sich mit
einer gewissen Kondeszenz vernehmen »durch Gräfin Melusine ganz auf dem
laufenden Abordnung England Windsor Ich habe Sie beneidet Herr Rittmeister
Eine so schöne Reise«
    »Ja das war sie nur leider zu kurz so dass ich intimeren Dingen
beispielsweise der englischen Kunst nicht das richtige Maß von Aufmerksamkeit
widmen konnte«
    »Worüber Sie sich getrösten dürfen Was ich persönlich an solcher Reise
jedem beneiden möchte das sind ausschließlich die großen Gesamteindrücke der
Hof und die Lords die die Geschichte des Landes bedeuten«
    
    »All das war auch mir die Hauptsache musst es sein Aber ich hätte mich
demohnerachtet auch gern um Künstlerisches gekümmert speziell um Malerisches
So zum Beispiel um die Schule der Präraffaeliten«
    »Ein überwundener Standpunkt Einige waren da deren Auftreten auch von uns
ich spreche von den Künstlern meiner Richtung mit Aufmerksamkeit und selbst
mit Achtung verfolgt wurde So beispielsweise Millais«
    »Ah der Sehr wahr Ich erinnere mich seines bedeutendsten Bildes das
leider nach Amerika hin verkauft wurde Wenn ich nicht irre zu einem enormen
Preise«
    Cujacius nickte »Mutmasslich das vielgefeierte Angelusbild was Ihnen
vorschwebt Herr Rittmeister eine von Händlern heraufgepuffte Marktware für
die Sie glücklicherweise den englischen Millais will also sagen den
aisMillais nicht verantwortlich machen dürfen Der Millet der für eine wie
Sie schon bemerkten lächerlich hohe Summe nach Amerika hin verkauft wurde war
ein etMillet Vollblutpariser oder wenigstens Franzose«
    Woldemar geriet über diese Verwechslung in eine kleine Verlegenheit die
Damen mit ihm alles sehr zur Erbauung des Professors dessen rasch wachsendes
Überlegenheitsgefühl unter dem Eindruck dieses Fauxpas immer neue Blüten
übermütiger Laune trieb »Im übrigen sei mirs verziehen« fuhr er immer
leuchtender werdend fort »wenn ich mein Urteil über beide kurz dahin
zusammenfasse Sie sind einander wert und die zwei großen westlichen
Kulturvölker mögen sich darüber streiten wer von ihnen am meisten genasführt
wurde Der französische Millet ist eine Null ein Zwerg neben dem der englische
vergleichsweise zum Riesen anwächst wohlverstanden vergleichsweise Trotzdem
wie mir gestattet sein mag zu wiederholen war er zu Beginn seiner Laufbahn ein
Gegenstand unsrer hiesigen Aufmerksamkeit Und mit Recht Denn das
Präraffaelitentum als dessen Begründer und Vertreter ich ihn ansehe trug
damals einen Zukunftskeim in sich eine große Revolution schien sich anbahnen zu
wollen jene große Revolution die Rückkehr heißt Oder wenn Sie wollen
Reaktion Man hat vor solchen Wörtern nicht zu erschrecken Wörter sind
Kinderklappern«
    »Und dieser englische Millais  den mit dem französischen verwechselt zu
haben ich aufrichtig bedaure  dieser aisMillais dieser große Reformer ist
wenn ich Sie recht verstehe sich selber untreu geworden«
    »Man wird dies sagen dürfen Er und seine Schule verfielen in
Exzentrizitäten Die Zucht ging verloren und das straft sich auf jedem Gebiet
Was da neuerdings in der Welt zusammengekleckst wird zumal in der schottischen
und amerikanischen Schule die sich jetzt auch bei uns breitzumachen sucht das
ist der Überschwang einer an sich beachtenswerten Richtung Der Zug der unter
Mitteldampf gut und erfreulich fuhr unter Doppeldampf und das reicht noch
nicht einmal aus ist er entgleist er liegt jetzt neben den Schienen und pustet
und keucht Und ein Jammer nur dass seine Heizer nicht mit auf dem Platze
geblieben sind Das ist der Fluch der bösen Tat ich verzichte darauf in
Gegenwart der Damen das Zitat zu Ende zu führen«
    Eine kleine Pause trat ein bis Woldemar der einsah dass irgendwas gesagt
werden müsse sich zu der Bemerkung aufraffte »Von Neueren hab ich eigentlich
nur Seestücke kennengelernt dazu die Phantastika des Malers William Turner
leider nur flüchtig Er hat die drei Männer im feurigen Ofen gemalt Stupend
Etwas Grossartiges schien mir aus seinen Schöpfungen zu sprechen wenigstens in
allem was das Kolorit angeht«
    »Eine gewisse Grossartigkeit« nahm Cujacius mit lächelnd überlegener Miene
wieder das Wort »ist ihm nicht abzusprechen Aber aller Wahnsinn wächst sich
leicht ins Grossartige hinein und düpiert dann regelmäßig die Menge Mundus vult
decipi Allem vorauf in England Es gibt nur ein Heil Umkehr Rückkehr zur
keuschen Linie Die Koloristen sind das Unglück in der Kunst Einige wenige
waren hervorragend aber nicht parce que sondern quoique Noch heute wird es
mir obliegen in unserm Verein über eben dieses Thema zu sprechen Gewiss unter
Widerspruch vielleicht auch unter Lärm und Gepolter denn mit den richtigen
Linien in der Kunst sind auch die richtigen Formen in der Gesellschaft
verlorengegangen Aber viel Feind viel Ehr und jede Stelle verlangt heutzutage
ihren Mann von Worms ihren Luther Hier stehe ich Am elendesten aber sind die
paktieren wollenden Halben Zwischen schön und hässlich ist nicht zu paktieren«
    »Und schön und hässlich« unterbrach hier Melusine froh überhaupt
unterbrechen zu können »war auch die große Frage die wir als wir Sie
begrüßen durften eben unter Diskussion stellten Herr von Stechlin sollte
beichten über die Schönheit der Engländerinnen Und nun frag ich Sie Herr
Professor finden auch Sie sie so schön wie einem hierlandes immer versichert
wird«
    »Ich spreche nicht gern über Engländerinnen« fuhr Cujacius fort »Etwas von
Idiosynkrasie beherrscht mich da Diese Töchter Albions sie singen soviel und
musizieren soviel und malen soviel Und haben eigentlich kein Talent«
    »Vielleicht Aber davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen Bloß das eine
schön oder nicht schön«
    »Schön Nun denn nein Alles wirkt wie tot Und was wie tot wirkt wenn es
nicht der Tod selbst ist ist nicht schön Im übrigen ich sehe dass ich nur
noch zehn Minuten habe Wie gerne wär ich an einer Stelle geblieben wo man so
vielem Verständnis und Entgegenkommen begegnet Herr von Stechlin ich erlaube
mir Ihnen morgen eine Radierung nach einem Bilde des richtigen englischen
Millais zu schicken Dragonerkaserne Hallesches Tor  ich weiß Übermorgen lass
ich die Mappe wieder abholen Name des Bildes Sir Isumbras Merkwürdige
Schöpfung Schade dass er der Vater des Präraffaelitentums dabei nicht
aushielt Aber nicht zu verwundern Nichts hält jetzt aus und mit nächstem
werden wir die Berühmteiten nach Tagen zählen Tizian entzückte noch mit
hundert Jahren wer jetzt fünf Jahre gemalt hat ist altes Eisen Gnädigste
Gräfin Komtesse Armgard Darf ich bitten mich meinem Gönner Ihrem Herrn
Vater dem Grafen angelegentlichst empfehlen zu wollen«
Woldemar die Honneurs des Hauses machend was er bei seiner intimen Stellung
durfte hatte den Professor bis auf den Korridor geleitet und ihm hier den
Künstlermantel umgegeben den er in unverändertem Schnitt seit seinen Romtagen
trug Es war ein Radmantel Dazu ein Kalabreser von Seidenfilz
    »Er ist doch auf seine Weise nicht übel« sagte Woldemar als er bei den
Damen wieder eintrat »An einem starken Selbstbewusstsein dran er wohl leidet
darf man heutzutage nicht Anstoß nehmen vorausgesetzt dass die Tatsachen es
einigermaßen rechtfertigen«
    »Ein starkes Selbstbewusstsein ist nie gerechtfertigt« sagte Armgard
»Bismarck vielleicht ausgenommen Das heißt also in jedem Jahrhundert einer«
    »Wonach Cujacius günstigstenfalls der zweite wäre« lachte Woldemar »Wie
steht es eigentlich mit ihm Ich habe nie von ihm gehört was aber nicht viel
besagen will namentlich nachdem ich Millais und Millet glücklich verwechselt
habe Nun geht alles so in einem hin Ist er ein Mann den ich eigentlich kennen
müsste«
    »Das hängt ganz davon ab« sagte Melusine »wie Sie sich einschätzen Haben
Sie den Ehrgeiz nicht bloß den eigentlichen alten Giotto von Florenz zu kennen
sondern auch all die Giottinos die neuerdings in Ostelbien von Rittergut zu
Rittergut ziehen um für Kunst und Christentum ein übriges zu leisten so müssen
Sie Cujacius freilich kennen Er hat da die große Lieferung ist übrigens lange
nicht der Schlimmste Selbst seine Gegner und er hat deren ein gerüttelt und
geschüttelt Maß gestehen ihm ein hübsches Talent zu nur verdirbt er alles
durch seinen Dünkel Und so hat er denn keine Freunde trotzdem er beständig von
Richtungsgenossen spricht und auch heute wieder sprach Gerade diese
Richtungsgenossen aber hat er aufs entschiedenste gegen sich was übrigens nicht
bloß an ihm sondern auch an den Genossen liegt Gerade die die dasselbe Ziel
verfolgen bekämpfen sich immer am heftigsten untereinander vor allem auf
christlichem Gebiet auch wenn es sich nicht um christliche Dogmen sondern bloß
um christliche Kunst handelt Zu des Professors Lieblingswendungen zählt die
dass er in der Tradition stehe was ihm indessen nur Spott und Achselzucken
einträgt Einer seiner Richtungsgenossen  als ob er mich persönlich dafür hätte
verantwortlich machen wollen  fragte mich erst neulich voll ironischer
Teilnahme Steht denn Ihr Cujacius immer noch in der Tradition Und als ich ihm
antwortete Sie spötteln darüber hat er denn aber keine bemerkte dieser
Spezialkollege Gewiss hat er eine Tradition und das ist seine eigne Seit
fünfundvierzig Jahren malt er immer denselben Christus und bereist als Kunst
aber fast auch schon als Kirchenfanatiker die ihm unterstellten Provinzen so
dass man betreffs seiner beinah sagen kann Es predigt sein Christus allerorten
ist aber drum nicht schöner geworden«
    »Melusine du darfst so nicht weitersprechen« unterbrach hier Armgard »Sie
wissen übrigens Herr von Stechlin wies hier steht und dass ich meine ältere
Schwester die mich erzogen hat hoffentlich gut jetzt nachträglich mitunter
meinerseits erziehen muss« dabei reichte sie Melusine die Hand »Eben erst ist
er fort der arme Professor und jetzt schon so schlechte Nachrede Welchen
Trost soll sich unser Freund Stechlin daraus schöpfen Er wird denken heute
dir morgen mir«
    »Du sollst in allem recht haben Armgard nur nicht in diesem letzten
Schließlich weiß doch jeder was er gilt ob er geliebt wird oder nicht
vorausgesetzt dass er ein Gentleman und nicht ein Gigerl ist Aber Gentleman Da
hab ich wieder die EinhakeÖse für England Das Schönheitskapitel ist erledigt
war ohnehin nur Kaprice Von all dem andern aber das schließlich doch wichtiger
ist wissen wir noch immer so gut wie gar nichts Wie war es im Tower Und hab
ich recht behalten mit Traitors Gate«
    »Nur in einem Punkt Gräfin in Ihrem Misstrauen gegen meine Phantasie Die
versagte da total wenn es nicht doch vielleicht an der Sache selbst also an
Traitors Gate gelegen hat Denn an einer anderen Stelle konnt ich mich meiner
Phantasie beinah berühmen und am meisten da wo wie mir übrigens nur zu
begreiflich auch Sie persönlich mit soviel Vorliebe verweilt haben«
    »Und welche Stelle war das«
    »Waltam Abbei«
    »Waltam Abbei Aber davon weiß ich ja gar nichts Waltam Abbei kenn ich
nicht kaum dem Namen nach«
    »Und doch weiß ich bestimmt dass mir Ihr Herr Papa gerade am Abend vor
meiner Abreise sagte Das muss Melusine wissen die weiß ja dort überall Bescheid
und kennt glaub ich Waltam Abbei besser als Treptow oder Stralau«
    »So bilden sich Renommees« lachte Melusine »Der Papa hat das auf gut Glück
hin gesagt hat bloß ein beliebiges Beispiel herausgegriffen Und nun diese
Tragweite Lassen wir das aber und sagen Sie mir lieber was ist Waltam Abbei
Und wo liegt es«
    »Es liegt ganz in der Nähe von London und ist eine Nachmittagsfahrt etwa
wie wenn man das Mausoleum in Charlottenburg besucht oder das in der Potsdamer
Friedenskirche«
    »Hat es denn etwas von einem Mausoleum«
    »Ja und nein Der Denkstein fehlt aber die ganze Kirche kann als ein
Denkmal gelten«
    »Als ein Denkmal für wen«
    »Für König Harald«
    »Für den den Edita Schwanenhals auf dem Schlachtfelde von Hastings
suchte«
    »Für denselben«
    »Ich habe während meiner Londoner Tage das Bild von Horace Vernet gesehen
das den Moment darstellt wo die schöne Kol de Cygne zwischen den Toten
umherirrt Und ich erinnre mich auch dass zwei Mönche neben ihr herschritten
Aber weiter weiß ich nichts Und am wenigsten weiß ich was daraus wurde«
    »Was daraus wurde  das ist eben der Schlussakt des Dramas Und dieser
Schlussakt heißt Waltam Abbei Die Mönche deren Sie sich erinnern und die da
neben Edita herschritten das waren WaltamAbbeiMönche und als sie
schließlich gefunden hatten was sie suchten legten sie den König auf dichtes
Baumgezweig und trugen ihn den weiten Weg bis nach Waltam Abbei zurück Und da
begruben sie ihn«
    »Und die Stätte wo sie ihn begruben die haben Sie besucht«
    »Nein nicht sein Grab das existiert nicht Man weiß nur dass man ihn dort
überhaupt begrub Und als ich da die Sonne ging eben unter in einem uralten
Lindengange stand zwischen Grabsteinen links und rechts und das Abendläuten
von der Kirche her begann da war es mir als käme wieder der Zug mit den
Mönchen den Lindengang herauf und ich sah Edita und sah auch den König
trotzdem ihn die Zweige halb verdeckten Und dabei wenn auch eigentlich der
Papa schuld ist und nicht Sie Gräfin gedacht ich Ihrer in alter und neuer
Dankbarkeit«
    »Und dass Sie mich besiegt haben Aber das sage nur ich Sie sagen es
natürlich nicht denn Sie sind nicht der Mann sich eines Sieges zu rühmen noch
dazu über eine Frau Waltam Abbei kenn ich nun und an Ihre Phantasie glaub ich
von heut an trotzdem Sie mich mit Traitors Gate im Stiche gelassen Dass Sie
nebenher noch und zwar Armgard zu Ehren in Martins le Grand waren dessen bin
ich sicher und ebenso dass Sie Papas einzige Forderung erfüllt und der Kapelle
Heinrichs des Siebenten Ihren Besuch gemacht haben diesem Wunderwerk der
Tudors Welchen Eindruck hatten Sie von der Kapelle«
    »Den denkbar grossartigsten Ich weiß dass man die herabhängenden Trichter
die sie Tromben nennen unschön gefunden hat aber ästhetische Vorschriften
existieren für mich nicht Was auf mich wirkt wirkt Ich konnte mich nicht satt
sehen daran Trotzdem das Eigentlichste war doch noch wieder ein andres und kam
erst als ich da zwischen den Sarkophagen der beiden feindlichen Königinnen
stand Ich wüsste nicht dass etwas je so beweglich und eindringlich zu mir
gepredigt hätte wie gerade diese Stelle«
    »Und was war es was Sie da so bewegte«
    »Das Gefühl Zwischen diesen beiden Gegensätzen pendelt die Weltgeschichte
Zunächst freilich scheinen wir da nur den Gegensatz zwischen Katholizismus und
Protestantismus zu haben aber weit darüber hinaus weil nicht an Ort und Zeit
gebunden haben wir bei tiefer gehender Betrachtung den Gegensatz von
Leidenschaft und Berechnung von Schönheit und Klugheit Und das ist der Grund
warum das Interesse daran nicht ausstirbt Es sind große Typen diese
feindlichen Königinnen«
    Beide Schwestern schwiegen Dann sagte Melusine der daran lag wieder ins
Heitere hinüberzulenken »Und nun Armgard sage für welche von den beiden
Koniginnen bist du«
    »Nicht für die eine und nicht für die andre Nicht einmal für beide Gewiss
sind es Typen Aber es gibt andre die mir mehr bedeuten und um es kurz zu
sagen Elisabet von Thüringen ist mir lieber als Elisabet von England Andern
leben und der Armut das Brot geben  darin allein ruht das Glück Ich möchte
dass ich mir das erringen könnte Aber man erringt sich nichts Alles ist Gnade«
    »Du bist ein Kind« sagte Melusine während sie sich mühte ihrer Bewegung
Herr zu werden »Du wirst noch Unter den Linden für Geld gezeigt werden Auf der
einen Seite die Mädchen von Dahomei auf der andern du«
    Stechlin ging Armgard gab ihm das Geleit bis auf den Korridor Es war eine
Verlegenheit zwischen beiden und Woldemar fühlte dass er etwas sagen müsse
»Welche liebenswürdige Schwester Sie haben«
    Armgard errötete »Sie werden mich eifersüchtig machen«
    »Wirklich Komtesse«
    »Vielleicht Gute Nacht«
Eine halbe Stunde später saß Melusine neben dem Bett der Schwester und beide
plauderten noch Aber Armgard war einsilbig und Melusine bemerkte wohl dass die
Schwester etwas auf dem Herzen habe
    »Was hast du Armgard Du bist so zerstreut so wie abwesend«
    »Ich weiß es nicht Aber ich glaube fast«
    »Nun was«
    »Ich glaube fast ich bin verlobt«
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
Und was die jüngere Schwester der älteren zugeflüstert hatte das wurde wahr
und schon wenige Tage nach diesem ersten Wiedersehen waren Armgard und Woldemar
Verlobte Der alte Graf sah einen Wunsch erfüllt den er seit lange gehegt und
Melusine küsste die Schwester mit einer Herzlichkeit als ob sie selber die
Glückliche wäre
    »Du gönnst ihn mir doch«
    »Ach meine liebe Armgard« sagte Melusine »wenn du wüsstest Ich habe nur
die Freude du hast auch die Last«
An demselben Abende noch wo die Verlobung stattgefunden hatte schrieb Woldemar
nach Stechlin und nach Wutz der eine Brief war so wichtig wie der andre denn
die TanteDomina deren Missstimmung so gut wie gewiss war musste nach Möglichkeit
versöhnlich gestimmt werden Freilich blieb es fraglich ob es glücken würde
    Zwei Tage später waren die Antwortbriefe da von denen diesmal der Wutzer
Brief über den Stechliner siegte was einfach daran lag dass Woldemar von Wutz
her nur Ausstellungen von Stechlin her nur Entzücken erwartet hatte Das traf
aber nun beides nicht zu Was die Tante schrieb war durchaus nicht so schlimm
sie beschränkte sich auf Wiederholung der schon mündlich von ihr
ausgesprochenen Bedenken und was der Alte schrieb war nicht so gut oder doch
wenigstens nicht so der Situation angepasst wies Woldemar gewärtigte Natürlich
war es eine Beglückwünschung aber doch mehr noch ein politischer Exkurs
Dubslav litt als Briefschreiber daran gern bei Nebensächlichkeiten zu verweilen
und gelegentlich über die Hauptsache wegzusehn Er schrieb
    »Mein lieber Woldemar Die Würfel sind nun also gefallen früher hieß es
alea jacta est aber so altmodisch bin ich denn doch nicht mehr und da zwei
Sechsen obenauf liegen kann ich nur sagen ich gratuliere Nach dem Gespräch
übrigens das ich am 3 Oktober morgens mit Dir führte während wir um unsern
Stechliner Springbrunnen herumgingen seit drei Tagen springt er nicht mehr
wahrscheinlich werden die Mäuse das Röhrenwerk angeknabbert haben  seit jenem
Oktobermorgen hab ich so was erwartet nicht mehr aber auch nicht weniger Du
wirst nun also Karriere machen glücklicherweise zunächst durch Dich selbst und
dann allerdings auch durch Deine Braut und deren Familie Graf Barby  mit
Rübenboden im Magdeburgischen und mit Mineralquellen im Graubündischen  höher
hinauf geht es kaum Du müsstest Dich denn bis ins Katzlersche verirren Armgard
ist auch schon viel aber Ermyntrud doch mehr und für den armen Katzler
jedenfalls zuviel Ja mein lieber Woldemar Du kommst nun also zu Vermögen und
Einfluss und kannst die Stechlins wieder raufbringen gestern war Baruch
Hirschfeld hier und in allem willfährig die Juden sind nicht so schlimm wie
manche meinen und wenn Du dann hier einziehst und statt der alten Kate so was
in Chateaustil bauen lässt und vielleicht sogar eine Fasanenzucht anlegst so dass
erst der PostStephan und dann der Kaiser selbst bei Dir zu Besuch kommen kann
ja da kannst Du möglicherweise selbst das erreichen was Dein alter Vater weil
Feilenhauer Torgelow mächtiger war als er nicht erreichen konnte den Einzug
ins Reichshaus mit dem freien Blick auf Kroll Mehr kann ich in diesem
Augenblick nicht sagen auch meine Freude nicht höher spannen und in diesem
relativen Ruhigbleiben empfind ich zum erstenmal eine gewisse
Familienähnlichkeit mit meiner Schwester Adelheid deren Glaubensbekenntnis im
letzten darauf hinausläuft Kleinadel über Hochadel Junker über Graf Ja ich
fühle Deinen Gräflichkeiten gegenüber wie sich der Junker ein bisschen in mir
regt Die reichen und vornehmen Herren sind doch immer ganz eigene Leute die
wohl Fühlung mit uns haben unter Umständen auch suchen aber das Fühlunghalten
nach oben ist ihnen schließlich doch viel viel wichtiger Es heißt wohl immer
wir Kleinen wir machten alles und könnten alles aber bei Lichte besehn ist es
bloß das alte Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben Glaube mir
Woldemar wir werden geschoben und sind bloß Sturmbock Immer dieselbe
Geschichte wie mit Protz und Proletarier Die Proletarier  wie sie noch echt
waren jetzt mag es wohl anders damit sein  waren auch bloß immer dazu da die
Kastanien aus dem Feuer zu holen aber ging es dann schief dann wanderte Bruder
Habenichts nach Spandau und Bruder Protz legte sich zu Bett Und mit Hochadel
und Kleinadel ist es beinah ebenso Natürlich heiratet eine Ermyntrud mal einen
Katzler aber eigentlich äugt sie doch mehr nach einem Stuart oder Wasa wenn es
deren noch gibt Wird aber wohl nich Entschuldige diesen Herzenserguss dem Du
nicht mehr Gewicht beilegen musst als ihm zukommt Es kam mir das alles so von
ungefähr in die Feder weil ich grade heute wieder gelesen habe wie man einen
von uns der durch Eintreten eines IppeBüchsenstein hätte gerettet werden
können schändlich im Stich gelassen hat IppeBüchsenstein ist natürlich nur
Begriff Alles in allem ich habe zu Dir das Vertrauen dass Du richtig gewählt
hast und dass man Dich nicht im Stiche lassen wird Außerdem ein richtiger
Märker hat Augen im Kopf und is beinah so helle wie n Sachse
    Wie immer Dein alter Vater Dubslav von Stechlin«
Es war Ende November als Woldemar diesen Brief erhielt Er überwand ihn rasch
und am dritten Tag las er alles schon mit einer gewissen Freudigkeit Ganz der
Alte jede Zeile voll Liebe voll Güte voll Schnurrigkeiten Und eben diese
Schnurren trafen sie nicht eigentlich auch den Nagel auf den Kopf Sicherlich
Was aber das beste war sosehr das alles im allgemeinen passen mochte auf die
Barbys passte so gut wie nichts davon die waren doch anders die suchten nicht
Fühlung nach oben und nicht nach unten die marchandierten nicht mit links und
nicht mit rechts die waren nur Menschen und dass sie nur das sein wollten das
war ihr Glück und zugleich ihr Hochgefühl Woldemar sagte sich denn auch dass
der Alte wenn er sie nur erst kennengelernt haben würde mit fliegenden Fahnen
ins Barbysche Lager übergehen würde Der alte Graf Armgard und vor allem
Melusine Die war genau das was der Alte brauchte wobei ihm das Herz aufging
    Den Weihnachtsabend verbrachte Woldemar am Kronprinzenufer Auch Wrschowitz
und Cujacius  von denen jener natürlich unverheiratet dieser wegen beständiger
Streiterei von seiner Frau geschieden war  waren zugegen Cujacius hatte
gebeten ein Krippentransparent malen zu dürfen was denn auch als es erschien
auf einen Nebentisch gestellt und allseitig bewundert wurde Die drei Könige
waren Porträts der alte Graf Cujacius selbst und Wrschowitz als Mohrenkönig
letzterer trotz Wollhaar und aufgeworfener Lippe von frappanter Ähnlichkeit
Auch in der Maria suchte man nach Anlehnungen und fand sie zuletzt es war
Lizzi die wie so viele Berliner Kammerjungfern einen sittig verschämten
Ausdruck hatte Nach dem Tee wurde musiziert und Wrschowitz spielte  weil er
dem alten Grafen eine Aufmerksamkeit zu erweisen wünschte  die Polonäse von
Oginski bei deren erster nunmehr um siebzig Jahre zurückliegenden Aufführung
einem alten on dit zufolge der polnisch gräfliche Komponist im Schlussmomente
sich erschossen haben sollte Natürlich aus Liebe »Brav brav« sagte der alte
Graf und war während er sich beinah überschwenglich bedankte so sehr aus dem
Häuschen dass Wrschowitz schließlich schelmisch bemerkte »Den Piffpaffschluss
muss ich mir versagen Herr Graff trotzdem meine Vererrung« Blick auf Armgard
»serr groß ist fast so groß wie die Vererrung des Herrn Graffen vor Graff
Oginski«
    So verlief der Heiligabend
    Schon vorher war man übereingekommen am zweiten Feiertage zu dritt einen
Ausflug nach Stechlin zu machen um dort die künftige Schwiegertochter dem
Schwiegervater vorzustellen Noch am Christabend selbst trotzdem Mitternacht
schon vorüber schrieb denn auch Woldemar einige Zeilen nach Stechlin hin in
denen er sich samt Braut und Schwägerin für den zweiten Feiertagabend anmeldete
    Rechtzeitig trafen Woldemars Zeilen in Stechlin ein »Lieber Papa Wir haben
vor am zweiten Feiertage mit dem Spätnachmittagszuge von hier aufzubrechen Wir
sind dann um sieben auf dem Granseer Bahnhof und um neun oder nicht viel später
bei Dir Armgard ist glücklich Dich endlich kennenzulernen den kennenzulernen
den sie seit lange verehrt Dafür mein lieber Papa hab ich Sorge getragen
Graf Barby der nicht gut bei Wege ist was ihn hindert mitzukommen will Dir
angelegentlich empfohlen sein Desgleichen Gräfin Ghiberti die uns als Dame
dhonneur begleiten wird Armgard ist in Furcht und Aufregung wie vor einem
Examen Sehr ohne Not Kenn ich doch meinen Papa der die Güte und Liebe selbst
ist Wie immer Dein Woldemar«
    Engelke stand neben seines Herrn Stuhl als dieser die Zeilen halblaut aber
doch in aller Deutlichkeit vorlas »Nun Engelke was sagst du dazu«
    »Ja gnädger Herr was soll ich dazu sagen Es is ja doch was man so ne
gute Nachricht nennt«
    »Natürlich is es ne gute Nachricht Aber hast du noch nicht erlebt dass
einen gute Nachrichten auch genieren können«
    »Jott gnädger Herr ich kriege keine«
    »Na denn sei froh dann weißt du nicht was gemischte Gefühle sind Sieh
ich habe jetzt gemischte Gefühle Da kommt nun mein Woldemar Das is gut Und da
bringt er seine Braut mit das is wieder gut Und da bringt er seine Schwägerin
mit und das is wahrscheinlich auch gut Aber die Schwägerin ist eine Gräfin mit
einem italienischen Namen und die Braut heißt Armgard was doch auch schon
sonderbar ist Und beide sind in England geboren und ihre Mutter war aus der
Schweiz von einer Stelle her von der man nicht recht weiß wozu sie gehört
weil da alles schon durcheinandergeht Und überall haben sie Besitzungen und
Stechlin ist doch bloß ne Kate Sieh Engelke das is genierlich und gibt das
was ich gemischte Gefühle nenne«
    »Nu ja nu ja«
    »Und dann müssen wir doch auch repräsentieren Ich muss ihnen doch
irgendeinen Menschen vorsetzen Ja wen soll ich ihnen vorsetzen Viel is hier
nich Da hab ich Adelheiden Natürlich die muss ich einladen und sie wird auch
kommen trotzdem Schnee gefallen ist aber sie kann ja nen Schlitten nehmen
Vielleicht ist ihr Schlitten besser als ihr Wagen Gott wenn ich an das Verdeck
denke mit der großen Lederflicke da wird mir auch nicht besser Und dabei denkt
sie sie is was was am Ende auch wieder gut is denn wenn der Mensch erst
denkt es is gar nichts mit ihm dann is es auch nichts«
    »Und dann gnädger Herr sie is ja doch ne Domina und hat nen Rang Und
ich hab auch mal gelesen sie sei eigentlich mehr als ein Major«
    »Na jedenfalls ist sie mehr als ihr Bruder so n vergessener Major is ein
Jammer Aber Adelheid selbst so auf n ersten Anhieb is auch bloß soso Wir
müssen jedenfalls noch wen dazu haben Schlage was vor Baron Beetz und der alte
Zühlen die die besten sind die wohnen zu weit ab und ich weiß nicht seit wir
die Eisenbahnen haben laufen die Pferde schlechter Oder es kommt einem auch
bloß so vor Also die guten Nummern fallen aus Und da sind wir denn wieder bei
Gundermann«
    »Ach gnädger Herr den nich Un er soll ja auch so zweideutig sein Uncke
hat es mir gesagt Uncke hat freilich immer das Wort zweideutig Aber es wird
wohl stimmen Un dann die Frau Gundermann Das is ne richtige Berlinsche
Verlass is auf ihm nich und auf ihr nich«
    »Ja Engelke du sollst mir helfen und machst es bloß noch schlimmer Wir
könnten es mit Katzler versuchen aber da ist das Kind krank und vielleicht
stirbt es Und dann haben wir natürlich noch unsern Pastor nu der ginge bloß
dass er immer so still dasitzt wie wenn er auf den Heiligen Geist wartet Und
mitunter kommt er aber noch öfter kommt er nicht Und solche Herrschaften die
dran gewöhnt sind dass einer in einem fort was Feines sagt ja was sollen die
mit unserm Lorenzen Er ist ein Schweiger«
    »Aber er schweigt doch immer noch besser als die Gundermannsche redt«
    »Das is richtig Also Lorenzen und vielleicht wenn das Kind sich wieder
erholt auch Katzler Ein Schelm gibt mehr als er hat Und dann Engelke
solche Damen die überall rum in der Welt waren da weiß man nie wie der Hase
läuft Es ist möglich dass sie sich für Krippenstapel interessieren Oder höre
da fällt mir noch was ein Was meinst du zu Koseleger«
    »Den hatten wir ja noch nie«
    »Nein aber Not lehrt beten Ich mache mir eigentlich nicht viel aus ihm
indessen is und bleibt er doch immer ein Superintendent und das klingt nach
was Und dann war er ja mit ner russischen Grossfürstin auf Reisen und solche
Grossfürstin is eigentlich noch mehr als ne Prinzessin Also sprich mal mit
Kluckhuhn der soll nen Boten schicken Ich schreibe gleich ne Karte«
Katzler sagte ab oder ließ es doch unbestimmt ob er kommen könne Koseleger
dagegen was ein Glück war nahm an und auch Schwester Adelheid antwortete
durch den Boten den Dubslav geschickt hatte »dass sie den zweiten Feiertag in
Stechlin eintreffen und soweit wie dienlich und schicklich nach dem Rechten sehen
würde« Adelheid war in ihrer Art eine gute Wirtin und stammte noch aus den
alten Zeiten wo die Damen bis zum »Schlachten« und »Aalabziehen« herunter alles
lernten und alles konnten Also nach dieser Seite hin entschlug sich Dubslav
jeder Befürchtung Aber wenn er sich dann mit einem Male vergegenwärtigte dass
es seiner Schwester vielleicht in den Sinn kommen könne sich auf ihren Uradel
oder auf die Vorzüge sechshundertjähriger märkischer »Eingesessenheit« zu
besinnen so fiel alles was er sich in dem mit Engelke geführten Gespräch an
Trost zugesprochen hatte doch wieder von ihm ab Ihm bangte vor der Möglichkeit
einer seitens seiner Schwester »aufgesetzten hohen Miene« wie vor einem Gespenst
und desgleichen vor der Kostümfrage Wohl war er sich ob er nun seine rote
Landstandsuniform oder seinen hochkragigen schwarzen Frack anlegte seiner
eignen altmodischen Erscheinung voll bewusst aber nebenher was seine Person
anging doch auch wieder einer gewissen Patriarchalität Einen gleichen Trost
konnt er dem äußern Menschen seiner Schwester Adelheid nicht entnehmen Er wusste
genau wie sie kommen würde schwarzes Seidenkleid Rüsche mit kleinen
Knöpfelchen oben und die SiebenKurfürstenBrosche Was ihn aber am meisten
ängstigte war der Moment nach Tisch wo sie wenn sie sich einigermaßen
behaglich zu fühlen anfing ihre Wutzer Gesamtchaussure auf das Kamingitter zu
stellen und die Wärme von unten her einzusaugen pflegte
Gleich nach sieben trafen Woldemar und die Barbyschen Damen auf dem Granseer
Bahnhof ein und fanden Martin und den Stechlinschen Schlitten vor letzterer
insoweit ein Prachtstück als er ein richtiges Bärenfell hatte während
andrerseits Geläut und Schneedecken und fast auch die Pferde mehr oder weniger
zu wünschen übrigliessen Aber Melusine sah nichts davon und Armgard noch
weniger Es war eine reizende Fahrt die Luft stand und am stahlblauen Himmel
oben blinkten die Sterne So ging es zwischen den eingeschneiten Feldern hin
und wenn ihre Kappen und Hüte hier und dort die herniederhängenden Zweige
streiften fielen die Flocken in ihren Schlitten In den Dörfern war überall
noch Leben und das Anschlagen der Hunde das vom nächsten Dorf her beantwortet
wurde klang übers Feld Alle drei Schlitteninsassen waren glücklich und ohne
dass sie viel gesprochen hätten bogen sie zuletzt eine weite Kurve machend in
die Kastanienallee ein die sie nun rasch über Dorfplatz und Brücke fort bis
auf die Rampe von Schloss Stechlin führte Dubslav und Engelke standen hier schon
im Portal und waren den Damen beim Aussteigen behilflich Beim Eintritt in den
großen Flur war für diese das erste was sie sahen ein mächtiger von der Decke
herabhängender Mistelbusch zugleich schlug die Treppenuhr deren Hippenmann wie
verwundert und beinah verdrießlich auf die fremden Gäste herniedersah Viele
Lichter brannten aber es wirkte trotzdem alles wie dunkel Woldemar war ein
wenig befangen Dubslav auch Und nun wollte Armgard dem Alten die Hand küssen
Aber das gab diesem seinen Ton und seine gute Laune wieder »Umgekehrt wird ein
Schuh draus«
    »Und zuletzt ein Pantoffel« lachte Melusine
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
»Das ist eine Dame und ein Frauenzimmer dazu« sagte sich Dubslav still in
seinem alten Herzen als er jetzt Melusine den Arm bot um sie vom Flur her in
den Salon zu führen »So müssen Weiber sein«
    Auch Adelheid mühte sich Entgegenkommen zu zeigen aber sie war wie
gelähmt Das Leichte das Heitre das Sprunghafte das die junge Gräfin in jedem
Wort zeigte das alles war ihr eine fremde Welt und dass ihr eine innere Stimme
dabei beständig zuraunte »Ja dies Leichte das du nicht hast das ist das
Leben und das Schwere das du hast das ist eben das Gegenteil davon«  das
verdross sie Denn trotzdem sie beständig Demut predigte hatte sie doch nicht
gelernt sich in Demut zu überwinden So war denn alles was über ihre Lippen
kam mehr oder weniger verzerrt ein Versuch zu Freundlichkeiten die
schließlich in Herbigkeiten ausliefen Lorenzen der erschienen war half nach
Möglichkeit aus aber er war kein Damenmann noch weniger ein Kauseur und so
kam es denn dass Dubslav mit einer Art Sehnsucht nach dem Oberförster
ausblickte trotzdem er doch seit Mittag wusste dass er nicht kommen würde Das
jüngste Töchterchen war nämlich gestorben und sollte den andern Tag schon auf
einem kleinen von Weihnachtsbäumen umstellten Privatfriedhofe den sich Katzler
zwischen Garten und Wald angelegt hatte begraben werden Es war das vierte
Töchterchen in der Reihe jede lag in einer Art Gartenbeet und hatte wie ein
Samenkorn dessen Aufgehen man erwartet ein Holztäfelchen neben sich drauf der
Name stand Als Dubslavs Einladung eingetroffen war war Ermyntrud wie
gewöhnlich in Katzler gedrungen der Einladung zu folgen »Ich wünsche nicht
dass du dich deinen gesellschaftlichen Pflichten entziehst auch heute nicht
trotz des Ernstes der Stunde Gesellschaftlichkeiten sind auch Pflichten Und
die Barbyschen Damen  ich erinnere mich der Familie  werden gerade wegen der
Trauer in der wir stehen in deinem Erscheinen eine besondere Freundlichkeit
sehen Und das ist genau das was ich wünsche Denn die Komtesse wird über kurz
oder lang unsre nächste Nachbarin sein« Aber Katzler war festgeblieben und
hatte betont dass es Höheres gäbe als Gesellschaftlichkeiten und dass er durchaus
wünsche dass dies gezeigt werde Der Prinzessin Auge hatte während dieser Worte
hoheitsvoll auf Katzler geruht mit einem Ausdruck der sagen zu wollen schien
»Ich weiß dass ich meine Hand keinem Unwürdigen gereicht habe«
    Katzler also fehlte Doch auch Koseleger trotz seiner Zusage war noch
nicht da so dass Dubslav in die sonderbare Lage kam sich den
QuadenHennersdorfer aus dem er sich eigentlich nichts machte
herbeizuwünschen Endlich aber fuhr Koseleger vor sein etwas verspätetes Kommen
mit Dienstlichkeiten entschuldigend Unmittelbar danach ging man zu Tisch und
ein Gespräch leitete sich ein Zunächst wurde von der Nordbahn gesprochen die
seit der neuen Kopenhagener Linie den ihr von früher her anhaftenden
Schreckensnamen siegreich überwunden habe Jetzt heiße sie die »Apfelsinenbahn«
was doch kaum noch übertroffen werden könne Dann lenkte man auf den alten
Grafen und seine Besitzungen im Graubündischen über endlich aber auf den langen
Aufenthalt der Familie drüben in England wo beide Töchter geboren seien
    Dies Gespräch war noch lange nicht erledigt als man sich von Tisch erhob
und so kam es dass sich das Plaudern über eben dasselbe Thema beim Kaffee der
im Gartensalon und zwar in einem Halbzirkel um den Kamin herum eingenommen
wurde fortsetzte Dubslav sprach sein Bedauern aus dass ihn in seiner Jugend
der Dienst und später die Verhältnisse daran gehindert hätten England
kennenzulernen es sei nun doch mal das vorbildliche Land eigentlich für alle
Parteien auch für die Konservativen die dort ihr Ideal mindestens ebensogut
verwirklicht fänden wie die Liberalen Lorenzen stimmte lebhaft zu während
andrerseits die Domina ziemlich deutliche Zeichen von Ungeduld gab England war
ihr kein erfreuliches Gesprächstema was selbstverständlich ihren Bruder nicht
hinderte dabei zu verharren
    »Ich möchte mich« fuhr Dubslav fort »in dieser Angelegenheit an unsern
Herrn Superintendenten wenden dürfen Waren Sie drüben«
    »Leider nein Herr von Stechlin ich war nicht drüben sehr zu meinem
Bedauern Und ich hätt es so leicht haben können Aber es ist immer wieder die
alte Geschichte was man in ein paar Stunden und mitunter in ein paar Minuten
erreichen kann das verschiebt man eben weil es so nah ist und mit einemmal
ist es zu spät Ich war Jahr und Tag im Haag und von da nach Dover hinüber war
nicht viel mehr als nach Potsdam Trotzdem unterblieb es oder richtiger gerade
deshalb Dass ich den Tunnel oder den Tower nicht gesehen das könnt ich mir
verzeihn Aber das Leben drüben Wenn irgendwo das vielzitierte Wort von dem in
einem Tage mehr gewinnen als in des Jahres Einerlei hineinpasst so da drüben
Alles modern und zugleich alles alt eingewurzelt stabilisiert Es steht einzig
da mehr als irgendein andres Land ist es ein Produkt der Zivilisation so sehr
dass die Neigungen der Menschen kaum noch dem Gesetze der Natur folgen sondern
nur noch dem einer verfeinerten Sitte«
    Die Domina fühlte sich von dem allem mehr und mehr unangenehm berührt
besonders als sie sah dass Melusine zu dem was Koseleger ausführte beständig
zustimmend nickte Schließlich wurd es ihr zuviel »Alles was ich da so höre«
sagte sie »kann mich für dieses Volk nicht einnehmen und weil sie rundum von
Wasser umgehen sind ist alles so kalt und feucht und die Frauen bis in die
höchsten Stände hinauf sind beinah immer in einem Zustand den ich hier nicht
bei Namen nennen mag So wenigstens hat man mir erzählt Und wenn es dann neblig
ist dann kriegen sie das was sie den Spleen nennen und fallen zu Hunderten
ins Wasser und keiner weiß wo sie geblieben sind Denn wie mir unser
Rentmeister Fix der drüben war aufs Wort versichert hat sie stehen in keinem
Buch und haben auch nicht einmal das was wir Einwohnermeldeamt nennen so dass
man beinah sagen kann sie sind so gut wie gar nicht da Und wie sie kochen und
braten Alles fast noch blutig besonders das was wir hier englische Beefsteaks
nennen Und kann auch nicht anders sein weil sie soviel mit Wilden umgehn und
gar keine Gelegenheit haben sich einer feineren Gesittung anzuschließen«
    Koseleger und Melusine wechselten verständnisvoll Blicke Die Domina aber
sah nichts davon und fuhr unentwegt fort »Fix ist ein guter Beobachter auch
von Sittenzuständen und einer ihrer Könige worüber ich auch schon als Mädchen
einen Aufsatz machen musste hat fünf Frauen gehabt meist Hofdamen Und eine hat
er köpfen lassen und eine hat er wieder nach Hause geschickt Und war noch dazu
eine Deutsche Und sie sollen auch keinen eigentlichen Adel mehr haben weil mal
ein Krieg war drin sie sich umschichtig entaupteten und als alle weg waren
haben sie gewöhnliche Leute rangezogen und ihnen die alten Namen gegeben und
wenn man denkt es ist ein Graf so ist es ein Bäcker oder höchstens ein
Bierbrauer Aber viel Geld sollen sie haben und ihre Schiffe sollen gut sein
und dauerhaft und auch sehr sauber fast schon wie holländisch aber in ihrem
Glauben sind sie zersplittert und fangen auch schon wieder an katholisch zu
werden«
    Der alte Dubslav als die Schwester mit ihrem Vortrag über England
einsetzte hatte sich mit einem »Schicksal nimm deinen Lauf« sofort resigniert
Woldemar aber war immer wieder und wieder bemüht gewesen einen Temawechsel
eintreten zu lassen worin er vielleicht auch reüssiert hätte wenn nicht
Koseleger gewesen wäre Dieser  entweder weil er als ästetischer Feinschmecker
an Adelheids Auslassungen ein aufrichtiges Gefallen fand oder aber weil er die
von ihm selbst angeregte Frage hinsichtlich »Natur und Sitte« die sein
Steckenpferd war gern weiterspinnen wollte  hielt an England fest und sagte
»Die Frau Domina scheint mir davon auszugehn dass gerade der mitunter schon an
den Wilden grenzende Naturmensch drüben in vollster Blüte steht Und ich will
das auch nicht in jedem Punkte bestreiten Aber daneben begegnen wir einem
Lebensund Gesellschaftsraffinement das ich trotz manchem Anfechtbaren als
einen höchsten Kulturausdruck bezeichnen muss Ich erinnere mich unter anderm
eines gerade damals geführten Prozesses über den ich als ich im Haag lebte
meiner Kaiserlichen Hoheit täglich Bericht erstatten musste HighlifeProzesse
gingen ihr über alles und der Gegenstand um den sichs dabei handelte war so
recht der Ausdruck eines verfeinerten oder meinetwegen auch überfeinerten
Kulturlebens So recht das Gegenteil von bloßem Naturburschentum Es ist
freilich eine ziemlich lange Geschichte«
    »Schade« sagte Dubslav »Aber trotzdem  wenn überhaupt erzählbar«
    »Oh gewiss gewiss das denkbar Harmloseste«
    »Nun denn lieber Superintendent wenn wirklich so harmlos so mach ich mich
ohne weiteres zum Anwalt unsrer gewiss neugierigen Damen meine Schwester die
Domina mit eingeschlossen Wie war es Wie verlief die Geschichte für die sich
eine Kaiserliche Hoheit so lebhaft interessieren konnte«
    »Nun wenn es denn sein soll« nahm Koseleger langsam und wie bloß einer
Pression nachgebend das Wort »es lebte da zu jener Zeit eine schöne Herzogin
in London dies nicht ertragen konnte dass die Jahre nicht spurlos an ihr
vorübergehen wollten Fältchen und Krähenfüsse zeigten sich In dieser Bedrängnis
hörte sie von ungefähr von einer plastischen Künstlerin die durch Auftrag einer
Wachspaste die Jugend wiederherzustellen wisse Diese Künstlerin wurde gerufen
und die Wiederherstellung gelang auch Aber nun traf eines Tages die Rechnung
ein die Bill wie sie da drüben sagen Es war eine Summe vor der selbst eine
Herzogin erschrecken durfte Und da die Künstlerin auf ihrer Forderung beharrte
so kam es zu dem angedeuteten Prozess der sich alsbald zu einer cause célèbre
gestaltete«
    »Sehr begreiflich« versicherte Dubslav und Melusine stimmte zu
    »Zahlreiche Personen traten in der Verhandlung auf und als Sachverständige
wurden zuletzt auch Konkurrentinnen auf diesem Spezialgebiete der plastischen
Kunst vernommen Alle fanden die Forderung erheblich zu hoch und der Sieg
schien sich rasch der Herzogin zuneigen zu wollen Aber in eben diesem
Augenblicke trat die sich arg bedrängt sehende Künstlerin an den Vorsitzenden
des Gerichtshofes heran und bat ihn an die erschienenen Fachgenossinnen einfach
die Frage nach der Dauer der durch ihre Kunst wiederhergestellten Jugend und
Schönheit richten zu wollen eine Bitte der der Oberrichter auch sofort
nachkam Was darauf geantwortet wurde lautete hinsichtlich der Dauer sehr
verschieden Als aber trotz der Verschiedenheit dieser Angaben keine der
Konkurrentinnen mehr als ein Vierteljahr zu garantieren wagte wandte sich die
Verklagte ruhig an den hohen Gerichtshof und sagte nicht ohne Würde Meine
Herren Richter meine Mitkünstlerinnen wie Sie soeben vernommen helfen auf
Zeit was ich leiste ist beautifying for ever Alles war von diesem Worte
hingerissen der hohe Gerichtshof mit und die Herzogin hatte die Riesensumme zu
zahlen«
    »Und wäre dergleichen hierlandes möglich« fragte Melusine
    »Ganz unmöglich« entgegnete der für alles Fremde schwärmende Koseleger »Es
kann hier einfach deshalb nicht vorkommen weil uns der dazu nötige höhere
Kulturzustand und die dem entsprechende Anschauung fehlt In unserm guten
Preußen und nun gar erst in unsrer Mark sieht man in einem derartigen Hergange
nur das Karikierte günstigstenfalls das Groteske nicht aber jenes Hochmass
gesellschaftlicher Verfeinerung aus dem allein sich solche Dinge die man im
übrigen um ihres Raffinements willen belächeln oder verurteilen mag entwickeln
können«
    Die meisten waren einverstanden allen voraus Dubslav dem dergleichen immer
einleuchtete während die Domina von »Horreur« sprach und sichtlich unmutig den
Kopf hin und her bewegte Woldemar erneute natürlich seine Versuche die der
Tante so missfällige Konversation auf andres überzulenken bei welcher
Gelegenheit er nach dem Berühren verschiedenster Temata zuletzt auch auf den
Koventgardenmarkt und den englischen Gemüsebau zu sprechen kam Das passte der
Domina
    »Ja Gemüsebau« sagte sie »das ist eine wunderbare Sache daran hat man
eine wirkliche Freude Kloster Wutz ist eigentlich eine Gartengegend unser
Spargel ist denn auch weit und breit der beste und meine gute Schmargendorf hat
Artischocken gezogen so groß wie ne Sonnenblume Freilich es will sie keiner
so recht und alle sagen immer Es dauert so lange wenn man so jedes Blatt
nehmen muss und eigentlich hat man nichts davon auch wenn die Sauce noch so
dick ist Viel mehr Glück hat unsre alte Schimonski mit ihren großen Erdbeeren 
ich meine natürlich nicht die Schimonski selber sie selber kann gar nichts
aber sie hat eine sehr geschickte Person  und ein Berliner Händler kauft ihr
alles ab bloß dass die Schnecken oft die Hälfte jeder Erdbeere wegfressen Man
sollte nicht glauben dass solche Tiere solchen feinen Geschmack haben Aber wenn
es wegen der Schnecken auch unsicher ist Dubslav du solltest solche Zucht doch
auch versuchen Wenn es einschlägt ist es sehr vorteilhaft Die Schimonski
wenigstens hat mehr davon als von ihren Hühnern trotzdem sie gut legen Denn
mal sind sie billig die Eier und dann wieder verderben sie und die schlechten
werden einem berechnet und abgezogen und die Streiterei nimmt kein Ende«
    Kurz vor elf brach das Gespräch ab und man zog sich zurück Der alte
Dubslav ließ es sich nicht nehmen die Damen persönlich treppauf bis an ihre
Zimmer zu führen und sich da unter Handkuss von ihnen zu verabschieden Es waren
dieselben zwei Räume die vor gerad einem Vierteljahr Rex und Czako bewohnt
hatten das größere Zimmer jetzt für Melusine das kleinere für Armgard
bestimmt Aber als nun beide vor ihren Reisetaschen standen und sich
oberflächlich daran zu tun machten sagte Melusine »Dies Himmelbett ist also
für mich Wenn es dir gleich ist beziehe du lieber dies Ehrenlager und lasse
mir das kleine Schlafzimmer Zusammen sind wir ja doch die Tür steht auf«
    »Ja Melusine wenn dus durchaus wünschst dann natürlich Aber ich verstehe
dich nicht recht Man will dich auszeichnen und wenn du das ablehnst so kann
es auffallen Man muss doch in einem Hause wo man noch halb fremd ist alles so
tun wies gewünscht wird«
    Melusine ging auf die Schwester zu sah sie halb verlegen halb schelmisch
an und sagte »Natürlich hast du recht Aber ich bitte dich trotzdem darum Und
es braucht es ja auch keiner zu merken Direkte Kontrolle wird ja wohl
ausgeschlossen sein und ich mache keine tiefere Kute wie du«
    »Gut gut« lachte Armgard »Aber sage was soll das alles Du bist doch
sonst so leichtlebig Und wenn es dir hier in dem ersten Zimmer weil es so nah
an der scharfen Flurecke liegt wirklich etwas ängstlich zumute sein sollte
nun so können wir ja zuriegeln«
    »Das hilft nichts Armgard In solchen alten Schlössern gibt es immer
Tapetentüren Und was das hier angeht« und sie wies dabei auf das Bett »alle
Spukgeschichten sind immer gerad in Himmelbetten passiert ich habe noch nie
gehört dass Gespenster an eine Birkenmaserbettstelle herangetreten wären Und
hast du nicht unten den mistletoe gesehen Mistelbusch ist auch noch so
Überbleibsel aus heidnischer Zeit her bei den alten Deutschen gewiss und bei den
Wenden wohl auch für den Fall dass die Stechlins wirkliche Wenden sind Wenn
ich Tante Adelheid ansehe glaub ich es beinah Und wie sie von den Hühnern
sprach und den Eiern Alles so wendisch Ich glaube ja nicht eigentlich an
Gespenster wiewohl ich auch nicht ganz dagegen bin aber wie dem auch sein
möge wenn ich mir denke Tante Adelheid erschiene mir hier und brächte mir eine
Erdbeere die die Schnecken schon angeknabbert haben so wäre das mein Tod«
    Armgard lachte
    »Ja du lachst aber hast du denn die Augen von ihr gesehen Und hast du ihre
Stimme gehört Und die Stimme wie du doch weißt ist die Seele«
    »Gewiss Aber Seele oder nicht sie kann dir doch nichts tun mit ihrer
Stimme und dir auch nicht erscheinen Und wenn sie trotzdem kommt nun so rufst
du mich«
    »Am liebsten wär es mir du bliebst gleich bei mir«
    »Aber Melusine«
    »Nun gut nun gut Ich sehe wohl ein dass das nicht gut geht Aber was
anders Ich habe da vorhin eine Bibel oder vielleicht auch bloß ein Gesangbuch
liegen sehen da auf dem Brettchen wo die kleine Puppe steht Beiläufig auch was
Sonderbares diese Puppe Bitte nimm die Bibel von der Etagere fort und lege
sie mir hier auf den Nachttisch Und das Licht lass brennen Und wenn du im Bett
liegst sprich immerzu bis ich einschlafe«
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
Am andern Morgen traf man sich beim Frühstück Es war ziemlich spät geworden
ohne dass Dubslav wie das sonst wohl auf dem Lande Gewohnheit ist ungeduldig
geworden wäre Nicht dasselbe ließ sich von Tante Adelheid sagen »Ich finde das
lange Wartenlassen nicht gerade passend am wenigsten Personen gegenüber denen
man Respekt bezeigen will Oder geh ich vielleicht zu weit wenn ich hier von
Respektbezeigung spreche« So hatte sich Adelheid zu Dubslav geäußert Als nun
aber die Barbyschen Damen wirklich erschienen bezwang sich die Domina und
stellte all die Fragen die man an solchem Begrüssungsmorgen zu stellen pflegt
In aller Unbefangenheit antworteten die Schwestern am unbefangensten Melusine
die bei der Gelegenheit dem alten Dubslav erzählte dass sie nicht umhin gekonnt
hätte sich die Bibel an ihr Bett zu legen
    »Und mit der Absicht drin zu lesen«
    »Beinah Aber es wurde nichts daraus Armgard plauderte soviel freilich auf
meinen Wunsch Ich hörte von der Treppe her immer die Uhr schlagen und las dabei
beständig das Wort Museum Aber das war natürlich schon im Traum Ich schlief
schon ganz fest Und heute früh bin ich wie der Fisch im Wasser«
    
    Dubslav hätte dies gern bestätigt dabei nach einem Spezialfisch suchend
der so recht zum Vergleich für Melusine gepasst hätte Die Blicke seiner
Schwester aber die zu fragen schienen »hast du gehört« ließ ihn wieder
davon abstehn und nachdem noch einiges über den großen Oberflur und seine
Bilder und Schränke gesprochen worden war wurde genau wie vor einem
Vierteljahr wo Rex und Czako zu Besuch da waren ein Programm verabredet das
dem damaligen sehr ähnlich sah Aussichtsturm See Globsow dann auf dem
Rückwege die Kirche vielleicht auch Krippenstapel Und zuletzt das »Museum«
Aber manches davon war unsicher und hing vom Wetter ab Nur den See wollte man
unter allen Umständen sehen Engelke wurde beauftragt mit Plaids und Decken
vorauszugehn und ein paar Leute zum Wegschaufeln des Schnees mitzunehmen
lediglich für den Fall dass die Damen vielleicht Lust bezeigen sollten die
Sprudel und Trichterstelle genauer zu studieren »Und wenn wir auf unserm Hofe
keine Leute haben so geh ins Schulzenamt und bitte Rolf Krake dass er
aushilft«
    Melusine die dieser Befehlserteilung zugehört hatte war überrascht in
einem märkischen Dorfe dem Namen »Rolf Krake« zu begegnen und erfuhr denn auch
alsbald den Zusammenhang der Dinge Sie war ganz enchantiert davon und sagte
»Das ist hübsch Aller aufgesteifter Patriotismus ist mir ein Greuel aber wenn
er diese Formen annimmt und sich in Humor und selbst in Ironie kleidet dann ist
er das Beste was man haben kann Ein Mann der solchen Beinamen hat der lebt
der ist in sich eine Geschichte« Dubslav küsste ihr die Hand Adelheid aber
wandte sich demonstrativ ab sie wollte nicht Zeuge dieser ewigen Huldigungen
sein »Wenn man ein alter Major ist ist man eben ein alter Major und nicht ein
junger Leutnant Dubslav ist zwanzig aber zwanzig Jahr a D«
    Es war gegen zehn als man aufbrach um zunächst auf den Aussichtsturm zu
steigen und nachdem man von der obersten Etage her die Waldlandschaft die sich
auch in ihrem Schneeschmuck wundervoll ausnahm gebührend bewundert und dann den
Abstieg glücklich bewerkstelligt hatte passierte man den Schlosshof mit der
Glaskugel um über den Dorfplatz fort in die nach dem See hinunterführende große
Straße einzubiegen Auf dem Dorfplatze war alles winterlich still nur vor dem
Kruge standen drei Menschen Engelke der die Schneeschipper vorausgeschickt
hatte mit seinen Plaids über dem Arm neben ihm Schulze Kluckhuhn und neben
diesem Gensdarm Uncke das Karabinergewehr über die Schulter gehängt
    »Da treffen wir ja die ganze hohe Obrigkeit« sagte Dubslav »Engelke kann
ich auch mitrechnen der regiert mich is also eigentlich die
Feudalitätsspitze«
    Während dieser Worte waren die Herrschaften an die Gruppe herangetreten
    »Freut mich dass ich Sie treffe Kluckhuhn Ich denke Sie begleiten uns
Frau Gräfin darf ich Ihnen hier unsern Dorfherrscher vorstellen Schulze
Kluckhuhn alter Vierundsechziger«
    Und nun ordnete sich der Zug Dubslav und Uncke schlossen ab Woldemar
Armgard und Tante Adelheid hielten die Mitte Melusine schritt voran Rolf Krake
neben ihr
    »Ich bin froh« sagte Melusine »Sie bei dieser Partie mit dabei zu sehen
Der alte Herr von Stechlin hat mir schon von Ihnen erzählt und dass Sie
vierundsechzig mit dabeigewesen Und ich weiß auch Ihren Namen das heißt den
zweiten Und ich darf sagen ich freue mich immer wenn ich so was Hübsches
höre«
    »Ach Rolf Krake« lachte Kluckhuhn »Ja Frau Gräfin wer den Schaden hat
darf für den Spott nicht sorgen Das heißt von Schaden darf ich eigentlich
nicht reden den hab ich nicht so recht davon gehabt ich bin nicht mal
angeschossen worden Und doch is so was billig wenns erst losgeht«
    »Ja Schulze Kluckhuhn unsereinem ist so was leider immer verschlossen
oder wie die Leute hier sagen verpurrt Und doch ist das das eigentliche
Leben So immer bloß einsitzen und ein bisschen Scharpie zupfen das ist gar
nichts Mit dabeisein das macht glücklich Es war aber trotzdem wohl ein
eigenes Gefühl als Sie da so von Düppel nach Alsen rüberfuhren und das
unheimliche Schiff der Rolf Krake so dicht danebenlag«
    »Ja das war es Frau Gräfin ein ganz eigenes Gefühl Und mitunter
erscheint mir der Rolf Krake noch im Traum Un is auch nicht zu verwundern Denn
Rolf Krake war wie ein richtiges Gespenst Und wenn solch Gespenst einen packt
ja da ist man weg Und dabei bleib ich Frau Gräfin sechsundsechzig war
nicht viel und siebzig war auch nicht viel«
    »Aber die großen Verluste«
    »Ja die Verluste waren groß das ist richtig Aber Verluste Frau Gräfin
das is eigentlich gar nichts Natürlich wen es trifft für den is es was Aber
ich meine jetzt das was man dabei so das Moralische nennt und darauf kommt es
an nicht auf die Verluste nicht auf viel oder wenig Wenn einer eine Böschung
raufklettert und nu steht er oben und schleicht sich ran immer mit nem
Pulversack und nem Zünder in der Hand und nu legt er an und nu fliegt alles in
die Luft und er mit Und nu ist die Festung oder die Schanze offen Ja Frau
Gräfin das ist was Und das hat unser Pionier Klinke getan Der war moralisch
Ich weiß nicht ob Frau Gräfin mal von ihm gehört haben aber dafür leb ich und
sterb ich immer bloß das Kleine da zeigt sichs was einer kann Wenn ein
Bataillon ran muss un ich stecke mittendrin ja was will ich da machen Da muss
ich mit Und baff da lieg ich Und nu bin ich ein Held Aber eigentlich bin ich
keiner Es ist alles bloß Muss und solche Musshelden gibt es viele Das is was
ich die großen Kriege nenne Klinke mit seinem Pulversack ja der war bloß was
Kleines aber er war doch groß Und ebenso wenn er auch unser Feind war dieser
Rolf Krake«
    So ging historischretrospektiv das Gespräch an der Tête während Dubslav
und Uncke die den Zug abschlossen mit ihrem Thema mehr in der Gegenwart
standen
    »Is mir lieb Uncke Sie mal wieder zu treffen Seit Rheinsberg hab ich Sie
nicht mehr gesehen Ich denke mir Torgelow is nu wohl schon im besten Gange So
wie Bebel Ich kriege natürlich jeden Tag meine Zeitung aber es is mir immer
zuviel und das große Format und das dünne Papier Da kuck ich denn nich immer
ganz genau zu Hat er denn schon gesprochen«
    »Ja Herr Major gesprochen hat er schon Aber nich viel Un war auch kein
rechter Beifall Auch nich mal bei seinen eignen Leuten«
    »Er wird wohl die Sache noch nicht recht weghaben Ich meine das was sie
jetzt das Parlamentarische nennen Das schadt aber nichts und ist eigentlich
egal Wichtiger is wie sie hier in unserm Ruppiner Winkel in unserm
RheinsbergWutz über ihn denken Sind sie denn da mit ihm zufrieden«
    »Auch nicht Herr Major Sie sagen er sei zweideutig«
    »Ja Uncke so heißt es überall Das is nu mal so das is nicht zu ändern
In Frankreich heißt es immer gleich Verrat und hier sagen sie zweideutig Da
war auch einer von uns den ich nicht nennen will von dem hieß es auch so«
    »Von dem hieß es auch so Ja Herr Major Und Pyterke der immer gut
Bescheid weiß der sagte mir schon damals in Rheinsberg Uncke glauben Sie mir
da hat sich der Herr Major eine Schlange an seinem Busen grossgezogen«
    »Kann ich mir denken klingt ganz nach Pyterke Der spricht immer so
gebildet Aber is es auch richtig«
    »Is schon richtig Herr Major Herr Major denken immer das Gute von nem
Menschen weil Sie soviel zu Hause sitzen und selber so sind Aber wer so
rumkommt wie ich Alle lügen sie Was sie meinen das sagen sie nich und was
sie sagen das meinen sie nich Is kein Verlass mehr alles zweideutig«
    »Ja so rundraus Uncke das war früher aber das geht jetzt nicht mehr Man
darf keinem so alles auf die Nase binden Das is eben was sie jetzt politisches
Leben nennen«
    »Ach Herr Major das mein ich ja gar nicht Das Politische Jott wenn
einer sich ins Politische zweideutig macht na dann muss ich ihn anzeigen das
is Dienst Darum gräm ich mich aber nich Aber was nich Dienst is was man so
bloß noch nebenbei sieht das kann einen mitunter leid tun So bloß als Mensch«
    »Aber lieber Uncke was is denn eigentlich los Wenn man Sie so hört da
sollte man ja wahrhaftig glauben es ginge zu Ende Nu ja in der Welt
draußen da klappt nich immer alles Aber so im Schoss der Familie«
    »Jott Herr Major das is es ja eben In diesem Schoss der Familie da is es
ja gerad am schlimmsten Und sogar in dem jüdischen Schoss der doch immer noch
der beste war«
    »Beispiele Uncke Beispiele«
    »Da haben wir nu hier um bloß ein Beispiel zu geben unsern guten alten
Baruch Hirschfeld in Gransee Frommer alter Jude«
    »Kenn ich Kenn ich ganz gut beinah zu gut Nu der hat nen Sohn und mit
dem is er mitunter verschiedner Meinung Aber dagegen is doch nicht viel zu
sagen das is in der ganzen Welt so Der Alte hängt noch am Alten und der
Junge nu der is eben ein Jungscher und bramarbasiert ein bisschen Ich weiß
nicht recht zu welcher Partei er sich hält er wird aber wohl für Torgelow
gestimmt haben Nu mein Gott warum nicht Das tun jetzt viele Daran muss man
sich gewöhnen Das is eben das Politische«
    »Nein Herr Major Herr Major wollen verzeihn aber bei diesem Isidor is es
nicht das Politische Komme ja jeden dritten Tag hin und seh den Alten in seinem
Laden und höre was er da redt und redt Und der Junge redt auch und redt immer
von s Prinzip Das Prinzip is ihm aber egal Er will bloß mogeln und den Alten
an die Wand drücken Und das ist das was ich das Zweideutige nenne«
Armgard Woldemar und Tante Adelheid hatten die Mitte genommen Als sie bis in
die Nähe der Seespitze gekommen waren immer unter einem verschneiten Buchen
und Eichengange hin wurden sie durch ein Geräusch wie von brechenden kleinen
Ästen aufmerksam gemacht und ihr Auge nach oben richtend gewahrten sie wie
zwei Eichhörnchen über ihnen spielten und in beständigem Sichhaschen von Baum zu
Baum sprangen Die Zweige knickten und der Schnee stäubte hernieder Armgard
mochte sich von dem Schauspiel nicht trennen lachte wenn die momentan
verschwundenen Tierchen mit einem Male wieder zum Vorschein kamen und gab ihre
Beobachtung erst auf als die Domina nicht direkt unfreundlich aber doch
ziemlich ungeduldig und jedenfalls wie gelangweilt zu ihr bemerkte »Ja
Komtesse die springen es sind eben Eichhörnchen« Einige Minuten später hatten
alle die Bank erreicht von der aus man den besten Blick auf den zugefrorenen
See hatte Das Eis zeigte sich hoch mit Schnee bedeckt aber in seiner Mitte war
doch schon eine gefegte Stelle zu der vom Ufer her eine schmale gleichfalls
freigeschaufelte Straße hinüberführte Engelke legte die Decken über die Bank
und die Damen die von dem halbstündigen und zuletzt etwas ansteigenden Wege
müde geworden waren nahmen alle drei Platz während sich Rolf Krake und Uncke
wie Schildhalter zu beiden Seiten der Bank aufstellten Dubslav dagegen
placierte sich in Front und machte während er einen landläufigen Führerton
anschlug den Cicerone »Hab die Ehr Ihnen hier die große Sehenswürdigkeit von
Dorf und Schloss Stechlin zu präsentieren unsern See meinen See wenn Sie mir
das Wort gestatten wollen Alle möglichen berühmten Naturforscher waren hier und
haben sich höchst schmeichelhaft über den See geäußert Immer hieß es Es stehe
wissenschaftlich fest Und das ist jetzt das Höchste Früher sagte man Es steht
in den Akten Ich lasse dabei dahingestellt sein wovor man sich tiefer
verbeugen muss«
    »Ja« sagte Melusine »das ist nun also der große Moment Orientiert bin
ich Aber wie das mit allem Großen geht ich empfinde doch auch etwas von
Enttäuschung«
    »Das ist weil wir Winter haben gnädigste Gräfin Wenn Sie die offene
Seefläche vor sich hätten und in der Vorstellung stünden jetzt bildet sich der
Trichter und jetzt steigt es herauf so würden Sie mutmasslich nichts von
Enttäuschung empfinden Aber jetzt Das Eis macht still und duckt das
Revolutionäre Da kann selbst unser Uncke nichts notieren Nicht wahr Uncke«
    Uncke schmunzelte
    »Im übrigen seh ich zu meiner Freude  und das verdanken wir wieder unserm
guten Kluckhuhn der an alles denkt und alles vorsieht  dass die Schneeschipper
auch ein paar ihrer Pickäxte mitgebracht haben Ich taxiere das Eis auf nicht
dicker als zwei Fuß und wenn sich die Leute dranmachen so haben wir in zehn
Minuten eine große Lune und der Hahn wenn er nur sonst Lust hat kommt aus
seiner Tiefe herauf Befehlen Frau Gräfin«
    »Um Gottes willen nein Ich bin sehr für solche Geschichten und bin
glücklich dass die Familie Stechlin diesen See hat Aber ich bin zugleich auch
abergläubisch und mag kein Eingreifen ins Elementare Die Natur hat jetzt den
See überdeckt da werd ich mich also hüten irgendwas ändern zu wollen Ich
würde glauben eine Hand führe heraus und packte mich«
    Adelheid war bei diesen Worten immer gerader und länger geworden und rückte
mit Ostentation von Melusine weg mehr der Banklehne zu wo halb wie das gute
Gewissen halb wie die göttliche Weltordnung Uncke stand und durch seine bloße
Gegenwart den Gemütszustand der Domina wieder beschwichtigte Nur von Zeit zu
Zeit sah sie fragend forschend und vorwurfsvoll auf ihren Bruder
    Dieser wusste genau was in seiner Schwester Seele vorging Es erheiterte ihn
ungemein aber es beunruhigte ihn doch auch Wenn diese Gefühle wuchsen wohin
sollte das führen Die Möglichkeit einer schrecklichen Szene die sein Haus mit
einer nicht zu tilgenden Blâme behaftet hätte trat dabei vor seine Seele
    Der Himmel hatte aber ein Einsehn Schon seit einer Viertelstunde lag ein
grauer Ton über der Landschaft und plötzlich fielen Flocken erst vereinzelte
dann dicht und reichlich Den Weg bis Globsow fortzusetzen daran war unter
diesen Umständen gar nicht mehr zu denken und so brach man denn auf um ins
Schloss zurückzukehren Auch auf einen Besuch in der Kirche weil es da zu kalt
sei wurde verzichtet
 
                           Neunundzwanzigstes Kapitel
Der Heimweg war gemeinschaftlich angetreten worden aber doch nur bis an die
Dorfstraße Hier teilte man sich in drei Gruppen eine jede mit verschiedenem
Ziel Dubslav Tante Adelheid und Armgard gingen auf das Herrenhaus Uncke und
Rolf Krake auf das Schulzenamt Woldemar und Melusine dagegen auf die Pfarre zu
Woldemar freilich nur bis an den Vorgarten wo er sich von Melusine
verabschiedete
    Lorenzen solang er Woldemar und Melusine sich seiner Pfarre nähern sah
hatte verlegen am Fenster gestanden kam aber als das Paar sich draußen
trennte so ziemlich wieder zu sich Er war nun schon so lange jeder
Damenunterhaltung entwöhnt dass ihm ein Besuch wie der der Gräfin zunächst nur
Verlegenheit schaffen konnte wenns denn aber durchaus sein musste so war ihm
ein Têteàtête mit ihr immer noch lieber als eine Plauderei zu dritt Er ging
ihr denn auch bis in den Flur entgegen war ihr hier beim Ablegen behilflich und
sprach ihr  weil er jede Scheu rasch von sich abfallen fühlte  ganz aufrichtig
seine Freude aus sie in seiner Pfarre begrüßen zu dürfen »Und nun bitt ich
Sie Frau Gräfin sichs unter meinen Büchern hier nach Möglichkeit bequem
machen zu wollen Ich bin zwar auch Inhaber einer Putzstube mit einem dezenten
Teppich und einem kalten Ofen aber ich konnte das gesundheitlich nicht
verantworten Hier haben wir wenigstens eine gute Temperatur«
    »Die immer die Hauptsache bleibt Ach eine gute Temperatur
Gesellschaftlich ist sie beinah alles und dabei leider doch so selten Ich kenne
Häuser wo wenn Sie den Widersinn verzeihen wollen der kalte Ofen gar nicht
ausgeht Aber erlassen Sie mir gütigst den Sofaplatz hier ich fühle mich dazu
noch nicht alte Dame genug und möcht auch gern en vue der beiden Bilder bleiben
trotzdem ich das eine davon schon so gut wie kenne«
    »Die Kreuzabnahme«
    »Nein das andre«
    »Die Lind also«
    »Ja«
    »So haben Sie das schöne Bild in der Nationalgalerie gesehen«
    »Auch das Aber doch freilich erst seit ganz kurzem während ich von Ihrer
Aquarellkopie schon seit ein paar Monaten weiß Das war auf einer
Dampfschiffahrt die wir nach dem sogenannten Eierhäuschen machten und der
Ausplauderer über das Bild da vor mir war niemand anders als Ihr Zögling
Woldemar auf den Sie stolz sein können Er freilich würde den Satz umkehren
oder sage ich lieber er tat es Denn er sprach mit solcher Liebe von Ihnen dass
ich Sie von jenem Tag an auch herzlich liebe was Sie sich schon gefallen lassen
müssen Ein Glück nur dass er sich draußen verabschiedet hat und nicht hören
kann was ich hier sage«
    Lorenzen lächelte
    »Sonst hätten sich diese Bekenntnisse verboten Aber da sie nun mal gemacht
sind und man nie weiß wann und wie man wieder zusammenkommt so lassen Sie mich
darin fortfahren Woldemar erzählte mir  Pardon für meine Indiskretion  von
Ihrer Schwärmerei für die Lind Und da horchten wir denn auf und beneideten Sie
fast Nichts beneidenswerter als eine Seele die schwärmen kann Schwärmen ist
fliegen eine himmlische Bewegung nach oben«
    Lorenzen stutzte Das war doch mehr als eine bloß liebenswürdige Dame aus
der Gesellschaft
    »Und um es kurz zu machen« fuhr Melusine fort »Woldemar sprach bei dieser
Gelegenheit wie von Ihrer ersten Liebe« und dabei wies sie lächelnd auf das
Bildchen der Lind »so auch von Ihrer letzten  nein nein nicht von Ihrer
letzten Sie werden immer eine neue finden  sprach also von Ihrer Begeisterung
für den herrlichen Mann da weit unten am Tajo von Ihrer Begeisterung für den
Joao de Deus Und als er ausgesprochen hatte da haben wir uns alle die wir
zugegen waren um den Un Santo geschart und einen geheimen Bund geschlossen
Erst um den Un Santo und zum zweiten um Sie selbst Und nun frag ich Sie wollen
Sie mittun in diesem unserm Bunde der ohne Sie gar nicht existierte Mir ist
manches verquer gegangen Aber ich bin denk ich dem Tage nahe der mich ahnen
lässt dass unsre Prüfungen auch unsre Segnungen sind und dass mir alles Leid nur
kam um den Stab der trägt und stützt fester zu umklammern Ich darf leider
nicht hinzusetzen dass dieser Stab möglich dass er sich einst dazu auswächst
das Kreuz sei Meiner ganzen Natur nach bin ich ungläubig Aber ich hoffe sagen
zu dürfen ich bin wenigstens demütig«
    »Wenigstens demütig« wiederholte Lorenzen langsam zugleich halb verlegen
vor sich hin blickend und Melusine die Zweifel die sich in der Wiederholung
dieser Worte ziemlich deutlich aussprachen mit scharfem Ohre heraushörend fuhr
in plötzlich verändertem und beinah heiterem Tone fort »Wie grausam Sie sind
Aber Sie haben recht Demütig Und dass ich mich dessen auch noch berühme Wer
ist demütig Wir alle sind im letzten doch eigentlich das Gegenteil davon Aber
das darf ich sagen ich habe den Willen dazu«
    »Und schon der gilt Frau Gräfin Nur freilich ist Demut nicht genug sie
schafft nicht sie fördert nicht nach außen sie belebt kaum«
    »Und ist doch mindestens der Anfang zum Bessern weil sie mit dem Egoismus
aufräumt Wer die Staffel hinauf will muss eben von unten an dienen Und soviel
bleibt es birgt sich in ihr die Lösung jeder Frage die jetzt die Welt bewegt
Demütig sein heißt christlich sein christlich in meinem vielleicht darf ich
sagen in unsrem Sinne Demut erschrickt vor dem zweierlei Maß Wer demütig ist
der ist duldsam weil er weiß wie sehr er selbst der Duldsamkeit bedarf wer
demütig ist der sieht die Scheidewände fallen und erblickt den Menschen im
Menschen«
    »Ich kann Ihnen zustimmen« lächelte Lorenzen »Aber wenn ich Frau Gräfin
in Ihren Mienen richtig lese so sind diese Bekenntnisse doch nur Einleitung zu
was andrem Sie halten noch das Eigentliche zurück und verbinden mit Ihrer
Aussprache so sonderbar es klingen mag etwas Spezielles und beinah
Praktisches«
    »Und ich freue mich dass Sie das herausgefühlt haben Es ist so Wir kommen
da eben von Ihrem Stechlin her von Ihrem See dem Besten was Sie hier haben
Ich habe mich dagegen gewehrt als das Eis aufgeschlagen werden sollte denn
alles Eingreifen oder auch nur Einblicken in das was sich verbirgt erschreckt
mich Ich respektiere das Gegebene Daneben aber freilich auch das Werdende
denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein
Alles Alte soweit es Anspruch darauf hat sollen wir lieben aber für das Neue
sollen wir recht eigentlich leben Und vor allem sollen wir wie der Stechlin
uns lehrt den großen Zusammenhang der Dinge nie vergessen Sich abschließen
heißt sich einmauern und sich einmauern ist Tod Es kommt darauf an dass wir
gerade das beständig gegenwärtig haben Mein Vertrauen zu meinem Schwager ist
unbegrenzt Er hat einen edelen Charakter aber ich weiß nicht ob er auch einen
festen Charakter hat Er ist feinen Sinnes und wer fein ist ist oft
bestimmbar Er ist auch nicht geistig bedeutend genug um sich gegen abweichende
Meinungen gegen Irrtümer und Standesvorurteile wehren zu können Er bedarf der
Stütze Diese Stütze sind Sie meinem Schwager Woldemar von Jugend auf gewesen
Und um was ich jetzt bitte das heißt Seien Sies ferner«
    »Dass ich Ihnen sagen könnte wie freudig ich in Ihren Dienst trete
gnädigste Gräfin Und ich kann es um so leichter als Ihre Ideale wie Sie
wissen auch die meinigen sind Ich lebe darin und empfind es als eine Gnade
da wo das Alte versagt ganz in einem Neuen aufzugehn Um ein solches Neues
handelt es sich Ob ein solches Neues sein soll weil es sein muss oder ob es
nicht sein soll um diese Frage dreht sich alles Es gibt hier um uns her eine
große Zahl vorzüglicher Leute die ganz ernstaft glauben das uns Überlieferte
 das Kirchliche voran leider nicht das Christliche  müsse verteidigt werden
wie der Salomonische Tempel In unserer Obersphäre herrscht außerdem eine naive
Neigung alles Preussische für eine höhere Kulturform zu halten«
    »Genau wie Sie sagen Aber ich möchte doch um der Gerechtigkeit willen die
Frage stellen dürfen ob dieser naive Glaube nicht eine gewisse Berechtigung
hat«
    »Er hatte sie mal Aber das liegt zurück Und kann nicht anders sein Der
Hauptgegensatz alles Modernen gegen das Alte besteht darin dass die Menschen
nicht mehr durch ihre Geburt auf den von ihnen einzunehmenden Platz gestellt
werden Sie haben jetzt die Freiheit ihre Fähigkeiten nach allen Seiten hin und
auf jedem Gebiete zu betätigen Früher war man dreihundert Jahre lang ein
Schlossherr oder ein Leinenweber jetzt kann jeder Leinenweber eines Tages ein
Schlossherr sein«
    »Und beinah auch umgekehrt« lachte Melusine »Doch lassen wir dies heikle
Thema Viel viel lieber hör ich ein Wort von Ihnen über den Wert unsrer Lebens
und Gesellschaftsformen über unsre Gesamtanschauungsweise deren besondere
Zulässigkeit Sie wie mir scheint so nachdrücklich anzweifeln«
    »Nicht absolut Wenn ich zweifle so gelten diese Zweifel nicht so sehr den
Dingen selbst als dem Hochmass des Glaubens daran Dass man all diese
Mittelmassdinge für etwas Besonderes und Überlegenes und deshalb wenns sein
kann für etwas ewig zu Konservierendes ansieht das ist das Schlimme Was mal
galt soll weiter gelten was mal gut war soll weiter ein Gutes oder wohl gar
ein Bestes sein Das ist aber unmöglich auch wenn alles was keineswegs der
Fall ist einer gewissen Herrlichkeitsvorstellung entspräche Wir haben wenn
wir rückblicken drei große Epochen gehabt Dessen sollen wir eingedenk sein
Die vielleicht größte zugleich die erste war die unter dem Soldatenkönig Das
war ein nicht genug zu preisender Mann seiner Zeit wunderbar angepasst und ihr
zugleich voraus Er hat nicht bloß das Königtum stabiliert er hat auch was
viel wichtiger die Fundamente für eine neue Zeit geschaffen und an die Stelle
von Zerfahrenheit selbstischer Vielherrschaft und Willkür Ordnung und
Gerechtigkeit gesetzt Gerechtigkeit das war sein bester rocher de bronce«
    »Und dann«
    »Und dann kam Epoche zwei Die ließ nach jener ersten nicht lange mehr auf
sich warten und das seiner Natur und seiner Geschichte nach gleich ungeniale
Land sah sich mit einem Male von Genie durchbljetzt«
    »Muss das ein Staunen gewesen sein«
    »Ja Aber doch mehr draußen in der Welt als daheim Anstaunen ist auch eine
Kunst Es gehört etwas dazu Großes als groß zu begreifen Und dann kam die
dritte Zeit Nicht groß und doch auch wieder ganz groß Da war das arme elende
halb dem Untergange verfallene Land nicht von Genie wohl aber von Begeisterung
durchleuchtet von dem Glauben an die höhere Macht des Geistigen des Wissens
und der Freiheit«
    »Gut Lorenzen Aber weiter«
    »Und all das was ich da so hergezählt umfasste zeitlich ein Jahrhundert Da
waren wir den andern voraus mitunter geistig und moralisch gewiss Aber der
NonsolicedoAdler mit seinem Blitzbündel in den Fängen er blitzt nicht mehr
und die Begeisterung ist tot Eine rückläufige Bewegung ist da längst
Abgestorbenes ich muss es wiederholen soll neu erblühn Es tut es nicht In
gewissem Sinne freilich kehrt alles einmal wieder aber bei dieser Wiederkehr
werden Jahrtausende übersprungen wir können die römischen Kaiserzeiten Gutes
und Schlechtes wiederhaben aber nicht das spanische Rohr aus dem
Tabakskollegium und nicht einmal den Krückstock von Sanssouci Damit ist es
vorbei Und gut dass es so ist Was einmal Fortschritt war ist längst
Rückschritt geworden Aus der modernen Geschichte der eigentlichen der
lesenswerten verschwinden die Bataillen und die Bataillone trotzdem sie sich
beständig vermehren und wenn sie nicht selbst verschwinden so schwindet doch
das Interesse daran Und mit dem Interesse das Prestige An ihre Stelle treten
Erfinder und Entdecker und James Watt und Siemens bedeuten uns mehr als du
Guesclin und Bayard Das Heldische hat nicht direkt abgewirtschaftet und wird
noch lange nicht abgewirtschaftet haben aber sein Kurs hat nun mal seine
besondere Höhe verloren und anstatt sich in diese Tatsache zu finden versucht
es unser Regime dem Niedersteigenden eine künstliche Hausse zu geben«
    »Es ist wie Sie sagen Aber gegen wen richtet sichs Sie sprachen von
Regime Wer ist dies Regime Mensch oder Ding Ist es die von alter Zeit her
übernommene Maschine deren Räderwerk tot weiterklappert oder ist es der der
an der Maschine steht Oder endlich ist es eine bestimmte abgegrenzte
Vielheit die die Hand des Mannes an der Maschine zu bestimmen zu richten
trachtet In allem was Sie sagen klingt eine sich auflehnende Stimme Sind Sie
gegen den Adel Stehen Sie gegen die alten Familien«
    »Zunächst nein Ich liebe hab auch Ursach dazu die alten Familien und
möchte beinah glauben jeder liebt sie Die alten Familien sind immer noch
populär auch heute noch Aber sie vertun und verschütten diese Sympatien die
doch jeder braucht jeder Mensch und jeder Stand Unsre alten Familien kranken
durchgängig an der Vorstellung dass es ohne sie nicht gehe was aber weit
gefehlt ist denn es geht sicher auch ohne sie  sie sind nicht mehr die Säule
die das Ganze trägt sie sind das alte Stein und Moosdach das wohl noch lastet
und drückt aber gegen Unwetter nicht mehr schützen kann Wohl möglich dass
aristokratische Tage mal wiederkehren vorläufig wohin wir sehen stehen wir im
Zeichen einer demokratischen Weltanschauung Eine neue Zeit bricht an Ich
glaube eine bessere und eine glücklichere Aber wenn auch nicht eine
glücklichere so doch mindestens eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft eine
Zeit in der wir besser atmen können Und je freier man atmet je mehr lebt man
Was aber Woldemar angeht meiner sind Sie sicher Frau Gräfin Bleibt freilich
als Hauptfaktor noch die Komtesse Für die müssen Sie die Bürgschaft
übernehmen Die Frauen bestimmen schließlich doch alles«
    »So heißt es immer Und wir sind eitel genug es zu glauben Aber das führt
uns auf ganz neue Gebiete Vorläufig Ihre Hand zur Besieglung Und nun erlauben
Sie mir nach diesem unserm revolutionären Diskurse zu den Hütten friedlicher
Menschen zurückzukehren Ich habe mich bei dem alten Herrn nur auf eine halbe
Stunde beurlaubt und rechne darauf dass Sie mich wenn nicht bis ins Museum
selbst das dem Programm nach besucht werden sollte so doch wenigstens bis auf
die Schlossrampe begleiten«
 
                              Dreissigstes Kapitel
Lorenzen tat wie gewünscht und auf dem Wege zum Schloss plauderten beide
weiter wenn auch über sehr andere Dinge
    »Was ist es eigentlich mit diesem Museum« fragte Melusine »kann ich mir
doch kaum was Rechtes darunter vorstellen Eine alte Papptafel mit Inschrift
hängt da schräg über der Saaltür alles dicht neben meinem Schlafzimmer und ich
habe mich etwas davor geängstigt«
    »Sehr mit Unrecht gnädigste Gräfin Die primitive Papptafel die freilich
verwunderlich genug aussieht sollte wohl nur andeuten dass es sich bei der
ganzen Sache mehr um einen Scherz als um etwas Ernstaftes handelt Etwa wie bei
Sammlung von Meerschaumpfeifen und Tabaksdosen Und Sie werden auch vorwiegend
solchen Seltsamkeiten begegnen Anderseits aber ist es auch wieder ein richtiges
historisches Museum trotzdem es nur halb das geworden ist worauf Herr von
Stechlin anfänglich aus war«
    »Und das war«
    »Das war mehr etwas Groteskes Es mögen nun wohl schon zwanzig Jahre sein
da las er eines Tages in der Zeitung von einem Engländer der historische Türen
sammle und neuerdings sogar für eine enorme Summe ich glaube es waren tausend
Pfund die Gefängnistür erstanden habe durch die Ludwig XVI und dann später
Danton und Robespierre zur Guillotinierung abgeführt worden seien Und diese
Notiz machte solchen Eindruck auf unsern liebenswürdigen Stechliner Schlossherrn
dass er auch solche historische Türensammlung anzulegen beschloss Er ist aber
nicht weit damit gekommen und hat sich mit dem Küstriner Schlossfenster begnügen
müssen an dem Kronprinz Friedrich stand als Katte zur Entauptung
vorübergeführt wurde Doch auch das ist unsicher ja die meisten wollen nichts
davon wissen Nur Krippenstapel hält noch daran fest«
    »Krippenstapel«
    »Ja Der Name frappiert Sie Das ist nämlich unser Lehrer hier Liebling des
alten Herrn und sein Berater in derlei Dingen Der hat ihm denn auch das
gegenwärtige Museum das man als Abschlagszahlung auf die historischen Türen
ansehen kann zusammengestellt Außer dem angezweifelten Fenster werden Frau
Gräfin noch ein paar phantastische Regentraufen finden und vor allem viele
Wetterhähne die von alten märkischen Kirchtürmen herabgenommen wurden Einige
sollen ganz interessant sein Ich habe keinen Sinn dafür Aber Krippenstapel hat
einen Katalog angefertigt«
    Unter diesen Worten waren beide bis an die Rampe gekommen auf der Engelke
schon stand und auf die Gräfin wartete Lorenzen empfahl sich Aber auch
Melusine wollte nicht gleich ins Museum hinauf zog es vielmehr vor erst unten
in das große Gesellschaftszimmer einzutreten und sich da zu wärmen
    Engelke machte sich auch sofort am Kamin zu schaffen was der Gräfin gut
passte weil sie noch manches fragen wollte
    »Das ist recht Engelke dass Sie Kohlen aufschütten und auch Kienäpfel Ich
freue mich immer wenn es so lustig brennt Und oben im Museum wird es wohl noch
kalt sein«
    »Ja kalt ist es Frau Gräfin Aber mit der Kälte na das ging am Ende
noch und der viele Staub der oben liegt das ginge vielleicht auch noch Staub
wärmt Und die Dachtraufen und Wetterhähne tun auch keinem Menschen was«
    »Aber was ist denn sonst noch«
    »Ach ich meine bloß die verdammten Dinger die Spinnen«
    »Um Gottes willen Spinnen« erschrak Melusine
    »Ja Spinnen Frau Gräfin Aber so ganz schlimme sind nich dabei Solche mit
m Kreuz oben hab ich bei uns noch nicht gesehen Bloß solche die Schneider
heißen«
    »Ach das sind die die die langen Beine haben«
    »Ja lange Beine haben sie Aber sie tun einem nichts Und eigentlich sind
es sehr ängstliche Tiere und verkriechen sich wenn sie hören dass
aufgeschlossen wird und bloß wenn Krippenstapel kommt dann kommen sie alle
raus un kucken sich um Krippenstapeln den kennen sie ganz gut und ich hab
auch mal gesehen dass er ihnen Fliegen mitbringt und machen sich dann gleich
drüber her«
    »Aber das ist ja grausam Ist es denn ein guter Mensch«
    »Oh sehr gut Frau Gräfin Und als ich ihm mal so was sagte sagte er Ja
Engelke das is nu mal so einer frisst den andern auf«
    Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort dann sagte Melusine »Nun
Engelke ist es aber wohl die höchste Zeit für das Museum sonst komm ich zu
spät und seh und höre gar nichts mehr Ich bin nun auch wieder warm geworden«
dabei erhob sie sich und stieg die Doppeltreppe hinauf und klopfte Sie wollte
nicht gleich eintreten
    Auf ihr Klopfen wurde sehr bald von innen her geöffnet und Krippenstapel
mit der Hornbrille stand vor ihr Er verbeugte sich und trat zurück um den
Platz freizugeben Aber Melusine deren Angst vor ihm wiederkehrte zauderte
was eine momentane Verlegenheit schuf Inzwischen war aber auch Dubslav
herangekommen »Ich fürchtete schon dass Lorenzen Sie nicht herausgeben würde
Seine Gelegenheiten hier in Stechlin ein Gespräch zu führen sind nicht groß
und nun gar ein Gespräch mit Gräfin Melusine Nun er hat es gnädig gemacht
Jetzt aber Gräfin halten Sie gefälligst Umschau vielleicht dass Lorenzen schon
geplaudert hat oder gar Engelke«
    »So ganz im dunkeln bin ich nicht mehr ein Küstriner Schlossfenster ein
paar Kirchendachreliquien und dazu Wetterhähne  lauter Gegenstände denn ich
bin auch ein bisschen fürs Aparte zu deren Auswahl ich Ihnen gratuliere«
    »Wofür ich der Frau Gräfin dankbar bin ohne sonderlich überrascht zu sein
Ich wusste Damen wie Gräfin Ghiberti haben Sinn für derlei Dinge Darf ich Ihnen
übrigens zunächst hier diesen Lebuser Bischof zeigen und hier weiter einen
Heiligen oder vielleicht Anachoreten Beide Bischof und Anachoret sind sehr
unähnlich untereinander schon in bezug auf Leibesumfang  der richtige
Gegensatz von Refektorium und Wüste Wenn ich den Heiligen hier so sehe taxier
ich ihn höchstens auf eine Dattel täglich Und nun denk ich wir fahren in
unsrer Besichtigung fort Krippenstapel war nämlich eben dabei der Komtesse
Armgard unsern Derfflingerschen Dragoner mit der kleinen Standarte und der
Jahreszahl 1675 zu zeigen Bitte Gräfin Melusine bemerken Sie hier die Zahl
dicht unter dem brandenburgischen Adler Es wirkt wie wenn er die Nachricht vom
Siege bei Fehrbellin überbringen wolle Dass es ein Dragoner ist ist klar der
Filzhut mit der breiten Krempe hebt jeden Zweifel und ich hab es für mein gutes
Recht gehalten ihn auch speziell als Derfflingerschen Dragoner festzusetzen
Aber mein Freund Krippenstapel will davon nichts wissen und wir liegen darüber
seit Jahr und Tag in einer ernsten Fehde Glücklicherweise unsre einzige Nicht
wahr Krippenstapel«
    Dieser lächelte und verbeugte sich
    »Die beiden Damen« fuhr Dubslav fort »mögen aber nicht etwa glauben dass
ich mich für berechtigt halte die freie Wissenschaft hier in meinem Museum in
Banden zu schlagen Grad umgekehrt Ich kann also nur wiederholen
Krippenstapel Sie haben das Wort Und nun bitte setzen Sie den Damen
Ihrerseits auseinander warum es nach ganz bestimmten Begleiterscheinungen ein
Derfflingerscher nicht sein kann Bilderbücher aus der Zeit her hat man nicht
und die großen Gobelins lassen einen im Stich und beweisen gar nichts«
    Unter diesen Worten hatte Krippenstapel die den Gegenstand des Streits
bildende Wetterfahne wieder in die Hand genommen und als er sah dass die Gräfin
 die wie das in ihrer Natur lag den vor zehn Minuten noch so gefürchteten
Fliegentöter längst in ihr Herz geschlossen hatte  ihm freundlich zunickte
ließ er auf Geltendmachung seines Standpunkts auch nicht lange mehr warten und
sagte »Ja Frau Gräfin der Streit schwebt nun schon so lange wie wir den
Dragoner überhaupt haben und Herr von Stechlin wäre wohl schon längst in das
gegnerische Lager in dem ich und Oberlehrer Tucheband stehen übergegangen wenn
er nicht an meiner wissenschaftlichen Ereiferung seine beständige Freude hätte
Tucheband einer unsrer Besten und ein Mann der nicht leicht vorbeischiesst hat
auch in dieser Frage gleich das Richtige getroffen Er hat nämlich den Ort in
Erwägung gezogen von wo diese Wetterfahne stammt Sie stammt aus dem wenigstens
damals noch der alten Familie von Mörner zugehörigen Dorfe Zellin in der
Neumark Das Regiment aber das sich bei Fehrbellin vor allen andern
auszeichnete war das Dragonerregiment Mörner Es ist also kein
Derfflingerscher sondern ein Mörnerscher Dragoner der in fliegender Eile die
Nachricht von dem erfochtenen Siege nach Zellin bringt«
    »Bravo« sagte Melusine »Wenn ich je eine richtige Schlussfolgerung gehört
habe die meisten sind Blender so haben wir sie hier Herr von Stechlin ich
kann Ihnen nicht helfen Sie sind besiegt«
    Dubslav war einverstanden und küsste Melusine die Hand ohne sich um die
missbilligenden Blicke seiner Schwester zu kümmern die jetzt ihrerseits auf
endliche Vorführung der »beiden Mühlen« drang ihrer zwei Lieblingsstücke Diese
beiden Mühlen so versicherte sie seien das einzige was hier überhaupt einen
Anspruch auf »Museum« erheben dürfe Beinah war es wirklich so wie selbst
Krippenstapel zugab trotzdem sich bis wenigstens ganz vor kurzem nichts von
historischer Kontroverse die doch schließlich immer die Hauptsache bleibt
daran geknüpft hatte Neuerdings freilich hatte sich das geändert Zwei Berliner
Herren vom Gewerbemuseum waren über die Mühlen in Streit geraten speziell über
ihren Ursprungsort Zwar hatte man sich vorläufig dahin geeinigt dass die
Wassermühle holländisch die Windmühle dagegen eine richtige alte Bockmühle
eine Nürnberger Arbeit sei Krippenstapel aber hatte bei diesem Friedensschlusse
nur gelächelt Er war viel zu sehr ernster Wissenschaftsmensch als dass er nicht
hätte herausfühlen sollen wie diese sogenannte »Beilegung« nichts als eine
Verkleisterung war Der Ausbruch neuer Streitigkeiten stand nahe bevor
    Die waren aber zunächst wenigstens ausgeschlossen da beide Schwestern
Armgard wie Melusine wie Kinder vor einem Lieblingsspielzeug in einem ganz
ausbündigen Vergnügen aufgingen Die Windmühle klapperte dass es eine Lust war
und das Rad der Wassermühle wenn es grad in der Sonne blitzte gab einen
solchen Silberschein dass es aussah als fiele das blinkende Wasser wirklich
über die Schaufelbretter All das wurde gesehen und bewundert und was nicht
gesehen wurde nahm man auf Treu und Glauben mit in den Kauf Von den Spinnen kam
keine zum Vorschein nur hier und da hingen lange graue Gewebe was jedoch nur
feierlich aussah und als Mittag heran war verließ man das »Museum« um sich
erst eine Stunde zu ruhen und dann bei Tische wiederzusehn Die Gräfin aber ehe
sie den großen wüsten Raum verließ trat noch einmal an Krippenstapel heran um
ihn unter gewinnendstem Lächeln zu bitten ihr sobald ein ernsterer Streit
über die beiden Mühlen entbrennen sollte die betreffenden Schriftstücke nicht
vorzuentalten
    Krippenstapel versprach alles
Auf drei war das Mittagsmahl angesetzt Schon eine Viertelstunde vorher erschien
Lorenzen und traf den alten Dubslav in einer gewissen stattlichen Herrichtung an
oder wie er sich selbst zu Engelke geäußert hatte »ganz feudal«
    »Ach das ist gut Lorenzen dass Sie schon kommen Ich habe noch allerhand
auf dem Herzen Es muss doch was geschehen eine richtige Begrüßung denn das
gestern abend war zuwenig oder aber ein solennes Abschiedswort kurzum
irgendwas das in das Gebiet der Toaste gehört Und da müssen Sie helfen Sie
sind ein Mann von Fach und wer jeden Sonntag predigen kann kann doch
schließlich auch ne Tischrede halten«
    »Ja das sagen Sie so Herr von Stechlin Mitunter ist eine Tischrede leicht
und eine Predigt schwer aber es kann auch umgekehrt liegen Außerdem wenn Sie
sich nur erst mit dem Gedanken vertraut gemacht haben dass es so sein muss dann
geht es auch Sie werden sehen das Herz wie immer macht den Redner Und dazu
diese Damen beide von so seltener Liebenswürdigkeit Was die Gräfin angeht«
    »Ja« lachte der Alte »was die Gräfin angeht Sie machen sichs bequem
Pastor Die Gräfin  wenn sichs um die handelte da könnt ichs vielleicht
auch Aber die Komtesse die hat so was Ernstes Und dann ist sie zum übrigen
auch noch meine Schwiegertochter oder soll es wenigstens werden und da muss ich
doch sprechen wie ne Respektsperson Und das ist schwer vielleicht weil sich
in meiner Vorstellung die Gräfin immer vor die Komtesse schiebt«
    Dubslav sprach noch so weiter Aber es half ihm nichts Lorenzen war in
seinem Widerstande nicht zu besiegen und so kam denn die Tisch und endlich
auch die gefürchtete Redezeit heran Der Alte hatte sich schließlich drin
gefunden »Meine lieben Gäste« hob er an »geliebte Braut hochverehrte
Brautschwester Ein andres Wort um meine Beziehungen zu Gräfin Melusine zu
bezeichnen hat vorläufig die deutsche Sprache nicht was ich bedaure Denn das
Wort sagt mir lange nicht genug Wenige Stunden erst ist es dass ich Sie meine
Damen an dieser Stelle begrüßen durfte noch kein voller Tag und schon ist der
Abschied da Währenddem hab ich kein Du beantragt aber es liegt doch in der
Luft mehr noch auf meiner Lippe  Teuerste Armgard dies alte Haus Stechlin
also soll Ihre dereinstige Heimstätte werden Sie werden sie zu neuem Leben
erheben Unter meinem Regime war es nicht viel damit Auch heute nicht Ich habe
nur das gute Gewissen Ihnen während dieser kurzen Spanne Zeit alles gezeigt zu
haben was gezeigt werden konnte mein Museum und meinen See Die Sprudelstelle
die Winterhand lag darauf hat geschwiegen aber mein Derfflingerscher Dragoner
 in Krippenstapels Abwesenheit darf ich ihn ja wieder so nennen  hat dafür um
so deutlicher zu Ihnen gesprochen Er hat die Zahl 1675 in seiner Standarte und
trägt die Siegesnachricht von Fehrbellin ins märkische Land Erleb ichs noch
und gibt Krippenstapel seine Zustimmung so stell ich kurz oder lang auch
meinerseits einen Dragoner auf meinen Dachreiter einen Turm hab ich nicht und
zwar einen Dragoner vom Regiment Königin von Grossbritannien und Irland und auch
er trägt eine Siegesbotschaft ins Land Nicht die von Königgrätz und nicht die
von MarslaTour aber die von einem gleich gewichtigen Siege Das Haus Barby
lebe hoch und meine liebe Schwiegertochter Armgard«
    Alle waren bewegt Am meisten Lorenzen Als er an den Alten herantrat
flüsterte er ihm zu »Sehen Sie Ich wußt es« Armgard küsste dem Alten die Hand
Melusine strahlte »Ja die alte Garde« sagte sie Nur Schwester Adelheid
konnte sich in dieser allgemeinen Freude nicht gut zurechtfinden Alle
Feierungen mussten eben das Maß halten das sie vorschrieb Sie hatte den
landesüblichen Zug »Nur nicht zuviel von irgendwas am wenigsten aber von
Huldigungen oder gar von Hingebung«
    Als man wieder saß sagte Melusine »Krippenstapel wird übrigens verstimmt
sein wenn er von Ihrem Trinkspruche hört Es war doch eigentlich eine erneute
feierliche Proklamierung des Derfflingerschen Und was bei solcher Gelegenheit
gesagt wird das gilt Interessiert sich übrigens irgendwer für dies Ihr
Museum«
    »Dann und wann ein Mann von Fach Sonst niemand«
    »Was Sie verdriesst«
    »Nein gnädigste Gräfin Nicht im geringsten Ich nehme nicht vieles
ernstaft und am wenigsten ernstaft nehm ich mein Museum Es ist freilich von
mir ausgegangen und interessierte mich auch eine Weile hinterher aber hat sich
eigentlich alles ohne mich gemacht Das ist so die Regel Ist überhaupt erst ein
Anfang da so laufen die Dinge von selber weiter und die Leute lassen einen
nicht wieder los halten einen fest man mag wollen oder nicht Ich hätte
vielleicht alles schon längst wieder aufgegeben man wills aber nicht Einigen
gereicht es zur Befriedigung mich für einen Querkopf halten zu können und
andre sprechen wenigstens von Originalitätshascherei Man muss eben allerhand
über sich ergehen lassen«
 
                           Einunddreissigstes Kapitel
Um fünf Uhr brachen Woldemar und die Barbyschen Damen auf um den Zug der um
sieben Uhr Gransee passierte nicht zu versäumen Es dunkelte schon aber der
Schnee sorgte für einen Lichtschimmer so ging es über die Bohlenbrücke fort in
die Kastanienallee mit ihrem kahlen und übereisten Gezweige hinein
    Lorenzen war noch im Schloss zurückgeblieben und setzte sich um wieder
warm zu werden  auf der Rampe wars kalt und zugig gewesen  in die Nähe des
Kamins dem alten Dubslav gegenüber Dieser hatte seinen Meerschaum angezündet
und sah behaglich in die Flamme blieb aber ganz gegen seine Gewohnheit
schweigsam weil eben noch eine dritte Person da war die von den
liebenswürdigen Damen über die sich auszulassen es ihn in seiner Seele drängte
ganz augenscheinlich nichts hören wollte Diese dritte Person war natürlich
Tante Adelheid Die wollte nicht sprechen Andrerseits musste durchaus der
Versuch einer Konversation gemacht werden und so griff denn Dubslav zu den
Gundermanns hinüber um in ein paar Worten sein Bedauern darüber auszudrücken
dass er die Siebenmühlner nicht habe mit heranziehn können »Engelke sei so sehr
dagegen gewesen« All dies Bedauern  wies der ganzen Sachlage nach nicht
anders sein konnte  kam flau genug heraus aber die Domina war so hochgradig
verstimmt dass ihr selbst so nüchterne das Verbindliche nur ganz leise nur
ganz obenhin streifende Worte schon zuwider waren »Ach lass doch diese geborene
Helfrich« sagte sie »diese Tochter von dem alten Hauptmann der die Schlacht
bei Leipzig gewonnen haben soll So wenigstens erzählt sie beständig Eine
schreckliche Frau die gar nicht in unsre Gesellschaft passt Und dabei so laut
Ich kann es nicht leiden wenn wir so mit Gewalt nach oben blicken sollen aber
diese Helfrich das muss ich sagen ist denn doch auch nicht mein Geschmack Ich
halte das Untersichbleiben für das einzig Richtige Bescheidene Verhältnisse
aber bestimmt gezogene Grenzen«
    Lorenzen hütete sich zu widersprechen versuchte vielmehr umgekehrt durch
ein halbes Eingehn auf Adelheid und ihren Ton eine bessere Laune
wiederherzustellen Als er aber sah dass er damit scheiterte brach er auf
    Und nun waren die beiden alten Geschwister allein
    Dubslav ging im Zimmer unruhig auf und ab und trat nur dann und wann an den
Tisch heran auf dem noch vom Kaffee her die Liqueurflaschen standen Er wollte
was sagen traute sichs aber nicht recht und erst als er zu zwei Curaçaos auch
noch einen Benediktiner hinzugefügt hatte wandte er sich an die Schwester die
schweigsam wie er selbst ihre kleine goldene Kette hin und her zog
    »Ja« sagte er »jetzt sind sie nun wohl schon in Woltersdorf«
    »Ich vermute drüber raus Woldemar wird die Pferde natürlich ausholen
lassen Es sind glaub ich Damen die nicht gerne langsam fahren«
    »Du sagst das so Adelheid als ob dus tadeln wolltest überhaupt als ob
dir die Damen nicht sonderlich gefallen hätten Das sollte mir leid tun Ich bin
sehr glücklich über die Partie Gewiss sowohl die Gräfin wie die Komtesse sind
verwöhnt das merkt man Aber ich möchte sagen je verwöhnter sie sind«
    »Desto besser gefallen sie dir Das sieht dir ähnlich Ich liebe mehr unsre
Leute Beide sind doch beinah wie Fremde«
    »Nun das ist nicht schlimm«
    »Doch Mir widersteht das Fremde Lass dir erzählen Da war ich vorigen
Sommer mit der Schmargendorf in Berlin und ging zu Josty weil die
Schmargendorf die so was liebt gern eine Tasse Schokolade trinken wollte«
    »Du hoffentlich auch«
    »Allerdings Ich auch Aber ich kam nicht recht dazu nippte bloß weil ich
mich über die Massen ärgern musste Denn an dem Tische neben mir saß ein Herr und
eine Dame wenn es überhaupt eine Dame war Aber Engländer waren es Er steckte
ganz in Flanell und hatte die Beinkleider umgekrempelt und die Dame trug einen
Rock und eine Bluse und einen Matrosenhut Und der Herr hatte ein Windspiel das
immer zitterte trotzdem fünfundzwanzig Grad Wärme waren«
    »Ja warum nicht«
    »Und zwischen ihnen stand eine Tablette mit Wasser und Kognac und die Dame
hielt außerdem noch eine Zigarette zwischen den Fingern und sah in die
Ringelwölkchen hinein die sie blies«
    »Scharmant Das muss ja reizend ausgesehn haben«
    »Und ich verwette mich diese Melusine raucht auch«
    »Ja warum soll sie nicht Du schlachtest Gänse Warum soll Melusine nicht
rauchen«
    »Weil Rauchen männlich ist«
    »Und Schlachten weiblich Ach Adelheid wir können uns über so was nicht
einigen Ich gelte schon für leidlich altmodisch aber du du bist ja geradezu
petrefakt«
    »Ich verstehe das Wort nicht und wünsche nur dass es etwas ist dessen du
dich nicht zu schämen hast Es klingt sonderbar genug Aber ich weiß du liebst
dergleichen und liebst gewiss auch und hast so deine Vorstellungen dabei den
Namen Melusine«
    »Kann ich beinah sagen«
    »Ich dacht es mir«
    »Ja Schwester du hast gut reden So sicher wie du wohnt eben nicht jeder
Adelheid das ist ein Name der passt immer Und im Kirchenbuche wie mir
Lorenzen erst neulich gezeigt hat steht sogar Adelheide Das Schlusse ist bei
der schlechten Wirtschaft in unserm Hause so mit draufgegangen Die Stechline
haben immer alles verurscht«
    »Ich bitte dich wähle doch andere Worte«
    »Warum Verurscht ist ein ganz gutes Wort Und außerdem schon der alte
Kortschädel sagte mir mal man müsse gegen Wörter nicht so streng sein und gegen
Namen erst recht nicht da sitze manch einer in einem Glashause Hältst du
Rentmeister Fix für einen schönen Namen Und als ich noch bei den Kürassieren in
Brandenburg war in meinem letzten Dienstjahr da hatten wir dicht bei uns einen
kleinen Mann von der Feuerversicherung der hieß Briefbeschwerer Ja Adelheid
wenn ich dem gegenüber so verfahren wäre wie du jetzt mit Gräfin Melusine so
hätt ich mir den Mann als eine halbe Bombe vorstellen müssen oder als einen
Kugelmann Denn damals es war Anno vierundsechzig waren alle Briefbeschwerer
bloß Kugelmänner ne Flintenkugel oben und zwei Flintenkugeln unten Und
natürlich ne Kartätschenkugel als Bauch in der Mitte Das
Feuerversicherungsmännchen aber das zufällig so sonderbar hieß das war so dünn
wie n Strich«
    »Ja Dubslav was soll das nun alles wieder Du gibst da deinem Zeisig mal
wieder ein gut Stück Zucker Ich sage Zeisig weil ich nicht verletzlich werden
will«
    »Küss die Hand«
    »Und was ich dir zur Sache darauf zu sagen habe das ist das Ich habe
nichts dagegen dass jemand Briefbeschwerer heißt und überlass es ihm ob er ein
Strich oder ein Kugelmann sein will Aber ich habe sehr viel gegen Melusine
Briefbeschwerer nu das ist bloß ein Zufall Melusine aber ist kein Zufall und
ich kann dir bloß sagen diese Melusine ist eben eine richtige Melusine Alles
an dieser Person«
    »Ich bitte dich Adelheid«
    »Alles an dieser Dame wenn sie durchaus so etwas sein soll ist
verführerisch Ich habe so was von Koketterie noch nie gesehen Und wenn ich mir
dann unsern armen Woldemar daneben denke Der is ja solcher Eva gegenüber von
Anfang an verloren Eh er noch weiß was los ist ist er schon umstrickt
trotzdem er doch bloß ihr Schwager ist Oder vielleicht auch grade deshalb Und
dazu das ewige Sichbiegen und wiegen in den Hüften Alles wie zum Beweise dass
es mit der Schlange denn doch etwas auf sich hat Und wie sie nun gar erst mit
dem Lorenzen umsprang Aber freilich der ist womöglich noch leichter zu fangen
als Woldemar Er sah sie immer an wie ne Offenbarung Und sie ist auch so was
Darüber is kein Zweifel Aber wovon«
 
                                    Hochzeit
                           Zweiunddreissigstes Kapitel
Zu guter Zeit waren die Reisenden wieder in Berlin zurück Woldemar hatte Braut
und Schwägerin bis an das Kronprinzenufer begleitet musste jedoch auf Verbleib
im Barbyschen Hause verzichten weil im Kasino eine kleine Festlichkeit
stattfand der er beiwohnen wollte
    Der alte Graf ging als unten die Droschke hielt mühsamlich auf seinem
Zimmerteppich auf und ab weil ihn sein Fuß wie stets wenn das Wetter
umschlug mal wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie quälte
    »Nun da seid ihr ja wieder Der Zug muss Verspätung gehabt haben Und wo ist
Woldemar«
    Man gab ihm Auskunft und dass Woldemar wegen seines Nichterscheinens um
Entschuldigung bäte »Gut gut Und nun setzt euch und erzählt Mit dem Konte
das ließ damals allerlei zu wünschen übrig verzeih Melusine Da möcht ich
denn begreiflicherweise dass es uns diesmal besser ginge Woldemar macht mir
natürlich kein Kopfzerbrechen aber die Familie der alte Stechlin Armgard
braucht selbstverständlich auf eine so delikate Frage nicht zu antworten wenn
sie nicht will wiewohl erfahrungsmässig ein Unterschied ist zwischen
Schwiegermüttern und Schwiegervätern Diese sind mitunter verbindlicher als der
Sohn«
    Armgard lachte »Mir Papa passiert so was Nettes nicht Aber mit Melusine
war es wieder das Herkömmliche Der alte Stechlin fing an und der Pastor
folgte Wenigstens schien es mir so«
    »Dann bin ich beruhigt vorausgesetzt dass Melusine über den neuen
Schwiegervater ihren richtigen alten Vater nicht vergisst«
    Sie ging auf ihn zu und küsste ihm die Hand
    »Dann bin ich beruhigt« wiederholte der Alte »Melusine gefällt fast immer
Aber manchem gefällt sie freilich auch nicht Es gibt so viele Menschen die
haben einen natürlichen Hass gegen alles was liebenswürdig ist weil sie selber
unliebenswürdig sind Alle beschränkten und aufgesteiften Individuen alle die
eine bornierte Vorstellung vom Christentum haben  das richtige sieht ganz
anders aus  alle Pharisäer und Gernegross alle Selbstgerechten und Eiteln
fühlen sich durch Personen wie Melusine gekränkt und verletzt und wenn sich der
alte Stechlin in Melusine verliebt hat dann lieb ich ihn schon darum denn er
ist dann eben ein guter Mensch Mehr brauch ich von ihm gar nicht zu wissen
Übrigens konnt es kaum anders sein Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm Aber
auch umgekehrt wenn ich den Apfel kenne kenn ich auch den Stamm Und wer war
denn noch da Ich meine von Verwandtschaft«
    »Nur noch Tante Adelheid von Kloster Wutz« sagte Armgard
    »Das ist die Schwester des Alten«
    »Ja Papa Altere Schwester Wohl um zehn Jahr älter und auch nur
Halbschwester Und eine Domina«
    »Sehr fromm«
    »Das wohl eigentlich nicht«
    »Du bist so einsilbig Sie scheint dir nicht recht gefallen zu haben«
    Armgard schwieg
    »Nun Melusine dann sprich du Nicht fromm also das ist gut Aber
vielleicht hautaine«
    »Fast könnte mans sagen« antwortete Melusine »Doch passt es auch wieder
nicht recht schon deshalb nicht weil es ein französisches Wort ist Tante
Adelheid ist eminent unfranzösisch«
    »Ah ich versteh Also komische Figur«
    »Auch das nicht so recht Papa Sagen wir einfach zurückgeblieben
vorweltlich«
    Der alte Graf lachte »Ja das ist in allen alten Familien so vor allem bei
reichen und vornehmen Juden Kenne das noch von Wien her wo man überhaupt
solche Fragen studieren kann Ich verkehrte da viel in einem großen
Bankierhause drin alles nicht bloß voll Glanz sondern auch voll Orden und
Uniformen war Fast zuviel davon Aber mit einem Male traf ich in einer Ecke
ganz einsam und doch beinah vergnüglich einen merkwürdigen Urgreis der wie der
alte Gobbo  der in dem Stück von Shakespeare vorkommt  aussah und als ich
mich später bei einem Tischnachbar erkundigte wer denn das sei da hieß es
Ach das ist ja Onkel Manasse Solche Onkel Manasses gibt es überall und sie
können unter Umständen auch Tante Adelheid heißen«
    Dass der alte Graf das so leichtnahm erfreute die Töchter sichtlich und als
Jeserich bald danach das Teezeug brachte wurd auch Armgard mitteilsamer und
erzählte zunächst von Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen danach vom
Stechlinsee der ganz überfroren gewesen sei so dass sie die berühmte Stelle
nicht hätten sehen können und zuletzt von dem Museum und den Wetterfahnen
    Diese waren das was den alten Grafen am meisten interessierte
»Wetterfahnen ja die müssen gesammelt werden nicht bloß alte Dragoner in
Blech geschnitten sondern auch allermodernste Silhouetten sagen wir aus der
Diplomatenloge Da kommt dann schon eine ganz hübsche Galerie zusammen Und wisst
ihr Kinder das mit dem Museum gibt mir erst eine richtige Vorstellung von dem
Alten und eine volle Befriedigung beinah mehr noch als dass ihm Melusine
gefallen hat Ich bin sonst nicht für Sammler Aber wer Wetterfahnen sammelt
das will doch was sagen das ist nicht bloß eine gute Seele sondern auch eine
kluge Seele denn es is da so was drin wie ein Fingerknips gegen die
Gesellschaft Und wer den machen kann das ist mein Mann mit dem kann ich
leben«
Man blieb nicht lange mehr beisammen beide Schwestern ziemlich ermüdet von der
Tagesanstrengung zogen sich früh zurück aber ihr Gespräch über Schloss Stechlin
und die beiden Geistlichen und vor allem über die Domina gegen die Melusine
heftig eiferte setzte sich noch in ihrem Schlafzimmer fort
    »Ich glaube« sagte Armgard »du legst zuviel Gewicht auf das was du das
Ästetische nennst Und Woldemar tut es leider auch Er lässt auf seine Mark
Brandenburg sonst nichts kommen aber in diesem Punkte spricht er beinah so wie
du Wohin er blickt überall vermisst er das Schönheitliche Das wenige was
danach aussieht so klagt er beständig sei bloß Nachahmung Aus eigenem Trieb
heraus würde hier nichts der Art geboren«
    »Und dass er so klagt das ist das was ich so ziemlich am meisten an ihm
schätze Du meinst dass ich wenn ich von der Domina spreche zuviel Gewicht auf
diese doch bloß äußerlichen Dinge lege Glaube mir diese Dinge sind nicht bloß
äußerlich Wer kein feines Gefühl hat seis in Kunst seis im Leben der
existiert für mich überhaupt nicht und für meine Freundschaft und Liebe nun
schon ganz gewiss nicht Da hast du mein Programm Unser ganzer
Gesellschaftszustand der sich wunder wie hoch dünkt ist mehr oder weniger
Barbarei Lorenzen von dem du doch soviel hältst hat sich ganz in diesem Sinne
gegen mich ausgesprochen Ach wie weit voraus war uns doch die Heidenzeit die
wir jetzt so verständnislos bemängeln Und selbst unser dunkles Mittelalter 
schönheitlich stand es höher als wir und seine Scheiterhaufen wenn man nicht
gleich selbst an die Reihe kam waren gar nicht so schlimm«
    »Ich erlebe noch« lachte Armgard »dass du nen neuen Kreuzzug oder
ähnliches predigst Aber wir sind von unserm eigentlichen Thema ganz abgekommen
von der Domina Du sagtest ihre Gefühle widersprächen sich untereinander
Welche Gefühle«
    »Darauf ist leicht Antwort geben Erst beglückwünscht sie sich zu sich
selbst und hinterher ärgert sie sich über sich selbst Und dass sie das muss
daran sind wir schuld und das kann sie uns nicht verzeihn«
    »Ich würde vielleicht zustimmen wenn das was du da sagst nicht so sehr
eitel klänge  Sie hat übrigens einen guten Verstand«
    »Den hat sie gewiss den haben sie alle hier oder doch die meisten Aber ein
guter Verstand soviel er ist ist auch wieder recht wenig und schließlich 
ich muss leider zu diesem Berolinismus greifen  ist diese gute Domina doch
nichts weiter als eine Stakete lang und spitz Und nicht mal grün gestrichen«
    »Und der Alte Der wenigstens wird doch vor deiner Kritik bestehn«
    »Oh der der ist hors concours und geht noch über Woldemar hinaus Was
meinst du wenn ich den Alten heiratete«
    »Sprich nicht so Melusine Ich weiß ja recht gut wie das alles von dir
gemeint ist Übermut und wieder Übermut Aber er ist doch am Ende noch nicht so
steinalt Und du so lieb ich dich habe du bist schließlich imstande dich in
solche Komplizierteiten von Schwiegervater und Schwager alles in einem und
womöglich noch allerhand dazu zu verlieben«
    »Jedenfalls mehr als in den der diese Komplizierteiten darstellt oder gar
erst schaffen soll Also sei ruhig freundlich Element«
 
                           Dreiunddreissigstes Kapitel
Das war in den letzten Dezembertagen auf Ende Februar hatte man die Hochzeit
des jungen Paares festgesetzt In der Zwischenzeit war seitens des alten Grafen
erwogen worden ob die Trauung nicht doch vielleicht auf einem der Barbyschen
Elbgüter stattfinden solle die Braut selbst aber war dagegen gewesen und hatte
mit einer ihr sonst nicht eignen Lebhaftigkeit versichert sie hänge an der
Armee weshalb sie  ganz abgesehn von ihrem teuren Frommel  die Berliner
Garnisonkirche weit vorziehe Dass diese nach Ansicht vieler bloß ein großer
Schuppen sei habe für sie gar keine Bedeutung was ihr an der Garnisonkirche
soviel gelte das seien die großen Erinnerungen und ein Gotteshaus drin die
Schwerins und die Zietens ständen und wenn sie nicht drin ständen so doch
andre die kaum schlechter wären  eine historisch so bevorzugte Stelle wäre
ihr an ihrem Trautage viel lieber als ihre Familienkirche trotz der Särge so
vieler Barbys unterm Altar Woldemar war sehr glücklich darüber seine Braut so
preussischmilitärisch zu finden die denn auch als einmal die Zukunft und mit
ihr die Frage nach »Verbleib oder Nichtverbleib« in der Armee durchgesprochen
wurde lachend erwidert hatte »Nein Woldemar nicht jetzt schon Abschied ich
bin sehr für Freiheit aber doch beinah mehr noch für Major«
Auf drei Uhr war die Trauung festgesetzt Schon eine halbe Stunde vorher
erschien der Brautwagen und hielt vor dem Schickedanzschen Hause dessen Flur
auszuschmücken sich die Frau Versicherungssekretärin nicht hatte nehmen lassen
Von der Treppe bis auf das Trottoir hinaus waren zu beiden Seiten Blumenestraden
aufgestellt auf denen die Lieblinge der Frau Schickedanz in einer Schönheit und
Fülle standen als ob es sich um eine Maiblumenausstellung gehandelt hätte
Hinter den verschiedenen Estraden aber hatten alle Hausbewohner Aufstellung
genommen Lizzi Frau Imme und sämtliche Hartwigs und natürlich auch Hedwig
die nach ganz kurzem Dienst im Kommerzienrat Seligmannschen Hause vor etwa
acht Tagen ihre Stelle wieder aufgegeben hatte
    »Gott Hedwig war es denn wieder so was«
    »Nein Frau Imme diesmal war es mehr«
Frommel traute Die Kirche war dicht besetzt auch von bloß Neugierigen die
sich ehe die große Orgel einsetzte die merkwürdigsten Dinge mitzuteilen
hatten Die Barbys seien eigentlich Italiener aus der Gegend von Neapel und der
alte Graf was man ihm auch noch ansehe sei in seinen jungen Jahren unter den
Karbonaris gewesen aber mit einem Male hab er geschwenkt und sei zum Verräter
an seiner heiligen Sache geworden Und weil in solchem Falle jedesmal einer zur
Vollstreckung der Gerechtigkeit ausgelost würde was der Graf auch recht gut
gewusst habe hab er vorsichtigerweise seine schöne Heimat verlassen und sei
nach Berlin gekommen und sogar an den Hof Und Friedrich Wilhelm IV der ihn
sehr gern gemocht hab auch immer italienisch mit ihm gesprochen
Das Hochzeitsmahl fand im Barbyschen Hause statt notgedrungen en petit comité
da das große Mittelzimmer auch bei geschicktester Anordnung immer nur etwa
zwanzig Personen aufnehmen konnte Der weitaus größte Teil der Gesellschaft
setzte sich aus uns schon bekannten Personen zusammen obenan natürlich der alte
Stechlin Er war gern gekommen trotzdem ihm die Weltabgewandteit in der er
lebte den Entschluss anfänglich erschwert hatte Tante Adelheid fehlte »Trösten
wir uns« sagte Melusine mit einer ihr kleidenden Überheblichkeit
Selbstverständlich waren die Berchtesgadens da desgleichen Rex und Czako sowie
Cujacius und Wrschowitz Außerdem ein behufs Abschluss seiner
landwirtschaftlichen Studien erst seit kurzem in Berlin lebender junger Baron
von Planta Neffe der verstorbenen Gräfin zu dem sich zunächst ein
Premierleutnant von Szilagy Freund und früherer Regimentskamerad von Woldemar
und des weiteren ein Doktor Pusch gesellte den die Barbys noch von ihren
Londoner Tagen her gut kannten Dem Brautpaare gegenüber saßen die beiden Väter
beziehungsweise Schwiegerväter Da weder der eine noch der andre zu den Rednern
zählte so ließ Frommel das Brautpaar in einem Toaste leben drin Ernst und
Scherz Christlichkeit und Humor in glücklichster Weise verteilt waren Alles
war entzückt der alte Stechlin Frommels Tischnachbar am meisten Beide Herren
hatten sich schon vorher angefreundet und als nach Erledigung des offiziellen
Toastes das Tischgespräch ganz allgemein wieder in Konversation mit dem Nachbar
überging sahen sich Frommel und der alte Stechlin in Anknüpfung einer intimeren
Privatunterhaltung nicht weiter behindert
    »Ihr Herr Sohn« sagte Frommel »wovon ich mich persönlich überzeugen
konnte wohnt sehr hübsch Darf ich daraus schließen dass Sie sich bei ihm
einlogiert haben«
    »Nein Herr Hofprediger So bei Kindern wohnen ist immer misslich Und mein
Sohn weiß das auch er kennt den Geschmack oder meinetwegen auch bloß die
Schrullenhaftigkeit seines Vaters und so hat er mich was immer das Beste
bleibt in einem Hotel untergebracht«
    »Und Sie sind da zufrieden«
    »Im höchsten Masse wiewohl es ein bisschen über mich hinausgeht Ich bin noch
aus der Zeit von Hotel de Brandebourg an dem mich immer nur die Französierung
ärgerte  sonst alles vorzüglich Aber solche Gastäuser sind eben seit wir
Kaiser und Reich sind mehr oder weniger altmodisch geworden und so bin ich
denn durch meinen Sohn im Hotel Bristol untergebracht worden Alles ersten
Ranges kein Zweifel wozu noch kommt dass mich der bloße Name schon erheitert
der neuerdings jeden Mitbewerb so gut wie ausschliesst Als ich noch Leutnant
war freilich lange her mussten alle Witze von Glassbrenner oder von Beckmann
sein Beckmann war erster Komiker und wenn man in Gesellschaft sagte Da hat ja
wieder der Beckmann  so war man mit seiner Geschichte so gut wie raus Und
wie damals mit den Witzen so heute mit den Hotels Alle müssen Bristol heißen
Ich zerbreche mir den Kopf darüber wie gerade Bristol dazu kommt Bristol ist
doch am Ende nur ein Ort zweiten Ranges aber Hotel Bristol ist immer prima Ob
es hier wohl Menschen gibt die Bristol je gesehen haben Viele gewiss nicht denn
Schiffskapitäne die zwischen Bristol und New York fahren sind in unserm guten
Berlin immer noch Raritäten Übrigens darf ich bei allem Respekt vor meinem
berühmten Hotel sagen unberühmte sind meist interessanter So zum Beispiel
bayrische Wirtshäuser im Gebirge wo man eine dicke Wirtin hat von der es
heißt sie sei mal schön gewesen und ein Kaiser oder König habe ihr den Hof
gemacht Und dazu dann Forellen und ein Landjäger der eben einen Wilderer oder
Haberfeldtreiber über den stillen See bringt An solchen Stellen ist es am
schönsten Und ist der See aufgeregt so ist es noch schöner Das alles würde
mir unser Baron Berchtesgaden der da drüben sitzt gewiss gern bestätigen und
Sie Herr Hofprediger bestätigen es mir schließlich auch Denn mir fällt eben
ein Sie waren ja mit unserm guten Kaiser Wilhelm dem letzten Menschen der
noch ein wirklicher Mensch war immer in Gastein zusammen und viel an seiner
Seite Jetzt hat man statt des wirklichen Menschen den sogenannten Übermenschen
etabliert eigentlich gibt es aber bloß noch Untermenschen und mitunter sind es
gerade die die man durchaus zu einem Über machen will Ich habe von solchen
Leuten gelesen und auch welche gesehen Ein Glück dass es nach meiner
Wahrnehmung immer entschieden komische Figuren sind sonst könnte man
verzweifeln Und daneben unser alter Wilhelm Wie war er denn so wenn er so
still seine Sommertage verbrachte Können Sie mir was von ihm erzählen So was
woran man ihn so recht eigentlich erkennt«
    »Ich darf sagen ja Herr von Stechlin Habe so was mit ihm erlebt Eine ganz
kleine Geschichte aber das sind gerade die besten Da hatten wir mal einen
schweren Regentag in Gastein so dass der alte Herr nicht ins Freie kam und
statt draußen in den Bergen in seinem großen Wohnzimmer seinen gewohnten
Spaziergang machen musste so gut es eben ging Unter ihm aber was er wusste lag
ein Schwerkranker Und nun denken Sie sich als ich bei dem guten alten Kaiser
eintrete seh ich ihn wie er da lange Läufer und Teppiche zusammenschleppt und
übereinanderpackt und als er mein Erstaunen sieht sagt er mit einem
unbeschreiblichen und mir unvergesslichen Lächeln Ja lieber Frommel da unter
mir liegt ein Kranker ich mag nicht dass er die Empfindung hat ich trample ihm
da so über den Kopf hin Sehen Sie Herr von Stechlin da haben Sie den alten
Kaiser«
    Dubslav schwieg und nickte »Wie beneid ich Sie so was erlebt zu haben«
hob er nach einer Weile an »Ich kannt ihn auch ganz gut das heißt in Tagen wo
er noch Prinz Wilhelm war und dann oberflächlich auch später noch Aber seine
eigentliche Zeit ist doch seine Kaiserzeit«
    »Gewiss Herr von Stechlin Es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken«
    »Richtig richtig« sagte Dubslav »das schwebte mir auch vor ich konnt es
bloß nicht gleich finden Ja so war er und so einen kriegen wir nicht wieder
Übrigens sag ich das in aller Reverenz Denn ich bin kein Frondeur Fronde mir
grässlich und passt nicht für uns Bloß mitunter da passt sie doch vielleicht«
Inzwischen war die siebente Stunde herangekommen und um halb acht ging der Zug
mit dem das junge Paar noch bis Dresden wollte dieser herkömmlich ersten Etappe
für jede Hochzeitsreise nach dem Süden Man erhob sich von der Tafel und
während die Gäste bunte Reihe machend untereinander zu plaudern begannen
zogen sich Woldemar und Armgard unbemerkt zurück Ihr Reisegepäck war seit einer
Stunde schon voraus und nun hielt auch der viersitzige Wagen vor dem Barbyschen
Hause Die Baronin und Melusine hatten sich zur Begleitung des jungen Paares
miteinander verabredet und nahmen jetzt ohne dass Woldemar und Armgard es
hindern konnten die beiden Rücksitze des Wagens ein Das ergab aber besonders
zwischen den zwei Schwestern eine vollkommene Rang und Höflichkeitsstreiterei
»Ja wenn es jetzt in die Kirche ginge« sagte Armgard »so hättest du recht
Aber unser Wagen ist ja schon wieder ein ganz einfacher Landauer geworden und
Woldemar und ich sind vier Stunden nach der Trauung schon wieder wie zwei
gewöhnliche Menschen Und sich dessen bewusst zu werden damit kann man nicht
früh genug anfangen«
    »Armgard du wirst mir zu gescheit« sagte Melusine
    Man einigte sich zuletzt und als der Wagen am Anhalter Bahnhof eintraf
waren Rex und Czako bereits da  beide mit Riesensträussen  zogen sich aber
unmittelbar nach Überreichung ihrer Bouquets wieder zurück Nur die Baronin und
Melusine blieben noch auf dem Bahnsteig und warteten unter lebhafter Plauderei
bis zum Abgange des Zuges In dem von dem jungen Paare gewählten Koupé befanden
sich noch zwei Reisende der eine blond und artig und mit goldener Brille
konnte nur ein Sachse sein der andre dagegen mit Pelz und Juchtenkoffer war
augenscheinlich ein »Internationaler« aus dem Osten oder selbst aus dem Südosten
Europas
    Nun aber hörte man das Signal und der Zug setzte sich in Bewegung
Die Baronin und Melusine grüßten noch mit ihren Tüchern Dann bestiegen sie
wieder den draußen haltenden Wagen Es war ein herrliches Wetter einer jener
Vorfrühlingstage wie sie sich gelegentlich schon im Februar einstellen
    »Es ist so schön« sagte Melusine »Benutzen wirs Ich denke liebe
Baronin wir fahren hier zunächst am Kanal hin in den Tiergarten hinein und dann
an den Zelten vorbei bis in Ihre Wohnung«
    Eine Weile schwiegen beide Damen im Augenblick aber wo sie von dem
holprigen Pflaster in den stillen Asphaltweg einbogen sagte die Baronin »Ich
begreife Stechlin nicht dass er nicht ein Koupé apart genommen«
    Melusine wiegte den Kopf
    »Den mit der goldenen Brille« fuhr die Baronin fort »den nehm ich nicht
schwer Ein Sachse tut keinem was und ist auch kaum eine Störung Aber der andre
mit dem Juchtenkoffer Er schien ein Russe wenn nicht gar ein Rumäne Die arme
Armgard Nun hat sie ihren Woldemar und hat ihn auch wieder nicht«
    »Wohl ihr«
    »Aber Gräfin«
    »Sie sind verwundert liebe Baronin mich das sagen zu hören Und doch hats
damit nur zu sehr seine Richtigkeit gebranntes Kind scheut das Feuer«
    »Aber Gräfin«
    »Ich verheiratete mich wie Sie wissen in Florenz und fuhr an demselben
Abende noch bis Venedig Venedig ist in einem Punkte ganz wie Dresden nämlich
erste Station bei Vermählungen Auch Ghiberti  ich sage immer noch lieber
Ghiberti als mein Mann mein Mann ist überhaupt ein furchtbares Wort  auch
Ghiberti also hatte sich für Venedig entschieden Und so hatten wir denn den
großen Apennintunnel zu passieren«
    »Weiß weiß Endlos«
    »Ja endlos Ach liebe Baronin wäre doch da wer mit uns gewesen ein
Sachse ja selbst ein Rumäne Wir waren aber allein Und als ich aus dem Tunnel
heraus war wußt ich welchem Elend ich entgegenlebte«
    »Liebste Melusine wie beklag ich Sie wirklich teuerste Freundin und ganz
aufrichtig Aber so gleich ein Tunnel Es ist doch auch wie ein Schicksal«
Rex und Czako hatten sich unmittelbar nach Überreichung ihrer Bouquets vom
Bahnhof her in die Königgrätzer Straße zurückgezogen und hier angekommen sagte
Czako »Wenn es Ihnen recht ist Rex so gehen wir bis in das Restaurant
Bellevue«
    »Tasse Kaffee«
    »Nein ich möchte gern was Ordentliches essen Drei Löffel Suppe ne
Forelle en miniature und ein Poulardenflügel  das ist zuwenig für meine
Verhältnisse Rundheraus ich habe Hunger«
    »Sie werden sich zu gut unterhalten haben«
    »Nein auch das nicht Unterhaltung sättigt außerdem wenigstens Menschen
die wie ich wenn Sie auch drüber lachen aufs Geistige gestellt sind Ein
bisschen mag ich übrigens an meinem elenden Zustande selbst schuld sein Ich habe
nämlich immer nur die Gräfin angesehen und begreife nach wie vor unsren Stechlin
nicht Nimmt da die Schwester Er hatte doch am Ende die Wahl Der kleine Finger
der Gräfin und ihr kleiner Zeh nun schon ganz gewiss ist mir lieber als die
ganze Komtesse«
    »Czako Sie werden wieder frivol«
 
                           Vierunddreissigstes Kapitel
Unter den Hochzeitsgästen hatte sich wie schon kurz erwähnt auch ein Doktor
Pusch befunden ein gewandter und durchaus weltmännisch wirkender Herr mit
gepflegtem aber schon angegrautem Backenbart Er war vor etwa fünfundzwanzig
Jahren an der Assessorecke gescheitert und hatte damals nicht Lust gehabt sich
ein zweites Mal in die Zwickmühle nehmen zu lassen »Das Studium der Juristerei
ist langweilig und die Karriere hinterher miserabel«  so war er denn als
Korrespondent für eine große rheinische Zeitung nach England gegangen und hatte
sich dort auf der deutschen Botschaft einzuführen gewusst Das ging so durch
Jahre Ziemlich um dieselbe Zeit aber wo der alte Graf seine Londoner Stellung
aufgab war auch Doktor Pusch wieder flügge geworden und hatte sich nach Amerika
hinüberbegeben Er fand indessen das Freie dort freier als ihm lieb war und
kehrte sehr bald nachdem er es erst in New York dann in Chicago versucht
hatte nach Europa zurück Und zwar nach Deutschland »Wo soll man am Ende
leben« Unter dieser Betrachtung nahm er schließlich in Berlin wieder seinen
Wohnsitz Er war ungeniert von Natur und ein klein wenig überheblich Als
wichtigstes Ereignis seiner letzten sieben Jahre galt ihm sein Übertritt vom
Pilsener zum Weihenstephan »Sehen Sie meine Herren vom Weihenstephan zum
Pilsener das kann jeder aber das Umgekehrte das ist was Chinesen werden
christlich gut Aber wenn ein Christ ein Chinese wird das ist doch immer noch
eine Sache von Belang«
    Pusch als er sich in Berlin niederließ hatte sich auch bei den Barbys
wieder eingeführt Melusine entsann sich seiner noch und der alte Graf war
froh die zurückliegenden Zeiten wieder durchsprechen und von Sandrigham und
Hatfield House von Chatswort und Pembroke Lodge plaudern zu können Eigentlich
passte der etwas weitgehende Ungenierteitston in dem der Doktor seiner Natur
wie seiner New Yorker Schulung nach zu sprechen liebte nicht sonderlich zu den
Gepflogenheiten des alten Grafen aber es lag doch auch wieder ein gewisser Reiz
darin ein Reiz der sich noch verdoppelte durch das was Pusch aus aller Welt
Enden mitzuteilen wusste Brillanter Korrespondent der er war unterhielt er
Beziehungen zu den Ministerien und was fast noch schwerer ins Gewicht fiel
auch zu den Gesandtschaften Er hörte das Gras wachsen Auf Titulaturen ließ er
sich nicht ein die vielen Telegramme hatten einen gewissen allgemeinen
Telegrammstil in ihm gezeitigt dessen er sich nur entschlug wenn er ins
Ausmalen kam Es war im Zusammenhang damit dass er gegen Worte wie »Wirklicher
Geheimer Oberregierungsrat« einen förmlichen Hass unterhielt Herzog von Ujest
oder Herzog von Ratibor waren ihm trotz ihrer Kürze immer noch zu lang und so
warf er denn statt ihrer einfach mit »Hohenlohes« um sich In der Tat er hatte
mancherlei Schwächen Aber diese waren doch auch wieder von ebenso vielen
Tugenden begleitet So beispielsweise sah er über alles was sich an
Liebesgeschichten ereignete mit einer beinah vornehmen Gleichgültigkeit hinweg
was manchem sehr zupass kam Ob dies Drüberhinsehn bloß Geschäftsmaxime war oder
ob er all dergleichen einfach alltäglich und deshalb mehr oder weniger
langweilig fand war nicht recht festzustellen er kultivierte dafür mit
Vorliebe das Finanzielle vielleicht davon ausgehend dass wer die Finanzen hat
auch selbstverständlich alles andere hat besonders die Liebe
    Das war Doktor Pusch Er schloss sich als man aufbrach einer Gruppe von
Personen an die den »angerissenen Abend« noch in einem Lokal verbringen
wollten
    »Ja wo«
    »Natürlich Siechen«
    »Ach Siechen Siechen ist für Philister«
    »Nun denn also beim schweren Wagner«
    »Noch philiströser Ich bin für Weihenstephan«
    »Und ich für Pilsener«
    Man einigte sich schließlich auf ein Lokal in der Friedrichstrasse wo man
beides haben könne
    Die Herren die dahin aufbrachen waren außer Pusch noch der junge Baron
Planta dann Cujacius und Wrschowitz und abschliessend Premierleutnant von
Szilagy der wie schon angedeutet früher bei den Gardedragonern gestanden
aber wegen einer großen Generalbegeisterung für die Künste das Malen und
Dichten obenan schon vor etlichen Jahren seinen Abschied genommen hatte Mit
seinen Genrebildern war er nicht recht von der Stelle gekommen weshalb er sich
neuerdings der Novellistik zugewandt und einen Sammelband unter dem bescheidenen
Titel »Bellis perennis« veröffentlicht hatte Lauter kleine Liebesgeschichten
    Alle fünf Herren mit alleiniger Ausnahme des jungen Graubündner Barons
erwiesen sich von Anfang an als ziemlich aufgeregt und jeder ihnen Zuhörende
hätte sofort das Gefühl haben müssen dass hier viel Explosionsstoff aufgehäuft
sei Trotzdem ging es zunächst gut Wrschowitz hielt sich in Grenzen und selbst
Cujacius der nicht gern andern das Wort ließ freute sich über Puschs
Schwadronage vielleicht weil er nur das heraushörte was ihm gerade passte
    Leutnant von Szilagy  man kam vom Hundertsten aufs Tausendste  wurde bei
den Fragen die hin und her gingen von ungefähr auch nach seinem Novellenbande
gefragt und ob er Freude daran gehabt habe
    »Nein meine Herren« sagte Szilagy »das kann ich leider nicht sagen Ich
habe Bellis perennis auf eigne Kosten herstellen lassen und hundertzehn
Rezensionsexemplare verschickt unter Beilegung eines Zettels der ist denn auch
von einigen Zeitungen abgedruckt worden aber nur von ganz wenigen Im übrigen
schweigt die Kritik«
    »Oh Krittikk« sagte Wrschowitz »Ich liebe Krittikk Aber gutte Krittikk
schweigt«
    »Und doch« fuhr Szilagy fort der sich in dem etwas delphischen Ausspruch
des guten Wrschowitz nicht gleich zurechtfinden konnte »doch sind diese
schmerzlichen Gefühle nichts gegen das was voraufgegangen Ich unterhielt
nämlich vor Erscheinen des Buches selbst die Hoffnung in mir einige dieser
kleinen Arbeiten in einem Parteiblatt und als dies misslang in einem
Familienjournal unterbringen zu können Aber ich scheiterte«
    »Ja natürlich scheiterten Sie« sagte Pusch »das spricht für Sie Lassen
Sie sich sagen und raten denn ich weiß in diesen Dingen einigermaßen Bescheid
War nämlich drüben ja ich darf beinah sagen ich war doppelt drüben erst
drüben in England und dann drüben in Amerika Da versteht mans Ja du lieber
Himmel dies bedruckte Löschpapier Man lebt davon und es regiert eigentlich
die Welt Aber aber Und dabei wenn ich recht gehört habe sprachen Sie von
Parteiblatt  furchtbar Und dann sprachen Sie von Familienjournal  zweimal
furchtbar«
    »Haben Sie selbst Erfahrungen gemacht auf diesem schwierigen Gebiete«
    »Nein Herr von Szilagy so tief ließ mich die Gnade nicht sinken Aber ich
treibe mein Wesen über dem Strich und wenn man so Wand an Wand wohnt da weiß
man doch einigermaßen wies bei dem Nachbar aussieht Ach und außerdem wie so
mancher hat mir sein Herz ausgeschüttet und mir dabei seine liebe Not geklagt
Wers nicht leicht nimmt der ist verloren Roman Erzählung
Kriminalgeschichte Jeder der der großen Masse genügen will muss ein Loch
zurückstecken Und wenn er das redlich getan hat dann immer noch eins Es gibt
eine Normalnovelle Etwa so tiefverschuldeter adeliger Assessor und
Sommerleutnant liebt Gouvernante von stupender Tugend so stupende dass sie
wenn geprüft selbst auf diesem schwierigsten Gebiete bestehen würde Plötzlich
aber ist ein alter Onkel da der den halb entgleisten Neffen an eine reiche
Kousine standesgemäss zu verheiraten wünscht Höhe der Situation Drohendster
Konflikt Aber in diesem bedrängten Moment entsagt die Kousine nicht nur
sondern vermacht ihrer Rivalin auch ihr Gesamtvermögen Und wenn sie nicht
gestorben sind so leben sie heute noch  Ja Herr von Szilagy wollen Sie
damit konkurrieren«
    Alles stimmte zu nur Baron Planta meinte »Doktor Pusch Pardon aber ich
glaube beinah Sie übertreiben Und Sie wissen es auch«
    Pusch lachte »Wenn man etwas der Art sagt übertreibt man immer Wer
ängstlich abwägt sagt gar nichts Nur die scharfe Zeichnung die schon die
Karikatur streift macht eine Wirkung Glauben Sie dass Peter von Amiens den
ersten Kreuzzug zusammengetrommelt hätte wenn er so etwa beim Erdbeerpflücken
einem Freunde mitgeteilt hätte das Grab Christi sei vernachlässigt und es müsse
für ein Gitter gesorgt werden«
    »Sehr gutt sehr gutt«
    »Und so auch meine Herren wenn ich von moderner Literatur spreche Herr
von Szilagy den wir so glücklich sind unter uns zu sehen soll aufgerichtet
seine Seele soll mit neuem Vertrauen erfüllt werden Oder aber mit Heiterkeit
was noch besser ist Er soll wieder lachen können Und wenn man solche Wirkung
erzielen will ja dann muss man eben deutlich und zugleich etwas phantastisch
sprechen Indessen auch ernstaft angesehen wie steht es denn mit der
Herstellung ich vermeide mit Vorbedacht das Wort Schöpfung oder gar mit dem
Verschleiss der meisten dieser Dinge Lassen Sie mich in einem Bilde sprechen Da
haben wir jetzt in unsern Blumenläden allerlei Kränze voran den aus Eichenlaub
und Lorbeer bestehenden und meist noch behufs besserer Dauerbarkeit auf eine
herzhafte Weidenrute geflochtenen Urkranz Und nun treten Sie je nach der
Situation an die sich Ihnen mit betrübter oder auch mit lächelnder Miene
nähernde Kranzbinderin heran um zu Begräbnis oder Trauung Ihre Bestellung zu
machen zu drei Mark oder zu fünf oder zu zehn Und genau dieser Bestellung
entsprechend werden in den vorgeschilderten Urkranz etliche Georginen oder
Teichrosen eingebunden und bei stattgehabter Höchstbewilligung sogar eine
Orchidee von ganz unglaublicher Form und Farbe«
    »Kenne die Orchidee« rief Wrschowitz in höchster Ekstase »lila mit gelb«
    Pusch nickte zugleich in steigendem Übermut fortfahrend »Und genauso mit
der Urnovelle Die liegt fertig da wie der Urkranz nichts fehlt als der
Aufputz der nunmehr freundschaftlich verabredet wird Bei Höchstbewilligung
wird ein Verstoss gegen die Sittlichkeit eingeflochten Das ist dann die große
Orchidee lila mit gelb wie Freund Wrschowitz sehr richtig hervorgehoben hat«
    »Unter diesen Umständen« bemerkte hier Baron Planta »will es mir als ein
wahres Glück erscheinen dass Herr von Szilagy wie ich höre mehrere Eisen im
Feuer hat Was ihm die Novellistik schuldig bleibt muss ihm die Malerei
bringen«
    »Was sie leider bisher nicht tat und mutmasslich auch nie tuen wird« lachte
Szilagy halb wehmütig »trotzdem ich vom Genrebild aus mit dem ich anfing eine
Schwenkung gemacht und mich unter Anleitung meines Freundes Saltzmann neuerdings
der Marinemalerei zugewandt habe Mitunter auch Bataillen Und was die blauen
Töne betrifft so darf ich vielleicht behaupten hinter keinem zurückgeblieben
zu sein Habe mich außerdem in Gudin und William Turner vergafft Aber
trotzdem«
    »Aber trotzdem ohne rechten Erfolg« unterbrach hier Cujacius »was mich
nicht wundernimmt Was wollen Sie mit Gudin oder gar mit Turner Wer das Meer
malen will muss nach Holland gehen und die alten Niederländer studieren Und
unter den Modernen vor allem die Skandinaven die Norweger die Dänen«
    Wrschowitz zuckte zusammen
    »Wir haben da beispielsweise den Melbye Däne pur sang der sehr gut und
beinah bedeutend ist«
    »O nein nein« platzte jetzt Wrschowitz mit immer mehr erzitternder Stimme
heraus »Nicht serr gutt nicht bedeutend auch nicht einmal beinah bedeutend«
    »Der sehr bedeutend ist« wiederholte Cujacius »Grade darin bedeutend dass
er nicht bedeutend sein will Er erhebt keine falschen Prätensionen er ist
schlicht ohne Phantastereien aber stimmungsvoll und wenn ich Bilder von ihm
sehe besonders solche wo das graublaue Meer an einer Klippe brandet so
berührt mich das jedesmal spezifisch skandinavisch etwa wie der ossianische
Meereszauber in den Kompositionen unsers trefflichen Niels Gade«
    »Niels Gade Von Niels Gade spricht man nicht«
    »Ich spreche von Niels Gade Seine Kompositionen reichen bis an Mendelssohn
heran«
    »Was ihn nicht größer macht«
    »Doch mein Herr Doktor Wirkliche Kunstgrössen zu stürzen dazu reichen
Überheblichkeiten nicht aus«
    »Was Sie nicht abhielt mein Herr Professor den großen Gudin culbütieren zu
wollen«
    »Über Malerei zu sprechen steht mir zu«
    »Über Musik zu sprechen steht mir zu«
    »Sonderbar Immer Personen aus unkontrollierbaren Grenzbezirken führen bei
uns das große Wort«
    »Ich bin Tscheche Weiß aber dass es ein deutsches Sprichwort gibt Der
Deutsche lüggt wenn er höfflich wird«
    »Weshalb ich unter Umständen darauf verzichte«
    »En quoi vous réussissez à merveille«
    »Aber meine Herren« warf Pusch hier ein den die ganze Streiterei natürlich
entzückte »könnten wir nicht das Kriegsbeil begraben Proponiere Begegnung auf
halbem Wege shaking hands Nehmen Sie zurück hüben und drüben«
    »Nie« donnerte Cujacius
    »Jamais« sagte Wrschowitz
    Und damit erhoben sich alle Cujacius und Pusch hatten die Tête Wrschowitz
und Baron Planta folgten in einiger Entfernung Szilagy war vorsichtigerweise
abgeschwenkt
    Wrschowitz immer noch in großer Erregung mühte sich dem jungen
Graubündner auseinanderzusetzen dass Cujacius ganz allgemein den Ruf eines
Krakeelers habe »Je vous assure Monsieur le Baron il est un fou et plus que
ca  un blagueur«
    Baron Planta schwieg und schien seinen Begleiter im Stich lassen zu wollen
Aber er bekehrte sich als er einen Augenblick danach von der Front her die mit
immer steigender Heftigkeit ausgestossenen Worte hörte Kaschube Wende Böhmake
 
                           Fünfunddreissigstes Kapitel
Um dieselbe Stunde wo sich die fünf Herren von der Barbyschen Hochzeitstafel
entfernt hatten waren auch Baron Berchtesgaden und Hofprediger Frommel
aufgebrochen so dass sich außer dem Brautvater nur noch der alte Stechlin im
Hochzeitshause befand Dieser hatte sich  Melusine war vom Bahnhofe noch nicht
wieder da  vom Esssaal her zunächst in das verwaiste Damenzimmer und von diesem
aus auf die Loggia zurückgezogen um da die Lichter im Strom sich spiegeln zu
sehen und einen Zug frische Luft zu tun An dieser Stelle fand ihn denn auch
schließlich der alte Graf und sagte nachdem er seinem Staunen über den
gesundheitlich etwas gewagten Aufenthalt Ausdruck gegeben hatte »Nun aber mein
lieber Stechlin wollen wir endlich einen kleinen Schwatz haben und uns näher
miteinander bekannt machen Ihr Zug geht erst zehneinhalb wir haben also noch
beinah anderthalb Stunden«
    Und dabei nahm er Dubslavs Arm um ihn in sein Wohnzimmer das bis dahin als
Estaminet gedient hatte hinüberzuführen
    »Erlauben Sie mir« fuhr er hier fort »dass ich zunächst mein halb
eingewickeltes und halb eingeschientes Elefantenbein auf einen Stuhl strecke es
hat mich all die Zeit über ganz gehörig gezwickt und namentlich das Stehen vor
dem Altar ist mir blutsauer geworden Bitte rücken Sie heran Es ging während
unsers kleinen Diners alles so rasch und ich wette Sie sind bei dem Kaffee
ganz erheblich zu kurz gekommen Der Moment wo das Bier herumgereicht wird ist
in den Augen des modernen Menschen immer das wichtigste da wird dann der
Kaffeezeit manches abgeknapst«
    Und dabei drückte er auf den Knopf der Klingel
    »Jeserich noch eine Tasse für Herrn von Stechlin und natürlich einen Kognac
oder Curacao oder lieber die ganze Benediktinerabtei  Witz von Cujacius für
den Sie mich also nicht verantwortlich machen dürfen  Leider werde ich Ihnen
bei diesem zweiten Kaffee nicht Gesellschaft leisten können ich habe mich schon
bei Tische mit einer lügnerisch und bloß anstandshalber in einen Champagnerkübel
gestellten Apollinarisflasche begnügen müssen Aber was hilft es man will doch
nicht auffallen mit all seinen Gebresten«
    Dubslav war der Aufforderung des alten Grafen nachgekommen und saß eine
Lampe mit grünem Schirm zwischen sich und ihm seinem Wirte gerade gegenüber
Jeserich kam mit der Tablette
    »Den Kognac« fuhr der alte Barby fort »kann ich Ihnen empfehlen noch
Beziehungen aus Zeiten her wo man mit einem Franzosen ungeniert sprechen und
nach einer guten Firma fragen konnte Waren Sie siebzig noch mit dabei«
    »Ja so halb Eigentlich auch das kaum Aus meinem Regiment war ich lange
heraus Nur als Johanniter«
    »Ganz wie ich selber«
    »Eine wundervolle Zeit dieser Winter siebzig« fuhr Dubslav fort »auch
rein persönlich angesehen Ich hatte damals das was mir zeitlebens wenn auch
nicht absolut so doch mehr als wünschenswert gefehlt hatte Fühlung mit der
großen Welt Es heißt immer der Adel gehöre auf seine Scholle und je mehr er
mit der verwachse desto besser sei es Das ist auch richtig Aber etwas ganz
Richtiges gibt es nicht Und so muss ich denn sagen es war doch was
Erquickliches den alten Wilhelm so jeden Tag vor Augen zu haben Hab ihn
freilich immer nur flüchtig gesehen aber auch das war schon eine Herzensfreude
Sie nennen ihn jetzt den Großen und stellen ihn neben Fridericus Rex Nun so
einer war er sicherlich nicht an den reicht er nicht ran Aber als Mensch war
er ihm über und das gibt mein ich in gewissem Sinne den Ausschlag wenn auch
zur Größe noch was anders gehört Ja der Alte Fritz Man kann ihn nicht hoch
genug stellen nur in einem Punkte find ich trotzdem dass wir eine falsche
Position ihm gegenüber einnehmen gerade wir vom Adel Er war nicht so sehr für
uns wie wir immer glauben oder wenigstens nach außen hin versichern Er war für
sich und für das Land oder wie er zu sagen liebte für den Staat Aber dass wir
als Stand und Kaste so recht was von ihm gehabt hätten das ist eine
Einbildung«
    »Überrascht mich aus Ihrem Munde zu hören«
    »Ist aber doch wohl richtig Wie lag es denn eigentlich Wir hatten die
Ehre für König und Vaterland hungern und dursten und sterben zu dürfen sind
aber nie gefragt worden ob uns das auch passe Nur dann und wann erfuhren wir
dass wir Edelleute seien und als solche mehr Ehre hätten Aber damit war es auch
getan In seiner innersten Seele rief er uns eigentlich genau dasselbe zu wie
den Grenadieren bei Torgau Wir waren Rohmaterial und wurden von ihm mit meist
sehr kritischem Auge betrachtet Alles in allem lieber Graf find ich unser
Jahr dreizehn eigentlich um ein Erhebliches größer weil alles was geschah
weniger den Befehlscharakter trug und mehr Freiheit und Selbstentschliessung
hatte Ich bin nicht für die patentierte Freiheit der Parteiliberalen aber ich
bin doch für ein bestimmtes Maß von Freiheit überhaupt Und wenn mich nicht
alles täuscht so wird auch in unsern Reihen allmählich der Glaube lebendig dass
wir uns dabei  besonders auch rein praktischegoistisch  am besten stehen«
    Der alte Barby freute sich sichtlich dieser Worte Dubslav aber fuhr fort
»Übrigens das muss ich sagen dürfen lieber Graf Sie wohnen hier brillant an
Ihrem Kronprinzenufer ein entzückender Blick und Fremde würden vielleicht kaum
glauben dass an unsrer alten Spree so was Hübsches zu finden sei Die
Niederlassungs und speziell die Wohnungsfrage spielt doch wo sichs um Glück
und Behagen handelt immer stark mit und gerade Sie der Sie so lange draußen
waren werden ehe Sie hier dies Visavis von unsrer Jungfernheide wählten nicht
ohne Bedenken gewesen sein In bezug auf die Landschaft gewiss und in bezug auf
die Menschen vielleicht«
    »Sagen wir auch da gewiss Ich hatte wirklich solche Bedenken Aber sie sind
niedergekämpft Vieles gefiel mir durchaus nicht als ich nach langen langen
Jahren aus der Fremde wieder nach hier zurückkam und vieles gefällt mir auch
noch nicht Überall ein zu langsames Tempo Wir haben in jedem Sinne zuviel Sand
um uns und in uns und wo viel Sand ist da will nichts recht vorwärts immer
bloß hü und hott Aber dieser Sandboden ist doch auch wieder tragfähig nicht
glänzend aber sicher Er muss nur und vor allem der moralische die richtige
Witterung haben also zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein Und ich glaube
Kaiser Friedrich hätt ihm diese Witterung gebracht«
    »Ich glaub es nicht« sagte Dubslav
    »Meinen Sie dass es ihm schließlich doch nicht ein rechter Ernst mit der
Sache war«
    »O nein nein Es war ihm Ernst ganz und gar Aber es würd ihm zu schwer
gemacht worden sein Rundheraus er wäre gescheitert«
    »Woran«
    »An seinen Freunden vielleicht an seinen Feinden gewiss Und das waren die
Junker Es heißt immer das Junkertum sei keine Macht mehr die Junker frässen
den Hohenzollern aus der Hand und die Dynastie züchte sie bloß um sie für alle
Fälle parat zu haben Und das ist eine Zeitlang vielleicht auch richtig gewesen
Aber heut ist es nicht mehr richtig es ist heute grundfalsch Das Junkertum
trotzdem es vorgibt seine Strohdächer zu flicken und sie gelegentlich
vielleicht auch wirklich flickt dies Junkertum  und ich bin inmitten aller
Loyalität und Devotion doch stolz dies sagen zu können  hat in dem Kampf
dieser Jahre kolossal an Macht gewonnen mehr als irgendeine andre Partei die
Sozialdemokratie kaum ausgeschlossen und mitunter ist mirs als stiegen die
seligen Quitzows wieder aus dem Grabe herauf Und wenn das geschieht wenn unsre
Leute sich auf das besinnen worauf sie sich seit über vierhundert Jahren nicht
mehr besonnen haben so können wir was erleben Es heißt immer Unmöglich Ah
bah was ist unmöglich Nichts ist unmöglich Wer hätte vor dem 18 März den 18
März für möglich gehalten für möglich in diesem echten und rechten
Philisternest Berlin Es kommt eben alles mal an die Reihe das darf nicht
vergessen werden Und die Armee Nun ja Wer wird etwas gegen die Armee sagen
Aber jeder glückliche General ist immer eine Gefahr Und unter Umständen auch
noch andre Sehen Sie sich den alten Sachsenwalder an unsren ZivilWallenstein
Aus dem hätte schließlich doch Gott weiß was werden können«
    »Und Sie glauben« warf der Graf hier ein »an dieser scharfen QuitzowEcke
wäre Kaiser Friedrich gescheitert«
    »Ich glaub es«
    »Hm es lässt sich hören Und wenn so so wär es schließlich ein Glück dass
es nach den neunundneunzig Tagen anders kam und wir nicht vor diese Frage
gestellt wurden«
    »Ich habe mit meinem Woldemar der einen stark liberalen Zug hat ich kann
es nicht loben und mags nicht tadeln oft über diese Sache gesprochen Er war
natürlich für Neuzeit also für Experimente Nun hat er inzwischen das bessere
Teil erwählt und während wir hier sprechen ist er schon über Trebbin hinaus
Sonderbar ich bin nicht allzuviel gereist aber immer wenn ich an diesem
märkischen Neste vorbeikam hatt ich das Gefühl Jetzt wird es besser jetzt
bist du frei Ich kann sagen ich liebe die ganze Sandbüchse da herum schon
bloß aus diesem Grunde«
    Der alte Graf lachte behaglich »Und Trebbin wird sich von dieser Ihrer
Schwärmerei nichts träumen lassen Übrigens haben Sie recht Jeder lebt zu Hause
mehr oder weniger wie in einem Gefängnis und will weg Und doch bin ich
eigentlich gegen das Reisen überhaupt und speziell gegen die Hochzeitsreiserei
Wenn ich so Personen in ein Koupé nach Italien einsteigen sehe kommt mir immer
ein Dankgefühl dieses höchste Glück auf Erden nicht mehr mitmachen zu müssen
Es ist doch eigentlich eine Qual und die Welt wird auch wieder davon
zurückkommen über kurz oder lang wird man nur noch reisen wie man in den Krieg
zieht oder in einen Luftballon steigt bloß von Berufs wegen Aber nicht um des
Vergnügens willen Und wozu denn auch Es hat keinen rechten Zweck mehr In
alten Zeiten ging der Prophet zum Berge jetzt vollzieht sich das Wunder und der
Berg kommt zu uns Das Beste vom Partenon sieht man in London und das Beste von
Pergamum in Berlin und wäre man nicht so nachsichtig mit den lieben nie
zahlenden Griechen verfahren so könnte man sich am Kupfergraben im Laufe des
Vormittags in Mykenä und nachmittags in Olympia ergehn«
    »Ganz Ihrer Meinung teuerster Graf Aber doch zugleich auch ein wenig
betrübt Sie so dezidiert gegen alle Reiserei zu finden Ich stand nämlich auf
dem Punkte Sie nach Stechlin hin einzuladen in meine alte Kate die meine
guten Globsower unentwegt ein Schloss nennen«
    »Ja lieber Stechlin Ihre Kate das ist was andres Und um Ihnen ganz die
Wahrheit zu sagen wenn Sie mich nicht eingeladen hätten eigentlich ist es ja
noch nicht geschehen aber ich greife bereits vor so hätt ich mich bei Ihnen
angemeldet Das war schon lange mein Plan«
    In diesem Augenblicke ging draußen die Klingel Es war Melusine
    »Bringe den Vätern respektive Schwiegervätern allerschönste Grüße Die
Kinder sind jetzt mutmasslich schon über Wittenberg die große Luther
beziehungsweise Apfelkuchenstation hinaus und in weniger als zwei Stunden
fahren sie in den Dresdener Bahnhof ein O diese Glücklichen Und dabei verwett
ich mich Armgard hat bereits Sehnsucht nach Berlin zurück Vielleicht sogar
nach mir«
    »Kein Zweifel« sagte Dubslav Die Gräfin selbst aber fuhr fort »Ehe man
nämlich ganz Abschied von dem alten Leben nimmt sehnt man sich noch einmal
gründlich danach zurück Freilich Schwester Armgard wird weniger davon
empfinden als andere Sie hat eben den liebenswürdigsten und besten Mann und
ich könnt ihn ihr beinah beneiden trotzdem ich noch im Abschiedsmoment einen
wahren Schreck kriegte als ich ihn sagen hörte dass er morgen vormittag mit ihr
vor die Sixtinische Madonna treten wolle Worte bei denen er noch dazu wie
verklärt aussah Und das find ich einfach unerhört Warum werden Sie mich
vielleicht fragen Nun denn weil es erstens eine Beleidigung ist sich auf eine
Madonna so extrem zu freuen wenn man eine Braut oder gar eine junge Frau zur
Seite hat und zweitens weil dieser geplante Galeriebesuch einen Mangel an
Disposition und Ökonomie bedeutet der mich für Woldemars ganze Zukunft besorgt
machen kann Diese Zukunft liegt doch am Ende nach der agrarischen Seite hin
und richtige Dispositionen bedeuten in der Landwirtschaft so gut wie alles«
    Der alte Graf wollte widersprechen aber Melusine ließ es nicht dazu kommen
und fuhr ihrerseits fort »Jedenfalls  das ist nicht wegzudisputieren  fährt
unser Woldemar jetzt in das Land der Madonnen hinein und will da mutmasslich mit
leidlich frischen Kräften antreten wenn er sich aber schon in Deutschland
etappenweise vertut so wird er wenn er in Rom ist wohl sein Programm ändern
und im Café Kavour eine Berliner Zeitung lesen müssen statt nebenan im Palazzo
Borghese Kunst zu schwelgen Ich sage mit Vorbedacht eine Berliner Zeitung
denn wir werden jetzt Weltstadt und wachsen mit unserer Presse schon über
Charlottenburg hinaus  Übrigens lässt wie das junge Paar so auch die Baronin
bestens grüßen Eine reizende Frau Herr von Stechlin die grad Ihnen ganz
besonders gefallen würde Glaubt eigentlich gar nichts und geriert sich dabei
streng katholisch Das klingt widersinnig und ist doch richtig und reizend
zugleich All die Süddeutschen sind überhaupt viel netter als wir und die
nettesten weil die natürlichsten sind die Bayern«
 
                                Sonnenuntergang
                          Sechsunddreissigstes Kapitel
Der alte Dubslav als er bald nach elf auf seinem Granseer Bahnhof eintraf fand
da Martin und seinen Schlitten bereits vor Engelke hatte zum Glück für warme
Sachen gesorgt denn es war inzwischen recht kalt geworden Im ersten
Augenblicke tat dem Alten in dessen Koupé die herkömmliche Stickluft gebrütet
hatte der draußen wehende Ostwind überaus wohl sehr bald aber stellte sich ein
Frösteln ein Schon tags zuvor bei Beginn seiner Reise war ihm nicht so recht
zumute gewesen Kopfweh Druck auf die Schläfe jetzt war derselbe Zustand
wieder da Trotzdem nahm ers leicht damit und sah in das Sterngeflimmer über
ihm Die wie Riesenbesen aufragenden Pappeln warfen dunkle groteske Schatten
über den Weg während er die nach links und rechts hin liegenden toten
Schneefelder mit den wechselnden Bildern alles dessen was ihm der
zurückliegende Tag gebracht hatte belebte Da sah er wieder die mit rotem
Teppich belegte Hotelmarmortreppe mit dem Oberkellner in
Gesandtschaftsattachéhaltung und im nächsten Augenblicke den
Garnisonkirchenküster den er anfänglich für einen zur Feier eingeladenen
Konsistorialrat gehalten hatte Daneben aber stand die blasse schöne Braut und
die reizende bieg und schmiegsame Melusine »Ja der alte Barby wenn er auf
die sieht der hats gut der kann es aushalten Immer einen guten und klugen
Menschen um sich haben immer was hören und sehen was einen anlacht und
erquickt das ist was Aber ich Ich für meinen Teil gleichviel ob mit oder
ohne Schuld ich war immer nur auf ein Pflichtteil gesetzt  als Kind weil ich
faul war und als Leutnant weil ich nicht recht was hatte Dann kam ein
Lichtblick Aber gleich danach starb sie die mir Stab und Stütze hätte sein
können und durch all die dreißig Jahre die seitdem kamen und gingen blieb mir
nichts als Engelke der noch das Beste war und meine Schwester Adelheid Gott
verzeih mirs aber ein Trost war die nicht immer bloß herbe wie n Holzapfel«
    Unter solchen Betrachtungen fuhr er in das Dorf ein und hielt gleich danach
vor der Tür seines alten Hauses Engelke war schon da half ihm und tat sein
Bestes ihn aus der schweren Wolfsschur herauszuwickeln Der immer noch
Fröstelnde stapfte dabei mit den Füßen warf seinen Staatshut  den er
unterwegs weil er ihn drückte wohl hundertmal verwünscht hatte  mit
ersichtlicher Befriedigung beiseite und sagte gleich danach beim Eintreten in
sein Zimmer »Ach das is recht Engelke Du hast ein Feuer gemacht du weißt
was einem alten Menschen guttut Aber es reicht noch nicht aus Ob wohl unten
noch heißes Wasser ist So n fester Grog der sollte mir jetzt passen ich
friere Stein und Bein«
    »Heiss Wasser is nicht mehr gnädiger Herr Aber ich kann ja ne Kasseroll
aufstellen Oder noch besser ich hole den Petroleumkocher«
    »Nein nein Engelke nicht soviel Umstände Das mag ich nicht Und den
Petroleumkocher den erst recht nich da kriegt man bloß Kopfweh und ich habe
schon genug davon Aber bringe mir den Kognac und kaltes Wasser Und wenn man
dann so halb und halb nimmt dann is es so gut als wär es ganz heiß gewesen«
    Engelke brachte was gefordert und eine Viertelstunde danach ging Dubslav
zu Bett
Er schlief auch gleich ein Aber bald war er wieder wach und druste nur noch so
hin So kam endlich der Morgen heran
    Als Engelke zu gewohnter Stunde das Frühstück brachte schleppte sich
Dubslav mühsamlich von seinem Schlafzimmer bis an den Frühstückstisch Aber es
schmeckte ihm nicht »Engelke mir ist schlecht der Fuß ist geschwollen und
das mit dem Kognac gestern abend war auch nicht richtig Sage Martin dass er
nach Gransee fährt und Doktor Sponholz mitbringt Und wenn Sponholz nicht da ist
 der arme Kerl kutschiert in einem fort rum ohne Landpraxis geht es nicht 
dann soll er warten bis er kommt«
    Es traf sich so wie Dubslav vermutet hatte Sponholz war wirklich auf
Landpraxis und kam erst nachmittags zurück Er aß einen Bissen und stieg dann
auf den Stechliner Wagen
    »Na Martin was macht denn der gnädge Herr«
    »Joa Herr Doktor ick möt doch seggen he seiht en beten verännert ut em
wihr schon nich so recht letzten Sünndag un doa müsst he joa nu grad nach
Berlin Un ick weet schon wenn ihrst een nach Berlin muss denn is ok ümmer wat
los Ick weet nich wat se doa mit n ollen Minschen moaken«
    »Ja Martin das ist die große Stadt Da übernehmen sie sich denn Und dann
war ja auch Hochzeit Da werden sie wohl ein bisschen gepichelt haben Und vorher
die kalte Kirche Und dazu so viele feine Damen Daran ist der gnädge Herr
nicht mehr gewöhnt und dann will er sich berappeln und strengt sich an und da
hat man denn gleich was weg«
    Es dämmerte schon als der kleine Jagdwagen auf der Rampe vorfuhr Sponholz
stieg aus und Engelke nahm ihm den grauen Mantel mit Doppelkragen ab und auch
die hohe Lammfellmütze darin er  freilich das einzige an ihm das diese
Wirkung ausübte  wie ein Perser aussah
    So trat er denn bei Dubslav ein Der alte Herr saß an seinem Kamin und sah
in die Flamme
    »Nun Herr von Stechlin da bin ich War über Land Es geht jetzt scharf
Jeder dritte hustet und hat Kopfweh Natürlich Influenza Ganz verdeubelte
Krankheit«
    »Na die wenigstens hab ich nicht«
    »Kann man nicht wissen Ein bisschen fliegt jedem leicht an Nun wo sitzt
es«
    Dubslav wies auf sein rechtes Bein und sagte »Stark geschwollen Und das
andre fängt auch an«
    »Hm Na wollen mal sehen Darf ich bitten«
    Dubslav zog sein Beinkleid herauf den Strumpf herunter und sagte »Da is
die Bescherung Gicht ist es nicht Ich habe keine Schmerzen Also was
andres«
    Sponholz tippte mit dem Finger auf dem geschwollenen Fuß herum und sagte
dann »Nichts von Belang Herr von Stechlin Einhalten Diät wenig trinken
auch wenig Wasser Das verdammte Wasser drückt gleich nach oben und dann haben
Sie Atemnot Und von Medizin bloß ein paar Tropfen Bitte bleiben Sie sitzen
ich weiß ja Bescheid hier« Und dabei ging er an Dubslavs Schreibtisch heran
schnitt sich ein Stück Papier ab und schrieb ein Rezept »Ihr Kutscher das wird
das beste sein kann bei der Apotheke gleich mit vorfahren«
    Im Vorflur nach Verabschiedung von Dubslav fuhr Sponholz alsbald wieder in
seinen Mantel Engelke half ihm und sagte dabei »Na Herr Doktor«
    »Nichts nichts Engelke«
    Martin mit seinem Jagdwagen hielt noch wartend auf der Rampe draußen und so
ging es denn in rascher Fahrt wieder nach der Stadt zurück von wo der alte
Kutscher die Tropfen gleich mitbringen sollte
    Der Winterabend dämmerte schon als Martin zurück war und die Medizin an
Engelke abgab Der brachte sie seinem Herrn
    »Sieh mal« sagte dieser als er das rundliche Fläschchen in Händen hielt
»die Granseer werden jetzt auch fein Alles in rosa Seidenpapier gewickelt« Auf
einem angebundenen Zettel aber stand »Herrn Major von Stechlin Dreimal täglich
zehn Tropfen« Dubslav hielt die kleine Flasche gegen das Licht und tröpfelte
die vorgeschriebene Zahl in einen Löffel Wasser Als er sie genommen hatte
bewegte er die Lippen hin und her etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weinsorte
probt Dann nickte er und sagte »Ja Engelke nu geht es los Fingerhut«
Der alte Dubslav nahm durch mehrere Tage hin seine Tropfen ganz gewissenhaft und
fand auch dass sichs etwas bessere Die Geschwulst ging um ein Geringes zurück
Aber die Tropfen nahmen ihm den Appetit so dass er noch weniger aß als ihm
gestattet war
    Es war ein schöner Frühmärzentag die Mittagszeit schon vorüber Dubslav saß
an der weit offenstehenden Glastür seines Gartensalons und las die Zeitung Es
schien indes dass ihm das was er las nicht sonderlich gefiel »Ach Engelke
die Zeitung ist ja soweit ganz gut nur so für den ganzen Tag ist sie doch
zuwenig Du könntest mir lieber ein Buch bringen«
    »Was für eines«
    »Is egal«
    »Da liegt ja noch das kleine gelbe Buch Keine Lupine mehr«
    »Nein nein nicht so was Lupine davon hab ich schon soviel gelesen das
wechselt in einem fort und eins ist so dumm wie das andre Die Landwirtschaft
kommt doch nicht wieder obenauf oder wenigstens nicht durch so was Bringe mir
lieber einen Roman früher in meiner Jugend sagte man Schmöker Ja damals waren
alle Wörter viel besser als jetzt Weißt du noch wie ich mir in dem Jahre wo
ich Zivil wurde den ersten Schniepel machen ließ Schniepel is auch solch Wort
und doch wahrhaftig besser als Frack Schniepel hat so was Fideles Einsegnung
Hochzeit Kindtaufe«
    »Gott gnädiger Herr immer is es doch auch nicht so Die meisten Schniepel
sind doch wenn einer begraben wird«
    »Richtig Engelke Wenn einer begraben wird Das war ein guter Einfall von
dir Früher würd ich gesagt haben zeitgemäss jetzt sagt man opportun Hast du
schon mal davon gehört«
    »Ja gnädiger Herr gehört hab ich schon mal davon«
    »Aber nich verstanden Na ich eigentlich auch nich Wenigstens nicht so
recht Und du du warst ja nich mal auf Schulen«
    »Nein gnädiger Herr«
    »Alles in allem sei froh drüber Aber Engelke wenn du mir nu ein Buch
gebracht hast dann will ich mich mit meinem Stuhl doch lieber gleich auf die
Veranda rausrücken Es ist wie Frühling heut Solche guten Tage muss man
mitnehmen
    Und bringe mir auch ne Decke Früher war ich nich so fürs Pimplige jetzt
aber heißt es besser bewahrt als beklagt«
In dem ganzen Dreieck zwischen Rheinsberg Kloster Wutz und Gransee hatte sich
die Nachricht von des alten Dubslav ernster Erkrankung mehr und mehr
herumgesprochen und es war wohl im Zusammenhange damit dass ungefähr um
dieselbe Stunde wo Dubslav und Engelke sich über »Schniepel« und »opportun«
unterhielten ein Einspänner auf die Stechliner Rampe fuhr ein etwas
sonderbares Gefährt dem der alte Baruch Hirschfeld langsam und vorsichtig
entstieg Engelke war ihm dabei behilflich und meldete gleich danach dass der
Alte da sei
    »Der alte Baruch Um Gottes willen Engelke was will denn der Es ist ja
doch glücklicherweise nichts los Und so ganz aus freien Stücken Na lass ihn
kommen«
    Und Baruch Hirschfeld trat gleich darauf ein
    Dubslav in seine Decke gewickelt begrüßte den Alten »Aber Baruch um
alles in der Welt was gibt es Was bringen Sie Gleichviel übrigens ich freue
mich Sie zu sehen Machen Sie sichs so bequem wies auf den drei Latten eines
Gartenstuhls überhaupt möglich ist Und dann noch einmal Was gibt es Was
bringen Sie«
    »Herr Major wollen entschuldigen es gibt nichts und ich bringe auch
nichts Ich kam da bloß so vorbei Geschäfte mit Herrn von Gundermann und da
wollt ich mir doch die Freiheit genommen haben mal nach der Gesundheit zu
fragen Habe gehört der Herr Major seien nicht ganz gut bei Wege«
    »Nein Baruch nicht ganz gut bei Wege beinahe schon schlecht genug Aber
lassen wir das schlimme Neue das Alte war doch eigentlich besser das heißt
dann und wann und manchmal denk ich so an alles zurück was wir so
gemeinschaftlich miteinander durchgemacht haben«
    »Und immer glatt Herr Major immer glatt ohne Schwierigkeiten«
    »Ja« lachte Dubslav »gemacht hab ich keine Schwierigkeiten aber gehabt
hab ich genug Und das weiß keiner besser als mein Freund Baruch Und nun sagen
Sie mir vor allem was macht Ihr Isidor der große Volksfreund Ist er mit
Torgelow noch zufrieden Oder sieht er dass sie da auch mit Wasser kochen Ich
wundere mich bloß dass ein Sohn von Baruch Hirschfeld Sohn und Firmateilhaber
so sehr für den Umsturz ist«
    »Nicht für den Umsturz Herr Major Isidor wenn ich so sagen darf ist für
die alte Valuta Aber nebenher hat er ein Herz für die Menschheit«
    »Hat er Na das ist recht«
    »Und das Herz für die Menschheit das haben wir alle Herr Major Und kommt
uns dabei was heraus so haben wir wenn ich so sagen darf die Dividende Gott
der Gerechte wir brauchens Und weil ich rede von Dividende will ich auch
reden von Hypothek Wir haben da seit letzten Freitag n Kapital Granseer
Bürger und wills hergeben zu dreiundeinhalb«
    »Nu Baruch das ist hübsch Aber im Augenblick bin ichs nicht benötigt
Vielleicht später mal mein Woldemar Der hat wie Sie wissen ne reiche Partie
gemacht und wer viel erheiratet der braucht auch viel Man denkt immer dann
hört es auf aber das ist falsch dann fängt es erst recht an Unter allen
Umständen seien Sie bedankt dass Sie mal haben sehen wollen wies mit mir
steht Ich kann leider nur wiederholen schlecht genug Aber eine Weile dauert
es wohl noch Und wenn auch nicht mit meinem Sohne wird sich denk ich
geradeso wie zwischen uns zwei beiden alles glatt abwickeln glatter noch und
vielleicht können Sie gemeinschaftlich mal was Nettes herauswirtschaften was
Ordentliches was Großes was sich sehen lassen kann Das heißt dann neue Zeit
Und nun Baruch müssen Sie noch ein Glas Sherry nehmen In unserm Alter ist das
immer das Beste Das heißt für Sie der Sie noch gut im Gange sind Ich darf
bloß noch mit anstossen«
    Eine Viertelstunde später fuhr Baruch auf seinem Wägelchen wieder in den
Stechliner Wald hinein und dachte wenig befriedigt über alles nach was er da
drinnen gehört hatte Die geträumten SchlossStechlinTage schienen mit einem
Male für immer vorüber Alles was der alte Herr da so nebenher von
»gemeinschaftlich herauswirtschaften« gesagt hatte war doch bloß ein Stich
eine Pike gewesen
    Ja Baruch fühlte was wie Verstimmung Aber Dubslav auch Es war ihm zu
Sinn als hätt er seinen alten Granseer Geld und Geschäftsfreund trotzdem er
dessen letzte Pläne nicht einmal ahnte zum erstenmal auf etwas Heimlichem und
Verstecktem ertappt und als Engelke kam um die Sherryflasche wieder
wegzuräumen sagte er »Engelke mit Baruch is es auch nichts Ich dachte
wunder was das für ein Heiliger wär und nun is der Pferdefuss doch schließlich
rausgekommen Wollte mir da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen als ob ich
nicht schon genug davon hätte Sonderbar Uncke mit seinem ewigen zweideutig
wird am Ende doch recht behalten Überhaupt solche Polizeimenschen mit nem
Karabiner über die Schulter das sind bei Lichte besehn immer die feinsten
Menschenkenner Ich ärgere mich dass ichs nicht eher gemerkt habe So dumm zu
sein Aber das mit der Krankheit heute das war mir doch zuviel Wenn sich die
Menschen erst nach Krankheit erkundigen dann ist es immer schlimm Eigentlich
is es jedem gleich wies einem geht Und ich habe sogar welche gekannt die
sahen sich wenn sie so fragten immer schon die Möbel und Bilder an und dachten
an nichts wie an Auktion«
 
                          Siebenunddreissigstes Kapitel
Auch die nächsten Tage waren beinahe sommerlich taten dem Alten wohl und
erleichterten ihm das Atmen Er begann wieder zu hoffen sprach mit
Wirtschaftsinspektor und Förster und war nicht bloß voll wiedererwachten
Interesses sondern überhaupt guter Dinge
    So kam Mitte März heran Der Himmel war blau Dubslav saß auf seiner
Veranda den kleinen Springbrunnen vor sich und sah dabei das leichte weiße
Gewölk ziehen Vom Park her vernahm er den ersten Finkenschlag Er mochte wohl
schon eine Stunde so gesessen haben als Engelke kam und den Doktor meldete
    »Das ist recht Sponholz dass Sie kommen Nicht um mir zu helfen das ist
immer schlimm wenn einem erst geholfen werden soll nein um zu sehen dass Sie
mir schon geholfen haben Diese Tropfen Es ist doch was damit Wenn sie nur
nicht so schlecht schmeckten ich muss mir immer einen Ruck geben Und dass sie so
grün sind Grün ist Gift heißt es bei den Leuten Eigentlich eine ganz dumme
Vorstellung Wald und Wiese sind auch grün und doch so ziemlich unser Bestes«
    »Ja es ist ein Spezifikum Und ich bin froh dass die Digitalis hier bei
Ihnen mal wieder zeigt was sie kann Und bin doppelt froh weil ich mich auf
sechs Wochen von Ihnen verabschieden muss«
    »Auf sechs Wochen Aber Doktor das is ja ne halbe Ewigkeit Haben Sie
Schulden gemacht und sollen in Prison«
    »Man könnte beinahe so was denken Denn solange Gransee historisch
beglaubigt dasteht ist noch kein Doktor auf sechs Wochen weg gewesen noch dazu
ein Kreisphysikus Eine Doktorexistenz gestattet solchen Luxus nicht Wie lebt
man denn hier Und wie hat man gelebt Immer Furunkel aufgeschnitten immer
Karbolwatte immer in den Wagen gestiegen immer einem alten Erdenbürger seinen
Entlassungsschein ausgestellt oder einen neuen Erdenbürger geholt Und nun sechs
Wochen weg Wie ich meinen Kreis wiederfinden werde nu vielleicht hat Gott
ein Einsehen«
    »Er ist doch wohl eigentlich der beste Assistenzarzt«
    »Und vor allem der billigste Der andre den ich mir aus Berlin habe
verschreiben müssen ach und soviel Schreiberei der ist teurer Und meine
Reise kommt mir ohnedies schon teuer genug«
    »Aber wohin denn Doktor«
    »Nach Pfäffers«
    »Pfäffers Kenn ich nicht Und was wollen Sie da Warum Wozu«
    »Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus hochgradig schon nicht mehr
schön Und da ist denn Pfäffers der letzte Trumpf Schweizerbad mit allen
Schikanen und wahrscheinlich auch mit allen Kosten Ein Granseer der allerdings
für Geld gezeigt werden kann war mal an diesem merkwürdigen Ort und hat mir
denn auch ne Beschreibung davon gemacht Habe natürlich auch noch im Baedeker
nachgeschlagen und unter anderm einen Fluss da verzeichnet gefunden der Tamina
heißt Erinnert ein bisschen an Zauberflöte und klingt soweit ganz gut Aber
trotzdem eine tolle Geschichte dies Pfäffers Soweit es nämlich als Bad in
Betracht kommt ist es nichts als ein Felsenloch ein großer Backofen in den
man hineingeschoben wird Und da hockt man denn wie die Indianer hocken und
die Dämpfe steigen siedeheiss von unten herauf Wer da nicht wieder zu Stande
kommt der kann überhaupt einpacken Übrigens will ich für meine Person gleich
mit hineinkriechen Denn das darf ich wohl sagen wer so fünfunddreissig Jahre
lang durch Kreis Gransee hin und her kutschiert ist mitunter bei Ostwind der
hat sich sein Gliederreissen ehrlich verdient Sonderbar dass der Hauptteil davon
auf meine Frau gefallen ist«
    »Ja Sponholz in einer christlichen Ehe«
    »Freilich Herr Major freilich Wiewohl das mit christlicher Ehe auch immer
bloß soso ist Da hatten wir als ich noch Militär war einen
Kompagniechirurgus richtige alte Schule der sagte wenn er von so was hörte
Ja christliche Ehe ganz gut kenn ich Is wie Schinken in Burgunder Das eine
is immer da aber das andere fehlt«
    »Ja« sagte Dubslav »diese richtigen alten Kompagniechirurgusse die hab
ich auch noch gekannt Blutige Zyniker jetzt leider ausgestorben Und in
solchem Pfäffersschen Backofen wollen Sie sechs Wochen zubringen«
    »Nein Herr von Stechlin nicht so lange Bloß vier höchstens vier Denn es
strengt sehr an Aber wenn man nu doch mal da ist ich meine in der Schweiz und
da herum wo sie stellenweise schon italienisch sprechen da will man doch
schließlich auch gern in das gelobte Land Italia hineinkucken Und da haben wir
denn also meine Frau und ich vor von diesem Pfäffers aus erst noch durch die
Via Mala zu fahren den Splügen hinauf oder auf irgendeinen andern Pass Und wenn
wir dann einen Blick in all die Herrlichkeit drüben hinein getan haben dann
kehren wir wieder um und ich für meine Person ziehe mir wieder meinen grauen
Mantel an denn für die Reise hab ich mir einen neuen Paletot bauen lassen und
kutschiere wieder durch Kreis Gransee«
    »Na Sponholz das freut mich aber wirklich dass Sie mal rauskommen Und
bloß wenn Sie durch die Via Mala fahren da müssen Sie sich in acht nehmen«
    »Waren Sie denn mal da Herr Major«
    »Bewahre Meine Weltfahrten mit ganz schwachen Ausnahmen lagen immer nur
zwischen Berlin und Stechlin Höchstens mal Dresden und ein bisschen ins
Bayrische Wenn man so gar nicht mehr weiß wo man hin soll fährt man natürlich
nach Dresden Also Via Mala nie gesehen Aber ein Bild davon Im allgemeinen ist
Bilderankucken auch nicht gerade mein Fall und wenn die Museums von mir leben
sollten dann täten sie mir leid Indessen wie so der Zufall spielt mal sieht
man doch so was und war da auf dem ViaMalaBilde ne Felsenschlucht mit
Figuren von einem sehr berühmten Malermenschen der glaub ich Böcking oder
Böckling hieß«
    »Ah so Einer wenn mir recht ist heißt Böcklin«
    »Wohl möglich dass es der gewesen ist Ja sogar sehr wahrscheinlich Nun
sehen Sie Doktor da war denn also auf diesem Bilde diese Via Mala mit einem
kleinen Fluss unten und über den Fluss weg lief ein Brückenbogen und ein Zug von
Menschen es können aber auch Ritter gewesen sein kam grade die Straße lang
Und alle wollten über die Brücke«
    »Sehr interessant«
    »Und nun denken Sie sich was geschieht da Grade neben dem Brückenbogen
dicht an der rechten Seite tut sich mit einem Male der Felsen auf etwa wie
wenn morgens ein richtiger Spiessbürger seine Laden aufmacht und nachsehen will
wies Wetter ist Der aber der an dieser Brücke da von ungefähr rauskuckte
hören Sie Sponholz das war kein Spiessbürger sondern ein richtger Lindwurm
oder so was Ähnliches aus der sogenannten Zeit der Saurier also so weit zurück
dass selbst der älteste Adel die Stechline mit eingeschlossen nicht dagegen
ankann und dies Biest als der herankommende Zug eben den Fluss passieren
wollte war mit seinem aufgesperrten Rachen bis dicht an die Menschen und die
Brücke heran und ich kann Ihnen bloß sagen Sponholz mir stand als ich das
sah der Atem still weil ich deutlich fühlte nu noch einen Augenblick dann
schnappt er zu und die ganze Bescherung is weg«
    »Ja Herr von Stechlin da hat man bloß den Trost dass die Saurier soviel
ich weiß seitdem ausgestorben sind Aber meiner Frau will ich diese Geschichte
doch lieber nicht erzählen die kriegt nämlich mitunter Ohnmachten In
Doktorhäusern ist immer was los«
    Dubslav nickte
    »Und nur das eine möcht ich Ihnen noch sagen Herr von Stechlin mit der
Digitalis immer ruhig so weiter und wenn der Appetit nicht wiederkommt lieber
nur zweimal täglich Und nie mehr als zehn Tropfen Und wenn Sie sich unpass
fühlen mein Stellvertreter ist von allem unterrichtet Er wird Ihnen gefallen
Neue Schule moderner Mensch aber doch nicht zuviel davon so wenigstens hoff
ich und jedenfalls sehr gescheit An seinem Namen  er heißt nämlich Moscheles
 dürfen Sie nicht Anstoß nehmen Er ist aus Brünn gebürtig und da heißen die
meisten so«
    Der Alte drückte mit allem seine Zustimmung aus auch mit dem Namen
trotzdem dieser ihm quälende Erinnerungen weckte Schon vor etlichen fünfzig
Jahren habe er Musikstücke spielen müssen die alle auf den Namen »Moscheles«
liefen Aber das wolle er den Insichtstehenden nicht weiter entgelten lassen
    Und nach diesen beruhigenden Versicherungen empfahl sich Sponholz und fuhr
zu weiteren Abschiedsbesuchen in die Grafschaft hinein
    Am zweitfolgenden Tage brachen die Sponholzschen Eheleute von Gransee nach
Pfäffers hin auf die Frau sehr leidend war schweigsam er aber befand sich in
einem hochgradigen Reisefieber was sich als sie draußen auf dem Bahnhof
angelangt waren in immer wachsender Gesprächigkeit äußerte
    Mehrere Freunde meist Logenbrüder hatten ihn bis hinaus begleitet
Sponholz kam hier sofort vom Hundertsten aufs Tausendste »Ja unser guter
Stechlin mit dem steht es soso Baruch hat ihn auch gesehen und ihn
einigermaßen verändert gefunden Und Sie Kirstein Sie schreiben mir
natürlich wenn der junge Burmeister eintritt ich weiß er will nicht recht
bloß der Vater will und soll sogar von Hokuspokus gesprochen haben Aber
dergleichen muss man leichtnehmen Unwissenheit Verkennungen über so was sind
wir weg viel Feind viel Ehr Nur es noch einmal zu sagen der Alte drüben
in Stechlin macht mir Sorge Man muss aber hoffen bei Gott kein Ding unmöglich
ist Und zu Moscheles hab ich Vertrauen ihn auskultieren zu sehen ist ein wahres
Vergnügen für nen Fachmann«
    So klang was Sponholz noch in letzter Minute vom Koupéfenster aus zum
besten gab Alles am meisten aber das über den alten Stechlin Gesagte wurde
weitergetragen und drang bis auf die Dörfer hinaus so namentlich auch bis nach
QuadenHennersdorf zu Superintendent Koseleger der seit kurzem mit Ermyntrud
einen lebhaften Verkehr unterhielt und angeregt durch die mit jedem Tage
kirchlicher werdende Prinzessin einen energischen Vorstoss gegen den Unglauben
und die in der Grafschaft überhandnehmende Laxheit plante Koseleger sowohl wie
die Prinzessin wollten zu diesem Zwecke beim alten Dubslav als »nächstem Objekt«
einsetzen und hielten sein Astma für den geeignetsten Zeitpunkt In einem
Briefe der Prinzessin an Koseleger hieß es dementsprechend »Ich will die gute
Gesinnung des alten Herrn in nichts anzweifeln außerdem hat er etwas ungemein
Affables Ich bin ihm menschlich durchaus zugetan Aber sein Prinzip das nichts
Höheres kennt als leben und leben lassen hat in unsrer Gegend alle möglichen
Irrtümer und Sonderbarkeiten ins Kraut schießen lassen Nehmen Sie
beispielsweise diesen Krippenstapel Und nun den Lorenzen selbst Katzler mit
dem ich gestern über unsern Plan sprach hat mich gebeten mit Rücksicht auf die
Krankheit des alten Herrn wenigstens vorläufig von allem Abstand zu nehmen aber
ich hab ihm widersprechen müssen Krankheit soviel ist richtig macht schroff
und eigensinnig aber in bedrängten Momenten auch wiederum ebenso gefügig und
es sind wohl auch hier wieder gerade die Auferlegungen und Bitternisse daraus
ein Segen für den Kranken und jedenfalls für die Gesamtheit unsres Kreises
entspringen wird Unter allen Umständen aber muss uns das Bewusstsein trösten
unsre Pflicht erfüllt zu haben«
Es war eine Woche nach Sponholz Abreise dass Ermyntrud diese Zeilen schrieb
und schon am andern Vormittage fuhr Koseleger der mit der Prinzessin im
wesentlichen derselben Meinung war auf die Stechliner Rampe Gleich danach trat
Engelke bei Dubslav ein und meldete den Herrn Superintendenten
    »Superintendent Koseleger«
    »Ja gnädger Herr Superintendent Koseleger Er sieht sehr wohl aus und
ganz blank«
    »Was es doch für merkwürdige Tage gibt Heute du sollst sehen ist wieder so
einer Mit Moscheles fings an Sage dem Herrn Superintendenten ich ließe
bitten«
    »Ich komme hoffentlich zu guter Stunde Herr von Stechlin«
    »Zur allerbesten Herr Superintendent Eben war der neue Doktor hier Und
eine Viertelstunde wenns mit dem praesente medico nur ein ganz klein wenig auf
sich hat muss solche Doktorgegenwart doch wohl noch nachwirken«
    »Sicher sicher Und dieser Moscheles soll sehr gescheit sein Die Wiener
und Prager verstehen es namentlich alles was nach der Seite hin liegt«
    »Ja« sagte Dubslav »nach der Seite hin« und wies auf Brust und Herz
»Aber offen gestanden nach mancher andern Seite hin ist mir dieser Moscheles
nicht sehr sympathisch Er fasst seinen Stock so sonderbar an und schlenkert auch
so«
    »Ja so was muss man unter Umständen mit in den Kauf nehmen Und dann heißt
es ja auch der Major von Stechlin habe mehr oder weniger einen philosemitischen
Zug«
    »Den hat der Major von Stechlin auch wirklich weil er Unchristlichkeiten
nicht leiden kann und Prinzipienreitereien erst recht nicht Ich gehöre zu
denen die sich immer den Einzelfall ansehen Aber freilich mancher Einzelfall
gefällt mir nicht So zum Beispiel der hier mit dem neuen Doktor Und auch mein
alter Baruch Hirschfeld den der Herr Superintendent mutmasslich kennen werden
auch der gefällt mir nicht mehr so recht Ich hielt große Stücke von ihm aber 
vielleicht dass sein Sohn Isidor schuld ist  mit einem Mal ist der Pferdefuss
rausgekommen«
    »Ja« lachte Koseleger »der kommt immer mal raus Und nicht bloß bei
Baruch Ich muss aber sagen das alles hat mit der Rasse viel viel weniger zu
schaffen als mit dem jeweiligen Beruf Da war ich eben bei der Frau von
Gundermann«
    »Und da war auch so was«
    »In gewissem Sinne ja Natürlich ein bisschen anders weil es sich um etwas
Weibliches handelte Stütze der Hausfrau Und da bändelt sich denn leicht was
an Eben diese Stütze der Hausfrau war bis vor kurzem noch Erzieherin und mit
Erzieherinnen alten und jungen hats immer einen Haken wie mit den Lehrern
überhaupt Es liegt im Beruf Und der Seminarist steht obenan«
    »Ich kann mich nicht erinnern« sagte Dubslav »in unserer Gegend irgendwas
gröblich Verletzliches erlebt zu haben«
    »Oh ich bin missverstanden« beschwichtigte Koseleger und rieb sich mit
einem gewissen Behagen seine wohlgepflegten Hände »Nichts von Vergehungen auf
erotischem Gebiet wiewohl es bei den Gundermanns die gerad in diesem Punkte
viel heimgesucht werden auch diesmal wieder ich möchte sagen diese kleine
Nebenform angenommen hatte Nein der große Seminaristenpferdefuss an den ich
bei meiner ersten Bemerkung dachte trägt ganz andere Signaturen
Unbotmässigkeit Überschätzung und infolge davon ein eigentümliches Bestreben
sich von den Heilsgütern loszulösen und die Befriedigung des inneren Menschen in
einer falschen Wissenschaftlichkeit zu suchen«
    »Ich will das nicht loben aber auch solche falsche Wissenschaftlichkeit
zählt dächt ich in unserer alten Grafschaft zu den allerseltensten Ausnahmen«
    »Nicht so sehr als Sie vermuten Herr Major und aus Ihrer eigenen
Stechliner Schule sind mir Klagen kirchlich gerichteter Eltern über solche Dinge
zugegangen Allerdings Altluteraner aus der Globsower Gegend Indessen so
lästig diese Leute zuzeiten sind so haben sie doch andrerseits den Ernst des
Glaubens und finden wie sie sich in einem Skriptum an mich ausgedrückt haben
in der Krippenstapelschen Lehrmetode diesen Ernst des Glaubens arg
vernachlässigt«
    Dubslav wiegte den Kopf hin und her und hätte trotz allen Respekts vor dem
Vertreter einer kirchlichen Behörde wahrscheinlich ziemlich scharf und spitz
geantwortet wenn ihm nicht alles was er da hörte gleichzeitig in einem
heiteren Licht erschienen wäre Krippenstapel sein Krippenstapel er der den
Alten Fritzen so gut wie den Katechismus aber den Katechismus auch reichlich so
gut wie den Alten Fritzen kannte  Krippenstapel sein großartiger Bienenvater
sein korrespondierendes Mitglied märkischhistorischer Vereine die Seele seines
»Museums« sein guter Freund dieser Krippenstapel sollte den »Ernst des
Glaubens« verkannt haben bei ihm sollte der Seminaristenhochmut zu
gemeingefährlichem Ausbruch gekommen sein Wohl entsann er sich in eigenster
Person was ihn in diesem Augenblick ein wenig verstimmte gelegentlich sehr
Ähnliches gesagt zu haben Aber doch immer nur scherzhaft Und wenn zwei
dasselbe tun so ist es nicht mehr dasselbe Traf dieser Satz je zu so hier Er
erhob sich also mit einiger Anstrengung von seinem Platz ging auf Koseleger zu
schüttelte ihm die Hand und sagte »Herr Superintendent so wie Sies da sagen
so kann es nicht sein Von richtigen Altluteranern gibt es hier überhaupt
nichts und am wenigsten in Globsow die glauben sozusagen gar nichts Ich
wittere da was von Intrige Da stecken andere dahinter Bei meinem alten Baruch
ist der Pferdefuss rausgekommen aber bei meinem alten Krippenstapel ist er nicht
rausgekommen und wird auch nicht rauskommen weil er überhaupt nicht da ist
Meinen alten Krippenstapel den kenn ich«
    Koseleger Weltmann wie er war lenkte rasch ein sprach von
Konventiklerbeschränkteit und gab die Möglichkeit einer Intrige zu
    »Natürlich wird es einem schwer in diesem Erdenwinkel an derlei Dinge zu
glauben denn Intrige zählt ganz eminent zu den höheren Kulturformen Intrige
hat hier in unserer alten Grafschaft glaub ich noch keinen Boden Aber
andrerseits ist es doch freilich wahr dass heutzutage die Verwerflichkeiten ja
selbst die Verbrechen und Laster nicht bloß im Gefolge der Kultur auftreten
sondern umgekehrt ihr voranschreiten als beklagenswerte Herolde falscher
Gesittung Bedenken Sie was wir neuerdings in unsern Äquatorialprovinzen erlebt
haben Die Zivilisation ist noch nicht da und schon haben wir ihre Greuel Man
erschauert wenn man davon liest und freut sich der kleinen und alltäglichen
Verhältnisse drin der Wille Gottes uns gnädig stellte«
    Nach diesen Worten die was von einem guten Abgang hatten erhob sich
Koseleger und der Alte seinerseits seinen Arm in den des Superintendenten
einhakend »um sich« wie er sagte »auf die Kirche zu stützen« begleitete
seinen Besuch bis wieder auf die Rampe hinaus und grüßte noch mit der Hand als
der Wagen schon über die Bohlenbrücke fuhr Dann wandte er sich rasch an
Engelke der neben ihm stand und sagte
    »Engelke schade dass ich mit dir nicht wetten kann Lust hätt ich Heute
kommt noch wer du wirst es sehen Eine Woche lang lässt sich keine Katze blicken
aber wenn unser Schicksal erst mal nen Entschluss gefasst hat dann kann es sich
auch wieder nicht genug tun Man gewinnt dreimal das Große Los oder man stößt
sich dreimal den Kopp Und immer an derselben Stelle«
Es schlug zwölf als Dubslav vom Portal her wieder den Flur passierte dabei sah
er nach dem Hippenmann hinauf und zählte die Schläge »Zwölf« sagte er »und um
zwölf ist alles aus und dann fängt der neue Tag an Es gibt freilich zwei
Zwölfen und die Zwölf die da oben jetzt schlägt das is die Mittagszwölf Aber
Mittag  Wo bist du Sonne geblieben« All dem weiter nachhängend wie er
jetzt öfter tat kam er an seinen Kaminplatz und nahm eine Zeitung in die Hand
Er sah jedoch kaum drauf hin und beschäftigte sich während er zu lesen schien
eigentlich nur mit der Frage »wer wohl heute noch kommen könne« und dabei
neben andren Personen aus seiner Umgebung auch an Lorenzen denkend kam er zu
dem Schlussresultat dass ihm Lorenzen »mit all seinem neuen Unsinn« doch am Ende
lieber sei als Koseleger mit seinen Heilsgütern von denen er wohl zwei
dreimal gesprochen hatte »Ja die Heilsgüter die sind ganz gut Versteht sich
Ich werde mich nicht so versündigen Die Kirche kann was is was und der alte
Luther nu der war schon ganz gewiss was weil er ehrlich war und für seine
Sache sterben wollte Nahe dran war er Eigentlich kommts doch immer bloß
darauf an dass einer sagt dafür sterb ich Und es dann aber auch tut Für was
is beinah gleich Dass man überhaupt so was kann wie sich opfern das ist das
Große Kirchlich mag es ja falsch sein was ich da so sage aber was sie jetzt
sittlich nennen und manche sagen auch schönheitlich aber das is ein zu dolles
Wort also was sie jetzt sittlich nennen so bloß auf das hin angesehen da is
das persönliche Sicheinsetzen und FürwassterbenKönnen und Wollen doch das
Höchste Mehr kann der Mensch nich Aber Koseleger Der will leben«
    Und während er noch so vor sich hin seinen Faden spann war sein gutes altes
Faktotum eingetreten an das er denn auch ohne weiteres und bloß zu eigenem
Ergötzen die Frage richtete »Nich wahr Engelke«
    Der aber hörte gar nichts mehr so sehr war er in Verwirrung und stotterte
nur aus sich heraus »Ach Gott gnädger Herr nu is es doch so gekommen«
    »Wie Was«
    »Die Frau Gemahlin von unserm Herrn Oberförster«
    »Was Die Prinzessin«
    »Ja die Frau Katzler Durchlaucht«
    »Alle Wetter Engelke  Da haben wirs Aber ich hab es ja gesagt ich
wußt es Wie so n Tag anfängt so bleibt er so geht es weiter Und wie das
hier durcheinanderliegt alles wie Kraut und Rüben Nimm die Zudecke weg ach
was Zudecke die reine Pferdedecke wir müssen eine andre haben Und nimm auch
die grünen Tropfen weg dass es nicht gleich aussieht wie ne Krankenstube 
Die Prinzessin  Aber rasch Engelke flink  Ich lasse bitten ich lasse
die Frau Oberförsterin bitten«
    Dubslav rückte sich so gut es ging zurecht im übrigen aber hielt ers in
seinem desolaten Zustande doch für besser in seinem Rollstuhl zu bleiben als
der Prinzessin entgegenzugehn oder sie durch ein Sicherheben von seinem Sitz
mehr oder weniger feierlich zu begrüßen Ermyntrud passte sich seinen Intentionen
denn auch an und gab durch eine gemessene Handbewegung zu verstehen dass sie
nicht zu stören wünsche Gleich danach legte sie den rechten Arm auf die Lehne
eines nebenstehenden Stuhles und sagte »Ich komme Herr von Stechlin um nach
Ihrem Befinden zu fragen Katzler« sie nannte ihn unter geflissentlichster
Vermeidung des allerdings plebejen »mein Mann« immer nur bei seinem
Familiennamen »hat mir von Ihrem Unwohlsein erzählt und mir Empfehlungen
aufgetragen Ich hoffe es geht besser«
    Dubslav dankte für soviel Freundlichkeit und bat das um ihn her herrschende
Übermaß von Unordnung entschuldigen zu wollen »Wo die weibliche Hand fehlt
fehlt alles« Er fuhr so noch eine Weile fort in allerlei Worten und Wendungen
wie sie ihm von alter Zeit her geläufig waren eigentlich aber war er wenig bei
dem was er sagte sondern hing ausschließlich an dem halb Nonnen halb
Heiligenbildartigen ihrer Erscheinung das durch einen großen aus mattweissen
Kugeln bestehenden Halsschmuck samt Elfenbeinkreuz noch gesteigert wurde Sie
musste jedem auch dem Kritischsten auffallen und Dubslav der  sosehr er
dagegen ankämpfte  ganz unter der Vorstellung ihrer Prinzessinnenschaft stand
vergaß auf Augenblicke Krankheit und Alter und fühlte sich nur noch als Ritter
seiner Dame Dass sie stehen blieb war ihm im ersten Augenblicke störend bald
aber war es ihm recht weil ihm einleuchtete dass ihr »Bild« erst dadurch zu
voller Wirkung kam Ermyntrud selbst war sich dessen auch voll bewusst und Frau
genug auf diese Vorzüge nicht ohne Not zu verzichten
    »Ich höre dass Doktor Sponholz den ich als Arzt sehr schätzen gelernt habe
seine Kranken während er in Pfäffers ist einem jungen Stellvertreter
anvertraut hat Junge Ärzte sind meist klüger als die alten aber doch weniger
Ärzte Man bringt außerdem dem Alter mehr Vertrauen entgegen Alte Doktoren sind
wie Beichtiger vor denen man sich gern offenbart Freilich können sie den
geistlichen Zuspruch nicht voll ersetzen der in jeder ernstlichen Krankheit
doch das eigentlich Heilsame bleibt Ärzte selbst  ich hab einen Teil meiner
Jugend in einem Diakonissenhause verbracht  Ärzte selbst wenn sie ihren Beruf
recht verstehen urteilen in diesem Sinne Sogenannte Medikamente sind und
bleiben ein armer Notbehelf alle wahre Hilfe fließt aus dem Wort Aber
freilich das richtige Wort wird nicht überall gesprochen«
    Dubslav sah etwas unruhig um sich her Es war ganz klar dass die Prinzessin
gekommen war seine Seele zu retten Aber woher kam ihr die Wissenschaft dass
seine Seele dessen bedürftig sei Das verlohnte sich doch in Erfahrung zu
bringen und so bezwang er sich denn und sagte »Gewiss Durchlaucht das Wort
ist die Hauptsache Das Wort ist das Wunder es lässt uns lachen und weinen es
erhebt uns und demütigt uns es macht uns krank und macht uns gesund Ja es gibt
uns erst das wahre Leben hier und dort Und dies letzte höchste Wort das haben
wir in der Bibel Daher nehm ichs Und wenn ich manches Wort nicht verstehe
wie wir die Sterne nicht verstehen so haben wir dafür die Deuter«
    »Gewiss Aber es gibt der Deuter so viele«
    »Ja« lachte Dubslav »und wer die Wahl hat hat die Qual Aber ich
persönlich ich habe keine Wahl Denn genauso wie mit dem Körper so steht es
für mich auch mit der Seele Man behilft sich mit dem was man hat Nehm ich da
zunächst meinen armen elenden Leib Da sitzt es mir hier und steigt und drückt
und quält mich und ängstigt mich und wenn die Angst groß ist dann nehm ich die
grünen Tropfen Und wenn es mich immer mehr quält dann schick ich nach Gransee
hinein und dann kommt Sponholz Das heißt wenn er gerade da ist Ja dieser
Sponholz ist auch ein Wissender und ein Deuter Sehr wahrscheinlich dass es
klügere und bessere gibt aber in Ermangelung dieser besseren muss er für mich
ausreichen«
    Ermyntrud nickte freundlich und schien ihre Zustimmung ausdrücken zu wollen
    »Und« fuhr Dubslav fort »ich muss es wiederholen genauso wie mit dem Leib
so auch mit der Seele Wenn sich meine arme Seele ängstigt dann nehm ich mir
Trost und Hilfe so gut ich sie gerade finden kann Und dabei denk ich dann der
nächste Trost ist der beste Den hat man am schnellsten und wer schnell gibt
der gibt doppelt Eigentlich muss man es lateinisch sagen Ich rufe mir Sponholz
weil ich ihn wenn benötigt in ziemlicher Nähe habe den andern aber den Arzt
für die Seele den hab ich glücklicherweise noch näher und brauche nicht mal
nach Gransee hineinzuschicken Alle Worte die von Herzen kommen sind gute
Worte und wenn sie mir helfen und sie helfen mir so frag ich nicht viel
danach ob es sogenannte richtige Worte sind oder nicht«
    Ermyntrud richtete sich höher auf ihr bis dahin verbindliches Lächeln war
sichtlich in raschem Hinschwinden
    »Überdies« so schloss Dubslav seine Bekenntnisrede »was sind die richtigen
Worte Wo sind sie«
    »Sie haben sie Herr von Stechlin wenn Sie sie haben wollen Und Sie haben
sie nah wenn auch nicht in Ihrer unmittelbarsten Nähe Mich persönlich haben
diese Worte während schwerer Tage gestützt und aufgerichtet Ich weiß er hat
Feinde voran im eignen Lager Und diese Feinde sprechen von schönen Worten
Aber soll ich mich einem Heilswort verschließen weil es sich in Schönheit
kleidet Soll ich eine mich segnende Hand zurückweisen weil es eine weiche Hand
ist Sie haben Sponholz genannt Unser Superintendent liegt wohl weit über
diesen hinaus und wenn es nicht eitel und vermessen wäre würd ich eine gnädge
Fügung darin zu sehen glauben dass er an diese sterile Küste verschlagen werden
musste gerade mir eine Hilfe zu sein Aber was er an mir tat kann er auch an
andern tun Er hat eben das was zum Siege führt wer die Seele hat hat auch
den Leib«
    Unter diesen Worten war Ermyntrud von ihrem Stuhl an Dubslav herangetreten
und neigte sich über ihn um ihm halb wie segnend die Stirn zu küssen Das
Elfenbeinkreuz berührte dabei seine Brust Sie ließ es eine Weile da ruhen Dann
aber trat sie wieder zurück und sich zweimal unter hoheitsvollem Gruß
verneigend verließ sie das Zimmer Engelke der draußen im Flur stand eilte
vorauf ihr beim Einsteigen in den kleinen Katzlerschen Jagdwagen behilflich zu
sein
    Als Dubslav wieder allein war nahm er das Schüreisen das grad vor ihm auf
dem Kaminstein lag und fuhr in die halb niedergebrannten Scheite Die Flamme
schlug auf und etliche Funken stoben »Arme Durchlaucht Es ist doch nicht gut
wenn Prinzessinnen in Oberförsterhäuser einziehn Sie sind dann aus ihrem
Fahrwasser heraus und greifen nach allem möglichen um in der selbstgeschaffenen
Alltäglichkeit nicht unterzugehn Einen bessern Trostspender als Koseleger
konnte sie freilich nicht finden er gab ihr den Trost dessen er selber
bedürftig ist Im übrigen mag sie sich aufrichten lassen von wem sie will Der
Alte auf Sanssouci mit seinem NachdereignenFaçonseligWerden hats auch
darin getroffen Gewiss Aber wenn ich euch eure Façon lasse so lasst mir auch
die meine Wollt nicht alles besser wissen kommt mir nicht mit Anzettelungen
erst gegen meinen guten Krippenstapel der kein Wässerchen trübt und nun gar
gegen meinen klugen Lorenzen der euch alle in die Tasche steckt An ihn
persönlich wagen sie sich nicht ran und da kommen sie nun zu mir und wollen
mich umstimmen und denken weil ich krank bin muss ich auch schwach sein Aber
da kennen sie den alten Stechlin schlecht und er wird nun wohl seinen
märkischen Dickkopf aufsetzen Auch sogar gegen IppeBüchsenstein und die
Elfenbeinkugeln die ja schon der reine Rosenkranz sind Und es wird auch noch
so was Eigentlich bin ich übrigens selber schuld Ich habe mir durch den
prinzesslichen Augenaufschlag und die vier Kindergräber im Garten zu sehr
imponieren lassen Aber es fällt doch allmählich wieder ab und ein Glück dass
ich meinen Engelke habe«
    Vor Erregung war er aus seinem Rollstuhl aufgestanden und drückte auf den
Klingelknopf »Engelke geh zu Lorenzen und sag ihm ich ließ ihn bitten Der
soll dann aber heut auch der letzte sein Denke dir Engelke sie wollen mich
bekehren«
    »Aber gnädger Herr das is ja doch das Beste«
    »Gott nu fängt der auch noch an«
 
                           Achtunddreissigstes Kapitel
Lorenzen kam nicht er war nach Rheinsberg wo die Geistlichen aus dem östlichen
Teil der Grafschaft eine Konferenz hatten Aber statt Lorenzen kam Doktor
Moscheles und sprach von allem möglichen erst ganz kurz von Dubslavs Zustand
den er nicht gut und nicht schlecht fand dann von Koseleger von Katzler auch
von Sponholz von dem ein Brief eingetroffen war am ausführlichsten aber von
Rechtsanwalt Katzenstein und von Torgelow »Ja dieser Torgelow« sagte
Moscheles »Es war ein Missgriff ihn zu wählen Und wenn es noch nötig gewesen
wäre wenn die Partei keinen Besseren gehabt hätte Aber da haben sie denn doch
noch ganz andre Leute« Dubslav war davon wenig angenehm berührt weil er aus
der persönlichen Niedrigstellung Torgelows die Hochstellung der Torgelowschen
Partei heraushörte
    Der Besuch hatte wohl eine halbe Stunde gedauert Als Moscheles wieder fort
war sagte Dubslav »Engelke wenn er wiederkommt so sag ihm ich sei nicht da
Das wird er natürlich nicht glauben weiß er doch am besten dass ich an mein
Zimmer und meinen Rollstuhl gebunden bin Aber trotzdem ich mag ihn nicht Es
war eine Dummheit von Sponholz sich grade diesen auszusuchen solchen
Allerneuesten der nach Sozialdemokratie schmeckt und dabei seinen Stock so
sonderbar anfasst immer grad in der Mitte Und dazu auch noch nen roten
Schlips«
    »Es sind aber schwarze Käfer drin«
    »Ja die sind drin aber ganz kleine Das machen sie so damit es nicht
jeder gleich merkt wes Geistes Kind so einer ist und wohin er eigentlich
gehört Aber ich merk es doch auch wenn er an Kaiser Wilhelms Geburtstag mit
ner papiernen Kornblume kommt Also du sagst ihm ich sei nicht da«
    Engelke widersprach nicht hatte jedoch so seine Gedanken dabei »Der alte
Doktor ist weg und den neuen will er nicht Un den aus Wutz will er auch nich
weil der soviel mit der Domina zusammenhockt Un dabei kommt er doch immer mehr
runter Er denkt Es is noch nich so schlimm Aber es is schlimm Is genauso wie
mit Bäcker Knaack Un Kluckhuhn sagte mir schon vorige Woche Engelke glaube
mir es wird nichts ich weiß Bescheid«
Das war am Montag Am Freitag fuhr Moscheles wieder vor und verfärbte sich als
Engelke sagte »der gnädge Herr sei nicht da«
    »So so Nicht da«
    Das war doch etwas stark Moscheles stieg also wieder auf seinen Wagen und
bestärkte sich während er nach Gransee zurückfuhr in seinen durchaus
ablehnenden Anschauungen über den derzeitigen Gesellschaftszustand »Einer ist
wie der andre Was wir brauchen is ein Generalkladderadatsch Krach tabula
rasa« Zugleich war er entschlossen von einem erneuten Krankenbesuch
abzustehen »Der gnädge Herr auf von und zu Stechlin kann mich ja rufen
lassen wenn er mich braucht Hoffentlich unterlässt ers«
    Dieser Wunsch erfüllte sich denn auch Dubslav ließ ihn nicht rufen wiewohl
guter Grund dazu gewesen wäre denn die Beschwerden wuchsen plötzlich wieder
und wenn sie zeitweilig nachliessen waren die geschwollenen Füße sofort wieder
da Engelke sah das alles mit Sorge Was blieb ihm noch vom Leben wenn er
seinen gnädgen Herrn nicht mehr hatte Jeder im Haus missbilligte des Alten
Eigensinn und Martin als er eines Tages vom Stall her in die nebenan gelegene
niedrige Stube trat wo seine Frau Kartoffeln schälte sagte zu dieser »Ick
weet nich Mutter worüm he den jungschen Dokter rutgrulen däd De Jungsche is
doch klöger as de olle Sponholz is Doa möt man blot de Globsower über
Sponholzen hüren Joa oll Sponholz so seggen se de is joa sowiet ganz good
awers he seggt man ümmer Kinnings krank is he egentlich nich he brukt man
blot ne Supp mit en beten wat in Joa Sponholz de kann so wat seggen de
hett wat dato Awers de Globsower Wo salln de ne Supp herkregen mit en beten
wat in«
    So verging Tag um Tag und Dubslav dem herzlich schlecht war sah nun
selber dass er sich in jedem Punkt übereilt hatte Moscheles war doch immerhin
ein richtiger Stellvertreter gewesen und wenn er jetzt einen andern nahm so
traf das Sponholzen auch mit Und das mocht er nicht In dieser Notlage sann er
hin und her und eines Tages als er mal wieder in rechter Bedrängnis und
Atemnot war rief er Engelke und sagte »Engelke mir is schlecht Aber rede mir
nich von dem Doktor Ich mag unrecht haben aber ich will ihn nicht Sage wie
steht das eigentlich mit der Buschen Die soll ja doch letzten Herbst uns
Kossät Rohrbeckens Frau wieder auf die Beine gebracht haben«
    »Ja die Buschen«
    »Na was meinst du«
    »Ja die Buschen die weiß Bescheid Versteht sich Man bloß dass sie ne
richtige alte Hexe is und um Walpurgis weiß keiner wo sie is Und die Mächens
gehen sonnabends auch immer hin wenns schummert und Uncke hat auch schon
welche notiert und beim Landrat Anzeige gemacht Aber sie streiten alle Stein
und Bein und ein paar haben auch schon geschworen sie wüssten von gar nichts«
    »Kann ich mir denken und vielleicht wars auch nich so schlimm Und dann
Engelke wenn du meinst dass sie so gut Bescheid weiß da wärs am Ende das
beste du gingst mal hin oder schicktest wen Denn deine alten Beine wollen auch
nich mehr so recht und außerdem is Schlackerwetter Und wenn du mir auch noch
krank wirst so hab ich ja keine Katze mehr die sich um mich kümmert Woldemar
is weit weg Und wenn er auch in Berlin wäre da hat er ja doch seinen Dienst
und seine Schwadron und kann nich den ganzen Tag bei seinem alten Vater sitzen
Und außerdem Krankenpflegen ist überhaupt was Schweres darum haben die
Katholiken auch nen eignen Segen dafür Ja die verstehen es So was verstehen
sie besser als wir«
    »Nei gnädger Herr besser doch wohl nich«
    »Na lassen wirs So was is immer schwer festzustellen und weil heutzutage
so vieles schwer festzustellen ist haben sich ja die Menschen auch das
angeschafft was sie ne Enquete nennen Keiner kann sich freilich so recht was
dabei denken Ich gewiss nicht Weißt du was es ist«
    »Nei gnädger Herr«
    »Siehst du Du bist eben ein vernünftiger Mensch das merkt man gleich und
hast auch ein Einsehn davon dass es eigentlich am besten wäre wenn ich zu der
Buschen schicke Was die Leute von ihr reden geht mich nichts an Und dann bin
ich auch kein Mächen Und Uncke wird mich ja wohl nicht aufschreiben«
    Engelke lächelte »Na gnädger Herr dann werd ich man unten mit unse
Mamsell Pritzbur sprechen die kann denn die lütte Marie rausschicken Marieken
is letzten Michaelis erst eingesegnet aber sie war auch schon da«
    Noch an demselben Nachmittag erschien die Buschen im Herrenhause Sie hatte
sich für den Besuch etwas zurechtgemacht und trug ihre besten Kleider auch ein
neues schwarzes Kopftuch Aber man konnte nicht sagen dass sie dadurch gewonnen
hätte Fast im Gegenteil Wenn sie so mit nem Sack über die Schulter oder mit
ner Kiepe voll Reisig aus dem Walde kam sah man nichts als ein altes armes
Weib jetzt aber wo sie bei dem alten Herrn eintrat und nicht recht wusste
warum man sie gerufen sah man ihr die Verschlagenheit an und dass sie für all
und jedes zu haben sei
    Sie blieb an der Tür stehen
    »Na Buschen kommt man ran oder stellt Euch da ans Fenster dass ich Euch
besser sehen kann Es ist ja schon ganz schummrig«
    Sie nickte
    »Ja mit mir is nich mehr viel los Buschen Und nu is auch noch Sponholz
weg Und den neuen Berlinschen den mag ich nicht Ihr sollt ja Kossät
Rohrbeckens Frau damals wieder auf die Beine gebracht haben Mit mir is es auch
so was Habt Ihr Kourage mich in die Kur zu nehmen Ich zeig Euch nicht an
Wenn einem einer hilft is das andre alles gleich Also nichts davon Und es
soll Euer Schaden nicht sein«
    »Ick weet joa jnädger Herr Se wihren joa nich Un denn de Lüd de
denken ümmer ick kann hexen un all so wat Ick kann awer joar nix un hebb man
blot en beten Liebstöckel un Wacholder un Allermannsharnisch Un alles blot
wiet sinn muss Un de Gerichten können mi nix dohn«
    »Is mir lieb Und geht mich übrigens auch nichts an Mit so was komm ich
Euch nich Kann Gerichte selber nich gut leiden Und nu sagt mir Buschen wollt
Ihr den Fuß sehen Einer is genug Der andre sieht ebenso aus Oder doch beinah«
    »Nei jnädger Herr Loaten S man Ick weet joa wi dat is Ihrst sitt et
hier up de Bost un denn sackt et sich un denn sitt et hier unnen Un is all
een un dat sülwige Dat möt allens rut un wenn et rut is denn drückt et nich
mihr un denn künnen Se wedder gapsen«
    »Gut Leuchtet mir ein Et muss rut sagt Ihr Und das sag ich auch Aber
womit wollt Ihrs rutbringen Das is die Sache Welche Mittel welche Wege«
    »Joa de Mittel hebb ick Un hebben wi ihrst de Mittel denn finnen sich ook
de Weg Ick schick hüt noch Agnessen mit twee Tüten Agnes dat is Karlinen ehr
lütt Deern«
    »Ich weiß ich weiß«
    »Un Agnes de sall denn unnen in de Küch goahn to Mamsell Pritzbur un de
Pritzburn de sall denn den Tee moaken för n jnädgen Herrn Morgens ut de
witte Tüt un abens ut de blue Tüt Un ümmer man nen gestrichnen Esslöffel vull
un nich to veel Woater awers bullern möt et Un wenn de Tüten all sinn denn is
et rut Dat Woater nimmt dat Woater weg«
    »Na gut Buschen Wir wollen das alles so machen Und ich bin nicht bloß ein
geduldiger Kranker ich bin auch ein gehorsamer Kranker Nun will ich aber bloß
noch wissen was Ihr mir da in Euren Tüten schicken wollt in der weißen und in
der blauen Is doch kein Geheimnis«
    »Nei jnädger Herr«
    »Na also«
    »In de witte Tüt is Bärlapp un in de blue Tüt is wat de Lüd hier
Katzenpoot nennen«
    »Versteh versteh« lächelte Dubslav und dann sprach er wie zu sich selbst
»Nu ja nu ja das kann schon helfen Dazwischen liegt eigentlich die ganze
Weltgeschichte Mit Bärlapp zum Einstreuen fängt die süße Gewohnheit des Daseins
an und mit Katzenpfötchen hört es auf So verläuft es Katzenpfötchen die
gelben Blumen draus sie die letzten Kränze machen Na wir wollen sehen«
An demselben Abend kam Agnes und brachte die beiden Tüten und es geschah was
beinah über alles Erwarten hinaus lag es wurde wirklich besser Die Geschwulst
schwand und Dubslav atmete leichter »Dat Woater nimmt dat Woater« an diesem
Hexenspruch  den er wenn er mit Engelke plauderte gern zitierte  richteten
sich seine Hoffnungen und seine Lebensgeister wieder auf Er war auch wieder für
Bewegung und ließ wenn es das Wetter irgendwie gestattete seinen Rollstuhl
nicht bloß auf die Veranda hinausschieben sondern fuhr auch um das Rundell
herum und sah dem kleinen Springbrunnen zu der wieder sprang Ja es kam ihm
vor als ob er höher spränge »Findest du nich auch Engelke Vor vier Wochen
wollt er nich Aber es geht jetzt wieder Alles geht wieder und es ist
eigentlich dumm ohne Hoffnung zu leben wozu hat man sie denn«
    Engelke nickte bloß und legte die Zeitungen die gekommen waren auf einen
neben dem Frühstückstisch stehenden Gartenstuhl zuunterst die »Kreuzzeitung«
als Fundament auf diese dann die »Post« und zuletzt die Briefe Die meisten
waren offen Anzeigen und Anpreisungen nur einer war geschlossen ja sogar
gesiegelt Poststempel Berlin »Gib mir mal das Papiermesser dass ich ihn
manierlich aufschneiden kann Er sieht nach was aus und die Handschrift is wie
von ner Dame bloß ein bisschen zu dicke Grundstriche«
    »Is am Ende von der Gräfin«
    »Engelke« sagte Dubslav »du wirst mir zu klug Natürlich is er von der
Gräfin Hier is ja die Krone«
    Wirklich es war ein Brief von Melusine samt einer Einlage Melusinens
Zeilen aber lauteten am Schluss »Und nun bitt ich Ihnen einen Brief beilegen zu
dürfen den unsre liebe Baronin Berchtesgaden gestern aus Rom erhalten hat und
zwar von Armgard deren volles Glück ich aus diesem Brief und allerhand kleinen
ihrem Charakter eigentlich fernliegenden Übermütigkeiten erst so recht ersehn
habe«
    Dubslav nickte Dann nahm er die Einlage und las
                                                                   »Rom im März
Teuerste Baronin
    An wen könnt ich von hier aus lieber schreiben als an Sie Vatikan und
Lateran und Grabmal Pio Nonos und wenn ich Glück habe bin ich auch noch mit
dabei wenn am Gründonnerstage der große Segen gespendet wird Man muss eben
alles mitnehmen Von Rom zu schwärmen ist geschmacklos und überflüssig dazu
weil man an die Schwärmerei seiner Vorgänger doch nie heranreicht Aber von
unserer Reise will ich Ihnen statt dessen erzählen Wir nahmen den Weg über den
Brenner und waren am selben Abend noch in Verona Torre di Londra Was mich
anderntags in der Kapuletti und MontecchiStadt am meisten interessierte war
ein großer Parkgarten der Giardino Giusti mit über zweihundert Zypressen alle
fünfhundert Jahre alt und viele beinah so hoch wie das Berliner Schloss Ich ging
mit Woldemar auf und ab und dabei berechneten wir uns ob wohl die schöne Julia
hier auch schon auf und ab gegangen sei Nur eins störte uns Zu solcher
Prachtavenue von Trauerbäumen gehört als Abschluss notwendig ein Mausoleum Das
fehlt aber Im Giardino Giusti trafen wir Hauptmann von Gaza vom ersten
Garderegiment der von Neapel kommend bereits alle Schönheit Italiens gesehen
hatte Wir fragten ihn ob Verona wie einem beständig versichert wird wirklich
die italienischste der italienischen Städte sei Hauptmann von Gaza lachte Von
Potsdam so meinte er könne man vielleicht sagen dass es die preussischste Stadt
sei Aber Verona die italienischste Nie und nimmer
    Über das vielgefeierte Venedig an dieser Stelle nur das eine Unser Hotel
lag in Nähe einer mit Barock überladenen Kirche San Mosé Dass es einen Sankt
Moses gibt war mir fremd und verwunderlich zugleich Aber gleich danach dacht
ich an unsere Gendarmentürme und war beruhigt Moses geht doch immer noch vor
Gendarm
    Florenz überspring ich und erzähle Ihnen dafür lieber vom Trasimenischen
See den wir auf unserer Eisenbahnfahrt passierten Woldemar ein ganz klein
wenig TaschenMoltke mochte nicht darauf verzichten den großen Hannibal auf
Herz und Nieren zu prüfen und so stiegen wir denn in Nähe des Sees aus an
einer kleinen Station die glaub ich BorghettoTuoro heißt Es war auch für
einen Laien über Erwarten interessant und selbst ich die ich sonst gar keinen
Sinn für derlei Dinge habe verstand alles und fand mich leicht in jeglichem
zurecht Ja ich hatte das Gefühl dass ich in diesem hochgelegenen Engpass
ebenfalls über die Römer gesiegt haben würde Der See hat viele Zu und
Abflüsse Einer dieser Abflüsse mehr Kanal als Fluss nennt sich der Emissarius
was mich sehr erheiterte Noch interessanter aber erschien mir ein anderer
Flusslauf der weil er am Schlachttage von Blut sich rötete der Sanguinetto
heißt Das Diminutiv steigert hier ganz entschieden die Wirkung Der See ist
übrigens sehr groß zehn Meilen Umfang und dabei flach weshalb der erste
Napoleon ihn auspumpen lassen wollte Da hätte sich dann ein neues Herzogtum
gründen lassen«
    »Schau schau« sagte der alte Dubslav »wer der blassen Komtesse das
zugetraut hätte Ja reisen und in den Krieg ziehen da lernt man da wird man
anders«
    Und er legte den Brief beiseite
    Zugleich aber war ein stilles Behagen über ihn gekommen und er überdachte
wie manche Freude das Leben doch immer noch habe Vor ihm in den Parkbäumen
schlugen die Vögel und ein Buchfink kam bis auf den Tisch und sah ihn an ganz
ohne Scheu Das tat ihm ungemein wohl »Etwas ganz besonders Schönes im Leben
ist doch das Vertrauen und wenns auch bloß ein Piepvogel is ders einem
entgegenbringt Einige haben eine schwarze Milz und sagen alles sei von Anfang
an auf Mord und Totschlag gestellt Ich kann es aber nicht finden«
    Engelke kam um abzuräumen »Is ein schöner Tag heut« sagte Dubslav »und
die Krokusse kommen auch schon raus Eigentlich hab ich nich geglaubt dass ich
so was Hübsches noch mal sehen würde Und wenn ich dann denke dass ich das alles
der Buschen verdanke Merkwürdige Welt Sponholz hatte bloß immer seine grünen
Tropfen und Moscheles hatte nichts als seinen ewigen Torgelow und nu kommt die
Buschen und mit einem Mal is es besser Ja wirklich merkwürdig Und nu krieg
ich auch noch wenn auch bloß leihweise solchen hübschen Brief von einer
hübschen jungen Frau Noch dazu Schwiegertochter Ja Engelke so gehts nich
zu glauben Und da hättest du vorhin den Buchfinken sehen sollen wie mich der
ansah Bloß als du kamst da flog er weg er muss sich vor dir gegrault haben«
    »Ach gnädger Herr vor mir grault sich keine Kreatur«
    »Will dirs glauben Und du sollst sehen heute haben wir nen guten Tag und
es kommt auch noch wer an dem man sich freuen kann Wie mir schlecht war da
kam Koseleger und die Prinzessin Aber heute kam ein Buchfink Und ich bin ganz
sicher der hat noch ein Gefolge«
Dubslavs Ahnungen behielten recht und als der Nachmittag da war kam Lorenzen
der sich seitdem der Alte seinen Katzenpfötchentee trank nur selten und immer
bloß flüchtig hatte sehen lassen Aber das war rein zufällig und sollte nicht
eine Missbilligung darüber ausdrücken dass sich der Alte bei der Buschen in die
Kur gegeben
    »Nun endlich« empfing ihn Dubslav als Lorenzen eintrat »Wo bleiben Sie
Da heißt es immer wir Junker wären kleine Könige Ja wers glaubt Alle
kleinen Könige haben ein Kortège das sich in Huldigungen und Purzelbäumen
überschlägt Aber von solchem Gefolge habe ich noch nicht viel gesehen Baruch
ist freilich hiergewesen und dann Koseleger und dann die Prinzessin aber der
der so halb ex officio kommen sollte der kommt nicht und schickt höchstens mal
die Kulicke oder die Elfriede mit ner Anfrage Sterben und verderben kann man
Und das heißt dann Seelsorge«
    Lorenzen lächelte »Herr von Stechlin Ihre Seele macht mir trotz dieser
meiner Vernachlässigung keine Sorge denn sie zählt zu denen die jeder
Spezialempfehlung entbehren können Lassen Sie mich sehr menschlich ja für
einen Pfarrer beinah lästerlich sprechen Aber ich muss es Ich lebe nämlich der
Überzeugung der liebe Gott wenn es mal soweit ist freut sich Sie
wiederzusehen Ich sage wenn es soweit ist Aber es ist noch nicht soweit«
    »Ich weiß nicht Lorenzen ob Sie recht haben Jedenfalls aber befind ich
mich in meinem derzeitig erträglichen Zustande nur mit Hilfe der Buschen und ob
mich das nach obenhin besonders empfehlen kann ist mir zweifelhaft Aber lassen
wir die heikle Frage Erzählen Sie mir lieber etwas recht Hübsches und Heiteres
auch wenn es nebenher etwas ganz Altes ist etwa das was man früher Miszellen
nannte Das ist mir immer das liebste gewesen und ist es noch Was ich da so in
den Zeitungen lese voran das Politische das weiß ich schon immer alles und
was ich von Engelke höre das weiß ich auch Beiläufig  natürlich nur vom
alleregoistischsten Zeitungsleserstandpunkt aus  ein wahres Glück dass es
Unglücksfälle gibt sonst hätte man von der Zeitungslektüre so gut wie gar
nichts Aber Sie Sie lesen auch sonst noch allerlei mitunter sogar Gutes
freilich nur selten und haben ein wundervolles Gedächtnis für
Räubergeschichten und Anekdoten aus allen fünf Weltteilen Außerdem sind Sie
FridericusRexMann was ich Ihnen eigentlich am höchsten anrechne denn die
FridericusRexLeute die haben alle Herz und Verstand auf dem rechten Fleck
Also suchen Sie nach irgendwas der Art nach einer alten Zieten oder
Blücheranekdote kann meinetwegen auch Wrangel sein  ich bin dankbar für alles
Je schlechter es einem geht je schöner kommt einem so was kavalleristisch
Frisches und Übermütiges vor Ich spiele mich persönlich nicht auf Heldentum
aus Renommieren ist ein elendes Handwerk aber das darf ich sagen ich liebe
das Heldische Und Gott sei Dank kommt dergleichen immer noch vor«
    »Gewiss kommt so was immer noch vor Aber Herr von Stechlin all dies
Heldische«
    »Nun aber Lorenzen Sie werden doch nicht gegen das Heldische sein Soweit
sind Sie doch noch nicht Und wenn es wäre da würd ich ernstlich böse«
    »Das lässt Ihre Güte nicht zu«
    »Sie wollen mich einfangen Aber diesmal glückt es nicht Was haben Sie
gegen das Heldische«
    »Nichts Herr von Stechlin gar nichts Im Gegenteil Heldentum ist gut und
groß Und unter Umständen ist es das Allergrösste Lasse mir also den
Heroenkultus durchaus gefallen das heißt den echten und rechten Aber was Sie
da von mir hören wollen das ist Verzeihung für das Wort ein Heldentum zweiter
Güte Mein Heldentum  soll heißen was ich für Heldentum halte  das ist nicht
auf dem Schlachtfelde zu Hause das hat keine Zeugen oder doch immer nur solche
die mit zugrunde gehen Alles vollzieht sich stumm einsam weltabgewandt
Wenigstens als Regel Aber freilich wenn die Welt dann ausnahmsweise davon
hört dann horch ich mit auf und mit gespjetzterem Ohr wie ein Kavalleriepferd
das die Trompete hört«
    »Gut Meinetwegen Aber Beispiele«
    »Kann ich geben Da sind zunächst die fanatischen Erfinder die nicht
ablassen von ihrem Ziel unbekümmert darum ob ein Blitz sie niederschlägt oder
eine Explosion sie in die Luft schleudert da sind des weiteren die großen
Kletterer und Steiger seis in die Höh seis in die Tiefe da sind zum dritten
die die den Meeresgrund absuchen wie ne Wiese und da sind endlich die
Weltteildurchquerer und die Nordpolfahrer«
    »Ach der ewige Nansen Nansen der weil er die diesseits verlorene Hose
jenseits in Grönland wiederfand auf den Gedanken kam Was die Hose kann kann
ich auch Und daraufhin fuhr er über den Pol Oder wollte wenigstens«
    Lorenzen nickte
    »Nun ja das war klug gedacht Und dass dieser Nansen sich an die Sache
ranmachte das respektier ich auch wenn schließlich nichts draus wurde Bleibt
immer noch ein Bravourstück Gewiss da sitzt nu so wer im Eise sieht nichts
hört nichts und wenn wer kommt ist es höchstens ein Eisbär Indessen er freut
sich doch weil es wenigstens was Lebendiges ist Ich darf sagen ich hab einen
Sinn für dergleichen Aber trotzdem Lorenzen die Garde bei St Privat ist doch
mehr«
    »Ich weiß nicht Herr von Stechlin Echtes Heldentum oder ums noch einmal
einzuschränken ein solches das mich persönlich hinreißen soll steht immer im
Dienst einer Eigenidee eines allereigensten Entschlusses Auch dann noch ja
mitunter dann erst recht wenn dieser Entschluss schon das Verbrechen streift
Oder was fast noch schlimmer das Hässliche Kennen Sie den Kooperschen Spy Da
haben Sie den Spion als Helden Mit andern Worten ein Niedrigstes als Höchstes
Die Gesinnung entscheidet Das steht mir fest Aber es gibt der Beispiele noch
andere noch bessere«
    »Da bin ich neugierig« sagte Dubslav »Also wenns sein kann Name«
    »Name Greelei Leutnant Greelei Yankee pur sang Und im übrigen auch einer
aus der Nordpolfahrergruppe«
    »Will also sagen Nansen der Zweite«
    »Nein nicht der Zweite Was er tat war viele Jahre vor Nansen«
    »Und er kam höher hinauf Weiter nach dem Pol zu Oder waren seine
EisbärRencontres von noch ernstafterer Natur«
    »All das wurde mir nicht viel besagen Das herkömmlich Heldische fehlt in
seiner Geschichte völlig Was an seine Stelle tritt ist ein ganz andres Aber
dies andre das gerade macht es«
    »Und das war«
    »Nun denn  ich erzähle nach dem Gedächtnis und im einzelnen und
Nebensächlichen irr ich vielleicht Aber in der Hauptsache stimmt es Also
zuletzt nach langer Irrfahrt warens noch ihrer fünf Greelei selbst und vier
seiner Leute Das Schiff hatten sie verlassen und so zogen sie hin über Eis und
Schnee Sie wussten den Weg soweit sich da von Weg sprechen lässt und die Sorge
war nur ob das bisschen Proviant das sie mit sich führten Schiffszwieback und
gesalzenes Fleisch bis an die nächste menschenbewohnte Stelle reichen würde
Jedem war ein höchstes und doch zugleich auch wieder geringstes Maß als tägliche
Provision zubewilligt und wenn man dies Maß einhielt und kein Zwischenfall kam
so musst es reichen Und einer der noch am meisten bei Kräften war schleppte
den gesamten Proviant Das ging so durch Tage Da nahm Leutnant Greelei wahr
dass der Proviant schneller hinschmolz als berechnet und nahm auch wahr dass
der Proviantträger selbst wenn er sich nicht beobachtet glaubte von den
Rationen nahm Das war eine schreckliche Wahrnehmung Denn ging es so fort so
waren sie samt und sonders verloren Da nahm Greelei die drei andern beiseit und
beriet mit ihnen Eine Möglichkeit gewöhnlicher Bestrafung gab es nicht und auf
einen Kampf sich einzulassen ging auch nicht Sie hatten dazu die Kräfte nicht
mehr Und so hieß es denn zuletzt und es war Greelei der es sagte Wir müssen
ihn hinterrücks erschießen Und als sie bald nach dieser Kriegsgerichtsszene
wieder aufbrachen der heimlich Verurteilte vorn an der Tête trat Greelei von
hinten her an ihn heran und schoss ihn nieder Und die Tat war nicht umsonst
getan ihre Rationen reichten aus und an dem Tage wo sie den letzten Bissen
verzehrten kamen sie bis an eine Station«
    »Und was wurde weiter«
    »Ich weiß nicht mehr ob Greelei selbst bei seiner Rückkehr nach New York
als Ankläger gegen sich auftrat aber das weiß ich dass es zu einer großen
Verhandlung kam«
    »Und in dieser«
    » In dieser wurd er freigesprochen und im Triumph nach Hause getragen«
    »Und Sie sind einverstanden damit«
    »Mehr ich bin voll Bewunderung Greelei statt zu tun was er tat hätte zu
den Gefährten sagen können Unser Exempel wird falsch und wir gehen an des
einen Schuld zugrunde töten mag ich ihn nicht  sterben wir also alle Für
seine Person hätt er so sprechen und handeln können Aber es handelte sich nicht
bloß um ihn er hatte die Führer und die Befehlshaberrolle zugleich die
Richterpflicht und hatte die Majorität von drei gegen eine Minorität von einem
zu schützen Was dieser eine getan an und für sich ein Nichts war unter den
Umständen unter denen es geschah ein fluchwürdiges Verbrechen Und so nahm er
denn gegen die geschehene schwere Tat die schwere Gegentat auf sich In solchem
Augenblicke richtig fühlen und in der Überzeugung des Richtigen fest und
unbeirrt ein furchtbares Etwas tun ein Etwas das aus seinem Zusammenhange
gerissen allem göttlichen Gebot allem Gesetz und aller Ehre widerspricht das
imponiert mir ganz ungeheuer und ist in meinen Augen der wirkliche der wahre
Mut Schmach und Schimpf oder doch der Vorwurf des Schimpflichen haben sich
von jeher an alles Höchste geknüpft Der Bataillonsmut der Mut in der Masse
bei allem Respekt davor ist nur ein Herdenmut«
    Dubslav sah vor sich hin Er war augenscheinlich in einem Schwankezustand
Dann aber nahm er die Hand Lorenzens und sagte »Sie sollen recht haben«
 
                           Neununddreissigstes Kapitel
Dubslav hatte nach Lorenzens Besuch eine gute Nacht »Wenn man mal so was andres
hört wird einem gleich besser« Aber auch der Katzenpfötchentee fuhr fort
seine Wirkung zu tun und was dem Kranken am meisten half war dass er die
grünen Tropfen fortliess
    »Hör Engelke am Ende wird es noch mal was Wie gefallen dir meine Beine
Wenn ich drücke keine Kute mehr«
    »Gewiss gnädger Herr es wird nu wieder un das macht alles der Tee Ja
die Buschen versteht es das hab ich immer gesagt Und gestern abend als
Lorenzen hier war war auch lütt Agnes hier un hat unten in der Küche gefragt
wies denn eigentlich mit dem gnädigen Herrn stünn Und die Mamsell hat ihr
gesagt es stünde gut«
    »Na das is recht dass die Alte wie n richtiger Doktor sich um einen
kümmert und von allem wissen will Und dass sie nicht selber kommt ist noch
besser So n bisschen schlecht Gewissen hat sie doch woll Ich glaube dass sie
viel auf m Kerbholz hat und dass die Karline so is wie sie is daran is doch
auch bloß die Alte schuld Und das Kind wird vielleicht auch noch so sie dreht
sich schon wie ne Puppe und dazu das lange blonde Zoddelhaar Ich muss dabei
immer an Bellchen denken  weißt du noch als die gnädge Frau noch lebte
Bellchen hatte auch solche Haare Und war auch der Liebling Solche sind immer
Liebling Krippenstapel hör ich soll sie auch in der Schule verwöhnen Wenn
die andern ihn noch anglotzen dann schießt sie schon los Es ist ein kluges
Ding«
    Engelke bestätigte was Dubslav sagte und ging dann nach unten um dem
gnädgen Herrn sein zweites Frühstück zu holen ein weiches Ei und eine Tasse
Fleischbrühe Als er aber aus dem Gartenzimmer auf den großen Hausflur
hinaustrat sah er dass ein Wagen vorgefahren war und statt in die Küche zu
gehen ging er doch lieber gleich zu seinem Herrn zurück um mit verlegenem
Gesicht zu melden dass das gnädge Fräulein da sei
    »Wie Meine Schwester«
    »Ja das gnädge Frölen«
    »I da soll doch gleich ne alte Wand wackeln« sagte Dubslav der einen
ehrlichen Schreck gekriegt hatte weil er sicher war dass es jetzt mit Ruh und
Frieden auf Tage vielleicht auf Wochen vorbei sei Denn Adelheid mit ihren
sechsundsiebzig setzte sich nicht gern auf eine Kleinigkeit hin in Bewegung und
wenn sie die beinahe vier Meilen von Kloster Wutz her herüberkam so war das
kein Nachmittagsbesuch sondern Einquartierung Er fühlte dass sich sein ganzer
Zustand mit einem Male wieder verschlechterte und dass eine halbe Atemnot im Nu
wieder da war
    Er hatte aber nicht lange Zeit sich damit zu beschäftigen denn Engelke
öffnete bereits die Tür und Adelheid kam auf ihn zu »Tag Dubslav Ich muss
doch mal sehen Unser Rentmeister Fix ist vorgestern hier in Stechlin gewesen und
hat dabei von deinem letzten Unwohlsein gehört Und daher weiß ich es Eh du
persönlich deine Schwester so was wissen lässt oder einen Boten schickst«
    »Da muss ich schon tot sein« ergänzte der alte Stechlin und lachte »Nun
lass es gut sein Adelheid mach dirs bequem und rücke den Stuhl da heran«
    »Den Stuhl da Aber Dubslav was du dir nur denkst Das ist ja ein
Grossvaterstuhl oder doch beinah« Und dabei nahm sie statt dessen einen kleinen
leichten Rohrsessel und ließ sich drauf nieder »Ich komme doch nicht zu dir um
mich hier in einen großen Polsterstuhl mit Backen zu setzen Ich will meinen
lieben Kranken pflegen aber ich will nicht selber eine Kranke sein Wenn es so
mit mir stünde wär ich zu Hause geblieben Du rechnest immer dass ich zehn
Jahre älter bin als du Nun ja ich bin zehn Jahre älter Aber was sind die
Jahre Die Wutzer Luft ist gesund und wenn ich die Grabsteine bei uns lese
unter achtzig ist da beinah keine von uns abgegangen Du wirst erst
siebenundsechzig Aber ich glaube du hast dein Leben nicht richtig angelegt
ich meine deine Jugend als du noch in Brandenburg warst Und von Brandenburg
immer rüber nach Berlin Na das kennt man Ich habe neulich was Statistisches
gelesen«
    »Damen dürfen nie Statistisches lesen« sagte Dubslav »es ist entweder zu
langweilig oder zu interessant  und das ist dann noch schlimmer Aber nun
klingle verzeih mir wird das Aufstehn so schwer dass uns Engelke das
Frühstück bringt du kommst à la fortune du pot und musst fürliebnehmen Mein
Trost ist dass du drei Stunden unterwegs gewesen Hunger ist der beste Koch«
    Beim Frühstück das bald danach aufgetragen wurde  die Jahreszeit
gestattete dass auch eine Schale mit Kiebitzeiern aufgesetzt werden konnte 
verbesserte sich die Stimmung ein wenig Dubslav ergab sich in sein Schicksal
und Adelheid wurde weniger herbe
    »Wo hast du nur die Kiebitzeier her« sagte sie »Das ist was Neues Als ich
noch hier lebte hatten wir keine«
    »Ja die Kiebitze haben sich seit kurzem hier eingefunden an unserm
Stechlin da wo die Binsen stehen aber bloß auf der Globsower Seite Nach der
andern Seite hin wollen sie nicht Ich habe mir gedacht es sei vielleicht ein
Fingerzeig dass ich nun auch welche nach Friedrichsruh schicken soll Aber das
geht nicht dann gelt ich am Ende gleich für eingeschworen und Uncke notiert
mich Wer dreimal Kiebitzeier schickt kommt ins schwarze Buch Und das kann ich
schon Woldemars wegen nicht«
    »Is auch recht gut so Was zuviel ist ist zuviel Er soll sich ja mit der
Lucca zusammen haben photographieren lassen Und während sie da oben in der
Regierung und mitunter auch bei Hofe so was tun fordern sie Tugend und Sitte
Das geht nicht Bei sich selber muss man anfangen Und dann ist er doch auch
schließlich bloß ein Mensch und alle Menschenanbetung ist Götzendienst
Menschenanbetung ist noch schlimmer als das Goldene Kalb Aber ich weiß wohl
Götzendienst kommt jetzt wieder auf und Hexendienst auch und du sollst ja auch
 so wenigstens hat mir Fix erzählt  nach der Buschen geschickt haben«
    »Ja es ging mir schlecht«
    »Gerade wenns einem schlecht geht dann soll man Gott und Jesum Christum
erkennen lernen aber nicht die Buschen Und sie soll dir Katzenpfötchentee
gebracht haben und soll auch gesagt haben Wasser treibt das Wasser Das musst du
doch heraushören dass das ein unchristlicher Spruch ist Das ist was sie
besprechen nennen oder auch böten Und wo das alles herstammt Dubslav
Dubslav Warum bist du nicht bei den grünen Tropfen geblieben und bei
Sponholz Seine Frau war eine Pfarrerstochter aus Kuhdorf«
    
    »Hat ihr auch nichts geholfen Und nu sitzt sie mit ihm in Pfäffers einem
Schweizer Badeort und da schmoren sie gemeinschaftlich in einem Backofen Er
hat es mir selbst erzählt dass es ein Backofen is«
Der erste Tag war immerhin ganz leidlich verlaufen Adelheid erzählte von Fix
von der Schmargendorf und der Schimonski und zuletzt auch von Maurermeister
Lebenius in Berlin der in Wutz eine Ferienkolonie gründen wolle »Gott wir
kriegen dann soviel armes Volk in unsern Ort und noch dazu lauter Berliner Bälge
mit Plieraugen Aber die grünen Wiesen sollen ja gut dafür sein und unser See
soll Jod haben freilich wenig aber doch so dass mans noch gerade finden
kann« Adelheid sprach in einem fort derart dass Dubslav kaum zu Wort kommen
konnte Gelang es ihm aber so fuhr sie rasch dazwischen trotzdem sie beständig
versicherte dass sie gekommen sei ihn zu pflegen und nur wenn er auf Woldemar
das Gespräch brachte hörte sie mit einiger Aufmerksamkeit zu Freilich die
italienischen Reisemitteilungen als solche waren ihr langweilig und nur bei
Nennung bestimmter Namen unter denen »Tintoretto« und »Santa Maria Novella«
obenan standen erheiterte sie sich sichtlich Ja sie kicherte dabei fast so
vergnügt wie die Schmargendorf Ein wirkliches nicht ganz flüchtiges Interesse
wenn auch freilich kein freundliches zeigte sie nur wenn Dubslav von der
jungen Frau sprach und hinzusetzte »Sie hat so was Unberührtes«
    »Nu ja nu ja Das liegt aber doch zurück«
    »Wer keusch ist bleibt keusch«
    »Meinst du das ernstaft«
    »Natürlich mein ich es ernstaft Über solche Dinge spass ich überhaupt
nicht«
    Und nun lachte Adelheid herzlich und sagte »Dubslav was hast du nur wieder
für Bücher gelesen Denn aus dir selbst kannst du doch so was nicht haben Und
von deinem Pastor Lorenzen auch nicht Der wird ja wohl nächstens ne freie
Gemeinde gründen«
    So war der erste Tag dahingegangen Alles in allem trotz kleiner
Ärgerlichkeiten unterhaltlich genug für den Alten der unter seiner Einsamkeit
leidend meist froh war irgendeinen Plauderer zu finden auch wenn dieser im
übrigen nicht gerade der richtige war Aber das alles dauerte nicht lange Die
Schwester wurde von Tag zu Tag rechtaberischer und herrischer und griff unter
der Vorgabe »dass ihr Bruder anders verpflegt werden müsse« in alles ein auch
in Dinge die mit der Verpflegung gar nichts zu tun hatten Vor allem wollte sie
ihm den Katzenpfötchentee wegdisputieren und wenn abends die kleine Meissener
Kanne kam gab es jedesmal einen erregten Disput über die Buschen und ihre
Hexenkünste
    So waren denn noch keine acht Tage um als es für Dubslav feststand dass
Adelheid wieder fortmüsse Zugleich sann er nach wie das wohl am besten zu
machen sei Das war aber keine ganz leichte Sache da die »Kündigung« notwendig
von ihr ausgehen musste Sowenig er sich aus ihr machte so war er doch zu sehr
Mann der Form und einer feineren Gastlichkeit als dass ers zuwege gebracht
hätte seinerseits auf Abreise zu dringen
    Es war um die vierte Stunde das Wetter schön aber auch frisch Adelheid
hing sich ihren Pelzkragen um ein altes Familienerbstück und ging zu
Krippenstapel um sich seine Bienenstöcke zeigen zu lassen Sie hoffte bei der
Gelegenheit auch was über den Pastor zu hören weil sie davon ausging dass ein
Lehrer immer über den Prediger und der Prediger immer über den Lehrer zu klagen
hat Jedes Landfräulein denkt so Die Bienen nahm sie so mit in den Kauf
    Es begann zu dunkeln und als die Domina schließlich aus dem Herrenhause
fort war war das eine freie Stunde für Dubslav der nun nicht länger säumen
mochte seine Mine zu legen
    »Engelke« sagte er »du könntest in die Küche gehen und die Marie zur
Buschen schicken Die Marie weiß ja Bescheid da Und da kann sie denn der alten
Hexe sagen lütt Agnes solle heut abend mit heraufkommen und hier schlafen und
immer dasein wenn ich was brauche«
    Engelke stand verlegen da
    »Nu was hast du Bist du dagegen«
    »Nein gnädger Herr dagegen bin ich wohl eigentlich nich Aber ich schlafe
doch auch nebenan und dann is es ja wie wenn ich für gar nichts mehr da wär
und fast so gut wie schon abgesetzt Und das Kind kann doch auch nich all das
was nötig is Agnes is ja doch noch ne lütte Krabb«
    »Ja das is sie Und du sollst auch in der andern Stube bleiben und alles
tun wie vorher Aber trotzdem die Agnes soll kommen Ich brauche das Kind Und
du wirst auch bald sehen warum«
    Und so kam denn auch Agnes aber erst sehr spät als sich Adelheid schon
zurückgezogen hatte dabei nicht ahnend welche Ränke mittlerweile gegen sie
gesponnen waren Auf diese Verheimlichung kam es aber gerade an Dubslav hatte
sich nämlich wie Franz Moor  an den er sonst wenig erinnerte  herausgeklügelt
dass Überraschung und Schreck bei seinem Plan mitwirken müssten
    Agnes schlief in einer nebenan aufgestellten eisernen Bettstelle Dubslav
geradeso wie seine Schwester hatte das etwas auffällig herausgeputzte Kind bei
seinem Erscheinen im Herrenhause gar nicht mehr gesehen es trug ein langes
himmelblaues Wollkleid ohne Taille dazu Knöpfstiefel und lange rote Strümpfe 
lauter Dinge die Karline schon zu letzten Weihnachten geschenkt hatte Gleich
damals am ersten Feiertag hatte das Kind den Staat denn auch wirklich
angezogen aber bloß so still für sich weil sie sich genierte sich im Dorfe
damit zu zeigen jetzt dagegen wo sie bei dem gnädgen Herrn in Krankenpflege
gehen sollte jetzt war die richtige Zeit dafür da
    Die Nacht verging still niemand war gestört worden Um sieben erst kam
Engelke und sagte »Nu lütt Deern steih upp is all seben« Agnes war auch
wirklich wie der Wind aus dem Bett fuhr mit einem mitgebrachten Hornkamm dem
ein paar Zähne fehlten durch ihr etwas gekraustes langes Blondhaar putzte sich
wie ein Kätzchen und zog dann den himmelblauen Hänger die roten Strümpfe und
zuletzt auch die Knöpfstiefel an Gleich danach brachte ihr Engelke einen Topf
mit Milchkaffee und als sie damit fertig war nahm sie ihr Strickzeug und ging
in das große Zimmer nebenan wo Dubslav bereits in seinem Lehnstuhl saß und auf
seine Schwester wartete Denn um acht nahmen sie das erste Frühstück
gemeinschaftlich
    »So Agnes das is recht dass du da bist Hast du denn schon deinen Kaffee
gehabt«
    Agnes knickste
    »Nu setz dich da mal ans Fenster dass du bei deiner Arbeit besser sehen
kannst du hast ja schon dein Strickzeug in der Hand Solch junges Ding wie du
muss immer was zu tun haben sonst kommt sie auf dumme Gedanken Nicht wahr«
    Agnes knickste wieder und da sie sah dass ihr der Alte weiter nichts zu
sagen hatte ging sie bis an das ihr bezeichnete Fenster dran ein länglicher
Eichentisch stand und fing an zu stricken Es war ein sehr langer Strumpf
brandrot und nach seiner Schmalheit zu schließen für sie selbst bestimmt
    Sie war noch nicht lange bei der Arbeit als Adelheid eintrat und auf ihren
im Lehnstuhl sitzenden Bruder zuschritt Bei der geringen Helle die herrschte
traf sichs dass sie von dem Gast am Fenster nicht recht was wahrnahm Erst als
Engelke mit dem Frühstück kam und die plötzlich geöffnete Tür mehr Licht
einfallen ließ bemerkte sie das Kind und sagte »Da sitzt ja wer Wer ist denn
das«
    »Das ist Agnes das Enkelkind von der Buschen«
    Adelheid bewahrte mit Mühe Haltung Als sie sich wieder zurechtgefunden
sagte sie »So Agnes Das Kind von der Karline«
    Dubslav nickte
    »Das ist mir ja ne Überraschung Und wo hast du sie denn seit ich hier
bin versteckt gehalten Ich habe sie ja die ganze Woche über noch nicht
gesehen«
    »Konntest du auch nicht Adelheid sie ist erst seit gestern abend hier Mit
Engelke ging das nicht mehr wenigstens nicht auf die Dauer Er ist ja so alt
wie ich Und immer raus in der Nacht und rauf und runter und mich umdrehn und
heben Das konnt ich nich mehr mit ansehen«
    »Und da hast du dir die Agnes kommen lassen Die soll dich nun rumdrehn und
heben Das Kind das Wurm Haha Was du dir doch alles für Geschichten machst«
    »Agnes« sagte hier Dubslav »du könntest mal zu Mamsell Pritzbur in die
Küche gehen und ihr sagen ich möchte heute mittag ne gefüllte Taube haben Aber
nich so mager und auch nich so wenig Füllung und dass es nich nach alter Semmel
schmeckt Und dann kannst du gleich bei der Mamsell unten bleiben und dir ne
Geschichte von ihr erzählen lassen vom Schäfer und der Prinzessin oder vom
Fischer un sine Fru Rotkäppchen wirst du wohl schon kennen«
    Agnes stand auf trat unbefangen an den Tisch wo Bruder und Schwester
saßen und machte wiederholt ihren Knicks
    dabei hielt sie das Strickzeug und den langen Strumpf in der Hand
    »Für wen strickst du denn den« fragte die Domina
    »Für mich«
    Dubslav lachte Adelheid auch Aber es war ein Unterschied in ihrem Lachen
Agnes nahm übrigens nichts von diesem Unterschied wahr sah vielmehr ohne Furcht
um sich und ging aus dem Zimmer um unten in der Küche die Bestellung
auszurichten
    Als sie hinaus war wiederholte sich Adelheids krampfhaftes Lachen Dann
aber sagte sie »Dubslav ich weiß nicht warum du dir solang ich hier bin
gerade diese Hilfskraft angenommen hast Ich bin deine Schwester und eine
Märkische von Adel Und bin auch die Domina von Kloster Wutz Und meine Mutter
war eine Radegast Und die Stechline die drüben in der Gruft unterm Altar
stehen die haben soviel ich weiß auf ihren Namen gehalten und sich
untereinander die Ehre gegeben die jeder beanspruchen durfte Du nimmst hier
das Kind der Karline in dein Zimmer und setzt es ans Fenster fast als obs da
jeder so recht sehen sollte Wie kommst du zu dem Kind Da kann sich Woldemar
freuen und seine Frau auch die so was Unberührtes hat Und Gräfin Melusine Na
die wird sich wohl auch freun Und die darf auch Aber ich wiederhole meine
Frage wie kommst du zu dem Kind«
    »Ich hab es kommen lassen«
    »Haha Sehr gut kommen lassen Der Klapperstorch hat es dir wohl von der
grünen Wiese gebracht und natürlich auch gleich für die roten Beine gesorgt
Aber ich kenne dich besser Die Leute hier tun immer so wie wenn du dem alten
Kortschädel sittlich überlegen gewesen wärst Ich für meine Person kanns nicht
finden und sagte dir gern meine Meinung darüber Aber ich nehme hässliche Worte
nicht gern in den Mund«
    »Adelheid du regst dich auf Und ich frage mich warum Du bist ein bisschen
gegen die Buschen  nun gut gegen die Buschen kann man sein und du bist ein
bisschen gegen die Karline  nun gut gegen die Karline kann man auch sein Aber
ich sehe dirs an das Eigentliche was dich aufregt das ist nicht die Buschen
und ist auch nicht die Karline das sind bloß die roten Strümpfe Warum bist du
so sehr gegen die roten Strümpfe«
    »Weil sie ein Zeichen sind«
    »Das sagt gar nichts Adelheid Ein Zeichen ist alles Wovon sind sie ein
Zeichen Darauf kommt es an«
    »Sie sind ein Zeichen von Ungehörigkeit und Verkehrtheit Und ob du nun
lachen magst oder nicht  denn an einem Strohhalm sieht man eben am besten
woher der Wind weht  sie sind ein Zeichen davon dass alle Vernunft aus der
Welt ist und alle gesellschaftliche Scheidung immer mehr aufhört Und das alles
unterstützt du Du denkst wunder wie fest du bist aber du bist nicht fest und
kannst es auch nicht sein denn du steckst in allerlei Schrullen und
Eitelkeiten Und wenn sie dir um den Bart gehen oder dich bei deinen
Liebhabereien fassen dann lässt du das worauf es ankommt ohne weiteres im
Stich Es soll jetzt viele solche geben denen ihr Humor und ihre Rechtaberei
viel wichtiger ist als Gläubigkeit und Apostolikum Denn sie sind sich selber
ihr Glaubensbekenntnis Aber glaube mir dahinter steckt der Versucher und
wohin der am Ende führt das weißt du  soviel wird dir ja wohl noch geblieben
sein«
    »Ich hoffe« sagte Dubslav
    »Und weil du bist wie du bist freust du dich dass diese Zierpuppe schon
ganz wie die Karline rote Strümpfe trägt und sich neue dazustrickt Ich aber
wiederhole dir diese roten Strümpfe die sind ein Zeichen eine hochgehaltene
Fahne«
    »Strümpfe werden nicht hochgehalten«
    »Noch nicht aber das kann auch noch kommen Und das ist dann die richtige
Revolution die Revolution in der Sitte  das was sie jetzt das Letzte nennen
Und ich begreife dich nicht dass du davon kein Einsehn hast du ein Mann von
Familie von Zugehörigkeit zu Thron und Reich Oder der sichs wenigstens
einbildet«
    »Nun gut nun gut«
    »Und da reist du herum wenn sie den Torgelow oder den Katzenstein wählen
wollen und hältst deine Reden wiewohl du eigentlich nicht reden kannst«
    »Das is richtig Aber ich hab auch keine gehalten«
    »Und hältst deine Reden für König und Vaterland und für die alten Güter und
sprichst gegen die Freiheit Ich versteh dich nicht mit deinem ewigen gegen die
Freiheit Lass sie doch mit ihrer ganzen dummen Freiheit machen was sie wollen
Was heißt Freiheit Freiheit ist gar nichts Freiheit ist wenn sie sich
versammeln und Bier trinken und ein Blatt gründen Du hast bei den Kürassieren
gestanden und musst doch wissen dass Torgelow und Katzenstein was keinen
Unterschied macht uns nicht erschüttern werden uns nicht und unsern Glauben
nicht und Stechlin nicht und Wutz nicht Die Globsower solange sie bloß
Globsower sind können gar nichts erschüttern Aber wenn erst der Buschen ihre
Enkelkinder denn die Karline wird doch wohl schon mehrere haben ihre
Knöpfstiefel und ihre roten Strümpfe tragen als müsst es nur so sein ja
Dubslav dann ist es vorbei Mit der Freiheit lass mich das wiederholen hat es
nicht viel auf sich aber die roten Strümpfe das ist was Und dir trau ich ganz
und gar nicht und der Karline natürlich erst recht nicht wenn es auch
vielleicht schon eine Weile her ist«
    »Sagen wir vielleicht«
    »Oh ich kenne das Du willst das wegwitzeln das ist so deine Art Aber
unser Kloster ist nicht so aus der Welt dass wir nicht auch Bescheid wüssten«
    »Wozu hättet ihr sonst euren Fix«
    »Kein Wort gegen den«
    Und in großer Erregung brach das Gespräch ab Noch am selben Nachmittag aber
verabschiedete sich Adelheid von ihrem Bruder und fuhr nach Wutz zurück
 
                                 Verweile doch
                          Tod  Begräbnis  Neue Tage
                              Vierzigstes Kapitel
Agnes während oben die gereizte Szene zwischen Bruder und Schwester spielte
war unten in der Küche bei Mamsell Pritzbur und erzählte von Berlin wo sie
vorigen Sommer bei ihrer Mutter auf Besuch gewesen war »Eins war da« sagte
sie »das hieß das Aquarium Da lag eine Schlange die war so dick wie n Bein«
    »Aber hast du denn schon Beine gesehen« fragte die Pritzbur
    »Aber Mamsell Pritzbur ich werde doch wohl schon Beine gesehen haben Und
dann an einem andern Tag da waren wir in einem Tiergarten aber in einem
richtigen mit allerlei Tieren drin Und den nennen sie den Zoologischen«
    »Ja davon hab ich auch schon gehört«
    »Und in dem Zoologischen da war ein ganz kleiner See noch viel kleiner als
unser Stechlin und in dem See standen allerlei Vögel Und einer ganz wie n
Storch stand auf einem Bein«
    Als die Mädchen das Wort »Storch« hörten kamen sie näher heran
    »Aber die Beine von dem Vogel oder es waren wohl mehrere Vögel die waren
viel größer als Storchenbeine und auch viel dicker und viel röter«
    »Und taten sie dir nichts«
    »Nein sie taten mir nichts Bloß wenn sie so ne Weile gestanden hatten
dann stellten sie sich auf das andre Bein Und ich sagte zu Mutter Mutter
komm der eine sieht mich immer so an Und da gingen wir an eine andere Stelle
wo der Bär war«
    Das Kind erzählte noch allerlei Die Mädchen und auch die Mamsell freuten
sich über Agnes und sie trug ihnen ein paar Lieder vor die ihre Mutter die
Karline immer sang wenn sie plättete und sie tanzte auch während sie sang
wobei sie das himmelblaue Kleid zierlich in die Höhe nahm ganz so wie sie s
in der Hasenheide gesehen hatte
    So kam der Nachmittag heran und als es schon dunkelte sagte Engelke »Ja
gnädger Herr wie is das nu mit Agnessen Sie is immer noch bei Mamsell
Pritzbur unten un die Mächens wenn sie so singt und tanzt kucken ihr zu Sie
wird woll auch so was wie die Karline Soll sie wieder nach Haus oder soll sie
hierbleiben«
    »Natürlich soll sie hierbleiben Ich freue mich wenn ich das Kind sehe Du
hast ja ein gutes Gesicht Engelke aber ich will doch auch mal was andres sehen
als dich Wie das lütte Balg da so saß so steif wie ne Prinzess hab ich immer
hingekuckt und ihr wohl ne Viertelstunde zugesehn wie da die Stricknadeln
immer so hin und her gingen und der rote Strumpf neben ihr baumelte So was
Hübsches hab ich nicht mehr gesehen seit zu Weihnachten die Grafschen hier
waren die blasse Komtesse und die Gräfin Hat sie dir auch gefallen«
    Engelke griente
    »Na ich sehe schon Also Agnes bleibt Und sie kann ja auch nachts mal
aufstehn und mir eine Tasse von dem Tee bringen oder was ich sonst grade
brauche und du alte Seele kannst ausschlafen Ach Engelke das Leben is doch
eigentlich schwer Das heißt wenns auf die Neige geht vorher is es soweit
ganz gut Weißt du noch wenn wir von Brandenburg nach Berlin ritten In
Brandenburg war nich viel los aber in Berlin da ging es«
    »Ja gnädger Herr Aber nu kommt es«
    »Ja nu kommt es Nu is Katzenpfötchen dran So was gab es damals noch gar
nicht Aber ich will nichts sagen sonst wird die Buschen ärgerlich und mit
alten Weibern muss man gut stehen das is noch wichtiger als mit jungen Und wie
gesagt die Agnes bleibt Ich sehe so gern was Zierliches Es is ein reizendes
Kind«
    »Ja das is sie Aber«
    »Ach lass die Abers Du sagst sie wird wie die Karline Möglich is es Aber
vielleicht wird sie auch ne Nonne Man kann nie wissen«
Agnes blieb also bei Dubslav Sie saß am Fenster und strickte Mal in der Nacht
als ihm recht schlecht war hatte er nach dem Kinde rufen wollen Aber er stand
wieder davon ab »Das arme Kind was soll ich ihm den Schlaf stören Und helfen
kann es mir doch nicht«
    So verging eine Woche Da sagte der alte Dubslav »Engelke das mit der
Agnes das kann ich nich mehr mit ansehen Sie sitzt da jeden Morgen und strickt
Das arme Wurm muss ja hier umkommen Und alles bloß weil ich alter Sünder ein
freundliches Gesicht sehen will Das geht so nich mehr weiter Wir müssen sehen
dass wir was für das Kind tun können Haben wir denn nicht ein Buch mit Bildern
drin oder so was«
    »Ja gnädger Herr da sind ja noch die vier Bände die wir letzte
Weihnachten bei Buchbinder Zippel in Gransee haben einbinden lassen Eigentlich
war es bloß ne Landwirtschaftliche Zeitung und alle die mal nen Preis
gewonnen haben die waren drin Und Bismarck war auch drin un Kaiser Wilhelm
auch«
    »Ja ja das is gut das gib ihr Und brauchst ihr auch nich zu sagen dass
sie keine Eselsohren machen soll die macht keine«
    Wirklich die »Landwirtschaftliche Zeitung« lag am andern Morgen da und
Agnes war sehr glücklich mal was andres zu haben als ihr Strickzeug und die
schönen Bilder ansehen zu können Denn es waren auch Schlösser drin und kleine
Teiche drauf Schwäne fuhren und auf einem Bilde das eine Beilage war waren
sogar Husaren Engelke brachte jeden Morgen einen neuen Band und mal erschien
auch Elfriede die Lorenzen um nach Dubslavs Befinden fragen zu lassen von der
Pfarre herübergeschickt hatte »Die kann sich ja die Bilder mit ansehen« sagte
Dubslav »am Ende macht es ihr selber auch Spaß und vielleicht kann sie dem
kleinen Ding der Agnes alles so nebenher erklären und dann is es so gut wie
ne Schulstunde«
    Elfriede war gleich dazu bereit Und nun standen die beiden Kinder
nebeneinander und blätterten in dem Buch und die Kleine sog jedes Wort ein was
die Große sagte Dubslav aber hörte zu und wusste nicht wem von beiden er ein
größeres Interesse zuwenden sollte Zuletzt aber war es doch wohl Elfriede weil
sie den wehmütigen Zauber all derer hatte die früh abberufen werden Ihr
zarter beinahe körperloser Leib schien zu sagen »Ich sterbe« Aber ihre Seele
wusste nichts davon die leuchtete und sagte »Ich lebe«
Das mit den Bilderbüchern dauerte mehrere Tage Dann sagte Dubslav »Engelke
das Kind fängt heute schon wieder von vorn an es ist mit allen vier Bänden so
dick sie sind schon zweimal durch ich sehe wir müssen uns was Neues
ausbaldowern Das is nämlich ein Wort aus der Diebssprache soweit sind wir nu
schon Übrigens ist mir was Gutes eingefallen hol ihr eine von unsern
Wetterfahnen herunter Die stehen ja da bloß so rum un wenn ich tot bin und
alles abgeschätzt wird  was sie ordnen nennen  dann kommt Kupperschmied
Reuter aus Gransee und taxiert es auf fünfundsiebzig Pfennig«
    »Aber gnädger Herr uns Woldemar«
    »Nu ja Woldemar Woldemar ist gut natürlich und die Komtesse seine junge
Frau is auch gut Alles is gut und ich hab es auch nicht so schlimm gemeint
man redt bloß so Nur soviel is richtig meine Sammlung oben is für Spinnweb und
weiter nichts Alles Sammeln ist überhaupt verrückt und wenn Woldemar sich nich
mehr drum kümmert so is es eigentlich bloß Wiederherstellung von Sinn und
Verstand Jeder hat seinen Sparren und ich habe meinen gehabt Bring aber nich
gleich alles runter Nur die Mühle bring und den Dragoner«
    Engelke gehorchte
    Den ersten Tag wie sich denken lässt war Agnes ganz für den Dragoner der
als man ihn vor Jahr und Tag von seinem Zelliner Kirchturm heruntergeholt hatte
frisch aufgepinselt worden war schwarzer Hut blauer Rock gelbe Hosen Aber
sehr bald hatte sich das Kind an der Bunteit des Dragoners satt gesehen und
nun kam statt seiner die Mühle an die Reihe Die hielt länger vor Meistens 
wenn sie nur überhaupt erst im Gange war  brauchte das Kind bloß zu pusten um
die Mühlflügel in ziemlich rascher Bewegung zu halten und der schnarrende Ton
der etwas eingerosteten Drehvorrichtung war dann jedesmal eine Lust und ein
Entzücken Es waren glückliche Tage für Agnes Aber fast noch glücklichere für
den Alten
Ja der alte Dubslav freute sich des Kindes Aber so wohltuend ihm seine
Gegenwart war so war es auf die Dauer doch nicht viel was andres als ob ein
Goldlack am Fenster gestanden oder ein Zeisig gezwitschert hätte Sein Auge
richtete sich gerne darauf als aber eine Woche und dann eine zweite vorüber
war wurd ihm eine gewisse Verarmung fühlbar und das so stark dass er fast mit
Sehnsucht an die Tage zurückdachte wo Schwester Adelheid sich ihm bedrücklich
gemacht hatte Das war sehr unbequem gewesen aber sie besaß doch nebenher einen
guten Verstand und in allem was sie sagte war etwas worüber sich streiten
und ein Feuerwerk von Anzüglichkeiten und kleinen Witzen abbrennen ließ Etwas
was ihm immer eine Hauptsache war Dubslav zählte zu den Friedliebendsten von
der Welt aber er liebte doch andrerseits auch Friktionen und selbst ärgerliche
Vorkommnisse waren ihm immer noch lieber als gar keine
Kein Zweifel der alte Schlossherr auf Stechlin sehnte sich nach Menschen und da
waren es denn wahre Festtage wenn Besucher aus Näh oder Ferne sich einstellten
    Eines Tages  es schummerte schon  erschien Krippenstapel Er hatte seinen
besten Rock angezogen und hielt ein übermaltes Gefäß mit einem Deckel darauf
in seinem linken Arm
    »Nun das ist recht Krippenstapel Ich freue mich dass Sie mal nachsehn ob
unser Museum oben noch seinen Chef hat Ich sage Chef Der Direktor sind Sie ja
selber Und nun kommen Sie auch gleich noch mit ner Urne Hat gewiss Ihr Freund
Tucheband irgendwo ausgegraben Oder is es bloß ne Terrine Himmelwetter
Krippenstapel Sie werden mir doch nich ne Krankensuppe gekocht haben«
    »Nein Herr Major keine Krankensuppe Gewiss nicht Und doch is es
einigermaßen so was Es ist nämlich ne Wabe Habe da heute mittag einen von
meinen Stöcken ausgenommen und wollte mir erlaubt haben Ihnen die beste Wabe zu
bringen Es ist beinah so was wie der mittelalterliche Zehnte Der Zehnte wenn
ich mir die Bemerkung erlauben darf war eigentlich was Feineres als Geld«
    »Find ich auch Aber die heutige Menschheit hat für so was Feines gar keinen
Sinn mehr Immer alles bar und nochmal bar Oh das gemeine Geld Das heißt
wenn man keins hat wenn mans hat ist es soweit ganz gut Und dass Sie gleich
an Ihren alten Patron  ein Wort das übrigens vielleicht zu hoch gegriffen ist
und unser Verhältnis nicht recht ausdrückt  gedacht haben Lorenzen wird es
hoffentlich nicht übelnehmen dass ich Sie wenn ich mich Ihren Patron nenne so
gleichsam avancieren lasse Ja das mit der Wabe Freut mich aufrichtig Aber
ich werde mich wohl nicht drüberher machen dürfen Immer heißt es Das nicht
Erst hat mir Sponholz alles verboten und nu die Buschen und so leb ich
eigentlich bloß noch von Bärlapp und Katzenpfötchen«
    »Am Ende geht es doch« sagte Krippenstapel »Ich weiß wohl in eine
richtige Kur darf der Laie nicht eingreifen Aber der Honig macht vielleicht ne
Ausnahme Richtiger Honig ist wie gute Medizin und hat die ganze Heilkraft der
Natur«
    »Is denn aber nicht auch was drin was besser fehlte«
    »Nein Herr Major Ich sehe die Bienen oft schwärmen und sammeln und seh
auch wie sie sammeln und wo sie sammeln Da sind voran die Linden und Akazien
und das Heidekraut Nu die sind die reine Unschuld davon red ich gar nicht
erst
    Aber nun sollten Sie die Biene sehen wenn sie sich auf eine giftige Blume
sagen wir zum Beispiel auf den Venuswagen niederlässt Und in jedem Venuswagen
besonders in dem roten aber doch auch in dem blauen sitzt viel Gift«
    »Venuswagen kann ich mir denken Und wie sammelt da die Biene«
    »Sie nimmt nie das Gift sie nimmt immer bloß die Heilkraft«
    »Na Sie müssen es wissen Krippenstapel Und auf Ihre Verantwortung hin
will ich mir den Honig auch schmecken lassen und die Buschen muss sich drin
finden und sich wohl oder übel zufriedengeben Übrigens fällt mir bei der Alten
natürlich auch das Kind ein Da sitzt es am Fenster Na komm mal her Agnes
und sage dass du hier auch was lernst Ich hab ihr nämlich Bücher gegeben mit
allerlei Bildern drin und seit vorgestern auch eine Götterlehre das heißt aber
noch eine aus guter anständiger Zeit und jeder Gott ordentlich angezogen Und
da lernt sie glaub ich ganz gut Nicht wahr Agnes«
    Agnes knickste und ging wieder auf ihren Platz
    »Und dann hab ich dem Kind auch unsern Dragoner und die Mühle gegeben Also
unsre besten Stücke soviel ist richtig Ich denke mir aber mein
Museumsdirektor wird über diesen Eingriff nicht böse sein Eigentlich is es doch
besser das Kind hat was davon als die Spinnen Und was macht denn Ihr
Oberlehrer in Templin Hat er wieder was gefunden«
    »Ja Herr Major Münzenfund«
    »Na das is immer das Beste Vermutlich Georgstaler oder so was
Dreissigjähriger Krieg Es war ja ne grässliche Zeit Aber dass sie damals aus
Angst und Not soviel verbuddelt haben das is doch auch wieder ein Segen Is es
denn viel«
    »Wie mans nehmen will Herr Major praktisch und profan angesehen ist es
nicht viel aber wissenschaftlich angesehen ist es allerdings viel Nämlich
drei römische Münzen zwei von Diokletian und eine von Karacalla«
    »Na die passen wenigstens Diokletian war ja wohl der mit der
Christenverfolgung Aber ich glaube es war am Ende nicht so schlimm Verfolgt
wird immer Und mitunter sind die Verfolgten obenauf«
    dabei lachte der Alte Dann rief er Engelke dass er den Honig herausnehme
Krippenstapel aber verabschiedete sich seine leere Terrine vorsichtig im Arm
 
                           Einundvierzigstes Kapitel
Dubslav hatte sich über Krippenstapels Besuch und sein Geschenk aufrichtig
gefreut weil es ja das Beste war was ihm die alte treue Seele bringen konnte
Er bestand denn auch darauf trotzdem Engelke der ein Vorurteil gegen alles
Süße hatte dagegen war dass ihm die Wabe jeden Morgen auf den Frühstückstisch
gestellt werde
    »Siehst du Engelke« sagte er nach einer Woche »dass ich mich wieder wohler
fühle das macht die Wabe Denn man muss jedes Fisselchen mitessen Wachs und
alles das hat er mir eigens gesagt Das is gradso wie beim Apfel die Schale
das hat die Natur so gewollt und is ein Fingerzeig und muss respektiert werden«
    »Ich bin aber doch für abschälen« sagte Engelke »Wenn man so sieht was
mitunter alles dran ist«
    »Ja Engelke ich weiß nicht du bist jetzt so fein geworden Aber ich bin
noch ganz altmodisch Und dann glaub ich nebenher wirklich dass in dem Wachs die
richtige gesamte Heilkraft der Natur steckt fast noch mehr als in dem Honig
Krippenstapel übrigens is jetzt auch so furchtbar gebildet und hat so viele
feine Wendungen wie zum Beispiel die mit der gesamten Heilkraft Aber so fein
wie du is er doch noch lange nicht darauf will ich mich verschwören Und auch
darauf dass er sich keine Birne schält«
    In dieser guten Laune verblieb Dubslav eine ganze Weile sich mehr und mehr
zurechtlegend dass er sich die Quälerei mit all dem andern Zeug eigentlich hätte
sparen können »denn wenn alles drin ist so ist doch auch Bärlapp und
Katzenpfötchen drin und natürlich auch Fingerhut oder wie Sponholz sagt Die
Digitalis« Engelke freilich wollte von diesen Sophistereien nichts wissen sein
Herr aber ließ sich durch solche Zweifel nicht stören und fuhr vielmehr fort
»Und dann Engelke macht es doch auch einen Unterschied von wem eine Sache
kommt Die Katzenpfötchen kommen von der Buschen und die Wabe kommt von
Krippenstapel Das heißt also hinter der Wabe steht ein guter Geist und hinter
den Katzenpfötchen steht ein böser Geist Und das kannst du mir glauben an
solchen Rätselhaftigkeiten liegt sehr viel im Leben und wenn mir Lorenzen seine
Patsche gibt so ist das ganz was anders wie wenn mir Koseleger seine Hand
gibt Koseleger hat solche weichen Finger und auf dem vierten einen großen
Ring«
    »Aber er is doch ein Superintendent«
    »Ja Superintendent is er Und er kommt auch noch höher Und wenn es nach
der Prinzessin geht wird er Papst Und dann wollen wir uns Ablass bei ihm holen
aber viel geb ich nicht«
Als Dubslav und Engelke dies Gespräch führten saß Agnes wie gewöhnlich am
Fenster mit halbem Ohre hinhörend und sowenig sie davon verstand so verstand
sie doch gerade genug Krippenstapel war ein guter Geist und ihre Großmutter
war ein böser Geist Aber das alles war ihr nicht mehr als ob ihr ein Märchen
erzählt würde Sie hatte schon so vieles in ihrem Leben gehört und war wohl dazu
bestimmt noch viel viel andres zu hören Ihr Gesichtsausdruck blieb denn auch
derselbe Sie träumte bloß so hin und dass sie dies Wesen hatte das war es
recht eigentlich was den alten Herrn so an sie fesselte Das Auge womit sie
die Menschen ansah war anders als das der andern
Engelke hatte sich in die nebenan gelegene Dienststube zurückgezogen ein heller
Schein fiel von der Veranda her durch die Balkontür und gab dem etwas dunklen
Zimmer mehr Licht als es für gewöhnlich zu haben pflegte Dubslav hielt die
»Kreuzzeitung« in Händen und schlug nach einem Brummer der ihn immer und immer
wieder umsummte »Verdammte Bestie« und er holte von neuem aus Aber ehe er
zuschlagen konnte kam Engelke und fragte ob Uncke den gnädigen Herrn sprechen
dürfe
    »Uncke unser alter Uncke«
    »Ja gnädger Herr«
    »Na natürlich Kriegt man doch mal wieder nen vernünftigen Menschen zu
sehen Was er nur bringen mag Vielleicht Verhaftung irgendwo Demokratennest
ausgenommen«
    Agnes horchte Verhaftung Demokratennest ausgenommen Das war doch noch
besser als ein Märchen »vom guten und bösen Geist«
Inzwischen war Uncke eingetreten Backenbart und Schnurrbart wie gewöhnlich
fest angeklebt In der Nähe der Tür blieb er stehen und grüßte militärisch
Dubslav aber rief ihm zu »Nein Uncke nicht da So weit reicht mein Ohr nicht
und meine Stimme erst recht nicht Und ich denke doch Sie bringen was Was
Reguläres Also ran hier Und wenn es nicht was ganz Dienstliches is so nehmen
Sie den Stuhl da«
    Uncke trat auch näher nahm aber keinen Stuhl und sagte »Herr Major wollen
entschuldigen Ich komme so bloß Der alte Baruch Hirschfeld hat mir erzählt
und die alte Buschen hat mir erzählt«
    »Ach so von wegen meiner Füße«
    »Zu Befehl Herr Major«
    »Ja Uncke wollte Gott es stünde besser Immer denk ich wenn wieder ein
Neuer kommt nu wird es Aber es will nicht mehr es hilft immer bloß drei Tage
Die Buschen hilft nicht mehr und Krippenstapel hilft nicht mehr und Sponholz
hilft schon lange nicht mehr der kutschiert so in der Welt rum Bleibt also
bloß noch der liebe Gott«
    Uncke begleitete dies Wort mit einer Kopfbewegung die seine respektvolle
Stellung aber doch auch nicht mehr zum lieben Gott ausdrücken sollte Dubslav
sah es und erheiterte sich Dann fuhr er in rasch wachsender guter Laune fort
»Ja Uncke wir haben so manchen Tag miteinander gelebt Denke gern daran zurück
 sind noch einer von den Alten Und der Pyterke auch Was macht er denn«
    »Ah Herr Major immer noch tüchtig da schneidig« und dabei rückte er sich
selbst zurecht wie wenn er die überlegene Stattlichkeit seines Kollegen
wenigstens andeuten wolle
    Dubslav verstand es auch so und sagte »Ja der Pyterke natürlich immer
hoch zu Ross Und Sie Uncke ja Sie müssen laufen wie n Landbriefträger Es
hat aber auch sein Gutes zu Fuß macht geschmeidig zu Pferde macht steif Und
macht auch faul Und überhaupt Gebrüder Beeneke is schon immer das Beste Da
kann man nicht zu Fall kommen Aber jeder will heutzutage hoch raus Das is was
sie jetzt die Signatur der Zeit nennen Haben Sie den Ausdruck schon gehört
Uncke«
    »Zu Befehl Herr Major«
    »Und die Sozialdemokratie will auch hoch raus und so zu Pferde sitzen wie
Pyterke bloß noch viel höher Aber das geht nicht gleich so Gut Ding will
Weile haben Und Torgelow wenn er auch vielleicht reden kann reiten kann er
noch lange nicht Sagen Sie was macht er denn eigentlich Ich meine Torgelow
Sind denn unsre kleinen Leute jetzt mehr zufrieden mit ihm«
    »Nein Herr Major sie sind immer noch nicht zufrieden mit ihm Er wollte da
neulich in Berlin reden und hat auch wirklich was zu Graf Posadowsky gesagt Und
das is so dumm gewesen dass es die andern geniert hat Und da haben sie ihn
bedeutet Torgelow nu bist du still so geht das hier nich«
    »Ja« lachte Dubslav »und wo der nu steht da sollte ich eigentlich stehen
Aber es is doch besser so Nu kann Torgelow zeigen dass er nichts kann Und die
andern auch Und wenn sies alle gezeigt haben na dann sind wir vielleicht
wieder dran und kommen noch mal obenauf und jeder kriegt Zulage Sie auch
Uncke und Pyterke natürlich auch«
    Uncke schmunzelte und legte seine zwei Dienstfinger an die Schläfe
    » Vorläufig aber müssen wir abwarten und den sogenannten Ausbruch
verhüten und dafür sorgen dass unsere Globsower zufrieden sind Und wenn wir
klug sind glückt es vielleicht auch Glauben Sie nicht auch Uncke dass es
kleine Mittel gibt«
    »Zu Befehl Herr Major kleine Mittel gibt es Es hats schon«
    »Und welche meinen Sie«
    »Musik Herr Major und verlängerte Polizeistunde«
    »Ja« lachte Dubslav »so was hilft Musik und nen Schottschen dann sind
die Mädchen zufrieden«
    »Und« bestätigte Uncke »wenn die Mädchens zufrieden sind Herr Major dann
sind alle zufrieden«
Uncke hatte zusagen müssen mal wieder vorzusprechen aber es kam nicht dazu
weil Dubslavs Zustand sich rasch verschlimmerte Von Besuchern wurde keiner mehr
angenommen und nur Lorenzen hatte Zutritt Aber er kam meist nur wenn er
gerufen wurde
    »Sonderbar« sagte der Alte während er in den Frühlingstag hinausblickte
»dieser Lorenzen is eigentlich gar kein richtiger Pastor Er spricht nicht von
Erlösung und auch nicht von Unsterblichkeit und is beinah als ob ihm so was
für alltags wie zu schade sei Vielleicht is es aber auch noch was andres und
er weiß am Ende selber nicht viel davon Anfangs hab ich mich darüber gewundert
weil ich mir immer sagte Ja solch Talar und Beffchenmann der muss es doch
schließlich wissen er hat so seine drei Jahre studiert und eine Probepredigt
gehalten und ein Konsistorialrat oder wohl gar ein Generalsuperintendent hat
ihn eingesegnet und ihm und noch ein paar andern gesagt Nun geht hin und
lehret alle Heiden Und wenn man das so hört ja da verlangt man denn auch dass
einer weiß wies mit einem steht Is gerade wie mit den Doktors Aber zuletzt
begibt man sich und hat die Doktors am liebsten die einem ehrlich sagen Hören
Sie wir wissen es auch nicht wir müssen es abwarten Der gute Sponholz der
nun wohl schon an der Brücke mit dem Ichtyosaurus vorbei ist war beinah so
einer und Lorenzen is nu schon ganz gewiss so Seit beinah zwanzig Jahren kenn
ich ihn und noch hat er mich nicht ein einziges Mal bemogelt Und dass man das
von einem sagen kann das ist eigentlich die Hauptsache Das andre ja du
lieber Himmel wo soll es am Ende herkommen Auf dem Sinai hat nun schon lange
keiner mehr gestanden und wenn auch was der liebe Gott da oben gesagt hat das
schließt eigentlich auch keine großen Rätsel auf Es ist alles sehr diesseitig
geblieben du sollst du sollst und noch öfter du sollst nicht Und klingt
eigentlich alles wie wenn ein Nürnberger Schultheiß gesprochen hätte«
    Gleich danach kam Engelke und brachte die Mittagspost »Engelke du könntest
mal wieder die Marie zu Lorenzen rüberschicken  ich ließ ihn bitten«
    Lorenzen kam denn auch und rückte seinen Stuhl an des Alten Seite
    »Das ist recht Pastor dass Sie gleich gekommen sind und ich sehe wieder
wie sich alles Gute schon gleich hier unten belohnt Sie müssen nämlich wissen
dass ich mich heute schon ganz eingehend mit Ihnen beschäftigt und Ihr
Charakterbild das ja auch schwankt wie so manch andres nach Möglichkeit
festgestellt habe Würde mir das Sprechen wegen meines Astmas nicht
einigermaßen schwer ich wär imstande gegen mich selber in eine Art
Indiskretion zu verfallen und Ihnen auszuplaudern was ich über Sie gedacht
habe Habe ja wie Sie wissen ne natürliche Neigung zum Ausplaudern zum
Plaudern überhaupt und Kortschädel der sich im übrigen durch französische
Vokabeln nicht auszeichnete hat mich sogar einmal einen Kauseur genannt Aber
freilich schon lange her und jetzt ist es damit total vorbei Zuletzt stirbt
selbst die alte Kindermuhme in einem aus«
    »Glaub ich nicht Wenigstens Sie Herr von Stechlin sorgen für den
Ausnahmefall«
    »Ich will es gelten lassen und mich auch gleich legitimieren Haben Sie denn
in Ihrer Zeitung gelesen wie sie da neulich wieder dem armen Bennigsen
zugesetzt haben Mir missfällt es wiewohl Bennigsen nicht gerade mein Mann ist«
    »Auch meiner nicht Aber er sei wie er sei er ist doch ein
ExcelsiorMann Und wer hierlandes für ein freudiges excelsior ist der ist bei
den Ostelbiern Pardon Sie gehören ja selbst mit dazu von vornherein
verdächtig und ein Gegenstand tiefen Misstrauens Jedes höher gesteckte Ziel
jedes Wollen das über den Kartoffelsack hinausgeht findet kein Verständnis
sicherlich keinen Glauben Und bringt einer irgendein Opfer so heißt es bloß
dass er die Wurst nach der Speckseite werfe«
    Dubslav lachte »Lorenzen Sie sitzen wieder auf Ihrem Steckenpferd Aber
ich selber bin freilich schuld Warum kam ich auf Bennigsen Da war das Thema
gegeben und Ihr Ritt ins Bebelsche denn weitab davon sind Sie nicht konnte
beginnen Aber dass Sies wissen ich hab auch mein Steckenpferd und das heißt
König und Kronprinz oder alte Zeit und neue Zeit Und darüber hab ich seit lange
mit Ihnen sprechen wollen nicht akademisch sondern märkischpraktisch so
recht mit Rücksicht auf meine nächste Zukunft Denn es heißt nachgrade bei mir
Was du tun willst tue bald«
    Lorenzen nahm des Alten Hand und sagte »Gewiss kommen andre Zeiten Aber man
muss mit der Frage was kommt und was wird nicht zu früh anfangen Ich seh nicht
ein warum unser alter König von Tule hier nicht noch lange regieren sollte
Seinen letzten Trunk zu tun und den Becher dann in den Stechlin zu werfen damit
hat es noch gute Wege«
    »Nein Lorenzen es dauert nicht mehr lange die Zeichen sind da mehr als
zuviel Und damit alles klappt und passt geh ich nun auch gerad ins
Siebenundsechzigste und wenn ein richtiger Stechlin ins Siebenundsechzigste
geht dann geht er auch in Tod und Grab Das is so Familientradition Ich
wollte wir hätten eine andre Denn der Mensch is nun mal feige und will dies
schändliche Leben gern weiterleben«
    »Schändliches Leben Herr von Stechlin Sie haben ein sehr gutes Leben
gehabt«
    »Na wenn es nur wahr ist Ich weiß nicht ob alle Globsower ebenso denken
Und die bringen mich wieder auf mein Haupttema«
    »Und das lautet«
    »Das lautet Teuerster Pastor sorgen Sie dafür dass die Globsower nicht zu
sehr obenauf kommen«
    »Aber Herr von Stechlin die armen Leute«
    »Sagen Sie das nicht Die armen Leute Das war mal richtig heutzutage aber
passt es nicht mehr Und solch unsichere Passagiere wie mein Woldemar und wie
mein lieber Lorenzen von dem der Junge Pardon all den Unsinn hat solche
unsichere Passagiere statt den Riegel vorzuschieben kommen den Torgelowschen
auf halbem Wege entgegen und sagen Ja ja Töffel du hast auch eigentlich ganz
recht oder was noch schlimmer ist Ja ja Jochem wir wollen mal
nachschlagen«
    »Aber Herr von Stechlin«
    »Ja Lorenzen wenn Sie auch noch solch gutes Gesicht machen es ist doch
so Die ganze Geschichte wird auf einen andern Leisten gebracht und wenn dann
wieder eine Wahl ist dann fährt der Woldemar rum und erzählt überall
Katzenstein sei der rechte Mann Oder irgendein andrer Aber das ist Mus wie
Mine  verzeihen Sie den etwas fortgeschrittenen Ausdruck Und wenn dann die
junge gnädige Frau Besuch kriegt oder wohl gar einen Ball gibt da will ich
Ihnen ganz genau sagen wer dann hier in diesem alten Kasten der dann aber
renoviert sein wird antritt Da ist in erster Reihe der Minister von Ritzenberg
geladen der wegen Kaltstellung unter Bismarck von langer Hand her eine wahre
Wut auf den alten Sachsenwalder hat und eröffnet die Polonäse mit Armgard Und
dann ist da ein Professor Katedersozialist von dem kein Mensch weiß ob er
die Gesellschaft einrenken oder aus den Fugen bringen will und führt eine
Adelige mit kurzgeschnittenem Haar die natürlich schriftstellert zur
Quadrille Und dann bewegen sich da noch ein Afrikareisender ein Architekt und
ein Porträtmaler und wenn sie nach den ersten Tänzen eine Pause machen dann
stellen sie ein lebendes Bild wo ein Wilddieb von einem Edelmann erschossen
wird oder sie führen ein französisches Stück auf das die Dame mit dem
kurzgeschnittenen Haar übersetzt hat ein sogenanntes Ehebruchsdrama drin eine
Advokatenfrau gefeiert wird weil sie ihren Mann mit einem Taschenrevolver über
den Haufen geschossen hat Und dann gibt es Musikstücke bei denen der
Klavierspieler mit seiner langen Mähne über die Tasten hinfegt und in einer
Nebenstube sitzen andere und blättern in einem Album mit lauter Berühmteiten
obenan natürlich der alte Wilhelm und Kaiser Friedrich und Bismarck und Moltke
und ganz gemütlich dazwischen Mazzini und Garibaldi und Marx und Lassalle die
aber wenigstens tot sind und daneben Bebel und Liebknecht Und dann sagt
Woldemar Sehen Sie da den Bebel Mein politischer Gegner aber ein Mann von
Gesinnung und Intelligenz Und wenn dann ein Adeliger aus der Residenz an ihn
herantritt und ihm sagt Ich bin überrascht Herr von Stechlin  ich glaubte den
Grafen Schwerin hier zu finden dann sagt Woldemar Ich habe die Fühlung mit
diesem Herrn verloren«
    Der Pastor lachte »Und Sie wollen sterben Wer so lange sprechen kann der
lebt noch zehn Jahr«
    »Nichts nichts Ich halte Sie fest Kommt es so oder kommt es nicht so«
    »Nun es kommt sicherlich nicht so«
    »Sind Sie dessen sicher«
    »Ganz sicher«
    »Dann sagen Sie mir wie es kommt aber ehrlich«
    »Nun das kann ich leicht und Sie haben mir selber den Weg gewiesen als
Sie gleich anfangs von König und Kronprinz sprachen Dieser Gegensatz existiert
natürlich überall und in allen Lebensverhältnissen Es kommen eben immer Tage
wo die Leute nach irgendeinem Kronprinzen aussehn Aber so gewiss das richtig
ist noch richtiger ist das andre der Kronprinz nach dem ausgeschaut wurde
hält nie das was man von ihm erwartete Manchmal kippt er gleich um und erklärt
in plötzlich erwachter Pietät im Sinne des Hochseligen weiterregieren zu
wollen in der Regel aber macht er einen leidlich ehrlichen Versuch als
Neugestalter aufzutreten und holt ein Volksbeglückungsprogramm auch wirklich
aus der Tasche Nur nicht auf lange Leicht beieinander wohnen die Gedanken
doch eng im Raume stoßen sich die Sachen Und nach einem halben Jahre lenkt der
Neuerer wieder in alte Bahnen und Geleise ein«
    »Und so wird es Woldemar auch machen«
    »So wird es Woldemar auch machen Wenigstens wird ihn die Lust sehr bald
anwandeln so halb und halb ins Alte wieder einzulenken«
    »Und diese Lust werden Sie natürlich bekämpfen Sie haben ihm in den Kopf
gesetzt dass etwas durchaus Neues kommen müsse Sogar ein neues Christentum«
    »Ich weiß nicht ob ich so gesprochen habe aber wenn ich so sprach dies
neue Christentum ist gerade das alte«
    »Glauben Sie das«
    »Ich glaub es Und was besser ist ich fühl es«
    »Nun gut das mit dem neuen Christentum ist Ihre Sache da will ich Ihnen
nicht hineinreden Aber das andre da müssen Sie mir was versprechen Besinnt er
sich und kommt er zu der Ansicht dass das alte Preußen mit König und Armee
trotz all seiner Gebresten und altmodischen Geschichten doch immer noch besser
ist als das vom neuesten Datum und dass wir Alten vom Cremmer Damm und von
Fehrbellin her auch wenn es uns selber schlecht geht immer noch mehr Herz für
die Torgelowschen im Leibe haben als alle Torgelows zusammengenommen kommt es
zu solcher Rückbekehrung dann Lorenzen stören Sie diesen Prozess nicht Sonst
erschein ich Ihnen Pastoren glauben zwar nicht an Gespenster aber wenn welche
kommen graulen sie sich auch«
    Lorenzen legte seine Hand auf die Hand Dubslavs und streichelte sie wie
wenn er des Alten Sohn gewesen wäre »Das alles Herr von Stechlin kann ich
Ihnen gern versprechen Ich habe Woldemar erzogen als es mir oblag und Sie
haben in Ihrer Klugheit und Güte mich gewähren lassen Jetzt ist Ihr Sohn ein
vornehmer Herr und hat die Jahre Sprechen hat seine Zeit und Schweigen hat
seine Zeit Aber wenn Sie ihn und mich von oben her unter Kontrolle nehmen und
eventuell mir erscheinen wollen so schieben Sie mir dabei nicht zu was mir
nicht zukommt Nicht ich werde ihn führen Dafür ist gesorgt Die Zeit wird
sprechen und neben der Zeit das neue Haus die blasse junge Frau und vielleicht
auch die schöne Melusine«
    Der Alte lächelte »Ja ja«
 
                           Zweiundvierzigstes Kapitel
So ging das Gespräch Und als Lorenzen aufbrach fühlte sich der Alte wie belebt
und versprach sich eine gute Nacht mit viel Schlaf und wenig Beängstigung
    Aber es kam anders die Nacht verlief schlecht und als der Morgen da war
und Engelke das Frühstück brachte sagte Dubslav »Engelke schaff die Wabe weg
ich kann das süße Zeug nicht mehr sehen Krippenstapel hat es gut gemeint Aber
es is nichts damit und überhaupt nichts mit der ganzen Heilkraft der Natur«
    »Ich glaube doch gnädger Herr Bloß gegen die Gegenkraft kann die Wabe
nich an«
    »Du meinst also Für n Tod kein Kraut gewachsen ist Ja das wird es wohl
sein das mein ich auch«
    Engelke schwieg
Eine Stunde später kam ein Brief der trotzdem er aus nächster Nähe stammte
doch durch die Post befördert worden war Er war von Ermyntrud behandelte die
durch Koseleger und sie selbst geplante Gründung eines Rettungshauses für
verwahrloste Kinder und äußerte sich am Schluße dahin dass »wenn sich 
hoffentlich binnen kurzem  ihre Wünsche für Dubslavs fortschreitende Gesundheit
erfüllt haben würden« Agnes das Enkelkind der alten Buschen als erste wie
sie vertraue sittlich zu Heilende in das Asyl aufgenommen werden möchte
    Dubslav drehte den Brief hin und her las noch einmal und sagte dann »Oh
diese Komödie wenn sich meine Wünsche für Ihre fortschreitende Gesundheit
erfüllt haben werden das heißt doch einfach wenn Sie sich demnächst den
Rasen von unten ansehen Alle Menschen sind Egoisten Prinzessinnen auch und
sind sie fromm so haben sie noch einen ganz besonderen Jargon Es mag so
bleiben es war immer so Wenn sie nur ein bisschen mehr Vertrauen zu dem
gesunden Menschenverstand andrer hätten«
    Er steckte während er so sprach den Brief wieder in das Kouvert und rief
Agnes
    Das Kind kam auch
    »Agnes gefällt es dir hier«
    »Ja gnädger Herr es gefällt mir hier«
    »Und ist dir auch nicht zu still«
    »Nein gnädger Herr es ist mir auch nicht zu still Ich möchte immer hier
sein«
    »Na du sollst auch bleiben Agnes solang es geht Und nachher Ja
nachher«
    Das Kind kniete vor ihm nieder und küsste ihm die Hände
Dubslavs Zustand verschlechterte sich schnell Engelke trat an ihn heran und
sagte »Gnädger Herr soll ich nicht in die Stadt schicken«
    »Nein«
    »Oder zu der Buschen«
    »Ja das tu So ne alte Hexe kann es immer noch am besten«
    In Engelkens Augen traten Tränen
    Dubslav als er es sah schlug rasch einen andern Ton an »Nein Engelke
graule dich nicht vor deinem alten Herrn Ich habe es bloß so hingesagt Die
Buschen soll nich kommen Es würde mir wohl auch nicht viel schaden aber wenn
man schon so in sein Grab sieht dann muss man doch anders sprechen sonst hat
man schlechte Nachrede bei den Leuten Und das möcht ich nich um meinetwegen
nich und um Woldemars wegen nich Und dabei fällt mir auch noch Adelheid
ein Die käme mir am Ende gleich nach um mich zu retten Nein Engelke nich
die Buschen Aber gib mir noch mal von den Tropfen Ein bisschen besser als der
Tee sind sie doch«
Engelke ging und Dubslav war wieder allein Er fühlte dass es zu Ende gehe
»Das Ich ist nichts  damit muss man sich durchdringen Ein ewig Gesetzliches
vollzieht sich weiter nichts und dieser Vollzug auch wenn er Tod heißt darf
uns nicht schrecken In das Gesetzliche sich ruhig schicken das macht den
sittlichen Menschen und hebt ihn«
    Er hing dem noch so nach und freute sich alle Furcht überwunden zu haben
Aber dann kamen doch wieder Anfälle von Angst und er seufzte »Das Leben ist
kurz aber die Stunde ist lang«
Es war eine schlimme Nacht Alles blieb auf Engelke lief hin und her und Agnes
saß in ihrem Bett und sah mit großen Augen durch die halbgeöffnete Tür in das
Zimmer des Kranken Erst als schon der Tag graute wurde durch das ganze Haus
hin alles ruhiger der Kranke nickte matt vor sich hin und auch Agnes schlief
ein
    Es war wohl schon sieben  die Parkbäume hinter dem Vorgarten lagen bereits
in einem hellen Schein  als Engelke zu dem Kinde herantrat und es weckte
»Steih upp Agnes«
    »Is he dod«
    »Nei He slöppt en beten Un ick glöw et sitt em nich mihr so upp de Bost«
    »Ick grul mi so«
    »Dat brukst du nich Un kann ook sinn he slöppt sich wedder gesunn Un
nu steih upp un bind di ook en Doog um n Kopp Et is noch en beten küll drut
Un denn geih in n Goaren un plück em wenn du wat finnst en beten Krokus oder
wat et sünsten is«
    Die Kleine trat auch leise durch die Balkontür auf die Veranda hinaus und
ging auf das Rundell zu um nach ein paar Blumen zu suchen Sie fand auch
allerlei das Beste waren Schneeglöckchen Und nun ging sie mit den Blumen in
der Hand noch ein paarmal auf und ab und sah wie die Sonne drüben aufstieg
Sie fröstelte Zugleich aber kam ihr ein Gefühl des Lebens Dann trat sie wieder
in das Zimmer und ging auf den Stuhl zu wo Dubslav saß Engelke die Hände
gefaltet stand neben seinem Herrn
    Das Kind trat heran und legte die Blumen dem Alten auf den Schoss
    »Dat sinn de ihrsten« sagte Engelke »un wihren ook woll de besten sinn«
 
                           Dreiundvierzigstes Kapitel
Es war Mittwoch früh dass Dubslav still und schmerzlos das Zeitliche gesegnet
hatte Lorenzen wurde gerufen auch Kluckhuhn kam und eine Stunde später war
ein Gemeindediener unterwegs der die Nachricht von des Alten Tode den im Kreise
Zunächstwohnenden überbringen sollte voran der Domina dann Koseleger dann
Katzlers und zuletzt den beiden Gundermanns
Den Tag drauf trafen zwei Briefe bei den Barbys ein der eine von Adelheid der
andre von Armgard Adelheid machte dem gräflichen Hause kurz und förmlich die
Anzeige von dem Ableben ihres Bruders unter gleichzeitiger Mitteilung »dass das
Begräbnis am Sonnabendmittag stattfinden werde« Der Brief Armgards aber
lautete Liebe Melusine Wir bleiben noch bis morgen hier  noch einmal das
Forum noch einmal den Palatin Ich werde heute noch aus der Fontana Trevi
trinken dann kommt man wieder und das ist für jeden der Rom verlässt
bekanntlich der größte Trost Wir gehen nun nach Kapri aber in Etappen und
bleiben unter anderm einen halben Tag in Monte Kassino wo verzeih meine
Weisheit das ganze Ordenswesen entstanden sein soll Ich liebe Klöster wenn
auch nicht für mich persönlich Neapel berühren wir nur kurz und gehen gleich
bis Amalfi wenn wir nicht das höher gelegene Ravello bevorzugen Dann erst über
Sorrent nach Kapri dem eigentlichen Ziel unsrer Reise Wir werden nicht bei
Pagano wohnen wo bei allem Respekt vor der Kunst zuviel Künstler sind
sondern weiter abwärts etwa auf halber Höhe Wir haben von hier aus eine
Empfehlung In acht Tagen sind wir sicher da Sorge dass wir dann einen Brief
von Dir vorfinden Vorher sind wir so gut wie unerreichbar ein Zustand den ich
mir als Kind immer gewünscht und mir als etwas ganz besonders Poetisches
vorgestellt habe Küsse meinen alten Papa Nach Stechlin hin tausend Grüße vor
allem aber bleibe was Du jederzeit warst die Schwester die Mutter nur nicht
die Tante Deiner glücklichen Dich immer und immer wieder zärtlich liebenden
Armgard
    Armgards Brief kam kaum zu seinem Recht weil sowohl der alte Graf wie
Melusine ganz der Erwägung lebten ob es nicht trotz Armgards gegenteiliger
Vorwegversicherung vielleicht doch noch möglich sein würde das junge Paar
irgendwo telegraphisch zu erreichen aber es ging nicht man musst es aufgeben
und sich begnügen allerpersönlichst Vorbereitungen für die Fahrt nach Stechlin
hin zu treffen Des alten Grafen Befinden war nicht das beste so dass seitens
des Hausarztes sein Fernbleiben von dem Begräbnis dringend gewünscht wurde
Daran aber war gar nicht zu denken Und so brachen denn Vater und Tochter am
Sonnabend früh nach Stechlin hin auf Jeserich wurde mitgenommen um für alle
Fälle zur Hand zu sein Es war Prachtwetter aber scharfe Luft so dass man trotz
Sonnenschein fröstelte
In dem alten Herrenhause zu Stechlin sah es am Begräbnistage sehr verändert aus
sonst so still und abgeschieden war heute alles Andrang und Bewegung Zahllose
Kutschen erschienen und stellten sich auf dem Dorfplatz auf die meisten ganz in
Nähe der Kirche Diese lag in prallem Sonnenschein da so dass man deutlich die
hohen in die Feldsteinwand eingemauerten Grabsteine sah die früher vor der
Restaurierung im Kirchenschiff gelegen hatten Efeu fehlte nur Holunderbüsche
die zu grünen anfingen und dazwischen Ebereschensträucher wuchsen um den Chor
herum
    Der Tote war auf dem durch Palmen und Lorbeer in eine grüne Halle
umgewandelten Hausflur aufgebahrt Adelheid machte die Honneurs und ihre hohen
Jahre noch mehr aber ihr Selbstbewusstsein ließ sie die ihr zuständige Rolle
mit einer gewissen Würde durchführen Außer den Barbys Vater und Tochter
waren von Berlin her noch Baron und Baronin Berchtesgaden gekommen ebenso Rex
und Hauptmann von Czako Rex sah aus als ob er am Grabe sprechen wolle während
sich Czako darauf beschränkte das gesellschaftliche Durchschnittstrauermass zu
zeigen
    Aber diese Berliner Gäste verschwanden natürlich in dem Kontingent das die
Grafschaft gestellt hatte Dieselben Herren die sich  kaum ein halbes Jahr
zurück  am Rheinsberger Wahltage zusammengefunden und sich damals von ein paar
Ausnahmen abgesehen über Torgelows Sieg eigentlich mehr erheitert als geärgert
hatten waren auch heute wieder da Baron Beetz Herr von Krangen Jongherr van
dem Peerenboom von Gnewkow von Blechernhahn von Storbeck von Molchow von
der Nonne die meisten wie herkömmlich mit sehr kritischen Gesichtern Auch
Direktor Tormeier war gekommen in pontificalibus angetan mit so vielen Orden
und Medaillen dass er damit weit über den Landadel hinauswuchs Einige stießen
sich denn auch an und Molchow sagte mit halblauter Stimme zu von der Nonne
»Sehen Sie Nonne das ist die Schmetterlingsschlacht von der man jetzt jeden Tag
in den Zeitungen liest« Aber trotz dieser spöttischen Bemerkung wäre Tormeier
doch Hauptgegenstand aller Aufmerksamkeit geblieben wenn nicht der jeden
Ordensschmuck verschmähende nur mit einem hochkragigen und uralten Frack
angetane Edle Herr von AltenFriesack ihm siegreiche Konkurrenz gemacht hätte
Das wendisch Götzenbildartige das sein Kopf zeigte gab auch heute wieder den
Ausschlag zu seinen Gunsten Er nickte nur pagodenhaft hin und her und schien
selbst an die vom ältesten Adel die Frage zu richten »Was wollt ihr hier« Er
hielt sich nämlich worin er einer ererbten Geschlechtsanschauung folgte für
den einzig wirklich berechtigten Bewohner und Vertreter der ganzen Grafschaft
    Das waren so die Hauptanwesenden Alles stand dichtgedrängt und von
Blechernhahn der in bezug auf »Schneid« beinah an von Molchow heranreichte
sagte »Bin neugierig was der Lorenzen heute loslassen wird Er gehört ja zur
Richtung Göhre«
    »Ja Göhre« sagte von Molchow »Merkwürdig wie der Zufall spielt Das
Leben macht doch immer die besten Witze«
    Weiter kam es mit dieser ziemlich ungeniert geführten Unterhaltung nicht
weil sich als Molchow eben seinen Pfeil abgeschossen hatte die
Gesamtaufmerksamkeit auf jene Flurstelle richtete wo der aufgebahrte Sarg
stand Hier war nämlich und zwar in einem brillant sitzenden und mit
Atlasaufschlägen ausstaffierten Frack in eben diesem Augenblicke der
Rechtsanwalt Katzenstein erschienen und schritt nachdem er einen Granseeschen
Riesenkranz am Fussende des Sarges niedergelegt hatte mit jener Ruhe wie sie
nur das gute Gewissen gibt auf Adelheid zu vor der er sich respektvollst
verneigte Diese bewahrte gute Haltung und dankte Von verschiedenen Seiten her
aber hörte man leise das Wort »Affront« während ein in unmittelbarer Nähe des
Edlen Herrn von AltenFriesack stehender erst seit kurzem zu Christentum und
Konservatismus übergetretener Katzensteinscher Kollege lächelnd vor sich hin
murmelte »Schlauberger«
    Und nun war es Zeit
    Der Zug ordnete sich Militärmusik aus der nächsten Garnison schritt vorauf
dann traten die Stechliner Bauern heran die darum gebeten hatten den Sarg
tragen zu dürfen Diener und Mädchen aus dem Hause nahmen die Kränze Dann kam
Adelheid mit Pastor Lorenzen an die sich die Trauerversammlung viele von ihnen
in Landstandsuniform unmittelbar anschloss Draußen sah man dass eine große Zahl
kleiner Leute Spalier gebildet hatte Das waren die von Globsow Sie hatten bei
der Rheinsberger Wahl alle für Torgelow oder doch wenigstens für Katzenstein
gestimmt jetzt aber wo der Alte tot war waren sie doch vorwiegend der
Meinung »He wihr sowiet janz good«
    Die Musik klang wundervoll kleine Mädchen streuten Blumen und so ging es
den etwas ansteigenden Kirchhof hinauf zwischen den Gräbern hindurch und
zuletzt auf das uralte niedrige Kirchenportal zu Vor dem Altar stellten sie
den Sarg auf einen mit einer Versenkungsvorrichtung versehenen Stein unter dem
sich die Gruft der Stechline befand Schiff und Emporen waren überfüllt bis auf
den Kirchhof hinaus stand alles Kopf an Kopf Und nun trat Lorenzen an den Sarg
heran um über den den er trotz aller Verschiedenheit der Meinungen so sehr
geliebt und verehrt ein paar Worte zu sagen
    »Wer seinen Weg richtig wandelt kommt zu seiner Ruhe in der Kammer Diesen
Weg zu wandeln war das Bestreben dessen an dessen Sarge wir hier stehen Ich
gebe kein Bild seines Lebens denn wie dies Leben war es wissens alle die
hier erschienen sind Sein Leben lag aufgeschlagen da nichts verbarg sich weil
sich nichts zu verbergen brauchte Sah man ihn so schien er ein Alter auch in
dem wie er Zeit und Leben ansah aber für die die sein wahres Wesen kannten
war er kein Alter freilich auch kein Neuer Er hatte vielmehr das was über
alles Zeitliche hinaus liegt was immer gilt und immer gelten wird ein Herz Er
war kein Programmedelmann kein Edelmann nach der Schablone wohl aber ein
Edelmann nach jenem alles Beste umschliessenden Etwas das Gesinnung heißt Er
war recht eigentlich frei Wusst es auch wenn ers auch oft bestritt Das
Goldene Kalb anbeten war nicht seine Sache Daher kam es auch dass er vor dem
was das Leben so vieler andrer verdirbt und unglücklich macht bewahrt blieb
vor Neid und bösem Leumund Er hatte keine Feinde weil er selber keines
Menschen Feind war Er war die Güte selbst die Verkörperung des alten
Weisheitssatzes Was du nicht willst dass man dir tu
    Und das leitet mich denn auch hinüber auf die Frage nach seinem Bekenntnis
Er hatte davon weniger das Wort als das Tun Er hielt es mit den guten Werken
und war recht eigentlich das was wir überhaupt einen Christen nennen sollten
Denn er hatte die Liebe Nichts Menschliches war ihm fremd weil er sich selbst
als Mensch empfand und sich eigener menschlicher Schwäche jederzeit bewusst war
Alles was einst unser Herr und Heiland gepredigt und gerühmt und an das er die
Segensverheissung geknüpft hat  all das war sein Friedfertigkeit
Barmherzigkeit und die Lauterkeit des Herzens Er war das Beste was wir sein
können ein Mann und ein Kind Er ist nun eingegangen in seines Vaters Wohnungen
und wird da die Himmelsruhe haben die der Segen aller Segen ist«
    Einige der Anwesenden sahen sich bei dieser Schlusswendung an Am meisten
bemerkt wurde Gundermann dessen der Rede halb zustimmende halb ablehnende
Haltung bei den versammelten »Alten und Echten« die wohl sich aber nicht ihm
ein Recht der Kritik zuschrieben auch hier wieder ein Lächeln hervorrief Dann
folgte mit erhobener Stimme Gebet und Einsegnung und als die Orgel intonierte
senkte sich der auf dem Versenkungsstein stehende Sarg langsam in die Gruft
Einen Augenblick später als der wiederaufsteigende Stein die Gruftöffnung mit
einem eigentümlichen Klappton schloss hörte man von der Kirchentür her erst ein
krampfhaftes Schluchzen und dann die Worte »Nu is allens ut nu möt ick ook
weg« Es war Agnes Man nahm das Kind von dem Schemel herunter auf dem es
stand um es unter Zuspruch der Nächststehenden auf den Kirchhof
hinauszuführen Da schlich es noch eine Weile weinend zwischen den Gräbern hin
und her und ging dann die Straße hinunter auf den Wald zu
    Die alte Buschen selbst hatte nicht gewagt mit dabeizusein
Unter denen die draußen auf dem Kirchhof standen waren auch von Molchow und
von der Nonne Jeder von ihnen wartete auf seine Kutsche die weil der Andrang
so groß war nicht gleich vorfahren konnte Beide froren bitterlich bei der
scharfen Luft die vom See her wehte
    »Ich weiß nicht« sagte von der Nonne »warum sie die Feier nicht im Hause
wo sie doch heizen konnten abgehalten haben es war ja da drin gar keine
menschliche Temperatur mehr Und nun erst hier draußen«
    »Is leider so« sagte Molchow »und ich werde wohl auch mit ner Kopfkolik
abschließen Und mitunter stirbt man dran Aber wenn man in Berlin is und ich
habe da neulich auch so was mitgemacht is es doch noch schlimmer Da haben sie
was was sie ne Leichenhalle nennen ne Art Kapelle mit Bibelspruch und
Lorbeerbäumen und dahinter verstecken sich ein paar Gesangsmenschen Wenn man
sie nachher aber sieht sehen sie sehr gefrühstückt aus«
    »Kenn ich kenn ich« sagte Nonne
    »Nu der Gesang« fuhr Molchow fort »das ginge noch den kann man
schließlich aushalten Aber der Fußboden und der Zug durch die offenstehende
Tür Und wenn man noch bloß den kriegte Wer aber Pech hat der kommt wenns
Winter is dicht neben einen Kanonenofen zu stehen und wenn ich sage der
pustet so sag ich noch wenig Und der Geistliche kann einem auch leid tun Er
spricht sozusagen für niemanden Wer kann denn bei solchem Zug und solchem
Ofenpusten ordentlich zuhören Und bloß das weiß ich dass ich immer an die drei
Männer im feurigen Ofen gedacht habe So halb Eisklumpen halb Bratapfel is nich
mein Fall«
    »Ja die Berliner« sagte Nonne »Nich zu glauben«
    »Nich zu glauben Und dabei bilden sie sich ein sie hätten eigentlich alles
am besten Und mancher von ihnen glaubt es auch wirklich Aber die Hölle lacht«
    »Ich bitte Sie Molchow menagieren Sie sich Das über Berlin na das ginge
vielleicht noch Aber so gleich hier von Hölle hier mitten auf nem
christlichen Kirchhof«
Bald danach hatte sich der Kirchhof geleert und alles was in der Grafschaft
wohnte war auf dem Heimwege Nur die von Berlin her erschienenen Gäste die den
nächsten an Gransee vorüberkommenden Rostocker Zug abzuwarten hatten waren in
das Herrenhaus zurückgekehrt wo mittlerweile für einen Imbiss Sorge getragen
war Rex und Czako desgleichen auch die Berchtesgadens nahmen erst ein Glas
Wein und dann eine Tasse Kaffee Zwischen dem alten Grafen und Adelheid knüpfte
sich ein mäßig belebtes Gespräch an wobei der Graf der Vorzüge des Verstorbenen
gedachte Da Schwester Adelheid jedoch wie so viele Schwestern allerlei
Zweifel und Bedenken hinsichtlich des Tuns und Treibens ihres Bruders hegte so
ging man bald zu den Kindern über und beklagte dass sie bei einer so schönen
Feier nicht hätten zugegen sein können Dazwischen wurde dann freilich das fast
entgegengesetzt klingende Bedauern laut dass das junge Paar seinen Aufenthalt im
Süden wohl werde abbrechen müssen Der alte Graf in seiner Güte fand alles was
Adelheid sagte sehr verständig während sich Adelheids Gefühle mit der
Anerkennung begnügten dass sie sich den Alten eigentlich schlimmer gedacht habe
 
                           Vierundvierzigstes Kapitel
Melusine war aus der Kirche mit in das Herrenhaus zurückgekehrt und widmete sich
hier auf eine kurze Weile zunächst ihren Freunden den Berchtesgadens dann Rex
und Czako Danach ging sie in die Pfarre hinüber um Lorenzen zu danken und noch
ein kurzes Gespräch mit ihm über Woldemar und Armgard zu haben im wesentlichen
eine Wiederholung alles dessen was sie schon während ihres Weihnachtsbesuches
mit ihm durchgesprochen hatte Sie verplauderte sich dabei wider Wunsch und
Willen und als sie schließlich nach dem Herrenhause zurückkehrte begegnete sie
bereits jener Aufbruchsunruhe die kein ernstes Eingehen auf irgendein Thema
mehr zulässt Sie beschränkte sich deshalb auf ein paar Worte mit Tante Adelheid
Dass man sich gegenseitig nicht mochte war der einen so gewiss wie der andern
Sie waren eben Antipoden Stiftsdame und Weltdame Wutz und Windsor vor allem
enge und weite Seele
    »Welch ein Mann Ihr Pastor Lorenzen« sagte Melusine »Und zum Glück auch
noch unverheiratet«
    »Ich möchte das nicht so betonen und noch weniger es beloben Es
widerspricht dem Beispiele das unser Gottesmann gegeben und widerspricht auch
wohl der Natur«
    »Ja der Durchschnittsnatur Es gibt aber Gott sei Dank Ausnahmen Und das
sind die eigentlich Berufenen Eine Frau nehmen ist alltäglich «
    »Und keine Frau nehmen ist ein Wagnis Und die Nachrede der Leute hat man
noch obenein«
    »Diese Nachrede hat man immer Es ist das erste wogegen man gleichgültig
werden muss Nicht in Stolz aber in Liebe«
    »Das will ich gelten lassen Aber die Liebe des natürlichen Menschen bezeigt
sich am besten in der Familie«
    »Ja die des natürlichen Menschen«
    »Was ja so klingt Frau Gräfin als ob Sie dem Unnatürlichen das Wort reden
wollten«
    »In gewissem Sinne ja Frau Domina Was entscheidet ist ob man dabei nach
oben oder nach unten rechnet«
    »Das Leben rechnet nach unten«
    »Oder nach oben je nachdem«
    Es klang alles ziemlich gereizt Denn so leichtlebig und heiter Melusine
war einen Ton konnte sie nicht ertragen den sittlicher Überheblichkeit Und so
war eine Gefahr da sich die Schraubereien fortsetzen zu sehen Aber die
Meldung dass die Wagen vorgefahren seien machte dieser Gefahr ein Ende
Melusine brach ab und teilte nur noch in Kürze mit dass sie vorhabe morgen mit
dem frühesten von Berlin aus einen Brief zu schreiben der mutmasslich
gleichzeitig mit dem jungen Paar in Kapri eintreffen werde Adelheid war damit
einverstanden und Melusine nahm Baron Berchtesgadens Arm während der alte Graf
die Baronin führte
    Das Verdeck des vor dem Portal haltenden Wagens war zurückgeschlagen und
alsbald hatten die Baronin und Melusine im Fond die beiden Herren aber auf dem
Rücksitz Platz genommen So ging es eine schon in Kätzchen stehende Weidenallee
hinunter die beinahe geradlinig auf Gransee zuführte Das Wetter war
wunderschön von der Kälte die noch am Vormittag geherrscht hatte zeigte sich
nichts mehr der Himmel war gleichmäßig grau nur hier und da eine blaue Stelle
Der Rauch stand in der stillen Luft die Spatzen quirilierten auf den
Telegraphendrähten und aus dem Saatengrün stiegen die Lerchen auf »Wie schön«
sagte Baron Berchtesgaden »und dabei spricht man immer von der Dürftigkeit und
Prosa dieser Gegenden« Alles stimmte zu zumeist der alte Graf der die
Frühlingsluft einsog und immer wieder aussprach wie glücklich ihn diese Stunde
mache Sein Bewegtsein fiel auf
    »Ich dachte lieber Barby« sagte der Baron »in meinen Huldigungen gegen
Ihre märkische Frühlingslandschaft ein Äusserstes getan zu haben Aber ich sehe
ich bleibe doch weit zurück Sie schlagen mich aus dem Felde«
    »Ja« sagte der alte Graf »und mir kommt es wohl auch zu Denn ich bin der
erste dran davon Abschied nehmen zu müssen«
Rex und Czako folgten in einem leichten Jagdwagen Die beiden Schecken kleine
Shetländer warfen ihre Mähnen Dass man von einem Begräbnis kam war dem Gefährt
nicht recht anzusehen
    »Rex« sagte Czako »Sie könnten nun wieder ein ander Gesicht aufsetzen
Oder wollen Sie mich glauben machen dass Sie wirklich betrübten Herzens sind«
    »Nein Czako so gröblich inszenier ich mich nicht Und käme mir so was in
den Sinn so jedenfalls nicht vor einem Publikum das Czako heißt Übrigens
wollen Sie bloß etwas von sich auf mich abwälzen Sie sind betrübt und wenn ich
mir alles überlege so steht es so dass Sie bei dem ChâteauLafitte nicht auf
Ihre Rechnung gekommen sind Er wirkte  denn des Alten Bocksbeutel hab ich von
unserem Oktoberbesuch her noch in dankbarer Erinnerung  wie wenn ihn Tante
Adelheid aus ihrem Kloster mitgebracht hätte«
    »Rex Sie sind ja wie vertauscht und reden beinah in meinem Stil Es ist
doch merkwürdig sowie die Menschen dies Nest dies Berlin erst hinter sich
haben fängt Vernunft wieder an zu sprechen«
    »Sehr verbunden Aber eskamotieren Sie nicht die Hauptsache Meine Frage
bleibt warum so belegt Czako Denn dass Sie das sind ist außer Zweifel Wenns
also nicht von dem Lafitte stammt so kann es nur Melusine sein«
    Czako seufzte
    »Da haben wirs Tatsache festgestellt obwohl ich Ihren Seufzer nicht recht
verstehe Sie haben nämlich nicht den geringsten Grund dazu Gesamtsituation
umgekehrt überaus günstig«
    »Sie vergessen Rex die Gräfin ist sehr reich«
    »Das erschwert nicht das erleichtert bloß«
    »Und außerdem ist sie grundgescheit«
    »Das sind Sie beinah auch wenigstens mitunter«
    »Und dann ist die Gräfin eine Gräfin ja sogar eine Doppelgräfin erst
durch Geburt und dann durch Heirat noch mal Und dazu diese verteufelt vornehmen
Namen Barby Ghiberti Was soll da Czako Teuerster Rex man muss den Mut haben
den Tatsachen ins Auge zu sehen Ich mache mir kein Hehl draus Czako hat was
merkwürdig Kommissmässiges etwa wie Landwehrmann Schultze Kennen Sie das
reizende Ballett Uckermärker und Picarde Da haben Sie die ganze Geschichte
Melusine ist die reine Picarde«
    »Zugegeben Aber was schadet das Italienisieren Sie sich und schreiben Sie
sich von morgen ab Ciacco Dann sind Sie dem Ghiberti trotz seiner Grafenschaft
dicht auf den Hacken«
    »Sapristi Rex cest une idée«
 
                           Fünfundvierzigstes Kapitel
Das junge Paar war nach geplantem kurzen Aufenthalt erst in Amalfi und dann in
Sorrent in Kapri angekommen Woldemar fragte nach Briefen erfuhr aber dass
nichts eingegangen
    Armgard schien verstimmt »Melusine lässt sonst nie warten«
    »Das hat dich verwöhnt Sie verwöhnt dich überhaupt«
    »Vielleicht Aber so dirs recht ist darüber erst später einmal nicht
heute für solche Geständnisse sind wir doch eigentlich noch nicht lange genug
verheiratet Wir sind ja noch in den Flitterwochen«
    Woldemar beschwichtigte »Morgen wird ein Brief dasein Schliessen wir also
Frieden und steigen wir wenn dirs passt nach Anacapri hinauf Oder wenn du
nicht steigen magst bleiben wir wo wir sind und suchen uns hier eine gute
Aussichtsstelle«
    Es war auf dem Frontbalkon ihres am mittleren Abhang gelegenen Albergo dass
sie dies Gespräch führten und weil die Mühen und Anstrengungen der letzten Tage
ziemlich groß gewesen waren war Armgard willens für heute wenigstens auf
Anacapri zu verzichten Sie begnügte sich also mit Woldemar auf das Flachdach
hinaufzusteigen und verlebte da angesichts der vor ihnen ausgebreiteten
Schönheit eine glückliche Stunde Von Sorrent kamen Fischerboote herüber die
Fischer sangen und der Himmel war klar und blau nur drüben aus dem Kegel des
Vesuv stieg ein dünner Rauch auf und von Zeit zu Zeit war es als vernähme man
ein dumpfes Rollen und Grollen
    »Hörst dus« fragte Armgard
    »Gewiss Und ich weiß auch dass man einen Ausbruch erwartet Vielleicht
erleben wirs noch«
    »Das wäre herrlich«
    »Und dabei« fuhr Woldemar fort »komm ich von der eitelen Vorstellung nicht
los dass wenns da drüben ernstlich anfängt unser Stechlin mittut wenn auch
bescheiden Es ist doch eine vornehme Verwandtschaft«
    Armgard nickte und von der Uferstelle her wo die Sorrentiner Fischer eben
anlegten klang es herauf
»Tre giorni son che Nina che Nina
In letto ne se sta«
Am andern Tage wie vorausgesagt kam ein Brief von Melusine diesmal aber nicht
an die Schwester sondern an Woldemar adressiert
    »Was ist« fragte Armgard der die Bewegung nicht entging die Woldemar
während er las zu bekämpfen suchte
    »Lies selbst«
    Und dabei gab er ihr den Brief mit der Todesanzeige des Alten
    An ein Eintreffen in Stechlin um noch der Beisetzung beiwohnen zu können
war längst nicht mehr zu denken der Begräbnistag lag zurück So kam man denn
überein die Rückreise langsam in Etappen über Rom Mailand und München machen
aber an jedem Orte denn beide sehnten sich heim nicht länger als einen Tag
verweilen zu wollen Von Kapri nahm Woldemar ein einziges Andenken mit einen
Kranz von Lorbeer und Oliven »Den hat er sich verdient« 
    Die letzte Station war Dresden und von hier aus war es denn auch dass
Woldemar ein paar kurze Zeilen an Lorenzen richtete
»Lieber Lorenzen
    Seit einer halben Stunde sind wir in Dresden und ich schreibe diese Zeilen
angesichts des immer wieder schönen Bildes von der Terrasse aus das auch auf
den Verwöhntesten noch wirkt Wir wollen morgen in aller Frühe von hier fort
sind um zehn in Berlin und um zwölf in Gransee Denn ich will zunächst unser
altes Stechlin wiedersehen und einen Kranz am Sarge niederlegen Bitte sorgen
Sie dass mich ein Wagen auf der Station erwartet Wenn ich auch Sie persönlich
träfe so wäre mir das das Erwünschteste Es plaudert sich unterwegs so gut Und
von wem könnt ich mehr und zugleich Zuverlässigeres erfahren als von Ihnen der
Sie die letzten Tage mit durchlebt haben werden Meine Frau grüßt herzlichst
Wie immer Ihr alter treu und dankbar ergebenster
                                                                Woldemar v St«
Um zwölf hielt der Zug auf Bahnhof Gransee Woldemar sah schon vom Koupé aus den
Wagen aber statt Lorenzen war Krippenstapel da Das war ihm zunächst nicht
angenehm aber er nahm es bald von der guten Seite »Krippenstapel ist am Ende
noch besser weil er unbefangener ist und mit manchem weniger zurückhält
Lorenzen wenn er dies Wort auch belächeln würde hat einen diplomatischen Zug«
    In diesem Augenblick erfolgte die Begrüßung mit dem inzwischen
herangetretenen »Bienenvater« und alle drei bestiegen den Wagen dessen Verdeck
zurückgeschlagen war Krippenstapel entschuldigte Lorenzen »der wegen einer
Trauung behindert sei« und so wäre denn alles in bester Ordnung gewesen wenn
unser trefflicher alter Museumsdirektor nur vor Antritt seiner Fahrt nach
Gransee von einer Herausbesserung seines äußeren Menschen Abstand genommen
hätte Das war ihm aber unzulässig erschienen und so saß er denn jetzt dem
jungen Paare gegenüber angetan mit einem Schlipsstreifen und einem großen
Chemisettevorbau Der Schlips war so schmal dass nicht bloß der zur Befestigung
der Vatermörder dienende Hemdkragenrand in halber Höhe sichtbar wurde sondern
leider auch der aus einem keilartigen Ausschnitt hervorlugende Adamsapfel der
sich nun wie ein Ding für sich beständig hin und her bewegte Die Verlegenheit
Armgards deren Auge sich  natürlich ganz gegen ihren Willen  unausgesetzt auf
dies Naturspiel richten musste wäre denn auch von Moment zu Moment immer größer
geworden wenn nicht Krippenstapels unbefangene Haltung schließlich über alles
wieder hinweggeholfen hätte
    Dazu kam noch dass seiner Unbefangenheit seine Mitteilsamkeit entsprach Er
erzählte von dem Begräbnis und wer vom Grafschaftsadel alles dagewesen sei Dann
kam Tormeier an die Reihe dann Katzenstein und die Domina und zuletzt auch
»lütt Agnes«
    »Des Kindes müssen wir uns annehmen« sagte Armgard
    »Wenn du darauf dringst gewiss Aber es liegt schwieriger damit als du
denkst Solche Kinder ganz im Gegensatz zur Pädagogenschablone muss man sich
selbst überlassen Der gefährlichere Weg wenn überhaupt was Gutes in ihnen
steckt ist jedesmal der bessere Dann bekehren sie sich aus sich selbst heraus
Wenn aber irgendein Zwang diese Bekehrung schaffen will so wird meist nichts
draus Da werden nur Heuchelei und Ziererei geboren Eigner freier Entschluss
wiegt hundert Erziehungsmaximen auf«
    Armgard stimmte zu Krippenstapel aber fuhr in seinem Berichte fort und
erzählte von Kluckhuhn von Uncke von Elfriede Sponholz werde in der nächsten
Woche zurückerwartet und Koseleger und die Prinzessin seien ein Herz und eine
Seele ganz besonders  und das sei das Allerneueste  seit man für ein
Rettungshaus sammle Seitens des Adels werde fleißig dazu beigesteuert nur
Molchow habe sich geweigert »so was schaffe bloß Konfusion«
    Um zwei traf man in Schloss Stechlin ein Woldemar durchschritt die verödeten
Räume verweilte kurze Zeit in dem Sterbezimmer und ging dann in die
Kirchengruft um da den Kranz an des Vaters Sarge niederzulegen
    Am späten Nachmittag erschien auch Lorenzen und sprach zunächst sein
Bedauern aus dass er einer Amtshandlung halber Kossät Zschocke habe sich wieder
verheiratet nicht habe kommen können Er blieb dann noch den Abend über und
erzählte vielerlei zuletzt auch von dem was er dem Alten feierlich habe
versprechen müssen
    Woldemar lächelte dabei »Die Zukunft liegt also bei dir«
    Und unter diesen Worten reichte er Armgard die Hand
                          Sechsundvierzigstes Kapitel
Armgard hatte sich von der im Stechliner Hause herrschenden Weltabgewandteit
angeheimelt gefühlt Aber der Gedanke hier ihre Tage zu verbringen lag ihr
doch vorderhand noch fern und so kehrte sie denn kurz nach Ablauf einer Woche
nach Berlin zurück wo mittlerweile Melusine für alles gesorgt und eine ganz in
der Nähe von Woldemars Kaserne gelegene Wohnung gemietet und eingerichtet hatte
    Das war am BelleAlliancePlatz Als das junge Paar diese Wohnung bezog
ging die Saison bereits auf die Neige Die Frühjahrsparaden nahmen ihren Anfang
und gleich danach auch die Wettrennen an denen Armgard voller Interesse
teilnahm Aber ihre Freude daran war doch geringer als sie geglaubt hatte
Weder das Grossstädtische noch das Militärische weder Sport noch Kunst
behaupteten dauernd den Reiz den sie sich anfänglich davon versprochen und ehe
der Hochsommer heran war sagte sie »Lass michs dir gestehen Woldemar ich
sehne mich einigermaßen nach Schloss Stechlin«
    Er hätte nichts Lieberes hören können Was Armgard da sagte war ihm aus der
eignen Seele gesprochen Liebenswürdig und bescheiden wie er war stand ihm
längst fest dass er nicht berufen sei jemals eine Generalstabsgrösse zu werden
während das alte märkische Junkertum von dem frei zu sein er sich eingebildet
hatte sich allmählich in ihm zu regen begann Jeder neue Tag rief ihm zu »Die
Scholle daheim die dir Freiheit gibt ist doch das Beste« So reichte er denn
seine Demission ein Man sah ihn ungern scheiden denn er war nicht bloß
wohlgelitten an der Stelle wo er stand sondern überhaupt beliebt Man gab ihm
als sein Scheiden unmittelbar bevorstand ein Abschiedsfest und der ihm
besonders wohlwollende Kommandeur des Regiments sprach in seiner Rede von den
»schönen gemeinschaftlich durchlebten Tagen in London und Windsor« 
    All die Zeit über waren natürlich auch die von einer Übersiedlung aufs Land
unzertrennlichen kleinen Mühen und Sorgen an das junge Paar herangetreten Unter
diesen Sorgen  Lizzi hatte abgelehnt weil sie die große Stadt und die
»Bildung« nicht missen mochte  war in erster Reihe das Ausfindigmachen einer
geeigneten Kammerjungfer gewesen Es traf sich aber so glücklich dass Portier
Hartwigs hübsche Nichte mal wieder außer Stellung war und so wurde diese denn
engagiert Melusine leitete die Verhandlungen mit ihr »Ich weiß freilich nicht
Hedwig ob es Ihnen da draußen gefallen wird Ich hoff es aber Und Sie werden
jedenfalls zweierlei nicht haben keinen Hängeboden und keinen Ankratz wie die
Leute hier sagen Oder wenigstens nicht mehr davon als Ihnen schließlich doch
vielleicht lieb ist«
    »Ach das ist nicht viel« versicherte Hedwig halb scham halb schalkhaft
    Am 21 September wollte das junge Paar in Stechlin einziehen und alle
Vorbereitungen dazu waren getroffen Schulze Kluckhuhn trommelte sämtliche
Kriegervereine zusammen die Düppelstürmer natürlich am rechten Flügel während
Krippenstapel sich mit Tucheband über ein Begrüssungsgedicht einigte das von
Rolf Krakes ältester Tochter gesprochen werden sollte Die Globsower gingen noch
einen Schritt weiter und bereiteten eine Rede vor darin der neue junge Herr als
einer der »Ihrigen« begrüßt werden sollte
    Das alles galt dem Einundzwanzigsten
    Am Tage vorher aber traf ein Brief Melusinens bei Lorenzen ein an dessen
Schluss es hieß
    »Und nun lieber Pastor noch einmal das eine Morgen früh zieht das junge
Paar in das alte Herrenhaus ein meine Schwester und mein Schwager Erinnern Sie
sich bei der Gelegenheit unsres in den Weihnachtstagen geschlossenen Paktes es
ist nicht nötig dass die Stechline weiterleben aber es lebe
                                 der Stechlin«