Ludwig Ganghofer
Schloss Hubertus
Roman
Erstes Buch
1
Schwül und dunstig lag der heiße Nachmittag über dem Bergwald An den Buchen
rührte sich kein Blatt an den dunklen Fichten schwankte kein Wipfel
Aus der Tiefe des Tales klang zuweilen ein verschwommener Laut herauf die
schwere Luft erstickte jeden Ton zu einem unbestimmten Geräusch Sonst keine
Stimme des Lebens kein Vogelruf im Bergwald Nur manchmal ein leises Rascheln
wenn ein dürrer Zweig durch die Blätter fiel
In dieser Stille ein leichter Schritt Auf dem tiefer liegenden Pfad
zwischen sonnigem Laubwerk schimmerte ein weißes Gewand
»Gundi«
Der fragende Ruf klang durch den stillen Wald wie der Ton einer silbernen
Glocke Dann ein perlendes Lachen An einer Wendung des Pfades erschien eine
schlanke Mädchengestalt in duftigem Sommerkleid Hut und Fächer flogen ins Moos
und zu Füßen einer riesigen Buche die mit weitgespannten Ästen den Platz
überschattete ließ sie sich niedersinken Leuchtend hob sich die weiße Gestalt
mit ihren feinen Linien aus dem grünen Grund unter dem Saum des Kleides lugten
die schmalen Füßchen hervor deren zierliche Schuhe von den scharfen Steinen des
Bergpfades übel gelitten hatten zwischen dem kurzen fein gefälteten Ärmel und
dem hohen blassgelben Lederhandschuh zeigte sich ein schmaler Streif des rosigen
Armes unter raschen Atemzügen von denen sie jeden wie eine Erquickung zu
genießen schien hob und senkte sich die junge Brust Gleich einer Blume die in
der Sonne dürstet hing das Köpfchen auf die Schulter ein schmales edles
Gesicht nun freilich glühend wie Purpur umrahmt von aschblondem Haar dessen
losgesprungene Löckchen sich schimmernd um die Stirne kräuselten darunter zwei
große blaue Augen lichter als das Blau der Veilchen dunkler als die Bläue des
Himmels und staunend strahlend in heiterer Lebensfreude
Als sie den Schatten gesucht war es diesen lachenden Augen entgangen dass
an dem Stamm der Buche ein Täfelchen befestigt hing ein »Marterl« Das
verwitterte Bild mit der halb erloschenen Schrift erzählte dass an dieser Stelle
vor Jahr und Tag der Tod ein Leben zerbrochen habe Hier ruhte sie lächelnd und
träumend in ihrer Jugend und Schönheit Und die Erde auf der sie ruhte hatte
Blut getrunken
Gewannen die dunklen Schatten die den Ort umschwebten Macht über die junge
Seele Das Lächeln schwand von den Lippen des Mädchens der Frohsinn ihres
Gesichtes verwandelte sich in sinnenden Ernst Ihre Augen blickten ziellos durch
eine Bresche des Waldes hinunter in die Tiefe in der zwischen steilen Ufern der
schöne Bergsee gebettet lag umwoben von Dunst und Sonnenglast Der glatte
Spiegel des Wassers war anzusehen wie straff gespannte schimmernde Seide
Da flog es dunkel über den See Ein schwerer Wolkenball hatte sich vor die
Sonne geschoben die schon nahe dem Grat der westlichen Berge stand Und das
ganze Bild der Landschaft war plötzlich verwandelt Es schien als hätte der See
sich emporgehoben aus der Tiefe sein Glanz und Schimmer war erloschen wie ein
riesiger Smaragd tiefgrün und düster dehnte sich die wellenlose Flut zwischen
den steilen Felsenufern die näher gerückt erschienen und schwermütige Farben
zeigten Trüber Schatten dämmerte ein sachtes Flüstern erhob sich in den
Blättern die Wipfel und Zweige der Fichten begannen zu schwanken und wie eine
Unglückskunde den sorglosen Schläfer weckt so flog ein rauschender Windstoß
durch den Wald Dann wieder Stille Nur fern aus den Lüften klang noch ein
murrender Hall
Die Einsame blickte scheu umher hinunter auf den See den schon ein feines
Netz von Linien überkräuselte und empor zum Himmel der sich rasch mit Gewölk
zu umziehen begann Ihre Stimme hatte sorgenden Klang als sie gegen den Pfad
hinunterrief
»Tante Gundi«
Ein ächzender Laut war die Antwort Aus der Senkung des Pfades tauchte eine
rundliche Gestalt hervor Ein schillerndes Seidenkleid von altmodischem Schnitt
umzwängte die ausgiebigen Formen der ältlichen mehr als wohlgenährten Dame Den
Strohhut hatte sie am Gürtel befestigt und während sie mit den Händen das Kleid
gerafft hielt trug sie den Sonnenschirm unter den Arm geklemmt Die zu einem
Nest geschlungenen Zöpfe hatten sich gegen das linke Ohr verschoben und ihr
tiefes Schwarz stach gegen die ergrauende Farbe der glatt über die Schläfe
gescheitelten Haare sehr bedenklich ab Das hochgeborene Fräulein Adelgunde von
Kleesberg schien auch sonst mit Toilettenkünsten sehr vertraut das verrieten
die schwarzen Striche über den kleinen hurtigen Augen und der weiße flaumige
Teint der gepolsterten Wangen Das war nun freilich eine Kunst die sich wenig
schickte für eine Wanderung durch den steilen Bergwald Die reichlichen Perlen
die der Erschöpften von der Stirne sickerten hatten Furchen durch den weißen
Teint gezogen und wo dieser Perlen Weg gegangen war glühte eine dunkelrote
Linie der erhitzen Haut durch den Puder
Der Anblick den die alternde Dame bot rechtfertigte das Lachen mit dem
sie von ihrem harrenden Schützling empfangen wurde »Tante Gundi wie siehst du
aus«
Fräulein von Kleesberg schien eine wütende Entgegnung auf der Zunge zu
haben aber Erschöpfung und Atemnot benahmen ihr die Sprache Sie ließ den
Sonnenschirm fallen und sank mit einem Seufzer in das Moos Da verwandelte sich
die heitere Laune des Mädchens in Erbarmen
»Armes Tantchen Nun mach ich mir wahrhaftig Gewissensbisse«
»Kitty Du bist ein Ungeheuer« Fräulein von Kleesberg keuchte noch was von
»Narretei« von »Hitze« und »schattigem Park« von »Schaukelstuhl« und
»verwünschten Bergen« von »Eigensinn« und »kindischer Ungeduld« dabei zerrte
sie das Taschentuch hervor um Stirn und Wangen zu trocknen als sie das
Tüchlein sinken ließ glich ihr brennendes Vollmondgesicht einer Palette auf
der man Weiß und Rot und Schwarz in konfusen Mischungen durcheinandergerieben
hatte
Mühsam unterdrückte Kitty das Lachen »Wie kannst du mir böse sein weil ich
Papa eine Stunde früher sehen wollte Seit vier Monaten seit der Hahnenjagd
hab ich ihn nicht mehr gesehen Und denk nur die Freude die es ihm machen
wird wenn ich ihn so überrasche mitten im Bergwald « Ihre Worte erloschen
unter einem dumpfen Rauschen das den Wald durchzog Sie warf einen Blick zum
Himmel dort oben sag es schon bedrohlich aus Spähend blickte sie zur Höhe des
Waldes und sagte kleinlaut »Lange kann Papa nicht mehr ausbleiben Hier müssen
wir mit ihm zusammentreffen Er hat keinen anderen Weg um vom Jagdhaus herunter
an den See zu kommen«
Auch Gundi Kleesberg schien das dumpfe Rauschen das über den Wald gefallen
nicht geheuer zu finden und vergaß alle Müdigkeit »Herr du mein Gott im Himmel
da kommt ein Gewitter Fort Nach Hause«
»Tantchen ich bitte dich «
»Nein Ich bleibe keine Sekunde mehr« Mühselig raffte Gundi Kleesberg sich
auf und jammerte »Ich hab es mir gleich gedacht dass bei dieser Narrheit so
was herauskommt« Stöhnend hob sie ihren Sonnenschirm von der Erde und trippelte
hastig davon jeden unsicheren Tritt mit leisem Aufschrei begleitend
In Missvergnügen blickte Kitty ihr nach unschlüssig ob sie folgen sollte
Ein rollender Donner entschied ihren Zweifel Sie warf noch einen sehnsüchtigen
Blick empor durch den wogenden Bergwald und rief mit glockenheller Stimme
»Papa« Nur das Rauschen des Windes gab ihr Antwort Schon wollte sie gehen da
fiel ihr Blick auf das Martertäfelchen an der Buche Neugierig bog sie einen
überhängenden Zweig beiseite Mit ländlicher Kunst war auf dem Täfelchen eine
waldige Berggegend abgebildet ein grün gekleideter Mann die Büchse im Arm lag
ausgestreckt auf der Erde und über seiner Stirn schwebte ein rotes von einem
Schein umzogenes Kreuzlein Unter dem Bilde stand in verwaschener Schrift zu
lesen
»Hier an dieser Stelle wurde Anton Hornegger Gräflich EggeSennefeldischer
Förster am heiligen Johannistag erschossen aufgefunden
Böse Tat ist hier geschehen
Und der Mörder ist entflohn
Gottes Aug hat ihn gesehen
Gottes Zorn erreicht ihn schon
RIP
Wanderer ein Vaterunser«
Unwillkürlich bekreuzte sich Kitty Ein leises Grauen kam ihr aus dem
Gedanken dass sie hier geruht hatte auf dieser Erde die getränkt war mit dem
Blut eines Ermordeten »Tante Gundi« stammelte sie und fing zu laufen an
Hinter ihr rauschte der Bergwald und über das finstere Gewölk leuchtete der
Schein des ersten Blitzes der sich in der Ferne entlud
Eine Minute und Kitty hatte Tante Gundi eingeholt die der erste Blitz um
das letzte Restchen ihrer Fassung brachte Wie eine Verzweifelte beteuerte sie
dass ihr Leben eine grausame Qual dass sie nur zum Elend geboren wäre Eine
Lungenentzündung war das Gelindeste was sie für sich als Ende dieses »neuen
Unglücks« prophezeite in das sie »wieder einmal aus blinder Liebe«
hineingerannt wäre
Kitty schwieg und half nach Kräften um diesem ausgewachsenen Häuflein
Jammer den Niederstieg auf dem unbequemen Wege zu erleichtern Nur einmal als
Tante Gundis Klagelied sich in scheltende Gereiztheit gegen die »Anstifterin des
Unglücks« verwandelte bracht Kitty ihr Schweigen »Ich habe dir doch gesagt
bleib du zu Hause und lass mich allein gehen«
Auch im Stadium hochgradiger Verzweiflung vergaß Adelgunde von Kleesberg
nicht was sie ihrer Stellung schuldig war Zürnend hob sie das brennende
Gesicht und erklärte »Eine Gräfin EggeSennefeld in deinem Alter geht nicht
allein«
Schmollend verzog Kitty das Mäulchen »Ach was hier im Gebirge in Papas
eigenem Walde« Und nach kurzem Schweigen fügte sie bei »In meinem Alter
Siebzehn Jahre Wie alt muss man denn werden um allein gehen zu dürfen«
»So alt wie deine Mutter war als sie ihre eigenen Wege ging«
Nein Tante Gundi sagte das nicht es blieb in ihren Gedanken sie sagte
nur »Ich hoffe dass du dieses Alter niemals erreichen wirst«
Kitty fand nicht Zeit über den Sinn dieser unverständlichen Wendung
nachzudenken Die ersten schweren Tropfen fielen klatschend auf die Blätter
Ohne ein ausgiebiges Bad schien das Abenteuer nicht ablaufen zu wollen Kitty
fasste die Gundi Kleesberg die jetzt dem Weinen näher war als dem Schelten
energisch unter den Arm um sie in rascheren Gang zu bringen An einer Biegung
des Pfades jubelte sie »Wir sind gerettet«
Zwischen Büschen schimmerten die grauen Bretter einer Scheune die im Winter
zur Fütterung des Hochwildes diente Hundert Schritt seitwärts durch den Wald
und das schützende Dach war erreicht ehe das Unwetter begann Die Scheune war
von drei Seiten geschlossen Da hatten die beiden Flüchtlinge auch den Sturmwind
nicht zu fürchten der den schwer fallenden Regen in schiefen Strähnen über den
Berghang peitschte Erschöpft sank Adelgunde von Kleesberg auf ein Restchen Heu
das vom Wildfutter des letzten Winters noch verblieben war das Gesicht drehte
sie gegen den finsteren Winkel um die Blitze nicht zu sehen Kitty hatte rasch
ihre gute Laune wiedergefunden »Das ist lieb von Papa dass er so zärtlich für
seine Hirsche sorgt und für mich wenn ich zufällig in den Regen komme« Sie
lauschte
Was war das Eine Stimme Dazu noch eine singende Und eine jener Weisen
wie sie in den Bergen heimisch sind Nun erblickte Kitty den Sänger Geradeswegs
kam er den steilen Bergwald heruntergestürmt den Schutz der Hütte suchend Es
war ein Jäger in grauer Lodenjoppe und kurzer Lederhose die Büchse hinter dem
Rücken in den Händen den Bergstock den er klirrend zwischen die Steine stieß
um sich auf dem abschüssigen Hang hinwegzuschwingen über Felsbrocken und
gestürzte Bäume Mit großen Augen sah Kitty ihm entgegen und wusste nicht ob sie
mehr über die eiserne Kraft dieses Burschen staunen sollte oder über den
sorglosen Mut mit dem er bei jedem Sprung um Hals und Glieder spielte
Jetzt hatte er die Hütte erreicht Ohne die Damen zu gewahren trat er unter
das vorspringende Dach Gewehr und Bergstock lehnte er an die Bretterwand
schüttelte sich dass die Tropfen von der Joppe flogen und während er das grüne
Filzhütl abnahm um das Wasser fortzuschleudern das sich in der hohlen Krempe
angesammelt hatte lachte er »Sakra noch amal jetzt hätt mich aber s Wetter
bald erwischt«
Bald erwischt Er troff vor Nässe am ganzen Leib dabei trug er den aus
grobem Loden geschnittenen Wettermantel sorgfältig gerollt zwischen den Riemen
des Rucksackes Für sich selbst hatte er nicht gesorgt aber das blaue
Taschentuch hatte er um das Schloss der Büchse gebunden damit die Waffe von der
Nässe nicht leiden möchte Lachend blickte er hinaus in das Strömen und Giessen
Die lichtbraunen Haare die sich sonst in widerspenstigen Ringeln
durcheinanderkräuselten klebten ihm feucht und glatt an Stirn und Schläfen ein
hübsches männliches Gesicht umrahmend Aufgezwirbelt saß ein braunes Bärtchen
über dem lachenden Mund Hell und offen blitzten die Sterne seiner dunklen Augen
in die Welt und ihr froher Blick milderte den Ernst der Stirne
Ein greller Blitz fuhr über den Bergwald hin der Donner schmetterte und
aus dem Schuppen klang Tante Gundis Wimmerschrei
Der Jäger spitzte die Ohren »Mir scheint da hör ich wen« Rasch griff er
nach Bergstock und Büchse und trat in die Hütte
Kitty erkannte ihn »Aber das ist doch unser Franzl«
Der Jäger machte verblüffte Augen »Mar und Joseph Gnädigs Fräuln Ja wie
kommen denn Sie daher«
»Das Gewitter überraschte uns Ich wollte Papa erwarten«
»Da hätten S lang warten dürfen Der Herr Graf kommt heut nimmer runter«
»Kommt nicht« Ein Schatten flog über Kittys Züge »Er weiß doch dass ich
gestern in Hubertus eingetroffen bin Ich habe heut früh den alten Moser mit der
Nachricht zur Hütte hinaufgeschickt«
»Ja der Herr Graf hat s Briefl kriegt«
»Und kommt nicht« Kitty fragte erschrocken »Papa ist krank«
Franzl lachte »Aber Fräuln Kontess Unser Herr Graf Und krank Der reißt
Bäum aus mit seine sechzig Jahr Ah na Dem fehlt kein Haarl net«
»Aber weshalb kommt er nicht Es muss ihm doch Freude machen mich
wiederzusehen«
Betroffen schaute Franzl in Kittys Augen der Klang ihrer Worte brachte ihn
aus seiner fröhlichen Ruhe »Aber freilich« stammelte er »gewiss freut er sich
Aber gewiss«
Kitty stand schweigend ihre Finger knitterten an den Blättern des Fächers
»Aber schauen S Fräuln deswegen müssen S Ihren Hamur net verlieren«
tröstete Franzl »Der Herr Graf hat halt an sakrisch guten Gamsbock im Wind Sie
wissen ja wie er is Da lasst er net aus bis der Bock sein Kügerl net droben
hat«
»Ein Gemsbock« Kittys Augen füllten sich mit Tränen
»Aber Fräuln Kontess« Franzl nahm den Hut ab und kraute sich hinter dem Ohr
»Ich kann ja nix dafür« Nun hörte er aus der Tiefe des Schuppens ein leises
Gewimmer »Was is denn« Er trat näher »Jegerl s alte Fräuln« Gundi
Kleesberg hielt das Gesicht tief eingedrückt in das Heu und Franzl suchte die
Wimmernde aufzurichten »Fräuln Um Herrgotts willen Was haben S denn Is
Ihnen was gschehen«
Die Kleesberg stöhnte »O Gott o Gott dieses entsetzliche Gewitter«
Nun musste der Jäger lachen »Aber sind S doch gscheit Dös hört schon
wieder auf In die Berg kommt so was gschwind aber lang dauerts net Da es
wird schon aber bissl lichter im Gwölk«
Zögernd richtete Tante Gundi sich auf Im gleichen Augenblick fuhr nahe bei
der Hütte ein Blitz herunter aller Grund schien verwandelt in Flammen und Erde
und Luft erzitterten unter einem rasselnden Donnerschlag Ächzend warf Gundi
Kleesberg sich wieder über das Heu auch Kitty wich mit einem leisen Aufschrei
in die Tiefe der Hütte zurück
»Macht nix« lachte Franzl »Is schon gschehen«
Mit diesem letzten Schlag hatte das Unwetter sich ausgetobt Es folgten nur
noch schwache Blitze die matt hinleuchteten über das wogende Gewölk und einen
sanft verrollenden Donner weckten
Während Franzl unter geduldigem Trösten neben der Kleesberg stehenblieb
trat Kitty unter das Vordach der Hütte hinaus und trank in tiefen Zügen die
würzige Luft die den Wald durchhauchte Die Wolken klüfteten sich helles Licht
floss über Berg und See und der Regen versiegte In sachten Stößen strich der
Wind durch die Bäume und schüttelte die Tropfen von allem Gezweig
Rings um die Hütte hatte sich eine breite Pfütze gebildet und überall auf
dem Berghang sprudelten die Regenbäche
»Da wird sich der Heimweg hart machen« meinte Franzl »wie zeigen S amal
her gnädigs Fräuln was haben S denn für Schucherln an«
Kitty hob das Kleid und streckte das Füßchen vor
»Da schauts schlecht aus« jammerte Franzl »Hundert Schritt in so einer
Nässen und s Schucherl fallt Ihnen wie Zunder vom Füssl«
Sorgenvoll betrachtete Kitty den überschwemmten Grund »Aber wie kommen wir
nach Hause«
»Gar net schlecht Passen S nur auf« Franzl zog den Wettermantel aus dem
Bergsack und warf die Büchse hinter den Rücken Dann rollte er den Mantel
auseinander und schlang das weiche Tuch mit scheuer Achtsamkeit um Kitty Gleich
einer grauen Mumie stand sie von den Schultern bis zu den Füßen eingehüllt und
wie sie das Köpfchen reckte um Kinn und Wangen aus den Falten des Mantels frei
zu bekommen war sie einem Schmetterling zu vergleichen der aus der Puppe
schlüpfen will Noch ehe sie recht begriff was mit ihr geschehen sollte hatte
Franzl sie auf seine Arme gehoben wie ein Kind dessen Last er kaum zu spüren
schien Lächelnd ließ sie ihn gewähren dann plötzlich stammelte sie »Aber was
geschieht mit Tante Gundi«
»Alles der Reih nach« erwiderte Franzl
Jetzt wurde Gundi Kleesberg lebendig Händeringend kam sie und schwor die
heiligsten Eide dass sie um alles in der Welt nicht allein bliebe in diesem
»grässlichen« Wald
Franzl tröstete »Wölfe und Bären gibts net bei uns und die Mäus haben
noch nie an Menschen anpackt Bleiben S nur schön da bis ich wiederkomm Ich
trag s gnädig Fräuln nunter ins Kapuzinerhäusl da kanns warten unter Dach
bis a Schiffl kommt In zehn Minuten bin ich wieder da«
Während die Kleesberg wie eine Niobe jammerte trat er hinaus in den Wald
und wanderte mit sicherem Schritt davon Als eine steilere Stelle kam blickte
er lachend zu Kitty auf und sagte »Es geht schon Meine Füss haben Augen im Wald
und eiserne Zähn zum Beissen Tun S Ihnen net fürchten gnädigs Fräuln«
Lächelnd schüttelte Kitty das Köpfchen schob eine Hand aus den Falten des
Mantels heraus und nahm den Strohhut ab der Wind der ihre Wangen umwehte tat
ihr wohl träumend blickte sie in den stiller werdenden Wald und ihre Züge
nahmen einen sinnenden Ausdruck an »Sag mir Franz der Förster Anton
Hornegger das war dein Vater«
»Ja gnädigs Fräuln Wie kommen S jetzt da drauf«
»Ich bin dort oben bei der Buche gewesen Das war ein schweres Unglück für
dich und deine Mutter«
Franzl antwortete nicht gleich »D Mutter hats freilich schwer verwunden
und s Unglück hat aus ihr an alts und stills Weiberl gemacht Ich mein Gott
ich war selbigsmal noch a kleiner Bub der net recht verstanden hat was er
verliert Jetzt weiß ich was dös heißt kein Vater nimmer haben Manchmal
kommen so Sachen über ein wo man kein Rat nimmer weiß und wo jeder andere
Bursch zum Vater geht und fragt Wen frag denn ich D Mutter will ich net
veralterieren mit meinen Sorgen Sonst hab ich kein Menschen net« Die Worte
waren ruhig gesprochen dennoch klang aus ihnen etwas empor wie aus dem Schacht
eines Brunnens
Herzlich hingen Kittys Augen an dem Gesicht des Jäger »Man weiß noch immer
nicht wer es getan hat«
»Nix Net der gringste Verdacht Aber leben tut er schon noch derselbig
Und wann mich unser Herrgott liebhat führt er mich amal zamm mit ihm« Kitty
fühlte den Arm erzittern der sie umschlungen hielt »Und wenn der Strich der
bei der Rechnung gemacht wird weg geht über mich auf so was muss unsereiner
gfasst sein alle Tag So is halt s Jägerleben in die Berg Da gehst im Wald
umanand und denkst an nix Und hinter die Bäum steht einer drin Und auf amal
da krachts Und aus iss Wenns sein muss in Gotts Namen Tust halt den
letzten Schnaufer schaust noch amal auffi zu die höchsten Wänd machst deine
Lichter zu und bhüt dich Gott du schöne Welt Ich denk mir so hats mein
Vater gemacht Wer weiß leicht mach ichs ihm nach amal«
Die Sonne war über die Seeberge schon hinuntergesunken nun lugte sie aus
einem tiefen Talspalt wieder hervor und der goldige Schein den sie warf
durchleuchtete das von Tropfen glitzernde Laub und wob einen wundersamen
Schimmer um die feuchten Stämme Die kleinen Vögel des Waldes waren lebendig
geworden und huschten umher doch ihr Gezwitscher erlosch unter einem dumpfen
Rauschen das vom nahen Seeufer einhertönte
Kitty schien kein Auge zu haben für die leuchtende Schönheit des Bergwaldes
Was sie gehört hatte gab ihr zu denken
»Franz Du hast von Sorgen gesprochen Was für Sorgen sind das die du
hast«
Ein heftiges Wort schien dem Jäger auf der Zunge zu liegen Doch er
schüttelte den Kopf »Ah nix So Jagergschichten halt«
»Kann ich dir helfen«
Wieder schüttelte er den Kopf und sah dankbar zu ihr auf
Nun lächelte sie und der Schelm erwachte in ihren Augen »Bist du
verliebt«
Franzl lachte »Das ging mir grad noch ab Ich muss mich eh schon giften
genug«
Sie schlug ihn leicht mit dem Fächer auf den Mund und lachte mit ihm
Nun war der ebene Grund erreicht und Franzl stand ratlos Der Wetterbach
der hier in den See mündete in trockener Zeit ein Bächlein das mit einem
Schritt zu übersetzen war hatte sich in einen tobenden Giessbach verwandelt
der in einem nahen Felsenwinkel aus steiler Höhe niederstürzte und mit
schäumenden Wellen über das grobe Steingeröll wegrauschte Von dem Stege der
sonst über das Bett des Baches führte war keine Spur mehr zu sehen seine
Balken mochten weit draußen schwimmen im See Und hinüber mussten die beiden der
Zugang zum See war ihnen abgeschnitten da der Giessbach zur Linken hart an eine
steil in den See abfallende Felswand lenkte Jenseits des Baches lag eine sanft
ansteigende mit alten Ahornbäumen bestandene Grasfläche die sich vom Seeufer
zwischen dem Bach und einer verwitterten Felswand bis zur Schlucht des
Wasserfalles emporhob Über die Wipfel der Bäume herüber lugte das Türmlein
einer Eremitage die an die Felswand angebaut war
Sehnsüchtig schaute Kitty dort hinüber und streifte mit besorgtem Blick die
schäumenden Wellen Franzl hatte den Ausweg schon gefunden eine gestürzte
Fichte die den Bach überbrückte Rasch entschlossen schritt er auf den
Baumstamm zu Kitty sträubte sich als sie seine Absicht erkannte Franzl
lachte »Tun S Ihnen net fürchten gnädigs Fräuln Über so a Bäuml geh ich weg
in der stockfinstern Nacht Lassen S mir nur den Hals schön frei« Kitty
verstand ihn kaum das Rauschen des Wassers übertönte seine Worte Und nun hatte
er die luftige Brücke schon betreten Sicher wie auf ebener Erde schritt er
über den schwankenden Stamm In Kitty erwachte die Angst der Anblick des
schiessenden Wassers machte sie schwindeln Stammelnd schlang sie die Arme um den
Hals des Jägers Unter diesem Ruck drohte Franzl das Gleichgewicht zu verlieren
»Lassen S mein Hals aus« mahnte er nur noch angstvoller umklammerte sie ihn
und da begann er auf dem schwankenden Stamm zu laufen Schon war er bis auf
wenige Schritte dem Ufer nahe da glitt ihm auf dem nassen Baum der Fuß aus Von
Kittys Lippen flog ein Schrei Im Wanken wagte Franzl den Sprung ans Ufer
Glücklich erreichte er den festen Grund doch die Bürde die er trug raubte ihm
beim Aufsprung das Gleichgewicht und er drohte sich rücklings zu überschlagen
In diesem Augenblick griffen zwei fremde Arme helfend zu und rissen den
Stürzenden auf sicheren Grund Kitty war einer Ohnmacht nahe Sie fühlte nur
dass sie aus Franzls Armen glitt und als sie die Augen öffnete lag sie an der
Brust eines jungen Mannes und neben ihr stand Franzl lachend aber mit blassem
Gesicht
In Verwirrung richtete Kitty sich auf Schwer wie Blei lag ihr die
überstandene Angst in allen Gliedern Sie musste den Arm ergreifen den der junge
Fremde ihr bot Was er sagte konnte sie bei dem Rauschen des Wassers nicht
verstehen Den besten Weg über trockene Plätzchen suchend führte er sie zur
Eremitage und ließ sie auf die Steinbank niedersinken die neben der Tür in die
Mauer des kapellenartigen Häuschens eingelassen war
Halb aus Bruchsteinen halb aus dicken Baumklötzen gefügt mit niederer Tür
zwei kleinen Fenstern und einem zierlichen Glockentürmchen über dem Rindendach
lehnte sich die Klause an die graue Felswand Unter dem vorspringenden Dach war
an den Balken des Firstes eine rote Marmortafel befestigt die in verblasster
Goldschrift die Worte trug »Hier wohnt das Glück«
Wer hatte die Klause erbaut Wer diese Inschrift angebracht Und wie reich
musste jenes Glück das hier erblüht war gewesen sein da jene die es genossen
den Drang empfunden hatten ihren Dank in Stein zu meisseln Das Flecklein Erde
das diese Hütte trug schien wie geschaffen um ein verschwiegenes Glück vor dem
Blick der Menschen zu bergen Vom rauschenden Wildbach vom weiten See den das
Gezweig der Bäume verschleierte und von ragenden Felswänden umgrenzt schob
sich das kleine samtgrüne Tal in das Herz des Berges wie ein feines Kämmerchen
inmitten eines riesigen Palastes versteckt und abgeschieden geschmückt mit
allen Reizen der Natur
Frischer und würziger hauchte nach dem vertobten Gewitter die reine
Bergluft saftiger leuchtete alles Grün an Busch und Bäumen Hell glitzerten die
über alle Felsen niederrinnenden Wasserfäden und in buntem Feuer leuchteten die
vom Dächlein der Klause fallenden Tropfen
Nun erlosch der rote Sonnenschein und alle Farben der Umgebung dämpften
sich wie von einem zarten Schleier überzogen
2
Kitty vermochte noch immer kein Wort zu sprechen die Hände im Schoss und ohne
Bewegung saß sie auf der Steinbank und sah dem Jäger nach der den Wetterbach
schon wieder überschritten hatte
Auch der junge Fremde schwieg Er stand neben der Bank und betrachtete
forschend den gesenkten Mädchenkopf als möchte er diese feingeschwungenen
Linien und die schimmernden Töne des gewellten Haares in sein Gedächtnis prägen
Hätte nicht der Feldstuhl die zusammengeklappte Staffelei und der Malkasten
der an der Mauer im Trockenen lag den Beruf des jungen Mannes bezeichnet
schon dieser prüfend gleitende Blick und die schlanken Hände hätten den Künstler
verraten Er mochte einige Jahre über zwanzig zählen seiner Jugend widersprach
die stille Schwermut der dunklen Augen und der gereifte Ernst des schmalen herb
geschnittenen Gesichtes glatt legte sich das kurze Braunhaar über die Stirn und
mischte sich an den Schläfen mit dem schattigen Flaum des jungen Bartes der
sich um Wangen und Lippen kräuselte Dieser Mund mit dem strengen Zug in dem
sich Kraft und Entschlossenheit verriet war doch sanft geschwellt und hatte ein
mildes verträumtes Lächeln Das Gesicht war nicht schön zu nennen aber dieser
Mund und diese Augen fesselten Der hager aufgeschossene Körper war
unausgeglichen jugendlich eckig dazu eine leicht vorgeneigte Haltung wie sie
nachdenklichen Naturen eigen ist dennoch war die Gestalt nicht übel anzusehen
der leichte graue Sommeranzug so bequem er saß hatte modischen Schnitt die
Wäsche war wie Schnee die weiße Seidenkrawatte tadellos geknüpft Man merkte an
ihm keine Spur von jener bei jungen Künstlern häufigen Vorliebe für das
Nachlässige aber auch keinen Zug vom Stutzer er schien für seine äußere
Erscheinung zu sorgen weil es die Art eines wohlerzogenen Menschen ist sich
gut zu kleiden
Je länger er niederblickte auf das liebliche Bild des Mädchens desto wärmer
wurde der Glanz seiner Augen er schien eine Freude zu genießen die Freude des
Künstlers an jener Schönheit die noch unberührt ist von der rauen Hand des
Lebens und einer Blütenknospe am Morgen gleicht
Als hätte Kitty diesen Blick empfunden so hob sie plötzlich die Augen Das
fremde Gesicht verwirrte sie und dennoch hielt die stumme Sprache dieser Züge
ihren Blick gefangen das war eines von jenen Gesichtern die auch ohne Worte
von trüber Zeit erzählen
Ihre Verwirrung schien ansteckend zu wirken Verlegen suchte der junge
Künstler nach Worten und endlich brachte er die Frage heraus ob sie den
Schreck des kleinen Abenteuers völlig überstanden hätte
Da fand sie ihre heitere Laune lachend nickte sie und reichte ihm die Hand
»Ich danke Ihnen Sie haben mich vor einem unangenehmen Bad behütet Der
Wetterbach hat heut seine böse Stunde Das hätte übel für mich ausfallen
können« Sie rührte die Schultern als empfände sie ein leises Grauen doch
gleich wieder lachte sie und erzählte vom Gewitter vom Unterschlupf in der
Wildscheune und von dem glücklichen Zufall der »unseren guten Franzl« als
Retter in der Not geschickt Drollig schilderte sie den »kopflosen Schreck« der
sie befallen als der Jäger den schwankenden Baum betrat »Und ich hätte mir
doch sagen müssen dass ich sicher bin Ich kenne doch unseren Franzl« Sie
unterbrach sich und blickte auf »Wie waren Sie denn eigentlich so flink bei der
Hand«
»Das hab ich meinem Fleiß zu danken Ich bin schon seit dem Morgen hier und
habe gearbeitet«
»Gearbeitet« Sie schien den Sinn dieses Wortes nicht zu verstehen Da
gewahrte sie die Geräte des Künstlers »Ach Sie malen« Dem respektvollen
Staunen mit dem sie ihren jungen Retter betrachtete war es anzumerken dass vor
ihren Augen ein lebendiger Künstler nicht viel geringer wog als einst in
vergangenen Zeiten vor dem Blick des Burgfräuleins der tapfere Ritter der den
Drachen überwand Neugierig spähte sie nach dem Leinwandrahmen der gegen die
Mauer gelehnt stand
Der junge Maler schien nicht eitel zu sein sonst hätte er diesen Blick zu
deuten gewusst »Auch mich hat das Gewitter überrascht mitten in der besten
Arbeit« erzählte er »und ich musste eine Stunde hier unter der Tür sitzen Aber
es war herrlich so hineinzuschauen in den Zorn der Natur Sie ist immer schön
ob sie lächelt oder grollt fast schöner noch in ihrem Zorn als in ihrem
Frieden Wenn ich sie so toben sehe fühl ich auch dass ich ihr in solchen
Augenblicken näher komme als in sonniger Stunde In der Sonne steht sie vor mir
wie ein Geheimnis in bunten Kleidern Im Sturme seh ich die Riesin wie sie vor
meinem Blick die Hülle zerreißt Ich spähe ihr in das wildpochende Herz und mir
ist als flösse in mich etwas über von ihrer Kraft« Er sagte das ruhig wie man
selbstverständliche Dinge äußert
Kitty blickte zu ihm auf mit großen Augen
Er begegnete diesem Blick und leichte Röte schlich über seine schmächtigen
Wangen »Als es vorüber war hörte ich den Wildbach kommen Und da lief ich
hinunter Es war prachtvoll anzusehen wie das harmlose Wasserschlänglein in
wenigen Minuten sich zum brüllenden Ungeheuer auswuchs Und wie ich so stehe
seh ich Sie plötzlich drüben aus dem Wald hervorkommen auf dem Arm des Jägers
Das war ein so köstliches Bild dass ich es mit ein paar Strichen zu fassen
suchte« Er griff an seine Taschen »Wo hab ich denn nur « Nun erschrak er
»Ach du lieber Himmel« und mit langen Beinen sprang er zum Wildbach hinunter
Verblüfft sah ihm Kitty nach kaum war er zwischen den Bäumen verschwunden
da huschte sie auf den Leinwandrahmen zu hob ihn von der Erde und machte
sonderbare Augen als sie die begonnene Studie sah Etwas Außerordentliches
hatte sie zu entdecken erwartet Statt dessen sah sie ein Wirrsal noch nasser
Farbenflecke die sich flimmernd durcheinanderschlangen und den Vorwurf des
Bildes kaum erkennen ließ die Felswand in greller Sonne und zu ihren Füßen
die Klause übergossen von den Lichtern die durch das Gezweig der Bäume fielen
Ein Kennerauge hätte gestaunt über die Kraft und Kühnheit die sich in diesem
raschen Erfassen einer malerischen Stimmung verriet Kitty aber stellte sehr
enttäuscht die Leinwand wieder gegen die Wand Zu ihrem weiteren Ärger gewahrte
sie noch dass sie mit den behandschuhten Fingern in die nasse Farbe geraten war
»Pfui« murrte sie und säuberte die Fingerspitzen an der Balkenwand
Kaum saß sie wieder auf der Steinbank als er vom Ufer heraufgestiegen kam
in der Hand ein graues Buch das er mit dem Taschentuch abwischte »Es ist
glücklicherweise sehr günstig gefallen als ich es fortwarf um die Hände frei
zu bekommen« sagte er lächelnd Dann schlug er das Buch auf und reichte es ihr
Ein Laut freudiger Überraschung glitt beim Anblick des Blattes von Kittys
Lippen Wohl waren die beiden Figuren nur mit flüchtigen Strichen gezeichnet
aber jede Linie saß und das kleine Bildchen hatte warmes Leben und
bestrickenden Reiz
Glücklich blickte Kitty zu dem Künstler auf »Ist das wirklich so hübsch
gewesen wie hier«
Er sah sie an »Das da das ist ja gar nichts Das ist Asche Was ich
gesehen habe war Licht Farbe etwas ganz unbeschreiblich Schönes« Die Augen
schließend rührte er mit den Fingern an die durchsichtigen Lider »Aber hier
sitzt es fest Und ich weiß ich bring es heraus«
Rauschend kam der Abendwind über die Felsen niedergezogen die Äste der
Bäume schwankten und schüttelten die Regentropfen ab
Erschrocken deckte Kitty den Arm über das Skizzenbuch denn ein paar große
Tropfen wie Tränen waren auf das Blatt gefallen Und als der Wind die Bäume
wieder zauste sprang Kitty auf und flüchtete mit dem Buch in die Klause
Der junge Mann folgte ihr und da saß sie schon an dem roh gezimmerten Tisch
und tupfte achtsam mit dem Handschuh die auf das Papier gefallenen Tropfen fort
»Es hat nichts geschadet« versicherte sie lachend und hielt das Buch schief
gegen das Licht des Fensters »Man sieht nur noch ein wenig die feuchten
Flecke« Wieder vertiefte sie sich in die Betrachtung des Bildchens dann begann
sie im Skizzenbuch zurückzublättern ein paar Studien hatte sie bestaunt als
sie plötzlich aufblickte und verlegen fragte »Darf ich denn«
Er nickte lächelnd und trat an ihre Seite Das Licht das durch Tür und
Fenster fiel hatte in dem geschlossenen Raum schon einen Schleier der
beginnenden Dämmerung
Ein seltsame Stimmung webte zwischen den Mauern und erzählte von
erlöschenden Erinnerungen Neben dem Tische standen nur zwei plumpe Holzbänke in
dem kahlen Raum doch es war ihm anzumerken dass er in vergangener Zeit einen
freundlicheren Anblick geboten hatte Die Decke war noch von einer zart
geblumten Tapete bedeckt aber das Regenwasser das durch die Lücken des Daches
gedrungen hatte hässliche Flecken gebildet Auch an den Wänden hingen noch
Streifen der Tapete mit Hunderten von Namen bedeckt Wer hier im Lauf der Jahre
vor Sonne oder Regen Schutz gesucht Sommergäste Touristen Jäger Sennerinnen
Almbauern und Schiffer alle hatten den Drang empfunden ihre Namen an diesen
geduldigen Wänden zu verewigen Viele Namen standen paarweise von einer
Herzlinie umschlungen Hatten die Träume die aus diesem Zeichen redeten sich
erfüllt Oder war das Leben über sie hinweggerollt wie die glättende Eisenwalze
über den Kies der Straße Von manchem der vor Jahr und Tag seinen Namen an
diese Wand geschrieben mochte nichts anderes mehr übrig sein als nur der Name
Inmitten dieser toten Vergangenheiten klang Kittys helle Stimme ihr Lachen
und die Freude mit der sie jede Skizze begrüßte deren Modell sie erkannte
Bald fand sie eines ihrer Lieblingsplätzchen am See eine Straße oder ein
Häuschen des Dorfes bald wieder Köpfe und Gestalten die einen fremd die
anderen ihr wohlbekannt Mehrere der Skizzen waren mit dem Namen des Künstlers
gezeichnet Hans Forbeck Kitty blätterte weiter Flüchtige Wolkenstudien
Baumschläge und Gebirgsveduten wechselten mit Skizzen deren wirre Linien sie
nicht verstand Bilderideen mit ein paar hastigen Strichen festgehalten
Wieder wandte Kitty eines der Blätter Und erschrocken stammelte sie »Wie
traurig«
»Die Stubenarbeit eines Regentages« sagte er leise fast entschuldigend
Die Zeichnung des Blattes war sorgfältiger als die der anderen Skizzen die
graue Arbeit des Stiftes mit zarten Farbtönen überhaucht Eine öde fast
unabsehbare Heide dürr und kahl der Himmel ist mit schwerem Gewölk bedeckt
durch dessen spärliche Klüfte kaum eine matte Helle quillt wie eine Ahnung des
verschleierten Lichtes Über die Heide führt ein rauer Steinpfad von niederem
Dorngestrüpp umwachsen Und auf dem Pfade liegt halb zur Erde gesunken mit
aufgestütztem Arm und das entkräftete Haupt gegen die Schulter geneigt die
Gestalt einer Genie todmüde und schmerzverloren in Lumpen gehüllt mit
zerzausten Schwingen
Kitty hob die Augen »Herr Forbeck« Schüchtern sprach sie seinen Namen aus
»Was soll das vorstellen Das Unglück«
»Nein« Er zögerte »Meine Kindheit«
Nun verstand sie was aus seinem Gesicht beim ersten Anblick zu ihr
gesprochen hatte Ein leises Zucken ging um ihren Mund Sie musste der eigenen
Kindheit denken Auch ihrer Kindheit hatte die Liebe gefehlt die Liebe der
Mutter Vor dreizehn Jahren war ihre Mutter in der Fremde gestorben auf einer
Reise hatte man ihr gesagt
Sie senkte die Augen auf das Blatt »Wie traurig das ist« Zwei Tränen
rannen ihr langsam über die Wangen
Mit unbehilflichem Lächeln wandte Forbeck sich ab und trat unter die offene
Tür
Leise schwankten die Zweige der Bäume der Fall der Tropfen der von ihnen
niederging begann schon zu versiegen Auch das Rauschen des Wetterbaches schien
sich bereits zu dämpfen aber der Lärm seiner Wellen war noch immer laut genug
um die beiden Stimmen zu übertäuben die vom jenseitigen Ufer herüberklangen
Franzl hatte die Kleesberg glücklich durch den Wald heruntergebracht Das
war ein hartes Stück Arbeit gewesen um so härter da Franzl zur Stütze für
seinen jammernden Schützling nur den einen Arm frei hatte unter dem andern Arme
schleifte er ein schweres Brett das er von der Wildscheune losgerissen hatte
um über den von Felsblöcken durchsetzten Wildbach einen Steg zu bauen Während
Gundi Kleesberg in Verzweiflung die Hände rang ließ er das Brett vom Ufer gegen
den nächsten Felsblock fallen Er trat auf den improvisierten Steg hinaus und
schaukelte sich um die Festigkeit des Brettes zu prüfen und Tante Gundis Mut zu
erwecken »So Fräuln kommen S nur« lachte er »Da schauen S her« Er
schaukelte sich dass das schwingende Brett die schiessenden Wellen fast berührte
»Dös Brettl dös tragt Ihnen leicht da dürften S noch a paar gute Pfündln mehr
haben«
»Nein nein nicht um die Welt« kreischte Gundi Kleesberg und streckte
wehrend die Arme als sollte sie mit Gewalt in den sicheren Tod geschleift
werden »Lieber bleib ich die ganze Nacht« Während ihr die Tränen der Angst
über die Schlotterwangen kollerten schrillte ihre Stimme »Kitty Kitty Du
Ungeheuer« Zu allem Jammer erwachte in ihr noch ein neuer »Wo ist sie denn
Ich sehe sie nicht«
»Sie wird halt mit dem jungen Herrn Maler im Kapuzinerhäusl sein« Franzl
streckte die Hände »Also weiter Fräuln kommen S«
Er hatte Tante Gundi beruhigen wollen Aber der Schreck den ihr seine Worte
einjagten sprach aus ihren weit aufgerissenen Augen Keuchend rang sie nach
Luft »In der Klause Mit einem « Da ging ihr schon wieder der Atem aus Aber
ihre Angst hatte plötzlich alle Komik verloren »In der Klause Das ist gerade
der richtige Platz Als hätten wir nicht schon genug an jenem ersten « Versagte
ihr die Stimme oder verschluckte sie ein Wort das nicht über ihre Lippen
kommen durfte »Nein Nein Und wenn es mein Leben kostet Das will ich
verhindern«
Tante Gundi richtete sich auf wie eine Löwin die ihr Junges verteidigt Und
als wäre die stille friedliche Klause ein Abgrund der Gefahr aus dem sie das
ihrer Obhut anvertraute Mädchen erlösen musste so stürzte sie auf das Ufer zu
und klammerte sich an die Hände des Jägers Kaum hatte sie das Brett betreten
kaum fühlte sie dieses bedenkliche Schaukeln kaum sah sie unter ihren Füßen das
schiessende Wasser da war es wieder vorbei mit ihrem Löwenmut Aber Franzl hielt
fest Da gab es kein Zurück mehr Ihre Seele mit einem Stossgebetlein dem Herrn
empfehlend stieß Tante Gundi einen klagenden Schrei aus und schloss in Schwindel
die Augen
Trotz des rauschenden Lärmes den der tobende Bach erhob klang dieser
Schrei bis zur Klause
Forbeck lauschte Aber da hörte er hinter sich einen Ausruf fröhlicher
Überraschung »Köstlich Jeder Zug Dieser Mund Dieses Zwinkern im Auge Als
stünde er vor mir wirklich und wahrhaftig« So sprudelten Kittys Worte »Herr
Forbeck Wie kommen Sie zu diesem Bild«
Was Kittys Jubel erweckt hatte war das Brustbild eines alten Jägers mit
geflickter Joppe und mürbem Filzhut auf dem eine geknickte Spielhahnfeder saß
»Nicht wahr ein famoser Kerl dieser alte Waldbär« sagte Forbeck der
Kittys Freude nicht völlig zu begreifen schien »Ein Typus von Jäger und Bauer
Echter Volksschlag Sehen Sie nur diese knochige Stirn an diesen Falkenblick im
Auge diese Adlernase und den gewalttätigen Mund Was da in jeder Linie liegt an
Kraft und rücksichtsloser Derbheit Und dieser zausige weiße Bart Das ist
unglaublich charakteristisch Der Alte muss einen Zorn haben wie der Sturmwind
und dann fährt er wohl mit seinen schwieligen sonnverbrannten Fingern in diesen
Bart und zerrt « Forbeck verstummte Die Sache mochte ihm nun doch etwas
sonderbar erscheinen denn Kitty lachte dass ihr die Tränen kamen
»Köstlich Aber wie sind Sie denn zu diesem Bild gekommen«
»Ich machte vor einigen Tagen eine Bergpartie und da ist mir der Alte in
der Nähe einer Sennhütte in den Weg gelaufen Er stach mir gleich in die Augen
und so bat ich ihn mir eine Stunde zu sitzen«
»Und das hat er getan«
»Natürlich Er schien riesig geschmeichelt als ich ihn Herr Förster
titulierte Und er wusste wohl auch dass ich es nicht umsonst verlangte«
Kitty schien von einer Ekstase heiterer Laune befallen »Und Sie wissen
nicht wer das ist Wirklich nicht« Vor Lachen vermochte sie kaum
weiterzusprechen »Das ist doch mein Papa«
Forbeck trat verblüfft zurück Er begriff nicht Wie kam dieser alte
»Waldbär« vielleicht war er doch kein gewöhnlicher Waldaufseher wie sein
Äußeres vermuten ließ sondern wirklich ein wohlbestallter Förster aber wie
kam ein schlichter Förster zu einer solchen Tochter mit diesem zierlichen Wuchs
und diesem holden Gesichtchen und noch mehr zu einer Tochter in so vornehm
gewählter Kleidung mit schwedischen Handschuhen und dem eleganten Schuhwerk
Dieses Kleid und was dazu gehörte das wog den halben Jahresverdienst eines
Försters auf Da schoss ihm der Gedanke durch den Kopf eine Teaterprinzessin
Er wusste nicht warum er diesen Gedanken so unangenehm empfand fast wie einen
Schmerz Aber nein Er durfte nur in diese strahlenden Augen blicken auf diesen
kindlichen Mund um den sinnlosen Einfall wieder zu verwerfen Dadurch wurde die
Sache für ihn noch unbegreiflicher Der alte »Waldbär« den er dort oben
gefunden der war echt An dem war nicht zu zweifeln Das Rätsel war dieses
Mädchen
Schon wollte Forbeck eine Frage stellen da ließ sich vor der Klause
hastige Schritte vernehmen Es wurde finster in der Tür und Gundi Kleesberg
stolperte über die Schwelle »Kitty « Nun sah sie den jungen Maler das Licht
des Fensters fiel hell auf sein Gesicht und Gundi Kleesberg taumelte an die
Wand erschrocken wie vor dem Anblick eines Gespenstes
Verwundert blickte Forbeck auf die ihm fremde Dame und Kitty stellte ihr
Lachen ein »Tantchen Was ist dir«
Gundi Kleesberg schien sich zu erholen
»Aber so sprich doch Was ist dir«
»Nichts nichts Wer ist dieser Herr«
»Herr Maler Forbeck« stammelte Kitty während der junge Mann sich
verbeugte Um über den unbehaglichen Augenblick hinüberzukommen fasste Kitty das
Skizzenbuch »Tante Gundi ich muss dir was zeigen was Herr Forbeck gezeichnet
hat du wirst Augen machen «
Die Kleesberg hatte beim Klang dieses Namens den sie noch nie in ihrem
Leben gehört erleichtert aufgeatmet Scheu ließ sie die Augen an dem jungen
Mann emporgleiten und schüttelte den Kopf
»Tantchen sieh doch«
Beim Klang dieser Stimme war Gundi Kleesberg plötzlich ihrer Stimme mächtig
Mit dem Zorn einer Furie schoss sie auf Kitty zu umklammerte ihre Hand und
schüttelte sie dass das Skizzenbuch zu Boden fiel »Lass das Und komm Das ist
kein Ort für dich« Über Forbecks Gesicht flog brennende Röte Dann hob er
schweigend das Buch von der Erde
»Aber Tante« stammelte Kitty verlegen
»Komm« In ungestümer Hast zog die Kleesberg das junge Mädchen zur Tür
hinaus
Kitty Lippen zuckten »Aber Tante Gundi Herr Forbeck «
»Komm« Gundi Kleesberg hielt fest und suchte so schnell als möglich aus der
Nähe der Klause zu kommen
»Aber Tante ich bitte dich Herr Forbeck hat mich doch gerettet Was muss er
denken von mir«
»Komm nur« Tante Gundi schlug einen bei ihrer Schwerfälligkeit
überraschenden Sturmschritt an Das Staunen machte Kitty verstummen Seit jenem
Tag an welchem Adelgunde von Kleesberg aus dem Stift gekommen war um sich in
eine sehr weitschichtige »Tante« zu verwandeln und die Obhut über das junge
mutterlose Mädchen zu übernehmen seit jenem Tage bis zu dieser Stunde hätte
Kitty niemals ahnen mögen dass in diesem »fleischgewordenen Schaukelstuhl« wie
Graf Egge das alte Fräulein getauft hatte eine so wieselflinke Beweglichkeit
verborgen läge Kitty meinte ein Wunder zu sehen Halb schmollend halb lachend
ließ sie sich von Tante Gundi weiterziehen Einmal blickte sie wohl über die
Schulter zurück aber die Klause war schon hinter der Felswand verschwunden
Da kam auch Franzl vom Seeufer hergelaufen und rief »Ich hab a Schiffl«
»Gott sei Dank« Gundi Kleesberg verhielt den stürmischen Schritt Ihre
Kräfte waren zu Ende
3
Langsam glitt der Nachen über den stillen See der unter den sinkenden Schatten
des Abends in tiefgrünen Farben spielte Hinter dem Schifflein lagen die den
halben See umziehenden Berge mit ihren schwarzen Fichtenwäldern mit den grauen
Wänden und den grünen Almen in der Höhe auf denen noch helle Sonne lag Am
Ufer dem der Nachen entgegensteuerte sah man einen belebten Gasthof und eine
Reihe weißer Villen aus deren einer die Solfeggien einer herrlichen Altstimme
und die Töne eines Flügels erklangen Hinter den roten Dächern der Villen dehnte
sich ein welliges Gelände mit den zerstreuten Häuschen und Gehöften des Dorfes
An ihre Gärten schloss sich von einer roten Mauer umzogen ein weitgedehnter
Park über dessen kugelige Ulmenwipfel sich das Dach und die Türmchen von Schloss
Hubertus erhoben
Von den Insassen des Nachens achtete niemand der Schönheit dieses Bildes
das nach dem reinigenden Gewitterregen in seinen Farben so frisch und so neu
erschien als wäre es eben jetzt aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen Der
alte Schiffer führte im Spiegel des Bootes stehend in gleichmässigem Takt das
Ruder Franzl der auf dem Schnabel des Schiffes ein nicht sehr bequemes
Plätzchen gefunden wischte mit dem Ärmel die Rostflecken von dem Lauf seiner
Büchse und Kitty saß dem Stiftsfräulein den Rücken kehrend in schmollendes
Brüten versunken Plötzlich erwachte sie Franzl hatte sie leis auf das Knie
getippt und flüsterte »Schauen S das alte Fräuln an« Kitty blickte über die
Schulter zurück und erschrak vor dem kummervollen Anblick den Tante Gundi bot
Breit lag ihr das rote Doppelkinn auf dem schwer atmenden Busen tiefe Furchen
kreuzten die Mundwinkel und über die welken Wangen von denen auch die letzte
Spur der Schminke geschwunden war kollerten dicke Perlen Waren es
Schweißtropfen oder Tränen Wohl beides zugleich Aus dem zerfallenen Gesichte
redete die Sprache eines tiefen bedrückenden Schmerzes
Das fühlte Kitty und im Augenblick war ihr Groll vergessen Hurtig schwang
sie die Füßchen über das Brett und fasste die Hände des Fräuleins »Tante Gundi
Was hast du«
Die Kleesberg sah mit verstörten Augen auf als hätte man sie bei einer
bösen Tat ertappt »Lass mich du « Sie wandte mit einem übelgelungenen Versuch
von Würde das Gesicht und blickte krampfhaft ins Wasser um ihre Tränen zu
verbergen
Kitty schwieg Mit scheuer Sorge hingen ihre Augen an Tante Gundi und im
stillen begann sie sich Vorwürfe zu machen Sie wusste sich freilich keiner
anderen Sünde zu zeihen als der einzigen dass sie in der begreiflichen Ungeduld
nach langer Trennung den Vater um eine Stunde früher zu sehen die erste Ursache
zu dem für Gundi Kleesberg so übel verlaufenen Abenteuer gegeben hatte An allem
anderen war sie schuldlos Alles andere war gekommen sie wusste selbst nicht
wie
Knirschend fuhr der Nachen an das Ufer Kaum hatte die Kleesberg festen Fuß
unter sich und kaum gewahrte sie die Gruppen der Schiffer und Sommergäste da
hatte sie ihre verlorene Fassung wiedergefunden Der Seewirt der die zum Schloss
Hubertus gehörige Fischerei in Pacht hatte kam gerannt um den »gnädigen Damen«
seine Aufwartung zu machen Kitty reichte ihm freundlich die Hand Gundi
Kleesberg rauschte an ihm vorüber mit dem Aplomb einer Königin deren Würde
mehr in die Breite ging als in die Höhe
Franzl schwang die Büchse auf den Rücken und wanderte davon Bald verstummte
hinter ihm der Lärm des belebten Ufers und zwischen Haselnussstauden ging sein
Weg über stille Wiesen Ein paar hundert Schritte trennten ihn noch von seinem
Haus Nun führte der Fußweg gegen einen hohen Zaun bei dem ein paar
rohgezimmerte Stufen den Überstieg erleichterten und drüben lag ein schmaler
von zwei tischhohen Bretterplanken eingefasster Pfad
Da hörte Franzl über den Zaum her eine Männerstimme sie redete jene
zweifelhafte Bauernsprache die der Jäger manchmal in den Sennhütten von jungen
Touristen zu hören bekam und ihr erwiderte eine zornige Mädchenstimme »Ausm
Weg du«
Neugierig drückte Franzl die Haselnusszweige auseinander und gewahrte einen
kniemageren Touristen dessen Rucksack Joppe und Lederhose an diesem Tage wohl
zum erstenmal die Berge erblickt hatten quer in den Händen hielt er einen
wahren Baum von Bergstock mit dem er einem jungen schmucken Mädel den schmalen
Pfad verlegte
»s Zollheben is n alter Brauch« erklärte der kühne Wegelagerer in seinem
zweifelhaften Dialekt »und drum sog i dir du saubers Diandl du kommst mir nit
ummi eh du nit dein Zoll zahlt hast«
»Gehst ausm Weg«
»Nit um die Welt Da müsst ich woltern erscht von dein süßen Göscherl mein
Bussarl haben Und wann dus nit gern gibst «
Da griff das Mädel mit zwei gesunden Fäusten zu »Wart dir gib ich a Bussl
du Zibebenkramer« Zuerst machte der Bergstock einen Purzelbaum dann sein
Besitzer die morsche Bretterplanke krachte und hinter ihr verschwand der
besiegte Ritter dass für eine kurze Weile nur noch seine frisch genagelten
Schuhe zu sehen waren
Das Mädel wischte die Hände über die Hüften näherte sich dem Überstieg
hörte das Gelächter des Jägers und gewahrte über dem Zaunrand sein braunes
Gesicht mit den lustigen Augen die in Wohlgefallen an ihr hingen
Franzl erkannte sie nicht sie musste eine Auswärtige sein Das gestrickte
braune Leibchen das die Brust und die runden Arme knapp umschloss und die weiße
Halskrause das war fremde Tracht Aber woher auch immer sie war in einer Luft
gewachsen die gesund und sauber macht Und wie gut der halbverrauchte Zorn zu
ihrem frischen sonnverbrannten Gesichte stand zu den blaugrauen Augen und der
festen Stirn über der die blonde Haarkrone sich so bedenklich verschoben hatte
dass die schweren Zöpfe zu fallen drohten
Der erste Blick den sie auf den Jäger geworfen war kein sonderlich
freundlicher gewesen Sie schien eine neue Wegsperre zu befürchten Doch sein
Lachen wirkte ansteckend und sie lachte mit
»Madl Den hast bös auszahlt«
»Wies ihm gehört hat So a Grashupfer Aber zerst da bin ich a bissl
erschrocken«
»Hättst kein Kummer net haben brauchen Wanns gfehlt hätt wär schon ich
bei der Hand gewesen«
Sie nickte ihm freundlich zu »Vergeltsgott Aber es hats net braucht Der
hat net amal s Schneidergewicht Den muss man mit Schmalz einreiben dass er fett
wird Wo is er denn« Sie guckte über die Schulter als sie den Pfad noch immer
leer sah meinte sie besorgt »Er wird doch nit ungut gfallen sein«
»Gott bewahr Grad rappelt er sich in d Höh«
Hinter der geknickten Bretterplanke erschien der grasgrüne Spitzhut mit der
trauernden Hahnenfeder
»No also« Mit diesem Wort schien die Sache für sie erledigt An dem Gezweig
eine Stütze suchend stieg sie auf die Kante des Zaunes fasste die Hand die ihr
der Jäger reichte und sprang zu Boden
»Bhüt dich Gott Jager« grüßte sie lächelnd
»Bhüt dich Gott auch«
Sie schritt davon und Franzl sah ihr betroffen nach Nun plötzlich an
ihrem Lächeln war ihm etwas aufgefallen er musste sie schon einmal gesehen
haben
Nach wenigen Schritten blieb sie stehen und sah sich um Die Augen der
beiden trafen sich und eines schien dem andern sagen zu wollen »Mir scheint
ich müsst dich kennen«
Aber sie schwiegen und das Mädel ging hinter den Haselnussstauden
verschwand es nur ein paarmal leuchtete zwischen dem Grün noch die weiße
Schürze
Franzl schob von hinten den Hut in die Stirn das tat er immer wenn er zu
denken hatte Dann stieg er über den Zaun und folgte dem eingeplankten Pfad
Hinter den Brettern sah er den traurigen Ritter stehen der ratlos einen
handbreiten Riss in seiner neuen Lederhose musterte Lachend streckte Franzl die
Hand über die Planke und klopfte ihn auf die Schulter »Ja Mannderl bei uns
kosten die Busserln Hosenfleck In der Stadt sind s billiger«
Nach kurzem Weg erreichte der Jäger sein Heimwesen ein freundliches Haus
mit frisch geweisster Mauer und grünen Fensterläden Hofraum und Garten mit
Sorgfalt gepflegt der ganze Besitz von einem hohen Staketenzaun umschlossen
Als Franzl das Pförtchen öffnete erhob sich von einem der Gartenbeete ein alte
Frau mit stillen Augen und weißem Faltengesicht das von dem grauen tief in die
Schläfe gekämmten Haar wie von einer verblassten Haube umrahmt war
»Grüß dich Gott Bub«
»Grüß Gott Mutter Wie gehts allweil«
»Es tuts Und dir Is dirs allweil gut gangen am Berg«
»Am Berg Da droben gehts eim allweil gut« lachte Franzl
Seine Mutter schien ein feines Ohr zu haben Dieses Lachen klang nicht wie
sonst Und die Liebe in Menschen die Unglück erfuhren ist immer furchtsam
Forschend hingen die Augen der Försterin an ihrem Sohn »Franzl Hat der Herr
Graf wieder gscholten Oder fangt der Schipper seine scheinheiligen Gschichten
wieder an«
»Gott bewahr Nix gar nix Musst dir denn allweil Sorgen machen wo keine
sind« Er fasste die Hand der Mutter und streichelte die welken Finger »Geh du
Sorgenhaferl du alts«
Die Horneggerin wenn einmal eine Sorge in ihr wach geworden war so leicht
nicht wieder zu beruhigen »Warum kommst denn heim Mitten unter der Woch«
»Treiber muss ich bstellen der Herr Graf will riegeln Und was ich fragen
will Mutter is bei uns net grad a Madl vobeigangen«
»Ja Warum fragst Hast es nimmer kennt Bist doch mit ihr in d Schul
gangen Die BrucknerMali«
»Die Maaali« Der Name hing ihm an der Zunge wie ein zehnsilbiges Wort Dass
er aber auch die Mali nicht gleich erkannt hatte Als Kinder waren sie
unzertrennlich gewesen bis im Försterhaus das blutige Unglück Einkehr hielt
vor vierzehn Jahren Da war der Bub durch Wochen nicht von der Seite der Mutter
gewichen und als er eines Abends die kleine Freundin wieder suchte war sie
verschwunden Eine ältere Schwester die in eine weit entfernte Ortschaft
geheiratet hatte das Mädel zu sich genommen Und jetzt war die Mali wieder
heimgekehrt Sie hatte sich sauber ausgewachsen Und weshalb sie gekommen war
das meinte Franzl zu erraten Dem Bruckner ihrem Bruder war das Weib
gestorben er hatte drei Kinder Not und Krankheit in der Stube Da waren ihm
zwei gesunde Arme zur Hilfe mehr als nötig Und dass die Mali zwei feste Arme
besaß davon hatte Franzl sich vor einem Viertelstündchen zur Genüge überzeugt
er und noch ein anderer
»Die Mali Jetzt is dös gar die Mali gewesen« Mit vergnügtem Schmunzeln
schüttelte Franzl den Kopf und folgte der Mutter ins Haus
Der Abend sank und aus den Wiesen begann ein dünner Nebel zu dampfen der
sich gleich einem weißen Schleier über die Haselnussstauden aller Pfade legte
Noch vor Einbruch der Dämmerung hatten auch Kitty und Tante Gundi das
Parktor von Schloss Hubertus erreicht Auf dem ganzen Wege hatten sie kein Wort
miteinander gewechselt Als aber Gundi Kleesberg die Hand nach der Torklinke
streckte verstellte ihr Kitty den Weg
»Tante Gundi Bist du mir böse«
»Ach Kind« Die Kleesberg umschlang mit beiden Armen das Mädchen und küsste
ihm die Wange so zärtlich wie nur eine bekümmerte Mutter ihr Kind zu küssen
vermag »Wie kann ich dir böse sein Ich hab dich lieb Und habe nur dich Wir
beide brauchen uns Ich bin deine Mutter du bist mein Kind«
Sie betraten den Park und klirrend fiel hinter ihnen das hohe
schmiedeeiserne Tor ins Schloss Es hallte unter den Bäumen und ein ungestümes
Flattern und Gerüttel ließ sich vernehmen
Eine breite Allee von alten Ulmen halb überdacht führte in gerader Linie
zum Schloss Blumenduft und Heugeruch erfüllten die Luft Inmitten der Allee
weitete sich ein großes Kiesrondell auf dem sich ein mächtiger aus
Eisenstangen und grobem Drahtgeflecht gebildeter Käfig erhob Er barg die sieben
Steinadler die Graf Egge im Laufe mehrere Jahre als halbflügge Vögel aus ihren
Nestern gehoben Während Kitty und Tante Gundi vorüberschritten begann im Käfig
ein grauenhafter Spektakel Gleich schwarzen Schatten huschten in der Dämmerung
die aus ihrer Ruhe aufgescheuchten Adler durcheinander fauchend und mit
gellenden Schreien warfen sie sich gegen das Drahtgeflecht und rüttelten an
ihrem Kerker unter dem Klatschen der Flügelschläge hörte man das Knirschen des
Drahtes wenn die scharfen Fänge in das Flechtwerk griffen
Tante Gundi beeilte sich an dem Käfig vorüberzukommen »Eine merkwürdige
Liebhaberei das« grollte sie »Dieser Aasgeruch mitten zwischen den
Rosenbeeten Pfui«
Kitty schwieg diese Vögel waren eine Freude ihres Vaters eine lebendige
Trophäe seines kühnen Jägermutes
Aus dem Schloss fiel schon der Lichtschein einzelner Fenster in die Allee
Nun zeigte sich ein weiter fein besandeter Platz mit Blumenbeeten exotischen
Gewächsen und einer plätschernden Fontäne von deren hohem gleich mattem Silber
leuchtendem Strahl ein feiner Staubregen gegen die finsteren Bäume dampfte In
der Tiefe des Platzes erhob sich Schloss Hubertus eine Mischung von gotischem
Kastell und moderner Villa Man sah es auf den ersten Blick hier wohnte ein
großer Jäger vor dem Herrn Über jedem Fenster war ein mächtiges Hirschgeweih an
der Mauer befestigt eine Sammlung anzusehen wie eine riesige die
Geweihbildung aller Hirschgattungen demonstrierende Wandtafel hier hing der
konfuse Hauptschmuck des lappländischen Renntiers die wuchtige Schaufel des
schwedischen Elchs der stämmige Schlag der böhmischen Wälder das Zentnergeweih
des amerikanischen Wapiti der Urhirsch aus der Bukowina das massige
Kronengeweih des Bakonyerwaldes die gefingerte Schaufel des Dambockes der
weichlich gezeichnete Hauptschmuck des gefütterten Parkwildes und das schlanke
schön verästelte Geweih des stolzen Edelhirsches der deutschen Berge Jede
dieser Trophäen hatte Graf Egge auf seinen Jagdreisen mit der eigenen Kugel
gewonnen unter jedem der Geweihe war ein weißes Täfelchen angebracht auf dem
die Heimat des Hirsches und der Tag verzeichnet standen an dem das Wild
gefallen
Jetzt verschleierte tiefe Dämmerung diese stolze Jägerchronik und wie ein
Gewirr von dürren Ästen starrten die hundert Enden aus der Mauer
Lichtschein fiel aus der offenen Tür über die steinerne von wildem Wein und
Jerichorosen umrankte Veranda zu der drei breite Stufen emporführten
Als Kitty und Tante Gundi die Veranda betraten kam ihnen ein junger Diener
entgegen der sich besorgt erkundigte ob die Damen nicht ins Gewitter geraten
wären
»Nein Fritz« sagte Kitty »wir kommen trocken nach Hause Wo ist mein
Bruder«
»Der Herr Graf arbeiten in seinem Zimmer«
Durch einen breiten Flur dessen Wände von den Steinfliesen bis zur Decke
mit Jagdtrophäen aus aller Welt bedeckt waren eilte Kitty zur Treppe Auch hier
im Treppenhaus wie in den Korridoren des oberen Stockes hing Geweih neben Geweih
an allen Wänden
Kitty öffnete eine Tür und schob das Köpfchen durch den Spalt »Stört man
nicht«
»Komm nur« erwiderte eine ruhige Männerstimme
Das matte Licht einer mit chinesischem Schirm bedeckten Studierlampe füllte
den nicht allzu großen einfach möblierten Raum Bücher Zeitungen und
Broschüren lagen da es an Schränken fehlte überall umher auf dem Tisch auf
allen Stühlen Der große Schreibtisch war von einem Ringwall dicker Bände
umzogen so dass für Lampe Tintenzeug und Aktenmappe nur ein kleiner Raum
verblieb Man glaubte sich in dem Zimmerchen eines fleißigen Studenten zu
befinden der vor dem Examen steht Aber Graf Tassilo Kittys ältester Bruder
hatte die Schuljahre längst hinter sich
Er nahm den Schirm von der Lampe und erhob sich eine schlanke vornehme
Gestalt mit einem energischen Kopf einem scharfgeschnittenen Gesicht und einem
Knebelbart wie König Ludwig II ihn zu tragen pflegte Die Härte der Züge die
Tassilo vom Vater hatte wurde gemildert durch den ruhigen Glanz der Augen die
den Augen der Schwester glichen Man konnte lesen in diesem Gesicht und Blick
da steht ein Mensch der mit sich im klaren ist und weiß was er will eine
starke zähe an Arbeit und Selbstbeherrschung gewöhnte Natur mit warm fühlendem
Herzen Aber es mochten schwere Kämpfe gewesen sein in denen er das sichere
Gleichgewicht seines Lebens gewonnen das verriet die tiefgeschnittene Furche
zwischen den Brauen Graf Tassilo stand im dreissigsten Jahr doch hätte man ihn
wohl um einige Jahre älter geschätzt
Herzliches Wohlgefallen leuchtete beim Anblick der Schwester aus seinen
Augen Wie das lichte Figürchen auf ihn zugeflattert kam das war auch als
wehte ein frischer Frühlingshauch in die ernste Stube Kitty umschlang den
Bruder »Guten Abend Tas«
Lächelnd hielt er sie fest und streichelte ihr Haar »Nun Ist Papa
gekommen«
Sie hob wie in unbehaglichem Empfinden die Schultern
Ein Schatten ging über das Gesicht des Bruders Er gab die Schwester frei
und ließ sich nieder »Ich hätt es dir voraussagen können Aber ich wollte
deine Freude nicht stören Möglich wär es ja doch gewesen «
»Nein ganz unmöglich« fiel Kitty ein als hätte sie das Bedürfnis ihren
Vater zu verteidigen »Er konnte nicht kommen absolut nicht Franzl hat es mir
gesagt Weißt du Tas da droben steht irgendwo ein ganz fabelhafter Gemsbock
Papa muss ihn haben«
»Natürlich Ein Gemsbock« Als wollte er über das Thema wegkommen sagte er
mit veränderter Stimme »Ich habe mich gesorgt um dich Wo wart ihr als das
Wetter kam«
»Droben im Wald trocken und sicher in der Wildscheune« Sie begann zu
erzählen und fand ihre Laune wieder Drollig schilderte sie Tante Gundis
Verzweiflung das Erscheinen des Jägers und ihren Niederstieg zum Wetterbach
»ganz à la Paul et Virginie« Dann verstummte sie als wäre das Abenteuer zu
Ende Lächelnd beugte sie sich über den Schreibtisch und begann in den
aufgeschlagenen Akten zu blättern »Und du Tas Du hast natürlich wieder mit
den Ellbogen zwei Löcher in deinen Schreibtisch gebohrt und den herrlichen Abend
versäumt Über was grübelst du schon wieder«
»Ich sammle das Material zu einer Verteidigung«
»Wohl ein sehr interessanter Fall«
»Für mich gewiss«
»Um was handelt es sich Um einen Unschuldigen«
»Nein Kind um einen Gewohnheitsdieb«
»Aber Tas« Erschrocken hingen Kittys Augen an dem ernsten Gesicht des
Bruders »Wie kannst du dich mit einem solchen Menschen befassen Du Mit einem
gemeinen Verbrecher«
»Ein Verbrecher Ja Aber noch mehr ein Kranker Ich hoffe dass er zu heilen
ist«
»Davon lass nur Papa nichts merken«
»Er sorgt dafür dass mir die Gelegenheit fehlt«
»Wenn er es aber doch erfährt was wirst du ihm sagen«
Tassilo streifte mit der Hand über Kittys Scheitel »Nichts«
»Ja Tas das wird wohl das beste sein Widerspruch verträgt er nicht Und
ich bin überzeugt dass er dir die letzte Geschichte vom Frühjahr noch immer
nicht vergessen hat Es war aber auch ein netter Streich«
»Meinst du«
»Ein Graf EggeSennefeld Und verteidigt einen auf frischer Tat ertappten
Wilddieb Na erlaube mir Tas «
Er klopfte sie mit beiden Händen auf die Wangen und sagte wie man zu einem
Kinde spricht »Dir erlaube ich alles«
Ein Diener erschien in der Tür der Tee stünde bereit
Tassilo nahm einige Zeitungen vom Schreibtisch und reichte seiner Schwester
den Arm
Das Speisezimmer lag zu ebener Erde ein großer wenig behaglicher Raum dem
es anzumerken war dass er die längste Zeit des Jahres leer stand In der Mitte
der lange Tisch mit grünem Tuch überspannt und nur zur Hälfte weiß gedeckt Auf
jeder Seite der Flurtür stand eine altertümliche Kredenz und geschnitzte
Holzbänke mit verblassten Kissen zogen sich rings um die Mauern Wände und Decke
waren mit gebräuntem Lärchenholz getäfelt Die Luft des Zimmers hatte einen
leisen Geruch der an die Apotheke erinnerte er ging von den hundert
präparierten Vögeln aus die den Schmuck der Wände bildeten dazwischen abnorme
Rehgehörne und in silberne Zwingen gefasste Eberzähne an der Decke hingen mit
ausgebreiteten Schwingen gegen zwanzig Adler die sich sacht bewegten von den
zwei großen Moderateurlampen die auf der Tafel standen stieg die erhitzte Luft
in die Höhe und staute sich unter den Flügeln Eine offene Seitentür ließ in ein
finsteres Zimmer blicken darin die polierte Brüstung eines Billards funkelte
Als Kitty auf der Tafel nur zwei Gedecke sah fragte sie »Fritz wo ist
Tante Gundi«
»Das gnädige Fräulein haben sich zurückgezogen und haben Siphon und
Eispillen verlangt«
»Ach du Barmherziger Jetzt hat sie wieder ihre Migräne« Kitty lief davon
Als sie nach ein paar Minuten zurückkehrte berichtete sie kleinlaut »Sie
hat sich eingesperrt Die Arme«
Tassilo schien nicht zu hören er hatte sich bereits bedient und während er
mit der Rechten in langsamen Pausen den Teelöffel oder die Gabel führte hielt
er mit der Linken die Zeitung unter die näher gerückte Lampe Erst als Kittys
Teller klapperte schien er die Rückkehr der Schwester zu bemerken und wollte
die Zeitung aus der Hand legen
»Lies nur Tas«
»Wenn du erlaubst ich finde untertags keine Zeit dafür« Eifrig vertiefte
er sich wieder in den unterbrochenen Artikel
Eine stille Viertelstunde verrann Kitty erhob sich »Du arbeitest wohl nach
Tisch«
Tassilo zögerte mit der Antwort und eine feine Röte erschien auf seiner
Stirn »Später ja Und du«
»Was soll ich machen Du hast Arbeit und Tante Gundi Migräne Ich krieche
ins Nest Gute Nacht Tas« Sie küsste ihn blieb vor ihm stehen und sagte
seufzend »Tas du bist alt geworden«
»Meinst du« Er lächelte seltsam verträumt »Ich bin der Meinung dass meine
Jugend erst begonnen hätte«
Kitty lachte gezwungen »Das ist riesig komisch Jugend hat Rosengeruch Du
riechst nach Akten Armer Tas Na gute Nacht«
Sie wollte gehen der Bruder fasste ihre Hand und hielt sie fest seine Augen
hatten Glanz und ein bekennendes Wort schien auf seiner Zunge zu liegen doch
er lächelte wieder »Gute Nacht du Kind«
Kitty schlich davon bummelte durch den Flur an dessen Wänden die wirren
Schatten der vielen Geweihe leise zuckten und stieg über die Treppe hinauf
Seufzend öffnete sie die Tür ihres Zimmerchens tappte in die Finsternis und
machte Licht Der kleine Raum hatte ein freundliches Ansehen ohne zu verraten
dass hier die Tochter eines Edelmannes wohnte dessen Besitz nach Millionen zu
zählen war Graf Egge der auf seinen Jagdreisen und Pirschgängen wenn es eine
seltene Beute zu machen galt das Nachtlager auf blanker Erde nicht scheute
hatte auch seine Kinder nie verwöhnt nur zur Hälfte aus Überzeugung zur andern
Hälfte aus einer Eigenschaft für welche Sparsamkeit das mildeste Wort ist Er
knauserte in allen Dingen die nicht die Jagd betrafen seine drei Söhne hatten
knapp bemessene Apanagen aber seine Hirsche Winterfutter in Hülle und Fülle
aus Franken ließ er das saftigste Kleeheu kommen aus Ungarn den besten Mais
aus der Maingegend die fettesten Kastanien
Die billigen Stoffe für Kittys Stübchen das man im vergangenen Sommer für
den flügg gewordenen Klostervogel eingerichtet hatte waren wohl aus der
nächsten Stadt verschrieben aber die Möbelgestelle hatte der Boottischler des
Seewirtes angefertigt und der ZaunerWastl der Dorfsattler der übrigens den
Ruf eines Universalgenies genoss und im Schloss Hubertus als eine Art Faktotum
verkehrte hatte die Polsterung übernommen Die Sache war gar nicht so übel
ausgefallen Der weiße Leinenplüsch mit den mattblauen Streifen machte sich gut
zu dem farblos polierten Lindenholz dazu die lichte Tapete das Stübchen sah
aus wie frisch aus der Wäsche gekommen Die Dielen waren blank ohne Teppich
nur vor dem Bett lag eine graue Hirschdecke Der Tisch die Kommode zwei
Etageren und alle sonstigen verfügbaren Plätzchen waren dicht angeräumt mit
zierlichem Kram mit Kolonnen von Photographien in blinkenden Rähmchen über die
das größere mit französischer Widmung beschriebene Bild der Soeur supérieure
hinausragte wie die Hirtin über die kleine Herde
Kitty wollte das offene Fenster schließen Draußen plätscherte die Fontäne
und das steigende Mondlicht fiel schon über die Baumwipfel Sinnend blickte
Kitty hinaus in dieses Gewirr von finsteren Schatten und dämmerigem Licht statt
das Fenster zu schließen ließ sie sich auf einen Sessel sinken und lehnte sich
mit beiden Armen über das Gesimse Vor ihren träumenden Augen spann sich der
Mondschein immer weiter die Konturen des Laubwerkes mit einem schleierhaften
Dunst überziehend Die Nähe verschmolz mit der nebeligen Ferne in einen einzigen
blassgrauen Ton so dass die weite Fläche der Wipfel mit den an den Park sich
schliessenden Wiesen und Wäldern fast anzusehen war wie eine von mattem Zwielicht
überwobene unabsehbare Heide
Vor Kittys Gedanken belebte sich das Bild verschwommen hob sich aus der
Dämmerung ein verschlungener Pfad rau von Steinen umwachsen von niederem
Dorngestrüpp und zwischen den Dornen lag entkräftet die Gestalt einer Genie
mit schmerzvollen Zügen in Lumpen gehüllt und mit zerzausten Schwingen
»Wie traurig« zitterte es leis von Kittys Lippen Sie war so tief in diese
Erinnerung versunken dass sie den Schritt nicht hörte der unter ihrem Fenster
langsam über den Kiesgrund ging und in der Ulmenallee verklang
4
Graf Tassilo verließ den Park und wanderte auf der mondhellen Straße dem Dorf
entgegen
Nach einer Viertelstunde erreichte er den See In weitem Kreise leuchteten
die Fenster aller Villen Auf der von Windlichtern erhellten Terrasse des
Wirtshauses waren einige Tische mit Sommergästen besetzt und am Ufer standen
ein paar junge Burschen und Mädchen unter halblautem Geplauder beisammen Sie
verstummten bei Tassilos Ankunft einer der Burschen rannte davon verschwand in
der Schiffshütte und man hörte das Klirren einer Kette und das Gepolter eines
Bootes das aus der schwarzen Hütte tauchte und am mondhellen Ufer anlegte ein
zierlicher Nachen die Bänke mit Polstern belegt der Steuersitz von einem
geschnitzten Geländer umgeben Der Knecht stieg aus und Graf Tassilo übernahm
die Ruder
Die weite Seebucht quer durchschneidend glitt der Nachen einer Villa
entgegen aus deren Garten sich eine weiße Steintreppe zum Wasser senkte Als
der Kahn sich näherte klang eine leise Stimme »Tassilo Du«
»Ja Kind«
Der Nachen legte an und Graf Tassilo erhob sich um die schlanke Gestalt
des Mädchens zu umfangen das ihn auf der Treppe erwartet hatte
»Anna« fragte eine andere Frauenstimme von der Villa her »Willst du nicht
den Mantel nehmen«
»Nein Die Luft ist so lind und warm wie in der Sonne« Von Tassilo
gestützt bestieg das Mädchen den Nachen ließ sich im Spiegel nieder schob das
Boot von der Mauer ab und fasste die Schnüre des Steuers
Von kräftigen Ruderschlägen getrieben rauschte der Kahn dem tieferen See
entgegen im Mondlicht funkelten die Tropfen die von den Rudern fielen und
hinter dem Steuer verblieb im dunklen Wasser eine leuchtende Furche
Eine Weile schwiegen die beiden dann sagte Tassilo »Verzeih mir dass ich
dich warten ließ Bist du nicht ungeduldig geworden«
»Ich habe schon gefürchtet dass ich dich heute nicht mehr sehen würde Aber
nun bist du ja gekommen« Die warme melodische Stimme klang in der Nachtstille
wie leiser Gesang
»Ich war nicht Herr meiner Zeit Seit gestern ist meine Schwester in
Hubertus«
Die Antwort zögerte »Ich weiß «
»Das macht dir Sorge Nein Anna sei ruhig Wie alles andere kommt ich
weiß es nicht Aber meine Schwester wirst du im Sturm gewinnen Sie schwärmt für
dich Und sie soll auch die erste sein die es erfährt Endlich muss ja doch
gesprochen werden die Entscheidung ist nicht länger aufzuschieben Ich will
nicht dass man im Dorfe anfängt über dich zu klatschen«
Eine Hand legte sich auf die seine »Ich danke dir«
»Aber Kind« Er küsste die weißen Finger und fasste die Ruder wieder »Ich
liebe dich und will dass auch die andern dich ehren wie du es verdienst
Deshalb muss diese schiefe Stellung ein Ende nehmen Ich habe einen Entschluss
gefasst Dieser Tage kommen meine Brüder für eine Woche nach Hubertus und ich
vermute dass uns Papa um sich das Wiedersehen zu erleichtern in die Jagdhütte
bestellen wird Diese Gelegenheit will ich benützen Wie Robert und Willy sich
dazu stellen werden weiß ich nicht Aber mit ihnen werde ich rasch ins klare
kommen Mein Vater freilich «
»Du fürchtest«
»Furcht« Er beugte sich über die Ruder und sah mit glücklichem Lächeln in
das schöne Mädchengesicht »Nein Anna Aber bang ist mir Nicht vor den
Kämpfen die meiner warten denn ich weiß dass ich sie überstehen werde Mir ist
nur bang vor dem unverdienten Glück das über mich herfallen wird« Eine Hand
schloss ihm die Lippen
Es wurde still im Boot die Ruder schleiften und mit sachtem Plätschern
glitt der Nachen an einer steil aus dem Wasser ragenden Felswand vorüber Der
Kessel der Berge öffnete sich einer riesenhaften Grotte vergleichbar und
überflutet von allem Zauber der sommerlichen Mondnacht Nun der schwebende
Anschlag einer wunderbaren Altstimme Wie der klingende Traum einer Glocke so
zitterte die Fülle dieser herrlichen Töne hinaus in das Schweigen der Nacht
Schumanns »Lied der Braut« Und wie dieses Lied gesungen wurde das war mehr als
nur die Gabe einer vollendeten Künstlerin es war Gesang in dem sich alles
Denken und Fühlen die ganze Seele eines liebenden Weibes erschöpfte
»Lass mich ihm am Busen hangen
Mutter Mutter lass das Bangen
Frage nicht Wie soll sichs wenden
Frage nicht Wie soll das enden
Enden Enden soll es nie
Wenden Noch nicht weiß ich wie
Lass mich ihm am Busen hangen
Lass mich«
Wie ein verlorener Klang aus weiter Ferne hallte das Echo der letzten Worte
von den steinernen Wänden der Berge Dann tiefes Schweigen Und jetzt über den
See herüber ein schriller langgezogener Ruf ein zweiter und wieder einer
Tassilo richtete sich auf »Das ist bei der Klause Wahrscheinlich ein
Tourist der sich auf dem Heimweg verspätet hat Wir müssen ihn holen wenn der
Arme nicht bis zum Morgen da drüben in dem Steinwinkel sitzen soll« Er fasste
die Ruder und begann mit aller Kraft zu ziehen Noch ehe sich das Boot der
Mündung des Wetterbaches näherte konnte Tassilo im Mondlicht schon die wartende
Gestalt unterscheiden Unter dem Nachen knirschte der Sand und vom Ufer ließ
sich mit verlegener Heiterkeit eine Stimme vernehmen »Ich danke Ihnen dass Sie
sich meiner erbarmen Sonst hätte ich mit einem nicht sehr behaglichen
Nachtlager vorliebnehmen müssen« Der Fremde trat an das Boot heran und im
klaren Mondschein erkannte Tassilo den jungen Künstler dem er im vergangenen
Winter bei den gemütlichen Abenden der Münchener Allotria häufig und immer gern
begegnet war
»Forbeck Sie«
»Graf Egge«
Lachend reichten sie sich die Hände
»Wahrhaftig eine liebe Überraschung Sagen Sie mir nur Forbeck wie kommen
Sie plötzlich hierher Oder wohnen Sie schon länger am See«
»Seit vierzehn Tagen«
»Und das erfahr ich erst heut Wie schade Wir wollen das Versäumte
nachholen nicht wahr Und nun sagen Sie mir welcher Zufall hat Sie hier
festgenagelt wie den seligen Robinson auf seiner Insel«
»Ich habe den ganzen Tag bei der Klause gearbeitet und hatte mir für sieben
Uhr abends ein Schiff bestellt Der Seewirt scheint vergessen zu haben oder «
»Und da hat mich die Vorsehung zu Ihrer Erlösung auserwählt Also vorwärts
reichen Sie mir Ihre Siebensachen So Und nun kommen Sie« Als Forbeck den
Nachen bestiegen hatte hielt Graf Egge den Arm um die Schulter des jungen
Mannes gelegt und wandte sich an seine Begleiterin »Erlaube mir Anna hier
stelle ich dir bei allerdings mangelhafter Beleuchtung meinen jungen Freund
Hans Forbeck vor« Tassilo zögerte bevor er den Namen der jungen Dame nannte
»Fräulein Herwegh«
Ein leiser Laut der Überraschung war die einzige Antwort die Forbeck zu
finden wusste auch die stumme Verbeugung missglückte in dem schwankenden Boot
das sich aus dem Sand zu lösen begann In gerader Fahrt ging es den Villen
entgegen Kein Wort wurde gesprochen Graf Egge ruderte ungestüm und Fräulein
Herwegh saß über das Geländer geneigt und ließ die Fingerspitzen über das dunkle
Wasser streifen Sie schien es wie eine Erlösung zu begrüßen als der Nachen
endlich vor der Steintreppe der Villa hielt Hastig erhob sie sich und von
Forbeck mit raschem Gruß sich verabschiedend verließ sie das Boot Tassilo
folgte und reichte ihr den Arm Im schwarzen Schatten der Bäume verschwanden
sie und Forbeck hörte ihre leisen Stimmen An der Villa ging eine Tür und Graf
Egge erschien wieder bei der Landungstreppe »Wo wohnen Sie lieber Forbeck«
»Dort drüben hinter den Villen in einem Bauernhäuschen wo ich eine Stube
mit gutem Licht gefunden habe Aber wenn Sie gestatten steige ich beim Seewirt
ab«
Tassilo stieß das Boot von der Mauer »Hoffentlich finden wir beim Seewirt
noch offen und wenn es Ihnen recht ist leiste ich Ihnen noch ein Stündchen
Gesellschaft«
»Aber ich bitte Herr Graf«
»Keine Förmlichkeiten Wenn es schon ein Titel sein muss sagen Sie Doktor«
Forbeck lächelte »Das geht mir auch leichter von der Zunge«
Das Ufer war erreicht Auf der Terrasse des Wirtshauses brannten noch einige
Lichter die Tische standen leer ein letzter Gast schäkerte zum Abschied mit
der drallen Kellnerin
Tassilo und Forbeck schritten über den mondhellen Landeplatz der Treppe zu
Plötzlich verhielt Graf Egge den Fuß »Herr Forbeck Diese unerwartete Begegnung
mit Fräulein Herwegh scheint Sie überrascht zu haben Ich möchte jeder
Missdeutung vorbeugen«
»Sie kränken mich« erwiderte Forbeck ernst »Ich kenne Sie Herr Doktor
und weiß dass Fräulein Herwegh nicht nur eine gefeierte Künstlerin ist sondern
auch eine Dame die keine Missdeutung zu befürchten hat«
»Ich danke Ihnen für dieses Wort Und nun hab ich doppelte Ursache zu
sprechen obwohl ich Sie aus zwingenden Gründen um Ihr Schweigen bitten muss Sie
sind der erste der es erfährt Fräulein Herwegh ist meine Braut«
In herzlicher Bewegung streckte Forbeck die Hand »So darf ich auch der
erste sein der Sie beglückwünscht«
»Glück Ja Forbeck Was sich ein Menschenherz an Glück nur träumen kann
das hab ich gefunden Und ich danke für Ihren Wunsch denn ich weiß er kommt
aus ehrlichem Herzen Es hat mich immer zu Ihnen hingezogen Sie sind ein
tüchtiger Mensch und ich möchte den glücklichen Zufall festhalten der uns
heute zusammenführte Wir wollen gute Freunde sein«
Mit festem Druck umspannten sich ihre Hände dann betraten sie die Terrasse
Margaret die Kellnerin begrüßte wohl den »gnä Herrn Grafen« mit aller
Dienstbeflissenheit aber ihrem müden Gesicht war es anzumerken dass ihr die
beiden verspäteten Gäste keine Freude bereiteten Die Auskunft die sie zu geben
wusste war wenig tröstlich die Küche geschlossen das Fass auf der Neige
Forbeck musste sich mit kaltem Braten begnügen aber dazu fand sich eine gute
Flasche Rheinwein Das Gähnen überwindend stäubte Margaret die Brotkrumen vom
Tischtuch und zog sich in einen dunklen Winkel der Terrasse zurück wo sie nach
wenigen Minuten in unbequemer Stellung die bleischweren Lider schloss
Über See und Ufer flimmerte der Mondschein sacht rauschten die Bäume im
lauen Wind und mit dem Gewisper des Laubes mischte sich das leise Geplätscher
des Wassers das gegen die Pfähle der Schiffshütten schwankte und die
angeketteten Boote bewegte
Forbeck erzählte von dem Ergebnis seiner vierzehntägigen Studien »Dieser
Bergwinkel ist die reine Goldgrube Und jetzt liegen noch zwei Wochen vor mir
Professor Werner soll Augen machen wenn er meine Mappe sieht«
»Ich wundere mich nur dass er Ihnen so lange Urlaub gab« sagte Tassilo
lächelnd »Er hängt an Ihnen wie der Baum an seinem besten Ast«
Forbecks Augen leuchteten »Werner liebt mich mit dem Herzen des Künstlers
weil er an meine Begabung glaubt weil er hofft dass ein Teil seines Könnens in
mir weiterleben wird Das ist für mich ein glühender Sporn Aber es bedrückt
mich auch manchmal mit Angst Wenn er sich täuschte in mir«
»Aber Forbeck Wie kommen Sie auf solche Gedanken Gerade das Vertrauen das
Werner auf Sie gesetzt hat sollte Ihnen Selbstbewusstsein geben Er hat scharfe
Augen für alles was Talent heißt Bei Ihnen ist er seiner Sache sicher«
»Das halte ich mir manchmal vor und habe dann wieder Mut und Kraft Aber
jeder von uns der es ernst meint mit seiner Kunst kämpft den ewigen Kampf mit
dem Drachen des quälenden Zweifels Wenn meine Zweifel recht behielten das wäre
ein Unglück auch um Werners willen Das wäre ein Riss in seinem Leben ich
beginge damit ein Verbrechen an ihm noch schlimmer als Verrat und Undank eines
Kindes Er ist mir doch wirklich wie ein Vater Was ich kann was ich bin alles
verdanke ich ihm Als ich noch Eltern hatte war ich ein verlorenes Geschöpf
Unter seinen Händen bin ich ein neues Menschenkind geworden Er darf und soll
sich in mir nicht täuschen«
»Da glaub ich eher dass Sie noch mehr erfüllen werden als Werner sich von
Ihnen verspricht« Mit Wohlgefallen ruhte Tassilos Blick auf dem jungen Manne
»Aber er hätte Sie jetzt nicht von seiner Seite lassen sollen In Ihnen sprudelt
die Gärung Ich kenne das Ich hab es jahrelang durchgemacht bis ich die Ruhe
fand Aber ich war immer gewöhnt allein mit allem fertig zu werden Das ist bei
Ihnen nicht der Fall Sie hatten immer den erfahrenen treuen Freund bei der
Hand Da mag jetzt in der Einsamkeit etwas in Ihnen erwacht sein etwas Neues
halb noch Unbewusstes «
»Etwas Neues« Nachdenklich schüttelte Forbeck den Kopf
»Es ist so Das rumort jetzt in Ihnen und unwillkürlich fühlen Sie dass
Ihnen Werner fehlt mit seinem Rat und seinem beruhigenden Lächeln«
»Sie kennen dieses Lächeln Nicht wahr das ist merkwürdig Wenn er so
lächelt das redet wie ein Buch«
»Eine Kunst die sich bitter lernt Es war gewiss keine heitere Geschichte
hinter der ihm nichts anderes verblieb als dieses Lächeln Werner ist
Junggeselle geblieben er muss eine schwere Enttäuschung erlebt haben«
Forbeck lehnte sich tief atmend zurück »Nein das glaube ich nicht Er ist
völlig aufgegangen in seiner Kunst Hätte er geliebt ein Mann wie er wäre
nicht getäuscht worden Er ist einer von jenen Seltenen die man lieben muss
heiß und treu«
Eine Pause entstand
»Wo ist Werner jetzt« fragte Tassilo
»In München Er macht die letzten Striche an seinem Bild für die Berliner
Ausstellung Herrgott wird das wieder eine Arbeit Ich glaube er hat mich nur
fortgeschickt weil ich ganz verzagt wurde sooft ich vor dieser Leinwand stand
Gestern schrieb er mir Er hofft in vierzehn Tagen fertig zu sein Dann kommt
er und wir reisen«
»Wohin«
»Italien« Es war aus Forbecks Augen zu lesen was er mit diesem einen Worte
sagen wollte
Tassilo lächelte »Sie kennen Italien noch nicht«
»Nein Und wenn ich mir denke dass ich in vier Wochen dort unten sitze
sehen Sie mich nur an ich muss die Fäuste auf die Rippen drücken denn ich
glaube mir geht bei diesem Gedanken die ganze Bude da drin aus dem Leim Und
ich weiß nicht es kommt mir vor als hätte ich diese brennende Erwartung noch
nie so gewalttätig empfunden wie heute gerade jetzt« Er sah hinaus in das
Geflimmer der stillen Mondnacht »Es ist doch möglich dass Sie recht haben mit
dem Neuen Für unsereinen ist so was immer wie ein großes Ereignis wie eine
Offenbarung ich habe heut ein Bild gefunden Keine Studie kein Motiv nein
ein Bild« Er griff mit den Händen in die Luft und schloss die Finger als wollte
er gewaltsam fassen was ihm vor der Seele stand »Ein Bild Unglaublich schön
Wenn ich das fertigbringe wie ich es sehe dann wird Werner mich küssen Das
hat er noch nie getan Über ein Brav mein Junge oder über einen Klaps auf die
Schulter ist er in seiner Anerkennung noch nie hinausgekommen Aber wenn ich das
fertigbringe das Dann ja«
»Sie machen mich neugierig Wo haben Sie den Vorwurf gefunden«
»Da drüben wo Sie mich in Ihr Boot nahmen bei der Klause Schon die
Felswand mit dieser stein und holzgewordenen Romanze Das allein ist schon eine
Hochzeit von Farbe und Stimmung« Forbeck gewahrte in seinem Eifer den Schatten
nicht der über Tassilos Züge ging »Und dazu dieser ganze Rahmen diese Luft
die Natur in einem Augenblick in dem sie sich mit ihren stärksten Mitteln in
Szene setzt Aber ich kann Ihnen nicht schildern was ich meine Dazu reichen
Worte nicht aus Es war wie ein Wunder Schon als das Gewitter begann dieses
nervöse Gezitter von Licht und Schatten halb noch blendender Glanz halb schon
ein stumpfes Erlöschen aller Farben Und nun mitten hinein in dieses ängstliche
Gefunkel aller Töne der erste Windstoß und der erste Regenguss zerrissen in
graue flatternde Schleier und Bänder ein Bild ein Bild Und dazu fällt mir
noch die einzig mögliche Staffage wie vom Himmel herunter Das heißt was ich
gesehen habe reicht für sich allein nicht aus so schön es war Es wäre für
sich allein nicht verständlich Aber ich weiß bereits was ich dazuwerfe«
Mit beiden Händen machte Forbeck freien Platz vor sich und begann mit dem
Finger unsichtbare Linien auf das Tischtuch zu zeichnen »Hier zwischen der
Klause und dem Wetterbach den ich näher gegen die Klause rücke damit der Baum
der sich über den Bach geworfen die Mitte des Bildes bekommt hier also hier
auf dem Rasen wissen Sie Doktor so ein saftiges Grün aus dem jede andere
Farbe herausspringt wie ein Licht hier auf dem Rasen denk ich mir ein
konfuses Häuflein Menschen Sommergäste und Schiffer mitten im lustigen
Picknick Und da kommt nun das Gewitter plötzlich Wie das alles aufspringt
rennt und stolpert um die Klause zu gewinnen halb in Lustigkeit und halb in
Angst Wie da die Farben und Linien durcheinanderwirbeln Und drüben über dem
Wetterbach kommt eine kleine Touristengesellschaft über den steilen Weg
heruntergehastet Männer und Frauen «
»Ich sehe das Bild« fiel Tassilo ein »wie es lebt und redet«
»Ein paar von den Leuten stehen schon am Ufer des Wildbaches ratlos
nirgends eine Brücke nur dieser einzige Baum Es fängt schon zu gießen an Nur
hinüber Aber wie Und sehen Sie Doktor hier ist der Baum und da hab ich
einen Jäger eine Figur wie von Gott am Sonntag erschaffen Das ist der
einzige der Hilfe weiß freilich nur Hilfe für eine einzige für ein junges
Mädchen Und dieses Mädchen Doktor Das ist Jugend Frühling Und das wird der
Kern in meinem Bild hier auf dem schwankenden Baum mein Jäger bei jedem
Schritt mit dem Stürzen kämpfend und auf seinem Arm das Mädchen das zwischen
Lachen und Angst den Hals des Jägers umklammert ein Bild Doktor ein Bild
Aber das sehen Sie nicht aus meinen Worten das muss ich Ihnen zeigen «
Forbeck zerrte die Lederriemen auf mit denen seine Malgeräte
zusammengeschnürt waren und legte das Skizzenbuch aufgeschlagen vor Tassilo
hin
»Sehen Sie Nur ein paar Linien für mein Gedächtnis aber man fühlt doch
was da an malerischem Reiz herauszuholen ist Und das setz ich mitten in mein
Bild Sehen Sie dieses Köpfchen dieser zarte Schwung in der Halslinie Und wie
dieses Kleidchen fließt ganz weiß Das wird in meinem Bild das stärkste Licht
Die Hauptsache«
Lächelnd hob Tassilo die Augen zu dem glühenden Gesicht des jungen
Künstlers »Und das haben Sie heut gesehen Das da« Er tippte mit dem Finger
auf das Blatt
»Wahrhaftig Und da begreifen Sie doch dass sich das entzückende Bild dieser
beiden Menschen an meine Seele hängen musste wie mit Klammern Ich seh es noch
immer Freilich wenn erst die richtige Arbeit beginnt wird es mit meinem
Gedächtnis nicht mehr klappen Ich muss die beiden wiederhaben wenn auch nur für
einige Stunden Der Jäger ist mir sicher Aber dieses Mädchen « Forbeck
zögerte »Es muss mit diesem Mädchen eine merkwürdige Bewandtnis haben Ich
verstehe verschiedenes nicht« Nachdenklich strich er mit der Hand über die
Stirne und sprach dann hastig weiter »Aber vielleicht können Sie mir raten Sie
müssen doch das Dorf und seine Leute kennen also auch dieses Mädchen«
»Ich glaube fast«
»Ihr Vater ist hier ansässig ein Förster oder Waldaufseher«
Tassilo lachte »Waldaufseher«
»Ich hab ihn irgendwo da droben kennengelernt Ein Typus Ein ganz
origineller Kauz« Forbeck blätterte im Skizzenbuch »Sehen Sie das ist er«
Tassilo betrachtete das Blatt »Ja Aufs Haar getroffen« Dann hob er die
Augen »Mein Vater«
»Ihr Vater auch« stotterte Forbeck »Der Mann in dieser abgeschabten
geflickten Joppe hat doch ausgesehen wie «
»Mein Vater findet ein Vergnügen daran auf der Jagd so echt auszusehen wie
der ärmste seiner schlecht bezahlten Jäger«
Forbeck griff sich an den Kopf »Das muss ein Irrtum sein Ich hab ihn doch
auch sprechen hören Den da Und er hat auch den Taler genommen den ich ihm für
die Sitzung gab«
»Das sieht ihm ähnlich Ja Forbeck daran ist nichts zu ändern das ist
mein Vater Ihr Jäger ist unser braver HorneggerFranzl Und das starke Licht
die Hauptsache nicht wahr so sagten Sie doch das ist meine Schwester
Kitty«
Forbeck griff nach der Stuhllehne Bestürzung in Blick und Zügen
»Weshalb erschrecken Sie« fragte Tassilo verwundert »Ach so ich verstehe
Sie denken an Ihr Bild und fürchten dass Ihnen meine Schwester einen Strich
durch die schönen Pläne machen könnte Vorerst keine unnütze Sorge lieber
Freund Ich kann Ihnen zwar keine Zusage geben aber ich will mit meiner
Schwester sprechen Ihr Bild muss gemalt werden Professor Werner soll seine
Freude haben« Tassilo erhob sich »Margaret« Er wandte sich wieder an Forbeck
»Erlauben Sie dass ich bezahle als Revanche für den Taler Mein Vater hat sich
einen Scherz auf Ihre Kosten gemacht Ich vermute dass er mit Ihrem Taler seinen
Büchsenspanner beglückte«
Forbeck nickte zerstreut und schnürte mit zitternden Händen seine Geräte
zusammen
Schweigend verließen sie die Terrasse und schritten in den Mondschein
hinaus
»Warum sind Sie plötzlich so still geworden« fragte Tassilo
»Ich Still Eigentlich hab ich Ursache froh darüber zu sein dass sich
dieses dieses originelle Missverständnis auf so einfache Weise gelöst hat Ich
glaube die Sache hätte mir zu denken gegeben Aber jetzt ich bitte Sie nur
mich bei Ihrer Schwester zu entschuldigen wenn ich vor ihr vielleicht in etwas
unpassender Weise über über den Kopf in meinem Skizzenbuch gesprochen haben
sollte«
»Mein Vater hat einen Kopf der sich mit feinen Strichen nicht schildern
lässt Auch scheint meine Schwester die Sache nicht ernst genommen zu haben
sonst hätte sie mir gegenüber nicht geschwiegen So was gleicht man persönlich
am leichtesten aus Wollen Sie morgen in Hubertus mit uns speisen Ohne jede
Förmlichkeit Um ein Uhr Und nun gute Nacht für heute Wir haben verschiedene
Wege«
Während Tassilo sich entfernte blieb Forbeck wie angewurzelt auf der
gleichen Stelle »Was hab ich denn nur« Er schob den Hut zurück und wanderte
langsam durch die stille Nacht Immer hastiger wurde sein Schritt fast wie
Flucht so dass ihm der Schweiß auf der Stirne stand als er das Bauernhaus
erreichte in dem er wohnte Eine Stimme weckte ihn aus seinem Brüten
»Guten Abend Herr«
Von der Hausbank erhob sich die magere Gestalt eines Bauern hemdärmelig in
kurzer Lederhose und mit nackten Füßen Er mochte ein paar Jahre über vierzig
zählen Der Mondschein fiel über das harte von tiefen Furchen durchrissene
Gesicht ließ im schwarzen Bart die ergrauten Haare wie silberne Fäden schimmern
und gab den Augen einen scharfen Glanz
Die offene Haustür gähnte schwarz und nur ein matter Lichtschein drang aus
den kleinen vom vorspringenden Dach überschatteten Fenstern Aus der Stube
hörte man das Weinen eines Kindes und den Gesang einer linden Mädchenstimme
»Schlaf Kindele schlaf
Da draußen gehen die Schaf
Die schwarzen und die weißen
Die tun mein Kindele beißen
Schlaf Kindele schlaf
Da draußen gehen die Schaf«
Das Liedchen fing immer wieder von vorne an und nahm kein Ende
»Guten Abend Herr« wiederholte der Bauer als Forbeck an ihm vorüber
wollte
»Sie sind noch auf Bruckner So spät«
»Ich hab auf Ihnen gwart«
»Auf mich Weshalb«
Was der Bauer sagen wollte schien ihm schwer von der Zunge zu gehen
»Müssen S es net verübeln Beim Einzug is ausgmacht worden dass die ander Hälft
vom Zins am End vom Monat zahlt wird Aber wies halt geht Es schaut a bissl
knapp aus bei mir Was Kranks im Haus dös reißt am Geldsack grad so wie am
Herzen Und da möcht ich halt bitten «
»Gerne lieber Bruckner Kommen Sie nur mit hinauf dann machen wir die
Sache gleich ab«
»Vergeltsgott Herr«
Der Bauer schien wie verwandelt sprang in die Haustür und als Forbeck die
Schwelle betrat hatte Bruckner schon die Kerze angezündet die für den
Heimkehrenden auf der Treppe stand Er nahm dem Maler den Studienkasten ab und
leuchtete mit erhobener Kerze über die Treppe hinauf
Sie betraten eine geräumige frisch geweisste Stube deren habe Decke schräg
gegen die Mauer fiel Was Forbeck zur Wahl dieser Wohnung bewogen hatte war nur
das große Fenster gewesen das fast die ganze Firstwand einnahm hier hatte
durch Jahre ein junger Holzschnitzer gewohnt Neben dem Fenster stand eine
Staffelei die Forbeck vom Dorftischler hatte fertigen lassen Ein paar
Ölskizzen hingen an der Mauer unter ihnen auch der charakteristische Kopf des
Hausherrn mit tiefroten Gewandtönen um die Schultern so dass man eine
Apostelstudie zu sehen glaubte
»Nur einen Augenblick lieber Bruckner« sagte Forbeck nahm dem Bauer das
Licht ab und trat in die anstossende Kammer Als er zurückkehrte drückte er zwei
Banknoten in Bruckners Hand
»Aber Herr « Der Bauer sah die Scheine an »Da haben S Ihnen verschaut um
zwanzg Markln«
»Das ist für den nächsten Monat Ich bleibe Ganz bestimmt«
Der Bauer schloss die Faust über den knisternden Zetteln »Das Stüberl taugt
Ihnen gelt«
»Ja Bruckner«
»Seit d Schwester daheim is haben S auch Ihr Sach schon in der Ordnung
D Mali is a richtigs Leut«
»Und wie geht es Ihrem Kind«
Bruckners Stirn bekam dicke Runzeln »Ich glaub es schaut wieder besser
aus Es können doch net allweil die Dreschflegel über ein herfallen Ja Herr
mei Suppen hat saure Brocken gehabt im heurigen Sommer Zerst mei gute Alte
Gott hab s selig Und kaum hat man d Wachskerzen nimmer grochen im Haus da
fangt mir s Kindl an« Er stierte zu Boden während er mit den Zehen einen
Holzsplitter niederdrückte der sich aus der Diele sträubte »Nix für ungut
halt Und Vergelts Gott für alles« Leise klappten seine nackten Sohlen als er
zur Tür ging
Die hölzerne Treppe knarrte und aus der Stube herauf klang das leise Weinen
des Kindes und Malis singende Stimme
»Schlaf Kindele schlaf
Dein Vater is a Graf
Dein Mutterl is im Himmelreich
Schaut eim lieben Engel gleich
Schlaf Kindele schlaf
Dein Vater is a Graf«
Forbeck schloss die Tür und riss das Fenster auf Ein kühler Hauch floss in den
schwülen Raum und machte die Kerze flackern
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Ein Morgen in Duft und Sonne Der Himmel ohne ein Wölklein über den Bergen noch
blaue Schatten doch alle Häuser des Dorfes schon im goldenen Frühglanz Die
letzten Nebel kräuselten sich über die Wälder empor und zerrannen in der Luft
Vor allen Gehöften gackerten die Hühner und auf dem Telegraphendraht der am
Haus der Horneggerin vorbeiführte saßen in langer Reihe die alten und jungen
Schwalben mit leisem Gezwitscher
Franzl zur Bergfahrt gerüstet stand bei den Blumenbeeten und pflückte von
den brennroten Nelken Dann drückte er sich schmunzelnd zum Gatter hinaus und
wanderte flink davon
Er hatte bevor es wieder zu Berge ging noch ein Geschäft im Dorf Sechs
von den sieben Treibern die Graf Egge verlangte hatte er noch am vergangenen
Abend bestellt den letzten musste er noch ausfindig machen Franzl weil er
immer an die Mali denken musste dachte an den Bruckner Der hatte freilich noch
nie als Treiber gedient Der alte Moser Graf Egges abgedankter Büchsenspanner
munkelte sogar dass der Bruckner in früheren Jahren »gegangen« wäre das sollte
heißen als Wildschütz Aber es war wohl nur ein Gerede der alte Moser
schwatzte gern und was Bauer hieß war ihm verdächtig Franzl war überzeugt
dass man dem Bruder der Mali unrecht tat Er meinte einen besseren Treiber nicht
finden zu können als den Bruckner dem es in seiner jetzigen Lage wohl auch
willkommen sein musste ein paar Mark zu verdienen Dennoch zögerte Franzl als
er das Bruckneranwesen erreichte Der Hof war leer die Haustür geschlossen
Hinter der Scheune ließ sich klingender Dengelschlag vernehmen Franzl spähte
nach den Fenstern und als er da was Weisses flimmern sah stieß er flink das
Zauntürchen auf klopfte ans Fenster und drückte das lachende Gesicht an die
Scheibe »Guten Morgen Mali«
»Jeh mir scheint gar der Franzl« klang es in der Stube
»Freilich Kennst mich jetzt Ich selber bin gestern auch völlig blind
gewesen Erst d Mutter hat mirs gesagt Und da hab ich mir gleich denkt ich muss
meiner Schulkameradin an guten Einstand in der Heimat wünschen Geh trau dich a
bissl aussi zu mir«
Die Haustür öffnete sich und Mali trat in die Sonne heraus mit den Armen
hielt sie ein geblumtes Kissen umschlungen aus dem das wackelige Köpfchen eines
Kindes hervorlugte ein welkes Gesichtl mit müden Augen und einem farblosen
Mündchen um dessen Winkel schon die Bitternis des Lebens gezeichnet war Franzl
aber sah nur das Gesicht des Mädels das mit keiner Spur die durchwachte Nacht
verriet Langsam reichten sie sich die Hände und sahen sich schweigend in die
Augen als spräche zu jedem aus dem Blick des anderen die Erinnerung der längst
verflossenen Kindheit und der guten Freundschaft die einst ihre jungen Herzen
verbunden hatte
Franzl fand zuerst die Sprache »Mali Nobel hast dich ausgwachsen«
»Geh Du« schmollte das Mädel »Aus dir scheint mir is der richtige
Schwefler worden«
»Ich sag was wahr is Ganz heiß wird mir wann ich dich anschau und sag
mir dös is mei Mali«
Das Mädel machte große Augen »Dei Mali Du redst dich leicht«
»Is doch wahr dass wir zwei allweil zammghalten haben wie der Vogel und d
Federn Bis wir grupft worden sind alle zwei« Aus dem Gesicht des Jägers
schwand der lachende Frohsinn »Aber jetzt bist ja wieder da« In Franzls Augen
ging die Sonne wieder auf »Und gar net begreifen kann ichs dass ich dich
gestern net gleich wiederkennt hab Schaut dir ja s liebe Kindergsichtl noch
allweil aus die Augen aussi«
»Und die deinigen sind noch allweil die gleichen Haselnusskern« sagte Mali
lächelnd
»No also nachher stimmt ja alles Da fangen wir gleich die alte
Kameradschaft wieder an Und schau« Franzl nahm den Hut ab und löste die Nelken
aus der Schnur »da hab ich dir zum Einstand gleich was mitbracht«
Malis Wangen brannten als ihr der Jäger das Sträusschen reichte Sie wollte
die Nelken ans Mieder stecken Da streckte das Kind verlangend die Ärmchen aus
dem Kissen und griff mit den bleichen Fingerchen nach den roten Blüten Mali
hatte nicht das Herz dem kranken Kind die kleine Freude zu stören »Gelt
Nettele schöne Blümerln« plauderte sie zärtlich »Und alle ghören dem Netterl
alle« Die Händchen des Kindes zupften und rissen an den Blüten dass die roten
Flocken zu Boden fielen Mali wurde unruhig »Gelt Franzl bist net harb«
»Aber geh was redst denn« In herzlichem Erbarmen hingen Franzls Augen an
dem welken Gesichtchen des Kindes »Dös arme Hascherl«
»Der Doktor meint s Herzl wär schwach So a Kindl so a guts Wenn nur ich
ihm was geben könnt vom meinigen ich hab eh so an Brocken in mir drin der
allweil schlögelt wie net gscheit« Um dem Kinde das Spiel mit den Blumen zu
erleichtern setzte Mali sich auf die Hausbank und während das Netterl in den
Blüten wühlte plauderte sie mit dem Kind und glätte ihm die dünnen gesträubten
Härchen
Schmunzelnd betrachtete sie der Jäger »Dös schaut sich gut an du als jungs
Mutterl«
Sie guckte so drollig erschrocken zu ihm auf dass er lachen musste Und da
schalt sie »Tu net so laut Unser Stadterr droben schlaft noch Der kanns
heut brauchen Was er gehabt haben muss Die ganze Nacht is er auf und ab
marschiert über der Decken«
Franzl sah zu dem großen Fenster hinauf Da hörte er hinter sich ein leises
Klirren und als er sich umwandte sah er den Bruckner stehen in der einen Hand
die gedengelte Sense in der anderen den Hammer Die Gestalt des Bauern war
gebeugt und misstrauisch musterte er den Jäger »Was suchst denn du bei uns«
»Grüß dich Gott Bruckner An Treiber tät ich brauchen für acht Täg Hast
net Lust Der Graf zahlt net schlecht vier Markln fürn Tag«
»Ich Und treiben Wie fallt dir denn so was ein« Die Furchen im Gesicht
des Bauern verschärften sich »Oder hat dich der Schipper geschickt«
»Der Schipper« Franzl schien die Frage nicht zu begreifen »Gott bewahr
Bist mir schon selber eingfallen Also Magst«
»Na« Bruckner prüfte die Schneide der Sense und ging auf die Haustür zu
»No no no Ich hab mir halt denkt es könnt dir a bissl Verdienst net
zwider sein«
»Ja Lenzi« fiel Mali ein »sei gscheit Dreissg Markln sind net von Holz«
»In Ruh lass mich« Der Bauer trat auf die Schwelle musterte den Jäger über
die Schulter und sagte grob »Willst noch was«
Franzl bekam einen roten Kopf blieb aber ruhig »Red wie d magst ich
nimm dir nix übel« Er wandte sich ab und strich mit der Hand über das Köpfl des
Kindes »Bhüt dich Gott Mali An andersmal« Mit dem Ellbogen die Büchse
rückend ging er davon
Mali sah den Bruder an »Aber Lenzi Was hast denn«
Langsam trat der Bauer auf die Schwester zu »Was willst denn du mit dem
Jagerischen da«
»Warum denn Was is denn«
»Gelt du Da fang mir nix an Es könnt mir net taugen«
Mali erhob sich und schlang den Polster um das Kind aus dessen kraftlosen
Händchen die Nelken zur Erde fielen »Ich will dir was sagen Lenzi Bei der
Schwester hab ichs net schlecht gehabt Aber aufs erste Wörtl dass mich der
Bruder braucht hab ich den Kufer packt Deine drei Kinder sollen net merken
dass ihnen d Mutter fehlt Im übrigen hab ich meine ausgwachsenen Jahr und bin
freund mit wem ich mag Was gegen den Franzl hast da frag ich net drum Mir
war der Franzl mein Kamerad Und dös weißt Lenzi so bin ich allweil gewesen
dass ich meine Sachen net versauen lass« Sie drückte das Kind an sich und ging am
Bruder vorüber ins Haus
In ratloser Bestürzung sah ihr der Bauer nach Wie von einer Schwäche
befallen tappte er zur Hausbank hin und ließ sich niedersinken
Vom Nachbargehöft herüber klang die Stimme Franzls der einen jungen
Burschen anrief In ihm fand der Jäger den Treiber der noch zu bestellen war
Und nun gings den Bergen zu hinauf zur Jagdhütte in der Graf Egge am liebsten
hauste weil sie mitten im besten Gemsrevier gelegen war
Franzl hatte einen fünfstündigen Marsch vor sich zuerst durch Buchenwälder
in deren Laub schon gelbe Blätter leuchteten dann durch dunklen kühlen
Fichtenwald und über breite Almen In einer Sennhütte rastete Franzl und
löffelte zu bescheidenem Mittagsmahl eine Schüssel Milch dabei fand er
Gesellschaft
In die Hütte trat ein junges Mädel das hübsche runde Grübchengesicht von
der Hitze gerötet Ihr schmuckes zur Üppigkeit neigendes Figürchen in der halb
städtischen Kleidung ließ erkennen dass sie gute Freundschaft mit dem Spiegel
hielt Das schwarze Haar war nicht in Zöpfe geflochten sondern zeigte eine
»Frisur« Das grüne Lodenhütchen das sie in der Hand trug war mit Bergblumen
besteckt und ein Sträusslein Alpenrosen war an die Spitze des Bergstockes
gebunden Sie schien den Jäger nicht ungern zu gewahren Während sie Hut und
Stock auf die Holzbank legte grüßte sie mit einem zutraulichen Wink ihrer
schwarzen Augen
»Grüß Gott Lieserl« nickte Franzl und löffelte weiter
Die alte Sennerin die beim Herdfeuer stand drehte das Gesicht über die
Schulter der neue Gast schien ihr nicht zu gefallen »Wo kommst denn her«
brummte sie
»Man muss net allweil an der Maschin sitzen Luftschnappen muss der Mensch
auch D Stubenluft taugt mir net Jetzt bin ich auf der Bergpartie«
»Geh« fragte die Alte anzüglich »Und ganz allein«
»Ja gelt dös is schad« Lieserl lachte dass man zwischen den roten Lippen
die kleinen blinkenden Zähne sah »Es hätten sich schon a paar zur Begleitung
anboten Aber jeder passt mir net Ich bin anspruchsvoll« Sie setzte sich an
Franzls Seite drückte den Arm an seinen Ellbogen und guckte in die Schüssel
»Hast alles aufschnabuliert Gar nix hast übrig für mich«
»Na gar nix« Franzl erhob sich und stellte die leere Schüssel auf die
Bank
»Was rennst denn Bleib doch sitzen und lass a bissl plauschen«
»Mir pressierts« Der Jäger griff nach seiner Büchse und ging
»Bist a Feiner Dös muss ich sagen« schmollte Lieserl während die Sennerin
vergnügt vor sich hinkicherte Dann lief die Alte dem Jäger nach Hinter der
Hütte holte sie ihn ein laut in die Schürze lachend »Die hast schön abfahren
lassen So eine Ihr Vater muss rein nix wissen und der ZaunerWastl is doch
sonst an ehrenwerter Mensch Was d Leut über dös Mädl alles reden A solchene
Unmoreulidätt wie dös Mädl hat Wirst sehen es dauert net lang und es kommt
einer daher so a städtischer Heuschniggl mit dem sie sich a Ranzewuh geben
hat«
Franzl wurde verdrießlich »Lass mich in Ruh du alte Ratschen«
»No ja hab ich net recht Und allweil muss sies mit die Fremden haben Es
taugt ihr keiner von unsere Buben mehr seit im letzten Sommer der junge Herr
Graf a bissl mit ihr scharmiert hat Dös Gansl dös dumme hat dran glaubt Als
ob die Herren Grafen fürs ZaunerLieserl gwachsen wären«
»Du« Franzl wurde grob »Mei Herrschaft lass in Ruh«
»Hab ich denn was über d Herrschaft gesagt« staunte die Alte unschuldig
»Ich red vom ZaunerLieserl Sie is ihm nachgelaufen wie s Hundl dem Jager Und
glaubst mirs net so schau da kommt der alte Herr Moser den kannst ja
fragen«
Aus einer Senkung des Almfeldes tauchte ein bejahrter Mann hervor in
abgetragener Jägerlivree mit weißem Schnauzbart im roten Gesicht
Franzl ging dem Alten entgegen »Hat er ihn schon«
Verschnaufend schüttelte Moser den Kopf und nahm den Hut ab seine mit
Schweissperlen besäte Glatze schimmerte in der Sonne »Nix hat er Und
fuchsteufelswild is er weil ihn der Gamsbock zum Narren hat Hätt er mir
gfolgt er hätt ihn schon lang Aber natürlich jetzt is der Schipper in Gnaden
und der alte Moser kann Brieferln tragen Der Schipper Ja der Herr Schipper«
Franzl wurde ernst als er diesen Namen hörte Nur um etwas zu sagen fragte
er »Gehst heim«
»Der Kontess muss ich a Brieferl nunterbringen weil der Herr Graf net fort
mag von der Hütten Ich kanns ihm net verdenken So a Trumm Bock mit solche
Krucken hab ich meiner Lebtag noch net gsehen« Der Alte wandte sich gegen die
Berge »Ich sag er kriegt ihn net Hätt er mir gfolgt Aber der Herr Schipper
natürlich Der is der gscheitere Und der alte Moser wird ausglacht Es gibt
kei Grechtigkeit mehr auf der Welt« Die Stimme des Alten zitterte
»Tu dich net kränken« tröstete Franzl »Gnau hinschauen muss man nachher
kommt man drauf dass alles mit Grechtigkeit verteilt is Schau uns zwei an ich
bin der jünger dafür bist du der gscheiter ich hab die mehreren Haar dafür
hast du die schönere Glatzen«
Der Alte lachte »Ja Franzl du haltst noch zu mir Aber der Schipper
lassen wirs gut sein ich will nix reden Und tu dich nimmer verhalten Franzl
Der Herr Graf hat eh schon gscholten weil so lang ausbleibst«
Franzl erschrak »Bhüt dich Gott Moser« Er fing zu rennen an
Die Sennerin die den Schatten des Hüttendaches nicht verlassen hatte
machte vor dem alten Büchsenspanner einen Bückling »Hab die Ehre Herr Moser
Freuen tuts mich dass der Herr Moser wieder amal zuspricht« Zwinkernd deutete
sie mit dem Daumen über die Schulter »Gsellschaft haben wir s feine Lieserl
ist da«
»Was Unser Lieserl Ah dös is aber lieb« Der Alte trabte zur Hüttentür
Die Sennerin kicherte »Net schlecht So an alter Stieglitz Und geht auch
noch auf d süße Leimruten«
Inzwischen hatte Franzl den Rücken des Almfeldes überstiegen und erreichte
einen Lärchenwald Der Weg war rau so dass dem Jäger bei seiner treibenden Eile
der Atem in hastigen Zügen ging Die Gedanken die ihn drückten sprachen aus
seinen Augen »Wie därf er denn schelten Ich kann doch net fliegen« Die kurze
Rast in der Sennhütte war ihm doch nicht zu verdenken Man wird sich auf einem
fünfstündigen Marsch auch einmal niedersetzen dürfen Und drunten hatte er doch
den letzten Treiber besorgen müssen Und es war nicht seine Schuld dass er den
Gang zum Bruckner umsonst getan Umsonst Als Franzl zu diesem Gedanken kam
begannen seine Augen sich aufzuhellen Jetzt hatte er an was anderes zu denken
als an das Gewitter das ihn in der Jagdhütte erwarten mochte
Zerklüftetes Gestein begann sich über den Wald zu erheben und der Fußpfad
lenkte in eine enge Schlucht Bald traten die Wände wieder auseinander und vor
dem Jäger lag ein breites Hochtal in dessen Mitte zwischen Latschengebüsch und
Zirbelkiefern das silbergraue Schindeldach der Jagdhütte leuchtete Auf drei
Seiten war das Tal umgeben von steilen Bergzinnen während gegen die Seite von
welcher Franzl kam sich ein Ausblick ins Weite öffnete dort unten in
unsichtbarer Tiefe lag der See und drüben stiegen die Berge wieder auf Gipfel
hinter Gipfel in immer zarterem Blau
Als Franzl sich der Jagdhütte näherte sah er zwischen den Latschen etwas
blinken wie Goldschimmer Einen Augenblick zögerte er dann bahnte er sich durch
die wirren Äste einen Weg und kam zu einer kleinen Blöße auf der ein hohes
Rohrstativ mit ausgezogenem Tubus stand Vor dem großen Fernrohr das gegen die
Mitte einer rauhgeklüfteten Felswand gerichtet war saß auf niederem Stein ein
Jäger Jochel Schipper Graf Egges Büchsenspanner Er trug die Tracht der Berge
was er am Leib hatte war so grau verwittert dass die regungslose Gestalt einem
Felsblock ähnlich sah Auch das Haar wie Asche man konnte nicht unterscheiden
war es noch blond oder schon ergraut Der Nacken von der Sonne so braun gebrannt
wie die hageren Knie über deren Kehlen sich fingerdicke Sehnen spannten Als
hinter ihm die Zweige rauschten wandte er langsam das Gesicht Man sah diesen
Zügen die vierzig Jahre an Die Stirne weiß soweit der Hutrand sie beschattete
Nase und Wangen gebräunt Die eine Seite des Gesichtes war dicht mit farblosem
Bart bewachsen die andere nur dünn behaart und mit veralteten Narben befleckt
vor Jahren einmal im Rausch war Schipper mit dem Gesicht gegen die glühende
Ofenplatte gefallen Seine Züge schienen wie versteinert nur die Augen lebten
diese kleinen grauen Augen und sie hatten den scharfen Blick des Habichts
»Wo steht der Bock« fragte Franzl mit gedämpfter Stimme
Flüsternd kaum merklich die Lippen bewegend erwiderte Schipper »Sorg dich
um den Bock net Der kommt mir net ausm Aug Schau lieber dass zur Hütten
findst Der Graf wartet schon lang Ich hab ihm gesagt du kannst net früher da
sein Aber weißt ja wie er is« Langsam wandte er das Gesicht zum Tubus kniff
das linke Auge zu und spähte mit dem rechten durch das Fernrohr
Franzl schob schwer atmend den Hut in die Stirn und drückte sich durch die
Büsche
Nun sah ihm Schipper nach ein dünnes Lächeln glitt um den schiefbärtigen
Mund und in den grauen Augen funkelte die Schadenfreude des Hasses
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Graf Egges Lieblingshütte zeichnete sich von ihrer günstigen Lage abgesehen
nicht durch besondere Eigenschaften aus am allerwenigsten durch Bequemlichkeit
ein kleines rohgezimmertes Blockhaus mit winzigen Fenstern und so niederer Tür
dass Graf Egge wenn er rasch aus der Hütte laufen und nach Gemswild ausspähen
wollte häufig mit dem Querbalken in unangenehme Berührung geriet Die Folge war
eine Beule auf der Stirn oder wie die Leute in den Bergen sagen ein »Dippel«
Statt den Zimmermann zu rufen und das Übel an der Tür bessern zu lassen
begnügte sich Graf Egge damit der Hütte den Ehrentitel »Palais Dippel« zu
verleihen
Die Tür führte in die kleine Jägerstube die zugleich als Küche diente und
aus der eine steile Leiter den Aufstieg zum Heuboden zum Schlafraum der Jäger
ermöglichte Neben der Küchenstube lag das »Grafenzimmer« ein bescheidener
Raum dessen Decke und Balkenmauern mit Brettern verschalt waren um die Ecke
zwischen den zwei kleinen Fensterchen zog sich eine Holzbank davor ein Tisch
mit zwei dreibeinigen Sesseln und in der Ecke ein Kruzifix mit verblühten
Almrosen In der gegenüberliegenden Ecke stand der eiserne Ofen und daneben das
Bett mit grauer Lodendecke und zerlegener Matratze unter der die Heufäden
hervorhingen an der Wand ein plumper Schrank ein Jagdkalender und ein Rechen
mit Gewehren mit Feldstecher Fernrohr Wettermantel und allerlei Riemenzeug
Der einzige Überfluss der sich in diesem Raum gewahren ließ bestand in einem
Dutzend Paar Bergschuhen der verschiedensten Art die frisch gefettet rings um
den eisernen Ofen standen Ein braun und schwarz getigerter Schweisshund lag auf
dem Bett und ließ sich in seiner Nachmittagsruhe nicht stören obwohl die
zornige Stimme seines Herrn die kleinen Fensterscheiben des Stübchens zittern
machte
Noch ehe Franzl zu dem die Hütte umschliessenden Stangenzaun gekommen war
hatte er diese scheltende Stimme schon vernommen Neben der Tür sah er eine
Büchse und einen Bergstock an die Balkenmauer gelehnt Da war wohl ein Jäger aus
einem anderen Jagdbezirk mit einem Anliegen zu seinem Herrn gekommen und hatte
ihn zu übler Stunde angetroffen Franzl konnte die Worte verstehen die in der
Stube hallten Er zog die Brauen auf und kraute sich hinter dem Ohr »Sakra
Heut raucht er keinen Guten weil er stadtisch redt« Franzl wusste aus
Erfahrung Wenn Graf Egge in der Jagdhütte hochdeutsch redete stand der
Barometer seiner Laune auf Sturm Franzl zögerte Sollte er eintreten oder das
Ende des Gewitters abwarten das sich in der Stube entlud Er entschloss sich für
das letztere und setzte sich auf die neben der Tür angebrachte Holzbank
In der Stube klang die wuchtige Stimme des Grafen »Das muss ein Ende nehmen
Oder ich verliere die Geduld Dein Bezirk hat eine Lage wie man sie schöner im
ganzen Gebirg nicht findet Da sollten die Rudel nur so umeinanderstehen Und
wie sieht es in Wirklichkeit aus Dass einem grausen könnte Mir scheint du hast
die Schussliste vom letzten Jahr schon völlig vergessen Armselige drei Hirsche
und sieben Gamsböcke einer schlechter wie der andere Glaubst denn du das ist
mir die sieben Zentner Salz und das ganze Winterfutter wert Von deinem Gehalt
schon gar nicht zu reden Der ist ohnehin zum Fenster hinausgeworfen«
»Aber ich bitt Herr Graf« stammelte eine scheue Stimme »ich lauf mir bei
Tag und Nacht schier d Füss ab Mein Bezirk liegt halt an der Grenz Und drüben
die Bauernjagd Die Gams und s Wildbret kann ich net anbinden und was halt
nüberwechselt wird drüben niedergschossen Wie soll ich denn da an Wildstand in
d Höh bringen Da weiß ich mir wahrhaftig kein Rat nimmer«
»Natürlich Du hast eben andere Dinge im Kopf Dein Bezirk wird schlechter
von Jahr zu Jahr und dafür soll ich dir noch den Gehalt aufbessern Erlaub mir
Patscheider das ist eine starke Zumutung«
»Ich schau mich halt mit meine sechshundert Markln nimmer naus Herr Graf
Sieben Kinder daheim «
»Was geht denn das mich an Muss denn der Mensch sieben Kinder haben Wärst
du bei Nachtzeit fleißiger im Dienst gewesen so hättest du mehr Gamsböcke im
deinem Revier und daheim weniger Kinder«
»Aber Herr Graf«
Ein Faustschlag dröhnte auf die Tischplatte »Fertig Wir haben ausgeredet
Bring deinen Bezirk so weit dass ich im Jahr sechs gute Hirsche und ein Dutzend
Gamsböcke schieße und ich bessere deinen Gehalt nicht nur um die fünfzig Mark
auf die du haben willst sondern um volle zweihundert Und jetzt kein Wort
mehr Nimm dich zusammen Patscheider ich sag es dir heut noch im Guten Oder
es sitzt übers Jahr ein anderer in deiner Hütte«
Schweigen folgte diesen Worten dann wurde die Stubentür geöffnet schwere
Tritte ließ sich hören u im Eingang der Hütte erschien ein schwarzbärtiger
Jäger mit bleichem Gesicht u verstörten Augen Als er den Hornegger Franzl
gewahrte nickte er einen stummen Gruß
In der Stube begannen die Saiten einer Zither zu klingen Graf Egge liebte
die Zither und spielte sie meisterhaft sie war in den Mussestunden der Jagdhütte
sein einziger Zeitvertreib und sein Heilmittel wider jeden Ärger
Franzl legte die Hand auf Patscheiders Arm und fragte flüsternd »Michel
Brauchst du was für daheim«
»Vergeltsgott Franzl hast ja selber net viel übrig« Patscheider atmete
schwer und deutete über die Schulter »Hast es gehört was er verlangt Sechs
Hirsch und a Dutzend Gamsböck Bei mir Dös möcht unser Herrgott selber net
zwegenbringen Und der Graf versteht doch so viel von der Jagd dass ers wissen
müsst Aber der Schipper hetzt halt Der Herr Schipper« Er griff nach seiner
Büchse »s gscheiteste wär man springet amal wo nunter über d Wänd nachher
hätt man sei Ruh für ewige Zeiten«
»Aber Michel Denk doch an deine lieben Leut daheim«
Patscheiders Augen wurden feucht »Ich sag dirs Franzl es wird mir hart
Ich renn mir d Seel ausm Leib Aber von der Grenz müssen mich ja d Lumpen
überall sehen« Er spähte nach dem Fenster und dämpfte die flüsternde Stimme
noch mehr »In vier Wochen haben s mir drei Gams davon Wenn ichs dem Grafen
sag der jagt mich zum Teufel Jetzt muss ich schon lügen wenn ich für meine
Kinder dös bissl Brot erhalten will« Er hob die Faust »Aber solls unser
Herrgott geben dass mir einer überen Weg lauft Da gibts an Unglück Franzl«
Mit eisernem Griff umklammerte er den Lauf der Büchse und schritt ohne Gruß
davon
In der Stube sangen die Saiten der Zither einen heiteren Ländler während
Franzl bekümmert dem Jäger nachblickte Als er ihn hinter den Latschenbüschen
verschwinden sah blies er die Backen auf als könnte er sich den schwülen
Druck der auf ihm lag von der Seele blasen wie einen Mund voll Pfeifenrauch
Dann knöpfte er die Joppe zu und trat in die Hütte Langsam öffnete er die
Stubentür und zog den Hut »Grüß Gott Herr Graf« Der Hund auf dem Bette hob
den Kopf und vergrub als er den Jäger erkannte die Schnauze wieder zwischen
den Beinen
Graf Egge saß hinter dem Tisch hemdärmelig in abgewetzter Lederhose und
mit schiefgetretenen Filzpantoffeln Ohne das Spiel zu unterbrechen blickte er
auf
»Aaaah Der Herr Hornegger Schau nur schau Dös is ja wie der Wind gangen
Also der Herr Hornegger is auch schon da«
Dem Jäger schlug bei diesem Empfang das Blut ins Gesicht und doch atmete er
erleichtert auf als er den breiten Dialekt hörte der auf mildere Stimmung zu
deuten schien Er begann sich damit zu entschuldigen dass ihn bereits beim
Niederstieg ins Dorf die Begegnung mit der »gnädigen Kontess und dem alten
Fräuln« aufgehalten hätte
Ein Schatten des Unbehagens glitt über das Gesicht des Grafen Er schob die
Zither fort und erhob sich »Bist du der Kammerdiener meiner Tochter oder bist
du mein Jäger«
Franzl schwieg denn er kannte die Wirkung die jeder Widerspruch auf den
Grafen zu üben pflegte
»Aber natürlich das ganze Jahr füttert man seine Leute und wenn man sie
braucht sitzen sie weiß der Teufel wo Wenn ich den Bock nicht bekomme bist du
schuld Seit acht Tagen sitz ich und warte mir die Seel heraus Richtig heute
mittag steht der Bock wo ich ihn brauche Aber wo ist der Herr Hornegger Ja
der Herr Hornegger Der schlaft sich schön aus Der lasst sich gemütlich Zeit
damit er keinen Schuhnagel verliert Und der Graf kann warten Der kann sich den
Bock in der Wand drin anschauen und kann sich die Gelbsucht an den Hals ärgern«
Graf Egge trat dicht vor den Jäger hin »Hornegger« Er betonte jede Silbe
»Wenn ich den Bock nicht bekomme dann spukts in der Fechtschul Dann waren wir
die längste Zeit gut Freund miteinander und ich könnte sogar vergessen dass der
beste Jäger den ich je gehabt habe dein Vater war«
Nun konnte Franzl nicht länger schweigen Seine Gestalt reckte sich »Herr
Graf Ich hab den einzigen Ehrgeiz dass ich dem Vater nachschlag Und ich glaub
ich hab dazu noch allweil den richtigen Willen mitbracht Wenn ich heut was
versäumt hab bitt ich um Entschuldigung Ich gstehs ein ich hätt flinker
wieder heroben sein können Aber so harte Wort hab ich deswegen net verdient«
Das freimütige Bekenntnis schien den Unmut des Grafen schon zu
beschwichtigen aber die letzte Wendung versalzte die Suppe wieder »Das ist
doch eine unerhörte Keckheit Soll ich mir vorschreiben lassen wie ich mit
meinen Leuten reden muss Und was hast du nicht verdient Du bist noch lang nicht
Jäger genug um zu begreifen was du mir angetan hast« Die Wände hallten vom
Zorn dieser Stimme »Neunhundertvierzehn Gamsböck hab ich in meinem Revier
geschossen Aber kein einziger ist drunter wie der in der Wand da droben Der
Bock ist mir ein Vermögen wert Sechs Jahr lang kenn ich ihn schon und wart auf
ihn Heut hätt ich ihn haben können Aber der Herr Hornegger «
Da wurde die Tür aufgerissen und Schipper stürzte in die Stube »Herr Graf
Der Bock steht am richtigen Fleck Wenn der Franzl sei Sach jetzt in der
Ordnung macht muss der Bock am Wechsel herspringen auf den schönsten Schuss«
Bei Graf Egge war plötzlich aller Zorn verraucht Fiebernde Aufregung befiel
ihn wie einen jungen grünen Jäger in dem noch das leidenschaftliche Feuer
brennt Im Nu hatte er die Bergschuhe an den Füßen und während ihm Schipper die
Riemen band wusste er vor Erregung an der abgeschabten und geflickten Joppe die
ihm Franzl reichte kaum die Löcher für die Arme zu finden Mit zitternden
Händen stülpte er das verwitterte Hütl über die weißen Haare packte die Büchse
und den Feldstecher und eilte zur Stube hinaus
»Die Tür Herr Graf« wollte Franzl noch warnen Aber man hörte schon den
dumpfen Schlag Das »Palais Dippel« hatte seinem Namen wieder einmal Ehre
gemacht Graf Egge vergaß in seiner Hast den üblichen Fluch und drückte nur die
Hand an die Stirne während er rasch das Latschendickicht zu gewinnen suchte
Franzl und Schipper folgten
Als sie die Blöße erreichten wo der Tubus stand warf Schipper einen Blick
nach der bereits im Schatten der Nachmittagssonne liegenden Felswand und sagte
flüsternd »Er steht noch am gleichen Fleck Schauen S ihn an Herr Graf«
Graf Egge legte die Büchse ab und spähte durch den Tubus Es stieg ihm heiß
ins Gesicht und er schob den Hut zurück »Herrgott Herrgott Is das ein Bock
Hundertmal hab ich ihn schon angschaut und allweil reißts mich wieder« Er
atmete tief »Kinder Wenn das jetzt gut ausfallt « Er nahm sich nicht die
Zeit das Versprechen das er geben wollte in Worte zu fassen Vor allem schob
er die Patronen in seine Doppelbüchse Dann wurde mit leisen Stimmen Rat
gehalten
Inmitten der hohen langgestreckten Felswand stand der Gemsbock dem freien
Auge nur wie ein winziges Figürchen erscheinend kaum merklich bewegte er sich
äsend auf einer vorspringenden Kuppe hin und her manchmal hob er den Kopf um
auszuspähen über das Latschental Vielleicht hatte er auch die Jäger schon
gewahrt Aber er war es gewöhnt tief unter ihm in den Tälern diese kleinen
lebendigen Pünktlein schleichen zu sehen die sich Menschen nennen vielleicht
wusste er aus Erfahrung dass sie seine Feinde waren doch er schien sich in
seiner schwindelnden Höhe sicher zu fühlen Von den tiefer liegenden Almen
herauf klang der Jodelruf einer Sennerin lange stand der Gemsbock unbeweglich
und äugte in die Ferne dann begann er wieder sorglos zu äsen während ihm zu
Füßen im Versteck der Latschenbüsche um sein Leben gerechnet wurde
Unter dem südlichen Abfall der Wand sollte Graf Egge seinen Stand nehmen
Franzl von der nördlichen Seite her in die Felsen steigen um den Gemsbock gegen
den Stand zu treiben Wohl führten von der Stelle wo der Bock sich aufhielt
zwei Wechsel aus der Felswand der eine niederwärts gegen den Wald der andere
gegen den Grat empor
»Aber es kann net fehlen« meinte Schipper »Wenn der Franzl sei
Schuldigkeit tut muss der Bock aufm unteren Wechsel kommen«
»Also Franzl was meinst du« fragte Graf Egge und hing gespannt an dem
Gesicht des Jägers
Franzl schwieg eine Weile und spähte zu den Felsen hinauf dann schüttelte
er den Kopf »Herr Graf Herr Graf Es kann gut gehen aber es muss net Ich kenn
den Bock ich weiß wie er is und ich fürcht schier eh ich den Bock ins
Treiben bring machen ihn die andern Gams lebendig und da nimmt er den oberen
Wechsel an«
»Die andern Gams« fragte Graf Egge erschrocken »Wo«
»Da droben stehen s drei Stück beinander«
Franzl deutete mit dem Bergstock nach den Gemsen die sein scharfes Auge
entdeckt hatte Schipper schoss einen wütenden Blick auf ihn und nagte an der
Lippe
Langsam wandte sich Graf Egge nach ihm um »Aber Schipper« Die beiden Worte
klangen nicht freundlich
Der Jäger lächelte »Ja glauben S denn Herr Graf ich hab die Gams net
gsehen Die machen uns nix Im Gegenteil Die springen gegen die Latschen
runter und der Bock muss nach dös heißt wann der Franzl in der richtigen Höh
einsteigt«
Graf Egge fuhr mit beiden Händen in den Bart und zerrte Die gute Laune war
ihm vergangen »Am liebsten ging ich gleich wieder heim in d Hütten Denn eh
ich den Bock net sicher hab fang ich nix an mit ihm Sonst is er beim Teufel
für den ganzen Sommer«
Schipper wurde Feuer und Flamme »Aber Herr Graf Jetzt haben S den Bock im
Sack und wollen ihn wieder auslassen«
Wieder begann die flüsternde Debatte und Graf Egge führte sie mit einem
Ernst wie ein Feldherr den Kriegsrat am Abend vor der Entscheidungsschlacht
Nach langem Schwanken und Zögern entschied er sich die Jagd zu wagen Seine
Bedenken waren nicht völlig beschwichtigt aber die Leidenschaft brannte in ihm
»Also Franzl weiter«
Der Jäger zögerte sein Gesicht war bleich Er wusste dass es böse Stunden
setzen würde wenn die Sache misslang Obwohl er nicht misstrauisch war regte
sich doch in ihm ein Instinkt der Vorsicht »Ich bitt Herr Graf ich möcht bei
dem Bock nix verfehlen Sagen S mir genau den Weg den ich machen muss«
»Aber Franzl« fiel Schipper ein »Halt den Herrn Grafen doch nimmer auf
Dös liegt auf der Hand wie man da steigen muss«
Graf Egge lächelte die Vorsicht des Jägers gefiel ihm »Recht hat er Er
will sich für alle Fäll den Buckel sauber halten Also pass auf« Mit
umständlicher Genauigkeit beschrieb er den Weg auf welchem Franzl in die
Felswand steigen und dem Gemsbock die Höhe abgewinnen sollte »Hast du
verstanden«
»Ja und ich mach kein andern Schritt« Franzl zog den Hut »Weidmanns Heil
Herr Graf«
Sie trennten sich noch einmal blieb Franzl stehen »Ich bitt Herr Graf
verlieren S die Geduld net Ich hoff dass ich den Bock herbring aber lang
wirds dauern Mein Weg hat schlechte Plätz und ich darf beim Steigen kein Laut
net hören lassen wenn ich die andern Gams bis zur richtigen Zeit halten will«
Sein Herr nickte ihm freundlich zu »Das Sitzen verdriesst mich net Wenn er
nur kommt«
Nach verschiedenen Seiten schlichen sie durch die Büsche davon Graf Egge
und Schipper hatten einen halbstündigen Weg bis sie den Stand erreichten Im
Schutz eines Latschenbusches nahm der Graf seinen Platz auf einem Stein
Schipper drückte sich hinter seinen Herrn zog das Fernrohr auf legte das
Ledertäschchen mit den Patronen auf seinen Schoss und lud die Reservebüchse Auf
hundert Schritt vor ihnen stieg die Felswand auf aus der ein Gemswechsel über
Klippen und Grasbänder gegen die Latschen herunterführte Jener Teil der Wand
in dem der Bock und die anderen Gemsen standen war durch eine vorspringende
Steinrippe verdeckt doch sah man in der Ferne die steilen Kuppen über welche
Franzl seinen Weg zu nehmen hatte
Kühler Schatten und tiefes Schweigen ringsumher nur zuweilen schwamm durch
die stillen Lüfte der verlorene Klang einer Almglocke aus dem sonnigen Tal
herauf
Eine Stunde verrann Graf Egge rührte sich nicht Nur manchmal fühlte er mit
dem Daumen ob die Hähne der auf seinem Schoße ruhenden Büchse auch wirklich
gespannt waren Schipper spähte nach den fernen Kuppen der Felswand »Jetzt
steigt er ein« flüsterte er Wie ein kleiner dunkler Strich der sich langsam
bewegte war Franzls Gestalt im grauen Gestein zu erkennen »Aber ich weiß net
er steigt mir aber bissl zlangsam«
»Ganz richtig steigt er« zischelte der Graf »Er mag außer Dienst ein
junger Schüppel sein aber wenns ernst wird ist Verlass auf ihn Da ist er sein
ganzer Vater« Keine Antwort kam doch Graf Egge hörte wie Schipper hinter ihm
den schweren Atem durch die Nase blies »Schnauf net so laut« Nun war Stille
Franzls Gestalt verschwand in den Schluchten der Felswand und wieder
verrann eine halbe Stunde Dann tönte noch weit entfernt das dumpfe Gepolter
fallender Steine
»Die anderen Gams« flüsterte Graf Egge Fester spannten sich seine Hände um
die Büchse und brennend hingen seine Augen an dem Felszacken auf dem der Bock
erscheinen musste Von Minute zu Minute verschärfte sich die Spannung seiner
Züge aus dem erstarrten Gesichte wich der letzte Tropfen Blut die
herbgeschlossenen Lippen färbten sich bläulich und immer heißer flackerte das
Feuer seiner Augen Was aus diesem Gesicht herausfunkelte war nicht die helle
frohe Lust am Jagen nicht die stolze Männerfreude die das edle Weidwerk
bietet Es war eine wilde verzehrende Leidenschaft die im Verlangen und
Genießen weder Maß noch Schranke kennt den ganzen Menschen an Leib und Seele
erfasst wie die Flamme das dürre Holz in ihm das Gefühl für jeden anderen Wert
des Lebens erstickt ihn immer nur das eine sehen und begehren lässt das ihn
berauscht und niemals sättigt das ihn selbst zerstört und andere mit ihm Und
wie das Mal eines Gezeichneten brannte auf Graf Egges Stirn die rote Beule die
ihm der Balken der Hüttentür geschlagen
»Herr Graf da kommt er« lispelte Schipper
Die Gestalt des Wildes tauchte aus dem Gestein Graf Egge hob die Büchse
nicht »Das ist ein anderer Ich will den meinigen« So leis diese Worte
gesprochen waren das Tier hatte sie vernommen Mit gestrecktem Halse stand es
und äugte auf die beiden Jäger nieder sie saßen regungslos und die Gemse
erkannte in den zwei grauen Klumpen die Menschen nicht Langsam begann sie über
den Wechsel herabzuziehen Da krachte fern in der Felswand ein Schuss das
prasselnde Gepolter fallender Steine ließ sich hören und rings über alle Wände
rollte das Echo Die erschreckte Gemse machte ein paar ziellose Sprünge im
Gestein und Graf Egge verlor seine Ruhe ein Zittern befiel seine Hände und in
bebendem Zorn raunte er durch die Zähne »Schlecht gehts Das war ein
Schreckschuss der Bock nimmt den oberen Wechsel an Hol dich der Teufel
Schipper Ich hätt dem Franzl folgen sollen Jetzt komm ich um meinen Bock Die
anderen Gams haben alles verdorben«
Die Worte waren laut geworden und nun erkannte die Gemse ihren Feind Mit
wilden Sprüngen suchte sie einen Weg in das höhere Gestein sie fand kahle
Felsen musste sich wenden u kam in sausender Flucht über den Wechsel
heruntergestürmt
»Wart Bestie du sollst mir büßen« zischte es von Graf Egges Lippen Er
hob die Büchse nicht um als Jäger das Wild zu erbeuten sondern um seinen
Zorn an dem Tier zu kühlen das ihm die ersehnte Freude verdorben und durch
seine vorzeitige Flucht vor dem treibenden Jäger den erwarteten Bock gewarnt
hatte
Der Schuss krachte und im Feuer stürzte die Gemse Während sie verendend
noch mit den Läufen schlug kamen zwei andere Gemsen in voller Flucht über den
Wechsel herunter eine Geiß mit ihrem Kitz
Graf Egge streckte die Hand nach rückwärts »Gib her«
»Aber Herr Graf A Kitz« stotterte Schipper
Sein Herr stampfte mit dem Fuß »Gib her sag ich« Mit zornigem Ruck fasste
er die Reservebüchse zwei Schüsse und die Geiß lag verendet am Boden
während das klagende Kitz mit zerschmettertem Rückgrat in die Latschenbüsche
kroch und auf dem Geröll eine rote Bahn zurückließ Noch war das Echo der beiden
Schüsse nicht verhallt da tönte von der Höhe der Felswand ein klingender
Jauchzer
»Herr Graf der Bock muss kommen« stammelte Schipper der die Bedeutung
dieses Rufes erkannte Er griff nach der abgeschossenen Büchse und reichte
seinem Herrn das frisch geladene Gewehr Ein Zittern befiel den Grafen sein
Atem ging schwer und in kalkiger Blässe erstarrte sein Gesicht während sein
Blick emporflog über den Wechsel Da fühlte er ein Zupfen an seiner Joppe und
hörte die wispernde Stimme des Jägers »Da droben steht er Grad über Ihnen
Schießen S Schießen S«
Hinter dem Felszacken musste der Bock den gewohnten Wechsel verlassen haben
und stand hoch über den beiden Jägern in einer breiten Steinrinne eine
stolze kraftstrotzende Tiergestalt deren selten schöner Hauptschmuck sich mit
zwei schwarzen scharf gekrümmten Linien von dem grauen Felsen abhob
Graf Egge saß wie versteinert
»Herr Graf so schießen S doch« zischelte Schipper »Der Schuss is
verteufelt weit gute zweihundert Gäng Aber wenn S net schießen is der Bock
dahin für den ganzen Sommer«
Graf Egge konnte die Waffe nicht heben das Fieber begann ihn zu schütteln
»Aber Herr Graf Herr Graf«
Der Gemsbock pfiff und setzte mit hoher Flucht über die Wasserrinne Ein
paar Sprünge noch und er musste verschwinden Da ging ein Ruck durch die Gestalt
des Grafen und die Büchse flog an seine Wange Schipper hob das Fernrohr um
die Wirkung des Schusses zu beobachten und kaum hatte er das Wild im Glas da
krachte der Schuss Der Gemsbock wankte doch nur einen Augenblick dann
verschwand er hinter zerklüftetem Gestein
»Hat ihn schon« lachte Schipper Er warf das Fernrohr zu Boden fasste den
Bergstock und sprang durch die Büsche davon um hinter der Biegung der Felswand
den Bock noch einmal zu sehen und die Richtung seiner Flucht beobachten zu
können
Graf Egge war aufgesprungen in der Hand die rauchende Büchse Er starrte
nach der Stelle wo der Bock gestanden und lauschte doch er hörte nichts als
die Sprünge des Jägers die sich immer weiter entfernten »Er muss die Kugel
haben« murmelte er stellte schwer atmend die Büchse nieder und griff mit der
Hand an seine Stirn Wohl lag das seltene Wild noch nicht das ihm seit Wochen
schlaflose Nächte bereitet hatte aber Graf Egge war seiner Kugel sicher der
Sturm seines Blutes und die Spannung seiner Nerven begannen sich zu lösen fast
wie Schwäche befiel es ihn und nun plötzlich fühlte er auch den Schmerz der
Beule an seiner Stirn Sein Blick streifte die zwei verendeten Gemsen die
zuerst gefallene war ein guter Bock daneben aber lag die Muttergeiss und hinter
den Latschen rührte sich noch immer das todwunde Kitz Graf Egge wandte sich ab
Ihn ekelte vor der unweidmännischen Arbeit die er im Zorn geliefert und dieses
Gefühl verdarb ihm die Freude des letzten Schusses
Inzwischen hatte Schipper die Biegung der Wand erreicht Hoch in den Felsen
sah er den Gemsbock langsam vorüberziehen und wieder im Gestein verschwinden
Schipper sprang eine Strecke weiter und sah dass der Bock sich talwärts wandte
ein Zeichen das den tödlichen Schuss verriet Auf einer vorspringenden Platte
blieb der Gemsbock mit hängendem Kopfe stehen und begann zu schwanken seine
Läufe brachen einen letzten Sprung noch versuchte er dann taumelte er über den
Rand der Felsen hinaus und stürzte ein rostbrauner Klumpen durch die Luft
herunter In einem Latschenbusch verschwand er und lag so gut versteckt dass den
Jägern das Suchen schwer geworden wäre hätte Schipper den Bock nicht fallen
sehen Hastig stieg er zu der Latsche hinauf denn er wusste dass klingender Dank
zu verdienen war wenn er seinem Jagdherrn diese Beute brachte Nun erreichte er
sie und die Augen wurden ihm groß als er das selten schöne Gehörn betrachtete
Graf Egge hatte kein ähnliches in seiner reichen Sammlung Schipper schätzte
dass ein Sammler für dieses Krickel tausend Mark und darüber geben würde Zwei
rote Flecken erschienen auf seinen fahlen Wangen Schon streckte er die Hand um
den Bock aus der Latsche zu ziehen Da tönte fern in der Felswand die rufende
Stimme Franzls und Schipper hörte wie Graf Egge dem Jäger die Weisung
hinaufschrie nicht weiter vorzugehen sondern den Abstieg gegen die Hütte zu
nehmen
Ein böses Lächeln glitt über Schippers Mund »Mir tausend Mark Und dem
andern an festen Tritt aufn Magen den er spüren soll« Er zerrte das Messer
aus der Tasche schlug dem verendeten Wild das Krickel mit der Hirnschale aus
dem Kopf und warf das Gehörn in weitem Schwung über das Latschenfeld Mit
funkelnden Augen spähte er nach der Stelle an der es fiel dann glitt er
lautlos über die Felsen hinunter und suchte laufend den Rückweg Als er die
Biegung der Wand erreichte und aus den Latschen hervorkroch sah er unerwartet
den Grafen vor sich der auf einem Felsblock saß und mit beiden Händen das
rechte Schienbein rieb
»Schipper Was is mit dem Bock«
Der Jäger konnte nicht gleich Antwort geben im Schreck versagte ihm die
Stimme Er drückte die Fäuste auf die Brust als hätte der rasche Lauf ihn
atemlos gemacht »Der Bock Herr Graf Den hab ich mit keim Aug mehr gsehen
Aber sorgen S Ihnen net Da kann nix fehlen Der hat den Schuss mitten aufm
schönsten Fleck Ganz gnau hab ich mitm Spektif den Einschuss gsehen kurz
hinterm Blatt Der liegt keine hundert Schritt vom Platzl wo er gstanden is
Soll ich gleich naufsteigen« Schipper konnte diese Frage ohne Sorge stellen
denn er wusste die Antwort seines Herrn voraus
»Aber Schipper Wo hast du deinen Verstand Hat der Bock den richtigen
Schuss so liegt er mir gut bis morgen Ist der Bock nur krank so treibst du ihn
wieder auf und wir können ihn suchen zwei drei Tage lang Nix da Lass du den
Bock in Ruh bis morgen« Stöhnend fasste Graf Egge nach seinem Bein
»Was is denn« fragte Schipper wie in Sorge
»Mein Bock hat mir keine Ruh lassen ich hab dir nachsteigen wollen und da
hats mir auf einmal im Haxen einen Riss gegeben Und jetzt spür ich im Knochen
einen ganzen Ameisenhaufen Mir scheint die verfluchte Gicht fangt wieder an«
»O Mar und Joseph Aber sehen Sies Herr Graf weil S mir net folgen und
keine Unterhosen tragen wollen Jetzt haben S Ihnen wieder verkühlt«
»Lass mich aus du Lapp« brummte Graf Egge »Ich und Unterhosen Und müsst
mich ja rein vor mir selber schenieren«
»Schenieren oder net Gleich morgen schreib ich dem Moser a Briefl nunter
dass er Ihnen wollene Unterhosen raufschickt«
»Das wird sich hart machen Ich hab keine Unterhose im ganzen Vermögen Hab
meiner Lebtag noch keine gebraucht«
»Jetzt muss eine her Ich tus nimmer anders Soll halt der Moser beim Kramer
a halbs Dutzend kaufen«
»Was« Graf Egge erhob sich »Du tust dir leicht mit ander Leut ihrem Geld
Ein halbes Dutzend Den schau an Ein Paar is genug Aber was ich sagen will
die Gschicht mit der Kitzgeiss steigt mir in d Nasen und verdirbt mir die ganze
Freud an meinem Bock«
»Aber Herr Graf Es ist ja nur in der Wut gschehen Und für so an Bock wie
der is kann man sich schon a bissl Ärger gfallen lassen«
Graf Egges Miene heiterte sich auf »Hast recht Wenn ich an die Kruck denk
die der Bock droben hat vergess ich alles Die kriegt ein silbernes Schildl Und
nachher sperr ich sie erst noch in die eiserne Kasse So eine hab ich noch nie
erwischt und so eine krieg ich auch meiner Lebtag nimmer« Schmunzelnd
blinzelte er zu der Felswand hinauf »Gelt Böckerl lang hats dauert mit uns
zwei Jetzt hast du doch den kürzern zogen« Er blickte in Schippers Gesicht und
vergnügt lachten die beiden einander an »Aber die Gschicht mit der Kitzgeiss is
mir zwider Wie steh ich denn vorm Hornegger da«
Schipper zögerte mit der Antwort »Wann der Herr Graf befehlen Der Franzl
brauchet ja nix zwissen davon«
»Hast recht du Gauner Verräum die alte Mutter dass kein Mensch mehr was
findt von ihr Da komm her« Graf Egge griff in die Tasche und zog ein
rotledernes Beutelchen hervor wie es die Bauern führen wenn sie zu Markte
gehen Er drückte ein Goldstück in Schippers Hand »Halt s Maul Da hast ein
Pflaster«
»Vergelts Gott Herr Graf Aber was sagen wir dem Franzl wegen die vier
Schuss«
»Drei auf den ersten Bock und zwei davon gfehlt in Gottesnamen«
»Sie Herr Graf Und fehlen Dös wird der Franzl schwerlich glauben Es tät
auch dem gnädigen Herrn Grafen an Abbruch in seiner Jägerehr«
Graf Egge lachte zufrieden »Du Teufelskerl Du denkst aber doch an alles
So studier dir halt was Feineres aus«
Schipper wusste eine bessere Ausrede flink zu finden und als er ging um den
in der Nähe des Standes liegenden Gemsbock auszuweiden und die Geiß mit ihrem
Kitz für ewige Zeiten in einem Steinloch verschwinden zu lassen trat Graf Egge
den Heimweg zur Jagdhütte an Während des ganzen Weges beschäftigte ihn der
Gedanke an das herrliche Krickel das ihm der kommende Morgen bescheren musste
nebenbei aber auch die schmerzende Stelle auf der Stirn und das leise Gekribbel
in seinem Knie und Schienbein
7
Graf Tassilo war am Morgen nicht zum Frühstück erschienen
Als Kitty nach ihm fragte hieß es ihr Bruder wäre zeitig ins Dorf gegangen
und noch nicht zurückgekehrt So blieb die Kleesberg ihre einzige Gesellschaft
eine sehr stille Tante Gundis Augen hatten übernächtigen Glanz und bei der
gemessenen Würde mit der sie den Schinken schnitt und in das krachende
Butterbrötchen biss tat sie zuweilen einen Atemzug der wie ein Seufzer klang
Nur langsam belebte sich das Gespräch dabei wurde das Abenteuer beim
Wetterbach mit keiner Silbe mehr erwähnt als wäre in ihnen beiden jede
Erinnerung bereits erloschen Nach dem Frühstück brachte Kitty einen Spaziergang
in Vorschlag
Tante Gundi war einverstanden »Wohin«
Kitty überlegte »Die Hauptsache ist ein guter ebener Weg damit du dich
nicht ermüdest Ich meine ins Dorf Da siehst du doch auch ein bisschen Menschen
Das wird dich zerstreuen«
Gundi Kleesberg schien aus diesen Worten etwas herauszuhören was ihr
missfiel Sie legte würdevoll das Haupt zurück und erklärte »Nein Wir gehen
nach der Waldschwaige«
»Wie du willst Auch kein übler Weg«
Zur Waldschwaige einer zu Schloss Hubertus gehörigen Meierei führte aus
einem Winkel des Parkes ein für den Verkehr der Sommergäste gesperrter Waldpfad
Graf Egge war den Touristen nicht gewogen sie liefen ihm in Wald und Berg
häufig zur Unzeit in die Quere die harmlose Freude die sie am Singen und
Jodeln fanden und ihre Vorliebe auf steilen Gehängen Steine zu lösen rührten
in ihm die Galle des Jägers auf er machte sie für manchen missglückten
Pirschgang verantwortlich ließ im kahlen Gestein der höheren Berge die roten
Merkzeichen der Touristensteige von den Felsen abkratzen und sperrte im Wald
jeden Pfad an dem er Eigentumsrecht besaß mit der Inschrift Verbotener
Privatweg herrenlos umherlaufende Hunde werden erschossen
So durfte Tante Gundi sicher sein auf dem Weg zur Waldschwaige keinem
Menschen zu begegnen als höchstens einem Holzarbeiter oder einem Knecht der
Meierei
Es war ein stiller Spaziergang Die Kleesberg schwieg beharrlich sie schien
mit ihren Gedanken beschäftigt und hatte keinen Blick für die Morgenschönheit
des Waldes Kitty wurde der krampfhaften Anstrengungen ein Gespräch in Gang zu
bringen schließlich müde und begann Unterhaltung für sich allein zu suchen Sie
wanderte bald zur Rechten bald zur Linken in den von Lichtern durchzitterten
Wald hinein und pflückte was sie an Blumen fand dabei summte sie mit
halblauter Stimme ein Liedchen und manchmal stand sie still mit beiden Armen
den Wirrwarr der gepflückten Blumen umschlingend tief atmend die Wangen
glühend mit träumendem Lächeln
Es war ein prächtiger von zierlichen Grasrispen umschlossener Strauss den
sie nach Hubertus brachte als sie mit Tante Gundi gegen zwölf Uhr in das Schloss
zurückkehrte Während die Kleesberg in der Veranda Atem schöpfte eilte Kitty in
das Speisezimmer um den Tisch mit ihren Blumen zu schmücken Da sah sie auf der
Tafel vier Gedecke aufgelegt Ein Gast in Schloss Hubertus Kitty flog zur Treppe
und traf mit der Kleesberg zusammen »Tante Gundi Wir haben einen Gast«
»Einen Gast Wen«
»Ich weiß nicht« Mit wehenden Fahnen gings über die Treppe hinauf in
Tassilos Zimmer »Aber Tas wer kommt denn heute«
Tassilo erhob sich vom Schreibtisch »Einer meiner Freunde Maler Forbeck«
Kitty starrte den Bruder an so verblüfft als hätte er die Ankunft eines
chinesischen Würdenträgers verkündet Und während zarte Röte ihr Gesichtchen
überhuschte stammelte sie »Merkwürdig Du bist mit ihm befreundet Wann und wo
hast du ihn denn kennengelernt«
»Im vergangenen Winter bei Professor Werner«
»Werner Professor Werner Das ist doch wohl der berühmte Maler für den die
Gundi so riesig schwärmt Und der andere Der ist wohl auch schon sehr
berühmt«
»Jedenfalls auf dem besten Weg es zu werden Aber du kennst ja Herrn
Forbeck« Gundi Kleesberg erschien auf der Schwelle und horchte beim Klang
dieses Namens betroffen auf »Du hattest ja gestern abend mit ihm so etwas wie
ein kleines Abenteuer«
Kitty machte große Augen »Das weißt du auch schon«
»Natürlich« Tassilo zupfte sie am Ohrläppchen »Du merkwürdiger Spatz
warum hast du mir denn das verschwiegen«
»Ich habe das gar nicht für so wichtig gehalten« Sie begegnete dem Blick
des Bruders und geriet ein wenig aus der Fassung »Aber ich vergesse ganz «
Damit wollte sie die Flucht ergreifen
»Wohin«
»Aber Tas Sieh mich doch an Ich kann doch nicht so bei Tisch « Nun
gewahrte sie die Kleesberg die mit verstörtem Sorgenantlitz bei der Tür stand
»Hast du schon gehört Tante Gundi Das ist doch komisch Jetzt speist er heute
bei uns« Lachend flog sie aus der Stube
Da löste sich bei der Kleesberg die Erstarrung Sie rauschte zum
Schreibtisch »Tassilo Was machen Sie denn nur Diesen Menschen bringen Sie uns
auch noch ins Haus«
Tassilo trat verwundert zurück
»Haben Sie denn nicht gehört Gestern hatte sie mit ihm ein Abenteuer
Gerettet hat er sie Gerettet Wissen Sie denn nicht was das heißt für ein
junges Mädchen Ihr Retter Und zu allem Unglück auch noch ein Künstler Wenn
Sie nicht wissen was das bedeutet ich weiß es« Gundi Kleesberg rang die
Hände und es fehlte nicht viel so wäre sie in Tränen ausgebrochen
Nun verstand Tassilo »Ach so« Er schüttelte den Kopf und lächelte »Sie
machen sich überflüssige Sorgen Es wäre übel bestellt um Erziehung und
Charakter meiner Schwester wenn jede Begegnung mit einem jungen Mann für sie
eine Gefahr bedeuten würde Beruhigen Sie sich «
»Nein Ich beruhige mich nicht Sie ist schon Feuer und Flamme für sein
Genie Das ist immer der Anfang Ich kenne das Und dass sie schon zu
verschweigen anfängt haben Sie wohl nicht bemerkt Und daran denken Sie wohl
gar nicht dass dieses verwünschte Abenteuer bei der Klause spielte Was bei
dieser Klause anfängt muss ein Unglück werden«
»Fräulein von Kleesberg« Aus Tassilos Gesicht war alle Farbe gewichen
»Ich kenne meine Pflicht Ich will nicht verantwortlich sein wenn das Haus
in das Sie heute das Feuer tragen lichterloh zu brennen beginnt Gott bewahre
das arme Kind vor solchemeinem solchen Unglück« Nun kamen ihr die Tränen »Ein
kurzer Traum ein paar Tage Glück und Jubel und dann dieses Namenlose dieses
ganze zerstörte Leben«
»Aber Tante Gundi« Freundlich legte Tassilo die Hand auf ihren Arm »Sie
waren gestern leidend und haben sich noch immer nicht erholt Es ist doch keine
Ursache vorhanden von solchen Ungeheuerlichkeiten zu sprechen Was Herr Forbeck
von meiner Schwester will «
»Er will Was will er« Die Kleesberg ließ das Batisttuch sinken mit dem
sie die Augen getrocknet hatte
»Malen will er sie als Hauptfigur in einem großen Bild«
»Malen« stammelte Gundi als hätte sie verstanden ermorden »Malen Das
wäre das Wahre Das kenn ich«
»Gut also Ich war vielleicht ein wenig unvorsichtig als ich Forbeck in
dieser Sache meine Hilfe zusagte Aber er war so begeistert für seine Idee so
glücklich «
»Glücklich Natürlich Unglücklich soll er auch schon sein Das kommt noch
früh genug«
Tassilo suchte dieser Hartnäckigkeit gegenüber ratlos nach Worten »Sie
haben da doch auch ein wichtiges Wort mitzusprechen Wenn Forbeck seinen Wunsch
äußert können Sie eine unverfängliche Ausflucht gebrauchen «
»Gott sei Dank Wenn es dabei nur auf mich ankommt dann ist die Sache schon
erledigt Malen Eh ich das erlaube eher sterb ich«
Die Tür wurde geöffnet und Fritz brachte eine Karte
»Hans Forbeck« las Tassilo »Ich lasse bitten«
Die Kleesberg wollte sich fluchtartig entfernen Tassilo hielt sie zurück
»Tante Gundi Machen Sie keine Torheiten Das sieht schon bald so aus als
hätten Sie Angst dass Sie sich in ihn verlieben könnten«
»Solche Scherze möcht ich mir verbitten« erklärte die Kleesberg aber ihre
Hilflosigkeit schien größer zu sein als ihre Entrüstung
Forbeck erschien das weiße Hütchen in der Hand in hellgrauem Beinkleid und
schwarzem Sakko Er verbeugte sich etwas hölzern vor Fräulein Kleesberg die
nach Würde rang und ging auf den Grafen zu Als Tassilo in diese klaren Augen
blickte auf diese redliche Stirn löste sich in ihm auch der leise Keim von
Sorge wieder den Tante Gundis sonderbare Ahnungen geweckt hatten Herzlich
fasste er die Hand des jungen Künstlers »Grüß Gott lieber Forbeck Erlauben
Sie dass ich Sie bekannt mache Hans Forbeck Fräulein von Kleesberg die
mütterliche Freundin meiner Schwester«
Forbeck verbeugte sich »Ich glaube ich hatte bereits gestern das
Vergnügen allerdings so flüchtig « Er stockte
Nun musste Tante Gundi sprechen und es gelang ihr »Sehr flüchtig
allerdings Ich war in so großer Sorge um das Kind wir wurden vom Unwetter
überrascht das Kind ist sosehr disponiert für Erkältungen und ich hoffe Sie
haben es nicht als Unhöflichkeit ausgelegt ich musste das Kind so rasch wie
möglich nach Hause bringen«
»Aber bitte gnädiges Fräulein Ihre Befürchtung hat sich hoffentlich nicht
bestätigt«
»Nein Gott sei Dank Und da ist es mir angenehm dass ich so rasch
Gelegenheit finde Ihnen für den Ritterdienst zu danken«
Sie bot ihm die Hand und als er sie erfasste begann sie wieder zu zittern
und hing mit verlorenem Blick an seinen Zügen Dieser Blick befremdete ihn und
Tassilo fragte erschrocken »Tante Gundi« Fräulein von Kleesberg schien einer
Ohnmacht nahe und Forbeck stammelte »Gnädiges Fräulein ist Ihnen nicht wohl«
»Doch doch es ist nur ich habe gestern «
»Für Fräulein von Kleesberg ist das Abenteuer nicht so glücklich ausgefallen
wie für meine Schwester« fiel Tassilo ein »die Folge war eine Unpässlichkeit
die noch immer nicht ganz behoben ist«
In Forbeck regte sich ehrliche Sorge »Ach das bedaure ich aber«
»O bitte ich selbst habe kein Erbarmen mit mir meine Migräne das ist
immer ein dreitägiger Kampf mit dem Drachen« versuchte Tante Gundi zu scherzen
»Aber nun bitt ich zu entschuldigen ich habe so spät erfahren und die Pflicht
der Hausfrau « Ein verstörtes Lächeln und sie rauschte zur Tür
Im Flur drückte sie die Hände an die Schläfen als stünde sie vor einem
unlösbaren Rätsel Wie eine Schlafwandlerin suchte sie ihr Zimmer und wollte die
Tür öffnen die in Kittys Stübchen führte sie war versperrt »Ja Tantchen nur
einen Augenblick gleich bin ich fertig« Fräulein von Kleesberg ließ sich vor
dem Spiegel nieder um die Spuren zu verdecken die ihre Tränen durch das
blühende Wangenrot gezogen hatten
Kitty erschien auf der Schwelle frisch wie ein Frühlingsmorgen in einem
weißen Tenniskleid das sie zum erstenmal trug eine Rose an der Brust Heiter
klatschte sie die Hände zusammen »Ach sieh nur Tantchen du machst dich ja
auch schön« Die Kleesberg murrte ein paar unverständliche Worte während Kitty
hinter ihren Sessel trat »Ist er schon da« fragte sie obwohl sie im Flur
seinen Schritt gehört hatte seine Stimme
»Natürlich Solche Leute fürchten immer die Suppe zu versäumen« Gundi
Kleesberg tauchte mit dem Anschein größter Seelenruhe die Quaste in die
Puderbüchse »Ich hab ihm auch in deinem Namen ein paar freundliche Worte für
den kleinen Dienst gesagt den er dir gestern geleistet hat Die Sache ist
erledigt Sei immerhin artig und höflich gegen ihn Man muss solche Leute nicht
gleich bei der ersten Gelegenheit die unausfüllbare Kluft empfinden lassen die
zwischen uns und ihnen liegt«
»Ich werde gegen ihn so artig als möglich sein schon dir zuliebe«
»Mir zuliebe«
»Tas hat mir gesagt dass er der Lieblingsschüler jenes Professors wäre
weißt du jenes berühmten Mannes für den du so riesig schwärmst«
»Werner« Gundi Kleesberg aus deren Hand die Puderquaste gefallen war
wandte das Gesicht mit weit geöffneten Augen
»Das freut dich« fragte Kitty während sie lauschend zur Tür blickte
Draußen gingen Schritte vorüber und man hörte die Stimme Tassilos der
seinen Gast auf die merkwürdigsten der Geweihe aufmerksam machte von denen die
Flurwände starrten Drunten im reich geschmückten Vorhaus nannte Tassilo die
Heimat der exotischen Trophäen an die sich manch ein waghalsiges um Gesundheit
und Leben spielendes Abenteuer seines Vaters knüpfte
»Diese tausend Trophäen hat Ihr Vater selbst erbeutet« fragte Forbeck
erstaunt »Wie ist das möglich Ihr Vater ist wohl nicht mehr jung aber auch
ein hundertjähriges Leben kann doch neben Beruf und Arbeit nicht so viel Musse
bieten «
»Musse Mein Vater kennt keine Musse in seinem Beruf Seine Arbeit sein
einziger Lebensberuf ist eben die Jagd Er ist sechzig Jahre mit fünfzehn
Jahren hat er angefangen Da lässt sich was leisten«
Forbeck blickte auf vom herben Klang dieser Worte betroffen »Sie sind kein
Jäger«
»Nein Ich hatte wohl Freude an der Jagd aber ich hab sie mir abgewöhnt
Es ist nicht überall Sitte so zu jagen wie es mir Vergnügen macht Anders
behagt es mir nicht Wer nicht ein Handwerker der Jagd ist wie der diensttuende
Jäger der sollte an der Jagd doch besseren Wert entdecken als den Nervenreiz
den der Kampf zwischen menschlicher List und tierischer Schlauheit gewährt Für
meinen Geschmack liegt der edelste Reiz der Jagd in der innigen Berührung mit
der Natur die sich auf einsamen Gängen vor uns öffnet wie ein mystisches Buch
Da liest man Wunder über Wunder Dieser Größe gegenüber lernt man erst sein
eigenes Menschenmass richtig einschätzen Man fühlt sich immer kleiner und
kleiner Diese Erkenntnis hat nichts Bedrückendes nichts Demütigendes Im
Gegenteil man kommt zu Klarheit und Ruhe wird allen spekulativen Unsinn los
und verwandelt sich selbst in ein Stücklein gesunder Natur Man sagt sich So
klein bist du aber den Raum den die Natur deinem Persönchen zugewiesen musst
du ausfüllen also nütze dein Leben und freue dich seiner« Die Falte auf
Tassilos Stirn war verschwunden Er nahm den Arm seines Gastes nach wenigen
Schritten blieb er vor einer Tür stehen »Das muss ich Ihnen zeigen das
Allerheiligste meines Vaters«
Forbeck erwartete irgendein weidmännisches Märchen zu sehen und machte
verblüffte Augen als er über die Schwelle trat Eine kleine weiß getünchte
Stube mit gescheuerten Dielen das Fenster ohne Vorhänge Die ganze Einrichtung
bestand aus einem eisernen mit grauen Loden bedeckten Bett einem alten mit
schwarz gewordenem Leder bezogenen Lehnstuhl und einer großen eisernen Kasse
An den Wänden hingen dicht bei der Decke beginnend gegen tausend Gemsgehörne
eines neben dem anderen Reihe unter Reihe so dass von den weißen Wänden kaum
noch ein tischhoher Streif über den Dielen frei war Rings um den Fuß der Wände
standen Bergschuhe nebeneinander mehr als hundert Paar von feinem Staub
überschleiert Der Geruch des gefetteten Leders lag schwer in der Stube
»Wenn mein Vater die Jagdhütte verlässt um in Schloss Hubertus ein paar Tage
auszuruhen dann wohnt er in dieser Stube Sie umschließt was ihm am meisten
Freude macht Auf diese Schuhe ist er stolz er selbst hat die Art ihres
Eisenbeschlags erfunden für jede Bergformation eine andere Gattung Wir haben
einen Schuster im Dorf der fast ausschließlich für meinen Vater arbeitet und
dabei eine große Familie ernährt die Sache hat also auch ihren guten Zweck
Und hier in diesem Eisenkasten hält Papa eine andere Freude verschlossen Er hat
eine Vorliebe für ungefasste Edelsteine namentlich für Saphire und Rubinen
Diamanten liebt er nur in spindelförmigem Schliff Es gibt Leute zu denen er so
viel Vertrauen hat dass er sie zuweilen einen Blick hinter das eiserne Türchen
werfen lässt Wir Kinder haben diese Schätze noch nie gesehen Aber sein
Büchsenspanner erzählt Wunder von dieser Sammlung Das ist auch der einzige
Mensch der das Zutrauen meines Vaters so sehr genießt dass er jeden Monat
einmal die Gemskrucken von der Wand nehmen darf um sie zu reinigen Sie stammen
von den Gemsböcken die Papa auf seinen eigenen Bergen rings um Hubertus
geschossen hat Sein größter Stolz Er hat es auch weit gebracht Vor dreißig
Jahren als er das Jagdrecht von den Bauern übernahm schoss er im ersten Sommer
nur vierzehn Böcke jetzt bringt er es jährlich auf hundert und darüber Das ist
doch ein Erfolg er die Arbeit eines ganzen Lebens lohnt Nicht«
Scheu blickte Forbeck zu Tassilo auf der diese Worte mit unveränderlichem
Lächeln vor sich hingesprochen hatte und nun schwieg Forbeck fühlte sich von
einem kalten Hauch berührt als schliche das Gespenst des Hauses an ihm vorüber
Nur um das Schweigen zu brechen fragte er »Der Büchsenspanner von dem Sie
sprachen ist das jener Franzl von gestern«
»Gott bewahre Der HorneggerFranzl ist ein braver tüchtiger Bursch Der
Jäger den ich meine das ist ein ehemaliger Holzknecht Vor etwa dreizehn
Jahren ist er meinem Vater unter den Treibern als besonders verwegen
aufgefallen Papa machte ihn zum Jäger und vor einigen Jahren zu seinem
Büchsenspanner und Geheimrat Wenn Sie auf Ihren Ausflügen einem Jäger begegnen
dessen Blick Ihnen das Blut ins Gesicht treibt das ist er Mein Vater schwört
auf diesen Menschen Mir hat seine unvermeidliche Gesellschaft die Freude an der
Jagd verdorben Ich greife nur noch zur Büchse wenn ich befohlen werde Und
Papa befiehlt nicht oft Er schießt seine Gemsböcke lieber selbst Und es ist
sein einziger Wunsch so lange zu leben bis er den leeren Streif an der Wand da
noch ausgefüllt hat Hoffentlich befriedigt das Schicksal diese heisseste
Sehnsucht seines Daseins Ich wünsch es ihm von Herzen«
Auf dem Dach des Schlosses läutete eine Glocke
»Kommen Sie Die Tischglocke«
Sie verließen die »Kruckenstube« Im Billardzimmer einen Salon gab es in
Hubertus nicht fanden sie Gundi von Kleesberg und Kitty Die schwüle Stimmung
die Forbeck in den letzten Minuten empfunden hatte verschwand als ihm Kitty
entgegentrat
»Ich freue mich sehr Sie bei uns zu sehen«
Er fasste ihre Hand brachte aber kein Wort heraus Tante Gundi wurde
unruhig zum Glück erschien in diesem Augenblick der Diener unter der Tür und
die Kleesberg rauschte auf das Pärchen zu »Darf ich bitten« Da war sie schon
wieder in neuer Verlegenheit die Ordnung in der man zu Tisch gehen sollte
schien ihr Sorge zu machen Ratlos blickte sie auf Tassilo und winkte mit den
Augen Sie fand unerwartete Hilfe Forbeck trat auf Tante Gundi zu und reichte
ihr den Arm Das machte sie so verwirrt dass sie auf seine Frage ob ihr
Befinden sich bereits gebessert hätte eine ganz verdrehte Antwort gab
Kitty nahm den Arm des Bruders »Was sagst du So was von Höflichkeit«
Kichernd drückte sie die Wange an seine Schulter
8
Nach dem Diner wurde auf der offenen Veranda der Kaffee eingenommen Die
Blätterschatten der Jerichorosen und wilden Reben deren Laub sich schon zu
röten begann zitterten über dem weißen Tisch und draußen plauderte die Fontäne
mit funkelndem Tropfenfall Während Gundi Kleesberg die Schalen füllte bot
Tassilo seinem Gast die Zigarrenkiste und bediente sich selbst dann ließ er
sich in den geflochtenen Sessel fallen ohne seiner täglichen Gewohnheit zu
folgen und nach den Zeitungen zu greifen die Fritz auf den üblichen Platz
gelegt hatte Das gewahrte Kitty und sprang auf »Kommen Sie Herr Forbeck ich
zeige Ihnen was das müssen Sie sehen« Sie gingen zum Teich und Forbeck
folgte »Sehen Sie die riesigen Forellen Die jüngeren wurden erst heuer
eingesetzt aber die größeren haben wir schon vier Jahre Sehen Sie die ganz
große hier Die kennt mich weil ich sie füttere Sehen Sie nur jetzt kommt sie
schon« Lockend streckte sei die Hand und flüsterte ohne Forbeck anzusehen
»Ich bitte sagen Sie meinem Bruder ein Wort er ist unglücklich wenn er seine
Zeitungen nicht lesen kann«
Forbeck nickte lächelnd und beugte sich über den Rand des Teiches im
grünlichen Wasser zwischen Blättern und Algen sah er ein schimmerndes
Spiegelbild ein sonniges Gesichtchen das der vorfallende Rand der weißen Mütze
bis über die Augen beschattete
»Sehen Sie nur wie die Große die Kleinen verjagt« lachte Kitty mit lauter
Stimme und flüsterte wieder »Wenn Tas seine Zeitung hat kommt Tante Gundi auch
dazu mit Ihnen zu plaudern Bei Tisch waren Sie ja nur für Tas vorhanden Das
hat Tante Gundi nervös gemacht Ja Sie haben auch Tante Gundi stark
vernachlässigt«
»Verzeihen Sie« flüsterte Forbeck und blickte in die Augen des
Spiegelbildes das unter dem Fall verirrter Tropfen verschwamm um gleich wieder
aufzuleuchten
»Verzeihen Erst müssen Sie Ihre Sünde wieder gutmachen Und sprechen Sie
mit Tante Gundi über Professor Werner sie schwärmt für ihn« Die Stimme hebend
schritt sie am Rand des Teiches entlang »Nein wie das komisch ist Sehen Sie
doch da schwimmt sie mir richtig nach« Sie gewahrte dass die Kleesberg auf der
Veranda erschien »Ja Tantchen wir kommen schon«
Forbeck erwies sich folgsam Als sie wieder um den Tisch saßen löste er
seine erste Aufgabe mit Erfolg Tassilo sträubte sich nicht lange und während
er eines der Blätter entfaltete machte Forbeck sich an seine zweite Aufgabe und
fragte Fräulein von Kleesberg ob sie die Ausstellung im Münchener Glaspalaste
besucht hätte
»Gewiss« nickte Tante Gundi ohne von der Stickerei aufzublicken an der sie
zu arbeiten begonnen
»Wir waren nur zwei Tage in München« fiel Kitty ein »und da waren wir
dreimal im Glaspalast Tante Gundi konnte sich nicht satt sehen Sie versteht
sehr sehr viel von Kunst«
»Aber Kind«
»Das ist doch die Wahrheit« Kitty wandte sich an Forbeck »Gegen Mittag
kamen wir in München an von Würzburg Wir waren seit dem Frühjahr bei Onkel
Benno auf Eggeberg zu Besuch Um halb ein Uhr waren wir daheim in München um
zwei Uhr schon im Glaspalast Tanti Gundi konnte es kaum erwarten«
Noch tiefer beugte die Kleesberg das Gesicht über die Stickerei »Ich habe
viele Jahre im Stift gelebt Und das war nach langer Zeit wieder die erste
Ausstellung die mir zu sehen vergönnt war«
»Darf ich fragen was Ihnen am besten gefiel«
Tante Gundi zählte die Stiche dabei zitterte die Nadel in ihrer Hand »Das
ist schwer zu sagen Wir haben eine große Menge herrlicher Bilder gesehen «
Kitty fuhr mit einer Frage dazwischen »War in der Ausstellung auch ein Bild
von Ihnen Herr Forbeck«
»Ja«
»Ach wie schade Das müssen wir übersehen haben«
Gundi Kleesberg warf ihr einen missbilligenden Blick zu und sagte
entschuldigend »Es hing wohl in einem der Säle für die uns keine Zeit mehr
blieb Ich bedaure wirklich «
Forbeck lächelte »Da haben Sie nicht viel verloren«
»Na nur nicht so bescheiden« fiel Tassilo ein »Ihr Bildchen ist eine
famose Arbeit Sogar Werner war zufrieden und das will viel sagen«
Die Kleesberg zerrte an dem Seidenfaden der sich im Stoff verfangen hatte
»Professor Werner ist Ihr Lehrer Herr Forbeck«
»Ja gnädiges Fräulein Und sein Bild das die Perle der Ausstellung ist
haben Sie doch gewiss gesehen«
Die Antwort zögerte »Ich glaube mich zu erinnern«
»Aber Tante Gundi Wie kühl Vor dem Bild warst du Feuer und Flamme so
bewegt so ergriffen Und jetzt kannst du sagen Ich glaube mich zu erinnern«
Herzlich hingen Forbecks Augen an der Kleesberg »Ich verstehe Sie gnädiges
Fräulein Was man in weihevoller Stunde empfand verschließt man wie einen
kostbaren Schatz Es hat mir Freude gemacht von der Wirkung zu hören die
Werners Bild auf Sie übte Er hat Tausende von Verehrern Aber es ist für mich
immer ein Feiertag wenn ich Menschen kennenlerne die ihn ganz verstehen Das
macht uns Werner nicht immer leicht Nun gar dieser Spätherbst den Sie in
München gesehen haben Das ist für die Menge ein versiegeltes Buch Nur ein
stilles landschaftliches Motiv Aber was redet aus diesen Farben«
Tante Gundi hatte die Arbeit sinken lassen und blickte lauschend vor sich
hin
»Ich hab es an mir selbst empfunden wie dieses Bild zu ergreifen vermag
mit seinem Ernst und seiner träumenden Schwermut Es war eine von Werners
Lieblingsarbeiten Er hat das Bild ohne Vorlage der Natur gemalt Und doch diese
überzeugende Wahrheit In früheren Jahren muss er dieses Motiv einmal in
Wirklichkeit gesehen haben Solche Natur erfindet man nicht Und ich glaube dass
sich für ihn an diese landschaftliche Szenerie eine teure Erinnerung knüpft Er
hat eine Vorliebe für dieses Motiv das sich mit veränderten Zügen auf
verschiedenen seiner Bilder findet«
Gundi Kleesberg rührte die Nadel wieder mit den Augen so nahe bei der
Arbeit als wäre sie kurzsichtig
»Eines seiner ältesten Bilder hat mit dem Spätherbst eine auffallende
Ähnlichkeit Und doch welcher Unterschied Damals der heiße leidenschaftliche
Kampf mit dem Vorwurf auch noch die unsichere Hand die unter dem Sturm der
Seele zittert ihn nicht in Linien zu bannen vermag Und jetzt die abgeklärte
Ruhe die freie Beherrschung des Stoffes der sich äußerlich kaum veränderte
Aber nach innen ist alles vertieft alles klingt zusammen in Harmonie Das ist
Wirklichkeit zum Kunstwerk erhoben Und die Entwicklung dieses Motivs von
jenem ersten Versuch bis heute ich möchte fast sagen das ist wie eine
Biographie Werners« Forbecks Stimme wurde warm »Was einmal lebt in ihm das
hat festen Halt Sein Herz ist wie eine bessere Welt Da gibt es kein Vergehen
nur immer ein schöneres Werden Das gilt nicht nur von ihm als Künstler So ist
er auch als Mensch Wer das Glück hat ihn kennenzulernen muss in Liebe zu ihm
aufblicken«
Aus den Augen der Kleesberg fielen zwei schwere Tropfen auf die Arbeit
Schweigen trat ein und man hörte nur das Plätschern der Fontäne Diese
plötzliche Stille weckte Tassilo aus seiner Lektüre er blickte verwundert auf
und ließ die Zeitung sinken Kitty atmete tief als wäre mit Forbecks Schweigen
ein fesselnder Bann von ihr gewichen und nun bemerkte sie die nassen Augen der
Kleesberg »Tante Gundi«
»Was ist denn los« fragte Tassilo
Gundi Kleesberg hob das Gesicht durch den weißen Puder liefen zwei dunkle
Furchen Sie sagte leis »Das hat mich sehr ergriffen Wie Herr Forbeck an
seinem Lehrer hängt das ist schön« Ihre scheuen Augen streiften den jungen
Künstler auch noch zwei andere Augen hingen an ihm groß und glänzend
Forbeck wurde verlegen »Sie setzen auf meine Rechnung was nur ein
Verdienst Werners ist Wenn Sie ihn kennen würden «
»Hast du ihn noch nie gesehen« fragte Kitty
»Nein« Und zögernd während sie ihre Arbeit wieder aufnahm fügte Gundi
Kleesberg hinzu »Ich gestehe da ich ihn als Künstler sosehr verehre würde es
mich lebhaft interessieren «
»Ach so Ihr habt wohl die ganze Zeit von Werner gesprochen« sagte Tassilo
streifte den langen Aschenstengel von der Zigarre und wandte sich an Tante
Gundi »Wenn Sie neugierig sind stellen Sie sich Herrn Forbeck um
fünfundzwanzig Jahre älter vor und Sie haben ungefähr einen Begriff wie Werner
aussieht«
»Diese Ähnlichkeit ist auch Ihnen aufgefallen« fragte Forbeck erfreut über
Tassilos Worte
»Schon damals als ich Sie kennenlernte Ich hab auch schon mit Werner
darüber gesprochen Das ist eine merkwürdige physiologische Erscheinung«
Gundi Kleesberg hob den ängstlichen Blick »Sie sind mit Professor Werner
verwandt«
Tassilo lachte »Aber dann wäre ja die Sache sehr einfach und natürlich«
Nun wurde auch Kitty neugierig »Das ist aber doch ein seltsamer Zufall«
»Das ist kein Zufall« sagte Forbeck »Vor Jahren bestand diese Ähnlichkeit
nicht Sie hat sich erst während meines Zusammenlebens mit Werner ausgebildet
Wir haben Nachforschungen angestellt ob nicht doch unsere Familien irgendwie in
verwandtschaftlicher Beziehung stünden Aber nicht die geringste Spur war zu
entdecken obwohl wir die Kirchenbücher seiner und meiner Heimat bis zurück in
die Zeit unserer Urgrossväter durchstöberten Werner ist Oberfranke ich bin ein
Allgäuer Schwabe Von unseren Familien saß jede in ihrem heimatlichen Dorf mit
einer Verwandtschaft die über fünf Stunden im Umkreis nicht hinausreichte
Nein Diese Ähnlichkeit hat andere Gründe«
In Forbecks Augen war ein träumendes Leuchten
»Ein Zufall hat mich in Werners Weg geführt er glaubte Begabung in mir zu
erkennen und nahm sich meiner an Nun darf ich seit Jahren mit ihm leben wie der
jüngere Bruder mit dem älteren Werner hat mein Können gebildet mein Denken und
Empfinden geweckt Er hat in geistigem Sinne aus mir ein Stück seiner selbst
gemacht Bei diesem jahrelangen innigen Zusammenleben musste es doch so kommen
dass ich auch äußerlich von ihm annahm und dass mein völliges Aufgehen in ihm
mein Anschmiegen an seine geistige Überlegenheit und der Ehrgeiz mit dem ich
ihm nachstrebe sich auch in meinen Zügen ausprägen musste«
Kitty schüttelte das Köpfchen »Ist denn so was möglich«
»Gewiss« erklärte Tassilo »Du hast den lebendigen Beweis vor dir Unser
äusserlicher Mensch in seiner Entwicklung ist nicht nur von dem Rindfleisch
abhängig das wir zu Mittag verspeisen Auch von allem was uns durch Kopf und
Herz geht Diese Erscheinung zeigt sich häufig bei Mann und Frau die in
glücklicher Ehe leben Sie beginnen auch äußerlich einander ähnlich zu werden
wie Bruder und Schwester fast«
»Aber Tas Soll das ein Beweis sein Herr Forbeck ist mit Professor Werner
doch nicht verheiratet«
Nun lachten sie alle Sogar Tante Gundi konnte bei dem drolligen Ernst mit
welchem Kitty das herausgeplaudert hatte ein Schmunzeln nicht unterdrücken
Während sie noch lachten brachte Fritz einen Brief für Tassilo Er schien die
Schrift der Adresse zu erkennen und öffnete hastig als er las wurde er wieder
ruhig »Der Bote soll warten ich will Antwort schreiben« Er legte die Hand auf
Forbecks Schulter »Sie verzeihen «
Kitty erhob sich »Tas Du hast doch hoffentlich keine unangenehme Nachricht
bekommen«
»Nein« Tassilo vermied den Blick der Schwester »Einer meiner Klienten der
im Seehof abgestiegen ist fragt mich in einem in einer Prozessangelegenheit um
Rat Entschuldige« Er trat ins Haus
Auch Gundi Kleesberg hatte sich erhoben und schlug einen Spaziergang durch
den Park vor Kitty hatte andere Pläne die sie auch durchzusetzen wusste Wenige
Minuten später war auf dem geschorenen Rasen das Netz gespannt und während
Tante Gundi mit ihrer Arbeit im Schatten einer Ulme saß flogen auf der Wiese
die weißen Bälle Forbeck zeigte dabei so zweifelhafte Fähigkeiten dass ihm
Kitty lachend zurief »Na hören Sie Herr Forbeck hoffentlich malen Sie sehr
viel besser als Sie Tennis spielen Sonst sieht es mit der Unsterblichkeit
schlecht aus« Es war aber auch zuviel verlangt dass er seine Augen bei Ball und
Stellung haben sollte während drüben über dem Netz das sonnige Figürchen
flatterte lachend von jungem Leben sprühend glühend von der Freude am Spiel
Liebreiz in jeder Bewegung Neben aller Anmut verriet sich in dem behenden
Mädchenkörper auch eine gesunde Kraft Scharf und sicher spähten die Augen wenn
der Ball geflogen kam Die geschulte Hand führte den Schlag wenn auch mit
scheinbarer Leichtigkeit doch mit so ausgiebigem Druck dass der Ball flinker
zurückflog als er gekommen war Der Verlust auf Forbecks Seite wuchs und wuchs
während mit jedem Fehlschlag den er machte Kittys Vergnügen am Spiel sich
steigerte Fast schien es ihr ein grausames Behagen zu bereiten den minder
geschulten Partner alle Schikanen und Finten des Spiels empfinden zu lassen Sie
machte ihn springen dass ihm der Atem zu versagen drohte Das Erscheinen des
Dieners der mit einem Brief für Kitty kam unterbrach das Spiel
»Für mich« staunte sie und streifte die zerzausten Löckchen aus der heißen
Stirne »Schreibt denn heute die ganze Welt an uns Zuerst an Tas und jetzt an
mich«
»Den Brief hat der alte Moser gebracht«
»Von Papa« Das Racket schwirrte ins Gras und Kitty flog auf den Diener zu
Während sie den Brief erbrach ging Fritz zu Fräulein von Kleesberg Moser wäre
mit Aufträgen vom Herrn Grafen gekommen und hätte mit ihr zu sprechen Tante
Gundi eilte ins Haus ein Auftrag Graf Egges war für ihren Kopf immer ein
Wirbel von Schreck und Ängstlichkeit
Kitty hatte den Brief der in den groben Zügen einer schweren Hand
geschrieben war schnell zu Ende gelesen was Graf Egge seiner Tochter nach
langer Trennung zu sagen hatte erledigte sich in wenigen Zeilen Sie musste sich
abwenden um vor Forbeck ihre Enttäuschung zu verbergen Aber er hatte ihre
schmerzliche Bewegung gewahrt und folgte ihr zur Bank
Während sie den zerknüllten Brief in der Tasche begrub verstand sie die
sorgende Frage in Forbecks Augen »Ach gar nichts von Bedeutung Ich hatte mich
nur sosehr auf Papa gefreut Er hat noch immer keine Zeit für mich« Seufzend
ließ sie sich auf die Bank sinken und bohrte die Fußspitzen in den weißen Kies
In Forbeck erwachte die Erinnerung an alles was er in Graf Egges
Kruckenstube gehört und empfunden hatte und wieder fühlte er jenes beklemmende
Frösteln Während dieses Schweigens tönte von den Bergen ein murmelndes Rollen
wie schwacher Donner aus meilenweiter Ferne es war der verschwommene Widerhall
der Schüsse die Graf Egge auf die Gemsen abgegeben hatte Kitty hob die
feuchten Augen und spähte hinauf ins Blau »Das war geschossen Vielleicht hat
er ihn jetzt« Sie sprang auf und drückte die Hände über die Schläfen als
möchte sie ihre Unruhe gewaltsam bezwingen Sogar ein Lachen versuchte sie
»Kommen Sie Herr Forbeck wir beide wollen uns nicht stören lassen Spielen wir
weiter« Sie wollte zum Tennisplatz als sie an Forbeck vorüberhuschte verfing
sich die Leinenspitze ihrer flatternden Schärpe an einem Knopf seines Ärmels Es
knackte »Ach Gott«
Forbeck wollte die Gefangene befreien doch seine Hand zitterte und statt
die Fadenschlinge zu lösen verwirrte er sie noch mehr Eine Weile ließ ihn
Kitty lächelnd gewähren endlich schob sie seine Hand beiseite »Sie entwickeln
eine Geschicklichkeit dass es rührend ist Lassen Sie mich machen Sie haben ja
auch nur eine Hand frei Aber bitte stillhalten« Sie begann mit ihren
schlanken rosigen Fingerchen an den Fäden zu nesteln aber die Sache ging nicht
so leicht Um genauer zu sehen neigte sie das Gesicht und Forbeck fühlte auf
seiner Hand ihren warmen Atem »Das ist aber doch « Nun wurde sie ungeduldig
»Ich soll wohl gar nicht mehr von Ihnen loskommen« Sie hob den Kopf um die
Löckchen zurückzustreichen die ihr über die Augen gefallen waren und da sah
sie den schwermütigen Ernst seiner Züge und begegnete seinem Blick Sie lachte
wie verwundert aber es flog ihr auch eine brennende Röte über die Wangen
Hastig fasste sie mit der einen Hand die Spitze mit der anderen Forbecks Ärmel
und was in Güte nicht hatte gelingen wollen gelang mit Gewalt »Na also« Sie
eilte hinter das Netz und hob ihr Racket aus dem Gras Schon nach wenigen
Schlägen schüttelte sie den Kopf »Es freut mich nicht mehr Kommen Sie Herr
Forbeck ich zeige Ihnen lieber den Park« Während sie an seiner Seite dem
weißen Kiesweg folgte brach sie eine Gerte und zupfte die Blätter davon
»Erzählen Sie mir etwas Was Sie wollen Von Professor Werner Oder von Ihnen
selbst Haben Sie denn schon einmal so ein ganz großes Bild gemalt«
Forbeck musste lächeln aber kein anderes Thema wäre ihm willkommener
gewesen Es währte nicht lange und er war im besten Fahrwasser und steuerte
geradeswegs auf die Gewährung des Wunsches zu der ihm seit Stunden auf der
Zunge brannte Seine Wangen bekamen Farbe die Worte sprudelten ihm von den
Lippen Was am verwichenen Abend vor Tassilo aus der erregten Künstlerseele
herausgewirbelt war wohl schon beseelt und lebendig doch wirr und noch
schwankend in den Formen das hatte während der ruhelosen Nacht und bei der am
Morgen mit heißem Eifer begonnenen Arbeit an Klarheit und festem Willen
gewonnen Vor der Seele des lauschenden Mädchens entstand das Bild wie Forbeck
es zu schildern wusste in farbiger Schönheit Solange er von seinem Werke
sprach war Feuer in seinen Worten Alles an ihm redete mit die Augen die
Hände der ganze Mensch in seiner Glut und die Lauschende fühlte sich erfasst
von dieser reinen und schönen Flamme Als es aber darauf ankam dass Forbeck
seine Bitte aussprechen sollte versagte ihm die Stimme
Kitty verstand Strahlend blickte sie zu ihm auf und legte die Hand auf
seinen Arm »Und Tas sagen Sie weiß schon davon Und er ist einverstanden«
Forbeck nickte
»Und Sie glauben wirklich dass das so eine ganz riesige Sache wird so was
sehr sehr Schönes«
»Glauben Der Glaube wäre Hochmut Aber ich fühl es in mir«
»Und ohne mich geht es absolut nicht«
Er schüttelte den Kopf
»Aber dann muss ich doch Wann wollen wir denn anfangen«
Durch die Bäume hörte man Gundis angstvolle Stimme »Kind Kind Wo bist du
denn«
»Hier« klang der helle Gegenruf »Kommen Sie Jetzt besprechen wir die
Sache gleich mit Tante Gundi« Auf der Suche nach ihr kamen sie zum Schloss als
Kitty am Zimmer ihres Bruders das Fenster offen sah rief sie hinauf »Tas Bist
du noch immer nicht fertig«
Tassilo erschien am Fenster die Feder in der Hand »Ein paar Minuten noch«
»Eil dich Wir haben etwas sehr sehr Wichtiges miteinander zu besprechen«
Da war sie schon um die Ecke verschwunden
Tassilo setzte sich wieder an den Schreibtisch Als er nach einer Weile den
Brief beendet hatte und über die Treppe herunter kam erhob sich im Flut der
wartende Bote von einer Bank Tassilo übergab ihm die Antwort und sagte leis
»Meinen Gruß an die Damen Und sagen Sie wenn ich es ermöglichen kann so komm
ich noch früher« Er trat auf die Veranda und umschritt das Haus Auf dem Rasen
sah er Kitty und Forbeck in eifrigem Spiel heiter und lachend Auf der Bank saß
Gundi Kleesberg die sich ungestüm erhob als Tassilo um die Hausecke tauchte
erregt rauschte sie auf ihn zu umklammerte seinen Arm und zog ihn gegen die
Veranda »Helfen Sie mir ich bitte Sie um Gottes willen Sie müssen mir
helfen«
»Was ist denn geschehen«
»Ich kann es mir gar nicht erklären wie es möglich war« stammelte sie
»aber denken Sie ich habe eingewilligt dass er sie malen soll«
Tassilo lachte »Aber Tante Gundi«
Sie blickte kummervoll zu ihm auf »Er war so glücklich so begeistert«
»Das sind zwei Gründe die Sie heute mittag nicht gelten lassen wollten Und
jetzt «
»Jetzt müssen Sie es verhindern Sie müssen«
»Ich Meine Zusage hat er seit gestern schon Die kann ich nicht
zurücknehmen Ich hatte mich ganz auf Sie verlassen Na Tantchen Sie sind ein
netter Held Wo bleibt denn der Löwenmut mit dem Sie Kitty verteidigen
wollten«
»Ich weiß nicht« stammelte sie hilflos »Aber das darf nicht geschehen
unter keiner Bedingung Sie müssen ein Machtwort sprechen Sie müssen So hören
Sie doch wie sie zusammen lachen und sich freuen Es hat sie alle beide schon
gepackt wie ein Rausch«
Tassilo wurde ernst »Wenn es so wäre dann käme jedes Machtwort zu spät
und gerade ich hätte das letzte Recht ein solches zu sprechen«
»Das versteh ich nicht«
»Haben Sie noch ein paar Tage Geduld und Sie werden verstehen was ich
meine«
Sie schüttelte in Verzweiflung seinen Arm »Aber wenn nun wirklich
geschieht was ich fürchte und seit ich ihn heute kennenlernte zweifle ich
überhaupt nicht mehr sie muss sich in ihn verlieben Sie muss Was dann Und
wenn ich schon nicht von ihm spreche der arme Mensch rennt doch auch mit
Siebenmeilenstiefeln in sein Unglück hinein aber Kitty Ihre Schwester Was
dann«
»Dann wird sie vor eine Wahl gestellt sein die dem einen leicht und dem
anderen schwer wird Mut und Glück oder Feigheit und Elend« Er schritt dem
Rasen zu von welchem Kitty dem Bruder in übermütiger Laune einen Ball
entgegenschleuderte
Gundi Kleesberg stand wie versteinert
Eine Stunde später wanderte Tassilo mit Forbeck dem Dorf entgegen Kitty
hatte ihnen bis zum Parktor das Geleit gegeben und war dann ein Liedchen
summend im Schatten der Ulmen zurückgewandert Eine Weile folgten die beiden
schweigend der Straße Dann sagte Tassilo »Das ist ein bedeutungsvoller Tag für
uns beide Sie kommen zu Ihrem Bilde das dem Klang Ihres Namens Flügel geben
soll und ich habe heut die Würfel fallen lassen die über meine Zukunft
entscheiden Sie haben wohl in den Zeitungen gelesen dass Fräulein Herweghs
Vertrag mit dem ersten September zu Ende geht Seit einem halben Jahr bemüht
sich die Intendanz um die Verlängerung des Vertrages Anna schob die
Entscheidung immer hinaus Nun hat man ihr heut die Pistole eines dringenden
Telegrammes auf die Brust gesetzt und Anna muss Farbe bekennen dass sie den
Vertrag nicht mehr zu erneuern gedenkt Morgen wird es schon in allen Zeitungen
stehen und mein liebes München wird etwas zu raten haben«
»Fräulein Herwegh wird der Bühne entsagen« fragte Forbeck mit dem Ton
ehrlichen Bedauerns »Eigentlich ist es ja selbstverständlich Aber es ist für
die Kunst ein schwerer Verlust«
»Ein um so größerer Gewinn für mein Glück Anna ist eine echte Künstlerin
Hätte sie ohne die Bühne nicht leben können ich hätte auch in das gewilligt
obwohl mit schwerem Herzen Aber sie hat mir das große Opfer aus freier
Entscheidung gebracht Ich will es ihr danken mein Leben lang Am ersten
September ist Anna frei Einen Tag später soll sie schon wieder gebunden sein
An mich« Tassilo blieb stehen »Dann hab ich keinen Wunsch mehr an das Leben«
Er lächelte »Nur an den Zufall hätt ich noch eine Bitte dass er meinem Vater
am Morgen des Tages an dem ich mit ihm sprechen will eine Strecke von zehn
oder zwölf Gemsböcken bescheren möchte Das könnte meinen Vater in eine Laune
bringen in der er mir alles zu verzeihen imstande wäre Hat er schlechte Jagd
so steht mir eine böse Stunde bevor«
Sein ruhiger Blick suchte die Felsgipfel der Berge die in der sinkenden
Sonne mit rotem Glanz übergossen waren
9
Um die gleiche Stunde als alle die steilen Wände in greller Abendhelle
leuchteten kehrte Graf Egge von der Jagd die ihm nach wechselnden Aufregungen
schließlich doch den heissersehnten Schuss gewährt hatte müd ins Palais Dippel
zurück Der gewaltsame Nervenreiz der überstandenen Erregung blieb nicht ohne
Rückschlag auf seinen sechzigjährigen Körper Er schleppte den schmerzenden Fuß
als hätte er Blei im Schuh Und die brennende Beule auf seiner Stirn hatte sich
so weit ausgewachsen dass er Hut nicht mehr sitzen wollte
Vor der Hütte lehnte Graf Egge Büchse und Bergstock an die Wand und ließ
sich auf die Hausbank nieder
In den Latschen klirrte ein Schritt und ehe Franzl noch völlig aus den
Büschen tauchte klang schon seine Stimme »Ich gratuliere Herr Graf«
»Verschrei nix du Lalle du« rief Graf Egge lachend zurück »s Kügerl hat
er droben aber liegen tut er noch allweil net«
»Was Dös glaub ich Ihnen aber doch net recht Herr Graf Wenns bei Ihnen
schnöllt nachher liegt doch s Sach Den Bock braucht man bloß aufklauben
morgen in der Fruh Da kann ich deswegen doch gratulieren Aber was war denn mit
die drei anderen Schuss«
»Auf den ersten Bock hab ich geschossen in der Wut weil ich glaubt hab der
gute kommt nimmer«
»Da schau ich hab mirs aber gleich denkt« Franzl trat durch den Zaun die
Haare klebten ihm an der Stirn und in glitzernden tropfen rann ihm der Schweiß
über den Hals die Ärmel seiner Joppe waren von grauem Schutt überstäubt die
Hände zerschunden und die nackten Knie fleckig von getrocknetem Blut »Aber die
zwei anderen Schuss«
»Was sagst Was mir der Schipper da für Sachen macht Auf den ersten Schuss
springt mir der Gamsbock weg mit der Kugel aufm Blatt Schiesst ihm der Schipper
noch zweimal nach Ich hab rein gmeint ich muss ihm die Ohrwascheln ausm Grind
reißen«
Franzl fand nicht gleich eine Antwort und sagte zögernd »Die zwei Schuss
hätten s Millihaferl bald umgworfen« Er schöpfte Atem »Aber weil nur alles
gut gangen is Und passen S auf die Kruck wenn S morgen sehen So eine hat
meiner Lebtag kein Bock net droben gehabt« Er stellte die Büchse an die Mauer
nahm den Hut ab und fuhr mit dem Ärmel über die nasse Stirn »Verteufelt hart is
die Gschicht gangen«
»Hast du schlechten Weg in der Wand gehabt«
Franzl lachte »Meine Fingernägel kann ich suchen Und Haut und Haar hab ich
auch in der Wand drin lassen dass man sich a Pfeifl voll anzünden könnt«
Graf Egge erhob sich und klatschte zufrieden die beiden Hände auf die
Schultern seines Jägers »Gut hast du alles gemacht Jetzt wünsch dir was«
Franzls Augen strahlten vor Vergnügen »Ich brauch nix Weil nur Sie den
Bock haben Herr Graf Aber wenn S schon was übrigs tun wollen so erlauben S
halt dass ich mir nachm Essen a Flaschl Bier raufhol In mir drin spür ich was
wie s reine Schmiedfeuer«
Der bescheidene Wunsch schien die gute Laune des Grafen noch zu steigern
»Ja Franzl die Flasche sollst du haben die hast du verdient Und jetzt geh
und fang zu kochen an Da kommt der Schipper schon mit dem ersten Bock«
Franzl trat in die Hütte und Graf Egge folgte um die Joppe abzulegen und
die schweren Bergschuhe gegen die Filzpantoffel zu vertauschen Dann nahm er
einen nasskalten Bund um die Stirn zündete er in der dämmerigen Stube die
Hängelampe an und stimmte die Zither
Schipper brachte den Bock und hängte ihn unter dem vorspringenden Dach mit
den Krickeln an einen hölzernen Zapfen Ohne Gruß trat er in die Küche streifte
die Schuhe von den Füßen und schleuderte sie in einen Winkel Franzl der schon
beim flackernden Feuer stand und den Teig zum Schmarren rührte sah über die
Schulter »Heut kommst aber ungut heim«
Ein Fluch war die Antwort Erst nach einer Weile fragte Schipper »Hat der
Herr Graf schon erzählt was ich angestellt hab«
Franzl sagte begütigend »Gscheit wars freilich net und die zwei Schuss
hätten viel verderben können Aber schau es is doch alles gut ausgangen Da
musst dich net ärgern«
»Gleich vergiften könnt ich mich« Schipper hob die Stimme dass man seine
Worte in der Stube hören musste »Die zwei Schuss vergisst mir der Herr Graf so
bald net Grad dem Himmel kann ich danken dass der ander Bock noch kommen is
Der muss die Kugel aufm schönsten Fleck haben Ich glaub er liegt schon lang
verendet in der Wand droben Da brauchst morgen in der Fruh nur dem Wechsel
nachsteigen so musst schnurgrad an den Bock hinrennen« Schipper trat in die
Grafenstube
Vorsichtig goss Franzl den Teig in die Pfanne in der die heiße Butter
zischte Und während er die brodelnde Speise überwachte lauschte er auf das
sentimentale Volkslied das in der Stube von Graf Egge mit großem
Gefühlsaufwand mit Tremolo und süßen Flageolettönen gespielt wurde Leise
summte Franzl die Worte des Liedes mit und ein verträumtes Lächeln spielte um
seinen Mund Er hatte als er durch die Felswand gestiegen war auf den steilen
Graskuppen eine Menge blühender Edelweissstauden entdeckt Nun meinte er dass
sich ein Sträusschen der weißen Sterne an Malis Kammerfenster nicht übel
ausnehmen würde Da müsste man nur wissen welches Fenster das richtige wäre In
Gedanken umwanderte Franzl das ihm wohlbekannte Haus aber merkwürdig aus
jedem Fenster guckte das finstere Gesicht des Bruckner
In der Stube verstummte das Ziterspiel Schipper deckte den Tisch Das war
kurze Arbeit ein kleines Stück blaugefärbter Leinwand wurde ausgebreitet und
drei zinnerne Löffel darauf gelegt Hinter dem Ofen hob Schipper das Falltürchen
der Kellergrube und holte einen schon zu Ende gehenden Laib Brot herauf
»Nimm gleich eine Flasche Bier für den Franzl mit« rief Graf Egge der sich
auf die Matratze gestreckt hatte und den Schweisshund als lebendige Wärmflasche
für seine Füße benützte
»Eine nur Herr Graf«
»Is lang schon genug«
Franzl erschien in der einen Hand die dampfende Pfanne in der anderen ein
kleines russiges Brettchen das er in die Mitte des Tisches legte als Untersatz
für die Pfanne
Graf Egge erhob sich Stehend mit gefalteten Händen wurde der Abendsegen
gesprochen wie in einer Bauernstube Nach dem Amen sagte der Graf »Guten Abend
miteinander« Und die Jäger antworteten »Guten Abend gnädiger Herr Graf« Dann
schoben sie sich hinter den Tisch in der zugesicherten Ecke saß Graf Egge
Schipper zu seiner Rechten Franzl zur Linken Den Löffel in der Hand mit
aufgestütztem Arm warteten die Jäger bis der Graf den ersten Bissen genommen
hatte dann griffen auch sie zu und einträchtig löffelte das Kleeblatt die
grobe fette Kost aus der Pfanne
Als das Mahl zu Ende war trug Schipper die Pfanne in die Küche und brachte
für seinen Herrn einen Masskrug voll Wasser in das Graf Egge einen Schluck
Enzian goss »damit s Schmalz im Magen net rebellisch wird« wie er sagte »Wer
rauchen will kann s Pfeifl anzünden Du Franzl mach dir dein Bier auf«
Schmunzelnd mit feierlicher Umständlichkeit entkorkte Franzl die Flasche
und goss ihren Inhalt vorsichtig in eine hölzerne Bitsche eine Flasche Bier
bedeutete in Graf Egges Jagdhütte soviel wie auf einem bürgerlichen Tisch eine
Flasche Champagner im Staatsbetrieb ein hoher Orden
Bald dampften die Pfeifen und Graf Egge griff zur Zither Die blauen
Wölklein kräuselten sich um die Hängelampe und beim schwirrenden Klang der
Saiten kehrte eine behagliche Stimmung in der kleinen Stube ein Spielte Graf
Egge eine schmachtende Volksweise so musste Stille herrschen stimmte er einen
lustigen Ländler an so wurde geplaudert und gelacht und die Jäger schlugen mit
den schweren Holzpantoffeln den Takt Schließlich kamen die Schnaderhüpfel an
die Reihe Mit erstaunlicher Virtuosität pfiff Graf Egge das Zwischenspiel und
sang ein Gesetzlein Und so lustig weiter In seinem Gedächtnis war ein reicher
Schatz von Schnaderhüpfeln aufgespeichert und wenn er in vergnügter Stunde das
Türchen öffnete flogen die kleinen vierzeiligen Lieder aus eins nach dem
anderen wie die Bienen aus ihrem Stock Er selbst unterhielt sich dabei am
allerbesten und bot in seiner saftigen Laune einen Anblick der auch einen
anderen erheitern musste hemdärmelig um den grauen Kopf die weiße Binde und
darunter das vom Lachen rote Gesicht mit dem zitternden Bart und dem lustigen
Faltenspiel um die zwinkernden Augen Wer ihn zu solcher Stunde sah konnte auch
mit der schärfsten Menschenkenntnis nicht höher raten als auf einen
pensionierten Förster auf einen gutmütigen kreuzfidelen Alten der in
Gesellschaft jüngerer Kameraden die Erinnerung an vergangene Zeiten aufgefrischt
und ein Schöpplein über den Durst getrunken hatte
Es war späte Nacht geworden als Schipper endlich mahnte »Herr Graf es is
Schlafenszeit Morgen heißts in aller Fruh den Bock suchen«
Graf Egge nickte und wollte die Zither beiseitestellen »Aber halt ich muss
meim Böckerl noch eins singen zur guten Nacht« Schmunzelnd begann er wieder zu
spielen zog die Brauen auf und besann sich Nun sang er
»Viel Jahr lang hat er mich ghieselt
Und hat mich gföppelt und gnarrt
Zletzt war ich halt dengerst der Schläuchre
Hab s richtige Stündl derwart
Und s richtige Stündl hat gschlagen
Und s Büchserl hat sakerisch kracht
Und s richtige Kügerl is gflogen
Mein Böckerl ich wünsch dir gut Nacht«
Mit einem Jauchzer der einem Hüterbuben Ehre gemacht hätte schloss Graf
Egge das Spiel »So Jetzt legen wir uns schlafen Herrgott ich glaub dass ich
die ganze Nacht von nix anderem träum als von meiner Kruck«
Sie erhoben sich Franzl als der erste Er spürte die schweren Wege des
Tages in allen Knochen wünschte seinem Herrn gute Nacht und verließ die Stube
Mit eingekniffenen Augen sah ihm Schipper nach und lächelte
Kaum hatte Franzl hinter sich die Tür geschlossen so hörte er Schipper mit
lauter Stimme sagen »Heut muss er müd sein der Franzl Er hat sich verteufelt
plagt Und gut hat ers gemacht dös muss ich selber sagen Da müssen S ihm
morgen schon die Ehre lassen Herr Graf dass er den Bock aufhebt und die Krucken
bringt«
»Ja heut bin ich zufrieden mit ihm Heut war er sein ganzer Vater«
Franzl fühlte wie ihm das Blut in die Wangen stieg Er hätte sich für die
schwere Mühe des Tages keinen besseren Dank gewünscht als diese Worte seines
Jagdherrn Und dass auch Schipper einmal gut von ihm redete und ihm die verdiente
Jägerehre gönnte das freute ihn doppelt Schipper hatte sich nicht immer als
sein Freund erwiesen und hatte ihm bei Graf Egge schon manche bittere Suppe
eingebrockt Weshalb Das hatte Franzl sich nie erklären können Einmal war er
hart mit Schipper aneinander geraten und damals hatte ihn aus diesen grauen
kalten Augen etwas angeblickt das ihn betroffen machte Aber weshalb sollte
Schipper ihn hassen Franzls ehrliche Natur wehrte sich gegen einen solchen
Gedanken Und so blieb ihm für Schippers ungute Art nur die eine Erklärung Ich
bin der jüngere und er fürchtete dass ich ihn einmal von seinem Platz
verdrängen könnte wie er selbst vor einigen Jahren den alten Moser aus seiner
Stellung hinausgedrückt hatte Aber Graf Egges Büchsenspanner zu werden war
Franzls letzter Ehrgeiz Er war zu sehr mit Leib und Seele Jäger um Sehnsucht
nach dem »Stubendienst« zu empfinden der bei Graf Egge seine »bösen Mucken«
hatte Er hing mit seinem ganzen Herzen an Wald und Bergen am freien Wandern
und Steigen Vielleicht hatte Schipper nun endlich eingesehen dass er in dem
jüngeren Kameraden keinen Nebenbuhler zu fürchten hatte So meinte Franzl
Anders wusste er sich die anerkennenden Worte Schippers die er soeben gehört
hatte nicht zu erklären
Ihm war bei diesem Gedanken als fiele ihm ein Gewicht von der Seele Dieser
schleichende Zwist hatte ihm oft die Freude an seinem Berufe vergällt ihm
Verdruss und Sorgen in Fülle bereitet Das war nun zu Ende und freundlicherer
Zeiten mussten kommen Aufatmend trat er ins Freie um vor dem Schlafengehen noch
einen Trunk frischen Wassers zu nehmen Friedliche Nachtstille lag um die Hütte
her Der Mond war hinter die Berge gesunken und zahllos funkelten die Sterne am
stahlblauen Himmel Als Franzl vom Brunnen zurückkehrte sah er eine
Sternschnuppe mit langem Feuerschweif durch die Luft sausen und in Funken
zerstieben Er stammelte ein paar Worte noch ehe die Erscheinung erlosch Dann
lachte er »Sakra Mali jetzt hab ich mir aber was Schöns gwunschen« Er trat in
die Hütte und stieg in glücklicher Stimmung über die Leiter zum Heuboden hinauf
Behaglich streckte er die müden Glieder in das weiche Heu
Als drunten die Tür ging schlummerte Franzl schon so fest dass er auch
nicht erwachte als Schipper sich an seiner Seite ins Heu warf
Stille Stunden verrannen
Schipper der einen Schlaf hatte wie eine Katze wurde mehrmals wach Es
ging schon gegen Morgen als er aus der Stube des Grafen herauf ein Geräusch
vernahm Lautlos erhob er sich und glitt über die Leiter hinunter Eine halbe
Stunde später rasselte in der Küche der Wecker und Franzl erwachte »He
Schipper auf der Wecker is gangen« Als er keine Antwort hörte griff er nach
rechts und links ins Heu »Wo bist denn Schipper« Erschrocken sprang er auf
»Um Gotts willen Ich kann doch net verschlafen haben« Ein Blick auf die
Fensterluke beruhigte ihn draußen graute kaum der Tag Er griff nach seiner
Joppe und stieg in die Küche hinunter auf deren Herd ein kleines Feuer
flackerte Schipper kam aus der Grafenstube ein Leintuch in der Hand
»Was is denn« fragte Franzl
Schipper drückte das Leintuch in eine irdene Schüssel und stellte sie über
das Feuer »Heut hat er an schiechen Hamur In der Nacht hat ihm träumt dass er
den Bock net kriegt Und wie er aufwacht is ihm der ganze Fuß steif gewesen
Mach nur dass d weiter kommst und schau dass der Bock bald da is Da wird ihm
gleich wieder besser Ich muss ihm warme Tücher machen und muss ihm den Haxen
frottieren Mir scheint s Zipperl fangt wieder an«
»Mein Gott der arme Herr« Franzl rannte zum Brunnen um sich zu waschen
Er dachte nicht an das Frühstück und war mit Büchs und Bergstock schon
davongerannt noch ehe das Tuch in der Schüssel warm wurde
Als er den Platz erreichte auf dem Graf Egge geschossen hatte begann der
helle Tag Der Wand zu Füßen fand er über dem groben Geröll die roten Spuren auf
drei getrennten Stellen Kopfschüttelnd betrachtete er die Schweissfährten die
ihm unerklärlich waren Er grübelte nicht lange sondern begann über den Wechsel
anzusteigen Nach langem Suchen fand er in der Steinrinne den Platz wo der
kapitale Bock im Augenblick des Schusses gestanden hatte Abgeschossenes Haar
und noch feuchter Schweiß bezeichnete die Stelle Franzl atmete erleichtert auf
die lichte Farbe des mit kleinen Bläschen durchsetzten Schweisses verriet den
tödlichen Lungenschuss Ruhig stieg Franzl weiter er konnte den Weg den das
Wild genommen nicht verfehlen zur Linken war der Absturz zur Rechten die
glatte Wand auch machte es ihm keine Sorge als schon nach kurzer Strecke die
Schweissfährte zu Ende ging der Bock musste wenige Minuten nach dem Schuss
verendet sein und konnte keine hundert Sprünge mehr gemacht haben
Franzl stieg und stieg kam von Rinne zu Rinne von einer Scharte zur
andern Nichts Befremdet stieg er zurück begann wieder von Anfang an zu spüren
und spähte bei jedem Schritt hinunter auf das offene Kiesfeld auf dem er das
Wild wenn es vom Wechsel in die Tiefe gestürzt wäre sofort hätte entdecken
müssen
Zwei volle Stunden waren ihm bei nutzloser Arbeit vergangen als er den
Grafen mit Schipper der den Hund an der Leine führte durch die Latschen gegen
die Felswand steigen sah
Schon von weitem schrie Graf Egge »Hornegger Was is denn«
Und Franzl mit vor Aufregung heiserer Stimme rief aus der Wand herunter
»Da kenn ich mich nimmer aus Herr Graf Der schönste Lungenschweiss aber weit
und breit kein Bock net«
»Was Ah das wär net übel Mir scheint da muss ich selber nauf« Graf Egge
legte die Büchse ab und zappelte über das Geröll empor als wären plötzlich alle
Schmerzen in seinem Knie geschwunden
Schipper lief ihm nach und fasste seinen Arm »Aber Herr Graf Was machen S
denn Sie Und da naufsteigen Mit Ihrem Fuß«
»Lass aus Fuß hin oder her es gibt keine Wand in die ich um so einen Bock
net naufsteig Wenn der junge Lapp da droben den Verstand verliert muss ich
selber suchen Lass aus« Graf Egge riss sich los und begann erregt über den
Wechsel emporzuklimmen Schweigend folgte ihm Schipper mit dem Hund
Droben in der Steinrinne trafen sie mit Franzl zusammen Ohne auf ihn zu
hören ließ Graf Egge sich vor der Rotfährte aufs Knie musterte den Schweiß und
jedes abgeschossene Haar Als er sich aufrichtete nickte er beruhigt »Der Bock
muss liegen Schipper Lass den Hund aus«
»Aber Herr Graf« mahnte Franzl »In er Wand lasst man doch kein Hund aus
Der Hund is hitzig Wenn er abfallt«
An Graf Egges Schläfen schwollen die Adern »Lass den Hund aus« Er trat zur
Seite um Platz für Schipper zu machen der den Hund auf die Rotfährte setzte
und die Leine löste
Winselnd nahm Hirschmann die Fährte an und verschwand hinter der Scharte
Franzl wollte folgen aber Graf Egge schrie ihn an »Lass mich voraus« Sie
stiegen zur Scharte hinauf Schipper als der letzte Als der Wechsel eben wurde
sahen sie den Hund wieder zurückkommen mit suchender Nase Das war ein gutes
Zeichen und Graf Egge lachte »Natürlich Der Bock liegt drunten Und dort muss
er abgefallen sein« Er deutete auf den Hund der bei einer vorspringenden
Steinplatte hielt und die Nase winselnd über den Fels hinausstreckte In
fieberndem Eifer kläffend und mit trippelnden Füßen suchte der Hund einen Weg
in die Tiefe
»Packen S den Hirschmann Herr Graf« schrie Franzl Im gleichen Augenblick
verlor der Hund auf der abschüssigen Platte den Halt er versuchte noch einen
Sprung überschlug sich und stürzte in die Tiefe Man hörte einen dumpfen
Klatsch Franzl wurde dunkelrot im Gesicht doch er schwieg
»Dös macht ihm nix« meinte Schipper »Es ist net hoch nunter«
Da hörten sei ein Winseln des Hundes dann seinen hellen Standlaut
»Er hat den Bock« rief Graf Egge »Nur hinunter jetzt hinunter«
Schipper klomm in ungestümer Hast über die Scharte Franzl wollte ihm
folgen doch Graf Egge rief ihn zurück beim Abstieg versagte ihm der
schmerzende Fuß und er brauchte einen Helfer Während die beiden durch die
Steinrinne langsam niederstiegen erreichte Schipper den Latschenbusch in
welchem Hirschmann an der starren Wildleiche zauste Mit einem Faustschlag trieb
Schipper den Hund zurück fasste einen Steinbrocken und rieb damit die zerhackte
Hirnschale des Bockes dass sie frisch zu schweissen begann
Schwer atmend trat Graf Egge von Franzl gestützt aus der Steinrinne auf
den kiesigen Hang heraus Da hörte er hinter der Biegung der Felswand die
erschrockene Stimme seines Büchsenspanners »Mar und Josef«
Diese Worte ließ nichts Gutes ahnen »Schipper« Als keine Antwort kam
setzte Graf Egge sich in Trab »Herrgott der Bock wird sich doch die Kruck net
abgfallen haben«
»Ja Herr Graf mit der Kruck is was passiert« klang die Stimme Schippers
Stolpernd rannte Graf Egge über das Geröll als er die Biegung der Felswand
erreichte sah er Schipper auf dem Kieshang stehen und hinter dem Jäger lag der
Bock »Aber so red doch Was is denn«
Scheu zog Schipper den Hut mit einer Trauermiene als hätte er einem
Leichenbegängnis beizuwohnen und seine Stimme zitterte »Ich trau mirs gar net
sagen Herr Graf Dem Bock is mitm Messer die Kruck abgschlagen«
Graf Egge rührte nur die Lippen doch er brachte kein Wort heraus sein
Gesicht war weiß wie Kalk geworden und auf der fahlen Stirn sah man die Stelle
der geschwundenen Beule als einen blaugrünen Fleck Auch Franzl hatte vor
Schreck die Sprache verloren Wortlos standen sie alle drei um den Bock herum
und guckten die frisch blutende Stirnhöhle an
Endlich sagte Schipper »Da droben in der Latschen is er glegen Da hat der
Franzl vom Wechsel aus net hinsehen können Und gelt Franzl vom Wechsel bist
ja net wegkommen«
»Ich Kein Schritt«
»Freilich es hätt auch net viel gholfen Der Hund hat ja rein auf den Bock
auffifallen müssen dass er ihn findt Aber gelten S Herr Graf gelten S
hätten S mir gfolgt gestern abend und hätten wir den Bock gleich gsucht
Vielleicht wär er zum ausmachen gewesen und s Malör wär net gschehen Weil S
aber auch gar nie folgen wollen und allweil s eiserne Köpfl aufsetzen Ich kann
mirs gar net anders denken einer von die Hüterbuben muss der ganzen Jagd
zugschaut haben «
»Aber geh« fiel Franzl ein »die Hüter sind ordentliche Leut«
Schipper verlor die Ruhe »Es muss aber doch einer gewesen sein Wo is denn
die Kruck Wer hat s denn davon Der Lump der gottvergessene hat von weitem
den angschossenen Bock in der Wand drin gsehen Und kaum sind wir in der Hütten
gewesen is der her der Tropf und hat schön heimlich gwart bis der Bock
abigfalln is«
»Du Schafskopf Bist du blind« Das war hochdeutsch Graf Egges Lippen
zitterten vor Wut und seine Augen funkelten »So sieh doch her Die Schale
schweisst noch und der Schnitt ist frisch«
Betroffen beugte sich Schipper über den Bock »Meiner Seel« Blitzschnell
glitten seine Augen an Franzl hinauf und Graf Egge gewahrte diesen Blick »Dös
hab ich vor lauter Schreck net beobacht Da kann ja s Malör erst heut in der
Fruh gschehen sein« Wieder hefteten sich seine kalten grauen Augen auf den
Kameraden
Franzls Gesicht verlor unter diesem Blick alle Farbe »Aber Schipper wie
kannst denn so was reden Wies Tag worden is bin ich ja schon dagwesen und
unter meine Augen hats doch wahrhaftiger Gott net gschehen können«
Ratlos hob Schipper die Arme und ließ sie wieder fallen »Da hat der Franzl
wieder recht Ich weiß nimmer was ich denken soll«
Graf Egge hielt die Augen auf Franzl geheftet und fragte mit schmalen
Lippen »Hornegger Was hast du Ist dir übel Du siehst aus wie ein
Gestorbener«
»Aber Herr Graf Man wird mir halt außen anmerken wie mir inwendig zmut
is« Franzl würgte mühsam jedes Wort hervor »Ich weiß doch was Ihnen die
Krucken gilt Und ich bin außer Rand und Band ich spür kein Tropfen Blut
nimmer« Die Stimme erlosch ihm
»Dös is doch begreiflich« nickte Schipper »mir selber is gradso in jedem
Augenblick siedheiss und wieder eiskalt Um Gotts willen Herr Graf was machen
wir denn«
»Macht was ihr wollt« Graf Egge ging mit wankendem Knie auf einen
Felsblock zu und ließ sich nieder »Hier sitze ich und stehe nicht wieder auf
eh ich nicht die Kruck in meiner Hand habe Macht was ihr wollt Die Kruck muss
her« Zwei rote Flecken brannten auf seinen Wangen »Und wenn ich umsonst warte
seid ihr um euren Dienst Alle beide«
Schipper erbleichte »Aber Herr Graf was kann denn ich dafür«
Franzl hatte kein Ohr für den merkwürdigen Nachdruck mit welchem Schipper
das »ich« betonte Er legte die Hand begütigend auf den Arm seines Kameraden
»Geh der Herr Graf meints net so Es redt halt der grechte Unmut aus ihm raus
Wer die Krucken gsehen hat wie ich gestern beim Treiben der begreift am End
alles So was soll man verlieren müssen« Langsam wandte Graf Egge das Gesicht
als er diese Worte hörte und musterte forschend den jungen Jäger vom Kopf bis
zu den Füßen »Komm Schipper mitm Jammer is nix gholfen Jetzt müssen wir uns
rühren Heut in der Fruh kanns net gschehen sein entweder gestern spät am
Abend oder heut in der Nacht Spring du zur Mitterkaseralm abi ich lauf zur
Hochalm ummi Von die Hüterbuben wars keiner da leg ich d Hand ins Feuer
Aber es kann ja sein dass d Sennleut aufn Abend an verdächtigen Kerl gwahrt
haben Probieren wirs halt« Franzl griff nach seiner Büchse und sprang in die
Latschen
Schipper stand unschlüssig sein graues Gesicht hatte einen Stich ins Grüne
endlich wandte er sich und ging ohne Büchse davon Mit schlagenden Armen kämpfte
er sich durch die wirren Büsche und als er außer Hörweite seines Herrn war
fluchte er leise vor sich hin »Himmel Sakrament die Gschicht geht schief«
Da hörte er einen gellenden Jauchzer dann Franzls jubelnde Stimme »Herr
Graf Herr Graf Die Kruck Ich hab die Krucken gfunden«
Schipper stand wie versteinert während droben bei der Wand die vor Erregung
heisere Stimme seines Herrn klang »Her damit Her damit«
Schipper rannte durch die Latschen zurück und als er den offenen Kieshang
erreichte sah er Franzl das schwarze Krickel in der erhobenen Hand über das
Geröll hinaufstürmen Nun versuchte auch er einen Jauchzer und schlug die Hände
über dem Kopf zusammen »Meiner Seel es is wahr Ja weil nur die Kruck da is
Gott sei Lob und Dank«
Als Franzl seinem Herrn das Krickel reichte war er so atemlos dass er kein
Wort herausbrachte Aber seine Augen leuchteten und unter schnappenden
Atemzügen lachte sein ganzes Gesicht
Mit zuckender Hand hatte Graf Egge das Krickel erfasst die Freude trieb ihm
das Blut in die Stirn und seine Augen hingen an dem Gehörn wie an einem
unbezahlbaren Schatz »Herrgott und alle Heiligen ist das eine Kruck Über
tausend hab ich drunten hängen Keine zweite wie die« Mit zitternden Fingern
maß er die Spannenlänge des Gehörns dann hastig als hätte er einen neuen
Verlust zu befürchten schob er das Krickel unter die Joppe und schloss die
Knöpfe Suchend blickte er umher »Wo ist der Hund«
»Hirschmann Hirschmann« kreischte Schipper und pfiff durch die Finger Der
Hund blieb verschwunden »Entweder is er durch und jagt oder er is heim in d
Hütten D Hauptsach is dass die Kruck da is«
Endlich vermochte Franzl zu sprechen »Gott sei Dank Ich hab glaubt ich
muss aus der Haut fahren vor lauter Freud wie ich durch d Latschen durchspring
und es blitzt mir auf einmal die Kruck ins Gesicht einghakelt in an Astl wie
mit der Hand dran hinghängt Jetzt soll mir a Mensch sagen wie die Kruck da
eini kommt in d Latschen«
»Ich glaub schier dös begreif ich« lachte Schipper »Der Lump der
miserablig wird s Kurasch net gehabt haben dass er die Kruck mit in d
Sennhütten nimmt So hat er s in d Latschen einighängt und hat sich denkt er
holt s wieder wann der erste Spektakel vorbei is So a Wunder Dass grad der
Franzl die Krucken gfunden hat Dös is schon merkwürdig«
Mit langsamen Augen betrachtete Graf Egge die beiden Jäger und sagte kalt
»Ja das ist wirklich merkwürdig« Er wandte sich ab und stieg über das Geröll
hinunter
Erschrocken sah Franzl ihm nach Schipper schüttelte den Kopf und sagte
»Franzl Was is denn dös Der Herr Graf wird doch um Gottes willen net glauben
dass du « Er sprach nicht aus was er sagen wollte aber es stand in seinen
Augen zu lesen
Franzl erblasste Mit heiserem Laut warf er die Büchse auf das Geröll sprang
auf Schipper zu und schlug ihm die Fäuste um die Kehle »Du Dös Wort nimm
zruck«
»Schipper« klang die scharfe Stimme Graf Egges von den Latschen her Franzl
ließ die Arme sinken und taumelte »Schipper Her zu mir Und du Hornegger
mach deinen Dienst«
Einen brennenden Blick des Hasses warf Schipper auf seinen Kameraden dann
ging er mit aschfahlem Gesicht auf seinen Herrn zu und sagte ruhig »Ich bitt
Herr Graf was soll mit dem Bock gschehen«
Graf Egge machte eine heftig abweisende Geste mit der Hand »Lass ihn liegen
Heut kommen die Treiber Sie sollen den Bock unter sich aufteilen ich will kein
Haar mehr von ihm sehen« Er griff an die Joppe unter der er das Krickel
verwahrt trug und suchte den Heimweg zur Hütte
Schipper holte die beiden Gewehre und folgte seinem Herrn »Ich bitt Herr
Graf Sie habens ja selber gsehen und jetzt muss ich schon sagen dös tut kein
gut mehr mitm Franzl und mir Wir zwei können von heut an nebenanander nimmer
bleiben Entweder «
Da wandte sich der Graf und brüllte »Halte dein Maul«
Nicht diese Worte machten den Jäger verstummen sondern der drohende Zorn
der ihm aus den Augen seines Herrn entgegenbljetzte Schweigend schritt er hinter
dem Grafen her die eine Büchse auf dem Rücken die andere über der Brust Die
Hände krampfte er um den Bergstock dass die Finger weiß wurden nagte an der
farblosen Lippe und blies den Atem durch die Nase Als er sah dass Graf Egge mit
dem rechten Fuß immer vorsichtiger aufzutreten begann kniff er die Augen ein
und lächelte boshaft vor sich hin
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Graf Egge und Schipper waren schon längst in den Latschen verschwunden und noch
immer stand Franzl auf dem gleichen Fleck totenbleich an allen Gliedern
zitternd Verstört betrachtete er die starre Wildleiche aus deren zerhacktem
Haupt die blutumronnenen Augäpfel hervordrangen dann hob er die Büchse vom
Geröll und fasste den Bergstock Kaum hatte er sich durch die ersten Büsche
gewunden da hörte er ein leises Winseln und fand im Schatten einer Latsche den
Schweisshund der an einer blutenden Schenkelwunde leckte »Richtig jetzt hat
dös arme Hundl auch sein Treff dabei kriegen müssen« Der Zorn ballte ihm die
Fäuste »Dös is ja nimmer Jagd dös is ja Metzgerei«
Der Hund hatte den Kopf gehoben Franzl ließ sich nieder und wollte die
Verletzung untersuchen da schnappte der Hund nach seiner Hand doch e biss
nicht sondern hielt nur mit den Zähnen die Finger des Jägers fest Franzl zog
die Hand nicht zurück und streichelte mit der anderen den Kopf und Nacken des
Hundes »Aber Hirschmanndl geh wie magst denn schnappen nach mir Schau
Alterl wir zwei wir sind heut gleich schlecht wegkommen du und ich« Da gab
Hirschmann die Hand des Jägers frei und schüttelte die Ohren Willig ließ er an
seine Wunde rühren und stieß nur wenn die fühlenden Hände seine Schmerzen
mehrten die Nase winselnd an den Arm des Jägers Die Wunde war tief gerissen
und zog sich über den ganzen Schenkel Mit dieser Verletzung hatte der Hund noch
seine Pflicht erfüllt und das tote Wild verbellt Zärtlich kraulte Franzl ihm
die Ohren »Ja Hirschmanndl hast schon recht Man muss oft Unrecht leiden Aber
sei Sach muss man in Ordnung machen sonst is man um kein Granl besser als die
andern« Er nahm den Hund auf die Arme und tat ein paar Schritte als wollte er
den Weg zur Jagdhütte suchen Kopfschüttelnd hielt er inne »Na Jetzt net Ich
könnt mich net zruckhalten Zerst muss ich mich auslaufen dass mir der Zorn
vergeht« Er schlug den Weg nach der eine halbe Stunde entfernten Hochalm ein
Unter dem Gewicht des Hundes waren ihm die Arme steif geworden als er die
Hütte erreichte In der Kammer wurde Hirschmann auf den Kreister gebettet und
die Sennerin brachte dem Jäger was er nötig hatte um die Wunde zu vernähen und
ein Heftpflaster aufzulegen Während Franzl schor und nähte und kleisterte
hielt die Sennerin unter endlosem Geschwatz den Kopf des Hundes fest Zum Schluss
der nicht sonderlich kunstvollen Operation wurde die Außenseite des Pflasters
noch mit Pfeffer eingerieben Das hatte seinen Zweck denn kaum war Hirschmann
aus den Händen der Sennerin erlöst da wollte er sein gewohntes
schmerzstillendes Heilmittel versuchen und an der Wunde lecken die Sache hatte
ihre Bitternis verdrossen schüttelte er den Kopf und schlenkerte die brennende
Zunge Das war drollig anzusehen die Sennerin kreischte vor Vergnügen und
sogar Franzl brachte ein müdes Lächeln zuwege Er streichelte den Hund reichte
der Sennerin die Hand und ging Winselnd hob Hirschmann den Kopf als er den
Jäger verschwinden sah Vor der Hütte nahm Franzl seine Büchse von der Bank und
gewahrte mit Schreck den Schaden den sie gelitten hatte als er sie auf das
Geröll geworfen Ein echter Jäger pflegte er seine Waffe in tadellosem Zustand
zu halten Und wie sah sie nun aus Der polierte schafft von splitterigen Rissen
durchzogen die sonst so spiegelblanken Läufe fleckig und zerkratzt und von
einem der beiden Hähne war der Hammer abgebrochen »Der Hund mein Büchsl und
ich Gut schauen wir aus alle miteinander«
Über die offenen Almen schritt er dem Bergwald zu Stunde um Stunde rannte
er umher von dem unklaren Wirrsal seiner Gedanken und seines Zornes erfüllt
und tat mechanisch seinen Dienst Alle Hauptwechsel des Rotwildes besuchte er
alle Salzlecken und Suhlen zählte die Fährten der jagdbaren Hirsche und
kritzelte die Zahlen in sein Taschenbuch Als die Sonne über Mittag stand
begann er durch den Bergwald wieder emporzusteigen gegen die kahlen Wände um
mit der Schattenzeit die Gemsreviere zu erreichen Ehe der Wald ein Ende nahm
wollte er eine Weile rasten Neben dem Steig der zu den Mitterkaseralmen
führte ließ er sich auf einen vom Sturm geworfenen Baumstamm nieder Als sein
müder Körper ruhte suchte er auch das Gewirbel in seinem Kopf zur Ruhe zu
bringen und begann die Ereignisse des verwichenen Abends und der Morgenstunden
zu überdenken
Das Ergebnis dieser Gedanken mehrte nur seine Unruhe Er war gewiss so
unschuldig wie der lichte Tag Aber er fühlte eine Reihe von Zufällen sprach
wider ihn und er wusste wie misstrauisch Graf Egge in allen Dingen war welche
die Jagd betrafen Dass der ungerechte Verdacht seine Stellung bedrohte daran
dachte er nicht Er fühlte nur den brennenden Makel der auf seine Jägerehre
gefallen war Und die selten schöne Krucke wog ja auch schweres Geld das war
wie versuchter Diebstahl Er griff sich mit beiden Händen an die glühende Stirn
»Herrgott im Himmel Was tu ich denn«
Wieder begann er zu grübeln Er sagte sich Hat Graf Egge diesen Verdacht
einmal empfunden so wird er ihn auch nicht eher wieder aufgeben ehe nicht der
Täter gefunden ist Franzl presste das Gesicht in die Hände Tag um Tag nun
sollte er umherlaufen mit diesem drückenden Gewicht auf seiner Brust keinen
Blick mehr sollte er zu dem Gesicht seines Herrn erheben dürfen ohne fühlen zu
müssen dass der andere im stillen denkt Du bist ein Dieb Er musste den Menschen
ausfindig machen der es getan Aber wie Es war ihm schon völlig unerklärlich
wann der Diebstahl begangen wurde und weshalb das Gehörn in den Latschen hing
Die Erklärung die Schipper so flink bei der Hand gehabt hatte war leeres
Geschwätz Schipper Schipper Franzl brachte seine Gedanken nicht mehr
los von diesem Namen Aber was ihm wider Willen durch die Sinne fuhr erfüllte
ihn mit Ingrimm gegen sich selbst »Ich muss a schlechter Kerl sein weil ich dem
Kameraden zutrauen kann was ich von mir selber abwehren will«
Schon wollte er sich erheben als von rückwärts zwei warme Hände seine Augen
umschlossen Franzl meinte das könnte nur die Sennerin vom Mitterkaser sein
doch er war nicht aufgelegt zum Raten Unwillig befreite er seinen Kopf Als er
die Augen hob versagte ihm vor freudigem Schreck beinah die Stimme
»Mali«
Lachend ließ das Mädel sich neben dem Jäger nieder »Gelt Da schaust«
Er wusste sich kaum zu fassen »Wie kommst denn du auf amal daher«
»Vom Mitterkaser komm ich« Sie zog das weiße Tuch vom Kopf das sie zum
Schutz gegen die Sonne umgebunden hatte »Heut in der Fruh mein Bruder is
schon fort gewesen in der Holzarbeit gar net weit da drunten hat er sein Schlag
heut in der Fruh kommt unser alte Nachbarin ummi zu mir und jammert sie hätt
gehört dass ihr Madl im Mitterkaser droben verkrankt wär«
»D Sennerin«
»Ja Und d Nachbarin is ganz ausanand gewesen vor lauter Sorg Hab ich halt
gesagt Tu mir aufpassen auf meine Kinder so spring ich nauf und bring dir
Botschaft« Mali lachte »s Madl is schon wieder kreuzfidel A paar Tag hats
Magenweh gehabt Ich glaub sie hat am letzten Fasttag zviel Schmelznudeln
verschluckt«
»Unser Herrgott soll ihr die nächste Schüssel gut anschlagen lassen Dös hat
d Sennerin verdient um mich Lieber hättest mir in keiner Stund in Weg laufen
können als heut Da muss sich der Herrgott rein denkt haben Heut braucht er an
Trost«
Schon der Klang seiner Stimme hatte sie befremdet und als sie sah wie blass
er war erschrak sie »Ums Himmels willen was is denn«
Er atmete schwer »So Sachen halt weißt ich kann net reden davon«
»Ah da schau« Energisch fasste Mali seinen Arm »Ein zerst erschrecken
bis in d Seel und nachher den Heimlichen spielen Ich bin dei alte Kamerädin
Jetzt redst auf der Stell«
Franzl schüttelte den Kopf
»Pass auf Franzl« Mali schob ihren Arm unter den seinen »Bsinnst dich noch
auf den selbigen Tag wo wir als Kinder miteinand gut Freund worden sind Weißt
es nimmer wie ich hinter der Hecken gsessen bin und gweint hab Und wie mir d
Handln niederzogen hast und ich habs kaum rausbracht dass mir der Nachbarbub
mein Dockerl1 genommen und die Zöpf halb ausgrissen hat Kein Wörtl hast gesagt
und bist davon Und bist neben meiner wieder aussigschloffen aus der Hecken s
Gwand zerrissen und käsweiss im Gsicht Und mein Dockerl hast in der Hand ghalten
und hast mich anglacht Du Den hab ich fest verdroschen Freilich s Dockerl
hat kein Kopf nimmer gehabt«
Franzl nickte »Den hat er abigrissen in der Wut wie er gmerkt hat dass er
die Docken wieder hergeben muss«
»Und weißt noch wie dich hingsetzt hast neben meiner Und dass ich nimmer
weinen soll hast den ganzen Sack voll Haselnussen vor mir ausgleert Und alle
harten hast mir aufbissen« Herzlich rüttelte Mali seinen Arm »Und schau heut
hab ich dich hinter der Hecken gfunden Sei gscheit und sag mir alles Und
wenns von alle Nussen die härteste wär Franzl ich hilf dir beißen«
Da konnte er nimmer schweigen Mit jagenden Worten begann er die Geschichte
der verwichenen Stunden zu erzählen Er schalt und jammerte nicht Aber die
Kränkung die er an seiner Ehre erfahren redete aus seinen Augen Schweigend
lauschte Mali Als er erzählte wie Schipper den Verdacht gegen ihn
ausgesprochen fuhr es ihr in Zorn heraus »So was von Kamerad Respekt Und
Schipper heißt er« Sie grübelte vor sich hin als würde eine Erinnerung in ihr
lebendig »Schipper Is dös a Verwandter vom selbigen Schipper der früher
Holzknecht gewesen is«
»Es is der nämliche«
»Und der is Jager jetzt No da dank ich Da hast an noblen Kameraden
Ganz gut bsinn ich mich drauf dass der Vater selig allweil schelten hat müssen
aufn Bruder weil er Freundschaft mitm Schipper ghalten hat der ihn zu alle
Lumpereien hätt verführen mögen Wenn der deinige der nämlich is nachher glaub
ich schon gleich dass er die Krucken selber gstohlen hat«
Franzl wehrte erschrocken »Na Mali so was därfst net sagen«
»Seis wies mag Du bist unschuldig Und so an Verdacht darfst net auf dir
sitzen lassen« Malis Augen blitzten »Da brauchst den Gauner net erst ausfindig
machen Wer Augen hat wie du braucht kein andern Beweis als sein ehrlichs
Gsicht Jetzt machst in Ordnung dein Dienst Und aufn Abend stellst dich hin
vor dein Grafen und sagst ihm alles ins Gsicht gradso wie dus mir gesagt hast
und gradso wie mich so schaust ihn an mit deine Augen Da muss er dir glauben
Und jetzt halt dich nimmer auf Und meintwegen sollst nix versäumen im Dienst«
Sie hob die Büchse hinter dem Baum hervor und reichte sie dem Jäger »Da hast
dei Kugelspritzen Was wir gredt haben bleibt unter uns Und jetzt mach weiter
Bhüt dich Gott«
Mit der Büchse hatte Franzl auch Malis Hand gefasst »Ganz aufgricht hast
mich wieder Vergeltsgott tausendmal«
Die Hände der beiden lagen eine Weile ineinander Dann fragte da Mädel »Du
Franzl«
»Was«
»Hast vielleicht du mit meim Bruder auch was gehabt An Streit oder so was«
»Ich Gott bewahr Warum fragst denn«
Sie schien verlegen zu werden »No weißt weil er gestern so ungut zu dir
gewesen is«
»Haben halt d Sorgen aus ihm rausgredt Was macht denn s Netterl«
»D Nacht heut is gut gewesen Mit Gotteshilf wird sich s Kindl doch wieder
in d Höh machen Grad recht dass d mich dran mahnen tust Jetzt fang ich aber
s Hupfen an« Lachend nickte sie dem Jäger zu und dann hetzte sie flink über
den Steig hinunter
Franzl sah ihr nach bis sie verschwunden war Dann spähte er durch die leis
rauschenden Wipfel als möchte er am Himmel die Stelle suchen an der in der
Nacht die Sternschnuppe erloschen war
»Lichtl da droben du hast net glogen«
Er stieg durch den Wald hinauf und erreichte die offenen Almen Fern am
Waldsaum in der Tiefe der Almfelder gewahrte Franzl zwei Männer er meinte
einen Büchsenlauf blinken zu sehen und zog das Fernrohr auf
Schipper war es mit einem Treiber der den von Graf Egge am verwichenen
Abend erbeuteten Gemsbock auf dem Rücken trug
Kurze Zeit nachdem der Graf mit seinem Büchsenspanner die Jagdhütte
erreicht hatte waren die von Franzl bestellten Treiber eingetroffen Graf Egge
kümmerte sich nicht um ihre Ankunft Er wanderte in der Stube zwischen den engen
Wänden auf und nieder und rastete nur zuweilen für einige Minuten um unter
grübelnden Gedanken das Krickel das mit der blutigen Hirnschale auf dem Tisch
lag zu betrachten oder um den rechten Fuß auf einen Stuhl zu heben und mit
beiden Händen das schmerzende Bein zu frottieren Als Schipper die Tür öffnete
um nach den Befehlen seines Herrn zu fragen schrie ihn Graf Egge an »Ruh will
ich haben« Mit einem Fußtritt schlug er dem Jäger die Tür vor der Nase zu
Wartend unter leisem Geplauder saßen die Männer vor der Hütte während
Schipper in der Küche die Gewehre putzte Nach zwei Stunden rief Graf Egge den
Rottmeister der Treiber in die Stube »Heute wird nicht mehr gejagt Einer von
euch tragt den Bock der draußen hängt nach Hubertus hinunter die andern
sollen machen was sie wollen Morgen früh um fünf Uhr seid ihr bei der Hütte«
Er trat zur Tür »Schipper Du machst deinen Dienst Und das Gams unter der Wand
da drüben soll fort« Ein Augenzwinkern des Grafen schickte den Rottmeister zur
Stube hinaus Dann krachte die Tür ins Schloss
Mit langem Gesicht stand der Mann in der Küche und fragte flüsternd »Was
hat er denn heut«
»Gehts dich was an« knurrte Schipper und zeigte ein Gesicht als hätte er
Galle auf der Zunge Einige Minuten später war er wegfertig und wanderte mit den
Männern über das Latschenfeld gegen die Wände
Graf Egge stand am Fenster und sah ihnen nach bis sie verschwunden waren
Dann ging er in die Küche und schürte Feuer an um die Hirnschale des Krickels
auszukochen Eine volle Stunde saß er auf dem Herdrand und wandte keinen Blick
von dem sprudelnden Wasser aus dem die schwarzen Haken des Gehörns
hervorragten Als sich die Stirnhaut von den Knochen gelöst hatte schabte er
mit geduldiger Sorgfalt die letzte Muskelfaser von dem weißen Bein und trug das
Krickel in die Sonne damit die Schale trocknen und bleichen möchte Die Hände
im Schoss saß er neben dem Gehörn auf der sonnigen Hüttenbank und musterte immer
wieder mit zärtlichstolzen Augen die schöne Trophäe Es währte eine halbe
Stunde bis in der heißen Sonne die letzte Spur von Feuchtigkeit an der bleichen
Hirnschale verdunstet war Graf Egge trug das Krickel in die Stube holte Feder
und Tinte zum Tisch und malte in zierlicher Schrift das Datum der Jagd die ihm
die seltene Beute beschert hatte auf das weiße Bein Während er über die nassen
Schriftzüge blies um sie rascher trocknen zu machen betrat ein alter Mann mit
untertänigen Verbeugungen und halb atemlos die Stube der Postbote Es war ihm
anzumerken dass er den weiten mühseligen Weg vom Dorf herauf mit manchem
Seufzer begleitet hatte Die Sendung die er brachte hatte ihn wohl mit ihrem
Gewicht nicht gedrückt und dennoch atmete er erleichtert auf als er das
winzige mit vierzehntausend Mark bewertete Kistchen in Graf Egges Hände legte
»Setz dich Ich will in deiner Gegenwart nachsehen ob alles in Ordnung
ist«
Graf Egge zog das Messer aus der Lederhose und sprengte den kleinen
Holzdeckel Eine in Watte gehüllte Schachtel kam zum Vorschein und als Graf
Egge sie öffnete flammten seine Augen in Freude Auf einem mit schwarzem Samt
überzogenen Brettchen waren in vier Reihen übereinander ungefasste in
absonderlichen Formen geschliffene Saphire und Rubinen mit feinen Silberdrähten
angeheftet Durch das Fenster fiel die Sonne auf die Steine und das funkelte
und gleisste in schönen Farben Der Juwelier schien den Geschmack seines Kunden
getroffen zu haben Zufrieden musterte Graf Egge die Sendung Rasch überflog er
den Begleitbrief und zählte die Steine mit tippendem Finger »Stimmt« Er
unterschrieb den Postschein und reichte ihn dem Boten »Alles in Ordnung«
Der Alte erhob sich »Bhüt Ihnen Gott Herr Graf« Bei der Tür blieb er
zögernd stehen als wäre die Sache für ihn noch nicht erledigt Graf Egge hatte
sich schon wieder in die Betrachtung der Steine vertieft »Ich bitt Herr Graf«
fragte der Alte kleinlaut »haben S kein Auftrag nunter Oder sonst was«
Ohne aufzublicken schüttelte Graf Egge den Kopf
Verdrossen schlich der Alte davon Vor der Hütte blieb er stehen und
schielte nach dem Stubenfenster »Fünf Stund bis da rauf Da wären a paar Maß
Bier net zviel gewesen«
Als er das Almfeld erreichte wurde er von Schipper und dem Treiber
überholt der auf dem Rücken den Bock und in der Hand ein blutfleckiges Bündel
trug das seinen Anteil an der unter die Treiber verteilten Gemse enthielt Der
alte Postbote vermochte mit den beiden nicht Schritt zu halten und blieb zurück
Am Saum des Bergwaldes hier hatte Franzl aus weiter Ferne das Paar
beobachtet trennte sich Schipper von seinem Begleiter
»So Und vergiss die Botschaft an Moser net Er soll die Unterhos fürn
Grafen gleich kaufen und soll dir s mitgeben«
Der Mann folgte dem Steig und Schipper wandte sich seitwärts in den Wald
als er allein war knirschte er einen Fluch durch die Zähne
Auf einem stark begangenen Wildwechsel fand er die frische Spur eines
genagelten Schuhes »Da is er gewesen« murmelte Schipper und spie auf die
Fährte Nun folgte er dem Wege den Franzl genommen hatte die stille Hoffnung
die ihn dabei leitete erfüllte sich nicht er kam zu keiner Salzlecke bei der
die Spur jenes anderen Fußes fehlte
»Wie gnau er heut sein Dienst gemacht hat Als hätt er schmecken können dass
ich ihm nachsteig«
Bald erreichte er den zum Mitterkaser führenden Pfad und sah neben einem
gestürzten Baum ein weißes Kopftuch auf der Erde liegen Er hob es auf und
während er das Tuch noch in der Hand hatte klangen Schritte auf dem tieferen
Steig
Mali erschien mit den Augen suchend Als sie den Jäger sah blieb sie
betroffen stehen kaum gewahrte sie den Fund in Schippers Hand da sprang sie
auf ihn zu und entriss ihm das Tuch »Her damit Dös Tüchl gehört mein«
»Oho Bei dir gehts aber gschwind« Zwinkernd betrachtete Schipper das
Mädel Das Ergebnis dieser Musterung schien ihm zu behagen »Wer bist denn du
Dich kenn ich ja gar net«
»Wenn dich d Neugier gar so plagt ich bin die BrucknerMali«
»Waaas Die Mali Ah da legst dich nieder Seit wann bist denn du wieder
daheim«
Die Frage überhörend ließ Mali die Augen mit einem nicht sehr freundlichen
Blick über die Gestalt des Jägers gleiten Sie verzog den Mund »Du musst der
Schipper sein«
»Freut mich dass d mich wiederkennst Und gut hat dir der Aufenthalt bei
der Schwester angschlagen Bist allweil a saubers Kind gewesen Als Madl bist
noch säuberer worden«
Mali lachte »Ui jegerl Komplimenten macht er Die muss ich dir schon
zruckgeben Du bist schon selbigsmal a schiecher Kerl gewesen Jetzt schaust noch
grauslicher aus« Ohne Gruß ging sie davon
Schipper wusste nicht recht sollte er lachen oder sich ärgern Er entschloss
sich für das erstere und je länger er der Davonschreitenden nachblickte desto
freundlicher wurden seine Augen wieder »Die is grob Aber verteufelt sauber
Hat Holz am Ofen Für dös Madl könnt ich Dummheiten machen« Mali verschwand in
der Tiefe des Steiges Und Schipper kalkulierte unter dünnem Lächeln »Dem
Bruckner sei Schwester Dös trifft sich net schlecht Mitm Bruckner könnt man
a Wörtl reden« Während er weiterschritt drehte er noch einmal das Gesicht und
blickte schmunzelnd über den Pfad Durch den Wald herauf hörte er Malis
Bergstock klirren
Sie hatte Eile Häufig kürzte sie die Wendungen des Pfades und nahm ihren
Weg in gerader Richtung talwärts durch den Wald Als sie das tiefere Gehölz
erreichte hörte sie über den Berghang her den Hall wuchtiger Axtschläge Da
drüben arbeitete ihr Bruder Unschlüssig blieb Mali stehen Am Morgen hatte sie
den Bruder aufgesucht und ihm versprochen auf dem Rückweg wiederzukommen Aber
sie hatte viel Zeit verloren und das kleine Netterl meinte sie würde schon
mit Schmerzen auf sie warten Die eigentliche Ursache weshalb sie jetzt nach
der Begegnung mit Franzl dem Bruder nicht gern gegenübertrat wollte sie sich
selbst nicht eingestehen Damit er wüsste dass sie bereits auf dem Heimweg wäre
höhlte sie die Hände um den Mund und schickte einen langgezogenen Ruf in den
Wald
Die Axtschläge verstummten und Bruckner gab Antwort er hatte die Bedeutung
des Rufes verstanden Während Mali davoneilte klangen wieder die Beilhiebe und
es hallte das Krachen eines stürzenden Baumes durch den weiten Bergwald
Bruckner arbeitete bis der Abend zu dämmern begann dann machte auch er
sich auf den Heimweg Die Joppe um die Schultern tragend die Axt mit dem Eisen
in die Armbeuge eingehenkt wanderte er zwischen den Bäumen Der weiche
Moosgrund dämpfte den Hall seiner Schritte
Plötzlich stand er wie angewurzelt Er hatte einen Hirsch gewahrt der aus
der Tiefe des Waldes emporgestiegen kam und die Almen suchte Bruckners Hände
begannen zu zittern während er an einen Baum gedrückt mit funkelnden Augen
jede Bewegung des Wildes verfolgte Der Hirsch merkte die Nähe des Menschen
nicht und zog in sorgloser Ruhe zwischen den Bäumen aufwärts bald hier ein
Kraut bald dort ein paar Gräser von der Erde zupfend Weissblinkend hoben sich
die Spitzen des stattlichen Kronengeweihs vom finsteren Grün des abendlichen
Waldes ab Immer näher kam der Hirsch dem Baum hinter welchem Bruckner stand
der Bauer fasste mit langsam gleitender Hand den Stiel der Axt Nun stand das
Wild vor ihm kaum zehn Schritt weit In jähem Schwung holte Bruckner mit der
Axt zum Wurf aus Ehe das Beil noch flog machte der Hirsch erschrocken einen
Satz und äugte gegen den höheren Waldhang das währte nur einen Augenblick und
in sausender Flucht verschwand er zwischen dem Gewirr der Stämme während die
Beilschneide hallend in eine Fichte schlug
Bruckner keuchte »Allweil packts mich wieder« Er hob die Joppe auf die
ihm von den Schultern geglitten war und ging zu der Fichte um das Beil aus dem
Holz zu reißen Da hörte er hinter sich ein leises Lachen Er wandte das
Gesicht und kalkige Blässe rann über seine Stirn als er den Jäger erkannte
Langsam immer lachend kam Schipper näher »Du Was machst denn da«
Bruckner zog schweigend die Joppe an
»Ja Lenzi A harts Stückl so an Prügelhirsch anschauen müssen und kein
Büchsl net haben Mit der Axt macht sich so was schlecht Seit wann hat dich
denn der Wildteufel wieder beim Krawattl«
Bruckner nahm die Axt in den Arm seine Stimme klang heiser »s ganze Blut
in mir drin wird rebellisch so oft mir a Stückl Wild übern Weg lauft Aber
mein Schwur hab ich ghalten bis zum heutigen Tag«
»Ja ja ich glaub dir schon« Schipper schmunzelte »Und wenns drauf ankäm
so weit die Gschicht mich angeht ich tät vielleicht reden lassen mit mir«
Der Bauer maß den Jäger mit hartem Blick »Dir könnt man so was zutrauen
Dir«
»Wir zwei sind alte Spezi Unser Freundschaft hat festen Halt Wenns wieder
schnackeln tät bei dir mich brauchst net fürchten Der Franzl halt Der
versteht kein Spaß« Immer leiser wurden Schippers Worte »Der hat was an ihm
wie sein Vater gewesen is«
Eine Weile standen die beiden Aug in Auge
Dann legte Schipper lachend die Hand auf Bruckners Schulter »Du Da droben
hab ich die Schwester troffen Die gfallt mir So eim Madl zlieb wär mir net
amal der Umweg übern Pfarrer zweit«
Bruckner richtete sich auf »Dös geht aber gschwind bei dir«
»Ja wie bei die guten Hirsch«
»Schau dös Madl macht ja die ganzen Jager rebellisch« höhnte der Bauer
»Gestern der ander Und heut schon du Da tut mir d Wahl weh«
»Der ander« fuhr es über Schippers Lippen Dann fand er sein Schmunzeln
wieder »Den brauch ich net fürchten Ich hab meine Gründ dafür Jetzt gfallt
mir s Madl noch viel besser Und wenn ich Ernst machen tät Was könntst denn
aussetzen an mir Die schönste Stellung neunhundert Mark Holz und Loschie
Mein Posten tragt mir auch sonst noch was In fünf Jahr hab ich dreitausend Mark
erspart Und wenn der Graf amal den letzten Schnaufer tut vergisst er mich gewiss
net im Testament So gern hat er mich Jetzt red Spezi Was meinst«
Bruckner trat dicht vor den Jäger hin mit brennenden Augen »Der ander
kommt mir net ins Haus Dös hat sein Grund Da hast recht aber eh mir du mit
deiner Hand an d Schwester rührst eh schlag ich dich nieder mit der Axt«
Schipper wurde um einen Schatten bleicher doch er lächelte »Geh geh Da
möchten s dich aber ordentlich einkasteln Und vor so was hast an Respekt Dös
weiß ich aus Erfahrung Und musst halt auch a bissl an deine Kinder denken Die
brauchen den Vater Aber ich merk heut is dir was übers Leberl glaufen heut
is net gut diskrieren mit dir Muss ich halt an andersmal wieder anklopfen A
bissl fester Gelt ja« Lachend stieg Schipper durch den Wald hinauf Als er den
Steig erreichte und sich umguckte stand Bruckner noch immer an der gleichen
Stelle die Axt in der schlaff hängenden Hand »Jetzt studiert er aber«
Es wurde dunkle Nacht bis Schipper die erleuchteten Fensterchen der
Jagdhütte zu Gesicht bekam Auf dem Steig ein paar Dutzend Schritt vor ihm
hörte er das Schuhgeklapper des anderen der den Hund von der Hochalm abgeholt
hatte und auf den Armen zum Palais Dippel trug
In der Hüttenstube klang die Zither Sie verstummte als Franzl die Schuhe
an die Schwelle stieß Hastig legte Graf Egge die blitzenden Edelsteine die er
zu seinem Zeitvertreib in einer Herzlinie rings um die weiße Hirnschale des
Krickels gereiht hatte in das hölzerne Kistchen zurück und verwahrte Gehörn und
Steine in einem kleinen Wandschrank der zu Häupten des Bettes in die Balken
eingelassen und mit schwerem Vorhängschloss zu versperren war Als Graf Egge den
Schlüssel abzog trat Franzl in die Stube Sein Herr machte große Augen als er
auf den Armen des Jägers den Schweisshund mit dem verpflasterten Schlegel sah
»Was hat der Hund«
Mit kurzen Worten erzählte Franzl Wortlos nickte Graf Egge und trug den Hund
zum Bett auf seinem Gesicht war die Sorge zu lesen die er um das Tier empfand
Nachdem er aufmerksam das Pflaster untersucht hatte setzte er sich an die Seite
des Hundes und kraute ihm Stirn und Ohren »Hast du Wild gesehen«
»Wohl Herr Graf« Franzl zog das Notizbuch aus der Tasche und begann seinen
Rapport Als er damit zu Ende war tat er einen tiefen Atemzug »Und jetzt Herr
Graf muss ich die Gschicht von heut von der Fruh zur Sprach bringen«
»Warum« Ein kaum merkliches Lächeln
»Aber Herr Graf Schauen S mir doch ins Gsicht Man muss mir doch anmerken
was ich für an Tag hinter mir hab Zur Hälft bin ich selber dran schuld Es is
unrecht gewesen dass ich mich vom Gachzorn hab hinreißen lassen Statt dass ich
mich am Schipper vergreif hätt ich mich vor mein Herrn hinstellen und ehrlich
fragen sollen Können Sie vom Franzl so was glauben Herr Graf«
»Hab ich einen Verdacht gegen dich ausgesprochen«
»Dös is freilich wahr aber « Dem Jäger verschlugs die Rede weil er
hörte dass Schipper in die Hütte trat Mühsam hielt er seine fünf Sinne
beisammen und als er nur erst ein paar verworrene Sätze herausgestottert hatte
kam er in warmen Zug Forschend hing Graf Egges Blick an dem Jäger dem die
Worte immer heißer von den Lippen sprudelten Wie er zu Mali gesprochen so
redete er jetzt zu seinem Herrn Ehrlichkeit in jeder Silbe in jedem Laut
seiner Stimme »Herr Graf« so schloss er »meine Händ sind sauber Glauben S
mir jetzt«
Kühl und ruhig klang die Antwort »Ja ich glaub dir«
Die Tür ging auf aus der Küche hörte man das Krachen des Feuers und
Schipper trat ein »Wünsch guten Abend Herr Graf« Er begann den Tisch für das
Nachtmahl zu decken
Franzl strich mit der Hand übers Haar Nun hatte er die Antwort klar und
deutlich und doch gefiel sie ihm nicht Er stand noch eine Weile »No also «
sagte er als wäre alles in Ordnung und ging aus der Stube
Graf Egge sah ihm nach und als die Tür sich geschlossen hatte fragte er
den andern »Für wen deckst du«
»Für Sie Herr Graf und für uns«
»Ich esse allein«
Schipper machte eine Bewegung die eine entfernte Ähnlichkeit mit einer
Verbeugung hatte legte die zwei überzähligen Löffel wieder in die Tischlade
zurück und verließ die Stube
Draußen in der Küche saß Franzl auf dem Herd und starrte ins Feuer Als er
hinter sich den Schritt des anderen hörte sprang er auf
»Was willst« fragte Schipper mit der Harmlosigkeit einer sechzehnjährigen
Kranzjungfer
Es zuckte in Franzls Fäusten doch er wandte sich ab trat ins Freie und
setzte sich auf die Hüttenbank Sehnsüchtig guckte er zu den flimmernden
Lichtern des Himmels auf als könne er den Fall einer tröstenden Sternschnuppe
erwarten Da droben rührte sich nichts Die Weltordnung weigerte sich dem
HorneggerFranzl in dieser Nacht eine Gefälligkeit zu erweisen
Nach einer halben Stunde rief ihn Schipper zum Nachtmahl Er trat wohl in
die Küche doch statt sich zu der von Graf Egge halb geleerten Pfanne zu setzen
stieg er über die Leiter zum Heuboden hinauf
Schipper zitierte schmunzelnd das Sprichwort »Wer trutzt bei der Schüssel
schadt sich am Rüssel« Als er die Pfanne geleert hatte schmierte er Graf Egges
Bergschuhe mit besonderer Sorgfalt Da erschien sein Herr unter der Stubentür
»Du mir scheint dem Hirschmanndl wird d Nasen heiß«
Es zuckte freudenvoll über Schippers Gesicht als er den Dialekt dieser
Worte hörte ein sicheres Zeichen dass sich am Gewitterhimmel seines Herrn die
dunkelsten Wolken zu verziehen begannen Geschäftig rannte Schipper in die Stube
und unterzog den auf dem Bett liegenden Hund einer genauen Untersuchung
»Herr Graf da können S ruhig sein Dem Hirschmanndl fehlt net viel Wär
net übel wenn dös arme Hundl von der verfluchten Gschicht auch noch was haben
müsst Und weil wir schon grad reden davon Herr Graf da muss ich schon sagen «
»Halt dein Maul« fuhr ihm Graf Egge ins Wort »Die Kruck is da Gott sei
Dank Aber die Gschicht is mir heut den ganzen Tag im Kopf rumgangen Es ist die
reine Unmöglichkeit dass a fremder Mensch dem Bock die Krucken abgschlagen hat
Wenns also kein Fremder war so wars einer von euch zweien Aber wer Der
Franzl is an ehrlicher Narr ich kann ihm so was net zutrauen Wars also der
Franzl net so musst es du gewesen sein«
Schipper legte gekränkt die beiden Hände auf sein redliches Herz »Aber Herr
Graf «
»Halt dein Maul sag ich Ein Gauner bist du ja Aber ich bin dir doch
gestern gleich nachgstiegen Und heut in der Nacht kannst du doch auch net
aufgstanden sein Also wenn du der Heilige bist is wieder der ander der Lump
Ich kenn mich nimmer aus Und wenn ich scharfe Saiten aufziehen möcht so müsst
ich euch alle zwei zum Teufel jagen Was hab ich davon Der Franzl is ein Jager
wie ich weit und breit keinen find Und so wie du hat mir noch keiner meine
Schuh geschmiert so schlau wie du stellt sich keiner an wenns der Jagd zulieb
was zu vertuscheln gibt Was bleibt mir also übrig als dass ich fünfe grad sein
lass Aber eins merk dir Schipper der erste von euch zwei der mich ärgert
der fliegt Ohne Gnad und Pardon« Graf Egge griff nach seinem rechten
Schienbein
Schipper bot den Anblick eines Märtyrers der in der Arena steht und mit
stiller Ergebung den Löwen erwartet »Da kann ich mich nimmer verteidigen Da
bleibt mir nix übrig als dass ich mei Pflicht und Schuldigkeit tu und auf die
Stund wart wo der Herr Graf einsieht «
»Hör auf mit dem Gesäusel« brummte Graf Egge in Schmerz verzog er das
Gesicht und hob den Fuß auf einen Sessel »Herrgott Herrgott«
»Haben S wieder Schmerzen« Schipper war in die verkörperte Sorge
verwandelt »Jetzt legen S Ihnen aber gleich ins Bett« Mit beiden Händen zog
er seinem Herrn die Joppe herunter »Morgen müssen S wieder ordentlich beinand
sein Morgen schießen S drei vier Gamsböck und a paar gute Hirsch«
»Meinst du«
»Natürlich Da sorg ich schon dafür Aber jetzt nur gleich ins Bett«
Graf Egge ließ sich zur Matratze führen und trat mit dem kranken Fuß so
vorsichtig auf als wäre der Stubenboden mit Nadeln gespickt »Teufel Das wird
mir doch um Gottes willen net bleiben Aber macht nix s Jagen gib ich deswegen
net auf Wenn meine Füss nimmer mögen lass ich mich nauf tragen zum Gamsschiessen
So langs im Aug net fehlt is gar nix verloren«
Unter einem zärtlichen Wortschwall entkleidete Schipper seinen Herrn »So
jetzt haben S a paar Minuten Geduld nachher komm ich mitm Franzbranntwein und
mit die warmen Tücher« Er sprang in die Küche
Als er nach einer Weile seine Kur begann und das nackte Bein seines Herrn
unter den Händen hatte blickte Graf Egge zwinkernd auf ihn nieder
»Schipper Ich kann vieles verstehen Sag mir ehrlich Hast du dem Bock die
Kruck heruntergeschlagen«
Ohne das Frottieren auszusetzen fing Schipper zu lachen an »Jetzt hören S
aber auf So a Spassvogel wie Sie is auf der Welt meiner Lebtag noch nie net
dagwesen«
Graf Egge schwieg
Über den beiden zitterte die Stubendecke Dort oben auf dem Heuboden wälzte
Franzl sich in schlafloser Kümmernis von einer Seite auf die andere
Fußnoten
1 Puppe
11
Seit zwei Tagen hatte Forbeck von der ersten Helle des Morgens bis zum Einbruch
der Dämmerung mit glühendem Eifer gearbeitet Am dritten Abend war der Entwurf
des großen figurenreichen Bildes in Zeichnung und Farbe schon so weit gediehen
dass Tassilo als er für ein paar Worte bei dem Freunde vorsprach das Werk
dieser beiden Tage mit Staunen betrachtete »Ich hätte dieser Leinwand gegenüber
auf drei Wochen fleißiger Arbeit geraten Wie das schon redet«
»Daran hat mein Fleiß keinen Anteil« sagte Forbeck während in seinen Augen
doch die Freude glänzte »Ich habs gesehen und das arbeitet nun in mir und
springt heraus Ich komme mir dabei vor wie eine willenlose Maschine Meine Hand
bewegt sich und findet die Linien und Farben oft weiß ich selber nicht wie«
Tassilo legte ihm die Hand auf die Schulter »Echte Kunst hat keiner noch
gemacht Sie erschafft sich selbst Aber man sieht es Ihnen an die Maschine ist
warm gelaufen Ich habe noch eine Stunde Zeit wir wollen bummeln«
Als sei ein paar Minuten später über die steile Treppe hinunterstiegen
hörten sie aus der Stube die Stimme Malis die mit den Kindern spielte
»Müller Müller Sacki
Is der Müller net im Haus
Schloss vor Riegel vor
Werfen wir s Sackerl hinters Tor«
Zwei Kinderkehlen jauchzten in Freude und dazwischen klang das Lallen eines
dünnen Stimmchens
Als es dunkler Abend geworden war trennten sich Tassilo und Forbeck vor dem
Seehof
»Also morgen« sagte Tassilo »Und Ihrem Bild zuliebe hoff ich dass meine
Schwester ein feste Portion Geduld zur Sitzung mitbringen wird Sie war heute
ein wenig ärgerlich«
»Doch nicht über mich«
Tassilo lachte »Ja Und ich weiß gar nicht wieso der lustige Spatz
plötzlich so zeremoniös geworden ist Kitty hat es Ihnen übelgenommen dass Sie
nach dem Diner zwei Tage vergehen ließ ohne Ihre Karte abzugeben«
»Aber ich musste doch arbeiten über Hals und Kopf um den Entwurf so weit zu
bringen dass die Sitzung für mein Bild von Nutzen sein kann«
»Arbeit geht allem vor Ich habe Sie selbstverständlich mit Wärme
verteidigt und Fräulein Kleesberg hat mir dabei geholfen Sie haben an Tante
Gundi eine Eroberung gemacht Nützen Sie das nur gehörig aus denn die Zahl der
Sitzungen hängt weder von Ihrem künstlerischen Bedürfnis noch von der
wechselnden Laune meiner Schwester ab sondern von der Protektion die Fräulein
von Kleesberg Ihrem Werke angedeihen lässt Aber da kommt mein Boot Also morgen
auf Wiedersehen«
Tassilo ging zum Ufer und Forbeck stieg auf die Terrasse des Gastofes um
sich seitwärts von den besetzten Tischen ein einsames Plätzchen zu suchen Der
Gedanke an Kittys Ungnade verließ ihn nicht mehr er trug ihn mit nach Hause und
nahm ihn hinüber in die wirren Träume seines nach aller Arbeit müden Schlafes
Am anderen Morgen gegen neun Uhr kam der alte Moser in das Brucknerhaus
Tante Gundi hatte ihn geschickt um die »Malersachen« zu holen Forbeck übergab
ihm die Stafelei und den Farbenkasten die Leinwand trug er selbst um die noch
feuchten Farben vor Schaden zu bewahren Auf dem Wege nach Schloss Hubertus
schwatzte Moser unermüdlich und erzählte auf von der glücklichen Treibjagd die
Graf Egge am verwichenen Tage abgehalten drei gute Gemsböcke und zwei Hirsche
hätte man von der Hütte heruntergebracht »Dös is net schlecht für den ersten
Tag Aber hätt er mich droben gehabt so hätt er noch mehr gschossen«
Weitschweifig berichtete der Alte von den unglaublichen Jagderfolgen die sein
Herr ihm zu verdanken hätte
Als sie das Schloss erreichten stand Kitty am Teich und fütterte die
Forellen sie war gekleidet wie an jenem Nachmittag an dem das Gewitter sie
überrascht hatte Lächelnd warf sie als Forbeck näher kam den Rest des Brotes
ins Wasser und klopfte die Brosamen von den Handschuhen Forbeck lehnte achtsam
die Leinwand an einen Baum und trat auf Kitty zu das weiße Hütchen in der Hand
Er grüßte befangen »Ich habe die Tage her gearbeitet um mit dem Entwurf meines
Bildes vorwärtszukommen Verzeihen Sie mir wenn ich eine Unhöflichkeit begangen
habe«
Sie verstand nicht gleich dann wurde sie rot und lachte »Ach so Tas hat
wohl ausgeplaudert dass ich mich über Sie geärgert habe Stimmt Aber sehen Sie
mich nur nicht so erschrocken an Eigentlich hab ich das vor Tas nur gesagt
weil ich mir dachte er würde Ihnen bei Gelegenheit einen freundschaftlichen
Wink geben Ich nehme solche Dinge nicht sehr genau aber wissen Sie « dabei
nahm sie eine ernste Gönnermiene an »Ich sage das um Ihretwillen Tante Gundi
ist ungemein peinlich in allem was Form heißt Und wenn Sie oft und lange hier
malen wollen müssen wir sie bei guter Laune erhalten Nicht wahr das begreifen
Sie doch«
»Aber natürlich« stammelte Forbeck erleichtert aufatmend und als er im
gleichen Augenblick Fräulein von Kleesberg auf der Veranda erscheinen sah eilte
er ihr entgegen und küsste ihre runde rote Hand mit feierlicher Huldigung
Tante Gundi schien verwirrt und glücklich dabei war sie auch neugierig
durch Tassilo hatte sie bereits von den erstaunlichen Fortschritten des Bildes
gehört Forbeck holte die Leinwand und stellte sie auf den Stufen der Veranda in
gutes Licht Fräulein von Kleesberg brach in laute Bewunderung aus und Kitty
stand schweigend die großen Augen bald auf das Bild bald auf den jungen
Künstler gerichtet Um ihre Kunstkennerschaft war es mager bestellt Dennoch
empfand sie das Ursprüngliche und Hinreissende der jungen Kraft die aus diesem
Wirbel leuchtender Farben aus diesem Durcheinanderstürmen kühner Linien redete
Zögernd deutete sie auf ein in der Mitte des Bildes angedeutetes Figurenpaar
»Das soll ich und unser Franzl werden« Langsam blickte sie zu Forbeck auf der
schweigend nickte Da legte sich die Hand auf seinen Arm »Kommen Sie wir
wollen gleich anfangen«
Tassilo erschien und nun wanderten sie miteinander durch den Park damit
Forbeck für die Sitzung im Freien einen Platz mit geeigneter Beleuchtung wählen
könnte Neben einem der Kieswege fand sich ein kleiner Rasenfleck von Buchen
und Linden umstanden der grüne Grund überwebt von Lichtern und Schatten Hier
wurde die Staffelei aufgestellt und für Tante Gundi eine Gartenbank
herbeigetragen Einige Schwierigkeit bereitete es für Kitty einen etwas
erhöheren Sitz zu errichten auf dem sie ohne Unbequemlichkeit die für das Bild
nötige Stellung einzunehmen vermochte Auch dafür wurde Rat geschaffen Tassilo
brachte den großen Lehnstuhl aus der Kruckenstube in Vorschlag dessen
Seitenstütze den tragenden Arm ersetzen sollte Als Kitty ihr Plätzchen
eingenommen hatte kehrte Tassilo zu seiner Arbeit zurück und die Sitzung
begann Mit scheuer Achtsamkeit ordnete Forbeck an Kittys Kleid die Falten dann
trat er vor die im Schatten einer Linde stehende Leinwand während Tante Gundi
ihren Heise aufschlug Aber der Dichter kam bei ihr nicht zu seinem Rechte
Immer wieder sah sie über das Buch hing prüfend an den ihr halb zugewendeten
Zügen des jungen Künstlers verlor sich in Gedanken erwachte und versuchte
wieder zu lesen
Ein leises Flüstern ging durch das dem Welken schon nahe Laub der Bäume vom
Schloss ließ sich gedämpft das Plätschern der Fontäne hören und durch die
sanft atmende Sommerstille klang manchmal von der Ulmenallee der harte Schrei
eines Adlers
Kitty schwieg Auch Forbeck sprach nur selten ein paar Worte wenn er eine
kleine Änderung in der Haltung wünschte oder fragte ob Kitty ermüdet wäre
Lächelnd schüttelte sie immer das Köpfchen Sie hatte die Wange auf der Lehne
des Sessels liegen so dass ihre Augen gerade auf Forbeck gerichtet waren Mit
wachsendem Interesse beobachtete sie jede seiner Bewegungen wenn er von der
Leinwand zurücktrat um die Arbeit zu prüfen und dann wieder näher trat und die
flink schaffende Hand erhob Er schien bei der Arbeit ein anderer zu sein als
sonst alles Verlegene Unsichere war von ihm abgestreift ruhige Sicherheit lag
in seinem ganzen Wesen und sein schmales streng geschnittenes Gesicht war
verschönt Und wenn er den Blick hob um zu schauen war etwas Strahlendes in
seinen dunklen Augen Je häufiger Kitty diesem trinkenden Künstlerblick
begegnete desto heißer wurden ihre Wangen
Wohl begann auf die Dauer ihr Körper zu ermüden Dennoch wurde sie fast
unwillig als Tante Gundi endlich die Sitzung unterbrach um für Kitty ein paar
Minuten Erholung zu erwirken Man machte einen Schlendergang durch den Park und
blieb in der Ulmenallee vor dem Adlerkäfig stehen Kitty erzählte wie ihr Vater
einen dieser Vögel unter Flügelschlägen und Klauenhieben des den Horst
verteidigenden Weibchens aus dem Nest herunterholte und dabei merkte sie dass
Forbeck nicht zuhörte obwohl sein Blick immer an ihren Lippen an ihren Augen
hing »Sie sind wohl schon wieder bei Ihrem Bild« fragte sie lächelnd mitten
in der Erzählung abbrechend »Kommen Sie Ich habe schon genug geruht«
Wieder vergingen zwei stille Stunden und die Sitzung wurde erst
abgebrochen als auf dem Dach des Schlosses die Mittagsglocke läutete
»Ich darf Sie doch bitten mit uns zu speisen« sagte Tante Gundi Und Kitty
fiel ein »Natürlich Sie müssen bleiben«
Forbeck wurde verlegen Seine Hand war nicht müde er wollte die gute
Stimmung und den Rest des Tages benützen um auch mit den anderen Partien des
Bildes vorwärtszukommen Das brachte er stockend vor Kitty schmollte Es hatte
sich auch verdrossen dass er sie nach Schluss der Sitzung keinen Blick auf die
Leinwand werfen ließ »Sie sollen das Halbe nicht sehen« hatte er gesagt
Um so gnädiger wurde Forbeck von Tante Gundi entlassen und als er mit Moser
in der Ulmenallee verschwand sagte sie »Das gefällt mir Ein Mensch mit guter
Kinderstube Er hat von Aufdringlichkeit keine Spur an sich Und wie er an
seiner Arbeit hängt Ich sage dir Kind aus diesem jungen Menschen wird noch
was gib acht was Großes Er sieht nicht umsonst « Was sie weiter noch sagen
wollte verschwieg sie und streifte Kitty mit ängstlichem Blick
Schon in der Alle hatte Forbeck einen so stürmischen Schritt angeschlagen
dass Moser sich nur mühsam an seiner Seite zu halten vermochte Als sie das
Brucknerhaus erreichten und Mali den Farbenkasten und die Staffelei übernahm um
sie über die Treppe hinaufzutragen wischte sich der Alte den Schweiß vom
Gesicht und brummte »Der hat aber an guten Schritt Sakra Hinter dem möcht ich
net als Büchsenspanner auf die Berg umanand steigen« Aber seine Erschöpfung
schien jäh verschwunden als er draußen auf der Straße das »feine Lieserl«
vorübergehen sah »He Schatzerl« rief er und humpelte hastig zum Gatter »Wart
a bissl auf dein alten Spezi«
Lachend verhielt das Mädel den Schritt »Wo brennts denn Hast was Neus«
»Natürlich Mei alte Lieb Die is allweil wieder neu so oft ich dich
anschau«
»Geh du alter Narrenseppl«
Moser hängte sich vertraulich in den Arm des Mädels ein und kicherte
»Lieserl Jetzt kommen unsere jungen Grafen bald«
»Alle zwei« huschte es mit flinker Frage von den roten Lippen
»Alle zwei Wart wart wart Du bist mir aber eine« Moser kniff mit
Behagen in den runden Arm »Wenn der Herr Graf Robert allein kommen möcht mir
scheint dös tät dir net völlig taugen Was« Wieder rührte er die Finger und
diesmal so derb dass Lieserl kreischte
»Au Du verfluchter Kerl Hör doch auf mit deiner Zwickerei«
Es gelang dem Alten schwer die Zürnende zu versöhnen Schließlich lachte
sie aber doch wieder zu seinen Spässen Und als sie das Haus ihres Vaters
erreichte schieden die beiden als gute Freunde
So aufgeputzt wie Lieserl so schmuck und propre war das Haus das sie ihre
Heimat nannte In einem wohlgepflegten Gärtchen lag es einsam an der nach Schloss
Hubertus führenden Straße Rings um den Zaun dehnten sich die Wiesen jenseits
der Straße rauschte in tiefer Schlucht der Seebach und drüben begann der gegen
die Berge ansteigende Wald
Die Hauswand die von der Tür durchbrochen war schimmerte in weißem
Anstrich während die Giebelseite bis unter das Dach hinauf von dichtem
Weinspalier überwachsen war aus dem die kleinen Fenster hervorlugten wie Augen
aus einem bärtigen Gesicht Zwischen dem wirren Blätterwerk ein rotes Schild mit
der verblassten Inschrift »Sebastian Zauner Sattlermeister und Tapezierer«
Zu ebener Erde der Flur mit der schmalen steilen Treppe die Küche das
Wohnzimmer und die kleine Werkstätte im oberen Stock die beiden Schlafstuben
und eine Lederkammer
Als Lieserl in den Flur trat verzog sie das Näschen Der scharfe
Beizgeruch der alle Räume erfüllte war ihr ein Greuel Um ihn nicht auch am
eigenen Körper zu spüren hatte sie gelernt sich mit allen möglichen
Wohlgerüchen mit Rosen Nelken und Veilchengeist zu parfümieren auf dem
Fensterbrett ihrer Schlafkammer standen die Gläser in denen die Blüten mit
verdünntem Spiritus der »Sonnendestallazion« ausgesetzt waren
Die Wohnstube die das Lieserl betrat verriet in ihrer ganzen Ausstattung
dass der Zaunerwastl neben seinem Handwerk auch freie Künste trieb Spiegel
Geschirr Nähmaschine und Schwarzwälderuhr ausgenommen war alles zwischen
diesen Wänden ein Werk von Wastls Händen sogar der »altdeutsche« Kachelofen
Natürlich war die Stube »tapeziert« und hatte statt der üblichen Wandbank und
den dreibeinigen Stühlen hochgepolsterte Möbel von unterschiedlicher Stilart
Neben der Tür stand ein geschnitzter Schrank An der Wand hing eine Gitarre und
eine Violine zwischen geschnitzten Photographierähmchen und ausgestopften Vögeln
auf Postamenten aus Laubsägearbeit In jedem der beiden Fenster hingen vier
Vogelkäfige der eine wie ein Schloss geformt der andere wie eine Sennhütte der
nächste wie ein Schweizerhaus In diesen Käfigen befanden sich die
merkwürdigsten Maschinerien Treträder Schaukeltreppen Flaschenzüge mit denen
die Vögel schwierige Kunststücke ausführen mussten wenn sie zu Trank und Futter
gelangen wollten Auf der Plattform des Kachelofens stand ein Spielwerk neben
dem anderen die Schlange am Kreuz der Schmied beim Amboss der Scherenschleifer
mit seinem Stein der Kapuziner auf der Kanzel Jetzt im Sommer standen diese
Spielwerke still aber im Winter wenn vom geheizten Ofen die Wärme in die Höhe
strömte dann ringelte sich die Schlange um das Kreuz der Schmied hämmerte der
Scherenschleifer drehte den Stein und der Kapuziner schlug mit den Fäusten auf
die Kanzel wie bei der Osterpredigt
Inmitten der schreienden Unruhe dieser Stube saß die Zaunerin am Tisch
massig in die Breite gewachsen das einzig Feste in diesem Raum behaglich ihren
Kaffee verschluckend
»Grüß Gott Mutter«
Die Zaunerin nickte und ihre fettumpolsterten Äuglein hingen mit zärtlichem
Wohlgefallen an dem Mädel das zum Tisch trat und neugierig den Deckel der
Kaffeekanne hob
»Komm Herzerl setz dich her ich schenk dir gleich ein«
Lieserl zog einen Lehnstuhl zum Tisch
»Hast du die Stadtleut antroffen Hast die Hemden abgliefert Bist gleich
zahlt worden«
»Alles in Ordnung Es is leider bloß d Frau daheim gewesen Die handelt
allweil Statt vierzehn Mark hat s mir bloß zwölfe geben Wenn ich mitn Herrn
hätt reden können hätt ich achtzehn oder zwanzig kriegt« Das Lieserl lachte
»Mit die Herrn versteh ich mich aufs Reden«
»Ja Schatzerl halt dich nur an d Mannsbilder dös tragt allweil mehr«
Die Zaunerin gab einen Zuckerbrocken wie ein Kinderfäustchen so groß in
Lieserls Schale »Aber lang bist ausblieben«
»Ja der PointnerAndreas was sagst der hat mir den Weg wieder abpasst und
hat Augen gemacht wie a gstochener Gockel Ich sag dirs Mutter wann so a Trumm
Bauernlackel verliebt wird dös is zum Lachen«
»Bist aber doch freundlich gewesen«
»Ordentlich abfahren hab ich ihn lassen«
»Aber Herzerl« Die Zaunerin schüttelte missbilligend den grauen Kopf »Der
Andres is freilich a Trumm Aber der einzige Sohn und der Vater hat s schönste
Anwesen im Ort«
Lieserl leerte die Tasse »Mutter Für so an gscherten Bauernlümmel bin ich
mir zgut«
»Stimmt Herzerl Du bist für was Bessers geboren Aber man weiß net wies
geht in der Welt Drum sollst dir den Andres warm halten für den Fall Gott
bhüt dass nix Bessers kommt«
Lieserl lachte »Wird schon kommen Wer weiß vielleicht recht bald Und was
viel Bessers«
Das war so geheimnisvoll gesprochen dass die Zaunerin neugierig wurde »So
red doch Herzerl Deiner Mutter kannst dich anvertrauen«
»Na« Lieserl trat vor den Spiegel und zupfte an dem roten Seidenband das
um ihre Halskrause geschlungen war »Wenns einmal Zeit is zum Reden wird d
Mutter Augen machen«
Die Zaunerin brannte vor Neugier doch sie hörte vor dem Haus einen schweren
Schritt »Der Vater« Flink trug sie das Kaffeegeschirr hinter den Ofen während
Lieserl sich an die Nähmaschine setzte
Die Tür wurde aufgestoßen und Meister Zauner trat in die Stube eine nicht
allzu behäbige Gestalt mit einem gescheiten und gutmütigen Gesicht das aber
jetzt auf übel Wetter zeigte Ein paar Jährlein mochte er schon über die Fünfzig
haben Die klobigen Daumen und die von der Lederbeize violett gefärbten
Fingerspitzen verrieten sein Handwerk Im übrigen eine Figur so ähnlich wie
auf kleinen Teatern der verkommene Künstler geschildert wird mit karierter
Tuchhose in blusenartigem Janker eine langgedröselte Seidenbinde um den
Hemdkragen und mit einem breitkrempigen Filzhut der noch schwarz zu nennen war
aber schon in alle Farben hinüberschillerte Bei Meister Zauner war dieses
Äußere ein Widerspruch zum inneren Menschen Trotz der Genialität mit der er
fast ein Dutzend brotloser Künste betrieb war er ein tüchtiger fleißiger
Handwerker ein braver Kerl der nur den einen Kardinalfehler hatte dass er mehr
als zulässig unter dem Pantoffel stand nicht unter dem schweren Schlappschuh
seiner Frau sondern unter dem kleinen Pantöffelchen seiner einzigen Tochter
Zuweilen suchte er gegen diese niedliche Macht anzukämpfen Auch jetzt ließ
er deutlich merken dass die Kanone seines Zornes schwer geladen und auf Lieserl
gerichtet war Mutter und Tochter tauschten den verständnisvollen Blick der zu
Schutz und Trutz Alliierten »Grüß Gott Herr Vater« sagte Lieserl und setzte
die Nähmaschine in Gang deren hurtiges Geklapper das wirre Gezwitscher der
Vögel übertönte
Meister Zauner warf seiner zwar nicht besseren aber unleugbar gewichtigeren
Ehehälfte einen wütenden Blick zu und schleuderte seinen Hut auf das
Fenstergesims dass die vier Vögel dieser Nische erschreckt in alle Winkel ihrer
Käfige flatterten und sämtliche Maschinen in Bewegung setzten Dann ging er auf
den leeren Tisch zu Als säße der Gegenstand seines Zornes hier vor ihm so
bohrte er den gestreckten Zeigefinger gegen die Platte und schrie »Ich sags
zum letztenmal Wenn die Gschicht net bald an End nimmt gibts an ordentlichen
Spitakel Ich bin a guter Kerl Jung sein und lustig dös lass ich mir gfallen
Aber was ich alles hören muss is nimmer schön Wenn ich schon glauben will dass
d Hälft davon erlogen is es muss mir vor der andern Hälft noch grausen Wie
steh ich denn da wenn so was ins Schloss eini tragen wird Ich müsst vor der
gnädigen Herrschaft in Boden versinken vor lauter Schand Da schieb ich an
Riegel für Die Gschichten hören auf Oder es gibt an Spitakl
Himmelherrgottsakrament« Meister Zauner schlug die Faust auf die Tischplatte
trat zum Fenster legte die Hände hinter den Rücken und starrte auf die Straße
hinaus
Lieserl hatte die Nähmaschine gestellt und Stille war in der Stube Nur
einer der Vögel wagte ein schüchternes Gezwitscher Kopfschüttelnd blickte das
Mädel auf die Mutter »Was hat denn der Herr Vater«
»Was weiß denn ich« seufzte die Zaunerin auf der Ofenbank
Lieserl erhob sich »Aber Herr Vater Was is denn«
»Du wirst schon wissen was los is« schrie Meister Zauner ohne das Gesicht
zu wenden
»Ich« fragte das Mädel staunend »Der Herr Vater hat doch net am End mich
gmeint Da müsst ich aber bitten «
Gereizt fuhr Wastl Zauner auf die Tochter zu und hob ihr die Faust vor das
nette Näschen »Lieserl tu dich net föppeln mit mir«
»Jesses Maria« kreischte die Meisterin und schlug die Hände über dem Kopf
zusammen »Wie kann sich denn a Mensch so aufführen gegen sein einzigs Kind«
»Du sei still gelt Du bist schuld an allem Mit deiner ewigen Schöntuerei
Da muss sich s Madl freilich was einbilden und muss glauben sie kann treiben
was ihr taugt Du bist schuld ja du wenn sich s Madl auf d leichte Seiten
legt und unsern guten Nam in alle Mäuler bringt«
»Jetzt sag ich dir aber Wastl «
»Sei stad Mutter« Lieserl stellte sich kampfbereit zwischen Vater und
Mutter »Jetzt muss ich selber fragen was der Herr Vater eigentlich haben will
von mir«
»So« schrie Meister Zauner in die Stubenecke »Was is denn nachher dös
schon wieder mit dem jungen Stadterrn der im Seehof loschiert«
»Mit wem« Lieserl zog die Brauen in die Höhe »Ich weiß ja gar net wen der
Herr Vater meint«
»So Was hast denn mit ihm am Berg droben gemacht«
»Ich Am Berg droben Bsinnt sich der Herr Vater auf gar nix mehr Wer hat
denn gesagt Schau Lieserl vierzehn Tag bist bei der Arbeit gsessen schnauf
dich a bissl aus«
»No ja es is ja alles recht Aber muss man die sanitäre Rekerazion zu
solchene Sachen benützen«
»Solchene Sachen Was kann ich denn dafür dass mir der junge Springer
nachgstiegen is«
»Was kann denn s Madl dafür« fiel die Zaunerin ein »Sie hat halt s
Gfrett mit die Mannsbilder Hättst ihr an anders Gsicht verschafft Wenn einer
s Madl anschaut gfallts ihm halt«
Meister Zauner warf einen halb wütenden halb scheuen Blick auf das
appetitliche Figürchen seiner Tochter Das Argument seines Weibes schien ihm
einzuleuchten und er brummte ein paar unverständliche Worte
»Und weil wir grad schon reden« dozierte die Zaunerin »für was is denn a
Madl auf der Welt Die guten Heiraten tragt man heutigentags nimmer in der
Butten umanand Da muss sich a Madl umschauen Wenns dir nachging könnt s
Lieserl hinterm Ofen hocken und sitzenbleiben«
»Sitzenbleiben« grollte Meister Zauner »Deswegen braucht s net alle Tag a
Gspusi anfangen dass d Leut rebellisch werden Und wenns ihr ums Heiraten is
der PointnerAndres nimmt s Madl auf der Stell«
Lachend drückte Lieserl den Kopf in den Nacken und setzte sich zur
Nähmaschine
Als Meister Zauner den Rücken seiner Tochter sah wuchs ihm wieder der Zorn
Hinter Lieserls Stuhl mit dem Finger drohend überschrie er das Geklapper der
Maschine »Du Lachen tust mir net über n Andres Dös is kein Mensch mit dem
man seine Spassetteln macht Jede andre wär in d Haut eini froh wenn s den
Andres kriegen könnt«
»Wenn ihn s Lieserl aber net mag« fuhr die Zaunerin dazwischen
»Net mögen An Anwesen wie der Pointnerhof der seine hunderttausend Markln
wert is So was soll man net mögen Meinst net es wär gscheiter wenn dei
Tochter die Bäuerin auf der Point droben heißt als wenn d Leut von ihr sagen
s feine Lieserl Himmelkreuzteufel noch amal Da könnt einer aus der Haut
fahren« Meister Zauner stapfte in seine Werkstatt hinaus und schmetterte hinter
sich die Tür zu dass unter den Tapeten der Mörtel bröselte
»Fein benimmt sich der Herr Vater« sprach Lieserl lächelnd auf den
Hemdärmel nieder den sie durch die Maschine gleiten ließ
Die Zaunerin beugte sich über die Schulter ihres hübschen Kindes und
flüsterte mit Vorsicht »Was den Andres betrifft hat er net so unrecht weißt«
»Jetzt erst recht net Grad mit Fleiß Jetzt leg ich alles drauf an dass mir
meine heimlichen Gedanken nausgehn Glück hab ich noch allweil gehabt Und
kommts wie ich denk da wirds erst recht was zreden geben im Ort Da freu
ich mich drauf« Unter vergnügtem Kichern beugte sich Lieserl über die Arbeit
Das Mutterherz der Zaunerin fieberte vor Neugier »Schatzerl wie kannst
denn so zruckhalterisch sein vor der Mutter Hast doch kei bessere Freundin im
Leben Geh sag mir was los is«
Lieserl schüttelte das Köpfl ließ die Maschine klappern und gab keine
weitere Audienz
12
Am folgenden Morgen musste Tassilo um Forbecks Geräte nach Schloss Hubertus
bringen zu lassen seinen Diener schicken weil der alte Moser über Hals und
Kopf zu schaffen hatte Es war eine neue Wildsendung von der Jagdhütte
eingetroffen vier Gemsböcke und drei Kapitalhirsche und da musste Moser die
Geweihe von den Schädeln sägen und die Verfrachtung des Wildbrets überwachen
Das war eine Arbeit die den Alten noch heiterer stimmte als eine Begegnung mit
dem »feinen Lieserl« Laut rumorte er im Zwirchgewölbe umher sang ein
Schnaderhüpfl um das andere und hielt lachende Ansprachen an das tote Wild
Seine Stimme klang bis zu dem von Licht und Schatten überzitterten Rasen auf
welchem Kitty ihr Plätzchen wieder eingenommen hatte und Forbeck vor der
Leinwand stand während Tante Gundi mit dem Buch auf der Bank saß Schon ein
paarmal hatte Fräulein von Kleesberg unwillig nach der Richtung geblickt in der
das Wirtschaftsgebäude lag sie fürchtete dass die konfuse Dudelei des Alten
den Künstler stören könnte Doch Forbeck schien kein Ohr zu haben und war nur
Auge für Kitty und sein Bild es hatte sogar den Anschein als käme das letztere
bei dieser Teilung zu kurz denn je häufiger er die Blicke von der Leinwand hob
desto länger hafteten sie an dem holden Bild des Lebens manchmal tief atmend
schüttelte er den Kopf als vertrüge vor seinem eigenen Urteil das künstlerische
Abbild an dem er schaffte nicht den Vergleich mit der schönen Wirklichkeit
Kitty die still und geduldig wie ein Mäuschen saß gewahrte die Unruhe die ihn
befiel und als er wieder einmal den Rücken der Hand an die glühende Stirn
presste fragte sie leise »Herr Forbeck «
Tante Gundi ließ das Buch sinken
Da knirschten Schritte auf dem Kiesweg Der alte Moser erschien
hemdärmelig die nackten Arme bis über die Ellbogen mit Blut besudelt ein paar
rote Fingerstriche im lachenden Gesicht und in den Händen das frisch abgesägte
Geweih eines Zwölfenders
»Ich bitt meine lieben Herrschaften so was muss man anschauen« rief er und
hob das Geweih »So an Hirsch hat der Herr Graf schon lang nimmer gschossen Dös
is einer der noch aus meiner Zeit übrigblieben is«
Tante Gundi schalt »Aber Moser Sind Sie verrückt Wie können Sie sich
einfallen lassen in solchem Aufzug vor Damen zu erscheinen Wie ein Mörder
Gehen Sie mir aus den Augen Flink«
»Jesus Maria« brummte der Alte erschrocken und wandte sich zur Flucht
Hinter den Büschen blieb er kopfschüttelnd stehen »Und da gibts Menschen auf
der Welt die für so a Gweih kein Sinn haben Man sollts net glauben
Natürlich Frauenzimmer Da fehlts weit«
Gundi von Kleesberg vermochte sich lange nicht zu beruhigen Der »grässliche
Anblick« war ihr auf die Nerven gegangen und was aus ihrem Ärger herausredete
war nichts weniger als ein Lobgesang auf die Jagd Graf Egge wäre dabei übel
weggekommen hätte nicht Kitty gemahnt »Aber Tante Gundi«
Von den dreien schien Forbeck der einzige dem die Störung willkommen und
von Nutzen gewesen Er war ruhiger geworden und arbeitete mit gleichmässigem
Eifer Dann plötzlich kam es wie stürmische Ungeduld in seine Hand alles an
seinem Wesen war freudige Hast
Tante Gundi machte große Augen »Herr Forbeck Was haben Sie denn«
»Sehen Sie nur die Beleuchtung« stammelte er ohne die Arbeit zu
unterbrechen »Wie das Haar an der Schläfe schimmert Und die Wange Wie das im
Schatten noch leuchtet Das muss ich haschen«
Stille Minuten vergingen Dann trat er von der Leinwand zurück mit einem
stockenden Atemzug wie nach gewaltsamer Anstrengung die Freude verzerrte ihm
fast das Gesicht »Ich glaube ich habs«
Gundi Kleesberg rauschte zur Staffelei Auch Kitty machte eine Bewegung als
wollte sie aufspringen Das gewahrte Forbeck und mit glücklichem Lächeln sagte
er »Wollen Sie sehen« Sie kam herbeigeflogen während Tante Gundi dem jungen
Künstler schon ein wortreiches Loblied sang Schweigend das Gesicht von
glühender Röte übergossen stand Kitty vor dem Bild dann blickte sie zögernd zu
Forbeck auf und sagte mit einer Stimme in der ihre Freude sich verriet »Sie
haben aber sehr geschmeichelt«
Er sah sie mit leuchtenden Augen an und Gundi Kleesberg übernahm die
Antwort »Aber nein Kind Genau so war es Unglaublich wie Herr Forbeck das
getroffen hat Dieser Duft Dieser Sonnenschimmer« Das sprudelte so weiter
Forbeck wurde verlegen gab neue Farben auf die Palette und wandte sich an
Kitty »Darf ich bitten nur noch ein Viertelstündchen für das Kleid ehe das
Licht sich ändert«
Sie eilte zum Lehnstuhl um ihre Stellung wieder einzunehmen
Aus dem Viertelstündchen wurde eine lange Stunde rastloser Arbeit Forbeck
war so vertieft in Schauen und Schaffen dass er die Schritte Tassilos überhörte
der gegen Mittag kam ein offenes Blatt in der Hand seine Augen blickten noch
ernster als sonst als er einen Blick auf die Leinwand geworfen hatte legte er
die Hand auf die Schulter des jungen Künstlers »Ja lieber Freund Werner wird
seine Freude haben an dieser Arbeit« Eine Weile stand er in die Betrachtung des
Bildes versunken dann trat er auf die Kleesberg zu und ohne die Verwirrung zu
gewahren die sein zu Forbeck gesprochenes Wort in ihr hervorgerufen hatte
reichte er ihr das offene Telegramm und sagte zu seiner Schwester »Robert und
Willy kommen heute nachmittag«
Jubelnd sprang Kitty auf und wollte zu Gundi Kleesberg hinüber Auf halbem
Wege stand sie erschrocken still sah Forbeck an und ein Schatten glitt über
ihr Gesichtchen Auch Forbeck war erregt schien die Sitzung für beendet zu
halten und schloss den Farbenkasten
Inzwischen besprach Gundi Kleesberg ein bisschen konfus mit Tassilo alle
nötigen Vorbereitungen man musste einen Wagen zu der eine Stunde entfernten
Bahnstation schicken und die Träger für den Aufstieg zur Jagdhütte bestellen
der nach Graf Egges Anordnung schon am kommenden Morgen erfolgen sollte
Seufzend griff sie an ihre Stirn und zappelte davon ohne sich von Forbeck zu
verabschieden
Tassilo hatte eine tiefe Furche zwischen den Brauen Und Kitty schien die
Sprache verloren zu haben Forbeck nahm die Leinwand von der Staffelei und
verhüllte sie Dann gingen sie langsam zum Schloss hinüber Als sie den Teich
erreichten fragte Tassilo »Haben Sie jetzt was Sie brauchen oder ist noch
eine Sitzung nötig«
Scheu blickte Kitty zu Forbeck auf der die Antwort schwer zu finden schien
»Ich glaube dass ich mit dem was ich habe zurechtkommen werde Auch darf ich
nicht unbescheiden sein«
»Unbescheiden Ihr Bild soll nicht leiden Morgen bei dieser Unruhe im Haus
aber vielleicht übermorgen Ich will mit der Kleesberg sprechen Wenn Ihnen
Fritz nach Tisch Ihre Sachen bringt schick ich Nachricht«
Forbeck vermochte nur mit einem Blick zu danken die Kehle war ihm wie
zugeschnürt Ohne die Augen zu heben verneigte er sich vor Kitty Tassilo
begleitete ihn zur Ulmenallee als sie in den Schatten der Bäume traten sagte
er »Sie haben es gut Sie können vor Ihrem wachsenden Werke stehen und kein
Gedanke stört Ihnen das Glück Ihres Schaffens«
Forbeck nickte als wäre an dieser Tatsache nicht zu zweifeln
»Aber ich« Tassilo blickte gegen die Berge »Ich werde um mein Glück ein
böses Jagen haben Da droben«
Kitty war beim Teiche stehengeblieben und während sie den beiden mit den
Augen folgte streckte sie die Hand in den kühlen Regen der Fontäne Sie sah
wie Tassilo und Forbeck voneinander Abschied nahmen als gält es eine Trennung
für lange Ein leiser Schauer rieselte ihr über die Schultern sie zog die Hand
zurück und trocknete sie mit dem Tuch
Als sie bei Tisch erschien fragte Gundi Kleesberg befremdet »Kind was ist
dir«
»Mir Nicht das geringste Vielleicht die Ungeduld Ich kann es kaum
erwarten bis Robert und Willy kommen«
»Willst du mit zur Bahn fahren«
Tassilo fiel hastig ein »Da muss ich abraten« Er sprach von der staubigen
Straße von der drückenden Hitze Kitty merkte gleich dass es eine Ausflucht
war und grübelte »Weshalb will er mich daheim behalten«
Die Kleesberg hatte ein weniger feines Ohr »Vielleicht bist du auch etwas
ermüdet« sagte sie »Die Sitzung hat heute lange gedauert wir haben keine
Pause gemacht Ich weiß nicht wie ich das übersehen konnte Freilich Herr
Forbeck war in so prächtiger Arbeitsstimmung Aber wenn er übermorgen
wiederkommt «
»Übermorgen« Nach diesem flinken Wort kam der zögernde Zusatz »Noch eine
Sitzung«
»Ja Kind das kleine Opfer musst du bringen« mahnte Gundi Kleesberg
mütterlich »Tassilo sagte das wäre im Interesse des Bildes notwendig Wir
dürfen dem Gedeihen eines so schönen Werkes kein Hindernis in den Weg legen«
Tassilo sah die Kleesberg an und lächelte Kitty zuckte nur die Schultern
Ihre Laune besserte sich überraschend
Nach dem Diner als man zur Veranda ging hängte sich Kitty an den Arm des
Bruders »Tas Ehrlich Warum willst du mich daheim haben«
»Komm zu mir hinauf wenn Gundi ihr Schläfchen macht und du wirst es
erfahren«
Auf der Veranda nahm Tassilo den gewohnten Platz nicht ein Stehend leerte
er die Kaffeetasse raffte die Zeitungen zusammen nickte einen Gruß und
verschwand
»Was hat er denn« fragte die Kleesberg verwundert
Kitty antwortete sehr ernst »Er hat bis spät in die Nacht gearbeitet heute
wieder den ganzen Vormittag und wird ruhen wollen Es ist schwül heute Eine
drückende Luft Nimm auch du keine Rücksicht auf mich Wenn du müde bist «
»Ja gutes Herz ich danke dir«
Kaum die Kleesberg verschwunden war huschte Kitty lautlos über die Treppe
hinauf und trat mit erregter Spannung in das Zimmer ihres Bruders
»Da bin ich Tas«
»Komm« Er zog sie an seine Brust »Ich habe mit dir zu reden«
»Von mir«
»Nein Von deinem Bruder Tas«
Nun atmete sie auf und lachte »Du bist ja ganz feierlich«
Er streichelte ihr Haar »Ich habe dich lieb Und ich weiß du hängst auch
an mir Drum möchte ich dir eine unbehagliche Überraschung ersparen Komm Ich
will dir etwas zeigen« Er führte sie zum Schreibtisch zog sie auf seinen Schoss
und öffnete eine Lade »Sieh dir einmal dieses Bild an« dabei reichte er ihr
ein kunstvoll ausgeführtes Pastell in braunem Plüschrahmen
Das Porträt einer jungen Dame Noch ehe Kitty das Bild genauer betrachtet
hatte dämmerte in ihr eine Ahnung Sie jubelte »Tas Du wirst doch nicht «
Er lächelte »So schau dir das Bild doch an«
Der Reiz des Geheimnisses erfasste sie Schauernd bewegte sie in seligem
Vergnügen die Schultern »Wie entzückend wie schön Der sanfte Mund und die
wundervollen Augen « Da stutzte sie »Aber Tas Du Das ist doch Fräulein
Herwegh vom Hofteater Natürlich Das ist sie Ich hab sie schon dreimal
gehört Zuletzt als Fides im Propheten Ich war außer mir vor Wonne Und geheult
hab ich dass Tante Gundi wütend zu puffen anfing« Kitty lachte Mitten im
Lachen brach sie ab und wurde ernst »Fräulein Herwegh ist eine große
Künstlerin Aber was mich damals so tief ergriff dass ich meinte es zerdrückt
mir das Herz denke Tas in der großen Szene zwischen Fides und ihrem Sohn da
ging es mir plötzlich durch den Kopf ob nicht Mama so ausgesehen haben könnte
wie Fräulein Herwegh als Fides«
In Freude hatte Tassilo den sprudelnden Worten der Schwester gelauscht nun
furchte sich seine Stirn schwer atmend schüttelte er den Kopf
Kitty hielt das Bild im Schoss lehnte die Wange an die Schulter des Bruders
und sah ins Leere »Es war ein Unglück für mich dass ich Mama so früh verlieren
musste Je älter ich werde desto schmerzlicher fühl ich das Und wenn ich an
Mama denke ist alles leer vor mir Ich sehe nichts« Sie hob das Köpfchen und
sah dem Bruder in die Augen »Tas Es ist doch eigentlich ganz unverständlich
dass wir von Mama kein Bild haben weder hier in Hubertus noch in München«
Tassilos Stimme schwankte »Mama wollte sich niemals malen lassen« Fester
schlang er den Arm um Kitty »Aber ich habe dir doch die Mutter schon sooft
geschildert«
»Wie schön sie war und wie gut ja Tas Aber ich sehe sie nicht Wenn ich
mir eine Vorstellung von ihr zu machen suche schwimmt mir alles Ich sehe das
Haar die Augen aber kein Bild das ich mit dem Herzen festhalten könnte Das
ist in mir eine unstillbare Sehnsucht Sooft ich eine Dame sehe deren
Erscheinung mich anzieht geht es mir heiß durch das Herz vielleicht hat Mama
so ausgesehen Das war auch damals so als ich Fräulein Herwegh in der Rolle der
Fides sah Diese schöne stille Größe « Verstummend betrachtete Kitty das Bild
Plötzlich glitt es wie Schreck über ihre Züge und sie stammelte »Aber Tas Wie
kommt denn dieses Bild zu dir«
»Fräulein Herwegh hat es mir geschenkt«
»Sie Dir Kennst du sie denn«
»Seit drei Jahren«
»Und davon hast du nie gesprochen« Dem Lächeln des Bruders gegenüber
steigerte sich ihre Verwirrung »Und das Bild Dass sie dir das Bild gab Das muss
doch einen Sinn haben«
»Den errätst du nicht«
»Tas« Ohne das Bild aus der Hand zu lassen schlang Kitty den Arm um den
Hals des Bruders
»Ich liebe sie Und Anna liebt mich wieder Wie es kam Das ist eine stille
Geschichte Weißt du das rechte Glück ist nie eine komplizierte Sache Da fällt
ein Same in ein Menschenherz Niemand weiß wer ihn streute Er wächst und du
fühlst es nicht In guter Stunde kommt der helfende Sonnenstrahl dazu und der
Keim ist eine Blume geworden mit Duft und Farben Das ist mein ganzer Roman
Ich verehrte Anna schon als Künstlerin bevor ich sie persönlich kennenlernte
Die erste Begegnung hatte ich mit ihr an jenem Tag an dem ich als Konzipient
bei Doktor Neurot eintrat Er war ihr Anwalt Als er mir seine Kanzlei übergab
wurde Anna meine Klientin Da hatte ich Gelegenheit ihren lauteren Charakter
kennenzulernen ihr tiefes Gemüt auch die schöne Häuslichkeit in der sie mit
Mutter und Schwester lebt Wir glaubten Freunde zu sein und wussten nicht dass
wir uns liebten«
Regungslos hatte Kitty gelauscht Nun fragte sie flüsternd »Wie kam es dass
ihr euch gefunden habt«
Tassilo lächelte »Du wirst enttäuscht sein wenn ich es dir erzähle Es war
im Frühjahr Da bat sie mich eines Tages um meinen Besuch Ich sah dass die
Zeilen in erregter Hast geschrieben waren und ließ alle Arbeit liegen So kam
ich zu ihr und erfuhr sie hätte einen glänzenden Antrag der Wiener Oper
erhalten müsse sich innerhalb eines Tages entscheiden und bäte mich um meinen
Rat Mir fuhr es an die Kehle dass ich keine Silbe herausbrachte Sie sah mich
betroffen an und so standen wir eine Weile wortlos voreinander Dann las ich
den Vertrag wir besprachen alle Verhältnisse der neuen Stellung und aus
ehrlichem Gewissen musste ich ihr raten den Kontrakt zu unterzeichnen Lange saß
sie schweigend dann faltete sie den Vertrag zusammen und verschloss ihn Wir
plauderten noch über alle möglichen Dinge dabei saß sie auf dem Stuhl vor dem
offenen Flügel und griff zuweilen mit einer Hand ein paar Akkorde Plötzlich
brach sie mitten im Worte ab und begann zu spielen «
»Und sang«
Er nickte »Ein kleines Liedchen von Schumann Jasminenstrauch«
»Ich kenne das Lied« Zwei Tränen schimmerten an Kittys Wimpern während sie
leis die Verse flüsterte
»Grün ist der Jasminenstrauch
Abends eingeschlafen
Als ihn mit des Morgens Hauch
Sonnenlichter trafen
Ist er schneeweiß aufgewacht
Wie geschah mir in der Nacht
Seht so geht es Bäumen
Die im Frühling träumen«
Ein tiefer Atemzug schwellte ihre junge Brust und die Tränen rollten von
ihren Lidern
»Dieses Liedchen sang sie Dann ließ sie die Hände in den Schoss fallen Und
ohne das Gesicht nach mir zu wenden sagte sie Ich habe mich besonnen ich gehe
nicht nach Wien Eine Antwort fand ich nicht Aber ich umschlang sie und küsste
ihren Mund«
»Ach du Glücklicher Du Glücklicher«
»Ja Ich habe das Glück gefunden und will es halten Anna wird meine Frau
Willst du ihr gut sein«
»Gut sein Nur gut sein Tas Ich werde ja närrisch vor Freude« Sie
erstickte den Bruder fast mit Küssen Plötzlich richtete sie sich auf und glitt
von seinem Schoss Ihr Gesichtchen hatte alle Farbe verloren »Tas ums Himmels
willen Papa Hast du denn schon mit ihm gesprochen«
Tassilo erhob sich »Noch nicht Das soll dieser Tage geschehen droben in
der Jagdhütte«
Verstört blickte sie zu ihm auf »Herr du mein Gott Lieber lieber Tas
Das wird böse Geschichten absetzen«
»Das fürchte ich« sagte er ruhig
Leidenschaftlich als hätte sie um das eigene Glück zu kämpfen fasste sie
die Hand des Bruders »Sei mutig Tas Dann wirst du es durchsetzen Das bist du
deiner Liebe schuldig Und wie es auch kommen mag ich halte zu dir Fest« Mit
beiden Armen umklammerte sie seinen Hals »Ach Tas ich habe dich so furchtbar
lieb«
Er nahm ihr zuckendes Gesichtchen zwischen die Hände »Ich danke dir Ja
kleiner Spatz du hast mich lieb Ich wusste dass du dich für mich entscheiden
würdest Ebenso wie ich weiß dass die anderen gegen mich sein werden«
»Nein Tas Denke nicht gleich das Allerschlimmste Ich sage dir was Nimm
das Bild mit hinauf in die Hütte Wenn Papa das Bild sieht oder noch besser
Tas Grüble dir einen Vorwand aus suche Papa zu einer Fahrt nach München zu
bewegen mach ihn mit Anna bekannt «
Tassilo schüttelte den Kopf »Ich kenne den Vater besser Mit einem solchen
Versuche würde ich Anna nur einer Demütigung aussetzen Könnt ich mir von einer
Bewegung Gutes versprechen so wäre die Fahrt nach München nicht notwendig Anna
ist mit ihrer Mutter und Schwester hier im Dorfe«
»Tas Und das sagst du mir erst jetzt« stammelte Kitty in Freude »Führe
mich zu ihr Ich bitte bitte Ich muss sie kennenlernen Ich muss Nicht wahr du
erfüllst meine Bitte Heute noch Jetzt Sieh nur Tas wir können keine bessere
Stunde finden Die Gundi schnarcht und Papa ist in der Hütte droben es ist
also absolut unmöglich dass ich irgend jemand um Erlaubnis frage Komm Tas
komm Was später sein wird wissen wir alle beide nicht aber heute können wir
noch tun was wir wollen Ich bitte dich Tas«
»Ja Schatz wir wollen gehen Und ich will ehrlich sein Ich hoffte dass du
diese Bitte stellen würdest Für Anna wird es eine Freude sein wenn ich dich
bringe und ihr sagen kann dass es dein freier Wunsch war«
»Tas« jubelte Kitty »In fünf Minuten bin ich fertig« Selig auflachend
huschte sie davon
Nach wenigen Minuten erschien sie wieder mit heißen Wangen und strahlenden
Augen Sie hatte sich »schön« gemacht genau so schön wie für jenes Diner zu
welchem Forbeck geladen war
Arm in Arm wanderten die Geschwister durch die Ulmenallee an dem Käfig
vorbei in dem die Adler auf den Stangen saßen die Raubvögel bewegten die
Köpfe als das Paar vorüberschritt und die durch keine Gefangenschaft zu
zähmende Wildheit ihrer Rasse funkelte in den scharfen Augen einer von ihnen
knappte mit dem Schnabel und zog die Fänge an dass die Stange knirschte
13
Vor dem Seehof füllte ein Gewirr von Menschen und Wagen den sonnigen Landeplatz
Schiffe kamen und gingen und aus dem See heraus tönten die Echoschüsse
Tassilo trat mit der Schwester in eine Schiffshütte Hier bestiegen sie das
Boot Kitty fasste die Steuerschnüre aber sie war so wenig bei der Sache dass
Tassilo immer wieder mit dem Ruder die Ablenkung des Bootes korrigieren musste
Auf einem hinter den Villen gegen den Wald führenden Promenadenweg gewahrte er
zwei Damen und erkannte Frau Herwegh mit ihrer jüngeren Tochter Schon fürchtete
er auch Anna nicht zu Hause zu finden die Klänge eines Flügels die immer
deutlicher hörbar wurden je mehr sich der Nachen dem Villenufer näherte
beruhigten ihn Kitty wandte keinen Blick mehr von dem unter Bäumen halb
versteckten Landhaus und die gedämpften Klänge schienen ihre Erregung noch zu
steigern als der Nachen an der Steintreppe anlegte war sie in einer Stimmung
als sollte sie ein verwunschenes Schloss betreten Sie klammerte sich an den Arm
des Bruders dass er lächelnd fragte »Hast du Angst« Tief atmend schüttelte sie
das Köpfchen und ließ sich führen
Während die beiden den kleinen Garten durchschritten gesellte sich zu den
Tönen des Flügels der Gesang einer Altstimme wie der Klang einer Glocke
»Bleib ich bitte dich« stammelte Kitty »lass mich hören«
»Das hörst du in der Nähe besser«
Sie traten in den Flur der Villa und geräuschlos öffnete Tassilo eine Tür
Kitty hatte kein Auge für den Raum Zitternd stand sie und ihr Blick hing an
der schönen mit vornehmer Schlichteit gekleideten Mädchengestalt die der Tür
den Rücken wendend vor dem Flügel saß In tiefer Bewegung lauschte Kitty und
wie ein flinkes Hämmerlein schlug ihr das Herz Was sie fühlte war nicht nur
der Reiz des Augenblickes nicht nur das scheue Mitempfinden am Glück des
Bruders Ihre junge Seele hatte in diesen Tagen einen Samen empfangen der still
zur Blüte trieb und in dieses ihr selbst noch unbewusste Fühlen klangen die
Worte des Mendelssohnschen Wiegenliedes das Anna Herwegh sang
»Schlummre und träume von kommender Zeit
Die sich dir bald muss entfalten
Träume mein Kind von Freud und Leid
Träume von lieben Gestalten
Schlummre und träume von Frühlingsgewalt
Schaue das Blühen und Werden
Horch wie im Hain der Vogelsang schallt
Liebe ist Himmel auf Erden
Heut ziehts vorüber und kann dich nicht kümmern
Doch wird dein Frühling auch blühen und schimmern
Bleibe nur fein geduldig
Bleibe nur fein geduldig«
Tassilo war hinter Annas Stuhl getreten und als das letzte Wort des Liedes
mit den verklingenden Akkorden wie ein leiser Hauch erlosch legte er die Hände
auf ihre Schultern
Sie hob die Augen »Du« Und lächelnd streckte sie die Arme nach ihm
Er küsste das schimmernde Haar »Ich habe dir einen Gast gebracht«
Annas Blick huschte zur Tür und erschrocken sprang sie auf
Mutig machte Kitty einen Schritt und begann zu stammeln »Mein Bruder erst
heute hab ich kaum weiß ich wie ich Ihnen meine Freude « Da gingen ihr die
Worte wieder aus Ein paar Sekunden stand sie hilflos mit schwimmenden Augen
dann plötzlich unter Lachen und Weinen flog sie auf Anna Herwegh zu und
umschlang sie
Um die gleiche Stunde öffnete Gundi Kleesberg in Schloss Hubertus Tür um Tür
»Kitty Kitty« Ihre Stimme klang durch das ganze Haus nur Fritz erschien der
auf Tante Gundis erregte Frage keine Antwort wusste Die Entdeckung dass auch
Tassilo mit Hut und Stock verschwunden war beruhigte sie einigermaßen und
weckte in ihr die Vermutung dass Kitty mit ihrem Bruder dem Wagen eine Strecke
entgegengegangen wäre
Im Laufe des Nachmittags traf Roberts Stallbursche mit zwei Reitpferden in
Hubertus ein und gegen sechs Uhr abends rollte der offene Jagdwagen mit den
beiden Brüdern durch die Ulmenallee heran Willy ein neunzehnjähriger Fähnrich
glich im Schnitt der Züge auffallend seiner Schwester nur die Gestalt war
derber und erinnerte in den breiten Schultern an den Vater heiße Farbe lag auf
dem fröhlichen Gesicht aus dessen Augen der Übermut und das junge Leben
lachten die kurzen Spitzen des kleinen Bärtchens standen scharf von der
Oberlippe ab man sah ihnen an dass sie mit Ungeduld gepflegt und gezogen
wurden Schon als der Wagen in das Parktor lenkte sprang Willy auf rief mit
hallender Stimme den Namen der Schwester und reckte den Kopf um durch das
Gewirr der Äste zu spähen Vor einem der niederhängenden Zweige duckte er sich
wankte im schaukelnden Wagen und trat etwas unsanft auf den glänzenden
Lackstiefel seines Bruders
»So bleib doch sitzen du Fex und trample nicht anderen Menschen auf den
Füßen herum«
»Na sei gut ich war ja nicht lange droben« tröstete Willy lachend
Robert stäubte ärgerlich mit dem duftenden Taschentuch den Stiefel ab und
saß wieder in gemessener Ruhe die eine Hand auf dem Korb des Säbels den er
zwischen den Beinen stehen hatte in der anderen die Zigarette Er trug die
Uniform der Ulanen das dunkle Grün hob seine elegante Gestalt und mit
Akkuratesse saß die Mütze auf dem tadellos frisierten Kopf Neben dem unruhigen
Leben des Bruders erschien Robert wie die Verkörperung jener Langeweile die
sich als selbstbewusste Vornehmheit zu geben weiß Einem schärferen Blick entging
es nicht dass diese stilvolle Ruhe nur Kostüm war Es zuckte um die grauen
Augen und etwas Nervöses lag in der Art wie er beim Einatmen des
Zigarettenrauches die Unterlippe zwischen die Zähne zog Auch sonst noch
erzählte dieses Gesicht von mancherlei Dingen es war frostig wie das Gesicht
eines Menschen der eben aus dem kalten Bad gestiegen Die Ähnlichkeit mit
Tassilo war unverkennbar aber obwohl Robert um vier Jahre jünger war schätzte
man ihn älter als den Bruder
Vor der Veranda erwartete Fräulein von Kleesberg den Wagen und in
angemessener Entfernung stand die Dienerschaft in Reih und Glied Fritz Moser
die alte Beschliesserin die noch ältere Köchin zwei übertragene Jungfern und
Roberts Stallbursche in Uniform
»Tante Gundi Tante Gundi« rief Willy und winkte mit beiden Händen »Aber
wo ist denn die kleine Maus Und den gestrengen Herrn Doktor seh ich auch
nicht« Es fiel ihm nicht ein nach dem Vater zu fragen Dass Graf Egge droben in
der Jagdhütte saß war eine selbstverständliche Sache
Robert verließ als erster den Wagen und dehnte die Beine als wäre er vom
Pferd gestiegen Mit vorschriftsmässiger Höflichkeit küsste er die Hand der
Kleesberg und nickte der Dienerschaft einen kaum merklichen Gruß zu Gundi
stotterte in Sorge die Frage ob Kitty und Tassilo dem Wagen nicht begegnet
wären Aber sie kam damit nicht zu Ende Willy umarmte sie mit stürmischem Jubel
und drückte ihr zwei schallende Küsse auf die Wangen dass er weiße Lippen und
Tante Gundi zwei rote Flecken bekam »Na also Tantchen da wären wir Und geben
Sie mal acht wie ich Ihnen die Kour schneiden werde Natürlich nur zu meiner
Übung Der Leutnant wird nicht lange mehr auf sich warten lassen und bis dahin
muss ich ferm sein Tantchen Übung macht den Meister« Wieder umarmte er sie
»Ich warne Sie Fräulein« fiel Robert ein zwischen den Zähnen eine frische
Zigarette die er in Brand steckte »Der Junge weiß in solchen Dingen zwischen
Scherz und Ernst nicht zu unterscheiden Wenn er ein paar Zöpfe wittert und
Sie haben doch noch welche das macht ihn toll« Er wandte sich an seinen
Stallburschen »Sind die Pferde gut untergebracht«
»Zu Befehl Herr Graf«
»Davon will ich mich selbst überzeugen Vorwärts« Er folgte dem Burschen zu
den Ställen
Auf den Wangen der Kleesberg brannte die Röte der Empörung durch den Puder
Mühsam raffte sie ihre ins Wanken geratene Würde zusammen und da der
eigentliche Missetäter ihrer Entrüstung entzogen war spiesste sie den lachenden
Fähnrich auf »In aller Güte lieber Graf Willy aber ich muss Ihnen bemerken
dass ich derartige Scherze mehr als unschicklich finde Wenn sich Ihr Vater
zuweilen solche Späße in der Lederjoppe erlaubt lass ich mir das mit Rücksicht
auf Kitty gefallen und schweige «
»Aber Tantchen Seien Sie doch gemütlich« Willy versuchte der Zürnenden die
Wange zu streicheln
»Ich bin sehr gemütlich Aber alles hat seine Grenze lieber Graf Willy
Deshalb möchte ich Ihnen wie Ihrem Bruder bemerken «
Gundi Kleesberg verstummte weil Willy mit langen Sprüngen davonrannte
»Kitty Kleine süße Maus Da bist du ja« Er breitete die Arme nach der
Schwester aus die mit Tassilo in der Ulmenallee erschienen war
Kitty lief ihm entgegen er umarmte und küsste sie mit burschikoser
Zärtlichkeit und schwang sie im Kreis dass sie eine Weile mit den Füßchen nicht
auf die Erde kam Als er sie niedersetzte machte er staunende Augen »Nanu
Schatz Was ist denn aus dir in diesen acht Tagen geworden Die Luft in Hubertus
wirkt ja Wunder Na sieh mal wie sich das Ding gestreckt hat Und die Augen
die sie macht«
Kitty atmete tief und ohne zu antworten blickte sie auf Tassilo zurück
der langsam herbeikam Aus ihr redeten noch die Eindrücke der vergangenen
Stunden und ihre Augen hatten einen träumerischen Glanz Als sie bemerkte dass
Willy keine Miene machte den Bruder zu begrüßen flüsterte sie hastig »Wenn du
mich lieb hast so bitte ich dich sei freundlich mit Tas«
Willy stutzte »Freundlich Weshalb denn nicht Ich habe durchaus keine
Ursache kühl gegen ihn zu sein wenn er es nicht gegen mich ist«
»Er ist nicht kühl am allerwenigsten gegen seine Geschwister Das sag ich
dir denn ich weiß es Nur ernst ist er Und verstanden will er sein«
»Na meinetwegen« Die Hand streckend ging Willy auf den Bruder zu »Guten
Abend lieber Tas Ich freue mich herzlich Eine famose Sache dass wir alle mal
wieder so nett beisammen sind Das ganze Nest von Hubertus«
»Grüß dich Gott lieber Willy« Tassilo fasste die Hand des Bruders »Dein
Aussehen macht mir Freude und lässt mich hoffen dass du dich wieder völlig wohl
fühlst«
»Ohne Sorge Ich habe mich wieder flott auf den Damm geschwungen«
»Warst du denn krank« fragte Kitty erschrocken
Er wurde ein bisschen verlegen »Ach Gott bewahre So ne harmlose
Erkältung nicht der Rede wert Wie weggeblasen Weißt du das war nur so « Er
begann eine Geschichte zu erzählen von einem Marsch bei »scheusslichem« Wetter
und von einem unvorsichtigen Trunk dabei dämpfte er die Stimme und zog die
Schwester aus Tassilos Nähe
Das war überflüssige Vorsicht Tassilo nahm dem Boten der die Abendpost
brachte die Zeitungen und Briefe ab Rasch überflog er die Adressen Eine war
mit plumper Hand geschrieben »Ann den hochgebohrnen Dogtor Graffen Dasilo Ekke
Senefeld« Tassilo schien die Schrift zu kennen »Einen Augenblick« rief er dem
Boten zu der sich schon wieder zum Gehen wandte und erbrach den Brief
Kitty hatte Willys wortreiche Geschichte schweigend angehört und streichelte
ihm zärtlich die Wange »Da darfst du wirklich von Glück sagen dass du mit dem
Schreck davongekommen bist Du siehst wieder aus wie das Leben Jetzt sei
vernünftig und halte dich«
»Na das versteht sich Man wird älter und vernünftiger weißt du«
»Aber wo bleibt denn Tas« Sie sah sich nach dem Bruder um und hörte ihn zum
Postboten sagen »Ich werde gegen acht Uhr einen Expressbrief schicken und lasse
den Herrn Expeditor bitten mir zu Gefallen eine Ausnahme zu machen und den
Brief noch anzunehmen er muss mit der nächsten Post noch abgehen oder ich müsste
ihn direkt zur Bahn schicken«
Kitty wurde unruhig und ging auf Tassilo zu »Hast du eine unangenehme
Nachricht erhalten«
»Nein Schatz Ein armer Teufel den sie im vergangenen Sommer zu drei
Jahren verurteilen mussten ist auf Grund seiner tadellosen Führung begnadigt
worden Ich hab ihn damals verteidigt Nun hat er mich in München aufgesucht
und nicht gefunden Er ist ratlos niemand will ihm Arbeit geben Aber er muss
eine Stelle finden die ihn leben lässt Und ich hoffe ihm eine solche
verschaffen zu können Verzeihe Schatz aber die Sache hat Eile« Er nickte der
Schwester zu und ging rasch davon
»Was hat er denn« fragte Willy
»Er muss einen Brief beantworten Eine sehr ernste Angelegenheit«
Willy lachte »Ernst ernst ernst Das ist ja dein zweites Wort Sag mir
nur du kleine Maus was ist denn nur mit dir Wer dich ansieht möchte dich für
eine Dame nehmen und wer dich hört für eine Gouvernante«
»Scherze nicht Ich fangen endlich an den Ernst des Lebens zu verstehen
Aber komm jetzt wollen wir zu Robert« Sie nahm Willys Arm und ließ ihn wieder
fahren um fliegenden Laufes ihren Bruder Tassilo einzuholen Bei der Veranda
erreichte sie ihn und schlang die Arme um seinen Hals »Sie ist entzückend Tas
ich liebe sie wahnsinnig« flüsterte sie küsste ihn aufs Ohr und rannte lachend
zu Willy zurück
»Erlaube mir Maus du benimmst dich mit ihm das ist geradezu sonderbar«
Es klang aus diesen Worten eine Regung brüderlicher Eifersucht
Kitty wurde rot Das Geheimnis das sie vor Willy verbergen musste machte
sie glücklich aber auch ein wenig schuldbewusst »Er ist so herzensgut«
»So Das bin ich wohl nicht«
»Natürlich Du auch«
Der leere Jagdwagen fuhr im Bogen um das Schloss herum und aus dem Flur
klang die Stimme der Kleesberg die das Schicksal des Gepäckes überwachte Der
alte Moser der seinen Anteil an dieser Arbeit bereits erledigt hatte näherte
sich den beiden Geschwistern mit dem Hut in der Hand
»Wo ist denn mein Bruder Robert« fragte Kitty
»Im Stall Fräuln Kontess«
Während Kitty davoneilte blieb Willy vor dem Alten stehen und klopfte ihn
auf die Schulter »Na Moserchen wie haben wir überwintert«
»Net schlecht Herr Graf Wie an alter Has der die warmen Platzerln kennt
Aber dös muss ich schon sagen Herr Graf völlig verdrossen hats mich dass der
Herr Graf den alten Moser so lang mit keim Gruß beehrt haben Ja völlig
verdrossen hats mich Und ich hab mich so viel auf den jungen Herrn Grafen
gefreut«
»Aber Moserchen wer wird denn gekränkt sein Wir waren doch immer gute
Freunde und das bleiben wir auch«
Der Alte lachte geschmeichelt und drehte den weißen Schnurrbart »Herr Graf
für Ihnen geh ich noch allweil durchs Feuer Kein bessern Freund haben S fein
net als mich«
»Natürlich Und jetzt legen Sie mal los Moserchen was gibts denn Neues in
und um Hubertus«
»A guts Jahr heuer ja Der gnädig Herr Graf droben schießt ein Hirsch und
ein Gamsbock um den andern Es kracht nur allweil so Und den ganz alten Bock
den mit der sakrischen Kruck den hat er jetzt endlich auch beim Zipfl erwischt
Den Freudensprung möcht ich gsehen haben den er gemacht hat Ja a saubers Jahr
heuer Die Gams sind gut im Wildbret und die Hirsch haben teuflische Gweih
auf« Ein lustiges Kichern unterbrach den bedächtigen Bericht »Und d Leut
haben sich auch net schlecht ausgwachsen heuer Gwisse Leut« Der Alte zwinkerte
mit den Augen
Willy wusste den Sinn dieser Anspielung nicht zu ergründen
»Spitzen werden S Herr Graf grad spitzen wenn Sie s Lieserl
wiedersehen«
»Lieserl« Willy schüttelte den Kopf seine Erinnerung ließ ihn im Stich
»Aber Herr Graf Vor mir brauchen S Ihnen net verstellen Sie wissen schon
wen ich mein Unser Zaunlieserl können S doch net vergessen haben«
»Das Lieserl Richtig das Lieserl« Es dämmerte in Willys Gedächtnis und
lachend zupfte er an seinem Bärtchen
»Ja Herr Graf gleich anbeissen möcht man So lieb is der kleine Schniegel«
»Da bin ich wirklich neugierig Und sag mir Moser « Willy brach ab da er
Kitty und Robert um die Ecke des Schlosses kommen sah Er klopfte den Alten auf
die Schulter und sagte mit verwandelter Stimme »Brav Moserchen das freut
mich dass Sie noch immer so rüstig sind Morgen steigen wir miteinander hinauf
zur Hütte Das soll eine lustige Jagd werden« Lachend reichte er ihm die Hand
zum Abschied und bummelte den Geschwistern entgegen
Robert schien übler Laune und Kitty war erregt Mit beiden Händen hielt sie
seinen Arm umspannt und sah flehend zu ihm auf »So tu es mir zuliebe ich bitte
dich Robert Geh hinauf zu ihm und sag ihm einen Gruß«
»Das ist alles recht lieb und niedlich von dir Aber jeder nach seiner Art
Ich kann es in aller Gemütsruhe abwarten bis ich Gelegenheit finde Herrn
Doktor Egge einen vergnügten Abend zu wünschen«
»Aber Robert«
»Ich müsste mir auch einen Vorwurf daraus machen wenn ich ihn bei seiner
humanen Beschäftigung stören wollte« Mit hoheitsvoller Entschiedenheit löste
Robert den Arm nahm eine frische Zigarette und trat ins Haus
Trauernd sah Kitty ihm nach Willy legte den Arm um ihre Schulter »Zwischen
den beiden fängt wohl die alte Geschichte schon in der ersten Stunde wieder an
Na ich habe meine Schuldigkeit getan Und du sei klug liebe Maus und mische
dich nicht in Dinge die du nicht ändern kannst Komm wir beide wollen
zusammenhalten und lustig sein Jetzt machen wir einen Hetzbummel durch den
Park Das trainiert den Hunger bis es läutet« Lachend zog er die Schwester mit
sich fort
Kittys trübe Stimmung wollte sich nicht aufhellen sosehr sich Willy auch
alle Mühe gab die Schwester fröhlich zu machen Er ließ alle Schnurren los die
ihm einfielen kopierte drollig den alten Moser die Gundi Kleesberg und seinen
Bruder Robert stellte sich in der Haltung berühmter Statuen auf die Felsblöcke
und Baumstümpfe schwang sich als Windfahne um die Laternenpfähle und war so
harmlos ausgelassen wie ein guter lustiger unverdorbener Junge der aus dem
Seminar in die Ferien kam und sich der ersten freien Stunde freut
Ein paarmal zwang er wohl die Schwester zum Lachen doch es kam ihr nicht
von Herzen Und schließlich schien es ihr willkommen zu sein dass sie mahnen
konnte »Es wird spät wir wollen ins Haus zurück«
»Na meinetwegen« murrte Willy »Du hast heute einen Humor ein Igel ist
dagegen der reine Seidenpinsch«
Da klang durch das Torgitter eine freundliche Mädchenstimme »Recht guten
Abend Fräuln Kontess Guten Abend auch Herr Graf«
Hurtig drehte Willy auf dem Hacken herum sah ein hübsches Gesicht durch die
Eisenstäbe schimmern und ein schmuckes halb städtisch gekleidetes Figürchen
hinter der Mauer verschwinden
»Wer war das«
Kitty blieb stehen »Wer«
»Das Mädchen das uns grüßte«
»Ich weiß nicht ich habe nichts gehört«
Willy stand unschlüssig Zögernd folgte er der Schwester und dann griff er
mit beiden Händen an seine Taschen »Verwünscht Jetzt hab ich meine
Zigarettendose verloren Geh nur ins Haus ich komme gleich« Immer wieder an
die Taschen greifend folgte er einem seitwärts zwischen die Büsche führenden
Pfad hinter einer Biegung blieb er stehen und als er den Schritt der Schwester
auf der Veranda hörte rannte er zum Parktor Lautlos öffnete er das Gitter und
trat auf die Straße über deren Staub sich schon der Tau des dämmernden Abends
legte Er konnte sie weit übersehen fast hinunter bis zu Meister Zauners Haus
Aber die Straße war leer »Natürlich« schmollte er wie ein Kind dem der Wunsch
nach einem Spielzeug versagt wurde Schon wollte er misslaunig den Rückweg
antreten als ihm einfiel dass das Mädel nach der entgegengesetzten Richtung
gegangen wäre Wohin Da draußen lag ein vereinzeltes Bauernhaus der Mooshof
Was konnte das junge Ding so spät am Abend da draußen zu schaffen haben Während
er noch stand und grübelte tauchte das Mädel an der Biegung der Parkmauer auf
Vergnügte Neugier sprang aus Willys Augen und er stellte sich in
erwartungsvolle Positur die eine Hand in der Tasche die andere am Bärtchen
Mars der Siegende
Das Mädel schien ihn bereits gewahrt zu haben und schlängelte sich als wäre
ihr vor dieser Begegnung ein bisschen bang auf die andere Strassenseite
Lächelnd verfolgte Willy dieses vielsagende Manöver Wohl spann schon die
Dämmerung ihre grauen Schleier doch immerhin vermochte er die Kommende noch
einer erfolgreichen Musterung zu unterziehen »Ei sieh mal an Moserchen hat
nicht übertrieben Der kleine Käfer vom vergangenen Sommer hat sich ganz
allerliebst ausgewachsen«
Nun ging sie an ihm vorüber nickte zutraulich einen stummen Gruß und
blickte auf die Seite um ihr vergnügtes Lächeln zu verstecken Willy machte ein
paar flinke Sprünge guckte in ihr kokettes Grübchengesicht und drohte mit dem
Finger »Lieserl Lieserl Ein so junges hübsches Kind wie du sollte so spät am
Abend nicht mehr allein auf der Straße sein«
Sie blitzte ihn mit den dunklen Augen an und schmunzelte doch gleich wieder
zeigte sie ein ernstes Gesicht und sagte hochdeutsch und selbstbewusst »Ich
fürchte mich nicht Herr Graf Ich weiß mich nötigenfalls schon zu verteidigen«
»So« Er lachte »Und wo kommst du denn so spät noch her«
»Mein Herr Vater hat mich mit einer Botschaft zum Mooshof geschickt Der
Mooshofer ist mir begegnet und hat mir den halben Weg erspart Aber ich bitte
Herr Graf ich muss nach Hause Wünsch guten Abend« Sie machte einen nicht übel
gelungenen Knicks versuchte das Lächeln zu unterdrücken und setzte sich langsam
in Gang
Willy blieb an ihrer Seite »Hör Lieserl das ist ein großes Unrecht von
deinem Herrn Vater dass er dich so spät noch fortschickt Denk nur was dir
alles passieren kann Da ist es meine heilige Ritterpflicht dich unter meinen
Schutz und Schirm zu stellen« Er wollte ihren Arm nehmen doch kichernd wich
sie vor ihm zurück
»Aber Herr Graf Was denken Sie nur Sie und ich Wenn das die Leute sehen
würden«
»Geh du Närrlein Erstens sieht es kein Mensch und zweitens würde ich mich
den Teufel darum kümmern« Willy haschte ihren Arm und gab ihn nicht mehr frei
Lieserl sträubte sich auch nicht allzusehr »Und vor mir wirst du doch keine
Angst haben Wir sind doch schon im vergangenen Sommer gute Freunde geworden
Ja Lieserl ich habe viel und oft an dich gedacht Und heute bei meiner Ankunft
in Hubertus war die Frage nach dir das erste Wort das ich mit Moser gesprochen
habe«
Lieserl blinzelte ungläubig »Ist das auch wahr Herr Graf«
»Natürlich« versicherte er und drückte ihren runden Arm an seine Brust
»Ich kann dir gar nicht sagen wie sehr ich mich freue dass ich dir begegnet
bin gleich am ersten Abend«
»Ja das ist wirklich merkwürdig ein solcher Zufall« Kichernd versteckte
sie das Gesicht
»Und du Lieserl ehrlich hast du auch manchmal an mich gedacht«
Die Antwort ließ auf sich warten Endlich sagte Lieserl diplomatisch »Das
ist aber ein bissl viel gefragt Herr Graf Man muss nicht alles wissen«
Willy wurde warm »Wirst du gleich antworten du Schnabel du niedlicher«
Mit flinkem Griff umschlang er ihre Hüfte »Heraus mit der Sprache Hast du an
mich gedacht oder nicht« Er presste das Mädel fest an sich
Nun war es mit Lieserls Hochdeutsch zu Ende »Aber ich bitt Herr Graf sind
S doch gscheit«
»Heraus mit der Sprache«
Da klang vom Zaunerhäuschen der Ruf einer Männerstimme »Lieserl Lieserl«
»Jesus Maria der Vater« stotterte das Mädel und versuchte sich
loszureißen
Willy hielt mit dem rechten Arm fest fing mit der linken Hand das hübsche
Köpfl ein und verschloss das Stottermäulchen mit einem Kuss der nicht unerwidert
blieb
»Aber Sie sind einer« schmollte Lieserl als sie nach längerer Dauer ihre
Freiheit gewann und hurtig surrte sie davon während Willy lachend den
Strassengraben übersprang und sich in die Buchenbüsche drückte
Von Hubertus klang mit bimmelndem Hall die Tischglocke Dem Fußweg neben der
Straße folgend begann Willy zu laufen immer schneller Fast atemlos erreichte
er das Parktor und rannte durch die dunkle Ulmenallee Als er den freien Platz
vor dem Schloss erreichte befiel ihn plötzlich ein krampfhafter Hustenreiz
Taumelnd stützte er sich an einen Baum und drückte das Taschentuch auf den Mund
Als der Anfall vorüber war trat er langsam auf den offenen Platz hinaus
über den die erleuchteten Fenster ihre Helle warfen Vor der Veranda blieb er
stehen streifte mit dem Zeigefinger über die Lippen und untersuchte das
Taschentuch »Ach Unsinn« murmelte er und nahm mit einem Sprung die drei Stufen
der Veranda
Im Speisezimmer fand er Kitty Gundi Kleesberg und Robert bereits beim
Souper Tassilos Platz war noch leer Als Willy eintrat fragte die Schwester
»Hast du sie gefunden«
Der Doppelsinn dieser Frage machte ihn lachen »Natürlich Das hat keine
große Mühe gekostet« Er nahm seinen Platz ein und rieb vergnügt die Hände
Während des Soupers trug er die Kosten der Unterhaltung kramte alle Neuigkeiten
der Residenz aus und sprach mit bedenklichem Eifer dem Glase zu Das bemerkte
Robert und räumte schließlich dem Bruder unter einem mahnenden Blick die
Weinflasche aus dem Bereich der Hände Willy schien die Bedeutung dieses Blickes
zu verstehen wohl zuckte er ärgerlich die Schultern doch ließ er sich die
Sache schweigend gefallen Für ein paar Minuten war seine Laune gedämpft dann
sprudelten seine Worte wieder wie ein munteres Brünnlein Der Erfolg den er
damit hatte war allerdings ein zweifelhafter Robert aß nervös und schien nicht
zu hören Kitty blieb zerstreut und Gundi Kleesberg hüllte sich in die
schweigende Würde der Beleidigten Bei der fliegenden Revue die Willy über die
Sensationen der letzten Wochen hielt kam auch der Teaterklatsch an die Reihe
Trotz Tante Gundis räuspernder Unruhe erzählte er von einer Duellaffäre in die
der Name der ersten Solotänzerin verwickelt wäre Und dann wandte er sich an die
Schwester
»Weißt du auch schon das Allerneueste Das muss dich besonders interessieren
Du schwärmst ja für die Herwegh«
Erschrocken blickte Kitty auf und fühlte die brennende Röte die in ihre
Wangen stieg
»Denke dir die Herwegh geht von der Bühne ab Das ist ein großer Verlust
Sie hat doch eine ganz phänomenale Stimme und ist eine Künstlerin ersten
Ranges«
»Ja das ist sie« fiel Kitty streitaft ein »Und ich verehre sie sosehr
ich dulde unter keinen Umständen dass in meiner Gegenwart auch nur ein einziges
unfreundliches Wort über Anna Herwegh gesprochen wird«
»Aber Mäuschen was hast du denn« lachte Willy »Ich sage doch nur das
Beste von ihr Eine wirkliche Künstlerin Dazu noch jung und schön Dagegen hab
ich doch wahrhaftig nichts einzuwenden Ich wollte nur sagen dass dieser
plötzliche Abschied eine sehr rätselhafte Sache ist Niemand weiß «
»Fräulein Herwegh wird ihre triftigen Gründe haben«
»Höre Maus da hast du eine kolossale Weisheit ausgesprochen Aber auf
diese Gründe ist man eben neugierig Gestern brachten die Zeitungen ellenlange
Artikel begeisterte Würdigungen der scheidenden Künstlerin Lamentationen über
den unersetzlichen Verlust Natürlich vermutet man dass sie heiraten wird Aber
wen Eine Zeitung hat auf den Träger eines hocharistokratischen Namens
angespielt Ich möchte wissen wer damit gemeint ist«
»Zeitungsgewäsch« sagte Robert »Wenn hinter dem Gerücht ein Funken
Wahrheit steckt haben wir nicht die geringste Ursache neugierig zu sein Es
heißt sie soll sich in ihrer zehnjährigen Bühnenkarriere ein hübsches Vermögen
gemacht haben Und es gibt leider Menschen die mit solchen Dingen rechnen und
dabei eine Krone im Schnupftuch tragen Sie wird sich nach bekanntem Muster ein
verkrachtes Halbblut gefischt haben das sich rangieren will«
»Weißt du gewiss ob sich die Sache so verhält« fragte Kitty mit vor
Erregung erwürgter Stimme
»Aber kleine Maus« staunte Willy
»Antworte mir Robert«
Langsam hob Robert die kalten Augen »Die Kleine ist komisch Wie kommst du
denn überhaupt dazu in solchen Dingen mitzusprechen«
In Kittys Augen blitzte der Zorn »Ich verstehe wohl nicht viel von dem was
ihr beide als Anständigkeit und guten Ton betrachtet Aber ich meine man sollte
von einer Dame nicht in solcher Weise sprechen Am allerwenigsten wenn man
nichts anderes vorzubringen weiß als eine grundlose beleidigende Vermutung«
Die beiden Brüder machten verblüffte Gesichter und Gundi Kleesberg schien
wie auf Kohlen zu sitzen Willy fand zuerst wieder die Sprache die Sache begann
ihn zu belustigen »Sieh mal einer den kleinen Naseweis Wahrhaftig Maus an
dir ist ein Gymnasialprofessor verlorengegangen«
Robert schloss einen Moment die Augen als hätte er ein Gähnen zu
unterdrücken »Du hast wohl heute zuviel Schiller gelesen Was Na sei gut
kleiner Schäker Du wirst wohl noch in die vernünftigen Jahre kommen in denen
man dir nicht näher auseinanderzusetzen braucht dass solchen du sagtest Dame
nicht wahr dass solchen Damen gegenüber die generelle Erfahrung jede
Spezialgewissheit ersetzt Also beruhige deinen echauffierten Idealismus Dass
einer unserer guten Namen bei der Sache kompromittiert werden könnte brauchst
du nicht zu befürchten Wer Vollblut ist weiß solchen Damen gegenüber immer die
Grenze des Zulässigen zu wahren So was liebt man unter Umständen aber das
heiratet man nicht«
Kitty erblasste »Ich hoffe Robert du hast nicht deine eigene Meinung
ausgesprochen Denn was du da gesagt hast ist eine Niedrigkeit«
»Aber Maus« stotterte Willy und seine Augen hefteten sich in unbehaglicher
Sorge auf den Bruder
Robert legte das Besteck auf den Tisch dass es klirrte Mit einem wahrhaft
olympischen Blick seiner kalten Augen musterte er die Schwester »Es scheint dir
einigermaßen das Verständnis für das zu fehlen was du sprichst« Er wandte sich
an die Kleesberg »Ich meine Sie sollten die Sprachübungen der Kleinen einer
etwas schärferen Kontrolle unterziehen«
Da riss bei Tante Gundi der langgezogene Faden der Geduld Langsam legte sie
das Haupt zurück ein Zeichen ihrer tiefsten Empörung »Erstens bin ich nicht
die Gouvernante mit der Sie mich zu verwechseln belieben Zweitens wenn ich
auch Kittys unbedachte Worte nicht begreife so verstehe ich doch ihre
begründete Missbilligung eines Gespräches das vor zarten Ohren nicht am Platz
erscheint am allerwenigsten vor dem Ohr einer jüngeren Schwester«
Robert strich die Serviette über den Schnurrbart erhob sich blickte aus
unnahbarer Höhe auf die Kleesberg herab und steckte an der Lampe eine Zigarette
in Brand »Na viel Vergnügen« Er zog sich ins Billardzimmer zurück
Willy setzte die Fäuste in die Hüften und schmollte »Aber hört Kinder das
ist doch mehr als ungemütlich«
Gundi Kleesberg warf ihm einen strengen Blick zu und Kitty saß schweigend
mit Tränen in den Augen
Als Fritz das Dessert servierte erhob sich auch Willy »Ich mache noch
einen Bummel«
Im Speisezimmer blieb es still Tante Gundi flüchtete sich mit ihrem Buch in
einen Erker und Kitty saß mit aufgestützten Armen einsam am Tisch während im
Zimmer nebenan die Billardbälle klapperten Als Tassilo endlich erschien flog
ihm Kitty entgegen und schlang mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit die Arme um
seinen Hals »Komm nur« stammelte sie »ich leiste dir Gesellschaft« Sie zog
ihn zum Tisch und drückte auf die Glocke Schon wollte Tassilo seinen Platz
einnehmen als er das Geklapper der Billardbälle hörte Einen Augenblick zögerte
er dann schritt er dem anstoßenden Zimmer zu er sah nicht dass Kitty eine
Bewegung machte als wollte sie ihn zurückhalten
Robert salbte gerade den Stock als Tassilo eintrat
»Verzeih ich habe bis jetzt nicht Gelegenheit gefunden dich zu begrüßen
Wie geht es dir«
»Danke gut« Robert legte die Kreide nieder und blies über die
Fingerspitzen »Und dir«
»Ich bin zufrieden«
»Schön Das hör ich gern« Robert musterte die Stellung der Bälle er legte
den Stock und zielte lange Es war ein schwieriger Stoß
Tassilo kehrte in das Speisezimmer zurück und während des Soupers das
Fritz ihm nachservierte bediente ihn Kitty wie ein Mütterchen den
Lieblingssohn der nach langer Trennung die erste Mahlzeit wieder am
heimatlichen Tisch genießt
14
Spät am Abend kam Franzl von der Jagdhütte herunter ins Dorf Auf den Armen trug
er den Hund den er dem Tierarzt zur Pflege übergeben sollte Hirschmanns
Befinden hatte sich bedenklich verschlimmert Als Franzl an Meister Zauners Haus
vorüberschritt hörte er leises Kichern aus dem Garten und sah das »feine
Lieserl« mit einem jungen Manne beisammenstehen der sich in die dunklen Büsche
drückte als möchte er nicht erkannt werden Dem Jäger war es als sähe er die
Knöpfe einer Uniform blinken »Schau jetzt hat sie sich wieder an Urlauber
aufzwickt«
Er hätte sein Haus auf kürzerem Weg erreichen können Eine sehnsüchtige
Hoffnung veranlasste ihn zu weitem Umweg Aber als er am Bruckneranwesen
vorbeiging sah er den Hofraum leer und alle ebenerdigen Fenster dunkel nur aus
dem großen Fenster der Giebelstube fiel der strahlende Schein einer Lampe und
manchmal glitt über die erleuchteten Scheiben ein schlanker Schatten als
schritte jemand unermüdlich in dem Stübchen auf und nieder Seufzend wanderte
Franzl davon
Vor der eigenen Haustür musste er eine Weile warten Seine Mutter war schon
schlafen gegangen Erschrocken kam sie auf sein Klopfen und öffnete seit ihres
Mannes Tod erschrak sie immer wenn man zu ungewohnter Stunde an ihre Tür
pochte
»Bub Du Jesus Maria was is denn gschehen«
»Nix Gar nix Grüß dich Mutter« Franzl zeigte ihr den kranken Hirschmann
als Ursache seiner späten Heimkehr Das beruhigte die Horneggerin nicht Die
scharfen Augen ihrer Sorge entdeckten den strengen Zug im Gesicht ihres Buben
Aber Franzl wusste hundert beruhigende Ausreden Schließlich flüchtete er sich in
sein Stübchen und verließ am andern Morgen vor der Dämmerung das Haus mit dem
Hund auf den Armen Er weckte den Nachbar ließ das Bernerwägelchen einspannen
und kutschierte zur Bahnstation wo der Tierarzt wohnte Schweren Herzens
trennte Franzl sich von dem Hund der ein jämmerliches Gewinsel begann als er
in das »Spital« gesperrt wurde und den Jäger verschwinden sah
Um die neunte Vormittagsstunde war Franzl wieder im Dorf Gegen elf Uhr
sollte er mit den jungen Herren den Aufstieg zur Jagdhütte antreten So blieben
ihm zwei freie Stunden die er gut benützen wollte Diesmal schlug ihm seine
Hoffnung nicht fehl Warme Freude überglänzte seine abgehetzten Züge als er das
Bruckneranwesen erreichte und Mali mit dem Netterl auf der sonnigen Hausbank
sitzen sah Schon von der Straße rief er dem Mädel einen Gruß entgegen Mali
wurde rot und nickte dem Jäger schweigend zu als hätte ihr die Freude über die
unerwartete Begegnung die Rede verschlagen Franzl kam und reichte ihr die Hand
Mali zog ihn auf die Bank warf einen scheuen Blick über Hof und Straße und
sagte flüsternd »Red nur gleich Bist wieder in Ordnung mitm Herrn Grafen
Hast ehrlich gredt«
»Alles hab ich ihm gesagt«
»Da muss ja alles wieder gut sein«
»Wie mans nimmt Ins Gsicht hat er mir freilich gesagt Ich glaub dirs
Aber die ganzen Tag her bei der Jagd und in der Hütten hab ich allweil merken
müssen dass ers richtige Zutrauen nimmer hat«
»So was von Ungerechtigkeit Dös gfallt mir net vom Herrn Grafen Sonst mag
er an ehrenwerter Herr sein Aber was er mit dir für a Stückl aufführt «
»Musst net schelten Mein Herr is er allweil Die Gschicht liegt mir freilich
am Buckel wie aber Zentnerstein Aber im Grund därf ichs ihm net verübeln Er
is schon über die vierzig Jahr bei der Jagerei Da is ihm schon oft a schlechter
Kerl unterkommen der ihn hint und vorn betrogen hat Was die andern verschuldt
haben muss ich büßen Und der Schipper hetzt halt In Gotts Namen Muss ich mich
halt in Geduld fassen bis der Graf einsieht dass er mir unrecht tut«
Malis Zorn begann sich zu beschwichtigen »Franzl du bist a guter Kerl
Aber s Gutsein hat oft sei Gfahr Dös nützen die Haderlumpen aus und der
ehrliche Mensch hat s Nachschauen«
»Da kannst recht haben Aber man kann sich net wenden wie der Schneider die
alte Joppen Wie der Stein fallt so liegt er wie der Mensch is so bleibt er
Lassen wir die Gschicht in Ruh Ich bin zfrieden weil ich weiß du meinst es
gut mit mir Dös hab ich lang schon gspürt Und gewiss wahr wenn ich bei dir bin
« Er verstummte mit glücklichem Lächeln und rückte näher
Mali wurde ein wenig verlegen aber dem kleinen Netterl schien die
Annäherung des Jägers Freude zu bereiten lange schon hatte das Kind die
Händchen begehrlich nach den in Silber gefassten Hirschgranen Adlerklauen und
Murmeltierzähnen gestreckt die an Franzls Uhrkette in dicker Quaste klunkerten
nun konnte Netterl den Gegenstand seiner Sehnsucht erhaschen und äußerte sein
Vergnügen mit fröhlichem Gezappel
»Schau nur grad dös Kindl an« lächelte Mali »Geh lass ihm sei Freud a
bissl«
»Aber freilich« Um dem Kind das Spiel zu erleichtern beugte Franzl sich
vor dabei war ihm der linke Arm ein bisschen hinderlich und er musste ihn um
Malis Schultern legen »Ja du« sagte er »völlig staunen tu ich um wieviel
dös Kindl heut besser ausschaut gegen s letztemal«
Die Freude glänzte in Malis Augen Und um dem Netterl die Sache recht bequem
zu machen schmiegte sie sich eng an den Jäger »Gelt ja Die ganzen
Nachbarsleut reden schon davon wie dös gute Kindl völlig wieder auflebt«
»In deiner Lieb halt weißt« sagte Franzl ernst »So was is gut Dös spürt
einer gleich So was is oft besser wie der beste Dokter Da wird eim völlig warm
in die innern Urgan weißt und s ganze Leben kriegt an andern Zug Wie a
kranks Blümerl wann d Sonn kommt Gelt Netterl So was tut wohl Jaaaaa«
Zärtlich tätschelte er das Gesichtl des lallenden Kindes das auf dem Schoss
seiner jungen Pflegemutter immer lustiger zappelte und mit beiden Händen in dem
klappernden Spielzeug wühlte »Jaaa Netterl gelt Die richtige Lieb hilft
gschwinder als Meisterwurz und Hollertee«
»Da solls net fehlen an mir« beteuerte Mali »Lieb hab ich an ganzen Sack
voll im Herzen und alles gib ich her wanns helfen kann«
Nun saßen sie stumm und sahen lächelnd dem Spiel des Kindes zu
Forbeck betrat den Hofraum Seine Stirn war bleich dunkle Schatten lagen um
seine Augen als hätte er eine schlaflose Nacht verbracht Beim Anblick der drei
Menschen die anzusehen waren wie eine junge glückliche Familie heiterte sein
Gesicht sich auf Auch der malerische Reiz des Bildes fesselte ihn und gern
begrüßte er die Gelegenheit den Jäger den er wiedererkannte als Modell zu
gewinnen
Als Forbeck sich der Hausbank näherte rückte Mali errötend zur Seite und
Franzl machte ein verdrossenes Gesicht Auf die Bitte des Malers ihm eine
Stunde Modell zu stehen fand der Jäger nicht gleich eine Antwort Erst als ihm
Mali ermunternd zunickte erhob er sich und sagte »Wenn der Herr Maler an mir
was zmalen findet meintwegen A Stündl hab ich noch Zeit«
Forbeck und Franzl stiegen hinauf in die Giebelstube und die Arbeit wurde
sofort begonnen Der Jäger der an dem Bild seine Freude hatte und über die
Ähnlichkeit der »lieben Kontess« nicht genug zu staunen wusste erfasste mit
flinker Gelehrigkeit seine Aufgabe Doch als er eine Weile in der ihm
vorgeschriebenen Stellung ausgehalten hatte ließ er die Arme sinken und
schüttelte nachdenklich den Kopf
»Sind Sie müde« fragte Forbeck
»Gott bewahr Aber ich glaub wir könnten die Sach a bissl besser machen Ich
denk mir freilich dass ich wieder die Kontess so trag wie selbigsmal Aber die
richtige Kraft im Gstell käm besser aussi wann ich was aufm Arm hätt was
Gwichtigs Meinen S net auch«
»Allerdings «
Da rannte Franzl zur Tür und rief über die Treppe hinunter »Mali geh komm
gschwind a bissl auffi«
Das Mädel erschien mit dem Netterl in der Stube Geschäftig breitete Franzl
seinen Wettermantel über die Dielen setzte das Kind zu Boden und gab ihm die
Uhrkette mit den baumelnden Schätzen als Spielzeug
»Aber was machst denn« stotterte Mali »Was is denn los«
»Pass nur auf« lachte Franzl und hob das Mädel mit flinkem Griff auf seinee
Arme »So Herr Maler Jetzt fangen S an«
Unter Lachen wollte Mali sich sträuben aber Franzls Arme pflegten
festzuhalten was sie einmal gefasst hatten Und als auch Forbeck sich noch mit
einem bittenden Wort ins Mittel legte gab Mali ihren ohnehin nicht allzu
energischen Widerstand auf und sagte »Weils der Herr Maler will in
Gottsnamen«
Forbeck arbeitete mit stillem Eifer während durch das Fenster die
Morgensonne breit und leuchtend auf die zwei geduldigen Modelle fiel Die beiden
waren so ganz bei der Sache dass Franzl die Elfuhrglocke und Mali die Stimmen
überhörte die sich drunten im Flur vernehmen ließ
Die zwei älteren Kinder des Bruckner waren von der Schule heimgekehrt und
auf der Straße mit dem Vater zusammengetroffen Als der Bauer die Stube leer und
in der Küche den Herd ohne Feuer fand rief er nach der Schwester Da hörte er
Lärm in der Giebelstube und eine erschrockene Männerstimme »Mar und Josef
Elfe vorbei Jetzt pressierts aber« Droben wurde die Tür aufgerissen hastige
Schritte polterten über die Treppe herunter und Franzl mit Büchse und
Bergstock stürmte ohne Gruß an dem Bauer vorüber wie ein Flüchtling
Bruckner erblasste Mit bebendem Fluch stieß er die Schuhe von der Füßen und
sprang über die Treppe hinauf Droben auf der Schwelle der offenen Tür blieb
er ratlos stehen Er hatte gefürchtet die Schwester allein zu finden Nun stand
sie neben dem Maler mit dem Netterl auf den Armen und betrachtete vergnügt die
Leinwand
»Mali Die Kinder sind daheim« sagte der Bauer mit schwankender Stimme
wandte sich ab und stieg wieder hinunter in den Flur Hier wartete er Als die
Schwester kam hing er mit finsterem Blick an ihrem Gesicht dessen Augen in
Freude leuchteten
»Jetzt koch ich aber auf der Stell« sagte sie und wollte an dem Bruder
vorüber in die Küche
Er vertrat ihr den Weg und seine gedämpfte Stimme klang heiser »Wie kommt
der Jager ins Haus«
Lachend wollte Mali Antwort geben Als sie das bleiche vor Erregung
zuckende Gesicht des Bruders sah verging ihr das Lachen »Aber Lenzi Was hast
denn schon wieder«
»Wie kommt der Jager ins Haus«
Malis Brauen furchten sich »Du fragst a bissl gspassig« Sie wurde ruhig
»Der Herr Maler droben malt den Franzl und hat ihn mit naufgnommen in d Stub
Mich hat er auch dazu braucht Is da was Unrechts dran«
Bruckner strich die schwielige Hand übers Haar und wandte sich ab
Nun hielt ihn die Schwester zurück »Du hasts Reden angfangt Lenzi Jetzt
reden wir die Sach amal aufs End«
»Da is nix weiter zreden«
»Könnt sein dass der Franzl amal um meintwegen käm Hättst du da was
einzwenden dagegen«
Bruckner schwieg Seine Augen irrten
»Red Lenzi Hat der Franzl net Stellung und Dienst Hat er net Haus und
Anwesen Und is er net a Mensch den man gern haben muss« Mali sah dass der
Bruder vor sich hinnickte »No also Was kannst einwenden«
»Frag net« Der Bauer vermied den Blick der Schwester »s Reden tät net
gut«
»Es wird aber gredt sein müssen ob heut oder an andersmal«
Da nickte der Bauer wieder tonlos die Worte wiederholend »Ob heut oder an
andersmal«
»Ich sag dirs offen er hat mich gern Und ich bin ihm gut Gredt hat er
noch nix Aber so viel merk ich schon wir zwei lassen nimmer aus«
Der Bauer starrte die Schwester an als hätte er die Botschaft eines
schweren Unglücks vernommen
Sie meinte ihn zu verstehen »Musst dich net ängsten Lenzi Mich hast so
lang mich deine Würmerln brauchen« Das kleine Netterl das Mali auf den Armen
trug verlor die stille Geduld klatschte lallend die Händchen in Malis Gesicht
und drückte das winzige Näschen an die Wange des Mädels Mali lachte und ihre
Augen wurden feucht »Ich Und deine Kinder verlassen Ah na Der Franzl und
ich wir sind zwei junge Leut wir können warten Aber dass wir zammwachsen amal
Dös is so gut wie fest und sicher«
Schwer atmend schüttelte Bruckner den Kopf »Es kann net sein«
»So« Mali streckte sich »Warum net«
Der Bauer hob das bleiche Gesicht »So gern hast ihn Da tust mich erbarmen
Schwester Da gehts halt wieder wies in der Welt schon oft gangen is fallt
einer reißt er die andern hinter ihm nach Verstehst mich net Muss ich dirs
halt sagen Komm«
Alle Farbe wich aus Malis Gesicht als der Bruder sie bei der Hand fasste und
in die Stube zog
Die Sonne fiel durch die offene Haustür in den Flur und draußen im Hof
klangen die fröhlichen Stimmen der beiden Kinder die unter den Obstbäumen das
Gras durchstöberten und die Äpfel und Birnen auflasen die in der Nacht gefallen
waren
Auf der Straße ließ sich Hufschlag vernehmen Zwei Reiter trabten vorüber
Graf Robert in Begleitung seines Stallburschen Hurtig liefen die zwei Kinder
zum Zauntürchen um dieses im Dorfe seltene Ereignis aus nächster Nähe zu
bestaunen
Graf Robert hatte es unter seiner Würde gefunden in der »kurzledernen
Maskerade« die für das Erscheinen in der Jagdhütte unumgängliche Vorschrift
war das Dorf und die von Sommergästen wimmelnde Seelände zu passieren So ritt
er voraus um sich erst bei ihm passend erscheinender Gelegenheit in einen Jäger
nach dem Geschmack seines Vaters zu verwandeln
Eine Viertelstunde später wanderten seine Brüder mit Büchse und Bergstock an
dem Bruckneranwesen vorüber Franzl dessen spähender Blick die Fenster und den
Hofraum überflog führte den kleinen Zug Tassilos kraftvolle Gestalt in der
verwitterten Jägerkleidung machte ein schmuckes Bild doch dem Ernst seiner
Augen war es nicht anzumerken dass es nun bergwärts ging zu »fröhlichem Jagen«
Hinter ihm kamen drei Träger mit schwer gepackten Rucksäcken und in weitem
Zwischenraum folgte Willy mit dem alten Moser der Graf Roberts Büchse trug die
beiden sprachen lachend miteinander blickten immer wieder über die Straße
zurück und winkten mit der Hand wie zu lustigem Abschied auf baldiges
Wiedersehen Als ihnen der Gegenstand ihres Vergnügens aus den Augen schwand
stieß der alte Moser scherzend den Ellbogen an den Arm seines jungen Herrn »Hab
ich net recht Herr Graf So was Liebs hat die ganze Welt nimmer«
Willy zwirbelte das Bärtchen »Aber den Schnabel halten Moser«
»Das wissen S doch dass ich Ihnen a kleins Spasserl von Herzen vergönn
Lassen S nimmer aus Mir scheint s Fischerl hat schon anbissen«
Der kleine Jagdzug erreichte den ansteigenden Bergwald Zwei Stunden ging es
im Schatten der Buchen und Fichten auf leidlich bequemen Wegen aufwärts Als die
Lichtung der Niederalm durch die Bäume schimmerte begegnete ihnen der
Stallbursch der die zwei Pferde nach Schloss Hubertus zurückführte Bei der
Sennhütte wartete Robert er schien sich in Joppe und Lederhose nicht behaglich
zu fühlen hatte für die Brüder kaum einen Gruß und zeigte während des
Frühstücks das in der Hütte genommen wurde eine ungnädige Stimmung nachdem er
einige Bissen genossen hatte sprang er auf steckte mit nervöser Hast eine
Zigarette in Brand und trat vor die Hütte als möchte er mit seinen unruhigen
Gedanken allein sein
Dem alten Moser erschien es rätselhaft dass es auf der Welt einen Menschen
gab der zur Gemsjagd auszog ohne die lachende Weidmannslaune zu finden »O du
heiliger Strohsack Was hat er denn«
Willy lachte ohne Antwort zu geben doch als er Tassilos fragenden Blick
gewahrte sagte er »Ich bin neugierig wie er diesmal mit Papa ins reine
kommt«
Franzl mahnte zum Aufbruch Als man bereit war trennte sich einer der
Träger von den anderen und nahm seinen Weg seitwärts gegen den Wald
»Gehört der Mann nicht zu uns« fragte Tassilo
»Aber freilich« versicherte Moser und zwinkerte »der tragt die heimliche
Zehrung in d Holzerhütten auffi Man muss ja alles verstecken vor m gnädigen
Herrn Grafen Sie wissen ja wie er is«
Tassilo furchte die Brauen »Wer hat das angeordnet«
»Ich« fiel Willy ein »Und du wirst sehen ich habe für uns alle mit
mütterlicher Zärtlichkeit gesorgt Niersteiner Pschorrbräu Gulaschkonserven «
»Das war unrecht Du weißt dass Papa in der Jagdhütte keine Änderungen
seiner Gewohnheit duldet Und wenn wir ihm nicht Ärger bereiten wollen müssen
wir uns seinem Willen fügen«
»Fällt mir ein Mich acht Tage von Mehlschmarren und Wasser zu nähren Dafür
bedank ich mich Wenn du von meiner genialen Vorsicht keinen Gebrauch machen
willst bitte Ich schmuggle Wenn ich mich den ganzen Tag auf der Jagd
abgehetzt habe will ich am Abend essen und trinken wie ein anständiger Mensch«
Willy nahm die Büchse auf die Schulter und schritt davon »Philister« brummte
er und suchte Robert einzuholen der über das offene Almfeld vorangestiegen war
als könnte er die Ankunft in der Jagdhütte kaum erwarten
Im neu beginnenden Walde wurden die Pfade steil und beschwerlich Robert
hielt sich mit treibender Eile immer an der Spitze des Zuges Willy schien müde
zu werden und warf sich nach jeder Viertelstunde für ein paar Minuten in den
Schatten eines Baumes Nur Tassilo bewahrte seinen gleichmäßig ruhigen Schritt
und blickte sinnend in das von Lichtern durchwobene Schattendunkel des Waldes
Einmal hörte er den alten Moser ein paar erschrockene Worte stottern und sah
dass Willy erschöpft an einen Baum gelehnt stand und aus der kleinen
Branntweinflasche trank die Moser ihm gereicht hatte Besorgt eilte Tassilo auf
den Bruder zu »Was ist dir«
»So ein komischer Schwindel Ich bin wohl ein wenig zu schnell gestiegen und
habe den Atem verloren«
»Aber hab ichs net allweil gesagt Lassen S Ihnen Zeit« schmollte Moser
»Dös gache Umanandfahren tut net gut in die Berg Da muss man schön stad ein
Schrittl vors ander stellen Zeit lassen junger Herr Zeit lassen«
Mit ernster Sorge sah Tassilo in Willys Gesicht dessen müde Blässe einer
langsam wiederkehrenden Röte wich »Hier ist ein schattiger Platz Komm ruhe
dich tüchtig aus ehe wir weitersteigen«
»Ach Unsinn Es ist schon vorüber Und von Ermüdung fühl ich keine Spur«
Unmutig den Bergstock einsetzend sprang Willy über einen Steinblock und folgte
dem Pfad
Tassilo schwieg doch als die Wanderung zwischen den Felswänden einer
breiten Schlucht über ebenen Boden hinging trat er an Willys Seite »Wie fühlst
du dich«
»Ich Warum Ach so wegen vorhin Danke mir ist pudelwohl Ich begreife
überhaupt deine Sorge nicht So eine harmlose Blutwallung«
»Du solltest die Sache nicht so leicht nehmen Hätt ich geahnt dass du noch
unter den Nachwehen deiner Krankheit zu leiden hast so würde ich dir geraten
haben die strapaziöse Tour nicht mitzumachen Papa hätte dich gewiss
entschuldigt Man hätte ihm sagen können dass du dich noch immer schonen musst
ohne ihn deshalb zu beunruhigen und ihm einzugestehen wie ernstlich krank du
warst«
Willy lachte ein bisschen gezwungen »Ich Ernstlich krank Wer hat dir
dieses Ungeheuer von einem Bären aufgebunden eine leichte Bronchitis die reine
Lächerlichkeit«
»Weiche mir nicht aus Junge Ich habe die Gelegenheit herbeigesehnt einmal
offen mit dir zu reden« Tassilo schlang Willys Arm in den seinen »Vor meiner
Abreise von München hab ich deinen Arzt gesprochen«
»Du hast ihn wohl aufgesucht um auf den Busch zu klopfen Was Und nun
willst du mich bei Papa droben ankreiden«
»Nein Willy ich habe weder das eine getan noch beabsichtige ich das
andere Ein Zufall hat mich mit eurem Stabsarzt im Kasino zusammengeführt und
deinem Willen entgegen hielt er es für seine Pflicht mir mitzuteilen in wie
schwerer Gefahr du warst Er sagte mir dass du trotz des glücklichen Verlaufes
der Sache noch immer Ursache hättest dich zu schonen Ein Rückfall könnte
bedenklich werden Bewegung in Höhenluft wäre gut für dich Aber «
»Was«
»Vor allem solltest du dich vor jeder Ausschreitung hüten« Tassilo zögerte
als fielen ihm die Worte schwer »Du weißt was ich meine«
Willy wollte heftig erwidern aber der herzliche Blick der ihn aus den
Augen des Bruders traf machte ihn verlegen und stumm er verzog den Mund wie
ein verdrossenes Kind
Es schien als wäre Tassilo auch mit diesem halben Erfolg zufrieden noch
fester zog er Willys Arm an seine Brust und seine Stimme wurde wärmer »Ich
weiß du bist jung und Jugend will austoben Ich bin gewiss der letzte der dir
aus deiner sprudelnden Lebensfreude einen Vorwurf machen will Aber sieh mein
Junge es hat doch alles seine Grenzen«
»Das stimmt Aber weißt du mein junger Schimmel hat Rasse und brennt eben
manchmal mit mir durch Da pariere nun einer Ich mache wohl ab und zu einen
Versuch den Zügel anzuziehen Aber was willst du Der Ausreisser in mir ist
hartnäckig Was ist da zu machen«
»Mit ernstlichem Willen alles Ich weiß dass die erste Schuld nicht an dir
liegt Du warst in allzu jungen Jahren dir selbst überlassen« Tassilos Stimme
bekam einen herben Klang »Papa war mit seinen Gemsen und Hirschen immer so sehr
beschäftigt dass wir alle darunter leiden mussten Ich fürchte du am meisten
Das Versäumte ist nicht mehr zu ändern Aber sieh mein Junge nun bist du doch
in den Jahren in denen man selbst unterscheidet zwischen Gewinn und Nachteil
Nun musst du dein eigener Hüter sein Das kann dir doch auch nicht schwerfallen
Du musst dir nur immer vorhalten was für dich auf dem Spiel steht Was du jetzt
an Gesundheit vergeudest das wird dich darben machen ein ganzes Leben lang
Erwacht dann einmal in dir die Sehnsucht nach Freude und Glück und führt dich
dein Lebensweg zu spät an die Stelle an der die schöne Blume für dich hätte
blühen können so wirst du mit zaghaften Händen zugreifen in Zweifel und Reue
Denn du wirst empfinden müssen dass du nur die Halbheit gewinnen kannst da du
zum Tausch nur einen verbrauchten Menschen zu bieten vermagst Alles volle
Glück sei es in Tat und Arbeit oder in der Liebe verlangt einen ganzen
Menschen«
Verträumt sah Willy vor sich hin »Du hast recht Tas Es muss eine feine
Sache sein in guter Kondition sein Ziel zu erreichen als ein fester und
reinlicher Mensch Wie das schmecken könnte brauchst du mir nicht zu schildern
Das hab ich mir selbst schon oft mit den schönsten Farben ausgemalt Bei allem
Rummel hab ich manchmal so meine lyrischen Stimmungen mit dem obligaten
Katzenjammer Aber jetzt will ich Ernst machen Aus mir soll was werden Man
lebt nicht zweimal und ich will mein Glück nicht verscherzen Ich will meine
Blume brechen die echte Und ich danke dir dass du mir einmal tüchtig ins
Gewissen geredet hast«
Tassilo lächelte »Es war nicht der erste Versuch«
»Na ja Aber das Vergangene wollen wir begraben nicht wahr Ich verspreche
dir dass ich mir meine stützige Art dir gegenüber nach Kräften abgewöhnen will
Das war ja bei mir nie Bockbeinigkeit Ich bin doch eigentlich ein sehr guter
Kerl der mit sich reden lässt Aber wenn du mich manchmal ins Gebet nahmst
hattest du oft so eine Art ich habe immer den Advokaten aus dir herausgehört
und das ist mir gegen den Kopf gegangen Jetzt bist du böse Was«
»Nicht im geringsten Es mag ja sein dass ich nicht immer den rechten Ton
und die rechte Stunde gefunden habe Und da geb ich dir ein Versprechen zurück
Ich will dem Advokaten in mir ein Schloss vor den Mund hängen damit du immer nur
den Bruder hörst«
»Das war nett Ich danke dir Tas Was du mir heute gesagt hast soll auf
guten Boden gefallen sein Und wenn ich wieder einmal einen Schubs brauche um
in den rechten Sattel zu kommen weiß ich wo ich mir den Helfer suche Schlag
ein Tas«
Mit festem Druck umspannten sich ihre Hände
Inzwischen waren die anderen weit vorausgekommen und hinter einer Biegung
der Felswand verschwunden Nun kam Franzl zurückgelaufen und rief »Ich bitt
meine Herrn a bissl flinker Der Herr Graf hat an Treiber gschickt er wartet
unter der Bärenwand und wills Latschenfeld heut noch durchtreiben lassen«
Nun galt es Eile Die Träger schlugen den Weg zur Jagdhütte ein während die
Jäger von dem Treiber geführt seitwärts über steiles Gehäng emporstiegen Der
alte Moser hielt sich wieder an Willys Seite doch so lustig er auch immer
drauflos plauderte er hatte einen zerstreuten Zuhörer Auf einem grasigen Fels
gewahrte er zwei blühende Brunellen schmunzelnd brach er die braunen Blumen und
reichte sie seinem jungen Herrn »Da schauen S Herr Graf Sind die Blümerln
net grad so süß wie dem Lieserl seine Äugerln«
Willy nahm die Blüten und sog an ihrem Duft Dann plötzlich warf er sie über
die Schulter »Ach Unsinn Hol der Teufel diese Dummheiten«
»Aber Herr Graf« stotterte Moser gekränkt »Was haben S denn«
Willy blieb ihm die Antwort schuldig
15
Unter der steilen auch für den Fuß der Gemse pfadlosen Bärenwand dehnte sich
den schräg ansteigenden Schuttkegel eines vor grauen Zeiten niedergegangenen
Bergsturzes bedeckend ein riesiges Latschenfeld aus dem sich eine breite
Talrinne gegen die offenen Almen hervorsenkte Wenn das Latschenfeld von
Treibern durchstöbert wurde flüchtete das Wild das keinen Aufstieg über die
glatten Felsen fand am liebsten durch diese Mulde Hier war der Hauptstand
Zu Füßen einer alten moosigten Fichte saß Graf Egge auf einem mit dem
Wettermantel überbreiteten Steinblock Zu seiner Rechten hatte er schon die
Patronen ausgelegt zu seiner Linken standen die zwei Expressbüchsen schussfertig
an den Baum gelehnt Ungeduldig blickte er über das Almfeld der Stelle zu an
der seine Söhne erscheinen mussten Den mürben Filzhut hatte er tief in die Stirn
gezogen so dass man den grüngelben Fleck den die verschwundene Beule
zurückgelassen kaum bemerken konnte Nur das linke Knie war nackt das rechte
von einem groben Wolltrikot umschlossen Graf Egge hatte es als eine
überflüssige Verschwendung betrachtet die wollene Unterhose die Moser für ihn
gekauft und zur Jagdhütte geschickt hatte auch am gesunden Bein zu tragen Er
hatte sie in der Mitte entzweigeschnitten und trug nur die rechte Hälfte Die
warme Wolle schien auch ihre Schuldigkeit zu tun Als Graf Egge seine Söhne
kommen sah und sich erhob stand er fest auf den Füßen und den paar Schritten
die er den Kommenden entgegenmachte merkte man keine Spur von Schwäche an
Schipper der neben seinem Herrn gestanden zog den Hut
Robert kam als erster und reichte dem Vater die Hand »Weidmanns Heil Papa
da sind wir Dein Aussehen ist vortrefflich wie immer Wir Jungen werden älter
mit jedem Tag und an dir wirkt Hubertus seine verjüngenden Wunder Es ist
fabelhaft wie famos du aussiehst Natürlich die Jagd Wer es so gut haben
könnte wie du«
»Meinst du« lachte Graf Egge »Aber sprich leiser die Treiber sind schon
aufgestellt Und tu mir den Gefallen und wird die Zigarette weg Ich und meine
Gemsböcke vertragen das nicht Wenn du rauchen willst kann dir Schipper seinen
Stummel leihen«
»Entschuldige ich vergaß« Die Zigarette flog ins Moos
Nun kam Willy umarmte den Vater herzlich und küsste ihn auf beide Wangen
Graf Egge musterte ihn freundlich und doch ein bisschen spöttisch die neue
glänzendschwarze Lederhose die Willy trug schien ihm nicht zu gefallen
»Grüß dich Gott Junge Und wie fein du dich gemacht hast uuuh Na auf den
Anlauf bin ich begierig den du heut haben wirst Deine Hose leuchtet ja wie
eine Laterne Und sag mir du zärtlicher Floh wie stehts mit deiner
Gesundheit Haben dir die Münchner Quacksalber den rostigen Lauf wieder
ordentlich blank geputzt«
»Natürlich Papa Da spiegelt wieder alles blitzblank wie eine nagelneue
Büchse«
»Das hör ich gern Und lass dir « Graf Egge verstummte und seine Augen
wurden kleiner als er Tassilo kommen sah »Aaaah Herr Doktor Egge Und sieht
weiß Gott wie ein richtiger Jäger aus Oder steckt dir nicht doch die Feder
hinter dem Ohr« Das war wie ein Scherz und Graf Egge lachte auch aber seine
Stimme hatte harten Klang
Tassilo schien den sonderbaren Willkomm überhört zu haben Ruhig reichte er
seinem Vater die Hand »Guten Tag Papa Wir haben uns lange nicht gesehen«
»Du bist immer beschäftigt Hoffentlich fallen deine Prozesse glücklich aus
Wie steht das Befinden deiner geliebten Spitzbuben«
»Wen meinst du«
»Deine sogenannten Klienten Waldfrevler Wilddiebe und so weiter«
»Zu meinen Klienten zählt auch dein alter Freund Fürst Wittenstein«
Graf Egge machte ein verblüfftes Gesicht »Was hat er denn angestellt«
»Aber Papa« fiel Willy lachend ein »Wie kommst du nur auf eine solche
Idee Wittenstein hat Tas die Verwaltung seines Vermögens übertragen«
Nun verwandelte sich Graf Egges Verblüffung in ehrliches Staunen
»Schockschwerenot Da fängt ja dein Handwerk an einen goldenen Boden zu
bekommen Ich weiß was ich Jahr um Jahr meinem Anwalt bezahle Und gegen
Wittenstein bin ich ein Schlucker Das muss dir ein fettes Stück Geld eintragen«
Dunkle Röte glitt über Tassilos Stirn doch er nickte ruhig »Ja Papa«
»Da hast du vielleicht die Apanage die ich dir bezahle gar nicht mehr
nötig«
»Nein Wenn du für die Summe eine bessere Verwendung hast ich verzichte
gern«
Robert zog den sorgsam gepflegten Schnurrbart durch die Finger und wandte
sich lächelnd ab während Willy mit einem hastigen Schritt an Tassilos Seite
trat als wollte er Partei in dem Zwist ergreifen dessen Ausbruch er befürchten
mochte
Graf Egge aber schien von Tassilos Antwort nicht im geringsten unangenehm
berührt »Gut Wir sprechen noch über die Sache Jetzt haben wir Wichtigeres zu
tun« Er sah auf die Uhr »Eine halbe Stunde habt ihr Zeit um eure Stände zu
erreichen Punkt fünf Uhr gehen die Treiber an Schipper du gehst mit Robert
auf den Wechsel unter der Wand Moser du mit Willy auf den Rückwechsel Und
gibt acht dass mir der Junge keine Gamsgeiss niederbrennt Sonst schlagt das
Wetter ein Und du Hornegger führst deinen Schützen dort hinüber unter das
Latschenfeld zu er alten Zirbe«
Franzl machte verwunderte Augen zu dieser Weisung
»Also weiter« mahnte Graf Egge nahm seinen Stand ein und zog den
Feldstecher aus dem Futteral
Seine Söhne lüfteten die Hüte »Weidmanns Heil Papa«
»Weidmanns Dank«
Schipper stieg mit Robert nach links über das Gehäng empor während Franzl
und Moser mit ihren Schützen nach rechts im Almental davonwanderten Der Grund
senkte sich und Graf Egge entschwand ihren Blicken Nach etwa tausend Schritten
war die alte Zirbe erreicht bei welcher Franzl und Tassilo blieben
Moser der in Eile weiterstieg mahnte »A bissl flinker junger Herr Wir
haben nimmer viel Zeit und müssen noch a gutes Stückl in d Höh«
»Es pressiert nicht« meinte Willy »ich muss mich schonen«
Inzwischen richtete Franzl der Zirbe zu Füßen einen bequemen Sitz
»Wo laufen die Wechsel aus« fragte Tassilo
»Wechsel« brummte der Jäger »Ich weiß kein da in der Näh Warum Ihnen der
Herr Vater dahergschickt hat dös kann ich mir net denken Da is meiner Lebtag
noch nie was kommen Und da kommt auch heut nix«
»Das Unglück wäre zu verschmerzen« sagte Tassilo lächelnd
Sie ließ sich nieder und Tassilo nahm die Büchse über den Schoss hinter
ihm auf den Wurzeln der Zirbe nahm Franzl seinen Sitz Nach einer Weile sahen
sie in der Höhe des Latschenfeldes Robert und Schipper erscheinen die über eine
schmale Blöße gegen den Fuß der Felswand emporstiegen
Als die beiden ihren Stand erreichten krachte im äußersten Winkel des
Latschenfeldes der Pistolenschuss der den Anmarsch der Treiber verkündete das
Echo rollte über die Berge hin im Dickicht ließ sich das Geklapper rollender
Steine vernehmen und wieder herrschte tiefe Stille
Robert spannte die Hähne der Büchse dann griff er in die Tasche und drückte
ein Zehnmarkstück in die Hand des Jägers »Sag mir ist Papa in guter Laune«
Schipper schien eine Witterung für den Sinn dieser Frage zu haben
schmunzelnd kniff er das linke Auge ein »Sie brauchen ihn wohl bei gutem
Hamur«
»Wohl möglich«
»Die ganzen Tag her war er kreuzfidel Aber was er heut abends für a Wetter
aufzieht dös hängt jetzt ganz davon ab wie der Bogen ausfallt Wenn er was
Saubers kriegt kanns an lustigen Abend geben Und wenn S was dazu beitragen
wollen so schießen S net wann Ihnen vielleicht a Gamsbock hersteigt Der Herr
Graf hat seine Mucken wenn an anderer was schießt Da nimmt er seine Herrn Söhn
net aus«
Robert spannte die Hähne seiner Büchse ab stellte die Waffe hinter sich und
steckte eine Zigarette in Brand für ihn war die Jagd zu Ende
Auf dem Hauptstand hallte der erste Schuss und in den vielstimmigen
Widerhall mischten sich die klingenden Juchzer der Treiber die Stille die über
dem weiten Hochtal gelagert hatte war gewichen und kehrte nicht mehr zurück
immer wieder klangen die lauten Rufe der Treiber wenn sie Wild erblickten oder
wenn sie ihre auf den beschwerlichen Wegen in Unordnung geratene Linie
herzustellen suchten Noch dreimal krachte Graf Egges Büchse auf dem Hauptstand
und in dem Winkel des Latschenfeldes in welchem Willy saß fielen in rascher
Folge sieben Schüsse
Nur unter der Felswand droben rührte sich nichts Auch bei der Zirbe blieb
es still Mit gekreuzten Armen saß Tassilo an den Baum gelehnt und blickte unter
stillen Gedanken empor zu den langsam ziehenden Wolken die von einem letzten
Glanz der sinkenden Sonne mit sanftem Schimmer übergossen waren Die Träume
seines Glückes füllten ihm die Seele Wohl wusste er dass ihm ein harter Kampf
mit dem Vater bevorstand doch er wusste auch dass er siegen würde Seine
Gedanken blickten in die schöne Zukunft und um ihn her versanken die Berge mit
allem was sie trugen
Regungslos saß Franzl hinter ihm als sich die Treiber schon dem Ende des
Latschenfeldes näherten nickte er trübselig »Nix Ich habs ja gesagt« Schon
wollte er nach seiner Pfeife greifen da vernahm sein scharfes Ohr ein Geräusch
im Dickicht »Obacht« lispelte er Tassilo hörte nicht Franzl saß wie zu Stein
geworden und blickte regungslos nach einer Latschengasse in der das mächtige
Haupt eines Sechzehnenders erschien langsam und lautlos über das Gesicht des
Jägers floss dunkle Röte das war ein Hirsch wie seit Jahren in Graf Egges
Revieren kein zweiter geschossen worden war Schon trat das herrliche Tier mit
freier Brust aus der Dickung hervor und noch immer ruhte die Büchse auf
Tassilos Knien In Franzl erwachte die Sorge denn mit funkelnden Lichtern äugte
das Wild schon nach den Gestalten der beiden Jäger mit einer kaum merklichen
Handbewegung fasste er Tassilos Joppe und zupfte Nun erwachte der Träumer im
gleichen Augenblick gewahrte er den Hirsch aber auch der Hirsch erkannte
seinen Feind und setzte in sausendem Sprung über die letzten niederen Büsche
weg Mit zurückgelegtem Geweih raste er über die schmale Talmulde und verschwand
in der gegenüberliegenden Dickung deren Äste über ihm zusammenschlugen noch
lange hörte man das laute Brechen im Gezweig
Tassilo hatte wohl nach der Büchse gegriffen doch keinen Versuch gemacht
sie an die Wange zu heben sein zufriedenes Lächeln ließ vermuten dass ihm das
herrliche Bild dieser Flucht die größere Freude beschert hatte als der
glücklichste Schuss sie ihm hätte bereiten können
Franzl freilich war anderer Meinung Kopfschüttelnd und mit vorwurfsvoller
Trauer sagte er »Aber Herr Graf Was haben S denn da jetzt angstellt Es ist
wie s reine Wunder dass der Hirsch bei uns da kommen is Und Sie lassen ihn
durch Mar und Josef Was wird der gnädige Herr sagen Da gibts an
ordentlichen Spitakel«
Nun wurde auch Tassilo nachdenklich eine verdrießliche Szene die aus
diesem weidmännischen Schwabenstreich hervorwachsen konnte erschien ihm als
eine nicht sehr günstige Einleitung für alles andere was sich in diesen Tagen
zwischen seinem Vater und ihm entscheiden sollte er musste jeden Verdruss zu
vermeiden suchen »Wir brauchen keine Unwahrheit zu sagen« meinte er »aber
wenn die Sache nicht von selbst zur Sprache kommt können wir schweigen«
Franzl kraute sich hinter den Ohren »Gscheiter wärs wenn S sagen
möchten Sie hätten Ihrem Herrn Vater so an Endstrumm Hirsch net wegschiessen
mögen«
»Nein Franzl Das wäre gelogen Nicht«
»Freilich ja« Franzl atmete schwül »Aber oft tut man sich hart mit der
Wahrheit beim Herrn Grafen«
Das Jagen war zu Ende und die Treiber begannen gegen den Hauptstand
niederzusteigen Hier schritt Graf Egge mit strahlendem Gesicht umher und
musterte der Reihe nach den Zehnender und die drei Gemsböcke die er mit vier
sicheren Schüssen zur Strecke gebracht
In langen Sätzen kam Schipper über das Geröll heruntergesprungen »Ich
gratulier Herr Graf«
»Ja heut war halt wieder s richtige Stündl« lachte sein Herr und ließ
sich die vier grünen Brüche hinter das Hutband stecken »Aber warum hat denn der
deinig da droben net gschossen Zwei von meine Gamsböck sind doch ihm zuerst
angsprungen«
»Ja Herr Graf Wannenbreit sind s dagstanden vor uns der Herr Graf Robert
hätt auf alle zwei den schönsten Schuss gehabt Aber weil er gmeint hat die zwei
Böck könnten vielleicht noch den Wechsel gegen Ihren Stand annehmen drum hat er
s durchlassen Und recht hat er gehabt Der muss Ihnen gern haben Herr Graf Der
vergunnt Ihnen was«
Als Robert herbeikam wurde er gnädig empfangen Graf Egge legte ihm die
Hand auf die Schulter und sagte »Das hast du gut gemacht Bertl Du hast mir
zuliebe getan was ich an deiner Stelle schwerlich fertiggebracht hätte Ich
danke dir« Seine gute Laune verschwand auch nicht als Tassilo erschien »Du
bist leer ausgegangen« fragte er lachend
»Ja leider«
»Na tröste dich Vielleicht hast du morgen einen besseren Tag Aber wo
bleibt denn unser Salontiroler Der Junge hat ja da droben gepulvert wie ein
Feuerwerker Ich bin nur neugierig was bei ihm liegt«
Es währte nicht lange und Willy kam mit Moser unter erregtem Disput in die
Mulde herabgestiegen
»Na na rauft nur nicht miteinander« rief ihnen Graf Egge entgegen »Her
zu mir Junge Was war denn los bei dir«
In sprudelnden Worten begann Willy eine lange Rede deren kurzer Sinn dahin
lautete dass er durch Mosers Schuld einen »kapitalen« Gemsbock »verpatzt« hätte
»Mei Schuld Was Mei Schuld« kreischte der Alte
»Natürlich Der Kerl hat mich ganz verrückt gemacht mit seinem ewigen
Schießen S schießen S schießen S«
»Natürlich Weil S den Gamsbock im besten Augenblick verpasst haben Hätten
S gleich gschossen so wär er daglegen« Moser zappelte vor Ärger mit Händen
und Füßen »Aber na Da muss man warten bis der Bock flüchtig wird Und pulvert
siebenmal hinter ihm her Und trifft ihn net Da möcht man ja gleich aus der
Haut fahren«
Lachend beendete Graf Egge den Streit indem er zum Heimweg mahnte um vor
Einbruch der Nacht die Jagdhütte zu erreichen er schritt voran seine Söhne
folgten ihm und Moser tappte brummend hinter Willy her während Schipper und
Franzl mit den Treibern bei dem erlegten Wilde zurückblieben
Immer dunkler wurden die Schatten des Abends und am Himmel blitzten schon
die ersten Sterne als Graf Egge mit seinen Söhnen das Hochtal erreichte in dem
das »Palais Dippel« lag Die Jagdhütte war schon in Sicht da rief Graf Egge
über die Schulter zurück »Bertl Komm her zu mir«
Rasch holte Robert den Vater ein »Papa«
»Du Die Geschichte mit den zwei Gamsböcken will mir nicht aus dem Kopf Die
Gelegenheit zu einem guten Schuss versagt man sich nicht ohne triftigen Grund
und ich habe so ein merkwürdiges Gefühl in der Nase als hättest du das nicht
umsonst getan Also in Gottes Namen schiess los Was willst du«
»Ich habe allerdings eine Bitte Aber mit den zwei Böcken hat das nichts zu
schaffen Schipper sagte mir «
»Schon gut Komm zu deiner Bitte«
Robert machte eine kurze Pause »Sei nicht böse Papa aber ich bin wieder
einmal scheusslich hereingefallen«
»Du hast gespielt« fragte Graf Egge in ahnungsvollem Schreck »Und dein
Versprechen vom vergangenen Sommer«
»Ich gestehe es war unrecht aber man kann nicht immer ausweichen
Schließlich hat man doch auch Rücksichten «
»So« unterbrach Graf Egge »Und die Rücksicht auf meinen Geldsack Wo
bleibt denn die Du bist mir ein Feiner Wenn du gewinnst verbrauchst du das
Geld für deinen Stall und deine sonstigen Scherze Und verlierst du so soll ich
bezahlen Dafür bedank ich mich Und ich sage dir auch das ist das letztemal
Wieviel brauchst du«
Die Antwort kam ein wenig zögernd »Achtzehn «
»Hundert«
»Leider nein Papa«
»Tausend« Das Wort klang wie ein erstickter Schrei nach Hilfe Dann war
Stille zwischen Vater und Sohn Graf Egge schlug mit vorgebeugtem Kopf einen
Sturmschritt an als könnte er dieser Forderung mit der Schnelligkeit seiner
Beine entrinnen Robert versuchte nicht das Schweigen zu brechen hielt sich
aber dicht hinter dem Vater Vor dem Zaun der Jagdhütte blieb Graf Egge stehen
sein funkelnder Blick haftete im sinkenden Dunkel an dem bleichen Gesicht des
Sohnes und seine Stimme bebte vor Zorn »Das waren zwei teure Gamsböcke Ein
andermal will ich billiger jagen«
Robert atmete auf
»Wann brauchst du die Summe«
»Die Anweisung muss morgen mit der Post abgehen«
»Gut Du sollst sie haben Aber jetzt höre Robert Das war der letzte Rest
an meinem Geduldfaden Kommst du mir ein zweites Mal wieder so lass ich dich
sitzen in der Patsche und wenn es dir den Hals bricht Darauf hast du mein
Wort Und ich das weißt du ich halte was ich sage Jetzt komm herein«
»Ich danke Papa und verspreche dir «
»Dank und Versprechen kannst du dir sparen Du hast mir einen vergnügten
Abend gründlich verdorben«
Graf Egge trat in die Jagdhütte In der Herrenstube zündete er die kleine
Hängelampe an holte das Schreibzeug aus dem Wandschrank und kritzelte mit
schwerer Hand einige Zeilen auf ein Blatt die Anweisung ließ er auf dem Tisch
liegen und ging mit einem blasenden Seufzer aus der Stube als wäre ihm schwül
unter Dach
Mit beiden Händen griff Robert nach dem Blatt und nickte zufrieden als er
gelesen hatte Aus seiner Brieftasche holte er ein Kuvert hervor das einen
bereits geschriebenen Brief enthielt und schon die Adresse trug in dieses
Kuvert schob er die Anweisung und schloss den Brief Dann rieb er die Hände und
bewegte die Beine als wäre er nach strapaziösem Ritt aus dem Sattel gestiegen
lächelnd steckte er eine Zigarette in Brand warf sich auf das Bett seines
Vaters und dehnte behaglich die Glieder
Draußen vor der Tür ließ sich Schritte hören Tassilo und Moser kamen mit
Willy dem der neunstündige Marsch wie Blei in den Gliedern zu liegen schien
Die beiden Brüder traten in die Herrenstube und Moser der seine gute Laune
noch immer nicht völlig gefunden hatte schürte auf dem Küchenherd ein Feuer an
Inzwischen saß Graf Egge nahe bei der Hütte auf dem Trog des laufenden
Brunnens die Hände in den Hosentaschen und brütete in heißem Ärger vor sich
hin bis ihn sein Büchsenspanner den er in der Finsternis nicht kommen sah mit
den Worten weckte »Aber Herr Graf Wie können S den in der kühlen Nacht da
herraussen sitzen Mir scheint es taugt Ihnen net dass Ihr Fuß wieder a bissl
besser is Was Jetzt gehen S mir aber auf der Stell wieder in d Hütten eini«
Graf Egge erhob sich »Ist das Wild versorgt«
»Alles in Ordnung Die drei Gamsböcke hängen bei der Holzerhütten drüben
und der Hirsch liegt aufm Schlitten Die Träger können morgen in aller Fruh
damit abfahren Was wird denn kocht aufn Abend«
»Schmarren« brummte Graf Egge
»Und wieviel Flaschen Bier soll ich für die jungen Herrn aufstellen«
»Bier Warum denn Bier Da lauft der Brunnen Der heutige Tag ist mir schon
teuer genug gekommen«
Schipper wollte in die Hütte treten unter der Tür drehte er sich wieder um
und sagte mit gedämpfter Stimme »Noch was Neus Herr Graf Der gute Hirsch mit
dem Prügelgweih den wir in der vorigen Woch gsehen haben «
Nun wurde Graf Egge lebendig »Was ist mit dem Hirsch«
»Im Bogen is er gewesen Einer von die Treiber hat ihn gsehen auf fünf
Schritt Der Hirsch hat sich durch d Latschen abwärts gstohlen und is beim
Herrn Tassilo naus Der Franzl hätts gern verschwiegen aber zletzt hat ers
eingstehen müssen dass sein Schütz den Hirsch übersehen hat«
»Aber da soll ja doch ein heiliges Donnerwetter gleich alles in Grund und
Boden schlagen« schrie Graf Egge dem eine Gelegenheit den Ärger der letzten
Stunden von sich abzuladen mehr als willkommen war Um die Taube die Schipper
hatte fliegen lassen noch fetter zu machen kam Franzl im unglücklichsten
Augenblick zur Hütte »Hornegger Her zu mir«
»Jawohl Herr Graf« klang aus der Finsternis die schwankende Stimme des
Jägers dem nicht viel Gutes schwanen mochte Im Laufschritt erschien er und
stellte sich in straffer Haltung vor seinen Herrn
»Warum hast du mir nicht sofort gemeldet dass der gute Hirsch im Treiben
war«
»Aber ich bitt Herr Graf« stotterte Franzl »es is ja kei Zeit zum Reden
gewesen Der Herr Graf is ja gleich davon und ich hab bei die Gamsböck
zruckbleiben müssen«
»Das ist eine Ausrede die ich absolut nicht dulde Es war deine Pflicht
mir sofort die Patzerei zu melden die dein Schütze gemacht hat und du mit ihm
Oder habt ihr euch etwa verabredet zu schweigen«
Es war ein Glück dass Graf Egge bei der herrschenden Dunkelheit nicht
bemerken konnte was ich auf den Zügen des Jägers abspielte Und da sich Franzl
dachte dass es genug wäre wenn er allein sein Donnerwetter von der Sache
abbekäme sagte er »Von einer Heimlichkeit is gar kei Red net gewesen Ich
allein bin schuld ich hab halt in der Eil vergessen die Meldung zmachen«
»Gut Also wieder ein Strich auf deiner Rechnung Viel Platz hast du nicht
mehr übrig Es ist für heute noch dein Glück dass ich nicht an eine Manklerei
zwischen such beiden glaube So etwas möcht ich mir gründlich verbitten Wo ich
bin da wird gejagt Da werden keine Advokatenschliche getrieben In meinem
Revier bin noch immer ich der Herr Und da geschieht was ich will Wer sich
nicht fügt der kann marschieren Ob es nun einer von euch ist oder einer von
meinen Buben«
Graf Egges Stimme war so laut geworden dass sie bis in die Herrenstube
klang Robert rührte sich nicht auf dem Bett Tassilo und Willy sprangen ins
Freie um zu sehen was es gäbe und dabei holte Willy sich an der niederen
Hüttentür den ersten »Dippel« Die Hand auf die Stirn drückend fragte er »Was
ist denn los Papa«
»Was los ist Frag deinen gelehrten Herrn Bruder Der wirds wissen Und
mit solchen Jägern soll man eine Jagd halten Und so was sitzt auf dem Stand und
hat eine Büchse in der Hand Ein Besenstiel wäre das richtige Und der Hirsch
natürlich der wird das ungefährliche Tintenfass im Wind gehabt haben Der hat
ganz genau gewusst welchen Schützen er sich aussuchen muss um mit heiler Decke
durchzukommen«
Tassilo wusste nun wem der wortreiche Zorn seines Vaters galt doch er hatte
genügende Gründe jeden ernsteren Zwischenfall zu vermeiden und hielt es für
das beste mit einem sein »Versehen« entschuldigenden Worte den Rückzug in die
Hütte anzutreten
Das machte aber der Szene kein Ende Graf Egge war nun einmal im Zug und
das Rad seines Zornes lief polternd weiter Willy suchte den Vater zu beruhigen
und auch Franzl wollte seinem Herrn die Überzeugung beibringen dass die Sache
doch eigentlich gar nicht so schlimm wäre Nur Schipper mischte sich mit keiner
Silbe in den lauten Disput er kannte seinen Herrn besser als die Söhne ihren
Vater und war überzeugt dass Graf Egge den stattlich geweihten Hirsch lieber
lebendig wusste als von der Kugel eines anderen gefällt da blieb ihm doch die
Hoffnung den Hirsch einmal vor die eigene Büchse zu bringen
Die Szene vor der Hütte nahm erst ein Ende als die Pfanne mit dem Schmarren
auf den Tisch getragen wurde Beim ersten Schritt in die Stube roch Graf Egge
den Zigarettenrauch aber er schien sich müde gescholten zu haben streifte
Robert nur mit einem wütenden Blick und warf den Hut auf das Bett Da es am
Tisch an Raum fehlte mussten Franzl und Moser ihr Nachtmahl in der Küche nehmen
nur Schipper durfte am Herrentische sitzen Das Mahl begann unter unbehaglichem
Schweigen Tassilo aß sich satt Willy zwang sich einige Bissen zu kosten und
Robert saß mit gekreuzten Armen ohne den Löffel zu berühren
»Warum isst du nicht« fragte Graf Egge
»Ich danke Papa mich hungert nicht«
»Sooo Es wäre begreiflicher wenn heute der Appetit mir vergangen wäre
Aber warte nur der Hunger wird dir schon kommen Es soll mir kein anderer
Bissen auf den Tisch als Schmarren Wer mit mir jagen will wird sich auch
herablassen müssen mit mir aus einer Schüssel zu essen Schipper du bist
verantwortlich dass in die Hütte nichts anderes eingeschmuggelt wird«
Willy und Robert tauschten einen Blick des Unbehagens und wieder war Stille
am Tisch Graf Egge und Schipper leerten die Pfanne Als die »Tafel« endlich
aufgehoben wurde und Graf Egge seinen Stummel mit der zweifelhaftesten aller
Knastersorten stopfte schlich Willy sich hinter dem Büchsenspanner in die Küche
hinaus und legte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter
»Schipperchen Du wirst uns doch nicht verraten wenn wir auf dem Heuboden
eine Flasche Wein trinken et cetera«
Schipper zeigte eine ernste Miene »Ich bitt Herr Graf tun S was S
wollen aber ich darf nix sehen Wenn ich was sieh muss ichs melden Sie haben
gehört wie der Herr Vater gredt hat Ich hab die Verantwortung Ich darf nix
sehen«
Willy schien mit dieser Antwort völlig zufrieden und Moser wurde zur nahen
Holzerhütte geschickt um die erste Ration der Kontrebande herbeizuschleppen und
auf dem Heuboden in Sicherheit zu bringen Als Willy die Stube wieder betrat
nickte er seinem Bruder Robert mit vergnügten Augen zu und fragte den Vater »Wo
bleibt deine Zither Papa Ich habe mich schon riesig gefreut dich wieder zu
hören«
»So Na dann freue dich nur noch ein wenig länger« brummte Graf Egge und
warf sich mit der Pfeife zwischen den Zähnen auf das Bett »Ich bin heute
gerad in der Laune euch was vorzududeln«
Franzl kam in die Stube und legte vor Tassilo zwei Patronen auf den Tisch
»Ihr Büchsl hab ich a bissl durchgwischt Herr Graf« Er hängte das Gewehr an das
Zapfenbrett
»Das war überflüssig« klang es vom Bette her »Und Herr Graf Wenn du dich
bei ihm schön Kind machen willst Hornegger so musst du Herr Doktor sagen Das
hört er lieber«
Franzl dem die Luft in der Stube nicht geheuer schien drückte sich
schleunigst wieder zur Tür hinaus während Tassilo sagte »Du irrst Papa ich
mache keinen Unterschied zwischen Titeln«
»So Man hat mir aber doch erzählt dass auf dem Schild deiner Wohnungstür zu
lesen steht Doktor Egge kurzweg Da muss dir der angebüffelte Doktor doch
besser gefallen als dein angeborener Graf«
»Mir gilt der eine soviel wie der andere Dass ich auf dem Schild meiner Tür
den ersteren vorziehe das ist eine Konzession die ich meinem Beruf mache Zu
mir kommen mancherlei Leute «
»Mit Vorliebe die Wildschützen«
»Das ist nicht der Fall aber es würde mich nicht wundern wenn es so wäre
Der arme Teufel der im vergangenen Winter meine Hilfe suchte vermutete ganz
richtig dass ich so viel von Jagd gehört und erfahren hätte um eine
Leidenschaft zu begreifen die den Frieden einer ganzen Familie zu zerstören und
einen Menschen zum Verbrecher machen kann«
Graf Egge lachte »Aaaah Du gibst also wenigstens zu dass ein Wildschütz
ein Verbrecher ist«
»Na sieh mal mit diesem Zugeständnis hast du Papa eine Freude gemacht«
fiel Robert ein »und ich vermutete schon dass du eigentlich etwas ganz anderes
sagen wolltest Oder nicht«
Willy sah den Blick den die Brüder tauschten und versuchte einzulenken
»Natürlich ein Verbrecher Der Kerl ist ja auch richtig verknurrt worden Tas
plädierte doch nur auf mildernde Umstände und die waren in diesem Falle
wirklich am Platz Wenn man die Sache genau betrachtet bestand das einzige
Verbrechen dieses Menschen doch eigentlich darin dass er nicht vorsichtig genug
in der Wahl seiner Eltern war Wäre er mit dieser Leidenschaft für die Jagd als
der Sohn eines reichen Vaters auf die Welt gekommen so hätte er sich ein paar
Reviere pachten können wäre ein großer Nimrod geworden und dabei ein
anständiger Mensch geblieben Hab ich nicht recht« Willy ging auf den Vater zu
und fasste ihn scherzend am Bart »Sei mal ehrlich Papa und setze den Fall dass
du selbst als armer Teufel auf die Welt gekommen wärst Ich glaube aus dir wär
auch ein Wildschütz geworden dazu noch ein riesig gefährlicher«
»Nein« entschied Graf Egge »Ein Wildschütz gewiss nicht wahrscheinlich ein
pflichtgetreuer Jäger«
»Ein solcher würde auch aus meinem Klienten werden« sagte Tassilo »wenn du
auf meine Bitte gehört und den Mann in deine Dienste genommen hättest«
»Das hätt mir taugen können nach aller Galle die mir die Sache gemacht
hat und nach dem verwünschten Klatsch«
»Geschäftsprinzip« lächelte Robert »Ein junger Advokat muss von sich reden
machen Und alle Achtung das gelingt dir Die Zeitungsschreiber beten dich an
Sogar in den sozialdemokratischen Blättern bist du einer ehrenvollen Erwähnung
sicher«
»Woher weißt du das« fragte Tassilo mit mühsam bewahrter Ruhe »Du liest
doch nie eine Zeitung«
»Wahrscheinlich habe ich Besseres zu tun Aber die guten Freunde sorgen
dafür dass man immer das Nötigste über dich erfährt«
»Das ist wohl die einzige Gelegenheit bei der du dich um mich bekümmerst«
»Du hast es deinen Brüdern schwer gemacht mit dir in Verkehr zu bleiben
Bei dir soll eine Kollektion von Bassermannschen Gestalten aus und ein gehen
mit denen ein reinlicher Mensch nicht gern in Berührung kommt Ich bin gewohnt
mit Leuten zu verkehren in deren Nähe man sich die Taschen nicht zuzuknöpfen
braucht«
»Das Bild ist nicht gut gewählt Robert Gerade du mit deinen offenen
Taschen wärst in der Nähe der Menschen die zu mir kommen viel weniger
gefährdet als in deiner Gesellschaft und am Spieltisch«
»Das sitzt Bertl« lachte Graf Egge schadenfroh »Mit Worten schießt er
besser als du«
Robert nahm eine hoheitsvolle Miene an »Das Vergnügen mit Impertinenzen
gegen mich anzufahren vergönn ich ihm Die gute Gesellschaft zu respektieren
das lässt sich schwer von jemand verlangen der mit dem eigenen Namen bereits
abgewirtschaftet hat«
Tassilo richtete sich mit blitzenden Augen auf »Wie meinst du das«
Willy der die Nutzlosigkeit seiner diplomatischen Bemühungen einsah
verließ die Stube während Graf Egge sich vom Bette erhob und langsam den
Pfeifenrauch in einem dünnen Faden vor sich hinblasend zum Tische kam
Ohne zu antworten hatte Robert die Arme gekreuzt Ein paar lautlose
Sekunden verrannen
»Hast du meine Frage nicht gehört«
»Was ich sagte bedarf keiner Erklärung Du selbst hast eingestehen müssen
dass du auf deinem Geschäftsbetrieb auf den ererbten Titel verzichtest und dich
mit dem Doktor begnügst«
»Mein Beruf bringt es mit sich dass ich Vertrauen verlangen muss Und da ist
es nicht meine Schuld wenn der Titel der mir in die Wiege fiel eher ein
Hindernis für mich bedeutete und Anlass zu einem Misstrauen wurde gegen das ich
schwer zu kämpfen hatte«
»Oho« murrte Graf Egge »Soll das ein Hieb auf den Adel sein«
»Durchaus nicht Papa Wenn ich auch den Grafen nicht auf meine Tür
schreibe so schlag ich meinen Adel doch höher an als mancher andere der die
Krone auf jede Zigarettendose und auf den Knopf jeder Reitpeitsche gravieren
lässt und der Meinung ist dass er damit alle Verpflichtungen genügt hätte die
seine Geburt ihm auferlegt«
»Bertl das geht auf dich« stichelte Graf Egge
»Nein Papa« fiel Tassilo ein ehe Robert antworten konnte »Nur gegen
deinen Einwurf wollte ich mich verteidigen Ich bin stolz auf meinen Adel Aber
man kann nicht Vorrechte beanspruchen ohne nicht auch seine Pflichten um so
höher zu fassen Adelige Herkunft stellt uns auf einen exponierten Posten zu
dem Hunderte von Augen leichter den Weg finden als zu jedem Beliebigen der
recht oder schlecht die Aufgabe seines Lebens zu erfüllen sucht Was wir
Tüchtiges leisten wird dem einzelnen von uns nur als etwas Selbstverständliches
angerechnet Wir beanspruchen ja die Auserwählten zu sein Drum wird jede
Ausschreitung und Missartung hundertfach gesehen und sofort als typisch für uns
alle bezeichnet Mit Unrecht Aber es ist nun einmal so und darin liegt für uns
eine doppelte Verpflichtung«
»Grossartig« lachte Robert »In einer Volksversammlung würdest du dich mit
solchen Tiraden populär machen Aber in Papas Jagdhütte« Er sah zu seinem Vater
auf der den Pfeifenrauch in dicken Wolken vor sich hinpaffte »Ich hoffe Papa
du amüsierst dich Er sagte bereits Verpflichtung Jetzt wird er gleich mit dem
abgedroschenen Noblesse oblige herausrücken«
Graf Egge schwieg
»Ja Robert das Wort ist alt geworden Hätten wir es jung erhalten so
genösse der Adel jene Achtung die ich ihm von Herzen wünsche auch heute noch
Nicht nur bei unseren Bedienten Und dann wäre mir auch die Erfahrung erspart
geblieben dass jeder von uns den es zu ernster Arbeit treibt einem nur schwer
zu überwindenden Zweifel an seinen Fähigkeiten und seinem redlichen Willen
begegnet gerade weil er von Adel ist Aber du hast recht das ist kein Thema
für die Jagdhütte Und Papa wird müde sein Es ist Zeit dass wir ein Ende
machen Gute Nacht Papa«
Graf Egge blies eine Wolke vor sich hin und nickte schweigend
Als Tassilo die Stube verlassen hatte schob Robert sich hinter dem Tisch
hervor »Ein netter Herr Was sagst du Papa«
Graf Egge machte die Augen klein und strich mit der Pfeifenspitze über den
weißen Schnurrbart »Ich sage Du sei still Wenn es auf einen passt was er
sagte so passt es auf dich Die Hoffnung dass aus ihm noch ein Jäger wird geb
ich auf Aber lieber sitzt er mir hinter dem Schreibtisch als hinter dem
verfluchten Möbel an dem du auf meine Kosten die Nächte verbringst Leg dich
schlafen« Graf Egge pfiff durch die Finger Während er an der Ofenkante die
Pfeife ausklopfte kam Schipper zur Tür hereingeschossen »Mach die Fenster auf
dass der Zigarettengestank hinauskann und richte mir das Bett«
Wortlos ging Robert aus der Stube und kletterte über die Leiter auf den
Heuboden wobei er die »Scheusslichkeit« des ihm zugewiesenen Quartiers mit einem
kräftigen Reiterfluch bedachte
Für jeden der Brüder hatte Franzl ein Leintuch über das Heu gebreitet und
eine wollene Decke zurechtgelegt Die Kerze die hinter den trüben Gläsern einer
Laterne brannte erleuchtete mit ihrem matten Schimmer den niederen Raum und das
von Spinnweben überzogene Sparrenwerk des Daches Tassilo hatte sich schon zur
Ruhe gelegt Auch Franzl war schon ins Heu gekrochen ohne bei dem heimlichen
Nachtmahl mitzuhalten
Während Schipper in der Herrenstube Graf Egges Bein frottierte taten Robert
und Willy sich auf dem Heuboden an Niersteiner und Pschorrbräu gütlich und
vertilgten den Inhalt einer Konservenbüchse
16
Früh am Morgen hatte Forbeck sich erhoben um vor seinem Gang nach Hubertus noch
einige Stunden für die Arbeit zu gewinnen Er öffnete das Fenster und rückte die
Leinwand in das beste Licht Er nahm auch die Palette Doch als er vor das Bild
trat und den Blick auf die leuchtende Mädchengestalt heftete die vor ihm zu
leben schien umschimmert von einem letzten Sonnenstrahl den das ausbrechende
Unwetter schon zu ersticken droht da schien er seine Arbeit wieder zu
vergessen Er hörte nicht dass Mali die Stube betrat um das Frühstück zu
bringen Erst als die Tasse klirrte erwachte er und nickte zerstreut einen
Gruß den Mali nicht erwiderte In Hast verließ sie die Stube Forbeck hüllte
die Leinwand in ein weißes Tuch legte den Malkasten auf den Tisch und machte
sich zum Ausgang fertig ohne das Frühstück zu berühren Im Flur begegnete ihm
Mali mit dem kleinen Netterl auf den Armen
»Wenn jemand von Schloss Hubertus kommt um meine Geräte zu holen« sagte er
»ich habe droben alles bereitgestellt Und bitte sagen Sie dem Diener « Da
verstummte Forbeck und sah erschrocken in das Gesicht des Mädels
Mali sah aus wie ein Gespenst ihrer selbst Der Ausdruck eines trostlosen
Kummers lag auf ihren vergrämten Zügen und dunkle Ränder zogen sich um die
Augen
»Was ist Ihnen« fragte Forbeck »Sind Sie krank«
Mali schüttelte den Kopf »Bloß a bissl übernächtig bin ich s Kindl hat
mich net schlafen lassen« Sie trat in die Stube
Forbeck verließ den Brucknerhof folgte einem Pfad auf den ihn der Zufall
führte und irrte zwei Stunden in dem Wald umher der den Park von Schloss
Hubertus umgab Immer wieder geriet er in die Nähe des Tores stand unschlüssig
warf einen Blick auf die Uhr und wandte sich wieder in den Wald zurück Endlich
ging es auf die zehnte Stunde Mit dem ersten Glockenschlag der von der
Dorfkirche herübertönte trat Forbeck in den Park Als er sich dem Adlerkäfig
näherte begegnete ihm Moser mit einer blutfleckigen Holzschüssel der Alte war
am Morgen mit dem Wildtransport von der Jagdhütte heruntergekommen hatte
Roberts Brief zur Post getragen die Arbeit in der Zwirchkammer erledigt und
brachte nun den Adlern die rohe Wildleber zum Futter Mit Gönnermiene nickte er
dem jungen Künstler zu »Die Damen sind schon bei die Malersachen im Park hint
und warten« Die Adler hatten die ihnen wohlbekannte Schüssel bereits gewahrt
und flatterten hinter dem Gitter lärmend durcheinander so dass sich vom Boden
des Käfigs eine schmutzige Wolke erhob Während Moser das Gitter öffnete
beschleunigte Forbeck den Schritt der Anblick des Käfigs hatte immer peinlich
auf ihn gewirkt und das blutige Menageriegeschäft das er den alten Jäger üben
sah mehrte in ihm noch das Gefühl des Widerwillens Als er den offenen Platz
vor dem Schloss erreichte verschlang sein irrender Blick die Blumenbeete das
zitternde Lichterspiel im Gezweig der Bäume und den blitzenden Tropfenfall der
rauschenden Fontäne
»Wie schön Und heute zum letztenmal«
Da hörte er die Stimme der Kleesberg und sah auf dem Rasen die Staffelei mit
der Leinwand bereits aufgestellt Kitty und Tante Gundi standen vor dem Bild
und Forbeck während er näher kam hörte noch ein wortreiches Stück der
begeisterten Rede mit der die Kleesberg dem in Schweigen versunkenen Mädchen
die »unglaublichen Fortschritte« der Arbeit pries So aufmerksam Kitty auch
lauschte sie vernahm doch den Schritt der sich näherte »Er kommt«
Tante Gundi begrüßte den jungen Künstler mit erregter Herzlichkeit und als
ihr Forbeck der nicht zu sprechen vermochte die Hand küsste sah sie so
verträumt auf ihn nieder als wären ihre Gedanken weiß Gott in welcher Ferne und
vergangenen Zeit
Bei Kitty war die Begrüßung schneller abgetan eines vermied den Blick des
andern Während Kitty langsam auf den Sessel zuging um ihre Stellung
einzunehmen fand Gundi Kleesberg ihre Fassung wieder »Beginnen Sie nur gleich
mit der Arbeit« mahnte sie »Die letzte Sitzung Da müssen wir die Zeit noch
gut benützen« Das klang als wäre auch ihr bei dieser letzten »Sitzung« eine
wichtige Rolle zugewiesen Sie griff nach ihrem Buch und ließ sich auf die
Rohrbank nieder die heute dicht neben die Staffelei gerückt war »Es stört Sie
doch nicht wenn ich so nahe sitze«
»Gewiss nicht« Die Palette zitterte in Forbecks Hand während er die Farben
aus den Tuben drückte dann trat er vor die Leinwand Die Falten an Kittys Kleid
waren einer Korrektur bedürftig »Gestatten Sie«
»Oh bitte«
Als er zurücktrat und das Werk seiner zitternden Hände einer letzten
Musterung unterzog verirrten sich seine Augen bis zu Kittys glühendem
Gesichtchen und da tauchte Blick in Blick so seltsam erschrocken als sähe
eines im anderen ein unbegreifliches Rätsel
Wie ein Träumender ging er zur Staffelei zurück und begann die Arbeit
Lautlose Minuten Ab und zu das Gezwitscher eines Vogels Und manchmal knisterte
es leise wenn Gundi Kleesberg ein Blatt ihres Buches umschlug Es schien ihr
mit dem Lesen nicht sonderlich ernst zu sein Immer wieder glitt ihr Blick zu
Forbeck hinüber Endlich klappte sie das Buch zu »Sind Sie bei der Arbeit immer
so schweigsam Sie haben es wohl nicht gern wenn geplaudert wird«
Forbeck erwachte aus seiner Verlorenheit »Im Gegenteil ich bin seit Jahren
gewohnt mit Werner gemeinsam zu arbeiten Wir haben immer was zu plaudern«
»Wie lange leben Sie schon in München«
»Seit vierzehn Jahren seit Werner mich in sein Haus nahm«
»Ja richtig Sie erzählten uns neulich dass Sie mit Professor Werner
verwandt wären«
»Aber Tante Gundi« rief Kitty von ihrem Sessel herüber »Herr Forbeck
erzählte das Gegenteil auf der Veranda als uns Tas diese merkwürdige
Ähnlichkeit erklärte«
»Diese Ähnlichkeit « lispelte Gundi Kleesberg vor sich hin
In Kitty war als sie den Namen des Bruders ausgesprochen hatte der Gedanke
erwacht dass Tassilo vielleicht in dieser Stunde vor dem Vater stünde ringend
um sein Glück Ihre Augen suchten die Berge und unter einem Seufzer zog sie die
beiden Daumen ein
»Sagten Sie nicht auch dass Professor Werner Sie erziehen ließ« begann die
Kleesberg von neuem ihr Verhör
»Ja gnädiges Fräulein Was aus mir geworden verdanke ich Werner Ich war
neun Jahre alt als er mich fand«
»Als er Sie fand Er wusste von Ihrer Existenz und suchte Sie«
»Nein Werner wusste früher von mir sowenig wie ich von ihm Er hat meine
Eltern nie gekannt Das waren arme Leute in einem kleinen Dorf und sie waren
nicht mehr jung als ich geboren wurde Ich hatte noch drei Geschwister Sie
starben vor meiner Geburt« Ein Schatten tiefer Schwermut legte sich über
Forbecks Züge »Ich hatte keine glückliche Kindheit« Verstummend sag er auf die
Palette nieder während er eine Farbe mischte In seiner Erinnerung tauchte das
Bild einer ärmlichen Stube auf mit verwahrlostem Gerät ein vierjähriger Bub
in Lumpen gehüllt kauert hinter dem Herd auf dem die Mutter sitzt mit
verdrossenem Faltengesicht die irdene Kaffeetasse in der Hand schweigend leert
sie eine Tasse um die andere bis sie draußen schwere Tritte poltern hört nun
versteckt sie das Geschirr und der Vater stolpert in die Stube betrunken mit
glasigen Augen Ein Fluch ist sein Gruß und der Bub im Herdwinkel beginnt zu
zittern er weiß was ihm bevorsteht
Forbeck richtete sich auf als möchte er diese Erinnerung gewaltsam von sich
abwerfen
»Sie haben Ihre Eltern früh verloren« fragte Gundi Kleesberg bewegt
während Kitty lautlos saß mit erblasstem Gesicht
»Meine Mutter starb als ich noch nicht fünf Jahre alt war Ein paar Monate
später verunglückte mein Vater« Wieder verstummte Forbeck Vor seinen Gedanken
stand das Bild jenes Abends an dem der Vater nicht wie sonst nach Hause kam
Bei sinkender Nacht brachte man ihn getragen Leute drängten sich in die Stube
alle kreischten durcheinander das dauerte nicht lange die Leute verliefen sich
wieder und neben der Asche hockte der kleine Bub im Herdwinkel und spähte
furchtsam nach dem Heubett von dem die Wassertropfen herunterfielen Stunde um
Stunde verging und der Schläfer lag immer unbeweglich er schnarchte auch
nicht Vom Hunger getrieben kam der Bub aus seinem Winkel hervorgeschlichen Er
sah den Vater in triefenden Kleidern liegen die nassen Haare hingen über die
offenen Augen So mit diesen bläulichen Lippen so unbeweglich war vor einem
halben Jahr die Mutter auf dem gleichen Bett gelegen An allen Gliedern
zitternd in der ziellosen Furcht die der Tod auch in jenen erweckt die ihn
nicht erkennen rannte das schreiende Kind aus der Stube und verbrachte die
Nacht unter freiem Himmel auf der Hausbank Sein letzter Gedanke vor dem
Einschlafen war Wer wird mich morgen schlagen
Mit erschrockenen Augen hing Kitty an Forbeck als wäre in ihr eine Ahnung
der harten Kindheit erwacht die hinter seinen kargen Worten verborgen lag Und
Gundi Kleesberg sagte bedrückt »So früh verwaist Wer sorgte für Sie als Ihre
Eltern gestorben waren«
»Niemand Zwei Jahre lebte ich « Eine leise Bewegung der Schultern
vollendete den Satz »Dann durfte ich die Gänse hüten Und da kamen bessere
Zeiten Man gab mir Unterkunft im Gemeindehaus ich bekam täglich zu essen und
empfand so etwas wie Freude Der Wald die Wiesen der Bach die Sonne das war
mein Reichtum aus dem ich immer schöpfte Die Einsamkeit reifte meinen
Kinderverstand ich begann und denken begann mein Leben mit dem Leben anderer
Kinder zu vergleichen Neid hab ich nie empfunden Aber immer war in mir eine
Sehnsucht die mir fast das Herz verbrannte«
Gundi Kleesberg musste sich plötzlich ihres Wortes von der »guten
Kinderstube« erinnern
»Oft lag ich lange Stunden das Gesicht ins Gras gedrückt Wenn ich mich
müde geweint hatte begann ich zu träumen begann mit dem Finger oder mit einem
Reis in den Sand zu zeichnen mit Kohle auf die Stallwände Ställe und Scheunen
Ich zeichnete Häuser mit Gärten zeichnete meine Gänse und die anderen Tiere
den Kirchturm mit der Sonne darüber den lieben Gott und den Teufel Und
schließlich versuchte ich die Menschen nachzubilden«
Forbeck schwieg die feinen Linien des unter dem Gewandsaum hervorlugenden
Füsschens an dem er gerade malte nahmen seine Aufmerksamkeit in Anspruch Es
währte eine Weile bis er wieder zu erzählen anfing »Meine Kritzeleien begannen
im Dorfe von sich reden zu machen in einer Weise die mir nicht erfreulich war
Die Besitzer der schönen weißen Mauern waren nicht gut auf mich zu sprechen« Er
lächelte »Ich musste mich früh daran gewöhnen für meine Kunst zu leiden« Nun
schwieg er und arbeitete mit doppeltem Eifer als wüsste er nichts mehr zu
erzählen
Die Kleesberg war mit diesem Schluss nicht einverstanden »Und wie kam das
Mit Professor Werner«
»An einem Sommertag auf der Bachwiese lag ich zwischen meinen Gänsen im
Gras da sah ich nicht weit von mir einen fremden Mann stehen in städtischer
Kleidung «
»Werner« stammelte Gundi Kleesberg
Forbeck nickte »Der breite Hutrand warf einen dunklen Schatten über das
schmale Bartgesicht in dem zwei Augen glänzten über die ich mich wundern
musste ich weiß nicht warum Nie hatte ich ein gutes Wort gehört nie einen
freundlichen Blick empfangen Der fremde Mann da vor dem ich mich zuerst ein
bisschen fürchtete das war der erste Mensch der mich ansah in herzlichem
Erbarmen Lange stand er so vor mir ohne ein Wort zu sagen Dann ging er auf
mich zu «
Forbeck sah wie ein Erwachender auf von der Ulmenallee klang die
schreiende Stimme des alten Büchsenspanners dazu eine schrille Mädchenstimme
Kitty ließ sich vom Sessel heruntergleiten während Gundi Kleesberg stumm in
sich versunken saß Das Geschrei wurde lauter Nun kam der Diener vom Schloss
herübergelaufen
»Fritz Was ist denn«
»Moser hat am Adlerkäfig die Tür nicht versperrt und der Steinadler den
der gnädige Herr vor drei Jahren aus der Bärenwand herunterholte ist
ausgeflogen In der Allee sitzt er auf einer Ulme«
»Ach du lieber Himmel Wenn Papa das erfährt« stammelte Kitty »Kommen Sie
Herr Forbeck Der Adler muss wieder eingefangen werden Oder es gibt einen bösen
Tag für uns alle wenn Papa heimkommt«
Forbeck hatte schon die Palette aus der Hand geworfen und rannte mit Kitty
und Fritz nach der Ulmenallee
Gundi Kleesberg ermunterte sich aus ihrer Verstörteit und fuhr mit beiden
Händen nach ihrer Frisur als wäre der Adler schon in Greifnähe ihrer Zöpfe
dabei schien auch in ihr das Gefühl zu erwachen dass es auf der Welt ein Wesen
gäbe das sie zu beschützen hätte »Kitty Kitty« Sie sah die Komtesse mit
Forbeck um die Ecke des Schlosses verschwinden und schrie in Sorge »Aber
Kinder«
Die beiden hörten nicht Atemlos erreichten sie die Allee und sahen unter
einer Ulme vier schreiende Menschen stehen die Beschliesserin Roberts
Stallburschen eine Jungfer und den alten Moser Mit kalkweissem Gesicht kam
ihnen Moser entgegengelaufen
»Aber Moser« jammerte Kitty »Was haben Sie denn angestellt Papa wird
wütend sein wenn er das hört«
»Auf Ehr und Seligkeit ich hab kei Schuld net« keuchte der Alte »Und gar
net denken kann ich mir wie s Unglück passiert is Ich hab den Schlüssel
umdreht und da hör ich mein Namen rufen und wie ich mich umschau steht s
ZaunerLieserl in der Allee Auf Ehr und Seligkeit s Lieserl wird mir bezeugen
können und Mar und Josef den Vogel schau an schreit s Madl Und wie ich
zum Käfig hinschau hab ich gmeint mich trifft der Schlag s Türl steht
sperrangelweit offen und der Adler hupft auf der Allee umanand Wie der Teufel
bin ich aufn Käfig zu und grad hab ich s Türl noch zubracht dass net einer
von die andern auch noch aussi fliegt D Joppen hab ich abgrissen und bin dem
Adler nach Da fangt er s Fludern an und richtig kommt er auffi bis aufn
Baum Da schauen S Kontess da sitzt er droben«
In halber Höhe des Baumes saß der Adler auf einem Ast die Fänge weit
gespreizt den flachen Kopf zwischen die Flügel geduckt Mit blitzenden Augen
spähte er bald zur Sonne hinauf bald wieder hinunter auf das Häuflein Menschen
die ratlos durcheinander schrien
»Was fang ich denn an Herr Jesus Jesus« klagte Moser »Der gnädige Graf
der jagt mich zum Teufel wann der Vogel hin is«
»Vor allem sollen sich die Leute ruhig verhalten« sagte Forbeck »Jeder
Lärm muss den Vogel noch scheuer machen als er schon ist«
Kitty befahl energisch »Ruhe« Schweigen trat ein aber vom Schloss herüber
hörte man den Jammerschrei der Kleesberg »Kitty Kitty« Das klang immer näher
niemand kümmerte sich drum alle spähten nach dem Adler
»Der Vogel kennt die Kraft seiner Schwingen nicht« sagte Forbeck zu Kitty
»sonst würde er nicht so ruhig sitzen Er ist an die Gefangenschaft gewöhnt
Wenn wir ihn aufstören wird er zu Boden flattern Ihn mit den Händen zu packen
das möchte übel ausfallen Mit einem Netz vielleicht «
»Fritz Das große Forellennetz Und eine Leiter« befahl Kitty
Der Diener rannte mit dem Stallburschen davon
»Misslingt die Sache so wird nichts anderes übrigbleiben als den Vogel
durch einen Schuss zu töten Wenn er über die Parkmauer hinausflattert und ins
Dorf gerät «
»Was Den Adler erschießen« stotterte Moser »Net um d Welt Mar und
Josef was möcht der Herr Graf sagen«
»Herr Forbeck hat recht Was Herr Forbeck anordnet hat zu geschehen«
entschied Kitty mit einer Bestimmtheit die keinen Widerspruch duldete »Ich
werde die Sache bei Papa verantworten Schnell Moser holen Sie ein Gewehr«
Moser schüttelte den Kopf und ging
»Kitty Kitty« Tante Gundi erschien mit ausgebreiteten Armen in der
Ulmenallee
»Fräulein von Kleesberg ist in Sorge« sagte Forbeck und fasste Kittys Hand
»ich glaub auch es wäre besser wenn Sie sich entfernen wollten bis die Sache
vorüber ist«
Mit großen Augen sah ihn Kitty an »Nein Ich bleibe bei Ihnen Angst hab
ich nicht«
In Verzweiflung kam Gundi Kleesberg herbeigestürzt und umklammerte Kittys
Arm »Fort Fort Bist du von Sinnen Was hast du hier zu schaffen« Sie sah den
Adler der in verdächtiger Unruhe den Hals streckte Aufkreischend suchte sie
Kitty mit Gewalt von der Stelle zu reißen
»Aber Gundi Ich bin doch kein Kind mehr Da ist wahrhaftig keine Gefahr
Herr Forbeck ist doch bei uns«
»Ich bitte gehen Sie« fiel Forbeck ein »Sie sehen in welcher Sorge
Fräulein von Kleesberg ist«
»Fort Fort Hörst du denn nicht Herr Forbeck bittet dich«
Einen Augenblick sträubte Kitty sich noch Dann sagte sie »Gut ich gehe
Aber dann haben auch Sie keine Veranlassung hierzubleiben Moser soll allein
sehen wie er seine Dummheit wieder gutmacht Kommen Sie Herr Forbeck« Sie
streckte die Hand nach ihm
Da kam der Diener mit dem Netz gelaufen und der Stallbursche brachte eine
hohe Leiter »Seien Sie vorsichtig« rief Forbeck dem Burschen zu der die
Leiter aufzurichten versuchte »stoßen Sie mit der Leiter an keinen Ast«
Die Warnung kam zu spät Dem Adler schien die Sache nicht mehr geheuer Er
breitete die Schwingen aus Des Fluges ungewohnt vermochte er sich aus dem
Gezweig der Ulme nicht hervorzuheben und kam ins Fallen
»Jesus Maria« kreischte die Beschliesserin Und die Jungfer schrie »Der
Adler Kontess der Adler« Krachend stürzte die Leiter zu Boden die dem
Stallburschen im Schreck aus den Händen geglitten war Gundi Kleesberg stieß
einen gellenden Schrei aus und Kitty als sie das erblasste Gesichtchen hob sah
den taumelnden Vogel schon dicht über ihrem Kopf Alle Stimmen schrillten und
Moser kam mit einer Flinte durch die Allee gerannt Die Schwingen des Adlers
trafen schon im Niederschlagen Kittys Arm und seine Fänge streckten sich um an
ihrer Schulter einen Halt zu finden Da warf sich Forbeck mit ersticktem Laut
über Kitty und während sie unter dem Stoß zu Boden taumelte haschte er mit
beiden Händen die eine Schwinge des Vogels und riss ihn seitwärts Mit wütender
Kraft wehrte sich der Adler und Forbecks Kopf und Schultern verschwanden unter
dem Gewirbel der mächtigen Flügel Gundi Kleesberg totenbleich griff mit den
Händen in die Luft »Forbeck Herr Forbeck« Wie eine Wahnsinnige stürzte sie
auf den Bedrohten zu Mit der einen Hand griff sie nach der Brust des Adlers
mit der anderen fasste sie seinen Hals »Um Herrgotts willen Fräuln Jesses Was
machen S denn« kreischte Moser und warf die Flinte ins Gras »Zruck sag ich
Auslassen« Er riss das Netz aus den Händen des Dieners und warf es über den mit
Schwingen und Fängen schlagenden Vogel Für ein paar Augenblicke bildeten die
drei Menschen mit dem Adler einen wirren Knäuel doch ehe Kitty sich erhoben
hatte und aus den Händen der schreienden Jungfer sich loszureißen vermochte lag
der vom Netz umwickelte Adler schon auf der Erde und unter Mosers Knien
Erblassend flog Kitty auf Forbeck zu Die Weste war ihm von der Brust
gerissen und in Fetzen hing ein Ärmel von der Schulter »Sind Sie verwundet«
Forbeck betrachtete lachend seine Hände und griff an seinem Arm herum »Ich
glaube nicht « Da sah er die Kleesberg und erschrak
Zitternd das Gesicht von mehliger Blässe stand sie vor ihm als begriffe
sie nicht was geschehen war und was sie getan ihr Kleid war verwüstet die
Zöpfe hingen auf die Schulter und aus dem engen Seidenärmel quollen rote
Tropfen
»Tante Gundi« stammelte Kitty Und Forbeck »Fräulein Um Gottes willen
Was ist Ihnen geschehen«
Die Kleesberg erwachte sah verstört an sich hinunter und als sie die roten
Tropfen auf ihrem Arm gewahrte und zwei dünne Blutlinien über ihre Finger
schleichen sah machte sie die Augen zu und setzte sich auf den Boden
Alle drängten sich um die Bewusstlose während Moser sich noch immer mit dem
Adler balgte dessen wilde Kraft auch durch die zusammengeschnürten Maschen des
Netzes nicht völlig gebändigt wurde
Forbeck war der erste der nach dem Schreck die Besinnung wiederfand und
alle fügten sich seinen Anordnungen Der Stallbursche rannte davon um den Arzt
zu holen und die Jungfer lief in das Schloss um in Fräulein von Kleesbergs
Zimmer alles zu richten Forbeck und Fritz hoben die Bewusstlose auf und trugen
sie ins Haus dabei stützte Kitty mit zitternden Händen Tante Gundis blutenden
Arm und die Tränen rannen ihr über die blassen Wangen
Es war eine schwere Mühe die Ohnmächtige über die Treppe hinaufzubringen
und auf das Bett zu heben Während Kitty und die Jungfer bei Gundi Kleesberg
blieben stieg Forbeck mit dem Diener in den Flur hinunter Hier musste Forbeck
es sich gefallen lassen dass ihm Fritz den Staub und Flaum von den Kleidern
bürstete und mit Stecknadeln an der Weste und an den Ärmeln die Risse schloss
Forbeck schien nicht zu sehen nicht zu hören als ihn der Diener freigab trat
er auf die Veranda hinaus
In der Ulmenallee krachte ein Schuss Fritz rannte an Forbeck vorüber kam
nach einer Weile zurück und berichtete »Der Adler musste erschossen werden die
linke Schwinge war gebrochen Auch meinte Moser dass die Risse die das arme
Fräulein bekam nicht heilen würden wenn das Tier am Leben bliebe Die Leute
hier sind schrecklich abergläubisch«
Der Doktor kam und Forbeck blieb eine Viertelstunde allein Dann hörte er
einen flinken Schritt im Flur Eine Blutwelle schoss ihm ins Gesicht
Kitty erschien auf der Schwelle »Ich bin nur schnell heruntergehuscht um
Sie zu beruhigen Der Doktor meint dass die Wunden bald wieder heilen werden An
zwei Stellen des Armes sind die scharfen Klauen tief ins Fleisch gedrungen aber
glücklicherweise sind die Wunden nicht ausgerissen« Sie schöpfte Atem »Mir ist
ein Stein vom Herzen Auch die arme Gundi ist schon ein bisschen ruhiger Wie das
nur kommen konnte Vor einer halben Stunde diese glückliche Stille Und jetzt «
Forbeck sah zu Boden Auch Kitty schwieg Wie in drückender Schwüle bewegte
sie die Schultern und streifte die schimmernden Löckchen von der heißen Stirn
»Und ganz unbegreiflich ist das mit Tante Gundi Sonst die hilflose
Ängstlichkeit Und plötzlich dieser Mut «
»Fräulein von Kleesberg hat Sie lieb und war in Sorge«
»Um mich Aber ich war doch « Kitty verstummte Vor den Stufen der Veranda
sah sie den alten Moser stehen mit dem Hut in der Hand ein Bild der tiefsten
Zerknirschung »Moserchen Moserchen«
Der alte Jäger schien den ganzen Vorwurf dieser verkindlichten Namensform zu
erfassen seine Gestalt schrumpfte zusammen und wie gesenkte Trauerfähnchen
hingen ihm die Schnurrbartspitzen über die Mundwinkel
In Kitty regte sich das Mitleid »Was machen wir jetzt Papa darf die
Wahrheit nicht erfahren Um Ihretwillen«
Scheu blickte der Alte auf Hoffnung und Zweifel in den zwinkernden Augen
»Sie haben halt a guts Herzl Aber da wird sich s Verheimlichen schwer machen
Der Adler beim Teufel und s alte Fräulen net weit davon Mar und Josef Und
grad der Bärenwandadler den der Herr Graf am liebsten gehabt hat weil er ihn am
härtesten kriegt hat Wann der Herr Graf hört dass der Adler hin is meiner
Seel dös überleb ich net«
»Seien Sie ruhig Moser Was geschehen ist können wir nicht mehr ändern
Aber Ihnen muss geholfen werden« Kitty fasste den Arm des Alten und flüsterte ihm
ins Ohr »Schieben Sie nur alles auf mich«
»Um Gotts willen Kontess Net um die ganze Welt«
»Ich weiß keinen anderen Ausweg Mich kann Papa nicht davonjagen Ich werde
ihm schreiben ich hätte eine Krähe geschossen hätte sie in den Käfig werfen
wollen und da wäre das Unglück passiert Über alles weitere können wir dann die
reine Wahrheit sagen Still Moser Die Sache bleibt unter uns da können Sie
beruhigt sein Den Adler wird Papa schwer verschmerzen Aber er wird sich
freuen wenn er hört dass ich die Krähe getroffen habe Und weil wir schon lügen
müssen sagen wir gleich ich hätte sie im Flug geschossen Dann verzeiht er mir
alles«
Diese Logik schien dem Alten einzuleuchten er wollte noch einen
schüchternen Widerstand versuchen als Fritz auf der Veranda erschien »Ich
bitte Kontess Fräulein von Kleesberg verlangt nach Ihnen«
Kitty wollte ins Haus und blieb erschrocken stehen »Herr Forbeck« Sie
streckte ihm die beiden Hände hin die er ungestüm ergriff
Seine Augen brannten und seine Lippen zuckten als ränge was ihm das Herz
erfüllte gewaltsam nach Sprache Doch auf den Stufen der Veranda stand der
Jäger und Forbeck sagte mit erzwungener Ruhe »Ich danke Ihnen dass Sie
gekommen sind um mir das günstige Urteil des Doktors mitzuteilen«
»Das war doch selbstverständlich«
Im Flur klang die Stimme der Jungfer die von der Treppe dem Diener zurief
»Wo bleibt die Kontess Das arme Fräulein droben ist außer sich vor Unruh«
Ein müdes Lächeln und zögernd löste Kitty die Hände »Tante Gundi Sie
verzeihen « Während sie zur Tür ging tastete sie mit der Hand als wäre sie
von einer Schwäche befallen
Forbeck sah sie verschwinden wie ein Erwachender die Bilder einer
traumseligen Nacht im kalten Grau des beginnenden Tages zerrinnen sieht für
immer
»Ich bitte Herr Forbeck« fragte Moser »soll ich Ihnen vielleicht die
Malsachen heimtragen Jetzt wird wohl ausgmalt sein«
Der Alte redete diese Worte aus seiner ehrlichen Betrübnis heraus Forbeck
empfand ihren Doppelsinn wie einen schmerzenden Stich Ohne zu antworten ging
er an Moser vorüber Als er zur Staffelei kam stand er lange in die Betrachtung
des Bildes versunken Dann deckte er hastig das Tuch über die Leinwand und
schloss den Malkasten Einen letzten Blick noch ließ er über den Rasen gleiten
über den leeren Armstuhl und über die Fenster des Schlosses aus dessen Mauern
die hundert Enden der mächtigen Hirschgeweihe hervorstarrten wie die Spitzen
gefällter Lanzen
Langsam ging er der Ulmenallee entgegen Vor dem Adlerkäfig blieb er stehen
Scheu rückten die sechs Vögel auf den Stangen hin und her lüfteten die
Schwingen hoben und duckten die Köpfe Einer schwang sich gegen das Gitter dass
die Drähte rasselten und ein anderer ließ sich von der Stange fallen und hüpfte
schwerfällig auf dem Boden des Käfigs umher über den die zerfaserten Reste der
Wildleber ausgestreut waren von Staub und Federn umwickelt
»Mir scheint die merken schon dass der Kamerad nimmer da is« sagte Moser
als er Forbeck einholte in der einen Hand das verhüllte Bild in der anderen
den Malkasten
Schweigend wandte Forbeck sich ab und folgte der Allee
Als sie am Zaunerhaus vorüberschritten stand das feine Lieserl im Garten
hinter den Johannisbeerstauden und machte dem Jäger heimliche Zeichen Moser
drehte brummend das Gesicht zur Seite Bis zum Dorfe murmelte er ununterbrochen
vor sich hin nach der Art bejahrter Leute die im Zorn wie in der Freude laut
zu denken pflegen
Schon wollten die beiden in den Hof des Brucknerhauses treten als ein
junger Bauer von auffälliger Größe mit einem Stiernacken über ungeschlachten
Gliedern an ihnen vorüberschritt eine eiserne Brechstange auf der Schulter
»Dös is der PointnerAndres dem s Zaunerlieserl in d Augen sticht« sagte
Moser der bei Forbeck die Kenntnis des öffentlichen Dorfgeheimnisses
vorauszusetzen schien »Bis jetzt hab ich allweil gesagt die zwei taugen net
zueinander Aber heut Heut könnt ich ihr den Andres vergunnen Der möcht ihr
die unfürmigen Streich ghörig austreiben Wissen S der Andres is a guter
dummer Kerl Aber Spassetteln lasst er net mit ihm machen Da haut er zu«
Forbeck hörte nicht und ging an Bruckner der aus der Scheune kam ohne Gruß
vorüber Als er die Giebelstube erreichte suchte er mit zitternden Händen ein
Blatt hervor und schrieb in fliegender Hast einige Worte nieder
Bruckner brachte die verhüllte Leinwand und den Malkasten
»Ich bitte Bruckner tragen Sie diese Depesche auf die Post«
»Ja Herr« Der Bauer nahm das Blatt Da gewahrte er an Forbeck den
zerfetzten Ärmel »Is Ihnen was passiert«
Forbeck schüttelte stumm den Kopf
Zögernd verließ der Bauer die Stube
Als die Tür geschlossen war blieb Forbeck eine Weile unbeweglich stehen
Dann fiel er auf einen Sessel hin und vergrub das Gesicht in die Hände
17
Graf Egge war in schlechter Laune Zwei Triebe seit dem Morgen Und er hatte
noch keinen Schuss getan Er schalt über den »hundsmiserablen« Wind ließ seinen
Ärger an den Treibern und Jägern aus und schien doch einen gelinden Trost in der
Tatsache zu finden dass auch seine Söhne leer ausgegangen waren Willy hatte
zwar fünf Patronen »verpulvert« aber die Gemsgeiss und die beiden Kitz die sich
in seinem sprudelnden Bericht zu »kapitalen Böcken« auswuchsen waren von seiner
feuerflinken Büchse gesund an Leib und Gliedern entlassen worden
Nun ging es auf Mittag und es sollte der dritte Bogen beginnen Die Treiber
waren schon abmarschiert und mit ihnen Tassilo und Franzl die den Rückwechsel
zu besetzen hatten Robert und Willy warteten auf Schipper der mit seinem Herrn
in flüsterndem Gespräche abseits stand
»Sieh nur wie die beiden die Köpfe zusammenstecken« sagte Robert zu seinem
Bruder »Papa scheint seinem Hof und Staatsrat geheime Order zu geben«
Das war nicht weit vom Ziel geschossen »Den Bertl stell auf den nächsten
Stand« befahl Graf Egge seinem Büchsenspanner »Der kann allein bleiben Bei
dem bin ich sicher dass er mir den Anlauf nicht verdirbt Und du geh mit dem
anderen Sonst brennt er mir am End wirklich noch eine Geiß nieder Wenn er auf
einen Bock zu Schuss kommt in Gottes Namen« Dieses Zugeständnis löste sich
etwas zögernd von Graf Egges Lippen »Aber nicht zu früh Das bitt ich mir
aus«
Schipper schien verstanden zu haben und nickte lächelnd
Graf Egge trat zu seinem Stand Robert und Willy wünschten ihm »Weidmanns
Heil« und begannen mit Schipper bergan zu steigen Als Robert seinen Stand
erreichte flüsterte Schipper ihm zu »Sind S gscheit Herr Graf Sie wissen
schon was ich mein« Robert schien nicht in der Stimmung zu sein um
vertrauliche Ratschläge anzunehmen Gelangweilt zog er die Brauen auf und maß
den Jäger mit einem hoheitsvollen Blick
Auch Willy machte ein verdriessliches Gesicht Als er sich mit Schipper den
kahlen Felsen näherte brummte er »Papa hat mir wohl den schlechtesten Stand
gegeben Ja«
»Gott bewahr Den besten im ganzen Trieb Da schießen S gewiss a paar gute
Böck«
Noch ehe der Stand erreicht war krachte schon der Losschuss auf der
Treiberlinie Willy nahm auf einer Felsstufe Platz und hinter ihm ließ Schipper
sich nieder Es währte nicht lange da hörten sie in den Latschen das leise
Kollern kleiner Steine »Es kommt was« zischelte Willy von heißem Jagdfieber
befallen
»Ja ja halten S Ihnen nur stad« mahnte Schipper und streckte den Hals
Auf zweihundert Schritt erschien ein Gemsbock zwischen den schütteren
Büschen Willy wollte mit der Büchse auffahren doch Schipper hielt seinen Arm
gefesselt »Zeit lassen Der Bock is ganz vertraut Lassen S ihn her auf
hundert Schritt sonst fehlen S ihn und der Herr Graf macht an Spitakel«
Willy saß in zitternder Ungeduld und hing mit brennenden Augen an dem näher
ziehenden Wilde Schipper lächelte griff in die Joppentasche zog lautlos sein
rotgesprenkeltes Schnupftuch hervor und hielt es wie ein Fähnlein über Willys
Kopf Flink eräugte der Gemsbock das grell leuchtende Warnungssignal und war im
nächsten Augenblick mit jagender Flucht hinter die Büsche geprasselt
»Natürlich jetzt hab ich das Nachsehen« brummte Willy während Schipper
sich duckte und das rote Tuch verschwinden ließ
»Aber junger Herr Was haben S denn gemacht Warum haben S denn net
gschossen So an Bock auslassen Mar und Josef«
Zwischen den beiden entwickelte sich ein mit Flüsterstimmen geführter
Disput den der Hall eines Schusses unterbrach
Drunten auf dem Hauptstand wurde Graf Egge durch diesen Schuss aus seinem
regungslosen Spähen und Lauschen geweckt als er hastig das Gesicht gegen die
Höhe wandte auf welcher Robert seinen Stand hatte sah er den Pulverdampf über
die Latschen gleiten und einen verendeten Gemsbock mit schlagenden Läufen über
den steilen Grashang herunterrollen Wütend mit übereinandergepressten Zähnen
lachte Graf Egge vor sich hin »Natürlich jetzt hat er das Geld Wenn es für
ein Telegramm nicht schon zu spät wär ich möcht ihm einen Strich durch die
Rechnung machen«
Über das weite Latschenfeld herunter klang der Juchzer eines Treibers Graf
Egge schien die Bedeutung dieses Rufes zu verstehen ein Ruck ging durch seine
Gestalt seine Hände schlossen sich fester um die Büchse und die funkelnden
Augen hefteten sich auf ein Gehäng auf dem die Hauptwechsel des Triebes
zusammenliefen Zwischen dem fernen Grün sah er einen rötlichen Schimmer
gleiten mit vorsichtiger Bewegung hob er den Feldstecher und der Blick den er
durch das Glas warf steigerte seine leidenschaftliche Erregung Über den
Büschen sah er die Kronen eines mächtigen Hirschgeweihs erscheinen und wieder
verschwinden Schon hörte er näher und immer näher das leise Brechen der Äste
Er atmete tief und legte die Büchse an die Wange um schussfertig zu sein wenn
der Hirsch aus der Dickung träte
Da krachte auf Roberts Stand der zweite Schuss eine Gemse mit baumelndem
Vorderlauf schleppte sich über den Grashang und vor dem Hauptstand im Dickicht
schwankten die Äste während die Sprünge eines flüchtenden Wildes sich
entfernten
Zornröte goss sich über Graf Egges Gesicht und mit einem Fluch setzte er die
Büchse ab In der Treiberkette erhob sich wirres Geschrei aus dem eine einzelne
Stimme herausschallte »Obacht rückwärts Ruckwärts«
Franzl der mit Tassilo am Saum eines steilen Lärchenwaldes saß spitzte bei
diesem Ruf die Ohren und flüsterte »Passen S auf Herr Graf« Im gleichen
Augenblick sah er schon noch außer Schussweite den flüchtigen Hirsch zwischen
den Latschen auftauchen und stammelte »Heilige Dreifaltigkeit Der
Sechzehnender von gestern Sie haben a Glück so was gibts nimmer«
Auch Tassilo hatte den Hirsch schon gewahrt und hob die Waffe
»Jetzt halten S aber sauber hin Wann wieder a Malör passiert gibts den
ärgsten Verdruss mit Ihrem Herrn Vater«
Das schien auch Tassilo zu befürchten und dieser Gedanke machte ihn
unruhig »Nehmen Sie Ihre Büchse« sagte er leis »und wenn der Hirsch mit
meiner Kugel weitergeht so geben Sie einen Fangschuss ab«
»Gut Aber treffen müssen S ihn Sonst komm ich in die schönste Suppen
eini wenn ich schiess« Dem Jäger zitterte vor Erregung die Hand mit der er
lautlos den Hahn seiner Büchse spannte
Steine klapperten im Dickicht laut krachten die brechenden Äste eine
stäubende Erdscholle wirbelte in die Luft und mit zurückgelegtem Geweih die
Vorderläufe eingezogen sauste der Hirsch aus den Latschen hervor mit
herrlichem Sprung eine tiefe Wasserrinne übersetzend
Da krachte der Schuss Tassilo ließ die rauchende Büchse sinken und sah den
Hirsch mit jagenden Sprüngen den Saum des Waldes gewinnen Wohl hatte Franzl
seine Waffe an die Wange gerissen doch es schien als wollte er sie unschlüssig
wieder sinken lassen
»Aber so schießen Sie doch« stammelte Tassilo
Da reckte sich Franzl und in seinem Gesicht das er an den Kolben der
Büchse drückte spannte sich jeder Zug Gleitend folgte der blinkende Gewehrlauf
dem Weg des Wildes hallend blitzte der Schuss mit einer steilen Flucht
quittierte der Hirsch den Empfang der tödlichen Kugel und verschwand in einer
Senkung des Waldes Lachend setzte Franzl die Büchse ab »Der muss liegen Herr
Graf der hat mein Schuss mitten aufm Blatt Aber wo meinen S denn dass der
Ihrige stecken könnt«
Tassilo zuckte die Achseln
Der Jäger wurde unruhig »Um aller Heiligen willen Sie werden ihn doch
troffen haben«
»Ich glaube Wenigstens hab ich Rot gesehen als mir der Schuss brach«
»Gott sei Dank da kanns ja so weit net fehlen Aber setzen S Ihnen
nieder Wir dürfen vom Stand net weg eh s Treiben net aus is«
Sie nahmen ihre Plätze wieder ein und immer weiter entfernten sich die Rufe
der Treiber Es fiel kein Schuss mehr
Noch ehe die Treiberwehr sich aufzulösen begann hatte Graf Egge schon die
Büchse auf den Rücken genommen und stapfte ungeduldig vor seinem Stand umher
als wäre er lange Stunden in grimmiger Kälte gesessen und wollte sich nun die
Glieder warm machen dabei brannte sein Gesicht in dunkler Röte und immer
wieder fuhr er mit zuckenden Fingern durch die Bartsträhne Als er Robert über
den Berghang herunterkommen sah drehte er ihm den Rücken
Robert lächelte und ging auf den Vater zu »Ich habe zwei gute Böcke Papa«
Die Antwort ließ auf sich warten »Natürlich Hast sie mir ja vor der Nase
weggeschossen«
»Pardon Papa Ich war leider allein auf meinem Stand und musste zweifeln ob
dir die Böcke noch kommen würden Da trug ich Bedenken sie unbeschossen
durchzulassen Die Szene die Tassilo gestern zu genießen bekam war mir eine
Warnung«
Langsam drehte Graf Egge das Gesicht und streifte Robert mit wütendem Blick
»Was hast du Papa Ich würde es sehr beklagen wenn du in meinem
weidmännisch korrekten Verhalten Ursache zur Unzufriedenheit fändest«
Ohne zu antworten verließ Graf Egge den Stand und als er einen Treiber aus
den Latschen hervortreten sah schrie er ihn mit heiserer Stimme an »Heut habt
ihr wieder einmal getrieben wie die Schweine« Das war die Einleitung zu einem
Ungewitter das sich unter Blitz und Donner entlud Von allen Seiten kamen die
Treiber herbeigerannt drückten sich auf ein Häuflein zusammen wie geduldige
Schafe und ließ schweigend die Köpfe hängen Sie wussten aus Erfahrung dass sie
mit wortloser Zerknirschung dem Zorn ihres Jagdherrn flinker entrannen als mit
dem Versuch einer Verteidigung Schließlich unterbrach Graf Egge seinen mit
Flüchen reich gespickten Erguss und fragte »Was hat denn der Kerl da hinten
geschossen«
»Dem Grafen Tassilo muss an Endstrumm Hirsch kommen sein« sagte einer der
Treiber »aber ich weiß net ob er ihn hat«
»Das wäre noch schöner« Mit diesem mystischen Ausspruch der nach Art der
delphischen Orakel eine doppelte Auslegung zuließ eilte Graf Egge langen
Schrittes davon Schweigend trotteten die Treiber hinter ihm her Robert blieb
zurück und steckte lachend eine Zigarette in Brand und während Willy hoch im
Geröll des Latschenfeldes auftauchte kam Schipper der für die Laune seines
Herrn die richtige Witterung zu haben schien mit langen Sätzen über den
Berghang heruntergesprungen
Inzwischen hatten Franzl und Tassilo auf dem Rückwechsel die Suche nach dem
Hirsch begonnen Sie brauchten nicht weit zu gehen Mitten im Sprunge war das
Wild zusammengebrochen mit der Kugel im Herzen »Dort liegt er schon« lachte
Franzl und begann zu rennen Als er den Hirsch erreichte verging ihm das
Lachen Mit blassem Gesichte stand er schob den Hut in die Stirn kraute sich
ratlos hinter den Ohren und stotterte »Herr Graf da wirds was Schöns
absetzen Da schauen S her Der Hirsch hat bloß mein Schuss Der Ihrige is
gfehlt gewesen«
Auch Tassilo zeigte ein Gesicht als wäre ihm diese Entdeckung nicht
willkommen
»s Personal darf nix Guts net schießen dös is der strengste Auftrag vom
gnädigen Herrn« sagte Franzl dessen Erregung mit jeder Sekunde wuchs »A
Fangschuss is was anders Aber der gnädig Herr is misstrauisch Nix für ungut
Herr Tassilo es is Ihr Vater Aber der glaubt jetzt dass ich den Hirsch allein
gschossen hab damit er uns net wieder durchkommt« Franzl würgte an jedem Wort
»Ich bitt Herr Graf jetzt müssen Sies schon mir zlieb tun und müssen sagen
Sie haben alle zwei Schuss gemacht«
»Nein lieber Hornegger auf solche Dinge kann ich mich nicht einlassen«
Franzl atmete schwer und ließ den Kopf sinken »Freilich ich kanns Ihnen
net verdenken Lügen tut keiner gern Aber beim Herrn Grafen kommt man net aus
mit die graden Weg Dös hab ich schon bitter schmecken müssen No also mein
Klampferl hab ich schon droben am Buckel jetzt kommt noch a Span dazu«
»Seien Sie ohne Sorge Hornegger« sagte Tassilo mit mühsam bewahrter Ruhe
»ich stehe dafür ein dass Ihnen jeder Verdruss erspart bleibt Wenn mein Vater
hört dass Sie nur auf meine Weisung geschossen haben «
»Dös wird net viel helfen Natürlich Ihnen ins Gesicht wird der Herr Vater
sagen es ist alles gut Aber hinterrucks krieg ich mein Putzer Es wär net s
erstemal«
Franzl verstummte denn Graf Egge kam mit ungeduldiger Hast aus der Senkung
des Waldes heraufgestiegen hinter ihm erschienen die Treiber und als Graf Egge
zu dem Hirsch herantrat rannte auch Schipper zwischen den Bäumen daher
keuchend und mit verschwjetztem Gesicht seine spähenden Augen streiften den
Hirsch überflogen die stumme Gruppe und blieben lauernd an Franzl haften
Beim Anblick des mächtigen Hirsches mit dem Riesengeweih bekam Graf Egges
Gesicht einen Stich ins Gelbliche Hinter ihm rief ein alter Treiber »Herrgott
is dös a Hirsch So an Hirsch hat der gnädig Herr selber nimmer gschossen ich
weiß net wie lang« Graf Egge drehte das Gesicht nach dem Schwätzer dann stieß
er mit dem Stachel des Bergstockes an die blutende Wunde des Hirsches und lachte
trocken »Ein schöner Schuss Wie gezirkelt« Er hob die Augen zu Tassilo »Ich
gratuliere dir«
Tassilo wollte sprechen doch sein Vater kehrte ihm den Rücken zu und
schritt davon Betroffen eilte Schipper ihm nach und stotterte »Aber Herr Graf
Der nächste Trieb liegt auf der anderen Seit«
»Schluss für heute Ich habe genug« erklärte Graf Egge »Du brich den Hirsch
auf und verdiene dir das Trinkgeld bei denen die geschossen haben Ich finde
meinen Weg allein« Die letzten Worte klangen so laut als wären sie auch für
andere Ohren gesprochen
Tassilo warf die Büchse auf den Rücken und wollte dem Vater folgen Franzl
hielt ihn am Arm zurück und flüsterte »Sagen Sies ihm erst daheim in der
Hütten Jetzt is er im ärgsten Zorn Und wissen S warum Mir scheint den
Hirsch hätt er lieber selber gschossen Jetzt is die Gschicht doppelt zwider«
Graf Egge war schon im Schatten des Waldes verschwunden Manchmal bewegte er
die Lippen als wären sie durch Trockenheit gespannt und stieß den Bergstock
auf die Steine dass es weithin klirrte
Eine halbe Wegstunde hatte er zurückgelegt da hörte er neben dem Pfad ein
Rascheln im Gebüsch aus dem sich die Gestalt eines schwarzbärtigen Jägers
hervorschob
»Patscheider Du« Das klang nicht freundlich Graf Egge schien diese
Begegnung als eine willkommene Gelegenheit zu begrüßen um seinen Zorn zu
kühlen »Was hast du hier zu schaffen Warum bist du nicht in deinem Bezirk
Oder kommst du mir schon wieder mit der Zumutung dass ich deinen Gehalt « Graf
Egge verstummte als er das fahle Gesicht des Jägers sah Eine unbehagliche
Ahnung mochte in ihm aufdämmern »Patscheider«
Der Jäger ließ einen scheuen Blick über den Weg auf und niedergleiten »Ich
bitt Herr Graf« sagte er mit gepresster Stimme »bei mir drüben liegt einer«
»Pfui Teufel Das is zwider« fuhr es über Graf Egges Lippen
Eine Weile standen sie schweigend voreinander dann begann der Jäger
flüsternd zu berichten »Seit zwei Tag hab ich den Kerl schon allweil gspürt
Kein Bissen mehr hab ich gessen kein Stündl mehr gschlafen Und richtig heut
in der Fruh grad wies Tag worden is bin ich mit ihm zammgrumpelt net weit
von der Grenz Vor ich ihn hab anrufen können hat er mich schon gsehen und is
mit der Büchs aufgfahren Er oder ich Der Herr Graf is mir eingfallen und
meine Kinder Hab ichs halt krachen lassen Mitten in der Brust muss er die
Kugel haben Er is aufs Gsicht gfallen« Die Stimme des Jägers erlosch
Graf Egge zauste am Bart »Verflucht Wer wars denn«
»Ich hab ihn net kennt Er muss über der Grenz daheim sein in Bernbichl
mein ich A reicher Bauernsohn Er hat a guts Gwand anghabt«
»Wo liegt er«
»Gleich unter der Grenzwand bei der Salzleck in die Latschen drin«
»Da schau Gleich bei der Salzleck möchten mir die Lumpen meine Hirsche
wegschiessen Aber du bist doch hoffentlich net hin zu ihm dass man net am End
deine Fährt findet«
»Na Herr Graf Ich hätt ihn auch gar nimmer anschauen können So was
bremselt im Blut Was soll jetzt geschehen Ich mein ich geh nunter zum Gricht
und mach die Meldung«
»Bist du verrückt« fuhr Graf Egge auf »Diese Laufereien und das Geschrei
in der ganzen Gegend Das könnte mir grad noch abgehen«
»Aber ich bitt Herr Graf« stammelte Patscheider »wenn ich die Sach net
zur Anzeig bring da kann ich in die ärgste Schlamastik einikommen Aber wenn
ich den rechtlichen Weg geh ich hab am End net mehr als mei Pflicht erfüllt
und in Notwehr gehandelt«
»So Notwehr Hat der ander geschossen auf dich«
Patscheider starrte zu Boden
»Na also du Tepp Ein paar Monat kannst du eingesperrt werden So fein sind
unsere Gesetze dass sich der Jäger vom Lumpen zuerst erschießen lassen soll vor
er sich wehren darf Nix da Die Sach muss vertuschelt werden Wenn das Interesse
der Jagd in Frage kommt muss alles andere zurückstehen« Graf Egge besann sich
eine Weile »Pass auf Du geh heim zu deinem Weib Such dir einen Weg auf dem
dir niemand begegnet Dein Haus liegt einschichtig am Walde da sieht dich
keiner kommen Und dein Weib wird dir im Notfall bezeugen können dass du seit
gestern mittag daheim warst Um alles andere brauchst du dich nicht zu kümmern
Und heut abend zeig dich im Wirtshaus und sei lustig«
»Dös wird sich hart machen Herr Graf«
»Probiers nur es wird schon gehen Und damit dirs leichter gelingt von
heut an bist du um hundertfünfzig Mark im Gehalt aufgebessert«
Patscheider hob die Augen in seinem bleichen Gesicht zuckte keine Miene er
nickte nur vor sich hin ohne ein Wort des Dankes zu finden
Hinter einer Biegung des Pfades ließ sich Stimmenklang und das Klirren der
Bergstöcke vernehmen »Fort« murrte Graf Egge und Patscheider sprang mit einem
hastigen Satz in die Büsche Graf Egge stand noch eine Weile und sah brütend vor
sich hin Ein Schauer des Unbehagens rüttelte ihm die Schultern wütend stampfte
er mit dem Fuß und spuckte aus »Eine verwünschte Geschichte Heut kommt mir
aber auch alles über den Hals« Er spähte über den Steig zurück auf dem die
Stimmen näher kamen rückte mit zornigem Stoß die Büchse und begann langspurig
auszuschreiten
Nach einigen Minuten tauchte Schipper auf spähte über den Pfad und schlug
als er seinen Herrn nicht gewahrte ein flinkeres Tempo an Er holte ihn nicht
mehr ein Ehe Schipper das offene Latschental erreichte war Graf Egge bereits
vor dem »Palais Dippel« angelangt und trat in die Hütte
Mit der gewohnten Vorsicht an der seine kochende Erregung nichts zu ändern
vermochte hängte er die Büchse an den Gewehrrechen Seine Bergschuhe waren ihm
zwar auch noch heilig aber sie wurden schon etwas derber behandelt als er sie
von den Füßen zerrte ohne die Riemen zu lösen Übel kam die Joppe weg ein paar
Nähte krachten und zu einem Klumpen geballt flog sie in einen Winkel
Hemdärmelig und in Filzpantoffeln vorgebeugten Kopfes und mit den Fäusten auf
dem Rücken wanderte Graf Egge in der engen Stube auf und nieder wie ein
gereizter Löwe in seinem Käfig Nach allem Jagdpech dieses Morgens war ihm die
Nachricht die er soeben hatte hören müssen bös in die Quere gekommen Am
folgenden Morgen hätten die viertägigen Treibjagden in Patscheiders Bezirk
beginnen sollen Damit wars nun aus Man musste wohl oder übel so lange warten
bis »da drüben« alles wieder »in Ordnung« war
Ungeduldig sprang er zum Fenster »Gott sei Dank da kommt er schon«
murmelte er als zwischen den Latschen der graue Kopf seines »Hof und
Geheimrates« auftauchte Wieder begann er den Marsch durch die Stube und
während er den Plan entwarf nach welchem Schipper »da drüben« wirtschaften
sollte stieg mit unbehaglicher Deutlichkeit vor ihm das Bild eines Menschen
auf der zwischen blutbesprengten Büschen regungslos auf dem Gesichte lag
Schipper erschien Mit raschem Blick spähte er nach dem Gesicht seines Herrn
und sagte »Es is mir unangnehm Herr Graf aber ich muss leider an zwidern
Fürfall melden«
»Noch was« fuhr Graf Egge auf als wäre ihm das Maß dessen was dieser Tag
gebracht hatte schon mehr als genügend
»Es tut mir leid dass ich gegen Ihren Herrn Sohn reden muss Aber es is mei
Pflicht Da geh ich durch dick und dünn Ich hab den Hirsch da drüben
aufbrochen Und schauen S her die Kugel hab ich im Hirsch gfunden Er hat bloß
den einzigen Schuss« Schipper hielt seinem Herrn auf der flachen Hand eine
Bleikugel hin deren Spitze breitgedrückt war wie der Kopf eines Pilzes
Graf Egge nahm das Blei »Was soll das heißen Das ist doch das kleine
Kaliber das der Hornegger schießt Wie kommt die Kugel in den Hirsch« Das Blut
stieg ihm in die Stirn und die Adern an seinen Schläfen schwollen zu dicken
Schnüren
»Ich bitt Herr Graf nehmen S die Sach net gar so krumm Es is doch um
Gotts willen kein Verbrechen Der Herr Tassilo wird halt gforchten haben es
gibt noch an ärgern Spitakl wie gestern wann er den Hirsch wieder durchlasst Da
wird er halt dem Franzl an Wink geben haben«
»Und dieses Rabenaas hat die Frechheit und schießt mir den Hirsch nieder«
schrie Graf Egge der nun endlich Gelegenheit fand alles auszuschütten was an
Ärger und Erregung in ihm kochte »Die vorige Woch schlagt er meinem Staatsbock
die Kruck herunter gestern lügt er mich an und heut brennt er mir einen Hirsch
nieder wie ich selber keinen geschossen hab ich weiß nicht wie lang«
»Aber Herr Graf Sind S doch gscheit« versuchte Schipper zu trösten
»Lassen S Ihnen doch sagen «
»Nichts lass ich mir sagen Solche Schweinereien duld ich nicht Das ist
eine unerhörte Gemeinheit« Graf Egge schleuderte die Kugel auf den Tisch und
ließ einen dröhnenden Faustschlag folgen »Mit dem Kerl bin ich fertig Und den
anderen der mein Personal zu solchen Manklereien verleitet den staub ich
aus Natürlich Der hat jahraus und ein mit Spitzbuben zu tun Da ist ihm nicht
wohl unter anständigen Jägern Aber meine Jagd soll er mir in Ruh lassen Da
versteh ich keinen Spaß«
Jammernd schlug Schipper die Hände ineinander »Lieber lieber Herr Graf
ich bitt Ihnen um Gotts willen « Er verstummte Tassilo und Franzl betraten die
Stube der eine mit brennendem Gesicht der andere mit kalkweisser Stirn Schon
vor der Hütte hatten sie die wetternde Stimme gehört und schienen zu wissen was
ihrer wartete Schipper den ein funkelnder Blick aus Franzls Augen traf zuckte
die Achseln und drückte sich zur Tür hinaus
Wie ein angeschossener Eber fuhr Graf Egge auf Franzl los »Du unterstehst
dich noch zu mir in die Stube zu kommen« Dieser Empfang machte den Jäger
sprachlos der Hut zitterte in seinen Händen und verstört suchte er Hilfe bei
Tassilo während Graf Egge weiterschrie »Oder hast du vergessen dass es meinem
Personal aufs strengste verboten ist Jagd auf eigene Faust zu treiben Glaubst
du vielleicht ich bezahle jährlich sechzigtausend Mark für meine Jagd um dir
ein Privatvergnügen zu machen«
Tassilo hatte die Büchse auf den Tisch gelegt und trat zwischen seinen Vater
und den Jäger »Ich bitte dich Papa mich in Ruhe anzuhören«
»Mit dir hab ich nichts zu verhandeln du warst nie ein Jäger und du wirst
nie einer Über Dummheiten die du machst ärgere ich mich schon lange nicht
mehr Hornegger aber hat gegen mein ausdrückliches Verbot gehandelt«
»Nein Papa«
»Ja«
»Den Jäger trifft keine Schuld Ich war der Meinung den Hirsch getroffen zu
haben und befahl dem Jäger einen Fangschuss abzugeben«
»Das geht mich gar nichts an Mein Personal hat sich an meine Vorschriften
zu halten Und einen Jäger der nicht unterscheiden kann ob ein Hirsch
getroffen ist den kann ich nicht brauchen« Graf Egge wandte sich an Franzl
»Wir beide sind fertig miteinander Du kannst gehen Sofort Der nächste Monat
wird dir ausbezahlt Dann such dir einen anderen Dienst«
Graf Egge kehrte sich ab und stellte sich vor das Fenster und stützte die
Fäuste auf das Gesims
Draußen in der Küche erhob sich Schipper schmunzelnd von der Tür an der er
gelauscht hatte
Franzl stand mit weißem Gesicht und Tassilo sah den Vater an als hätte er
einen Wahnsinnigen vor sich
»Herr Graf« stammelte der Jäger endlich »Dös kann doch net Ihr Ernst
sein«
»Nein Hornegger« fiel Tassilo mit bebender Stimme ein »mein Vater hat im
Ärger ein Wort gesprochen das er gern zurücknehmen wird wenn er ruhiger
geworden«
Graf Egge fuhr mit dem Gesicht herum »Da kennst du mich schlecht«
Tassilo trat vor den Vater hin und ihre Augen kreuzten sich »Ich
wiederhole dir Papa dass ich allein der Schuldige bin Und ich muss dich bitten
mir nicht die Demütigung zuzufügen dass der schuldlose Jäger für mein Vergehen
gestraft wird Ich ersuche dich «
»Jetzt will ich meine Ruhe haben« Graf Egge ging zur Tür
»Vater« Tassilo wollte dem Vater folgen
Franzl hielt ihn am Arm zurück Das Gesicht des Jägers hatte keinen Tropfen
Blut aber seine Stimme klang ruhig »Ich bitt Herr Tassilo lassen Sies gut
sein Seit acht Tagen wirft mir der Herr Graf allbot den Dienst vor die Füss In
Gotts Namen jetzt solls an End haben Mei Stellung is mir lieb gewesen aber
schließlich hat der Mensch doch an Ehrgfühl«
Graf Egge hörte diese Worte noch als er hinaustrat in die Küche und hinter
sich die Tür zuwarf Einen Augenblick zögerte er und schien wieder in die Stube
zurückkehren zu wollen um noch ein Wort in dieser Sache zu sprechen Aber
Schippers Anblick erinnerte ihn an die »verfluchte Geschichte da drüben« Das
musste zuerst erledigt werden Dann war noch immer Zeit um die Suppe die in der
Stube so heiß gekocht worden war in kühlerem Zustand auszulöffeln
Mit einer stummen Bewegung winkte Graf Egge seinem Büchsenspanner und
verließ mit ihm die Hütte Sie schritten einer über das Tal hinausgebauten
Graskuppe zu auf der im Schatten moosbehangener Fichten eine plump gezimmerte
Holzbank stand Schipper der den Zweck dieses Weges nicht erriet und dem
Landfrieden nicht völlig zu trauen schien studierte forschend das Gesicht
seines Herrn Graf Egge war ruhig Der Blitz den er in der Stube losgelassen
hatte das Ungewitter seines Grolles einigermaßen beschwichtigt
Als er die Bank erreichte ließ er sich seufzend nieder kraute sich mit
beiden Händen im Haar und brummte nach einer Weile »Ein scheusslicher Tag heut
Schipper«
»Ja Herr Graf heut is alles schief gangen«
»Und hinter allem noch als Trumpf die rote Ass Auf dem Heimweg hat mich der
Patscheider abgefasst Der arme Kerl hätte heut in der Früh beinah Malheur
gehabt«
»Mar und Josef« murmelte Schipper Er kannte zur Genüge die Bedeutung die
dieses Wort im Sprachgebrauch der Jagdhütte besitzt »Die Sach ist doch
hoffentlich gut ausgangen«
Zögernd nickte Graf Egge »Für den Patscheider ja Der ander liegt«
»Recht so« lachte Schipper mit vorsichtig gedämpftem Jubel »So an Lumpen
nur allweil gleich niederpracken Dös steigt den andern in d Nasen Da is
wieder fünf Jahr lang Ruh im Revier«
»Das Exempel hat wohl seine gute Wirkung aber so was bleibt doch immer eine
böse Sache Ich bin kein Freund von Geschrei und Scherereien Am liebsten wär
mirs wenn Staub über die Geschichte fiele Patscheider hat als Jäger seine
Pflicht getan ich will nicht dass er Unannehmlichkeiten hat Da drüben muss
sauber gemacht werden noch heut Wenn dann das Laufen und Suchen der Verwandten
angeht im Gebirg ist überall Unglück möglich Wenn einer vermisst wird muss
man ihn noch lang nicht erschossen haben Was meinst du Kann ich mich auf dich
verlassen«
»Herr Graf « Schipper blies die Backen auf und griff nach seiner Nase »da
tät ich schon lieber wieder a Kitz auf d Seit räumen Aber wenns der Jagd
zlieb sein muss in Gotts Namen«
Er setzte sich dicht an die Seite seines Herrn und flüsternd steckten sie
die Köpfe zusammen Als Schipper sich nach einer Weile erhob sagte Graf Egge
»Sei vorsichtig Und drüben geh barfuß die Bauern kennen deine Nagelfährte«
»Dem Patscheider seine Sachen nimm ich drüben gleich von der Hütten fort Er
wird wohl an anderen Posten im Revier kriegen müssen Oder net«
»Da hast du recht Der arme Kerl hätte in der ersten Zeit ein schlechtes
Schlafen da drüben Ich nehm ihn zu mir und schicke den Hornegger hinüber«
»Den Franzl« Schipper machte ein verblüfftes Gesicht »Aber Herr Graf «
»Ach so« brummte Graf Egge der über dem wichtigen Thema des Augenblicks
die Szene völlig vergessen hatte die vor wenigen Minuten in der Hütte spielte
Er strich die Hand über den Scheitel und lachte »Schon gut Darüber reden wir
noch Oder aaah mir scheint das Kapitel soll gleich wieder von vorn
anfangen« Diese Vermutung erwachte in Graf Egge als er Tassilo gewahrte der
von der Hütte kam Ein spöttisches Lächeln Dann nickte Graf Egge seinem
Büchsenspanner zu »Mach weiter«
Wortlos zog Schipper den Hut und schritt der Hütte zu Als er an Tassilo
vorbeiging schien sich die Sorge die Graf Egges Vergesslichkeit in ihm geweckt
hatte wieder zu beschwichtigen Der Blick mit welchem Tassilo den Vater
suchte war für den Jäger ein Wetterzeichen das auf alles andere eher deutete
als auf friedlichen Sonnenschein zwischen Vater und Sohn Schmunzelnd duckte
Schipper den Kopf zwischen die Schultern und zog den grauen Bart durch die Hand
»Der is gladen Da krachts Es hilft dir nix Franzerl heut bist gliefert«
Dieser Gedanke beschäftigte ihn so sehr dass er eine Felsschrunde übersah Er
strauchelte und schlug sich auf dem steinigen Grund das Knie blutig
Graf Egge rückte tiefer in die Bank ließ die Füße baumeln und blickte
zwinkernd seinem Sohn entgegen halb neugierig halb gereizt
Tassilo vermochte vor Erregung kaum zu sprechen »Ich bitte dich Papa mit
mir in die Hütte zu kommen«
»Was soll ich dort«
»Diesem armen Burschen sollst du sagen dass du seine Entlassung nur in einem
Augenblick der Erregung ausgesprochen Und dass du jetzt nachdem du ruhiger
geworden dieses harte Wort auch gern wieder zurücknimmst«
»So« Graf Egge zog die Brauen auf »Du scheinst wohl zu glauben dass ich
unter Kuratel stehe weil du so kategorisch über mich verfügst«
»Ich verfüge nicht über dich Ich bitte Und ich kann nicht glauben dass du
einen braven Menschen der dir lange Jahre treu gedient hat wegen eines
belanglosen Versehens wirklich in so harter Weise bestrafen könntest Ich bitte
dich komm«
Die Antwort ließ auf sich warten »Ob das Versehen belanglos ist oder nicht
darüber will ich mit dir nicht streiten Kümmere du dich um deine Pandekten Was
für meine Jagd von Nutzen oder Schaden ist diese Entscheidung überlasse
gefälligst mir Und wenn ich mein Wort schon ändern wollte Hat denn die Sache
gar so große Eile«
»Hornegger packt seinen Rucksack und will gehen«
»Er will Wiegt ihm die Stellung in meinem Dienst so leicht« Graf Egge
zeigte eine geärgerte Miene »Gut Er soll gehen«
»Papa Das kann nicht dein Ernst sein«
»Ernst oder nicht jetzt gerade soll er gehen Er soll nur ein paar Wochen
dunsten Das wird für ihn eine gesunde Warnung sein«
Auf Tassilos Stirn erschien die gleiche Furche wie sie tief gezeichnet
zwischen den Brauen seines Vaters lag »Du hast da ein Wort gesprochen das mir
unfassbar ist« sagte er sich mühsam zur Ruhe zwingend »Die Bitte mir eine
Kränkung zu ersparen hast du überhört und ich will sie nicht wiederholen Mir
ist es nur um diesen armen Menschen zu tun Ich bitte dich eindringlich die
Folgen der unverdienten Strafe die du über Hornegger ausgesprochen ernster
abzuwägen«
»Oho« fuhr Graf Egge auf er kreuzte die Arme und bohrte seinen Falkenblick
in Tassilos Augen »Das ist eine nette Sprache die du gegen mich anschlägst«
»Verzeih mir wenn ich in der Erregung nicht die richtigen Worte finde Ich
wollte nur sagen dass du dich in Hornegger zu irren scheinst Bei ihm wird die
Sache nicht damit abgetan sein dass er um dein Wort zu gebrauchen ein paar
Wochen dunstet und in schwitzender Ungeduld auf die Stunde wartet in der dir
die Laune kommt ihn wieder in Gnaden aufzunehmen Du gibst ihm heut einen Stoß
fürs ganze Leben In ihm steckt eine tüchtige Natur er liebt seine Stellung
nicht nur um des Brotes willen das sie ihm bietet sie ist ihm die Freude der
ganze Inhalt seines Lebens Und an ihr hängt seine Ehre Er wird dich mit dem
Bewusstsein verlassen dass ihm ein schweres Unrecht geschah und wird doch beim
ersten Schritt ins Dorf den Makel des Davongejagten an sich empfinden müssen
Jedes Gemunkel der Leute jedes anzügliche Wort jedes spöttische Lächeln wird
ihn treffen wie ein Stich ins Herz Und dieser unverdienten Kränkung steht er
wehrlos gegenüber«
»Du predigst warm für ihn« fiel Graf Egge mit scharf klingenden Worten ein
»Du willst ihn wohl dir erhalten Für später Natürlich Er hält ja schon jetzt
zu dir Er schießt für dich er lügt für dich «
»Vater« stammelte Tassilo
Graf Egge erhob sich Als er den Jäger von der Hütte kommen sah ließ er
sich lächelnd wieder auf die Holzbank nieder Geradeswegs Büchse und Bergstock
in der Hand und hinter den Schultern den dick angepackten Rucksack ging Franzl
auf seinen Herrn zu Tassilos Hände begannen zu zittern als er den Jäger
gewahrte alles überwindend was er um seiner selbst willen in diesem Augenblick
empfinden musste fasste er den Arm seines Vaters »Ich bitte dich Papa Ich
bitte dich «
Graf Egge rührte sich nicht die Fäuste auf seine gespreizten Knie gestützt
blickte er zu dem Jäger auf so ruhig als wäre ihm keine Spur von Ärger
zurückgeblieben nur eine Art von Neugier wie diese Szene sich entwickeln
würde
In militärischer Haltung stellte sich Franzl vor ihm auf und zog den Hut
sein Gesicht war weiß aber seine Stimme hatte festen Klang »Ich meld mich
ausm Dienst Herr Graf« Er zögerte »Und wenn mir der Herr Graf noch a Wörtl
verlauben was der Herr Graf gesagt haben wegen dem Ghalt vom nächsten Monat
dös lassen wir gut sein Ich hab net viel Übrigs Aber schenken muss ich mir nix
lassen Wo ich kein Dienst net mach da brauch ich kein Ghalt Nix für ungut
Herr Graf« Nun schwankte ihm doch die Stimme »Ich bhüt Ihnen Gott« Ein Zucken
kam über sein Gesicht und das Kinn an die Brust drückend wandte er sich ab
Tassilo stand wortlos Graf Egge schlug die Faust auf die Holzbank und
schrie »So schau nur einer den Lümmel an Jetzt kehrt er gar noch den Hochmut
heraus und wirft mir die achtzig Mark vor die Füße«
Franzl hörte diese Worte noch und das Wasser schoss ihm in die Augen Hastig
suchte er den Steig zu erreichen Als er an der Hütte vorüberkam trat Schipper
aus der Tür marschfertig für den Weg zur »Arbeit« die er »da drüben« zu
erledigen hatte Beim Anblick des grauen Kameraden schien es mit Franzls
Selbstbeherrschung ein jähes Ende zu haben »Schipper« Er hob die Faust »Für
den heutigen Tag muss ich mich wohl bei dir bedanken« Er trat auf den
Büchsenspanner zu der den Bergstock wehrend vor sich hinstreckte »Schau mir in
d Augen du Und sag mir ins Gsicht was muss ich im Leben an dir verbrochen
haben dass Tag und Nacht kei Ruh net geben hast bis ich draußen war bei der
Tür«
Schippers Antwort war ein dünnes Lächeln und in seinen halbgeschlossenen
Augen funkelte ein Blick so heiß wie ihn nur die Freude des Hasses kennt
Franzl sah diesen Blick und es fuhr ihm etwas durch den Kopf er wusste
nicht was Aber es jagte ihm einen Schauer über den Rücken Wie angewurzelt
stand er und starrte dem Jäger nach der gegen den Saum des Latschenfeldes ging
und in den Büschen verschwand
Drüben bei der Holzbank war zwischen Vater und Sohn noch immer kein Wort
gefallen Graf Egge saß mit verschränkten Armen und guckte zum Himmel hinauf an
dem sich schwere Wolken zu sammeln begannen Und Tassilos Augen waren bei
Franzl als er den Jäger in eine Senkung des Weges niedersteigen sah rief er
ihm mit lauter Stimme zu »Hornegger«
»Ja Herr Tassilo« klang die unsichere Antwort
»Erwarten Sie mich bei der ersten Sennhütte ich komme nach und gehe mit
Ihnen«
Verwundert drehte Graf Egge das Gesicht »Was soll das heißen«
Aus Tassilos Zügen schien jede Erregung geschwunden In seinen Augen war
ruhiger Ernst als er sagte »Du wirst es begreiflich finden dass ich nicht
bleiben kann während der Jäger geht der um meinetwillen entlassen wurde Ich
fühle mich verpflichtet für ihn zu sorgen ihm so rasch wie möglich eine neue
Stellung zu verschaffen«
Graf Egge blies die Backen auf schob die Fäuste in die Taschen seiner
Lederhose und nickte mit dem Anschein zustimmender Wichtigkeit »Aaaah Höchst
ehrenwert Unter solchen Umständen müsste ich mir ein Gewissen daraus machen
dich noch länger halten zu wollen Bitte« Dieses letzte Wort war von einer
gnädig entlassenden Handbewegung begleitet
»Bevor ich gehe hab ich mit dir noch von einer Angelegenheit zu sprechen
für deren Erledigung ich mir allerdings eine freundlichere Stunde erhofft hatte
als die jetzige«
Graf Egge lächelte »Das ist eine Einleitung die mich neugierig macht«
»Ich gedenke mich zu verheiraten und bitte dich um deine Zustimmung«
In sprachloser Verblüffung sah Graf Egge zu Tassilo auf dann sagte er
trocken »Du bist majorenn Ich habe keine Veranlassung dir Hindernisse in den
Weg zu legen Dass ich von deiner Eröffnung sonderlich gerührt sein würde hast
du wohl selbst nicht erwartet Du hast dich mir gegenüber nie auf einen Fuß
gestellt auf dem sich eine besondere Intimität hätte entwickeln können«
»Das war nicht meine Schuld«
»Lass das Du hast niemals Anteil an meinen Interessen genommen so wirst du
auch nicht verlangen dass ich ohne Ursache plötzlich sentimental werde und über
die Aussicht dass du mich zum Großvater machen willst vor Vergnügen aus der
Haut fahre Heirate Ich ersuche dich nur den Tag der Hochzeit nicht gerade in
die Zeit der Hirschbrunft zu verlegen Da könnte ich schwer abkommen In allem
übrigen hast du meine Zustimmung Ich wünsche in deinem eigenen Interesse dass
du eine gute Wahl getroffen hast«
»Die beste um glücklich zu werden«
»Glücklich« Für Graf Egge schien dieses Wort einen zweifelhaften Wert zu
haben »Deine Braut ist reich«
»Nein Auf das bescheidene Vermögen das sie besitzt wird sie verzichten
um die Existenz ihrer Mutter und Schwester zu sichern«
Graf Egge zog die Brauen auf und blies den Atem vor sich hin wie
Pfeifenrauch »Ach sooo Ein idyllischer Herzensbund mit Romantik und Edelmut
garniert wie die gebratene Schnepfe mit bestrichenen Schnitten Das war von dir
zu erwarten« Er vergrub die Fäuste wieder in den Taschen »Du bist alt genug
um zu wissen was du tun willst Und da du mich bei deiner Wahl entbehren
konntest wirst du auch bei allem anderen nicht auf meine Hilfe rechnen Eine
Spekulation auf meinen Geldbeutel Das wäre fehlgeschossen wie heute auf den
Hirsch zu dem dir der Franzl verhelfen musste«
»Ich glaube nicht dass ich ein Wort gesprochen habe das dich zu einer
solchen Befürchtung veranlassen konnte Du irrst dich in mir«
»Ich irre mich Schon wieder Zuerst in diesem Lapp von Jäger Und jetzt in
dir Um so besser Aber du hast recht ich hätte dich weniger praktisch taxieren
sollen Wie Hornegger vor einer Viertelstunde die achtzig Mark so hast du mir
ja gestern die zwölftausend deiner Apanage vor die Füße geworfen Der Stolz ist
von jeher die einzige Patrone gewesen mit der du zu schießen verstanden Gut
stell dich auf eigene Füße Wenn es dir gelingt alle Anerkennung Verdienst du
wirklich soviel«
»Genügend um mir auch ohne fremde Hilfe einen behaglichen Hausstand gründen
zu können«
»Fremde Hilfe« Graf Egge lächelte als hätte er einen leidlich guten Scherz
gehört »Brav Du hast ja auch noch die freie Verfügung über das Erbteil deiner
Mutter Was dir im übrigen noch zusteht darauf wirst du ein paar ausgiebige
Jahre warten müssen Meine Gesundheit die ich der Jagd verdanke hat eisernen
Halt Der Rest meines irdischen Pirschganges soll noch zwanzig Jahre dauern Und
darüber«
»Das wünsche ich dir« Bei allem Ernst klangen diese Worte warm und
herzlich
Graf Egge blickte langsam auf als wäre dieser Ton an seinem Ohr nicht
wirkungslos vorübergegangen »Danke« Nach der Art eines Bauern dem das Denken
einige Mühe verursacht strich er mit beiden Händen das Haar in die Stirn
»Also du hast aus Neigung gewählt Armut ist ja schließlich keine Schande nur
ein unwillkommenes Übel an welchem leider unsere besten und ältesten Namen
kranken Wie heißt die Familie deiner Braut«
»Herwegh«
»Herwegh Herwegh« Halblaut wiederholte Graf Egge den Namen nach einigem
Besinnen schüttelte er den Kopf es zuckte um seine Nasenflügel »Hör Junge
die zwei Silben klingen verdächtig Oder ist das österreichischer Adel«
»Nein Vater Aber der Name meiner Braut hat guten Klang und sollte dir auch
nicht unbekannt sein Anna Herwegh«
»Die Sängerin« Graf Egge sprang auf als wäre Feuer unter der Bank
entstanden »Bist du verrückt«
Tassilo streckte sich und ruhig begegneten seine Augen dem funkelnden Blick
des Vaters »Ich bin bei Vernunft und gesunden Sinnen«
»Dann sag mir doch um Gottes willen wie kommst du auf die Idee so etwas
heiraten zu wollen«
Tassilos Stimme bebte »Anna ist eine gefeierte Künstlerin sie stammt aus
guter Familie und ihr Ruf ist ein tadelloser Ich liebe sie«
»Liebe Liebe« schrie Graf Egge und die Stimme wurde ihm heiser »Lass mich
mit diesem Komödiantenwort in Ruhe Du bist vernarrt Und weil dir die Einkünfte
deiner Kanzlei oder deine sogenannten Prinzipien nicht gestatten diese Person
zu deiner Geliebten zu machen deshalb willst du sie heiraten«
»Vater«
Schweigen folgte diesem Wort Aug in Auge standen die beiden voreinander
Tassilo bleich Graf Egge mit weißem Gesicht und geballten Fäusten
Über das Latschenfeld herüber klangen lachende Stimmen vom stärker
ziehenden Winde getragen und der klirrende Aufschlag zweier Bergstücke
»Rede« brach Graf Egge das Schweigen »Ich glaube noch immer dass du dir
einen übel angebrachten Jux mit mir erlaubst«
»Nein Vater das glaubst du nicht Die Jagd hat dich allerdings immer so
sehr in Anspruch genommen dass dir keine Zeit verblieb dich viel um die
Charakterentwicklung deiner Kinder zu kümmern Aber so weit kennst du mich doch
um zu wissen dass ich mir niemals einen Scherz mit dir erlauben würde Im
übrigen hat mich das beleidigende Wort das du gesprochen der Mühe enthoben
meine Wahl noch weiter vor dir zu rechtfertigen«
Graf Egge lachte Und jählings erlosch in seinem Gesicht jeder Ausdruck von
Erregung »Schluss« Er strich mit der Hand durch die Luft »Tue was dir
beliebt Es hätte mich ohnehin gewundert wenn du einmal deinen gewohnten
Neigungen nach abwärts untreu geworden wärst« Mit beiden Händen zog er die
Lederhose höher an die Hüften »Was stehst du noch Meine Zustimmung hast du
Ich habe sie gegeben und widerrufe sie nicht Du hast ja heut schon einmal
erfahren dass ich ein voreilig gesprochenes Wort auch wenn es mich reut nicht
mehr zurücknehme Mir ist leid um den Hornegger Aber er wollte gehen Gut Mir
ist auch leid um dich trotz allem Aber du gehst Wege die sich mit den meinen
nicht vertragen Auch gut Doch eins merke dir Zwischen deinem Haus und dem
meinen da geht jetzt die Jagdgrenze Da gibts kein Hinüber und Herüber Oder
es brennt auf der Pfanne So Jetzt werde glücklich«
Graf Egge setzte sich auf die Bank und streckte die Beine Seine weiten
Hemdsärmel flatterten im Wind und sacht bewegten sich die grauen Strähnen
seines Bartes
Mit schmerzlichem Ernst hing Tassilo am Gesicht des Vaters »Du hast einen
Stein auf den Weg geworfen auf dem ich mein Glück zu finden hoffe Die Folgen
dieser Stunde werden schwer auf mir liegen doppelt schwer wenn du mir auch den
Verkehr mit meinen Geschwistern versagen wolltest«
»Ich habe deutsch gesprochen und glaube dass du diese Sprache verstehst
Oder bist du der Meinung dass du an deiner Frau nicht so viel gewinnst um deine
Geschwister entbehren zu können«
Tassilos Stimme verschärfte sich »Ich habe in diesem Augenblick weniger an
mich gedacht als an meine Geschwister«
»Schade dass Robert nicht da ist Er würde sich für deine brüderliche
Zärtlichkeit bedanken«
»Dass meine Sorge um ihn nicht unbegründet ist das weißt du selbst am
besten Auch hab ich noch andere Geschwister Willy und Kitty werden den
Verkehr mit mir und meinen brüderlichen Rat um so härter entbehren da ihnen
auch der Vater fehlt«
»Ach so Darauf läufts hinaus Du willst zum Abschied noch mit einer
Lektion über Pädagogik losschiessen Ich denke zuviel an meine Hirsche und
Gamsböcke zuwenig an meine Kinder Vielleicht hast du recht Den deutlichsten
Beweis wie schlecht ich meine Kinder zu erziehen verstand hast du selbst in
dieser Stunde geliefert Für die Zukunft will ich den Daumen etwas fester
aufdrücken Auf den Weg den du einschlägst soll sich weder deine Schwester
noch einer deiner Brüder verirren Wie sie im übrigen geraten das muss ich ihrer
Natur überlassen Hoffentlich hat in ihren Adern der gesunde Tropfen Jägerblut
den sie von mir bekommen das Übergewicht über das böse Blut der Mutter von
welchem du ich merke zuviel abbekommen hast Es führt dich auf die gleichen
Wege«
»Vater« Das Wort hatte schneidigen Klang »Beleidige mich und ich werde
dir wehrlos gegenüberstehen Aber du sollst die Mutter nicht vor ihrem Sohn
beschimpfen«
»Ich soll sie für die Erfahrung die ich mit ihr machen musste wohl noch
heiligsprechen« Unter zornigem Lachen zerrte Graf Egge mit beiden Händen an
seinem Bart »Das ist zuviel verlangt«
»Ich entschuldige nicht die Frau die dich verließ Aber diese Frau war
meine Mutter Da dulde ich keinen verletzenden Eingriff Auch nicht von dir«
»Sie hat wohl an euch Kindern ein großes Werk der mütterlichen Liebe getan«
»Nein Vater ein schweres Unrecht Aber sie allein war nicht die Schuldige
«
»Eine großartige Weisheit« unterbrach Graf Egge mit heiserer Stimme
»Natürlich Sie hat ihre Schuld ausgiebig mit einem anderen geteilt«
»Nein Vater nicht geteilt Die größere Schuld hat dieser andere begangen
Und dieser andere bist du«
Betroffen sah Graf Egge auf Er wollte sprechen und wusste doch dem
entfesselten Strom dieser glühenden Erregung gegenüber kein Wort zu finden
»Ja Vater du Als das Traurige sich vorbereitete und geschah war ich ein
Knabe Aber ich hatte schon Augen die sehen konnten Was ich gewahren musste
ohne es ganz zu erkennen hat mich ernst gemacht in einer Zeit in welcher
andere Kinder lachend ihre Jugend genießen Es hat über mein Leben einen
Schatten geworfen der nie wieder von mir gewichen ist Und was ich damals nur
halb erfasste das begriff ich erst in den folgenden Jahren in denen du mich und
meine Geschwister der gleichen Vereinsamung und dem Verkehr mit fremden Menschen
überlassen hast wie einst die Mutter Sie war als sie deine Frau wurde noch
halb ein Kind wie jetzt meine Schwester für die du wegen Jagd und Jagd so
selten eine Stunde findest dass sie gewahren kann um wieviel grauer in der
Zwischenzeit dein Bart geworden Ich erinnere mich aus meiner Knabenzeit dass du
deinen Jägern zu erzählen pflegtest auf welch eine echt weidmännische
Hochzeitsreise du deine junge Frau geführt hättest zuerst zur Fuchshetze nach
England dann zu den Elchjagden nach Schweden dann zur Hirschbrunft in die
Bukowina Da durfte sie während du deine Pirschgänge machtest in der Jagdhütte
die Gesellschaft deines Büchsenspanners teilen und ihm helfen deine
abgeschossenen Patronen frisch zu laden«
Graf Egge war aufgesprungen »Hätte sie Sinn für die Jagd gehabt so hätt
ihr diese Reise besser gefallen als jede andre denn gerade damals hab ich
meine stärksten Hirsche geschossen« schrie er mit dunkelrotem Gesicht »Aber
für so was hatte sie keinen Funken von Verständnis Ich hab mir die redlichste
Mühe gegeben sie zu mir heraufzuziehen Alles umsonst Da ist es kein Wunder
wenn mir schließlich die Geduld verging«
»Aber auch kein Wunder wenn die junge Frau die Monat um Monat einsam in
Hubertus saß ferne von ihren Kindern «
»Kinder Kinder Hätt ich vielleicht diesen ganzen Plärrapparat auf meinen
Jagdreisen immer mit mir herumschleppen sollen«
»Es fragt sich nur ob diese Jagdreisen so wichtig waren dass um ihretwillen
jede Forderung schweigen musste die deine Frau und deine Kinder an dich zu
stellen hatten«
»Ach was Forderung Hätt eure Mutter Sinn für das gehabt was mir Freude
machte so hätt sie nicht Trübsal blasen müssen sondern Zerstreuung in Hülle
und Fülle gefunden Aber natürlich in der Jagdhütte konnte sie nicht schlafen
da hat sie das Heu gekitzelt Und der Geruch einer Lederhose war für ihre feine
Nase eine Katastrophe Ist es da meine Schuld wenn sie allein in Hubertus
sitzen musste Und was euch betrifft Ihr habt in München euer warmes Nest
gehabt mit Governessen und Hofmeistern die mich ein Heidengeld gekostet haben
Ich tat meine Schuldigkeit redlich Aber schließlich existiert man auch um
seiner selbst willen Ich lebe und sterbe für die Jagd Damit hat man zu
rechnen In erster Linie kommt für mich die Jagd dann lange nichts mehr und
dann erst alles andere«
»Diese Wahrheit hat niemand schwerer empfunden als unsere Mutter«
»Mutter Immer Mutter Jetzt hab ich die Geschichte satt« Mit zuckenden
Händen tastete Graf Egge an seiner Brust umher als hätte er die Joppe an und
möchte die Knöpfe schließen »Ich bin ein Narr dass ich mich von diesem ganzen
Krempel so erregen lasse Fertig Schluss Das ist abgetan Geh deiner Wege Und
wenn du in Zukunft an deine Mutter denkst und es fällt dir dabei dein Vater
ein so kannst du dir sagen das alles liegt hinter ihm Wenn ihn an der ganzen
Geschichte heute noch was ärgert so ist es nur das einzige dass er das Geweih
das deine verehrte Mutter ihm aufzusetzen beliebte nicht in seine Sammlung
hängen konnte Das wär ein Prachtexemplar gewesen das alle meine anderen
Hirsche geschlagen hätte sogar die kapitalsten aus der Bukowina Und nun Gott
befohlen« Er wandte sich ab und fasste mit beiden Händen den Stamm der nächsten
Fichte als bedürfte er für den in seinen Fingern arbeitenden Zorn eines festen
Spielzeugs
In Tassilos Augen war eine tiefe Trauer Fast versagte ihm die Stimme »Ich
gehe Nicht in Groll Du erbarmst mich Vater Was ich aus dir reden höre ist
nicht mehr menschliche Stimme sondern der Dämon einer Leidenschaft die ich
nicht begreife obwohl ich ihre Wirkungen sehe Sie hat das Leben meiner Mutter
auf Irrwege und in einen frühen Tod getrieben Sie hat dich gelöst von deinen
Kindern hat unser Heim und unsere Jugend vernichtet hat unser Schicksal dem
Spiel des Zufalls überlassen und sie wird dich selbst zerstören«
Mit zornigem Lachen riss Graf Egge von der Fichte zwei Rindenstücke los und
zerdrückte sie in seinen Fäusten Dann trat er langsam auf Tassilo zu öffnete
die Finger und ließ die Splitter fallen Keuchend ging sein Atem und seine
Lippen bewegten sich als fände er das Wort nicht das er sprechen wollte
Schritte die er hörte machten ihn aufblicken Willy war in die Hütte getreten
und Robert kam mit erstaunten Augen den Vater und Bruder musternd Noch einmal
streifte Graf Egge mit funkelndem Blick das Gesicht seines Sohnes Trocken
lachend wandte er sich ab winkte Robert mit beiden Händen zu und rief »Ich
gratulier euch Kinder Heute habt ihr gute Jagd gemacht Jeder von euch dreien
ist heute reicher um eine Million Ich hab einen Erben weniger und das hat
mich nicht einmal einen Schuss gekostet«
Robert riss die verblüfften Augen auf während der Vater an ihm
vorüberschritt Als Graf Egge zur Hütte kam sah er über die Schulter und
gewahrte dass Tassilo dem zu den Almen führenden Steige zuschritt »Da läuft der
Narr ohne Stecken davon Willy« Sein Jüngster erschien unter der Tür mit
gerötetem Gesicht und schimmernden Augen als hätte er im Geheimdepot der
Holzerhütte dem Niersteiner allzu beharrlich zugesprochen »Bring dem Windhund
seinen Bergstock Nach der Büchse wird er kein Verlangen haben Er hat ausgejagt
in meinem Revier«
Willy begriff nicht »Aber Papa Was ist denn los«
»Tu was ich dir sage«
Willy fasste einen der Bergstöcke die neben der Hüttentür lehnten Da sah er
Robert kommen eilte auf ihn zu und flüsterte »Bertl Hast du eine Ahnung was
für ein Blitz da schon wieder eingeschlagen hat«
Robert zuckte die Achseln und trat in die Hütte
Eine Weile stand Willy unschlüssig Dann rief er mit lauter Stimme »Tas
Tas« und rannte dem Bruder nach In einer Senkung des Pfades holte er ihn ein
und erschrak beim Anblick seines Gesichtes »Tas Um Gottes willen was ist denn
geschehen«
Ein müdes Lächeln »Was unausbleiblich war ob heut oder morgen Ich bin im
Begriff eine Heirat zu schließen von der ich mein Glück erhoffe Sie findet
nicht den Beifall deines Vaters Deshalb will er nun einen Sohn weniger haben«
»Ach du lieber Himmel « stammelte Willy in hilfloser Bestürzung
Tassilo nahm den Bergstock »Nicht wahr Junge wenn unsere Wege auch nach
dem Willen deines Vaters auseinandergehen wir wollen gute Brüder bleiben«
Herzlich sag er dem Bruder in die Augen und bot ihm die Hand »Und willst du mir
eine Liebe erweisen so vergiss nicht was du mir gestern in die Hand gelobt
hast Willst du«
Willy brachte kein Wort heraus er nickte nur umklammerte Tassilos Hand und
sah ihm ratlos ins Gesicht
»Hast du mich nötig so schreib mir eine Zeile und ich werde dich finden
Und sei gut mit Kitty Ihr fehlt die Mutter Der Vater hat wenig Zeit für sie
Sei du jetzt der Bruder den sie braucht«
Da erwachte Willy aus seiner Erstarrung »Tas Lieber Tas Ich fasse das
alles nicht Ich bin wie mit einem Prügel vor die Stirn geschlagen Sag mir
ich bitte dich «
Tassilo schüttelte den Kopf »Lass uns kurzen Abschied halten Und geh zum
Vater Dein Platz ist bei ihm Und der Vater könnte es dich entgelten lassen
wenn er allzulange auf dich warten müsste« Er schlang den Arm um Willys Hals
küsste den Bruder riss sich los und eilte talwärts mit jagendem Schritt
18
Vor der Tür des »Palais Dippel« stand Graf Egge mit gespreizten Beinen und
vorgeneigtem Kopf die Fäuste hinter dem Rücken finster spähte er nach der
Pfadsenkung in welcher Willy verschwunden war Als er ihn erscheinen sah
hellten sich seine Züge auf und zufrieden nickte er vor sich hin »Na also da
kommt er ja«
Willy blieb erschrocken stehen und versuchte seine Gedanken zu sammeln
»Komm zu mir Junge« rief Graf Egge und als Willy noch immer zögerte ging
er ihm entgegen Dicht vor ihm blieb er stehen und sah ihm forschend in das
brennende Gesicht »Der andere sieht mir gleich und schlägt der Mutter nach Du
hast ihre Augen und ihren weichen Mund aber ich hoffe du bist im Kern aus
meinem Holz Halte dich an mich und es soll dir nicht schlecht bekommen Hast
du einen Wunsch Heraus damit Heut kannst du alles von mir verlangen«
Willy schüttelte den Kopf »Danke Papa ich brauche nichts«
»Na besinn dich nur vielleicht fällt dir was ein« Mit einem Lachen das
ihm nicht völlig gelingen wollte klopfte Graf Egge den Sohn auf die Schulter
und trat in die Hütte In der Küche schürte er auf dem Herd ein Feuer an und
begann in einer hölzernen Schüssel einen dicken Brei aus Mehl und Wasser zu
rühren Nachdem er den Teig in das heiße Schmalz gegossen hatte ging er zur
Tür und als er Willy draußen auf der Hausbank sitzen sah sagte er »Komm
herein Junge setz dich zu mir auf den Herd Da kannst du lernen wie man
einen gesunden Schmarren kocht«
»Ja Papa« Willy erhob sich müd und folgte dem Vater schweigend saß er auf
dem Herdrand und starrte die Pfanne an
»Erzähl mir Junge« sagte Graf Egge während er mit dem langen Eisenlöffel
im brodelnden Schmarren herumarbeitete »wie hast du drunten unsere kleine
Schmalgeiss angetroffen«
»Danke Papa gut« erwiderte Willy mit zerstreuter Scheu »Wie lang hast du
sie nicht mehr gesehen«
»Ich glaube seit dem Hahnfalz August Juli Juni Mai April fünf
Monate«
»Da wirst du Augen machen Sie fängt an sich zu einem patenten Mädel
auszuwachsen«
Graf Egge hob die Pfanne und schüttelte sie »Was meinst du wenn wir die
Geiß heraufkommen ließ Ich trete ihr meine Stube ab und leg mich zu euch ins
Heu hinauf Und wenn wir jagen kann sie bei mir auf dem Stand sitzen«
Willy erschrak vor den Freuden die seiner Schwester in Aussicht standen er
musste ihr das ersparen auch um den Preis einer Heuchelei »Eine famose Idee
Papa Aber weißt du die Sache hat auch ihren Haken Für dich«
»Wieso«
»Ein junges Mädel kann nicht stillsitzen Sie würde dir manchen guten Schuss
verderben«
»Du hast recht Und da könnte mir einmal die Galle überlaufen Na also
lassen wirs Nächste Woche gehen wir ein paar Tage zu ihr hinunter«
Nun trat wieder Schweigen ein Die brennenden Scheite krachten und in der
Pfanne prasselte das Schmalz Willy versank mit bekümmertem Gesicht in die
Gedanken an Tassilo und sein Vater der ihn von Zeit zu Zeit mit forschendem
Blick überflog bekam unruhige Hände Nach einer Weile legte Graf Egge lächelnd
den eisernen Löffel nieder und trat in die Herrenstube Lang ausgestreckt lag
Robert mit der brennenden Zigarette auf dem Bett er wollte sich erheben »Bleib
nur liegen« sagte Graf Egge sperrte den Geheimschrank auf und trat mit dem
Schächtelchen das die Juwelen enthielt zum Fenster Er wählte einen Rubin von
selten schönem Schliff und verwahrte die anderen Steine wieder im Schrank Als
er in die Küche zurückkehrte nickte er Willy lachend zu und drückte ihm den
Rubin in die Hand »Da hast du was Nimm Lass dir einen Ring daraus machen oder
eine Nadel Aber zeig mir ein lustiges Gesicht«
Willy erhob sich und guckte wie ein Träumender auf den Stein der gleich
einem großen erstarrten Blutstropfen auf seiner flachen Hand lag
»Geh vor die Tür hinaus ins Licht« sagte Graf Egge »dann siehst du sein
Feuer besser«
Willy trat ins Freie doch er hielt über dem Stein die Hand geschlossen und
spähte gegen den Steig »Ob er die Alm schon erreicht hat« Hastig schob er den
Rubin in die Westentasche und rannte zu der Graskuppe auf der die Holzbank
unter den Fichten stand Von hier aus konnte er den Steig im Tal auf eine weite
Strecke übersehen
Der Pfad war leer
Tassilo hatte die steilen Almhänge schon hinter sich und näherte sich der
ersten Sennhütte Hier unter dem vorspringenden Dach saß Franzl auf einem
Holzblock die Büchse über den Knien die Stirn in die Hände gedrückt er sah
erst auf als ihm Tassilo die Hand auf die Schulter legte erschrocken erhob er
sich »Wahrhaftiger Gott Jetzt kommen S wirklich daher Aber Herr Tassilo Wie
können S denn um meintwegen «
»Kommen Sie lieber Hornegger«
Tassilo ging voran Franzl folgte So schritten sie jeder mit seinen
wirbelnden Gedanken beschäftigt dem tieferen Bergwald zu
Noch ehe der Abend kam erlosch die Sonne hinter schweren Wolken die das
letzte Blau verhüllten Im Wald bewegte sich kein Zweig Kein Vogel sang
Drei Stunden waren die beiden gewandert und vom See herauf tönte schon das
Rauschen des Wetterbaches Da hörte Tassilo hinter sich den Schritt des Jägers
verstummen und als er sich umblickte sah er Franzl vor einer alten Buche
knien den entblößten Kopf gesenkt vor der Brust die gefalteten Hände Tassilo
schien zu empfinden was dem Jäger der vor dem »Marterl« seines Vaters kniete
in diesem Augenblick das Herz erfüllen mochte er nahm den Hut ab trat an
Franzls Seite und betrachtete den grün gekleideten Mann den die kindliche
Malerei des Bildchens zeigte starr ausgestreckt mit einem roten Kreuzlein über
der Stirn
Franzl hatte sein Gebet beendet und bekreuzte Gesicht und Brust doch er
erhob sich nicht ließ nur die Hände sinken und bewegte langsam die Lippen als
läse er die Inschrift des Täfelchens
»Hier an dieser Stelle wurde Anton Hornegger gräflich EggeSennefeldischer
Förster am heiligen Johannistag erschossen aufgefunden«
Ein Zittern überlief den Jäger der das Gesicht in die Hände drückte Vor
seinen Gedanken stand das Bild jenes Abends an dem sie den Vater auf Stangen
getragen brachten mit der roten Wunde auf der Brust Er sah den Jammer seiner
Mutter wieder und wieder regte sich in ihm die Ahnung die ihn seit Jahren nie
verlassen hatte dass der Mörder noch unter den Lebenden wäre Es musste einer
sein der drunten im Dorfe saß so weit über die Grenze verirrt sich kein
fremder Wildschütz Vielleicht war es einer der seit Jahren an Franzl mit
freundlichem Gruß vorüberging im Herzen die Furcht und den versteckten Hass Und
nun soll wie die anderen im Dorf auch dieser eine die Nachricht hören die
morgen wie ein Lauffeuer umfliegen wird Der Hornegger ist nimmer Jäger ist
entlassen vom Grafen davongejagt Wie wird dieser eine aufatmen erlöst von
seiner jahrelangen Furcht Wie wird er lachen in der Schadenfreude seines
heimlichen Hasses
Da erlosch in Franzl plötzlich das quälende Denken Wie zum Greifen wirklich
sah er vor seinen Augen einen stehen mit dünnem Lächeln auf den grauen Lippen
in den halb geschlossenen Augen einen funkelnden Blick so heiß wie ihn nur die
Freude des befriedigten Hasses kennt
Ein Schauer rüttelte die Schultern des Jägers Keuchend drückte er die
Fäuste an seine Stirn
»Hornegger Was ist Ihnen« fragte Tassilo
Taumelnd erhob sich Franzl »Ich bin verruckt In mir steigen Gedanken auf
ich kann mir nimmer helfen Und da soll ich nunter ins Ort und soll « Die
Stimme versagte ihm fast »Was wird d Mutter sagen Mar und Josef Den Vater
haben s ihr am Schragen bracht Und ich komm so daher Davongjagt mit Schimpf
und Schand als hätt ich s ärgste Verbrechen angstellt«
Tassilo hatte Mühe die Erregung zu beschwichtigen die aus dem Jäger
herausbrach Franzl wurde ruhiger je länger Tassilo zu ihm redete und
schließlich bat er reumütig »Sind S mir net harb Herr Graf dass ich Ihnen
solche Unglegenheiten mach« Aber die Gedanken die ihn vor dem Marterl seines
Vaters befallen hatten wollten nicht mehr von ihm lassen Während des
Niederstieges zum Wetterbach hörte Franzl nur mit halbem Ohr auf Tassilos
Zusage dass er einen guten Posten für den Jäger zu finden hoffe Franzl erwachte
erst aus seiner Verlorenheit als er das Dorf überblicken konnte das erste
Gehöft das ihm in die Augen fiel war das Brucknerhaus Ein schwerer Atemzug
hob seine Brust »Da wirds jetzt schlecht ausschauen Mit uns zwei« Trotz
dieser hoffnungslosen Stimmung fuhr ihm eine merkwürdige Eile in die Beine »Ich
lauf a bissl voraus« sagte er »sonst müssen wir zlang auf a Schiffl warten«
Er rannte talwärts
Als Tassilo bei sinkendem Abend den Wetterbach erreicht und den frisch
gezimmerten Steg überschritten hatte blieb er vor der öden Klause stehen Auf
der Marmortafel über der Tür war in der Dämmerung die halb verwitterte Inschrift
kaum mehr zu erkennen
»Hier wohnt das Glück« Tassilo entblößte nicht den Kopf und faltete nicht
die Hände wie es der Jäger vor der Buche getan aber auch ihn erfüllte ein
schmerzendes Erinnern Er stand vor dem »Marterl« seiner Mutter
Vom Ufer klang die rufende Stimme des Jägers der ein Schiff gefunden hatte
Es war das Boot des Fischers und man musste auf engem Platz zwischen triefenden
Netzen sitzen Tassilo ließ sich quer über den See hinüberbringen zu Annas
Villa Als die Steintreppe erreicht war drückte Tassilo die Hand des Jägers
»Auf dem Heimweg komm ich zu Ihnen Grüssen Sie mir einstweilen Ihre Mutter«
»Vergelts Gott Herr Graf« stammelte Franzl mit einer Hast als wäre ihm
ein stiller Wunsch erfüllt worden
Tassilo sprang über die Stufen hinauf Von der Villa klang eine
Mädchenstimme »Wer kommt«
»Ich bin es Anna«
Ein leiser Schrei fliegende Schritte auf dem Kies dann wieder Stille Nur
das Ruder des Fischers plätscherte und vor dem Bug des gleitenden Nachens
rauschte das Wasser
Nach kurzer Fahrt landete das Boot vor dem Seehof Franzl in der Eile
schien den Weg zu verfehlen Statt den Fußpfad zur Linken einzuschlagen der zu
seinem Hause führte rannte er nach rechts der Straße zu Vor den Leuten die
ihm begegneten drehte er das Gesicht auf die Seite Immer rascher wurde sein
Schritt je näher er dem Brucknerhaus kam und heiße Röte brannte auf seinem
erschöpften Gesicht als er im dämmerigen Hof das Mädel gewahrte das bei einer
Holzbeuge stand und den Arm mit Scheiten belud
Franzls Stimme klang gepresst und heiser »Guten Abend Mali«
Da fielen die Holzscheite prasselnd zu Boden und Mali mit weißem Gesichte
rannte zur Haustür
»Aber Mali Was hast denn Ich bins ja der Franzl«
Mali schien nicht zu hören nicht zu sehen Noch ehe sie das Haus erreichte
streckte sie schon die Hände nach der Tür Auf der Schwelle zögerte sie und
drehte halb das Gesicht dann verschwand sie im finsteren Flur hinter ihr fiel
die Tür zu und drinnen klirrte der eiserne Riegel
Franzl griff sich wie betäubt an den Kopf und guckte in der Dämmerung umher
als hätte er das rechte Haus verfehlt
»Heilige Mutter Was is denn dös«
Er sprang in den Hof warf den Bergstock auf die Bank und fasste die
Türklinke »Mali Mali« Immer rüttelte er an der versperrten Tür »Ich bitt
dich um Gotts willen was hast denn«
Im Hause blieb alles still
»Mali So mach doch auf Ich bins ja ich der Franzl«
Von der Küche her vernahm er das Geknister des Herdfeuers und hörte im Flur
eine wispernde Kinderstimme die plötzlich verstummte als hätte sich eine Hand
auf den kleinen vorwitzigen Mund gedrückt um ihn zu schließen
Dem Jäger wurde der Verstand wirbelig Ein paarmal riss er noch an der
Klinke dann griff er nach seinem Bergstock und taumelte auf die Straße hinaus
Er ging und wusste nicht welchen Weg er nahm In seinen Ohren begann ein dumpfes
Summen War das in seinem Kopf oder wars die Kirchenglocke die den Abendsegen
läutete Auch fallende Tropfen meinte er zu spüren und streckte mechanisch die
Hand aus Richtig es regnete Immer dichter fiel es aus den Wolken alles in
der Runde wurde grau und hinter dem trüben Schleier verschwanden die Berge
Von Franzls Kleidern troff das Wasser und es quietschte in seinen Schuhen
Er ging und ging Als er einmal aufblickte sah er dass er vor dem Parktor von
Hubertus stand »Wo bin ich denn hinglaufen« Er kehrte um
In Strömen rauschte der Regen über die Ulmenkronen Auf den Kieswegen des
Parkes gurgelten die wachsenden Bäche und sinkendes Dunkel verhüllte das
endlose Giessen und Triefen
Es ging auf Mitternacht als Tassilo von seinem Besuch bei der Horneggerin
heimkehrte in einen Lodenmantel gehüllt den ihm Franzl geliehen hatte Er
klopfte an ein Fenster Fritz öffnete ihm die Tür mit erhobener Kerze
verwundert und erschrocken »Herr Graf So spät Und ganz allein In einer
solchen Nacht Ist denn etwas passiert«
»Nein« erwiderte Tassilo ruhig »Ich komme nur heim weil ich morgen nach
München muss Sehen Sie zu dass ich noch eine Tasse Tee bekomme Dann müssen Sie
mir packen helfen Den Wagen für morgen hab ich schon bestellt«
»Einen fremden« fragte der Diener verblüfft
»Ich will Papas Pferde nicht bemühen bei solchem Wetter« Ein bitteres
Lächeln Er nahm den triefenden Mantel von den Schultern »Meine Schwester
schläft schon«
»Jawohl Herr Graf Aber denken Sie nur was heut geschehen ist« Und Fritz
erzählte was sich am Vormittag in der Ulmenallee ereignet hatte
Als Tassilo von der Verwundung der Kleesberg vernahm nickte er »Die Adler
meines Vaters greifen scharf«
Fritz berichtete dass Fräulein von Kleesberg schon am Abend fieberfrei und
ohne Schmerzen gewesen wäre nur noch »ein wenig schreckhaft und verstört« Aber
»unsere liebe Kontess« die glücklicherweise durch das »kuraschierte Zugreifen
des Malers« allem Unheil entronnen wäre hätte sich die Sache »schwer zu Herzen
genommen« und wäre den ganzen Tag mit blassem Gesicht und verweinten Augen
umhergegangen
Tassilo schritt zur Treppe und sagte flüsternd »Machen Sie keinen Lärm
damit die Damen in ihrer Ruhe nicht gestört werden« In seinem Zimmer setzte er
sich an den Schreibtisch Es waren nur wenige Zeilen die er an Robert richtete
um dem Bruder seine bevorstehende Vermählung mit Anna Herwegh anzuzeigen Der
Brief an Willy wuchs zu acht eng beschriebenen Seiten an
An Forbeck schrieb er »Lieber Freund Es ist mir leid dass ich Hubertus
verlassen soll ohne Ihnen die Hand zu drücken ohne mich am Fortschritt Ihres
Bildes zu erfreuen Mit Ihrem Werke hoffe ich im Glaspalast ein erfreuliches
Wiedersehen zu feiern Was uns beide betrifft so können Sie selbst unsere
Trennung zu einer kurzen machen wenn Sie mir die Bitte erfüllen wollen meiner
am 2 September stattfindenden Trauung als mein Zeuge beizuwohnen Sie waren der
erste dem ich mich anvertraute Seien Sie nun auch der erste der mir an der
Schwelle meines neuen Lebens die Hand zum Glückwunsch reicht Eine fröhliche
Hochzeit kann ich Ihnen nicht versprechen Mein Vater und meine Geschwister
werden fehlen Es ist mir nicht gelungen diesen Schatten von meinem Glückstag
abzuwehren Was ich gefürchtet habe ist eingetroffen schlimmer als ich es mir
vorstellte Ihre schützende Hand hat heute meine Schwester vor dem Griff des
Adlers bewahrt Ich habe da droben seine Klaue gespürt Die Wunde ist tief
gegangen Und der Adler der heute ausflog wird nicht der letzte sein Der
Käfig unter den Ulmen steht noch lange nicht leer«
Tassilo legte die Feder fort So saß er lange Dann schloss er den Brief und
löschte die Lampe
Draußen rauschte der Regen es gluckste und gurgelte um die Mauern und mit
klatschenden Schlägen peitschte der Wind die schweren Tropfen an die
Fensterscheiben
Als Fritz gegen acht Uhr morgens das Frühstück brachte fand er Tassilo
schon angekleidet und zur Reise fertig
»Schläft meine Schwester noch«
»Nein Herr Graf die Kontess und Fräulein von Kleesberg haben soeben um den
Tee geklingelt«
Fritz hatte noch nicht ausgesprochen als Kitty auf der Schwelle erschien
mit lose geknotetem Haar das verhärmte Gesichtchen so weiß wie ihr Morgenkleid
»Tas« stammelte sie während der Diener das Zimmer verließ
Tassilo brauchte nicht zu sprechen Kitty sah die gepackten Koffer die
kuvertierten Briefe auf dem Schreibtisch und las in den Augen des Bruders was
seine unerwartete Heimkehr von der Jagdhütte und die plötzliche Abreise
bedeutete Mit ersticktem Schrei umklammerte sie seinen Hals Er führte sie zum
Sofa und suchte sie zu beruhigen Während er erzählte was er erzählen durfte
und sie mit kommenden Zeiten zu trösten suchte brach immer wieder der
fassungslose Schmerz aus ihr hervor bald in wirren Worten bald mit strömendem
Schluchzen Dann sprang sie auf »Komm Tas Wir wollen zu Anna Ich muss sie
sehen Ich muss zu ihr«
Er sagte ihr dass auch Anna Herwegh mit Mutter und Schwester noch an diesem
Morgen die Reise nach München anträte
»Und ich soll euch nie wiedersehen Dich nicht Und Anna nicht Nein Tas
Das kann und darf Papa von mir nicht verlangen Ich halte zu dir Tas Da kann
geschehen was will Wie schön das sein wird euer Glück sehen immer nur euer
Glück « In Tränen erloschen ihre Worte und wieder warf sie sich an den Hals des
Bruders
Er streichelte ihr schimmerndes Haar
»Aber sag mir Tas Wie hat Anna die Nachricht aufgenommen Wie muss ihr
bange sein in dieser Stunde«
»Ja Schwester bedrückend bange Doch sie ist nicht ohne Trost Sie liebt
Und Liebe ist eine feste Brücke Vertraue ihr und sie trägt dich über alle
Tiefe lass dich führen von ihrer Hand und immer ist es der rechte Weg auf den
sie dich leitet«
Kitty die blassen Wangen von Tränen überronnen sah mit großen Augen zu
ihrem Bruder auf
Es klopfte an der Tür Und Kitty wie aus tiefem Traum erwachend trat zum
Fenster um ihr verweintes Gesicht zu verbergen
Fritz und der Stallbursch kamen um die Koffer zu holen Tassilo ging zum
Schreibtisch »Diesen Brief an Robert soll Moser mit hinaufnehmen zur
Jagdhütte Den anderen an Herrn Forbeck bitt ich im Laufe des Vormittags zu
besorgen«
Kitty machte eine jähe Bewegung Und kaum hatten die beiden Diener das
Zimmer verlassen flog sie auf Tassilo zu »Du hast an Herrn Forbeck
geschrieben Warum«
»Um mich von ihm zu verabschieden Auch hab ich ihn gebeten meiner Trauung
als Zeuge beizuwohnen«
»Er Bei deiner Trauung Und ich soll fehlen Deine Schwester« In
Schluchzen erstickten ihre Worte Tassilo zog sie an seine Brust Und da brach
es aus ihr heraus »Ach Tas ich bin namenlos unglücklich« Zitternd schmiegte
sie sich in seine Arme und in einem Sturz von Tränen löste sich ihre stürmische
Erregung Endlich richtete sie sich auf und streifte die Hände über das nasse
Gesicht »Eine Bitte noch Tas Annas Bild musst du mir lassen Schliess nur den
Koffer wieder auf«
»Es ist nicht eingepackt Hier liegt es schon für dich« Er öffnete am
Schreibtisch eine Lade und reichte ihr das Bild das sie mit Küssen bedeckte
»Und diesen Brief sollst du mir besorgen«
»Für Willy Ich verstehe Papa soll nicht wissen dass du ihm geschrieben
hast Gib her Und Willy ist für dich nicht wahr Wenn er noch schwanken
sollte bring ich ihn schon noch herum Er ist ein leichtsinniges Huhn aber
ein guter Kerl« Sie verwahrte den Brief »Und nun komm Tas Du musst dich von
Tante Gundi verabschieden Wir wollen uns zusammennehmen damit die Arme nicht
merkt was vorgeht Die Erregung könnte ihr schaden Oder weißt du noch nicht
was gestern «
»Fritz hat mir alles erzählt«
»Was sagst du wie Tante Gundi sich benommen hat Geradezu großartig Wenn
ich das getan hätte das wäre begreiflich Schließlich ist man nicht umsonst in
Hubertus geboren Und Herr Forbeck war in ernster Gefahr Aber denke dir sie
Seit gestern seh ich sie mit ganz anderen Augen an Aber komm Tas« Energisch
trocknete sie die Wangen nahm das Bild unter den Arm und zog den Bruder zur
Tür dabei merkte sie nicht dass Tassilo sie forschend betrachtete und wie in
Sorge jeden Zug ihres heiß erregten Gesichtes prüfte
Gundi Kleesberg machte als Tassilo und Kitty in ihr Zimmer kamen einen
Versuch sich im Bette aufzurichten Es gelang ihr nicht Der dick verbundene
Arm der mit einer Doppelschlinge gefesselt war lag schwer auf der blauen
Seidendecke Die Frisur war tadellos die Wangen hatten ihren zarten Puderflaum
die Lippen ihr gleichmässiges Rot die Brauen ihre tiefe Schwärze Aber dieses
Verschönerungswerk das die Kammerfrau in aller Eile an der Patientin geübt
hatte war nicht so glücklich geraten wie sonst Zwischen den zarten Farben
lugte die welke Haut mit gelblichen Flecken hervor das gab dem Gesicht einen
müden Ausdruck den der bittere Zug um die Mundwinkel und der ängstliche Blick
noch verschärften Wer dieses Gesicht betrachtete hätte glauben mögen dass die
Kleesberg nicht nur ein übel verlaufenes Abenteuer sondern eine erschütternde
Seelenkatastrophe erlebt hätte
Während Tassilo sich neben dem Bett auf einen Sessel niederließ huschte
Kitty in ihr Zimmer und stellte Annas Bild auf den Ehrenplatz den die
Photographie der Soeur supérieure mit einem dunklen Winkelchen vertauschen
musste obwohl die unter das würdevolle Konterfei geschriebene Widmung mit den
Worten endigte »Gardezmoi la place que mon amour maternel a méritée dans votre
coeur«
Jäh erwachsende Empfindungen sind rücksichtslose Gewalttäter die das Neue
umklammern und das Alte verdrängen Wie lange wird es dauern und auch das Bild
der schönen Schwägerin wird den Ehrenplatz wieder räumen müssen
An die Möglichkeit eines solchen Wechsels schien Kitty in dieser Stunde
nicht zu denken Mit abgöttischer Andacht hing ihr Blick an dem Bild und
traumverloren flüsterte sie vor sich hin »Wie glücklich er sein wird Wie
glücklich«
Als sie hörte dass Tassilo sich erhob und von Tante Gundi Abschied nahm
geriet sie in Verwirrung und griff nach allerlei Dingen bevor ihr klar wurde
dass sie einen Mantel umnehmen und die leichten Pantöffelchen mit festen Schuhen
vertauschen wollte
Tassilo trat ein und zog hinter sich die Tür zu Lange hielten sie sich
umschlungen wortlos Endlich löste Tassilo die Arme der Schwester von seinem
Hals »Komm gutes Kerlchen lass uns vernünftig sein Und bleibe hier Es würde
uns beiden schwer sein vor den Leuten drunten ruhig zu erscheinen«
»Nein Tas Nur in den Flur hinunter Ich werde die Zähne
übereinanderbeissen«
»So komm«
Wirklich Kitty benahm sich wie eine Heldin So ruhig als gälte es nur eine
Trennung von wenigen Tagen schüttelte sie unter der Flurtür die Hand des
Bruders »Glückliche Reise Tas Und auf Wiedersehen« Doch als sich der Wagen
schon in Gang setzte und Tassilo unter dem Lederdach herauswinkte streckte sie
die Arme nach ihm rannte in den Regen hinaus und sprang in den Wagen
»Aber Kind«
»Ich bitte dich Tas Nur bis zum Tor« Sie taumelte in dem holpernden
Gefährt kam auf Tassilos Knie zu sitzen und als der Kutscher halten wollte
puffte sie ihn mit der Faust in den Rücken »Vorwärts«
Der Wagen rollte unter den triefenden Ulmen durch die Allee und machte die
Adler in ihrem Käfig scheu durcheinanderflattern Unter dem schützenden
Lederdächlein hielt Kitty den Bruder umschlungen »Ich sage dir Tas wenn jetzt
die arme Gundi nicht krank da droben läge ich ging mit dir Mich brächten zehn
Pferde nicht mehr aus dem Wagen« Da hörte sie auf der Straße das Rollen einer
Kutsche In Schreck und Erregung fuhr sie auf »Tas Hörst du den Wagen nicht
Wenn es Anna wäre«
Tassilo sah in der Toröffnung die Köpfe zweier Schimmel auftauchen »Ja Das
ist ihr Wagen«
»Anna Anna Anna« schrie Kitty wie von Sinnen sprang aus dem Wagen und
rannte durch alle Pfützen Draußen hielt die Kutsche Als der Schlag sich
öffnete und Anna Herwegh den Fuß auf das Trittbrett setzte hing ihr Kitty schon
am Hals und schluchzte unter Küssen »Hab ihn lieb Anna Hab ihn lieb Mach
ihn glücklich Ich will dich vergöttern dafür«
Schmerz und Erregung machten sie halb betäubt sie hörte stammelnde Worte
ohne sie zu verstehen fühlte Händedrücke Umarmungen Küsse und als sie ihrer
Sinne wieder mächtig wurde sah sie die beiden Wagen im Regen davonrollen und
gewahrte Fritz der neben ihr stand und einen Regenschirm über ihr Köpfchen
hielt in dessen zerzausten Haaren die Wasserperlen glitzerten
»Ich bitte Kontess kommen Sie« mahnte Fritz »Kontess werden sich einen
Schnupfen zuziehen«
»Schnupfen« wiederholte sie gedankenlos und starrte ihn an wie ein
vorsintflutliches Wundertier Mit zitternden Händen tastete sie nach den
triefenden Eisenstäben des Torgitters
Fritz wagte keine weitere Mahnung auszusprechen geduldig stand er und hielt
den Regenschirm Endlich richtete Kitty sich auf nahm den Schirm und trat den
Rückweg an
Fritz wollte das Tor schließen Von der Straße rief eine Stimme
»Auflassen«
Zwei Bauern brachten einen großen Handkarren gezogen auf dem die beiden von
Robert gestreckten Gemsböcke lagen und der Sechzehnender dessen mächtiges
Geweih zu beiden Seiten des Karrens weit herausragte über die mit Kot behangenen
Räder
Zweites Buch
1
Über der langen Kette der Berge hingen die Regenwolken grau in blau getönt
Doch je weiter es hinausging gegen das Vorland und die Ebene desto freundlicher
wurde der Himmel Mit sommerlichem Stillvergnügen lächelte die Morgensonne über
den Lauf der Isar und über die gute Stadt München herab machte die Knäufe der
Frauentürme funkeln und vergoldete die Dächer
Unter den wenigen Passanten die an diesem Morgen der letzten Augustwoche
die breite Ludwigstrasse spärlich bedeckten fiel die hohe Gestalt eines
fünfzigjährigen Mannes auf in grauem Sommerpaletot mit schwarzem Filzhut Das
Haar das unter dem Hutrand hervorquoll hatte noch tiefes Braun während der
schmale Vollbart schon eine graue Melierung zeigte Ein gedankenvolles Lächeln
wie es starken im Kampf mit dem Leben gefesteten Naturen eigen ist milderte
den Ernst der durchgeistigten Züge Man würden den Künstler in ihm erraten
haben auch wenn er nicht den Weg zur Akademie genommen hätte
Weder in den jungen Parkanlagen der Akademie noch in dem prunkvollen
Treppenhaus begegnete ihm eine Seele Im obersten Stockwerk hielt er vor einer
Tür die ein kleines Porzellanschild trug »Professor Georg Werner« und
darunter eine mit Reissnägeln befestigte Visitenkarte »Hans Forbeck« In dem
großen Atelier dessen Nordwand ein einziges Riesenfenster bildete standen vier
Staffeleien Eine von ihnen trug Professor Werners jüngste Arbeit die der
Vollendung nahe war und bereits ihren Goldrahmen hatte ein blankes Täfelchen
nannte den Namen des Künstlers und den Titel des Bildes »Die lange Straße«
Zwischen herbstlich belaubten Feldhecken und kahlen Wiesen hinter denen der
geschlängelte Lauf eines Baches aufleuchtet zieht eine gerade staubige
Pappelallee in endlos scheinende Ferne Das Zwielicht eines nebligen
Herbstabends liegt wie ein Schleier über der Landschaft Nur am Horizonte glänzt
ein helles Licht als wäre in jener Ferne reiner Himmel und letzte Sonne Auf
der Straße steht ein bejahrter Mann er hat ein schweres Bündel zu Boden
gestellt die Last der weiten Wanderung hat ihn müde gemacht und nun deckt er
die magere Hand über die Augen und späht sehnsüchtig in jene lichte Ferne in
der ihm das Ziel und die Ruhe winkt
Werner trat vor die Staffelei Als er nach der Palette greifen wollte sah
er auf dem Maltisch eine Depesche liegen Er öffnete und las »Ich bitte Dich
Werner komm Dein Hans«
Betroffen sah er auf das Blatt und fuhr sich mit der Hand über die Stirn
Wie konnte der Junge bei gesunder Vernunft eine solche Depesche schicken solch
ein halbes Wort das unruhig machen muss Ob er krank ist Und nun da draußen
liegt ohne Hilfe ohne einen Menschen der ihn kennt
Im Sturmschritt zum Tor hinaus in die nahe Wohnung mit einer hetzenden
Droschke zum Bahnhof
Nach zweistündiger Bahnfahrt erreichte Werner die Station von der die
Sekundärbahn in die Berge abzweigte Hier hatte er fünfzehn Minuten Aufenthalt
und das war für ihn eine schwere Geduldprobe Zwei Züge kamen Ein Schwarm von
Reisenden Gebirgstouristen und Landleuten suchte in dem nach München gehenden
Zuge unterzukommen Zerstreut sah Werner über das lärmende Getriebe hin wurde
aufmerksam auf einen Herrn und drängte sich durch das Leutegewühl »Doktor Egge
Doktor Egge«
Tassilo streckte dem Professor die Hand entgegen
»Doktor Kommen Sie von Hubertus Sind Sie da draußen nicht mit Forbeck
zusammengetroffen«
»Gewiss Und ich habe «
Werner ließ ihn nicht aussprechen »Was ist denn mit dem Jungen Was fehlt
ihm Sehen Sie nur die Depesche die er mir geschickt hat« Werner zerrte das
Blatt heraus
Tassilo las
Eine Glocke läutete und die Kondukteure schrien »München Höchste Zeit«
Lächelnd gab Tassilo dem Professor die Depesche zurück »Ich glaube zu
wissen was hinter der Sache steckt Allerdings sollte ich Ihnen die
Überraschung nicht verderben Aber ich sehe Sie sind in Sorge Forbeck hat ein
Bild begonnen das Aufsehen machen wird ich merke mich bei Ihnen gleich als
Käufer vor Es ist Feuer und Flamme für die Arbeit und da vermute ich dass er
ungeduldig wurde und Ihr Urteil nicht mehr erwarten kann Aber verzeihen Sie
mein Zug Grüssen Sie Forbeck Auf Wiedersehen«
Der Zug dampfte zur Halle hinaus Werner von seiner Sorge erlöst rückte
den Hut und atmete auf »Gott sei Dank«
Gegen fünf Uhr abends erreichte er das von Wolken überlagerte Dorf stieg
beim Seewirt ab und ließ sich hinüberführen zum Brucknerhof Der Bauer kam aus
der Tür mit Interesse betrachtete Werner die zähe Gestalt und das bleiche vom
schwarzen Bart wie von einem Schatten umrahmte Gesicht Bruckner schien den
prüfenden Blick mit Unbehagen zu empfinden und fragte wenig freundlich »Was
schafft der Herr«
»Wohnt bei Ihnen Herr Forbeck aus München«
Der Bauer nickte und schlug einen anderen Ton an »Er is net daheim A halbs
Stündl kanns her sein da is er gegen s Schloss aussi marschiert Bitt Herr
kommen S eini ins Haus Ich führ Ihnen nauf in sein Stüberl Da können S
warten«
Bruckner gab die Tür frei und Werner trat in den Flur
Wenige Minuten früher ehe Werners Einspänner an Schloss Hubertus
vorübergefahren war hatte Forbeck den Park betreten um sich nach Fräulein von
Kleesbergs Befinden zu erkundigen Er hörte von Fritz dass »die Sache den
günstigsten Verlauf nähme« und dass die Patientin bereits einen Teil des
Nachmittags außer Bett zugebracht hätte
Wortlos gab Forbeck zwei Karten ab und trat den Rückweg an Müden Schrittes
folgte er der Ulmenallee Ein gellender Vogelschrei weckte ihn aus seinem
Brüten Er stand vor dem Käfig in dem die Adler mit Gier die blutige Leber des
Sechzehnenders verschlangen Jeder von ihnen hatte seinen Anteil erhascht und
hielt ihn unter den gespreizten Fängen ein Riss mit dem Schnabel und ein dicker
Knollen bewegte sich unter Würgen langsam durch den Hals hinunter an dem sich
die Federn sträubten Einer von den Adlern hielt in seiner Mahlzeit inne duckte
den Kopf zwischen die Flügel und spähte mit funkelndem Blick nach Forbecks
Augen
Eine Erinnerung befiel ihn ihm war als hätte er diesen gleichen Blick vor
nicht langer Zeit im Gesicht eines Menschen gesehen diesen scharfen
misstrauischen Falkenblick
Er wandte sich ab Raschen Ganges gewann er die Straße Als er das
Brucknerhaus erreichte sah er Mali mit dem Netterl auf den Armen hastig gegen
die Scheune gehen Das hatte den Anschein als wollte das Mädchen eine Begegnung
mit ihm vermeiden Dieser ihm unverständlichen Wahrnehmung nachsinnend trat er
ins Haus auf der Treppe hielt er betroffen inne es war ihm vorgekommen als
hätte er in seinem Zimmer Tritte gehört Aber als er die Stube betrat war sie
leer Doch fiel es ihm auf dass sein Bild das er vor einer Stunde mit dem Tuch
bedeckt hatte unverhüllt auf der Staffelei stand Und am unteren Rand des
Bildes war ein weißer Zettel befestigt Befremdet ging Forbeck auf die Leinwand
zu und sah auf dem Zettel in einer ihm wohlbekannten festen Schrift die beiden
Worte »Goldene Medaille«
»Werner« stammelte er Da klang hinter ihm ein frohes Lachen und als er
sich umwandte stand Werner auf der Schwelle der Schlafkammer
»Hans Junge Du hast mir einen Willkomm bereitet wie ich ihn mir bei allem
Vertrauen zu deinem Talent nicht hätte träumen lassen« Werner zog den Wortlosen
an seine Brust und küsste ihn auf beide Wangen Forbeck hatte den Blick eines
Trunkenen Er fühlte dass diese Zärtlichkeit seines Lehrers für ihn ein Lob
bedeutete wie es kein Wort ihm hätte spenden können
Draußen wollte schon der Abend sinken und dennoch wurde es plötzlich heller
in der Stube Die Wolken hatten sich geklüftet und eine leuchtende Flut von
goldrotem Sonnenschein ergoss sich über das Tal und seine Häuser
Werner war vor das Bild getreten »Sag mir Hans wie hast du das
fertigbringen können in diesen lumpigen paar Tagen Das muss aus dir
herausgefahren sein wie ein Löwensprung Und wie glücklich du das gefunden hast
diesen Überschlag vom letzten Augenblick der Ruhe in den tobenden Sturm Wie das
kämpft miteinander das weichende Licht in seiner letzten gesteigerten
Schönheit und die anstürmenden Schatten in ihrer Wucht und Tiefe Und diese
Landschaft Wo hast du nur diesen gesegneten Fleck Erde entdeckt Und diese
Menschen Das Pärchen da Junge Das ist mehr als ein gelungener Diebstahl an
der Natur das ist eine künstlerische Offenbarung Was du da gibst das hast du
in dir aus einer Tiefe herausgeholt in die ich noch keinen Blick getan Du hast
alle Schule von dir abgeschüttelt hast dich auf eigene Füße gestellt Hans
Jetzt bist du wer« Werner schlug seine Hand auf Forbecks Schulter und sah ihm
mit glücklichem Stolz in die Augen »Um mir das zu sagen hättest du in deinem
Telegramm etwas weniger sparsam mit den Worten sein dürfen Ich in der ersten
Verblüffung glaubte dass du krank wäret Und jetzt« Er lachte
Forbeck in dessen Augen die Freude sich umschleierte wollte sprechen
Werner ließ ihn nicht zu Wort kommen
»Aber jetzt diesen Zettel weg« Er zerknüllte das Blatt das er an die
Leinwand geheftet hatte »Weißt du Junge das war nur der erste Jubelschuss
Jetzt kommt der Ernst Bis das Bild in den Rahmen taugt wird es noch ein
tüchtiges Stück Arbeit brauchen Da sollst du keine Zeit verlieren Unsere
italienische Reise schieben wir auf Italien läuft dir nicht davon Aber die
Stimmung in der du das begonnen hast die musst du festhalten wie mit Eisen So
was verträgt keinen Riss das will sich ausströmen in einem Zug Morgen
kutschieren wir heim nach München« Werner lachte wieder »Ohne ein paar
Hahnenkämpfe wird es da zwischen uns nicht abgehen denn hier und hier« er
deutete auf verschiedene Stellen des Bildes »da hab ich meine Bedenken Aber
diese Mittelgruppe Das bleibt Da sollst du mir keinen Strich mehr ändern
Dieser Jäger Wie er dasteht in gesunder Kraft in seiner Glückseligkeit Und
das Mädel erst Wie bist du denn zu diesem Modell gekommen Du Sonntagskind Und
wie du das gestellt hast So mitten hinein ins höchste Licht Dieser letzte
Sonnenstrahl der sie umschmeichelt wie ein Verliebter scheint zu ihr sagen zu
wollen Dich hab ich und dich lass ich nimmer Hast du für das Bild schon einen
Titel gefunden«
»Ja Werner Jetzt«
»Wie soll es heißen«
»Der letzte Sonnenstrahl«
»Richtig Junge Damit ist alles gesagt« Werner verstummte und sah
betroffen zu Forbeck auf der die schwimmenden Augen auf die leuchtende
Mädchengestalt gerichtet hielt »Hans Was ist dir«
Forbeck hörte nicht
Ein Lächeln »Hans Wer ist dieses Mädchen«
Forbecks Stimme war rau »Eine Gräfin Egge«
Werner erblasste »Hans Auch du« Dann fasste er Forbeck an den Schultern und
rüttelte ihn »Hans Rede doch Nimm diese Sorge von mir«
»Ich mache dir Kummer Werner Vergib mir Das ist über mich hergefallen wie
ein Sturm mit dem Schmerz schon in der ersten Freude«
Eine Weile war Stille »Komm Hans Wir müssen in frische Luft Wir beide«
Sie verließen das Haus Es dämmerte schon im Tal Über das zerfliessende
Gewölk her traf noch ein glühender Sonnengruss die Zinnen der Berge und die
Almen alle Höhen waren so scharf beleuchtet dass man jede Sennhütte und jeden
einzelnen Felsblock deutlich unterscheiden konnte mit klaren Linien hob sich
jeder Baum aus dem schimmernden Hintergrund und die kahlen Felswände ragten
gleich erstarrten Flammen in das tiefe Blau des sich klärenden Himmels
»Sieh Hans« sagte Werner »wie schön das ist«
Forbeck nickte
»Und siehst du über dem langgestreckten Lärchenwald den blitzenden Streif
Das muss ein Wasserfall sein Sieht es nicht aus als hätten die Felsen sich
gespalten wie im Märchen um für einen Augenblick die funkelnde Schatzkammer der
Zwerge vor einem erstaunten Menschenkind zu öffnen Und weiter oben jener
seltsam geformte Felsklotz Gleicht er nicht einem goldgekrönten Riesenhaupt
das sich aus den Tiefen der Erde hervorhebt Ich sags immer Wer verstehen
will wie die Märchen wachsen muss in die Berge gehen«
So plauderte Werner mit seinem ruhigen Lächeln weiter jeden Reiz erfassend
den der herrliche Abend zeigte Nur manchmal verriet ein Blick mit dem er
Forbeck streifte dass diese äußerliche Ruhe mit der Stimmung seines Innern nicht
im Einklang stand
Als sie bei Einbruch der Dunkelheit in die Nähe des Seehofes kamen dessen
Terrasse mit vergnügten Menschen besetzt war sagte Werner »Komm suchen wir
uns ein Plätzchen In mir beginnt sich das Tier zu rühren Ich habe heut in der
Eile vergessen Mittag zu machen«
Sie fanden einen freien Tisch und mit dem Anschein ernster Wichtigkeit
studierte Werner die Speisekarte Ringsumher die heiteren Stimmen der Gäste Aus
der Schifferschwemme hörte man die Töne einer Ziehharmonika und den stampfenden
Taktschritt tanzender Paare
»Was willst du nehmen Hans«
»Ich kann nicht essen«
»Doch Hans Das muss man« Wieder vertiefte Werner sich in die Speisekarte
»Aaaah Renken am Rost und Rebhuhn mit Rotkraut Was sagst du zu dieser
kulinarischen Alliteration Das sind zwei Stabreime die es verdient hätten von
Wagner in Musik gesetzt zu werden« Er haschte die am Tisch vorüberschiessende
Kellnerin »Holde Jungfrau«
»Nur net beleidigen« lachte das Mädel »Was schaffen S denn«
Werner bestellte Während der Mahlzeit trug er die Kosten der Unterhaltung
Die Mühe die er sich gab um eine ruhige Stimmung zu erzwingen war von
geringem Erfolg Schließlich schwiegen sie alle beide Dann erhob sich Werner
»Du hast recht Hans Dieser vergnügte Spektakel muss dir wie Schmerz in die
Ohren gehen Komm«
Sie folgten der spärlich erleuchteten Promenade die an den Ufervillen
vorüberführte Hinter den letzten Häusern endete der Weg auf einem Hügel vor
einer halbkreisförmigen Bank Hier ließ sie sich nieder
Es war Nacht geworden In tiefer Schwärze lag der See und spiegelte die
Fensterhelle der gegenüberliegenden Häuser
»Hans Glaubst du dass sie dich liebhat«
Forbeck vermochte nicht gleich zu antworten »Kann man lieben ohne zu
hoffen«
»So habt ihr euch noch nicht ausgesprochen« klang es in rascher Folge
»Nein«
Werner atmete tief als wäre ihm die schwerste Sorge von der Seele gefallen
»Liebe begehrt Sie kann nicht anders Vielleicht darf ich auch glauben dass
ich ihr nicht gleichgültig bin dass es mir gelingen könnte ihre Liebe zu
verdienen Aber was dann Ihr Vater hat dafür gesorgt dass sie gerade jetzt die
Schranke die zwischen uns beiden liegt in rauer Wirklichkeit vor Augen
sieht«
»Was meinst du damit« fragte Werner und hörte schweigend zu als ihm
Forbeck von Tassilos Verlobung mit Anna Herwegh erzählte von dem Bruch zwischen
Vater und Sohn
»Dieses Zerwürfnis wird ihm den Weg zu seinem Glück erschweren doch nicht
verlegen Der Mann wenn ihm eine Vergangenheit zerstört wurde kann sich eine
Zukunft bauen Aber ein Mädchen Das mit hundert Banden an die Familie gekettet
ist an alle Erinnerungen der Kindheit an jeden Grundsatz in dem es erzogen
wurde Ich liebe sie mit jeder Fiber meines Herzens ich vergehe in meiner
Sehnsucht aber was liegt an mir Wenn nur ihr erspart bleibt was auf mich
gefallen ist Ich muss fort Werner Haben diese Tage in ihr ein wärmeres Gefühl
für mich erweckt so kann es nur erst der Keim einer Empfindung sein den die
Zeit wieder ersticken wird ohne tieferen Schmerz Was mit mir geschieht ist
gleichgültig Aber ich will nicht die Ursache sein dass auf ihren Lebensweg nur
ein einziger Schatten fällt Sie ist geschaffen für die Sonne«
»Hans Das war ein braves Wort Ein anderer in deiner Lage hätte wohl anders
gehandelt Es ist schwer die schreiende Stimme seiner Sehnsucht stumm zu
machen Da rennt man vor seiner treibenden Leidenschaft einher taumelt blind
hinein in den Rausch des Augenblicks und will im Erwachen nicht begreifen dass
man für immer verlor was man zu gewinnen meinte« Werner legte den Arm um
Forbecks Schultern »Die Redlichkeit deines Herzens hat böse Dinge verhütet«
»Wie bettelarm wäre meine Liebe wenn sie nicht die Kraft besäße mehr an
den Frieden des geliebten Wesens zu denken als an den eigenen Hunger Du würdest
mich begreifen Werner wenn du sie gesehen hättest Sie ist wie eine Blüte die
ein Frühlingsmorgen eben erst aus der Knospe weckt Als ich sie zum ersten Male
sah was ich da empfand Ich meinte es wäre die Himmelsfreude des Künstlers
der plötzlich fühlt dass vor seinem gefesselten Können ein Riegel sprang Wenn
du wüsstest wie es gekommen ist «
»Das sollst du nicht erzählen Nicht jetzt Es würde dich nur erregen Und
wie soll es gekommen sein Wie es immer kommt Das Spiel das die brave Mutter
Natur mit ihren sogenannten Mustergeschöpfen treibt ist immer das gleiche Zur
Abwechslung ändert sie nur den Stil Wie ihr die Laune steht lässt sie den alten
Einfall bald als Posse mimen bald als Trauerspiel Ich kenne das Hans Mehr
als mir lieb ist«
»Werner« stammelte Forbeck »Das hättest du erfahren An dir selbst«
Ein kurzes Schweigen »Ich Nein Aber mit fünfzig Jahren hat man sich
umgesehen in der Welt« Werner blickte über den finsteren See hinaus »Ich habe
meine Mutter geliebt meine Kunst und dich«
»Was ich dir schulde hab ich nie so drückend empfunden wie jetzt Du hast
mir die Hälfte deines Lebens geschenkt hast dir das Anrecht auf mein
ungeteiltes Herz erworben Und wie komm ich zu dir zurück«
»Rede keinen Unsinn lieber Junge Was solltest du mir schulden Du weißt
wie ich über gewisse Dinge denke Es liegt als unerschütterliche Überzeugung in
mir dass es mit uns Menschen für immer ein Ende hat in dem Augenblick in dem
wir die Lider schließen Wozu noch eine Ewigkeit Das Leben vergönnt uns Zeit
genug um das zu erfüllen was der Zweck eines Menschen sein kann Aber man ist
eitel Es ist unbehaglich zu denken dass wir mit unserer fliegenden Phantasie
und unserem bohrenden Intellekt nicht viel höher stehen sollen als der Hund den
wir füttern als der Ochse der den Weg alles Fleisches über unseren Teller
nimmt Man möchte dauern Das lehrt den einen glauben und beten den anderen
schaffen Dieser Trieb ist auch in mir Ich will nicht vergehen ohne Spur
Hinter mir soll etwas bleiben nicht nur ein totes Werk meiner Hände auch ein
Pulsschlag meines Lebens ein Funke des Feuers das in mir brannte Ich habe
gesucht Und es war nur mein Glück dass ich gerade dich gefunden habe Ich
erkannte dein Talent und sagte mir Hier ist gute Erde hier kannst du säen was
du ihr anvertraust wird Früchte tragen wenn du nicht mehr bist«
»Werner«
»Was anderen ihre Seele ist das bist mir du Ich gebe dir was ich habe
weil du mir bist was ich brauche Aus keinem anderen Grund Warum also Dank
Wir beide sind quitt Fühlst du dich im übrigen noch ein bisschen verpflichtet
durch die Erbschaft die ich auf die gelegt so richte dich auf Hans sei so
stark wie du redlich bist Nütze dein Leben lass Glück oder Schmerzen kommen
wie sie mögen Und ehe dir die Hände sinken lege den Kern deines Wesens wieder
in das Herz eines anderen Dann wirst du dauern« Werner erhob sich »Komm Das
alles reden wir heute nicht zu Ende Wir brauchen Ruhe um morgen mit klarem
Kopf unseren Weg zu suchen Und wenn du jetzt nach Hause kommst dann brenn dir
die Lampe an und setze dich vor dein Bild Dieser erste dicke Regenguss der von
recht in die Kronen der Bäume schlägt scheint mir denn doch ein bisschen zu
aschig in seinem schweren Grau Da sollte mehr Durchsicht bleiben sonst macht
dir das ein böses Loch in die Farbe Auch im tiefsten Schatten steckt noch immer
ein Licht Nur herausholen muss mans Komm«
Forbeck schwieg und langsam wanderten sie über den finsteren Weg zurück
In tiefer Stille lag der Seehof mit der verödeten Terrasse Ein großes Boot
war halb an die Lände gezogen und glucksend schlug das Wasser gegen die
Bretter
2
Im Zimmer der Kleesberg waren die beiden Fenster geöffnet Morgensonne lag auf
den Gesimsen und ein leuchtender Streif zog sich über den Teppich gegen den
Frühstückstisch Tante Gundi saß in einem Fauteuil den verbundenen Arm in der
Schlinge den Schoss von einem flaumigen Guanacofell bedeckt das Graf Egge vor
Jahren mit anderen Trophäen von einer südamerikanischen Jagdreise mit nach
Hubertus gebracht hatte Still blickte sie vor sich hin und ließ sich von Kitty
bedienen die den Tee mit einem Ernst bereitete als hinge von seinem Geschmack
die Genesung der Patientin ab Kittys Wangen waren von einer müder Blässe ihre
Augen von dunklen Ringen umzogen aber sie schien vor Gundi Kleesberg alle Kunst
ihrer Selbstbeherrschung zu üben und brachte es sogar fertig mit gleichmässiger
Ruhe zu plaudern
»Das wird ein herrlicher Tag heute Der Doktor wird dir sicher gestatten
einige Stunden im Freien zuzubringen Das wird dich zerstreuen« Kitty beugte
sich über den Tisch um die Spiritusflamme unter dem summenden Kessel zu
mustern »Vielleicht findet sich auch ein bisschen Gesellschaft für dich Herr
Forbeck war gestern zweimal hier um sich nach deinem Befinden zu erkundigen
Wenn er heute wiederkommt musst du ihn wohl empfangen«
»Meinst du« fragte die Kleesberg mit der Scheu eines Kindes das einen
stillen Wunsch nicht offen zu gestehen wagt
»Gewiss Es ist doch begreiflich wenn er sich sorgt um dich« Kitty
verstummte weil sie die Tür gehen hörte
Fritz brachte eine Karte
»Herr Forbeck« fragte Kitty die Wangen von einer feinen Röte überhaucht
»Nein Kontess ein mir unbekannter Herr Er bat der gnädigen Kontess
gemeldet zu werden und entschuldigte sich wegen der frühen Stunde«
Verwundert nahm Kitty die Karte Als sie gelesen hatte sah sie betroffen
auf »Das ist aber sonderbar Denk dir Tante Gundi Professor Werner«
Gundi Kleesberg machte eine so jähe Bewegung dass die Guanacodecke von ihrem
Schoße glitt
»Aber Gundi so rede doch« stammelte Kitty in wachsender Erregung »Was
soll ich tun«Sie wandte sich an den Diener »Wo ist er«
»Ich habe den Herrn ins Billardzimmer geführt«
Kitty warf die Visitenkarte in Tante Gundis Schoss Wie im Flug gings über
die Treppe hinunter Vor der Tür des Billardzimmers stand sie still und drückte
die Hände auf die brennenden Wangen
Als sie eintrat erhob sich Werner Seine Augen glitten über die zierliche
Mädchengestalt und blieben an dem schmalen Antlitz haften das in der breit
durch die Fenster quellenden Morgensonne wie von zartem Goldton überhaucht
erschien Auf Werners Lippen erwachte jenes milde Lächeln und es war etwas
gewinnend Herzliches in der Art wie er auf Kitty zuging »Verzeihen Sie die
Störung Komtesse die ein Fremde Ihnen verursacht«
»Kein Fremder« unterbrach sie halb noch befangen »Was Sie sind weiß man
und wir haben in diesen Tagen so viel von Ihnen gesprochen dass ich mich doppelt
freue Sie kennenzulernen« Sie reichte ihm die Hand »Aber darf ich bitten«
Ihre Hand befreiend ging sie zum Erker und deutete auf einen Fauteuil Als
Werner sich niederließ spähte sie verstohlen nach seinem Gesicht und es kamen
ihr jene Worte Tassilos in Erinnerung »Denke dir Forbeck um fünfundzwanzig
Jahre älter so sieht Werner aus« Es war doch seltsam diese Ähnlichkeit
»Sie haben sich wohl schon gefragt was mich zu Ihnen führt«
»Ja Herr Professor ich habe mir ein bisschen den Kopf zerbrochen« Der
heitere Ton den sie anzuschlagen versuchte gelang ihr nicht recht »Aber
welche Ursache Sie auch zu uns führt ich bin ihr dankbar Herr Forbeck hat
immer mit so großer Liebe und Verehrung von Ihnen gesprochen «
Es leuchtete in Werners Augen »Da muss ich ihn widerlegen Hans überschätzt
mich Aber da wir schon von ihm sprechen ich komme in seinem Auftrag um Ihnen
für die geduldige Mühe zu danken mit der Sie seine Arbeit unterstützten«
Kittys Augen öffneten sich weit als würde für sie das Rätsel dieses
Besuches immer dunkler
»Auch soll ich Ihnen sagen wie herzlich er bedauert dass es ihm leider
nicht mehr vergönnt ist sich persönlich von Ihnen zu verabschieden«
»Verabschieden« stammelte Kitty »Herr Forbeck verreist So plötzlich Und
das hat solche Eile dass er nicht einmal eine Minute mehr findet um « Sie
vermochte nicht weiterzusprechen
Auch Werner schwieg Diesen erschreckten Mädchenaugen war ein Bekenntnis
eingeschrieben das er mit Sorge zu lesen schien
»Aber ich bitte Sie Herr Professor Wie ist denn nur das gekommen So
unerwartet«
»Er muss so rasch wie möglich nach München«
»Rasch So rasch Aber « Kittys Stimmung begann sich in unverhehlten Ärger
zu verwandeln »Deswegen fährt der Zug nicht früher Da wäre noch Zeit genug
gewesen Verzeihen Sie Herr Professor ich selbst komme dabei nicht in Frage
aber meine Tante die sich doch wohl ein bisschen Rücksicht bei Herrn Forbeck
verdiente « Kitty verstummte ein jähes Erblassen ging über ihre Wangen »Er
kann nicht kommen Er ist krank Verwundet Das will er vor uns verheimlichen
um uns nicht besorgt zu machen«
Jetzt war mit dem Rätsellösen die Reihe an Werner »Hans Verwundet Wie
kommen Sie auf eine solche Vermutung Komtesse«
»Hat er Ihnen denn nicht erzählt was geschehen ist Die unglückselige
Geschichte mit dem Adler der aus dem Käfig entflog« Kittys Worte sprudelten
»Wäre Herr Forbeck nicht gewesen es wäre mir übel ergangen Diesmal ebenso wie
damals am Wetterbach Denken Sie mit beiden Händen fasste er den Adler Ich war
zu Boden gestürzt aber Tantchen wollte Herrn Forbeck zu Hilfe kommen und
dabei hat sie die beiden Griffe in den Arm bekommen Aber wir glaubten dass
wenigstens Herr Forbeck unverletzt wäre «
»Das ist er auch Beruhigen Sie sich«
»Nein Er verheimlicht es auch vor Ihnen Deshalb will er so schnell nach
München« Wieder stockte sie »Aber nein Er ist doch in Hubertus gewesen
gestern sogar zweimal Das stimmt nicht« Verstört sah sie zu Werner auf »Mir
scheint ich rede ein bisschen wirr durcheinander Freilich es wäre kein
Wunder«
Werner meinte den Sinn dieser Worte zu verstehen neben allem was die
vergangene Minute ihn erkennen ließ musste er auch der Dinge denken die er von
Forbeck über Tassilo gehört hatte Der Abschied zu dem es zwischen Bruder und
Schwester gekommen mochte in dem Herzen des Mädchens noch mit schmerzlicher
Wirkung nachzittern
»Ich bitte um Vergebung Komtesse es war unrecht von mir dass ich meinem
jungen Freund diesen letzten Besuch « Es lag ihm auf der Zunge ersparen
wollte Er korrigierte sich »dass ich diesen Weg für ihn übernahm Ich würde das
unterlassen haben wenn ich gewusst hätte dass Hans der Dame von der Sie
sprachen verpflichtet ist Nun ist es geschehen und es war gutgemeint Ich
bitte Sie nehmen Sie Hans dem berechtigten Unmut Ihrer Tante gegenüber in
Schutz und legen Sie alle Schuld auf mich Und Sie selbst Komtesse « Er hatte
Mühe seine Bewegung zu verbergen »Zürnen Sie ihm nicht Die Notwendigkeit
dieser Reise hat sich so plötzlich ergeben er hat noch mancherlei zu ordnen
Halten Sie ihm das zugute und nehmen Sie seinen Abschied aus meiner Hand
entgegen«
Kitty hatte sich erhoben und reichte Werner die Hand Ihren Augen war es
anzumerken dass sie mehr auf alles hörte was in ihrem Innern redete als auf
die Worte die an ihr Ohr schlugen
»Und wenn es der Zufall bringen sollte dass Ihre Wege und die seinen von nun
an auseinanderführen so bewahren Sie ihm ein freundliches Gedenken Dass er
diese Tage nicht vergessen wird dafür ist gesorgt Die Begegnung mit Ihnen
wurde für ihn zu einem Wendepunkt seines Lebens weckte das Beste seiner jungen
Künstlerseele und gab ihm die Kraft für ein Werk das seinem Namen Ehre machen
wird Und wenn Sie in kommender Zeit erfahren werden Hans Forbeck hat sich
unter den Ersten seiner Kunst einen Platz erkämpft so dürfen Sie sagen dabei
hab ich mitgeholfen Dieser Gedanke wird Ihnen Freude machen Nicht wahr
Komtesse«
Kitty vermochte nicht zu sprechen sie nickte nur während sie auf Werner
niedersah der ihre zitternde Hand an seine Lippen zog Als er ging machte sie
einen Schritt wie um ihn zur Tür zu begleiten Eine Stuhllehne geriet ihr unter
die tastende Hand und da blieb sie stehen so bestürzt als hätte sich etwas
Unbegreifliches ereignet
Werner verließ das Haus Als er aus dem Schatten der Veranda in die Sonne
trat holte Fritz ihn ein das »gnädige Fräulein« ließe den Herrn Professor
bitten Werner stand in sichtlicher Unruhe Was konnte Kitty ihm noch zu sagen
haben Zögernd folgte der dem Diener Als er in das Billardzimmer treten wollte
wies ihn Fritz zur Treppe
Sie stiegen hinauf und der Diener öffnete eine Tür Werner trat ein und sah
sich einer bejahrten Dame gegenüber deren Gesicht er nur unklar zu
unterscheiden vermochte weil es im Schatten der durch die Fenster flutenden
Sonne lag ein Gesicht mit den welken Zügen des Alters und den blühenden Farben
der Jugend
»Verzeihen Sie Gnädigste aber hier scheint ein Irrtum « Werner
verstummte er hatte den verbundenen Arm bemerkt den die Dame in einer seidenen
Schlinge trug In erwachender Teilnahme trat er näher und sah ihre Augen auf
sich gerichtet wie in Kummer und Angst ohne Bewegung saß sie im Lehnstuhl
Schon wollte er sprechen da sagte sie zaghaft »Sie erkennen mich nicht mehr«
»Ich vermag mich nicht zu erinnern «
»Es ist lange her Und ich habe mich nicht zu meinem Vorteil verändert Ich
bin alt geworden Und hässlich Wer mich heute sieht möchte in mir nicht mehr
das lustige Mädel von damals vermuten die närrische Gundi Kleesberg«
Dieser Name wirkte auf Werner als wäre ein Blitzstrahl vor ihm
niedergefahren Er tastete nach einem Stuhl
Nun saßen sie wortlos Auge in Auge Durch die offenen Fenster tönte das
Rauschen der Fontäne Werner hing an diesem gealterten Gesicht als könnte er
unter der Schminke und zwischen dem Vernichtungswerk der Jahre noch einen Zug
aus vergangener Zeit entdecken Doch sie wollten einander nicht gleichen diese
bemalte Welkheit und das Bild seiner Erinnerung ein schmucker Lockenkopf mit
munteren Augen mit vorwitzigem Näschen und mit den kirschroten Lippen nach
deren Kuss er einst gedürstet hatte
Tief atmend sagte er leis »Es wäre besser gewesen wenn uns diese
schmerzende Begegnung erspart geblieben wäre Hätte ich ahnen können wen ich in
Schloss Hubertus finden würde ich hätte dieses Haus nicht betreten«
So hilflos wie ein gescholtenes Kind ließ Gundi Kleesberg das Kinn auf die
Brust winken »Das war hart Werner«
»Ich wollte Sie nicht kränken Aber ich habe so viele Jahre gebraucht um
ruhig zu werden dass es mir nicht zu verdenken ist wenn ich eine Störung dieser
Ruhe gern vermieden hätte«
Eine Pause trat ein Scheu blickte Gundi zu ihm auf »Sie wussten nicht dass
ich in Hubertus bin«
»Nein Der Tod Ihres Vaters und Ihr Eintritt in das Stift war die letzte
Nachricht die mir vor fünfzehn Jahren ein Zufall von Ihnen brachte«
»Ein Zufall nur Sie selbst haben nie den Wunsch empfunden von der Gundi
Kleesberg zu hören«
Werner schwieg Um seinen Mund huschte jenes Lächeln das seine Freunde an
ihm kannten und von welchem Tassilo gesagt hatte »Eine Kunst die sich bitter
lernt es mag keine heitere Geschichte gewesen sein hinter der ihm nichts
anderes verblieb als dieses Lächeln«
Gundi Kleesberg schien die stumme Sprache dieses Lächelns zu verstehen
Dunkle Röte glühte durch die Schminke ihrer Wangen »Auch Sie Werner Auch Sie
sind einsam geblieben«
»Einsam Nein Ich hatte meine Kunst Ich halte wenig von dem was ich heute
gelte in der Welt habe die Arbeit immer nur geliebt um ihrer selbst willen
Dennoch sag ich es vor Ihnen mit einer verzeihlichen Regung von Stolz Aus dem
Werner ist was geworden Er hat bewiesen dass er das verächtliche Misstrauen
nicht verdiente mit dem Ihr Vater ihn von seiner Schwelle wies«
Zitternd bedeckte Gundi Kleesberg die Augen »Ach Werner man hat uns ein
schönes Glück zerstört«
»Das taten nicht die anderen Das haben wir selbst getan«
»Ich Ich allein bin die Schuldige Mit meiner Feigheit Hätt ich den Mut
gehabt alles wäre gut geworden Nur Feigheit war es als ich mich in deine Arme
warf um in Heimlichkeit zu erzwingen was ich offen von meinem Vater nicht zu
fordern wagte Feigheit war es als ich schwieg bis ich sprechen musste
Feigheit als ich mich jedem Zwang meines Vaters fügte « Ihre Stimme erlosch
während sie trostlos vor sich niederstarrte »Alles wäre noch gut geworden
hätte nur mein Kind gelebt«
»Meinst du« sagte Werner hart »Dein Vater hätte auch in diesem Falle
Mittel und Wege gefunden die Sache auf seine Art zu erledigen und den Skandal
wie er sich auszudrücken liebte aus der Welt zu schaffen Sogenannte brave
Leute die sich für ein paar hundert Mark einen Kostgänger gefallen lassen
hätten sich ohne Mühe gefunden irgendwo in einem Winkel aus dem keine Stimme
zu den Ohren der guten Gesellschaft reicht Und alles wäre in schönster Ordnung
gewesen Freilich das Kind Aber was liegt an solch einem unbequemen Geschöpf
Wenn nur der Klatsch zur Ruhe kommt Nicht wahr Das Kind kann misshandelt werden
und hungern verderben an Leib und Seele«
»Nein nein« stammelte Gundi Kleesberg »Besser tot«
»Und wär es gewachsen und hätte von der Natur mit gutem Kern begabt alles
Elend einer solchen Kindheit überwunden Und ein unglückseliger Zufall hätte ihm
seine Herkunft verraten ohne ihm den Vater oder den Namen der Mutter zu nennen
der bei dem Geschäft mit den braven Leuten klug verschwiegen wurde Was dann Es
war doch wohl ein Knabe Oder nicht Gundi Der Brief in dem mir dein Vater den
Tod des Kindes zur Mitteilung brachte war ein bisschen unklar Aber was dann«
Schmerzvolle Bitterkeit wühlte in Werners Stimme »Der arme Junge hätte an
seinen Füßen eine Kette durchs Leben geschleppt und in seinem Herzen einen
quälenden Stachel getragen Jeder Gedanke an den Vater wäre ihm zu einer
Verwünschung geworden jeder Gedanke an die Mutter «
Werner verstummte
Und Gundi Kleesberg versank zwischen den Lehnen des Fauteuils Tränen
rollten ihr über die Wangen »Es war hart für mich dass ich mein Kind verlieren
musste Ich hab es geliebt und hab es nie gesehen Mit seinem kleinen Leben ist
meine letzte Hoffnung erloschen Aber besser so wie es ist Hätt es gelebt und
alles wäre gekommen wie du sagst ach das arme Kind«
Alle Bitterkeit schwand aus Werners Zügen und in seinen Augen erwachte ein
warmer Glanz als fände er in diesem welken von Tränen und zerflossener
Schminke bedeckten Gesicht jetzt da auf ihm die Sprache des Schmerzes
geschrieben stand jene Erinnerung der entschwundenen Jugend wieder die er vor
wenigen Minuten umsonst gesucht hatte »Gundi Liebe Gundi« Er zog ihr die Hand
von den Augen
Scheu blickte sie zu ihm auf »Wie gut du bist Sei ohne Sorge Ich will dir
nicht vorjammern von mir von dem bösen zwecklosen Leben das meine Feigheit
über mich brachte Um deinetwillen hätt ich mir den Wunsch versagen sollen
dich noch einmal zu sehen Doch ich wollte nur hören dass dir das Leben leichter
und schöner wurde als der Gundi Kleesberg Sag mir das Werner und ich bin
zufrieden«
Er streichelte ihre Hand und sagte mit seinem milden Lächeln »Leicht Nein
Gundi Aber die Arbeit war mir ein Trost«
»Nur die Arbeit« Ihre Augen öffneten sich weit ihre Stimme wurde leiser
»Nicht auch dein Sohn«
Ein kaum merklicher Schreck Dann dieses ruhige Wort »Deine Frage ist mir
unverständlich«
Sie machte eine schüchterne Bewegung mit der Hand »Ich begreife Werner er
soll es nicht wissen Und niemand Sein Leben soll ohne Kette sein sein Herz
ohne Stachel Ich habe jedes deiner Worte behalten Du versagst deinem Herzen
was er dir bieten könnte als Sohn und gibst ihm als Freund alles was ein
Vater nur geben kann Du bist ihm was du auch unserem Kind gewesen wärst wenn
es hätte leben dürfen Ich kenne dich Werner Vor mir brauchst du es nicht zu
verbergen Aber sag mir zu meinem Trost Werner dass du eine Freude fandest
ein Glück das dich vergessen ließ was früher war«
»Das kann ich nicht sagen Denn ich habe nicht vergessen Nie Dass ich
Betäubung suchte Es wäre sinnlos und unehrlich das zu leugnen Kunst und
Entsagung Das verträgt sich nicht auf die Dauer Aber ich Und Glück Nein
Gundi Da irrst du dich Sollte dir das nicht ein Trost sein den du lieber
hörst«
Heftig schüttelte sie den Kopf »Sag es mir Werner ich bitte dich«
»Es ist die Wahrheit Ich habe die Frau die Forbeck seine Mutter nannte
nie im Leben gesehen Ich war einsam und suchte nach einem Menschen den ich
lieben könnte So fand ich diesen verwaisten Jungen Ich erkannte seine
überraschende Begabung und hab ihn erzogen zu einem Kind meines Geistes«
Tiefer Ernst war in Werners Augen »Ich hätte Freude an ihm erleben können Und
wie hab ich ihn jetzt gefunden Warum hast du mich nicht gefragt was mich
heute in dieses Haus führte Ich kam ohne dass er es wusste weil ich ihm den
Abschied leichter machen wollte Errätst du nicht weshalb Ich habe mein Können
und Denken in ihn gelegt Zu meiner Freude gleicht er mir in vielen Dingen Aber
die Ähnlichkeit des Schicksals hätt ich ihm lieber erspart gewusst«
Erschrocken stammelte Gundi Kleesberg »Er Und Kitty«
Werner nickte »Sein Leben wird werden wie das meine«
Eine Weile saß die Kleesberg wie versteinert »Ach du allgütiger Himmel
Auch dieses Unglück noch Wie hat es denn nur geschehen können Ich habs nicht
kommen sehen und hab es doch gefürchtet von der ersten Stunde an Wo hatte ich
nur meinen Kopf Ich war so ganz versunken in mich selbst Was sein Anblick in
mir weckte das machte mich ganz verdreht Sooft ich ihn ansah war mir als
stünde die vergangene Zeit wieder auf Und während ich alte Närrin die Augen
verdrehte ist das Unglück über die Kinder gekommen Und nun sollen sie elend
werden wie wir Nein Werner Jetzt will ich Mut haben Den Anfang hab ich
schon gemacht Oder weißt du nicht was geschehen ist Sieh her Werner« Mühsam
versuchte sie den verbundenen Arm zu heben
Nur Werners Augen redeten sein Mund blieb streng geschlossen als wäre ihm
bange vor jedem Wort das ihm die Erregung des Augenblicks entreißen könnte
»Feig bin ich gewesen immer feig solang es um mich gegangen ist um mein
eigenes Glück Jetzt will ich Mut haben Denn sage mir was du willst dein
Wort in Ehren aber er ist dein Sohn Solche Ähnlichkeit bringt kein Zufall und
keine Seelenharmonie Schon das erstemal bei der verwünschten Klause in der
auch das Unglück ihrer Mutter anfing war es mir als stündest du selbst vor mir
so wie in deinen jungen Jahren Und als er kam als ich ihn sprechen hörte und
bei der Arbeit sah ganz wie du Werner da hatte ich keinen Zweifel mehr Und
in der Ulmenallee bei dieser unglückseligen Menageriegeschichte als der Adler
nach ihm hackte da sah ich nur dich in ihm Und da kam der Mut Ich musste Und
wär es nicht nur ein Adler gewesen ein Tiger ich hätt ihn gepackt« In ihrer
Erregung griff sie mit beiden Händen in die Luft und stieß einen Wehruf aus
sie hatte des wunden Armes vergessen
»Gundi«
»Lass Werner Jetzt haben wir an Wichtigeres zu denken als an mich Sag mir
« Im Nebenzimmer ging eine Tür und erschrocken verstummte Gundi Kleesberg
Dann beugte sie das heiße Gesicht gegen Werner und flüsterte »Liebt sie ihn
Aber was frag ich noch Sie muss ihn lieben Er gleicht ja dir Und wenn es in
ihr noch schlummern sollte « Wieder verstummte sie
Die Tür wurde geöffnet und Kitty stand auf der Schwelle während Gundi
Kleesberg ihre Sinne mühsam zu sammeln suchte sah Werner betroffen zu Kitty
auf deren Gesicht keine Spur jener Erregung mehr gewahren ließ in welcher
Werner sie verlassen hatte Die Wangen waren zart gerötet ihre Augen leuchteten
in stillem Glanz und den Mund umspielte ein verträumtes Lächeln
»Sie Herr Professor« Staunend zog sie die Brauen auf »Ich dachte Sie
schon auf der Fahrt zum Bahnhof Aber ich hätt es mir denken können dass die
Gundi Kleesberg die schöne Gelegenheit Ihre Bekanntschaft zu machen beim
Rockzipfel erwischen würde Hat sie Ihnen eingestanden wie sehr sie für Ihre
Bilder schwärmt Hat sie erzählt dass sie vor Ihrem Spätherbst in der
Ausstellung Tränen vergoss«
»Kitty« stotterte Gundi Kleesberg
»Wirkliche Tränen Erbsengross«
»Das hat sie mir nicht erzählt« sagte Werner »Aber sie hat mir manches
gesagt was mir Freude machte Einem Künstler widerfährt es selten sich in
seinen geheimsten Gedanken verstanden zu sehen Diese Freude hab ich jetzt
erleben dürfen Bei meinem Schaffen ist viel Bitterkeit nebenhergelaufen Aber
eine Stunde wie diese macht alte Schatten vergessen und lässt mir die Erinnerung
an alles Helle wertvoll erscheinen«
»Ja Tante Gundi ist eine rasende Kunstkennerin Aber im Hochgenuss eine
solche gefunden zu haben scheinen Sie nicht mehr an Ihre knappe Zeit zu denken
Verzeihen Sie lieber Herr Professor aber « Kitty zog ihr goldenes Ührchen aus
dem Gürtel ließ den Deckel aufspringen und hielt das Zifferblatt vor Werners
Augen »Zwanzig Minuten über neun Um elf geht der Zug Mein Bruder Tas ist
gestern mit dem gleichen Zug gefahren Wenn Sie den Anschluss nicht versäumen
wollen haben Sie Eile«
Werner schien ein bisschen aus der Fassung gebracht verwundert zu Kitty
aufblickend erhob er sich »Ich danke Ihnen Komtesse« Er griff nach seinem
Hut und sagte zu Gundi Kleesberg »Ich hab es gern gehört dass mein Spätherbst
Ihre besondere Teilnahme erweckte Vielleicht ist Ihnen auch der Vorwurf des
Bildes nicht unbekannt ein landschaftliches Motiv aus Ihrer Heimat aus
Franken Ich habe dort in meiner Jugend schöne Tage verlebt an die ich auch
heute noch dankbar zurückdenke obwohl sie ein trübes Ende mit Sturm und Regen
nahmen Ich habe diese Landschaft oft gemalt sie wird immer wieder lebendig
unter meiner Hand Und dieser Spätherbst ist kein Bild für die Welt nur für
mich selbst geschaffen und für das Auge des Kenners So gut wie Sie gnädiges
Fräulein dürfte noch niemand den tiefsten Sinn dieser träumenden Farben
verstanden haben Darf ich Ihnen das Bildchen schicken«
Gundi Kleesberg war keines Wortes mächtig zitternd blickte sie zu Werner
auf
Kitty legte den Arm um ihre Schulter »Aber Tante Gundi So sag doch Ja«
»Nein nein wie darf ich das ist ein fürstliches Geschenk«
»Um so besser« erklärte Kitty »Wenn Könige schenken gibt es keinen
Widerspruch da nimmt man und bedankt sich alleruntertänigst Herr Professor
das Bild soll ins beste Licht kommen Und Tante Gundi erhält von mir bei der
nächsten unpassenden Gelegenheit einen Betstuhl beschert als unentbehrliches
Requisit für die voraussichtliche Abgötterei die sie mit dem Spätherbst treiben
wird« Sie wartete nicht bis Werner die zitternde Hand wieder freigab die
Gundi Kleesberg ihm gereicht hatte sondern schob ihren Arm unter den seinen und
zog ihn zur Tür »Nun ist es aber höchste Zeit Oder Sie versäumen noch wirklich
den Zug Und grüßen Sie Herrn Forbeck von mir Sagen Sie ihm dass er vollkommen
entschuldigt ist Jetzt weiß ich weshalb er reisen muss«
Erschrocken sah er in ihr glühendes Gesicht »Sie wissen «
»Jawohl« Sie nickte kurz und entschieden »Und sagen Sie ihm dass ich ihm
danke dafür Adieu Herr Professor Glückliche Reise«
Wortlos verneigte sich Werner und trat in den Flur hinaus
Kitty drückte hinter ihm die Tür zu und sah wieder auf die Uhr »Zehn
Minuten ins Dorf eine Stunde zwanzig zur Station er kommt noch zurecht« Sie
ging zur Kleesberg die vor sich hinträumte verstört und doch mit glücklichem
Lächeln wie ein Kind das am Weihnachtsmorgen erwacht im Herzen den Nachklang
einer heiligen Freude und dabei die Furcht es könnte alles nicht wahr gewesen
sein »Gundelchen Kannst du dich immer noch nicht erholen Sprich doch Freude
muss man aus sich herausreden Verschluckt man sie so kommt sie in dunkle
Bedrängnis Übrigens Werners Großmut in allen Ehren aber den wunderbaren
Spätherbst hast du doch niemand anderem zu verdanken als Herrn Forbeck Er wird
seinem Lehrer erzählt haben wie groß du von ihm denkst und wie sehr du ihn
verehrst«
»Kind Liebes Kind« In Erregung fasste die Kleesberg Kittys Hand »Komm
Setz dich zu mir Nimm dir einen Sessel« Trotz dieser Aufforderung gab sie
Kittys Hand nicht frei sondern zog sie zu sich nieder auf die Lehne des
Fauteuils »Sag mir aber offen und ehrlich «
»Was«
»Weißt du weshalb uns Herr Forbeck so plötzlich verlässt«
»Aber selbstverständlich Im ersten Augenblick hat mich die Sache allerdings
ein bisschen konfus gemacht Die reine Gedankenlosigkeit Dass ich mich nicht
gleich auf das einzig Mögliche besann« Kittys Stimme dämpfte sich »Gestern hat
ihm Tas geschrieben Weißt du Tas und Forbeck sind Freunde Und da hat ihn Tas
um was gebeten und deshalb muss er heute nach München Und ich sage dir es ist
von Herrn Forbeck sehr schön gehandelt dass er alles im Stiche lässt um die
Bitte meines Bruders zu erfüllen Ich teile dir das mit um dich über Forbecks
Abreise zu beruhigen Aber ich bitte dich frage mich nicht wegen Tas Du wirst
es noch früh genug erfahren«
Gundi Kleesberg schien keine Spur von Neugier zu empfinden Sie fragte nur
»Glaubst du dass er wiederkommen wird«
»Natürlich Er muss doch sein Bild fertigmalen Dazu braucht er die
Landschaft und sonst noch allerlei«
»Ja Kind er muss wiederkommen Und ich sage dir dieses Bild wird Aufsehen
machen«
»Ach du Kunstkennerin Soviel ersteh ich auch«
»Du hättest nur hören sollen wie Werner von seinem Talent gesprochen Und
was seinen Charakter betrifft « Gundi Kleesberg wurde in ihrer Erregung immer
wunderlicher »Ich will schon gar nicht von seiner äußerlichen Erscheinung
sprechen obwohl auch das wie soll ich sagen Beachtung verdient Ich kenne
deinen Geschmack nicht aber ich finde ihn schön«
»Schön« Kitty studierte »Nein Gundi Das ist zuviel gesagt Nur seine
Augen ja da kannst du recht haben seine Augen sind schön«
»Weil der ganze gute vornehme tüchtige Mensch aus ihnen herausblickt«
»Das ist merkwürdig« staunte Kitty »Du warst doch nie berühmt wegen deiner
Menschenkenntnis Und nun plötzlich zeigst du eine Beobachtungsgabe für
Charaktere so scharf und zutreffend ich bin überrascht«
Gundi Kleesberg schien über diese Anerkennung in eine Freude zu geraten für
die sie keine Worte fand Mit glänzenden Augen zu Kitty aufblickend streichelte
sie ihre Hand als hätte sie nicht ein unerwartetes Kompliment sondern eine
ersehnte Botschaft vernommen
Dieses auffällige Missverhältnis zwischen Ursache und Wirkung machte Kitty
stutzig »Gundelchen Was hast du denn«
»Ach Kind Das waren doch so schöne Tage Ich kann dir gar nicht sagen wie
sehr ich mich auf seine Rückkehr freue Und weißt du wenn es wirklich der Fall
sein könnte dass er verhindert wäre «
»Verhindert« Es schien als würde Kitty von Gundis seltsamer Erregung
angesteckt Dann schüttelte sie den Kopf und lächelte »Ich hab eine Ahnung
als sollte ich Herrn Forbeck bald wiedersehen Sehr bald Mir schwant so was von
einer Überraschung Tas wird Augen machen«
Jetzt war an Gundi Kleesberg die Reihe stutzig zu werden »Kitty« Aber da
wandte sie das Gesicht zum offenen Fenster und lauschte
Von der Parkmauer war ein dumpf klingender Ton durch die Ulmenallee bis zum
Schloss gedrungen
Werner hatte das eiserne Torgitter hinter sich zugeworfen und war auf die
Straße getreten Die Augen zu Boden geheftet im Gesicht das erregte Spiel
seiner wirbelnden Gedanken schritt er dem Dorf entgegen Als er das
Brucknerhaus erreichte sah er vor dem Zauntor den Einspänner stehen den er für
neun Uhr bestellt hatte Und Forbeck schien erraten zu haben welchem Zweck
dieser Wagen dienen sollte der Bock war schon mit den Reisetaschen und den zu
einem Bündel geschnürten Malgeräten beladen
Werner eilte in das Haus und über die Treppe hinauf Die geräumte
Giebelstube machte einen öden Eindruck Auf dem Tisch lag eine große mit grauem
Packpapier umwickelte Rolle das Bild Bei Werners Eintritt erhob sich Forbeck
mit blassem Gesicht er trug schon den Überrock und hatte Hut und Schirm in der
Hand »Guten Morgen Werner« Ein müdes Lächeln »Du siehst ich bin
reisefertig Als der Wagen kam glaubte ich zu verstehen « Seine Stimme bebte
»Du warst in Hubertus«
»Ja Hans Das Schreiben wäre dir eine Qual gewesen der persönliche
Abschied eine Gefahr für euch beide«
»Ich danke dir Es ist besser so Nur eines ist mir leid Es wohnt in
Hubertus noch eine Dame der ich sehr zu Dank verpflichtet bin«
»Fräulein von Kleesberg« Werners Stimme bekam einen seltsam befangenen
Klang »Ich habe mit ihr gesprochen Du kannst ohne Sorge sein es geht ihr
besser Und sie lässt dich grüßen« Er legte seine Hand mit schwerem Druck auf
Forbecks Schulter »Das ist eine seelengute prächtige Dame Der musst du eine
herzliche Erinnerung bewahren Jetzt komm«
Vor dem Haus erwartete sie der Bauer Auch Mali erschien mit dem Netterl auf
dem Arm als ihr Forbeck die Hand reichte fand sie nur ein paar kurze Worte
wie erleichtert atmete sie auf als der Wagen davonrollte
»Geh« sagte der Bauer »hättest mit dem jungen Herrn doch a bissl
freundlicher sein sollen Soviel gut is er gewesen mit uns Und du hast dich
gestellt als ob d froh wärst dass er endlich draußen is zum Haus«
»Froh« Zwei Tränen rannen über Malis Mund »Dös Wörtl kenn ich nimmer
Lenzi Und was wir zwei mitanander tragen müssen tragt sich leichter unter uns
als vor fremde Augen« Sie trat ins Haus
Von der Straße tönte noch das Geholper des Wagens
Als der Einspänner am Zaunerhaus vorüberfuhr klang aus einem von welkendem
Weinlaub umsponnenen Fensterchen des oberen Stockes eine lustige Stimme Das
feine Lieserl hantierte mit ihren Parfümgläsern und sang dazu
»Und ich lieb dich so fest
Wie der Baum seine Äst
Wie der Himmel seine Stern
Grad so hab ich dich gern«
Den Jodler summend hielt sie eines der Gläser gegen die Sonne dann griff
sie nach einem anderen und sang
»Und a bisserl a Lieb
Und a bisserl a Treu
Und a bisserl a Falschheit
Is allweil dabei«
Die beiden Strophen gehörten nicht zueinander aber sie gingen beim Lieserl
nach der gleichen Melodie
3
Die Nachricht dass Graf Egge den HorneggerFranzl davongejagt hätte machte im
Dorf die Runde von Haus zu Haus Schipper hatte dafür gesorgt dass die Sache
nicht verschwiegen blieb Und weil man über die Ursache was Näheres nicht
erfahren konnte zerbrach man sich den Kopf mit der Frage durch welches
Verschulden Franzl die harte Strafe über sich heraufbeschworen hätte Zu
gleicher Zeit verbreitete sich auch die Nachricht dass ein reicher Bauernsohn
aus einem über der Grenze liegenden Dorf der MühltalerSepp von Bernbichl
spurlos verschwunden wäre Und da brachte man diese beiden Ereignisse
miteinander in mysteriösen Zusammenhang Man wusste dass der Sepp »gegangen« war
Und schließlich trug es eine Nachbarin der anderen über den Zaun der
HorneggerFranzl wäre mit dem MühltalerSepp im Einverständnis gewesen Graf
Egge wäre hinter die Geschichte gekommen und so hätte Franzl sein Bündel
schnüren müssen und der MühltalerSepp wäre entweder verduftet oder bei
diesem »oder« verstummte man und schielte gegen die Berge hinauf
Das dunkle Gerede gewann noch an Nahrung als am Vormittag des 1 September
ein alter weisshaariger Bauer im Dorf erschien und sich mit auffälliger Scheu
nach dem Haus des HorneggerFranzl erkundigte
Die kummervollen Augen zu Boden gesenkt wanderte der Alte über die Wiesen
Am Jägerhaus fand er die Tür geschlossen Erst nach längerem Klopfen öffnete ihm
die Horneggerin Sie hatte verweinte Augen und musterte misstrauisch den Bauer
den sie nicht kannte Auch der Alte sah scheu zu ihr auf »Ich hätt a bissl ebbes
zreden mit dem Herrn Jager Is er daheim«
»Na« erwiderte die Horneggerin erregt »Was wollts denn von ihm«
Forschend sah der Alte in das Gesicht des Weibes als möchte er die Wirkung
seines Namens beobachten »Ich bin der Mühltaler aus Bernbichl«
»So«
»Haben S mein Nam noch nie net gehört«
»Na«
»Und Ihr Sohn hat nie net gredt mit Ihnen vom meinigen«
»Na Nie net Und mein Bub is net daheim Pfüet Ihnen Gott«
Die Horneggerin wollte die Tür schließen doch der Alte setzte den Fuß über
die Schwelle »Frau Lassen S reden mit Ihnen Schauen S mich an in meiner
Kümmernis« Tränen kugelten ihm über die furchigen Backen
»Mar und Josef Mensch was haben S denn« fragte die Horneggerin
erschrocken und zog den Alten in den Flur Kopfschüttelnd verschloss sie die
Haustür warf einen Sorgenblick über die Treppe hinauf und ging dem Mühltaler
voran in die Stube
Hier saßen sie fast eine Stunde lang Und als der Bauer das Haus verließ
begleitete ihn die Horneggerin bis zum Zaun Ihre Hände zitterten ihr Gesicht
war weiß Der Mühltaler sah sie an und seufzte »Jetzt hab ich Ihnen Verdruss
gemacht gelt Aber wie mir zutragen worden is was d Leut im Seedorf reden hab
ich mir halt denkt Machst den Weg vielleicht hörst ebbes über dein Buben
Müssen S mir net harb sein«
Die Horneggerin schüttelte den Kopf »Ihnen kann ich nix verübeln Aber d
Leut Zwanzg Jahr lang haben s mit angsehen wie mein Franzl is Und jetzt
jetzt springen s auf ihm rum mit die gnagelten Schuh und trauen ihm die
Schlechtigkeit zu er könnt Kameradschaft halten mit « Sie verstummte
Der Mühltaler ließ den Kopf sinken »Halten S Ihnen net zruck Ich kann
net leugnen mein Bub is keiner von die Brävern gewesen Allweil hab ich schelten
müssen Aber gern gehabt hab ich ihn doch Is mein einziger gewesen So ebbes is
hart Frau Förstnerin Aber nix für ungut Such ich halt weiter«
Als die Horneggerin in das Haus zurückkehrte klang es über die Treppe
herunter »Mutter« Auf der obersten Stufe stand Franzl in Hemdärmeln und ohne
Schuhe »Wer war denn da«
»Einer von die Nachbarsleut«
»Hat er ebbes gredt Von mir«
»Net an einzigs Wörtl Hab doch a bissl Verstand D Leut schauen die Sach
net so gfahrlich an wie du Und kommt der Brief vom Grafen Tassilo so is doch
eh wieder alles in Ordnung«
Die Horneggerin ging in die Küche um für Mittag zu kochen Aber es ließ ihr
bei der Arbeit keine Ruhe sie musste hinauf zu ihrem Buben
Eine kleine weiß getünchte Stube die Dielen gescheuert und mit einem
Leinwandläufer belegt ein Kruzifix ein paar Heiligenbilder vier Farbendrucke
welche Jagdszenen darstellten ein Zapfenbrett mit der Ausrüstung des Jägers und
ein Dutzend Geweihe Am Fenster stand ein Werktisch mit einem Schraubstock vor
welchem Franzl saß er feilte an einem Gewehrhahn um ihn der zu Schaden
gekommenen Büchse anzupassen und war anzusehen wie nach schwerer Krankheit die
Wangen eingefallen die Augen von bläulichen Ringen umzogen Seufzend öffnete er
den Schraubstock und drückte den Hahn über den Zapfen der Büchse »Jetzt passt
er s Büchsl wär wieder in Ordnung Aber ich«
Die Mutter zog seinen Kopf an ihre Brust streichelte ihm das Haar und
kramte allen Trost wieder aus den sie ihm schon zu dutzend Malen vorgeredet
hatte
Er hörte sie schweigend an und nickte ein paarmal vor sich hin
Vorsichtig begann die Horneggerin von Bernbichl zu reden von einem
Bauernsohn »Mühltaler heißt er Kennst ihn vielleicht« Als Franzl gleichgültig
den Kopf schüttelte atmete sie erleichtert auf war aber noch immer nicht ganz
beruhigt »Bub Sag mirs ehrlich hast mir nix verschwiegen«
»Ich Verschwiegen« stotterte Franzl während es ihm heiß über die hageren
Wangen fuhr
Die alte Frau erschrak »Schau Bub ich kenn dich doch Der Pfarr liest net
besser im Messbuch als ich in deine Augen Ich merk dirs an es druckt dich noch
ebbes«
Ein dumpfes Pochen Die Horneggerin hörte nicht »So red doch Bub ich
vergeh ja vor lauter Sorg«
Es pochte wieder und Franzl erhob sich »An der Haustür klopft einer«
»Ich geh net eh mir net gesagt hast «
»No ja wenns dich beruhigen kann Heut am Abend verzähl ich dir alles
Täuscht hab ich mich halt in einer auf die ich gschworen hätt«
»O du grundgütiger Heiland« jammerte die Horneggerin »Zu allem Unglück
noch a Binkel traurige Liebsgschichten Dös is uns grad noch abgangen« Drunten
an der Haustür wurde wieder geklopft »Ja ja ich komm schon Dem pressierts
aber« Sie strich mit der Schürze über die Augen und verließ die Stube
Als sie die Haustür öffnete und Patscheider vor ihr stand war sie noch zu
sehr mit ihrem Buben beschäftigt um die flackernde Unruhe zu gewahren die in
den Augen des Jägers brannte »Grüß Gott« sagte sie und ging ihm voran in die
Stube
Patscheider legte das Gewehr auf die Wandbank »Was macht er denn«
Die Horneggerin schüttete ihr bekümmertes Herz aus Der Jäger saß mit
bleichem Gesicht und als die Försterin auf das üble Leutgerede zu sprechen kam
ballten sich Patscheiders Hände zu zitternden Fäusten »Hab schon gehört davon«
sagte er heiser »und grad hat im Wirtshaus einer von die Schiffknecht a Wörtl
fallen lassen Den hab ich hindruckt an d Wand Der wird s Maul halten jetzt
Aber weil wir schon reden davon d Leut sagen dass der alte Mühltaler grad bei
enk da gewesen is«
Die Försterin nickte
Im Gesicht des Jägers verschärfte sich jeder Zug »Was hat er denn wollen«
»Sein Buben sucht er Und völlig erbarmt hat er mich Grad auf deim Platz
da is er gsessen«
Der Jäger rückte rasch auf die Seite und guckte das Brett mit scheuen Augen
an
»Es is sein einziger gewesen So ebbes is hart Patscheider«
»Ja Försterin hart« Schweißtropfen standen auf der Stirn des Jägers
»Meint der Bauer man hätt ihm sein Buben erschossen Ghört hab ich nix dass
bei uns in der Gegend a Malör passiert wär Aber gwildert hat er wie d Leut
sagen Freilich der Vater« Patscheiders Stimme schwankte »Da muss man sich
halt in d Haut vom Jager einidenken Kann sein er hat Weib und Kind Und da
muss er halt sagen der ander oder ich Dös hat keine von unsere Weiber gern
wenn man ihr den Mann aufm Schragen in d Stuben bringt weil der ander der
Gschwinder war«
Seufzend drückte die Horneggerin die zitternden Hände an die Schläfen und
sah die Tür an durch die man ihr vor Jahren den Mann hereingetragen hatte mit
der Kugel des Wildschützen im Herzen
»Und hat der Jager s Glück dass er davonkommt da is er net zneiden
Hundertmal in der Nacht kann er sich sagen Dienst und Pflicht Ja freilich Es
frisst ihm halt doch an der Seel und druckt ihn am Hals dass ihm der Schnaufer
schier vergeht« Patscheider sprang auf »Lassen wirs gut sein Reden wir
lieber vom Franzl Er soll sich kein Kummer net machen weil er fortkommt von
uns Mitm Grafen is net gut hausen Ich mit meim Haufen Kinder ich bin
anbunden und muss mir alles gfallen lassen Aber der Franzl hat ledige Füss Einer
wie der Franzl macht überall sein Weg Der Herr Graf wird schon merken was er
verliert an ihm Es reut ihn heut schon dass er so hitzig war An Hamur hat er
die ganzen Tag her schauderhaft Die jungen Herrn Grafen haben schlechte Zeiten
in der Hütten droben Und der Schipper Der Herr Schipper Der kann ihm gleich
gar nix mehr recht machen Den ganzen Tag schimpft der Herr Graf « Patscheider
verstummte und sah nach der Tür
Der Postbote trat in die Stube »An eingschriebnen Brief hätt ich Frau
Horneggerin«
Der Försterin fuhr die Aufregung in alle Glieder Und Patscheider rannte in
den Flur und schrie über die Treppe hinauf »Franzl Franzl Gschwind komm Der
Brief is da« Als Franzl auf der Treppe erschien sprang ihm der Jäger über die
Hälfte der Stufen entgegen »Der Brief is da Der Brief is da«
»Grüß Gott Patscheider Und Vergelts Gott dass d soviel Anteil nimmst«
In der Stube kam ihnen die Horneggerin mit dem Brief entgegen Während ihn
Franzl mit zitternden Händen öffnete und zu lesen begann hingen die beiden
gespannt an seinem Gesicht
Franzls hagere Wangen waren heiß als er der Mutter den Brief reichte »Da
lies A guter Herr der Graf Tassilo So ein gibts bald nimmer«
Mit beiden Händen griff die Horneggerin zu und Patscheider fragte erregt
»Hat er an Platz für dich«
Franzl nickte
»An guten«
»Es wär kein schlechter«
»Gott sei Dank«
»Aber die Sach hat an Haken«
Die Horneggerin brach vor Freude in Tränen aus »So a Glück Was sagst
Patscheider Den besten Posten hat er Zweihundert Mark mehr im Jahr Und
bleiben können wir und müssen d Heimat net aufgeben und s Haus net verkaufen
Alles bleibt wies war Bloß a paar Stündl hat der Franzl weiter ins Revier«
Patscheider stutzte »Was Kommt er zu dem reichen Fabrikherrn der mit
seiner Jagd an die unser grenzt«
»Ja An andern Herrn kriegt er halt sonst bleibt alles beim alten«
»So Mutter Alles« Franzls Stimme war rau »Hast net gsehen wie der
Patscheider erschrocken is Es wird ihm halt eingfallen sein wie der Herr Graf
auf den Jagdherrn zsprechen is der ihm die schöne Grenzjagd vor der Nasen
wegpacht hat Die ganze Zeit her war der Verdruss an der Grenz allweil hats
Streit geben zwischen unserm Personal und dem von drüben Und jetzt soll ich mit
denen da drüben Freund und Bruder sein Und gegen meine alten Kameraden und
gegen unseren Herrn Grafen soll ich mich auf d Füss stellen Na Mutter Den
Posten kann ich net annehmen Lieber s Haus verkaufen und fort In Gotts
Namen«
Patscheider riss Mund und Augen auf während die Horneggerin wie eine
Salzsäule stand Erst nach einer Weile fand sie die Sprache und stotterte
»Jesus Jesus was wird der Graf Tassilo sagen Jetzt hat er sich bemüht Und du
«
»Der junge Graf hat sich nie um unsere Jagdgeschichten kümmert Wann ich ihm
alles erzählen tät müsst er selber sagen Na Franzl dös geht net Wann ich
den Posten annimm dös müsst ja rein ausschauen als ob ich unserem Herrn Grafen
im Zorn an Possen spielen möcht«
»Aaah du Narr du Narr« platzte Patscheider los »Ich glaub der Graf hat
sich bei dir kei Rücksicht net verdient« Er ging auf Franzl zu und rüttelte ihn
an der Schulter »Greif zu Franzl Überall iss besser als bei uns« Seine
Lippen verzerrten sich »Sei froh dass dein Laufpass hast Wer weiß was er dir
erspart hat mit dem Fußtritt den er dir geben hat« Ein heiseres Lachen
»Lieber davongjagt als aufbessert im Ghalt Unserem Grafen seine Gnaden sind
hart zum tragen Greif zu sag ich dir Greif zu«
Franzl schien nicht zu hören Sein Gesicht hatte sich verfärbt als er den
Bauern sah der draußen vor dem Fenster vorüberschritt
Es war der Bruckner der von einer Holzarbeit kam denn er trug die Axt über
der Schulter Und als hätte er gefühlt dass unter dem Dach des Jägerhauses zwei
brennende Augen auf ihn gerichtet waren streifte er mit scheuem Blick die
Fenster und beschleunigte den Schritt Als ihm das Haus hinter den dichten
Büschen des Weges verschwand atmete er auf Die Lippe zerbeissend ging er an
den Höfen und Menschen vorüber Zu Hause angelangt warf er die Axt in einen
Winkel des Flurs und wollte in die Stube treten aus der die Stimmen seiner
spielenden Kinder klangen
Da rief es in der Küche »Lenzi«
Er furchte die Stirn und langsam trat er unter die Tür
Mit einer dampfenden Pfanne stand Mali vor dem Herd dessen Flackerfeuer ihr
abgehärmtes Gesicht mit grellem Schein übergoss
»Was willst«
Mali stellte die Pfanne über den Dreifuss und drückte hinter dem Bruder die
Tür zu »Seit unser Stadterr fort is treibts dich jeden Abend ins Wirtshaus
ummi Da musst doch lang schon ebbes gehört haben davon was d Leut überen Franzl
reden«
Bruckner schwieg
»Da hättest mir schon aus Fürsicht a Wörtl sagen sollen Jetzt hab ichs von
der Nachbarin hören müssen Dagstanden bin ich dass mich dös Weib nur allweil so
angschaut hat Was ich hören hab müssen is mehr als ich verbeissen kann Wann
keiner net eintritt für den unschuldigen Menschen so weiß vielleicht ich den
richtigen Weg«
»Aber Mali« stammelte der Bauer »Bist denn verruckt«
»Meinst vielleicht ich kann mir net denken wer dös gottvergessene Gred in
Umlauf bringt Und wer beim Grafen allweil ghetzt hat bis er im Zorn nimmer
gwusst hat was er tut Natürlich Ich kanns begreifen dass der ander kein
ruhigs Stündl nimmer gfunden hat bis der Franzl net draußen war Viel Gwissen
hat er net der ander Aber a bissl ebbes muss sich doch rühren in ihm Da kann
ich mir denken was er für Zeiten gehabt hat die ganzen Jahr her Tag für Tag
mitm Franzl bei der Schüssel sitzen müssen neben ihm liegen in jeder Nacht
allweil dös Gsicht vor Augen haben dös er am liebsten vergessen möcht«
Mali verstummte und sah den Bruder an der mit schlaff hängenden Armen an
der Mauer lehnte und ins Feuer starrte
Schwer atmend wandte das Mädel sich ab »Den andern hab ich gmeint Und dich
hab ich troffen Ich siehs ja ein Mein Glück muss an End haben noch ehs an
Anfang gehabt hat Was liegt an mir Aber er Lenzi Den unschuldigen Menschen
därf man doch net z Grund gehen lassen unterm Schipper seine Händ Dös musst dir
doch selber sagen dass da was gschehen muss Unser Herrgott wird wohl so viel
Verstand haben dass er mir an Rat schickt« Sie fuhr sich mit den Fäusten über
die Augen trat zum Herd und fasste den Stiel der Pfanne aus der mit dickem
Dampf ein verdächtiger Brandgeruch herausquoll »Jetzt geh in d Stuben eini zu
die Kinder Ich bring dir s Essen«
Langsam richtete der Bauer sich auf und sagte mit erloschener Stimme »Mir
is der Appetit vergangen« Er griff nach der Türklinke »Wann dir ebbes einfalt
was dem Franzl helfen kann ich leg dir kein Hindernis in Weg Solls
ausfallen wies mag Mehr als z Grund gehen kann ich net Hätt ich gschwiegen
und alles laufen lassen Es wär besser gewesen Dir hab ich s Leben verpatzt
und in mir is seit ich gredt hab der Teufel wieder lebendig der mein guts
Weib selig durch soviel Jahr fest anbunden hat mit eiserne Strick Ich spürs
jetzt frisst er mich auf mit Haut und Haar«
Schweren Schrittes ging Bruckner aus der Küche vor der Stubentür strich er
mit dem Ärmel über das Gesicht als möchte er von seiner Stirn löschen was die
Augen seiner Kinde nicht sehen sollten Als er eintrat sprangen ihm sein Bub
und sein kleines Mädel jubelnd entgegen während das Netterl das im
Schlitzhemdl auf der Erde saß lallend die Ärmchen nach ihm streckte
4
An jedem Morgen in diesen vergangenen Tagen hatte Willy den Vater an das in
einer schwachen Minute gegebene Versprechen erinnert an den »Besuch bei unserer
kleinen Schmalgeiss« Graf Egge verschob den Abstieg nach Hubertus von einem
Morgen zum Abend von jedem Abend zum andern Morgen Immer wieder hielt ihn ein
Gemsbock fest den Schipper mit dem Tubus ausfindig machte oder ein starker
Hirsch dessen Wechsel bestätigt wurde Und Graf Egge zeigte sich um so
hartnäckiger in seiner Ausdauer je weniger ihm in diesen Tagen die Gunst des
grünen Heiligen lächeln wollte Jedes Treiben misslang jeder Pirschgang
missglückte Schipper hatte dabei einen bösen Stand Doch je übler Graf Egge mit
ihm umsprang desto aufmerksamer bediente er seinen Herrn schmierte ihm die
Bergschuhe tadelloser als je behandelte seine Gewehre wie ein Goldarbeiter den
Filigranschmuck und lief sich die Füße krumm in dem Bestreben das gewandelte
Jagdglück seines Herrn wieder auf bessere Wege zu bringen Dennoch wollte Graf
Egges Laune nicht besser werden
Von Tassilo hatte man während dieser Tage in der Hütte mit keiner Silbe
gesprochen Ein einziges Mal hatte Willy versucht dieses Thema zu berühren um
auf die Stimmung des Vaters günstig zu wirken Graf Egge war ihm mit zorniger
Schärfe ins Wort gefallen »Davon schweig Oder es hat ein Ende mit unserer
Freundschaft« Wütend war er aus der Stube gegangen und hatte die Tür hinter
sich zugeschlagen Eine Stunde später als Willy verdrossen hinter der Hütte auf
dem Brunnen saß kam der Vater und drückte ihm einen kleinen sorgfältig in
Papier gewickelten Gegenstand in die Hand »Nimm Junge das schenk ich dir Es
sind meine schönsten« Lächelnd blieb er vor Willy stehen um die Wirkung des
Geschenkes zu beobachten
Es waren zwei Hirschgranen von selten dunkler Färbung Graf trug sie seit
Jahren in der Geldbörse um sie gleich bei der Hand zu haben wenn in seinem
Jägerherzen die Sehnsucht nach ihrem Anblick erwachte Willy war von diesem
Geschenk mehr verblüfft als freudig überrascht die beiden Beinstückchen hatten
für ihn einen höchst zweifelhaften Wert doch er wusste dass dieses Granenpaar in
der Schätzung seines Vaters höherstand als ein paar der kostbarsten Edelsteine
»Aber Papa« sagte er halb verlegen und halb gerührt »Das kann ich
wahrhaftig nicht annehmen Ich weiß doch wie schwer du dich von diesen Granen
trennst«
»Ja Junge es sind die besten die ich zu verschenken habe Aber nimm sie
nur Dir geb ich sie gern Dich hab ich lieb« Mit beiden Händen griff er in
Willys Haar und zog ihm sacht den Kopf hin und her »Vergiss das dumme Wort von
vorhin aber tu mir den Gefallen und lass die andere Geschichte begraben sein
Ich habs hinuntergewürgt und will Ruhe haben Mach du mir Freude und alles
ist ausgeglichen« Er küsste den Sohn auf beide Wangen nickte ihm lachend zu und
trat in die Hütte
Ein bisschen konsterniert über den ungewohnten Zärtlichkeitsausbruch sah
Willy dem Vater nach und steckte die Granen zu dem Rubin in die Westentasche Er
machte auch keinen Versuch mehr von »der anderen Geschichte« zu sprechen Im
stillen schmiedete er allerlei Pläne Als er den Bruder ins Vertrauen ziehen
wollte erfuhr er eine kühle Abweisung »Ich mische mich nicht in diesen Quark«
sagte Robert »und rate dir das gleiche zu tun Lass den Narren seiner Wege
gehen und sei froh dass du selbst beim Vater schön Kind bist« Willy erwiderte
gereizt und die Sache endete zwischen den Brüdern mit verletzenden Worten
Nun baute Willy seine ganze Hoffnung auf die Hilfe Kittys Was ihm selbst
nicht gelungen war das musste der Schwester gelingen Willy sah dass der Vater
auch in der übelsten Laune dieser Tage einen freundlicheren Ton anschlug sobald
die Sprache auf die »kleine Schmalgeiss« kam Und den Verlust des Adlers hatte er
ihr so flink verziehen dass Moser der Kittys Brief gebracht hatte und das
Märchen von der im Flug geschossenen Krähe erzählte mit einem gelinden
»Wischer« davonkam So ließ nun Willy keinen Tag vergehen ohne dem Vater die
Sehnsucht die Kitty nach ihm empfände in den wärmsten Farben zu schildern
»Ja Junge« pflegte die Antwort zu lauten »nur noch diesen letzten Trieb
und morgen die Frühpirsch Dann gehen wir«
Am 1 September kam Graf Egge gegen Mittag in die Hütte zurück mit Zorn
geladen wie eine Kartätsche Auf einen »Kapitalbock« hatte ihm die Patrone
versagt und der zweite Schuss den er im Ärger der flüchtig gewordenen Gemse
nachschickte war ihm »zu kurz« geraten und hatte den Bock weidwund getroffen
Willy suchte den Vater zu beschwichtigen Das wollte ihm fast gelingen Da kam
Schipper der die Unglückspatrone geladen hatte mit Robert von der Pirsche
zurück und brachte zu allem Unheil noch die Meldung dass seinem Schützen ein
Doppelschuss auf einen Zehner und Sechserhirsch gelungen wäre Nun ging das
Gewitter wieder los und über das gebeugte Haupt des Büchsenspanners prasselte
eine Litanei von Schimpfworten nieder Schipper wartete das Ende dieses Ergusses
nicht ab sondern packte seine Büchse und rannte davon um den angeschossenen
Bock zu suchen
»Natürlich jetzt kann er rennen« schrie Graf Egge hinter ihm her »Aber
wenn er den Bock nicht bringt soll ihn der Teufel holen der schon lange auf
ihn wartet Ich möchte nur wissen für was ich den Kerl bezahle Meine
verlässlichen Leute beißt er mir hinaus und er selber ist ein Jäger dass Gott
erbarm Nicht einmal eine Patrone kann er laden Der Kerl ist nur zu gebrauchen
wenn es eine Schweinerei zu vertuscheln gilt So ein Aasgräber Pfui Teufel«
Während Graf Egge mit solchen Sentenzen und mit dem krachenden Hall seiner
Faustschläge die Stube erfüllte hatte Robert sich auf den Heuboden verzogen um
den durch die Pirsch versäumten Schlummer nachzuholen Willy fungierte
unterdessen beim Vater als Beschwichtigungsrat Doch als sich Graf Egge über
Schipper müde gescholten hatte kam Robert an die Reihe »Einen Sechserhirsch
niederbrennen Unerhört Als ob er an dem Zehner nicht genug gehabt hätte
Natürlich So maßlos wie am Spieltisch treibt er es auch auf der Jagd Aber eh
ich mir mein Revier ruinieren lasse schieb ich einen Riegel vor«
Der Klang dieser Worte drang durch die Decke zum Heuboden hinauf ohne
Robert in seinem beginnenden Schlummer zu stören
An dieses zweite Kapitel seines Zornes fügte Graf Egge eine Jeremiade über
das Jagdpech dieser letzten Tage »Da könnte man wirklich abergläubisch werden
Es ist gerade als ob ein Fluch auf meiner Büchse läge seit « Die nähere
Zeitbestimmung verschluckte er
»Du hast recht Papa« fiel Willy ein diese Wendung zugunsten seiner Pläne
benützend »du bist in einem ganz schauderösen Pech Das lässt sich mit Gewalt
nicht ändern Das beste Mittel ist immer ein paar Tage aussetzen« Er legte den
Arm um den Hals des Vaters »Es wäre das beste uns augenblicklich auf die
Socken zu machen Du gehst deinem Pech aus dem Weg und unserer kleinen Geiß
machst du eine Freude Wir wollen dir drunten die Langweil schon vertreiben
Jeden Nachmittag schießen wir auf Tontauben und die kleine Geiß muss sich
einüben auf den laufenden Hirsch Ich wette sie flickt ihm eins aufs Blatt Sie
müsste deine Tochter nicht sein«
Graf Egge lächelte und fasste den Sohn an dem Haarschopf der ihm in die
Stirn hing »Ja Bub recht hast« sagte er in seinem breitesten Dialekt »Mach
dich fertig und fahr in die Schuh Weck den Lappschwanz da droben Oder wenn
ihm von der Pirsch die Knie schnackeln soll er liegenbleiben Ich geh mit dir
ich brauch keinen andern Und durchs Hochholz nunter mach ich eine Pirsch mit
dir Da drunten stehen um die Mittagszeit die guten Hirsch gern umeinander Nimm
dein Büchsl Ich lass das meine in der Hütt damit ich net in Versuchung komm
wenn ein Hirsch vor uns aufspringt Ich will dir eine Freud machen Drum geh
ich lieber mit dem Stecken Weißt du ich kenn mich« Lachend holte er Willys
Bergschuhe unter dem Ofen hervor und stellte sie ihm vor die Füße
Als Willy für die Wanderung fertig war kletterte er auf den Heuboden und
weckte den Bruder
Graf Egge wollte sich nicht gedulden bis Robert mit seiner umtändlichen
Toilette zu Ende käme Das Gewehr in der Hand fasste er Willy am Fuß der Leiter
ab »Komm nur da hab ich schon dein Büchsl Der ander wird den Weg auch allein
finden«
Von der Hand des Vaters fortgezogen stolperte Willy über die Schwelle und
nahm da er sich zu bücken vergaß noch eine schmerzliche Erinnerung an das
»Palais Dippel« mit auf den Weg
Bei der Wanderung durch das Latschenfeld und über die Almgehänge war Graf
Egge in gemütlichster Laune erzählte lustige Jagdgeschichten amüsierte sich
auf Kosten Roberts und schilderte mit drolliger Ironie das bestürzte Gesicht
das Schipper machen würde wenn er von der Nachsuche zurückkäme und die Hütte
leer fände Doch mit dem ersten Schritt in den schattendunklen Hochwald
verwandelte sich seine gesprächige Laune in schweigsamen Ernst Er selbst lud
Willys Büchse nachdem er die beiden Patronen einer genauen Musterung unterzogen
hatte
»So Jetzt nimm deine Tapper in acht und halt die Gucker offen«
Lautlos pirschten sie über den weichen Moosgrund voran Graf Egge der in
dem pfadlosen Wald jeden Baum zu kennen schien Als sie eine lehmige Furche
überschritten deutete er zu Boden und flüsterte »Da spürt sich einer ganz
frisch ein guter Mach die Büchs fertig« Immer leiser wurde seine Stimme
während er Willy für den Fall dass sie den Hirsch anträfen ein Dutzend
Verhaltungsmassregeln vordozierte »Und vor allem nicht zu hitzig lass dir Zeit
fahr langsam von unten auf und wenn du Rot vor dem Korn hast zieh ruhig ab«
Vorsichtig pirschten sie weiter und überstiegen einen moosigen Grat Kaum
hatten sie die Höhe erreicht da duckte sich Graf Egge und lispelte »Dort sitzt
er Siehst du ihn«
Willy spannte den Hahn und hob die Büchse Der Hirsch hatte schon das Haupt
aufgeworfen und sprang aus dem Lager Willy verlor die Ruhe nicht sondern
zielte mit Beobachtung aller guten Lehren die er soeben gehört hatte Schon sah
er »Rot vor dem Korn« und wollte drücken Da fuhren plötzlich zwei Hände nach
seiner Büchse
»Gib her Du fehlst ihn ja doch« Mit diesen Worten entriss ihm der Vater die
Waffe und ehe Willy sich von seiner Verblüffung erholen konnte krachte der
Schuss
Im Feuer brach der Hirsch zusammen Mit einem Jauchzer ließ Graf Egge die
rauchende Büchse sinken schwang sein mürbes Hütl und lachte »Ja Bub recht
hast du ghabt Droben hab ich meinem Pech davonlaufen müssen damit ich da
herunten mein Glück wiederfind«
»So« schmollte Willy »Ich war der Meinung du wolltest mir ein Vergnügen
machen«
»Richtig« Graf Egge lachte »Es ist mir in die Hände gefahren ich weiß
nicht wie Aber sei nicht bös Ein andermal also Komm Jetzt sollst du
wenigstens lernen wie man einen Hirsch weidgerecht aufbricht«
Willy fand ein zweifelhaftes Vergnügen an dieser blutigen Lektion doch er
wollte dem Vater die Laune nicht verderben wollte ihn bei gutem Humor nach
Hubertus bringen So fügte er sich Fast eine Stunde dauerte der Unterricht Als
sie den Hirsch mit Fichtenzweigen bedeckt und am Moos die Hände gesäubert
hatten blickte Graf Egge da sie sich schon zum Niederstieg anschicken wollten
lauschend durch den Wald hinauf
Man hörte Steine rollen einen Bergstock klirren Schipper kam durch den
Wald heruntergesprungen Bleich atemlos von Schweiß überronnen blieb er vor
seinem Herrn stehen und zog den Hut
»Was willst du Ach so du hast wohl den Schuss gehört Du bist prompt am
Fleck Das gefällt mir«
»Da liegt er ja ich gratulier Herr Graf« Mühsam rang der Jäger nach Atem
»Ohne den Schuss hätt ich a schweres Suchen nach Ihnen gehabt Ich bring gute
Botschaft Ihren Gamsbock hab ich Aber dös is noch lang net s Wichtigste Wie
ich aufm Heimweg unterm Schneelahner vorbeikomm steht a Rehbock droben Am
ersten Blick schon da hat mir s Gwichtl so gspassig in d Augen blitzt und
wie ich s Spektiv aufzieh hab ich gmeint ich muss aus der Haut fahren So was
von Abnormität haben S noch net in Ihrer Sammlung Fünf Stangen hat der Bock
droben«
»Alle Wetter« stammelte Graf Egge während dunkle Röte sein Gesicht
überfloss
»Und den Bock schießen S da garantier ich«
Zitternde Erregung befiel den Grafen »Ich dank dir Schipper Schau dich um
Leute um die den Hirsch heimliefern ich steig einstweilen hinauf zur Hütte«
»Aber Papa« fiel Willy mit der Miene eines schwer Gekränkten ein »Den
Hirsch hast du mir weggeschossen ich hab ihn dir ja von Herzen gegönnt aber
jetzt halte mir wenigstens dein anderes Versprechen Der Bock läuft dir ja nicht
davon Aber ich und die Schmalgeiss «
»Das verstehst du nicht«
»Ich bitte dich lass den Bock und komm mit mir hinunter nach Hubertus Tu es
mir zuliebe«
»Ja Junge alles andere Aber «
»Papa ich bitte dich«
Graf Egge wurde ungeduldig »Einen solchen Bock kann ich nicht auslassen So
viel Jäger solltest du sein um das begreifen zu können Jetzt bin ich wieder im
Glück In zwei Pirschen hab ich ihn Dann komm ich darauf hast du mein Wort
Also sei zufrieden geh gemütlich nach Haus und grüß mir einstweilen die kleine
Geiß Morgen abend bin ich bei dir Auf Wiedersehen« Ohne Willys Antwort
abzuwarten fasste er den Bergstock mitsamt der Büchse seines Sohnes und stieg
durch den Wald hinauf während Schipper davoneilte um auf der nächsten Alm ein
paar Leute zu requirieren
Mit trauernden Augen sah Willy dem Vater nach Es war nicht Ärger was er
empfand Ein seltsames Schmerzempfinden füllte ihm das Herz und die Kehle war
ihm wie zugeschnürt »Was hab ich denn nur« Eine Weile noch sah er auf die
grünen Reiser nieder unter denen der Hirsch so gut verborgen lag dass nur ein
paar Enden des Geweihes hervorragten dann rückte er den Hut und suchte den
Heimweg Lange irrte er im Wald umher bis es ihm gelang den talabwärts
führenden Pfad zu finden dabei war er müde geworden Während des Niederstieges
rastete er häufig auch bei der Buche mit dem Marterl Während er im Schatten
der Äste saß von denen lautlos die welken Blätter niederfielen beschlich ihn
ein quälendes Unbehagen »Ach Unsinn« murrte er vor sich hin und erhob sich
»Ich weiß doch wie er ist Und er wird auch nimmer anders«
Mittag war vorüber als er das Dorf erreichte Verdrossen dankte er den
Leuten die ihn grüßten Am Zaunerhaus ging er vorüber ohne zu merken wo er
sich befand Als er die Ecke des Gärtchens erreichte fühlte er einen leichten
Schlag an der Wange sah eine rote Nelke über seine Schulter fallen und hörte
hinter den Johannisbeerstauden ein leises Kichern Er lächelte und wollte auf
den Zaun zutreten Da war ihm plötzlich als stünde sein Bruder Tassilo vor ihm
und sähe ihn mit ernsten Augen an wie vor Tagen da droben in der Bergschlucht
»Wort halten« Er schleuderte mit dem Fuß die Nelke in den Strassengraben und
ging seiner Wege Als er an die Parkmauer kam blieb er stehen und sah sich um
»Eigentlich war das von mir eine überflüssige Flegelei« dachte er »Ich hätt
ihr ein paar harmlose Worte sagen und dann gehen können Aber na jetzt hat die
Geschichte ein Ende Tas wird lachen wenn ich ihm das erzähle«
Beim Eintritt in die Ulmenallee klang ihm vom Adlerkäfig ein wildes
Geflatter entgegen Er achtete nicht darauf Auch sah er am Ausgang der Allee
die Schwester erscheinen die ihm entgegeneilte als hätte sie um sein Kommen
gewusst und hätte ihn mit Ungeduld erwartet Sie warf sich an seinen Hals und
küsste ihn Dann fragte sie zögernd »Wo ist Papa«
»Droben Er will morgen abend kommen Das heißt wers glaubt Ich nicht«
»Morgen abend« wiederholte Kitty erregt »Aber sag mir was ist zwischen
ihm und Robert vorgefallen«
»Warum«
»Robert ist vor einer halben Stunde heimgekommen wie ein beleidigter
Olympier hat sich umgekleidet und ist davongeritten«
»Papa hat ihn etwas unfair behandelt Mich hat er zwar auch gehörig
aufsitzen lassen aber das ist Nebensache Weißt du schon was mit Tas geschehen
ist«
»Alles« sagte Kitty mit heißen Wangen »Und sag es mir lieber gleich bist
du für oder gegen ihn«
»Für ihn natürlich«
Kitty belohnte ihn mit einem Kuss »Das hab ich von dir erwartet Komm ins
Haus Tas hat mir einen Brief für dich übergeben Den musst du augenblicklich
lesen Und dann sprechen wir weiter Fünf Minuten lass ich dir Zeit um dich
umzukleiden Komm« Mit ungeduldiger Hast zog sie ihn gegen die Veranda
»Wie geht es Tante Gundi«
»Besser Gott sei Dank Sie trägt zwar den Arm noch im Verband aber sie ist
heut schon mit mir ausgefahren und hat herunten diniert Und jetzt Willy sag
ich dir was Diese üblichen Scherze mit Tante Gundi müssen ein Ende haben Ich
dulde nicht mehr dass sie nur im geringsten verletzt wird Sie ist eine goldene
Person« Das erklärte Kitty mit so leidenschaftlicher Energie dass der Bruder
sie verwundert betrachtete »Komm nur« Im Korridor rief sie den Diener und
befahl ihrem Bruder das Diner in seinem Zimmer nachzuservieren dann flog sie
über die Treppe hinauf
Die fünf Minuten waren noch nicht vergangen als sie schon an Willys Tür
pochte »Kann man eintreten«
»Nur los« klang die Antwort »Aber viel umsehen darfst du dich nicht«
Die Warnung hatte ihre Gründe In dem Zimmer herrschte eine greuliche
Unordnung Vor dem übel zugerichteten Waschtisch lagen alle Stücke des
Jagdgewandes auf dem Boden der eine Bergschuh stand mitten im Zimmer der
andere unter dem Tisch auf dem Bett lag der Uniformrock über dem Bergstock aus
dem offen stehenden Kleiderschrank hing ein Beinkleid auf die Dielen heraus in
der halb aufgezogenen Lade einer Kommode war die frische Wäsche
durcheinandergeworfen und auf der Marmorplatte des Nachttisches bildeten
Zigarrentasche Jagdmesser Uhr und Börse ein Stilleben mit dem silbernen
Leuchter in dessen Schale der Rubin und die beiden Hirschgranen lagen
Hinter dem Tisch saß Willy in blauer Soldatenhose und weißem Seidenhemd auf
dem Sofa und hielt seine verspätete Mahlzeit
Kitty hatte als sie das Zimmer betrat einen gelinden Schauder zu
überwinden »Ach du lieber Gott Willy«
»Na falle nur nicht in Ohnmacht« meinte der Bruder ohne seine
Auseinandersetzung mit dem Hirschbraten zu unterbrechen »Fritz wird Ordnung
machen Komm her und schiess los«
Sie gab ihm Tassilos Brief und während Willy zu lesen begann beobachtete
sie gespannt sein Gesicht er schien gerührt zu sein und tiefe Bewegung sprach
aus seiner Stimme als er den Brief zusammenfaltend sagte »Unser Tas ist ein
herzensguter Kerl«
»Darf ich lesen« fragte Kitty
Verlegen schob Willy den Brief in die Hosentasche »Nein Maus Tas hat da
auch von militärischen Angelegenheiten geschrieben« Um über die Sache
hinwegzugleiten fragte er wie Tassilo von der Jagdhütte zurückgekommen wäre
und was die Schwester über den »Krach mit Papa« erfahren hätte
In heißem Eifer erzählte Kitty von Tassilos Abreise von jenem Nachmittag
an dem sie das »große Geheimnis« erfahren und von ihrem Besuch bei Anna
Herwegh »Tas muss wahnsinnig glücklich werden«
»Ich gönn ihm sein Glück von Herzen Er hat recht dass er dafür durch dick
und dünn geht Glück weißt du das ist eine schöne Sache Besonders wenn es
das echte ist Die wahre Blume Freilich der arme Kerl wird auch die Dornen
spüren Aus dem Klatsch der Leute braucht er sich wenig zu machen Aber der
Bruch mit Papa wird ihm wie ein Stein auf der Seele liegen« Willy Griff nach
der Obstschale und knackte eine Krachmandel auf »Papa hat ja gewiss seine
Eigenheiten Aber Kind ist Kind Und Tas hängt an ihm wie wir alle Robert
ausgenommen der sich an Papa nur erinnert wenn er Ursache hat ihn zu
schröpfen« Die zweite Mandel krachte »Wenn es einen Menschen gibt der an dem
Bruch zwischen Tas und Papa seine heimliche Freude hat so ist es Robert Aber
wir beide du und ich wir wollen ihm einen Strich durch die abscheuliche
Rechnung machen Wir halten zusammen Maus«
»Ja Und fest« Sie klammerte sich an seinen Arm »Das wollen wir sofort
beweisen«
»Was meinst du damit«
»Du hast wohl keine Ahnung wann Tas und Anna sich trauen lassen«
»Davon hat er keine Silbe geschrieben«
»Ich weiß es« flüsterte sie mit blassem Gesicht »Er hat es auch vor mir
verheimlicht Aber es schoss mir gleich ein Verdacht durch den Kopf als ich
erfuhr dass Herr Forbeck so plötzlich abreisen musste«
»Herr Forbeck Wer ist das«
Purpurne Röte huschte über Kittys Wangen »Ich kann dir das nicht so genau
erklären Aber damit du das Nötigste weißt Herr Forbeck ist ein junger Künstler
aus München Sehr begabt Hat eine glänzende Zukunft Tas und Forbeck sind
intime Freunde Und Tas sagte mir dass er ihn gebeten hätte sein Trauzeuge zu
sein Und als er so plötzlich abreiste «
»Wer Tas«
»Aber nein doch Herr Forbeck Ganz plötzlich Er hatte sonst keine Ursache
abzureisen ganz im Gegenteil Und da fuhr es mir gleich durch den Kopf wie
alles zusammenhängt In meiner Aufregung hab und heimlich nach München
telegraphiert«
»An wen«
»An meine Schneiderin Die kommt hinter alles Da lies das Telegramm das
ich gestern abend von ihr bekommen habe« Kitty zerrte aus ihrem Kleid das
zerknüllte Blatt hervor
Willy las »Übermorgen mittag ein Uhr in der Frauenkirche« Erschrocken
sprang er auf »Übermorgen Aber das ist ja schon morgen«
»Morgen Ja Was sagst du« Auch Kitty erhob sich sie schlang den Arm um
Willys Hals und stammelte »Und das siehst du doch ein das dürfen wir nicht
geschehen lassen dass unser Tas in dieser heiligen Stunde allein steht Das wäre
für ihn nicht nur ein tiefer Schmerz auch eine Demütigung vor den Verwandten
seiner Braut«
»Ja Maus recht hast du Das ist eine wahrhaft geniale Idee Ich reise
Noch heute nacht Ich freue mich närrisch auf das Gesicht das er machen wird
Und dir das versprech ich dir schick ich ein ellenlanges Telegramm«
»Das kannst du dir sparen« erklärte Kitty »ich fahre mit«
»Du Nein Maus das ist Unsinn«
»Ich muss zu ihm ich muss ich muss« Wie in Verzweiflung umklammerte Kitty
den Bruder
Etwas ratlos streichelte er das Haar und die Wangen der Schwester »Sei
vernünftig kleine Maus Das geht nicht Wenn Papa hinter die Geschichte kommt
ich vertrage einen Puff aber du Nein Maus Eine solche Verantwortung darf ich
nicht auf mich nehmen«
»So übernehm ich sie selbst Ich verantworte alles« Energisch richtete sie
sich auf und erklärte mit jener Sophistik wie sie heiß erregten Mädchenköpfen
geläufig ist »Ich weiß wohl dass ich einen solchen Schritt nicht unternehmen
sollte ohne Papas Erlaubnis einzuholen Aber wo ist Papa In der Hütte droben
wie immer immer immer Es ist nicht meine Schuld wenn ich Papa nicht fragen
kann Wäre er mit dir heruntergekommen nach fünf Monaten für seine Hirsche und
Gemsböcke ein einziger Tag für mich das ist doch nicht zuviel verlangt wäre
er gekommen so würde ich ehrlich mit ihm gesprochen haben und hätte ihm so lang
mit Bitten zugesetzt bis er ja gesagt hätte«
Belustigt sah Willy die Schwester an schob die Hände in die Hosentaschen
und wiegte sich auf den Hacken »Du kannst ja die Kleesberg fragen«
Bei diesem Einwurf geriet Kitty ein bisschen aus der Fassung »Lass doch die
Ärmste in Ruh Soll ich ihr zu allen Schmerzen noch meine Sorgen aufladen Auch
will ich sicher gehen Darum frag ich nicht Ich muss nach München Willy ich
muss Davon bringt mich niemand ab« Ihre Wangen brannten und ihre Augen
leuchteten »Nimm mich mit Sieh nur wie ich bitte«
Er hatte nicht das Herz um nein zu sagen Lachend zog er sie an sich und
küsste sie auf das Ohrläppchen »Na also «
Mit ersticktem Freudenschrei umarmte sie ihn
»Machen wir in Gottes Namen den fidelen Streich in Kompanie Papa wird uns
zwar eine böse Suppe auszulöffeln geben ganz besonders gesalzen für meine
Wenigkeit Aber wenn er sich ärgert wasch ich meine Hände in Unschuld Hätte er
sein Versprechen gehalten und wäre mit heruntergekommen statt dem verwünschten
Rehbock nachzulaufen Die Schuld hat er Und komm jetzt wollen wir Kriegsrat
halten«
Sie setzten sich Arm in Arm auf das Sofa und sprachen flüsternd miteinander
wie zwei Kinder die eine Weihnachtsüberraschung vorbereiten Sie beschlossen
den ersten Lokalzug zu benützen der früh um sechs Uhr von der Station abging
da hatten sie Anschluss an den um elf Uhr in München eintreffenden Zug und
konnten Tassilos Wohnung noch zeitig genug erreichen »Punkt halb fünf Uhr
müssen wir hier verduften« sagte Willy »Ich bleibe die Nacht über wach damit
ich nicht verschlafe und lege mich lieber jetzt ein paar Stunden aufs Ohr
Gegen Abend kannst du mich wecken Dann geh ich ins Dorf bestelle den Wagen und
soupiere beim Seewirt Ich will eine Begegnung mit Robert vermeiden und dir
rate ich ebenfalls dich unsichtbar zu machen Sag du hast Kopfweh Und sperr
dich in dein Zimmer ein Da kannst du in aller Ruhe packen Ich schmuggle dir
meinen Handkoffer hinüber Der wird genügen Große Toilette brauchst du nicht zu
machen Wie ich vermute werden sich die beiden im Reisekostüm trauen lassen
Ich nehme für mich gar nichts mit Lackstiefel und Handschuhe kann ich mir in
München kaufen Aber jetzt kommt ein Punkt über den ich ratlos bin das
Hochzeitsgeschenk Geben müssen wir doch was«
»Ich weiß schon was«
»Na da bin ich neugierig«
Kittys Augen blitzten »Mamas Perlenkollier«
Willy erschrak »Aber Maus Diese Perlen sind ein Vermögen wert Papa wird
einen unerhörten Spektakel schlagen«
Stolz richtete sich das Köpfchen auf »Die Perlen sind mein Eigentum Und
ich weiß sehr gut was ich tue Hätte Mama diesen Tag erlebt so hätte sie
selbst diese Perlen um Annas Hals gelegt«
Willy tätschelte ihr die Wange »Maus Du bist ein famoser Kerl Tas wird
über deine Idee vor Wonne zerfließen Somit wären wir über alles im reinen
Mach nur in der Aufregung keine Dummheiten Und in der Nacht schlaf tüchtig
damit du am Morgen frisch bist Punkt vier Uhr klopf ich an deine Tür Und jetzt
drück dich Maus Ich möchte mich niederlegen«
Kitty erhob sich »Gib mir die Hand darauf dass alles fest und abgemacht
ist«
»Abgemacht«
Er reichte ihr die Hand und Kitty drückte sie mit so feierlichem Ernst als
gält es einen Staatsakt von der Bedeutung des Rütlischwures
Einige Minuten später schmuggelte Willy den kleinen Lederkoffer in Kittys
Zimmer dann kehrte er zurück und warf sich mit der brennenden Zigarre aufs
Bett Er brauchte nicht lange um den Schlaf zu finden aus seinen Fingern fiel
die qualmende Zigarre und brannte ein handgrosses Loch in den Teppich
Er erwachte nicht als Kitty gegen sechs Uhr in das Zimmer trat Um ihn zu
wecken huschte sie zum Bett Beim Anblick seines Gesichtes erschrak sie Die
geschlossenen Lider waren von durchsichtiger Bläue die Züge blutleer und von
welker Zerfallenheit wie das Gesicht eines Schwerkranken in der Erschöpfung
nach heftigem Fieber
»Willy«
Der angstvolle Ruf weckte ihn Hastig fuhr er auf und sah die Schwester mit
heiß glänzenden Augen an als vermöchte er seine Sinne nicht völlig zu
ermuntern
»Bist du krank«
»Ich Unsinn Mir ist pudelwohl« Lachend sprang er vom Bett und da musste
er plötzlich husten lange und heftig
»Willy Was hast du denn« stammelte Kitty und brachte ihm das Glas Wasser
nach dem er mit einer Geste verlangte
Er leerte das Glas und drückte die Hand auf die Brust »Ich muss mich im
Aufwachen überschluckt haben Na nun ist es ja wieder vorüber« Er stellte das
Glas auf den Tisch und atmete tief
Besorgt sah ihm Kitty in das Gesicht dessen Wangen sich wieder zu röten
begannen »Ist dir auch wirklich wohl Ganz«
»Vollkommen«
»Gott sei Dank Ich kann dir nicht sagen wie ich erschrocken bin«
»Ach geh du bist komisch« brummte er und schob die Schwester zur Tür
hinaus Er trat vor den Spiegel und betrachtete sein Gesicht aufmerksam mit
einer Art von sentimentalem Ernst Dann begann er sich für den Weg zum Seewirt
fertigzumachen und pfiff dazu einen lustigen Marsch
So schmuck wie aus dem Ei geschält in bester Laune verließ er das Haus und
schlenderte durch die Allee Als er sich dem Adlerkäfig näherte sah er dünnen
Staub aus dem Drahtgitter hervorquellen rings um den Käfig war der Boden mit
kleinen Federn angestreut und weißer Flaum flog überall umher »Mir scheint
sie haben wieder gerauft miteinander« Während er näher trat sah er fünf von
den Adlern einträchtig in einem Winkel sitzen während der sechste mit dem Hals
in den verbogenen Drähten einer schadhaften Stelle des Gitters hing der Vogel
musste sich schon halb zu Tode gezappelt haben sein Gefieder war zerschlagen und
abgeschunden und nur noch wenig zuckten die Schwingen und Fänge
»Moser Moser« schrie Willy erschrocken
Der Alte kam aus der Zwirchkammer herbeigeschossen »Was is Herr Graf«
»Schnell Den Schlüssel zum Adlerkäfig Einer der Vögel hängt im Gitter«
Jammernd holte Moser den Schlüssel und fand den Adler bereits verendet
Dem Alten war das Weinen nah »Der zweite Was wird der gnädig Herr sagen
Da gnad mir unser lieber Himmelvater« Die Hände zitterten ihm und seine
schlotternden Backen waren weiß »Ich kann mir gar net fürstellen wie so was
passieren hat können Die Gschicht is mir schon völlig unheimlich Dös geht
nimmer zu mit rechte Ding Passen S auf Herr Graf dös muss was bedeuten«
»Sie alter Narr« schalt Willy ärgerlich »Ich will Ihnen sagen was es
bedeutet dass Sie immer andere Dinge im Kopf haben statt für die Vögel zu
sorgen die Ihnen von Papa anvertraut sind wie Kinder einem Vater Hätten Sie
den Käfig überwacht und Ihre Pflicht getan so ginge nicht einer nach dem andern
zugrunde Das hat es zu bedeuten«
Während Moser wortlos neben dem verendeten Adler zurückblieb und sich in
Zerknirschung den Kahlkopf kraute bummelte Willy dem Parktor und der Straße zu
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Der Abend war lau und milde einer von jenen linden Abenden des Hochgebirges
die man nicht schildern kann nur genießen Kein Luftauch regt sich kein Blatt
an den Bäumen Die Geräusche des Lebens und die Stimmen der Bäche klingen
gedämpft und dennoch klar Der wolkenlose Himmel ist von mattleuchtender Bläue
ein wenig ins Grünliche spielend Die Zinnen der Berge haben weißes Licht doch
die sinkenden Wälder sind in blauen Schatten gehüllt aus dem sich die bunten
Farben der welkenden Laubkronen hervorheben so weich und sanft dass der Blick
unersättlich an diesen zarten Tönen hängt wie an einem zauberhaften Reiz
Das Tal mit seinen Gärten Häusern und Wiesen liegt von schleierfeinem Duft
überflossen Halb ist es dünner Nebel der aus dem See hervorquoll halb
bläulicher Rauch der aus den Dächern stieg und sich zerteilte in der ruhigen
Luft Sie atmet sich gut und würzig es ist als würde das Blut mit jedem
Atemzuge leichter Es prickelt in allen Nerven Man wandert ohne den Körper zu
fühlen und ein gedankenloses Wohlbehagen die Freudigkeit eines traumhaften
Geniessens überkommt die Sinne
In solcher Stimmung schlenderte Willy der bei dem erste Schritt auf die
Straße die Tragödie des Adlerkäfigs schon wieder vergessen hatte dem Dorf
entgegen
Da tauchte an einer Biegung der Straße das feine Lieserl auf Die Kleine
schien übler Laune zu sein und ließ das kokett frisierte Köpfchen hängen Die
rechte Hand hielt sie in die Hüfte gestützt mit der linken schlenkerte sie in
müdem Phlegma eine gehenkelte Blechkanne die erraten ließ dass das Lieserl zum
Mooshofer wanderte von dem die Zaunerin ihre Milch bezog
Bei Willys Anblick wurde Lieserl rot Schmollend verzog sie das Mäulchen
und dem Feind das Feld überlassend schlug sie sich seitwärts in die Büsche
Der zürnende Fluchtversuch schien Willy zu erheitern Mit ein paar flinken
Sprüngen holte er die Ausreisserin ein »Na na na Das sieht ja aus als wäre
man beleidigt« Er fasste Lieserl um die Hüfte »Du niedlicher Käfer Was hab
ich dir denn getan«
»Da können der Herr Graf noch fragen« stieß das Lieserl in einem
Hochdeutsch hervor dessen gespreizter Wortlaut sich bei dieser zornigen Schärfe
drollig anhörte »Lassen Sie mich aus Herr Graf Ich bin keine solchene die
man das eine Mal abbusseln kann und das andere Mal beleidigen« In Tränen
ausbrechend ließ sie die Blechkanne fallen
»Aber Lieserl« stotterte Willy erschrocken und gab die Weinende frei
Sie machte ein paar taumelnde Schritte sank auf eine Steinplatte und
schluchzte wie vom Bock gestoßen
Ein Mädel weinen zu sehen dazu noch ein so schmuckes Mädel wie das feine
Lieserl das ging über Willys Kräfte Er dachte in diesem Augenblick an nichts
anderes nur an diese Tränen Es waren so hübsche Tränen und die Wangen über
die sie rollten waren so rund und frisch Und der Mund über den sie flossen
so weich und rot Bei jeder neuen Träne schienen die Lippen noch heißer zu
glühen
»Aber Lieserl« Willy setzte sich auf die Steinplatte und schlang den Arm um
den Hals des Mädels »So hör doch zu weinen auf Ich hab dir doch nichts
zuleid getan ganz im Gegenteil Und wenn ich dich kränkte ohne dass ich es
wusste so will ich es gerne wieder gutmachen«
Lieserl klagte ihr Hochdeutsch plötzlich vergessend »Na Herr Graf da is
nix mehr gut zmachen Heut haben S mich ins Herz troffen So was tut weh Sie
wissen ja net wie gut ich Ihnen gewesen bin«
Willy quittierte diese kurzgefasste Liebeserklärung indem er das Mädel fest
an seine Brust drückte
Lieserl sträubte sich nicht doch allen Ernstes wiederholte sie »Na dös
wissen S net Ich hätt mein Leben für Ihnen hergeben können Die ganzen Täg hab
ich allweil an Ihnen denken müssen und hab mir schier d Augen ausgschaut auf
die Berg auffi«
»Wirklich« Willys Rührung wuchs »Du liebes liebes Kerlchen du«
»Und heut zMittag s allerschönste Nagerl hab ich abgrissen und habs
Ihnen zugworfen Und Sie « Lieserls Tränen kamen wieder ins Rollen »Dös arme
Nagerl haben S mit m Fuß davongstössen als tät Ihnen grausen vor dem Blümerl
und vor mir«
»Aber Schatz« Willy küsste das Lieserl auf die von Tränen nassen Lippen
»Wie kannst du nur auf den Einfall kommen dass ich die Nelke mit dem Fuß
fortgestossen hätte Ein unglücklicher Zufall Wie ich die Blume haschen wollte
bin ich gestolpert« Er herzte die Weinende recht wie ein Verliebter der in
Wärme kommt »Geh du Närrlein Welche Ursache könnt ich denn haben um dich zu
kränken Ich hab dich ja lieb und « Er küsste und küsste
Lieserl sträubte sich nicht sondern schmiegte sich immer enger in Willys
Arme dabei weinte sie immerzu als wäre der Zustand dieser fließenden Kümmernis
für sie ein Behagen
»Ich bitt dich Schatz hör doch zu weinen auf Ich kann das nicht sehen
Wenn ich nur wüsste wie ich dich beruhigen könnte« Da fiel ihm der Rubin ein
den er beim Verlassen seines Zimmers mit den beiden Hirschgranen in die
Hosentasche geschoben hatte »Schatz Ich hab was für dich« Hurtig holte er
den Stein hervor und hielt ihn vor Lieserls Augen trotz der sinkenden Dämmerung
glühte der Rubin als wäre in seinem Innern ein Funke roten Sonnenlichtes
eingeschlossen
»Nimm Lieserl Den Stein schenk ich dir Und wenn du willst lass ich ihn
für dich zu einer Nadel fassen oder in einen Ring Aber hör zu weinen auf«
Halb erschrocken halb gierig starrte Lieserl das funkelnde Kleinod an Und
als ihr Willy den Rubin in die Hand drückte schloss sie über dem Stein die
Finger zu einer Faust und guckte zweifelnd zu Willy auf als könnte sie noch
immer nicht an die Wahrheit dieses Geschenkes glauben
»Na also Bekomm ich keinen Dank Der Stein ist mehr wert als dein Vater in
einem ganzen Jahr verdient«
Mit dem Rubin in der krampfhaft geschlossenen Faust warf Lieserl die Arme um
Willys Hals und küsste ihn dass ihm der Atem verging
Linde Klänge gaukelten durch den Wald im Dorfe läutete man den Abendsegen
»Mar und Joseph« stotterte das Mädel »Betläuten Jetzt hab ich mich schön
versäumt« Sie streifte Willy mit einem Funkelblick ihrer schwarzen Augen und
die Faust mit dem Rubin in die Tasche ihres Röckleins grabend raffte sie mit
der anderen Hand die Blechkanne von der Erde und wollte Reissaus nehmen Willy
haschte die Fliehende riss sie wie ein Berauschter an seine Brust bedeckte ihr
Gesicht mit Küssen und flüsterte »Ich komm an dein Fenster«
Mit Wangen so rot wie blühender Mohn duckte Lieserl das Gesicht »Aber
Warten S Sie Schlimmer Sie« Kichernd wand sie sich aus seinen Armen und
huschte davon
Mit dem Hochgefühl eines Siegers nach heißer Entscheidungsschlacht sah Willy
dem Mädel nach Doch als das flatternde Röckl hinter den Buchenstauden
verschwand schien ein Gefühl in ihm zu erwachen das mit einem moralischen
Katzenjammer eine unleugbare Ähnlichkeit besaß »Natürlich« murrte er vor sich
hin und schob die Mütze in den Nacken »da wäre mein heißer Schimmel glücklich
wieder mit meinen guten Vorsätzen durchgegangen« Eine Weile überlegte er »Na
also Den letzten Unsinn noch und dann Schluss«
Wie sehr sich auf dem Wege bis zum Seehof seine Stimmung noch zum Besseren
wandelte verriet das Wort mit dem er auf der laut belebten Terrasse die
Kellnerin begrüßte »Flink Mädel Eine Flasche Monopol ins Eis Dann reden wir
weiter«
In rosiger Laune nahm er das ausgiebige Souper Seelachs Paprikahuhn und
Omelette mit Pilzen steckte die Zigarre in Brand und vertiefte sich in die
Sektpulle Träumend blies er die Rauchringe vor sich hin schmachtete die
funkelnden Sterne an oder blickte unter lyrischen Regungen auf den stillen See
hinaus In immer kürzeren Zwischenräumen leerte er den schlanken Kelch füllte
ihn wieder und stieß die Flasche zurück in den rasselnden Eiskübel
Dieses Geräusch weckte die Aufmerksamkeit der Gäste und wenn sie nach dem
stillvergnügten Zecher blickten redete das Wohlgefallen aus ihren Augen Die
schmucke schlanke Jünglingsgestalt in der knappen Uniform das hübsche
liebenswürdige von Wein und Träumen erwärmte Gesicht diese lächelnde
Verlorenheit und dieses glückselige um keine Umgebung sich bekümmernde Behagen
das sah sich an wie ein Urbild gesunder und froher Lebenskraft die sich
sorglos einem Stündlein irdischen Genusses ergibt und ein leuchtendes Luftschloss
in die Wolken baut
»Glückliche Jugend« flüsterte ein bejahrter Herr der den Heimweg antrat
und trotz des lauen Abends den Überrock bis zum Hals zuknöpfte
Die Terrasse leerte sich immer mehr immer stiller und träumerischer wurde
die schöne Nacht
In der Schifferschwemme waren die Klänge der Ziehharmonika verstummt Als
vorletzter Gast verließ der alte Mooshofer das Wirtshaus Er hatte schwer
geladen So breit die Straße war sie wäre ihm fast zu schmal geworden Häufig
geriet er bis an den Rand der Schlucht in deren Tiefe der Seebach rauschte
doch es erwies sich an ihm die Wahrheit des Sprichwortes dass Kinder und
Betrunkene einen starken Schutzengel haben oft galt es nur einen letzten
Schritt und der Mooshofer wäre nie wieder aus seinem Rausch erwacht aber immer
im rechten Augenblick schwankte das Gesicht seines taumelnden Körpers wieder
einwärts gegen die Straße Vor Meister Zauners Garten tat er einen Plumps in den
ungefährlichen Strassengraben richtete sich brummend auf und torkelte weiter
An dem einsamen Haus waren zwei Fenster noch erleuchtet in Lieserls
Kämmerchen brannte eine Kerze vor dem Spiegel und in der ebenerdigen Wohnstube
die Hängelampe über dem Tisch Hier saß die Zaunerin auf der Ofenbank während
der Meister beim Fenster stand mit den Fäusten hinter dem Rücken Den roten
Gesichtern der beiden war es anzumerken dass sie einen heißen Kampf miteinander
ausgefochten hatten
Nun schwiegen sie Der Waffenstillstand währte nicht lange Energisch wandte
sich der Meister zu seinem Weib und drohte mit dem Finger »Von heut an steck
ich andere Kerzen auf Und wenn ich dahinterkomm dass du als Mutter dei Pflicht
und Schuldigkeit net tust da krachts aber ordentlich«
»Jetzt lass mir endlich mei Ruh So an Spitakl machen Wegen nix und wieder
nix«
»So Meinst ich kenn unser Lieserl net Den ganzen Abend hab ichs gmerkt
dass mit dem Madl was los is Sie hat was im Sinn Und nix Guts net Aber ich tu
mei Pflicht als Vater ich halt meine Augen offen«
»Meintwegen« murrte die Zaunerin trat auf den Tisch zu und blies die Lampe
aus ein Gewaltstreich der den Meister Zauner sprachlos machte Auf einem Umweg
tastete sich die Zaunerin in den Flur und stieg über die finstere Treppe hinauf
Sie wollte noch zu einem kleinen Plausch in die Kammer ihrer Tochter treten Die
Tür war von innen versperrt
»Lieserl«
»Ja Mutter« klang es in der Kammer
»Geh mach auf«
»Ich lieg schon Gut Nacht«
»Gut Nacht Schatzerl Lass dir was Guts träumen« Mit diesem Segenswunsch
wollte die Zaunerin ihre Schlafstube aufsuchen aber da gewahrte sie den
Lichtschein der durch die Ritzen der Tür quoll und wurde neugierig Sie guckte
durch das Schlüsselloch und sah dass ihr feines Lieserl vor dem Spiegel saß und
sich frisierte als ging es zur Kirche oder zum Tanz Schmunzelnd richtete sich
die Meisterin auf schlich auf den Zehen in ihre Stube und während sie ihren
grauen Schopf der Schlafhaube anvertraute monologisierte sie im stillen
»Schau jetzt hat er am End doch recht Sie muss was im Köpfl haben No also in
Gotts Namen Warum soll man ihr an unschuldigs Spassetterl net vergönnen s
Madl is gscheit s Madl wird schon wissen was verlaubt is und was net Man is
ja nur einmal jung« Sie ließ sich in die Federn fallen streckte sich legte
die Hände auf die Bettdecke und gähnte Es währte nicht lange und die Zaunerin
schnarchte
Drunten ging der Meister noch überall im Haus umher versperrte die
Küchentür die Zimmertür und zuletzt das Haustor alle Schlüssel zog er ab und
schob sie in die Tasche »So« brummte er als er an Lieserls Kammer vorüberkam
»jetzt flieg aus du Stieglitz du leichtsinniger Heut hab ich den Käfig
versichert«
Er trat in die Schlafstube öffnete das in den Garten führende Fenster und
suchte sein Bett ohne dass die Meisterin erwachte Mit offenen Augen lag er
neben dem schnarchenden Weib wälzte seine Vatersorgen überlegte wie er sein
»narrisches« Lieserl auf »verstandsame« Wege bringen könnte und sann auf ein
Mittel durch das sich der Eigensinn seiner Tochter brechen ließ und ihr Herz
für den braven PointnerAndres zu gewinnen wäre
Die Turmglocke hatte schon Mitternacht geschlagen als auch bei Meister
Zauner das Bedürfnis nach Schlaf sich fühlbar machte Da hörte er drunten vor
dem Haus ein sachtes Geräusch Lauschend richtete er sich auf und vernahm ein
leises Klirren als wäre ein Steinchen gegen eine Fensterscheibe geflogen
»Richtig Da kommt er schon Aber wart dem will ich heimleuchten«
Er konnte sich mit dem Ankleiden Zeit lassen weil er wohlweislich dafür
gesorgt hatte dass Lieserls Absicht für einen heimlichen Plausch zur Hausbank
hinunterzuschleichen auf Hindernisse stoßen würde Eben wollte er in die Joppe
schlüpfen als es merklich an der Mauer raschelte »Da hört sich doch alles auf
Jetzt kraxelt er gar am Spalier in d Höh« Der Zauner sprang zum Fenster
Draußen an der Mauer ließ sich ein Brechen von Ästen und Staketen hören ein
erstickter Schrei der dumpfe Aufschlag eines schweren Körpers Der Zauner
überhörte diesen Lärm denn in kochendem Ärger hatte er zu schelten begonnen
»Was is denn dös da draußen in der Nacht Himmel Kreuz Teufel So was möcht ich
mir verbitten« Er fuhr mit dem Kopf zum Fenster hinaus Der Garten lag still
und dunkel unter ihm Kein Geräusch in den Büschen auf der Straße kein
enteilender Schritt kein Laut an Lieserls finsterem Fenster
»Teufel Is er am End gar schon herin im Haus« Der Meister machte Licht
Die Zaunerin riss die verschlafenen Augen auf »Was is denn Um Gotts willen
Was is denn schon wieder«
»Du red nur gar nix du mit deiner sauberen Tochter Aber wart jetzt komm
ich ihr mit der Richtung« Die flackernde Kerze in der Hand eilte der Zauner
auf die Treppe hinaus und rüttelte an Lieserls verschlossener Kammertür »Wird
aufgmacht oder net« Drinnen kein Laut »Aufgmacht sag ich oder ich mach mir
selber auf« Er wartete den Erfolg dieser Drohung nicht ab sondern warf sich
mit dem ganzen Gewicht seines Körpers gegen die Tür Die Bretter krachten und
der Riegel sprang Auf der gewaltsam eröffneten Schwelle stand der Zauner mit
erhobener Kerze und leuchtete in die Kammer
Lieserl war allein In ihrem besten Gewand und kokett frisiert lehnte sie
neben dem offenen Fenster an der Mauer mit leichenblassem Gesicht wie gelähmt
an allen Gliedern
»Du gottvergessens Madl du« So wollte der Zauner seine Moralpredigt
beginnen
Da wankte ihm das Mädel verstört entgegen »An Unglück Vater An Unglück«
»Ja freilich Du An Unglück bist für Vater und Mutter« Der scheltende Fluss
seiner Worte stockte plötzlich er schien zu erkennen dass aus dem entsetzten
Gesicht seiner Tochter noch etwas Schlimmeres redete als nur die Angst eines auf
Heimlichkeiten ertappten Mädels
»Vater Vater Unser guter lieber Herr Graf «
»Graf Was Graf« stotterte Meister Zauner
»Der junge Herr Graf Ans Fenster is er kommen ich kann nix dafür ich hab
ihm halt gfallen Und wie er am Fenster war « Die Stimme des Mädels versagte
fast »Ich weiß net was er gehabt hat gahlings hat er husten müssen und s
Köpfl is ihm auf d Seiten gfallen als tät ihm schwindlig sein Mit alle zwei
Arm hab ich griffen nach ihm aber ich hab ihn nimmer halten können Vater
Jesus Maria Vater Ich fürcht es is ihm was gschehen«
Der Zauner hatte keinen Tropfen Blut mehr im Gesicht und starrte die Tochter
an wie ein Gespenst Alle väterliche Entrüstung war untergegangen in namenlosem
Entsetzen »Mar und Joseph Wenn da was gschehen is Bei mir Wenn dös der
gnädig Herr erfahrt« Die Knie wurden ihm schwach er schob den Leuchter auf das
Spiegeltischchen wankte zum Fenster beugte sich hinaus und rief mit gepresster
Stimme in den Garten hinunter »Herr Graf Herr Graf Ich bitt so geben S
doch an Is Ihnen was Herr Graf Herr Graf«
Im Garten kein Laut
Halb angekleidet erschien die Zaunerin und sah das Mädel in Angst und
Zittern auf einem Schemel kauern »Kindl Hat dir der Vater was tan« kreischte
die Meisterin Sie eilte auf ihr Lieserl zu und da schrie sie plötzlich auf
als hätte man ihr einen Dolch ins Herz gestoßen »Jesus Maria So a Rabenvater
der die eigene Tochter blutig schlagt Wegen nix und wieder nix«
»Blutig« stammelte Lieserl ein Schauer rüttelte ihre Schultern als sie an
ihrer Brust und am rechten Arm die großen roten Flecken gewahrte
Am Fenster tat der Meister einen erstickten Schreckensruf »Alle Heiligen im
Himmel Da drunten liegt er und tut kein Rührer nimmer« Wie ein Wahnsinniger
packte er den Leuchter und stürzte zur Kammer hinaus
Nun dämmerte auch in der Zaunerin die Ahnung auf dass alles sich anders
verhalten müsste als sie in ihrer blinden Mutterangst vermutet hatte Wohl
brachte Lieserl nur ein paar abgerissene Worte heraus aber sie sagten genug um
die Zaunerin in Verzweiflung zu versetzen »Jesus o Jesus Mein Lieserl hätt
Gräfin werden können Und so an Unglück muss dazwischenfahren O du lieber
Herrgott Lieserl komm Vielleicht is ihm net viel passiert Der liebe gute
süße Mensch Wär dös a Glück Wär dös a Glück« Mit beiden Händen zog sie das
zitternde Mädel zur Kammer hinaus und über die Treppe hinunter auf deren
letzter Stufe die Kerze flackerte die der Zauner zurückgelassen hatte als er
die Haustür aufriß
Jammernd nahm die Meisterin den Leuchter Als sie in die Nacht hinaustreten
wollte kam ihr der Zauner schon entgegen wankend unter der Last die er auf
seinen Armen trug Lieserl taumelte gegen die Mauer als würde ihr übel und die
Mutter erhob ein Wehgeschrei als hätte sie um den eigenen Sohn zu klagen
»Sei still Weib« keuchte der Meister »Dass uns kein Mensch net hört Es
muss verheimlicht werden dem gnädigen Herrn Grafen zlieb« Schwer atmend sah er
das kalkweisse Gesicht an das an seiner Schulter lag »Es wird doch um Gotts
willen so weit net fehlen« Er trat in den Flur »Weib Zieh mir den Schlüssel
ausm Sack und sperr die Stubentür auf«
Die Zaunerin öffnete in wortloser Hast die Tür sprang in Lieserls Kammer
hinauf und brachte zwei geblumte Kissen dann hielt sie betend und weinend den
Leuchter während der Meister den regungslosen Körper von dem die Glieder
kraftlos niederhingen auf das Sofa bettete Lieserl drückte sich in den Winkel
den der Geschirrkasten mit der Mauer bildete sie hatte die zitternden Finger am
Mund und blickte verstört nach dem blassen Gesicht das halb in die Kissen
versunken war Willy war nicht entstellt nur bleich doch die Lippen auf denen
ein mattes gutmütiges Lächeln wie erstarrt erschien waren rot und rote
Tropfen hingen am Kinn Er atmete mit Anstrengung in kurzen Stößen von denen
jeder sich anhörte wie ein Seufzer Die Augen standen offen sie hatten
fieberhaften Glanz ihr Blick war ins Leere gerichtet
Meister Zauner der vor dem Sofa kniete schob den Arm unter die Kissen
»Herr Graf Lieber guter Herr Graf Wo haben S denn Schmerzen«
Willy schien zu hören zu verstehen Ein Zittern lief ihm über die Arme und
wie ein leiser Hauch klangen die Worte »Bitte meiner Schwester sagen lassen
« Die Lider fielen ihm halb über die Augen und von den Mundwinkeln sickerten
zwei dünne rote Fäden über den Hals
»Lieserl Den Doktor« stammelte Meister Zauner
Das Mädel fuhr mit der Hand in den Weihbrunnkessel besprengte das Gesicht
und stürzte davon Auf der finsteren Straße brach sie in Schluchzen aus und
rannte dass ihr der Atem verging
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Über dem Park von Schloss Hubertus schlummerte die schöne Nacht Im Adlerkäfig
herrschte friedliche Stille Auch die Fontäne schien entschlafen und plauderte
nur leise wie im Traum
Ohne Lichtschein lag das Haus inmitten der schweigsamen Finsternis Unter
seinem Dache fanden in dieser Nacht zwei Augen keinen Schlaf und in heißer
Erwartung pochte ein junges Herz dem Morgen entgegen
Als es drei Uhr schlug erhob sich Kitty lautlos um sich für die Reise
anzukleiden Der gepackte Koffer stand schon seit dem Abend neben der Tür Auf
dem Tische für den ersten suchenden Blick berechnet lag ein Brief an Gundi
Kleesberg Nach einem halben Stündchen war Kitty reisefertig Sie löschte das
Licht und setzte sich in Hut und Mantel an das offene Fenster Die dreißig
Minuten fieberhaften Wartens wurden ihr länger als ihr die ganze Nacht
erschienen war Endlich klangen die vier ersehnten Schläge Kitty huschte zur
Tür Mit jedem Augenblick hoffte sie Willys leisen Schritt zu hören Minute um
Minute verrann und draußen im Korridor blieb alles still »Er hat verschlafen«
Sie schlich in das Zimmer des Bruders »Willy« rief sie leise in den dunklen
Raum Kein Laut Sie tastete sich zum Bett um den Siebenschläfer aufzurütteln
Ihre Hände griffen in leere Kissen Erschrocken machte sie Licht Das Zimmer war
leer Eine dunkle Angst umklammerte ihr das Herz Dann fiel ihr ein wie
energisch Willy sich am vergangenen Abend ihrem Plan zuerst widersetzt hatte
Und nun musste sie denken dass sein Versprechen nur eine Ausflucht war er wollte
die Schwester beruhigen um ungestört seine Absicht auszuführen und noch in der
Nacht die Reise nach München anzutreten allein
Kitty stand eine Weile ratlos Dann nickte sie entschlossen vor sich hin und
löschte das Licht Mit lautloser Hast kehrte sie in ihr Zimmer zurück und griff
nach dem kleinen Lederkoffer an dem sie so schwer zu tragen hatte dass ihre
Kräfte schon versagen wollten noch ehe sie die Ulmenallee erreichte
Der Morgen begann zu dämmern und leise zwitscherten die Meisen und Finken
Auch im Adlerkäfig war es schon lebendig emsig putzten die fünf Raubvögel ihr
Gefieder Als Kitty mühsam atmend unter der Last des Koffers an dem Käfig
vorüberkam streckten die Adler ihre Hälse
Ein Zufall führte auf der Straße einen Holzknecht vorüber der seiner Arbeit
nachging Auf Kittys Bitte trug er den Koffer bis zum Mooshof Hier musste sie
lange an die Fenster pochen Endlich erschien der Mooshofer der sein Räuschlein
erst zur Hälfte ausgeschlafen hatte Ein Schimmel wurde vor das Bernerwägelchen
gespannt und während Kitty zum Sitzbrett hinaufkletterte tönte von den Bergen
herab aus weiter Ferne der verwehte Hall eines Schusses Kitty überhörte den
rollenden Laut ihre Aufmerksamkeit war mit dem Schimmel beschäftigt der einen
zweifelhaften Trab entwickelte Im Verlaufe der Fahrt hatte sie Mühe den
Mooshofer dem immer wieder die Augen zufielen munter zu erhalten Schließlich
nahm sie selbst die Zügel und schwang die Peitsche Aber der Schimmel hatte eine
geduldige Haut und ließ sich in seiner Gemütsruhe nicht stören
Die Station war kaum in Sicht da hörte man schon die Lokomotive zum
Abschied pfeifen
Vier Stunden bis zum nächsten Zug Und seine Ankunft in München drei Uhr
nachmittags In Verzweiflung debattierte Kitty mit dem Stationsvorstand dessen
von »strengen Vorschriften« umpanzertes Herz sich endlich erweichte Auf einer
Draisine ließ er Kitty bis zur Kreuzungsstation der Hauptbahn befördern damit
sie einen Zug erreichen konnte der kurz vor ein Uhr in München eintreffen
musste
Die Sache glückte Kitty nahm ein Kupee erster Klasse für sich allein und
ließ die Tür versperren Der Kondukteur machte große Augen als er in München
das Kupee wieder aufschloss und an Stelle des staubgrauen Falter der zwei
Stunden früher hier untergeschlüpft war einen weißen Schmetterling ausfliegen
sah
Kittys Erscheinen erregte Aufsehen Im Sturmschritt eilte sie zum Ausgang
und rief nach einer Droschke »Zur Frauenkirche Schnell« Sie sprang in den
Wagen und fiel erschöpft in die Kissen »Zwanzig Minuten nach ein Uhr« jammerte
sie und trommelte an das vordere Fenster des Wagens »Schneller Schneller«
Nun kam die letzte Häuserecke und in der Tiefe einer schmalen zum Domplatz
führenden Gasse tauchten die altersgrauen gewaltigen Türme der Frauenkirche
auf »Endlich« stammelte Kitty und nahm für den Kutscher ein Geldstück aus der
Börse Die Ungeduld kam ihr in die Füße und in dem schaukelnden Wagen von einer
Wand an die andere taumelnd streckte sie bald rechts bald links das Köpfchen
zum Fenster hinaus Nun lenkte die Droschke auf den Domplatz ein und kaum hatte
Kitty einen Blick nach dem Portal der Kirche geworfen da erschrak sie dass ihr
das Blut aus den Wangen wich
Die Trauung musste schon vorüber sein Eine Reihe von drei Kutschen fuhr in
raschem Trab gegen die innere Stadt Ein letzter Wagen hielt noch vor dem Dom
und neben dem offenen Wagenschlag standen zwei Herren die sich mit einem
Händedruck voneinander verabschiedeten Der ältere verschwand um die Ecke der
Kirche Professor Werner Der jüngere gab dem Kutscher eine Weisung Da hörte
er seinen Namen rufen und zuckte beim Klang dieser Stimme zusammen »Herr
Forbeck« Als er sich wandte sah er Kitty aus der Droschke springen Von den
Falten des weißen Kreppkleides umflattert die weiten Ärmel des duftigen
Schwanenpelzes aufgebläht gleich einem schimmernden Flügelpaar so kam sie auf
ihn zugelaufen und streckte die Hände
Das Wort erstarb ihm doch seine Augen hingen an ihr leuchtend mit
trinkendem Blick
Kitty fand zuerst die Sprache »Gott sei Dank« Das klang so freudig als
wäre alle Erregung Unruhe und Erschöpfung von ihr gewichen
»Komtesse Kitty« stammelte er »Und allein Wie kommen Sie nach München«
»Das können Sie fragen Und stehen vor mir in Frack und weißer Binde
Glauben Sie denn ich hätt es über mich gebracht meinen Tas heut ohne die
Schwester zu lassen«
»Aber die Trauung ist schon vorüber«
»Das merk ich Und kränke mich namenlos« Es zuckte bei dieser Beteuerung
um den rosigen Mund aber der Glanz der Augen harmonierte nicht mit dem
klagenden Stossseufzer »Wohin sind die anderen Wagen gefahren«
»Die anderen Zu Frau Herwegh«
»Kommen Sie Schnell Ich fahre mit Ihnen« Sie eilte auf den geschlossenen
Wagen zu der einsam vor dem Portal der Kirche zurückgeblieben war Forbeck
zögerte aber Kitty drängte »Schnell Nur schnell« Im Wagen zog sie die Falten
ihres Kleides an sich und rückte in die Ecke um Platz für ihn zu machen
Schaukelnd rollte die Kutsche über das Pflaster »Erzählen Sie Wie war es in
der Kirche«
»Eine stille kurze Feier schön und ergreifend Wir zehn Menschen ganz
allein in dem gewaltigen ernsten Bau Es war wie ein heiliges Geheimnis Ich
hatte ein Gefühl als sähe ich vor meinen Augen ein Wunder werden«
»Ein Wunder«
»Gibt es ein Wunder das schöner wäre als das Glück zweier Menschen die von
der Natur füreinander geschaffen wurden wie das Licht für den Tag Sie hätten
das sehen müssen wie sie die Ringe tauschten und die Hände verschlangen als
wollten sie sich nimmer nimmer lassen Zwei Menschen die eins geworden für das
Leben«
»Wie schön« Kittys Augen träumten ins Leere und ein sehnsüchtiges Lächeln
spielte um den halb geöffneten Mund »Und das hab ich versäumen müssen Aber
nun bin ich da Wie ich mich freue auf Tas und Anna Ich will mich satt sehen an
ihrem Glück«
»Sie hoffen Ihren Bruder noch hier zu finden« stammelte Forbeck
erschrocken »Sie wissen nicht «
»Was«
»Das junge Paar ist von der Trauung zur Bahn gefahren«
In Entsetzen schlug Kitty die Hände zusammen
»Sie reisen an den Rhein und fahren heute bis Stuttgart mit dem Zug um zwei
Uhr zehn« Als Forbeck die ratlose Bestürzung sah die aus Kittys Augen redete
zerrte er die Uhr hervor »Es wäre möglich « Er riss das Fenster auf und schrie
»Zum Bahnhof Schnell Nur schnell«
Während der jähen Schwenkung die der Wagen machte jammerte Kitty »Wir
müssen zurechtkommen Ich kann doch diese Reise nicht gemacht und Papas Unwetter
über mich heraufbeschworen haben ohne Tas und Anna zu sehen«
»Bitte Komtesse beruhigen Sie sich« tröstete Forbeck mit der Uhr in der
Hand »Wir haben noch zwanzig Minuten Zeit« Er öffnete die Kupeetür den einen
Fuß im Wagen den anderen auf dem Trittbrett debattierte er mit dem Kutscher
Ein knallender Peitschenschlag die Pferde fielen in Galopp
»Gott sei Dank« stammelte Kitty »Und wer hat Tas und Anna zur Bahn
begleitet Willy Oder sind sie allein gefahren«
»Allein«
»Und Willy Wo ist Willy«
Forbeck verstand die Frage nicht
»Willy Mein Bruder Willy Sie müssen ihn doch heute kennengelernt haben
Bei der Trauung«
»Nein Komtesse Ihr Herr Bruder war bei der Trauung nicht zugegen«
Kitty erschrak dass ihre Wangen sich verfärbten »Das ist doch ganz
unmöglich Er ist doch eigens hergefahren damit Tas am heutigen Tag nicht
allein wäre« In jagenden Worten erzählte sie von der Verabredung die sie mit
Willy getroffen hatte von seinem vermeintlichen Wortbruch von ihrer Vermutung
dass er in der Nacht gefahren wäre allein um ihr den Unwillen des Vaters zu
ersparen »Und nun ist er nicht hier Und nicht daheim Wie soll ich denn das
begreifen«
Forbeck suchte sie zu beruhigen dabei empfand er eine Sorge die ihm die
Worte durcheinanderwirrte Das bemerkte Kitty und nun begann sie selbst nach
einer Möglichkeit zu suchen die Willys Abwesenheit erklären konnte Vielleicht
hatte er in der Eile einen falschen Zug bestiegen und die Versäumnis nicht
wieder einholen können »Da machen wir uns das Herz schwer« sagte sie »und
mein Bruder Leichtfuss sitzt der Himmel mag wissen wo und ist kreuzfidel Wenn
ich wieder daheim bin wird sich alles aufklären Wir beide wollen miteinander
noch lachen über die Sorge die wir uns gemacht haben Wann kommen Sie wieder
nach Hubertus Ihr Bild dürfen Sie nicht warten lassen Nun haben Sie meinen
Bruder Tas den Freundschaftsdienst geleistet um den er Sie gebeten hat nun
sind Sie wieder Herr Ihrer Zeit Wann kommen Sie«
Erschrocken sah Forbeck zu ihr auf er schien sprechen zu wollen und brachte
keinen Laut heraus Jedes Wort war auch überflüssig die ratlose Pein die ihm
das Herz bedrückte redete deutlich aus seinen Augen
Kitty wurde von einem ihr ganzes Wesen verstörenden Schreck befallen »Herr
Forbeck« stammelte sie »Warum geben Sie mir keine Antwort Sie sind doch nur
gegangen weil Tas sie darum gebeten hat« Sie wurde heftig »So sagen Sie doch
ja Oder ich weiß wahrhaftig nicht mehr was ich denken soll«
Er versuchte zu lächeln wollte sich zu einer Ausflucht zwingen und konnte
nicht lügen Durch Kittys angstvollen Blick um den letzten Rest seiner Fassung
gebracht schlug er die Hände vor das Gesicht
Bestürzt an allen Gliedern zitternd saß sie in der Ecke des schaukelnden
Wagens
Sie hatte verstanden
Der Wagen machte eine jähe Kurve und hielt Lachend öffnete der Kutscher den
Schlag »So bin ich schon lang nimmer gfahren Drei Schandarm haben mich
aufgschrieben«
Die beiden im Wagen erwachten als hätte eine derbe Faust sie aufgerüttelt
Forbeck stammelte »Noch fünf Minuten Wir müssen den Zug noch im Bahnhof
finden« Er sprang aus dem Wagen und reichte Kitty die Hand Dankend nickte sie
stieg aus und eilte über die Stufen des Portals hinauf Als sie die riesige von
Menschen von Geschrei und rollendem Getös belebte Bahnhalle betrat blieb sie
stehen und sah zu Forbeck auf ihre Wangen glühten doch keine Spur von
Verwirrung oder Scheu war an ihr zu bemerken »Nicht wahr« sagte sie mit
strengem Ernst »zu Tas und Anna kein Wort wegen Willy Das ist nicht die
Stunde um ihnen Sorge zu machen Was mich betrifft da muss ich eben lügen wenn
ich Tas nicht die Freude verderben will Und Ihnen muss ich Mühe verursachen
Herr Forbeck Bitte sehen Sie auf dem Fahrplan nach welchen Zug ich zur
Heimfahrt benützen könnte Bitte genau Ich bin keine Freundin von Irrtümern«
Ohne seine Antwort abzuwarten huschte sie davon ein Schaffner führte sie
zu dem Gleis auf dem der Kurierzug stand In einem schon geschlossenen Wagen
erster Klasse gewahrte sie den Bruder »Tas Lieber Tas« Sie riss die Kupeetür
auf und sprang in den Wagen
Ehe Tassilo ein Wort fand hing sie schon an seinem Hals unter Küssen und
sprudelnden Glückwünschen Und sie gab den Bruder nur frei um diese stürmische
Zärtlichkeit bei Anna zu wiederholen
»Kind Kind« stammelte Tassilo »Was hast du da für einen Streich gemacht«
Kitty fuhr sich mit der Hand über die Augen »Streich Na also in Gottes
Namen Aber du Anna Nicht wahr Du freust dich mit mir«
Die junge Frau umschlang das Mädchen »Im stillen hab ich es gehofft Nun
hast du es wahr gemacht Ich danke dir«
Tassilo dem ein froher Strahl aus den Augen glänzte nahm das Köpfchen der
Schwester zwischen die Hände »Kleiner Spatz du bist ein lieber lieber Kerl
Aber das hättest du nicht tun sollen Ich kann mir doch unmöglich denken dass
Papa «
»Ob er weiß Natürlich nicht Sonst säss ich hinter Schloss und Riegel Aber
mach dir keine Sorge Mit Papa komm ich schon wieder auf gleich«
»Mit wem bist du denn gereist Doch nicht allein«
»Gott bewahre Tante Gundi war natürlich einverstanden Sie hat mir die
Beschliesserin mitgegeben«
»Wo ist sie«
Mit gut gespieltem Erstaunen guckte Kitty zur Kupeetür hinaus »Weiß der
Himmel wo sie herumwimmelt Ich bin natürlich wie ein Windhund vorausgerannt
und die Alte hat langsame Beine« Um über das bedenkliche Thema wegzukommen
warf sie sich wieder an Annas Hals »Wie schön du bist Ich kann mich nicht satt
sehen an dir Und wie ich mich freue an eurem Glück Das ist ein Tag für mich «
Wie in seliger Trunkenheit presste sie die Hände auf die Brust »In mir ist alles
aus den Fugen gegangen Das ist so schön so groß es hat nimmer Platz in mir
Ich möchte schreien grad hinausschreien« Da fühlte sie die Perlen unter ihren
Fingern »Allmächtiger Jetzt hätt ich fast vergessen « Mit zitternden Händen
löste sie die Schnur »Nimm Anna Das hab ich dir mitgebracht Mein Bestes
Diese Perlen hat meine Mutter getragen Nimm Anna Das gibt dir meine Mutter
Das wird dir Glück bringen Dir und meinem Tas«
Da wurde die Kupeetür zugeschlagen »Fertig« rief eine laute Stimme und
ein gellender Pfiff durchschrillte die Halle Erschrocken öffnete Tassilo die
Tür wieder »Schnell Nur schnell« Er sprang auf den Perron hob die Schwester
aus dem Wagen und küsste sie Zwei Kondukteure kamen gelaufen Leute drängten
sich herbei Köpfe tauchten aus allen Wagenfenstern Tassilo hielt mit der einen
Hand die Griffstange des langsam in Gang kommenden Wagens umklammert mit der
anderen hielt er die Schwester fest »Wo ist Rosa« Er meinte die Beschliesserin
»Wo ist Rosa Ich lasse dich nicht allein«
»Aber Tas Um Gottes willen« stotterte Kitty »Dort ist sie ja«
»Wo«
»Dort Dort« Sie deutete nach irgendeiner Richtung
Die Kondukteure schimpften der eine wollte die Wagentür schließen der
andere Tassilos Hand von der Stange lösen Hinter den Leuten tauchte die rote
Mütze eines Bahnbeamten auf während Forbeck mit stossenden Ellbogen die dichte
Menschengruppe zu durchbrechen suchte
»Aber Tas Tas« jammerte Kitty »Steige doch ein Deine Frau ist im Wagen
«
Anna war in der Tür erschienen und griff mit beiden Händen nach Tassilos
Arm
»Zurück Anna Du fällst« stammelte Tassilo und um die junge Frau vor dem
drohenden Sturz zu bewahren gab er die Hand der Schwester frei und schwang sich
auf das Trittbrett Die Kondukteure drängten ihn in das Kupee der eine schlug
am rollenden Wagen hängend die Tür zu und der andere schloss die Messingklappe
Kitty sah dem rascher und rascher gleitenden Zuge nach »Da reisen sie
jetzt Mit ihnen das Glück Weil sie den Mut hatten ihr Glück zu erkämpfen«
»Mut« sagte Forbeck mit bebender Stimme »Wenn das Herz nach Glück
verlangt ist der Mut eine billige Sache Wer Mut zeigen und ein Glück erkämpfen
will braucht noch ein besseres Recht als nur das Recht seiner Sehnsucht Ihr
Bruder hatte dieses Recht Er nahm indem er gab und opferte um zu gewinnen«
In Erregung schüttelte sie das Köpfchen »Das ist mir zu hoch das versteh
ich nicht« Sie sah die brennende Röte die ihm über Stirn und Wangen schlug
und wurde verlegen »Ich habe Sie doch nicht verletzt Was ich sagte war kein
Vorwurf für Sie eher für mich« Die Augen senkend zog sie den Schwanenpelz
enger um die Schultern und begann am Geleise entlang zu gehen Wortlos ging
Forbeck neben ihr her Da sagte sie leis »Bitte Erklären Sie mir was Sie
gemeint haben«
»Denken Sie Ihr Bruder wäre nicht gewesen was er ist der Träger eines
adligen Namens reich unabhängig ein Mann der seine Zukunft in festen Händen
hält sondern ein junger Mensch ohne Namen ohne Vermögen ohne Familie mit
der Heimat auf der Straße Und denken Sie Eine grausame Laune des Schicksals
hätte es gewollt dass er sein Herz an ein Mädchen verlor von dem alles ihn
schied was in der Meinung der Welt als Schranke gilt Glauben Sie Ihr Bruder
hätte auch dann den Mut gehabt sein Glück zu erzwingen«
»Gewiss Dann erst recht«
»Nein Komtesse Und sicher nicht wenn seine Neigung von jener Art gewesen
wäre die jede Lebensfaser bewegt wie eine rein klingende Saite und den ganzen
Menschen erhebt auch wenn sie jede Hoffnung in ihm zerdrückt Wie hätte er das
lachende Spiel missbrauchen dürfen mit dem sich Jugend zu Jugend findet Und
wenn ein Schimmer von Neigung im Herzen jenes Mädchens für ihn erwachte Hätte
er diesen Funken mit einem Sturmhauch der Leidenschaft zum Feuer anfachen
sollen das auflodert um wieder zu erlöschen wenn die Ernüchterung kommt
Hätte er versuchen sollen im ersten Rausch die Geliebte an sich zu reißen
Hätte er sie bereden sollen ihm Namen und Rang zu opfern die sorglose
Behaglichkeit im Elternhaus und die Liebe des Vaters der einer solchen
Verbindung seine Zusage nie erteilt hätte Und was hätte er zum Tausch für
dieses Opfer bieten können Den seligen Taumel einer kurzen Zeit Und hinter den
rosigen Wochen eine Reihe von Jahren voll von jenem bitteren Kampf der die
beginnende Laufbahn jedes ernstaft strebenden Künstlers erfüllt Es führt nicht
jeder Kampf zum Siege Wenn ihm vor der Zeit die Kraft versagte Wenn in diesem
aufreibenden Kampf sein Talent in Stücke fiel Wenn das einzige unterginge was
er der Geliebten als Dank für alle Opfer gern geboten hätte den Stolz auf das
Können ihres Mannes den Glauben an ihn die Hoffnung auf eine Zukunft in Ruhm
und Ehre Was dann Über die Geliebte die Möglichkeit eines solchen Glückes
heraufzubeschwören nein Komtesse das ist nicht Mut der Liebe das wäre der
Mut eines Diebes«
Die Wangen in heißer Glut jeden Zug gespannt in lauschender Erregung war
Kitty neben Forbeck hergegangen Nun hob sie den Blick »Ja Herr Forbeck Jetzt
versteh ich Alles« Ihre Stimme schwankte »Aber dann Das ist doch kein Ende
Ich will wissen was mit ihm geschieht«
»Sein Leben wird hart sein nicht hässlich« Er vermied ihre Augen »Liebe
ist ein Glück auch wenn sie einsam bleibt Er hat den Trost seiner Arbeit
seiner Kunst Vielleicht erfüllt sie ihm doch eine Hoffnung seines Lebens und
trägt ihn auf stolze Höhe so dass er nach Jahren von sich sagen kann Ich habe
den Kampf nicht gescheut in dem nur ich allein verlieren konnte ich hatte den
Mut auch für den steilsten Weg und in diesen Jahren der Wandlung ist in mir nur
eines sich gleichgeblieben«
Kitty nickte »So wird es kommen Mit ihm Das weiß ich Aber was soll mit
ihr geschehen Das ist doch verzeihliche Neugier Nicht Also Sie haben doch
selbst den Fall gesetzt dass sie ihm gut war wenn Sie auch vermuten dass es
nur so ein kleines winziges Feuerchen wäre«
»Die Zeit wird es löschen Sie wird vergessen«
»Vergessen So Das wäre allerdings bequem Da hätte die Geschichte freilich
ein Ende«
Die Bahnuhr schlug die halbe Stunde und tönend schwammen die beiden Klänge
durch die weite Halle
Erschrocken sah Forbeck auf »Verzeihen Sie Komtesse ich habe vergessen
Sie schickten mich doch um nach dem Fahrplan zu sehen Wir müssen eilen wenn
Sie noch zurechtkommen wollen Da drüben ganz am Ende der Halle steht Ihr Zug
er geht in wenigen Minuten«
»Ich weiß Zwei Uhr achtunddreissig« sagte Kitty und beschleunigte ihren
Gang
»Sie wissen«
»Natürlich Es war doch nur ein Vorwand als ich Sie wegschickte Ich hoffe
Sie nehmen mir das nicht übel Aber Tas und wir beide zusammen das hätte doch
Veranlassung gegeben zu allerlei unbequemen Fragen Und da wäre doch jetzt nicht
die Zeit gewesen um das aufzuklären Nicht wahr« Sie blieb stehen und bot ihm
die Hand »So Jetzt ist alles klar zwischen uns Jetzt flink oder ich versäume
den Zug«
Rasch durcheilten sie die Breite der Halle Das zweite Zeichen war schon
gegeben als sie den Zug erreichten Der Schaffner mit welchem Kitty vor einer
Stunde in München angekommen war begleitete auch den Zug mit dem sie die
Rückreise antrat er erkannte sie und lief um einen Wagen erster Klasse zu
öffnen
Forbeck war in nervöser Erregung »Es wird Nacht bis Sie in Hubertus
ankommen und es macht mir Sorge dass Sie allein reisen«
Sie lächelte halb erfreut halb verlegen »Ich muss allein reisen gerade
jetzt Und was sollte mir zustossen Fünf Stunden sitz ich ruhig im Kupee dann
nehm ich mir einen Einspänner und kutschiere gemütlich nach Hause«
Forbeck schien nicht beruhigt »Wenn Sie gestatten wollten dass ich in einem
anderen Kupee «
»Ach Unsinn Das am allerwenigsten Das wäre noch unbehaglicher Aber ich
danke Ihnen« Sie wollte ihm die Hand reichen
Der Schaffner mahnte »Höchste Zeit gnädiges Fräulein«
Kitty sprang so flink in den Wagen dass die jähe Trennung fast den Anschein
einer Flucht gewann Forbeck benützte diesen Moment um dem Kondukteur ein
Goldstück in die Hand zu drücken »Bitte nehmen Sie sich der jungen Dame an und
sorgen Sie dafür dass niemand sie stört«
Der Schaffner machte eine tiefe Reverenz und schloss mit auserlesener
Vorsicht die Wagentür
In der einen Hand den Hut mit der andern an der Uhrkette nestelnd sagte
Forbeck tonlos »Darf ich bitten Fräulein von Kleesberg zu grüßen und ihr zu
sagen dass ich die viele Freundlichkeit die sie mir erwiesen nie vergessen
werde«
»Ja Herr Forbeck das sag ich ihr Und das wird ihr Freude machen Tante
Gundi hat Sie sehr liebgewonnen sehr Für Ihren Gruß wird sie sich persönlich
bei Ihnen bedanken sobald wir nach München kommen in drei bis vier Wochen«
Kitty verschwand erschien aber gleich wieder am Fenster mit dem Jammerschrei
»Um Gottes willen Wo ist denn mein Koffer« Als sie das fassungslose Entsetzen
gewahrte von welchem Forbeck befallen wurde fing sie herzlich zu lachen an
»Na also da haben Sie jetzt ein bisschen Arbeit Das wird Sie wohltuend
zerstreuen«
Der Pfiff der Lokomotive und ein rasselnd durch die Wagenreihe zuckender
Stoß unterbrachen ihre Worte In jäher Bestürzung streckte sie die Hand aus dem
Fenster »Herr Forbeck« Das klang wie verzehrende Angst »Auf Wiedersehen«
Er brachte kein Wort heraus als er hastig ihre Hand erfasste Kittys Finger
klammerten sich um die seinen und während er neben dem rollenden Wagen herlief
hing sein dürstender Blick an ihrem verstörten Gesicht
Der Wagen bekam es eilig die beiden Hände mussten sich lassen
7
»Tut mir leid aber der Herr is net daheim« So hatte als das Lieserl in der
Nacht am Doktorhaus die Glocke gezogen die Haushälterin des Arztes aus dem
Fenster gerufen »Um neune am Abend hat er in d Färleiten müssen« Das war ein
einsam gelegener Bauernhof zwei Stunden vom Seedorf entfernt »Wenn er
heimkommt schick ich ihn gleich Wer is denn krank bei dir«
Lieserl an allen Gliedern zitternd gab mit erwürgter Stimme die Antwort
»Der Mutter is net gut«
»Es wird net so arg sein Sie soll sich derweil an Tee machen In der Fruh
kommt der Herr Doktor schon«
Das Fenster klirrte und Lieserl trat den Heimweg an Ihre Tränen waren
versiegt ihre Angst verwandelte sich in dumpfe Erschlaffung Wie Blei lag es
ihr in den Knien Schließlich begann sie aber doch zu laufen weil die tiefe
Finsternis sie gruseln machte dazu hatte sie die Empfindung als striche ihr
jemand mit eiskalter Hand über das Gesicht Und das eintönige Rauschen das
neben der Straße aus der tiefen Schlucht der Ache klang weckte in ihr die
Vorstellung einer Gespensterstimme
Als sie heimkam sah sie an den ebenerdigen Fenstern alle Läden geschlossen
Sie hörte ersticktes Schluchzen und gewahrte auf der Hausbank einen schwarzen
Klumpen an dem sich eine weiße Schürze bewegte Vor Erschöpfung taumelnd
umklammerte Lieserl den Arm der Mutter und lallte dass sie den Doktor nicht
daheim gefunden
»Lieserl« schluchzte die Zaunerin und zog die Tochter auf ihren Schoss »So
a Glück hätt dir zustehn können Und so an Unglück muss kommen über uns O du
mein armes verlassens Kinderl Da hätt jetzt auch kein Doktor nimmer gholfen«
»Mar und Joseph« kreischte Lieserl und verbarg unter Zittern das Gesicht
am Hals der Mutter
So saßen sie und weinten miteinander Endlich versuchte die Zaunerin das
Mädel aufzurichten »Komm ich führ dich in d Stuben eini Schau ihn an dein
armen Schatz wie er daliegt so lieb und schön«
Die Stubentür war halb geöffnet und man sah den Tisch mit der Hängelampe
darüber die einen hellen Lichtkreis über die Dielen warf Auf einem Sessel
mitten in der Stube stand eine irdene Schüssel mit rot gefärbtem Wasser in dem
ein blutfleckiger Lappen schwamm Gebrochen mit käsigem Gesicht saß der
Zaunerwastl auf der Ofenbank als die Meisterin und das Lieserl über die
Schwelle geschlichen kamen zuckte es in seinen Fäusten und mit irrem Blick
streifte er das Sofa auf dem der Tote lag in der schmucken Uniform mit den
blinkenden Knöpfen den seitlich geneigten Kopf in die Kissen versunken Das
hübsche junge Gesicht das sorgfältig vom Blut gereinigt war zeigte einen
gutmütigen fast knabenhaften Ausdruck
Vom Arm der Mutter umschlungen stand Lieserl vor dem Toten mit
aufgerissenen Augen von einem Schauer gerüttelt dass ihr die Zähne klapperten
»Schau Lieserl da liegt er« schluchzte die Zaunerin »Druck ihm die
lieben Äugerln zu Der hats verdient um dich«
Meister Zauner wurde unruhig
Von der Mutter geschoben näherte Lieserl sich dem Sofa Als ihre Finger die
Lider des Toten berührten wich sie zurück und schlug die Hände vor das Gesicht
»Mutter Ich fürcht mich vor ihm«
Da sprang der Zauner auf mit geballten Fäusten »Naus« schrie er in seinem
Zorn dass ihm der Schaum vor die Mundwinkel trat »Naus zu Stuben Du Solang er
glebt hat hast dich net gforchten Gelt Da hast scharwenzeln können und s
Fenster sperrangelweit aufreißen Und jetzt tät dir grausen vor ihm Naus zur
Stuben du Fratz du gottvergessener Oder ich vergreif mich an dir«
Lieserl die Arme über den Kopf schlagend floh aus der Stube zum erstenmal
im Leben hatte sie Angst vor ihrem Vater
»O du grundgütiger Heiland« kreischte die Zaunerin »So was von
Gemütlosigkeit is mir meiner Lebtag noch net unterkommen Lieserl Mein arms
Lieserl« Sie wollte ihrem misshandelten Kinde folgen
»Du bleibst« keuchte der Zauner »Mit dir hab ich zreden« Er fasste das
Weib am Arm und warf die Tür zu
Lieserl hatte im Flur die brennende Kerze aufgerafft und rannte wie von
einem Gespenst gejagt über die Treppe hinauf in ihr Stübchen Zitternd schob
sie den Riegel vor schloss in scheuer Hast das Fenster das noch immer offen
stand und trug den Leuchter zum Spiegeltisch Ihr Blick fiel in das Glas und
sie sah die roten Flecken an ihrer Brust und am Ärmel Von Grauen befallen riss
sie das Leibchen herunter eine Hafte verfing sich am Nacken in ihrem Haar und
das verursachte ihr solchen Schreck dass sie aufschrie und in blinder Angst
immer zerrte bis ihre Zöpfe sich lösten Unter einem Zähneschauer riss sie die
Tür wieder auf schleuderte das Leibchen in den dunklen Flur hinaus und
schlenkerte die Finger wie ein zu Tod erschrockenes Kind das sich im Spiel mit
dem Feuer die Hände verbrannte In Rock und Schuhen das Gesicht von Angst und
Erschöpfung entstellt warf sie sich über das Bett es war aufgedeckt und frisch
überzogen wie vor hohem Feiertag nur die Kissen fehlten
Lautloses Schluchzen erschütterte den Körper während sie den Kopf in das
flaumige Oberbett vergraben hielt So hörte sie keinen Laut obwohl man aus der
Stube herauf den Klang der wechselnden Stimmen vernehmen konnte
Tritte polterten im Flur und die Haustür knarrte Über die Fenster des
Stübchens zuckte ein unruhiger Schein als ginge man mit einer Laterne gegen die
Straße Eine halbe Stunde herrschte tiefe Stille da drunten dann wurde die
Haustür geschlossen und müde Tritte schlurften über die Treppe herauf
Die Zaunerin kam in das Stübchen geschlichen Ein Bild des Jammers fiel sie
neben dem Bett auf einen Sessel Nach einer Weile strich sie scheu mit der Hand
über Lieserls entblößte Schulter »Jetzt musst dich nimmer fürchten Er is schon
ausm Haus«
Das Mädel fuhr auf stierte die Mutter an und verbarg das Gesicht wieder in
den Federn
»Der Vater hat gmeint es könnt dem gnädigen Herrn lieber sein wenn d Leut
sagen s Unglück is auf der Straßen gschehen lieber als wenn s Geschrei
umanand ging er is am Zaunerlieserl ihrem Fenster ausgrutscht Es wär auch
besser für dich wenn die Sach vermankelt wird Soviel Ehr dass der junge Herr
Graf seine gnädigen Augen zu dir erhoben hat Aber d Leut fassen so was
gspassig auf Da könntst an Treff kriegen fürs Leben Und der Vater hat gar net
denkt an dich Nur allweil an gnädigen Herrn Grafen Und drum hat er den armen
Kerl abitragen in Seebachgraben und hat ihn hingelegt als ob er in der Nacht
über d Straßen naustreten wär und hätt sich derfallen Und jetzt is er fort
der Vater und is auffi zum gnädigen Herrn in d Jagdhütten Der wird Augen
machen«
Seufzend blies die Zaunerin den Atem aus und ihre Zähren begannen wieder zu
fließen Nach einer stummen Weile erhob sie sich und drückte stöhnend die Fäuste
in den Rücken »Jetzt muss ich sauber machen drunt Und sei gscheit Lieserl tu
dich ordentlich niederlegen Es kommt der Tag schon bald und a paar Stünderln
Ruh musst haben sonst kann dirs morgen jeder Mensch vom Gsichterl ablesen dass
was passiert is Geh sei gscheit Ich hol dir dem Vater seine Kopfpolstern
ummi Der braucht s heut nacht sowieso net« Sie verschwand und erschien
wieder unter jedem Arm ein bauschiges Kissen Mit umständlicher Sorgfalt machte
sie das Bett zurecht und entkleidete das feine Lieserl das stumm und willenlos
alles mit sich geschehen ließ »So du arms Hascherl Jetzt tu dich einihuscheln
in d Federn Und s Lichtl lass ich brennen Dass dich net fürchten tust«
Zärtlich streichelte die Zaunerin das blasse Gesicht ihres Kindes
zerdrückte mit der Faust eine schimmernde Mutterträne und humpelte seufzend aus
der Stube
Schaudernd schmiegte sich Lieserl in die Kissen und zog das Deckbett über
die Ohren
Die Stunden versickerten und vor den Fenstern des Stübchens begann der
erwachende Tag zu glänzen
Mutter Zaunerin erschien mit nasser Schürze und mit Händen die von der
Kälte des Wassers gerötet waren Der süße Trost den in allem Leid die Arbeit
bietet schien sich auch ihr erwiesen zu haben Sie war gefasst »So Lieserl A
traurigs Gschäftl hab ich gehabt Aber drunt is wieder alles in Ordnung Jetzt
kann ins Haus kommen wer mag Keiner wird merken dass da was gschehen is Vor
die Leut heißts Obacht geben Wir zwei unter uns können reden drüber was für a
Glück uns zugstanden wär wenns mögen hätt«
Mit diesen Reden »unter uns« machte die Zaunerin gleich den Anfang und
erörterte unter Seufzern jede Hoffnung die das »arge Unglück« so jäh vernichtet
hatte »Schau liebs Kindl ich will dir gewiss kein Fürwurf machen Aber hättest
Vertrauen zu deiner Mutter gehabt wer weiß wies gangen wär Und red doch
endlich amal a Wörtl Es könnt mich trösten wenn ich wüsst wie alles kommen
is«
Lieserl schüttelte heftig den Kopf und vergrub das Gesicht in die Kissen
Aber die schmerzvolle Neugier der Zaunerin gab keine Ruhe mehr bis sie gestillt
wurde Lieserl musste erzählen ob sie wollte oder nicht
Es wuchs der Tag vor den Fenstern Und wie das Licht da draußen in alle
Winkel des Tales drang so schlich sich auch ein verklärender Strahl in Lieserls
dunkle Liebesgeschichte Sie schien es selbst nicht zu merken dass sie beim
Erzählen mehr als bedenklich von der Wahrheit abirrte die Verstörteit ihres
hübschen Grübchengesichtes begann sich zu mildern und während ihre dunklen
Kirschenaugen in schwärmerischem Kummer blickten verwandelte Lieserl sich vor
der Mutter in die makellose des tiefsten Mitleids würdige Heldin eines
sentimentalen Romans der die Zaunerin zu Tränen rührte
Im Verlaufe des vorletzten Kapitels das im abendlichen Walde spielte und
eines Kniefalls mit heißen Liebesschwüren des unglücklichen Helden Erwähnung
tat ließ sich Lieserl ihr Röckl reichen und holte aus der Tasche ein
zusammengeknüpftes Tüchl hervor Über der Bettdecke löste sie den Knoten und
hielt der Mutter auf flacher Hand den funkelnden Rubin entgegen »Da schau
Mutter Den kostbaren Edelstein hat er mir gschenkt Soviel is unser Haus und
Garten net wert« Das war eine poetische Übertreibung aber sie fand den
sprachlos staunenden Glauben der Zaunerin »Und gschworen hat er mir dass er
mich lieber hätt als alles auf der Welt« Tränen erstickten ihre Stimme
»Der gute liebe süße Mensch« Vor Rührung Schmerz und freudiger
Überraschung einem Weinkrampf nahe warf die Zaunerin sich an die Brust ihres
Kindes »Lieserl Lieserl Dös kostbare Blutströpfl musst in Ehren halten und am
Halserl tragen wie an Ammalett zum ewigen Andenken bis zu deiner seligen
Todesstund«
Tod Das üble Wort jagte einen Schauer über Lieserls Nacken »Ich bitt dich
red net allweil vom Sterben« greinte sie und wand sich aus den Armen der
Mutter
Die Zaunerin klagte weiter »Du mein arms unschuldigs Kindl du Der hätt
dich gheirat Lieserl Du Frau Gräfin Und ich als GräfinMutter Und jetzt is
alles aus Und wer kann wissen ob s Unglück schon an End hat Völlig grausen
tuts mir wenn ich dran denk was da für Sachen aussiwachsen können Und wer
muss leiden drunter Du Lieserl Allweil der Unschuldig Dös is die Grechtigkeit
auf der Welt Gott behüt uns vor so was« Die Zaunerin schlug ein Kreuz Dazu
hatte sie den rechten Augenblick gewählt denn das Morgengeläut der
Kirchenglocke begrüßte den neugeborenen Tag
Lieserl schien von der Angst der Mutter angesteckt »Was soll mir denn
gschehen können«
»D Leut Lieserl Die schlechten Leut Wär alles gut nausgangen s ganze
Dorf wär zersprungen vor lauter Neid Aber jetzt Weil alles schief gangen is
Wann der Vater die Gschicht net gut vermankelt rucken d Leut mitm Gspött und
mit der boshaften Gaudi über uns her dass man sich in Erdboden verschliefen
möcht Verschandeln werden dich d Leut kein guts Haar mehr lassen s an deiner
Ehr Und hängen bleibts an dir Dein Leben lang Herrichten werden dich d
Leut dass dich keiner mehr anschaut auf der ganzen Welt Und sitzen bleibst Ich
sag dirs Lieserl ich weiß net was ich drum gäb wenn gschwind einer da wär
der dich vom Fleck weg auffiführen tät ins Pfarrhaus«
»Aber Mutter« stammelte das Mädel dem die finstere Logik der Zaunerin mit
Schrecken einzuleuchten schien »Wo soll denn gschwind einer herkommen«
Die Phantasie der Mutterliebe machte über allen Jammer hinüber einen
Löwensprung »Der PointnerAndres«
Als Lieserl den Namen hörte fuhr sie aus den Kissen und spie zur Erde
»Lieserl Ich sag dirs Tu dich net versündigen Oder willst dein Glück
verklämpern« jammerte die Zaunerin »Ich hab dirs allweil gesagt Halt dir den
Andres warm Er is net der schlechteste Der schönste Hof im ganzen Ort Und der
Steinbruch der zum Hof gehört is die reinste Goldgruben Aber allweil is noch
nix verspielt Der Andres is völlig narrisch vor lauter Lieb zu dir Da täts
dich nur a Wörtl kosten und alles wär in der schönsten Ordnung Meiner Seel
wenn ich wüsst wo ich den Andres find auf der Stell tät ich reden mit ihm«
»Mutter« lallte Lieserl zu Tod erschrocken »Lieber sterben als so was von
Schlechtigkeit verüben«
»Schlechtigkeit Was Schlechtigkeit« Das Wort schien die Zaunerin zu
reizen »s ganze Leben ruinieren und Sorg und Elend über d Mutter bringen Dös
wird wohl Schlechtigkeit genug sein« Warnend erhob sie den Finger »Sei gscheit
Lieserl Oder willst es drauf ankommen lassen dass dich der Andres auch nimmer
mag Und dass dich der Miserabligste im Ort nimmer anrühren möcht mitm Stecken
Ah na Da is d Mutter noch da Auf der Stell schau ich dass ich den Andres
find Und dir Lieserl sag ich Sei gscheit« Die Tochter mit einem letzten
warnenden Blick bedenkend strebte das kummervolle Mutterherz der Zaunerin zur
Tür hinaus
»Ich tus net Und ich tus net« kreischte Lieserl und sprang wie in einem
Anfall von Wahnwitz aus dem Bett »Und net um d Welt Und net um alles Lieber
sterben Pfui Teufel Mutter Mir graust« Sie riss die Tür auf um die Mutter
noch einzuholen Da sah sie auf der Flurdiele das blutige Leibchen liegen Von
kaltem Grauen geschüttelt taumelte sie zurück und warf als hätte sie ein
Gespenst gesehen die Tür ins Schloss
Ein paar Minuten später zappelte die Meisterin aus dem Haus einen
Henkelkorb am Arm mit einem wollenen Umschlagtuch
Es war noch früh am Morgen aber das Leben des Dorfes erwachte schon Blauer
Rauch stieg aus den Schornsteinen von den zerstreuten Höfen hörte man Geräusch
und Stimmen die Hunde schlugen an auf der Straße rasselte ein Leiterwagen und
aus dem Park von Schloss Hubertus dessen Baumkronen von grauem Nebel umsponnen
waren klang von Zeit zu Zeit ein gellender Adlerschrei
Die Zaunerin hatte es eilig Sie achtete der schweren Nässe nicht die sie
mit dem Rocksaum von den weissbetauten Gräsern streifte
Schnaufend erreichte sie das Pointnerhaus ein stattliches Gebäude in
weitläufigem Hofraum Beim Brunnen stand eine Magd und freundlich rief die
Zaunerin über die Staketen »Guten Morgen Franzi Zeitig bist auf«
Die Magd lachte »Wär net schlecht wenn ich d Sonn verschlafen möcht«
»Ja ja a fleissigs Haus der Pointnerhof Der Bauer is wohl auch schon lang
bei der Arbeit«
»Da hast recht Der Alt is am Feld draußen und der Jung schafft schon seit
in der Fruh um fünfe im Steinbruch«
»So So Bhüt dich Gott«
Die Zaunerin eilte weiter Ihr Weg ging durch ein Laubgehölz dessen Blätter
sich schon gelblich zu färben begannen Ein mit Quadersteinen beladener Wagen
kam ihr entgegen sie hörte einen Sprengschuss und vernahm das dumpfe Getös des
fallenden Gesteins
Die Bäume lichteten sich und vor der Zaunerin lag der tief in den Berghang
eingewühlte Steinbruch Über der kahlen Wand verzog sich der Pulverdampf des
letzten Sprengschusses während am Fuß der Felsen zwischen klotzigen Trümmern
drei Arbeiter mit klingenden Hammerschlägen schon wieder die neuen Sprenglöcher
in das Gestein meisselten Im Schotterfelde standen zwei Wagen der eine schon
mit Steinen befrachtet während der andere beladen wurde vier Männer waren hier
bei der Arbeit unter ihnen der PointnerAndres Er hielt die Schulter gegen
einen eisernen Hebel gestemmt und wälzte einen schweren Stein auf den ächzenden
Wagen hinauf Als die Zaunerin sich näherte rollte der Block an seinen Platz
Andres wischte mit dem Hemdärmel den Schweiß von der Stirn nun gewahrte er das
Weib ließ den Arm fallen und sperrte die Augen auf
»Guten Morgen Andres Fleissig« nickte die Zaunerin mit großer Herzlichkeit
und ging vorüber
Sie kannte den Andres und brauchte nicht das Gesicht zu drehen um zu
wissen dass er ihr folgen würde Als sie den Wald erreichte kam ihr der junge
Pointner mit schweren Schritten nachgetappt verlegen erregt wie ein hungriges
Kind das die Mutter mit gefülltem Körbchen vom Bäcker kommen sieht
»He Meisterin Wohin denn«
Die Zaunerin blieb stehen und hatte eine Ausrede flink bei der Hand Ein
paar Reden wurden gewechselt und mit einer scheuen Frage nach Lieserls Befinden
brachte der Andres selbst das Gespräch auf den Weg um den es der Zaunerin zu
tun war
»Geh du Fragen kannst auch noch« schmollte sie als wäre sie dem Andres
aus irgendeiner Ursache bitterbös und könnte ihm doch nicht gram sein
Diese dunkle Einleitung brachte den jungen Pointner aus seiner ohnehin recht
zweifelhaften Ruhe »Du Was machst denn für Augen«
»So Merkst es Wann ich dich net so gern hätt möcht ich dir am liebsten d
Ohrwascheln ausm Kopf reißen vor lauter Zorn Ja dir Mein Madl so
schikanieren Da hört sich doch alles auf«
Dem Andres versagte vor Verblüffung die Sprache Seine klobigen Fäuste
zitterten mit offenem Mund und großen Augen starrte er die Zaunerin an und
Röte und Blässe wechselten auf seinem ungeschlachten Gesicht »Wie Was denn
Ich hab dem Lieserl kein unguts Wörtl net geben Soviel dürsten tut mich nach
dem Lieserl Allweil lachen mich d Leut drum aus Und s Lieserl is soviel
unfreundlich Allweil sagts mir dass ihr keiner auf der Welt so zwider wär wie
ich« Andres strich mit den Händen übers Haar und seufzte schwer
»Du Zwider Dem Lieserl« Die Zaunerin stellte den Korb zu Boden und schlug
die Hände über dem Kopf zusammen »Bist denn du mit Blindheit gschlagen Da muss
ich schon aussi mit der Sprach« Nun ging es weiter wie ein klapperndes
Mühlwerk Ohne sich eine Kunstpause zu vergönnen spielte die Zaunerin ihre
strohdumme Komödie zu Ende Jeder andere wäre stutzig geworden Aber der
PointnerAndres war blind trotz seiner scharfen Augen Er war gewiss kein großes
Geisteskind aber auch nicht dumm nur eben verliebter als für ihn gesund war
Um die heißen Kohlen in seinem Herzen zur Flamme anzublasen hätte es gar nicht
dieses langen Märchens von der unverstandenen Liebe bedurft von Lieserls
bleichen Wangen und ihren schlaflosen Nächten von den heißen Tränen bei denen
die Zaunerin ihr armes Kind überraschte von Lieserls Beichte am Mutterherzen
und von ihrem verzeihlichen Groll über den PointnerAndres »der halt gar net
Ernst macht« Hätte die Zaunerin statt dieses langen Schwindels nur kurzweg
gesagt »Komm Andres Zum Lieserl« sie hätte die gleiche Wirkung ebenso
sicher erzielt nur um vieles rascher
Der baumschwere Mensch zitterte an allen Gliedern seine Augen glänzten und
so lange Schritte machte er dass ihm die Zaunerin kaum zu folgen vermochte Und
wie er den Kopf trug wie seine schwere Gestalt sich reckte
Weniger hoffnungsfreudig war das Antlitz der siegreichen Mutter anzusehen
unruhig huschte ihr Blick nach allen Seiten und als die Straße erreicht war
guckte sie scheu in die Seebachschlucht hinunter aus deren Schattentiefe dünne
Wasserdünste sich emporkräuselten in die sonnige Morgenluft
Die Beklemmung von der die Zaunerin befallen war schien sich einigermaßen
zu lösen als sie vor dem PointnerAndres das Staketentürchen öffnete Mit
wichtigtuender Geheimniskrämerei führte sie den Burschen ins Haus und ließ ihn
in die Stube treten deren Dielen frisch gescheuert waren und noch feuchte
Flecken hatten
Während Andres mit unbehilflicher Verlegenheit immer seine klobigen Hände
abstaubte und auf dem Sofa Platz nahm stolperte das mütterliche Schicksal über
die Stiege hinauf Beim Eintritt in Lieserls Stübchen nickte die Zaunerin
befriedigt vor sich hin als sie die Kammer geordnet und das Mädel auf einem
Sessel sitzen sah zwar blass wie eine geknickte Lilie doch zierlich frisiert
und mit Sorgfalt gekleidet
»Gut gehts Herzerl Er is schon da«
Lieserl schluckte und ihr farbloses Gesicht verzerrte sich als hätte man
ihr eine gallenbittere Medizin gereicht »Na Mutter Net um alles in der Welt
Ich geh net nunter in d Stuben«
Über dieses Hindernis kam die Zaunerin flink hinüber »So wart a bissl ich
hol ihn auffi« Drunten auf der Stubenschwelle brauchte sie nur mit dem Finger
zu winken und der Andres kam Als er den Flur des oberen Stockes erreichte sah
der im elterlichen Haus an strenge Ordnung gewöhnte Bursch auf den Dielen das
Leibchen liegen für das die Zaunerin kein Auge hatte Er hob es auf und legte
es über das Stiegengeländer Auf dem Boden blieb ein matter bräunlicher Fleck
zurück als hätte durch lange Zeit ein rostiges Eisen auf dem Brett gelegen Die
Zaunerin klinkte inzwischen die Tür auf und tuschelte schelmisch in das
Stübchen »Lieserl Schau wer da is« Kichernd ließ sie den Burschen über die
Schwelle
Mit verstörtem Gesicht stand Lieserl an die Mauer gelehnt »Aber Mutter«
stotterte sie und schlug den Arm über die Augen
»No also jetzt red« sagte die Zaunerin zum jungen Pointner Doch Andres
stand wie angewurzelt und wusste nicht was er sagen sollte »Wenn dir s Glück
die Red verschlagt« meinte die Zaunerin »so mach halt kurzen Prozess und gib
ihr a Bussel a richtigs« Sie versetzte dem Andres einen Puff in den Rücken
und um dem schwerfälligen Freier diesen »kurzen Prozess« zu erleichtern ließ sie
ihn mit der Braut allein
Draußen an der Tür blieb sie stehen und wollte das Ohr an die Bretter
drücken Da hörte sie das Knarren der Haustür und Schritte im Flur Unwillig
humpelte sie über die Stiege hinunter und als sie den Doktor sah bekam sie
einen fürchterlichen Schreck Aber gleich die ersten Worte des Arztes ließ sie
die Ausflucht erraten die das Lieserl in der Nacht gebraucht hatte Nun fand
die Zaunerin flink ihre Sprache wieder drückte die Hände auf den umfangreichen
Magen und schilderte die »grausamen Schmerzen« von denen sie in der Nacht
geplagt worden wäre
Der Doktor fühlte der Zaunerin den Puls ließ sich die Zunge zeigen und
schien den »bösen Anfall« nicht sonderlich ernst zu nehmen
Als er am Tische saß und der Kranken das Abführmittel verschrieb kamen
Schritte über die Treppe herunter und auf der Schwelle erschien ein Paar
Lieserl bleich und scheu der junge Pointner mit lachendem Gesicht Er sah wie
ein stolzer Preisstier aus dem nur der Blumenkranz und die Hörner fehlten
Da konnte nun der Doktor Zeuge des »ehrsamen Verspruches« sein zu dem das
ZaunerLieserl ihre kleine weiße zitternde Hand in die braune schwielige
Riesenfaust des PointnerAndres legte
Während die Zaunerin vor Freude in die Schürze heulte und der alte Doktor
dem jungen Paar seinen Glückwunsch sagte ging draußen vor den Fenstern ein
Fischer vorüber er hielt die Forellengerte unter dem Arm und spiesste seinen
Wurm an die Angel dann verließ er die Straße und betrat einen schmalen Steig
der in die Seebachschlucht hinunterführte
8
Der ZaunerWastl erreichte auf seinem Weg zur Jagdhütte bei Tagesanbruch die
Almen Erschöpft und keuchend ließ er sich am Wegrain auf einen Baumstock nieder
und drückte die Fäuste auf seine arbeitende Brust während er den sorgenvollen
Blick über den steilen stundenlangen Weg emporgleiten ließ den er noch
zurückzulegen hatte Auf dem Almfeld sah er ein altes gebücktes Bäuerlein in
langem Sonntagsrocke bergwärts steigen Wer kann das sein Was will der fremde
Bauer da droben Es sieht fast so aus als ginge er den gleichen Weg da hinauf
zur Jagdhütte
Die Jagdhütte Dieses Wort ließ den Zauner wieder an die eigenen Sorgen
denken Wie sollte er vor den gnädigen Herrn Grafen hintreten Was sagen um den
Vater der den Sohn verloren nicht schon mit dem ersten Wort ins Herz zu
treffen Meister Wastl nahm den Kopf zwischen die Hände Und während er darüber
nachsann wie er seine Unglücksbotschaft einleiten könnte vernahm er aus der
fernen Höhe einen rollenden Hall
Es war das Echo eines Schusses
Diesen Schuss hatte Graf Egge abgegeben Und das Wild dem der Schuss
gegolten war der »abnorme« Rehbock dem zuliebe Graf Egge am verwichenen Morgen
den Abstieg nach Hubertus unterbrochen hatte
Schipper der das seltsame Wild ausgespürt und seinen Herrn auf dem
glücklich geratenen Pirschgang begleitet hatte gratulierte lachend als der
Rehbock im Feuer stürzte »No also da liegt er Wünsch Glück Herr Graf Hab
ichs net gesagt Sie bleiben net umsonst heroben Gelt es hat sich rentiert
dass der junge Herr Graf allein hat heimmarschieren müssen Wären S mit ihm
abitrappt so hätten S den Bock net Schauen S ihn an Was der für Gwichtl
hat«
Es hätte bei Graf Egge dieser Aufforderung nicht bedurft In der Hand die
rauchende Büchse sprang er auf seine Beute zu Als er das verendete Wild
erreichte und das seltene wertvolle Gehörn in der Nähe sah schwang er im
ersten Ungestüm seiner Jägerfreude das verwitterte Filzhütl wie ein Hüterbub
dem ein Glück vom Himmel herunter ins Herz gefallen So groß war seine Freude
dass er den Jäger mit keiner Hand an den Rehbock rühren ließ Er selber nahm das
Messer um den Bock »aufzubrechen« und ihn mit verschränkten Läufen in die
Tragriemen einzuschnüren Es fehlte nicht viel so hätte Graf Egge seine Beute
auch noch auf den Rücken genommen erst nach längerer Debatte gönnte er dem
Jäger die »Ehre« den Bock zur Jagdhütte tragen zu dürfen »Aber ich geh hinter
dir drein Schritt um Schritt« sagte er »sonst gschieht am End mit dem Gwichtl
wieder so eine Zauberei sie selbigsmal mit der Gamskruck«
Schipper der den Rehbock auf den Rücken schwang hielt es für das beste
diesen Spaß zu überhören
Mit einem Moosbüschel säuberte Graf die roten Hände wischte sie noch ein
paarmal über die Rückseite der Lederhose steckte sein Pfeiflein in Brand und
wanderte hinter dem Jäger her Da hatte er immer das schöne Geweih vor den
Augen
»Du das sag ich dir« unterbrach er das Schweigen »auf der Stell wie wir
in d Hütten kommen wird das Gwichtl runtergsägt und ausgsotten Das kriegt
kein anderer mehr in d Händ Das nimm ich heut selber mit nunter«
»Wollen S denn heut wirklich heim« fragte Schipper über alle
Anzüglichkeit in Graf Egges Worten harmlos hinweggleitend »s Jagdpech is
vorbei und s Glück is wieder einzogen Dös sollten S ausnutzen«
»Eigentlich hast du recht Aber ich muss hinunter Ich habs dem Buben in die
Hand gelobt Jetzt hab ich den Bock jetzt halt ich mein Versprechen«
»Freilich den Grafen Willy den haben S halt gern Da muss alles andre
zruckstehn«
Eine halbe Stunde waren sie gewandert als der Graf er wollte sich zum
Räumen der ausgebrannten Pfeife einen Zweig zurechtschneiden den Abgang seines
Messers bemerkte »Herrgott jetzt hab ich den Knicker am Schussplatz
liegenlassen«
»Ich kehr gleich um«
»Nix da Erst trag du den Bock in d Hütten« Graf Egge zwinkerte mit dem
linken Auge »Vor allem will ich mein Gwichtl in Numro Sicher wissen«
Schipper mochte nun doch die moralische Verpflichtung einer Abwehr fühlen
»Aber Herr Graf Der Franzl is ja nimmer da« Kaum hatte er das ausgesprochen
da schien er schon zu merken dass er eine Dummheit gemacht hatte
Ein Schatten ging über Graf Egges Gesicht und langsam nahm er die erkaltete
Pfeife aus dem Mund »Du Lass du den Franzl in Ruh Im ersten Zorn über andere
Dinge bin ich ungerecht gegen den armen Kerl gewesen Das ist vorbei und nicht
mehr zu ändern Aber du lass ihn in Ruh Du Feiner« Länger hielt Graf Egges
Ernst nicht an er schmunzelte schon wieder und kehrte vom Hochdeutsch das er
gestreift hatte zum Dialekt zurück »Und jetzt du Gauner pass auf jetzt sag
ich dir was Der Lump der selbigsmal die Kruck hat mausen wollen warst du Ja
du Und dass ich mir weiter aus der Sach nix mach dafür kannst du dich bei der
Kruck bedanken Die hat in d Augen gstochen« Graf Egge strich mit der
Pfeifenspitze über den Schnurrbart und lachte »Wärst du der Jagdherr gewesen und
ich der Jäger ich glaub ich selber wär schwach worden Da ich so was begreif
das is die einzig Entschuldigung für dich Und heut der abnorme Bock dazu Die
Gschicht is erledigt In Zukunft schau ich dir besser auf d Finger«
Schipper zeigte das Lächeln eines Gekränkten der keine Galle hat »Der
gnädig Herr Graf belieben seine Spassetteln z machen Dös muss ich mir gfallen
lassen In Gotts Namen« Das Klirren eines Bergstockes ließ ihn talwärts
blicken »Herr Graf da kommt der Patscheider«
»Der kommt grad recht Leg den Bock ab und such mir den Knicker«
Schweigend gehorchte Schipper und sprang davon
Wenige Minuten später tauchte Patscheider aus den Latschen auf der steile
Weg hatte sein müdes bleiches Gesicht nicht zu röten vermocht Er zog den Hut
»Guten Morgen Herr Graf An Schuss hab ich gehört Ah da liegt ja der Bock Ich
gratulier«
»Den schau dir an« sagte Graf Egge mit Stolz und Behagen »Was der für a
Gwichtl hat«
Pflichtschuldig bewunderte Patscheider das schöne Gehörn und als ihm Graf
Egge die Jagdgeschichte mit umständlicher Genauigkeit erzählte schien es der
Jäger aus irgendeinem Grunde gern zu bemerken dass sein Herr in guter Laune war
Sie traten den Heimweg an Nun ging Graf Egge voraus er schien um das
Gehörn des Bockes den Patscheider trug keine Sorge mehr zu haben
Ein paar hundert Schritte waren sie gegangen da guckte der Jäger sich
vorsichtig um und als er den Pfad hinter sich leer wusste sagte er halblaut
»Was Neues wüsst ich Herr Graf«
»Schiess los«
»Dem Franzl is aber Posten anboten worden mit zweihundert Mark mehr im
Jahr als er bei uns gehabt hat Und wissen S wo Bei dem Fabrikherrn drüben
der Ihnen die Grenzjagd weggsteigert hat«
Graf Egges Stirn wurde dunkelrot und seine Augen funkelten »Der Franzl hat
angenommen«
»Gott bewahr Abgschlagen hat er«
»Woher weißt du das« fragte Graf Egge verblüfft
Patscheider machte ein Gesicht als brächte ihn diese Frage in Verlegenheit
»Jetzt muss ich ehrlich aussi mit der Sprach Es is vielleicht net recht dass ich
mitn Franzl noch verkehr seit er bei uns gschasst worden is Aber schauen S
Herr Graf viel Jahr lang haben wir Freundschaft ghalten und erbarmt hat er
mich auch der arme Teufel Gestern hab ich den Franzl heimgsucht Und wies der
Zufall will grad kommt der Brief« Patscheider verschwieg dass der Brief vom
Grafen Tassilo war Alles andere erzählte er Wort für Wort wie die Geschichte
mit dem Brief im Stübchen der Horneggerin sich abgespielt hat »Sei Mutter hat
gweint vor lauter Freud Und ich selber hab gmeint ich müsst ihm zureden«
»So«
»Was will er denn machen Er kann net briwatisieren In der Not greift einer
bald nach allem Aber der Franzl Kasweis is er gewesen im Gsicht Und na hat er
gesagt es müsst rein ausschauen hat er gesagt als ob ich unserm Herrn Grafen im
Zorn an Possen spielen möcht«
Es arbeitete in Graf Egges Zügen »Warum erzählst du mir das«
»Ich hab gmeint es freut Ihnen wann S hören wie der Franzl noch allweil
zu Ihnen halt«
Graf Egge legte die Hand auf die Schulter des Jägers »Ja Patscheider Ich
danke dir« Er wandte sich ab schlug einen Sturmschritt an und wühlte mit
zuckender Hand im Bart
Schon tauchte das Dach der Jagdhütte über einen Rasenbuckel hervor Da
mussten die beiden das breite Kiesbett eines ausgetrockneten Wildbaches
durchschreiten Graf Egge bekam scharfe Steinchen in die Schuhe und das
schmerzte ihn bei jedem Tritt Als er ans Ufer gestiegen war winkte er dem
Jäger vorauszugehen und ließ sich nieder um die Schuhe abzustreifen Das Übel
war behoben aber noch immer blieb er sitzen ließ die Arme übers Knie hängen
und spähte hinunter ins ferne Tal
Kräftig zog der Wind über das sonnbeglänzte Gehänge empor und trug
verschwommene Klänge aus der Tiefe herauf das Geläut der Kirchenglocke Die
Zeit der Messe war vorüber bis Mittag waren noch lange Stunden Warum läutete
man da drunten
Graf Egge erhob sich »Vorwärts Und heim Ich habs ihm versprochen«
Als er vor dem »Palais Dippel« anlangte sah er rechts neben der offenen Tür
den Rehbock liegen und links auf der Hausbank ein altes gebeugtes Bäuerlein
sitzen im langen Sonntagsrock und mit vergrämtem Gesicht
Bei Graf Egges Anblick schien den Alten eine ratlose Erregung zu befallen
scheu blickte er nach allen Seiten erhob sich nahm respektvoll das Hütl ab und
strich das Haar in die Stirn »Recht guten Morgen gnädiger Herr Graf« Seine
Stimme klang als wäre ihm die Kehle zugeschnürt
Misstrauisch betrachtete Graf Egge den Bauer Seine Brauen furchten sich
»Wer bist du Was willst du Kommst du vielleicht wegen Wildschaden Da kehr
nur gleich wieder um Heuer bezahl ich keinen Knopf mehr Dreizehntausend Mark
hab ich heuer schon geblecht Das wird mir auf die Dauer zu dumm Jahraus
jahrein steckt die Gemeinde den schauderhaften Jagdzins ein Und dann kommt noch
jeder von euch und will mich schröpfen bis auf den letzten Blutstropfen
Wildschaden Wildschaden Wildschaden Das nimmt kein Ende mehr Was ich an
Wildschaden bezahlen soll ist zehnmal mehr als meine Hirsche fressen könnten
wenn jeder von ihnen zehn Mäuler hätt Ich kenne den Schwindel Ich weiß wies
gemacht wird Jeder von euch spekuliert auf den Wildschaden wie der Jud auf die
schlechte Ernte Die miserabelsten Äcker die am Wald liegen stehen dreifach im
Preis weil sie sicheren Wildschaden tragen Da wird kein Mist aufs Feld
gefahren verschimmelter Haber und fauler Klee wird ausgesät schandenhalber ein
paar Händ voll Und wenn der Acker leer bleibt heißt es Die Hirsch sind
dagewesen jetzt soll der Jagdherr schwitzen In der Nacht holt so ein Lump die
Kartoffel aus seinem Feld drückt mit einem gestohlenen Hirschlauf den ganzen
Boden voll Fährten an und dann schreit der Schweinehund nach der Kommission
Heiratet ein Bauer seine Tochter aus wer bezahlt ihr die Aussteuer Der
Jagdherr Sogar ins Testament wird der Wildschaden gesetzt wie das sichere Geld
im Kasten Was meine Hirsche fressen ist wertlos für euch Aber was ich dafür
bezahle ist euer bester Verdienst Ja Bauer Euer bester Verdienst Was wäre
denn in dem gottvergessenen Bergwinkel euer Dorf ohne mich und meine Jagd Ein
Bettelnest voll Hungerleider Meine Jagd ist ein Luxus gut Ich bezahl ihn
teuer genug Sechzigtausend Mark jedes Jahr Und wohin verschwindet der Haufen
Geld In euren Sack Das Dorf ist reich geworden an meiner Jagd Aber alles hat
seine Grenzen Ich lass mir nicht die Haut über die Ohren ziehen Endlich wird
mir die Geschichte zu dumm«
Graf Egge der über diese Frage nicht aus ungerechtem Ärger sondern aus
wohlbegründeter Erfahrung sprach hatte sich in heißen Zorn hineingeredet Er
lehnte Gewehr und Bergstock an die Hüttenwand und lüftete die Joppe
»So red Wieviel verlangst du Es scheint du bist ein ehrlicher Kerl ich
seh dirs am Gesicht an dass du wirklichen Schaden hast In solchem Fall hab
ich mich nie geweigert die Tasche aufzuknöpfen Also Wieviel«
Der Bauer schüttelte kummervoll den weißen Kopf »Belieben gnädiger Herr
Graf ich komm net wegen Wildschaden«
Graf Egge sah den Alten verwundert an »Was willst du«
Der Bauer schluckte »Belieben gnädiger Herr Graf ich such mein Buben«
Schweigend trat Graf Egge ein paar Schritte zurück und zwischen seinen
Brauen erschien eine tiefe Furche »Wer bist du«
»Wenn der gnädig Herr Graf belieben wär ich der Mühltaler aus Bernbichl«
Im Küchenraum der Jagdhütte klapperte eine Pfanne die zu Boden gefallen
war Über Graf Egges Gesicht ging ein Zucken des Unbehagens nur flüchtig Dem
Blick des Alten entging das nicht und sein Hütl das er zwischen den Fingern
drehte fing zu zittern an »Der Mühltaler aus Bernbichl« wiederholte er mit
erloschener Stimme »Der gnädig Herr Graf haben mein Namen gewiss schon gehört«
»Nein«
»So So Freilich wenns der gnädig Herr Graf belieben muss mans glauben«
Langsam nickte der Bauer vor sich hin dann hob er die umflorten Augen »Aber an
Buben hab ich gehabt belieben gnädiger Herr Graf den haben S gewiss schon
gsehen amal mein Buben«
»Nein«
»So So Aber einer von Ihnere Jager Net Drum tät ich halt fragen
belieben gnädiger Herr Graf ob ich net a Wörtl hören könnt Bloß an einzigs
Wörtl« Dem Alten kollerten zwei Zähren über die bleichen Backen »Die ganzen
Tag her such ich schon allweil Is a harter Weg gewesen da auffi Aber a Vater
Was tut a Vater net alles«
Graf Egge bewegte die Schultern unter der Joppe »Ich werde nicht klug aus
deinem Gerede Dir ist im Gebirg ein Bub verunglückt«
»Verunglück« Der Bauer starrte zu Boden »Wenn der gnädig Herr Graf
belieben sagen wir halt verunglückt Und so viel druckts mich dass er kei
christliche Ruhstatt net haben soll«
»Du tust mir leid Alter Aber ich begreife nicht warum du zu mir kommst«
»Nur a Wörtl Belieben gnädiger Herr Graf bloß an einzigs Von die Brävern
is er keiner gewesen Vielleicht bin ich selber schuld dran Ich der Vater Weil
ichs ihm net wehren hab können wann er in der Nacht davongschlichen is mitm
Büxl unter der Joppen Aber so viel Straf hat er net verdient dass ihn kein
christlicher Gruß und kein Vaterunser nimmer findt« Die Stimme des Alten
erstickte »Drum tät ich halt recht schön bitten nur an einzigs Wörtl
belieben gnädiger Herr Graf dass ich mein Buben find«
Graf Egge begann ungeduldig zu werden bekämpfte aber noch immer seine
wachsende Erregung »Ich will nicht hart sein gegen dich Aber du redest mir da
einen Verdacht ins Gesicht den ich mir verbitten muss Sei vernünftig Alter
und geh deiner Wege Ich weiß nichts von deinem Buben«
Der Bauer griff mit seiner Zitterhand nach Graf Egges Joppe »Er ist mein
Einziger gewesen belieben gnädiger Herr Graf«
»Lass deine Hände von mir« Da klangen Schritte auf dem nahen Steig Graf
Egge sah den ZaunerWastl auf die Hütte zukommen und fand in diesem unerwarteten
Besuch eine willkommene Ausrede »Ich will meine Leute beauftragen dass sie
Nachfrag halten Jetzt muss ich dich fortschicken Da kommt einer mit dem ich
wichtige Dinge zu besprechen habe« Er wandte sich von dem Alten ab der noch
immer die Hand streckte einen flehentlichen Blick in den heißen Augen »Grüß
dich Gott Wastl« rief Graf Egge ein bisschen unsicher »Gut dass du endlich
kommst Nur gleich herein in die Stube« Da sah er den Ausdruck ratloser Angst
in Meister Zauners Gesicht er stutzte und eine Frage schien ihm auf der Zunge
zu liegen aber mit unbehaglichem Blick streifte er den alten Bauer schüttelte
den Kopf und trat in die Hütte
Auf dem Herd der Küchenstube neben dem flackernden Feuer saß Patscheider
regungslos die Fäuste auf den Knien Er hörte den Grafen in die Stube treten
und hörte einen anderen kommen der an der Hüttenschwelle den Kot von seinen
Schuhen stieß Dann klang aus der Herrenstube die laute Stimme des Grafen und
ein Gestammel des anderen Graf Egges Stimme dämpfte sich verstummte und nur
noch ein Gemurmel des anderen war zu vernehmen In der Stube schienen Dinge
verhandelt zu werden die jedes fremde Ohr zu scheuen hatten Patscheider war
ohne Neugier er lauschte wohl nicht gegen die Herrenstube sondern gegen die
Tür die ins Freie führte Da draußen war manchmal ein müder Seufzer zu hören
ein leises Ächzen der Bank
Jetzt klang aus der Herrenstube ein röchelnder Schrei das Gepolter eines
fallenden Sessels und ein dumpfer Schlag als wäre ein Mensch zu Boden gefallen
Erschrocken sprang der Jäger auf die Tür zu Er hatte sie noch nicht erreicht
als sie von innen aufgerissen wurde und Graf Egge mit verzerrtem Gesicht und
verstörten Augen über die Schwelle taumelte wie ein Erstickender atmend
streckte er die Arme nach freier Luft doch beim ersten Schritt den er über die
Hüttenschwelle tat stand er wie gelähmt und stierte den Bauer an der sich
zitternd von der Hausbank erhob
»An einzigs Wörtl belieben gnädiger Herr Graf Schauen S mich an wie
ich dasteh a Vater der sein Buben sucht«
Graf Egge machte mit der Hand eine sinnlose Bewegung Tief gebeugt wie
unter drückender Last wankte er in die Hütte zurück
»Herr Graf« stotterte Patscheider »Um Gotts willen was haben S denn«
Ohne zu antworten trat Graf Egge in die Stube und drückte hinter sich die
Tür zu
Im Ofenwinkel stand der ZaunerWastl kreidebleich Er wagte sich nicht zu
rühren als Graf Egge auf die Holzbank fiel die Arme über den Tisch warf und
das Gesicht vergrub
Einmal rückte Meister Zauner kaum merklich von der Stelle und dabei
streifte sein Ellbogen die Ofenkante Graf Egge fuhr auf seine trockenen Augen
waren rot gerändert wie von einer Entzündung er maß den stummen Gast hinter
dem Ofen und an seinen Schläfen schwollen die Adern dann griff er an seine
Stirn als müsste er sich auf irgend etwas besinnen und erhob sich mühsam nach
Atem ringend riss er den Hemdkragen auf und machte einen Gang durch die Stube
Vor dem Zauner blieb er stehen und sagte mit zerdrückter Stimme »Es war gut so
wie du es gemacht hast Dich trifft keine Schuld Du bist ein treuer Kerl und
hängst an mir Jetzt geh Ich bleibe bis sie mich holen Lang wirds nicht
dauern Was stehst du noch Geh« Dieses letzte Wort klang hart und scharf
Der ZaunerWastl schluckte schwer und schob sich aus der Stube
Graf Egge ging zur Bank mit heißen Augen ins Leere blickend Da hörte er
draußen den Meister Zauner sagen »Pfüe Gott mitanander« Und eine müde
Greisenstimme antwortete »Pfüet Ihnen Gott«
»Patscheider« schrie Graf Egge wie ein Irrsinniger und seine Hände
schlossen sich zu zuckenden Fäusten
Der Jäger kam
»Schaff mir den Menschen fort Den da draußen« keuchte Graf Egge »Seine
Nähe bringt mich um«
Patscheider nickte und ging
Vor der Hüttentür fand er den Bauer auf der Bank zwischen den Knien einen
kurzen Stecken den die Zitterhände umklammert hielten
»Mühltaler « Dem Jäger versagte die Stimme »Mit dem Herrn Grafen is jetzt
kein Reden net Sind S gscheit und marschieren S in Gotts Namen«
Der Alte schüttelte den Kopf
Patscheider spähte gegen das Stubenfenster fasste den Arm des Bauern und
zischelte »Bloß übers Eck ummi Leben S Ihnen in d Latschen eini dass Ihnen
keiner sieht Nachher komm ich und sag Ihnen was« Rasch wie um der Antwort des
Bauern zu entrinnen sprang er in die Hütte und blieb vor dem versinkenden
Herdfeuer stehen Nach einer Weile hörte er schwere Schritte die sich
entfernten Patscheider trat in die Stube »Jetzt is er fort«
Graf Egge atmete auf Mit steinernem Gesicht wie ein Schlafwandler ging er
in der Stube umher drückte den Hut über das zerwühlte Haar und suchte die
Büchse Sie stand noch vor der Hütte draußen und Patscheider brachte sie ihm
Mechanisch wie vor jedem Pirschgang öffnete Graf Egge den Doppellauf der
Waffe um nachzusehen ob sie richtig geladen wäre Er nickte Und taumelte aus
der Stube
»Wohin Herr Graf« fragte der Jäger in Unruhe
»Heim« Es zuckte um Graf Egges Mund wie das Lächeln eines Verrückten »Ich
habs ihm versprochen Das muss ich halten«
»Die Tür Herr Graf«
Die Warnung kam zu spät Mit rotem Fleck auf der bleichen Stirn wortlos
ohne den üblichen Fluch bückte sich Graf Egge um den Hut aufzuheben der ihm
vom Kopf gefallen war Er drückte den mürben Filz wieder übers Haar und ging
Sein Schritt war schleppend
Patscheider blieb unter der Tür stehen bis er seinen Herrn im Latschenfelde
verschwinden sah Dann trug er den Rehbock in die Küche löschte auf dem Herd
das Feuer und sprang davon Zwischen dichten Latschen blieb er stehen und
räusperte sich Langsam schob der Bauer sich aus den Stauden heraus Patscheider
vermied den Blick des Alten »Mühltaler ich muss enk alles sagen A Vater
derbarmt ein allweil Aber net verraten därfen S mich Machen S mei Familli
net unglücklich«
Der Bauer nahm den Hut ab »Jetzt weiß ich alles Herr Gott gib ihm die
ewige Ruh« Er bekreuzte sich Und nach einer Weile fragte er »Hats denn sein
müssen«
»Er hat anglegt auf mich Man hat sein Dienst und hat Weib und Kinder Da
denkt halt jeder zerst an die eigene Haut«
Der Bauer nickte »Allweil hab ichs ihm gesagt und er hat net hören mögen
Jetzt muss er büßen Und der Vater mit« Langsam hob er die Augen »Wie ich
gmerkt hab tragst die Sach a bissl hart Mensch is Mensch Dös is halt doch was
anders als a Gamsbock«
»Ja Mühltaler«
Wieder standen sie eine Weile schweigend voreinander
»Wo liegt er denn«
»Net weit von der Grenz«
»Hilfst mir ihn ummitragen«
Patscheider zögerte mit der Antwort »A harts Stückl für uns zwei der Vater
und ich der Jager Und gut zum Anschaun wird er auch nimmer sein Aber in
Gotts Namen Dass er sein christlich Begräbnis kriegt Unser Herrgott wird ihm ja
sonst verziehen haben Unser Herrgott is a guter Mann«
Eine Strecke waren sie schon gegangen als der Alte vor sich hinmurmelte
»Net an einzigs Wörtl hat er mir gesagt der gnädig Herr Graf«
»Weil er nix weiß davon Ich hab kei Meldung gemacht«
»So Kei Meldung Bist der richtige Jager der auf seim Herrn nix sitzen
lasst«
Patscheider zog den Bauer in den Schatten eines Latschenbusches »Da drunten
geht er grad über d Lichtung Wann er umschaut muss er mich sehen Und wann er
mich sieht bin ich um mein Dienst«
Die Sorge des Jägers war unbegründet
Graf Egge ging seiner Wege ohne sich umzusehen Als er den Saum der Almen
erreichte setzte er sich zu Füßen einer Felswand auf das raue Geröll legte
die Büchse über den Schoss und spähte hinunter gegen den Wald aus dem sich der
vom Seedorf kommende Pfad gleich einer feinen weißen Linie hervorschlängelte
Hier musste er sie von weitem gewahren wenn sie kamen um ihn heimzuholen
9
Mit sprachlosem Schreck hatte Fräulein von Kleesberg am Morgen die Nachricht von
Kittys Verschwinden aufgenommen Der Brief der in Kittys Zimmer gefunden wurde
beschwichtigte ihre Sorge brachte aber einen neuen Sturm von Erregung dabei
liefert sie eine Konfusion um die andere Beim Frühstück goss sie den Tee in die
Zuckerdose statt in die Tasse gebrauchte den wunden Arm und legte den gesunden
in die seidene Schlinge Dann ließ sie den Lehnstuhl an das offene Fenster
rücken hier saß sie und träumte vor sich hin Immer von neuem las sie Kittys
Brief »Natürlich Sie musste nach München Ob sie wollte oder nicht Zu Tas So
Wirklich Nur zu Tas«
Beim Gedanken an Graf Egge lief ihr freilich ein kaltes Gruseln über den
Rücken Aber Graf Egge saß vorerst noch weit da droben in seiner Jagdhütte Und
schließlich musste Willy alle Schuld an diesem Streich auf sich nehmen er hatte
leichteres Spiel beim Vater und konnte sagen dass er die Schwester zu dieser
Reise beredet hätte Nein die nächste Sorge war nicht Graf Egge sondern
Robert Sie grübelte sich eine Geschichte aus von einer Landpartie die Kitty
mit Willy unternommen hätte Aber sie sollte keine Gelegenheit finden diese
Geschichte an den Mann zu bringen Robert war früh am Morgen in den Sattel
gestiegen und mit dem Stallburschen davongeritten Als er gegen neun Uhr nach
Hubertus zurückkehrte da kam auch ein anderer in das väterliche Haus zurück
auf fremden Füßen
Der Fischer hatte in der Seebachklamm den »Verunglückten« gefunden auf
seinen Armen brachte er den Toten in das Schloss getragen umringt von einem
Schwarm erregter Menschen Unter ihnen befand sich auch der PointnerAndres den
das Geschrei das auf der Straße entstanden war aus dem Zaunerhaus gerufen
hatte Mitleidig betrachtete er den Toten aber sein junges Glück war so groß
dass in seinem überfüllten Herzen das Erbarmen keinen ausreichenden Platz mehr
fand
Als der wirre Menschenlauf in der Ulmenallee an dem Käfig vorüberkam wurden
die Adler scheu und tobten hinter dem Gitter Der alte Moser der den Vögeln das
Futter bringen wollte war von den Bewohnern des Schlosses der erste der hören
und sehen musste was geschehen war Er ließ die blutige Schüssel fallen »Jesus
Maria So an Unglück Aber gleich hab ichs gesagt wie der Adler hin worden is
dös bedeut nix Guts«
Man trug den Entseelten in seine Stube Auf der Treppe fiel Gundi von
Kleesberg beim Anblick des Toten ohnmächtig zu Boden Als sie wieder zum
Bewusstsein kam lag sie in ihrem Bett und vor ihr saß der Doktor Sie war vom
Schreck so betäubt dass sie nur zur Hälfte verstand was man ihr sagte Robert
wäre mit dem Fischer zu Berg gestiegen um Graf Egge zu holen und ihn schonend
auf das Unabänderliche vorzubereiten Von Hilfe keine Rede mehr Der Tod musste
schon vor Stunden eingetreten sein Der Doktor schrieb die Katastrophe einer
inneren Verblutung zu da er an dem Körper des Verunglückten nur unbedeutende
Schrammen und auf der Stirn einen blauen Fleck gefunden hatte der als
Überbleibsel einer harmlosen Beule zu erkennen war Die äußerliche Ursache des
unglücklichen Sturzes erschien nicht rätselhaft es war bekanntgeworden dass
Graf Willy vergangenen Abend bis Mitternacht beim Seewirt schwer gekneipt hatte
Drei Flaschen Monopol da war ein Fehltritt begreiflich
In Jammer aufgelöst wurde die Kleesberg auch noch gepeinigt durch den
Gedanken an Kitty »Willy begleitet mich also mach dir keine Sorge« So hatte
die Komtesse geschrieben Nun lag Willy da drüben still und kalt Was war aus
Kitty geworden
Fritz und Moser wurden ins Dorf geschickt um Nachfrage bei jedem Bauern zu
halten der ein Fuhrwerk besaß Gegen zwölf Uhr kam Fritz mit der Nachricht
gelaufen dass der Mooshofer das gnädige Fräulein zur Bahn gebracht hätte Diese
Entdeckung genügte nicht um die Kleesberg zu beruhigen Die Tränen rollten ihr
über die ungeschminkten Wangen während sie dem Diener ein Telegramm an
Professor Werner diktierte Dann unerträgliche Stunden eines angstvollen
Wartens Erst nach fünf Uhr kam die Antwort die von Gundi Kleesberg bei allem
Jammer der sie erfüllte mit einem Freudenschrei empfangen wurde
Wenige Minuten später traf von Robert begleitet Graf Egge in Schloss
Hubertus ein Wie sonst bei der Heimkehr hängte er im Flur die Büchse an das
Zapfenbrett Sein Gesicht war von kalkiger Blässe und schien gealtert »Wo liegt
er«
»In seinem Zimmer« Robert sprach mit gedämpfter Stimme »Willst du dich
nicht vorher umkleiden«
Der Vater streifte ihn mit einem Blick wie man etwas Fremdes Unbehagliches
betrachtet Dann stieg er langsam über die Treppe hinauf seine genagelten
Bergschuhe klappten auf den roten Marmorstufen wie müde Hammerschläge Vor
Willys Zimmer blieb er stehen und stützte sich eine Weile an die Mauer Dann
öffnete er die Tür
Das Zimmer war ausgeräumt das Bett in die Mitte gerückt Durch die beiden
Fenster fiel das Abendlicht über die mit der Uniform bekleidete Gestalt und über
das wächserne Gesicht des Toten Die gefalteten Hände umschlossen ein kleines
elfenbeinernes Kruzifix und ein Sträusschen Edelweissblüten die der alte Moser
gespendet hatte An den Kanten des Bettes brannten vier dicke Wachskerzen auf
hohen silbernen Leuchtern
Ein röchelnder Laut Wie von einem Keulenschlag getroffen warf Graf Egge
sich über den Leichnam »Mein Bub« Er schluchzte wie ein Kind
Als er nach einer Weile das verzerrte Gesicht hob um den Toten zu
betrachten sah er auf der wachsbleichen Stirn den bläulichen Fleck Mit
langsamer Hand wie ein Träumender griff er an die eigene Stirn und befühlte
die Beule die er sich beim Verlassen der Jagdhütte an der niederen Tür geholt
hatte Ein Zittern befiel ihn
Da legte sich sanft eine Hand auf seine Schulter »Papa «
Jäh erhob sich Graf Egge und in Zorn funkelten seine rot geränderten Augen
als sie an Robert auf und nieder glitten der mit würdevoller Gefassteit vor dem
Vater stand
»Lass mich allein« Graf Egges Stimme klang rau und heiser »Ich brauche
niemand«
»Wenn du befiehlst« Robert verließ das Zimmer und hörte dass innen an der
Tür der Riegel vorgeschoben wurde
Im Billardzimmer ließ Robert Papier und Schreibzeug in den Erker bringen um
die Todesanzeige aufzusetzen die mit der letzten Post an die Druckerei nach
München abgehen sollte Während er schrieb rannte Gundi Kleesberg in schwarzem
Mantel und verschleiert aus dem Haus und durch die Ulmenallee zum Parktor hier
wartete sie bis der Wagen nachkam der sie zur Bahn bringen sollte
Die Dämmerung sank und legte sich wie dunkler Flor um die Mauern von
Hubertus und um alle Wipfel des Parkes
Gegen neun Uhr kam der Wagen von der Bahn zurück Fritz der ihn kommen
hörte erschien mit einer Lampe auf der Veranda
Kitty war so schwach so zerschlagen an Herz und Gliedern dass sie taumelte
und im Flut auf einen Sessel fiel Der Diener reichte ihr zwei Depeschen die
gekommen waren
»Wo ist der Herr« fragte Gundi Kleesberg scheu
»Noch immer oben« flüsterte Fritz »die Tür ist noch immer versperrt Auch
der Herr Pfarrer musste wieder fortgehen«
»Und Robert«
»Graf Robert sind mit Hochwürden ins Dorf gegangen um vor Postschluss die
Depeschen aufzugeben«
Gundi Kleesberg hatte den Mantel abgeworfen trat zu Kitty und legte den Arm
um ihre Schultern
Kitty hob das bleiche vergrämte Gesicht und reichte der Kleesberg ein
Telegramm »Von Tas Er sorgt sich um mich und ahnt nicht welche Antwort ich
ihm schicken muss«
Die Depesche war in Augsburg aufgegeben »Erbitte Drahtantwort nach
Stuttgart ob Du wohlbehalten zu Hause eingetroffen Tassilo Hotel Marquardt«
Während Gundi Kleesberg las machte ein schluchzender Laut sie aufblicken
Kitty hielt die zweite Depesche an die Lippen gepresst Ein Strom von Tränen
ging über ihre blassen Wangen In verstörter Hast verbarg sie den Zettel an
ihrer Brust und streckte die Arme ins Leere »Ich will zu Papa«
Droben fand sie die Tür verschlossen Schluchzend warf sie sich gegen die
Bretter
In der Stube ein schwerer Tritt Die Tür wurde geöffnet Im Schatten der
flackernden Kerzen stand Graf Egge auf der Schwelle Um die wirr von den
Schläfen abstehenden Haarbüschel und um die zerzausten Strähnen des Bartes irrte
ein matter Kerzenschein Rote Lichtlinien umsäumten die nackten Knie
Aufschreiend warf sich Kitty an den Hals des Vaters Er fragte nicht
weshalb sie so spät erst käme und hatte keinen Blick für das weiße festliche
Kleid das sie trug Mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit umklammerte er die
Tochter dass sie stöhnte unter dem Druck seiner Arme Er zog sie zum Bett
»Schau kleine Geiß mein guter Bub« Er ließ sich auf den Bettrand sinken und
zog die Tochter auf seinen Schoss Graf Egge mit fahlem Gesicht und ohne Tränen
Kitty unter strömendem Schluchzen so saßen sie in wortlosem Schmerz Das war
ihr Wiedersehen nach fünf Monaten
Robert trat in das Zimmer er trug einen breiten Florstreifen um den Ärmel
Kitty streckte die Arme nach ihm Peinlich betroffen fasste Robert die Schwester
am Handgelenk »Bist du von Sinnen In diesem Kleid Das mag für den Zweck
deiner Reise gepasst haben Wie kannst du vor Papa in diesem Kleid erscheinen
Heut Und hier«
Kittys Tränen versiegten an allen Gliedern zitternd ließ sie den ratlosen
Blick an sich hinuntergleiten
Graf Egge hatte sich erhoben »Was soll das«
Robert schien verlegen zu werden »Ich bin überzeugt dass Kitty in bester
Absicht handelte nur unüberlegt Aber es ist wohl besser wir sprechen nicht
davon Nicht heute Und nicht hier«
Bleich richtete Kitty sich auf »Du sollst nicht beschönigen was ich getan
habe« Sie wandte sich an den Vager »Vergib mir Papa wenn ich dir Kummer
mache Ich war heut in München Bei Tas«
Graf Egge schwieg kein Zug bewegte sich in seinem Gesicht nur seine Lippen
pressten sich übereinander dass sie weiß wurden
Verstört sah Kitty zu ihm auf »Ich wusste dass ich ein Unrecht an dir
beging aber ich konnte nicht anders Wie an dir so hängt mein Herz an ihm Ich
hätte sterben müssen wenn ich ihn heut nicht hätte sehen sollen«
Graf Egges Augen erweiterten sich »Heut Warum gerade heut«
Wortlos bewegte Kitty die Hand Ihre verzweifelten Augen irrten über das
Totenbett und blieben am Vater hängen
»Warum«
»Das kann ich dir nicht sagen Heute nicht«
Graf Egge schien verstanden zu haben Unter dem Druck seiner Faust die um
die Kante des Bettes geklammert lag knirschte das Holz
»Papa« schrie Kitty und taumelte auf den Vater zu
Robert hielt sie zurück »Hast du keinen Schimmer von Zartgefühl Sieh den
Vater doch an was du ihm getan hast«
»Du« Ein keuchender Laut »Lass mir die arme Geiß in Ruh« Graf Egge legte
den Arm um Kitty und wurde ruhiger »Es war unrecht was du getan hast aber ich
begreif es« Da sah er die Kleesberg unter der Tür stehen zitternd mit nassen
Wangen »Gundi Bringen Sie die kleine Geiß ins Bett Sie kann sich nimmer
aufrecht halten«
Hastig kam Gundi Kleesberg herbei fasste Graf Egges Hand und machte einen
Versuch ihrem Kummer Ausdruck zu geben Er schüttelte den Kopf und sagte rau
»Lassen Sie das Ich weiß Sie sind ihm gut gewesen Da brauchts kein Wort
Sorgen Sie sich lieber um die arme Geiß«
Kitty klammerte die Arme um den als des Vaters und drückte das Gesicht an
seine Brust Ein paarmal strich er mit der Hand über ihr schimmerndes Haar dann
schob er sie der Gundi Kleesberg zu die sie aus dem Zimmer führte
Graf Egge wandte sich zu dem Toten Während er das wächserne Gesicht
betrachtete nickte er langsam vor sich hin »Du auf dem kalten Bett Und der
andere « Stöhnen drückte er die Fäuste auf die Stirn und fiel aufs Knie Mit
gefalteten Händen wie ein steifknochiger Bauer vor dem Gnadenbilde sprach er
ein lautes Gebet Dann küsste er den Toten auf beide Wangen und auf den Mund Als
er sich erhob sah er Robert zu Füßen des Bettes stehen wie die Ehrenwache vor
dem Paradebett eines Fürsten »Ach so Du bist auch noch einer Der dritte«
Seine Hand fuhr in den Bart »Was machst denn du heute nacht In Hubertus wird
keine Bank gelegt Da wirst du wohl schlafen müssen«
»Vater« fuhr Robert auf In der nächsten Sekunde hatte er seine Empörung
schon überwunden »Ich ehre deinen Schmerz um den Toten auch wenn er dich
ungerecht macht gegen die Lebenden«
»So« Graf Egge verließ das Zimmer Auf der untersten Treppenstufe streifte
er die Bergschuhe von den Füßen »Wo ist Moser« Der Jäger der auf der
finsteren Veranda saß kam gelaufen und Graf Egge sagte »Geh ins Dorf Der
Pfarrer mit seinem Kaplan soll kommen Ich will dass sie droben wachen und für
meinen Buben beten« Mit nackten Füßen ging er über den Flur und öffnete die Tür
der Kruckenstube »Fritz Meine Lampe«
Es wurde still in Schloss Hubertus Nur die Ankunft der beiden Geistlichen
unterbrach für einige Minuten die dumpfe Ruhe Fast alle Fenster blieben die
ganze Nacht hindurch erleuchtet
Im Zimmer der Kleesberg brannten zwei Lampen und vier Kerzen sie konnte es
nicht hell genug haben
Sooft sie an Kittys Tür lauschte hörte sie leises Weinen erst nach
Mitternacht wurde es still da drinnen Und nun machte sich die Gundi Kleesberg
wieder Sorgen über dieses Schweigen Leis öffnete sie die Tür
Die beiden Kerzen die das Zimmer erleuchteten waren zu kleinen Stümpchen
niedergebrannt und warfen eine unruhig flackernde Helle über das Bett
Schimmernd ringelte das gelöste Haar sich um das weiße Mädchengesicht von dem
der Schlaf den Ausdruck der Erschöpfung und des Kummers nicht ganz zu löschen
vermochte Ein mattes Zucken lief zuweilen über die schlanken Hände die schwer
auf der Seidendecke lagen
Lautlos deckte Gundi Kleesberg die Messinghütchen über die Kerzen und
schlich aus dem dunkel gewordenen Zimmer
Die Nacht verging
Als Fritz am Morgen in die Kruckenstube trat fand er die Lampe ausgebrannt
und das Bett unberührt Graf Egge saß vor dem offenen Eisenschrank im Lehnstuhl
und stellte die Ebenholzkästchen seiner Juwelensammlung mit deren Musterung er
sich einen Teil der Nacht vertrieben hatte in die Fächer zurück Seufzend
schloss er den Schrank zog den Schlüssel ab und presste die Fäuste an seine
Stirn
»Gut dass du kommst Ich wollte dich eben rufen Was muss denn eigentlich
jetzt geschehen«
»Erlaucht können ohne Sorge sein Graf Robert haben alles Nötige bereits
angeordnet Die Depeschen sind gestern noch abgegangen und Graf Robert sind die
halbe Nacht aufgewesen um die Adressenliste für die Parte zu schreiben Der
Bursch ist früh um vier Uhr mit der Liste nach München gefahren und wird abends
mitbringen was Graf Robert bestellt haben Das Leichenbegängnis wird morgen
früh um neun Uhr stattfinden Den Kondukt besorgt eine Münchner Gesellschaft
auch die Musik und ein Doppelquartett sind aus München verschrieben «
»Hör auf« keuchte Graf Egge und verzog den Mund als hätte er einen
gallenbitteren Trunk getan Durch das Zimmer schreitend lachte er heiser vor
sich hin »Und diesen ganzen Pflanz hat Robert gemacht So flink Respekt Er
behält den Kopf oben wo andere den Verstand verlieren möchten« Mit den Fäusten
hinter dem Rücken blieb er vor der Mauer stehen und starrte die dicht
nebeneinanderhängenden Gemsgehörne an
»Darf ich Erlaucht das Frühstück bringen«
»Mir ist der Appetit vergangen«
»Aber Erlaucht sollten doch andere Kleider «
»Die schwarzen Na also Bring sie«
Eine halbe Stunde später stieg Graf Egge in altmodischem Gehrock an dem die
Ärmel zu kurz waren und die Nähte zu platzen drohten über die Treppe hinauf Er
hörte Lärm und Hammerschläge
Im Totenzimmer war ein Dutzend Menschen beschäftigt um die Wände mit
schwarzem Tuch auszuschlagen und das auf Stufen erhöhte Paradebett mit einer
Mauer von Blumen zu umgeben Der ZaunerWastl hatte die Oberleitung und
betätigte seine vielseitigen Talente Scheuer Kummer sprach aus seinem
übernächtigen Gesicht und als er den Grafen gewahrte sank ihm der Kopf noch
tiefer zwischen die Schultern
Graf Egge ließ schweigend den Blick durch das Zimmer und über die Menschen
gleiten zog die Hand durch den Bart und machte wieder kehrt
Meister Zauner schlich ihm nach »Ich bitt Herr Graf da hab ich was
gfunden« Er nahm einen winzigen in einen Fetzen Zeitungspapier gewickelten
Gegenstand aus der Westentasche
Graf Egge nahm den Fund und ging davon Als er in der Kruckenstube wieder im
Lehnstuhl saß wickelte er mit zitternden Hände das Papierchen auf Es enthielt
die beiden Hirschgranen Das Wasser stieg ihm in die Augen während er sie
betrachtete Stöhnend zog er die Börse hervor und verwahrte die Granen Nun
hatten sie wieder den alten Platz gefunden Nach einer Weile hob Graf Egge das
zerknüllte Papier vom Boden auf und untersuchte es noch einmal ob es nicht auch
noch etwas anderes entielte dabei überhörte er ein leises Klopfen und blickte
erst auf als die Tür ging
Schipper trat in die Stube mit demütiger Trauermiene und während er den
Hut zwischen den Händen drehte fing er zu klagen an »Mar und Josef lieber
Herr Graf was sind denn jetzt da für Sachen passiert Gestern hab ich mir gar
net fürstellen können was los is Heut in der Fruh da hab ich mir denkt Jetzt
musst den abnormen Rehbock abitragen«
Graf Egge war aufgesprungen Seine Stirn brannte als hätte er einen Schlag
ins Gesicht erhalten Mit zuckenden Fäusten tat er einen Schritt gegen den Jäger
und schrie »Hinaus«
»Aber Herr Graf« stotterte Schipper verblüfft
»Hinaus Du bist schuld dass ich geblieben bin Wär ich mit ihm
hinuntergegangen es wär nicht geschehen Ich wollte gehen Du du hast mich
gehalten Geh mir aus den Augen oder ich vergreife mich an dir Aasgräber
Mörder Aus meinen Augen Hinaus«
Diesem Ausbruch sinnlosen Zornes gegenüber hielt es Schipper für ratsam
schleunig den Rückzug anzutreten Als er die Veranda erreichte setzte er den
Hut auf und guckte über die Schulter Dann suchte er die Zwirchkammer auf wo
seine Büchse und sein Bergstock in einer Ecke standen Der alte Moser der auf
den blutigen Steinfliesen kniete und dem Rehbock das abnorme Gehörn
heruntersägte schien an Schippers Gesicht zu merken dass nicht alles im Geleise
war »Was hast denn«
»In Ruh lass mich« Wütend warf Schipper die Büchse hinter die Schulter und
stapfte davon Er machte einen Umweg um das Schloss und blies die Backen auf als
er die Straße erreichte
In Meister Zauners Gärtl sah er das feine Lieserl mit dem PointnerAndres
umhergehen das Mädel schnitt mit einer Schere die letzten Blumen ab und legte
sie in ein Körbchen das ihr der Andres nachtrug »Grüß dich Gott Lieserl«
rief Schipper über den Zaun »Machst an Kranz für d Herrschaft«
»Ja Aber es schaut schon a bissl schlecht mit die Blumen aus«
»Freilich die schöne Zeit is vorbei« Mit dieser philosophischen Bemerkung
ging Schipper seiner Wege Als ihn die Straße am Brucknerhaus vorüberführte
wurde sein Schritt langsamer Er musterte die Fenster kniff die Augen ein und
lächelte »Mir scheint es halt nimmer lang mitm Grafen und mir« Er blickte
über die Straße zurück gegen den Park von Hubertus »Da muss ich ans Nestbauen
denken« Er rückte den Hut und trat in den Hof des Bruckner dessen Bübchen vor
dem Brunnen spielte »He du Kleiner is d MaliMahm daheim«
»Na sie is zum Seewirt um Blumen gangen für an Grabkranz Aber der Vater is
daheim«
»So Der Vater« Lächelnd ging Schipper auf das Haus zu guckte durch ein
Fenster in die Stube und klopfte an die Scheibe
Draußen auf der Straße ging die Horneggerin vorüber die vom Krämer kam
Dunkel schoss ihr das Blut ins Gesicht als sie den Jäger gewahrte Was der
Franzl dazu sagen würde Dass der Schipper bei der Mali ans Fenster klopft
Auf dem Ländeplatz begegnete ihr eine Magd des Seewirts mit einem riesigen
Kranz aus Eibenzweigen und weißen Nelken
Das war der erste Kranz der sich in Hubertus einstellte Fritz trug ihn in
die Kruckenstube aus der man Graf Egges erregte Stimme hörte als der Diener
eintrat verstummte sie Graf Egge stand neben dem Lehnstuhl in welchem Kitty
saß schwarz gekleidet die zitternden Hände im Schoss mit verweinten Augen
Zwischen Vater und Tochter schien es ernste Worte gegeben zu haben Graf Egge
furchte beim Anblick des Kranzes die Brauen Kitty erhob sich betrachtete die
Blumen in tiefer Bewegung und entfernte ein paar welk gewordene Blüten »Wer hat
ihn geschickt«
»Der Seewirt gnädiges Fräulein«
»Sagen Sie dass wir herzlich danken lassen«
Fritz nickte und wandte sich an seinen Herrn »Ich bitte Erlaucht was soll
ich den Leuten geben wenn sie Blumen bringen«
»Geben Ach so Das wird als Geschäft betrachtet Ich soll mich quälen
lassen und dafür noch bezahlen Gib zwanzig Pfennig«
Matte Röte huschte über Kittys Wangen während sie stammelte »Aber Papa «
»Also dreißig Das ist mehr als genug« Er winkte mit dem Kopf gegen das
Billardzimmer »Der da drüben der das Trauerross auf meine Kosten spielt steigt
mir mit dem Oktoberfestrummel den er für morgen inszeniert hat ohnedies bis
über die Knie in den Geldbeutel Jetzt weiter mit dem Gras Und bring mir von
dem Zeug nichts mehr in die Stube«
Kitty flüsterte dem Diener ein paar Worte zu und als sie mit dem Vater
wieder allein war ging sie müde zum Lehnstuhl zurück
Schweigend unter wühlender Erregung wanderte Graf Egge im Zimmer auf und
ab dann blieb er vor Kitty stehen »Kein Wort mehr davon Dass du ihm die
Depesche schicktest war in Ordnung Der da drüben hat mein Unglück auch unsrem
Schuster und Schneider angezeigt Aber es war unrecht von dir dass du meinen
Schmerz um den einen zugunsten des anderen benutzen wolltest Ich habe dich
lieb Aber da wirst auch du nichts ändern Er selbst hat sich gelöst von mir so
mag er seiner Wege gehen Ich weiß es ist hart für dich mit ihm zu brechen
Aber ich bin dein Vater und mein Recht an dir ist das ältere Und ich brauche
dich Zärtlichkeit ist nie meine Sache gewesen Aber Vater bleibt Vater Und ich
bin arm geworden Der eine hat mich verlassen Den andern hat mir Gott und meine
Schuld genommen Und der da drüben zählt nicht Meine Jagd und du das ist der
Rest Meine Jagd will ich festhalten solang ich noch gesunde Fäuste und sehende
Augen habe« Er legte die Hände auf Kittys Schultern »Und du Gelt kleine
Geiß du hängst an mir«
In Trauer sah Kitty zum Vater auf
Ungeduldig rüttelte Graf Egge ihre Schultern »Sei nicht so stumm Ich
brauche Trost Sag es mir kleine Geiß dass ich dir mehr bin als er Ich will es
hören So rede doch« Ein heiserer Laut »Rede wenn ich nicht glauben soll dass
du ihm zuliebe gegen deinen Vater stehen könntest Oder willst du verteidigen
was er getan Wärst du fähig dir ein Beispiel an ihm zu nehmen und mir den
Rücken zu kehren wie er Und mich noch einsamer zu machen Geiß« Sein Atem
ging schwer »Hörst du nicht Oder muss ich dich bitten um ein Wort Dein Vater«
Kitty erhob sich das Gesicht entstellt von dem schmerzvollen Kampf ihres
Herzens Sie fühlte dass es sich in diesem Augenblick für sie noch um anderes
handelte als um eine Äußerung kindlicher Liebe die der Vater von ihr zu hören
verlangte Seine Frage war gestellt als hätte er unbewusst einen Blick in ihre
Seele getan und hätte erraten was in ihr lebendig geworden war und nach seinem
Recht begehrte Wollte sie nicht untreu werden an sich selbst ihre Treue für
den Bruder nicht verleugnen und den Weg nicht sperren auf dem ihre Sehnsucht
dem eigenen Glück entgegenflog so durfte sie nicht lügen Sie musste offen
sprechen und den unvermeidlichen Kampf mit dem Vater schon in dieser Stunde
beginnen
Bleich aber entschlossen richtete sie sich auf Doch als sie die Augen hob
und diese von Gram durchwühlten Züge sah diese von der schlaflosen Kummernacht
entzündeten Lider und den angstvollen Blick der nach einem Wort ihrer Liebe
dürstete da erstickte das Erbarmen jedes andere Gefühl in ihr Sie streckte
die Arme und unter heißem Schluchzen warf sie sich an die Brust des Vaters und
umklammerte seinen Hals
Graf Egge wurde weich er brachte es fast zu einem Lächeln während er Kitty
umschlungen hielt und ihr Haar streichelte »Ich danke dir Geisslein Du hängst
noch an mir und ich wills vergelten Vielleicht hab ich auch an dir ein
Versäumnis begangen Ich wills gutmachen will dir ein rechter Vater sein Du
sollst mich nimmer verlassen Gib acht wie schön das sein wird Im Winter
sollst du mit mir reisen und im Frühjahr lass ich für uns beide in meinem besten
Revier eine neue Hütte bauen mit einem netten Stübchen für dich mit jeder
Bequemlichkeit die du haben willst Und in der Hütte soll eigens für dich
gekocht werden Und schießen sollst du lernen und sollst ein Jäger werden vor
dem ich selber den Hut abziehe Das wird dir Freude machen gelt Und dann wirst
du munter und glücklich sein Und lachen immer lachen Damit ich den armen
lieben Jungen leichter verschmerze der jetzt da droben liegt und kein Lachen
mehr hat für seinen Vater« Zwei Zähren rollten ihm über den Schnurrbart und
fester schlangen sich seine Arme um die Tochter Da fühlte er wie ihr Körper
zitterte »Aber Geisslein Was hast du« Er fasste sie am Kinn und hob ihr
Gesicht Aus diesem trostlosen Blick redete alles andere zu ihm nur nicht die
Wirkung die er sich von seinen zärtlichen Verheißungen versprochen hatte Seine
Brauen furchten sich ein unruhiges Spiel erwachte in den Falten die seine
Augen umringten »An was denkst du Hast du nicht gehört was ich sagte Macht
es dir keine Freude wie ich mich sorge für dich«
»Gewiss Papa« erwiderte sie tonlos »Ich werde alles tun was du willst«
»So« Das klang hart und trocken »Du scheinst müde zu sein Setz dich«
Mit energischem Griff drehte Graf Egge den Lehnstuhl Wortlos blieb er eine
Weile vor Kitty stehen und betrachtete sie in wachsendem Misstrauen Nervös die
Finger bewegend wandte er sich ab und wanderte ein paarmal durch die Stube
Plötzlich nahm er eines der schönsten Gemsgehörne von der Wand legte den Arm um
Kittys Schultern und hielt ihr die Krucke vor die Augen »Schau kleine Geiß
Den Bock hab ich auf vierhundert Gänge um Feuer niedergelegt Es war mein
bester Schuss Und die Kruck ist schön gelt«
»Ja Papa sehr schön«
Die müde Antwort gefiel ihm nicht Er trug das Gehörn auf seinen Platz
zurück und nahm in kochender Unruhe die Wanderung durch das Zimmer wieder auf
Dann plötzlich fasste er den Knauf des Lehnstuhls und in Zorn brach es aus ihm
heraus »Zeig mir ein anderes Gesicht Ich seh dirs an dass du mehr an ihn
denkst als an mich und den armen Kerl da droben Aber du hast mir doch gesagt
dass er sein Glück gefunden hat Auch ohne mich Also gut So tröste dich damit
dass er glücklich ist Er hat was er wollte«
Wie ein Krampf ging es über Kittys Schultern und Arme ihre Lippen fanden
keinen Laut
Keuchend presste Graf Egge die Fäuste auf seine Brust er ging zum Fenster
und wischte über die Scheibe als wäre sie mit Tau beschlagen eine Weile stand
er vor dem Bett und strich die Decke glatt dann packte er wütend einen der in
Reih und Glied stehenden Bergschuhe musterte das Beschläg blies den Staub vom
Leder und roch an dem Schuh »Natürlich Den hat man wieder nicht geschmiert
Gott weiß wie lang Ein Lumpenpack Und das bezahlt man« Er schleuderte den
Schuh in einen Winkel und warf sich auf das Bett nach ein paar lautlosen
Minuten sprang er wieder auf »Reden kannst du nicht Und diese Stumme Mette
riegelt mir das Blut durcheinander So lass mich lieber allein und geh zur
Kleesberg«
Schweigend erhob sich Kitty
»Geiß«
Sie wandte das Gesicht
Graf Egge trat auf den eisernen Schrank zu »Komm Du sollst was haben« Er
hatte schon den Schrank geöffnet als Kitty wie eine Verzweifelte auf ihn
zugeflogen kam und seinen Arm umklammerte Sprechen konnte sie nicht sie
starrte nur angstvoll in sein Gesicht und schüttelte den Kopf
Er sah sie mit großen Augen an zuerst verblüfft und dann beleidigt »Ach
so Du willst nichts Auch gut« Mit heiserem Lachen zog er den Schlüssel ab und
schob ihn in die Tasche »So geh«
Sie verließ das Zimmer und schleppte sich die Treppe hinauf Als sie ihr
Stübchen erreichte vergrub sie das Gesicht in den Armen und brach in Schluchzen
aus
Die Kleesberg kam aus dem anstoßenden Zimmer Sie nahm die Schluchzende in
die Arme stammelte weinte und suchte zu trösten Eine Weile ließ Kitty diese
konfuse Zärtlichkeit die ihr wohl tat über sich ergehen dann trocknete sie
die Augen Aus der Kommode holte sie eine gehäkelte Börse durch deren
Seidenmaschen die Goldstücke glänzten und stieg in den Flur hinunter
»Hier ist Geld Fritz geben Sie reichlich Papa soll es nicht wissen Und
wenn Depeschen für mich gebracht werden « Die Stimme versagte ihr »Nicht wahr
Fritz ich bekomme sie gleich«
An der Kruckenstube wurde die Tür aufgerissen und Graf Egge erschien auf
der Schwelle Wortlos stand er und wartete bis Kitty auf der Treppe verschwand
dann winkte er den Diener zu sich »Was wollte sie«
»Die gnädige Kontess haben gefragt ob nicht Depeschen für sie gekommen
wären« stotterte Fritz die Hand mit der Börse hinter dem Rücken
»Wenn Depeschen kommen werden sie mir gebracht Alle Gleichviel welche
Adresse sie haben« Er trat in das Zimmer zurück und schlug die Tür zu
Einige Stunden später erhielt er die Meldung dass »droben« alles in Ordnung
wäre
»So Jetzt soll ich ihn wiederhaben dürfen Sehr gnädig von euch«
Er stieg die Treppe hinauf Schon nach wenigen Minuten kehrte er wieder
zurück steinerne Härte im fahlen Gesicht Was er gefunden diese stilvolle
Trauerbude dieser aufgeputzte Tod dieses Treibhaus mit dem Gewirr der schwül
duftenden Blumen das hatte ihn fremd berührt und seinen Schmerz ernüchtert
Beim Eintritt in die Kruckenstube sah Graf Egge auf dem Lehnstuhl das
abnorme Gehörn des Rehbocks liegen Der alte Moser hatte gehofft seinem Herrn
mit dem Anblick dieser Trophäe einen Trost zu bringen er hatte sich aber
verrechnet In aufwallendem Zorn fasste Graf Egge das Geweih zerbrach mit einem
Druck seiner Faust die Hirnschale und schleuderte die Stücke unter das Bett
Der Tag verging und die Telegramme und Kränze kamen in ununterbrochener
Folge Gegen Abend kehrte Roberts Bursche aus München zurück mit einem Berg von
Schachteln und Paketen Er brachte auch einen kleinen Lederkoffer und dazu einen
Strauss weißer Rosen
Wieder einmal trug Fritz ein Dutzend Depeschen in die Kruckenstube Graf
Egge überflog die Adressen und gab die Telegramme die an ihn selbst gerichtet
waren dem Diener zurück »Für Robert« Drei Depeschen behielt er und las die
erste »Professor Werner« Er schüttelte den Kopf und öffnete die zweite »Hans
Forbeck« Ohne sich weiter um den Inhalt der beiden Blätter zu kümmern reichte
er sie dem Diener »Für meine Tochter« Als er die letzte Depesche geöffnet
hielt befiel ein Zittern seine Hände Mit heftiger Geste winkte er dem Diener
zu gehen Nun las er Wie von einer Schwäche befallen ließ er sich in den
Lehnstuhl sinken »Er hat ihn liebgehabt« Ungestüm die weiche Regung von sich
abschüttelnd die ihn wider Willen erfasst hatte sprang er auf »Wir sind zu
Ende miteinander er und ich« Mit zuckenden Händen zerriss er die Depesche warf
die zu einem Knäuel geballten Fetzen in einen Winkel und öffnete die Tür
»Robert« Laut hallte der Ruf im Flur
»Ja Papa« klang aus dem Billardzimmer die Antwort
Graf Egge ging der Stimme nach als er die Schwelle betrat fuhr ihm das
Blut ins Gesicht Der Raum war anzusehen wie die Verkaufshalle eines
Bestattungsgeschäftes Offene Schachteln ein Wust von Packleinen und
Seidenpapier Wachsfackeln ein Bahrtuch mit gesticktem Wappen und langen
Silberfransen kunstvoll gebundene Kränze mit langen Atlasschleifen ein
Samtkissen mit Helm und Degen Halbbuketts aus Palmzweigen und seltenen Blumen
alles kunterbunt durcheinander auf der Erde auf dem Billard auf den Stühlen
Robert legte die Zigarette weg und trat auf den Vater zu »Verzeih Papa
das ist ein peinlicher Anblick für dich Aber wir müssen unserem Rang und Namen
Rechnung tragen und ich habe diese schmerzlichen Pflichten mir aufgeladen um
dich damit zu verschonen«
Graf Egge schien nicht darauf zu hören von einer mit Gold bedruckten
Kranzschleife leuchtete ihm ein Wort entgegen das ihn näher zog Er fasste das
Doppelband und las »Dem heissgeliebten unvergesslichen Sohn von seinem
tiefgebeugten Vater« Er ließ die Schleife fallen »Moser« rief er in Zorn dem
alten Jäger zu der eben eine neue Schachtel öffnete »Weg mit dem Schwindel und
ins Feuer damit«
»Aber Papa« stammelte Robert
Ein kalter Blick des Vaters »Äußere du deinen Schmerz wie dir beliebt Was
meine Trauer zu sagen hat das bitt ich mir zu überlassen« Graf Egge ging zur
Tür und kehrte auf der Schwelle wieder um »Herr Doktor Egge hat sich für morgen
mit dem Frühzug angemeldet Dieser Besuch ist überflüssig Du wirst ihn vor dem
Parktor erwarten und ihm bedeuten dass ich mir die zwecklose Unbehaglichkeit
einer solchen Begegnung morgen erspart wissen möchte Die Form überlass ich dir«
Es zuckte wie Hohn um Graf Egges Mund »Dass du diese Mission mit prompten Erfolg
erledigen wirst daran zweifle ich nicht« Ohne Roberts Antwort abzuwarten
verließ er das Zimmer kehrte in die Kruckenstube zurück und stieß den Riegel
vor
10
Die herbstlichen Frühnebel die einen schönen Tag versprachen verzogen sich
langsam über den Wipfel des Parkes als um die neunte Morgenstunde alle Glocken
des Kirchturms zu läuten begannen Der Platz vor dem Schloss war schwarz von
Menschen Aus dem Dorf und allen benachbarten Ortschaften waren die Bauern
zusammengeströmt und rissen die Augen auf als sie den feierlichen Prunk des
Kondukts unter den getragenen Klängen des Trauermarsches sich entwickeln sahen
Die Mannsleute musterten neugierig die Pferde mit den nickenden Federbüschen
während die Neugier der Weiber und Mädchen den uniformierten Fackelträgern und
den in schwarze Seide gekleideten Pagen galt Hinter dem Sarge gingen Graf Egge
und Robert mit vier Offizieren die Willys Regiment geschickt hatte An die
Honoratioren schloss sich der Schwarm der Dorfbewohner an Unbekümmert um Choral
und Trauermarsch beteten sie nach ihrer Gewohnheit mit lauten Stimmen und
hatten dabei für alles ein Auge besonders für den Adlerkäfig an dem der Zug
vorüber musste Eng aneinander gedrückt saßen die fünf Vögel auf der höchsten
Stange und drehten unruhig die Köpfe mit den blitzenden Augen
Im Gottesacker gab es eine lange Feier nach der Grabrede des Geistlichen
sprach einer der Offiziere und dann fielen die Sänger ein »Es ist bestimmt in
Gottes Rat «
Graf Egge schien nicht zu sehen nicht zu hören bis ihm der Geistliche die
kleine Schaufel reichte schon mit Erde gefüllt Polternd fiel die Scholle über
den Sarg Dann nahm die Schaufel ihren Weg durch hundert Hände Als die Bauern
sahen dass die Offiziere wenn sie die Schaufel weiterreichten auf den Grafen
zutraten und ihm die Hand drückten befolgten sie dieses Beispiel mit
würdevoller Umständlichkeit und Graf Egge bekam blaue Finger von der
Teilnahme die sich mit derben Fäusten an ihn herandrängte
Hinter dem Rücken der Bauern die sich vor dem Grafen hin und her schoben
kam einer scheu bis zum Grab geschlichen fasste mit der Hand einen Brocken Erde
ließ ihn hinunterfallen in die Grube und wollte wieder gehen
Graf Egge gewahrte ihn »Franzl« rief er mit erloschner Stimme »Komm her
Gib mir die Hand«
Es schüttelte den Jäger als hätte ein Krampf seine Schultern befallen Dem
Grafen der diesen ehrlichen Kummer erkannte ging die kalte Ruhe in heißer
Rührung unter und er begann zu weinen Robert von dieser Schwäche seines
Vaters peinlich berührt zischelte dem Geistlichen ein paar Worte zu worauf der
Hochwürdige Herr den Jäger beiseiteschob und den Arm des Grafen nahm »Kommen
Sie mit mir in die Kirche Erlaucht bei Gott ist Trost nicht bei Menschen«
Die Glocken läuteten zum Totenamt und während das Grab geschlossen und der
Hügel mit den hundert Kränzen bedeckt wurde füllten sich alle Bänke der Kirche
In einem Winkel neben dem Portal stand der Seewirt und wartete bis sich der
Gottesacker geleert hatte dann drückte er den Hut übers Haar und rannte davon
Wenige Minuten später kam vom Seehof ein geschlossener Landauer gefahren und
hielt vor der Kirchenmauer Der Seewirt der neben dem Kutscher auf dem Bock
saß sprang herunter und öffnete den Schlag
Tassilo stieg aus Er schien seine Bewegung gewaltsam niederzukämpfen doch
sie redete aus seinem entstellten Gesicht Als er zwischen den Grabsteinen und
eisernen Kreuzen den blumigen Hügel sah stockte sein Schritt
In der Kirche klangen rauschende Orgeltöne und die Stimmen des Chorgesanges
aus einem offen stehenden Fenster quoll der Duft des Weihrauchs und über den
Scheiben flimmerte ein Widerschein der brennenden Kerzen
Man hatte schon zur Wandlung geläutet als Tassilo den Friedhof verließ in
der Hand einen kleinen Zweig mit welkenden Blumen den er von Kittys Kranz
gebrochen hatte
Vor dem Wagen nickte er dem Seewirt zu »Ich danke Ihnen«
Er stieg ein und sagte heiser »Den Brief an meine Schwester besorgen Sie
selbst nicht wahr«
»Jawohl Herr Graf«
»Jetzt noch ehe die Messe zu Ende ist«
»Sofort Herr Graf«
Der Seewirt schloss die Wagentür und schlug während die Kutsche davonrollte
in flinkem Gange die Richtung nach Schloss Hubertus ein
Die Orgel rauschte Und als die von München verschriebenen Sänger ein
schönes Lied begannen zwitscherten die Vögel auf allen Akazienbäumen des
Friedhofes
Unter dem Schlussgeläut der Glocken wanderte Graf Egge mit Robert und den
Offizieren die Straße hinaus Schweigend traten sie in den Park und je mehr sie
sich dem Schloss näherten desto längere Schritte machte Graf Egge so dass
Robert und die Offiziere hinter ihm zurückblieben Als er den Flur betrat warf
er den Zylinder in einen Winkel und riss den schwarzen Rock herunter »Moser
Bring mir mein Jagdzeug die Schuhe Modell 64 Flink« Er trat in die
Kruckenstube
Moser sprang dass ihm der Kopf rot wurde Nach zwei Minuten hatte er alles
beisammen Joppe Flanellhemd Lederhose Wadenstutzen und Schuhe Während er
seinem Herrn beim Umkleiden behilflich war wollte er seinem Jammer Ausdruck
geben
»Schweig« fuhr ihn Graf Egge an Als er sich bückte um mit den nackten
Füßen in die Schuhe zu schlüpfen fiel sein Blick unter das Bett Er wurde
unruhig und kaute am Schnurrbart Dann sagte er plötzlich »Da drunten liegt
was Her damit«
Moser kroch unter das Bett »Jesus Maria das schöne Gwichtl« Mit
kreideblassem Gesicht brachte er seinem Herrn die beiden Hälften des
entzweigebrochenen Geweihes und stotterte »Meiner Seel Herr Graf ich hab dös
Gwichtl mit keiner Hand net angrührt«
Graf Egge griff zögernd nach den beiden Stücken und betrachtete sie »Was
kann das Geweih dafür« Er reichte dem Büchsenspanner die Stangen »Flick die
Schale wieder zusammen Gib dir Mühe dass man den Schaden nicht merkt Dann male
mir ein schwarzes Kreuz darauf und häng das Geweih dort über mein Bett« Diese
Entscheidung schien sein gepresstes Gemüt erleichtert zu haben Er fuhr aufatmend
in die Joppe »Den Hut und die Büchse« Ehe Moser zur Tür kam fragte Graf Egge
»Warum kommt die kleine Geiß nicht herunter zu mir Weiß sie nicht dass ich
schon daheim bin« Der Jäger stotterte ein paar Worte Graf Egge hörte nicht
»Die arme Schmalgeiss Sie muss eine böse Stunde gehabt haben so allein daheim«
Mit dem Ellbogen schob er den Jäger beiseite und verließ die Stube
Im Flur hörte er aus dem Billardzimmer die Stimmen Roberts und der Gäste
Einen Augenblick zögerte er als käme ihm die Pflicht des Hausherrn zum
Bewusstsein Unter einem Laut des Widerwillens verzog er das Gesicht und stieg
die Treppe hinauf
»Grüß dich Gott Geisslein Da bin ich wieder« sagte er als er in Kittys
Zimmer trat »Eine bittere Stunde wars Auch das hat überstanden sein müssen
Geiß Warum siehst du mich so merkwürdig an«
Kitty stand mit dem Rücken gegen das Fenster in ihrem beschatteten Gesicht
brannten die Augen die starr am Vater hingen
Dieser Empfang verdross ihn »Ach so Vielleicht weil ich schon wieder in
den Ledernen stecke Ich hätte wohl bleiben sollen Das stimmt Aber ich halt es
hier nicht aus Das Dach erstickt mich Und ich rieche immer die verwünschten
Kerzen Ich muss hinauf Muss die Büchse in der Hand spüren wenn ich Trost finden
will Muss Berge sehen Wild« Da gewahrte er den Brief in Kittys Hand »Was hast
du da«
Wortlos reichte sie ihm das Blatt
Er nahm es Das Blut schoss ihm dunkel in die Stirn als er die Schrift
erkannte Und dieser Schrift war es anzumerken dass der Brief in Minuten der
furchtbarsten Erregung geschrieben war Er lautete »Meine gute Schwester
Draußen läuten für den armen Jungen die Glocken und ich sitze im Seehof und
versuche zu schreiben Du sollst wissen dass ich kam Wie mich das Entsetzliche
getroffen hat dafür hab ich kein Wort Es wird dir nicht anders ums Herz sein
als mir Anna wollte mich begleiten auch auf die Gefahr hin sich versteckt
halten und eine demütige Rolle spielen zu müssen Das litt ich nicht und kam
allein Ich habe dabei nur an dich gedacht und an den Vater an seinen Kummer
und an meine Pflicht euch beiden eine Stütze zu sein Wie hätt ich mir denken
können dass man es mir verwehren würde den Bruder auf seinem letzten Weg zu
begleiten und dich zu sehen Um so tiefer hat mich das getroffen Ich will gegen
Papa nicht klagen aber es war nicht gut dass er Robert schickte So hab ich
zwei Brüder an einem Tag verloren Robert hat mich so tief verwundet dass ich
von ihm gelöst bin fürs Leben Wie ein Dieb muss ich mich an das Grab des
Bruders schleichen während Papa in der Messe ist Und muss fort ohne dich
gesehen zu haben Wie soll das nun weiter kommen Alles über mich in Gottes
Namen wenn nur die Sorge um dich in meinem Herzen schweigen möchte Jetzt darf
ich dir auch nicht mehr sagen Wenn du meiner bedarfst so komm zu mir Nur
denken darf ich an dich für dich alles Glück erhoffen das du verdienst Und in
Gedanken dich an mein Herz drücken dich küssen wie jetzt Dein Tas« Der
Brief hatte noch eine Nachschrift »Verbrenne dieses Blatt«
Graf Egge legte den Brief auf die Tischplatte und sagte rau »Wer auf der
einen Seite ein Loch gräbt muss auf der anderen Seite den Hügel aufwerfen Dir
gibt er doppelt als Bruder was er als Sohn den Vater entbehren ließ Du hättest
seine Nachschrift befolgen sollen Es wäre besser gewesen«
Kitty stand regungslos ohne Tränen »Ich wollte dass du lesen solltest«
»Wozu das Willst du wieder den Sturmbock deiner schwesterlichen
Zärtlichkeit für ihn einlegen wie gestern«
»Nein Papa Ich wollte an dich nur die Frage richten ob es mit deinem
Willen geschah was Robert tat«
»So Und wenn es so wäre Was willst du sagen dagegen«
»Nichts Papa« Kittys Augen hingen mit einem Blick unsäglicher Trauer am
Vater »Nichts oder mehr als gut wäre für dich und mich« Sie rang nach Atem
»Nein Nicht heute Das wäre unmenschlich« Mit zitternden Händen griff sie an
ihre Schläfe »Ich bin dein Kind und du bist mein Vater«
Die Brauen furchend trat Graf Egge zurück »So Das fällt dir also noch
ein Viel ist es freilich nicht was nach aller Zärtlichkeit für den anderen
noch übrigbleibt für mich Und zu sprechen brauchst du nicht Ich habe schon
mehr als genug gehört Und meine Antwort darauf « Ein Blick in Kittys Augen
ließ ihn verstummen Er zerrte die Hände durch den Bart und ging mit den
klappenden Nagelschuhen ein paarmal im Zimmer auf und ab Sich gewaltsam
beherrschend blieb er stehen »Vielleicht hast du recht Das ist heute nicht
der richtige Tag Ehe wir beide miteinander ins klare kommen brauchen wir Zeit
um ruhig zu werden« Je länger er Kitty betrachtete desto mehr verloren seine
Worte den gereizten Klang »Das wird sich leichter machen wenn wir Luft
zwischen uns beide legen Ich geh in meine Hütte hinauf und du versteh mich
nicht falsch das ist nichts anderes als vernünftige Überlegung Onkel Benno in
Eggeberg erwartet dich ohnehin mit Ende des Monats er wird sich freuen wenn du
ein paar Wochen früher kommst Dort hast du Zeit über alles nachzudenken Dann
wähle zwischen dem andern und mir Ich hoffe du wirst das Rechte finden« Er
legte die Hand auf ihre Schulter »Du sollst mir bleiben Geiß Aber ich will
dich ganz haben Halbheiten vertrag ich nicht Und jetzt genug Wenn du willst
kannst du schon morgen reisen Ich sitze dann auch ruhiger in meiner Hütte
droben Auch steht die Hirschbrunft vor der Tür und da hätt ich ohnehin keine
Zeit für dich Wo ist die Kleesberg Ich will die Sache mit ihr in Ordnung
bringen«
Gundi Kleesberg erschien auf der Schwelle des anstoßenden Zimmers »Ich habe
bereits gehört«
Dieser Ton die Erregung die aus Tante Gundis Haltung sprach und ihre
strafenden Augen schienen Graf Egges Verwunderung zu wecken Er war gewohnt die
Kleesberg in seiner Nähe das zitternde Kaninchen spielen zu sehen »Oho Sie
haben ja Feuer unter dem Dachstuhl scheint mir Was ist Ihnen über die Leber
gelaufen«
»Meiner Sprache fehlt es zwar an den höchst gewählten Bildern wie Erlaucht
sie zu gebrauchen belieben Aber wenn Sie mir eine Unterredung unter vier Augen
gewähren wollen hoffe ich doch ein paar bezeichnende Worte zu finden«
Graf Egges Erstaunen wuchs »Ach so Sie sind gegen mich geladen Und wie
ich merke bis an den Hals Nur losgeschossen Ich habe kein Geheimnis mit
Ihnen Sie können auch hier sprechen«
»Ich bedaure dass mir die Gegenwart der Komtesse eine Rücksicht auferlegt
deren Notwendigkeit Erlaucht nicht zu empfinden scheinen wie mich der Ton des
Gespräches vermuten lässt dessen unfreiwillige Zeugin ich leider wurde Ich
Erlaucht weiß wie ich mit Ihrer Tochter zu sprechen habe Ich bin nur ihre
mütterliche Freundin Aber ich glaube mein Herz würde das Richtige um so besser
finden wenn sie mir gegenüberstünde als mein leibliches Kind«
Kitty wankte auf Gundi Kleesberg zu und legte unter flehendem Blick die Hand
auf ihren Arm
Nun schien Graf Egge zu verstehen Seine Augen wurden klein und dick
schwollen ihm die Adern an Hals und Schläfen »Moderieren Sie sich meine Beste
Ich spreche zu meinen Kindern wie es mir beliebt Wenn Sie den
unwiderstehlichen Trieb zu einer Vorlesung verspüren so predigen Sie doch
lieber Ihrem eigenen Gewissen Wenn sich das Mädel heute nicht klar ist über den
Platz an den meine Tochter gehört so liegt die halbe Schuld an Ihnen«
Gundi Kleesberg wollte sprechen aber sie kam nicht zu Wort
»Auf die Mühe dem Mädel die Pflichten eines Kindes klarzumachen scheinen
Sie nicht viel Zeit verwendet zu haben Dass es so kommen wird da hätt ich
voraussehen können Die Historie Ihrer Jugend war für Sie nicht die beste
Empfehlung Sie wissen was ich meine Und jetzt hab ich die Bescherung Dazu
hab ich mitgeholfen Ich hätte mir sagen müssen dass Sie viel eher die
geeignete Person wären um in dem Kind das Blut der Mutter zu wecken statt
Respekt und Liebe für den Vater Jetzt rate ich Ihnen in Eggeberg nachzuholen
was Sie in Hubertus versäumt haben Gottbefohlen« Mit klappernden Schritten
von denen jeder die Spur der genagelten Sohle auf den Dielen zurückließ ging
Graf Egge aus dem Zimmer
Die Kleesberg taumelte auf einen Sessel und bedeckte das Gesicht mit den
Händen »Das ist zuviel Ich bleibe keine Minute mehr Und wenn ich betteln und
hungern müsste Ehe ich bei einem solchen Menschen bleibe lieber zurück ins
Stift in diese Hölle« Da begegnete ihr Blick den Augen Kittys und alle
Empörung war verflogen nur Schmerz und Erbarmen blieben zurück und sie
stammelte unter Tränen »Ach du mein liebes gutes Kind Wie kann ich denn nur
das dumme Zeug da reden Nein Nein Ich bleibe Und wenn er mit Fäusten auf
mich losschlägt Wen hättest du noch wenn auch ich mich vertreiben ließe Ich
halte stand Und ich weiß was ich tue«
Kitty schien nicht zu hören Dann hob sie langsam die Augen »Was meinte
Papa als er von meiner Mutter sprach Es war ein Ton der mir das Herz zerriss
Was wollte er sagen damit«
Gundi Kleesberg erschrak und stotterte einen Schwall von Ausreden
Kitty schüttelte den Kopf »Sag es mir Es lässt mir keine Ruhe mehr Ich
hab es gefühlt er hat übel geredet von meiner Mutter Hat er ein Recht dazu«
Während die Kleesberg ratlos nach Worten suchte ging Graf Egge unter dem
Fenster vorüber den Bergstock in der Hand die Büchse auf dem Rücken
Finster musterte sein Blick den weißen Kiesgrund der zerwühlt war von
hundert Füßen Welke Blumen die von den Kränzen abgefallen lagen
umhergestreut und am steinernen Rand des Springbrunnens war eine Stelle dick
mit rotem Wachs betropft Graf Egge machte lange Schritte Als er die Ulmenallee
erreichte kam Robert ihm nachgelaufen »Aber ums Himmels willen Papa Du wirst
doch jetzt nicht auf die Hütte gehen«
»Willst du mich daran hindern« Graf Egge griff an die Joppentasche ob er
die Patronen nicht vergessen hätte
»Aber ich bitte dich was soll ich denn unseren Gästen sagen Du bringst
mich den Herren Kameraden gegenüber in eine so klägliche Situation «
»Sonst hast du keinen Schmerz Na dann steht es nicht schlecht um dich
Sag ihnen was du willst Du wirst die wohlschmeckende Ausrede ebenso leicht
finden wie du heute früh vor dem Gitter da draußen das bitterste Wort gefunden
hast«
Robert starrte den Vater an mehr verblüfft als beleidigt »Ich möchte doch
ersuchen Papa «
»Schweig Ich mache dir keinen Vorwurf Die größte Niederträchtigkeit bei
der Geschichte hab ich selbst begangen weil ich dich schickte Über den Rest
deines Urlaubs kannst du ohne Rücksicht auf mich verfügen Den schuldigen
Abschied nehm ich als empfangen an Du wirst ja wohl so bald nicht von dir
hören lassen Da du über deine Apanage hinaus um Geld nicht mehr zu kommen
brauchst wüsste ich nicht was du mir sonst zu schreiben hättest Adieu« Graf
Egge zog mit beiden Händen die Lederhose höher an den Leib und schritt davon
Als er das Adlerhaus erreichte blieb er stehen musterte die fünf Vögel und
nickte vor sich hin »Es wird leer Ich muss für Nachschub sorgen« Er sah über
die Schulter nach Schloss Hubertus zurück Nun schritt er weiter die Arme über
Lauf und schafft der Büchse gelegt und starrte grübelnd vor sich hin »Sie wird
sich besinnen und zu mir halten Ich such ihr einen Mann und das Paar soll mir
Leben und Kinder ins Haus bringen Sie hat Rasse Das wird Buben geben«
Um nicht am Zaunerhaus vorüber zu müssen machte er einen Umweg durch den
Wald und suchte auf verstecktem Fußpfad den Friedhof auf »Gott sei Dank«
murrte er in den Bart als er den Gottesacker leer sah Hastig trat er ein und
suchte zwischen den Eisenkreuzen das frische Grab
Leises Gesumm umschwebte den bunten Hügel der starke Duft dieser tausend
Blumen hatte die Bienen herbeigelockt die auf den herbstlichen Wiesen nur noch
spärliche Ernte fanden
Während Graf Egge auf beiden Knien lag mit verschlungenen Händen betrat
der Mesner den Friedhof und verschwand in der Kirche
Es war Mittag und die Glocke begann zu läuten
11
In der Wohnstube der Horneggerin saß Franzl am blau gedeckten Tisch und seine
Mutter brachte die Brotsuppe Sie wollte gerade die rauchende Schüssel auf den
Tisch setzen als sie am Hof das Zauntürchen gehen hörte und einen Blick durch
das Fenster warf Im ersten Schreck hätte sie fast die Suppe fallen lassen Erst
wurde sie kreidebleich dann dunkelrot bis unter die grauen Haare »Jesus Maria
Bub Da kommt der Herr Graf« Während Franzl auffuhr als hätte der Blitz vor
ihm in die Schüssel geschlagen griff die Horneggerin an ihre Frisur riss die
Küchenschürze herunter und stotterte »Mar und Joseph Wie schau ich denn aus
Halb angezogen Und jetzt kommt der Herr Graf« Sie wollte in die Kammer
springen aber die Knie versagten ihr Und da ging schon die Stubentür auf und
Graf Egge erschien auf der Schwelle
Den Bergstock hatte er im Flur gelassen Einen wortlosen Gruß nickend
stellte er die Büchse an die Mauer nahm den Hut ab und warf ihn auf das
Fensterbrett Schweigend sah er den Jäger an dem die Erregung alle Glieder zu
lähmen schien betrachtete die alte Frau die zitternd hinter dem Ofen stand
und während seine gebeugte Gestalt sich langsam streckte ließ er den Blick über
alle Wände und Geräte des Stübchens gleiten Tief atmend drückte er die Fäuste
auf die Brust als wäre zwischen diesen engen niederen Mauern ein wohltuendes
Gefühl der Erleichterung über ihn gekommen Nun ging er auf den Jäger zu und bot
ihm die Hand »Grüß dich Gott Franzl Ich seh es ein ich hab dir unrecht
getan Das will ich wieder gutmachen Schlag ein und trutz nicht Sei wieder
mein Jäger mein bester wie du es immer warst Ich muss doch einen Menschen
haben von dem ich weiß er hängt an mir Schlag ein Alter«
Während die Horneggerin im Ofenwinkel unter Tränen die Augen aufschlug als
wäre dem lieben Herrgott ein Wunder gelungen bot Franzl den Anblick eines
Menschen der ein paar tiefe Krüge über den Durst getrunken hat Er machte wohl
den Versuch in militärischer Haltung vor seinem Herrn zu stehen aber es zog
ihm den Kopf in den Nacken und dabei würgte er immer das eine Wort heraus
»Aber Herr Graf Aber Herr Graf Aber Herr Graf «
»Mach keine Geschichten sondern schlag ein Oder soll ich die Hand eine
halbe Stund lang herhalten«
Da griff der Jäger mit beiden Händen zu und der Druck fiel so kräftig aus
dass Graf Egge die Zähne übereinanderbiss
»So Und jetzt zur Schüssel und iss Wenn du fertig bist packen wir auf und
marschieren« Graf Egge schob den Jäger zur Bank und wandte sich an die
Horneggerin wobei seine Sprache zu vollem Dialekt wurde »Geben S an Löffel
her Mutter Ich halt mit Zwei Tag lang hab ich kein Bissen nimmer
nunterbracht Jetzt krachen mir alle Rippen An Löffel her«
»Aber gern Es is mir ja die größte Ehr« Die Försterin wusste vor Freude und
Verwirrung nimmer was sie beginnen sollte »Jesus wann ich nur auf so was
gfasst gewesen wär Da hätt ich aufkocht ich weiß net was Und grad heut muss ich
so a grings Mittagessen haben Die Brotsuppen da ich trau mirs gar net sagen
und Tirolerknödl mit Selchkraut D Suppen mein ich wär net übel Aber die
Knödl Herr Graf die Knödl halt Soviel sinnieren hab ich müssen derweil ich
kocht hab Und da hab ichs net gwissenhaft genug mit die Knödl gnommen Wenn s
Ihnen nur net drucken Jesus Maria Dös wär mir s ärgste«
»Ich kann mir was ärgers denken« Unter müdem Lächeln schob sich Graf Egge
hinter den Tisch »Wenn alles andre so leicht hinunterging wie gschmalzene
Knödl Also Mutter geben S den Löffel her«
»Jesses ja An Löffel Wo hab ich denn mein Kopf« Die Horneggerin rannte in
die Kammer hinaus
»Habt ihr schon gebetet« fragte Graf Egge während er die Füße unter den
Tisch streckte
Franzl brachte keinen Laut heraus und nickte nur
Graf Egge lehnte sich an die Wand zurück verschlang die Hände über dem Gurt
der Lederhose sprach halblaut ein Vaterunser und bekreuzte sich dann griff er
über den Tisch fasste den Blechlöffel der Horneggerin wischte ihn am Zipfel des
blauen Tischtuches ab und fuhr in die Schüssel »Schiess los Franzl«
Als die Försterin kam mit dem silbernen Patenlöffel ihres Buben und einem
blanken Hirschhornbesteck das sie vor Jahren auf dem Münchener Oktoberfest im
Glückshafen gewonnen hatte war die Suppenschüssel schon halb geleert »Packen
S wieder ein Mutter« sagte Graf Egge und behielt den Blechlöffel
Mit Zittern und Bangen trug die Horneggerin das Kraut und die Knödel auf
doch das derbe Gericht erwarb sich so ausgiebig die Gnade des Gastes dass Franzl
und seine Mutter zu kurz kamen Da fand die Försterin unter scheuem Lächeln
sogar den Mut zu der Bemerkung »Mir scheint Herr Graf sie schmecken Ihnen«
»Prämieren tät ich Ihnen grad net für so an Exemplar Aber der Hunger treibt
Bratwürst nunter Ich hab harte Fasten hinter mir«
»O mein Gott gelt vor lauter Kümmernis haben S nix mehr essen können«
Die Augen der Horneggerin füllten sich wieder mit Tränen »Dös kenn ich wie so
was is Und wie so an Unglück nur kommen kann Gestern nochs lachende Leben
und heut der ewige Schlaf Da wärs kein Wunder wann der Mensch zittert vor
jeder Stund und wann er Gott sei Dank sagt hinter jedem Tag der glimpflich
vorbeigangen is«
Eine Weile noch hörte Graf Egge den herzlich gemeinten Jammer der alten Frau
geduldig an Dann legte er plötzlich die Gabel nieder würgte den letzten Bissen
hinunter und erhob sich »Mach fertig Franzl ich wart im Hof« Er reichte
der Horneggerin die erschrocken verstummt war die Hand über den Tisch
»Vergelts Gott Mutter« Dann griff er nach seiner Büchse und verließ die Stube
Franzl schob sich aus der Bank heraus Da nahm die Horneggerin sein Gesicht
zwischen die Hände »Bub Was sagst Gestern hast mich in deiner Kümmernis
erbarmt dass ich mir s Herz hätt aussireissen können Und heut is alles wieder
gut«
Franzl nickte dabei sprach aus seinen Augen etwas das mit dieser
Zustimmung nicht harmonieren wollte Er umschlang die Mutter und schmiegte die
Wange an ihr graues Haar So standen sie eine Weile bis Franzl aufatmend sagte
»Jetzt musst mich auslassen s Warten hat er net gern« Er rannte zur Stube
hinaus Eine Minute später kam er die Treppe herunter fertig für den Berggang
Die Mutter wollte ihm die Stirn mit Weihwasser besprengen aber bei Franzls Eile
gingen die heiligen Tropfen daneben
Graf Egge trommelte schon mit dem Fuß und drängte »Vorwärts Vorwärts«
Mit langen Schritten wanderte das Paar davon an den welkenden Hecken
entlang
Als sie die Wiesen überschritten und zu den dichter stehenden Häusern des
Dorfes kamen klang hinter ihnen ein Gewinsel Gebell und Geheul das sich
näherte und immer lauter wurde Franzl drehte das Gesicht »Um Gottes willen
Herr Graf Was kommt denn da daher«
Mit Springen und Stürzen Überschlagen und Kollern näherte sich ein lebendig
scheinender Knäuel von flatternden Leinwandfetzen und lang nachschleifenden
Bändern die sich durcheinanderringelten wie kämpfende Schlangen Je näher das
seltene Ungeheuer kam desto deutlicher ließ sich die wirbelnden Füße der
zuckende Kopf und die schlagende Rute des Hundes erkennen der als heulender
Kern in dieser absonderlichen Schale steckte
»Jesus Maria Herr Graf Unser Hirschmann Der is dem Tierarzt durchbrennt
hat heimgsucht und is auf unser Fährten kommen« Franzl legte den Bergstock und
die Büchse ab und rannte dem Hund entgegen »Hirschmanndl Hirschmanndl Da komm
her Ja Hirschmanndl Was is denn mit dir Wo kommst denn her«
Wie der Hund in seinem zerzausten Spitalgewand herangeschossen kam wie er
in winselnder Freude an dem Jäger emporzuspringen versuchte sich in die
schlagenden Fetzen verwickelte laut heulend stürzte und fröhlich bellend wieder
aufsprang wie Franzl ihn haschen wollte und nur die flatternde Bandage zu
fassen bekam aus der sich der Hund unter Geheul und Gezappel vollends
hervorkugelte wie der Jäger nun selbst zu Boden taumelte und der befreite Hund
mit ungestümer Liebkosung über ihn herfiel das war ein so drolliger Anblick
dass Graf Egge lachen musste Aber dieses Lachen schien ihn zu schmerzen denn er
presste die Hand an den Hinterkopf
Auch Franzl lachte Die lärmende Freude des treuen Tieres ließ ihn des
Kummers vergessen den auch die Aussöhnung mit seinem Jagdherrn nicht hatte
beschwichtigen können Auf der Erde sitzend hielt er den zappelnden Hund
umschlungen und blickte lachend zu Graf Egge auf »Jetzt Herr Graf jetzt sind
wir wieder alle beinander«
»Alle Da fehlt noch viel scheint mir« Dem Grafen war das Lachen
vergangen Nun erkannte der Hund auch ihn riss sich aus den Armen des Jägers und
kam gesprungen Mit zerstreuter Freundlichkeit tätschelte ihm Graf Egge den
Kopf dabei wurde das Tier ruhig und zog den Schweif ein
In Franzl erwachte die Sorge ob der Hund auch völlig geheilt wäre
Hirschmann ersparte dem Jäger die nähere Untersuchung als Graf Egge sich in
Gang setzte übersprang der Hund eine Planke und sauste wie verrückt auf den
Wiesen herum dabei schüttelte er immer wieder das Fell drehte sich im Kreis
und schnappte mit den Zähnen nach seinen Flanken
»Der is freilich gsund Ja« meinte Franzl »Aber d Haut muss ihn spannen
Vom Verband hängt ihm noch s ganze Fell voller Pech«
Während die beiden das Dorf durchschritten drehte sich ihr Gespräch nur um
den Hund der bald vor bald hinter ihnen seine vergnügten Sprünge machte Die
Leute die ihnen begegneten grüßten scheu und mit großen Augen Immer huschte
wenn Franzl sich für einen Gruß bedankte eine dunkle Röte über sein schmal
gewordenes Gesicht So erreichten sie den Ländeplatz Der Seewirt der auf der
Veranda mit einem Touristen plauderte kam gelaufen und zog die Mütze
»Seewirt« Graf Egge hatte die Hand auf Franzls Schulter gelegt »Ich habe
leider hören müssen dass im Dorf ganz unqualifizierbar Redereien über den
Hornegger umhergetragen werden Das ist böswilliger Quatsch Hornegger hat sich
im Dienst nicht das geringste zuschulden kommen lassen Wenn ich in grundlosem
Zorn eine Übereilung begangen habe so liegt die Schuld an mir Ich sage Ihnen
das damit Sie es unter die Leute bringen Verstanden Und jetzt mein Schiff«
Während der Seewirt davoneilte wechselten Röte und Blässe auf dem Gesicht
des Jägers »Aber Herr Graf Was machen S denn für Gschichten Dös is doch
zviel Herr Graf«
»Halt den Schnabel du dummer Kerl du guter Ich hab dir einen Treff ins
Blut gegeben jetzt will ich dir auch das rechte Pflaster auflegen Was ich dem
Seewirt gesagt habe wird umlaufen im Dorf wie ein Windspiel Und die Leute die
uns heut miteinander gesehen haben werden ihren Metzen Korn auf deine Mühle
schütten Schau nur da drüben steht schon wieder einer und reißt das Maul auf«
Als der Bauer der inmitten der Straße stand die Aufmerksamkeit der beiden
Jäger auf sich gerichtet sah wandte er sich ab und ging seiner Wege Es war der
Bruckner Bevor er um die Ecke bog warf er noch einen scheuen Blick zu den
Bergen hinauf als wäre dort oben für ihn ein Gegenstand der Sorge
Franzl war merkwürdig still geworden Während der ganzen Fahrt über den See
sprach er keine Silbe und guckte so schwermütig vor sich hin als hätten die
Ereignisse der vergangenen Stunde seinen Kummer um kein Härchen erleichtert
Neben dem Wetterbach stiegen sie aus Franzl den das eigene Schweigen zu
drücken begann versuchte zu plaudern doch er schwieg wieder als er merkte
dass sein Herr nicht hörte Erregung wühlte in Graf Egges Zügen Während sie an
der Klause vorübergingen hielt er das Gesicht abgewandt als sie den Wildbach
überschritten hatten und über einen steilen Hang emporgestiegen waren blieb er
stehen und sah mit funkelnden Augen zurück Über die welkenden Kronen der
Ahornbäume ragte das Dächlein der Klause hervor »Wenn sie alle gegen mich
stehen Kann es mich wundern Sie sind die Kinder dieser Mutter« murrte Graf
Egge ohne sich um die Gegenwart des Jägers zu kümmern In der Sonne leuchtete
die Marmortafel mit der Inschrift »Hier wohnt das Glück« Graf Egge fasste mit
zornigem Griff die Büchse Der Schuss krachte und von der Kugel getroffen
stürzten die Trümmer der zersplitterten Marmortafel mit dumpfen Klatsch zu
Boden
»Herr Graf« stotterte Franzl »Um Gotts willen was treiben S denn«
Ohne zu antworten warf Graf Egge die Büchse über den Rücken und stieg
bergan
Nach dreistündiger Wanderung erreichten sie die Almen Die weiten
gelblichen Grasgehänge dehnten sich still und öde während der letzten Tage
hatten die Sennerinnen mit ihren Herden die im Seetal liegenden Niederalmen
bezogen
Die Schatten des Abends wurden lang als der Weg der beiden Jäger zu Ende
ging und hinter dem Latschenwald das silbergraue Schindeldach der Dippelhütte
hervortauchte Bei der letzten Biegung des Pfades blieb Graf Egge plötzlich
stehen und in aufbrausendem Zorn klang seine Stimme »Was will das Weibsbild in
meiner Hütte Das sieht ihm gleich dem gottverlassenen Kerl dass er auch noch
karessiert in meinem Bett Und heute«
Franzl den die Gedanken an die bevorstehende Begegnung mit Schipper
beschäftigt hatten blickte auf »Was is denn Herr Graf«
»Hast du das Weibsbild nicht gesehen das aus der Hütte kam«
Der Jäger schüttelte den Kopf
»Die Person muss ein schlechtes Gewissen haben Ich hab es deutlich gesehen
dass sie vor uns erschrocken ist Warum nimmt sie Reissaus Warum macht sie den
Umweg durch die Latschen über den Steig da droben Lauf zurück und schneid ihr
den Weg ab Ich will wissen wer es war und was sie in meiner Hütte zu suchen
hatte«
Die Büchse in der Hand lief Franzl über den Pfad zurück Eine weiße Schürze
schimmerte zwischen den Latschen Er machte noch ein paar lautlose Sprünge Und
nun standen sie voreinander alle beide zu Tod erschrocken mit blassen
Gesichtern
»Mali Du«
Das Mädel zitterte
Und Franzl griff an seinen Hals »Der Herr Graf gsehen hat er dich und
wissen möcht er «
Es brannte heiß über Malis Wangen und wie in Freude stammelte sie »Der
Graf Und du Ich bitt dich so red doch bist denn wieder im Dienst Und is
denn alles wieder in Ordnung«
Er sah sie betroffen an Ihre Freude hatte zu deutlich gesprochen um nicht
verstanden zu werden Aber Franzl hatte während der vergangenen Tage seinen
Verstand so bös zergrübelt dass er keinen ruhigen Gedanken keinen vernünftigen
Schluss mehr fertigbrachte »Ob ich wieder mein Dienst hab Warum willst es denn
von mir erfahren Dös hättest doch grad so gut vom nämlichen hören können der
dir selbigsmal so gschwind hat sagen lassen dass ich gschasst worden bin Bis
gestern hab ich noch allweil studiert wies möglich war dass die Katz der Maus
vorausgsprungen is Aber gestern is mir a Lichtl aufgangen seit ich gehört hab
was für a Bsuch bei dir ans Fenster klopft hat Aber der hat s Türl schön offen
gfunden Freilich der hat sein sicheren Posten«
Mali verfärbte sich und dennoch atmete sie auf als wäre ihr eine Sorge von
der Seele gefallen
Dem Jäger wurde die Stimme heiser »Und gar net schenierst dich Gehts
allweil so bei dir Bald aussi bald eini wie der Kapaziner im Wetterhäusl«
Bei aller Entrüstung die in ihm wühlte trieb ihn doch sein Herz dem hässlichen
Raben ein bisschen was von seiner Schwärze zu nehmen »Hat dirs dein Bruder
eingeben Du sollst den Verstand a bissl walten lassen«
»Franzl Was hast denn« fragte Mali tonlos »Der Bruder hat nix zschaffen
mit meiner Sach Ich bin selber so gscheit gewesen Ich hab mir halt denkt «
»Denkt hast So Denkt« Franzl lachte und rieb den Hut hin und her »No
schau jetzt hab ich ja wieder mein Posten Und wie mich gsehen hast mit der
Büchs man könnt schier glauben es hätt dich gfreut Da willst am End gar
wieder umsatteln Viel bild ich mir net ein auf mich Aber es könnt schon sein
dass dirs lieber wär der Posten und ich als der Posten und der ander dazu«
In der Brucknermali schien der empfindliche Apparat zu versteinern mit dem
die Menschenkinder zu denken pflegen
Und Franzl lachte dass es ihm nass in die Augen sprang »Viel Zutrauen musst
aber nimmer gehabt haben zu meiner Repatazion Sonst hättest dich net gar so
tummelt dass dem andern sein Bsuch wieder heimgibst Und fein hast dir s
Stündl ausgsucht Wo er allein in der Hütten war und der Graf beim Gräbnis
drunt« Erschrocken griff sich Franzl hinters Ohr »Mar und Joseph In meiner
Narretei vergiss ich ganz warum ich dasteh« Er richtete sich auf »Mich geht ja
die ganze Gschicht nix an Der Herr Graf möcht wissen was du in seiner Hütten
suchst« Da schwankte ihm wieder die Stimme »Und was du mitm Schipper hast«
Mali tappte mit beiden Händen nach dem Kopf als hätte sie Sorge um ihren
gemarterten Verstand Man konnte ihrs ansehen wie schwer sie die Ausrede fand
nach der sie suchte »Rasten hab ich müssen a bissl rasten halt Sonst hab ich
nix in der Hütten gsucht Bloß rasten hab ich müssen«
»Rasten So Was hat dich denn gar so müd gemacht«
»Bei der Sennerin bin ich gewesen«
»So Bei der Sennerin Die schon abtrieben hat«
Ratlos guckte Mali über die stillen Almen hinunter dann schlug sie den Arm
über die Stirn stolperte über den Grasrain auf den Jägersteig und ging davon
»Komm gut heim Dein Weg wird finster« rief Franzl ihr mit zerdrückter
Stimme nach »Oder soll ich dir leicht den Schipper schicken dass er dich
führt«
Mali griff nach einem Latschenzweig und drehte das Gesicht es war
entstellt »Franzl Nimm dich vorm Schipper in acht« Wie von Sinnen rannte sie
davon
Franzl stand so betäubt als hätte er einen schweren Schlag auf den Kopf
bekommen Da hörte er einen gellenden Fingerpfiff »Jesses na« Er begann zu
springen
Graf Egge empfing ihn mürrisch »Was ist denn mit dir Ich wart mir da die
Seel heraus Wo bleibst du so lang«
»Gredt hab ich mitm Madl« keuchte der Jäger atemlos »ich bitt um
Entschuldigung«
Bei Graf Egge schien der Zorn über die weiße Schürze sich schon gelegt zu
haben er nahm die Wanderung wieder auf und fragte zerstreut »Wer war es«
Der Name wurde für Franzl eine zähe Sache »Die BrucknerMali«
»So Die ist wieder im Dorf Ihr Bruder sagt Moser wär früher nicht
sauber gewesen Wie kommt das Mädel jetzt in meine Hütte«
»Rasten hats müssen bloß a bissl rasten Sonst nix Herr Graf«
»Rasten Die soll sich ein andermal auf den Kuhsteig setzen nicht auf meine
Bank« Damit war die Sache erledigt wenigstens für Graf Egge
12
Es dämmerte noch nicht Aber auf dem Herd der Dippelhütte brannte bereits ein
Feuer Daneben stand schon die eiserne Pfanne und das Holzgeschirr mit dem
Schmarrenteig
Die Fäuste in den Taschen der Lederhose saß Schipper auf dem Herdrand und
schien vergessen zu haben dass er kochen wollte An der Lippe beissend in den
grauen Zügen den Ausdruck grübelnder Wut sah er unruhig vor sich hin Da klang
das Klirren eines Nagelschuhs Schipper hob lauschend den Kopf und erkannte den
schweren Schritt Mit einem Fluch sprang er auf und murmelte »Is denn der kein
Mensch net Jetzt kommt er heut noch da rauf« Er strich mit der Hand über das
Gesicht und sprang zur Tür
Graf Egge stand vor ihm
Wie in freudiger Überraschung schlug Schipper die Hände zusammen »Ja grüß
Ihnen Gott Herr Graf Ja weil S nur wieder heroben sind in der Hütten Seit
Mittag is mirs allweil fürgangen dass ich heut noch die Freud hab « Schipper
gewahrte dass sein Herr nicht allein war und das Wort blieb ihm in der Kehle
stecken
»Was hockst du in der Hütte« fuhr ihn Graf Egge an »Warum hast du nicht
Dienst gemacht«
Schipper war noch immer sprachlos Franzls Anblick hatte auf ihn gewirkt wie
die Erscheinung eines Gespenstes
»Hörst du nicht«
»Ich bitt Herr Graf ich hab mir halt denkt Sie kommen«
»Das Denken überlass mir Du mach deinen Schutz Hol deine Büchse und pack
dein Zeug in den Rucksack Alles Und dann marschier Von heut an übernimmst du
Patscheiders Bezirk Ich hab in meiner Hütte für dich keinen Platz mehr«
Schipper zitterte vor Wut und sein Gesicht spielte alle Farben aber er
schien zu merken dass die Stunde nicht geeignet war um gegen dieses unerwartete
Versetzungsdekret eine Vorstellung zu erheben Sich mühsam bezwingend sagte er
mit Ruhe »Wie der Herr Graf befehlen Dem verwahrlosten Bezirk da drüben wird
mei scharfe Aufsicht net übel anschlagen Und der gnädig Herr Graf wird wissen
was er will«
»Vor allem will ich Ruhe haben und da kann ich nicht vor Augen brauchen
was mir die Galle aufriegelt« Graf Egge trat in die Hütte
Schipper wollte ihm folgen kehrte aber wieder um und trat auf Franzl zu
»Grüß dich Gott Hornegger Hat der Herr Graf an Einsehen gehabt Es is mir lieb
dass d wieder da bist« Er streckte ihm die Hand hin »Wir zwei haben uns oft
net recht verstanden mitanander Jetzt red ich mirs grad amal vom Herzen weg
Wär gscheiter wir täten als gute Kameraden einer zum andern halten Geh schlag
ein«
Franzl rührte keinen Finger und bohrte den Blick in Schippers Augen
»Oho Was hast denn« Schipper lachte »Warum schaust mich denn an wie der
Teufel die arme Seel«
»Hornegger« klang es aus der Stube Und Franzl ging zu seinem Herrn um den
Kammerdienst anzutreten aus welchem Schipper entlassen war
Als Graf Egge die Herrenstube betreten hatte war es sein erstes gewesen
das Geheimarchiv aufzusperren um sich zu überzeugen ob hier alles in Ordnung
wäre Unversehrt und friedlich ruhte das herrliche Gemsgehörn neben dem Samtetui
mit den Edelsteinen von denen nur ein einziger fehlt ein Rubin
Nun saß Graf Egge auf dem Bett und während ihm Franzl die Schuhriemen lösen
musste hielt er den Hund auf seinem Schoss und zupfte ihm aus dem roten Fell die
Harztropfen heraus die vom Verband zurückgeblieben waren
Nach einer Weile kam Schipper und meldete sich »fertig zum Marsch«
Sein Herr entließ ihn wortlos Als die Schritte des enttronten
Büchsenspanners vor der Hütte verklangen erhob sich Graf Egge und sagte zu
Franzl der eben die Hängelampe anzündete »So Jetzt is die Luft sauber Komm
Alter jetzt kochen wir unseren Schmarren«
Die Vorbereitungen die auf dem Herd bereits getroffen waren erleichterten
die Sache Während das Schmalz in der Pfanne prasselte besprachen sie die
Pirschpläne für den kommenden Tag Das heißt Graf Egge besprach sie Franzl
der verloren umherging Holz brachte und Wasser zum Feuer setzte kam über ein
paar pflichtschuldige Wörtchen nicht hinaus und erklärte sich mit allen
Vorschlägen einverstanden die sein Herr ausgrübelte Mitten in der Rede brach
Graf Egge ab deutete mit dem eisernen Pfannenlöffel nach der Ecke des Herdes
und sagte mit schwankender Stimme »Schau Franzl auf dem Fleckl da is er
gsessen am letzten Abend«
Eine stille Mahlzeit
Während Graf Egge in der Stube die Zither stimmte und Franzl in der Küche
das Geschirr spülte kam Patscheider von seinem Reviergang zurück Für die
Freude über das Wiedersehen mit Franzl hatte der Jäger nur ein paar kurze Worte
wie sie gemeint waren das sprach ihm aus den Augen zum erstenmal lachte er
wieder seit vielen Tagen Nach dem Rapport teilte er sich mit Franzl in die
Arbeit und dabei sprachen sie flüsternd von dem »Unglück drunt« und vom »armen
Herrn« Während dieses Gespräches erwachte in Patscheider ein Gedanke der ihn
um so unruhiger machte je länger er ihn verschwieg Endlich platzte er damit
heraus »Sag Franzl Jetzt hast ja dein Dienstplatz wieder Tätst mir harb
sein wenn ich mich um den Posten bewerben möcht den man dir anboten hat«
Betroffen sah Franzl auf Er kannte den Jäger gut genug um zu wissen dass
hinter der Sache alles andere eher steckte als Eigennutz »Michel Um Gotts
willen Was is denn«
Patscheider wehrte mit der Hand »Frag net Bei so was tut s Reden net
gut«
Das war schon zuviel gesagt Das Gerede im Dorf Patscheiders verändertes
Wesen und seine letzten Worte der Zusammenhang dieser Dinge weckte in Franzl
eine Ahnung die ihm den Herzschlag stocken machte »Michl Jesus Maria«
»Tätst mir harb sein«
Franzl schüttelte den Kopf Ohne ein weiteres Wort erhob sich Patscheider
klopfte an die Tür der Herrenstube und trat ein
Graf Egge stimmte noch immer an seiner Elegienziter der Klang der Akkorde
war ihm noch nicht rein genug Eine Saite schraubend sah er auf
»Ich bitt Herr Graf« sagte Patscheider verlegen »ich hätt gern a bissl
nach meine Leut gschaut Wenn S nix dagegen hätten Morgen am Abend vor dem
Pirschgang wär ich wieder heroben«
»Geh nur« Graf Egge schlug einen Akkord an und neigte das Ohr gegen die
Saiten »Und sag dem Hornegger er kann sich schlafen legen«
Franzl nahm die Botschaft als Befehl und nachdem er hinter Patscheider die
Hüttentür verriegelt hatte kletterte er auf den Heuboden
Schlaflos lag er in der Finsternis unter den Dachsparren und quälte sich mit
seinen wirren Gedanken während aus der Herrenstube herauf die zärtlichen Klänge
der Zither tönten
Graf Egge spielte an diesem Abend nur ernste Stücke An Koschats »Verlassen
verlassen« reihte sich »Mutterseelenallein« mit meisterhaft ausgeführten
Flageolettönen Ein schwermütiges Zwischenspiel in AMoll leitete über in das
Tiroler Volkslied
»Wenn ich zu meinem Kinde geh «
Bei diesem Liede musste Graf Egge während des Spiels den Kopf zurückbeugen
damit die Tränen die ihm über die Wangen rollten nicht in die Saiten fielen
die Zither ist ein wehleidiges Instrument und Feuchtigkeit verträgt sie nicht
Beim Schlussakkord seufzte Graf Egge so schwer dass Hirschmann der hinter dem
Ofen lag den Kopf erhob und seinen Herrn verwundert betrachtete
Wieder klang die Zither Dem Schlummerlosen auf dem Heuboden redeten diese
feinen Klänge ins Herz Er setzte sich auf drückte den Kopf in die Hände und
grübelte Immer tauchten zwei Bilder gleichzeitig in ihm auf eines ein
Widerspruch zum anderen jeder Gedanke dem er folgte führte ihn nach Irrwegen
zu einem großen Loch vor dem er ratlos stand und wieder den Rückweg suchte und
in seinen eigenen Kummer mischte sich noch das Erbarmen mit dem »armen Herrn da
drunt« und die Sorge die er sich um Patscheider machte
Der hatte auf seinem Heimweg in der dunklen Nacht ein übles Wandern auf den
Almen ging es noch leidlich da leuchteten die Sterne ein bisschen aber im
schwarzen Hochwald setzte es Beulen und blutige Risse
Mitternacht hatte geschlagen als Patscheider das Dorf erreichte in den
Höfen an denen er vorüberkam bellten die Hunde und dumpf rauschte die Ache in
der Nachtstille Langgezogene Nebelstreifen schwebten aus dem Seetal heraus
umhüllten den Kirchturm und senkten sich über den Friedhof und die Wiesen Alle
Häuser lagen schon dunkel nur aus der Stube des Brucknerhauses leuchtete noch
ein trüber Lichtschimmer und der Jäger sah als er vorbeiwanderte einen
Schatten über die Fenster irren
Diesen Schatten warf der Bauer der mit nackten Füßen in der Stube auf und
ab ging die Schwarzwälderuhr tickte und mit glostendem Räuber brannte eine
dünne Kerze auf dem Tisch hinter welchem Mali im Herrgottswinkel saß den Kopf
an die Wand gelehnt Auf dem Ledersofa das nach Forbecks Abreise aus dem
Giebelzimmer den Umzug in die Stube gemacht hatte schlummerte das kleine
Netterl und für Mali lag auf dem Boden eine Matratze mit rotgeblumtem Kissen
und wollener Decke
Bruckner blieb vor der Schwester stehen »Ich studier mir s Hirnkastl aus
aber ich find nix Bessers Bleibst im Haus so is s Unglück fertig Dös musst
selber einsehen nach dem was heut am Berg droben passiert is Oder net«
Mali nickte
»Dass ich dich net gern fortlass kannst dir denken« Der Bauer sah hinüber zu
dem schlafenden Kind »Aber es geht nimmer anders jetzt muss ich allein mitm
Schädel durch d Wand Am besten du gehst gleich morgen in der Fruh Den Kufer
schick ich dir mitm Boten nach Is dirs recht so«
Mali schob sich hinter dem Tisch hervor ging zum Sofa und streifte mit der
Hand über das Haar des Kindes »Magst mir s Netterl net mitgeben s Kind tät
gsunden in meiner Sorg Und d Schwester hätt die größte Freud«
Er schüttelte heftig den Kopf »D Schwester hat kleine Mäuler genug Und
hätt ich meine Kinder nimmer was hätt ich noch Ich gib keins her A paar Tag
lang hilft mir d Nachbarin aus nachher muss ich mich halt um a richtigs
Weibsbild umschauen Solls kosten was mag Lieber schind ich mich dass mir s
Blut aussisprjetzt bei die Nägel So Jetzt leg dich schlafen Die halbe Nacht is
eh schon wieder beim Teufel«
Trotz dieser Mahnung gingen noch Stunden vorüber ehe hinter den Fenstern
des Brucknerhauses das Licht erlosch
Der folgende Tag ein Sonntag brachte das ganze Dorf in Aufregung Aber das
Getratsch und Gerede das nach dem Hochamt aus der Kirche getragen wurde hatte
nichts mit der Tatsache zu schaffen dass am frühen Morgen die BrucknerMali mit
einem kleinen weißen Bündel und mit rotgeränderten Augen zum Dorf
hinausgewandert war Was den halb lustigen halb verwunderten Leutrummel
verursachte war die nach der Predigt von der Kanzel erfolgte Verkündigung »Zum
heiligen Bund der Ehe haben sich versprochen der ehr und tugendhafte Jüngling
Andreas Pointner und die ehr und tugendsame Jungfrau Elisabet Zauner beide
allhier«
Auch Patscheider der gegen zwölf Uhr mittags vor dem Seehof aus einem
Einspänner stieg und ein Schiff verlangte bekam die große Neuigkeit zu hören
Er zuckte nur die Achseln und sprang in den Kahn Als er beim Wetterbach
landete begann er mit treibendem Marsch bergan zu steigen und traf wie er es
seinem Herrn zugesagt hatte noch vor der »guten Zeit« im Palais Dippel ein
Graf Egge stand vor der Hütte schon zum Pirschgang fertig Mit der Büchse auf
dem Rücken las er einen Brief dessen zerrissenes Kuvert auf der Erde lag
Moser der mit dem Hut in der Hand vor Graf Egge stand schien diesen Brief
soeben gebracht zu haben Auch Franzl war schon für den Jagdweg gerüstet er saß
auf der Hüttenbank und sah als Patscheider kam stumm fragend zu ihm auf der
Jäger nickte und verschwand in der Hüttentür
Graf Egge hatte zu Ende gelesen und schien in Erregung mit einem Entschluss
zu kämpfen Plötzlich wandte er sich zu Moser und fuhr ihn an »Was kommst du
auch gerade jetzt mit dem Brief daher Ich kann doch jetzt nicht schreiben ich
versäume doch die Pirsch« Wieder überlegte er Die Unentschlossenheit währte
nicht lange Er schob den Brief in die Joppentasche »In Gottes Namen Bring
ihr die Antwort mündlich Ich bin damit einverstanden dass die Damen morgen
reisen« Er biss am Schnurrbart und suchte nach Worten »Sie sollen sich in
München nicht länger als nötig aufhalten Im Palais ist alles versperrt und
verriegelt und der Kampfergeruch könnte ihnen Kopfweh machen Es ist besser
sie bleiben über Mittag in einem Hotel und fahren gleich nach Tisch mit dem
Kurierzug weiter Das erspart ihnen überflüssige Besuche« Es zuckte um Graf
Egges Augen »Von Eggeberg sollen sie mir eine Depesche schicken dass sie
glücklich angekommen sind Ich schreibe dann schon wenn ich Zeit habe Und
meiner Tochter kannst du sagen es hätte mich gefreut dass sie morgen noch zu
mir heraufkommen wollte Aber das darf ich ihr nicht zumuten Die paar Tage sind
mir in die Knie gegangen um wieviel elender muss das Mädel sein Sie soll sich
schonen für die Reise Ich lass ihr gute Fahrt wünschen Recht gute Fahrt Und
glückliche Ankunft in Eggeberg Und einen guten Winter Sag ihr das Vielleicht
komm ich nach der Hirschbrunft bevor ich reise auf einen Sprung nach Eggeberg
Mein Bruder hat freilich eine Jagd dass Gott erbarm Aber dem Mädel zulieb
Sag ihr das« Er rückte den Hut »Hornegger komm« Graf Egge folgte dem Steig
und fragte als Franzl ihn einholte »Wo meinst du dass der Bock steht«
Drei Stunden später als es dämmerte brachte Franzl die von seinem Herrn
erlegte Gemse zur Dippelhütte getragen Aber die Laune in der Graf Egge nach
Hause kam war eine andere als sie sonst nach einem glücklichen Schuss zu sein
pflegte Auf der Pirsche hatte er den Augenblick in dem er Feuer geben durfte
kaum erwarten können als ihm aber die Beute zu Füßen lag hatte er das Gehört
ohne Freude betrachtet und auf dem Heimweg besprach er nicht wie sonst mit
eingehender Umständlichkeit den Verlauf der Jagd sondern war von mürrischer
Schweigsamkeit
Nach der Mahlzeit gab es eine böse Szene zwischen ihm und Patscheider der
seinen Dienst kündigte Graf Egge schrie dass die Fenster klirrten
Franzl ging zum Brunnen um nicht wider Willen hören zu müssen was in der
Stube verhandelt wurde Es währte fast eine Stunde bis in der Hütte wieder Ruhe
war Als Franzl in die Herdstube zurückkehrte packte Patscheider mit zitternden
Händen seinen Rucksack während in der Herrenstube die Saiten klangen
»Gott sei Dank Franzl jetzt hab ichs überstanden Mein Packl trag ich
freilich mit fort Aber jetzt kann ich mit Ruh an Weib und Kinder denken«
»Aber Michl Was is denn Warum packst denn jetzt«
»Fort soll ich gleich auf der Stell hat er gesagt Heut hat ers mir macht
wie selbigsmal dir Statt dass er an Einsehen gehabt hätt mit meiner armen Seel
Statt dass er froh gewesen wär über den Ausweg den mein Erbarmen mit dem armen
Teufel von Vater « Patscheider verschluckte den Rest des Satzes »Da hab ich
mich nimmer halten können Und alles hab ich ihm gradaus ins Gsicht gesagt was
ich die ganze Zeit her in mich nunterdruckt hab Alles Alles«
»Michel um Gotts willen bist denn gscheit« stammelte Franzl »Weißt doch
dass er aufgregt is und hart im Holz Und schau jetzt hat ihn dös fürchtige
Unglück troffen So was dreht doch an Menschen um und um Wie kannst ihm denn da
was übelnehmen Aber Michl Michl«
Patscheider kratzte sich den Kopf »Vielleicht hast recht vielleicht hätt
ich mir s Maul verriegeln sollen Aber ich hab mich nimmer halten können Es is
mir aussigrumpelt Er hat mir Sachen ins Gsicht gesagt « Der Zorn erwachte
wieder in ihm »Himmelkreuzteufel ich hab ja rein glaubt «
In der Stube schwieg die Zither und Graf Egge rief mit heiserer Stimme
»Wird da draußen bald Ruh werden« Dann klangen die Saiten wieder
Die beiden Jäger sprachen kein Wort mehr Als Patscheider den Bergsack auf
den Rücken gehoben hatte winkte er seinem Kameraden Schweigend gingen sie in
der Nacht eine Strecke miteinander Dann umklammerte Patscheider Franzls Hand
»Bhüt dich Gott Und ich sag dir Vergelts Gott weil mir verlaubt hast dass ich
mich um den Posten umschau Dass ich dich net vergiss da kannst Gift drauf
nehmen Alles andre lass ich hinter mir Kreuz drüber und fertig Dir Franzl
bleib ich der Alte Bhüt dich Gott Kamerad« Er riss ihn an sich küsste ihn wie
ein zärtlich gewordener Bär und stolperte in die Nacht hinaus
Franzl hatte kein Wort gefunden Als Patscheiders Schritte schon verhallten
rief er ihm nach »Bhüt dich Gott Michl Lass dirs gut gehen gelt« Während er
in die Hütte zurückkehrte blieb er immer wieder stehen und sah durch die
Finsternis gegen das Tal hinunter In der Jägerstube setzte er sich auf den Herd
und starrte in die verglimmenden Kohlen Seufzend erhob er sich endlich und
suchte seine Liegerstatt im Heu
Es waren unfreundliche Zeiten die nun im Palais Dippel Einzug hielten Graf
Egges Laune wurde knorriger von Tag zu Tag und die rührseligen Stimmungen die
in der ersten Zeit noch ab und zu seine gallige Verbitterung für kurze Stunden
lösten wurden immer seltener Jeder Misserfolg auf der Jagd war die Veranlassung
zum Ausbruch eines masslosen Zornes Kein Tag verging ohne dass Franzl sich das
»Unglück« seines Herrn in eindringliche Erinnerung rufen musste um seine
geduldige Ruhe bewahren zu können dabei lagen die Sorgen seines Herzens wie ein
drückender Stein auf ihm Und sein Beruf war ihm keine Freude mehr immer
bedenklicher schüttelte er den Kopf zu der Art und Weise seines Herrn
Wie Graf Egge jetzt die Jagd betrieb das war eine Hetze ohne Atemholen am
Morgen die Pirsch untertags eine Treibjagd am Abend wieder die Pirsch Was ihm
vor die Büchse kam wurde niedergebrannt Und in der Nacht ein dumpfer schwerer
Schlaf nach den erschöpfenden Strapazen des Tages Am Morgen ging es wieder mit
so blinder Hast zum Tempel hinaus dass auf Graf Egges Stirn die Beule in
Permanenz erklärt war Keine Beute befriedigte ihn kein Erfolg vermochte ihn zu
sättigen Es war nicht mehr die Jagd was er suchte nur noch die fieberhafte
Erregung vor dem Schuss
Eines Nachmittags während der Gemspirsch sahen sie zwei Adler über einer
Felswand kreisen Das brachte eine neue willkommene Erregung Graf Egge schoss
die erste Gemsgeiss nieder die ihm über den Weg sprang sie wurde auf der Zinne
der Wand als Köder ausgelegt und während Franzl die Wache bezog übersiedelte
Graf Egge in Schippers Hütte
Nach Verlauf einer Woche konnte Franzl seinem Herrn die Meldung bringen dass
die Adler den Köder angenommen hätten und regelmäßig einfielen
»Wenn S Ihnen d Müh net verdrießen lassen Herr Graf die schießen S alle
zwei«
Graf Egge besann sich Dann schüttelte er den Kopf »Schießen Ich will mehr
davon haben Die wirst du mir füttern über den Winter Vielleicht bleiben sie
und horsten Dann hol ich mir die Jungen aus dem Nest Das füllt mir den Käfig
wieder und bringt eine Abwechslung Ich muss wieder einmal was anderes haben
eine Sache die mir das Blut von unten herauf aufriegelt Das ewige Gepulver
wächst mir zum Hals heraus«
Im Widerspruch zu diesem Geständnis machte jeder folgende Tag ein paar
Patronen leer Während der Hirschbrunft gönnte sich Graf Egge täglich kaum ein
paar Stunden Ruhe es war Vollmondzeit und so benützte er auch die Nächte zum
Ansitz ohne sich viel um die rheumatischen Schmerzen zu kümmern die sich jetzt
im linken Knie zu rühren begannen das bisher von dem Übel noch immer verschont
geblieben war Er erinnerte sich der halben Unterhose die er im Sommer erspart
hatte und es setzte ein böses Wetter als das wollene Bein nicht gleich
gefunden wurde Diesmal wollte die Wärme der Wolle so flink nicht helfen Graf
Egges Gang wurde immer schleppender sein Gesicht bekam eine gelbliche Färbung
und seine Augen fielen tief in die Höhlen Aber solang auf den Almen und im
Bergwald noch ein Brunftschrei zu hören war gönnte er sich keine Ruhe Im
Verlaufe von drei Wochen brachte er neunzehn Hirsche auf die Decke Den letzten
erlegte er am Morgen des 16 Oktober obwohl mit dem Tage vorher die Schusszeit
schon zu Ende gegangen war Vom aufgebrochenen Hirsch weg trat er den Abstieg an
und ließ in Schloss Hubertus angekommen den Doktor holen Dieser riet ihm eine
Luftveränderung den Besuch eines milden Klimas Unverzüglich befolgte Graf Egge
diesen Rat schien aber dabei die Himmelsgegenden zu verwechseln denn er reiste
am folgenden Morgen zu den Elchjagden nach Finnland ab Zu seiner Bedienung und
Pflege nahm er Schipper mit der in der Brunftzeit wieder zu Gnaden gekommen
war da er seinen Herrn auf zwölf Hirsche zu Schuss gebracht hatte
Franzl atmete auf Sein erstes war dass er sich im Palais Dippel einen Tag
und eine Nacht ins Heu vergrub um in einem bleiernen Schlaf seine zerriebenen
Knochen rasten zu lassen Als er erwachte und vor die stille Hütte trat lag ein
schimmernder Herbstmorgen über den Bergen deren höchste Zinnen schon die erste
Schneekoppe trugen Franzl kam sich vor wie eine aus dem Fegfeuer erlöste Seele
In dieser einsamen Ruhe fühlte er sich selbst wieder empfand dass er lebte
Nach dem Frühstück das ihm seit Wochen zum erstenmal wieder mundete nahm er
seine Büchse und wanderte den ganzen Tag in seinem Bezirk umher Er ruhte im
rauschenden Wald rastete auf sonnbeschienenen Gehängen sah träumend die
ragenden Wände an und beobachtete wie das versprengte Wild sich wieder
sammelte Die Freude an seinem Beruf begann in seiner Seele wieder warm zu
werden Und noch etwas anderes fand er in dieser Stille bei diesem erquickenden
Aufatmen der wirre Sorgenknoten seines Herzens löste sich wie von selbst Jetzt
zum erstenmal konnte er ruhig überdenken was er mit Mali erlebt hatte und da
wurde der schwarze Rabe als der ihm das Mädel erschienen war immer weißer und
weißer Wohl fand er die Sache jetzt nicht weniger unbegreiflich als früher
Aber der Gedanke an Malis offene Herzlichkeit die Erinnerung an ihr vergrämtes
Gesicht an den angstvollen Klang der Stimme mit der sie ihm jene Warnung vor
Schipper zugerufen hatte das waren stärkere Trümpfe als die verriegelte
Haustür und der Besuch des Mädels in der Dippelhütte Hinter der Sache musste was
stecken was er nicht erraten nicht ahnen konnte Um darüber ins klare zu
kommen wusste er keinen besseren Weg als mit einer offenen Frage vor das Mädel
hinzutreten
Getröstet und von neuer Hoffnung erfüllt kehrte Franzl mit diesem Entschluss
am Abend ins Palais Dippel zurück Am folgenden Tage hielt ihn noch die Pflicht
auf den Bergen fest mit Hilfe zweier Holzknechte musste er einen Spiesshirsch
den Graf Egge niedergebrannt hatte als Köder für die beiden Adler auf die Höhe
der Felswand schaffen Um zwei Uhr mittags kehrte er von dieser Arbeit zurück
schloss am Palais Dippel die Fensterläden versperrte die Tür und nun rannte er
wie ein Narr um noch vor Einbruch der Dämmerung das Dorf zu erreichen
Als er am Seehof vorübersauste wurde in der Wirtsstube schon die Lampe
angezündet Über der Straße lag noch ein fahles Zwielicht und ehe Franzl den
Zaun des Brucknerhauses erreichte konnte er schon die Gestalt des Mädels
gewahren das zwischen Tür und Brunnen umherwanderte und das in einen
Lodenmantel gewickelte Netterl auf den Armen trug Das Herz schlug ihm wie ein
Hammer Doch als er in den Hof trat sah er das ihm fremde grobknochige
Frauenzimmer ratlos an »Um Gotts willen Wer bist denndu«
»s Kindsmadl bin ich beim Bruckner«
»Kindsmadl Zu was braucht denn der Bruckner fremde Leut im Haus Is doch d
Schwester da«
»So Bist du außer der Welt daheim Weißt denn gar nix D Mali is schon
lang nimmer im Ort«
Franzl verfärbte sich
»Die is zu ihrer Schwester aussi uns Unterland Jetzt bin ich da« Franzl
stand eine Weile auf den vorgestreckten Bergstock gestützt »Da wünsch ich gut
Nacht« Langsam immer den Kopf schüttelnd ging er der Straße zu
»Mir scheint bei dem rappelts« brummte die Magd
Vor dem Zaun blieb Franzl stehen schob den Hut in die Stirn und rieb den
Nacken »Aus und gar Jetzt mach an Schnapper Herzl dass dich wieder
derfangst«
Schon am folgenden Morgen stieg er wieder zur Dippelhütte hinauf obwohl er
für diesen Tag zur Hochzeit des feinen Lieserls und des PointnerAndres geladen
war Seine Mutter hatte ihm zugeredet die »Gaudi« mitzumachen weil sie hoffte
dass Franzls aschfarbene Stimmung sich beim Klang der Geigen und Klarinetten ein
bisschen aufheitern möchte Am Abend aber dankte sie dem lieben Herrgott mit
aufgehobenen Händen dass ihr Bub nicht »dabei« war denn der Hochzeitsjubel
hatte ein sonderbares Ende genommen
Die Braut die neben dem Ehering einen Reif mit funkelndem Rubin am Finger
trug und gleich einer »stadtischen Hochzeiterin« in ein weißes Atlaskleid mit
langer Schleppe gekleidet war tanzte fleißig mit den zur Hochzeit geladenen
Burschen und besonders mit dem jungen Postpraktikanten Der Bräutigam wurde
unruhig ließ sich aber vorerst noch durch die Einsicht beschwichtigen dass er
wirklich ein schlechter und schrecklich ungeschickter Tänzer war dessen
flossförmige Hochzeitsstiefel jede zierliche Fussspitze schwer bedrohten Aber was
der Andres an Temperament in den Beinen ersparen musste das sammelte sich
langsam in den Adern an seinen Schläfen zu besorgniserregenden Wülsten an
Meister Zauner wollte vermitteln zog sein Töchterlein beiseite und
flüsterte dem erhitzen Weibchen ein paar eindringliche Worte ins Ohr
»Jetzt bin ich Frau versteht der Herr Vater« antwortete das feine Lieserl
»Jetzt tu ich was ich mag A bissl was muss ich haben davon dass ich mich
aufgeopfert hab« Lachend trat sie mit dem Postpraktikanten zu einem Walzer an
Immer eifriger sprach der Bräutigam in seinem wachsenden Missvergnügen dem
Weinglas zu Einmal griff er über den Tisch und zupfte die Zaunerin am Ärmel
»Was wagen S Frau Schwiegermutter mein Lieserl schaut sich net arg viel auf
mich Dös verdriesst mich recht«
»So lass ihr doch heut dös bissl Vergnügen« lautete die ärgerliche Antwort
»Von abends um neune an gehört s dein Und s Leben is lang Da kommst noch
allweil auf deine Kosten«
Der Bräutigam nickte und saß wieder geduldig auf seinem einsamen Platz Als
aber Stunde um Stunde verging ohne dass Lieserl den Tanzboden verließ erhob
sich der Andres endlich suchte sein Bräutl auf und sagte »Weiberl was is
denn Schaust dich gar nimmer um auf mich Ich bin doch heut die Hauptperson«
Lieserl gab eine Antwort die den jungen Pointner erblassen machte Er legte
seine Bärenfaust mit eisernem Griff um das schlanke rosige Handgelenk der Braut
zog sie trotz ihres Sträubens zur Hochzeitstafel und hielt sie an seiner Seite
fest Die Zaunerin ereiferte sich über diese »unghobelte Gwalttätigkeit«
Meister Wastl zog sich schwermütig mit seiner Weinflasche in das Extrastübchen
zurück um die Sache nicht länger mit ansehen zu müssen und das feine Lieserl
weinte vor Zorn Als der Postpraktikant dem sie die nächste Quadrille zugesagt
hatte sein Recht forderte sagte der Bräutigam sehr grob »Nix da Mein Lieserl
bleibt bei mir Heut muss ich mir d Mahlzeit net aufwärmen lassen von eim
andern Heut koch ich selber« Es gab ein Wortwechsel ein paar Burschen fassten
die Situation unter dem Gelächter der ganzen Hochzeitsgesellschaft in drastisch
wirkende Schnaderhüpfel der Bräutigam warf einem der Sänger das Weinglas an den
Kopf und die Folge war eine blutige Keilerei Bei diesem Tanz war der
PointnerAndres der unübertrumpfbare Meister Er machte bei der Säuberung des
Tanzlokals so gründliche Arbeit dass nur die Musikanten noch zurückblieben
ausgenommen den Kontrabassisten der außerhalb der Tribüne stand und beim
Aufwaschen aus Versehen mitgenommen wurde Als er die Scherben seines
Instruments ansah erklärte er »Is einer gschickt so kann er aus meiner
Bassgeigen noch allweil a Zündholzschachterl machen«
Die Trompeter und Klarinettisten die der Lawine des Hinauswurfs glücklich
entronnen waren mussten einen lustigen Marsch anstimmen Und unter
Schmetterklängen wurde der sieghafte Bräutigam der sein trotzendes Weiberl mit
festem Griff an der Hand führte von allen Ungeprügelten der
Hochzeitsgesellschaft heimgeleitet in das Paradies seines jungen Glückes
13
Am Allerseelentag fiel der erste Schnee über die Dächer des Dorfes während er
auf den Bergen schon fusshoch lag Franzl blieb in der Dippelhütte um den Flug
der Adler zu überwachen Mitte November erhielt er aus Siebenbürgen von Graf
Egge die telegraphische Anfrage »Sind sie noch da« Vier Wochen später kam die
gleiche Frage aus dem Banat wohin Graf Egge zu den Bärenjagden gereist war
Am Tag vor Weihnachten suchte Franzl unter wirbelndem Schneegestöber den
Heimweg ins Dorf
Im Park von Hubertus war weiße Stille Schmal ausgetretene Fusswege führten
durch den hohen Schnee Am Schloss waren alle Fensterläden geschlossen die
Hirschgeweihe von der Mauer abgenommen Der Adlerkäfig in der Ulmenallee stand
leer und in dicken Klumpen hing der Schnee am Drahtgitter die Sommergäste des
Käfigs hatten das Winterquartier in der Remise bezogen
Für Franzl kamen harte Wochen Die Überwachung der Wildfütterung die
Zurichtung der Marderfallen und das Legen der Fuchseisen hielt ihn vom Morgen
bis zum Abend auf den Beinen Wohl waren für Patscheider und Schipper zwei neue
Jäger in Dienst getreten aber sie mussten das Revier erst kennenlernen bevor
ihnen Franzl einen Teil der Arbeit übertragen konnte Und jede zweite Woche
stieg er durch den zähen Schnee zum Palais Dippel hinauf um den Adlern frische
Kirrung zu legen
Noch in jeder Schneezeit hatte Franzl die gleichen Strapazen gesund und
lachend übertaucht In diesem Winter wurde sein Gesicht so schmal seine Gestalt
so hager dass die Horneggerin mit Sorgen kein Ende fand
Die letzte Märzwoche brachte einen brausenden Föhnsturm Auf allen
sonnseitigen Gehängen der Berge schmolz der Schnee und das Hochwild verließ
für den Jäger das erste Frühlingszeichen die Futterplätze um zu den Almen
hinaufzusteigen
Franzl quartierte sich wieder im Palais Dippel ein Seine stille Schwermut
blieb auch da droben unverändert obwohl ihm die Arbeit keine Zeit zu zwecklosem
Grübeln vergönnte Während er dem neuen Kameraden der mit ihm das Heulager
teilte den Schutzdienst im Bezirk überließ war er vom ersten Morgengrauen bis
zum sinkenden Abend auf den Füßen um hoch im Gewänd den Kirrungsplatz der Adler
zu überwachen oder tief im Bergwald die Balzplätze der Auerhähne aufzusuchen
In der ersten Maiwoche schickte ihm Moser einen Zettel des Inhaltes »Morgen
kommt der gnädig Herr Graf er will dich gleich haben hat er dellagrafiert Um
zehne kommt er also schau dass bei der Hand bist sonst gibts Spitakl dein
lieber Moser« Franzl trat sofort den Heimweg an und stellte sich rechtzeitig in
Hubertus ein Das Schloss hatte schon Frühlingstoilette gemacht die Geweihe
hingen an der Mauer die Fontäne plätscherte die Rosenstämmchen waren
aufgebunden und in der Ulmenallee deren Bäume von einem zartgrünen Schimmer
überhaucht waren saßen die fünf Adler hinter dem Gitter Einer der Vögel
trauerte Den Kopf zwischen die Schultern geduckt saß er auf der Stange und
blähte das Gefieder auf als wäre ihm nicht mehr behaglich in seiner Haut
Moser der gerade die Fütterung erledigte sagte zu Franzl »Ich kann mir
gar net denken was der Vogel hat Die Gschicht is wie verhext Ich bin net
abergläubisch Aber da gschieht wieder ebbes im Haus Nix Guts« Moser
verstummte denn er hörte von der Straße her das Rollen eines Wagens
Mit raschem Trab dessen Hufschlag der weiche Kiesgrund dämpfte kamen die
Pferde durch die Ulmenallee Den Schoss von einer rot eingefassten Panterdecke
überbreitet saß Graf Egge allein in der offenen Kalesche er trug einen
dunkelgrünen Jagdanzug mit Lederknöpfen einen neuen grauen Havelock und dazu
seinen alten verwitterten Filzhut auf dem ein dickes Büschel der Reiherfedern
nickte die er im Winter an der unteren Donau erbeutet hatte
Franzl eilte dem Wagen entgegen »Grüß Gott Herr Graf und Weidmanns Heil
daheim« Bis ins Herz erschrak er als er das Gesicht seines Herrn in der Nähe
sah es hatte eine fahlgelbe Färbung wie verregnetes Heu der Mund war bitter
verzerrt jede Furche schärfer geschnitten und die tiefliegenden Augen hatten
einen fieberhaften Glanz
Graf Egge stieg mit gebeugtem Rücken und etwas steifem Fuß aus dem Wagen er
dankte für den Gruß des Jägers nicht sein erstes Wort war die Frage »Was
machen die Adler«
»Sie horsten bei uns«
Langsam streckte sich Graf Egges Gestalt und in Erregung spannten sich
seine schlaffen Züge Er legte die Hand auf Franzls Schulter atmete tief und
nickte lächelnd Ohne ein Wort zu sprechen ließ er sich von Fritz und Moser
begrüßen und trat ins Schloss Zuerst öffnete er die Tür der Kruckenstube und
warf einen Blick über die Wände dann ging er in das Speisezimmer wo zum
Frühstück für ihn gedeckt war Neben dem Teller lag die in den letzten Tagen
eingetroffene Post
»Hornegger soll kommen« befahl Graf Egge als Fritz zu servieren begann
Franzl musste am Tisch Platz nehmen und die Reviergeschichte des Winters
erzählen Graf Egge aß dazu einige Bissen und öffnete die Briefe Unter ihnen
war ein Nachzügler der schwarzen Rechnungen eine Forderung für »Kranzschleifen
mit Golddruck«
Graf Egges Gesicht entstellte sich und im Zorn warf er das zerknüllte Blatt
unter den Tisch »Das nimmt kein Ende mehr Ich will Ruhe haben Ruhe« Er
drückte die Fäuste an seinen Kopf und sagte nach einer Weile zu Franzl »Erzähle
weiter Wann hast du die Hütte bezogen«
»Am 10 April Herr Graf Und da hab ich mir gleich denkt dass die Adler
horsten müssen s Weiberl is verschwunden gewesen und die ganze Zeit her hab
ich nur allweil s kleinere Manndl streichen sehen Seit fürgestern sind s
wieder alle zwei am Flug Es müssen die Jungen schon ausgfallen sein«
Diese Meldung schien Graf Egges Erregung zu beschwichtigen »Wo liegt der
Horst«
»Den hab ich net gfunden Herr Graf« gab Franzl kleinlaut zur Antwort
»Was Den Horst nicht gefunden« Es gewitterte auf Graf Egges Stirne
»Ich hab mir kein Weg verdrießen lassen Aber ich kann den Horst net
finden«
»Schipper findet ihn schon Willst du wetten«
Franzl gab keine Antwort Und Graf Egge sprach nicht weiter weil er auf
einem der noch uneröffneten Briefe die Handschrift der Adresse erkannte Hastig
öffnete er und las
»Schloss Eggeberg den 30 April
Verehrte Erlaucht
Seit acht Wochen hatten wir nicht mehr die Freude über Erlaucht Aufenthalt
und Befinden eine Nachricht zu erhalten Da gegenwärtig die Auerhähne balzen
darf ich wohl vermuten dass diese Zeilen Erlaucht in Hubertus finden werden
Leider muss ich Erlaucht in Ihrem Jagdvergnügen durch eine Familiensorge stören
Die Pflichten meiner Stellung zwingen mich Erlaucht die Mitteilung zu machen
dass Komtesse Kittys schwermütiger Seelenzustand sich während der letzten beiden
Monate in besorgniserregender Weise verschlimmerte Da wir dem hiesigen
Dorfarzte nicht genügendes Vertrauen schenken sah Graf Bruno sich veranlasst
eine medizinische Kapazität aus Würzburg zu berufen Der Professor vermochte ein
akutes Leiden nicht zu erkennen Doch konstatierte er einedurch
Gemütserschütterungen verursachte Depression die zu ernstlichen Dingen führen
könnte wenn sie nicht bald durch mildes Klima und Aufheiterung behoben würde
In Eggeberg ist es zum Einschlafen langweilig und immer friert man auch wenn
die Sonne scheint Es wurde die Frage erörtert ob nicht von einer Reise nach
dem Süden eine heilsame Wirkung zu erhoffen wäre Der Professor brachte Sorrent
oder Kapri in Vorschlag Und nun bitte ich Erlaucht eine möglichst rasche
Entscheidung zu treffen Hätten Erlaucht für den von Monat zu Monat verschobenen
Besuch in Eggeberg endlich Zeit gefunden so würde das blasse Gesichtchen des
armen Kindes so eindringlich zum Herzen des Vaters gesprochen haben dass
Erlaucht selbst die Notwendigkeit eines energischen Eingreifens erkannt hätten
Indem ich hoffe dass diese Zeilen Erlaucht bei wünschenswertem Wohlsein und in
bester Jagdlaune finden möchten grüße ich als
Erlaucht ergebenste
Gundi Kleesberg«
Graf Egge ließ den Brief sinken und sah zur Zimmerdecke hinauf an der die
ausgestopften Adler hingen Sorge und Ärger sprachen aus dem unruhigen Spiel
seiner Züge Die Stirn in wulstige Falten gelegt erhob er sich und wanderte mit
langen Schritten um den Tisch Vor einem Fenster blieb er stehen und drückte die
Hand an den Hinterkopf als hätte er Schmerzen im Genick »Die arme Geiß Reise
ich morgen früh so kann ich übermorgen bei ihr sein« Er zog die Finger durch
den Bart und wandte sich dem Jäger zu »Seit wann sagst du streichen die
beiden Adler wieder«
»Seit fürgestern Herr Graf«
»Dann sind schon die Jungen im Horst Die könnten flügg sein bevor ich
wiederkäme« Überlegend sah Graf Egge durch das Fenster gegen die Berge und
schüttelte den Kopf »Es geht nicht Mit dem besten Willen nicht« Er ging zum
Tisch riss von Tante Gundis Brief ein unbeschriebenes Blatt ab und kritzelte mit
Bleistift die Depesche »Gundi Kleesberg Schloss Eggeberg Willige in alles da
sehr in Sorge um arme Geiß Reisen Sie sofort und senden Sie wöchentlich
ausführliche Nachricht Gruß und Kuss für Kitty Wäre selbst gekommen doch
leider dringend abgehalten Reisegeld telegraphisch angewiesen Egge«
Bedächtig überlas er das Geschriebene strich die überflüssigen Worte und
schrieb die telegraphische Anweisung an das Bankhaus »Hornegger Trag die
beiden Depeschen auf die Post Eil dich Bis du zurückkommst bin ich fertig
für den Berg Und bin ich einmal droben so wird der Horst bald gefunden sein
Also weiter«
Franzl machte lange Füße Als er durch die Ulmenallee rannte erschien im
Parktor ein Leiterwagen beladen mit sieben riesigen Elchgeweihen und vier
großen Kisten in denen sich die von Graf Egge auf der Winterreise erbeuteten
Bärenfelle und Vogelbälge befanden Neben dem Kutscher auf einem über die
Leitern gelegten Brett saß Schipper in der durch die lange Reise übel
mitgenommenen Büchsenspanner das Lederfutteral mit Graf Egges Lieblingsbüchse
über den Knien Als er den Jäger gewahrte machte er die grauen Augen klein und
verzog den Mund
Wie eine Flamme schlug es über Franzls Gesicht dann erblasste er wieder
Zögernd griff er an den Hut und ging vorüber
Während er im Postbureau vor dem Schalter stand hinter dem der junge Beamte
die Worte der beiden Depeschen zählte kam der PointnerAndres mit einem dich
gesiegelten Geldbrief in der klobigen Hand die Kleider bedeckt vom Staub des
Steinbruches
»Grüß Gott Andres« sagte Franzl zerstreut »Hast auch was zum
Fortschicken«
»Ja Wieder an Schüppel voll Avakatengelder Noch allweil Hochzeitskosten«
Die Augen des ungeschlachten Menschen funkelten zornig in den Postschalter
hinein »Der Spaß Brüderl is teuer gewesen Und ich mein schier er kostet
mich noch mehr als Geld«
»Drei Mark vierzig« sagte der Beamte verdrießlich
Franzl bezahlte und sah den jungen Bauer an »Was is denn Andres Hast an
Verdruss«
»Ich Gott bewahr« Der PointnerAndres lachte »Ich sitz drin im Glück wie
der Kuchelschwab in der Zuckerbüx Hab Haus und Hof und die allerschönste
Bäuerin Ja die allerschönste Hab ich net recht Herr Praktikant«
Der Beamte hinter dem Schalter zuckte die Achseln und brummte ein paar
unverständliche Worte
»So reden S doch Herr Praktikant schenieren S Ihnen net« Die Stimme des
PointnerAndres wurde heiser »Sie müssen doch wissen wie schön mein Lieserl
is Wie d Leut sagen kommen S oft auf Bsuch zu mir Schad dass ich nie daheim
bin Es tät mich freuen wenn wir zwei amal zammtreffen möchten«
Der Praktikant fuhr auf »Ich verbitte mir diese Redereien Hier ist
Amtsstunde Geben Sie Ihren Brief her«
Der PointnerAndres warf den Brief auf das Zahlbrett und lachte
»Bhüt dich Gott Andres« wollte Franzl sagen aber es verschlug ihm die
Rede Den Kopf schüttelnd ging er davon
In Schloss Hubertus fand er den ganzen Flur mit den halbausgepackten Kisten
verstellt Moser sortierte die Vogelbälge deren bunte Federn den Boden des
Flurs mit leuchtenden Farben bedeckten Graf Egge schon für die Bergfahrt
gerüstet und mit der Büchse auf dem Rücken diktierte dem Diener die Adressen
der Präparatoren an die man die Bälge zum Ausstopfen schicken sollte Dann
sagte er zu Franzl »Komm Mir brennt die Ungeduld in allen Knochen Ich will
die Adler heute noch streichen sehen«
Einige Minuten später wanderten sie durch die Ulmenallee Graf Egge legte
die Hand auf Franzls Schulter »Du bleibst bei mir Der andere soll wieder
seinen Bezirk übernehmen Der Kerl hat mich während der Reise grün und blau
geärgert und hat mir das Geld aus der Tasche geholt wie mit dem Stopselzieher«
Eine Weile folgten sie der Straße dann lenkte Graf Egge in die Wiesen ein
und suchte auf einem Umweg die Kirche Fast eine Viertelstunde blieb er im
Friedhof während Franzl vor dem Gitter warten musste
Als die beiden ihren Weg wieder aufnahmen rannte ein derbknochiges
Weibsbild an ihnen vorüber
Es war die Magd des Bruckner Sie lief dass ihre Röcke flatterten und als
sie die Wohnung des Doktors erreichte riss sie an der Glücke dass der Hall das
ganze Haus durchschrillte
Der alte Herr öffnete selbst die Tür
»Ich bitt zum Bruckner aber gleich Unser Büberl hats im Hals und kriegt
kei Luft nimmer«
Der Doktor sprang in die Stube kam mit Hut und Ledertasche und folgte der
Magd Ohne Frage wusste er zu welcher Krankheit er gerufen wurde Seit Wochen
ging im Dorf ein böses Gespenst von Haus zu Haus der grausame Würgeengel der
Kinder Seit dem Fasching war der Friedhof schon um sieben kleine Gräber reicher
geworden
Als der Doktor eine Stunde später das Haus des Bruckner verließ begleitete
ihn der Bauer bis zur Straße Lenzi ging gebeugt wie ein Greis sein Gesicht war
nur noch Haut und Knochen die Sorgen des Winters hatten ihm die Haare grau
bestäubt und seine Augen blickten unstet und kummervoll
»Ich komme nach Tisch und am Abend wieder« sagte der Arzt »befolgen Sie
nur genau was ich verordnet habe Und vor allem die Magd mit den beiden
anderen Kindern muss hinauf ins Giebelzimmer sie dürfen mit dem kranken Kind in
keine Berührung kommen«
»Um Gotts willen« Nur mühsam brachte der Bauer Wort um Wort heraus
»Stehts denn schon so schlecht Herr Doktor Is am End kei Hoffnung nimmer«
»Solange man lebt ist immer Hoffnung Beruhigen Sie sich Bruckner Aber
ein bisschen spät haben Sie nach mir geschickt«
Dem Bauer zog es den Kopf zwischen die Schultern »Wie der Mensch halt is
Ich hab mir denkt der Hascher wird sich a bissl verkühlt haben und drum kachezt
er halt«
»Vor allem brauchen Sie jetzt für das Kind eine verlässliche Pflegerin Die
Magd hat für die zwei anderen Kinder zu sorgen und darf die Krankenstube nicht
betreten Wie wärs mit Ihrer Schwester Das Mädel ist verlässlich und hat zur
Kinderpflege eine glückliche Hand Das haben Sie am Netterl gesehen Wenn die
Mali wiederkäme das wär der beste Ausweg«
Heftig schüttelte Bruckner den Kopf »D Mali is in Horgau beim Schwager
Der kann d Schwester net graten«
»So Na vielleicht lässt sich drüber noch reden Nach Tisch komme ich
wieder«
Der Doktor ging vom Bruckner weg zur Post und schickte ein Telegramm ab
»Amalie Bruckner Horgau Ein Kind Ihres Bruders schwer erkrankt Brauche Sie
zur Pflege Doktor Eisler«
Am Abend des folgenden Tages kam Mali mit dem Botenwagen vor das
Brucknerhaus gefahren Auch ihr war es anzusehen dass sie einen harten Winter
hinter sich hatte Mit einem Sorgenblick überflog sie das Haus des Bruders und
es beängstigte sie dass niemand kam als der Wagen hielt und ihr Koffer
abgeladen wurde Nun war sie im Hof und da trat ein Mann in Hemdärmeln und mit
blauer Leinenschürze aus dem Haus in den Händen einen Zollstab den er
zusammenklappte der Meister Schreiner »So« sagte er »Kommst dein Bruder
trösten Grad hab ich Maß gnommen Dös kleine Schluckerl braucht keine langen
Bretter«
»Jesus« stammelte Mali erblassend Sie ließ ihr Bündel fallen und rannte
ins Haus
Graues Zwielicht lag in der Stube Die anstossende Kammer stand offen und
der Kerzenschein der aus der Tür fiel beleuchtete den Bauer er saß neben dem
Tisch auf der Holzbank die Fäuste über den Knien Langsam hob er das entstellte
Gesicht »Du So Bist da« Der unerwartete Anblick der Schwester rüttelte ihn
nicht auf aus seinem dumpfen Schmerz Er deutete mit dem Arm gegen die Kammer
»Schau was da drinliegt Wo mein Fuß hintritt wachst kein Halmerl nimmer Da
geht alles z Grund«
Es wurde immer dunkler in der Stube und immer heller strahlten in der
Kammer die kleinen tanzenden Kerzenflammen
Die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen wachten die Geschwister
miteinander
Am zweiten Nachmittage kam der Geistliche mit dem Mesner Eine Viertelstunde
später war alles erledigt Die paar Nachbarsleute die dem kleinen Sarg das
Geleit gegeben hatten wurden von Mali zum »Gsturitrunk« geladen er wurde beim
Seewirt in der Schifferschwemme abgehalten es gab Bier und Branntwein Brot und
Käse Die »Schmausleut« nahmen nur einen der Tische ein an den anderen Tischen
saßen die zechenden Schiffer und Holzknechte die bei Ziterklang und vollen
Krügen sich wenig um den Tod bekümmerten der in der stillen Ecke nach alter
Sitte begossen wurden Aber je tiefer der Abend sank je mehr der Pfeifenqualm
die trübe Hängelampe verschleierte desto lebendiger wurde es auch am
»Gsturitisch« die Männer sprachen vom Viehhandel die Weiber erinnerten sich
der schönen »Grafenleich« vom vergangenen Herbste »Ja wann so a Graf stirbt
der hats gut«
Wortlos saß der Bruckner in diesem heiter werdenden Lärm und leerte ein Glas
ums andere Immer sorgenvoller betrachtete ihn die Schwester Als die paar
Stunden die man schicklicherweise am »Gsturitisch« verbringen musste endlich
vorüber waren flüsterte sie ihm zu »Komm Lenzi geh mit heim«
Er schob sie mit dem Ellbogen von sich »Ich muss aufgiessen oder es bringt
mich um«
»Lenzi Sei gscheit Komm mit heim zu deine Kinder«
»Lass mich sitzen Ich muss was haben was mir s Blut in Ruh bringt Saufen
oder wildern Büchs rühr ich keine mehr an Muss halt der Schnaps helfen«
Mali mit kalkweissem Gesicht reichte jedem Gast zum Abschied die Hand und
sagte mit erloschener Stimme zum Bruder »Kommst bald nach Lenzi gelt«
Als sie ins Freie trat schlug ihr ein schwüler Windstoß ins Gesicht und
fasste die Röcke Aus dem nachtschwarzen Seekessel quoll dumpfes Sausen und
Gebrumm heraus Ein Föhnsturm
Schon wollte Mali die Lände überschreiten als sie das Gepolter eines ans
Ufer stossenden Nachens hörte und im Dunkel eine Mannsgestalt mit Büchse und
Bergstock aus dem Boot steigen sah Erschrocken drückte sie sich in die
Finsternis der nächsten Schiffshütte Nun vernahm sie die Stimme des Jägers der
mit dem Schiffer sprach Sie hatte sich umsonst geängstigt Es war Graf Egge
der allein von der Jagdhütte nach Hubertus zurückkehrte
Mali rannte über die Lände Noch ehe sie das Haus des Bruders erreichte
fiel der Sturm mit voller Gewalt über das Tal Die Schindeln flogen von den
Dächern in den Kronen der knospenden Bäume brachen die morschen Äste und in
das Heulen des Windes mischte sich das Gepolter fallender Bretter und das
Gerassel der losen Fensterläden
Am Brucknerhaus waren alle Scheiben dunkel Mali trat in den Flur und
konnte gegen einen Windstoß ankämpfend nur mühsam die Haustür wieder
schließen Unter dem tobenden Lärm der um die Wände sauste klang aus der
Giebelstube herunter das Weinen eines Kindes und eine scheltende Stimme Mali
sprang über die Treppe hinauf und trat in die dunkle Stube »Aber Madl Was
bleibst denn mit die Kinder in der Finsternis Warum machst denn kein Licht
net«
»Wenn mich die Kinder net dazu kommen lassen« brummte die Magd »s Netterl
geht mir net vom Arm und d Hanni macht so Gschichten mit ihrer Wehleidigkeit«
Weinend war Hannerl auf Mali zugegangen und hängte sich an ihren Rock »Mir
tuts so weh Malimahm mir tuts so weh da drin«
»Wo denn Schatzerl wo tuts dir denn weg«
»Da drin«
Mali die im Dunkel der Stube nicht zu sehen vermochte griff erschrocken
mit den Händen zu und fühlte dass das Kind die Fingerchen am Hals hatte »Mar
und Joseph« Ein paar Augenblicke stand sie wie gelähmt Dann kreischte sie
»Schaff das Kind ins Bett Und gib mir s Netterl her« In verzweifelter Angst
riss sie das Jüngste vom Arm der Magd und stürzte zur Stube hinaus über die
Treppe hinunter und ins Freie Das Köpfchen des Kindes mit der Schürze
verhüllend rannte sie durch den tobenden Sturm zum Nachbarhaus Mit der Faust
schlug sie an die Tür und schrie »Nachbarin«
Eine alte Bäuerin öffnete
»Um tausend Gotts willen Nachbarin nimm mein Netterl ins Haus Bei uns
daheim is kein Bleiben nimmer Jetzt fangts beim Hannerl an« Ohne die Antwort
abzuwarten drückte Mali der Nachbarin das Kind in die Arme und rannte wieder
zum Haus des Bruders
Immer tosender wuchs der Sturm und krachend stürzte im Garten des Bruckner
ein Apfelbaum dessen Stamm seit Jahren im Kerne faul gewesen
14
Unter den Windstössen klapperten in der finsteren Parkallee die Äste der Ulmen
gegeneinander wie die Stangen kämpfender Hirsche meinte Graf Egge der das
eiserne Gitter hinter sich zuwarf
Fritz machte große Augen als er seinen Herrn bei Nacht so unerwartet im
Schloss erscheinen sah mit Sturmzeichen im Gesicht Graf Egge hatte die Tage her
mit vier Jägern vom Morgen bis zum Abend in seinem Gemsrevier alle Felswände
abgesucht ohne den Adlerhorst zu finden
Mit jedem resultatlos verbrachten Tag war seine Misslaune gewachsen und hatte
den Jägern üble Stunden bereitet Und am Mittag weil er vom Föhn einen
Wetterumschlag befürchtete bei dem man das Suchen nach dem Horste einstellen
musste und keinen Auerhahn mehr hörte war er wütend aus der Jagdhütte
davongerannt
Heulende Windstösse umsausten das Schloss während Fritz mit erhobener Lampe
im Flur umherleuchtete und Graf Egge die unter die Trophäen eingereihten
Elchgeweihe musterte die kaum noch Platz gefunden hatten
Er ließ sich die Lampe in die Kruckenstube tragen Auf die Frage des
Dieners was Erlaucht zu speisen wünsche sagte er »Milchsuppe Einen Schmarren
bringt ihr nicht fertig«
Eine halbe Stunde später saß er im Speisezimmer Gespensterhaft bewegten
sich in der aufsteigenden Lampenwärme die an der Decke hängenden Adler während
draußen der Föhnsturm ungestüm an allen Fenstern rüttelte als wollte er Einlass
begehren für den Frühling
Graf Egge hatte das Gedeck beiseitegeschoben und löffelte die Milchsuppe aus
der Schüssel Er war mit seinem Mahl noch nicht zu Ende als Moser eine Depesche
brachte »Wohlbehalten in Genua eingetroffen dampfen mit Bismarck nach Neapel
und sind morgen abend in Kapri Haben herrliches Wetter Komtesse Kitty
sichtlich erquickt Grüße in ihrem Namen Gundi«
Verdrossen betrachtete Graf Egge das Blatt Außer den vielen überflüssigen
Wörtern schien ihm noch was anderes gegen den Strich zu gehen »Herrliches
Wetter« brummte er und legte die Depesche fort »Unsinn Wäre sie zu mir
gekommen Schmarren und Bergluft hätten ihr besser geholfen als das wälsche
Gesäusel da drunten« Er steckte seine kurze Pfeife in Brand und las die
Depesche wieder »Die Alte natürlich Das ist wieder was für ihren romantischen
Haubenstock Die wird in Wonne schwimmen Auf meine Kosten« Seufzend erhob er
sich »Und dieser Unsinn Mit dem kranken Mädel die Reise so zu überstürzen Als
fände die Schmalgeiss da drunten ihre Gesundheit über Nacht Wie ein Wunder«
Missmutig setzte er sich in einem dunklen Winkel auf die gepolsterte Wandbank und
sog an der Pfeife Sie schien ihm nicht zu schmecken Er stand wieder auf
tappte im Zimmer umher ließ den Blick über alle Wände irren und bewegte mit
einem Gefühl des Unbehagens die Schultern unter der Joppe Er fühlte sich
einsam
Während Moser den Tisch räumte presste Graf Egge stöhnend die Faust in den
Rücken »Zum Teufel auch Was ist denn mit meinen Knochen«
»Herr Graf« sagte Moser vorwurfsvoll »es wär kein Wunder Den ganzen
Winter eine Strapaz um die ander und nach der weiten Heimreis wieder am Berg
auffi Sie verlangen a bissl zviel von Ihrem Alter«
»Alter Du Rindvieh Ich hoffe noch meine zwanzig Jahr zu jagen Und wenn
ich steif und krumm werde lass ich mich tragen auf die Jagd Wenn nur die Augen
aushalten Die Hand ist Nebensache Wackelt beim Zielen das Korn aus dem Hirsch
heraus so kanns auch wieder hineinwackeln Das Aug macht es Und meine Augen
sind gut Die haben noch Falkenblick Aber müd bin ich«
Die ganze Nacht tobte der Föhnsturm Als der Morgen graute begann das
Rauschen des Windes langsam zu verstummen Bei lachender Sonne und blauem Himmel
stieg ein linder Frühlingstag von den Bergen herunter Die Felsenzinnen auf
denen der Schnee noch nicht geschmolzen war schimmerten wie frischer Silberguss
das tiefe Grün der Fichtenwälder schien erneut in seiner Farbe an den Hecken im
Dorf und an allen Laubbäumen waren die Knospen gesprungen und die warme Luft
war erfüllt von würzigem Geruch als hätte der Föhn den Blumenduft des Südens
über die Berge in das Tal getragen
In allen Menschen war Freude Nur Graf Egge wegen des versäumten
Pirschmorgens der ihm ein paar Auerhähne hätte bescheren können fluchte wie
ein Berserker
Um seine Schauerlaune ein bisschen aufzubessern setzte er sich in der
Kruckenstube vor den eisernen Schrank und begann die Edelsteine die er von der
Reise mitgebracht hatte in seine Sammlung einzureihen Als er in eines der
Fächer griff geriet ihm eine Münze zwischen die Finger er zog sie hervor und
betrachtete sie es war ein Taler ein gewöhnlicher Taler ohne irgendwelchen
Wert für den Sammler dennoch schien die Münze für Graf Egge besonderen Wert zu
besitzen er lächelte nickte in Gedanken vor sich hin und legte den Taler
wieder in das Fach zurück Während er dann Lade um Lade aufzog und die Etuis mit
den funkelnden Steinen auf dem eisernen Klapptisch vor sich ausbreitete ging
draußen vor dem Fenster der alte Büchsenspanner vorüber der den Adlern das
Futter zum Käfig trug
Als Moser den Käfig erreichte öffnete er das Futtertürchen und warf den
Inhalt der Schüssel hinter das Gitter Vier Adler hüpften mit geöffneten
Schwingen von den Stangen herunter und rauften sich gierig um die blutigen
Brocken Der fünfte blieb regungslos mit aufgeblähtem Gefieder in seinem Winkel
sitzen und hielt wie im Schlaf die gelben Lider über die Augen gezogen
»Der machts nimmer lang Jetzt muss ich reden oder es bleibt auf mir
sitzen«
Er wollte schon den Rückweg antreten Da hörte er dass ein Wagen vor dem
Parktor hielt Das eiserne Gitter klirrte Ein Offizier in den umgehängten
Mantel gewickelt kam hastig durch die Ulmenallee gegangen
Moser riss die Augen auf »Meiner Seel da kommt der Graf Robert« Er stellte
die blutige Schüssel nieder und säuberte die Hände an der Lederhose »Grüß Ihnen
Gott Herr Graf Die Freud die der gnädig Herr haben wird«
Roberts Gesicht war welk wie nach einer durchwachten Nacht Er übersah die
Hand die ihm der alte Jäger bot nickte wortlos und schritt vorüber Auf der
Veranda nahm er den Mantel ab Als er im Flur die spiegelblanke Büchse und den
verwitterten Filzhut seines Vaters am Gewehrrechen hängen sah atmete er
erleichtert auf Mit zitternden Händen schnallte er den Säbel ab und hängte ihn
neben die Büchse dann ging er auf die Tür der Kruckenstube zu und pochte
»Herein«
Graf Egge machte bei Roberts Anblick einen Ruck dass sich der Lehnstuhl
drehte Der Klapptisch des eisernen Schrankes zitterte und die Hunderte von
bunten Edelsteinen die vor Graf Egge in Reihen geordnet lagen blitzten und
funkelten in gesteigertem Feuer
»Du«
Der harte Klang dieses Wortes und der misstrauische Blick mit dem der Vater
den Sohn vom Kopf bis zu den Füßen musterte ließ erraten dass Graf Egge sich
von dem unerwarteten Besuch nichts Gutes versprach
Robert hatte die Tür zugedrückt Ein paar Augenblicke war es still im
Zimmer Graf Egge lehnte sich in den Sessel zurück und zog die Hand durch den
Bart
»Guten Tag Papa« Mit diesem Gruß der etwas unsicher klang ging Robert
auf den Vater zu Da gewahrte er die Verwüstung die der Winter in diesem
Gesicht angerichtet hatte »Bist du nicht wohl Papa«
»Ich Warum«
»Ich fürchte diese letzte Jagdreise hat dich über deine Kräfte angestrengt
Du siehst leidend aus und ich mache mir ernste Sorge«
Graf Egge lachte trocken und machte eine abweisende Bewegung mit der Hand
»Fürs erste Ich bin nicht krank Im Gegenteil Ich hoffe noch lange zu leben
Länger vielleicht als manchem lieb ist Und zweitens Die Sentimentalität
kannst du dir sparen Sag lieber offen heraus weshalb du gekommen bist Dein
Besuch hat doch einen Zweck Oder nicht« Er begann die mit verblichenem Samt
überspannten Platten auf denen die blitzenden Steine in kleinen Vertiefungen
dicht nebeneinanderlagen sehr flink in die eisernen Schubfächer einzuräumen
»Also Was willst du«
Robert nagte an der Lippe
Graf Egge legte eine Platte mit Saphiren in den Schrank und hob das Gesicht
»Hast du meine Frage nicht gehört Was suchst du bei mir«
»Hilfe«
Das Wort klang wie ein erstickter Schrei
Graf Egge erhob sich steinerne Härte im Gesicht in den Augen das Gefunkel
des aufsteigenden Zorns »Du hast wieder gespielt Und verloren Zu antworten
brauchst du nicht Man sieht dirs an dass dir das Wasser bis an den Hals geht
Du stehst vor mir wie der menschgewordene Katzenjammer Und den Weg zu mir hast
du umsonst gemacht Oder hoffst du was Nein Herr Sohn damit hats ein Ende
Das hab ich dir schon im Sommer gesagt Aber wenn du vielleicht zur Jagd
bleiben willst da kannst du mir ein paar Auerhähne vor der Nase wegschiessen
wie damals die beiden Gamsböck«
»Ich bitte dich Vater rede nicht so mit mir Ich weiß wie sehr ich im
Unrecht bin Aber es steht für mich alles auf dem Spiel Mein Name meine Ehre
«
»Und das Leben Ich kenne diese Litanei zur Genüge Und hab es endlich
satt dazu das klingende Amen sagen zu müssen Hilf dir wie du kannst Ich
lasse dich fallen«
»Vater«
»Ich lasse dich fallen Unerbittlich« Mit zorniger Wucht betonte Graf Egge
jede Silbe »Und willst du drohen dass dir nichts anderes mehr übrigbleibt als
die Kugel so sag ich Du bist den Schuss Pulver nicht wert ohne den die Sache
sich nicht erledigen lässt«
Das Gesicht von Blässe überronnen klammerte Robert die zitternden Hände um
die Stuhllehne »Vater Was aus dir redet gegen mich ist mehr als Zorn und
Ärger Das ist Hass«
»Ja Robert Hass« Langsam den Körper vorbeugend mit brennenden Flecken auf
den Wangen stützte Graf Egge die schwere Faust auf den eisernen Tisch »Bis
heute hab ich es nicht gewusst Jetzt hat mirs dein eigenes Wort gesagt Alle
meine Kinder lieb ich Auch den einen der sich von mir gelöst und mich in der
letzten Stunde beleidigt hat bis ins Innerste Aber bei allem Zorn den ich
gegen ihn trage hat er mir Achtung abgezwungen durch den redlichen Ernst seines
Willens durch seine Begabung und seine sichere Kraft Und wenn ich ihn immer
gefrozzelt habe in meiner lümmelhaften Manier Weißt du was es war Nur der
Ärger meiner Erkenntnis dass der Bub mehr ist als sein Vater wenn auch ein
Jäger dass Gott erbarm Und hol mich der Teufel ich hätt ihm diese
verwünschte Heirat noch verzeihen können Ich habs von aller Welt zu hören
bekommen welch ein blaues Wunder dieses Frauenzimmer sein soll Und eine
Künstlerin Ich verstehe zwar von Kunst soviel wie der Ochs vom Ziterspiel
Aber es muss am Ende doch was Rechtes dahinterstecken sonst würde nicht alle
Welt dazu ihren Kratzfuss machen Weiß Gott ich würde ihm diese Heirat verziehen
haben hätt er mir in jener letzten Stunde über meine Jagd nicht Dinge ins
Gesicht gesagt über die ich nicht mehr wegkomme auch nicht in meiner
Todesstunde Gott soll sie mir unberufen noch lang ersparen«
Graf Egge der diese Worte mit versinkendem Klang vor sich hingeredet hatte
hob das Gesicht und seine Stimme bekam wieder ihre schneidende Schärfe
»Ja Robert Alle meine Kinder hab ich geliebt Dich hasse ich als wäre in
dir kein Tropfen meines Blutes Ich rechne dir nicht deinen Leichtsinn an nicht
deine bodenlose Verschwendungssucht die mir Tausende aus dem Sack gerissen Da
hab ich bei allem sehr ausgiebig mitgeholfen Jetzt seh ich es ein Ich habe
mich zuwenig um euch gekümmert Aber die anderen sind geraten aus eigenem Kern
Du hast dich ausgewachsen so wie du vor mir stehst Deine Brüder haben mich
verlassen der eine im Tod der andre im Leben Zur Hälfte ging auch schon die
kleine liebe Geiß von mir Nur du bist mir geblieben«
Er musste sich räuspern als wäre ihm was in den Hals geraten
»Immer hast du bei mir ausgehalten Hast immer meine Partei genommen Jede
meiner Launen hast du geschluckt Jede meiner Roheiten hast du eingesteckt ohne
mit einer Miene zu zucken Aus kindlicher Liebe Aus Respekt vor dem Vater Gott
bewahre Nur weil dein alter Herr für dich die Hosentasche war aus der du
schöpfen konntest wie der Bauer aus seinem Jauchentümpel Wenn ich jetzt
verlassen stehe von den Kindern die mir lieb waren so trag ich selbst die
Schuld Das fühl ich jetzt Aber du hast mitgeholfen Jene gottverwünschte
Szene mit deinem Bruder vor der Hütte droben wäre nicht so gekommen nicht so
verlaufen hättest nicht du mich Jahr um Jahr gegen ihn gereizt mit kalter
Berechnung Und hätt ich nicht in jenen Tagen als mein lieber Bub auf dem
schwarzen Schragen schlief den kochenden Zorn über dich in mir herumgetragen
ich hätte der armen Geiß nicht so harte Worte gegeben dass sie vor mir stand
erschrocken und bis zur Stummheit verschüchtert während mich dürstete nach
einem Wort ihrer Liebe Und was meinem Gefühl für dich den Rest gegeben hat
Weißt du das«
Ein heiseres zorniges Lachen
»Aber du hast dich ja selbst nicht gesehen wie du vor der Leiche deines
Bruders standest Herzlos kalt und unbewegt wie eine Wachsfigur Mit deiner
Nähe und mit dem schwarz geränderten Schwindel den du in Szene setztest hast
du mir meinen Schmerz um den armen Buben besudelt und abgestumpft Seit damals
bin ich fertig mit dir Und wenn ich dich ansehe bedaure ich nur noch eines
die Uniform die du trägst Das ist ein Rock der hinter seinem Futter einen
Mann und Menschen haben will Und du bist keins von beiden«
Graf Egge fuhr mit dem Ärmel über den Mund und zerrte keuchend die Joppe
zurecht
»Gott sei Dank Jetzt hab ich es mir endlich von der Leber geredet Geh
deiner Wege Ich will Ruhe haben« Er fiel in den Lehnstuhl und presste die Hand
in den Nacken
Robert stand mit verzerrtem Gesicht »Ich habe dich schweigend angehört
Auch jetzt hab ich auf die unqualifizierbaren Dinge die ich zu hören bekam
kein Wort zu erwidern« Seine Stimme klang tonlos aber mit gemessener Ruhe wie
bei einem dienstlichen Rapport »Du hast für mich einen Strich durch den Namen
Vater gemacht So hab ich auch als Sohn keine Forderung mehr an dich zu
stellen weder jetzt noch später Ich bedaure sogar dass meine gegenwärtige Lage
mich zwingt die Ausfolgung meines mütterlichen Erbteils von dir verlangen zu
müssen«
»Ich habe mit dem Geld deiner Mutter nichts zu schaffen« fuhr Graf Egge
auf »Es liegt für euch in der Bank«
»Zur Ausfolgung des mir zukommenden Anteils bedarf es deiner Zustimmung Es
ist das ohnehin nur eine versäumte Formalität da ich bei meinem Alter das
Verfügungsrecht über mein Eigentum nach dem Gesetz bereits besitze Ich
wiederhole meine Forderung«
»Und ich verweigere sie Diese dreimalhunderttausend Mark würden flinke Füße
bei dir bekommen«
»Wohl möglich Mehr als die Hälfte dieser Summe muss ich zwischen heut und
zwei Tagen im Klub erlegen um die Spielschuld der letzten Nacht zu begleichen
Du siehst also dass ich gezwungen bin meine Forderung zu wiederholen Ich
ersuche um deine Antwort«
Graf Egges Gesicht färbte sich dunkelrot »Meine Antwort« schrie er dass
die Fensterscheiben klirrten »Meine Antwort ist die Kuratel die ich über dich
verhängen lasse Dann tu was du willst Entweder zieh den Rock des Königs aus
in den du nicht mehr gehörst oder mache mit dir « Graf Egge verstummte
Draußen im Flur ließ sich Lärm vernehmen und klappernde Schritte näherten
sich während die Stimme des alten Büchsenspanners kreischte »Herr Graf Herr
Graf Herr Graf«
Die Tür wurde aufgerissen und Moser stolperte in die Stube »Herr Graf Der
Schipper is da Draußen hockt er und hat kein Schnaufer nimmer so is er
grennt Den Horst hat er gfunden Den Horst Herr Graf Den Horst«
»Gott sei Dank Das kommt mir wie eine Erlösung Schipper Schipper« Graf
Egge sprang zur Tür hinaus und Moser humpelte lachend hinter ihm her
Robert starrte dem Vater nach und stand wie betäubt Er zog sein Tuch
hervor dessen starkes Parfüm die ganze Stube durchhauchte und den Fettgeruch
der geschmierten Schuhe verschwinden ließ Schwer auf die Stuhllehne gestützt
wischte er mit dem Tuch über die Stirn auf der ihm der kalte Schweiß in dünnen
Tropfen stand Stumpf und gläsern als wären alle Gedanken in ihm erloschen sah
er auf den eisernen Klapptisch Hier lag noch eine Tablette mit fünfzig Rubinen
nach der Größe geordnet vom winzigen Stein dessen Wert nur in der kunstvollen
Facettierung bestand bis zu einem in schiefen Rauten geschliffenen Stück von
Walnussgrösse Ohne zu wissen was er tat griff Robert nach der Tablette und
besah gedankenlos die Steine die in blutrotem Feuer leuchteten
»Schipper Schipper« klang im Flur die Stimme Graf Egges
Der Jäger saß auf einer Bank der Veranda erschöpft nach Atem ringend er
hatte den Weg von seinem Bezirk nach Hubertus in kaum zwei Stunden zurückgelegt
»Schipper« Graf Egge erschien vor Erregung zitternd »Du hast ihn
gefunden Wirklich«
Der Jäger konnte nicht sprechen er nickte nur
»Zum Teufel so red doch Wo liegt der Horst«
Mühsam brachte Schipper die paar Worte heraus »Droben hinter der Hochalm
in der Hangenden Wand«
»Unsinn Ich hab doch die Wand mit dem Glas an die hundertmal abgesucht«
»Der Horst liegt so versteckt wenn ich den Adler heut in der Fruh net
zufällig einistreichen sieh so findt ihn kein Mensch net«
»Brav Schipper Du hast mir eine Freude gebracht auf die ich warte seit
einem halben Jahr Ich will dir deine Botschaft gut bezahlen« Graf Egge
verstummte ein Gedanke der ihn vor Schreck erblassen machte war ihm durch den
Kopf gefahren »Herrgott Der offene Kasten Meine Steine« Er rannte ins Haus
zurück als hätte er einen Brand zu löschen
Von der Schwelle der Kruckenstube sah er Robert vor dem eisernen Klapptisch
sah die Tablette mit den Rubinen in seiner Hand »Richtig« So flink dass seine
Joppe flatterte sprang er auf Robert zu und schlug ihm mit eisernem Griff die
Faust um das Handgelenk »Lass du meine Steine in Ruh« Der große Rubin kollerte
über den Samt und rollte zu Boden Während Graf Egge sich bückte um ihn
aufzuheben taumelte Robert mit aschfahlem Gesicht zurück
»Vater Bist du von Sinnen«
Verdrossen hob Graf Egge die Augen er schien zu fühlen dass er in seinem
Misstrauen zu weit gegangen war doch er suchte nach keinem einlenkenden Wort
zuckte nur die Schultern blies den Staub von dem Rubin und legte ihn wieder in
die Vertiefung der Tablette
Robert machte einen Schritt gegen den Vater »Jeden anderen würde ich nach
diesem Auftritt vor meine Pistole fordern Dir bin ich was ich jetzt bedaure
mein Leben schuldig Das schlägt mir die Waffe aus der Hand Aber zwischen uns
beiden ist alles erledigt«
Er verbeugte sich wie vor einem Fremden und ging zur Tür
Graf Egge lachte heiser »Willst du nicht doch ein bisschen mit dir reden
lassen Nur über Geschäfte Ich lege der Auszahlung deines mütterlichen Erbteils
kein Hindernis mehr in den Weg Wenn du dich einen Augenblick gedulden willst
so kannst du die Vollmacht «
»Ich muss ersuchen diese Angelegenheit durch deinen Anwalt zu erledigen«
»Gut Und was deinen Pflichtteil an meinem eigenen Besitz betrifft «
»Ich verzichte«
»Aaaah Wirklich Eine halbe Million Und du verzichtest« Graf Egge lachte
in Hohn und Zorn »Da bin ich nur neugierig wann die gekränkte Leberwurst bei
dir auf den Zipfel kommt Vermutlich wenn die andere Hälfte deines Mütterlichen
auch verspielt ist«
Robert konnte das letzte Wort seines Vaters nicht mehr hören Er hatte die
Kruckenstube bereits verlassen
Graf Egge sah die Tür an als erschiene ihm dieser Abschied nicht völlig
glaubhaft aber die Tür blieb geschlossen und draußen im Flur verhallte Roberts
Schritt Die Tablette mit den Rubinen zitterte in Graf Egges Händen er legte
sie in den Schrank zurück stieß die Lade zu und lauschte gegen die Tür
»Richtig er geht« Ein paarmal wanderte er mit den Fäusten hinter dem Rücken
in der Stube auf und ab blieb vor dem eisernen Schranke stehen und brummte
»Das war zu grob von mir« Er ging zur Tür und rief in den Flur hinaus »Fritz
Papier und Tinte«
Mit fahrigen Kritzelzeichen schrieb er den Auftrag zur »Ausfolgung von 300
000 mit Worten dreimalhunderttausend Mark an Robert Graf EggeSennefeld«
und siegelte den Brief
»Fritz lass einspannen Fahr mit diesem Brief zur Bahn Er soll mit dem
nächsten Zug abgehen express«
»Sofort Erlaucht Soll Moser bei Tisch servieren«
»Lass mich in Ruh Mich hungert nicht« Graf Egge ging in den Flur nahm Hut
und Büchse schulterte den Bergstock und trat auf die Veranda »Komm Schipper
Flink Ich will den Horst heut noch sehen Ich muss«
Während sie Seite an Seite durch die Ulmenallee davonwanderten begann der
Büchsenspanner seinen ausführlichen Bericht über die Lage des Horstes den die
Adler so geschützt und sicher in die unwegsame Felswand eingebaut hatten dass
Graf Egge sich wohl oder übel mit dem Abschuss des alten Paares begnügen müsste
da das Ausheben der Jungen ein Ding der Unmöglichkeit wäre
»Unmöglich« Graf Egge lachte »Der Horst soll liegen wie er mag Ich muss
hinauf«
Sie verließen den Park und hörten den dumpfen Klatsch nicht mehr der sich
hinter ihnen vernehmen ließ
Im Adlerkäfig war der kranke Raubvogel von der Stange gefallen
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Den reinen Himmel und die noch halb mit Schnee bedeckten Felszinnen in
leuchtenden Schimmer tauchend sank die Sonne hinter die Berge als Graf Egge
vom fünfstündigen Marsch erschöpft mit Schipper die »Hangende Wand« erreichte
Sie verdiente mit Recht ihren Namen breit und massig stieg sie aus dem mit
Zirbelkiefern durchsetzten Latschenfeld bis zu einer Höhe von etwa
hundertzwanzig Meter empor im Anstieg die kahlen Steinplatten nach auswärts
wölbend so dass die Kuppe der Felswand über ihren Fuß hinausragte
»So Herr Graf jetzt suchen S amal den Horst«
Graf Egge setzte sich auf einen Steinblock schob den Hut in den Nacken und
spähte gegen die Höhe der Felsen Eine stumme Weile verrann endlich schüttelte
er ungeduldig den Kopf »Zeig ihn mir«
»Hab ichs net gesagt Wenn ich net zufällig den Adler einistreichen sieh
wird der Horst seiner Lebtag net gfunden Schauen S auffi Herr Graf Schier in
der Mitten von der Wand sechzg oder siebzg Meter in der Höh da hängt a grüns
Fleckl Sehen Sies«
»Richtig«
»Und unten dran Sehen S den kurzen grauen Strich«
»Stimmt«
»Dös is der Horst« Schipper reichte seinem Herrn das Fernrohr
Kaum hatte Graf Egge seinen Blick durch das Glas geworfen als er in
Erregung aufsprang »Richtig der Horst Und mit zwei Jungen Ich habe die
weißen Köpfe gesehen« Er schob das Fernrohr zusammen und spähte zur Höhe Je
länger er die Wand betrachtete desto länger wurde sein Gesicht »Ja Schipper
Da spuckts mit dem Ausheben Aber ich muss hinauf Und wenn es um den Hals
geht«
Den Weg zum Horst mit einer Klettertour über die Felsen zu suchen dieses
Mittel überlegte Graf Egge gar nicht Bei dem überhängenden Bau der Wand war die
Möglichkeit den Horst klimmend zu erreichen völlig ausgeschlossen Also von
oben nach unten Am Seil So hatte Graf Egge schon drei Horste ausgehoben
Freilich da hatte das Seil immer nur den Zweck gehabt ihn beim Einstieg in die
Wand vor dem Sturz zu sichern Aber hier Wenn er sich auf einem Prügel
reitend am Tau von der überhängenden Kuppe niederseilen ließe würde er frei in
der Luft schweben ein Dutzend Meter vom Horst entfernt Würde es ihm gelingen
sich so in Schwung zu setzen dass er das Astwerk des Horstes mit den Händen
erfassen und festen Fuß im Felsloch gewinnen könnte Würde das Seil auch
doppelt genommen die Reibung dieses langen Geschaukels ertragen
Zu jedem neuen Gedanken schüttelte Graf Egge den Kopf Er nahm den Hut ab
kraute sich in nervöser Unruhe hinter den Ohren begann wieder zu überlegen und
sagte schließlich »Da bleibt nur ein einziger Weg Die Leiter«
Schipper musste lachen »Aber Herr Graf Siebzg Meter Leitern Dös kann doch
net Ihr Ernst sein So an Einfall«
Graf Egge wurde dunkelrot im Gesicht »Die Verantwortung über meine Einfälle
überlass du mir Pack zusammen und spring hinunter ins Dorf «
Er konnte nicht weitersprechen Schipper hatte ihn am Arm gefasst und in das
dichte Gezweig eines Latschenbusches zurückgerissen »Der Adler kommt«
Gleich einem huschenden Schatten mit regungslos ausgebreiteten Schwingen
kam der riesige Vogel hoch in den schimmernden Lüften über das Almental
einhergeschossen einen schwarzen Klumpen in den Fängen Über der Felswand
machte er eine Schwenkung Einen Augenblick leuchtete von der Sonne beschienen
sein Gefieder gleich mattem Gold Dann stürzte er wie ein Pfeil aus den Lüften
und verschwand im Horst Keuchend tappte Graf Egge nach seiner Büchse Doch
bevor er die Hähne spannen und die Waffe heben konnte hatte sich der Adler
schon aus dem Horst geschwungen warf sich mit sausendem Fall über die Felswand
herunter huschte zwischen den Zirbelkiefern dicht über die Latschen weg und hob
sich außer Schussweite in die Lüfte
Bleich vor Erregung sah Graf Egge dem entschwindenden Vogel nach »Wart
Brüderl Wir wachsen noch zamm miteinander Zerst die Alten und dann die
Jungen Alles schön der Ordnung nach« Er wandte sich an den Jäger »Flink
Hinunter ins Ort Zum Zimmermann Er soll zusammentrommeln was sich auf
Zimmermannsarbeit versteht Vier Leitern will ich haben jede von zwanzig Meter
Länge die erste fest und schwer die anderen immer leichter Die Stangen aus
grünem Fichtenholz und die Sprossen von Eschen Die Enden der Stangen sollen mit
einem Falz ineinanderpassen und eiserne Seitenschienen bekommen an denen man
sie hier oben miteinander verschrauben kann Verstehst du wie ich es meine«
»Jawohl Herr Graf«
»In acht Tagen will ich die Leitern haben Man soll noch heut mit der Arbeit
beginnen und Tag und Nacht durcharbeiten Du bleibe dabei und überwache das
Holz das sie nehmen An dem Holz Schipper hängt mein Hals«
Schipper machte sich wegfertig »Alles wird pünktlich bsorgt Herr Graf Und
Weidmanns Heil Hoffentlich kriegen S die Alten alle zwei« Er sprang davon
Graf Egge wählte für die kommenden Tage die der Beobachtung der beiden
»Alten« gelten sollten in den Latschen ein Versteck das ihn gut verbarg und
ihm doch bequemen Ausblick nach allen Seiten gewährte Dann trat er den Weg zu
der eine Stunde entfernten Dippelhütte an
In der Nähe des Jagdhauses traf er in der grauen Dämmerung mit Franzl
zusammen der kleinlaut meldete dass er den Horst noch immer nicht gefunden
hätte
»Du blinder Hess« brummte Graf Egge »Wenn ich auf dich allein angewiesen
wäre hätt ich das Nachsehen Den Horst hat der Schipper gefunden«
Franzl schwieg aber er schluckte hörbar als hätte er im Hals einen Bissen
stecken der nicht hinunter wollte
»Koch mir den Schmarren« sagte Graf Egge als er in die Hütte trat »ich
bin zu müd um mich selber an den Herd zu stellen Weiß der Teufel was das ist
Sonst hat mich eine siebzehnstündige Sommerpirsch nicht müd gemacht Jetzt
robelt mir ein Katzensprung alle Knochen im Leib durcheinander«
Am anderen Morgen gegen drei Uhr weckte Franzl seinen Herrn
Sechs Tage vergingen Die Auerhähne deren Balz schon dem Ende zuneigte
waren für Graf Egge eine erloschene Sache Nur noch die Adler lebten für ihn
Täglich sah er die beiden Alten beim Aus und Einflug studierte ihre
Gewohnheiten und ermittelte den Platz von dem der Schuss am sichersten gelingen
musste Fallen durften die zwei Adler erst an dem Tag bevor man die Leitern
brachte Wären die Alten auf der Strecke und ginge das Ausnehmen nicht glatt
vonstatten so würden die Jungen vor Hunger eingehen ehe Graf Egge sie am
Kragen fassen und aus dem Horst herauslupfen konnte
Von diesem vierzehnstündigen Sitzen und Lauern Tag für Tag waren Graf
Egges Kräfte und Glieder so zerrieben dass er gegen Abend des sechsten Tages die
Hütte kaum noch zu erreichen vermochte Weil er wusste dass ihm die fiebernde
Erregung keinen Schlummer vergönnen würde nahm er einen festen Löffel voll
Schlafpulver Und da lag er von fünf Uhr abends an auf dem gleichen
Matratzenfleck unbeweglich wie ein Bleiklumpen
Jetzt kam der große Morgen Franzl wieder gegen die dritte Frühstunde
weckte den Grafen und vermochte ihn kaum wach zu bekommen Endlich gelang es
Und Graf Egge sprang aus dem Bett als hätte der zehnstündige Schlaf auch die
letzte Spur der schweren Ermüdung von seinen Knochen gelöst Aus seinem ersten
Worte sprach schon die brennende Spannung die der Gedanke an die bevorstehende
Jagd in ihm entzündete Während er das Frühstück hinunterschlang gab er dem
Jäger die Weisung »Ich bleib allein Zwei können nicht so ruhig sein wie einer
Dass du mir heut den ganzen Tag nicht in die Nähe der Hangenden Wand kommst Lass
dich auch sowenig als möglich auf den Almen blicken damit du mir die Adler
nicht vergrämst wenn sie zustreichen Geh lieber hinunter in den Wald und sieh
nach den Auerhähnen Wenn sie noch leidlich balzen hol ich mir ein paar
sobald ich den Horst geräumt habe« Noch am letzten Bissen kauend hob er den
mit Proviant gefüllten Bergsack auf den Rücken nahm die Büchse und eilte aus
der Stube Für diesen wichtigen Tag war ihm jede nötige Vorsicht so fest ins
Blut gegossen dass er bei aller Hast auch ohne Beule durch die Dippeltür kam
Franzl der ihm nachsah seufzte beklommen vor sich hin »Unser gütiger
Herrgott solls geben dass er s kriegt alle zwei Sonst macht der Zorn aus ihm
an Igel den man nimmer angreifen kann«
Die Sterne wollten schon verlöschen als Franzl die Hütte verließ Im
Laufschritt umkreiste er das weite Almfeld um vor dem ersten Morgengrauen den
tiefer liegenden Bergwald zu erreichen Auf dem offenen Gehänge hoben sich schon
die grauen Steine erkennbar aus dem finsteren Rasen doch im Walde zwischen den
hohen Fichten lag noch tiefe Nacht Ein Käuzl huschte mit klagendem Schrei über
die Bäume in deren schwarzem Schatten Franzl den Weg zu den Balzplätzen suchte
Allmählich begann es im Walde grau zu werden durch eine Lücke der Bäume
schimmerte schon ein lichter Streif des östlichen Himmels und bald vernahm der
Jäger in der Morgenstille den klippenden Balzgesang des ersten Hahnes Nicht
weit davon balzten zwei andere Hähne Im Bogen umging der Jäger den Platz um
die verliebten Sänger nicht zu stören und wanderte bis er bei vollem Erwachen
der Morgendämmerung das Herz des Hahnenreviers erreichte
Am Saum einer kleinen Blöße die mit jungen Lärchen und dichten
Heidelbeerbüschen bewachsen war ließ Franzl sich zu Füßen einer alten Fichte
nieder legte die Büchse über den Schoss und lauschte Fünf Hähne sangen mit
heißem Eifer um ihn her und in das Quintett dieses seltsamen Minneliedes
mischte sich der Schlag und das Gezwitscher der erwachenden Drosseln und Meisen
Mit rosigem Schimmer fiel der Morgen über den Wald eine ferne Felswand
leuchtete wie reines Gold und farbige Bänder schwammen über den Himmel hin
Bald zuckten wie brennende Pfeile die ersten Strahlen der Sonne über die
Wipfel in tausend Tautropfen begann ein blitzendes Gefunkel und als hätte der
erwachende Wald tief aufgeatmet so strich mit sachtem Hauch der Morgenwind
durch die Bäume
Unbeweglich sah Franzl ringsumher und die wundersame Schönheit dieses
Frühlingsmorgens schlich ihm wie ein erquickender Trost in das müde bedrückte
Herz Ein Gefühl hoffender Lebensfreude erwachte in ihm er presste die Fäuste
auf die Brust als würden ihm plötzlich alle Rippen zu eng und dabei musste er
an Graf Egge denken der jetzt geduckt und fröstelnd zwischen den feuchten
Latschen saß und für nichts anderes Sinn und Auge hatte als für den Horst in der
Wand
»Meiner Seel ich möcht net tauschen«
Breit flutete ein goldiges Sonnenband über die Blöße und rückte immer
weiter bis es den Jäger erreichte Mit schwirrendem Flügelschlag fielen drei
Auerhennen in das Heidekraut und immer neue strichen aus dem Wald hervor als
hätte sich hier die ganze Weiblichkeit des Hahnenreviers zum Frühstück
Stelldichein gegeben Der Balzgesang der Hähne der schon ausgesetzt hatte
begann von neuem Die Stimmen der jüngeren Hähne wurden übertönt von dem
hitzigen Gesang des alten Platzhahnes Nahe dem Jäger saß er auf einer Buche und
gaukelte bei seinem Lied auf dem dürren Aste hin und her Plötzlich schwang er
sich in das Heidekraut und tanzte mit gefächertem Stoß und zitternden Schwingen
zwischen den leise glucksenden Hennen seinen Hochzeitsreigen Lautlos kamen die
jüngeren Hähne der Reihe nach zugeflogen die einen um unter dem eifersüchtigen
Zorn des gestrengen Platzherrn einen Teil ihrer Federn zu lassen die anderen
um sich verstohlen zu den Hennen zu gesellen die sich aus der Nähe des alten
Hahnes verloren Lächelnd sah Franzl diesem lustigen Minnetreiben des Waldes zu
»Alles liebt in der Welt jeds Manndl hat sei Freud am Weiberl Kruzitürken
Wenn ichs nur auch so gut haben könnt« Er seufzte »Was wird jetzt d Mali
machen im Unterland«
Er schlang die Arme um das Knie und träumte in den erwachenden Tag hinein
Die Bilder die vor seinem sehnsüchtigen Herzen gaukelten waren freilich
himmelweit verschieden von der Wirklichkeit In ihres Bruders Haus lag Mali auf
den Knien vor dem Bettchen des kranken Dirnleins das in Schmerzen um sein
erlöschendes Leben kämpfte und Franzls Träume sahen das Mädel weit draußen »im
Unterland« wie es in der Morgensonne unter der Haustür stand und gegen Süden
blickte wo die Berge der Heimat blauten
Er schloss die Augen und lehnte den Kopf an den Stamm der Fichte Mit linder
Wärme umschmeichelte ihm die Frühlingssonne das Gesicht und ohne dass er es
merkte holte sich der in der Nacht versäumte Schlummer sein gesundes Recht
Eine Stunde hatte er geschlafen als ihn der Hall eines Schusses weckte Das
Echo kam von der Hangenden Wand
»Jetzt hat er an Adler Gott sei Dank«
Mit lärmendem Geflatter hob sich das Auerwild aus dem Heidekraut als Franzl
die Blöße überschritt
Rastlos stieg er bis zum Abend im Wald umher und hörte als schon die
Dämmerung einbrach wieder einen Schuss von der Hangenden Wand
»Mein heiliger Schutzengel jetzt kriegst a Kerzl jetzt hat er alle zwei
jetzt kommen gute Zeiten«
Er lachte schrie einen Jauchzer in den glühenden Abend hinaus und fing zu
rennen an
Bei sinkender Nacht erreichte er die Dippelhütte in deren Herrenstube die
Lampe brannte An dem hölzernen Nagel neben der Hüttentür hing ein Adler Nur
einer Franzl guckte und guckte ohne den zweiten zu finden
Graf Egge lag auf dem Bett als Franzl in die Stube trat
»Ich gratulier gnädiger Herr Hab s Manndl schon hängen sehen draußen Wo
is denn der ander«
Mühsam als wären ihm alle Gelenke erstarrt richtete Graf Egge sich auf und
brummte »Das Weibchen hab ich am Abend gefehlt Geflucht hab ich wie ein
Türk Aber das ist gegangen wie der Blitz hinein in den Horst und wieder
davon Schon nachmittags um zwei Uhr hab ich gemeint ich halt das Stillsitzen
nimmer aus immer mit der Büchs im Anschlag Mit Gewalt hab ichs erzwungen
und richtig wie der Adler absegelt vom Horst sind mir alle Knochen so steif
gewesen dass ich mit dem Schuss zu kurz gekommen bin Und jetzt bin ich wie
zerschlagen am ganzen Leib Komm her und zieh mir die Hos herunter Dann mach
die Lampe aus Gegessen hab ich schon« Er ließ die Füße schwer vom Bett fallen
und drückte stöhnend die Hand an den Hinterkopf
»Soll ich net an kalten Umschlag bringen«
»Lass mich in Ruh« Mit krumm gezogenem Rücken schob Graf Egge sich unter
die wollene Decke »Na ich hoff die Geschichte morgen wird mir das verstockte
Blut wieder aufmischen«
Der Jäger drehte die Lampe ab und verließ die Stube
Früh am Morgen brachte Schipper die Meldung »Alles in Ordnung Bis in zwei
Stund kommen d Leut und bringen was der Herr Graf bstellt haben«
In erregter Hast wurde das Frühstück genommen und nach Erzeugung eines
neuen Dippels auf Graf Egges Stirn der Weg zur Hangenden Wand angetreten
Schipper ging neben seinem Herrn und sah ein paarmal spöttisch auf Franzl
zurück der hinten nachtraben durfte Als sie das weite Almfeld überschritten
hatten und den Fuß der Felswand erreichten hörten sie schon das Geschrei der
Leute die durch den Wald heraufkamen Sechzehn Holzknechte trugen die vier
mächtigen Leitern vier andere schleppten sich mit dicken Seilrollen
»Was schreit ihr denn wie die Jochgeier Hier wird das Maul gehalten« rief
ihnen Graf Egge entgegen
Die Leute bekamen rote Köpfe aber sie sprachen kein Wort mehr
Mit erschrockenen Augen betrachtete Franzl die Leitern sah prüfend an der
hohen Wand hinauf und schüttelte den Kopf
Graf Egge hatte den Hut in den Nacken zurückgeschoben denn die Beule des
Morgens brannte unter dem Schweissband Er stellte die Büchse an einen Baum zog
die Joppe aus und übernahm das Kommando
In gerader Linie unter dem Horst senkrecht zur Felswand wurden die vier
Leitern auf dem Latschenfeld der Länge nach aneinandergelegt Die Enden der
Stangen wurden zusammengefalzt und mit den eisernen die Fugen stützenden
Schienen fest verschraubt so dass die vier Stücke zu einer einzigen riesigen
Leiter verbunden waren Während Franzl dem die Sache nicht geheuer erschien an
der Leiter entlang ging und die Stangen jede Sprosse und alle Verschraubungen
einer peinlichen Prüfung unterzog stiegen zwölf Holzknechte mit Seilen auf
einem Umweg zur Zinne der Felswand empor Eine Stunde verging bis sie auf dem
überhängenden Grat als winzige Figürchen erschienen Von zwei Stellen zur
Rechten und zur Linken des Horstes wurden die Seile niedergelassen Wie
endlose sich unruhig bewegende Schlangen kamen sie durch die Luft
herabgekrochen Aus dem Horste rieselte weisslicher Staub über die Felsen und
die jungen Adler begannen zu schreien
»Aha mir scheint die merken schon dass die Gschicht um ihren Kragen geht«
sagte Schipper mit Gelächter
Die Seile erreichten den Boden und mit einem Dutzend fester Knoten wickelte
Franzl sie um das obere Ende der Leiter Mit Pflöcken und Seilen wurde der Fuß
der Leiter festgelegt so dass er nicht mehr von der Stelle rücken konnte Dann
rief Graf Egge durch die hohlen Hände das Kommando zur Höhe »Auf«
Die Seile spannten sich und langsam begann der Kopf der Leiter sich zu
heben Von der Höhe der Felswand klangen die eintönigen Rufe herab mit denen
die Holzknechte jeden Zug und Ruck begleiteten Immer höher schwankte die
Leiter deren schwere Stangen sich ächzend bogen wie dünne Gerten »Herr Graf«
stammelte Franzl »die langen Hölzer haben an unsinniges Gwicht Passen S auf
Herr d Leitern halten den Druck net aus«
»Wart es ab« murrte Graf Egge »Und wenn die da brechen lass ich andere
machen Ich muss hinauf« Mit gespanntem Blick verfolgte er die Bewegung der
riesigen Leiter die sich fast schon zu einem Halbkreis gebogen hatte Doch die
Stangen hielten aus langsam begannen sie sich wieder zu strecken und bald war
das Ende der Leiter schon so hoch gestiegen dass der oberste Teil so winzig und
zierlich anzusehen war wie ein Kinderspielzeug Nun standen die Stangen
senkrecht und neigten sich als die Seile nachgelassen wurden schwankend gegen
die Felswand Dicht unter dem Horste legte sich die letzte Sprosse an das
Gestein
»Gott sei Dank Diesmal hab ichs aber gnau troffen« jubelte Graf Egge dem
vor ungeduldiger Erwartung die Hände zitterten Die »Geschichte« schien ihm
wirklich das »verstockte Blut aufzumischen« Es war an ihm keine Spur mehr von
der Erschöpfung der letzten Tage zu bemerken Die Erregung schien seinen Körper
verjüngt zu haben und als er jetzt die Hemdärmel bis zu den Schultern
aufstülpte schwollen ihm die Adern und Sehnen wie dicke Striemen aus dem
hageren Fleisch der Arme
In der Mitte der Leiter hatte man bevor sie aufgezogen wurde zwei lange
Seile befestigt man spannte sie nach rechts und links so dass die Leiter in
ihrer Lage festgehalten nicht mehr seitwärts ausweichen und nicht stürzen
konnte
»Fertig« sagte Graf Egge band sich die Leine um den Leib mit der er die
jungen Adler fesseln und vom Horste herunterlassen wollte und trat zur Leiter
Da fasste ihn Franzl am Arm »Ich bitt Herr Graf Die Sach gfallt mir net
Und wenn S schon glauben es muss sein lassen S lieber mich naufsteigen«
Lachend musterte Graf Egge den Jäger »Du bist wohl verrückt Soll ich
heiraten damit du die Kinder kriegst Seit einem halben Jahr wart ich auf
diesen Tag und jetzt soll ich die Freude dir lassen«
»Freud Aber Herr Graf Lassen S Ihnen doch im guten zureden Wenn S die
Adler schon lebendig haben müssen ich hol s Ihnen runter Wenns schief geht
was liegt an mir Ich bin der Jager und a lediger Mensch Sie sind der Herr Graf
und haben Leut die Ihnen brauchen«
»Aber Franzl hör amal auf mit dem Weibsbildergred« fiel Schipper ein
»Wenn du Angst hast der Herr Graf hat keine«
Franzl wandte sich wortlos ab doch als er seinen Herrn den Fuß auf die
erste Sprosse stellen sah streckte er wieder die Hände nach ihm »Sind S
gscheit Herr Graf Lassen S Ihnen wenigstens anseilen Die Leiter muss ja
schauderhaft schwanken unter Ihrem Gwicht Sie wirft Ihnen naus in d Luft wie
nix Lassen S Ihnen doch anseilen«
»Meinetwegen Damit ich endlich Ruh habe« brummte Graf Egge und rief in
die Höhe »Seil herunter«
Mit einer sicher geknoteten Doppelschlinge legte Franzl das Tau das über
die Felsen herunterkam um die Brust seines Herrn dabei erwachte in ihm eine
neue Sorge »Wenn nur der ander Adler net kommt Die Jungen schreien dass ers
hören muss wenn er in der Näh is«
»Soll nur kommen« Lachend fühlte Graf Egge an die Messertasche »Dann mach
ich es ihm wie dem vor sieben Jahren und stoss ihm den Gnicker in den Hals wenn
er auf mich hasst Also Fertig« Er spuckte in die Hände und griff nach der
Leiter »Halt Jetzt hätt ich fast vergessen « Langsam kniete er auf den Boden
hin und sprach mit lauter Stimme ein Vaterunser »Und jetzt hinauf«
Während Graf Egge mit vorsichtiger Ruhe um die Leiter nicht schwanken zu
machen langsam emporzusteigen begann rannte Franzl eine Strecke von der
Felswand zurück und rief in die Höhe »Leut da droben Aufpassen jetzt
Aufpassen s Seil darf kein Augenblick net locker hängen Sooft ich den Hut
schwenk muss langsam angezogen werden Habts verstanden«
»Jaaa« klang von oben die Antwort herunter
Dann Stille Schipper stand mit zwei Holzknechten beim Fuß der Leiter
Franzl ließ keinen Blick von seinem Herrn und regulierte durch die Zeichen die
er mit dem Hut machte die Spannung des Notseils Je drei Holzknechte zogen zur
Rechten und Linken die in der Mitte der Leiter festgemachten Taue an um das
Schwanken der Stangen zu verhindern Aber das wollte ihnen nicht gelingen Je
höher Graf Egge stieg desto heftiger schaukelte die Leiter so dass ihr Ende
lose an der Felswand hin und her zu klatschen begann
Bei diesem Anblick verlor Franzl die Ruhe wieder und rief in Sorge »Es geht
net Herr Graf Kehren S um sag ich Kehren S um«
Graf Egge machte ein abwehrendes Zeichen mit der Hand und hing dann
regungslos an die Sprossen geklammert bis die Stangen wieder in Ruhe kamen Nun
stieg er weiter Je mehr er sich der Mitte der Leiter näherte desto mehr
verstärkte sich die pendelnde Bewegung die Leiter ging auf und nieder wie eine
sausende Schaukel und die Enden der Stangen schlugen so weit von der Felswand
zurück dass die Leiter im Aufschwung beinahe senkrecht zu stehen kam Mit aller
Kraft musste Graf Egge sich an die Sprossen klammern um nicht in die Luft
geworfen zu werden
Bleich wie eine Mauer stammelte Franzl »Um Gotts willen Dös is ja nimmer
Kuraschi dös is Übermut« Mit gellender Stimme schrie er »Herr Graf Kehren S
um Hören S mich net Kreuzteufel jetzt fang ich an wild z werden Runter
Herr Graf Auf der Stell gehen S runter Und wenn S schon nimmer an Ihnen
selber denken so denken S an Ihnere Kinder Kehren S um Herr Graf Kehren S
um«
Graf Egge hörte nicht
»Recht hat er der Franzl« brummte einer von den Holzknechten am Fuß der
Leiter »Dös heißt Gott versuchen«
Graf Egge hing regungslos an die schwingende Leiter geklammert und drückte
um nicht vom Schwindel befallen zu werden das Gesicht in die Arme Dann stieg
er wieder hielt abermals inne kletterte von neuem und endlich konnte
Schipper spöttisch über die Schulter zu Franzl zurückrufen »No also Herr von
Angstmeier jetzt is er ja droben Hätt er dir gfolgt so könnt er sich jetzt
auslachen lassen vom ganzen Ort«
Franzl erwiderte keine Silbe
Da schollen laute Rufe von der Zinne der Felswand ein Schatten huschte über
die Latschen und wie ein aus den Lüften fallender Keil stieß das Adlerweibchen
auf Graf Egge nieder Schipper und die Holzknechte schrien wirr durcheinander
sie sahen wie Graf Egge zur Abwehr den Arm erhob und sahen das Aufblitzen des
Messers Der Stich ging fehl Mit einem weißen Leinwandfetzen in den Klauen
machte der Adler eine Schwenkung und wollte den Stoß wiederholen Da krachte
inmitten des kreischenden Stimmenlärms ein Schuss und während unter dem Rollen
des Echos der Adler als lebloser Klumpen zu Boden stürzte ließ Franzl dessen
Gesicht so weiß war wie Kalk die rauchende Büchse sinken Die Holzknechte
jauchzten und während Schipper wortlos mit den Augen zwinkerte klang vom Horst
herunter die Stimme Graf Egge »Bravo Hornegger Das hat geklappt«
Franzl atmete auf er hörte aus diesen Worten nichts anderes als dass sein
Herr ohne Schaden davongekommen war
Die Leute wollten nicht wieder schweigen alle schwatzten und schrien
durcheinander während sie gespannt jede Bewegung Graf Egges verfolgten Niemand
dachte mehr an eine Gefahr das Ausnehmen der Jungen war nun ein Kinderspiel
und hatte die Leiter beim Aufstieg ausgehalten so hielt sie wohl auch beim
Abstieg fest
Franzl stand schweigend abseits und gab den Leuten auf der Zinne mit seinem
Hut die Zeichen Da sah er dass Graf Egge der auf den letzten Sprossen der
ruhig gewordenen Leiter stand mit dem Arm umhertastete als käme er nicht mehr
weiter
»Was is denn Herr Graf«
»Der Horst hängt über« klang die Antwort herunter »Ich finde keinen Weg in
das Steinloch« Dann gleich wieder folgten die Worte »Ja es geht Jetzt hab
ich einen Schlupf«
Unten sahen sie wie Graf Egge mit beiden Händen in jenen kleinen grauen
Strich hineingriff in das wirr verschlungene Astwerk des Horstes Da rieselte
weisslicher Staub in dicker Menge über die Felsen nieder und während im Horst
die jungen Adler schrien als wären sie lebendig an den Spieß gesteckt zog Graf
Egge hastig den Kopf zurück und griff nach seinem Gesicht
»Um Gotts willen Herr Graf« schrie Franzl »was haben S denn«
Keine Antwort kam unten sahen sie nur dass Graf Egge sich mit den Händen an
seinen Augen zu schaffen machte
»Herr Graf Herr Graf Ums Himmels willen so geben S doch an«
Wieder keine Antwort doch mit tastenden Füßen den einen Arm über die Augen
gedrückt begann Graf Egge langsam über die Sprossen herunterzusteigen Die
Leute am Fuß der Leiter waren stumm geworden und starrten betroffen in die Höhe
Franzl dem eine dunkle Angst die Kehle zuschnürte rief mit heiserer Stimme
den Leuten in der Höhe die Weisung zu dass sie das Notseil vorsichtig nachlassen
sollten immer in Fühlung mit dem Körper an dem es befestigt war
Schneller und schneller glitt Graf Egge über die Sprossen nieder ohne
darauf zu achten dass die Leiter immer heftiger zu schaukeln begann Er hatte
die Hälfte der Sprossen noch nicht zurückgelegt da krachten plötzlich die
Stangen und splitterten entzwei wie spröde Glasstäbe Ein Schrei von allen
Lippen und während die Stücke der gebrochenen Leiter gegen die Felswand
schlugen baumelte Graf Egge am Seil Noch immer hielt er mit der einen Hand die
Augen bedeckt mit der anderen tastete er über seinem Kopfe nach dem Tau das
sich im langsamen Niedersenken mit dem schwebenden Körper immer rascher zu
drehen begann
Unter wirrem Geschrei streckten sich zwanzig Hände nach Graf Egge bevor er
noch mit den Füßen die Erde berührte fing ihn Franzl mit beiden Armen auf und
führte den Taumelnden den Schipper mit einem Messerschnitt vom Seil gelöst
hatte zu einem Steinblock Der Griff des Adlers hatte dem Grafen das Hemd vom
Nacken bis zum Gürtel entzweigerissen über den halb entblößten Rücken zogen
sich zwei bläuliche Striemen die das Tau in die Haut gedrückt hatte und Haar
Gesicht und Schultern waren von weisslichem Unrat bedeckt
»Wasser Lauf einer nach Wasser« keuchte Graf Egge während er mit
zuckenden Händen an den Augen rieb »Wie ich am Horst in die Prügel gegriffen
habe ist mir ein ganzer Karren voll Adlermist ins Gesicht gefallen Das Zeug
brennt wie Feuer« Er stöhnte vor Schmerz »Wasser Wasser«
Schipper und ein paar Holzknechte waren schon zu dem in der Talsohle
rinnenden Wildbach gerannt um mit ihren Hüten Wasser zu schöpfen
Franzl zog seinem Herrn die Hände vom Gesicht und stammelte »Tun S doch um
Gotts willen net allweil reiben Herr Graf Dös is schlechter als alles Und s
Wasser kommt ja gleich«
Graf Egge versuchte aufzublicken Er konnte die Augen nicht öffnen »Bist
dus Franzl Ich dank dir für das Seil und für den prächtigen Schuss«
»Nix zu danken Herr Graf Aber meiner Seel a zweitsmal möcht ich den Schuss
nimmer machen Die Kugel muss keine drei Schuh neben Ihnen vorbeigeflogen sein
Wie ich dös fertigbracht hab weiß der liebe Herrgott ich net Grad froh
müssen wir sein dass die Sach so glimpflich abgangen is Gegen den Wehdam in
Ihre Augen wird ja s kalte Wasser hoffentlich helfen Da kommen d Leut schon
mit die ganzen Hüt voll«
»Schnell Nur schnell« stöhnte Graf Egge »Ich halt es nimmer aus vor
Schmerz«
Hastig zerrte Franzl das Taschentuch aus Graf Egges Joppe tauchte es in den
ersten triefenden Hut der ihm geboten wurde und wusch seinem Herrn den weißen
Unrat vom Gesicht Aber der brennende Schmerz in Graf Egges Augen wollte sich
nicht kühlen und stillen lassen Die Augenränder entzündeten sich und die Lider
schwollen zu dicken roten Wülsten an die sich nicht mehr bewegen ließ
»Führt mich in die Hütte« stieß Graf Egge zwischen den
übereinandergebissenen Zähnen hervor »Und einer soll nach dem Doktor laufen«
»Nix Herr Graf jetzt iss aus mit der Hütten Jetzt müssen S heim«
erklärte Franzl mit bebender Stimme »Bis man den alten Herrn Doktor da
auffibringt dös tät bis morgen in der Fruh dauern Ihnen muss heut noch gholfen
werden« Er wandte sich an die Holzknechte »Du Kasper spring voraus und schau
dass gleich a Schiffl und der Dokter bei der Hand is Du Sepp nimm dem Herrn
Grafen sei Büchs und die meinig Und die andern sollen Ordnung machen bei der
Wand« Er schlang Graf Egges Arm unter den seinen »Kommen S Herr Graf lassen
S Ihnen führen Ich bring Ihnen schon nunter Da fehlt nix«
»Ja der Franzl hat recht« fiel Schipper ein »Geben S her Herr Graf ich
pack den andern Arm«
»Du Rühr mich nicht an« keuchte Graf Egge und sprang auf »Den Horst hast
du gefunden Wie damals den abnormen Bock Fort von mir« Stöhnen griff er nach
seinen Augen »Führ mich Franzl«
»Ja Herr Graf kommen S Und passen S auf da liegt a Trumm Stein im
Weg«
Trotz dieser Warnung stolperte Graf Egge und Franzl hatte Mühe ihn
aufrecht zu erhalten
Schipper sah den beiden mit kleinen Augen nach dann zuckte er die Achseln
suchte den Adler aus den Latschen hervor riss ihm die beiden schönsten
Flaumfedern aus und steckte sie auf seinen Hut Ein Holzknecht bot ihm zwanzig
Mark dafür Um dreißig wollte Schipper sie geben Das war dem Knecht zuviel
Während die Leute unter endlosem Geschwatz bei der Wand die Arbeit begannen
eilte Sepp mit den beiden Gewehren davon Am Waldsaum holte er Franzl und den
Grafen ein sie standen am Bach Franzl tauchte das Tuch ins Wasser und band es
seinem Herrn über die Augen dann nahm er ihn wieder am Arm und führte ihn
Der Heimweg gestaltete sich schlimmer als Franzl gedacht hatte Bei jedem
Wasser zu dem sie kamen wurde der nasse Bund gewechselt aber der Brand den
Graf Egge in seinen verschwollenen Augen fühlte steigerte sich von Minute zu
Minute bei aller Selbstbeherrschung konnte er den Schmerz nicht mehr verbeissen
immer wieder krampfte er die Fäuste ein und schrie durch die verbissenen Zähne
Sechs Stunden brauchten sie bis sie die Klause beim Wetterbach erreichten
wo der Doktor schon mit dem Holzknecht wartete
Graf Egge musste sich vor der Eremitage auf die Bank setzen dabei ruhten
seine zitternden Füße auf den Trümmern der Marmorplatte
Die Untersuchung des Arztes währte lang Schließlich seufzte er und
schüttelte den Kopf »Hier kann ich nichts machen Erlaucht Es dämmert schon
Wir müssen sehen dass wir Sie so rasch als möglich nach Hause bringen Aber ich
will Ihnen wenigstens die Schmerzen lindern« Er nahm ein kleines Fläschchen mit
Kokainlösung aus seiner Ledertasche und ließ einige Tropfen zwischen die
geschwollenen Lider fließen
Erleichtert atmete Graf Egge auf und ließ sich den kalten Bund wieder um die
Augen legen »Franzl wo bist du« fragte er und streckte die Hand Als er die
Finger des Jägers fühlte sagte er »Ich danke dir Diesen Weg vergess ich dir
nimmer Jetzt tu mir den einen Gefallen und steig wieder hinauf und hüte mir
meine Auerhähne Wenn der andere da droben merkt dass die Balzplätze ohne
Aufsicht sind ist er imstand und schießt mir den schönsten Hahn weg um den
Stoß zu verkitschen Und schick mir meinen Adler herunter Der von heute gehört
dir Übermorgen komm ich wieder hinauf« Als Graf Egge das sagte zuckte es
seltsam über das Gesicht des Doktors »Dann schiess ich die paar Hähne die noch
balzen«
»Pfüe Gott Herr Graf Schauen S nur dass Ihnen bald wieder besser wird
Droben halt ich derweil schon alles in Ordnung Aber jetzt muss ich was bitten
Herr Graf«
»Sprich nur Was willst du haben«
»Die jungen Adler droben im Horst müssen verhungern seit die Alten weg
sind Raubvögel sind s freilich Deswegen muss man die armen Viecher net die
schauderhafteste Marter leiden lassen Wenns Ihnen recht is Herr Graf lass ich
mich morgen mit der Büchs von der Wand abseilen und gib ihnen den Gnadenschuss
Ich tät schön bitten dass mirs der Herr Graf verlaubt«
Graf Egge antwortete nicht nur mit einer unmutigen Handbewegung stimmte er
zu Dann erhob er sich mühsam und ließ sich vom Doktor zum Boot führen
16
Unter blauem Himmel bei strahlendem Frühlingswetter fuhren die Kleesberg und
Komtesse Kitty in einer mit drei Pferden bespannten Kalesche vom Albergo de
Kappuccini ab und durch Amalfi Zwischen Lärm und Leben rollte der Wagen über
die Piazza an der Kathedrale vorüber und am Hafen entlang Bei einer Wendung
der Straße tauchten wie ein schimmerndes Märchenbild die weißen Häuser von
Atrani auf
Gundi Kleesberg deren seidener Staubmantel im Meerwind flatterte hielt mit
beiden Händen Kittys Hand umschlossen und stammelte immer wieder »Wie schön
Wie schön«
Kitty schien nicht zu hören Die schlanke etwas voller gewordene Gestalt
von den schmiegsamen Falten eines schwarzen Kreppkleides umflossen lag stumm in
den Wagen zurückgelehnt Der Schleier war über das Hütchen geschoben und die
schimmernden Löckchen umzitterten mit unruhigem Spiel das schmale von einem Zug
des Leidens durchgeistigte Gesicht Manchmal bewegte Kitty leis die Schultern
als möchte sie liebkost von der Wärme des blühenden Frühlingsmorgens die
Erinnerung an den kalten trostlosen Winter auf Schloss Eggeberg von sich
abwerfen
Vor ihren Gedanken stieg das Bild jener Einsamkeit auf wie sie es
hundertmal gesehen wenn sie am Fenster stand die kahlen Bäume des
Schlosshügels die plumpen Dächer der Wirtschaftsgebäude mit ihren knarrenden
Windfahnen die öden Weinberge mit den zu Stößen geschichteten Rebstöcken der
vereiste Fluss im Tal und über dem winterlichen Wald der graue Himmel mit seinen
Schneewolken Dazu in ihrer Seele die Erinnerung an die Kummertage von Hubertus
und der Gedanke an den Vater der über Elchhirschen und Bären seines Kindes
vergaß an die Mutter deren Leidensgang und Schicksal sie nun kannte an
Tassilo und Anna von deren Glück und Liebe sie geschieden war Und zwischen
diesen beglückenden Bildern klang in ihrem verschlossenen Herzen ruhelos ein
schwermütiges und dennoch sehnsuchtsvolles Lied die Erinnerung an einen an
den sie nicht denken sollte nicht denken durfte
Den stillen gleichförmigen Schneckengang dieser grauen Wintertage
unterbrachen zwei Ereignisse In der Weihnachtswoche traf Werners »Spätherbst«
in Eggeberg ein um die Kleesberg in einen andauernden Zustand
unzurechnungsfähiger Ekstase zu versetzen Und im März an einem Sonntag der
ein bisschen Sonne hatte kam Tante Gundi gleich einer glückselig Beschwipsten in
Kittys Stübchen gezappelt mit einem Zeitungsblatt das sie wie eine Fahne
schwenkte »Kind Das musst du lesen Du musst Komm her Kind Komm Und lies
was da gedruckt steht Schwarz auf weiß«
Es war die Nachricht dass Hans Forbeck für sein großes »Der letzte
Sonnenstrahl« betiteltes Gemälde das der Liebling aller Besucher der Berliner
Jahresausstellung war die Goldene Medaille erhalten hatte
Heiss flog es über Kittys schmächtige Wangen Dann schlug sie die Hände vor
das Gesicht und brach in Schluchzen aus
Von diesem Tag an entfaltete Gundi Kleesberg eine geheimnisvolle Tätigkeit
Briefe gingen und Briefe kamen Und immer häufiger begann die Kleesberg unter
Seufzern und Kopfschütteln von dem »bedenklichen Aussehen des armen Kindes« zu
sprechen Graf Benno und die Gräfin suchten die wunderlich aufgeregte Dame zu
beruhigen und auch Kitty versicherte immer wieder dass sie siech wohl fühle
und dass ihr nicht das geringste fehle Aber täglich entdeckte Gundi Kleesberg an
dem »armen Kind« ein neues Anzeichen das den Ausbruch einer schweren Krankheit
befürchten ließ Hoch und teuer schwor sie dass es ihre heilige Pflicht wäre
dem »drohenden Unglück« vorzubeugen Schließlich gelang es ihr wirklich mit
ihrer Sorge auch Graf Benno und die Gräfin anzustecken Dem ruhigen Naturell der
beiden war jede übertriebene Ängstlichkeit fremd aber sie konnten sich der
Wahrnehmung nicht verschließen dass Kittys Gesichtchen obwohl gerade in diesen
Wochen ihre Gestalt sich sichtlich entwickelte von Tag zu Tag schmächtiger und
blasser wurde ihr Wesen immer stiller und gedrückter Diesem seltsamen
Widerspruch im »Habitus der Patientin« stand auch der alte gutmütige Dorfarzt
ratlos gegenüber und er zog sich diplomatisch aus der Klemme indem er die
Berufung einer medizinischen Autorität als »empfehlenswert« bezeichnete Gundi
Kleesberg holte den Herrn Professor von der Bahn ab Als sie mit ihm auf Schloss
Eggeberg eintraf zeigte sie bei aller schussligen Aufregung eine so
zuversichtliche Miene als hätte sie dem Professor Kittys Leidensgeschichte
bereits geschildert und von ihm einen Rat gehört der ihre Sorge verstummen
machte Und aufatmend nickte sie zu dem mit leisem Lächeln abgegebenen Votum des
Professors sofortige Luftveränderung längerer Aufenthalt im südlichen Italien
Die ganze Nacht saß Gundi Kleesberg über dem schwierigen Brief an Graf Egge und
als das zustimmende Telegramm aus Hubertus eintraf betrieb sie das Packen der
Koffer mit einer Hast die das ganze Schloss rebellierte
Die Reise begann Doch sonderbar Seit Wochen hatte Tante Gundi sich in
zärtlicher Sorge für Kitty und in ängstlichen für das Wohl des »armen kranken
Kindes« bedachten Maßregeln erschöpft über diese »aus Gesundheitsrücksichten«
unternommene Reise schien sie aber eine merkwürdige Ansicht zu haben Die Fahrt
entwickelte sich zu einer wahren Hetzjagd Zuerst in einer Eisenbahntour bis
Genua Gleich am folgenden Tage wieder weiter mit dem Dampfer Und obwohl die
Fahrt so stürmisch war dass Tante Gundi einen Anfall von Seekrankheit bekam und
ein paar Ruhetage dringend nötig gehabt hätte wurde in Neapel unverzüglich das
nach Kapri gehende Schiff bestiegen
Bei der Landung an der Marina Grande befand sich Gundi Kleesberg in einem
Zustand so verstörter Ungeduld dass Kitty die bisher die ganze Hetze klaglos
ertragen hatte in Sorge zu fragen begann »Aber Gundi Was hast du nur«
»Ich freue mich Kind ich freue mich«
Als man im Wagen saß und über die schöne Bergstrasse emporfuhr drückte die
Kleesberg immer wieder Kittys Arm an ihre Brust und beteuerte »Hier sollst du
gesund werden du mein armes Herzkind Ganz gesund Das schwör ich« dabei
guckte sie so erwartungsvoll über die Straße voraus und nach allen Seiten als
müsste sich mit jedem nächsten Moment ein wundersames Ereignis vollziehen Diese
hochgespannte traumhafte Stimmung hielt an bis Tante Gundi im Hotel Quisisana
in die Federn sank Doch am folgenden Morgen als die Kleesberg von einem
frühzeitig unternommenen Ausgang zu Kitty zurückkehrte war ihre rosige Laune
ins graue Widerspiel verwandelt Sie schalt über den »wahnsinnigen« Professor
der sie und das »arme Kind« in diesen »von unangenehmen Menschen wimmelnden
meerumschlossenen steinernen Spucknapf« verbannt hätte Von jedem kühlen
Lüftchen behauptete sie dass es den sicheren Tod brächte Und als die linde
Sonne kam jammerte sie dass man »zerschmelzen müsse in dieser afrikanischen
Glut« Am liebsten wäre sie gleich wieder abgereist Erst nach langem Zureden
vermochte Kitty ein paar Ruhetage zu erwirken
Das gleiche sonderbare Launenspiel wiederholte sich nach der Ankunft in
Sorrent himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt Zwischen den beiden Phasen lag
eine von Gundi Kleesberg allein und geheim unternommene Wagenfahrt zur
Kocumella einer zwischen blühenden Orangengärten gelegenen Künstlerherberge
Als sie zurückkehrte zappelte die Kleesberg atemlos in Kittys Zimmer und
beteuerte »Sei mir nicht böse Kindchen aber hier halt ich es nicht aus
Keinen Tag Diese engen trostlosen Mauergassen dieser Schmutz dieses
Geschrei Das ist um zu verzweifeln Ich habs doch immer gesagt Kapri
Sorrent das ist ein ganz unglaublicher Einfall Hätte man auf mich gehört wir
wären direkt nach Ravello gegangen Direkt«
Kitty konnte sich zwar nicht erinnern dass Gundi Kleesberg je einen solchen
Vorschlag gemacht hätte aber sie ergab sich in Geduld und ließ sich am
folgenden Morgen wieder in den Wagen packen
Müde traf man am Abend in Amalfi ein und ging bald zur Ruhe um sich wie
Gundi sagte »tüchtig auszuschlafen für den großen Tag« Diese mystische
Bezeichnung wurde nicht näher erklärt Doch eine Stunde später als Kitty schon
in den weißen Kissen ruhte kam die Kleesberg noch einmal zur Tür
hereingeschlichen umarmte Kitty mit stürmischer Zärtlichkeit und stammelte
»Morgen mein liebes Kind Morgen Morgen«
Die Nacht verging Ein paarmal erwachte Kitty aus unruhigen Träumen dann
hörte sie aus der Tiefe herauf das Rauschen des Meeres das melodische
Geplätscher mit dem die Wellen an die steinernen Dämme schlugen und manchmal
den verschwommenen Ruf eines Hafenwächters
Durch das offene Fenster leuchteten aus dem Stahlblau des Himmels ein paar
Sterne herein die lebhaft funkelten Allmählich dämpfte sich ihr Feuer der
blaue Grund begann sich zu lichten und der Morgen kam strahlend in Schönheit
mit Glanz und Duft
Und da fuhren sie nun während Amalfi und das Meer in der Tiefe langsam
entschwanden über die herrlichste aller Straßen empor Gundi Kleesberg in
neugespannter Erwartung wie von einem Freudentaumel befallen und Kitty
versunken in geniessendes Staunen und in ihre stillen Gedanken
Langsam stieg der Weg zwischen den niederen Mauern der Zitronengärten
eröffnete für Augenblicke eine wundersame Fernsicht über die im Duft des Morgens
blauende Küste von Salerno und lenkte mit klimmenden Serpentinen in das
stundenlange Tal von Atrani ein Der Straße zu Füßen lagen wie ein grüner
welliger See die ununterbrochen aneinandergereihten Orangenhaine deren Bäume
zugleich mit den roten Früchten die weißen Blüten trugen das weite Tal mit
herbem Wohlgeruch erfüllend Verstohlen lugten aus dem Grün die Dächer einzelner
Villen hervor und über den höchsten Häusern die wie weiße Punkte waren schob
sich ein Felshügel hinter dem andern hervor immer ärmer an Grün bis hinauf zu
den kahlen Schrofen mit denen der MontAngelo seine wuchtige Zinne in den
Himmel streckt Da droben waren nur noch die beiden Kontraste zu sehen
blendendes Sonnenlicht und blau verschwommener Schatten
Im Wagen der bei sachtem Trab der Pferde über die Straße emporrollte war
seit dem begeisterten Entzücken in das die Kleesberg beim Anblick von Atrani
ausgebrochen keine Silbe mehr laut geworden Kitty blickte mit trinkenden Augen
über das schöne Tal und in Tante Gundi schien je mehr man sich der Höhe von
Ravello näherte um so merklicher jener Zustand der Unruhe wieder zu erwachen
der sie während der vergangenen Reisetage bei jeder Ankunft an einem neuen Ort
befallen hatte
Aus solcher Stimmung fuhr sie einmal auf und atmete tief weil sie den
Wohlgeruch empfand der die Luft erfüllte »Ach dieser Duft Orangenblüten und
Myrte« Zärtlich legte sie den Arm um Kittys Schultern »Denk nur Kind ich
habe immer die Vorstellung als wär ich in der Kirche und hätte ein
geschmücktes Bräutlein vor den Altar zu führen«
Es zuckte schmerzlich um Kittys Mund
Der Wagen bog in die letzte steile Serpentine ein auf deren Höhe sich
schon der Kampanile von Ravello und die brüchigen Zinnen des maurischen Tores
zeigten Neben der Straße erhoben sich die Trümmer einer alten aus gewaltigen
Blöcken gefügten Festungsmauer und hinter diesen Klötzen erschien eine Ruine
mit geborstener Kuppel wirr verwobenes Schlinggewächs rankte sich um das graue
Gemäuer und leuchtend hingen die Blumen zwischen dem Grün
Gundi Kleesberg ließ den feuchten Blick über Tag und Höhe gleiten »Wie
schön Das alles hat Gott erschaffen damit sich die Menschen ihres Lebens
freuen möchten Aber das wollen die Schafsköpfe nicht erkennen Da zerstört der
eine das Glück das ihn der Himmel finden ließ und der andere hat nicht den
Mut nach dem Geschenk zu greifen das Gott ihm bietet und macht sich elend
fürs ganze Leben«
Kitty sah verwundert auf »Tante Gundi«
»Ja Kind Sieh mich nur an Mich altes zweckloses Geschöpf Auch ich war
einmal jung wie du Auch zu mir kam das Glück Aber ich war zu feig um es
festzuhalten Und ich hätte um meinem Leben Inhalt und Wert zu geben nur ein
einziges Wort zu sprechen brauchen ein Wort wie es dein Bruder Tas zu seinem
Vater sprach«
Blässe rann über Kittys Gesicht
»Und nun sieh mich an Kind Mich mit meinen Runzeln unter der Schminke
Mich Mit allem was über ein Frauenherz kommen kann an Schmerz und Reue Nimm
dir eine Warnung an mir Du bist jung bist schön und so herzensgut Du
verdienst das Glück Wer weiß ob es dir nicht begegnet bei deinem nächsten
Schritt Wenn es vor dir steht und lächelt dich an mit treuen Augen dann sei
nicht feige Kind Greif zu mit beiden Händen Sage dir dass das Glück alles
andere aufwiegt Name Stellung Besitz Sieh mich an Kind Wie glücklich hätt
ich werden können Und bei aller Reue liegt noch wie ein schwerer Stein der
Vorwurf auf mir dass ich durch meine Feigheit auch einen anderen fürs ganze
Leben einsam machte Einen herrlichen Menschen Ich bin ja viel zu bescheiden
um glauben zu können dass ich ihm mehr geworden wäre als eine brave Frau die
ihm ein freundliches Haus geschaffen hätte während er der Begnadete in
seiner Kunst eine Stufe um die andere erstieg bis zur Höhe des Ruhmes Wie
glücklich wäre ich gewesen in meinem stillen Winkelchen Und hätte mit Stolz und
Liebe zu ihm aufgeblickt zu ihm den alle Welt bewundert und verehrt«
Erschrocken von einer Ahnung durchzuckt umklammerte Kitty Gundis Hand und
stammelte »Werner«
Da hielt der Wagen auf der Piazza von Ravello Aus der Kathedrale deren
Bronzetüren offen standen tönte Gesang und Orgelspiel
Gundi Kleesberg hob wie eine Erwachende das Gesicht
»Hotel Palumbo« klang eine dünne Tenorstimme ein alter Mann der eine
schwarze Samtjacke trug und auch sonst wie ein verbummelter Maler aussah trat
an den Wagenschlag und war den Damen beim Aussteigen behilflich Bei aller
Erregung hatte Gundi Kleesberg doch einen staunenden Blick für die auffallende
Reinlichkeit die im Hofraum und Foyer der Pension Palumbo herrschte das Wunder
klärte sich auf als die Padrona erschien um die Damen zu begrüßen eine
deutsche Frau Sie führte ihre Gäste in einen Seitentrakt des Hauses alle
Wendungen der Treppe waren durch nette Vorhänge abgeschlossen und der Korridor
mit seinen klaren Fenstern spiegelte von Sauberkeit An einem Zimmer in dem ein
Mädchen Ordnung machte stand die Tür offen und Gundi Kleesberg geriet in
wunderlichen Aufruhr als sie in dem Raum verschiedene Malgeräte gewahrte eine
Staffelei und mehrere mit Leinwand überspannte Rahmen
»Nur schnell Kind Schnell« stammelte sie als die Padrona für Kitty ein
allerliebstes Zimmerchen öffnete mit Möbeln aus Olivenholz und mit Gardinen aus
weißem Leinenplüsch »Ich werde in fünf Minuten fertig sein« Sie fasste den Arm
der Padrona »Kommen Sie liebe Frau ich bitte kommen Sie ich habe mit Ihnen
zu sprechen«
Kitty hatte ihr Zimmer betreten Der kleine freundliche Raum heimelte sie an
und erinnerte sie an ihr Stübchen in Hubertus Am offenen Fenster durch das der
Blick über grünes Rebengelände hinunterglitt in das Tal von Minori und auf das
ferne Meer ließ sie sich in einen Lehnstuhl sinken und presste die Hände über
die glühenden Wangen Ohne den leisen Wechsel der beiden aus dem Nebenzimmer
klingenden Frauenstimmen zu hören war sie versunken in ziellose Gedanken
befangen von einer Stimmung deren rätselhafte Art sie sich selbst nicht zu
erklären wusste Und dann ging die Tür auf und Gundi Kleesberg stand vor ihr
halb erschrocken und halb empört »Um Gottes willen Kind Was hast du denn
getrieben die ganze Zeit Eine Viertelstunde fast Da soll sie fertig sein und
sitzt noch immer in Hut und Mantel« Sie griff wie eine flinke Kammerjungfer zu
um Kitty behilflich zu sein »Nur schnell Kind Schnell Wir haben keine Zeit
zu verlieren Wir müssen zum Palazzo Rufalo Das ist das erste Das wichtigste
Alles andere wird sich finden Komm nur Komm« Aus einer Blumenvase zerrte sie
drei schöne Rosen
Kitty wehrte »Du weißt ich trage keine Blumen«
»Doch Kind Nimm sie nur Heute« Wie sonderbar Gundi Kleesberg dieses Wort
betonte »Heut Ich dulde nicht dass du so gehst in diesem unfreundlichen
Schwarz Nimm die Rosen Ich bitte dich« Sie setzte ihren Willen durch Und
dann rückte sie an Kittys Hut nestelte am Schleier und an den Falten des
Kleides als stünde die Komtesse vor der Fahrt zu ihrem ersten Hofball Die
letzte Prüfung fiel zu ihrer Zufriedenheit aus »So jetzt gefällst du mir Und
nun komm« In einem Anfall mütterlicher Rührung streckte sie die Arme um Kitty
an sich zu ziehen »Aber nein Nein Ich könnte dir die Rosen zerdrücken Komm
nur komm« Sie rauschte zur Tür als wäre jede Minute kostbar
Betroffen schüttelte Kitty den Kopf »Aber Tante Gundi Was ist denn nur mit
dir«
»Komm nur Kümmere dich nicht um mich Ich bin ein bisschen verrückt Es ist
so schön hier so unglaublich schön Und alles andere du ahnst ja nicht «
Gundi Kleesberg verstummte erschrocken als hätte sie zuviel gesagt »Komm nur
Komm«
Vor dem Hotel erwartete sie der Cicerone mit dem schwarzen Samtflaus Er zog
den grauen Schlapphut »Primieramente« begann er mit seiner quiekenden
Tenorstimme »condurrò le signore alla bella vista nel giardino degli Affliti «
»Was kümmert mich die Aussicht im Garten der Betrübten« unterbrach ihn
Gundi Kleesberg »Wir wollen zum Palazzo Rufalo«
Der Cicerone machte zu dieser Eigenmächtigkeit eine nachsichtsvolle Miene
und zuckte die Achseln »Kome Le piace« Doch als sie die Ecke der Kathedrale
erreichten dozierte er nach seiner Gewohnheit »Ed ora entriamo nel santo
duomo Fu costrutto nel secolo undicesimo «
Tante Gundi wurde ungeduldig »Ich will nicht wissen wie alt Ihr Dom ist
Ich will zum Palazzo Rufalo«
»Kome Le piace« Der Cicerone war gekränkt
»Das ist doch ein unglaublicher Mensch«
Kitty suchte die Empörte zu beruhigen aber Gundi Kleesberg ereiferte sich
immer mehr
»Jede Minute ist kostbar und da vertrödelt uns dieses Ungeheuer die Zeit
mit seinen eingepaukten Redensarten«
Sie kamen zu einer hohen grauen Mauer an der ein paar sarazenische
Arabesken der Verwitterung entgangen waren Über dem Kamm der Mauer sah man ein
Gewirr von Zypressenwipfeln und Baumkronen zwischen deren dichtem Grün sich ein
von Laub umschleiertes Gemäuer zeigte eine graue Zinne ein Turm mit maurischer
Galerie und schwarz gähnenden Rundfenstern ein Bild aus dem es herauswinkte
wie ein Geheimnis
Ein dunkler Torweg wurde durchschritten und der Cicerone hielt vor einer
kleinen eisernen Pforte »Eccolo il Suo palazzo Rufalo« Er deutete auf einen
Glockenzug legte die Hände hinter den Rücken und sagte trocken »Si
campanella«
Gundi Kleesberg atmete tief streifte Kittys Gesicht mit verwirrtem Blick
und fasste den Draht Dumpf mit einem greisenhaften Klang hallte der Glockenton
durch den stillen Garten Schlurfende Tritte kamen auf das Tor zu als es
geöffnet wurde knarrten die alten Angeln Der Pförtner ein mürrischer Greis
übernahm die Führung der Damen während der Cicerone verdrossen im Gässchen
zurückblieb
Eine kühle feuchte von Blumengeruch erfüllte Luft wehte den Eintretenden
entgegen Das dichte Laubwerk das den schmalen Pfad zu beiden Seiten
begleitete gewährte kaum einen Durchblick nun erweiterte sich der Pfad und
überschattet von alten Baumriesen deren Stämme mit Schlingwerk behangen waren
erhob sich die Ruine der maurischen Torhalle mit der schön geschwungenen Kuppel
Ein Hauch von Schwermut flüsterte aus den grauen durch Raub und Alter des
Schmuckes beraubten Steinen sie hatten glanzvolle Zeiten gesehen diese Pracht
und Macht war untergegangen sie allein noch standen wie ein trauerndes
Denkmal über Gräbern Und den gleichen melancholischen Charakter zeigte der
tiefschattige Garten der sich an die Halle schloss zwischen ernsten
schwärzlichen Zypressen und scharf duftenden Pfefferbäumen lagen kleine Beete
mit feurig blühenden Orchideen überall lugten aus verwilderten Rosenbüschen
verblichene Marmorreste hervor zertrümmerte Statuen gestürzte Säulen leise
murmelten die versteckten Brunnen zuweilen ließ sich ein süßer Vogelschlag
vernehmen und der sachte Windhauch der durch die Laubengänge strich spielte
mit den Rosenblättern die auf allen Wegen lagen und gleich winzigen Schifflein
auf den kleinen stillen Teichen umherschwammen Träumende Märchenstimmung war
unter diesen Bäumen in dieser Luft Nun wieder erhob sich graues Gemäuer und
klingend hallten die Schritte auf den Steinfliesen des Torweges der in das
Allerheiligste dieser Ruinen führt in den maurischen Säulenhof
Drei Loggien die einen düsteren kellertiefen Hof umschließen bauen sich
leicht und luftig übereinander An den kahlen Wänden hängen nur noch einzelne
Reste der Marmorbekleidung doch unversehrt sind die schlanken doppelreihigen
Alabastersäulchen erhalten mit den graziös geschwungenen und zierlich
ornamentierten Bogen darüber hier und dort noch eine Spur der erloschenen Farbe
und Vergoldung
Kittys Wangen brannten ihre Augen glänzten sie empfand die hinreissende
Macht der Erinnerung die aus diesen stummen Steinen redet Zurückversetzt in
längst entschwundene Zeiten sah sie Bilder um Bilder vor ihrer träumenden Seele
sich beleben Schwerter klirrten und weiße Schleier flatterten Hufschlag
tönte und die Laute klang So deutlich vernahm sie die Saiten als klängen sie
wahrhaftig an ihr Ohr aber nein das war kein Traum sie hörte die Saiten
wirklich Aus einem offenen Fenster des Palazzo tönte mit seltsamer Kunst
gespielt eine Mandoline von einer Gitarre begleitet Und Kitty erkannte die
Weise Es war eine Barkarole die sie in Sorrent hatten singen hören ein
zärtliches Lied das ihr mit schmeichelndem Locken ins Herz gegriffen hatte
»Vieni diletta
Vieni al mar
Vieni taspetta
Il marinar«
Und wieder in dieser märchenhaften Umgebung mit gesteigertem Gefühl empfand
sie die heiße verlangende Sehnsucht die ihr aus den zärtlichen Worten des
Liedes am Sorrentiner Strand in die Seele gefallen war Hastig wie um dem
Zauber zu entrinnen der sie in der geheimnisvollen Schattenstille dieser Mauern
überfiel flüchtete sie hinaus in die helle Sonne
Zwischen Blumen plauderte ein Springbrunnen und eine Marmortreppe führte zu
einer Terrasse die von Laubengängen durchzogen sich hinausbaute über die
steil abfallenden Weinberge und einen Rundblick über den Golf von Salerno bot
Mit einem wehen Zug um die Lippen trat Kitty unter eines dieser Laubdächer
umspielt von flimmernden Sonnenlichtern und farbigem Blätterschatten Plötzlich
verhielt sie den Fuß von Schreck befallen das Blut schoss ihr zum Herzen und
strömte wieder mit Glut in die Wangen nach Atem ringend griff sie an die
Augen als müsste was sie sah in der nächsten Sekunde verschwinden wie eine
Täuschung ihrer Sinne
Inmitten des Laubenganges in dessen Tiefe eine Nische in die Felswand
gehauen war stand eine Staffelei deren Leinwand die Farben eines frisch
begonnenen Bildes zeigte Hatte den jungen Künstler schon im ersten Werden
seines Werkes die Ermüdung befallen Er saß auf einer Marmorbank die Palette in
der ruhenden Hand und blickte träumend ins Leere Da vernahm er einen
stammelnden Laut und straffte sich auf Hans Forbeck Seine Gestalt war gereift
in diesem halben Jahr und hatte breitere Schultern bekommen dichter sprosste der
dunkle Bart und die südliche Sonne hatte ihm die ernste Stirn gebräunt
Bei Kittys Anblick erblasste er und die Palette entfiel seiner Hand So
standen sie voreinander Aug in Auge Dieser erstarrende Schreck dieser
lähmende Zweifel an der Wahrheit dauerte nicht lang Wohl blieben ihre Lippen
stumm doch es sprachen ihre Herzen es redete ihre Sehnsucht die gewachsen war
mit jedem vergrämten Tag in jeder ruhelosen Nacht Unter einem Lachen ihrer
Freude flogen sie aufeinander zu hielten sich umschlungen und hingen Mund an
Mund in einem dürstenden Kuss der nimmer enden wollte
Bei der Marmortreppe stand Gundi Kleesberg wie eine mit sich selbst
zufriedene Schicksalsgöttin von etwas barocken Formen
Da klang hinter einer mit Blüten übersäten Rosenhecke eine Männerstimme
»Hans«
Forbeck und Kitty hörten nicht alles um sie her war ihnen untergegangen in
der Taumelfreude ihres jungen vom Himmel gefallenen Glückes Doch Gundi
Kleesberg fiel aus ihrer stolzen Götterhöhe tief ins Menschliche herunter und
begann an allen Gliedern zu zittern als sie diese Stimme erkannte
»Hans Komm doch einen Augenblick«
Eine Weile war Stille dann knirschte hinter der Rosenhecke ein Tritt im
Sand Nun kam Leben in die Schlottersäule der Kleesberg Die Hände streckend
als hätte sie das erste Glück der Liebenden vor einer Störung zu behüten
zappelte sie auf die Hecke zu Da stand Professor Werner vor ihr sprachlos vor
Überraschung
»Werner« stammelte sie Weiter fand sie keinen Gruß kein Wort Mit beiden
Händen fasste sie ihn am Arm und zog ihn so weit in den Laubengang dass er das
junge Paar gewahren musste Und als ihm mehr in Schreck als in Freude ein
ersticktes Wort über die Lippen fuhr zog sie ihn wieder hinter die Hecke zurück
und sah zu ihm auf mit stolzer Freude »Dieses Glück Werner dieses junge
Glück hab ich geschaffen ich die Gundi Kleesberg Für mein Glück da war ich
feig Aber für die beiden Kinder hab ich Mut gehabt Und nicht nur Mut Es war
auch meine Pflicht Ich hab an Kitty die Stelle einer Mutter zu vertreten Und
als ich sah wie sie in diesem traurigen Winter hinschwand und sich verzehrte
da hab ich gesagt zu mir Gundelchen jetzt musst du Und habe diesen
Gewaltstreich begangen und bin euch nachgereist und hab euch gesucht in Kapri
in Sorrent in Amalfi bis ich euch fand Und jetzt Werner diese schöne
Stunde hat nicht nur das mutterlose von Kummer und Sehnsucht kranke Kind gesund
und glücklich gemacht sie hat das Glück auch deinem Sohn gegeben« Tränen
kollerten ihr über die Wangen herunter und zeichneten zwei Feuerlinien durch den
weißen Puder »Deinem Sohn«
Werner war diesem erregten Gestammel gegenüber nicht zu Wort gekommen
kopfschüttelnd wie in Sorge hatte er sie angehört Bei ihrem letzten Wort
schien er ein anderer zu werden Er widersprach nicht wie in Hubertus
Schweigend sah er in Gundis Augen nahm ihre kleine dicke zitternde Hand und
küsste sie
»Nur keine Sorge Werner Hab nur keine Sorge um die Kinder Diese erste
Stunde habe ich erzwingen müssen Jetzt lass sie nur getrost den Weg ihres
Glückes weitergehen An ihm das weiß ich wird es nicht fehlen Er müsste dein
Sohn nicht sein Er ist wie du treu redlich und stark Er wird sie glücklich
machen stolz im Glück und reich an Ehre«
»Ja Gundi das wird er« Werners Augen leuchteten
»Und sie Gib acht Werner ich kenne sie Sie ist nicht wie ich gewesen
bin Sie wird den Mut ihres Glückes haben ihres reinen Glückes Sie ist
Fleisch und Blut ihres Bruders Tas« Mit beiden Händen ohne die Dornen zu
scheuen drückte Gundi Kleesberg das Rankengewirr der Hecke auseinander »Sieh
nur Werner wie sie den Arm um ihn geschlungen hält Blut ihres Vaters ist sie
doch schließlich auch Die lässt nimmer aus«
Flüsternd hauchte der vom Meer heraufziehende Wind durch das zitternde
Laubwerk Leise schwankten die schlanken Wipfel der Zypressen die Brunnen
murmelten und während lautlos die Rosenblätter fielen tönten aus dem grauen
Tor des Säulenhofes die zärtlichen Klänge der Barkarole
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Im Süden blühten die Rosen auf den Bergen um Hubertus kämpfte der Föhn seinen
brausenden Frühlingskampf gegen den letzten Schnee der noch schwer auf den
Zinnen der Felsen lag
Im tieferen Bergwald in dem nur vereinzelte Schneeflecke noch als verlorene
Posten des besiegten Winters zwischen Felsblöcken und in schattigen Mulden
lagen brach schon das lichtgrüne Laub aus allen Buchenknospen
»Buchlaub raus
Hahnfalz aus«
So sagt ein alter Jägerspruch Und Franzl der an jedem Morgen die
Balzplätze abwanderte gewahrte mit Sorge dass ein Auerhahn um den anderen sein
Liebeslied verstummen ließ
»Wenn er kommt der Graf wirds schlecht ausschauen mit die Hahnen«
Tag um Tag verging Graf Egge erschien nicht in der Dippelhütte
Während er mit dem Bund um die Augen in der verdunkelten Kruckenstube saß
dachte er wohl in Zorn und Ungeduld an seine Auerhähne Aber der
»Leinwandriegel« der ihn am Bergsteigen hinderte hatte dauerhaften Halt An
jedem Morgen empfing Graf Egge den Doktor mit einem Ungewitter Diesem masslosen
Zorn gegenüber verhielt sich der alte Arzt sehr wortkarg und hatte nur immer den
einen Trost »Geduld liebe Erlaucht Geduld« Zuerst mit scheuem Zögern dann
immer eindringlicher machte der Doktor den Vorschlag einen Spezialisten aus
München zum Konsilium zu berufen
»Unsinn« murrte Graf Egge »Lassen Sie mich mit dem städtischen Quacksalber
in Ruhe Ich habe Vertrauen zu Ihnen Sie werden mir meine Lichter schon wieder
sauber putzen«
Eine ähnliche Abfertigung wurde Fritz zuteil als er fragte »Soll man nicht
der gnädigen Kontess von Erlauchts Unpässlichkeit Mitteilung machen«
»Dass du dich nicht unterstehst« lautete die Antwort »Die arme Geiß soll
die schöne Zeit da drunten ungestört genießen damit sie mir gesund an Leib und
Seele nach Hubertus heimkehrt Sonst braucht sich niemand um mich zu kümmern
Wenn du die Frechheit hast eine Zeile nach München zu schreiben werf ich dich
aus dem Haus«
Die Pflege des Kranken hatte der alte Moser übernommen die »Weibsbilder«
vertrug Graf Egge nicht in seiner Nähe Mit Moser konnte er auch von der Jagd
schwatzen von dem »verwünschten Horst« in der Hangenden Wand und von den
Auerhähnen Diese Gespräche füllten fast den ganzen Tag Wurde Graf Egge des
platonischen Jagens müde so ließ er sich eines der an der Wand hängenden
Gemsgehörne reichen befühlte die Schale und das gekrümmte Horn mit pedantischer
Aufmerksamkeit maß mit der Handspanne die Länge und Weite der Haken und riet
in welchem Jahr und auf welchem Berg der Bock geschossen wäre Fast immer traf
er das Richtige Oder er schickte Moser aus der Stube und öffnete im Lehnstuhl
ruhend den eisernen Schrank Eine Lade um die andere zog er auf legte die
Samttabletten vor sich aus und ließ die tastenden Finger über die Steine
gleiten Bevor er den Schrank nicht geschlossen und den Schlüssel abgezogen
hatte durfte Moser die Stube nicht betreten
So saß er wieder einmal vor dem offenen Schrank und zählte die Steine Da
hörte er das Geläut der Kirchenglocken und die Klänge schienen ihn unbehaglich
zu berühren
»Moser«
Der alte Büchsenspanner erschien
»Bleib bei der Tür stehen Ich will nur fragen wem wird denn da geläutet«
»A Kindl tragen s aussi«
»Wem hat das Kind gehört«
»Dem BrucknerLenzi Jetzt hat der arm Teufel schon s zweite verloren An
der Halsbräune Jaaa ich sags allweil der Hals und d Augen dös sind zwei
heiklige Sachen Der Hals bei die Kinder und d Augen bei uns alte Leut«
»Rindvieh« brummte Graf Egge und griff an seine Binde »Der BrucknerLenzi
Von dem du immer sagtest dass er gegangen wäre«
»Ja Herr Graf Ich hab mich auch net täuscht seinerzeit Aber jetzt mein
ich is er sauber Jetzt geht er nimmer«
»So Setz dich wieder hinaus und mach die Tür zu Fest dass ich es höre
Mich geniert die Zugluft«
Graf Egge tastete an den Steinen umher und begann zu zählen
Nach einer Weile verstummte das Geläut
An diesem Abend wurde in der Schifferschwemme des Seehofes wieder ein
»Gsturitrunk« gehalten Und wieder blieb während die Gäste laut durcheinander
schwatzten der BrucknerLenzi stumm und mit gläsernen Augen hinter der Flasche
sitzen Mali mahnte ihn nicht mehr an den Heimweg Als zum AveMaria geläutet
wurde erhob sie sich wortlos und ging
Schon wollte sie den stillen Hof des Bruders betreten als über den Zaun die
Stimme der Nachbarin klang »Mali Bist dus«
»Ja Nachbarin«
»Geh komm a bissl eini s Netterl verlangt soviel nach dir«
Kein Wunder dass Mali erschrak »Um Gotts willen s Kindl wird doch frisch
sein«
»Aber freilich Schaut aus wie s Leben Aber allweil verlangts nach dir«
Mali empfand die Anhänglichkeit des Kindes wie einen warmen Trost Dennoch
zögerte sie mit der Antwort »Ich trau mich net recht ich könnt vom Halsgift
was im Gwand haben«
»Ich gib dir von mir an Rock und an Janker«
Diesen Vorschlag nahm Mali an Und dann saß sie in der Kammer bei dem Kinde
das mit seinen glänzenden Augen aussah als hätte ihm die Verbannung aus dem
Vaterhause so wohl getan wie einem Stadtkind die Sommerfrische
Es ging auf die neunte Abendstunde als Mali das Kind in Schlaf gesungen
hatte und von der Nachbarin Abschied nahm Immer wieder drückte sie die Hände
des Weibleins »Tausendmal Vergelts Gott Meiner Seel Nachberin was dem guten
Kind zlieb tan hast vergiss ich dir meiner Lebtag net«
»Geh was redst denn Mach lieber dass d heimkommst Den Schlaf kannst
brauchen«
»Ja Nachberin heut brauch ich d Ruh Aber morgen in aller Fruh wird s
Haus aufgwaschen Türen und Fenster aufgrissen und alles ausgräuchert Ehnder
trag ich s Kindl net heim Und unser Herrgott wird mitelfen Es muss doch
wieder amal Tag werden bei uns«
Als Mali den Hof des Bruders betrat sah sie Lichtschein an den
Stubenfenstern
»Gott sei Dank er is schon daheim Da kann er doch kein Rausch net haben«
Sie bekreuzte sich aus Freude über das gute Anzeichen Doch als sie die
Stubentür öffnete erschrak sie dass ihr das Blut wie zu Eis wurde Der Bauer
stand am Tisch hatte den Hut auf dem Kopf einen Bergsack hinter den Schultern
und wischte mit einem schmutzigen Lappen den Rost von einer alten Büchse
»Lenzi«
Er wandte das verwüstete Gesicht »Der Schnaps will nimmer helfen Probier
ich halt s ander wieder«
»Lenzi Um Gotts willen« Eine namenlose Angst schrie aus dem erstickten
Wort
Er zuckte die Achseln »Ich muss für d Leichenkosten sorgen Der Doktor tät
warten Der Pfarr pressiert« Er schleuderte den Lappen in einen Winkel
Wie eine Verzweifelte stürzte Mali auf ihn zu und umklammerte seinen Arm
»Lenzi Hat dich denn unser Herrgott ganz verlassen«
»Ah na Er hat sich bsonders um mich kümmert Fleissig treibt er s
Engelmachen Respekt« Heiser lachend schüttelte Bruckner die Schwester von sich
ab
Sie versuchte ihm das Gewehr zu entreißen
Bruckner lachte »Tu dich net sorgen Ich geh dem deinigen net ins Gäu Ich
such mein alten Spezi wieder auf Der lasst mit ihm reden hat er gesagt« Er
stieß die Schwester von sich und riss die Tür auf Ein rauschender Luftstrom fuhr
in die Stube und löschte die Kerze
»Lenzi« keuchte das Mädel Im finsteren Flur in den der Föhn durch die
offene Haustür brauste holte sie den Bruder ein klammerte sich an ihn und ließ
sich schleifen »Lenzi Denk was deiner armen Resi gschworen hast Um aller
Heiligen willen Lenzi « Von der Faust des Bauern zurückgeschleudert taumelte
sie gegen die Wand Stöhnend raffte sie sich auf rannte in die Finsternis
hinaus und schrie den Namen des Bruders Der rauschende Föhn verschlang den
gellenden Laut
Hinter eine Hecke geduckt mit der Büchse in der Hand eilte Bruckner über
die Wiesen erreichte den Steg der die Seebachklamm überbrückte und gewann den
Wald Im schwarzen Schatten der Bäume schöpfe er Atem und lud das Gewehr Dann
stieg er bergwärts durch die Finsternis
Je höher er kam desto schwächer wurde das Wehen das durch die Wipfel ging
Zwei Stunden war er gestiegen als er mitten im Hochwald eine Blöße erreichte
Es war eine Kohlenstätte Drei Meiler dampften und vor einer Rindenhütte lag
ein Glutaufen der die Stätte mit rotem Schein überstrahlte Bruckner lehnte
die Büchse an einen Stamm ging auf den Meiler zu griff mit beiden Händen in
den auf der Erde liegenden Kohlenstaub und schwärzte das Gesicht Dann stieg er
weiter
Es ging auf die zweite Morgenstunde als er das Steinfeld erreichte in
dessen Mitte wie ein schwarzer Klumpen die Dienstütte Schippers lag Roter
Herdschein blinkte aus dem kleinen Fenster
»Schau zeitlich is er auf Leicht geht er aufs Hahnverlusen«
Die aus dem Fenster fallende Helle beleuchtete den Rauch der über das
Schindeldach niederwallte und sich zu Boden schlug ein Zeichen dass der Morgen
schweren Nebel bringen würde
Neben dem flackernden Feuer saß Schipper auf dem Herd schon angekleidet
aber noch mit nackten Füßen Während der fertige Schmarren in der vom Feuer
genommenen Pfanne dampfte überwachte der Jäger die blecherne Kaffeemaschine
aus der sich ein dünnes Rieseln vernehmen ließ als es verstummte erhob sich
Schipper streckte gähnend die Arme nahm eine irdene Schale vom Geschirrahmen
und füllte sie mit schwarzem Kaffee Nun setzte er sich schlug die Beine
übereinander blies die rauchende Brühe und kostete
Da wurde ohne dass sich ein Schritt vor der Hütte hatte hören lassen die
Tür aufgestoßen und auf der Schwelle stand eine Mannsgestalt mit geschwärztem
Gesicht die Büchse in der Hand Im ersten Schreck ließ Schipper die Blechschale
fallen dass ihm die heiße Brühe die Lederhose übergoss Und sein graues Gesicht
wurde so weiß wie Kalk
Langsam näherte sich der Wildschütz und sagte mit lachendem Hohn »Wenns
jetzt an andere wär als ich Der hätt dir bei deiner Kuraschi den Vortl gschwind
abgwonnen«
Von seinem Schreck sich erholend riss Schipper die Augen auf »Aaah Da
schau Der Lenzi« Er hob die Blechschale von der Erde »Schad um mein Kaffee«
Trotz der Ruhe mit der er diese Bemerkung machte schien er sich doch nicht
sonderlich behaglich zu fühlen »Magst mitalten Grad hab ich kocht«
Bruckner stand wortlos und hing mit heiß funkelnden Augen an dem Jäger
Der fuhr mit dem Löffel in die Pfanne »Was stehst denn wie der Hackstock
An was denkst denn«
»An alles was ich dir verdank Und wieder frag ich mich wie schon
hundertmal ob ich denn alles was mich druckt mit Recht am Buckl trag«
»Machs wie ich Nimms leichter«
»Ob ich s Recht net hätt dazu« Bruckner streckte sich »Zwei Büchsen haben
kracht zwei Kugeln sind gflogen am selbigen Johannistag Eine bloß hat troffen
Obs die deinig war Oder die meinig«
»Troffen hat ihn du« erklärte Schipper mit Seelenruhe während ihm der
Schmarren an dem er kaute zwischen den Zähnen krachte »Mir is der Schuss in d
Luft auffigfahren Da kann ich schwören drauf Dös hab ich auch deiner Schwester
gesagt wie s mich im Herbst mit ihrem Bsuch beehrt hat« Ein hässliches Lächeln
verzerrte seine grauen Lippen »Lenzi dös war a dumms Stückl dass deiner
Schwester alles verzählt hast Die macht dir Unglegenheiten Wie sich s Madl
fürn Franzl ins Zeug glegt hat Ui jegerl Und ich wär noch der gute Kerl
gewesen und hätts gheirat dass die dumme Gschicht in der Familli bleibt«
Schipper griff fleißig in die Pfanne »Aber lassen wir die alten Gschichten
Reden wir lieber vom Allerneuesten« Er deutete mit dem Löffel auf Bruckners
Büchse »Is dös noch allweil die alte Spritzen« Er lachte »Hats dich wieder
grissen Musst dir Geld machen«
Der Bauer atmete schwer »Könnt schon sein dass ich Geld brauch Der Wasen
im Kirchhof hat sein Preis«
»Ah ja richtig ich hab gehört was für a Kreuz mit deine Kinder hast«
Schipper wischte mit dem Ärmel den Mund ab »Ja so was is traurig«
Diese Äußerung des Mitleids wirkte auf Bruckner als hätte ihn ein
Peitschenhieb ins Gesicht getroffen Mit grober Faust packte er die Schulter des
Jägers Dann wandte er sich ab spie in das Feuer und ging zur Tür
Schmunzelnd sah Schipper ihm nach
Bruckner fasste die Klinke und drehte das schwarze Gesicht »Dass ich mir Geld
mach mit deiner Hilf Ah na Ich hab zwei Küh im Stall und hab noch allweil a
Hemmed am Leib Hörst an Schuss in der Fruh so kannst suchen untertags s
Wildbret lass ich dir liegen Es hat mich heut in der Nacht ausm Haus trieben
weil ich was haben muss fürs Blut Wie Feuer hab ichs in mir Und kühl muss ichs
machen Drum rat ich dir im guten Steig mir net nach Du« Dem Bauer brach die
Stimme mit heiserm Laut
»Aber Lenzi Geh geh geh Du hast zviel Vaterunser gnottelt in die
letzten Täg So was macht ein wirblet«
Bruckner antwortete nicht gleich »Ja Kunnt schon wahr sein Hast du noch a
richtigs Vaterunser so bet Schipper dass mir s Netterl bleibt Müsst ich s
letzte auch noch verlieren so weiß ich was ich tu Da mach ich sauberen Tisch
in mir und geh zum Gricht Den Weg mach ich net allein« Der Bauer öffnete die
Tür Rauschend flackerte das Herdfeuer »Bet Schipper dass mich s Netterl
anlacht wann ich heimkomm aus m Berg«
Der Jäger saß auf dem Herd als wäre ein Sturz eiskalten Wassers über ihn
niedergegangen Als vor der Hütte der schwere Tritt verhallte sprang Schipper
auf und lauschte in die Nacht hinaus Mit beiden Händen griff er an seinen Kopf
und kehrte zum Herd zurück Es zuckte und wühlte in seinem Gesicht Nun stülpte
er den Hut über den grauen Kopf stopfte mit zitternden Händen die Bergschuhe in
den Rucksack und nahm die Büchse Scheit um Scheit warf er in die Herdflamme und
öffnete die Tür Der Feuerschein sollte hinausleuchten über das Steinfeld und
den anderen glauben machen dass die Hütte nicht verlassen stünde
Dicht an den Pfosten gedrückt damit sein Schatten in der auf dem Steinfeld
liegenden Feuerhelle nicht bemerkbar würde schlich Schipper zur Tür hinaus und
huschte jeden Felsblock als Deckung nützend durch die lautlose Nacht einer
tiefer liegenden Mulde zu Im Schutz der Bodensenke rannte er dem Latschental
entgegen das zur Hangenden Wand führte Als er die Felswand erreichte warf er
sich zu Boden um Atem zu schöpfen und die Schuhe anzulegen Es war die Stelle
an der Graf Egge die Leiter hatte aufziehen lassen unsichtbar und still hing
der Horst in der finsteren Höhe der Wind der mit leisem Geraschel über die
Felsen niederstrich hatte matten Aasgeruch
Schipper nahm die Büchse in die Hand und begann wieder zu rennen nun
brauchte er den Hall seiner Schritte nimmer zu scheuen
Am östlichen Himmel wollten schon die Sterne erlöschen als er das
Latschenfeld vor der Dippelhütte erreichte Er sah das rot leuchtende
Fensterchen der Herdstube und atmete auf »Gott sei Dank«
Da erlosch die Fensterhelle und in der stillen Nacht klang das leise
Geräusch der Hüttentür die geöffnet und wieder geschlossen wurde Franzl wollte
zu den Balzplätzen der Spielhähne hinaufsteigen Jetzt sah er zwischen dem
finsteren Gezweig die schwarze Gestalt vor sich auftauchen »Halt« Mit jähem
Ruck hatte Franzl die Büchse an die Wange gerissen »Wer bist«
»Öha Langsam« Schipper lachte heiser »Schnell bist fertig mit der Büchs«
Franzl ließ die Waffe sinken »Unsereiner muss auf der Hut sein« Das klang
nicht freundlich »Was suchst denn du in meim Bezirk Und was schnaufst denn
so«
»Grennt bin ich wie der Teufel Heut gibts Arbeit Ich hab zwei Lumpen in
meim Revier«
Franzl bohrte den Blick in das vom Dunkel verschleierte Gesicht des anderen
Die Sache wollte ihm nicht einleuchten weil er selbst in einem solchen Fall
nicht um Hilfe gerannt wäre
»Aber Mensch Hast denn net verstanden Zwei Lumpen hab ich im Revier«
Franzl warf die Büchse hinter den Rücken und nahm die Richtung gegen die
Hangende Wand Schipper hielt sich wortlos hinter ihm Der Himmel wurde bleich
halb verhüllte ihn der schwere Nebel der aus allen Gründen rauchte um zu
kreisendem Gewölk ineinanderzufliessen Und Gedanken so grau wie der Nebel
wirbelten durch Franzls Kopf Immer stand ihm das Gesicht Patscheiders vor den
Augen Und immer flüsterte eine Mädchenstimme »Nimm dich vorm Schipper in
acht«
Da lachte der andere »Ein merkwürdiger Jager bist Fragt mit keiner Silben
wo ich d Lumpen gmerkt hab«
»Was ich wissen muss wirst mir schon sagen«
»Um eins in der Fruh bin ich fort weil ich am Schneelahner den Spielhahn
gern verlust hätt Wie ich auffisteig über d Lahneralm und komm zur Sennhütten
merk ich Licht hinterm Fensterladen schleich mich auf d Hütten zu und guck
durch d Ladenklums in d Almstuben eini Was sagst Sitzen zwei so
gottverfluchte Lumpen drin jeder mit der Büchs über die Knie Einer a bissl
junger und der ander a Mordstrumm Lackel mit kohlschwarzem Bart a bissl
angrawelet Und da hocken s am Fuier und reden in aller Gmütlichkeit den
Pirschgang überen Schneelahner aus«
»Und da bist davongrennt« Alle Gedanken der letzten Minuten waren in Franzl
ausgelöscht und nur noch der Jäger war in ihm lebendig »Statt dass die Büchs in
d Hand nimmst und einispringst zur Tür Die hättest alle zwei im Sack gehabt«
»Mit m Maul is bald einer gfangt Und dass ich d Wahrheit sag ich hab die
zwei was reden hören Und da war mein einzigs Denken da musst den Franzl holen
Meiner Seel ich trau mirs gar net sagen «
Franzl blieb wie angewurzelt stehen Seine Lippen bewegten sich ohne Laut
Was hatte er Furcht war ihm fremd Dennoch schnürte ihm jetzt ein beklemmendes
Gefühl den Hals zusammen
»Was ich dir sagen muss is hart für dich« Das klang wie kameradschaftliches
Erbarmen »Aber es muss sein« Unter Schippers Hutrand funkelten die Augen »Wie
ich so einilus in d Hütten hör ich wie der jüngere meint ob net hinter der
Dippelhütten der bessere Pirschgang wär Da beutelt der ander den Kopf und sagt
kein Wörtl und schaut ins Fuier eini Und der jünger lacht so gspassig stupft
den andern mitm Ellbogen an und sagt Gelt du dem Franzl gehst lieber ausm
Weg der Alte und der Junge so was wär a bissl zviel auf ein Gwissen auffi«
Mit ersticktem Laut riss Franzl die Büchse von der Schulter stürzte auf
Schipper zu und fasste ihn an der Brust »Auf Ehr und Seligkeit Schipper Is dös
wahr«
»Auf Ehr und Seligkeit«
Da löste sich Franzls Faust von der Brust des anderen »Jetzt sag ich dir
Vergelts Gott dass d mich gholt hast Komm«
Schipper blieb noch ein paar Augenblicke stehen ein Frösteln das ihn
plötzlich befiel zog ihm den Kopf in den Nacken
Sie sprachen kein Wort mehr Als sie mit schweissüberronnenen Gesichtern aus
dem Latschental hervortraten lag der Nebel so dicht dass sie im Schutze des
grauen Schleiers ungedeckt gegen die Höhe steigen konnten sie hatten die Schuhe
abgelegt und sprangen mit nackten Füßen Kaum auf dreißig Schritt vermochten sie
zu sehen Doch immer näher klang wie ein wegweisender Ruf vom Grat des
Schneelahners der lustige Balzgesang des Spielhahns
Da fiel in der von Dunst umwobenen Höhe ein Schuss dessen Echo im Nebel
erstickte Der Spielhahn schwieg
»Dem Hahn hats gegolten« zischelte Schipper »Franzl jetzt gehört er uns«
In seinem gierigen Eifer merkte Schipper nicht dass er nur von einem sprach
»Jetzt muss er uns in d Händ laufen Nimm du die linke Seit Franzl ich nimm
die rechte So haben wir ihn in der Mitt Und sei gscheit Franzl Wenns drauf
ankommt wart net lang Lieber der ander als du«
Franzl antwortete nicht sein brennender Blick bohrte sich in den grauen
Dunst der die Höhe verschleiert hielt Sich zur Linken wendend stieg er
lautlos in die Felsen ein
Schipper huschte nach der anderen Seite Als er um die Ecke war öffnete er
die Büchse zog die beiden Patronen hervor musterte sie genau und schob sie
wieder in den Doppellauf »Für alle Fäll Ich will mei Ruh haben«
Auch Franzl hatte als er den Einstieg des Wechsels erreichte den Schritt
verhalten um seinen Atem zur Ruhe kommen zu lassen dabei nahm er den Hut ab
und drückte ihn an die Brust Er wusste dass der Weg den er betrat ein Gang auf
Leben und Tod war
Ein Windstoß fuhr über das Gehänge herunter und jagte die Nebelfetzen
während die Dämmerung der Frühe sich in hellen Tag zu verwandeln begann
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Immer schärfer zog der Morgenwind über die Berge gegen das Seetal Immer dichter
trieb er die Nebel zusammen und ballte sie zu schweren Wolken die sich von den
Almen gegen die Wälder senkten Schwerfällig lösten sie sich aus den Wipfeln
schwammen über das Tal und schlossen sich über ihm zu einer grauen Decke
Im Seedorf regte sich noch kaum das Geräusch des erwachenden Tages
Vor dem Brucknerhause saß Mali auf der Bank mit übernächtigem von Angst
entstelltem Gesicht den Kopf an die Mauer gelehnt die Hände wie gebrochen im
Schoss
Ihre Sinne schienen taub für das Leben das sich immer lauter in den
Nachbarhäusern regte doch jeden Bauer der hinter den Hecken auftauchte
verschlang ihr Blick mit banger Erwartung
Jetzt kam der Doktor Eisler mit zwei fremden Herren über die Straße her
ihnen folgte ein Diener der eine mit Leder bezogene Kassette trug Sie gingen
am Brucknerhaus vorüber und nahmen den Weg nach Schloss Hubertus In der
Ulmenallee blieben sie eine Weile vor dem Käfig stehen in dem die vier Adler
unruhig von einer Stange zur anderen hüpften
Fritz der von dem Besuche schon zu wissen schien empfing die Gäste auf der
Veranda flüsterte mit dem Dorfarzt und führte die Herren ins Billardzimmer
Doktor Eisler ging allein zur Kruckenstube Vor der Tür zögerte er Dann
drückte er die Klinke nieder
Nur ein mattes Zwielicht fiel während die Tür sich öffnete und wieder
schloss in die verfinsterte Stube Moser erhob sich von seinem Sessel und Graf
Egge bewegte sich im Lehnstuhl
»Doktor Sie«
»Ja Erlaucht Guten Morgen«
»Na also Endlich« Graf Egge wollte sich aufrichten ließ sich aber wieder
auf die Kissen zurücksinken die seinen Rücken stützten »Es geht aufwärts
Doktor Jede Spur von Schmerz ist wie weggeblasen Jetzt machen Sie aber
vorwärts dass ich bald hinaufkomme Die Auerhähne sind versäumt ich muss mich
heuer mit den Spielhähnen begnügen Verwünschtes Nest«
Der Arzt hatte dem Büchsenspanner ein paar Worte zugeflüstert und ging
während Moser auf den Zehen zum Fenster schlich auf Graf Egge zu »Der Schmerz
hat also nachgelassen«
»Er ist weg vollständig«
»Das wird die Untersuchung sehr erleichtern Und um mit der Tür gleich ins
Haus zu fallen gestern abend bekam ich unerwartet den Besuch zweier Kollegen
Es wäre mir lieb wenn Erlaucht gestatten wollten dass ich meine Freunde zur
Untersuchung beiziehe«
Graf Egge wurde unruhig Dann sagte er trocken »Reden wir ehrlich
miteinander Zwei so alte Hasen wie wir brauchen sich keine Kindereien
vorzumachen Diese sogenannten Freunde Da ist wohl ihr Münchener Wundertier
dabei von dem sie neulich sprachen Sie haben da ein bisschen auf eigene Faust
bestellt Stimmt das«
»Ja Erlaucht Zu Ihrem Besten wie ich hoffe« die Stimme des Doktors
schwankte »und zu meiner Beruhigung«
»Na also Auch das noch Ich beginne mürb zu werden Wenn Ihre zwei
Katederbonzen dazu beitragen mich flinker aus dem langweiligen
Blindekuhspielen zu erlösen will ich ihnen dankbar sein In Gottes Namen man
soll sie holen lassen«
»Die Herren befinden sich bereits im Schloss«
»Hui« Graf Egge lachte müd »Das klappt wie der Montag auf den Sonntag
Also her mit ihnen Hoffentlich braucht die Geschichte keine weiteren
Vorbereitungen«
»Erlaucht können im Lehnstuhl bleiben ich werde nur die Binde abnehmen«
Geräuschlos hatte Moser während dieses Gespräches die Bretterverschalung von
der Fensternische entfernt den dicken Teppich beseitigt mit dem die Scheiben
verhängt waren und die Läden geöffnet
Hell brach der Tag in die Stube und umflutete mit seinem Licht den Kranken
der regungslos im Lehnstuhl ruhte während der Arzt ihm die Binde löste
Graf Egges Rücken war gekrümmt seine Gestalt in sich versunken Haar und
Bart wirr durcheinandergezaust Die gefurchten Züge hatten eine welke gelbliche
Farbe über die halbe Stirn und die Hälfte der Wangen zog sich soweit der
Verband das Gesicht bedeckt hatte ein bläulichweisser Streif
Als die Binde fiel bewegte Graf Egge blinzelnd die noch etwas geröteten
leicht verschwollenen Lider dann hob er langsam die Hände strich mit den
Fingern über die Augen und atmete auf »Endlich«
Doktor Eisler fragte hastig »Haben Sie einen Schimmer vor dem Blick Können
Sie sehen Erlaucht«
»Aber Menschenkind« Graf Egge drehte das Gesicht hin und her dabei blieben
die Augen unbewegt sie waren trocken ohne Glanz und grau umflort »Wie soll
ich denn sehen können in dieser ägyptischen Finsternis Machen Sie doch erst die
Fenster hell«
Moser stand wie versteinert vor Entsetzen Und Doktor Eisler sagte mit
gepresster Stimme »Wenn Erlaucht gestatten werde ich die Kollegen rufen« Er
verließ die Stube
Graf Egge hörte die Tür gehen »Das ist komisch« murmelte er während er
das Gesicht mit den starren Augen nach allen Seiten drehte »Wie hat er denn das
gemacht Mit der Tür Oder habt ihr den Flur da draußen auch verhängt Moser
So nimm doch endlich das schwarze Zeug vom Fenster weg«
Dem Alten kugelten die Tränen über den Schnurrbart
Graf Egge wurde ungeduldig »Das Fenster auf Die Quacksalber können mich
doch nicht in der Finsternis untersuchen Mach das Fenster hell«
»Aber ich bitt Herr Graf« stammelte Moser »ich hab ja d Läden schon lang
aufgmacht es ist ja hellichter Tag in der Stub«
»Du bist wohl verrückt« lallte Graf Egge tonlos »Oder betrunken« Mit
zitternden Fingern fühlte er an seine Augen »Das ist doch Unsinn Das ist
doch Unsinn« Ein dutzendmal wiederholte er dieses Wort Da hörte er Schritte im
Flur und gedämpftes Gespräch die Züge vor Erregung wie gelähmt wandte er die
Augen nach der Richtung dieses Geräusches Er vernahm dass die Tür geöffnet
wurde und mit grauenhaftem Schreck zuckte es über sein Gesicht
Kaum hatte Doktor Eisler die Namen der beiden Herren genannt als Graf Egge
heiser fragte »Sagen Sie mir bitte Sie sind doch durch die Tür hereingetreten
Da muss doch Licht in die Stube gefallen sein Und das Kamel hinter meinem Sessel
behauptet das Fenster wäre hell Ist das wahr«
Man suchte ihn zu beruhigen Aus den freundlichen Worten hörte er als
Antwort auf seine Frage das Ja heraus
»Wahr« Keuchend sprang er auf krampfte die Hände in seine Brust und schrie
mit der Qual eines Gemarterten »Ich sehe nichts Ich sehe nichts« Er taumelte
Vier Hände griffen nach ihm Zitternd an allen Gliedern fiel er in den Stuhl
zurück
Er sprach kein Wort mehr schwer atmend saß er zwischen den Kissen und ließ
alles mit sich geschehen er netzte nur manchmal mit der Zunge die heißen
ausgetrockneten Lippen und immer wieder rann ihm ein heftiges Zittern durch die
Hände die auf den Armlehnen des Sessels lagen
Über eine Stunde währte die Untersuchung Man wollte das grausame Votum in
schonende Worte kleiden Graf Egge schnitt alle tröstenden Umschweife mit der
scharfen Frage ab »Wollen Sie mir kurz die Wahrheit sagen Blind«
»Blind«
»Und keine Rettung mehr«
»Keine«
Graf Egges Arme streckten sich und langsam schlossen sich die Fäuste Dann
fragte er »Wäre eine Heilung möglich gewesen wenn ich früher der Berufung
eines Konsiliums zugestimmt hätte«
»Nein Herr Graf Unser Kollega stand als er Ihre Behandlung übernahm
bereits einem vollendeten Prozess gegenüber Die mit gärenden Aasteilchen
vermischten Exkremente der Raubvögel enthielten eine ätzende Säure die
innerhalb weniger Stunden die Augen zerstört haben muss«
»Ist noch weitere Behandlung nötig«
»Nein Herr Graf Die Entzündung der Lider ist zurückgegangen Etwas anderes
war nicht zu erreichen«
»Moser Stütze mich« Graf Egge richtete sich auf und verneigte sich »Ich
danke den Herren Mein Hausarzt wird alles weitere ordnen« Er streckte die
zitternde Hand »Ich danke Ihnen«
Wortlos empfing er die Händedrücke der Herren und blieb aufrecht stehen bis
er hörte dass die Tür geschlossen wurde dann fiel er stöhnend in den Sessel
zurück und schlug die Hände vor das Gesicht
Moser stand hinter dem Lehnstuhl und wagte sich nicht zu rühren
Vom Dorfe scholl das Geläut der Glocken Graf Egge ließ schwer die Hände
fallen »Warum läutet man«
»Die Kirch muss aus sein Man läutet zum Wettersegen«
»Also Morgen Und draußen scheint die Sonne«
»Nein Herr Graf Der Tag is trüb alles hängt voll Wolken« Dem Alten
versagte die Stimme »Es wird bald schütten mein ich«
Wieder Stille in der Stube Nur die fernen Glocken sangen
Plötzlich hob Graf Egge das Gesicht und stammelte »Moser Reiss mich am
Bart«
»Aber um Gotts willen Herr Graf «
»Tu es« befahl Graf Egge mit gereizter Schärfe
Moser gehorchte
»Richtig Ich spür es Alles ist wahr Ich wache Und vor meinen Augen
bleibts schwarz Moser Moser« Das klang wie Schluchzen doch keine Träne
netzte die starren glanzlosen Augen »Moser Meine Lichter sind hin Jetzt
hats ein Ende mit der Jagd«
Da war es auch mit Mosers Selbstbeherrschung vorüber »Mar und Joseph Mar
und Joseph So an Unglück«
»Was tu ich jetzt Wofür leb ich noch Ich soll keinen Berg mehr sehen
Keinen Wald und keinen Baum Keinen Hirsch in der Brunft Keinen Gamsbock im
Gewänd Keinen balzenden Hahn auf seinem Ast wenn er den schönen Morgen
ansingt und wenn ihm die Rosen leuchten Nichts mehr Nichts Moser Daran
sterb ich Das ertrag ich keine Woche Keinen Tag Lieber eine Kugel in den
Kopf« Graf Egge wankte keuchend gegen die Mauer und tastete mit den Händen
Stotternd suchte Moser ihn zu beruhigen und zog ihn wieder auf den Lehnstuhl
zurück
Mit gebeugtem Rücken zitternd an allen Gliedern saß Graf Egge zwischen den
Kissen und bohrte die Nägel in das mürbe Leder der Armlehne Mühsam atmend mit
erloschener Stimme begann er zu sprechen »Alles schwarz vor den Augen Und das
immer so Einen Tag um den andern Das vermag ich nicht auszudenken Es ist
unmöglich Es muss noch Hilfe geben Es muss Die gelehrten Pfuscher haben in
hundert Fällen schon einen Menschen aufgegeben Und dann hat ihm ein Hausmittel
geholfen ein altes Weib Moser Moser Es muss auch für mich noch eine Hilfe
geben Ich will meinen Engel haben wie der alte Tobias Moser« Mit beiden
Händen umklammerte Graf Egge den Arm des Büchsenspanners »Moser Da fällt mir
was ein Bei Schloss Eggeberg mein ganzes Leben hab ich an den Menschen nimmer
gedacht und jetzt auf einmal weiß ich seinen Namen Haneeter hat er geheißen
und ich seh ihn vor mir ganz deutlich mit dem blauen Kittel und der langen
Schippe Moser Bei Schloss Eggeberg hat in meiner Jugend ein Schäfer gelebt Der
war berühmt in der ganzen Gegend Der hatte für alles ein Mittel« Lallend
schlug er die Hände ineinander und hob das Gesicht mit den starren Augen gegen
die Stubendecke »Herrgott im Himmel gib mir dass mein Haneeter noch lebt«
Wieder tappte er nach dem Arm des Büchsenspanners »Moser Man muss
hinaufschicken zur Hütte Schipper soll kommen Nein Der nicht Der hat den
verfluchten Horst gefunden Und damals im Herbst den abnormen Bock Der hat
meine Augen auf dem Gewissen Und meinen lieben Buben Nein Den Hornegger
lass kommen Meinen braven Franzl Der soll mir den Haneeter herschaffen Auf den
Franzl kann ich mich verlassen Der spart noch am Reisegeld und läuft sich für
mich die Füße krumm Er soll nach Eggeberg fahren Er soll mir den Haneeter
schaffen oder einen anderen der mir hilft Hörst du Moser«
»Ja Herr Graf ja ja«
»Der Franzl das weiß ich der Franzl findet einen der mir helfen kann
Sieh nur Moser ich bin bescheiden ich verlange nicht das ganze Licht meiner
Augen wieder Nur auf fünfzig Schritt will ich sehen können nur auf hundert
nur so weit als die Kugel trägt Ich lebe nimmer wenn ich nicht jagen kann
Ich lebe nimmer «
Mit zuckenden Händen griff er in seinen Bart zerrte und wühlte an seiner
Brust und versank immer tiefer in die Kissen Der Schweiß der ihm aus der Stirn
gebrochen war sickerte ihm über die starren Augen
»Moser Das Fenster auf Ich brauche Luft«
Als die Scheiben klirrten und der frische Hauch des Morgens in die Stube
strich atmete Graf Egge tief dann saß er still mit brütenden Gedanken unter
der gefurchten Stirn manchmal in raunendem Selbstgespräch die trockenen Lippen
bewegend
Ein gellender Vogelschrei klang durch die Bäume her
Graf Egge hob das Gesicht ein irres Lächeln glitt um seine welken Lippen
und die schlaffen Züge spannten sich Klatschend schlug er die Hände auf die
Armlehnen stemmte sich mit jähem Ruck aus dem Sessel und rief »Moser Wir
halten Jagd Bring mir die Büchse«
Der Alte schlug vor Schreck die Hände über dem Kopf zusammen »Aber um Gotts
willen Herr Graf Wo denken S denn hin«
»Bring mir die Büchse Ich will vor der langen Nacht meine letzte Jagd noch
haben Adlerjagd« In bebender Erregung schrie er das Wort vor sich hin »Dieser
verwünschten Brut hab ich mein Unglück zu verdanken Ich will nicht dass sie
mir Tag um Tag ihren Spott in die Ohren schreien während ich mit blinden Augen
sitze Sie sollen nicht leben in meiner Nähe diesen Tag nicht überleben Meine
Augen sind hin Aber man schießt nicht mit den Augen allein ich habe noch meine
Hand Bring mir die Büchse Die Büchse«
Dem masslosen Ausbruch gegenüber wagte Moser keine Widerrede bestürzt den
Kopf schüttelnd eilte er davon und brachte das Gewehr und die Ledertasche mit
den Patronen Als ihn Graf Egge in die Stube zurückkehren hörte streckte er
schon die Arme es zuckte in seinem Gesicht während er die Hände um schafft und
Lauf der Büchse klammerte
»Herr Graf« stotterte Moser in ratloser Sorge »Ich bitt Ihnen ums
Himmelswillen nehmen S doch Vernunft an«
»Führe mich« befahl Graf Egge »Und Fritz soll den Sessel zum Käfig tragen
nach der Strassenseite damit die Kugeln gegen die Berge fliegen nicht ins Dorf
Vorwärts Führe mich«
Fritz der im Flur von Moser schon gehört hatte auf welchen »Einfall« der
»arme blinde Narr« geraten wäre erschien auf der Schwelle Sie machten einen
Versuch ihrem Herrn diese »Jagd« noch in Güte auszureden An Graf Egges
Schläfen begannen die Adern zu schwellen und da taten sie ihm den Willen
Langsam führte Moser seinen Herrn durch den Flur über die Veranda an der
plätschernden Fontäne vorüber
In der Ulmenallee zwischen Käfig und Parktor wartete der Sessel Graf Egge
ließ sich nieder und legte die Büchse über den Schoss
»Moser Hab ich hier freien Ausschuss bis zu den Adlern«
»Ja Herr Graf«
»Hängt kein Ast in die Schussbahn«
»Nein Herr Graf«
»Wie weit«
»Gute hundert Schritt«
Graf Egge nickte Stell dich hinter mich und hilf mir zielen Er suchte die
Patronen die ihm Moser in die Joppentasche gesteckt hatte und lud die Büchse
Das alles tat er stumm mit jenen bedächtigen zögernden Bewegungen wie sie den
Blinden eigen sind dabei glühte die Erregung auf seinem zerfallenen Gesicht
Seitwärts zwischen den Bäumen stand Fritz mit der Beschliesserin und der
Köchin die Leute waren blass und verstört flüsterten miteinander und redeten
durch Zeichen mit Moser in dem der Zorn und das Mitleid miteinander rauften
bei allem Erbarmen das er mit seinem Herrn empfand ging ihm doch die »Jagd«
zu welcher er da helfen musst wider das alte Jägerherz
Atem schöpfend hob Graf Egge die Büchse und presste den Kolben an die Wange
»Hab ich die Richtung«
»Mehr nach rechts Herr Graf« Moser visierte über die Schultern seines
Herrn »A bissl höher Noch a bissl Jetzt mein ich könnts recht sein«
Der Schuss krachte Sich vorbeugend lauschte Graf Egge
Die Adler saßen ruhig auf ihrer Stange und streckten nur die Hälse
»Z kurz haben S gschossen«
Der zweite Schuss ging über die Köpfe der Vögel weg Der dritte traf Ein
Adler stürzte von der Stange und wälzte sich mit schlagenden Schwingen auf dem
Boden des Käfigs Als Graf Egge das Geflatter hörte lachte er heiser »Liegt
einer«
Moser schwieg
Immer rascher folgten die Schüsse immer heißer brannte Graf Egges Gesicht
und rote Äderchen erschienen im glanzlosen Weiß seiner starren Augäpfel
Rasselnd ging sein Atem und immer unsicherer hielt er die Büchse Noch
einundzwanzig Kugeln musste er durch das Gitter jagen bis es im Käfig still
wurde
»Fertig«
»Ja Herr Graf Und Gott sei Dank dass alles vorbei is« murrte Moser
»Jetzt muss ichs ehrlich raussagen dös is a Stückl Arbeit gewesen bei dem mir
graust hat«
Langsam nahm Graf Egge die leeren Patronen der beiden letzten Schüsse aus
der Büchse klappte den Lauf wieder zu und stellte die Waffe zwischen die Knie
»Ich will die Strecke sehen Bring mir die Adler und gib mir einen nach dem
andern in die Hand«
Moser ging zum Käfig und weil er den Schlüssel nicht zur Hand hatte
drückte er mit der Schulter das Türchen des Käfigs ein Er hatte an den vier
riesigen Vögeln schwer zu schleppen einer der Adler bewegte noch matt die Zunge
im offenen Schnabel während sein Kopf und die Schwingen auf der Erde
schleiften hinter Mosers Schritten blieb eine rote Fährte
Graf Egge verzog den Mund als ihm Moser den ersten Adler reichte »Sie
riechen wie das verwünschte Nest da droben« Seine Erschöpfung gewaltsam
überwindend wog er den Vogel mit freier Hand und nannte die Zahl der Pfunde
auf die er ihn schätzte So tat er beim zweiten und beim dritten Als er den
vierten Adler fasste regte sich in dem Tier ein letzter Funke der noch nicht
völlig erloschenen Lebensgeister es streckte den hängenden Fuß und krampfte die
Klauen ein Mit leisem Schmerzenslaut schüttelte Graf Egge die Hand und ließ den
Adler fallen »Willst du noch greifen« Er lächelte müd
Moser der die leeren Patronen von der Erde auflas hatte dieses Vorfalles
nicht geachtet Als er sich aufrichtete sah er seinen Herrn regungslos im
Lehnstuhl sitzen die zitternden Hände um den Lauf der Büchse gelegt
Starr waren die umflorten Augen gegen das Gewölk der Berge gerichtet und
die welken Lippen raunten »Meine letzte Jagd« Wankend erhob sich Graf Egge
»Moser Führ mich ins Haus«
Während der Büchsenspanner seinen Herrn am linken Arm fasste und ihn Schritt
für Schritt gegen die Veranda führte sickerte an Graf Egges rechter Hand ein
roter Tropfen vom Gelenk über den Daumen
Als sie zur Fontäne kamen verhielt Graf Egge den Fuß und in seinem
erschöpften Gesicht zeigte sich der Ausdruck eines quälenden Gefühls »Her du
mein Gott im Himmel Moser Was mir jetzt einfällt« Seine Stimme schwankte
»Mein Kind da drunten die arme liebe Geiß«
Das Wort hatte einen Klang dass dem alten Jäger die Zähren in die Augen
schossen
Als sie in die Kruckenstube kamen musste Fritz der den Lehnstuhl brachte
um das Schreibzeug laufen und Graf Egge diktierte ihm eine Depesche »Bitte
Rückreise anzutreten bin leidend« Er besann sich und schüttelte den Kopf
»Nein nicht so Das muss ihr Sorge machen Sie erfährt es noch früh genug Nimm
ein anderes Blatt und schreibe Komm heim liebe Geiß habe Sehnsucht nach Dir«
Er lauschte dem Gekritzel der Feder »Hast du«
»Ja Erlaucht«
»So schreib es noch zweimal ab Das eine nach Kapri Hotel Quisisana das
andere nach Sorrent Hotel Tramontano das dritte nach Amalfi Und dann lauf zur
Post Tummel dich Fritz Tummel dich«
Seufzend ließ Graf Egge sich in die Kissen des Lehnstuhls fallen und schloss
die geröteten Lider
Einige Minuten später trat Fritz den Weg in das Dorf an um die Depeschen
aufzugeben Er fand den Schalter geschlossen und musste die Telegramme dem
Seewirt übergeben der in Ärger zu schelten begann
»Was Der Schalter schon wieder zu Da hört sich doch alles auf Es tut kein
gut nimmer mitm Praktikanten Den Dienst versäumt er den ganzen Ghalt verjuxt
er im halben Monat lasst er sich Vorschuss geben und da wird ein Ringerl und
Ketterl und Banderl ums ander kauft Mich geht die Sach nix an Aber sein Dienst
soll er in der Ordnung machen Und wenns net anders wird lass ich an gsalzenen
Bericht ans Oberpostamt abmarschieren Oder ich red mitm PointnerAndres dass
er amal an End macht Ich lass den Praktikanten gleich suchen Herr Fritz dass
die Telegrammer fortkommen Aber sagen S was macht denn der gnädig Herr Graf
Gehts besser mitm Gschau«
Fritz der aus dem Unglück seines Herrn keine Neuigkeit für das Dorf
herausschlagen wollte zuckte die Achseln und ging davon Als er die Lände
überschritten hatte gewahrte er auf der Straße vor dem Brucknerhaus eine
erregte Menschengruppe Zwischen wirr durcheinanderschreienden Burschen und
Weibern stand ein junger Jäger mit erschöpftem Gesicht Unter Flüchen suchte er
sich aus den Händen loszureißen die ihn an der Joppe und an den Armen gefasst
hielten »Herr Fritz Herr Fritz« keuchte er als er den Diener gewahrte
Gewaltsam wand er sich aus dem Knäuel der Leute hervor und schleuderte ein Mädel
zurück das wie eine Verzweifelte an seinen Arm geklammert hing und nicht von
ihm lassen wollte
»Um Gottes willen« stammelte Fritz »Was ist denn«
Der Jäger zog den Diener im Sturmschritt mit sich fort Da krampften sich
wieder zwei Mädchenhände um seinen Arm und eine tonlose Stimme lallte ein Wort
das unter Tränen erstickte Der Jäger geriet in Wut »Was will denn das
narrische Weibsbild allweil« Ein zorniger Schwung seines Armes befreite ihn und
machte das Mädel taumeln
Schreiend kamen die Leute gelaufen allen voran eine alte Bäuerin Sie trug
das weinende Netterl auf dem Arm und jammerte »Mali Aber Mali Was treibst
denn«
Mali hörte nicht Sie war in die Knie gebrochen raffte sich wieder auf
wankte hinter dem Jäger her und streckte die Hände nach ihm
»Aber so reden Sie doch« stotterte Fritz »Was ist denn geschehen«
»Die Lumpen die gottverfluchten Von unsere Jager haben s ein erschossen
Am Schneelahner droben liegt er mit der Kugel in der Brust«
Ein gellender Aufschrei dann stand das Mädel wie gelähmt die Augen weit
aufgerissen
»Mali Jesus Maria« kreischte die Nachbarin Und erschrocken umringten die
Leute das Mädel das wie in ausbrechendem Irrsinn mit den Armen nach allen
Seiten zu schlagen begann »Johannistag« Die schrille Stimme war von Schluchzen
zerbrochen »Johannistag« Und verfolgt von den kreischenden Weibern und
Burschen die Schultern umringelt von den gelösten Zöpfen rannte Mali den Weg
entlang der gegen die Berge führte
Als sie den Wald erreichte war der schreiende Trupp noch dicht hinter ihr
Doch als der steinige Bergpfad begann über den sie hinaufrannte als wäre der
steile Weg die ebene Straße da blieben die anderen immer weiter hinter ihr
zurück Immer schwächer klangen in der Tiefe des Waldes die lärmenden Stimmen
bis sie untergingen im Rauschen des Wildbaches
Wie ein gehetztes Wild ringend um jeden Atemzug eilte Mali durch den
Bergwald empor und den Almen zu Zwischen Schluchzen lallte sie die abgerissenen
Worte des Gebetes mit dem ihre Seele zum Himmel schrie Sie stürzte raffte
sich wieder auf trat in ihre Kleider und riss den Rocksaum in Fetzen Ehe sie zu
den Almen kam geriet sie in den Nebel der alle Bäume grau verschleierte
Um das offene Almfeld brodelten die weißen Dämpfe wie der Rauch um eine
Brandstatt wirbelt Immer heftiger setzte Windstoß um Windstoß ein Und wenn das
Brausen durch die wogenden Massen des Gewölkes ging bekam zuweilen das Grau der
Höhe einen so verlorenen Schimmer als wäre irgendwo dort oben das Licht der
schöne Tag
Ein dumpfes Dröhnen In den höchsten Wänden hatte sich eine Lawine gelöst
die den letzten Schnee des Winters von den steilen Felsen hinunterwarf in die
Schluchten Und als hätte den kämpfenden Lenz in der Freude seines Sieges die
Lust zu jauchzen überkommen so setzte der Frühlingssturm mit tosendem Rauschen
ein peitschte die grauen Nebel und riss über den Latschenfeldern das treibende
Gewölk entzwei Ein Stück des blauen Himmels erschien eine leuchtende von
finsteren Wolken umflatterte Felswand und ihr zu Füßen das Steinfeld mit der
Jägerhütte deren Schindeldach im Glanz der Sonne wie Silber funkelte
Nur wenige Augenblicke währte das schimmernde Bild Dann flossen die Wirbel
des Gewölkes wieder ineinander Es rauschte und brauste der Föhn Und ein
erstickter Laut wie ein kraftloser Schrei um Hilfe scholl durch die grauen
Nebel die der Wind an der Jägerhütte vorüberpeitschte
Die Tür der Hütte stand offen und an der Blockwand lehnte eine Büchse mit
kotigem schafft In der Herdstube kein Feuerschein kein Laut
Hinter der Hütte das Geplätscher des Brunnens Auf dem hölzernen Trog über
dessen Wand das Wasser niedertroff saß ein Jäger sein Gesicht war bleich das
Hemd an der Brust und die nackten Knie mit Blut besudelt
Ein Laut der aus den grau verschleierten Latschen tönte machte ihn
aufblicken Wars der Wehlaut eines zu Tode verwundeten Tieres Oder die Stimme
eines Menschen
Mühsam als wären ihm alle Glieder gebrochen erhob sich der Jäger und
spähte in den treibenden Nebel
Von dem Steig der aus den Latschen gegen die Hütte führte ließ sich
Geräusch vernehmen Im wirbelnden Grau erschien eine verschwommene Gestalt Sie
schien zu taumeln Nun stürzte sie und raffte sich stöhnend wieder auf
Der Jäger sprang ihr entgegen »Jesus Maria« Das klang wie Schreck und
dennoch wie heiße Freude »Mali Mali«
Zitternd stand sie atemlos bis zur Ohnmacht entkräftet mit entstelltem
Gesicht und starrte ihn an wie ein Wunder das vor ihren Augen den Tod in Leben
verwandelte Seinen Namen lallend taumelte sie auf den Jäger zu Mit beiden
Händen griff sie ihm ins Gesicht als ginge vor ihren Augen alles unter Wieder
wollte sie seinen Namen nennen und schrie nur einen heiseren Laut wollte ihn
küssen und biss ihn in die Wange in den Bart in das Kinn
»Mali« Franzl fühlte dass die Arme sich lösten die seinen Hals umklammert
hielten Er wollte sie umschlingen Da glitt sie schon an ihm nieder und stürzte
wie entseelt zu Boden
Keuchend warf er sich auf die Knie riss die Ohnmächtige an seine Brust
schrie ihren Namen und rüttelte den regungslosen Körper
Sie wollte nicht erwachen
Schreiend trug er sie zum Brunnen schöpfte Wasser mit der Hand und wusch
ihr das Gesicht immer wieder ihren Namen kreischend
Sie wollte nicht hören nicht erwachen
Ein brausender Windstoß teilte das Gewölk Breit leuchtete ein Sonnenstrahl
über das Felsgehäng über die Hütte und über die beiden Menschen hin Dann
schlossen sich die jagenden Nebel wieder und alle Höhe war grau verschleiert
Aus der Tiefe des Latschenfeldes tönte ein langgezogener Ruf Franzl gab
Antwort mit gellendem Schrei
Zwischen den Latschen klirrte der Stachel eines Bergstockes im Geröll und
lärmende Stimmen kamen näher
19
Am gleichen Morgen an dem der Draht Graf Egges spät erwachte Sehnsucht nach
Amalfi Sorrent und Kapri meldete trafen Kitty und Gundi Kleesberg mit Hans
Forbeck und Professor Werner in München ein
Bei der Einfahrt in den Bahnhof beugte Kitty sich aus dem Kupee und
stammelte in Freude »Tas und Anna sind da sie erwarten uns« Mit beiden Händen
winkend rief sie die Stimme erstickt von Tränen »Anna Tas«
Sie standen Seite an Seite ein schönes stolzes Paar wer die beiden sah
musste fühlen das sind glückliche Menschen
Der Zug war noch im Gang als Kitty schon die Klappe der Kupeetür öffnete
Vor Freude schluchzend flog sie dem Bruder an den Hals Er nahm ihr zuckendes
Gesichtchen zwischen die Hände und sagte lächelnd »Sieh mir in die Augen und
lies die Antwort auf deinen Brief aus Ravello Ich wünsche dir Glück mein
lieber Spatz Du hast gut gewählt« Er wandte sich an Forbeck umschlang ihn und
küsste ihn auf die Wange
»Tas Mein guter guter Tas Wie lieb du bist Wie herzensgut« Und vom
Bruder flog Kitty in seligem Sturm auf Anna zu
Tassilo begrüßte die Kleesberg Und es war ein seltsamer Blick mit dem er
sich von Gundi zu Werner wandte Wortlos bot er ihm die beiden Hände Auch
Werner schwieg während er Tassilos Händedruck erwiderte
Vor dem Bahnhof wartete die Equipage in der die Damen Platz nahmen Die
Herren folgten in einem Mietwagen wohl gab sich der Kutscher alle Mühe hinter
dem voraneilenden Gefährt zu bleiben doch als er vor dem Ziel die Pferde
parierte hatten Kitty und Gräfin Anna schon die im ersten Stock gelegene
Wohnung betreten nur Tante Gundi stand noch auf der Treppe und kämpfte mit
ihrem versagenden Atem
Forbeck sprang über die Stufen hinauf und reichte der Kleesberg den Arm
Diesen Augenblick benützte Werner um an Tassilo die flüsternde Frage zu
richten »Wann haben Sie meinen Brief erhalten«
»Zugleich mit dem Brief meiner Schwester Wie tief sein Inhalt mich bewegte
vermag ich Ihnen nicht zu sagen Ich kann Ihnen auch die Gründe nachfühlen die
Sie veranlassten diesen verhüllten Wert Ihres Lebens vor mir zu öffnen Ich
danke Ihnen für diesen Beweis Ihres Vertrauens Dennoch kann ich Ihnen einen
Vorwurf nicht ersparen Werner Lieber Freund« Tassilo legte die Hand auf
Werners Schulter »Haben Sie mich so wenig kennengelernt um in mir einen
Menschen von törichtem Vorurteil vermuten zu dürfen«
»Aber Doktor« stammelte Werner »Wie können Sie nur auf einen solchen
Gedanken kommen«
»Sie haben ihn mir aufgezwungen durch Ihre Sorge Soll mir der Bräutigam
meiner Schwester minder willkommen sein weil sein Vater nicht der im Elend
untergegangene Trunkenbold ist dessen Namen er trägt und zu Glanz erhebt
sondern ein Mann den ich als Künstler verehre und als seltenen Menschen liebe
Blut von Ihrem Blut Werner Das ist mir eine neue Sicherheit für das Glück
meiner Schwester«
Werner fasste Tassilos Hand »Ich danke Ihnen für dieses Wort Und billigen
Sie auch mein Verhalten gegen Hans Dass ich mein Schweigen ihm gegenüber für
immer bewahren will«
»Ja Werner Sie bringen Ihrem Sohn ein Opfer wie es nur die tiefe
uneigennützige Liebe eines Vaters bringen kann Hans liebt Sie als seinen
geistigen Vater Er dankt Ihnen alles Charakter Bildung und Können Soll er
das Recht eines Wortes mit dem Umsturz seines ganzen Innern bezahlen mit einer
schiefen Stellung vor der Welt Nein Sie müssen schweigen nicht nur ihm
zuliebe auch aus Barmherzigkeit für eine andere Wie stünde sie vor ihrem Sohn
Bedrückt von Scham belastet mit einer Tragik die hart ans Lächerliche
streift«
Während dieses Gespräches waren sie über die Treppe hinaufgestiegen Aus dem
offenen Korridor klang die Stimme der Kleesberg die sich bei ihrem »lieben
Hans« für den »freundlichen Ritterdienst« bedankte
Tassilo fragte leis »Sie hat keine Ahnung«
»Keine Dass er mein Sohn ist erriet sie auf den ersten Blick Mehr kann sie
nicht ahnen Wie soll sie denken dass der eigene Vater sie belog Dass er um sie
von dem obskuren Tagdieb loszureißen der mit dem Fieber kämpfenden Tochter das
herzlose Märchen vom Tod ihres Kindes vorgaukelte Ich habe doch auch an diese
Lüge geglaubt Noch heute wär ich ein einsamer Mensch wenn ich nicht die
Sehnsucht empfunden hätte das einzige zu suchen was hinter meinem vernichteten
Glück noch übrig war dieses kleine Grab Es wollte sich nicht finden lassen
Dennoch hab ich jahrelang gebraucht bis der erste Zweifel in mir erwachte und
bis die halb erloschene Spur der ich hartnäckig folgte mich meinen Jungen
finden ließ Und wie hab ich ihn gefunden Ich wollte dass ich dieses Bild
vergessen könnte«
Da klangen heitere Stimmen rasche Tritte das Rauschen eines Kleides Arm
in Arm erschienen Kitty und Forbeck unter der Tür Während Werner das junge Paar
betrachtete streifte Tassilo zärtlich die Hand über das Haar der Schwester Im
Speisezimmer dessen Tisch zum Frühstück gedeckt und mit Blumen geschmückt war
fanden sie Gräfin Anna und die Kleesberg Und da wollte nun Kitty die das Heim
ihres Bruders an diesem Morgen zum erstenmal betrat vor allem sehen »wie das
Glück wohnt«
Es wohnte schön in Räumen welche Zeugnis gaben von vornehmem Kunstsinn
und erlesenem Geschmack Kitty fasste ihr Entzücken in das Urteil »Das ist keine
Wohnung die man eingerichtet hat Das kommt mir vor als wäre das gewachsen
ganz von selbst wie ein Baum wie eine Blume Ihr beide müsst so wohnen Ich
kann es mir gar nicht anders denken« Nur im Zimmer der Gräfin vermisste sie
etwas das Allerwichtigste »Anna Wo ist dein Flügel«
»Der steht wo sein Platz ist« fiel Tassilo lächelnd ein »in meinem
Zimmer Komm Da sollst du auch noch was anderes sehen« Er öffnete die Tür des
anstoßenden Raumes
Ein leiser Schrei glücklichster Überraschung
An der Wand im vollen Licht der beiden Fenster hing ein großes Gemälde
aus dem schimmernden Farbenzauber der Leinwand leuchtet eine weiße
Mädchengestalt heraus die Schatten des nahenden Sturmes umdrohen sie doch
sicher und lächelnd von Sonne umschmeichelt ruht sie auf den starken
Mannesarmen die sie fahrlos hinübertragen über den Steg des tobenden
Wildbaches
»Hans« stammelte Kitty »Und das hast du mir verschwiegen Oder hast du
selbst nicht gewusst « Ihre Augen suchten den Bruder »Tas Wie kamst du zu
diesem Bild«
»Durch gütige Vermittlung der Post Und dann kam aus Kapri ein Brief in dem
ein gewisser Hans Forbeck sich entschuldigte dass sein Hochzeitsgeschenk den
Umweg über Berlin genommen hätte«
»Hans« jubelte Kitty Und dann stand sie stumm an seine Schulter gelehnt
und trank mit glänzenden Augen den Zauber dieser Farben Immer heißer glühten
ihre Wangen »Hans« Sie schlang die Arme um seinen Hals »Ich bin stolz auf den
Namen den ich tragen werde« Dann flog sie auf die Gräfin zu »Eine Bitte
Anna Die musst du mir erfüllen Sing mir das Lied vom Jasminstrauch«
Gräfin Anna öffnete den Flügel Eine Flut von Tönen rauschte durch den Raum
und die herrliche Stimme klang
Grün ist der Jasminenstrauch
Abends eingeschlafen
Als ihn mit des Morgens Hauch
Sonnenlichter trafen
Ist er schneeweiß aufgewacht
Was geschah nur über Nacht
Seht so geht es Bäumen
Die im Frühling träumen
Als Gräfin Anna die schlanken weißen Hände in den Schoss sinken ließ war es
lange still im Zimmer
Und einige Stunden später das wirre Getriebe des Bahnhofes das Pfeifen der
Lokomotive das dumpfe Schlagen der Räder die sich unter dem gleitenden Wagen
drehten immer schneller und schneller
Kitty und Gundi Kleesberg reisten nach Hubertus Wohl hatte Tante Gundi die
»das Äußerste« gern noch verschoben hätte eine »Ruhepause« von einigen Tagen
gewünscht Aber Kitty wusste die Weiterreise durchzusetzen sie wollte ihr Glück
entschieden wissen und Tassilo hatte ihr beigestimmt Eine Depesche meldete
nach Hubertus dass die Damen mit dem letzten Zug eintreffen würden und dass der
Wagen sie bei der Station erwarten sollte
Für Kitty wurde die Reise zu einem fliegenden Traum Sie kam sich vor wie
ein Kind dem eine Flüsterstimme zärtliche Märchen erzählt Und immer sah sie
farbig schimmernde Bilder vor den geschlossenen Augen Wie sonderbar Dass sie an
Märchen denken konnte Jetzt vor dieser Begegnung mit dem Vater Aber war nicht
alles was sie in diesen Tagen erlebt hatte das echte rechte Märchen Der Flug
dieser Heimreise Das blühende Wunder von Ravello Ihre Liebe und ihr Glück
Immer spähte sie nach den von Wolken umlagerten Bergen die näher und näher
rückten und mit jeder Minute wuchsen Diese Wolken die sich dunkel herwälzten
über die noch mit Schnee gesprenkelten Gipfel trugen schweren Regen in sich
vielleicht ein Ungewitter
Im Bahnwagen brannte die Lampe schon und draußen sank die Dämmerung Die
schwermütigen Dorfmoore hatten gelblichen Schein in tiefer Schwärze stiegen die
Bergwälder auf und durch das blaugraue Gewölk wenn die treibenden Massen sich
zuweilen klüfteten leuchtete ein Fetzen Himmel gleich einer rot brennenden
Fackel
In Kitty erwachte eine beklemmende Erinnerung Ein ähnlicher Abend war es
gewesen als sie von der versäumten Hochzeit ihres Bruders nach Hause fuhr
Tiefer und tiefer sank die Dämmerung dann ein Pfiff der Lokomotive und das
Ziel war erreicht Vor dem Bahnhof stand die Kalesche Der Kutscher war
einsilbig und musterte die Damen mit scheuem Blick
Es wurde finster bis der Wagen durch das Parktor von Hubertus lenkte In
der Tiefe der Allee stand eine funkelnde Säule die von den Laternen der Veranda
beleuchtete Fontäne Im Adlerkäfig kein Laut nicht das leiseste Geflatter
»Seltsam« murmelte Kitty »Wie still sie heute sind«
Der Wagen hielt und Fritz mit der Lampe in der Hand trat zum Schlag Er
sprach nicht sein Gesicht war blass und die Lampe klirrte Verwundert sah ihn
Kitty an und wollte sprechen Da gewahrte sie noch einen anderen Auf den Stufen
der Veranda stand der Pfarrer
»Hochwürden« stammelte Kitty
»Man hat mich gerufen um Sie zu empfangen gnädiges Fräulein«
Der Ton dieser Worte nahm ihr die Sprache
»Kommen Sie mein gutes Kind Ich will Ihnen Stütze sein beim Eintritt in
das väterliche Haus auf das der Herr in unerforschlichem Ratschluss seine
schwere Hand gelegt hat«
Kitty zitterte als der Pfarrer sie führte Im Billardzimmer hatte sie ein
Gefühl als versänken die Wände Dazu hörte sie immer Worte Worte Es war schon
ausgesprochen das Furchtbare und sie konnte es nicht fassen Dann streckte
sie unter schluchzendem Laut die Hände und stürzte aus dem Zimmer durch den
Flur zur Kruckenstube
Eine Hängelampe erleuchtete die getünchten Mauern auf denen sich die
Gemsgehörne durch ihre Schatten verdoppelten Die Beine von einer Wildschur
umwickelt saß Graf Egge im Lehnstuhl das graue Haupt mit dem steinernen
Gesicht und den toten Augen ein wenig zurückgeneigt
Kein Laut kam über Kittys Lippen Einen Schritt nur tat sie und stand wieder
wie gelähmt
Kaum merklich bewegte sich Graf Egge seine Finger zogen sich ein und
zwischen den schmal geöffneten Lippen blinkten die Zähne
»Geisslein« Das klang wie aus weiter Ferne
Da schrie sie als hätte man ihr einen glühenden Stahl ins Herz gebohrt
stürzte auf den Vater zu umschlang ihn brach in die Knie und drückte
schluchzend das Gesicht in seinen Schoss
Ein Schüttern ging durch den Körper des Blinden Mit beiden Händen tappte
er bis er das zuckende Haupt seines Kindes fand
»Sei gut Geisslein Mach keinen Unsinn Es ist nun einmal so Ich hab
ausgejagt Das ist nimmer zu ändern Hoffentlich hat dirs der Pfarrer
löffelweis eingegeben«
Sie schluchzte
Er streichelte ihr das weiche Haar und befühlte ihre kleinen Ohren »Eine
harte Sache Geisslein Die Lichter hin Alles schwarz vor den Augen Kein Berg
und kein Wald Nimmer Grün und nimmer Blau Nur Schwarz Und dich lieb ich
auch Und soll dich nimmer sehen Und es sehnt mich nach deinem Anblick Hat dir
die Sonne da drunten wohlgetan Bist du gesund geworden Hast du rote Wangen
Lass mir die Kleesberg kommen Die soll mir sagen « Er verstummte Wie in
Schmerz verzog er den Mund während er den rechten Arm streckte und die Finger
bewegte als empfände er eine Spannung an der Hand
Kitty fuhr auf Sie konnte den Anblick nicht ertragen die welken Züge die
starren vorgequollenen Augen mit dem roten Kreis um jeden Apfel Stöhnend barg
sie wieder das Gesicht Alles zu Ende Auch ihr Glück ihre Liebe Alles
vernichtet versunken Sie war gekommen mit dem Vater zu ringen um ihr Glück
wenn es sein müsste ihn zu verlassen Und da lag sie zu seinen Füßen an ihn
geschmiedet mit allen Banden einer Kindersdeele Nur noch die Liebe zu ihm
aller Jammer der sie erschütterte alles Erbarmen das ihr das Herz zerriss Und
das andere zu Ende das schöne selige Märchen verklungen versunken Nur
dieser Blinde noch nur diese starren toten Augen die trocken waren ohne
Glanz und ohne Tränen
Es pochte an die Fenster schwere Tropfen schlugen gegen die Scheiben Dann
ein Sausen das von weit her tönte und im nächsten Augenblick schon alle Mauern
von Hubertus umringte ein helles Geprassel wachsend zu einem dröhnenden
Geknatter Die Fenster wurden weiß es trommelte auf dem Dach und brauste durch
alle Wipfel des Parkes nieder auf die Erde Der echte wilde zügellose
Frühlingsregen der Berge der alle faulen Zweige von den Bäumen schlägt die
Täler und Höhen säubert den letzten Schnee ersäuft und die Felsen befruchtet
Ein fahler Blitz ein matt verrollender Donner dann wieder Finsternis und
Ströme über Ströme
Bäche rannen auf allen Straßen des Dorfes der See überstieg die Ufer und
in das Geprassel des Regens mischte sich immer mächtiger das Rauschen der Ache
und der schwellenden Wildbäche
An allen Häusern waren die Fenster hell Über die roten Scheiben huschten
die schwarzen Schatten der Weiber die mit Lumpen alle Lücken der Fensterrahmen
verstopften Und hinter den Flurtüren das Geschrei der Mägde die das
eingedrungene Wasser von den Dielen schöpften
Ein einziges Haus war öd und finster Das Brucknerhaus Und doch belebt die
beiden Kühe brüllten im Stall und zerrten an den Ketten Sie hungerten
Im Seehof kreischender Stimmenlärm die Schifferschwemme mit Gästen
angefüllt kein Lied kein Ziterklang nur das Gewirr der lauten erregten
Stimmen und die erleuchteten Fenster von Qualm verschleiert
Auf der gedeckten Terrasse stand der Seewirt die Fensterhelle warf seinen
Schatten lang auf die überschwemmte Lände hinaus
Jetzt Stimmen vom Waldsaum her und das Geplätscher watender Schritte Vier
Holzknechte betraten die Terrasse schüttelten die triefenden Wettermäntel und
schleuderten das Wasser von den schwammigen Hüten
»Was is« fragte der Seewirt »Gschieht in der Nacht noch was«
»Nix mehr Die Bescherung droben muss liegenbleiben hat der Schandari gesagt
bis morgen die Grichtsleut alles gesehen haben Aber dös arme Madl werden s in
der Nacht noch runterbringen Wie der Regen anfangt hat sind s mit der
Tragbahr in der Almhütt untergstanden«
Die Holzknechte suchten ins Trockene zu kommen Als die Tür der Schwemme
geöffnet wurde quoll der dicke Pfeifenqualm heraus
Der Seewirt fasste einen der Knechte am Lodenzipfel »Geh Steffel mach den
Sprung zur Förstnerin aussi Sie weiß schon dass ihrem Buben nix gschehen is
aber dös arme Weibl tut wie verruckt Geh mach dös Katzensprüngl Ich zahl dir
a paar Maß Bier«
»Meinetwegen« Der Knecht stapfte durch die Pfützen und verschwand im Grau
des strömenden Regens
Stunde um Stunde verrann Um Mitternacht machte der Seewirt Kehraus in der
Schwemme Laut schwatzend torkelten die Letzten nach Hause
Der Regen war dünner geworden und ging in feines Geriesel über das hatte
keinen Laut mehr und das Rauschen der Bäche wurde eintönig
Droben im Bergwald gaukelten die Lichter zweier Fackeln sie verschwanden
um auf dem tieferen Gehäng wieder aufzublitzen
Durch die hängende Wolkendecke stahl sich das erste Grau aus den Wäldern
dampften bleiche Nebel und schwebten unruhig hin und her jedem Wechsel des
Windes folgend Ein starker Geruch von zerriebenem Laub und aufgewühlter Erde
füllte die Luft Es tropfte von den Bäumen die hatten ihre Blättchen in dieser
Nacht zu Blättern ausgeschoben Ein junger Apfelbaum der hinter dem Zaun eines
stillen öden Gehöftes stand hatte weißen Blütenschimmer Und eine Drossel
schlug Das war der erste Laut dieses Morgens Dann klirrende Schritte auf dem
Steig der vom Waldhang gegen die Lände führte
Zwei Holzknechte erschienen unter den triefenden Bäumen der eine schob mit
dem Bergstock das Fallholz und die Steine aus dem Weg der andere trug die
Büchse und den Hüttensack eines Jägers ihnen folgten zwei Männer mit einer
Reisigbahre die Stangen am Fussende trug ein alter Bauer während die Traghölzer
zu Häupten der Bahre in Franzls Händen lagen Sein Gang war mühsam seine Arme
zitterten Die drei anderen hatten sich von Stunde zu Stunde abgelöst nur
Franzl hatte immer den Kopf geschüttelt wenn einer der Knechte ihm die Stangen
aus den Händen nehmen wollte Das nasse Gewand klatschte an seinem Körper
Tastend suchte sein Schritt den Weg während seine Augen an dem Mädchen hingen
das auf dem Reisig der Bahre gebettet lag mit Franzls Wettermantel unter dem
Kopf mit zerschnittenem Mieder und gelöstem Haar Malis Augen standen offen und
hatten flackernden Glanz bald schrie sie mit heiseren Lauten bald wieder
raunte sie ein Gewirr sinnloser Worte vor sich hin dabei zupften ihre Finger
ruhelos an den Haaren der triefenden Lodendecke die den Körper der
Fieberkranken bis zur Brust umhüllte
Die Bahrenträger schritten am Brucknerhaus vorüber und den Wiesen zu
Auf dem Strässlein stand die alte Horneggerin »Franzl« schrie sie Und
rannte
Nun war es mit Franzls Beherrschung zu Ende »Da schau Mutter Gibts an
Unglück mitm Madl so kannst mich gleich mit eingraben«
Alle Freude der Horneggerin dass sie ihren Buben heil nach Hause kommen sah
verwandelte sich in Jammer »Jesus Maria« Sie eilte den Trägern voraus um Zaun
und Tür vor ihnen zu öffnen »Nur eini Leut Mein Bett soll s haben und wenn
ich am Boden liegen müsst«
Als Franzl die Fiebernde in die Kammer trug schlug sie mit den Händen um
sich und schrie
Der Doktor kam und die Horneggerin schob ihren Buben zur Tür hinaus In der
Stube fiel er auf die Ofenbank und seine Knie begannen zu zittern dass die
genagelten Absätze laut auf den Dielen trommelten
Mit verweintem Gesicht kam die Horneggerin aus der Kammer geschlichen und
legte den Arm um den Hals ihres Buben »Sei gscheit Franzl Solang eins am Leben
is darf man d Hoffnung net verlieren«
Franzl umklammerte die Mutter »Dös Madl is mir alles Mein Glück und Leben
Wenn unser Herrgott dem Madl nimmer helfen mag da wärs mir lieber dem
Bruckner sei Kugel hätt net den andern troffen sondern mich«
»Jesus Bub« stotterte die Försterin »Wie kannst dich denn so
versündigen«
»Recht hast Ich hab an dich vergessen Gott verzeih mirs« Franzl hob das
bleiche Gesicht seine Augen brannten »Mutter Jetzt hat der Vater d Ruh im
Grab Der ihm die Kugel durchs Herz gjagt hat am blutigen Johannistag jetzt
liegt er droben in die Latschen mit der Kugel am gleichen Fleck«
Jähe Blässe rann über das Furchengesicht der alten Frau »Der Bruckner«
Der Jäger schüttelte den Kopf Leis begann er zu erzählen während seine
verstörten Augen immer wieder die Kammertür suchten Die ganze Leidensgeschichte
seines Herzens sprudelte aus ihm heraus von der ersten Begegnung mit Mali bis
zu ihrem warnenden Wort vor der Dippelhütte »Nimm dich vorm Schipper in acht«
Er schilderte jedes Erlebnis mit dem grauen Kameraden bis zum letzten Morgen
unter der Hangenden Wand
»Gleich hat mir die Gschicht mit seine zwei Lumpen net taugt Aber mit dem
Wörtl vom Schwarzbartigen der den Vater am Gwissen hätt hat er mir Fuier ins
Blut gossen Und wie ich einisteig überen Schneelahner sitzt er schon da vor
mir der Schwarzbartig mitm Gsicht voll Russ Siedheiss gehts mir in Kopf und
ich fahr gleich auf mit der Büchs Allweil sitzt er und rühr sich net Der
Spielhahn is ihm vor die Füss glegen s Gwehr hat er zwischen die Knie gehabt
und allweil schaut er in Boden eini Und gahlings schlagt er d Händ vors Gsicht
und fangt zum heulen an wie a wehleidigs Kindl Dös hat mich packt ich weiß net
wie Die Büchs hab ich ausm Anschlag gnommen bin auf ihn zu in aller Ruh und
sag Gib dich Lump Da schaut er mich an Nachher schnauft er und sagt Da hast
mich Eiskalt gehts mir überen Buckel Gleich fallt mir d Schwester ein Jesus
Bruckner Du Mehr hab ich net aussibracht Ja sagt er ich Und steht auf
will mir s Gwehr hinbieten und sagt Gegen dich gibts für mich kein Wehren
net Da krachts überen Lahner her Und jetzt erst fallt mir wieder der zweite
ein von dem der Schipper verzählt hat Ich mach an Sprung auf d Seiten Drüben
fliegt s Pulverwölkl auf und zwischen die Latschen blitzt der Lauf kerzengrad
gegen mich her «
»Jesus« keuchte die Horneggerin und bedeckte die Augen
»Aber ich war mit der Büchs noch net im Gsicht da fallt neben meiner der
zweite Schuss In die Latschen drin überschlagt sich einer sei Büchs kugelt
aussi über d Wand und neben meiner sagt der Bruckner Für dein Vater Franzl
Heut is Zahltag gewesen Da greift er mit der Hand an d Seiten und s Blut
rinnt ihm überen Schenkel Sei Büchs die noch graucht hat fallt ihm aus der
Faust Und wie der Baum im letzten Hieb so schlagt er auf d Steiner nieder
Ich spring ihm z Hilf Fehlts weit frag ich Ja sagt er wird wohl Zeit
sein dass ich beicht s Heutige druckt mich net aber s Alte möcht ich mir
vom Gwissen laden Mutter Mutter was hab ich hören müssen«
Mit langsamen hölzernen Worten wiederholte Franzl was ihm der Sterbende
gebeichtet hatte
»Schier hat er nimmer reden können Verzeihst mir hat er noch gfragt Ja
sag ich derbarmen tust mich Da schaut er mich an und hat sich gstreckt Und
Netterl mein Netterl Und aus und gar is gewesen Und beten hab ich müssen Und
hab net glauben können dass er der Schuldig is Zwei Kugeln sind geflogen am
Johannistag eine bloß hat troffen Mutter da leg ich d Hand ins Fuier es war
dem Schipper die seinig Die ganzen Jahr her hab ichs gspürt in mir und habs
net verstanden Es war sein Gwissen dös sich gwehrt hat gegen mich Und die
letzte Lug am gestrigen Weg Und wie er mich ghetzt hat dass ihn mei Kugel vom
andern erlösen sollt Und wie sich der Bruckner gutwillig geben will schießt er
ihm hinterrucks die Kugel auffi Warum denn Weil er gforchten hat der Bruckner
könnt reden Und die ander Kugel hätt er mir durchn Schädel gjagt dass ich kein
Zeugen mach Er hat sich verrechnet Und der Bruckner hat zahlt für mich Wie
ich eingstiegn bin in d Latschen und der Schipper is daglegen mit die Fäust
in der Luft und im käsigen Gsicht noch allweil sein giftiges Lachen Mutter da
hats bei mir kei Frag nimmer braucht Jetzt leg ich d Hand ins Fuier der
Schipper wars«
Von Grauen geschüttelt bekreuzte sich die Försterin »Unser Herrgott soll
ihm gnädig sein Ich hab verziehen« Sie umklammerte den Sohn »Sie christlich
Bub Vergib«
Franzl schüttelte den Kopf und seine Stimme war hart wie Eisen »Ich bin a
guter Christ Aber da drin liegt d Mali Ich hab bloß an einzigs Denken dass
mich unser Herrgott die Stund erleben lasst in der ich dem Madl sagen kann Tu
dich trösten der Schipper wars und deim Bruder verdank ich mein Leben«
Der Doktor kam aus der Kammer »Kopf hoch lieber Hornegger« Er winkte der
Försterin und trat mit ihr vor das Haus »Ihnen muss ich die Wahrheit sagen
Nervenfieber und schwere Lungenentzündung Das kann Bäume werfen«
Die Horneggerin musste sich erst in der Küche ausweinen ehe sie die Kammer
wieder betreten konnte
Franzl saß zu Füßen des Bettes und hielt die glühenden Hände der Kranken
umklammert die regungslos in den geblumten Kissen lag mit dunklen Rosen auf
den Wangen
»Mutter« Das klang wie ein Hauch »Meinst net sie schaut schon besser
aus«
»Aber ja Gwiss Viel besser«
Franzl atmete auf und erhob sich »Es kommt mich hart an aber ich muss
Rapport machen Bleibst bei ihr«
»Tag und Nacht«
»Und tust alles was der Doktor gesagt hat«
»Alles Verlass dich auf mich Aber zieh dich um tropfst ja am ganzen Leib«
»Dös kühlt mich grad« Scheu rührte er mit den Fingerspitzen an Malis
glühende Wange dann schlich er zur Tür »Was ich sagen will am Heimweg könnt
ich s Brucknerhaus absperren und s Netterl mit heimbringen Is dirs recht«
Die Horneggerin zögerte mit der Antwort
»Mutter Weißt es nimmer Netterl hat er gesagt und hat mich angschaut im
letzten Schnaufer«
»Aber Franzl Ich hab ja nix dagegen Freilich Freilich Aber wenn ich nur
wüsst d Mali wird mich brauchen Franzl ganz«
»Ganz und doppelt Da musst a tüchtigs Weibsbild zur Hilf haben Die könnt
mitm Netterl in mein Stübl auffiziehen Ich leg mich aufn Heuboden s Heu bin
ich gwohnt«
Er wartete die Antwort nimmer ab Als er den Hof betrat läutete man zur
Messe Ein blauer Streif des Himmels schimmerte durch die Wolken Noch war die
Sonne nicht zusehen doch fern im See war ein funkelndes Glanzband hingegossen
über den grünen Spiegel
20
In der Kruckenstube stand das Fenster offen Die Frische des Morgens hauchte
herein in den kleinen Raum in dem die Stimme Kittys klang eintönig und müde
Sie saß neben dem Lehnstuhl und las ihrem Vater aus seinem Lieblingsbuche
vor aus Kobells Wildanger
»In der Falzzeit ist der Auerhahn zuweilen sehr zerstreut welches einige
auch verrückt nennen und manchmal kann man sich ihm am hellen Tage nähern und
ihn mit aller Bequemlichkeit vom Baum schießen ob aber die Zerstreutheit so
weit geht dass er wie Fälle erzählt werden auch ohne zu falzen nach einem
Fehlschuss aushalte und gleichsam auch sich fleckeln lasse darüber kann ich
nicht urteilen bei den bayerischen Auerhähnen ist dergleichen meines Wissens
nicht gebräuchlich«
Graf Egge lachte mit verzerrtem Mund »Recht hat er Solchen Unsinn haben
die Sonntagsjäger aufgebracht die man hinauskarwatschen sollte aus Wald und
Bergen« Er scheuerte die rechte Hand an der Kante der Armlehne und spannte die
Finger auseinander Die ganze Zeit über seit Kitty zu lesen begonnen hatte
Graf Egge immer mit dieser Hand zu schaffen bald befühlte er mit der Linken das
Gelenk und kratzte bald schüttelte er die Hand als wäre sie von Fliegen
belästigt bald schob er sie unter die Wildschur um sie gleich wieder
hervorzuziehen als wäre ihm die Wärme unbehaglich
»Was hast du Papa Fühlst du Schmerzen an deiner Hand«
»Schmerzen Ach Unsinn Nur so ein komisches Jucken Lies weiter«
Kitty nahm das Buch wieder auf Immer matter klang ihre Stimme und die
Buchstaben schwammen ihr vor den Augen so dass sie häufig stockte
»Bist du müde Geisslein« fragte Graf Egge endlich
»Nein Papa«
»Doch Ich hör es Lege das Buch weg und geh ein bisschen in die Luft
hinaus«
»Lass mich bei dir bleiben«
Graf Egge fühlte ihr Haupt an seiner Schulter und wie ein Schimmer von
Behagen ging es über seine zerfallenen Züge »So bleibe Es ist mir auch lieber
ich hab dich bei mir Aber das Buch leg weg Erzähl mir ein bisschen von
deiner Reise Habt ihr Bekannte getroffen«
Glühend flog es über Kittys bleiche Wangen Durfte sie lügen Ihre Stimme
zitterte »In Ravello trafen wir mit Professor Werner zusammen«
»Wer ist das«
»Ein Jugendfreund Tante Gundis«
»Was soll mich der interessieren Sonst habt ihr niemand gesehen«
»Ja Papa In Professor Werners Begleitung war ein junger Künstler der
heuer in Berlin die goldene Medaille bekam Hans Forbeck « Den Atem
verhaltend sah Kitty zu ihrem Vater auf
»Forbeck Forbeck« Graf Egge runzelte die Stirn als hätte er Mühe sich zu
besinnen »Den Namen muss ich doch schon gehört haben«
»Du kennst ihn auch« stammelte Kitty »Im vergangenen Sommer trafst du ihn
auf der Hochalm Er hat dich gezeichnet«
»Ach so Der Ein schlanker netter Kerl mit gescheiten Augen Den kenn ich
freilich« Graf Egge nickte lächelnd vor sich hin »Die Geschichte macht mir
heut noch Vergnügen Weiß er jetzt wen er zeichnete Damals hielt er mich für
einen richtigen Jäger und hat den Nagel auf den Kopf getroffen Ja Geiß in dem
steckt was Der hat einen Blick für das Echte Und jetzt hat er die goldene
Medaille bekommen Das bedeutet wohl für einen Künstler soviel wie für einen
Jäger der Blattschuss auf den Tiger Was Na das gönn ich ihm Er war damals
Feuer und Flamme für meine Joppe für mein ganzes Gestell und für meinen
wuchtigen Rasskopf wie er sagte« Graf Egge lachte »Er ließ mir keine Ruh ich
musste ihm sitzen Und ich habs auch gern getan Ich sag dir Geiß er hat
meinen Kopf aufs Blatt geschmissen dass ich dachte Herrgott der zeichnet wie
ich schieße Und denk dir nach der Sitzung hat er mir einen Taler gegeben Für
so echt hat er mich genommen Den Taler hab ich heut noch Da drin liegt er im
Kasten Und er freut mich doppelt weil er das einzige Geld ist das ich
verdiente in meinem Leben und weil er mich an diesen prächtigen Jungen
erinnert Ja Geisslein dem hab ich gefallen Und er mir auch«
Kittys Atem flog Wie ein Rausch der Hoffnung hatte es ihr Herz befallen
Das war die Stunde in der sie sprechen durfte sprechen musste »Vater Vater
«
Betroffen hob Graf Egge das Gesicht und machte eine Wendung im Lehnstuhl
dabei stieß er mit der rechten Hand an den Knauf der Lehne Unter stöhnendem
Laut zog er den Arm zurück »Herrgott Das ist mir durch die Schulter bis ins
Herz gegangen Was ist denn nur das mit dieser verwünschten Pranke« Er rieb an
der Hand »Sieh doch einmal her Geisslein hier am Gelenk muss es sein Gestern
hat mich das halb verendete Biest noch gekratzt Die Klaue muss tiefer gegangen
sein als ich dachte«
Aus allem Taumel ihrer Hoffnung gerissen beugte Kitty das erblasste Gesicht
über die Hand des Vaters
Alle Gelenke waren geschwollen Auf der von der Spannung schimmernden Haut
zeigten sich kleine blasige Flecken Zwischen dem Knöchel und der Pulsader
sickerte ein dunkler Tropfen und als ihn Kitty mit ihrem Tuche sacht entfernt
hatte gewahrte sie eine winzige schwärzlich geränderte Wunde wie vom Stich
einer tintigen Feder
Kitty war über das Aussehen der Hand erschrocken doch die Entdeckung dieser
unscheinbaren Verletzung beruhigte sie wieder Das sagte sie dem Vater und erhob
sich »Ich will zu Doktor Eisler schicken«
Als sie in den Flur hinaustrat hatte sie einen Anfall von Schwindel und
musste sich an die Mauer stützen Fritz brachte ihr frisches Wasser und sie
leerte mit dürstenden Zügen das Glas Dann schickte sie den Diener ins Dorf er
sollte sich eilen und dem Arzte sagen dass es sich um eine Risswunde handle
Doktor Eisler möchte mitbringen was zum Verbande nötig wäre
Schon wollte sie wieder zum Vater zurückkehren als der Postbote eine
Depesche brachte die Antwort auf das Telegramm das Kitty in der Nacht ohne
Wissen des Vaters an den Bruder geschickt hatte Mit zitternden Händen öffnete
sie das Blatt »Komme elf Uhr zwanzig Tas«
Eine Viertelstunde später betrat Doktor Eisler die Kruckenstube Graf Egge
hob sich ein wenig aus den Polstern und versuchte einen scherzenden Ton »Na
also Dokterl da hätten wir wieder miteinander zu schaffen Die kleine
ängstliche Geiß wills nicht anders Aber diesmal wird ohne Konsilium gehen
Also los Sehen Sie meine Hand an und dann sagen Sie vor allem der armen Geiß
da dass sie sich beruhigen soll Und schicken Sie das Mädel in die frische Luft
hinaus«
Mit besorgtem Blick musterte der Doktor Kittys erschöpftes Gesicht »Ja
Komtesse Ihr Herr Vater hat recht Soweit mir Fritz die Verletzung schildern
konnte scheint die Sache ja wirklich ganz unbedeutend Sie aber scheinen
dringend einer Erholung bedürftig Machen Sie eine kleine Spazierfahrt«
»Eine ausgiebige« fiel Graf Egge ein »Komme mir unter drei Stunden nicht
nach Hause«
Kitty zögerte es widerstrebte ihr den Kranken zu verlassen aber bei dem
Gedanken an Tassilo war es ihr doch willkommen dass der Vater auf seinem Willen
bestand zwei Stunden schon genügten ihr um den Bruder von der Bahn zu holen
ihn auf alles vorzubereiten was seiner in Hubertus wartete Zärtlich küsste sie
den Vater auf die Stirn und streichelte ihm das graue Haar ihre Augen
schwammen als sie die Stube verließ
Der Doktor atmete auf schon der erste flüchtige Blick den er auf die
verletzte Hand geworfen hatte ihn wünschen lassen mit Graf Egge allein zu
sein Nun sollte ihm Moser helfen den Oberkörper des Kranken zu entblössen
»Wozu das« murrte Graf Egge
»Es ist nötig Erlaucht«
Der rechte Ärmel der Joppe umspannte die Schwellung des Ellbogens so fest
dass er sich nicht mehr abstreifen ließ man musste ihn der Länge nach
entzweischneiden
Vor dem Fenster rollte der Wagen vorüber und fuhr in jagendem Trab durch die
Ulmenallee Kitty saß in ihren Mantel gewickelt und trieb zuweilen mit einem
stammelnden Wort den Kutscher zur Eile an Was ihr Herz erfüllte mit zehrender
Sorge redete aus ihren verstörten und erschöpften Zügen Doch wie die
strahlende Frühlingssonne immer wieder durch die grau ziehenden Wolken brach
wie in den klatschenden Tropfenfall der Bäume sich das süße Gezwitscher der
Vögel mischte so klang in allen Sorgensturm ihrer Seele immer wieder das Wort
des Vaters »Geisslein Dem hab ich gefallen Und er mir auch«
Der frische Luftauch der bei der raschen Fahrt ihre Wangen umfächelte
linderte ihre Erschöpfung und betäubte sie zugleich das Gerüttel und Gerassel
des Wagens lullte ihre Sinne ein die warme Sonne die immer seltener hinter den
sich zerteilenden Nebeln verschwand umkoste sie und legte sich wie mit linder
Hand auf ihre müden Lider
Als Kitty aus dem Schlummer aufschreckte der sie wider Willen befallen
hatte hielt der Wagen vor der Station Da fuhr auch der Zug schon in den
Bahnhof ein Ein paar Dutzend Leute stiegen aus Mit angstvollem Blick überflog
Kitty die Menschen die an ihr vorübergingen Den einen den sie suchte wollten
ihre Augen nicht finden
Schon standen alle Wagen leer und die Lokomotive dampfte in die Remise
Tassilo war nicht gekommen Hatte er den Zug versäumt oder Neuer Schreck
umklammerte Kittys Herz Und was sollte sie tun Den nächsten Zug erwarten Drei
Stunden Die Sorge um den Bruder hielt sie fest die Sorge um den Vater trieb
sie nach Hause In der Amtsstube des Stationsvorstehers warf sie mit zitternder
Hand einige Zeilen nieder und bat den Beamten das Blatt ihrem Bruder zu
übergeben wenn er mit dem nächsten Zuge käme Den Wagen ließ Kitty warten und
fuhr mit einem gemieteten Einspänner nach Hubertus zurück
Der Beamte konnte sich seines Auftrages entledigen Graf Tassilo traf um
zwei Uhr nachmittags ein Sein ernstes Gesicht wurde als er Kittys Zeilen las
noch um einen Schatten blässer Er reichte dem Beamten die Hand und seine
Stimme schwankte »Ich danke Ihnen« Dann eilte er zum Wagen und mahnte den
Kutscher »Treiben Sie die Pferde«
Und während er bei jagender Fahrt an das Unglück des Vaters dachte an die
Begegnung mit ihm an den Kummer der Schwester und an ihre Zukunft stand vor
seinen Augen noch immer das Erlebnis das ihn den Frühzug hatte versäumen
lassen
Um vier Uhr morgens hatte er Kittys Depesche erhalten Diese halbe in ihrer
hilflosen Fassung doch so deutlich redende Nachricht legte sich mit eisiger Hand
um sein Herz Und neben der erschütternden Sorge quälte ihn die Frage ob der
Vater um diese Mitteilung wusste um diesen verzweifelten Hilfeschrei mit dem
die Schwester den Bruder rief Aber durfte er noch überlegen Er musste reisen
Auch auf die Gefahr dass er vor dem Parktor von Hubertus wieder einen wehrenden
Arm finden und eine Beleidigung erfahren würde wie damals an jenem schwarzen
Morgen Der Vater in seinem Unglück und die Schwester in ihrem Kummer bedurften
seiner Er musste reisen Wann ging der erste Zug In einer Stunde Noch
genügende Zeit Und Anna Durfte er sie mit dieser Sorge belasten Musste in ihr
deren schlummerloser Wunsch die Aussöhnung ihres Gatten mit dem Vater war
durch diese Reise nicht auch eine Hoffnung erweckt werden die mit Enttäuschung
enden konnte Nein Anna durfte den Grund dieser Reise nicht erfahren ehe nicht
alles geklärt nicht jeder Schatten zerstreut wäre Ein Telegramm hätte ihn in
dienstlicher Angelegenheit unerwartet abgerufen so instruierte er den Diener
und traf in Hast die Vorbereitungen für die Reise
Der Morgen graute als er auf die stille Straße trat dünner Regen rieselte
und fahl brannten die Laternenflammen in der trüben Dämmerung Schon wollte
Tassilo in den Wagen steigen Da hörte er das Klirren eines Schleppsäbels Ein
Offizier kam auf ihn zugegangen
»Graf Egge«
»Baron Dörwall«
»Ich wollte Sie soeben in Ihrer Morgenruhe stören Eine mehr als peinliche
Sache «
»Verzeihen Sie Baron Eine Reise die keinen Aufschub duldet ich bitte
Sie herzlich zu entschuldigen «
»So muss ich Ihnen hier auf der Straße sagen um was es sich handelt Um Ehre
und Leben Ihres Bruders«
Tassilo erbleichte »Ich bitte « Er ging zur Tür und ließ Baron Dörwall
eintreten
Schweigend stiegen sie die Treppe hinauf In Tassilos Zimmer brannte noch
die Lampe und ihre rötliche Helle kämpfte mit dem grauen Frühlicht das durch
die Fenster quoll
Baron Dörwall warf den nassen Mantel ab setzte sich und legte die Mütze
über den Säbelkorb »Da Ihre Minuten kostbar sind und Umschweife den Vorfall
nicht mildern vermeide ich jedes überflüssige Wort Ihr Bruder hat heute nacht
gespielt mit zäherem Pech als je Er wollte eine günstige Chance erzwingen und
steigerte die Einsätze in einer Weise dass die Kameraden sich vom Spiel
zurückzogen Sein einziger Gegner blieb Marchese dAlanto der die Bank hielt
und jeden Einsatz annahm Robert doublierte Karte um Karte aber die Blätter
sprachen mit einer Hartnäckigkeit gegen den armen Jungen dass er sich
schließlich in seiner Erregung zu einer mehr als unvorsichtigen Äußerung
hinreißen ließ Marchese dAlanto warf ihm die Karten ins Gesicht Und jetzt «
Baron Dörwall verstummte er schien auf ein entgegenkommendes Wort zu hoffen
Tassilo schwieg
»Die Sache ist leider von einer Art dass ihre Ordnung keinen Aufschub
duldet Vor jedem anderen Schritt muss diese Spielschuld aus der Welt geschafft
werden Der arme Junge ist in böser Klemme Wir können ihm nicht helfen die
Summe geht über unsere Kräfte Das Arrangement der Sache durch ein Geschäft
würde Zeit verlangen So bleiben nur zwei Wege eine offene Depesche an seinen
Vater «
»Unmöglich« Tassilos Stimme bebte »Mein Vater ist leidend und ich möchte
ihm diese Erregung um jeden Preis erspart wissen«
»Also der andere Weg Ihre Hilfe«
Tassilo erhob sich »Mein Bruder weiß um Ihren Besuch«
Dörwall wurde verlegen »Dieser Weg war mein Vorschlag Ihr Bruder wies ihn
allerdings energisch zurück aber er hinderte mich nicht zu gehen«
»Und die nötige Summe«
Baron Dörwall zögerte »Vierhundertzwanzigtausend«
Tassilo ging zum Schreibtisch und nahm das Scheckbuch aus einer Lade Mit
ruhiger Hand füllte er das Blatt aus und unterschrieb Er verfügte mit diesem
Federstrich fast über alles was er besaß über sein mütterliches Erbe und über
die Hälfte dessen was er im Laufe der vergangenen Jahre durch Arbeit erworben
hatte
Als Tassilo die Feder niederlegte sagte Dörwall »Ich danke Ihnen Graf im
Namen Ihres Bruders«
»Ich kann auf Dank keinen Anspruch erheben da ich an meine Hilfe eine
Bedingung knüpfen muss Ich ermächtige Sie Baron diesen Scheck meinem Bruder
auszufolgen gegen einen Revers in dem sich Robert verpflichtet sofort nach
Ordnung dieser Sache um seinen Abschied einzukommen«
»Graf Egge Diese Bedingung ist hart«
»Diese Bedingung ist geboten durch die Rücksicht auf meinen Vater und ist
eine Forderung des Degens den Robert bisher getragen Oder wollen Sie Baron
Dörwall die Garantie übernehmen dass mein Bruder mit dem heutigen Tag von
seiner unglückseligen Leidenschaft geheilt ist Und dass er sich für die Zukunft
von Konflikten fernzuhalten weiß die unverträglich sind mit der keinen Makel
duldenden Ehre eines Offiziers«
Dörwall schwieg
»So bedaure ich in Würdigung des Rockes den auch Sie tragen Baron diese
Bedingung aufrechterhalten zu müssen«
»Er ist gezwungen sie anzunehmen Und ehrlich gesprochen ich muss Ihnen
recht geben Nun verzeihen Sie mir die unbehagliche Stunde «
»Sie war nicht unbehaglich nur ernst«
Baron Dörwall warf den Mantel um die Schultern
Tassilos Stimme verlor ihren ruhigen Klang »Ich darf Sie wohl bitten mir
über den Verlauf dieses Tages Nachricht zu geben«
»Wohin«
»Nach Hubertus«
»Hoffentlich kann ich Ihnen Gutes melden die Sache wird ja wohl glimpflich
verlaufen«
»Das gebe der Himmel Und wenn alles erledigt ist nicht früher bitte ich
Robert mitzuteilen dass sein Vater schwer leidend ist«
Als Tassilo allein war zog er die Uhr »Noch zwölf Minuten Es wäre noch
möglich« Sein Blick haftete an dem Bild seiner Frau das auf dem Schreibtisch
stand Er hatte sie arm gemacht aber er wusste sie würde lächeln dazu Diese
Stunde hatte das hässliche Wort beglichen das Robert gegen Anna ausgesprochen
nun hatte sie ihm geholfen
Durch die Fenster brach der helle Tag Das Frühlicht hatte roten Schein
Tassilos Pferde jagten zum Bahnhof Der Zug hatte die Halle schon verlassen
Drei volle Stunden bis zum nächsten Zug
Um die Zeit zu verbringen und mit sich allein zu sein fuhr Tassilo mit dem
Wagen bis zur zweiten Station
Und nun lag das Ziel vor ihm Was sollte ihn in Hubertus erwarten Welche
Nachricht sollte der Abend aus München bringen Drei Uhr schon Vielleicht waren
in jenem hässlichen Spiel die bleiernen Würfel bereits gefallen Wie hatten sie
entschieden Eine dumpfe Angst wühlte in ihm sie galt dem Vater und galt dem
Bruder
In der Tiefe der Waldstrasse tauchte die Parkmauer von Hubertus auf und eine
gellende Stimme klang »Tas Tas« Umflattert von den Falten des schwarzen
Kleides eilte Kitty dem Bruder entgegen Ehe die Pferde halten konnten sprang
sie in den Wagen und hing an Tassilos Hals Sie fand nicht viel Worte um ihn
vorzubereiten Ihr Schmerz redete eine kurze deutliche Sprache Stumm hielte
Tassilo die Weinende umschlungen während der Wagen in der Ulmenallee am leeren
Adlerkäfig vorüberrollte Als zwischen den Bäumen das Schloss erschien fragte
Tassilo »Weiß er dass ich komme«
»Nein Ich habe versucht die Rede auf dich zu bringen Er ließ mich nicht
weitersprechen Dann wurde er unruhig ich glaube er fürchtet dass ich dir
Nachricht schickte«
Der Wagen hielt Doktor Eisler erwartete ihn
»Ihr Vater verlangt nach Ihnen« sagte der Arzt zu Kitty »aber bitte
beherrschen Sie sich Jede Äußerung Ihres Schmerzes bedrückt ihn Seine Augen
sehen nicht aber sein Gehör empfindet doppelt scharf«
Kitty trocknete die Wangen »Er soll keinen Laut von mir hören« Sie sah zu
ihrem Bruder auf »Und du«
»Ich komme«
Während Kitty zum Vater ging wanderte Tassilo mit Doktor Eisler in den Park
hinaus Er las es schon aus dem Blick des Arztes dass er Schweres hören sollte
»Was sagte Ihnen Ihre Schwester« fragte der Doktor
»Dass das Leben meines Vaters in Gefahr steht«
»Das musste ich ihr sagen Aber verschwiegen hab ich ihr wie nah diese
Gefahr ist Ihnen gegenüber und wenn ich Ihnen auch Kummer verursache muss ich
wahr sein Machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst Ihr Vater ist verloren
Blutvergiftung Das Wort ist unerbittlich«
Bleich fiel Tassilo auf eine Gartenbank und bedeckte das Gesicht Es währte
lange bis er zu sprechen vermochte
»Blind Und jetzt der Tod Unerbittlich«
»Der Prozess nimmt einen rapiden Verlauf Bei der ersten Untersuchung
vormittags zehn Uhr hoffte ich dass eine Ablösung der Hand noch Rettung bringen
könnte Ich lief nach Hause um alles vorzubereiten Als ich kam um Ihrem Vater
die Wahrheit zu sagen und seine Einwilligung zu erwirken sah ich dass auch eine
Wegnahme des ganzen Armes nicht mehr gefruchtet hätte Nun schwieg ich Hätt
ich den Kranken nutzlos quälen sollen Ich linderte seine Schmerzen Nun ist
sein Zustand ein erträglicher«
»Und ahnt mein Vater «
»Das kann ich nicht sicher beantworten Er beherrscht sich seiner Tochter
zuliebe Aber er macht sich wohl seine Gedanken wenigstens hat er selbst die
Frage gefunden Gift im Blut Ich habe natürlich verneint«
»Und wie lange « Tassilos Stimme versagte »wie lange geben Sie ihm noch
Frist«
»Bis morgen Mit dem Abend fürchte ich werden die stillen Delirien und die
Schlafsucht beginnen Das ist der Vorbote des Äußersten«
Tassilo schwieg
Doktor Eisler sagte »Es ist mir schwer geworden Ihnen das mitzuteilen Es
geht mir auch selbst zu Herzen Gerade jetzt Ich habe böse Zeiten Der To
schlägt um sich wie zur Faschingszeit der Hanswurst mit seiner Peitsche Und
überall versagt mein Bröselchen Wissen Ihr Vater ist ein Greis dessen Zeit
gemessen war Ihm kommt die letzte Stunde wie eine Erlösung aus dunkler Qual
Aber andere Liebe Kinder und blühende Jugend Ich habe harte Zeiten« Die Augen
des alten Mannes wurden feucht »Darf ich gehen Herr Graf Auf mich wartet ein
gutes liebes Mädel das mit dem Tode ringt Ein freundliches Menschenglück
droht mit diesem Leben zu versinken Dort bin ich nötig Hier kann ich nichts
mehr helfen Darf ich gehen In einer Stunde könnte ich wiederkommen«
»Gehen Sie« stammelte Tassilo und drückte die Hand des Arztes Sie
schieden und während Doktor Eisler sich rasch entfernte trat Tassilo in das
Schloss Im Flur schrieb er eine Depesche an Forbeck »Kommen Sie morgen mit dem
ersten Zug Kitty bedarf eines Trostes Mein Vater der Auflösung nahe Bitte
Sie Anna schonend vorzubereiten«
Nun kam für ihn das Schwere dieses Wiedersehen mit dem Vater
Moser trug eine Flasche mit frischem Wasser in die Kruckenstube aus welcher
Kittys eintönige Stimme klang Hinter dem alten Jäger trat Tassilo lautlos über
die Schwelle
Kitty saß neben dem Bett des Vaters in einem niederen Fauteuil Kobells
»Wildanger« auf dem Schoss Als sie den Bruder eintreten sah stockte ihre Stimme
für einen Augenblick Dann las sie weiter »Wer den lustigen Spielhahn in seiner
hochzeitlichen Freude kennenlernen will muss ihn auf dem Platz belauschen wo er
am frühen Tag seinen Tanz beginnt Das ist ein Springen und Laufen im Reigen und
ein Blasen und Gurgeln in munterem Wechsel Während der Auerhahn nur der
verschwiegenen Nacht seine Klagen vertrauen will und zeitweise in
überschwenglicher Liebesphantasie den Kopf verliert zeigt sich der Spielhahn
aufgeweckt fröhlich und herausfordernd Kommt ihm ein anderer Hahn zu nahe so
geht es gerne an ein heftiges erbostes Raufen sie schreiten mit halb gehobenen
Flügeln und gesträubten Federn aufeinander los wobei sie sich oft beim Angriff
gegenseitig umwerfen und auf dem Rücken liegen dass man über dem komischen
Anblick das Schießen vergisst « «
Ein mattes Lachen brach von Graf Egges bläulichen Lippen
Erschüttert bis ins Innerste stand Tassilo neben der Tür Was war aus
diesem Riesen an wilder Kraft und eiserner Gesundheit geworden wie er seit
jener letzten Szene vor der Dippelhütte in Tassilos Erinnerung lebte starr und
unbeugsam mit dem zornflammenden Gesicht und den blitzenden Falkenaugen Was
hatte sein Dämon aus ihm gemacht War das noch der gleiche Mensch Dieser welke
gebrochene Greis der in den zerwühlten Kissen des Bettes lag die Züge
entstellt die Augen glanzlos und erblindet die Glieder abgezehrt den Arm in
dessen Adern der Tod schon nach dem Sitz des Lebens rollte von dicken
Leinwandbändern umschlungen Und das sein Vater An dem das Herz des Sohnes
obwohl es den Stoß dieser knöchernen Faust empfunden mit allen Fibern hing Das
hatte Tassilo in keiner Stunde seines Lebens tiefer empfunden als in dieser
Stunde des Wiedersehens die das Scheiden für immer brachte
Eine Schwäche fiel ihm in die Knie und während Moser die Stube verließ
ging Tassilo auf den Lehnstuhl zu und ließ sich niedersinken
Hastig erhob Graf Egge den Kopf und seine Züge spannten sich Er machte mit
der Linken eine Bewegung gegen Kitty dass sie schweigen sollte
»Wer ist hier gegangen«
Keine Antwort kam
»Wer ist hier gegangen frag ich«
»Moser« stammelte Kitty »Moser war hier Er brachte Wasser und hat in
diesem Augenblick das Zimmer verlassen«
»Moser So Moser Wirklich« Graf Egge ließ den Kopf zurücksinken »Mir
war als hätt ich noch einen anderen gehört Einen anderen « Seine Stimme
versank
»Was meinst du Papa«
»Schon gut Ich will mich geirrt haben«
Kitty tauschte einen bekümmerten Blick mit dem Bruder und fragte lispelnd
»Soll ich weiterlesen Papa«
»Nein Geisslein Ruh dich aus Ich danke dir Bist ein guter Kerl«
Schweigen war im Zimmer die Tränen rollten über Kittys Wangen während
Tassilos Augen am Vater hingen der regungslos in den Kissen lag und zuweilen
den Atem anhielt als lauschte er
So verging eine Stunde
»Geisslein«
»Ja Papa«
»Lies mir wieder Deine Stimme tut mir wohl Willst du«
»Gerne Papa«
Während Kitty las wurde Graf Egge unruhig dann plötzlich griff er mit der
Linken unter stöhnendem Laut nach seiner kranken Schulter »Herrrr da fängt es
schon wieder an Das ist nicht mehr auszuhalten Den Doktor Er soll mir wieder
eine Ration verabreichen wie vorhin Das hat geholfen«
Erschrocken eilte Kitty aus der Stube Tassilo war aufgesprungen
Als Graf Egge hörte dass die Tür geschlossen wurde hob er sich aus den
Kissen und tastete mit der Linken an sich herum Dann saß er regungslos das
zitternde Kinn auf der Brust und starrte mit den toten Augen vor sich hin Und
raunte »Pfui Pfui In mir fliegen die Raben scheint mir Raben« Sein
Mund verzerrte sich »Unsinn Raben Ich bin Adlerfrass Zuerst die Augen Dann
alles andere Das ist so ihre Art Ich kenne sie«
Tassilo griff nach der Lehne des Sessels und das alte Möbel ächzte
Lauschend hob Graf Egge das Gesicht »Ist jemand da«
Kitty erschien in der Tür »Doktor Eisler ist hier Papa Da kommt er schon
«
Der Arzt trat in die Stube und zum Bett »Guten Abend Erlaucht Wie fühlen
Sie sich«
Graf Egge schwieg eine Weile Dann sagte er mit umflorter Stimme »Geisslein
lass mich allein mit ihm«
»Ja Papa« Sie ging aus der Stube
»Doktor Sind wir jetzt allein«
Ein flehender Blick Tassilos traf den Arzt
»Ja Erlaucht«
»Dann wollen wir offen sein Unter uns Doktor ich spürs zu mir will
einer kommen der Mangel an Fleisch und Überfluss an Knochen hat Rücken Sie
ehrlich heraus mit der Sprache Diese drei Buchstaben werde ich auch noch
verdauen können Tod Es hört sich übel an Aber einmal muss es kommen hinter
allem Leben wie hinter jedem Schuss der Brand Und besser die große Nacht als
diese kleine vor meinen Lichtern Ehrlich Doktor Das Biest mit seiner Aasklaue
hat mir den Rest gegeben Auch ein Jägertod Aber kein schöner So reden Sie
doch«
»Aber liebe Erlaucht « stammelte der Arzt
»Ach so Sie werden zärtlich Na dann weiß ich dass es um die letzte
Patrone geht Dann bestellen Sie mir den Pfarrer Ich will rechtzeitig mit dem
Himmel auf gleich kommen oder ich gerate da drüben in schlechtes Revier Und
sagen Sie « Graf Egge unterbrach sich und seine Stimme bekam anderen Klang
»Wer atmet hier Ich hör ihn Ganz deutlich Und der hat ein schweres Herz«
Graf Egge lauschte Er hörte den Schritt des Doktors der die Stube verließ Als
die Tür geschlossen war tastete Graf Egge mit der Linken ins Leere und
murmelte »Komm her Tas Ich weiß du bist es«
»Vater«
Tassilo stürzte vor dem Bett auf die Knie und bedeckte die welke Hand mit
Küssen Graf Egge hob ihn auf und rückte an die Wand »Zu mir Komm Setz dich
zu mir Wir wollen kurze Rechnung machen Einen Strich unter alles Sag mir
eines Bist du glücklich«
»Ja Vater Und was mir noch fehlte halt ich jetzt in meiner Hand«
»Hast du deine Frau bei dir Nicht So lass sie kommen Oder nein Lieber
nicht Ich hörte sie ist eine Dame von Geschmack Ich würde ihr übel gefallen«
Graf Egge sank in die Kissen zurück und seine Stimme wurde matt »Bös hat die
Jagd mich zugerichtet Es kam wie du sagtest Tas Meine Kinder hat sie mir
genommen meine Kraft meine Augen meine Hand und jetzt frisst sie mich auf mit
Haut und Haaren Aber schadet nichts Ich liebe sie doch Und glaube mir Tas
sie ist eine edle Freude Es gab eine Zeit in der ich sie so genossen habe
Aber ich war ein Nimmersatt und hab ihr schönes Bild zum Scheusal gemacht Lass
dich nicht abschrecken durch mein Beispiel Du bist wohl ein Jäger dass Gott
erbarm Aber du bist auch ein Mann der kann was er will Wenn du dir Mühe
geben möchtest könnte aus dir noch ein prächtiger Jäger werden Tu es mir
zuliebe Tas Ich könnte mich nicht ruhig zum letzten Schnapper hinlegen wenn
ich denken müsste dass mein schönes Revier zerfällt und verwüstet wird Versprich
mir Tas dass du meine Jagd in gutem Stand erhalten willst«
»Ja Vater«
»Dein Wort«
»Mein adeliges Wort«
»Jetzt verlang was du willst jetzt kannst du alles von mir haben« Die
Worte klangen schleppend kaum noch verständlich »Was willst du«
»Nichts für mich Dass ich Friede habe mit dir ist alles was ich mir
wünsche Aber eine weiß ich Vater die hätte eine große Bitte an dich auf dem
Herzen Die Bitte um das Glück ihres Lebens«
»Meinst du die kleine Schmalgeiss« Graf Egge nickte mühsam »Was will
sie«
In Hast tief und schmerzvoll bewegt redete Tassilo dem Glück seiner
Schwester das Wort Während er schilderte wie Kitty und Forbeck sich
kennenlernten während er von dem redlichen Charakter des jungen Künstlers
sprach von seiner reichen Begabung von seiner schönen Zukunft hatten Graf
Egges Züge einen Ausdruck der verriet dass er lauschte und verstand Allmählich
aber fühlte Tassilo wie der Druck der dürren heißen Finger die er mit beiden
Händen umschlossen hielt sich linderte und löste Erschrocken verstummte er und
spähte in das Gesicht des Vaters Graf Egge lag ruhig mit schweren Atemzügen
die geröteten Lider waren halb über die starren Augen gesunken und wie ein
versteinertes Lächeln lag es um den welken Mund
»Vater«
Keine Miene zuckte in dem müden Antlitz Graf Egge schlief
Es rieselte kalt durch Tassilos Herz Er wusste was dieser Schlaf bedeutete
Er wusste dass das Ende begann und in den Schmerz der ihn um den Vater
erfüllte mischte sich die bedrückende Erkenntnis dass keine Stunde mehr kommen
würde in der Graf Egge mit klaren Sinnen über die Zukunft seiner Tochter
entscheiden könnte Tassilo presste die zitternden Hände an seine Stirn Sollte
über den Lebensweg seiner Schwester der Schatten des Gedankens fallen dass sie
ein Glück genoss das die Zustimmung des Vaters nicht gefunden Tassilo erhob
sich Er fand die Schwester im Flur Leise weinend saß sie neben der Tür Moser
stand bei ihr und tröstete sie mit stotternden Worten Als sie den Bruder sah
taumelte sie in seine Arme »Tas Ich habe deine Stimme gehört und die seine«
Er umschlang sie und flüsterte ihr ins Ohr »Wir sind versöhnt Und ich habe
mit ihm gesprochen von dir und deinem Hans Der Vater nickte und lächelte
Sprechen konnte er nimmer«
Aufschluchzend streckte Kitty die Arme nach der Tür Tassilo hielt sie
zurück »Er schläft Weck ihn nicht Der Schlummer lindert seine Schmerzen«
Lautlos traten sie ein Unter Tränen zärtlich drückte Kitty ihre Lippen auf
die regungslose glühende Hand des Vaters Tassilo zog die Schwester auf seinen
Schoss So saßen sie zu Füßen des Lagers
Schweigende Stunden verrannen Manchmal murmelte Graf Egge im Schlaf Das
Licht des Abends leuchtete rot in die Stube und wurde grau Moser brachte die
Lampe und Gundi Kleesberg kam mit dem nassen Bund um die Stirn vor Migräne
vermochte sie kaum die Augen zu öffnen aber sie ließ sich nicht wieder
fortschicken
Immer lauter klangen die Worte die Graf Egge im Schlummer lallte Er redete
wirr Von Jagd und Jagd Ärgerlich zankte er mit einem Jäger staunte über das
abnorme Gehörn eines Bockes wähnte unter dem Adlerhorst zu stehen und befahl
die Leiter aufzuziehen Dann wollte er mit mattem Stöhnen mit beiden Händen nach
seinen Augen greifen Der kranke Arm versagte Ein schmerzliches Zucken fuhr
durch seinen Körper und Graf Egge richtete sich auf »Tas Was wollt ich
sagen Richtig ja dass du heuer den Abschuss beschränken musst Im letzten Jahr
hab ich toll gewirtschaftet Das musst du wieder einholen oder die Jagd leidet
Wer kommt«
Moser hatte die Stube betreten deutete mit dem Daumen hinter sich und
machte ein Kreuz in die Luft
»Vater Der hochwürdige Herr ist hier« sagte Tassilo »bist du bereit ihn
zu empfangen«
»Ja« Graf Egges Stimme klang ruhig und klar »Aber nicht so wie ich hier
liege Moser Ruf den Fritz er soll dir helfen mich anzukleiden Und bring
mir von meinem Jagdzeug das Allerbeste die gute Sommerjoppe sie hat weite
Ärmel meine neue Lederhose und die grüne Weste mit den schwarzen Hirschgranen
Den lieben Herrgott muss man in Gala empfangen Und man darf ihn nicht warten
lassen Flink«
»Vater« stammelte Tassilo »Ich bitte dich deine Kräfte zu schonen Dein
frommer Wille hat Feiertagsgewand «
»Widersprich nicht Tas Ich will es« Das war ein Ton der an vergangene
Zeiten erinnerte »Gundi Sind Sie hier Führen Sie die kleine Geiß hinüber
Oder ich steige vor euch beiden aus dem Bett Das dürfte kein vergnüglicher
Anblick sein Flink Moser«
Sie mussten ihm den Willen tun
Als der Geistliche die Kruckenstube betrat im Chorhemd und mit dem
Ziborium saß Graf Egge völlig angekleidet und mit starrer Haltung im Lehnstuhl
und bekreuzte sich mit der Linken
Kitty und Gundi Kleesberg knieten vor der Tür im Flur
Tassilo war abgerufen worden Die gerichtliche Kommission die im »Fall
BrucknerSchipper« amtierte und den Tatort in Augenschein genommen hatte war in
Hubertus erschienen um den Jagdherrn zu vernehmen Erschrocken hörte Tassilo
von der blutigen Tragödie die sich auf den Bergen abgespielt hatte Als die
Beamten erfuhren in welchem Zustand Graf Egge sich befände verzichteten sie
auf die Einvernahme und entfernten sich Am Ausgang der Ulmenallee begegnete
ihnen der Postbote und grüßte »Recht guten Abend«
Tassilo der in das Schloss zurückkehren wollte hörte die Stimme und rief in
das sinkende Dunkel hinaus »Bringen Sie eine Depesche«
»Ja Herr Graf«
Tassilos Hände zitterten als er auf der Veranda im Schein der Laterne das
Blatt öffnete Er las und Blässe rann ihm über das Gesicht »Sie spielen und
beschimpfen sich und der eine streicht den Gewinn ein und jagt dem andern das
Blei durchs Herz Und das heißt Ehre bei ihnen« Da tönten Schritte aus dem
Flur wirres Geräusch und ein schluchzender Schrei Die Depesche verbergend
stürzte Tassilo ins Haus
Graf Egge war ohnmächtig geworden kaum dass er die heilige Wegzehrung
empfangen hatte Mühsam entkleidete man den Bewusstlosen und brachte ihn zu Bett
Seine Ohnmacht ging in Schlummer über in stille Delirien Das währte die ganze
Nacht Gegen Morgen kam er zur Besinnung und wischte sich mit der Linken den
Schweiß vom Gesicht
»Wer ist bei mir«
Tassilo fasste seine Hand »Ich Vater deine kleine Geiß und die Gundi
Kleesberg«
»Einer fehlt Und ich weiß er kommt nicht mehr Tas Nimm du dich seiner
an Aber ich fürchte dass ihm nicht mehr zu helfen ist« Ein schwerer Seufzer
löste sich aus der Brust des Kranken »Ist das deine Hand Tas die ich halte«
»Ja Vater« Tassilos Stimme war tonlos
»Und du Geisslein Komm Leg deine Hand dazu Tas wird dir den Vater
ersetzen und die Kleesberg wird dir eine Mutter sein freilich eine etwas
rapplige nichts für ungut Sie guter alter Haubenstock Die beiden liebe
Schmalgeiss werden sorgen für dein Glück «
»Vater Vater« Schluchzend schmiegte Kitty ihre Wange an die Schulter des
Vaters
»Was machst du da für Geschichten kleine Geiß Nimm dich zusammen Sei
meine Tochter Stark Gundi Nehmen Sie das Kind Und du Tas lass unsere
Leute kommen Und die Jäger Meinen braven Franzl Der hat fest zu mir gehalten
Jetzt soll er mir auch Waidmanns Heil wünschen zur Pirsch über alle Berge Den
halte dir warm Tas Das ist ein feiner Kerl Sei auch den anderen ein guter
Jagdherr Sie verdienen es Nur einer nicht« Graf Egges Stimme klang heiser
und zwischen den verzerrten Lippen blinkten die Zähne »Tas Ich warne dich vor
ihm Der Schuft hat Aasgeruch an sich wie der Horst in der Hangenden Wand Und
Fänge hat er wie mein letzter Adler Das zuckt nur ein bisschen du merkst es
nicht und bist vergiftet Setz ihn hinter Schloss und Riegel In den Käfig
Nein Tas den Käfig reiss den verfluchten Käfig nieder er stinkt Ich hab
den Geruch in der Nase zum Henker auch so macht doch das Fenster zu Der
Käfig stinkt Das Fenster zu«
»Aber es ist ja geschlossen« stammelte Gundi Kleesberg
Graf Egge schien nicht zu hören immer wirrer wurden seine Reden und seine
Stimme versank in neubeginnendem Taumel Eine Stunde lag er still in dumpfem
Schlaf Als die Dämmerung des erwachenden Tages durch die Fenster graute wurde
er unruhig und wieder begann das Raunen und Gemurmel Jagd Jagd immer Jagd
und Willys Name Während die Kirchenglocke ihren Morgensegen in die wachsende
Helle sang hob Graf Egge sich ächzend auf und griff mit der Linken unter die
Kissen Er zog einen Schlüssel hervor und drückte ihn in Tassilos Hand »Nimm
mein guter Junge nimm Sperr den Schrank auf Deine Hand ist sicher Sperr
auf und bring mir die Rubinen Links in der Lade liegen sie obenauf So tu es
doch Hörst du nicht was ich sage Die Rubinen bring mir«
Tassilo erfüllte den Willen des Vaters obwohl er sah dass das Fieber aus
ihm redete
Graf Egge als die Tablette mit den blutrot funkelnden Juwelen auf seinem
Schoße lag tastete mit zuckenden Fingern von Stein zu Stein und raunte
»Stimmt Stimmt Alle Nur einer fehlt Den hab ich dir geschenkt Komm mein
guter Junge nimm den da auch noch Es ist mein schönster Ich schenk ihn dir
Aber zeig mir nicht dieses weiße wächserne Gesicht Oder willst du jagen
Komm ich weiß für dich einen Kapitalhirsch Meinen besten Komm ich führe
dich Und meine Büchse lass ich daheim Ich kenne mich Du sollst ihn haben
Du Hast du Patronen Gut Alles gut Aber dreh den blauen Rock um die
goldenen Knöpfe blinken und wirf diese dummen Blumen weg sie verpesten mir
den Wald Leiser Leiser Nimm die Schuhe besser in acht « Graf Egges Züge
verschärften sich seine Nase wurde spitz und veränderte die Farbe sein
Oberkörper schrumpfte in sich zusammen und die starren Augäpfel quollen aus den
Lidern »Siehst du ihn Dort im Lager Flink Er verhofft schon « Keuchend
ging der Atem des Sterbenden »Her mit der Büchse Du fehlst ihn ja doch« Eine
zuckende Bewegung des Armes ein Laut wie ein Jauchzer der in mattem Stöhnen
erlosch und Graf Egge fiel schwer zurück »Die Kugel sitzt Da liegt er «
Seine Glieder streckten sich
Die Tablette mit den Rubinen glitt zu Boden und kollernd hüpften die
funkelnden Steine nach allen Seiten über die Dielen
Von Jammer und Grauen erfüllt und den Ernst des Augenblickes ahnend starrte
Kitty zu ihrem Bruder auf Als er die Arme nach ihr streckte verstand sie dass
sie den Vater verloren hatte
Jetzt in diesem fassungslosen Schmerz der ersten Trauerstunde konnte sie
leichter hören was ihr Tassilo nicht länger verschweigen durfte dass der Tod
mit diesem Tage zwiefach in Schloss Hubertus eingezogen war
Die Lampe die noch im Zimmer brannte warf ihren trüben Schein über den
Toten und über die Geschwister die sich umschlungen hielten
Und draußen erwachte der Frühlingsmorgen mit reinem Blau mit Duft und
leuchtenden Farben Strahlend ging die Sonne über die Berge alle Zinnen in
Feuer tauchend
Immer schöner wuchs der Tag während vom Kirchturm das Zügenglöcklein mit
seinen dünnen abgehackten Klängen über alle Dächer rief »Betet Leut betet
Leut betet Leut «
Einer der erste den die im Dorf umlaufende Kunde von Graf Egges Ableben
erreichte war Franzl Atemlos kam er ins Schloss gerannt und stand erschüttert
vor seinem still gewordenen Herrn Als er hörte mit welchen Worten Graf Egge in
der letzten Stunde seiner noch gedacht hatte fuhr ihm vor weher Freude das Blut
ins Gesicht »Moser schau er hat seine Mucken und Marotten gehabt aber s
Herz ganz einwendig s Herz is gut gewesen Und a Jager Moser so a Jager
kommt nimmer Dös is noch einer gewesen aus der alten guten Zeit Oft hat er
über d Schnur ghaut s Jagerblut hat halt seine gachen Hitzen Aber wenns
golten hat is er gstanden wie a Baum Und kein Unrecht hat er leiden können
gar keins Dös weiß ich dös hab ich erlebt Moser Moser so einer kommt so
bald nimmer Weinen könnt ich um ihn grad weinen« Franzl sagte das in der
Bedingungsform er schien nicht zu wissen dass ihm der Bart von den Zähren
tropfte
Die Veranda begann sich mit Leuten zu füllen Das halbe Dorf kam gelaufen
die einen aus Pflicht oder Teilnahme die andern aus Neugier
Zu Mittag kehrte der Wagen von der Bahn zurück Gräfin Anna kam mit Hans
Forbeck und Professor Werner In wortloser Bewegung zog Tassilo die geliebte
Frau in seine Arme und Kitty klammerte sich schluchzend an ihren Verlobten
»Hans Wir dürfen glücklich werden Tas hat ihm alles gesagt Und er hat genickt
und gelächelt sprechen konnte er nimmer Er war dir gut Hans Du hast ihm
gefallen Das hat er mir selbst gesagt Und dass er deinen Taler noch immer hätte
als Erinnerung an dich«
Während die beiden Paare im Sterbezimmer vor dem schlummernden Vater
standen fiel die Sonne durch das offene Fenster Draußen im Frühlingslaub der
Bäume pisperten die Meisen und Finken
Bevor es Abend wurde fingen die Glocken zu läuten an Zwei Schläfer wurden
in einem Grab zur Ruhe bestattet der Jäger neben dem Wildschützen Jochl
Schipper neben dem BrucknerLenzi Jener Pirschgang vor vielen Jahren am Morgen
des Johannistages hatte sie zu Kameraden für die Ewigkeit gemacht Nach dieser
stillen Feier im Kirchhof gab es keinen »Gsturitrunk« beim Seewirt Die Leute
die der Bestattung beigewohnt hatten zechten wohl bis spät in die Nacht aber
auf eigene Kosten Die Ereignisse der letzten Tage wurden auf der Bierbank unter
endlosem Disput erörtert man erinnerte sich der »Grafenleich« vom vergangenen
Herbst und sah der Wiederholung des Schauspiels mit Spannung entgegen Diese
Neugier blieb ungestillt
In der folgenden Nacht verließ ein stiller Kondukt den Park von Hubertus und
nahm den Weg zur Bahn Der Sarg wurde nach München gebracht um in der
Familiengruft der Egge seinen Platz zu finden Seite an Seite mit einem anderen
Ein ruhiger Tag kam über Schloss Hubertus Gräfin Anna Kitty und die
Kleesberg waren mit Hans und Werner schon am Morgen nach München abgereist
Tassilo blieb noch bis zum Abend um alles Nötige zu ordnen Für den Nachmittag
waren die Jäger bestellt um sich mit Handschlag ihrem neuen Jagdherrn zu
verpflichten es stand auf ihren gebräunten wetterharten Gesichtern zu lesen
dass sie unter dem neuen Herrn sich gute Zeiten versprachen ein ausgiebiges Teil
ihrer Hoffnungen erfüllte sich schon beim ersten Rapport Tassilo erhöhte ihre
Bezüge und um den strengen Dienst zu erleichtern den sie bisher zu leisten
hatten sollten zwei neue Jäger aufgenommen werden
»Der eine wird in den nächsten Tagen aus München kommen Er ist ein
abgestrafter Wilddieb aber ich weiß er wird ein braver Mensch und verlässlicher
Jäger werden Und ich erwarte dass ihm keiner von euch aus seiner Vergangenheit
einen Vorwurf machen wird Nehmt ihn als guten Kameraden auf er hat aus
Leidenschaft gefehlt und das ist verzeihlich In diesem milderen Sinne will ich
in meinen Revieren auch den Schutz geführt wissen Tretet jedem ungesetzlichen
Eingriff mit Strenge entgegen aber erspart euch und mir die Folgen jähzorniger
Übereilung Ich will edles Weidwerk pflegen und in meinen Revieren den Boden
grün erhalten Und was den zweiten Jäger betrifft Hornegger Glauben Sie dass
mit Patscheider zu reden wäre Der Mann war tüchtig ich möcht ihn gerne
wiedergewinnen«
»Mar und Joseph Herr Graf« stotterte Franzl in Freude »an einzigs Wörtl
und der Michl springt wie narrisch Ich weiß er hat Heimweh«
»Gut sprechen Sie mit ihm Sie haben freie Hand Hornegger Und nicht nur
in dieser Frage Sie sind von heut an mein Förster der Leiter meiner Jagd Es
war der letzte Wille meines Vaters seine Jagd im besten Stand zu erhalten Für
die streng weidmännische Erfüllung dieses Wunsches weiß ich mir keinen Besseren
als Sie lieber Hornegger Sie haben mein volles Vertrauen und Ihr Wort hat den
Jägern zu gelten wie das meine Auf Wiedersehen im nächsten Jahr«
Tassilo empfing den festen Druck dieser braunen Fäuste dann gingen die
Jäger nur Franzl blieb noch er stand wie angewurzelt drehte den Hut zwischen
den Händen und rang nach Worten »Herr Graf Herr Graf « Mehr brachte er nicht
heraus
»Schon gut Franzl« Tassilo legte ihm die Hand auf die Schulter »Und wie
stehts daheim«
In Franzls Augen wurde die Freude zu Wasser »Allweil im gleichen Noch
allweil net besser Der Herr Doktor macht schieche Augen an dös gute Madl hin«
»Jetzt nicht mehr« klang eine Stimme von der Tür Doktor Eisler war
eingetreten »Ich komme gerade zu gutem Trost wie mir scheint Munter lieber
Hornegger Das Mädel hats überklettert das Fieber sinkt« Er fügte bei dass es
noch ein paar Tage dauern könnte bis die Kranke aus der Bewusstlosigkeit
erwachen würde Aber das hörte Franzl nimmer Mit stammelndem Laut hatte er
einen Sprung zur Tür gemacht den Abschied von seinem Herrn und den schicklichen
Dank für die gute Botschaft des Doktors vergessend stürzte er in den Flur
hinaus stieß mit der Schulter an eine Säule der Veranda dass er taumelte
sprang über die Stufen hinunter und rannte und rannte
Doktor Eisler blieb bis zu Tassilos Abfahrt Was sie miteinander zu reden
hatten betraf den »guten Jungen« der nicht einsam und getrennt vom Vater im
Friedhof des Dorfes schlummern sollte Auch er sollte die Heimkehr finden in die
Erbgruft seines Geschlechtes
Der Abend war lau und sanftes Geflüster ging durch das Laub der Ulmen als
Tassilo sich von Doktor Eisler verabschiedete und in den Wagen stieg Seine
Augen glitten über die stillen Fenster des Schlosses über den weiten Park und
zu den Bergen hinauf deren Höhen vom Goldglanz des Abends so klar beleuchtet
waren dass man jeden Baum und jeden einzelnen Felsblock unterscheiden konnte In
reiner Schönheit zeichneten sich die schimmernden Grate vom tiefen Blau des
Himmels ab und ihre Schatten milderten sich im Duft der farbigen Lüfte
Zwei Tage später wurde im Friedhof ein grün überwachsenes Grab geöffnet Und
während hier die Tragödie des Schlosses ihre letzte Szene fand nahm an anderer
Stelle ein Satyrspiel der Bauernstube seinen Anfang
Im Steinbruch stand der PointnerAndres vor dem mit Quadern beladenen Wagen
er wollte mit der Ladung zur Bahn fahren hatte die Pferde zur Deichsel geführt
und entwirrte gerade den ledernen Leitstrang um den Riemen in die Zäume
einzuschnallen Da ging eine junge Dirn vorüber sie lächelte ganz merkwürdig
als sie den Pointner gewahrte der mit verdrossenem Gesicht an den Schlingen des
Riemens nestelte ein paarmal guckte sie kichernd über die Schulter und an der
Waldecke blieb sie stehen und rief dem Pointner lachend zu »Du Andresl mir
scheint du hast was Schöns mit der Post kriegt Ja Grad hab ich den Biamtn bei
dir daheim einkehren sehen der hat a blaus Röckerl an« Kichernd verschwand
sie
Eine Weile stand der Pointner regungslos den Kopf mit dem Stiernacken
vorgestreckt die Augen funkelnd dann drehte er dem Gespann den Rücken und mit
dem verschlungenen Riemen in der zitternden Faust ging er langen Schrittes dem
Dorfe zu Als er sich seinem Gehöfte durch die Gärten näherte gewahrte er dass
eine Magd sein Kommen bemerkt hatte und erschrocken in das Haus rannte Er
änderte die Richtung seines Weges und statt die Haustür zu suchen lief er um
den Stall herum zu dem Hintertürchen das aus der Küche ins Freie führte Da
hörte er schon das Gewisper einer Stimme und das Klirren des Riegels Die Tür
wurde aufgerissen und einer im »blauen Röckerl« wollte das Weite suchen Aber
der Pointner hatte schon die Faust geschwungen Die Riemen pfiffen Und auf dem
Gesicht des Herrn Postpraktikanten der halb bewusstlos gegen den Düngerhaufen
taumelte brannten drei dunkelrote Striemen Was weiter mit dem Gezeichneten
geschah schien den PointnerAndres nicht zu kümmern Er hatte in der dunklen
Küche einen kreischenden Laut gehört und war mit einem Sprung über der Schwelle
Zwei Türen krachten ins Schloss ein Gepolter und Geklirr ließ sich
vernehmen als wäre ein Tisch umgefallen und ein Haufen Geschirr zu Boden
gestürzt Und trotz der geschlossenen Fenster klangen aus der Stube des
Pointnerhofes zeternde Schmerzensschreie so laut in den Hofraum und auf die
Straße dass die Dienstboten zusammenliefen und die Nachbarsleute aus den Häusern
sprangen Nach einer Weile wurde es in der Stube des Pointners still ganz
still Mit rotem Gesicht trat der Bauer aus der Haustür Er schien die
Dienstboten nicht zu sehen die sich in Stall und Scheune verzogen Schmunzelnd
hob er die Faust betrachtete den Riemen und atmete erleichtert auf »Mein
lieber Herrgott ich dank dir dass ich bloß den Riem in der Hand gehabt hab Und
net die Brechstang Jetzt hätte ich nimmer gfragt mit was ich zuschlag« Er
blies die Backen auf und ging zur Straße
Vor dem Zaun des Försterhofes stand die Horneggerin mit dem Netterl auf den
Armen »Aber Andres Andres« rief sie den Bauer an »Du wirst doch um Gottes
willen dein Weib net prügelt haben«
»Und ghörig auch noch« lautete die ruhige Antwort »Sie hats verdient Und
gsunde Schläg dös is noch s einzige was ihr Mores beibringt Ihr Vater hats
versäumt Jetzt hab ichs wieder eingholt Heut hat s Respekt vor mir Heut hat
s betteln können Verzeih mirs Andres verzeih mir lieber Andres Jaaa
lieber hat s gesagt Pass auf Nachbarin aus der mach ich noch die Brävste
Jetzt weiß ich was hilft bei ihr Pass auf die kriegt mich noch gern«
Der Pointner ging seiner Wege und lachte Dieses Lachen kam ihm freilich
nicht ganz von Herzen Es war aber doch ein Lachen aus dem es wie Hoffnung
klang
Kopfschüttelnd sah die Horneggerin dem Bauern nach und kehrte zur Haustür
zurück das kraushaarige Köpfchen des Kindes streichelnd das im Halbschlaf an
ihrer Schulter lag mit roten Pausbacken und rund gepolsterten Händchen Noch
hatte die Försterin die Tür nicht erreicht als Franzl mit brennendem Gesicht
aus dem Flur geschossen kam
»Mutter Gib mir s Kind her D Mali wacht auf Sie muss uns alle gleich im
ersten Augenblick sehen uns alle miteinander Komm Mutter komm«
Er hatte der Mutter das Netterl vom Arm gerissen und rannte ins Haus zurück
Vor der Kammertür blieb er stehen und atmete tief Lautlos trat er ein und das
Kind umschlungen haltend ließ er sich auf den Sessel nieder der zu Füßen des
Bettes stand
Ruhig schlummerte Mali in den geblumten Kissen die schmal gewordenen Wangen
waren überhaucht von einer matten Röte die noch die letzte Glut des weichenden
Fiebers und schon der erste Schimmer der wiederkehrenden Gesundheit war Fast
glich das Gesicht der Kranken einem schmächtigen Knabengesicht umrahmt von
kurzgeschnittenem Haar auf den Rat des Arztes waren die dicken schweren
Flechten der Schere zum Opfer gefallen
Manchmal regten sich die weißen Finger auf der roten Decke und unter einem
tieferen Atemzug bewegte die Schlummernde den Kopf
Jetzt schlug sie die Augen auf
Es war ein freundliches Bild das ihr erster Blick umfasste Franzl mit
lachendem Gesicht auf seinen Armen das Netterl das große Augen machte und
hinter den beiden die vergnügte Försterin
Ein Lächeln und Mali schloss unter tiefem Seufzer die Augen wieder
»s Madl meint sie träumt« lispelte die Horneggerin ihrem Buben zu
So flüsternd das gesprochen war es hatte doch den Weg zum Ohr der
Erwachenden gefunden
Ihre Lider hoben sich die Augen schienen zu wachsen und ein Zittern rann
durch ihre Arme
Mit zärtlicher Scheu legte Franzl seine braune Hand auf diese blassen
Finger da fuhr die Erwachte aus den Kissen auf ein feiner wunderlicher Laut
erschütterte ihre Brust und wie in Bangen dass zu Luft zerrinnen könnte was
ihre Blicke schauten umklammerte sie die Hand des Jägers
Durch die kleine weiße Stube ging auf leisen Sohlen der Engel eines großen
Glückes