Gustav Freitag
Die Ahnen
Ingo und Ingraban
Ingo
Im Jahre 357
Auf der Berghöhe stand an dem Verhau das die Wälder der Thüringe von den Katten
schied der junge Wächter und hütete den steilen Pfad welcher aus den Gründen
der Katten nach der Höhe führte Über ihm ragte der Wipfel einer mächtigen
Buche nach beiden Seiten lief der Grenzzaun den Kamm der Berge entlang in dem
dichten Gestrüpp blühten die Brombeeren und die wilde Rose Der Jüngling trug
den Wurfspeer in der Hand auf dem Rücken am Riemen ein langes Horn nachlässig
lehnte er an dem Baum und horchte auf die Stimme des Waldes den pickenden
Specht oder das leise Rasseln in den Zweigen wenn sich ein Waldtier durch das
Dickicht wand Zuweilen sah er ungeduldig nach der Sonne und wandte den Blick
zurück wo hinter ihm in ferner Tallichtung Blockhäuser und Gehege für
Herdenvieh lagen
Plötzlich bog er sich vor und lauschte auf dem Pfad vor ihm klang leiser
Fußtritt durch das Baumlaub wurde die Gestalt eines Mannes sichtbar der mit
schnellem Schritt zu ihm heraufstieg Der Wächter drehte den Riemen des Hornes
und fasste den Speer zum Wurfe als der Mann aus dem Gehölz auf den freien
Grenzrand trat rief er ihn an die Spitze des Wurfspeers entgegenhaltend
»Steh Waldgänger und singe den Spruch der dich von meinem Eisen löst« Der
Fremde schwang sich hinter den letzten Baum seiner Seite streckte die geöffnete
Rechte vor sich und sprach hinüber »Ich grüße dich friedlich ein Landfremder
bin ich unkundig der Losung«
Misstrauisch rief der Wächter ihm entgegen »Du kommst nicht wie ein
Häuptling mit Ross und Gesinde du trägst nicht den Heerschild eines Kriegers
auch scheinst du nicht ein wandernder Krämer mit Pack und Karren« Und der
Fremde rief zurück »Weit komme ich her über Berg und Tal mein Ross verlor ich
im Wirbel des Stromes ich suche das Gastrecht in deinen Höfen«
»Bist du ein wildfremder Mann so musst du harren bis meine Genossen dir das
Land öffnen Unterdes gib mir Frieden und nimm ihn von mir«
Die Männer hatten einander mit scharfen Augen beobachtet jetzt lehnten sie
ihre Speere an die Grenzbäume traten in den freien Raum und boten die Hände
Beim Handschlag prüfte einer des andern Antlitz und Gebärde Der Wächter blickte
mit ehrlicher Bewunderung auf den mächtigen Arm des Fremden der wenige Jahre
älter war als er selbst auf die feste Haltung und die stolze Miene
»Nicht mühelos wäre der Schwertkampf mit dir auf grünem Rasen« sagte er
treuherzig »ich bin fast der längste Mann unserer Metbank und doch muss ich zu
dir hinaufsehen Sei gegrüßt unter meinem Baum und ruhe indes ich deine Ankunft
verkünde«
Während der Fremde sorglos der Einladung folgte hob der Wächter sein Horn
an den Mund und blies einen lauten Ruf in die Täler seines Volkes Die wilden
Klänge tönten im Widerhall von den Bergen Der Wächter schaute nach den Hütten
der fernen Lichtung und nickte zufrieden mit dem Kopf denn um die Häuser wurde
eine Bewegung sichtbar nach kurzer Zeit eilte ein Reiter der Höhe zu »Nichts
über einen starken Hall aus Auerhorn« sprach er lächelnd und glitt neben dem
Fremden in das Heidekraut während sein schneller Blick den Aushau des Waldes
entlang und in das fremde Tal vor ihm flog »Sprich Wandrer ist vielleicht ein
Verfolger auf deiner Fährte oder hast du sonst Krieger im Walde gesehen«
»Nichts schallt im Walde als was hineingehört« versetzte der Fremde »kein
Spürer der Katten achtete auf meinen Pfad seit sechs Nächten und Tagen«
»Die Söhne der Katten kommen blind zur Welt wie junge Hunde« rief der
Wächter verächtlich »Dennoch meine ich dass du dich gut auf Waldversteck
verstehst wenn du ihre Wachen vermieden hast«
»Vor mir war Licht hinter mir Finsternis« antwortete stolz der Fremde Der
Wächter sah mit Anteil auf den Mann in dem gebräunten Antlitz war jetzt
deutlich die Erschöpfung zu sehen der Leib lag schwer gegen den Baumstamm Eine
Weile überlegte der Wächter »Hattest du die Rache der Katten zu fürchten so
hast du wohl auch tagelang Feuer und Rauch entbehrt und üble Reisekost gefunden
denn der Wald bietet jetzt nicht einmal Beeren und wilde Frucht Sieh ich
gehöre zur Bank des Häuptlings nicht weiß ich ob er dir sein Brot und Salz
reichen wird aber hungernden Mann im Walde mag ich nicht schauen Nimm und iss
aus meinem Ranzen« Der Wächter griff hinter den Baum holte eine Tasche von
Dachsfell hervor und bot darin Schwarzbrot und Fleisch Der Fremde sah ihn
dankbar an aber er schwieg Da hielt ihm der Wächter ein kleines Horn entgegen
öffnete den Holzdeckel und mahnte freundlich »Nimm auch das Salz unter dem
Baum ist mein Heimwesen hier bin ich der Wirt« Der Fremde fasste danach
»Gesegnet sei dir die Gottesgabe wir sind Freunde« Er aß kräftig der Jüngling
sah ihm zufrieden zu
»Wenn die milde Sonne ihre Strahlen durch das Baumlaub sendet dann ist dein
Wächteramt froher Dienst« begann der Fremde endlich das Gespräch »wenn aber
der Wald tobt in der Sturmnacht dann bedarf der Waldhüter Mut«
»Der Grenzrain hier ist den guten Göttern des Volkes geweihet« versetzte
der Wächter »von beiden Seiten rinnen die heiligen Quellen hinab in die Täler
wir Waldleute aber sind vertraut mit dem Nachtgesang der Bäume«
»Du bist jung an Jahren« fuhr der Fremde fort »dein Herr schenkt dir
großes Vertrauen dass er dem Einsamen die Sorge um die Landesmark überlässt«
»Es stehen der Männer mehr an dem Grenzzaun« erklärte der Wächter »Wir
besorgen wenig von einem Einbruch der feindlichen Haufen durch den Bergwald
denn schwer wird es dem Fuß des Fremden über Fels und Waldbach in die Gehege zu
dringen Aber das Gerücht kündet dass vor kurzer Zeit ein heißer Krieg an der
Römergrenze entbrannt ist zwischen den Alemannen und dem Cäsar den sie Julianus
nennen und vor zehn Tagen fuhr bei uns zur Nachtzeit das wilde Heer des Gottes
durch die Luft« er sah scheu in die Höhe »seitdem wahren wir die
Landesmark«
Der Fremde wandte das Haupt und blickte jetzt zum erstenmal hinüber nach dem
Heimatland seines Gefährten In vielen Reihen zogen sich die langgeschwungenen
Berghöhen hintereinander querdurch führte ein tiefes Tal da wo es sich zu der
Lichtung erweiterte glänzte im Sonnenlicht der Schaum des Waldbachs
»Und jetzt lass mich wissen Gutgesell wessen Zeichen du trägst und wohin
deine Weisung mich führt«
»In allen Tälern welche dein Auge sieht und weiter bis in die Ebene hinab
waltet als Häuptling Herr Answald der Sohn Irmfrieds welchem auch ich diene«
»In der Fremde vernahm ich dass ein großer König über das Volk der Thüringe
herrscht sie nannten ihn König Bisino« versetzte der Wanderer
»Du hast das Richtige gehört« bestätigte der Jüngling »Aber dies Waldland
hier ist frei unter seinem eigenen Herrengeschlecht seit alter Zeit und der
große König des Landes ist zufrieden dass wir ihm die Grenze hüten und jedes
Jahr Rosse an seinen Hof senden Wenig sorgen wir Waldleute um den König und
unser Herr Answald geht nur selten zu Hofe nach der Königsburg«
»Und zählt König Bisino eure Rinderherden nicht die ich dort bei den Hütten
sehe« fragte der Fremde wieder
»Hm es war einmal Waffenlärm in den Dörfern weil der König seine Eber
unter unsern Eichen mästen wollte auch kam dem König das Gelüst den wilden
Ochs in unsern Wäldern zu jagen aber man hat nichts mehr davon gehört«
Der Fremde sah ernstaft in das Tal hinab »Und wo ist der Hof deines
Herrn«
Der Wächter wies die Tallücke entlang »Er liegt am Ausgang der Berge für
einen schnellen Wandrer drei Stunden talab uns aber trägt ein Ross von der Weide
in kürzerer Zeit dorthin Hörst du den Hufschlag Das Horn hat meinen Gesellen
verkündet dass ein Fremder zu geleiten ist der mich ablöst kommt«
Den Bergweg trabte ein Reiter herauf ein stattlicher Jüngling dem Wächter
ähnlich an Antlitz und Gebärde er schwang sich vom Pferde und sprach leise mit
seinem Gefährten Der Wächter übergab ihm das Horn warf die Ledertasche über
die Schulter und bot das Pferd dem Fremden »Ich folge deinem Schritt« sagte
dieser ablehnend er grüßte mit Hand und Haupt den neuen Wächter der ihn
neugierig betrachtete und wandte sich mit seinem Führer dem Tale zu
Steilab führte der schmale Pfad zu dem gewundenen Lauf des Giessbaches
zwischen Baumriesen deren lange Moosbärte grausilbern im Sonnenlicht glänzten
über Wurzeln die wie riesige Schlangen auf dem Weg lagen und sich in hohem
Bogen wanden wo das Geröll welches ehedem unter ihnen lag vom Wasser
fortgespült war Am Rand des Baches hemmte Treibholz und gehäufte Menge
trockener Binsen dort hatte im Frühjahr die Wucht des Wassers geworfene Stämme
an die Seite gefegt dass sie wild durcheinanderlagen mit entlaubten Ästen aber
das Messer der Waldleute hatte einen schmalen Weg durch das Gewirr der Reiser
gehauen Mit beflügeltem Schritt eilten die Männer talab sie sprangen in weitem
Schwunge von Stein zu Stein von Baum zu Baum vorauf der junge Wächter oft
schwang er sich hoch durch die Luft wie ein Federball im Wurfe talab gesendet
lustig hüpft und wo ein breites Rinnsal den Gang hinderte wiederholte er den
Sprung nach rückwärts um seinem Gefährten Mut zu machen
Dem Ross hatte er den Zügel über den Hals geworfen folgsam wie ein Hund
sprang es dem Manne nach auch dem Hengst war der unebene Weg zum Spiele
Zufrieden maß der Wächter mit den Augen einen starken Schwung den der Fremde
über den Giessbach getan hatte und betrachtete darauf die Fußtritte auf dem
weichen Grund »Du schreitest mächtig für einen müden Mann« sagte er »mich
dünkt du hast wohl schon früher weite Sprünge auf blutiger Heide gewagt An
deiner Spur sehe ich dass du von unserem Volke bist denn die Spitze des Fußes
strebt auswärts und stark drückt der Ballen Vordem hielt ich dich nach deiner
Rede für einen fremdländischen Mann Hast du einmal Römertritte geschaut«
»Sie schreiten mit kleinem Fuß und kurzem Schritt auf ganzer Sohle wie müde
Leute«
»So sagen auch unsere Männer die im Westen waren Ich habe bisher nur
waffenlose Händler des schwarzhaarigen Volkes gesehen« fügte er entschuldigend
hinzu
»Mögen die Schicksalsfrauen den Römerfuss von eurem Grunde fernhalten«
antwortete der Fremde
»Du sprichst wie unsre Alten wir Jungen aber denken kommen sie nicht zu
uns so kommen wir wohl zu ihnen denn wundervoll soll ihr Land sein alle
Häuser von buntem Stein das ganze Jahr mildes Sonnenlicht und im Winter grüne
Erde der süße Wein gemeiner als Dünnbier von Silber die Sessel und Bänke die
Mädchen tanzen im Goldschmuck und seidenem Gewand und der Krieger ist ein Herr
der ganzen Pracht«
Vergebens erwartete der Wächter die Antwort des Fremden sie schritten eine
Weile stumm nebeneinander endlich fasste der Jüngling das Ross beim Zügel »Hier
wird die Talfahrt wegsamer steig auf dass wir vor abends ans Ziel kommen« Der
Fremde legte die Hand auf den Widerrist des Pferdes und sprang wuchtig in den
Sitz der Führer nickte zufrieden und pfiff leise das Ross trug den Reiter in
großen Sätzen talab der Jüngling lief zu Fuß nebenher seinen Speer schwingend
und bisweilen dem Ross zujauchzend welches dann den Kopf zu ihm wandte und zur
Antwort wieherte
»Wer sind die Weiber dort in hellen Gewändern« fragte der Fremde als sie
nahe der Lichtung auf einer Höhe anhielten und in das Gehege sahen »Hui« rief
der Wächter »die Mägde vom Herrenhofe sind gekommen dort ist Fridas braune
Kuh hörst du die schöne Schelle die ihr am Halse hängt und dort ist das
Mädchen selbst« Sein gerötetes Gesicht verriet dass ihm die Begegnung
erfreulich war
»Sieh die alten Hütten in ihnen wohnt der Rinderhirt im Sommer ziehen die
Rinder des Dorfes auf Waldweide und unsere Mädchen kommen und holen die Arbeit
des Kellers nach dem Herrenhofe Dort drüben aber im Buchenwalde haust der
Schweinhirt mit seinem Volk es gibt nicht schönere Mast im Lande soweit die
Sonne scheint« Sie betraten die Lichtung der Wächter entfernte die Stangen
welche den Eingang zum Rinderpferch verlegten und der Fremde ritt in den
umhegten Raum wo die Kühe brüllend umherliefen während die Frau des Hirten mit
ihren Mägden das Milchgerät zum kühlen Keller trug der aus Stein und Moos
gefügt abwärts von der Sonne lange Reihen der Milchschüsseln bewahrte »Gutes
Glück Fremdling« rief der Wächter »unser Herrenkind Irmgard ist selbst
hier um nach der Herde zu sehen wird sie dir hold so kannst du guter Pflege
gewärtig sein«
»Welche ist es die du mit Namen nennst« fragte der Fremde
»Dort befiehlt sie den Mägden du kennst sie leicht heraus« Die Jungfrau
stand bei dem Karren der mit zwei Stieren bespannt den Gewinn der Milchkammer
zum Herrenhof fahren sollte festgeschlagene Butter in Fässern vom Holz des
wilden Pflaumenbaums und kümmelgewürzten Käse in grüne Blätter gepackt
»Geh zu ihr Gesell und künde dass ein Fremder bittend naht Ich scheue
mich das Kind deines Herrn anzureden solange mir der Vater nicht den Herdsitz
gestattet hat Und da du freundlich gesinnt bist sprich gut von mir soweit du
vermagst« Der Fremde sprang vom Pferde und neigte sich der Jungfrau aus der
Ferne
Frei ringelten die gelben Locken um ihre hohe Gestalt sie umsäumten die
kräftigen Formen des jugendlichen Antlitzes und wallten lang herab bis an die
Hüften Ein silberbeschlagener Gürtel hielt das weiße Linnengewand zusammen
darüber trug sie ein kurzes Oberkleid von feiner Wolle zierlich mit der Nadel
gestickt über dem Handgelenk der nackten Arme goldene Ringe Aus großen Augen
sah sie nach dem Fremden hinüber und erwiderte mit leisem Kopfnicken den
ehrerbietigen Gruß
Der Wächter trat zu dem Herrenkind »Der Fremde sucht eine Ecke an unserer
Bank und eine Herdstelle für sein wegemüdes Haupt ich geleite ihn zum Hofe dass
der Herr über sein Schicksal entscheide«
»Wir geben dem Wanderer Rast den die Götter uns senden Wer er auch sei ob
gut oder arg der bittend unserem Herde naht drei Tage hat er Gemach dann
fragt der Vater ob er ein gerechter Mann ist und unseres Daches nicht unwert
Denn du weißt es ja selbst Wolf viel wildes Volk zieht elend durch das Land
und trägt den Fluch der an seinen Schritten haftet in das Haus des ehrlichen
Mannes«
»Er sieht aus wie einer der sich ehrlich hält gegen Freund und Feind«
sprach der Wächter
Die Jungfrau warf einen flüchtigen Blick auf den Fremden »Wenn er sich so
bewährt wie du sagst so mögen wir uns seiner Ankunft freuen Reich ihm den
Krug mit Milch Frida«
Der Fremde trank und als er den Krug dankend an Frida zurückgab sagte er
»Segen über deine milde Hand Der erste Gruß im Lande war willig von
warmherzigem Manne geboten der zweite hier sei mir eine Verkündigung dass ich
auch im Herrenhause den Frieden finde nach dem ich mich so leidvoll sehne«
Unterdes hatte der Wächter für sich eins von den Rossen eingefangen welche
in besonderem Gehege sprangen Während er sich anschickte aufzusitzen trat die
rotwangige Frida zu ihm »Glück hattest du Wolf im Schlafe« spottete sie »an
dem Grenzdorn ist da du ruhtest ein fremder Vogel hängengeblieben Wie war
dein Schlummer Wächter auf dornigem Lager«
»Die Eule ließ mich nicht schlafen sie stöhnte über Frida die bei Nacht am
Zaune steht und rüttelt um zu erfahren von wannen ihr ein Hausherr kommen
wird«
»Ich aber sah einen Stieglitz auf dürrem Strauch der sammelte alte
Distelwolle zu einem Ehebett für den reichen Wolf«
»Und ich weiß eine Stolze« versetzte Wolf zornig »welche Veilchen zertrat
die sie suchen sollte und dabei in die Nesseln fiel«
»In die Nesseln deines Ackers nicht du dummer Wolf« versetzte Frida
zornig
»Ich kenne eine der ich den Ball nicht zuwerfe beim nächsten Reigen«
antwortete Wolf
»Wenn der Wolf tanzt fliegen die Gänse auf den Baum und lachen« spottete
Frida
»Winde dir ein Kränzlein aus Haferstroh Jungfer Gans« rief Wolf vom Pferde
zurück und trabte abwärts mit dem Fremden der sich zartfühlend auf die Länge
eines Speerwurfes von diesem Wechselgespräch entfernt hatte
»Er ist ein unartiger Knabe« klagte Frida der Herrin
»Aus dem Walde schallte zurück was du hineingerufen« antwortete diese
lachend Und dem fremden Reiter nachsehend fuhr sie fort »Er sieht aus wie ein
Herr über viel Volk«
»Und doch war sein Bundschuh zerrissen und die Jacke so reisemüde« sagte
Frida
»Meinst du dass der Fels nur die Füße des armseligen Wanderers schneidet
Wer weiter kommt von dem glauben wir dass er viel gesehen hat und viel gewagt
es tut uns leid wenn er ein arger Mann geworden ist aus Begehrlichkeit und Not
und wir wollten ihm gern Frieden geben wenn wir es vermöchten«
Die Sonne ging zur Rüste und die Bäume warfen lange Schatten auf den Weg
als die Reiter das Ende des Talgrundes erreichten An beiden Seiten wichen die
Berge zurück längs dem Bache breiteten sich helles Gras und bunte Wiesenblumen
ein rotaariger Fuchs fuhr vor ihnen über den Pfad »Der Rotkopf weiß dass die
Menschenwohnungen nahe sind« sagte der Wächter »er schleicht am liebsten wo
er den Hofgesang der Hähne hören kann«
Vor ihnen lag im Abendlicht das Dorf von Graben und baumbesetztem Wall
umschlossen durch die Lücken der Bäume sah man hier und da die weißen Giebel
unter braunem Strohdach und kleine Rauchwölkchen die aus den Dächern
aufstiegen Seitwärts vom Dorfe erhob sich auf kleiner Anhöhe der Herrenhof mit
besonderem Pfahlwerk und Graben umgeben über die zahlreichen Häuser und Ställe
des Hofes ragte hoch das Dach des Saals der First mit schön geschnitzten
Hörnern
Auf dem Wiesengrund vor ihnen übte sich eine Schar Knaben im Kampfspiel sie
hatten ein hohes Gerüst gestellt und schwangen sich der Reihe nach hinauf und
jauchzend wieder herab Als die Reiter nahten rannte der Haufe an den Weg und
starrte trotzig auf den fremden Mann Der Wächter rief einen Knaben und sprach
leise zu ihm der Knabe flog wie ein junger Hirsch in großen Sprüngen dem
Herrenhofe zu während die Reiter mit Mühe den Schritt ihrer unruhigen Pferde
bändigten Auf der Dorfstraße tanzten im Staube die kleinen Kinder den
Ringelreigen die Knaben nackt bis auf die Wolljacke die kleinen Mädchen im
weißen Hemde sie stapften barbeinig im Staube und sangen Der Ring löste sich
als die Reiter herankamen an den Luken der Dorfhäuser wurden Frauenköpfe
sichtbar aus jeder Tür sprang eine Schar blauäugiger Kinder auch Männer traten
an die Tür und musterten mit Falkenblick das Aussehen des Fremden und der
Wächter verfehlte nicht seinen Begleiter zu ermahnen dass er hierhin und
dorthin schaue und die Hausbewohner vom Pferde grüße »denn« sagte er
»freundlicher Gruß öffnet die Herzen und du magst die Gunst der Nachbarn bald
gebrauchen«
Unterdes war der Knabe in den Herrenhof gelaufen Fürst Answald saß in der
Holzlaube dem schattigen Vorbau des Herrenhauses er selbst war ein hoher Mann
breitschultrig mit offenem Antlitz unter seinem grauen Haar er trug die
wollene Hausjacke über dem Hemde mit Biberfell besetzt seine Lederstrümpfe mit
bunten Riemen geschnürt und nur die würdige Haltung und die Ehrfurcht mit
welcher die anderen zu ihm sprachen ließ erkennen dass er der Wirt war So
saß er umgeben von seinen Bankgenossen und schaute zufrieden auf zwei
wohlgenährte Stiere welche von den Knechten vorbeigetrieben wurden weil sie zu
Opfertieren ausgewählt waren für ein bevorstehendes Festmahl der Landgenossen
Der Knabe drängte sich behend an einen alten Mann mit klugem Gesichte der zur
Linken des Häuptlings stand und den Worten des Herrn höflich Antwort zu geben
wusste und kündete leise seine Botschaft »Der junge Wolf führt einen Fremden
her« berichtete der Alte auf den fragenden Blick des Herrn »der Mann kam ohne
Geleit der Katten ohne Ross und Kriegskleid ein einzelner Mann aus dem Elend
er sucht das Gastrecht«
»Bereitet ihm den Gruß in der Halle« befahl Herr Answald gleichmütig und
gab seinen Mannen ein Zeichen dass sie sich entfernten Und zu seinem Vertrauten
sprach er »Mit Sorgen seh ich die fremden Strolche Seit am Rhein der
Römerkrieg aufgebrannt ist fliegen heiße Funken durch das Land und mancher
Gesell der Gewalttat gelitten schweift durch die Länder und übt Frevel in
bitterem Hasse«
»Kommt er als Flüchtling aus dem Süden so mag er Kunde wissen von dem
Römerkrieg«
»Er mag auch römische Untreue in das Land tragen Die welsche Sitte
schleicht wie eine Pest durch unsere Täler sie hat die Burgen der Könige mit
Übermut gefüllt Auch unsere Herren möchten im Purpurkleide prangen und
schurkische Leibwächter füttern die ihr Messer dem freien Mann in den Rücken
stoßen wenn sein Antlitz ihrem Herrn verleidet ist Doch komm wer auch der
Fremde sei was einem darbenden Mann gebührt soll ihm werden Du aber sorge
durch kluge Rede sein Geheimnis zu ergründen«
Der Häuptling trat in das Haus und setzte sich auf den Herrensitz der
geschnitzt aus Eichenholz der Tür gegenüberstand belegt mit dem schwarzen Fell
eines jungen Bären Die Füße des Herrn ruhten auf einem Schemel in der Hand
hielt er den weißen Herrenstab
Draußen am Hoftor stiegen die Reiter ab der Fremde lehnte seinen Speer an
den Pfosten und setzte sich schweigend auf den Sitz außerhalb des Tores Der
Sprecher trat heraus und lud ihn mit feierlichem Gruß vor den Herrensitz Der
Fremde trat hoch aufgerichtet auf die Schwelle des Hauses er und der Häuptling
blickten einander einen Augenblick forschend an und beiden gefiel was sie
sahen
»Heil dir Fürst Answald Irmfrieds Sohn«
»Heil sei auch dir« klang es vom Herrensitz zurück
»Spende wegemüdem Mann den Trunk aus deinem Born die Frucht von deiner
Flur den Schirm deines Daches Ich komme freundlos heimatlos und schutzlos zu
deinem Herde verleihe mir was dem Wanderer das Gastrecht deines Volkes
gewährt«
Hildebrand trat vor und sprach »Der Fürst verleiht dir nach des Volkes
Brauch drei Tage Rast drei Tage Kost dann fragt der Fürst das Volk nach seinem
Willen Tragt ihm den Sitz zum Herd ihr Knaben und bietet ihm die Gaben der
Götter«
Drei Jünglinge trugen das Gerät der eine den Schemel auf dem der Fremde
niedersass der andere in zwei Schalen Brot und Salz der dritte einen Holzkrug
mit dunklem Bier gefüllt Dieser bot den Trunk zuerst dem Fürsten der den Krug
mit den Lippen berührte dann dem Fremden Darauf gab der Sprecher dem Gefolge
einen Wink und alle verließen den Raum
»Und jetzt Wanderer« begann Hildebrand zu den Füßen des Fürsten
niedersitzend mit vertraulichen Worten »da du Sicherheit gewonnen hast für
Leib und Glieder so gib auch uns Bericht soweit du vermagst wenn du etwas
hinter unseren Bergen geschaut und gehört hast was uns zum Nutzen sein kann und
dir nicht zum Schaden Denn es ist sorgenvolle Zeit und der vorsichtige Wirt
müht sich Kunde zu holen von bewanderten Männern Willst du erzählen wenn die
Götter dir verliehen haben dass sich deine Worte willig auf der Zunge zueinander
fügen oder soll ich fragen was zu erfahren uns not tut«
Der Fremde erhob sich »Ich trage Kunde die das Herz der Männer bewegt
nicht weiß ich ob sie euch Freude bereitet oder Trauer Eine Schlacht ist
geschlagen die größte seit Menschengedenken Die Wölfe heulen auf der Walstatt
und die Raben fliegen über das Gebein der Alemannen denen unser Gott den Sieg
versagt hat Die Franken haben dem Römer die Schlacht gewonnen die Könige der
Alemannen Hnodomar und Atanarich sind gefangen mit ihnen viele Königskinder
die Heerscharen des Cäsar brennen in den Tälern des Schwarzwaldes bis an den
Main und treiben die Gefangenen zu Hauf Der Cäsar ist mächtig geworden über das
Grenzland man sagt dass die Katten Gesandte in sein Lager geschickt haben um
ein Bündnis zu bieten«
Ein tiefes Schweigen folgte diesen aufregenden Worten Fürst Answald sah
finster vor sich nieder auch Hildebrand hatte Mühe seine Bewegung zu
verbergen
»Wir haben Frieden mit Römern und Alemannen« sagte er endlich vorsichtig
»und der Thüring fürchtet nicht die Macht des Cäsar Du selbst aber warst wie
ich erkenne in der Nähe als die Schlacht geschlagen wurde und du hast seitdem
die Dörfer der Katten gemieden die doch wie du sagst den Römern wohlgeneigt
sind Ich frage dich nicht wem du den Sieg gewünscht hast«
»Ich gebe Bescheid ohne Frage« rief der Fremde stolz »ich habe nicht
Römersold genommen«
Ein Strahl von Wohlwollen brach aus den Augen des Häuptlings »Du bist kein
Alemanne« sagte er »du bist nach deiner Sprache von den Kindern unseres
Gottes die fern im Osten wohnen«
»Ein Vandale von der Oder« versetzte der Fremde rasch
»Es ist ein weiter Weg von deinem Heimatland bis zu der Walstatt am Rhein
Wanderer Hat auch dein Volk seine Krieger in den Streit gesendet«
»Ich kam an den Rhein ohne meine Landgenossen ein schweres Geschick trieb
mich aus meiner Heimat Flur«
»Ein schweres Geschick bereitet ein Gott oder des Mannes trotziger Mut Möge
dein Herz nicht bedrücken was dich aus der Heimat gescheucht hat«
Der Fremde neigte dankend das Haupt »Des Gastes Sorge ist dass er seinem
Wirt gefalle verzeih wenn ich suche was dir den Fremden vertraulich macht
Ich habe in meiner Heimat ein Lied des Sängers gehört dass zu der Väter Zeit ein
Held aus Türingeland unter den Kriegern meines Volks gegen die Römer kämpfte
weit südwärts an der Donau Irmfried war sein Name«
Der Fürst richtete sich im Sessel hoch auf und sprach »Seine Hand lag
segnend auf meinem Haupt er war mein Vater«
»Blutbruder wurde er einem Krieger meines Volkes Als der Fürst aus meiner
Heimat schied zerbrach er mit starker Hand ein römisches Goldstück und ließ die
Hälfte zurück dass sie ein Zeichen der Gastfreundschaft für spätere Geschlechter
sei Ist die eine Hälfte des Goldstücks dein so ist die andere mein«
Er hielt das helle Goldblech dem Fürsten hin Herr Answald fuhr heftig vom
Stuhle und prüfte das Stück am Licht »Still« rief er gebietend »keiner
spreche ein Wort Geh Hildebrand und trage deiner Herrin das Wahrzeichen dass
sie es an die andere Hälfte halte und sage ihr dass sie allein sei wenn ich
einen Fremden zu ihr führe« Hildebrand eilte hinaus der Wirt trat nahe an den
Gast und betrachtete ihn erstaunt vom Kopf bis zum Fuß »Wer bist du Mann der
mir so hohen Gruß in das Haus trägt« und freudig fuhr er fort »Nicht tut es
not das Zeichen zu suchen seit du die Schwelle betratest hast du mir das Herz
erregt Komm Held dass du mir da deinen Namen kündest wo die beiden Hälften
des geheimen Zeichens sich zusammenfügen« Er schritt eilig voran der Fremde
folgte
In ihrem Gemach stand Frau Gundrun die Fürstin und hielt die beiden
Hälften des Goldstücks aneinander »Hier sind zwei Ähren von einem Halme« rief
sie dem Gemahl entgegen »was du mir sandtest ist König Ingberts Zeichen«
»Und der sich dem Knie der Herrin naht« sprach der Fremde »ist Ingo Konig
Ingberts Sohn«
Langes Schweigen folgte dem Ausruf die Hausfrau sah scheu auf den stolzen
Krieger auf das edle Antlitz die königliche Gestalt und sie neigte sich tief
zum Gruß der Fürst aber rief bekümmert »Oft habe ich gewünscht das Antlitz
der Gastfreunde zu sehen der erlauchten Helden aus Göttergeschlecht von
reichem Hofhalt hat mir der Vater erzählt von mächtigem Gefolge in glänzendem
Stahlhemd Aber anders fügten die hohen Gewalten das Wiedersehen Im
Wanderkleide als werbenden Fremdling schau ich den großen Volkskönig und
Schrecken fühle ich im Herzen Gutes bedeute die Stunde wo ich dein Antlitz
schaue Dennoch gedenke ich dass ich dir ehrbar meine Treue erweise«
»Ich aber komme nicht als Glücklicher zu dir und der Herrin« sprach Ingo
ernstaft »ein Flüchtling bin ich und nicht will ich mein Schicksal hehlend
deinen Schutz erschleichen Aus der Heimat bin ich getrieben von dem eigenen
Ohm der nach des Vaters Tode dem Knaben die Krone nahm mühsam haben getreue
Männer mich geborgen bis ich zum Manne wuchs Gefahr ist mein Los des Königs
Boten sind mir gefolgt von Volk zu Volk sie boten Geschenke und forderten
meinen Leib Mit dem kleinen Haufen der Getreuen fuhr ich zum Kampf der
Alemannen ihre großen Könige waren mir hold am Schlachttag führte ich einen
Haufen ihres Volks Jetzt sucht der Cäsar siegesstolz nach denen die sich ihm
nicht barfuß unterwerfen Weit reicht seine Macht in den Königsburgen ich sah
die Boten deiner Nachbarn der Katten mit dem Friedenszeichen zum Rhein reiten
und ich bin darum sechs Tage und Nächte heimlich auf Wolfespfad durch ihre Gaue
gezogen fast ein Wunder wars dass ich ihnen entrann Das sollst du wissen
bevor du sprichst Sei Ingo mir willkommen«
Der Wirt stand unsicher und suchte das Auge seiner Hausfrau welche in dem
Sessel saß und vor sich niederblickte »Was ehrlich ist und was die Eide
gebieten das tu ich« sagte Herr Answald endlich und die Wolke wich von
seinem Antlitz »Sei mir willkommen Ingo Königssohn«
»Edlen Sinn verrätst du Held« begann die Fürstin »dass du dich scheust
Gefahr in den Hof deines Gastfreundes zu leiten Uns aber ziemt zu erwägen wie
wir zugleich dir Treue erweisen und unsere Höfe vor der Gefahr beschützen Weit
schallt der Name eines Königs durch die Lande und viele Feinde umlauern den
Helden der unter Krone geht du selbst hast es leidvoll erfahren Drum meine
ich nur Vorsicht hilft dir und uns zum Heile Und darf ich meinem Hausherrn
treue Meinung sagen so dünkt mir gut dass dein Gast unbekannt in deinem Hause
weile und keiner von seiner Herkunft wisse als du und ich allein«
»Soll ich im eigenen Hause den werten Gast verstecken« rief der Wirt
unwillig »ich bin kein Diener nicht des Cäsars nicht der Katten«
»Auch der König der Thüringe speist seine Mahlzeit gern aus den goldenen
Schüsseln welche Römerkunst gefertigt hat« fuhr die Hausfrau fort »hüte dich
des Königs Argwohn zu wecken«
Der Gast stand unbeweglich und vergebens suchte die Fürstin seine Meinung
zu erkennen
»Schwer ist es edles Blut im Dienerkleid zu bergen« wandte Herr Answald
ein
»Auch Held Siegfried von dem der Sänger meldet stand im Knechtsgewand am
Amboss«
»Und schlug zuletzt den Amboss in den Grund und den Schmied dazu« rief der
Wirt »Sprich Ingo selbst wie willst du dass wir dich halten«
»Ich bin der Flehende« antwortete der Gast mit Selbstüberwindung »und darf
nicht hadern ob du hoch ob du niedrig mich reihen willst unter den Genossen
deiner Bank Meines Namens berühme ich mich nicht aber ich berge ihn nicht und
zu ruhmloser Arbeit wirst du mich nicht stellen«
»Er meint wie ich« rief der Fürst
»Stets fürchten die Helden Minderung ihrer Ehre« sprach lächelnd die
Fürstin »Was ich bitte ist leicht gewährt nur kurze Zeit lass dir das Gewand
gefallen welches wir dem Fremdling im Hofe spenden unterdes wirbt dir mein
Herr im Volk gute Meinung Nicht ewig währt der Kriegsruf an der Grenze dem
Cäsar wirds an neuem Streit nicht fehlen in wenig Monden ist das Geräusch
verhallt indes gelingts wohl auch den König zu gewinnen«
»Ich wills bedenken bis zur Nacht« sprach der Wirt »denn klug rät meine
Hausfrau und oft habe ich ihren Rat erprobt Bis dahin hülle dich o Held in
demutsvolles Wesen denn vertraue mir mit bedrängtem Herzen ersehne ich den
Tag wo ich in offener Halle künden kann was deine und meine Ehre fordert«
So verließen die Männer der Herrin Kammer Als aber am Abend der Hauswirt
auf seinem Lager niedersass rief er unwillig »Mir frissts am Herzen dass ich
ihn sehen soll zuunterst an der Bank« Aber die Fürstin antwortete leise »Erst
prüfe doch ob er auch wert ist deines Schutzes Denn ungewöhnlich ist des
Fremden Art und freudenlos sein Schicksal Sein Geheimnis bergen wir vor jedem
und auch vor Irmgard unserem Kind«
Das Festmahl
Im Hofe des Fürsten wurde den Landgenossen das Fest gerüstet Die Hausfrau
schritt mit den Mägden durch die Räume wo die Vorräte der Küche bewahrt wurden
in langer Reihe hingen dort die Schinken runde Würste und in Rauch gedörrte
Zungen der Rinder sie freute sich des guten Vorrats ließ abheben für die Küche
und befahl den Mägden in die besten Stücke ein Zeichen zu ritzen damit der
Vorschneider diese den Tischen der Ältesten aufsetze Dann ging sie in den
kühlen Keller der von Stein gewölbt in einer Ecke lag wo das Sonnenlicht
wenig hinkam hochbedeckt mit Erde und Rasen dort wählte sie die Fässer mit
starkem Biere und die Krüge mit Met und sah zweifelhaft auf einige große
fremdartige Tongefässe die halb im Boden vergraben in einer Ecke standen »Ich
meine nicht dass mein Herr des Weines begehren wird doch wenn er danach ruft
so sagt dem Schenken dass sie das kleine nehmen denn die anderen stehen und
harren auf einen größeren Festtag Und seht zu dass die ungeschickten Gesellen
mir den teuren Ton nicht zerschlagen denn was mühsam im Stroh durch Rosse und
Männer hergeführt wurde aus dem welschen Land dem könnte die lange Reise durch
das Ungeschick der metgefüllten Knaben wohl verdorben werden« Ernstaft blickte
sie noch einmal durch den großen Raum »Es ist Vorrat genug für eines Häuptlings
Haus und manches Jahr mag der Met das Herz der Männer erfreuen mögen die
Götter uns schaffen dass unsere Helden alles fröhlich und in Ehren leeren Und
höre Frida man weiß ja wohl was die Männer zumal gebrauchen aber beim Trunk
trügt der Anschlag auch wenn er reichlich war Lass noch drei Krüge von altem
Met in Vorrat herausheben und sage dem Schenken wenn die Männer friedlich sind
und in ehrlichem Gespräch so wird ihnen am Ende noch dies geboten wenn sie
aber widereinander eifern und zwieträchtig hadern so soll er vorsichtig sein
mit dem Giessen dass uns kein großes Unheil entstehe«
Die Herrin schritt zu dem Küchenhause darin brannten mächtige Feuer auf
steinernen Platten Die Jünglinge waren vor dem Hause beschäftigt die
Opfertiere zu zerlegen große Hirsche und drei Eber des Waldes und das Fleisch
an lange Spieße zu stecken Die Mägde aber saßen in langer Reihe vieles
Geflügel rupfend oder sie rundeten mit den Händen gewürzten Weizenteig zu
ansehnlichen Bällen Und Knaben des Dorfes warteten mit lachendem Antlitz auf
die Zeit wo sie die Spieße drehen würden damit auch ihnen vom Fest der Helden
ein wohlschmeckender Anteil werde
Unterdes schafften die Mannen des Häuptlings um die große Halle In der
Mitte des Hofes stand der mächtige Bau aus dicken Fichtenbalken gefügt eine
Treppe führte zu dem geöffneten Tor im Innern trugen zwei Reihen hoher
Holzsäulen die Balken des Daches von den Säulen bis zu den Wänden liefen auf
drei Seiten erhöhte Bühnen in der Mitte gegenüber der Tür stand darauf der
Ehrensitz des Wirtes und der vornehmsten Gäste daneben ein schön geschmückter
Raum einer Laube gleich für die Frauen des Hauses damit sie dem Festmahl der
Männer zuschauen konnten solange sie begehrten Und die jüngsten der Mannen
schmückten die Holzlaube mit blühenden Zweigen die sie in der Flur abgehauen
Draußen aber fuhr Wolf einen großen Wagen mit Binsen und Kalmus heran den er am
Ufer des nahen Teiches geschnitten um den Fußboden zu bestreuen
»Hier ist gut sein Gast« begann Wolf grüßend zu Ingo »auch dir war die
Herrin gnädig du wandelst in neuem Gewande das unsere Weiber gewebt wie trägt
sich das Tuch der Mädchen aus Türingeland«
»Was gern geboten wird sitzt dem Empfänger bequem« antwortete der Fremde
lächelnd »ich freue mich deine Stimme wieder zu hören denn tagelang warst du
auswärts«
»Wir Herdgesellen holten mit den Hunden die Festbraten aus dem Wald«
versetzte der Mann »Hilf Teodulf« rief er einem Gefährten zu »soll ich
allein den Wagen räumen«
Teodulf ein stolzer Mann aus dem Gefolge griff steifarmig in die Binsen
und sprach über die Schulter zu dem Fremden »Wer gewöhnt ist fremdes Gewand zu
bitten der soll nicht müßig stehen wenn bessere Männer die Hände rühren«
Ingo sah finster auf den Sprecher eine hohe Kriegergestalt breitbrustig
mit einer langen Narbe auf der Wange dem Fremden begegnete mit gleichem Trotz
der Mann des Fürsten an den Augen des einen entzündete sich der Zorn des
anderen bis die Blicke beider Gegner wie Flammen gegeneinander sprühten Aber
mit Selbstbeherrschung bändigte Ingo seinen Grimm und versetzte den Rücken
kehrend »Hättest du gutherzig gemahnt folgte ich williger deiner Weisung«
Der Wächter aber raunte ihm zu »Hüte dich den zu reizen er ist ein
unwirscher Gesell der gern Eisen beißt er stammt aus der Freundschaft der
Herrin und er dient nicht wie wir denn er ist aus edlem Geschlecht hat sich
nur auf Zeit gelobt und wird einst im reichen Erbe seiner Väter stehen Kein
Wunder dass ihn die Binsen stechen wenn er sie tragen soll«
»Wer dient muss tragen« versetzte Ingo finster
Aber auch die Mädchen sorgten um das Festkleid des Fremden »Sieh Herrin
wie stolz der Fremde in dem Wams schreitet das ihm die Fürstin gespendet hat«
sagte Frida zu Irmgard »Wackerer Sinn adelt geringes Kleid« versetzte Irmgard
»Gering« rief Frida »die Jacke ist vom allerbesten Tuch aus unseren
Truhen ich muss sie doch kennen denn ich selbst habe sie einst genäht Seltsam
ist es dass die Herrin so feines Gewand an fahrenden Mann wendet«
»Auch der Mann ist ja wohl kein Alltagssohn« antwortete Irmgard
»Das meine ich auch« bestätigte Frida neugierig »denn ich sah wie die
Fürstin ihn vorher im Hofe anredete da er ihr in den Weg trat von beiden
Seiten wars ein Herrengruss sie lachte ihm zu und strich mit der Hand an seine
Kleider als ob er ein vertrauter Mann aus der Freundschaft wäre«
»Als der Fremde gestern abend an den Herd trat wo die Männer versammelt
saßen« versetzte Irmgard »da hatte vorher der Vater sorglos gescherzt mit dem
Gesinde doch als er den Fremden sah wandelte sich ihm die Gebärde er hob
sich um dem Fremden entgegenzugehen tat es aber nicht doch feierlich war
fortan sein Wesen und das Mahl so still als ob ein Bote vom Königshofe am
Herrentisch säße«
»Auch der Fremde schritt« fuhr Frida eifrig fort »da er eintrat kräftig
auf den Herrn zu als wollte er sich bei dem Herrensitz lagern und einer von
den Knaben musste ihn an der Jacke zurückziehen auf seinen Platz dass er die
Ehrfurcht nicht vergaß«
»Ich sahs« nickte Irmgard »er lachte dazu« und bei der Erinnerung lachte
sie selbst
»Und doch sitzt er ganz unten an der Bank« rief Frida »und jetzt wo der
witzige Wolf wieder seine große Zunge rührt hat er des Knaben Weisheit
anzuhören«
»Ists ein Geheimnis« sagte Irmgard leise »so wird es uns Mädchen wohl
zuletzt verkündet«
»Du selber aber Herrin« mahnte Frida »hast ihm seither wenig Huld
erwiesen Die ersten waren wir doch die er ehrbar grüßte und drei Tage lang
hast du ihm jede Rede geweigert Unfreundlich wird der Mann dich schelten und
hartmutig nicht wagt er dich anzureden da er aus dem Elend kommt darum biete
du ihm endlich den Gruß«
»So lass uns tun was sich gebührt« antwortete Irmgard Sie trat mit
Überwindung zu dem Haufen der stolzen Knaben welche dem Fürsten folgten wenn
dieser durch die Dörfer ritt oder in den Vorkampf der Schlacht trat Aber als
sie dem Fremden nahe kam scheute sie sich vor den anderen zu ihm zu reden sie
hielt bei Teodulf an und sprach »Spät ertönte gestern dein Hiftorn am Tore
wie war die Jagdbeute Vetter«
Teodulf errötete vor Freude weil das Herrenkind ihn eher als die anderen
begrüßte er erzählte ihr von seinem Jagdglück und führte sie zu einem
Holzverschlag wo ein zweijähriger Bär unzufrieden saß »Die Hunde zausten ihm
das Fell ich band ihn mit Riemen und trug ihn lebend zum Hofe er wird wohl ein
Spielgesell für die Kinder im Dorfe«
Als Irmgard den Braunen betrachtet hatte und sich mit Frida entfernte rief
diese unwillig »Fürwahr mit artigen Worten hast du dem Fremdling
zugesprochen«
»Nahe genug war ich bei ihm« antwortete Irmgard »und er schwieg doch«
»Er weiß besser was dem Herrenkinde geziemt« versetzte Frida
Aber Irmgard achtete seitdem auf den Fremden und als sie ihn abseit von den
anderen am Zaun des Hofes lehnen sah ging sie allein bei ihm vorüber hielt wie
zufällig an und sprach »Auf dem Holunderbaum über deinem Haupt wohnt ein
kleiner Grauvogel der Nachtsänger Die Mädchen beschwören jeden Abend das
Wiesel und den Kauz damit sie ihm nicht das Nest zerstossen Singt er dir so
höre ihm gütig zu dass er sich deines wohlmeinenden Sinnes freue Sie sagen er
mahnt im Sange jeden an das was ihm lieb ist«
Ingo antwortete treuherzig »Alles Geflügel der Habicht in der Luft und der
Sänger im Busch singen dem fremden Mann dasselbe Lied in das Ohr sie mahnen
ihn an die Heimat Dort streute einst die liebe Mutter den Vögeln Winterkost
damit sie ihrem Sohne in seinem Leben gute Vorbedeutung sängen Die Treue haben
sie seitdem bewährt Manches Mal haben die wilden Boten im Federkleid den
unsteten Mann auf der Heide und im Holz vor Gefahr gewarnt Sie sind die
Genossen seines Schicksals geblieben wie er wandern sie heimatlos über die
Menschenerde und wie er nähren sie sich vom Raub den sie greifen oder von der
Gabe die ihnen ein Gastfreund spendet«
»Und doch finden sie überall Flocken aus denen sie ihr Nest bauen«
versetzte Irmgard
»Wo aber darf der Heimatlose sein Haus zimmern« fragte ernstaft der Gast
»Wer bei der Schwelle seines Hauses steht und die Rosse auf dem Erbe der Väter
zählt der weiß nicht wie die Bedürftigkeit am Herzen des stolzen Mannes nagt
wenn er Gabe nehmen muss der selbst anderen spenden möchte«
»Du klagst über die Gastspenden im Hause das dich an seinem Herd
aufgenommen hat« antwortete Irmgard vorwurfsvoll
»Selig preise ich den Wirt und die Herrin die im ansehnlichen Hause dem
Landfremden huldreich sind« versetzte der Gast »Aber unsicher schweifen die
Gedanken des Mannes dem sie eine Ecke an ihrer Bank vergönnen Denn immer späht
der Fremdling sorgenvoll nach der Miene des Wirtes ob dieser ihm auch die Gunst
bewahre Jeder im Hofe steht sicher auf seinem Recht nur dem wildfremden
Wanderer ist der Grund auf dem er schreitet wie dünne Eisdecke die vielleicht
morgen unter ihm bricht und sooft sich ein Mund gegen ihn öffnet weiß er
nicht ob die Worte ihm Ehre bedeuten oder Schmach Zürne mir nicht um diese
Klagen« bat er »Deine Augen und deine Worte haben geheime Sorgen meiner Brust
herausgelockt und zu dreist wagte ich vertrauliche Rede Mir wäre leidvoll dir
zu missfallen«
»An deine Worte gedenke ich in Zukunft« antwortete Irmgard leise »sooft
ich einsame Wanderer in unserem Hofe sehe Du aber vertraue dass du manchem hier
willkommen bist Die Thüringe lieben freudigen Mut und gesellige Rede erweise
dich heut so unter den Nachbarn und wenn ich dir Gutes raten darf so weiche
nicht abseit von den jungen Männern wenn sie die Kampfspiele üben Denn ich
meine dass es dir auch im Kampfe wohl gelingen mag Gewinnst du Lob unter den
Landsleuten so freut sich unser Hof denn dem Wirt ist es Ehre wenn der Gast
Ruhm erwirbt Und ich merke auch der Vater will dir wohl« Sie neigte errötend
das Haupt und entwich aus der Nähe des Fremden er aber sah ihr freudig nach
Der Fürst stand vor dem Herrenhause und empfing dort die Edlen und die
freien Bauern welche auf allen Wegen zu Fuß und Ross heranzogen und am
geöffneten Tor von Hildebrand dem Sprecher begrüßt wurden Wer zu Ross nahte
der stieg dort ab und die Jungen führten sein Pferd in ein weites Gehege und
banden es fest damit die Knechte ihm den Schaum mit Stroh abrieben und alten
Hafer in die Krippe schütteten Würdig war Gruß und Anrede in weitem Ringe
standen die Gäste auf dem Hofe eine stolze Genossenschaft ansehnliche Männer
aus zwanzig Dörfern der Gegend alle in ihrem Kriegsschmuck den Eschenspeer in
der Hand Schwert und Dolch an der Seite in schöner Lederkappe die mit Zähnen
und Ohren des wilden Ebers geschmückt war mancher ragte unter dem Eisenhut in
einem Lederkoller oder Kettenpanzer über dem weißen Hemd und in hohen
Lederstrümpfen die bis zum Leibe reichten mancher auch der reich war und die
Ware der rheinischen Krämer beachtete trug einen Überwurf von fremdem Zeug das
feine Haare von bunter Farbe hatte und wie das zarte Fell eines Raubtiers
glänzte Schweigend standen die Männer und freuten sich der Versammlung nur
einige die zueinander traten tauschten leise Worte über die Gerüchte welche
durch das Land flogen von der großen Schlacht im Westen und von bedrohlicher
Zeit Aber wer die Meinung der Menschen kannte wie Hildebrand der Sprecher
der merkte wohl dass ihr Sinn kraus war und ihre Gedanken ungleich Lange währte
die Begrüßung denn immer noch kamen einzelne die sich verspätet hatten bis
der Sprecher an den Häuptling trat und auf den Stand der Sonne wies
Da führte der Wirt seine Gäste vor die Halle feierlich betraten sie im Zuge
die Stufen am Eingang empfing sie die Hausfrau neben ihr stand die Tochter mit
den Mägden Ehrerbietig huldigten die Männer den Frauen die Fürstin reichte
allen die Hand und fragte gebührlich nach ihren Frauen und dem Hausstand den
Männern von der Freundschaft bot sie die Wange zum Kuss Die Häupter des Volks
nahmen gewichtig Platz auf den Sesseln der Bühne und begannen ernstes
Männergespräch während der Schenk und die Diener in langer Reihe einzogen
diese trugen in Holzkannen den Frühtrunk und behagliche Zukost weiße gewürzte
Brotkuchen und Fleisch aus dem Rauchfang
Unterdessen rüsteten die Jungen ungeduldig auf dem Rasengrund vor dem Hofe
die Bahn zu kriegerischem Spiel Die Knaben des Dorfes begannen den Kampf damit
auch sie das Lob der Krieger erwarben sie rannten nach dem Ziel sprangen über
ein Ross und schossen mit dem Rohrpfeil nach der Stange Bald aber ergriff der
Eifer die Jünglinge sie warfen die Speere sie schleuderten den schweren
Felsstein und sprangen ihm nach und als Teodulf in mächtigem Schwunge den
schwersten Stein geworfen und den weitesten Sprung getan klafterweit über die
anderen hinaus da erscholl lautes Jauchzen bis zur Halle Und die Alten und
Weisen des Volkes behielt es nicht länger auf ihren Sitzen auch sie eilten zur
Schau auf den Rasen Groß wurde der Ring der Zuschauer die Weiber des Dorfes
standen in ihrem Festschmuck gesondert die Männer und im Umkreis klang immer
lauter der Zuruf und das Lob der Sieger
Unter den Schauenden stand Ingo und achtete schweigend auf die behende
Kraft Da trat zu ihm Isanbart ein alter Häuptling des Gaues betrachtete ihn
prüfend und begann feierlich so dass die Rede der anderen verstummte »Auch in
deinem Volke Fremdling woher du auch stammst übt sich wohl der junge Krieger
in Sprung und Waffen An deinem Auge und Arm sehe ich dass du des Spiels nicht
ganz unkundig bist vielleicht gefällt dirs unseren jungen Männern zu zeigen
was in deiner Heimat Brauch ist wenn du auch nicht die Kunst eines Häuptlings
verstehst Bist du aus dem Ostlande wie ich vernehme so vermagst du wenigstens
die Holzkeule zu schwingen auch dieser Wurf erweist die Kraft des Mannes
obgleich meine Landgenossen ihn wenig üben In der Halle sah ich über dem Sitz
des Wirtes ein solches Holz«
Ingo antwortete dem ehrbaren Greise »Wenn mirs der Fürst gestattet und die
Häupter des Volkes so will ich versuchen was ich ehedem gelernt«
Der Fürst winkte einer aus dem Gefolge sprang nach dem Hofe und trug die
Waffe aus Eichenholz herzu vom Griffe nach rückwärts gekrümmt vorn mit
scharfer Schneide Die Keule ging von Hand zu Hand lachend wogen die Männer das
leichte Werkzeug »Eine Waffe dieser ähnlich trägt unser Sauhirt um Wölfe zu
schlagen« rief Teodulf verächtlich aber Isanbart der Greis entgegnete
strafend »Du sprichst töricht ich sah von solchem Holz nicht so schwer als
dies einen Schädel brechen wie einen Tonkrug« Und er legte die Keule dem Wirt
in die Hand
»Wer jemals in den Ostmarken über eine Walstatt geritten ist« sprach der
Fürst »der kennt die Wunden welche dieser Knorren schlägt Doch von alten
Kriegern habe ich gehört dass ein Geheimnis in dem Holze liegt und dass man
schwer des Wurfes mächtig wird denn tückisch soll es dem Unvorsichtigen das
eigene Haupt treffen Nicht unwert ist dieses Holz der Hand eines Edlen denn es
war vorzeiten eines Königs Waffe und mein Vater brachte sie aus der Fremde
heim«
»Dann soll sie ihre Kunst dem Sohn erweisen« rief Ingo freudig und fasste
danach Mit kurzem Armschwung warf er die Keule sie flog in krausem Bogen durch
die Luft doch als alle meinten dass sie zu Boden schlagen würde fuhr sie wie
durch eine Schnur gezogen wieder nach dem Manne zurück er packte sie in der
Luft am Griff und warf sie wieder hierhin und dahin immer schneller und immer
kehrte sie gehorsam vom Schwunge in seine Hand So mühelos und lustig schien das
Spiel mit dem Eichenkolben dass die Zuschauer näher traten und lautes Gelächter
durch den Kreis ging
»Das ist ein Gaukelspiel des fahrenden Mannes« rief Teodulf verachtend
»Es ist eines Mannes Handwehr« versetzte der Fremde entgegen »schwerlich
ist dein Schädel fester als diese Eisenkappe« Er sprach zu Wolf und dieser
legte in Weite eines Speerwurfs einen alten Eisenhelm auf einen Pfahl Der
Fremde maß das Ziel wog die Waffe in schwingender Hand warf sie im Bogen nach
dem Helm und sprang in gewaltigem Satze nach Laut krachte das berstende Metall
und doch fuhr die Keule wieder zurück und wieder packte sie Ingo mit starker
Hand und hielt sie hoch Ein Ruf des Erstaunens scholl in dem Ringe ein Haufe
sammelte sich neugierig um den zerschlagenen Helm
»Wohlan« begann Teodulf herablassend »hast du uns deine Gewohnheit
gezeigt so versuch es auch mit unserem Brauch Führt den Springern die Rosse
heran«
Zuerst wurden zwei Rosse nebeneinander gestellt Kopf an Kopf und Schweif an
Schweif Die Springer traten zurück und schwangen sich mit kurzem Anlauf
hinüber fast allen glückte der Sprung aber bei drei Rossen gelang es nur einer
kleinen Zahl und über vier sprang Teodulf allein und als er hinter den Rossen
zum Haufen der anderen zurücktrat sah er herausfordernd den Fremden an und
winkte mit der Hand zur Folge Der Fremde neigte das Haupt ein wenig und tat
denselben Sprung so sicher dass das Feld vom Beifall widerhallte Da rief
Teodulf das fünfte Ross heran zum schweren Sprung nur selten vollbrachte ihn
einer der Behendsten Aber der Thüring war gereizt und entschlossen das
Äußerste zu tun Er selbst ordnete die Pferde anders dass der Schimmel als
fünfter stand dann sah er um sich empfing den Zuruf seiner Freunde und wagte
den mächtigen Sprung Und er kam hinüber nur dass er beim Niedertauchen mit
seinem Rücken den Schimmel streifte Aber während er vortrat und sich über das
Jauchzen des Volkes freute tönte noch lauterer Zuruf hinter ihm und umgewandt
sah er den Fremden der diesmal schnell und mühelos in seinem Rücken den Sprung
vollbrachte Der Thüring erblich vor Zorn er ging schweigend an seinen Platz
und mühte sich vergebens den Neid herabzudrücken der ihm aus den Augen brach
Die Alten aber traten zu dem Fremden und rühmten seine Kunst und der alte
Häuptling begann »Ich erkenne Fremder wenn mich nicht deine Gebärde täuscht
du bist nicht unkundig des Schwunges auch über sechs Rosse den sie Königssprung
nennen und der nicht in jedem Menschenalter einem Helden gelingt Ich sah ihn
einmal da ich jung war mein Volk niemals« Und er rief laut »Führt das
sechste Ross heran« Da erhob sich im Kreise Gemurmel und die Entfernten
drängten näher herzu während die Jünglinge eilten das Ross zu stellen Neben
Ingo aber trat die Fürstin sie war bekümmert um die Niederlage ihres Verwandten
und sprach leise zu dem Gaste »Erwäge Held leicht trifft der Pfeil des Jägers
den Auerhahn wenn er die Flügel breitend seine Stimme erhebt« Aber Ingo sah
auf Irmgard welche in froher Erwartung hinter der Mutter stand und ihn
freundlich anlachte und er antwortete mit heißen Wangen »Zürne mir nicht
Herrin ich bin gefordert nicht habe ich mich in den Kampf gedrängt ungern
entsagt der Mann der angebotenen Ehre« Er trat rückwärts zum Sprunge hob sich
gewaltig in die Luft und vollbrachte den Schwung dass alles Volk jauchzte und
da er zurückkehrte achtete er nicht auf die unwillige Miene der Fürstin er
freute sich dass ihm die Kunst gelungen war und dass Irmgards Angesicht rosig
erglänzte Lange wogten die Zuschauer durcheinander sprachen über die Kühnheit
des Fremdlings und rühmten ihn bis dem Wettkampf der Männer andere Ziele
gesetzt wurden Ingo stand fortan still neben den Häuptlingen und niemand
forderte ihn zu neuem Streit
Schon neigte sich die Sonne von ihrer Höhe da nahte der Sprecher dem
Fürsten und lud die Gesellschaft zum Mahle In fröhlicher Erwartung folgten die
Männer dem Rufe sie wandten sich im Zuge nach dem Hofe zurück und schritten die
Stufen der Halle hinauf
Der Sprecher und der Truchsess traten ihnen vor und ordneten an den Tafeln
der Halle jeden nach Rang und Gebühr Dies war eine sorgliche Arbeit denn jeder
begehrte den Platz der ihm geziemteentweder am Tisch des Häuptlings oder nahe
bei ihm lieber auf der rechten Seite als auf der linken Es war eine lange
Reihe von Tischen die Sitze daran für die Vornehmsten mit einer Armstütze und
für die Ansehnlichen immer noch mit hoher Lehne für die Jüngeren ein schöner
Schemel Schwer wars allen mit dem Ehrensitz Genüge zu tun aber der Sprecher
verstand sein Amt und wusste manchem seinen Platz zu loben wegen der Nachbarn und
der Nähe der Frauen und wegen gutem Überblick über den Saal Zunächst der Tür
lagerten die Bankgenossen des Hausherrn in langer Reihe dort hatte den
Ehrenplatz Teodulf und ihm gegenüber saß ganz unten der Fremde Da alle
erwartend saßen trat der Schenk mit den Dienern ein und trug in schönen
Holzbechern den Begrüssungstrank der Wirt erhob sich trank den Gästen gutes
Heil zu und alle standen auf und leerten die Becher Darauf kam der Truchsess
mit seinem Stabe und hinter ihm eine lange Reihe Diener welche die erste Tracht
auf die Tische setzten da ergriff jeder sein Messer das er an der Seite trug
und begann rüstig das Mahl
Im Anfang war es schweigsam um die Bänke denn allen störte die Rede der
eigene Hunger und sie rühmten nur mit leisem Dank die reichliche Fürsorge der
Herrin Doch die Ältesten in der Nähe des Fürsten tauschten ernsthafte Worte
sie dachten an vergangene Taten der Helden und lobten die Tugenden ihrer Rosse
Die anderen aber horchten essend gern auf ihr Gespräch
Und ein Edler an der Seite des Fürsten begann laut »Das liebste fürwahr im
Sommer ist mir ein solches Hochfest wo die Landgenossen einander auf grüner
Wiese im Heergewand grüßen die grauen Häupter erinnern sich alter Kriegsreisen
die schlachtenfrohe Jugend erweist im Spiele dass ihre Kraft dereinst die Ehren
der Väter mehren wird Die Sonne scheint warm und das Antlitz des Wirtes lacht
den Gästen entgegen auch das Herdenvieh springt umher und die Ähren der Gerste
bräunen sich im Südwind fröhlich wird des Mannes Herz in solcher Zeit und
ungern gedenkt er der Sorgen Dennoch ziemt dem Manne auch beim Mahle das
Schwert nicht weiter von sich zu legen als der Arm reicht denn wechselvoll ist
alles Leben in den Tälern der Menschen bald wohl verdeckt schwarzgrauer
Wolkenschild den Himmel ein weißes Schneetuch den Grund kein Glück der
Menschenerde dauert und der nächste Tag mag neues Schicksal bringen So geht
auch jetzt durch das Volk eine Kunde aus dem Römerland manche sorgen darum und
ihre Gedanken fragen unsern Wirt ob er Botschaft erhielt die uns zu wissen
frommt«
Diese Rede sprach die Meinung aller aus und von allen Tafeln klang
Beistimmung dann wurde es sehr still der Fürst aber antwortete mit Vorsicht
»Von großem Schlachtendrang vernahmen wir alle und erwägen ob er uns zum Heile
sein werde Dennoch rate ich nicht dass wir Waldmänner heut von dem Trinkhorn
abwärts spähen mit sorgenvollem Blick Noch wissen wir nur was die Wanderer
zutrugen aus der Fremde vielleicht was sie selbst geschaut vielleicht
undeutliches Gerücht Darum ritten unsere Boten über den Wald südwärts nach
neuer Kunde Wir harren ihrer Heimkehr dann prüfen die Weisen ob die Botschaft
wert ist dass das Volk darum sorge«
Da diese Worte kundgaben dass der Wirt nichts über den Römerkrieg berichten
wollte so entstand undeutliches Gemurr und Herr Answald merkte dass die Gäste
gern mehr vernommen hätten und dass sie seines Schweigens nicht froh waren
Darum trat jetzt auf ein stilles Zeichen des Herrn der Sprecher vor und rief
mit lauter Stimme »Die Schwerttänzer nahen und erbitten sich Gunst« Da schwieg
jeder und rückte den Sessel zum Schauen zurecht die Frauen erhoben sich von den
Sitzen
Ein Pfeifer und ein Sackbläser schritten voran hinter ihnen zwölf Tänzer
junge Krieger aus dem Volk und von des Häuptlings Bank im weißen Unterkleid mit
buntem Gürtel das blitzende Schwert in der Hand vor ihnen als dreizehnter
Wolf der Schwertkönig in rotem Gewande Sie hielten am Eingang und grüßten
die Waffen senkend darauf begannen sie den Sang des Reigens und schwebten in
langsamem Schritt nach dem freien Raum vor der Herrenbank In der Mitte hielt
der Schwertkönig die zwölf Genossen umkreisten ihn feierlich mit gehobenem
Schwert Er gab ein Zeichen die Pfeifer bliesen schneller wurden die
Bewegungen nach rechts schwang sich die Hälfte im inneren Ringe die andere von
außen entgegengesetzt und jeder tauschte mit allen denen er begegnete
Schwertschlag nach Ordnung der Hiebe Dann tauchte zwischen den blinkenden
Schwertern der König hindurch bald nach außen bald nach innen im Kreise
schwebend mit seiner Waffe fing und erwiderte er die Schläge der anderen
Kunstvoller wurden die Verschlingungen heftiger die Bewegungen einer nach dem
anderen wand sich wie im Kampf durch die kreisende Reihe der übrigen Dann
teilten sie sich in Haufen im Takte gegeneinander eilend und mit den Waffen
streitend bis sie zugleich je drei und je vier in der Kämpferstellung sich
verflochten Plötzlich senkten alle im großen Kreise die Schwerter zur Erde und
verschränkten sie im Nu am Boden zu einem künstlichen Geflecht das aussah wie
ein Schild Der Schwertkönig trat darauf und die zwölf Genossen verstanden ihn
auf dem Schilde aus Schwertern geformt vom Boden heraufzuheben bis über ihre
Schultern wo er stand und mit seinem Schwert den Fürsten die Gäste und die
Frauen grüßte In gleicher Weise ließ sie ihn langsam zu Boden lösten Eisen
von Eisen und begannen aufs neue im Kreise gegeneinander zu springen jetzt
Sprünge und Schwertschläge schnell wie der Blitz kaum vermochte das Auge den
einzelnen Streichen zu folgen im Wirbel flirrte der blanke Stahl und schwangen
sich die Leiber der Männer unter den scharfen Waffen die Pfeife gellte das
Sackrohr summte in wilden Klängen die Funken sprühten von den Schwertern So
lief das Spiel der Helden in des Fürsten Halle bis die Tänzer anhielten wie
durch Zauber gebannt in der Stellung von Kämpfern je zwei gegenüber Darauf
begann wieder der Reigensang der Tänzer und langsamen Schrittes feierlich
grüßend schwebten sie beieinander vorüber und schritten im Zuge zum Saale
hinaus Um die Sitze dröhnte der Beifallssturm die Gäste sprangen begeistert
auf und riefen den Tänzern fröhlichen Dank
In der Nähe des Fürsten erhob sich Rotari ein Edler und begann
»Ich rede wie ich denke kunstvolleres Schwertspiel sahen meine Augen
niemals bei anderen Leuten und wir Thüringe sind auf der Männererde gerühmt
wegen solcher Kunst Dort unten aber an der Bank des Fürsten sitzt ein
Fremdling kriegerischer Werke wohl mächtig Und wenn ich ihn nach der
Tüchtigkeit schätze die er heute erprobt hat so würde ich ihm seinen Stuhl
hoch herauf unter die Starken setzen Doch ungleich verteilen die Götter ihre
Gaben auch ein Fremder der seine Ahnen nicht kennt mag ein achtbarer
Kriegsmann werden Die Leute sagen dass zuerst aus dem Hof des Fürsten die Kunde
von der Römerschlacht in unser Land geflogen sei und da ich den Fremden sah
hielt ich ihn für den Boten doch der Keulenwurf erwies dass er aus dem Ostland
stammt Ich bringe dem Gaste in der Halle den Heilgruss«
Ingo erhob sich und dankte Da rief Teodulf laut »Manchen sah ich springen
und schwingen auf weichem Rasen der hoher Sprünge in der Feldschlacht vergisst«
»Recht mahnst du« versetzte Ingo kalt »doch manchem nagt auch Neid in der
Seele weil er selbst nicht als Höchster auf dem Rasen sich schwang«
»Für ehrenwerter als ein Springer gilt bei uns der Mann der seine Narben
vorn am Leibe trägt« versetzte Teodulf
»Ich aber lernte von Alten und Weisen dass nicht unrühmlicher sei tiefe
Wunden zu geben als zu erleiden«
»Sicher gebührt dir die Würde eines Häuptlings dem sein Gefolge die Schilde
vorhält gegen feindliche Speere damit sein Antlitz mairötlich daure zur Freude
des Volks« höhnte wieder der Mann des Fürsten
»Und ich hörte manchen der einen Schwertschlag empfangen darüber glucksen
wie ein Huhn über ein Ei« versetzte Ingo verächtlich
»Ruhmlose Wunden auch birgt das Hemde die Spuren der Streiche die den
Rücken bedrängten« rief Teodulf mit flammendem Angesicht
»Ruhmlos nenne aber ich die boshafte Zunge die in der Halle nach dem
Gastfreund sticht Nicht ehrenwert dünkt mir solche Rede dem Thüring geziemt
nicht der falschen Römer Brauch«
»Kennst du so gut den Brauch der Römer« rief vom andern Tisch ein wilder
Kriegsmann aus Teodulfs Freundschaft »so hast du auch wohl ihre Streiche
gefühlt«
»Im Kampfe stand ich den Römerkriegern« rief Ingo sich vergessend »Frag
dort im Lager nach deinen Gesippen nicht jeder gibt dir Antwort der meinem
Schwerte genaht«
Laute Schreie füllten die Halle als der Fremde verriet dass er gegen die
Römer gestanden hatte »Gut sprachst du Fremder« schrie es von allen Seiten
und wieder an anderen Tafeln »Übel prahlt der Fremde hoch Teodulf«
Der Fürst erhob sich und rief mit mächtiger Stimme »Den Wortkampf stille
ich an den Frieden mahne ich im festlichen Saal« Da verstummten die lauten
Rufe aber der Streit der Meinungen schwebte geräuschvoll um alle Tische die
Augen flammten und starke Hände hoben sich Während dem Gewirr sprang ein
Jüngling aus dem Gefolge des Häuptlings die Stufen herauf und schrie in die
Halle »Volkmar der Sänger reitet in den Hof« »Er sei willkommen« rief der
Fürst Und zu dem Sitz der Frauen gewandt fuhr er fort »Irmgard mein Kind
begrüsse deinen Lehrer und geleite ihn zu unserem Tisch« So befahl der kluge
Wirt um die Hadernden an die Gegenwart der Frauen zu mahnen Seine Worte
wirkten wie eine Beschwörung auf die brausende Menge die düstern Mienen wurden
hell und mancher ergriff den Krug und tat einen tiefen Trunk um ein Ende zu
machen mit seinen Gedanken und sich vorzubereiten auf das Lied des Sängers
Irmgard aber trat aus der Laube und schritt durch die Reihen der Männer zu der
Schwelle Auf den Stufen des Saals stand gedrängt die Jugend des Dorfes und
starrte neugierig in die Halle Da durchschritt Irmgard den Haufen und erwartete
im Hofe den Sänger der sich unter einem der Dächer zum Fest gerüstet hatte Mit
ehrbarem Gruß kam er auf sie zu ein Mann von mäßiger Größe mit leuchtenden
Augen das krause Goldhaar mit Grau durchzogen zierlich trug er seinen Überwurf
von buntem Tuch die nackten Arme mit Goldringen geschmückt eine Kette um den
Hals das Saitenspiel in der Hand
»Du kommst zu guter Stunde Volkmar« rief ihm die Jungfrau zu »sie
sträuben sich gegeneinander es tut not dass dein Lied ihnen das Herz erhebt
Bewähre heut deine Kunst und wenn du kannst singe ihnen Frohes«
»Was hat ihnen den Sinn verstört« fragte der Sänger der gewöhnt war seine
Kunst wie ein kluger Arzt zu spenden »Ists wieder der wilde Hofhalt des Königs
Bisino dem sie grollen oder streiten sie um die Römerfahrt«
»Die jungen Männer halten nicht Frieden« antwortete das Herrenkind
»Ists nichts weiter« versetzte der Sänger gleichgültig »Es wäre vergebene
Müh ihre Waffengänge auf grüner Heide zu hindern« Da er aber die ernste Miene
der Jungfrau erkannte fügte er hinzu »Sinds die Tollköpfe vom Hofe dann
Herrin fürchte ich dass mein Lied ihren Neid nicht zu tilgen vermag Könnte ich
dein freundliches Lachen in ein Lied fassen und jedem in das Ohr singen so
würden sie alle mir folgen wie die Lämmer Doch was ich heute bringe« setzte er
mit verändertem Tone hinzu »ist so schwer dass sie darüber ihren Streit sicher
vergessen Es ist üble Zukost für ein Festmahl Dennoch muss ich hinein ihnen
die Mär verkünden ich weiß nicht ob sie sich dann noch Sang begehren«
»Willst du beim Mahl die Trauerbotschaft sagen« fragte die Jungfrau
sorglich »das macht ihnen den Mut vollends schwer und empört sie in Zorn«
»Du kennst mich ja doch« versetzte der Sänger »ich gebe ihnen nur so viel
als sie vertragen können Wen hat der Fürst zur Halle geladen«
»Es sind unsere alten Landgenossen«
»Sind Fremde darunter«
»Niemand« versetzte die Jungfrau zögernd »als ein armer Wanderer«
»Dann sei ohne Sorgen« schloss der Sänger »das Gemüt der Unseren kenne ich
und wie man ihnen den Abendtrunk mischt«
Während die Jungfrau durch eine Seitentür in die Laube stieg betrat der
Sänger die Halle Als er auf der Schwelle stand erscholl ein Zuruf und Gruß
der laut von der Decke widertönte Stolz empfand Volkmar dass er ein Günstling
war er trat mit behendem Schritt in den freien Raum vor den Tisch des
Häuptlings und verneigte sich tief gegen ihn und die Herrin
»Sei tausendmal gegrüßt du Geliebter des Volkes« rief ihm der Fürst
entgegen »die Vögel unseres Gaues die im Winter geschieden waren singen
längst ihr Sommerlied nur den Sänger der Helden haben wir vergeblich ersehnt«
»Nicht die Vögel hörte ich in der Luft den Sommer verkünden die Kriegshunde
des Gottes hörte ich heulen im Winde und die bunte Wolkenbrücke erblickte ich
auf der die Helden in endloser Schar zu der Halle der Götter hinaufzogen Den
Rheinstrom sah ich dahinfliessen in roten Wellen bedeckt mit Leibern der Männer
und Rosse die Walstatt schaute ich und das blutige Tal wo die Hügel der
Erschlagenen liegen zum Frass für die Raben und Könige weiß ich mit gefesselten
Gliedern im Römerlager den Beilschlag erwartend« Ein lauter Aufschrei folgte
diesen Worten »Erzähle Volkmar wir hören« sagte der Fürst
Der Sänger fuhr durch die Saiten und es ward so still in dem Raum dass man
die tiefen Atemzüge der Gäste vernahm Darauf rührte er die Saiten und begann
zuerst erzählend dann mit gehobener Stimme und melodischem Tonfall singend
seinen Bericht von der Schlacht zwischen den Alemannen und Römern Er nannte die
Namen der Könige und Königskinder welche mit den Alemannen über den Rhein dem
Cäsar entgegenzogen und zuerst die Reiter der Römer in die Flucht schlugen und
dann die erste Schlachtreihe Darauf sang er »Hinter die zweite Reihe der
Römerscharen ritt gebietend auf seinem Rosse der Cäsar über ihm schwebte als
Banner das Drachenbild der Riesenwurm mit gewundenem Leib das heilige
Schlachtzeichen der Römer purpurrot war der Wurm und aus dem aufgesperrten
Rachen fuhr die züngelnde Flamme Und der Cäsar rief die Bataver vor und die
Franken Herauf ihr Germanenhelden nicht zwingen meine Welschen den Sturm der
Feinde Der Herold ritt und die Franken hoben sich helleuchtend vom Boden nach
Scharen geordnet mächtig schwang Aimo Arnfrieds Sohn das Schwert in dem
Vorkampf«
»Das ist mein Bruder« rief es von einem Tisch »Heil Aimo« dröhnte es in
einer Ecke des Saals
»Sie zogen heran in geraden Reihen die weißen Schilde mit dem Stierbild
geschmückt hart war der Drang wie Feuerflammen den Heidegrund so räumte ihr
Schwert die Walstatt vom Sturm der Alemannen Doch in neuem Keil sprangen die
Alemannen herein voran die Könige und wieder wichen die Römer Da mahnte der
Cäsar seine letzte Schar die im Römerheer der Dornhag des Feldherrn heißt«
»Archimbald« rief es wild in dem Saale »Eggo« von einer anderen Seite
»Dort stand als Führer über hundert Mann ein hünenhafter Gesell der Thüring
Archimbald und Eggo sein Bruderssohn wohlerfahren im Kriegsbrauch der Römer
Sie stemmten das Knie im Boden fest sie deckten den Leib mit dem Lindenschild
und wehrten als dreifache Schildburg mit starrenden Speeren Und wieder brachen
die Alemannen heran die Schilde krachten im Hieb der Äxte die Speere fuhren
durch Rüstung und Leib die Toten sanken in langen Reihen und über die Leiber
der Gefallenen drängte der Schwall Schild an Schild und Brust gegen Brust wie
Kampf der Stiere in umhegtem Pferch Da schied sich das Schlachtenglück von den
Alemannen sie fuhren rückwärts ihnen graute vor dem Hauf der sterbenden
Genossen Die Sonne sank und das Kriegsheil schwand Die gelösten Scharen
wälzten sich flüchtig zum Ufer des Stromes und hinter ihnen stürmten mit Messer
und Speer die Römer wie die Meute hinter dem Hirsch in den Rhein hinab sprang
das flüchtige Volk die Sieger am Ufer mit lautem Geschrei warfen die Speere in
ein wildes Gewühl von Männern und Rossen von toten Leibern und ertrinkenden
Helden Der Nix des Stromes streckte die Krallenhände umher und zog die Helden
zur Tiefe in seine Behausung«
Der Sänger hielt an ein lautes Stöhnen ging durch die Versammlung nur
einzelne Heilrufe erklangen dazwischen der Fürst hörte gespannt auf die
Ausbrüche des Schmerzes und der Freude Dann fuhr Volkmar fort indem er die
Trauerklänge mit kräftiger Weise vertauschte »Der Cäsar trat an den Uferrand
und sah lachend hinab in der Männer Not Er rief seinem Bannerträger der den
Drachen trug das rote Scheusal aus Purpur gewirkt darin ein Gott der Römer
gefügt den Siegeszauber den Tod der Feinde Lass schweben den Drachen über der
Flut dass er seine Zähne zeige und die flammende Zunge dem sterbenden Volke In
der Luft hoch fliegt er gegen die Himmelshalle der Toten wenn sie aufsteigen
auf der Wolkenbrücke so weist er die Zähne der Römerdrache hemmt ihnen die
Reise dass sie abwärtsfahren den Weg der Fische hinab in das Dunkel zu Helas
Tor Da rächte den Hohn der letzte Held der mit den Waffen die Römer bestand
Ingo Ingberts Sohn von Vandalenland der Königsohn aus Göttergeschlecht Er
hatte gekämpft an König Atanarichs Achsel voran im Kampfe ein Schrecken der
Römer Da das Schlachtenglück sich wendete schritt er zurück mit seinem
Gesinde das ihm folgte auf dem Kriegspfad von Land zu Land langsam und zornig
wie ein brummender Bär wich er zum Ufer wo am Fuß des Felsens die Kähne lagen
Dort trieb er zusammen die Frauen des Heers die Schicksalsverkünderinnen die
Blutbesprecherinnen und zwang sie zur Abfahrt dass die heiligen Mütter dem
Schwerte der Römer entrannen Auch den Sänger drängte er hinab in den Kahn und
er selbst umschanzte hochherzigen Sinnes die Stelle der Abfahrt mit Waffe und
Leib Gelöst war das Leitseil die Kähne schwebten umschwirrt von den Speeren
der Römer auf grüner Flut die Feinde drängten und mühsam kämpfte die Schar am
Fuß des Felsens den letzten Kampf Da schaute der Held auf dem Steine über
seinem Haupt den Drachen des Cäsar den grimmigen Wurm und im Sprunge
durchbrach er die Wachen des Römers er sprang auf den Stein mit Bärengriff
fasste er den Riesen der das Banner trug und warf ihn vom Felsen Leblos
tauchte in die Fluten der Römer und das Banner erhebend rief der Held gewaltig
den Schlachtruf und sprang mit dem Drachen hinab in den Strom Ein Wutgeschrei
gellte aus Römermunde die bittere Schmach vor den Augen des Cäsar zu rächen
den Kühnen zu schlagen das heilige Zeichen der Römer zu retten warf Mann und
Ross sich wie toll in den Strom Doch abwärts trieb im wirbelnden Strome der rote
Drache der siegreiche Held Noch einmal sah ich den Arm ihn heben und schütteln
das Banner dann sah ich ihn nimmer Der Cäsar ließ suchen an des Stromes Rand
auf beiden Ufern mit trübem Sinn zwei Tage darauf fand weit abwärts ein Späher
am Alemannenufer gebrochen den Bannerspeer den Drachen des Feindes brachte
keiner zurück Da kehrte den Männern an den Ufern des Rheins der Mut in die
Seelen der Siegeszauber des Cäsar war im Strome verloren und vergeltendes
Unheil nahte dem Römerheere Gesandte der Katten die aufwärts kamen um dem
Römervolk Bündnis zu bieten sie hemmten die Reise da sie erfuhren das böse
Vorzeichen Gerochen war der Hohn des Siegers durch starken Arm und geschwunden
von der Männererde König Ingo der Held«
Der Sänger schwieg und beugte das Haupt über das Saitenspiel still war es
in der Halle wie nach einer Totenklage die Augen der Männer glänzten und in
den Gesichtern arbeitete die Bewegung Aber in keinem mehr als in dem des
Fremden Da der Sänger eintrat und im Vorübergehen sein Gewand berührte hatte
er das Haupt niedergebeugt und wie sein Nachbar Wolf ohne Freude wahrnahm an
dem Bericht des Sängers weniger teilgenommen als einem Krieger schicklich war
und die Bankgenossen hatten auf ihn gewiesen und spottende Worte getauscht Als
aber der Sänger von dem Kampf um das Drachenbild begann da hob er das Antlitz
ein rosiges Licht flog über seine Züge und so strahlend und verklärt war der
Blick den er nach dem Sänger warf dass wer auf ihn sah die Augen nicht
abwenden konnte wie ein Goldschein hob sich das helle Lockenhaar um das
begeisterte Antlitz Und als der Sänger schwieg saß er noch unbeweglich
»Sieh dorthin Volkmar« rief eine tiefe Frauenstimme vor Bewegung zitternd
und alle Blicke folgten der Richtung nach welcher die Hand Irmgards wies die
hoch aufgerichtet in der Laube stand
Der Sänger fuhr empor und starrte nach dem Fremden »Der Geist des Stromes
gab den Helden zurück« rief er entsetzt doch gleich darauf sprang er vor
»Selig ist der Tag an dem ich dich schaue Held Ingo Ingberts Sohn du mein
Retter der letzte Kämpfer in der Alemannenschlacht«
Die Gäste fuhren von ihren Sitzen die Halle erdröhnte vom Jubelruf Der
Sänger stürzte auf Ingo zu beugte sich auf seine Hand und rief »Leibhaftig
halte ich dich Niemals ward meinem Liede so schöner Lohn« So führte er den
Fremden an den Tisch des Fürsten der ihm mit nassen Augen entgegeneilte
»Gesegnet seist du heldenhafter Mann heut fällt mir schwere Last vom Herzen
ich wusste wohl nicht lässt sich bergen des Helden Ruhm Sei gegrüßt in meinem
Hause du Gastfreund aus der Väter Zeit Rückt den Sessel Knaben dass der Fürst
sich den Edlen meines Volks geselle Trage Wein herzu Schenk im Festbecher
mit dem Römertrank aus Römergolde trinken wir Heil dem königlichen Helden dem
Sohn unserer Götter«
Offene Herzen
Am frühen Morgen schritt Irmgard durch das tauige Gras dem Walde zu Weisser
Nebel wallte am Boden und hing wie Gewand der Wassergeister um die Bäume Aus
dem Dampf der Wiese hob sich die helle Gestalt der Jungfrau sie sang und
jauchzte mit geröteter Wange und langflatterndem Haar selig im Herzen so fuhr
sie durch die wirbelnden Wolken dahin einer Göttin der Flur vergleichbar Denn
sie hatte gehört und geschaut was Heldentum heißt und was den Mann emporhebt
aus den Schrecken des Todes in die Gesellschaft der hohen Götter alle
Landgenossen hatten sich vor der Heldenkraft des einen geneigt der ihr heimlich
gefiel und vertraulich war wie kein anderer Sie stieg den Bergweg hinauf bis zu
der Stelle wo die Halle des Vaters hinter dem Baumlaub verschwand dort stand
sie allein zwischen Wald und Fels unter ihr rauschte der Giessbach über ihr
schwebten die Lichtwolken des kommenden Tages Sie trat auf den Stein und sang
dem Felsen und dem rauschenden Wasser die Weise des Sängers und die Worte des
Liedes die sie in der Halle gehört Sie kündete freudig was ihr von der Kunst
des Volkmar im Gedächtnis haftete und als sie zum Sprung in den Rhein kam
gefiel er ihr sehr sie sang in der Begeisterung »Ihr klugen Vögel auf den
Bäumen Boten der Götter und ihr kleinen Elbe unterm Farnstrauch hört es noch
einmal« Und sie wiederholte die Worte Und als der Held zuletzt im Strome
verschwand wurde ihr sein Verschwinden traurig und da sie ein sinnvolles Weib
war so ergoss sich ihre Bewegung in neuen Worten und sie sang noch eine Klage
des Sängers Über dem Rufen der Waldvögel und dem leisen Klingen des Bergquells
tönte das Lied des jungen Weibes mächtig vom Felsen zurück
Da rollte in ihrer Nähe ein Kiesel zum Bach sie sah zur Seite und erkannte
abseit eine Gestalt die eingehüllt in das luftige Gewebe der Nixen unter ihr
an einem Baumstamm lehnte der Held dessen Ehre sie dem Walde verkündet stand
leibhaftig in ihrer Nähe und als sie erschrocken zurücktrat vernahm sie seine
bittende Stimme »Singe weiter o Jungfrau dass ich aus deinem Munde höre was
glücklich macht Lieber als alle Kunst Volkmars ist mir der Ton aus deiner
Kehle Denn als der Sänger sang und die Halle vom Zuruf der Männer dröhnte da
dachte ich immer an dich und die stolzeste Freude war mir dass du die Kunde
vernahmst«
»Im Schrecken über deinen Anblick schwinden die Worte« antwortete Irmgard
und suchte sich zu fassen als er ihr näher trat »Unter dem Holunderbaum war
ich mutiger dich anzureden« fuhr sie endlich fort »doch auch damals
bedurftest du o Held wenig meines Rates und wenn ich daran gedenke muss ich
mich über meine Torheit wundern verspotte du mich darum nicht Denn geradeaus
geht die Rede unter uns Waldleuten und einfältig sind unsere Gedanken Mir aber
tut weh dass du zweimal aus meinem Munde gehört hast was du schon weißt hätte
ich dich gekannt wie du bist so hätte ich meine gute Meinung ehedem dir besser
verborgen und auch heute bedrückt mich die Scham weil du mich belauschtest«
»Verhehle mir nicht Irmgard« flehte der Gast »wenn du huldvoll gegen mich
gesinnt bist denn glaube mir selten hört ein Gebannter herzliche Rede aus dem
Mund einer guten Frau Auch wenn der Sänger ihn preist und der Wirt ihm
zutrinkt dennoch steht er ausgeschlossen vom Geschlecht und der Freundschaft
schwerlich gewährt dem Güterlosen ein ansehnlicher Mann seine Tochter als
Ehegemahl und keine Söhne lässt der Flüchtling auf der Erde zurück die seiner
Taten sich rühmen«
Irmgard sah ernstaft vor sich nieder
»Du aber« fuhr Ingo fort »dulde dass ich dir bekenne was ich Geheimes auf
der Seele trage Verachtest du mein Vertrauen nicht so sitze hier auf dem
Stein damit ich dirs künde«
Irmgard saß gehorsam nieder der Mann stand vor ihr und begann »Vernimm
was mir nach der Alemannenschlacht geschah Die Sterne schienen ich lag todmüde
am kiesigen Ufer des Stromes das rote Band des Römers um den kraftlosen Arm
geschlungen der Nachtwind stöhnte die Totenklage die Wellen rauschten kalt
war der Leib und betäubt das Hirn Da neigte sich ein gramvolles Antlitz über
mich die Schicksalsverkünderin war es der Alemannen ein weises Weib die
Vertraute der Götter Dich suche ich Ingo unter den Leibern der Männer dass
ich dir dein Leben bewahre wie du mir das meine Sie zog mich vom Ufer empor
bedeckte die Glieder mit warmer Hülle und bot mir heilkräftigen Trank darauf
riss sie den Langspeer vom fremden Banner und warf betend den zerbrochenen Stab
zurück in den Strom Im Waldesdickicht barg sie den Müden und saß bei dem Lager
wie eine Mutter Nacht und Tag Beim Abschied ergriff sie das Purpurzeichen und
sprach Hier weise ich die Fäden die dein Schicksal lenken die Götter lassen
dem Helden die Wahl Wirfst du von dir den Zauber den Römer gesponnen so magst
du altern in friedlicher Stille verborgen im Volke geduldig im Leben und
schicksalsfrei Doch bewahrst du das Purpurbild mit tückischen Augen und
feuriger Zunge dann singt wohl unter den Kriegern der Sänger dein Lob gewaltig
lebt dein Gedächtnis bei andern doch fürchte dich der Drache verbrennt dir
dein Glück und den Leib Wähle jetzt Ingo denn die Götter teilen dem Mann sein
Schicksal nach seinen Gedanken und aus seinen Taten fallen die Lose die
schweren und leichten wie er geworfen so wird sein Geschick Da sprach ich
Längst liebe Mutter warfen die Götter und die Taten der Ahnen mir mein
Erdenlos von den Göttern kam ich zur Menschenerde ruhmloses Dehnen auf weichen
Fellen vermag ich nicht zu küren du weißt es ja selbst im Vorkampf mit meinen
Genossen zu schreiten die Männer der Erde hinaufzuführen zum Wolkensaal der
Helden das ist mein Amt Bin ich auch ein Fremdling bei fremden Geschlechtern
ich fürchte dennoch nicht den weisenden Finger der Schicksalsfrau mit festem
Herzen will ich unter den Helden schreiten meinem Mannesmut will ich fröhlich
vertrauen Bringt auch Hass mir der Drache der Ruhm schafft Freunde nimmer
berge ich mein Haupt vor dem Licht der Sonne
Da nahm die Mutter den Purpur zur Hand sie trennte die Häupter des Drachen
vom gewundenen Leibe die Häupter behielt sie das Gewebe des Leibes warf sie in
die Flamme des Herdes Vielleicht löse ich so das drohende Unheil von deinen
Tagen sprach sie am Herde Die Flamme schlug hoch auf missfarbiger Qualm
erfüllte den Raum sie stürzte hinaus und riss mich ins Freie Dann band sie die
Häupter mit biegsamer Weide knüpfte die Knoten raunte das Lied und bot mir den
Bund in lederner Tasche damit ich ihn heimlich vor jedem bewahre Es schützt
vor dem Wasser nicht wahrts vor dem Feuer dein Leben befehle ich in der
Götter Hut So wies sie mich nordwärts mit Reisesegen
Dies Jungfrau ist das Geheimnis meines Lebens dir künde ichs gern Was
die Götter mir fügen wollen weiß ich nicht dir aber vertraue ich was sonst
keiner weiß Denn seit ich in das Land kam und dich schaute ist mir der Sinn
geändert und mir dünkt besser neben dir zu sitzen oder zu Ross über die Flur zu
reiten als mit den Geiern dem Schlachtgetümmel nachzuziehen Sehr gewandelt
sind meine Gedanken und der Mut wird mir schwer bedrückt weil ich ein unsteter
Mann bin denn sonst kümmerte mich mein Schicksal nicht sehr meinem Arm
vertraute ich und einem günstigen Gott der den Verbannten vielleicht dereinst
in die alte Heimat zurückrufen würde Jetzt aber sehe ich dass ich dahinfahre
wie dieses Fichtenreis auf seiner Scholle über die rinnende Flut« Er wies auf
einen jungen Fichtenbaum der vom Bergwasser mit Moos und Erde losgerissen war
von seinem Standort und aufrecht durch die Wasserwirbel dahinfuhr »Kleiner wird
die Scholle« sagte Ingo ernstaft »die Erde bröckelt ab zuletzt vergeht er
zwischen den Steinen« Irmgard erhob sich und folgte mit gespanntem Blick der
Bahn des wilden Strauches er fuhr talab drehte sich im Strudel und schnellte
vorwärts bis er zwischen Nebel und Flut fast unsichtbar wurde »Er steht« rief
sie endlich frohlockend und sprang am Bach hinab der Stelle zu wo der Baum an
einer vorspringenden Landzunge haftete »Sieh her« rief sie dem Mann »hier
grünt er an unserem Ufer wohl möglich ist es dass er fest an das Land wächst«
»Du aber« rief Ingo hingerissen »sage mir ob dir das lieb wäre«
Irmgard schwieg
Da brach über der Wolkenwand die Sonne hervor ihre Strahlen verklärten die
helle Gestalt der Jungfrau das Haar glänzte wie Gold um Haupt und Schultern
während sie mit niedergeschlagenen Augen die Wangen gerötet vor dem Manne
stand Ihm hob sich das Herz in Freude und Liebe ehrfürchtig trat er an sie
heran sie blieb wie festgebannt regte leise die Hand zur Abwehr und murmelte
bittend »Die liebe Sonne siehts« Er aber küsste sie herzlich und rief der
lachenden Sonne zu »Sei gegrüßt milde Herrin des Tages sei uns gnädig und
bewahre vertraulich was du schaust« Er küsste sie wieder und fühlte ihren
warmen Mund gegen den seinen Doch da er sie umschlingen wollte hob Irmgard den
Arm sie sah ihn mit heißer Liebe an aber ihre Wange war erblichen und sie
wies ihn mit einer Handbewegung aufwärts nach den Bergen Er gehorchte und
sprang von ihr und als er sich rückwärtsschauend nach ihr wandte hatte die
Lichtumflossene sich vor dem Bäumchen auf die Knie geworfen und hielt die Arme
flehend zum Himmelsschein empor
An demselben Morgen gesellten sich die Edlen und Weisen Führer der
Gemeinden und bewährte Krieger im Hause des Herrn Answald und saßen nieder auf
den Sesseln die ihnen zu beiden Seiten des Herdes gereiht waren In der Mitte
nahm der Wirt seinen Sitz hinter seinem Stuhle stand Teodulf Der Sprecher
schloss die Tür und der Fürst sprach zu der Versammlung »In mein Haus ist
gekommen Ingo König Ingberts Sohn durch Gastfreundschaft mir verbunden von den
Vätern her Heut begehre ich für ihn das Gastrecht des Volkes damit er sicher
sei nicht allein in meinem Hause auch in eurem Lande vor Feinden aus der Fremde
und im Volke dass er Recht finde gegen Missetäter und Schutz durch die Waffen
der Nachbarn gegen jeden der ihm feindlich trachtet nach Ehre und Leben Als
Bittender steh ich vor euch für den werten Mann bei euch steht es zu geben
oder zu weigern« Nach den Worten entstand tiefe Stille endlich erhob sich
Isanbart lang hing ihm das schneeweiße Haar um das narbige Antlitz die hohe
Gestalt stützte sich auf den Stab aber kräftig tönte die Stimme des Greises
und achtungsvoll lauschten die Männer »Dir Fürst ziemt es zu sprechen wie du
getan Wir sind gewöhnt dass du dem Volke gibst und wenn du von dem Volke
bittest so sind unsere Herzen bereit zur Gewährung Ruhmvoll ist der Mann und
dass er selbst es ist und nicht ein lügender Landfahrer dafür bürgt das Lied des
Sängers ein gastliches Zeichen das er mit seinem Wirte verglichen hat und
über dem anderen seine Würde in Antlitz und Gliedern Aber wir sind zu Wächtern
bestellt über das Wohl von vielen und zur Vorsicht mahnt die sorgliche Zeit
deshalb ziemt uns ernste Beratung und Ausgleich der Meinungen welche etwa die
Helden des Volkes zwiespältig scheiden«
Er setzte sich und die Nachbarn nickten ihm ehrfürchtig zu Aber heftig
erhob sich Rotari ein Edler aus dem alten Herrengeschlecht ein dicker Mann
mit rotem Antlitz und rötlichem Haar ein rühmlicher Zecher auch wacker im
Männerkampf und lustig im Reigen ihn nannten die Knaben im Spott König
Pausback »Ein Rat am Morgen soll wie ein Frühtrunk sein kurz und kräftig Ich
meine hier braucht es nicht lange Erwägung wir haben ihm neulich beim
Weintrunk Heil gerufen wir werden ihm heute nicht Wasser in seinen Krug
schütten er ist ein Held der zwei gute Bürgen hat das Lied des Sängers und
unser Wohlgefallen das ist mir genug ich gebe ihm mit meiner Stimme das
Gastrecht«
Die Alten lächelten über den Eifer des Treuen und die Jüngeren riefen ihm
Beifall zu da stand Sintram auf Teodulfs Oheim ein Mann ohne Brauen mit
bleichem Auge und hagerem Gesicht ein harter Wirt gefährlich seinen Feinden
doch von klugem Rat und angesehen am Hofe des Königs »Du o Fürst bist ihm
huldreich gesinnt und er selbst verdient es so sagt ihr das gibt auch mir die
Richtung für meinen Wunsch und willig würde ich ihn als Gast begrüßen wie wir
zuweilen dem fremden Wanderer tun dessen Lob nicht der Mund des Sängers
verkündet Doch ein Zweifel bändigt mir den Wunsch in der Brust und ich frage
Kommt er als unser Freund aus der Fremde Nicht alle jungen Krieger des Gaues
stehen auf der Heimaterde ich denke auch derer die nach Ruhm und Glück
auswärts zogen Wer von unseren Blutgenossen hat mit den Alemannen gefochten
Ich weiß keinen Im Heere der Römer aber stehen kühne Schwertträger unserer
Verwandtschaft sind diese dem Fremden feind wie dürfen wir uns seine Freunde
nennen Sind sie gefallen so schallt in unseren Dörfern die Totenklage wer hat
sie gefällt Vielleicht der schlachtenkühne Mann der sich ja selbst beim Mahl
dessen rühmte Wie dürfen wir Gastrecht dem Feinde bieten der feindlich unser
Blut vergossen Nicht weiß ich ob ers tat doch wenn er es nicht tat so wars
ein Zufall seine Absicht wars da er für den König Atanarich stritt Im
Römerheer höre ich rühmt man dass der Cäsar seine Siege allein den
Volksgenossen verdankt welche unsere Sprache reden wie Riesen stehen die
rotwangigen Söhne unseres Landes über den schwarzäugigen Fremden Der Cäsar
lohnt ihnen durch Armringe und Ehren durch die höchsten Ämter Fragt nach einem
gewaltigen Kriegsmann und stolzen Herrn in Rom dann sagen die römischen Händler
mit neidischem Blick Germanenblut sind sie Wo soll unsere Jugend des Krieges
Ehre finden und Liebe bei den Göttern wenn friedlich im Lande die Waffen
rosten Die Überkraft unserer Gaue wohin soll sie ziehen damit die Brüder
daheim das Erbe genießen wenn nicht der Cäsar sein Schatzhaus den Wanderern
öffnet Darum sage ich nützlich ist uns sein Reich und wer gegen ihn kämpft
steht auch gegen unseren Vorteil Seht zu dass der Fremde unseren Männern nicht
den Pfad sperre welcher hochsinnige Helden zu Goldschatz und Ehre führt«
Finster saßen die Männer ihnen war zur Trauer dass er Wahrheit sprach Doch
das Schweigen brach Bero der Vater Fridas ein hartknochiger Bauer die
buschigen Brauen zog er missvergnügt zusammen »Du sandtest den Bruder ins Heer
der Römer« sprach er rauhstimmig und langsam »du sitzest gemächlich auf seinem
Erbe mich wundert nicht dass du die fremde Brut lobst Der Bauer aber freut
sich nicht der trotzigen Gesellen die von ihrer Speerreise aus dem Römerland
heimkehren denn üble Landgenossen werden sie Verächter unserer Sitte Prahler
und Lungerer Darum sage ich ein Unheil sind die Römerfahrten unserm Volke
Ziehen unsere jungen Krieger in den Lagerdienst des fremden Feldherrn sie tuns
auf eigene Gefahr nicht hat das Volk sie dazu erkoren und geweiht Ich rühme
mir sesshaftes Hausen daheim ehrlichen Axtschlag und darauf ehrlichen Frieden
mit den Nachbarn welche meine Götter und meine Sprache ehren Jetzt haben wir
Frieden mit jedermann kommt heut ein Alemanne an unseren Herd ein wackerer
Gesell wir lagern ihn am Feuer kommt morgen ein Römerkrieger der uns ehrlich
dünkt wir tun vielleicht dasselbe Beide müssen sie bescheiden leben nach
unserem Recht und mögen sie einer dem anderen die Luft und des Herdes Flamme
nicht gönnen so lasst sie ihre Schwerter nehmen und außerhalb des Dorfzaunes
ihren Streit auskämpfen Die Schläge sind ihre Sorge nicht unsere Darum
spreche ich so hier ist ein heldenhafter Mann ob Römer ob Vandale er sei
willkommen an unserer Bank die Hauswirte bleiben wir und bändigen ihn wenn er
des Landes Frieden stört«
Er sprachs und setzte sich trotzig auf seinen Schemel beistimmend
murmelten die Alten Da erhob sich Albwin ein edler Mann sie sagten dass ein
Hausgeist im Balkendach seines Hofes wohne seit der Väterzeit und in der Nacht
die Kinder des Geschlechtes wiege und dass diese darum nicht zu dem Himmel
wüchsen wie die anderen Menschen denn zierlich und klein waren alle seines
Blutes doch artig von Gebärden und guter Worte mächtig Und er sprach
»Vielleicht vermagst du selbst o Fürst die Meinung der Herren und Nachbarn zu
versöhnen sie alle gönnen das Beste dem Helden der aus dem Kriege zu deinem
Herde kam Sie sorgen nur dass er vielleicht einst die Landgenossen durch sein
Schicksal beschwere Denn es ist erlauchtem Mann eigen nicht träg unterm Dach
des Wirtes zu liegen er sammelt sich Anhang und schafft sich Gegner je größer
eines Mannes Ruf das Land durchdringt desto gewaltiger zieht er die Genossen in
seine Wege Wir sind nicht so karg dass wir die Tage zählen während denen wir
einen Wanderer in der Halle bergen doch kennen wir des Helden Meinung nicht
und darum sei es mir vergönnt den Wirt zu fragen Ist es dem Fremdling nur um
kurze Ruhe und Gemach zu tun dann brauchts nicht der Beratung Will er die
Tage seiner Zukunft in dem Volke beschließen seinen Saal sich zimmern auf
unserem Boden dann mögen wir nicht nur das Heil des Fremden auch das unsere
klug bedenken«
»Du mahnst mit Grund« versetzte ernst der Fürst »und doch muss ich deiner
Rede die Antwort weigern du selbst weißt nicht ziemt dem Wirt die Stunde der
Abfahrt aus dem Gast zu spähen und dürfte ichs hier würde ich es nimmer tun
denn aus dem Elend kommt der edle Mann er selbst weiß nicht ob die Heimkehr
ihm bald oder ob sie ihm niemals vergönnt ist«
Wieder hob sich Rotari der ungefüge Mann und sprach im Zorn »Was soll
das Markten mit der Zeit wir Thüringe wenn wir die Herzen öffnen tuns nicht
auf Zeit Gebt ihm das Gastrecht in dem Volk und macht ein Ende«
Laut riefen die Männer Beifall und sprangen von ihren Sitzen Da sprang
Sintram in die Mitte des Kreises und rief mit scharfer Stimme in die aufgeregte
Menge »Sieh zu Fürst dass nicht die Führer unseres Gaues wie Knaben hinter dem
bunten Vogel hinabspringen in unerforschte Kluft ich fordere Schweigen wenig
ist noch bedacht was unserem Heile frommt«
Der Fürst winkte mit seinem Stabe unwillig setzten sich die Männer und
erhoben drohendes Gemurmel gegen Sintram aber ungerührt fuhr er fort »Mächtig
bist du o Fürst und scharf ist das Eisen der Landgenossen aber Thüringe sind
wir und ein König waltet über uns es ziemt dass der König dem fremden
Königssohne Gastrecht gibt nicht wir« »König Bisino König Blaubeere« schrien
zornige Stimmen »Will Sintram dass ein Bote des Königs die Gelübde vorspreche
die wir am Herdfeuer sagen sollen« rief ein finsterer Thüring
»Der König ist der oberste Herr« sprach Herr Answald bedächtig »im Rat des
Volkes soll sein Name mit Scheu genannt werden«
»Wohl weiß ich« rief der beharrliche Sintram den Drohenden entgegen »dass
wir den König nicht fragen wenn ein wegemüder Mann dessen Name niemand gehört
hat an unserer Bank niedersjetzt der aber jetzt gekommen ist ein ruchbarer
Krieger ein Römerfeind Wir kennen nicht des Königs Sinn ob ihm der Fremde
nütze oder schade und ob er der des Volkes Frieden bedenkt unser Gastrecht
lobe oder schelte«
Da erhob sich Turibert der Opferpriester der zur Rechten des Fürsten saß
und begann mit lauter Stimme die mächtig unter dem Balkendach tönte »Du
fragst ob der König uns huldreich zunicken wird oder sein Antlitz zornig
abwenden Ich schelte deine Sorge nicht mancher fragt ja wie der Hase läuft
und was der Uhu schreit Ich aber künde euch was Männern kundbar ist auch ohne
Vorzeichen Die Menschengötter haben uns als Gesetz geweiht dass wir dem
schuldlosen Fremdling Erde gönnen und Wasser Luft und Licht Zürnt der König
weil wir uns ehrlich halten gegen einen Bittenden wir müssens tragen denn
schwerer ist der Götter Zorn als Königs Grimm Ist jener Mann euch Feind weil
er Römer fällte so löscht sogleich die Herdflamme an der er niedersjetzt und
führt ihn aufwärts über den Grenzwald Doch dass er vielleicht leidig werden
könnte vielleicht auch nicht das zu bedenken ist nicht Landesbrauch und nicht
Befehl der Götter«
»Hört auf sein Wort« begann aufs neue Isanbart »Ich sah meine Söhne fallen
im Schlachtendrang auch meine Enkel sind geschwunden von der Männererde ich
weiß nicht warum ich zurückgeblieben bin in dem Kampf zwischen Nacht und Tag
zwischen Sommer und Winter und zwischen Liebe und Zorn in den Seelen der Männer
Vielleicht aber bewahren mich die Gewaltigen hier damit ich den Jüngeren
Bericht gebe von dem Schicksal ihrer Väter In der Vorzeit so sagten mir die
Alten bauten alle Thüringe auf ihren Fluren als freie Männer in
Eidgenossenschaft der Gaue Aber Zwietracht kam in das Volk die in den
Nordgauen kämpften sieglos gegen das Messer der Sachsen Da kürten die Nordgaue
sich einen König sie richteten den hohen Stuhl auf und legten die Stirnbinde um
das Haupt eines Helden dessen Kriegsruhm kundbar war Und ein Herrengeschlecht
wurde mächtig es baute aus dem Gestein der Ebene sich eine Steinburg und
sammelte Krieger des Volkes in den Mauern Unsere Vorfahren aber die
Waldmänner saßen unbotmässig auf dem Erbe der Väter unduldsam gegen die
Königsherrschaft Lange währte der Streit unseres Gaues mit den Königsmannen
Wenn des Königs Schar gegen unseren Grenzzaun zog dann trieben wir die Herren
in den Laubwald und sahen finster zu wie die Talleute unsere Höfe in Flammen
setzten Wir sammelten uns hinter dem Verhau und zählten die Tage bis wir
Vergeltung übten an Herden und Kriegern des Königs Endlich bot der König
gütlichen Vergleich Ich war ein Knabe als unsere Gauleute zuerst den Nacken
beugten vor des Königs roter Binde Seitdem sandten wir unsere jungen Männer in
seine Kriege dafür zogen die Königsmannen in unsere Reihen wenn unser Gau mit
den Gemeinden der Katten in Krieg geriet Ungeduldig ertrugen die Könige unsere
laue Huldigung oft haben ihre Boten versucht unsere Herden zu schätzen und die
Garben unseres Ackers zu zählen mehr als einmal ist bei euren Lebzeiten die
Fehde mit den Leuten des Königs entbrannt Gemeinsamer Vorteil zwang wieder zum
Frieden aber neidisch spähen die Berater des Königs von den Zinnen der Burg
nach unserem freien Wald Jetzt leben wir noch unversehrt Ring und Gewand
kommen aus der Königsburg an die Leiber unserer Edlen und lauter Gruß empfängt
unsere Gaugenossen in der Königshalle Dennoch warne ich dass wir nicht fügsam
uns gewöhnen an Herrendienst dass wir nicht fragen und König Bisino nicht
Antwort sende dass wir nicht bitten und ein Herr uns Gnade gewähre Denn jeder
Vorwand die Macht zu zeigen ist am Königshofe willkommen Ob den Königsleuten
der fremde Mann lieb oder leid sei wenn wir sie fragen uns schaffen sie Leid
Fragen wir jetzt wegen des Gastrechtes und erbitten Gewähr so trägt uns morgen
ein Königsbote Befehle zu Darum deucht mir besser wir bleiben so wie wir
zuvor gewesen Den Gast zu befrieden ist unser Hausrecht nicht Recht des
Königs So sei es geendet Da ich ein Mann war in der besten Kraft da ward ich
dem Vater unseres Wirtes ein Reisegenosse ich stand im Kampf an der
Schwertseite jenes Helden dessen Sohn jetzt an unserem Herde harrt Ein milder
Mann hochmutig und stark war der Vater und ich sehe der Sohn ist von gleichem
Schlag Als ich den jungen Helden jüngst beim Spiele fand da wurde wieder Traum
aus alter Zeit lebendig ein Freundesauge sah ich nicht das eines Fremden die
Hand des Königs die ich einst in der Fremde berührt ich hielt sie aufs neue
und darum möchte ich ihm werben die Neigung des Volks den Sitz an unserer
Bank« Der Greis setzte sich langsam nieder aber um den Herd scholl lauter Ruf
die Schwerter rasselten in den Scheiden »Heil Isanbart Ingo Heil Wir geben
ihm das Gastrecht«Der Fürst erhob sich und schloss die Beratung »Ich danke den
Freunden und Landgenossen Was hier verhandelt wurde sei gesprochen und
abgetan und keiner trage dem anderen Groll nach um verklungenes Wort denn den
Häuptern des Volkes ziemt einmütiger Beschluss damit im Ring der Landgemeinde
nicht Zweifel und Zwist den Frieden störe«
Herr Answald ging von Mann zu Mann und nahm von jedem darüber den
Handschlag auch Sintram schlug ein und lächelte vertraulich als der Fürst ihn
ansah Rotari aber schlug ein dass es schallte und rief dabei »Mich freuts«
und bei den Worten des rührigen Mannes ging ein Lächeln über die ernsten
Gesichter Der Sprecher öffnete die Tür und die Helden schritten würdig aus dem
Hofe auf die Wiese wo der Ring der Landgenossen versammelt war Dort wurde
durch Zuruf der Menge dem Fremden das Gastrecht des Volkes erteilt sie luden
ihn in den Ring und geleiteten ihn darauf nach heiligem Brauch zu dem großen
Herdkessel des Fürsten Über dem Kessel sprachen die Häupter des Volkes und Ingo
einander den Eidschwur
Der Fürst aber begann zu dem Gaste »Beschworen ist das Bündnis und ein
Haus in meinem Hofe wird dir Held Ingo bereitet damit du darin Gemach habest
solange es dir gefällt Du selbst aber bestelle dir den Kämmerer wähle dir
unter meinen Bankgenossen einen welcher dir behagt nur Hildebrand den
Sprecher und Teodulf der selbst von edlem Geschlechte ist möchte ich ungern
entbehren Die anderen werden jeder für ehrenwert erachten dir den Treueid in
die Hand zu legen und deinen Schritten zu folgen solange du unter uns weilst
zumal wenn sie erfahren dass es mir lieb ist«
Da trat Ingo zu Wolf und sprach »Der erste warst du der dem Fremdling an
der Landesmark Brot und Salz bot und freundlich hast du seither dich erwiesen
Willst du es wagen Genosse eines Verbannten zu sein Keine andere Schatzkammer
habe ich als Wald und Heide wenn der Fürst mir gestattet dort Beute zu suchen
und die Walstatt mit den Armringen erschlagener Feinde Einem armen Herrn wirst
du folgen und keinen anderen Lohn vermag ich dir zu bieten als guten Sinn und
treue Hilfe mit Speer und Schild« Wolf antwortete »Lehre mich o Herr deine
Kunst in der Feldschlacht zu stehen dann bin ich sicher Goldschatz zu
erwerben wenn die Götter mir gestatten dass ich im Kampfe dauere Doch laden
sie dich zu ihrer Halle so weiß ich dass auch mir der Weg ruhmvoll sein wird
auf dem ich dir folge« Dies sprach er und gelobte sich dem Gaste in seine Hand
Auch Teodulf hatte die Versöhnung mit Ingo gesucht Noch am Abend des
Gastmahls als der Fürst den Helden zum Ehrensitz geleitete war Sintram mit
anderen Männern aus der Freundschaft zu Teodulf getreten Sie hatten im geheim
beraten wie der Kampf zwischen den Gegnern zu hindern sei und Teodulf war
darauf gefolgt von seinem Geschlechte vor Ingo getreten und hatte gesprochen
»Anders wird die Schau über das Land wenn die Sonne aus den Wolken bricht So
habe auch ich deinen Wert nicht gekannt da ich Ungünstiges zu dir sprach Nicht
dir galt meine Rede sondern einem ruhmlosen Mann der jetzt geschwunden ist
vergiss darum auch du die kränkenden Worte damit ich nicht der einzige im Saal
sei dem du mit Fug grollst« Und der Fürst fügte hinzu »Er spricht gute Worte
keiner von uns wünscht dir noch Übles Held Ich selbst begehre für ihn die
Versöhnung denn ich war es der deinen Namen den Hofgenossen verbarg« Da
antwortete Ingo »Die Schmähworte vergaß ich Teodulf unter dem Liede des
Sängers ungern würde ich noch ferner an die Rache denken«
In rotem Goldglanz stieg ein neuer Morgen für Ingo herauf Aber im Bergwald
folgt auf heißen Morgen ein Wettertag und auch die Wärme der Herzen schwindet
schnell im Sturme zorniger Gedanken
Am Königshofe
In der Königsburg der Thüringe saß auf hohem Stuhl Gisela die Königin sie
stützte das Haupt mit dem weißen Arm und das Lockenhaar fiel ihr unter der
Königsbinde über die Hand und deckte ihr die Augen Zu ihren Füßen legte eine
Dienerin das Goldgerät vom Königsmahl in die Truhe zurück und zählte die Stücke
bevor sie die Truhe verschloss und in das Schatzhaus der Herrin lieferte sie sah
lachend ihr Angesicht verzogen in dem gerundeten Metall und blickte auf die
Herrin aber die Königin kümmerte der Goldschatz wenig Einige Schritte davon
saß König Bisino ein tapferer Kriegsmann vierschrötig von Leibe mit starken
Gliedern und breitem Angesicht er trug auf seiner Wange ein schwarzes Mal das
erblich war in seinem Geschlecht einem Ahnen wars zum Spott gewesen jetzt
aber galts für ein Königszeichen gabs auch nicht Schönheit es gab doch
Stolz Unwirsch war der König der reichliche Trunk hatte ihm die Stirnadern
geschwellt und er haderte gegen den Sänger Volkmar der vor ihm stand
»Ich habe dich nach dem Mahle gefordert« sprach der König »dass die Königin
dich befrage aber sie scheint nicht zu wissen dass wir hier sind«
»Was befiehlt mein Herr« fragte Frau Gisela sich stolz aufrichtend
»Es ist traun Grund« murrte der König »die Augen zu öffnen wenn die
Könige am Rhein Eisenbänder tragen und im feuchten Kerker liegen«
»Warum boten sie ihre Hände den Fesseln« versetzte Gisela kalt »Wer
Tausende seiner Krieger zur Totenhalle führt dem ziemt übel anderen den
Vortritt zu lassen Ich sehe die Tapferen mit Todeswunden auf blühender Heide
die blutlosen Gesichter im Kerker kümmern mich nicht«
»Auch tapferen Mann verlässt das Glück« sprach der König und sah scheu nach
seinem Gemahl »Du aber Gesell hast nicht alles gekündet einer entfloh und
kam in mein Land in dem Hofe des Fürsten gabs lautes Getön vom Heilruf Ingo
bebte die Halle du warst dabei schnellzüngiger Spielmann was hast du deinen
Gesang getauscht Weit anders klang dein Lied in der Waldlaube«
»Schlechter Ruhm wäre dem Sänger wenn sein Lied eintönig auf einer Saite
schwirrte Mein Amt ist jedem das Seine zu geben dass froh sich das Herz des
Hörers öffne Dem König verschwieg ich den Namen der Helden nicht denn
rühmliche Tat lebt durch meinen Mund Doch ich wusste nicht dass der Flüchtling
dem großen Volksherrn den Sinn beschwert«
»Ich kenne dich« rief der König in ausbrechendem Zorn »du tauchst behend
wie die Otter im Fluss hüte dein glattes Fell vor den Streichen meiner Knaben«
»Der Sänger hat Friede auch bei wildem Volk Deine Knaben o König die
trotzigen Männer deren Lärm jetzt aus dem Hofe bis in den Steinturm schallt
auch sie scheuen den Sänger denn jede Untat trägt er durch die Länder und wird
ihm sein Mund für immer gestillt dann rächen den Toten seine wackeren Genossen
Dein Zorn erschreckt mich nicht doch ungern entbehre ich deine Gnade denn
reich hast du treuen Dienst belohnt Nicht vermag ich zu erkennen warum mein
Herr den Namen des Fremden ungünstig hört der Flüchtling scheint mir ein
wackerer Mann treu seinen Freunden und nicht begehrlich nach fremdem Gut«
»Du sprichst nach Gebühr« sagte die Königin freundlich »und der König
kennt wohl deinen Wert Nimm hier für deine Kunde war sie auch leidvoll des
Königs Botenlohn«
Sie winkte der Dienerin welche ihr die schwere Truhe vor die Füße schob
sie fasste hinein und bot wahllos dem Sänger ein goldenes Trinkgefäss Der Sänger
sah betreten darauf hin bis die Königin die Brauen finster zusammenzog da nahm
er den Becher und neigte sich tief auf ihre Hand die sie ihm reichte »Hat dein
schneller Fuß noch Frist bei uns zu weilen so lehre meine Mägde den neuen
Tanzreigen den du das letztemal in unserer Halle aufführtest Und lass dich
alsdann finden in meiner Nähe«
Sie winkte ihm gnädig den Abschied der König sah ihm unzufrieden nach
»Du bist freigebig mit dem Gold deiner Truhe« sagte er finster
»Einen guten Handel macht der König wenn er mit Gold das Unrecht abkaufen
kann das er einem niederen Mann zugefügt hat Geringe Ehre ist es meinem Herrn
seine Sorge dem fahrenden Mann zu verraten der von Halle zu Halle um Lohn
singt Dir bleibt nur die Wahl den Mund des Mannes durch einen Becher zu
schließen oder für immer durch einen Schwertschlag Darum gab ich ihm die
Sühne damit er schweige denn weit berühmt ist der Mann und gefährlich wäre
es den Zeugen deiner Furcht zu töten«
Der König fuhr kleinlaut fort bestürzt wie ihm öfter geschah durch den
hochfahrenden Sinn der Königin »Was rätst du gegen den Fremden den die
Waldleute sich mir zum Trotz als Gastfreund gesellt haben soll ich auch ihm
Gold bieten oder Eisen«
»Deine Gunst König Bisino denn Ingo Ingberts Sohn ist ein erlauchter
Mann«
»Ist es besser für mich dass er den Königssprung vermag« fragte der König
wieder
Frau Gisela sah ihn an und blieb stumm »Edlen Sinn bindet nur Vertrauen«
versetzte sie endlich und trat vor den König »Will mein Herr die Gefahr
vermeiden so lade er selbst den Fremden an seinen Hof und erweise ihm die Ehre
die ihm gebührt Gefährlich ist der Königssohn vielleicht unter den Bauern am
Walde nicht in deiner Königsburg und in deiner Heerschar Hier ist er dein
Gastfreund ihn bindet der Schwur und deine Gewalt«
Der König überlegte »Gut rätst du Gisela und du weißt ich ehre deine
Worte Was die Zukunft bringt das will ich erwarten« Er erhob sich die
Königin winkte der Magd sich zu entfernen Als sie allein war ging sie mit
heftigem Schritt im Raume auf und ab »Gisela heiße ich vergeiselt bin ich in
fremdem Land zu freudlosem Lager dem gemeinen Mann Seit Jahren sitzt das
Königskind der Burgunden elend auf dem Thron und die Gedanken ziehen rückwärts
zu dem Land der Meinen und zu der Kinderzeit Dort sah ich ihn den einst der
Vater mir zum Gemahl bestimmte da ich ein Kind war und er ein Knabe Ingo
gebannter Mann hart war dein Reisebrot und bitter dein Trunk in der Verbannung
bitterer doch mein Gram in der Königsburg Sooft aus fremdem Lande ein fahrender
Krieger kam forschte ich nach deinem Geschick Jetzt naht dein Schritt dem
Pfad auf dem ich schreite sei mir willkommen ob du mir lieb wirst oder leid
denn müde bin ich der Einsamkeit«
Draußen klang vielstimmiges Lachen und Gesang der Mägde die Königin saß
nieder und hörte die Hände über dem Knie geschlungen auf die Weise des
Reigens die der Sänger sang Die Dienerin führte den Sänger leise herein »Du
hast vieles erzählt beim Mahle des Königs« rief sie ihm lächelnd zu »was
meinem Herrn schwere Gedanken gemacht hat jetzt lass du mich im Vertrauen
wissen wie du selbst den Banden der Römer entrannst denn nahe genug war die
Gefahr dass ich einen werten Mann verlor der mir oft Freude gebracht hat Hast
du ein Lied von der eigenen Not so will ichs hören«
»Wenig dachte ich an mich selbst in jener Stunde Herrin ich sah auf einen
anderen der mich errettete und sich selbst in größeres Leid warf«
»Ich meine das war jener Fremde« sprach die Königin »hebe den Sang an und
dämpfe deine Stimme wenn du kannst dass nicht unnützes Volk sich an den Pforten
dränge«
Volkmar begann mit leiser Stimme seinen Bericht von der Kahnfahrt und dem
Sprung in den Rhein Zu der kleinen Fensteröffnung drang golden der Strahl der
Abendsonne herein er umsäumte die Gestalt des Sängers der in tiefer Erregung
vorsang was ihm das Herz bewegte im Dunkel saß die Königin und wieder fiel
ihr das volle Haar über die Hand die ihr geneigtes Haupt stützte unbeweglich
saß sie da in sich selbst versunken bis der Sänger mit jenem Wiederfinden in
der Halle schloss
»Das wird ein rühmlicher Gesang für zwei für ihn und dich« sagte die
Königin gütig da der Sänger geendet »Du ziehe mit dem Segen der Götter zu
Halle und Herd dass die Kunde im Volke sich verbreite«
Beim Abendtrunk saß der König unter seinen Knappen das Jauchzen und Lachen
der starken Leibwächter umklang den Herd aus großen Stangen und Bechern
schöpften sie den würzigen Trank »Spiel den Reigen Sänger« rief einer der
Wilden »den du heut des Königs Mägde gelehrt damit auch wir geschickt die
Weise springen auf der Heide« »Lasst ihn« spottete Hadubald ein narbiger
Kriegsmann der vorzeiten Trabant am Römerhofe gewesen war und jetzt dem König
diente »sein Lied ist gerade gut genug dass die Kraniche danach hüpfen im
Hühnerhofe Wer die Tänzerinnen die schmeichelnden Mädchen aus Alexandrien
geschaut dem dünkt das Stapfen der Bauern im Grase wie Marsch der Gänse«
»Er ist stolz geworden« rief ein anderer »seit er den Goldbecher der
Königin im Gewand birgt hüte dich Volkmar unsicher ist ein Goldschatz dem
fahrenden Mann der über die Heide zieht«
»Wolfgang ist dein Name« versetzte der Sänger »und wie der Wolf gehst du
selbst lauernd über die Heide übel geziemt an der Bank des Königs dein
neidvoller Blick auf der Herrin Geschenk«
Er nahm sein Saitenspiel zur Hand rührte die Saiten und sang die Weise des
Reigens Da zuckte es den Männern in den Gliedern sie schwenkten die Arme im
Takte auf der Tafel und pochten mit den Füßen den Tritt auch der König schlug
mit der Hand auf den Deckel des Weinkrugs und nickte weinselig mit dem Haupte
Beim zweiten Vers aber erhoben sich die metgefüllten Knaben nur die Alten
widerstanden und umklammerten mit der Hand fest das Trinkhorn die anderen aber
traten je zwei den Reigen in langer Kette um die Bänke herum dass der Saal laut
ertönte Der König lachte »Du weißt sie zu zwingen« rief er dem Sänger zu
»komm näher Volkmar du schlauzüngiger Mann sitz neben mir dass ich dir
vertraulich meine Meinung künde Ich war heut unwirsch es war nicht böse
gemeint mir lag deine Botschaft schwer auf der Seele Was aber den goldenen
Becher betrifft den die Königin dir gespendet so war nicht unrecht was mein
alter Knabe dir sagte Gold ist Herrenmetall und passt nicht für den Reisesack
eines mäßigen Mannes du selbst singst ja dass es den Männern der Erde Unheil
bereitet Weise würdest du handeln wenn du ganz in der Stille diese Beute mir
aus gutem Herzen zurück in das Schatzhaus stelltest«
Gern hätte der Sänger sich das Prachtstück bewahrt und er antwortete »Was
das Auge des Herrn begehrt schafft dem Diener kein Glück doch bedenke Herr
auch in des Königs Schatz wird zum Unsegen das Stück an welchem Trauer und Neid
der Menschen hängen die es verloren«
»Darum sei außer Sorgen« versetzte der König schmeichelnd »mir tut das
nichts«
»Doch wenn die Herrin erfährt dass ich ihr Geschenk so gering geachtet mit
Recht wird sie mir zürnen« sagte der Sänger
»Sie kennt es kaum Volkmar glaube mir« fuhr der König überredend fort
»Ihr ist im Herzen ganz gleich ob es Gold oder Kupfer ist Wenn die Waldleute
im Herbst ihre Pferde an meinen Hof senden magst du dir ein gutes Ross aussuchen
mit runden Hufen und mein Kämmerer gibt dir ein schönes Gewand aus den Truhen
das wird dich stattlicher machen im Volk als das runde Blech Denn ich meine es
gut mit dir Volkmar ich fürchte für dich den Neid meiner Knappen«
»Zuchtlose Worte hörte ich am Herd des Königs« versetzte der Sänger
gekränkt
»Trag sie nicht schwer Volkmar« riet der König begütigend »es ist wahr
ihre Rede ist zuweilen wild und ich bändige mühsam ihre Gewalttat aber des
Königs Kunst ist jeden zu gebrauchen in seiner Weise sie tun als schnelle
Königsboten um Gold und einen warmen Sitz an meiner Bank alles was ich will
und fragen nicht ob die Tat blutig sei oder nicht Wie kann ein König walten im
Volk ohne solche Diener Denn hochfahrend ist der Männer Sinn jeder will nur
tun was ihm beliebt jeder trotzt auf sein Recht und sucht sich Rache und
keiner fügt sich fremdem Willen Jeder begehrt Kampf und Wunden zu eigenem Ruhm
und ist eilig zu den Göttern hinaufzufahren Ich meine auch zuletzt einmal
einen Sitz zu fordern in der Götterhalle jetzt aber möchte ich lieber auf der
Männererde über gefügige Nacken blicken und muss auch ich Männer wegschaffen aus
dem Licht weil sie schädlich sind so sind es doch nur wenige die anderen aber
auf ihrem Erbe zu erhalten ist mein Vorteil und mein Ruhm daran denke
Volkmar weil du ein sinnvoller Mann bist Trotzig ist das Volk und geschwollen
sein Sinn des Königs Sorge aber ist für alle zu bedenken was dem Lande
frommt Darum schilt mir nicht meine Getreuen Es ist besser sie üben zuweilen
eine Nottat als dass alle anderen Gewalt gegeneinander sinnen und das Volk der
Thüringe einem fremden Geschlecht Frondienst leiste«
Der Sänger schwieg Der König fuhr schlau fort »Der Wein hat mir das Herz
geöffnet und ich will zu dir reden wie zu einem Freunde Sage an wie man zu
einem Bruder spricht welcher Art ist der Fremdling Ich möchte ihm gern trauen
aber er ist noch von der ungefügen Art die sich rühmt dass einst ein Gott in
dem Ehebett ihrer Grossmütter gelagert habe Die Art ist wenig nütze auf der
Männererde ihr Blut ist schwarz geworden wie alter Met im verpichten Kruge
sie schaffen schweren Rausch im Volke sie gebärden sich als ob sie die Vettern
des Kriegsgotts wären und betrachten aller anderen Schicksal wie Spreu die sie
vor sich her blasen Ist der Fremde ein solcher Gesell«
»Mich dünkt sein Mut ist fröhlich und sorglos seine Art nur dass ein
schweres Schicksal auf ihm liegt« versetzte Volkmar
»Wie hält er sich beim Becher« fragte der König »ich lobe mir einen
rotwangigen Knaben dem der Trunk die Kehle öffnet«
»Er weiß fröhlich Bescheid zu geben bei Trank und Rede« versetzte der
Sänger
»Dann soll er mir willkommen sein auf meiner Bank« rief der König und
schlug auf seinen Trinkkrug »Dich aber habe ich gewählt zum vertrauten Boten
dass du mir den Fremdling aus den Waldlauben in meine Burg schaffst führe ihn
vor mein Angesicht«
Volkmar erhob sich und stand überlegend »Ich will dem Fremden deine
Botschaft künden Doch damit er den gewogenen Sinn meines Herrn erkenne so
flehe ich dass mein König ihm zuvor Frieden gelobe und sicheres Geleit zum Hofe
und vom Hofe mein König und seine Knaben in der Halle«
»Was fällt dir ein Sänger« rief der König mit ausbrechendem Unwillen »wie
kann ich ein Gelöbnis geben dem Wildfremden dessen Sinn ich nicht kenne«
»Du willst doch o Herr dass er sich in deine Hand gebe Leicht ist es von
einem einzelnen den Schwur zu fordern Mein Herr würde selbst den Fremdling für
einen Toren halten wenn er sich unter die Knaben hierher wagte ohne Frieden«
»Was braucht mein König den fahrenden Mann zu solcher Botschaft« rief
Wolfgang »er sende uns wir bringen den Fremden auf seinen Füßen oder in seinem
Schild längst steht uns der Sinn nach einer Reise in die Dörfer der frechen
Bauern«
»Still« sagte der König »eure grobe Zunge gebrauche ich jetzt nicht wenn
ich mit meinen Waldleuten handeln will Volkmar soll mein Bote sein denn heut
ist der Tag guter Worte kommt der Tag für harte Tat dann rufe ich euch Du
meinst also er wird kein solcher Narr sein« fragte er lauernd und aus den
schwimmenden Augen brach ein heißer Blick wie der Feuerstrahl aus einer
Dampfwolke aber er bezwang sich und fuhr gemütlich fort
»Wohlan ich will ihm alles geloben Und ihr schweigt dort« rief er seine
Stimme erhebend in den Lärm seiner Mannen »Tretet heran und gelobt in meine
Hand Frieden für Ingo Ingberts Sohn zum Hofe am Hofe und vom Hofe« Die
Männer taten den Schwur
»Und jetzt Sänger« schloss der König drohend »lege ich dir auf deine
Seele dass du ihn herführst ohne Verzug«
»Ich bin nur dein Bote Herr nicht vermag ich ihn zu zwingen«
»Bedenke dein eigenes Heil Volkmar« rief der König und hob die Faust in
die Höhe »Leid wäre dir wenn du in Zukunft die Vatererde meiden müsstest«
»Ich will mich halten als ein treuer Bote« versetzte der Sänger ernst
»So ist es recht Volkmar« schloss der König besänftigt und erhob sich
»Geendet sei der Trunk brecht auf von den Sitzen und du Volkmar sollst mir
heut anstatt Kämmerer sein geleite mich« Der König stützte sich schwer auf
Volkmars Schulter und schritt mit ihm über den Hof zum Schlafhaus der Königin
Unterwegs sagte er ihm lustig ins Ohr »Nun Schelm wo bleibt der Becher«
Volkmar öffnete den Beutel den er an seinem Gurt trug und bot das
Goldgefäss dem König dar »Stecke mirs ins Gewand« sagte der König »ich will
um deinetwillen sorgen dass Frau Gisela das Ding nicht erblickt«
Am nächsten Morgen verließ der Sänger die Burg Der König sah seinem Boten
misstrauisch nach und dachte in seinem Sinn meine Waldfüchse werden mir den
Fremden schwerlich in die Burg senden Wenn sie ihn meiner Forderung weigern
dann geben sie mir einen Grund gegen sie zu ziehen ihren Bauernstolz zu
brechen und ein Ende zu machen mit ihrem freien Bunde Dann aber wählen sie den
Ingo zu ihrem Führer er dünkt mich ein mannhafter Recke und es könnte einen
harten Kampf geben unter Scheitolz und Waldpilzen Was dann das Ende wird weiß
keiner und ich habe keine Lust meinen Leib zum Schemel zu machen über den ein
anderer zum Herrensitz steigt So trank er sorgenvoll seinen Met verschlossen
auch gegen die Königin die mit ihren großen Augen forschend auf ihn hinsah und
zuweilen seine Gedanken erriet ohne dass er sie aussprach
Tag auf Tag verrann Ingo kam nicht Dagegen pochte eines Abends Sintram
Teodulfs Ohm an das Tor Der König empfing ihn mit offenen Armen er sprach
lange heimlich mit ihm und Frau Gisela merkte wie der König dem Edlen mit
einem Händedruck versicherte »Dein Vorteil und meiner sollen zusammen in den
Wald springen wie zwei Wölfe« Aber als Held Sintram geschieden war sah auch
ihm der König unzufrieden nach und nannte ihn einen schiefäugigen Fuchs
In den Waldlauben
Auf dem Herrenhof und im Dorfe knarrten die Erntewagen die Mannen des
Häuptlings vergaßen im Drange der Arbeit zuweilen ihren Kriegerstolz und halfen
den Knechten die Schnitter banden dem großen Gott des Volkes die letzte Garbe
mit frommem Zuruf und brachten im Reigen springend den Ährenkranz zur Halle
des Fürsten die barbeinigen Dorfkinder schwärmten wie Drosseln um das Vorholz
und sammelten Beeren und Nüsse in langen Tüten aus Holzspänen Jeder war eifrig
die Früchte einzuheimsen welche die Göttin der Flur dem sesshaften Manne
spendet An der Seite des Hofherrn achtete Ingo auf die friedlichen Werke die
er sonst nur vom hohen Kriegsrosse geschaut hatte er hörte missfällig wenn sein
Wirt sich wie ein Bauer über die Wölfe ärgerte weil sie ihm ein junges Rind
zerrissen öfter aber lachte er froh wenn er Irmgard unter den Mägden sah
denen sie bei der Arbeit gebot Ihm und der Jungfrau pochte das Herz in Freude
wenn sie vor den anderen im Hofe und auf der Flur höflichen Gruß tauschten und
zuweilen wenige Worte Denn streng war die Hofzucht gesondert lebten die
Männer und Ingo scheute sich seit er den Gastschwur getan durch dreistes
Nahen den Frieden des Hofes zu verletzen Fast alle blickten ihn freundlich an
nur das Auge der Fürstin umwölkte sich wenn sie ihm nachschaute Ihr kränkte
den stolzen Sinn dass er gegen ihren Rat einen Mann ihrer Freundschaft im
Kampfspiel besiegt hatte auch dass ihr Wunsch ihn als fremden Landfahrer zu
halten durch den Sänger vereitelt war Und noch anderes war ihr beschwerlich
Sie hatte ihren Blutsverwandten den Teodulf zum Gemahl der Tochter erkoren
ihr eigenes Geschlecht und Herr Answald hatten schon vor Jahren darum gehandelt
Jetzt beobachtete sie argwöhnisch die Tochter und den Gast
Eines Tages kam ein fahrender Gaukler mit seinem Kasten in die Flur er
blies vor dem Hofe des Fürsten auf der Sackpfeife bis die Leute aus dem Dorfe
herzuliefen auch die Mannen und Knechte des Fürsten traten aus dem Hoftor Als
der Ring geschlossen war begann der Mann in unbehilflicher Sprache seinen
Bericht dass er in dem Kasten einen Römerheld berge und wenn die Krieger und
die schönen Frauen ihre Gunst erweisen wollten so sei er bereit ihn zu zeigen
Er pochte auf den Kasten da hob sich der Deckel und ein kleines hässliches
Ungetüm von Gesicht einem Menschen ähnlich mit einem Römerhelm über den Ohren
hob seinen Kopf empor und schnitt Gesichter Viele fuhren zurück die Beherzten
aber lachten über das Wunder Der Mann öffnete den Kasten und der Affe sprang
hervor in einer Panzerjacke wie ein römischer Krieger gekleidet Er fuhr mit den
hageren Beinchen auf dem Grase umher überschlug sich in der Luft und tanzte
Zuerst entsetzten sich die Landleute dann erscholl lautes Gelächter und
Beifallsruf so dass Hildebrand in die Laube lief und den Herren verkündete »Ein
Gaukler tanzt vor dem Hoftor mit einem kleinen wilden Mann den sie einen Affen
nennen« Da trat auch der Fürst mit Ingo und den Frauen heraus und freute sich
an den lustigen Sprüngen des Affen Zuletzt nahm der Affe den Helm ab lief im
Kreise umher und der Mann rief »Spendet ihr Helden meinem römischen Krieger
was ihr von Römermünzen im Säckel habt kleine und große je edler der Held um
so größer das Geldstück Wer keines hat lege Wurst und Eier in den Kasten« Da
lachten die Leute und mancher griff an den Gürtel andere trugen aus dem Hofe
herzu was dem fahrenden Mann als Reisekost diente Auch zu den Herren trat der
Fremde und der Fürst und Teodulf holten römisches Kupfer aus den Taschen und
Frida hörte wie Teodulf auf Ingo weisend zu dem Gaukler sagte »Der große
Held dort spendet dir wohl am reichlichsten« Als der Mann nun mit seinem Affen
dem Helden Ingo nahte da sorgte Frida ob der Fremde und sein Kämmerer Wolf in
den Jacken der Fürstin wohl auch etwas finden würden was sie austeilen könnten
und um die Beschämung abzuwehren riss sie schnell eine der kleinen
Silberschellen ab welche ihr das Herrenkind zum Brustschmuck geschenkt hatte
und vorspringend sprach sie »Dir spendet dieser Held welcher die Sprünge der
Römer besser kennt als du wenn du ihm Antwort gibst auf eine Frage Welches
Gewand trägt dein Ungetüm wenn du unter den Römern Gaben begehrst«
Der Mann nahm das Silber sah scheu nach Ingo und antwortete dem Mädchen
frech »Den Gruß der Vandalen kenne ich als verfänglich und grob Dir aber sage
ich wer im Tanze den Römern gefallen will muss nackt springen Was mein Affe
tut rate ich auch dir« Frida rief ihm zornig nach »Ich meine unter den
Fremden verhöhnt dein tanzender Kater ebenso die Krieger meines Volkes wie die
Fremden bei uns« Da nickten die Männer und wandten sich lachend von dem Gaukler
ab Ingo aber trat zu ihm und fragte
»Woher weißt du dass ich von den Vandalen bin«
»Deutlich genug trägst dus auf dem Haupte« versetzte der Mann und wies auf
die Kappe Ingos in welcher drei Schwungfedern des wilden Schwans steckten
»Kaum acht Tage sind es da erlitt ich bei den Burgunden hartes Fegen von deinen
Federn« Ingos Antlitz wandelte sich er ergriff den Mann hastig beim Arm und
zog ihn zur Seite »Wieviel waren ihrer die dieses Zeichen trugen«
»Mehr als zehn und weniger als dreißig« versetzte der Mann »ungefüge Worte
gaben sie mir weil mein Kleiner dort mit Gänsefedern tanzte und bedrohten mich
durch Schläge«
»Der dich schalt war ein alter Kriegsmann mit grauem Bart und Narben auf
der Stirn«
»Du nennst ihn wie er war Herr und außerdem von groben Sitten«
Irmgard sah dass der Held Mühe hatte seine Bewegung zu verbergen er löste
sich von den anderen und ging allein nach dem Hofe zurück
Da kurz darauf Volkmar als Königsbote in den Hof trat empfing ihn Ingo wie
einen Freund den er sehnsüchtig erwartet hatte er hörte seine Botschaft und
führte ihn zu dem Fürsten dort hielten die drei vertrauten Rat
»Der König hat mich geladen« sprach Ingo »er hat mir Sicherheit gelobt
Was auch die Meinung seines Herzens sei mir geziemt es der Ladung zu folgen
Nur eines hemmt mich und mit Scham spreche ich es aus nicht wie ein entblösster
Mann darf ich zu dem Hof des Königs gehen du gedenkst wohl o Herr wie ich zu
dir kam«
Bekümmert versetzte der Fürst »An Ross und Gewand würde es dir o Held
nicht fehlen und Wolf würde dich als Kämmerer geleiten dennoch rate ich nicht
dass du den Worten des Königs trauest und dich unter die Äxte seiner Leibwächter
wagst denn spurlos möchtest du verschwinden hinter den Steinmauern Die Reise
wäre ein unrühmliches Ende für dein Heldentum«
Auch Volkmar sprach »Dir Held Ingo ziemt es die Gefahr gering zu achten
du weißt ja dass dem Mann zuweilen die Kühnheit am besten gedeiht Wenn du aber
der Ladung des Königs folgst wie du willst so darfst du das nimmermehr als ein
einzelner Wanderer tun Dem König und seinem Gesinde würdest du verächtlich
sein unwürdig wäre die Behandlung die sie dir zufügten auch wenn der König
dir nicht an das Leben geht Denn an Königshöfen ist die Art nur stattliches
Gewand Rosse und Gesinde geben dem Helden ein Ansehen Darum bevor du zu dem
König reitest musst du das alles erwerben Folgen dir aber Männer aus diesen
Waldlauben so wirst du dem König gänzlich verhasst«
»Gut sprichst du Volkmar in allem« versetzte Ingo »Willst du dich zurück
unter die Augen des Königs wagen so sage ihm dass ich dankbar bin für die hohe
Botschaft und dass ich vor sein Angesicht treten werde sobald ich gerüstet bin
wie es seine und meine Ehre fordert«
»Ich trage die Antwort« antwortete Volkmar »und ich hoffe mich behend zur
Seite zu schwingen wenn er seinen Trinkkrug nach mir wirft«
Auch Herr Answald gab seine Zustimmung zu diesem Dank denn ihn bedrückte im
geheimen die Forderung des Königs wenn er die Sorge auch mannhaft barg
Als Ingo und Volkmar allein waren begann Ingo »Wer einen guten Rat
geschenkt hat der gibt wohl auch den zweiten Du siehst ich bin einem Kinde
gleich das aus dem Wasser geholt und neu in die Welt gesetzt ist Hier sind die
Leute gutherzig aber Kriegsfahrten beginnen sie selten spähe du treuer
Gesell wo irgend im Lande für ein Schwert rühmliche Arbeit zu finden ist«
»Harre nur ein wenig aus« antwortete Volkmar lachend »und lass dir unterdes
gefallen wenn die Jungfrau Irmgard vor dir meine Reigen singt denn wohlgeübt
ist sie im Lied und Saitenspiel Höre ich von ehrlicher Heerfahrt so sollst
dus erfahren doch du weißt im Herbst lockt den Krieger die Heimat im
Frühjahr die Schwertreise«
»Und jetzt höre weiter« fuhr Ingo fort »was mich in der Nacht schlaflos
umherwirft Der Sprung in den Rhein schied mich von meinen Mannen hinter mir
brachen die Heerhaufen der Römer wie ein Wasserschwall in das Land die
Priesterin barg mich mit Sorgen bis sie mich nordwärts sandte beim Abschied
verhieß sie mir nach den Volksgenossen zu suchen die mit mir bei den Kähnen
gestanden hatten Jüngst aber hörte ich von einem Gaukler dass Krieger meines
Volkes in diesem Mond unter den Burgunden lagerten einer davon war wie mir
schien Bertar den du kennst Hegst du mir gute Gesinnung Volkmar so
forsche wenn du kannst nach den Treuen denn wie hold mir manche sind die
hier um mich leben ich vermag nicht froh zu werden bis ich weiß ob einer von
den Meinen dem Eisen der Römer entwichen ist«
Der Sänger nickte und wandte sich zum Abgang »Der Herr dieses Hofes bewährt
dir guten Sinn aber wandelbar ist der Menschen Gemüt und leicht wird müde wer
sich nur auf ein Bein stützt Du hast mich durch dein Vertrauen geehrt da du
vorhin sprachst wie du aus dem Wasser gehoben wurdest Darum flehe auch ich um
eine Gunst Einst gabst du mir diesen Goldring nimm ihn o Herr jetzt zurück
damit ich dir meine Treue erweisen kann du spendest mir später wohl noch mehr
wenn die Götter dir Glück verleihen Der Ring schafft dir Ross und Gewand oder
wirbt dir einen hilfreichen Gefährten«
»Lieber leihe ich von dir als von einem anderen« versetzte Ingo »aber du
weißt der Krieger zieht nicht ohne Gold zur Schlacht Was mir Bertar an jenem
Tage zureichte wo ich ihn verlor das berge ich noch im Gewande damit wenn
mein Leib einsam auf der Heide liegen sollte alsdann ein anderer das Gold bei
mir finde und mich zum Dank ehrlicher Bestattung wert achte«
»Dann Held gedenke auch klug der Lebenden und wenn ich dir raten darf so
gib davon an die Jungfrau Frida denn sie raunen im Hofe dass sie eine
Silberschelle für dich abgerissen hat um ihrer Herrin zu gefallen und spende
auch an Wolf deinen Kämmerer damit ihn die anderen nicht schmähen weil er
einem kahlen Herrn dient Zürne nicht dass ich wie dein Vertrauter spreche aber
wer gewöhnt ist um Huld zu werben der versteht wohl auch wie man Gunst
gewinnt«
Ingo reichte ihm lachend die Hand »Nur dir biete ich nichts« sprach er
»denn gern bleibe ich dir schuldig«
»Und ich dir solange ich atme« grüßte Volkmar sich ehrerbietig auf der
Schwelle verneigend
Ingo folgte dem Rat des Treuen Als er seinem Kämmerer zwei Goldstücke in
die Hand legte auf denen das Bild des großen Römerherrn Konstantinus zu sehen
war da merkte er an dem glücklichen Gesicht des Mannes und an dem warmen Dank
wie wertvoll solche Gabe in den Waldlauben war Und nach der Mahlzeit trat er in
Gegenwart der anderen vor Irmgard und sprach »Deine Gespielin Frida hat für das
Silber das sie dem Gaukler bot mir eine frohe Botschaft eingehandelt gern
möchte ich ihr dafür meinen Dank erweisen und ich bitte dich Jungfrau dass du
ihr in diesen Münzen ihre Spende zurückgibst« Da ging das fremde Gold auch
unter den Frauen von Hand zu Hand der Fürst und alle Wohlmeinenden waren
erfreut dass der Gast sich so gehalten hatte wie seiner Würde gebührte und
Ingo merkte aus dem Diensteifer der Männer dass ihr guter Wille behender wurde
seit sie für sich Gutes hoffen durften denn alle gedachten dass dem Herrn Ehre
sei viel zu geben dem Dienenden aber Gabe zu empfangen
Ingo aber suchte auch nach einer Gabe für die welche ihm lieb war Als
Irmgard im Hofe unweit dem Holunderstrauch stand da trat er von der Seite eilig
auf sie zu sie hörte seinen Schritt aber sie kehrte sich nicht um damit
keiner die Freude in ihrem Antlitz erkenne Abgewandt von den anderen sahen sie
einander in die Augen und diesmal merkten beide die Nachtsängerin nicht welche
über dem Ast ängstlich ihre Kinder an die Abreise mahnte Ingo begann die
heimliche Rede »Im Federgewand des Schwans flog einst Schwanhild die Ahnfrau
meines Geschlechtes über die Männererde seitdem sind die letzten Schwungfedern
des Schwans das heilige Zeichen welches die Männer und Frauen meines Stammes an
Helm oder Stirnbinde tragen wenn sie sich festlich schmücken Dem lebenden
Vogel suchen wir die Federn zu rauben denn einen Schwan zu töten ist meinem
Volk Frevel Heut gelang mirs einen Schmuck zu gewinnen Dir Holde biete ich
ihn ob du ihn annimmst und dir bewahrst Auf den Federkiel ritze ich das
Zeichen womit ich zeichne was mein ist«
Irmgard erschrak ihr ahnte dass er durch die Federn bot was er mit Worten
nicht sagen durfte und sie fragte unsicher »Wie soll mein sein was dein ist«
Der Mann antwortete in tiefer Bewegung »Nur darum liebe ich das Leben weil
ich eine Jungfrau kenne welche dies Zeichen einst vor allem Volk auf ihrem
Haupte tragen soll« Und er hielt ihr wieder den Schmuck hin
Da nahm Irmgard die Federn und barg sie in ihrem Gewande Ganz wenig
streifte seine Hand an die ihre aber sie fühlte tief im Herzen die Berührung
»Irmgard« rief die befehlende Stimme der Fürstin im Hofe Noch einen
herzlichen Gruß mit den Augen tauschten die beiden dann eilte die Jungfrau dem
Hause zu
»Was sprach heut der Fremde zu dir« begann die Mutter zur Tochter »seine
Hand rührte an deine und rot sah ich deine Wange«
»Die Schwungfedern eines Vogels wies er mir die seinem Geschlecht ein
Erkennungszeichen sind wenn die Helden sie am Haupt tragen« antwortete
Irmgard aber wieder flog das verräterische Rot über ihre Wange
»Eine Törin hörte ich einst die in der Halle der Männer laut ihre Stimme
erhob dass alle schwiegen wie die Waldsänger schweigen wenn der junge Kuckuck
sein Krähen beginnt«
»War es vermessen dass ich auf ihn wies Unsitte war es nicht voll war mir
das Herz und die Freunde werden mir verzeihen Zürne auch du nicht Mutter«
Aber die Fürstin fuhr fort »Ohne Freude sehe ich den Fremdling an unserem
Herde rasten Dem Hausherrn geziemt gastfrei zu sein gegen den Bittenden aber
die Hausfrau hält die Schlüssel in fester Hand dass nicht das Gut verschwendet
werde und sie wahrt ihren Hühnerhof dass nicht der Marder eindringe Meint der
Fremde mit dem Sprung über die Rosse sich hineinzuschwingen in den Erbhof meines
Herrn in Vorratskammer und Küche so wird ihm sein dreister Mut wenig frommen
Du aber da du meine Tochter bist sollst fremd bleiben einem der als ein
Wildling lebt heimatlos gebannt und so armselig wie der fahrende Bettler der
an unserem Tor um Gaben fleht«
Irmgard richtete sich hoch auf »Von wem sprichst du Herrin Meinst du den
Helden dem der Hausherr den Ehrensitz bietet Den Schuldlosen der im Vertrauen
auf die Eide der Väter zu uns kam Ich habe gehört dass der Vater meines Vaters
im heiligen Trank Tropfen seines Blutes mischte mit dem Blut eines
Königsgeschlechts damit die Nachkommen einander liebbehalten und ehren sollen
Ist der Sohn jenes Königs auch anderen ein Fremder im Hause meines Großvaters
darf ihn keiner so nennen selbst du nicht«
»Höre ich deine trotzige Rede« rief die Mutter »so entbrennt in mir der
alte Schmerz dass dein Bruder nicht mehr unter den Lebenden weilt An dem
unseligen Tage wo ihn ein Mann des Königs erschlug wurdest du das einzige Kind
meiner Sorgen und übel lohnst du der Mutter für ihre Mühe«
»Wäre mein Bruder am Leben auch er würde sich als höchste Ehre begehren
der Kampfgesell des Helden zu sein den du einen Bettler schmähst«
»Da dein Bruder von der Männererde dahinschwand wurdest du Erbtochter in
diesem Lande und die Mutter hat zu bedenken wem dich der Vater vermähle«
»Bin ich Erbtochter in diesem Hofe so bin ich auch Erbin der Bundespflicht
und geschworener Eide und ich denke sie treu zu halten Nie habe ich deiner
Freundschaft die Ehre geweigert weder dem Ohm Sintram noch deinem Neffen
Teodulf wie ich auch im Herzen von ihnen denke Du aber schilt mich nicht
wenn ich auch solchen Liebe erweise welche dem Geschlecht meines Vaters
befreundet sind«
»Schweige du Widerspenstige« antwortete die Mutter heftig »zu lange hat
der Wille des Fürsten dich im Hause bewahrt es ist Zeit dass dir der übermütige
Sinn bezwungen werde durch die Vermählung«
Als die Fürstin das Gemach verlassen hatte starrte Irmgard vor sich hin und
hielt die Hände fest zusammengepresst »Die Herrin redet hart mit den Mägden«
begann Frida eintretend »im Milchkeller verdarb der Rahm«
»Streng ist sie auch gegen uns andere« antwortete Irmgard mühsam nach
Worten ringend »Du bist mir treu und ich habe niemanden dem ich vertrauen
kann als dich wenn du Mut hast den Unwillen der Herrin zu ertragen«
»Ich bin eine Freie dir habe ich mich zur Gespielin gelobt nicht der
Hausfrau und um deinetwillen weile ich im Herrenhofe obgleich der Varer mich
nach Hause begehrt Manchmal haben wir den Zorn der Herrin überwunden vertraue
mir auch jetzt was dich grämt«
»Unwillig wurde die Mutter auf unseren Gast den sie am Anfang so gütig
beachtete und ich fürchte es kann ihm an Pflege fehlen denn wo die Herrin
nicht wohnt sind die Mägde säumig«
»Sei ohne Sorge da doch der junge Wolf sein Kämmerer ist Wenn ich dem
Knaben Erlaubnis gebe erzählt er mir mehr von seinem Herrn als wir hören
wollen« »Lass mich alles hören« mahnte Irmgard »denn gut ist wenn man weiß
was die Gäste bedürfen«
»Und wir vernehmen auch gern von einem und dem anderen« versetzte Frida
lachend »Viel lieber ist mir der Gast als der Wasserreiher Teodulf der den
Kopf hinten im Nacken trägt Und das sage ich dir wenn die Freiwerber des
Teodulf in den Hof kommen und man sagt ja dass sie kommen werden dann sollen
sie einen Besen am Hoftor finden durch das sie hinausgehen damit sie ahnen
was wir Mädchen von ihrer Werbung denken«
Aber Irmgard barg nach diesen dreisten Worten ihr Gesicht in den Händen die
Tränen rannen ihr durch die Finger ihr Leib bebte im Schmerz Frida umschlang
das Herrenkind mit den Armen kniete vor ihm nieder und gab ihm Küsse und
zärtliche Worte
Nicht zufällig geschah es dass kurze Zeit nach dem Gespräch zwischen Mutter
und Tochter Held Sintram in den Hof ritt In der Kammer der Fürstin saß er mit
dem Wirt lange im vertrauten Gespräch für seinen Verwandten den Teodulf
beredete er noch einmal die Brautwerbung Denn solange der Edle als Mann im Hofe
verpflichtet war und durch Diensteid an den Fürsten gebunden konnte die
feierliche Werbung nicht geschehen Aber zum Neujahr in den zwölf Nächten sollte
ihn der Fürst seines Eides entledigen dann würde Teodulf mit den Freiwerbern
seinen Eintritt halten und im Frühling sollte die Vermählung sein Alles wurde
festgesetzt auch Brautkauf und Mitgift und die Fürstin mahnte dass die Männer
einander über dem heimlichen Abkommen ihr altes Gelöbnis erneuten Vergnügt
lachte Sintram als er wieder das Ross bestieg und da ihn der Wirt bis vor das
Tor geleitete und dort sorglos mit warmem Händedruck entließ so verachtete der
Scheidende gänzlich den Besen welchen die zornige Frida an die Seite des
Hoftors gestellt hatte nur Teodulf der beim Abschied herzugetreten war gab
dem Besen einen Fußtritt dass er weit wegflog und warf auf Frida der er im Hof
begegnete einen Blick voll von heißem Hass
So verging nach Sonnenglut und Wetterwolken der fröhliche Sommer Die Felder
waren geräumt die Gaugenossen wurden gesellig Die ansehnlicheren Höfe des
Gaues begehrten nach der Reihe den Gast zu bewirten Gelage wechselten mit
Jagdreisen über die Waldhügel der Fürst und Ingo waren jetzt selten daheim Dem
Fürsten wurde der Gast noch werter als er sah wie sehr dieser von den
Gaugenossen gerühmt wurde und wie vornehm und geradsinnig er sich hielt Von den
Sorgen im Frauengemach merkte der Hausherr völlig nichts die kluge Wirtin
verschwieg was ihrem Herrn unsichere Gedanken machen konnte sie war zufrieden
dass die Helden wochenlang auswärts schweiften Aber Ingo erkannte dass Irmgard
feierlich aussah und er zürnte dass ihm so schwer wurde sie ohne Zeugen zu
sprechen
Einst ritt Ingo mit dem Fürsten nach demselben Gehege welches er zuerst
betreten hatte als er über die Berge kam Im Walde rieselte das gelbe Laub zum
Boden um die Lichtungen klang Jagdruf der Männer und Gebell der Meute Die
wohlgenährten Rinder liefen brüllend umher der Hirt bereitete den Aufbruch aus
der Wildnis in die Dörfer und die Mädchen vom Herrenhofe waren wieder
beschäftigt die letzte Tracht aus dem Milchkeller in den Wagen zu heben
Während Herr Answald die Füllen betrachtete stand Ingo neben Irmgard Diese
wies auf Frida die mit dem Milchkrug vorüberging »Aus diesem Quell schöpftest
du bei uns den ersten Trunk und da wo du stehst sah ich dich zum erstenmal
Seitdem ist das lustige Grün geschwunden die Wildvögel sind fortgeflogen«
»Auch aus deinem Antlitz wich die Freude« versetzte Ingo herzlich
Doch Irmgard fuhr fort »Selig waren einst die hohen Frauen welche im
Federkleide dahinschwebten wohin sie ihr Wille trieb Ich weiß ein Mädchen das
am Giessbach steht und sich sehnt nach der Himmelskunst Zwei Federhemden möchte
sie nähen für Schwan und Schwänin aber vergeblich ist der Wunsch und sie
schaut traurig nach wenn die gefiederte Schar sich von ihrer Flur in die Ferne
schwingt«
»Vertraue mir« bat Ingo leise »was verstört dir den Mut«
Irmgard schwieg »Der Tag wird kommen wo dirs andere sagen nicht ich«
antwortete sie endlich »Weilst du den Winter bei uns so fürchte ich nicht was
er auch an Sorgen bringe«
Die Rede unterbrach wildes Jauchzen und fremder Kriegsruf Ingo fuhr empor
wie damals in der Halle strahlte sein Antlitz vor Freude während die anderen
Männer zu einem Haufen sprangen und nach Waffen griffen
»Sie kommen in Frieden« rief Beros Tochter »mein Vater reitet unter
ihnen« und sie wies auf eine Schar Reiter welche jubelnd und die Speere
schwingend von der Höhe herabrannten Ingo eilte ihnen entgegen die Reiter
sprangen ab und umdrängten den Helden sie hielten seine Arme neigten sich auf
seine Hände umschlangen die Knie wieder und wieder erklang der wilde
Jubelschrei Ingo rief die Namen der einzelnen umarmte und küsste sie und die
Tränen brachen ihm aus den Augen auch vergeblich suchend irrte sein Blick von
einem zum anderen nicht alle standen lebend vor ihm die er zu grüßen hoffte
Und doch war das Glück dieser Stunde so groß dass er und die Fremden lange die
Gegenwart der anderen vergaßen Um den Fürsten sammelten sich seine Mannen die
der Kriegsruf aus dem Walde herangezogen auch dem Herrn und der Jungfrau wurden
die Augen nass und sie lauschten hingerissen auf schnelle Frage und Antwort auf
Lachen und Klageruf der Fremden Ruhiger sah Bero in die Schar während er dem
Fürsten erzählte »Ich war südwärts geritten über unsere Berge hinab bis zum
Idisbach wo das kleine Volk der Marvinge wohnt und als ich mit den Leuten dort
um Herdenvieh handelte traf ich auf diesen Flug wilder Gänse der seine
Leitgans suchte Ich wusste Bescheid und da mir ihr behendes Wesen gefiel so
führte ich sie her«
Ingo trat vor den Fürsten »Verzeih o Herr dass wir in der Freude vergaßen
um deine Huld zu sorgen Diese hier sind Gebannte wie ich um meinetwillen
wichen sie aus der lieben Heimat auch sie haben nicht Eltern nicht Freunde
nur einander sind wir Blutsbrüder für Leben und Tod und unser Stolz ist dass
wir uns einer den anderen ehren und Glück und Leid teilen solange wir heimatlos
über die Männererde wandern Auf ihren treuen Herzen allein steht der
Königsstuhl des armen Ingo wo sie ihr Haupt niederlegen da muss auch das meine
ruhen Mich hast du freundlich aufgenommen Fürst aber jetzt bin ich ein Haufe
geworden und unsicher trete ich vor deine Augen«
»Willkommen sind sie alle« rief Herr Answald aus warmem Herzen »der Hof
ist weit und gefüllt sind die Scheuern seid gegrüßt ihr edlen Gäste«
»Dennoch rate ich« warf Bero bedächtig ein »dass du Häuptling des Gaues
die Fremden in die Dörfer verteilst Alle Nachbarn werden sie gutwillig als
Gäste empfangen dann hat jeder sein Teil und keiner wird beschwert Denn sie
führen auch Beuterosse an der Leine darunter Hauptengste sieh diesen
Schimmel Herr Mancher Nachbar hätte seine Freude ein Ross zu erhandeln und im
Winter am Herdfeuer von fremder Kriegsfahrt zu hören«
Herr Answald lächelte aber er versetzte eifrig »Du denkst verständig Bero
der Hof aber hat das nächste Recht und diesmal Nachbar lässt ers sich nicht
nehmen In wenig Tagen zimmert ihr Gäste mit meinen Knaben den Schlafsaal dort
mögt ihr geborgen den Wintersturm überdauern«
»Der Wille war gut« sprach Bero »Führe meinen Braunen her Frida« Er trat
zu einem alten Krieger der Vandalen reichte ihm die Hand und sagte »Gedenkt
unserer Reden Jetzt steht ihr auf Herrengrund begehrt ihr einmal unter das
Dach des Bauern so seid ihr willkommen im freien Moor« Er sprach noch einige
Worte zu seiner Tochter dann schwang er sich wuchtig auf sein Ross und trabte
grüßend talab
Ingo aber führte die einzelnen Genossen dem Hofherrn zu und nannte die
Namen Vor den andern stand ein bejahrter Krieger die Glieder wie aus Erz
geformt fest die Züge und kühn der Blick lang hing ihm der graue Bart herab
ein Held dem man ansah dass er der Schlachten gewohnt war und hart gegen jede
Gefahr »Dies ist Bertar ein edler Mann Er führte mich da ich ein Knabe war
unter seinem Schild aus seinem brennenden Hofe meinem letzten Zufluchtsort an
der Landesmark die Burgunden hatten ihn angesteckt die damals mit meinem
Oheim verbündet waren Seitdem war er mein Lehrer in allem Waffenwerk wie ein
Vater hat er meine Jugend gehütet ihm danke ich wenn ich bisher meiner Ahnen
nicht unwert war«
Und als Herr Answald dem Helden die Hand bot antwortete dieser »Ich
erinnere mich des Tages wo mein Vater den deinen in seinem Hofe bewirtete es
war ein Herbsttag wie heut und es war gute Jagd in den Bergen die wir die
Riesenberge nennen Ich erlegte damals den ersten Eber und Held Irmfried lud
mich scherzend zur Jagd in die Waldhügel der Thüringe Lange bin ich gereist
und weißer Reif fiel auf mein Haar bis ich in dein Gehege vordrang aber jetzt
bin ich hier o Herr und bereit wenn dus gestattest hinter dir auf den
Wildpfad zu steigen«
Diese Rede freute den Fürsten auch er nannte den Fremden die Würden seiner
Bankgenossen und mahnte beide Teile einander gute Gesellen zu sein Darauf ritt
er mit Irmgard voran damit Ingo vertraulicher mit den Wiedergefundenen rede
Als die Vandalen gesondert waren erhoben sie noch einmal den Heilruf und ritten
im Getümmel freudig durcheinander Wieder flogen Fragen und Antworten hin und
her bis Bertar die Schar zum Hofe führte Schwer war die Reihe zu erhalten
denn immer noch drängten die Treuen um ihren Herrn und ihr Geschrei schallte
von den Bergen zurück Ingo aber sprach auf dem Wege zu Bertar »Wundergleich
ist mir dass ich deine Hand halte mein Vater Du aber berichte mir noch einmal
alles wie ihr euch aus der Schlacht gerettet und mich gefunden«
»Auf dem Pfad der Fische zog der Herr« begann Bertar lachend »ihm folgte
das Gesinde Wir schlugen über unsere Fersen manchen Schwertschlag gegen die
verfolgende Schar bis ich am Ufer eine Stelle zum Absprung erspähte wie die
Frösche hüpften deine Knaben in den Rhein nicht alle Herr du gedenkst auch
ihrer die heut fehlen Auf den Lindenschilden rangen wir abwärts in herber Not
umschwirrt von den Pfeilen der Feinde Da sandte uns ein freundlicher Gott die
Hilfe Ein Weidenstamm durch die Flut vom Ufer gerissen trieb als gewaltiger
Klotz mit Wurzel und Astwerk langsam den Strom entlang er deckte die Müden und
ziehend richteten wir ihn abwärts vom Römerufer So fuhren wir in dichtem
Schwarme gemengt mit flüchtigen Kämpfern der Alemannen gleich einem Volk Aale
welches um ein totes Wild wimmelt Als wir gerettet ans Ufer der Landsleute
stiegen bargen wir uns im dichten Wald und forschten bei Nacht in den Tälern um
Kunde nach dir Den letzten Dienst dachten wir unserem Herrn zu erweisen und
seinen Totenhügel zu umrennen Aber vergebens war das Spähen und Fragen keiner
der Flüchtigen hatte dein Antlitz geschaut Da schlugen wir uns kummervoll über
den Schwarzwald bis in das Land der Burgunden gedrängt von den Heerhaufen der
Römer Als wir von den burgundischen Wächtern vor das Antlitz ihres Königs
Gundomar geführt wurden war der Ruf von deinem Sprunge schon zu ihm gedrungen
auch er meinte dich hinaufgehoben in die Halle der Götter Dir war er feindselig
gewesen jetzt aber seufzte er da ich deinen Namen nannte er gedachte deiner
Tugend und scheute sich uns gebunden den Römern auszuliefern Er bot uns an
seinem Heere bei einem Zuge zu folgen den er ostwärts gegen die Markleute an
der Donau rüstete Wir bedurften gar sehr Rosse und Gewand denn wir waren wie
Dohlen in der Mause und sehnten uns nach Raub Darum zogen wir mit und es
gelang uns wohl deine Knaben kamen zu guten Rossen und ziehen stattlich einher
mit gefüllten SäckenIm vorletzten Mond lagen wir eines Abends am Ufer der
Donau die Burgunden trugen die Beute zusammen tranken lustig und schwatzten
wie sie gern tun mit römischen Händlern und Gauklern die um Gewinst und Gabe
herangeeilt waren Deine Knaben aber hatten trüben Mut und sahen zu wie die
dürren Blätter im Herbstwinde hinfuhren Da trat ein fahrender Mann zu mir und
begann grüßend Gefällt dirs Held so will ich dir ein Rätsel sagen ob du die
Antwort darauf findest »Wer schwenkte den Spielmann in das Schiff wer tauchte
unter Speeren wie ein wunder Schwan« Ich erschrak und antwortete »König Ingo
schwenkte den Volkmar in das Schiff und der König verging im Strom wie ein
wunder Schwan« Da antwortete der Fremde »Du bist es den ich suche und weit
bin ich darum gewandert als Bote meines Genossen Jetzt weil ich dich gefunden
höre auch den zweiten Spruch den dir Volkmar sendet In Irmfrieds Halle sitzt
der Hüter der Schwäne am Herdsitz der Thüringe harrt er der Entflogenen«
Da wurden wir froher als ichs sagen kann denn wir verstanden was der
Name Irmfried bedeutete König Gundomar wollte uns behalten ich aber bat ihn
uns die Heimfahrt zu gestatten Ich sagte ihm nicht dass die Heimat deiner
Knaben da ist wo der Leib ihres Herrn seinen Schatten wirft«
»Arme Knaben« klagte Ingo finster »der Schatten ist klein geworden er
deckt nicht mehr die Spur eurer Füße«
»Auch dir geht wohl eine neue Sonne auf« tröstete der Alte »die deinen
Schatten über weites Land wirft Jetzt gilt es dass deine müden Knaben einen
Unterschlupf finden gegen den Wintersturm Sobald die Knospen der Bäume
schwellen geleiten wir dich zu neuer Heldenfahrt Sage mir König ob die
Dächer die ich vor mir sehe uns wohl während des Winters beschirmen«
»Mögen die Götter uns das gnädig fügen« versetzte Ingo ernst »Mehr Glück
fand ich hier als ich ahnte geringere Sicherheit als ich hoffte«
Das Tor des Herrenhofes war weit geöffnet der Wirt empfing die Fremden und
geleitete sie zur Halle dort wurde ihnen das Begrüssungsmahl bereitet und
verteilt zwischen den Mannen des Fürsten lagerten die Vandalen an den Bänken Am
nächsten Morgen begann ein emsiges Hämmern und Heben aus dem Vorrat von Balken
und Sparren der hochgeschichtet im Hofe lag wurde an Ingos Haus ein Schlafsaal
für seine Genossen gezimmert dabei ein vorläufiges Gehege für die Rosse Nach
wenigen Tagen stand der Bau gerichtet denn groß war die Zahl der helfenden
Hände Auch die Nachbarn kamen begrüßten die Fremden und musterten die starke
Koppel lediger Rosse sie kauften und tauschten und nahmen für Beuterosse die
sie behielten andere in das Winterfutter Um den stillen Herrenhof war jetzt
lustiges Gewühl der Gauleute und Getümmel der Männer und Rosse die hohen
Gestalten der Vandalen schritten in ihrer fremden Kriegertracht zwischen den
Häusern und lagen neben den Mannen des Fürsten auf den Stufen der Halle sorglos
lachend und gern erzählend wie die Art ihres Stammes war sie zogen mit den
Hofleuten in den Wald und ritten als willkommene Gäste in die Dörfer des Gaues
Aber die Herren im Hofe merkten nach wenig Wochen dass es schwierig war unter
ihrem Gefolge den Frieden zu erhalten Denn die Jungen waren stolz und jäh im
Zorn und die Alten achteten eifersüchtig auf die Ehre ihrer Herren So kamen
Radgais der Vandale und Agino ein wilder Gesell des Hofes miteinander in
Zwist weil der Vandale einem Mädchen des Dorfes das ihm zulachte eine Spange
geschenkt hatte Darüber wurde Agino unwillig und sprach höhnend »Wir meinten
sonst dass der Schatz deines Herrn gering sei jetzt aber sehen wir dass ihr
Gutes im Sacke bergt«
»Wer sein Leben im Kampfe wagt« antwortete der Vandale »dem fällt auch
Silber in die Tasche wer auf der Tenne drischt wie du dem wachsen Schwielen in
die Hand«
Diese Reden hörten die Hofleute und als am anderen Morgen Bertar mit
seinen Mannen zu dem Speicher kam um für die nächsten Tage den Rossen Hafer zu
holen da weigerte ihm Hildebrand der in der Wirtschaft Ausgeber war den
gedroschenen Hafer und er sprach »Habt ihr die schwieligen Hände unserer
Knaben geschmäht so mögt ihr die Garben auch selbst ausstampfen mit euren Füßen
oder mit denen eurer Rosse wie es euch gefällt meine Gesellen weigern sich der
Arbeit für euch da ihr so gröblich redet Nehmt den Hafer in Garben und nicht
in Säcken«
Begütigend antwortete Bertar »Unrecht war es von meinem Gesellen den
Landesbrauch der Wirte zu verachten Aber du selbst bist ein bewanderter Mann
und weißt dass die Bräuche auf Erden verschieden sind Anderswo haben die
Bankgenossen eines Herrn nur die Garben in den Bansen sie schneiden und
schwingen das Futter und auf dem Felde reiten sie mit der Egge aber es gilt
ihnen für unrühmlich den Pflugsterz und den Flegel zu halten Darum übe
Nachsicht mit meinem Gefährten weil ihn als fremden Mann eure Sitte wundert«
Aber Hildebrand versetzte unwirsch »Wer unser Brot isst soll sich unserem
Brauch fügen darum nimm nur die Garben denn fortan erhältst du nur diese«
Da mussten die Vandalen mit Garben bepackt zu ihrem Stalle ziehen und
Bertar befahl grimmig »Werft die Garben in die Futterbank und schneidet bis
das Eisen bricht«
Seit jener Unweisen Rede des Radgais gab es manchen Streit unter den Mannen
aber beide Teile waren bemüht ihn vor den Herren zu bergen Beim Kampfspiel
hatten sie anfänglich in denselben Reihen gestanden und einer des anderen
Kampfweise nachgeahmt wie die Fürsten ihnen geraten jetzt traten sie gesondert
in den Wettkampf so dass der Fürst vor dem Reiterspiel mit Schild und Stange zu
Teodulf sagte »Warum halten die Gäste abseit auf ihren Rossen gern schauten
wir wer das beste Lob verdient« Da antwortete Teodulf »Sie selbst wollen den
Wettkampf nicht leiden zu hart schellen die Stäbe der Thüringe auf ihre
Schilde« Und der Fürst ritt zu Bertar »Wohlauf Held mische deine Reihen mit
unserem Volk« Da antwortete auch der Alte »Nur um des Friedens willen halte
ich unsere Knaben gesondert damit nicht in der Hitze des Kampfes ein falsch
geworfener Stab Streit errege« Und der Fürst musste schweigend dem getrennten
Ritt zuschauen Er musste auch hören wie seine Hofmannen spöttisch lachten wenn
die Fremden mit ihren Keulen warfen dann rief aus den Reihen der Thüringe wohl
ein kecker Gesell das peinliche Scheltwort »Hundeschläger« Und wieder wenn
die Hofleute beim Steinwurf sprangen und einem der Schwung missglückte dann
zogen die Vandalen ihre Mienen kraus und summten ein höhnendes Wort das sie
erfunden hatten weil die Thüringe bei ihren Mahlzeiten runde Ballen aus Teig
von Weizenmehl vor vielem anderen hochachteten
Und als nach dem Spiel der Reigentanz begann da konnte man sehen dass die
Mägde vom Hofe sich nur zu ihren Landgenossen gesellten und wenn die Fremden
nicht ein Dorfkind fanden das mit ihnen zum Reigen antreten wollte so mussten
sie zusehen Darüber wurde der Fürst unwillig und er rief zu den Vandalen
»Warum verachten meine Gäste das Hofgesinde« Und wieder antwortete Bertar
»Die Mädchen des Hofes klagen dass unsere Sprünge ihnen die Knöchel renken« Da
trat die kecke Frida hervor neigte sich gegen den Alten und sagte »Wenig
kümmere ich mich darum ob ich anderen missfalle wenn ich die Hand eines Fremden
ergreife Denn ich kenne einen vom Hofe der die Mädchen bedräut hat wenn sie
sich mit den Gästen schwingen Gefällt dirs Held Bertar und achtest du mich
nicht zu gering so führe du mich zum Tanze« Bertar lachte und mit ihm die
Herren der Alte fasste die Hand der Jungfrau sprang wie ein Jüngling und
schwenkte sie rüstig über den Rasen dass alle auf ihn sahen und Beifall riefen
Die Fremden merkten wohl dass die Fürstin ihnen gar nicht gewogen war
selten nur redete sie die edelsten unter ihnen an selbst den Helden Bertar
nicht obgleich er von erlauchtem Geschlecht stammte Aber auch die Fürstin fand
Grund zur Klage denn zwei von den Vandalen die Brüder Alebrand und Walbrand
hatten mit zwei Mägden der Fürstin scharfe Worte gewechselt und hatten diesen am
Abend aufgelauert und die Widerwilligen geküsst und ihr Gewand verschoben Darauf
trat die Fürstin im Hofe zu Ingo und erhob laute Klage über die Unzucht seiner
Mannen und Ingo tief gekränkt durch die harten Worte der Fürstin und durch die
Missetat seines Gesindes hielt Gericht über die Schuldigen in der Gasterberge
Und obwohl sich bei der Prüfung ergab dass es mehr Übermut als arger Frevel
gewesen war so strafte er sie doch hart mit Worten und setzte sie zu
sichtlichem Schimpf herab in die unterste Stelle an seiner Bank Traurig saßen
seitdem die Übeltäter im Kreise der Genossen Aber die Gnade der Fürstin
erwarben die Fremden darum doch nicht Als Ingo einst früher denn sonst vom
Herde des Fürsten in seine Herberge kehrte vernahm er in dem neuen Anbau
daneben das scharfe Knirschen der Mühlsteine und er fragte Bertar erstaunt
»Drehen die Mägde den Mühlstein im Schlafhause der Männer« Da antwortete der
Alte »Weil du selbst fragst sollst du es wissen Nicht die Dirnen drehen
deine Knaben selbst müssen die ruhmlose Arbeit unfreier Weiber vollenden wenn
sie ihr Brot essen wollen denn die Mägde weigern sich noch weiter für uns das
Mehl zu mahlen und die Wirtin gibt ihnen recht Bitter ist solche Arbeit für
die Helden eines Königs Gern hätten wir dir verborgen was deinem Gastfreund
zur Unehre gereicht«
Ingo trat hinter einen Pfeiler und bedeckte sein Gesicht mit der Hand
Draußen heulte der Nordsturm um das Dach und warf eine graue Decke von
Schnee und Eiswasser über den Hof »An die Hausbalken tobt ein ungefüger
Gesell« fuhr Bertar fort »er ist jetzt Gebieter auf Landstraße und Feld und
möchte meinem König die Ausfahrt aus diesem Hofe verwehren Dennoch ahne ich
dass du darauf denkst Darum höre noch eins was mir Held Isanbart mein alter
Kriegsgeselle vertraute den ich gestern heimsuchte Der römische Krämer
Tertullus war mit seinen Packpferden im Gau von Westen kam er und zog nach der
Burg des Königs Du kennst den Mann bei den Alemannen galt er für den
schlauesten Späher des Cäsar Jetzt hat er den Hof in dem wir einliegen
vermieden obgleich hier für einen Kaufmann der beste Markt wäre Im Gau aber
hat er überall nach dir und uns geforscht und hat feindliche Reden geführt dass
der Cäsar dich suche und dass er hohen Preis zahlen würde wenn er deinen Leib
oder dein Haupt unter seinem Banner erblickte damit die üble Ahnung getilgt
werde welche seit deinem Drachenraube den Römerkriegern das Herz beschwert
Fährt der römische Krämer zum König Bisino so birgt er in seinem Kasten eher
Geschenke an den König als Waren denn er war gar nicht eilig die Bündel
aufzuschnüren wie sonst doch die Art dieser Leute ist Darum saß Isanbart der
Held sorgenvoll und er lässt dich warnen dass du einer Botschaft des Königs
weniger trauest als ehedem«
Ingo legte dem Getreuen die Hand auf die Schulter »Auch du Held willst
lieber in die Falle reiten die uns der König stellt als noch länger dies
Knarren der Mühlsteine hören womit ein feindliches Weib uns die Ehre kränkt
Dennoch hält es mich hier fest wie in Eisenbanden Für diese Kränkung erbitte
ich bei dem Fürsten Abhilfe den Gau verlasse ich nicht bevor ich eins weiß
was ich mit heißem Wunsch hoffe«
Als Herr Answald am nächsten Morgen mit den Bankgenossen beim Frühstück saß
ohne die Fremden da öffnete sich die Tür und Irmgard trat auf die Schwelle
hinter ihr trug Frida einen Sack mit Mehl »Verzeih Herr« begann Irmgard »dass
ich dir anzubieten wage was die Hand deiner Tochter auf dem Mühlstein mahlen
half« Die Jungfrauen stellten den Sack an die Füße des Fürsten Verwundert sah
der Fürst auf den Sack »Was bedeutet die gestäubte Gabe soll sie zu einem
Opferkuchen für die Götter weil die Hände freier Jungfrauen den Stein gedreht
haben«
»Nicht zum Opfer« versetzte Irmgard »sondern zur Sühne für verletzte
Gastpflicht haben freie Hände das Korn gemahlen Ich flehe dass du Herr wenn
es dir recht dünkt dies Mehl deinen Gästen sendest Denn ich höre deine
Hofleute weigern ihnen bereits das Mehl zu Brei und Brot und die edlen Gäste
müssen unter deinem Dache selbst die Arbeit unfreier Weiber verrichten«
Da schwollen dem Fürsten die Stirnadern und er rief sich mächtig erhebend
»Wer hat mir diese Schmach angetan Sprich Hildebrand denn dein ist die Sorge
für die Mahlzeiten der Gäste«
Hildebrand beugte sich verlegen vor dem Zorn des Fürsten »Die Mägde waren
erbittert über Ungebühr der Vandalen und weinten über harte Arbeit und die
Herrin meinte dass sie Grund haben zur Klage«
»Wie darfst du die Ungebühr weniger durch schweres Leid vergelten das du
allen zufügst Deinen Herrn hast du entehrt vor seinen Gästen und üble Nachrede
geschaffen vor dem Volke Ergreift zur Stelle den Sack und tragt ihn nach der
Herberge der Gäste und dir Alter rate ich dass du mitgehst und ihnen solche
Entschuldigung machst welche sie willig annehmen Den Mägden aber sage wenn
sie sich ferner noch einmal beklagen so soll ihnen eine harte Hand größeres
Ächzen verursachen«
»Zürne nicht den Mägden Herr« sprach Irmgard »sie sind sonst gutwillig
und würden auch die gehäufte Arbeit ertragen aber einer in deinem Hofe
unterfängt sich herrisch mit dem Gesinde zu schalten und dieser ist dein
Schwertträger Teodulf Viele fürchten sein hartes Wesen und sorgen ob sie
jetzt oder dereinst seine Gunst haben Er verbietet den Mägden die Arbeit für
die Gäste und auch den Tanz wie es ihm gefällt Niemand wagt dir das zu klagen
ich aber als deine Tochter gedenke nicht zu leiden dass in dem Hofe meines
Vaters einer der ein Diener ist unsere Ehre kränkt«
Da der Fürst dies vernahm gedachte er wohl dass sein Kind recht hatte und
fühlte doch auch geheime Sorge weil die Jungfrau mit solcher Missachtung von dem
Manne sprach den er ihr in der Stille zum Gemahl bestimmt und der jetzt so
grimmig vor ihm stand Er wurde deshalb wildzornig auf alle und rief der Tochter
zu »Nicht umsonst hast du die Mühle gedreht wie harter Stein zermahlen deine
Worte den Leumund deines Verwandten Dennoch tadle ich deine Gabe nicht denn
sie vermag vielleicht eine schwere Beleidigung zu sühnen Du aber« rief er
drohend die Hand gegen Teodulf erhebend »vergiss nicht dass ich in diesem Hofe
Herr bin solange ich lebe damit ich nicht vergesse dass die Hausfrau dir Gutes
wünscht Wagt einer von euch noch gegen die Gäste feindliche Rede oder geheime
Tücke so dürfte der Hof und seine Haut für ihn zu enge werden«
Herr Answald wies alle hinaus und kränkte sich einsam Endlich ging er in
das Haus der Fürstin und sprach auch zu dieser zornige Worte und geringes Lob
gegen ihren Vetter Teodulf Frau Gundrun verfärbte sich sie merkte wohl dass
sie zu viel gewagt hatte und dass ihr Gemahl mit Recht um üble Nachrede besorgt
war und sie sprach begütigend »Das mit den Mägden sollte für die Fremden nur
eine Warnung sein damit sie das Hofrecht scheuen es ist abgetan und wird in
Zukunft vermieden sorge auch du nicht weiter darum Und was den Vetter
betrifft so weißt du ja wie treu er dir gedient hat und dass er um deinetwillen
seine Narben trägt« Und als es ihr gelungen war den Herrn ein wenig zu
besänftigen fuhr sie fort »Wie sorglos war vor wenig Monden der Blick in Hof
und Flur jetzt aber schwand der Frieden im Hause die Eintracht im Lande und
mit Schwerem bedroht der Zorn des Königs Ein erlauchter Mann ist dein Gast
aber Unheil hängt sich an seine Fersen Ich denke an deine Tochter Herr sie
fleht dass die Vermählung mit Teodulf gemieden wird Wider den Willen der
Eltern hebt sich begehrlich der Sinn des Kindes«
»Was hat Ingo mit dem Groll des Mädchens zu tun« fragte der Fürst
ärgerlich
Frau Gundrun sah ihn mit großen Augen an »Wer zu Rosse dahinfährt achtet
wenig auf das Kraut am Boden Merke Herr auf ihre Blicke und Wangen wenn sie
einmal mit dem Fremden spricht«
»Kein Wunder dass er ihr gefällt« versetzte der Fürst
»Wenn er aber an Vermählung denkt«
»Das ist unmöglich« rief der Fürst mit misstönendem Lachen »Er ist ja ein
Gebannter ohne Habe und Gut«
»Warm sitzt sichs am Herd in den Waldlauben« fuhr die Fürstin fort
»Ein Fremder sollte so Unsinniges wagen ein Mann der gar nicht von unserem
Volke ist und kein anderes Recht hat als dass ihn die Landgenossen dulden
Unnötig sorgst du Gundrun schon der Gedanke daran empört mir den Mut«
»Wenn du so meinst« sprach die Fürstin nachdrücklich »dann freue dich
nicht des Tages an dem er unser Haus betrat nicht des Sanges in der Halle und
nicht der fahrenden Männer welche jetzt bei uns einliegen auf das Gastrecht
pochend und das Gut meines Herrn verzehrend Der König begehrt den Fremden lass
ihn ziehen bevor er und sein Haufe vielen unter uns Jammer bereitet«
»Weißt du mehr von Vertraulichkeit zwischen ihm und meinem Kinde als du mir
sagst« fragte der Fürst vor sie tretend
»Nur was sich dem ankündet der sehen will« versetzte die Fürstin
vorsichtig
»Mit großem Geräusch und freudigem Herzen habe ich ihn empfangen« fuhr Herr
Answald fort »jetzt vermag ich ihn nicht als einen Überlästigen zu entsenden
Den Gemahl der Tochter zu wählen ist des Vaters Recht und keine Vermählung
gibt es für das Kind als durch den Vater das weiß auch dein Kind da sie nicht
sinnlos ist Ich gedenke des Eides den ich deinen Freunden gelobt du aber
bändige wenn du kannst den Hochmut deines Neffen und sorge dafür dass er sich
unserem Kinde werter macht als er jetzt noch ist damit nicht der Trotz der
Jungfrau im nächsten Frühjahr aufbricht wenn wir sie zur Vermählung schmücken«
Seit diesem Morgen war Herr Answald in seinem Gemüte beschwert sooft er den
Fremden gegenübertrat unmutig erwog er die Vermessenheit und achtete
misstrauisch auf Wort und Gebärde des Gastes und er dachte zuweilen selbst dass
das Lagern um seinen Herd im Winter eine Last sein werde In diesen Tagen des
Missmuts ritt Held Sintram ein als Unglücksbote vom König an den Häuptling und
den Gau gesandt Denn der König erhob helle Klage über das versteckte Hausen der
fremden Schar und forderte unter Drohungen ihre Auslieferung in seine Hände Der
Fürst erkannte dass entweder dem Gaste oder ihm und den Landgenossen eine nahe
Gefahr drohe Da er kein niedrig denkender Mann war so gewann er seine Würde
zurück er trat vor Ingo und sagte ihm offenherzig dass er die Häupter des Gaues
unter dem Vorwande einer Jagd zu stiller Beratung laden werde Ingo neigte sich
nach den Worten beistimmend und versetzte »Die erste Rede gehört hierbei den
Wirten die zweite dem Gaste«
Die Boten ritten drei Tage darauf saßen die Edlen und Weisen des Gaues
wieder am Herde des Häuptlings Aber es war nicht mehr Sommerluft wo der Sinn
der Männer fröhlich über der Erde waltet sondern harte Winterzeit wo sich
Sorge und Groll erheben Diesmal war die Miene des Fürsten kummervoll als er
begann »Eine zweite Botschaft sendet der König um den Helden Ingo und sein
Gesinde und diesmal an die Gaugenossen und mich nicht durch den Sänger
sondern durch den Helden Sintram Der Volkskönig fordert die Fremden für seine
Königsburg ob wir seinem Gebot widerstehen oder unser Heil bedenkend nach
seinem Willen tun das frage ich« Darauf erhob sich Sintram und wiederholte die
Drohung des Königs »Mit Gewalt will er die Fremden holen wenn wir sie nicht
senden seine Mannen toben laut und freuen sich des Zuges gegen unsere Höfe
Einst habe ich vordenkend gewarnt jetzt droht uns nahe das Unheil Hatten wir
auch gelobt den Fremden gastlich zu schützen jetzt ist nicht er es allein der
auf dem Lande liegt ein fremdes Geschlecht reitet durch unsere Täler und
lästig wird dem Volke das wilde Gesinde« Langes Schweigen folgte der Rede bis
Isanbart endlich die Stimme erhob »Da ich alt bin wundert mich nicht wie
leicht sich der Sinn der Menschen ändert schon ehedem sah ich manchen Wirt der
fröhlich war einen Gast zu begrüßen aber fröhlicher ihn zu entlassen Darum
mögest du o Fürst vor allem den Landgenossen sagen hat der fremde Held das
Hofrecht verletzt und deine Ehre geschädigt oder hat sein Gesinde Missetat
geübt im Volke« Zögernd versetzte Fürst Answald »Ich klage nicht über Frevel
die der Gast verübt doch ungefüge und fremdländisch ist die Art seiner Mannen
und sie eint sich schwer unserm Landesbrauch« Da nickte Isanbart mit seinem
grauen Haupt und sprach »Dasselbe habe auch ich erfahren da ich mit deinem
Vater Irmfried im Land der Vandalen als Gast niedersass Auch wir waren soweit
ich gedenke den Vandalen ungefüge und fremdländisch Doch unsere Wirte lachten
freundlich darüber und verglichen den Zwist der Mannen wo er ausbrach immer
haben sie uns gebeten länger zu weilen und mit reichem Gastgeschenk haben sie
uns entlassen als wir endlich heimritten Darum meine ich Vorsicht geziemt dem
Wirt bevor er fremde Gäste aufnimmt und Nachsicht solange sie unter seinem
Schütze weilen« Und Rotari den sie Pausback nannten sprang auf und rief
»Bei jedem Volk der Männererde ist soweit ich verstehe ein Gesetz zu seinem
Herrn gehört das Gesinde Wer den Herrn aufnimmt kann seinem Gefolge den
Frieden nicht weigern wenn die Fremden nicht selbst sich durch Missetat
friedlos machen Wohl verstehe ich dass die Zahl der Schwurgesellen deinem Hofe
o Fürst zur Last wird denn allzu groß ist die Zahl der Männer und Rosse für
einen Hof Du aber begehrtest als sie kamen die Ehre sie allein vor anderen
zu beherbergen Wären sie in den Höfen der Edlen und Bauern verteilt je nach
ihrer Geburt dann hätten die Gäste niemanden beschwert und hätten beim
Abendfeuer am Herde viele durch ihren Bericht aus fremden Ländern erfreut«
Gekränkt antwortete der Fürst »Ich habe den Rat nicht über das Lagern in meinem
Hofe gefordert sondern über das Gebot des Königs welches uns hart bedrängt«
Da sprach Bero der Bauer ihm entgegen »Noch anderes bedrängt uns Herr mehr
als die zwanzig und zwei Fremden Der König sucht einen Vorwand um den Zehnten
von unsern Herden für sich zu erhalten und die Garben von unseren Feldern wir
aber erkennen dass Herde und Ackerland uns ohnedies zu klein werden für unsern
Bedarf Alle Dörfer sind mit rüstiger Jugend gefüllt sie fordert Baugrund für
neue Höfe Ackerland Wiese und Waldweide Wer soll es hergeben alles ist
aufgeteilt und versteint die Hirten klagen dass die Herden der Grundherren zu
groß werden und der Eckern und Eicheln zu wenig dem Roden des Waldes
widerstehen die Gemeinden und noch mehr die Häuptlinge Darum meinen viele die
Zeit sei gekommen wo unser Volk wieder siedeln muss jenseits der Landesmark wie
zur Zeit der Väter und der Ahnen Und wir fragen in den Dörfern wo ist leeres
Land zum Besiedeln auf der Männererde So sprach Missvergnügen im Volke und
unsere Jungen werden dem zufallen der ihnen freien Ackergrund bietet selbst
wenn es der König wäre Das sage ich um zu warnen denn gefährlich ist die
Habgier der Herren wenn sie die Waffen des Volkes für sich begehren Dennoch
rate ich nicht dass wir die Gäste dem König ausliefern Will der König mit
Gewalt sie entführen so möge er es versuchen Auch mir erregt der Gedanke
Grimm dass die Knaben des Königs mir die Rinder wegtreiben und die Scheuer
anzünden möchten aber von unserem Recht lasse ich mich nicht abdrücken
jedermann wird es für unrecht halten wenn wir die Gäste im Schneesturm
austreiben Und lieber will ich mit meinem Hofe untergehen als ihnen aus Furcht
das Gelöbnis brechen«
Wieder sprang Rotari auf schlug vergnügt in die Hand des Bauern und rief
»So spricht ein wackerer Nachbar hört auf seine Worte«
Endlich begann auch Albwin mit gewinnender Miene »Was der Freie gesagt dem
falle auch ich zu Ich rate wir halten den Eid der uns vielleicht lästig wird
wenn die Gäste daran mahnen und sich unsern Schutz begehren Wollen sie aber
freiwillig aufbrechen so geben wir ihnen Förderung und Gastgeschenke damit sie
ungefährdet ziehen wohin ihnen der Mut steht Dem König aber liefern wir sie
nicht in die Hand außer mit ihrem freien Willen«
Da stimmte die Mehrzahl bereitwillig bei auch der Fürst und Sintram Aber
Rotari rief zornig »Ihr wollt handeln wie der Fuchs mit der Bäuerin als er
ihr sagte Ich gelte dir das Huhn aber fordere nichts« Und Isanbart warnte
»Wie mögt ihr die Pflicht auf die Seele des Gastes legen die auf euch und euren
Kindern liegt Wer kann den Wirt loben der die Großmut des Gastes anruft«
So stritten die Waldleute gegeneinander und zwiespältig blieb die Meinung
Unterdes sang Hildebrand im Hofe laut den Jägerspruch und blies auf dem
großen Horn die Weidgesellen zusammen Gerüstet mit Speer und Armbrust die
Bracken an der Leine eilten die Thüringe aus dem Hoftor mit dicken Speereisen
mit Hornbogen und Keule kamen die Vandalen welche der Hunde entbehrten
Hildebrand schied den Jagdzug in zwei Haufen Hofmannen und Gäste die Männer
aus der Landschaft teilte er beiden zu Die Jäger sprachen leise den Weidsegen
dann begann Bertar zu dem Jagdmeister »Schlecht wird es deinen Gästen ohne
Hunde auf glattem Pfad gelingen sorge wenigstens Held da du doch die Gänge
des Wildes kennst dass mein Haufe nicht vergeblich den Schnee drückt denn auch
der schnelle Fuß vermag nimmer Wild zu erreichen wo keines vorhanden ist
Manchmal hast du uns in die Irre gesandt fern von den Fährten der Waldriesen
achte wenn dirs gefällt heut darauf dass wir nicht vor den Gaugenossen
gekränkt werden«
»Wer Glück und Geschick entbehrt schilt den Treiber« versetzte Hildebrand
»du mahnst ohne Grund ich habe billig geteilt« Das Horn rief die Hunde
zerrten an den Riemen fröhlich brachen die Jäger auf und grüßten die Frauen
welche der Ausreise am Hoftor zusahn Als die Vandalen bei Irmgard
vorüberzogen erhoben sie plötzlich hellen Jubelruf und neigten die Waffen und
Knie vor ihr Auch Ingo trat von der Seite in ihre Nähe
»Du allein Held hörst nicht auf den Jagdgesang« fragte Irmgard
»Noch andere bleiben zurück« versetzte Ingo nach der Halle weisend
»Zweifle nicht an ihrer Treue« flehte Irmgard »Wenn du bei deinen Helden
bist sorgen wir nicht sehr dass wieder ein Feuer zwischen ihnen und unseren
Männern aufbrennt« So mahnte ihn das Weib welches er liebhatte selbst zu der
Jagd die manchem kummervoll wurde
Ingo rüstete sich schnell mit dem Jagdzeug und eilte den Genossen nach er
erreichte sie noch vor der Teilung und wurde von seinen Kriegern mit Zuruf
empfangen auch die Landgäste freuten sich seiner und als gute Gesellen
betraten alle den Wald Hildebrand wies die Pfade und von den Jünglingen des
Dorfes geführt verschwand ein Haufe nach dem andern in den Talwindungen und
zwischen den Hochstämmen Bald erschollen aus der Ferne die Schläge der Treiber
an die Stämme das Gebell der Hunde und zuweilen ein lustiger Hornruf Diesmal
hatten die Vandalen den besseren Erfolg sie beschlichen eine Auerherde
darunter den mächtigen Stier der bereits im Hofe verkündet war und ihnen
gelang es die Herde von der Höhe in ein tiefes Tal zu treiben wo die
Schneewehen den großen Leibern der Tiere den Lauf hinderten Dort warfen sich
die Männer von oben gegen die riesigen Stiere mit gellendem Jagdruf mit
Pfeilschuss und Speerwurf drangen die Gesellen vom Rand der Höhe talab Und sie
fällten die Herde nur ein Häuptling der Tiere das Ungetüm brach durch zu
wegsamerer Stelle Da warf Ingo das schwere Eisen gegen ihn ein Blutstrom ergoss
sich nach dem Wurf »Er hat es« rief Ingo und der Heilruf der anderen
antwortete Aber der Waldriese arbeitete sich empor bis zum Hochwald in weiten
Sprüngen folgte ihm speerlos Ingo sein Messer schwingend Wieder brach das
Tier den Speer schleppend in ein tiefes Tal und während Ingo auf der Höhe
vorwärtsstürmte um ihm auf schneefreiem Grunde zuvorzukommen hörte er unten
Gebell der Hunde Jagdruf und Hornklang und als er sich in das Tal warf fand
er den Stier am Boden den Speer Teodulfs im Leibe der Mann aber stand auf dem
Tier und blies den Siegesruf »Mein ist das Wild nach Weidrecht« rief Ingo und
schwang sich auf den Leib des Gefällten »mein Speer gab ihm den Todeswurf«
Über der Beute standen die Männer gegeneinander und heißer Hass sprühte aus
ihren Augen »Mein ist die Waffe und mein der Stier« rief Teodulf Da riss Ingo
den Speer des andern aus dem Leib des Stiers und warf ihn weitab so dass er in
den Ästen einer Fichte hängenblieb Dem Thüring schlugen vor Wut die Zähne
zusammen einen Augenblick machte er Miene sich im Faustkampf gegen Ingo zu
stürzen aber die stolze Haltung des Mannes verwirrte ihm den Gedanken er
sprang zurück und hetzte die Meute der Hunde gegen Ingo Heulend fielen die
wütenden Tiere den Helden an vergebens schrie Hildebrand »Wehe« Ingo stieß
mit seinem Messer das grimmigste nieder aber auch die Vandalen sprangen herzu
den König aus der Not zu retten und trieben ihre Eisen den Hunden in den Leib
»Geendet ist die Jagd« rief Bertar befehlend »jetzt beginnt eine andere der
Bube darf die nächste Sonne nicht schauen der die Hunde auf unseren König
gehetzt hat Heut waren wir Hundeschläger wie du uns nanntest und der letzte
Hund den wir schlagen bist du« Er hob die Keule zum Wurf aber mit eisernem
Griff umklammerte ihm Ingo den Arm »Keiner wage ihn zu berühren der Mann
gehört meinem Schwert Du aber Hildebrand lade die Richter zum Weidgericht
auf der Stelle vor blutiger Spur und erlegtem Wild entscheidet über mein Recht«
Die beiden Haufen wählten gesondert jeder einen Mann diese den dritten Die
Richter schauten die Wunden folgten der Todesspur bis zu der Stelle an welcher
Ingos Eisen den Stier getroffen dann kehrten sie zurück traten zusammen und
sprachen das Urteil »Dem Helden Ingo gehört die Beute« Ein wildes Lächeln flog
über das Antlitz des Königs er kehrte dem Stier den Rücken »Ich rate« begann
Hildebrand mit trüber Miene »dass die Haufen nicht in gleicher Zeit zum Hofe
ziehen gefällts euch ihr Helden so nehmt den Vortritt«
»Die leichtesten seid ihr« versetzte Bertar »meine Gesellen werden Mühe
haben ihre Beute aus dem Walde zu schleifen Dennoch meine ich dass wir auf die
Jagdehre nicht verzichten denn von dieser Jagd wird im Lande noch länger
erzählt« Schweigend schritten die Bankgenossen des Herrn Answald dem Hofe zu
nur Teodulf sprach in seiner hochfahrenden Weise um durch die Worte den Grimm
zu bewältigen der in ihm kochte ohne Jagdruf betraten sie den Hof Hildebrand
eilte zum Fürsten Es war finster als die siegvolle Schar mit ihrer Beute
ankam »Blast den Freudenruf« rief Bertar »wie so reicher Beute gebührt« Der
Halagesang ertönte aber niemand öffnete das Hoftor und Wolf musste vorspringen
und den Querbaum zurückschieben Die Vandalen legten die Jagdbeute vor dem Hause
des Fürsten nieder schieden grüßend von den Genossen aus Thüringen und
sammelten sich still in ihrer Herberge
Der Hof lag finster und der Wintersturm heulte über den Dächern aber in
allen Häusern und in der Halle summte das Geräusch halblauter Rede
Der Abschied
Zum Notkampf auf der Aue den die Sonne nicht schauen darf schritt im Grau des
nächsten Morgens Ingo mit seinen Schwertgesellen Bertar und Wolf Unter ihren
Füßen ächzte der Schnee der Nachtwind fuhr um ihre Häupter und trieb
Schneeflocken von den Bergen in das Tal die schwarze Wolkendecke barg alles
Himmelslicht nur die Geister des Todes herrschten auf der Erde sie schrien
aus dem Winde sie rasselten in den dürren Bäumen und rauschten im Eiswasser die
Kunde dass von zwei Eidgesellen eines Herdes der eine geschieden werden sollte
vom Sonnenlicht damit er hinabsteige in das kalte Nebelreich Bertar wies
schweigend in die Dämmerung auf der anderen Seite des Baches standen drei
Männer es war Teodulf mit Sintram und Agino seinen Genossen »Ihre Füße waren
schneller« sprach Ingo unzufrieden »rühme die welche zuerst der Nebelaue den
Rücken kehren« Vor ihnen lag die Stätte des Kampfes ein sandiges Eiland mit
dünner Schneedecke auf beiden Seiten vom strudelnden Wasser umgeben Die
Schwertelfer grüßten einander lautlos über den Bach sie schritten zu den
Weiden am Uferrand schnitten starke Zweige und schälten mit dem Messer die
Rinde Dann sprangen Bertar und Sintram durch das Wasser beide betraten zu
gleicher Zeit den Grund der Aue und steckten den Kampfplatz mit weißen Stäben
ab Darauf trat jeder von ihnen an eine Spitze des Eilandes der eine stromauf
der andere stromab und winkte seinem Kämpfer mit dem Arm Die Kämpfer neigten
sich vor den hilfreichen Göttern und murmelten den Notsegen dann wateten sie
durch das Wasser zu ihren Gesellen Die Helfer wichen zurück über den Bach und
die Todfeinde sprangen gegeneinander schildlos in Helmkappe und Panzerhemd mit
geschwungenem Schwert Stahl schlug an Stahl um sie stöhnte der Wind und
rauschte das Eiswasser Es war harter Männerkampf nicht unwert erwies sich
Teodulf des Ruhmes den er unter seinen Genossen hatte eine Weile dröhnte der
Streit der so schnell zum Tode führt und Bertar sah unzufrieden das Rot am
Morgenhimmel den Boten des Tages Da strauchelte Teodulf unter schwerem
Schlage und wieder sprang Ingo nach ihm und zerbrach ihm mit starkem
Schwertstreich das Haupt durch den Eisenhelm dass ein Blutstrom herausbrach und
der Mann des Fürsten rückwärts auf den Schnee sank Ingo schwang sich über ihn
und erhob das Schwert ihm mit der Spitze die Gurgel zu durchstechen In
demselben Augenblick brach der erste Lichtstrahl über die Hügel der rote Schein
fiel auf das Angesicht des wunden Mannes Sintram vergaß in der Todesangst das
gebotene Schweigen und schrie über den Bach »Schone sein die Sonne siehts«
Bei dem Lichtstrahl und dem Schrei fiel ein weicher Gedanke in die grimmige
Seele des Siegers er zuckte das Schwert zurück und sprach »Die Herrin solls
nicht schauen dass ich dem Gastfreund seinen Mann durchsteche Lebe wenn du
kannst« er wandte sich ab Teodulf murmelte am Boden die Faust gegen ihn
erhebend »Ich danke dirs nicht« Ingo aber sprang durch das eisige Wasser ans
Ufer und wandte der Insel und dem Gefallenen den Rücken während Bertar
vorwurfsvoll sagte »Zum erstenmal kargte der König als er einem Todfeind das
Reisegeld in das Nebelland zahlte«
»Ich sorge nicht um eines Mannes Rache der unter meinem Schwert lag«
versetzte Ingo Schweigend folgten ihm seine Schwertgesellen während die Helfer
des anderen über das Wasser drangen und an der Rüstung des Verwundeten zerrten
Vor der Gasterberge standen die Vandalen im Haufen gerüstet ihren Gruß da
sie den König gerettet von der Aue zurückkehren sahen hemmte Bertar Im Hofe
sammelten sich die Mannen des Fürsten und die Landgenossen in finsterer
Erwartung bis der Weheruf Sintrams erscholl und hinter ihm zwei Männer den
gefällten Helden auf einer Bahre in den Hof trugen Als die Bahre vor dem Hause
der Frauen niedergesetzt wurde stürzte die Fürstin heraus warf sich mit lautem
Schrei neben dem Verwandten nieder und hob die Arme flehend zu ihrem Gemahl Dem
starren Schweigen im Hofe folgte wilde Bewegung Racheruf und Geschrei die
Landgenossen die Häupter des Volkes eilten beschwichtigend von einem Haufen zum
anderen auch sie bedachten sorgenvoll dass ein Feuer aufgebrannt war welches
schwerlich durch klugen Rat gelöscht wurde
Zuerst geriet Wolf in Bedrängnis Als er zu seinen alten Bankgenossen trat
welche in gedrängtem Schwarme vor dem Krankenhaus standen da gaben sie ihm
feindselige Blicke und wendeten die Rücken und Agino sprach »Wer im Waffengang
gegen unseren Gesellen gestanden hat der ist geschieden von unserer Bank und
wenn ich dir zum letztenmal Gutes raten soll so meide unsere Nähe damit dir
nicht kaltes Eisen für deinen Verrat zahle«
»Ihr handelt schmachvoll an dem Genossen« entgegnete Wolf heftig »ehrlich
habe ich mich gehalten nach meinem Schwur den ihr damals alle rühmtet wie
durfte ich mich meinem Herrn versagen in der Not zwischen Wasser und Heide«
»Warst du sein Geselle in der Not« versetzte der andere »so birg dich in
seiner Kammer und zeche unter seinen Fremden den Met den er dir schenkt denn
verhasst ist uns dein Name und getilgt sei dein Gedächtnis in unserem Ringe«
Auch Hildebrand trat zu ihm und begann feierlich »Seit du ein Knabe warst
kenne ich dich und gern möchte ich dir Gutes raten wenn ich vermöchte aber es
ist ein alter Spruch wo der Herr gleitet fällt der Mann zur Erde Auch wenn
unser Fürst Answald dir wohlmeinend ist er vermag dich nicht zu schützen gegen
den Grimm des Hofes Vielleicht berede ich ihn dass er dich freigibt von deinem
Hofeid dann wandere mit deinem Schwert und suche dein Heil in der Fremde«
Wolf trat zur Seite an die Hofmauer und barg sein heißes Gesicht vor dem
Blick der Genossen
»Ist dein Reisegepäck so schwer dass du weinst wie ein Kind das die
Wanderschaft fürchtet« sprach eine Frauenstimme neben ihm Wolf antwortete
erbittert »Dass auch du mich höhnst Frida ist ärger als das andere denn um
deinetwillen war ich froh in dem Hofdienst«
»Es gibt wohl andere Höfe als diesen Saal der abseit liegt von dem
Reisepfad der Helden wo ein Krieger leichter die Gunst des Herrn gewinnt und
vielleicht auch Haus und Land damit er sich einem Weibe vermähle Mir gefällt
nicht die Bank der Helden an welcher ein Weib gebietet«
»Du rätst mir zu gehen« antwortete Wolf in hellem Erstaunen »und du selbst
bleibst doch hier«
»Für die Kunkel bin ich geschaffen und ich muss harren bis mich ein Mann
auf sein Ross hebt und in seinen Hof führt Aber verächtlich dünkt mich eine
Herrschaft welche zuerst vor dem Gaste die Arme ausbreitet und dann beängstigt
wird durch seine Gegenwart Schwinge dich auf trabe mutig über die Heide und
suche dir einen treueren Herrn«
»Du warst selten freundlich gegen mich Frida dennoch kommt mirs schwer
an dich unter den Hofknaben zurückzulassen« versetzte der ehrliche Wolf
»Vielleicht weiche auch ich einmal aus dem Hofe« antwortete Frida trotzig
»War ich auch zuweilen hart gegen dich Wölflein so wisse doch dass ich die
Tölpel dort hasse seitdem sie dir die Genossenschaft weigern« Sie sah ihn
freundlich an und verschwand Wolf schritt getröstet nach der Herberge der
Gäste
»Was raunen dort die stolzen Knaben untereinander« fragte ihn Bertar
prüfend
»Sie haben sich von mir geschieden« antwortete Wolf finster »weil ich mit
dem König Ingo zur Aue ging«
»Und was meinst du zu tun junger Thüring«
»Ich habe mich deinem Herrn gelobt« antwortete Wolf Bertar fasste ihn bei
der Hand »So spricht ein wackerer Mann Immer hast du mir gefallen denn du
warst treu im Dienst und gutartig gegen meine Gesellen Jetzt will ich sorgen
soweit ich vermag dass dich die Wahl nicht reue Tritt zunächst abwärts von uns
zu dem Helden Isanbart damit er dich schütze und dir durch seine Fürsprache von
dem Eide helfe der dich an den Hofherrn bindet Dann kehre dich zu uns Einen
Sohn haben mir die Götter versagt ich will dich halten wie mein eigen Blut den
letzten Trunk teile ich mit dir und mein letzter Schwertschlag sei an deiner
Seite Willkommen in unserer Mitte zur Wanderung auf der Männererde zum Gewinn
von Beute und zum seligen Ende in der Männerschlacht«
Aber auch Irmgard empfand die Verstörung dieses Morgens »Wo ist die
Tochter« rief der Fürst am Lager des Verwundeten »dass sie mit ihrer Heilkunst
der Mutter helfe«
Leise damit kein anderer die Worte höre antwortete die zornige Fürstin
»Ungehorsam weigert sie seinem Lager zu nahen« Herr Answald trat heftig in
Irmgards Gemach die Wange der Jungfrau war erblichen aber ihr Auge mied nicht
den zornigen Blick des Vaters »Am Lager deines Verlobten ist dein Sitz du
Kaltsinnige« rief er ihr zu
»Hassen würde ich mich selbst hätte ich mein Leben jenem gelobt«
antwortete Irmgard unbeweglich
»Der Vater tat es für dich und hätte ichs nicht getan von deinem
Geschlecht ist er und mein Waffengenosse Ehrst du so wenig was die Sitte von
dir heischt«
»Auch ich gedenke mein Vater was deinem Kind geziemt Er der getroffen
liegt von wohlverdientem Schlage hat die Meute gehetzt gegen unseren
Gastfreund Bin ich ein Kind dieses Hauses so ist er mir fortan ein Fremder und
ein Feind«
»Wie eine Wahnwitzige redest du Wohl kenne ich den argen Wunsch der dir
den Sinn betört zu lange habe ich nachsichtig das Unleidliche getragen« Er hob
den Arm gegen die Tochter
»Töte mich mein Vater« schrie Irmgard »du hast die Macht aber auf meinen
Füßen trete ich nimmer zu dem Bett des argen Mannes«
»Bist du jetzt so entschlossen« rief der Fürst außer sich »so sollst du
doch dem Zwange dich beugen Ich gehe den Quell abzuleiten der diesen Jammer
in meinen Hof treibt Du aber lebe gesondert als Gefangene bis dein trotziger
Mut sich fügt« Drohend verließ er das Gemach und schritt über den Hof nach dem
Herdsitz Dort sammelten sich die Gaugenossen dorthin wurde auch Ingo von zwei
Häuptern des Volkes geleitet
Das Antlitz des Fürsten war rot vor Zorn und ihm bebte die Stimme da er an
seinem Herdfeuer in der Versammlung begann »Zum Tode verwundet hast du Ingo
Ingberts Sohn meinen Schwertträger Teodulf einen Edlen des Volkes den
Verwandten meines Ehegemahls den Sohn dem ich meine Tochter zur Hausfrau
gelobt geschädigt hast du ihn an Leib und Leben in heimlichem Kampf den die
Sonne hasst gekränkt hast du meine Ehre verletzt die Gastpflicht gebrochen den
Eid darum weigere ich dir fortan den Frieden meines Hauses und Hofes ich löse
das Bündnis das einst die Väter verband die Flamme des Herdes tilge ich die
jetzt noch wärmt und das Wasser verschütte ich über dem wir einander
gastlichen Frieden gelobt« Er schwenkte den Herdkessel empor und goss ihn in die
Flamme dass der weiße Dampf sich zischend im Hause verbreitete
Ingo aber rief dagegen »Eine Nottat verübte ich bis zum Tode gekränkt an
meiner Ehre wie sie jeder üben muss der nicht achtlos im Volke leben will An
deinen gastlichen Herd dachte ich als der arge Mann unter meinem Schwerte lag
und ich die Spitze zurückzog Für das Gute das ich unter deinem Dach genossen
danke ich dir noch jetzt beim Scheiden vor dem Argen das du und deine
Freundschaft mir fortan sinnen werde ich mich bewahren Wie du die Flamme
getilgt die mir gastlich geleuchtet so werfe ich das Gastzeichen das dein
Vater meinem Vater übergab in die kalten Kohlen deines Herdes ab tue auch ich
die Gastpflicht die mich hier band als ein Fremder kam ich und als ein Fremder
gehe ich den Göttern den hohen Schwurzeugen klage ich das Unrecht das du an
mir und meinem Geschlecht verübst und ihren Segen erflehe ich für jeden der in
diesem Hofe und Lande mir Gutes wünscht« Er wandte sich zum Abgang da erhob
sich Isanbart und sprach »Bist du durch eine Nottat verfeindet unserem
Häuptling den wir ehren so bist du noch nicht verfeindet dem Volk das dir
durch unseren Mund den Frieden gelobt hat Willst du harren bis die Gemeinde
über deinen Zwist mit Herrn Answald entschieden hat so bist du willkommen mit
deinem Gesinde im Hofe und am Herd eines Alten der einst im Kampf an der Seite
deines Vaters gestanden hat«
Ingo trat zu dem Greis und neigte sich tief vor ihm »Segne mein Haupt o
Vater bevor ich scheide Denn unrühmlich wäre mir fortan noch im Gaue zu
verweilen und Zwiespalt in den Dörfern aufzuregen Deiner Treue denke ich aber
solange ich atme«
Der Greis legte ihm schweigend die Hand aufs Haupt dann trat Ingo auf die
Schwelle Mit Zorn und Sorge sah der Fürst dass sich ein Teil seiner
Landgenossen erhob den Scheidenden zu geleiten Isanbart bot dem Fremden die
Hand und führte ihn durch die Schar der Hofmannen welche bewaffnet mit
drohenden Gebärden um die Tür drängten diesen gegenüber hielten auf ihren
Rossen die Vandalen bereit zum Aufbruch und wenn es not war zum Kampfe Aber
die Würde der Volkshäupter bändigte den Grimm der Jüngeren Ingo schwang sich
auf sein Ross das ihm Bertar zuführte noch einen langen Blick warf er zurück
in den Hof dann trieb er sein Ross zum Sprung durch das Hoftor ihm folgte
ebenso die Schar seiner Mannen Als die Hofgenossen ihnen Drohworte nachriefen
gebot die zürnende Stimme Isanbarts Schweigen Der Fürst aber saß stumm in
schweren Gedanken an seinem kalten Herde
Hinter den Reisenden klapperten auf dem gefrorenen Boden Rosshufe Bero trieb
sein Pferd an Ingos Seite und begann nachdem er eine Weile neben ihm geritten
war »Ich wars der deine Gesellen dir zuführte heut möchte ich dir guten
Willen erweisen das Dorf in dem ich hause liegt auf deinem Wege lass dirs
gefallen Held bei mir einzukehren und Bauernkost zu versuchen«
»Ich rate Herr« sprach Bertar »dass du der Ladung des Freien folgst denn
wohlgesinnt habe ich ihn gefunden und von klugem Rat«
»Du bist nicht der einzige deines Geschlechtes der es mit uns gut gemeint
hat da wir im Herrenhofe waren« versetzte Ingo mit trübem Lächeln Und die
Helden verabredeten den Besuch worauf Bero zufrieden seinen Gaul in einen
Seitenpfad lenkte
Ihm folgte mit lautem Zuruf Rotari »Eure erste Einkehr sei in meinem
Hofe« rief der runde Mann und streckte seine Hand vom Ross aus um vielen die
Hand zu schütteln »Wirf die Sorgen hinter dich Held und grolle nicht mit uns
anderen weil du in Unfrieden von einem scheidest« und neben Ingo reitend fuhr
er vertraulicher fort »Auch in unserem Gau wird mancher Mann sich wundern dass
dein Schwert einem Zänker nicht die letzte Ehre vergönnt hat denn der Mann und
sein Geschlecht haben Feinde im Volke weil sie unbillig sind und ich bin auch
einer davon« So trabte er mit tröstlichen Worten unter den Gästen wirbelte
zuweilen seinen Speer in der Luft und erzählte lustige Fahrten bis auch die
Fremden zuhörend lachten
Als am nächsten Morgen der erste Dämmerschein in das dunkle Gemach fiel
erhob sich Irmgard leise vom Lager damit sie die schlafende Wächterin nicht
wecke und sprach bei sich selbst »Mir träumte oben am Giessbach steht der
eine der mich erwartet Vereist ist das Ufer der rinnenden Flut gelöst ist der
Fichtenbaum der an unserem Boden hing talab treibt er mit dem Wasser zwischen
Eis und Steinen und nimmer sehe ich ihn wieder Nicht weiß ich was ich noch im
Leben lieben soll da er von uns wich« Sie warf eine dunkle Hülle um ihr
Gewand öffnete leise die Tür und schritt über den leeren Hof »Wer löst mir die
Riegel am Tor« sprach sie an der Pforte aber als sie daran rührte fand sie
die Holzkeile des Sperrbaumes herausgetrieben Sie ging durch das Tor und eilte
über den Schnee den Bergen zu an die Stelle wo sie früher den Geliebten
gefunden Als sie aber näher kam und am Giessbach eine hohe Gestalt in der
Dämmerung erkannte erschrak sie und hielt an Da eilte Ingo ihr entgegen »Ich
dachte dich zu finden an dieser Stelle die Ahnung trieb mich auf schnellem
Rosse durch die Nacht«
»Unter die Feinde reitet der König« antwortete Irmgard »weil mein
Geschlecht ihm die Treue brach Bitter ist der Gedanke verhasst ist mir das
Leben Denn auch du wirst uns zürnen wenn du in der Not an die Halle meiner
Väter denkst«
»Deiner gedenke ich wo ich auch weile« rief Ingo »von dir hoffe ich alles
Heil meiner Tage Die Liebste bist du mir und stark ist dein Mut darum lege
ich heut in deine Hand die Fäden an denen wie die Priesterin sprach mein
Schicksal hängt« Er bot ihr eine kleine Tasche von Otterfell mit starken Riemen
daran Irmgard sah scheu auf die Gabe »Sie birgt den Drachenzauber« fuhr Ingo
leise fort »den Sieg der Römer wie unsere Krieger meinen und auch mein Los
In der Königsburg hat der Römer Gold gespendet möglich ist dass die Mannen des
Königs mir Unheil bereiten Töten sie mich mit meinem Gesinde so soll doch der
Römer nicht wiedergewinnen was wie man sagt ihm den Sieg verleiht Darum
bewahre du mir den Purpur bis ich ihn fordere wenn aber den Feinden ihr Werk
gelingt dann trage das Geheimnis zu dem Totenhügel den sie über mich werfen
und senke es dort tief in die Erde damit kein Fremder es jemals gewinne«
Irmgard ergriff die Tasche hielt sie mit beiden Händen und ihre Tränen
rollten darauf »Fremd wurdest du dem Herd meiner Väter mein Gastfreund bleibst
du doch Ingo und nahe an meinem Herzen sollst du wohnen Hier bewahre ich was
du mir botest und zu den Schicksalsgöttern flehe ich dass dies Unterpfand auch
mir Anteil werbe an deinem Geschick Wäre ich als Knabe geboren wie die Eltern
sich wünschen ich dürfte dir auf deinem Pfade folgen Aber einsam werde ich
sitzen mit verschlossenen Lippen im freudelosen Hause und an dich werde ich
denken den nur die Habichte schauen die wilden Vögel wenn sie zwischen Himmel
und Menschenerde fliegen Denn ruhelos wanderst du edler Mann durch feindliche
Mauern unter wehendem Wind und fallendem Reif«
»Traure nicht Holde« bat Ingo »denn ich fürchte nicht dass es den Feinden
gelingen wird mich auszutilgen wirbelt auch kalter Schnee mein Herz ist froh
da ich dir vertraue um die ich sorge Bei Nacht und Tag ist mein Gedanke wie
ich dich mir gewinne«
»Dem der Vater zürnt und den die Mutter hasst den liebt das Kind gibt es
größeres Leid auf Erden« klagte Irmgard
Da umschlang er sie mit seinen Armen und sprach zärtlich »Birg deine Liebe
still vor den anderen wie der Baum seine Kraft in der Erde birgt wenn der
Sommer weicht Jetzt tobt um uns die wilde Gewalt des Winterriesen mit weißem
Bahrtuch bedeckt ist die Wonne der Flur Auch du Holde trage still die eisige
Last Wenn die Knospen springen und junges Grün aus der Erde spriesst dann
schaue empor zur Frühlingssonne und lausche ob du den Sang der wilden Schwäne
hörst wenn sie durch die Luft ziehen«
»Ich berge und harre« antwortete Irmgard feierlich »du aber denke wenn
der Sturm um dein Haupt tobt dass ich zu dir klage und rufe und wenn die milde
Sonne über dir lacht dass ich um dich weine« Sie riss ein Band von ihrem Gewande
und knüpfte es um seinen Arm »So binde ich dich für mich damit du auch
wissest dass du mir gehörst wie ich dir« und sie warf die Arme um seinen Hals
und hielt ihn fest umschlungen
Von der Seite klang misstönend der Schrei eines Raubvogels »Der Wächter
mahnt dass du dich von mir wenden sollst« rief Ingo »Segne mich Irmgard dass
meine Reise heilvoll sei für dich und mich« Er neigte das Haupt unter ihre
Hände sie aber hielt die Arme über ihn bewegte die Finger und raunte den
Segen Dann umfing der Mann sie noch einmal in heißem Trennungsweh und schwang
sich aufwärts in den Tannenwald Irmgard stand wieder allein zwischen Feld und
Wald und um sie wehte der Winterschnee
Spät am Morgen ritten die Vandalen aus dem Hofe Rotaris unter ihnen Ingo
mit gehobenem Mut obwohl er schwieg denn seine Gedanken flogen zurück zu dem
Weib im Herrenhofe Um Mittag kamen sie zu dem Dorf das man im Lande »freies
Moor« nannte wo die Hofstätte Beros stand Die Sonne schien lustig auf das
weiße Erdtuch und an den Häuptern der Weiden glitzerte der Reif Die Brücke
über dem Dorfgraben war mit grünen Fichtenzweigen geschmückt am Wächterhaus
daneben standen die Landleute im Festkleide vor ihnen Bero und seine sechs
Söhne kräftige Jünglinge mit starken Gliedern und großen Händen Und Bero rief
»Als die letzten Gaugenossen wohnen wir an deiner Straße und wir gedenken euch
warm zu halten unter unseren Rohrdächern bis ihr in die Fremde reitet« Die
Reiter stiegen fröhlich ab und schritten zwischen den Landleuten in das Dorf
»Wir teilen uns in die Bewirtung« fuhr Bero fort »damit jeder von den Nachbarn
Gastfreunde ehre und gefällt es den jungen Gesellen so mögen sie nach dem Mahl
mit unseren Knaben die Mädchen zum Tanze führen in geräumiger Stube oder auf
gefegter Tenne wie unser Brauch ist« Darauf ergriff er selbst den Zügel von
Ingos Ross und geleitete seine edlen Gäste durch das offene Hoftor Während seine
Söhne die Rosse anbanden und den Hafer schütteten traten die Herren vor das
Haus auf dessen Schwelle Fridas Mutter mit ihren Mägden auf die Fremden wartete
und die sonnengebräunte Hand bot Über dem gestampften Lehmboden der weiten
Hausflur stand ein gedeckter Tisch mit den Holzstühlen von der erhöhten Bühne
im Hintergrunde guckten blauäugige flachsköpfige Kinder hervor und bargen wenn
die Gäste ihnen zulachten verlegen die Köpfe hinter der Brüstung »Rufe zum
Mahl« mahnte der Bauer seine Frau »und bringe das Beste was wir vermögen
denn die Gäste sind Herrenkost gewohnt« Ingo lud die Wirtin neben sich auf den
Sitz sie aber wehrte und trug selbst die Speisen auf und ab »Das dünkt mich
gute Gewohnheit« erklärte Bero »denn das Auge der Wirtin sieht am schnellsten
was dem Gaste fehlt und auch dem Wirte wird zuweilen lästig wenn die Ohren der
Dienstleute auf das gesprochene Wort horchen«
Viele Gerichte bot die Wirtin endlos trug sie die Schüsseln und bei jeder
nötigte sie zu nehmen Endlich führte der Wirt den König und Bertar in seine
Kammer dort saßen die drei am kleinen Tisch nieder und er schenkte ihnen in
die Töpfe kräftigen Met vor Alter schwärzlich und dick wie Honigseim »Den
Trank hat meine Mutter gebraut da sie in diesen Hof kam« sagte er empfehlend
Er hob seinen Krug brachte den Gästen den Heilgruss und begann feierlich
»Unsere Alten verkünden dass einst ein Gott die Edlen schuf die freien Bauern
und die Knechte da er über den Erdgarten wanderte Jeder Art verlieh er
besondere Gaben euch Edlen das Volk im Kampfe anzuführen wenn wir euch
folgen uns dagegen im Sommer und Winter über den Fluren zu walten den
Knechten sorgenvoll mit gekrümmtem Rücken zu arbeiten Der Edle und der Freie
beide können einander nicht entbehren Ihr Helden vermögt nicht Ruhm zu
gewinnen wenn wir euch nicht auf die Kampfheide nachziehen und wir mögen nicht
sicher bauen wenn ihr uns nicht durch Rat und Waffenwerk die feindlichen
Nachbarn abwehrt Ihr habt die beste Ehre im Kampfe denn selten feiert der
Sänger die Kriegstat der Bauern aber ruhelos ist euer Leben und unstet fahren
die Geschlechter der Edlen dahin Wir aber weilen dauerhaft auf dem Acker und
wenn auch ein Wirt erschlagen wird und sein Hof verbrannt so treten doch seine
Söhne in die Schuhe des Vaters zimmern und bauen wieder über den Schollen«
Die Gäste freuten sich der guten Rede und nickten ihm Beifall Und bedächtig
fuhr Bero fort »So habe ich nun euch ihr Helden durch manche Woche beachtet
und ich habe erkannt und vernommen dass ihr billig denkt und in guter Zucht
lebt Darum meine ich wir könnten wohl einander nützlich sein Hofft völlig
nichts von unseren Edlen manche unter ihnen wissen sich selbst nicht zu
beraten und erwartet nichts von dem Könige denn er hegt Argwohn und Neid gegen
jedermann der ihm nicht dient Versucht darum euer Heil mit den Bauern Als ich
dich Held Bertar vom Süden herführte da sprach ich bereits ein wenig von
meinem Geheimnis wie man mit einem Fremden spricht heut aber will ich euch
völlig vertrauen Gastfreund bin ich von den Ahnen her mit freien Männern am
Idisbach Sie gehören einem redlichen Volk zu man nennt sie die Marvinge
Blutsverwandt sind sie uns Thüringen längst aber hausen sie für sich als ein
kleiner Stamm in den Tälern am Bach der Idis der hohen Schicksalsfrau Sie
haben vor Jahren ihr Herrengeschlecht und die besten Krieger verloren weil
diese sich ihnen verfeindeten und nach Ruhm und Beute westwärts unter die
Franken zogen
Seitdem sitzen die Zurückgebliebenen bedrängt von unseren Siedlern jenseit
der Berge und südwärts gegen den Main von den Burgunden Unleidlich ist ihnen
die Doppelzwinge geworden und ein Teil bereitet sich in der Stille wenn die
Bäume wieder grüne Reiser treiben gleichfalls auszureisen und den Fürsten
nachzuziehen Deshalb ritt auch ich im Herbst über die Berge um Rosse und
Zugochsen zu vertauschen gegen ihre Schweine die sie nicht selbst schlachten
wollen Dort sah ich wonnevolles Weideland billig zu kaufen und ich dachte an
die Knaben in meinem Hofe Die Gastfreunde aber klagten mir soviel ihrer jetzt
noch im Land der Väter bleiben wollten dass ihrem kleinen Bienenschwarm der
Weisel fehle denn sie entbehren ein Herrengeschlecht welches für sie mit den
Nachbarn gute Freundschaft halten könnte oder auch rühmlichen Streit führen
gegen die raublustigen Edlen an der Grenze Die Bauern im Idistale aber wollen
nicht Thüringe nicht Burgunden werden sondern ihre eigene Art behalten und
wollen sich lieber mit einem fremden Geschlecht zusammenschwören als mit
unseren Edlen am wenigsten aber mit den Königen Darum denke ich an dich Held
Ingo Denn euer sind wenige ihrer sind mehre und ihr vermögt nicht sie zu
bedrücken Dorthin rate ich dir im Frühjahr zu gehen Ob es euch zum Heile wird
da müsst ihr selbst zusehen aber manchem der das Land baut wäre es Vorteil
und darum rate ichs euch«
»Achte auf seine Rede mein König« rief Bertar »dies ist die beste
Botschaft die du seit lange gehört und wahrhaft jedes Wort ich selbst sah das
Land und sprach die Männer Vom Main waren wir nordwärts geritten über die
Grenze der Burgunden durch mageren Kiefernwald und sandige Heide da erblickten
wir von der Höhe ein weites Tal darin ein rinnendes Wasser das sie den Bach
der Schicksalsfrau der heiligen Idis nennen Steile Hügel mit Laubwald auf
der Wiese so hohes Gras dass unsere Rosse Mühe hatten durchzuschreiten Dort
weiß ich eine Berglehne wohl geeignet für eines Königs Burg wie von einer
Warte sieht man über das Idistal und über die Wälder bis weit hinter den Main«
Ingo lachte »Auch du grauer Wanderer hoffst auf Zimmerarbeit und einen
warmen Sitz am eigenen Herde Seltsam ist das Schicksal des Fahrenden der Fürst
weist mich von seinem Hofe der Bauer bietet mir ein Land gerade da wir wieder
dahinziehen ohne Haft auf dem Boden der Wolke ähnlich die unter der Sonne
treibt Nur eines fürchte ich du verständiger Wirt durch die Mauern des Königs
Bisino muss ich zu dem Idisbach reiten«
»Meide den König« mahnte Bero »weiche über die Grenze so wirst du seiner
ledig«
»Zürne nicht« antwortete Ingo »wenn ich diesmal in die Gefahr springe wie
ein fahrender Recke und nicht herumgehe wie ein sesshafter Mann Ich selbst habe
dem König auf seine Ladung die Antwort gegeben dass ich kommen werde und ich
halte mein Wort obgleich er mir abhold ist Auch du wirst die Fahrt nicht
schelten Denn meide ich jetzt noch den König so erkennt er meinen feindlichen
Sinn und wenn unsere Knaben wie du willst im Frühjahr einen Holzring unweit
seiner Landesmark zimmern so würde seine Rache den Siedlern am Idisbach schnell
ein finsteres Schicksal bereiten« Er ergriff die Hand des Bauern »In anderem
will ich deinem Rate folgen und darum sage mir jetzt wie ich um den Landbesitz
mit deinen Gastfreunden handeln soll damit wir uns in der grünen Reisezeit
durch Bündnis vereinen«
Die Helden neigten die Häupter und saßen lange in Beratung während draußen
die Schalmei und Sackpfeife tönte und die jauchzenden Paare zum Tanze zogen
Ingo am Königshofe
Auf einer Anhöhe hielt Wolf der den Vortrab führte und wies mit der Hand in
die Ferne Vor der reisigen Schar erhob sich aus der schneebedeckten Landschaft
der mächtige Steinbau einer Königsburg hohe Mauern dicke Türme mit Zinnen
dazwischen die rotbraunen Ziegeldächer der Königshäuser ein schreckhafter
Anblick für die Landgenossen »Leicht mögen die Vögel in solchen Käfig
hineinkommen aber herauszufliegen wird nicht jedem gelingen« brummte Bertar
Ein kurzer Hornton klang von den fernen Zinnen »Dort rührt sich der Türmer
jetzt trabt damit sie unseren Eifer erkennen«
Durch einen Hohlweg zwischen zwei Felsen ritten die Fremden dem steinernen
Aussenwerk zu welches der Brücke vorgebaut und auf seiner Höhe mit bewaffneten
Mannen besetzt war »Die Knaben haben die Tore geschlossen um sich auf unseren
Besuch zu bereiten« rief der Alte und schlug an den eisernen Klöpfel des Tores
Von der Höhe fragte der Türmer nach Namen und Begehr Ingo antwortete Aber
lange harrte die Schar und ungeduldig stampften die Rosse bevor das schwere
Tor sich knarrend öffnete und die Brücke dahinter zur Erde sank Die Reiter
sprengten in den Hofraum der Burg an allen Türen drängten sich bewaffnete
Männer der Sprecher des Königs trat den Gästen entgegen noch einmal klang
Frage und Antwort dann riet der Mann mit umwölkter Miene abzusteigen und
geleitete die Helden welche ihre Rosse am Zügel führten vor die große
Königshalle »Wo weilt der Wirt« rief Bertar unwillig gegen den Sprecher
»mein Herr ist nicht gewöhnt die Schwelle des Hauses zu betreten bevor der
Hauswirt darauf steht« Aber in dem Augenblicke öffnete sich die Tür der Halle
König Bisino stand im Kreise seiner Edlen am Eingang neben ihm Frau Gisela
Ingo trat auf die Stufen und neigte sich »Lange haben wir vergeblich auf dich
gewartet Fremdling und säumig war der Lauf deines Rosses aus dem Walde zu
meinem Sitz« begann der König mit düsterem Blick Sogleich aber trat Frau
Gisela einen Schritt vor sie bot dem Helden die weiße Hand zum Willkommen und
winkte grüßend mit dem Haupt seinem Gefolge zu »Da ich ein Kind war nicht
größer als hier mein Sohn sah ich dich Herr in der Halle der Burgunden aber
wir denken vergangener Zeit und alter Freundschaft Reiche dem Vetter die Hand«
befahl sie dem Knaben »und siehe zu dass du ein Held wirst gerühmt in dem Volk
wie er«
Das Kind hielt dem Gaste die Hand hin Ingo hob den Kleinen zu sich empor
und küsste ihn und der Knabe hing sich sogleich vertraulich um den Hals des
Mannes Jetzt trat auch der König näher zwischen dem Königspaar schritt Ingo in
die Halle und tauschte mit beiden Worte der Begrüßung bis der König dem
Sprecher befahl die fremden Gäste zur Herberge zu führen Ingo kehrte zu seinem
Gefolge zurück die Mienen der Thüringe wurden freundlicher ein und der andere
Krieger trat zu den Fremden begrüßte sie und begleitete sie an den Saal der
zur Wohnung der Gäste bestimmt war Die Diener trugen Speise und Trank Polster
und Decken Und wieder kam der Sprecher des Königs und lud Ingo zum Königsmahle
Es war später Abend als Ingo von einem Kämmerer des Königs und dem
Fackelträger geleitet zu der Herberge seiner Mannen zurückkehrte An der Tür
des Saales saß Bertar allein das Schlachtschwert hielt er zwischen den Beinen
der Schild lehnte am Pfosten im Fackellicht schimmerte sein grauer Bart und
der Panzer unter dem Lodenrock Ingo entließ grüßend die Diener des Königs
Bertar steckte die Fackel in die große Tülle des eisernen Leuchters der
mannshoch in der Mitte des Raumes ragte Der Lichtschein fiel auf die Reihen der
Männer die auf den Polstern am Boden schliefen das Schwert an der Seite zu
ihren Häuptern Helm und Panzerhemd »Du hieltest treue Wache Vater« sprach
Ingo »wie behagen dir unsere neuen Wirte«
»Sie schielen« lachte der Alte »das Sprichwort gilt je größer ein König
um so wilder die Flöhe in der Schlafdecke die er dem zugewanderten Gast
breitet Mager war die Abendkost die der Wirt bot aber die Königin sandte Wein
und süßes Zubrot und deine Knaben liegen satt und reisemüde bei ihrem
Heerschild Es ist ein geräumiger Bau« fuhr er fort in die dunklen Winkel
spähend »dort auf der Bühne ist dir in einer Laube das Herrenlager
aufgeschlagen Merke mein König unter den Steinwänden der Riesenburg ist dies
der einzige hölzerne Saal abseit steht er an der Mauer die ihn im Rücken
überragt und wenn einer der Königsmannen etwa bei Nacht eine Fackel an das
Holzwerk legt und die Tür schließt dann lodert der Saal still in Flammen auf
und das Knistern wird die Ruhe des Burgherrn wenig stören«
Ingo wechselte einen Blick des Verständnisses mit dem Alten und fragte
leiser »Wie war der Gruß der Königsmannen«
»Sie schlichen wie Füchse um das Nest wenig sind sie an Hofsitte gewöhnt
sie prahlten mit der Macht ihres Gebieters und betrachteten prüfend unsere
Waffen Ich merke Herr sie hoffen alle dass sie mit uns scharfen Schwertschlag
tauschen werden Mein König war zuweilen von Feinden umringt nie aber war das
Gehege so fest«
»Noch weiß König Bisino nicht was er befehlen soll« versetzte Ingo »und
die Königin ist uns wohlgesinnt«
»Keiner vom Hofgesinde rühmte mir dass die Königin schön sei« versetzte der
Alte »daraus erkenne ich dass sie ihre Herrin fürchten Vielleicht hilft die
Furcht meinem König diese Nacht zu ruhigem Schlaf Ich lösche die Fackel damit
ihr Schein nicht einem Speer die Ruhestätte verrät Stets ist dem Gaste die
erste Nacht in der Herberge die sorgenvollste«
»Vielleicht auch die letzte« versetzte Ingo »Mir ziemt die Wache Vater
dich sende ich auf das Lager«
»Meinst du der Alte würde schlafen wo sich dein Auge nicht schließt« Er
trug für Ingo einen Sessel in die Nähe des Eingangs wo der Schatten den
Sitzenden deckte dann lagerte er selbst wieder auf seinem Schemel legte die
Hände auf den Schwertgriff lauschte nach dem Geräusch im Hofe und schaute
zuweilen nach dem Sternenhimmel der frischen Winternacht »Auch die Sterne dort
oben sitzen wie man sagt auf silbernen Stühlen und wehren das Unheil von dem
bedrängten Manne welcher flehend zu ihnen aufsieht« begann Bertar fromm »Ich
bin ein alter Stamm und es ist Zeit dass ich gefällt werde auch für dich mein
König habe ich zuweilen den Kampf mit edlen Feinden ersehnt als ruhmvolles
Ende deiner Mühen Jetzt aber schaue ich am Walde ein gutes Weib das dir treu
gesinnt ist und jetzt fürchte ich für dich die finstere Nachtwolke welche uns
vom Sternenlichte trennt und ich fürchte den Nachtsturm wenn er um dies
Holzdach fährt Denn in der Finsternis wird so denke ich der König tun was
ihm sein arger Mut eingibt«
»Du weißt Vater manches Mal haben wir die Gefahr kalter Gastfreundschaft
überwunden« antwortete Ingo
Der Alte lächelte bei der Erinnerung und fuhr gesprächig fort »Immer lobe
ich mir wenn das Eisen in der Luft fliegt ein freies Feld und ein besseres
Licht als von flackerndem Holz Dennoch sprichst du gut König denn vieles ist
unsicher auf der Männererde aber nichts trügt so sehr als die Erwartung vor dem
Streit Je länger man durch Speere und Schwerter gewandelt ist desto weniger
hegt man Gedanken über das Ende Und um dir alles zu sagen ich argwöhne die
hohen Schicksalsfrauen werfen uns vor dem Männerkampf die Lose mit lachendem
Munde Sie schleudern uns in die ärgste Todesgefahr wie zum Scherz und ziehen
uns wieder lustig bei der Haarlocke heraus und ein andermal berauschen sie den
Sinn durch Träume des Sieges und legen uns tot auf die Heide Wie sie aber auch
das Herz des Mannes prüfen zuletzt freuen sie sich doch über uns Schildknaben
hier auf Erden und später anderswo«
Die Rede unterbrach ein leises Schwirren und ein Schlag ein Pfeil flog aus
dem Hofe nach der Stelle wo Ingo saß das Eisen schlug an die Schwertscheide
der Pfeil sank auf die Diele Die Männer blieben unbeweglich aber kein Ruf und
kein neuer Angriff folgte dem Überfall »Suche dein Bette du Narr« rief
Bertar und wies auf einen dunklen Schatten der an den Häusern in der
Finsternis verschwand Er hob den Todesboten auf »Der Pfeil ist aus einem
Jagdköcher«
»Es ist eine Ware die Tertullus für uns zurückließ« versetzte Ingo »so
schwächlichen Gruß sendet König Bisino nicht«
Die Helden saßen harrend nichts rührte sich weiter die Sterne rückten auf
ihren Stühlen langsam am Himmelsgewölbe dahin lichtlos lag die Königsburg in
tiefem Schweigen Endlich begann Bertar Ȇber den weintrunkenen Knaben des
Wirtes liegt jetzt wohl der Schlaf Zeit ist dass auch du der Ruhe gedenkst« Er
trat zu den Schläfern und rüttelte Wolf den Kämmerer auf der junge Krieger
sprang behende auf die Füße und geleitete seinen Herrn zum Lager dann ergriff
er Schild und Speer und stand neben dem Alten an der Tür bis der erste graue
Tagschein über den Himmel flog
Für den nächsten Tag war große Jagd verkündet Auf dem freien Raum vor der
Königshalle stampften die Rosse die Meute der Rüden und Bracken schlug an
mühsam von den starken Weidgängern an den Riemen gehalten die Mannen sammelten
sich in fröhlichem Gewühl den König zu erwarten Auch Ingo stand mit einem Teil
seines Gefolges an das Ross gelehnt des Aufbruchs gewärtig Endlich kam der
König der das Weidwerk noch mehr liebte als einen guten Trunk am Herde im
Jagdkleide den schweren Jagdspiess in der Hand Die Hörner bliesen den
Morgengruß und freundlich trat er zu Ingo und fragte laut »Wie war die
Nachtruhe Vetter Nicht hörte ich vorher dass du von den Vätern her ein
Blutsfreund der Königin bist sei mir willkommen auch als Verwandter an meinem
Hofe«
Die Männer des Königs lauschten den Worten und sahen erstaunt einander an
Ingo aber antwortete ehrerbietig »Ich danke dem König dass er mir so
huldreichen Gruß beut«
»Wohlan« fuhr Bisino fort »versuche heut an unserer Seite die Kraft deines
Speers« Er bestieg sein Ross das Tor flog auf die Brücke schwebte herab und
hinaus ins Freie stoben die Hunde hinter ihnen der reisige Zug Auch Ingo
tummelte fröhlich das Ross welches sich wie sein Herr des freien Grundes unter
den Füßen freute Er ritt nahe dem König und forschend sah sein Wirt auf die
edle Gestalt und auf die sichere Kraft mit welcher Ingo sein starkes Jagdpferd
bändigte Zuweilen rief er ihn an seine Seite und sprach zu ihm vertraulich wie
zu einem alten Genossen so dass wohl einer von den Königsknaben dem anderen
zuraunte »Wozu rühmt der Kater die Maus als Frau Base wenn er sie doch in den
Krallen hält« Aber das war des Königs Meinung nicht er fand Gefallen an Ingo
und hörte in seinem Ohr noch günstige Worte welche die Königin über den Fremden
gesagt hatte und auch sein junger Sohn der ihm das Liebste auf Erden war Und
der König dachte er ist fürwahr ein freudiger Gesell und es macht froh ihm
zuzusehen warum soll ich ihm nicht Gutes erweisen solange ich ihn noch unter
den Lebenden hegen kann Es gibt andere deren Tod mir bequemer wäre So kam ihm
seine Huld wirklich vom Herzen und er ließ sich lustig berichten von der Kraft
eines Löwen den Ingo im Zwinger der Alemannenkönige gesehen hatte
Bald nahm ein hoher Eichwald die Jagdgenossen auf Bis dahin hatte das Auge
der Königin von der Zinne ihres Turmes den Ausfahrenden nachgesehen Jetzt rief
sie den Kämmerer und die Frauen und stieg hinab in den leeren Hof Sie hielt zur
Verwunderung ihres Gefolges bei der Küche an und sprach einige Worte über den
Festbraten mit dem Koch der solcher Ehre selten genoss und fröhlich gelobte die
Schüsseln des Jagdmahls mit bester Kraft zu rüsten Als sie zum Saal kam in
welchem die Fremden lagen hörte sie die Schläge eines Hammers Bertar saß in
der Tür er tengelte mit dem Schärfhammer die Eisen der Wurfspeere auf einem
Stein und sang dazu leise eine gute Beschwörung für scharfes Eisen Die Königin
hielt an winkte gebieterisch ihrem Gefolge zurückzutreten und stand nahe den
Stufen auf den schlagenden Mann schauend bis dieser aufsah sein Schurzfell
und den Hammer wegwarf und der Königin huldigend entgegentrat »Welches Wild
gedenkst du mit dem Eisen zu fällen Held des Königs Ingo« fragte Frau Gisela
»dass du in der Burg weilst während draußen die Jagdhunde rennen«
»Den Vorrat schärfe ich für ein anderes Halageschrei« versetzte Bertar
»weit rühmt man im Lande die Jagdlust des Königs«
»Ungern wird dein Herr im Walde den alten Kampfgesellen missen«
»Das Wild welches Im Sonnenlicht springt erlegt mein Herr mit seinen
Knaben wohl allein bei der Wolfsjagd in der Nacht will ich ihm nicht fehlen«
Die Königin sah ihm fest ins Auge und trat einen Schritt näher »Nicht zum
ersten Male sehe ich dich Bertar ist auch seitdem Schnee auf dein Haupt
gefallen ich kenne dich wieder«
»Unsicher ist das Gedächtnis des Alten viele Menschen sah ich seit mein
Herr heimatlos wandert in mein Auge flogen die Funken da mein Hof in der
Heimat brannte dass ich das schöne Antlitz vor mir nicht erkenne«
»Mit Grund zürnst du Alter meinem Geschlecht Einst schlossen der Vater
deines Königs und der meine einen Bund aber Gundomar mein Bruder vergaß die
alten Eide er kämpfte als Bundesgenosse eurer Feinde an der Oder und ich
wurde noch ein Kind als Gemahl dem König der Thüringe gesandt Kennst du mich
jetzt Bertar«
»Das Reis wuchs zu stolzem Baume andere Vögel singen jetzt in seinem Laube
als vorzeiten«
»Dennoch trägt der Baum jedes Jahr die gleichen Blüten Und der alte
Schlachtenheld findet an der Königin einen Freund Bist du zufrieden mit deiner
Herberge in der Burg und haben die Königsknaben dir höflichen Gruß geboten«
»Am Hofe grüßt der Diener wie der Herr deine Huld Königin ist Bürgschaft
für den guten Willen der Deinen«
Das Antlitz der Königin umwölkte sich »Das ist die Sprache stolzer Gäste«
fuhr sie mit gezwungenem Lächeln fort »lustiger meine ich war dir das Leben
in den Waldhütten«
»Wir sind Wanderer Herrin Wer heimatlos durch die Völker zieht dem hilft
behender Sinn Hof und Gemahl sind ihm versagt er nimmt was der Tag ihm
bietet die Beute den Trunk die Frauen er hat nicht Wahl und nicht Qual und
sorglos denkt er beim Scheiden an die Arbeit des nächsten Tages« Der Alte sah
wie die Königin ihn wieder anlachte sie trat näher und sprach »Dort in dem
Turm ist der Königin Gemach wenn du einmal zu jenem Fenster aufschaust von
deinen Speeren so brennt dort vielleicht eine Leuchte dir die Wolfsjagd vorher
zu künden« Sie winkte ihm grüßend und wandte sich zu ihrem Gefolge Der Alte
aber sah ihr staunend nach dann ergriff er wieder den Hammer und pochte aber
er sang nicht mehr
In der nächsten Nacht störte kein Pfeil und kein Gebell der Königswölfe den
Schlaf der fremden Gäste Mit jedem Tage wurde der König freundlicher zu ihnen
und rühmte vor seinen Mannen ihre Hofsitte und ihre Kunst die Rosse im
Kampfspiel zu treiben Hermin der junge Königssohn kam oft zum Vetter Ingo in
die Herberge übte sich vor ihm mit seinen Kinderwaffen strich dem Helden
Bertar den grauen Bart und bat um lustige Mären An einem Jagdmorgen wurde Ingo
dem Wirt noch genehmer als er ihm vorher gewesen war Der König war in seiner
Jagdlust den anderen weit vorausgeritten und an einer Bergsteile vom Rosse
gesprungen dort glitt er im Eise aus und lag einen Augenblick wehrlos vor den
Hörnern eines wilden Ochsen Da trat Ingo mit eigener Lebensgefahr über den Leib
des Herrn und fällte das wütende Tier Der König erhob sich und hinkend von dem
Sturze sprach er »Jetzt wo wir allein sind und keiner meiner Mannen in der
Nähe erkenne ich deine gute Gesinnung denn wärest du nicht wie ein Rüde
herangesprungen so hätte der Zornige mich geschleudert zum Schaden meiner
Rippen und niemand hätte dir einen Vorwurf machen dürfen Was keiner zu wissen
braucht weiß doch ich«
An dem Tage saß der König fröhlich beim Mahl auf dem Herrensitz neben ihm
Frau Gisela zur anderen Seite Ingo »Heut freue ich mich des Jagdglücks«
begann der König »ich freue mich meiner Herrschaft und des Goldschatzes den
ihr alle hier vor Augen seht und ich trinke Heil dem Helden Ingo weil er im
Kampf mit dem Bergstier ein guter Genosse war Freuet euch heut alle mit mir
wenn ihr die silbernen Becken und die Goldbecher seht welche vor euren Augen
aufgestellt sind mir und euch zur Ehre Auch du Ingo hast manchen Hof
mächtiger Gebieter besucht sage mir Held ob du irgendwo besseres Gerät aus
dem Schatzhause geschaut hast«
»Gern preise ich deinen Reichtum o König denn wo das Schatzhaus gefüllt
ist da meinen wir waltet der Herrscher in Sicherheit gefürchtet von
feindlichen Nachbarn und von den Argen im Volke Zwei Tugenden hörte ich immer
rühmen an dem mächtigen Volksherrn dass er versteht den Schatz zur rechten Zeit
zu sammeln und zu rechter Zeit an seine Getreuen zu spenden damit sie ihm in
der Not folgen«
Diese Worte waren ganz nach der Meinung der Helden welche am Königstisch
saßen und sie nickten und murmelten beifällig
»Auch die Alemannen waren ein goldreiches Volk bis der Cäsar ihnen das Land
verwüstet hat« fuhr Ingo fort »Doch meine ich sie gewinnen manches wieder
denn sie sind rührig nach Beute und verstehen den Handel mit den Krämern Dazu
leben sie römischer als andere Landgenossen in Steinhäusern wohnen dort auch
die Bauern die Frauen sticken mit der Nadel bunte Bilder auf die Gewänder und
um sie hängen süße Trauben im Weinlaub«
»Kennst du auch Frauen der Römer« fragte die Königin »viel Wunderliches
erzählen die Mannen des Königs von ihrer Schönheit obwohl sie braun von Haut
und schwarzhaarig sind«
»Sie sind behend in Sprache und Bewegung der Glieder und lieblich lockt der
Gruß ihrer Augen nur ihre Zucht hörte ich selten rühmen« versetzte Ingo
»Auch du warst im Römerlande« fragte der König neugierig
»Zwei Jahre sind es« bestätigte Ingo »da ritt ich als Begleiter des jungen
Königs Atanarich friedlich in die Mauern der großen Kaiserstadt Trier Ich sah
hohe Wölbungen und Steinmauern wie von Riesen errichtet Dichtgedrängt lacht
das Volk auf den Straßen aber die Krieger welche dort an den Toren stehen mit
dem Römerzeichen auf ihren Schilden haben unsere Augen und sprechen unsere
Sprache obwohl sie sich mit Unrecht rühmen Römer zu sein«
»Die Fremden geben uns ihre Weisheit sie verkaufen uns Gold und Wein wir
aber leihen ihnen die Kraft der Glieder ich lobe den Tausch« versetzte
Hadubald dem es unlieb war wenn man den Römerdienst verachtete
»Ich aber o König« begann Bertar »halte wenig von der Weisheit der
Römer die andere rühmen Auch ich war sonst schon in den großen Steinburgen
welche die Römer gemauert haben zuerst damals als mein Herr Ingo mich südwärts
sandte über die Donau nach der Augustaburg wo jetzt die Schwaben ihr Heimwesen
einrichten Über die zerbrochene Stadtmauer ritt ich mühsam hinein dort habe
ich viel Unsinniges gesehen das auch für einen bewanderten Mann unheimlich ist
Die Römerhäuser standen so dicht gedrängt wie eine Schafherde im Gewitter
keines sah ich wo Raum war für einen Hof ja nur für eine Dungstätte Ich
fragte meinen Wirt er sagte sie hocken wenn ihnen die Not ankömmt schamlos
wie Hündlein auf der Straße Ich lag in solchem Steinloch die Wände und der
Fußboden waren glatt und schimmerten in vielerlei bunten Farben als Decke
hatten die treuen Schwaben ein Strohdach gerichtet ich versichere euch mir war
es enge zwischen dem Stein während der Nacht und ich war froh als am Morgen
die Schwalben im Stroh sangen Es hatte zur Nacht geregnet und in einer
Wasserlache am Boden sah ich im Morgenlicht zwei Enten Nicht leibhaftig
sondern auf dem Stein des Bodens wie gemalt Ich trat herzu schlug mit meiner
Axt in den Steinboden und fand ein lächerliches Werk aus vielen kleinen Steinen
zusammengesetzt jeder Stein war in den Boden gekittet und oben so glatt
geschliffen wie eine Steinaxt aus solchem bunten Gestein waren die zwei Vögel
gemacht die wir als Enten kennen Und es war eine Arbeit über der mehrere
Männer viele Tage geschafft haben nur um den harten Stein zu schleifen Das
erschien mir ganz unsinnig Und mein Schwabe meinte das auch«
»Vielleicht ist ihnen die Ente ein heiliger Vogel welcher sich dort nicht
häufig findet denn manche Vögel sind überall auf der Menschenerde und andere
nicht« sagte Valda ein verständiger Mann aus dem Gefolge der Königin
»So meinte ich auch aber mein Wirt wusste dass sie dergleichen zu ihrem
Vergnügen anfertigen um darauf zu treten«
Die Männer lachten »Formen unsere Kinder nicht auch kleine Bären aus Lehm
und Backöfen aus Sand und spielen tagelang mit Nichtigem Die Römer sind
geworden wie Kinder« rief Valda
»Du sprichst das richtige Kleine Steine haben sie zu Vögeln geschliffen
während in ihren Wäldern die Krieger der Schwaben ihre Blockhäuser zimmerten
Auch wenn sie essen wollen liegen sie wie Frauen die ihre Sechswochen halten«
»Was du hier wegen der Enten vorbringst« rief Wolfgang der Königsknabe
unwillig »ist ganz unrichtig und töricht Denn den Römern ist eigen dass sie
alles nachmachen können in Farben und mit Stein nicht nur Vögel auch Löwen und
kämpfende Krieger Jeden Gott und jeden Helden verstehen sie zu bilden dass er
dasteht wie lebendig Das tun sie sich selbst zur Ehre und ihm zum Gedächtnis«
Ȇber den Steinen reiben sie und aus unserem Blut sind die Helden welche
ihre Schlachten schlagen Ist es ihre Weise Knechtesarbeit zu lieben so ist
unsere Weise über Knechte zu herrschen Ich preise den Helden nicht der sich
einem Knechte zum Dienst gelobt« versetzte der Alte
»Knechte nennst du die doch Herren sind fast über die ganze Männererde
Älter ist ihr Geschlecht und ruhmvoller ihre Sage als die unsere« rief Wolfgang
wieder
»Haben sie dir davon geschwatzt so haben sie gelogen« entgegnete Bertar
»Ob der Ruhm echt ist und die Sage wahrhaft das erkennt jedermann daraus wenn
sie denen welche sich rühmen den Mut beim Männerkampf erhebt Darum vergleiche
ich den Mut der Römer mit einem Wasserschwall der einst das Land übergoss und
dann zu einem Sumpf eintrocknete den Ruhm unserer Helden aber mit einem
Bergquell der über die Steine rauscht und seine Flut in Täler treibt«
»Dennoch vertrauen die Weisen der Römer darauf« warf Ingo ein »dass ihre
Macht stärker geworden ist als sie ehedem war Denn sie rühmen sich dass zur
Zeit ihrer Väter ein neuer Gott in ihr Reich gekommen ist welcher ihnen Sieg
verleiht«
»Ich vernahm längst« sprach der König »dass sie ein großes Geheimnis in
ihrem Christus haben Auch ist ihr Glaube durchaus nicht eitel denn sie sind in
Wahrheit jetzt siegreicher als vorzeiten Vielerlei hört man darüber und
niemand verkündet Genaues«
»Sie haben ganz wenig Götter« erklärte Bertar geheimnisvoll »oder
vielleicht nur einen mit drei Namen einer heißt Vater der andere Sohn und
einer heißt der dritte«
»Der dritte heißt Teufel« rief Wolfgang »ich weiß das ich selbst war zu
meiner Zeit unter den Christen und ich versichere dich o König mächtiger ist
ihr Zauber als jeder andere Ihr geheimes Zeichen lernte ich und einen Segen
sie nennen ihn Nosterpater der Heilkraft hat gegen jeden Leibesschaden« Und er
schlug ehrfürchtig ein Kreuz über seinem Weinkrug
»Dennoch erachte ich in meinem Sinn« versetzte Bertar hartnäckig »auch
den Römern kommt der Tag wo sie trotz ihrer gemauerten Städte und trotz ihrer
neuen Götter und trotz ihrer Kunst in steinernen Enten erkennen dass anderswo
stärkere Männer leben welche ihr Holzdach frei in den Wind stellen«
»Auch uns ist die Kunst der Römer nützlich« entschied der König »Es ist
einem König Ehre was die anderen klug erdenken für sich zu gebrauchen Doch
freue ich mich deiner Worte Held Bertar denn verständig ist der Mann der
höher vom eigenen Volk denkt als von dem fremden«
Und als das Mahl beendet war und der König mit Ingo allein beim Becher saß
da begann er redselig »Ich sehe Held die Schicksalsfrauen haben dir bei
deiner Geburt manches Leid angebunden aber auch manche gute Gabe denn sie
haben gefügt dass die Herzen der Menschen sich dir freundlich öffnen Auch ich
wenn ich deine Rede höre und wenn ich beachte wie du unter meinen Mannen
dahergehst möchte dir wohlgeneigt sein Nur eines beschwert mir den Mut dass du
dich unter meine Bauern in den Waldhütten gelagert hast denn ihr Sinn war von
je aufsässig und ich fürchte dass du mir dort zum Schaden hausest«
»Mein König sorgt ohne Grund« versetze Ingo ernst »schwerlich werde ich je
wieder am Herde des Herrn Answald ruhen«
»So schnelles Ende nahmen Eide und Genossenschaft« fragte der König
vergnügt »Soll ich dir glauben da du mir Seltsames kündest so berichte mir
wenn es dir gefällt was dich von ihm geschieden hat«
»Ungern erträgt der Wirt fremde Einlieger auf seinem Hofe« sprach Ingo
ausweichend »Vertraulichkeit der Herren zwingt auch die Mannen Frieden zu
halten« antwortete der König »du sagst mir nicht alles und darum vermag ich
nicht dir zu trauen«
»Will der König mir huldvoll geloben bei seinem Schwert dass geheim bleibe
zwischen uns beiden der Grund meines Zwistes mit Herrn Answald so will ich dir
ihn wahrhaft künden denn schädlich wäre mir dein Argwohn und Heil hoffe ich
von deinem guten Willen« Der König hob schnell das Schwert hielt die
Schwurfinger darauf und gelobte
»Wohlan denn so wisse o König dass mir Irmgard die Jungfrau lieb ist und
dass der Vater mir darum zürnt weil er dem Geschlecht des Helden Sintram die
Vermählung gelobt hat«
Vergnügt lachte der König »Unrecht hattest du Ingo wenn du auch ein
schlachtenkundiger Mann bist von dem Häuptling die Tochter zu begehren Wie
darf der Vater dem erbelosen Fremdling seine Erbtochter in die Hand geben
Unsinnig würde ihn das ganze Volk schelten unleidlich wäre es dass ein
Landfremder auf dem Herrenstuhl der Waldlauben säße Ja wenn der Vater selbst
dir die Tochter im Ringe der Zeugen angeloben wollte ich der König dürfte das
nimmer leiden und ich müsste meine Knaben reiten lassen und ein Volksheer
aufbieten um euch zu hindern«
Ingo sah wild auf den König so dass dieser die Waffe an sich zog
»Feindliche Worte sagst du dem Gebannten Vieles Leid habe ich erduldet als Gast
auf den Bänken aber schwer gewöhnt sich der Mut des Mannes missachtende Rede zu
ertragen und ich meine der edle Sinn des Königs sollte dem Stolz eines
Unglücklichen nicht wehe tun«
»Besser bin ich dir jetzt gesinnt als je zuvor« versetzte der König lustig
»Doch bleibt dir wohl noch die Hoffnung den Groll des Vaters zu überwinden«
»Gebunden ist der Fürst durch seinen Eid und mächtig ist das Geschlecht des
Sintram am Walde auch die Hausfrau des Fürsten ist aus seiner Freundschaft«
Der König schlug auf seinen Weinkrug wie er pflegte wenn ihm etwas nach
Wunsche war »Am liebsten wäre mir die Jungfrau einem meiner Mannen zu
vermählen gar nicht willkommen ist mir wenn das Geschlecht des Sintram einst
die Höfe und den Schutz des Fürsten in seine Gewalt bekommt denn ich kenne
ihren tückischen Sinn Aber am allerwiderwärtigsten wäre mir wenn du mit gutem
Willen des Vaters sein Eidam würdest Denn wie der Geruch des Honigs die Bären
zum Waldbaum lockt so würde das Lob der Sänger alle streitlustigen Fäuste in
deinen Höfen sammeln Vandalen und andere schweifende Männer und du würdest als
ein Landherr der Thüringe mir schnell feindlich werden auch wenn du nicht
wolltest Das bedenke« schloss der König überredend und füllte mit eigener Hand
seinem Gaste den Becher »Trinke Held Ingo und begnüge dich Wenn die Wölfe
auf der Walstatt schmausen dann rühmen sie die Gastfreundschaft deines
Schwertes welches ihnen reiches Mahl bereitete aber denke nicht mehr darauf
meine Thüringe in den Waldlauben durch Gastgelage zu betören«
»So höre auch du König den Rat des Fremdlings« rief Ingo zornig »denke
auch du nicht daran die Jungfrau einem anderen Manne zu vermählen denn solange
ich lebend die Arme rege soll kein anderer sie heimführen Schon einmal hat den
Teodulf mein Schwert auf die Aue gestreckt ein Zufall wars dass er dem Tode
entrann ihm hemme ich den Brautlauf und ebenso jedem anderen aus deinem Volke«
Jetzt lachte der König so laut dass er schütterte »Je länger du sprichst
desto lieber höre ich dich wenn du auch trotzig gegen mich redest Du denkst
nach eines fahrenden Helden Weise und ich vertraue du wirst dich auch bei der
Tat so erweisen Bezwinge den Vater lege den Teodulf den stelzbeinigen
Narren auf die blutige Heide und hebe dir das Weib in dein Brautlager Von
ganzem Herzen will ich helfen dass dir dies alles gelinge«
Ingo prüfte misstrauisch die Gebärde des Königs der so fröhlich vor ihm saß
ob ihm vielleicht der Wein die Gedanken verstöre und er sprach »Der Sinn
deiner Worte Herr ist mir verborgen du rühmst und schiltst mich um dieselbe
Sache Wie magst du gern hören was dir unleidlich dünkt und wie kannst du mir
helfen bei einer Werbung die du selbst hindern willst auch wenn der Brautvater
nicht hinderte« König Bisino aber entgegnete mit Würde »Setze dich wieder zu
deinem Trinkhorn Manches was dem Mann zu Ehre gereicht ist dir eigen aber
das Schwerste von allem vermochtest du nicht zu gewinnen du hast nicht die
Königskunst Deine Gedanken eilen gerade vorwärts wie der Hund auf der Spur
eines Hirsches ein König aber kann nicht einseitig sein in Gunst und Rache
vieles muss er bedenken niemandem kann er völlig vertrauen und jeden Mann muss
er zu gebrauchen wissen in eigenem Nutzen So gönne auch ich Irmgard die
Jungfrau lieber dir als manchem anderen die Jungfrau verstehe mich nicht
aber ihr Erbe und nicht nach dem Tode des Vaters den Herrensitz in den
Waldlauben«
Ingo setzte sich neben ihn und neigte gehorsam das Haupt weiter zu hören
»Seit ich König bin« fuhr der andere fort »ist meine Herrschaft unsicher durch
den Trotz der Waldleute und die Macht ihres Fürsten des Herrn Answald Und
lange habe ich eine Gelegenheit gesucht über sie Herr zu werden Darum warst
auch du mir unerträglich in den Waldlauben weil du ein Führer sein konntest
über ihre Haufen Und wenn deine Vandalenbrut um den Herrensitz dort lagern
wollte so müsste ich dich austilgen als meinen Feind wenn ich dir auch
wohlgeneigt bin Das bedenke Held Jedoch gewinnst du die Tochter als Feind
des Vaters durch Gewalttat wie die Helden verüben wenn die Sehnsucht sie
treibt so schwindet das Erbkind aus dem Hofe und ich brauche nicht zu sorgen
dass die Herrschaft dort auf ein anderes Herrengeschlecht übergehe Begreifst du
jetzt was ich meine stierköpfiger Ingo«
»Die Jungfrau begehre ich und nicht den Herrensitz in deinem Lande Aber
hart ist es mir dass mein Weib ihr Geburtsrecht verlieren soll weil sie sich
mir vermählt«
»Dafür lass mich sorgen« versetzte der König kalt »Willst du das Weib mit
dir führen in die Fremde so bin ich als guter Gesell auf deiner Seite nur musst
du mich nicht zwingen dass ich als König gegen dich das Landrecht verfechte
Sieh zu Held Ingo wie du dir das Weib gewinnst durch freche Tat und ich will
dich rühmen«
»Gönnst du mir das Weib o König so gönne mir auch Burg oder Hof in dem
ich sie vor den Verfolgern berge« rief Ingo und fasste bittend an die Hand des
Königs König Bisino faltete das Gesicht zuletzt war ehrliches Wohlwollen in
seinen Mienen als er bedächtig antwortete »Wieder zwingt mich die Königskunst
dir deine Bitte zu weigern Wie vermag ich in meinem Volke als dein Hehler zu
bestehen gegen das Landgeschrei Kann ich dir insgeheim helfen so tue ichs
gern aus guter Meinung gegen dich und weil es mir nützt Wie ich dir aber
helfen kann mit Rat und stiller Tat das erwäge Nur mein Schatzhaus vermag ich
dir nicht zu öffnen denn Armringe und Römermünzen muss ich für mich selbst
bewahren damit in der Notzeit Krieger für mich fechten«
»Der große Wirt des Volkes erweist seine Huld indem er von seinen Schätzen
spendet oder den Königsschild über dem Bedrängten hält Wie will der König mir
helfen wenn er beides versagt« fragte Ingo enttäuscht
König Bisino machte die Augen klein und zwinkerte schlau »Der König
schließt die Augen wie ich es jetzt tue damit lass dir genügen Held« Obwohl
unwillig musste Ingo lachen über das breite Angesicht des Herrn während dieser
aus den Augenritzen nach ihm schielte Auch der König freute sich über sein
Lachen »So ist es recht und jetzt wirf die Sorge von dir die dich beschwert
und tu mir fröhlich Bescheid denn lieber trinke ich mit dir als mit anderen
seit ich weiß dass der junge Bär kein besseres Schlupfloch hat als meinen
Zwinger Darum will ich heut auch dir Geheimes vertrauen Der Römer Tertullus
hat mir jüngst allerlei zugeraunt und hohes Gebot getan wenn ich dich dem Cäsar
ausliefere Und da du hierherkamst sann ich dir nicht gerade Günstiges Jetzt
aber da ich dich erkenne wie du bist will ich dich lieber für mich selbst
bewahren«
Die letzte Nacht
Um die Türme der Königsburg tobte der uralte Streit der Winterriesen gegen die
guten Götter welche das Wachstum auf der Menschenerde schützen Die harten
Gewaltigen hoben ein graues Wolkendach zwischen Himmelslicht und Erde sie
bedrängten auch den Helden Ingo durch finstere Gedanken und durch Sorge um das
Heil derer die ihm lieb waren Die Sturmgeister trieben die Schneewehen durch
die Ritzen der Herberge bis auf die Schlafdecken der Gäste selbst der Krieger
welcher einen Bärenpelz trug merkte den scharfen Zahn des Frostes drängte sich
bei Tage zum Herdfeuer in den Hallen des Wirtes und sang bekümmert »Schneezeit
ist dem fahrenden Helden leid denn sein bester Freund wird das Tannenscheit«
Die unholden Feinde des Lebens schieden auch den Strom durch schwere Eisdecke
von der freien Luft zornig schlug und hämmerte der Nix welcher in der Tiefe
sein Heimwesen führt von unten gegen die kristallene Last Was aber unter der
Eisdecke wogte welche die Gedanken der Königin verbarg das wusste keiner sie
allein saß still unter den streitenden Männern stets gleich war ihre kalte
Freundschaft gegen die Fremden nur dem König dünkte dass Frau Gisela weniger
hochfahrend sprach als ehedem Wenn der Nordwind seine Todeslieder um die Türme
des Königs heulte dann murrte Bisino zuweilen gegen seine Gäste aber immer
wieder überwand das Wohlgefallen an dem Fremden den Ärger und sooft ein
Sonnenstrahl die Schneedecke rötlich färbte rief er »Diesen Winter rühme ich
denn ich höre gute Worte an der Herrenbank und in der Kammer« Zu den
Jagdreisen welche vom Könige den Helden bereitet wurden kam auch ein Kriegszug
gegen einen Gau der Sachsen dorthin ritten die Vandalen neben den Königsmannen
und als die Helden siegreich und mit Beute beladen heimkehrten pries der König
laut das gute Schwert Ingos und seine Knaben saßen seitdem geduldig mit den
Fremden um die Bänke
Der Schnee schmolz im Frühlingslicht neues Grün schoss aus dem Boden an
Birken und Haseln hingen die braunen Kätzchen auch in den Seelen der Menschen
regte sich die Hoffnung des neuen Lebens und der Wunsch nach Ausfahrt aus dem
Winterdach Die ersten Wandervögel flogen aus dem Süden heran mit ihnen
Volkmar der Sänger er kündete in der Königshalle vergangene Kämpfe der Götter
und Helden und sang leise in Ingos Ohr von der Trauer und Sehnsucht eines
Waldvogels Dann berichtete er dass in den Lauben Unfriede und harte Rede den
Sinn der Weisen beschwerten Teodulf saß noch als siecher Mann im Hofe des
Fürsten die Freundschaft des Sintram war dort mächtig und Herr Answald
herrschte unwirsch über die Bankgenossen und hatte den Sänger zur Hochzeit der
Tochter für die Maienzeit gefordert Aber auch aus der Königsburg gingen
vertrauliche Grüße in die Wälder Wolf erhielt einen Urlaub in seine Heimat Er
sprach vor seiner Reise heimlich mit seinem Herrn und Bertar rastete auf dem
Wege in den Höfen des Rotari und Bero und ritt mit Bero auf wenig betretenen
Waldwegen südwärts dem Main zu Als er zurückkehrte sah man in der Gasterberge
frohe Mienen
Endlich sprengte auch der Strom die Eisdecke und ergoss seine Flut
herrschlustig über das junge Grün der Wiesen im plötzlichen Schwall rauschten
seine Wasser und die Menschen merkten scheu die Gewalt der Unbändigen Aber der
Ostwind erhob gegen ihn starkes Blasen er dämpfte die Flut und trocknete den
Grund am Rande der Waldhügel Der Falkner hatte dem Königssohn zwei junge
Bussarde zur Jagd auf kleine Vögel abgerichtet und Hermin erbat an einem Morgen
vom Vater den Ausritt um die Kunst der geflügelten Jäger zu prüfen Schon war
das Ross des Königs für die Beize gesattelt da sprengte ein Bote in den Hof und
trug Nachrichten zu welche dem König die Brauen finster zusammenzogen Er ließ
sein Ross zurückführen und sandte den Sohn mit der Königin und dem Helden Ingo
auf die Hügel Warm schien die Sonne zum erstenmal ritt Ingo neben der Königin
ohne ihr Gefolge in das offene Land Der Falkner löste dem Bussard die Haube
der junge König jagte mit dem Helden Valda und seinen Begleitern jauchzend unter
dem Vogel dahin Gemächlicher folgte die Königin Sie tummelte mit geröteten
Wangen ihr feuriges Ross und lachte ihrem Begleiter zu der sich über das schöne
Weib an seiner Seite freute und vorsorglich auf die Sprünge ihres Rosses
achtete Als er einmal helfend in den Zügel griff hielt die Königin an und
sprach »Ich denke des Tages wo du einem Kinde denselben Dienst tatest als wir
weit von hier nebeneinander über die bunten Blumen dahinritten damals saß ich
ängstlicher aber ich wollte dichs nicht merken lassen«
»Runder war an jenem Tage das Antlitz meiner königlichen Base« rief Ingo
lustig »und kürzer die Locke welche um das Haupt flog Aber als du mir hier in
der Halle entgegentratst und den König so günstig an alte Zeit mahntest da
erkannte ich aus der stolzen Miene das Gesicht des kleinen Mädchens und ich
merkte wohl dass ich dir den Dank schuldig werde wenn man in der Königsburg mir
Gnade erwies«
Die Königin lachte und trieb ihr Ross wieder in wilden Sprüngen umher bis
die Reiter vor ihr hinter einer Erdwelle verschwanden dann hielt sie von neuem
an und sprach herzlich »Danke mir immerhin Ingo denn gern höre ich dass ich
dir wert bin Beide sind wir aus unserer Heimat in die Fremde gescheucht seit
der Hass meines Geschlechtes uns trennte Auch ich vergaß deiner nicht oft habe
ich nach dir gefragt wenn ein Wanderer aus dem Süden in die Burg kam Wie ein
Bruder im Unglück wurdest du mir und mit Stolz vernahm ich dass du dich edel
hieltest unter schwerem Geschick Als du endlich zu uns drangst wurde ich
froher als wohl sonst« Sie sah ihn so freundlich an dass er unter dem Zauber
ihres Blickes hingerissen nach ihrer Hand griff sie streckte ihm den weißen
Arm entgegen und ritt so das Antlitz ihm zukehrend eine Weile neben ihm hin
Dann warf sie übermütig seine Hand zurück jagte aufs neue in wilden Rosssprüngen
über das Feld und wandte sich rückwärts ob er ihr nachkam Und wieder sprach
sie lachend »Ein anderer denkt dich zu halten wie einen Jagdfalken unter der
Kappe aber ich meine wohl der Aar schwingt sich einmal frei auf und zieht
seine eigenen Pfade im Sonnenlicht Denn du Vetter bist nicht geschaffen
Diener eines anderen zu sein und wer dich festhalten will der sehe zu dass ihn
die Fänge nicht verwunden«
Als die Königin vertrauliche Reden begonnen hatte gedachte der Held ihr
etwas aus den Waldlauben zu sagen was ihm sonst immer auf der Seele lag aber
bei den Worten und den Augen der Königin gelang es ihm nicht bis sie selbst mit
verändertem Tone sprach »Und doch hing einst der Edelfalk mit gebundenen
Flügeln im Hofe des Bauern Ich preise die Torheit des Vaters weil sie das
ruhmlose Band zerrissen hat denn dir ziemt das Höchste zu begehren Nur kühne
Gewalttat vermag dich heraufzuheben über die Häupter der anderen daran denke
Ingo Komm zu meinem Sohn mich freuts dass das Kind dir vertraut keinen
besseren Lehrmeister wünsche ich ihm für alles Heldenwerk als dich« Wieder
jagte sie vor ihm hin der Königsmantel und ihre Locken flogen im Winde sie
warf den kleinen Wurfspeer den sie in der Hand hielt vor sich in die Luft und
fing ihn im Laufe Ingo aber blieb jetzt hinter ihr zurück bis beide sich dem
Jagdzug anschlossen und dem kämpfenden Bussard zuriefen der mit einem
Wasserhuhn in den Fängen herabsank
Als der Jagdzug in die Königsburg zurückkehrte fand er dort ungewöhnliche
Bewegung Reiter kamen und gingen die Diener trugen Teppiche und Polster in das
steinerne Haus welches für vornehme Gäste bestimmt war von der Königshalle her
tönte Geklirr der Waffen und Hufschlag zahlreicher Rosse Ingo sprang mit dem
jungen Königssohn am Schlafhaus der Vandalen vom Pferde und Bertar eilte ihm
entgegen »Während du draußen den Habichten nachschautest stieß ein anderer
Raubvogel in den Königshof Der Cäsar hat neue Botschaft gesandt und wer
meinst du kam als Bote Der wildeste Gesell aus dem Römerheer der Franke
Harietto den sie den Heervertilger nennen er der einst den raubenden Sachsen
in der Waldesnacht die Köpfe abschnitt und wie Kohlhäupter nach der Stadt trug
Schon bevor er kam schritt der König finster durch die Höfe verlegen war seine
Antwort auf meinen Gruß und die Königsknaben sahen über die Achsel auf uns und
mieden unsere Gesellschaft Eben war ein Kämmerer des Königs in der Herberge und
verkündete stotternd dass er dein Mahl hierhertragen werde damit du nicht den
Römern an der Bank des Königs begegnest«
»Ists nicht beim Mahle so sei es im Hofe« versetzte Ingo »wir bergen
unser Antlitz vor dem Ungetüm nicht meint seine Botschaft mich so ist gut
wenn wir sie früh erfahren Komm Vetter« rief er den Königssohn »sehen wir
zu wie die Fremden reiten und der König die Boten der Römer begrüßt« Das Kind
ging neben ihm über den Hof in den großen Burgraum vor der Königshalle Dort
standen die Fremden vor den Rossen während der König dem Gesandten die
Ansehnlichsten aus seinem Gefolge bei Namen nannte und dieser von Mann zu Mann
schritt mit kriegerischem Gruße hier und da einzelne Worte spendend Über die
hohen Knaben des Königs ragte der römische Franke fast um eines Hauptes Höhe
Wie ein Riese stand er da gewaltig an Schultern und Gliedern die Arme besteckt
mit Ringen auf dem Schuppenpanzer goldene Kaiserbilder Unter dem Helme
starrten die buschigen Brauen düster war sein Blick kaum bemerkbar sein
höfliches Lächeln
Als Bisino mit seinem Gast eine Wendung machte trat er plötzlich Ingo
gegenüber der den König schweigend grüßte und ihm den Knaben zuführte Der
König ergriff schnell die Hand seines Sohnes und zog ihn an sich Aber der Blick
des Fremden haftete fest auf Ingo und unwillkürlich zuckte die Hand nach dem
Schwert als denke er darauf den Feind seines Herrn schnell zu erledigen Doch
Ingo trat grüßend auf ihn zu und begann »Da wir uns zum letztenmal sahen Held
Harietto war es an einem heißen Tage ehrlicher war dein Blick während du dein
Schwert gegen mich schwangst auf blutiger Walstatt als hier wo der Wille eines
fremden Herrn dir die Hand vom Gruße zurückhält«
»Gern würde ich dir sagen Held Ingo dass ich mich freue dir zu begegnen
doch ich stehe hier als Bote des großen Römers und nicht freundlich ist seine
Meinung gegen dich«
»Ich aber rühme die Botschaft nicht« antwortete Ingo »die dem tapferen
Manne verwehrt im Königsfrieden einen Kampfgesellen zu begrüßen mit dem er
einst ehrliche Schläge getauscht hat«
»Dich und mich warfen zürnende Götter aus der Heimat in feindliche
Schlachtreihen beide folgen wir dem Eid der uns bindet« sprach der Franke
»Du folgtest den Feldzeichen der Fremden ich dem Ruf unserer Landgenossen«
»Im Lager des Römers singt der Sänger dieselben Lieder wie hier im Lande«
entgegnete Harietto
»Mich lehrten die Lieder die ich als Knabe hörte die Herrschaft der
Fremden meiden« versetzte Ingo
»Kommt alle zu des Cäsar Banner dann sind wir die Römer«
»Alle rufst du Harietto die hier stehen nur einen meine ich ladest du
nicht Und darum zürne nicht wenn ich für unziemlich halte den Hals vor dem
Hochgericht des Cäsar zu beugen«
Beide neigten stolz das Haupt und traten auseinander Die Königsmannen aber
hatten sich dazu gedrängt nach Rede und Gegenrede murmelten sie beistimmend
stärker wenn Harietto sprach doch auch Ingos Worten fehlte der Beifall nicht
und er sah dass bei seinen letzten Worten der König selbst mit dem Kopfe nickte
Der Gesandte schritt mit dem König in den Saal wo seine Begleiter die
Geschenke des Cäsar aufstellten Der König schaute erfreut auf die Goldschalen
und Becher auf die wundervolle Arbeit mit eingesetzten Edelsteinen und
versicherte den Gesandten er sei ein Freund des Cäsar und zu vielem guten
Dienst erbötig Da begehrte Harietto geheimes Gespräch und als der König alle
Hörer weggescheucht hatte forderte der Franke die Auslieferung Ingos
Bisino erschrak er saß lange überlegend und antwortete endlich die
Forderung sei allzu hart für ihn und er brauche Zeit um eine Antwort zu
finden der Gesandte möge sichs unterdes als Gast an seinem Hofe gefallen
lassen Aber Harietto drang auf schnellen Entschluss bot höhere Geschenke und
drohte Da empörte sich der Stolz des Königs und zornig rief er was er
freundlichem Gesuch verweigere werde er dem Drohenden vollends nicht
bewilligen So entließ er den Fremden und dieser lagerte mit seinem Gefolge
unter den Knaben des Königs trank mit ihnen und teilte Geschenke aus
König Bisino aber blieb verstört zuletzt ging er in sein Schatzhaus setzte
sich auf den Schemel besichtigte mit schwerem Herzen noch einmal die neuen
Geschenke und überzählte darauf seine Schnüre an denen goldene Armringe
aufgereiht waren seine großen Schüsseln und Kannen die goldenen Becher und
Trinkhörner Mit Mühe hob er eine Silberschüssel spiegelte sich darin und
sprach kummervoll zu sich selbst »Grämlich ist das Bild das ich sehe Der
Fremde hat mir reiche Geschenke gebracht obgleich die größte Schale nur
vergoldetes Silber und keine rühmliche Gabe an einen Volkskönig ist Dennoch
würde ich ungern die anderen Gaben missen von denen er spricht und der Römer
gibt sie mir nicht wenn ich jenen nicht lebendig oder vielleicht auch tot
ausliefere Aber wenn ich das Unrecht auf mein Leben nehme und ihn seinen
Feinden einhändige so werde ich scheusälig vor allem Volk als ein Mietling der
Fremden und weil ich den Gastfreund einem ehrlosen Tode freigebe Auch tut mir
der Gesell selbst leid denn gutherzig ist er und ehrbar und ein treuer Genosse
beim Kruge und auf dem Rosse Dagegen wenn ich ihn trotz den Römern bewahren
will so droht mir markverzehrende Arbeit der Krieg räumt vielleicht meinen
Schatz er mindert die Kraft des Volkes und rüttelt an meinem Königsstuhl« Sein
Blick fiel auf ein Schwert welches über dem glänzenden Metall an der Wand hing
»Dies ist die Königswaffe meines Geschlechtes gerühmt im Liede und gefürchtet
im Volke manche schwere Tat hat sie ausgeführt ein Gott hat wie die Sage
kündet einst den Stahl dazu gehämmert mich wundert dass ich heut die Augen
nicht von ihr abwenden kann« Und seufzend fuhr er fort »Ich habe mit ihm
getrunken gejagt und an seiner Seite gefochten und ich wünsche ihm dass sein
Ende rühmlich sei wie das seiner Väter die es auch eilig hatten die Todeswunde
auf der Brust zu erhalten Vermag ich ihn nicht zu retten so will ich ihm doch
wenigstens Königsehre erweisen«
Der König erhob sich und ergriff die Waffe Da fühlte er sich leise am Arme
gefasst er fuhr zusammen und zückte das Schwert vor ihm stand Frau Gisela und
sah ihn spottend an »Will der König mit seinem Tafelgerät zu Felde ziehen dass
er darüber Heerschau hält«
»Worin liegt Königsmacht wenn nicht im Schatze« fragte der König unwillig
zurück »Wie kann ich der Begehrlichen Sinn festhalten und ihren Treuschwur
gewinnen wenn ich ihnen nicht von dem fremden Metall spende In meinem Lande
haben es wenige und alle fordern es woher soll ichs holen wenn ichs nicht
von den Fremden erkaufe«
»Der König will den Mann an die Römer verhandeln« fragte die Königin und
ihre Augen flammten wie Feuer
»Würde ich mich bedenken wenn ichs tut wollte« murrte der König »Aber
dieser Fremde sitzt wie ein Uhu auf meinen Bäumen alles Geflügel der Luft
schießt heran und schreit gegen ihn nicht lange so senden auch die Könige von
der Oder und fordern seinen Leib«
»Du täuschest mich nicht« brach die Königin in heißem Zorne los »siehe zu
o König ob du leben kannst nach solcher Schmach ich will es nicht Dem
meineidigen Mann der um römisches Gold seinen Schwurgenossen verkauft weigere
ich die Genossenschaft an Tisch und Lager«
Der König sah mit querem Blick auf sie »Heftig stürmen deine Gedanken Frau
Gisela ich meine sie verfehlen das Ziel«
»Wer darf mehr für des Königs Ehre eifern als die Königin« antwortete das
Weib nach Fassung ringend »Getraust du dich nicht ihn vor den Römern zu
bewahren so entlass ihn von deinem Hofe Besser ist es sich schwach zu erweisen
als treulos«
»Damit er nach der Kränkung lebe als mein Feind« sprach der König
»So binde ihn durch hohen Schwur er ist wie ich meine von denen die ihr
Gelübde halten«
»Will die Königin ihn dazu überreden dass er der Kränkung niemals gedenke«
fragte der Burgherr lauernd
»Ich will« versetzte Frau Gisela tonlos »wenn es dem Könige nützt« Beide
standen einander mit finsteren Gedanken gegenüber endlich begann der König »In
der Not dient schnelle Tat versuche dein Heil Gisela sende ihm heute abend
Botschaft dass er in deinen Turm steige zu geheimer Unterredung vielleicht
hilfst du ihm dort zu einer guten Ausfahrt«
Die Königin sah vor sich nieder erblichen war ihr Antlitz als sie
antwortete »Ich will ihn zur Ausfahrt mahnen da du es gebietest« Sie wandte
dem König schnell den Rücken Er sah ihr finster nach
Am Abend harrte die Königin in ihrem Turmgemach die Nachtvögel saßen auf
der Mauer und klagten über das Unheil welches drinnen einem bereitet werden
sollte in den scharfen Stößen der Luft die durch das offene Fenster drang
flackerte die Wachsfackel und trieb den Schatten des schönen Weibes an den
Wänden hin und her Frau Gisela stand inmitten des Raumes im Festgewande die
rote Königsbinde über der Stirn das bleiche Haupt vorgebeugt die Hände fest
geschlossen wie zu gewaltsamer Tat »Scheidest du von hier Ingo mir ist es
Qual ärger als Tod und weilest du dann ist von dreien welche leben einer
zuviel« Sie fuhr zusammen und horchte wieder aus der Tiefe erklang Gemurr von
Stimmen und leises Waffengeklirr Da riss sie die Fackel von dem hohen Leuchter
und hielt sie zum Fenster hinaus dass der Rauch und die lodernde Flamme an die
Turmzinne wehte und die Eulen erschreckt aufflogen Aus der Ferne antwortete
nach wenigen Augenblicken ein einzelner Jagdruf die Königin hob die Leuchte
zurück und schob den Teppich vor die Fensteröffnung
Auf der Steintreppe klang ein Männertritt »Er ist es« sprach sie leise
Aber als sich die Tür öffnete fuhr sie zurück denn König Bisino trat ein
düster war sein Antlitz der vierschrötige Leib gedeckt mit einem Panzerhemd
das Haupt mit dem Stahlhut am Griff seines Schwertes schimmerte im Lichte ein
blutroter Stein »Die Königin ist geschmückt wie zu einem Hochzeitsfest« sagte
er zornig
»Du hast es gewollt«
»Ich will auch unsichtbar ein Zeuge sein deiner Unterredung mit ihm und
damit du alles sprichst wie ich geboten so höre die Warnung am Fuße des
Turmes harren zwei meiner Knaben mit harten Händen steigt er hinab ohne mich
er überschreitet nicht lebend die Schwelle«
»Gut sorgte der König« antwortete Frau Gisela starr Da fiel ihr Blick auf
das Schwert des Königs und sie schrie »Blutig glänzt der Stein an dem Messer
des Königs die Todeswaffe deiner Ahnen ists« und ihr Entsetzen mühsam
bändigend fuhr sie fort »Vom Gemach der Königin bleibt sonst das Schwert der
Männer ausgeschlossen Warum kränkt der König mein Recht«
»Es ist nur Vorsicht Gisela« versetzte der König grimmig Er schritt nach
dem Hintergrund des Zimmers öffnete eine kleine Seitentür und verschwand
dahinter
Wieder stand die Königin allein und in wilder Empörung flogen ihre
Gedanken »Gewalttat sinnt der lauschende König und ich soll helfen bei
nichtswürdiger Tat«
Da klang draußen der Tritt des anderen und Ingo trat ein ungerüstet und
schwertlos »Ich danke dir Base Gisela« begann er herzlich »dass du mir heut
deinen Turm öffnest« Er sah in den geschmückten Raum auf gestickte Teppiche an
der Wand und kostbares Gerät aus fremdem Lande »Seit ich die Mutter verlor
habe ich niemals wieder das Prunkgemach einer Königin betreten Was stehst du so
feierlich Base« fuhr er traurig fort »verzeihe mir wenn ich mich nicht wie
ich sollte der Ehre freue dass du den armen Ingo im Königsschmucke empfängst«
Er ergriff ihre Hand trotz der Angst flog ein rosiger Schein über ihr bleiches
Antlitz als sie die Hand zurückzog »Leichter ist der Aufgang zum Gemach der
Königin als der Sprung aus der Turmtür« sprach sie leise
»Ich sah lauernde Knaben des Königs« antwortete Ingo »und mich verwundert
das nicht denn ich weiß Harietto hat den Sinn des Königs der mir sonst gütig
war gegen mich empört darum flehe ich sorge du soweit du vermagst dass mir
nicht Schmach widerfahre Müde bin ich Königin meines Erdenloses verleidet
bin ich jedem Gastfreund elend überall gleich einem tollen Wolf gehetzt von
Hof zu Hof verächtlich wird mir solches Leben denn eines besseren Schicksals
fühle ich mich wert und selbst denke ich zu sorgen dass ich nicht als Lebender
durch Römerfesseln gebunden werde Wenn du aber mein Geschick nicht zu wenden
vermagst dann flehe ich rette meine Blutgenossen den irrenden Schwarm vor
ruhmlosem Tode Gern werden sie kämpfen gegen wen es auch sei aber sie
fürchten ein Verderben das sich ihnen unsichtbar nahen mag denn fest eingehegt
stehen wir zwischen Steinmauern«
Lautlos starrte die Königin nach der verborgenen Tür plötzlich stieß sie
einen heiseren Schrei aus denn der König trat hervor und rief »Eingehegt bist
du selbst zur letzten Wunde« Mit gehobenem Schwert fuhr der König gegen Ingo
aber wie eine Löwin sprang Frau Gisela dem Herrn entgegen und wand ihm den Arm
dass das Schwert klirrend zu Boden fiel Ingo ergriff die Waffe vom Boden und
rief sie schwingend »Ich halte deinen Tod in der Hand König Bisino wenig
wird dir deine Rüstung frommen wenn ich die Tat üben wollte die du mir
zugedacht Danke dem Gotte dem du vertraust dass der Gastschwur mir heiliger
ist als dir« Und er warf die Waffe dem König vor die Füße Ein leiser Ton wie
das Stöhnen eines Weibes zitterte durch den Raum
Der König sah wild um sich »Du sprichst als ein Mann wohlan hebe dein
Schwert von der Treppe wir fechten«
»Ich habe dir Friede geschworen« antwortete Ingo unbeweglich
»Und ich dir« versetzte der König »gebrochen ist der Eid du bist frei
hebe die Waffe«
»Gegen dich kämpfe ich nicht um mein Leben« versetzte Ingo »ehrwürdig ist
mir dein Königshaupt wenn du mir auch zuweilen Übles gedacht hast Und nimmer
will ich helfen dass der Ruf deines Gemahls entehrt werde durch dein oder mein
Blut das vor ihrem Lager vergossen wird Muss ich vertilgt werden dann klage
ich nicht wenn du selbst es tust dann stoss zu König und sei bedankt für das
Gastgeschenk«
Der König beugte sich das Schwert zu erheben da klang von unten Geschrei
und Kriegsruf Ingo schnellte empor »Fluch mir vergessen habe ich in der
eigenen Not die Notgenossen Den Sang meiner Schwäne höre ich ich komme Du
wahre dich König ich finde was dich zwingt« Mit Sturmeseile brach er aus der
Tür der König raunte heiser »Erbarmen kennen die nicht die unten seiner
harren« und er eilte ihm mit geschwungenem Schwerte nach
Aber Ingo sprang nur wenige Stufen hinab wo sein Schwert lehnte und unter
dem Gemach der Königin der junge Sohn neben dem Helden Valda schlief Er raffte
den Knaben vom Lager drückte ihn an sich und flüsterte ihm zu »Hilf mir
Hermin mir droht das Verderben Ich tue dir kein Leid wenn nicht von dem König
meinen Genossen ein Übles geschieht« Der Knabe hing schlaftrunken in seinem Arm
und fasste ihn um den Hals »Gern helfe ich dir Vetter« sagte er ahnungslos
Bevor der alte Krieger sich vom Lager erhob trug Ingo den Knaben hinauf an die
Tür der Königin wo der König mit dem Schwerte ihm entgegensprang Aber Bisino
fuhr entsetzt zurück als er sein Kind unter dem Messer Ingos erblickte »Geh
voran König Bisino« rief Ingo befehlend »bereite mir den Weg ich halte was
dich zwingt Das Leben deines Knaben sei Bürge für die Häupter der Meinen Lebe
wohl Frau Gisela flehe zu den Göttern dass das Haus des Königs nicht zerbreche
in dieser Nacht«
Die Männer eilten die Steintreppe hinab Frau Gisela lauschte starr nach dem
Getöse und Fall am Fuß der Treppe Ob sie wünschen sollte dass er entrann der
den Sohn ihr gepfändet Ob er selbst zurückkehren würde in ihr Turmgemach oder
der König oder keiner von beiden das stürmte ihr durch die Seele sie fühlte
Hass gegen ihn der ihre Hilfe sich nicht begehrt und doch auch heiße Angst um
sein Leben und Angst vor der Wiederkehr des Königs Sie sprang an das Fenster
und sah hinaus in die Nacht Sie hörte fernes Gemurr und helles Geschrei dann
wurde es still sie sah einen Feuerschein blinken aber auch er verlosch die
Nacht blieb schwarz und unsicher wie ihr eigenes Schicksal Auf den letzten
Stufen vor der Turmtür hielt Ingo an »Verjage die Hunde König dass ihr Biss
nicht deinen Sohn treffe« Der König trat ungern vor aber er verscheuchte seine
Wächter Ingo sprang an ihm vorüber wie ein flüchtiger Hirsch zu der Herberge
seiner Mannen Nicht vermochte der König ihm zu folgen so sehr er sich eilte
Um die Herberge standen die Haufen der Königsknaben gerüstet mit Schild und
Speer manche auch mit Fackeln in der Hand Auf dem Erdboden vor den Stufen
loderte eine rote Flamme und warf ein unsicheres Licht in den dunkeln Saal und
auf die wilden Gesichter der Vandalen »Was blinzen die Käuze beim Lichtschein
und wenden abwärts den Blick« rief Bertar von der Treppe »mich wunderts dass
die Knaben des Königs vor niederträchtigem Werke sich scheuen sie sind ja wie
ich höre gewöhnt bei Nacht zu töten Für ganz schamlos gelten sie im Volke
Hat sie erschreckt dass mein Schwert ihrem Fackelträger den Brand zerschlug
Tretet näher ihr bösen Verzagten damit ihr vor allem Volke verflucht werdet
als Friedensbrecher Heran auf dass meine Knaben euch die letzte Fahrt rüsten«
»Grobe Worte sind die Münze des heimatlosen Bettlers« rief Hadubald
entgegen »gut verstehst du sie zu zahlen wenn du an fremden Bänken lungernd
durch die Welt fährst Ganz unnütz seid ihr auf der Männererde und schwerlich
beschwert ihr fortan noch fremde Höfe durch euer Geschrei«
So bereiteten sich die Helden durch heftige Rede zum Kampf da sprang durch
den lärmenden Haufen Ingo den Königssohn im Arme Er fuhr auf die Stufen und
stand unter seinen Getreuen Ein lauter Heilruf der Vandalen tönte um die Halle
Ingo aber rief befehlend gegen die Knaben des Königs »Weicht zurück tapfere
Helden der Thüringe der junge König den ich halte gebietet euch Frieden
Wollt ihr dass sein Haupt unversehrt bleibe so vermeidet meine Mannen zu
kränken Heil sei dem König in der Herberge« setzte er hinzu da Bisino
herankam »und Frieden bedeute sein Nahen Betritt o König huldvoll das
Schlafgemach deiner Gäste denn nicht durch Waffen meine ich enden wir heut
die Verstörung Hilf mir den König geleiten Hermin mein Vetter« Er ließ den
Knaben zur Erde und trat das Messer über ihn haltend dem König entgegen das
Kind ergriff die Hand des Vaters und stand zwischen beiden Helden »Entzündet
die Fackeln an der Flamme« rief Ingo den Seinen zu »Jedermann weiche aus dem
Raume ihr Vandalenhelden bewacht auf den Stufen die Beratung der Könige«
Mürrisch winkte Bisino seinem Gesinde den Zugang zu räumen dann gebot er
Hadubald mit einer gleichen Zahl von Königsmannen die Stufen zu besetzen Auf
die erhöhte Bühne der Halle wo Ingos Lager stand geleitete dieser den Herrn
er selbst saß ihm gegenüber und schlang seinen Arm um den jungen König Bisino
setzte sich zögernd und sah finster vor sich hin »Du meinst mich durch das
Haupt meines Sohnes zu zwingen dass ich dich und deine Landstreicher verschone
Aber wild hat der Zorn sich erhoben zwischen mir und dir und dauerlos wäre so
fürchte ich die Versöhnung Entziehst du dich heut meinem Zorn so trifft er
dich doch morgen oder zu anderer Zeit denn selbst wenn die Bitte dieses Knaben
dir meinen Zwinger öffnet so weißt du doch dass meine Macht weit reicht und
dass des Königs Wille dich umstellt wie ein gehetztes Wild«
»Wohl ehre ich deine Macht König« versetzte Ingo »und ich weiß dass es
mir mühselig wäre über die Brücke zu reiten und über die Heide zu traben wenn
dein Zorn feindlich hinter mir fährt Dennoch meine ich dass der König edel
handelt wenn er mir die Treue hält soweit die Eide reichen Den Zweikampf hat
mir der König angetragen ruhmvoll war das Erbieten und eines Helden würdig und
vermag er mich nicht zu dulden auf der Männererde so weiß ich wohl dass es für
mich keine bessere Ehre gibt im Gedächtnis der Menschen als durch die Waffe des
Königs zu fallen oder wenn ich ihn selbst voraufsenden sollte in die
Totenhalle mit meinen Gefährten vertilgt zu werden durch den Grimm der
Thüringe Dennoch ist es mir unleidlich gegen dich zu kämpfen mein Herr und
Wirt denn freundlich warst du gegen mich Guttat genoss ich an deinem Hofe
ehrenwert ist mir auch dein Gemahl und hier der Knabe den ich im Arm halte und
Frohes habe ich von deiner Huld für mein Leben gehofft So kränkt michs
obgleich ich den Schwertgrimm für rühmlich halte dass ich um meinen Leib
feindlich gegen dich ringen soll«
»Verständig sind deine Worte« versetzte der König »auch dein Sinn ist
redlich wie ich vermute und ungern sinne ich auf dein Verderben aber mich
zwingt die Königsnot die keiner versteht außer wer als Wirt über seinem Volke
waltet So wisse denn friedloser Mann der Cäsar fordert dass ich dich
ausliefere an seine Boten«
»Will der große Volkskönig dem Befehl eines neidvollen Römers gehorchen wie
ein Besiegter«
»Die Katten hat er aufgehetzt sie sind eilig sich Sklaven und Herden zu
holen aus meinem Volke um deinetwillen sollen die Thüringe den Schlachtgesang
singen«
»Stelle mich in deine Heere o König« unterbrach ihn Ingo »nimmer kehre
ich zurück wenn nicht als Sieger«
»Meinst du dass du mir als Sieger willkommener wärest als jetzt du mit der
Erbtochter« fragte der König finster »Über die Schlachten der Thüringe waltet
der König allein«
Da legte Ingo die Hände auf das Haupt des Knaben und sprach traurig »Gleich
diesem Kinde wuchs ich fröhlich auf unter der Königskrone schuldlos wie dein
Sohn war ich da ich aus der Heimat gescheucht wurde Denke daran König dass
sich schnell die Geschicke der Männer wandeln auch du weißt nicht welches
Schicksal deinem Knaben einst bereitet ist Wie auch die Götter uns die Lose
werfen von uns fordern sie dass wir treu sind unserem Wort Sorge auch du o
Herr damit sie nicht den Eid den du dem armen Ingo geschworen einst an dem
Haupte deines Sohnes rächen«
»An den Sohn denke ich dass ich ihm die Herrschaft sichere wenn ich mich
des Eides gegen dich entledige« versetzte der König
»So löse den gastlichen Eid ohne dass die Götter dir zürnen« fuhr Ingo
flehend fort »entlass mich mit meinem Gesinde ungekränkt aus deiner Burg und aus
deinem Lande Mehr fordert dein Volk nicht und begehrt der Römer Ärgeres von
dir so kränkt er deine Ehre Hilf mir Knabe und bitte bei deinem Vater für
mich«
Hermin kniete nieder und umschlang das Knie des Königs »Tu dem Vetter kein
Leid mein Vater«
Der König sah lange auf den Knaben über welchen Ingo die bewehrte Hand
hielt »Du weißt nicht was du bittest Kind« sagte er endlich Und mitleidiger
zu Ingo aufsehend fuhr er fort »Willst du Ingo mir mit hohem Eide geloben
niemals diese Nacht zu rächen niemals schädlich zu sein mir und meinem Sohne
und niemals Freundschaft zu suchen im Herrensitz am Walde so will ich dich
entlassen aus meiner Burg aus meinem Land«
»Den Eid nehme ich auf mein Leben« sprach Ingo leise »wenn auch der König
mir geloben will bei dem Haupt dieses Knaben der Worte zu gedenken die er vor
kurzem zu mir sprach und das Königsauge zu schließen gegen mein Tun wenn nicht
das Volksgeschrei übermächtig zwingt«
Der König lächelte finster »Ich will wenn du mir etwas von deinen Gedanken
vertraust« Ingo neigte beistimmend das Haupt »Wohlan denn setze dich zu mir
wie einst und künde leise dein Geheimnis« Die Könige sprachen heimlich und der
Knabe saß zwischen ihnen und umfasste mit den Händen beider Knie
Auf den Stufen lagen getrennt die Vandalen und die Königsknaben hinter ihren
Schilden Über ihnen saßen auf den Schemeln die beiden Schwertalter Bertar und
Hadubald gegeneinander Da begann Hadubald »Frieden bereitet wie ich merke
das Gespräch im Saale unseren Schwurherren Gefällt dirs Held so tilgen wir
den Groll durch einen Trunk den einer meiner Genossen schnell zu schaffen weiß
denn kühl weht die Nachtluft«
»Mordbrenner« versetzte Bertar grimmig
»Töricht handelst du den Diener zu schelten der getan hat was seinem
Herrn nützt«
»Nachtschächer« brummte Bertar wieder »deine Treue brachst du für des
Königs Bier seitdem ist der Trunk verdorben den du bietest«
»Wer hochmütig verschmäht beim Zapfen Bescheid zu tun der wahre sich dass
nicht sein Blut gezapft wird auf grüner Heide«
»Auf grüner Heide und im finsteren Wald wie hier in der Herberge bist du
blutiger Schläge sicher sobald dich nicht der Königsfrieden schützt damit
begnüge dich Held«
Lange währte die Zwiesprache der Herren endlich rief der König »Bringe den
Becher Schenk Minne zu trinken bevor Held Ingo scheidet« Willig regten sich
die Mannen auf den Stufen der Schenk lief und trug einen großen Becher Met
herzu die Könige taten über dem Becher und auf dem Haupt des Knaben einander
das Gelöbnis »Und jetzt scheiden wir Ingo« sagte der König »leid tut mirs
dass du ein fahrender Held und nicht von meinem Geschlecht bist und doch wärst
du von meinem Stamme du wärst mir vielleicht weniger vertraulich«
»Denke mein im guten o Herr« dankte Ingo und fröhlich rief er dem Alten
zu »Rüste den Aufbruch wir reiten«
»Bei Sonnenlicht kamen wir« versetzte Bertar »mein Herr und seine Helden
entweichen nicht wie Nachtdiebe Will der Häuptling dass wir aufbrechen bevor
der Hahn singt so flehe ich König Bisino dass deine Knaben uns mit den Fackeln
leuchten die sie am Abend sorglich um dieses Haus getragen haben damit wir bei
unserer Abfahrt den hellen Schein nicht missen«
Der König sah zuerst zornig auf den Kühnen aber er sprach »Ich lobe dich
du verstehst für deinen Herrn mit Schlägen und mit Worten zu streiten Besteigt
die Rosse ihr stolzen Gäste ihr Mannen aber entzündet die Brände denn der
König selbst gibt das Geleit zum Tor«
Auf der Brücke schied Ingo von dem König und seinem Sohn und alle
erstaunten als der König nach dem Abschied noch einmal über die Bretter zu Ingo
eilte ihn mit den Armen umfing und küsste Lachend sah Bertar auf die finsteren
Mienen der leuchtenden Königsknaben »Reitet im Schritt« gebot er vor dem Tor
den Vandalen »damit sie nicht wähnen dass wir ihren Gruß im Rücken fürchten«
Und nach einer Weile rief er »Nimm die Spitze Wolf und lasse die Rosse
springen frisch bläst die Nachtluft und wohl gelang uns die Reise nach der
Königsburg«
Als sich das Tor hinter den Gästen geschlossen hatte befahl der König
seinen Knaben »Wer etwa morgen oder später von dieser Nacht schwatzt oder wer
noch mit dem Römer beim Trunke raunt wie heut mancher getan dem zerschellt die
Axt des Königs das Tor seiner Worte«
Darauf nahm er das schlafende Kind in die Arme und trug es zu seiner eigenen
Kammer Als er beim Turme vorüberkam blickte er finster nach dem Gemach der
Königin Dort drinnen lag ein trostloses Weib mit dem Haupt an der Fenstermauer
und hörte auf den Schall der Stimmen und auf den Hufschlag welcher in der Ferne
verklang Der König aber dachte Wenn sie nicht so erlaucht wäre von Geschlecht
wäre es besser für mich und sie Denn gern möchte ich ihr Schläge geben und sie
dann wieder liebhaben Sie aber wollte das Tuch zerschneiden zwischen sich und
mir und sie hat gerungen gegen mein Schwert ob sie meint dass ich ihr das
vergesse Was aber den Römer betrifft so ist mirs im Herzen lieb dass ihm
nicht sein Wille geschieht denn nichtswürdig war die Forderung und herrisch
war der Bote Jetzt will auch ich ihm Silber statt dem Gold bieten das er sich
begehrt Und am anderen Morgen lud der König den erstaunten Harietto und sprach
»Um des großen Cäsars willen habe ich alles getan und ausgeführt was die
Königsehre mir gestattet und nicht mehr Dem Gebannten habe ich das Gastrecht
aufgekündigt und ihn ohne Geleit entlassen damit er aus meinem Lande weiche
Und er trabt jetzt wohl schon weit von hier über die Heide« Als der König
wieder in sein Schatzhaus ging und sein Angesicht in der Schüssel betrachtete
da sprach er seufzend zu sich selbst »Eine Sorge wich aber eine größere kam
nur eins ist mir lieb es ist ein ehrliches Gesicht das ich schaue«
Zur Idisburg
Auch in den jungen Männern der Walddörfer regte sich die Reiselust als die
Reiser der Bäume vom Safte schwollen und das junge Laub aus den Knospen brach
Es war ein heimliches Summen in den Höfen und frische Gesellen hielten im
Waldversteck stillen Rat denn nicht die Alten und Weisen des Gaues hatten den
Auszug geboten und nicht die heiligen Opfer des Gaues sollten ihn weihen nur
Unzufriedene lösten sich von der lieben Heimat willkürlich und auf eigene
Gefahr weil ihnen der Sinn nach besseren Landlosen stand Anfangs waren nur
wenige entschlossen ihr Glück in der Fremde zu suchen vor ihnen Baldhard und
Bruno Söhne des Bero bald aber ergriff die Sehnsucht auch andere jüngere
Söhne ehrbarer Wirte neben ihnen wilde Gesellen und Waldläufer die sich lieber
rauften als bauten auch manchen Hausvater dem seine Nachbarn gehässig waren
Manchen hatte auch ein Mädchen welches ihm lieb war heimlich gemahnt vor der
Reise warb er um sie und wo der Töchter mehre im Hause waren wagte der Vater
sein Kind an die ferne Hoffnung Diesmal war es kein Zug in unbekannte Ferne
auf dem der Mond und die Sterne führen der wehende Wind oder der fliegende
Rabe denn die neuen Siedelstätten lagen nur wenige Tagereisen von der
Gaugrenze und die Reise ging durch Wälder und Marken von Landgenossen die in
früheren Geschlechtern denselben Weg gezogen waren Deshalb sorgten die
Fahrenden wenig um Waffengefahr auf dem Wege und nicht sehr um Nahrung und
Viehfutter Auch da wo sie bauen wollten durften sie freundlichen Gruß hoffen
denn ein kluger Wirt hatte im voraus sorglich um ihre Reise gehandelt und mit
dem Volke dem sie zuzogen Vertrag geschlossen Und doch rüsteten die
Wanderlustigen ihre Abfahrt noch heimlicher als sonst Brauch war denn nicht
alle Häupter des Gaues freuten sich der Reise durch welche die Zahl ihrer
jungen Krieger gemindert wurde nicht Fürst Answald und nicht das Geschlecht des
Sintram und diese suchten dem Drange zu wehren soweit ihre Macht reichte Auch
den Eifer des Königs hatten die Fahrenden zu fürchten denn er mochte ihnen die
Besiedelung stören bevor sie auf dem neuen Grunde festgewurzelt waren Darum
hatten sich die Wanderlustigen in nächtlichem Rate zusammengeschworen und die
Söhne des Bero zu Führern gewählt in den letzten Monaten hatten sie für die
Fahrt gerüstet Beisteuer in ihrer Freundschaft erbeten Wagen und Ackergerät
gezimmert und um Vieh gehandelt soweit sie vermochten Und sie wollten einzeln
und mit wenig Geräusch aufbrechen um sich jenseit der Gaugrenze zu geordnetem
Zuge zu sammeln
Im ersten Morgenlicht standen die Wagen mit Saatkorn und Hausrat bepackt
Über dem festen Bohlengefüge spannte sich die Decke von Leder die gejochten
Rinder brüllten Frauen und Kinder trieben das Herdenvieh hinter dem Wagen
zusammen und große Hunde die treuen Begleiter der Fahrt umbellten das
Fuhrwerk Die Geschlechtsgenossen und Nachbarn trugen zum Abschied herzu was
als Reisekost diente oder ein Andenken an die Heimat sein konnte Durchaus nicht
fröhlich war der Abschied auch dem mutigen Mann bangte heimlich vor der
Zukunft War das neue Land auch nicht endlos weit fast allen war es unbekannt
und unsicher war ob die Götter der Heimat auch dort Schutz gewährten und ob
nicht schädliche Würmer und Elbe Vieh und Saat zerstören wollten oder feindliche
Männer die Höfe abbrennen Auch die Kinder fühlten das Grauen sie saßen still
auf den Säcken und die Kleinen weinten obgleich die Eltern ihnen Haupt und
Hals mit heilkräftigem Kraut umkränzt hatten das den Göttern lieb ist Mit der
aufgehenden Sonne erhoben sich die Fahrenden der älteste ihres Geschlechts oder
eine weise Mutter sprach ihnen den Reisesegen und alle flehten murmelnd um
gutes Glück und bannten durch Zauberspruch die schädlichen Waldtiere und
schweifenden Räuber Die anderen Dorfleute aber welche daheim blieben blickten
scheu auf die Wanderer wie auf verlorene Menschen unheimlich dünkten ihnen die
Frevler welche sich von dem Segen der Heimat lösten Denn immer zog es die
Landgenossen mächtig nach der Ferne und doch graute ihnen immer vor einem Leben
fern von den Heiligtümern von Sitte und Recht der Heimat
Die Wagen bewegten sich knarrend zu den Bergen von der Höhe sahen die
Wanderer noch einmal nach dem Dorf ihrer Väter zurück und neigten sich grüßend
gegen die unsichtbaren Gewalten der Flur mancher unzufriedene Gesell warf auch
einen Fluch zurück wider seine Feinde die ihm die Heimaterde verleidet hatten
Dann nahm alle der Bergwald auf Mühsam war die Fahrt auf steinigen Wegen in
welche das Schneewasser tiefe Furchen gerissen hatte oft mussten die Männer von
den Rossen steigen und mit Haue und Spaten die Bahn fahrbar machen wild
erscholl Ruf und Peitschenschlag der Treiber die Knaben sprangen hinter den
Wagen und hemmten den Rücklauf durch Steine und doch zerrten die Zugtiere
machtlos bis ein Gespann dem anderen half oder Männer und Frauen die starken
Schultern an die Räder stemmten War die Reise wegsamer dann umritten die
Männer spähend den Zug mit gehobener Waffe bereit zum Kampfe gegen Raubtiere
oder rechtlose Waldläufer Als die Wanderer aber nach der ersten Tagfahrt das
einsame Waldtal erreichten welches zur Versammlung bestimmt war da wurde die
Mühe des Tages über der Freude vergessen Landsleute in der Wildnis vor sich zu
sehen hell jauchzten die Kommenden von der Höhe und die Lagernden antworteten
mit gleichem Ruf auch solche die sich sonst wenig gekannt begrüßten einander
wie Brüder Die Männer traten zuhauf und Baldhard ein messkundiger Mann
bezeichnete den Lagerraum mit Stäben Dort wurden die Zugtiere abgeschirrt die
Wagen zu einer Burg zusammengestossen und im Ringe herum die Nachtfeuer auf
zusammengetragenen Steinen entzündet Während die Haustiere weideten von
bewaffneten Jünglingen und von den Hunden gehütet bereiteten die Frauen die
Abendkost die Männer aber schlugen aus Stangenholz den nächtlichen Pferch für
die Herde verteilten die Wachen und holten aus den Wagen was sie von kräftigem
Trunk mitgebracht hatten dann lagerten sie und sprachen bedächtig von dem guten
Weideland das sie am Idisbach hofften und von dem endlosen Wald im Süden der
Berge wie steinig der Baugrund wie steil die Gelände und wie darum dies
Bergland spärlich bewohnt sei Als das Mahl beendet war wurden die wertvollsten
Rosse und Rinder im Wagenringe gesammelt und die schlaftrunkenen Kinder unter
dem Lederdach geborgen Nach ihnen stiegen die Frauen in das enge Gemach nur
die Männer saßen noch eine Weile beim Trinkhorn gesellt bis auch ihnen die
Augen schwer wurden und die kalte Nachtluft ihre Fröhlichkeit hemmte Da hüllten
sie sich in Pelze und Decken und legten sich an die Feuer oder unter die Wagen
Es wurde stiller nur der Wind blies von den Bergen die Wächter umschritten den
Wagenring und den Pferch und warfen zuweilen Holzscheite in die lodernden Feuer
Aber unablässig bellten die Hunde denn aus der Ferne klang heiseres Geheul und
um den Flammenring trabten gleich Schatten im aufsteigenden Nebel die
begehrlichen Raubtiere
In solcher Weise zogen die Wanderer drei Tage langsam durch den Bergwald
der Regen rann auf sie nieder und der Wind trocknete ihnen die durchnässten
Kleider Zuweilen hielten sie in den Tälern an Höfen ihrer Landsleute dort
trafen sie entweder wilde Gesellen die durch den Kampf mit dem Walde gehärtet
waren oder ärmliche Siedler welche über den rauen Ackerboden klagten und auch
den Reisenden das Herz schwer machten Am vierten Morgen zogen sie bei dem
hölzernen Turmgerüst vorüber welches an der Landesmark der Thüringe gezimmert
war erstaunt sah der Wächter der im Hofe daneben wohnte und sonst wenig um
reisende Haufen zu sorgen hatte auf die Fahrenden diese aber riefen ihm laute
Grüße zu denn er war obgleich nur ein einsamer Waldmann der letzte ihres
Volkes Von da durchfuhren sie eine Stunde die Grenzwildnis unfruchtbare
Kieshöhen mit knorrigen Kiefern wo niemals ein Siedler einen Hof gebaut hatte
und selten der Schlag einer Axt erklungen war denn unheimlich lag der Strich
und schädliche Geister fuhren wie man sagte die Grenze entlang weil sie
ausgeschlossen waren von dem Boden den gute Volksgötter für die sesshaften
Männer behüteten Aber jenseits des Kieferwaldes sahen die Siedler von der Höhe
freudig in ein weites Tal das mit ansehnlichen Hügeln und dichtem Laubwald
eingefasst war Dort zog sich in gewundenem Lauf der Idisbach durch die Wiesen
und am Fuß der Anhöhen lagen Höfe und geteiltes Ackerland Lustig schien die
Sonne über das helle Grün und das sprossende Laub die Rosse schnoben als sie
die frische Talluft witterten und die Rinder brüllten der Weide entgegen die
Wanderer aber hoben die Arme flehend zu der Göttin auf welche über dem Tal
waltete und die Leben der Männer wohl zu behüten vermochte wenn sie ihr lieb
wurden
Ein reisiger Mann sprengte den Wanderern entgegen und wirbelte schon von
weitem grüßend seinen Speer in der Luft ihm jauchzten die Ansiedler zu da sie
ihren Landgenossen Wolf erkannten auch die Frauen drängten sich an sein Ross
und die Kinder streckten die kleinen Hände aus den Wagen »Heil sei euch liebe
Landsleute« rief Wolf »vollbracht ist die Fahrt Lagert an den Höfen denn auf
jenem Hügel harren die Weisen des Gaues am Opferstein den Bund festzumachen
damit ihr rechtlich werdet im Volke und eure Landlose gewinnet« Da rührten sich
alle mit neuem Eifer und zogen auf trockenem Rasenweg zu Tale
Und Baldhard begann vertraulich zu Wolf der neben ihm ritt »Von der
Königsburg der Thüringe fuhrt ihr bei Nacht und Nebel an unserem Hofe vorüber
wie unmenschliche Gestalten der Finsternis Damals war kaum Zeit dir die Hand
zu drücken und die Tage unserer Reise zu bereden Seitdem haben wir nichts von
euch gehört und gesehen ich hatte große Sorge um euer Geschick und musste doch
vor den anderen meine Zweifel verbergen«
Wolf lachte »Die Vandalen verstehen die Kunst sich unsichtbar zu machen
und ich meine vor allen anderen stammt Bertar der Held von dem Geschlecht
der Waldelbe denn er tummelt sich unter dem wilden Farnkraut so heimisch wie
wir im Dorfe auch wenn er als ein Fremder durchreitet Sogar ihre Rosse legen
sich im Waldversteck nieder wie lauernde Hündlein Wir sind ganz ungesehen über
die Grenze gestoben und in dies Land gedrungen Hier fanden wir guten Empfang
dein Vater hatte vorsorglich alles bereitet Mein Herr Ingo waltet jetzt hier
als Häuptling und die Bauern der Marvinge werden wie ich merke seiner froh
Die Leute hier aber wirst du als altväterisch und ehrbar erkennen Sie trinken
ihr Bier noch aus dicken Näpfen von Eichenholz welche wahrhaftig schwer zu
heben sind doch der Trank ist rühmlich Wir aber haben seither wenig Musse
gehabt ein Teil von uns schanzt mit Hammer und Axt auf den Bergen und andere
sind dem Herrn nach Süden über den Main gefolgt zu den Burgunden Heut kommt ihr
zu guter Stunde denn der Häuptling dem ihr euch geloben wollt ist gerade
jetzt zurückgekehrt Ingo erwartet euch beim Volksopfer«
»Siehst du den Helden Bertar« versetzte Baldhard »so gib ihm dies von
Frida meiner Schwester sie befahl mirs ernstlich es sei für ihn im
Herrenhofe gewunden« Und er legte einen Knäuel in die Hand des anderen
Von der Lagerstatt schritten die Thüringe einem Berge zu der sein rundes
Haupt über die anderen Höhen erhob Vor dem letzten Anstieg hielt Ingo mit
seinem Gefolge zu Ross die Vandalen sprangen ab als die Siedler nahten und
riefen ihnen frohen Gruß zu Auch die Thüringe wurden mutig da sie den Helden
vor sich sahen dem sie einst in ihrer Heimat Gastrecht gegeben hatten und der
ihnen jetzt ein guter Führer in der Gefahr und ein gerechter Richter sein
konnte Ingo führte die Scharen den Berg hinauf zum Opferstein wo die Männer
des Tales dichtgedrängt standen vor ihnen Marvalk der Greis ihr Opfermann In
drei Haufen sonderten sich die Opferer am Stein dreimal drei Stiere wurden den
guten Göttern an den Stein geführt drei für jedes Volk Über den Opferkessel
banden sich die Männer zu einem Bunde und gelobten den Helden Ingo als
Häuptling zu ehren Darauf wurde im Baumschatten das Opfermahl gerüstet und
allen erschien als ein gutes Angebinde als der Häuptling sich erhob und seinem
Volk verkündete dass der alte Streit um die Landesmark mit den Burgunden
verglichen sei
Von dem Opfermahl ritt Ingo mit Bertar talab einer anderen Höhe zu auf
welcher die Vandalen ihr Heimwesen schanzten Auf dem Wege sprach er fröhlich
»So haben wir uns mit zwei Königen vertragen und mögen hier wohl gedeihen wenn
die Götter uns gnädig bleiben Deinem Kriegszug mit den Burgunden danke ich dass
es mir bei König Gundomar gelang er grollt jetzt dem Übermut der Römer und
wird wie ich hoffe in der nächsten Zeit Frieden halten«
»Unterdes bauen wir uns hier fest zwischen den Steinen« lachte Bertar
»und nach wenig Jahren soll es auch einem großen Volkskönig schwer werden uns
die neuen Sitze zu brechen Sieh dort mein König die Stätte deines eigenen
Hofes«
Von einer waldbewachsenen Bergleite ragte ein steiler Felsenhügel wie eine
Bergnase über das Tal des Idisbaches von der Höhe dahinter durch eine
Einbuchtung geschieden Der Berg hob sich stolz aus dem grünen Tal auf seinem
Gipfel trug er alte Eichbäume als den einzigen Laubschmuck Denn an den Seiten
des Berges waren die Stämme gefällt und über der halben Höhe mit Felsgestein und
Erde zu dichtem Verhau geschichtet davor ein Graben gezogen der so weit von
dem Gipfel entfernt war dass keine Wurfwaffe zur Höhe hinaufreichte Klug hatte
der Alte die Rinnsale des Wassers und kleine Schluchten benutzt um gesicherte
Wege von dem Gipfel zum Ringwall zu führen damit am Tage des Kampfes die
Belagerten auf und ab eilen konnten ohne dass der Feind aus der Tiefe sie traf
den verschanzten Abhang aber hatte er so geböscht dass von dem beherrschenden
Gipfel Steine und Wurfspeere freie Bahn niederwärts fanden Da wo der Burghügel
sich an die Bergleite schloss war der Graben tiefer der Wall höher Auf dieser
Seite sprang ein starker Quell unter einem Felshaupt hervor innerhalb des
äußeren Walls nicht sehr weit vom Gipfel des Berges Dort hatten die zimmernden
Männer den Baumschatten bewahrt damit der Zugang zum Quell schattig und sicher
sei Aber auch der Gipfel des Hügels war geebnet und längs seinem Rande ein
zweiter Wall aus Steinen und Stammholz geschichtet Er umschloss die Eichen und
einen Raum der groß genug war um in der Not Herdenvieh Weiber und Kinder der
Siedler einzufassen Da wo der steile Reitweg vom Tale durch den Ringwall zur
Burg führte sperrte ein Tor und ein Holzturm für den Wächter den Zugang Auf
der höchsten Stelle des Gipfels inmitten zwischen den Bäumen zimmerten die
Mannen Ingos aus großen Balken die Halle des Königs daneben bezeichneten Stäbe
im Boden die Stellen wo die Wohnung der Mannen der Stall für Rosse und Rinder
und die Vorratsräume erbaut werden sollten Damit aber dem König in der Bauzeit
das Gemach nicht fehle war ihm in dem Wipfel der höchsten Eiche ein Baumhaus
errichtet Zwischen die starken Äste hatten die Knaben waagerechte Balken
gefügt darüber Dielen genagelt die inneren Eichenzweige abgehauen oder nach
außen gezogen den freien Raum im Laube mit Bohlen so umschlagen dass zwei
Stockwerke übereinander im Wipfel standen Am Stamm lief die schmale Treppe
hinauf jedes der beiden Gemächer war nach unten durch eine Falltür geschlossen
Freudig sah Ingo auf die getane Arbeit Noch freudiger führte ihn der alte
Werkmeister von Stelle zu Stelle »Vogelfrei kamen wir in dies Land« sprach er
lachend »unter den Vögeln soll mein König hausen bis Herdsitz und Halle
bereitet ist Und sieh dort unten am Bach der Schicksalsfrau richten die Knaben
der Thüringe bereits die Wagenburg an der Stätte wo sie ihr Dorf bauen werden
Zu ihnen stellte ich deinen Kämmerer Wolf denn kundig ist er ihres Landbrauchs
Sieh weiter hinab in den Grund dort ist ein wonniges Land für Rinderherden und
aus dem Walde dahinter schreit der Hirsch und brüllt der wilde Ochs In der
Ferne aber nach Süden wo der Idisbach in den Main rinnt schaust du die grauen
Wälder der Burgunden und die Hügel auf denen sie sich ihre Grenzburgen
geschichtet haben«
»Das Bauer ist gezimmert« antwortete Ingo dem Treuen die Hand reichend
»aber die Waldsängerin die ich darin bergen will klagt jenseit der Berge Das
Größte ist noch zurück Freudenlos fahre ich umher und die Angst um das
Schicksal der anderen drückt mir den Atem«
»Nimm dazu meine Botschaft Dies sandte Beros Tochter aus dem Herrenhofe«
antwortete Bertar und zog eine Schnur gereihter Haselnüsse hervor »Merke mein
König sinnvoll hat das Mädchen dir die Frist gesteckt Die erste Frucht halb
weiß halb schwarz meint die Zeit der Nachtgleiche jede andere einen folgenden
Tag auf jede siebente ist das Bild des wechselnden Mondes geritzt die letzte
Nuss ist schwarz und eine Eisennadel steckt darin diese bedeutet wie ich
verstehe den Tag welcher zur Vermählung bestimmt ist Jetzt zähle Herr Kurz
ist die Frist die dir bleibt zum letztenmal hat der Mond gewechselt«
Da rief Ingo »Wähle mir Vater die Blutgenossen für verwegene Tat und
rüste nach dem Brauch unserer Heimat die Männer und Rosse für den Vandalenritt
in der Schwärze Du aber flehe mit uns zu den Nachtgeistern um Sturm und
Finsternis«
Über den Waldlauben zogen die schwarzen Wolken dahin die Schatten dehnten
sich und glitten wieder zusammen bald fuhr es beim Mond vorüber wie
Manneshaupt bald wie goldschimmernder Fuß eines Rosses Von den Bergeshäuptern
wälzte sich dichter Nebel herab bleigrau wand er sich um die Höhen floss in die
Täler und hüllte in gräulichen Dämmer was auf der Erde ragte Fels und Laub und
den schreitenden Mann Der Wind heulte über die Berge langhallenden Klageruf und
schüttelte die Wipfel der Bäume dass sie ihre Äste tief gegen das Tal neigten
hier und dort dröhnte es im Walde von schwerem Fall alte Urstämme vom Moder
gehöhlt brachen zusammen Baum stürzte auf Baum und riss die belasteten welche
unter ihm krachten tief hinunter in das enge Tal Schreiend fuhr das Volk der
Raben auseinander und wirbelte abwärts in die Kluft wo die gescheuchten mit
Schnabel und Fängen sich festklammerten Unten aber rauschte zornig die
Schaumflut des Baches sie schwoll gegen die Baumsperre und hob sich von Fels zu
Fels in tollem Wirbel kreisten darin die Äste und Stämme und der Wasserschwall
schlug an die Berge
Über das Waldgebirge breitete sich ein fahler Lichtschein vielleicht kam er
aus dem Boden vielleicht aus den Wolken des Himmels undeutlich sah man die
Berge über die schwarze Nacht der Talgründe ragen Plötzlich flammte ein
Blitzstrahl Und wilder als Brausen des Waldes und Gekrach der Bäume klang der
Herrenruf des Donnergottes
Ingo stand hoch über dem Giessbach mit der Faust hielt er sich fest an einer
Wurzel die seitwärts aus dem Boden ragte und ehrfurchtsvoll neigte er sein
Haupt zu Strahl und Donnerton »Unter den Nachtgöttern die ich mir zur Hilfe
beschwor nahst auch du« murmelte er »starker Gebieter was kündet dem
flehenden Mann die Himmelsflamme in der du daherfährst Mahnst du mich hinweg
von der Menschenerde in die Lichtallen und soll ich zerbrechen wie die
Waldwipfel im Sturme oder willst du mir vergönnen dass ich der Frucht gleich
die von deinem Baume fällt festafte in den Tälern wo Menschen wohnen Hast du
ein Zeichen für mich so lass mich vernehmen ob die Tat die ich wagen will mir
zum Heile gelingt« Da fuhr ein Feuerstrahl aus der Wolke in den Felsen unter
ihm und aus dem Fels flammte blaues Licht dem Blitzschlag entgegen der Donner
krachte das Felshaupt löste sich und sank in Sprüngen hinab von der Höhe in das
Tal immer wilder die Sätze und schneller der Sprung es brach durch den Wald
und splitterte den Stein bis es in den Giessbach schlug dass der Gischt hoch
gegen den Himmel sprühte Aber dem Schlag und Getöse folgte Stille und aus der
Ferne klang mahnend ein Nachtruf von Männerstimmen Da rief Ingo in wilder
Freude »Die Hochzeitsknaben höre ich sie laden zum Brautlauf segne unser
Werk großer Gebieter« und die Waffe schwingend sprang er durch Wetterwolken
und schwarze Nacht dem Tale zu
Der Mond war hinter den Bergen geschwunden schwarze Nacht deckte die
Waldlauben mit Getöse fuhren die Sturmriesen um die Häuser des Herrenhofes sie
schlugen den eisigen Regen auf die Dächer schleuderten die Bretter vom First
der Halle und stießen brüllend gegen die geschlossenen Tore Wer von den Männern
im Toben der Nachtgewalten erwachte der barg scheu das Haupt in seinem Pfühl
selbst die Hofhunde lagen winselnd in den Hütten und unter der Treppe Im Gemach
der Jungfrau flackerte das Licht der Lampe in der scharfen Zugluft die durch
Tür und Wände drang Irmgard saß an ihrem Lager vor ihr kniete auf dem Boden
Frida hielt mit ihren Armen den Leib der Gespielin umfasst und horchte ängstlich
auf das Geheul der Nachtgeister
»Die Windsbraut fährt dahin über die Höfe« klagte Irmgard »gejagt von den
Riesen wer es wagt sein Messer in den Wirbel zu werfen der verwundet so
sagen sie das flüchtige Weib Auch mich hat der Vater mit dem Messer bedroht
weil ich auf meinen Knien flehte mir morgen das Gelübde an den argen Mann zu
erlassen Dahinfahren will ich wie die Riesenbraut bevor ich dem Verhassten die
heiligen Worte sage«
»Sprich nicht so furchtbar« bat Frida »dass nicht die Übermenschlichen
draußen es hören und dich an deine Rede mahnen« Und wieder hob sie ihr Haupt
und lauschte
»Nicht lange währte die Seligkeit die mir die Götter sandten als er in den
Hof trat« begann Irmgard wieder »Damals war ich sorglos als die Nachtsängerin
mir Gutes sang und die schwarzen Beeren am Fruchtbaum hingen stolz meinte ich
im Federkleid über die Männererde zu schweben wenn er zu mir sprach Jetzt
starre ich allein in die Finsternis Hassen muss ich mich« fuhr sie auf »dass
ich über die eigene Not klage Ingo Geliebter bitter ist die Sorge die ich um
mich selbst fühle aber größer das Leid um dein Geschick denn du bist
dahingeschwunden im Nachtwind keiner bringt mir Kunde von dir und ich weiß
nicht denkst du mein oder hast du mich vergessen atmest du noch in der Fremde
bedrängt wie ich oder soll ich dir den Purpur tragen unter die Erdscholle« Sie
sprang auf und rief »An meinem Herzen berge ich dein Geheimnis gebunden bin
ich an dein Leben und leben muss ich bis ich weiß wo das Haupt meines Königs
ruht Sieh zu ob der Morgen naht vor dem ich bebe« rief sie der Gespielin zu
Frida sprang an die Fensteröffnung und schob einen Zipfel der Decke zurück
gellend brach ein Windstoß herein warf einen Strahl Himmelswasser in das Gemach
und traf die Wange der Frauen mit kalten Schlägen »Keinen grauen Schein sehe
ich am Himmel und keinen Klang höre ich als das Stöhnen in der Luft« versetzte
Frida und verschloss wieder die Öffnung mit Laden und Decke
»Sei bedankt« sprach Irmgard »jetzt ist noch Zeit fröhlich zu sein Wenn
aber der Morgen kommt dann werden sich die Hochzeitsgäste sammeln im Festkleid
nahen sie und der Ring wird geschlossen sie ziehen das Weib hinein sie
sprechen ihr die Worte vor und höhnen sie durch die Frage ob sie geloben will
Nein« schrie sie »Dann sehe ich erschreckte Gesichter und zornrot eines Er
fasst nach dem Messer Stoß zu« Und das Antlitz in den Händen bergend klagte
sie »Armer Vater auch dir wird es traurig sein dein Kind zu verlieren Denn
auf einsamem Pfade fahre ich dahin über leere Heide gleite ich durch Eisströme
wate ich still ist der Weg und kalt ist die Nacht zum Tor der Todesgöttin und
um mich herum regen sich lautlos die schwarzen Schatten«
Die Haustür erdröhnte und sprang auf eine Schattengestalt drang herein
eine zweite ein ganzer Hauf riesig die Leiber schwarz die Häupter und schwarz
das Gewand Entsetzen fasste die Frauen als sie das Nachtgreuel sahen Aber aus
dem Ring der schweigenden und gleitenden Unholde sprang einer heran Nur ein
Laut ob ein Schrei ob ein Seufzer kam von Irmgards Lippen dann sank eine
dunkle Kappe über ihr Haupt mit Riesenstärke ward sie gefasst und hinausgetragen
in die Sturmnacht Hinter ihr warf ein anderer der Nachtgesellen die Hülle über
Fridas Haupt und wollte sie heben Sie aber sträubte sich heftig und obgleich
ihr schauderte rief sie doch »Freiwillig will ich gehen auf eigenem Fuße auch
unter Nachtgespenstern hinter der Bärenkappe merke ich eine rötliche Locke die
ich kenne« Im nächsten Augenblick war das Gemach leer die Tür von außen
geschlossen durch eine große Lücke der Hofmauer welche die Nachtgesellen
gebrochen sprangen sie ins Freie Unter Sturm und Regen schnaubten wilde Rosse
und fuhren Reiter dahin Und wieder schrien die Geister des Sturmes gellenden
Racheruf und schleuderten das Wolkenwasser gegen die Dächer des Hofes aus dem
das Herrenkind geschwunden war
Als der nächste Tag sich neigte schwieg der Sturm und die Sonne färbte mit
rotem Abendlicht die Eichen der Idisburg Da sprengte aus dem finsteren Walde
der hinter dem Holzring ragte eine Schar Reiter dem Burgwall zu Bertar der
selbst die Turmwache hielt eilte an das Tor und rief die Arme hebend den
Kommenden lauten Heilgruss entgegen Die Rosse stoben in den Hof zwei verhüllte
Frauen wurden herabgehoben Ingo löste die Kappe der ersten und Irmgards
bleiches Antlitz wurde vom Sonnenlicht bestrahlt Die Vandalen warfen sich vor
ihr auf die Knie sie fassten ihre Hand und den Saum des Gewandes und riefen
jubelnd Heil ihrer Königin Bertar aber nahte der Regungslosen ehrfurchtsvoll
fasste ihre Hand und sprach »Schliesst den Ring Blutgenossen fleht dass die
hohen Götter den Bund der Könige segnen« Und er tat die heilige Frage der
Vermählung an Ingo Ingberts Sohn den König der Vandalen Darauf wandte sich
der Alte der an Vaterstelle stand zu der Jungfrau und tat dieselbe Frage Da
öffneten sich ihre Lippen zum erstenmal seit der Angstnacht aber die bebenden
Worte klangen »Ja ich will« Und die Vandalenfrau barg ihr Angesicht an der
Brust des Mannes der ihr lieb war
Unter den Eichen wurde das Brautmahl gerüstet die Knaben trugen die
Holztafeln und stellten sie auf Kreuzhölzer die sie gefügt Auch den Ehrensitz
für den Wirt und die Wirtin hatten sie vorsorglich gezimmert und mit einer
Armlehne erhöht »Lass dir edle Herrin heut zum Willkommen das wilde Mahl
deiner Knaben gefallen« bat der Alte »Holzschüsseln bieten wir dir statt
Silber und zu dem Trunke aus dem Quell und dem Met den die Bauern gebraut das
Fleisch eines Ebers aus deinem Walde Sei gnädig und hold deinem Volke«
Und am Abend sprach Bertar vor der Eiche zu Ingo »Wie lange ich lebe oft
war ich fröhlich in meinem Sinn wenn ich auch nur ein schweifender Recke bin
aber fröhlicher als zuvor stehe ich heut vor meinem Herrn Denn das Nest das
wir hier gebaut wie die Habichte über dem Felsen das dünkt mich gute Arbeit für
dich und eine andere Und metselig will ich das Werk rühmen die guten
Bollwerke die tiefen Gräben die schaffenden Fäuste der Männer Mehrerlei
Menschenwerk habe ich geübt und öfter habe ich zerschlagen als gebaut aber als
die trefflichste Arbeit lobe ich neben dem Sprunge in die Schlacht die Arbeit
der Axt welche auf herrenlosem Grunde ein Heimwesen schafft Ruhe mein König
auf bräutlichem Lager zum erstenmal seit du ein Knabe warst schlummerst du
als Herr auf eigenem Grunde und legst den Arm einem Ehegemahl um ihren Hals
Ruhe sorglos denn deine Knaben wachen ehrfürchtig im Ringe um das grüne
Brautgemach ihres Herrn Selig war der Tag selig sei die Nacht und Heil
bedeute eurem Leben der Einzug in den Hof«
Am Quell
Einmal hatte der Sommer die Eichen auf der Idisburg in das grüne Laubkleid
gehüllt und einmal der Winter die Äste kahl gefegt aber hell flammte durch das
ganze Jahr das Herdfeuer des neuen Hofes unter den Bäumen Jetzt war wieder
Sommer und gute Zeit in langer Reihe zogen die kleinen Lichtwolken am Himmel
und unten um den Fuß der Laubhügel in langer Reihe gemächlich die Schafe und
Rinder Zwischen den Eichen erhob sich jetzt ein mächtiger Holzbau der
Herrensaal Wer die Stufen hinaufstieg trat durch das Tor in die weite Halle
er sah hinten den heiligen Herd über sich das Balkendach an den Seiten die
erhöhte Bühne dahinter die Eingänge zu den Kammern des Herrn und der Hausfrau
In dem Hofraum davor standen vom Bollwerk überragt das niedrige Schlafhaus der
Mannen die Ställe und Vorratsräume
Unter der Eiche welche das Laubhaus trug saß Irmgard und blickte selig vor
sich nieder denn auf dem Boden lag ihr kleiner Sohn im Lindenschild seines
Vaters und Frida schaukelte ihn Der Kleine griff mit den Händchen nach einer
Biene die vor ihm summte »Weiche abwärts Honigträgerin« scheuchte Irmgard
»und tue dem kleinen Helden kein Leid er weiß ja noch nicht dass du eine Waffe
unter dem Pelzrock birgst Fliege zu deinen Gespielinnen und sei fleißig den
süßen Seim zu kochen damit mein Held im Winter an deiner Arbeit seine Freude
habe Denn ein junger Burgherr ist er und wir heben für ihn den Zehnten von
allem Guten das im wilden Walde gedeiht Sieh Frida wie er die Faust ballt
und wie wild er vor sich blickt er wird einst ein Krieger den die Männer
fürchten Dort bringt ihm auch der Vater seine Jagdbeute« rief sie freudig hob
den Kleinen aus dem Schilde und hielt ihn in die Höhe als Ingo herzutrat mit
Hornbogen und Jagdspeer einen erlegten Rehbock auf der Schulter Der Häuptling
beugte sich über den Sohn und strich seinem Weibe grüßend das Lockenhaar dann
legte er das Wild am Baume nieder »Der Schnellfuss hier kreuzte meinen Weg als
ich über die Berge nach der Burgundenmark schritt Sie ist nahe genug und man
erreicht sie ohne viel Rosssprünge« setzte er lachend hinzu »Einem der Marvinge
wurden in der Nacht zwei Rinder aus dem Waldgehege geraubt wir folgten der
Spur sie führte über die Grenze und unsere Boten gehen südwärts den Raub
einzufordern Doch sorge ich es ist vergeblich denn ungerecht sind die
Grenzleute drüben und wir vermögen nicht anders zu unserer Habe zu kommen als
dass auch wir auf ihrem Grunde in die Herden fallen Üble Heldenarbeit ist
solcher Nachtwandel eines Katers und der Häuptling darfs nicht weigern«
»Dafür lachen dir die Landgenossen grüßend zu und auch dein Weib freut sich
der Ehre die sie ihr erweisen« tröstete Irmgard
»Ein gutes Weib habe ich das um meinetwillen froh ist« versetzte Ingo
»Dennoch fürchte ich dass sie nur selten noch einen Sänger hört der die Taten
ihres Hauswirts rühmt Heute nacht träumte mir dass die Waffen über unserem
Lager klangen und als ich auffuhr sah ich wie mein Schwert in der Scheide
hüpfte Weißt du was der Traum bedeutet du Zeichenkundige«
»Dass mein König sich nach Ausfahrt sehnt« versetzte Irmgard ernstaft
»hinweg von der Mutter und dem Kinde Eng ist der Hof und verborgen dein Hausen
im Walde Wohl sehe ich zuweilen die Wolke auf deiner Stirn und höre
Kampfesworte von den Lippen des Schlafenden wenn ich mich über dich beuge«
»Das ist Mannesart wie du weißt« versetzte Ingo »daheim auf dem Lager die
Schwertreise zu ersehnen und wieder nach dem Kampfe die Heimkehr an den Hals
der Gemahlin Wohl möglich dass der Gesang meines Schwertes uns einen Strauss mit
den Burgunden wahrsagt denn ärgerlich sind die Händel und Gundomars Gesinnung
wird kalt Sieh dorthin auch der Alte ist in einen Zimmermann gewandelt« er
wies auf Bertar der mit Axt und großer Ledertasche über den Hof schritt
»An der Zugbrücke ist ein Schaden zu heilen« erklärte der Held und trat
grüßend näher »und der Hände sind wenige Deine Knaben König rüsten mit den
Landleuten fröhlich das Nachtfest der Sommermitte und bereiten die Holzstösse zu
Bergfeuern«
»Du aber wachst für uns alle« sprach Irmgard
»Vorsicht ziemt dem Wächter welcher einen Schatz behütet« versetzte
Bertar und neigte sich gegen Irmgard und bedeutsam fuhr er fort »Gegen Norden
ragt das Giebeldach dieses Saales und in den Bergen sammeln sich die argen
Wetter Nordwärts sehe ich oft wenn auch der Tag sonnenwarm ist wie heut
Verzeihe Herrin dass ich stille Sorge erwecke Solange mein alter Gesell
Isanbart atmete hemmte er wohlgesinnt die Rachegedanken jenseit der Berge denn
Herr Answald beachtete seine Worte Seit sie aber den Hügel über ihn schütteten
haben die Feinde allein das Ohr des Häuptlings Nicht das Volksgeschrei fürchte
ich noch wohl aber heimliche Rachefahrt über den Wald Ungern sehe ich wenn
die Herrin allein in die Täler wandelt«
»Soll ich als eine Gefangene leben Vater« fragte Irmgard traurig
»Nur die nächste Zeit lass dir unsere Sorge gefallen Manche Wunde vernarbt
ist doch auch die des Teodulf geheilt und er schreitet wie sie sagen jetzt
am Hofe des Königs einher«
Vom Bollwerk klang laute Rede der Wächter auf dem Holzgerüst blies in das
Horn und hing an den Ruf lustige Töne die gar nicht dazugehörten Irmgard
lachte »Es ist ein Freund« sprach Ingo »der Wächter will ihm eine Ehre tun«
»Volkmar« schrie Irmgard und eilte dem Sänger entgegen der eilig in den Hof
trat Aber sie hielt an als sie in das feierliche Gesicht des Wanderers
blickte »Aus der Heimat kommst du doch ich erkenne einen Freundesgruss bringst
du nicht«
»Von der Königsburg komme ich« begann Volkmar und in seinem Antlitz zuckte
die Bewegung als er sich vor der Herrin und dem Häuptling verneigte »nur kurz
war meine Rast in den Waldlauben Herr Answald ließ satteln um nach der
Königsburg zu reiten die Fürstin saß unter den Mägden still war es im Hofe
niemand fragte wohin ich ging« Irmgard wandte sich ab aber im nächsten
Augenblick fasste sie die Hand des Gemahls und sah liebevoll zu ihm auf
»Als Bote des Königs kommst du« begann Ingo »ich hoffe wohlmeinende
Sendung trug er dir auf«
»Verstummt sind die Lippen des Königs« versetzte Volkmar »geendet ist
seine Sorge um Königsstuhl und Schatz tot fand man ihn auf seinem Lager
nachdem er am Abend vorher lustig unter seinen Mannen gezecht hatte Der
Holzstoss wurde ihm gerichtet und die Flammen loderten um seine Leibeshülle«
Tiefes Schweigen folgte seinen Worten
»Ein machtvoller Herr war er und ein beherzter Kriegsmann ein besseres Ende
habe ich ihm gewünscht als unter seinen trunkenen Leibwächtern« begann
erschüttert Ingo »Wie er auch gegen andere gehandelt hat in mürrischem Argwohn
mir war er ein Gehilfe zu meinem Glück und durch ein ganzes Jahr hat er den
Andrang meiner Feinde gehemmt«
»Den Schlüssel zur Schatzkammer bewahrt jetzt die Königin für ihren Sohn«
fuhr der Sänger fort »sie herrscht gewaltig in der Königsburg und sendet ihre
Mannen in das Land Um die Wette reiten die Edlen an ihrem Hofe Huld zu
gewinnen schwerlich wagt jemand ihrer Herrschaft zu trotzen Schon meint
mancher dass die Faust des toten Königs weniger gedrückt habe als die weißen
Finger der Frau Gisela Das kündige ich dir Fürst von niemandem gesandt du
erwäge ob es dir Unheil bedeute«
»Mit gleichem Ernst berichtest du Trauriges und Frohes« antwortete Ingo
lächelnd »War der König mir nicht schädlich die Königin kenne ich als gütig
und edelgesinnt Jetzt erst darf ich mit leichtem Mute mich meines Glückes
rühmen soweit es an dem Willen der Nachbarn hängt«
»Unsicher ist die Gunst einer herrischen Frau« sprach der Sänger
»Ein treuer Grenzwart war ich dem toten König warum sollte ich seinem Sohne
weniger sein Und solange Frau Gisela den Thüringen gebietet erwarte ich Gutes
von dort Du sprachst die Königin«
»Feindlich stach der Blick der Königin als sie mich in dem Haufen sah
Denkst du jemals wieder in meinem Hofe den Mägden deine Reigen zu spielen rief
sie mir zu so meide die Bergfahrt Wenn die Elster über die Wälder fliegt
rauft ihr der Habicht die Federn Vielschwatzender Bote warst du dereinst sorge
um deine Zunge So winkte sie mir Entfernung ich aber eilte flüchtig durch die
Wälder hierher mich trieb die Sorge um dich und die Herrin«
»War die Sorge auch eitel dennoch sei bedankt für deine Treue Dir hat ein
Verleumder die Königin verfeindet Wie sie mir gesinnt ist habe ich in schwerer
Stunde erfahren bewährt ist die Freundschaft und gemeinsam der Quell unseres
Blutes Denn uns beiden walten die hohen Ahnen im Göttersaal als zwei Kinder
eines Geschlechts stehen wir unter Fremden auf den beiden Seiten der Berge ich
der Mann und sie das Weib«
»Doch nicht dein Weib Herr« warf Bertar ein
Ingo lachte »Gleichwohl ist sie ein Weib und übel stünde uns Männern die
Laune einer Frau zu fürchten«
»Noch übler ihrer Freundschaft zu vertrauen« mahnte der Alte »Als die
Bärin klein war leckte sie die Hand des Mannes den sie später im Nacken
packte«
»Gar zu hartnäckig ist dein Misstrauen« schalt Ingo gutherzig »Aber ich
will die Klugheit üben die du rätst Wir reiten selbst in die Dörfer und laden
die Alten zum Rat ob wir eine Botschaft senden an die neue Königin und
vorsichtig auf Rüstung denken Ist die Arbeit unnütz so lachen wir später der
Sorge Du Volkmar weile als Gast bei uns bis du erkennst dass Frau Gisela dir
wieder hold wird du weißt selbst wie lieb uns deine Nähe ist«
»Verzeih Herr« antwortete der Sänger ernstaft »wenn ich meine Fahrt
nicht hemme schneller als Sprung des Hirsches und Flug des Falken eilt der Zorn
dieses Weibes Völlig hat sie vergessen dass sie ehedem meine Botenfahrt vor dem
toten König rühmte Meinst du vor ihr sicher zu sein mir hoffe ichs nicht«
»Wer darf dem wanderlustigen Sänger den Fuß hemmen Musst du scheiden so lass
dirs doch gefallen bei der Herrin am Herde auszuruhen und kehre bald wieder
unter unsere Eichen«
»Ich werde die Stätte wieder aufsuchen wo die Eichen stehen« versetzte der
Sänger sich über die gebotene Hand des Häuptlings neigend
Ingo schritt mit Bertar zu den Rossen Irmgard sah ihm nach »Vieler
Geheimnisse bist du kundig Volkmar« sprach sie leise »aber du vermagst der
angstvollen Frau doch nicht alle Gedanken zu deuten welche durch das Haupt
ihres Gemahls ziehen«
»Die Gedanken schwirren im Haupt wie Schwalben im Hausdach sie fliegen aus
und ein« tröstete der Sänger »du aber gleichst dem Herdfeuer im Hause welches
Frieden gibt und froh macht sorge nicht um die schwärmenden Schatten Doch auch
dir Herrin nahe ich als verschwiegener Bote Da ich aus den Waldlauben schied
trat Frau Gudrun mit mir zu dem Gehege worin sie das Hofgeflügel verwahrt Sie
wies auf ein Storchweibchen und sprach Der Vogel entflog im Sommer dem Hofe
aber vor dem Winter kam er zurück und brachte sein Junges mit jetzt füttern wir
beide Eine die du kennst schwand von hier weil sie die Schwungfedern eines
Wanderschwans erfasst hatte trage ihr jetzt ein anderes Reisezeichen zu« Und
der Sänger bot ihr das Zeichen die Flügelfeder eines Storches und die Kielfeder
eines jungen Vogels mit einem Faden zusammengebunden Irmgard hielt den Gruß
ihrer Mutter in der Hand und ihre Tränen fielen darauf »Frau Adebar die
Störchin flog zum Hofe zurück weil ihr ein Raubvogel den Wirt ihres Nestes
zerkrallt hatte Mir aber gebietet mein Herz den wilden Falken zu widerstehen
welche gegen meinen Hausherrn die Flügel schwingen Komm Volkmar dass ich dir
mein armes Storchkind zeige das jauchzend die kleinen Hände ballt wenn sein
Vater sich über sein Antlitz neigt«
Am Nachmittag war es still auf der Ringburg Der Sänger war geschieden Ingo
eilte mit den Hofgenossen durch die Täler Frau Irmgard stand an dem Quell der
unweit des Hauses unter einem Felsen hervorrieselte Dort hatten die Männer der
Herrin einen schönen Steintrog gemeisselt in dem sich das Wasser sammelte Warm
schien die Sonne lustig plätscherte das kühle Wasser und floss aus dem
Steintroge talab über die Felswand hingen von oben die Äste eines Eschenbaumes
als ein schirmendes Dach und um den Quell standen Weiden und bargen mit ihrem
grauen Blättergewand die Stelle vor fremden Augen
Irmgard hielt den kleinen Sohn über den heiligen Quell »Liebe Herrin des
rinnenden Wassers« flehte sie »sei hold meinem Kinde dass seine Glieder stark
werden und sein Leib wohlgestaltet wie der meines Herrn« Sie badete den Knaben
welcher ungeduldig schrie und mit den Beinchen um sich schlug sie rieb ihm den
kleinen Leib mit dem Linnentuch hüllte ihn warm ein legte ihn auf das Moos und
sprach ihm kosend zu bis sein Schreien endete und er die Mutter wieder
anlachte Dann erhob sie sich und legte ihr Obergewand ab dass sie ungegürtet im
Unterkleide stand sie spülte am Wasser den Saum des durchnässten Gewandes rein
und breitete es aus wo die Sonnenstrahlen auf den Rasenweg fielen »Einst hatte
ich Dienerinnen welche sich zu meinem Dienst aufschürzten und selten rührten
meine Hände an Herd und Trog jetzt hause ich mit Frida und den Mahlmägden
allein in der Wildnis und rau wird die Hand ich fürchte dass das meinen Herrn
kränkt Wäre meine Hand weich wie einst ihm würde manches Behagen fehlen Wie
könnte er leben ohne meine Hilfe an der wilden Mark« Sie sah auf ihr Bild
welches in dem bewegten Wasser hin und her fuhr und löste das Band ihrer Haare
Die langen Ringellocken sanken herab und tauchten mit den Spitzen in das Wasser
sie aber starrte in die Flut und sprach leise »So gefiel ich ihm einst wissen
möchte ich ob er noch so denkt wie damals wo er mich im Morgenlicht küsste
Oder hat mich der stille Gram gewandelt um den Zorn des Vaters und die Trauer
der Mutter Ich berge doch meine Seufzer dem Könige und winde die Hände nur in
der Einsamkeit Ihm aber kränkt die einsame Ruhe den stolzen Mut und er sehnt
sich hinaus zu ruhmvollem Heldenwerk denn hoch fährt sein Sinn und er ist sein
Lebelang gewöhnt den Adlern die Walstatt zu bereiten Jetzt birgt er sein Haupt
unter dem Holzdach um meinetwillen«
So senkte sie das Haupt über den Steinrand in schweren Gedanken Der Türmer
rief und von Tritten klang der Stein ohne dass sie darauf achtete Da schnaubte
neben ihr ein Ross und eine tiefe Frauenstimme rief »Was kauert das Weib am
Brunnenrand so gierig ihr eigenes Antlitz zu beschauen dass ihr Auge und Ohr
verblendet sind«
Irmgard fuhr auf Vor ihr hielt hoch zu Ross eine mächtige Frau von dem
gelben Haar hing ein Schleier herab über die Schultern und des Rosses Rücken
ein Purpurmantel von Goldmetall blitzte die Rüstung des Rosses und sein Huf
stampfte auf dem Linnengewand das Irmgard ausgebreitet hatte Und hinter der
Fremden sah sie das bleiche Antlitz Sintrams Die heiße Röte stieg ihr in das
Antlitz sie wusste wer die Fremde war vor der sie ohne Gürtel mit entblösstem
Bein stand Aber aus ihrem Auge flammte der Zorn wie aus dem der Königin So
prüften einander die Frauen schweigend mit feindlichen Blicken dann schlug
Irmgard ihre Haare wie einen Schleier über die Brust und tauchte neben dem
Brunnen nieder in das Moos damit sie die nackten Beine berge Sie nahm ihr Kind
in den Schoss und hielt es vor sich »Ist das Weib stumm das sich auf den Boden
duckt« rief die Königin ihrem Begleiter zurück »Es ist Frau Irmgard selbst
Herrin« antwortete Sintram »Die Königin ruft dich Base Irmgard«
Irmgard blieb unbeweglich sitzen aber sie rief befehlend »Wende dein
Antlitz ab Sintram nicht ziemt es dir die Augen auf mich zu richten während
das Ross deiner Königin über meinem Gewande stapft«
»Hast du so gut gelernt was dem Weibe geziemt im Hofe deines Vaters aus
dem du entwichen bist als Dirne eines fremden Mannes«
»Unwahr schmähst du wenn du gleich eine Königin bist« rief ihr Irmgard
zornig entgegen »treu lebe ich meinem verlobten Gemahl Siehe zu Neidvolle ob
du gleicher Ehre dich rühmen darfst«
Drohend hob die Königin den Arm da klangen Stimmen auf der Höhe »Hierher
Ingo« rief Irmgard außer sich »hilf deinem Weibe« Den steilen Fußpfad an
ihrer Seite sprang Ingo herab erstaunt sah er sein Weib am Boden und vor ihr
hoch zu Rosse die zornige Königin mit ihrem Begleiter Er schritt bei seinem
Weibe vorüber und beugte huldigend Haupt und Knie vor Frau Gisela »Heil der
großen Herrin der Thüringe« rief er fröhlich »in Ehrfurcht grüße ich dein
edles Haupt schenke deine Huld dem Hause des treuen Vetters« Das Antlitz der
Königin wandelte sich da sie den Helden so froh in ehrerbietiger Haltung vor
sich sah und sie sprach gütig »Heil sei auch dir mein Vetter«
»Übt niemand der Königin den Hofbrauch dass er ihr vom Rosse helfe« rief
Ingo und bot der Königin den Fuß und den Arm damit sie sich herabschwinge Frau
Gisela fasste mit der Hand in sein lockiges Haar sich daran zu halten und ließ
sich an seinem Fuße herab
»Verzeih Base Gisela« fuhr Ingo fort als die Königin vor ihm auf dem
Boden stand »ungebührlich ist es dass meine Hausfrau vor den Augen der Königin
und eines fremden Mannes entblößt sitze leihe ihr huldvoll den Mantel damit
sie sich geziemend entferne« und behend fasste er ihren Mantel da wo ihn die
Spange festhielt und zog ihn von den Schultern Die Königin erblich und trat
zurück Ingo aber schlug den Mantel um den Leib seiner Frau und befahl sie
erhebend und auf den Weg weisend »Verlass uns«
Irmgard hüllte sich und den Knaben in das weite Gewand und schritt den
Fußpfad hinauf Ingo aber wandte sich wieder zur Königin er sah wie diese nach
Fassung rang und dass Sintram vom Rosse gesprungen war und mit gezogenem Schwert
herankam Aber die Königin winkte und Sintram trat gehorsam zurück
»Dreist war die Hand welche der Königin den Mantel nahm aber dem Manne
geziemt die Ehre seines Hauses zu wahren du Ingo hast mutig gebessert was
wir im Eifer versahen und ich zürne dir darum nicht« Sie winkte ihrem
Begleiter zum zweitenmal Sintram wich mit den Rossen weiter abwärts Ingo stand
der Herrin allein gegenüber »So ist es gekommen wie ich begehrte« begann Frau
Gisela »du bist vor meinen Augen Ingo wie einst wo ich dich auf den Stufen
der Halle empfing und wie damals nahe ich dir gutgesinnt« Und ernster fuhr sie
fort »Du hast Feinde in meinem Lande welche dir Unheil sinnen und laut
schallt ihr Racheschrei in der Königsburg auch meine Heimatgenossen die
Burgunden erheben wie ich höre Klage gegen dein raubendes Volk«
»Du kennst den Brauch an den Landmarken Königin für den Schaden den meine
Leute durch die Fremden erfuhren setzten sie sich selbst das Maß der Rache
Doch wurde durch meine Genossen ein Thüring gekränkt so waren wir eilig dem
Geschädigten Sühne zu leisten lass auch du Königin dir den Frieden gefallen
den Ingo und seine Markleute von deiner Macht ersehnen«
»Der Held den ich einst kannte hatte höheren Stolz als Kühe der Burgunden
in seine Ringburg zu treiben« spottete die Königin
»Der Mann welcher unstet über die Erde schweift zimmert gern ein Dach
unter dem er als Wirt gebietet« versetzte Ingo
»Unsicher nenne ich das Hausdach« versetzte die Königin »aus welchem die
Hauswirtin durch Volksgeschrei gefordert wird Der Vater und der Bräutigam
denen du das Weib geraubt fordern den Heereszug gegen dich der junge König
bedarf die Hilfe seiner Edlen er kann nicht weigern die Geraubte von dir
zurückzufordern und nahe ist wie ich fürchte dir das Verderben denn mühsam
hielt der Königswille bis jetzt die zornigen Männer zurück«
»Was du drohst Königin zwingt mich noch fester in meinem Hofe zu stehen
ist Kriegstat nahe mir ist sie willkommen rostig wird das Schwert das am
Herde hängt«
»Törichter Mann« rief die Königin nähertretend »ganz ahnungslos lebst du
im Walde während von allen Seiten die Jäger gegen dich ziehen Der Cäsar begann
neue Kriegsfahrt gegen die Alemannen auch dich sucht seine Rache den Burgunden
hat er Bündnis geboten und Gundomar hat sein Volksheer geladen«
»Den Cäsar nennst du« rief Ingo »Dank für die gute Botschaft Königin
Darum klang mein Schwert und dort naht der Kämpfer den ich mir bei Tag und
Nacht ersehne« Seine Augen leuchteten und seine Hand fuhr nach der Waffe
»Gut sprichst du Held« rief Gisela selbst ergriffen von seiner Glut
»verlorene Mühe wäre es dich durch Gefahren zu schrecken
Die Warnung trage ich zu denn ruhmvollere Genossenschaft weiß ich für dich
als unter den Bauern des Waldes und der Mark Ingo mein Vetter du bist es dem
ich lieber als einem anderen Mann den jungen König und mich selbst anvertraue
einen Helden begehre ich der dem Volksheer vorschreitet in der Schlacht und
der meinen Sohn lehrt wie man Ruhm gewinnt Zu solcher Hoheit habe ich dich
erkoren und dich für die Königsburg zu werben bin ich hier«
Ingo stand überrascht heftig wirbelten ihm die Gedanken durch das Haupt
Vor sich sah er das schöne Weib in der Königskrone die Hand hielt sie ihm
entgegen was die Sehnsucht und Glück des stolzesten Helden war das trug sie
ihm bittend zu
»Du warst ein Knabe« fuhr Frau Gisela in tiefer Bewegung fort »da legten
die Väter meine Hand in die deine du wurdest ein Held gerühmt von den Völkern
und ich ein unzufriedenes Weib in der Königsburg da strichst du wieder mit
deinem Finger schmeichelnd über meine Hand Was dich von der Königin trennte
ist seitdem auf dem Scheiterhaufen dahingelodert Jetzt komme ich und lade mir
den erlauchtesten aller Helden in diesen Ländern Beide flehen wir zu demselben
hohen Gott die Enkel zum Ahnen denn aus dem Geschlecht der Götter stammen wir
beide noch dürfen wir das Haupt erheben über alles Volk der Menschenerde du
und ich wir sind durch die Unsichtbaren selbst geweiht zu Herrschern des
Volkes« Als Ingo von den Lippen der anderen dieselben Worte vernahm die er
selbst gesprochen hatte da sah er wie betäubt auf die Herrin die einer Göttin
gleich über sein Schicksal sann Von der Höhe rauschte es der Mantel der
Königin fiel herab in der Ferne verklang das leise Wimmern eines Kindes
»Dies ist der Schmuck der geliebten Helden gebührt« rief die Königin und
rührte mit der Hand seine Schulter Ingo hob das Haupt
»Eine leise Stimme höre ich in meiner Not« sagte er vor sich hin »meinen
kleinen Sohn höre ich über mich klagen und wie ein Mann der aus dem Traume
erwacht stehe ich vor der Königin An eine bin ich gebunden die mir teurer ist
als mein Leben Alles hat sie für mich verlassen im Ringe der Blutgenossen habe
ich ihr gelobt dass ich um sie sorgen will wie ihr Vater und mit ihr allein das
Lager teilen als ihr echter Gemahl Wie darf ich sie meiden und zur Königsburg
ziehen«
»Nicht weiter Ingo« rief Frau Gisela und ihr Antlitz flammte »gedenke
dass du auch mir die Hand gereicht denke jener Nacht wo ich das Schwert des
toten Königs gehalten Damals wo ich dir dein Leben bewahrte haben die
Unsichtbaren mein Schicksal an deines gebunden Mir gehörst du an mir allein
und teuren Preis habe ich für dich gezahlt«
»Hochherzig und als Heldin hast du dich mir erwiesen« versetzte Ingo »und
dankbar bleibe ich dir solange ich atme«
»Pfui über den kalten Gruß« rief die Königin außer sich »und pfui über den
Helden der mit höflichen Worten dankbar ist dass ein Weib sich für ihn mit dem
Fluch der Todesgötter belastet Verstehst du so wenig was ich getan da ich dem
eigenen Eheherrn das Schwert band Die bösen Gewalten habe ich heraufbeschworen
gegen mein eigenes Leben Argwohn und den lauernden Hass Galle war seitdem mein
Trank und der eines anderen verdächtig jedes Wort und ruhelos jede Nacht Ob
ich noch ferner im Licht atmen würde wenn der andere fortfuhr mit seinen
wilden Knaben zu zechen das war meine Sorge herznagende Sorge bei Tag und
Nacht«
»Hast du Todesnot ertragen um meinetwegen« sprach Ingo bewegt »so rufe
mich wenn dich Gefahr bedrängt und willig werde ich mit meinem Blut zahlen
was ich von deiner Last zu tragen habe«
Die Königin hörte kaum seine Worte sie trat nahe zu ihm und flüsterte mit
heiserer Stimme »Bist du so willig Trauter Wohl möglich dass der andere nicht
gestorben wäre hättest du nicht in jener Nacht in meinem Gemach gestanden«
Der Held fuhr zurück seine Wange erblich aber kalt war sein Blick als er
antwortete »Meinst du Königin dass du meinem Herzen lieber wurdest wenn du um
meinetwillen schwere Tat auf dein Leben nahmst«
»Was starrst du mich an wie von Stein« schrie Frau Gisela sie fasste seinen
Arm und schüttelte ihn »Nicht dürfen wir zwei du und ich nebeneinander noch
auf der Männererde dauern wenn du mir nicht folgst«
Zornig löste sich der Held von ihrer Hand »Hast du durch heimliches
Nachtwerk auch auf mein Haupt den Zorn der Rachegötter gesammelt ich bin
bereit die Busse zu zahlen aber frei von dir nicht als Knecht an dein Leben
gebunden«
Die Königin sah scharf in sein Angesicht langsam hob sich ihr Arm und die
Hand ballte sich drohend »Geworfen sind die Stäbe in welche die Schicksalsfrau
deine und meine Zukunft ritzte Du hast gewählt Ingo und das Zeichen das du
gefunden bedeutet Not« Sie wandte sich ab krampfig hob sich der Leib aber
tränenlos blieb das Auge und steinern war ihr Antlitz als sie auf die
untergehende Sonne weisend halblaut sagte »Auf morgen« Eilig schritt sie zu
den Rossen Ingo schleuderte den Königsmantel mit dem Fuße den Berg hinab und
sprang auf dem Wege den Irmgard gegangen seinem Hofe zu
Der Wetterschlag
Durch die enge Pforte welche vom Quell in den Burghof führte eilte Ingo zum
Tor Er fand das verschlossene mit seinen Mannen besetzt auf dem Turmgerüst
rief ihm Bertar entgegen »Sieh abwärts mein König dort im Tale reitet die
Frau mit ihren Gesellen der Landmark zu So flüchtig stiebt keiner dahin der
sorglosen Mutes ist«
»Sie schied im Zorn Vater«
Bertar erkannte in der umwölkten Miene des Häuptlings was dieser nicht
aussprach »Scheucht der Hirt einen männlichen Wolf aus dem Pferch so meidet
der Gehetzte die Wiederkehr drei Tage lang die hungrige Wölfin aber wagt in der
nächsten Nacht neuen Einbruch Hirt der Marvinge wann erwartest du den Sprung
gegen deine Hürden«
»Zu morgen« versetzte Ingo
Der Alte nickte »Nicht geheuer ists dort im Norden Auf der Warte die wir
an deiner Landesmark zimmerten steht Radgais er ist einer der Klügsten und
ich meine nicht dass er schläft denn er hat den Sänger Volkmar angerufen und
weiß dass der Löffel einer Königin den Thüringen neuen Brei einrührt Dennoch
stieg kein Rauch von seiner Höhe hell ist der Tag und klar die Luft ich
fürchte Herr nicht freiwillig schloss er die Augen«
»Die Königin ritt auf Waldwegen die Warte zu meiden« versetzte Ingo In
dem Augenblick aber wo er ausspähte hob sich nordwärts am goldenen Abendhimmel
ein weißer Dampf höher stieg die Rauchsäule und färbte sich schwärzer
»Wir verstehen die Warnung« rief Bertar »die Knaben der Königin brechen
über die Grenze Herzlich wünsche ich dass ihnen der Wächter entrinnt«
»Schaue auch nach Süden Bertar dort hebt sich gegen uns der alte Feind
Zum drittenmal wirbt der Cäsar um unseren Leib diesmal fordert er von den
Burgunden dass sie uns austilgen Die Königin drohte mit den Waffen ihres
Bruders Gundomar«
Wieder sah der Alte in das Angesicht des Häuptlings und merkte an der harten
Miene dass der andere an schweren Kampf dachte Da zog er seinen Leibgurt fester
und sprach mit wildem Lächeln »Die Frist ist kurz für zwei Könige den Hof zu
schmücken Doch behend sind deine Knaben längst waren wir solcher Ehre
gewärtig und wer ungeladen in unserem Ringe schmausen will der wird wohl
selbst ein Schmaus für Rabe und Aar Befiehl mein König deine Knaben sind
bereit zu fechten«
»Entzünde das Notfeuer« gebot Ingo »sende Späher nach der Südmark und
warne in den Dörfern der altsässigen Bauern dass sie ihr wehrloses Volk und die
Herden in ihrem Waldringe bergen und uns von Bewaffneten senden was sie
vermögen«
Da rief Bertar mit mächtiger Stimme den Kriegsgesang der Vandalen über den
Hof »Wohlauf ihr Schwanensöhne in die Waffen tragt das Eisenbecken und
entzündet die Harzflamme ruhmreicheren Tanz beginnt ihr heute nacht als
brennende Klötze«
Gleich darauf loderte von der Höhe ein mächtiges Feuer und gewappnete
Männer jagten zu Ross den Berg hinab
Irmgard saß in dem hohen Brautgemach das ihr einst die Vandalen zwischen
dem Eichenlaub gezimmert hatten In der Hand hielt sie das warnende Zeichen der
Mutter Sie starrte darüber hinweg in das Leere Als sie unten im Burgringe den
Schritt des Gemahls vernahm wandte sie die Augen nach ihm ob er zu ihr treten
würde Doch er sprach mit Bertar Endlich stieg er herauf und vor sie tretend
begann er »Der Mantel der Königin flog nach der Tiefe die Frau wich zornig von
unseren Bergen«
»Auf dem Felsen lag ich über dem Brunnen die Angst warf mich zu Boden und
die Scham Da hörte ich Rede und Gegenrede ich sah wie mein Hauswirt sich zu
dem fremden Weib neigte und hörte wie sie ihr Recht forderte an seinem Leben«
»Dann hast du auch gehört dass ich widersprach« versetzte er gutherzig
»Die Worte verklangen denn mein Sohn wimmerte und ich trug ihn auf das
Lager des Vaters ob er ihm eine Stiefmutter findet«
»Irmgard« rief der Gemahl erschrocken »was sinnst du«
»Meinst du dass ich liegen will an deinem Wege wie ein Stein der deinen Fuß
von Heldentum und Königskrone scheidet Ich höre meine Volksgenossen sagen dass
ich dir nicht vermählt bin zu rechter Ehe und schmachvoll war der Gruß den die
Königin mir bot Wenn du die Dirne heimwärts sendest wird die Königin dir
wieder hold wie sie zuvor war«
»Du bist gekränkt und hart schneiden deine Worte« versetzte Ingo »ich aber
meine nicht du sollst daran denken das Tuch zwischen uns zu zerschneiden denn
eine andere sinnt darauf mit argen Gedanken Sie will den Gemahl von dir lösen
doch nicht wie du wähnst um ihm ein Königslager zu bereiten Denn auf eine
andere Ruhestätte denken sie für den landfremden Ingo und sie wälzen dort unten
im Tal die Steine um ihn zu bergen in der lichtlosen Kammer«
Irmgard fuhr wild auf wie von einer Schlange gestochen Er aber zog die
Widerwillige an sich und sprach ihr zärtlich zu »Mühselig war meine Fahrt über
die Männererde ich war noch ein Knabe da musste ich wie ein Raubtier durch die
Täler traben mir Beute zu holen die mein Leben fristete während die Jäger auf
meiner Fährte schlichen Mehrmals war mir der Tag verleidet wenn ich demütig
die Knöchlein an fremdem Tisch begehrte und den kalten Blick des Gastfreundes
sah Dennoch meine ich nicht ganz unrühmlich bin ich durch die Schlachtreihen
der Feinde gedrungen und ehrlich habe ich geworben dass mir dereinst ein
Freudensitz werde in der Halle der Helden Damals erschien mir der letzte Sprung
in die Schar der Feinde als das beste Glück und wenn der Schlachtgesang summte
dann hörte ich dass die Unsterblichen ihren Enkel hinaufriefen in ihr Gefolge
Erst seit ich dich sah und du mir lieber wurdest als mein eigenes Leben fand
ich viel Freude in dieser Welt und behaglich schien mirs oft im Sonnenschein
über den Tälern zu sitzen und zu lachen wenn die Böcklein in unserem Hofe
gegeneinander sprangen und meine Kampfgesellen in der Butte die wilden Waben
heimbrachten Aber da die Götter mir solches Glück gewährten teilten sie mir
auch zu dass es dauerlos sein sollte und leidvoll für dich die mir lieb ist
Durch frechen Hofraub musste ich dich gewinnen Ärmer bist du als mein Weib denn
daheim Niemand rief dir Heil als meine wilden Genossen und die Siedler welche
sich mir zugeschworen haben weil sie daheim schlechtes Glück fanden Ich habe
es oft gewusst wenn du neben dem Gebannten deine Tränen verbargst und die
Seufzer nach der Heimat Heut haben die Überirdischen mich gemahnt als der
Mantel fiel Wohl ist es möglich mein Weib dass sie mich zu sich laden wollen
darum sorge ich jetzt dass die Ausfahrt ruhmvoll sei und schädlich den Feinden«
»Reite aus dem Holzring« rief Irmgard »und baue dir in der Fremde ein
neues Heimwesen«
»Das Wildtier schlüpft aus seinem Lager wenn die Meute rennt nicht der
Wirt eines Volkes«
»Du lebtest verborgen ein seliges Jahr deinen Knaben hobst du im Schilde
und dein Weib hing an deinem Hals Denke auch daran Ingo bevor du wählst«
Angstvoll starrte sie ihm ins Gesicht
Ingo trat noch einmal zu den kleinen Lichtöffnungen und spähte nach allen
Seiten in die dämmrige Landschaft Wie rotes Gold leuchtete der Himmel und
unten im Tale stieg der Nebel aus dem Bach Er sah auf die geschwungenen Hügel
die dunklen Wälder die fruchtbare Flur dann wandte er sich zu seinem Weibe und
umfing sie »Als der Sänger in der Halle sang und du vor allen den Fremdling
ehrtest da war ich dir lieb weil ich den Helden voranschritt auf dem
Todespfade Was hat deinen Sinn gewandelt Vandalenfrau«
»Die Angst die ich fühlte dich zu verlieren« antwortete Irmgard leise und
barg ihr Gesicht an seiner Brust
Ingo hielt sie fest umschlungen »Mein Haupt trug ich hoch als Heimatloser
fröhlich genoss ich das Glück des Tages weil ich das Leben für wenig hielt gegen
ruhmvollen Tod stolz war ich treu zu sein jedem dem ich mich gelobt und
furchtbar meinen Feinden Wer diesen Stolz mir demütigen will den töte ich
oder er trifft mich Stolzer aber als sonst bereite ich diesmal den Kampf Denn
gewaltig naht der Feinde Drang wie nie zuvor und du Geliebte sollst mit
deinen Augen schauen ob der Sänger den Helden dir wahrhaft gerühmt hat Rüste
dich Fürstin zum Ehrentage deines Gemahls denn bald hörst du um dein
Brautgemach das wilde Lied deiner Schwäne und über den Wolken schaust du die
Himmelsbrücke auf welcher die Helden sich aufwärts heben«
Dunkler wurden die Schatten der Nacht das Notfeuer flammte und warf rotes
Licht und Russwolken über den Hof auf dem die Männer sich zur Abwehr rüsteten
Sie räumten die Hofstätte von Karren und Gerät trugen die Wurfspeere und
häuften die Steine auch die Mägde halfen sie holten in vielen Trachten das
Wasser aus dem Quell und füllten die Fässer und Bottiche an der Halle Boten der
Dorfleute rannten in den Hof reisige Männer sprengten ab und zu und
Befehlsworte der Führer klangen in dem umhegten Raum
Irmgard stieg mit Frida aus der hohen Kammer herab Niedergerungen war ihr
Zweifel und wie getragen durch einer Göttin Kraft schritt sie über den Hof
Bertar lachte vergnügt da sie ihm nahte Er erhob sich schnell vom Boden wo
er an einer großen Wurfschleuder hämmerte und grüßte sie wie ein Krieger
seinen Häuptling »So freut michs die Königin geschmückt zu sehen das Licht
des Antlitzes freut mich und der Goldschmuck auf der Brust Das Hochfest rühme
ich wo die Braut in so reichem Schmucke wandelt Denn lustiger fechten wir
Knaben wenn wir die Herrin schauen die sich wie eine Schlachtenjungfrau über
den Krieger beugt Du aber höre noch vertrauliche Rede des Alten Eine gute
Herrin warst du den wilden Knaben in friedlicher Zeit du hast gesorgt für alle
und warst stolz gegen jeden wie einer klugen Wirtin ziemt auf dass nicht ein
dreister Blick und ein unziemlicher Scherz der Mettrunkenen sich zu dir
hinaufwage Jetzt aber wenn dirs gefällt zeige den Männern freundlichen Sinn
sprich gütig zu jedem und teile reichlich den Vorrat den du in Keller und
Scheuer behütest Denn ich sorge nicht dass uns Speise und Trank noch mangeln
wird solange wir fechten und mancher schlägt grimmiger und wirft stärker die
Waffen wenn er unter seinen Genossen durch Met und ansehnliche Zukost geehrt
wird Bisher haben wir nur auf die Räuber der Burgunden gelauert diesmal gibts
Arbeit von der auch spätere Geschlechter erzählen«
Irmgard reichte die Hand die der Alte ehrfurchtsvoll fasste »Für mich ist
alles gekommen wie ich es immer ersehnte« fuhr er fort »kurzes Feld und
heißer Kampf und ich an der Schulter meines Herrn Nur dass der Haufe so klein
ist der mit ihm über die Walstatt schreitet das macht mir Sorge Denn lieber
zählt der Kriegsgott auf seiner Flur die Schocke der gemähten Männer als die
einzelnen Halme«
»Komm heran Wolf« rief Bertar dem jungen Thüring zu »du hast eine gute
Art mit den Weibern zu verkehren und sie rühmen dich als Reigentänzer Darum
sollst du als Frauenvogt wachen Führe die Weiber an wenn sie die Steine vom
Felsen rollen und wenn sie die Eimer schwingen gegen einen Brandpfeil auf dem
Giebeldach Hebe die Felle der Rinder und Hirsche die wir gesammelt aus der
Grube und breite das genetzte Leder über das Holzdach denn als bester Schutz
gegen Wurffeuer dient uns nächst dem Baumlaub das nasse Fell«
»Näher dem Herrn meinte ich zu stehen« versetzte Wolf unzufrieden
»Niemand wird dir wehren zur rechten Zeit deinen Sprung zu tun« tröstete
der Alte »aber rühmlicher als du wähnst ist dein Werk denn ich merke auch
die dort draußen werden in Frauenweise darum kämpfen ob dem einen oder dem
anderen das Mus verbrenne«
»Du meinst Vater es wird ein heißer Tag für manchen von uns«
»Für manchen von ihnen so ziemt sich zu reden« versetzte Bertar »Sorge
nur darum dass du als schmucker Knabe den hohen Schicksalsfrauen gefällst«
»Nicht an mich dachte ich« antwortete Wolf und blickte über die Schultern
nach dem Hause
»Sieh nicht rückwärts ist Gesetz im Männerkampf Alles was hinter dir
wandelt mag für sich selbst sorgen nur die vor dir sind darfst du sehen«
Als Wolf die Bündel der nassen Felle mit einem Seile auf das Dach ziehen
wollte stellte sich Frida zu ihm und begann spöttisch »Zu rühmlichem Dienst
bist du erkoren übel riechen die Teppiche welche du über uns breitest Wirst
du der Kämmerer der uns Frauen beschützt so bleiben die Feinde uns willig zehn
Schritt vom Leibe und heben die Nase abwärts mit Grauen«
»Wäre ich Häuptling« versetzte Wolf ärgerlich »ich stellte dich über das
Tor vor allem Heere auf dass du den Feinden durch scharfe Worte das Herz
verwundest Hilf mir die Leiter im Innern des Saales zu der Dachluke heben und
halte die Seile damit ich oben die Felle löse« Willig folgte Frida seinem Rat
und als er alles gebreitet hatte und von der Höhe herabkam sah er sich in dem
leeren Raume um und gab ihr schnell einen Kuss Frida sträubte sich nicht
sondern zog plötzlich ein Band hervor und sprach »Halte den Arm Wolf dass ich
mich dir verbinde Schauen wir morgen den Abend so will ich dir angehören als
dein Weib Oft war ich widerwärtig gegen dich heut sage ich dir dass du mir
lieb bist und kein anderer« Sie band ihm den Arm er aber rief »Den Zorn der
Königin will ich rühmen der meiner Distel den Stachel nahm« Sie küsste ihn
herzlich dann riss sie sich los und sprang zu den Mägden
Unter der Mondsichel trieben wieder die Wolken dahin wilde Gestalten
Menschenleib und Pferdegebein bald von gelbem Lichte umsäumt bald kohlschwarz
in grauer Dämmerung Aus dem Idisbach wand und ballte sich der Nebel und stieg
aufwärts gegen den Ringwall und die Burg Tiergeschrei und Menschenstimmen
schallten um das Burgtor auf den Pfaden aus der Tiefe führten die Dorfleute
Rosse und Rinder und die braunwolligen Schafe Mit dem Lindenschild schritten
die Männer und trieben mit dem Speer die Herden zur Eile hochbepackt mit
Hausrat eilten die Weiber und Kinder Gramvoll war ihnen der Weg zur Höhe denn
wer sich rückwärts wandte der sorgte ob er auch in den Hof den er sich jüngst
gebaut lebend zurückkehren oder ob der Hof selbst in Flammen lodern werde An
der Sperre des unteren Ringwalls drängten sich die Flüchtigen und der Vandale
welcher dort den Zugang hütete musste anweisen und schreien dass sie in dem
Dunkel nicht vom Pfade wichen der zum Tor führte Auf dem Gipfel füllte sich
der Burgraum mit Menschen und Herdenvieh Die Rinder brüllten die Rosse fuhren
wild umher und die Weiber drückten sich mit ihren Bündeln an den Holzwall Aber
Bertar mahnte die Männer die Hoftiere in Reihen zu stellen die Schafe mit
einem Pferch zu umschließen In der Mitte des Raumes flammte ein Feuer dort
brodelten die Töpfe für die Darbenden und der Schenk zapfte den Durstigen Bier
das sie reichlich begehrten Bertar schritt von einem der Männer zum anderen
bot ihnen würdig wie in friedlicher Zeit den Gruß fragte nach der Meinung und
prüfte dabei verständig ihre Zahl und den Mut »Was säumen die Nachbarn vom
anderen Ufer des Bachs wo sind die armfesten Bauern vom Ahornwald und dem
Finkenquell« rief er dem Thüring Baldhard zu »Hat den Marvingen der weiße
Nebel den Sinn geblendet dass sie den Schrei des Türmers nicht hörten und den
Feuerschein nicht sahen«
»Langsam regen sich ihre Glieder« versetzte Baldhard bekümmert »Herdenvieh
und Karren sah ich abwärtstreiben zu ihren Heiligtümern im Walde sie werden
nicht eilig sein Rosse und Kinder zu verlassen Dennoch wäre ihnen Eile ratsam
denn im letzten Zwielicht zog eine Schar vom Norden her den Bach entlang
Schilde glänzten und Eisenkappen Und ich argwöhne es sind die wilden Knaben
der Königin welche in den Höfen jenseits ein Nachtlager suchen«
Auf dem Pfad aus der Tiefe sprengte ein Reiter heran wild fuhr er auf
schaumbedecktem Ross durch das Tor und winkte im Jagen dem Alten zu »Radgais«
rief dieser und eilte ihm nach zu dem Saal wo Ingo mit den ältesten der
Dorfgenossen die Meldung der Krieger empfing Der Bote sprang grüßend ab »In
hellem Haufen drangen die Königsknaben durch unsere Mark es ist ihr ganzer
Schwarm dazu Mannen des Teodulf Mühsam entrann ich über die Berge nachdem
ich das Strohfeuer entzündet Sie aber halten sich hinter den Bäumen im Tale
denn schwerlich sind ihrer mehr als hundert Schilde«
»Sahst du die Königin«
»Außer Teodulf nur den alten Räuber Hadubald«
»Warf Frau Gisela keine größere Schar in die Sättel« sprach Bertar
verächtlich »so mögen wenige ihrer Treuen den heimischen Trinkkrug
wiederschauen«
»Dort naht einer vom Main der andere Gäste meldet« versetzte Ingo
Walbrand der Vandale stob heran
»Als ich mein König gen Süden durch den Kieferwald kam um über die
Landesmark zu spähen da hörte ich auf dem Saumpfad Klappern der Schilde Ich
barg mein Ross und wand mich zu Fuß durch das Dickicht in langem Zuge kams
heran ein Heer der Burgunden aus drei Haufen geschart Fußvolk und Reiter
Neben dem Führer ritt ein fremder Gesell ein Römer wars von der Leibwache des
Cäsar die man Protektoren nennt ich erkannte den Helm und die Rüstung und
hörte sein Lachen und römische Worte Sorglos wateten sie heran im Sande ohne
Vortrab und Späher ganz sicher des Sieges Mit wenig Begleitern hätte ich ihnen
Grauen erregt Aus dem Dickicht brüllte ich gegen sie wie der Nachtrabe brüllt
da hielten sie erschreckt an und sahen durch die Bäume nach den Wolken Ich aber
warf hinter den Stämmen hervor meine Waffe gegen den Römer Der Held fiel in den
Sand und stöhnte sie aber schrien laut auf und ich entsprang in das Dunkel
Ich hoffe ein übles Vorzeichen wird es ihnen«
»Wir rühmen die Sorge der Königin« sprach Ingo »dass sie ein fremdes Heer
gegen meine Mannen in Harnisch ruft Traute sie dem guten Willen der Thüringe so
wenig dass sie ihr Heimatvolk zum Schwerttanze lud Wo scheuchtest du ihre
Helden durch den Sang des Vogels«
»Auf halbem Wege zwischen hier und dem Main« antwortete Walbrand »ich sah
noch wie sie zur Nacht lagerten Spät erwachen die Burgunden wenn sie sich
auch eilen stehen sie doch nicht bevor der Morgen warm wird im Tale
Pferdetritte merkte ich unten im Nebel jenseit des Baches«
Ingo winkte ihm Entlassung und sprach zu Bertar »Sorge mein Vater dass
alle schlafen außer den Wächtern denn morgen werden sie Augen brauchen welche
fest in ihren Köpfen stehen und geruhte Glieder Halte gute Wache am Tor damit
nicht unter dem flüchtigen Anzug ein Feind zuschleiche Im Morgenlicht sammeln
wir die Bauern und zählen die Häupter Die Schar wird klein für den Ring Wir
aber kämpfen um das Leben und jene dort um karge Beute Zum letztenmal bevor
wir uns dem Kampfzorn weihen sei in Frieden gegrüßt mein Vater Dass sie uns
flüchtige Männer großer Volksrüstung wert achten darüber lachen wir heut und
dafür danke ich dir du Treuer«
Der Morgen graute die Wolken trugen blutroten Saum und bargen die Sonne In
der Ringburg erhoben sich die Schläfer von der Erde Die Männer rüsteten sich
zum Dienst für den Kriegsgott den Erbarmungslosen sie salbten und sträubten
ihr Haar dass es rötlich starrte sie legten um Arme und Hals die Ringe von
Bronze und Gold sie zogen den Gürtel am Leibe fest dass der Schritt behender
sei und der Schwung der Glieder gewaltiger Mancher legte sein Hemd an von
Hirschleder mit Eisenschuppen bedeckt mancher auch warf die braune Wolljacke
von sich und öffnete das Hemd damit man die ruhmvollen Narben auf der Brust
schaue Finster war der Blick der Krieger wild ihr Mut und schweigsam ihr Tun
Denn unziemlich war im Dienste des Schlachtengottes unnütze Rede
Bertar sprach zu Wolf der sich neben ihm wappnete einen dicken Goldring
darbietend »Lange habe ich das Prachtstück bewahrt das ich einst als
Königsgabe gewann Nimm du es heut als Geschenk von deinem Gesellen nicht
ungeehrt sollst du den Speer schwingen an unserer Seite damit die Feinde nicht
sagen Seht nur kärglichen Lohn erwarb der Thüring an der Bank des Fremden«
Wolf streifte den Ring über seinen Arm sah den Alten dankend an und antwortete
»Denke auch Vater wenn du den Streit ordnest daran dass ich nicht als
Frauenvogt unter den Weibern bleibe und zürne nicht wenn ich noch eines sage
Herrenfeind ist auch Mannesfeind aber am fröhlichsten wird sich mein Arm gegen
die Burgunden heben die nicht von meinem Stamme sind«
Der Alte lächelte finster »Unnütz bellst du junger Brackhund Noch ist der
Geruch des Blutes nicht in deiner Nase wenn der Tag heraufsteigt und die Wolken
dort oben sich schwärzer ballen wirst du selbst deiner Sorge wenig achten«
Vor dem Saale des Königs war der Opferstein gerichtet Um den Stein
sammelten sich die Krieger Ingo trat mit seinen Mannen aus der Halle in grauem
Stahlhemd unter einem Helm der mit dem Haupte eines Ebers gedeckt war silbern
waren die Zähne und rot glühten die Augen des Untiers Ein junges Ross führten
die Knaben herbei Bertar stieß ihm den Opferstahl in den Leib und riss die
tödliche Wunde Der König sang das Blutgebet und jeder der Männer trat herzu
tauchte die Rechte in das Rossblut und alle schworen einander die Todestreue und
dem Herrn Gehorsam
Aus dem Wipfel des Baumes rief eine helle Frauenstimme »Wahre dich König
die Heerschilde glänzen und die Spitzen der Speere« Das Horn des Türmers warnte
in wildem Ruf und ein Bote sprang zum König »Den Bach entlang reitet die Schar
der Königsmannen unter ihnen die Königin« Da erscholl der Kriegsruf im Hofe
der Burg die Krieger ergriffen Schild und Speer und traten zum Kreise das
Schlachtgebet in die Höhlung des Schildes zu singen Das wilde Lied erklang laut
in die Täler langsam und feierlich im Beginn anschwellend wie der Sturmwind
bis es scharf und markerschütternd tönte wie das Geheul der Windsbraut Als es
verstummt war antwortete von unten gellendes Geschrei Bertar rief die
Befehle und die geordneten Haufen der Krieger zogen den Berg hinab und
besetzten den Ringwall »Zwiespältig tönte das Kampflied« sprach Bertar leise
zu Ingo »ungleich bei unseren Mannen und den Landleuten du wirst heut nur der
heimischen Weise vertrauen« Noch einmal stieg Ingo mit dem Alten in den Wipfel
des Baumes »Frau Gisela führt in Wahrheit niemand mit sich als die lustigen
Mannen ihrer Burg und das Gesinde des Sintram Dafür hat sie die Burgunden
geladen dass sie ihr schnell das Werk vollenden Und willig sind sie gekommen
denn ihrer sind zehn gegen einen von uns Sieh Held schon ziehen sie den
Schildring um unseren Graben Hinab zum Wall Die Sitte fordert dass ich die
Königin begrüsse ich halte die Seite wo sie gebietet du leite das Volk
südwärts gegen die fremden Haufen«
Mit beflügeltem Schritt eilten die Helden an den Verhau Rundum erhob sich
Geschrei die Pfeile und Speere flogen in kleinen Haufen sprangen die Belagerer
heran und trugen Steine und Reisigbündel gegen den Aussenwall um den Graben zu
füllen
Überall wo nordwärts der Drang am heftigsten war klang mächtig der
Schlachtruf Ingos und vom Südrand her antwortete die Stimme Bertars und wo
der König die Speere warf dorthin rannte auch Teodulf Rache fordernd in den
Vorkampf Mehr als einmal zitterte sein Speer nahe an Ingos Haupt in den Balken
des Walles und der Schild des Türings klaffte geborsten von der Waffe des
Königs Aber der Ansprung der Belagerer misslang mit heißen Wangen wandten sie
sich abwärts ordneten die zerrissenen Haufen trugen aus dem Dorf der Thüringe
und aus dem Walde Bohlen zusammen und arbeiteten hart darüber mit Axt und
Hammer
»Mit starkem Schwunge hoben sich die Fäuste deiner Gesellen« rief Bertar
rühmend dem Sohne Beros zu »Sind die Knaben der Königin in Zimmerleute
verwandelt Verächtlich ist der Kriegsmann der hinter dem Bretterschild
kauert« Und zu Ingo sprach er lachend »Die Burgunden erwiesen schwachen Eifer
im Stosse gar nicht zahlreich sind die Opfer die wir auf meiner Seite dem
Kriegsgott fällten Und wir müssen zu ihm rufen Nimm gnädig mit wenigem
vorlieb wie der Kuckuck zum Bären sagte als er ihm beim Gastmahl drei tote
Fliegen bot«
Unter die heißen Strahlen der Mittagsonne wälzten sich graue Wetterwolken
da riefen die Hörner der Belagerer zu neuem Kampf und wieder erhob sich der
heulende Schlachtruf in beiden Scharen
Stärker war der Ansturm und größer die Gefahr denn nicht vergebens hatten
die Belagerer ihre Äxte gebraucht Von allen Seiten fuhren sie hinter starken
Bohlenschilden heran und wieder warfen sie Steine und Holzbündel in den Graben
und schleppten Baumstämme und lange Balken die Tiefe zu überbrücken auch
Gerüste hatten die Burgunden gerichtet in denen ein Balken als Sturmbock hing
donnernd schlugen die geschwenkten Balken gegen das Bollwerk und lange Haken
rissen den Bohlenzaun hinab in den Graben Um die wilden Werkzeuge entbrannte
der grimmigste Streit Wich ein Haufe der Belagerer rückwärts so sprang im Nu
ein neuer heran denn hinter den Kämpfern hielt die Königin und trieb mit Worten
und gehobenem Arme unablässig zum Sturm Endlich gelang es den feindlichen
Scharen hier und da den äußeren Wallring zu zerreißen und über den Graben
hinaufzuklimmen Da wogte eine Weile an den geöffneten Pfaden das Kampfgewühl
fest stemmten die Burgleute Holzschilde und Leiber den Riss zu stopfen Aber wie
die Flut durch den zerrissenen Damm so stürmte die Überzahl der Feinde hinein
und die kleinen Haufen der Verteidiger wurden rückwärts gedrängt nach der Höhe
Ingo stand vor dem Burgtor mit wenigen Blutgenossen welche heut an seiner
Achsel kämpften und deckte durch Schild und Speer den Rückzug seiner Krieger
Als letzter sprang er selbst in das Tor und hinter ihm hob sich die Brücke
Die Belagerer riefen das Siegesgeschrei und drangen gegen den Burgwall der
den Gipfel des Berges umschloss Aber kurz war die Freude von der steilen Höhe
flogen jetzt dichter die Speere und große Steine sprangen herab und rissen
blutige Bahnen in die stürmenden Haufen Denn enger war jetzt die Kette der
Verteidiger und sorgenvoll ihr Zorn da sie für die letzte Schanze kämpften die
vor dem Verderben schirmte alle Hände regten sich auch die Frauen standen
hochgeschürzt die Steine hebend und den Männern zureichend Unerträglich wurde
es endlich den Feinden an der Stelle zu haften in großen Sprüngen flohen sie
zurück und manchem noch zerschlug der geschleuderte Felsblock die gehobenen
Beine
Da ritt die Königin zornig vor ihre Mannen und rief »Wollt ihr den Met der
Königin ferner trinken ihr hüpfenden Helden so ringt euch aufwärts zu den
Weiden und werft den Steintrog nieder aus dem sie schöpfen vielleicht fangen
sie dann mit den Lippen die rinnenden Tropfen« Teodulf flog um den Berg und
befahl gemeinsamen Aufsprung von allen Seiten wieder riefen die Hörner und
gellte das Geschrei und wieder flogen Speere und Steine vom Bergeshaupt Aber
während der Ring der Belagerer von unten die Pfeile dahin schoss wo ein Haupt
oder Arm über die Brüstung ragte schlich Hadubald mit vier Genossen in dem
Rinnsal des Quells hinauf zu den Weiden alle gebeugt unter den Schilden starke
Hebestangen in der Hand Sie fuhren hinter die Bäume wo der Felsen sie deckte
Doch dem Helden Bertar entging nicht die drohende Gefahr die nächsten
Speergenossen raffte er zusammen und eilte mit ihnen durch die Pforte hinab
»Wir fassen von unten ihr sendet vom Felsen die Pfeile damit keiner entrinne«
Da als der Alte unter die Bäume sprang dröhnte der mächtige Steintrog abwärts
aus seinem Lager geworfen Bertar rief zornig dem Hadubald zu »Unsegen schafft
es dir Weinschwelg zum Wassertrog zu wandeln« und zerbrach ihm mit der Keule
das Haupt bevor der andere die Waffe erhoben hatte Auch die übrigen
Königsmannen erlagen den Streichen der Vandalen nur einer sprang abwärts aber
er sank auf dem Wege zu Boden den tödlichen Pfeil im Rücken und von der Höhe
begrüßte lauter Freudenruf seinen Sturz Darauf verstummte das Kampfgeschrei
und oben wie unten summten die schnellen Worte in den Haufen
»Der Steintrog ist geworfen« sprach Bertar zurückkehrend leise zu Ingo
»wild rinnt jetzt das Wasser abwärts und mühselig wird es den Ringgenossen
sich und ihren Tieren den Trunk zu schöpfen«
»Die Königin kannte den Quell« versetzte Ingo mit finsterem Lächeln
»Vermochten die unten den Stein zu werfen wir heben ihn wieder Rüste die
Bäume wähle die Streiter und ziehe die Schildburg um die hebenden Arme der
Landgenossen«
Während Ingo sprach schlug über ihm ein Pfeil schwirrend in das Turmgerüst
und eine kleine Flamme loderte um den haftenden
»Dort mahnt Frau Gisela unser Volk an den verwüsteten Quell« rief Bertar
Rund um den Berg sprangen einzelne Bogenschützen aufwärts und schossen
Brandpfeile gegen das Bollwerk sorglich bemüht durch behende Bewegung die
geworfenen Steine zu vermeiden Hier und da leckte die Flamme an den Balken und
Pfählen die Belagerten schlugen mit Stangen gegen die Pfeile und zerwarfen die
Flammen aber immer häufiger lohten die Brände wild klang das Geschrei der
Warnenden die Kinder heulten die Rosse bäumten wenn ein Brandpfeil unter sie
flog zerrissen die Halfter und fuhren rasend durch die gedrängte Menge Da
wurde die Arbeit peinvoll und manchem der Verteidiger sank Hoffnung und Mut
Mit kleinem Gefolge nahte in gestrecktem Lauf ein Reiter den Scharen der
Königin Ihn und seine Begleiter empfing lauter Zuruf aus dem Haufen des
Teodulf Herr Answald stieg vom Pferde »Täuschende Botschaft lud mich zu
deinem Hofe Königin während du hier Rache übst in meiner Sache«
»Ungeladen kommst du und unwillkommen« versetzte die Königin »meine nicht
dich zwischen mich und die Rache zu stellen den unerbetenen Mittler treffen die
Pfeile von zwei Seiten Das Schicksal jener wendet kein Sterblicher wenn nicht
sie selbst es vermögen«
»Will die Königin herrschen über das Volk der Thüringe so wird sie den
Brauch des Landes ehren Weiber sehe ich dort und Kinder von unserem Blut
greulich ist es Speer und Brandpfeil gegen die Wehrlosen des eigenen Volkes zu
schleudern Wer ein freier Thüring ist und sich Sieg begehrt in ehrlichem
Kampfe der helfe mir die Schmach zu wenden Fleht mit mir zur Königin dass sie
meide was uns alle ruchlos macht in dem Gedächtnis der Menschen«
»Gut spricht der Fürst« rief ein alter Kriegsmann und die Thüringe
schlugen die Speere zusammen »Heil dem Herrn Answald« Finster sah die Königin
über den Haufen aber sie schwieg
»Höre mich Herrin« schrie der Häuptling entsetzt durch ihr hartes
Antlitz »mein eigenes Kind das ich einst dem Teodulf verlobte steht unter
den Brandpfeilen und gleich ihr andere Frauen aus den Waldlauben Gegen mein
Kind steht mir allein die Strafe zu und niemand auch du nicht soll sie mir
über dem Haupte wegnehmen« Er sprang in den Weg vor den Haufen »Hier stehe
ich Answald ein Fürst der Thüringe Manches Mal habe ich eure Heerscharen in
den Kampf geführt Bevor ihr wagt die Unkriegerischen zu schlachten die dort
im Ring die Arme heben sollt ihr erst mich töten damit ich die Schande nicht
überlebe« Wieder erscholl lauter Zuruf der Krieger
»Zu mir ihr Königsknaben« rief Frau Gisela sich hoch aufrichtend Aber
auch Teodulf und Sintram drängten ihre Rosse an das der Königin und sprachen
leise zu ihr »Wärst du nicht außer dir alter Mann« begann die Königin
endlich und ihre Stimme bebte im Zorn »so würde ich dich strafen weil du
tollkühn diese zum Ungehorsam aufrufst Wenig liegt mir am Herzen Blut der
Bauern zu vergießen wenn sie auch eigenmächtig außerhalb der Mark sich gelagert
haben Lass das Horn ertönen Teodulf und schrei in den Ring Die Landleute
sollen freie Ausfahrt haben nicht nur die Weiber und Kinder sondern auch die
Männer und waffenlos aus dem Wall ziehen ohne Schaden an Leib und Gut durch
Gnade der Königin« Wieder klang aus den Haufen frohes Beifallsgeschrei In
langgezogenen Tönen mahnte das Horn vom Streite abzustehen Teodulf trat bis
in Wurfweite vom Tor und schrie mit mächtiger Stimme die Gnade der Königin in
die Burg
Drinnen erhob sich ungestüme Bewegung Das Tor blieb verschlossen aber am
Walle und an den Schanzpfählen rissen wilde Gestalten in Verzweiflung sie
warfen Pfähle und Balken nach der Tiefe und rollten dem Holzwerk nach Ein
flüchtiger Haufe quoll hier und da aus der Verschanzung mit Weibern und Kindern
in angstvollem Gedränge die Rosse und Rinder Auch einzelne Männer sprangen
herab denen die Schwurhand noch vom Opferblute rot war durch die Not
gescheucht und ermüdet vom hoffnungslosen Kampf Doch die Mehrzahl der Bauern
stand auf der Höhe zusammengedrängt die Schilde am Fuß unsicher schauten sie
den Frauen nach und dem herabstürzenden Herdenvieh Nur der Eid hielt sie und
die Scham
Da trat Ingo zu ihnen und rief mit lauter Stimme »Freiwillig seid ihr
gekommen frei mögt ihr auch gehen da eure Landgenossen euch rufen Quere
Blicke und widerwilligen Dienst begehre ich nicht Wenig Ehre bringt mir der
Krieger der sich nach Weib und Kind sehnt während des Kampfes Willig löse ich
euch von eurem Eide gedenkt wenn ihr wollt der eigenen Rettung«
Da legten mehrere still die Schilde an das Bollwerk und sprangen abwärts
ohne sich umzusehen Bertar aber rief in den Haufen der Bleibenden »Nicht
durch einen Wurf fällt auf der Tenne die Spreu aus dem Weizen Noch manchen sehe
ich den der Wind über den Zaun wegblasen mag Versucht es noch einmal ihr
stolzen Gesellen Gern entbehren wir die Genossenschaft der Waldleute«
Wieder fielen Schilde zum Boden und die Träger entschwanden mit finsteren
Mienen
»Was weilt mein König ihren Jammer zu schauen Besser schwingen sie sich
wenn die Scham ihnen nicht die Beine klemmt Euer ist die Wahl der eine Weg
führt aufwärts zum Saal des Königs der andere talab zu eurem Dung« Er folgte
seinem Herrn der zur Halle eilte Die Zurückgebliebenen standen noch einige
Augenblicke beisammen da sie sich allein sahen schwand ihnen der Kriegerzorn
Nur wenige eilten dem Könige nach die anderen suchten waffenlos das Freie
Unter den letzten welche den Ring verließen waren Baldhard und Bruno
Aus der Tiefe sprangen die Haufen der Königin jauchzend empor Die den
Ausgang suchten hatten ihnen den Zugang geebnet die Anstürmenden zerhieben die
Sperren des Tores ihr Schwarm drang heftig gegen den offenen Raum vor dem
Saale Aber schnell wichen sie zurück denn aus der Schleuder die Bertar auf
die Treppe des Eingangs gestellt hatte flogen die spitzen Baumpfeile in ihre
Reihen Sie suchten Schutz längs dem Bollwerk und wieder flogen Speere hin und
wieder und aus der Tiefe fuhren die Brandpfeile gegen das Dach
Längs dem Dachbalken wirbelte weißer Rauch und durch den Dampf klang der
Ruf »Wasser herauf« Auf der Leiter klomm ein Mann und rief von der Höhe »Es
knistert im Dach die Rindshaut schwelt ein Burgunderpfeil trieb das Feuer an
den Vorsprung des Daches es glimmt und flackert geleert sind die Eimer«
»An unserem Brunnen kühlt sich die Königin« rief Bertar hinauf »fehlt dir
Wasser so giesse dem Feuer unser Bier auf die Zungen« Ein Windstoß fuhr heulend
über das Dach und trieb eine Rauchwolke und feurige Lohe in die Höhe Ein
Jubelschrei der Feinde folgte dem Windstoß die Flamme brach züngelnd hier und
da durch die deckenden Häute »Komm herab Wolf« rief Bertar dem Helden in der
Höhe zu der mit versengtem Haar und schwarzen Händen sich mühsam an der Leiter
festhielt »dir selbst rinnt aus dem Leibe der Quell rot triefts von der
Leiter«
»Es war nicht genug das Feuer zu löschen« antwortete Wolf er fuhr herab
schüttelte seine blutende Hand und griff nach Schild und Speer
»Öffnet die Türen ihr Blutgenossen« befahl Bertar »damit der Luftzug
unserer Herrin den Rauch vertreibe Soll der König allein die Schildwacht
halten Werft die Speere rings um den Bau soweit sie fliegen reicht jetzt das
Königreich der Vandalen«
Ingo stand auf der Treppe des Saals vom Schilde gedeckt über ihm fuhren
dicke Rauchwolken vom Wettersturm getrieben an die Scharen der Feinde und
umhüllten ihnen Rüstung und Gesicht
»Geöffnet ist die Halle« rief Ingo den Starrenden entgegen »mit dem
Willkomm harrt der Wirt Was säumen die verzagten Gäste«
Aus dem Rauch sprang ihm eine Gestalt entgegen ein schildloser Mann und
eine Stimme rief »Irmgard mein Kind Der Vater ruft rette dich Unselige«
Irmgard hörte in der Halle den Schrei wild fuhr sie auf und legte den Sohn
in Fridas Arm Und wieder rief es von draußen schriller und angstvoller
»Irmgard Verlorenes Kind«
Ingo setzte den Schild zu Boden und sah über die Achsel zurück »Der Habicht
schreit nach seinem Nestling gehorche dem Ruf Fürstin der Thüringe«
Bei dem Gemahl vorüber stürzte das Weib dem Vater zwischen den feindlichen
Speeren entgegen Aus den Haufen der Thüringe brach ein Freudenschrei und
Heilruf Sie umschlang den Vater und rief »Wohl mir mein Auge schaut dich und
an deiner Brust hältst du mich«
Dem Helden Answald bebte das Herz und er zog sie mit sich »Die Mutter
wartet liebes Kind«
»Segne mich« rief Irmgard »heiß ist das Gemach wo ein armes Kind nach der
Mutter schreit segne mich Vater« rief sie ihn krampfhaft festhaltend
Der Fürst legte den Arm um ihr Haupt sie beugte sich tief vor seine Knie
dann erhob sie sich schnell trat zurück und die Hand gegen ihn ausstreckend
rief sie »Grüße die Mutter« und wandte sich mit starkem Schwunge rückwärts
nach dem brennenden Hause Ingo hatte unbewegt gestanden den scharfen Blick
gegen die Feinde gerichtet Als sein Weib aber zu ihm in die Todesnot
zurückkehrte trat er ihr entgegen und breitete die Arme sie zu umschließen Da
schwirrte der Eschenspeer aus Teodulfs Faust und traf den König von der Seite
unter den Arm Still sank Ingo nach der Halle zurück aus den Händen der
Gemahlin Bertar sprang vor und deckte mit dem Schild den Wunden den seine
Mannen seufzend auf die erhöhte Herrenbank trugen Vor ihm kniete Irmgard aber
Bertar rief in den Raum »Lasst Weiber trauern um des Königs Wunde schnell
heran ihr Gesellen dem König zu folgen auf seinem Pfad Vier sind der Tore in
des Königs Halle aus jedem führt der Weg nach dem Himmelssaal Sorgt dass ihr
rächt die Königswunde Walbrand der letzte warst du an des Herrn Bank dafür
springst du heut als erster und der letzte sei ich«
Die Vandalen sprangen an die Tore von da die Stufen hinab einer nach dem
anderen wie der Alte sie rief Und von neuem erhob sich um das Haus Kampfgetöse
und Getümmel Wilder fuhr der Sturmwind über das lodernde Dach hoch oben rollte
der Donner das Dach der Halle krachte Asche und brennende Schindeln fielen
herab Frida setzte betäubt das Kind auf das Lager des Königs
»Der Knabe lacht« rief Irmgard und warf sich schluchzend über das Kind
welches fröhlich mit den Beinchen schlug und die Hände nach den Flammenhaufen am
Boden ausstreckte Fest hielt Irmgard ihr Kind umschlossen es war lautlose
Stille im Raum Dann riss sie die Tasche von Otterfell die Gabe der
Schicksalsfrau aus ihrem Gewande hing dem Knaben die Tasche um den kleinen
Leib hüllte ihn in die Decke und das Kind noch einmal küssend rief sie zu
Frida »Rette ihn und singe ihm von seinen Eltern« Frida aber sprang zu Wolf
der als Speerhüter am Lager des Königs stand und flehte »Komm am hinteren Tor
stehen Männer aus unseren Lauben wir dringen in den Wald«
Da rief der Alte mit heiserer Stimme »Wo säumt der Vortänzer Die Springer
harren«
»Lebe wohl Frida« versetzte Wolf »nicht zu gleicher Tür fahren wir aus
dem Feuer lebe wohl und denke mein« Noch einmal sah er sie mit treuen Augen
an dann brach er mit mächtigem Satz aus der Tür sprang über die glühenden
Holzkloben vor der Treppe und schleuderte seinen Speer einem Knaben der Königin
mitten in die Brust dass dieser zusammenbrach und ein lauter Schrei im Ringe der
Männer erscholl Auf den Helden flogen die Pfeile der blutete aus mehreren
Wunden aber sein Schwert schwingend warf er sich in den Haufen vor welchem
Teodulf stand zur Rechten und Linken taumelten die Getroffenen zurück wild
hob er die Waffe gegen den alten Bankgenossen da brach er selbst sterbend
zusammen
Und wieder rief Teodulfs Stimme gewaltig mahnend »Die Balken beben rettet
die Frauen« Und Fürst Answald schrie an das Tor springend »Irmgard Rettet
mein Kind« Da erhob sich am Tor gegen ihn die zusammengesunkene Gestalt des
Alten mit Asche bedeckt das Haupt gebrannt der Bart die Gier nach Rache im
Antlitz Und grimmig rief er »Wer ist es der so frech am Schlafgemach des
Königs lärmt und Einlass begehrt Bist du es Narr der einst bereute dass er
Gastrecht bot Mit kaltem Gruß hast du meinen König entlassen kalt wie Eisen
sei die Antwort die der Vandale dir bietet« Und schnell wie ein Raubtier
sprang er von den Stufen und stieß die Waffe dem Häuptling der Thüringe durch
Panzer und Brust Dann rief er über den entsetzten Haufen »Vollbracht ist
alles und gut war das Ende Zieht heim bleichnasige Toren und dreht mit den
Weibern die Mühlsteine eurer Königin Der große König der Vandalen steigt
aufwärts zu seinen Ahnen« Um ihn flogen die Geschosse er aber schüttelte die
Eisen ab wie ein verwundeter Bär wandte sich schwerfällig nach der Halle
setzte sich mit seinem Schilde an den Fuß des Königslagers und sprach nicht
mehr
Durch das zerbrochene Tor ritt die Königin gegen die brennende Halle Laut
rollte der Donner und die Blitze zuckten von der Flamme des Hauses glühte wie
rotes Feuer der Golddraht des Panzers welcher ihre Brust umschloss Sie tauchte
vom Rosse zu Boden scheu wichen die Männer zurück denn leichenbleich war ihr
Antlitz und finster gezogen die Brauen
Sie stand unbeweglich und sah in die Lohe Nur einmal regte sie sich und
warf die Augen flammend zur Seite als sie ein Weib merkte das ein Kind auf
dem Arme gegen die Männer rang welche sie festielten »Es ist nur die
Dienerin« sprach Teodulf halblaut mit fahler Wange »und es ist das Kind« Die
Königin befahl durch eine heftige Gebärde das Weib zur Seite zu führen Das
Feuer leckte über den First hoch gegen die Wolken der Wettersturm fuhr in die
Flamme dass sie weit umherloderte er warf brennende Späne und Bretter gegen
Frau Gisela und den Haufen der Männer Aber die Königin stand unbeweglich und
starrte in die Glut
Drinnen im Haus war es still Irmgard kniete am Lager des Gatten ihr Haar
deckte seine Wunde sie hielt ihn fest umschlungen und lauschte auf seine
Atemzüge
Der todwunde Mann legte den Arm um sie und sah ihr stumm in die Augen »Ich
danke dir Ingo« sprach sie »sei mir gegrüßt Geliebter auf dem letzten Lager
liegen wir beide gesellt« Näher rollte der Donner »Hörst du die oben rufen«
murmelte der Sterbende »Halte mich Ingo« rief Irmgard Ein flammender
Blitzstrahl erfüllte die Halle ein Wetterschlag dröhnte die Balken des Daches
brachen zusammen
Draußen aber schoss auf die betäubten Mannen der Königin der Hagelschauer
die Eisstücke schlugen auf Helm und Panzerhemd »Die Götter laden ihren Sohn zu
sich in den Saal« schrie die Königin und verhüllte ihr Haupt in den Mantel Die
Männer aber warfen sich unter ihren Schilden zu Boden und bargen das Antlitz vor
dem Zorn des Donnergotts Als das Wetter vorübergerauscht war und die Krieger
sich scheu erhoben und um sich schauten da war die grüne Bergfläche mit grauem
Eise bedeckt zusammengestürzt lag das Haus und aus der nassen Kohle züngelten
kleine Flammen Die Königin wie in Stein verwandelt stand immer noch vor der
Brandstätte und sprach vor sich hin »Die eine liegt still auf heißem Lager die
andere steht draußen vom Hagel geschlagen vertauscht hat der Neid der Götter
die Lose mein Recht war es dort drinnen zu sein«
»Wo ist sein Kind« fragte sie mit wildem Blick umhersehend Frida und das
Kind waren verschwunden Die Krieger suchten an der Berglehne und in den Tälern
sie spähten in jeden hohlen Baum und in jedes Dickicht verflochtener Zweige
Teodulf durchzog mit seinem Gefolge den ganzen Gau der Waldleute und forschte
an jedem Herdfeuer Aber von dem Sohne Ingos und Irmgards erhielt die Königin
niemals Kunde
Ingraban
Im Jahre 724
Auf dem Waldwege der vom Main nordwärts in das Hügelland der Franken und
Thüringe führt zogen an einem heißen Sommertage drei Reiter schweigend dahin
Der erste war der Führer ein junger Mann von starken Gliedern das lange Haar
hing ihm wild um das Haupt die blauen Augen waren in unaufhörlicher Bewegung
und spähten nach beiden Seiten des Weges in den Wald Er trug eine verschossene
Lederkappe über der braunen Jacke eine große Tasche mit Reisevorrat in der
Hand den Wurfspeer auf dem Rücken Bogen und Jagdköcher an der Seite ein langes
Weidmesser am Sattel seines Rosses eine schwere Waldaxt Einige Schritte hinter
ihm ritt ein breitschultriger Mann in den Jahren seiner besten Kraft mit großem
Haupt die mächtige Stirn und die blitzenden Augen gaben ihm das Aussehen eines
Kriegers Aber er trug sich nicht wie ein Mann des Schwertes das kurzgeschorene
Haar deckte ein sächsischer Strohhut an dem langen Gewande war nicht
Wehrgehenk nicht Waffe sichtbar nur die Axt welche jeder Reisende in der
Wildnis führte steckte im Sattel nach dem großen Ledersack der vor ihm über
dem Sattel befestigt war mochte man ihn für einen Händler halten Ihm zur Seite
trabte ein Jüngling in gleicher Tracht und Ausrüstung der auch auf dem Rücken
ein Bündel trug und in der Hand einen Baumzweig mit dem er sein Rösslein
antrieb Dass der Führer die Reisenden nicht als gewaltige Leute achtete war
durch sein Benehmen deutlich denn er trug sein Haupt hoch sooft er auf eine
Frage des älteren Mannes kurze Antwort gab und er sah nur zuweilen wenn der
Weg steil aufwärts ging oder die beiden weit zurückblieben mit düsterm Blick
hinter sich und wandte die Augen schnell wieder ab wie von unholden Gesellen
Durch Sand und über Steinblöcke zog sich der raue Pfad zwischen alten
Kieferstämmen von einer Erdwelle zur anderen auf dem braunen Grunde wuchs wenig
anderes als Wolfsmilch Heidekraut und dunkle Waldbeeren Es war still im Walde
nur die Krähen schrien über den Wipfeln die heiße Luft war mit Harzgeruch
erfüllt und kein Windeshauch kühlte die erhitzen Wangen Als der Weg einmal
steil aufwärts ging sprang der Jüngling ab pflückte am Wege einen Strauss
Beeren und bot ihn dem Reiter Dieser dankte mit einem freundlichen Blick und
begann in lateinischer Sprache »Siehst du ein Ende des Waldes Unsere Rosse
ermüden die Sonne neigt zur Rast«
»Stamm hinter Stamm mein Vater und kein Lichtstrahl vor uns im Holze«
»Du bist an die rauen Pfade nicht gewöhnt Gottfried« fuhr der Ältere
bedauernd fort »ungern nahm ich dich in das wilde Land und ich bin
unzufrieden dass ich deiner Bitte nachgab«
»Ich aber bin glücklich mein Vater« versetzte der Jüngling mit frohem
Lächeln »dass ich dich begleiten darf als dein unwürdiger Diener«
»Die Jugend freut sich stets der Wanderschaft« sprach der Reiter »Sieh
unsern Führer ihn kümmert die Tagesglut wenig er ist ein kraftvoller Wildling
der des Pfropfreises harrt«
»Unfreundlich hält er sich gegen uns mein Vater«
»Ist er auch unwirsch warum sollte er unehrlich sein Er hat der Frau
Hildegard und mir selbst in die Hand gelobt uns sicher über die Berge zu
führen und er sieht nicht aus wie ein Schächer Doch wäre ers auch einer ist
stärker in der Wildnis als er« Er neigte das Haupt »Merke er hat gefunden
was ihm die Reise stört«
Die Haltung des Führers war verwandelt hochaufgerichtet saß er im Sattel
mit gehobenem Speer wie zum Ansprung bereit
Der Fremde ritt zu dem Führer »Dein Name ist Ingram wie ich vernahm«
»Ingraban der Thüring bin ich« versetzte der Reiter stolz die Worte des
anderen bestätigend »und dies ist der Rabe mein Ross« er rührte an den Hals
des edlen Tieres das von Farbe schwarz war wie sein geflügelter Namensbruder
und unter der Hand des Reiters wiehernd das Haupt erhob
»Ich erkenne wohlbekannt sind dir die Reisepfade auch fern von deiner
Heimat«
»Oft ritt ich als Bote meiner Landgenossen zu dem Frankengrafen über den
Main«
»So ist dir auch Frau Hildegard die Grafenwitwe von früher her zugetan«
»Ich stritt in der Schar ihres Eheherrn als ihn die Wenden erlegten Eine
gute Frau ist Hildegard da sie meinen kranken Knecht in Pflege nahm«
»Am Lager des Kranken fand ich dich und ich bin froh dass ich solch
sicheren Führer gewann Was hemmt dir jetzt die Reise«
Die Hand des Führers wies auf eine Spur im Sande »Hier lief eine Herde
wilder Rosse« sagte der Fremde auf die Spur blickend
»Reiter waren es mehr als drei und feindselig wird ihr Gruß wenn sie uns
treffen« antwortete der Führer
»Woher weißt du dass es Feinde sind«
»Hofft in deinem Lande ein Wanderer in der Wildnis auf ehrlichen Gruß«
fragte der Führer zurück »Die hier gezogen sind waren Krieger welche mit
fremder Zunge reden von dem Wendenvolk an der Saale das man die Sorben nennt
weit schweifen sie auf ihren Pferden nach Jagdbeute und Herdenvieh Dort liegt
ihr Zeichen« er berührte mit dem Speer einen kurzen Rohrpfeil mit Steinspitze
»Sie haben unseren Weg gekreuzt nach dem letzten Regen«
»Und hoffst du uns verborgen vor den Fremden über die Berge zu führen«
»Habt ihr den Mut so habe ich den Willen Manchen Stieg über die Waldhügel
weiß ich den ihre Haufen meiden doch rate ich haltet euch schweigsam und nahe
an meinem Ross«
Vorsichtiger ritten die Fremden dicht hinter dem Führer
Der Saumpfad senkte sich in ein stilles Waldtal führte durch sumpfigen
Grund und das Bett eines Baches und stieg auf der anderen Seite wieder in den
Wald Zwischen hohen Buchenstämmen zogen sie behaglicher dahin auf grünem
Moosgrunde welchen die schrägen Sonnenstrahlen vergoldeten Und wieder senkte
sich der Pfad in ein weites Tal Am Waldesrand hielt der Führer an »Dies ist
das Idistal« sagte er das Haupt zum Gruße neigend »und dort rinnt der
Idisbach nach dem Main« Durch hohes Wiesengras leitete er zu einer Furt des
Baches von da trabten sie eine Hügelreihe entlang nordwärts Einsam und
menschenleer lag das blühende Tal Einigemal kamen die Reisenden über altes
Ackerland noch waren die Beetfurchen sichtbar aber Schlehdorn und stachliger
Ginster standen dicht wie eine Hecke darauf und die Pferde hatten Mühe
durchzudringen Der Fremde sah mit Teilnahme auf die zerstörte Kultur »Hier
haben einst fleißige Hände gebaut« sagte er bedauernd »Seit Menschengedenken
liegt die Stätte wüst« antwortete der Führer gleichgültig Weiter oben wies er
auf eine Erdhöhe »Auch dort stand ein Hof aber die Wenden haben ihn verbrannt
da ich ein Knabe war Das wilde Kraut schießt seit zwanzig Sommern in die Höhe
Sorgst du um gebrochene Höfe so magst du hier viele finden Über dem Bach haben
vorzeiten die Avaren gelagert braunhäutige Männer mit schrägen Augen sie
tragen wie die Alten erzählen geflochtene Zöpfe um das Haupt und sind ein
mächtiges Ostvolk aber grausame Mordbrenner Dort drüben lag wie die Sage
meldet eine große Zahl Höfe an einem geweihten Wald von solchen Bäumen die wir
Ahorn nennen jetzt stehen nur noch wenige der alten Stämme die Avaren haben
sie niedergebrannt und wo die Höfe waren ist Wustung Aber das ist lange her
es wäre mühsam den Jahrwuchs der Fichten zu zählen welche darüber ragen
Überall wo du hier Dornen und Kletten siehst stand einst ein Bau mancher ist
zur Zeit der Väter mancher im Gedächtnis Lebender zerrissen mehrere in den
letzten Jahren es dauern nur hier und da einige«
Da der Fremde schwieg wies der Führer auf den Himmel über den sich das
Abendrot breitete und ritt aus dem Talpfad einen schmalen Weg bergauf Die
Rosse der Reisenden klommen mühsam nach durch dichtes Holz bis auf eine
Berghöhe Der Gipfel war ein unebener Raum baumlos mit niedrigem Buschwerk und
wilden Blumen bewachsen Nur eine mächtige Esche erhob sich in der Mitte aus dem
niedrigen Kraut Die Reiter sahen von drei Seiten weit über die Hügel südwärts
bis über den Main nach Norden auf die blauen Berge der Thüringe geradeaus in
eine weite Talebene die von hochgeschwungenen Hügeln eingefasst war Hinter
ihnen dehnte sich eine Bergleite von dem vorderen Gipfel durch Erdhaufen und
Senkungen getrennt welche aussahen wie ein alter Wall und Graben Der Führer
sprang vom Rosse und neigte sich tief gegen den Eschenbaum dann trat er an den
Rand des Gipfels und sah forschend in das Tal und den Saum der Wälder entlang
Und wieder wandte er sich der Esche zu und sprach ehrfürchtig »Hier ist der
Idisberg und dies ist der heilige Baum der hohen Schicksalsfrauen Schutz vor
schädlichen Gewalten hat die Stelle und darum habe ich euch hierhergeführt«
»Als ein kundiger Führer hast du dich erwiesen« versetzte der Fremde die
gute Lagerstätte überschauend Er stieg ab und löste selbst die Ledersäcke vom
Sattel der Rosse »Sicher weißt du auch einen Quell in der Nähe« Der Führer
ergriff die Zügel der Pferde »Gebiete deinem Knaben dass er die Flaschen trage
und mir helfe den Zaun zu richten« sagte er und führte die Tiere auf die
Bergleite zu etwa hundert Schritt hinab wo ein Quell aus einer bemoosten
Einfassung von Stein talab rann Dort pflöckte er die Rosse an damit sie
weideten hob die schwere Axt und winkte dem Jüngling dass er ihm nach dem Wald
folge
Als der Fremde sich auf dem Gipfel allein sah umschritt er betend mit
gebeugtem Haupte den Raum in welchem die Esche stand Darauf untersuchte er
sorgfältig die Stelle als ein Mann der die Zeichen der Natur zu deuten wusste
und stieß mit dem Fuß unter eine knorrige Wurzel des Baumes welche hoch über
dem Boden ragte er fand lockeren Grund fuhr mit dem Stiel der Axt hinein und
hob mit Anstrengung einen Stein heraus über den die Wurzel gewachsen war ihre
Ausläufer waren in ein Loch des Steines gedrungen und hatten den Stein
gesprengt Verwundert sah der Mann auf das regelmäßig gebohrte Loch Dann nahm
er ehrfürchtig den Ledersack schob ihn an die Stelle des Steins und über sein
Gesicht flog ein Lächeln »Haust ein Unhold in diesem Baum so soll ihm der
geborgene Schatz Not bereiten« Noch einmal schaute er prüfend auf den unebenen
Boden ringsumher und auf das üppige Grün welches daraus geschossen war dann
zog er aus der Tasche seines Gewandes ein kleines Buch setzte sich dass das
Abendlicht darauf fiel öffnete die Schliessen und las in dem Pergament Er hörte
das Dröhnen eines Holzschlegels und merkte wie der Führer sich anschickte
weiter abwärts den Nachtzaun zusammenzuschlagen »Hierher Ingram« rief der
Fremde befehlend hinunter Der Führer schüttelte mit dem Haupt und schlug
weiter Da trat der Fremde näher und gebot »Trag die Pfähle herauf wir rasten
am Baum«
»Das geht nimmer an« versetzte der Führer
»Und warum nicht wenn ich es will«
»Soll der Feuerschein auf der Höhe den fremden Spähern dein Lager künden«
»Die Nacht ist warm gern entbehren wir die Flamme auch ein Krieger wie du
behilft sich wohl ohne Kochherd«
Ingram stand unbeweglich und sah finster auf den Fremden
»Wer du auch sonst bist« fuhr dieser fort »für diese Reise hast du dich
mir gelobt um guten Sold und ich bin der Herr unserer Fahrt Willst du nicht
nach meinem Willen tun so ziehe deinen Weg ich suche meinen Pfad ohne dich«
»Ungern diene ich dir« antwortete der Führer heftig »und nur weil eine
die mir Gutes tat mich geworben hat und wenn ich frei bin von meinem Wort und
du ein Schwert zu führen weißt so will ich lieber dein Feind sein als dein
Freund das magst du wissen Fremder Jenen Baum aber habe nicht ich zu scheuen
sondern du denn weitbekannt ist er im Lande und um ihn schweben seit der
Urzeit hohe Gewalten welche dir Feind sind und nicht mir«
»Ob sie mir Feind sind will ich dir zeigen wenn du mir folgst« antwortete
der Fremde und schritt dem Baume zu Er hob seine Axt und rief »Haben sie
Grimm so mögen sie zürnen haben sie Macht so mögen sie mich treffen wie ich
diesen Stamm« Und mit starkem Schwunge schlug er die Axt in den Baum Der
Führer trat zurück griff nach seiner Waffe und starrte nach der Höhe ob von
dort ein Götterzeichen den Frevler treffe aber alles blieb still nur ein
trockener Zweig mit Eschensamen fiel herab »Sieh her« rief der Fremde auf das
Samenbündel weisend »das ist der Zorn deiner Gewaltigen Der Baum vor dem du
zagst war einst ein flatterndes Samenkorn wie dieses hier aus einem winzigen
Kern ist er gewachsen Wo hausten die Gewaltigen welche du fürchtest als der
Baum noch ein Samenkorn war Meinst du der Baum hat gestanden von Anfang der
Menschenerde Merke unter seinen Wurzeln fand ich diesen Stein rissig und
gesprengt durch die Kraft des Baumes Betrachte den Stein es ist ein Mühlstein
wie ihn die Weiber drehen um das Getreide zu mahlen Bevor die Esche war hat
hier ein Hauswesen lebender Menschen gestanden Geringe Ehre verdienen die
Götter welche erst dann in der Esche mächtig wurden als die Menschen gestorben
waren die vor dem Baume hier hausten Der Herr aber welchem ich diene ist der
Gott welcher Himmel und Erde gemacht hat er allein ist ewig und allmächtig von
der Urzeit und wird ewig und allmächtig sein wenn der letzte Span dieses Baumes
aus der Welt geschwunden ist«
Der Führer kauerte zu dem zerbrochenen Stein nieder und sah in die Öffnung
auf das Wurzelstück und auf Reste von Holzkohlen welche an dem Sandstein
hafteten Das Haar hing ihm über das Gesicht und seine Brust hob sich in
heftigen Atemzügen »Stand ein Haus hier so hat es gebrannt« sprach er endlich
leise vor sich hin »Da ich klein war sagten sie mir dass meine Vorfahren auf
dem Berge gesiedelt haben Alte Leute haben einen Sang davon gewusst der Sänger
den die Wenden erschlugen war dieses Liedes kundig«
Der Fremde berührte ihm die Schulter »Die Nacht steigt herauf im Walde
heulen die Wölfe hole die Pfähle Ingram«
Der Führer erhob sich »Hierher führte ich dich« sprach er bitter »damit
ich dir meinen Eid halte und du sicher seist in der Nähe einer hohen Herrin
die ich mir günstig weiß Du aber störst der Göttin den Frieden durch deine Axt
und du verstörst mich durch schwere Gedanken die du mir in das Herz senkest
Hast du Macht Vergangenes zu wissen und ohne den Schutz der Überirdischen zu
dauern so bereite dir selbst die Nachtrast wo du magst ich helfe dir nicht«
Der Fremde ergriff schweigend einen der Pfähle welche der Jüngling unterdes
herzugetragen hatte und hob den Schlegel Wuchtig fielen die Hiebe auf die
Pfahlköpfe Gottfried bot die Hölzer und flocht Zweige zwischen die Stäbe bis
rings um den Baumstamm ein Zaun gerichtet war der die Rosse und Männer eng
einzuschliessen vermochte Gottfried führte die Pferde der beiden Reisenden in
den Zaun der Fremde aber trat als alles vollendet war zum Führer und sprach
freundlich »Auch für dich und dein Tier ist Raum in unserem Frieden«
»Ich und mein Ross begehren deines Schutzes nicht« antwortete Ingram
abweisend Er hob den Mühlstein von seiner Stelle und trug ihn an den Rand des
Gipfels weitab von den Fremden dann sprang er zum Quell löste seinem Ross die
Beinfessel und führte es zu dem Steine dort lagerte er neben seinem Tier und
schob den Stein unter sein Haupt
In der Umzäunung band Gottfried zwei Holzstäbe zu einem Kreuz zusammen
küsste den Stab und übergab ihn ehrfurchtsvoll dem Fremden dieser steckte ihn zu
der Wurzel des Baumes welche seinen Schatz bedeckte Beide knieten nieder und
erhoben den lateinischen Abendgesang mit mächtiger Stimme sang der ältere die
feierliche Weise der Jüngling respondierte Die melodischen Klänge tönten von
der nahen Bergwand zurück und kämpften mit den wilden Stimmen der Nacht welche
kreischend und heulend aus dem Walde schallten Der Führer erhob sich da der
Gesang begann aber die vollen Töne der bewegten Menschenstimme bändigten ihm
die Hast er blieb abgewandt sitzen und starrte in den gelben Schein am Rande
des Himmels
Als der Gesang beendigt war setzte sich der Fremde neben die Wurzel und
schob die Tasche seinem Begleiter zu »Iss« sagte er befehlend auf die
abwehrende Bewegung des Jünglings »du bist der Wanderschaft ungewohnt der Herr
begehrt jetzt auch die Kraft deines Leibes« Gehorsam nahm der Jüngling wenige
Bissen dann legte er sich zu den Füßen des Fremden nieder der sorglich seinen
Mantel über ihn deckte Es wurde still in dem kleinen Gehege Das letzte
Abendlicht schwand in bleichem Schein der langsam nach Norden zog zuweilen
rauschte der Nachtwind in den Blättern und die Eule schrie ihren Klageruf über
den Wanderern nur aus dem Walde tönten ferner und näher die Tierstimmen dann
hoben sich die müden Rosse vom Boden und schnoben ängstlich mit den Nüstern Der
Fremde saß unbeweglich die Hände gefaltet wenn es im Baume rauschte sah er
wie erwartend in die Äste und nach dem Himmel über welchem sich tiefe
Finsternis breitete
Unterdes starrte der Führer hinunter in die Tiefe wo über dem Bach im
Dämmerschein der weiße Wasserdampf hinzog »Ich schaue wie sie dahinschweben
über der Flut« murmelte er leise »gehüllt in weiße Gewande schaffen sie um das
Wasser sie sinnen Hilfe und Heil ihrem Getreuen sie verhüllen seinen Pfad vor
dem Verfolger sie lösen ihn aus den Banden der Feinde manchmal wenn ich unter
der Esche lag hörte ich ihren Gesang in der Tiefe Meine Väter sind
hierhergewandert in schweren Tagen und haben Hilfe erfleht von den weißen
Frauen Und ich habe vernommen dass sie die Schutzfrauen meines Geschlechts
gewesen sind seit der Urzeit Jetzt ängstigt mich der Mühlstein den der fremde
Mann mit seinem Zauber heraufgeholt hat unter dem Baume was mir das Zeichen
bedeute Die Baumwurzel fuhr durch den Stein uralt ist der Stein wie der
Fremde sagt und er ist älter als der Götterbaum Und bevor der Baum war und
die Götter walteten lebten schon meine Ahnen Welches war der Gott der sie
damals gnädig beschirmt hat Längst ist Glück und Sieg von meinem Geschlechte
gewichen Den Großvater erschlugen die braunen Avaren den Vater tötete ein
Wende da ich noch klein war und die Mutter starb in Trauer Überall ist jetzt
geschwunden die Freude der Erde Selten nur sinnen die Götter gutes Glück meinem
Volke und ein fremder Gott zieht in die Täler Das Haus ist verbrannt das
einst auf der Höhe stand und das Glück meines Geschlechtes ist verbrannt Und
mir wird das Herz kummervoll Jene dort beten in fremder Weise und sie haben
ein starkes Vertrauen zu ihrem Gott Sind sie Toren so mögen unsere Götter ihre
Macht an ihnen erweisen« Im Rücken des Betenden zuckte ein Blitz der Donner
rollte Ingram rief seinen Kriegsruf »Wohl mir ich höre das Dröhnen seines
Wagens er kommt die Frevel der Fremden zu rächen« Er warf sich auf die Erde
und verhüllte sein Haupt
Der Wetterwind schüttelte die Äste des Baumes und warf Blätter und Zweige
auf die Reisenden Diese aber erhoben noch einmal frommen Gesang und unter
Donner und rauschendem Regen klang es durch die Stille der Nacht wie ein
Siegeslied über das Toben der Natur Erst nachdem das Wetter hinter die Berge
gezogen war verstummte der Sang und wieder ward es still im Gehege nur die
Regentropfen schlugen leise auf die Baumblätter So verging die Nacht beim
ersten Morgengrau hob sich eine dunkle Gestalt vor dem Zaun und der Führer sah
spähend nach dem Fremden
»Windig war dein Nachtlager unter freiem Himmel« begann der Fremde »deine
Esche gab uns Schutz vor dem Sturm nicht vor dem Wasser der Wolken Bist du der
Kunst mächtig ein Feuer auf dem Boden zu entzünden so würdest du meinem Knaben
und dir selbst guten Dienst leisten wo nicht so lass uns aufbrechen damit
Wärme in die Glieder meines Gefährten komme«
»Es ist weite Tagfahrt bis in den Bergwald der Thüringe« versetzte der
Führer »und Zeitverlust möchte Unheil schaffen« Er befühlte neugierig den
Mantel des Fremden »Du bist doch nass« setzte er frohlockend hinzu »auch dich
trifft der Regen«
»Wenn Gott will« antwortete der andere
Schnell rüsteten die Männer den Aufbruch der Fremde holte den Ledersack
unter der Baumwurzel hervor und knüpfte die Riemen sorglich an den Sattel des
Rosses das der Jüngling unterdes aus dem Futtersack fressen ließ dann neigten
sich beide noch einmal an dem Holzkreuz und sprachen den Reisesegen Ingram
führte über den Wall und die Grabentiefe in den Bergwald Heut ritt er schneller
als am letzten Tage aber sein scharfer Blick prüfte wieder jeden Busch und
Stein Sooft sie aus dem Wald in ein Wiesental kamen gab er den Fremden ein
Zeichen zurückzubleiben und winkte nach einer Weile mit gehobener Hand ihm zu
folgen Mühselig war der Weg über Baumwurzeln und durch das Sumpfwasser welches
sich an tiefen Stellen des Waldes gesammelt hatte dann nahm er wohl selbst die
Rosse beim Zügel und wies dem Jüngling die trittfesten Stellen Er war
schweigsam wie gestern aber er war mehr um die Reisenden besorgt Als sie
einmal von der Höhe in ein weites Tal ritten sagte er »Hier müssen wir durch
freies Land hört ihr mich Hara rufen dann wendet so schnell euch die Rosse
tragen zum Walde zurück vielleicht dass euch die Flucht gelingt«
Der Fremde lächelte »Sei ohne Sorge um uns und denke an das eigene Heil«
»Treibt das Pferd dass es springe« mahnte der Führer
Als sie wieder im Walde dahinritten begann der Fremde dankbar »Guterzig
erweisest du dich und als treu rühmt man deines Volkes Art«
»Der Thüring ist fest in Liebe und Hass« sagte der Führer
»Auch sein Hass ist nicht der eines hinterlistigen Mannes« versetzte der
Fremde lächelnd »Nicht geradeaus nach Norden geht der Pfad den du uns führst«
»Wer Kampf vermeiden will muss sich wenden wie der Fuchs wenn die Hunde
bellen Sieh dort den fernen Feuerschein« er wies mit der Hand durch die
Stämme »was dort brennt ist ein Hof«
»Vielleicht tats der Wetterschlag«
»Die Röte stieg auf in stiller Nacht«
Der Fremde sah finster nach dem schwachen Licht hinüber das am Rand des
Horizontes aus der Dämmerung blinkte
»Du kennst den Hofherrn« fragte der Fremde
»Es ist ein Franke« versetzte der Thüring kalt »sein Großvater kam weit
von Westen her in das Land«
»Sieht der Thüring ruhig zu wenn sein Landsmann erschlagen wird«
»Frage den großen Herrn der Franken und nicht mich weshalb er seine
Volksgenossen von Fremden erschlagen lässt« rief der Führer »Einst waren wir
Thüringe ein siegreiches Volk da brachen die Franken ins Land mit ihnen die
Sachsen und Angeln unsere Krieger fielen auf der Walstatt und die Fremden
teilten sich in die Fluren der Landgenossen Sie sagen dass damals der Mehrteil
unserer Krieger den Pfad des Todes wandelte Jetzt sitzt über uns ein Sendbote
des fränkischen Königs er ruft uns zu den Waffen wenn es ihm gefällt Ich sah
wie der letzte durch die Wenden erschlagen wurde seitdem sind wir Waldleute
schutzlos und unsere Alten schlossen Frieden mit den Feinden frage mich nicht
um welchen Preis alljährlich sehe ich die Klauen unserer Herdentiere in das
Slawenland gehen aber wenige herauskommen«
»Auch du trägst Speer und Schwert« unterbrach ihn der Fremde hart
»Willst du versuchen ob sie schneiden« brach der Thüringe los Er riss
seine Jacke auf und wies auf lange rote Narben »Ich meine mehr habe ich
gegeben als empfangen Doch es bringt wenig Ehre« murmelte er »sich gegen
einen Waffenlosen zu rühmen«
»In guter Meinung rede ich« begütete der Fremde »Ich meine ihr habt doch
viele Rosse geschlachtet denen zu Ehren die ihr als Götter rühmt und die ich
Unholde nenne und ich fürchte wohl noch anderes Blut ist geflossen vom
Opferstein noch greulicher dem Gott dem ich diene und doch waren eure Götter
zu schwach euch Sieg zu gewähren gegen die Pfeile der Wenden Nicht für weise
halte ich den Mann der sich auf einen Rohrhalm stützt wenn ihm die Knie
wanken«
»Der Gott der Schlachten wägt die Lose wie es ihm gutdünkt er spendet
Sieg wem er will« versetzte der Führer
»Töricht ist deine Rede wenn ich recht berichtet bin Denn andere Götter
sind es denen die Wenden opfern und wenn sie die Leute aus euren Dörfern
heimwärts treiben dann singen sie dass ihr Gott stärker ist als der eure«
»Gibt der Christengott Sieg seinen Bekennern Ich sah doch manchen meiner
Landsleute der das Zeichen des Kreuzes machte erschlagen auf der Walstatt«
»Nicht jeder der das Kreuz schlägt ist ein Krieger des ewigen Gottes«
antwortete der Fremde nachdrücklich »Wer Sieg erfleht von dem großen
Himmelsherrn der muss vorher sein eigenes Leben würdig machen der Gotteshilfe
treu leben nach Gottes Geboten und jede niedere Tat meiden Hoch ist und schwer
der Dienst aber herrlich der Lohn hier Sieg und Freude und Glück im Himmel
Und ich sage dir nicht eher wird euer Volk der Fremden mächtig werden als bis
die Kreuzfahne vor euch zieht und jeder von euch Herz und Gedanken geheiliget
hat dem großen Gott der Christen«
»Lehre auch das den König der Franken oder wer sonst dort gebietet Denn wir
hören dass der König durch den Christenglauben zu einem Mönch verdorben ist und
dass einer seiner Helden die Lande regiert«
Der Führer wandte sich ab der Fremde aber sprach zu seinem Begleiter »Du
hörst seine Worte Der Thüring hasst den Franken und beide den Sachsen ein Stamm
vertilgt den anderen und die Ehre ihrer Helden ist Männerblut zu vergießen und
das wehrlose Geschlecht fortzutreiben damit sie ihre Lust an ihm büßen und
seine Rücken gebrauchen als Schemel für ihre Füße Seit ich ein Knabe war in
fernem Land sah ich die Menschen wilde Frevel üben Rauben und Töten war der
Höllenschrei der aus hunderttausend Kehlen kam Wahrlich der Erdgarten ist zu
einer Wildnis geworden überall Wustung und zertrümmerter Bau früherer
Geschlechter wie ein Rudel Wölfe bellen die noch leben in der Einöde Und wo
noch ein Volk männerreich auf dem Boden haust den es sich durch Brand und Mord
gewann da leben die Sieger zuchtlos stets gierig nach Goldschatz und
Fleischeslust Gänzlich verderbt hat der üble Teufel dies Geschlecht das er
besitzt und doch verstopfen sie die Ohren gegen die Botschaft der Gnade auch
wenn sie das Kreuz schlagen und sich Christen nennen Keine Rettung gibt es für
die welche nach Gottes Ebenbild aufrecht gehen als die eine dass sie alle die
harten Nacken beugen dem einen Herrn von dem geschrieben steht sanft ist mein
Joch«
In der Landschaft welche sie jetzt betraten lagen in den Tälern oder auf
halber Höhe der Berge wo ein kräftiger Quell aus dem Boden rann hie und da
Dörfer und einzelne Höfe fränkischer Ansiedler die meisten Höfe klein die
Häuser zerfallen notdürftig geflickt daneben oft leere Brandstätten Jeder Hof
und jedes Dorf waren umwallt aber auch Wall und Gräben waren verfallen und
zerrissen Nur wenig Leute sahen sie auf dem Felde in den Dörfern rannten die
Kinder und Frauen an den Hofzaun und starrten den Reisenden nach stolz grüßte
der Führer und der achtungsvolle Gegengruss zeigte dass er den Leuten für einen
ansehnlichen Mann galt Zuweilen war am Hausgiebel über dem Zeichen des
Besitzers ein Kreuz gemalt dann segnete der Reisende die Bewohner an der Tür
mit dem Christengruss erstaunt vernahmen ihn die Leute und eilten auf die Reiter
zu Aber der Führer trieb hastig vorwärts und im Trabe der Rosse verklangen die
Zurufe und Fragen Wieder kamen sie an ein Dorf ohne Zaun standen die hohen
Strohdächer welche fast bis zum Boden reichten selbst die Fliederbäume
fehlten welche ihre schwarzen Beeren sonst in jedem Hofe wiesen Nackte Kinder
bräunlich und schmutzbedeckt wälzten sich neben den Ferkeln auf der Dungstätte
kleiner waren die Leute rundlich und platt die Gesichter und statt der
bedächtigen Ruhe mit welcher die Reiter anderswo von den Dorfbewohnern begrüßt
wurden tönten ihnen hier lautes Geschrei Schelte und Verwünschungen in fremder
Sprache entgegen
»Sind die Fremdlinge häufig auf eurem Grunde« fragte der Fremde
»Es sind Wenden von ostwärts in mehreren Dörfern hausen sie hier und in
Thüringen sie zahlen Zins dem Grafen des Frankenherrn aber übelgesinnt bleiben
sie und widerbellig«
Er hielt das Pferd an und horchte auf die Verwünschungen welche ihnen von
einem hässlichen Weib nachgeschrien wurden dann spornte er wieder das Pferd und
rief »Vorwärts« Schnell fuhren sie dahin der Führer richtete sich oft im
Sattel auf und wandte die Augen rechts und links Nach einer Weile ritt der
Fremde an seine Seite »Gefällt dirs so sage mir was unsere Rosse so flüchtig
vorwärts treibt«
»Nur wenig verstehe ich die Sprache der Wenden« antwortete Ingram »aber
das Weib der arge Lasterbalg wünschte uns Unheil wenn wir auf unserem Wege
den Kriegern ihres Volkes begegnen würden Unruhe ist in der Luft schon seit
dem Morgen fliegen die Habichte und Krähen nordwärts Mich reuts dass ich
solche nicht gefragt habe die in unserer Sprache reden« Er rief seinem Rosse
zu und flog voraus die Reisenden hatten Mühe ihm zu folgen dem nächsten Hofe
welcher auf einer Höhe sichtbar wurde ritt er in gestrecktem Laufe zu und
winkte den anderen zurückzubleiben Die Reisenden sahen ihn auf dem Hügel
halten bald jagte er wild herunter und vor ihnen dahin Als sie endlich einen
steilen Aufstieg erreichten fragte der Fremde »Willst du uns nicht sagen ob
Gefahr droht«
»Der Hof war leer auch die Ställe leer jedes Haupt entwichen mich
wundert dass kein Flüchtling uns entgegenkommt« versetzte der Führer finster
»Vorwärts« rief er »wenn ich euch nicht verlassen soll«
»Gedenkst du die Gefahr zu meiden wenn wir vor dem Abend die Rosse
ermüden« bemerkte der andere ruhig
»Ich will sehen« versetzte Ingram kurz und ritt wieder vor
So ging es eine Stunde vorwärts durch Buschholz und über Wiesengrund
endlich sahen sie in der Entfernung seitwärts vom Wege einen großen Hof unter
Lindenbäumen das Ross des Führers flog wie ein Pfeil dem Hofe zu sie erkannten
dass der Führer einigemal anhielt dann mit weiten Sprüngen hinter den Bäumen
verschwand Langsamer folgten die Reisenden Da sie herankamen fanden sie das
Dach zerrissen die Tür eingeschlagen die Kohlen eines Feuers vor dem Hause
Der Führer beugte sich über etwas das im Grase lag Es war ein toter Mann das
Haupt durch einen Keulenschlag gebrochen »Dies war der Wirt des Hofes« sprach
der Führer mit zuckendem Munde »Er war von Geschlecht ein Franke aber ein
gastfreier Mann Und er ist gefallen als ein Krieger Seht dorthin« Erde war
aufgewühlt und zu zwei runden Hügeln geschichtet »Die Räuber haben ihre Toten
begraben«
»Wann ist es geschehen« fragte der Fremde traurig
»Gestern bevor der Tag warm wurde« versetzte der Führer und wies auf den
Leib eines Slawenrosses das durch einen Speerwurf des Hofbesitzers getroffen
daneben lag Der Fremde sprang ab und eilte nach dem Hause »Komm dass wir Hilfe
bringen wenn dort noch jemand atmet«
»Du sorgst vergeblich« versetzte der Führer »Seine Tochter Walburg und
seine kleinen Knaben sind fortgetrieben Die Kuh mit der Blesse ist
geschlachtet auf seinem Rosse Goldfeder sitzt ein Slawe die Wenden wissen
aufzuräumen sie lieben nicht halbes Werk«
Der Fremde ergriff einen Spaten und begann ein Grab zu schaufeln »Ratsamer
wäre dir von dieser Stätte zu entweichen« rief der Führer unruhig Der andere
wies auf ein Kreuz das mit blauem Waid in den nackten Arm des Toten gezeichnet
war »Er ist von meinem Glauben und ich darf nicht gehen bevor ich seine Hülle
vor Wolf und Geier gesichert habe«
Der Führer trat zurück und murmelte »Mancher Mann der das Kreuz
geschlagen liegt heut still auf blutigem Grunde« Die Reisenden höhlten das
Grab legten den Toten hinein knieten zum Gebet deckten das Grab mit Erde und
steckten ein Holzkreuz darauf Dann winkte der Fremde den Jüngling hinweg und
blieb allein vor dem Erdhaufen liegen
Unterdes war der Führer vorwärts geeilt auf der Spur der Feinde wie ein
Jagdhund sprang er über den Grasgrund schon harrten die Fremden seiner als er
mit glühendem Antlitz zurückkehrte »Ich erkannte die Fährte die Fußtritte des
Weibes und der Kinder nur eines der Rosse war beschlagen ich meine das ist
ein Pferd des Ratiz des Sorbenhäuptlings Ich treffe ihn wohl in wenig Tagen«
rief er drohend »Beantworte mir eine Frage Fremder Würdest du dich freuen
den Ratiz erschlagen zu sehen mit seinem Haufen«
»Nein« versetzte der Fremde
»Er hat Männer deines Glaubens getötet und führt ihre Kinder in elende
Knechtschaft«
»Nein sage ich dir« wiederholte der Fremde
Der Führer raunte einen Fluch plötzlich trat er zu dem Ross des Fremden
»Bekenne mir was führst du in dem Ledersack den du so sorglich hütest«
»Nicht ziemt dir solche Frage« versetzte der Reisende kalt »und ich
weigere dir die Antwort«
»Ich meine du hast Armringe darin und Silber wie es die fremden Kaufleute
in das Land bringen« sprach der Führer und starrte begehrlich auf den
Ledersack
»Vielleicht ist darin was du nennst« sagte der Fremde »vielleicht auch
nicht was kümmerts dich Dein kann es nimmer werden«
Der Führer sah ihn mit feindseligem Blick an dann fuhr es über sein Gesicht
wie ein Krampf er warf sich auf den Boden und bedeckte das Gesicht mit den
Händen Der Fremde ergriff seine Axt stellte sich vor den Liegenden zog ihm
die Hand vom Antlitz und legte die Axt hinein »Hier ist die Waffe mein Sohn
und hier ist das Haupt eines wehrlosen Mannes willst du treffen so versuche
den Schlag Willst du lieber hören so achte auf das Wort eines älteren Mannes«
Ingram ließ die Waffe ins Gras fallen und saß mit geneigtem Haupt auf dem Boden
»Ich weiß was dich verstört« fuhr der Fremde fort »die Räuber treiben ein
junges Weib in ihre Berge du denkst daran sie zu entledigen mit den Waffen
oder durch Kauf und du meinst der fremde Mann soll dir dazu dienen Spreche
ich die Wahrheit so antworte«
»Sie sprach stolz zu mir« antwortete er leise »weil ich nach dem Brauch
meiner Väter beim Rossopfer unter der Eiche stand aber mir ist greulich dass sie
in der Hand des Ratiz bleiben soll und in meine Seele fiel es wie ein Strahl
aus den Wolken dass ich eilen muss sie loszukaufen Dann führe ich sie als
Gefangene heim sie wird mein eigen und ich ihr Herr«
»Und sie muss tun nach deinem Willen« sprach der Fremde kalt »wie aber
wenn dein Feind Ratiz ebenso denkt«
Der Führer knirschte mit den Zähnen und warf sich wieder in das Gras
»Sie sind wie die Bestien« sagte der Fremde in lateinischer Sprache »Steh
auf Führer« befahl er mit ruhigem Tone »und vollende vor allem was du gelobt
hast Jetzt fordert deine Ehre dass du uns sicher in deine Heimat bringst wenn
wir dir auch fremd und unwillkommen sind Bist du erst frei von dieser Pflicht
dann erwäge welches die nächste sein wird Aber vergiss nicht dass das Weib
welches du dir begehrst unter mächtigem Schutz dahinzieht auf dornigen Pfaden
Denn sie wird geleitet durch die geflügelten Boten meines Gottes die Engel
damit sie erhalten werde für diese Welt oder hinaufgeführt in den Himmelssaal
der Christen Trägt sie auch Sorbenbande dennoch ist sie in der Hand eines
gütigen Vaters der alle hört die in der Not ihn anrufen Will er dass sie
gelöst werden soll durch dich so wird es geschehen Du aber tue was jetzt
deines Amtes ist«
Der Führer stand auf schüttelte sich und sprang stumm in seinen Sattel So
zogen die Wanderer weiter nach Norden jeder mit sich beschäftigt der Fremde
sprach nur selten einige lateinische Worte zu seinem Begleiter Als die Sonne
sank betraten sie die finsteren Wälder des Gebirges welches die Thüringe von
den Franken scheidet
Sie hörten hinter den Bäumen Hundegebell und dazwischen ein tiefes
misstönendes Gebrumm »Führst du uns in eine Bärenhöhle« fragte der Fremde
»Hier wohnt Bubbo der Landfahrer« versetzte der Führer »er fängt Bären
weiß ihre Wut zu bändigen und verkauft sie weit südwärts im Lande der Franken
an Herrenhöfe zuweilen auch an fahrendes Volk Sein Hof ist im ganzen Lande
gefürchtet er hat Frieden bei Freund und Feind und versteht manche geheime
Kunst«
»Er ist von deinem Glauben« fragte der Fremde
»Wenige wissen zu welchen Göttern er fleht« sagte der Führer
»Dann lass uns den ungastlichen Hof meiden«
»Sieh auf den Himmel die Nacht bringt Regen dein Knabe und eure Pferde
bedürfen Nachtrast denn morgen steigen wir über den Wald auf wildem Wege wo
kein Wirt uns aufnimmt«
Der Mann blickte auf den Jüngling an seiner Seite und gab schweigend ein
Zeichen der Gewähr Da sie näher kamen wurde das Gekläff der Rüden wilder die
grunzenden Stimmen einer Bärenfamilie mischten sich darein und als Ingram an
das Tor schlug tobte der Lärm so arg dass der Fremde ein Kreuz schlug Lange
pochte der Führer endlich klangen Menschentritte und rauer Zuruf an die Tiere
Ingram rief seinen Namen durch das Tor der Sperrbalken wurde zurückgeschoben
und eine riesige Männergestalt trat in den Türspalt Der Führer sprach leise mit
dem Wirt Durch kurze Handbewegung lud dieser zum Eintritt er fasste die
zitternden Pferde am Zügel und zog sie in den Hof den er hinter ihnen wieder
verschloss Die Reisenden entlasteten ihre Tiere im Dunkel dann führten Ingram
und der Wirt die Rosse nach dem Stall Als die Männer auf den gestampften
Lehmboden der Hausflur traten hielt der Wirt eine Kienfackel an die züngelnden
Kohlen des Holzklotzes der auf dem Herde lag und leuchtete mit der russigen
Flamme seinen Gästen in das Gesicht Da er das Antlitz des Fremden erkannte
trat er zurück die Fackel entglitt seiner Hand und sprühte auf dem Boden bis
der Führer sie fasste und in den Eisenring am Herde steckte
»Nimmer hätte ich geglaubt dein Angesicht in meiner Hütte zu finden Unhold
war der Gruß den du mir botest da ich dich das erstemal sah mit meinen Bären
ließest du mich weghetzen von dem Haus deiner Gastfreunde«
»Und da ich dich zum zweitenmal sah« antwortete der Fremde ruhig »löste
ich deinen Hals von der Weide die für dich gedreht war Und da ich dich zum
drittenmal sah standest du als Täufling vor mir im weißen Hemd und das heilige
Wasser rann über dein Haupt«
»Das Taufhemd ist lange zerrissen es war das letztemal weniger wert als
sonst wohl in früheren Jahren wo ich mich in euer Wasser tauchen ließ und
ungern denkt der Mann an die Stunden der Not in denen er sein Haupt vor fremdem
Zauber gebeugt hat« versetzte der Wirt scheu »Du hast mir weh getan und du
hast mir wohl getan Dennoch meine ich du bist ein Mann großer Geheimnisse
kundig und auch mich rühmen die Leute als einen der manches weiß Und wenn ich
dir Frieden gebe unter meinem Dach so magst du zum Dank mich wohl noch manches
Geheimnis lehren«
»Ich will dich lehren« sagte der Fremde »wenn du Ohren hast zu hören«
»Wohlan so soll das Frühere ausgeglichen und vergessen sein und ich will
dich halten als meinen Gast dich und deine Begleiter mit Abendkost und
Herberge und ich grüße dich an meinem Herde dich Herr Winfried vor dem die
Leute knien und den sie Bonifazius und einen Bischof nennen«
Als die Reisenden am Abend des nächsten Tages aus dem dunklen Fichtenwald
ritten schauten sie von der Berghöhe niedrige Hügel in der Ferne offenes Land
Vor ihnen lag am Fuße des Berges ein Dorf grau die Dächer grau die Balken
rundherum ein Zaun aus Pfahlwerk und ein breiter Graben Eng gedrängt standen
die Häuser in den Dorfgassen damit die Abwehr eines feindlichen Überfalls
leichter sei Ausserhalb des Zaunes erhoben sich an der Berglehne zwei einzelne
Höfe wenige Bogenschüsse voneinander entfernt Zu jedem führte ein Fußpfad von
dem Dorfwege ab An dieser Wegscheide hielt Ingram und sagte kurz »In das Land
der Thüringe habe ich euch geleitet dies ist das Dorf dort ist der Hof des
Franken den sie einen Meyer des Grafen nennen und dort steht er selbst
Vollbracht ist was ich gelobt fahret dahin«
Während die Fremden mit geneigtem Haupt ihrem Gott dankten und um Segen für
ihren Eintritt flehten jagte Ingram von dannen und war bereits hinter einem
Vorsprung des Holzes verschwunden als Winfried nach ihm aufsah Von der anderen
Seite aber kam der fränkische Verwalter ihnen entgegen ein Mann mit grauem Haar
und ernster Miene Winfried bot ihm den Christengruss und das Gesicht des Mannes
rötete sich vor Freude als er antwortete »In aller Ewigkeit« Und als ihm
Winfried ein ausgeschnittenes Pergamentblatt hinhielt das Erkennungszeichen
welches die Herrin dem Meyer sandte da nahm dieser ehrerbietig den Hut vom
Haupte ergriff selbst die Zügel der Rosse und führte die Fremden nach seinem
Hofe
Ein Christ unter Heiden
Abwärts vom Dorfe auf die Ebene zu stand ein verfallenes Haus von einem Holzzaun
umgeben an welchem bestäubte Kletten die grauen Blätter breiteten der Zaun war
löcherig und nachlässig geflickt und die Hühner und Ferkel des Hofes fanden das
ganze Jahr mühelosen Durchgang Hinter dem Tor war aus zwei Stangen ein
Holzkreuz errichtet als einziges Zeichen dass Meginhard den sie Memmo nannten
dort wohnte ein Priester der Christen Widerwillig hatten die Dorfbewohner ihm
vor Jahren auf die Verwendung des Grafen gestattet in der leeren Hütte zu
wohnen Dennoch fehlte im Innern nicht gänzlich das Behagen Durch die Ritze der
geschlossenen Fensterladen sah man dass auf dem Herde ein lustiges Feuer
brannte Daneben saß Memmo ein kleiner rundlicher Mann vor ihm stand auf
schlechtem Holztisch ein Krug mit Bier auf dem Herde kochte im Topfe ein Huhn
und eine kräftige Magd wirtschaftete mit dem Holzlöffel um den Stein »Lange
brodelt das Huhn Godelind« sprach der kleine Mann und blickte sehnsüchtig nach
dem Topfe »schwinge den Löffel und lege Holz an denn dies ist das einzige was
man hier im Lande reichlich hat« Aber Godelind kümmerte sich wenig um den
Seufzer des Herrn sie fuhr unwirsch über den Herd und sah zuweilen zornmutig
auf den Priester herab »Sicherlich hätte mein Herr ein besseres Geschenk von
dem kranken Nachbar erwerben können als das Ding da« sie wies mit dem Löffel
in die Ecke der Hütte wo auf dem Strohbund ein slawisches Mädchen kauerte das
mit gesenktem Haupt vor sich hin starrte »Durch viele Wochen habt Ihr die bösen
Geister besprochen die in dem kranken Bein des Mannes saßen für große Mühe ist
dies ein erbärmlicher Dank eine Gefangene ein krankes elendes Ding zu gar
nichts gut Warum hat er Euch nicht ein Kalb in die Wirtschaft geschenkt Oft
genug habe ich Euch geraten ihm Eure Meinung darüber unter den Fuß zu legen
Wir haben kaum genug um zwei Mäuler zu füttern jetzt kommt das dritte und
dazu eine Wilde mit verworrenem Haar die kein Wort sprechen mag und die mir
neue Sorge schafft zu der die ich um Euch habe«
Memmo blinzte schlau in die Ecke »Und doch nahm ich sie um deinetwillen
Godelind« sagte er begütigend »für die Weide und das Feld gern will ich dich
schonen«
»Habe ich je über die Arbeit geklagt« schmollte die Gebieterin des Herdes
nur wenig besänftigt »Jetzt soll ich Wache halten um den fremden Unhold« Sie
stürzte das gekochte Huhn in eine irdene Schüssel und setzte das heiße Gericht
mit einem Löffel ihrem Herrn vor Ein wohlriechender Rauch stieg in die Höhe
Memmo saß die Kühlung erwartend und klapperte ungeduldig mit dem Holzlöffel am
Schüsselrand Da knarrte es draußen am Zaun und gleich darauf pochte ein Stab
an die Tür viermal in kurzen Absätzen Dem Priester fiel der Löffel aus der
Hand er fuhr erschreckt in die Höhe starrte auf die Tür als ob er einen Geist
fürchte und murmelte nach dem dritten Schlage leise halb bewusstlos »In nomine
spiritus sancti amen« Der letzte Schlag erklang und gleich darauf flog die
Tür von starker Hand gerissen auf ein Mann trat herein in dunklem Gewande
und eine tiefe Stimme sprach auf der Schwelle »Sei gegrüßt im Namen des Herrn«
Stumm stand Memmo alles Rot aus seinem Gesichte war entwichen Winfried
betrachtete einen Augenblick die Bewohner der Hütte dann trat er an das
Fenster schlug den Fensterladen auf nahm Schüssel und Huhn warf sie hinaus
dass die Scherben krachten und rief gebietend »Hinaus mit den Frauen« Godelind
hatte die Arme untergestemmt gar nicht gesonnen dem Befehl des Fremden zu
gehorchen da sah sie wie ihr Herr mit heftiger Handbewegung winkte dass sie
weiche sie merkte dass der flammende Blick des Fremden sich auf sie richtete
und ihr Mut wurde klein sie riss die gefangene Slawin mit sich fort und eilte
zur Tür »Suche eine andere Herberge zur Nacht Weib« rief ihr Winfried nach
»denn die Zelle dieses Mannes betritt dein Fuß schwerlich wieder« Hinter den
Frauen schloss er die Tür schob den Riegel vor und trat zu dem sprachlosen
Memmo »Ins Elend bist du gegangen mein Genosse« sprach er traurig »und in
übler Gesellschaft finde ich dich ich komme deine Seele zu mahnen Auf die
Knie Meginhard mein armer Bruder und bekenne deine Übeltat denn der Tag der
Busse ist gekommen siehe zu dass du die Gnade des Richters erwirbst«
Betäubt fiel der Mönch vor dem Bischof auf die Knie und begann ein
lateinisches Gebet zu murmeln Die Herdflamme loderte lustig weiter und warf die
Schatten der Männer hin und her das Wasser im Kochtopf hob den Deckel und
zischte auf dem Herde aber niemand kümmerte sich darum bis die Flamme sich
senkte und das Wasser schwieg Dunkler wurde es im Raum die verglühenden Kohlen
warfen ein schwaches Dämmerlicht und von der anderen Seite fiel matter
Sternenschein durch die Fensteröffnung aber immer noch lag der Priester am
Boden nur schwere Seufzer und das Summen feierlicher Gebete wurden gehört dann
die scharfen Schläge der Geissel und leises Stöhnen So ging es fort bis in die
Nacht Und als das Sternenlicht in dem Grau des neuen Tages verging lag Memmo
immer noch mit dem Antlitz am Boden die Arme in Kreuzesform ausgestreckt und
neben ihm kniete der Fremde und die tiefen Töne seiner Stimme klangen feierlich
über dem Schluchzen des Liegenden
Winfried öffnete die Tür das erste Morgenlicht drang in den dämmrigen Raum
am Zauntor stand der junge Gottfried und neigte sich schweigend vor dem Lehrer
denn noch war die Tagstunde nicht gekommen wo ein Bruder sprechen durfte »Ich
meinte dich wohlgeborgen auf dem Lager des Gastfreunds« sagte der Fremde und
winkte ihm die Erlaubnis zu reden
»Verzeih mein Vater mich trieb die Sorge um dich hierher«
»Dort drinnen liegt einer der gefallen ist Weile bei ihm damit er dein
Angesicht schaue wenn er sein Haupt erhebt und stütze seine wankenden
Schritte« und leise fügte er hinzu »Wie einen Hänfling der dem Bauer
entflogen war habe ich ihn eingefangen und unruhig wird seine Seele flattern
Hilf ihm obwohl er älter ist dass er sich der Zucht wieder gewöhne und gib ihm
nach soweit du darfst Denn ungeschickt wäre es dem Verwilderten allen Trost
zu nehmen«
Der Fremde schritt dem Dorfe zu wo sichs in den Häusern rührte der junge
Mönch setzte sich leise neben den Büssenden nicht lange und dieser schauerte
zusammen hob vorsichtig das Haupt und sah erstaunt statt des furchtbaren
Bischofs einen Jüngling neben sich in dessen Antlitz warmes Mitleid leuchtete
»Visio venit ein Friedensbote erscheint« murmelte er erschrocken und fiel auf
das Gesicht zurück um es nach einer Weile wieder zu erheben »Ich fühle warmen
Atem über meinem Haupte bist du einer von uns so sprich«
»Gottfried heiße ich mein Vater und bin dein Bruder und Diener«
»Er ist fort« seufzte Memmo sich furchtsam umschauend und fühlte mit der
Hand nach seinem wunden Rücken Mühsam setzte er sich auf und fasste den Kopf mit
beiden Händen »Gänzlich bin ich verwandelt die Schüssel mit dem Huhn warf er
aus dem Fenster und Frau Godelind« er bekreuzigte sich »hinweg du Teufel
Schwer bin ich versucht worden mein Sohn unter den Heiden zwischen
Pferdeköpfen und Rossfleisch habe ich gesessen und wenn sie im Mai den Reigen
tanzten forderten sie dass ich mit Frau« er bekreuzigte sich wieder »Sicher
ist der Bischof ein heiliger Mann menschlicher Schwachheit völlig enthoben
Auch du kennst die Regel mein Bruder obwohl du jung bist«
Gottfried nickte freundlich
»Dann weißt du auch mein Sohn dass den Getreuen nach der Pönitenz gestattet
ist die heißen Lippen anzufeuchten aqua cum aceto durch Wasser mit Essig
Essig fehlt in diesem Lande aber« fuhr er überredend fort »dort steht an
seiner Statt ein Rest Dünnbier es ist Wasser genug darin ich bitte dich
reiche mir den Krug«
Gottfried holte bereitwillig den Trunk der erschöpfte Mann tat einen tiefen
Zug hielt darauf den Krug in seinen gefalteten Händen und begann wehmütig sein
Morgengebet Gottfried sprach die Worte mit dann schüttelte er in der Ecke das
Stroh zum Lager zurecht geleitete den Wunden zur Ruhestätte und sprach ihm
leise Gebete vor bis der Vater entschlief
Als Winfried am späten Morgen zu dem Mönch zurückkehrte fand er ihn mutiger
auf seinem Stuhl sitzen Gottfried hatte die Zelle gesäubert einen kleinen
Altar aufgerichtet und mit Fichtenzweigen und wohlriechendem Quendel umhangen
Da der Bischof eintrat machte Memmo einen Versuch sich zu erheben Winfried
aber drückte ihn sanft in den Stuhl zurück
»Nicht als Arzt komme ich in dieser Stunde der seinen Kranken zum
Heilmittel nötigt als dein alter Geselle setze ich mich zu dir und ist dirs
nicht zu beschwerlich so bitte ich dich mein Bruder dass du mir wahrhaft
verkündest was du in diesem Volke Schweres geduldet hast denn wahrlich nicht
leicht war das Amt das dir befohlen war und ich finde dich nicht in fröhlicher
Arbeit«
»Gar nichts Günstiges kann ich dir sagen ehrwürdiger Vater« begann Memmo
kleinlaut »fünf Jahre habe ich hausgehalten unter diesem Geschlecht wie Daniel
in der Löwengrube verhärtet sind ihre Herzen und trotzig ihr Mut und der Beste
unter ihnen hat Stunden wo er sich gebärdet wie der üble Teufel aus der Hölle
Wenige gibt es die da glauben und sie glauben nur wenn ihnen ein Bein
verrenkt ist oder der böse Geist des Fiebers sie schüttelt dann senden sie zu
mir dass ich vor ihnen bete und schlagen emsig das Kreuz den nächsten Tag aber
schicken sie zu der Heidenfrau welche Zauberkünste übt und machen wieder das
Hammerzeichen über ihren Leib Sie fragen oft ob unser Gott ihnen Sieg schaffen
kann gegen die Slawen und Sachsen dann möchten sie es wohl mit ihm versuchen
Er soll sich ihnen geloben wie ein Diener aber sie wollen ihm nicht dasselbe
tun«
»Du kennst die Christen dieser Landschaft« fragte Winfried ungeduldig
»denn dazu bist du hergesandt wie die Schwalben ihre Boten voraussenden«
»Wohl meine ich dass ich sie kenne soweit das Land reicht von der Saale bis
zur Werra« versetzte Memmo »Und ich schrieb dir nach deinem Gebot die Namen
einiger welche Ansehen haben und noch die treuesten sind Von Priestern aber
bin ich das einzige Lamm unter bellenden Wölfen Denn andere gibt es noch die
sich Christenpriester nennen aber sie sind reine Teufelsbraten sie halten sich
mehr als ein Weib sie sitzen mit den Heiden beim Opferschmause und die
Pferdehäupter hängen neben ihren Kreuzen sie wollen auch nichts wissen von
unserem großen Vater in Rom Vor alter Zeit ist diese Art ins Land gekommen sie
malen mit Farbe Zeichen in ihre Haut«
»Schottische Wildkatzen« rief Winfried zornig
»Viel habe ich hier erduldet durch Schläge und durch Hohnreden« fuhr
Meginhard fort »Das Ärgste aber geschah mir im letzten Jahre als die Wenden
ins Land fielen Die Thüringe stellten sich ihnen entgegen unweit der Saale und
sie bedräuten mich und forderten von mir da ich ihr Gast sei und ihren Frieden
genieße dass ich mit ihnen ziehe und als unkriegerischer Mann neben ihrer Schar
auf dem Hügel stehe und Sieg für sie herabbete Sie zogen mich fort und stellten
mich auf aber die Wenden wurden ihrer mächtig erschlugen einen Haufen brachen
in die Dörfer zündeten an und führten die Weiber und Kinder hinweg in
Knechtschaft auch mich fingen sie mit Weiden wurde ich gebunden und sie
trieben uns wie eine Herde Schafe ostwärts in die Sklaverei Jämmerlich war die
Reise unter Heidenweibern und weinenden Kindern wer niedersank und nicht mehr
aufzustehen vermochte der erhielt einen Keulenschlag und lag am Wege Spärlich
war auch die Reisekost gleich Ebern bot man uns Brei im Troge Zwei Tage und
Nächte wanderten wir so den Angstpfad bis wir die Dörfer der Wenden erblickten
und die Stangen an denen die Banner ihrer Häuptlinge hingen Dort teilten sie
uns in die Dörfer ich aber mit einem Haufen wurde dem Sorben Ratiz zuteil dem
greulichen Manne der sich diesseit der Saale seine Ringburg geschanzt hat Die
Heiden hielten ein großes Gelage mich aber bestimmten sie zu jämmerlichem Tode
weil sie mein geschorenes Haupt sahen und die Teufel spuckten mir auf den
Scheitel Gebunden lag ich und hoffnungslos da trat Herr Ratiz in den Stall und
fragte mich durch einen Mann der ihn begleitete von welchem Stamm und
Männergeschlecht ich sei Ich aber sagte ihm dass ich ein Mönch sei und du der
ehrwürdige Vater dem ich mich gelobt habe zur Reise unter die Thüringe Da
erweichte der Herr sein Herz dass er meine Bande lösen ließ und durch seinen
Begleiter mir mit großer Heimlichkeit offenbarte er wünsche Boten zu senden an
den Gebieter der Franken im Westen und er wisse dass du ein mächtiger und
friedfertiger Mann seist und wohl ein Fürsprech werden könnest für sein
Begehren Und der verschlagene Wolf der satt war von dem Morde in unserem
Schafstall behauptete dass auch er den Frieden liebe die Grenzgrafen der
Franken aber seien räuberisch und blutdürstig Und ich musste ihm geloben diese
Botschaft dir zu bringen so schnell ich könnte So wurde ich erledigt gespeist
und gekleidet und bis in die Nähe unserer Dörfer geführt Wie ich dir auch
sogleich verkündet habe in meinem Briefe den Hunibald der Franke auf seiner
Fahrt nach Westen mit sich nahm«
»Was du geschrieben hast habe ich gelesen« versetzte Winfried »Unterdes
ist der Wolf wieder hungrig geworden und aufs neue in das Land der Franken
gebrochen Hast du erkundet was er vom Herrn Karl der über die Franken
herrscht für sich begehrt Denn Frieden halten mögen die Franken und die Slawen
so wenig wie zwei Hamster in einer Grube«
»Mich dünkt er begehrt Geschenke und vielleicht das Land das er sich
geraubt hat«
»Will er bekennen und den Werken des Teufels entsagen« fragte Winfried
»Eher beißt ein Fuchs in der Falle sich den Schwanz ab in ihm ist nicht
mehr Frömmigkeit als in einer hohlen Nuss«
»Manche die das Kreuz schlagen sind ebenso leer« versetzte Winfried »Ist
er ein kalter Heide so mögen seine Kinder warme Christen werden Jetzt aber
sprich zu mir von einem anderen Mann du kennst den Ingram welchen die Heiden
Ingraban nennen«
»Nicht viel Gutes habe ich von ihm genossen er ist einer von den Feinden
des Kreuzes dort oben haust er auf der Stätte die sie den Rabenhof nennen
denn die schwarzen Heidenvögel nisten in den Bäumen und krächzen unholde Lieder
Er aber ist voran bei allem Streit und hält die Herzen der Jugend in seiner
Hand Während jener Schlacht sah ich wie seine Gesellen ihn verwundet aus dem
Kampfe trugen und sie meinen wäre er im Vorkampf geritten bis zum Ende dann
hätten die Slawen nicht obsiegt«
Winfried erhob sich und sah prüfend in die Ecken der Hütte »Das Gesetz
befiehlt dass die Brüder zusammen hausen unter einem Dach nicht ziemt mir bei
Fremden zu herbergen wo ein Bruder sein Haus hat Sorge mir hier ein Lager zu
bereiten«
Erschrocken vernahm Memmo diesen Entschluss »Gering ist die Hütte
ehrwürdiger Vater und das Dach ist schadhaft der Regen läuft hinein übel
steht es auch mit der Kost doch ich meine nicht« verbesserte er sich »dass dir
daran gelegen ist Und dann ehrwürdiger Vater verzeih die kleinen Vögel die
ich bisher hielt singen laut und sie schmeissen zuweilen unverschämt Herr
befiehlst du dass ich die Vögel fliegen lasse Im kalten Winter sind sie zu mir
geflogen manche sind im Frühjahr in die Lüfte geflattert einige haben ihr Nest
gebaut zwischen den Sparren sie haben die zweite Brut ausgebracht und
manchmal wenn ich kleinmütig war hat ihr Gezirp mich gefreut Peccavi« fuhr
er fast weinend fort »es ist Sünde sein Herz an eine Kreatur zu hängen aber
Vater sie kommen immer wieder wenn ich ihnen nicht den Hals umdrehe vor allen
der Stieglitz er ist der schönste Vogel in diesem Lande«
Winfried hörte finster den Klagegesang des zuchtlosen Mönches »Gib deinem
Bruder nicht weniger gern die Nachtrast als deinen Gespielen im Federkleid«
»Fruchtlos war die Arbeit an den Herzen der Menschen« fuhr Memmo traurig
fort »eher noch behielten die Vögel das heilige Wort Jedes Jahr fing ich junge
Raben und Elstern lehrte sie das Kyrie eleison und ließ sie wieder fliegen Im
lichten Gehölz hier kannst du zuweilen ihre Stimme hören wenn sie die heiligen
Worte singen Auch an dem Ingram meinte ich manche Unbill zu rächen die er mir
zugefügt und ich setzte ihm meine jungen Raben auf seine Bäume damit sie unter
den Heidenvögeln den Herrn anrufen sollten aber die andern Raben fuhren grimmig
gegen sie und rauften ihnen die Federn weil den wilden unser Gesang widerwärtig
war Und sie kamen zu mir zurück Aber auch diese die ich gezähmt hatte ließ
ihre Tücke nicht sie frassen mir meine kleinen Gesellen und seit dem letzten
harten Winter sind die Kleinen allein bei mir geblieben Verzeiht mir
ehrwürdiger Vater«
»Ich zürne dir nicht mein Bruder« versetzte Winfried »da ich dich
aussandte wusste ich dass du kein Sämann warst für steiniges Land aber von
freundlichem Herzen und dass dich die Heiden hier weil du wohlmeinend bist
vielleicht dulden würden Wie ein Kundschafter der in das Gelobte Land gegangen
ist warst du mir Jetzt bin ich selbst gekommen dies Volk meinem Herrn zu
unterwerfen«
Durch das geöffnete Tor führte Gottfried ein bepacktes Pferd in den Hof er
band das Tier an den Pfosten hob den Ledersack ab und trug ihn in die Hütte
Ein warmer Strahl von Liebe und Sorge fiel aus den Augen Winfrieds auf ihn »Was
sagte der Führer der so unfreundlich von uns schied«
»Kaum drang ich zu ihm« klang die weiche Stimme des Mönches zurück »die
Knechte wiesen mich rau fort endlich bewegte meine Bitte doch einem das Herz
er führte mich an das Gehege wo der Mann seine Rosse koppelte gleich einem
der sie wegschaffen will Ich sprach ihm deine Botschaft er aber war ungeduldig
zu hören Nimmer hätte ich deinen Herrn geleitet wäre ich seines Amtes kundig
gewesen Lohn für das Geleit begehre ich nicht weder einen Armring noch
Frankensilber auch seine Dankbarkeit erfreut mich nicht und guten Willen hat
er von mir gar nicht zu erwarten wenn er ihn in Zukunft fordern sollte So
sprach er und stand vor mir wie Turnus der finstere Held von dem der Römer
Virgilius meldet dass er sich gegen den König Äneas erhebt«
»Dein König Äneas mein Sohn« versetzte Winfried lächelnd »hat gegen den
Wilden keine anderen Waffen als die redliche Meinung ihm und anderen zu nützen
Du aber bete dass uns das gelinge« Winfried trat zum Tisch löste die Riemen
des Leders nahm eine Holzkapsel heraus und übergab den Sack feierlich dem
Priester »Hüte ihn wie das Licht deiner Augen Meginhard er birgt heilige
Gebeine dazu Gewänder und Gefäße für die Kirche welche wir hier bauen werden«
Während Memmo mit großen Augen auf den Bischof und wieder auf den Behälter der
Kostbarkeiten sah gab Winfried dem Jüngling einen Wink und verließ mit ihm die
Hütte
Mit starken Schritten eilte der Bischof dem Hügel zu welcher sich vor dem
Walde erhob gefolgt von Gottfried welcher das Ross führte Auf der Höhe hielt
Winfried an »Schneller als ich meinte« begann er mit bewegter Stimme »ist die
Stunde gekommen wo ich dich auf rauhem Pfad zu den Heiden entsenden muss du
Kind meiner Schwester Das Liebste will ich den Gefahren der Wildnis preisgeben
der Herr möge mir verzeihen dass ich um den Boten in seinem Dienst ängstlich
zage«
»Vertraue mir mein Vater« bat Gottfried
»Dem Sorben Ratiz sollst du Antwort sagen auf seine Frage an mich du kennst
die Frage und du kennst die Antwort«
»Ich kenne sie Vater«
»Dem Heiden Ingram sollst du helfen die Gefangenen zu lösen Denn dich an
diese Botschaft zu wagen habe ich dem Himmelsherrn gelobt als ich am Grabe des
Franken kniete aber jähzornig und unhold ist der Mann den ich dir als Genossen
werben will« Winfried schritt wieder mit starken Schritten vorwärts und hielt
aufs neue »Ich war ein Jüngling wie du da trat ich einst in Angelland unserer
Heimat an einen verfallenen Steinbau den dort vor Jahrhunderten das Römervolk
errichtet hatte Denn in alter Zeit bevor die Botschaft des Herrn zu den
Landgenossen kam waren die Völker gebändigt durch das große Reich der Römer
und fast überall hatten diese sich feste Burgen geschanzt Damals sah ich wie
Krieger meines Stammes in den Steinen einen Haufen Weiber und Kinder
zusammentrieben die sie aus den Nachbardörfern geraubt hatten Ich hörte die
Peitschenschläge und das Gewimmer und ich sah die Schwertstreiche womit die
Waffenlosen geschlachtet wurden ich aber lag eine Höllennacht auf dem
Römersteine
Denn die Mörder und die Gemordeten beide rühmten sich Christen zu sein
Und ich erkannte mit Entsetzen dass auch die Gotteslehre auf Erden ihre
heilbringende Kraft verlor Überall haderten die Bischöfe gegeneinander einer
schalt den anderen Irrlehrer schlug ihn in das Angesicht oder zückte das Messer
gegen ihn aber kaum einer tat nach dem Gebot des Herrn und wie die Hirten so
waren auch die Herden völlig verdorben jede Sünde und Unzucht sah ich in geiler
Blüte die Heiden oft redlicher als die Christen Ich meinte dass ich wahnwitzig
werden könnte über solche Erdennot und ich flehte zu dem Himmelsherrn dem ich
mich gelobt hatte um Rettung für die Menschheit aus unserem Elend Da kam in
mich die Botschaft des Heils wie eine Feuerflamme fuhr sie mir durch die
Glieder dass ich in Schreck und Seligkeit hoch aufsprang Denn mir wurde
offenbart was dem Menschenvolk Rettung bringt eine neue Zucht für die
Zuchtlosen und neue Vereinigung für die Verfeindeten Geschwunden ist die
Herrschaft der Römer aber zu Rom wohnt jetzt der fromme Nachfolger der Apostel
Er soll werden zu einem oberen Richter aller Herzen und Gewissen und soll auf
der Erde walten als der große Häuptling des Himmelskönigs Wir aber sollen ihm
alle ebenso im Glauben dienen wie den Königen und Häuptlingen in weltlichen
Werken Und mein ist das Amt die Völker der Erde zu seinem Dienst zu führen
Friesen Sachsen Hessen Thüringe und wenn mir der Herr gnädig ist auch die
wilden Horden welche sich Wenden nennen Den Frieden meines Gottes will ich
allen bringen Damit der Glaube für die Völker der Erde heilkräftig werde will
ich sie lehren dass ein einiger Gott über ihnen waltet ein großer Wirt in der
Himmelsburg und hier auf Erden als sein Vogt der Bischof zu Rom ehrwürdig und
gewaltig über alle Einheit der Lehre soll auf Erden sein und Einheit im
Gehorsam damit auch Einheit in der Liebe werde Darum habe ich gepredigt unter
den Friesen und Hessen darum bin ich selbst nach Rom gezogen und habe mich auf
meinen Knien dem Papst in seine Hände gelobt als Mann meines Gottes und darum
wandere ich jetzt hier durch das Unkraut der wilden Täler allein mit dir Knabe
denn austilgen will ich den Jammer der Welt und Heil allen verkünden die jetzt
im Elend sind Solches hat mir unser Herr in jener Angstnacht geboten«
Der Jüngling küsste ihm ehrfurchtsvoll die Hand Winfried hielt sie fest und
sprach ruhiger »Du mein Liebling der du die Jahre eines Knaben hast und den
Sinn eines Weisen du bist mir treu und wenig Gedanken gibt es die ich dir
verberge Nicht die Heiden sind es die mir die größte Not bereiten größer ist
die Arbeit die ich habe wo ich Hilfe erwarten könnte Die Franken welche sich
Christen nennen ihre Bischöfe die zuchtlosen Frevler von denen jeder mit allen
anderen streitet die sind dünkt mich die schlimmeren Wölfe Ein würdiger Mann
ist der Bischof zu Rom Aber auch er sah mich zuerst an wie einen Unsinnigen
als ich vor ihn trat und ihm bekannte dass er der höchste Herr werden müsse über
den Glauben der Männererde um uns alle zu retten Viel Eigennutz gibt es dort
und Gier nach weltlicher Herrschaft aber der Herr dem ich mich gelobt habe
wird mir helfen dass ich den Unverstand der Großen überwinde wie den Trotz
dieser langhaarigen Wilden Darum folge auch du mir zu dem Heiden mein Sohn
öffne die Ohren und vernimm auf dem Wege was dir noch zu wissen not tut«
Als sie die Höhe erreichten auf welcher der Rabenhof lag stob ihnen eine
Koppel wilder Rosse entgegen auf dem einen saß Ingram auf einem anderen sein
Diener Winfried trat in den Weg dass das Ross Ingrams bäumte und der erhitzte
Reiter als er es kraftvoll bändigte dicht vor dem Bischof hielt »Was kommst
du selbst mich aufzuhalten« rief Ingram zornig »unselig war die Stunde wo ich
dir Dienst gelobte«
»Wer auf eine Reise ausfährt wie die deine« antwortete Winfried »der
handelt nicht weise mit einer Verwünschung die Fahrt zu beginnen«
»Deinen Segen begehre ich nicht Christ besseren Schutz weiß ich mir zu
gewinnen als dein Zeichen gibt«
»Und doch vertrauen manche im Sorbendorfe denen der Weidenring die Hände
zusammenschnürt auf das heilige Zeichen welches du töricht missachtest
Schmähst du den Himmelsgott zu dem die Christen flehen vor deiner Reise so
wahre dich dass deine Fahrt nicht fruchtlos sei«
Der Reiter wollte sein Ross antreiben jetzt hielt er still und sah finster
vor sich hin »Bändige dein heißes Blut« fuhr Winfried mit Würde fort
»bedächtiger Rat dient vor schneller Tat Bin ich dir auch unwillkommen so
verachte doch nicht meine Worte steige ab Ingram wenn du in Wahrheit das Weib
lösen willst«
So nachdrücklich war die Mahnung dass der Thüring sich vom Pferde schwang
und seinem Knechte die Zügel zuwarf
»Mache kurz was du mir zu sagen hast Fremder denn der Boden brennt mir
unter den Füßen« Winfried führte den Ungeduldigen einige Schritt abseits
»Beantworte mir eine Frage wenn du willst die ich wohlmeinend tue und in
großer Sorge um die Gefangenen Führst du mit dir was dir von dem Ratiz zur
Lösung dienen kann Oder hoffst du dass es dir gelingen wird die Weiber und
Kinder aus dem Sorbenlager zu rauben«
Mit zuckendem Antlitz antwortete Ingram »Wer dem Lager des Räubers naht
greift das Geraubte wie er kann Vermag ich unerkannt einzudringen so suche
ich sie heimlich zu entführen«
»Du sagtest mir ihr Thüringe habt den Sorben Frieden gelobt«
»Nicht ich auf dem Lager lag ich mit blutigem Leibe«
»Aber die Alten haben ihn gelobt auch für dich«
»Gebrochen ist der Eid durch jenen als er meinen Gastfreund erschlug Wer
mag mich schelten wenn ich den befreundeten Mann räche«
»Dein Volk wird fragen ob du von der Freundschaft des Toten bist du aus
dem Land der Thüringe er ein Franke«
Ingram schwieg
»Und wenn die Grenzwächter der Sorben dich erspähen Sicher sind sie des
Grenzbrauches kundig und sorgen jetzt um eine Rachefahrt der Franken Darum
meine ich auch dir ist nicht verborgen dass du nur in Frieden die Gefangenen
lösen kannst«
»So magst du wissen« versetzte Ingram finster »was ich ungern bekenne dass
ich mir Lösegeld suchen will durch Verkauf der Rosse die du hier siehst einige
darunter sind wohl wert den Sattel eines Königs zu tragen Unsicher ist ob der
Ratiz selbst die Rosse nimmt denn voll von Hufen ist wie ich fürchte das
Lager der Diebe seit ihrem letzten Zuge Deshalb will ich die Rosse jetzt an die
Erfesfurt treiben wo der große Markt meines Volkes ist ob ich Armringe oder
fränkisches Silber dafür einhandle Doch misslich ist ein Verkauf in der Not Das
ist die Sorge die mich ängstigt«
»Und gibt es anderen Kaufpreis der dir den Willen des Slawen bezwingt«
»Rotes Gold der Zwerge und Silber das der Schmied künstlich geschlagen
hat« versetzte Ingram schnell »Ihm kann der niedrige Mann nicht widerstehen
Aber solch Königsgut hat der Thüring nicht«
Winfried zog die Kapsel hervor und drehte sie auf einen großen Becher hob
er heraus von außen Silber von innen Gold mit einem Kranz von Weinlaub und
erhöhten Menschenbildern daran ein wundervolles Stück Arbeit »Aus dem Schatz
eines Königs stammt es und von einem königlichen Mann ist es in meine Hand
gelegt Meinst du dass dies Stück uns die Kinder lösen wird«
»Nie sah ich solch ein Werk von Menschenhand« rief der Thüring mit
leuchtenden Augen »silbern sind die Kinder und nackt sie wandeln um den
Becher als ob sie lebten« Und gehaltener setzte er hinzu sich seiner Neugier
schämend »So großes Schatzglück löst viel«
»Dann sei der Tag gesegnet« rief Winfried »wo ich den Becher empfing«
Aber wieder fuhr ein dunkler Schatten über das Gesicht des jungen Kriegers
und das Gefäß stolz zurückgebend rief er »Fahre hin mit deinem Becher du
schlauer Fremdling« und wandte sich den Rossen zu
Doch Winfried hielt seinen Arm »Meine nicht Ingram dass ich deine Gunst
erkaufen will durch Silber und Gold Du hast dich ja selbst geweigert
Führerlohn zu empfangen Wärest du von den Kindern des großen Gottes dann
dürfte ich dir das Schmiedewerk zu christlicher Tat schenken Du aber hast deine
wilde Begier mir verraten Nicht als deine Sklavin darfst du das Frankenweib
heimführen in dein Haus ihr selbst und ihrem Geschlechte schenke ich den
Becher und rettet er sie aus der Gefangenschaft so kehrt sie wieder als eine
Freie sie und andere die du zu lösen vermagst So ist meine Meinung Dich aber
bitte ich um der Gebundenen willen dass du für sie alle den Handel vollendest
und sie darauf herführst in den Schutz den sie sich selbst begehren«
»Dein soll die Ehre sein und nicht mein« rief Ingram heftig
»Nicht du nicht ich spenden den Kaufpreis ich selbst besitze weniger als
der ärmste deiner Landgenossen ich bin nur ein Bote des Christengottes und
seinem Schatz gehört dies Silber«
Scheu sah der Krieger auf das blinkende Metall »Birg es in seinem Holze
denn sehr fürchte ich dass ein übler Zauber in solcher Gabe sei«
»Auch rate ich nicht dass du selbst diesen Kaufpreis trägst« fuhr Winfried
fort »denn auch ich habe einen Boten zum Ratiz zu senden in Geschäften des
Frankenkönigs meinen jungen Bruder Gottfried Du aber wirst der Sprecher sein
um den Loskauf und ich bitte dich dass du dem Jüngling gestattest mit dir zu
reiten und dass du selbst mir gelobst treu um ihn zu sorgen«
»Rauh ist der Weg zu dem Dorfe des Ratiz schnell muss die Fahrt sein und
nicht gefahrlos ist rascher Botenlauf in den Bergen wie mag ich den Knaben
davor bewahren«
»Du hast seine Kraft versucht und du hast ihn nicht schwach gefunden« Der
Krieger sah auf Gottfried hinüber der das Ross des Bischofs am Zügel hielt und
sein Antlitz wurde freundlicher Er überlegte »Ich erkenne« sagte er endlich
»dass du wie ein Herr meinen Willen richten willst Nicht weiß ich ob es zu
meinem Heil ist wenn ich nach deinem Verlangen tue und wäre es um
meinetwillen ich täte es nicht Aber ein Weib sehe ich sitzen mit gerungenen
Händen in der Sklaverei« Er fuhr heftig auf und rief »Ich gelobe den Knaben
zu halten wie einen aus meiner Freundschaft« und legte seine Hand in die des
Bischofes dann eilte er zu seiner Koppel gab seinen Männern Befehle und ließ
die ledigen Rosse nach dem Hofe zurückführen Unterdes sprach Winfried leise zu
dem Jüngling faltete die Hände über dem Haupte und tiefer Schmerz zuckte in
seinem Gesicht als er den Reisesegen über ihn sprach
»Heran Jüngling« rief Ingram seinen Wurfspeer schwingend »viel Zeit ward
verloren in dem Streit der Worte lass den Hufschlag klingen zur Reise ins
Slawenland« Prüfend sah er noch einmal auf das Ross und den friedlichen Reiter
ihm gefiel dass der Jüngling fest im Sattel saß und er nickte ihm grüßend zu
Laut rief er sein Hara und Rosse und Reiter stoben abwärts dem Waldweg zu
Winfried sah den Flüchtigen nach und hob die Hände zum Himmel
In der Hütte stand Memmo lange Zeit vor dem Ledersack bekreuzigte und
verneigte sich und trug ihn in eine Ecke er legte sorgfältig Stroh darüber und
setzte sich in tiefen Gedanken davor Zuweilen schüttelte er den Kopf »Wer soll
die Kirche bauen Er und ich Und wer soll den Taufstein aus dem Felsen hauen
Wieder ich Viele Hammerschläge werden diese Arme tun und der Rücken wird sich
beugen unter der Last der Balken Wer aber wird eingehen in den Hof der
Täuflinge Niemand als die Schwalben aus der Luft und die Mäuse vom Felde bis
an einem wilden Tage das Heidenvolk heranspringt und mit seinen Schwertern die
Kreuze auf unsere Schädel schlägt Von heut bin ich ein fremder Gast in meinem
Hause aber es steht geschrieben eures Bleibens ist nicht hienieden und der
Mensch ist wie Heu« Da knarrte das Hoftor und ein rotes Gesicht sah zum
Fenster herein »Alle guten Geister Das ist Frau Godelind Hinweg Weib« rief
er heftig ohne sich von seinem Platze zu bewegen »Ich kenne dich nicht«
»Übel seid Ihr verwandelt« rief das Weib zornig hinein »welcher Zauber hat
Euch den Sinn betört«
»Hinweg Godelind« rief Memmo mit strengem Ton »wenn dich der Bischof
sieht bist du verloren du stehst unter dem Kreuz und er hat Macht über dich«
»So viel gebe ich auf euren Bischof« rief Godelind einen Strohhalm nach
dem Priester werfend »und so viel auf Euch der Ihr nichts seid als ein
Feigling Ist das mein Lohn für treue Pflege und für alle Dienste die ich Euch
bei Tag und Nacht getan dass Ihr mich von einem Fremden aus dem Hause weisen
lasst«
»Wenig nutzt es über Vergangenes zu klagen« versetzte Memmo aus seiner
Tiefe »ich sage mich los von dir für alle Zukunft Suche Obdach bei deiner Base
und behalte das Slawenmädchen nur höre dass du das arme Ding nicht misshandelst
nimm meinetwegen auch das Ferkel im Stall es muss dahingehen mit dem anderen
aber schweige und entferne dich denn ich bin in tiefer Betrachtung und lästig
ist mir dein Geschwätz Verwandelt hat mich diese Nacht und mich reuts dass
dein Fuß je meine Schwelle betrat«
»Du feiger Mann« rief Godelind in hellem Zorn »manchmal noch soll dich
reuen dass du die Dienerin von dir weisest und ich will lachen wenn ich an den
Toren denke der am kalten Herde Wasser vom Bache trinkt und ungekochte Bohnen
kaut« Ihr Gesicht verschwand aus der Öffnung und gleich nachher erscholl
misstönendes Gequiek aus dem Stalle »Da führt sie hin« seufzte Memmo »was der
Schatz meines Hauses war« und er senkte ergeben das Haupt bis sich der
Stieglitz darauf setzte und von dem kahlen Scheitel fröhlich sein Lied
zwitscherte Memmo hob leise die Hand der Vogel flatterte herab und der Mönch
küsste ihm seinen roten Kopf
Im Sorbendorf
Auf der Sorbenfahrt hielten die Reiter Abendrast die Pferde standen im festen
Gehege Ingram und Gottfried lagen unter einem Baum und Wolfram der Knecht
bereitete am großen Feuer die Nachtkost Er trug eine Lederflasche die einem
Schlauch ähnlich war herzu »Das Bier ist am Quellwasser gekühlt wohl möge es
euch munden« Da Gottfried die Flasche dankend von sich wies sprach Ingram
gutherzig »Als ein wackerer Reisegesell hast du dich seither erwiesen
verschmähe nicht unsere Kost wenn wir auch nicht von deinem Glauben sind Denn
ich merke in vielem hadern die Menschen miteinander aber Speise und Trank
ehren sie alle«
»Zürne nicht mein Genosse ungewohnt ist mir der starke Trank und das
Fleisch der springenden Tiere Doch weil es dir lieb ist will ich dein Mahl
teilen« und er legte seinen Brotkuchen beiseite aß ein wenig von dem Fleisch
und trank von dem Bier
»Sage mir wenn es dir nicht lästig dünkt« fuhr Ingram fort »bist du auch
von denen welche für unrecht halten ein Weib zu umhalsen«
»Es ist so wie du sagst« antwortete Gottfried errötend
»Bei meinem Schwert wunderliche Bräuche habt ihr« spottete Ingram »Zwei
Sklavinnen halte ich und wenn mirs gefällt umschlingen sie mich mit ihren
Armen aber beide gebe ich hin und jedes andere Weib der Erde wenn ich die
Jungfrau gewinne um derentwillen wir reiten Gern erfreut sich der Mann seines
Lebens wir anderen sind wie die Vögel welche lustig singen und ihr Nest bauen
du aber bist wie ein grauer Kauz der im Baumloch sitzt und alle Vögel schreien
ihn an«
»Auch meinem Leben fehlt die Freude nicht« versetzte Gottfried lächelnd
»froh bin ich dass ich mit dir reise wenn du mich auch gering achtest denn ich
möchte dir helfen bei einem guten Werke«
»Was hast du davon wenn es uns gelingt die Gefangenen loszukaufen«
»Ich tue nach dem Gebot Gottes des allmächtigen Himmelsherrn«
»Ist dein Herr allmächtig wie du sagst und gibt er dir Befehl Gefangene
zu lösen so wundert mich dass er nicht vielmehr den anderen wehrt Gefangene
fortzutreiben«
»Frei hat Gott die Menschen geschaffen damit diese sich selbst ihr
Schicksal bereiten Aber wie du die Perlen übersiehst welche an einer Schnur
gereiht sind so übersieht der große Gebieter alle Taten ja auch alle Gedanken
jedes Erdgeborenen und danach schätzt er die Tüchtigkeit des Mannes ob er ihn
in jenem Leben heraufhebt unter seine Bankgenossen oder ob er ihn hinabstösst in
das Totenreich des üblen Drachen Darum tut dem Menschen not unablässig zu
sorgen dass er nach dem Gebot seines Gottes tue«
»Wahrlich« rief Ingram »das ist harter Dienst und wie Knechte lebt ihr im
Zwange ich aber rühme mir den Mann der den Überirdischen ihre Ehre gibt aber
wo er etwas wagt vor allem fragt ob es ihm selbst Ansehen bringe und Vorteil«
»Ist nicht auch dir eine Ehre wenn die Frauen deiner Landsleute danken dass
du sie aus den Mühlen der Sorben gelöst hast und wenn du die unschuldigen
Kinder von den Schlägen erledigst von dem Hunger und von schmachvollem Dienst
unter dem schmutzigen Volke«
Ingram dachte nach »Es sind die Kinder unserer Nachbarn jenseit der Berge
und manches davon habe ich vielleicht auf dem Arm gehalten dir aber sind sie
fremd Kein Jahr vergeht wo nicht in allen Ländern Herden von ihnen zu Markte
getrieben werden«
»Hätte ich Gold und Silber« rief Gottfried »alle wollte ich lösen wäre
ich ein großer Held alle wollte ich retten«
»Wohl erkenne ich ihr Christen haltet zueinander wie Nachbarn und Freunde«
»Mein Vater hat mir geboten dass wir auch die Heidenfrauen und ihre Kinder
zurückführen wenn es uns gelingt« versetzte Gottfried
»Dann werden andere gefangen« warf Ingram ein
»Dazu sind wir in die Welt gesandt dass wir die Gebote verkünden des
himmlischen Königs der so voll Erbarmen ist dass er jedem Glück und Heil
bereiten will auf der Männererde und im Himmel Wenn erst alle seinen Geboten
folgen dann wird keiner den anderen verhandeln wie ein Kalb oder ein Rind
sondern er wird ihn betrachten so wie geschrieben steht nach dem Ebenbild
Gottes ist der Mensch geschaffen und aufrecht soll er gehen unter den Tieren
welche mit gebeugtem Haupt die Knechtschaft tragen«
Ingram schwieg eine Weile »Alles rote Gold der Zwerge von dem sie sagen
dass es nicht gemessen werden kann würde nicht ausreichen zu einer Befreiung
aller Gebundenen und du der du unkriegerisch bist und von zartem Leibe willst
dich solcher Arbeit unterwinden«
»Ein Krieger bin ich du merkst es nur nicht« versetzte Gottfried »demütig
vor meinem Herrn aber stärker als du glaubst Verzeihe mir Herr dass ich mich
vor ihnen rühme« setzte er hinzu
Ingram maß ihn mit den Augen die zarte Jünglingsgestalt und der milde
Ausdruck des begeisterten Antlitzes bewegten ihm das Herz und er sprach leise
»Viel geheimes Wissen so meinte auch Bubbo der Bärenführer ist euch zuteil
geworden Ich fürchte ihr möchtet es gebrauchen anderen zum Nutzen oder zum
Schaden«
»Jedermann freundlich sein und niemandem schädlich ist meines Herrn Gebot«
versetzte Gottfried feierlich
»Einem lichten Gott mag dieser Befehl wohl anstehen« warf Wolfram ein der
bis dahin am Reh und Bier sein Bestes getan hatte und sich jetzt zufrieden vor
das Feuer streckte »Aber auf der Männererde ist es schwer mit solcher Lehre
durch den Wald zu reisen Glaube mir Fremder auch hierzulande haben wir
Übermenschliche die ganz denselben Sinn haben den du an deinem Gotte rühmst
Siehst du an der Bergleite den vorhangenden Stein Dort« sagte er leise »wohnt
ein Geschlecht von guten Zwergen freundliche kleine Leute nie hat man gehört
dass sie jemandem ein Leid getan Aber wer ihnen bei der Waldfahrt von seinem
Reisevorrat hinlegt der hat Glück auf dem Wege und schon manchem haben sie
zugewinkt und dürre Blätter und Nüsse geboten diese wurden in seinem Reisesack
bei Nacht zu Golde Ist der dem du dienst ein Zwerg so mag er wohl von den
guten sein denn es gibt auch arge«
»Viel Ungehöriges mischt deine Rede Wolfram« versetzte der Mönch »der
Christengott spendet nicht Blätter und Nüsse und er gibt kein Angebinde
welches das Glück im Hause des Menschen erhält«
»Dennoch gibt es solchen Schutz auf Erden« sagte Ingram »ich kenne einen
Mann dem eine Gabe für sein Geschlecht verliehen wurde von den
Schicksalsfrauen ich kenne die Stelle wo sie verborgen liegt und ich weiß
dass sie ihren Segen bewährt hat durch viele Geschlechter«
»O traue nicht auf den Zauber« mahnte Gottfried eifrig »Täuschend ist jede
Gabe des Unholden Hochmütig macht sie den Mann und maßlos bis der Tag kommt
wo sein Hoffen sich ganz eitel erweist und der Herr ihn demütigt in seinem
Stolz«
Ingram lächelte »Jeder berge was ihn mutig macht in stillem Herzen Beide
wollen wir als gute Gefährten nicht forschen wo der andere seinen Schatz
bewahrt Der Tau fällt früh und morgen reiten wir auf wilden Wegen nimm hier
die Decke und verhülle die Glieder dass sie dir nicht steif werden in der
Nachtluft der Berge Wecke mich Wolfram nach Mitternacht«
Am nächsten Nachmittag sahen die Reiter baumloses Land vor sich Die Stämme
waren erst vor kurzem gefällt und an dem Rand des Waldes als Verhau geschichtet
denn noch standen die Stümpfe auf grünem Boden jeder von jungem Aufschuss und
wilden Stauden umgeben und überall auf dem Grunde erhoben sich die niedrigen
Büsche Als die Reisenden einer nach dem anderen durch eine schmale Lücke des
Verhaues gedrungen waren erkannten sie vor sich mehrere Reiter welche zuerst
das Lärmzeichen anbrannten dass eine hohe Rauchwolke emporstieg und dann von
niedriger Anhöhe schreiend und die Waffen schwenkend auf sie zukamen Männer
in langem Graurock von Hanf gewebt und mit Pelz besetzt obgleich es Sommerzeit
war eine dicke Pelzkappe auf dem Haupt mit Keule und Hornbogen bewaffnet
kleine behende Leiber breite Gesichter mit großen Schnauzbärten und braunem
schlichten Haar wild drohten und riefen sie Wolfram ritt vor und gab in ihrer
Sprache Bescheid »Aus Thüringen sind wir in Frieden kommen wir Ingram der
Held und ich sein Mann und der dritte ist Gottfried ein Bote des Herrn
Winfried«
Die Reiter fuhren untereinander und redeten mit heftigen Gebärden bis
einer der einen Bund Adlerfedern an der Pelzmütze trug es war Slavnik die
Nachtigall genannt weil er bei den Trinkgelagen des Ratiz vorsang zu Ingram
ritt und diesen in der Sorbensprache höflich begrüßte Als der Thüring ihm in
derselben Weise auf den Gruß antwortete neigte der Sorbe sich noch freundlicher
und redete so hoch und weich wie ein Mädchen was der Knecht erklärte er freue
sich sehr aber die Reisenden müssten auf ihr Geleit warten nach Grenzbrauch So
hielten sie und die Sorben schlossen hinter ihnen den Verhau
»Gleich den Kindern sind sie« rief Ingram »und wie ein Kinderspiel ist ihr
Wall leicht setzt ein Ross darüber« Aber der Sorbe hatte ihn doch verstanden
und antwortete in deutscher Sprache nur ungelenk »Ich aber weiß einen Tag wo
der Rabe aus dem Land der Thüringe nicht über den Zaun flog den das Eisen der
Sorben um ihn schloss«
»Du hast recht« antwortete Ingram lachend »ich fiel in den Zaun und die
Dornen rjetzten den Leib« Und beide Männer grüßten einander mit der Hand So
harrten die Reisenden wohl eine Stunde da kam es von der Höhe wie eine dunkle
Wolke ein größerer Hauf Reiter wirbelte durcheinander kleine und feurige
Rosse auf denen die Krieger mit hohem Knie saßen Von allen Seiten drehten sie
sich um die Fremden die Nachtigall gab ein Zeichen und vorwärts ging es auf
dem kurzen Rasen in hellem Haufen die Fremden in der Mitte Vor ihnen breitete
sich ein weites Tal mit einzelnen alten Bäumen besetzt unter denen die
Sorbenkrieger und ihre Pferde im Sommer den Schatten suchten im Tale war ein
Ringwall aus Erde und Rasen errichtet darin das runde Dorf mit Strohhütten
deren Dächer fast an die Erde reichten wie das Lager eines Heerhaufens lag es
da Ganz in der Mitte des Dorfes erhob sich ein rundlicher Hügel wieder mit
einem Ringwall bekrönt welcher die Halle des Ratiz und die Hütten seines Hofes
umschloss Auf langer Stange ragte sein Banner und wehte den Fremden zu Mit
heißen Wangen rief Ingram zu Gottfried »Bei meinem Haupt wenn ich nicht
unversehrt hinausführe die welche wir suchen so will ich nicht rasten und
ruhen bis ich brennendes Werg an meinem Pfeil sehe und bis der Pfeil haftet an
diesem Mausenest«
»Zürne nicht in dieser Stunde mein Reisegesell sondern flehe dass der Herr
uns gnädig sei«
Das Dorftor wurde geöffnet die Reiter stoben durch die Lagergasse und über
den runden Platz am Fuß des Hügels Dort kauerte am Dorfteich ein Haufe
halbnackter Weiber und Kinder bleich die Gesichter und verworren das Haar
Ingram spornte sein Ross und fuhr aus dem Trupp auf das Wasser zu aber die
Sorbenreiter verlegten ihm mit zorniger Miene den Weg und fassten die Waffen
»Bedenke Herr wer die Ware ergreift bevor er sie gekauft zahlt teuren
Preis« warnte Wolfram leise Und weiter ging es in schnellem Rosslauf den Hügel
hinan Wieder wurde der Balken eines Tors zurückgeschoben die Rosse stampften
in dem weiten Hofraum die Fremden wurden zur Halle vor das Angesicht des Ratiz
geführt
Inmitten seiner Vertrauten saß der Slawe auf einem Stuhl mit hoher Lehne und
Seitenarmen wie ein Fürst auf Schemeln um ihn her am Tisch die Führer seiner
Haufen wilde Gesichter darunter mit großen Narben Der Häuptling war ein
starker Krieger vierschrötig und mit kurzem Hals saß er da in dem breiten
Gesicht standen die Augen schräg dünn und grannig war der Bart Die Fremden
neigten sich Ratiz aber blieb mit seinem Gefolge sitzen und bewegte unmerklich
das Haupt
»Frage einer den Kater« rief Ingram zornig »ob es Brauch seines Stammes
ist Fremde so zu begrüßen« Der Sorbe winkte einem Mann mit langem weißen Bart
der in der Reihe saß dieser trat an die Fremden und begann in deutscher
Sprache »Mein Herr Ratiz grüßt die machtvollen Herren und er tut ihnen diese
Frage Ihm ist berichtet dass einer von ihnen weit herkommt aus dem Lande wo
der große Herr der Franken auf dem Goldstuhl sitzt ist einer aus diesem Lande
gesendet der nenne sich« Der Mönch antwortete »Ich bin es Gottfried der
Bote Winfrieds des Bischofs«
Befremdet sahen die Slawen auf den Jüngling in schmucklosem Gewande mit
gefurchter Stirn redete Ratiz zu seinem Sprecher und dieser erklärte »Meinem
Herrn deucht wenig Achtung bezeigen ihm die Gewaltigen der Franken dass sie ihm
einen Boten senden der so jung ist und in so ärmlichem Kleide wandelt«
»Ich bin ein Christ und dem großen Gott des Himmels verlobt Sünde ist mir
ein anderes Gewand an meinem Leibe zu tragen als dies härene Kleid Ich komme
obgleich ich jung bin weil mein Herr mir vertraut«
Wieder sprach der Slawe heftig zu einem seiner Genossen dieser verschwand
aus dem Saal »Mein Herr fragt dich« fuhr der Sprecher fort »ob du einer von
den Weisen bist welche das Geheimnis besitzen von Tierhaut die Gedanken der
Männer zu erkennen und ob du von denen bist welche die fremde Sprache
verstehen die sie Latein nennen«
»So ist es« erwiderte Gottfried
Auf die Deutung des Sprechers wich der Groll in dem Gesicht des Sorben einem
großen Erstaunen Der Bote kam zurück und brachte ein zerdrücktes und gebräuntes
Pergament »Meinem Herrn Ratiz wird es schwer zu glauben dass ein Jüngling wie
du so großer Dinge mächtig sei er wünscht dass du ihm eine Probe ablegst von
deiner Kunst und den Männern die Gedanken verkündest welche für den Kundigen
auf dieser Haut zu erkennen sind« Gottfried entfaltete das Pergament »Zuerst
sage uns warum uns undeutlich ist was darauf verzeichnet ist«
»Es ist Latein« versetzte Gottfried »und man muss es lesen können«
Ratiz schlug mit der Hand auf den Tisch und nickte zur Bestätigung stark mit
dem Haupte »Du hast das Richtige gesagt« wiederholte der Mann »wenn es dir
gefällt so verkünde uns das Latein«
Gottfried überblickte das Blatt es war die zerrissene Urkunde eines alten
Frankenkönigs welche die Slawen vielleicht bei einer Plünderung geraubt hatten
Der Mönch begann »In nomine domini sanctae et individuae trinitatis Amen«
Indem er sich bei den heiligen Worten verneigte schlug Ratiz wieder auf den
Tisch und sprach feierlich zu seinen Genossen worauf der Alte erklärte »Mein
Herr ist zufrieden dass du ihm bestätigst was er schon weiß es ist der Brief
den der große Herr der Franken an meinen Herrn geschrieben hat ein Fürst dem
anderen dass er missbillige und abtun wolle die Ungerechtigkeiten seiner
Grenzgrafen und dass dein Herr meinem Herrn Freundschaft anbiete Wir wussten dass
dies darin steht und deshalb freuen wir uns deiner Worte« So prahlte der
schlaue Räuber um seine Gesellen zu täuschen Bevor Gottfried sich von seinem
Staunen erholte hob sich Ratiz trat auf ihn zu strich ihm an beide Wangen
als ob er ihn küsste und forderte die Diener auf einen Stuhl neben den seinen
zu rücken damit der Mönch sitze »Dich grüßt mein Herr als den Gesandten deines
Herrn und er bittet dass du die Botschaft von dem großen Herrn der Franken
verkündest«
»Wenig habe ich zu sagen im Auftrage meines Herrn Winfried des Bischofs
und dies Wenige ist vielleicht nur für das Ohr des Herrn Ratiz« versetzte der
Mönch vorsichtig
»Weise sprichst du Herr Gottfried Heimliches der Herren ist nicht für
jedermanns Ohr geruhe zu harren bis die Zeit kommt«
Da der Alte dem Mönch einen Stuhl bot trat Ingram an den Tisch hob einen
leeren Schemel stellte ihn dröhnend auf den Boden nahe zu Ratiz und setzte sich
ebenfalls Schweigend ertrugen die Sorben diesen Eigenwillen jetzt aber wandte
sich Ratiz zu ihm und der Sprecher erklärte die stolzen Worte »Mich wunderts
Ingraban dass du kommst dich an meinem Tische zu lagern ungeladen und
unbefreundet in meinem Volke Tut dir ein Sessel not weil die Wunden dich
schmerzen welche dir das Messer meiner Krieger gehauen hat«
»Geheilt sind die Ritze und niemand spricht mehr davon« versetzte Ingram
»Die Leute rühmen nicht den Wirt der den Fremdling zwingt sich selbst den
Schemel zu tragen«
»Lange warst du Feind meinem Volke niemand weiß was dich in unsere Halle
führt denn kein Herdenvieh treibst du wie ich höre welches die Sorben deinem
Volke als Zahlung auferlegt haben«
»Vergebens mühst du dich mich durch Worte zu kränken Friede ist beschworen
zwischen den Thüringen und deinem Volk und friedlich komme ich wie der Händler
kommt zu Kauf und Tausch der Gefangenen die du auf deinem letzten Zuge
hergetrieben hast«
»Sendet dich der Mann den sie Winfried den Bischof nennen und hast du
dein Haupt in der Not gebeugt unter das Spiel ihrer Finger wenn sie ein Kreuz
machen«
»Ich habe dem Glauben meiner Väter nicht abgesagt als Reisegenosse führte
ich den Mann des fremden Bischofs zu dir«
Der Sorbe winkte seinen Gesellen allen lag am Herzen den Handel bald zu
schließen am liebsten durch Auslösung in das Frankenland denn war der Raub
zurückgekauft dann hatten sie weniger um Hass und Rache der Franken zu sorgen
»Meinen Kriegern ist es nicht eilig den Gewinn ihrer Jagd zu verkaufen gefüllt
ist das Lager mit Korn und Herdenvieh aus den Frankendörfern und leicht
vermögen wir die Gefangenen zu nähren bis die Händler aus dem Süden kommen«
Und zu Gottfried gewendet fuhr er fort »Will der Bischof sich eine Gemeinde
kaufen aus den Herden der Weiber und Kinder«
»Mein Vater erbittet von dir als Gunst dass du mir gestattest die
Gefangenen zu sehen und die zu begrüßen welche unseres Glaubens sind«
»Führt ihr mit euch was Gefangene löst Gering ist so scheint es euer
Reisegepäck«
»Wir denken dir zu bieten was Gefangene erledigt nach Brauch der Grenze«
versetzte Ingram »Doch wer kauft will vorher die Ware schauen zeige uns wenn
es dir gefällt die gefangene Schar«
Der Sorbe überlegte und sprach mit seinen Tischgesellen Er wandte sich zu
Gottfried »Gern will ich deinem Herrn ein Zeichen geben dass mir seine
Botschaft wert ist Ihr sollt Freiheit haben die Gefangenen zu sehen Geht
Fremdlinge mein Alter wird euch begleiten« Die Boten verneigten sich und
verließen den Saal sie hörten hinter sich Lärm und Gelächter der Bankgesellen
Vor der Tür wurde der Weissbart vertraulich wie einer der harten Zwanges
entledigt ist er nahm die Pelzmütze ab verneigte sich tief und sprach
überredend »Wo die Raben jagen findet auch die Krähe ihr Teil Wenn es den
Herren gelingt Gefangene zu entledigen so vertraue ich sie werden auch dem
Väterchen eine Spende reichen denn mühselig ist mein Amt in zwei Sprachen zu
reden und gute Dienste vermag ich euch noch zu tun« Gottfried sah unsicher auf
seinen Begleiter »So ist ihr Brauch« sagte dieser Er löste von seiner Jacke
die silberne Spange den einzigen Schmuck den er trug »Nimm dies Vater als
Zeichen guten Willens Und wenn Bubbo der Bärenhändler das nächste Mal euch
aufsucht dann sende ich dir ein Stück rotes Tuch aus dem Westland« Der Alte
hielt demütig die Hand hin »Will Herr Ingram mir dies beteuern« Und als Ingram
zwei Finger auf den Knauf seines Schwertes legte »Ich schwöre dirs« lachte
der Alte zufrieden »Euer Wort Herr gilt an der Grenze wie Ware« Sie
schritten über den Hof am Torhause rief der Alte einige lungernde Krieger an
welche sogleich herzusprangen und den Fremden auf dem Fuße folgten aber der
Alte um seinen Diensteifer zu beweisen trieb sie befehlend mehrere Schritte
zurück
Vom Hügel stiegen sie hinab auf den Dorfplatz dort stand am Teiche ein
langes Haus wie eine Scheuer der Beratungssaal der Gemeinde Der Alte öffnete
das niedrige Tor und Ingram sprang voraus in den dämmrigen Raum »Walburg«
rief er Aus einer Ecke klangen zwei klägliche Stimmen »Hier« Überall rührte
sichs auf dem Heu womit der Boden belegt war Zwei blonde Knaben umschlangen
die Füße Ingrams und schluchzten laut »Wo ist die Schwester« fragte Ingram mit
hohler Stimme »Sie ist zum Ratiz hinweggeführt auf den Berg« Die Zähne des
Mannes knarrten wie eine Raspel seine Faust ballte sich und gleich darauf warf
er sich neben den Kindern auf die Knie umschlang sie und heiße Tränen rollten
auf die kraushaarigen Köpfe der Weinenden In der Mitte des Raumes aber tönten
die feierlichen Worte »Kommt zu mir die ihr mühselig und beladen seid spricht
der Herr« Durch die geöffnete Tür fielen die Lichtstrahlen auf das milde
Antlitz des Jünglings welches in Mitgefühl und Begeisterung wie das eines
Engels strahlte
Die Frauen und Kinder welche unter dem Kreuzeszeichen lebten drängten sich
um ihn manche fielen jammernd vor seine Füße auf das Angesicht andere hoben
die kleinen Kinder in die Höhe dass er sie segne Auch die Heidenfrauen hörten
seine Worte mit gesenktem Haupt und falteten die Hände Er aber sprach die
heiligen Worte der Verkündigung und betete mit lauter Stimme es ward still im
Raum und man hörte daneben nur Seufzen der Frauen und leises Weinen der Kinder
Dann trat er grüßend zu den einzelnen segnete jede Mutter mit dem Christensegen
und sprach ihr leise die Bitten vor welche ihr zumeist am Herzen lagen Bis der
Alte kam und mit abgezogener Mütze dringend bat »Gefällt dirs Herr so folge
mir damit Herr Ratiz uns nicht zürne« Gottfried trat zu Ingram und rührte ihm
leise die Schulter »Wo ist das Weib welches du suchst«
»In den Hütten des Räubers« war die klanglose Antwort
»So lass uns gehen dass auch ihr der Gruß meines Gottes werde«
Mit Anstrengung erhob sich Ingram und schüttelte die weinenden Knaben ab
Gottfried führte diese zu einem Christenweib das allein kniete und sagte ihr
»Was du ihnen tust tust du dem Herrn sorge für ihr Wohl« Als er sich aber zum
Ausgang wandte drängte sich der verzweifelte Haufe um ihn sie streckten die
Arme nach ihm aus fassten krampfhaft sein Kleid und wollten ihn festhalten Und
es half wenig dass der Alte die Armen anherrschte und durch die Peitsche
zurücktrieb
Mit schnellem Schritt eilten die Männer den Hügel hinauf »Ich muss das
Christenmädchen im Hofe des Ratiz sprechen« begann Gottfried und da der Alte
das Haupt schüttelte »Hindere mich nicht Vater mir ists befohlen«
»Ich wage den Zorn meines Herrn« wandte der weissbärtige Sorbe ein »Ich
will deinen Lohn verdoppeln« rief Ingram rau »Meinst du wir werden dir das
Weib aus der Hütte stehlen« Der Alte lächelte und nickte und führte sie den
Rand des Hügels entlang wo im Schutze des Walles eine Anzahl niedriger
Strohhäuser stand »Zwanzig Frauen hat Herr Ratiz und bei einer haust das
fremde Weib wohl möglich dass er ihr in kurzem eine neue Hütte baut wenn sie
ihm nicht verleidet wird« Ingram stieß die Tür auf aber sein Fuß zauderte
einzutreten »Geh voran« raunte er dem Mönch zu Aber aus dem Gemach rief eine
tiefe Frauenstimme »Ingram« ein junges Weib schritt bei dem Priester vorbei
und fasste den Zögernden bei der Hand »Mir ahnte dass ich dich noch sehen würde
denn treu war dein Herz unserem Hofe« Und als sie seinen starren Blick sah und
den Schmerz in seinem Gesicht rief sie »Du Tor würde ich sonst mit dir
reden« Da wollte er sie in die Arme schließen sie aber entwand sich ihm
»Hättest du neben dem Vater gestanden die Weide hätte uns nicht geschnürt Auch
jetzt sehe ich dich anders vor mir als ich dachte Wo sind die Speere der
Landgenossen welche sich die Weiber und Kinder ihrer Freundschaft
zurückfordern Nicht mich meine ich denn ich fürchte meine Tage sind gezählt
aber die Brüder meine ich den Haufen der Weinenden die auf dem Stroh harren
bis der Sklavenhändler sie in die Fremde treibt«
»Mit diesem komme ich um wegen der Lösung zu handeln« antwortete Ingram
auf den Mönch deutend
Erstaunt sah das Weib in das fremde Jünglingsgesicht und als Gottfried die
Hand erhob das heilige Zeichen zu machen da beugte sie sich langsam nieder
bis sie auf dem Boden kniete und sprach das Bekenntnis des Christenglaubens
»Segne mich heiliger Mann und bitte für mich Ja bitte für mich« rief sie
mit plötzlichem Ausbruch bitteren Schmerzes »dass ich Erbarmen finde wenn ich
tue was dem Herrn missfällt Gebetet habe ich und mich bereitet wie meine
Mutter michs gelehrt«
Gottfried segnete sie »Ich allein bin der Richter spricht der Herr und
alle Rache ist mein« mahnte er leise Sie erhob sich stumm und wandte sich
wieder zu Ingram »Selten verlässt mich die Hüterin schon zankt sie draußen mit
dem Weissbart Lebe wohl Ingram beide hoffen wir auf die Lösung durch dich oder
mich Ein ehrlicher Freund warst du denke künftig mein und wisse dass ich dir
zuweilen verhehlt habe wenn ich dich lieber kommen als gehen sah Willst du mir
noch einen Freundesdienst tun Mühselig ist es Herdholz zu spalten wenn das
Messer fehlt die Weiber hier haben mir alles genommen Sie sagen der Freund
soll dem Freunde nichts schenken was schneidet Du aber schenke mir wenn du
willst«
Ingram riss sein Messer vom Gürtel sie barg es in ihrem Kleide und küsste ihn
auf die Stirn wie man ein geliebtes Kind beim Abschiede küsst Er sprang hinaus
wo der Mönch seiner wartete stieß an die Frau des Ratiz die er nicht sah und
hörte die Schmähungen nicht die sie hinter ihm herrief Es war ihm jetzt alle
Rede der Menschen wie Gezwitscher der Vögel
Während sie der Halle in der Mitte des Hofes zuschritten berührte ihm
Gottfried den Arm »Du bist außer dir und hörst nicht meine Worte und doch tut
es not dass wir uns zum Kauf rüsten Denke daran wie wir die Lösung bieten«
»Bei meinem Haupt« rief Ingram »jede Lösung ist mir verhasst außer einer
dass ich mit dem Räuber kämpfe Eisen gegen Eisen«
»Doch zu freundlichem Loskauf bewahre ich dir noch den Becher«
»Besser wird der Zauber des Christengottes in deiner Hand wirken als in
meiner« versetzte Ingram finster »denn mir scheint er öffnet dir die Herzen
dass sie alle dich mehr ehren als einen Krieger«
Sie traten in die Halle ungeduldig rief ihnen Ratiz entgegen »Euch war
mühsam die Gefangenen zu zählen lästig ist der Iltis im Hühnerhofe jetzt gilt
es zu kaufen wenn ihr in Wahrheit als Händler kommt und nicht als Späher«
»Als Bote komme ich« versetzte Gottfried »du weißt das denn du selbst
hast durch Meginhard den Priester mich von meinem Herrn dem Bischof erbeten
Und Herr Winfried sprach da ich schied Mir ziemt nicht wie ein Händler mit
dem Helden Ratiz um den Kaufpreis zu markten Aber ein Königsgeschenk will ich
ihm bieten gegen die Gefangenen seines letzten Zuges und meinen guten Willen
wenn er ihn begehrt gegen den seinen Gabe um Gegengabe in freundlichem Tausch
Und Held Ingram soll der Bote des Geschenkes sein« Gottfried zog die Kapsel aus
dem weiten Gewande und löste die Hülle
Ingram hatte allmählich doch an dem Gespräch Anteil genommen jetzt trat er
zu dem Mönch und sagte schnell »Gib ihn nicht aus der Hand wer den Vogel
verkauft muss ihn festhalten dass er nicht entfliege« Er fasste den Becher und
hielt ihn dem Sorben hin »Sieh zu wie das Prachtstück aus einem Königsschatz
neben deinem Metkrug stehen wird« Der Sorbe vermochte einen lauten Ausruf des
Vergnügens nicht zu bergen als er das glänzende Metall und die Figuren sah
auch seine Gesellen drängten sich um den Becher Kopf an Kopf summten einander
ins Ohr und lachten über die kleinen Gestalten darauf »Ehrwürdig ist Winfried
der Bischof weil er mir solche Gabe sendet« rief Ratiz »gestatte Held
Ingram dass ich prüfe wie schwer sie ist«
»Meine Hand bleibt darüber Sorbe« sagte Ingram »noch ist der Becher
mein«
»Noch ist er dein« bestätigte Ratiz nachdenkend und wog mit der Hand Er
rief den Sprecher mit weißem Bart Dieser nahm vor dem Becher achtungsvoll die
Mütze ab besichtigte ihn unter Ingrams Hand genau und berührte ihn mit der
feuchten Zunge von innen und außen holte sein Messer hervor und machte einen
Einschnitt in den unteren Rand um nach dem Bruch zu sehen dann sprach er leise
zu seinem Herrn
»Und dies ist die Bedingung für das Geschenk des Bischofs« fuhr Ingram
fort »du gibst zuerst in unsere Hände ungeschädigt Walburg die Tochter
Willihalms des Franken den du erschlagen hast und ihre zwei Brüder zum
zweiten die anderen Gefangenen eurer letzten Beutefahrt vom ältesten bis zum
jüngsten und zum dritten Goldfeder das Pferd Willihalms und zwei gute Rinder
als Reisekost für die Erledigten«
Bei dem Namen Walburg fuhr der Sorbe auf doch bändigte er seinen Unwillen
sah prüfend auf seine Gesellen und sprach »Sehr selten ist das Silber aus dem
Königsschatz das ihr uns gezeigt habt wenn es auch nur im Innern golden ist
Gefällt es euch ihr Franken so räumt auf kurze Zeit die Halle damit wir in
Ruhe beraten«
Gottfried bemerkte dass er den Becher kälter ansah den Ingram im Angesicht
der Sorben hoch in die Höhe hielt Der Thüring barg das Gerät in der Kapsel und
die Boten traten ins Freie »Jetzt sinnen sie auf Hinterlist« rief Ingram
verächtlich
»Sie scheuen meinen Herrn Winfried« versetzte der Mönch ruhig »Ich lobe
dich dass du die Rinder erbeten hast denn schwer wäre es dreißig und ein
Menschenhaupt in den Bergen zu speisen Aber wozu forderst du das Ross«
»Fürwahr als ein unkriegerischer Mann fragst du hoffst du dass Willihalm in
dem Grabe das ihr ihm geschaufelt Ruhe finden wird wenn ein Sorbe auf seinem
Leibross reitet Soll er zu Fuß wandeln über den Wolkenstieg und wenn die Helden
in der Nacht reiten hinter ihnen herlaufen wie ein Trossbube«
Gottfried bekreuzigte sich »Im Himmel der Christen bedarf es eines
Rossgespenstes nicht«
»Er war ein Kriegsmann wenn er auch Christ war« versetzte Ingram stolz
»Was aber will der Slawe von der Gunst deines Bischofs«
»Vielleicht will er Grenzgraf der Franken werden und über dem Sorbendorf
seine Burg bauen« versetzte Gottfried lächelnd
Ingram stieß einen Fluch aus »Und ihr möchtet ihm dazu helfen«
»Du weißt dass er Christen erschlagen und geraubt hat« antwortete
Gottfried
In der Halle war lange Beratung und heftiger Zank der Männer Endlich lud
der Weissbart zum Eintritt Wieder hob Ingram den Becher empor aber die Sorben
wandten die Blicke ab Ratiz begann »Unmässig sind die Gaben die ihr für euren
Bischof fordert aber meine Edlen wollen Spende um Spende geben ohne viel zu
schatzen Die Gefangenen welche noch nicht geteilt sind sollt ihr als
Gegengabe nehmen dazu ein Rind dreijährig von fetter Weide Nur zwei Häupter
weigern wir euch Walburg und Goldfeder den Falben Die Magd ist ein
Ehrengeschenk meines Volkes für mich und das Ross steht im Stalle des Helden
Slavnik welcher mir der nächste ist an Ehren und Schlachtenruhm Ihr bringt das
Geschenk nach eurer Wahl wir senden das unsere ebenso«
»Herr Winfried hat mit seiner Hand den Leib des Franken Willihalm bestattet
und an seinem Grabhügel gelobt für die Kinder zu sorgen« antwortete Gottfried
»bedenke Herr du würdest ihm nicht freundlichen Sinn erweisen wenn du das
Christenweib zurückhieltest«
»Nur um des Weibes willen nahm ich den Becher von dem Fremden und ließ mir
gefallen seinen Boten zu geleiten und vor den anderen suche ich das Weib bei
dir« rief Ingram zornig
»Darum also bist du in das Haus meiner Frauen gedrungen« versetzte der
Sorbe lauernd »So höre meine letzten Worte die Knaben entsende ich dem
Bischof das Weib bleibt mein Widerstehst du dem Tausch dann entebe dich mit
dem Becher zu lange hast du in unserem Lager geweilt und achte darauf dass du
ihn wohlbehalten heimwärts bringst Ohne Geleit bist du gekommen und ohne
Geleit scheidest du«
»Was sinnst du auf heimlichen Überfall im Walde fürchten die Sorben den
Kampf auf offenem Felde« rief Ingram »Hier stehe ich du listiger Mann und
erbiete mich um das Weib zu kämpfen gegen jeden deiner Krieger ja gegen zwei
Stelle gegen Ingraban und den Raben zwei deiner besten Krieger auf den stärksten
Sorbenrossen und die Götter walten des Sieges«
Auf diese Herausforderung sprangen die Sorbenkrieger von ihren Bänken und
ihr Geschrei schwirrte durch die Halle aber der Häuptling zwang sie mit einer
Handbewegung auf die Sitze zurück und versetzte »Manche rühmen die Kraft deines
Armes aber durchaus nicht rühmen kann ich den Sinn deiner Rede Töricht wäre
ich wenn ich meine Krieger auf das Kampffeld senden wollte um etwas zu
erwerben was ich bereits durch Speer und Ross gewonnen habe Und wenig Ehre wäre
es meinen Helden wenn sie um eine kauernde Sklavin im Ringe kämpften Einen
anderen Kampf biete ich dir der im Frieden besser geziemt Ich höre dass du des
Bechers kundig bist wie dem Manne gebührt auch mich hat nicht leicht ein
Gegner beim Trinkkruge gefällt Wohlan lass uns unsere Kraft prüfen du setzest
dein Ross den Raben und ich das Frankenweib der Sieger empfängt beide Das
scheint mir guter Rat«
Lauter Beifallsruf erscholl um den Tisch nur Ingram stand betroffen »Das
Ross gehört zum Manne wie das Schwert und unfreundlich wird dereinst der Gruß
meiner Ahnen wenn ich die Zucht meines Rosses in ein Sorbendorf liefere Das
fürchte ich sehr dennoch setze ich dir zwei Hengste von dem Stamme des Raben
fünfjährig und vierjährig edler als einer von deinen Gäulen Nur mein
Schlachtross das mein bester Freund war wo kein Arm eines Menschen mir half
das behalte ich zurück«
»Unbekannt sind die Gewinne die du bietest und weit ist der Weg zu deinem
Stall Der Rabe und die Gefangene beide sind hier im Hofe das ist gerechter
Wettstreit«
Ingram stand in heftigem Kampfe »Wohlauf bei den Schicksalsfrauen meines
Geschlechtes her die Becher und der Streit beginne«
Wieder scholl fröhlicher Lärm der Sorben wie ein Schrei der Teufel klang er
in Gottfrieds Ohr »Ruchlos ist das Becherspiel um ein Menschenleben« rief er
dazwischen tretend
Ratiz winkte höflich abwehrend Ingram aber versetzte unwillig »Wenig Glück
hat mir das Silber deines Bischofs gebracht weiche von mir dass ich zu meinem
Gott flehe ob er mir helfe«
Der Alte trug einen großen Metkrug und zwei Becher zu beide ganz gleich aus
Maserholz gedreht Er wies den gefüllten Krug und die leeren Becher den
Kämpfern diese sahen ernstaft hinein und prüften die Gefäße Darauf füllte der
Weissbart einen Becher bis zu dem Strich welcher den Rand bezeichnete goss den
Met aus dem ersten in den zweiten um die Größe zu erweisen und rückte zwei
gleiche Schemel ohne Lehnen an den Tisch Die Helden ergriffen die Becher
wandten sich abwärts nach der Himmelsgegend vor welcher sie zu den Göttern
flehten und murmelten leise das glückbringende Lied Dann lösten beide die
Waffen von ihrer Hüfte der Slawe gab das Krummschwert einem Genossen Ingram
aber rief »Allein bin ich in der Fremde frage Alter ob einer unter den
Sorbenkriegern mir ein treuer Schwertüter sein will bis zum Ende des Kampfes«
Gottfried machte eine Bewegung aber Ingram wies ihn mit der Hand ab und
der Mönch trat mit hochgeröteten Wangen zurück Da erhob sich ein junger
Sorbenkrieger von stolzem Aussehen Ingram sah ihm in das Gesicht und sagte
»Wir sahen uns sonst wohl auf blutigem Felde Held Miros« Der Krieger gelobte
treue Schwertwache und setzte sich zur Seite hinter Ingram das Schwert haltend
Die Kämpfer ließ sich auf den Stühlen nieder ruhig waren ihre Bewegungen und
gemessen ihre Haltung denn wer heftig den Sinn regte der kam bei diesem Spiel
in Gefahr Und der Weissbart rief laut »Außer den Herren welche auf dem
Kampfstuhl sitzen schweige jeder dass nicht seine Rede den Sinn der Zecher
verwirre Den Herren aber ziemt im Kampfgespräch zu bedenken dass jede Wunde
die ihre Zunge schlägt verschmerzt sein soll am nächsten Morgen« Darauf rückte
sich der Sprecher einen niedrigen Schemel mitten zwischen die beiden und
wiederholte was einer sprach geschickt in der Sprache des anderen So weich
und gewandt war die deutende Rede dass sie wie ein Lied zwischen den harten
Worten der Kämpfenden tönte
Ratiz nahm zuerst seinen Becher hob ihn und sprach »Zu gleichem Kampfe
bringe ich den Met Ratiz Sohn des Kadun ein Herr in den Sorben« und von der
anderen Seite scholl es zurück »Bescheid tut Ingraban Sohn des Ingbert ein
freier Thüring« Beide leerten die Becher und stürzten sie auf den Tisch Der
Alte füllte und verbeugte sich tief vor jedem der Herren Wieder begann Ratiz
»Schwarz ist der Vogel nach dem du wie ich höre genannt bist aber weiß
ist der Aar der über den Zelten meiner Krieger schwebt
Ein Reh sah ich liegen am Quell im Walde und auf ihm saß mit starken Fängen
der Adler und schmauste aber im Kreise herum krächzte die Schar der Raben und
lauerte auf den Abfall«
Ingram antwortete »Den Namen erfinden dem Helden die lieben Eltern und
ungern hört er den Namen schmähen Nicht weiß ich den deinen zu deuten denn
selten fragte ich nach deinem Geschlecht doch rate ich meide ihn zu gebrauchen
bei meinem Volk denn er klingt uns wie Ratte das diebische Tier hinter dem
Mehlsack«
»Versteht ihr nicht Worte der Sorbenkrieger ihre Schläge habt ihr doch oft
gefühlt«
»Fünf Panzer von Linnen und fünf krumme Schwerter die Beute der Walstatt
zähle ich an der Wand meiner Halle meinst du dass deine Krieger gutwillig sie
boten ohne Hiebe«
»Mancher schleicht spähend beim Mondschein über die Walstatt hinter den
Wölfen sucht er den Raub und trägt bleichwangig und zagend die Habe erschlagener
Helden sich heim in den Rauchfang« versetzte Ratiz
»Ist dirs verleidet die Gefallenen zu zählen die mein Schwert auf dem
Rasen zurückließ so zähle die Wunden derer die leben Mehr als einer von
deinen Kriegern rühmt sich der Narben die er mir verdankt«
»Grund haben sie alle dein Schwert zu preisen« spottete Ratiz »denn
leicht heilten die Ritze und sie lachen der Narben«
»Schnellfüssige Läufer trifft leise der Schwertschlag nur wer selbst starke
Hiebe spendet empfängt das gleiche Gastgeschenk« versetzte Ingram
»Gut sprichst du Held« rief Ratiz »denn selbst birgst du nah am Herzen
die Gastgeschenke welche Sorbenschwerter dir schlugen« Er winkte sie tranken
und stürzten die Becher
Wieder füllte der Alte und höflicher begann Ratiz »Vergebens ist es dich
Held mit harten Worten zu necken noch ist der Metkrug gefüllt und Zeit zu
freundlicher Rede Lass uns rühmen was jedem das Liebste auf Erden ist Vor
allem gefällt mir der Herrensitz auf dem Hügel um mich die Hütten der Krieger
und vor mir so weit das Auge reicht die Rinderweide die mein Schwert gewann«
»Was das Schwert gewann mag das Schwert verlieren weiter als die
Rinderherde schreitet und die Grenzzeichen ragen reicht der Ruhm des tapferen
Mannes« versetzte Ingram
»Ruhm gewinnt wer Land gewinnt« rief Ratiz
»Ruhm gewinnt auch wer sein Heimatland gegen den fremden Einbrecher
verteidigt« antwortete Ingram »Ungleich ist unser Los Ich stehe auf dem Erbe
meiner Väter du aber mühst dich um geraubtes Land«
»Höher achte ich den wilden Stier der mit seiner Herde über den Erdboden
schweift als die Jochkuh im Pferch« rief Ratiz
»Solange die Weisen gedenken saß mein Geschlecht auf freiem Erbe« sprach
Ingram »du aber kamst ostwärts aus der Fremde und niemand weiß woher«
»Mein Volk weiß es« versetzte der Sorbe stolz »Dennoch tadle ich deinen
Trotz nicht denn wohlbekannt ist dein Name bei Freund und Feind Gefällt dirs
Held so verkünde uns die Abenteuer die du erlebt« Er bat so um dem anderen
die Redelust zu wecken
Aber Ingram mied die Versuchung und versetzte »Was ich erlebte das wisst
ihr wie ich denn mein junges Leben haftete stets in der Heimat und gewann ich
Ruhm bei den Meinen so wars nur in den Kämpfen mit euch weil ich fest stand
neben meinen Freunden und gegen euch als ehrlicher Feind«
Wieder füllte der Alte die Becher
»Oft rühmen meine Krieger« begann Ratiz spottend »deine erste Beutefahrt
im Walde damals als du dem Fuchse gleich nach Honigwaben ins Holz schlichest
Du hörtest die Bären und krochst hinauf in die Äste unten schmausten die Bären
den Honig dich aber stachen die Bienen dahin wo du sassest Und heute noch
hingst du von den Speeren der Bienen zerstochen am Aste hätte dich nicht
Bubbo der Waldmann erlöst«
»Dafür liegen jetzt die Felle der Bären an meinem Herde« versetzte Ingram
lachend »Wie gelang es dir doch damals Ratiz mit deiner Heldenfahrt als du
auszogst auf die Freite um ein Weib der Thüringe zu gewinnen Die Dorfknaben
überfielen den Hof in dem du lagertest und als sie mit Schwertern die Hütte
durchsuchten entfloh deine Schar du selbst aber bargst dich bedrängt in dem
Backtrog den die Weiber über dich stürzten und Weizenteig hing in deinem
Barte als du schwertlos entrannst Gern erzählen unsere Mägde am Herde von
deinem harten Lager unter dem gehöhlten Holz«
Finster packte Ratiz seinen Becher und stampfte ihn auf den Tisch
»Nützlicher war mir das gelungene Entrinnen als deinen Gesellen das fruchtlose
Suchen« Er drückte seinen Grimm eine Weile schweigend hinab dann rief er
höhnend »Höre dafür was die Wila die Schicksalsfrau der Sorben mir einstmals
sang« Und er begann nach der Weise seines Volkes zu singen »Alles wird dir
wohlgelingen auf dem Felde bei dem Trinkkrug doch die allergrösste Freude
sollst du haben wenn ein fremder ungeschlachter Hüne in dein Lager dringt Grob
sind seine Worte und Gebärden als ein armer Schlucker kommt er ungeladen und
er bettelt um ein Weib für seinen Herdsitz Doch du wirst ihn wohl empfangen
höflich zu dem Becher laden aber enge ist sein Schädel Starkes kann er nicht
vertragen Hast du ihn in Met berauscht bind ihm klug das Bein mit Seilen
scher ihm dann das Haar vom Haupte setz ihn vor die Tür der Halle dass die
Weiber seiner lachen und die Kinder ihn bewerfen«
Ingram versetzte finster »Ich aber hörte eine Sage erzählen von Däumling
dem ruhmvollen Helden den sie Gernegross nannten In dem Sandhaufen höhlte er
sich mit den Händen seine Burg und deckte die Feste mit Stroh das er von der
Tenne mauste Er sah von seiner Halle über die Maulwurfshügel und rühmte sich
alles ist mein so weit mein Auge reicht keinen stattlicheren Helden kenne ich
auf Erden nur eines fehlt mir zu meinem Glück ich sende die Boten zum Hofe des
Königs dass ich Herzog werde über die Maulwürfe und Mäuse des Feldes Da kam ein
Bauer und mit hartem Fuß zertrat er unversehens die Burg und Held Däumling
entfloh in ein Rattenloch und wand die Hände in Kummer«
Der Sorbe fuhr mit der Hand nach der Schwertseite und griff heftig umher
als er die Waffe nicht fand Ingram aber lachte laut über das vergebliche
Suchen
Wieder und wieder füllte der Alte Dem Ratiz schwammen die Augen und seine
Hand wurde unsicher wenn sie den Becher fasste Er merkte die Gefahr und dachte
schlau darauf den Gegner zu verwirren »Lustig sitzen wir hier im Gefecht der
Zungen lieblicher schlürft sich der Met wenn wir mit unseren Augen auf das
Weib schauen welches der Preis des Siegers sein wird Führt das Frankenweib
her dass wir uns am Anblick ergötzen« Zwei seiner Genossen sprangen auf und
eilten der Tür zu
Ingram schlug auf den Tisch »Unbillig störst du das Spiel denn traurig ist
es mir die Tochter eines werten Mannes als Sklavin unter den Feinden zu
schauen«
»Lösen willst du sie doch du starker Zecher hast du Kraft so erweise sie
jetzt Umbindet ihr nicht die Hände mit den Weiden damit der Gast sie ohne
Kränkung der Seele betrachte«
Ingram sah finster vor sich nieder und schwer wurde ihm das Haupt die
Männer schritten hinaus und führten das Mädchen in die Halle der Schweigenden
Walburg blieb an der Tür stehen und ihr Blick umwölkte sich als sie auf Ingram
sah auf die Trinker und die gleichen Becher »Tritt näher Frankenkind« begann
Ratiz »denn um dich geht der Streit ohne Schwertkampf der Helden sollen die
Götter entscheiden Im Maserholz schwenken wir deine Lose ob du heimziehst mit
Held Ingram oder ob ich dir eine Hütte baue und ein Lager darin breite für dich
und mich wie ich hoffe«
Empört rief das Mädchen dem Thüring zu »Einen besseren Helfer habe ich mir
erkoren schmachvoll wäre mir die Lösung durch den Trinkkrug Denke nicht
Ingram dir ein Weib durch Met zu gewinnen übe den Heidenbrauch um
Sorbenmädchen nicht um mich« Sie wandte ihm den Rücken trat in die Ecke in
welcher Gottfried saß kniete an seiner Seite nieder und verbarg das Gesicht mit
den Händen Heisse Röte stieg in das Gesicht Ingrams da sich das Weib verachtend
von ihm wandte undeutlich merkte er das höhnende Lachen der Slawen er erhob
sich vom Stuhl und rief in ausbrechendem Zorn »Falsch war das Spiel und
verflucht sei der Becher den ich noch trinke« Er schleuderte den Becher auf
den Boden und zugleich mit dem Holze sank er selbst in schwerem Fall Wilder
Jubelschrei der Sorben durchtönte die Halle sein Helfer welcher das Schwert
gehalten trat zu ihm und gebot »Tragt ihn unter mein Dach damit ich ihm meine
Treue erweise und ihn bei seiner Waffe bewahre«
Ratiz aber erhob sich siegreich in trunkenem Mut und schritt auf das
Frankenmädchen zu »Mein bist du doppelt gewonnen ist die rundliche Wange und
mein sollst du bleiben nicht denke ich mit der Vermählung zu säumen Auf führt
sie zur Hütte und ladet den Sänger dass er das Brautlied spiele«
Dicht vor ihm erhob sich von den Knien die Jungfrau bleich war ihr Gesicht
und hart der Blick den sie auf den Häuptling warf »Niemand vermöchte dich zu
retten vor meiner Hand« rief sie »du Untier das kaum den Vater gefällt hat
und jetzt Unehre über die Tochter bringen will Danke deinem Glück dass ein
Heiliger neben mir steht Du rühmst meine glatte Wange sieh her ob sie dir
noch gefällt« Blitzschnell fuhr sie mit dem Messer aus dem Gewande hielt es
ihm entgegen dass er zurückfuhr schnitt mit dem Stahl sich eine klaffende Wunde
in die Wange dass ihr Blut herunterströmte und hob den Stahl wieder gegen sich
selbst Da sprang Gottfried herzu und entriss ihr die Waffe Ratiz stieß einen
schweren Fluch aus und packte den Metkrug um ihn gegen das Weib zu werfen aber
auch er taumelte und stürzte zu Boden übermannt vom Met und vom Zorn Die
Sorben sammelten sich um ihren Häuptling und Gottfried führte mit Hilfe des
Weissbarts die wunde Jungfrau nach ihrer Hütte dort suchte er das strömende Blut
zu stillen und mit dem Sorbenweibe die klaffende Wunde zu binden
In der Hütte des Miros saß spät am nächsten Morgen Ingram das Haupt in der
Hand und seine Gedanken wirbelten wild durcheinander Auf dem Schoss hielt er
das Schwert welches sein Gastfreund ihm in die Hände zurückgelegt hatte Miros
stand vor ihm und erzählte von dem letzten Ausgang des Gelages und von der Wunde
des Weibes »Sie hätte den Faden ihres Lebens durchschnitten denn ihr Sinn war
wild als der fremde Bote ihr das Messer entwand Unnütz war die Mühe das
Messer wäre ihr rühmlicher gewesen als die Keule des Ratiz sein wird«
Ingram zuckte und griff nach seinem Schwert »Was würdest du tun wenn dir
ein gefangenes Weib mit dem Messer drohte« fragte Miros Ingram nickte
bestätigend mit dem Kopf »Wäre sie tot durch rühmliche Tat die sie selbst an
sich vollbracht und wäre der Ratiz durch mein Schwert erlegt dann wäre ich
wieder frei und könnte lachen« murmelte er »Jetzt aber bedrängt mich der
Zauber den die unholden Christenmänner durch ihren Gesang und durch ihr Silber
auf meinen Weg geworfen haben Darum hat mir der Gott der des Trinkhorns
mächtig waltet seine Hilfe versagt Auch ihn höhnten die Riesen durch ihre
Wunder und ruhmlose Kämpfe musste er ausfechten Mir ist das Leben verleidet
und die Heimkehr begehre ich wenig«
»Bleibe bei uns« riet der Sorbe teilnehmend »und gewöhne dich an unseren
Brauch dann baut dir Herr Ratiz eine Hütte und wenn du das Weib mit der
zerrissenen Wange noch begehrst so ist möglich dass er dir sie schenkt damit
sie deinen Mühlstein drehe«
Ingram lachte »Könntet ihr vergessen dass ich eure Krieger erschlug Würde
doch mein Schwert aus der Scheide springen wenn es neben einer Sorbenkeule
hinge Wie kann Friede dauern zwischen euch und mir Nein Miros anders raten
mir die Schicksalsfrauen Und du meinst dass er sie töten wird«
»Wie kann er anders«
»So sage ihm dass ich ihn zum Kampf fordere auf der Heide zwischen eurer und
unserer Mark auf den sechsten Tag von heut«
»Sage selbst solche Botschaft wenn du Lust hast aus dem Sonnenlicht zu
scheiden auch du stehst unter seiner Hand und wenn er dich entlässt so weiß
er dass ein Todfeind frei von ihm reitet Denke vor allem an das eigene Heil«
»Du sprichst verständig friedlich will ich von euch gehen oder gar nicht
Die Götter mögen auch mir das Los werfen Der Becherkunst ist dein Herr mächtig
wie ich sehe lass ihn versuchen ob er auch das Würfelspiel versteht sein
Schicksal gegen das meine Geh mein Wirt und trage ihm eine Botschaft die er
annehmen mag oder nicht nach seinem Gefallen Noch einmal messen wir uns in
friedlichem Kampf wie der Würfel fällt den unsere Hände gleiten lassen um
alles oder nichts er setzt in das Spiel das Weib und mein Ross das er gestern
gewonnen und ich «
»Und du«
»Mich selbst ob ich frei davon reite oder als sein Gefangener hierbleibe
bis gütliche Schatzung vereinbart wird welche mich löst nach Brauch der
Grenze« Der Sorbe trat zurück Er öffnete sein Hemd und wies eine Narbe »Du
weißt wer mir diesen Schlag gab denke daran Held unrühmlich wäre mir zu
sagen dass ein Knecht die Wunde geschlagen hat«
Ingram reichte ihm die Hand »Geh doch Fremdling tief bin ich verstrickt
und meine Stunde ist gekommen wo ich die Hohen fragen will ob sie retten oder
verderben«
Der Sorbe ging unzufrieden hinaus Ingram legte das Haupt auf den Tisch
»Seit der Fremde den Mühlstein unter dem Baume heraufscharrte ist das Glück von
mir gewichen und der Segen den die Ahnen mir hinterlassen hat seine Kraft
verloren Eine hat sich zornig von mir gewendet ich aber will prüfen ob ich
noch die Kraft habe sie durch meine Beschwörung zu gewinnen oder ich will ihr
Los teilen«
Draußen klang der Tritt bewaffneter Männer Ratiz trat ein begleitet von
einem Teil seiner Krieger Ihm lagen die Augen noch tief im Kopf und heiser war
seine Stimme als er sprach »Du kamst als ein eifriger Spieler Den ersten
Kampf bot ich den zweiten bietest du Fürwahr hoch achtest du dich selbst
lieber mag ich das Weib und das Ross als dich und ungern tue ich deinen Willen
Aber meine Krieger fordern dass ich dein Spiel nicht zurückweise Dein Einsatz
gilt Ross und Weib für dich oder du für mich ein Würfel und ein Wurf«
»Weib und Ross beide unversehrt zur Stelle für mich oder mein Lösegeld für
dich so wie mich deine Krieger ehrlich schatzen« versetzte Ingram
»Wir werden dich ehren als Krieger wenn wir dich schatzen« bestätigte der
Häuptling »Beide wollen wirs geloben« Die Männer fassten an ihre Schwerter und
sprachen den Eid »Hast du einen Mann« fuhr Ratiz fort »dessen Würfel du
vertrauen kannst wie ich ihm vertraue so nenne den Namen«
»Mein Wirt Miros« antwortete Ingram
Miros trat in eine Ecke der Hütte holte den Würfel aus dem Kasten und
stellte ihn auf den Tisch einen Holzbecher dazu »Ehrlich ist der Würfel und
ehrlich sei das Spiel« sagte Miros »und jeder der hier steht gelobe dem
Sieger treue Erfüllung«
Die Männer schwuren die Kämpfer traten beiseite und sprachen leise ihre
Beschwörung »Der das Spiel gefordert hat tue den ersten Wurf« gebot Miros Er
legte den Würfel in den Becher und bot ihn Ingram Das Angesicht des Türings
war bleich und ebenso das des Ratiz Stille war in der Hütte und alle starrten
auf den Tisch Ingram schüttelte und warf »Fünf« rief Miros »Ein guter Wurf«
sprach Ratiz er nahm den Becher schüttelte und warf »Sechs« rief Miros Ein
gellender Siegesruf der weit über das Tal zog erscholl in der Hütte alle
traten von Ingram zurück Er stand einen Augenblick mit geneigtem Haupte dann
löste er sein Schwert und warf es auf den Boden Ratiz legte die Hand auf ihn
»Mein Knecht bist du holt die Weide und bindet ihm die Hände«
Vor der Hütte des Ratiz in welcher Walburg lag saß der Mönch Vor ihm
tummelten sich wilde Gesellen mit den Rossen die sie aus den Ställen gezogen
hatten und ansehnliche Sorbenkrieger eilten einzeln oder in kleinen Haufen zu
der Halle des Häuptlings Aber gleichgültig sah der Mönch auf dies fremdartige
Kriegertreiben er hatte die Nacht vor der Hütte gewacht zuweilen war er
eingetreten und hatte die Slawenfrau geweckt welche neben dem Lager der
Verwundeten lag dass sie die Wunde mit kaltem Wasser netze oder er hatte der
Fiebernden einen Trunk gereicht und leise an ihrem Haupt gebetet Jetzt
schauerte sein erschöpfter Leib in der warmen Morgensonne aber seine Gedanken
flogen unablässig zu dem Christenmädchen in der Hütte Zum erstenmal in seinem
Leben hatte er um ein Weib zu sorgen er fühlte darüber eine wonnige Freude
lächelte vor sich hin und sah dann wieder ernstaft und demütig nach der Höhe
In der Nähe hörte er Eisengeklirr und schnellen Tritt Ratiz stand mit
seinem Gefolge vor ihm in Waffen zum Auszug gerüstet unter den Kriegern
Ingram waffenlos mit gesenktem Haupt die Arme durch starke Weiden auf den
Rücken gebunden Ratiz wies auf die Sonne »Weit ist dein Weg junger Bote und
widerwärtig ist dein Anblick meinem Volke Das Spiel welches in meiner Halle
begann ist beendigt Sieg und Ruhm haben mir die Götter verliehen Dennoch will
ich dir halten was ich dir gestern bot wenn du deinem Bischof mich rühmen
willst Gib mir das Silber und nimm die Gefangenen«
»Willst du jetzt die Antwort des Bischofs auf deine Frage hören«
»Sprich« antwortete Ratiz »ich und meine Edlen wir hören«
»Du begehrst Gesandte an den Hof des Helden Karl nach dem Westland zu
senden und du begehrst dass mein Herr der Bischof ihnen Geleit werbe und
geziemenden Empfang bei dem Frankenherrn Habe ich recht deine Meinung gesagt
so bestätige mir sie vor diesen«
»Seine eigene Sorge hat jeder Tag« versetzte der Sorbe »viele Monde ists
her dass ich nicht an die Gesandtschaft dachte meine Krieger fürchten nicht die
Macht der Franken wo sind ihre Heere wir sehen sie nicht«
»Hast du deinen Sinn geändert dann bin ich der Rede enthoben« Er trat zur
Seite Ratiz aber begann einlenkend »Auf scharfer Waage wägst du die Worte
Fremder noch ist es möglich dass mirs gefällt die Boten zu entsenden
vielleicht auch nicht«
Gottfried schwieg
»Will der Mann den sie Winfried nennen mir Bürge werden dass meine Krieger
am Hofe des Frankenherrn freundlichen Empfang finden und Gewähr ihrer
Forderung«
»Nein« versetzte Gottfried nachdrücklich »Deine Forderung kennt mein Herr
nicht wie kann er Fürsprech werden Zu gewähren und zu versagen steht allein
bei Herrn Karl nur dass seine Boten das Ohr des Fürsten erreichen dazu kann er
helfen und ob er dazu helfen wird das steht bei dir Auf seinem Wege sah er
brennende Höfe und erschlagene Christen«
»Du bist ein Fremder und unkundig des Grenzbrauches« versetzte der Sorbe
mit querem Blick »nur Notwehr üben wir und Vergeltung Auch unsere Krieger
liegen erschlagen und unerträglich sind die Frevel der Franken«
»Du klagst über Unrecht der Franken ebenso der Franke über das eure der
große Gott im Himmel allein weiß wer den größeren Frevel gewagt hat Jetzt aber
suchst du das Ohr des Frankenherrn Wie mag Herr Karl anders urteilen als sein
Volk Und du suchst die gute Meinung eines Bischofs der Christen auch der
Christ sieht das Unrecht das den Bekennern seines Glaubens zugefügt ist Ich
kann nicht gehen Herr ohne das Weib in der Hütte und ohne meinen Gefährten
den ich schwertlos und gebunden sehe«
»Er war dein Gefährte jetzt ist er mein eigener Knecht Sein Wille wars
verspielt hat der Narr sein Ross und sein Schwert und in Banden harrt er des
Schicksals das wir ihm fügen«
Ein leiser Seufzer Ingrams wurde gehört zitternd schwand der Ton in der
Morgenluft aber aus der Hütte klang ein lauter Schrei der Frau Ratiz herrschte
den Gebundenen an »Rede Knecht damit der Mann der dich gesandt hat nicht
deinetwegen von unserem Vertrag weiche« Ingram wandte sich ab aber er senkte
bestätigend das Haupt
»Die Sorge für ihn und das Weib ist mir auf die Seele gelegt« rief
Gottfried »wie soll ich vor das Antlitz dessen treten der mich zu dir gesandt
hat wenn ich sie nicht mitbringe«
»Habe ich nicht schon vorher einen Mann deines Bischofs ohne Losung
entlassen« rief Ratiz zornig dagegen »und auch du stehst noch unverletzt vor
mir Weißt du nicht du Tor wenn ich meine Hand aufhebe so springen meine
Krieger auf dich und schälen mit ihren Messern dein geschorenes Haupt«
»Mein Schicksal steht nicht in deiner Hand sondern in der Hand meines
Gottes« versetzte Gottfried mutig »Tue was du darfst binde mich töte mich
wenn dein wilder Sinn dich dazu treibt aber freiwillig verlasse ich diese Höhe
nicht ohne die Gebundenen«
Ratiz stieß einen Fluch aus und stampfte mit dem Fuß »So lasse ich dich
durch meine Krieger an den Grenzzaun führen und hinüberwerfen du hartnäckiger
Tor«
»Lass sie frei und behalte mich zurück als Knecht oder als Opfer wie du
willst«
»Unsinnig wäre der Tausch ein junges Weib und einen Krieger gegen dich der
nicht Mann und nicht Weib ist«
Gottfried erblich aber in strenger Zucht gewöhnt sich zu bezwingen
antwortete er »Verachtest du den Boten so höre um deiner selbst willen die
Botschaft Mit einem Volksheer zieht der siegreiche Frankenfürst gegen seine
Feinde heran schon lagert er unweit der Werra einen neuen Grafen hat er in das
Land der Thüringe gesandt die Grenze zu wahren Suchst du in Wahrheit
Versöhnung und Friede mit dem Frankenherrn so magst du eilen deine Gesandten
in sein Lager zu schicken«
Ratiz stand betroffen und sprach heftig zu dem Weissbart der ängstlich
schnelle Fragen des Sorben und die Antworten des Mönches deutete Als Ratiz zur
Seite schritt und leise mit seinen Kriegern verhandelte trat Gottfried zu
Ingram »Was zürnst du mir armer Mann wende dich nicht von mir ab denn treu
ist meine Meinung«
Ingram sah düster auf ihn aber auch seine Stimme klang weich als er
antwortete »Du hast mir Unglück gebracht denn du hast meinen Zornmut erregt
Deine Hilfe begehre ich nicht und fruchtlos ist alles was du für mich
versuchst Löse das Weib und sage ihr wenn du willst dass lieber ich selbst sie
gelöst hätte Nimmer änderst du mein Geschick Als ein Unsinniger habe ich mich
treulosem Volk ergeben denn Böses weissagt mir der Blick des Sorben und die
Freude seines Gesindes Siehe zu dass du mir Wolfram meinen Mann sendest denn
sie bereiten sich mich zu schatzen damit ich ihn noch vor eurer Fahrt
unterweisen kann wenn sie redlich an mir handeln Und werden sie zu Bösewichten
an mir dann sage noch dem Weibe und den Freunden daheim dass die Weiden der
Sorben mich nur binden solange ich will Bevor sie mich zum Knechtesdienst
zwingen gewinne ich mir ein blutiges Zeichen auf Haupt oder Brust damit ich
aufwärts fahre und meine Ahnen mich erkennen Du aber weiche von mir und wandle
deinen Pfad ich suche wohl allein den meinen«
Der Mönch trat zurück die Tränen flossen ihm aus den Augen als er vor sich
hin sagte »Verzeihe ihm Herr und erbarme dich seiner«
Die Beratung der Sorben war zu Ende Ratiz sprach mit finsterer Miene zu
Gottfried »Damit dein Herr erkennt dass meine Krieger hochsinnig denken so
nimm das Weib mit der zerrissenen Wange zu dir auf deinen Weg Große Ursache
hast du Jüngling meine gute Gesinnung zu rühmen ziehe hin mit den Gefangenen
und lass den Becher des Bischofs zurück Sprich kein Wort weiter« fuhr er mit
ausbrechendem Zorn fort »teures Geschenk bezahle ich für deine Reise fahre
dahin und sage deinem Bischof gleiche Treue erwarte ich von ihm wenn meine
Boten zu ihm kommen« Er wandte sich mit stolzem Gruß ab und winkte seinem
Gefolge Der Weissbart und Miros blieben zurück die anderen traten um Ingram
Ohne sich umzusehen kehrte dieser der Hütte den Rücken der Mönch sah ihm nach
bis seine hohe Gestalt zwischen den Sorbenkriegern in der Halle verschwand
Die Heimkehr
Auf dem Saumpfad der dem Waldgebirge zuführte wallte eine waffenlose Schar
Voran ging ein schlanker Knabe das Holzkreuz tragend welches er aus zwei
Stäben zusammengefügt hatte hinter ihm leitete Gottfried den Haufen der Kinder
Das goldene Haar der Kleinen flatterte in der Morgenluft barfüssig stapften sie
vorwärts die Bäckchen gerötet und die Augen blau wie der Himmel Über ihnen
flogen die Lerchen und zur Seite schwebten die Bienen und Schmetterlinge alle
Wegblumen und Gräser des Tals hoben und neigten sich unablässig grüßend im Winde
gegen sie Hinter den Kindern zogen die Frauen welche dem Kreuz angehörten
halb entblößte Gestalten die Häupter gesenkt die Gesichter vergrämt manche
von ihnen trug auf den Schultern ihr kleines Kind Mitten darunter saß auf dem
Ross des Priesters Walburg das Antlitz dicht verhüllt Der Mönch begann eine
lateinische Hymne feierlich zog der Gesang in die wilde Landschaft die Frauen
und Kinder drängten sich näher heran und sangen am Ende jeder Strophe sich tief
verneigend das heilige Kyrie eleison denn mehr vermochten sie nicht aber aus
bewegten Herzen kam der Anruf und oft rangen sie die gefalteten Hände Hinter
der Christenheit wandelte ungern die Kuh der Schatz des Haufens welchen Miros
den Abziehenden mitleidig gespendet hatte Das Rind schied Christentum und
Heidenschaft denn bei ihm liefen die Heidenfrauen mit ihren Kindern und eine
von ihnen Gertrud eine hochgeschürzte Magd hielt zur linken Seite des Rindes
den Strick und schwenkte den Stab Aber die Heidenkinder blieben nicht auf der
Bahn sondern fuhren wild umher und suchten nach Wurzeln auf der Wiese nach
Beeren und Pilzen im Gehölz Als letzter kam Wolfram geritten der später als
die anderen das Lager des Ratiz verlassen hatte er scheuchte die Säumigen
vorwärts und trabte den Zug entlang bis zur Spitze Ausschau zu halten »Ich
lobe deine Kunst dies barfüssige Volk zusammenzuhalten« begann er zu dem Mönch
»du wirst sie noch gebrauchen Drei Tage lang fahrt ihr mit Kinderschritten
durch die Bergwildnis und wenn du zu den ersten Häusern der Landsleute kommst
magst du kalten Empfang finden«
»Ich vertraue deiner Hilfe« versetzte Gottfried in das gutherzige Gesicht
blickend
Wolfram räusperte sich stark »Einer ist hinten geblieben und mir ist die
Haut näher als das Hemd«
»Willst du zu den Sorben zurück und diese im Walde verlassen« fragte
Gottfried erschrocken
Der Mann beantwortete die Frage nicht »Er war immer jäh und unbedacht«
sagte er »und doch lebt keiner der ihn beim Metkrug überwindet Einem Betrüger
ist er arglos verfallen der Becher des Ratiz hat ein Geheimnis die Sorben
erzählten es am Feuer und lachten Wenn der Gaukler mit dem Finger an den Becher
drückt so läuft der Met in eine Höhlung ab und wenn der Schenk wieder drückt
läuft der verborgene Trank in den Becher zurück Der eine trank nur die Hälfte
der andere das Ganze Voll von Listen sind diese schmutzigen Zwerge und durch
List haben sie ihn bewältigt Beim Becher verloren beim Würfel verloren und mit
Weiden gebunden das ist zu viel für ihn Manchen Schlag wird er schlagen
müssen bevor er seinen Stolz wieder findet Und darum will ich zu ihm hat er
gespielt so spiele ich auch ihn zu lösen oder ihm zu folgen denn bei uns ist
ein Spruch wie der Herr so der Knecht«
Gottfried wechselte mit ihm einen Blick des Einverständnisses »Hebe mir
einen Zweifel wenn dir gelingt dem Unglücklichen die Bande zu lösen bist du
sicher ob er dir in die Flucht willigen wird Er selbst hat sich freiwillig der
Freiheit entäussert von einer Schatzung sprach er die ihn entledigen müsse und
doch sah er aus wie einer der an seinem Geschick verzweifelt«
»Mein Wirt hält die Treue wie wenige im Lande« antwortete Wolfram »aber
wenn er entrinnen kann wird er nicht säumen Weißt du denn nicht und haben die
Sorben dir es verborgen Ein schmachvolles Urteil haben sie über ihn gefunden
als sie in der Halle Rat hielten Denn ihr Spruch ist gefallen dass sie ihn bei
ihrem nächsten Hochfest über den Opferstein beugen wollen als Ehrengabe für
ihren Gott Elende Hunde« rief er zornig »wer hat je gehört dass einer der
sich selber in die Knechtschaft gespielt hat von dem Messer des Opferers
entseelt wird«
»Greulich ist was du sagst« rief Gottfried entsetzt
»Du sprichst ganz über sie wie sichs gebührt« lobte Wolfram befriedigt
durch den Zorn des Mönches »Wer sich hingibt weil er sein Spiel verloren der
kauft sich los von dem Manne der Gewalt über ihn hat durch Rinder und Rosse
wenn er sie schaffen kann und dem Sieger ist es Ehre ihn niedrig zu schatzen
Ist mein Wirt doch kein kriegsgefangener Mann denn nur solchem gebührt der
Schnitt mit dem Opfermesser wenn die Götter ein Mannopfer heischen«
Als Gottfried sprachlos die Hände rang fuhr Wolfram begütigend fort »Sei
ruhig mein Wirt wird ihnen diese Hoffnung verderben er selbst soll sein Messer
zurückerhalten gegen wen er es gebrauchen will Und darum Fremder kurz
gesagt will ich euch verlassen denn ich merke die Späher der Sorben folgen
nicht mehr in unserer Spur Bist du des Weges unkundig wie ich fürchte so wird
die Treiberin Gertrud dir raten sie ist von unserer Seite des Waldes und weiß
Bescheid in den Bergen wenn ich ihr die nächsten Wegstunden deute«
»Sage mir noch eins Wolfram wenn du magst Gute Wache halten die Sorben
niemand der größer ist als ein Wiesel vermag den Hügel hinaufzuklimmen ohne
dass sie ihn erspähen Wie gedenkst du allein durch die Verschanzung zu dringen«
»Du fragst zu vieles auf einmal« versetzte Wolfram schlau »forsche
bedächtig damit ich dir antworte Ohne Helfer bin ich nicht Wo das Lager des
Ratiz liegt war sonst ein Gehege meines Volkes welches sie das Dorf des Ebers
nennen Viele Siedler hat der Räuber erschlagen andere sitzen noch dort in der
Knechtschaft mehr als einem ists unleidlich einem Sorbenherrn die Rosse zu
striegeln und ich habe Kundschaft mit ihnen Du rühmst die Wachen der Sorben
ich fürchte nur ihre Hunde die struppigen Kläffer doch ich führe bei mir was
ihnen das Heulen verwehrt«
»Aber Ratiz und seine Krieger auf der Höhe« Wolfram drängte sein Ross näher
an den Mönch »Hast du nicht gemerkt was für ein Kind zu sehen war dass der
Sorbe zu neuem Beutezug rüstet Er hat die Gefangenen verkauft bevor die
Händler heranzogen obwohl diese Witterung haben von einem Raube wie die Geier
von der Walstatt Damit sie nicht umsonst kommen holt er sich neuen Fang aus
den Frankendörfern im Süden oder wo ihm sonst seine Späher raten«
Empört rief Gottfried »Und zugleich begehrt er Frieden mit dem
Frankenherrn«
»Vielleicht meint er dass der Friede wertvoller wird wenn er sich furchtbar
erweist Willst du den Kater zwingen das Mausen zu meiden« versetzte Wolfram
»Du aber« begann Gottfried nach einer Weile »hast nicht bedacht was du
diesen hier bereitest Wenn dir das Unglaubliche gelingt deinen Herrn zu
entledigen dann wird der grimmige Sorbe die Frauen zurückholen breit ist
unsere Spur und langsam der Gang«
»Auch du der Christenmann würdest ihnen nicht zu gering sein für ihr
Götterfest« antwortete Wolfram nachdenklich und warf einen mitleidigen Blick
auf die Kinder »Sicherlich kann Eile retten droht euch Gefahr von rückwärts
so ists nicht bevor die Sonne morgen sinkt« Er sah Gottfried misstrauisch an
»Unsere Alten sagen dass die Christenpriester viele geheime Künste verstehen
vielleicht gefällt es dir den Sorbenrossen die Kraft zu nehmen oder ein
Blendwerk zu erregen das den Spähern die Spur verwirrt«
»Kein Mensch auf der Männererde vermag das nur der Christengott allein«
sagte Gottfried »seinem Schutz will ich uns empfehlen«
Wolfram nickte beistimmend »Immer habe ich geglaubt dass euer Gott viel
vermag ich gehöre gar nicht zu denen welche den Christenglauben verachten
Christengebet und Heidengebet mag kräftig sein um das Blut zu stillen wenn man
sich geschnitten hat oder um Regen vom Himmel zu ziehen wenn die Saaten
verdorren Ich aber merke dass die gar nicht im Glück leben welche am
eifrigsten den Unsichtbaren zurufen Darum vertraue ich am liebsten auf mich
selbst Und hier löse ich mich von euch Lasst nicht die Weiber und niemand sonst
merken wohin ich von euch schweife Und höre damit ich dir meine gute Meinung
erweise lasse ich dies Pferd zurück möglich dass ichs bereue möglich auch
dass ein Tier mich hindert denn nicht hoch zu Ross gedenke ich durch die
Holzringe der Sorben zu traben Die Trude trägt ein Handbeil und vermag die Kuh
zu schlachten Fahr wohl Fremder sehen wir uns wieder so ist es hoffe ich
im Lande der Thüringe«
Der Mann blickte noch einmal auf die flüchtige Schar über die Ringellocken
der Kinder und die verblichenen Gesichter der Frauen dann stieg er vom Pferde
und wartete bis die Treiberin der Kuh an ihm vorüberkam »Höre ein
vertrauliches Wort Trudis« sprach er leise »ich gehe nach Jagdbeute über die
Hügel das Pferd lasse ich euch zurück der Braune ist freundlich gegen die
Kinder hänge die Schwachen darauf so mag er euch nützen denn Eile ist ratsam
Bin ich zur Nacht nicht zurück so sorge du um die Wache und schüre das Feuer
damit ihr das Ungeziefer des Waldes abwehrt«
Das Weib sah ihn unwillig an »Diesen Sprung lehre deine Jungen sagte der
Fuchs als er zur Häsin sprang und ihr den Kopf abbiss Du Waldläufer verlässt die
Waffenlosen wie sollen diese sich retten mit dem Stabe in der Hand und den
Kindern auf dem Rücken«
»Manchen Kriegsmann weiß ich der deine Zunge mehr fürchtet als einen
Schwertschlag versuche sie auch einmal gegen die Bären« versetzte der Mann
begütigend und ging in einer Anwandlung von Unsicherheit noch einige Schritte
mit »Denn ich muss scheiden Gertrud« sagte er endlich vertraulich »Achte auch
auf den Weg damit ich euch wiederfinde der euch führt ist nur ein Fremder
Dies hier ist der Rennweg der Sorben auf dem sie zum Raube nordwärts reiten er
führt über Berg und Tal zu beiden Seiten rinnen die Quellen abwärts ihr
braucht auf ihm nicht waten und nicht überbrücken Wenn ihr eilt kommt ihr heut
im Sonnenlicht zum großen Eichwald an die Saale da wo der Sorbenbach
hineinfällt der das Grenzwasser des Ratiz gegen uns ist Durch den Sorbenbach
führt eine Furt seht zu dass ihr euch vor Abend hindurchwindet bis eine Stunde
westwärts zu dem Eibengehölz aus dem ein heiliger Quell springt dort steht auf
der Höhe ein alter Mauerturm aus Holz und Stein seit der Väter Zeit als eine
Grenzwarte aber die Slawen haben ihn zerrissen dort rate ich rastet im
Gemäuer Morgen aber lauft ihr neben dem Saalwasser nordwärts die Strömung zur
Rechten die Wälder zur Linken über euren Weg rinnen kleine Bäche sie sind
leicht zu durchwaten und der Pfad ist eben aber es hausen diebische Slawen am
Ufer Gelingt es euch sie zu meiden so kommt ihr endlich zu dem großen Bach
den sie das schwarze Wasser nennen da wo es in die Saale läuft darüber müsst
ihr auf dem Baumstamme flössen denn das Wasser ist tief Hinter der Überfahrt
dürft ihr in keinem Fall längs der Schwarza aufwärts streben denn dort sind
wilde Klippen und unheimlicher Bannwald der den Nachtgöttern geweiht ist und
jedermann fürchtet das Tal wegen der Gespenster Ihr aber wandelt weiter
nordwärts an der Saale bis zu dem Hügel mit einem alten Turmgerüst in diesem
haltet die zweite Nachtrast Von da führt der Weg gerade dahin wo jetzt die
Sonne untergeht zwei Tage lang«
»Wiederhole den Sang damit ich ihn festalte« antwortete das Mädchen
aufmerksam Wolfram gab aufs neue seinen Bericht legte die Zügel des Pferdes in
die Hand einer Frau und sah noch zu wie drei Kinder jauchzend hinaufstrebten
Dann suchte er eine harte Wegstelle und schwang sich mit weitem Satze in das
Gehölz
In großer Versammlung der Sorben teilte der Opferpriester dem gebundenen
Ingram das Schicksal mit welches ihm beschlossen war Feierlich waren die
Mienen der Sorbenkrieger als der Opfermann sprach und der Weissbart den Spruch
deutete sie spähten in das Antlitz des Gebundenen wie er die Botschaft
aufnehmen würde und sahen missvergnügt dass sein Auge nicht starr wurde sondern
zornig leuchtete als er dem Ratiz zurief »Dein Spruch ist tückisch und
unehrlich nicht wie ein Krieger sondern wie ein altes Weib suchst du blutige
Rache an dem Wehrlosen«
»Dem Gezirp der Grillen gleichen die Schmähworte eines Gebundenen«
versetzte Ratiz und schritt stolz an ihm vorüber »Zäumt mir den Raben dass ich
ihn reite das Opfertier führt in den Stall« Miros und einige von dem Gesinde
führten den Gefangenen in ein leeres Blockhaus auf der Höhe »Gefällt dirs
Ingram« sagte der Sorbe »mir zu geloben dass du aus dem Raume nicht weichst
so lasse ich dir die Füße frei damit du sie regest«
Ingram dankte ihm mit einem Blick aber er sprach »Von einem Mann des Ratiz
nehme ich keine Gunst auch wenn sie freundlich geboten wird«
»Dann bindet ihm die Beine und zwängt ihn an den Boden« Im Nu war Ingram
geschnürt zur Erde gelegt und mit dem Leibe an einen schweren Holzklotz
gebunden Der Sorbe verließ den Raum ein junger Krieger hielt die Wache Ingram
lag am Boden ein aufgegebener Mann und träge war der Zug seiner Gedanken Nur
einmal hob er sich als er Hufschlag hörte er rief ein lautes Hara das Wiehern
eines Rosses antwortete und er merkte den Hieb des treibenden Reiters Dann
ward es wieder still durch eine kleine Luke der Holzwand fiel das Sonnenlicht
in den Raum immer näher zur Gegenwand schob sich das goldene Viereck er sah
gleichmütig darauf ihm waren die Stunden langweilig Neben dem Lichtloch hatte
eine Schwalbe ihr Nest gebaut die Vögel flogen aus und ein die Jungen
flatterten in der Öffnung und ließ sich von den Alten füttern Er dachte
daran dass auch in seinem Hofe die Schwalben unter dem Dach bauten und zuckte
wie von einem Messer gestochen aber der Gedanke zerrann wieder
So kam der Abend der Wächter brachte Brot und Wasser er nahm dankend an
dass der Mann ihm den Krug zum Munde führte das Brot wies er zurück Das Gold
der Sonne wurde feuriger dann schwand es in mildem Rot zum letztenmal kamen
die Schwalben herein zwitscherten und zankten im engen Nest und er sah durch
die Luke wie die Abendröte den Himmel bedeckte bis auch sie im matten Grau
verschwand Dunkel erfüllte den Raum der Mann welcher an der Tür lagerte zog
ein Heubund unter seinen Kopf und entschlief Auch Ingram rückte das müde Haupt
auf den Klotz soweit die geschnürten Arme erlaubten die Augen sanken ihm zu
und undeutlich wurde ihm seine Umgebung
Da rasselte es leise draußen am Boden etwas strich längs dem untersten
Balken hin wie der Igel wenn er längs der Hecke fährt Ingram richtete den
Leib auf seine Seele trat gespannt in Auge und Ohr und aus seinen Lippen drang
ein summender Laut
Zum zweiten Male knarrte der Igel längs der Wand und zum zweiten Male gab
Ingram Antwort und starrte auf das Luftloch in seiner Nähe er sah wie etwas
durch die Öffnung hineingeschoben wurde es fuhr auf und ab wie an einer Schnur
und klang leise an der Wand Er wusste es war ein Messer Die Arme waren ihm
gebunden und die Füße gebunden vielleicht mochte er es mit den Füßen erreichen
und festhalten wenn es ihm gelang den schweren Holzklotz an den er gefesselt
lag zu rücken Er stemmte und schob dann fasste er das Messer zwischen die
geschnürten Füße und mühte sich bis er den Griff zu seinem Munde hob Er hielt
das Messer mit den Zähnen und zerschnitt allmählich den Strick der seinen Leib
am Klotze festhielt dann stemmte er die Spitze des Messers in den Boden und
rieb an der Schneide die Weiden welche ihm die Arme banden mit den befreiten
Händen löste er leicht die Füße Es war langwierige sorgliche Arbeit Noch
jetzt blieb er liegen und regte die Arme und Beine bis in die geschwollenen
Glieder wieder Bewegung kam Dann klopfte er leise an die Wand wie ein Holzwurm
pickt und lauschte Eine lange Zeit verging endlich hörte er eine bekannte
Stimme leise rufen »Jetzt zu mir« Der Wächter rührte sich aber blitzschnell
warf Ingram seine Jacke ab warf sich über den Sorben an der Tür schnürte ihm
die Jacke über dem Haupt zusammen und Hände und Füße mit dem Seil raunte ihm
zu »Dein Leben danke dem Krug Wasser« und sprang aus der geöffneten Tür
Draußen regte sich nichts er fuhr um das Haus herum eine Freundeshand fasste
ihn und half ihm beim Schwunge über den Zaun Zwei Männer rollten den Berg hinab
und sprangen durch die Dorfgassen Wütend kläfften die Hunde und der andere
stieß einen Fluch aus »Die Köter sind ihre beste Hilfe wir verfehlen das
Schlupfloch« Da wurde es plötzlich tageshell von der entgegengesetzten Seite
des Lagers brach ein Feuer auf beide sprangen vorwärts wie vom Winde getrieben
Einer von den Wächtern die längs dem Zaune gingen schrie sie an Wolfram
antwortete in der Sorbensprache und wies nach dem Feuer Durch eine Lücke im
Dorfzaun glitten sie in den Graben hinab im nächsten Augenblick standen sie im
Freien »Jetzt schnellen Schritt und gutes Glück« Hinter ihnen erschollen
wirres Geschrei und Rufe Vor den Laufenden erhob sich im Felde ein hoher
Birnbaum unter seinem Blätterdach hielt ein Reiter ledige Rosse Die Flüchtigen
schwangen sich auf die Pferde und ritten in die Nacht hinein während hinter
ihnen die Flamme zum Himmel stieg und der Lärm des erwachten Dorfes klang
Der wilde Ritt trieb das Blut schneller durch Ingrams Adern vom Rosse
reichte er seinem Treuen die Hand »Wer ist der dritte« fragte er
»Godes einer von uns ein Rossknecht des Miros er hat sich mir gelobt sein
Herr hat ihn mit der Peitsche geschlagen dafür hat er ihm eine Fackel
angesteckt Die Flamme mag uns Rettung werden sie steigt jenseit der Ratizburg
auf dorthin zieht es ihre Gedanken von unserem Wege«
Der Reiter vor ihnen hob warnend den Arm »Vorsicht Herr wir nahen dem
Ringzaun an der Dorfmark So schlaftrunken ist keine Sorbenwache dass sie den
roten Schein am Himmel missachtet und den Tritt dreier Pferde die aus ihrem
Weidegrund brechen«
Sie waren einen Hügel hinabgejagt gedeckt durch das Baumlaub jetzt fuhren
sie hinaus auf das offene Feld zwischen die Baumstümpfe hinter ihnen leuchtete
der Feuerschein er fiel auf die weißen Slawenröcke welche zwei der Reiter
trugen und warf die Schatten vor ihnen auf das Feld »Dort im Dorfe half uns
die heiße Lohe hier hat sie unsern Nachtmantel verbrannt« brummte Wolfram Von
der Seite erscholl Anruf und Geschrei und Hufe klapperten »Jetzt gilt es leben
oder verderben« rief der Mann und die Flüchtlinge sausten wie Sturmwind dahin
hinter ihnen die Verfolger Ein Pfeil fuhr auf Ingrams Sattel ein anderer
streifte sein wehendes Haar »Hier ist der Holzring der Grenze« mahnte Wolfram
sie trieben die Pferde zum Sprunge und flogen hinüber noch wenige Rosssprünge
und über ihnen breiteten sich die Äste eines Fichtenwaldes Auf schmalem Wege
ritten die Reiter bergauf die Pferde stolperten und stöhnten »Bricht ein
Pferdefuss so sollen Sorbenmädchen weinen« rief Wolfram Aber die Rufe der
Verfolger wurden schwächer und verhallten »Die Nachtjagd im finsteren Wald
dünkt ihnen gefährlich Gemach Godes Pferdeleib und Menschenbein sind nicht
von Eisen die Äste zausen das Haar und die Stämme brechen die Knie«
Sie schlugen sich durch das Dickicht die Höhe hinauf und ritten durch
niedriges Buschholz über einen langen Bergrücken Der Weg hatte sich gewandt zu
ihrer rechten Seite flammte das Feuer immer höher und röter und dunkle
Rauchwolken wirbelten durch die Masse Mitten in der feurigen Lohe hob sich der
Hügel des Ratiz die beleuchtete Halle und die Strohdächer Plötzlich blinkte
ein heller Schein auf dem First der Halle ein weißes Licht flackerte über das
Dach gleich darauf standen auch die Dächer des Hügels in hellen Flammen und
die Röte breitete sich über den halben Nachthimmel »Dort sengt das Räubernest«
rief Ingrams Mann in wilder Freude »nicht umsonst hast du Herr beim Eintritt
mit den Feuerzungen gedroht« Ingram lachte aber er blickte scheu auf die
Flamme und kalt fuhr es ihm über den Leib Seit seiner Kinderzeit war ihm ein
Hausbrand greulich und oft hatten ihn seine Gesellen darum gehöhnt jetzt mühte
er sich wegzusehen aber immer zog es ihm die Augen nach der Lohe er fühlte
deutlich wie einem zumute war der hoffnungslos mit beklommenem Atem darin saß
er dachte an die Worten des Jünglings der ihn bat nichts Böses zu wünschen
und plötzlich erinnerte er sich des Wächters den er unter dem Strohdach
gefesselt hatte und er wandte unwillkürlich sein Pferd nach dem fernen
Sorbendorfe zurück Aber Wolfram riss das Tier beim Zügel vorwärts trieb es
durch einen Schlag und rief lachend »Der Gaul merkt dass sein Stall brennt«
»Manches Sorbenweib muss heut stöhnen im heißen Ofen« rief der Führer ebenso
zurück
»Das ist schwache Vergeltung für den Mordbrand den sie in unseren Dörfern
geübt« versetzte Wolfram »ich denke der Ratiz wird die Lust verlieren morgen
Frankendörfer zu brennen die Kerzen leuchten ihm heimwärts« Ingram schwieg
Noch eine Stunde ritten die Reiter der roten Schein wich hinab an den
Horizont das bleiche Licht des neuen Tages stieg herauf mit leichterem Herzen
sah Ingram die Brandröte im Frühlicht dahinschwinden Der Morgennebel setzte
sich in Haar und Gewand der Reiter und die Rosse zogen ihre Spur in den
graulichen Tau der auf dem Rasen des Grundes lag Vor ihrem Wege schoss ein
Bach sie tränkten die Rosse der Vordermann ritt mit dem Lauf des Wassers bis
zu einer Stelle wo viele Tritte auf dem feuchten Grund sichtbar wurden dort
trieben sie die Rosse hindurch bis hinter ein Erlengebüsch unweit des anderen
Ufers Der Führer hielt
»Ich erkenne was du meinst Godes« sagte Wolfram »Wähle unseren Weg
Herr durch die Furt sind die Frankenfrauen geschritten die der Christ erledigt
hat man sieht jeden Fußstapfen das Ross des Priesters mit fremdländischem
Eisen die Kinder die Kuh und hier den tiefen Tritt welchen die Gertrud in den
Boden gestampft hat Sollen wir nachziehen auf ihrem Wege Ein Blinder könnte
ihn fühlen«
Ingram sah düster auf den Wiesengrund »In wenigen Stunden haben wir sie
eingeholt wenn die müden Sorbengäule uns noch tragen obgleich du gut gewählt
hast unter den Rossen des Miros«
»Die Weiber rasteten diese Nacht im Steinturm an der Saale den die Slawen
zerrissen« erinnerte Wolfram
Ingram sah vor sich nieder »Wie mag der Vogel fliegen wenn ihm die
Schwingen ausgerauft sind waffenlos bin ich«
»Ich sah dich doch sonst schon mit knotigem Astolz treffen wenn andere
Waffen fehlten« versetzte Wolfram erstaunt
»Führt unsere Spur zu den Frankenfrauen so locken wir den Ratiz auf ihre
Fährte und leiten ihnen die Gefahr auf ihren Weg«
»Ein hungriger Bär packt das Wild das er zunächst erreicht Meinst du dass
die Sorben jetzt an etwas anderen denken als an Rache Dreißig und ein Haupt
können bezahlen für die rohe Lohe schwerlich wird der Ratiz seine Krieger
zurückhalten auch wenn er wollte wenn diese bei der Heimkehr ihre Weiber und
Kinder aus der Asche aufheben« Wieder fuhr es kalt über den Rücken Ingrams
»Teurer Preis wurde bezahlt für das Haupt des einen Mannes«
»Hätte er nur den Raben und sein Schwert« dachte Wolfram bekümmert »denn
völlig ist der Mann verwandelt Willst du so fragen wir den Godes er kennt die
Sorben« Er rief den Führer heran und stellte die Frage Godes antwortete
»Einige folgen uns Männern ob sie uns fangen aber das Sorbenvolk wird wie ich
denke ausziehen gegen die entledigten Weiber«
»Und wann mag der Ratiz in seine zerstörte Burg einfliegen« fragte Ingram
Der Mann sah nach dem Himmel und überlegte »Hat er den Nachtbrand gesehen
und er hat ihn gesehen so kann er noch vor Mittag sich an den Kohlen seiner
Halle das Mahl bereiten«
»Dann drückt er zum Abend den Nacken des Priesters« rief Wolfram
»Genug« rief Ingram und stieß dem Pferd seine Fersen in die Flanke Sie
ritten weiter über Berg und Tal bis sie den verfallenen Turm vor sich sahen zu
ihm führte deutlich die Spur Sie drangen auf den Gipfel umritten den wüsten
Balkenring erkannten den Rastplatz die Haut der geschlachteten Kuh eine
Feuerstätte in der Ecke gepflückte Zweige und gerauftes Gras »Hier war das
Lager der Walburg« sagte Wolfram Sein Herr warf nur einen Blick darauf dann
trieb er sein Ross wieder aus den Balken ins Freie »Jetzt haben wir sie sicher«
tröstete Wolfram »die Spur weist nordwärts gerade wie ich mit den Weibern
beredet hatte«
Die Reiter folgten vorsichtig der Spur sie überschritten die Bäche bogen
zuweilen in den Wald aus um die Slawenhöfe am Wege zu meiden und kamen im
Nachmittag an den schwarzen Bach Fröhlich erkannten sie die Stelle wo der Zug
durch das Wasser gedrungen war und trabten nach kurzer Rast nordwärts weiter
Der Grund war hier fester und die Spur ging ihnen verloren Sie hielten an und
suchten endlich fanden sie die Hufspur zweier Rosse welcher sie folgten bis
Ingram eine Stelle traf wo der Boden weicher wurde »In gestrecktem Lauf sind
die Tiere gesprengt wer von der Schar kann gefahren sein wie der Wind die
Stapfen der kleinen Füße sehe ich nicht« Er stieg ab eilte mit beflügeltem
Schritt zurück durchsuchte die ganze Umgebung aber er erkannte nichts von
Menschentritten »Hat der Christengott sie der Erde enthoben« rief er
bekümmert Die Reiter trabten unsicher weiter
»Die Rosse waren ledig« sagte Wolfram »mein Brauner führt wir mögen sie
wenn sie nicht im Magen der Wölfe schwanden an deinem Hoftor finden Wahrlich
der Fremde versteht manches Geheimnis die Kinder sind in die Felsen zu den
Zwergen gegangen oder als Vögel davongeflogen Folgen ihnen die Sorben dann
wird es ein Wiedersehen unter der Erde oder in den Wolken«
Ingram hörte wenig auf den Trost seines Mannes mit ängstlichem Blick suchte
er längs der Saale und auf der anderen Seite im Dickicht Aber fruchtlos war das
Spähen Sie hielten wieder dann ritten sie vorsichtig auf dem Saumwege zurück
bis Wolfram seinem Herrn in die Zügel griff »Hier bis zu dem Felsen sind sie
gegangen und hier werden sie spurlos Wir aber reiten dem Ratiz fruchtlos in
die Arme« Ingram wandte sein Ross und wieder ging es in gestrecktem Lauf
heimwärts bis zu der Höhe welche die zweite Nachtrast der Frauen sein sollte
Dort sprangen die Reiter von den Rossen und durchsuchten im Abendlicht den Hügel
und seine Umgebung Aber sie fanden weder Menschen noch ihre Fußtritte Zuletzt
endlich die Hufspuren der zwei Rosse
»Hier zu rasten meine ich nicht« begann Ingram das finstere Schweigen
brechend »folgt mir aufwärts in die Berge vielleicht erblicken wir dort von
der Höhe ihr Feuer« Wieder ritten sie weiter der große Gebirgswald nahm sie
auf sie mussten absteigen und ihre müden Rosse führen
Unter den Bäumen wurde es finster immer noch lauschten sie auf den Ton von
Menschenstimmen oder auf ein fremdartiges Geräusch aber nur die alten Gebieter
des Bergwaldes die Riesenbäume redeten zu ihnen in ihren geheimnisvollen
Tönen Endlich hielt Wolfram an als sie in ein dunkles Waldtal gestiegen waren
»Fleisch und Bein wollen nicht mehr zusammenhalten gefällts Euch Herr so
rasten wir sonst verlieren wir die Pferde«
Ingram sprang ab und sprach mit heiserer Stimme »Unselig sei das Lager auf
dem ich diese Nacht raste ist euch die Ruhe nötig so erwartet mich ich fahre
zurück durch die Wildnis und suche das Feuer der Hilflosen Hoffe nicht mich zu
bereden Wolfram« setzte er befehlend hinzu »Die Sorge macht mich zornig bin
ich mit dem Morgen nicht zurück so fahrt heimwärts und erwartet mich im Hofe«
»Was einer tun muss soll der andere nicht hindern« versetzte Wolfram
kummervoll seinem Herrn nachsehend »Ich lobe nicht den Verstand eines Mannes
der bei Nacht dem Schrei der Raubtiere nachzieht Lass uns die Rosse sichern vor
dem Ungeziefer Godes und unseren Gürtel fester schnallen denn schmal ist die
Nachtkost Einer schläft nach dem anderen wer den längsten Halm zieht hat die
erste Wache« Sie zogen Godes setzte sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm
legte die Keule neben sich Wolfram streckte sich der Länge nach in das Moos
»Trägt mich ein Bär fort so zahle ihm den Trägerlohn« sagte er schläfrig und
war nach wenig Augenblicken entschlafen
Durch die Nacht rang Ingram bergauf verstört war sein Sinn wild der Flug
seiner Gedanken und rings um ihn die Schwärze des Todes Mit der Hand griff er
vorwärts in die Finsternis er tastete an den Stämmen und sank zu Boden zwischen
Steinen und knorrigen Wurzeln aber immer wieder erhob er sich und drang höher
und immer sah er vor seinen heißen Augen das lodernde Dorf und die feurigen
Zungen welche über die Strohdächer des Ratiz flackerten Er dachte an die Rache
der Sorben neuer Mordbrand würde in den Grenzdörfern seiner Heimat aufsteigen
und auf ihn würde die Schuld fallen Und zwischen solchen Angstgedanken hörte er
die leisen Worte des Mönches »Rächet euch nicht denn die Rache ist mein«
Törichte Worte für das Ohr eines Kriegers Wie kann ein solcher tatlos seinem
Gott die Sorge überlassen den Feind zu verderben Die Götter hatten ja auch ihn
selbst nicht vor der Kunst und vor der Tücke des Ratiz bewahrt Durch das Grauen
des Waldes wand er sich dahin als ein entlaufener Knecht Sein Angesicht wurde
glühend heiß und seine Faust ballte sich er stürmte fort und schlug mit seinem
Leib an Baumstamm und Felsen bis er keuchend zur Höhe kam wo der Sturmwind
alte Stämme gefällt hatte und der graue Nachthimmel über ihm sichtbar war Er
kletterte mühselig auf das Gewirr von Ästen und Wurzeln und suchte einen
Ausblick auf die Höhen und auf das Tal davor ob ein Feuerfunke blinke durch die
Schwärze oder der Laut einer Stimme hörbar sei Er wusste dass es ein kindisches
Hoffen war
Alles um ihn war finstere öde menschenfeindliche Wildnis Nur die
Überirdischen sprachen hier wenn die Wipfel rauschten und unten in der Tiefe
heulten die Krieger des Waldes die wilden Tiere Hier waren die Götter sogar
dem wehrhaften Manne feindlich würden sie Erbarmen üben gegen den Haufen der
mit dem Kreuz des Fremden dahinzog und würden sie die Frauen retten vor
Bärenklaue und Wolfsbiss vor dem jähen Abgrund und dem fallenden Baum Keiner
konnte sagen ob die Götter mächtig waren und von gutem Willen sie selbst waren
geworden und hatten das Geschlecht der Männererde gezeugt und sie sollten alt
werden und grämlich wie die Weisen verkündeten und die Götter und die
Geschlechter der Menschen sollten zuletzt untergehen in bitterem Todeskampfe vor
dem Weltbrand Der Christengott aber war wie der Fremde rühmte ewig Und er
sollte ewig regieren hier auf der Erde und im Himmelssaal Daher war auch der
Christenmann so fest denn er vertraute auf die Dauer und auf die Sorgfalt
seines Gottes Sie hatte sich das Antlitz zerrissen weil sie den Feind des
Lebens nicht töten wollte Lieber als das Wohlgefallen der Menschen war ihr das
Gebot ihres Gottes Ihr Gott hatte sie fest gemacht weil sie ihm treu war
Ingram seufzte tief und seinem Stöhnen antwortete aus der Tiefe das Geheul
der grauen Wölfe Er kannte solchen Gesang der Götterhunde so schrien sie wenn
sie sich zum Leichenmahle rüsteten auf der Walstatt oder um den Pferch einer
Herde Dort unten strichen sie um ihre Beute Und er dachte sich die schwachen
Pfähle welche Frauenhand geschlagen hatte das Weib und die Kinder und um sie
die glühenden Augen und die aufgesperrten Rachen der Wölfe Schreiend schwang er
die Keule und sprang hinab wie ein Rasender er fiel und er sprang wieder und
fiel und als er sich aufraffte hörte er dicht vor sich einen Stein gleiten und
eine Weile darauf in die Tiefe krachen Er warf sich zurück und sein Haar
sträubte sich er merkte dass vor ihm ein Abgrund gähnte Eine Weile lag er so
kraftlos in kaltem Schweiß gebadet aber wieder heulten die Raubtiere sie
zankten miteinander und wie ein heiseres Lachen klang ihr Gebell Er kletterte
rückwärts und fuhr längs der Höhe dahin bis er einen Quell rieseln hörte er
fühlte sich zu dem Wasser schöpfte in der hohlen Hand und führte es an den
brennenden Mund dann stieg er vorsichtig in dem Rinnsal bis zur Taltiefe in
welcher ein Bach der Saale zufloss In dem Dämmer des ersten Zwielichts sah er
jenseit des Baches die grauen Schatten der Wölfe beim gierigen Frass die Nasen
in dem Blut eines gejagten Wildes gedrängt wie die Schafe am Brunnentrog Tief
aufatmend wich er zurück und lief den Bach abwärts der Saale zu Es trieb ihn
zu der Stelle die sein Mann zum Lager der Weiber gewählt hatte Ob sie dort in
der Nähe rasteten Da wo die Waldhügel zum Saalufer abfielen hielt er an Vor
sich sah er verglimmende Feuer er hörte stampfende Hufe und sah eine
grauröckige Gestalt neben einem Rosse stehen den Wächter des Lagers Die
Verfolger waren auf dem Wege Er warf sich zu Boden und wand sich im Schatten
des Gehölzes entlang angstvoll mit den Augen durch die Dämmerung nach Weibern
und Kindern unter den schlafenden Feinden spähend So lag er und wartete auf das
Frühlicht
Er der im Buchenlaub lag mit roten Augen und der Sorbe welcher hundert
Schritt von ihm wachte beide Nachtgänger wussten nicht wie nahe ihnen die
Ruhestätte war in welcher das Kreuz stand Auf einer langgestreckten Höhe etwa
eine Wegstunde nach Westen zu hatte der Mönch seine Schützlinge gelagert Ganz
friedlich war ihre Fahrt gewesen zwei sonnige Tage zwischen Laub und blühendem
Gras zwei stille Nächte unter dem Sternenlicht Es hatte sie kein wildes Tier
umheult und kein Nachtgespenst der Wälder geschädigt sie waren an Sorbenhütten
vorübergekommen dort hatten die Sorben Wasser aus dem Brunnen zugetragen und
die Wangen der Kinder gestreichelt eine Slawenfrau hatte der Gertrud mitleidig
einen Topf geschenkt als wertvolle Gabe damit sie den Kindern die Wurzeln und
Pilze koche und kleine Sorbenjungen waren mitgelaufen den Gesang zu hören und
hatten versucht das Kyrie nachzuschreien Von dem Feuerschein in ihrem Rücken
wussten die Fahrenden nichts und als ein Sorbenmann sie danach fragte hatten
sie das ehrlich gesagt und der Mann hatte ihnen geglaubt und sich über das
feurige Zeichen am Himmel sehr gewundert Erst am letzten Mittag da sie zum
Schwarzwasser gelangten hatte Walburg während der Mönch bei ihr vorüberging
den Schleier gehoben und mit Anstrengung zu ihm gesagt »Raste nicht wo Ingrams
Mann geboten ziehe nicht den Pfad den er dir gewählt vergeblich wäre es
durch hastige Fahrt die Kinder vor dem Verfolger zu retten Lass mich absteigen
ich vermag wohl zu gehen und jage die Rosse ohne uns nordwärts denn sie ziehen
uns die Wölfe und die Sorben nach Lieber vertraue unser Leben dem Bannwald und
den Klippen der Schwarza Dort birg die Kinder« Den Rat billigte Gertrud
obwohl ihr vor den Ungeheuern graute denn auch sie hatte ihre Gedanken über den
Feuerschein und über das Jagdglück des Wolfram Und als sie über das
Schwarzwasser gedrungen waren rief Gertrud einige Weiber und die Knaben und
führte sie mit den Rossen auf weichem Grunde eine Wegstrecke denselben Pfad
entlang welchen Wolfram ihr vorgesungen hatte bis dahin wo der Boden hart
wurde und die Tritte undeutlich dann trieb sie die ledigen Rosse mit starken
Schlägen nordwärts und lehrte die Kinder die Schritte hinter sich zu setzen und
rückwärts zu stapfen bis an die Stelle des Baches von der sie gekommen waren
»Es ist eine Kinderlist« sagte sie »vielleicht hilft sie doch Kluge
täuschen« Darauf zogen sie im schwarzen Tal entlang das Wasser zur Linken bis
ihnen ein Bach der aus der Richtung ihrer Heimat in die Schwarza rann den Weg
hemmte An dieser Wasserrinne zogen sie talauf endlich erstiegen sie langsam
und mit müden Beinen eine Bergleite und gingen auf dem Rücken noch eine Strecke
dahin während der Himmel sich rötete Da fanden sie ein altes Verhau das
früher einmal Jäger oder flüchtige Talleute zusammengeworfen hatten sie
drängten sich hinein suchten den Quell und zündeten im Abendlicht unter den
Bäumen ihre Feuer an Die Frauen bereiteten für Walburg ein Lager von Heidekraut
und rüsteten wilde Nachtkost Die Kinder aber lagerten sich im Kreise um
Gottfried und dieser erzählte ihnen die Geschichte von einem Königssohn aus
Morgenland der Joseph hieß und den seine Brüder in eine tiefe Grube warfen die
ganze Geschichte bis dahin wo Joseph seinen alten Vater wiederfand und küsste
Die Kinder saßen um ihn die kleinsten drückten sich an seine Arme und hingen
sich an seinen Hals die blauen Kinderaugen blickten ihn so gespannt und so
fröhlich an dass er sich vorkam wie ein Seliger unter den Engeln Und als er
geendet hatte und alles um ihn her schwieg rief ein kleiner Heidenknabe den
sie Bezzo nannten indem er an ihm hinaufkletterte und seinen Hals umfing »Ich
bin Joseph und ich will essen« Alle lachten und sahen auf Gertrud welche mit
einem Holzstabe im Topfe rührte Da hockten die Kinder um das Feuer und die
Frauen teilten ihnen auf Tellerlein von Rinde die Bissen zu worauf die Frauen
auch der eigenen Mahlzeit gedachten Gottfried aber sang den Kindern das
Nachtgebet vor und ein grauer Waldvogel knarrte zu dem Amen der Gemeinde seinen
rauen Triller gerade wie einst in der Zelle unter den Brüdern der alte
Hunibert welcher hartörig war Dann legte Gottfried die Kinder zur Nachtruhe
aneinandergeschmiegt die Köpfe ins Moos gedrückt schliefen sie ein
Neben ihm saß eine junge Heidenfrau verworren hing ihr das Haar um das
bleiche Gesicht und ihre Augen starrten ausdruckslos umher Sie war die zwei
Tage schweigend unter den anderen hingewankt und mit scheuer Teilnahme hatten
die Frauen ihr gedient wie unglücklich sie auch selbst waren Jetzt öffnete sie
zum erstenmal die Lippen »Gut sorgst du um die Lebenden Fremdling aber wenig
nützte deine Mühe dem toten Kinde das zerschlagen am Wege liegt klein waren
seine Beinchen und es weinte da es lief Jetzt wischt wohl sein Schatten in
der Nacht längs dem wilden Wege und sucht die Mutter oder es sitzt tief unten
im Brunnen wo die weiße Frau die armen Kinderseelen hütet kalt ist das Wasser
stumm kauert das Kind und die Mutter sehnt sich und verhasst ist ihr das Leben«
Gottfried kniete zu ihr in das Moos auch ihm rannen die Tränen vom
Angesicht »Die weiße Frau kenne ich welche dein totes Kind behütet und den
Weg weiß ich der zu ihr führt denn uns ist etwas verkündet von den Kleinen
und es steht in den heiligen Büchern geschrieben Der Kleinen ist das
Himmelreich Nicht im kalten Brunnen kauert dein Liebling die Jungfrau Maria
ists wie ich meine welche hoch oben im Himmel über den Kindern waltet In
Wonne leben sie und schwingen ihre Flügel und hohe Engel heißen sie unter den
Menschen Selig jauchzen sie dem Frommen entgegen der aus der Erde aufsteigt in
den Himmelssaal Harre Frau und vertraue auch dir wird dein Engel
entgegenfliegen in deiner letzten Stunde und wird dich hinaufführen in den Saal
der ewigen Freude«
Das Weib weinte laut dann legte sie die Hände über die seinen und flehte
angstvoll an ihm niedersinkend »Bete deinen Sang damit ich es wiederfinde«
Gottfried sprach ihr die fromme Bitte vor und sie wiederholte stöhnend die
Worte
Zuletzt trat er zu Walburg sah zu ob ihr die Wunde genetzt war und
segnete sie Die Kranke versuchte sich aufzuraffen und drückte ihm dankbar die
Hand Der Mönch zog seine Hand zurück aber die Hand bebte »Nicht mir erweise
treue Gesinnung Jungfrau« sprach er »denn wenn ich für dich sorge so
geschieht es nicht um dir gefällig zu werden sondern weil ich nach dem Befehl
des großen Himmelsgottes handle An ihn denke ich bin nur wie der Windhauch
der dir seine Stimme zuträgt dass sie in dein Ohr tönt Von Vater und Mutter bin
ich gewichen und von meiner Schwester Herzen habe ich mich gerissen keinem
Menschen zuliebe darf ich handeln nur ihm diene ich und was er mir gebietet
das tue ich sei es mir schwer oder leicht« So stärkte er seufzend sich selbst
Walburg sank auf ihr Lager zurück und Gottfried schritt mit gesenktem Haupt
zum Eingang des Geheges Die Nacht stieg herauf die Frauen lehnten die Köpfe an
die Baumstämme und Gottfried saß lange allein mit seinen Gedanken bis auch ihm
der Schlummer die Augen schloss Und im Schlaf machte er das Kreuz wenn das
Gebell der Waldtiere aus der Tiefe scholl und der Schrei des Uhus
Wolfram schaute müde nach dem Morgenhimmel als auf der Höhe Zweige brachen
und Ingram herabsprang Mit verstörtem Antlitz rief der Held »Nur ein Zeichen
sah ich die Feuer der Sorben mit zwanzig Pferden liegen sie an der Saale Zwei
Jägerhaufen neiden einander das Wild neu beginnt die Suche auf die Rosse und
hinein in den Wald«
Die Versammlung am Walde
Wie ein wilder Eber schnaubend in sein Lager fährt wenn er mit Mühe das Gebiss
der Hunde vermieden hat so sprang Ingram in den Rabenhof Er schüttelte
Wunihild die Sklavin von sich ab als sie ihm die Arme entgegenstreckte auch
seinen Knechten die ihm frohen Gruß zuriefen gab er kurze Antwort mit
brennenden Augen sehnsüchtig nach Schlaf warf er sich auf sein Lager aber
jammervolle Gedanken rissen ihn hin und her Ohne Schwert und Ross als ein
entwichener Knecht kehrte er in den Hof seiner Väter zurück alles sah er noch
einmal vor sich die höhnende Miene des Sorben das brennende Dorf ein Weib
das sich zornig von ihm abwandte und den fremden Knaben vor dem sie kniete Er
ballte die Faust und schleuderte das Fell seines Lagers von sich »Sind sie im
Dorfe« rief er dem eintretenden Wolfram entgegen
»Unten wachten nur noch wenige und keiner wusste von ihnen zu sagen auch um
die Hütte des Priesters war es leer und still« versetzte sein Mann »sind sie
geflogen wer weiß wo sie anhalten und sind sie in einen Berg entrückt wer
weiß wann sie zurückkehren« Ingram eilte zur Tür »Wohin Herr« rief der
Mann ihn kräftig festhaltend »Nach solcher Hetzjagd und vier schlaflosen
Nächten ist dir der Sinn verstört ich leide nicht dass du noch einmal zu Rosse
steigst Wir haben getan was in Manneskraft stand und noch mehr Auf unserer
Spur haben wir die Sorben fortgelockt wandeln die Verschwundenen mit ihren
Füßen auf der Erde so haben wir sie dadurch vielleicht von den Feinden gelöst
Was der wilde Wald an ihnen getan das konnten wir nicht ändern Waghalsig sind
wir den heimkehrenden Sorben wieder nachgezogen doch spurlos blieben uns die
Flüchtigen auch während dem zweiten Ritt Wären es die Häupter unserer Brüder
wir hätten nicht tollere Jagd um sie reiten können Jetzt ist die Kraft vertan
sorge für dich selbst« Mit solchen Reden zwängte er den Herrn auf das Lager
zurück und setzte sich zu ihm Er erzählte ihm immer wieder von den Waldwegen
die sie kreuz und quer gemacht hatten und wie wahrscheinlich es sei dass
Zaubergebet des Priesters die Wallenden der Gefahr enthoben habe bis Ingrams
Haupt auf den Pfühl zurücksank und ein unruhiger Schlaf ihm die Besinnung nahm
Da erst schlich Wolfram in seine Kammer
Als Ingram spät am Morgen aus wirrem Traum auffuhr stand Wolfram wieder an
seinem Lager »Es war unrecht dich zu wecken Herr aber Unglaubliches wird
dein Auge sehen wenn es dir gefällt vor das Tor zu treten Das Tal ist
verwandelt viele Männer aus der Landschaft sehe ich gesammelt auf allen Wegen
ziehen die Krieger in ihrem Festkleide heran auch Weiber darunter was doch
sonst bei einem Volksrat unerhört ist Um das Haus des Memmo drängen sich Heiden
und Christen Herr Gerold ist selbst gekommen der neue Graf welchen der
Frankenherr als Grenzwächter geschickt hat und mit ihm Frau Berswind sein
Gemahl die rundliche Frau Ich sehe viele Speere der Häuptlinge und Männer aus
allen Walddörfern Auch in deinem Hofe stampften die Rosse guter Genossen Dein
Gesell Bruno harrt deiner Kunibert und andere mit ihrer Freundschaft denn
große Botschaft des Frankenherrn ist angekündigt und um den Fremden geht die
ganze Bewegung« Ingram sprang vom Lager und vor das Tor wo ihn eine Anzahl
ehrbarer Landleute mit würdigem Gruße empfing und neugierig sein verstörtes
Aussehen musterte Aber ihm wie den anderen zog es den Blick abwärts nach dem
Anger und den Wiesen die sich um das Haus des Christenmannes Memmo breiteten
Auch er sah betroffen das festliche Gewühl stampfende Rosse bewaffnete Reisige
und zahlreiche Haufen der Landgenossen welche wie bei einem großen Volksmarkt
bis weit über das Feld standen und lagerten und sich noch unablässig durch Zuzug
vermehrten Er erkannte die Banner mehrerer Edlen welche mit ihrem Gefolge
herangezogen waren vor anderen solche die dem Christenglauben geneigt waren
wie Asulf einer der Ersten im Lande Auch Gundhari Rotaris Sohn der
wohlhäbige Mann bewegte sich rührig durch die Haufen Godolav war da ein
großer Mann aus den Thüringen die man Angeln nannte weil ihre Väter vor alter
Zeit von einem Nordvolk in das Land gedrungen waren dann der Häuptling Albold
Albharts Sohn dessen Erbgüter an die Dorfflur grenzten Aber auch Edle der
Heidenschaft schritten in der Menge einher unter ihnen mancher der dem neuen
Glauben bitterfeind war »Wahrlich« rief Wolfram in neuem Erstaunen »viel Ehre
erweisen unsere Herren dem zugewanderten Fremden dass sie ihn hier in der
schlechten Hütte aufsuchen unter einem Dach dem die Schindeln im Winde
davongeflogen sind«
»Niemals hätte ich gemeint dass so viele in unserem Lande leben die sich
vor dem Marterholz neigen« begann Bruno Bernhards Sohn ein ansehnlicher Mann
aus dem freien Moor dessen Geschlecht seit alter Zeit mit dem Hofe des Ingram
befreundet war »Der Fremde hat mit seinem Stabe die ganze Landschaft aufgerührt
wie einen Ameisenhaufen auf allen Pfaden sind die Boten geritten er selbst war
nach dem Markte Erfesfurt gewandert zum Grafen der dort gerade Gericht hielt
und Herr Gerold hat sogleich zwei von seinem Gesinde drüben in den Meierhof
gelegt damit sie für den Fremden reiten und ihn beschirmen Seht dort tritt
der Fremde aus dem Hause ganz verändert ist er in Kleidung und Gebärde und wie
ein großer Herr wandelt er dahin«
Winfried schritt aus der Hütte in bischöflichem Talar von Seide und Gold
glänzte sein Gewand in der Hand hielt er den gekrümmten Stab hinter ihm gingen
Memmo und ein anderer Priester »Da ist auch Bardo der Graurock der an dem
Tische des Grafen sitzt ein guter Trinker war er sonst und manchen Bissen
Rossfleisch sah ich ihn tilgen beim Opferfest Heut wandelt der streitsüchtige
Mann demütig hinter dem Fremden Wahrlich viele Nacken weiß dieser Mann zu
beugen«
»Nicht die unseren« rief Ingram und wandte dem Tale den Rücken
Aus der Niederung stieg Kunibert ein älterer Mann aus der Freundschaft des
Ingram zu den Landleuten herauf »Betört sehe ich alles Volk« begann er »auch
du Ingram bist wie ich höre im Dienste des fremden Bischofs geritten«
»Ich zog in meiner eigenen Sache zu den Sorben« versetzte Ingram finster
»Ihr aber seid versammelt wie ich sehe euch vor dem Fremden zu beugen«
»Du weißt nicht was ihm vor dem Volk die Ehre gibt er hat lateinische
Botschaften in das Land gebracht einen Brief des Frankenherrn an unsere
Häuptlinge und das ganze Volk der seinetwegen geschrieben wurde Gerold der
Graf ließ den Brief durch seinen Priester lesen unverletzlich soll der Mann
unter uns stehen der Frankenherr erklärt ihn für sein Mündel suchen wir Urteil
gegen ihn so sollen wir unsere Klage an den Frankenhof tragen unserem Gericht
ist der Fremde enthoben Das alles stand in dem Briefe den der Priester deutete
und der Graf bestätigte Erstaunt war der ganze Ring als er von der Tierhaut
die Worte des großen Franken hörte Schwer ist es dagegen das Haupt zu
erheben«
»Widerwärtiges das zum Ohre eingeht« rief Ingram »weist die Zunge hinaus
und wo die Zunge nicht reicht das Schwert«
»Wie soll der Mann kämpfen gegen unsichtbare Mächte welche aus der Ferne zu
uns reden« rief Kunibert »wahrlich die Christen verstehen manche Kunst gegen
welche wir schwach sind Sie haben den Zauber der lateinischen Sprache die
wenige von uns kennen In den Briefzeichen verkehren sie miteinander wie
Landgenossen wenn sie auch daheim in verschiedener Zunge reden Da ich jung
war focht ich im Frankenheere am Rhein und darauf an der Donau und an allen
Orten fand ich die lateinische Sprache und dasselbe Geheimnis ihrer Buchstaben
Sie senden einander ihre Worte auf der Tierhaut zu über Land und Meer Mit einem
Rohr schreiben sie Befehle und die Worte stehen fest für alle Zeit und wenn
unser Wille dagegen bäumt weisen sie auf ihr Pergament und niemand vermag sie
zu widerlegen Was einer vor vielen Jahren geredet hat bezeugen sie durch
schwarze Buchstaben sie schenken und begaben damit und entscheiden danach über
Mein und Dein«
»Wahrlich« rief Ingram »ich hoffe der Eid ehrenwerter Männer steht höher
als ihre schwarze Schrift und ehe ich wegen einem Brief den sie vorweisen
hingebe was mir gehört kämpfe ich mit jedem von ihnen im Ringe der
Landgenossen«
»Die neuen Verkünder ziehen schwerlich das Schwert Denn widerwärtig sind
sie in ihrer unkriegerischen Art Wären sie Helden welche auf der Kampfheide
stärker sind als die Gegner so dürfte ein tapferer Mann sich ihnen wohl fügen
wenn auch widerwillig Aber waffenlosem Fremdling solche Ehre zu geben wie der
Frankenherr diesem Winfried zuteilt ist für uns alle eine Schmach und ich
entwich aus der Versammlung weil mir der Zorn darüber in das Haupt drang«
»Dennoch rate ich« begann Wolfram der dazugetreten war »dass die Herren
von der Höhe herabsteigen Denn jene sind wie ich vernehme dabei neue Briefe
zu lesen Soviel Seltsames wurde noch nie im Ringe der Waldleute verhandelt«
Trotz ihrem Groll traten die Männer ins Freie Ingram mit schwerem Herzen denn
ihm war die Begegnung mit Winfried unheimlich und er barg seine Gestalt in dem
Haufen der anderen
An der Linde wo das große Frankenbanner wehte hielt Graf Gerold ein
Pergament in die Höhe und rief über die Haufen
»Dies ist ein Brief aus Rom welchen der ehrwürdige Papst Gregor der dort
auf goldnem Stuhle sitzt an Häuptlinge des Volkes niedergeschrieben und gesandt
hat wer seine Worte hören will der trete herzu«
Da drängten sich alle um die Linde ein Priester verlas den lateinischen
Brief und der Rufer kündete mit weit schallender Stimme die Deutung in der
Landessprache welche ihm der Priester Satz für Satz vorsprach Die Gemeinde
vernahm die Worte
»Den machtvollen Männern seinen Söhnen Asulf Godolav Wilari Gundhari
Albold und allen gottgeliebten Thüringen welche treue Christen sind sendet
dies Papst Gregor«
Mit gehobenem Haupte und geröteten Wangen traten die Häuptlinge deren Name
gerufen wurde vor die anderen und der wohlbeleibte Gundhari rief in seiner
Freude laut »Gundhari bin ich und hier stehe ich« Scheu blickte die ganze
Versammlung nach den Ruhmvollen welche durch das weiße Pergament aus fernem
Lande angesprochen wurden Ihre Verwandtschaft drängte sich um sie und viele
streckten die Hälse um einen Anblick der Schrift zu erhalten
Der Rufer fuhr fort und kündigte die Briefworte des Papstes »Uns ist
berichtet eure herrliche Treue gegen Christus Denn als die Heiden euch zum
Götzendienst drängten habt ihr in festem Glauben geantwortet ihr wolltet
lieber selig sterben als die Treue gegen Christus die ihr einmal auf euch
genommen irgendwie verletzen Darüber sind wir mit hoher Freude erfüllt und
haben unserem Gott und Erlöser dem Spender aller Güter gebührenden Dank
gesagt Seine Gnade wird euch noch besseres Gedeihen schaffen wenn ihr mit
frommem Sinne bei dem heiligen Sitz der Apostel euer Heil sucht so wie
Königssöhnen und Miterben des Reiches bei dem königlichen Vater Heil zu suchen
geziemt Darum haben wir euch unseren geliebten Bruder Bonifazius zu Hilfe
gesandt wir haben ihn zum Bischof geweiht und zu eurem Prediger bestellt damit
er euch im Glauben unterweise Wir begehren und mahnen dass ihr ihm in allem
beistimmt auf dass euer Heil im Herrn völlig werde«
Dieser Verkündigung folgte ehrfurchtsvolles Schweigen endlich begann Asulf
welcher nach Geschlecht und Gütern der Vornehmste war ein stattlicher Mann dem
die grauen Locken über die breiten Schultern hingen »Gefällt dirs Herr so
lass mich die Stelle sehen auf welche der ehrwürdige Vater in Rom meinen Namen
geschrieben hat« Winfried nahm das Pergament und wies auf die Namen alle
drängten herzu
»Groß ist die Ehre die du uns durch diesen Brief bereitest« begann
Godolav »wir bitten dich Herr lies uns und dem Volke noch einmal die
wundervolle Botschaft Denn lieber ist sie mir als ein gutes Schlachtross und als
eine ganze Herde die sich in meinem Walde an Eicheln mästet«
Noch einmal las Winfried mit gefalteten Händen hörten die Männer und
nickten bei jedem Satze die Bestätigung
»Immer habe ich gemeint« begann Asulf aufs neue »dass der große Gott der
Christen dem wir uns gelobt haben sehr wohl beachtet ob seine Mannen ihm den
Treuschwur bewahren und das Rossfleisch meiden jetzt aber sehe ich dass sein
mächtiges Auge über weite Länder reicht da sogar der Bischof der als Vogt der
Apostel zu Rom sitzt genau weiß wie ich mich unter den Eichen verhalten habe
Welcher andere Gott kann aufkommen gegen ein so gutes Gedächtnis Denn wer dies
weiß der weiß auch anderes was ich tue und wenn ich ihm etwas Liebes erweise
so bin ich sicher dass er mirs lohnen wird in diesem oder jenem Leben wie es
ihm gefällt Darum möchte ich dir ehrwürdiger Vater ein Zeichen geben dass ich
gegen den großen Himmelsherrn dankbar bin Wir hören dass du hierherkommst
unserem Gott den die Heiden den neuen nennen Heiligtümer zu bauen Zu meinem
Erblande gehört ein Gut junge Rodung es hat dreißig Morgen Ackerland auch
Waldweide und ein kleines Holz du kannst den Bau dort unten im Tale sehen
nimm es so bitte ich von mir an als eine Gabe für den Himmelsherrn damit du
eine Kirche darauf gründest und einen Priester dazusetzest welcher für mich und
alle die von meinem Stamme sind bei dem großen Himmelskönig Fürbitte tut auf
dass er unser ferner gnädig gedenke«
»Als ein kluger Mann der für sein Wohl sorgt hat Herr Asulf gesprochen«
rief Abold »Und wir alle wissen dass er von edlem Geschlecht ist Aber ich
meine doch nicht dass er ein Vorrecht haben darf über allen Landgenossen und dass
er allein vor anderen eine Kirche hegen darf und einen geschorenen Mann der für
ihn fleht Auch ich biete einen Acker hier ganz in deiner Nähe denn nicht
geringer ist mein Besitz als der seine und ich hoffe dass dem Heiligen im
Himmel auch die Gabe welche wir anderen zutragen ehrenwert erscheinen wird«
»Ich will dasselbe« riefen zwei oder drei Stimmen und die Angebote von
Kirchenland folgten rasch aufeinander
»Was ihr dem Herrn darbringt« sprach Winfried auf den Stufen des Altars
»gleich Königskindern welche um die Gnade des königlichen Vaters werben das
empfange ich im Namen des Himmelsherrn damit es euch und eurem Geschlecht zur
Ehre und zum Heile sei tretet heran und bestätigt eure Gabe kniend vor seinem
Angesicht zu meiner Hand in Gegenwart des Grafen und der Gemeinde damit alles
fest werde durch euer Gelöbnis«
Die Männer knieten vor dem Altar und gelobten
Bis dahin hatten die Heiden abseits gestanden und höhnisch über die
bereitwilligen Spender von Ackerland gelacht Als aber noch ein dritter Brief
aus Rom verlesen wurde an das ganze Volk der Thüringe der auch sie anging da
fühlten sie doch als eine Ehre dass der große Bischof in Rom so zutraulich zu
ihnen sprach wie zu guten Bekannten und die wohlmeinende Anrede bändigte den
Ausbruch ihres Grolles
Von dem Grafenbanner schritten die Christen durch Winfried und die Priester
geführt in langem Zuge zu dem Altar der unter Baumesschatten erhoben war Der
Gottesdienst begann Die Heiden wichen zurück und hörten aus der Ferne Gebet und
feierlichen Gesang der Priester Dann trat Winfried auf die Stufen des Altars
und sprach zu der Gemeinde von der Botschaft des Heils dass der große
Himmelskönig seinen Sohn gesandt habe auf die Männererde um alle zu erlösen von
Übel und Sünde und durch die heilige Taufe und ihr Gelöbnis zu binden in eine
große Gefolgschaft damit sie hier Glück und Heil fänden und nach dem Leben im
Christenhimmel wohnen könnten als selige Bankgenossen des Himmelsherrn Und er
kündete die hohen Gebote denen jeder Christ nachleben soll damit der Herr ihn
als seinen treuen Mann beachte
Die Stimme des Predigers klang mächtig und drang tief in die Seelen auch
die Heiden lauschten mit zugeneigtem Ohr Nie hatten die Männer so sinnvolle
Rede über Himmel und Erde vernommen welche aus einer bewegten Menschenbrust
tönte und herzerschütternd deuchte ihnen die Kraft der Worte Als er geendet
hatte und die Christen alle niederknieten damit er sie segne war es still
unter den Heiden und kein Hohnwort und Gelächter tönte widerwärtig in die
feierliche Handlung Auch der Wildeste scheute die Gegenwart der Edlen und
vielleicht noch mehr die Reisigen des Grafen welche zu Ross mit ihren Speeren in
weitem Ringe um den Baum hielten
Nach dem Gottesdienst drängten sich die christlichen Häuptlinge und das Volk
ehrfürchtig nahe an Winfried sie suchten ein freundliches Wort von ihm zu
gewinnen seine Hand zu fassen oder doch einen Zipfel seines Gewandes zu
berühren er aber sprach zu den einzelnen wie ein Fürst zu seinen Getreuen
hörte ihre Bitten und wusste jedem durch Rede und tröstlichen Spruch wohlzutun
Herr Gerold wünschte ihm Glück »Alles ist dir heut wohlgelungen Ich selbst
hoffe Gutes von deiner Ankunft denn williger werden sie mir jetzt den Zins
zahlen wenn du mahnst und ich vertraue sobald du ihnen die Waffen segnest
mögen sie auch den Slawen stärkere Hiebe geben als ehedem« Dann sahen die Leute
mit Erstaunen dass sogar die stolze Frau Berswind sich zu der Hand des Bischofs
herabneigte als sie leise zu ihm sprach »Ehrwürdiger Vater wenn ich recht
berichtet bin steht in den heiligen Büchern geschrieben dass die verlobten
Männer alle Wendenfrauen welche sie mit ihrem Speer gewinnen oder auch kaufen
von ihrem Lager fernhalten sollen Das aber tun viele in diesem Lande und
anderswo gar nicht denn sie liebkosen auch gefangene Weiber und schenken ihnen
wohl gar silberne Nadeln und Ringe Dies ist das größte Leidwesen und Ärgernis
und ich flehe dass du auch den Gerold deshalb eindringlich mahnst« Das
versprach ihr Winfried ernstaft
Und wieder ein Häuptling begann »Gern wüssten wir deine Meinung Herr über
die Opfermahle der Heiden damit wir uns halten wie Christen gebührt denn
lustig ist der Opferschmaus auf grünem Rasen und ungern würde ihn mancher
missen Ich aber esse nie von dem Rossfleisch wenn ich nicht vorher ein Kreuz
über den Teller geschlagen habe damit die Heidenspeise dem Christengott nicht
widerwärtig sei ich hoffe das gefällt auch dir« Und der Häuptling Wilari
welcher in dem römischen Briefe genannt war rührte den Bischof an und sprach
vertraulich »Ich bin nicht der Mann der einem anderen seine Ehre beneidet
zumal wenn er sie selbst auch genießt aber was den Helden Gundhari betrifft
so war uns allen wunderlich dass er in dem Brief des römischen Papa genannt war
Denn sonst hat er oft am Opferstein gestanden und ist mit den anderen im
Osterreigen gesprungen Aber damals wo er widerstand war er unwirsch wegen des
starken Metes den er geschöpft hatte und als ihn die Nachbarn anfassten um ihn
fortzuziehen wurde er ärgerlich zog sein Schwert und verschwor sich dass er
jedem feind sein werde der ihn von seinem Sitz treibe Ob er das aus Treue
gegen den Christenglauben tat das magst du selbst ermessen denn er fing gleich
darauf an ärgerlich zu singen schlug gewaltsam auf den Tisch und schlief ein«
»Widerstand er einst im Rausche in Zukunft tut er es auch wohl nüchtern«
tröstete Winfried und wandte sich zu dem Grafen »In der Ferne erkannte ich den
Thüring Ingram zum Rabenhofe vor Tagen entsandte ich ihn zu dem Sorben Ratiz
geraubte Weiber und Kinder durch das Gut meines Herrn zu lösen Mir wird
schreckhaft dass er zurückgekehrt ist und sich fernhält gefällt dirs so lass
ihn rufen dass er Bericht gebe«
»Der Mann hat einen guten Leumund wie ich vernehme« antwortete der Graf
»Kommt er von den Sorben so wird auch anderen als euch Christen wertvoll seine
Botschaft zu hören« Und er gebot dem Rufer »Lade die Häuptlinge und Alten zum
Ringe in den Hof der Frau Hildegard und fordere den Ingram dass er vor dem
Bischof erscheine«
Im Zuge geleiteten die Herren den Bischof nach dem Meierhofe Kurz darauf
wurde Ingram in den gedrängten Kreis geführt welcher sich am Herd versammelt
hatte Seine Wange war bleich und düster seine Miene als er unter die Ersten
seines Volkes trat stumm grüßte er die Versammlung und mied das Auge des
Bischofs aber der Graf wies schweigend mit der Hand auf Winfried »Wo ist
Gottfried wo sind die Kinder Ingram« rief dieser in einer Bewegung die er
nicht zu beherrschen vermochte
»Ich weiß es nicht« versetzte Ingram kurz
»Und du stehst doch unversehrt vor mir« rief ihm der Bischof entgegen
»Dein Bote hat die Frauen und Kinder durch dein Silber erledigt alles ist
ihm bei Ratiz gelungen Vor fünf Tagen zogen sie in der Frühe aus dem Lager des
Ratiz Wolfram mein Mann begleitete sie bis in die Nähe des Sorbenbaches ihre
Spur fand ich den Tag darauf diesseits des schwarzen Wassers sie selbst habe
ich nicht gefunden«
Winfried wandte sich ab und rang heftig seinen Zorn und Schmerz in
demütiger Ergebung zu bändigen Aber hart war sein Antlitz als er sich wieder
zu Ingram wandte »Oft habe ich gehört dass es einem Krieger wohl anstehe
seinem Reisegesellen in Gefahr an der Seite zu bleiben«
»Nicht ich habe deinen Boten als Gesellen gesucht du selbst trugst mir ihn
an Ihn führte sein Gott mich das Geschick das mir die Götter meines Volkes
fügten«
»Dennoch verkündet von dir der Ruf« begann der Graf wieder »dass du einen
Genossen nicht ohne Not in der Wildnis verlässt gefällt dirs so sage uns was
dich von ihm geschieden hat«
Ingram sah finster zur Erde »Nicht vermag ichs zu bergen denn ruchbar
wird es doch im Volke Ich lag bei Ratiz verstrickt widerwärtig rollten die
Würfel meine Freiheit hatte ich im Spiel verloren«
Die Versammelten regten sich unruhig und viele erhoben sich von ihren
Sitzen
»Übel bedacht war es ein gutes Schwert der Thüringe an einen Sorbenwürfel
zu wagen« versetzte der Graf »Ich hoffe du hast billigen Loskauf gefunden«
»Die Hunde brachen mir die Treue« rief Ingram »sie weigerten die Lösung
und gelobten mich ihrem Opferstein und dem Messer des Priesters Ich aber brach
in der nächsten Nacht aus hinter mir schlug die Lohe zum Himmel das Lager des
Ratiz ist niedergebrannt« Ein lauter Ruf des Staunens und Beifall ging durch
die Versammlung Herr Gerold stand schnell auf und trat zu Ingram
»Wahrlich Mann« rief er »in kalten Worten kündest du was deinem Volke
wohl einen Sommer lang heiße Arbeit machen kann Ich aber bin von meinem
erlauchten Herrn Karl nicht in dies Land gesandt um zu dulden dass ferner Hufe
und Klauen eurer Herden ostwärts getrieben werden Und meinem Schwert hast du
gute Botschaft gebracht ob dir selbst darüber mögen deine Landgenossen
entscheiden Hast du das Räubernest angezündet«
»Godes tat es ein Knecht der Sorben der uns die Rosse zur Flucht gab ich
sandte ihn heut auf einem meiner Hengste nordwärts in das Land der Sachsen
damit er die Rache der Sorben meide«
»Als ein wilder Knabe hast du gehandelt« sprach der Graf »und in eigener
Sache deinem Volke einen Kriegsfall bereitet Mich aber wundert dass der Ratiz
jetzt noch Frieden hält und sogar Geleit für Gesandte erbittet Denn seine Boten
harren bereits an der Grenze Weißt du noch etwas zu kündigen Ingram was einen
von uns angeht«
»Nur was mich angeht Herr Im Ringe der Edlen und Alten stehe ich
geschmäht kann ich nicht leben Wenn jener Christ mir vorwarf dass ich seinem
Genossen die Treue brach so habt ihr doch vernommen dass seine Klage ungerecht
war Ich aber will seinem Boten den sie Gottfried nennen das Zeugnis geben
dass er als treuer Reisegenosse an mir gehandelt hat obgleich ich seinen guten
Willen mir nicht begehrte Denn er bot sein eigenes Haupt dem Sorben für das
meine und wäre zurückgeblieben an meiner Statt wenn die Sorben und ich selbst
seinen Antrag angenommen hätten Und darum war mir leid dass ich ihn in der
Wildnis nicht fand obwohl ich ihn mit meinen Gesellen drei Tage gesucht habe
Das sage ich euch damit ihr es wisst nicht dem Bischof welcher mir
widerwärtig denkt«
Als Ingram so trotzig gegen den Bischof sprach entstand Gemurr der Christen
und rühmendes Waffengeklirr der Heiden Ingram aber fuhr fort »Doch eine
größere Sorge bedrängt mich und darum will ich euch fragen Ich bin dem Ratiz
entwichen weil er gegen den Vertrag an mir handeln wollte aber ich fuhr ohne
Lösung aus den Banden Und die Sorben werden mich fortan einen entlaufenen
Knecht schelten das nagt mir am Herzen« Er stampfte mit dem Fuße auf den
Boden »Wissen will ich ob meine Landsleute mich auch dafür halten und ob sie
laut oder in der Stille beistimmen wenn ein Feind im Lande solche Schmährede
gegen mich wagt Und denkt ihr darum niedrig von mir so sattle ich zur Stelle
mein Ross und reite aus dem Lande so lange bis ich den Ratiz und seinen Haufen
finde und dort mir ehrliche Ausfahrt suche aus der Hülle meines Leibes«
Tiefe Stille folgte seinen Worten endlich begann Asulf der älteste unter
den versammelten Edlen »Verhält es sich wie du sagst haben die Sorben die
Schatzung versprochen und dich nachher für das Opfermesser bestimmt so darf
dich kein redlicher Mann darum schelten dass du ihre Weiden zerschnitten hast
sobald du vermochtest Dass du aber mit dem fremden Räuber um Ross und Schwert und
deine Freiheit gespielt hast solche wilde Tat liegt fortan auf deinem Leben du
musst sie tragen und niemand kann dir die Last abnehmen Mancher wird es für ein
lustiges Wagstück halten weil du dich doch wieder entledigt hast mancher auch
für eine Kränkung die du dem Gedächtnis deiner Vorfahren zufügtest Sorge
Held dass deine Landgenossen in Zukunft anderes preisen was du ruhmvoll tust«
Die Christen stimmten dem Häuptling bei und die Heiden schwiegen aber
keiner widersprach Wieder war tiefe Stille da begann Winfried »Nicht meines
Amtes ist es über das weltliche Lob eines Kriegsmannes zu entscheiden das
steht euch allein zu Häuptlinge des Volkes Nur eines darf ich euch sagen
liebevoll und barmherzig ist der Gott dem ich diene und er richtet nicht nur
über die Taten der Menschen auch über ihre Gedanken Manches wilde Werk
beurteilt der Himmelsherr wohl gnädiger weil er den Sinn der Menschen
durchschaut Gefällts euch ihr Edlen und Weisen so fragt den Krieger weshalb
er so vermessen mit dem Sorben gewürfelt hat«
»Du hörst auch diese Frage Ingram« sprach der Graf »willst du Antwort
geben so rede«
In Ingram kämpfte heftig Stolz und Abneigung gegen den Priester mit dem
Wunsch das zu sagen was in den Augen seiner Landsleute wohl eine
Rechtfertigung war aber sein Trotz behielt die Herrschaft der Schweiß trat auf
seine Stirn als er antwortete »Ich will nicht«
Da erhob sich Kunibert und rief »Da Held Ingram schweigt will ich euch
künden was ich von seinem Diener Wolfram gehört habe Um Walburg das
Frankenmädchen die Tochter seines Gastfreunds den die Sorben erschlugen wagte
er das Spiel weil der Sorbe das Weib für sein Lager bestimmt hatte und nicht
anders freigeben wollte«
Ein leises Summen ging durch die Versammlung und die ernsten Mienen
entwölkten sich »War es für ein Weib Ingram« begann der Graf lächelnd »und
für das Kind deines Gastfreundes so werden die jungen Gesellen und Mädchen
deshalb von dir nicht schlechter denken Ich aber rate dir nicht in der Weise
eines verzweifelten Mannes dein Pferd zu satteln Harre bis der Tag kommt wo
du in meiner Schar deine Rechnung mit dem Ratiz ausgleichst« Er winkte ihm
Entlassung Ingram verließ schweigend den Meierhof hinter ihm klang das
Geräusch lebhafter Rede
Der Abend kam und das versammelte Volk lagerte sich zur Nachtrast rings um
das Dorf loderten die Feuer in der Niederung und auf den Bergen die Männer
saßen nach Dörfern und Geschlechtern gesondert sprachen über die Ereignisse des
Tages und über die große Veränderung die der neue Bischof dem Land bedeute
Zwischen den Feuern schritt Winfried von den Priestern begleitet wo er einem
Christenhaufen nahte erscholl lauter Heilruf er trat grüßend heran und redete
mit den Männern Dann vernahm man den Klang eines Glöckchens das Memmo trug
die Rastenden knieten um die Flamme Winfried sprach das Abendgebet und erteilte
den Segen Wo aber ein Heidenhaufe saß ging er wie ein Häuptling mit würdigem
Gruß vorüber er fand kalten Gegengruss und finstere Mienen doch keiner wagte
ihn durch Worte zu kränken erst hinter seinem Rücken klangen leise
Verwünschungen
Um den Rabenhof brannten die Feuer nicht nur das letzte Abendlicht
vergoldete die Linde welche in der Mitte des Hofes stand Dort saßen und lagen
eine Anzahl ansehnlicher Heiden ihre Mienen waren sorgenvoll und um große
Dinge ging ihr Gespräch
»Mich freuts Ingram dass du dem Fremden in der Versammlung so mutig
widerstandest« begann Bruno Bernhards Sohn zu dem Genossen der die Augen
abwärts gekehrt neben ihm auf dem Boden lag »Doch auch dem Fremden muss ich die
Ehre geben wegen der Worte die er zuletzt über die Würfel sprach Denn
gewichtig war die Mahnung dass man auch die Gesinnung eines Mannes bedenken
soll«
»Schlau ist seine Rede und hinterhältig sein Sinn« rief Ingram zornig von
der Erde »die Franken am Main taten klug daran mir sein Amt zu verhehlen«
»Niemand wird leugnen« fuhr Bruno fort »dass er ein gewaltiger Mann ist
mächtig verkündete er heut vor allen er schrie wie der Sturmwind schreit
Unerhört ist es in der Welt dass jemand am lichten Tage vor allem Volk so große
Botschaft ausruft und durch Briefe und Schrift bezeugt dass sein Gott mächtiger
sei als die Götter zu denen wir flehen«
»Auch ein Lügner mag laute Stimme haben« versetzte Kunibert
»Er aber ist kein Landläufer« fuhr Bruno fort »wie ein König wandelt er
einher würdig in vornehmem Gewande ein weit anderer Mann scheint er als der
kleine Meginhard und wenn ich recht urteile so gleicht er durchaus nicht einem
Betrüger«
»Wie kannst du ihn einem König vergleichen« rief Kunibert »da er keine
Waffen trägt und ganz unkriegerisch ist«
»Hat nicht manches Volk das zu unseren Göttern flehte den gleichen Brauch
Auch bei unseren Nachbarn den Sachsen ist es dem Opferer nicht erlaubt den
Speer zu werfen und im Haufen zu kämpfen Sage uns Ingram da du sein
Geleitsmann warst ob du ihn als einen furchtsamen Mann erkannt hast«
In innerem Widerstreben antwortete Ingram »Ich habe ihn in der Gefahr
furchtlos gefunden aber unmännlich weigert er sich Rache zu nehmen an einem
Feinde«
Seine Genossen sahen erstaunt einander an und die jüngeren lachten
verächtlich Nur Bruno sprach kopfschüttelnd »Auch ich habe vernommen dass ihr
Gott gebietet die Feinde zu lieben dennoch lache ich nicht über solche Lehre
wenn sie auch jedem wehrhaften Mann unrühmlich und unverständig erscheint Denn
ich merke auch in ihr ist ein Geheimnis und eine Deutung die ich nicht
verstehe Ist doch Graf Gerold ein Christ und mancher andere der seines
Schwertes froh wird Wie die Franken auch sonst von Gemüt sein mögen dass sie
vor Blut erschrecken darf ihnen keiner nachsagen Und gerade an dieser Lehre
von der Liebe mögen wir erkennen dass die Christen sich auf eine Schrift
stützen die ihnen von einem Gotte überliefert ist denn einem Gott ist eher
möglich Unmenschliches zu gebieten als einem Mann und alle Christen lehren und
sprechen dasselbe auch wenn es ihnen selbst lästig wird danach zu handeln
Achtet wohl darauf genau mit denselben Worten wie jener Bischof sprach auch
sonst der kleine Memmo und der Priester des Grafen obgleich sie nicht so streng
gegen das Rossfleisch und das Beilager mit fremden Frauen eiferten als der
Fremde Furchtbar für uns alle ist eine Lehre welche von dem Gotte selbst
herkommt und als wahrhaft durch seine Schrift bezeugt wird«
»Deutlicher sprechen unsere Götter zu uns« rief Ingram das Haupt erhebend
»von ihnen berichtet das Lied des Sängers und der Spruch der Weisen ihre Stimme
höre ich im rauschenden Baum im singenden Quell im Schlage des Donners jedes
Frühjahr fährt der Sturmwind über die Täler und wenn die Götterhunde bellen und
die Geisterrosse schnauben zieht der große Schlachtengott über unseren Häuptern
dahin Wer begehrt sich ein stärkeres Zeugnis als dieses das wir alle Tage
ehrfürchtig hören oder sehen«
»Sinnvoll redest du« sprach Bruno zu den Raben aufblickend welche um den
Baum flogen und ihr wildes Lied schrien ȟberall schweben sie um uns und ihre
Boten verkünden dass sie nahe sind Dennoch ängstigt mich dass sie gegen den
Fremden ohnmächtig werden Wenn sie im Wipfel des Baumes wohnen wenn sie durch
die Luft fahren warum strafen sie ihn nicht Das Zelt hatte er für den Dienst
seines Gottes errichtet unter dem Fruchtbaum von dem wir die Losstäbe
schneiden an dem Baume rinnt ein Quell zu dessen Herrin wir flehen ich sah
auf den Baum und ich sah in den Quell während er sprach das Laub rührte sich
gerade wie sonst und wenn er schwieg sang der Quell weiter Ich schaute der
Sonne unserer lieben Herrin in das Angesicht als ihre Strahlen auf sein Haupt
fielen bis sie mir für meine Unverschämtheit den Blick schwärzte aber mir
schien dass sie fröhlich aussah wie sonst immer und dass sie ihm gar nicht feind
ist Ja ich fürchte sogar der Donner vermag nichts gegen ihn«
Ingram seufzte er wusste dass der Donnergott vermied den Verwegenen zu
treffen
»Darum sage ich« fuhr Bruno kummervoll fort »es ist eine große
Verkündigung die wir am lichten Tage durch helles Wort und durch neue Gedanken
hören Wer in versammeltem Volk seiner Rede lauscht dem wird es schwer ihm zu
widersprechen Dann sind die Gedanken welche er aufregt viel gewaltiger als
die Stimmen der Überirdischen welche wir ehren Aber wenn der Mann allein steht
im dunklen Nebel am Waldbach bei der wogenden Halmfrucht oder auch in der
Dämmerung am Herde dann wird wieder die Verkündigung des Christen schwach und
unsere Götter werden mächtig Zwieträchtig ist wie ich ahne die Herrschaft der
Götter der neue Gott der Christen den sie den dreieinigen nennen herrscht wie
ein Tageskönig wo sich die Männer zusammengesellen und starke Rede erschallt
jedoch die Götter unseres Landes schweben daneben sie walten und schaffen aber
ich sorge sie vermögen ihn nicht zu überwinden Schreckenvoll ist solche Zeit
für jeden treuherzigen Mann Ob sie einen Kampf der Götter bedeutet und
Untergang der Männererde oder eine neue Herrlichkeit wer vermag das zu sagen«
Er senkte traurig das Haupt auch die anderen schwiegen bis Kunibert
begann »Jeder von uns hat schwere Gedanken Mir aber widersteht der fremde
Brauch und die neue Lehre denn die alten Götter gaben meinem Leben Ehre und
Segen unbedachtsam und frevelhaft wäre ich wenn ich die Holden verliesse Darum
denke ich so hat sich ein Kampf erhoben zwischen unseren Göttern und dem
Christengott so harren wir ehrfurchtsvoll welcher der stärkere sei Deutlich
wird das auch für uns Männer denn wer sich mächtiger erweist als Glücksspender
und Siegbringer dem müssen wir folgen wenn wir nicht töricht sind Ist der
Christengott so gewaltig wie du sagst so mag er demnächst unseren Waffen Sieg
geben gegen die Slawen wenn wir wider sie kämpfen Das meine ich wird das
große Gottesgericht sein wo unserem Volke die Lose geworfen werden und zugleich
den Göttern selbst«
»Folge du gefügig dem Sieger« fuhr Ingram im Zorne auf »ich denke treu zu
bleiben den Gewaltigen denen meine Väter gelobt haben und die mir seit ich
ein Kind war bei Tag und Nacht ehrwürdig gewesen sind Längst wissen wir dass
Kampf ist auf der Männererde und Kampf im Reiche der Götter Jeden Winter
dringen die finsteren Todesgewalten gegen die guten Bewahrer unseres Glücks
mühsam ist der Streit zwischen Tageswärme und Nachtreif auch hinter Sonne und
Mond rennen wie die Sage kündet unablässig die Riesenwölfe sie zu
verschlingen Ich aber will bin ich auch nur ein einzelner Mann in dem
Götterstreit bei den guten Geistern meiner Ahnen stehen ob sie siegen oder
unterliegen Lodert ihre Welt in Flammen so will ich vergehen mit den
Geliebten denen ich zeiter gedient Denn Hass fühle ich gegen die neue List und
die gewundene Rede und das siegesfrohe Lächeln der Priester« Er erhob sich
heftig und eilte aus seinem Hof ins Freie Bruno sah ihm besorgt nach »Der Sinn
ist ihm verstört durch die Sorbenbande und ich fürchte er denkt auf
Gewalttat«
Das glühende Abendrot wich dunklem Grau nur ein matter rötlicher Schein lag
noch an dem Bergwald und den Höhen da vernahm man auf dem Talwege der von der
Saale her zum Dorfe führt feierlichen Gesang Aus der Dämmerung bewegte sich
ein wallender Zug der Knabe mit dem Holzkreuz hinter ihm Gottfried und der
ganze Haufe der Frauen und Kinder Walburg auf einem Karren von zwei Rindern
gezogen Freudengeschrei und lauter Zuruf des Volkes empfing die Geretteten als
sie den brennenden Feuern nahten Erstaunt sahen die Fahrenden auf die Flammen
und das Volksgewühl und empfingen die Glückwünsche der andringenden Menge Der
Bischof selbst eilte mit geöffneten Armen dem Zuge entgegen umringt von dem
Volke stattete ihm Gottfried seinen ersten Botenbericht ab wie die Erledigten
ausgezogen und an dem schwarzen Bach und der Wasserrinne aufwärts in den Wald
gedrungen waren dort hatten sie Tag und Nacht die Schrecken der Wildnis
empfunden Aber als sie endlich zu einem einsamen Hofe kamen hatte der Wirt
obwohl er mehr Heide als Christ war einen Karren bespannt und aus Furcht vor
den Sorbenkriegern seinen Hausrat und die Kranke daraufgesetzt und die
Wandernden mit Hausgenossen und Vieh begleitet
Durch die Menge welche dem Bericht lauschte brach Ingram In seliger
Freude rief er schon von weitem den Namen der Jungfrau vergessen war in diesem
Augenblick aller bittere Zorn und in heller Verklärung strahlte sein mannhaftes
Antlitz So erkannte ihn Walburg Das Schleiertuch vor ihrem Gesicht bewegte
sich und ihre Hand streckte sich ihm entgegen Da trat Gottfried heran fasste
ihre Hand hob sie mit Hilfe des Führers vom Karren und führte sie zu Winfried
Walburg sank auf die Knie und Ingram wich zurück Mit schnellen Worten
berichtete Gottfried ihren Namen und ihr Geschick und Winfried sprach
liebevoll »Vor einem fernen Grabe habe ich gelobt für dich zu sorgen wie ein
Vater der Himmelsherr hat die erste Bitte erhört die ich in diesem Lande um
eine Seele zu ihm tat ich nehme dich auf als ein Unterpfand dass der Herr auch
ferner meinem Tun gnädig sein wird« Er sah zu dem Meierhofe hin wo bereits
eine Menge geschichteter Stämme zu neuem Bau lag und rief froh »An dieser
Waldecke soll wie ich hoffe eine Herberge erstehen worin mancher Gebundene
aus den Fesseln gelöst wird Sei bedankt mein Sohn für die gute Reise deine
Rückkehr löst auch einen anderen von schwerer Verantwortung«
An Ingrams Händen hingen die kleinen Brüder der Walburg »Kommt zu mir ihr
Knaben« rief Ingram heftig und zog sie mit sich fort
Aber Winfried selbst trat ihm in den Weg »Mein sind die Knaben und mein
ist jedes Haupt dieses Zuges«
»Die Söhne meines Gastfreunds sinds und die Sorge für ihr Wohl nehme ich
auf mich« rief Ingram in aufloderndem Zorn
»Durch das Gut des Herrn sind die Kinder gelöst und nicht durch das deine«
antwortete der Bischof
»Krieger sollen sie werden und nicht kniebeugende Christen« rief Ingram
die Knaben festhaltend
»Ich aber fürchte Ingram« versetzte Winfried »dass ihnen der wilde
Haushalt deines Hofes nicht gedeihen wird und ich habe die Pflicht sie davor
zu bewahren denn meiner Lehre gehören sie Gib die Hände frei die du
festältst«
In hellem Ausbruch der Wut fasste Ingram nach seinem Schwert der Bischof
fasste die Hände der Knaben und stand dem Wütenden mit gehobenem Haupt gegenüber
»Nicht das erstemal stehe ich vor deiner Waffe« rief er mahnend
Der Graf trat schnell vor Ingram und hielt ihm selbst die Schwertand fest
»Unsinnig bist du Ingram dass du dich gegen einen Geschorenen regst Lass dir
Gutes raten Mann hebst du das Schwert so verlierst du die Hand«
Aber Ingram riss sich los ihm wirbelte es vor den Augen blutigrot waren die
Gesichter welche ihn höhnisch anschauten und ganz außer sich rief er »Von
meinen Göttern scheidet er mich und die ich liebe löst er von mir rächen will
ich den Schaden oder nicht leben« und im Sprunge schwang er sein Schwert gegen
den Bischof Da sah er plötzlich vor sich nicht das verhasste Gesicht des
Priesters sondern ein Frauenantlitz marmorbleich voll Schrecken die Augen
auf der Wange eine blutigrote Wunde und er fuhr zurück entsetzt über die
Verwandlung
»Greift den Friedensbrecher« rief Herr Gerold Wildes Geschrei erhob sich
und Schwerter blitzten Ingram aber rannte mit gehobener Waffe der Höhe zu
seine Freunde und Genossen aus der Heidenschaft drängten sich zwischen ihn und
die zornige Menge bis die Rufe der Verfolgenden in der Ferne verklangen und den
Gejagten das schützende Dunkel des Waldes umschloss
Walburg
Nach dreitägiger Lehre und Festfeier waren die Gaugenossen heimgezogen die
Christen mit gehobenem Haupt die Heiden in Kleinmut Aber draußen in dem weiten
Land der Thüringe wirkte die Bewegung fort welche durch den Zauber eines
kräftigen Mannes aufgeregt war der Windstoß aus dem Waldtal wurde zum starken
Sturme er durchfuhr das ganze Land und warf alte Heidenbäume nieder
Winfried wohnte nicht mehr in der Hütte des Memmo Auf den Rat des Grafen
war ihm beim Meierhof eine Halle errichtet worden damit er würdiger das Volk
empfange Doch war er selten daheim von Reisigen und von einem Gefolge
ansehnlicher Männer begleitet zog er rastlos durch das Land und wo er
erschien stritten die Männer über Opfermahle und ihr künftiges Heil in der
Himmelsburg Viele zogen das weiße Gewand der Täuflinge an noch mehrere standen
unsicher zur Seite ohne Waffen gegen das laute Wort aus Menschenbrust und gegen
das Wesen des Mannes der so sicher wie ein Gott Bescheid wusste wo andere sich
im Zweifel ängstigten Fand er auch überall bittere Feinde wider den ersten
Andrang seiner Lehre vermochten sie sich nur wenig zu wehren denn gütig und
schonend sprach er zu dem einzelnen und jedem gab er seine Ehre er war
freundlich zu den Frauen sein Antlitz wandelte sich in helle Fröhlichkeit wenn
er mit den Kindern sprach und wo er einen Bedrängten oder Darbenden fand gab
er alles was er selbst gerade hatte und bat so feierlich und dringend dass er
oft auch die Harten zur Guttat beredete Im ganzen Lande sagten die Leute dass
er ein milder und vornehmer Mann sei und darum hörten sie ihn williger
Aber auch das Dorf in dem er zuerst eingekehrt war wies nach wenigen
Wochen die Verwandlung Auf dem Meierhofe welchen Frau Hildegard dem
Christengott als Geschenk dargebracht hatte erhob sich bei der Halle ein
Turmgerüst und daran ein großer im Viereck eingehegter Raum der dem
Gottesdienste geweiht war Außerdem mehrere neue Blockhäuser ein Schlafhaus für
die losgekauften Frauen und Kinder daneben ein Arbeitshaus in dem sich an
jedem Wochentage die Spindeln drehten und Webstühle klapperten und gegenüber
ein zweites Arbeitshaus mit einem großen Kreuz über dem Giebel die erste Schule
im Lande Dort saßen die Knaben deren Vormund der Bischof geworden war auf
niedrigen Holzbänken sie lernten in ihrer Sprache das Vaterunser und den
Glauben und im Latein Kirchengebete und Gesang daneben auch ein wenig
Verständnis der lateinischen Worte Denn Memmo erfand für sie wichtige Sprüche
mit deutschen und lateinischen Wörtern in der Tat wie meus avus heißt mein Ahn
pater heißt der Vater vir bin ich der Mann filius der Sohn Memmo lächelte
jedesmal stolz wenn er den Knaben einen neuen Spruch beibrachte er strich
denen welche gut lernten so zart über das gelbe Kraushaar wie seinem
Stieglitz über das rote Käppchen aber den Ungefügen zahlte er unerbittlich ihr
Kerbholz mit einer großen Birkenrute welche der Unartigste jeden Sonnabend neu
liefern musste damit er selbst die ersten Streiche empfange Auch Schreibgerät
bereitete er um den Knaben das Geheimnis der Schrift zu offenbaren Er kochte
den schwarzen Zaubersaft der Tinte während ihn die Knaben ängstlich umstanden
er lehrte seine Schüler kleine Holztafeln schneiden und einrahmen und für den
Gebrauch des Griffels mit einer dünnen Lage Wachs überziehen für die Tinte aber
mit weißem Birkenbast bekleiden War Gottfried im Dorfe so unterrichtete dieser
im Kirchengesang zu seiner Schule gehörten auch die Frauen und Mädchen Sooft
die Weise des Abendliedes von der Höhe über das Dorf klang hörten die Landleute
mit der Arbeit auf und sahen furchtsam zu dem Hofe empor wo dem neuen Gott der
Nachtgruss geboten wurde Und wenn Memmo mit seinen Schülern durch Wiese und Holz
zog und ihnen die Tugenden der Bäume und Kräuter erklärte dann wurden seine
kleinen Gesellen von den Dorfknaben angeschrien wie gezähmte Vögel von wilden
und er hatte zuweilen mit seinem Stocke Arbeit um die Köpfe der Raufenden
auseinanderzubringen
Weit durch das Land lief das Gerücht von der neuen Schule und von der
seltsamen Christenzucht Obgleich das unkriegerische Wesen den Ansehnlichen
missfiel so dünkte doch manchem vorteilhaft einen jüngeren Sohn daran zu wagen
die armen Leute aber warben dringend um Aufnahme und schon dachte Winfried
daran die Schule nach dem großen Markt der Thüringe zu verlegen
Einige Frauen und Kinder waren durch ihre Freunde abgeholt worden aber die
Mehrzahl saß noch unter dem Schutz des Bischofs und begehrte sich kein besseres
Glück denn der Haushalt war wohlgeordnet und aller Bedarf des Lebens wurde in
fester Ordnung bereitet Die Christen hatten nach der großen Versammlung auf die
Mahnung des Bischofs freiwillige Spenden zugetragen Lebensmittel Flachs sogar
Viehhäupter Anderes gewann eigener Fleiß der Hausenden Was Wald und Flur von
essbaren Früchten bot wurde gesammelt die Ernte des Gutes von eifrigen Händen
eingebracht jedem einzelnen wussten die Väter nach seinen Kräften ein Amt zu
geben welches dem Haushalt nützlich war Neben dem Meyer und seiner Frau
standen Walburg und Gertrud der Wirtschaft vor die eine im Frauenhause die
andere in den Ställen und auf dem Felde Sooft Winfried von seinen Reisen
heimkehrte empfing er wie ein Gutsherr die Berichte seiner Getreuen er stand
fröhlich unter den Kindern freute sich der guten Köpfe welche Memmo lobte und
mahnte die Säumigen Und jedesmal hatte er einen besonderen Gruß für Walburg und
ihre Brüder
Walburg war genesen Memmo hatte seine ärztliche Kunst wohl an ihr bewährt
mehrere Wochen hatte er ihr die Arbeit in freier Luft verboten heut war ihr
völlige Heilung verkündet und sie stand zum erstenmal im Hofe das Antlitz zur
Hälfte mit dem Schleiertuch bedeckt welches nach dem Gebot des Paters die
vernarbte Wange noch einige Zeit von der wehenden Luft scheiden sollte Sie
hielt eine Webe Leinwand an das Licht prüfte die Fäden und maß an einem Stab
die Länge während zwei kleine Mädchen die rollenden Falten in ihren Schoss
aufnahmen »Es ist noch keine Herrenleinwand« sagte sie in fröhlichem Eifer zu
Gottfried indem sie auf seinen stummen Gruß mit Kopfnicken antwortete »denn
der ehrwürdige Bischof wollte dass wir zunächst für die Kinder arbeiten sollten
Denke mein Bruder jeder der Knaben soll zu seiner Wolljacke noch zwei Hemden
und ein Paar Bundschuhe erhalten Wie Söhne von Häuptlingen werden sie
einhergehen und das ist gut damit sie jedermann achte weil sie doch jetzt
deine Schüler sind Und dann sind noch Betten zu stopfen für Große und Kleine
und Inlett und Überzug zu nähen und wir haben alle Hände voll zu tun damit das
Haus in Ordnung sei wenn der kalte Winter kommt Viele kleine Betten sind
nötig denn der Herr Winfried will wieder dass jedes der Kleinen sein eigenes
Bett habe was hierzulande unerhört ist Aber braunes Wolltuch ist bereits
vorhanden und gern möchte ich vor den anderen dir ein Hausgewand nähen denn
verzeihe Bruder Gottfried wenn ich es sage das welches du trägst wird
fadenscheinig und wir bekümmern uns darüber«
»Sorge nur für die anderen« versetzte Gottfried »wird mein Rock schlecht
so webe und nähe ich mir selbst einen oder empfange einen anderen den ein
Bruder genäht hat denn es ist nicht Brauch dass ein Bruder Frauenarbeit trage«
Er sprach dies eifriger als not war und fuhr dabei dem kleinen Bezzo über den
Kopf der sich an den Füßen Walburgs anklammerte und da sie ihn nicht
beachtete ungeduldig an ihrer Hüfte hinaufkletterte »Sie drücken wieder« rief
Bezzo »Er meint seine Schuhe« erklärte Walburg ihn auf den Arm nehmend »er
hat Heidenbeinchen welche die Gebote des Bischofs nicht leiden wollen und
einen wilden Heidenkopf und der Unhold weiß dass er ein Liebling ist weil er
auf der Reise dir lieb wurde Sei artig Bezzo und bitte den frommen Bruder
dass er ein Kreuz über dir schlägt gegen deine wilden Gedanken«
Damit war Bezzo einverstanden er strebte von dem Halse der Jungfrau heftig
an den des Mönches und bat »Ich will ein Kreuz auf den Kopf denn da gibt uns
Base Walburg Honigseim« Walburg entschuldigte sich »Man muss den Kleinen das
Kreuz lieb machen« Gottfried aber löste den Knaben errötend von Hals und Arm
der Jungfrau setzte ihn zur Erde und sprach ihm freundlich zu
»Wir Frauen sehen dich jetzt selten in unserer Nähe« fuhr Walburg
treuherzig fort »und doch hängen die Herzen alle an dir während der
Sorbenfahrt sorgtest du eifriger um uns«
»Der Mönch ist ein ungeschickter Ratgeber bei Frauenarbeit« antwortete
Gottfried »aber dir darf ich es sagen im nächsten Frühjahr kommt Kunitrud
meine Schwester aus Angelland hierher sie wird mit euch hausen Sie hat sich
dem Herrn gelobt geht geschleiert und soll die Herrin einer Frauengemeinde
werden sie ist weiser als ich«
»Versteht eine Geschleierte auch Latein« fragte Walburg erstaunt
»Die ich nannte spricht es wohl besser als ich der ehrwürdige Vater rühmt
ihre Kunst in den Versen manches heilige Buch hat sie gelesen«
»Wie werden wir vor solcher Frau bestehen« rief Walburg erschrocken
»Sie ist jung wie du und wenn ich nicht irre so ist sie dir ähnlich in
Antlitz und Gebärden« versetzte Gottfried befangen »ich hoffe sie wird dir
eine gute Gesellin werden«
»Sie ist jung und hat sich dem Herrn gelobt« fuhr Walburg nachdenklich
fort »so Großes hat die Jungfrau auf sich genommen Denn ich weiß wohl ist sie
geschleiert so darf sie im Mai nicht mehr mit den Mädchen auf die Wiese gehen
sie darf keinen Mann mehr freundlich grüßen und gar nicht an ein Ehegemahl
denken und an Kinder im Hause Das ist hohe und schwere Pflicht für ein junges
Herz Verzeih ehrwürdiger Bruder« unterbrach sie sich als sie in das gerötete
Gesicht des Mönches sah »ich vergaß dass sie deine Schwester ist auch du hast
dein junges Leben dem Herrn geheiligt und wir anderen sehens mit Staunen«
Gottfried neigte das Haupt grüßte sie schweigend und ging schnell nach der
Schule Walburg aber trat an das Wasserbecken des Laufbrunnens hob den Schleier
und betrachtete die rote Narbe ihrer Wange mit einem Seufzer ließ sie den
Schleier herunter »Dem Mädchen steht die Narbe übel im Gesicht« sagte sie
bedauernd zu sich selbst »und schwerlich wird noch jemand meine Wange rühmen
Ob die Schwester aus Angelland auch eine Maser im Antlitz trägt dass sie der
Erdenfreude entsagt hat«
Sie fühlte einen Schlag auf der Schulter und wandte sich rasch um Gertrud
sah sie lachend an und drückte ihr einen Kranz von Eschenlaub und roten Beeren
auf das Haupt wie die Mädchen im Herbst beim Tanze tragen »Besseres Glück für
die Zukunft« rief sie »Recht wohl steht dir der Kranz wenn man auch nur
deinen halben Mund lachen sieht«
»Die frommen Väter verstehen alles« versetzte Walburg »sie wissen sogar
ein Mädchengesicht wieder ganz zu machen«
»Gute Männer sind die Langröcke« rief Gertrud »Aber meinst du dass einer
von ihnen stark genug ist eine wackere Magd im Reigen um seine Hüfte zu
schwingen«
»Rede nicht so wild« bat Walburg und hing den Kranz an den Brunnen
Gertrud schlug ihre festen Arme übereinander und sah ihre Gefährtin spottend
an »Ich denke du bist insgeheim ebenso gesinnt denn alles hier ist sehr
säuberlich aber jauchzen habe ich noch niemanden gehört als etwa kleine Knaben
und auch die werden gemahnt den Kopf zu neigen In meinem Leben ging mirs
niemals so gut als unter dem Kreuze und ganz gern lernte ich das Kyrie und Amen
rufen Aber Mädchen die ganze Herrlichkeit möchte ich in mancher Stunde
dahingeben wenn ich nur einmal mit einem frischen Knaben in der Sommermitte
über das Nachtfeuer springen könnte«
»Schweige von dem Heidenbrauch dass dich nicht die Kinder hören« mahnte
Walburg
»Bist du so ergeben dass du keine Gedanken mehr hast die über den
Christenhof hinausgehen« fragte Gertrud Doch als sie den traurigen Blick der
anderen sah tat ihr die Frage leid und sie fuhr fort »Wie kommts dass du nie
zu mir von dem Manne sprichst der deinetwegen an den Herd deines Vater kam«
»Ich scheue mich andere nach ihm zu fragen« versetzte Walburg traurig »da
ich nicht weiß wie er gegen mich gesinnt ist Die Frauen sagten mir er reitet
weit von hier im Heere der Franken Immer stand sein Sinn nach einem großen
Kriegszuge und als er das letztemal am Main war wollte er deshalb Kundschaft
einziehen Was siehst du mich so an Gertrud« rief sie heftig »du weißt von
ihm was du mir nicht sagen willst sei barmherzig und rede«
»Hörtest du nicht was viele wissen« antwortete Gertrud »das Grafengericht
hat über ihn gesessen Wenn sie ein Urteil gegen ihn gefunden haben so mögen
dirs andere künden nicht ich«
»Wo ist Wolfram« rief Walburg »Täglich habe ich nach ihm ausgesehen aber
verlassen liegt der Rabenhof«
»Es geht dort still her« antwortete Gertrud »die Knechte und Mägde haben
sich verzogen«
»Wer füttert sein Vieh« fragte Walburg schnell
»Vielleicht dass Wolfram noch dort verstohlen haust Ist es dir Ernst den
Mann des Verschwundenen zu sehen« fuhr sie leiser fort »so will ich dir dazu
helfen«
»Schaffe ihn her« bat Walburg angstvoll
»In den Hof wagt er sich schwerlich weil die Reisigen des Grafen um das Tor
lauern Da du jetzt in das Freie gehen darfst so komm mit vor das Tor doch
verrate mich nicht wenn ich dir helfe denn was verstehen die Priester davon
wenn zwei einander liebhaben sie werden klug tun sich gar nicht darum zu
kümmern« und sie schwenkte ihren großen Sahnlöffel ohne Ehrfurcht gegen die
Schule in welcher Gottfried lehrte
Als die Mädchen vor das Tor traten sahen sie einen Haufen Volkes wie er
sich jedesmal sammelte wenn der Bischof von einer Reise zurückerwartet wurde
Neben den Reisigen standen Arme und Kranke welche sich Almosen und Heilung
begehrten Christen aus der Umgegend die Segen oder guten Rat ersehnten
Seitwärts aber hielten Krieger in fremder Slawentracht mit Abscheu erkannte
Walburg die Mützen und den Pferdeschmuck der Sorben unter ihnen den Weissbart
aus dem Gefolge des Ratiz stattlich angetan in langem Tuchrock mit glänzendem
Schwertgürtel Der Alte nahte den Frauen mit tiefen Verbeugungen und begann die
Pelzmütze in der Hand drehend »Ganz gut gelang wie ich merke den Frauen die
Fahrt über den Sorbenbach« Walburg bezwang ihren Widerwillen als sie
antwortete »Auch eure Reise zum großen Frankenherrn glückte in Frieden soweit
ich sehe«
»Das Geleit deines Herrn des Bischofs war kräftig wir sind wohlbehalten
bis hierher zurückgekehrt Aber mir ist damals vieles verbrannt als ihr von uns
wichet und dem Alten tut eine Hilfe not«
»Wir sahen auf der Fahrt die Röte wenn wir uns rückwärts wandten«
»Stroh brennt so leicht als Schindeln« versetzte der Alte freundlich und
blickte über die Holzdächer des Hofes »Aber meine Landsleute bauen schnell
kommst du das nächste Mal zu uns so findest du neue Strohdächer«
»Nimmermehr begehre ich euer Dorf zu schauen« rief Walburg in ehrlichem
Abscheu
»Möge dir alles werden wie du es begehrst« antwortete der Weissbart
demütig »auch mir wäre lieb wenn die Jungfrau dem Väterchen zu seinem Recht
verhelfen wollte Held Ingram welcher unseren Banden entfloh hatte da er noch
frei war aus guter Meinung mir ein Stück rotes Tuch gelobt damit ich ihm
bewillige dich zu sprechen Ich habe es bewilligt nach dem Tuche sehne ich
mich noch Dem Mann ist es seither auch hier übel gelungen ich aber möchte
nicht dass sein Gelöbnis gegen mich unerfüllt bliebe Vermag die Jungfrau mir zu
meinem Rechte zu helfen so wäre mirs lieb«
»Ist Ingram um meinetwillen dir etwas schuldig so will ich sorgen wenn er
es nicht vermag dass du deine Gebühr erhältst« antwortete Walburg und entwich
dem beredten Danke des Sorben Die Mädchen gingen bis zu dem Vorsprung des
Waldes der sich nahe an die Wegscheide erstreckte dort gebot Gertrud ihrer
Gefährtin niederzusitzen sie selbst breitete ein weißes Tuch am Saum des
Gehölzes und wandelte als wenn sie Kräuter suchte am Holz entlang bis sie
langsam zu ihrer Gefährtin zurückkehrte »Ist er im Hofe so kommt er harre ob
er das Zeichen sieht«
Nicht lange saßen die Mädchen vor den Blicken aus ihrem Hofe gedeckt da
schritt Wolfram aus dem Rabenhof in das Holz und wand sich hinter dem Baumland
zu ihnen Walburg eilte ihm entgegen »Wo ist Ingram«
»Er heißt nicht mehr Ingram Wolfsgenoss nennen ihn jetzt die Leute friedlos
haben sie ihn gemacht wie ein Wildtier des Waldes« Walburg rang die Hände »Es
freut mich dass du seiner gedenkst« fuhr Wolfram fort »denn in dem Hofe aus
welchem du kommst sinnen sie ihm nichts Gutes Seinetwegen saßen die Alten
unter den drei Linden um den Grafenstuhl Ich stand an ihrem Gehege und es war
ein bitterer Tag Der Hauptmann des Grafen trat in den Ring und erhob die Klage
laut riefen sie den Namen meines Herrn gegen Hof Acker und Weide Aber er
selbst antwortete nicht sondern Bruno als sein nächster Freund trat für ihn in
den Ring Dreimal gab er Antwort auf die Klage und dreimal berieten die
Landgenossen Nach dem dritten Rat fiel der Spruch Da mein Herr den Frieden des
Frankenherrn und des Volkes durch die Schwertand gebrochen habe so solle er
fortan Frieden haben wie der Wolf wo ihn kein Auge sieht und kein Ohr hört Und
bei den Wölfen haust jetzt der Friedlose«
Walburg schrie auf Wolfram aber fuhr kummervoll fort »Sie sagen dass der
Spruch ganz mild war den Hof haben sie ihm nicht verbrannt Bruno hat unterdes
die Hand darübergelegt und ehrlos haben sie ihn auch nicht gemacht wohl
möglich dass ihn die wilden Tiere zu ihrem König wählen«
»Wo weilt er selbst« rief Walburg
Wolfram sah sie bedeutsam an »Vielleicht im wilden Wald vielleicht unter
hartem Stein aus dem Licht der Sonne ist er geschwunden«
Walburg winkte heftig ihrer Begleiterin zurückzuweichen und sprach leise
»Ich hoffe er reitet namenlos im Frankenheere«
»Ich hoffe nicht« versetzte Wolfram
»Du birgst ihn in seinem Hofe«
»Sein Dach schützt ihn nicht mehr vor fremden Spähern«
»Dann bekenne mir wo er ist Wolfram bei deiner Seele und Seligkeit
beschwöre ich dich« rief sie feierlich
»Für meine Seele und Seligkeit wünsche ich Günstiges« versetzte Wolfram
»aber ich weiß nicht ob sie gedeihen werden wenn ich meinen Herrn verrate
Dennoch erkenne ich dass ich allein ihm nicht zu helfen vermag Willst du mir
versprechen dass du geheim bewahrst was ich dir künde so sollst du erfahren
was ich selbst weiß« Walburg machte ein Kreuz und reichte ihm die Hand »Unter
den Urstämmen im wilden Wald wissen mein Herr und ich einen hohlen Baum in dem
wir Weidgerät und was man sonst für Waldfahrt bedarf zu bergen pflegen wie
Brauch der Jäger ist Dorthin trug ich ihm am Morgen nachdem er entwichen war
sein Jagdzeug Waffen und Kleider und sang in der Nähe so laut ich vermochte
den Jagdruf welchen er von mir kennt Als ich am zweiten Tag wiederkam war der
Baum geleert Seitdem schrie ich dort öfter mein Lied und als sein Urteil
verkündet war weilte ich in der Nähe bis er selbst kam Aber freudenlos wurde
das Wiedersehen seine Wangen waren fahl und wortkarg die Rede Und als ich mich
erbot ihn zu begleiten wies er das kurz ab und sprach In der Halle der Götter
hause ich für einen der im Sonnenlicht wandelt ist dort kein Raum Kehre
nicht wieder Wolfram denn friedlos wird jeder der sich dem Ausgestossenen
zuwendet«
»Nannte er meinen Namen« unterbrach ihn Walburg
»Er fragte nicht einmal nach seinen Rossen« versetzte Wolfram Die Jungfrau
senkte traurig ihr Haupt »Nur von den Sorben sagte er mir etwas woraus ich
erkannte dass er ganz verstört ist Rotes Tuch forderte er für den Weissbart und
dass ich darum eins unserer Rosse auf den Markt führen sollte es sei gelobte
Schuld«
»Hast du nach seinem Gebot getan« fragte Walburg
»Das Tuch habe ich eingetauscht aber die Gabe dem alten Diebe zu gewähren
scheint mir ganz töricht und unsinnig denn seine Speergesellen haben an meinem
Herrn treulos gehandelt und er lebt mit ihnen in tödlicher Fehde«
»Tue dennoch nach dem Gebot auch um meinetwillen« bat Walburg
»Die Hunde lagern jetzt im Dorfe wie Häuptlinge« versetzte Wolfram »ich
sah den Alten als ein Späher schleicht er einher und nichts Gutes bedeutet
seine Ankunft Möge dies der letzte Gewinn sein den er im Sacke heimträgt
Seit jenem Tage erblickte ich meinen Herrn nicht mehr doch was ich noch in dem
Baume barg wurde fast immer abgeholt Gestern aber fand ich ein Stück Rinde in
der Höhlung und auf der inneren Seite das Bild eines Rosses geritzt Morgen
denke ich ihm sein bestes Pferd hinzuführen und dazu noch eins für einen
anderen damit er nicht allein reitet«
»Und wonach steht sein Sinn Das sage mir noch Wolfram wenn du es weißt«
»Wo soll er hin wenn nicht gegen die Sorben Denn die Weiden sind es die
ihm jetzt am meisten das Herz einschnüren Als wilder Wolf will er dort beißen
bis ihn ein Keulenschlag trifft Ich möchte lieber anderswohin Aber mich treibt
eine Vorbedeutung da ich doch Wolfraban heiße Ich erkenne mein Name gibt mir
die Weisung dass ich ihn auf dem Wolfsprung begleite«
»Führe nicht die Rosse in den Wald auf denen er mit dir zum Tode reitet«
sprach Walburg feierlich »denn ich will ihm helfen dass er lebe wenn ichs
vermag Gelobe mir mich morgen an dieser Stelle zu erwarten bevor du zu dem
Baume wandelst damit ich dir überbringe was deinem Herrn nützen mag«
Wolfram überlegte »Ich weiß dass du ihm wohlgesinnt bist und du wirst ihn
nicht seinen Feinden verraten«
»Niemals« rief Walburg
»Wohlan so erwarte ich dich hier wenn die Sonne morgen früh über den
Waldrand steigt«
Die Mädchen eilten zum Hofe denn vom Dorfwege nahte ein Reitertrupp in
seiner Mitte der Bischof Ihn begrüßte Heilruf der harrenden Menge und der
Hofgenossen Wie ein Häuptling schritt er durch das Volk in die Halle welche
ihm errichtet war und empfing dort nach der Reihe die Gesandten und die
Flehenden Zuletzt sprengte auf seinem Kriegsrosse Herr Gerold selbst in den
Hof ihm trat der Bischof auf der Schwelle entgegen bot den Friedensgruss und
geleitete ihn zu dem Herdsitz
»Den Raben von drüben habe ich verscheucht« begann der Graf »du bist an
ihm gerächt«
»Ich danke dir nicht dafür Gerold du weißt wie ich für ihn gebeten habe«
»Nicht mein Vorteil war es« versetzte der Franke unwillig »das beste
Schwert der Thüringe zu zerbrechen Dass ich das Urteil gefordert habe geschah
nur darum weil mir von meinem Herrn dein Heil auf die Seele gelegt ist Denn du
vermochtest nicht im Volke zu dauern wenn der erste Mann ungestraft blieb der
gegen dein Haupt das Schwert gezückt hat Verächtlich wurdest du vor jedermann
und von allen Seiten wären die Heidenmesser in dich gedrungen Willst du den
Thüringen deine Botschaft ferner verkünden so musst du ihnen erweisen dass deine
Feinde ausgetilgt werden«
»Hast du jenen Mann ausgetilgt« sprach Winfried »weil er zuchtlos den
Frieden des Volkes brach so darf ich dir nicht widerstehen Begehrtest du aber
Rache für mich so hast du mir wehe getan Auch du kennst das hohe Gebot
welches geschrieben steht dass wir unseren Feinden Gutes tun sollen«
»Steht es geschrieben so siehe du zu ob die Männer hier dirs glauben«
rief Gerold unzufrieden »ich aber hoffe dass du nicht gekommen bist um diesem
Volke den Männermut zu nehmen sondern zu stärken denn hier tut nicht Geduld
und Lammessinn not sondern Krieg und scharfes Gefecht dazu bin ich in dies
Land gesandt und ich erkenne der Wille des erlauchten Helden Karl ist dass du
mir dabei hilfst Als wir miteinander aus dem Angesicht des Frankenherrn
schieden da legten wir unsere Hände ineinander und gelobten treue Gesellen in
dem Volk der Thüringe zu sein ich für meinen Herrn du für den Christengott
denn verfallen lag dies Grenzland und feste Führer waren ihm nötig«
»Treu hast du bisher unseren Vertrag erfüllt« versetzte Winfried herzlich
»Und gern gebe ich das Zeugnis dass ich vor anderen Menschen dir dankbar bin
wenn es mir gelingt die harten Nacken am Taufstein zu beugen Denn die Furcht
vor deinen Bewaffneten ist mein einziger irdischer Schutz und glaube mir kein
Tag vergeht wo nicht hier im Hofe von meinen Getreuen für dein Wohl gebetet
wird«
Herr Gerold neigte ein wenig das Haupt »Ganz willkommen ist mir wenn du
mir im Himmel gutes Gemach bereitest denn ich selbst habe wenig Geschick dazu
Aber nicht weniger lieb wäre mir wenn du mir auch auf anderen Wegen deine Treue
bewährtest und dass ich dirs geradeheraus sage mir gefällt nicht dass du den
Boten des Ratiz freies Geleit zu dem Helden Karl ausgewirkt hast und dass du
über die Grenze bis in das Wendenland geschorene Boten laufen lässt denn du
handelst gegen meinen Vorteil und wohl auch gegen den eigenen«
»Erwäge auch« versetzte Winfried ruhig »dass ich nichts getan habe ohne
dein Wissen Mein Beruf ist auf der Männererde den Frieden Gottes zu verkünden
wie durfte ich mich weigern dem Helden Karl den friedfertigen Wunsch des Ratiz
zu melden Wir vernahmen dass der Räuber mit manchem von seinem eigenen Volke
verfeindet ist und dem großen Frankenherrn selbst war willkommen auch über die
Slawen an der Grenze seine Herrschaft zu breiten«
»War es ihm willkommen« versetzte Gerold zornig »mir und anderen die an
der Grenze gebieten wäre es verhasst und unleidlich Meinst du dass wir den
Ratiz als Grenzgrafen neben uns dulden werden zu unserem Schaden an Land und an
Zehnten Und heut sage ich dir mich freuts dass es mir und meinen Fürsprechern
gelungen ist ihn bei Herrn Karl zu hindern Ohne günstigen Bescheid kehren die
Sorben zurück und dem Ratiz ist befohlen über die Saale zurückzuweichen«
»Und wenn er es nicht tut« fragte Winfried
»Dann soll er der erste sein den wir fällen damit Furcht das Slawenvolk
bändige«
»Wenn aber seine Landsleute ihm helfen«
»Das gerade ist was ich will« rief Gerold »Meinst du ich habe Lust
diesen Sommer mein Schwert müßig in der Scheide zu tragen«
»Und neu erhebt sich Mord und Brand und die Greuel des Grenzkrieges« rief
Winfried traurig »zerstörte Höfe sehe ich erschlagene Wirte und die Wehrlosen
gleich dem Vieh getrieben verwildert auch die Herzen der Sieger«
»Ich habe dich weise gefunden auch in weltlichen Dingen« versetzte Gerold
»diese Rede aber dünkt mir töricht Ob du die Thüringe deiner Lehre unterwirfst
das hängt jetzt nicht allein von den Gebeten ab die du ihnen vorsprichst
sondern von den Schlägen welche ich mit einem Volksheer den Wenden zuteile
Denn die Heiden werden dir nur dann ihre Hälse zuneigen wenn sie unter dem
Christenbanner Sieg erhalten Und wenn du einst die Ostvölker bekehren willst
so werden auch diese erst auf deine Worte hören wenn sie erkennen dass ihre
Götzen nicht mehr Sieg spenden«
»Mein Werk ist es den Völkern der Erde den Frieden des Gottesreiches zu
verkünden« antwortete Winfried »dein Amt ist die Feinde des Frankenherrn
niederzuwerfen Durch viele Jahre habe ich erfahren dass die heilige Lehre nicht
plötzlich Sinn und Gedanken der Männer wandelt und manches Menschenalter mag
vergehen bevor die Christen selbst die Worte der Liebe und des Erbarmens
begreifen Ich weiß auch dass nur ein Volk welches den Heiden siegreich
widersteht sich den Christenglauben bewahrt darum will ich dass die Herrschaft
der Franken sich so weit breite als es mir gelingt meinem Himmelsherrn
Bekenner zu gewinnen Mit dem hohen Fürsten Karl habe ich dies vereinbart dass
er der einzige weltliche Herr sein soll über alles bekehrte Heidenland wie der
Bischof zu Rom der einzige Vogt des Himmelsherrn Soweit wünsche ich dir Sieg
und ich darf zu dem Allwaltenden flehen dass er ihn deiner Heldenkraft gewähre
Aber wenn du den Kampf begehrst aus Begierde nach Kriegsruhm und Beute dann
hüte dich dass nicht auch dich die Strafe treffe wenn du aus diesem kurzen
Leben in das ewige hinübergehst«
»Meine Sorge um das Himmelreich habe ich in deine Hände gelegt Bischof«
versetzte der Graf mit geheimem Bangen »und ich vertraue du wirst meinen
Vorteil dort wahrnehmen wie auch ich hier für den deinen kämpfen will obgleich
du mir zuweilen widerstehst Und so lass uns wieder gute Gesellen sein ich reite
an die Grenze und bald mag deine Fürbitte mir heilsam werden«
Er schritt klirrend aus der Tür und Winfried sagte hinter ihm still zu sich
selbst »Ich hole mir bessere Freude bei meinen kleinen Pfleglingen« Er
wandelte in das Arbeitshaus grüßte die Frauen und Kinder schritt mit Walburg
durch alle Räume ließ sich berichten was in seiner Abwesenheit getan war und
betrachtete die Werke des Webstuhls und die Schätze der Vorratskammer Lächelnd
rührte er an das Schleiertuch der Jungfrau welches die eine Hälfte ihres
Gesichtes deckte »Ich muss die Kunst des Arztes rühmen denn gut hat er dir die
Wunde geheilt und der Schaden wird noch durch die Zeit gebessert Bald kommt
wohl einer und der andere und begehrt dich zur Hausfrau Wir aber werden dich
ungern missen denn dein Sinn ist fest und was deine Hand berührt gedeiht Du
bist zur Hälfte geschleiert vielleicht gibt Gott dir die Gnade dass du dein
ganzes Leben seinem Dienste weihst«
Da errötete Walburg aber sie sah dem Bischof offenherzig in das Gesicht
als sie antwortete »Oft kam mir der Gedanke für mein Leben hierzubleiben als
ich mit der Wunde saß denn selig ist der Frieden in deiner Nähe und viel
Leidvolles habe ich erfahren Aber mein Vater auch ohne Gelöbnis bin ich
gebunden an das Schicksal eines anderen Zürne nicht wenn ich dich an den Mann
mahne welcher frevelhaft das Eisen gegen dein Haupt gehoben hat«
Die Stirn des Bischofs umwölkte sich war es Zorn gegen Ingram oder Unwille
weil jemand seinem Wunsche widerstand im nächsten Augenblick sah er wieder
gütig auf das Weib welches flehend die Hände faltete »Sie haben ihm den
Frieden genommen Walburg nachdem er ihn vorher selbst verloren hatte«
»Deshalb will ich zu ihm ehrwürdiger Vater«
»Du Jungfrau« fragte Winfried erstaunt »in die Wildnis in ein fernes
Land zu einem verachteten Haupte«
»Wo er auch atme wie er auch lebe in dem wilden Wald unter dem Fels bei
Raubtieren und Raubgenossen ich will zu ihm Denn Herr ich bins ihm
schuldig«
»Deinem Vater im Himmel bist du schuldig nichts zu tun was gegen seine
Gebote ist Auch Zucht und Sitte sind dem Weibe geboten und waghalsiges
Preisgeben des eigenen Lebens ist ihm Unrecht«
»Ich verstehe die Lehre ehrwürdiger Vater« versetzte Walburg demütig
»Sonst habe ich mich züchtig gehalten und stolz gegen werbende Knaben auch
gegen ihn Er aber hat seine Freiheit um mich gewagt und sein Leben Frevelhaft
war das Wagnis ich weiß es mein Vater und allzu hart habe ich es ihm selbst
gesagt das reut mich jetzt In Not und Elend ist er um meinetwillen gekommen
ich will gehen ihn zu retten«
»Vermagst du das Mädchen«
»Der liebe Gott wird mir gnädig sein« antwortete Walburg
»Weißt du schon« fragte Winfried prüfend »ob er sich deine Nähe begehrt
Baust du auf das Verlangen das er einst hatte dich zu besitzen Walburg mein
armes Kind das Angesicht welches er holdselig fand hast du verdorben«
Walburg sah vor sich nieder und um ihren Mund zuckte der Schmerz »Bei Tag und
Nacht habe ich daran gedacht und ich fürchte sehr mein Antlitz ist ihm
verleidet Aber mein toter Vater war sein Gastfreund und er wird die Tochter
als eine gute Bekannte aufnehmen wenn er sich auch fortan ein anderes Weib
begehren sollte«
»Wo birgt sich der Heillose«
»Oben im Bergwald sein Diener Wolfram wird mich zu ihm führen«
»Und wenn ich dir verbieten wollte dein Leben und deine Seele an die
Wildnis zu wagen was würdest du dann tun«
Walburg sank vor ihm auf die Knie und die gerungenen Hände zu ihm
aufhebend antwortete sie leise »Ich müsste doch gehen ehrwürdiger Vater«
»Walburg« rief der Bischof drohend und zornig blitzten seine Augen
Schnell erhob sich Walburg »Was hat dich getrieben Herr als du hierherkamst
unter die Heiden Dein heiliges Haupt gibst du täglich dem Hass und der Bosheit
deiner Feinde preis Sorglos und fröhlichen Herzens reitest du durch die Dörfer
der Heiden und fragst nie ob dich ein Pfeil aus dem Dickicht treffe So großes
Vertrauen bewahrst du auf Gottes gnädigen Schutz und du zürnst der Magd die in
deiner Nähe lebt dass auch sie ihr Leben an die Gefahren der Wildnis wagt Groß
ist dein Amt ehrwürdiger Vater vielen Tausenden willst du Rettung bringen aus
dem Verderben ich bin ein armes Weib ich habe nur ein Leben um das ich bete
und weine aber den Mut habe ich wie du einen Willen wie du und solange ich
frei auf meinen Füßen wandle werde ich meine Schritte dorthin richten wo er
sein ruheloses Haupt birgt Denn ich erkenne arge Unholde schweben um ihn und
bedrängen seine Seele und darum muss ich eilen ihn zu retten wenn ich es
vermag«
»Als ein geschworener Mann des Himmelskönigs fahre ich über die Heide und
durch den Wald« versetzte Winfried ernst »in meinem Amte wage und dulde ich
du aber wenn du dich einem Unseligen gesellen willst folgst der Leidenschaft
welche auf Erden das Weib an den Mann bindet Nicht meines Amtes ist dein Tun
zu rühmen oder zu verdammen Wäre ich in Wahrheit dein Vater und stünde mir zu
dir den Gemahl zu wählen ich würde dich hindern oder dich selbst begleiten Als
dein geistlicher Berater sage ich dir die Absicht kann ich nicht tadeln die
wilde Fahrt darf ich nicht loben« Er wandte sich von ihr da er aber die
Jungfrau regungslos mit gesenktem Haupt stehen sah trat er wieder zu ihr und
nahm sie gütig bei der Hand »So muss ich als Bischof sprechen aber wenn du doch
den Unholden Trotz zu bieten wagst so werde ich darum nicht schlechter von dir
denken während der Fahrt will auch ich in deiner Sache zu dem Herrn beten ob
er mich gnädig erhört und wenn du zu mir zurückkehrst wie du gegangen bist so
will ich dich empfangen als mein wiedergefundenes Kind« Walburg neigte ihr
Haupt und der Bischof betete über ihr
Winfried kehrte in sein Gemach zurück und nachdenklich sprach er zu sich
selbst »Mein Geselle Gerold ist der redlichste unter den Franken die ich
kenne Auch die Magd welche ihr Leben für einen Verschollenen hingeben will
mag wohl in diesem Lande eine der besten sein und doch sind beide nicht echte
Erben des Gottesreiches Furchtbar ist es zu denken wie gering die Zahl solcher
ist welche das Leben im Erdgarten nur als Vorbereitung betrachten für die Halle
der Herrlichkeit Komm mein Sohn« rief er dem eintretenden Gottfried zu »ich
ringe mit schweren Gedanken und deine Nähe wird mir eine Erquickung Doch mit
Sorge sehe ich dass dein Antlitz bleich und deine Miene verhärmt ist was andere
zu wenig üben das tust du im Übermaß Ich lobe nicht dein Entbehren der Speise
nicht dein nächtliches Wachen und nicht die Geisselschläge die wie ich durch
die Wand höre deinen Rücken treffen Grüble nicht über Träume und ängstige dich
nicht dass flatternde Gedanken dir das reine Gewand deiner Seele verderben
können Zu einem arbeitsamen Gehilfen an hartem Werke hat dich der Herr
bestimmt und kraftvoll brauche ich dich denn viel ist noch zu tun Krieg steht
bevor an der Grenze aus unserer Friedenssaat ist er aufgegangen und wir haben
zu sorgen dass die jungen Gemeinden nicht von den Unholden zerschlagen werden
Deinen Reisegenossen Ingram hat das Urteil getroffen und wir wollen darauf
sinnen wie wir dem Friedlosen die Rückkehr in die Heimat bereiten denn er
gehört zu den Kindern unseres Gebetes Fortan bete du auch für Walburg die
Jungfrau Sie hat sich eigenwillig von uns gelöst und geht zu dem Friedlosen in
die Wildnis«
Gottfried schwieg aber ein Schauer fuhr ihm über den Leib und er stützte
sich an die Wand der Bischof sah erschrocken auf die gebrochene Gestalt
»Gottfried mein Sohn« rief er »was ist mit dir« Da ging der Mönch leise an
die Truhe in welcher die heiligen Gewänder lagen nahm die Stola hervor und tat
sie dem Bischof mit flehendem Blick um Winfried setzte sich in den Stuhl der
Mönch kniete an seiner Seite und faltete die Hände über den Knien des Bischofs
fast unhörbar waren die Worte welche er sprach aber dem starken Mann klangen
sie wie ein Schlachtruf in das Ohr und als der Jüngling geendet hatte und mit
seinem Haupte auf den Knien des Bischofs lag saß dieser über ihn gebeugt und
hielt die heiße Stirn des Betenden so voll von Schmerz wie der Jüngling selbst
Unter den Schatten
Am nächsten Morgen schritt Walburg mit ihrem Führer dem Walde zu Hinter ihr
rief Gertrud traurig in die Flur »Neig dich Laub und neig dich Gras denn
eine freie Magd will sich vom Sonnenlicht scheiden«
In dem lichten Gehölz über dem Dorfe weidete die Rinderherde Die Kühe
liefen neugierig aus dem Gebüsch und starrten die Jungfrau an auch der Hirt
trat an den Weg bot den Gruß und fragte wohin sie im Frühlicht wandle »In die
Berge« antwortete Walburg leise und der Mann schüttelte den Kopf Ein
vorwitziges Kalb trabte hinter ihr her und roch an ihrem Korbe »Weiche von mir
Braunchen« mahnte sie »denn der Weg den ich gehe wäre dir gefährlich du
hast Frieden bei den Leuten alle müssen dich beachten wenn du auch nur ein
Jährling bist und wenn dich ein Fremder schädigt so muss er es deinem Herrn
schwer büßen Der aber den ich suche ist ärmer als du denn jeder darf
ungestraft seinen heißen Mut an ihm kühlen und schutzlos schweift er ohne
Recht« Sie fasste ihren Handkorb fester und eilte dem Führer nach
Auf dem Gipfel des Hügels wandte sie sich um und streckte die Hand grüßend
nach der sonnigen Ebene aus sie schaute über die Beute der Ackerflur auf die
grauen Dächer des Dorfes und auf den Meierhof in dem sie Zuflucht gefunden
hatte sie dachte an die Kinder wer ihnen das Frühbrot austeilen werde und sah
die Brüder mit heißen Wangen bei ihren Holztafeln in der Schule sitzen und den
kleinen Bezzo der schreiend durch den Hof lief sie zu suchen
»Wenn er schreit wird er die Schule stören und ich fürchte sie werden ihn
abstrafen weil er um mich weint« Und vor ihrem Auge erschien das ernste
Angesicht Winfrieds als er zu ihr sprach »Du folgst irdischer Liebe und auf
diese Welt hast du deine Sache gestellt ich aber auf jene« Da seufzte sie »Ob
er mir im Herzen zürnte das möchte ich wohl wissen Aber er hat mich doch
gesegnet« tröstete sie sich »Vielleicht bittet er gerade jetzt zum
Himmelsherrn für mich wie er mir verhieß und unter seinem Gebet fahre ich
sicher dahin denn ich denke er muss dem großen Gott sehr lieb sein und ihm zu
Gefallen werden mich die Himmelsboten beschützen Doch meinetwegen fliegen sie
schwerlich weil der Friedlose sich so gröblich gegen den Bischof erhoben hat«
Längs dem rauschenden Bach gingen sie wohl eine Wegstunde bis sie dahin
kamen wo die letzten Markzeichen in den Grenzbaum gehauen waren und die Geleise
der Holzwagen aufhörten Dort begann die Wildnis welche nur der Jäger betrat
ein scheuer Wanderer der über die Berge zog und der gesetzlose Räuber welcher
heimatlos über die Erde irrte Vor ihnen erhob sich der wilde Wald Urstämme
mit langen Flechten umhangen glänzten silbergrau gleich riesigen Säulen
welche hoch oben das Laubdach trugen Dichter Schatten deckte den Grund über
dem Wurzelgeflecht und gestürzten Stämmen lag die grüne Moosdecke und große
Farnwedel breiteten sich in der Dämmerung Wolfram zog die Mütze wie dem Jäger
geziemte wenn er unter die Wildbäume trat und Walburg neigte sich mit
ehrfürchtigem Gruß gegen den Hochwald »Ihr Gewaltigen wachst frei gegen den
Himmel Sonnenschein und Regen fühlt ihr auf den Wipfeln und der Quell im
Felsen netzt euren Fuß Gönnt auch mir das Gute das ihr uns Fremdlingen
gewährt wenn wir euch furchtsam nahen die Waldfrucht als Kost weiches Moos
als Lager eure Zweige als Decke und eure Stämme als eine Ringburg gegen die
Feinde« Noch einmal wandte sie sich zum Lichte zurück dann trat sie beherzt in
den Schatten
Wohl eine Stunde führte Wolfram zwischen den Stämmen über Berg und Tal
Endlich hielt er auf der Höhe vor einer riesigen Buche und sprach mit gedämpfter
Stimme »Dies ist der Baum« Er bog vorsichtig das Farnkraut zurück hob ein
Stück Buchenrinde ab welches die Höhlung verdeckte und wies hinein Dann
spähte er vom Höhenrand ringsumher Nichts war zu sehen »Es ist noch nicht die
Zeit in welcher er kommt doch bist du sicher dass er heut nicht ausbleibt
denn er hofft auf sein Ross«
Der Jungfrau pochte das Herz als sie um sich sah eine Riesensäule hinter
der anderen bis die fernsten sie dicht einhegten wie eine ungeheure Mauer »Wir
scheiden Wolfram weiche zurück nach dem Hofe und lass mich hier dass ich ihn
allein treffe«
»Wie darf ich ein speerloses Weib unter dem wilden Gewächs zurücklassen«
versetzte Wolfram unwillig
»Geh dennoch du Treuer was ich mit ihm zu reden habe geht uns allein an
und kein anderer soll es hören Willst du mir freundlich sein so kehre morgen
um Mittag hierher zurück und frage den Baum wie es um mich steht Ich will es
Wolfram und du kränkst mich wenn du anders tust«
Wolfram streckte ihr die Hand hin »Fahre wohl Walburg ich ginge nicht
aber ich weiß dass der andere nicht lange säumen wird« Er schritt abwärts
solange die Jungfrau ihn sehen konnte dann warf er sich auf den Boden »Harren
will ich bis ich seine Gestalt merke damit ihr jemand nahe bleibt der den
Waldbrauch kennt«
Walburg saß allein unter dem Baum sie legte die Hände zusammen und blickte
empor nach der Höhe wo sie den blauen Himmel nicht mehr sah nur Äste und
Blätter Unter den grauen Stämmen herrschte tiefes Schweigen selten tönte von
hoch oben der Ruf eines Vogels Da fuhr es leise am nächsten Baumstamm herab
ein Eichhorn setzte sich ihr gegenüber auf den Ast neigte ihr zuweilen den
kleinen Kopf zu und blickte sie mit den runden Augen an während es eine Ecker
in den Pfoten hielt und daran nagte Auch Walburg grüßte das Waldtier und sprach
rühmend »Gut stehen dir deine Ohrbüschel und dein stolzer Schweif sei mir
freundlich Rotaar denn ich sinne dir nichts Böses und könnte ich dir helfen
mit Eicheln und Eckern in deinem Haushalt ich täte es gern Doch reicher bist
du als ich denn du hältst dein Wesen hoch in der Baumhalle wir Menschenkinder
aber schreiten beschwerlich über die Wurzeln Ich kümmere mich um einen den du
leicht erspähst wenn du durch die Wipfel schweifst siehst du ihn auf seinem
Wege so laufe vor ihm dass du ihn zu mir führst« Das Eichhorn nickte mit dem
Kopf warf die Frucht auf den Boden und fuhr eilig den Stamm hinauf
»Es tut nach meinem Willen« sprach Walburg lächelnd Da vernahm sie einen
schnellen Schritt sie hörte sich beim Namen rufen und sah den Friedlosen der
zwischen den Stämmen auf sie zusprang sich neben ihr in das Moos warf und ihre
Hand fasste »Kommst du doch« rief er und in dem frohen Schreck versagte ihm
die Stimme »Dich noch einmal zu sehen habe ich heimlich gehofft und täglich
wandelte ich über das Moos wie gebannt an den Baum« Walburg strich ihm
liebkosend die Wange und das Haar »So bleich das Antlitz verworren die Locke
und hager der Leib du armer Schatten der das Sonnenlicht meidet dir war der
Wald feindlich denn dein Aussehen ist vergrämt und dein Auge starrt wild auf
das Kind deines Gastfreundes«
»Es ist unmenschlich im Walde und fürchterlich ist die Einsamkeit für den
Ausgestossenen« antwortete Ingram »seinen Fuß klemmt die Baumwurzel die Äste
raufen ihm das Haar und die Krähen in der Höhe reden misstönend miteinander ob
er ihnen zum Frass wird oder nicht« Er fuhr empor »Weiß ich doch nicht ob ich
mich freuen soll da ich dich sehe du kommst von den Priestern und du gehst zu
ihnen zurück um ihnen die gute Botschaft zu verkünden dass du mich in Elend und
Jammer gefunden hast«
»Ich war bei den Priestern und ich komme zu dir« antwortete Walburg
feierlich »aus dem Hof der Christen bin ich gegangen um für dich zu sorgen
wenn ich es vermag die Menschen habe ich verlassen und den wilden Wald habe
ich gewählt wenn du mich haben willst«
»Walburg« schrie der Friedlose warf sich wieder neben ihr auf den Grund
er umschlang sie mit seinen Armen drückte sein Haupt an ihren Leib und
schluchzte wie ein Kind
Walburg hielt ihm das Haupt küsste ihn auf sein Haar und sprach ihm tröstend
wie eine Mutter zu »Sei ruhig du Wilder ist dein Schicksal auch schwer du
hast eine die dirs tragen hilft Auch ich bin aufgewachsen nahe der Wildnis
und nahe den Räubern der Grenze die Bedrängten rettet wohl geduldiger Mut
Setze dich dort mir gegenüber Ingram und lass uns bedächtig reden wie sonst
wenn wir am Herde meines Vaters zueinander sprachen«
Ingram setzte sich gehorsam aber er hielt ihre Hand fest
»Drücke auch nicht so traulich meine Hand« mahnte Walburg »denn ich habe
dir Schweres zu sagen was der Mund eines Mädchens nicht gern spricht« Ingram
aber unterbrach sie »Bevor du redest höre auch meine Meinung« Er hob einen
Kiesel aus dem Moose und warf ihn hinter sich »So tue ich ab was uns trennte
vergiss auch du Walburg was dich an mir gekränkt hat gedenke nicht der
Sorbenfessel und nicht der Lösung durch die Fremden und ich flehe verstöre
mich nicht durch strenge Rede denn so selig fühle ich mich jetzt da ich dich
vor mir schaue und deine Treue erkenne dass ich um Bann und Friede wenig sorgen
will Du bist meinem Herzen sehr lieb und heut wo du zu mir kommst mag ich an
nichts denken als an dich und mich deiner zu freuen«
Der Schleier welcher das halbe Antlitz der Jungfrau verhüllte bewegte
sich »Sieh doch erst zu Ingram wen du liebhast wir loben den Freier der
vorher betrachtet was er erwerben will« Sie schlug den Schleier zurück eine
rote Narbe zog sich über die linke Wange eine Hälfte des Gesichts war ungleich
der anderen »Das ist die Walburg nicht deren Wange du einmal gestreichelt
hast« Er sah das Angesicht vor sich welches ihn damals erschreckt hatte wo er
das Schwert gegen den Bischof hob Sie blickte spähend nach ihm und als sie
sein Staunen sah verhüllte sie die Wange wieder und wandte sich ab um ihre
Tränen zu verbergen
Ingram rückte sich näher und rührte leise an die andere Wange »Lass mich
diese küssen« sagte er treuherzig »Ich bin erschrocken denn wild steht die
Narbe in deinem Gesicht aber ich weiß dass du sie erhalten hast als ich ein
Tor war und die Männer und Frauen werden dich darum nicht weniger ehren«
»Du sprichst ehrbar Ingram aber ich fürchte mein Anblick wird dir
dereinst mühselig wenn du mich mit anderen vergleichst Ich bin stolz und wenn
ich dein Weib werde so will ich dich allein haben für Leben und Tod denn das
ist mein Recht Auch ich will dir sagen wie mir uns Herz ist Als ich noch
aussah wie andere Mädchen hatte ich dich mir als Ehewirt gehofft und wenn du
nicht mein Gemahl wirst so wird es schwerlich ein anderer Mann auf Erden auch
wenn mich einer begehren wollte Vor kurzem aber hörte ich eine Stimme die wie
aus meinem Innern zu mir sprach dass ich mich einem anderen Herrn verlobe dem
Himmelsgott der selbst die Wundenmale trug Den halben Schleier haben sie über
mich gelegt ob ich dereinst mein Haupt ganz verhülle oder nicht darum sorgte
ich in bitterer Angststunde«
Ingram sprang auf »Viel Böses wünsche ich den Priestern denn sie haben
deine Gedanken von mir abgewandt«
»Das haben sie nicht getan« versetzte Walburg eifrig »du kennst sie nicht
die du schmähst Setze dich wieder und höre ruhig denn zwischen uns soll
Vertrauen sein Stündest du im Glück vor mir so würde ich vielleicht mein Herz
verbergen und wenn du noch bei meinen nächsten Verwandten um mich werben
wolltest so wäre dir die Freite langwierig wegen der Narbe denn ich würde
deiner Beständigkeit nur schwer trauen Jetzt aber sehe ich dass dir ein Freund
not tut und dass dein Leben in großer Gefahr ist da ist die Angst um dich in mir
übermächtig geworden und ich bin zu dir gekommen damit du unter den Raubtieren
nicht verwilderst und wenn ichs hindern kann im Walde nicht vergehest Denn
ich weiß und du weißt es auch dass ich in der Not zu dir gehöre« Sie nahm den
Schleier ab »Sehen sollst du mich fortan wie ich bin ich verstecke mein
Gesicht nicht vor dir«
Wieder warf sich Ingram an ihrer Seite nieder und umfing sie »Sorge nicht
um meine Rettung und nicht um meine Seligkeit an beiden liegt mir wenig wenn
du mir nicht sagst was ich hören will dass du zu mir kommst weil du mich
liebhast«
»Ich will mich dir angeloben« sprach Walburg leise »wenn du mir dasselbe
tust«
Jauchzend zog er sie in die Höhe »Komm wo die milde Sonne scheint dass wir
die heiligen Worte sprechen« Aber als er ihr in die Augen sah die in Liebe und
Zärtlichkeit an seinem Angesichte hingen verwandelte sich seine Gebärde die
herbe Sorge fiel ihm auf das Herz und er wandte sich ab »Wahrlich« rief er
»ich bin wert unter Wölfen zu hausen dass ich die Tochter des toten
Gastfreundes dem Grauen der Wildnis preisgeben will Vergessen habe ich wer ich
bin Jetzt sehe ich um mich graues Holz und wildes Kraut und ich höre über mir
den Schrei der Adler Übel habe ich mein eigenes Leben beraten aber ein
niedriger Mann bin ich nicht und die Treue eines Weibes mag ich nicht
missbrauchen damit auch sie verderbe Geh Walburg es war nur wie ein lustiger
Traum«
Er lehnte sich an einen Baum und stöhnte Walburg hielt seinen Arm fest
»Ich stehe doch unversehrt an deiner Seite und ich vertraue auf den
mächtigen Schutz dessen den wir Vater nennen und dazu auch auf Speer und
Schwert meines Helden an dem ich mich festalte«
»Ich war ein Krieger jetzt bin ich ein ruchloser Schatten Es ist hart
Walburg Feuer und Rauch zu meiden noch härter jedem Wanderer scheu aus dem
Bereich seiner Augen zu weichen oder eines Kampfes gewärtig zu sein ohne
Feindschaft und Grimm nur weil der andere nach dem Friedlosen wie nach einem
tollen Hunde schlägt Aber härter als Leibesnot und Mord im Waldesdunkel ist es
feige das Haupt zu bergen und unrühmlich dahinzuleben wie das Ungeziefer unter
den Bäumen unerträglich ist solches Lungern und die einzige Hilfe wird ein
schnelles Ende im Schwertkampf Geh Walburg und willst du mir deine Liebe
erweisen so sage einem der einst mein Mann war dass er mir ein gezäumtes Ross
herführe damit ich mir die letzte Rache suche« Er warf sich auf den Boden und
barg das Gesicht in dem Moos
Walburg fühlte heiße Angst um den Liegenden aber sie zwang sich zu mutiger
Rede neben ihm sitzend strich sie ihm die wirren Locken zurecht »Tust du
doch als ob du niemand im Lande hättest der noch um dein Wohl sorgte Schon
mancher der den Frieden verloren hatte gewann ihn zurück wenn der Zorn
geschwunden war Es tat vielen leid dass der Spruch gegen dich fiel Herr
Winfried selbst hat bei dem Grafen für dich gebeten«
»Sage mir das nicht zum Troste« fuhr Ingram zornig auf »ganz widerwärtig
ist mir solche Bitte und verhasst jede Guttat des Priesters Vom ersten Tage wo
ich ihn sah hat er mich richten und schicken wollen wie einen Knecht dich und
mich wollte er hinterlistig für sich benützen Als ich das Urteil über mich
vernahm da dachte ich besser von ihm als je zuvor wenn ich ihn auch hasste
denn ich meinte er hat doch den Mannessinn sich an seinem Feinde zu rächen
Sein Mitleid aber ist mir das Unerträglichste von allem denn ganz will ich ihm
verleidet sein«
Walburg seufzte »Wie darfst du ihn schelten er übt doch nur was ihm der
Glaube gebietet Gutes zu tun seinen Feinden«
»Vielleicht kommst auch du zu mir Christenmädchen um Gutes zu tun nach
deinem Glauben und im Innern verachtest du mich«
Walburg schlug ihn leise auf das Haupt »Dein Kopf ist hart und deine
Gedanken sind ungerecht« Und sie küsste ihn wieder auf die Stirn »Nicht allein
der Bischof ist dir wohlgesinnt auch der neue Frankengraf hat dich gegen den
Bruno bedauert dein Schwert hat er hoch gerühmt und wie ungern er dich missen
würde bei der nächsten Schwertreise gegen die Slawen Denn vernimm du Held der
Thüringe sie sagen dass noch diesen Herbst nach der Ernte ein Volksheer gegen
die Wenden geboten wird«
Ingram fuhr auf »Ha das ist gute Kunde Walburg wenn sie auch mich
Unseligen ausgeschlossen haben«
»Höre noch anderes« fuhr Walburg fort »der große Frankenfürst liegt wie
sie sagen selbst gegen die Sachsen im Felde und überall rüsten die Helden zu
neuem Streit«
»Du machst mich toll meinst du ich werde überleben von den
Schwertgenossen getrennt zu sein wenn sie sich Ehre erwerben«
»Ich denke darauf dass du in ihren Reihen kämpfen sollst und auch darum bin
ich hier«
Ingram sah erstaunt zu ihr auf aber ein Hoffnungsstrahl fiel in seine
Seele und er fragte »Wie kannst du mir dazu helfen«
»Noch weiß ich es nicht« antwortete Walburg mutig »aber ich hoffe Gutes
für dich Ich gehe zu dem Grafen und wenn er nichts vermag zum Frankenfürsten
selbst in die Fremde und ich flehe zu unseren Landsleuten Von Hof zu Hof will
ich wandern und bitten vielleicht dass sie mir günstig sind weil sie dein
Schwert jetzt gebrauchen«
»Du treues Mädchen« rief Ingram hingerissen
»Und doch willst du mir verwehren dir zu helfen du törichter Mann« mahnte
Walburg leise »denn du weigerst dich mein Gelübde aufzunehmen Wie kann die
Jungfrau vor den Fremden für dich sprechen wenn sie dir nicht verlobt ist«
Ingram hob die Hand und rief »Wenn ich leben soll und wenn ich jemals noch
mit leichtem Mut über die lichte Flur wandle dann will ich versuchen ob ich
deiner Gesinnung zu danken vermag«
»Jetzt sprichst du wie ichs gern höre« sagte Walburg froh »und wie mit
meinem künftigen Hauswirt will ich alles mit dir bereden damit wir ein besseres
Glück für uns finden Du behältst mich bei dir hier im Walde oder wo es sonst
sei solange ich dir tröstlich bin und wenn es dir dünkt sendest du mich in
das Land damit ich als deine künftige Hausfrau um deine Sachen sorge Die Leute
werden mirs glauben wenn ich es ihnen sage dass ich als deine Braut komme Für
den Rabenhof wird es gut sein wenn eine Frau nach Ordnung sieht Deine
Dienerinnen haben sich verlaufen und sie dürfen nicht wiederkommen denn ich
denke allein Herrin im Hause zu bleiben« Ingram nickte zustimmend »Auch das
Vieh braucht Pflege wie ich merke und ich werde dir eine Magd werben das
bespreche ich mit Bruno der ein bescheidener Mann ist Seinen Rat höre ich
auch wie wir dir den Frieden wiederschaffen Nicht ohne schwere Busse kannst du
ihn gewinnen wenn es dir glückt die Busse wirst du leisten wenn sie dich auch
einen Teil deines Landes kostet entweder an deinem Hofe oder an dem Erbacker
deiner lieben Mutter im Tale« Ingram seufzte »Es war ein schwerer Spruch den
sie gegen dich ausriefen dass du Friede haben sollst wo dich niemand sieht und
hört Aber das harte Wort vermögen sie mild zu deuten Auch die Christen werden
nicht nach dir spähen und nicht horchen bis du wieder sichtbar und ruchbar
wirst im Volke wenn du gleich in dem Rabenhofe weilst oder im öden Hofe meines
lieben Vaters in den ich gern zurückkehrte Dies sind meine Gedanken und jetzt
sage mir die deinen«
»Mein Gedanke ist« rief Ingram »dass ich ein gutes Weib haben werde wenn
das Schicksal mir verstattet im Lichte zu leben und eine Hausfrau die
verständiger für das Rechte sorgt als ihr Wirt«
»So rühme ich dich Ingram« fuhr Walburg siegreich fort »Wie wir aus der
Not kommen weiß der liebe Gott allein aber ihm vertraue ich und ihm danke ich
dass ich dich im Walde gefunden und dein Herz erkannt habe wie du gesinnt bist«
Sie neigte das Haupt und sprach das Vaterunser Ingram saß still an ihrer Seite
und hörte auf die Bitten die sie raunte Als sie darauf neben ihm saß mit
gefalteten Händen und lächelndem Munde rührte er leise an ihren Arm und bat
»Komm Walburg dass ich dich aus dem Schatten in die Sonne führe« Das Mädchen
wandte sich zu ihm »Steht mir die Narbe hässlich«
»Ich merke sie nicht mehr« versetzte Ingram ehrlich
Walburg seufzte »Vielleicht wirst du sie gewohnt Du aber mein Held harre
noch ein wenig Wie du jetzt bist darf dich die Sonne nicht sehen denn sie
scheint ungern durch Löcher im Gewande auf die bloße Haut und auch das wilde
Haar steht einem Bräutigam schlecht Zieh erst die Jacke aus dass ich dir sie
nähe und suche unterdes den Quell damit du dir daran das Haupt schmückest wie
sichs gebührt« Sie öffnete ihren Korb und holte emsig Faden und Nadel hervor
»Allerlei habe ich mitgebracht was kein Mensch unter den Bäumen findet und was
doch jeder braucht wenn er anderen gefallen will Hier ist dein Bräutigamshemd
ob du es meinetwegen tragen willst ich habe es unter Schmerzen genäht als ich
krank saß Denn du lebst jetzt nicht mehr für dich allein auch für mich hast du
zu sorgen und vor allem hast du darauf zu denken dass du mir immer gefällst«
Sie trieb ihn fort und besserte eifrig die Risse in dem braunen Wollkleide
Als er wieder aus der Tiefe auf sie zusprang riss sie den letzten Faden ab
und half ihm die Jacke anziehen und vom Moose säubern »So gefällst du mir denn
ganz verwandelt stehst du unter den Bäumen Und jetzt Ingram bin ich bereit
dir zu folgen wohin es auch sei« Sie packte ihr kleines Gerät zusammen und
als er den Korb heben wollte wehrte sie es »Das ziemt dem Krieger nicht nur
mich selbst darfst du tragen wenn mich die Kraft verlässt Gib mir deine Hand
damit ich mich darauf stütze«
So schritten sie schweigend nebeneinander über den Moosgrund bis zu einem
Felshaupt das sich zwischen den Bäumen erhob Der Stamm welcher einst darauf
gestanden hatte war gefallen und auf der Stätte blühten im Sonnenlicht
wallende Gräser Heideröschen und blaue Glockenblumen Da drückte sie seinen Arm
und mühte sich ihre Bewegung unter einem Lächeln zu verbergen »Halt an
Ingram und vernimm noch das letzte Deine Braut will ich werden zu dieser
Stunde aber dein Ehegemahl wird die Tochter deines Gastfreundes erst im Ringe
der Verwandten wenn mein Oheim die Frage der Vermählung tut Denn der Sitte
gedenken wir auch wenn wir allein sind Bis dahin liegt zwischen uns ein
blankes Messer das du mir einst geschenkt« Sie zuckte in ihr Gewand und hob
die Klinge heraus die sie in der Halle des Ratiz gegen sich gebraucht hatte
»Denke an das Messer Ingram wenn du meine Wange nicht siehst«
»Leidig ist das Messer« rief Ingram unwillig
»Ein guter Warner ist es« rief Walburg und fasste bittend seine Hand
»Mahnen soll es dich damit du dein lebelang deine Hausfrau ehren kannst«
Ingram seufzte aber gleich darauf sprach er mit gehobenem Haupt »Du
denkst wie meinem Weibe gebührt«
Beide traten in das Licht und sprachen vor der Himmelssonne ihre Namen und
die Worte durch welche sich jedes dem anderen verlobte für das Leben und den
Tod Als Ingram das Weib nach der Sitte durch ein Zeichen binden wollte und
zurück sah um ein Reis zu brechen das er ihr um den Arm winde da sagte sie
leise »In deiner Tasche barg ich das feste Band welches mich an dich bindet«
Er fasste den harten Gurtriemen des Messers das er ihr in der Todesnot gereicht
hatte Und als er sie nach dem Verlöbnis umschlang da fühlte sie wie sein
starker Leib in der Aufregung bebte und sie sah dass die Sonne ein bleiches und
trauriges Antlitz beschien Lange hielt sie ihn fest und ihre Lippen bewegten
sich Aber gleich darauf begann sie heiter »Jetzt lagere Held damit ich dir
das Brautmahl bereite denn das ist eine Ehre der Braut und sie lässt sichs
nicht nehmen Fehlts heut an anderen Gästen so laden wir die kleinen
Waldvögel wenn diese hier auf der Höhe bereit sind uns Freundliches zu
singen« Sie zwang ihm die Kost ein welche sie mitgebracht hatte und legte ihm
die guten Bissen vor wie einem Kranken dabei erzählte sie ihm gleichmütig ihre
Sorbenfahrt und von dem Fleiß auf dem Meierhofe auch von dem Kranz der wilden
Gertrud bis er sie wieder mutig anlachte
Die Sonne stieg aus der Mittaghöhe hinab und Ingram sah nach dem Himmel
»Ich erkenne mein Herr denkt an den Aufbruch« sagte Walburg »Führe deine
Waldbraut wohin es dir gefällt Sicher hast du als rühmlicher Jäger eine
Baumhütte die ich dir stattlich machen will«
»Das Lager des Wildtiers nach dem du fragst ist unter den Steinen«
antwortete Ingram ernstaft »zufällig habe ich es aufgefunden und außer mir
kennt es wohl nur einer der lebt Es ist weit von hier und ungern führe ich
dich hinein doch ist es gut wenn du die Zuflucht kennst«
»Komm« rief Walburg »mich ängstigt dass deine Augen so unruhig
umherfahren wenn ich zu dir rede«
Wieder gingen sie unter dem Schattendach auf ungebahntem Wege dahin aus dem
Laubwald in Nadelholz über Berg und Tal durch Erdspalten und rinnende Bäche
Einmal hielt Ingram still warf sich zu Boden und riss Walburg nach »In der Nähe
läuft ein Saumpfad über die Berge« raunte er Gleich darauf hörte Walburg
Männerstimmen und sah in einiger Entfernung zwei Bewaffnete vorüberreiten Als
Stimmen und Hufschlag verhallten und Ingram sich erhob war er bleich wie ein
Sterbender und kalter Schweiß lag auf seiner Stirn »Es waren Reisige des
Grafen« sagte er heiser Sie strich ihm mit ihrem Tuch über die Stirn »Halte
nur aus der Tag wird kommen wo diese sich grüßend vor mir neigen« aber sie
fühlte tief im Herzen die bittere Scham des Friedlosen Stumm gingen sie weiter
Oft hielt Ingram an lauschte und sah ängstlich um sich endlich drangen sie
abwärts durch dichtes Laubholz zwischen dem nur einzelne Hochstämme ragten Als
Walburg mühsam an den Fuß eines steilen Abhangs niedergetaucht war wo das
Gebüsch dicht umschloss hielt Ingram an »Hier ist die Stelle fürchte dich
nicht Walburg und vertraue mir« Sie nickte ihm zu er bog die Zweige
auseinander und wälzte eine Steinplatte zur Seite vor ihm gähnte eine schwarze
Öffnung »Enge ist der Pfad der in die Tiefen der Erde führt hier ist fortan
deine Wohnung Wolfsbraut« Walburg trat schaudernd zurück und machte das
Kreuzeszeichen »Bist du es erst gewöhnt dann lachst du wie ich« tröstete
Ingram aber er selbst lachte nicht »Ich gehe voran und halte dich an der Hand
bücke dein Haupt dass der Fels dich nicht verletze« Er drang hinein und zog sie
nach In schwarze Nacht ging es eine Strecke abwärts sie tastete mif Fuß und
Hand
»Fürchterlich ist der Weg in die Totenhölle« seufzte sie er aber zog sie
weiter »Jetzt steh fest damit ich dir leuchte« Er ließ ihre Hand los sie
stand auf unebenem Boden an ihren Seiten war der Fels gewichen und mit
Entsetzen griff sie um sich in leere Finsternis Da erglomm ein Funke das Licht
ging auf und erfasste einen Haufen Reisig bei der roten Flamme sah sie rings um
sich eine gewölbte Höhle die scharfen Zacken des Gesteins blitzten wie Silber
und rotes Gold Vor ihr neigte sich der Boden schräg hinab bis zu einer
schwarzen Wasserfläche welche den hinteren Grund der Höhle bedeckte Der Rauch
wirbelte aufwärts um den strahlenden Fels bis er in graulicher Dämmerung
schwand wo durch einen Spalt in der Höhe ein bleicher Schimmer Tageslicht
hineinfiel Zwischen dem blinkenden Stein dem schwarzen Wasser und der
lodernden Flamme sank Walburg auf die Knie und schloss mit gefalteten Händen die
Augen »Fürchte dich nicht Walburg« tröstete Ingram »ist der Stein auch kalt
und das Wasser auch tief dennoch ist der Felsbau ein guter Schutz«
»Hier ist die Behausung der Heidengötter« murmelte Walburg bebend »in
solcher Höhle schlummern sie im Wintersturm wie die Leute sagen Jetzt mögen
sie hier weilen um sich vor dem Christengott zu bergen und frevelhaft war es
für dich und mich in ihre Nacht zu dringen«
Ingram sah unruhig um sich aber er schüttelte das Haupt »Hausen sie hier
ich habe sie noch nicht gefunden obgleich ich gezagt habe ganz wie du da ich
zuerst hier eindrang Und wieder zu anderer Stunde habe ich hier gelegen am
flammenden Feuer und in schwarzer Finsternis und ich habe sie mit wildem Mute
gerufen dass sie mir halfen alle heiligen Götternamen Aber Walburg« flüsterte
er »keiner hat mich gehört Der hohen Menschenherrin Frija meinte ich gehöre
die Steinhalle denn die Weisen sagen dass sie gnadenvoll in den Bergen waltet
und sterbende Männer zuweilen bei sich aufnimmt und da ich zweifelte und
ausgestoßen war so wähnte ich dass sie mir die Gunst ihrer Höhle gewährt habe
und obwohl sich mir das Haar sträubte so nannte ich sie doch ich flehte und
schrie und gelobte mich ihrem Dienst aber sie kam nicht Die Flamme loderte wie
jetzt nur in dem Wasser wirbelte es und ich erkannte eine große
Wasserschlange welche umherfuhr Ich schaute in ihr die Göttin warf mich zu
Boden und hörte die Schlange rauschen gerade wie jetzt« er wies auf das
Wasser Walburg stieß einen gellenden Schrei aus denn eine große Schlange wand
sich in der Flut und ihr Kopf hob sich über die Wellenringe an der Oberfläche
»Flieh Ingram« flehte Walburg »ich weiß und es steht in den heiligen
Büchern geschrieben dass solcher Wurm dem Menschen alles Unheil sinnt«
»Er bringt Schätze sagen sie« versetzte Ingram leise »doch habe ich hier
noch kein Gold erspäht Einmal kam die Schlange hervor und rollte sich auf der
warmen Kohlenstätte da meinte ich sicher dass sie die Herrin der Höhle sei
Aber Mädchen ich glaube nicht mehr dass sie es ist Denn ich sah einst wie
eine Maus längs dem Wasser dahinfuhr Und der Wurm schnellte hervor und
verschlang die Maus und lag dann am Ufer mit geschwollenem Leibe«
»Weißt du wer die Maus war« mahnte Walburg ängstlich »Mancher Unhold
wandelt in Maushülle«
Aber Ingram versetzte kopfschüttelnd »Ich meine es war eine Waldmaus wie
viele andere Seitdem fürchte ich die Schlange nicht sehr Und wenn sie auch
manches vermag so ists doch nichts Arges denn friedlich hausen wir
nebeneinander Und dass ich dir alles vertraue Walburg« fuhr er schwermütig
fort »ich glaube nicht mehr dass die Menschengötter groß um mich sorgen Es
gelang mir auch nicht mit Hilla der weisen Frau als ich mich in ihre Hütte
wagte«
»Unseliger« schrie Walburg »zu der Zauberfrau bist du gegangen die sie
eine Hegisse nennen Sie opfert den Nachtgeistern und heillos wird jeder der
mit ihr zu tun hat«
»Das sagt ihr Christen Doch leugne ich nicht ihr Wesen ist traurig und
unhold ihre Arbeit Sie forderte zu dem Nachtwerk das sie für mich beginnen
wollte ein lebendiges Kind«
»Du aber widerstandest« rief Walburg
»Ich dachte an dich« versetzte Ingram zögernd »und dass ich zu den Sorben
gefahren war um Kinder zu lösen Und ich ging nicht wieder zu ihr Seitdem lebe
ich wie einer den die Überirdischen nicht mehr schützen denn auch sie achten
den Friedlosen gering Nur einer hohen Herrin vertraue ich mich« fuhr er
geheimnisvoll fort »Der Schicksalsfrau welche mit ihren Schwestern auf dem
Gewässer schwebt und ich meine es wird besser um mich stehen wenn ich in dem
Tale flehe über dem sie waltet«
»Von der Wasserfrau am Idisbach sprichst du« fragte Walburg scheu Ingram
nickte »Sie ist meinem Geschlecht seit der Urzeit hold und eine Sage kündet
wie sie uns günstig wurde Willst du sie hören so vernimm denn dies ist die
Stunde wo ich dir mein Geheimnis vertrauen darf« Er warf neue Holzbündel in
die Flamme dass sie prasselnd aufloderte zog die erschrockene Walburg neben
sich auf einen Moossitz und begann feierlich »Ingo ist der Ahn genannt von dem
ich stamme ein Held der Thüringe Er war der Tochter seines Häuptlings lieb
die der Vater einem anderen gelobt hatte Und als der Held seinen Feind auf der
Kampfaue gefällt hatte machten sie ihn friedlos und er schweifte als fahrender
Recke Einst ritt er am Wasser dahin sie sagen es war der Idisbach da sah er
eine wilde Otter welche gegen einen Schwan kämpfte Er erlegte die Otter und
als er darauf unter dem Eschenbaum saß auf der Höhe hob sich aus dem
Schwanenkleid die Herrin des Baches sang über ihm glückbringende Runen und
begabte ihn mit einem Zauber der ihm Sieg und Unsichtbarkeit gegen seine Feinde
verlieh Mit dem Zauber drang der Held bei Nacht in den Hof des Häuptlings und
entführte die Jungfrau welche er liebte Er zimmerte sich über dem Bach der
Göttin seinen Hof dort hauste er gewaltig die Männer des Tales dienten ihm
und keiner seiner Feinde vermochte ihm obzusiegen Einst aber holte der kleine
Sohn des Helden den Zauber aus der Truhe hing ihn um und wandelte in den Wald
Da wurden die Feinde meines Ahnen mächtig und verbrannten ihn und die
Hausgenossen mit dem Hofe Nur der Knabe entrann Von ihm stamme ich«
»Weißt du Ingram ob die Gabe in Wahrheit Glück brachte« fragte Walburg
»Wie darfst du zweifeln« rief Ingram unwillig »es ist geheime Kunde meines
Geschlechtes und ich selbst bewahre noch den Zauber das Erbe meiner Ahnen«
»Du trägst bei dir was von Unholden stammt« schrie Walburg angstvoll »Lass
michs sehen dass ich wisse denn auch dies ist jetzt mein Recht«
»Du stehst unter dem Kreuze« versetzte Ingram besorgt »und ich weiß nicht
ob du dem Zauber günstig bist und er dir Doch will ich dirs heut nicht
bergen« Er riss das Kleid auf und wies eine kleine Tasche von abgestossenem Fell
die an seinem Halse hing »Dies Zeichen ist so echt und heilig als irgend etwas
auf Erden sieh her du magst noch erkennen dass es in Wahrheit vom Otterfell
stammt Mein Vater trug es zuweilen und meine Mutter übergab es mir Als ich
nach den Kindern ritt barg ich es im Gewande und darum fürchte ich ward der
Sorbe mein Herr Nach der Heimkehr band ich es um«
»Und an demselben Abend verlorst du den Frieden« mahnte Walburg »Ich
verlor ihn« versetzte Ingram düster »vielleicht dass der Zauber nicht den
Frieden bewahrt denn friedlos war auch mein Ahnherr da er ihn empfing«
Mit geheimem Grauen erkannte Walburg dass der Mann den sie liebte unter
der Macht unholder Gewalten stand Die Flamme loderte und warf rote Funken
umher der zackige Stein leuchtete und blitzte und unten in der Tiefe wirbelte
der teuflische Wurm
»Wer wärmt hier so frech sein Gebein« rief eine wilde Stimme vom Eingang
her »den Rauch roch ich über den ganzen Berg«
Aus dem Felsspalt trat schwerfällig in dunklem Kleide von Fellen eine
riesige Gestalt blutbesprjetzt war das Gesicht und Blut träufelte von den Armen
als der Unhold sich dem Feuer näherte Walburg fuhr entsetzt in die Höhe »Ich
sehe zwei Bist du unsinnig Wolfsgenoss da du dir ein Weib unter die Erde
holst«
»Du wähltest üble Stunde einzudringen Bubbo« entgegnete Ingram unwillig
»und dir steht Drohen schlecht an wo du selbst die Hilfe anderer gebrauchst
denn ich sehe hartem Kampf bist du entronnen«
»Den Bär erlegte ich mich packte die Bärin und wir rollten zusammengeballt
vom Felsen Mein gutes Glück war dass sie unten lag und für mich den Sturz
bezahlte ich schleppte mich mühsam hierher wo ich dich zu finden hoffte«
versetzte Bubbo und setzte sich schwerfällig auf das Moos
»Sieh zu wo er wund ist damit ich ihn verbinde« mahnte Walburg welcher
die Not des anderen den Mut zurückgab und sie trug den hilfreichen Korb heran
»Bist dus Walburg« murrte Bubbo »Der Armknochen ist gebrochen und der
Leib voll Risse schiene den Arm mit Rinde und sprich deinen Segen wenn du es
vermagst denn ich fürchte meine Braunen werden über diesen Sturz frohlocken«
Während Ingram Wasser schöpfte und aus der Höhle eilte um Baumrinde und
Moos zu holen bereitete Walburg den Verband »Nimmer hätte ich gedacht dass
mein Schleier einmal an deinen Wunden haften würde Bubbo« sagte sie gutherzig
»Es ist nicht zum erstenmal dass du an mir bindest« versetzte der Waldmann
so höflich als er vermochte »Und wenn noch jemand unser Geheimnis teilen soll
so ist mir recht dass du es bist obgleich ich dich für ganz unklug halte weil
du aus dem Meierhofe unter diesen kalten Stein fährst«
Als Ingram zurückkehrte schiente Walburg mit seiner Hilfe den Arm und
deckte die Fleischwunden
»Vermagst du mir einen Trunk zu reichen so wäre mirs lieb« bat der
Waldmann »das Wasser dort unten ist rein und kalt« Der Jungfrau grauste
hinabzusteigen sie hob eine Flasche aus dem Korbe und füllte einen kleinen
Holzbecher »Dies ist ein Trank den Herr Winfried uns gelehrt hat er ist
heilsam gegen scharfen Schmerz Er wird dich zuerst sorglos machen und darauf
müde und das ist jetzt für dich das beste«
»Ich würde den Trank deines Bischofs rühmen aber er schwindet wegen seiner
Spärlichkeit auf dem Wege abwärts« seufzte Bubbo den Becher zurückgebend
»Doch leugne ich nicht dass es besser ist einen Trunk aus seinem Vorrat zu
bekommen als einen Fluch«
»Du kennst den Bischof« rief Walburg Ein langes Brummen war die Antwort
»Wie sollte ich ihn nicht kennen da er sich selbst meiner rühmt Denn im
letzten Mond als er mit Reisigen des Grafen über die Berge nach den
Frankendörfern ritt schlugen die Speerleute ihr Kreuz da sie bei meinem Hofe
vorbeikamen doch er sprach Hier halten wir an« Bubbo lachte laut »Die Reiter
machten große Augen und redeten leise zu ihm er aber versetzte Hier wohnt mein
Gastfreund Sie pochten lange am Tor« fuhr er redselig fort »obgleich ich auf
der Innenseite stand Als ich endlich öffnete sprach der Bischof zu mir Wir
wollen dich nicht durch unser Einlager beschweren nur um einen Trunk Wasser
bitte ich dich und dass du mir sagst ob ich dir in etwas nützen kann Als wir
nun allein am Herde saßen mahnte ich ihn an ein altes Versprechen dass er mir
wohl etwas von seiner Kunst mitteilen könnte Und er sprach Ich bin immer
bereit was begehrst du Ich sagte Gold ich will es finden oder gewinnen Er
antwortete Gut ich will dirs weisen Und er holte aus seinem Ledersack
Pergament in einem Holzkasten was sie ein Buch nennen und schlug es auf Ich
erstaunte mehr als jemals in meinem Leben denn von Gold waren die Runen welche
auf das weiße Leder geschrieben waren Sie leuchteten mir in die Augen dass ich
erschrak da sprach er Du tust wohl deine Mütze abzunehmen denn die Worte
welche geschrieben stehen sind heilig und hier ist die Verkündigung welche
für dich gegeben ist Er wies mir die Stelle und deutete sie Es war einmal ein
Mann so armselig krank und verachtet dass niemand mit ihm verkehren wollte
und gerade den trugen die Boten der Überirdischen in die Himmelsburg und setzten
ihn auf den Ehrenplatz den reichen und vornehmen Mann aber der in Purpur
wandelte stießen sie hinab in das finstere Nachtreich Und der Bischof sprach
Merke wohl im Christenhimmel ist den Armen Verfolgten und Ausgestossenen gutes
Gemach bereitet ob sie auch heimatlose Leute und Bärenführer sind wenn sie
ihre Sünden bereuen Schwerer wird dem Reichen der Weg in den Himmelssaal als
dem Armen Darum wenn es dir übel gedeiht bei deinen Bären denke auf ein
besseres Leben und komm zu mir damit dir dort oben das Glück bereitet werde
das dir verkündet ist Gleich darauf ritt er davon ich aber saß am Herde und
merkte dass er mir nicht übel geraten hatte Denn auch ich begehre nach diesem
Leben ein besseres Glück als ich hier im Wintersturm bei meinen langlodigen
Genossen hatte Und mir fiel ein wie ich dereinst im Frankenreich mehr als
einen Siedler gesehen habe der einsam bei seinem Kreuze um die Gunst des
Himmelsherrn bittet Wenn der Christengott auch dem schicksalslosen Waldmann
einen Ehrensitz zuteilt so möchte ich ihm wohl dienen wie ers begehrt Und
diese Höhle in der ich jetzt gezaust liege könnte einmal meine Wohnung sein«
Ingram lachte laut »Du Bubbo willst unter den Christen beten«
»Vielleicht tue ichs« versetzte der Waldmann trotzig »Ist die
Christenlehre so mild gegen die Armen und Unfreien dann mögen alle die den
Nacken hoch tragen sich fortan wahren denn alles arme Volk muss dem Bischof
zufallen und der Armen sind mehr als der Reichen«
»Du aber weißt ein Schwert zu führen« rief Ingram
»Ich habe getötet mit jeder Waffe Menschen und Tiere wie mich die Not
trieb« versetzte der Riese finster »was habe ich davon gehabt Dass mich die
Leute scheu anblicken dass ich in Schnee und Wintersturm allein hause und dass
kein Gott und kein Mann Sorge um mich trägt Wer seit dreißig Sommern und
Wintern in der Waldwüste mit den Raubtieren heult der kümmert sich nicht mehr
um die Menschengötter der Heiden Graubärte hörte ich schwatzen und fahrende
Sänger hörte ich viel singen von der Götterhalle zu der die Helden aufsteigen
aber dass dort jemand den Bärenfänger freundlich begrüsse habe ich niemals
gehört Du bist kaum einen grünen Sommer Wolfsgenosse und hast gelernt am
Opferstein zu flehen und Gutes zu hoffen Ich aber habe zuweilen neben der
Felskluft gelauert aus welcher der Uhu fliegt wenn er sein Wuhu schreit
damit die Männer im Tal ihre Köpfe bergen und das sausende Gottesheer erwarten
und ich habe dem Schreier den Kopf zerschlagen und die Fänge abgeschnitten ohne
dass sein Gott mich hinderte Und ich sage euch ich fürchte die Götter nur
selten und ihrem guten Willen vertraue ich gar nicht Erbarmungslos sind die
Gewaltigen des Waldes und immer feindlich dem Menschen nur Leiden und Ungemach
teilen die zu welche im Sturme fahren und um die Baumwipfel schweben was ich
Gutes genossen habe erwarb ich mir mühevoll selbst«
Ein Dröhnen unterbrach seine Rede so gewaltig dass der Felsen bebte Ingram
und Walburg fuhren empor Bubbo lauschte dann lachte er »Ein Baum stürzte der
Wurm und der Moder haben ihm das Holz zerfressen Meint ihr das ist eine
Mahnung der Menschengötter Es stürzen ihrer viele wo sie niemand hört« Und er
fuhr fort »Ich scheue den Bären wenn ich ohne Waffen bin ich scheue die
giftige Schlange ich fürchte die tückischen Elbe wenn sie in meine Glieder
fahren und mich kraftlos machen und ich fürchte zuweilen den Biss der Kälte und
den Strahl aus den Wolken Im übrigen weiß ich dass die Überirdischen nur
gegeneinander wüten in grimmigem Kampfe Darum denke ich dass in den goldenen
Buchstaben des Bischofs ein Geheimnis liegt welches mir wohl helfen kann aus
dieser Waldöde Und in kurzem werde ich es sicher erkennen«
»Gehe zu ihm Bubbo« rief Walburg »damit du seine Lehre noch einmal
hörst«
»Gerade das will ich nicht tun« versetzte Bubbo schlau »es könnte mir
jetzt auch übel bekommen Eine bessere Prüfung weiß ich Wenn der Christengott
stark genug ist seinen Häuptling selbst vor der Gefahr zu schützen so mag
dereinst wohl auch mir Gutes geschehen Darum hänge ich mein Schicksal an das
Schicksal des Bischofs Gerade in dieser Stunde ziehen wie ich meine seine
Feinde gegen ihn Würgen sie ihn dann ist der Christengott auch nicht stärker
als die anderen und ich jage meine Braunen bis mich wieder einmal einer umarmt
wie heut Wird aber mein Gastfreund seiner Feinde mächtig dann werde ich ein
Mann seines Gottes«
Der Jungfrau presste die Angst das Herz zusammen sie mühte sich ruhig zu
sagen »Wunderlich ist deine Hoffnung wie soll dem Herrn Winfried nahe Gefahr
drohen das Land ist im Frieden und die Reiter des Grafen umgeben ihn«
Bubbo lächelte finster »Da ihr Wolfskinder seid wie ich so mögt ihrs
hören Vielleicht kommt der Ratiz über ihn«
Ingram fuhr auf »Woher willst du das wissen«
»Die Blätter im Walde haben mirs erzählt und die Krähen haben mirs
zugetragen« versetzte Bubbo »Ich war bei Ratiz kurz nach deinem Ausbruch wie
ein toller Kater fuhr er zwischen den verbrannten Hütten umher Und zuerst fand
ich so üblen Empfang dass ich um den Rückweg sorgte Schnell aber änderte er die
Miene und bot mir Frankengeld wenn ich einem Reiter in meiner Hütte heimlichen
Unterschlupf geben wollte und selbst nach der Werra gehen um dort eine
Botschaft seiner Gesandten zu empfangen sobald diese vom Frankenherrn
zurückkehrten Denn nur langsam vermögen sie im Geleit durch das Land der
Thüringe zu ziehen und werden überall verweilt Ich tat nach seinem Willen nahm
den Läufer mit mir in den Hof und ritt westwärts zur Werra auf die Gesandten zu
harren Diese gaben mir mit trüben Mienen ein Zeichen für den Läufer und
drängten mich heimzureiten Als ich das Zeichen dem Läufer gab sprang dieser
zur Stelle aufs Pferd und fuhr wie vom Winde getrieben nach der Richtung des
Sorbenbachs zu«
»Von deinem Hofe zum Dorf des Sorben vermag kein Reiter in gerader Richtung
zu sprengen denn pfadlos ist die Gegend nach Osten« rief Ingram
Ȇber den Rennweg ritt er du Narr Ist der hohe Pfad auf den Bergen noch
den Thüringen heilig und euren Rossen verboten warum sollte er es den Sorben
sein Den Fremden graut vor anderen Göttern und sie fragen wenig nach den
euren wenn sie auf Raub sinnen Darum sage ich der Ratiz will in die Täler der
Thüringe einbrechen bevor sie das Volksheer gegen ihn führen Fängt er den
Bischof so zwingt er die Franken zu vielem Vielleicht weiß er auch einen Hof
an dem er gern sein gebranntes Lager rächen würde Denn damit drohte der Bote in
meiner Hütte«
Ingram tat schweigend seine Waffen um»Wann ritt der Sorbenläufer zum Lager
des Ratiz«
»Heut ist der vierte Tag« versetzte Bubbo in schläfrigem Behagen »Was
greifst du nach dem Speer du Tor Dich haben sie hinausgeworfen und wenn du
heimkehrst mag dich jeder erschlagen«
Ingram antwortete nicht sondern gab Walburg einen Wink ihm zu folgen
»Treuloser Wicht« rief Bubbo sich mühsam erhebend »willst du deinen Genossen
in der Not verlassen« Walburg setzte die Flasche und den Speisevorrat an das
Lager »Hier magst du dauern bis wir wiederkehren« rief sie »und wenn du
Gutes für deine Zukunft hoffst so versuche zum Christengott zu beten dass er
dir die Lose verzeihe die du über den Bischof geworfen hast«
Unter der Glocke
Als die Friedlosen aus dem Felsspalt in die freie Luft traten war die Sonne
gesunken und dämmeriges Mondlicht lag über dem Laube Eilig brach Ingram durch
das dichte Gebüsch und die Jungfrau hatte Mühe ihm zu folgen Endlich
erreichten sie den Rand des Gehölzes das offene Land lag vor ihnen und über
ihren Häuptern breitete sich der Nachthimmel Walburg merkte dass ihr Gefährte
das Haupt hoch trug und dass seine Rede gebietend klang wie dem Krieger
geziemte »Das Holz entlang läuft ostwärts der Weg nach dem Rabenhofe dorthin
gehen wir denn in der Heimat finde ich meine Feinde und die Rache«
»Vertraue mir was du sinnst«
»Die Schmach der Weiden will ich tilgen das Blut des Ratiz begehre ich«
versetzte er finster »Anders als du meintest Walburg soll mein Geschick sich
erfüllen Du wolltest mir in treuem Herzen friedliche Heimkehr bereiten aber
die Unsichtbaren widerstreben Was der wunde Mann in der Höhle sprach wird ein
Fremder als verwirrte Rede deuten oder doch nur als unsicheren Argwohn ich aber
weiß dass jedes Wort Wahrheit ist ich kenne den Sorben ich sah sein Lager
brennen ich denke dass er einen Racheschwur gegen mich getan hat wie ich gegen
ihn Ich weiß« rief er mit wilder Gebärde »dass die Sorben jetzt die Brände
tragen um die Dächer meines Hofes zu sengen Wann ritt der Weissbart aus dem
Meierhofe heimwärts«
»Gestern um Mittag«
Ingram nickte »Dann sind die Gesandten jenseit der Saale in Sicherheit und
der Sorbe hat Freiheit zu tun was ihn gelüstet« Er schritt wieder rasch
vorwärts und sprach »Ich erkenne die Sorben deutlich vor mir« Die Jungfrau
drängte sich an ihn »Nicht hier« bedeutete er »weit von uns auf dem Rennwege
rasten sie Den Ratiz sehe ich liegen und meinen Raben mit der Beinfessel des
Bösewichts den Helden Miros erkenne ich und alle Gesellen der Halle Am
heiligen Walde lagern sie nahe dem Gipfel welcher den Opferstein des Donnerers
trägt denn dort ist eine gute Bergestelle für die Reisekost die sie zur
Rückfahrt brauchen und sie haben die Kost unter den Steinen niedergelegt Ihre
Feuer sind niedrig damit kein Schein sie verrate und über ihnen ragen die
Eichen Der Sorbe hat nur einen Teil seines Volkes mitgebracht schwerlich mehr
als hundert der flüchtigsten Rosse denn den ganzen Schwarm wagt er nicht über
die Berge zu führen und er weiß nur schnelle Reiterfahrt kann ihm frommen Er
gedenkt zum Morgengrauen auf dem heiligen Wege an unser Dorf zu dringen denn in
finsterer Nacht vermag er nicht mit reisigem Volk durch die fremde Wildnis zu
fahren und auch der Mond wird ihm nach Mitternacht fehlen
Das alles sehe ich deutlich Mädchen und niemanden vermag ich zu rufen und
keiner wird meinen Worten glauben«
»Ich aber will für dich sprechen damit wir andere retten« versetzte
Walburg
»Sorgst du um die Priester« fragte Ingram hart
»Könntest du mich ehren wenn ichs nicht täte« fragte Walburg »Meine
Brüder schlafen unter ihrem Dach«
Sie hörten Hundegebell »Dort liegt der Herrenhof des Asulf« mahnte Walburg
und wies auf die Dächer welche wenige Bogenschüsse vom Wege im Mondlicht
glänzten
»Wahrlich all mein Trachten ist ins Üble verwandelt« rief Ingram »Ehedem
sprangen meine Gedanken mit Rosseshufen rund und hart war mein Wille jetzt
aber laufe ich niedrig auf Eberfüssen denn zwiespältig teilt sich Liebe und Hass
viele die ich hasse muss ich beachten wie Freunde und die mir Leid zufügten
warne ich vor Gefahr Jämmerlich dünkt mir solche Teilung Wandelt der neue Gott
unsere Hufe in Klauen dann mögen die Krieger bald zu Weibern werden«
Dennoch schritt er dem Hofe zu unter wütendem Hundegebell schlug er an das
Tor und rief dreimal den Schlachtruf der Thüringe in den Hof Die raue Stimme
des Wächters fragte von innen »Wer schlägt so wild und schreit im Frieden der
Nacht den Kampf aus«
Ingram rief entgegen »Die Sorben reiten in den Bergen Wecke deinen Herrn
dass er sich eile wenn er den Bischof retten will«
»Sage zuvor wer so raues Nachtlied singt« Da antwortete die Jungfrau
»Die Walburg ists die in dem Hofe des Bischofs war« und schnell eilten sie
davon bevor der Wächter nach den Nachtgestalten aussah
Dasselbe riefen sie in alle Höfe die an ihrem Wege lagen und als sie vor
das Heimatdorf kamen mahnte Ingram den schlafenden Wächter in der Torhütte
ebenso Es war nach Mitternacht als sie über das Dorf hinaufkamen die letzten
Strahlen des niedersteigenden Mondes fielen auf die neuen Gebäude des
Meierhofes der Hof Ingrams lag dunkel im Schatten der Bäume Wo der Weg sich
von der Dorfstraße trennte hielt Ingram an »Dort liegt der Hof meiner Väter
und dort hausen deine Brüder und die Priester Vielleicht nehmen sie dich wieder
bei sich auf obgleich du den Frieden verloren hast Wähle Walburg«
»Ich habe dich gewählt« antwortete Walburg »du aber gedenke der Knaben«
Ingram bewegte zufrieden das Haupt und wandte sich dem Meierhofe zu »Wo ist
das Schlafhaus der Priester« Walburg führte ihn vor die neue Halle »Wahre
dich« flüsterte sie »die Reisigen des Grafen liegen im Hofe« Aber Ingram
achtete nicht darauf Er pochte an den Laden »Ist der Jüngling hier den sie
Gottfried nennen so möge er hören«
Drinnen regte sichs »Ist es deine Stimme Ingram die mich ruft Ich höre
mein Reisegeselle«
»Wolfsgenoss heiße ich« rief Ingram zurück »und dein Reisegeselle will ich
nicht sein sondern dein Feind Du aber hast deine Hände den Weiden geboten
damit ein anderer frei werde Darum bringe ich dir von ihm der im wilden Steine
haust eine Warnung Durch den Wald schallt es dass der Ratiz über die Berge
reitet um den Bischof zu fangen und euch auszutilgen Siehe zu ob du dein
Haupt und andere die dir lieb sind zu retten vermagst denn nahe ist euch das
Verderben«
Die Tür öffnete sich Winfried trat auf die Schwelle Der Speer in Ingrams
Hand zuckte aber er wendete sein Gesicht ab als der Bischof sprach »Die
Warnung kündet was Sorge macht doch meldet sie zu wenig um andere zu retten
Sahst du oder ein anderer den Anzug der Sorben«
»Nur ihr Anschlag wurde verraten« rief Ingram zurück
»Und wann erwartest du den Einbruch«
»Vielleicht heut zum Frühlicht vielleicht erst in den nächsten Tagen«
»Heut ist der Tag des Herrn im Frühlicht sammelt der Himmelsgott die
Getreuen bei seinem Heiligtum dort wird er die Flehenden gnädig beschirmen
Auch dem Friedlosen ist die Freistätte bereitet suchst du Frieden so tritt
ein«
»Deinen Frieden begehre ich nicht« rief Ingram über die Achsel zurück
»Wolf und Wölfin springen abwärts von deinem Pferch« Er entwich mit schnellen
Schritten gleich darauf sah Winfried zwei Schatten über den Weg gleiten und in
der Richtung des Rabenhofes verschwinden
Ingram öffnete eine schmale Pforte welche von außen unkennbar durch das
Pfahlwerk seines Hofzauns führte und half der Jungfrau über Graben und Zaun in
den Rabenhof »Unrühmlich ist solcher Eintritt der Braut in den Hof des
Verlobten« murmelte er zornig »meine eigenen Rüden fallen mich an« aber im
nächsten Augenblick umsprangen ihn die Hunde mit freudigem Gebell »Schweigt
ihr Wilden allzu deutlich schallt euer Willkommen in das Tal« Er pochte an den
Stall in welchem die Kammer Wolframs war
»Ich verstehe den Gruß der Hunde und den Schlag der Herrenhand« rief eine
fröhliche Stimme und Wolfram trat heraus Unter der Linde standen die drei in
eiliger Beratung »Darum also lachte der schurkische Weissbart als ich ihm das
Tuch gab« rief der erstaunte Wolfram »und darum fuhr er mit den Blicken so
freundlich über unsere Dächer Ist alles wie du sagst Herr so drohen die
Sorben heut oder in den nächsten Tagen Noch sind sie nicht da und wir vermögen
auf die Verteidigung des Hofes zu denken«
»Das Dach des Gebannten ist preisgegeben« versetzte Ingram »die Speere der
Landgenossen werden es nicht schützen auch wenn sie vermöchten Was aber immer
dem Hofe geschehe dennoch denke ich den Pferdedieben ihre Freude zu verderben
Haben sie auch den Raben das übrige edle Blut meines Stalles will ich ihnen
nimmermehr hinterlassen die Zucht der Mähren welche seit meinen Ahnen berühmt
war soll gerettet werden und ebenso die Sorbenbeute die ich am Herde bewahre
Ich sattle hier was ich bedarf mit der ledigen Koppel und der Kampfbeute jage
du talab zum Hirschwald und birg sie dort in der Schlucht wo unser Versteck
ist«
Wolfram wies auf Walburg »Du sprichst gut Doch die Jungfrau weiß recht
wohl mit den Pferden Bescheid leicht weise ich ihr den Weg nach der Tiefe denn
ungern weiche ich in diesen Stunden von dir«
»Ich bleibe Ingram« bat Walburg »wo ich dir nahe bin«
»Dann muss ich den Nachtritt tun« schloss Wolfram unzufrieden »Doch kenne
ich einen der sich nicht in der Tiefe duckt Auf dem Wege schlage ich an den
Herrenhof des Albold und lade ihn zur Sorbenjagd«
Hastig regten sich die Hände nach kurzer Zeit stob Wolfram mit den Rossen
talab Bevor er schied sagte er zu Walburg »Dir binde ich unseren Falben an
das Tor wenn du ihn brauchst er gebührt dir denn er stammt aus der Zucht
deines Vaters«
Ingram trat sein Ross am Zügel führend zu der Jungfrau und fasste sie an der
Hand »Komm aus dem Hofe in das Sternenlicht Ich stehe hier um die letzte
Wache zu halten vor dem Hofe meiner Ahnen und ich fürchte keiner von den
Göttern und keiner von allen Menschen sorgt um den Ausgestossenen Wenn hier
Speere geworfen werden so weiß ich nicht ob mich zuerst eine Waffe meiner
alten Kampfgenossen trifft oder der Fremden Preisgegeben bin ich dem Eisen und
preisgegeben ist mein Hof den Bränden freundlos und ohne Gesellen stehe ich auf
der Männererde vor meinem letzten Kampf Denn hier denke ich den Sorben zu
erwarten Du aber sage wenn später noch jemand nach mir fragt dass ich nicht
unmännlich auf die letzte Wunde geharrt habe Nur um dich fühle ich heißen
Schmerz du hast um meinetwillen den Frieden verloren verachtet bist du wie ich
und allein Und meine schwere Sorge ist dass du nicht wieder in die Hände der
Sorben fällst Darum beachte meine Bitte bleibe bei mir solange die Nacht uns
deckt damit ich eine Menschenhand halte und wenn das graue Licht auf die Wege
fällt so reite abwärts bis zu meinem alten Gesellen Bruno er ist ein ehrlicher
Mann und wenn du ihm meinen letzten Gruß bringst so wird er um meinetwillen
für dich sorgen Bin ich erst dahingeschwunden dann werden sie auch im Volke
dich wieder ehren« Er hielt ihre Hand fest und die Trauernde fühlte den
bebenden Druck
»Du gedenkst zu sterben Ingram wie ein Hoffnungsloser ich aber will dass
du leben sollst und mein ganzes Glück hoffe ich von den Tagen deiner Zukunft
Darum bin ich zu dir in den Wald gekommen und darum mahne ich dich jetzt wenn
ich gleich nur ein Weib bin Anderes erwarte ich von dir als dass du hier auf
die Speere harrend am leeren Hofe die Wache hältst Haben deine Landgenossen
auch hart an dir gehandelt dennoch leben viele in der Nähe und weiter unten im
Tale deren Wohl auch dir am Herzen liegt Du bist hochsinnig und darfst nicht
tatlos weilen bis sie von den Räubern überrascht werden Niemand kennt den Wald
wie du und niemand ist zur Stelle nach den Feinden auszuspähen darum flehe
ich Held dass du vor den anderen selbst prüfest ob dich die Ahnung betrogen
hat Kündest du wo die Feinde nahen so mögen Waffenlose sich retten und die
Krieger den Feind leichter abwehren«
»Du sendest mich in der Notstunde von dir« fragte Ingram düster »Willst du
dich zu den Christen flüchten Sie selbst sind schutzlos wie du«
»Du sprichst hart und deine Worte tun mir weh« rief Walburg »Nicht um
mich sorge ich Aber deinetwegen denke ich der heiligen Lehre haben andere
Übles an dir getan dir geziemt es gut an ihnen zu handeln«
»Du sagst es« versetzte Ingram »Die zu mir in den wilden Wald gekommen
ist soll nicht umsonst fordern dass ich dahin zurückgehe lebe wohl Walburg
ich reite«
Aber Walburg hielt ihn fest »Noch nicht Geliebter Da du gehen willst
graut mir davor dass ich selbst dich in die Gefahr sende Du darfst nicht
reiten wenn du kämpfen willst denn warnen sollst du damit andere sich retten
Hier weile ich an deiner Statt halte ich die Wache am leeren Hofe bis du zu
mir kehrst Daran denke Willst du aber den Sorben dort im Kampfe bestehen so
halte ich flehend deinen Leib fest damit du mir nicht im Walde vergehest« Sie
umschlang ihn leidenschaftlich mit ihren Armen Ingram küsste sie auf das Haupt
»Sei ruhig Mädchen wenn ich nicht will umstellen mich die Sorben schwerlich
und ich will zurückkehren und die Botschaft bringen dir und deinen Freunden
Entlass mich Geliebte denn der Morgen ist nahe« Er drückte sie noch einmal an
sich sprang auf das Ross und trabte dem Walde zu
Walburg stand allein Sie war gewöhnt die Männer um welche sie sorgte in
Gefahr zu wissen heut aber rang sie hilflos die Hände in der Angst um alle die
ihr lieb waren Neben ihr der Hof unheimlich wie eine Behausung der Toten vor
ihr ein schwarzer Rand des Gehölzes in welchem die Mörder lauerten und sie
selbst allein unter dem Nachthimmel auf den Augenblick der Flucht harrend Sie
griff in die Mähne des Pferdes um sich daran festzuhalten und sah hinüber nach
dem Meierhofe von dem sie freiwillig sich ausgeschlossen hatte Dort bewegten
sich Lichter die Menschen waren wach und eilten ab und zu als ob sie zum
Ausbruch rüsteten Das Tor wurde geöffnet und Reiter fuhren in schnellem Lauf
abwärts sie wusste dass es die Reisigen waren welche der Bischof mit Botschaft
in das Land sandte Und immer wieder flogen ihre Gedanken dem Krieger zu den
sie selbst dem rachsüchtigen Feinde entgegengesandt hatte So stand sie die
Hände am Halse des Rosses gefaltet und ihr Blick irrte zwischen dem Walde und
Hofe und hinauf zu den Sternen deren Licht schwach und bleich wurde im ersten
Grau des nahenden Tages
Da erhob sich in der Stille des Morgens ein heller Klang der noch niemals
im Lande vernommen war Langsam und feierlich tönten die Schläge wie vom ehernen
Heerschild eines Gottes mahnend drohend klagend weithin durch die Luft Der
Ruf klang in die Täler in denen Menschen wohnten und über das Schattendach des
wilden Waldes Die flüchtigen Frauen welche das Vieh abwärts trieben und die
Krieger welche sich zum Kampfe rüsteten standen still und sahen erschrocken
nach dem Himmel und auf die Wipfel der Bäume als müsste der Klang einen Gegenruf
erwecken Aber kein rollender Donner und kein heulender Sturmruf antwortete der
Himmel wölbte sich wolkenlos und rötete sich fröhlich im Osten die aufsteigende
Sonne zu begrüßen Die Singvögel im Gebüsch hielten inne mit ihrem
Morgengeschrei und flatterten auf den Zweigen die Raben welche um die hohen
Tannen schwebten rauschten empor krächzten lauten Warnungsruf für ihre
Genossen und flogen dem finsteren Walde zu »Seht wie die Raben des alten
Gottes entweichen« schrien die Dorfleute Oben im Bergwald ritten wilde
Heergesellen vom Rennwege in die Waldgründe herab um Brand und Tod in die Täler
der Thüringe zu tragen auch diese hielten erstaunt an Ihr Häuptling fuhr nach
der Höhe zurück ihn umdrängten seine Krieger sie suchten eine lichte Stelle
zur Ausschau über das Land aber sie vermochten nichts zu erblicken nur der
geheimnisvolle Klang zitterte aus der Ferne unablässig um ihr Ohr wie zur
Verkündigung dass ein unsichtbarer Feind ihnen Verderben drohe Sie wussten nicht
zu deuten woher der tönende Schrei kam drang er aus der Erde schwebte er aus
den Wolken war er die Stimme des Christengottes welcher seine Getreuen vor den
lauernden Feinden warnte Leise raunten sie zueinander und dem Mutigsten wurde
das Herz schwer
Unten aber im Lande soweit die rufende Stimme in der Morgenluft schwebte
ergriffen die Männer ihre Waffen hüllten sich in das Kriegsgewand und eilten
auf allen Pfaden der Stelle zu von welcher die Mahnung in ihr Ohr schlug Nicht
die Christen allein auch die Heiden kamen aus den Höfen denen der Friedlose
und die Speerreiter des Grafen Botschaft zugerufen hatten
Auf dem Turmgerüst das die Christen an der Halle des Bischofs erbaut
hatten schwang sich die Glocke und sang der Jungfrau am Heidenhofe mit heller
Stimme »Komm herzu« Walburg lauschte mit gefalteten Händen dem neuen Klang
ihres Glaubens sie dachte betend ob auch der Späher der jetzt im Waldesdunkel
ritt die Mahnung ehrfürchtig vernehmen werde Als sie aufblickte erkannte sie
in der Morgendämmerung die Haufen der heranziehenden Landgenossen sie sah über
dem Nebel der auf dem Dorfanger lag Banner der Häuptlinge Getümmel der Reiter
und die Züge bewaffneter Landleute welche zu dem Meierhofe heraufstiegen und
den großen Bohlenverschlag den geweihten Raum für den Gottesdienst umstanden
Und sie vernahm von drüben aus dem Heiligtum unter den Klängen der Glocke den
Morgengesang der Priester der Frauen und Kinder des Hofes Da gedachte sie dass
jetzt ihre Brüder singend am Altar standen und dass auch sie durch ihr Gelübde
dem Himmelsgott gebunden war und in die Gemeinde der Christen gehen müsse Sie
sah noch einmal in den leeren Hof zurück nahm das Ross am Zügel und schritt
wohin sie geladen wurde Das Ross band sie an einen der Holzhaken welche auf der
Außenseite des Bohlenzaunes angebracht waren sie selbst trat in den geweihten
Raum und kniete nieder ganz hinten bei den Frauen Vor dem Altar stand Winfried
im bischöflichen Gewande und versah das hohe Amt siegreich und machtvoll tönte
seine Stimme unter dem Klang der Glocke welche noch immer die Treuen lud und
die Feinde warnte
Unterdes wand sich Ingram vorsichtig durch die Waldesnacht aufwärts Nur auf
dem heiligen Wege der zu den Opfersteinen der Höhle führte vermochte ein
fremder Reitertrupp wenn der Morgen kam den Abstieg in die Täler zu wagen Oft
horchte der Einsame und sah ungeduldig auf den schmalen Streifen des
Nachtimmels der über ihm sichtbar war Als der erste Tagesschimmer über die
Wipfel flog und graue Dämmerung auf den rauen Pfad senkte hörte auch er den
fernen Hall der Glocke und hielt staunend an Er hatte den Gruß des
Christengottes schon früher einmal unter den Franken vernommen heut empfand er
eine wilde Freude dass der fremde Menschengebieter die Volksgenossen zur rechten
Zeit aufweckte Um sich herum merkte er nur die Nachtlaute des Waldes dennoch
wusste er dass die Sorben nahe waren denn untilgbar malte ihm sein heißer Hass
die Gestalt des Sorbenhäuptlings vor den falschen Blick und das höhnende
Lachen Da ganz nahe dem Rennwege wo der steile Abstieg von der Höhe wegsamer
in dem Grunde läuft hörte er klirrende Waffen und stolpernde Hufe und erkannte
den Vortrab der Sorben unter den ersten den Ratiz auf schwarzem Hengste Als
Ingram seinen Todfeind auf dem Raben heranreiten sah stieg ihm das Blut in das
Haupt und in wildem Grimm rief er alle Vorsicht vergessend sein Ross mit dem
Namen an und riss sein eigenes Pferd zur Flucht herum Der Kriegsschrei der
Sorben gellte durch den Wald als sie sich entdeckt fanden und ihren Feind vor
sich erkannten und eine tolle Jagd zwischen den Bäumen begann Ingram aber der
des Weges besser kundig war kam weit voraus nur das edle Ross des Ratiz durch
den Ruf seines alten Herrn und die Nähe des Stallgenossen gemahnt trug den
Häuptling in großen Sprüngen hinter Ingram her voraus allen Sorbenkriegern So
ging die Hetze talab aus dem Urwald und längs der Wagengeleise des lichten
Gehölzes bis an den Waldesrand in die Nähe der Höfe Hier hob sich Ingram im
Sattel und schrie den Schlachtruf über die Lichtung
Der Schrei unterbrach das Amt des Priesters die ausgestellten Wachen
wiederholten den Ruf die Männer schwangen sich aus dem Holzring und suchten
ihre Rosse die Weiber und Kinder drängten sich um den Altar vor welchem der
Bischof stand das Kreuz hoch emporhaltend Als Ingram freien Raum vor sich sah
und den Racheschrei des Sorben hinter sich hörte trieb er sein Ross zu einer
Wendung und warf da Ratiz heranfuhr seinen Speer gegen den Feind Aber der
Schild des Sorben fing die Waffe und während Ingram sein Pferd herumriss flog
der Speer des Ratiz in die Hüfte des Tieres Hoch schlug es aus sank und
schleuderte seinen Reiter an dem Bohlenzaun der Gemeinde zu Boden dass er
hilflos dalag
Aus dem Holzring gellte der Angstschrei eines Weibes Gottfried kannte wohl
die Stimme derselbe Schrei hatte ihm schon einmal wie mit Messern in das Herz
geschnitten Der Jüngling warf noch einen strahlenden Blick auf Walburg warf
sich behend über die Brüstung und eilte zu dem Friedlosen Ratiz welcher mit
seiner Streitkeule den Anlauf bewaffneter Landleute abgewehrt hatte stürmte
heran und schwang die tödliche Waffe gegen den liegenden Ingram Da hob sich vor
diesem Gottfried mit ausgebreiteten Armen Die Keule sauste und traf das Haupt
des Mönches lautlos sank er neben Ingram auf den Boden In diesem Augenblick
der Not riss Meginhard am Glockenseil und über dem Haupte des Sorben dröhnte
aufs neue der Kriegsruf des Christengottes in starken hämmernden Schlägen Der
Wilde starrte um sich und trieb sein Pferd zurück
Von allen Seiten hob sich das Kampfgeschrei aus dem Holz brachen die
Sorbenkrieger hervor um den Taufring sammelten sich die Thüringe und ritten
ihnen entgegen in wirrem Getümmel trieben Freund und Feind auf der abwärts
geneigten Fläche umher Als Ingram sich erhob sah er vor sich das blutende
Haupt Gottfrieds und gegenüber eine Rauchsäule welche aus seinem Hofe aufstieg
Einen Augenblick beugte er sich über den Liegenden dann packte er die Wurfkeule
des Sorben sprang auf ein lediges Pferd welches zur Seite angepflöckt stand
und warf sich wieder in das Getümmel Zwischen den Linnenpanzern der
Sorbenkrieger und den grauen Eisenröcken der Thüringe fuhr er wie toll dahin
den Flügel des weißen Adlers suchend welcher über der Kappe des Häuptlings
ragte Undeutlich merkte er dass Miros beim Banner der Sorben seine Krieger zu
sammeln suchte dass Wolfram mit dem Haufen des Häuptlings Albold gegen den Miros
anritt und dass die Sorben allmählich nach dem Walde zurückgedrängt wurden
Endlich erkannte er den Häuptling der sich den Verfolgern durch die Wendungen
seines Pferdes zu entziehen wusste und nach dem Holze strebte Ingram fuhr in
gestrecktem Lauf durch die Thüringe seinem Feinde zu indem er mit Ruf und
Handbewegung seine Landsleute zwischen den Häuptling und die Sorbenschar trieb
Ratiz sah das glühende Auge und das flatternde Haar des grimmigen Gegners vor
sich in seiner Hand die geschwungene Keule und er hörte über sich die
dröhnende Stimme des Christengottes da stieß er einen Fluch aus und sprengte in
den Wald Ingram folgte ihm Bald jagte dieser allein hinter dem Häuptling über
Baumwurzeln Wasserrinnen und Steinblöcke den schmalen Grund hinauf der zum
Rennweg führte Mehr als einmal versuchte der Sorbe die Wendung um seinen
Gegner mit dem Krummsäbel anzufallen aber nirgend bot der Pfad festen Anritt
und immer noch tönte über ihm der unheimliche Schlachtgesang in den Lüften In
der wütenden Jagd zuckte durch die Seele Ingrams wie Wetterschein die Freude
dass der Rabe so trefflich lief und er merkte erstaunt dass auch er wieder auf
einem guten Ross seines eigenen Stalles saß welches von dem Raben nicht lassen
wollte obgleich es ihm näher zu kommen nicht vermochte Er stieß einen scharfen
zischenden Ruf aus und der Rabe hielt an und bäumte Wütend trieb und peitschte
der Sorbe und stöhnend gehorchte das edle Ross seinem Reiter aber der Verfolger
flog näher heran Zum zweitenmal schrie Ingram zum zweitenmal bäumte das Ross
des Sorben noch einmal gelang es diesem das blutende und schäumende Tier
vorwärtszutreiben Als aber zum drittenmal der Rabe sich steil erhob seinen
Reiter zu werfen glitt der Sorbe herab und schnell wie der Blitz fuhr sein
Stahl in den Leib des Rosses Laut schrie Ingram und ein höhnendes Lachen
antwortete der Sorbe sprang der steilen Höhe zu Im nächsten Augenblick flog
die Keule und Ratiz sank zu Boden
Ingram warf sich vom Rosse ergriff die Waffe und ein zweiter Schlag traf
den Liegenden der solcher Nachhilfe nicht mehr bedurfte Der Sieger löste dem
Toten das Krummschwert von der Seite und riss die Adlerfedern von der
zerschlagenen Helmkappe Dann warf er sich zu Boden und umfing den Hals des
Raben der ihn sterbend mit treuen Augen ansah
Als Ingram sich erhob warf er noch einen wilden Blick auf seinen Feind
der obgleich erschlagen doch dalag wie ein Herr der Männererde die Faust
geballt die Glieder im Sprunge zusammengezogen und er sah noch einmal über das
tote Tier welches einst die Glieder so edel bewegt hatte und jetzt nichts war
als ein unförmliches Stück Erde Dann fing er sein Ross und ritt langsam der
Heimat zu Der scharfe Grimm welcher ihn seither wild umhergetrieben hatte war
plötzlich geschwunden und er gedachte ganz ruhig seiner Fahrt zu den Sorben wie
einer alten Sage Da vernahm er um sich ein leises Tönen und Worte einer sanften
Stimme »Ich bin ein Krieger du merkst es nur nicht« und vor ihm erschien das
Antlitz des Jünglings wie dieser einst traurig von ihm geschieden war mit den
Worten »Du armer Mann« Immerfort klangen dem Reiter diese Worte in der Seele
und dabei rannen ihm heiße Tränen aus den Augen immerfort tönte von weitem
mahnend und klagend die Glocke des Christengottes Jetzt wurde ihm der von der
Rachefahrt zurückkehrte alles Geheimnis des neuen Glaubens in dem leisen Klange
offenbart Als ein Held des Christengottes hatte der Jüngling sein Leben
hingegeben für einen der nicht sein Freund war und ebenso hatte sich der große
Häuptling der Christenheit dem Tode geopfert um dem friedlosen Volk der Erde
ein seliges Leben in der Himmelsburg zu bereiten Und Ingram hörte aus dem Sang
der Glocke die Stimme des Toten welcher ihn rief »Komm auch du« Da spornte er
sein Ross denn er merkte jetzt lud der Gott auch ihn weil er ihn durch den Tod
seines Kriegers geworben hatte In der Nähe hallte das Kriegsgeschrei der
verfolgenden Thüringe Ingram aber sah zu dem Morgenlicht auf welches die
Spitzen der Bäume vergoldete und ritt nach der Stätte von welcher die Ladung
hell und heller in seine Seele schlug
Auf den Stufen des Altars saß Winfried das verhüllte Haupt des toten
Mönches in seinem Schoss nur seine Lippen bewegten sich leise Um ihn knieten
die schluchzenden Christenfrauen dahinter standen mit gesenktem Haupt die
Krieger welche zur Wache des Heiligtums zurückgeblieben waren
Da trabte ein Reiter an den Holzring eine der Frauen erhob sich aus dem
Kreise der Knienden und schritt zum Eingang Gleich darauf trat ein Mann in den
Raum schwertlos die Aufregung des Kampfes im Antlitz Alle wandten die Blicke
von ihm und wichen scheu aus seinem Wege er aber achtete nicht darauf schritt
zum Altar und setzte sich zu Füßen des Toten auf die Stufen unweit des Bischofs
so dass der Leib des Jünglings zwischen beiden lag Der Bischof regte sich als
der Mann der ihm feind war und für den der Jüngling sich dem Tode preisgegeben
hatte in seiner Nähe niedersass
Ingram aber legte den Helmschmuck des Sorben auf das Gewand des Toten und
sprach leise »Er ist gerächt der Sorbe Ratiz liegt erschlagen« und er sah
prüfend in das Gesicht des Bischofs
In dem Herrn Winfried wallte das Blut seines Geschlechts da er vernahm dass
der Mörder seines Schwestersohnes erlegt war er richtete das Haupt auf und ein
düsteres Licht flammte in seinen Augen aber im nächsten Augenblick bewältigte
die heilige Lehre den Grimm er streifte mit einer Handbewegung den Adlerfittich
vom Gewande des Mönches lüftete die Hülle welche das Haupt bedeckte und
sprach auf die zerbrochene Stirn deutend tonlos »Der Herr spricht Liebet
eure Feinde tut wohl denen die euch beleidigen«
Ingram aber rief laut »Jetzt erkenne ich dass du in Wahrheit dem Gebot
eines großen Gottes folgst wenn es dir auch bitter und schwer wird Auch ich
glaube an den Gott dieses Jünglings der aus eigenem Willen für mich gestorben
ist obgleich ich sein Feind war Denn solche Liebe ist das größte Heldentum auf
Erden«
Er hob die Hülle vom Antlitz des Toten und küsste ihn auf den Mund Darauf
saß er still neben ihm und verdeckte sein Gesicht in den Händen
»Die Worte des Friedlosen dürfen nicht hallen wo Landgenossen weilen«
begann mit gedämpfter Stimme Asulf der hinter Ingram stand »Ist ein Gebannter
hier so berge er sein Haupt bis das Volk ihm den Frieden zurückgibt«
»Dort drüben brennt der Hof meiner Väter Asulf wenn die Thüringe wollen
können sie den Wolf in die Flammen werfen« antwortete Ingram zurück und beugte
sich wieder über den Toten
»Am Altar des Herrn ist die Freistätte des Friedlosen« sprach Winfried
aufsehend »halte das Kreuz über ihn Meginhard und geleite ihn zu deiner
Hütte«
»Lass mich hier« bat Ingram »solange seine Leibeshülle unter uns liegt
Denn spät habe ich meinen Reisegesellen gefunden«
Die Heimfahrt
Eine Woche später stand Ingram in der Hütte des Priesters an der Holzstufe des
Altars welchen einst Gottfried errichtet hatte Der eintretende Memmo setzte
einen Korb vor ihm nieder und mahnte »Lass dir das Mahl gefallen die Frauen vom
Meierhofe waren alle dabei beschäftigt«
»Du sorgst freundlich um deinen Gefangenen« antwortete Ingram schwermütig
»jede Kost ist bitter für den Eingehegten welchem die Freiheit fehlt«
»Ich kenne manchen Hausgenossen der anders denkt« versetzte Memmo und sah
zu seinen Vögeln auf Als Ingram schwieg fuhr er geschwätzig fort »Ich war mit
Walburg in der Höhle bei dem Bären Bubbo er hat den ganzen Trank des Bischofs
ausgetrunken und den Einbruch der Heiden verschlafen der Mann ist übel
zugerichtet und sprach durchaus verwirrt als wenn er Einsiedler werden wollte«
Ingram nickte aber er schwieg Und Memmo fuhr bei sich selbst fort »Nie
habe ich so große Veränderung gesehen als der Glaube in diesem Heiden
hervorbringt wenn ich ihm ein Heubund unter den Kopf rücke dankt er so
zierlich wie ein Mädchen Das Vaterunser hat er gelernt wie wenige Vielleicht
wird er sogar ein Mönch dann müsste ich ihn Latein lehren Einst wollten seine
Raben das Kyrie nicht leiden jetzt zwinge ich ihn selbst zu mensa und filius«
und Memmo lachte auf seinem Schemel über die große Hoffnung
Vor dem Hause klirrten Waffen die Tür öffnete sich Graf Gerold trat auf
die Schwelle »Ich rufe dich Ingram« redete er den Auffahrenden an »du magst
dein Haupt wieder frei tragen im Volke Unter den Linden haben sie dir den
Frieden zurückgegeben wenn du die Busse bezahlst in Viehhäuptern oder in Land
und die Schatzung war mäßig Weißt du es noch nicht so vernimm auch dies auf
dem Rennwege hinter dem Hügel des Donnerers haben deine Landgenossen den
flüchtigen Haufen der Räuber erreicht nur wenige Sorben sind entronnen diese
Kunde soll dir tröstlich sein Ich aber komme selbst dich zum Kriegsgesellen zu
werben Zu Rosse Held in wenigen Tagen reiten wir über die Saale« Mit kurzem
Gruß verließ er die Hütte
Als Ingram hinter ihm ins Freie trat und das Haupt zum Sonnenlicht hob
fühlte er sich leise angefasst »Jetzt bist du ganz mein« rief Walburg in seiner
Umarmung Da berührten ihre Finger das Lederband welches er am Halse trug sie
trat ängstlich zurück »Ingram du trägst noch bei dir was von den Unholden
kommt«
»Die Gabe meiner Ahnen meinst du« versetzte der Mann betroffen »wie darf
ich sie verachten«
»Bedenke Geliebter vieles Unheil hat dir der Zauber gebracht wer weiß
wie sehr er dir noch den Sinn verwandelt wenn du ihn bewahrst«
»So wie du warnte einst ein anderer« versetzte Ingram »und ich fürchte
ich habe zuviel auf das Erbstück getraut Ich will es abtun du aber magst es
verwahren«
»Nicht ich und kein anderer« rief Walburg »nur einer soll darüber
entscheiden und das ist Herr Winfried selbst«
»Willst du mich vor die Augen des Bischofs führen« fragte Ingram unruhig
»Merke wohl Ingram« warnte Walburg »wie das Zauberstück dich von dem
Bischof fernhalten will«
Er löste den Riemen und bot ihr die Tasche sie warf ein Tuch über das
Bündel segnete sich und griff danach »Und jetzt fort von hier zu ihm Beuge
dich Ingram« bat sie den Zögernden »denn um Gnade sollst du werben bei einem
der stärker ist als du« Voll Mitleid und Zärtlichkeit sah sie ihn an vergaß
einen Augenblick das Teufelswerk in ihrer Hand und küsste ihn dann zog sie ihn
hastig mit sich fort
In seiner Kammer saß der Bischof allein als Walburg eintrat den Geliebten
nach sich ziehend »Kommst du endlich Ingram« sprach Winfried aufsehend
»lange habe ich dich erwartet und teuren Preis haben wir beide gezahlt bis du
den Weg zu mir fandest«
»Ein Zauber den die heidnische Schicksalsfrau gebunden liegt in dem Erbe
seiner Ahnen und erbittert ihm seinen redlichen Sinn« klagte Walburg »Löse du
ihn von der Macht der Unholden«
»Die Gnade des Himmelsherrn soll dich befreien Ingram und der Kampf den
du selbst durchkämpfst solange du auf der Erde weilst Wo ist der Zauber der
euch ängstigt«
»Hier liegt das Grauwerk unter weißem Tuch« sagte Walburg und legte das
Bündel scheu auf den Holzstoss am Herde Winfried wandte sich und sprach sein
Gebet dann fasste er nach dem geweihten Wasser das im Becken bei der Stubentür
stand besprengte das Tuch und seinen Tisch und zog das Erbstück des Teufels
hervor Es war eine kleine Tasche aus abgestossenem wolligem Fell von vielen
verknoteten Fäden umschlungen Winfried öffnete weit den Fensterladen und die
Tür dann machte er über sein Messer das heilige Zeichen schnitt kräftig durch
Faden und Leder und suchte den Inhalt Staub und vertrocknete Kräuter fielen ihm
in die Hand dazwischen ein neues Bündel von roter Farbe er rollte es
auseinander und trat zurück Vor ihm lag von Seidenstoff dicht wie Filz
gewirkt mit Goldfäden gestickt ein Bild gleich dem Haupt des Wurms den man
Drachen nennt Von hellem Gold glänzten die Augen um den aufgesperrten Rachen
standen die goldenen Zähne aus ihm ragte wie ein Pfeil die rote Zunge
»Schwerlich vermag menschliche Kunst solch teuflisches Bild zu schaffen«
rief Winfried erstaunt und hielt das Holzkreuz über den Drachenkopf »Wirf Holz
auf die Herdkohlen Jungfrau in der Flamme des Christenherdes bergen wir das
Heidenbild verschwinden soll es aus dem Angesicht der Menschen denn wie
lebendig glänzt das Auge und leckt die Zunge«
Das Herdholz knisterte die Flamme hob sich hoch über den Kohlen Winfried
trug vorsichtig die Tasche die zerfallenen Kräuter zuletzt das Drachenhaupt zu
dem Feuer und stieß sie mit dem Eisen kräftig hinein Ein dicker Rauch gelblich
und weiß wirbelte auf er stieg hoch bis zum Herdloch der Decke und wand sich
um die Dachbalken Ingram lag an der Tür auf den Knien »Bitter ist mir von
meinen Ahnen zu scheiden« seufzte er Aber über seinem Haupt hielt Walburg die
Hände gefaltet und sah verklärt auf Winfried der vor dem Herde stand das Kreuz
hochhebend bis die letzten Wirbel des Dampfes durch das Dach entschwebt waren
Darauf trat er zu Ingram »Bereite deine Seele damit du ein treuer Mann des
Christengottes werdest und deinen Sitz gewinnest in der Hochburg des Himmels
Als eine Gabe welche der Himmelsherr dir durch mich bietet empfange dies
geweihte Gewand das du tragen sollst wenn du zum Taufstein trittst und dich
gelobst dem ewigen Gotte«
Auf der Brandstätte des Hofes in welchem einst die Raben gekrächzt hatten
erhob sich eine Kirche und vom Turmgerüst klang die Glocke der Christen Wenige
Wegstunden davon nahe dem großen Markt der Thüringe stand der neue Hof Ingrams
und die Halle welche er gebaut hatte Bald wuchs um den Hof ein ansehnliches
Dorf welches noch in späten Geschlechtern das Erbgut des Ingram genannt wurde
Im ganzen Lande rühmten die Leute sein Glück und seine Hausfrau welche ihm den
Hof mit einer Schar blondlockiger Kinder füllte die gastliche Halle und daneben
auch die Zucht seiner Kriegsrosse der Rabenkinder Er war als Kriegsheld
gefeiert bis weit im Osten der Saale in den Grenzkriegen ein Schrecken der
Feinde eine starke Hilfe der fränkischen Grafen Mehr als einmal wurde er zu
dem Hofe der großen Frankenherren gesandt dort fand er immer Gunst und er
merkte wohl dass er dort seinen stillen Fürspruch hatte Als endlich König
Pippin der Sohn des erlauchten Herrn Karl selbst nach Thüringen kam um ein
Heer gegen Sachsen und Wenden zu führen da ritt Ingram in seinem Gefolge und
der König ehrte sein tapferes Schwert durch Lob und Begabung Sooft Winfried von
seinem erzbischöflichen Sitze zu Mainz nach Thüringen fuhr zog Ingram bis an
die Landesgrenze den großen Kirchenfürsten zu begrüßen alle seine Knaben
taufte der Erzbischof selbst und empfing jedes Jahr von der Hausfrau Weben der
feinsten Leinwand die auf den Webstühlen des Hofes gefertigt wurde Stets war
der Bischof mild gegen Ingram und freundlicher als gegen andere und er war
bemüht vor den Leuten zu erweisen wie hoch er den Helden achte Nur betrat er
nie die Schwelle des Treuen um gastlich darin auszuruhen obwohl Frau Walburg
zuweilen mit Tränen darum flehte aber ihre Knaben liebkoste er und nie vergaß
er bei seiner Ankunft im Lande ihr selbst eine Spende zu bringen
Dreißig Jahre waren vergangen seit der ersten Fahrt die Winfried in das
Land der Thüringe gewagt hatte Neben Ingram standen drei Söhne und drei Töchter
in blühender Jugend der älteste Sohn das Ebenbild des Vaters war bereits ein
erprobter Krieger der in gesondertem Hofe herrschte auch der zweite bändigte
die wildesten Rosse und harrte ungeduldig seiner ersten Kriegsreise der
jüngste Gottfried war nach dem Willen der Eltern der Kirche bestimmt und
fröhlich sang seine Kinderstimme die lateinischen Hymnen welche ihn fromme
Väter als Gäste der Eltern gelehrt hatten Und Wolfram der Meister des Hofes
welcher die Hintersassen seines Herrn wohlmeinend regierte sprach zu Gertrud
seiner Frau »Sehr mächtig ist der Zauber welcher in den neuen Christennamen
wirkt« dabei schlug er mit Anstrengung sein Kreuz »unser Gott fordert den
jüngsten Herrensohn für seinen Dienst und es nützt nichts ihm zu widerstreben
Vergebens habe ich dem Knaben Wolfshaare in die Jacke genäht und drei
Rabenfedern in seinen Pfühl gesteckt vergebens lehrte ich ihn auch mit dem
Bogen schießen und die Keule werfen der unkriegerische Name Gottfried zwingt
ihn übermächtig Ich hoffe er wird wenigstens ein Bischof der doch den
anderen welche geschorenes Haar tragen gebietet und den Ehrensitz an der Tafel
erhält«
Mehrere Jahre war der große Erzbischof nicht nach Thüringen gekommen und
seine Treuen vernahmen aus Mainz die Kunde dass er zuweilen die Beschwerden des
Alters fühle und dass ihre Augen ihn wohl nimmermehr schauen würden da bat
Walburg den Gemahl dass er bei seiner nächsten Fahrt zum Königshofe sie und die
Söhne nach Mainz geleiten möge damit sie alle noch einmal den Segen des
Heiligen empfingen und der junge Gottfried durch ihn für die Kirche geweiht
würde
Gerade damals waren die Heiden an der Nordgrenze in die Christenheit
eingebrochen hatten dreißig Kirchen zerstört die Männer erschlagen Weiber und
Kinder fortgetrieben Da war der greise Erzbischof selbst zu der Grenze geeilt
er hatte mitgenommen was der Schatz seines Bistums gewähren konnte um die
Gefangenen loszukaufen und die zerstörten Gotteshäuser aufzubauen Ein halbes
Jahr war er von Mainz abwesend gewesen den Schaden zu bessern und die
Grenzleute in Glauben und Eintracht zu stärken
Jetzt war er zurückgekehrt Während sein Gefolge im Hofe sich der Heimkehr
freute betrat Bischof Lullus ein vertrauter Schüler das Gemach des
Erzbischofs leise schob er den Vorhang der Tür zurück und trat mit frommem
Gruße ein Winfried saß im Lehnstuhl in seinem Schoße lagen aufgerollte Briefe
er aber blickte starr durch den Fensterbogen in das Morgenlicht und winkte nur
mit der Hand die Antwort auf den Gruß Lange stand Lullus in ehrfürchtigem
Schweigen er merkte betroffen dass der Greis halblaut mit sich selbst sprach
und vernahm endlich die Worte »Zeit ist dass ich mich zur Fahrt rüste nach dem
Saal meines Herrn sehr sehne ich mich nach der blutigen Wunde auf meiner Brust
die mir das Wolkentor öffnet«
Entsetzt über die fremdartige Rede begann der Priester »Was irrt der Sinn
meines ehrwürdigen Vaters dass er spricht wie ein weltmüder Mann des Schwertes«
»Der Welt müde bin auch ich« versetzte der Erzbischof »denn wie ein
Seefahrer steure ich durch die Woge die sich ohne Aufhören wälzt mein Kiel
stößt an die Klippen der Eisfrost fesselt mir die Füße mit harten Banden und
der Wintersturm schlägt mir mit hartem Flügel die Stirn Endlos ist der Kampf
und freudenlos ist was ich um mich schaue und mich verlangt herzlich nach der
Bucht in welcher ich mein Haupt niederlegen will«
»Freudenlos nennst du dein Leben ehrwürdiger Vater du dem der Herr Sieg
und Ehre gab wie niemals einem Manne« versetzte der Priester »Lass das Auge
deines Geistes die Länder durchmessen über welche du waltest Vierzig Jahre
hast du als Krieger Gottes gegen den Teufel gestritten viele hunderttausend
Seelen hast du dem Glauben gewonnen viele hundert Kirchen und Zellen der Brüder
erheben sich in dem Lande das du als eine Wildnis betratest Die Bäume der
Heiden sind überall gereutet einem Herrn gehorchen die trotzigen Nacken der
milde Gott schenkt ihnen Gedeihen bessere Zucht im Hause und Gehorsam gegen das
Gesetz An den Grenzen werden die mörderischen Feinde gebändigt durch tapfere
Christenkrieger im Lande der Hessen der Thüringe und Bayern lernen die Knaben
in der Heiligen Schrift lesen Du bist gewesen wie geschrieben steht ein
Säemann ging aus zu säen und ruhmvoll ist deine Ernte Fest gegründet ist der
einheitliche wahre Glauben auf der Männererde durch dich So Großes ist dir
gelungen was trauerst du Herr«
Winfried erhob sich und schritt durch das Gemach »Drei Nachfolgern der
Apostel welche zu Rom über die Kirche walten habe ich mich gelobt Gegen dich
darf ich mich rühmen ich war ihnen ein treuer Mann ich habe sie zu Herren
gemacht in der katholischen Christenheit Die widerwilligen Nacken der Laien
den Hochmut und Eigennutz ungetreuer Bischöfe habe ich gebeugt für sie Einheit
in Lehre und Gehorsam habe ich allem Volke auferlegt damit sie willigen
Gehorsam finden wo sie im Namen des Herrn gebieten Die Seelen der Menschen
hab ich ihnen unterzwungen sie selbst habe ich nicht zwingen können in allem
gute Diener des Himmelsherrn zu sein Nicht das Reich des Herrn in Armut und
Demut zu gründen sind sie eifrig Nach Landerwerb sehe ich sie lüstern nach
Goldschatz und nach irdischer Herrschaft Schlechte begünstigen sie und
Frevelhafte schonen sie wo es ihnen nützt klüger sind sie als wir aber größer
wurde auch ihre Hoffart Drei Päpsten habe ich gedient jetzt kommt der vierte
ein fremder Mann und seine Gunst wird er sorge ich austeilen in neuer Weise
wie es sein Vorteil ist Mein ist das Amt die Heiden zu bekehren
Zu ihrem Vogt bin ich gesetzt durch den Herrn auf diesem Recht stehe ich
fest gegen den Pontifex in Rom wie gegen den Teufel Da ich jung war tat ich
meine erste Kreuzreise in dem Herrn gegen das wilde Volk der Friesen Unablässig
habe ich um die Widerspenstigen gesorgt und ihnen das Kreuz über die Häupter
gehalten Die Bischöfe der Franken saßen träge in elender Fleischlust
irrgläubig und unbotmässig ihr Kirchgut verschwelgend und keiner sorgte um die
Bekehrung der Ungläubigen Jetzt wo ich dort mit harter Arbeit und Herzensangst
ein Bistum gegründet habe wollen sie mir das Friesland nehmen und einem anderen
Erzbischof unterordnen auf dass unsere Arbeit verdorben werde und unsere Saat
unter neuem Andrang der heidnischen Wogen ersäuft Du weißt es mein treuer Sohn
und Genosse dass ich nicht für mich die Ehre begehre sondern die Rettung der
Elenden Demütig habe ich meinen neuen Herrn Stephan gefleht mir das Friesland
zu lassen das älteste Kind meiner Sorgen Nicht weiß ich was dort die
Schlauheit der römischen Priester ersinnt Ich aber gedenke sie der Wahl zu
enteben selbst will ich in das Friesenland gehen ob es ihnen lieb oder leid
ist Dem großen Himmelsherrn will ich die Frage stellen ob ich noch länger
Diener eines Dieners sein soll oder ob er den müden Alten fortan würdigt ihm
selbst zu seinen Füßen zu sitzen Meinen letzten Kriegszug meine ich zu tun«
Im Hofe des Erzbischofs drängte sich an einem sonnigen Maimorgen das Volk
der Stadt und der Landschaft Zunächst an den Stufen des Palastes standen die
geistlichen Brüder auf der einen Seite Priester und Diakonen auf der anderen
Mönche der Klöster neben ihnen die hageren bärtigen Gestalten der Einsiedler
welche ihre Baumzelle verlassen hatten um den Segen des Erzbischofs zu
empfangen Haupt an Haupt standen die Leute aber es war eine feierliche Stille
bekümmert waren alle Mienen Tränen in vielen Augen wie bei dem letzten
Heimgange eines Fürsten Von den Stufen des Palastes hoben die Schiffsleute das
Reisegerät vier Leviten trugen die Truhe des Herrn mit seinen Büchern und dem
Reliquienschatz zu dem Rheinschiff dessen Wimpel unter dem Kreuzeszeichen
lustig im Morgenwind flatterte und bei jedem Stück das die Männer zum Rheine
schafften ging ein banges Gesumm und Seufzen durch die Menge In dem Saal des
Palastes stand Winfried im Kreise derer welche er liebhatte der Bischöfe
seiner Schüler und seiner Landsleute aus Angelland die wie er über das Meer
gekommen waren um die Heiden zu lehren Auch Frauen hatten sich versammelt
mehrere ihm blutsverwandt die meisten geschleiert Inmitten der gebeugten Schar
ragte hochaufgerichtet Winfried Freundlich strahlte sein Auge als er von einem
zum andern schritt leise Worte der Lehre und des Trostes spendend Als er bei
dem Haufen der Frauen auch Walburg begrüßte zog sie mit der Hand ihren Knaben
hervor warf sich zu seinen Füßen und flehte »Meinen Sohn den jungen
Gottfried bringe ich dem Herrn lege noch deine Hand auf ihn Vater damit sein
Leben gesegnet sei« Winfried lächelte als er den stattlichen Knaben
betrachtete und seine Hand berührte das lichte Haar Dann nahm er den Knaben
führte ihn zu einem Vertrauten dem Abt Sturmi von Fulda und wandte sich nach
der Tür Alle Anwesenden sanken auf die Knie und segnend schritt er zum
Ausgang Da fiel sein Blick auf die hohe Gestalt Ingrams der in seinem
Kriegskleide nahe der Schwelle kniete Er hielt an und sprach feierlich »Dich
Ingram lade ich heut zu mir willst du noch einmal der Führer meiner Reise
sein«
»Ich will Herr« antwortete Ingram aufstehend mit leuchtendem Blick
»So nimm Abschied von Weib und Kind denn du sollst für den Herrn unter
Schilde gehen«
Unten im Hofe wogte das Volk wie Wellen des Meeres Da der Erzbischof
heraustrat fiel alles auf die Knie und die Arme aufhebend ging er langsam
hindurch zum Schiffe Dort wandte er sich noch einmal grüßte und segnete und
lachte freundlich den Kindern zu welche von den weinenden Müttern aufgehoben
wurden damit sie den Mann Gottes schauten Ingram aber hielt seine Frau welche
stolz ohne Tränen neben ihm schritt die Augen fest auf ihn gerichtet und mit
der anderen Hand hielt er die Hände seiner drei Söhne Und als er sich am Ufer
von den Seinen löste fasste er die Schwurhand seines ältesten Sohnes legte die
Hand des Wolfram hinein und sprach zu diesem »Sei du ihm treu wie du dem Vater
warst«
Die Schiffer lösten die Seile und rheinabwärts schwebte das Schiff am Ufer
lag das Volk auf den Knien und sah dem Fahrzeug nach bis es hinter einer
Biegung des Stromes verschwand
Es war eine sonnige Fahrt gleich einer langen Festreise Wo eine Kapelle
stand auf den Höhen oder ein Kirchlein unten am Strom da drängten sich die
Leute und läuteten die Glocken wenn das Schiff kam und abfuhr Jeden Abend
legten die Reisenden an wo fromme Christen wohnten Herr Winfried stieg an das
Land begrüßte die Gemeinden und ruhte unter dem Dach derer die ihm vertraut
waren während Ingram am Maste unter dem Kreuzbanner lag und die Schiffswache
hielt So fuhren die Reisenden den Rhein abwärts dahin wo er zum See wird sie
legten vor Utrecht an und nahmen den Bischof von Friesland welchen Winfried
eingesetzt hatte zu sich in das Schiff Dann fuhren sie ostwärts bis zur Grenze
der heidnischen Friesen Dorthin hatte Herr Winfried im voraus das neubekehrte
Volk geladen damit er den Getauften die Hand auflege und sie im Glauben
befestige seine Boten waren durch das ganze Friesenland gegangen und hatten
seine Ankunft verkündet An der Mündung des kleinen Flusses Borne welcher die
christlichen und heidnischen Friesen trennt landeten die Fahrenden kurz vor dem
bestimmten Tage in einer Bucht wo die Flut einen Wall von zugetriebenen
Baumstämmen aufgehäuft hatte Der Erzbischof stieg an das Land wählte die
Lagerstelle und umschritt weihend den Raum Ingram ließ die Zelte aufschlagen
den Graben schütten und das angeschwemmte Holz zum Walle schichten
Als er bei dem Wall stand die Richtung maß und selbst die Pfähle schlug
ging Herr Winfried bei ihm vorüber und sprach »Du mühst dich emsig uns mit
Holz und Erde zu umschanzen hast du auch darum gesorgt einen über uns nach
seinem Willen zu fragen Denn er zieht die Schildburgen und zerwirft sie ganz
nach seinem Gefallen«
»Zürne nicht Herr dass ich den Hammer bis über das Abendgebet schwinge
denn Warnung kam mir von den Leuten am Ufer vieles Raunen und wildes Gemurr
verstört die Dörfer der Heiden und klein ist die Zahl der Schilde welche dein
Haupt schützt«
Winfried aber hörte gar nicht darauf sondern fuhr fort nach dem Himmel
blickend »Dichter standen die Bäume im Land der Thüringe Dort warst du der
erste welcher mir auf der Reise die Nachtpfähle hieb Damals fiel der
Eschensame herab auf den Boden und der Same heilbringender Lehre sank in dein
Herz Sieh ein neuer Baum ist im Schutze Gottes erwachsen nicht die unholden
Schicksalsfrauen schweben darum sondern hohe Engel die geflügelten Boten
Gottes vielleicht dass sie auch dir jetzt oder bald einmal eine gnadenvolle
Auffahrt bereiten«
Er segnete ihn und schritt in sein Zelt zurück das inmitten der anderen
sich stattlich erhob Ingram legte den Hammer weg er rüstete sich und setzte
sich mit Schild und Speer an das Lagertor zur Nachtwache Über die weite Ebene
spähte sein Blick gleich dem Herrn Winfried sah er nach der Nachtröte welche
vom Norden her so hell schien wie er sie noch niemals geschaut Er dachte an
sein Weib und die blühenden Kinder die jetzt daheim in Frieden schliefen und
die er so herzlich liebgehabt er überlegte das ganze glückliche Leben das er
mit seiner Hausfrau geführt seine ruhmvollen Kriegsfahrten und das Lob seiner
Streitgesellen auch Wolfram und seine Rabenrosse kamen ihm in den Sinn und er
lachte und segnete in Gedanken alle Häupter der Seinen und betete für jedes
leicht war ihm das Herz und er sah immer wieder nach dem Himmelsrand wo die
Röte langsam nach Osten zog bis die Helle im Osten aufstieg und die kleinen
Wolken rosig leuchteten wie ein Tor der aufgehenden Sonne Da merkte er wie das
Tor geöffnet wurde durch das er selbst hinaufsteigen sollte zu der Burg des
Himmelsherrn als einer seiner Krieger und er kniete nieder und sprach das
Gebet welches ihn Walburg gelehrt Wie er aufblickte erkannte er fern im Dunst
eine dunkle Masse sie schob sich heran Speereisen blinkten und weiße Schilde
Er schloss den Eingang rief seinen Kriegsschrei und eilte zu dem Zelte des
Bischofs und zu den Hütten der Krieger Aus dem Zelte tönte das Glöckchen
Winfried trat hervor das Wort des Herrn in der Hand umdrängt von den
Geistlichen Draußen am Graben erhob sich misstönendes Geheul die Heiden liefen
gegen das Pfahlwerk und rissen an den Hölzern Ingram sprang den Speer
schwingend auf sie und trieb seine Schildgenossen zum Kampfe Aber mächtig
erscholl die Stimme Winfrieds »Hört das Gebot des Herrn vergeltet nicht Böses
mit Bösem sondern Böses mit Gutem Tut ab Krieg und Kampf denn der Tag ist
gekommen den wir lange ersehnten heut lohnt der große Gott des Himmels seinen
Getreuen Bereitet ist uns der Hochsitz in himmlischer Halle die Scharen der
Heiligen geleiten uns vor den Thron des Himmelsherrn«
Da warf Ingram sein Schwert den einbrechenden Heiden entgegen er trat mit
ausgebreiteten Armen vor den Herrn Winfried rief laut den Namen des Jünglings
der einst sein Reisegeselle war und empfing die Todeswunde Nach ihm der
Erzbischof und darauf die übrigen Geistliche und Laien Nur wenige aus dem
Gefolge retteten sich über das Wasser und berichteten von dem Ende der frommen
Helden
Mit großem Gefolge fuhr der Häuptling des Christengottes zu der Halle seines
himmlischen Königs
Die Gebeine Winfrieds führten fromme Väter den Rhein hinauf dem Thüring
Ingram aber schütteten christliche Friesen am Strande den Totenhügel und
umschritten die Stelle mit Gebet Nicht die Raben des Waldes flogen darüber
sondern weissbeschwingte Möwen und statt der Baumwipfel rauschten in seiner Nähe
die Wogen des Meeres wie der Sturmwind sie trieb ein Jahrhundert nach dem
anderen
Doch aus seinem Hofe unter den Buchen und Fichten des Waldes wuchs und
breitete sich fröhlich sein Geschlecht
Die Wogen und Wälder rauschten aus einem Jahrhundert in das andere dasselbe
geheimnisvolle Lied aber die Menschen kamen und schwanden und unaufhörlich
wandelten sich ihnen die Gedanken Länger wurde die Kette der Ahnen welche
jeden einzelnen an die Vergangenheit band größer sein Erbe das er von der
alten Zeit erhielt und stärkere Lichter und Schatten fielen aus den Taten der
Vorfahren in sein Leben Aber wundervoll wuchs dem Enkel zugleich mit dem
Zwange den die alte Zeit auf ihn legte auch die eigene Freiheit und
schöpferische Kraft
Das Nest der Zaunkönige
Im Jahre 1003
Wo die Geisa das Wasser ihrer Quellen in die Fulda gießt lag zwischen Wiesen
und fruchtbaren Feldern das Kloster Herolfsfeld Hohe Fürsten des Himmels waren
seine Beschützer denn die Klosterkirche umschloss die Reliquien zweier Apostel
doch den größten Eifer für das Gedeihen des Klosters hatten zwei Gefährten des
heiligen Bonifazius bewiesen Erzbischof Lullus der die ersten Mönche auf das
leere Feld führte und der Heidenbekehrer Wigbert dessen Gebeine erst viele
Jahre nach seinem Tode im Kloster niedergesetzt wurden der aber seitdem durch
zahllose Wunder den Ruhm der Stätte erhöhte Als das stärkste von seinen Wundern
rühmten die Leute dass in der einsamen Landschaft ein mächtiges Menschenwerk
entstanden war Türme und hohe Kirchgiebel um diese herum eine große Zahl von
Gebäuden aus Stein und Lehm deren wettergraue Holzdächer wie Silber in der
Mittagsonne glänzten Was man Kloster nannte war in Wahrheit eine feste Stadt
geworden durch Mauern Pfahlwerk und Graben von der Ebene geschieden Länger
als zweihundert Jahre hatten die Mönche gebetet um den Gläubigen Heil und guten
Empfang in jenem Leben zu bereiten dafür waren sie selbst reich geworden an
irdischem Grundbesitz den ihnen fromme Christen in der bitteren Sorge um das
Jenseits gespendet hatten Die Burgen Dörfer und Weiler welche ihnen gehörten
lagen über viele Gaue verteilt nicht nur im Lande der Hessen auch unter
Sachsen und Bayern vor allem in Thüringen Ein guter Teil des Kirchengutes das
Bonifazius erworben hatte darunter die ersten Schenkungen welche die Waldleute
in Thüringen zur Heidenzeit gemacht gehörte jetzt dem Kloster und wenn der Abt
seine Lehnsleute und Hintersassen zu einer Kriegsfahrt aufrief so zogen sie dem
Lager der Sachsenkaiser zu als ein Heer von Reitern und Fußvolk in ihrer Mitte
der Abt als großer Herr des Reiches mit einem Gefolge von edlen Vasallen Länger
als zweihundert Jahre hatten die Brüder auch mit Axt und Pflug gegen den wilden
Wald und das wilde Kraut gekämpft hatten unermüdlich die Halmfrucht gesät
Obstbäume gepflanzt und Weingärten eingehegt So waren sie allmählich große
Landbauer geworden nach Tausenden zählten sie ihre Hufen ihre zinspflichtigen
Höfe und die Familien der unfreien Arbeiter Jetzt saßen sie in der Fülle guter
Dinge als eine Genossenschaft von hundertundfünfzig Brüdern zwischen gefüllten
Scheuern und springenden Herden sahen vergnügt über die reiche Habe und
ordneten selbst als umsichtige Landwirte das Tagewerk der zahlreichen Gehilfen
deren Häuser im Zaun ihres Herrenhofes standen oder seitwärts an der Fulda zu
einem großen Dorf vereinigt waren Doch nicht allein über Landarbeit sondern
über alles was Handwerk und Kunstfertigkeit zu schaffen vermochte walteten als
Meister die Genossen welche sich dem Christengott gelobt hatten Neben dem
Palast des Abtes und den Gastäusern für Fremde zwischen den Viehhöfen und
Scheuern dem Brauhause und den weiten Kellergewölben erklang der schwere Hammer
des Waffenschmieds auf dem Amboss und daneben der kleine Hammer des Künstlers
welcher edle Steine in Gold und Silber zu fassen wusste für Kirchengerät für
kostbare Bücherdeckel und für Trinkgefässe des Abtes und vornehmer Gäste Ein
Bruder bewahrte den Schlüssel zu dem Rüstaus in welchem die Helme Schwerter
und Schilde für ein ganzes Heer bereit lagen ein anderer zählte den Gerbern die
Häute zu prüfte kunstverständig ihre Arbeit mischte die Farbe und kochte die
Beize für buntes Leder und Gewand Und wieder ein anderer maß die Räume für neue
Bauten verfertigte den Riss und wies die Maurer an wie sie den Gewölbbogen
schwingen und dauerhaften Mörtel mischen sollten Von weiter Ferne her zogen die
Leute zum Kloster nicht nur um bei den Gebeinen der Heiligen zu beten und durch
Gaben das Gebet der Mönche zu kaufen auch wer klugen Rat und irdischen Vorteil
begehrte suchte dort Beistand Der Kaufmann fand Waren die er gegen andere
vertauschte der große Grundherr holte sich den Bauplan für ein Steinhaus das
er auf luftiger Höhe errichten wollte oder bat um einen messkundigen Bruder der
ihm fernes Wasser in seinen Hof zu leiten und einen Fluss mit steinerner Brücke
zu überspannen wusste Wer vollends krank war der neigte sich flehend vor dem
Arzte des Klosters und erhielt aus der Apotheke die Holzbüchse mit kräftiger
Salbe und den ruhmvollen Trank des heiligen Wigbert Jeder Dürftige und Bettler
im Lande kannte das Haus denn er war sicher dort Hilfe gegen den Hunger zu
finden und gutherzige Spende an den nötigsten Kleidern Was die einen in ihrer
Sündenangst vor den Altären der Heiligen opferten um den Himmel zu gewinnen
das vermehrte vielen anderen die Freude des irdischen Lebens Aber die Mönche
selbst die sich dem Herrn zu demütiger Entsagung und Busse geweiht hatten
wurden allmählich stolze Lehrer und Gebieter in weltlichen Dingen und vermochten
nicht mehr mit der alten Klosterzucht hauszuhalten
An einem heißen Nachmittag des Sommers lag auf den Stufen des Hochaltars ein
fremder Mönch in stillem Gebet Stab und Reisehut hinter ihm ließ erkennen
dass er neu angekommen war bei dem Reisegerät kniete ein junger Bruder des
Klosters der ihn begleitet hatte In dem Chorstuhl zunächst dem Sitz des Abtes
saß der Dekan Tutilo welcher Präpositus des Klosters war ein hoher
breitschultriger Mann mit jähzornigen Augen und buschigen Augenbrauen er hielt
die Hände nachlässig gefaltet und sah ungeduldig auf den Fremden dessen Andacht
kein Ende nehmen wollte Klein war die Zahl der Väter welche das Gebet
abwarteten nur wenige der Ehrwürdigsten saßen in den Stühlen unter ihnen
Heriger der Kellermeister ein fröhlicher Mann und Liebling der Brüder dem
alle gern dienten und der jeden mit freundlicher Rede gefügig machte dann der
Pförtner Walto welcher Sprecher des Klosters war als kluger Herr wohlbekannt
im ganzen Lande auch die beiden Alten Bertram und Sintram zwei Sachsen
welche mit ihren runden Köpfen und weißen Haarkronen einander ähnlich sahen wie
Zwillinge und deshalb von den Mönchen im Scherz die Stiefel genannt wurden sie
waren an einem Tage ins Kloster gekommen wohnten in derselben Zelle und
arbeiteten beide in den Gärten was einer wollte gefiel auch dem anderen und
sie wandelten stets zusammen obgleich sie schweigsam waren und auch miteinander
nicht viel redeten
Als der Beter sich endlich erhob und mit gesenktem Haupt vor den Dekan trat
ergriff dieser seine Hand führte ihn in die Mitte des Chors und neigte ihm das
Ohr zu in welches der Fremde die geheimen Worte sprach an denen die Priester
und Würdenträger von der Regel Benedikts einander erkannten »Gesegnet sei dein
Eingang mein Bruder Reinhard« antwortete der Dekan mit rauer Stimme welche
von der Decke zurückhallte und gab den Bruderkuss worauf der Fremde den anderen
Brüdern dasselbe tat »Nicht mühelos wird das Lehramt sein zu dem du aus der
Schulstube des Klosters Altaha gerufen bist denn du wirst harte Köpfe finden
und eine zuchtlose Herde doch dem heiligen Wigbert fehlt es nicht an Bäumen um
Ruten daraus zu schneiden Komm dass ich dir unsere Häuser zeige und die
Walstatt auf welcher du den Krieg gegen die Unwissenheit führen sollst« Er
ging voraus die Brüder folgten zuletzt der junge Mönch mit dem Reisegerät des
Fremden
Tutilo führte in die Klausur die große Burg des Klosters welche
zweistöckig inmitten aller Höfe und Gebäude ragte Sie enthielt die Wohnungen
der Mönche und der geweihten Schüler die von ihren Eltern in den Zipfel der
Altardecke gewickelt waren damit sie einst Mönche würden Das Haus stand im
Viereck um einen freien Platz von allen Seiten nach außen geschlossen nur
durch die Kirche war der Eingang und gegenüber ein Ausgang zu den Küchen und
Nebengebäuden In der Mitte des Hofes umgaben alte Lindenbäume einen Brunnen
und nach dem Hofe öffnete sich der ganze Bau denn ein weiter Säulengang zog
sich am Unterstock auf den vier Seiten entlang und die Mauer des Oberstocks
erhob sich auf den schöngemeisselten Steinsäulen Zwischen die Säulen waren
bequeme Holzbänke gestellt damit die Brüder bei schlechtem Wetter lustwandeln
oder ausruhen konnten wie es ihnen gefiel Ganz verlassen stand das Haus der
Fremde vermochte kein geschorenes Haupt zu entdecken obgleich in dieser Stunde
die Regel den Brüdern erlaubte sich von Arbeit und Gebet zu erholen Tutilo
merkte die suchenden Blicke des Bruders und auf den Säulengang weisend
erklärte er »An anderen Tagen würdest du die Hände oft rühren müssen wenn du
die Menge der Brüder und Schüler an den Fingern abzählen wolltest heut aber
sind sie ausgezogen Die letzten Tage waren schwül ein Wetter droht und das
ganze Gesinde des heiligen Wigbert arbeitet im Heu Dies ist alter Brauch des
Klosters er stammt wie sie sagen aus der Zeit der ersten Väter jetzt
freilich ist die Fahrt mehr ein Fest als eine Arbeit Bald wirst du ihr Gewimmel
merken wenn sie zurückkehren«
Als sie die inneren Räume betraten sah der zugewanderte Bruder in dem
großen Refektorium einen Kredenztisch mit schönen Bechern und Trinkkannen
darunter nicht wenige von edlem Metall und als er in einen Gang kam an welchem
Zellen der Brüder lagen erblickte er durch die offenen Türen große Stühle mit
seidenen Kissen belegt auf den Lagerstätten weiche Kopfkissen und lodige Decken
von buntgefärbter Wolle die mit gestickten Borten eingefasst waren daneben
große Truhen und metallene Leuchter mit Wachslichtern oder schwere vergoldete
Lampen auf einem Tische sogar ein Brettspiel mit geschnitzten Männlein und
Tieren so dass er merkte wie die Mönche unter Gerätschaften die sie sich
selbst erworben hatten ganz gemächlich hausten Und Reinhard obwohl er als
Mönch gewöhnt war seine Zunge zu hüten konnte den Ausruf nicht unterdrücken
»Gleich weltlichen Fürsten wohnen die Knechte des Heiligen«
Tutilo merkte das Missfallen aber er erwiderte stolz »Auch ich meine dass
unsere Brüder ihr Haupt hoch tragen dürfen wenn sie sich mit den Weltleuten
vergleichen Doch was du hier von eigenem Gut der Brüder etwa gesehen hast
gehört nur den Dekanen und den Alten denn diese allein haben die Lizenz«
Der Fremde senkte schweigend das Haupt Tutilo winkte dem jungen Mönch
zurückzubleiben zog einen großen Schlüssel aus der Tasche und öffnete in dem
Kreuzgang eine niedrige Pforte die er hinter seinen Begleitern wieder
verschloss Sie standen in dem Hofe der Abtei zwischen Ställen und Vorratshäusern
vor einem stattlichen Holzbau um den ein Laubengang führte Doch auch hier war
alles leer die Lichtöffnungen des Hauses waren mit Fensterglas und Blei
verschlossen aber die Scheiben waren erblindet und manche Raute war
zerschlagen »Du weißt ja wohl« fuhr Tutilo mit düsterer Miene fort »dass Herr
Bernheri unser Abt es verschmäht unter den Brüdern zu wohnen Dort oben auf
dem Berge St Peter hat er sich eine eigene Zelle stattlich hergerichtet dort
haust er mit denen die ihm am liebsten sind und selten betritt sein Fuß diesen
Herrenhof Oben hört mans deutlicher wenn der Auerhahn balzt und der Hirsch
schreit Wir aber in der Tiefe harren der Gebote welche er aus der Höhe zu uns
sendet Hier beginnt wieder dein Reich« fuhr er fort und geleitete in einen
anderen umhegten Hof »Hier ist die äußere Schule worin die Schüler zu
übermütigen Weltgeistlichen erzogen werden dreißig Scholastiker zählte das
Kloster erst seit dem Tode deines Vorgängers hat sich die Zahl vermindert An
der ersten Bank sitzen nur Söhne von Edlen meist Thüringe und Hessen trotzige
Knaben sind darunter ungern fügen sich die Stolzen darein im Kloster zu
dienen«
»Schwingen auch sie heut das gedörrte Gras« fragte der Fremde
»Einen wenigstens magst du sehen« versetzte der Kellermeister Heriger leise
und wies nach der Höhe In dem Schalloch des Glockenturmes saß ein Jüngling und
starrte hinaus auf die Höhen im Osten ohne die Mönche im Hofe zu beachten »Es
ist Immo der Thüring er hängt oft dort oben und immer sieht er nach derselben
Himmelsseite weil dort seine Heimat liegt«
Reinhard maß den Jüngling mit einem schnellen Blick »Erkenne ich ihn recht
auf seinem luftigen Sitze so sieht er mehr einem jungen Kriegsmann ähnlich als
einem Schüler der auf das heilige Öl und die Stola hofft«
»Du wirst ihn wild und tückisch finden« versetzte Tutilo »In den ersten
Jahren hat ihn unser Herr Bernheri verzogen jetzt tun ihm Hunger und Geissel
not und du würdest ihn vielleicht im Keller auf dem Stroh erblicken statt dort
in hoher Luft wenn die Brüder nicht allzuoft an das Verdienst seines Ahnherrn
dächten«
»Denn wisse mein Bruder« fuhr Heriger fort »er ist aus dem Geschlechte
eines seligen Helden der wie sie sagen zugleich mit dem heiligen Bonifazius
von den Heiden erschlagen wurde Sein Ahnherr war es zu dem der Heilige in der
Todesnot seine letzten Worte sprach welche in den Büchern geschrieben stehen
Wirf dein Schwert von dir Und darum haben auch von je die Männer und Frauen
seines Geschlechtes unser Kloster mit Hufen und Gaben ausgestattet«
Gegenüber dem Schülerhause lag der Kirche angebaut die Bibliothek und die
Stube der Schreiber Der Fremde betrat ein kahles Gemach die beiden Fenster
waren durch Glas und Blei verschlossen aber große Spinnengewebe hingen an Wand
und Rahmen und durch die Scheiben drang nur ein trübes Zwielicht so dass eine
brennende Lampe das Beste tun musste um den Raum zu erhellen Vor der Lampe saß
am Pult ein schreibender Mönch Langsam erhob er sich als die Brüder eintraten
und noch während er den Ankömmling begrüßte waren die kleinen Augen in seinem
runzligen Gesicht auf die Pergamentblätter gerichtet
»Willst du deinen Augen Pönitenz antun Vater Gozbert« begann Tutilo
verwundert »dass du das Sonnenlicht aussperrst«
»Es muss ein dunkler Nebel in der Welt sein« versetzte der Mönch »denn es
will nicht hell werden«
»Nicht der Nebel ist es der dir das Licht raubt sondern die Bosheit
anderer« rief Tutilo das Fenster öffnend »sieh her die Scheiben sind von
außen durch trübe Farbe verdunkelt und merke jemand hat dir einen üblen
Streich gespielt«
»In Wahrheit draußen scheint die Sonne« sagte der Mönch »ich erkenne Lehm
und Kienruss an den Scheiben«
»Ich aber weiß wer die Ungebühr gegen dich geübt hat entweder Immo selbst
oder durch die Jungen« sagte Tutilo »denn der Scholastikus Immo leitet die
Knaben zu vielem Frevel an Doch sein Maß ist voll« Und auf Reinhard blickend
fuhr er fort »Vater Gozbert ist ein Künstler in der Schrift wenige verstehen
sich besser auf jede Art von Duktus«
Gozbert ging zu einem Bücherbrett schlug einen Kodex auf und zeigte mit
Selbstgefühl die Blätter auf welche Buchstaben mit bunten Farben gemalt waren
»Ich sah selten so leuchtendes Gold so wohl geglättet« lobte der Fremde
»Durch den Stein Achates« erklärte Gozbert und blätterte zum Anfange
zurück dort war als großes Bild ein Kaiser auf seinem Stuhl und zur Seite vier
Frauen tief gebeugt mit seltsamen Kronen auf dem Haupt jede eine Mulde in den
Armen worin etwas Undeutliches lag darüber standen die Namen von vier Ländern
welche zum Reich gehörten »Ich selbst habe den Weibern die Verneigung erdacht«
sagte Gozbert stolz »denn in der alten Handschrift die wohl noch aus der
Urzeit der Römer stammt standen sie gerade«
»Niemand merkt dass es das Gesäss des Vaters Sintram ist welches Gozbert
viermal gebildet hat« erklärte Heriger mit lustigem Augenzwinkern »denn
Sintram musste oft gekrümmt stehen mit den Händen am Türpfosten während Gozbert
zeichnete« Der Schreiber warf einen missbilligenden Blick auf den Sprecher und
zeigte mit dem Finger auf das rötliche Gesicht des Kaisers »Herr Otto der
Rote seligen Andenkens«
»Ich aber will unseren Vater rühmen« fuhr Heriger fort »denn schwerlich
wird man einen Schreiber unter den Lebenden finden welcher mehr geschrieben
hat vierzig Jahre lang schreibt er bei uns jeden Tag im Sommer und Winter
fünfzig Bücher bewahrt das Kloster von seiner Hand und nicht wenige sind zum
Tausch gegeben gegen andere«
Gozbert neigte bescheiden den Kopf während des Lobes aber seine kleinen
Augen glänzten »Wenn es mir nur nicht an Pergament gefehlt hätte« sagte er
»und an Büchern zum Abschreiben«
»Vielleicht wird es möglich dass du von dem Kloster aus dem ich komme ein
gutes Buch geliehen erhältst« tröstete Reinhard
»Was es auch sei« versetzte Gozbert erfreut »ich schreibe es gern wenn du
oder ein anderer Gelehrter mir sagt dass keine Sünde darin steht Denn die
heiligen Namen zeichne ich mit Rot aus und die Übles bedeutenden Namen in den
profanen Büchern habe ich immer weggelassen sooft ich ihre Tücke merkte Manche
Nacht habe ich in Ängsten gewacht und oft hat mir beim Schreiben geschaudert
ob ich nicht vielleicht etwas schreibe was dem Heil meiner Seele schaden
könnte Endlich bin ich gewarnt worden dass ich die sündigen Bücher meide« Er
schlug das Kreuz und wandte sich geheimnisvoll zu dem neuen Mönche während die
anderen welche die Lieblingsgeschichte des Alten wohl kannten einander
bedeutsam ansahen »Merke auf jenen Holzkrug mein Bruder« fuhr Gozbert fort
»in welchem ich mein Trinkwasser bewahre Ein Deckelkrug diesem gleich stand
an derselben Stelle als ich gerade einiges von dem Heiden Ovidius schrieb Da
hörte ich hinter mir den Deckel klappen ich wandte mich um und mein Haar
sträubte sich der Krug stand still aber zuweilen hob sich der Deckel und
schlug wieder abwärts wie von innerer Gewalt getrieben Ich rief die Heiligen
zu Hilfe plötzlich sah ich zwei Hörner aus dem Krug ragen und wieder
verschwinden Im Entsetzen stieß ich den Krug um und sogleich sprang der
teuflische Geist einem kleinen Tier mit Hörnern ähnlich aus dem Holz fuhr in
dem Zimmer umher und endlich durch den Türritz hinaus indem er bösen Nebel und
Gestank zurückließ Ich aber erkannte die Warnung«
»Hätte der böse Geist nicht den Dampf zurückgelassen« bemerkte Heriger »so
würden manche vermuten dass es ein junger Hase gewesen sei den der Thüring Immo
heimlich in den Krug unseres Vaters gesetzt hatte«
»Es war der Teufel« versetzte Gozbert unwillig »Seitdem schreibe ich nur
noch heilige Bücher«
»Du hast sicher das beste Teil erwählt mein Vater« tröstete Reinhard
grüßend und sie schieden aus der Zelle Der Schreiber aber setzte sich wieder
zu seinem Pult oben webte die Spinne und unter ihr schrieb der Mönch
Tutilo wurde gesprächiger als sie die Höfe betraten in denen die Arbeiter
des Klosters unter Aufsicht der Mönche für Handwerk und Landbau tätig waren »Du
siehst Bruder« begann er das Haupt erhebend »nicht gering ist das Haus des
heiligen Wigbert sein Segen hat die Keller und Scheuern gefüllt wie gierig
auch die Grafen und Dienstmannen ihre Fäuste nach Äckern und Herden ausstrecken
Und jetzt da ich dir die Türen geöffnet habe und deinen Herdsitz gewiesen
jetzt berichte auch du wenn dir gefällt was du außerhalb des Klosters erfahren
hast denn wildes Gerücht geht durch die Lande dass die Kinder der Welt in neuem
Zwist gegeneinander toben«
»Zürne nicht mein Vater wenn ich deinem Willen nicht auf der Stelle
genüge« versetzte Reinhard demütig »du selbst weißt ja am besten dass der Mund
des Bruders der aus der Ferne kommt verschlossen sein muss bis die Erlaubnis
des Herrn Abtes ihn öffnet«
Der helle Zorn flammte aus Tutilos Augen »Statt des Abtes stehe ich hier
und mein ist das Recht dir die Zunge zu lösen«
Reinhard warf sich schnell vor ihm auf den Boden und flehte die Hände
erhebend »Verzeih mein Vater dass ich dir Unmut erregte da ich dir Gehorsam
schuldig bin im Staube nur was die heilige Regel mir gebietet meinte ich zu
tun Selbst wünsche ich dass du alles wissest denn schwere Kunde bringe ich aus
dem Lande aber auch dir würde es gefallen wenn du der Abt wärest dass ich eher
dir als anderen die Botschaft verkündete«
Tutilo blickte finster auf seine Begleiter aber er sah an den verlegenen
Mienen dass sie das Recht des Flehenden erkannten darum schwieg er und ließ den
Mönch zu seinen Füßen liegen bis Heriger der Kellermeister begann »Da der
Bruder sich nach Gebühr gedemütigt so rate ich dass du selbst ihn nach St
Peter zu unserem Herrn Abt begleitest damit auch wir erfahren was dem Kloster
zum Heil oder Unheil werden mag vor allem aber dass du es wissest da du jeden
Tag um unser Wohl zu sorgen hast«
Tutilo wandte sich unfreundlich nach dem Sprecher aber er bezwang sich und
antwortete dem Liegenden mit einer Stimme der man den Ärger wohl anmerkte
»Ungern wandle ich aus der Pforte nach jener Höhe doch will ich dein Gewissen
mein Bruder nicht beschweren Erhebe dich und harre mein an dem Tore Du aber
Walto gebiete mein Ross zu satteln damit ich die Befehle unseres Herrn auf der
Höhe erbitte« Er wandte sich ab und hörte nicht darauf wie der Kniende sich
dem Gebet der Brüder empfahl Reinhard erhob sich hinter dem Rücken des
Präpositus und schritt mit gesenktem Haupt neben dem Pförtner dem Ausgange des
Klosters zu Tutilo aber entließ die Brüder welche ihn begleitet hatten und
sprach zu seinem Vertrauten Hunico Ȇbles weissagt die fremde Biene in unserem
Stock Der Narr ist von der neuen Zucht welche die Füße küsst und Faustschläge
in den Nacken gibt er wird die Becher der Brüder zählen und um einen gekochten
Kalbskopf die Geissel schwingen Wer so willig ist sich in den Staub zu werfen
der wird auch dem König und dem Graf nicht widerstehen wenn sie uns die Zehnten
und Hufen nehmen und das Heiligtum kahl machen wie es zur Zeit des Lullus war
wo die Brüder sich selbst an den Pflug spannten und ihr gutes Glück priesen
wenn ihnen ihr tägliches Pfund Brot ohne Abzug gereicht wurde Ich aber meine
nicht umsonst die Speicher gefüllt zu haben kommt es zum Kriege so suchen auch
wir einen neuen Abt welcher das Kloster erhöht und nicht erniedrigt denn es
leben wenige Fürsten im Reiche die so stark sind als wir sein könnten wenn
ein Mann auf dem Abtstuhl säße und nicht ein Schwächling« Er schritt gewaltig
in die Klausur sich zu der unwillkommenen Fahrt zu rüsten
Während die ansehnlichen Führer der Brüderschaft durch die Höfe wanderten
schlich der junge Mönch welcher den fremden Bruder geleitet hatte unbeachtet
in die Kirche zurück neigte sich vor den Altären glitt die Säulen entlang und
öffnete im Vorhofe den Eingang einer hölzernen Galerie welche aus der Kirche zu
dem Glockenturm des Erzengels Michael führte Er stieg die Wendeltreppe hinauf
bis zu dem Bodenraum unter den Glocken Dort stand der Altar des hohen Engels
der im Federhemd in den Lüften waltete und den Wetterschlag vom Glockenturm
abhielt Indem der Mönch sein Gebet murmelte rief von oben eine helle Stimme
»Rigbert sei willkommen« Der Mönch hob warnend den Finger kletterte die
steile Stiege hinauf welche zu dem Glockenstuhl führte und stand wenige
Schritte von dem Jüngling Immo Dieser saß in dem Schalloch auf schmalem Brett
das für eine Dohle bequemer war als für einen hochgewachsenen Mann und
beobachtete ungeduldig das Nahen des Mönches
»Du kommst aus Thüringen seit Mittag erwarte ich dich der Dienstmann
Hugbald ritt an euch vorüber und brachte die Kunde in das Wächterhaus Du sahst
die Quellen der Waldbäche springen du hörtest wie der Bergwind weht und wie
das junge Volk der Thüringe unsere Reigen auf dem Anger singt Was weißt du mir
zu sagen aus den Waldlauben«
»Noch rinnen die Quellen vom Rennstieg zu Tale und die Waldaxt klingt an
den Baumstämmen Aus Erfurt dem großen Markte ritt mein Reiseherr Reinhard
nach der Zelle unserer Brüder in Ordorf auf dem Wege rasteten wir in einem
Edelhofe«
Eine heiße Röte fuhr dem Schüler über das Gesicht und mit heller Stimme
rief er die Hand gen Osten hebend »Ich meine das war der Hof meiner Väter«
»Wir wurden wohl empfangen von der edlen Hausfrau«
»Das war meine Mutter« schrie der wilde Knabe und wandte sein Antlitz von
dem Mönche ab weil ihm Tränen über die Wangen liefen »Sprich mir von ihr«
fuhr er nach einer Weile fort und kehrte sich wieder dem Mönch zu
»Sie erschien mir als eine heilige Frau und einer Fürstin sah sie gleich
obgleich sie schmucklos in Witwentracht vor uns stand«
»Mein Vater starb an seiner Wunde im fernen Land und der Sohn vermochte ihn
nicht zu rächen In den Kerker bin ich gesteckt Unselig ist die Hand die das
Rauchfass schwingt statt des Eisens«
»Mehr hilft deiner Seligkeit der Rauch am Altar als die wilden Worte«
mahnte der Mönch
»Du freilich trägst geduldig die braune Schafwolle die sie dir gesponnen
haben«
»Mich hat meine Mutter da ich ein Kindlein war dem Heiligen auf den Altar
gelegt weil sie das Liebste dem Himmel weihen wollte und meine Heimat ist
seitdem im Gotteshause«
»Auch mich haben sie da ich noch ein Knabe war zum Dienst des Altars
bestimmt obgleich ich das erstgeborene Kind war und ein Recht hatte das Banner
meines Vaters zu führen Aber dem Vater wurde der Vorsatz leid denn du weißt ja
wohl meine Fäuste sind nicht gemacht Feder und Gebetbuch zu halten sondern
Schildrand und Rosseszügel Zu einem Kriegsmann wurde ich erzogen obgleich der
Mutter Böses ahnte bis mein Vater mit dem jungen Kaiser Otto nach Italien zog
und in die Gefangenschaft der treulosen Griechen geriet Da kam die Angst in
unseren Hof schöne Hufen musste die Mutter dem Kloster verkaufen um das
Lösegeld für den Vater zu finden und nicht die Hufen allein auch den Sohn
rieten die frommen Väter zu spenden damit die erzürnten Heiligen sich des
Vaters wieder erbarmten Ich trug damals mein erstes Panzerhemd jetzt trage ich
dies missfarbige Kleid eines dienenden Schülers und fahre in dieser großen
Mausefalle wie eine gefangene Ratte längs den Brettern dahin Den Vater haben
die Heiligen doch nicht heimgeleitet ich aber bin gefesselt«
»Wie mochten sie ein Opfer gnädig empfangen« antwortete der Mönch traurig
»das so unwillig sich gegen den Altar sträubte«
»Zu Rosse wäre ich für sie geritten bis an das Ende der Welt aber auf den
Knien gleiten über den glatten Stein das kann ich nicht Denn meine Ahnen
dachten hoch und ich stamme aus einem Geschlecht von Kriegern«
»Und doch sollte deine Dienstbarkeit mild sein du Begehrlicher der immer
an die Freuden der Welt denkt Nicht Mönch solltest du werden sondern ein
üppiger Kanonikus der seidenes Gewand trägt hoch zu Rosse sitzt und mit den
Frauen kost wie ein anderer«
»Warum trage ich nicht das weiße Gewand« fragte Immo zornig »andere die
noch jünger sind in der Klosterschule werden dadurch doch ein wenig getröstet
Doch ich weiß wohl teuer ist solche Gunst und niemand von den Meinen zahlt
einem Bischof den Preis für die weiße Leinwand Aber hätte ich auch was du für
mich ersehnst du weißt die Fledermaus ist ein unholdes Tier sie ist nicht
Maus nicht Vogel und ich bin von dem Geschlecht welches bei Sonnenschein sich
über die Flur schwingt Was sahst du noch Rigbert in unserer Halle«
»Von dem Söller wies Frau Edit meinem Reiseherrn die Kapellen der Umgegend
und als die Glocken hier und da läuteten weil die Sonne im Mittag stand brach
aus dem Gehölz eine Schar Reiter alle auf hellen Rossen«
»Das waren meine Brüder« rief Immo »das ist unsere Zucht« Der Mönch
nickte bestätigend »Frau Edit sprach freudig zu dem Priester Sieh Reinhard
das sind meine sechs Nestlinge Sie kommen das Futter zu picken Ists nicht
ein kräftiger Flug«
»Und die Dohle sitzt hier im Turmloch« rief Immo dazwischen
»Sie rauschten heran wie durch die Luft getragen sechs feurige Reiter
wild flog ihr Haar durch die Luft waren sie mit Vögeln zu vergleichen so waren
sie doch nicht als Waldsänger zu erkennen denn scharf stachen ihre Augen«
Immo lachte freudig »Mich verdriessts nicht wenn du die Männer meines
Geschlechtes mit Habichten vergleichst ich hoffe die Knaben werden ihre Fänge
erweisen Sahest du das Ross auf dem mein jüngster Bruder ritt der kleine
Gottfried den wir Friedel nennen Ein Knabe war Friedel da ich vor sechs
Jahren von Hause scheiden musste er schlang die kleinen Arme um meinen Hals und
weinte bitterlich und als ich von der Schwelle wich rannte er mir schluchzend
nach und zog an meinem Gewand mich festzuhalten Ich hob ihn auf das Ross das
mir gehörte gab den Zügel in seine Hand und raunte dem Hengste zu dass er dem
Kleinen zugetan sei Niemand hat mir gesagt wie das Ross ihm dient Du musst es
gesehen haben Rigbert wenn du auch ein Mönch bist Es ist ein sächsisches
Pferd aus der Zucht des Königshofes die Farbe ist ganz weiß und Mähne und
Schweif glänzen wie Silber Sahst du das Ross Rigbert so sprich«
»Wohl sah ich das seltene Tier«
»Zwölfjährig ist es jetzt« fuhr Immo eifrig fort »und es mag meinen
Friedel noch tragen wenn er das erstemal in die Schlacht reitet denn ein altes
Ross und ein junger Held sagt das Sprichwort gehören zusammen Wie saß das Kind
auf meinem Rosse«
»Sah ich recht so trug das Ross den ältesten deiner Brüder den sie Odo
nennen«
Immo sprang wie ein wildes Tier aus der Luke hinab auf die Stiege und packte
den Mönch »Odo sagtest du der jetzt Erbe ist an meiner Statt Mir nahm er die
Hufen und die Herrschaft im Lande jetzt entwendet er auch dem Bruder mein
letztes Geschenk Vergessen bin ich und verachtet ist mein Gedächtnis und im
Knechtdienst lebe ich wie einer den sie im Kriege gefangen haben« Er warf
seinen Leib dröhnend gegen die Holzwand ein krampfhaftes Schluchzen
erschütterte ihm die Glieder
»Ganz töricht gebärdest du dich Immo Wie darfst du den Bruder schelten
Nicht er hat dich zu uns gebracht und ein Zufall kann gewesen sein dass er das
Pferd tauschte«
Immo aber antwortete nicht und der Mönch harrte schweigend bis der heftige
Anfall vorüber war Endlich richtete sich Immo auf und fragte ruhiger »Bringst
du mir Botschaft von der Mutter«
»Den Segen deiner Mutter trägt dir der Vater Reinhard zu wenn der Herr Abt
es gestattet Achte darauf Immo dass du dem Fremden gefällst denn wisse als
Meister der Schule ist er in dies Kloster gesendet und von morgen ist er dein
Herr«
»Er wird widerwillige Diener finden in der äußeren Schule Ist er ein
Geselle wie der arge Tutilo«
Der Mönch sah unruhig um sich »Du sprichst lauter als in Klosterwänden
geziemt« und bittend fuhr er fort »Immo du hast mir Güte erwiesen seit du
unter den Dächern des heiligen Wigbert umherfährst und du hast mir erlaubt
dein Geselle zu sein soweit ich aus der Klausur dir die Hand durch den Zaun
zureichen durfte lass dich jetzt mahnen an unsere Treue in der Schule Liebst du
dein Leben und dein Glück und wünschest du Gutes für die Tage deiner Zukunft
so füge dich dem neuen Lehrer denn soweit ich ihn erkenne ist er von mildem
Herzen aber von der strengen Zucht und ich meine es kommt eine andere Zeit
auch für die Höfe des heiligen Wigbert Vieles hörte ich raunen in den Zellen
der Brüder als wenn wir alle hier zu wenig nach der Regel lebten«
Immo lachte »Sage das den Vätern Ich sah vorhin durch das Schalloch wie
sie um die Heuhaufen im Reigen sprangen und sie hielten die Mägde des Dorfes an
der Hand«
»Schweig« raunte der Mönch »war das Tun nicht gut darüber im Kloster zu
sprechen ist Frevel nicht uns allein steht Fasten und Rutenschlag bevor mit
den Scholastikern werden sie anfangen«
»Unsere Fleischkost ist mager« spottete Immo »wollen sie uns gebieten zu
fasten so müssen wir den alten Katerweg über die Dächer wandeln du kennst ihn
ja wohl« Der Mönch bekreuzigte sich »Dann laufen wir zur Nacht in den Wald und
beschleichen das Wild Manchen Bock haben wir im Holze gebraten und du kennst
ein Loch im Zaune durch welches gute Bissen auch in die Klausur gereicht
wurden«
Flehend sah der Mönch den Spottenden an »Ich habe es gebeichtet und
gebüßt«
»Ich hoffe die Pönitenz war nicht hart Bruder Rigbert« lachte Immo doch
herzlicher fuhr er fort »Ich weiß dass du mir in guter Meinung rätst und will
mich wahren sosehr ich kann Doch jetzt erzähle Landsmann von deinem eigenen
Vaterhause im freien Moor das sie Friemar nennen Wie lebt Baldhard der Alte
dein Vater und Sunihild deine Mutter Manchen Trunk Milch bot sie mir sooft
ich durch das Dorf ritt und an ihrem Zaune hielt und manch warnendes Wort
sprach dein Vater das ich ungern vernahm obwohl er recht hatte Aber ich musste
ihn mit Ehrfurcht hören wegen seines weißen Haars und weil er meinem Vater wert
war Wenn er in unseren Hof kam erhielt er immer den besten Herdsitz denn es
ist wie du weißt von alter Zeit gutes Vertrauen zwischen dem Edelhof und dem
Freihof«
»Ich sah das Dach meiner Eltern ragen Vater und Mutter sah ich nicht«
klagte Rigbert leise Immo starrte ihn erstaunt an »Für mich war geschrieben
du sollst Vater und Mutter verlassen ich wandte das Gesicht ab als ich das
Haus zwischen den Linden erkannte damit den Heiligen meine Entsagung gefalle
und mein Gebet für die Eltern Erhörung finde«
Immo fuhr wieder mit einem Satze von dem Gefährten weg auf den Balken der
Turmluke und starrte schweigend ins Freie Als er sich nach einer Weile
umwandte bemerkte er missfällig das gesenkte Haupt und die gefalteten Hände des
Mönches und begann ungeduldig »Merke wohl Rigbert dürftig ist die Kunde die
du mir aus der Heimat zuträgst«
»Vater Reinhard bringt üble Neuigkeit von den Gütern in Thüringen«
versetzte Rigbert vorsichtig
»Hat der Hof meiner Mutter Frieden mit den Nachbarn«
»Sorglos weidete man in deiner Heimat die Herden und ohne Wächter
arbeiteten die Leute auf dem Felde Nur deine Mutter sprach bekümmert mit Vater
Reinhard«
»Du spendest dürftigen Trank wie ein karger Wirt ich muss dich unfreundlich
schelten«
»Viel mehr habe ich dir gesagt als mir zu sagen recht ist Nur weil ich
noch meine Reisekutte trage getraue ich mich so mit dir zu sprechen Wenn die
Väter heute abend zur Hora rufen dann flehe ich die Brüder fussfällig an dass
sie alle für mich wegen meiner Reisesünden beten dann hoffe ich wird ihr
Flehen auch meiner Schwatzhaftigkeit die Vergebung gewinnen Sonst spräche ich
nicht mit dir wie ich jetzt getan Daran denke Immo und zürne mir nicht«
»Gutwilliger als du will ich dir verkünden was wir hier im Kloster
vernahmen« begann Immo versöhnt »Ein Heereszug steht bevor und gewaltiges
Getöse von Speer und Schild Die Herrschaft des neuen Königs Heinrich dem die
Völker im vorigen Jahre den Herrenstuhl erhöht haben zerreißt in Stücke sein
ganzes Reich gleicht unserer Eisbahn auf der Fulda als sie beim Tauwind brach
Überall schlagen die Eisschollen gegeneinander Täglich erzählen in unseren
Herbergen die Gäste und die armen Wanderer dass alles schwankt was fest war
Der streitbare Held Hezilo der Babenberger hat sich machtvoll gegen den König
erhoben mit ihm verbunden ist der eigene Bruder des Königs dann der tapfere
Graf Ernst von dem alle Spielleute singen auch die Slawenherzöge und viele
Fürsten des Reiches Die Mönche behaupten dass der König geringe Hoffnung hat
seinen Feinden zu widerstehen Die Grafen hier in der Nähe rufen ihre
Dienstmannen werben Reisige und treiben Rosse und Rinder in ihre Burgen keiner
traut dem anderen und alle schreien dass der große Streit um das Reich
ausgefochten werden soll sobald die Ernte von den Feldern herein ist Ich aber
hoffe wenn erst die Waffen um Wigberts Haus dröhnen wird auch mir gelingen
hinauszufahren«
»Sinnst du so Arges« sprach Rigbert unwillig »dann ist dir jedes Wort
schädlidh das ich aus der Fremde berichte und mich reuts dass ich dir den
Frieden der Seele verstörte«
»Hoffst du hier im Kloster Frieden zu finden« fragte Immo lachend »Bald
wirst du merken dass die Väter in der Klausur geradeso zwieträchtig
gegeneinander stehen wie die Kriegsleute draußen Denn unser Abt Herr Bernheri
will dem König dienen Tutilo aber ist ein Oheim des Babenbergers Hezilo Oft
hören wir durch den Zaun Geschrei der Mönche und heftige Worte bald für König
Heinrich bald für den Hezilo«
Rigbert wandte sich schweigend der Treppe zu
»Nur eins sage mir noch bevor sie dich einsperren« rief Immo indem er mit
großem Satz zu dem Mönche sprang und seine Hand fasste »denn lange habe ich nach
dir ausgesehen und diese Stunde erwartet Vernahmst du daheim Gutes oder Böses
von dem Manne der den Söhnen Irmfrieds feindselig denkt obgleich er der Bruder
ihres toten Vaters ist Hast du vernommen für welchen König mein Oheim Gundomar
in das Feld reitet«
»Er weilt wie die Landsleute sagen beim König Heinrich dem er seit langem
vertraut ist und man rühmt ihn als gewaltigen Kriegsmann«
»Wir aber haben wenig Treue von ihm erfahren Nur einmal sah ich ihn als
ich noch ein Kind war da schleuderte er mich aus seinem Wege dass ich mit
blutendem Haupt auf dem Boden lag Mir wäre willkommener gegen ihn im Felde zu
stehen als an seiner Schwertseite Doch wir von der äußeren Schule sind alle für
König Heinrich«
Während Immo mehr zu sich selbst als zu dem Mönch sprach glitt dieser
lautlos die Treppe hinab Immo stand allein und seufzte schwer Was er aus der
Heimat gehört hatte machte ihm das Herz nicht leichter und der neue Lehrer war
ihm vollends nicht zur Freude Noch einen Blick warf er vom Turm hinab um dem
Tutilo oder anderen Dekanen nicht über den Weg zu laufen dann eilte er abwärts
und wand sich zwischen Gebäuden und Hecken den Gärten zu Da er hinter sich
Tritte von Männern und Pferden hörte fuhr er durch eine Lücke des Zauns die
ihm wohlbekannt war auf die andere Seite der grünen Wand und pries sein gutes
Glück als er aus dem Versteck den gefürchteten Tutilo erkannte welcher zur
Reise gerüstet neben einem fremden Kriegsmann dem Ausgange zuschritt Immo
wusste dass der Fremde seit dem Morgen im Gasthaus des Klosters lag und wunderte
sich über die Vertraulichkeit mit welcher der Reisige den stolzen Mönch
behandelte denn er ging sein Ross am Zügel führend sorglos auf der Ehrenseite
und trug den schlechten Eisenrock mit der Haltung eines Fürsten Während Immo
vom Wege wich wechselten die beiden den Scheidegruss »Lebe wohl Vetter«
sprach der Fremde »unlustig war diesmal mein Sitz an deiner Gastbank denn die
neugierigen Augen deines Volkes und die gewundenen Fragen machten mir Sorge«
Tutilo lächelte »Viele der Wigbertleute kennen den Grafen Ernst von
Angesicht und wohl alle haben von deinem Heldenwerk vernommen welches die
Wanderer rühmen Gerade deinetwegen schwärmt heut mein ganzes Volk in der Ferne
auf grünem Rasen der Pförtner aber ist mir treu Dennoch rate ich dass du ohne
Säumen aufbrichst Vertraue mir ich hindere die Reise zum Könige welche unser
Abt den Dienstmannen des Klosters bereitet«
»Denke auch daran« unterbrach ihn der Fremde eifrig »uns das Land
offenzuhalten für den Zug unserer Heerhaufen welche wir aus Sachsen und
Thüringen erwarten Denn ich kenne den falschen König er ist behend wie ein
Wiesel und seine Augen sind bei Tag und Nacht geöffnet ich sorge er reitet
eher ins Feld als wir Lebe wohl Vetter sehe ich dich wieder so rüstest du
mir ein Festmahl in der Abtei«
Der Mönch sprach den Segen und der Fremde schwang sich auf das Ross Als der
Hufschlag in der Ferne verklang schritt auch Tutilo der Pforte zu an welcher
ihn Reinhard erwartete
Immo harrte bis alles um ihn still war dann spähte er durch die Tür des
Arzneigartens und als er den alten Sintram darin sah trat er vorsichtig ein
und näherte sich dem Mönch welcher mit dem Grabscheit vor einem kleinen
Gesträuch stand und unverwandt eine Blume betrachtete Der Jüngling sprach
seinen Gruß der Alte nickte ihm freundlich zu gab ihm das Grabscheit in die
Hand und wies auf das Beet an dem er gegraben hatte Geduldig begann Immo die
unwillkommene Arbeit der er sich nach Klostersitte nicht entziehen durfte
Unterdes beharrte Sintram vor dem Strauch bis er endlich in seiner Freude
das Schweigen brach »Sieh diese Rose die ein Bruder dem Wigbert aus Gallien
gebracht hat wie eine Kugel war sie geschlossen aber die liebe Sonne hat ihr
den Mund geöffnet blicke hinein schöne Farben hat sie und zahllose Blätter
Halte deine Nase näher heran denn die Würze ihres Geruchs ist heilkräftig und
die bösen Geister welche in den Leib fahren und Siechtum bereiten fürchten den
Duft und meiden ihre Nähe Die Weisen sagen sie ist von dem Herrn in den
Erdgarten gesetzt damit sie dem Menschen ein Anzeichen sei Denn auch ihm ist
das Herz geschlossen bis das Licht des Glaubens darauf fällt dann öffnet sich
seine Seele der himmlischen Liebe«
Immo verließ gern das Beet und sah achtungsvoll auf die Rose aber anderes
lag ihm mehr im Sinn »Zeige sie auch dem neuen Magister welcher wie man sagt
aus der Fremde gekommen ist um die Schüler Dialektik zu lehren«
»Du hast die Wahrheit gehört« versetzte der Alte vorsichtig
»Dann Vater sage ihm wenn du vermagst Gutes von mir denn ich fürchte
andere werden ihm allerlei Nachteiliges in das Ohr raunen Leidvoll wäre es mir
wenn er feindselig gegen mich handelte denn er kennt meine Mutter und mein
Geschlecht er hat die Macht mir zu schaden und seine Fürsprache mag mir
helfen dass ich von der Schülerbank gehoben werde Allzulange mein Vater trage
ich wie du weißt dies Gewand«
»Sorge du nur ihm zu gefallen« mahnte der Alte »er hat wohl selbst Augen
und wird schwerlich der Meinung anderer folgen Mir scheint er hat dich bereits
gesehen da du unter den Dohlen sassest«
»Die Pusillen in der Schule welche noch nicht fünfzehn Jahre sind fürchten
sehr seine Rute es wäre gut für ihn und uns wenn er Nachsicht übte Die erste
Bank ist harter Streiche nicht gewöhnt und er wird es schwer finden das edle
Blut über die Bank zu legen«
»Dennoch rate ich dir nicht ihm das zu sagen« versetzte der Gärtner »du
selbst möchtest dafür büßen Jetzt aber wende dich abwärts Immo dort naht
Bruder Bertram aus dem Friedhofe Unrecht war es hier ohne Erlaubnis
einzudringen«
»Gerade seinetwegen kam ich zu dir mein Vater und ich flehe dass du bei
ihm mein Fürsprecher werdest Denn ganz unsicher sind die Tage meiner Zukunft
und wenn ich das Kloster verlasse so weiß ich niemanden der meiner Jugend mit
gutem Rat zu Hilfe kommen wird Dein Geselle aber hat im letzten Winter
freiwillig verheißen dass er mir bevor ich aus dem Kloster scheide als Gabe
die Weisheit übergeben will welcher die Männer seines Geschlechts in der Stille
vertraut haben Wenn er mich noch der geheimen Lehre für würdig erachtet so
ersehne ich dass er sie mir jetzt oder doch bald einmal spende Du aber zürne
mir nicht dass ich darum zu dir komme Ich weiß ja Vater dass du mir nichts
Übles sinnst denn ich fand gestern in der Ecke bei dem Nest der Rotkehlchen
einen Binsenkorb voll Kirschen und ich weiß auch wer ihn hingestellt hat«
Der Alte lächelte vergnügt »Die Rotkehlchen sind listige Vögel sie tragen
mancherlei hin und her Auch ich fand in diesem Frühjahr als mir meiner Sünden
wegen die Gicht in die Hand gefahren war ein paar Faustandschuhe von Otterfell
bei meinem Gerät ich habe nicht gefragt woher sie kamen« Er sprach das letzte
zu seinem Gesellen Bertram der langsam herangewandelt war und ebenfalls sein
Grabscheit in der Hand hielt Die beiden Alten blickten einander bedeutsam an
und Bertram welcher der ernstaftere war setzte das Gespräch fort als wenn er
die früheren Reden gehört hätte und begann feierlich »Darum nahest du auch
jetzt zu günstiger Stunde denn heut ist der Tag wo ich dir schenken will was
ich dir einst versprach und was ich bis jetzt als mein Geheimnis bewahrte wie
ich es von einem Oheim erhielt der es als Kriegsmann in der größten Not seines
Lebens erprobt hat Mir selbst vermag es nicht zu dienen denn es ist ein Gut
für Weltleute und nicht für Mönche dir aber kann es wohl frommen denn ich
merke dein wilder Mut wird dich bald einmal über den Zaun des Klosters
hinaustreiben Tritt abwärts aus der Sonne in den Schatten eines Fruchtbaumes
denn nur im Dunkeln darf ich dirs geben« Der Alte wandte sich einer Ecke des
Gartens zu wo ein großer Apfelbaum seine Zweige tief zur Erde breitete
ehrfürchtig folgte ihm der Jüngling Sintram machte den Beschluss So schritt
Immo zwischen den beiden Spatenträgern in den Baumschatten dort blieb Sintram
im Sonnenlichte zurück Bertram aber trat an den Stamm und winkte den Jüngling
nahe zu sich Er stützte den Spaten an den Baum faltete die Hände und murmelte
sein Kredo dann begann er feierlich »Vielerlei Lehren gibt es welche den Mann
fest machen wenn seine Gedanken sich unsicher wälzen und die heilsamsten von
allen sind die heiligen Befehle welche verkündet sind An diese gedenke vor
anderen Die Lehren aber welche ich für dich bereit halte vermögen dir nicht
zu helfen in der Freude und nicht beim Gelage und nicht bei Kauf und Verkauf
aber sie sind gute Helfer in der Not Neige dein Ohr zu mir damit das Geheimnis
meiner Gabe bewahrt bleibe und gelobe mir dass du sie nicht auf die Zunge
nehmen und von dir geben willst außer an einen ehrlichen Mann in guter Meinung«
Das gelobte Immo
Da pflückte Bertram vier Grashalme von der Erde reichte dem Jüngling einen
in seine Hand und sprach feierlich »Drei Lehren sind es und eine mit denen
ich dich begabe öffne dein Ohr und halte sie fest Die erste bedeutet dass dem
Manne nicht geziemt zu dienen wo er gebieten darf und sie lautet
Birg niemals in die Hand eines Herrn was du allein behaupten kannst«
Und als Immo die Worte wiederholt hatte reichte Bertram den zweiten Halm
»Dieser Spruch soll dich mahnen wenn du einem Freunde unwillkommene Kunde ins
Haus trägst dass du sie ihm vertraust bevor der Staub auf deinen Schuhen
verweht ist und der Spruch lautet
Üble Botschaft auf der langen Bank macht dem Boten und dem Wirt das Herz
krank«
Zum dritten Halm sprach er »Missachte den Eid der in Todesnot geschworen
wird Wer dir Liebes gelobt sich vom Strange zu lösen der sinnt dir Leid
sooft er des Strickes sich schämt«
Und beim vierten gebot er
»Deines Rosses letzter Sprung deines Atems letzter Hauch sei für den
Helfer der um deinetwillen das Schwert hob«
Als Immo jeden Spruch nach Gebühr wiederholt hatte beschloss Bertram die
Begabung indem er gerührt sagte »Es ist Brauch dass der Spender heilsamer
Lehren ein Entgelt dafür erhalte Da du wenig hast und ich wenig nehmen darf
so hoffe ich die guten Engel werden dir jene Pelzhandschuhe als Gegengabe
anrechnen Wegen des Otterfells aber hat dich der Gerber verraten und wir
wissen auch dass dirs Herr Bernheri geschenkt hat als du ihm die Otter
lebendig brachtest Und jetzt neige dein Haupt mein Sohn Immo damit ich dich
segne denn du hast die Weisheit meiner Vorfahren empfangen und ich will
flehen dass sie deinem Leben nütze wie sie denen genützt hat die sie vor dir
besaßen Wenn du sie aber missachtest und ihr zuwider handelst so siehe zu dass
die Verachtung sich nicht an dir räche« Immo beugte das Haupt in die Hand des
Alten und empfing den Segen Dann traten sie wieder aus dem Schatten in die
Sonne die beiden Greise blickten einander zufrieden an und führten ihren
Günstling zur Gartentür dort begann Sintram »Merke auch noch dies von
meinetwegen In all deiner Zukunft sorge dafür dass du immer jemanden hast der
für dich zu dem Himmelsherrn betet Jetzt tut mein Bruder Bertram dies täglich
für dich und auch ich gedenke des Abends deiner Denn wir haben dein Gemüt
längst erkannt obgleich du unbändig dahinfährst Aber wir beide sind alt Oft
hören die Himmlischen nicht gern die Worte eines Bedrängten weil er ihnen durch
seine Missetat verleidet ist wenn aber ein anderer für ihn bittet so fühlen
sie leichter Erbarmen Unselig ist auf Erden nur der welcher in der Not allein
die Hände faltet ohne einen Helfer Darum gehe in Frieden Immo und denke auch
darauf dass du dem Präpositus nicht missfällig wirst«
Immo sah bewegt den beiden Alten in die freundlichen Gesichter welche
einander ähnlich waren wie zwei Äpfel desselben Baumes er neigte sich tief vor
ihnen und entwich Langsam schritt er die Hecke entlang setzte sich endlich in
den Schatten einer Mauer und wiederholte und bedachte in der Stille die Lehren
des Bertram Dann sprang er auf und schritt dem Hofe der Reisigen zu der vor
der großen Klosterpforte neben dem Haus des Pförtners stand Dort lagen im
Wachtause zu jeder Zeit einige kleine Dienstmannen des Klosters und dort
weilte Immo am liebsten er hatte daselbst auch seine besten Genossen obgleich
die Dekane das nicht zu wissen brauchten
Als er in den Hof trat fand er eine Reihe Heuwagen welche von den Knechten
entladen wurden während ein bejahrter Dienstmann im Schuppenhemd die
Blechkappe in der Hand neben seinem Rosse stand und geduldig den Arbeitenden
zusah »Gib mir ein Pferd Hugbald« begann Immo leise zu dem Kriegsmann »dass
ich mit dir reite«
Hugbald blickte bedeutsam nach dem Stall und wies auf einen handfesten Mönch
zwischen den Heuwagen es war der Bruder welcher dem Pförtner in seinem
schweren Amt als Trost beigegeben war Immo verschwand in dem Stalle Als die
entlasteten Wagen zum geöffneten Tor hinausfuhren bestieg auch der Reisige sein
Ross hielt unter dem Tore an und sprach mit dem Mönch der auf den Verschluss
achten sollte Da stob Immo auf flüchtigem Pferde an den Redenden vorüber und
war außer Rufesweite bevor der Mönch sich von seinem Erstaunen erholt hatte
»Der Vater Pförtner hat mir befohlen« rief der unzufriedene Mönch »diesen
nicht ins Freie zu lassen weil er sich vermessen hat ohne Erlaubnis auf St
Michael zu reiten aber er wischt dahin wie ein Feuermann in der Nacht«
»Lass ihn immerhin« begütete der Dienstmann »mir ist es recht wenn ich
heut einen schnellen Knaben an der Seite habe Denn um dir meine Meinung zu
sagen ich werde froh sein wenn du am Abend Wigberts Knechte und Gespanne
vollzählig zurückerhältst«
»Du verkündest was üble Ahnung macht« rief der Mönch erschrocken »Wie mag
uns Gefahr drohen leben wir doch in Frieden mit den Nachbarn«
»Ich sah schwarze Vögel flattern über der Grenze unserer Waldwiesen und ich
kenne den Schwarm Die Dohlen sind es aus den Buchen des Grafen Gerhard sie
fliegen gern dorthin wo sein gewappneter Haufe reitet um unsere Marksteine
schwebten sie und lachten untereinander«
»Anderen mögen die Schwarzen Böses bedeuten doch nicht uns« tröstete der
Mönch »denn wir im Kloster beten jedes Jahr für den Grafen Gerhard und für die
Seele seines Vaters«
»Es ist wohl möglich dass die Vögel sich darum nicht kümmern« versetzte
Hugbald »Auch sah ich etwas im Holze des Grafen blinken ich meine es war eine
Helmkappe Du selbst magst erwägen ob die Mannen des Gerhard an diesem heißen
Tage den Eisenhut tragen weil sie das Heufest des Klosters feiern«
»Harre dass ich dem Vater Tutilo die Kunde zutrage« rief der Mönch
»Unnütz wäre die Mühe« versetzte der Dienstmann die Achseln zuckend »ich
ritt hierher weil ich der Meinung war die Reisigen unseres Herrn Abts von St
Peter als Helfer zu erbitten Aber Herr Tutilo wollte vor einem Sonnenblink auf
fremdem Eisen nicht erschrecken und verbot mir wegen der Heuernte an das Tor des
Abtes zu reiten Auch hat in Wahrheit das Kloster Fäuste genug auf die Wiesen
gesandt vielleicht dass sie mit den Heugabeln ihre Tapferkeit erweisen Doch
sollte mir das Pferd straucheln so wird der Jüngling dort zurückreiten und euch
mahnen dass ihr das Glockenseil zieht« Der Reiter nickte und trabte den Wagen
nach der Mönch verschloss kopfschüttelnd das Hoftor
Als Hugbald den Jüngling erreicht hatte welcher hinter einem Gebüsch seiner
harrte begann er »Dein Pferd hast du gut gewählt wenn du dich heut im Felde
gegen einen Feind tummeln willst aber den Stecken in der Hand vermag ich nicht
zu loben er ist nur gut um einen Hund zu treffen nicht aber eine Eisenhaube
Auch dein Strohhut wird dir schwerlich das krause Haar schirmen wenn dich ein
Schwertschlag erreicht«
»Denkst du an Hiebe« fragte der Jüngling und richtete sich hoch auf
»Wer über das Feld reitet darf immer daran denken« versetzte Hugbald
vorsichtig »darum nimm noch eine Warnung Wenn du merken solltest dass
Bewaffnete gegen mich sprengen so treibe die Weiber mit den Rechen hinter einen
Strauch und sieh selbst aus der Ferne zu damit du berichten kannst dass ich
mich ehrlich gehalten habe«
»Ich meine Vater besser werde ich das erkennen wenn ich an deiner Seite
reite« sagte Immo stolz und trieb sein Pferd zum Sprunge
Hugbald lächelte ein wenig dann wies er ernstaft nach dem nahen Berge wo
der Abt sein Haus hatte »Dennoch ist es schwer zwei Gebietern zu dienen Dort
oben liegen wackere Gesellen müßig welche bei einer Schlägerei im Heu wohl den
Rücken decken könnten Aber was einem Herrn gefällt will der andere nicht
leiden«
»Sage mir ob du um Gefahr sorgst so will ich hinaufreiten sie zu rufen«
»Damit Herr Tutilo mir später Feindseliges sinne« versetzte Hugbald
kopfschüttelnd »Lieber vertraue ich auf die Hilfe des heiligen Wigbert denn
ich habe ihm solange ich lebe nie etwas genommen und manchen Schlag zu seiner
Ehre getan warum sollte er mich also missachten« So ritten sie ohne anzuhalten
an St Peter vorüber dem Laubwald zu welcher in weitem Kreise die Niederung
umschloss
Die Gesellen
Die beiden Mönche zogen nebeneinander durch das Flusstal Tutilo hoch zu Ross
Reinhard demütig zu Fuß in heißem Sonnenlicht stiegen sie den Hügel hinauf auf
welchem Herr Bernheri der Abt sich ein kleines Kloster erbaut hatte ganz nach
seinem Herzen seinen Mönchen zum Trotz Es sah einer Burg ähnlicher als einer
heiligen Zelle hinter dem Graben ragte eine hohe Mauer und an dem offenen Tor
saß auf seinen Spieß gestützt ein Kriegsmann Gemächlich erhob er sich empfing
mit geringer Kopfneigung den Segen welchen Tutilo spendete und führte ihn in
den Hofraum Dort stand neben einer Kapelle das neugebaute Haus des Abtes eine
zweistöckige Kemenate mit einem Vorhaus dessen Dach auf schön geschnitzten
Holzsäulen ruhte daneben erhoben sich Ställe und ein umhegter Raum aus welchem
unablässig das Gebell vieler Hunde klang Gegenüber dem Haus des Abtes ragte
eine hölzerne Halle für das Kriegsvolk auf den schattigen Stufen dehnten sich
mehrere Bewaffnete ihnen gesellt zwei Mönche Die großen Trinkkannen welche
dazwischenstanden und das laute Gelächter der Trinker bewies dass diese
Klosterleute nicht unter strenger Zucht lebten Tutilo begann bitter während er
einritt »Du weißt mein Bruder St Petrus war ein Kriegsknecht er trug ein
Schwert in der Nacht da der Herr verraten ward darum gefiel es auch dem Abte
diese Behausung von Jägern und Schwertträgern als eine Burg St Petrus zu
gründen« Die eintretenden Mönche störten die lustige Gesellschaft die
Klosterbrüder eilten herzu und während sie um den Segen baten blickten sie
spähend und misstrauisch nach dem Präpositus
Als ein Mönch von St Peter die Glocke der Abtei gezogen hatte trat Eggo
der vertraute Kämmerer des Abtes in die Tür und führte die Gäste eine
Wendeltreppe hinauf in das Gemach wo Herr Bernheri am liebsten zu weilen
pflegte Dort sah man zwischen den Säulen und Rundbogen der kleinen Fenster in
ein Waldtal hinab und im Vorgrund auf grüne Weiden und wogende Ährenfelder das
große Kloster Wigberts aber sah man nicht Über dem Tisch in der Mitte des
Raumes lag eine Decke welche zierlich mit der Nadel gestickt war auf dem hohen
Lehnstuhl weiche Kissen Geweihe die an der Wand befestigt waren dienten als
Haken woran Waffen zur Jagd und zum Kriege hingen Hornbogen und Köcher
Eberspiesse und große Halsbänder mit eisernen Stacheln für die Jagdhunde
Herr Bernheri war ein wohlbeleibter Herr mit großem Haupte dem geröteten
Gesicht und den dicken Augenlidern merkte man an dass er sorgfältig den Wein
seines Kellers prüfte er trug einen langen Hausrock von feinem dunklen Tuch am
Halse ein goldenes Kreuz Die Mönche knieten nieder Tutilo zögernd und mit
steifem Nacken so dass man den Zwang erkannte
Der Abt blickte unzufrieden auf den Präpositus und begann während er mit
flüchtiger Handbewegung den Segen erteilte »Ungern sehe ich heut dein Gesicht
Tutilo da du doch die Brüder wie ich höre in das Heufest gesandt hast Es
wäre besser wenn du deine gefurchte Stirn den Heimkehrenden entgegenhieltest
damit ihnen die weltliche Fröhlichkeit aus dem Herzen schwände Aber auch die
krächzende Krähe flieht gern dorthin wo sich die Habichte niederlassen«
»Du selbst Herr und Abt von Wigbert vergleichst dich mit dem Habicht der
sich in dem Klostergut niedergelassen hat« versetzte Tutilo schnell aufstehend
»ich aber und mancher von den Brüdern meinte dass in der Notzeit des Klosters
den Brüdern gezieme ihren Groll zu vergessen und einträchtig auf Nützliches zu
denken was die Gefahr abwenden kann«
»Du sprichst gut« versetzte der Abt ungnädig »sorge dafür dass deine Taten
der Rede nicht widersprechen Kommst du auch ungeladen sitze dennoch nieder ob
du dem Kloster deine Treue erweisen kannst« Er winkte dem Mönch Eggo dieser
verschwand und trug drei große silberne Becher und eine Weinkanne herzu die er
auf den Tisch stellte er selbst aber trat hinter den Lehnstuhl des Abtes
Dieser setzte sich gewichtig winkte den Gästen zu beiden Seiten Platz zu
nehmen und sagte auf die Becher weisend »Es sei erlaubt Ich freue mich
deiner Ankunft Reinhard Deine Klugheit ist rühmlich bekannt du hast dich den
Heiligen unserer Kirche in meine Hand zugeschworen und als vertrauten Boten
habe ich dich nach Thüringen gesandt damit du gleich einem Fremden ohne Gunst
und Hass die Höfe des Klosters bereisest und mit eigenen Augen alles erkundest
denn üble Nachrichten erhalten wir aus jedem Gaue Jetzt berichte von unseren
Höfen und von den Zellen in denen unsere Brüder hausen damit wir alles
erfahren wenn es auch unwillkommen ist«
Reinhard holte einen Pergamentstreifen heraus auf dem die Hufen und Höfe
des Klosters verzeichnet waren und begann den Reisebericht Es war eine lange
Reihe von Klagen der Verwalter über Gewalttat der Grafen und Widerspenstigkeit
der Verpflichteten Als er innehielt tat Herr Bernheri einen tiefen Trunk und
sprach darauf seufzend »Solange ich lebe habe ich erfahren dass die Frommen
spenden und die Gottlosen nehmen Sonst waren der Frommen mehr und der Gottlosen
weniger Wie ein Weiher ist das Klostergut in den die kleinen Quellen rieseln
wenn er aber gefüllt ist kommen die Müller des Teufels öffnen ihre Gräben und
leiten die Flut wieder ab über ihre Mühlräder Ich sorge der Weiher wird einmal
leer und meine Mönche werden wie Karpfen in missfarbigem Schlamme zappeln«
»Wer kommendes Unglück meldet dem danken wir wenn er auch sagt wie zu
helfen ist Unerhört ist es dass ein neuer Bruder die Geheimnisse des Klosters
erfährt welche sonst nicht einmal den Dekanen bekannt sind« fiel Tutilo mit
rauer Stimme ein »Leichter ist es Klagen vorzutragen als die Hilfe zu
finden«
»Du selbst weißt ja mein Vater« antwortete Reinhard »wo die beste Hilfe
zu finden ist Die Heiligen fragen vor allem ob unsere Brüder nach der heiligen
Regel ihren Dienst tun Den Säumigen aber entziehen sie ihre Gnade Manches sah
ich in St Wigberts Kloster was nicht nach der Regel war«
»Sage das doch den Mönchen in Fulda in Korvei und sonstwo überall ist der
Mutwille größer als bei uns« rief Tutilo zornig »und lebt ihr in Altaha die
ihr euch als starke Beter rühmt deshalb in größerer Sicherheit«
»Gern verkünde ich dir o Herr auch Günstiges« fuhr Reinhard ruhig fort
»nämlich dass unter den Waldleuten welche bei unserer Zelle Ordorf wohnen ein
neuer Eifer erwacht ist Die Brüder welche du dorthin gesandt hast leben in
froher Hoffnung denn sie meinen großes Heil sei ihnen widerfahren In mehr als
einer Nacht sahen die Brüder Licht in der Kirche und als Hunibald der
Magister einst aufstand und hineinging erkannte er einen Schein über der
Platte unter welcher wie die Sage geht der selige Vater Meginhard der
Genosse des heiligen Bonifazius bestattet ist Viel erzählen sie dort von den
christlichen Heldentaten die Meginhard zu seiner Zeit unter den Heiden gewirkt
hat Die Laien drängen sich in die Kirche und beten auf seinem Grabe und große
Heilungen von schweren Leiden werden berichtet die an dieser Stätte ganz
plötzlich gelungen sind Das lässt Hunibald dir durch mich mit Freuden
verkünden«
Der Abt schüttelte unzufrieden das Haupt »Ich kenne den Sinn unserer Brüder
in Ordorf sie sind gutwillig aber unbesonnen und ihrem Glauben fehlt die
Prüfung Ich kenne auch alte Vetteln welche von einer Stätte zur anderen laufen
und ihre Gebresten heilen lassen damit man sie rühme auf den Schultern trage
und mit guter Kost füttere Die in Ordorf mögen sich wahren dass die Kinder der
Welt uns nicht verspotten und dass nicht zuletzt ein großes Skandalum aus dem
Wunder werde«
»Es ist nicht begehrliches Volk allein welches zuströmt auch ehrbare Leute
rühmen die Wunderkraft des seligen Bekenners«
»Und vermagst auch du sie zu rühmen nach dem was du gesehen hast« fragte
der Abt prüfend
»Ich hatte wie du weißt nicht die Zeit und nicht das Amt nach der
Wahrheit zu forschen« versetzte Reinhard
»Ich aber meine« rief Tutilo die Faust auf den Tisch setzend »dass den
Heiligen zu Herolfsfeld ein übler Dienst geschieht wenn der selige Memmo zu
Ordorf einen Zulauf als Wundertäter erhält und am Ende gar zu Rom als Heiliger
aufgenommen wird Denn die Leute in den Waldlauben werden froh sein wenn sie
einen besonderen Fürbitter gewinnen und die Edlen werden bei König und Papst
bald darauf antragen dass wir Ordorf aus unserer Klosterzucht entlassen und dass
dort oder in der Nähe eine eigene Abtei gegründet wird und Meginhard würde sich
schnell als ein großer Räuber am Wigbert erweisen Deshalb rate ich dass wir
unseren Heiligen getreu bleiben und uns nach Kräften bemühen die Wunder zu
stillen und nicht landkundig zu machen«
Der Abt nickte »Er spricht das Richtige Wenn ein Lichtschein dem Kloster
helfen könnte so vertraue ich würden unsere Fürbitter es auch bei uns nicht
daran fehlen lassen Weißt du eine andere Hilfe mein Bruder wenn auch durch
weltliche Mittel«
Reinhard antwortete demütig »Wenn ich das Schicksal deiner Herrschaft
Herr erwäge so finde ich dass dieser zu sehr fehlt was ihr Schutz und
Sicherheit gewähren könnte Durch ganz Thüringen liegen die Hufen und Höfe
zerstreut in den Dorffluren und zwischen den Lehnsgütern der Grafen aber klein
ist die Zahl der Vögte und der Bewaffneten welche für das Kloster Helm und
Schwert tragen Mächtiger ist der Abt von Fulda um vieles reicher an Vasallen
am mächtigsten der Erzbischof von Mainz denn seine Kriegsleute lagern sicher in
der großen Stadt Erfurt Die Mönche von Fulda und die Kanoniker in Erfurt aber
sinnen Ungünstiges für dein Kloster und breiten sich aus dir zum Schaden auch
in den Waldlauben an dem Rand der Berge wo sonst deine Herrschaft fest
gegründet war Darum meine ich dir tun vor allem Burgen not mit treuer
Besatzung Als ich von Erfurt nach Ordorf zog sah ich in der Ebene wo das
Gebirge beginnt einen Ring von Hügeln auf denen Warten und Burgen stehen sie
schließen einen Weiher und Wiesen ein schwer ist der Zugang denn viele Teiche
liegen am Saum der Hügel Dort ragt im Hintergrunde die Wasserburg welche dem
Kloster gehört doch sie ist halb verfallen Der ganze übrige Bergwald aber und
das Land darum gehört dem Geschlecht des Jünglings Immo der in der Schule des
Klosters gehalten wird Dies Geschlecht beherrscht von den Bergen wie von einem
großen Wall die Landstraße und die Umgegend Und ich höre es bringt gern seine
Spenden zum Kloster«
»Gut hast du gesehen mein Bruder« rief der Abt »ich kenne die roten
Hügel und ich weiß dass sie gewaltig sind aber sie sind freies Erbe eines
Geschlechtes welches seit der Urzeit im Lande haust und ich meine nicht dass
sie ihr Erbe dem Kloster gutwillig in die Hand geben werden«
»Vielleicht würden sie selbst als Vögte ihre Burgen bewahren wenn sie zum
Heil ihrer Seele dieselben vorher den Heiligen in die Hand gegeben hätten«
versetzte Reinhard
»Wahrlich Bruder« sprach Tutilo »als ich zuerst von deiner Sendung hörte
war sie mir widerwärtig was du aber hier kündest ist dasselbe was auch ich
für eine gute Hilfe des Klosters halte und ich muss deine Klugheit preisen«
»Ich aber kenne unseren Schüler Immo und seine Sippe« warf der Abt ein
»hochfahrend ist ihr Sinn«
»Was die Kinder der Welt ungern tun dazu zwingt sie oft die Angst vor der
Hölle des üblen Teufels« sprach Reinhard »Dennoch würde ich nicht an diese
Hilfe gemahnt haben wenn mir nicht Frau Edit die Mutter des Immo
vertrauliche Botschaft an dich meinen Herrn aufgetragen hätte und zwar gerade
wegen dieser Burgen Denn sie fleht dich an dass mir erlaubt sei dem Sohn ihren
Segen zu bringen und ihn mit einer guten Nachricht zu erfreuen Das Geschlecht
hat beschlossen die Mühlburg als Angebinde an das Stift zu Erfurt zu geben
damit der Schüler Immo dort Kanonikus werde und durch den Erzbischof Willigis
unserem Kloster enthoben Seht selbst zu meine Väter ob unser Kloster dadurch
Vorteil gewinnt Sehr bereitwillig werden die Erzbischöflichen zu Erfurt sein
die Burg zu empfangen für uns aber scheint mir diese Wandlung verderblich«
»Lieber wollte ich den Wolf in meiner Lämmerherde schauen« rief Herr
Bernheri
»Nimmer darf der Knabe und sein festes Haus dem Wigbert entschlüpfen«
drohte Tutilo
»Ich weiß einen der das Seine getan hat durch Stirnrunzeln dem Jüngling
Immo das Kloster zu verleiden« versetzte Herr Bernheri strafend
»Wäre der Knabe besser in die Klosterzucht gewöhnt worden er würde nicht
zurück in die Welt begehren« entgegnete Tutilo »auch die Weide biegt sich nur
wenn eine feste Hand sie zusammendreht Und ehe ich leide dass die Burg den
prahlerischen Schwelgern zu Erfurt geöffnet wird zwinge ich den Schüler mit
eigener Hand in die Klausur«
»Du wirst es schwer finden ihn in der Büsserzelle zum Mönch zu schlagen
mein Bruder« versetzte der Abt »In vielem hast du meine Herde verleitet aber
schwerlich wird sie dir folgen wenn du das Kind aus dem Geschlecht unserer
Guttäter durch Zwang zurückhalten willst Ich rate dir dass du lieber dem Bruder
Reinhard vertrauest denn nicht allein wegen seiner Grammatik und Dialektik
gefiel es mir ihn hierher zu laden sondern weil er die Kunst versteht die
Herzen der Jugend zu gewinnen und damit ich metaphorice spreche auch junge
Stossvögel an die Hand zu gewöhnen Versuche du mein Bruder ob du die Neigung
des Knaben für den Wigbert gewinnen kannst Er ist ein Falk aus den
türingischen Bergen diese ertragen schwer die Kappe sind sie aber gebändigt
dann stoßen sie freudig Und jetzt gefällt mir dass wir uns erheben Manches
andere will ich mit Bruder Reinhard allein verhandeln Du aber Tutilo ziehe
zurück und zähle die Heuwagen bis es mir passend erscheint dich zu rufen oder
bis ich selbst hinuntersteige und den Konvent der Brüder versammle welchen du
Übles gegen mich in das Ohr raunst«
Das Gesicht Tutilos flammte in Zornesröte als er sich erhob »Du aber Abt
Bernheri gedenke nicht das Wichtigste den Brüdern zu verbergen und im Rücken
des Klosters die Wahl zu treffen über den König dem wir in Zukunft dienen
sollen Kein Wort hat dein Bote berichtet von dem Kampf der sich um die Krone
erhebt und doch ist dies die nächste Sorge und eine größere als um Hufen und
Burgen Meine nicht Bernheri mich zu hintergehen Wenn du auch Abt bist du
selbst würdest es schwer entgelten denn mein ist die Sorge dass das Heiligtum
nicht durch dich mit Unehren beladen wird«
»Sorgst du so eifrig um den Vorteil der Brüderschaft« rief Herr Bernheri
ebenfalls zornig »so sorge auch dass der Reiter welcher dir die Botschaft des
Markgrafen zugetragen hat und der verborgen im Gasthause liegt spurlos
verschwinde bevor ihn meine Reisige ergreifen Dich selbst könnte ich Verräter
nennen ein Wink von mir und du kehrst nur zum Gericht in das Kloster zurück
Aber seit vielen Jahren habe ich die Bosheit deines Wesens ertragen und auch
jetzt gedenke ich weil ich älter und klüger bin als du dich zu behandeln wie
einen Trunkenen von dem geschrieben steht er weiß nicht was er tut«
Tutilo verließ das Zimmer ohne Gruß der Abt ging heftig auf und ab endlich
ergriff er die Kanne setzte sie aber mit einem Seufzer wieder hin »Selbst der
Wein schadet zornigem Gemüt und ich begehre nicht unwilliger auf ihn zu
werden als ich bereits bin«
»Ich aber bringe dir« begann Reinhard ein Pergament aus der Kutte ziehend
»den Gruß des Königs und seine Mahnung dass du die Reisigen des Klosters ohne
Verzug sammelst und durch die Wälder von Fulda zu seinem Heere sendest Damit
auch du seine Gnade erkennst o Herr sendet er dir was du lange ersehnt und
erbeten hast die Schenkung des Bannwaldes um St Peter der bisher Königsgut
war Du mögest sorgen mahnt der König dass die Treue des Klosters sich ebenso
bewähre wie des Königs Gnade«
Schnell griff Herr Bernheri nach der Urkunde »Die besten Hirsche zwischen
Fulda und Main halte ich in diesem Pergament« aber bald verdüsterte sich sein
Blick »Du hast gesehen mein Bruder wie jener unholde Mann gesinnt ist nach
allen Seiten murrt er den Leuten Arges in die Ohren und hat die Knechte Wigberts
ganz vom König abgewandt nicht weiß ich ob ich noch Herr bin im Kloster und
über meine Schildträger Dennoch will ich tun was ich vermag indem ich den
Konvent zusammenrufe Du aber eile dem Tutilo nach und rühme unterdes im Kloster
die Schenkung damit die Unzufriedenen mein Herrenwort williger anhören«
Während der Abt dem Mönch die letzten Befehle gab erscholl auf den
Feldwegen die zum Kloster hinführten Jauchzen und Gesang die Brüder und
Mannen auf dem Petersberg drängten zum Tore hinaus und sahen neugierig in das
Tal hinab Hochbeladen in langer Reihe kamen die Heuwagen heran auf den
Wiesenbäumen darüber saßen und ritten die Buben des Dorfes schreiend und die
Arme schwenkend Hinter den Wagen schritten zwei Spielleute mit Sackpfeife und
Fiedel sie führten eine lustige Weise spielend die Schar der Arbeiter Denn
Männer und Frauen mit Laub und Wiesenblumen bekränzt hielten einander an den
Händen und sprangen trotz der Arbeit des heißen Tages lustig den Reigen vom
Pfade ab zogen sie die Kette bald seitwärts über die Flur bald zwischen den
Wagen hindurch Ihnen folgten die Herren des Klosters voran die beiden Schulen
auch die Schüler sprangen und tanzten durcheinander manche saßen zu Pferde und
trieben die Gäule zu lustigen Sätzen Sogar die Väter gedachten nicht sehr ihrer
Würde mehr als einem war das Haupt schwer so dass er von den anderen geleitet
werden musste und man merkte auch weshalb er so unsicher schwankte denn ganz
am Ende fuhr ein Wagen mit leeren Fässern welche zwischen den Brettern
kollerten und mit Trinkgefässen deren Henkel an die Leiterbäume gehängt waren
Endlich hob ein Bruder sein lateinisches Trinklied an und viele stimmten ein
und sangen die Schlussverse mit kühnen Bewegungen der Arme und eilte eine Magd
die sich verspätet hatte bei dem langen Zuge der Väter vorbei dann geschah es
wohl dass einer der Begeisterten sie in den Arm kniff oder auch in die Backen
So wälzte sich der Schwarm schreiend und singend dem Kloster zu Die
untergehende Sonne warf ihr goldenes Licht auf heiße Gesichter und glänzende
Augen die Treiber knallten mit ihren Peitschen um die Wette sogar die Tiere
schritten lustiger vorwärts
Plötzlich stockte der Zug an dem Kreuzwege wo ein Pfad von Osten heranlief
die Buben auf den Heuwagen sprangen empor und wiesen in die Ferne die Wagen
hielten an die vordersten Knechte schrien nach rückwärts Spiel und Gesang
endete in einem Misston Denn von dem Seitenweg her tönte wilder Klageruf
widerwärtig in die Festfreude Langsam bewegte sich eine andere Abteilung der
Klosterleute vom Holze her dem Flusstale zu mit gesenkten Häuptern und
Wehgeschrei trugen sie einen undeutlichen Gegenstand heran Die Leute im Zuge
verstanden wohl was der Ruf bedeutete dort war einer erschlagen und die
Rüstigen liefen über das Feld dem trauernden Haufen entgegen Zu einem wirren
Knäuel vereinigten sich die beiden Haufen Die Knechte peitschten ängstlich ihre
Gespanne zu schnellerem Schritt um sie in den Klosterhöfen zu bergen die
anderen umstanden entsetzt eine Bahre auf der ein todwunder Mann lag Schnelle
Fragen und Antworten folgten einander Heugabeln und Messer wurden geschwenkt
und an Stelle des lateinischen Schelmenliedes klang wilder Racheruf über das
weite Tal Tutilo spornte sein Ross zu schnellen Sätzen Als der gefürchtete
Mönch in das Gedränge stob fuhren die Leute auseinander im nächsten Augenblick
aber begann wieder Wehgeschrei und Totenklage Der Mönch sprang ab beugte sich
über den Mann und sah nach der schweren Kopfwunde Dann gebot er ihn in das
Krankenhaus des Klosters zu tragen und forderte Bericht über die Missetat »Wo
sind die Gespanne« fragte er unruhig um sich blickend »wo ist Hugbald«
»Die Gespanne geraubt die Knechte geschlagen und fortgeführt Hugbald
gefangen und mit ihm der Scholastikus Immo« riefen ihm die Leute entgegen bis
auf seinen Wink der alte Bruder Bardo vortrat und stöhnend das ganze Unheil
verkündete Die Waldwiesen auf denen Bardo die Heumahd zu ordnen hatte lagen
weitab von den übrigen Gründen welche aus den Höfen des Klosters bewirtschaftet
wurden Sie waren neuerer Erwerb doch niemand hatte beim Auszuge geahnt dass
dort ein Feind laure Ungestört hatten die Arbeiter in den Tagen zuvor gemäht
und das Heu gewendet nur von einem Bewaffneten begleitet wie bei fernen
Feldarbeiten auch im Frieden Brauch war Aus Vorsicht hatte heut Hugbald
geboten dass die Knechte ihre Rosse abspannen und während die Heuhaufen gesetzt
wurden unter Aufsicht eines Reisigen auf freier Höhe von der weite Umschau
war zusammenhalten sollten bis er selbst das Einbringen gebiete Als er
endlich gekommen war begleitet von dem Schüler Immo hatten die Knechte ihre
Gespanne zu den Wagen zurückgeführt »Schon vorher war uns unheimlich geworden«
kündete Bardo »denn wir hatten in der Ferne hinter den Büschen einzelne
Bewaffnete erkannt welche hin und her ritten Gerade als sich der Zug der
beladenen Wagen in Bewegung setzte brach ein Schwarm Reiter aus dem Holz und
ritt über die Felder auf die Gespanne zu Unsere Reisigen hoben die Wurfspeere
und warfen sich ihnen entgegen auch die Knechte ergriffen die Heugabeln und
sprangen gegen die fremden Reiter aber klein war die Zahl der Unseren im Nu
waren sie umringt Der Mann welcher auf der Bahre liegt fiel sogleich vom
Rosse in sein Blut nur Hugbald schoss den Wurfspeer und schlug mit dem Schwerte
drei waren gegen ihn doch der Jüngling Immo fuhr wie ein Wirbelwind zwischen
sie ich sah zwei vom Pferde stürzen und die ledigen Tiere laufen Ganz tapfer
hielt sich unser Scholastikus und er hatte den Hugbald frei gemacht aber
dieser rief Wie mag ich zurückkehren ohne die Wagen und warf sich aufs neue
einem andringenden Haufen entgegen bis er entwaffnet und mit Weiden gebunden
war und gleich ihm der Jüngling Immo darauf wurden auch die Knechte übel
geschlagen und gefesselt Mit großem Gefolge stob Graf Gerhard den wir alle
kennen heran und rief mit zornrotem Gesicht Verderben über euch ihr
Wigbertleute mein ist das Heu mein die ganze Markung Nichtig ist die
Schenkung deren ihr euch von meinem Vater her mit Unrecht rühmt die Gespanne
und eure Dienstleute treibe ich fort eine geringe Entschädigung sind sie für
den Verlust den ich durch viele Jahre von euch erlitten Lässt sich noch einer
von euch Geschorenen auf dieser Flur blicken so sollen ihm meine Gewappneten
die Haut über die Ohren ziehen Ihr Mönche aber wandelt stracks zurück nur die
heulenden Mägde lasse ich euch Und sagt eurem Abt will er seine Dienstleute
lebend wiedersehen so soll er sich eilen das Lösegeld zu senden denn ich
gedenke sie nicht lange im Kerker zu füttern Hinweg mit euch denn euer Anblick
ist mir verhasst So ritt er mit einem Fluche aufwärts dem Buchenwald zu und
hinter ihm zogen die Heuwagen und die Gefangenen Wir aber standen weinend um
den gefällten Mann mühsam trugen wir mit den Weibern seinen Leib auf den
Baumästen hierher« Als der Alte geendet hatte begannen die knienden Weiber
wieder ihr Wehegeschrei und der Racheruf der Wigbertleute klang durch das Tal
Tutilo sah auf die zornige Schar wie ein Häuptling der die Zahl seiner
Getreuen mustert »Sie sagen Graf Gerhard will für König Heinrich ins Feld
reiten hier merket die Treue der Königsmannen Als ein Walddieb ohne
Aufkündigung des Friedens hat er das Kloster ruchlos gekränkt Ihr aber fromme
Knechte des Wigbert gedenkt der Vergeltung schreit zu den heiligen Notelfern
um Rache dass sie ein gehäuftes Maß Unheil über den Verfluchten senden bereitet
eure Wehren schlagt an der Glocke des Erzengels den Notschlag zur Warnung an
alle die noch im Felde sind dass sie sich sammeln und entzündet die
Feuerzeichen auf den Höhen damit auch die Entfernten wissen dass unser Kloster
von Feinden bedrängt ist Folgt mir zu den Höfen damit wir um Tor und Mauer
sorgen denn aus dem Frieden sind wir gesetzt in Unfrieden und auf Abwehr
denken wir und Vergeltung Du aber Bardo bändige deinen Schreck und ziehe jene
Straße nach St Peter damit du einem anderen Bericht gebest ich sehe dort den
Abt Bernheri herabsteigen geringe Freude wär mir ihm jetzt zu begegnen« Er
schwang sich auf sein Ross und sprengte voraus dem Kloster zu einem Kriegsmann
ähnlicher als einem Mönch Den anderen aber hob sich der Mut als sie seinen
wilden Zorn erkannten und hinter ihm eilte der große Schwarm von Männern und
Weibern auf der Landstraße dahin während Bardo mit den Brüdern die das Unglück
geschaut hatten traurig dem Abte entgegenging
In der Halle des Grafen Gerhard beleuchtete der rote Schein vieler
Kienfackeln die Holzwände und die russigen Balken der Decke Gegenüber der Tür
führten einige Stufen zu dem erhöhten Raum auf welchem der Herrentisch stand
dort brannten große Wachslichter ein weißes Tischtuch war aufgedeckt und neben
den Tontellern blinkten silberne Kannen und Becher In der Halle waren zwei
lange Tafeln gerichtet mit Sitzen darum und unten an der Tür eine dritte kleine
alle mit Holzgerät und irdenen Krügen bestellt
Der Kämmerer des Grafen trat an die Tür der Halle und blies auf einem Horn
das er am Halse trug den Ruf zum Mahle in den Hof Klirrend drangen die
Schwertmannen in die Halle und reihten sich hinter den Holzstühlen auf der
rechten Seite die freien Vasallen und unterhalb wo das Tischtuch aufhörte ihre
Knechte auf der linken Seite die unfreien Hofleute mit den Knechten Die Freien
waren meist bäuerische Genossen welche lungernd in den Dörfern des Grafen
saßen bis sie zum Schwertdienst entboten wurden die Unfreien aber obgleich
sie die schlechtere Bank besetzten achteten sich für heldenhafter weil viele
von ihnen im Herrenhof hausten täglich hinter dem Grafen ritten und schönes
Gewand und gute Rosse von ihm empfingen Die Freien wiederum waren stolz auf
ihre Herkunft und verachteten die Knechtschaft der Geschmückten so dass die
beiden Bänke in Eifersucht lebten Ganz unten an der Tür aber getrennt von den
anderen harrten an besonderem Tisch die beiden Fechter Ringrank und der Sachse
Sladenkop unehrliche Leute welche ihr Blut dem Grafen verkauft hatten und
öffentlich mit scharfem Eisen gegen ihresgleichen kämpften oder auch heimlich
jedermann niederschlugen sooft es ihr Lohnherr gebot
Der Kämmerer stieg auf die Stufen des Ehrensitzes und gab ein zweites
Hornzeichen Da öffnete sich eine schmale Tür der Hinterwand und Graf Gerhard
trat selbst herein hinter ihm seine Tochter Hildegard welche den kleinen
Bruder an der Hand führte Der Graf hatte seinen eisernen Kettenrock mit einem
hellen Hauskleide vertauscht das bis über die Knie herabhing und von breiter
gestickter Borte umsäumt war darüber trug er am weißen Ledergurt sein Schwert
an den Beinen hohe rote Strümpfe und schön gestickte Schuhe Er war wohl älter
als fünfzig Jahr in seinen schrägen Augen glitzerte das Weiße so dass den
Leuten sein Blick nicht gefiel und da die niedrige Stirn stark zurücktrat und
seine Nase sich lang über den fränkischen Schnauzbart gegen das spitze Kinn
dehnte so hatte er wegen seinem wölfischen Aussehen den Beinamen Isegrim
erhalten Gern wendeten die Mannen den Blick von ihm auf die Jungfrau sie
schauten bewundernd auf die schlanke Gestalt welche ihr weißes Ärmelgewand mit
buntem Gürtel und Saume so stolz trug auf langes blondes Haar das durch ein
blaues Band über der Stirn zusammengehalten wurde und auf ein rundliches
Kinderantlitz über dem der unwiderstehliche Zauber der Unschuld lag
Der Graf winkte und als das Horn zum drittenmal rief stiegen aus dem Hofe
der Truchsess mit den Küchenknaben und der Mundschenk mit dem Küfer in die Halle
und sie setzten die Speisen und große Trinkkrüge auf die Tafel Der Herr trat zu
seinem Lehnstuhl nahm die Mütze ab und hielt einen Augenblick das Gesicht
hinein alle neigten die Häupter und mancher Fromme schlug das Kreuz dann
rückten die Burgleute kräftig die Stühle zogen ihre Messer aus der Scheide und
begannen schweigend die Arbeit des Mahles
»Wohl gelang uns die Fahrt in das Heu« begann der Graf einen Becher
hebend »und mit Stolpern und Ausgleiten endete der Reigentanz der lustigen
Mönche Trinkt Bankgenossen und sorgt dass der Ausgang so rühmlich sei als der
Anfang« Heller Beifallsruf erhob sich und die Trinkkannen wurden in der Luft
geschwenkt »Führt den alten Hugbald mit seinem Knaben aus dem Turme herbei Sie
waren die einzigen welche wacker die Reiterwaffe gebrauchten sie sollen nicht
Schwarzbrot kauen während wir uns des Mahles freuen« Zwei Knechte eilten
hinaus nach einer Weile wurden Hugbald und Immo eingeführt beide waffenlos
Als sie auf der Schwelle standen rief der Graf durch den Saal hinab »Tritt
näher Alter lagere dich dort unter meinen eisernen Knaben« Er wies auf den
Tisch zur rechten Seite wo zwischen den Rittern und Knechten eine Bewegung
entstand und mahnte wohlwollend »Lasst ihn das Tischtuch haben denn er trug
manches Jahr seine Sporen als ehrlicher Gesell und soll ungekränkt von meinen
Tellern essen« Hugbald ging schweigend auf den Platz welcher ihm geräumt
wurde und antwortete gleichmütig auf die Grüße und Spottreden seiner Nachbarn
»Hüpfe auch du auf die Bank junger Klosterkauz« gebot der Graf und winkte
Immo welcher an der Tür stehengeblieben war
»Ladet Herr Gerhard mich ein in seiner Halle niederzusitzen« fragte Immo
errötend aber mit einer Stimme die hell durch den Raum klang
»Öffnet ihm eine Ecke« befahl der Hofherr zu den Knechten gewandt Aber
Immo eilte mit gehobenem Haupt durch die Halle dem Tisch des Grafen zu er stieg
die Stufen zum Herrensitz hinauf und drängte mit der Hand den Kämmerer der ihn
aufhalten wollte beiseite »Dir würde geziemen mir den Stuhl zu rücken« rief
er So trat er auf die Erhöhung trug einen Sessel neben die Tochter des Grafen
sprach freundlich nach allen Seiten grüßend pax domini vobiscum und setzte
sich Graf Gerhard sah sprachlos vor Erstaunen auf den kecken Eindringling
»Übel gedeihe dir deine Frechheit seit wann klettern die Schüler in den
Abtstuhl Doch Wunderliches hören wir über die Unordnung in Wigberts Hofe«
»Im Hofe des Heiligen sitze ich demütig an der Schülerbank bei Euch Herr
ziemt mir der Stuhl in Eurer Nähe«
»Werft den Schamlosen von seinem Sitz« befahl der Graf zornig
»Dann führt mich zurück in den Turm« rief Immo »denn bei allen Heiligen
des Himmels an keiner Bank lagere ich keinen Bissen und keinen Trunk nehme ich
in diesem Saal wenn mir nicht ein Ehrensitz bereitet wird wie ihn mein Vater
erhielt wenn er diese Burg betrat«
»Wer bist du Knabe dass du mir unter meinem eigenen Dache zu trotzen
wagst«
»Es ist Immo Herr Sohn des Helden Irmfried welcher das Banner der
Thüringe im Lande Italien trug« bedeutete ein alter Dienstmann in der Nähe des
Grafen »und darin hat er recht die Männer seines Geschlechts haben von je
einen Herrenstuhl begehrt«
»Jetzt erkenne ich dich Immo« versetzte der Graf ruhiger »bei meinem
Schwert früh krümmt sich der Haken Dennoch sollen meine Knaben dich abwärts
führen da du kein Krieger bist sondern nur ein halber Mönch«
Immo errötete vor Zorn »Ich aber meine dass Eure Reisigen meinen Arm
gefühlt haben fragt nach wenn es Euch gefällt ob die Stöße nur halb waren und
in Mönchswelse gegeben oder nach Art eines ehrlichen Kriegers Und wenn ich
wüsste dass die Starken gegen welche ich geritten bin in diesem Saal wären so
würde ich sie gern friedlich begrüßen und sie bitten dass sie ihren Groll gegen
mich schwinden lassen Denn ich habe nur getan wozu ich als Geselle des Hugbald
verpflichtet war und ich hoffe auch sie ehren den Spruch Auf der Heide
schlagen beim Trunke sich vertragen«
Da rief ihm ein junger Dienstmann von der Bank entgegen
»Hast du auch meinem Genossen das Haupt zerschlagen lustiger Immo so will
ich dir doch Bescheid tun wenn der Graf dir einen Trunk verstattet Denn laut
dröhnte dein Holz an meiner Eisenhaube und ich schulde dir noch einen Dank vom
letzten Kirchfest wo ich allein gegen eine Anzahl Klosterleute rang und du mir
zu Hilfe sprangst damit der Kampf ehrlicher sei Treffe ich dich mit einem
Schwert aber später auf grünem Grunde dann zahle ich dir die Streiche zurück
und du magst sie tragen«
Ein beifälliges Gebrumm ging um die Bänke
»Wohlan« entschied der Graf »da du dich vor meinen Mannen nach Gebühr zu
entschuldigen weißt so will auch ich heut an die Ehren deines Vaters gedenken
Siehe zu ob du meine Tochter Hildegard erbitten kannst dass sie deinen Stuhl in
ihrer Nähe leidet denn sie ist gleich dir vor kurzem aus der Klosterschule
geschlüpft und sie soll dir wie ein Abt in Latein dein Urteil sprechen Wir
anderen aber wollen ruhig zuschauen wenn sie über dem Scholastikus zu Gericht
sitzt«
Das Mädchen saß unbeweglich und sah errötend vor sich hin
»Sei mir hold« bat Immo »da du doch aus der Schule bist«
Ein freundlicher Blick des Einverständnisses fiel auf ihn dann sah sie
wieder vor sich hin
»Hast du das Sprechen verlernt Hildegard« fragte der Graf unwillig »Sechs
teure Rosse haben die frommen Frauen genommen um dich in ihrer Zucht zu
unterweisen obgleich ich das Gewieher der Rosse lieber höre als das
unverständliche Murmeln in fremden Zungen Mich reut meine Spende wenn du dem
dreisten Schüler nicht zu antworten vermagst«
»Kave ne iram augeas« sprach das Mädchen leise ohne den Schüler anzusehen
»Nur dürftig rinnen die Worte wie aus versiegendem Quell was hast du ihm
gesagt Mädchen« fragte der Graf
»Sie hat mich gemahnt« antwortete Immo sich erhebend »dass ich mit
ehrerbietiger Bitte Euch nahen soll Darum flehe ich Graf Gerhard dass Ihr mir
wenn ich auch Euer Gefangener bin den Sitz gestattet und mich nicht von Eurem
Tische sendet Denn um Euch alles zu sagen gar nicht reichlich war heut die
Mittagskost im Kloster und der Ritt zwischen den Rossen Eurer Reisigen war auch
einem fröhlichen Imbiss sehr ungleich und gern würde ich Heil für Euch und die
Jungfrau trinken wenn ich es vermöchte«
Da der Graf an dem beifälligen Murmeln seiner Dienstmannen erkannte dass
diesen die Art des Jünglings wohlgefiel so lachte er und rief über die Bänke
»Wahrlich dieser Schüler versteht nicht nur sich selbst auch anderen Ehre zu
geben Darum gefällt mir dass heut die beiden Lateiner zusammensitzen Fülle
deinen Becher Hildegard und biete ihm den Trunk rücke ihm auch deinen Teller
hin denn als dein Geselle soll er heut von deinem Teller essen und aus deinem
Becher trinken«
Das Mädchen schob den Teller zögernd nach dem Fremden hin
»Ich merke« sagte Immo ärgerlich »dass dir dein Geselle unwillkommen ist«
»Wundere dich nicht Immo« spottete der Graf »du bist wie ein Frosch aus
dem Klosterweiher herangehüpft Ihr aber geht es wie der Königstochter welcher
auch ein Frosch zum Gesellen gesetzt war stolz sah sie auf den Quaker kalt
erschien ihr sein Fell und nur mit zwei Fingern griff sie ihn an«
»Ja so tat sie Herr« versetzte Immo dreist »aber zuletzt wurde der
Quaker doch ihr Gemahl«
Der Graf und seine Bankgenossen lachten laut »Missfällt dir auch seine
ungefüge Stimme« gebot der Graf ergötzt der Jungfrau »so fülle ihm doch den
Becher«
»Trinke mir zu« mahnte Immo »dies ist mein Recht da ich dein Geselle
bin«
Hildegard berührte den Becher mit ihren Lippen schob ihm den Becher hin und
sagte leise »Stille ein wenig den lauten Gesang denn der Reiher schwebt über
dir«
»Sieh zu Frau Reiherin ob meine Hand kalt ist wie eine Froschhand«
versetzte Immo ihre Hand fassend
»Du wirst dreist Herr Frosch« antwortete das Mädchen die Hand
zurückziehend »tauche zurück in deinen Quell« Sie hob die Kanne und goss ihm
den Becher voll
»Sei bedankt Geselle« sprach Immo »Komme ich einmal aus dem Kloster so
sende ich auch dir etwas das dir Freude macht«
»Du weilst ungern im Kloster mir aber wurde das Scheiden bitter« begann
Hildegard zutraulicher »denn selig waren die Tage meiner Jugend unter den
frommen Frauen und wilde Reden höre ich hier unter den Männern«
»Manches Vöglein das aus dem Bauer kam duckt sich furchtsam auf dem Aste
zuletzt lernt es doch unter dem blauen Himmel fliegen« tröstete Immo
»Als mir die Mutter starb fand ich unter den frommen Frauen getreue
Pflege«
»Waren sie streng in der Schule« fragte Immo teilnehmend
»Am Vormittag durften wir nur lateinisch reden« erklärte Hildegard »und
wir lasen im St Augustinus und die Verse im Virgilius Konticuere omnes«
»Infandum regina jubes renovare dolorem« rief Immo »manchmal hat mir der
Heide den Kopf heiß gemacht« und beide lachten vergnügt einander an
»Auch andere Kunst lernten wir« fuhr Hildegard mutig fort »denn im
Schreiben war Mutter Mechtild sehr geschickt und sie vergönnte mir dass ich
die Hymnen für mich schrieb Ich habe auch das Buch genäht ich habe es auch
selbst in Holz gebunden und der Schmied hat acht Edelsteine in die Ecken
gesetzt«
»Diese Kunst vermag ich nicht zu üben« versetzte Immo
»Auch mit der Nadel lernten wir Bilder sticken aus Purpur und bunten
Seidenfäden Sogar Goldfäden für die Kunstreichen fehlten selten im Kloster
Sieh her das habe ich mir selbst gestickt« und sie wies ihm die Verzierungen
am Ärmel ihres Gewandes
Immo sah bewundernd darauf »Dir ist es besser gelungen als mir Aber beide
sind wir Waisen ich kam in das Kloster weil mir der Vater starb jetzt fürchte
ich dass bald einmal die Schere knipst um mir das Haar zu scheren«
»Du meinst wohl es sei schade um deine Locken« spottete Hildegard aber
sie sah doch teilnehmend auf sein Haar welches im Lichte glänzte und länger
herabhing als strenge Klosterzucht sonst den Schülern gestattete »Wenn der
Mutter Mechtild einmal die Goldfäden fehlen so kann sie deinen Haarschopf dazu
verspinnen«
»Lieber wäre mir wenn dir gefiele für mich einen Goldfaden aus deinem
Gewande zu ziehen Hier ist mein Finger binde ihn mit deinem zusammen da du
doch heut mein Geselle bist Denn wisse das ist Brauch in der Welt«
»Das ist übler Brauch« versetzte das Mädchen errötend »ich vermöchte dich
doch nicht bei mir festzuhalten Auch habe ich vernommen dass treue Gesellen
solche Gewohnheit haben sie sitzen beieinander auf demselben Zweige und singen
dieselben Lieder Deine Weise aber ist wie ich merke sehr ungleich der
meinen« Sie neigte das Haupt ein wenig auf die Seite und lud ihn durch einen
lustigen Blick zum Wortkampf ein »Mir gefällts wenn das Glöcklein im Kloster
klingt dann singen wir fromme Hymnen«
»Mir aber gefällts wenn das Waldhorn tönt« antwortete Immo ebenso »dann
bellen die Hunde dann springen die Hirsche und lustig reitet der Jäger im
wilden Wald Was sagst du dazu mein Geselle«
»In deinem grünen Wald heult der Wolf und haust der wilde Bär im Kloster
aber ziehen wir mit Kreuz und Fahne und danken dem Himmelsherrn«
»Mühselig ist es immer den Kopf zu neigen und mit langsamem Fuße zu
schleichen Ich lobe mir den grünen Anger und bunten Klee dort werfen die
Knaben und Mädchen den Ball und springen den Reigen Wie gefällt dir das mein
Geselle«
»Beim wilden Reigen sah ich die Knaben das Messer ziehen und blutige
Streiche störten den Tanz ich lobe mir wenn das junge Geschlecht im Kreise
sitzt und die Vorleserin Gutes aus den Büchern verkündet«
»Leicht kommt der Schlaf wenn man tatlos kauert Viel lieber schwinge ich
selbst den Speer und das Schwert und reite im Eisenhemd über die Heide Was
sagst du dazu mein Geselle«
»Ein Kriegsmann willst du werden« rief das Mädchen erschrocken »sie werden
dich töten« und sie vergaß das Redespiel
»Wenn sie das vermögen ich aber will sorgen dass es ihnen nicht gelinge«
Die Jungfrau sah scheu aus ihren großen Augen auf den Nachbar Dass er nicht
geistlich werden wollte störte ihr die Sicherheit sie schob ihr Gewand
zusammen und schwieg
Immo achtete in seinem Übermut nicht auf ihre Bewegung und rief »Mir ist
heut manches schlecht gelungen die Schwertleute haben sich an mich gehängt und
mich hart geschnürt und ich weiß nicht was mir dein Vater ersinnen wird
Dennoch bin ich froher als je in meinem Leben und ich könnte auf meinem Stuhl
hüpfen Ich fühle auch gegen niemand Groll und es ist mir ganz lieb dass sie
mich gefangen haben Ich weiß nicht woher das kommt wenn mir nicht darum so
wohl ist weil ich neben dir sitze und mit dir aus einem Becher trinke Wonnig
ist mir zumute und ich möchte wohl einmal aus Herzensgrund aufjauchzen oder
auch singen Aber mein Gesang würde nicht jedermann freuen denn meine Stimme
ist rau Noch anderes Recht habe ich als dein Geselle und auch das sollst du
wissen Denn küssen darf ich dich wenn ich will«
Hildegard erschrak und wandte sich ab »Hüte dich dass der Vater das nicht
hört schnell würde dein Ehrensitz dir genommen werden«
»Um den Vater sorge ich nicht nur um deinen Zorn« versetzte Immo
übermütig »und dass ich dich vor den Kriegsleuten nicht beschäme Aber wenn ich
dich einmal allein wiedersehe dann bestehe ich auf meinem Recht Mögen die
guten Engel fügen dass dies bald geschehe« Und er sang halblaut die Worte des
Hymnus »Audi benigne Konditor nostras preces cum fletibus«
Das Mädchen nahm die Weise auf und sang halblaut andere Zeilen des Liedes
entgegen »Dona per abstinentiam jejunet ut mens sobria1 Flehe zu den
Heiligen dass du nüchtern wirst denn wie ich höre redest du gleich einem
Berauschten«
»Wie du geschickt zu entgegnen weißt« rief Immo begeistert »du bist ein
sinnvolles Weib wenn du mich auch verhöhnst«
Der Graf hatte unterdes mit seinen Mannen emsig dem Wildbret und starken
Bier zugesprochen und nur einzelne Reden mit den Vertrauten welche ihm zunächst
saßen gewechselt jetzt lehnte er sich zufrieden auf dem Stuhle zurück und
hörte die lateinischen Worte des Hymnus welche seine Tochter sprach »Merkt auf
unsere Klosterleute« rief er »sie summen nach Art der Mönche mit geneigten
Köpfen« und da er im geheimen stolz auf das Wissen seiner Tochter war fuhr er
fort »Fremde Worte sprechen mag jeder aber das Gesprochene verstehen ist
schwerer Vermagst du einzusehen Immo was das Mädchen zu dir gesungen hat«
»Ja Herr« versetzte Immo »sie mahnt mich mäßig zu sein damit Euer Trank
mir nicht das Hirn betäube«
»Allzu streng ist Hildegard« lachte der Graf »dir soll auch einmal etwas
Gutes gegönnt sein Obwohl ich erkenne dass es dir an Dreistigkeit nicht fehlt
du junger Zaunkönig Denn Zaunkönige nennt ja wohl das Volk die Männer deines
Geschlechts«
Immo bezwang mit Mühe den aufsteigenden Zorn »Weil meine Vorväter als alte
Landherren auf freiem Erbe saßen deshalb haben die Mönche ihnen im Scherz den
Namen Reguli kleine Könige gegeben«
Da rührte sich auch Egbert ein unfreier Dienstmann des Grafen welcher
stattlich im roten Gewande dasaß weil er der Sprecher war und der Liebling
seines Herrn und rief spottend in den Saal »Eine Sage weiß ich Als die Vögel
den Genossen zum König wählen wollten der sich am höchsten schwingen würde
barg sich ein Zwerg von Vogel in den Federn des Adlers und ließ sich
hinauftragen bis dahin wo er den Weltenherrn auf seinem Stuhle sah dort
flatterte er über das Haupt des Adlers und piepte König bin ich Da lachte oben
der alte Gott in seiner Halle und unten schrien die Vögel im Zorn bis der Herr
des Erdgartens gebot dass der Betrüger seine Krone nur heimlich in den
Waldhecken tragen dürfe wo ihm niemand zusieht Darum heißt auch ihr
Zaunkönige weil eure Herrlichkeit im Busch versteckt ist«
Immo erhob sich im hellen Zorn und rief »Nicht dem Diener antworte ich
sondern dem Herrn Ihr selbst habt es ja wohl erfahren Graf Gerhard dass die
Helden meines Geschlechtes ihr Haupt nicht in der Waldhecke bergen Nie hat
einer von meinen Ahnen sein Land vom König oder von der Kirche zu Lehen
genommen wie die erbelosen Franken und Sachsen welche von der Dienerbank in
das Land kamen um bei uns Grafen zu werden Manchen weiß ich der sich jetzt
rühmt ein Edler zu sein weil er als Diener eines Königs mit großem Gefolge
reitet obgleich seine Vorfahren aus der Küche und aus dem Stall geschlüpft
sind«
Misstönender Lärm erhob sich an den Bänken und die Hand des Grafen Gerhard
griff nach dem Messer das er an seiner Seite trug der Jüngling aber sah mit
blitzenden Augen über die Versammlung stattlich stand er da trotz seinem
Schülerkleide und rief laut in das Getöse »Zürnt mir nicht starke Helden dass
ich als ein unberühmter Jüngling vor euch meine Stimme erhebe wenn man seinem
Geschlechte durch stechende Worte die Ehre mindert Auch zu Euch Graf Gerhard
flehe ich dass Ihr ohne Kränkung vernehmt was ich nur zur Abwehr sprach Heil
trinke ich Euch und Euren Kindern und Dank sage ich Euch wie dem Gaste
gebührt« Er leerte den Becher und setzte sich
Der Graf barg seinen Groll hinter gezwungenem Lachen »Ich höre du hast
unter den Mönchen gelernt mit zwei Zungen zu reden«
»Überall rühmen die Leute« versetzte Immo »dass die Zunge eine gute Waffe
ist und wir Schüler haben wie Ihr wisst vor anderen darin Ruf«
»Oft haben auch wir erfahren wie scharf die Zunge der Mönche schneidet«
entgegnete der Graf »vor anderen aber bei den Mönchen des Wigbert und wir alle
wissen dass ihr dort sehr ungeistlich lebt und der Gebete für arme Seelen wenig
gedenkt Auch von dir selbst Immo erinnere ich mich gehört zu haben dass du
wild in dem Kloster hausest und sogar den Mönchen üble Streiche spielst Soll
deine Rede mir besser gefallen als seither so berichte ein wenig von deinem
Streit mit den Geschorenen«
»Verzeiht Herr« versetzte Immo ernstaft »die Rinder kämpfen oft mit
ihren Hörnern gegeneinander wenn aber der Bär naht dann schließen sie sich
einmütig zusammen und weisen ihm die bewehrte Stirn so wäre auch mir Unrecht
an fremdem Tisch von den Vätern Übles zu berichten denn als ein Kind des
heiligen Wigbert hast du mich ergriffen«
»Du sorgst schlecht für dein Wohl« rief der Graf zornig »wenn du dein
Kloster in dieser Halle rühmst Denn undankbar und treulos haben Wigberts Mönche
an mir und meinem Geschlecht gehandelt Oft habe ich mich enthalten ihnen Übles
zu tun wo ich es doch vermocht hätte und mühsam habe ich den Zorn meiner
Mannen gebändigt wenn sie die Rinder des Klosters begehrten und den Übermut
eurer Dorfleute ansahen Auch wegen der Wiesen und Fluren von denen ich heut
den geschorenen Schwarm vertrieben habe ertrug ich schon lange das Unrecht
Denn meinem Vater gehörte der ganze Grund und er hat ihn wie die Mönche
behaupten dem Kloster zugeschrieben da ich noch jung war unter der Bedingung
nämlich dass sie seine arme Seele von dem Höllenfeuer freibeten sollten Dies
aber haben sie uns zum Unheil und zur Schmach versäumt Und ihr alle sollt es
wissen was mir begegnet ist damit ihr mein Recht gegen die Wigbertleute
erkennt Jämmerlich war das Gesicht welches ich neulich hatte da ich auf
meinem Bette lag« Er bekreuzigte sich heftig und fuhr fort »Ich sah im Traum
eine unselige Gestalt von Flammen umgeben und mit glühenden Ketten an den Beinen
gefesselt und ich erkannte dass sie so gestaltet war wie mein Vater da er
lebte Der traurige Geist wies auf den Grenzhügel welchen die Mönche nach der
Schenkung neu geschüttet haben und seufzte Mein war es und dein soll es
wieder sein Mir fuhr das Entsetzen durch den Leib bis die Gestalt verschwand
Daraus erkannte ich deutlich dass die Geschorenen als Lügner an meinem Vater
gehandelt haben oder auch dass ihr Gebet ganz unwirksam geworden ist weil sie
in Weltsünden leben und darum beschloss ich mein Eigentum wieder
zurückzufordern Vermag Wiese und Feld nicht meinem Ahn einen guten Sitz in der
Himmelsburg zu erwerben so soll dasselbe Land doch solchen die mir treu sind
einen warmen Sitz auf Erden bereiten denn es wird dazu helfen zwei bis drei
Kriegsleute mit ihren Rossen zu erhalten wenn ich es ihnen als Lehn zuteile«
Ein freudiges Geschrei ging um die Tische und laute Heilrufe erklangen dem
Sprecher Der Graf tat einen herzhaften Trunk und sah zufrieden über seine
Bewaffneten »Dies sage ich in deiner Gegenwart Immo Denn obgleich du dich
heut trotzig an meinem Tische gebärdest so will ich dich doch morgen zu deinem
Abt entsenden damit du ihm meine Beschwerde verkündest Ich wähle aber dich
weil ich merke dass du recht gut verstehst deine Worte zu setzen und weil ich
dich als nutzlosen Schüler nicht im Kerker bewahren mag Die Geschorenen welche
mein Gesinde fing habe ich entlassen damit sie nicht als Gefangene in meinen
Mauern Unheil herabbeten die Klosterknechte aber halte ich in Banden bis dein
Abt sie auslöst oder sich mit mir wegen der Wiesen verträgt Und ich fordere
dass er sich mit der Lösung beeile wenn er sie lebend wiedersehen will da ich
sie nicht lange zu füttern gedenke Den Hugbald aber bewahre ich zu anderem
Tausch Denn zwei meiner Knechte sattelfeste Knaben liegen auf der Burg des
Abtes verstrickt weil sie neulich auf meinen Stuten beim Rossgehege des Abtes
vorbeiritten Da brachen die jungen Hengste des Herrn Bernheri aus und jagten
eigenwillig hinter den Stuten her und als meine Knaben den Füllen die Leine
umwarfen nur damit sich diese nicht in den Wald unter die Wölfe versprengten
da kamen Dienstmannen des Klosters herzu schrien meine Leute trotz ihrer guten
Meinung als Rossdiebe an rissen sie von den Pferden und führten sie samt den
Stuten nach dem Berg des Abtes Mich aber kränkt dies Unrecht sehr und ich
fordere meine Knaben und Pferde gegen den Hugbald und sein Pferd das magst du
deinem Herrn verkünden«
Immo hörte erstaunt die Rede des Wirtes ihm fiel schwer aufs Herz dass auch
sein Geschlecht dem Kloster wertvolle Hufen verkauft hatte und er fühlte nicht
den Drang die Mönche zu verteidigen Er sah nach Hugbald welcher mürrisch
hinter seinem Becher saß und begnügte sich trotz der Freude über seine nahe
Befreiung ruhig zu sagen »Alles was Ihr mir auftragt werde ich dem Herrn Abt
berichten auch Euer Traumgesicht wenn Ihr das begehrt«
Als er aber seitwärts nach Hildegard blickte war ihr Antlitz gerötet und
große Tränen rannen aus ihren gesenkten Augenlidern herab Da erkannte er dass
die Jungfrau bitteres Leid über die Reden ihres Vaters empfand und sie wurde
ihm dadurch noch lieber Sie aber vermied ihn anzusehen stand schweigend auf
hob den Bruder von seinem Sitz und erbat leise vom Grafen die Entlassung der
ihr gleichgültig durch eine Handbewegung gestattete aus der Halle zu scheiden
Und zu der Bank seiner Mannen gewandt rief er »Führt auch die Verstrickten in
ihre Zelle zurück wenn sie nüchtern abwärtssteigen so ist es ihre Schuld«
»Lebe wohl Hildegard« sprach Immo leise und fasste heftig ihre Hand »Denke
mein lieber als alles auf der Welt wird mir sein wenn ich dich wiedersehe«
»Sei auch du gesegnet« antwortete Hildegard und verneigte sich vor dem
Vater Immo freute sich dass sie die Mannen stolz als Herrin grüßte die kleine
Tür öffnete sich und sie verschwand Jetzt brannten die Fackeln dem Jüngling
trübe die wilden Mienen der Männer erschienen ihm unheimlich und er folgte mit
stummem Gruß dem Kämmerer »Sorge dafür dass die beiden Klosterkrähen einen
besonderen Käfig erhalten und Stroh zu warmem Sitze« rief der Graf unter dem
Gelächter der Reisigen dem Kämmerer nach
Während Hugbald schweigend auf der Streu lag bis er im Schlafe seines
Kummers ledig wurde saß Immo neben ihm in seligen Gedanken er überlegte jedes
Wort und jede Miene der Jungfrau spät sank er in Schlummer
Am nächsten Morgen wurde er in den Hof geführt und vernahm noch wie im
Traume ungnädige Entlassung und harte Worte aus dem Munde des Grafen Als er
aber auf das Pferd steigen wollte das ihm ein Reisiger zuführte ging eine
junge Magd aus dem Frauengemach bei ihm vorüber legte ihm verstohlen etwas in
die Hand und sagte leise »Nimm zurück was dir gehört« In ein großes
Lindenblatt war ein Blättchen Pergament gewickelt auf dem Pergament stand mit
schöner Schrift der Reisegruss Die lieben Engelein sollen dich hüten und segnen
auf allen deinen Wegen rings um die Schrift war mit der Nadel ein Goldfaden
durch das Pergament gezogen Er drückte das Blatt an seine Brust und barg es in
seinem Gewande
Immo ritt aus den Buchen von einem Reisigen des Grafen bis an die Grenze
begleitet Er fand das Tor St Peters geschlossen die Brücke gehoben wurde von
Bewaffneten angerufen und musste längere Zeit harren bevor ihm der Eingang
gestattet wurde Herr Bernheri welcher im Klosterhofe vor seinen Dienstmannen
saß vernahm unwirsch die Botschaft des Grafen und entsandte den Boten mit dem
Mönch Eggo sogleich zur Fulda hinab in das Kloster Auch das Kloster war in ein
Kriegslager verwandelt am Eingang des Dorfes standen die Weiber in Haufen sie
schrien dem Kommenden entgegen umringten sein Ross und forderten Kunde von den
Gefangenen In dem Hof der Reisigen drängten sich Kriegsleute und Knechte das
Rüstaus war geöffnet und die Knechte trugen Eisenhemden und Waffen zu langen
Reihen In den Arbeitshöfen schwärmten die Brüder aus der Klausur entlassen
aufgeregt durcheinander bei der Mauer und dem Pfahlwerk zimmerten Arbeiter an
den Treppen und Bänken für die Bogenschützen und im Vorhof der Kirche stand
Tutilo ein Schwert über der Kutte als Hauptmann der großen Burg welche zur
Verteidigung gerüstet wurde Unfreundlich sah er auf Immo »Hugbald liegt
gefangen Leichter hätte das Kloster dich entbehrt als seinen Dienstmann«
»Nicht mein ist die Schuld« versetzte Immo »dass Hugbald gegen die Feinde
keine andere Hilfe fand als meinen Stab«
Finster wies ihn Tutilo mit einer Handbewegung zur Seite Immo aber eilte zu
seinen Genossen welche vor allem froh waren dass sie heut nicht durch den neuen
Lehrer in die Schule gerufen wurden
Von ihnen umdrängt berichtete Immo seine Fahrt und führte die Willigen vor
das Rüstaus wo die älteren gewappnet wurden um mit den Knechten die Mauer und
die Umgegend des Klosters zu bewachen Eggo aber verkündete den Mönchen dass
Herr Bernheri am nächsten Morgen herabkommen werde um die Brüder im großen
Konvent zu versammeln Mit düsteren Mienen vernahmen die meisten die Botschaft
Der ganze Tag verging im Getümmel trotz der Nachricht welche Immo gebracht
hatte sorgten die Mönche dass der Graf einen Anlauf gegen das Kloster wagen
oder dass seine Dienstmannen in Herden und Dörfer einbrechen würden Bis zum
Abend kamen von allen Seiten Flüchtlinge mit ihrer wertvollsten Habe auch das
Herdenvieh wurde herangetrieben von Anger und Weide zuletzt kam noch der
Sauhirt mit seiner Herde und die Brüder hatten Not die Menge der Menschen und
Tiere in den Höfen zu bergen Als die Sonne unterging war in dem Kloster das
sonst am Feierabend so still in der Landschaft stand ein wirres Getöse und
Geschrei die Rinder brüllten die Schweine grunzten die Schmiede schlugen auf
die Speereisen und die Zimmerleute hieben Balken und Bretter für die
Verschanzung
Der letzte Tag im Kloster
Im Chor der Kirche sammelte sich der Konvent hastiger als sonst drängten die
Brüder herzu heiß die Köpfe gefurcht die Stirnen und ein Summen das nichts
Gutes bedeutete ging durch die Gemeinde Als Herr Bernheri mit seinen
Begleitern in den Chor trat blieben die Nacken der Mönche steif und aus dem
Summen wurde ein misstönendes Geschrei Der Abt stand einen Augenblick überrascht
bei seinem Sitz und sah auf mehr als hundertundzwanzig Häupter seiner
aufsässigen Kinder aber da er von Natur ein mutiger Mann war wenn auch ermüdet
durch Müßiggang und Wohlleben so zog er seine Augenbrauen zusammen blickte aus
seinem großen Haupt herausfordernd über den Haufen und setzte sich steif in den
Abtstuhl Die Hora begann und der Abt selbst erhob die Stimme »Deus in
adjutorium« aber unordentlich tönte der Gesang der Brüder und der Lektor
eilte sosehr er konnte versprach sich und mengte die Zeilen Als die letzten
Klänge verrauscht waren begann wieder das unzufriedene Brummen Da erhob sich
Herr Bernheri von seinem Stuhl und stand auf seinen Krückstock gelehnt gewichtig
vor den Brüdern Er eröffnete den Konvent durch den lateinischen Gruß und fuhr
mit lauter Stimme fort »Mein ist das Recht zu befehlen und euer die Pflicht
zu gehorchen Dennoch habe ich heut wie die Regel erlaubt die ganze Gemeinde
zur Beratung versammelt sorgt dafür dass es mir nicht leid tue und dass es euch
bei den Heiligen nicht zum Schaden gereiche wenn ihr mir unbändig widersteht
Gutes und Übles habe ich euch zu verkünden Das Gute ist von unserem Herrn dem
König Heinrich gekommen denn er hat uns den großen Bannwald bei St Peter den
wir uns längst ersehnt mildtätig geschenkt« Der Abt hielt an aber keinerlei
Beifall dankte für die Begabung und der Abt setzte die Rede unzufrieden fort
»Das Üble aber kommt von dem Grafen Gerhard Sehr gröblich hat dieser das
Kloster geschädigt durch den Schüler Immo hat er unpassende Worte hierher
gesandt nämlich dass er ein Recht auf die Waldwiesen erhalten habe weil sein
Vater im Höllenfeuer stöhne«
Aufs neue erhob der Konvent zorniges Gebrumm Herr Bernheri schwenkte die
Hand verächtlich gegen die Worte des Grafen »Ich kenne seit lange den argen
Wicht Gerhard und seine Gewohnheiten Immer hat er üble Traumgesichte wenn er
den Frieden brechen will Schon vor vielen Jahren träumte ihm etwas wegen
unserer Hirschjagd die er sich begehrte er würde alle seine Väter und Mütter
auf die heisseste Bank der Hölle setzen wenn er dadurch für sich einen
weltlichen Vorteil erreichen könnte Soviel gebe ich auf seine Träume« er
blies kräftig den Atem in die Luft »Ich aber fürchte sehr er selbst wird dafür
in den Höllenrachen geworfen werden obwohl er zuweilen beim Weidwerk und bei
einem starken Trunk nicht schlechter war als andere Denn wenige kenne ich unter
den weltlichen Fürsten und Herren die nicht ebenso raubgierig sind Alle
trachten danach viele Dienstmannen mit Lehen zu begaben damit diese ihnen bei
ihren Fehden die reisigen Knechte zuführen Die Dienstmannen greifen das Kleine
im Wald und auf der Straße und ihre Herren das Große vom Könige und der Kirche
zum Kriege sind sie nötig aber den Frieden vermögen sie schwer zu bewahren
wenn nicht ein starker Herr sie zur Ruhe zwingt«
Der Abt holte Atem und aufs neue tönte das dumpfe Brausen der Menge doch
war es weniger feindselig Und Herr Bernheri hob wiederum an »Gekränkt bin ich
wie ihr alle und wären meine Beine gesund und mein Sinn weniger gewitzigt so
würde ich vielleicht selbst den Streitengst besteigen so aber mahnt mich die
Erfahrung vieler Jahre und meine eigene Krankheit zur Vorsicht Zuerst will ich
euch verkünden was unfehlbar geschehen wird wenn wir gegen den Grafen rüsten
Dorfhäuser werden brennen und Männer erschlagen werden und das Ende wird sein
dass er außer dem Raub den er jetzt gepackt hat sich noch größeren fordert
wegen der Mühe und Kosten seiner Rüstung und dass er uns mehr schädigt als wir
ihn denn das Kloster bedarf zum Gedeihen den Frieden er aber den Krieg und er
vermag uns von unseren Gütern in Thüringen zu scheiden Vor dem König aber wird
er recht behalten und nicht wir denn schwerlich hätte er seinen Vater in der
Hölle geschaut wenn er nicht wüsste dass der König ihm bei den Wiesen gegen das
Kloster helfen will Darum wie sehr ich den Grimm über seine Missetat fühle
bin ich dennoch gewillt ihm diesmal ein wenig nachzugeben vielleicht dass er
sich begnügt das Land nur auf seine Lebenszeit zu behalten und bei seinem Tode
dem Kloster zurückzugeben Dies ist die Hoffnung welche uns bleibt denn er ist
ein angefressener Stamm und mancher Wurm nagt in seinem Holze auch ihn
ängstigen zuweilen seine Missetaten jetzt und noch mehr in der Zukunft«
Unter hellem Geschrei der Mönche sprang Tutilo auf und rief dem Abt mit
harter Stimme entgegen »Jetzt erkennen die Brüder alle in welchem Sinne du die
Worte des Gebetes gerufen hast Erlass uns unsere Verpflichtung wie auch wir sie
erlassen unseren Verpflichteten du selbst hoffst dass du für dein eigenes
Unrecht ein mildes Urteil empfangen wirst weil du andere Verbrecher straflos
dahinziehen lässt Aber du sollst auch verstehen was die Brüder gemeint haben
als sie laut riefen Befreie uns von dem Argen denn damit meinten sie nicht den
Grafen Gerhard allein sondern noch jemanden Niemals hätte der Graf gewagt
Klostergut anzugreifen wenn er nicht wüsste dass solche die zu Wächtern des
Klosters gesetzt sind selbst eigennützig mit dem Gut der Kirche schalten Oft
hast du das bewiesen unter anderem auch neulich als der fremde Händler starb
den wir in seiner letzten Krankheit ein Jahr lang gepflegt hatten Denn bei
seinem Tode verließ er dem heiligen Wigbert ein Kästchen mit edlen Steinen die
er aus Welschland gebracht hatte und wir hofften dass die Steine den Altären
ein Schmuck werden sollten und außerdem vielleicht einmal jährlich den Brüdern
ein frohes Liebesmahl verschaffen Du aber hast die Steine an dich genommen und
durch den Schmied in Becher schlagen lassen die du selbst gebrauchen wirst oder
auch ein anderer wie es dir gefällt Nicht als ein Vater sondern als ein
Tyrann herrschest du über die Gemeinde Deinen Günstlingen gestattest du jede
Unbill und dagegen versagst du den Brüdern auch die erlaubte Erquickung So
tatest du neulich da du ein Verbot erliessest welches ich lächerlich und
kindisch schelte dass nämlich der Koch an den Fasttagen den Brüdern niemals
Lebkuchen backen soll Diese Speise war vielen eine heilsame Ergötzlichkeit
worauf sie sich durch die Woche freuten Du aber hast dies aus Bosheit verwehrt
weil es ihnen lieb war Antworte wenn du vermagst zuerst wegen der kleinen
Dinge denn noch Weiteres haben wir über dich zu klagen«
Dieser Angriff wurde durch starkes Gebrumm der Brüder bekräftigt Da ihnen
manche Speise versagt war so hatte das Erlaubte für die meisten um so größeren
Wert und sie dachten und murmelten viel über Trunk und Kost Und Tutilo wusste
dass sie wegen dem entzogenen Gebäck ihrem Abte stärker zürnten als wegen
Ärgerem
Das Gesicht des Abtes rötete sich bei der Beschuldigung und er rief
»Schweig mit deinen ungebührlichen Reden sowohl aus Scham vor mir als aus
Furcht vor den Heiligen Ganz ungehörig ist was du an geweihter Stätte über das
Pfeffergebäck vorbringst Denn jeder Verständige wird mir recht geben dass der
Pfeffer welchen sie hineintun für Mönche allzu hitzig ist und weil sie die
Speise stark mit Honig würzen schmeckt ihnen nachher jeder Wein sauer und sie
ziehen bei ihrem Trunk ärgerliche Gesichter Was aber den Schatz betrifft so
habe ich allein das Recht zu erwägen wie er dem Kloster den größten Vorteil
bringt Die Becher habe ich zum Geschenk bestimmt für solche an deren gutem
Willen das Heil des Klosters hängt und ich selbst traure dass es nötig ist
durch Gaben zu sühnen was deine Untreue verbrochen hat Denn mit Empörern
verhandelst du und du verleitest die Brüder zur Untreue gegen Herrn Heinrich
unseren König Aber allzulange habe ich die Tücke deines Wesens ertragen und
ich bin entschlossen mit dir zu verfahren wie unser Vater der heilige
Benedikt gebietet wenn ein Präpositus von dem bösen Geiste des Hochmuts
aufgeblasen wird Mehr als viermal habe ich dich mit Worten gemahnt jetzt naht
der Tag deiner Strafe fügen sollst du dich oder du wirst aus dem Kloster
geworfen zu einer Warnung für die anderen Die Pforte sperre ich dir auf du
magst auslaufen wohin du willst und die Toren welche dir anhängen mit dir«
Da erhob sich der Konvent in wilder Bewegung die Bande der Zucht zerrissen
in der Wut welche die Seelen erfüllte Dicht vor den heiligen Reliquien brach
die Empörung aus von ihren Sitzen sprangen die Mönche an die Stufen des
Hochaltars mit heißen Gesichtern und glühenden Augen starke Arme streckten sich
und misstönendes Geheul erfüllte die Kirche
Aber auch im Rücken der Streitenden klang lauter Ruf und die eiserne
Gittertür welche den Vorhof zum Hauptschiff der Kirche trennte krachte in
ihren Angeln Denn dort hinten drängte gewaltsam ein wilder Haufe mit Leibern
und Stangen Nur wenige von den Mönchen hörten auf den Lärm der von außen kam
doch Rigbert lief durch die Kirche nach dem Eisengitter und schrie sich mit
ausgebreiteten Armen davorstellend »Immo Unseliger was wagst du Bist du des
Lebens müde dass du mit den Ungeweihten in die Klausur brichst«
»Wir sind nur müde vom Stehen und Harren« rief Immo lustig hinein »Meinst
du die Schule wird fernbleiben wo die Mönche einander knuffen Öffne die Tür
Rigbert wenn du ein guter Genosse bist«
»Niemals denn es wird euer Verderben Was willst du in der Kirche«
»Schläge zu Ehren des heiligen Wigbert austeilen wen es auch trifft Wer
ist in der Not«
»Sie bedrängen den Herrn Abt«
»Wie das gute Weinfass Gesellen wir helfen dem Abt«
Die Schüler riefen gellenden Kampfschrei und wieder rasselten die Stangen
an dem Tor gegen welches sich der Mönch mit seinem Leib stemmte da griff Immo
behend durch das Gitter und schob den Riegel zurück Die Tür flog auf und die
Schüler drangen herein allen weit voraus sprang Immo dem Chore zu Über den
Rücken zweier Mönche die er als Bock gebrauchte flog er wie ein Federball vor
den Altar und stand allein mitten unter den Tobenden nahe dem Abt der das
schwere Kreuz vom Altar gehoben hatte und den Aufrührern entgegenhielt während
die Brüder seiner Partei wie eine Schar gescheuchter Hühner
auseinandergeflattert waren und hinter dem Altar und den Stühlen Schutz suchten
»Hara« rief der wilde Immo »zu Hilfe dem Herrn Abt Komm heran Dekan
Tutilo damit ich dich lehre deinem Abt den Fuß zu küssen«
Die Mönche wichen beim Anblick des Jünglings zurück der mit drohender
Gebärde einen Eisenstab schwingend vor ihnen stand Der allgemeine Zorn wandte
sich gegen den Einbrecher »Hinaus mit dem Frevler« schrien viele Stimmen »Die
Klausur ist gebrochen geisselt den Missetäter« Ein Mönch sprang hinter den
Altar und riss die Geissel welche dort für die Mönchsbusse lag aus dem Kasten
von Hand zu Hand ging die blutbesprengte Tutilo packte sie und stürzte damit
auf den Schüler los Aber im Nu lag der starke Mann von einem Schlage getroffen
am Boden Immo hob die Geissel über ihn und rief »Das sei dein Lohn bellender
Hund« So schnell war die Tat so unerwartet der Frevel und so wild schlug der
trotzige Jüngling dessen Kraft die Brüder wohl kannten dass alle einen
Augenblick starr standen und dem Getöse plötzliche Stille folgte Aber gleich
darauf erhob sich wieder das Getümmel und Geschrei »Zu Boden mit dem Bösewicht
werft ihn in den Kerker bindet ihn auf das Kreuz« Während sich so die Anhänger
des Tutilo zum Angriff anfeuerten und Immo mit flammenden Augen gegen sie die
Stange hob da geschah was allen unerhört war die beiden Alten Bertram und
Sintram warfen sich zwischen den Haufen gegeneinander auf die Knie und baten zu
gleicher Zeit und mit denselben Worten einer den anderen um Verzeihung Denn als
der Kampfzorn die Brüder ergriff und zwiespältig schied da hatte sich zum
erstenmal ereignet dass die beiden nicht derselben Meinung waren und Bertram
hatte auf der Seite des Abtes Sintram aber auf der des Tutilo die Faust
geballt Und als sie nun beide zu gleicher Zeit sahen dass sie einander mit der
drohenden Faust gegenüberstanden hatte jeder sich über sein eigenes Unrecht
entsetzt und sie baten mit Tränen einander ab und umarmten sich während sie
auf den Knien lagen Als der empörte Haufe die Greise am Boden sah wurde ihm
der Anblick unheimlich einige von den Rohesten lachten aber die Mehrzahl fuhr
entsetzt zurück In diesem Augenblick sprang Reinhard auf die Stufen des Altars
und rief die Arme erhebend »Herr gehe nicht ins Gericht mit uns Sündern
Kniet nieder ihr Brüder und flehet um die Vergebung der Heiligen Nicht durch
Geschrei wird der Schaden des heiligen Wigbert geheilt ihr seht selbst wie ihr
euch gegen den Vater des Klosters so empört sich Bruder gegen Bruder und die
ruchlose Jugend gegen euch alle Eure Feindschaft stärkt nur die Feinde draußen
Wollt ihr euch helfen so rate ich dass heut nicht in der Menge verhandelt wird
was zum Frieden des Klosters dient sondern dass die Dekane und die Alten sich
mit unserem Herrn Bernheri in friedlicher Beratung vereinen Du aber Jüngling
wirf die Geissel weg mit der du an heiliger Stätte gefrevelt hast und erwarte
in Demut die Strafe welche die Brüder dem Verbrecher finden«
Die Geissel fiel zur Erde neben Tutilo welcher ächzend auf dem Boden saß und
betäubt seinen Kopf auf die Hand stützte Immo starrte wild umher Da er merkte
dass er allein war und dass seine Genossen sich in den Ecken und hinter den Säulen
zu bergen suchten trat er an den Stuhl des Abtes zurück aber seine Augen
flogen herausfordernd über den Haufen Herr Bernheri begann zornig »Nicht die
Geweihten des Herrn sehe ich vor mir sondern eine Herde wilder Eber welche
begierig ist die eigenen Ferkel zu fressen Ich aber verachte euer Grunzen und
das Schnauben eurer ungewaschenen Rüssel denn wie sagt der hohe Apostel Sie
wandeln dahin in ihrer Dummheit Was aber hier Reinhard der würdige Bruder
vorschlägt das gefällt auch mir Mit den Dekanen und mit den Ergrauten welche
nicht Häcksel in ihrem Kopf haben gedenke ich in späterer Stunde die Leiden des
Klosters zu erwägen bis dahin mögen sie selbst in der Stille prüfen ob sie
eine Hilfe finden Denn auch der Esel schreit laut wenn er müßig steht wenn er
aber die Säcke tragen muss so schweigt er geduldig Sie sollen auch einmal die
Last tragen ich bin es müde allein für euch grobe Klötze Rat zu suchen wo es
keinen gibt Und so scheide ich jetzt den Konvent wandelt bis morgen dahin in
Frieden Ich aber verweile hier in meinem Hofe damit niemand meint dass ich den
Unzufriedenen das Feld räume Bestelle was not tut mein Kämmerer Eggo und
diesen behenden Springer nimm mit dir Nie sah ich einen Scholastikus so wild
auf geschorenen Köpfen zum Altar reiten« Der Abt wandte sich schwerfällig zum
Altar und neigte sich
Reinhard eilte zu den Brüdern und sprach nachdrücklich in die ältesten
hinein doch mürrischer Widerspruch erhob sich und laute Stimmen riefen »Der
Schüler gehört in unseren Kerker denn er hat gegen einen Mönch gefrevelt« Der
Abt wandte sich wieder dem Haufen zu »Der Scholastikus gehört unter die Zucht
des Lehrers Reinhard dem Reinhard aber gebiete ich mir zu folgen denn ich
bedarf seiner damit ich ihn wenn es not tut zu euch sende« Herr Bernheri
stieg langsam vom Altar warf noch einen verachtenden Blick auf die empörte
Gemeinde und schritt unaufgehalten durch seinen Ausgang nach dem Abtshofe Um
ihn drängten sich die Getreuen von St Peter sein Kämmerer hielt den Jüngling
welcher friedlich folgte bei der Schulter als letzter ging Reinhard
Hinter dem Abte brauste noch lange die wogende Menge die erste Wut war
verraucht aber bitterer Groll zurückgeblieben Tutilo wurde von zwei Brüdern in
die Klausur geführt wo er sich erst erholte nachdem der Kellermeister einen
Krug Würzwein in seine Zelle gestellt hatte Neben dem Kruge saßen einige alte
Brüder den Kranken zu pflegen sie prüften und billigten den Trunk und zürnten
obgleich sie mit gedämpfter Stimme sprachen heftig auf mehrere welche abwesend
waren
Unterdes stand Immo in der Büsserzelle der Abtei ein Bruder von St Peter
der ihm fremd war hatte ihm ein Bund Stroh hineingebracht und einen Krug mit
Trinkwasser ohne ein Wort zu sprechen und Immo der den Klosterbrauch kannte
hatte auch keine Frage getan um sich nicht über die versagte Antwort zu ärgern
Einen Augenblick dachte er daran den Bruder festzuhalten und an seiner Stelle
hinauszuspringen aber mit leisem Stöhnen gab er den Gedanken auf denn er wusste
wohl dass das Haus des Abtes von Reisigen besetzt und keine Möglichkeit zur
Flucht war Er untersuchte seinen Kerker doch dieser bot geringen Trost er war
nicht in freier Höhe gezimmert und kein Dach erhob sich über ihm es war ein
Kellerloch nicht viel länger als ein Mann und die kleine Lichtöffnung
vermochte kein Geschöpf das größer war als eine Katze zu durchklettern So
blieb ihm nichts übrig als auf dem Stroh zu sitzen und die finsteren Gedanken
wegzuscheuchen welche wie Fledermäuse um sein Haupt schwirrten Lange tröstete
ihn ein wenig die Überlegung dass er den Tutilo der immer herrisch gegen ihn
gewesen war so schön zu Boden geschlagen hatte Er griff nach dem Pergament mit
dem Goldfaden und wiederholte sich die Worte welche Hildegard zu ihm gesprochen
hatte aber dabei wurde der Gedanke in ihm übermächtig dass er jetzt zum
zweitenmal als Gefangener in elendem Kerker saß Als gar der Abend kam und der
Hunger stark in ihm nagte wurde ihm frostig zumute und ihm fiel ein dass seine
Zelle für eine furchtbare Stätte galt Manche Geschlechter vergangener Mönche
hatten hier jahrelang gebüßt und in Kreuzesform dagelegen während die Geissel
über ihren Rücken flog und ihr Blut auf den schwarzen Boden rann Unheimliche
Geschichten erzählten die Schüler von der Not der Frevler welche der Abt
gefesselt hielt und wer in der Dämmerung an der Zelle vorübergehen musste der
wandte das Haupt ab und beeilte den Schritt Dass Tutilo und seine Genossen ihm
todfeind geworden waren erkannte er jetzt deutlich und ihm kam auch vor als
könnte er wohl das Sühneopfer werden über dessen Leib der Abt mit den Mönchen
Frieden mache Wild sah er umher und griff im letzten Zwielicht an die Wände es
waren dicke Mauern hier und da hatte ein Büsser sein Kreuz in den Kalk geritzt
um davor zu beten Da neigte auch er das Haupt und begann einen lateinischen
Psalter aber unter den heiligen Worten kam ihm die Angst was wohl die Apostel
Simon und Taddäus vor deren Gebeinen er den Tutilo niedergeworfen hatte von
seinem Tun denken würden Er konnte nicht glauben dass Tutilo als ein arger Mann
in Gunst bei den Hohen stehe aber ob sie besonderes Wohlwollen für ihn selbst
hegen könnten erschien ihm sehr zweifelhaft denn sicher hatte er eine schwere
Tat begangen und ihr Heiligtum entweiht Da faltete er die Hände und bat den
heiligen Wigbert sein Fürsprecher zu werden Dieser war ihm immer hold
erschienen und am liebsten hatte er vor seinem Altar gebetet denn er dachte
sich dass der Heilige auf Erden ein guter Geselle seines Ahnherrn gewesen und
seit alter Zeit dem Geschlechte vertraulich war So bat er jetzt demütig um
seine Hilfe Und als er an die Heimat dachte wurde ihm das Herz weich
Aber stürmisch hoben sich wieder die Gedanken Wenn er die Eisenstange nur
hätte die er heute früh geschwungen dann könnte er wohl die Tür erbrechen Und
er stampfte mit dem Fuß auf den Boden ob es irgendwo hohl klänge Denn aus der
Tiefe der Erde kam geheimnisvoll die Fülle aller guten Dinge nicht nur die
Landleute die noch Heidenbrauch übten auch die Mönche wussten das Vielen
Goldschatz barg die Mutter Erde aber auch anderes Metall schenkte sie aus ihrem
Vorrat den Bedrängten Warum sollte nicht auch er in seiner Not eine Waffe aus
der Erde graben die ihn von der drohenden Schmach erlöste Er griff und stieß
wieder an Wänden und Boden umher aber nirgends erkannte er hartes Eisen Und er
faltete aufs neue die Hände und kauerte auf dem Stroh
Während er demütig in der Finsternis saß vernahm er von außen langsame
Tritte ein Lichtstrahl fiel durch das Eisenschloss golden in die Zelle ein
Schlüssel knarrte die Tür ging ächzend auf und ein Mann trat schwerfällig
herein und beleuchtete vom Eingange mit seiner Blendlaterne den Sitzenden Immo
schnellte empor er erkannte Bernheri seinen Abt und Herrn »Stemme dich von
außen gegen die Tür Eggo« begann der Abt nach rückwärts gewandt »damit der
Scholastikus Saliarius nicht auf den Einfall komme uns selbst als Springböcke
zu gebrauchen oder gar in unserem eigenen Keller einzuschliessen« Immo ließ sich
auf die Knie nieder und senkte schweigend das Haupt suchte aber doch durch
verstohlene Blicke die Meinung des Herrn zu erraten
»Sieh Immo« fuhr der Abt feierlich fort auf den Gebeugten herabblickend
»du bist zum Greuel geworden vor allem Volke und die Töchter Israels schreien
wehe über dich welches aber nur tropice gemeint ist denn ich hoffe dass du
Unglücksvogel dich in Wirklichkeit von jüdischen Weibern stets ferngehalten
hast zumal keine in der Nähe des Klosters zu finden sind Aber was die Schrift
sagt das gilt jetzt von dir Aus der Tiefe schreie ich und niemand hört meine
Stimme Ganz verworfen bist du und die hohen Engel würden dich mit zahllosen
Backenstreichen begaben nur dass solche Regung der Hände für Himmlische
unschicklich ist Was dich erwartet weißt du An ein Kreuzholz wirst du
gebunden und so lange gegeisselt bis dein Vater Tutilo für dich bittet ich
meine er wird sich nicht beeilen Und später wirst du auf Stroh gelegt in der
Klausur der Brüder wo nicht Sonne noch Mond dich bescheinen Solches sind die
Folgen deiner Springerei und deines nächtlichen Dachkletterns Meinst du dass
ich nicht weiß wer mir die Böcke bei Mondschein aus dem Walde holt Item das
sind die Folgen deines Abtspiels am Feste der unschuldigen Kindlein Meinst du
dass mir unbekannt ist wie du dir damals in der Schule ein Kissen unter deine
Kutte gebunden hast um deinen hageren Leib gleichsam zum Hohn für mich mit
einem Bauch zu versehen Je mehr ich deine Art erwäge desto mehr Sünde finde
ich in dir und erkenne dass du zu denen gehörst von denen geschrieben steht
Sie sollen vertilgt werden wie Spreu Erkenne deine Missetat und bereue denn es
bleibt dir nicht viel Zeit Auch der Floh springt nur so lange bis er geknickt
wird«
Immo schauerte Doch nicht ohne Nutzen war er sechs Jahre im Kloster
gewesen und er hatte ein wenig die Mönchskunst gelernt die Miene des anderen
zu beobachten und vorsichtig die Worte zurückzuhalten Darum antwortete er
demütig »Mein Herr und Vater mich reut nicht dass ich so geschwind war
solange den Tutilo nicht reut dass er die Hand gegen seinen Herrn erhoben hat«
»Ich merke« rief Herr Bernheri »du hoffst dass ich in dieses Loch
herabgestiegen bin um dich daraus emporzuheben Darin irrst du gänzlich Da ich
Abt der Brüder bin so fordert meine Würde deine Missetat zu strafen wenn
diese auch in guter Meinung für mich verübt wurde Denn sobald der Morgen
anbricht werden viele das Urteil über dich fordern Heut aber denke ich daran
dass du aus altem Geschlechte bist und dass auch ich einst mich meiner Abkunft
rühmte bevor ich mich einem Herrn gelobte vor dem alle gleich sind Freie und
Unfreie Darum komme ich zu dir Hast du das Gitter der Kirche gebrochen so
vermagst du vielleicht auch diese Tür zu öffnen und hinauszufahren ohne dass
dich jemand sieht du bist ja gewöhnt die Pfade eines Marders zu wandern« Aus
dem Faltengewand des Abtes sank ein eisernes Werkzeug auf den Boden Immo
schnellte in die Höhe und seine Augen glänzten aber er fasste sich und
antwortete »Mein Herr möge mir verzeihen wenn ich nicht wie ein Dieb
ausbrechen will Wohin soll ich fliehen In den Hof meiner Väter vermag ich
nicht zurückzukehren wenn ich als Verbrecher dem Wigbert entweiche denn
schnell würden die Väter den flüchtigen Schüler zurückfordern vor ihr Gericht«
»Sprichst du so stolz du Tor« rief der Abt »ich meine jede Stelle wo
der Himmel dich deckt oder das Laub dich verbirgt wird für dich lustiger sein
als die Mauersteine dieses Kerkers«
Immo ließ sich wieder vor dem Abt auf die Knie nieder »Dennoch flehe ich
dass mein Herr mir ehrlichen Urlaub gibt und mich als Freien entsendet«
»Mit einem Gefolge von Zinken und Posaunen« versetzte der Abt unwillig
»ganz toll bist du in weltlichem Hochmut Und welche Herrlichkeit der Erde
gedenkst du für dich zu begehren wenn du den Klostermauern entweichst«
»Ein Schwert will ich finden und ein Ross denn hochwürdiger Vater ein
Kriegsmann will ich sein und kein Mönch«
»Wirst du ein Mönch so wird bald der üble Teufel dein Abt werden und wirst
du ein Kriegsmann so wirst du einer von den Wölfen welche um St Wigberts
Stall heulen bis sie dir auf grüner Heide ein Bett schaufeln«
»Herr« versetzte Immo flehend »zu deinen Füßen will ich geloben dass ich
in allen meinen Tagen daran denken werde wie ich an dir einen gütigen Vater
fand«
»Bin ich eine Dirne dass du mich mit Verheißungen und mit schönen Worten
bereden willst Außerdem ziemt mir nicht an diesem kalten Ort der Busse von
weltlichen Dingen zu reden Und deshalb frage ich dich zum letztenmal ob du
lieber die Geissel wählst oder eine zerbrochene Tür«
»Nicht die Geissel will ich und nicht die heimliche Flucht Um gnädige
Entlassung flehe ich zu meinem Herrn damit ich mein Haupt hoch tragen kann
unter meinesgleichen«
»Einem nimmersatten Windhunde gleichst du« versetzte Herr Bernheri »und
ärgerlich willst du mir werden« Aber er sah dabei mit Wohlgefallen auf den
Jüngling »Ich schließe dich wieder ein Bleibe auf den Knien und sprich den 37
Psalm wo er lautet Miser factus sum et curvatus wenn du die Worte vermagst
was ich dir nicht zutraue Und dabei harre auf die Heiligen ob sie sich deiner
erbarmen« Der Abt wandte sich ab Immo fasste ihm nach dem Gewand aber Herr
Bernheri entzog sich eilig der Riegel fuhr in das Schloss und Immo war allein
in tiefer Finsternis Er griff nach dem Eisen und presste die Hand darum wild
stürmten ihm die Gedanken durch die Seele Sorge und Hoffnung dennoch hielt er
jetzt das Gerät in der Hand welches seine letzte Hilfe sein konnte Wie durch
ein Wunder war ihm auf den Boden gelegt was er von den Gewaltigen die unter
der Erde hausten ersehnt hatte Brachte die Nacht keine andere Hilfe so konnte
er diese gebrauchen Er stand in der Finsternis und horchte auf jedes Geräusch
das von außen kam
Nicht lange so vernahm er wieder Tritte und sah einen Lichtstrahl der
Riegel rasselte und der Mönch Eggo winkte ihm zu folgen Leise gingen beide die
Stufen hinauf ein großer Raum in den sie traten war undeutlich erhellt durch
die glimmenden Holzkloben im Kamin Auf Bänken an der Wand und auf dem Boden
lagen Reisige des Abtes in tiefem Schlaf Wieder mahnte ein Zeichen des Mönchs
zur Vorsicht er öffnete eine eisenbeschlagene niedrige Tür und führte eine
Wendeltreppe hinauf Als Immo aus der Tiefe emportauchte stand er in einem
kleinen Zimmer dessen Wände zierlich mit dunklem Holz getäfelt waren
Auf dem Tisch stand eine metallene Lampe deren rötliche Flamme im Luftzuge
flackerte und rauchte Eggo trug eine Wolldecke herzu legte sie auf den Boden
und flüsterte »Rühre dich nicht und schlafe wenn du vermagst« Gehorsam setzte
sich Immo auf die Dielen und als er zur Seite blickte sah er den Mönch wie
einen Schatten an der Wand dahingleiten und hinter einem Teppich verschwinden
Er starrte in den dämmrigen Raum auf die dunklen Bretterwände an denen die
Hirschgeweihe sich im lodernden Lichte bewegten und auf die Waffen in den
Ecken deren Metall bald hell erglänzte bald in Finsternis schwand Aber das
Herz war ihm leicht geworden denn er erkannte wohl dass Herr Bernheri ihn nicht
für die Rache des Tutilo aufbewahren wollte er schloss die müden Augen und
entschlief
So mochte er lange gelegen haben da erwachte er von einer leisen Berührung
er fuhr auf und blickte erstaunt um sich Noch war es Nacht die Lampe brannte
trüber über den Waldhügeln lag der graue Dämmerschein des nahen Morgens und an
seinem Lager erkannte er eine dunkle Gestalt Erschrocken hob er den Leib und
stützte sich auf die abgewandte Hand Neben ihm saß der fremde Mönch der als
Lehrer in das Kloster gekommen war Immo wollte aufspringen aber Reinhard
drängte ihn durch eine Bewegung zurück »Sitze an meiner Seite Immo und öffne
dein Ohr damit eine leise Mahnung in deine Seele falle Höre mich mit
Vertrauen wenn ich dir auch noch fremd bin denn nicht als dein Kerkermeister
sondern wie ein Freund will ich zu dir reden und von deiner Heimat will ich dir
Gutes verkünden Frau Edit sendet dir ihren Muttersegen Sage meinem Sohn
sprach sie jeden Abend und jeden Morgen flehe ich zu den Heiligen dass sie ihm
das Siegestor öffnen Schwer wird der Mutter das Angesicht des Sohnes zu
missen auch darum hoffe ich dass die Himmlischen das Opfer gnädig annehmen«
Immo senkte das Haupt erweicht durch den Gedanken an die Heimat Reinhard
fuhr fort »Schon in der nächsten Zukunft hätte ich dir die Pforte des Klosters
geöffnet damit du unter den Kindern der Welt dem Herrn dienest Aber dein
frecher Mut hat dich schuldig gemacht schwerer Strafe bist du verfallen Darum
komme ich um mit dir zu erwägen wie du dich rettest«
Immo neigte sich über die Hand des Lehrers und sprach demütig »Kannst du
mir helfen Vater so flehe ich verlass mich nicht«
»Eine Rettung weiß ich« fuhr Reinhard fort »die seligste von allen
demütige dich selbst Immo vor dem Altar und trage geduldig die Folgen deiner
Untat Ein Weltgeistlicher solltest du werden wähle das Mönchsgewand und gelobe
dich dem heiligen Wigbert Das ist die Busse welche dir alle hohen Fürsten des
Himmels geneigt macht und ebenso die Herzen der Brüder im Kloster«
Immo sprang auf seine Hände ballten sich und zornig rief er »Meinst du
dass ich als büssender Mönch vor dem Altar liegen und dass Tutilo die Geissel über
mir schwingen soll wie ich sie heut über ihm schwang«
»Fürchtest du die Geissel des Tutilo dann denke lieber daran dass du jetzt
unter seiner Faust stehst und dass ihm morgen die Brüder die Rache geben werden
die er an deinem Leibe zu fordern hat«
»Nimmer schwingt er die Peitsche über mir während ich atme« schrie Immo
»Wenn sie mich zur Verzweiflung treiben so sollen sie einen Verzweifelten
finden Vor dem Altar töte ich ihn und jeden der mich anzugreifen wagt von der
Klostermauer springe ich vom Turm stürze ich mich und Feuer lege ich in das
Haus der Mönche Wenig liegt mir an dem Leben eines Hundes und ich werfe es von
mir wie ich dieses Gewand von mir schleudere wenn ich ein anderes auf meinem
Wege finde«
»Wie ein Heilloser schreist du« versetzte Reinhard »Tutilo sprach nicht
unrecht als er dich mit einer wilden Katze verglich«
»Tat er das« rief Immo »so freuts mich dass er die Krallen gefühlt hat«
»Dennoch rate ich dir mein Sohn dass du dich noch einmal an meine Seite
setzest wenn du deine Wut zu bändigen vermagst Wehre mir nicht dir zu raten
weil dies eine die dir lieb ist von mir erbat«
Immo ging langsam zu seinem Lager zurück setzte sich zu den Füßen des
Mönchs und stützte sein heißes Haupt in die Hand
»Wundere dich nicht Immo wenn ich dich einlade zu werden was ich selbst
bin Denn auch ich habe mich von Vater und Mutter geschieden und ich habe die
Rosse und Hufe die mein Erbteil sein sollten den Heiligen dargebracht weil
ich um meiner Seele Heil bebte und lieber die Gnade des Herrn wählte als die
vergänglichen Freuden dieser Welt Auch ich entsage und gehorche und wandere wie
ein Fremdling durch die Welt Ob der Frost den Leib bedrängt der Hunger quält
und Gefahren drohen gleichgültig und verächtlich ist mir das alles in den
Stunden seliger Freude Nicht Liebe des Weibes nicht das Lied des Sängers
welches den Helden ehrt schaffen solches Glück wie die Heiterkeit ist die ich
im Herzen trage wenn ich zu den Füßen des Herrn liege dem ich mich als Knecht
gelobt habe Darum möchte ich deine Seele und die Seelen aller welche mir
vertraut werden den Greueln der Welt entreißen und den Handgriffen des üblen
Teufels«
Immo schwieg nachdenkend »Vater« sprach er »beantworte mir eine Frage
die ich unwissend tue Wenn es dir und anderen frommen Männern nun gelänge alle
Christen auf deinen Weg zu leiten und wenn alle zu Mönchen und Nonnen würden
verzeih Vater aber ich meine dann wird es an Kindern fehlen«
»Ob du arglos sprichst oder ob du mich durch gewundene Rede versuchen
willst du sollst die Verkündigung hören« versetzte Reinhard feierlich »Käme
diese selige Zeit die wie du selbst weißt noch weit entfernt ist dann wird
sich der Himmel auftun und der Herr wird mit den himmlischen Heerscharen
heranziehen zum Gericht aus der alten Welt des Jammers und der Sünde wird eine
neue erstehen in welcher die Seligen im Lichtglanz dahinwandeln«
Immo sah bei dem rötlichen Schein der Lampe wie das Auge des Mönchs
leuchtete und seine Hände sich unwillkürlich zum Gebet schlossen »Du selbst
weißt mein Vater« begann er bittend »dass der gute Gott den Vögeln ungleichen
Gesang gegeben hat So hat er auch den Menschen verschiedene Gaben ausgeteilt
als er in den Erdgarten kam um die Kinder durch seine Geschenke zu ehren Ich
aber möchte den Gaben vertrauen die ich an mir erkenne«
»Mit guten Sinnen sprichst du Immo« versetzte Reinhard »und verwundert
höre ich wie klug du die Worte setzest Auch dies ist eine Gabe die der Herr
solchen verliehen hat die er für seinen Dienst bestimmt«
»Nicht zum erstenmal füge ich die Worte in dieser Sache« versetzte Immo
»denn oft haben Väter des Klosters die mir günstig waren ähnlich zu mir
gesprochen wie du Wisse Vater da du so gutherzig mit mir redest zu lange
weile ich schon im Kloster und ich bin seiner herzlich müde Wenn ich auf dem
Ross sprenge bin ich glücklicher als zu Fuß und Vater als ich gegen die
Reiter des Grafen ritt um den Hugbald herauszuziehen da war mir so fröhlich
zumut wie nach deinen Worten dir bei dem Altare Daran erkenne ich dass ich
nicht gemacht bin Mönch zu werden«
»Und doch Immo« entgegnete Reinhard »sollen alle Menschen in jenem Leben
teilhaftig werden der Gemeinschaft der Heiligen«
»Und meinst du Vater dass man in der großen Halle des himmlischen Königs
nur Ehre erlangen kann wenn man den Freuden dieser Welt gänzlich entsagt und
als Mönch oder Nonne betet«
»Wie magst du zweifeln« entgegnete Reinhard eifrig »da es verkündet ist
Weißt du nicht dass geschrieben steht wer sich erniedrigt der soll erhöhet
werden Wer lebt demütiger als der Mönch Schwer ists in den Freuden der Welt
dem Herrn wohlgefällig zu bleiben und die liebsten Genossen des Himmelsherrn
werden nur die sein welche hier entsagen und büßen«
»Wahrlich Vater« rief Immo »wenn es in der Himmelsburg so ist wie du
verkündest dass die Mönche und Nonnen vor den anderen an der Herrenbank sitzen
dann will ich in den Pferdestall wo die Rosse des Engels Michael stehen und
anderer schneller Boten denn lieber will ich dort die Pferde striegeln und die
Steigbügel halten als ewig den Kopf neigen und in das Ohr wispern und nach der
Miene des Präpositus und der Dekane sehen wie hier die Mönche tun«
Dem Mönch empörte sich das Herz aber er antwortete ruhig »Zuchtlose Worte
vernehme ich in den Mauern des Klosters sonst hört man sie nur auf den Burgen
der Gewappneten welche eilig sind Menschenblut zu vergießen Deine Rede ist
heillos auch für einen Weltgeistlichen wenn du ein Kanonikus zu Erfurt wirst
wie dein Geschlecht will«
»Verleidet ist mir das weiße Gewand wie die wollene Kutte« rief Immo »und
verhasst auch der Sitz im Chore von Erfurt«
»Zu dem Grunde auf welchem dein Geschlecht haust gehört die Mühlburg
Diese Burg wollen deine Verwandten dem Erzbischof zu Mainz der dem Stift in
Erfurt gebietet übergeben damit du als Kanonikus ausgestattet werdest wie
Brauch ist«
Wieder fuhr Immo in die Höhe »Um meinetwillen soll mein Geschlecht
verzichten auf den festen Sitz der unsere Ehre war Mehrmals flüchtete der
Vater wenn der Grenzkrieg entbrannte die Rosse und Rinder und unsere ganze
Habe in den sicheren Bau und ich und meine Brüder sprangen auf den Mauern und
kletterten in den Schluchten Ein Ahn von mir hat wie du wissen wirst den
Berg auf dem die Wigbertleute die Wassenburg gebaut haben dem Kloster
geschenkt jetzt soll auch die zweite Burgstätte dahinschwinden um meinetwillen
Jammervoll ist mir zu sehen wie unser Erbe weggegeben wird damit die
Geschorenen in den Wäldern gebieten wo sonst unser Jagdruf erklang Wehe mir
dass ich niemanden habe der meine Klage anhört als einen landlosen Mönch«
»Vermagst du noch einmal den Rat des Landlosen anzuhören« antwortete
Reinhard sich erhebend »so vernimm was ich dir ungern sage und nur weil es
mir befohlen ward was aber für deinen weltlichen Sinn die letzte Hilfe sein
kann in der Not welche dich bedrängt Merke wohl Immo du kannst frei von hier
ziehen wohin dich dein Gelüst treibt ein Kriegsmann magst du werden der auf
die Mühlburg sein Gemahl heimführt und unter den Edlen von Thüringen im
Heergewand reitet«
»Sage mir Vater was soll ich tun damit ich dies Glück erreiche«
»Gelobe bevor du scheidest Burg und Berg deinem Herrn Bernheri in die Hand
zu geben damit du sie als Lehn für dich und dein Geschlecht zurückerhältst
Nützen wirst du dem Kloster auch als Lehnsmann und Vogt der für das Kloster
sorgt wie ja viele aus den edelsten Geschlechtern tun um den Heiligen zu
gefallen Gelobst du dies so vermag der Abt dich zu schützen gegen jeden Feind
den du hier und anderswo hast denn auch so dienst du den Heiligen und du weißt
ja selbst es ist leichter Dienst den sie dir auflegen«
Immo stand betroffen Der Weg welchen ihm der Mönch wies bot vieles
wonach sein Herz sich sehnte er wusste recht gut wie stolz das Kloster auf
seine Burgen war und dass er als Lehnsmann des Klosters den Wigbertleuten
wertvoller wurde wie als Mönch Dennoch empörte sich sein stolzes Herz bei dem
Gedanken als Dienender den Schild zu tragen Er schwieg und starrte vor sich
hin
Reinhard der den Kampf des Jünglings beobachtete fuhr fort »Einer deiner
Ahnen starb in der Heidenzeit unter dem Schildrand für die heilige Kirche Wie
darf sein Enkel zaudern Dienstmann der Heiligen wurde jener im Tode du aber
sollst in demselben Dienste mit Ehren leben«
Immo fuhr zusammen denn bei der Rede des Mönchs vernahm er noch eine andere
Stimme und neben dem hageren Antlitz des Lehrers sah er das rundliche Gesicht
und das herzliche Lächeln des Greises Bertram und in ihm klangen die Worte
welche ihm übergeben waren »Birg nie in fremder Hand was du allein zu halten
vermagst wenig frommt dem Manne zu dienen wo er gebieten könnte« Da sprach
er »Ich höre eine Mahnung in meinem Innern dass ich deinem Rat nicht vertrauen
soll und ich will nicht«
»Eine Waise bist du ohne Freundschaft stehst du hier dein eigenes
Geschlecht ist deinen weltlichen Wünschen zuwider St Wigbert aber vermag dich
zu schützen wie ein Vater und keinen erlauchteren Herrn kannst du wählen als
den hohen Heiligen«
»Ich will nicht dienen« antwortete der Jüngling die Lippen schlossen sich
fest und er sah in seinem Trotz aus wie ein älterer Mann
»Nur kurz ist die Zeit die zum Widerstande bleibt« mahnte Reinhard nach
dem Fenster deutend »sieh diesen Docht welcher verglimmt und den Morgen
welcher aufsteigt«
»Und ich will nicht und will nicht« antwortete Immo tonlos
Reinhard wandte sich traurig ab »Fruchtlos ist die Mühe dir durch Worte
den trotzigen Sinn zu wandeln Dennoch bleibst du ein Kind meiner Sorgen und
käme der Tag wo du gute Meinung für dich begehrst so wisse Immo dass du sie
bei mir findest« Er hob die Hand zum Segensgruss und verließ das Zimmer
Immo sah ihm nach und dachte ob dieser so ist wie Sintram sprach dass er
treulich für mich beten wird und er schüttelte das Haupt Er warf sich auf sein
hartes Lager zurück aber die Gedanken fuhren ihm stürmisch durch das Haupt und
er musste immer wieder nach dem Himmel sehen der im Osten sich rötete
Da öffnete sich die Seitentür und Herr Bernheri selbst trat herein hinter
ihm Eggo mit einer großen Kerze in kupfernem Leuchter Immo fuhr in die Höhe und
neigte das Haupt vor dem Gebieter Mürrisch begann der Abt »Da seht den
Nestling aus den Waldhecken aber störrisch ist er wie ein junger Geier und
Reinhard hat sich vergebens bemüht ihm die Kappe umzulegen Obwohl ich im
voraus gesagt habe dass von dir nicht viel Gutes zu erwarten ist Ganz unlieb
ist mir deine Widerspenstigkeit und ich täte am klügsten dich gänzlich deinem
Schicksal zu überlassen welches wahrscheinlich jämmerlich sein wird«
Immo schwieg aber das Herz hämmerte ihm in der Brust Herr Bernheri ging
schwerfällig auf und ab an seinen zwinkernden Augen und der gesträubten
Haarkrone konnte man erkennen dass er sich erst vor kurzem vom Lager erhoben
hatte »Bringe mir einen Becher mit gewürztem Wein Eggo und stelle ihn hier
auf den Tisch Mit dir aber du springender Scholastikus will ich ein Ende
machen auf meine Weise und es soll mich nicht kümmern ob sie dir oder anderen
missfällt« Wieder ging er nachdenkend auf und ab »Setze dich an das Pult nimm
die Schreibtafel und den Griffel und lass mich erkennen ob du etwas von der
Kunst der schwarzen Buchstaben gelernt hast«
Immos Hand bebte und seltsam erschien ihm in dieser Stunde die Forderung
des Abtes aber er setzte sich gehorsam und fragte »Welchen Duktus befiehlt
mein Herr«
»Vermagst du« fuhr der Abt überlegend fort »in lesbarem Latein einen Brief
zu schreiben Verfertige zur Stelle etwas Passendes an mich damit ich dich
prüfe Schreibe also dass du wegen des Fastens und deiner Körperschwäche einen
Trunk Wein ersehnst und mich darum anflehst«
Immo überlegte Endlich begann er mit geröteten Wangen die Arbeit welche
einige Zeit in Anspruch nahm Unterdes trug auch Eggo ein Schreibpult herzu und
schrieb nieder was der Abt ihm leise gebot Es war darüber zwischen beiden
ernste Beratung und Immo sorgte dass sie gar nicht zu Ende gehen würde Endlich
wandte sich der Abt um und sah den Scholastikus welcher mit der Tafel zur Seite
stand Der Herr streckte die Hand danach aus und hob sich um dem Licht näher zu
sein »Wie« sagte er »du hast dich sogar getraut einen Vers einzuflechten
Bibere si vis vinum scribere debes latinum2 Ist auch der Vers nur rhytmice
und nicht metrice gestellt so hast du dir damit doch den Trunk verdient« Er
wies auf den Becher »Wage ihn zu heben damit du die Kellerluft vergessest Und
jetzt hole Atem und antworte Würdest du imstande sein auf Pergament an diesen
Bruder Eggo aus der Ferne zu schreiben in dem gebührlichen Duktus«
»Ich getraue mirs wohl« versetzte Immo freudig
Der Abt seufzte »Da du so unverschämt bist von meiner Würde zu verlangen
dass ich für dich geradeso unter die Brüder springe wie du für mich getan hast
so habe ich mich entschlossen dich von hier zu entsenden bevor die Sonne
aufgeht Du sollst als mein Bote reiten Was siehst du mich an Eggo Du
meinst ich soll ihn durch einen Eid binden Lass die heiligen Reliquien in ihrem
Schrein ungeschoren geht er von uns er soll auch ungeschoren seine Straße
ziehen Solange ich lebe sah ich hohe Eide schwören und hohe Eide brechen Ich
habe erkannt dass der ein Tor ist welcher auf die Treue der Menschen baut
Dennoch habe auch ich jemanden gefunden der sich mir bewährt hat im Spiel und
in der Todesnot Denn als ich jung war und einst mit meinem Jagdbogen im
Waldversteck lag wo das Wild zur Tränke läuft da überfielen mich
Nachtschächer blutdürstige Räuber Ich rief meinen Notschrei aber nur einer
hörte der damals mein Geselle war er sprang über die Felsen herzu und schlug
ungerüstet wie Simson mit seiner Keule unter die Mörder Zweien setzte ich den
Fuß auf den Hals und durchstach ihnen die Gurgel Ich trug einen Hautritz davon
der andere aber einen schweren Hieb in die Schulter Du selbst kannst die Narbe
gesehen haben Jüngling wenn du an der Achsel deines Vaters standest denn er
war es der mich damals vom Tode löste Und an ihn habe ich gedacht als ich
dich aus dem Kerker holen ließ Jetzt aber merke auf denn ich will deinen
leeren Kopf mit allerlei gewichtiger Kunde füllen Von allen Seiten heben sich
die Nacken der Großen gegen unseren König Heinrich Klein ist die Zahl seiner
Getreuen auch im Kloster leben vielleicht solche welche den Feinden des Königs
Gutes gönnen Vermagst du zu verstehen was ich dir sage«
»Gewiss Herr« versetzte Immo eifrig »außer dem Tutilo sind die Dekane
Hunico Wolferi Sigibold und vor anderen der Pförtner Walto für den
Babenberger und die anderen Alten haben nicht den Mut diesen zu widerstehen
doch Heriger hält zu dem König und er ist meines Herrn Abts beste Hilfe Von
den jüngeren aber sind die Thüringe und Sachsen wohl zur Hälfte dem König
gutgesinnt«
Der Abt starrte den Jüngling an »Weiß die äußere Schule so gut was in der
Klausur vorgeht«
»Auch uns fliegt mancherlei über den Zaun« fuhr Immo fort »ich merkte
auch dass vorgestern Graf Ernst der ruhmvolle Held heimlich in der Herberge
des Klosters lag«
»Führe ihn zu den Reliquien« rief schnell der Abt »und binde ihn durch
einen teuren Eid dass er niemals einem anderen verkünde was er von Wigberts
Geheimnissen erraten hat«
Eggo führte den Jüngling vor den Schrein und nahm ihm den Schwur ab während
Herr Bernheri noch immer erstaunt dasaß und zuweilen mit dem Kopf schüttelte
Als Immo wieder vor dem Abte stand begann dieser prüfend »Du also gedenkst
dich an den König zu hängen«
»Meine Mutter stammt aus einem Geschlecht welches sich der Verwandschaft
mit den Sachsenkönigen rühmt«
Der Abt lachte »Wer König wird dem wachsen die Vettern wie Hederich im
Hafer Dir aber bleibt ohnedies keine Wahl seit du so ruchlos den Tutilo
gebläut hast Darum vertraue ich dir diese drei Briefe an« er hob die Arbeit
des Eggo vom Tische »Mit dem ersten reitest du in deine Heimat er geht an
deine Mutter und spricht von deiner Entlassung wegen der wilden Kriegszeit
damit die Frau meine gute Meinung für dich erkenne«
Immo ergriff freudig den Brief
»Dafür sollst du mir in deiner Heimat dienen Die Seelen der Brüder in
Ordorf sind durch die Bosheit eines anderen der hier im Kloster weilt
vergiftet aber der Vogt auf der Wassenburg ist mir treu Diesem trägst du den
zweiten Brief und da er als Kriegsmann des Lesens unkundig ist wirst du allein
ihm den Brief vertraulich vorlesen damit keiner von den Brüdern die Schrift
erblicke Und was du von ihm und anderen über die Rüstungen in Thüringen
erfährst das sollst du an Bruder Eggo schreiben und durch den Reisigen welcher
dich begleitet hierher senden Dann aber rate ich dir dass du so bald als
möglich deine Helmkappe bindest und dich allein oder mit Kriegsleuten welche
dir folgen wollen über die Berge zum Könige durchschlägst Du wirst Herrn
Heinrich in Regensburg an der Donau finden oder doch in der Gegend Dort gibst
du den dritten Brief an seinen Kanzler Erkambald Spähe nach den Mienen des
Kanzlers und erlausche soviel du vermagst über den Kriegszug und die gute
Meinung des Königs für mich Was du erkundest das schreibe wieder an Bruder
Eggo Setze keine Namen in deine Briefe aber die Anfangsbuchstaben damit wir
erkennen wen du meinst Als Boten gebrauche den Spielmann Wizzelin welchen du
kennst denn diesen habe ich geworben und in das Lager gesandt Du selbst aber
sei bemüht dem Kanzler zu gefallen ich habe ihm auch deinetwegen einige Worte
geschrieben«
Von der Wachskerze fiel eine metallene Kugel deren Faden durchgebrannt war
in die große Tülle der eherne Ton klang scharf durch das Zimmer Aus der
Klosterkirche tönte der Gesang der Vigilien Der Abt erhob sich »Es ist Zeit
dass dein Fuß aus den geweihten Wänden gleite sonst möchtest du sie schwerlich
verlassen Es ist auch Zeit die unheiligen Gedanken abzutun Ein ungewohnter
Dienst ist meiner zuchtlosen Herde dieser Nachtgesang ich meine die Angst um
ihre Missetat hat sie vom Lager gescheucht Uns allen tut Vergebung not Auch
mir der ich erhöht bin zum Abte gebührt jetzt meiner Nichtigkeit zu gedenken
und wie die Regel befiehlt tief hinabzusteigen bis zu der siebenten Stufe der
Demut um mit dem bekümmerten Hiob zu sprechen Ein Wurm bin ich und nicht ein
Mensch scheusälig den Leuten und greulich dem Volke Ungerecht habe ich mich
vor dir o Jüngling meiner weltlichen Geburt gerühmt und was noch jämmerlicher
ist meiner wilden Taten im Walde Hochmütig bin ich im Grunde meines Herzens
und wer über meinen Bauch spottet hat guten Grund denn gar wenig lebe ich nach
der Regel oft habe ich gesündigt durch Gebratenes und Buttergebäck vom
gewürzten Wein zu geschweigen manchmal habe ich voll mein Lager gesucht und wer
mich mit einem Weinfass vergleicht der spricht nicht unwahr Vielen Hass nähre
ich in meiner Seele gegen manche und andere verachte ich viel denke ich auch an
meinen Schatz von Silber und edlen Steinen an die wilden Ochsen im Walde und an
die Fährten der Hirsche ein ungetreuer Verwalter bin ich und in Furcht lebe ich
vor der Strafe Denn zu einem Eckstein war ich bestellt aber ich bin nur gut
dazu dass die anderen ihre unsauberen Sohlen auf mir abstreifen« Er stöhnte
tief und faltete die Hände während Immo der sich bei dem Beginn des
Nachtgesanges auf die Knie niedergelassen hatte dem Gottesdienste des Abtes
verwundert zuhörte obwohl er wusste dass es zu den Geboten des Klosters gehörte
sich selbst zu erniedrigen Nach vielen Seufzern erhob der Abt das Haupt als
einer der schwerer Pflicht genüge getan hat und begann rau »Was kauerst du
noch du Heupferd um zu warten bis dich die Schnäbel der dunklen Vögel
zerhacken die dort drüben so hastig singen nicht gleich Heiligen des Herrn
sondern wie Stare in den Weiden des Teiches Entebe dich aus meinen Augen«
»Ich kann nicht gehen ohne den Segen meines Herrn denn wie ein Vater habt
ihr euch gegen mich erwiesen heut und sonst in der Schule«
Der Abt legte ihm die Hand auf das Haupt sprach den lateinischen Segen und
strich über das lockige Haar »Sei dankbar gegen mich soweit du vermagst
obwohl ich fürchte dass dein Gedächtnis darin kurz sein wird Mancher der wie
du als ein Springer aus dem Kloster in die Sünden der Welt hineinfuhr schlich
mit grauem Haar unter der schweren Bürde seiner Schuld in das Kloster zurück
Gedenke dass am Altar eine Heimat aller ist die müde werden unter ihrer Last«
Er zog einen ledernen Beutel aus seinem Gewande »Nicht als ein kahler Schüler
sollst du Bote reiten denn unter Kriegsleuten ist der Geldlose verloren Die
Briefe gib nicht von dir solange du deinen Arm heben kannst die Feinde
abzuwehren Eine Reiterkleidung und Waffen findest du bei dem Rosse damit nicht
kundbar wird dass du aus dem Hühnerhofe des Klosters entflogen bist« Er reichte
dem Jüngling die Hand welche dieser mit nassen Augen küsste Eggo winkte
ungeduldig und führte die Wendeltreppe hinab durch die dämmerige Halle in
welcher die Gewappneten lagen Lautlos durchschritten sie den Hof der Mönch
öffnete eine Pforte der Mauer wies auf den schmalen Steg der über den Graben
führte und auf einen Reiter der jenseits des Grabens ein leeres Ross am Zügel
hielt dann grüßte er mit der Hand und schloss hinter dem Jüngling die Pforte In
großen Sätzen sprang Immo ins Freie während aus der Klosterkirche feierlich das
Ambrosianum erklang
Als Immo die Rosse erreicht hatte warf ihm der Reiter die Zügel zu
»Hugbald« schrie der Jüngling in freudiger Überraschung da er das ehrliche
Gesicht des Dienstmanns erkannte
»Schweig Geselle« murmelte der Reiter auf die weißen Wolkenstreifen
weisend welche aus dem Nebel der Niederung wallend gegen das Kloster zogen
»Ungern hören die Wasserfrauen den Ruf der Männer während sie in der Luft
schweben Hier draußen walten andere Geister als innerhalb der Mauern und
obgleich hinter uns noch Wigberts Stimme ertönt werden diese hier einen
Dienstmann des Heiligen doch wenig ehren wenn er ihren Zorn erregt Harre bis
wir über die Brücken gedrungen sind und die freie Höhe erreicht haben«
Sie ritten schweigend durch den dichten Nebel die Fulda entlang Aber Immo
konnte sein pochendes Herz nicht bändigen er drängte sein Ross an das des Alten
ergriff seine Hand und rief »Mich freuts dass du durch den Wechsel aus der
Gefangenschaft gelöst bist«
»Wenig Ehre brachte mir der Tausch« brummte der Alte »gegen einen
Pferdedieb ausgewechselt zu werden ist kränkend genug mich haben sie gar für
zwei gerechnet Doch da jetzt ein Sonnenstrahl auf uns scheint sollst du dich
in einen Kriegsmann wandeln« Er nestelte einen Bund vom Sattel »Wirf dir den
Reitermantel um« dann knüpfte er den Eisenhut und das Schwert los und reichte
beide dem Jüngling »Hier nimm auch den Wurfspiess er ist von den schweren ich
weiß dass du ihn zu werfen vermagst Recht wohl steht dir die Stahlkappe und
mich reut nicht Immo dass ich dich im Walde und auf der Heide meine Singweisen
lehrte«
Immo umschlang vom Rosse den Lehrmeister und küsste ihm den grauen Bart
»Gesegnet seist du dass du mich zur Reise gewappnet hast« dann sprengte er in
gestrecktem Laufe vorwärts wirbelte den Speer und während der Tau von seinen
Locken träufelte und über die heißen Wangen lief jauchzte er dem goldenen Licht
des Tages zu
In der Heimat
Am nächsten Tage ritt Immo mit Hugbald aus Gotaha einer Burg des Klosters der
Heimat zu Auf beiden Seiten des Weges zogen sich niedrige langgestreckte Hügel
dahin die Rücken mit Wald bewachsen an den Gehängen die Ährenfelder deren
Frucht sich bräunte In den Niederungen dehnten sich zwischen sumpfigen Wiesen
große Teiche die mit Erlen und Weiden umgeben waren Zahlreich und ansehnlich
waren die Dörfer der Landschaft jedes durch Pfahlwerk und breiten Graben oder
durch das Wasser eines Sees gesichert War ein Dorftor geschlossen dann zogen
die Reiter auf der Außenseite herum über den Anger auf welchem das Dorfvieh
weidete fanden sie ein Tor geöffnet so sprengten sie über die Brücke und
antworteten auf die Frage des Wächters der eilig seinen schweren Spieß aus der
Erde holte und ihnen entgegentrat Immo fuhr dahin mit fröhlichem Herzen und
unter dem Druck der Schenkel hob sich sein Ross zum Sprunge
Vor den Reitern zog sich eine Flurscheide quer über den Weg ein breiter
Graben dahinter ein aufgeworfener Wall mit einer dichten Baumhecke bei der
Brücke ein hoher Grenzhügel auf dem ein wettergraues Turmgerüst stand »Sieh
das alte Grenzzeichen meiner Väter« rief Immo »einst war das ganze Land
dahinter unser Erbe jetzt freilich gehören viele Hufen fremden Herren dagegen
liegen wieder Höfe die uns gehören außerhalb der Mark Doch ehren wir das alte
Malzeichen« Er schwang sich vom Rosse sprang auf den Hügel riss blühendes
Kraut ab und steckte es an seinen Hut »So nehme ich Besitz von dem Lande meiner
Ahnen bezeuge mirs liebe Sonne dass Laub und Gras mir diene« Am Ufer eines
Gebirgsbaches ritten sie wohl eine Meile dahin Immo wies auf das klare Wasser
und auf die bunten Steine welche den Bach von beiden Seiten umsäumten »Jetzt
rinnst du niedrig Bach meiner Heimat und ein Knabe vermag dich zu durchwaten
aber ich kenne die Macht deiner Strömung denn im Frühjahr und nach dem
Wettersturm brausest du wild zwischen den Hügeln dahin und oft schlug deine Flut
an die Schwelle unseres Saales und wir hüpften barbeinig im Hofe durch den
wilden Schwall«
Südwärts zur rechten Hand hoben sich die Hügel steiler an ihrem Fuße
breiteten sich weite Seen die Abhänge bedeckte der Laubwald dazwischen aber
schimmerte bald rot bald bläulich die nackte Erdmasse der Berge auf den
Gipfeln stand hier ein Wartturm dort eine Burg und wieder eine »Das ist der
rote Bergwall um welchen mein Geschlecht sich gelagert hat« erklärte Immo
stolz »hoch sind die Berglehnen und steil der Weg zu den Gipfeln manchesmal
haben die Helden dort ihren Feinden widerstanden«
An einem Wege der nach Süden führte hielten die Reiter und nahmen
Abschied denn Hugbald sollte nach der Wassenburg vorausziehen und sie
besprachen das Wiedersehen in den nächsten Tagen
Als Immo allein war ritt er in gestrecktem Laufe vorwärts Vor ihm lag in
der Niederung durch eine Mauer umschanzt der große Hof seiner Väter der Bach
teilte sich und umfloss den festen Sitz Ingramsleben von allen Seiten Viele
Gebäude standen innerhalb des Hofes in der Ecke ein dicker viereckiger Turm
mit kleinen Fensterritzen oben mit Zinnen gekrönt durch einen Graben von dem
übrigen Bau getrennt er war die feste Burg des Hofes in welche sich bei
schnellem Überfall die Hofherren zurückziehen konnten zu ihren Kindern und
Schätzen die sie dort geborgen hatten In der Mitte des Hofes aber erhob sich
das Herrenhaus mit hohem Dach mit einer Laube auf der Sonnenseite und einer
Galerie darüber um das Haus standen nahe der Mauer zahlreiche Ställe und
Wohnungen der Dienstleute Ausserhalb des Hofes erkannte man längs dem Wasser die
Dächer des kleinen Dorfes welches dazugehörte Der Reiter hielt vor der Brücke
an ihm pochte das Herz er neigte einen Augenblick das Haupt und flehte zu den
Heiligen dann setzte er mit großem Sprunge durch das offene Tor Sein Ross
stieg er hob sich hoch im Sattel und grüßte den Hof seiner Väter
Still lag der Hof in der Ruhe der ersten Abendstunde niemand kam den Gast
anzurufen und das Ross zu halten Immo lenkte sein Pferd abwärts den Ställen zu
Dort kauerte auf der Dungstätte des Hofes das Federvolk in großen Schwärmen
auch der Hahn mit den Hennen saß zusammengeduckt unter dem Dach der Ställe Nur
der alte Kranich welcher dem Geflügel zum Vogt gesetzt war stand mitten auf
dem Strohhaufen richtete den Hals hoch auf und wandte seinen scharfen Schnabel
dem fremden Reiter zu Als aber Immo vom Pferde sprang und fröhlich den Namen
des Kranichs »Ludiger« rief da erkannte der kluge Vogel seinen alten Herrn
und vergaß gänzlich seine Würde er schrie und rannte mit ausgebreiteten Flügeln
und aufgesperrtem Schnabel dem Sohne des Hauses entgegen gerade als wollte er
ihn umfangen und schmiegte seinen Kopf an den Leib des Mannes Immo aber strich
ihm liebkosend den roten Scheitel bis der Vogel wieder vergnügt zu seinem Volke
lief Dort breitete er die Flügel und fing vor der ganzen Gemeinde an sich zu
drehen und zu tanzen so dass die Hühner gackerten und das Geschlecht der Enten
sich erhob und lautes Schnattern begann erstaunt über die Gebärden des
ernstaften Meisters Alle Vögel schrien und hinten im Hundezwinger bellten die
Bracken Da sah die alte Dienerin Gertrud aus einer Seitentür der Halle und rief
zurück »Gutes Glück steht dem Hofe bevor Herr Ludiger tanzt vor seinem Volke«
aber im nächsten Augenblick stieß auch sie einen Schrei aus lief die kleine
Hintertreppe hinab und umschlang mit ihren Armen den Fremdling
Aus der Umarmung der Wärterin sprang Immo in den Saal Von der Schwelle
erkannte er auf dem Herrenstuhl die Herrin des Hofes im braunen Trauergewande
das Haar mit dunklem Schleier umhüllt das edle Antlitz wenig gewandelt in den
Jahren seiner Abwesenheit noch immer so schön und gebietend wie er es
sehnsüchtig in seiner Seele geschaut hatte »Meine Mutter« rief er außer sich
warf sich zu ihren Füßen umschlang ihre Knie und weinte wie ein Kind in ihrem
Schoss Frau Edit wollte sich heftig erheben als der fremde Mann zu ihren Füßen
niederstürzte aber gleich darauf fasste sie sein Haupt mit ihren Händen und
drückte ihn fest an sich Als der Sohn zu dem Antlitz der Mutter aufsah hielt
sie ihn an den Locken und sah ihn starr an während ihr Gesicht sich rötete
»Ein Mann bist du geworden« sprach sie erschrocken aber im nächsten Augenblick
warf sie die Arme wieder um ihn und küsste ihn auf die Stirn und das Haar wie
die Mutter einem kleinen Kinde tut Schnell folgte Frage und Antwort »Wisse
Immo« begann die Mutter »nicht ganz unerwartet kommst du In der letzten Nacht
hatte ich einen Traum gleich einer Verkündigung Auf meinem letzten Lager fand
ich mich gelähmt waren meine Glieder und vergebens mühte ich mich die Hände
zum Gebet zu falten Da neigte dein Angesicht sich über mich im goldnen Schmuck
des Bischofs standest du vor mir um dein Antlitz strahlte ein heller Schein und
du botest mir das Heiligtum Mich aber durchdrang ein seliger Friede wie ich
ihn nie gefühlt Glücklich ist die Mutter Geliebter welcher der Sohn das Tor
des Himmelssaals öffnet«
Als Immo von seiner Reise erzählt hatte zog er den Brief des Abtes aus dem
Gewande »Lies ihn« sagte die Mutter sich setzend »du bist der einzige im
Hause welcher der fremden Schrift und Sprache kundig ist darum erkläre mir den
Inhalt damit ich alles verstehe« Mit geheimer Sorge öffnete Immo den Brief
ungern wollte er der Mutter in dem Glück des Wiedersehens Unholdes von seiner
Trennung aus dem Kloster berichten Aber das Schreiben enthielt nur einen Gruß
des Abtes für Frau Edit und dass er den Sohn aus der Schule mit seinem Segen
zurücksende damit er nach eigenem Willen für seine Zukunft sorge
»Willkommen ist mir die Antwort deines Abtes auf meine Bitte die ich durch
Vater Reinhard an ihn tat und alles ist für dich bereitet damit du ein Held
des Himmelsherrn werden kannst Doch heute sprich nicht zu mir von künftigen
Tagen denn sorglos möchte ich mich deiner Heimkehr freuen« Sie zog ihn bei der
Hand in den Hof und öffnete die Gittertür des Gartens in welchem eine Anzahl
Obstbäume auf dem Grasgrund stand Dort lagerte das junge Geschlecht Irmfrieds
Auf einer Bank saß Odo der ältere einem gereiften Manne gleich
breitschultrig gemessen in seinen Gebärden das rundliche Gesicht mit den
vorstehenden Augen und der bedächtigen Miene ganz ungleich dem Aussehen der
anderen Brüder Diese lagen im Grase Ortwin der Redegewandte welcher Sprecher
des Hofes war summte ein Lied und würfelte dabei auf einem Brettlein mit sich
selbst der starke Erwin warf sitzend einen Stein den mancher andere schwerlich
gehoben hätte unermüdlich in die Höhe und freute sich ihn geschickt wieder zu
fassen und Adalmar und Arnfried lagen langgestreckt einander gegenüber hielten
jeder mit zurückgebogenen Armen einen Baum umklammert und stießen mit den Beinen
einen runden Fichtenstamm dass er ruhelos zwischen ihnen hin und her rollte und
sie lachten laut wenn der ungefüge Klotz einem von ihnen so gefährlich nahte
dass es eines starken Stosses bedurfte ihn abzuwehren Aber seitwärts von den
Brüdern übte sich Gottfried mit Hilfe eines alten Knechts im Speerwurf gegen
aufgestellte Bretter und die Stangen welche der Knabe warf dröhnten kräftig
von dem Holze Die Brüder sprangen auf als sie die Mutter erblickten und Immo
sah als stolze Jünglinge wieder die er als Knaben verlassen hatte Sie boten
nach der Reihe dem Bruder Hand und Mund ihr verlegener Gruß erschien ihm kalt
nur der jüngste Gottfried hing sich an seinen Hals und Immo lachte als das
rosige Kindergesicht zu ihm aufsah »Alle seid ihr stattliche Helden geworden«
rief er »aber am meisten gewachsen ist mein Kleiner« »Im nächsten Jahr erhalte
auch ich den Schwertgurt« antwortete dieser freudig in seinen Armen
Aber die Mutter zog den Ältesten wieder zu sich »Sieh die Knaben und die
Bäume sie sind zusammen aufgeschossen«
»Alles was unter deiner Hand steht gedeiht ich sehe auch die Obstträger
lohnen der Herrin die Mühe«
»Die frommen Väter von Ordorf brachten nicht umsonst die Pfropfreiser zu
unserem wilden Holz wundervoll gewürzig sind die Äpfel sie trugen zum
erstenmal reichlich in dem Jahre wo du von uns schiedest und als der Herbst
kam hatte ich das Herzeleid dass du die guten nicht mehr schmecktest Dafür
sandte ich einen Korb an die hohe Frau Adelheid die Kaiserin welche damals
neben unserer Mark ihren Hof hielt Denn gütig war sie immer gesinnt und sie
freute sich auch über die Früchte und schenkte mir als Gegengabe eine Büchse mit
Balsam aus dem Heiligen Land Das ist in Wahrheit ein kaiserliches Geschenk
denn es heilt schnell auch tiefe Schwertwunden und es hat sich an tapferen
Männern hier in der Gegend mehr als einmal bewährt«
»Zeige mir deine Kunst« sprach Immo zu Gottfried »die wohl in kurzem auch
tiefe Wunden schlagen wird« Der Knabe ergriff die Stangen und warf herzhaft
»Ich lobe die Treffer« ermunterte Immo bald ergriff er selbst die Gere und
sie gellten so stark vom weitgesteckten Ziele dass Gottfried freudig die Hände
zusammenschlug und die anderen Brüder Beifall riefen
»Ganz gut gefällt mir Immo« sprach Edit zuschauend »dass du in der Schule
auch Werke eines Kriegsmannes geübt hast Denn reitest du einst als ein
gewaltiger Herr und Bischof unter deinen Kriegern dann musst du auch die Helden
welche das Schildamt bei dir versehen durch Gut und Gaben ehren und darum
ziemt dir zu verstehen wer am besten seine Waffe gebraucht«
Immo legte die Stangen zur Seite und senkte das Haupt
An dem Gitter stand Gertrud und erinnerte an das Mahl In der Mitte ihrer
Söhne betrat Edit den Saal in welchem die Tische gestellt waren An der Tür
standen gedrängt die Dienstleute um den Gruß des Herrensohnes zu erwarten
Während Immo unter sie trat und mit alten Vertrauten fröhlichen Gruß wechselte
brachte der Truchsess die Speisen und Trinkkannen Die Mutter führte den Sohn zum
Ehrensitz an ihrer Seite »Schmal war die Kost meines Lieblings im Kloster«
sagte sie lächelnd »dafür hat er dort das Glück genossen neben heiligen
Männern zu sitzen Und ich vertraue auch du hast dir in deinem Dienst bereits
Ehre erworben«
»Im Dienst vor den Altären gewinnt ein Schüler geringe Ehre« versetzte Immo
unzufrieden »Zuerst sollte ich das Rauchfass schwenken doch den Brüdern gefiel
nicht der Schwung meiner Arme Dann war ich Türsteher und mit der Keule wachte
ich an der Pforte das unordentliche Volk abzuwehren aber auch dieser ruhmlosen
Arbeit enthoben mich die Dekane weil einige Schreihälse aus der Menge Wehe
riefen wegen eingeschlagener Zähne Zuletzt las ich manchmal als Lektor vor den
kleinen Altären«
Die Brüder lachten aber Edit merkte in ihrer Mutterfreude den Ärger des
Sohnes gar nicht und zu ihrem Sitz tretend bat sie »Sprich das lateinische
Gebet das sich in der Stunde ziemt wo ein Geweihter das Haus seiner Väter
betritt«
»Ich weiß nur von einem der als verlorener Sohn nach Hause kam« murmelte
Immo und sprach das lateinische Vaterunser
Immo saß wieder in dem Saal seiner Väter und sah verwundert in den großen
Raum Auf dem Fußboden aus geschlagenem Lehm welcher glatt war wie eine Tenne
standen die Tische ganz wie sonst von dem Herrensitz sah er durch die geöffnete
Tür in den wohlbekannten Hof hinter ihm und auf den Seiten lief durch ein
geschnjetztes Geländer eingefasst die erhöhte Bühne von welcher zahlreiche Türen
nach den Kammern und Wohnräumen des mächtigen Hauses führten An den Wänden
hingen die alten Rüstungen und Waffen Kampfbeute früherer Helden auf der Bühne
im Hintergrund stand der Ofen und daneben der Herrenstuhl im Winter der wärmste
Platz aber ehrenvoll auch im Sommer Alles war wie vor Jahren Auch wenn er
seine Mutter ansah und die alten Diener des Hauses so dünkte ihn seine
Abwesenheit und das Kloster fast nur ein übler Traum Wenn er aber die männliche
Stimme der erwachsenen Brüder hörte und die kurzen Reden die sie während ihrer
eifrigen Arbeit am Tische wechselten so kam ihm wieder vor als sei er bei den
Erdmännchen in der Höhle gewesen viele Jahre lang denn er merkte dass ein
neues Geschlecht in dem Saal herrschte
Nach dem Mahle trat Immo zu seinen Brüdern und suchte ein freundliches
Gespräch während Frau Edit der Dienerin Gertrud winkte und mit ihr den Saal
verließ
Als Edit wieder eintrat setzte ihr die Dienerin den Spinnrocken neben den
Ofen die Herrin saß auf dem Stuhle nieder und ergriff die Spindel »Komm an
meine Seite Immo« bat sie »damit ich vertraulich mit dir rede wie sonst
Seit du von uns gingst hat diese Hand manches Gewebe gesponnen auch für dich
mein Sohn ich spann dir gute Wünsche hinein und manchmal wenn ich deiner
dachte lag die Spindel in meinem Schoss Denn neben diesem Rock stand deine
Wiege ich hob dich heraus und du griffst nach den bunten Bändern am Flachse
Und als du im Hemdchen laufen lerntest da kauertest du auf der Fussbank und
warfst deine Beinchen um die Stange Später sprangst du übermütig um meine
Arbeit wirrtest mir den Flachs und verkehrtest mir die kreisende Spindel Jetzt
freilich hast du bei den frommen Vätern gelernt ruhig zu sitzen Sieh dorthin«
unterbrach sie sich selbst »an dem Türpfosten haftet noch der Speer mit dem
Zeichen deines Wachstums Denn am Speer maß euch der Vater jedem von euch
nagelte er einen schafft an den Pfosten und in den schafft schnitt er jedem seine
eigene Marke mit welcher der Sohn in Zukunft sein Gerät zeichne Und als das
Friedel sein Maß erhalten sollte da lachte der Vater weil er am Pfosten keinen
Raum mehr fand und schlug den Speer an die zweite Tür dort steht er allein
Denn dem Vater war das Prüfen der Größe in jedem Jahr eine Freude obgleich die
Alten sagen dass man die Kinder nicht messen soll euch aber hat es nichts
geschadet denn ihr seid alle hoch emporgeschossen Tritt an das Maß« bat sie
und als Immo ihren Willen tat rief sie erfreut »Mehr als eines Kopfes Länge
überragst du das letzte Zeichen und der größte bist du geblieben So ziemt es
sich auch und ich dachte das immer Wisse Immo in jeder Größe vermag eine
Mutter ihre Kinder zu schauen wenn sie gerade nicht bei ihr sind Auch dich
schaute ich in meinem Sinn ganz klein und wieder größer Aber wunderlich war
es wenn ich allein saß dann hielt ich dich in meinen Gedanken am liebsten als
ein kleines Kind auf meinem Schoss und ich freute mich dass du die Arme zu mir
aufhobest obwohl du doch älter warst als meine Knaben Vielleicht sah ich dich
so weil du als kleines Kind mir gehörtest«
Immo neigte sich zu ihr und ergriff ihre Hand
»Wende dich noch ein wenig ab wenn ich mit dir rede« bat Edit und eine
feine Röte flog über ihre Wangen »Denn wenn du mich heut ansiehst mit den Augen
und mit dem Antlitz deines Vaters dann weiß ich nicht du Holder ob ich deine
Mutter bin Kehre dich doch wieder zu mir« rief sie wieder und warf den Arm um
seinen Hals »denn lange habe ich dich entbehrt und mir wars zuweilen als ob
ich selbst fremd im Hause sei weil du mir immer fehltest Sommer und Winter
schwanden dahin meine Knaben wuchsen heran oft machten sie am Abend der Mutter
die Freude still am Herde zu sitzen oft trieb sie auch ihr Jugendmut auf den
Höfen der Nachbarn umher Doch muss ich meine Söhne rühmen denn gehorsam und der
Mutter treugesinnt waren meine Knaben alle«
»Auch ich bin dein Sohn« rief Immo
»Ja du« antwortete Edit und blickte ihn mit strahlenden Augen an Und
leise fuhr sie fort »Anders vermag ich mit dir zu reden als mit ihnen und als
ich dich am Tisch hörte sprachst auch du nicht wie die Knaben denn reichlicher
schweben deine Worte von der Zunge und mit fremdem Klang dringen sie in das Ohr
Doch hört es sich gut an Immo und es macht dich meinem Herzen vertraulich
Reich und froh fühle ich mich heut zum erstenmal wieder seit mein Gemahl von
uns ritt und mir ist als könnte ich dir alles Geheime sagen wie man es am
Altare den Heiligen zuraunt du liebes Opferkind Denn du gehörst ja wenn du
auch unter uns weilst mehr den Himmlischen an als wir anderen«
Lange Jahre hatte Frau Edit in ihrem Witwenschleier still dahingelebt als
ernste Gebieterin hatte sie die wilden Söhne gezogen und über den Dienstleuten
gewaltet ihr eigenes Herz wenn es heftig pochte hatte sie fest gebändigt
jetzt brach in der Freude des Wiedersehens die Mutterliebe wie ein starker
Bergquell aus der Tiefe ihrer Seele Dem Sohne schien sie einer begeisterten
Seherin gleich noch niemals hatte er sie so gehört er lauschte hingerissen auf
den Klang ihrer bewegten Stimme und doch empfand er geheimen Schmerz bei den
liebevollen Worten
Die Söhne traten nach der Reihe vor die Mutter und boten den Nachtgruss
jedem legte sie die Hand auf Als letzter kam Immo da stand die Mutter auf und
als er sich neigte den Segen zu empfangen umschlang sie sein Haupt und
streichelte ihm Haar und Wange die Freudentränen in den Augen »Führe du ihn zu
seinem Lager« gebot sie der alten Gertrud »denn du warst vor Zeiten seine
Wärterin«
»Wohin leitest du mich Mutter« fragte Immo lächelnd »ich kenne den
Bretterverschlag hinter der Halle in dem ich sonst schlief«
»Der würde dir jetzt wenig ziemen« versetzte die Alte »denn Frau Edit hat
dir selbst das Lager bereitet« Sie führte durch den Hof zu einem stattlichen
Bau der wie eine große Laube aus Stein und Holz errichtet war und zwei Gemächer
nebeneinander enthielt die Wände des kleineren Raumes waren mit Teppichen
bekleidet der Boden mit grünen Binsen bestreut auf dem Lager weiche Kissen und
eine prachtvolle Decke über welcher Greifen und andere gestickte Fabeltiere
einherschritten an der Wand hing ein großes Kreuz davor war ein Betpult eine
große Wachskerze erhellte den Raum Immo stand betroffen in der Tür »Ich rieche
die Kirche« rief er denn ein Duft von heiligem Räucherwerk erfüllte den Raum
»Der hochwürdige Herr von Magdeburg hat hier vor kurzem geruht« antwortete
Gertrud die Knie beugend
»Im Gastgemach des Hofes stehe ich das den vornehmen Fremden bereitet
wird« rief Immo traurig »ich meinte in das Haus meiner Väter zu kommen«
»Du dienst ja dem Himmelsgott schon hier auf Erden« wiederholte Gertrud die
Worte der Herrin »Unter uns anderen Menschen bist du ja nichts weiter als ein
Gast du armes Kind«
Immo winkte der Dienerin die Entlassung und als sie sich mit Segenswünschen
entfernt hatte setzte er sich nieder und barg sein Gesicht in den Händen denn
die Worte der Alten schnitten ihm in das Herz er merkte dass sie recht hatte
und dass er nur ein Gast im Vaterhause war
Als er am Morgen erwachte hörte er draußen an der Wand das Schwalbenvolk
schwatzen und singen gerade wie in der Schule und er wartete dass die kleine
Glocke am Michael läuten werde Draußen aber pfiff ein junger Knecht geschickt
eine lustige Weise die Immo in seiner Kinderzeit oft gehört hatte Da erkannte
Immo wieder seine Heimat und er dachte vergnügt dass der Knabe wohl einer Magd
des Hofes die ihm lieb war seinen Morgengruß zugerufen habe was in dem
Kloster niemals geschah Als er die Augen aufschlug sah er dass die
Lichtöffnungen seiner Fensterläden nicht in Kreuzesform geschnitten waren wie im
Kloster sondern als runde Herzen und ein großes Herz voll Licht lag golden auf
dem Fußboden Da lachte er und sprang auf und während er sich anzog nahm er
sich vor geduldig zu sein und auch Schmerzliches zu ertragen bis er das
Vertrauen der Brüder gewonnen und bis er die Mutter mit seinen weltlichen
Gedanken versöhnt hätte Und er fürchtete dass dies ein schwerer Kampf sein
werde
Nach dem gemeinsamen Frühmahl schürzte Frau Edit ihr Gewand um in der
Wirtschaft nach dem Rechten zu sehen und Immo gedachte des vertrauten Briefes
den ihm Herr Bernheri für den Dienstmann auf der Wassenburg übergeben hatte Als
er der Mutter bekannte dass er dorthin reiten werde sahen die Brüder einander
bedeutsam an und tauschten leise Worte Darum begann Immo freundlich zu Odo
»Überall sorgen die Leute dass ein großer Krieg bevorsteht sage mir mein
Bruder seid ihr für König Heinrich oder Hezilo«
»Noch ist die Kriegsfahne nicht aufgesteckt« versetzte Odo vorsichtig »wir
aber hören aus der Ostmark dass die Slawenherzöge rüsten und diese sind für uns
die nächste Sorge«
»Unter den Mönchen vernahm ich dass die Böhmen sich dem Hezilo verbündet
haben sicher weißt du ob die Grafen der türingischen und sächsischen Mark den
Böhmen widerstehen wollen«
»Wir vermuten« antwortete Odo »dass ihr Wille ist ein Heer zum Schutz der
Grenze zu sammeln dann hoffe ich werden auch wir reiten«
»Sonst zog unser Wald zu dem Banner welches der Vogt des Königs in Erfurt
aufsteckte« warf Immo ein
»Ich aber meine« versetzte Odo »dass der Königsvogt sich nicht beeilen
wird seine Burg zu verlassen und nach Süden zu ziehen wenn an der nahen Grenze
der Kriegslärm erhoben wird Bei uns denkt jeder daran sich im Hause zu wahren
denn einer misstraut dem anderen«
Immo schwieg gekränkt denn er sah dass auch die Brüder ihm misstrauten Er
rief deshalb den Knaben Gottfried und erbat von der Mutter dass dieser mit ihm
reite Auf dem Wege erzählte ihm der Harmlose was er bereits ahnte dass die
Mutter für König Heinrich war die Brüder aber für den Babenberger Und noch
mehr erfuhr er Auch seinetwegen war ein langer Kampf zwischen Mutter und
Brüdern gewesen denn die Brüder hatten sich dagegen gesträubt dem ältesten die
Mühlburg vor der Teilung zu überlassen damit sie dem Stift des Erzbischofs
zufalle und nur widerwillig hatten sie dem Ansehen der Mutter nachgegeben »Die
Brüder hatten recht« rief Immo dem verwunderten Gottfried zu Auf der
Wassenburg wusste der alte Dienstmann wenig vom Laufe der Welt doch freute er
sich des Briefes und besserte auf Hugbalds Rat an den Mauern Auch in Arnstadt
der dritten Burg welche das Kloster am Walde besetzt hielt vermochte Immo
nicht viel zu erfahren Da ritt er nach Erfurt zu dem Vogt des Königs der
seinem Vater vertraut gewesen war dort wurde er freundlich empfangen und
vernahm vieles was dem Abt wertvoll sein musste Auch das Pergament zum Briefe
kaufte er in der Stadt und den Dienstmann Hugbald brachte er als Gast nach dem
Hofe nachdem er ihm einen Wink gegeben hatte über die letzten Tage im Kloster
zu schweigen
So vergingen die ersten Tage in der Heimat unter der Arbeit die er für
Herrn Bernheri übernommen hatte Er war wenig mit den Hofgenossen zusammen und
Frau Edit erfreute sich an dem Eifer den Immo für seinen Abt bewies Und als
sie merkte dass er in der Kemenate über dem Pergament saß ging sie selbst in
den Hof und scheuchte die Mägde und den Kranich mit seinem Hühnervolke in die
entfernteste Ecke damit kein Geräusch die seltene Arbeit störe
Die Trennung
Immo trat zu seinen Brüdern welche gewappnet in der Eisenhaube die Rosse
sattelten Das Herz lachte ihm als die hochgewachsenen Knaben sich so geschwind
mit den Pferden tummelten Da sah er dass Odo den weißen Sachsenhengst
herausführte und ihm schoss das Blut nach dem Haupte aber er bewältigte die
Erregung in Mönchsweise indem er schnell ein Vaterunser sprach dann ging er an
das Ross und sprach ihm leise zu das Tier spitzte die Ohren und wieherte »Einst
gehörte das Pferd mir« sagte er zu Odo »und als ich schied schenkte ich es
unserem Bruder Gottfried«
»Das tatest du« versetzte Odo gleichmütig »aber da es das beste Pferd im
Hofe ist und für die Zucht wertvoll so reite ich es lieber selbst denn der
Knabe ist unvorsichtig und tummelt sich wild wo der Hengst zu Schaden kommen
könnte«
Immo schwieg führte das Ross welches ihm Herr Bernheri geschenkt hatte aus
dem Stall sattelte es neben den anderen und begann »Gefällt es euch so reite
ich mit«
Die Brüder sahen einander an und Immo merkte dass eine stille Abweisung in
ihren Blicken lag endlich sprach Odo zu den anderen »Da er als unser Bruder im
Hof weilt so mögen wir es nicht wehren Doch nicht müßig reiten wir über das
Feld Immo und für einen Gast aus der lateinischen Schule wird es ein langer
Ritt denn wir streifen über die Fluren wegen Sicherheit der Dörfer sowohl in
unserem Erbe als auch auf dem Lande der Nachbarn nach altem Brauch«
»Ich kenne den Brauch« versetzte Immo »und möchte euch begleiten wie ich
zuweilen unserem Vater gefolgt bin«
Odo nickte aber Immo fühlte dass es keine freundliche Einwilligung war und
die jungen Adalmar und Arnfried sprachen leise zueinander und lachten
»Wie kommt es dass Gottfried uns nicht begleitet« fragte Immo auf dem Ross
»Er trägt nicht den Schwertgurt« versetzte Odo kurz »Vorwärts« und in
gestrecktem Lauf sprengten die Reiter aus dem Hofe
Die Brüder sahen von der Seite prüfend auf Immos Reitkunst
»Lang gefesselt sind die hessischen Pferde« begann Erwin spottend »übel
steht ihnen die Bocknase«
»Hättet ihr dem Bruder ein Ross aus der Hofzucht geboten wie sich gebührte
so würde das fremde Gesicht euch nicht ärgern« versetzte Immo und sah so
finster auf den Tadler dass dieser zur Seite ausbog
»Ich habe nicht gehört dass du uns das Begehren gestellt hast« sagte Odo
trocken
»Freundlicher Sinn wartet bei dem was sich geziemt nicht auf die Bitte«
entgegnete Immo
»Bei uns aber ist die Gewohnheit« antwortete Odo »dass der Gast am liebsten
das eigene Pferd besteigt dessen Tugenden er vertraut«
»Ich lobe den Reiter« rief Immo mit blitzenden Augen »dem auch auf einem
mäßigen Pferd ein guter Sprung gelingt Folgt mir ihr Knaben« Er hob die Hand
und setzte über Graben und Hecke die sich längs dem Wege hinzogen Sogleich
folgten die Brüder einer nach dem anderen nur Odo ritt gleichmütig auf dem Wege
weiter und als die Reiter zurücksprangen und lachend die aufgeregten Tiere zum
Trabe bändigten sagte er kühl »Wir haben heut einen langen Ritt und ein
verstauchtes Bein wird uns hindern« Aber das schnelle Wesen Immos gefiel doch
den anderen sie wandten sich seitdem vertraulicher zu ihm und hörten
teilnehmend auf seinen Bericht über die Zucht der Klosterfüllen
So ritt die Schar in scharfem Trabe über die Fluren voran Ortwin der
Sprecher zuletzt Erwin der Marschall Nahten die Reiter dem Wallgraben eines
Dorfes so blies Ortwin in ein Horn des Auerstiers das er am Riemen trug und
sie sprengten in die Dorfgasse vor den Hof des Ortsmeisters wo sie anhielten
bis der Mann heraustrat Verschieden waren Gruß und Fragen wenn er ein Freier
und wenn er ein Höriger des Geschlechtes war Auch in der Flur hemmten die
Reiter den Trab wo Arbeiter auf dem Acker schafften oder wo Hirten weideten
dann eilten auch diese heran und berichteten ob fremdes Volk über die Fluren
gestrichen ob ein Diebstahl im Felde erkannt ob ein Raubtier in die Gehege
gebrochen sei und ob ein Wanderer neue Kunde aus der Welt getragen habe
Verwundert starrten die Landleute auf den fremden Reiter aber wenn sie ihn
erkannten traten sie mit lautem Zuruf heran und boten ihm treuherzig die Hand
in den Dörfern drängten sich auch die Weiber und Kinder um ihn und Immo hatte
zuweilen Mühe sich aus dem Haufen zu lösen wenn Odo wartend nach ihm
zurücksah
Über kahle Höhen und Gestrüpp ritten sie in einen alten Buchenwald und
wanden sich zwischen mächtigen Stämmen an denen selten die Axt klang der Höhe
zu Dort gab Ortwin das Zeichen aus der Tiefe vor ihnen antwortete ein
ähnlicher Hornruf und wildes Geheul von Hunden Die Reiter stiegen in ein
Kesseltal hinab und sahen vor sich die Hütte welche der Sauhirt für den Sommer
aus Stangenholz und Rinde zusammengeschlagen hatte und daneben das Gehege für
die Schweine Es war ein düsterer Ort in den Vertiefungen des aufgewühlten
Bodens stand sumpfiges Wasser um welches sich die entblößten Baumwurzeln wie
dicke Schlangen dahinwanden das Ross Immos schnaubte und scheute vor der
unholden Stätte Ein riesiger Mann in einem Rock aus Fellen mit hohen
Lederstrümpfen und Schuhen an denen noch die Haare hingen kniete auf dem
Boden beschäftigt einen toten Wolf abzubalgen Er erhob sich scheuchte die
anspringenden Hunde und begann mit finsterem Lächeln »Den alten Grauhund traf
mein Holz diesen Morgen Wollt ihr dass die Herde nicht zersprengt werde so
helft selbst die Wölfe schlagen ihr Herren denn seit vielen Jahren haben sie
nicht so arg zwischen den Hügeln geheult als in diesem Sommer ich allein mit
den Knechten vermag ihrer nicht Herr zu werden Die Nachtgänger wissen dass die
Helden in der Ebene sich zur Kampfheide rüsten und sie heulen nach ihrem Anteil
an Lebenden und Toten«
»Was hast du von der Herde verloren« fragte Odo
Der Knecht wies auf eingekerbte Zeichen an den Pfosten der Hütte »Die
Waldweide wird gut« sagte er kurz »und ihr könnt den Schaden ertragen Ein
fremdes Ross sehe ich« fuhr er fort »aber darüber zwei Augen die einst meinen
Wald so gut kannten als ich«
»Sei gegrüßt Eberhard« rief Immo und fasste die Hand des Mannes
Eberhard musterte den Arm »Es ist eine Herrenfaust Kommst du festzuhalten
oder wegzugeben«
»Ich gedenke zu bewahren was mir gefällt« versetzte Immo
Da erhellte sich das Gesicht des Mannes und er rief »Ich dachte wohl dass
du von dem Glockenseil der Geschorenen zurückkehren würdest Denn du gehörst zum
Walde und hier merkt der Mann andere Unsichtbare welche ungern auf das Bimmeln
der Ordorfer Glocke hören« Er betrachtete die Brüder und fuhr dann fort »Sechs
Söhne Irmfrieds stehen vor mir und allen weide ich mit meinen Knaben ihre
Herden Dennoch will ich wissen wem ich selbst in Zukunft angehöre und ihr
sollt mirs kundtun«
Die Brüder sahen einander lächelnd an »Du sollst es wissen nach der
Teilung«
»Meint ihr den alten Knecht gleich seiner Herde durchs Los einem unter euch
anzuwerfen Anders gedenke ich meinen Herrn zu finden Steigt ab und folgt mir
ihr Jünglinge denn ich will euch den Willen eures Vaters verkünden« Er führte
hinter die Hütte zu dem stärksten Eichbaum den er mit Bündeln Astolz
umschichtet hatte »Seit acht Jahren liegt das Astolz an dieser Stelle und
jedes Jahr binde ich und schichte ich aufs neue damit das Holz vor fremden
Augen verberge was mir das liebste Stück meiner Habe ist« Als er geräumt
hatte sah man an dem Stamme eine Waldaxt die mit starkem Schwunge eingetrieben
war »Diese Axt« begann der Hirt »schlug Herr Irmfried in den Baum als er das
letztemal zu seinen Ebern kam Damals bot er mir eine Hand zum Abschiede weil
ich ihm ein treuer Knecht gewesen war und die andere Hand legte er auf mein
Haupt Ich fragte unter seinen Händen Herr wenn Ihr nimmer keimkehrt wem soll
ich ferner dienen Darauf sprach er Deiner Herrin Edit solange sie dir das
Brot hinaussendet und dir das Lager bereiten lässt wenn du im Winter zum Hofe
kehrst Ich antwortete Das tue ich gern Aber sieben Frischlinge laufen auf dem
Hofe und wenn mich die wilden Gewalten des Waldes bis zu dem Tage verschonen
an welchem ihnen die Eberzähne schießen welchem der Jungen soll ich angehören
Lasst mich nur dem Besten dienen Wer der Beste wird weiß nur der Christengott
versetzte der Herr nicht ich Herr sprach ich dagegen der stärkste ist mir im
Walde der Beste Da sprach der Herr Wenn der Tag kommt wo die sieben
miteinander zu deinem Baum treten so nimm diese Axt neu geschärft und mit
neuem Stil und biete sie meinen Söhnen dar damit jeder von ihnen die Axt in
diesen Baum schlage mit dem besten Schwunge den er vermag der jüngste zuerst
der älteste zuletzt so wie ich sie jetzt schlage Und siebenmal sollst du
selbst die geschwungene Axt aus dem Holze reißen dabei prüfe welcher von
meinen Knaben am schärfsten schlägt und der dir selbst als der stärkste
erscheint dem magst du dienen Da hob Herr Irmfried seine Axt aus dem
Sattelgurt und schlug sie in den Stamm so wie sie jetzt noch hängt« Die
Jünglinge traten neugierig an die Waffe des Vaters Der Alte aber stellte sich
abwehrend davor und fuhr mit gehobenen Armen fort »So bezeuge der Eichbaum und
bezeuge die Herrenaxt dass Held Irmfried mir solches Versprechen getan hat Vor
meinen Zeugen frage ich euch ihr Söhne des Toten ob ihr den Willen eures
Vaters zu ehren gedenkt oder nicht«
»Wir gedenken seines Willens« antwortete Odo
»So helft auch mir dass ich danach zu tun vermag Achtmal hat das Land
gegrünt niemand hat die Axt gehoben das Eisen ist verrostet das Holz ist
herumgewachsen ich selbst hütete sorglich meine Zeugen an ihrer Stelle Jetzt
aber naht die Zeit wo ihr sieben zu euren Tagen kommt und im Schwertgurt das
Erbe eures Vaters teilen werdet Für diesen Tag muss ich den Stiel schnitzen und
das Eisen schärfen und darum will ich dass heut einer von euch die Herrenaxt
heraushebe und mir in die Hand lege damit ich mein Recht gewinnen kann«
Da rief der junge Adalmar nach dem Axtstiel greifend »Gefällt es euch
Brüder so schärfe der Knecht zur Stelle die Schneide und heut schon prüfen wir
die Kraft damit er seinen Willen habe«
»Mir aber gefällt es nicht dass ihr leichterzig an dem Stiele zerrt«
versetzte der Sauhirt finster »Nicht alle seid ihr versammelt der jüngste ist
noch ein Kindlein und ganz richtig begehre ich die Herrenwahl wie euer Vater
gebot Heut will ich selbst einen von euch rufen der zuerst nach seinem Vater
den Stiel erfassen soll«
Odo antwortete »Wenn dein Ruf nur ein Spiel sein soll das dir gefällt so
spreche ich nicht dawider«
Da sprach der Hirt »Ich aber wähle die Hand die von Wolfsblut rot ist
Denn du Immo warst der einzige der dem alten Knechte die Hand gereicht hat
wie dein Vater tat Tritt an den Stamm und zucke dreimal dann weiche zurück«
Immo trat herzu und rückte gewaltig am Holzgriff Beim dritten Zuge brach
der Stiel Immo aber riss das Eisen aus dem Baume dass es auf den Grund fiel Da
hob der Alte das Eisen auf und betrachtete es kopfschüttelnd »Eine Vorbedeutung
erkenne ich für dich selbst Immo fest ist dein Griff mit dem du die
Herrschaft erwirbst doch hüte dich dass sie dir nicht bei hastiger Tat
entgleite Ich aber bewahre die Axt bis zu dem Tage an dem sich der Knecht
seinen Herrn sucht«
Der Alte kehrte zu dem Wolfsbalg zurück die Brüder schwangen sich auf die
Rosse Aus der Markung ihrer eigenen Dörfer führte Ortwin die Schar auf fremden
Grund
Wenige Wegstunden nordwärts umgab der Nessebach mit Teichen und sumpfigem
Moor wie ein großer Wallgraben andere Höhen an welchen fruchtbares Ackerland
unter lichtem Laubwald lag Auch dort waren alte Wohnstätten der Thüringe
während hinter ihnen im Norden viele angesiedelte Franken saßen welchen der
Graf von Tonna gebot die Bauern vom Moor der Nesse aber hielten sich gern zu
ihren Landgenossen am Walde Sie waren stolz auf ihre Freiheit und wurden von
den Dienstmannen des Grafen als altväterisch in Bräuchen und Bewaffnung
verspottet Denn sie zogen ungern zu Rosse ins Feld auch wenn sie es
vermochten Aber sie waren auch als trotzige Gesellen in der ganzen Gegend
gefürchtet und man wusste dass sie in Kriegsfahrten starke Fäuste bewährt
hatten
Seit alter Zeit bestand zwischen ihnen und dem Geschlecht des Irmfried
welches um die roten Berge wohnte ein gutes Vernehmen Niemand wusste zu sagen
woher das Bündnis kam es war seit je gewesen und die Weisen sagten dass es
schon lange bestanden hatte bevor die Ungarn ins Land brachen Und es war ein
alter Brauch dass das Geschlecht Irmfrieds bei allen Fehden welche die Dörfer
mit den Nachbarn hatten und auch bei Missetaten über welche das Geschrei
erhoben wurde im Eisenhemd herzuritt und mit den Freien dort gemeinsam die
Abwehr und Rache betrieb dafür zog auch die Jugend der Dörfer dem Geschlecht
mit Speer und Bogen zu Hilfe wenn dieses mit anderen verfeindet war Diese gute
Nachbarschaft war den Grafen und den geistlichen Herrn unlieb Denn die
Landleute wehrten sich trotziger gegen jede neue Last welche die Grafen
auflegen wollten und man sagte ihnen nach dass sie auch heimlich abseit von dem
Grafenstuhl untereinander Urteil fänden gegen ihresgleichen in schweren Fällen
Als die Reiter dem ersten Dorfe nahten erhob Ortwin den Horngesang und sie
fanden an Tor und Brücke die Alten des Dorfes aufgestellt Odo ritt vor und
wechselte mit ihnen alte Sprüche welche den Freien am Wald eigen waren und
anderen ungebräuchlich »Im Sonnenschein beim Wandel des Mondes unter
glitzerndem und fallendem Stern kommen wir zu euch wegen Recht und Rache«
Worauf die Bauern antworteten »So grüße euch die Sonne der Mond und der lichte
Morgenstern seid willkommen in unserer Burg« Und als die Reiter abgestiegen
waren wurde ihnen ein Trunk gereicht und den Rossen Hafer in kleinen Krippen
dabei sagte der alte Bauer »Freiwillig reitet ihr und freiwillig schütten wir
den Hafer« worauf Odo antwortete »Und wenn wir nicht ritten dann würdet ihr
reiten und wir würden euch den Hafer schütten« Darauf besprach sich Odo
heimlich mit den Alten und die Schar brach zum nächsten Dorfe auf
Als sie aus einem Gehölz herabkamen um den Bach zu durchreiten sahen sie
vor sich eine hohe Rauchwolke aus niedergebranntem Hause aufsteigen Ortwin
hielt und rückwärts gewandt sah er seinen Bruder Odo bedeutungsvoll an dieser
nickte und die anderen Brüder tauschten leise Worte Als sie nun weiter
hinunterkamen zum Rand des Baches fanden sie die Furt durch einen Wagen
gesperrt Hausrat Leinwand und Kleider lagen unordentlich und halbverbrannt
darauf Ein bleiches vergrämtes Weib hockte auf dem Sitz und hielt ein
schreiendes Kind in den Armen während der Mann mit verstörtem Gesicht und
geschwärzten Händen vergebens auf sein Pferd schlug damit das kraftlose Tier
aus dem strudelnden Wasser die Höhe gewinne Der Mann grüßte die Reiter mit
scheuem Blick aber gleich darauf rief er kläglich um Hilfe Doch Odo wandte das
Pferd ab und die Brüder sprengten aufwärts zu einer anderen Stelle des Bachs
ohne den Gruß des Mannes zu erwidern und seine Not zu beachten Immo der im
Kloster gewöhnt war den Armen und Notleidenden Mitleid zu erweisen sprach den
Brüdern zu »Schmählich ist es wegzureiten während der Arme mit Weib und Kind
im Wasser ringt« Odo rief herrisch zurück »Soll ich dir Gutes raten so folge
uns ohne diesen anzureden«
»Pfui über euch« rief Immo wieder »dass ihr ein Weib und Kind in der Angst
zurücklasst« Er sprang ab band sein Pferd an einen Baum und watete in das tiefe
Wasser »Treibe noch einmal« riet er dem Manne und griff selbst mit voller
Kraft in die Räder die Peitsche knallte der Mann schrie und mit der Hilfe des
Starken gelang es den Karren aus dem Bach heraufzuführen »Wer bist du« fragte
Immo »und warum entfährst du hilflos der Feuerstätte«
»Hunold bin ich genannt wir gehören dem großen Bischof zu Erfurt Sein Vogt
hat mich auf neuer Rodung angesiedelt im Frühjahr haben seine Leute mir
geholfen die Hütte zu bauen In dieser Nacht wurde sie mir niedergesengt und
als der Hund in der Stube bellte und ich erwachte war die Tür von außen
verschlagen Mit der Axt musste ich sie unter loderndem Feuer aufbrechen um
diese zu retten Einsam blieb ich während des Mordbrandes kein Notschrei führte
mir einen Helfer zu«
»Und wo willst du hin Unglücklicher«
»Hinweg von hier die Flur ist unheimlich für Fremde den Herrn Vogt will
ich anflehen dass er mich ansiedle wo es auch sei nur weit von hier
Beschwerlich ist ein Lager unter den Disteln« Das Weib heulte und das Kind
schrie Immo griff in den Beutel den ihm der Abt geschenkt hatte und legte der
Frau eine Handvoll runden Silberblechs in den Schoss »Aus dem Kloster seid ihr
blanken und in Klosterweise streue ich euch aus« sagte er gutherzig Er
schüttelte sich das Wasser aus dem triefenden Gewande sprang in den Sattel und
ritt den Brüdern in gestrecktem Laufe nach Als er ihre Schar erreichte warfen
die anderen finstere Blicke auf ihn und wandten die Gesichter ab
»Seit wann beschützen die Söhne Irmfrieds den nächtlichen Mordbrand« fragte
Immo zu Odo reitend verächtlich
»Nicht wir haben das Feuer entzündet« versetzte Odo »Kränkt dich dass wir
von einem Vogelfreien abwärts ritten so kränkt uns deine hilfreiche Hand«
»Galt euch der Mann als vogelfrei so lobe ich den Brauch nicht ihm Weib
und Kind zu sengen«
»Führt der Hahn sein Volk in die Burg des Fuchses so büsst es Henne und
Huhn Ich riet dir nicht unserem Ritt zu folgen«
»Unwillkommen ist der Mahner« rief Ortwin »der unsere Bräuche nicht
kennt«
Und Erwin »Dünkst du dich klüger als deine Landsleute so wärst du besser
bei den Mönchen geblieben«
»Kommst du uns Mönchslehre zu geben« spottete Adalmar »so wirst du hier
eine demütige Gemeinde nicht finden«
»Wie die Eule schreist du deinen Warnungsruf und dein Gesang klingt
widerwärtig im Lande« höhnte auch der junge Arnfried
»Dass ich der älteste unter euch bin« versetzte Immo sich hoch im Sattel
aufrichtend »das will ich euch ihr zuchtlosen Knaben bewähren durch meine
Lehre die ihr mit Achtung hören mögt und durch die Faust mit der ich die
Ungehorsamen strafe« Sein Ross setzte im Sprunge zwischen die Schreier und so
gebieterisch war seine Haltung dass die Jüngeren verstummten
»Du irrst Immo« begann Odo »nicht du bist der Erste im Hofe und auf
unserer Flur und nicht dir kommt es zu die Knaben zu ziehen sondern mir Denn
ich bin da der Oheim uns verfeindet ist der Älteste des Geschlechts welcher
ein Schwert trägt und auf Heldenwerk denkt du aber wirst ein betender Pfaffe«
»Ob ich dereinst ein geistliches Gewand tragen werde oder nicht jetzt führe
ich mein Schwert wie ihr und die Ehre des Ältesten fordere ich als mein Recht
das nicht du und kein anderer mir nehmen soll«
»Nicht die Jahre allein zählen wir auch die Taten des Mannes« antwortete
Odo »Während du auf der Schülerbank sassest zog ich mit deinen Brüdern zum
Kampf Viermal hielt ich die Schildfessel im Grenzkriege gegen die Slawen auch
deine jüngeren Brüder sind mehr als einmal auf die Kampfheide geritten Wo sind
die Heldentaten deren du dich rühmen kannst«
»Ihr saht zu wenn Häuser brannten und Weiber in der Not ihre Arme hoben
Wenig vermag ich eure Kriegstaten zu loben« rief Immo »Fahret dahin auf eurem
Weg ich finde den meinen allein« Er wendete zornig sein Ross und ritt seitwärts
über die Flur
Als Immo in beschwertem Mute dahinfuhr hörte er aus der Ferne kunstvollen
Peitschenknall einen Gruß den er wohl kannte Er sprengte über das Brachfeld
zu dem Acker den Brunico der Bruder des Mönches Rigbert mit den Ochsen des
Vaters pflügte Der junge Landmann hielt an Immo streckte schon von weitem die
Hand aus den Jugendgespielen zu begrüßen »Denkst du der Reden« sprach Immo
»die wir einst in unserem Hofe tauschten dass wir miteinander im Eisenhemd
reiten wollten«
Brunico nickte »Langsam wandeln die Ochsen und langweilig dünkt mich die
Schollen zu treten«
»Ich komme dich mahnen ob du mit mir zum Heere des Königs ziehen willst als
mein vertrauter Mann der sich mir für die Schwertreise gelobt«
Die Augen Brunicos glänzten »Wenn der König und der Markgraf nur noch ein
Jahr warten wollten bevor sie aufeinander losschlagen so wäre das besser wegen
des Hengstes auf dem ich dich begleiten will Denn das Ross ist noch jung für
die Kriegsfahrt Ich selber bin meines Vaters Sohn und sitze an seiner Bank Und
wenn ich auch etwas tun will so bin ich doch der Worte nicht mächtig um den
Alten zu bereden das musst du wagen Und dann gibt es noch jemanden den ich
gern darum früge«
»Ist die Jungfrau aus eurem Dorfe« fragte Immo lächelnd
Brunico schüttelte das Haupt und wies nach Osten »Weiter aufwärts am Bach
In der nächsten Nacht hole ich dort Bescheid«
Als Immo die Schar der Brüder aus dem Dorfe reiten sah lenkte er sein Pferd
dem Hofe des Baldhard zu Der Bauer stand in seinem Hoftor »Sei gegrüßt Immo«
rief er ihm zu »einem Helden gleichst du auf deinem Rosse reite ein damit du
der Mutter von ihrem Kinde erzählen kannst«
Immo saß zwischen den beiden Alten und vertraulicher als gegen sein eigenes
Geschlecht sprach er zu ihnen vom Kloster und von der treuen Gesinnung des
Rigbert Frau Sunihild trug auf was sie vermochte um den Gast zu ehren und
pries ihn glücklich dass er den Heiligen dienen sollte doch in der Miene des
Hausherrn erkannte Immo trotz der gutherzigen Weise eine Unzufriedenheit
»Manches Mal hast du mir Gutes geraten Vater« begann Immo »auch heut begehre
ich etwas von dir was meiner Zukunft nützen soll«
»Willst du Geheimes von mir hören« versetzte der Alte »so tritt hinaus ins
Freie denn der Wind der über das Halmfeld weht verträgt geheime Worte besser
als die hallende Hauswand« Baldhard führte seinen Gast aus der Niederung nach
der alten Grenzeiche die auf freier Höhe weit im Lande sichtbar stand »Du
kennst die Sage« begann der Alte »welche verkündet dass um diese Eiche
vorzeiten ein Lindwurm gehaust hat welcher Feuer in die Höfe trug und sich die
Menschen zum Frass raubte bis einmal ein starker Held mit seinem kleinen Sohn
des Weges kam Dieser setzte seinen Sohn auf einen Stein und als der Arge
herankam das Kind zu holen erlegte der Held den Wurm aber ihn selbst
verbrannte die flammende Lohe welche aus dem Rachen des Untiers kam Ein Weib
aus unserem Dorfe drang mutig zu der Stätte sie fand den Helden tot den Knaben
unversehrt unter brennendem Holz und versengtem Gras Unsere Väter meinen der
Knabe sei von deinem Geschlecht gewesen und das Weib welches ihn bewahrte und
erzog von meinem Darum ist dies die Stelle wo ich mit dir am liebsten
vertraulich reden will« Er trat unter die Eiche wies nordwärts über die große
Flur seines Dorfes und die benachbarten Markungen und begann »So weit du hier
das Land siehst war einst alles freies Erbe handfester Männer siehe zu was
die Kirche und die Grafen daraus gemacht haben In allen Dörfern liegen jetzt
die Hufen unter verschiedenem Recht Viele gehören den Mönchen deines Klosters
andere den Mönchen von Fulda noch mehrere dem Erzbischof von Mainz und was am
leidigsten ist viele auch den gräflichen Dienstmannen Diese sitzen unter uns
und sperren wenn sie es vermögen ihre Höfe mit einem Graben gegen das Dorf
obgleich sie vielleicht als unfreie Leute unter der Faust des Grafen stehen
Völlig zerrissen ist die Gemeinschaft der Dorfgenossen schon sind an vielen
Stätten unseres Stammes die Freien in der Minderzahl alljährlich verschlingen
die Kirche oder fremde Gebieter mehr von unseren Hufen und Behausungen Wie
sollen die Landleute noch zusammenhalten wenn sie von allerlei Herren Befehle
empfangen und um die Gunst verschiedener zu sorgen haben Keine Dorflinde kenne
ich unter welcher der Friede bewahrt wird bei jeder Fehde der Großen streiten
die Genossen desselben Dorfes gegeneinander und über jede Flur reiten fremde
Herrenrosse Wer aber mächtig ist ob er die Kutte trägt oder den Schwertgurt
der weiß sich auszubreiten wenn er sich einmal in einer Flur eingenistet hat
In unserem Dorf misslang es den Fremden bisher noch in den Bund der Freien
einzudringen Denn wenn die Grafen wider das Recht im Gemeindeholz gerodet
hatten um ihre Leibeigenen anzusiedeln so weigerten unsere Knaben den Unfreien
Gruß und Verkehr auf dem Anger und verbrannten bei Nacht die neuen Hütten« Er
sah mit einem wilden Blick nach der Seite von welcher die Rauchsäule aufstieg
»Ich selbst habe einen Sohn auf den Altar gelegt weil die Mutter das weinend
von mir erbat und ich hoffe die Gabe wird den Heiligen willkommen sein Auch
bin ich nicht säumig dem Kloster Spenden zu geben und mehr als ein Füllen und
manches junge Rind habe ich nach Ordorf geführt Aber das Land auf dem wir im
Herrenschuh schreiten wollen wir soweit es uns noch geblieben ist vor den
begehrlichen Mönchen bewahren obgleich sie uns viel Günstiges in der großen
Wolkenburg verheißen Darum vernahmen wir Landleute mit Trauer dass dein
Geschlecht um deinetwillen eine gute Burg der Kirche übergeben will Denn wir
gedenken wohl dass die roten Berge zur Zeit unserer Väter der ganzen Landschaft
vor den wilden Ungarn Zuflucht gewährt haben Damals lagen die Weiber und Kinder
und das Herdenvieh unserer Dörfer in eurem Bergwall und die Männer verschanzten
die Talwege und die Höhen mit Verhau und Wasser und wehrten den Einbruch der
grausamen Heiden siegreich ab Damals öffnete dein Geschlecht uns die rettende
Burg und seine Helden geboten im Kampfe Jetzt aber sollen die Pfaffen dort
herrschen und niemand weiß wem sie bei einer Fehde anhängen werden«
Immo ergriff die Hand des Bauern »Vater so wie du denke auch ich Wenn ich
es zu hindern vermag soll kein Geschorener auf der Mühlburg gebieten nicht der
Erzbischof und nicht ein anderer«
»Du selbst aber bist der Kirche verlobt« fragte Baldhard erstaunt
»Als Kriegsmann will ich zu König Heinrich reiten wie sehr auch meine
Mutter traure und gerade deshalb komme ich zu dir«
»Wahrlich« rief der Bauer dem Jüngling kräftig die Hand drückend »jetzt
gefällst du mir ganz und gar Immo und ich hoffe auch obwohl du jung bist dass
du diesen Sinn bewahrst und in deinem Leben allem Herrendienst widerstehst«
»Gefällt dir was ich will mein Vater« fuhr Immo fort »so hilf mir auch
dass ichs ausführe Denn nicht als einzelner möchte ich dem König zuziehen
sondern mit der Jugend unserer Dörfer Auch deinen Sohn Brunico der einst mein
Gespiele war erbitte ich von dir für die erste Schwertreise«
Baldhards Gesicht zog sich ernst zusammen und er überlegte lange bevor er
entgegnete »Willst du mit einem Gefolge wie dir geziemt zum Herr des Königs
reisen so siehe zu ob dir manche unserer jungen Männer mit freiem Willen
folgen ich wehre dirs nicht und ich spreche nicht dagegen Doch einen
Heerdienst über das harte Maß welches uns ohnedies aufgelegt ist vermag ich
auch nicht zu loben«
»Vielleicht gefällt dir der Zug besser mein Vater« beredete Immo »wenn du
selbst an das denkst was wir an deinem Herde über den bösen Willen der
türingischen Grafen sprachen Denn ist der König in Bedrängnis durch die
Untreue der Großen so wird er es rühmen wenn die freien Waldleute ihm jetzt
ihre Treue beweisen und darum mag der Zug euch in Zukunft frommen gegen die
Grafen«
»Verständig sprichst du um mich zu überreden« versetzte der Alte »aber
wer mehr tut als ihm obliegt der wagt vielleicht auch mehr als ihm recht ist
Wenn der König seinen Feinden unterliegt dann würden wirs büßen dass wir mehr
Eifer gezeigt haben als uns geboten war Darum dürfen unsere Knaben nur als
Freigänger der Donau zuziehen auf ihre eigene Gefahr und ohne Ladung der
Gemeinde Nützt uns ihr Zug beim Könige so haben wir den Vorteil im andern
Falle tragen sie den Schaden Ich sehe auch ungern dass du meinen jüngsten
Knaben zu deinem Rossdienst werben willst und ich würde dir ihn am liebsten
versagen Aber ich gedenke dass er mir nützen kann wenn mein Geschlecht sich
dem deinen wert erhält Auch der Kriegskunst des Knaben kann es frommen dass er
einmal an deiner Seite sich im Schwertdienste übt Dennoch fürchte ich für ihn
die Verführung Denn wenn er mit dir unter dem Rittervolk dahinfährt werden ihm
die roten Strümpfe der fränkischen Dienstmannen und ihr weißer Schwertgurt
vielleicht gefallen und er wird fortan lieber den Speer halten als den
Pflugsterz Ich aber kann nicht ertragen dass der ehrliche Bau in unserer Flur
ihm verleidet wird Darum gelobe mir dass du meinen Knaben nur auf Jahr und Tag
an dich bindest und dass du ihm soweit du vermagst sein Heimatdorf lieb
erhältst und auch die Peitsche mit welcher er einst auf seinem freien Erbe über
Rinder und Rosse gebieten soll«
Das gelobte Immo und in gutem Einvernehmen verhandelten beide über die
Fahrt zum König
Als letzter kehrte Immo am Abend in den Saal zurück die Brüder saßen
zusammen an der Bank beachteten seinen Eintritt wenig und sprachen leise
miteinander Immo sah finster über sie weg begrüßte die Mutter welche auf
ihrem Stuhl seine Ankunft erwartet hatte und setzte sich abseit Ihm gegenüber
hingen an der Wand die Rüstungen welche sein Vater als Siegeszeichen aus dem
Kriege heimgebracht hatte daneben auch Slawenschwerter und Streitkeulen die er
noch nicht kannte Er wusste es waren Beutestücke seiner jüngeren Brüder Da
wurde ihm der Sinn noch mehr beschwert er trat an eine Rüstung seiner Ahnen
hob das Schwert vom Pflock trug es zu seinem Sitz zog es aus der Scheide
prüfte seine Schärfe und legte es neben sich Odo stand schweigend auf nahm die
Waffe weg und schritt zu dem Nagel um sie aufzuhängen Da fuhr Immo empor riss
dem Bruder das Schwert aus der Hand und rief »Unheil bringe dir der Griff nach
meiner Waffe denn dieses Erbstück des Geschlechtes fällt nach dem Brauch dem
Ältesten zu«
»Vielleicht dem ältesten Kriegsmann« versetzte Odo »der aber bist du
nicht Besseres hat das gute Eisen verdient als an der Seite eines Pfaffen zu
hängen der das Schwert nur trägt wenn er seines geschorenen Haares vergisst«
»Versuche es zu nehmen« rief Immo »so sollst du selbst erfahren ob meine
Hand es zu schwingen vermag«
Gertrud die zu den Füßen der Herrin saß tat einen gellenden Schrei Edit
erhob sich aus ihren Gedanken und als sie die Brüder kampflustig gegeneinander
sah wurde ihr Antlitz totenbleich und sie stürzte zwischen die Hadernden »Gib
mir die Waffe Immo« rief sie und fasste die Scheide »Unheil hängt an dem
Eisen« Sie löste die Waffe aus der Hand des Sohnes »Wisst ihr Zornigen euer
Vater selbst mied das Schwert denn er trug es an einem Tage der ihn oft gereut
hat Und als ein Unglückszeichen hängt es seitdem ungebraucht an der Wand
Harret der Zeit wo das Los geworfen wird über diese und andere Habe ich meine
keiner von euch wird dann noch lüstern sein die Waffe an sich zu reißen« Sie
hing das Schwert an den Pflock und trat zu ihrem Sitz zurück während die Söhne
voneinander abgewandt gegen ihren Unwillen rangen
Die Mutter in deren Antlitz noch der Schrecken zuckte gebot von der Höhe
»Töricht war euer Streit Den Frieden des Hauses habt ihr gebrochen gleich
unbändigen Knaben widerstrebt ihr einander Reichet euch die Hand zur
Versöhnung damit auch ich euren Frevel vergesse« Und da die Söhne unbeweglich
standen rief sie mit flammenden Augen »Du zuerst Immo ich befehle es«
Widerwillig streckte Immo die Hand aus die Odo ebenso ergriff Ein langes
unbehagliches Schweigen folgte endlich begann Edit »Sage mir Immo wie kommt
es doch dass du zu deiner Mutter so gar nicht von dem Kloster sprichst und von
deiner Lehrzeit«
»Du selbst weißt Mutter dass es nicht ziemet die Geheimnisse des Klosters
kundzutun«
»Ist denn alles geheim was ein Schüler dort erfährt« fragte die Mutter
»Ich meine nur die Mönche sind gebunden«
»Auch mich bindet ein Gelöbnis das ich vor Herrn Bernheri getan« versetzte
Immo
»Dann lobe ich dein Schweigen« fuhr Edit fort »doch lass die Mutter noch
eine Frage tun Wie kommt es doch dass du die frommen Väter zu Ordorf nicht
begrüßt hast da du doch sonst jeden Tag durch die Flur reitest Mancher von
ihnen kennt dich aus dem Kloster und von früher her und mehr als einer will dir
wohl Und dass ich dir alles sage der Magister war heut in unserem Hofe
deinetwegen kam er hierher und er klagte dass die Väter und die Scholastiker in
seiner Zelle sich beschwert fühlen weil du dich von ihnen fernhältst obgleich
du doch auf der Wassenburg mit den Dienstmannen verkehrt hast«
»Gute Kundschaft haben die Mönche« entgegnete Immo bitter »und neugierig
schleichen sie hin und her«
»Du hast unrecht« versetzte Edit »guten Leumund haben sie im Lande« Da
Immo schwieg fuhr sie fort »Der Magister klagte dass ein Bruder der von dem
großen Mann Tutilo gesandt ist schwere Kunde aus dem Kloster gebracht habe Von
hartem Zwist der Mönche sprach er und dass viele aus dem Kloster scheiden
wollten Auch dem Boten des Tutilo lag es sehr am Herzen dass du in die Zelle
nach Ordorf kämest«
»Wenn ein Bote Tutilos mich ladet« rief Immo »so wird er vergeblich
harren Er mag seine Botschaft wenn er es wagt hierher zu meinen Ohren
tragen« Immo schritt aus der Halle in Missbehagen und Sorge Er gedachte einer
guten Lehre des Bertram die er nicht befolgt hatte Weil er der Mutter und den
Brüdern am ersten Tag seinen Willen verborgen hatte fand er sich in
Widerwärtigkeiten verstrickt Auf den Beifall der Brüder durfte er nicht mehr
hoffen und das Herzeleid der Mutter ängstigte ihn jetzt viel mehr als auf der
Reise Dennoch erkannte er dass er seinen kriegerischen Sinn nicht länger bergen
durfte und er beschloss am nächsten Tage sich zuerst den Brüdern mit
versöhnlichem Gemüt zu eröffnen und darauf der lieben Mutter Als er aber nach
wortkargem Abend in seinem Schlafgemach wieder den Weihrauch roch und die Kerze
und die gestickte Herrendecke sah da bedrängte ihn die Ehre schwer und auch am
anderen Morgen machten ihm die zwitschernden Vögel und der pfeifende Knabe das
gepresste Herz nicht leichter
Auf einem Vorsprunge des Mühlbergs waren die streitbaren Söhne Irmfrieds
versammelt dazu die Dienstmannen welche die Burg und die Warttürme der
nächsten Höhen besetzt hielten Hinter den Männern erhob sich die starke
Burgmauer welche die beiden Türme und das hohe Dach eines Herrensaals umschloss
seitwärts ragten die Gipfel und Bergleiten des langgezogenen Ringwalls Gerade
unter dem Vorsprung war der Ring gegen das Tal geöffnet gegenüber dem Mühlberg
stand ein hoher Vorberg gekrönt mit festem Turme die beiden Höhen beschützten
gleich Schanzen den Zugang Durch die Talöffnung dazwischen warf die Abendsonne
ihr Licht in die umschlossene Tiefe auf Ackerstücke und Wiesen und auf den
großen mit hohem Rohr bewachsenen Teich über welchem dichte Schwärme von
Staren und Wasservögeln auf und niederflogen in unaufhörlichem Schwatzen und
Zanken Hoch aber über ihnen zogen zwei Bergadler ihre Kreise bis sie in die
Wolken der flatternden Vögel hinabstiessen ihre Beute zu holen dann schrie und
rauschte der ungeheure Schwarm und stob in wildem Getümmel auseinander
Immo stand seinen Brüdern gegenüber Er sagte ihnen dass er für die Tage
seiner Zukunft den Schwertgurt gewählt habe statt der Stola und er bat sie mit
herzlichen Worten ihn als Bruder in ihre Genossenschaft zu nehmen und ihm als
sein Recht die Ehren des Ältesten zu gewähren und seinen Anteil am Erbe Er
gestand ihnen auch dass er dem König zuziehen wolle und dass seine Ehre nicht
gestatte als Landloser unter den anderen Edlen zu reiten
Als er seinen Willen verkündete ein Kriegsmann zu werden riefen ihm die
Dienstmannen Heil und schlugen ihre Waffen zusammen die Brüder aber standen mit
umwölkter Stirn und waren nicht willig ihm nachzugeben Endlich begann Odo
»Hat sich dein Sinn so gewandelt dass du gegen den Willen der Eltern ein
Kriegsmann werden willst so siehe zu wie du dich vor unserer Mutter
entschuldigst Darüber mit dir zu rechten steht uns Brüdern nicht zu Die
Teilung des Vatererbes aber vollbringen wir erst in Jahr und Tag wenn das Kind
Gottfried sein Schwert trägt und bei der Teilung als Jüngster sein Recht ausüben
darf vorweg zu wählen Denn so ist es beschlossen und wir alle haben uns
seither in der Gemeinschaft wohl befunden Die Mühlburg hatten wir widerwillig
auf das Bitten der Mutter von dem Erbteil ausgeschieden doch nur für den Fall
dass du die Pflicht der Weihen über dich nimmst welche das Geschlecht dir
aufgelegt hat Weigerst du dich dein Haupt zu scheren so bestehen wir anderen
darauf dass die Burg uns allen gemeinsam bleibe bis zur Teilung Die Herrschaft
aber im Geschlechte über Dienstmannen und Höfe gestehen wir dir nicht zu
obgleich du an Jahren der älteste bist denn aus dem Kloster kommst du fremd
dem Lande und fremd kriegerischer Sitte und wir vermögen keinem der von der
Schülerbank entlief die Sorge um unser Wohl und Wehe zu übergeben Ziehe du dem
Heere des Königs zu wenn dich der Wunsch übermächtig treibt versuche ob du
dort als Ältester Ehre gewinnst Im Walde aber und im Tale der Heimat behaupte
ich bis zur Teilung mein Recht die Brüder und Mannen zu führen«
Immos Hand ballte sich und das Blut schoss ihm zum Haupte aber Bertold
der alte Dienstmann welcher in der Mühlburg gebot trat schnell in den Ring und
begann gegen Odo »Traurig ist dieser Tag für einen Alten der euch beide auf
dem Arme hielt als ihr noch lachende Kinder wart Euch Herrensöhnen steht wohl
an heiß nach Ehre und Macht zu streben doch hörte ich den Mann noch höher
rühmen der sich friedlich mit seinem Geschlecht verträgt Aber deiner Rede
Herr Odo muss ich widerstehen Denn nicht zwischen euch allein schwebt der
Streit auch uns verdirbt er das Leben Das Erbe des Vaters mögt ihr teilen
wann es euch gefällt über die Ehre des Ältesten aber müsst ihr euch zur Stelle
entscheiden Das fordern wir die wir euch dienen als unser Recht Ihr ladet
uns und gebietet dass wir auf die Kampfheide ziehen und gegen jeden streiten
der euer Feind ist und jeden ehren den ihr ehrt Dem Geschlecht Irmfrieds
haben wir Treue geschworen und wir folgen solange das Erbe ungeteilt ist dem
Ältesten Bisher warst du Odo uns der Älteste Jetzt aber steht ein Bruder
der an Jahren dir voraus ist im Schwertgurt gegen dich und begehrt sein
Geburtsrecht Euch beiden zugleich vermag keiner von uns zu gehorchen wenn ihr
uneinig seid Und ich sage dir wir Dienstmannen müssen bevor die Sonne
untergeht den Herrn erkennen welchem wir fortan folgen Darum vertragt euch
zur Stelle gütlich was ich herzlich wünsche oder entscheidet euren Streit wie
Helden geziemt indem ihr ein Urteil sucht vom Himmel oder von der Erde oder von
eurem Schwert«
»Gut spricht der Alte« rief Immo »Ich biete dir die Hand zur Versöhnung
mein Bruder behalte du bis zur Teilung das Recht der Erstgeburt in allen Höfen
ja auch unter den Nachbarn welche uns freiwillig ehren mir lasst die Burg mit
den Bergen und den Dienstmannen bis in Jahr und Tag das ganze Geschlecht sich
gütlich vergleicht«
»Hältst du die roten Berge in deiner Hand« versetzte Odo »so bleibt das
Geschlecht in der Ebene wehrlos und die Mutter und die Brüder mögen büßen was
dein wechselnder Sinn ihnen erfindet Nötig scheint mir dass in dem Kriege der
jetzt entbrennt Land und Leute in einer Hand stehen damit nicht auf dem Grunde
unserer Väter der Kampf zwischen Brüdern beginne Darum vermag ich nicht nach
deinem Willen zu tun selbst wenn ich dir bessere Gesinnung gegen uns zutraue
als du zeiter bewiesen hast und bevor ich dir nachgebe hole ich ein Urteil
von meiner Schwertseite« Er griff nach dem Schwert die Brüder sammelten sich
um ihn
»So bezeugt mir ihr Helden die ihr meinem Geschlechte dient« rief Immo in
aufbrennender Wut »bezeuge mir hoher Himmel und du Grund meiner Väter dass
ich den gerechten Stolz gebändigt und ihm nachgegeben habe soweit ich
vermochte und dass er mich schmäht und meinen guten Willen verachtet Entehrt
vermag ich nicht zu leben das Blut des Bruders scheue ich mich zu vergießen
Darum fordere ich ein Urteil vom Himmel oder aus der Tiefe Besser ist es dass
einer von uns beiden dahinschwinde als dass das ganze Geschlecht in Zwist
verderbe Seht euch um ihr Männer wo ihr steht die roten Berge gleissen und
leuchten zu der Herrenwahl und die in der Erde hausen rüsten sich einen
Helden zu empfangen« Er wies vor sich hin die Tiefe lag in grauem Dämmer der
Dunst auf Wasser und Wiese schied den Bergring von der Ebene wie abgelöst vom
Boden schwebten die Gipfel in der Luft und in der Abendsonne leuchtete das
Erdreich gleich glühendem Metall
»Gewaltig sind die Worte die du in der Schule gelernt hast« warf ihm Odo
mit düsterem Blick entgegen »doch schwerlich gleicht ihnen die Tat Du warst
behend über geschorene Köpfe zu hüpfen aber denke nicht dich ebenso mit
leichtem Fuß in die Ehre des Geschlechts zu schwingen«
»Verhöhnst du meine Sprünge« schrie Immo außer sich »so wage auch du mir
einen Sprung nachzutun den ich jetzt um mein Recht wage Das Gottesurteil hole
ich von dem Boden unserer Väter vertraust du deinem Rechte so folge mir nach
oder entweiche« Er wies nach der Seite
Dort gähnte wenige Schritte von den Männern ein Erdriss der nahe am Gipfel
begann und sich bis zum Fuße des Berges hinzog Vielleicht hatte das
herabstürzende Wasser die Kluft geöffnet vielleicht hatte unterirdische Gewalt
das Gefüge des Bodens gesprengt Die Stelle war unheimlich und die Leute
wussten dass sich die Schlucht in mancher Zeit schloss und wieder öffnete sooft
Unheil die Landschaft bedrohte Nackt und kahl starrte das wilde Erdreich in dem
Spalt kein grünes Kraut haftete darin nur beim Gewitterregen rauschten
schäumend die Wasser in trübem Schwall hinab und führten den roten Schlamm über
das lichte Gehölz und den Wiesengrund Ungern klomm jemand längs dem Riss hinab
denn man sagte dass dort der Eingang in das Innere des Berges sei und dass böse
Gewalten aus dem Reich des alten Gottes das Tor hüteten Mehr als einer der
Burgleute hatte bei Nacht ihr Geschrei gehört Schnauben der Rosse und Bellen
der Hunde und viele hatten im Abendlicht erkannt wie große Rudel von Wölfen
hinein und herausfuhren Jetzt gerade war der Riss auf der Oberfläche breiter
als wohl sonst an manchen Stellen so tief dass man von oben in das Innere des
Berges hineinzusehen meinte
Immo sprang an den Schlund aber Bertold lief ihm nach und schlang die Arme
um ihn »Halt ein« rief er »greulich ist die Stelle kein Menschenfuss vermag
die Tiefe zu überfliegen fürchte die Unsichtbaren welche dort unten lauern«
Aber Immo schüttelte den Alten ab und rief »Den guten Gewalten meines
Lebens vertraue ich ob sie mir gnädig sind Sieh her Odo der Springer
schwingt sich in sein Erbe folge mir Kriegsmann wenn du vermagst« Und weit
ausholend setzte er in mächtigem Schwunge über den Schlund Erschrocken sahen
die Männer die wilde Tat als er aber am anderen Rand des Schlundes auf die Knie
sank und die beiden Arme gegen die untergehende Sonne hob da schrien die wilden
Genossen lautes Heil und zogen die Schwerter Im nächsten Augenblick verstummten
die Rufe der Leib eines Mannes sank mit schwerem Fall Odo stürzte in die
Tiefe Immo wandte sich um und Entsetzen durchfuhr ihn als er den Bruder
undeutlich unter sich liegen sah Die jüngeren Brüder liefen abwärts die
Gewappneten drängten sich mit starren Blicken um den Spalt Sobald aber Immo
erkannte dass Odo der weiter abwärts an das Licht getragen wurde die Glieder
regte und sich auf die Schulter eines Bruders stützte hob er sich empor auf den
Vorsprung der untergehenden Sonne zu riss das Schwert aus der Scheide schwang
es dreimal gegen die Sonne und rief »Zu mir ihr Helden Von der Sonne holten
meine Ahnen ihr Recht und von keinem geborenen Manne Bezeuge mir milde Herrin
dass ich als rechter Erbe Besitz ergreife von Burg und Herrschaft«
Die Schatten der Nacht lagen auf dem Lande und dunkle Wolken verdeckten das
Sternenlicht als Immo in den Hof zurückkehrte Vor der Tür harrte seiner der
jüngste Bruder »Wie geht es dem Gestürzten« fragte Immo »Er sitzt zerschlagen
im Saal« antwortete der Knabe traurig Immo atmete tief und stieß die Tür auf
die Mutter saß bleich auf ihrem Sitz die Brüder schweigend an der Bank
Als Immo auf der Schwelle der Mutter gegenüberstand erhob sie sich riss das
Schwert welches sie den Abend vorher den Händen des Sohnes entwunden hatte von
der Wand und schleuderte es zwischen sich und Immo auf den Boden »Hier nimm
was dir zukommt« rief sie »die Teilung des Erbes suchst du bei den bösen
Geistern des Abgrundes Das Recht des Ältesten begehrst du an Leib und Leben
deiner Brüder Dem Helden der so mannhaft denkt gehört die unheilvolle Waffe
prüfe die Schneide du Held Erkennst du alte Rostflecke darauf so wisse dass
die Waffe schon einmal von Bruderblut gerötet ist«
Immo trat einen Schritt auf Odo zu »Mich reut der wilde Zorn mein Bruder
und groß war meine Angst als ich dich in der Tiefe sah Zur Stelle fühlte ich
schweres Leid Dass ich dich wiederfinde nimmt mir das Grauen von der Seele«
Aber Odo sah finster vor sich hin und antwortete nicht
»Ich lobe die Entschuldigung« rief Edit bitter »welche eine Untat abbläst
wie den Staub der roten Berge Und da wir alle hier gesellt sind das ganze
Geschlecht Irmfrieds mit freundlichem Herzen und guter Meinung zueinander so
vernehmt eine Sage meine Söhne welche die Mutter am Feierabend für euch bereit
hält Einst da ich Jungfrau war im Vaterhause dachte ein junger Held der
Thüringe darauf ein Sachsenmädchen zur Hausfrau zu werben und der Vater war
ihm wohlgeneigt Da kam der ältere Bruder des Jünglings mächtiger an Gut und
Ehren von einem Kriegszuge in den Sachsenhof dieser gewann größere Gunst des
Vaters und erhielt die Jungfrau zum Weibe Unter den Brüdern entbrannte
Feindschaft in den Mauern ihrer Stammburg zogen sie gegeneinander die
Schwerter und der jüngere wurde durch die Waffe des Bruders schwer getroffen
Seitdem ahnte den Gatten Übles für die Zukunft und sie meinten den Zorn der
Ewigen zu versöhnen wenn sie das erste Kind dem Dienst des Himmelskönigs
weihten Dies Kind warst du Immo Heut aber trug ein Bruder deines Klosters mir
die Kunde zu dass du am Altar der Heiligen die Hand gegen einen Geweihten
erhoben hast und als ein Missetäter aus dem Kerker des Klosters entwichen bist«
»Den Tutilo schlug ich am Altar nieder« rief Immo dagegen »weil er die
Faust gegen seinen Abt ballte und gegen mich selbst die Geissel schwang Wurde
die heilige Stätte entweiht nicht ich war der Verbrecher sondern er Und wagt
der Babenberger mir noch einmal gegenüberzutreten bei allen Heiligen des
Himmels wo es auch sei ich tue ihm dasselbe Du selbst aber weißt dass ich
nicht aus dem Zaun des Klosters gebrochen bin sondern durch den Abt in Freiheit
zu dir gesandt«
»Nicht als ein Freier kehrtest du in das Haus deiner Väter als Geweihten
des Herrn begrüßten wir dich und du täuschtest die Mutter durch unwahren
Bericht«
»Das tat ich nicht« rief Immo »Als ich die Freude sah mit der du auf
meine Weihe hofftest da wurde mir allzu schwer dir zu sagen dass ich die Stola
für mich nicht begehre Heut aber bekenne ich dirs obwohl du zornig bist Ich
vermag nicht den Heiligen zu dienen wie du begehrtest«
»Ungehorsam willst du sein deinen Eltern und treulos gegen den
Himmelsherrn« rief Edit heftig
»Gehorsam wirst du mich finden in allem worin der Sohn seiner Mutter
gehorchen darf und um die Gnade des Himmelsherrn denke ich als ehrlicher
Kriegsmann zu werben Aber ein Pfaff werde ich nicht«
»Als ich dir das erste Gewand auf deinen Leib zog habe ich dich dem Dienst
der Heiligen gelobt Wie darfst du wagen das Gelübde deiner Mutter unwahr zu
machen«
»Hast du dein Kind zum Opfertiere geweiht um dich von der eigenen Not zu
lösen« rief Immo »so siehe zu ob du ihm seine Hörner zu binden vermagst Ist
das die Liebe der Mutter dass sie den Sohn in das Elend stößt und mit seinem
Haupte die Busse bezahlt um sich selbst das irdische Heil zu sichern«
Edit zuckte wie unter einem Schlage ihr Antlitz erblich als sie sprach
»Eines Gottlosen Stimme höre ich Für ein Elend gilt dir der heilige Dienst und
einen Verstossenen nennst du dich während ich dir das Beste bereiten will was
dem Menschen auf dieser Erde vergönnt ist Mein bist du von meinem Leibe kommst
du und meine Treue hat dir das Leben bewahrt Wem gehörst du an wenn nicht
deiner Mutter«
»Gabst du mir das Leben so gabst du mir doch nicht denselben Wunsch der
dir die Seele füllt Nicht nach deinen Gedanken vermag ich zu wandeln Liebe und
Leid fühle ich anders als du und dem eigenen Willen gedenke ich fortan zu
vertrauen wenn ich auch deinen Rat ehrfürchtig höre«
»Bist du so frei von der Pflicht gegen die Mutter und gegen dein Geschlecht
so vergiss auch wer dich laufen lehrte und wer dir zuerst die Worte deiner Rede
vorsprach vergiss dass du ein Sohn des Irmfried und der Edit bist und wandle
dahin gleich einem Vaterund Mutterlosen der irgendwo am Wasser oder unter dem
Baum gefunden ist Alles Gute das dir von der Mutter und den Ahnen kommt
willst du für dich nützen deines Geschlechtes willst du dich rühmen und wenn
sie dir sagen dass dein Antlitz dem deines Vaters gleicht willst du lachen und
nicken Aber was dir von Pflichten obliegt als dem Sohne deines Hauses und dem
Kinde deiner Eltern dem willst du dich frevelhaft entziehen Ich lobe die
Klugheit Immo Doch wisse du Freier wenn du deine Pflicht gegen die Mutter
verachtest so naht der Tag wo die Mutter sich deiner schämt«
Mit glühendem Antlitz sprang Immo zurück »In der Halle meiner Väter höre
ich die Kuttenträger zischen sehnsüchtig kam ich her und begehrte die Liebe der
Mutter und der Brüder geschwunden ist die Treue kalte Hohnrede vernahm ich von
den Lippen der nächsten Verwandten Lenke du den Flug deiner Nestlinge Mutter
wie es dir gefällt mir aber hast du den Sinn verwandelt und unter den wilden
Tieren will ich lieber hausen als hier« Er sprang aus der Tür und über den Hof
riss sein Pferd aus dem Stalle hob den Balken des Hoftors und sprengte über die
Brücke während die Mutter in der erleuchteten Halle stand und die Hände über
ihr Herz presste »Eilt ihm nach« befahl die Mutter »dass seine Seele nicht
unter den bösen Geistern der Nacht verderbe«
»Wie mögen wir ihn hindern er ist ja der ältere« versetzte Odo trotzig
Doch Gottfried lief in den Hof und rief den Namen des Bruders in die Nacht
hinaus nur undeutlich klang die Kinderstimme in das Ohr des Entweichenden Es
war ein leiser Ton aber die Tränen brachen dem Flüchtigen aus den Augen da er
ihn hörte In die Nacht hinein ritt Immo halb bewusstlos das Blut hämmerte in
seinem Haupte die Mondsichel am Himmel zitterte und die Sterne flirrten und
verschwanden vor seinen Augen er sprengte durch den Bach dass die Flut um sein
Haupt spritzte und fuhr über Wiesengrund und Felder den Bergen zu Dort fand er
sich in dichter Finsternis schwarze Baumwipfel bargen das Wolkenlicht die Äste
und Zweige schlugen in sein Gesicht und hielten wie mit Krallen sein Haar und
Gewand Zitternd suchte das Ross einen Weg durch das wilde Gestrüpp bis der
Reiter wieder den Nachthimmel über sich sah und einzelne Hügel die dunkel vor
ihm aufstiegen Als er sich in dem Talkessel zwischen den roten Bergen fand da
hob er den Arm in wilder Freude nach den Gipfeln und ritt längs dem Bergwall
dahin Die Stimmen welche in dem hohen Rohr schrien und stöhnten warnten ihn
dass er sein Ross der Höhe zu riss denn dort unten hausten tückische Geister die
Ross und Mann festielten und langsam hinab in die grundlose Tiefe zogen Vor ihm
flackerte durch den Wasserdunst ein rotes Feuer und undeutliche Schatten fuhren
riesengross durch den Lichtschein Da sträubte sich ihm das Haar auch das Ross
ächzte und stauchte zurück und er hörte eine Menschenstimme »Wer stört das
Mahl und dringt in den Reigen haltet ihn fest und werfet ihn zu Boden« Er
spornte das Ross zu weiten Sätzen und als er vorüberfuhr sah er eine Flamme auf
Steinhaufen grellbeleuchtete Gestalten von Männern und Weibern wilde Gesichter
und gehobene Arme Wie vom Sturmwind getragen fuhr er hindurch hinter ihm
flogen Speere und krachte eine geworfene Axt lautes Hallo und Geheul folgte
Dann war er wieder allein in dichtem Nebel Er schlug sein Kreuz und sprach
hastig das Kredo er wusste jene hinter ihm waren Landleute aus der Ebene die
dort heimlich alten Opferbrauch übten Als Kind hatte er Schreckensvolles gehört
von der Grausamkeit mit welcher sie die Störer ihrer abgöttischen Feier
straften und er erinnerte sich dass er schon einmal als Knabe von fern den
Lichtschein gesehen hatte und dass der fromme Bruder der damals sein Lehrer war
ihn ermahnt hatte sich abzuwenden damit der teuflische Schimmer ihm nicht den
Sinn verstöre
Wieder umschloss den Reiter unheimliche Nacht Kläglich seufzten die Unken im
Teich und über ihm jammerten die Nachtvögel die Rudel der Wölfe bellten und
heulten und ihre schwarzen Schatten fuhren durch den Nebel dahin da meinte er
in der Luft die Gewaltigen der Nacht zu schauen riesige Männer auf dunkeln
Rossen welche ihm zuwinkten und nach dem Tor im Berge wiesen Denn vor ihm
gähnte der Erdriss den er heut übersprungen hatte und die Schatten mahnten zur
Rache Er hielt wie festgebannt das gellende Geschrei der Nachttiere und das
Flattern in der Luft betäubten ihm das Hirn dass er im Sattel schwankte Aber im
nächsten Augenblicke rückte er sich kräftig auf dem Rosse zurecht und atmete
tief wie einer welcher erkennt dass sein Bangen unnötig war Denn zwischen dem
wilden Heidenlärm vernahm er laut und lauter das Rauschen eines gebändigten
Wassers unter welchem sich ein Rad schwang und er vernahm das Klappern des
Mühlwerks die freundliche Stimme welche von den Mönchen durch die Worte
gedeutet war Hilf Herre Gott Daran dachte er jetzt Die Mühle klang bei Tag
und Nacht langsam und schneller wo Menschenwerk fleißig geübt wurde sie hatte
Frieden bei Heiden und Christen und Gutes bedeutete ihr Gesang jedem der ihn
hörte alle Hausfrauen im Lande riefen ihr Heil und Segen zu denn das kluge
Werk befreite ihren Hof von der Mühe die Handsteine zu drehen die wilden Tiere
fürchteten den Lärm und sogar der tückische Wassergeist saß wie die Leute
wussten stundenlang am Ufer und horchte erstaunt auf das lustige Pochen Und er
hatte einst da die Mühle gerade stillstand dem Vater des jetzigen Müllers
zugerufen »Müller lass dein Hackebrett klingen damit meine Kleinen danach
tanzen« Da lachte Immo und er gedachte dass er einst im Kloster als Schüler bei
großer Wassersnot mit dem Sintram und einigen Jünglingen dem Müller zu Hilfe
gesandt worden war Dort hatte Vater Sintram in der Nacht lange gegen den
Wasserschwall gebetet bis er darüber entschlief Die frechen Knaben aber hatten
dem schlafenden Greise sein Gesicht und den Scheitel ganz mit Mehl bestreut dass
er aussah wie ein Schneemann Und als der Alte so verwandelt vor den Müller trat
und aus dem Lachen des Mannes die Untat erkannte da hatte er ruhig sein Haupt
in das Wasser getaucht und darauf zu Immo gesagt »Mir geschah recht weil ich
im Schlaf meine Pflicht vergessen hatte Du aber mein Sohn hast unrecht getan
einem alten Manne die Ehre zu kränken« Seit diesen milden Worten bestand das
gute Vernehmen zwischen ihm und den beiden Greisen
Immo sprang vom Rosse und blickte lange auf das stäubende Wasser und die
weißen Blasen welche in der Finsternis dahinschwanden übertönt war das wilde
Geschrei in seinem Rücken er stand im Frieden den der Mensch von den Gewalten
der Natur erzwingt Er beugte sich nieder zum Wasser und schöpfte einen Trunk
mit der hohlen Hand dann schlug er kräftig an die Pforte bis Ruodhard der
Müller öffnete und verwundert den Herrensohn und das Ross in seinem Gehege
aufnahm
Am Morgen saß Immo allein in dem öden Turmgemach der Mühlburg der
Gewitterregen schlug gegen die Mauern und goss sein Wasser durch die kleine
Fensteröffnung auf den Steinboden Die gute Lehre welche der Mönch im Garten
ihm zugeteilt hatte war von ihm missachtet worden Hätte er der Mutter und den
Brüdern sogleich bei der Ankunft die ganze Wahrheit gesagt so hätte der Zorn
nicht wie ein verdecktes Feuer um sich gefressen bis er die Freundschaft
verdarb Er gedachte auch der Rede des Sintram und fragte sich selbst ob er
noch jemanden in der Welt hätte der für ihn bete Denn den Himmlischen war er
wohl verleidet die im Kloster hassten ihn und die eigene Mutter hatte ihn von
sich gestoßen Ein Gefühl der Einsamkeit wie er es im Kloster nie gekannt
bedrückte ihm das Herz jetzt war er frei er saß als Herr in der Burg welche
die Feinde das Nest der Zaunkönige nannten aber er war auch frei wie ein Vogel
und freundlos
Als er aufsah stand vor ihm die alte Gertrud vom Regen durchnässt und
stellte einen Tragkorb zu seinen Füßen nieder »Dies sendet dir Frau Edit
Immo«
»Was sprach die Mutter« fragte Immo wild
Gertrud hob ein leinenes Bündel aus dem Korb und breitete es mit zitternden
Händen auf der Bank aus »So redete Frau Edit zu mir Trage dies dem Jüngling
Immo und sage ihm ich sende was ihm gehört und was ich in der Stille von
seiner Habe bewahrte Dies ist das erste Hemdlein das ich ihm spann und das er
trug die Leinwand ist vergilbt denn kein Sonnenstrahl hat sie gebleicht und
kein Nachttau hat sie genetzt aber die bitteren Tränen der Mutter hängen daran
denn als er das erste Gewand auf seinem kleinen Leibe trug habe ich ihn dem
Dienst der Heiligen gelobt Und hier sind andere Gewänder des Kleinen sein
Spielwerk an dem er sich freute als er zu meinen Füßen saß und die
Kinderwaffen welche ihm der Vater geschnitzt hat Alles hob ich auf in der
Truhe und oft hat mich gefreut es herauszuholen und dabei an meinen Sohn zu
denken Jetzt hat er sich feindlich von mir gelöst darum sende ich ihm was
sein ist«
»Hart ist die Mutter« rief Immo seine Augen in der Hand verbergend
»Und Frau Edit sprach weiter Sage dem Kriegsmann dass die Treue einer
Mutter nicht verlorengeht wenn auch der Sohn statt des Vaterhauses sich die
finstere Nacht erwählte Solange ich lebe werde ich harren dass er zu den
Heiligen zurückkehrt An dem Tage werden ihm meine Arme geöffnet sein und der
Ehrensitz im Saal seiner Väter bereitet«
»Vergebens wird sie diesen Tag erwarten« rief Immo
»Beide seid ihr feurig« fuhr Gertrud begütigend fort »wenn auch die Mutter
ihre Hast besser zu bergen weiß als du Denn ganz ruhig sprach sie zu mir aber
ich weiß wohl wie ihr zumute war Euch beiden kommt wohl die Überlegung dass
eins dem anderen sich fügt Unterdes gebot mir Frau Edit dass ich auf dem Berge
bei dir bleibe mein Sohn damit dir in der Einsamkeit die Pflege nicht fehle«
Immo reichte der Alten die Hand »Du wirst nicht lange für mich sorgen denn
ich gedenke von hinnen zu reiten«
Am nächsten Tage sprengte der Knabe Gottfried in den Hof »Heimlich habe ich
mich aufgemacht« begann er schüchtern »ich komme dich zu bitten mein Bruder
dass du meiner in Liebe denkst«
Immo drückte den Treuen fest an sich »Sprich auch wenn ich nicht da bin
freundlich von mir zu der Mutter«
»Auch sie gedenkt deiner« versetzte Gottfried zutraulich »denn wisse zum
Mittagsmahl trägt sie selbst deinen Stuhl an ihre Seite und setzt deinen Teller
und deinen Becher auf den leeren Platz«
»Vergeblich ist die Sorge der Mutter der Sitz wird leer bleiben« rief Immo
finster
Auf der Reise
Hügel und Tal lagen im Sonnenlicht und der Bergwind wehte kräftig vom Walde
her als eine Schar junger Thüringe von der Höhe in das Tal des Idisbachs
hinabzog An ihrer Spitze ritt Immo im eisernen Kettenhemd den Stahlhelm am
Sattelgurt den Holzschild um den Hals gehängt einen starken Speer in der Hand
neben ihm Brunico in ähnlicher Rüstung Ihnen folgten zu Fuß wohl dreißig
rüstige Jünglinge in kurzem Eisenhemd und leichter Helmkappe mit hohen
Lederstrümpfen und nackten Knien auf dem Rücken den runden Schild mit eisernem
Buckel darunter den Köcher mit Pfeilen in der Hand den Kampfbogen und zwei
Wurfspeere Mitten in der Schar führten zwei Heerwagen mit starken Rossen
bespannt den Kriegsbedarf Waffen Wollmäntel und Säcke mit Lebensmitteln Mit
behendem Fuß schritten die Knaben des Waldes und mancher hob unnötig die Beine
um ein wenig den Reigen zu springen welchen der Rufer des Haufens vorsang In
der Nähe eines Gehölzes hielt der Zug Die Späher eilten voran auf die Zeichen
welche sie zurückgaben tauchte der ganze Haufe in den Busch Immo sprang zur
Erde stellte die Wächter und die Jünglinge bereiteten sich und den Rossen das
Mittagsmahl Nur Brunico ritt vorwärts begleitet von einem leichtfüssigen
Genossen Nicht lange und er kehrte eilig zurück »Eine reisige Schar liegt vor
uns auf dem Wege gerade unter der Idisburg Sie sorgen wenig um Wache und
Ausguck Das Banner welches sie führen gehört wenn wir recht erkennen dem
Grafen Gerhard Es sind mehr als hundertzwanzig Rosse die Reisigen bereiten das
Mahl am Bache und hausen übel im Dorf unter der Burg ich sah sie Garben und
Gerät aus den Höfen herzuschleppen und die Landleute liefen ihnen nach und
schrien«
»Ob uns die Begegnung lieb oder leid ist« entschied Immo »wir vermögen sie
schwerlich zu vermeiden Denn da auch Graf Gerhard dem König zuzieht so ziemt
uns nicht gleich Wölfen heimlich unter ihm herzutraben Folge mir zu seinem
Lager ihr anderen aber bergt euch im Versteck« Und er besprach mit dem
Hauptmann seiner Knaben was die Vorsicht gebot
Die beiden Reiter mieden den geraden Weg zum Lager des Grafen um die
Richtung ihrer Raststelle nicht zu verraten über einen Hügel ritten sie im
Trabe dem Banner zu Brunico stieß in das Horn das er am Halse trug und sie
harrten der Antwort Im Lager entstand eine Bewegung zwei Gewappnete kamen
ihnen entgegen Ruf und Gegenruf wurden getauscht die Gräflichen fuhren
rückwärts zu ihrem Herrn und brachten eine höfliche Einladung
»Sei gegrüßt im Kriegskleide du Flüchtling aus Wigberts Stall« rief der
Graf lachend dem Ankommenden zu »Auch meine Helden werden dich als
Reisegenossen willkommen heißen Denn nur bis zum Main ist unser Weg frei von
da müssen wir uns länger als eine Tagfahrt an den Burgen des Hezilo
vorbeiwinden und wir sorgen ob er uns die Straße verhauen wird Mit geringem
Gefolge kommst du hoffst du allein beim König Ansehen zu gewinnen«
»Meine Knaben blieben zurück sie schreiten auf ihren eigenen Beinen«
versetzte Immo
»Mit Fussläufern ziehst du heran« spottete der Graf »Doch ihr in den
Waldlauben übt alten Bauernbrauch Mich wundert Immo dass du nicht besser für
dich gesorgt hast Geringe Ehre wird dir die unritterliche Schar erwerben denn
an solchem Tross fehlt es dem Könige nicht«
»Ihr werdet anders von ihnen denken wenn ihr erst ihre Schläge geprüft
habt« versetzte Immo
»Wohlan jeder versuche sein Bestes« fuhr der Graf fort und Immo glaubte
ein ehrliches Wohlwollen in seinem Gesicht zu erkennen »Andere Arbeit beginnt
jetzt als unser Hader mit den Mönchen war Setze dich neben mich heute biete
ich dir mit gutem Willen den Trinkkrug da du zu uns gehörst Der lateinischen
Reden bist du ledig obgleich meine Tochter Hildegard deine Stimme wohl
vernehmen würde wenn du ein Mönchsgeschrei erheben wolltest denn sie begleitet
unseren Zug und rastet nicht gar weit von meinen wilden Knaben«
Immo hatte Mühe die freudige Überraschung zu verbergen »Warum führt Ihr
die Tochter in das Heerlager«
Der Graf lachte schlau »Die Königin hat sie nach Regensburg geladen die
hohe Frau Kunigunde hat wie der Bote rühmt Gutes von dem Kinde gehört und will
der Mutterlosen eine Beschützerin sein Verstehst du wohl Immo was diese Huld
bedeutet«
Immo bekannte seine Unwissenheit
»Die Händler haben den Brauch wenn sie ein Geschäft für die Zukunft
bereden so geben sie einander ein Unterpfand für treue Erfüllung Du hast
bereits etwas von Waldwiesen vernommen Diese halte ich der König aber begehrt
dagegen die Jungfrau Und gern führe ich sie ihm zu denn ich vertraue auf das
Glück und die Klugheit des Königs Ihm ist bisher vieles gelungen und ich
hoffe dass auch mir dieser Krieg Land und Leute mehren soll denn meine Wälder
grenzen an die Mark des Hezilo Und darum bringe ich mein ganzes Heergefolge dem
Könige wahrlich mit großen Kosten Sieh Immo auch meine Kampfhähne führe ich
mit mir« er wies auf die beiden Fechter welche in neuem buntem Gewande
zuunterst auf dem Rasen saßen und mit riesigen Armen große Trinkkrüge
schwenkten »Denn König Heinrich achtete wenig auf die fahrenden Leute und vor
anderen sind ihm die schweifenden Frauen verhasst welche sich im Tanze vor den
Helden drehen und dabei ihres Gewandes entledigen Ja man sagt dass ihm alles
Weibervolk verleidet ist Doch die Kämpfer schaut er gern wenn sie herzhaft
gegeneinander schlagen Und dies sage ich euch Hahn Ringrank und Hahn
Sladenkop wenn ich euch zum Ergötzen des Königs gegeneinander kämpfen lasse so
begehre ich andere Wunden als die einzölligen die ihr im Vertrauen auf meine
Gutherzigkeit einander anzumessen pflegt Denn dergleichen schwache Ritze kann
der König bei jeder Kirchweih sehen Herrenwunden verlange ich diesmal
dreizöllig und wenn ihr den König ehren wollt noch tiefer und länger und zwar
mit spitzem Eisen und nicht auf die Arme sondern auf die Brust«
Die Fechter sahen bekümmert einander an und Ringrank antwortete sich
erhebend »Drei Zolle auf der Brust mögen unseren Broterrn um zwei Kämpfer
ärmer machen Fordert der Herr großen Dienst so ersehnt sich der Mann großen
Lohn Sorgt wenigstens dass wir beide gegeneinander kämpfen und nicht gegen die
Kämpfer welche der König mit sich führt denn diese sind ungerecht bei dem
Messen der Wunden um ihren eigenen Ruhm gegen andere zu erhöhen«
Die Herren lachten und saßen in guter Laune beim Mahl tranken und riefen
Heil wie unter Helden Brauch ist
Da nahte in gestrecktem Lauf Egbert der Dienstmann und trat staubbedeckt
mit heißem Antlitz vor den Grafen »Durch wilden Ritt holte ich Kunde die
manchem sorgenvoll wird« rief er »Dem König ist sein ganzer Schatz genommen
Held Magano der Diener des Babenbergers hat den Schatz auf der Reise gefangen
ich selbst sah den Mann des Markgrafen und ich sah die lange Reihe der
Saumrosse und Karren in seine feste Burg treiben«
Mit Schreckensrufen sprangen die Bankgenossen von ihren Sitzen und drängten
sich um den Boten auch der Graf erhob sich bestürzt »Wie ein Unsinniger
gebärdest du dich dass du diese Kunde vor allen Ohren ausrufst«
»Herr sie läuft durch das ganze Land wie Wasser durch den gebrochenen Damm
in den Dörfern liefen die Leute zusammen und ich sah dass frische Gesellen die
dem Lager des Königs zuritten von den Rossen stiegen und die Köpfe senkten wie
soll einer unter dem Habicht dahinreiten welchem die Federn gerupft sind«
»Oft hörte ich den großen Schatz des Königs rühmen« begann kopfschüttelnd
ein alter Kriegsmann »und gern dachte ich an das goldene Kreuzgeld darin an
die Armringe und Becher mit denen er seine Getreuen lohnen würde die Bayern
haben lange an dem Schatz gesammelt manch uraltes Schmuckstück lag darin aus
Sachsenland das einst Wieland der Held geschmiedet hat«
»Jetzt aber ist der König so kahl wie meine Handfläche« rief Egbert »wer
ihm dient mag zusehen wie er die Kosten des Zuges wiederfindet Denn nicht der
Goldschatz allein ist in die Hand des Markgrafen gefallen sie sagen dass auch
die Königskrone dabei war die heilige Lanze und die hohen Reliquien an denen
die Königsmacht hängt«
Die Kinder erschraken viele bekreuzigten sich und die Augen aller wandten
sich nach dem Grafen dessen unsicherer Blick verriet dass er mit schwerem
Zweifel rang »Ist die Krone verloren wie mag er das Reich bewahren« fuhr ihm
heraus »Unheil brachte der Tag an dem wir auszogen und üble Vorbedeutung war
es dass der Sauhirt die Faselschweine über den Weg trieb«
»Auch andere Botschaft bringe ich Herr« fuhr Egbert fort »Als ich vom
Main den Kiefernwald heraufritt rastete an der Landstraße Heriman der
Goldschmied aus Erfurt der nach seinen Worten zum König Heinrich reist Da er
ein Packpferd bei sich hatte so riet ich ihm sich unter Euren Schutz zu
begeben er aber widerstrebte und ich verließ ihn im Walde allein mit seinem
Knechte«
Der Graf sah seinen Dienstmann kummervoll an ohne zu antworten Aber Immo
vermochte seinen Unwillen nicht zu unterdrücken
»Dreiste Worte höre ich von den Helden Eurer Bank Graf Gerhard mich dünkt
sie stehen solchen übel die dem König zuziehen«
»Wie vermag ich ihre Gedanken zu beugen« versetzte der Graf ärgerlich »da
sie doch recht haben Kann der König seinen Kriegern nicht lohnen wie sollen
sie ihm dienen Entweicht zur Seite« rief er den Dienstmannen zu »vergällt ist
mir der Trunk harret bis ich allein den Rat finde der uns frommt«
Die Bankgenossen brachen auf und setzten sich in die Nähe ihrer Rosse mit
bedrängtem Gemüt zu kleinen Haufen
Immo merkte was in der Seele des Grafen vorging und dass seine stille
Hoffnung der Jungfrau in den nächsten Tagen als Reisegenosse nahe zu sein
schnell dahinschwand Er begann deshalb
»Zürnt meiner Jugend nicht wenn ich dreist mit Euch rede Ich ahne dass
Euch die Reise zum König verleidet ist denkt daran dass seine Gefahr größer ist
als die Eure und dass Ihr ihm gerade jetzt Eure Treue beweisen müsst Denn er ist
nach Recht unser Herr und er hat Euch wie Ihr mir vertrautet im voraus
gelohnt Ich vernahm immer dass Treue und Dankbarkeit starke Ketten sein sollen
welche den Helden binden«
»Du sprichst gut« versetzte der bekümmerte Graf »aber du bist jung Glaube
mir Immo als ich in deinen Jahren war lebte ich so treu und dankbar wie ein
Hündlein ich lief hin und her um anderen zu dienen und wenn mir die Könige
einen Brocken zuwarfen so sprang ich vor Freude Jetzt aber habe ich eigenes
Gut zu bewahren und muss vielen Begehrlichen spenden jetzt rät mir die Vorsicht
vor allem zu fragen was mir vorteilhaft ist damit ich mich in meiner Macht
erhalte zwischen Pfaffen und Laien welche sämtlich gierig sind sich zu meinem
Schaden auszubreiten«
»Zürnt mir nicht Graf Gerhard wenn ich Euch sage dass es edler ist mit
Ehren unterzugehen als in Schande zu leben« rief Immo
»Dasselbe ist immer auch meine Meinung gewesen« versetzte der Graf »Ganz
wie du war auch ich in meiner Jugend willig mich für den Herrn töten zu lassen
dem ich damals diente Jetzt aber bin ich selbst ein Herr welcher andere
erhält die für ihn auf der Walstatt sterben jetzt habe ich um eine Herrenehre
zu sorgen und diese befiehlt mir vor allem dass ich Herr bleibe über andere und
mit hundert oder zweihundert Rossen ins Feld ziehe für oder gegen wen es sei
Darum will ich auch dir Gutes raten Setze dich nicht in ein Haus welches
stürzen will«
»Soll ich umkehren« fragte Immo prüfend Da der Graf keine Antwort gab
fuhr er nachdrücklich fort »Ich gehe zum König und wenn alle von ihm abfallen
so soll er doch im letzten Kampfe nicht allein stehen«
»Auch du bist nicht allein Immo du hast für andere zu sorgen welche dir
folgen«
»Ich will sie fragen ob auch ihnen mit dem Raub des Schatzes die Kampflust
geschwunden ist Die ich führe sind freie Knaben vom Walde und ich weiß die
Antwort im voraus«
»Wieviel sind ihrer« fragte der Graf mit einem Wolfsblick »Mich wundert
dass du sie von meinen Leuten getrennt hältst«
Immos Auge flog über das Tal er sah dass er selbst in der Gewalt des Grafen
war denn ein Wort vermochte die ganze Meute gegen ihn zu hetzen er trat
deshalb zurück legte die Hand an das Schwert und antwortete »Meine Knaben sind
schnell zu Fuß und von der Heimat her an Waldversteck gewöhnt auch ihr Lager
haben sie vorsichtig gewählt und wer sie bewältigen wollte würde harte Stöße
erhalten und schwerlich Beute aus ihren Taschen davontragen Darum ist es
besser dass Ihr uns ungekränkt ziehen lasst wohin wir wollen Ihr aber vernehmt
zum Abschied noch eins Große Lügen erzählen die Leute auf der Landstraße
vielleicht war es gar nicht der Schatz des Königs welcher gefangen wurde oder
doch nicht der beste Teil Wer die Ehre eines Herrn hat wie Ihr nach Eurer
Rede der sollte vorsichtig sein bevor er sie gegen Schande weggibt Lebt wohl
Graf Gerhard wenn wir uns wiedersehen so möge es in Frieden sein denn zweimal
habe ich als Gast an Eurem Tisch gesessen und ungern würde ich Euch feindlich
gegenüberstehen«
Während der Graf betroffen die kluge Warnung erwog gewann Immo sein Ross
welches Brunico bereit hielt und verließ unangefochten das Lager
Als die Sonne sank warf sie ihr goldenes Licht über die Höhe auf welcher
die Idisburg stand Der alte Turm glänzte wie mit leuchtender Farbe übergossen
und an der niedrigen Burgmauer lagen die Ranken der Brombeeren wie mit Purpur
und Goldfaden umwunden In der unteren Hälfte des umschlossenen Raumes brüllten
die Rinder welche von den Dorfleuten dort zusammengetrieben waren Auf der
höchsten Stelle im Burgwall stand eine Sommerlinde welche ihre großen Blätter
als ein dichtes Laubdach fast zum Boden breitete Es war ein wonniger Platz
wilde Glockenblumen blühten in dem lichten Schatten und kleine Schmetterlinge
fuhren hin und her die Vögel lockten ihre Jungen in den Ästen des Baumes
zusammen und die Grillen schwirrten den Chorgesang zu dem Ruf der Gefiederten
Dort saß Hildegard das Grafenkind die Hände im Schoss gefaltet sah sie in das
Tal über das Lager der Reisigen über den Laubwald und über die geschwungenen
Höhen dahinter bis in die Ferne wo Erde und Himmel im Dämmerlicht zusammenfloss
In ehrerbietiger Entfernung lagerten einige alte Dienstmannen welche zum
Schutze der Jungfrau hinaufgesandt waren auch sie schauten abwärts nach dem
Main hin und wiesen einander unter dem lichten Gewölk die Grenzburgen des
Feindes Es war still um die Jungfrau nur einzelne Klänge aus dem
geräuschvollen Lager drangen herauf zur Seite blökte das Herdenvieh und
zuweilen lief eine Färse nahe heran und rupfte die Blätter des Baumes Dann
knackte und rauschte es hinten in den Zweigen Hildegard wandte sich um und
scheuchte die Vorwitzigen aber sie kamen doch wieder und das Mädchen vergaß
zuletzt in ihren Träumen die genäschigen Gäste
Ihre Lippen bewegten sich und leise klangen die gesungenen Worte des
heiligen Liedes
Audi benigne Konditor
nostras preces cum fletibus3
Aber sie gedachte im Singen nicht sehr an den Schöpfer sondern mehr an einen
Flehenden der ihr dieselben Worte vor wenig Wochen im Scherz zugerufen hatte
Und während sie so sang und mit verklärtem Blick vor sich hinsah war ihr als
tönte der Sang noch einmal über ihr in dem Baume Sie hielt inne da rauschte es
in den Zweigen und bei dem Säuseln der Blätter klang über ihr wieder dieselbe
Weise aber mit anderen Worten und sie vernahm von der Höhe
Rana coaxat suaviter
In foliis viridibus4
Sie saß unbeweglich ein Lächeln flog um ihren Mund und eine hohe Röte ergoss
sich über ihr Antlitz aber sie wagte nicht aufzusehen damit der lustige Traum
nicht entschwinde »Bist du es Geselle« fragte sie leise Aber gleich darauf
schämte sie sich der vertraulichen Rede
»Ich liege über dir in den grünen Blättern« klang es von oben zurück »Ganz
gut ist mein Lager auf starkem Ast blicke aufwärts wenn dirs gefällt damit
ich einmal deine großen Augen sehe denn diese haben mich hergezogen«
Das Mädchen erhob sich schnell und wandte sich dem Aste zu in demselben
Augenblick neigte Immo das Haupt behend abwärts umschlang von der Höhe mit
einer Hand ihren Hals und küsste sie auf den Mund »Guten Tag Geselle« sprach
er »so hatte ich mirs ausgesonnen und so ist es vollbracht« Er fuhr wieder
aufwärts und sah von seinem Aste zärtlich in das gerötete Antlitz
»Wenn ich die Wächter rufe fangen sie dich« murmelte Hildegard halb
bewusstlos
»O tue nicht« flehte Immo »denn bei Tag und Nacht dachte ich daran ob ich
dich wiedersehe Wenn die liebe Sonne nach Westen ging so freute ich mich dass
sie deine Wangen bescheinen würde Oft habe ich dir Botschaft gerufen über Berg
und Tal und den Bergwind ermahnt dass er dir etwas von mir zutragen lasse Aber
ruhelos schweift der Wind und unsicher ist ob er nach unseren Bitten tut
Darum kam ich lieber selbst« Hildegard sah ihn furchtsam an »In unserem Turme
fand ich ein graues Käuzlein als es in Not war das bewahrte ich mir gern in
meinem Gemache Aber über Nacht hat es sich in ein Raubtier verwandelt Ganz
anders erscheinst du mir hier als daheim in der Halle wie ein Drache in seinem
Schuppenkleide liegst du auf dem Ast und ich weiß nicht bist du noch der an
den ich dachte oder bist du ein Fremder«
»Aus dem Gewand des Kauzes bin ich geschlüpft und das Eisenhemd trage ich
Hildegard auch um deinetwillen Wenn einmal der Spielmann vor dir singt und du
vernimmst dass er auch meine Taten rühmt dann sollst du stolz sein auf deinen
Gesellen«
»O du törichter Immo« rief das Mädchen kummervoll »wie soll ich mich
freuen wenn ich von den Schwertern höre die dich bedrohen und bedenke dass
die Streitaxt gegen dich fliegt Leidig ist mir der Ruhm den die Sänger geben
denn sie preisen am liebsten die Helden welche tot auf der Walstatt liegen Ich
aber dachte dich zuweilen gern an meiner Seite dann sangen wir zusammen und
ich strafte dich wenn du unartig warst indem ich dich an deinen Haaren zog«
»Tue das jetzt« bat Immo neigte den Kopf wieder zu ihr herab und sah sie
bittend an Aber der Jungfrau rannen die großen Tränen aus den Augen sie lehnte
ihr Haupt an den Baumstamm und weinte still vor sich hin Immo schob sich näher
wieder legte er seinen Arm um ihren Hals und sprach ihr leise ins Ohr
»Geliebte dich selbst will ich gewinnen auf der Kampfheide Wenn ich mein Haupt
stolz tragen darf erbitte ich dich von deinem Vater zum Gemahl«
Hildegard blickte ihn treuherzig unter Tränen an und antwortete »Das weiß
ich und darum weine ich«
Da küsste er sie wieder und sie widerstrebte ihm nicht »Auch du bist meinem
Herzen lieb geworden« fuhr sie seine Hand haltend leise fort »zuerst am
Abend in der Halle und dann an jedem Tag und Abend noch lieber wenn ich in der
Einsamkeit an dich dachte Denn einsam lebte ich im Hause unter den Buchen und
nur selten vernahm ich ein Freundeswort Der Bruder ist unbändig meinen Vater
sah ich wenig und er ängstigt mich durch wilde Reden und durch die Sorge die
ich um seine Seele habe Da wenn ich allein saß schaute ich dein lachendes
Antlitz vor mir und ich sprach vertraulich zu dir als zu meinem lieben Gesellen
Und ich dachte auch an dich wenn die Amsel in ihrem schwarzen Kleide schlug
denn im schwarzen Schülerkleide sassest du neben mir und ich dachte zuweilen
auch an dich wenn ich längs dem Weiher ging wo die Quaker so lustig schrien
Das darf dich nicht verdrießen« und ein flüchtiges Lächeln zog über ihr
unschuldiges Gesicht »Jetzt aber soll ich dein gedenken wenn die Grauwölfe
nach Raub heulen und wenn die Geier über mir in der Luft schweben Wie vermag
ich Gutes für dich und mich zu hoffen da du das Glück erst vom Schlachtfelde
holen willst Immo« rief sie angstvoll »wenn du auf die Kampfheide ziehst so
weiß ich nicht mehr ob du an der Seite meines Vaters kämpfen wirst oder gegen
ihn denn der Vater« sie hielt inne und legte ihre Wange auf seine Hand
»Ich weiß was mir deine Lippe verbirgt« antwortete Immo »ich aber gehe
zum König denn ich höre er ist in der Not« Da drückte sie krampfhaft seine
Hand und weinte wieder darauf »Leidvoll ist für uns beide Hildegard dass ich
zum König halte obwohl dein Vater ihn meiden wird«
Die Jungfrau sah ihn mit großen Augen an »Du wirst tun was dir dein
redliches Herz gebietet Wenn ich auch traure denke nicht dass ich dich bei dem
Vater festhalten will«
»So spricht mein guter Geselle« rief Immo froh und neigte das Haupt wieder
zu ihr herab »Den hohen Engeln vertraue ich deren Segen du mir gesendet hast
dass sie uns beide wieder zueinander führen Dich aber flehe ich an wenn ein
fahrender Spielmann vor dir singt so wende dich nicht ab wie die Klosterfrauen
zuweilen tun sondern spende ihm etwas und sprich dabei die Worte Auch für dich
fliegt ein Engel dann freut er sich und sagt dir vielleicht Kunde von mir Und
hast du eine Botschaft für mich so gib sie mit denselben Worten einem
Fahrenden dass er sie ins Lager des Königs zu seinem Gesellen Wizzelin trage
Diesen kenne ich als einen treuen Mann obgleich er ohne Ehre lebt Das
versprich Geliebte mir aber gib den Scheidegruss«
Die Jungfrau hob sich zu ihm empor und hielt ihre Hand über sein Haupt »Du
denke mein wenn du allein bist und zuweilen unter den wilden Helden und vor
allem im Abendlicht wenn du die grünen Blätter über dir siehst wie jetzt und
immer und immer« Sie warf die Hände um seinen Hals und küsste ihn herzlich Er
aber hielt sie fest und das Geschwirr der Grillen übertönte leise Worte
Seufzer und Küsse der Liebenden
Noch einmal umschlang sein Arm die Weinende dann verschwand er im grünen
Laubdach Hildegard saß wieder auf dem Stein und lauschte die Zweige rauschten
und knickten hinter ihr dann wurde es still Noch immer malte die Abendsonne
das Baumlaub mit rötlichem Gold die Grillen und Vögel im Wipfel schwirrten und
schrien und die blauen Glockenblumen standen so lustig wie vorher Aber das
Mädchen sah ernstaft in eine fremde Welt das Kind war unter der Sommerlinde
zur Braut geworden
Auf einem Hügel im bayrischen Frankenlande der weite Aussicht bot saß zwei
Tage später ein fremder Krieger am Zaun eines einsamen Bauernhofes Er trug die
gewöhnliche Rüstung eines Reisigen hatte den Helm neben sich auf die Bank
gelegt schnitt mit seinem Dolch in ein großes Schwarzbrot und verzehrte
behaglich die Bissen Dass der Kriegsmann einen Wachtposten befehligte war
leicht zu erkennen Denn aus dem Hofe vernahm man das Schnauben und den
Hufschlag von Pferden welche dort geborgen waren zur Seite hielt in Entfernung
eines Pfeilschusses ein gepanzerter Reiter auf schwerem Kriegsross unbeweglich
das Antlitz nach Norden gewandt und weiter vorwärts standen im Halbkreise
hinter Büschen und am Rand der nächsten Höhen berittene Späher wo den Rossen
auf der Höhe die Deckung fehlte waren sie in Senkungen des Bodens
zurückgeführt während ihre Reiter hinter Steinen oder im Grase versteckt lagen
Auch der Befehlende auf der Bank unterbrach zuweilen seine Mahlzeit um in die
Ferne zu schauen Als einige Reiter heransprengten erhob er sich ungeduldig
»Wen bringst du dort wider seinen Willen heran Bernhard« rief er dem Führer
zu als dieser am Fuß des Hügels hielt
»Es sind zwei wilde Knaben Der eine gibt vor das Lager zu suchen Bote
nennt er sich mit einem Brief an den Kanzler«
Der Kriegsmann winkte Immo wurde zu Fuß durch zwei Bewaffnete den Hügel
heraufgeführt »Wer sendet dich mit dem Briefe« fragte der Gebietende den
Jüngling mit scharfem Blick musternd
»Frage den Kanzler wenn du das wissen willst« versetzte Immo »In meiner
Heimat lobt man den Boten nicht der gegen Fremde von seiner Sendung schwatzt«
»Wo ist deine Heimat«
»Ein Thüring bin ich und freundlichen Gruß habe ich von den Mannen König
Heinrichs gehofft denn Schwertgenosse will ich ihnen werden gegen den
Markgrafen«
»Schlägt dein Arm so scharf als deine Zunge behende ist so mag der König
dich wohl gebrauchen« versetzte der andere gleichgültig »doch damit wir sehen
ob du die Wahrheit sprichst so weise uns den Brief«
»Das denke ich nicht zu tun« entgegnete Immo unwillig »mein Auftrag
lautet den Brief dem Kanzler in seine eigene Hand zu geben dich aber ersuche
ich um Geleit damit ich ihn finde«
»Ich will den Brief sehen« wiederholte der Kriegsmann seinem Wächter
Dieser winkte den Kriegern und fasste den Arm Immos aber der Starke entwand sich
ihm sprang zur Seite und zog sein Schwert »Wer mir das Pergament entreisst den
mache ich zum toten Manne« rief er zornig
Auch Bernhard zog sein Schwert »Auf ihn schlagt den Frechen nieder«
»Halt« rief der Befehlshaber »bergt das Eisen auch du Fremdling Ich
fordere von dir dass du mir den Brief zeigst ich gelobe dir dass ich ihn
zurückgebe und dich wenn du willst zu dem Kanzler geleiten lasse« Er fasste an
den Knopf seines Schwertes Immo gab dem ruhigen Befehle zögernd nach Er zog
eine kleine Tasche hervor die er an einem Riemen unter dem Gewande trug und
hielt ein geschlossenes Pergament in die Höhe
»Gib her damit ich sehe ob es ein Brief ist«
»Schwerlich wirst du die Aufschrift zu lesen vermögen auch wenn du der
Buchstaben kundig bist denn die Außenseite ist leer«
»Du bist ein Bote aus Herolfsfeld« rief der Kriegsmann das Siegel
betrachtend und seine Augen blickten scharf nach dem Jüngling »Haltet ihn
fest« Er löste das Siegel entfaltete den Brief und las während Immo heftig
gegen seine Wächter rang »Tut ihm nichts zuleide« rief er »es ist Immo Sohn
des Helden Irmfried und guten Empfang hat er im Lager des Königs zu erwarten
Halt Ruhe du Wilder« setzte er halb lächelnd halb unwillig hinzu als er sah
dass Immo seine Bändiger bewältigte und den Helden Bernhard wie einen Klotz auf
den Rasen warf »Der Kanzler hat mir das Recht gegeben solche Briefe zu lesen
du aber freue dich des Zufalls denn er mag dir eher zum Heil als zum Schaden
sein«
»Wer aber bist du« versetzte Immo in hellem Zorn »bei St Wigbert wenn du
nicht König Heinrich selbst bist so hast du grobe Ungebühr geübt an Herrn
Bernheri an dem Kanzler und an mir und du sollst mirs mit dem Schwerte
bezahlen«
»Da ich hierzu keine Lust habe« antwortete der Kriegsmann ruhig »so denke
dass ich der König bin« und als er in dem ehrlichen Gesicht des Jünglings ein
massloses Erstaunen erkannte welches seltsam gegen die zornige Gebärde abstach
fuhr er lachend fort »Ob ichs bin oder nicht das soll dich jetzt nicht
kümmern frage nicht nach meinem Namen du wirst ihn wohl später erfahren
begnüge dich damit dass ich dir wohlgesinnt bin und dass ich das Beste mit dir
teilen will was ich habe« Er wies auf das schwarze Brot und ein Tongefäss mit
Wasser welches dabeistand »Setze dich zu mir wie ein Krieger zum anderen
nachdem du deinen Brief wieder geborgen hast und beantworte mir die Fragen die
ich dir tue«
Immo starrte immer noch erstaunt auf den Fremden im Anfang war er ihm nicht
ansehnlich erschienen jetzt sah er einen Mann vor sich der etwa zehn Jahre
älter war als er selbst das Gesicht war hager und bleich aber zwei gescheite
Augen standen darin deren Ausdruck schnell wechselte und den beweglichen Mund
umzogen kleine Falten so dass der Fremde fast aussah wie Vater Heriger welcher
der beste Vorleser im Kloster war Immo beugte sein Knie um den König zu ehren
aber der Kriegsmann machte ein schnelles Zeichen mit der Hand »Bei Wasser und
Brot spare den Königsgruss bis du König Heinrich in seiner Würde siehst setze
dich zu mir und gib mir Antwort Doch vorher muss ich dich diesen Helden
versöhnen Fasst an eure Schwerter und gelobt einander keinen Groll zu tragen
und den Schwingkampf auf dem Rasen nicht zu rächen«
Das taten die Männer und reichten mit geröteten Gesichtern einander die
Hände »Und jetzt Immo verkünde mir wie kommt es dass du aus der
übelgesinnten Burg der Wigbertmönche zu König Heinrich reitest denn die Leute
sagen dass ihm das Glück nicht hold ist«
»Herr wer Ihr auch seid« versetzte Immo »da Ihr gütig zu mir redet so
will ich Euch alles bekennen Noch vor wenig Wochen sorgte ich nicht sehr um den
König und den Markgrafen nur dass ich die Klosterregel ungern ertrug und mich
nach dem Schwertamt meines Vaters sehnte Seit ich aber über dem Tutilo die
Geissel geschwungen hatte und schnell das Kloster verlassen musste rieten mir
meine Gedanken dem Könige zu folgen«
Als der Kriegsmann von den Geisselhieben des Tutilo vernahm begann er laut
zu lachen und schlug sich mit den Händen auf die Schenkel so dass Immo ihn
erstaunt ansah und die Ansicht erhielt dies könne der König nicht sein »Er hat
den Babenberger mit seiner eigenen Waffe geschlagen« rief der Lustige
»wahrlich jetzt wundert mich nicht dass dir im Kloster zu heiß wurde denn du
hast dir dort einen Todfeind gemacht«
Es ist wohl ein Verwandter des Königs dachte Immo und schnitt mit größerer
Ruhe in das Schwarzbrot das ihm der andere hinschob
»Fahre fort« sprach der Kriegsmann »wie waren deine Gedanken die dich zum
König führten«
»Nun Herr ich dachte wir sind doch fast in gleicher Lage Denn auch von
König Heinrich sagen sie dass er zum Geistlichen bestimmt war er aber hat sich
das Schwert gewählt«
»Dafür gehört er zu dem Geschlecht welches die Krone trägt« versetzte der
Kriegsmann »du aber berätst dich übel wenn du der Stola zu entrinnen suchst
Fehlt dir die Demut um den Haarkranz eines Mönches zu tragen so wisse auch
der Bischof reitet hoch zu Ross er trägt sein Panzerhemd und manchen sah ich in
hartem Gedränge seine Streiche austeilen Falken und Jagdhunde fehlen ihm nicht
und für anderen Zeitvertreib erhält er leicht Dispens Dem Könige aber sind die
Bischöfe die er einsetzt die treuesten Diener sie sind die Gehilfen seiner
Herrschaft denn wenn sie auch Söhne haben so folgen ihnen diese nicht auf dem
Bischofsstuhl und der König hat nicht nötig die harten Nacken eines
Geschlechtes zu beugen welches seine Herrschaft widerwillig erträgt«
»Dennoch höre ich im Kloster« antwortete Immo bescheiden »dass die
Weltgeistlichen mehr um ihre eigene Herrschaft sorgen als um den Vorteil des
Königs und dass sie ebenso begehrlich sind nach irdischem Gut wie die Mönche
Denn auch diese üben allzuwenig die fromme Sitte und sie werben und schleichen
wegen Hufen und Burgen Das habe ich selbst zu meinem Schaden erfahren«
»Haben sie auch dich schon um deiner Sünden willen geängstigt« fragte der
andere lachend »Ich weiß recht wohl niemand versteht so gut als sie mit Kreuz
und Busspsalmen Land und Gut zu erkämpfen« Doch ernsthafter fuhr er fort
»Heilige Männer sind die Mönche und wir Sünder vermöchten ihr Gebet nicht zu
entbehren auch die Wohltaten nicht welche sie dem Lande spenden Sieh wenn du
es zu verstehen vermagst überall wo sie gleich den Bienen ihre Waben füllen
bändigen sie den wilden Heidentrotz im Volke lehren Kunst und schaffen große
Werke Zuweilen aber werden sie faul im Stock wenn des Honigs zuviel ist und
wer es mit dem Lande wohlmeint muss ihnen dann den Honig nehmen damit er
anderen nützt Vielleicht sind die Söhne Wigberts in derselben Lage«
Es ist doch der König selbst dachte Immo und ihm fuhren die Worte heraus
»So meinte auch Graf Gerhard da er jetzt dem Wigbert die Wiesen genommen hat«
Die Haltung des Kriegsmanns wandelte sich plötzlich »Was weißt du vom
Grafen Gerhard« fragte er kurz
Zögernd berichtete Immo was er die letzten Tage im Kloster erlebt hatte
Über das Gesicht des Kriegsmanns fuhr wieder ein Lächeln während er mit Anteil
zuhörte »Wo weilt Graf Gerhard« fragte er »vernahmst du etwas von ihm in den
letzten Tagen« Und als er merkte dass Immo zu sprechen zögerte fuhr ein
scharfer Blick wie der eines Adlers auf den Jüngling »Wenn du deine Treue für
den König beweisen willst so rede die Wahrheit Wo kamst du über den Main«
»Ich möchte ungern etwas sagen was dem Grafen zum Schaden gereichen kann«
versetzte Immo »dennoch sehe ich dass es sich nicht bergen lässt Er lag mit
seinem Haufen am Idisbach auf dem Wege nach dem Süden«
Der Krieger stand auf »Gutes verkündest du und du sollst den Dank
genießen Denn auf ihn harren wir hier Wann sahst du sein Lager«
»Vorgestern abend ritt ich hinaus«
»Wohl die Rechnung war genau Dann können wir heute abend seine schnellen
Reiter erwarten Wie stark war sein Haufe«
»Mehr als hundert Rosse zählte ich Dennoch Herr zürnt nicht wenn ich
Unsicheres sage er lag auf den Wiesen ob er aufgebrochen ist weiß ich nicht«
»Was hast du Jüngling« fragte der Kriegsmann befremdet
»Als ich wegritt war gerade die Kunde gekommen dass dem Könige der Schatz
entführt ist und darüber war großes Raunen und Umherlaufen im Lager«
Der Fremde trat vor Immo sah ihm fest in das Gesicht dann fasste er seine
Hand mit eisernem Druck führte ihn einige Schritte zur Seite und fragte leise
»Du meinst er zögert deshalb zu kommen«
»Ich weiß nichts Sicheres Herr« versetzte Immo
»Deine Meinung will ich hören Jüngling sprich die Wahrheit wenn dir dein
Leben lieb ist denn du stehst vor deinem König«
Immo warf sich auf die Knie »Heil sei meinem Herrn« rief er
Doch der König winkte ihm ungeduldig aufzustehen »Antworte«
»Lasst michs nicht entgelten Herr wenn ich Unwillkommenes verkünde Sie
sprachen davon auf dem Idisberg ein Lager zu schanzen und im Morgengrau sah
ich Boten reiten nach der Böhmer Grenze wo wie sie sagen die besten Burgen
des Markgrafen sind«
Der König wandte sich ab und sah finster vor sich nieder »Der Graf fängt
früh an wie ein großer Herr zu handeln Wer hundert Rosse ins Feld führt der
ist noch nicht vornehm genug um den König zu verraten« rief er bitter »Sendet
dein Geschlecht dich allein« fragte er argwöhnisch
»Ich führe dreißig leichtbewaffnete Knaben herzu sichere Bogenschützen aus
dem Walde Ich ließ sie im Versteck zurück mit einem schwerverwundeten Kaufmann
den wir auf unserem Wege fanden ihn hatten Räuber gefällt als er zum Lager des
Herrn Königs ritt«
Der König fuhr in die Höhe »Wie heißt der Kaufmann«
»Es ist Heriman aus Erfurt ein ansehnlicher Burgmann Da er vielen von uns
wohlbekannt ist wollten wir ihn nicht zurücklassen«
»Wahrlich« rief der König »als ein Unglücksbote kommst du Ist der Wunde
beraubt«
»Sein Knecht lag erschlagen Ross und Warenballen waren entführt«
Der König winkte schnell mit der Hand dass Immo zurücktreten sollte Dieser
eilte den Hügel hinab zu den Leibwächtern bei denen Brunico die Pferde hielt
und er sah aus der Ferne dass der König auf dem Schemel gebeugt sein Haupt in
die Hand stützte Auf einen Ruf Heinrichs ritt von der anderen Seite der große
Kriegsmann herzu welcher den ausgestellten Wachen gebot »Graf Gerhard hemmt
seine Reise« rief dem Absteigenden der König entgegen »er wird sich mit dem
Babenberger vereinen und Heriman liegt beraubt am Boden«
»Oft warnte ich den König« antwortete der Vertraute »der Treue des Wolfes
Gerhard zu vertrauen er nimmt seine Beute wo er sie findet«
»Er raubt wie die anderen« fuhr Heinrich fort »er ist nicht schlechter als
seinesgleichen und schleicht vorsichtig durch die Täler«
»Seine kleine Schar wird der König ohne Schaden entbehren«
»Nicht die Schilde welche er von uns abführt betrauere ich aber gerade
dass er kein Held ist der Kühnes wagt sondern ein Mann wie andere Edle auch
das schlägt mir die Wunde Denn wie er werden viele handeln Wahrlich es steht
schlecht mit der Sache des Königs wenn diese Art Raubtiere von seinem Pfade
weicht«
»Auch hat Graf Gerhard sich bereits vorweggenommen was ihm der König als
Lohn versprochen hatte« begann der große Krieger kalt »und ihm fehlte der
Grund den andere Empörer vorgeben dass der König zuerst ihnen ein Gelöbnis
gebrochen habe«
Heinrich fuhr auf wie von einer Natter gestochen »Unleidlich ist dein
Trost« antwortete er scheu »willst auch du zu meinem Bruder und zu dem
Babenberger hinüberreiten dass du mich in dieser Stunde einen Treulosen nennst
und zu einem Gesellen des Grafen Gerhard machst«
»Ich habe mich dir gelobt König und ich denke meinen Eid zu halten
obgleich auch ich zu denen gehöre die du als Raubtiere schmähst Aber die
Wahrheit berge ich dir nicht das hast du oft erfahren Ich stand dabei als der
König dem Markgrafen bayrisches Land versprach damit das Geschlecht der
Babenberger dem König zum Throne helfe Und ich hörte wieder dass der König auch
seinem eigenen Bruder die Herzogswürde in demselben Bayern verhieß Jetzt
schreien beide durch das Land dass Heinrich ihnen das Wort gebrochen habe
Befiehl mir sie im Kampfe zu erlegen und du weißt ich werde es tun wenn ich
es vermag Aber wundere dich nicht wenn jene beiden von vielen gelobt werden
weil sie ihr Anrecht gegen dich mit den Waffen suchen«
Der König nahm die kühne Rede schweigend auf und saß wie getroffen von der
Vergeltung endlich hob er das Haupt und begann »Da ich König wurde dachte ich
besser von den deutschen Edlen Aber in dem ersten Jahre habe ich sie erkannt
Jedermann hüte sich zu versprechen was er nicht zu halten vermag und zumeist
hüte sich wer die Krone trägt Doch glaube mir Geselle keinem wird schwerer
auf seinem Wort festzustehen als dem Könige wenn er ein Löwe bleiben will in
dem Reich gefrässiger Tiere Niemand weiß es und niemand glaubt es wie dem
König sein verpfändetes Wort und sein redlicher Wille zu einer Todesgefahr
werden in späteren Tagen Durch die Treue die er anderen erweist schafft er
sich Untreue Wer heute sein Freund ist wächst morgen sobald er Gut und Gabe
erhalten hat zu seinem Gegner Jeder begehrt Macht und je größer seine Macht
wird desto höher steigt seine Begehrlichkeit Wahrlich wie ein verächtlicher
Tänzer schwankt der König auf dem Seil und die Arme welche er ausstrecken muss
um Gleichgewicht zu bewahren heißen List und Gewalt Jammervoll wäre seine
Aussicht nach dem Tode wenn ihm nicht gelänge den Himmelsherrn wieder zu
versöhnen durch Demut und fromme Werke Dass Gutes aus dem Übel komme das ist
des Königs geheimer Trost« Er stützte das Haupt in die Hand und sah traurig vor
sich nieder
Ein Reiter jagte heran ein zweiter und dritter »Sieh auf König« rief
sein Begleiter »dort hinten blinken die Speereisen in der Sonne Krieger sind
es des Gerhard oder der Babenberger deine Wächter fahren nach rückwärts Führt
die Rosse her« gebot er »Hoffen die Toren zum zweitenmal einen Schatz zu
fangen Sie sollen nichts gewinnen als harte Schläge«
Auf die Ruhe in der Landschaft folgte wilde Bewegung die flüchtigen Reiter
sammelten sich vor dem Könige am Hoftor stampften die herausgeführten Pferde
der König beobachtete noch immer einen Trupp Feinde welcher die Wurfspeere
schwenkend heranjagte »Geringe Ehre wäre es für den König mitzukämpfen«
mahnte der Vertraute Heinrich nickte gleichmütig und schwang sich auf sein Ross
während aus der Ferne gellender Kriegsruf erscholl
Immo sah mit pochendem Herzen und strahlenden Augen auf den Feind er band
sich den Eisenhut fest rückte den Schild am Arme zurecht wirbelte den Speer
und wollte zu den Wachen sprengen welche sich gegen den Feind ordneten Da fiel
eine Hand schwer in die Zügel seines Pferdes neben ihm hielt der große
Kriegsmann ein glühender Blick aus Augen die er wohl kannte bannte ihn fest
und eine Stimme deren Ton ihm tief in das Herz drang befahl »Zurück«
»Mein Oheim Gundomar« rief der überraschte Jüngling und trieb unwillkürlich
sein Pferd mit einem Sprung zur Seite »Es ist mein erster Kampf wie darf ich
umwenden«
»Wohl hättest du verdient dass jene dort dich schnell auf den Rasen legen
Dennoch gehorche Knabe« und der Oheim riss ihm das Pferd herum schlug es mit
der Speerstange und beide stoben nebeneinander hinter dem Könige her der mit
wenigen Begleitern flüchtig voranritt Immo fuhr dahin wie im Traum zuweilen
sah er verstohlen auf die düstere Gestalt des gewaltigen Reiters der an seiner
Seite jagte »Wende dein Haupt nicht rückwärts« befahl Gundomar kurz »achte
auf den Zügel dein Pferd hat heut mehr Meilen gemacht als dir frommen wird
und jene folgen auf auserwählten Rossen«
»Mich kränkts Oheim dass ich davonreite«
»Ich meine andere kränkst du dass du im Felde reitest« klang es von dem
anderen Rosse zurück und weiter ging es Hügel hinauf und hinab Die Sonne
brannte die Luft wehte scharf an die Wangen Immo hörte hinter sich Rosse
schnauben und sah den Hauptmann mit dem er gerungen hatte blutend und
staubbedeckt an der Seite seines Oheims Dieser wies auf die Niederung vor
ihnen durch welche ein Bach mit Erlen und Weidengebüsch umwachsen dahinrann
»Du kennst die Furt sammle dahinter die noch schlagen können und stelle dich
noch einmal gegen die Feinde wollen sie durchschwimmen so finden sie die Ufer
steil ihr reitet im Vorteil Fahre wohl Bernhard wer übrigbleibt sorge
dafür dass er seine Gesellen aus dem Fegfeuer löse ich gedenke deiner Seele
tue mir dasselbe« Er winkte mit der Hand der Reiter blieb zurück sie tauchten
in das Wasser der weiße Schaum hing sich an ihre Kleider Der Oheim riss das Ross
des Neffen an wegsamer Stelle das steile Ufer hinauf und wieder ging es
vorwärts in gestrecktem Lauf Hinter ihnen klang stärker der Ruf der Verfolger
darauf ein Gegengeschrei der Königsmannen und Getöse des Kampfes Als sie wieder
eine Anhöhe erreicht hatten sah Held Gundomar nach rückwärts Freund und Feind
jagten wild gemengt in geringer Entfernung nach vor ihnen durchritt der König
die Furt eines anderen Baches weiter vorn hob sich ein steiler Berghang mit
dichtem Fichtenholz bewachsen »Hinter dem Harzwald findet er Rettung« sagte
der Ohm zu sich selbst und ritt voran in den Bach Am anderen Ufer gebot er
»Nur wenige Verfolger sind dem Haufen voran mache die Kehre zum Anlauf« Er
wandte sein mächtiges Streitross im Bogen und fuhr von der Höhe herab den Feinden
entgegen welche aus dem Bach auftauchten Behend folgte Immo seinem Beispiel
Als er den feindlichen Reitern entgegenritt ergriff ihn der Kampfzorn seines
Geschlechtes er hörte seinen Oheim das Kyrie eleison mit schmetternder Stimme
rufen auch er rief sein Hara und Ross und Reiter schlugen gegeneinander Ihn
umgab ein wilder Wirbel von Männern welche aus dem Wasser emporrangen von
springenden Rossen und gehobenen Armen Er warf seinen Speer und traf mit dem
Schwert die Streiche dröhnten von den Schilden und Helmkappen In der geröteten
Flut des Baches sah er sinkende Krieger und ledige Rosse an seiner Seite fand
er den treuen Brunico wacker dreinschlagend mit blutigem Haupte Und er vernahm
wieder die donnernde Stimme seines Oheims »Wendet nach rückwärts« Da tauchte
er schnell zu Boden riss dem Manne den er gefällt hatte seinen Speer aus der
Wunde und die geborgene Waffe mit Jauchzen über dem Haupte schwenkend sprengte
er hinter dem Oheim die Berglehne aufwärts bis zu einer Stelle wo ein Hohlweg
den steilen Abhang durchschnitt Dort stieg Gundomar ab und gebot ihm durch eine
Handbewegung dasselbe zu tun dem Brunico aber winkte er die keuchenden Rosse
weiter hinaufzutreiben »Hierher habe ich dich geführt weil du aus edlem
Geschlechte bist und hier ist das Tor an dem du halten sollst bis du fällst«
befahl der Oheim mit düsterer Miene »denn Helden sehe ich gegen uns reiten und
kein anderer Pfad führt zum König als über unsere Leiber Stehe als erster in
dem Wege Nimmer meinte ich dass die Heiligen mir zur Busse meiner Sünden
auferlegen würden dich zu rächen doch heut will es das Schicksal so fügen« Er
trat auf einen Stein wo seine mächtige Gestalt weit erkennbar ragte und
stellte den Schild an seinen Fuß
Aus der Tiefe sprengten feindliche Reiter »Weiche abwärts Graf Ernst«
rief Gundomar ihrem Führer entgegen »fruchtlos war dein Jagdritt mein Schild
sperrt dir die Wildbahn«
Graf Ernst sprang vom Rosse und zuckte die Schildfessel am Arme zurecht
»Drei Zäune deiner Speerreiter habe ich durchbrochen meinst du dass der letzte
mich aufhält Behende versteht dein König zu fliehen seine Helden haben
gelernt mit den Beinen zu kämpfen den Rücken bieten sie willig unseren
Speeren«
»Vergebens suchst du mich zum Streite zu locken« rief Gundomar entgegen
»Ich denke daran dass wir einst in der Fremde Kampfgenossen wurden als dein
Schild den Tod von meinem Haupte abwehrte«
»Ich meide dich solange ich andere Beute finde tue du dasselbe« rief der
Babenberger Er hielt den Schild über sein Haupt und sprang die Bergsteile wie
ein Raubtier hinauf gegen Immo Als dieser den gefürchteten Helden erkannte den
er einst im Kloster gesehen hatte hob sich sein stolzer Mut und er trat ihm
entgegen Die Speere der Helden flogen und beide hafteten an den Schilden Sie
zogen die Schwerter und tauschten blitzschnelle Schläge dass die Funken an Helm
und Schildrand sprühten Erprobt war die Kraft des Grafen aber der Arm Immos
schlug stärker von der Höhe abwärts
Die Krieger welche dem Grafen folgten zauderten kurze Zeit und sahen auf
den Kampf der beiden Helden dann warfen sie sich gegen die anderen Wächter des
Bergtors und Gundomar rang gegen sie wie ein Eber gegen die Hunde
Mehr Feinde sprengten heran auch gegen Immo rannte ein zweiter ein
dritter Immo erhob seine ganze Kraft wider den Grafen zu wildem Sprunge er
schmetterte mit dem Schwert in den Helm und drückte den Schild gegen den Leib
des Feindes dass dieser wankte Da traf ihm selbst ein geworfener Streitkolben
das Haupt so dass er zurückfuhr und auf den Weg sank Aber in demselben
Augenblick sprang Brunico über ihn und hielt seinen Schild den Markgräflichen
entgegen von der Höhe drang ein Trupp Reiter in den Hohlweg und aus dem Gewühl
der Männer und Rosse vernahm Immo die scharfe Stimme des Königs »Ergreift den
Verräter« Talab wogte der Kampf und aus der Tiefe erscholl freudiges
Kampfgeschrei der Königlichen Als Immo allein lag fühlte er dass ihn ein Fuß
unsanft berührte und als er halb bewusstlos aufsah glaubte er das Antlitz
Gundomars über sich zu erkennen und zwei Augen welche mit kaltem Hass auf ihn
starrten danach verlor er die Besinnung
Der König hielt auf dem Wege säuberte sein blutiges Schwert an den Haaren
des Rosses und rief lachend Gundomar zu »Der Bösewicht Ernst ist gefangen und
diesmal entgeht er schwerlich der Rache des Königs Du aber sollst meine
Geschwindigkeit loben denn ich kam zur rechten Zeit um dich herauszuhauen« Er
blickte auf den liegenden Immo »In fröhlichem Jugendmut zog er heran kurz war
der Waffendienst des Treuen«
»Das Leben des Königs zu bewahren tauschte er Schläge mit einem Helden
Sein Ausgang war rühmlicher als er hoffen durfte« versetzte Gundomar finster
Da rief Brunico der auf dem Boden saß und das Haupt des Gefällten im Schoße
hielt unwillig »Wenig frommt ihm der Unkenruf kaltes Wasser wäre ihm
dienlicher Ich meine er soll noch manches Jahr leben anderen zur Freude oder
zum Ärger je nachdem sie sind«
Der König beugte sich über den Liegenden »Du sorge für ihn« befahl er dem
Knappen »im Ring meiner Leibwache soll ihm das Lager bereitet werden« Der
Haufe ritt dem Lager zu in seiner Mitte die schwertlosen Gefangenen Auf einer
Trage aus grünen Zweigen wurde Immo von Reisigen des Königs im Walde geborgen
Als er aus der Betäubung erwachte fand er sich in einem Zelt auf weichem Lager
unter den Händen des jüdischen Arztes welchen der König gesandt hatte mit
lautem Heilruf begrüßt von seinem treuen Gespielen
Im Zelt des Königs mahnte Gundomar mit der Sorgfalt welche einem vertrauten
Diener wohl ansteht »Heiss war der Tag auch für den König und Ruhe wünsche ich
ihm heut für Seele und Leib«
»Du freilich ruhst nach deinem Heldenwerk« versetzte Heinrich »du
verbindest die Wunden siehst in die Abendsonne und freust dich der Streiche
die du ausgeteilt Der König aber setzt sich auf den Sorgenstuhl und beginnt die
kleine Arbeit welche ihr Helden verachtet Führt den Reisigen des Thüring Immo
herein«
Brunico wurde eingeführt er trug den Kopf verbunden und neigte sich
schwerfällig an der Tür
»Auch du hast dir erworben was die Leute lieber an anderen rühmen als
selbst nach Hause zu tragen« begann der König und wies auf das blutige Tuch
»Die Eisenkappe hielts nicht aus der Schädel ertrugs« versetzte Brunico
zufrieden
»Wo liegt Heriman der Goldschmied« fragte der König
»Auf unserem Karren zwischen den Mehlsäcken«
»Wer ist bei ihm«
»Ich hoffe niemand außer meinen Gesellen vom Moor und von den Bergen des
Immo«
»Vermagst du den Heriman durch die Späher des Feindes hierherzuschaffen«
Brunico rechnete »Von Mittag bis zur Vesper ruhig getrabt von da bis zum
Abend mit dem Herrn König wie die Hasen gelaufen beträgt zusammen eine gute
Tagfahrt südwärts Dennoch habe ich Vertrauen soweit man im Walde
zurückschleichen kann denn wir verstehen uns auf die Listen im Holze«
»Erzähle mir wie du den Heriman fandest«
Brunico holte mehrmals Atem und wischte mit dem Ärmel an seinem Eisenhut
denn lange Rede war ihm unlieb Endlich begann er »Als mein Gespiele im
Idisberg auf die Sommerlinde stieg dachte ich er könnte herunterfallen denn
diese Art Holz ist brüchig Deshalb legte ich mich an die Mauer ihm
beizustehen«
»Was soll die Rede« fragte der König »wer ist dein Gespiele«
»Derselbe Immo welchen der Herr König kennt«
»Bist du nicht sein Dienstmann«
»Ein Freier bin ich aus dem Moor und freiwillig begleite ich ihn«
»Seltsamen Ritterbrauch übt man in deiner Heimat« spottete der König zu
Gundomar gewandt »Weshalb stieg Held Immo auf die Linde«
»Weil etwas darunter war« versetzte Brunico mit schlauem Augenzwinkern
»Schwert oder Spindel« fragte der König
»Spindel« bestätigte Brunico
Der König nickte »Daher die Schweigsamkeit des Jünglings«
»Wie ich so an der Mauer herumschlich vernahm ich dass die Fechter des
Grafen in einem Erdloch miteinander zankten wegen der dreizölligen Wunden
welche der König an ihnen sehen will«
»Wie« fragte der König »was habe ich mit den Fechtern des Grafen zu tun«
Aber Brunico der froh war jetzt aus seinem Gedächtnis die Rede eines
anderen herauszuholen fuhr herzhaft fort »Ich selbst vernahm dass der König
die fahrenden Leute missachtet insbesondere die Weiber welche im Tanzen ihr
Gewand abwerfen Ja man sagt dass ihm alle Weiber verleidet sind Aber die
Kämpfer beachtet er Darum fordert Graf Gerhard dass seine Fechter vor dem
Könige kämpfen sollten dagegen forderten wieder die Fechter eine Begabung Als
ich so über ihnen lag hörte ich sie weiterhin von den Waren sprechen welche
sie für ihren Herrn von einem Kaufmann geraubt hatten Das verkündete ich dem
Helden Immo als er sich zu mir fand wir berechneten die Zeit und suchten die
Spur der beiden Räuber nicht lange so fanden wir den Heriman den mancher von
uns kannte Immo verband die Wunden wie er im Kloster gelernt hatte wir luden
den Heriman auf unseren Wagen brachen auf sobald der Morgen graute und
schlugen uns südwärts in die Wälder Immo aber harrte mit einigen der
schnellsten Knaben als Späher im lichten Holz wohin sich Graf Gerhard wenden
werde Ich blieb unterdes bei den Karren und dem Heriman«
Der König nickte »Du hast alles treulich berichtet Sorge Gundomar dass
Kundschafter ihn begleiten die mit den Waldwegen Bescheid wissen« Er winkte
Entlassung aber Brunico stand unbeweglich und glättete aufs neue an seinem
Eisenhut »Was begehrst du noch« fragte der König
Brunico überlegte »Auch gibt es noch eine Geschichte von einem Bündel
welches mir Heriman für den Herrn König anvertraut hat«
Heinrich sprang auf und packte den Arm des Türings »Wo ist die Botschaft
wo ist das Bündel«
Brunico sah den König gekränkt an »Behalten will ichs nicht« Er wandte
sich vom König ab und arbeitete mit den Händen längere Zeit innerhalb seines
Panzerhemdes endlich brachte er eine kleine Ledertasche heraus »Sie soll für
den Herrn König aber mein Gespiele weiß noch nichts davon« sagte er und sah
zweifelnd auf die Tasche
Heinrich riss sie ihm aus der Hand öffnete und rief Gundomar zu »Die Briefe
sind es aus Magdeburg und dem Sachsenland lange ersehnt und glücklich geborgen
So ist doch unsere Fahrt gelungen und auch du hast die Stöße nicht vergebens
erhalten Lass mich allein und diesen nimm mit dir er hat guten Botenlohn
verdient«
Als die Nacht über dem Heerlager heraufstieg Männer und Rosse ermüdet
schliefen und die Lagerfeuer niedrig brannten sah man noch immer im Zelt des
Königs das brennende Licht und Schatten seiner Boten welche herzu und
hinauseilten
Vor der Festung
Im Ringe um das Königszelt wachten die Bogenschützen Immos denn der König
hatte um die kleine Schar zu ehren ihr neben seinen Bayern den Schutz des
eigenen Leibes anvertraut Zwei von ihnen hielten die Speerwache am Eingang des
Zeltes die anderen saßen nach altem Brauch den Bogen in der Hand den Pfeil an
der Senne in weitem Kreise umher und wechselten nur kurze Worte mit gedämpfter
Stimme Immo stand nahe dem Zelt und schaute mit lebhaftem Anteil in das Tal vor
seinen Füßen auf die Mauern und Türme der großen Feste von welcher das Banner
des Babenbergers trotzig gegen das Königszelt wehte Der Mauerring war vor alter
Zeit durch Sorben oder Böhmen im verwüsteten Grenzland errichtet worden und die
Babenberger hatten ihn mit ihrer besten Kunst erhöht so dass er jetzt die
stärkste von allen Burgen des Markgrafen war Darum hatte dieser seine Gemahlin
seine Kinder und Schätze darin geborgen viele seiner besten Helden
hineingesetzt und seinen eigenen Bruder als Befehlshaber Gegen die Burg war der
König wie ein Sturmwind hereingebrochen und hielt sie mit eisernem Griff
umklammert Seine Heerhaufen lagen unter ihren Bannern rings um den Bach der in
seinen Armen die Festung einschloss die Hütten und Zelte füllten den Talrand und
zogen sich an den Hügeln hinauf Lange Züge von Gespannen führten Fichtenstämme
aus den Wäldern heran und Scharen von Zimmerleuten fügten das Holz zu hohen
Türmen von denen die Bogenschützen gegen die Verteidiger der Mauer kämpfen
sollten Hier und da ragte ein Sturmbock aus dem Haufen der Arbeiter das
Holzgerüst in welchem an starker Kette ein mächtiger Baumstamm hing der von
hinten nach vorn geschwungen auch festen Mauern das Gefüge zerbrach Von allen
Seiten erscholl kriegerisches Getöse zu dem Schlag der Äxte und Hämmer Hornruf
trieb die Arbeiter zum gleichzeitigen Heben der Lasten und einzelne Heerhaufen
zum Ausschwärmen oder zum Rückzug Längs dem Wasser lagen hinter Holzschirmen
oder in der Deckung welche der Boden gab behende Bogenschützen welche ihre
Pfeile nach jedem Haupt und Arm richteten die sich über die Mauerbrüstung
erhoben Gegen die Schützen fuhren von oben geschleuderte Speere und Steine
zuweilen wenn ein größerer Haufe näher herandrang flog ein spitzer Baumpfahl
oder ein Felststück aus der Standschleuder des Turmes Dann erscholl ein heller
Warnungsruf und der Haufe stob auseinander doch wer getroffen wurde blieb
zerschlagen am Boden
Immo trat schnell zurück und grüßte den Speer senkend als der große
Erzbischof Willigis von Mainz der mächtigste Herr nach dem Könige begleitet
vom Kanzler aus dem Zelte trat »Oft sah ich Helden in der Blüte des Lebens
niedergemäht vom Schwert der Feinde oder durch den Willen der Könige« begann
der Erzbischof »und mir scheint wer sich am herrlichsten erhebt den wirft das
Geschick am tiefsten Dennoch traure ich über den Fall des Ernst von Östreich
denn gleich einem wonnigen Frühlingstag erschien sein Leben dem Volke Aber der
König fühlt kein Erbarmen«
»Ihr kennt ja selbst unseren Herrn ehrwürdiger Vater« versetzte der
Kanzler »er ist mild wenn er vertraut aber wo er sich rächt begehrt er die
Vernichtung«
Der Erzbischof mahnte seinen Begleiter durch einen Blick auf Immo zu
schweigen der Kanzler wandte sich grüßend an den Jüngling »Du siehst Held
Immo dass der Brief deines Abtes dir eine gute Stätte bereitet hat ich freue
mich dass der König gegen dich huldvoll gesinnt ist Auch ich habe wohl
Günstiges zu ihm gesprochen und wenn du eine Gelegenheit findest mir gute
Dienste zu tun so hoffe ich du wirst es an dir nicht fehlen lassen«
Das Zelt öffnete sich wieder von Gundomar und Wächtern begleitet trat Graf
Ernst in das Freie Er hatte sein Todesurteil empfangen aber er trug sein Haupt
hoch und grüßte mit würdiger Haltung die geistlichen Herren Da begegnete sein
Auge dem Blick Immos welcher ihn mit Bewunderung und Trauer betrachtete
schnell trat er auf ihn zu und begann »Ich kenne dich wohl Held dein
Schwertschlag war es der mir die Kraft lähmte wo ich ihrer am meisten bedurft
hätte und du bist es der mein Haupt unter das Urteil eines strengen Richters
gebeugt hat Aber willig rühme ich heut dass du mannhaft gegen mich gestanden
hast Es war ehrlicher Kampf ohne Groll scheide ich auch von dir« Und er bot
ihm die Hand
Immo hielt die Hand fest und antwortete bewegt »Oft wenn ich von Euren
ruhmvollen Taten vernahm dachte ich dass es mein größtes Glück sein werde
dereinst im Schwertkampf an Eurer Seite zu stehen Jetzt rührt es mein Herz dass
es diese Waffe war die Euch im letzten Kampfe traf und willig wollte ich die
teure Ehre dahingeben wenn ich Euch dadurch retten könnte«
»Hilfe für mich ist nur noch beim Himmelsherrn« versetzte der Graf mit
einem Blick auf den Erzbischof »dir aber mögen die Heiligen besseres Erdenglück
zuteilen als ich empfing« Mit gehaltenem Gruß wendete er sich ab
Gundomar aber begann unfreundlich gegen Immo »Dem Helden stand wohl an
dich mit Worten zu ehren dir aber rate ich zu bedenken dass ein günstiger
Schwertschlag noch keinen zum Helden gemacht hat«
»Ich traf so gut ich vermochte und denke dasselbe gegen jeden zu tun der
mir feindlich entgegentritt« entgegnete Immo
»Auch der Grashalm steigt üppig empor wenn ihn die warme Sonne bescheint
der erste Wetterregen schlägt ihn zu Boden« spottete Gundomar
»Nicht Eure Freundschaft hob mich empor als ich auf dem Boden lag«
versetzte Immo
Als die beiden Helden einander gegenüberstanden mit blitzenden Augen und
geröteten Wangen da sahen die Anwesenden mit Staunen wie gleich sie einander
in Antlitz und Gebärde waren beide hochragende Gestalten mit breiter Stirne und
starken Augenbrauen mit gewölbter Brust und starken Gliedern voller und heller
ringelte sich das Haar Immos in den dunkleren Locken Gundomars schimmerten
einzelne Silberfäden aber an Haltung und Gebärde glichen sie einander wie
Brüder ähnlich klang sogar der Ton ihrer Stimme
»Verzeiht ehrwürdiger Vater« wandte sich Gundomar zum Erzbischof »dass
leerer Wortwechsel in Eurer Gegenwart laut wurde Mir ist das Gemüt beschwert
durch das Los eines edlen Waffengefährten«
»Leicht eifern die Helden gegeneinander« versetzte der Erzbischof
rücksichtsvoll »auch wenn sie von einem Geschlechte sind Bei der Not des einen
denkt der andere doch was seiner Ehre geziemt«
Während Immo den abwärts Schreitenden finster nachblickte sah er vor sich
zwei Zeigefinger übers Kreuz gelegt und hörte nahe an seinem Ohr die fragenden
Worte »Es tu scolaris« Dies war der vertrauliche Gruß woran die lateinischen
Schüler im Lande einander erkannten und der ihn so begrüßte war der König
Ehrerbietig trat er zurück und neigte die Waffe »Ich höre dein Oheim sähe dich
lieber im Kloster als im Heerlager«
»Ich bin ihm verleidet« antwortete Immo »und ich sorge dass sein übler
Wille mir die Huld des Herrn Königs mindere«
»Das besorge nicht« versetzte Heinrich trocken »Zudem magst du wissen dass
Held Gundomar seine Feinde lieber ins Antlitz schlägt als hinterrücks angreift
und soll ich dir Gutes raten so meide seine Nähe wenn er die Brauen grimmig
zusammenzieht wie er manchmal tut Doch ein anderer Held hat dir wie ich
vernahm besseres Lob gespendet« Er wies nach dem Wege auf welchem Graf Ernst
zwischen den Wächtern ging »Gräme dich nicht dass du den Spielleuten ihren
Helden genommen hast denn er ist einer von den Recken welche durch das Lied
müßiger Gesellen gefeiert werden selten aber durch das Lob bedächtiger Männer
Sie werfen ihren Handschuh hierhin und dorthin und kämpfen wie Bären um eine
hohle Nuss unbekümmert ob Land und Leute darüber zugrunde gehen Darum gleicht
auch ihr Ruhm der lodernden Schindel welche beim Hausbrande fliegt wie gerade
der Wind sie treibt bis sie am Boden flackert und in Finsternis verlöscht«
»Verzeiht Herr« versetzte Immo demütig »wer unter dem Helme reitet wie
mag der den Stolz auf große Taten entbehren«
»Der Weise aber nennt eine Tat nicht darum groß weil sie mit schwerer Lanze
und starkem Arm vollbracht wird sondern weil sie großen Nutzen bereitet
Vieles was leise ins Ohr geraunt wurde schuf besseren Segen als der wildeste
Sprung über die Heide«
»Dennoch verzeihe mir der König wenn ich sage wenige werden freudig das
Schwert schwingen und in den Feind reiten wenn ihnen nicht die Ehre die sie
gewinnen der liebste Schatz auf Erden sein darf«
»Du denkst ganz wie die Laien« schalt der König »ich traute dir bessere
Einsicht zu Da du aber im Kloster warst solltest du gelernt haben dass es
höhere Siege gibt als mit Schild und Schwert indem man die Seelen der Helden
und der anderen begehrlichen Menschen bezwingt damit man ein Herr wird über
sie«
»Das ist das Amt des Königs« antwortete Immo »Ich habe gehört dass der
große Kaiser Karl der König Etzel und andere gewaltige Herren von denen die
Sage kündet sich ausdachten was ihnen nützen könnte und dann ihre Helden
sandten damit sie es vollbrächten zu dem einen Werk die Klugen zu dem anderen
die Starken und dass sie jeden zu gebrauchen wussten wozu er diente
Ich aber bin nur einer der dem König mit seinem Schwerte dienen will Und
ich begehre die Ehre eines Helden welche mir gebietet meine Genossen
liebzuhaben und mich an meinen Feinden blutig zu rächen Ob die Rache auch zum
Amt eines Königs gehört das weiß ich nicht«
Heinrich sah ihn mit großen Augen an »Immo tu es scolaris Du bist weit
schlauer als ich dachte Was willst du mir zu verstehen geben Fahr fort«
»Herr« sprach Immo kühn »als ich den Grafen Ernst abwärts führen sah da
fiel mir aufs Herz ein hochgesinnter Held wie dieser vermöchte dem König wohl
noch seine Treue durch gute Dienste zu erweisen Denn sie sagen dass er nur
deshalb in Empörung und Unglück gekommen ist weil er dem Hezilo als
Anverwandter die Treue gehalten hat«
»Dem König aber hat er die Treue gebrochen« rief Heinrich
»In Zukunft könnte er wohl dem König allein nützen denn des Königs Würde
versteht wie man die Seelen der Helden und der anderen begehrlichen Menschen
zwingt damit sie gehorsam dienen«
»Hat Sankt Wigbert dir so gut die Zunge gelöst« fragte der König »dass du
sie gegen mich für einen Verräter zu gebrauchen wagst«
Immo beugte das Knie »Mit dem Schülergruss wurde ich angerufen habe ich zu
dreist gesprochen so möge die Gnade des Königs mir verzeihen«
Der König nickte »Du hast recht und ich werde mich hüten dir noch einmal
das Fingerkreuz zu zeigen damit du mir nicht wieder eine Lektion hersagst« Und
als Immo ihn bittend ansah fuhr er mit Königsmiene fort »Sei ruhig Hauptmann
ich zürne dir nicht«
Reisige sprengten herauf im Lager erhob sich Geschrei und Getümmel ein
donnernder Jubelruf wälzte sich von Haufen zu Haufen durch das ganze Heer Unter
dem Geleit einer riesigen Schar wurde ein langer Zug von Heerwagen und beladenen
Lasttieren durch das Lager geführt und nahe dem Bach den Belagerten sichtbar
rund um die Festung bis zur Höhe des Königs Das war der Schatz den der Held
des Markgrafen gefangen und den der König zurückgewonnen hatte nachdem er die
Burg des Magano eingenommen Jetzt wurde der Schatz im Triumph durch das Lager
geführt die Krieger zu trösten und die Feinde zu entmutigen Die Augen des
Königs leuchteten als sie dem Zug der Wagen folgten und sich noch einmal zu
Immo wendend schloss er »Suchst du gleich Ehre und nicht Gold ich hoffe doch
es soll auch für dich etwas Glänzendes herausgehoben werden wenn der König
seine Treuen belohnt« Er ging dem Erzbischof entgegen welcher dem Zelte des
Königs zuschritt
Als die Sonne sank zog eine Schar breitschultriger Bayern mit Stiernacken
und großen Häuptern heran die Königswache zu halten Immo wechselte mit dem
Führer den Gruß löste seine Knaben von ihren Plätzen und führte sie zu der
Stelle des Lagers wo sie sich aus Fichtenzweigen die leichten Hütten erbaut
hatten Während die Thüringe das Feuer anzündeten um ihr Mahl zu bereiten warf
er selbst einen dunklen Mantel über den Soldschmuck seiner Rüstung zu
verdecken vertauschte seinen Helm mit der leichten Eisenkappe eines Gefährten
und eilte ins Freie Rings um die Festung brannten die Lagerfeuer zwischen den
rötlichen Flammen und den weißen Rauchsäulen schritten die Krieger wie dunkle
Schatten hin und her Auch über der Festung schwebte eine rote Dampfwolke
welche verriet dass die Belagerten nach den Gefahren des Tages für die ermüdeten
Leiber sorgten
Immo durchschritt die letzten Lagerreihen der Königsmannen beantwortete den
Ruf der Wachen und trat in das offene Land welches dunkel und still vor ihm
lag Nur an einer Stelle wirbelte weit abseits vom Lager ein feuriger Dampf
dessen Flamme in der Tiefe verborgen war Dorthin eilte Immo Von der Höhe
blickte er über eine Erdsenkung in welcher eine Anzahl Laubhütten und Zelte
unordentlich durcheinanderstand Saitenspiel und Gesang und das Geschrei
Trunkener tönten zu ihm herauf Männer und Frauen glitten an den Feuern vorüber
und schlüpften von einer Hütte in die andere Dort war das Lager der fahrenden
Leute welche als Sänger und Fiedler als Tänzer und Gaukler dem Heere folgten
um die Krieger in den müßigen Stunden zu ergötzen und ihren Anteil an der Beute
zu gewinnen Übel berüchtigt war die Stelle denn die Wanderer welche dort
hausten waren aller Ehre bar und wurden durch kein Recht geschützt nur durch
die Gunst mächtiger Helden welche sie zu gewinnen wussten Als Immo in das
Gewirr der Hütten und Feuerstellen eindrang wurde der Lärm und das Gewühl
lästig und er zog seinen Mantel dichter zusammen Bezechte Krieger schrien ihn
an buntgekleidete Weiber boten ihm lustigen Gruß ein riesiger Bär der an
einen Pfahl gebunden war zerrte brüllend an seiner Kette die Fiedel klang und
das Sackrohr brummte in einer Hütte schwang sich umdrängt von einem Haufen
Gewappneter eine zierliche Dirne in hohen Sprüngen durch die Luft in einer
anderen saß ein Spielmann sang mit melodischem Tonfall ein Lied von den Taten
vergangener Helden und riss dabei kräftig die Saiten der kleinen Harfe neben
einem großen Feuer sprang ein schlauäugiger Gesell umher welcher schnurrige
Lügengeschichten erzählte und wenn die Zuhörer laut auflachten mit dem Becher
herumlief damit man ihm Silberblech spende Endlich kam Immo zu einem Zelt
welches inmitten der anderen recht ansehnlich stand mehr gute Rosse waren
daneben angepflöckt und darüber wehte ein Banner auf dessen Tuch zwei
gekreuzte Pfeile sichtbar wurden
In der Zelttür saß Wizzelin ein kräftiger Mann von mittleren Jahren mit
klugem Gesicht er trug ein zierliches Gewand von zweierlei Tuch die eine
Hälfte rot die andere grün um den Hals eine Goldkette am Armgelenk einen
dicken Goldring Er gebot dem Lager als Hauptmann und schlichtete gerade einen
Streit zweier Genossen welche zu beiden Seiten eines Esels standen »Frei lief
der Esel« entschied er lachend »und zu gleicher Zeit packte ihn Gozzo am
Schwanz und Bezzo am Ohr und jeder meint dass darum der Esel ihm gehöre Beide
habt ihr Unrecht geübt denn ihr habt einander ärgerlich gescholten der
Fahrende aber gewinnt nur durch Lachen sein Recht und seine Beute Dem Esel
vollends habt ihr die Ehre gekränkt denn da er als Freier lief hat er das
Recht sich seinen Herrn zu wählen« Er wies auf einen Distelstrauch zur Seite
»Jeder von euch nehme eine Blüte des wehrhaften Krautes in die Hand dann haltet
beide die Fäuste vor den Helden wessen Kraut er frisst dem will er sich
angeloben« Die Männer lachten und nickten und Gozzo führte siegreich den Esel
zu seiner Hütte
Jetzt erst erhob sich Wizzelin der seither Immo nur durch einen Seitenblick
begrüßt hatte mit tiefer Verneigung führte er ihn in das Zelt zündete einen
langen Kienspan an den er in den Boden steckte und schloss den Eingang durch
eine vorgezogene Decke »Sprecht leise« sagte er »denn meine Kinder sind treu
aber neugierig Viele Augen sehen nach dem stattlichen Helden und suchen die
Geldtasche unter seinem Mantel«
»Sie öffnet sich gern für dich« versetzte Immo danach greifend
»Lasst noch« riet Wizzelin »ich will die Gabe erst verdienen Auch für Euch
ersehne ich den Tag wo die Kriegsbeute ausgeteilt wird und die Scharen der
Helden heimwärts ziehen Ich selbst werde froh sein wenn ich wieder in die Höfe
meiner Thüringe reite Denn hier schwebt ein Geier über uns und unsicher
schlagen wir mit den Flügeln«
»Doch merke ich du hast auch hier Gunst gewonnen« antwortete Immo
lächelnd »ich sah im Vorübergehen manchen ansehnlichen Kriegsmann in deinen
Hütten«
»Einem aber sind wir Fahrende verhasst« bekannte Wizzelin zutraulich »Kein
Mönch ist so unhold gegen mein Volk als der König und wenn es auf meinen Willen
ankäme so wäre ich drüben beim Heere des Babenbergers wo die Mehrzahl meiner
Genossen weilt und weit besser geehrt wird«
»Willst du deine Kinder in den Mauern der Festung bergen Ungern erträgt
wie ich höre dein Volk die Not einer belagerten Burg«
»Vielleicht finden wir das Lager des Hezilo an einer anderen Stelle«
antwortete der Spielmann
»Weißt du wo« fragte Immo schnell
Wizzelin schüttelte das Haupt »Wir Friedlosen Herr singen und sagen nicht
alles was wir wissen und vergebens wäre es aus uns herauszulocken was wir
nicht gestehen wollen Eins aber sage ich Euch unser Lied wird den König
Heinrich selten rühmen und seit er das Urteil gefällt hat über den Grafen
Ernst ist das fahrende Volk ihm feind und der König mag sich vor der behenden
Zunge meiner Kinder hüten wie ein Ross vor einem Schwarm Hornissen« Und
bedeutsam setzte er hinzu »Auch der Held welcher in seinem Heer Ehre gewinnt
mag sich hüten ihm zu vertrauen denn kalt und hart ist er wie Stahl«
»Ist dir der Markgraf lieber wie kommts dass du bei uns lagerst und nicht
beim Hezilo«
»Ihr selbst wisst einen Grund dass ich hierhergesandt bin andere behalte ich
für mich Auch der Spielmann denkt zuweilen dass es sein Vorteil ist dem Sieger
zu folgen«
»Sei gelobt Wizzelin dass du für uns den Sieg hoffst« rief Immo
»Noch ist er nicht erkämpft« versetzte der Spielmann »Hütet Ihr Euch nur
dass Ihr Euren Anteil daran nicht verschlaft« Und leise setzte er hinzu »Soll
ich Euch Gutes raten so wandelt morgen und an den nächsten Tagen im Grase
bevor die Sonne aufgeht sammelt den Frühtau und streichet Euch damit die Augen
er hilft wie die Weisen sagen zu scharfem Gesicht«
Immo überlegte die Worte dann griff er schnell nach seiner Geldtasche
»Sage mir mehr Wizzelin«
»Ich tu es nicht« entgegnete der andere »auch nicht wenn Ihr versucht
mir die Augen durch Goldblech zu blenden« Er schob den Vorhang zurück und blies
auf einer kleinen Querpfeife einige schrille Töne ins Freie gleich darauf
vernahm Immo dasselbe Zeichen an mehreren Stellen des Lagers »Weshalb Ihr
kommt weiß ich ohne dass Ihr mirs sagt« setzte Wizzelin ernstaft die
Unterredung fort »den Gruß welchen ich Euch im Kloster lehrte hat mir noch
keines meiner Kinder zugetragen Darum ist meine Meinung dass Euer Geselle
dessen Botschaft Ihr erwartet nirgends weilt wo der Wind über die Halme weht
und ein Baum Schatten auf die Flur wirft sondern umschlossen von Stein und
Speereisen«
»Du meinst in einer Burg des Hezilo«
»Auch in den Burgen ziehen meine Kinder ein und aus Wenn aber eine Mauer
vom Feinde umringt ist so wird ihnen das Fahren gehemmt«
»Sie ist in der Festung die wir belagern« rief Immo erschrocken
Wizzelin lachte »Ihr werdet Euch behender auf die Mauer schwingen als Ihr
das hofft« Als er aber den Schrecken im Gesicht des Jünglings sah fuhr er
begütigend fort »Meinung ist nicht Gewissheit harret vielleicht kommt noch ein
Bote für Euch Das wollte ich Euch sagen Und jetzt öffnet die Tasche und gebt
mir meinen Sold denn jetzt werdet Ihr die Stücke nicht zählen«
Immo reichte dem Spielmann die Geldtasche »Nimm mir lass nur dass ich nicht
ganz leer bin bis ich die nächsten Beuterosse gewinne«
Wizzelin schüttelte sich die Hand voll Silber und senkte sie behende in sein
Gewand »Ich habe geteilt« sagte er die Tasche zurückgebend »Was ich Euch
ließ hole ich mir mit anderem wenn Ihr Euren Anteil an der Siegesbeute
empfangt Vergesst den Mantel nicht Ihr mögt ihn noch heut im Morgentau
brauchen Ich selbst begleite Euch bis an die Grenze meines Landes«
»Dein Land ist überall wo Menschen unserer Sprache wohnen« antwortete ihm
Immo zunickend »Wo ist die Grenze«
»Wo das Sandloch aufhört« versetzte Wizzelin »und wer weiß wie lange« Sie
durchschritten eilig das Lager die Feuer brannten wie vorher aber um die
Hütten war es stiller die Tänzerin war verschwunden der Lügenerzähler saß
allein und packte über einem Bündel nur wenige Kriegsleute saßen und lungerten
noch an den Zelten Doch um die Karren welche am Abhang in der Reihe standen
bewegten sich geschäftige Gestalten und im Aufsteigen sah Immo dass der Esel
welcher sich den Gozzo zum Herrn gewählt hatte an einen Karren geschirrt wurde
Immo dem die Angst um das Schicksal der Geliebten das Herz beklemmte begann
auf den bespannten Wagen weisend »Wie ein Wanderer in der Wildnis bin ich dem
sein Ross davonläuft Wann sehe ich dich wieder Wizzelin«
»Frage die Wolken und den Wind wohin sie schweifen aber nicht einen
Fahrenden« versetzte der Spielmann lachend Er neigte sich vor Immo und tauchte
zurück im nächsten Augenblick tönte wieder die scharfe Querpfeife
Auf dem Wege hielt Immo an und mühte sich aus dem Feuerkranz der um die
Festung loderte die Lager der einzelnen Heerhaufen zu erkennen In weiter
Entfernung war der Hügel auf dem die königlichen Zelte standen dort und
jenseits der Festung lagen bayrische Haufen weiter abwärts Schwaben Mainzer
und Fuldaer gerade vor ihm Herzog Bernhard mit seinen Sachsen Da nickte er
zufrieden und wandte sich schnellfüssig dem sächsischen Lager zu Bald
unterschied er hinter der langen Reihe flammender Feuer die starken Heerwagen
welche die Sachsen zu einer Wagenburg zusammengestossen hatten um dahinter wie
in einem Walle sorglos zu ruhen Von den Wachen angerufen wurde er auf sein
Begehr zum Zelt des Herzogs geführt Der Kämmerer kam unwirsch aus dem Zelt
»Wie mag ich meinen Herrn wecken« antwortete er auf die Forderung Immos
»Jämmerlich ist Bier und Met in Bayerland und mein Herr schöpft hier so üblen
Nachttrunk dass ich allen Heiligen danke wenn er nur erst eingeschlafen ist«
»Ist das die Meinung die du von deinem Herrn hegst du grober Waldgötze«
rief eine tiefe Stimme aus dem hinteren Zelt und ein Lederstrumpf kam gegen den
Rücken des Kämmerer herausgeflogen »Ich will wissen wer da ist Bist du es
Held Immo so tritt herein«
Der Kämmerer öffnete den Vorhang Immo erkannte beim matten Schein einer
Lampe den Herrn der mit einem Lodenmantel aus heimischer Wolle zugedeckt lag
und das gutherzige Gesicht ihm fragend zuwandte Er berichtete die Warnung
welche Wizzelin geraunt hatte und den plötzlichen Aufbruch der fahrenden Leute
»Sie wären nicht von ihren Feuerstellen gewichen wenn sie nicht besorgten dass
der Markgraf auf ihrer Seite angreifen wird«
»Schwerlich hat Hezilo die Spielleute zu seinen Vertrauten gemacht«
versetzte der Herzog kopfschüttelnd »Und wenn er kommen will so sind wir
bereits da Auch ist Hezilo ein Christ und ein ritterlicher Mann der seinen
Feind niemals anfallen wird während die Unholde der Nacht durch die Lüfte
fahren Und wäre er wie sein Vater war so würde er uns auch Tag und Stunde
vorher wissen lassen obwohl wir die Stärkeren sind Doch die jetzige Jugend
missachtet alte Bräuche zumal wenn sie ihr beschwerlich sind Darum war deine
Sorge unnötig«
»Vielleicht liegt der Markgraf uns so nahe« wandte Immo ein »dass er nicht
bei Nacht aber beim ersten Morgenschein in das Lager einzubrechen vermag Ihr
selbst mögt ermessen ob er im Vorteil kämpft wenn er zu dieser Stunde an
unsere Hütten dringt«
Der Herzog richtete sich mit halbem Leibe auf »Wecken kann ich meine
Sachsen nicht denn wenn sie bei Tage mannhaft kämpfen so haben sie dafür
sobald sie schlafen ein solches Gottvertrauen dass auch ein brüllender Löwe sie
schwerlich in die Höhe brächte« Er setzte gemächlich ein Bein auf den Boden und
zog einen Lederstrumpf an »Dennoch will ich ein übriges tun« Er befahl den
Hauptmann seiner Leibwache zu rufen forderte den zweiten Strumpf und schritt
gewichtig im Zelte auf und ab »Sobald die erste Lerche aufsteigt sollen sie
gerüstet bei den Rossen stehen« Zuletzt warf er den Mantel um »Komm ins Freie
Held damit ich selbst zum Rechten sehe« Sie schritten die Reihe der Wachen
entlang der Herzog prüfte mit scharfem Blick ihre Aufstellung und gab dem
Hauptmann Befehle »Sende sogleich behende Läufer zu den nächsten Scharen aber
vorsichtig dass man aus der Ferne die Bewegung nicht merke Auch die Nachbarn
sollen sich rühren« Und als der gute Herr alles vorsorglich bestellt hatte
sprach er zu Immo »Gedenke auch du der Ruhe ich misstraue jedem Mann der sein
Lager gering achtet Hast du uns Günstiges geraten so soll dirs vergolten
werden bleibts bei deinem guten Willen so werde ich auch diesen dem König
rühmen«
»Gern möchte ich mit dem kleinen Haufen meiner Genossen morgen früh in Eurer
Nähe sein« versetzte Immo »ich bitte dass Ihr mirs gestattet und mich beim
König entschuldigt wenn ich eigenwillig zu Euch aufbreche«
»Deine Knaben sollen eine rühmliche Ecke meiner Holzburg bewachen«
entschied der Herzog erfreut durch den Eifer »du aber sollst unter meinen
Helden reiten und in meiner Nähe hoffe ich dich zu finden«
Im ersten Morgengrauen klangen bei den Sachsen die Alarmtöne gleich darauf
erhob sich wilder Lärm die Rufer schrien Pfeifen und Hörner gellten das ganze
Lager fuhr wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen durcheinander bald sprangen
ledige Rosse über das Feld und verwundete Helden wurden aus dem Gewühl
getragen Vom Sachsenlager her scholl immer wilder das Kriegsgeschrei der
Angreifer und Verteidiger und das Dröhnen der feindlichen Äxte an den Bohlen der
Wagenburg Hin und her wogte der heiße Kampf dreimal suchte der Markgraf den
Lagerring in wildem Ansturm zu durchbrechen Aber die Reiter des Herzogs brachen
an jeder Stelle welche gefährdet war aus ihrer Burg hemmten dreimal den
Sturmlauf der Feinde und wehrten dem Durchbruch bis der König selbst mit neuen
Scharen herankam Da wandten jene plötzlich ihre Rosse und verschwanden wie sie
gekommen waren Auch die Verfolgung welche König Heinrich befahl vermochte sie
nicht zu erreichen
Als der Kampf vorüber war und Immo mit glühendem Antlitz sein schäumendes
Ross zur Ruhe zwang ritt Herzog Bernhard zu ihm und ihn vor allem Heere
küssend rief er »Heut habe ich dich erkannt wie du bist die alte Treue
zwischen Sachsen und Thüringen ist aufs neue bewährt mir und meinen Helden bist
du fortan ein Waffenbruder und ein lieber Genosse sooft du es begehrst« Und
auch König Heinrich nickte dem glücklichen Immo mit freundlichem Lächeln zu als
er die Reihen der Krieger entlang ritt
Seit diesem Morgen wurde das Lager des Königs täglich beunruhigt bald hier
bald dort suchte der Feind überraschend einzudringen die leichten böhmischen
Reiter welche ihm zugezogen waren warfen sich auf ihren behenden Pferden
überall wo der Boden die Annäherung begünstigte gegen die Königsmannen jeder
Haufe welcher Futter und Vieh aus der Umgegend herbeitreiben sollte musste die
plötzlich auftauchenden Scharen des Markgrafen abwehren Dieser aber fand in den
Wäldern und Seitentälern der heimischen Landschaft sicheres Versteck Auch die
Belagerten rührten sich kräftig Da sie von den hohen Türmen der Feste weit in
das Land schauten so drangen sie zu derselben Zeit wo die Haufen des
Markgrafen gegen die Belagerer ritten mit ihrem Fußvolk aus den Toren
verbrannten ein Turmgerüst welches gegen sie aufgerichtet war warfen die
Sturmböcke und führten die Ketten als Siegeszeichen nach der Stadt
Der König hielt beharrlich die Festung umschlossen noch war er der
stärkere aber er wusste wohl dass die beste Hilfe auf welche er zählen durfte
um ihn gesammelt war während der Widerstand des Markgrafen die Unzufriedenen in
allen Teilen des Reiches ermutigte und das kleine Heer des Feindes sich mit
jedem Tage vergrößerte nicht nur durch böhmische Reiter auch durch Banner aus
dem Norden Deshalb ritten die Königsboten meist geistliche Herren nach allen
Richtungen aus dem Lager um den Zorn der Missvergnügten durch Verheißungen zu
stillen und die Verstärkung des Feindes zu hindern Aber es wurde den Gesandten
des Königs bereits schwer durch die Reiter des Hezilo ins Freie zu dringen
An einem Abend wo Immo mit seinen Knaben wieder die Königswache hielt trat
Herzog Bernhard zu ihm und begann vertraulich »Der Markgraf kämpft gegen uns
wie das Hündlein gegen den Igel er springt bellend um uns herum zuletzt
versetzt er uns doch einen Biss ins Weiche Es macht Sorge das Heer zu ernähren
und sorgenvoll wird auch der Lagerdienst« Er wies nach dem Felde wo an Stelle
der Wachen zahlreiche gepanzerte Reiter in weiterer Entfernung aufgestellt
waren »Der König lässt unablässig nach dem Versteck des Markgrafen spähen aber
keinem unserer Läufer ist es gelungen die Stelle zu erkunden Vergebens hat der
König auch nach fahrenden Leuten umhergefragt dies ruhmlose Volk ist
verschwunden wurde einer auf dem Felde ergriffen so schwieg er oder log
obgleich der Büttel ihn hart ängstigte«
»Dennoch sage ich dir weder die Babenberger noch wir anderen haben geahnt
welch ein Kriegsherr König Heinrich ist denn mit Weisheit erwägt er selbst
Großes und Kleines«
Während der Herzog sprach sprang Harald der erste Heerrufer aus dem Zelt
des Königs und eilte den Hügel hinab ihm folgten seine Genossen sich schnell
durch das Lager verteilend »Sieh dorthin Held Immo der König ist müde still
zu kauern und er denkt selbst einen Sprung zu tun«
Am nächsten Morgen zogen beim ersten Hahnenschrei die reisigen Scharen des
Königs von allen Seiten ins Freie geräuschlos in kleinen Haufen ohne
Feldzeichen um sich außer Gesichtsweite der Festung zum Heere zu vereinigen
Dem König war gelungen das schwer zugängliche Tal zu erkunden in welchem der
Markgraf sein Lager aufgeschlagen hatte Zugleich rüsteten die Bogenschützen und
die übrigen Haufen der Fusskämpfer einen Angriff gegen die Feste ihnen hatte der
König geboten »Haltet gute Wache indem ihr mit dem Ansturm droht und auf die
Verteidigung denkt hütet euch auch ihr Helden den Feind allzusehr zu
bedrängen damit er nicht ausbreche um sich zu retten Am liebsten werde ich
euch belohnen wenn ich das Lager so wiederfinde wie ich es verlasse«
Auch Immo ritt unter den Wächtern des Königs welche in der Schlacht vor
seinem Leibe kämpften und ihm die Gasse öffneten wenn er selbst einen
erlauchten Helden bestreiten wollte Mehr als eine halbe Tagesfahrt zog die
reisige Schar über Hügel und Tal die Sonne schien heiß die Panzerringe
brannten durch Leder und Hemd auf die Haut und der Schweiß rieselte von den
Flanken der Rosse Aber der Zuruf des Königs trieb unablässig vorwärts bald an
der Spitze bald am Ende des Zuges befeuerte er die Müden durch Scherzworte oder
scharfen Tadel er allein den seine Feinde weichlich gescholten hatten schien
Sonnenbrand und Durst nicht zu fühlen In der Glut des Mittags klomm die
gepanzerte Schar eine steile Höhe hinan Vielen wurde die Anstrengung
unerträglich Rosse und Reiter brachen zusammen aber der König mahnte und
trieb wirbelte lustig den Wurfspeer schalt und verhieß Belohnungen Kurz vor
der Höhe hielten die Müden zu kurzer Rast Heinrich ordnete die Scharen in der
Stille auch lauter Rede wurde gewehrt Dann hob er grüßend den Speer die
Posaunen und Hörner schmetterten und brüllten ihre wilden Weisen und in
gestrecktem Lauf stob die Heerschar auf günstiger Bahn nach dem engen Tale
worin die Banner die Zelte und Hütten des Hezilo standen Es war die Tageszeit
nach dem Mahle wo die Markgräflichen am sorglosesten ruhten kaum einer der
Helden war mit seiner Rüstung bekleidet auch die Rosse standen ungesattelt an
ihren Seilen Furchtbar tönte den Feinden das Kyrie eleison der Schlachtruf des
Königs in die Ohren nur die Tapfersten wagten dem Ansturm entgegenzusprengen
und das drohende Verderben aufzuhalten sie wurden erschlagen oder verjagt der
Zaun des Lagers wurde durchbrochen bevor der Widerstand sich daran sammelte
die Mehrzahl der Krieger gefangen während sie nach den Waffen schrie Der
Markgraf selbst entrann mit einer kleinen Zahl seiner Getreuen
Als Immo in der ersten Reihe der Leibwächter den Hügel hinabritt suchte
sein scharfes Auge unter den feindlichen Bannern das Zeichen des Grafen Gerhard
Er sah es nicht aber der erste Krieger der gegen ihn anritt war Egbert ein
Günstling des Grafen Immos Speer warf den hochmütigen Dienstmann in das Gras
und über den Gefallenen brach der wilde Sturm vorwärts Der Held fand sich vor
dem König im Kampfe gegen Leibwächter des Markgrafen er stieß schlug und tat
sein Bestes aber mitten in dem blutigen Gedränge suchte er immer wieder nach
dem Buchenreis welches die Dienstmannen des Grafen an ihrer Rüstung zu tragen
pflegten Als der Schwall verrauscht war und der laute Gesang des Rufers die
Helden zusammenlud da sprengte er zurück zu der Stelle wo er den Egbert
getroffen aber sein Speer hatte die Arbeit zu gut getan und er vermochte von
dem Leblosen keine Kunde einzuholen Er durchritt die Haufen der Gefangenen
aber auch dort fand er die Buchenzweige nicht und er holte mit Mühe die Kunde
heraus dass Mannen des Grafen unter den Flüchtigen entronnen waren
Nur die nötigste Rast verstattete der König den Siegern Von allen Ecken
ließ er das Lager in Brand stecken und achtete nicht auf das Murren seines
Heeres welches in den eroberten Hütten Ruhe und Beute gehofft hatte Eilig ließ
er die Gefangenen und die Beuterosse rückwärts treiben und brach wieder in
Sonnenglut nach dem eigenen Lager auf obgleich die ermatteten Sieger mürrisch
in ihren Sätteln hingen gleich geschlagenen Männern Immo sah von der Höhe
zurück auf das Tal welches mit lodernden Flammen und einer ungeheuren
Rauchwolke gefüllt war Da hörte er wieder den treibenden Ruf des Königs und
Heinrich winkte an seiner Seite reitend ihm zu »Ich sah dich mannhaft
treffen Held Immo und mächtigen Staub aufregen quadrupedante putrem sonitu
wie der Heide sagt Herzog Bernhard« rief er sich unterbrechend »gibt es kein
Mittel aus diesem Schneckenritt herauszukommen«
Der Herzog sprengte an die Seite des Königs »Mann und Ross werden die Glut
des Tages lange fühlen«
»Das mögen sie später halten wie es ihnen beliebt heute aber brauche ich
sie nicht auf dem Wege sondern im Lager und ich wollte uns wäre die
Heidenkunst erlaubt einen Sturmwind zu beschwören der das Heer in der Wolke
dahintreibt«
Der Herzog schlug das Kreuz »Die Himmlischen gewähren zuweilen dem
Bittenden Regen auch dieser würde das Heer vorwärts treiben«
»Ich kann nicht frei atmen Vetter« fuhr der König leise fort »bis ich das
Lager gesichert sehe denn wenn die in der Festung nicht verblendet sind so mag
unser Schade größer werden als der Gewinn«
»Reite voraus« riet der Herzog
»Dann fallen diese ganz von den Pferden und legen sich auf die Heide«
versetzte der König
»Willst du meinen Sachsen deinen Wein und Met preisgeben so will ich
versuchen ob ich sie noch vor Sonnenuntergang in ihre Wagenburg bringe«
»Von Herzen gern« versetzte der König »denn wenn wir heut einen Ausbruch
des Feindes abwehren so denke ich morgen den Krieg zu beenden«
Der Herzog befahl seiner Schar zu halten und ließ durch den Rufer verkünden
dass der ganze Tonnenvorrat des Königs noch heut derjenigen Schar als Ehrentrunk
zugeteilt werden sollte welche zuerst das Lager erreiche
Die Helden sahen einander mürrisch an doch allmählich erschien ihnen der
Vorschlag nicht verächtlich sie lächelten ein wenig und die Rosse begannen zu
traben Als der Rufer den Bayern verkündete dass die Sachsen um des Königs Wein
davonritten ärgerten sich die Bayern weil das Getränk aus ihrem Lande genommen
war und ihnen zuerst gebührte und ihre Rosse trabten ebenso
Die Sonne neigte sich dem Horizont zu als Heinrich der mit seiner
Leibwache dem Heere die letzte Meile vorausgesprengt war von der Höhe das Tal
der Festung erblickte Als er die Lagerstätten mit ihren wehenden Bannern
unversehrt vor sich sah da brach er in einen lauten Freudenruf aus und neigte
sein Haupt um das Gelübde das er dem Himmel in der Sorge getan mit dankbarem
Herzen zu wiederholen Wie er zum Lager hinabstieg klang von der Seite
Heermusik und eine Schar von Reitern und Fußvolk zog mit ihren Wagen ganz
gemächlich dem Lager zu Verwundert fragte der König »Wer sind diese die so
lustig am Feierabend reisen nachdem die anderen das Werk getan haben« Immo
ritt vor »Es ist das rote Kreuz von Sankt Wigbert Herr Bernheri sendet seine
Mannen«
Da lachte der König »So hat der Jagdspiess des Alten doch die Empörer
gebändigt« und der Schar entgegenreitend rief er dem Führer Hugbald zu »Als
säumige Schnitter nahet ihr die Halme sind gemäht Dennoch seid willkommen zum
letzten Sprunge um den Erntekranz« Und als Immo seinen alten Genossen Hugbald
begrüßte sprach dieser »Unser Herr Abt sendet dir seinen Segen und Dank für
deine Mahnungen die ihm die Spielleute zugetragen haben Manchen Heiltrunk hat
er dir zu Ehren getan Jetzt hält er sich auf dem Berge gegen sein eigenes
Kloster verschanzt Doch hoffe ich euer Sieg soll den Tutilo mit seinem ganzen
Anhang austreiben«
Am nächsten Morgen ließ der König die Gefangenen rings um die Mauern führen
die Belagerten zu schrecken und sandte seinen Rufer die Übergabe der Festung
zu fordern Dem Geschlecht des Markgrafen und den Dienstmannen versprach er
freien Abzug in das böhmische Land bei längerem Widerstand drohte er mit
Austilgung durch Feuer und Schwert Die Helden der Burg saßen in sorgenvoller
Beratung die Bedächtigen rieten besser sei es etwas zu retten als alles zu
verlieren denn reissendem Wasser und siegreicher Hand vermöge man schwer zu
widerstehen aber die meisten riefen sie wollten lieber sterben als die Mauern
übergeben solange ihr Herr noch in Freiheit lebe Und sie weigerten zuletzt die
Übergabe Den ganzen Tag wurde verhandelt der König aber beschloss die
Unschlüssigen am nächsten Morgen durch einen Angriff zu zwingen
Es war eine mondlose Sternennacht Immo wachte mit seinen Knaben am Ufer des
Baches nur einen Pfeilschuss von der Festung entfernt Wie Jäger im Bergwald
lagen die Thüringe ihre braunen Wollmäntel über der Rüstung Bogen und Pfeil in
der Hand wo ein Strauch oder eine kleine Senkung des Bodens Deckung gab Sie
lauerten auf jedes Geräusch und jeden Schatten der hinter dem Bach und an den
Zinnen der Festung sichtbar wurde Gerade vor ihnen erhob sich ein dicker
viereckiger Mauerturm welcher aus der Fluchtlinie der Mauer nach dem Bach
vorsprang damit man aus ihm die anstürmenden Feinde von der Seite treffen
konnte Die rötliche Rauchwolke welche jede Nacht über der Festung schwebte
sank tiefer das Geräusch entfernter Stimmen verhallte Mitternacht war vorüber
und der graue Dämmerschein am Rand des Himmels rückte von Norden nach Osten Da
vernahm Immo neben sich das leise Gequarr eines Frosches das Zeichen durch
welches die Jäger einander mahnten im nächsten Augenblick wand sich Brunico auf
dem Boden zu ihm »Sieh zur halben Höhe des Turmes Es regt sich in der Luke
ich meine dort ist ein Lebender zu merken der graue Schatten sinkt langsam
abwärts« Gleich dararuf klang es im Wasser »Er watet oder schwimmt« Immo gab
das Zeichen hier und da tauchte ein Haupt vom Boden die Rohrpfeile flogen an
die Sennen und die spähenden Blicke fuhren über jede Stelle des Ufers Wieder
rauschte es der Leib eines Mannes hob sich über den Rand des Baches vorsichtig
schob er sich auf dem Boden vorwärts gerade dem Versteck der Thüringe zu Schon
hatte er einen niedrigen Strauch erreicht und richtete sich hinter ihm auf der
Lagerseite in die Höhe um in das ferne Land zu blicken da als seine Gestalt
über dem Grunde erkennbar wurde klangen von beiden Seiten die Sennen und flogen
die Pfeile gegen ihn Der Mann stöhnte neben ihm fuhr Brunico in die Höhe nach
kurzem Ringen trat der Knappe wieder an Immos Seite und mit einer Gebärde des
Abscheus sein Schwert einsteckend brummte er »Es war Ringrank der Fechter«
Immo sprang zu der Stätte an welcher der Unselige lag beugte sich über ihn
und das schwere Haupt hebend raunte er ihm ängstlich zu »Wer sendet dich« Der
Sterbende tastete mit der Hand nach seinem Messer als er aber über sich das
traurige Antlitz Immos sah und die freundlichen Worte hörte murmelte er »Der
Rache des Königs dachte ich zu entrinnen darum trug ich einen Gruß für dich«
»Wo ist sie« fragte Immo tonlos
»Wo ich war« seufzte der Mann wieder und fiel zurück
Die bleichen Sterne schienen auf glanzlose Augen Immo deckte dem toten
Fechter das Gewand über das Antlitz und wandte sich ab Ihm hämmerte das Herz in
der Brust und sein Blick haftete fest auf dem Turme aus dem der Fechter
herabgestiegen war Er winkte Brunico an seine Seite dann wand er sich selbst
bis an das Ufer des Baches Als er zurückkehrte rief er seine Mannen in eine
Talsenkung nach rückwärts »Mahnt den Hugbald der neben uns liegt dass er mit
Wigberts Knechten unsere Stelle besetze Euch aber meine Knaben lade ich dass
ihr mir folgt Denn was mir auch geschehe ich klimme den Pfad hinauf den der
Tote herabgestiegen ist Die in der Stadt vertrauen der Nacht und ihrem Handel
mit dem Könige keinen Wächter erkenne ich auf der Zinne noch hängt das Seil
Halten wir erst den Turm so soll Hugbald mit Sturmzeug uns folgen«
»Manche Klippe unserer Berge die wir erklommen war höher« ermunterte
Brunico »Führe Immo wir folgen« Die schnellen Knaben stiegen geräuschlos zum
Bach hinab sie tauchten in die Flut wateten und schwammen und waren nach
kurzer Zeit am Fuß des Turmes versammelt Immo prüfte den Halt des Seils »Der
erste sei ich« brummte Brunico ihm den Arm haltend »Keiner vor mir« befahl
Immo »schwinde ich dahin so führe du die Treuen zurück« Er schwang sich am
Seile aufwärts und hob sich in die Öffnung des Turmes gleich darauf schüttelte
er das Seil und seine Knaben folgten schnell einer dem anderen
Das Stockwerk des Turmes war menschenleer die Tastenden fanden in der Mitte
eine große Standschleuder und an beiden Seiten offene Türen sie führten zu der
Holzgalerie welche an der inneren Fläche der Mauer unter den Zinnen
entlanglief Auch die Galerie in ihrer Nähe war ohne Bewaffnete nur von dem
nächsten Turme durch welchen ein Tor nach dem Wasser führte klangen die Tritte
der Wachen Während Brunico vorsichtig die kleine Treppe hinabstieg welche von
der Galerie zum unteren Stockwerk des Turmes reichte gab einer der Knaben
rückwärts dem Hugbald das verabredete Zeichen einen flüchtigen Feuerschein
Dann harrten die Thüringe ungeduldig auf das erste Tageslicht
Unten aber am Bache rührte sichs Hugbald hatte den bayrischen
Schanzmeister zu Hilfe gerufen die Belagerer rollten leere Fässer an das Ufer
und schnürten sie mit Bohlen zu einem leichten Floss Sie zogen die Sturmleitern
über den Bach und hoben sie mit Hilfe des Seils zu der Turmöffnung Als der
Morgen dämmerte waren der Turm und die nächste Galerie in den Händen der
Königsmannen ohne Lärmzeichen drangen sie bis zu dem Tore überfielen die
sorglosen Verteidiger zerschlugen die Sperrbalken der Torpforte und warfen die
Fallbrücke über das Wasser
Da erhob sich in der Festung Alarmruf und Notgeschrei Die geworfenen
Verteidiger liefen vom Tore brüllend durch die Straßen Hörner und Posaunen
tönten und aus den Gassen der Stadt stürmten die erweckten Helden an das
verlorene Tor Ein heißer Kampf entbrannte um die beiden Türme und die Mauer
dazwischen Die Markgräflichen umschanzten mit Schild und Speer den Zugang zu
den nächsten Gassen sie liefen unter ihren Schilden gegen die Toröffnung
drangen auf der Mauerhöhe gegen die Türme und warfen ihre Geschosse von der
Galerie auf die Königsmannen welche von außen über die Brücke drängten und
drinnen die eroberten Türme besetzt hielten Die Königsmannen aber sendeten
Speere auf die Andringenden und schossen Brandpfeile gegen die Dächer der
nächsten Häuser Bald stiegen Rauchsäulen und lodernde Flammen aus den Höfen
und in das Getöse des Kampfes mischte sich das Gebrüll der Rinder und das Geheul
der Einwohner
Der König hielt auf einem Hügel nahe dem Tor um welches gestritten wurde
er sah wie die lodernden Flammen hinter der Mauer aufstiegen und nährte den
Kampf durch neue Haufen welche er über die Brücke trieb Aber wie sehr er sich
des Erfolges freute er dachte auch daran dass der letzte Streit gegen die
gesammelte Macht der Verzweifelten seinem eigenen Heere einen guten Teil der
Kraft nehmen könne und dass an der abgewandten Seite der Festung noch eine feste
Burg lag in welcher die Feinde sich wohl zu halten vermochten bis der
Böhmenherzog zu Hilfe kam Deshalb bezwang er die Sehnsucht nach Rache und
sandte seinen Heerrufer über den Bach nach der Burgseite um aufs neue mit den
Belagerten zu handeln
In das Gewühl am Tore klang der Ruf dass der König sich vertragen wolle und
der Kampfzorn der Verteidiger wurde schwächer Einer nach dem anderen warf sich
nach rückwärts um seine Habe aus der brennenden Stadt zu retten und die Burg zu
gewinnen und die Königsmannen stürmten mit hellem Siegesrufe vor Als erster
Immo gefolgt von den schnellsten seiner Knaben Gleich einem Wütenden war er
von der Mauer gegen das Tor gefahren Während er im Kampfe stieß und schlug und
jeden Ansturm der Feinde zurückwarf hatte er nur einen Gedanken zu ihr
durchzudringen die zwischen Rauch und Glut und dem Todeskampf der Männer die
Arme zum Himmel hob Jetzt sprang er wie ein wildes Ross durch Qualm und
züngelnde Flammen in die Gassen der Stadt Laut schrie er über die Haufen und in
die offenen Höfe den Namen Hildegard Der geborstene Helm war ihm vom Haupte
geworfen das blutbesprengte Haar flog ihm wild um die heißen Schläfen Zwischen
Herdenvieh beladenen Karren über Leichen der Gefallenen durch kleine Haufen
feindlicher Krieger stürmte er vorwärts bis er den Marktplatz der Stadt
erreichte wo das Getümmel am wildesten durcheinanderwogte Er überstieg die
gedrängten Karren der Flüchtigen und wand sich durch eine Schar feindlicher
Reiter wie ein Verzweifelter mit dem Strome ringend Da in der Mitte des
Marktrings wo das steinerne Kreuz auf einer Erhöhung ragte sah er einige
böhmische Krieger auf eine helle Gestalt eindringen die am Fuße des Kreuzes lag
und mit beiden Armen den Stein umschlang »Hildegard« schrie er und ein
schwacher Gegenruf
»Immo rette mich« klang in sein Ohr Den Wilden welcher die Arme nach der
Liegenden ausstreckte schleuderte er zur Seite dass dieser das Aufstehen für
immer vergaß seine heranspringenden Genossen verscheuchten den fremden Schwarm
Er hielt die Gerettete in seinen Armen küsste das bleiche Antlitz und rief sie
mit den zärtlichsten Grüssen und als sie die Augen aufschlug da hob er sie
lachend empor während ihm die Tränen aus den Augen stürzten und mit dem
Schildarm sie umschlingend hielt er am Kreuze die Wache für das geliebte Weib
das an seinem Hals hing und sich fest an seine Brust drückte Über ihm wirbelte
der glühende Rauch um ihn krachten die stürzenden Balken und das Kampfgetümmel
wälzte sich durch die Straßen der Stadt er aber stand umgeben von Tod und
Vernichtung wie ein Sieger und er sah wie die hohen Engel mit flammenden
Schilden und Speeren durch die Lohe schwebten und um ihn und die Geliebte eine
feste Schildburg zogen
An der Ecke des Marktes wehte ein Banner auf welchem er das weiße Ross der
Sachsen erkannte da rief er »Glückauf mein Geselle dort nahen die Helden
denen ich am liebsten vertraue damit sie dich zum König geleiten«
Die Not des Grafen
Der Kampf um die Krone war entschieden Mit unwiderstehlicher Gewalt trieb der
König den Markgrafen der böhmischen Grenze zu eine Burg nach der anderen fiel
in seine Hände die Flammen welche aus den gebrochenen Mauern aufstiegen
verkündeten dem erschreckten Lande den Sturz eines edlen Geschlechtes und die
Rache des Königs Schonungslos wollte der König alles mit Feuer und Schwert
tilgen was an die Herrschaft seines Feindes erinnerte und die harten
Vollstrecker seines Willens fühlten zuweilen ein Mitleid das er nicht kannte
und milderten in der Ausführung sein Gebot So scharf war des Königs Zorn dass
sich jedermann über die Schonung wunderte die er einem der Verschworenen zuteil
werden ließ An dem Grafen Ernst wurde das Todesurteil nicht vollstreckt der
Held büsste nur mit einem Teil seines Schatzes und wurde in milder Haft gehalten
Und die Leute rühmten den Erzbischof Willigis weil seine Bitten den Hass des
Königs gedämpft hätten
Während der Markgraf als landloser Flüchtling in Böhmen umherirrte und die
übrigen Empörer demütige Boten sandten um die Gnade des Königs zu gewinnen
hielt Heinrich seinen Hof in Babenberg der Stammburg seines Feindes Dort
sammelte sich das siegreiche Heer der Belohnung und Entlassung harrend auch
die Königin Kunigund kam von Regensburg an mit großem Geleite holte sie der
König ein und die Edelsten des Heeres begrüßten die Herrin nach altem
Heldenbrauch auf ihren Rossen im Eisenhemd indem sie zu zwei Scharen geteilt
in gestrecktem Lauf durcheinanderritten und dabei die Gerstangen durch wilden
Wurf an den Schilden der Gegner zerbrachen
Immo hatte in dem Kampfspiel seine Reitkunst rühmlich erwiesen die Jungfrau
aber in deren Augen er am liebsten sein Lob gelesen hätte blickte nicht auf
den glänzenden Zug Er wusste dass Hildegard auf Befehl des Königs unter der
Aufsicht einiger frommer Schwestern in der Stadt weilte aber ihm war trotz
aller Mühe nicht gelungen zu ihr zu dringen Als er jetzt vom Rosse stieg und
in die Herberge trat fand er den Spielmann Wizzelin der in neuem Gewande und
mit klirrendem Goldschmuck das Saitenspiel in der Hand seiner wartete
umdrängt von Kriegsleuten welche mit dem wohlbekannten Mann Scherzreden
tauschten und ihn mahnten seine Kunst vor ihnen zu erweisen
»Gutes Glück bringe mir das Wiedersehen du flüchtiger Wanderer« rief Immo
»Auch Euch ist alles gelungen« antwortete der Spielmann »und als ein
Glückskind rühmen Euch die Leute während Ihr heut so hurtig rittet Liegt Euch
noch am Herzen zu erfahren was Ihr einst von mir begehrtet so vermag ich
Bescheid zu sagen«
Immo führte ihn schnell in seine Kammer
»Sie ist hier« sprach Wizzelin leise »sie will Euch sehen und ich vermag
Euch zu ihr zu führen Die alten Nonnen bei denen sie weilt sind keine
strengen Wächter auch sie vernehmen gern wenn ich vor ihnen die Saiten rühre
Folgt mir sogleich wenn es Euch gefällt doch haltet Euch eine Strecke hinter
mir zurück denn ich bin den Helden hier nicht unbekannt« fügte er stolz hinzu
»und muss auf viele Grüße antworten«
Sie traten auf die Straße der Spielmann glitt behend durch das Gewühl von
Reitern und Rossen von Burgmannen und Landleuten welche herzugeströmt waren
den Einzug zu sehen Oft wurde er angerufen auch Gelächter und Spottreden
klangen ihm entgegen Gegen die Huldreichen verneigte er sich und versprach
Besuch und Lied den Spöttern antwortete er mit dreister Gegenrede so dass er
die Lacher stets auf seiner Seite hatte Endlich bog er in eine stille
Seitengasse und fuhr durch das Tor eines dürftigen Hofes Er wies auf eine
niedrige Fensteröffnung hob einen Zipfel der Decke welche das Innere verbarg
und sagte zu Immo »Springt dreist durch die Tür ich halte Wache«
Immo eilte in das Haus Mit einem Freudenschrei warf sich Hildegard in seine
Arme und drückte sich an seine Brust
»Wie bleich du bist Hildegard und gleich einer Gefangenen sehe ich dich
bewahrt«
»Sie sind nicht hart gegen mich und wären sie es auch ich würde es wenig
beachten wenn ich an dich denke und dein Antlitz zu sehen hoffe Denn sooft
mich die Einsamkeit ängstigt und die Gefahr bedroht bist du mir in meinen
Gedanken nahe du Lieber mich zu trösten Bald aber werden sie mich von hier
fortführen zu der Königin in ihrem Gefolge soll ich bewahrt werden«
»Das ist gute Botschaft« rief Immo »dort vermag ich dir eher nahe zu
sein«
Aber Hildegard schwieg ihr Haupt lag schwer an seiner Brust und ihr junger
Leib bebte in seiner Umarmung »Hoffe das nicht Immo denn nicht für ein
fröhliches Leben denkt mich der König zu retten nur weil der große Erzbischof
Mitleid mit mir hatte Sie halten mich fest wie die frommen Mütter sagen damit
ich nicht gleich einer Dirne auf die Straße geschleudert werde Mein
unglücklicher Vater« rief sie mit gerungenen Händen »Geh von mir Immo denn
Elend ist mein Los und meinem Vater droht das Verderben«
Immo wusste wohl dass der König damals als er dem Geschlecht des Hezilo
Abzug aus der Festung gestattete den Grafen Gerhard mit seinem Gesinde aus dem
Zuge der Entweichenden herausgerissen hatte um ihn für seine Rache zu bewahren
Seitdem konnte niemand sagen was mit dem Grafen geschehen war Deshalb fragte
Immo sorgenvoll »Vernahmst du wo er weilt«
»Er liegt im Turm der Stadt gefangen ich war bei ihm und er begehrt in
seiner Not nach dir Eile Immo denn kurz ist wie sie sagen die Frist welche
ihm noch auf dieser Erde gestattet wird Tröste ihn wenn du vermagst und dann
komm noch einmal zu mir damit ich dich segne und dir für deine Liebe danke
Denn Immo merke wohl die Tochter eines entehrten Mannes kann nicht ferner
dein Geselle sein Suche dir die Braut unter den geschmückten Frauen welche mit
der Königin eingezogen sind und sich gleich dir des Sieges freuen ich aber und
mein Geschlecht schwinden dahin wie die flammenden Häuser und die Weiber und
Kinder die ich mit der Peitsche hinaustreiben sah«
Immo rief unwillig »Ich hörte immer die durch ein Band gebunden sind
sollen auch Leid und Liebe miteinander teilen solange sie leben Meinst du
Hildegard dass ich dich losbinde von deiner Pflicht gegen mich Mein bist du
aus der brennenden Stadt habe ich dich getragen und was sie auch über dich
ersinnen solange ich atme darfst du dich niemandem geloben als mir nicht der
Königin und nicht den Heiligen Zur Stelle suche ich deinen Vater auf ob ich
ihm nützen kann« Er hob ihr gesenktes Antlitz mit der Hand zu sich herauf und
sah ihr in die Augen Lange dachte er an die heiße Liebe mit der sie ihn bei
diesem Scheiden ansah »Morgen bei guter Zeit bringe ich Botschaft« rief er
noch an der Tür
Am Fuß der Turmtreppe sprach der Wärter zu Immo »Ihr werdet den Grafen in
unehrlicher Gesellschaft finden wenn Euch beliebt jetzt hineinzugehen Einer
seiner Fechter ist bei ihm er hat ihn gefordert ich rate dass Ihr harret bis
der ruchlose Mann gewichen ist«
»Öffne doch« versetzte Immo »er hat mich dringend begehrt«
Als Immo mit dem Schliesser eintrat sah er den Grafen auf einer Holzbank
sitzen und vor ihm stand Sladenkop der Fechter ein unförmlicher Gesell mit
Armen und Beinen die aussahen als ob sie von einem riesigen Tiere genommen
wären mit kleinen scharfen Eberaugen kurzer Stirn und borstigem Haar Die
Miene des Mannes war verlegen und sein Gesicht gerötet Immo wandte den Blick
mit mehr Teilnahme auf den Grafen Denn sehr bekümmert erschien dieser die
Augen lagen tief und fuhren ängstlich umher er war hagerer geworden und sein
Kopf stand nicht mehr so trotzig zwischen den Schultern wie sonst sondern hing
ein wenig nach vorwärts Immo grüßte und winkte dem Schliesser abzutreten
welcher mit einem argwöhnischen Blick auf den Fechter sagte »Ich harre draußen
an der Tür wenn Ihr mich ruft«
»Ich freue mich Immo« antwortete der Graf dem Gruße »dass du nicht
verschmähst mich aufzusuchen obwohl ich im Unglück bin Immer hat dein
Geschlecht mir edle Art gezeigt und gute Freunde sind wir von neulich wo du in
meiner Halle sassest und wo du in meinem Lager den Würzwein trankest Jetzt
verlässt mich alles sogar dieser Köter« er wies auf den Fechter »Betrachte
seine Arme so habe ich ihn gefüttert und mir hat er sein Leben gelobt jetzt
aber sträubt er sich mir im Kampfe einen Vorteil zu geben«
»Verhüten die Heiligen dass Euch jemals das Los zuteil werde diesem da im
Kampfe gegenüberzustehen«
»Emsig flehe ich zu den Heiligen dass sie es verhüten mögen aber es
scheint dass sie Lust haben es zu gestatten Denn wisse Immo der König hat
Übles gegen mich im Sinn und weil wir am Idisbach in der Übereilung dem
Erfurter Kaufmann seine Ballen genommen und den Mann dabei beschädigt haben so
will der König mir die Ehre nehmen ich soll als gerichteter Räuber um mein
Leben kämpfen und weil ich Fechter gehalten habe so fordert er in seinem Zorn
dass Ich vor dem Ringe seiner Edlen gegen meinen eigenen Fechter streiten soll«
Immo trat erschrocken zurück Der Gefangene erkannte die Teilnahme und fuhr
vertraulicher fort »Aus deinem Auge sehe ich Immo dass ich dir alles sagen
darf merke wohl dieser Undankbare der meinen Silberring am Arm trägt und der
mir gelobt hat um Geld und Nahrung in jedem Kampfe sein Leben für mich zu
wagen er will sich jetzt von mir nicht treffen lassen«
»Wie kann ich eine Abrede mit Euch machen Herr da Ihr kein Fechter seid
und des Handwerks nicht kundig« fiel gekränkt der Fechter ein »Wäret Ihr einer
von meinen Genossen so wollte ich einen Arm oder ein Bein wohl daran wagen Ihr
aber würdet mir wenn ich Euch einen Vorteil gäbe das Eisen in die Glieder
treiben dass ich des Aufstehens für immer vergässe«
»Du bist ein Narr das zu fürchten Ich war in meiner Jugend ein
Schwerttänzer und treffe wohin ich will wenn mein Gegner Bescheidenheit
erweist So nimm doch die besten Gedanken in deinem dicken Kopf zusammen Wenn
ich dich wirklich ein wenig zu sehr träfe durch die Hand eines Edlen zu fallen
wäre für dich das ehrenvollste Ende das du finden könntest«
Der Mann stand mit zusammengezogenen Augenbrauen und überlegte »Ja Herr«
sagte er zögernd »Ihr sprecht nicht ohne Grund auch der Fechter hat seine
Ehre Und wenn Ihr mich trefft so soll dies mein Trost sein und es wird
Nachruhm gewähren bei allem fahrenden Volk Doch wenn Ihr mich nicht trefft
sondern ich Euch dann wäre der Ruhm noch größer«
»Du aber hast dich mir gelobt wie kannst du mich treffen du Schuft« rief
der Graf zornig
Der Fechter sah finster vor sich nieder »Ich weiß was Ihr meint« begann
er endlich »und ich merke dass ich in der Klemme bin wie ein Marder Sie sollen
nicht sagen dass ich gegen meinen Herrn unehrlich gehandelt habe Solange ich
Euren Ring trage seid Ihr sicher vor meinem Eisen feilen sie mir den Ring ab
so fechte ich als des Königs Kämpe und dann meine ich darf ich Euch treffen«
»Weiche hinaus du Elender« rief der Graf zornig »mich reuts dass ich so
manches Kalb und Rind in deinen Magen gestopft habe und mich reuts dass ich in
meiner Not bei einem Ehrlosen Hilfe suche«
Der Fechter sah verlegen und unschlüssig auf den Zornigen dann wandte er
sich trotzig zum Abgang Als sich hinter ihm die Tür geschlossen hatte saß der
Graf eine Zeitlang schweigend auf der Bank und Immo sah dass ihm große
Schweißtropfen von der Stirne rannen Endlich begann er mit gebeugter Haltung
»Wundere dich nicht Immo dass ich gerade dich bitten ließ Du kennst den Brauch
in heiligen Dingen du bist selbst ein halber Geistlicher obgleich du das
Schwert führst und vor allem bist du jung erst aus Wigberts Zucht gekommen du
kannst noch nicht sehr viel Böses getan haben und die Heiligen werden dir eher
etwas zugute halten als einem anderen Darum möchte ich dir Vertrauen schenken
in der Sache die mir zumeist am Herzen liegt Willst du mir geloben eine Bitte
zu erfüllen so tue es«
Da Immo erwartete dass der Graf an seine Tochter denken würde so war er
gern bereit und sprach an sein Schwert fassend »Ich will wenn ich es ohne
Schaden für meine Seele tun kann«
»Es ist ein frommes Werk« versetzte der Gefangene traurig »Wisse Immo
dass es schwer ist auf Erden ohne Sünde zu leben So habe auch ich wie ich
fürchte zuweilen etwas getan was mich den Heiligen verleiden kann ich sorge
dass es ihr Zorn ist der mich in diese Gefahr gebracht hat und dass sie mich gar
nicht gutwillig hören werden wenn ich sie hier aus diesem Loche um meine
Rettung anflehe Denn in meinem Jammer bekenne ich wenig habe ich ihrer im
Glück geachtet Dem Gebet der Mönche mich zu übergeben kann gar nichts frommen
denn auch diese sind mir zum Teil verfeindet und sie beten nur eifrig wenn sie
Hufen und reiche Gaben erhalten Meines Gutes aber wird wie ich fürchte der
König mich entledigen Darum ist mir eingefallen was mich wohl retten könnte
Ich habe meine Sünden aufschreiben lassen nicht gerade alle denn mit den
kleinen will ich den großen Fürsten des Himmels nicht lästig werden aber die
schwersten Drei Tage und drei Nächte habe ich zwischen diesen Steinen darüber
nachgedacht sie zu finden und zu bereuen Dem Beichtiger der Gefangenen er
ist ein ausgelaufener Mönch und ein guter alter Mann habe ich sie hergesagt
und er hat sie auf mein Drängen niedergeschrieben und versiegelt« Er holte ein
zusammengelegtes Pergament unter seinem Sitze hervor wies es dem erstaunten
Immo und sprach feierlich »Hierin sind meine Sünden nämlich die groben Mir
kann Rettung bringen wenn du sie zu den wundertätigen Reliquien großer Heiligen
trägst und sie in ihrem Schrein oder doch darunter birgst damit die Heiligen
selbst mein Bekenntnis empfangen und wenn sie es lesen sich meiner erbarmen«
Immo trat erschrocken zurück und sah scheu auf das zusammengelegte
Pergament »Wie darf ich mich unterfangen dies Blatt den Heiligen zu übergeben
da ich kein Priester bin« versetzte er »Und wie kann ich einen
Reliquienschrein erreichen da ich selbst kein solches Heiligtum besitze«
»Schaffe das Blatt an einen Ort wo große Heilige hausen« raunte der Graf
ängstlich
»Ich selbst bin aus dem Kloster in Unfrieden geschieden« antwortete Immo
»und weiß nicht ob mir die Mönche dort gestatten werden dem Altar des heiligen
Wigbert oder gar den hohen Aposteln zu nahen«
»Auch erwarte ich wenig Gutes von diesen Heiligen« versetzte der Graf
zerknirscht »denn ich leugne nicht alte Händel habe ich mit ihnen und sie
möchten mir das gedenken Auch in Fulda fürchte ich hat man schon manches von
mir vor den Altären geraunt Wandle leise zu einem hohen Heiligtum wo man mich
weniger kennt Einen Reliquienschrein weiß ich den besten von allen« und er
hob seinen Mund zu Immos Ohr und flüsterte »das ist der Himmelsschatz unseres
Herrn des Königs Er ist hier zur Stelle und schnelle Fürbitte tut mir not
sonst kann sie mir für dieses Leben nichts mehr helfen«
»Wie vermag ich zu dem Heiligtum des Königs zu dringen« rief Immo
»Ich weiß dass du zu den Auserlesenen gehörst welche die Wache in seiner
Behausung haben da mag dir wohl möglich werden dass du das Pergament ungesehen
unter die Decke schiebst Vielleicht gelingt dir auch den Geschorenen des
Königs der über dem Schrein wacht durch Flehen und Gabe zu gewinnen Versprich
ihm Großes denn wisse einen Goldschatz der nicht klein ist bewahre ich unter
einem Baume verborgen wird der Priester zu der Guttat geneigt so will ich den
Schatz daran wenden und ihm die Stelle offenbaren«
»Um die Heiligtümer des Königs sorgt jetzt der fromme Abt Godohard«
versetzte Immo kummervoll »der Goldschatz wird ihn nicht locken den hohen
Himmelsfürsten die für den König bitten in deiner Sache so zudringlich zu
nahen«
»Ich finde dich kalt Immo wo es gilt einen alten Genossen deines Vaters
aus der Angst zu retten« klagte der Graf und griff sich nach der feuchten
Stirn »Besseres hatte ich von dir gehofft und anderes hatte ich auch mit dir im
Sinne Denn als ich dich neben Hildegard meinem Kinde sitzen sah wie du als
Geselle ihr zutrankest da fiel mir einiges ein was ich mit deinem Vater
beredet hatte als ihr beide noch klein wart und ich dachte was nicht
geworden ist vielleicht kann es doch noch werden wenn die Heiligen es fügen
und auch dein Wille dahin geht Jetzt freilich bin ich arg verstrickt du aber
bist im Glücke Dennoch erinnerte ich mich an die Augen die du damals machtest
als ich dich in meinen Saal laden ließ Aber ich sehe der Menschen Sinn ist
veränderlich zumal wenn sie jung sind« Er setzte sich seitwärts auf die Bank
und faltete die Hände aber er sah von der Seite scharf nach dem offenen Antlitz
des Jünglings in welchem der innere Kampf sichtbar war
Wild stürmte es durch Immos Seele Hoffnung die Geliebte durch den Vater zu
erwerben und wieder Missbehagen darüber dass der Vater sie ihm für eine
heimliche Tat verkaufen wollte Er stand in innerem Ringen und dabei fiel ihm
die Lehre ein welche ihm der alte Bertram für sein Leben mitgegeben hatte dass
er dem Gelöbnis eines Mannes der in Todesnot sei niemals trauen solle »Wegen
deiner Tochter fordere ich keinen Eid von dir und du gedenke mich nicht durch
ihren Namen zu beschwören dass ich dir helfe Denn deine Not will ich nicht
missbrauchen zu einem Gelöbnis«
»Du denkst edel Immo« rühmte der Graf »sei auch barmherzig«
»Gib mir das Pergament« rief Immo entschlossen »ich will tun was ich
kann wenn auch nicht gerade so wie du meinst doch nach meinen Kräften obwohl
ich zage dass mir die hohen Gewalten deshalb zürnen werden Vermag ich nichts
so lege ich deine Sünden wieder auf deine Seele wie ich sie empfing«
»Ganz hochsinnig finde ich dich Immo und ich vertraue deinem Mut und
deiner Klugheit« rief der erfreute Graf Er legte das Pergament in die Hand des
anderen und hielt sich mit beiden Händen an seinem Arme fest Immo schob das
Pergament vorsichtig in die Tasche seines Gewandes und wandte sich zum Abgange
»Ich fürchte das Blatt verbrennt mir den Rock« sagte er unruhig »lebe wohl
soweit du es hier vermagst Ich kehre wieder sobald ich die Tat versucht habe«
Den wortreichen Dank des Grafen unterbrach das Klirren des Schlosses
Als der König am Abend nach dem Mahle in seine Herberge kam und durch den
Haufen der Edlen und Geistlichen schritt welche ihn erwarteten um Segen für
seine Nachtruhe zu erflehen oder ihm aufzuwarten da sah er huldvoll wie seine
Gewohnheit war nach allen Seiten umher grüßte und nickte Die neu Angekommenen
aber wenn sie Edle waren oder Geistliche fasste er bei der Hand und küsste sie
Als der König Immo erblickte der sich in die vorderste Reihe gestellt hatte und
ihn bei dem Gruße flehend ansah da merkte er wohl dass dieser Huld begehre
winkte ihm gütig zu und sprach
»Als ein stolzer Held hast du dich heut getummelt edler Immo hell klangen
deine Speere an den Schilden« Und weil er gern daran dachte dass Immo ein
Gelehrter war fügte er um ihn vor den anderen noch mehr zu ehren einen
lateinischen Vers hinzu Stolz schwingt der Held Ascanius die Waffen im
Kampffeld Und nachdem er wie dem Könige geziemt jedem seinen Anteil an Ehren
gegeben hatte trat er in sein Schlafgemach Als er sich dort ermüdet
niedersetzte begann der Kämmerer zu ihm »Der Thüring Immo fleht um die Gunst
deiner Hoheit etwas zu sagen«
»Hat er es so eilig Lohn zu fordern für seinen Sprung von der Mauer ich
habe ihm ja soeben vor allen Leuten wohlgetan«
»Er sagte« antwortete der Kämmerer sich entschuldigend »dass er dem König
etwas Geheimes vertrauen müsse«
»Die Geheimnisse des Jünglings hättest auch du empfangen können«
»Das meinte ich auch« versetzte der Kämmerer »er aber flehte Gefällts
dem König so sende ich ihn fort den er harrt vor der Tür«
»So führe ihn herein« befahl der König und stützte müde das Haupt in die
Hand
Immo trat ein kniete nieder und zog das Pergament des Grafen aus seinem
Gewande
»Was bringst du mir so spät Immo« fragte der König und sah kalt auf den
Knienden
»Die Sünden des Grafen Gerhard« antwortete Immo und legte das Pergament zu
den Füßen des Königs
»Verhüten die Heiligen dass ich so unselige Gabe annehme« versetzte der
König mit dem Fuß das Pergament wegstossend »Unheil bedeutet solche Spende
sprich was soll der Brief«
»Die Beichte ist es des Grafen« sagte Immo feierlich indem er das Kreuz
schlug Der König folgte schnell seinem Beispiel »Der Graf zweifelt in seiner
Not durch die Mönche bei den Himmlischen Gnade zu finden zumal er ihnen nichts
mehr zu spenden hat denn sein Gut und Geld liegen in des Königs Hand Da ließ
er in der Herzensangst durch einen armen Priester seine Sünden niederschreiben
und forderte von mir dass ich sie heimlich zu den Heiligtümern meines Herrn und
Königs trüge damit die gewaltigen Notelfer sich seiner erbarmten«
»Und da hast du ihm den Sündenbrief nicht zur Stelle vor die Füße geworfen
Verwegener«
»Zürne mein König nicht wenn ich gefehlt habe mich erbarmte seine Angst
Wohl weiß ich dass es ein Unrecht wäre zu dem heiligen Geheimnis meines Königs
zu schleichen und den Brief des armen Sünders dort zu verstecken wie er
begehrte Dennoch wagte ich nicht seiner Seligkeit hinderlich zu sein und ich
meine als redlicher Mann und nicht als Hehler zu handeln wenn ich von der Gnade
des Königs erbitte dass mein Herr der Seele des hilflosen Mannes beistehe und
seinem Priester gestatte das Pergament zum Heiligtum des Königs zu tragen«
»Und was hat dir der Graf versprochen damit du diese freche Bitte wagst«
fragte der König hart »denn meine Edlen pflegen nichts für nichts zu tun«
»Man hat mich gelehrt von einem Manne in der Todesnot nicht Gabe und nicht
Versprechen anzunehmen« antwortete Immo
»Der dich so seltene Vorsicht gelehrt hat hätte dich auch lehren sollen
gegenüber deinem Könige die Scham zu bewahren Wie mögen die hohen Gewaltigen
des Himmels deren Gnade ich selbst froh bin wenn sie sich zu meinem Heiligtum
herniederneigen und mich schützend umschweben wie mögen diese zugleich die
Beschützer meiner Feinde werden Und wie kannst du das wollen wenn du kein
Verräter bist«
»Ich vernahm die hohe Lehre« versetzte Immo kniend »dass der Himmelsherr
gern Erbarmen mit dem Sünder hat und wenn der König der des Herrn Schwert auf
Erden hält hier den Schuldigen richten muss so mag ihn doch in seinem Amte
trösten dass die Bitte seiner Heiligen den armen Sünder aus den Krallen des
üblen Teufels errettet«
»Mir aber liegt gar nichts daran« rief der König ungnädig »den untreuen
Mann dereinst an der Himmelsbank wiederzufinden wenn die Himmlischen mir dort
den Herdsitz bereiten wollen Das musstest du wissen du Tor bevor du seine
Sünden mir auf die Seele legtest Denn wenn ich nach seinem unverschämten
Verlangen tue so schaffe ich einem der mein Feind war Hilfe in jenem Leben
und vielleicht auch noch in diesem Und wenn ich ihm dagegen seinen Willen nicht
tue so mögen die Heiligen mir zürnen weil es mir an Erbarmen fehlt In solche
Gefahr setzt mich dein dreistes Verlangen Entweiche mit dem Briefe und trage
ihn zu einem anderen Heiligtum zu welchem du willst wenn dir an der Gunst des
Grafen mehr gelegen ist als an dem Vorteil deines Königs Doch halt« rief der
König noch zorniger »wer weiß ob der Bösewicht nicht manches hineingesetzt
hat was mir selbst zum Schaden gereichen könnte wenn die Unsichtbaren darauf
hören« Der König neigte sich schnell zu Boden fasste den Brief und erbrach das
Siegel »Die Beichte des Grafen Gerhard will ich zuerst vernehmen ehe sie zu
den Heiligen dringt« Er bekreuzigte sich und setzte sich nahe zu der Kerze
»Schwach war die Kunst des Geschorenen der diese Krähenfüsse hingesetzt hat«
murmelte er »Mit seiner letzten Verräterei fängt der Sünder an ich glaube
wohl dass sie ihn am meisten ängstigt Sie reut ihn solange er im Turm sitzt
Dann kommt der Kaufmann Der Goldstoff den er geraubt hat war für die Königin
bestimmt und er hat ihn noch nicht einmal herausgegeben« Und er las fort mit
gespannter Aufmerksamkeit Immo merkte dass der König seine Gegenwart ganz
vergessen hatte denn er sprach zuweilen laut von den geheimen Taten
»Den Grafen Siegfried im Walde überfallen wobei ihn leider mein Mann Egbert
erschlug Die Missetat blieb ungerochen« rief der König »die Leute sagten
damals der Gefällte sei von Räubern erschlagen worden Hier folgen Sünden
gegen die Wigbertleute Es ist eine ganze Reihe Schwerlich würde Abt Bernheri
dafür Absolution erteilen Mit Herzog Heinrich dem Zänker der dreiste
Bösewicht meinen Vater so zu nennen« Der König sah um sich und als er Immo
noch auf den Knien fand sprang er auf und winkte ihm zornig die Entlassung
Dann ergriff er wieder das Pergament »Mit Herzog Heinrich verschworen gegen
Kaiser Otto« Der König warf das Pergament auf den Tisch und schritt heftig im
Zimmer auf und ab »Das Unrecht meines eigenen Vaters soll ich zum Schrein der
Heiligen tragen damit die Heiligen es wissen und an mir rächen Unerhört ist
die Bosheit« Wieder eilte er zum Tisch »Und hier steht es meine eigene
Sünde« und er las »Mit Herzog Heinrich der jetzt König ist Verabredung
getroffen gegen seinen Vetter den jungen Kaiser Otto« Der König fasste das
Pergament drückte es mit der Faust zusammen und schleuderte es in den Kamin Er
riss die Kerze aus dem Leuchter hielt sie daran bis das Blatt sich bräunte und
knisternd verkohlte und stieß heftig mit dem Fuß in die Asche »Dies sei der
Heiligenschrein zu dem ich deine Sünden trage du Ruchloser Mich selbst soll
ich verklagen vor meinen Notelfern um deinetwillen Lieber lasse ich dich unter
deiner Sündenlast leben wie bisher als dass ich dir den Himmel öffne Siehe
selbst zu ob du auf dieser Erde das Erbarmen der Himmlischen gewinnst ich
weigere dir die Hilfe die du begehrst« Der König stand finster vor dem Kamin
»An mein eigenes Unrecht mahnt er mich und ich fühle den Schrecken und die
bittere Reue Für mich selbst will ich zu den Ewigen flehen wegen alter Sünden
und dass ich jetzt dem Flehen einer armen Seele nach der Seligkeit meine Hilfe
verweigerte« Und Heinrich eilte zu dem vergoldeten Schrein um den wie er
meinte die hohen Fürsten des Christenhimmels unsichtbar walteten enthüllte die
heilbringenden Reliquien und warf sich mit gerungenen Händen vor ihnen nieder
In der Frühe des nächsten Tages begann die Feier der Heerschau Unter den
Mauern der Festung Babenberg waren auf freiem Felde Schranken errichtet die
Pfosten mit grünen Zweigen umwunden die Treppen mit kostbaren Teppichen belegt
an einer Seite stand auf hohen Stufen der goldene Königsstuhl Dort wollte der
König die Gaben verteilen und sein siegreiches Heer entlassen Als die Sonne
aufging zogen die Scharen von allen Seiten der Ebene zu und lagerten bei ihren
Bannern in weitem Ringe um den eingefriedeten Raum Eine unzählige Menge Volkes
drängte an den Schranken um den König und das Festgepränge zu schauen Die
Helden des Heeres ritten in ihrem besten Schmuck herzu stiegen von den Rossen
und sammelten sich in der Umzäunung Als der König auf seinem Schlachtrosse
herankam in Königstracht die Krone auf dem Haupt begleitet von der Königin
und einem endlosen Gefolge geistlicher und weltlicher Herren da brauste der
Heilruf durch die Scharen und auch die Landleute schrien und hoben die Arme
obgleich viele von ihnen über das Schicksal ihrer alten Herren bekümmert waren
Der König und die Königin stiegen die Stufen hinauf und setzten sich würdig auf
den Königsstuhl um sie herum saßen auf niedrigen Stühlen die Edelsten des
Reiches Nachdem der Rufer Stille geboten hatte erhob sich der Erzbischof von
Mainz sprach das Gebet segnete den Tag und verkündete mit mächtiger Stimme
die weit in das Feld schallte den Willen des Königs Zuerst die Strafen welche
der königliche Richter über die Empörer verhängt hatte Jeden derselben nannte
er beim Namen dann seine Missetat und die Strafe welche nicht sanft war Nur
den Bruder des Königs nannte er nicht um das hohe Geschlecht zu schonen
Immo stand in den Schranken nahe den Stufen und lauschte gespannt auf jedes
Wort des Erzbischofs Als in der unseligen Reihe der Besiegten der Name des
Grafen Gerhard gerufen wurde hielt er ängstlich den Atem an denn er wusste dass
der Geliebten unsägliches Wehe bereiten würde was darauf folgte Aber ihm schoss
vor Freuden das Blut ins Gesicht und durch die ganze Versammlung ging ein
leises Summen als der Erzbischof aus dem großen Pergament verkündete dass die
Gnade des Königs die Missetat des Grafen nicht an seinem Leben und seiner Ehre
sondern nur an einem Teile seines Gutes rächen wolle und dass dem Treulosen
gestattet werde seinem Lehnsherrn aufs neue den Treueid zu schwören Immo
machte eine heftige Bewegung um aus den Schranken zu eilen und der alte
Hugbald welcher als Führer der Klostermannen auch die Ehre genoss in den
Schranken zu harren musste ihn am Arme halten dass er die Feierlichkeit nicht
störte Sorglos und mit lachendem Munde vernahm er eine lange Reihe von
Belohnungen welche der Erzbischof verkündete denn der König teilte die großen
Lehen der Babenberger unter seine Edlen Jeder der ein Herrenlehn empfing ritt
mit seinem Gefolge in gestrecktem Lauf dreimal um die Schranken stieg am
Eingange ab trat die Stufen hinauf empfing kniend die Fahne und schwor den Eid
in die Hand des Königs Das währte lange und die Sonne brannte heiß bevor
alles nach Gebühr vollendet war Aber die Krieger und das Volk ertrugen gern den
Sonnenbrand denn was darauf folgte war der freudigste Teil der Begabung Der
Kämmerer des Königs schritt in die Schranken gefolgt von einer langen Reihe
wohlgekleideter Diener welche an Stangen große Truhen trugen die sie vor den
Stufen des Königsstuhls nebeneinander niedersetzten Die Decken wurden
abgehoben und ein Goldschatz wie ihn wenige Menschen geschaut hatten blinkte
in der Sonne Große Kannen Becher und Schalen Dolche und reichgeschmückte
Helme Ketten und Armringe lagen kunstvoll geschichtet übereinander Nach der
Enthüllung scholl ein lautes Geschrei und zahllose Heilrufe die Zuschauer
drängten ganz außer sich an die Schranken die zahlreichen Trabanten mussten
stoßen und sich entgegenstemmen um den Einbruch abzuwehren Und die Verteilung
der Ehrengeschenke an die Tapferen des Heeres begann Der Kanzler trat vor und
öffnete eine Pergamentrolle welche bis an den Boden reichte laut rief er den
Namen jedes Helden und die Gabe womit er geehrt wurde Die rechte Seite
innerhalb der Schranken war durch den Rufer geräumt wer von dem Kanzler geladen
wurde trat vor den Stuhl des Königs empfing sein Geschenk huldigte und
schritt vergnügt der anderen Seite zu War er aber aus vornehmem Geschlecht so
überreichte der Kanzler dem König die Spende und dieser teilte sie selbst dem
Glücklichen zu und sprach wenn er ihn hoch ehren wollte einige huldreiche
Worte Auch das Heer und Volk begleitete mit lautem Zuruf die Gaben wenn der
Empfänger rühmlich bekannt und im Heere beliebt war Aus der Nähe Immos wurden
viele Helden gerufen Hugbald trat vor und empfing seine Kette nicht lange
darauf hörte Immo den Namen seines Gespielen Brunico welcher ganz hinten an den
Schranken stand und als dieser einen schweren Goldring erhielt sprach der
König vom Throne »Den Schmied hast du mir gerettet trage dafür seine Arbeit«
Aber Immo wurde nicht gerufen Die Truhen leerten sich die Unruhe in der
Umgebung des Königs zeigte an dass der Aufbruch nahe war Immo stand mit einer
kleinen Zahl anderer unbeachtet an seiner Stelle Er merkte dass sich
verwunderte Blicke nach ihm richteten und er begann zornig die Kränkung zu
fühlen Hatte ihn auch der König am letzten Abend ungnädig entlassen er wusste
doch er hatte dem König gut gedient und war oft vor anderen ausgezeichnet
worden Zwar um den Goldschatz hatte er wenig gesorgt aber auch er hatte
zuweilen daran gedacht dass ein Schmuckstück eine gute Erinnerung sein werde
Jetzt erkannte er dass der düstere Blick Gundomars von der Höhe auf ihm haftete
und er fühlte ärgerlich über sich selbst dass er errötete und den Leuten ein
gleichgültiges Gesicht zu zeigen nicht vermochte Er merkte auch dass Herzog
Bernhard dem seine Würde erlaubte in der Nähe des Königs sich freier zu
rühren hinter den Stuhl des Königs trat und dass der König sich einen
Augenblick nach rückwärts wandte Er verstand die Worte des Königs nicht und
sie hätten ihn auch nicht erfreut denn Heinrich antwortete der gutherzigen
Frage des Herzogs nach Immo »Er hatte bereits weit mehr erhalten als er
verdient« Da stieg der Herzog die Stufen herab und schritt über den Platz
dahin wo Immo allein stand stellte sich behaglich neben ihn hin und sagte
lächelnd »Für uns beide für dich Held Immo und für mich klingt heute das
Goldblech nicht«
»Euch erlauchter Herr« versetzte Immo mit einem dankbaren Blick aber mit
zuckenden Lippen »vermag keine Königsgabe an Ehren etwas zuzusetzen mir aber
hoffe ich soll die Verweigerung der Gabe die Ehre nicht mindern«
»So ist es recht Held« mahnte der Herzog »sieh trotzig geradeaus Vernimm
ein Gesuch das ich dir zur Stelle ausspreche weil ich erkenne dass du
schwerlich im Dienst des Königs beharren wirst Komm als mein Gast mit mir in
mein Sachsenland wir jagen miteinander die wilden Ochsen in der Heide Du
sollst das Weidwerk bei uns nicht schlechter finden als in deinen Bergen Und
noch anderes begehre ich von dir Die Burgen welche fremde Seeräuber an der
Küste im Wasser geschanzt haben will ich brechen sobald der Eisfrost eine
harte Bahn zu ihren Holzringen bereitet dabei sollst du mir helfen Ist dirs
recht so schlage ein« Er hielt ihm die Hand hin welche Immo freudig ergriff
Und der Herzog fuhr fort »Der König erhebt sich das Heer zu entlassen Unsere
Krieger sind ungeduldig die Herden der Beutetiere und der gefangenen Böhmen zu
teilen«
Der König und seine Edlen bestiegen die Rosse die Helden sprengten
auseinander zu ihren Haufen Vor jeder Schar hielt der König an zollte seinen
Dank und sprach die Worte der Entlassung Auch als er zu dem kleinen Haufen der
Bogenschützen kam welke Immo führte neigte er das Haupt und rief »Treu
erfüllt habt ihr den Eid den ihr freiwillig gelobtet ich löse euch von der
Pflicht zieht in Frieden heim zu euren Bergen« Aber dabei ruhte sein Blick
kalt und feindselig auf ihrem Führer und dieser erkannte dass der König ihn
ungnädig von sich entfernte und dass sein Schicksal ihn anders als er selbst
gedacht hatte aus dem Königsdienst löste Er grüßte zum letztenmal mit seiner
Waffe den Kriegsherrn und führte seine Knaben nach der Stadt zurück
Aus der Herberge eilte er zum Grafen Gerhard bayrische Königsmannen hielten
die Wache und weigerten ihm den Zutritt er stürmte zu dem Hofe der Nonnen die
frommen Mütter waren mit Hildegard durch Reisige aus der Stadt geleitet niemand
wusste zu sagen wohin Da suchte er den Kanzler auf dieser empfing ihn kalt
»Soll ich dir Gutes raten so entziehe dich dem Auge des Königs denn ich
fürchte er sinnt dir nichts Günstiges Für die Jungfrau wird der König selbst
sorgen wie ich vernehme will mein Herr dass sie geschleiert werde damit sie
für die Missetaten des Vaters von der Heiligen Verzeihung erwerbe«
Mit Mühe bewahrte Immo die Kraft den Segen des Kanzlers zu erbitten den
dieser mit einer nachlässigen Handbewegung erteilte Er kam verstört in seine
Herberge und trat in die Kammer in welcher Heriman der Goldschmied lag der
von seiner schweren Wunde langsam genas Oft hatte Immo während der Belagerung
in der Hütte des Kranken gesessen und dem klugen Landsmann vertraut was ihm auf
der Seele lag jetzt setzte er sich bleich und erschöpft neben ihn »An einem
Tage habe ich alles verloren worauf ich hoffte und wenn ich von hier weiche
wie ich soll so nehme ich ein Herz voll Angst und Sorge mit mir Dennoch vermag
ich das Land nicht zu räumen bevor ich die Jungfrau wiedergesehen habe«
»Ich bleibe zurück« versetzte Heriman tröstend »dir danke ich Immo dass
ich lebe und meine Glieder wieder zu regen beginne Diese Schuld danke ich dir
jetzt oder wann du verlangst Besser vielleicht als du selbst vermag ich dir zu
nützen Denn Kundschaft habe ich beim Könige und vielen Großen und mancher
Stolze beachtet in der Stille meine Worte Ziehe mit dem Herzog denn weilst du
hier so wird es dein Verderben Du lässt einen zurück der ein wenig die Weise
kennt wie man die Geheimnisse der Mächtigen erkundet Noch ist die Jungfrau
nicht geschleiert Und was ich erfahre Günstiges oder Ungünstiges das sollst
du wissen«
Während der Burgmann dem jungen Helden Trost einsprach und dieser gern
seinen Worten lauschte scholl in der Haustür und auf der Straße ein wirres
Getön von Pfeifen Fiedeln und Menschenstimmen ein wilder misstönender Lärm von
allerlei Weisen welche durcheinanderklangen von Gelächter und trunkenem
Geschrei Immo eilte die Treppe hinab Im Hausflur saß Brunico an der
weitgeöffneten Tür eine Trinkkanne in der Hand umgeben von seinen
Bogenschützen vor ihm auf der Schwelle und auf der Straße stand ein großer
Haufe fahrender Spielleute von denen jeder unbekümmert um die anderen in seiner
Kunst das Beste tat so dass ein unordentliches und greuliches Getöse durch das
Haus und über die Straße schallte »Schneller« trieb Brunico »ihr zirpt wie
die Mädchen die zum erstenmal im Reigen springen Wer um die Wette läuft darf
seinen Atem nicht sparen« Von neuem begann das tolle Gefiedel und Geschrei
»Jetzt merkt auf« mahnte Brunico lachend »der schnellste fängt den Preis« Er
zog den goldenen Ring vom Armgelenk und hielt ihn in die Höhe schleuderte ihn
über die Köpfe der Spielleute in den Staub der Straße und rief »So wirft der
Bauer von Friemar den Armring des Königs« Gleich Hunden sprangen die Fahrenden
nach dem Ringe sie fielen und überschlugen sich in wirrem Knäuel das Volk
schrie jauchzte und balgte sich mit den Unehrlichen bis endlich einer der
Spielleute den Goldschmuck fasste emporhielt und schnellfüssig mit dem Preise
entrann Und als Immo den Gespielen schalt »Wie magst du eine wertvolle Gabe
vergeuden die dein Geschlecht und dein Mädchen lange erfreut hätte« da
antwortete Brunico »Ich warf sie fort damit sie mir nicht die Augen blenden
sollte Denn übel stände mir an das Ehrengeschenk eines Königs zu tragen der
dich gekränkt hat während er mir spendete«
Unter dem Rösslein der Horsila
Die Felder in Thüringen waren geleert die Viehherden weideten auf den Stoppeln
und die Jäger zogen mit ihren Hunden in den Bergwald Auch die Brüder Immos
hatten durch einige Wochen den Heerschild getragen sie waren gegen die Elbe
gezogen um einen Einbruch der Böhmen zu rächen aber der Feind war ihnen eilig
hinter seine Berge ausgewichen und sie fanden nur die verkohlten Trümmer der
niedergebrannten Höfe Da waren sie unzufrieden heimgekehrt und sannen mit ihren
Landsleuten auf einen vergeltenden Zug für das nächste Frühjahr
Als sie an einem hellen Herbstabend von der Jagd zurückkamen und gerade über
die Brücke eines Nachbardorfes ritten fanden sie den Weg durch Gedränge der
Einwohner gesperrt und noch immer liefen die Leute aus den Höfen einander
zurufend und heranwinkend In der Mitte hielten Reiter und um diese schloss sich
der Ring Die Jagdhunde der Brüder fuhren mit wütendem Gebell gegen den Haufen
und Erwin hatte Mühe die Zerrenden an ihren Riemen zurückzuhalten
»Es sind Fremde welche ausgefragt werden« rief Ortwin und schneller
trabten die Rosse Die Dorfleute machten den Jünglingen grüßend Platz und diese
fanden in der Mitte den Spielmann Wizzelin der wie ein Herr gekleidet und von
einem dienenden Genossen begleitet war welcher das Saitenspiel bewahrte Zwei
Landleute hielten das Ross des Spielmannes am Zügel vor ihm standen die Ältesten
des Dorfes und in großem Kreise alt und jung mit aufgerissenen Augen
Verwunderung und helle Neugierde in den Gesichtern »Sei gegrüßt Spielmann«
rief Odo lächelnd »wer die Pferde betrachtet muss rühmen dass du Glück im
Kriege gehabt hast« Wizzelin neigte sich artig und trieb sein Pferd damit es
die wohlgeformten Glieder rege »In dem siegreichen Heere findet auch ein armer
Spielmann etwas Gutes« versetzte er stolz
»Wunderbares erzählt er von dem Glück des Königs und wie die Burgen des
Markgrafen brannten« berichtete ein alter Bauer
»Tag und Nacht könnte ich euch erzählen niemand vermöchte in einem
Niedersetzen alle Heldentaten herzusagen« fuhr Wizzelin fort »Auch bei euch
raste ich wohl einmal und singe unter der Linde jetzt aber öffnet den Weg denn
ich begehre dringend weiterzuziehen«
»Ich hoffe du herbergst heut bei uns im Hofe« mahnte Odo Doch unter den
Dorfleuten erhob sich Gemurr »Er hat noch wenig gesagt« riefen mehrere
Stimmen »Wir verlangen von den Nachbarn zu hören welche freiwillig zu König
Heinrich gezogen sind« schrien andere
»Als Helden kehren sie zurück ihre Wagen sind schwer mit dem Kampfgewinn
beladen und Beuterosse führen sie in langer Reihe auch böhmische Knechte
welche ihnen der König zugeteilt hat wenn sie dieselben nicht bereits an die
Händler verkauft haben denn ihnen wird mühsam sein die Menge der Sklaven auf
der Reise zu ernähren«
Ein lauter Schrei der Verwunderung antwortete und die Knaben schlugen in
ihrer Aufregung Purzelbäume im Staube
»Sahst du den Dindo den Sohn meiner Schwester Wendilgard« fragte eine
stattliche Bäuerin
»Dindo« versetzte Wizzelin »der Held mit den runden Backen sicher kenne
ich ihn Er kehrt ganz heil zurück und ich meine in seinem Reisegepäck liegt
auch eine Spange welche das stolze Herz seiner Base erfreuen wird«
»Was weißt du von Engilbrecht« klang es aus dem Haufen »und vom Vortänzer
Richilo«
»Engilbrecht kommt ohne Wandel so wie er gegangen ist und der schnelle
Richilo hat neue Reigen getanzt von der Mauer in eine brennende Stadt beide
schreiten mit gebauschten Taschen einher und bringen für manche die ihnen lieb
sind Gutes in ihren Säcken geduldet euch jetzt und ihr alle werdet
erstaunen«
Wieder ging das frohe Schwirren durch die Versammlung und aller Blicke
richteten sich nach den Brüdern Niemand wollte die Frage tun die zuerst ihnen
gebührte Da sie aber schwiegen rief Sigilind ein mutiges Weib »Weißt du
etwas von Brunico dem Sohn des alten Baldhard«
»Ha« rief Wizzelin »du nennst einen von den großen Helden des Königs
Heinrich laut hörte ich seinen Goldschatz rühmen denn Armringe aus Königsgold
die wohl ein halbes Pfund schwer waren hat er meinen Genossen auf die Straße
hingeworfen als Lohn für ihre Lieder«
Da scholl wieder ein lauter Schrei des Erstaunens und Sigilind Gisa
Engiltrud und die anderen Weiber hoben die Hände zum Himmel und rannten von
dannen um den Höfen die unglaubliche Kunde zuzutragen
»Schnatternd wie Gänse fahren sie mit gereckten Hälsen auseinander«
spottete Wizzelin leise zu Odo »die Bahn ist gefegt gefällts euch so dringen
wir durch« Und nach allen Seiten grüßend und Rückkehr verheissend trabte er mit
den Brüdern von dannen
Kaum war der Spielmann in das Tor des Herrenhofes geritten da flog die
Kunde von seiner Ankunft durch jeden Stall und jede Kammer auch hier drängten
die Leute heraus die Knechte waren beflissen ihm und seinem Gefährten die
Pferde anzubinden und die Mägde steckten die Köpfe zusammen und bewunderten
sein schönes Gewand und die klirrende Kette Nur Murhard der Hofhund und sein
Geschlecht waren nicht willig zu wedeln sie bellten wütend und unablässig und
sprangen feindselig an den Spielleuten herauf und Wizzelin klagte gegen Odo
welcher die Hunde scheuchte mit finsterem Lächeln »Der Fahrende vermag die
Gunst der Männer und Frauen zu gewinnen die Köter aber bleiben seine Feinde
sie erkennen ihn in jedem Gewande« Er ordnete Haar und Rock und zog sein
Gesicht in ehrbare Falten als er in den Saal vor die Augen der Herrin Edit
trat Hinter ihm sammelten sich die Dienstleute alle in froher Erwartung der
Kunst die er nach dem Mahle spenden würde Den Spielleuten wurde ein besonderer
Tisch gestellt aber Edit winkte dass ihnen gute Kost geboten wurde und der
beste Met des Hauses Und Wizzelin erhielt den Met in einem Silberbecher
welcher ihm der Ehre wegen noch lieber war als der Trank
Nach dem Mahle begann Edit »Da du beim Heere des Königs weiltest so gib
uns Kunde soweit du vermagst Denn nur Undeutliches hörten wir von seinem Siege
und dem Unglück der Feinde«
Der Spielmann erhob sich und begann seine Sage vom Raub des Schatzes von
Belagerung der Feste und von den Kämpfen gegen Hezilo Er sprach langsam und
feierlich und seine Rede tönte zuweilen wie Gesang vieles berichtete er getreu
nach der Wahrheit anderes wie es ihm in den Sinn kam Den Namen des Mannes
aber an den jeder in der Halle dachte nannte er nicht Regungslos mit
verhaltenem Atem lauschten die Zuhörer nur wenn er vom Schlachtgewühl erzählte
rührten sich die Männer ihre Augen glänzten und sie nickten einander zu und
sooft er den Fall der Helden und den Brand der Burgen beklagte seufzten die
Frauen Als er seinen langen Bericht beendet hatte sprach Edit »Füllt ihm
aufs neue den Becher Du aber bewahre das Silber mit unserem Dank denn große
Dinge hast du uns verkündet die wir alle im Gedächtnis behalten solange wir
leben« Da sprang Gottfried auf überreichte dem Spielmann den Becher und
begann »Weißt du etwas von meinem Bruder Immo so verkünde auch das denn an
ihn dachten wir alle als wir dich hörten« Bei diesen Worten des Knaben brachen
die Dienstleute in einen Freudenschrei aus es war ein kurzer Ruf der schnell
verhallte aber er kam aus bedrängten Herzen die von einer Last befreit wurden
Wizzelin hob den Becher und rief »Heil sei dir junger Held dass du als der
erste nach ihm fragst im Saale seiner Väter« Er ergriff sein Spiel fuhr
schnell über die Saiten und sprach »Dieses Spiel hat oft von seinem Namen
getönt denn wir Fahrenden singen mehr als ein Lied von ihm auf den Märkten und
am Herdfeuer Wollt ihr das eine hören wie er den Grafen Ernst schlug« Und die
Saiten rührend stimmte er die Weise an »Einen Helden weiß ich Immo aus
Türingeland So lautet das Lied« erklärte er »höre Geschlecht Irmfrieds«
Und er begann seinen Sang wie Immo an der Furt des Baches die Helden des
Babenbergers schlug den Waltram Hartwin und den jungen Hadamund und wie er
darauf die Wache am Felsentor hielt um durch seinen Leib den König zu decken
Dort lief der edle Graf Ernst gegen ihn an die Speere flogen die Schilde
krachten und aus den Schwertern fuhr die feurige Lohe bis der Babenberger mit
zerschlagenem Helme betäubt zurückfuhr Da warf Wolfere von fern her den Hammer
und traf dem jungen Helden das Haupt dass er blutend zurücksank Aber den Fall
seines Edlen zu rächen sprang König Heinrich selbst in den Kampf
Oft hatte der Spielmann die Herzen der Hörer bewegt wie er wollte und er
war gewöhnt dass sie durch hellen Ruf und leises Stöhnen ihren Anteil kundgaben
Heute aber freute sich der Schlaue über das Entzücken welches er erregte Die
dienenden Frauen streckten in ihrer Aufregung die Hände immer wieder dem Himmel
zu Gertrud schluchzte vor Freude und die Dienstmannen schnoben heftig mit den
Nasenflügeln und griffen mit den Händen um sich Der Knabe Gottfried stand wie
verzückt mit glühenden Wangen und aufgerissenen Augen seine schlanke Gestalt
schien zu wachsen und sein goldenes Haar sträubte sich um das Haupt Auch
andere sah der Sänger welche sich gegen die Gewalt seiner Töne wehrten bis ihr
stolzer Groll dahinschmolz in der heißen Freude über die Ehren eines Haussohns
Die Mutter barg nach den ersten Tönen ihr Gesicht in der Hand und als er den
Sturz Immos verkündete erhob sie sich von ihrem Sitz und trat zurück in das
Dunkel Die Brüder saßen im Anfange mit zusammengezogenen Brauen gleich Männern
welche gefasst sind Unwillkommenes zu hören Doch auch ihr Widerstand wurde
schwach in ihren Augen leuchtete die Freude die jüngeren sprangen auf und
traten nahe zu dem Sänger nur Odo blieb sitzen aber um seinen Mund zuckte die
Bewegung Und als der Sänger endete und ein Jubelgeschrei der Dienenden welches
nicht enden wollte durch den Saal brauste da trat Odo zu dem Spielmann bot
ihm den Becher aus dem er selbst getrunken hatte und spach »Nimm noch dies
Silber das dir die Söhne Irmfrieds spenden Leben wir auch in Zwist mit dem
Bruder wir freuen uns doch wenn der Name unseres Geschlechtsgenossen im Lande
gerühmt wird«
»Weißt du mehr von ihm« rief Gottfried
Der Spielmann rührte sogleich wieder die Saiten »Ihr mögt wählen unter den
Liedern die ich von ihm habe« Und er verkündete ihnen nach der Reihe alles
wie Held Immo unter den Sachsen ritt wie er den Dienstmann Egbert schlug und
wie er als erster sich mit seinen Genossen in die Festung schwang
Der Sang war verklungen die Hörer saßen schweigend ganz aufgelöst von der
starken Bewegung Da ergriff Wizzelin seine Fiedel und begann mit dem Bogen die
Saiten zu rühren langsam in einer rührenden Weise aber er sang und sprach
nicht mehr Auch die Versammelten saßen still und wenn einem das Herz zu weich
wurde so wischte er verstohlen die Träne ab
Das war die erste Kunde von Immo welche in sein Vaterhaus drang Nicht
lange darauf kehrten die Bogenschützen in ihre Dörfer zurück mit hochbeladenen
Wagen und manchem schönen Beutestück Mehr als einer wurde nach dem Hofe geladen
und erzählte so gut er vermochte von sich selbst und von seinem Anführer und
dass Immo mit dem Sohne Baldhards am Main von ihnen geschieden war um zu den
Sachsen an die See zu fahren Seitdem kam keine Nachricht von dem Helden auch
die Eltern Brunicos wussten nichts zu erkunden Die Blätter fielen und der
Sturmwind tobte um die Mauern der Mühlburg von welcher der alte Dienstmann
Bertold täglich nach seinem Herrn aussah Berg und Wald lagen unter weißer
Schneedecke Jeder der einen warmen Ofensitz erlangen konnte schlüpfte hinein
und lauschte vergnügt auf das Brodeln im kupfernen Topfe Aber der Stuhl den
Edit täglich dem Herrensohne rückte blieb leer und niemand wusste zu sagen ob
er unter dem Dach eines Gastfreundes geborgen saß oder ob er auf wilder See
umhertrieb in rasendem Sturm und wirbelndem Schnee
Die weiße Decke welche den Bergwald verhüllte schwand im Frühlingswind In
tausend Rinnen rieselte und strömte das Wasser zu Tale jeder kleine Quell wurde
zum Bach die Waldbäche fluteten wie große Ströme die Weiher und Seen am Fuß
der Berge überschwemmten Ried und Wiesen und dem Fremden welcher von einer
Höhe auf die türingische Ebene herabsah glitzerte überall zwischen Wald und
Ackerbeeten eine gewundene Wasserfläche entgegen aus welcher die Dorfzäune
hervorragten und er konnte zweifeln ob er einen ungeheuren See vor sich sah
mit zahllosen Inseln oder einen breiten vielarmigen Strom Dann lagerten am
Morgen und Abend dichter Nebel auf der Flut und bei Tage flatterten ungeheure
Schwärme von Wasservögeln darüber hin Aber nach wenigen Wochen war der Schwall
vermindert Sonne und Wind verscheuchten den Wasserdunst die Erde sog begierig
das befruchtende Nass und während die Knospen der Bäume schwollen hob sich der
Wiesengrund wieder aus der Flut und die Waldbäche zogen gebändigt durch ihre
Ufer den Flüssen zu und strudelten wo ein Baumstamm oder eine Erdscholle in
ihrem Bett haftete Dies war die Zeit im Jahre wo die Männer aus den Waldlauben
sich ihrer Schiffahrt freuten Denn auch ihnen war ein Fluss zuteil geworden nur
klein aber ehrwürdig dem ganzen Lande welcher aus den Waldbächen zusammenrann
und zwischen dem Gebirge und steilen Hügeln der untergehenden Sonne zufloss Die
Horsila war damals kein unscheinbarer Bach sie trug befrachtete Kähne in die
Werra und weit von Norden her kamen Fahrzeuge der Sachsen und Friesen die
Strömung hinauf bis an den Wald Dort war bei dem alten Dorfe Horsilgau der
kleine Hafen wo sie ein und ausluden eine wertvolle Stätte für die Waldleute
denn die Landfracht vom Norden her war teuer und der Weg oft unsicher Das
Wasser brachte ihnen die kunstvolle Arbeit der friesischen und flämischen Weber
und manches Kaufmannsgut das ihre Frauen ungern entbehrt hätten sie aber
tauschten dagegen ein was ihr Land an Waren bot Honig und Wachs Pelzwerk und
Tierhäute Auch die Erfurter kamen heran sooft die Kähne abfuhren und anlegten
sie schlugen am Ladeplatz ihre Bänke auf kauften und tauschten und führten die
Fracht auf hochbepackten Karren nach ihrem großen Markt Vor anderen aber
freuten sich die Mönche des heiligen Wigbert der Schiffahrt sie waren seit
alter Zeit die Herren der kleinen Wasserstrasse und sie hielten die Burg Gota
zumeist darum hoch weil diese eine Feste ihres Hafens war und ihr Herrenrecht
über den Fluss behaupten half Denn der Zehnte welchen die Mönche von allem
Schiffsgut erhoben war eine wertvolle Einnahme des Klosters er lieferte die
Wolldecken ihrer Lager Stoff zu ihren Kutten und vor allem die geehrte
Fastenspeise den gesalzenen Heerfisch welcher ihnen das ganze Jahr Freude an
ihrem Trunk gab So wertvoll war dies Herrenrecht dass sie durch viele Jahre
blutige Kämpfe darum geführt hatten Dennoch vermochten sie es nicht
ungeschmälert gegen einen Nachbar zu bewahren welcher klug gleich ihnen und
stärker als sie ebenso auf der Nordseite der Horsila herrschte wie sie längs
dem Walde Ihr Feind war das Kloster von Fulda in welchem der heilige
Bonifazius beigesetzt war Und die beiden Glaubensboten Winfried und Wigbert
kämpften aus ihren Klöstern zweihundert Jahre nach ihrem Tode grimmige Fehden um
die Heringstonnen der Nordsee und um die Gewebe derselben Friesen deren
Vorfahren sie einst bekehrt hatten So heftig tobte der Kampf zwischen den
Bewaffneten der beiden Klöster dass die Sachsenkönige mehr als einmal gezwungen
waren sich zwischen die Streitenden zu stellen Endlich hatten die Mönche von
Fulda das Recht erworben dass auf ihrer Uferseite Kähne frei von dem Zoll der
Wigbertleute fahren durften Aber der Hass der Klöster wurde durch den
Schiedsspruch des Königs nicht gestillt und fast in jedem Jahre wurden Männer
erschlagen und Häuser niedergebrannt
Diesmal brach das Eis und schmolz der Schnee früher als sonst Das Tauwetter
vereitelte einen Rachezug den König Heinrich über die gefrorenen Sümpfe in das
Slawenland gerüstet hatte Dafür bereitete es den Waldleuten die Freude dass sie
am Fest der Tagund Nachtgleiche auf schneelosem Anger ihre Reigen sprangen und
dass sie an demselben heilbringenden Tage auch die Kahnfahrt auf ihrem Fluss
eröffneten Die Fahrt war eine Woche vorher zu Erfurt und auf dem Lande angesagt
worden damit sich beizeiten rüste wer Gut und Ware nach der Werra zu den
Hessen und Sachsen abwärtsführen wolle Schon hatten die Erfurter ihre Lastwagen
zu einer kleinen Wagenburg beim Dorfe vereint In langer Reihe lagen die Kähne
welche von den Waldleuten die Wasserrösslein genannt wurden am Ladeplatz neu
geteert lang und schmal zum Teil beladen auf die Abfahrt harrend während die
anderen durch Schiffer und starke Lastträger gefüllt wurden Aber auch von der
Mündung des Flusses waren bereits einige Kähne stromauf geführt die Schiffer
hatten ihre Güter an dem Ufer geschichtet und harrten der neuen Ladung sie
waren an ihren Strohhüten den langen weißen Röcken und den breiten
Schwertmessern als Sachsen zu erkennen Ein weiter Raum war auf dem Anger
abgesteckt und mit einem Seil umfriedet dort standen das Marktkreuz und St
Wigberts Banner und daneben hielt der Hauptmann mit seinen Bewaffneten und dem
Büttel um den Marktfrieden zu erhalten und von Vieh und Waren den Zoll zu
erheben In der Ferne auf der andern Seite des Baches wehte neben einem Schuppen
das Banner von Fulda geschützt durch Gewappnete welche der großen Familie des
heiligen Bonifazius angehörten Doch auf der Wigbertseite war der rege Verkehr
Auch die Landleute welche nicht selbst um Schiffahrt sorgten eilten an
diesem Tage gern zu der Stätte Wer Freunde und alte Genossen begrüßen wollte
konnte sie dort finden wer sich einem Herrn zum Dienste geloben wollte suchte
dort die Gelegenheit Rosse und Herdenvieh wurden aus den Winterställen zum
Verkauf herangetrieben Die Edlen der Umgegend kamen im Eisenhemd mit ihrem
Gefolge und das Volk der Fahrenden fehlte nicht mit seiner Musik mit neuen
Liedern und Kunststücken Im ganzen Lande war die Lust dieses Tages berühmt und
sie erschien den streitbaren Männern um so ehrenvoller weil selten ein Fest
verging ohne Schwertiebe und tiefe Wunden
Die Sonne schien hell und größer als seit langer Zeit war das Gewühl der
zugewanderten Gäste Nicht allein an dem Fluße in allen Dörfern längs dem
Bergwald wurde der Ausgang des Winters und die junge Herrschaft des Sommers
gefeiert man sah lange Reihen geschmückter Dorfleute im Freien tanzen und
vernahm ihren Gesang und das Getön der Fiedeln und Pfeifen überall auf den
Hügeln und den Vorsprüngen der Berge waren Holzstösse errichtet welche nach
Untergang der Sonne brennen sollten denn die ganze Nacht galt für günstig und
heilbringend sie wurde beim Trinkkrug unter Gesang und Reigentanz durchwacht
und war vielen der liebste Teil des Festes
Zwischen den Bänken worauf die Erfurter ihre Ware ausgelegt hatten zogen
die Dienstmannen der Edlen mit ihren Knechten daneben junge Dorfhelden vom
Nesselbach auch die Leute aus den Wendendörfern waren mit ihren Frauen
gekommen und neben türingischer Sprechweise vernahm man sächsische Worte und
die feintönende Rede der Slawen Durch das Gewühl sprengten sechs hochgewachsene
Reiter die Söhne Irmfrieds unter ihnen Gottfried der heut zum erstenmal im
Schwertgurt über das Land ritt und stolz auf die Grüße und Glückwünsche
antwortete welche ihm hier und da aus den Haufen zugerufen wurden Neugierig
blickte der junge Krieger auf die fremdländischen Männer und Waren aber die
neue Würde hielt ihn ab von freudigem Ausruf und Fragen Die Brüder stießen auf
einen Trupp berittener Spielleute darunter auch Weiber in fremder Tracht
welche ihre Pferde in künstlichem Tanze trieben während die Männer um die
Raststelle handelten Als die sechs einen Augenblick in der Nähe hielten
scheute das Ross eines fahrenden Weibes und sie glitt dicht vor den Brüdern auf
den Boden Mitleidig sprang Gottfried ab um sie vor den Pferdehufen zu
bewahren aber wie ein Federball hob sich das Weib vom Boden und bevor er
sichs versah fühlte er einen leichten Schlag auf seiner Wange das Weib
schwang sich in den Sattel und davonsprengend rief sie lachend »Gesegnet
seien dir die hübschen und roten Wangen« Da lachten die Leute ringsumher
Gottfried aber wurde vor Zorn noch röter und warf einen feindlichen Blick auf
die Dirne Noch grollte er über die Dreistigkeit da hörte er wie Graf Markwart
von Tonna spottend den Brüdern zurief »Seit wann treibt ihr Helden
Kaufmannschaft wie die Krämer zu Erfurt«
Odo sah ihn befremdet an »Nichtige Worte redest du«
Der Graf wies auf Ballen und Tonnen welche am Ufer lagen »Sie tragen das
Zeichen womit ihr marktet was euer ist Ich rühme die Klugheit welche das
Erbe durch Handel zu mehren weiß«
Odo versetzte »Rühmlicher wäre es das Erbe durch Kaufmannschaft zu mehren
als durch raubgierigen Wolfssprung auf der Heide den die Leute dir zutrauen«
Markwart hob zornig den Arm doch als sechs hochstämmige Helden nahe um sein
Ross drängten begnügte er sich Feindseliges zu murmeln und wandte sich zur
Seite Die Brüder aber ritten zu den Tonnen und sahen erstaunt die Runenmarke
welche mit weißer Farbe den Stücken aufgemalt war »Das ist Immos Zeichen«
riefen sie wie aus einem Munde und Odo fragte den Schiffer welcher dabei
stand »Woher kommst du und für wen bringst du das«
»Mein Wasserross trug es vom Norden drei Wochen haben wir gegen den Strom
gerungen und mancher treibende Baumstamm streifte an den Bord bevor wir
ausluden Für einen Burgmann im Lande ist es bestimmt« Die Brüder bestürmten
ihn mit Fragen aber von Immo wusste der Mann nichts zu berichten
In der hölzernen Halle welche unweit des Baches errichtet war und im Sommer
allerlei Frachtgut bewahrte saßen heut die Häupter der Landschaft Edle und
Grafen welche dem Feste zugeritten waren Markwart von Tonna war da mit seiner
ganzen Sippe und seinen trotzigen Dienstmannen die Grafen aus dem Nordgau und
andere neben den Thüringen auch Hessen unter diesen Graf Gerhard aus den
Buchen Ihn hatte die Gnade des Königs wieder zu einem stattlichen Herrn
gemacht denn obgleich ihm die Waldwiesen und mancher andere schöne Acker
abgenommen waren galt er noch immer für reich an Erbe und Lehen auch in
Thüringen hatte er unweit der Horsila Hufen und hörige Leute Heut begrüßte er
die edlen Thüringe zum erstenmal seit seinem Unglück er war leutselig und mild
gegen jedermann und wenn einer auf die letzte Gefahr anspielte so zuckte er
nur wehmütig mit den Achseln Aber die meisten der Anwesenden vermieden davon
zu sprechen denn sie wussten wohl dass sie selbst um ein kleines in derselben
Not gewesen wären Der Raum war mit Tischen gefüllt und der Schenkwirt auch
ein Knecht des heiligen Wigbert lief mit den Kannen umher und drehte fleißig am
Hahn seiner Fässer Die Sonne sank hinter die Berge und es dämmerte in dem
fensterlosen Raume als die Söhne Irmfrieds eintraten Odo grüßte und von
mehreren Tischen klang der Gegengruss aber Markwart und sein Geschlecht welches
mit dem Grafen Gerhard unweit des Einganges saß sperrte sich breit setzend
den Weg zu den Tischen »Gib Raum Markwart« sagte Odo »damit wir dir nicht
die Knie scheuern« Aber der Held streckte sein Bein kräftig aus und versetzte
»Mich wundert dass die Söhne Irmfrieds begehren ihren Sitz unter den Edlen des
Landes zu nehmen da sie sonst häufiger die schwieligen Hände der Bauern drücken
als die unseren«
»Harre bis wir für ehrenvoll halten deine Hand zu fassen« versetzte Odo
»unterdes wundere dich nicht dass ich deinen Stuhl schwenke da du selbst das
nicht tun willst« Mit einem kräftigen Ruck drückte er den beschwerten Stuhl
beiseite Markwart hielt sich mit Mühe im Gleichgewicht er fuhr auf und mit ihm
sein Geschlecht die Hände griffen an die Schwerter und das Eisen klirrte in
der Halle Aber der Hauptmann des heiligen Wigbert rief mit lauter Stimme
»Gedenkt des Marktfriedens« und Gerhard sprang begütigend dazwischen und rief
»Wer eine Hand zuviel hat der greife an das Schwert ihr anderen aber hütet
euch denn jedes Tun hat seine Zeit und jetzt ist die Zeit friedlich zu
trinken« Dieser Rede riefen viele Stimmen Beifall der Tumult wurde gestillt
und der Wirt lief wieder mit den Kannen Gerhard aber begann in der schweigenden
Versammlung versöhnliches Gespräch »Obgleich an dieser Stelle die Mönche
Wigberts ihr Rauchfass schwingen so will ich doch über sie die Wahrheit sagen
Ich weiß manchen der größeres Vertrauen zu anderen Fürbittern hat Darum möchte
ich dich Held Odo fragen was dir von neuen Wundern des Glaubenshelden
Meginhard bewusst ist Denn auch davon hören wir gern beim Trunke«
Bevor Odo die Antwort gab rief der Mönch welcher während des Sommers als
Aufseher im Dorfe wohnte »Ungewaschenes Zeug kommt aus Eurem Munde Gerhard
weil Ihr unserem Heiligen in seiner eigenen Halle die Ehre vermindern wollt
Achtet lieber auf anderes was draußen vorgeht Denn wundervolle Kunde vernehmen
wir die jedermann mit Staunen erfüllt Ein fremder Spielmann sagt sie den
Leuten auch euch ihr Herren wird es freuen sie zu hören Dich aber du
Geschlecht Irmfrieds geht sie noch mehr an als die anderen« Der Mönch steckte
eine Fackel an dass ihr rotes Licht die Halle erleuchtete und in das Tor sprang
ein Spielmann gefolgt von einem großen Haufen Neugieriger er schwang sich auf
eine Bank die einer seiner Genossen vor den Eingang stellte und lud mit
heftigen Armbewegungen alle edlen Herren und jedermann ein die unerhörte
Neuigkeit zu vernehmen welche aus dem Nordmeer gekommen war vom Kampfe der
Sachsen gegen die Seeräuber Bei hartem Winterfrost hatten die Sachsen den Sieg
gewonnen indem sie über das Strandeis zogen und die festen Burgen der Räuber
zerbrachen und unter ihnen stritten die Helden der Thüringe der edle Immo
Irmfrieds Sohn und Brunico sein Genosse Grimmig war die Not der Helden im
Streit gegen die Seegespenster und gegen die Riesen unter dem Räubervolk die
mit Eisenstangen auf sie schlugen Und er schrie »Alles was je von Kämpfen
gesungen wurde ist wenig gegen diesen Kampf und alles was je von einem Schatz
geschaut wurde ist ganz wenig gegen den unermesslichen Goldschatz den die
Helden aus den Burgen der Räuber gewannen Von ihm will ich euch jetzt erzählen
soweit ich ihn selbst mit meinen Augen erkannt habe denn alles vermöchte einer
nicht zu schauen Zuvor aber spendet mir etwas denn später wenn ihr gehört
habt lauft ihr auseinander« Da lachten die Zuhörer und viele griffen nach den
Ledertaschen der Spielmann hob einen Beutel an einer langen Stange und fuhr
damit durch die Versammlung er überging keinen und wenn jemand mit dem Kopf
schüttelte so schnitt er ihm ein Gesicht oder sagte ihm etwas Boshaftes wenn
er das wagte so dass die Herren lachten und williger gaben Und als er
eingesammelt hatte erhob er sich wieder beschrieb die Herrlichkeit des
Goldgerätes und schätzte es nach hundert Pfunden recht genau bis die Leute an
der Tür vor Erstaunen die Hände zusammenschlugen Als er geendet hatte schied
er von seinen Zuhörern indem er schrie »Jetzt zieht dahin ihr edlen Herren
und guten Leute und verkündet es jedermann im Lande denn selig sind die Eltern
und selig ist die ganze Verwandtschaft der Helden die mit so teurem Goldschatz
heimkehren«
Die Zuhörer am Eingange liefen auseinander in der Halle vernahm man durch
das Gesumme halblauter Reden Rufe des Erstaunens Aller Augen hefteten sich auf
die Brüder und mancher trat an ihren Tisch und rief ihnen scherzend Heil zu
auch neidisches Gemurr und missgünstige Blicke stachen gegen sie Odo aber sprach
verwundert »Ist auch der Fahrende ein verlogener Mann vielleicht ist doch
manches wahr Haltet fest an euren Sitzen und wehrt euch mit scharfer Zunge
gegen jede Ungebühr denn ich merke nicht in Frieden reiten wir heut nach
Hause«
Graf Gerhard aber eilte aus der Halle gefolgt von einem vertrauten
Dienstmann denn es zog ihn mächtig zu den geheimnisvollen Ballen und Fässern
welche wie er vernahm dem glücklichen Immo gehörten Er wandelte längs des
Bachs und sein Mann wies auf den geschichteten Haufen und die weißen Zeichen
»Alles riecht nach Fastenspeise die von der See kommt« begann der Graf und
seine Nasenflügel zuckten »Das ist die Schlauheit Sie haben den Schatz ganz
unscheinbar unter Essbarem oder auch unter anderen Waren geborgen Von je waren
die Sachsen ein listiges Volk obgleich sie sich ganz einfältig zu stellen
wissen Viel Wunderliches hörten wir längst über den Goldschatz der Seeräuber
Aus allen Meeren haben ihn die Wilden zusammengeraubt durch viele Geschlechter
haben sie gesammelt wie Könige saßen sie in ihren Strandburgen sie tranken ihr
Bier aus goldenen Schüsseln welche mit Edelsteinen besetzt waren und man sagt
dass sie die Hufe ihrer Rosse nur mit Silber beschlugen Dies alles hat ihnen
Herzog Bernhard und dazu Held Immo genommen und was hier liegt mag diesen zum
reichsten Mann im Lande machen wenn er es auf seine Burg heimführt«
Er blickte scharf um sich in der Nähe war niemand zu erkennen auf den
Bergen flammten die Osterfeuer aus den Hütten klang Geschrei und Jauchzen und
weiter abwärts am Bache lautes Gezänk und der Ruf nach Waffen
Die Wächter der Ladungen waren sorglos zusammengetreten und schauten nach
der Stelle wo wilde Worte und Schläge getauscht wurden Der Dienstmann traf
eine kleine Tonne welche von den anderen abgerollt war mit einem Stoß dass sie
zur Seite fuhr »Gefällts Euch Herr« sagte er lüstern »so gebe ich der
Runden noch einige Tritte und Ihr könnt in Ruhe prüfen wie dieser Schatz der
Räuber aussieht«
Unwillig entgegnete der Graf »Willst du mich im Königsfrieden zum Diebe
machen du Wicht Wie darf ein ehrlicher Mann fremdes Gut nehmen wenn er es
nicht durch Gewalt und Schwertschlag gewinnt Hallo Wächter Hütet euer Gut die
Fässer kollern«
Ein Mann in langem Mantel den Hut tief in das Gesicht gedrückt sprang
herzu hob das Fass an seine Stelle und brummte
»Hütet Euch selbst dass Ihr nicht auf den Boden kollert«
»Entalte dich der Grobheit Freund« versetzte der Graf sanftmütig »denn
ich meine es gut Ich hoffe Held Immo lässt seinen Goldschatz nicht lange im
Wind und Mondenschein liegen«
»Habt auch ihr gehört dass der Held seinen Schatz in diesen Tonnen bewahrt«
fragte der Mann »Wir harren der Wagen noch während dort die Feuer brennen
wird alles hinter Tor und Riegel geborgen«
»Ich lobe die Vorsicht« bestätigte Gerhard »Die Osterfeuer werden heut
nacht den Weg zur Mühlburg erleuchten Wer aber schreit dort und schlägt so
wild« fragte er einen der Wächter welcher herantrat
»Es sind wieder die Knechte der Heiligen welche einander bei den Haaren
fassen« antwortete dieser lachend »die Fuldaer sind über das Wasser gekommen
um die Dorfmädchen im Reigen zu schwingen und die Knaben Wigberts wollen das
nicht leiden«
Der Graf schüttelte missbilligend das Haupt »Uns schelten die Mönche wenn
wir einmal das Schwert ziehen aber niemand von uns hegt einen solchen Grimm
gegen seinen Feind wie die Heiligen gegeneinander Wollen sie selbst nicht
Frieden halten so sollen sie sich nicht wundern wenn auch wir zuweilen einer
dem andern den Weg verhauen« In schweren Gedanken schritt er der Halle zu
hinter ihm ballte Brunico der Mann im Mantel die Faust
Auch auf dem umfriedeten Raum der Halle hatte der nächtliche Jubel begonnen
Überall loderten hohe Freudenfeuer die Bänke auf denen die Krämer gute Bissen
feilboten waren umdrängt von Begehrlichkeiten was stolze Knaben gern ihren
Mädchen schenken bunte Bänder Glasringe Halsperlen und kleine Metallspiegel
wurde eifrig gekauft am dichtesten umlagert waren die Stellen wo aus Fässern
und großen Kannen Bier und Met geschenkt wurde überall wo ein Spielmann
geigte ein Sänger sang sammelten sich die Zuhörer Um die Feuer aber schwangen
frische Knaben die Mädchen im Tanze gesondert nach Gauen und Dörfern zwar
fehlten ihnen die Abzeichen aus Baumlaub und Blüten durch welche sie sich im
Sommer unterschieden aber viele trugen das rote Kreuz Wigberts andere das Rad
mit welchem Erzbischof Willigis seine Angehörigen bezeichnete und die aus dem
Nessebruch führten ein Büschel roter Wolle mit grünem Band umwunden statt der
Distel welche sie zu anderer Zeit auf ihren Mützen trugen Viele tanzten in
Eisenhemd und Helmkappe alle die klirrenden Schwerter an der Seite zu ihren
hohen Sprüngen schrien Pfeife und Fiedel in gellenden Tönen Von allen Feuern
erklangen Heilrufe und markdurchdringende Jauchzer welche die Thüringe vom
Walde gewaltiger auszustossen wussten als andere Helden
»Mich wundert dass diese hier so sanft sind und sich ganz ohne Messer
ergötzen« bemerkte Gerhard im Durchschreiten zu seinem Dienstmann »sonst waren
sie behender das Eisen von der Hüfte zu holen«
»Die einander raufen wollen springen jetzt noch über den Zaun ins Feld«
lachte der Dienstmann »weil sie sich scheuen ihre Hand unter das Beil zu
legen Später reißen sie wohl die Schranken nieder dann klingen auch hier
scharfe Weisen«
Am Tor der Halle stieß Gerhard auf den Mönch welcher von zwei Dienern
begleitet den großen Zinnbecher trug in welchem St Wigbert an diesem Feste
ansehnlichen Gästen den Ehrentrunk bot Diese Spende war den Herren der Halle
die wichtigste Handlung des Abends denn stets empfing der zuerst den Becher
welcher seinem Geschlecht nach der Edelste war Viele der stolzen Herren erhoben
den Anspruch und fühlten Eifersucht gegen andere darum schuf der Becher jedes
Jahr wenn nicht zufällig einer von den höchsten Herren des Reiches anwesend
war dem bevorzugten Geschlechte Händel und Feindschaft Gerade deshalb war der
Vortrunk um so ehrenvoller Der Mönch stand mit dem Becher in der Mitte der
Halle segnete den Wein und begann »Da unter den edlen Herren welche St
Wigbert begrüßt niemand dem Königsgeschlecht der Sachsen angehört so reiche
ich den Becher heut dem Helden aus dem ältesten Geschlecht der Thüringe« Und er
trug den Becher zu Odo Einzelne Stimmen riefen Beifall aber lauter war das
missfällige Gemurr und Geschrei Die Gegner steckten die Köpfe zusammen und
fuhren von ihren Sitzen Odo aber erhob sich trank der Versammlung Heil und
reichte den Becher seinem Bruder Ortwin Da rief Graf Gerhard den die anderen
zu ihrem Wortkämpfer gewählt hatten »Sehr ungeschickt ist die Wahl des Mönches
und eine Kränkung für uns alle Einen Jüngling hat er zum Vortrunk gerufen
während hier nicht wenige sitzen deren Haar im Rat und Kampfe ergraut ist«
»Eure Klage nenne ich ungerecht« rief Odo zurück »denn nicht den jungen
Krieger soll der Trunk ehren sondern das Geschlecht für welches ich hier als
Ältester stehe«
»Wir aber vermögen nicht die Ehren deines Geschlechtes zu rühmen«
entgegnete Gerhard »Haben deine Ahnen auch hier und da das Schwert mannhaft
geschwungen was keiner von uns ableugnet so führt ihr doch kein Banner
welches der König euch in die Hand gelegt hat wie wir anderen die wir als
Herren das Schildamt üben Und wenn ihr auf eure edle Herkunft pocht so wisst
dass man hier und anderswo euren Bauernadel belacht«
Die jüngeren Brüder sprangen von ihren Sitzen und Odo rief »Wenn der König
unsere entlaufenen Knechte mit Lehen und mit einem Banner begabt so rühmen sich
die Knechte große Herren zu sein Wir Bauern aber meinen der König kann zum
Grafen und Markgrafen ernennen wen er will aber niemanden zu einem Edlen«
»Euch aber« rief Graf Gerhard wieder »haben die Mönche zu Edlen gemacht
ja man sagt auch dass sie euch in der Stille zu kleinen Königen gekürt haben
nur dass man nicht laut davon reden darf«
Odo schlug an sein Schwert »Ich erkenne dass Ihr selbst Lust habt von dem
Königsstabe den wir in der Hand führen die Belehnung zu erhalten«
Da erhob sich wieder der Hauptmann von St Wigbert und rief mit mächtiger
Stimme durch die Halle »Übel fügen sich heiße Worte zu starkem Trunk ich rate
dass ihr beide in dieser Nacht euren Wortkampf stillt morgen aber wie euch
Herren gebührt an Versöhnung denkt oder an Schwertschlag«
Aber Gerhard fuhr eifrig fort »Nicht wir andern haben den Unfrieden
begonnen sondern diese vorhin als sie hier eintraten Und es ist wohlbekannt
im Lande dass ihr sogar untereinander nicht Frieden halten könnt Schon zur Zeit
eurer Väter raunte man im Volke mancherlei von der Brudertreue welche die
Männer eures Geschlechtes einander beweisen und jetzt hören wir wieder dass ihr
eurem ältesten Bruder Unheil gesonnen habt so dass dieser als ein fahrender
Recke in der Welt herumschweift«
Da winkte Odo finster dem jungen Gottfried dass dieser vor den versammelten
Edlen seine erste Kampfprobe ablege denn er war schneller Worte mächtig Und in
der Stille welche dem kränkenden Vorwurf des Grafen folgte sprang Gottfried
vor und rief laut
»Eure Rede ist unwahr Graf Gerhard nie haben wir gegen unseren Bruder Immo
Untreue erwiesen und jetzt leben wir in großer Sorge um den Abwesenden Deshalb
ersuche ich Euch dass Ihr die Kränkung zur Stelle widerruft«
»Ein Hähnchen höre ich krähen« versetzte der Graf lachend
»So vernehmt ihr edlen Herren« fuhr Gottfried fort »dass ich vor euch
allen den Grafen Gerhard einen Verleumder nenne und überall außerhalb des
Marktfriedens will ich mit meinen Brüdern das an seinem Leib und Leben erweisen
wo ich ihn treffe« Er löste seinen Handschuh und warf ihn vor den Grafen
dieser aber stieß verächtlich mit dem Fuß daran
Da flog ein anderer Eisenhandschuh zu dem kleinen des Jünglings Gottfried
und von dem Eingang her rief eine tiefe Stimme
»Nehmt auch den meinen« Ein hoher Krieger schritt auf den Grafen zu dieser
fuhr zurück wie vor einem Geiste als er die zornige Entschlossenheit in einem
wohlbekannten Antlitz sah und vermochte nur zu antworten »Dich habe ich hier
nicht erwartet und dich habe ich nicht gemeint Held Immo«
Als er den Namen nannte der heut in aller Munde war regten sich die
Anwesenden viele sprangen auf und drängten heran um den Helden zu sehen Immo
aber wies auf die Fehdezeichen
»Widerruft die Kränkung und gebt vor allen Edlen meinen Brüdern ihre Ehre
oder nehmt den Streit auf auch mit mir«
Gerhard blickte scheu auf den neuen Gegner »Du selbst magst wissen Immo
dass ich ungern gegen dich kämpfe wenn ich an Vergangenes denke und du weißt
auch dass meine Ehre mir nicht gestattet Kampfesworte die vor den Edlen
gesprochen sind zu widerrufen«
»Ob wir Gutes oder Arges in vergangener Zeit miteinander gehandelt haben«
versetzte Immo »das alles sei vergessen in dieser Stunde Als Sohn meines
Geschlechtes stehe ich dir gegenüber und Abbitte fordere ich von dir oder ich
suche an deinem Leben die Rache«
Da rief Gerhard mit querem Blick »Meine nicht mir durch dein stolzes
Drohen den Willen zu beugen ich widerstehe dir wenn du auch jetzt auf deinen
Goldschatz vertraust« und die Handschuhe vom Boden hebend und auf den Tisch
werfend rief er »Du denke daran wenn du den Schaden trägst dass nicht ich die
Fehde gefordert habe sondern du Und darum sei Unfriede zwischen uns statt
Friede sobald wir den Schranken den Rücken kehren und Kampf sei um Leib und
Leben Gut und Habe zwischen mir mit meinen Helfern und dir mit deinen Helfern«
Er wandte sich trotzig ab setzte sich zu seinem Genossen Markwart und
verhandelte leise mit diesem Immo trat zu dem Tisch der Brüder und den
Jüngling Gottfried küssend sprach er »Ich grüße euch meine Brüder Gewährt
mir einen Sitz in eurer Mitte und einen Trunk aus eurem Becher damit die
Fremden erkennen dass sich die Söhne Irmfrieds in der Not nicht voneinander
scheiden«
Die Brüder rückten zusammen Ortwin trug ihm den Stuhl und Odo goss ihm den
Trank ein der Stolz wehrte ihnen zu reden und sie saßen schweigend
beieinander Doch von den anderen Tischen eilten Bekannte des Geschlechts mit
den Trinkkannen heran den Helden zu begrüßen und er stand von vielen umgeben
und antwortete auf die neugierigen Fragen Aber sein Blick flog prüfend durch
den Raum und nach dem Tische des Grafen Gerhard bis er an der Tür seinen
Vertrauten Brunico erkannte da winkte er diesem und trat mit ihm zur Seite in
heimlichem Gespräch
Brunico drängte sich hinaus ins Freie nicht lange so klang in dem Gewirr
von vielerlei Tönen ein neuer Gesang ähnlich dem Quarren eines Frosches bald
hier bald dort schrie einer aus dem Volk der Langschenkel so dass die Leute
einander lachend fragten »Ist auch der brüllende Held Reginheri in seinem Sumpf
erwacht« Doch als sich der Froschgesang auf einer Stelle außerhalb der
Schranken vereinte und mit einem lauten Heilruf endete da dachten die anderen
dass dies ein Zeichen übermütiger Genossen war welche miteinander zu den
Bergfeuern ausschwärmten
Die Helden in der Halle aber welche nicht selbst der Fehde teilhaftig
waren freuten sich dass der Festabend so rühmlich verlief und dass man davon im
Lande singen und sagen würde Sie saßen jetzt friedlich bei ihren Kannen denn
ihr Gemüt war erfrischt wie die Flur nach einem Gewitter
Plötzlich klang in das wilde Geschwirr des Marktes ein Klageschrei und der
Ruf nach Rache Der Gesang verstummte die Pfeifer und Fiedler setzten ab die
Krämer liefen zur Abwehr vor ihre Bänke und warfen mit ihren Knechten die Waren
schnell in die geöffneten Kasten In die Halle sprang ein verstörter und
blutender Mann und schrie »Die Hunde des Bonifazius sind über das Wasser
gedrungen einer von uns liegt erschlagen rächet den Schaden ihr
Wigbertmannen« Und unter die verstörten Haufen springend rief der Mann
dieselbe Klage Da schwand die Freude in wildem Zorn die Frauen wichen in das
Dunkel zurück die Männer fuhren zusammen rissen flammende Brände aus den
Feuern und stürmten dem Fluße zu Vergebens sprengte der Vogt mit seinen Mannen
dazwischen und schrie den Frieden aus die Wütenden lösten die Halteseile der
leeren Kähne und drängten sich hinein mancher Wilde sprang ins Wasser und rang
sich hinüber auf die Seite der Fuldaer Dort stürmten Bewaffnete entgegen um
die Einbrecher in die Flut zu werfen und dicht am Ufer entbrannte der Kampf
Aber neue Haufen folgten über den Fluss auf Tonnen und Bänken suchten sie durch
das Wasser zu schwimmen die Fuldaischen wurden rückwärts gedrängt die rote
Lohe flammte an dem Holzhaus über welchem das Banner des heiligen Bonifazius
wehte und das Banner selbst verschwand in den aufsteigenden Flammen
Auch die Herren in der Halle waren an das Ufer geeilt die einen in bitterer
Sorge die anderen schadenfroh Da sprach Immo zu seinen Brüdern und es waren
die ersten Worte die er seit dem Eintritt mit ihnen wechselte »Gefällt es
euch Söhne meines Vaters so reiten wir Lasst euch nicht beschweren wenn ich
euch begleite denn ich merke andere sinnen darauf uns außerhalb des Friedens
zu treffen«
Und Odo antwortete mit derselben Zurückhaltung »Da der Unfriede uns alle
angeht so sei auch die Abwehr und der Angriff gemeinsam« Sie verließen
zusammen die Halle und eilten zu ihren Rossen Erstaunt fanden die Brüder Immos
dass bei ihren Knechten und Rossen eine reisige Schar von Landleuten aus den
freien Dörfern hielt
Nicht lange nachher knarrten die Räder beladener Wagen auf dem Wege welcher
zwischen dem Leinbach und einem Waldhügel nach der Mühlburg führte Nur zwei
Reiter bildeten die Bedeckung die Knechte hatten Mühe die Pferde in dem
aufgeweichten Wege bergan zu treiben sie schrien laut und knallten mit den
Peitschen Endlich kam an einer kleinen Steile der Zug ganz in das Stocken Da
rasselte und klang es im Holz eine Anzahl Reiter sperrte die Straße und warf
sich gegen die Wagen Die berittenen Wächter flohen ohne Kampf talab auch die
Knechte sprangen flüchtig dem Bach zu Als Graf Gerhard heransprengte war das
Werk getan die Wagen im Besitz seiner Reisigen Er lachte und rief »Leichten
Kaufes wurde großes Gut in ehrlicher Fehde gewonnen Lenkt die Wagen seitwärts
in das Holz treibt meine Mannen in einer Stunde haben wir es hinter Wasser
und Mauer geborgen« Die Pferde wurden einen Waldweg bergan geführt sie
schritten jetzt rüstiger als vorher und der Graf brummte vergnügt vor sich hin
»Ich hörte zuweilen rühmen junger Immo dass dein Schwert gut schneidet aber in
Listen bist du schwach und der Alte hat dir behende abgeführt worauf du mit
trotzigem Mute vertrautest« Der Zug betrat eine kleine Lichtung des Waldes
welche in hellem Mondschein lag umgeben von dichtem Niederholz dessen laublose
Äste die lichte Stelle mit dunklem Grau einfassten Da flimmerte es in dem Holze
hier und da wie von blankem Eisen die Reiter welche die Vorhut bildeten
jagten zurück und meldeten atemlos dass der Weg durch Gewappnete versperrt sei
auch hinter der kleinen Schar des Grafen klang ein Kriegsruf Hörner und laute
Stimmen antworteten und mit Erstaunen sah der Graf sich rings eingehegt durch
Fußvolk und Reiter Er riss die Pferde des vordersten Wagens herum auf die Mitte
der Waldwiese und gebot den Reisigen einen Ring um die Wagen zu ziehen Er
umritt seinen Haufen hob den Speer und erwartete mutig den Anlauf
Aber der Angriff erfolgte nicht Den ganzen Rand der Lichtung hielten
schnellfüssige Knaben umstellt auf dem Wege stampften die Rosse der Gegner und
man vernahm ein Rollen und Dröhnen als ob Baumstämme gewälzt würden Jenseits
des Weges zog sich ein offener Wiesengrund dem Gebirge zu dort hatten die
Dorfleute der Umgegend einen mächtigen Holzstoss getürmt welcher in dieser Nacht
als Freudenfeuer aufflammen sollte Um den Stoß schwebten die Schatten er wurde
zusehends kleiner »Herr« warnte den Grafen sein vertrauter Dienstmann »sie
sperren die Wege denn durch das Niederholz vermögen unsere Rosse schwerlich zu
dringen Brecht durch bevor sie uns einhegen«
»Soll ich den Schatz im Stich lassen« fragte der Graf unwillig »was in den
Wagen liegt gibt Gold und Ehre für euch alle« und er schrie hinüber zu den
feindlichen Reitern »Was säumen die Helden heranzusprengen offen ist das
Kampffeld Trotzige Worte hörten wir in der Halle hier aber merke ich
schlottern euch die Beine im Bügel«
Da rief Brunico zurück »Schlecht kämpft sichs im Waldesdunkel harret noch
ein wenig bis wir euch die Osterfeuer anzünden«
»Brecht durch Herr« rief der Vertraute aufs neue »denn sie schichten das
Holz auf der Wegseite zu einem Walle«
»Pfui über dich Immo« rief der Graf in dem jetzt die Sorge mächtig wurde
»unritterlichen Brauch übst du ich harre deiner komm heran und schlage dich um
den Schatz«
Immo rief zurück »Auch euch war der Pfad zum Kampfe geöffnet allzulange
habt ihr euch um die Tonnen gedrängt jetzt rate ich mit uns in Bauernweise den
Festbrauch zu üben Die Flammen lodern schwingt euch zum Tanze über die
Scheite« Eine kleine Flamme leckte auf die zweite die dritte bald sperrte
das Feuer wie ein Wall die Belagerten von dem Wege ab Aber auch längs dem
ganzen Rande des Niederholzes leuchteten die Funken jeder der Knaben welche
dort die Wache hielten schwenkte Kienfackeln denen gleich womit sich die
Dorftänzer auf den Bergen um die Flammen drehten und jeder schleuderte mit
wildem Geschrei und Jauchzen die lodernden Brände gegen die Rosse der
Belagerten Die Rosse scheuten und stiegen die Reiter selbst entsetzt über das
feurige Gefängnis vermochten der wütenden Tiere nicht Herr zu werden mehr als
einer wurde abgeworfen und lag ächzend am Boden In diesem Augenblicke brachen
die Söhne Irmfrieds mit ihrer Schar wie ein Wettersturm durch die Flammen im Nu
waren die Helfer des Grafen überrannt gefangen und gebunden Der Graf selbst
schlug tapfer mit dem Schwert um sich aber durch eine mächtige Faust wurde er
am Nacken gepackt und von seinem Rosse geschwenkt dass er schwertlos auf den
Boden fiel »Ergebt Euch Gerhard« rief Immo »gelobt als mein Gefangener zu
folgen damit ich Euch die Schmach der Weiden erspare« Betäubt gelobte der
Graf
In wenig Augenblicken war das Werk getan behend rannten die Thüringe die
flüchtigen Rosse der Gebundenen einzufangen Sie bändigten die Pferde an den
Lastwagen und zerwarfen das Holz des brennenden Walles und nachdem sie sich auf
ein Zeichen Brunicos mit hellem Jubelruf um die Brüder gesammelt hatten brach
der ganze Zug mit den Wagen und den Gefangenen nach der Mühlburg auf
Längs der Freudenfeuer welche überall auf den Hügeln und um die Dörfer
flammten zogen die Sieger jauchzend und singend dahin Es war tief in der
Nacht als sie in die Burg kamen Immo der während der Fahrt sich von den
Brüdern ferngehalten hatte ritt jetzt zu ihnen als sie im Hofe auf den Rossen
hielten und sprach grüßend »Seid willkommen im Hause unserer Väter nehmt
vorlieb mit karger Bewirtung denn erst beim Licht der letzten Sonne ist der
Wirt aus der Fremde heimgekehrt Gefällt es euch so enden wir unseren Handel
mit den Gefangenen noch während der lustigen Nacht wie er begonnen wurde«
»Du warst beim Sprung um die Scheite der Vortänzer« versetzte Odo lächelnd
»wir vertrauen dass du auch gegen die Gefangenen unser Recht wahren wirst«
Im Hofe der Mühlburg wurde ein großes Feuer entzündet und herbeigeholt was
der Vogt aus dem Keller zu liefern vermochte Kräftig tranken die Thüringe und
auch den Gefangenen welche kummervoll auf den Stufen der Halle kauerten wurden
die Kannen geschwenkt In der Halle aber saßen die Söhne Irmfrieds mit ihren
Dienstmannen und die Landleute von der Nesse unter ihnen mit gebeugtem Haupt
der waffenlose Graf Da rief Immo ihm zu »Hebt den Becher Graf Gerhard und
trinkt trotz Eurer Not Einst lag ich als Gefangener in Eurem Turm da ludet Ihr
mich in Eure Halle und botet mir den Trunk an Eurem Tisch Heut tue ich Euch mit
Freuden dasselbe zur Vergeltung«
»Ich lobe dich Immo« antwortete der Graf trübe »dass du in dieser Stunde
an den Wechsel des Glückes denkst beide haben wir ihn seit jenem Abend in der
Halle erfahren Vergiss auch nicht dass dem Sieger eine Ehre ist Maß zu halten
in allem was er dem Gefangenen auflegt Behandelt mich mit Billigkeit ihr
edlen Herren denn glaubt meiner Erfahrung die ich mir zu meinem großen Kummer
erworben wer allzuviel für sich begehrt fühlt zuletzt selbst den Schaden«
Immo versetzte ernstaft »Meine Brüder und ich wir sind Herren geworden
über Euren Leib und Euer Leben und wir vermögen Euch jetzt zu zwingen durch
Haft und Bande und zu schatzen an Habe und Gut weil Ihr wider die Wahrheit und
wider eigenes Wissen das Ansehen und die Ehre unseres Geschlechtes mit
gehässigen Worten angefeindet habt Dennoch sollt Ihr erkennen dass die Söhne
Irmfrieds gegen einen bezwungenen Feind Billigkeit üben Eure Zunge hat Euch in
Unfriede gebracht Eure Zunge soll Euch auch den Frieden wieder gewinnen wenn
Ihr sie weise gebraucht solange die Thüringe sich in dieser Nacht um die
Festfeuer schwingen«
In dem Grafen erwachte eine frohe Hoffnung und er rief »Sage mir was ich
reden soll damit ich mich aus der Not löse«
Und Immo fuhr fort »Wollt Ihr Abbitte tun wegen aller kränkenden Worte und
wollt Ihr mit allen Euren Helfern schwören nichts von dem was in dieser Nacht
gegen Euch gesagt und getan worden ist an uns oder einem unserer Helfer zu
rächen sondern in Zukunft Frieden und guten Verkehr zu bewahren so mögt Ihr
mit unseren Gefangenen mit Waffen und Rossen frei und ledig von hinnen reiten
sobald der erste Sonnenstrahl unsere Dächer bescheint«
Graf Gerhard sprang erfreut in die Höhe und rief »Wahrlich Immo manchen
Beweis deines guten Verstandes habe ich erhalten aber diesen will ich dir
niemals vergessen Ich bin bereit zu allem was du von mir verlangst zu Abbitte
und Gelöbnis«
»Wohlan« gebot Immo »ladet jeden in die Halle der jetzt im Hofe weilt
zuletzt die Gefangenen Und mit diesen werdet Ihr Euch barhaupt und stehend
demütigen«
Ein Hornzeichen rief die Gäste und das ganze Gesinde zusammen und als alle
versammelt waren führte Immo den jungen Gottfried auf den Ehrensitz und zu
diesem sprach der Graf barhaupt die Abbitte »Alles was ich gegen Ehre und
Ansehen deines Geschlechtes jemals gesagt und getan habe das sei ungesagt und
ungetan alle edlen Rechte erkenne ich ihm zu und auch den Vorsitz und Vortrunk
Denn wisst ihr Herren wenn ich auch manchmal im Ärger anders sprach immer
habe ich das Geschlecht Irmfrieds vor anderen hochgeschätzt Und ich bin bereit
nachdem ich Vergangenes abgebeten habe alles Gute für die Zukunft zu geloben
nicht nur weil ich in Not bin sondern auch weil ich merke dass dies in Wahrheit
meines Herzens Wunsch ist«
Als der Graf dies nach Gebühr vollendet hatte und seine Worte durch die
anderen Gefangenen bestätigt waren wurde er mit ihnen in die kleine Kapelle vor
den Altar geführt dort gelobten die Helden für alle Zukunft jedem
Rachegedanken zu entsagen Darauf ward der Graf auf den Ehrensitz in der Halle
geleitet und jetzt trat Gottfried vor und bot ihm den Friedensbecher Gerhard
tat einen tiefen Trunk und seufzte aber er wurde mild und froh ja er lachte
ein wenig über sein Unglück und sprach allerlei Vertrauliches zu Immo
Beim Aufgang der Sonne wurden die Rosse der Gäste vorgeführt und Immo
geleitete den Grafen selbst in den Hof Als dieser aufsteigen wollte sah er die
beladenen Wagen und mit einem sehnsüchtigen Blick sprach er zu Immo »Hätte ich
diese in ehrlicher Fehde gewonnen so würde ich fortan meinen Met aus goldenem
Becher trinken«
Da antwortete Immo »Eifrig habt Ihr darum geworben und als ein Held euer
Leben dafür gewagt Wisst Ihr habt gefochten wie der alte Hildebrand um
wollene Decken welche die Sachsen mit guter Kunst verfertigen und zumeist um
den gesalzenen Seefisch welchen die Leute den Hering nennen«
Als die Entledigten abgezogen waren dankte Immo mit freundlichen Worten die
Landleute ab welche als freiwillige Helfer herangeritten waren »Da die
Gefangenen gegen den Gebrauch kein Lösegeld gezahlt haben und auf ihren Rossen
davonreiten so nehmt dafür mit meinem Dank einen Teil der Waren aus dem
Sachsenland welche ihr wiedergewonnen habt nicht als Entgelt sondern zur
Verehrung« Das waren die Nachbarn wohl zufrieden und Immo gebot dem Brunico
einen billigen Anteil auszuscheiden Diesen luden sie vergnügt auf einen Karren
und schieden mit Heilruf zu ihren Dörfern
Die Entführung
In der Halle standen die Brüder zum Aufbruch gerüstet als Immo ihnen
entgegentrat »Den großen Goldschatz der Räuber hat der fahrende Mann mir
angelogen doch brachte ich reiche Beute und die Gastgeschenke der Sachsen heim
nicht die Wasserrosse führten meinen Kampfgewinn der Mühlburg zu sondern die
Packpferde welche Brunico leitete Für euch Söhne Irmfrieds sind die Ballen
geöffnet damit ihr daraus wählet was jedem von euch gefällt und ich bitte
euch diese Gabe anzunehmen anstatt der Schatzung die ich den Gefangenen
erliess ohne euch zu fragen«
»Solches Angebot ist gebührlich gegen Fremde nicht gegen die Genossen des
eigenen Geschlechts« antwortete Odo finster und Ortwin rief »Du tust uns weh
wenn du uns Gold bietest wo wir brüderlichen Gruß erwarten«
Da flog helle Freude über Immos gramvolles Angesicht »Wollt ihr freundlich
zu mir reden und brüderlich gegen mich handeln so wisst meine Brüder dass mein
Herz sich viele Jahre nach eurer Liebe gesehnt hat Schon im Kloster fühlte ich
traurig unter Fremden die Einsamkeit und dachte mich täglich heim in eure Mitte
und auch jetzt unter den Gastfreunden vermochte ich nicht die frohen Spiele
ihrer Knaben zu sehen ohne dass sich mir das Herz in Gram zusammenzog Denn wie
ein Ausgestossener lebte ich weil mir eure Freundschaft fehlte Begehrt ihr
liebe Knaben dass ich euch brüderlich begrüsse so springt heran wie einst denn
die Arme des Bruders sind geöffnet euch zu empfangen«
Ortwin warf sich um seinen Hals und küsste ihn und wie er taten die
jüngeren nur Odo stand zur Seite Gottfried aber ergriff Immos Hand und legte
sie in die Hand des andern Odo drückte sie und begann »Der Zorn ist
geschwunden mit dem grünen Laub dieses Sommers beide wollen wir vertrauen dass
in dem neuen Lenz unter uns sieben sich die Treue bewähre« Und auf Gottfried
weisend fuhr er fort »Du siehst wir haben ihn gewappnet und da du zu uns
zurückgekehrt bist vermögen wir jetzt in Frieden das Erbe zu teilen Vor einem
Jahre widerstand ich dir als du das Recht des Ältesten fordertest fortan bin
ich gleich meinen Brüdern bereit dir zu folgen wenn du uns führst«
Aber Immo rief mit ausbrechender Leidenschaft »Leite du die Brüder und
bewahre du die Ehre des Geschlechtes denn ich kehre nicht zurück um in Frieden
unter euch zu leben Ein großes Leid berge ich in meinem Herzen und mein Leben
muss ich wagen in wilder Tat noch bevor die nächste Sonne aufgeht Wisst der
Tochter des feindlichen Mannes den wir heute demütigten habe ich heimlich mein
Leben gelobt der König aber will sie schleiern ob es ihr und dem Vater lieb
oder leid sei Bevor sie morgen früh zu Erfurt die Klosterschwelle betritt hole
ich sie auf die Mühlburg was mir auch darum geschehe Dem Zorn des Königs
trotze ich und dem Rechte des Landes widerstehe ich um sie zu erwerben denn
ohne sie ist mir mein Leben verhasst«
Die Brüder sahen betroffen einander an »Zu früh habt ihr mich brüderlich
begrüßt ihr Söhne Irmfrieds« fuhr Immo heftig fort »mich wundert nicht wenn
ihr euch von mir abwendet wie von einem Kranken dessen Berührung Unheil bringt
Meint auch nicht dass ich euch mahnen will an die Hand die ihr mir jetzt
gereicht habt und an den brüderlichen Kuss Denn eure Hilfe bei der Tat fordere
ich nicht den Raub wage ich wohl allein mit denen die sich mir gelobt haben
Euch aber sage ich vorher was ich tun werde damit ihr mir tröstlich seid
soweit ihr es vermögt ohne euch zu verderben Doch nein liebe Brüder«
unterbrach er sich selbst »aus Klugheit und Vorsicht hätte ichs euch nimmer
bekannt aber eure Freundlichkeit hat mir die Seele weich gemacht Denn Sommer
und Winter habe ich die Last allein getragen Selig macht der Gedanke an das
geliebte Weib aber furchtbar quält die Angst sie zu verlieren und manche
Nacht habe ich in der Fremde auf meinem Lager die Faust geballt oder kindisch
geweint wie mir jetzt geschieht« Er wandte sich ab hielt die Hände vor das
Antlitz und sein starker Leib bebte im Krampf
Es war totenstill in der Halle Endlich begann Odo »Wenn unsere Eltern
einen Rat hielten der ihr Wohl und Wehe anging so saßen sie vertraulich
nebeneinander am Herdfeuer nieder Führe auch du uns zum Herde der Burg an dem
unsere Vorfahren beraten haben damit wir die Flamme aufzünden Dort erzähle du
uns von dem Weibe welches dir lieb wurde und wie alles gekommen ist bis heut
damit wir es wissen denn auch das ist ein Recht der Deinen«
Da führte Immo die Brüder über den Hof zu dem Flur des Saales worin der
Herd stand er entzündete das Feuer und schloss die Tür Die sieben Brüder
lagerten am Herde und Immo begann leise seinen Bericht zuerst wie Hildegard
unter den Buchen sein Geselle wurde und wie er ganz plötzlich sich glückselig
fühlte und danach alles andere Und er zeigte ihnen auch das Pergament mit den
Goldfäden welches alle betrachteten während er es in seiner Hand hielt bis er
es wieder im Gewande barg Die stolzen Knaben Irmfrieds vernahmen vorgebeugt mit
leuchtenden Augen die Kunde welche auch ihr Leben nahe anging und Gottfried
saß zu den Füßen des Bruders hielt die Hände über dem Knie desselben gefaltet
und blickte ihm unverwandt in das bewegte Antlitz während Odo zuweilen einen
neuen Span in das Feuer legte Immo aber wurde froh dass er von Hildegard
erzählen durfte und lachte dabei treuherzig wie ein Kind Er schilderte ihr
Aussehen und ihre Art so dass sie auch seinen Brüdern gefiel obwohl sie die
Tochter eines wunderlichen Mannes war
Als Immo geendet hatte und alle in warmer Teilnahme schwiegen begann Odo
nachdenkend »Sage uns welche Meinung hat Graf Gerhard zu dir«
»Du kennst ihn ja auch« versetzte Immo »dass er hastig nach jedem Vorteil
züngelt und schmeichelnde Worte nicht spart aber ich fürchte im Grunde seines
Herzens ist er mir abgeneigt da er schon mit unserem Vater in Unfrieden lebte«
Odo nickte »Klein ist der Funke welcher ein großes Feuer entzündet auch
uns bedroht die Flamme Gegen dich stehen der König und der Erzbischof das
Recht des Vaters und der Friede der Stadt und es wird ein Kampf gegen große
Übermacht um Gut und Leben für ich und deine Helfer Aber der König ist wie
wir hören auf dem Wege nach Italien das Recht des Erzbischofs beginnt erst mit
dem nächsten Morgen das Recht des Vaters werden wir alle ungern ehren und
wegen des gebrochenen Stadtfriedens werden die Erfurter vielleicht mit sich
handeln lassen zumal wir selbst einen Hof in ihren Mauern haben Doch wenn
auch all diese Hoffnung trügt hartnäckiger Wille eines Mannes vermag viel Und
zuletzt hast du noch deine Brüder Denn ich denke nicht dass diese hier den
Bruder in der Not verlassen werden«
Da sprangen die Jüngeren alle in die Höhe zuckten an den Schwertern und
riefen »Nimm den Schwur« Und Odo fuhr fort »Lüfte dein Schwert mein Bruder
damit wir alle unsere Hände zugleich darumwerfen Während das Herdfeuer lodert
und das Dach unseres Hauses uns bedeckt geloben wir dir mit Leib und Leben
Gut und Ehre zu helfen damit du die Braut heimführst Denn wir alle wissen dass
wir im Tode zu dir gehören wie du zu uns«
So schworen die Sieben sich zusammen und küssten einander am Herdfeuer
Danach setzten sie sich wieder zu geheimer Beratung
Eine Stunde darauf ritten die Brüder den Mühlberg hinab Immo mit Gottfried
nach der Stadt Erfurt die anderen nach dem Herrenhofe Immos Seele hob sich in
neuer Hoffnung als der warme Frühlingswind um seine Wangen wehte und als der
Bruder welcher ihm am vertrautesten war ihn immer wieder an der Hand fasste und
durch seine vertraulichen Fragen lockte von Hildegard zu reden Sie ritten
durch das offene Tor in die große Marktstadt die der ganzen Landschaft für ein
Wunder galt obgleich sie in vielem einem ungeheuren Dorfe ähnlich war Denn
hölzern waren die Häuser neben den meisten öffnete sich ein Hoftor durch
welches man auf die Dungstätte und die Ställe sah die Gänse wateten durch den
Kot der Gassen und das Borstenvieh lief schonungslos umher Aber die Mauern und
Tortürme ragten gewaltig von den großen Kirchen und Kapellen läuteten fast den
ganzen Tag die Glocken auf den Marktbänken der freien Plätze war eine
unendliche Fülle begehrenswerter Sachen zum Verkauf gestellt und wer selten
nach der Stadt kam der wurde nicht müde nach der Heimkehr von dem Unerhörten
zu erzählen
Diesmal achteten die Helden wenig auf die Waren und wenig auf die
stattlichen Männer und Frauen welche in den Gassen ihren Geschäften nachgingen
sie stiegen in dem Hofe ab der dem Geschlecht seit alter Zeit gehörte und
eilten zu Fuß nach dem Hause des Goldschmieds
Der Hof Herimans war leicht kenntlich durch das große Wohnhaus welches sich
neben dem verschlossenen Hoftor erhob Denn ein Stockwerk ragte über dem Flur
vorspringend in die Straße und trug noch einen Giebel mit mehreren Bodenräumen
Schon auf der Straße vernahm man Hammerschläge als Immo das Gatter öffnete
welches bei Tage den unteren Teil der Türöffnung verschloss fand er im Hausflur
einen schlanken Knaben im Schurzfell der mit Raspel und Feile an einem
Metallgerät arbeitete Auf die Frage nach dem Herrn führte der Knabe eine kleine
Treppe hinauf in den hinteren Teil des Hauses wo die Werkstatt des Goldschmieds
sich nach dem Hofe öffnete Heriman saß mit seinem Knappen über der Arbeit im
Takte schlugen die kleinen Hämmer um glänzendes Silberblech zu runden Als er
die beiden Krieger im Kettenhemd erkannte sprang er auf warf den Hammer in
eine Ecke fuhr sich heftig durch die wallenden Haare und über sein mannhaftes
Gesicht flog ein Schatten von Besorgnis Aber er bot mit ehrlichem Gruß seinen
Gästen die Hand und geleitete sie aus der Werkstatt nach dem oberen Stockwerk
Durch die Lichtöffnungen der verschlossenen Läden fielen die Sonnenstrahlen in
ein großes Zimmer auf viele Truhen und Schränke und auf die schmale Bettstelle
in welcher Heriman selbst als Wächter seiner Waren zu ruhen pflegte Während
Gottfried sich neugierig nach dem Silber und Goldgerät umsah welches der
reiche Goldschmied in seinem Hause verwahrte stieß Heriman einen Laden auf
doch so dass das Innere des Zimmers den Nachbarn gegenüber verborgen blieb und
rief »Bei Tageslicht will ich mit Euch verhandeln obwohl es ein nächtliches
Werk ist an welches Ihr denkt« Er holte tief Atem und fuhr sich wieder durch
das Haar »Bevor Ihr mirs sagt weiß ich weshalb Ihr im Kriegskleide kommt
denn durch meine Base Kunitrud erfuhr ich dass heute abend ein Gast in der Stadt
einzieht um den Ihr Sommer und Winter gesorgt habt«
»Sie darf die Schwelle des Klosters nicht überschreiten und ich will es
hindern oder meinen Leib in euren Mauern zurücklassen«
Heriman setzte sich auf einen Schemel und neigte betäubt das Haupt Aber
gleich darauf erhob er sich »Ihr fordert dass ich heut meine Schuld bezahle
Ihr sollt Euch in mir nicht geirrt haben was mir auch darum geschehe Doch
bevor ich Euch meinen guten Willen erweise frage ich Ist es nötig dass Ihr im
Frieden der Stadt wagt was Ihr tun wollt«
»Sie kommt mit reisigem Gefolge ihres Vaters und des Erzbischofs Ganz
unsicher wäre das Gelingen bei einem Speerkampf auf offener Heide«
»Dann also muss es hier sein Sie rastet heut nacht im Hessenhofe wo ihr
Vater immer einliegt ein Reisiger hat die Ankunft gemeldet Morgen reitet der
große Erzbischof in unsere Stadt er selbst soll sie nach dem Willen des Königs
den frommen Müttern zuführen Noch andere Neuigkeit weiß ich morgen früh wird
die Heerfahne des Königs auf seiner Burg ausgesteckt und die Boten werden durch
das Land rennen den großen Kriegszug nach dem Land Italien anzusagen Denn der
König will sich dort die Lombardenkrone holen Das geht euch an wie uns alle«
»Dieser Abend aber gehört noch mir« versetzte Immo finster
»Die Burgmannen sind in Bewegung wegen der Kriegsreise heut abend werden
die Straßen und Schenken gefüllt sein Das mag Euch frommen oder auch hindern
Wollt Ihr Eure Hand um die goldene Spindel legen die Euch im fremden Hause
gehört so müsst Ihr sie nicht nur aus dem Hause holen auch sicher aus Tor und
Mauer schaffen Die Erfurter aber halten an ihren Toren gute Wache und fordern
Zoll von jeder Ware die aus und eingeht«
»Kannst du mir helfen was mein ist aus dem Hause zu schaffen so trage
ichs mit meinen Schwurgenossen unter den Schilden durch das Tor«
Heriman schüttelte den Kopf »Kommt Ihr mit einem Haufen so findet Ihr hier
einen größeren und bringt Ihr ein ganzes Heer so werfen Euch meine Mitbürger
Speer und Axt den Sturmgesang vom Turme und ihre Lärmhörner entgegen«
»Nicht mit einem Heerhaufen gedenke ich auszubrechen Nur sieben haben ihr
Leben für die Tat gelobt und zwei davon stehen vor dir«
»Und Ihr wollt dass ich der achte sei« fragte Heriman »reicht das Kreuz
Eures Schwertes ich bin bereit«
Immo zog das Schwert und hielt den Griff in die Höhe Heriman murmelte sein
Notgebet dann legte er die Schwurfinger auf das Kreuz und sprach die Worte
durch die er sich Immo gelobte Seine Unsicherheit war geschwunden er warf das
Schurzfell von sich holte Mantel und Mütze vom Haken gürtete sein Schwert um
und begann »Vertauscht auch Ihr den Eisenhut mit dieser Mütze ich hoffe sie
soll Euch passen und schlagt den Mantel zusammen damit Ihr den Nachbarn
weniger auffallt Euch aber junger Held ersuche ich die Helmkappe des Bruders
in der Herberge zu bewahren während wir beide durch die Straßen gehen denn
zwei Wölfe sind nur ein Paar aber drei eine Rotte Ich geleite Euch zu dem
Hofe in welchem die Jungfrau heut nacht rastet damit Ihr die Gelegenheit
selbst erkennt denn lichtlos wird am Abend Hausflur und Treppe sein seht
scharf um Euch und achtet auch auf Kleines«
Sie verließen das Haus Mit Mühe hemmte Immo in den Gassen seinen Schritt zu
dem langsamen Gange in welchem sich Heriman seiner Würde gedenkend bewegte
»Dies ist der Hessenhof« murmelte Heriman »der Wirt ist ein Mann des
Erzbischofs aber ein redlicher Nachbar« Immos Blick achtete forschend auf die
Umgebung und auf das Haus welches dem des Goldschmieds ähnlich nur kleiner
war und auf das Hoftor durch welches man die Hintergebäude und Ställe sah Sie
traten in den Flur stiegen unaufgehalten die Treppe hinan fanden die Tür eines
Zimmers offen und darin eine kräftige Frau welche mit dem Besen umherfegte und
den Heriman vertraulich grüßte »Dies ist Base Kunitrud die Witwe eines
wackeren Burgmanns sie ist dem Wirt dieses Hofes befreundet und steht seinem
Haushalt vor Dir aber Base führe ich den edlen Helden Immo zu weil er deinem
guten Gemüt vertraut das ich ihm gerühmt habe und einen Dienst von dir
begehrt«
»Auch wir in Burg Erfurt haben von Held Immo mancherlei vernommen«
antwortete Kunitrud geschmeichelt »und ich gedenke vor allem der Guttat die
Ihr diesem hier erwiesen habt«
»Um dir alles zu sagen Base« fuhr Heriman auf einen bittenden Blick Immos
fort »der Held trauert wie du ihm leicht ansiehst darüber dass das Grafenkind
geschleiert werden soll Denn er hat sie im Hause ihres Vaters und auch sonst
liebgehabt wie die Art junger Leute ist und darum möchte er ihr durch deinen
Mund noch einen Gruß sagen bevor sie bei den frommen Schwestern eingeschlossen
wird«
Kunitruds Augen glänzten von Neugier und Teilnahme »Verliert nur nicht den
Mut edler Herr ich habe mehr als eine Nonne gekannt welche vom Erzbischof
Urlaub erhielt und als ehrliche Hausfrau lebte mit Kindern so drall wie die
Äpfel Denn in dem Erdgarten ist alles möglich wenn mans nur erlebt«
Während ihr Immo für die Teilnahme zu danken suchte fuhren seine Augen
rastlos um die offene Tür das Türschloss und die Treppe Beim Herabsteigen
mahnte Heriman leise »Achtet auf die ausgetretene Stufe ein falscher Schritt
mag den Erfolg verderben Und jetzt schnell vom Hause weg und in gerader
Richtung dem Tore zu durch das Ihr entrinnen sollt Einreiten müsst Ihr bei
Tage solange das Tor geöffnet ist Eure Brüder sind hier wohlbekannt und ihre
Ankunft wird in der Aufregung des Tages niemand auffallen Mit Sonnenuntergang
wird das Tor gesperrt und den Ausreitenden geöffnet wenn die Nacht so weit
heraufgestiegen ist dass die Bürgerglocke zum zweitenmal läutet und die Schenken
geschlossen werden dann wird auch die Brücke gehoben und von da vermögt Ihr
nur mit Heeresmacht hinauszureiten Ihr müsst also die Tat zwischen
Sonnenuntergang und dem zweiten Glockenklang vollbringen Ich sende wenn die
rechte Zeit gekommen ist meinen Knappen nach Eurem Hofe ich selbst warte Eurer
in der Nähe des Hessen Und noch eins habe ich auf dem Wege bedacht« fuhr
Heriman fort »gelingt es Euch nicht zum Tor hinauszuschlüpfen so müsst Ihr die
Hälse wagen auf einem anderen Wege den schwerlich jemand ohne Not wählt Ein
Stück der Stadtmauer ist verfallen gerade jetzt bessern sie an dem Schaden die
Stelle ist nicht auf Eurem Wege sondern nordwärts und nahe der Königsburg
Dennoch sollt Ihr sie beschauen ob sie in der Not Euch Rettung gewährt« Er
führte vom Tore längs der Mauer zu einem wüsten Platz unter Schuttaufen
Die Trümmer der eingestürzten Mauerwand ragten aus dem Grabenwasser und die
Arbeiter hatten Bretter darübergelegt auch an der Böschung der Außenseite sah
man den Fußsteig durch welchen sie aus und ein liefen
»Lacht der Mond freundlich so ist der Angstpfad wohl zu durchreiten«
entschied Immo »Jetzt weiche von mir Heriman damit du dich nicht ohne Not
gefährdest denn deine Burgmannen werden bald mit Argwohn meiner gedenken« Nach
kurzem Gruß entfernte sich der Goldschmied Immo eilte in die Herberge und
sprengte gleich darauf mit dem Bruder aus dem Tor
Eine gute Wegstunde von Erfurt lag unweit dem Grenzwall welcher die Güter
des Geschlechtes von der Stadtflur schied ein Hügel der mit Eichen bewachsen
auf seinem Gipfel ein altes Blockhaus trug in welchem die Jäger und Hirten zu
rasten pflegten Im Sommer war die kleine Lichtung von dichtem Schatten umhüllt
auch jetzt bot das Geflecht der Äste und Zweige ein sicheres Versteck Zu dieser
verborgenen Stelle hatte Immo die Brüder und die Getreuen von der Mühlburg
geladen wenn die Sonne die Mittaghöhe erreichen würde Er fand bei seiner
Ankunft Brunico mit den Waffen und frischen Rossen und den Vogt der Mühlburg
welcher die letzten Befehle des Herrn empfangen sollte Als Immo absprang und
seinem Bruder Gottfried zunickte erkannte er in dem erblichenen Antlitz des
Jünglings die Erschöpfung er hob ihn in seinen Armen vom Pferde und streichelte
ihm die Wangen »Zwei Tage und eine schlaflose Nacht im Eisenhemd waren für
meinen Liebling zuviel noch hast du Zeit ein wenig zu ruhen damit dir am
Abende nicht die Kraft versagt« Und mit freundlichem Zureden nötigte er den
Widerstrebenden auf ein Lager von Waldheu das er im Blockhaus breitete er
rückte ihm das Haupt zurecht und deckte ihn mit dem Wollmantel Dann trat er ins
Freie und blickte unverwandt nach dem Wege der vom Herrenhofe herzulief
Die Brüder stoben in ihrer Rüstung heran als sie den Bruder auf der Höhe
erkannten wirbelten die jüngeren lustig die Speere Odo führte sein Ross zu Immo
und bot diesem den Zügel »Nimm heut den Sachsen zurück« sagte er »denn die
Braut welche wir einholen soll von diesem Tiere getragen werden welches der
Stolz des Hofes war Die weiße Farbe ist gedeckt damit es im Dunkeln nicht
jedermann erkennbar schimmere« Da schlang Immo den Arm um den Hals des Bruders
und antwortete »Die Gabe nehme ich nicht edler Odo denn größere Gunst fordere
ich von dir selbst Nicht meine Arme dürfen die Braut um welche wir reiten aus
der Stadt tragen sondern du selbst sollst es tun Mir gebührt die Abwehr der
Kampf und die Nachhut auf der Flucht Dir aber übergebe ich die Geliebte dass du
nur um sie sorgst und sie rettest was uns anderen auch geschehe« Da nickte
Odo »Es sei wie du willst«
Schweigend standen die Männer und schauten zuweilen durch die Baumäste nach
dem Stand der Sonne Endlich hob Immo den Arm nach dem Himmel da neigten alle
die Häupter und flehten leise zu den hohen Engeln um Rettung aus der Not in
welche sie ritten dann traten sie an die Rosse »Wo bleibt Gottfried« fragte
Odo
Immo sprang in das Blockhaus Der Bruder lag in festem Schlummer er hielt
die Hände gefaltet und lächelte Als Immo das Kind so im Frieden liegen sah
wurde ihm plötzlich das Herz weich er trat leise zurück und zu den Brüdern
kehrend sprach er »Er liegt in süßem Schlafe ich traue mich nicht ihn zu
wecken«
»Bleibt er zurück so wird er uns immerdar zürnen« versetzte Odo und wollte
hinein aber Immo hemmte ihn und sprach »Denket daran Schwurgenossen dass
unsere Mutter einen Sohn behalte« und dem Dienstmann Bertold die Hand zum
Abschiede reichend bat er »Wenn er erwacht so sage ihm dass wir einen von uns
gewählt haben für unsere Mutter zu sorgen und der eine sei er« Wieder hob er
den Arm zur Sonne und die Helden sprengten den Berg hinab der großen Stadt zu
Im Walde vor Erfurt teilte sich die Schar denn nicht zu gleicher Zeit und
zu einem Tor wollten sie einreiten Die fünf Brüder zogen auf dem nächsten Wege
durch dasselbe Tor zu welchem sie die Geraubte hinausführen mussten Immo aber
mit Brunico betrat die Stadt durch das Tor im Osten In der Herberge trafen alle
zusammen sie fanden viel Volk in den Straßen und in den Schenken auch
Bewaffnete aus der Umgegend klirrten einher Die Brüder aber gingen einzeln und
zu zweien durch die Menge und betrachteten die Gassen durch welche sie reiten
und die Ecken an denen sie sich aufstellen sollten
Die Sonne sank in den Straßen wurde es dunkel die Gassen leerten sich
doch aus den Häusern glänzten die Herdfeuer und aus den Schenken klang der Lärm
lustiger Zecher Die Brüder standen im Hofe ihrer Herberge bei den gesattelten
Rossen sie wechselten gleichgültige Worte aber in der langen Erwartung
hämmerte ihnen das Herz in der Brust Und wenn ein Laden oder die Flurtür
geöffnet wurde so kam ihnen bei dem matten Lichtschein vor als ob sie alle
bleich wären wie Leblose Da fuhr eine dunkle Gestalt von der Gasse in den Hof
und der Knappe des Goldschmieds flüsterte Immo zu »Der am Idisbach lag grüßt
Euch und lässt Euch sagen es sei an der Zeit Der Graf und sein Gefolge sind
beim Vogt des Erzbischofs zum Nachtmahle« Gleich darauf ritten die Brüder
langsam aus dem Hofe voran Immo neben dem Boten nach ihm Odo und Brunico die
anderen Brüder folgten ganz allmählich zu zweien
Vor dem Hessenhofe war die Straße leer aus dem Hofraum aber vernahm man
Stimmen und das Stampfen der eingestallten Pferde
An dem Kellerhals des Nachbarhauses tauchte ein Schatten auf und glitt neben
Immo bis nahe zu der Haustür Den Zügel des Rosses ergreifend mahnte Heriman
mit heiserer Stimme »Steigt ab«
Immo sprang in das Haus langsam ritt Odo bis dicht vor die Haustür Das
Zeichen der Nachtglocke klang gellend vom Turme in den Höfen rührte sichs und
vom Markte her vernahm man den schweren Tritt und das Klirren Bewaffneter »Er
ist verloren« stöhnte Heriman Da sprang Immo über die Schwelle eine verhüllte
Gestalt im Arme er schwang sie dem Bruder auf das Ross und der Sachsenhengst
fuhr in gestrecktem Lauf die Gasse entlang dem Tore zu Als Odo um die Ecke
bog war er nicht mehr allein denn hinter ihm ritten Adalmar und Arnfried und
als sie dem Tor nahten fanden sie Ortwin und Erwin schon in Verhandlung mit den
Torwächtern welchen Ortwin zurief »Frisch ihr guten Männer beeilt euch
aufzusperren wir reiten zum Ehrentanze für eine Braut« Odo hielt im Dunkeln
er hörte das Knarren der Torflügel und mahnte zurück »Schliesst dicht an« Dann
sprengte er hinter die vorderen Brüder und die Schar ritt eilig durch das Tor
auf die Brücke »Haltet halt Was tragt ihr hinaus« schrie der Wächter aber
der Ruf verklang hinter den Flüchtigen Sie stoben gerettet unter dem
Nachthimmel dahin und sahen rückwärts nach dem Bruder aus
Als Immo vor dem Sachsenhofe nach seinem Rosse sprang schrie aus dem
Oberstock eine helle Frauenstimme Raub Zeter und Waffen Die Scharwächter
stürmten heran aus dem Hoftor drangen die Knechte auch diese riefen Feuer und
Rache Im Nu erhoben sich wilder Tumult und Waffengeklirr Gegen Immo der mit
Mühe sein Ross gewonnen hatte warfen sich die Scharwächter er wehrte den Führer
mit dem Speer ab und als der Mann stürzte und die Genossen sich um ihn
sammelten riss Brunico das Pferd seines Herrn am Zügel und schrie »Fort die
Bahn ist offen« Aber indem Immo sich wandte klang in seinem Rücken aufs neue
Geschrei und Schwertschlag und die Stimme Herimans rief flehend »Verlasst nicht
Euren Helfer der für Euch das Schwert hob« Da merkte Immo dass die Stunde
gekommen war in welcher eine Lehre des Mönches Gehorsam forderte und dass dieser
Gehorsam ihn von Freiheit und Glück schied Aber seiner Ehre gedenkend rief er
entgegen »Des Rosses letzter Sprung sei für dich« und er warf sich zurück in
den wütenden Haufen stach und schlug bis er den Heriman herausgehauen hatte
und dieser hinter dem Ross in der Dunkelheit verschwand Jetzt wandte sich Immo
aufs neue zur Flucht und stob mit Brunico dem Tore zu Aber die Stadt war
geweckt hinter ihnen stürmten mit lautem Hallo die Verfolger aus aufgerissenen
Fensterläden fiel hier und da ein Lichtschein auf die Flüchtigen die Trinker
sprangen mit gezückter Waffe aus den Schenken und warfen sich ihnen entgegen
Als sie das Tor vor sich sahen erscholl auch von dort Alarmruf und
Kampfgeschrei Bewaffneter welche auf sie zurannten Da fuhr Brunico in der
Bedrängnis zur Seite in eine enge Gasse der gebrochenen Mauer zu Immo folgte
Der größte Teil der Verfolger lief nach dem nächsten Tor um die Flüchtigen dort
abzuschneiden die Gehetzten gelangten bis zu den Mauertrümmern Dort hielt
Brunico »Voran« befahl Immo Keuchend klomm das Ross des Mannes hinab dieser
gelangte glücklich über den Bretterstieg indem er unterwegs brummte »Nicht
umsonst habe ich dich zum Feierabend zurechtgelegt« und fuhr auf der anderen
Seite in die Höhe Ihm folgte Immo Er sah sich auf der wüsten Stätte um noch
waren die Verfolger zurück aber sein verwundetes Ross hinkte als er es
hinabtrieb brach es an dem Trümmerhaufen welcher aus dem Wasser ragte
zusammen warf den Reiter hart gegen die Steine und glitt in das Wasser in dem
es angstvoll stöhnte und um sich schlug Immo erhob sich betäubt vom Fall er
merkte jetzt dass er selbst hart verwundet war mühsam wankte er auf den Steg
und wand sich an der anderen Seite des Grabenrandes empor Dort blieb er liegen
»Fünf Jahre habe ich dich gezogen« klagte Brunico zu seinem Hengst »und
jetzt rinnt dirs heiß von der Hüfte und du ziehst auf dem Wege eine Spur
gleich dem verendenden Wild Einem ruhmlosen Tölpel gehörte der Speer welcher
auf das Ross zielte statt auf den Reiter« Hinter sich vernahm er einen leisen
Ruf er sprengte zurück Unweit des Grabens lag ein Mann am Boden Brunico
sprang ab »Der Schildarm ist getroffen« seufzte Immo »und er hängt nach dem
Sturz machtlos in der Achsel«
»Ein wunder Mann und ein wundes Pferd sind einander jämmerliche Gesellen«
rief Brunico »Dennoch helfe ich dir auf mein Tier mich birgt die Nacht und der
nächste Graben« Er hob den Wunden mit starker Anstrengung auf sein Ross aber
Immo schwankte wie betäubt »Halt aus Brauner bis zum nächsten Wald«
ermunterte Brunico »dort lade ich ihn auf meinen Rücken« Er schwang sich
hinter dem Verwundeten auf die Hinterbeine des Pferdes knickten unter der Last
Brunico trieb es mit den Sporen dem Saum des Gehölzes zu welches in der
Dunkelheit schwarz vor ihnen lag
»Die Hunde werden im nächsten Augenblick hinter uns sein« brummte der
Knappe nach rückwärts spähend »und unsere Kunst geht zu Ende« Er sprang
wieder ab
»Birg mich seitwärts vom Wege und rette dich vielleicht vermagst du Hilfe
zu bringen« mahnte Immo
»Der Mond scheint über kahles Land sie finden dich bevor ich ein Pferd
schaffe«
Vor ihnen knarrte ein Karren und knallte eine Peitsche »Der Wagen fährt auf
unsere Dörfer zu« rief Brunico erfreut »ich meine es ist ein Nachbar der
sich in der Stadt verspätet hat« Er rief den Wagen an und führte das Pferd zu
ihm hin »He Landgenoss kennst du den Freien Balderich im Dorfe vor uns«
»Vielleicht kenne ich ihn« versetzte der Mann mit der Peitsche knallend
»Willst du helfen einen Verwundeten heimlich nach seinem Hofe zu schaffen
so soll dir ein guter Lohn werden«
»Es kommt darauf an wer der Wunde ist« versetzte der Mann auf dem Karren
Als aber Brunico ihm näher kam wandte er sich heftig ab »Dies Gesicht kenn
ich ich sah dich unter den Disteln verflucht sei die Hand die sich dir zur
Hilfe rührt« Brunico zog sein Schwert
»Lass den Mann in Frieden« befahl Immo aber er selbst glitt kraftlos vom
Ross in die Arme des Getreuen Der Fuhrmann beugte sich über ihn »Halt« rief
er »auch diese Stimme erkenne ich Kann Euch mein Wagen helfen Herr so hebe
ich Euch herauf Es sind dieselben Räder die Ihr in meiner Not aus dem Wasser
hobt«
Immo nickte schwach mit dem Haupt »Ladet mich auf« Die beiden Männer hoben
ihn auf den Wagen der Fuhrmann Hunold breitete eine Decke und rückte die
Strohbündel »Euch schaffe ich in das Dorf der andere möge sich fernhalten von
meinem Messer«
Immo streckte die Hand über das Wagengeflecht »Fort mit dir Gespiele« Der
Knappe warf sich mit einem Seufzer auf das Pferd und trabte dem Holze zu
während der Fuhrmann ihm zornig nachsah
Hinter dem Wagen klang schneller Hufschlag Hunold sah sich um und zog die
Decke über den Liegenden Bewaffnete sprengten heran und fragten barsch nach
Namen und Fahrt Auf die Antwort des Führers dass er ein Mann des großen
Bischofs sei klang die Gegenfrage ob er Reiter gesehen habe
»Sicher sah ich sie kaum ein Viertel Weges zurück am Kreuze zwei Männer
auf einem Pferde« und er wies rachsüchtig dorthin wo Brunico in der Dunkelheit
verschwunden war »Ihr mögt die Spur erkennen denn sie liegt rot auf dem Wege«
»Sie sind es« riefen die Reiter und stoben zurück bis zum Kreuzwege
Aber sie erreichten weder Ross noch Reiter Denn Brunico war als er sich in
der Dunkelheit allein sah vom Hengst gesprungen und hatte das zitternde Tier
mit einem Schlage vorwärtsgetrieben »Hilf dir allein wenn du kannst ich
denke den Weg nach deinem alten Stall kennst du Ich laufe dem Karren nach
Balderichs Hofe vor damit der Alte und mein Mädchen über das Brautgeschenk das
ich ihnen sende nicht allzusehr erschrecken«
Die Mutter auf der Burg
Von den Mauern der Mühlburg spähten Immos Brüder die ganze Nacht sorgenvoll nach
der Tiefe immer wieder erwogen sie ob er getötet sei ob er in Erfurt
gefangenliege oder ob er sich auf einem Umweg in die Berge schlagen und zu
ihnen kehren werde Jedes Rauschen im Holz jede Tierstimme im Walde dünkte
ihnen ein Zeichen des Nahenden Als der Morgen graute sandten sie Läufer in die
Dörfer welche ihnen gehörten und forderten heimlichen Zuzug ihrer
Dienstmannen und zwei von ihnen warfen sich mit den Knechten in das Gehölz wo
ein gedeckter Anritt zu den Bergen möglich war Aber friedlich lag die
Landschaft auch von dem Turm des vorderen Berges der am weitesten die Ebene
nach Erfurt überschaute vermochten sie nichts zu erkennen nur einzelne Reiter
sahen sie hier und da auf den Feldwegen und ihre spähenden Knaben verkündeten
dass es Reisige des Erzbischofs waren welche vorsichtig bei den Bauern nach der
flüchtigen Schar forschten aber den Rand des Gehölzes vermieden Als die Sonne
im Mittag stand rief Ortwin »Nicht länger vermag ich die Unsicherheit zu
ertragen es bringt uns wenig Ehre hinter den Mauern zu harren während der
Bruder in Not ist ich sattle und reite nach dem Hofe der Mutter und weiter der
Stadt zu damit ich Bericht einhole sei er böse oder gut«
»Ich widerrate« versetzte Odo »dass du der Mutter unter die Augen trittst
denn besser ist es dass sie völlig keinen Teil habe an unserem Handel und fortan
ebensowenig der Jüngling Gottfried so wollte es auch unser Bruder Immo Der
Jungfrau aber hier auf dem Berge dient die alte Gertrud welche die Mutter auf
meine Bitte gestern dem Bruder gesandt hat Auch deinen Ausritt vermag ich nicht
zu loben leicht könnten wir noch dich verlieren besser gefällt mir dass wir
den Müller Ruodhard schicken er versteht die Leute auszufragen und hat überall
eher Frieden als ein anderer«
Der Rat gefiel den Brüdern und Ruodhard stieg eilig von dem Berge Auf dem
Herrenhofe fand er alles in Schrecken und Verwirrung Frau Edit hielt das Tor
geschlossen nur über dem Grabenrand konnte er mit den Knechten verhandeln
Niemand dort wusste etwas von Immo und seinem Knappen Dann lief er bis Erfurt
Alle Schenken waren gefüllt und jedermann sprach von dem Raube aber die Leute
stritten wer der Räuber sein möge und von Immo vernahm er völlig nichts und
er meinte dass dieser schwerlich in Haft liegen könne weil die Reisigen noch
auf der Jagd wären
Da beschlossen die Brüder still zu harren aber sie fragten unsicher wie
lange sie die Jungfrau bewahren sollten wenn ein Landgeschrei erhoben würde und
wenn gar die Mutter die Entlassung forderte
Wieder am nächsten Morgen hielten zwei der Brüder auf dem Wartturm die
Wache da lachte Ortwin »Den Kranich Ludiger hörte ich schreien wie lief der
Vogel aus unserem Hofe über das Land« und als er hinabsah erkannte er dass an
der Außenseite des Grabens mitten auf dem Wege etwas Fremdes lag Er ließ das
Tor aufsperren die Brücke werfen eilte hinab und hob vorsichtig den Fund in
die Höhe dann sprang er abwärts bis an das Gehölz aber er vernahm nur noch ein
Rasseln der Zweige als ob jemand schnell hinabgleite und versuchte vergebens
den Springer zu erkennen Er flog zurück rief in den Hof »Eine Botschaft
bringe ich was sie bedeute mögt ihr selbst erkennen« und hielt ein kleines
dichtumwundenes Bündel in die Höhe Das Gebinde ging von Hand zu Hand und Odo
sprach »Sicherlich ist es ein Zeichen ruft die alte Gertrud denn sie versteht
alles Geheime besser zu deuten als wir anderen« Gertrud betrachtete mit
scharfen Augen das fremde Stück sie setzte sich nieder murmelte
Unverständliches darüber löste behutsam das Band und dachte nach Endlich hob
sie die Hand und rief »Ich verstehe den Gruß Günstiges kündet er dem Hause
denn dass der Kranich rief meldet euch dass die Botschaft von einem Sohne des
Hofes kommt blau ist das Band welches das Zeichen umschließt und mit blauer
Farbe malt ihr Helden eure Schilde in der Schlinge liegen fünf Pfeile um ein
Haselreis und eurer sind fünf und das Reis in der Mitte meint die Jungfrau
Der dies gesandt hat will dass ihr mit euren Waffen die Jungfrau umringt wie
die Pfeile das Reis Das Reis ist noch ganz frisch darum ist der es sandte
nicht weit entfernt« Da rief Odo »Geendet ist der Zweifel Er lebt und er
denkt seine Beute zu bewahren er soll erkennen dass auch wir nach seinem Willen
tun wir halten die Jungfrau und wir halten die Burg gegen jedermann denn hoch
ist der Berg und fest die Mauer und viele Helmkappen mögen daran zerschellen
wenn die Grafen aus der Ebene sich gegen uns erheben«
Der flüchtige Bote war ein junger Sohn des Bauern Balderich in dessen Hofe
Immo verborgen lag Ungeduldig forderte der Verwundete dass Brunico ihn nach der
Mühlburg schaffe sein verrenkter Arm war ihm eingerichtet aber der Schmerz und
Blutverlust einer tiefen Armwunde hinderten das Ross zu besteigen und Brunico
merkte dass die Wege auch in der Nacht von Reisigen umlauert waren Da dachte
Immo dass der Balsam welchen die Mutter bewahrte ihm schnelle Heilung schaffen
könnte und er mahnte seinen Knappen das Heilmittel mit Gottfrieds Hilfe zu
gewinnen Deshalb lief der Knabe von der Mühlburg nach dem Herrenhofe um die
Arznei welche Brunico selbst nicht zu holen wagte vertraulich zu erbitten
Dem Knaben gelang es in den Hof zu schlüpfen und den Herrensohn heimlich zu
grüßen Als Gottfried in den Saal trat fand er seine Mutter in Unterredung mit
einem Mönch des heiligen Wigbert den er nicht kannte es war eine düstere
breitschulterige Gestalt mehr einem Kriegsmann als einem Mönch zu vergleichen
Und er vernahm wie die Mutter zu dem Fremden sprach »Ich wusste längst dass die
Geweihten auch die hohe Pflicht üben ihren Feinden zu vergeben und für sie zum
Himmelsherrn zu bitten aber dass Ihr ehrwürdiger Vater gegen den mein armer
Sohn am ärgsten gefrevelt hat so treu der hohen Lehre anhängt und ihm jetzt
Eure Fürbitte zuteil werden lasst das nimmt schwere Sorge von meinem Herzen«
Gottfried winkte die Mutter zur Seite und sagte ihr heimlich »Gib mir den
Balsam der Kaiserin für einen Verwundeten aber frage nicht wer er ist«
Edit sah ihn mit großen Augen an dann eilte sie in ihre Kammer riss die
Büchse aus der Truhe trug sie in den Saal und hielt sie dem Mönch hin indem
sie sprach »Segnet die Arznei ehrwürdiger Vater denn vor jedem anderen Gebet
mag das Eure dem Unglücklichen frommen der sich dies begehrt«
Der Mönch neigte sich darüber und segnete Gottfried sprang hinaus und
übergab dem Knaben die Büchse Der Wigbertmönch aber sah mit finsterem Blick dem
enteilenden Knaben nach
Am nächsten Tage rief Ortwin von dem Turme in den Hof »An das Tor ihr
Genossen Staub wirbelt auf der Straße einen riesigen Zug sehe ich mit Wagen
und Herdenvieh und Eisen blinkt über den Rossen« Die Brüder sprangen herzu in
kurzem waren die fünf Kinder Irmfrieds auf der Höhe des Turmes gesammelt »Ich
sehe kein Banner wehen« sprach Erwin »und sorgenlos ziehen sie dem Gehölz zu«
»Nur klein ist der Haufe mehr Rinder und ledige Rosse als Männer« rief
Adalmar »wie Flüchtige nahen sie und nicht wie Feinde« »Weiber erkenne ich im
Haufen und den jüngsten Bruder« lachte Arnfried
»Es ist die Mutter selbst« rief Odo Die Brüder sahen einander mit
kummervollen Mienen an »Sie naht mit ihrem Gesinde die Bewaffneten des Gutes
führt sie herbei«
»Hart ist es gegen die eigene Mutter zu kämpfen« murmelte Erwin
»Schwerlich dürfen wir den Zugang wehren« sprach Ortwin »aber wie sollen
wir ihrem Willen widerstehen«
»Alles hat seine Zeit« rief Odo »wenn sie fordert mögen wir weigern
jetzt rate ich ihr entgegenzugehen«
Die Söhne eilten hinab Das Tor wurde geöffnet auf der Mauer drängten sich
die Mannen und die Herren traten vor die Brücke um den Zug zu empfangen
Schweigend nahten die Reiter ohne Gruß und Willkommen sahen die alten
Bankgenossen einander ins Gesicht schweigend traten auch die Söhne an das Ross
der Mutter sie aus dem Sattel zu heben Als Edit den Boden berührte begann
sie »Es ist mir lieb dass ihr mich empfangen habt geleitet die Mutter in das
Haus des Bruders Du aber Odo gestatte dass deine und meine Leute den Hof
betreten« und nach rückwärts gewandt rief sie »Gehorchet wenn Herr Odo euch
fordert denn er hat hier zu gebieten« An der Hand des Sohnes schritt sie in
den Hof und grüßte die Kriegsleute welche ihr jetzt zuriefen und die Waffen
zusammenschlugen Unterdes sprachen die jüngeren Brüder mit Gottfried »Sie hat
unseren Hof geräumt« erzählte dieser »alle die treu an ihr hängen führt sie
unter Waffen her Was sie hier begehrt hat sie mir nicht vertraut«
Edit blickte über den Hof auf das Gedränge von Männern Weibern und Vieh
und auf die unsicheren und verlegenen Blicke mit denen sie betrachtet wurde
»Harrt nur ein wenig ihr Treuen du Odo führe mich zu dem Herde an welchem
mein Sohn Immo gerastet hat bevor ich ihn verlor«
Die Brüder geleiteten sie in das Haus Edit neigte sich zu dem leeren
Herrensitze am Herde und ihre Lippen bewegten sich im stillen Gebet dann trat
sie unter ihre Söhne »Euch wundert wie ich erkenne die Mutter hier zu sehen
und kalt ist der Willkommen den ihr mir bietet ich aber komme bei euch zu
bleiben und euer Schicksal zu teilen Sorget nicht dass ich euch den Sinn mit
Klagen beschwere oder gar mit Vorwürfen weil ihr gefrevelt habt gegen Frieden
Recht und die heilige Kirche Andere werden euch darum bedrohen ich aber will
euch dienen soweit eine Mutter vermag Denn wir alle erkennen dass wir in
Todesnot stehen Wisst meine Söhne der König naht mit großem Heergefolge der
Erzbischof und die Grafen im Lande haben ihre Mannen in den Sattel gefordert
heut oder in den nächsten Tagen wird der Feind die Burg umschließen und die
Kinder des Helden Irmfried werden hinter Mauern ihren letzten Kampf kämpfen
wenn sie nicht demütig ihr Haupt beugen und das Erbe ihres Bruders ausliefern«
Die Brüder standen betroffen
»Wir gedenken die Burg zu halten Mutter auch gegen den König« antwortete
Odo »obwohl wir erkennen dass wir in großer Gefahr stehen Aber Mutter dass ich
alles sage mehr als den König und den Erzbischof fürchten wir deinen Wunsch
dass wir die Braut des Immo den Feinden ausliefern«
Da antwortete Edit »Stets habe ich gehofft dass mir die Heiligen gewähren
würden ohne große Missetat mein Leben zu beschließen aber anders hat der üble
Teufel es gefügt Will ich meinem Geschlecht die Treue beweisen so muss ich die
Mitschuld auf mich nehmen zu meinem Schaden hier und dort Eure Mutter bin ich
ihr Knaben ich habe euch erzogen und über eurem Haupt gebetet von dem ersten
Tage eurer Geburt Darum will ich auch jetzt die Last mit mir tragen du
einsames verfeindetes Geschlecht Und die Engel mögen es wissen und die
Heiligen mögen mir verzeihen Ich lasse euch nicht und ich scheide mich nicht
von eurem Los wie es auch falle« Da riefen ihr die Söhne Heil und hingen sich
ihr um Hals und Hände Edit aber fuhr fort
»Lass uns an die nächste Arbeit denken Odo unsere Getreuen sollen wissen
dass die Herren einig sind Alle die ich dir herführe sollen dem Herrn Immo in
deine Hand sich zuschwören Ich bringe auch was zumeist die Sorge der Frauen
ist Vorrat von den Gütern für Küche und Keller vertraue mir die Aufsicht
darüber an damit ich mit meinen Mägden dir nütze und ich rate lass abladen und
einräumen solange nicht größere Sorge bedrängt«
»Gestatte Mutter dass ich dir die Jungfrau zuführe« bat Odo Das Antlitz
der Edit erblich ihre Hand zog sich zusammen und sie rang nach Fassung aber
im nächsten Augenblick sprach sie lächelnd »Erst machen wir das Haus fest
damit unsere Leute der Unsicherheit enthoben werden Denn der Zweifel lähmt auch
den Mutigen aber wer seine Pflicht kennt bewahrt leichter die Kraft Ist Burg
und Hof versorgt dann denken wir des Gastes der bei uns eingekehrt ist«
Als Odo die Tür des Gemaches öffnete in welchem Hildegard geborgen war saß
die Jungfrau gebeugt auf dem Lager die Hände im Schoss gefaltet Sie fuhr auf
und sah erschrocken auf eine hohe Frauengestalt und den strengen Ausdruck eines
edlen Antlitzes »Es ist unsere Mutter« sagte Odo »welche zu dir kommt« Da
sank Hildegard vor Frau Edit auf den Boden und Odo verließ leise das Zimmer
»Steh auf Jungfrau« begann Edit »ich bin nicht der Herr welchen du dir
gewählt hast«
Hildegard sah furchtsam zu ihr auf »Im Traume sah ich dein Angesicht es
gleicht dem seinen aber feindlich blicken die Augen O sei barmherzig Herrin«
rief sie in ausbrechendem Schmerze »der Sturmwind riss ein Blatt vom Baume und
es flatterte bis vor deine Füße Zertritt nicht die Bebende«
Edit hob ihr das Antlitz empor und sah scharf in die tränenfeuchten Augen
»Das sind die Züge welche meinem Sohne lieber wurden als der Wille der Eltern
und das eigene Heil Waren es deine Tränen oder war es dein Lachen womit du
sein Herz umstrickt hast Ich denke wohl mit Lächeln beganns und die Tränen
folgten das ist das Schicksal aller welche einander liebhaben auf dieser Erde
Leid brachtest du uns und Leid brachte er dir Steh auf Jungfrau« fuhr sie
milder fort »ich komme nicht dich zu schelten und zu richten sondern damit
ich dir Frauenrat gebe sooft du ihn begehrst Setze dich zu mir und wenn du
mir gefallen willst so sprich mir von ihm« Sie führte Hildegard zu dem Lager
aber die Jungfrau glitt wieder an ihren Knien herab und klagte »Lass mich
liegen Herrin und zu dir aufsehen wie zu einer Fürbitterin denn mir ist als
hätte ich dir Großes abzubitten dass ich hier bin und dass ich ihn liebe«
Edit neigte sich zu ihr herab »Rede nicht weiter bevor du mir eins gesagt
hast Als meine wilden Knaben dich hertrugen folgtest du mit gutem Willen oder
haben sie eine Widerwillige auf das Ross gehoben Bist du als Braut meines Sohnes
hier oder als Gefangene«
Über das verstörte Gesicht der Hildegard flog eine holde Röte und sie
neigte das Haupt in den Schoss der Mutter »Als er eintrat« murmelte sie
»erschien er mir wie damals wo er mich am Kreuz mit dem Schilde deckte Gleich
dem hohen Engel Michael stand er bei mir im Kriegskleide und mir schwand die
quälende Angst vor dem Kloster«
Edit seufzte schwer aber sie legte ihre Hand auf die feuchte Stirn der
Jungfrau
Hildegard warf ihre Arme leidenschaftlich um den Leib der Herrin und klagte
»Meine Mutter ist tot und freudenlos lebte ich Da trat er in unsere Halle
Holdselig waren seine Worte fröhlich seine Art und unter den Männern wusste er
sich zu behaupten dass ihm keiner zu widersprechen wagte Er wurde mir schnell
so vertraulich lachte mich an und fasste meine Hand Sein Lachen ist lieblich
Herrin Er trank aus dem Becher den ich ihm bot und aß von meinem Teller«
»Darum hat die Mutter ihm Becher und Teller vergebens gestellt« murmelte
Edit
»Sie preisen ihn auch als einen Helden Herrin denn keiner kommt im Kampfe
gegen ihn auf und die kleinen Spielleute erzählen dass er mit dem Speer
sicherer als ein anderer auf die Stelle trifft nach der er wirft Jedermann
wundert sich wo er im Kloster so Schweres gelernt hat«
»Er war schon als Knabe geschickt in aller Reiterkunst« versetzte Edit
»und sein Vater staunte selber darüber Ich sorge auch im Kloster hat er mehr
an Holz und Eisen gedacht als an die Bücher«
»Dennoch Herrin versteht er ganz gut das Lateinische obgleich er selbst
sein Wissen nicht rühmt und er weiß so geschickt mit Sprüchen und Versen zu
antworten dass es eine Wonne ist ihn anzuhören«
»Du warst auch in der Schule und verstehst das Latein« fragte Edit »Das
war es was ihm gefiel ich dachte sonst die heilige Sprache hilft nur dazu
den Glauben vertraulich zu machen ich merke aber sie verlockt auch Männer und
Frauen zueinander«
»Du sagst die Wahrheit Herrin Denn die in der Schule waren verstehen
einander leicht unter fremden Leuten Damals als ich ihn zuerst sah wurde mir
weh ums Herz weil er mir gestand dass er ungern im Kloster weilte Aber später
kam mir ganz andere Sorge« Sie hielt an und sah vor sich nieder »Denn als ich
ihn im Kriegskleide wiedersah und erkannte dass er dereinst mein Herr werden
sollte da erschrak ich über den schweren Gedanken Und ich saß im
Sonnenuntergang auf dem Idisberge bis die Nacht heraufstieg und als der
Nachtwind in den Zweigen rauschte hörte ich immerdar seine Stimme und daneben
eine andere als wenn ich selbst mit ihm redete aber fern und leise wie oben
aus dem Wipfel des Baumes und die eine Stimme sprach Selig war ich Held denn
ich habe deine Liebe gefunden und jetzt zittre ich dich zu verlieren Und die
andere Stimme antwortete Ruhm ersehne ich und schrecklich will ich meinen
Feinden werden gedenkst du das Weib eines Helden zu sein so darfst du nicht
vor dem Tode beben Wenn zwei einander liebhaben sollen sie auch beten dass sie
miteinander sterben Da merkte ich Herrin was es bedeutet einen Mann im
Herzen zu tragen Mein Geschlecht habe ich verlassen um seinetwillen«
unterbrach sie sich selbst »und jetzt ist er nicht hier ich aber gehöre zu
ihm wo er auch weilen mag«
»Allzu ungeduldig bist du an seinem Hals zu hangen« versetzte Edit
finster »Verwundet ward er in jener Nacht«
»Die Brüder sagten mirs« antwortete Hildegard leise »an sein Lager will
ich und fühlst du Erbarmen mit meiner Not so sage mir wo ich ihn finde«
»Auch der Mutter bergen sie die Stätte« rief Edit »Meinst du mich quält
es weniger als dich dass er unter Fremden liegt in traurigem Versteck«
Hildegard sprang auf »Wenn du ihn liebst so komm mit mir aus diesen
Mauern wir hüllen uns in niedriges Gewand und suchen ihn bis wir ihn finden
Denn der treue Mann der ihn im Heereszug begleitete weiß es wo er weilt«
»Eitel ist dein Wunsch« antwortete Edit »wenn wir diese Burg verlassen
so würden wir ihn eher verraten als retten Denn wisse Jungfrau der König naht
mit seinem Heergefolge in feindlichem Willen um den Raub zu rächen Meinen
Sohn seine Brüder und uns alle auf dieser Burg bedroht des Königs Zorn«
Hildegard verhüllte das bleiche Antlitz und sank abgewandt von der Mutter
auf die Knie Edit saß lange Zeit schweigend endlich begann sie forschend
»Klagst du dass er und sein Geschlecht um deinetwillen an Leben und Ehre bedroht
sind Die Klage allein schafft keine Hilfe auch der Himmelsherr erhört nur die
Bitten derer welche in Demut und Reue zu ihm flehn Reut dich das Unheil das
allen droht so denke auch auf die Rettung Um dich allein geht der Kampf Du
vermagst ihm Leben und Freiheit zu bewahren Denn milder wird die Strafe des
Richters sein wenn er Ergebung und Gehorsam findet«
Hildegard lag unbeweglich Edit trat näher und sprach über ihrem Haupte
»Liebst du ihn über alles wie du sagst so kannst du das jetzt erweisen Kehre
zurück zu deinem Geschlecht wende deine Schritte dem Kloster zu und entsage
ihm damit du ihn rettest«
Ein Schauer flog über Hildegards Leib sie richtete sich auf und ihre
großen Augen starrten entsetzt auf die Mutter »Ist deines Herzens Meinung
Herrin dass ich tue wie du sagst«
»Ich sage dirs du aber antworte«
Hildegard fuhr in die Höhe »Eine Feindin hörte ich des geliebten Mannes und
eine Feindin meiner Liebe In den Abgrund will ich tauchen in die Flammen will
ich springen um sein Leben zu retten bezeugt ihr guten Engel die ihr meine
Gedanken bewacht dass ich die Wahrheit rede Mein Leben nehmt für ihn aber
meine Liebe verrate ich nicht Hat er alles für mich hingegeben ich habe
dasselbe getan Gebunden bin ich an ihn und solange ich atme gehöre ich ihm
zu Jetzt ist meine Treue der Stab an den er sich hält auf seinem Lager in
seiner Angst Du aber willst mich zerbrechen und hinwerfen damit ich erkenne
dass seine Liebe nichtig war und die Jungfrau der er alles geopfert hat feige
und schwach und seiner unwert Und wenn alle Menschen auf uns blicken wie auf
zwei wilde Tiere welche von den Jägern umstellt sind wisse auch unter den
friedlosen Tieren ist der Brauch wenn der Bär verwundet ist und von den Hunden
umstellt so läuft die Bärin nicht abwärts um ihn zu retten sondern sie wirft
sich der Meute entgegen Die Kraft der Glieder ist mir versagt aber mein Wille
ist fest wie der seine Sage mir wie ich sterben soll um ihn zu retten aber
mahne mich nicht dass ich lebend ihm entsage«
Da rief Edit »Jetzt erkenne ich wie du bist Einer Taube siehst du
ähnlich aber wer dir die Kappe von dem Haupte löst der erkennt die edle Art
eines Falken Zürne nicht dass ich dich versucht habe Denn ganz fremd warst du
mir Auch das Herz einer Mutter fühlt Eifersucht und sie fragt zuerst ob das
Weib das der geliebte Sohn sich erkor würdig ist seine Vertraute zu werden
anstatt der Mutter Gesegnet seist du Jungfrau und willkommen bist du mir als
Braut meines Sohnes und als Genossin im Hause Deine Mutter bin ich von heute
und du mein Kind und verteidigen will ich dich gegen den König der Welt Komm
zu mir Hildegard zusammen wollen wir den Himmelsgott anflehen dass er mir das
Glück gewähre deine Hand in die meines Sohnes zu legen«
Hildegard warf sich an die Brust der Mutter
Frau Edit hatte recht verkündet Als der König durch reitende Boten des
Erzbischofs die Kunde von dem Raube der Jungfrau erhielt da hemmte er wie sehr
auch sein Herz sich nach dem Süden sehnte sogleich die Fahrt und kam mit den
Edlen und den Heerhaufen welche um ihn gesammelt waren über die Werra zurück
Der Erzbischof ritt ihm entgegen Er fand den König hocherzürnt und wortkarg
als er ihm von dem Raube berichtete unterbrach ihn der König heftig »Wer ist
Kläger« Und da der Erzbischof erwiderte »Ich selbst durch meinen Vogt und der
Vater der Jungfrau« hob der König drohend die Hand und rief »Sagt dem Grafen
er soll seine Pflicht nicht säumig tun denn des Königs Auge ist noch über ihm«
Zuletzt sprach der Erzbischof »Ist auch die Stunde ungünstig um die Verzeihung
des Königs zu erbitten für einen anderen der in Ungnade lebt so darf ich doch
dem Flehenden mich nicht versagen da er ein Geweihter ist Der Mönch Tutilo
begehrt sich vor dem König zu demütigen unstet treibt er umher im Zwist mit
seinem Abte er kam von Ordorf zu mir und stöhnte dass ich ihm die Huld des
Königs wieder erwerbe«
»Er hat also Lust die Rute zu küssen wie die anderen Empörer seines
Geschlechtes getan haben« spottete der König »Manchen besseren Anblick weiß
ich als einen hochfahrenden Mann der widerwillig die Knie beugt und seine Miene
zur Demut zwingt Doch da dem Könige nicht ziemt gegen einen Mönch zu hadern
so lasst ihn herein«
Kaum hatte der Erzbischof das Gemach verlassen so lag Tutilo vor dem Könige
auf dem Fußboden Als der Mönch nach kurzer Unterredung mit gesenktem Haupt
einem reuigen Manne ähnlich entwich trat Heinrich in den Saal in welchem sein
Gefolge harrte und rief »Ihr sagtet mir ehrwürdiger Vater dass der Räuber
Immo spurlos verschwunden sei wenn er nicht etwa bei seinen Genossen auf der
Mühlburg hause Ihr wart im Irrtum« Und er rief Gundomar und gab ihm einen
leisen Befehl
An demselben Tage ritt eine Schar Königsmannen dem Dorfe zu in welchem der
Hof des Bauern Balderich lag Die Reiter umstellten das Dorf und drangen unter
harten Drohungen in den Hof Gundomar trat mit dem Königsvogt von Erfurt in die
Kammer in welcher Immo saß Dieser wandte sich finster ab als er seinen Oheim
erblickte aber dem Vogt reichte er die Hand »Mir tuts von Herzen leid Held
Immo« sprach dieser traurig »dass ich dich zur Stelle dem Könige überliefern
muss«
»Ich vermag mich nicht zu wehren wie du siehst« antwortete Immo ruhig
»nur eine Bitte erfülle mir verhindere deine Reisigen dass sie den Leuten hier
einen Schaden an Leib und Gut zufügen denn aus Mitleid haben diese mich
aufgenommen als ich hilflos vor ihrer Schwelle lag« Das versprach der Vogt
Am anderen Morgen sahen sie von der Burg in der Morgensonne blinkende Speere
und wehende Banner der König hielt mit seinem Heerhaufen bei dem nahen Dorfe
in welchem die Sachsenkönige seit alter Zeit einen Hof hatten das Königsbanner
ließ er auf einem Hügel errichten der zu dem Erbe Irmfrieds gehörte und
ringsherum die Wagenburg schlagen Aus dem Heerlager bewegte sich zur Mühlburg
langsam ein friedlicher Zug an dessen Spitze der Erzbischof Willigis ritt und
neben ihm der Mönch Reinhard Edit selbst mit ihren sechs Söhnen empfing die
frommen Väter am Tor und geleitete sie in die Halle Sie begann auf ihre Söhne
weisend »Als ich zum erstenmal nach meiner Vermählung vor dem Altar kniete
erbatet Ihr hochwürdiger Vater den Segen der Himmlischen für mein Leben hier
seht Ihr was ich von meinem Glück zu bewahren vermochte Dass Ihr jetzt in
unserer Not zu uns kommt dafür danke ich dem Ewigen denn als eine gute
Vorbedeutung sehe ich Euer geweihtes Haupt in diesen Mauern«
»Ich komme nicht als Bote des milden Himmelsgottes« versetzte Willigis
»sondern als Diener eines strengen Richters Eile hinauf gebot er mir zerwirf
das Nest unholder Vögel und bringe mir die Brut herab unter meine Hand Darum
übergebt euch der Gnade des Königs ohne Widerstand denn scharf ist sein Zorn
und schnell folgt seinem Willen die Tat«
Odo versetzte ehrerbietig »Wir stehen hier in festen Mauern unter treuen
Schwurgenossen wir haben nicht die Wahl ob wir die Feste und die Jungfrau dem
König ausliefern wollen oder nicht denn unser Bruder Immo der hier gebietet
und heut fern ist befahl uns beide zu halten gegen jedermann«
Da entgegnete der Erzbischof »Es ist eures Bruders Hals um den ich sorge
wenn ich von euch die Ergebung fordere Denn wisse Geschlecht Irmfrieds Held
Immo liegt gefangen in des Königs Gewalt«
Edit rang die Hände gegen den Himmel und die Brüder traten bestürzt
zusammen
»Diesen Morgen brachten Reisige des Königs den Verwundeten in das Lager
sein Versteck wurde dem König durch einen Feind verraten«
»Tutilo« schrie die Mutter entsetzt
»Seitdem hält der König fest was euch zwingt Liefere mir die Nestlinge des
toten Irmfrieds befahl der König bevor die Sonne zur Mittagshöhe gestiegen
ist wenn sie länger zaudern so lasse ich den Gefangenen an den Fuß der
Mühlburg führen wo man von der Höhe sein Haupt sehen kann und ich werfe sein
Haupt auf den Grund Austilgen will ich den frechen Trotz der Landrecht und
Königsmacht missachtet und ausbrennen will ich die Mauern hinter denen die
Räuber mir widerstehen Darum wollt ihr junge Helden den Bruder vor jähem Tode
bewahren so folgt mir aus der Burg zum Könige Wenn er eure Ergebenheit sieht
wird sein Sinn eher der Gnade zugänglich und dem Rat solcher welche euch Gutes
wünschen«
Da wandte sich Odo zu seinen vier Brüdern »Unsere Lose warfen wir am
Herdfeuer als wir uns dem Bruder gelobten Wenn wir willig waren in den Gassen
der Stadt unser Leben für das seine zu wagen so müssen wir dasselbe vor dem
Schwert des Königs tun Ich bin bereit den Priestern zu folgen Vier von euch
lade ich dass sie zu mir treten«
Da traten alle fünf auf seine Seite Odo aber wies seinen Bruder Gottfried
zu der Mutter »Nach dem Willen des Gefangenen gehörst du zu ihr und dir ziemt
auch jetzt diesen Willen zu ehren Hochwürdiger Herr wir sind gerüstet Euch
zu folgen Wir allein denn nur wir fünf waren Genossen des Bruders bei der Tat
Die Burg unseres Geschlechtes aber die Dienstmannen und die Braut des Bruders
vermögen wir Euch nicht zu übergeben darüber zu entscheiden steht bei unserem
Bruder Immo wenn er auch gefangen ist und solange wir nicht deutlich erkennen
dass er die Übergabe fordert dürfen wir Brüder sie nicht vollbringen Darum lege
ich die Gewalt über die Burg und über alles was sie umschließt in die Hand
unserer Mutter Sorge du Mutter für Braut und Erbe deines Sohnes Immo uns
aber segne da wir von dir scheiden«
Die fünf Brüder warfen sich vor der Mutter auf die Knie und küssten ihr Hände
und Gewand Sie riss bleich und tränenlos einen der Liegenden nach dem anderen an
ihr Herz ihre Lippen bewegten sich im Gebet aber man vernahm keine Worte Und
als die fünf der Tür zuschritten stürzte sie ihnen nach und umfasste ihnen noch
einmal Hals und Haupt bis sich die Weinenden von ihr lösten
Die geistlichen Boten hatten der Trennung teilnehmend zugesehen obgleich
sie gewöhnt waren alle irdische Liebe als nichtig zu betrachten Jetzt begann
der Erzbischof »Den redlichen Entschluss Eurer Söhne edle Edit will ich gern
dem König rühmen die Helden haben wohlgetan dem Urteil der Mutter zu
vertrauen denn als fromm und weise wird sie im ganzen Lande geehrt«
»Sechs junge Leben die mir gehören hat König Heinrich für sich genommen
was will er von der verwaisten Mutter noch mehr«
»Die Burg und die geraubte Jungfrau die Eure Söhne darin bewahren begehrt
er von Euch«
»Die Braut meines Sohnes Immo gehört in das Frauengemach in welchem die
Mutter gebietet und nicht in das Heerlager des Königs An die Burg aber hat der
König völlig kein Recht und ich bewahre sie selbst um der Lebenden und Toten
willen«
»Denkt in Eurem Schmerz auch daran edle Frau dass Eure Söhne durch ihre
Missetat dem Spruch des Königs verfallen sind«
»Sind meine Söhne schuldig zu büßen für eine schwere Tat so bin ich ihre
Mutter in derselben Schuld Denn Blut sind sie von meinem Blut und wenn sie
jetzt auch auf ihren eigenen Beinen dahinschreiten wohin sie ihr Mut treibt
meine Seele wandelt mit ihnen allen bei Tag und bei Nacht Dies Geheimnis einer
Mutter vermag kein Priester zu begreifen Haben sie Missetat geübt so bin ich
dem Richter verfeindet wie sie und gleich ihnen will ich das Erbe des
Geschlechtes bewahren gegen jedermann auch gegen den König selbst«
»Hütet Euch Frau« mahnte der Erzbischof »freiwillig Eure schuldlose Seele
mit derselben Schuld zu beladen welche auf jenen liegt Denn nicht nur den
irdischen Richter haben sie erbittert auch dem Himmelsherrn haben sie geraubt
was ihm zukam als sie eine Jungfrau entführten die geweiht werden sollte
Darum sorgt für das Heil ihrer Seelen indem Ihr die Jungfrau zurückgebt sonst
möchte der große Richter des Himmels sich ungnädiger erweisen als der König
Heinrich und Eure Söhne für ihre Tat hinabstossen in das Reich des üblen
Drachen«
Da rief Edit mit flammenden Augen »Und wenn wahr wäre was Ihr sagt und
wenn der große Himmelsgott ihnen die Wolkenhalle verschließt um so kleine
Schuld weil sie den Besitz eines geliebten Weibes begehrten und weil sie alle
treu waren in der Not meint Ihr ehrwürdige Väter dass die Mutter allein im
Himmelssaal kauern wird getrennt von ihren Kindern Werden diese verworfen so
will auch ich verworfen sein lieber will ich meinen sieben Knaben ihre Becher
und Schüsslein in der finsteren Hölle zureichen als fern von meinen Kindern Euch
Ihr Heiligen in der strahlenden Burg des Himmels«
Der Mönch Reinhard warf sich auf die Knie und Willigis schlug schnell das
Kreuz Er war ein alter und gestrenger Herr der eifrig für die Kirche sorgte
Aber als Frau Edit so empört vor ihm stand höher als sonst und einem Weibe aus
der Urzeit ähnlich da dachte er daran dass sie von den wilden Sachsen
herstammte wie er selbst auch und obschon ihm graute so kam ihm doch vor als
ob er wohl auch so reden könnte Aber seiner Würde gedenkend zog er sein Gewand
zusammen und wandte sich zum Abgang »Wer die Strafen der Menschen nicht scheut
und die Strafen der Ewigkeit nicht über alles fürchtet mit dem hat ein Priester
nichts mehr zu reden«
Edit jedoch fasste ihm das Handgelenk mit eisernem Griff »Haltet an
ehrwürdiger Vater Ihr selbst und wohl auch andere haben mich in meinem Glücke
über Gebühr gerühmt als ein gottseliges Weib das den Heiligen treu diene
Weshalb meint Ihr wohl bin ich verwandelt Den ältesten Sohn habe ich verloren
weil ich nach Eurem Rat forderte dass er gegen seinen Wunsch der Kirche diene
und diese Burg den Heiligen übergebe Als er sich weigerte habe ich ihm
gezürnt und mein Auge hat ihn seitdem nicht wieder gesehen Finsteren Gedanken
habe ich seine junge Seele preisgegeben gerade als er den Rat und die Liebe der
Mutter am meisten bedurft hätte Untreu war ich als Mutter weil ich den
Heiligen zu getreu diente Jetzt ist er wie ich fürchte in dieser Welt für
mich verloren und diese Burg die der König ein Nest unholden Geflügels nennt
soll zerworfen werden durch Eisen und Feuer Versucht das rühmliche Werk lasst
Eure Knechte kommen mit der Haue und dem Brande stürmet die Mauern erschlagt
meine Getreuen und führt hinaus an Strick und Kette was Ihr hier an lebenden
Häuptern findet Einen Leib werdet Ihr dennoch zurücklassen Folgt mir Ihr
Geweihten zu der Stelle die auch Ihr ehren solltet wenn Ihr Eures Amtes
denkt« Sie zog den Erzbischof aus der Halle über den Hof und öffnete die Tür
der kleinen Kapelle Es war nichts darin als ein Altar mit dem Kreuz darüber
»An dieser Stätte hat der große Verkünder Winfried einen Stein der Heiden
geworfen und sein Genosse Wigbert hat darüber den Altar geweiht Euch
Erzbischof und dem frommen Könige sollte dieser Ort ehrwürdig sein und ich
meine Ihr solltet für Frevel halten dies Mauernest zu zerreißen und den Flug
der Vögel welchen hier die Heiligen ihren Sitz geweiht haben Was Ihr tun
wollt steht bei Euch was ich tun will berge ich Euch nicht Brecht Ihr das
Haus dann wird dies die Stätte wo ich ausharre unter berstenden Mauern und
brennenden Balken Sagt dem König dass hier das Grab der Edit ist und dass die
Mutter der sieben Knaben keine andere Antwort für ihn hat« Sie warf sich am
Altar nieder die Sendboten verließen schweigend den Raum
»Wilde Worte hörten wir« begann der Erzbischof zu Reinhard als sie
herabritten »Doch auch der schüchterne Vogel wandelt seine Art wenn ein Feind
die Krallen nach seiner Brut ausstreckt«
Reinhard antwortete seufzend »In meinem Herzen fühle ich den Jammer über
das Schicksal welches diesem Geschlecht bereitet wird Hochwürdiger Vater« bat
er die Hände faltend »wenn jemand den Helden Immo vom Tode zu retten vermag
so ist Eurer Weisheit diese gute Tat vorbehalten«
Der Erzbischof schüttelte das Haupt »Du kennst noch zu wenig den Sinn
dieses Königs Meinst du dass Heinrich seine Reise unterbrochen und uns alle als
Zeugen seines Tuns mitgeführt hätte wenn er nicht seine liegende Macht erhöhen
wollte indem er die Häupter eines edlen Geschlechts auf den Rasen wirft Selbst
wenn er dem Schuldigen nicht feindlich denkt ja auch wenn er die Missetat in
seinem Herzen entschuldigt ihm ist doch willkommen sich vor seiner Kriegsfahrt
als strengen Richter zu erweisen Denn die Trauer über des Richters Spruch
fühlen nur wenige die Kunde aber dass er wieder einen Räuber aus der Zahl der
edlen Schildträger getroffen hat fliegt durch das ganze Land sie schreckt die
Argen und gewinnt dem König die Herzen der Friedlichen Auch hat der König hier
wenig um die Rache mächtiger Herren zu sorgen denn einsam und ohne Anhang von
Lehnsleuten haust das Geschlecht am Walde«
»Dennoch vernahm ich dass der König einst den Helden Immo wert hielt« warf
Reinhard bittend ein
»Mir aber scheint sein Sinn gegen ihn verhärtet« versetzte der Erzbischof
»vielleicht weil Held Gundomar dem Jüngling feind ist vielleicht wegen anderem
Nicht umsonst wurde König Heinrich in Klosterzucht gezogen er hat gelernt was
dem Manne am schwersten ist seine Gedanken zu verbergen Dreien Königen habe
ich in die Tiefe ihrer Seele gespäht jetzt handle ich mit dem vierten und
eifriger als die früheren dient er der Kirche durch Huldbeweis und reiche
Spenden Dennoch erkenne ich zuweilen unter dem Lammfell die Tatze eines
Raubtiers und ich merke wenn er sich vor den Heiligen am tiefsten demütigt
denkt er am meisten an den eigenen Vorteil Mich aber freut die kluge Art denn
auch wir sind nicht einfältig und beide verstehen wir wo unser Vorteil
gemeinsam ist«
Am Fuß des Berges gab der Erzbischof seinem Gefolge ein Zeichen die
Reisigen rückten im Kreis um das Geschlecht Irmfrieds und Willigis begann zu
Odo »Steigt von den Rossen dass er sie euch bewahre« Die Brüder saßen
unbeweglich sahen drohend auf den Herrn und zogen ihre Schilde am Arm herauf
»Demut rate ich euch wenn ihr dem Leben des Bruders nützen wollt du selbst
weißt edler Odo dass du nicht hoch zu Ross dem Könige vor die Augen reiten
darfst Denn er fordert dass ihr euch ihm ergebt und barhaupt mit den Füßen im
Staube müsst ihr ihm nahen« Die Brüder sahen einander grimmig an und Erwin
gebot leise »Schliesst euch zusammen damit wir wenden und rückwärts
durchbrennen« Aber Ortwin mahnte »Dann stolpern die Rosse über das Haupt
unseres Bruders« und Odo sprach »Der Pfeil flog vom Bogen wir ändern nicht
mehr seinen Lauf taucht zur Erde und fügt euch« Da sprangen sie von den
Rossen hingen die Schwerter ab lösten die Helme und schritten zu Fuß unter den
Bewaffneten dem Lager zu mit gerötetem Antlitz und Tränen der Scham in den
Augen Vor dem Lager ritt Willigis noch einmal zu ihnen und riet in guter
Meinung »Leichter biegt sich im Sturm der junge Stamm als der alte und er
schnellt auch wieder in die Höhe und breitet seine Wipfel lustig in die Sonne
Denket daran dass der König vor allem Demut fordert vermögt ihr sie nicht in
eurer Rede zu erweisen so werdet ihr euer Heil am besten bedenken wenn ihr
schweigend kniet«
Der König hielt auf seinem Ross mit großem Gefolge er sah finster über die
Söhne Edits welche schwerfällig die Knie beugten »Trotzig finde ich die
Waldleute noch in ihrer Haft Wo habt ihr die Jungfrau Auch erkenne ich nicht
des Königs Banner auf der Burg«
Willigis antwortete »In der Burg gebietet die edle Edit und sie weigerte
mir die Jungfrau welche wie sie sagte in Frauenzucht gehöre und nicht in ein
Heerlager da sie die Braut ihres Sohnes sei Und weil Frau Edit aus edlem
Sachsengeschlecht stammt welches in alter Zeit mit dem Hause des Königs
befreundet war so hielt ich für recht dass der König selbst gebiete und der
Sachsenfrau seinen Willen verkünden lasse Denn schwere Worte sprach die Mutter
in ihrem Schmerz und ich fürchte sie begehrt sich den Tod im brennenden
Hause«
Der König zog den Mund zu einem herben Lächeln »Ich sah Frau Edit einst
als ich ein Knabe war Meint sie mit dem König zu streiten weil er sie damals
im Kinderspiel auf die Hände schlug Ist sie so bereit die Pfänder zu
verlieren welche ich von ihr in der Hand habe Ein Ende will ich machen mit
dieser Widersetzlichkeit Führt die Räuber ab doch so dass sie sich nicht ihrem
Bruder gesellen Euch hochwürdiger Vater bitte ich zur Stelle mit den Fürsten
und Edlen welche mir folgten im Rat niederzusitzen über den Raub der Jungfrau
damit Ihr mir Eure Meinung erklärt die ich beachte soweit ich vermag Denn ich
selbst will richten« Und sein Pferd wendend rief er Gundomar zu sich »Dies
geht dich an« sprach er gütiger »denn ist dir das Haus des toten Irmfried auch
verfeindet so wirst du doch um deiner eigenen Ehre willen dafür sorgen dass die
Frauen nicht in ihrer Torheit das Schicksal der Männer teilen Reite hinauf und
sage ihnen mein Gebot dass sie vor mir erscheinen«
Gundomar vernahm die Botschaft mit umwölkter Miene »Hartes gebietet der
König« murmelte er »mein Fuß betrat die Mauer nicht seit den Jahren meiner
Jugend«
Aber mit blitzenden Augen rief der König »Willst auch du mir widerstehen
In guter Meinung sprach ich zu dir Wahrlich es ist Zeit eine Warnung zu
geben denn unbändig und eigenwillig gebärdet sich jeder in dieser Waldecke«
Da warf Gundomar sein Ross herum winkte mit der Hand dass seine Ritter ihm
folgten und sprengte dem Berge zu Weit vor den anderen fuhr er dahin und die
Hofleute sahen freudig auf den streitbaren Helden Doch hätten sie sein Antlitz
geschaut die Angst darin hätte sie gewundert Als er den steilen Bergweg
hinaufritt sank ihm das Haupt auf die Brust und er seufzte schwer Vor dem
Wallgraben hielt er still wie einer der nicht ganz bei sich ist er vergaß sein
Begehr zum Turme hinaufzurufen und vernahm auch nicht dass der Vogt ihn
anschrie Erst als der drohende Ruf zum zweiten Male erklang hob er das Haupt
und starrte wie ein Träumender um sich Da rief der alte Bertorad »Ein Antlitz
sehe ich das ich vorzeiten fröhlicher schaute Bringst du Frieden Herr so
harre dass ich dich unserer Herrin verkünde« Er eilte von der Mauer nicht
lange und das Tor wurde geöffnet Gundomar winkte seinem Gefolge
zurückzubleiben und ritt allein in den Hof Auch dort zögerte er abzusteigen
und zuckte am Zügel als ob er wieder hinauswenden wollte Aber neben ihm erhob
sich die alte Gertrud am Boden »Graues Silber glänzt in deinem Haar aber deine
ersten Locken wuchsen als ich dich auf dem Arme trug Kannst du dem Weibe deine
Hand reichen das allen Söhnen Irmfrieds als Wärterin diente so sei gesegnet«
Gundomar schüttelte das Haupt und Gertrud rief zornig »Sieh dorthin du
Held der Schlehenstrauch steht noch an der Mauer Weiß ist die Blüte aber
schwarz die Frucht dort trank der Boden das Blut zweier Brüder die im Todeshass
gegeneinander schlugen Dort binde dein Pferd an du Feind des Geschlechtes
Sechs Söhne Irmfrieds sind deiner Rache verfallen nur das jüngste Kind ist noch
übrig ich denke du kommst auch mit dem letzten den Kampf zu beginnen«
»Schweig Alte« versetzte Gundomar grimmig »führe mich zu deiner Herrin«
Gertrud wies auf die kleine Kapelle »Traust du dich den Ort zu betreten
wo die Sünden vergeben werden wirst du sie finden«
Schwerfällig stieg der Held ab und trat in das Heiligtum An einer Ecke des
Altars saß Edit auf den Stufen sie wies auf die andere Seite »Dort sitze
nieder Gundomar denn die Nähe der Heiligen tut uns beiden not wenn wir
miteinander reden«
Gundomar warf sich DM1auf die Stufen des Altars und es war ein langes
Schweigen im Raume Als er sich aufrichtete warf er scheue Blicke nach Edit
und sprach abgewandt »Eine Lüge ist es dass die Zeit das Herz des Menschen
wandelt Die Wunde brennt heut wo ich dich wiedersehe wie vor fünfundzwanzig
Jahren Die Krallen des Hasses und der Eifersucht fühle ich wie damals wo ich
dich verlor und was die Priester als schwere Sünde strafen das hege ich
unablässig in meinem Innern den heißen Wunsch der mich zu dir treibt«
Edit wandte ihm ihr Antlitz zu »Du siehst eine Mutter die ihre Söhne
grossgezogen hat und im Witwenschleier des toten Gemahls gedenkt«
»Blicke mich nicht an mit deinen Augen deren lichter Glanz mich einst selig
machte Nicht die Mutter erkenne ich und nicht die Witwe eines anderen nur das
Weib das ich selbst begehrt habe«
Edit schob ihr Gewand zusammen und wandte sich ab
Aber Gundomar fuhr fort »Wie im Traum habe ich dahingelebt alle diese
Jahre nur meine Sehnsucht nach der einen und mein Hass gegen einen anderen haben
wahrhaft in mir gebrannt alles übrige war mir wie ein Spiel der Gaukler Oft
habe ich gebüßt und die Geissel über meinem Rücken geschwungen aber fruchtlos
war das Fasten und vergeblich die Schläge denn die bösen Feinde versuchten mich
immer wieder Noch hier merke ich sie« raunte er scheu um sich blickend
»Vieles habe ich auf Erden erlebt sündige Liebe und sündigen Hass ich sah wie
man eine Krone gewinnt und was die Herrlichkeit der Welt wert ist Unterdes
wenn die warme Himmelssonne mich bescheint fühle ich den Eisfrost in meinen
Gliedern verleidet ist mir diese Erde und ich schmecke die Galle aus dem
Honig Mich jammert dass die Menschen so begehrlich sind nach Goldschmuck und
Kampfspiel und nach nichtiger Ehre Das sage ich dir da ich dich wiedersehe
gegen deinen Willen damit du mich nicht hassest wenn du an mich denkst Denn
nur an deiner Meinung ist mir gelegen um die anderen sorge ich wenig Ich ringe
und suche was mir die Kraft gibt zu überwinden damit mir das ewige Erbarmen
nicht fehle«
Edit wies nach dem Kreuz auf dem Altare »Meide den König und suche dir
einen anderen Herrn«
»Ich denke daran bei Tag und Nacht« antwortete Gundomar leise Und sich
erhebend fuhr er mit verändertem Tone fort »Der König sandte mich Forderst du
meinen Rat so weißt du dass ich dir nichts berge«
»Rate mir so wahr du ein Sohn dieses Geschlechtes bist«
»Dem Könige liegt am Herzen seine Hoheit in einem Herrengericht zu
erweisen Dazu bedarf er die Geraubte und dich ladet er zur Mehrung seines
Ansehens Ich rate dir dass du gehst Denn der wird den Königen am meisten
verhasst der sie hemmt wo sie vor dem ganzen Volk ihre Würde erweisen wollen«
Edit machte eine abweisende Bewegung und Gundomar fuhr fort »Willst du
dem König in der Burg widerstehen so vermagst du das ganz wohl denn ihm fehlt
alles Sturmgerät und er kann nur wenige Tage vor diesen Mauern liegen weil die
Königspflicht ihn übermächtig nach dem Süden treibt Beim Abzug wird er dem
Gerhard und den Grafen in der Ebene die Fehde gegen dich und die Deinen
übergeben Auch diesen Feinden kannst du siegreich entgegentreten Merke Edit
die Burg und den jüngsten Sohn vermagst du lange gegen den König zu bewahren
nicht die Häupter der Söhne welche in seiner Gewalt sind Denn diese wird er
Rache heischend werfen Kommst du dagegen mit der Jungfrau in sein Heerlager so
denkt er vielleicht auch an deinen Wert und an dein Herzeleid Darum flehe ich
dich an Edit dass du mir folgst«
»Rate anderes Gundomar die Braut meines Sohnes und die Burg übergebe ich
nicht«
»Was frommt die Brautschaft wenn der Bräutigam schwindet und wie kannst du
ihm die Burg bewahren wenn du ihn selbst verlierst«
Edit barg ihr Antlitz in den Händen »Du sprichst die Wahrheit Aber wo die
Gedanken in der Seele feindlich gegeneinander ringen und der Mensch angstvoll
zweifelt was ihn retten werde da findet er einen Trost wenn er treulich die
Pflicht tut welche ihm auferlegt ward Der Herr dieser Burg und der Jungfrau
hat uns geboten beide festzuhalten seinem Gebot folge ich was uns allen auch
darum geschehe«
»Du verdirbst dich und andere« rief Gundomar heftig »Wohlan manchen
Dienst habe ich dem König geleistet und ich meine er wird sich scheuen mir
die Ehre zu kränken Um deinetwillen will ich wagen was Heinrich mir nicht
befahl Ich biete dir mit der Jungfrau und dem jüngsten Sohne freies Geleit zum
Gerichte des Königs und wenn du es nach dem Gericht begehrst wieder in die
Burg zurück Bis zu deiner Rückkehr mögen deine Dienstmannen die Burg halten
nur dass sie friedlicher Botschaft des Königs den Zutritt nicht weigern wenn er
sich Zeugen rufen will zu seinem Gericht«
Da erhob sich Edit »Gelobe mir Gundomar« und er warf sich am Altar
nieder und legte die Finger auf sein Schwert
Unterdes war der König nach dem Hofe gesprengt in welchem er rasten wollte Als
er durch das Gedränge von Edlen und Landleuten schritt und hier und da anhielt
um einem ehrenwerten Mann Gnade zu erweisen erkannte er Heriman den
Goldschmied welcher sich demütig verneigte Der König winkte ihm ein wenig zu
Und da er seltene und kostbare Waren wie sie der Goldschmied häufig aus der
Fremde brachte gern ansah und kaufte so befahl er seinem Kämmerer »Frage den
Heriman ob er etwas begehrt oder etwas bringt begehrt er so lass du dir seinen
Wunsch sagen und bringt er so führe ihn zu mir« Dem Eintretenden rief er
gütig entgegen »Wie gedeihen dir deine Fahrten auf des Königs Straße«
»Wir Thüringe danken dem König dass er die Raublust der Schildträger
gebändigt hat« versetzte Heriman
»Dennoch wagt sich freche Gewalttat auf die Straße sobald der König nur den
Rücken kehrt Ich bin hier um über einen Friedensbruch zu richten der euch
Erfurter nahe genug angeht und ich denke eine Warnung zu geben welche andere
Missetäter abschrecken soll damit friedliche Leute wie du zu Ehren des Königs
gedeihen Was birgst du Gutes in deinem Sack lass sehen«
»Nur wenig habe ich was wert ist von dem König betrachtet zu werden«
versetzte der Goldschmied öffnete einen Lederbeutel und breitete seine Schätze
auf den Tisch geschliffene Edelsteine goldene Borten und zierliche Ketten
Gewürze und Balsam aus dem Orient und seltsame Kapseln Schnitzwerk aus
Elfenbein Dolche und Messer mit kostbarem Griff und Scheide
Der König betrachtete mit Kennerblick Schmuck und Steine und schob hier und
da ein Stück zurück »Was bewahrst du in dem Kästlein«
»Es ist ein Ring« versetze Heriman »mit dem Stein den sie Saphirus
nennen er verändert die Farbe wenn der Ringfinger einen Becher berührt oder
auch einen Teller in welchem Gift ist Der Stein wird jetzt sehr begehrt von
vornehmen Geistlichen und Laien«
Der König warf einen gleichgültigen Blick darauf und wies an seinem Finger
einen Ringstein derselben Art »Nicht jeden Helden meines Geschlechtes hat
dieser Stein vor dem Verderben bewahrt Heriman es ist sicherer den eigenen
Augen zu vertrauen als der Warnung welche aus Steinen kommt«
»Besseres hoffe ich dem König zu bieten« versetzte Heriman »sobald ich von
der nächsten Fahrt über den Rhein zurückkehre Denn was hier im Lande Pilger und
fremde Händler zutragen das gelangt meist in die Hände der ungläubigen Juden
und diese legen es zuerst dem ehrwürdigen Herrn Willigis vor weil er ihr
Schutzherr ist ich aber dem Könige«
»Du meinst also die Juden stören dir das Geschäft« fragte der König einen
Edelstein gegen das Licht haltend
»Sie haben das Geld und wer mit kostbarer Ware handelt vermag sie nicht zu
entbehren Auch klage ich nicht über sie zumal Herr Willigis ihnen günstig ist
weil sie seiner Macht in der Stadt nützen«
»Und dir gefällt die Macht des Erzbischofs in der Stadt Erfurt« warf der
König hin in Betrachtung des Steines vertieft
»Ein weiser Herr ist Willigis bald werden die Mauern der Stadt zu enge sein
für die Zahl der Unfreien welche er von den Hufen des Stiftes und anderswoher
unter seinem Gericht versammelt Wir alten Burgmannen aber die wir uns rühmen
von den Vätern her freie Leute zu sein sehen ungern dass der Vogt des Königs
nicht mehr allein zu Gericht sitzt denn es fehlt nicht an Schlägereien zwischen
unseren Leuten und den Zugehörigen des Erzbischofs Ich fürchte in kurzem sind
wir die Minderzahl Doch wir wissen es ist schwer den Heiligen zu
widerstehen«
Der König legte den Stein weg und fragte in verändertem Ton »Wie wars mit
dem Raub der Grafentochter Erzähle was du davon weißt«
»Die Leute des Erzbischofs haben die Nachtglocke geläutet« entgegnete
Heriman vorsichtig »sonst würde die Stadt wenig davon wissen zumal da niemand
erstochen wurde Selten vergeht eine Woche wo nicht größerer Lärm in den Gassen
ist Unter den Burgmannen sind viele dem Helden Immo und seiner Sippe
wohlgeneigt denn diese gelten sonst im Lande für redliche Männer und wer
ungerecht bedrückt wird findet zuweilen bei ihnen Schutz«
Der König sah mit großen Augen auf den Goldschmied und befahl streng »Packe
deinen Kram ein ich will heut deine Steine nicht sehen denn du kommst nicht um
des Kaufes willen sondern du begehrst etwas anderes von mir«
»Als ich todwund am Idisbach lag« antwortete Heriman seine Steine langsam
in den Sack sperrend »da war es Held Immo der mich aufhob und ihm verdanke
ich dass ich heut vor den Augen des Königs stehen kann Ich wäre niederträchtig
wenn ich nicht gut von ihm redete da der König zuerst mich seinetwegen gefragt
hat«
Heinrich nickte »Du hast recht lass nur liegen« Heriman packte aus und
der König sah wieder auf die Steine »Also die Leute des Erzbischofs schlugen an
die Glocke Ich höre dass einige aus der Stadt den Räubern Vorschub leisteten
und sogar mit ihren Wehren die Bewaffneten des Herrn Willigis an der Verfolgung
hinderten Weißt du auch darüber etwas«
Heriman besann sich »Sie sagen dass scharfer Schwertschlag getauscht wurde
und dass Held Immo nur darum ins Unglück kam weil er einen anderen der wie sie
sagten ein Erfurter war nicht unter den Schwertern der Reisigen zurücklassen
wollte Und da manche in Erfurt glauben dass der Held wegen seiner Treue gegen
ein Stadtkind verwundet und gefangen wurde so trauern diese über sein Unglück«
Da schob der König den Kram heftig von sich und stand auf »Räume fort ich
will gar nichts mit dir zu tun haben«
Heriman öffnete zum zweitenmal seinen Beutel und packte ruhig ein »Wenn der
Herr König meint dass die Erfurter Lämmern gleich sind welche sich scheren
lassen und dann noch aus der Hand die sie geschoren hat das Futter nehmen so
kennt er seine treuen Bürger nicht Bei uns lebt mehr als einer der einen
Racheschwur gegen den Grafen Gerhard getan hat weil dieser ein raubgieriger und
ungerechter Mann ist«
»Jetzt verstehe ich« versetzte der König sich setzend »Das an dem Dolch
ist ja wohl Byzantiner Arbeit lass sehen« Und Heriman packte wieder aus »Wie
kommts dass man den Mann nicht mit Weiden geschnürt hat der wie du sagst für
den Räuber Immo das Schwert zog und dem Räuber wie du sagst seine Treue
erwies Mich wunderts dass einer der des Königs Frieden so frech gebrochen
hat frei in den Gassen wandelt«
»Die Wächter des Erzbischofs waren Stadtfremde« entgegnete Heriman
argwöhnisch nach dem König blickend »und die Erfurter haben vielleicht nicht
sehr nach dem Einheimischen gesucht Auch hat der Bürger eine Gewohnheit Bevor
er im Zwielicht das Schwert zieht so streift er sein Haar wenn er es lang
trägt über das Gesicht vielleicht birgt er auch seine Glieder in einem
wendischen Kittel« Er trat an den Tisch bereit die Steine wieder einzupacken
»Lass nur liegen« sagte der König »ich sehe dein Haar ist kurz genug
Sagtest du nicht dass sich die Dienstleute des Erzbischofs zu eurem Schaden in
der Stadt mehren«
»Herr die Stadt wird dabei groß und wenn auch schlechtes Volk unter den
Zugewanderten ist so muss man doch zugeben der Stiftsvogt des Mainzers hält
über seine Leute strenges Gericht Nur sorgen bei uns die Alten welche
Bescheidenheit haben dass die Königsmacht dadurch kleiner wird und dass sie
vielleicht einmal ganz schwindet«
»Denken viele wie du dass sie lieber dem König dienen wollen als dem
Erzbischof«
»Das Mehrteil wird sagen es kommt darauf an wie der König ist und wie der
Erzbischof ist Dennoch wenn der König eine starke Hand hat und sein Vogt
billig denkt so wird der Bürger freudiger einem Helden dienen der ein Schwert
trägt als einem geschorenen Haupte«
»Ihr selbst sitzt am liebsten daheim aber ihr hört es gern wenn der
Spielmann vor euch singt wie die Knie des Königs im Drange der Schlacht
wundgerieben wurden« sagte der König mit trübem Lächeln »Gemächlicher ist dein
Herdsitz Heriman als der Sitz deines Königs welcher das ganze Jahr im Sattel
reitet Geh in Frieden mit deinen Waren dies hier habe ich für die Königin
ausgewählt lass dir den Preis von meinem Kämmerer zahlen Und vernimm noch eins
was ich dir in deiner Redeweise vertrauen will Die bescheidenen Leute in Erfurt
und anderswo meinen der Mann handelt unweise welcher mit unbedecktem Haupt auf
der Straße läuft wenn der Hagel herunterschlägt Besser täte er sein Antlitz
zu bergen bis das Wetter vorübergerauscht ist«
»Das ist gute Lehre« versetzte Heriman demütig »zumal wenn sie ein König
gibt Aber wir im Lande haben ein Sprichwort womit wir uns trösten Je treuer
der Sinn desto dicker der Kopf«
Als Heriman das Gemach verlassen hatte sprach der König zu dem eintretenden
Kämmerer »Das ist ein redlicher Thüring Sorge dass er sein Geld ohne Verzug
erhält«
Das Gericht des Königs
Auf niedriger Anhöhe stand unweit dem Mühlberg eine große Linde dort wurde
innerhalb gezimmerter Schranken dem Könige der Richterstuhl erhöht und Sitze für
die Großen des Reiches welche in seinem Gefolge ritten Die Diener breiteten
Teppiche und Polster auf das Holzwerk das Banner des Königs ward aufgesteckt
der Rufer trat an den Eingang des Geheges und die Leibwächter schritten mit
ihren Spiessen in die Runde das versammelte Volk abzuwehren Die Frühlingssonne
schien warm und die Lerchen sangen freudig von der Höhe aber Landleute und
Burgmannen welche in großen Haufen herzugeeilt waren hielten sich abseits
sprachen leise miteinander und sahen scheu nach dem Gerichtsbaum und zurück nach
dem Dorfe bei welchem das Lager des Königs war Nicht die Ehrfurcht allein
bändigte ihnen Stimme und Gebärden sonst zogen sie wohl einem scharfen Gericht
wie einem Feste zu und freuten sich wenn das Haupt eines Missetäters auf den
Rasen fiel diesmal war den meisten der Mut beschwert entweder weil sie dem
Helden Immo wohlgeneigt waren oder weil sie dem Grafen Gerhard geringes Glück
gönnten
In gesondertem Haufen standen die freien Bauern vom Nessebach in ihrer
Mitte der alte Baldhard mit Brunico und seinem Geschlecht und Baldhard streckte
den Arm nach dem Ring der roten Berge aus auf welchen die Mühlburg ragte »Seht
dorthin«
Auf dem Grunde lag der weiße Wasserdunst darüber strahlten die Höhen wie
abgelöst vom Erdboden und wie von eigener Glut durchleuchtet An den waldlosen
Stellen schimmerte das Erdreich hier rosenfarben und blau dort blutigrot
»Schaut alle« rief Baldhard »gleich rotem Golde glänzt Erde und Stein Manches
Mal sehe ich den alten Götterschein an den Höhen und jedermann aus der Umgegend
kennt das Gleissen das man schwerlich an anderen Bergen schaut Aber niemals
erblickte ich solches Feuer und bekümmert fragen wir was das blutige Licht dem
alten Landgeschlecht bedeute gegen welches heut der Richterstuhl gezimmert
wird«
Alle starrten mit scheuer Verwunderung nach den Hügeln
Und Ruodhard der Müller begann »Die letzte Nacht war still und der Mond
stand am wolkenlosen Himmel dennoch hörte ich im Berg ein Dröhnen und Brechen
wie mit schweren Hämmern arbeiteten Riesenhände in dem Gestein und ich sah dass
die Grauwölfe heulend die Nasen hoben und in den Berg hineinfuhren«
Da rief eine raue Stimme »Die in der Tiefe hausen rüsten sich um junge
Helden zu empfangen welche vom Tageslicht geschieden werden«
Brunico stöhnte und wandte sich ab
»Beklagst du die Söhne Irmfrieds« fragte die Stimme neben ihm Brunico sah
auf eine riesige Gestalt in einem Rock von Wolfsfellen das buschige Haar des
Mannes starrte wild um das Haupt in dem Gurt steckte eine Axt mit neuem Stiel
»Jammervoll ist dieser Tag Eberhard« murmelte der Knappe
»Du hattest dich einem von ihnen gelobt« versetzte der Hirt finster »ich
aber war allen sieben ein Knecht von den Vätern her Darum bin ich neugierig zu
sehen wie meine Herren auf ihrem eigenen Grunde von einem Fremden geschlagen
werden«
»Wisse Eberhard der König selbst ist gekommen zu richten«
»Bis heut waren die Söhne Irmfrieds Könige des Waldes trifft ein fremder
König die Sieben in den Nacken wie mag ihr Knecht sich noch seinen Herrn
suchen Der Stiel ist neu und das Eisen ist scharf Schwingt keiner der Herren
die Axt in den Baum so hebt der Knecht selbst die Axt zu einem Herrenwurf und
er wählt sich das Ziel Von meinen Ebern bin ich entwichen damit ich den
fremden Richter schaue weißt du mir ihn zu zeigen«
»Du wirst ihn erkennen wenn er auf dem Richterstuhl sitzt« antwortete
Brunico und wandte sich scheu von dem Wilden ab
Der König ritt aus seinem Hofe auf das Feld hinaus
Die Leute sahen dass er einen Hauptmann der Reisigen zu sich winkte und dass
dieser nach dem Lager der Königsmannen eilte Gleich darauf tönten von dem Anger
Hörner und das Getöse einer aufbrechenden Schar
Als der König herankam mit großem Gefolge von Geistlichen und Laien klang
der Heilruf nicht freudig wie wohl sonst und der König merkte das und schaute
düster über die Haufen Die Leute vernahmen wie der Rufer Stille gebot und des
Königs Gericht nach den vier Winden ausrief und sie drängten schweigend an die
Schranken Als darauf Immo zum Hügel geführt wurde zwischen entblößten
Schwertern und nach ihm seine Brüder da hörte man trotz dem Gebot des
Schweigens lautes Klagen und Jammern der Weiber und viele knieten nieder hoben
die gefalteten Hände und taten Gelübde damit die Heiligen sich der Angeklagten
erbarmten
Der König setzte sich auf den Richterstuhl und ergiff den weißen Stab an
welchem das goldene Königszeichen einer Lilie ähnlich glänzte Erzbischof
Willigis trat mit den Bischöfen und Edlen welche der König zu Ratgebern gewählt
hatte vor den Stuhl und begann »Da des Königs Würde selbst den Spruch tun will
gegen den edlen Thüring Immo wegen Raubes einer Jungfrau und wegen
Friedensbruch so ist uns das Vorrecht geworden im Rat zu sitzen über die Tat
und die Rache Denn so ist es Brauch wenn der Spruch des Königs gegen das Leben
eines Edlen geht Was wir befunden haben verkündet jetzt mein Mund dem Könige
wenn Seine Hoheit es vernehmen will« Der König winkte und der Erzbischof fuhr
fort »Gegen die ruchbare Tat des Helden Immo und seiner Brüder hat Graf Gerhard
Klage erhoben wegen des nächtlichen Raubes seiner Tochter Hildegard aus dem Dach
der Herberge und daneben mein Vogt zu Erfurt wegen Friedensbruches und schwerer
Verwundung seiner Reisigen Darum möge die Gerechtigkeit des Königs erwägen ob
die schwere Tat verübt wurde gegen die Jungfrau selbst gegen den Vater und
gegen den Frieden der Stadt Bekunden ehrliche Zeugen dass der Mann Immo ein
Räuber der Magd war so büsse er mit seinem Haupt und Leben Hat er nur durch
gezücktes Schwert den Frieden der Straße geschädigt so möge der König ihn
strafen nicht an seinem Leben aber an seinen Gliedern an seiner Freiheit an
Gut und Habe wie es dem König gefällt Seine Gesellen aber weil sie als
jüngere Brüder die Treue des Geschlechtes erwiesen haben möge der König strafen
oder verschonen«
Der König antwortete »Ich rühme den Rat den ihr Bischöfe und Herren
gefunden als gerecht und billig« Aber hart war der Ausdruck seines Angesichts
als er auf die Gefangenen hinsah
»Sind hier alle Söhne des toten Irmfried versammelt Von sieben Nestlingen
hörte ich singen und sagen«
Gundomar trat heran »Einer ist zurück der jüngste Sohn Gottfried
schuldlos ist er Herr und hat keinen Teil an diesem Frevel seiner Brüder«
»Ist er schuldlos warum wird er dem Auge des Königs entzogen« fragte
Heinrich »brachtest du ihn von der Burg so führe ihn her«
Gundomar eilte aus dem Ring und Gottfried trat in die Schranken Er trug
das Panzerhemd das ihm die Brüder geschenkt hatten um das runde Gesicht
ringelten sich die goldenen Locken In holder Scham stand er da auf eine leise
Mahnung seines Begleiters trat er näher kniete vor dem König nieder und senkte
sein Haupt
Der König sah überrascht auf den Knaben Im Kreise der Herren erhob sich ein
beifälliges Gemurmel und aus dem gedrängten Volke klangen Heilrufe der Männer
und Segenswünsche der Frauen Der König erkannte dass die Edlen und das Volk ihn
rühmen würden wenn er dem Unschuldigen seine Gnade erwiese Und da ihm der
Knabe gefiel so gedachte er bei sich das Geschlecht nicht ganz zu vernichten
sondern diesen zu bewahren und er sprach gütig zu ihm »Steh auf und sieh mir
ins Gesicht«
Gottfried starrte aus seinen grauen Augen so erstaunt den König an dass
dieser lächelte »Tritt näher« gebot er fasste den Knaben bei der Hand und
strich ihm über die Wange »In jungen Jahren trägst du das Eisenhemd wer hat
dich so früh mit dem Schwert gewappnet du Singvogel Noch ziemt dir nicht der
wilde Flug Danke den Heiligen dass jene dich bei ihrem nächtlichen Ritt
zurückliessen«
»Gern wäre ich mitgeritten« antwortete Gottfried arglos »und mich reut gar
sehr dass ichs verschlafen habe«
Da lachten die Herren ringsum über die Kinderstimme und nickten einander zu
»Ich merke« sagte der König »wir sind hier in dem Lande wo schon die
Nestvöglein trotzig singen wenn auch ihre Stimme noch fein ist Dass du den Ritt
verschlafen hast Knabe war dir diesmal größeres Glück als die beste Heldentat
Sieh auf deine Brüder der einzige bist du aus deinem Hofe der ein Schwert
trägt obgleich es in deiner Hand noch schwerlich tiefe Wunden schlagen wird«
Gottfried sah erschrocken auf seine Brüder gürtete sich schnell das Schwert
ab und legte es dem König zu Füßen »Verzeiht mir Herr König ich will nicht
anders gehalten sein als meine Brüder lasst mich das Unglück das sie trifft
auch teilen« und er lief von dem König zu den Gefangenen und stellte sich als
letzter in ihre Reihe Aber Gundomar ergriff ihn bei der Hand und führte ihn zum
Stuhl des Königs zurück »Hebe dein Schwert auf« befahl der König gnädig
»damit ich dich selbst damit umgürte als Kriegsmann sollen dich Gottfried
Sohn des Irmfried von heut an meine Edlen ehren«
Da erhob sich ein Summen und Brummen in der versammelten Menge und es
verstärkte sich zu einem donnernden Heilruf für den König so dass dieser wieder
befremdet über das Volk sah Denn die Leute hofften dass die Huld welche der
König dem Jüngsten erwies eine gute Vorbedeutung sei für das Schicksal der
anderen Brüder Aber solche die den König zu kennen meinten urteilten anders
Der König gebot »Führt die Jungfrau herein«
Gestützt auf Edit trat Hildegard in die Schranken Ein beifälliges Murmeln
ging durch die Versammlung als die Frauen vor den Königsstuhl traten Würdig
verneigte sich Edit und stand mit gehobenem Haupt in der Versammlung und der
König welcher gedachte dass sie sich stolz hielt weil sie von den Ahnen her
dem königlichen Stamme verwandt war fasste mit der Hand an die Lehne seines
Stuhls und hob sich ein wenig aus dem Sitz indem er sich gegen sie neigte um
die Ankunft zu ehren Edits Augen suchten die Söhne Als sie Immo erkannte das
bleiche Antlitz und die schmerzvollen Züge da tat sie einen Schritt auf ihn zu
aber sie bezwang sich und hob nur die Hand segnend gegen ihn Neben ihr stand
Hildegard die Augen zum Boden gesenkt ängstlich griff sie nach der Hand ihrer
Begleiterin um sich daran zu halten »Dies ist deine Tochter Hildegard Graf
Gerhard« fragte der König und als der Graf sich bejahend verneigte fuhr er
fort »Wenig gleicht sie dir doch auch vom knorrigen Stamme kommt süße Frucht
Wahrlich mancher von meinen jungen Helden wird über die Missetat des Räubers
nicht erstaunen Fasse Mut Jungfrau denn der Richter welcher jetzt fragt ist
dir wohlgesinnt Über dem Thüring Immo hängt die Klage dass er dich mit Gewalt
und entblösstem Schwerte aus dem Frieden meiner Burg Erfurt geraubt und durch
seine Gesellen in sein festes Haus geführt hat Ob es Raub einer Jungfrau war
die widerwillig der Gewalt folgte das erkennt der Richter aus dem Notschrei der
Geraubten denn wie dem Mann das gezückte Eisen so hilft der Jungfrau die
Stimme Hast du dich gesträubt gegen die Entführung durch abwehrende Hand und
wenn die Hand gebändigt war durch den Mund so sprich damit wir dein Magdtum
ehren und die Tat des Räubers erkennen«
Hildegard hielt sich an Edit fest Es wurde so still im Raum dass man das
Summen einer Mücke gehört hätte aber kein Laut drang aus den zuckenden Lippen
der Jungfrau
Da trat Erzbischof Willigis zu der Schweigenden und sprach mit väterlicher
Milde »Zum Dienst der Heiligen bist du bestimmt deshalb mahne ich dich
freundlich dass du alle Furcht abtust denn du sprichst jetzt für deine eigene
Ehre Der Richter fragt ob der Mann der zu dir in die Herberge drang dein
Trauter war oder dein Räuber Darum hast du dir Hilfe gefordert so antworte
nur ein Ja ich habe«
Im Angesicht der Jungfrau wechselte Blässe und hohe Röte aber sie schwieg
Wieder ging ein Geflüster durch die Versammlung und manche Lippe verzog sich
zum Lächeln Graf Gerhard aber drängte sich vor und rief ängstlich »Möge die
Hoheit des Königs Nachsicht üben mit meinem armen Kinde dem jetzt die Angst und
Scham den Mund verschließt In jener Nacht aber hat sie gerufen wie einer
sittsamen Jungfrau geziemt Zeter und Waffen und hat sich gesträubt sosehr sie
vermochte als die Räuber sie auf das Ross schwenkten«
»Da du selbst den Schrei nicht gehört hast und die Jungfrau nicht reden
will so rufe Zeugen wenn du deren hast« gebot der König
Graf Gerhard eilte an die Schranken und führte den Wirt des Hessenhofes
herbei Der Mann kniete nieder und bekannte »Laut gellte der Notschrei einer
Weiberstimme aus dem Gemach in welchem die Jungfrau rastete und als ich vom
Lager sprang und mit meiner Waffe in das Zimmer eilte fand ich es leer auf der
Straße sah ich Reiter davonsprengen und erkannte dass einer die Jungfrau vor
sich auf dem Rosse festhielt«
»Der Notschrei klang von den vier Wänden« bestätigte der König »doch sah
der Zeuge nicht ob es die Jungfrau war welche rief Hauste das Grafenkind
allein in der fremden Stadt«
»Nur ihre Dienerin kam mit ihr« antwortete der Graf »ein unfreies
Mädchen«
»Warum ist sie nicht zur Stelle« fragte der König »Du hörst Beklagter
etwas fehlt an dem Zeugnis gegen dich Vermagst du den Spruch gegen dich weniger
schwer zu machen durch deinen Eid und den Eid deiner Helfer so darfst du
schwören dass die Jungfrau dir ohne die Notklage gefolgt ist«
»Ich schwöre nicht gegen ihre Ehre« antwortete Immo »was mir auch darum
geschehe«
Da hob Hildegard das bleiche Antlitz ein wenig und begann leise »Einen
Goldfaden sandte ich ihm und er bewahrt ihn an seinem Herzen die Sommerlinde
auf der Idisburg sah es und weiß es dass er mich küsste In der brennenden Stadt
stand ein steinernes Kreuz so wahr das Kreuz dort steht so wahr ist es dass er
mich aus den Händen der Mörder gelöst hat durch seinen Arm und sein Schwert
Dann kam er in der Nacht in der ich angstvoll am Boden lag weil ich die Liebe
zu ihm im Herzen trug und doch am nächsten Morgen zu den Heiligen sollte er
weiß es wohl dass ich schwieg als er mich auf das Ross seines Freundes hob«
In der Stille welche diesen Worten folgte hörte man nur das Stöhnen des
Vaters welcher sich abwandte und die Hände vor sein Antlitz hielt
»Folgtest du freiwillig ohne deiner Kindespflicht zu gedenken« fragte der
König »wer denn tat den Klageschrei Weiß jemand Antwort zu geben der
antworte damit der Zeuge nicht als meineidig erkannt werde«
An den Schranken rührte sichs unter den Bürgern welche aus Erfurt
herbeigeeilt waren Frau Kunitrud wurde von Heriman und anderen vorgeschoben
und der Rufer öffnete ihr auf einen Wink des Erzbischofs die Schranken Sie warf
sich auf die Knie und begann mit geläufiger Stimme während sie mehrmals
aufstand und wieder niederkniete bis sie in der Nähe des Königsstuhls beharrte
»Es wird kein Brei so heiß gegessen als er gekocht ist und ein Kind aus Burg
Erfurt traut sich auch noch vor dem Könige zu reden zumal wenn er jung ist
Alles kann ich auf das genaueste verkünden Herr König denn ich selbst habe die
Entführung erlebt und sie war das ärgste nicht was ich erlebt habe schlimmere
Gewalttat geschieht in der Welt und noch dazu von Leuten welche weniger
gutherzig sind als dieses junge Blut Ihr sollt wissen Herr König dass ich in
jener Nacht bei der edlen Hildegard war Reisemüde saß sie oder sie lag auf dem
Boden und rang die Hände wie es ihr gerade gefiel Da vernahm ich draußen
Getümmel und Klappern von Pferdehufen und ich tröstete die edle Hildegard und
sagte ihr Das tut nichts es sind nur tolle Brüder welche gegeneinander die
Messer zücken und es ist des Königs Wache sie werden sich untereinander
raufen wie sie oft tun Da sprang die Tür auf und der Held Immo trat ein ganz
in Eisen und er fuhr auf die Jungfrau zu welche wie ein Rohr wankte da sie
ihn sah er fasste sie und rief Musst du Zeter schreien Kunitrud so harre bis
ich zu Rosse bin Ich schlug erschrocken die Hände zusammen und lief an das
Fenster riss die Decke weg und sah hinab aber ich sah nur Undeutliches in der
Finsternis bis ich mich endlich besann und das Geschrei erhob wie sich
geziemte«
Der König winkte und der Rufer bedeutete der behenden Frau zu schweigen
worauf sich diese wieder mit Kniebeugungen aus den Schranken zurückzog
»Folgte das Weib widerstandslos dem heischenden Manne« entschied der König
»so vermag der Richter nicht ihre Ehre zu rächen sie selbst hat sich ihres
Rechtes begeben und ist Mitschuldige der Gewalttat Denn nicht ihr stand zu
sich den Gemahl zu wählen sondern ihrem Herrn und Vater An der Jungfrau hast
du Schwertloser durch den Raub keinen Frevel geübt der Richter fragt ob du
ihn geübt gegen Gerhard den Grafen Dieser aber hat wie du selbst sagst dir
sein Kind nicht verlobt sondern er wollte es nach dem Wunsch des Königs
geschleiert den Heiligen weihen Weißt du Immo was dich von dieser Missetat
entschuldigt so verantworte dich«
Die Lippen Immos bewegten sich aber er schwieg
Da Immo auf die Frage welche für sein Leben entscheidend war nicht
antwortete hob Edit mit einem Klageschrei die Hände zum Himmel eilte durch
die Versammlung zu ihrem Sohn und umschlang ihn mit ihren Armen Er aber warf
sich vor seiner Mutter nieder und barg sein Gesicht in ihrem Gewande
Unter den Brüdern entstand eine Bewegung Odo trat ein wenig vor und begann
auf einen Wink des Richters »Immer wünschen wir dass der König uns gnädig sei
zumal wenn wir vor ihm sprechen sollen und doch behender Worte nicht sehr
mächtig sind So geht es jetzt mir Was aber die Klage des Grafen Gerhard
angeht so behaupte ich Odo Irmfrieds Sohn und mit mir meine Brüder Ortwin
und Erwin Adalmar und Arnfried dass die Klage völlig eitel und nichtig ist und
wenn des Königs Huld uns Schwert und Ross gewähren will so sind wir fünf die
wir jetzt schwertlos stehen bereit dies gegen den Grafen Gerhard und vier
ehrliche Kämpfer seiner Freundschaft zu erweisen überall wo die Sonne scheint
die Luft weht und der Anger grünt«
Der König sah verwundert auf den jungen Helden dem man wohl anmerkte wie
er die Worte bedächtig erwog während er die grauen Augen und das unbewegte
Gesicht auf die Versammelten richtete »Du bist ein verwegener Gesell dass du
die Klage über eine ruchbare Missetat ungehörig schiltst Du selbst hast die
geraubte Jungfrau auf der Burg verschlossen«
»Ich bin nicht mein Bruder« versetzte Odo trocken »mir war auch bisher
ganz wohl in meiner eigenen Leibeshülle Die Klage aber geht gegen den Helden
Immo und nicht gegen mich Darum ist sie grundlos und für jedermann ist
deutlich dass mein Bruder die Jungfrau nicht geraubt hat Sie hat den Rücken
seines Rosses nicht berührt als sie in der Nacht unter den Sternen dahinfuhr
war er gar nicht in ihrer Nähe als sie hinter dem Burgtor abgehoben wurde lag
er weiter von ihr entfernt als die Stadt von der Burg Wir im Lande aber strafen
nur die schwere Tat nicht schweren Willen Was er gewollt hat darum mögen sich
die Unsichtbaren kümmern welche wie uns die Priester sagen sogar die Gedanken
eines Mannes erspähen der Richter unter der Linde spricht nur über ruchbare und
greifbare Tat«
Der König musterte mit scharfem Blick den stattlichen Jüngling »Wenn ich
dich und deine Brüder betrachte so wundert mich nicht dass ihr die Sache wieder
von des Königs Bank hinweg auf die Beine eurer Rosse bringen wollt Ich merke
du wagst vor dem König Haare zu spalten Was jener nicht vollbrachte tat einer
seiner Blutgesellen«
»Dies gerade ist es was ich der Gerechtigkeit des Königs sagen wollte
Ungern redet ein Mann gegen sich selbst Auch ich erinnere hier nur daran dass
er schuldlos an der Tat erkannt werden möge weil er der älteste von uns Brüdern
ist und wie ich wohl weiß unserer Mutter der liebste Und ich fürchte sein
Tod würde ihr das Herz brechen Muss also Strafe das Haupt eines Mannes treffen
weil das Grafenkind auf ein Ross geschwenkt wurde so darf doch nicht mein Bruder
für die Tat büßen die ein anderer vollbrachte Hätte Graf Gerhard diesen
anderen verklagt so dürfte der andere sich nicht beschwert fühlen«
»Du selbst warst der andere« fragte der König
»Die Jungfrau wurde dem gereicht der das stärkste Ross hatte« versetzte Odo
vorsichtig »Das Ross wurde vor Jahren von dem Weidegrund des Königs nach
Thüringen geführt es ist vom besten sächsischen Schlag«
»Auch der Reiter wie ich merke« versetzte der König »Tritt zurück
Jüngling die Klage nennt nach Recht den Urheber er gab den Rat er stiftete
die Tat ihm frommte das Vollbringen Du aber warst nur sein Gehilfe Zum
anderen Mal frage ich dich Immo weißt du etwas was dich entschuldigt so
sprich«
Immo stand in hartem Kampf er wusste wohl dass Gerhard in Wahrheit niemals
der Vermählung günstig gewesen war er selbst hatte früher dem König gestanden
dass der Graf ihm kein Versprechen getan habe und obwohl er jetzt in Todesnot
war so erschien ihm doch nicht mannhaft an nichtige Worte des Gegners zu
mahnen Während er mit seinen Gedanken rang ob er reden sollte oder schweigend
den harten Spruch erwarten begann der König zu dem Erzbischof gewandt »Als
die Ratgeber mir durch Euren Mund hochwürdiger Vater ihren Rat kündeten haben
sie so scheint mir eines nicht erwogen Der Thüring Immo war es welcher dem
Grafen zu Hilfe kam als dieser in Kerkernot saß Denn hätte der Jüngling nicht
vor mir das Knie gebeugt so würde der Graf einem schweren Schicksal nicht
entgangen sein Damals nun hat so scheint mir der Jüngling von dem Grafen
selbst ein Versprechen erhalten welches die Tochter betraf Hat aber der
Jüngling den Raub verübt auf Grund eines Gelöbnisses das er von dem Vater
empfing so würde seine Verschuldung gegen den Gerhard gering erscheinen denn
er hätte durch empfangenes Versprechen ein Recht auf die Jungfrau gewonnen wenn
auch der Raub ein Frevel gegen den König und den Stadtfrieden war«
Da drängte sich Graf Gerhard eilig hervor und rief laut in dem Ringe
»Keinerlei Gelübde hat der Räuber erhalten und kein Schwur vermag ihm zur
Entschuldigung zu gereichen weder die Tochter noch irgend etwas anderes habe
ich ihm verheißen damit er tue was mir zum Heil helfen konnte Ganz ohne
Entgelt wagte er was für ihn kein schwerer Dienst war da des Königs Gnade über
denen die im Unglück sind ohnedies barmherzig waltet War ich ihm einen Dank
schuldig so hätte ich ihm wohl etwas Gutes erwiesen durch ein Ross oder ein
stattliches Gewand wie es im Lande Brauch ist nur nicht durch so unerhörten
Lohn wie das Magdtum meines Kindes«
»Wie« rief Heinrich »war er so töricht deine Sünden zum Könige zu tragen
ohne den Brauch der Welt zu üben und an den eigenen Vorteil zu denken Ungern
mag ich das glauben wenn auch du es sagst Sprich selbst schwertloser Mann
redet der Graf die Wahrheit«
Durch Immos Seele fuhr ein heißer Schmerz hätte er den Schwur des Grafen
angenommen vielleicht wurde er jetzt der Gefahr enthoben und zuletzt doch mit
der Geliebten vereinigt Die Lehre welche er vom Vater Bertram gekauft hatte
mochte Unglück und Tod über ihn bringen Und doch hörte er in diesem Augenblicke
der Entscheidung wieder das feierliche Flüstern des alten Mönches das ihn
damals mit Ehrfurcht erfüllt hatte und in seiner Seele schrie es dass der Rat
hochsinnig und ehrlich gewesen war Darum sprach er leise in der Versammlung
»Der Graf redet die Wahrheit ich empfing keinen Schwur von ihm weder um seine
Tochter noch um etwas anderes und ich habe sie mir geraubt wie Kriegsleute in
der Not tun weil sie mir lieber ist als mein Leben«
»Nun denn« rief der König »so sprich was trieb dich damals ein unholder
Bote des Grafen zu werden«
»Mich jammerte dass der Edle gegen einen Ehrlosen kämpfen sollte und mehr
noch als das Schicksal des Gebundenen ängstigte mich die Trauer der Jungfrau
Und Herr wenn ich alles sagen darf wie es mir damals erging ich trug den
Brief wahrhaftig in Einfalt und treuem Sinn denn ich wusste und bedachte nicht
dass ich meinem huldreichen Herrn Ungünstiges reichte«
Da flog ein heller Schein über das Angesicht des Königs War es ein
Sonnenstrahl oder ein Wetterleuchten aus seinem zornigen Gemüt das wussten die
Herren nicht die den König mit gespanntem Blick betrachteten
Nur der Erzbischof erkannte dass in dem Gemüt des Königs etwas vorging und
da Willigis ein sehr kluger Herr war so dachte er der veränderten Meinung des
Königs Genüge zu tun um zugleich sich selbst einen Gewinn zu schaffen den er
sich seit langem ersehnte Deshalb begann er »Alle preisen wir des Königs Huld
welche auch an dem schuldigen Mann das Ehrenwort zu ehren weiß und viele gibt
es hier welche ein mildes Urteil für ihn ersehnen Keiner aber wagt für ihn zu
sprechen weil er an der Kirche und den Heiligen gefrevelt hat indem er ein
Weib entführte welches der König dem Herrn verloben wollte Darum ziemt vor
anderen mir meinen Herrn und König flehend zu mahnen dass er sowohl der Kirche
eine Sühne gewähre als auch dem Schuldigen Leben und Ehre erhalte Möge der
Weisheit des Königs gefallen den Berg und die Burg welche Held Immo verwirkt
hat den Heiligen zu übergeben damit sie fortan dem Erzbistum gehören und damit
ich einen Lehnsmann hinaufsetze entweder den Helden Immo selbst oder einen
anderen wie es dem König gefällt«
Der König sah überrascht auf den Erzbischof Er gedachte der Worte welche
ihm Heriman zugetragen hatte und ihm gefiel gar nicht den mächtigen Priester
zum Herrn im Lande zu machen Dennoch konnte er die Hilfe desselben nicht
entbehren und so saß er das Gesicht freundlich ihm zugewandt aber in seinem
Herzen meinte er es weit anders Denn ihm hatte noch diesen Morgen im Sinne
gelegen die Mühlburg für sich selbst zu behalten aber sie vielleicht als Lehen
des Reiches einem Manne aus Irmfrieds Geschlecht zu übergeben Darum hatte er
heimlich seinen vertrauten Kriegsmann auf die Burg gesandt welcher in
Abwesenheit der Herrin einen Versuch machen sollte die Besatzung zu täuschen
und zu überwältigen und er hatte ihm geboten stracks eine Stelle der Mauer zu
brechen damit des Königs Macht sichtbar werde Jetzt gefiel ihm dieser Gedanke
noch mehr
Während der König auf die Antwort sann hörte er das Rauschen eines
Gewandes Ein Mönch kniete zu seinen Füßen es war Reinhard aus Heroldsfeld der
Vertraute seines Kaplans des frommen Godohard Er winkte dem Demütigen zu »Was
begehrst du Vater Reinhard der du jetzt durch Herrn Bernheri zum Präpositus
deines Klosters ernannt bist«
»Nicht aus eigenen Gedanken sondern nach dem Willen meines Herrn Bernheri
wage ich Unwürdiger in dieser hohen Versammlung zu bitten zunächst dass Herr
Willigis mir verzeihe wenn ich anders spreche als ihm selbst gefällt Die
Mühlburg liegt nahe den Hufen und Wäldern welche dem heiligen Wigbert gehören
und keine Sicherheit hat das Kloster in Thüringen zu hoffen wenn nicht der
Gewappnete welcher auf der Mühlburg haust dem Kloster gehorcht Auch ist
bereits ein Heiligtum auf dem Berge welches Sankt Wigbert selbst geweiht hat
und das edle Geschlecht des Helden Immo betet seit der Urzeit an den Altären des
Klosters Darum flehe ich dass es der Gnade des Königs und auch der Weisheit des
Erzbischofs gefallen möge den Berg und die Burg meinem Kloster zu gewähren
damit dieses einen treuen Kriegsmann hinaufsetze der auch dem König
wohlgefällig ist«
Der König sah das zornige Gesicht des Willigis und um seinen Mund zuckte
ein schadenfrohes Lächeln denn ihm war lieb dass die zweite Bewerbung leichter
machte dem Erzbischof für jetzt seinen Wunsch zu verweigern Er hinderte also
die Gegenrede welche der Erzbischof vorbereitete indem er antwortete »Uns
ziemt demütige Erwägung wenn zwei so fromme Väter sich dasselbe Gut begehren
Da du aber mir sagst dass das Geschlecht des edlen Immo sich längst den heiligen
Wigbert zum Beschützer und Fürbitter erwählt hat so will ich dich Immo selbst
fragen We kommt es doch dass ihr seither vermieden habt den heiligen Wigbert
als Herrn zu erkennen Übel hast du so scheint es dich beraten dass du dich
der Lehnshoheit des Heiligen entzogst denn er vermöchte dir jetzt vielleicht
die Mauern zu erhalten«
Was der König sagte fiel schwer auf das Herz des bedrängten Mannes dennoch
trat er mit gehobenem Haupte vor »Herr was ich als freies Erbe von meinen
Vätern übernommen habe das wollte ich in Ehre und Wert unvermindert den
Nachkommen überlassen immer war der Stolz meiner Ahnen keinem Lehnsherrn zu
dienen«
»Und doch würdest du jetzt froh sein« warf ihm der König prüfend entgegen
»wenn du dein Erbe wenigstens als Besitz aus der Hand der Kirche
zurückerhieltest damit du hättest wo du dein Haupt birgst« Immo schwieg
»Antworte mir« befahl der König Immo kniete nieder »Da mein Herr und König
mich fragt so will ich obwohl in Todesnot eine ehrliche Antwort geben
Kleiner wird jährlich die Zahl der Freien im Lande mein Geschlecht aber saß
seit der Urzeit auf diesem Grunde Nicht vom König und nicht von der Kirche
stammt unser Recht sondern von der milden Himmelssonne selbst erbaten meine
Ahnen ihr Eigen bevor König und Kirche im Lande herrschten Wenig liegt mir am
Leben da ich doch alles verloren habe worauf ich hoffte aber ein Vasall werde
ich nicht«
In dem Kreise der Edlen entstand eine Unruhe und Heinrich rief »Wahrlich
der König mag zufrieden sein dass das Erbe deines Hauses nur klein ist denn du
steigst über den Adler und fährst höher in deinen Gedanken als die Großen des
Reiches welche selten verschmähen auch von anderen als dem Könige Land und
Leute zu empfangen Nicht unwahr reden die Menschen wenn sie euch die kleinen
Könige aus dem Walde nennen Jetzt aber gedenke vor allem ob du der Not
dieser Stunde entrinnst Als den Räuber seiner Tochter hat dich Gerhard
verklagt und zum drittenmal warne ich dich Rede wenn du etwas weißt was dich
gegen ihn entschuldigt denn du redest für deinen Hals«
Da sprach neben dem Könige eine leise Stimme »Lieber Herr König ich weiß
etwas« Heinrich winkte den jungen Gottfried an sein Ohr dann befahl er ihm
laut zu reden Der Knabe trat in den Ring vor den Grafen und begann mutig »Was
mein Bruder verschweigt daran will ich ihn mahnen Gedenke Graf Gerhard dass
du einst meinen Bruder Immo einen Frosch nanntest der aus dem Weiher zu der
Königstochter hinaufhüpft Damals fordertest du selbst dass mein Bruder ihr
Geselle werden sollte und du befahlst der Hildegard weil sie den kalten Frosch
nicht anrühren wollte dass sie es doch tun musste Aus einem Becherlein haben sie
getrunken und aus einem Schüsslein gegessen und mit einem Goldfaden haben sie
sich gebunden den sie meinem Bruder Immo geschenkt hat Heute widerstrebst du
mit Unrecht dass er ihr Gemahl wird denn du selbst hast deine Tochter dazu
angestiftet dass sie ihn wert halten sollte«
Der König fragte ergötzt »Was weißt du auf die Sage des jungen Helden zu
antworten Hast du selbst den Jüngling und die Jungfrau vertraulich gemacht wie
darfst du dich beschweren dass sie auch später sich zueinander gesellten«
Da rief Graf Gerhard zornig »Habe ich jemals einiges von dem Frosch gesagt
so vermag der König leicht zu ermessen dass dies nur scherzweise und beim Trunk
geschehen ist wie man mit Kindern wohl zuweilen handelt Im Ernst aber habe ich
nie daran gedacht den Helden aus den Waldhecken zum Gemahl für mein Kind zu
wählen denn damals stand er noch in Klosterzucht und später hatte er die Gunst
des Königs verloren Auch war dieses Geschlecht eines Zaunkönigs welcher hier
gegen mich piept mir und meinen Mannen oft feindselig und abgeneigt«
Da errötete Gottfried im Eifer und rief »Darf ich ihm noch einmal
antworten Herr König Eine andere Sage hörte ich in den Waldhecken die er
schmäht dass einst Wolf Isegrim ein Graf unter den vierfüssigen Tieren das Nest
der Zaunkönige verspottete aber teure Busse zahlte er dafür Denn die Vögel aus
den Lauben begannen einen Streit gegen ihn und als sie in einer Waldlichtung
aufeinander trafen da wurde dem Wolf das Fell gerauft und Isegrim stand am
Abend mit entblösstem Haupt an dem Nest der Zaunkönige und bat demütig vor allem
Volk die kränkende Rede ab Lasst Euch erzählen wie Wolf Isegrim damals Abbitte
tat Der jüngste Nestling aus dem Geschlecht das er geschmäht hatte wurde ihm
gegenübergestellt und vor ihm musste der Wolf sich demütigen Merke wohl Graf
Gerhard ich weiß das genau denn der junge Vogel war ich und du warst der
Wolf«
Der Graf wurde zornrot und unwillkürlich tastete seine Hand nach der
Schwertseite Aber im Kreise der Herren erhob sich ein schallendes Gelächter
und Gottfried fuhr fort indem er dem Grafen näher trat und nach dem Schwerte
desselben wies »Bei diesem Kreuz wurde beschworen dass die Fehde abgetan sein
sollte und aller Groll vergessen Und beim Mahle trug ich dir die erste Kanne
Wein zu und ich den du jetzt wegen seiner Stimme schmähst sang dir den
Willkommen Denke auch daran Graf Gerhard wie du damals zu meinem Bruder
sprachst Sehr leid tut es mir Immo dass der König mit meiner Tochter anderes
im Sinne hat wenn ich mit ihr verfahren könnte wie ich wollte so meine ich
sie würde es nirgends besser haben als bei euch in den Waldlauben und gern
würde ich sie dir gewähren da ich weiß dass sie dir lieb ist So hast du
geredet und so hast du selbst ihm den Mut gegeben sich die Braut zu holen«
Wieder ging ein Summen und Lachen durch den Ring der Graf suchte ängstlich
im Angesicht des Königs zu lesen und niederkniend sprach er »Ich flehe dass
die Weisheit des Königs nicht vergangene Rede zu meinem Schaden gelten lasse
Denn wenn ich auch hier und da bessere Gesinnung gegen den Helden Immo hatte
durch den Raub der Jungfrau und durch den Friedensbruch sind er und sein
Geschlecht aus Frieden und Ehre gesetzt und kein Edler kann billigen dass ich
mein Kind auch wenn es nicht geschleiert wird einem von jenen dort vermähle«
»Du hast ein Recht so zu sprechen« versetzte der König ernstaft »und
mich freuts dass du gelernt hast strenge über einen Mann zu urteilen der
geraubt hat Nicht vergebens hast du mich gemahnt denn der König ist dazu
gesetzt jedem sein Recht zu geben das er sich verdient hat«
Draußen klang Hufschlag der Hauptmann trat gegenüber dem König in die
Schranken und warf einen ausgebrochenen Mauerstein vor dem Richterstuhl auf den
Boden zum Beweis dass des Königs Befehl vollführt sei Da hob Heinrich seinen
Arm und rief den Söhnen Irmfrieds zu »Die Burg eurer Väter ist in der Hand des
Königs und harte Hände meiner Krieger werfen die Steine der Mauer damit das
Volk erkenne dass der König Herr ist im Lande« Die Versammlung erhob sich die
Gewappneten schlugen an die Waffen und riefen dem Könige Heil Aber die Söhne
Irmfrieds sprangen erschrocken zusammen und Edit sah bekümmert nach dem Helden
Gundomar der bei den Worten des Königs zuckte wie von einer Natter gestochen
Und der König fuhr fort »Die Mauer breche ich so weit dass der König mit
seinem Heergefolge unter freiem Himmel hereinreitet du Gottfried magst die
Mauer wieder aufbauen und für dein Geschlecht bewahren Was dem König
anheimgefallen ist durch den Frevel deiner Brüder das gebe ich dir dem
Schuldlosen zurück in deine Hand als dein freies Eigen das du fortan behaupten
sollst als ein Geschenk das nicht von der Sonne stammt sondern von der Gnade
des Königs Denn dem Könige liegt auch am Herzen die alten Landherren zu
schützen wenn sie nicht Bedrücker ihrer Nachbarn werden« Er wandte sich zu dem
Erzbischof und zu Reinhard und fuhr weiter fort »Darum mögen mir auch heilige
Männer meines Landes nicht übel deuten wenn ich ihren frommen Wunsch für die
Kirche diesmal nicht gewähre Oft habe ich gewährt da sie oft bitten Hier aber
geht wie ihr alle merket der Handel um Königsgut zwischen zwei Königen der
eine bin ich und der andere ist hier der kleine König aus den Waldhecken und
darum will ich einem Herrn meinesgleichen nicht zuwider sein wenn sein Krönlein
auch nur klein ist«
Da der Erzbischof sah dass der König ihm die Mühlburg versagte so war ihm
lieb dass die Mönche von St Wigbert sie auch nicht erhielten sondern ein
Knabe den er sich einst geneigt machen konnte und er antwortete lächelnd »Der
König hat weise entschieden und uns allen das Herz erfreut indem er das
Geschlecht eines seligen Bekenners vor den Edlen ehrte Du aber Jüngling denke
daran dass du fortan als Herr auf eigenem Grunde gebietest«
Der Knabe stand nachdenkend dann trat er vor den König »Ists an dem
lieber Herr König dass ich jetzt Herr bin über die Mühlburg«
Der König zog einen Ring vom Finger und fasste die Hand des Knaben »Schwach
ist deine Hand du musst ihn auf dem Daumen tragen« sagte er »Wie ich diesen
Ring hier abziehe und dir anstecke so übergebe ich was dem Reiche an Berg und
Burg deiner Väter gehört dir zu freiem Eigen«
Gottfried küsste die Hand des Königs und rief freudig »Und ich darf mit dem
Gut beginnen wozu nur immer ein Herr sein Gut gebrauchen will«
»Das darfst du Jüngling« versetzte der König unruhig denn er sah den
jungen Burgherrn zwischen dem Erzbischof und dem Mönch Reinhard stehen »Nur
beachte wohl dass du es nicht zum Schaden des Königs gebrauchst«
Da schlug der Knabe froh die Hände zusammen und rief »Nicht zum Schaden des
Königs sondern zu seinem Nutzen denn ich will der Burg einen Herrn geben der
dem Könige besser dienen kann als ich« Und er zog den Ring von seinem Daumen
lief damit durch die Versammlung zu seinem Bruder Immo kniete vor diesem nieder
und rief »Nimm den Ring mein Bruder und nimm den Berg aus meiner Hand und
dulde dass ich dich als meinen Herrn ehre denn lieb bist du mir und gütig
warst du mir immer wie ein Vater«
Immo warf seine Arme um den Bruder die Tränen brachen ihm aus den Augen
und beide hielten einander umschlungen Alles in den Schranken war still die
Augen des Königs leuchteten hell aber auch er schwieg bis Gottfried seinen
Bruder an der Hand nahm und zum Könige fortriss Dort warf sich der Knabe nieder
umfasste die Knie des Herrn und wollte ihn anflehen aber er legte das Haupt auf
die Knie hielt den König umklammert und schluchzte in seinem Schoss
Der König dem ganz ungewohnt war dass ihn Kinderarme umschlangen machte
zuerst seiner Würde gedenkend eine Bewegung den Weinenden abzuschütteln Aber
das Zutrauen und das heiße Weinen bewegten ihm das Herz und er sprach leise
»Habt ihr je edle Herren bessere Rede eines Bittenden gehört Auch du
schweigst Immo und auch dir rinnt Tau von den Wangen Ist das euer Lied womit
ihr die Herzen rührt Noch mehr« fuhr er fort als er sah dass die Brüder und
die Mutter vor ihm knieten »ihr versteht gut wie man eines Königs Gnade
gewinnt leise nur dringt der Gesang in das Ohr aber er vermag wohl den Zorn zu
tilgen Steh auf Knabe und du tritt näher Immo dein Recht sollst du erhalten
im Guten und Bösen wie du verdient hast«
Mit bleichem Antlitz trat Immo vor den Stuhl des Herrn und beugte das Knie
»Ich sehe dich vor mir« fuhr Heinrich fort »wie an jenem Abende wo du den
Brief des Grafen zu meinen Füßen niederlegtest Damals war ich unwillig weil du
zum Vorteil eines anderen schwere Sorge auf mein Haupt sammeltest und ich habe
seitdem in meinen Gedanken mit dir gezürnt Denn Immo ich war dir von Herzen
zugetan und ich vertraue ganz fest deiner Treue und deiner guten Gesinnung zu
mir An jenem Abend nun meinte ich mich von dir verraten und dass du um das
Grafenkind zu gewinnen die Treue gegen mich verleugnet hättest Das tat mir von
dir weh und darum war seitdem dein Tun mir verhasst Heut aber habe ich erkannt
dass du redlich gegen mich warst wenn auch unbedacht Darüber bin ich froh Und
obgleich du gegen den Frieden des Landes gefrevelt und meinen Willen gekreuzt
hast und obgleich ich einen Spruch gegen dich finden muss als Herr der über
Recht und Frieden zu walten hat so will ich dir doch vorher die Ehre geben die
der König einem Edlen gibt der ihm lieb ist« Der König erhob sich schnell
streckte die Hand nach dem knienden Immo aus hob ihn auf küsste ihn auf den
Mund und lachte ihn freundlich an und sein Antlitz das sonst bleich war wie
das eines leidenden Mannes rötete sich wie einem geschieht der sich heimlich
freut
Als der König so huldreich dem Gefangenen seine Ehre gab schlugen die
Gewappneten mit den Waffen zusammen und riefen dem Könige Heil und um die
Schranken erhob sich ein Jubelgeschrei welches nicht enden wollte
Aber den Freudenlärm übertönte ein so gellendes und ungefüges Jauchzen dass
auch eifrige Rufer erstaunt innehielten und eine blinkende Axt flog aus dem
Volkshaufen nach dem Gerichtsbaume und schlug krachend in das Holz des Wipfels
Als um den Werfer ein Tumult entstand und der König verwundert auf das Gedränge
sah eilte Brunico heran und auf einen Wink des Königs in die Schranken
gelassen erklärte er begütigend »Der wilde Sauhirt tat es in übergrosser
Freude weil er den Hofbrauch wenig kennt«
Heinrich sah über seinem Haupte das Eisen durch die Äste blinken er ahnte
eine überwundene Gefahr und sprach lächelnd zu Immo »Subulcus curculos secat5
Ist das eure Art Ruten zu schneiden wenn ihr einen widerwärtigen Schüler
strafen wollt« Und er nahm ein abgeschlagenes Reis welches an seinem Gewand
haftete und schlug damit auf Immos Finger
»Jetzt aber höre in Demut auch was dir leidvoll wird« begann er wieder mit
Königsmiene und setzte sich auf dem Stuhl zurecht »die Jungfrau welche du
entführt hast damit sie dein Gemahl werde verweigert dir der Vater und du
musst ihr entsagen wenn dir nicht gelingt den guten Willen des Grafen für dich
zu gewinnen Bist zu zufrieden mit dem Spruch Graf Gerhard«
Der Graf stand in großer Verwirrung Dass der König den Gefangenen durch
einen Kuss ehrte und ihm seine Ehre vor der Versammlung bestätigte ängstigte ihn
sehr weil er die geheimen Gedanken des Königs falsch gedeutet hatte und er
vermochte wie gewandt er sich sonst zu biegen wusste doch nichts Schickliches
zu erwidern sondern stieß nur heraus nach Art der Thüringe welche ungern ja
sagen »Hm« und »Allerdinge es ist wie der König meint« aber ihm ahnte dass
er in einem üblen Handel war und dass der Richter ihm noch Arges sann dabei
fiel sein umherirrender Blick auf Heriman welcher außerhalb der Schranken dem
König gerade gegenüberstand und seine Angst wurde noch größer Der König aber
fuhr gegen Immo fort »Da mein Vogt von Erfurt keine Klage gegen dich erhoben
hat wegen deines nächtlichen Rittes so besteht gegen dich die Klage der
Erzbischöflichen wegen Tumults und schwerer Verwundung Die Wunden wirst du nach
Landesbrauch entschädigen wegen des gebrochenen Stadtfriedens sollst du ohne
Schaden an Leib und Leben das Land räumen Und ich versage dir deine Heimat
Dach und Herd auf ein Jahr und einen Tag von morgen an« Ein leiser Klageton
des Gefangenen zitterte durch die Luft
»Und nach Jahr und Tag« fuhr der König fort »falls die Heiligen uns gnädig
sind sollst du Held Immo deinen König zu dem Hochfest laden das du feierst
wenn du dich vermählst Ich selbst will zur Stelle sorgen dass ich dir deine
Braut werbe denn ich habe nicht vergessen dass du einst zwischen mir und meinen
Feinden standest Deshalb gedenke ich jetzt mit dem Grafen zu reden ob er mir
Gehör gibt Manches weiß ich von seinen Gedanken und Taten was vertraulich
zwischen uns beiden bleibt und ich weiß auch dass er dir im Grunde wohlwill
nur dass er des Königs Zorn scheut Denn er hat nicht nur günstig über sein Kind
zu dir gesprochen er hat sogar damals als du am Main vom ihm rittest schon
den Goldstoff erworben den ein Grafenkind schwerlich tragen würde außer wenn
sie sich einem König vermählt und der König konntest doch nur du oder ich sein
ich aber habe meine Königin und du noch nicht Habe ich deinen Sinn recht
gedeutet Graf Gerhard so sprich« Und Heinrich warf einen Herrenblick auf den
Schuldigen so dass dieser sich niederbeugend nichts weiter sagen konnte als
»Des Königs Weisheit rät immer das Beste«
»Dann rate ich dir auch dem Goldschmied Heriman den Stoff zu bezahlen und
dass du ihm zu dem Preis das Fünffache darauflegst damit der Schmied eine reiche
Spende in die Hand meines hochwürdigen Vaters Willigis von Mainz opfere Denn
auch Heriman hat Ursache den Heiligen dankbar zu sein weil sie ihn damals und
später aus großer Gefahr befreit haben Du aber Held Immo sollst bis Jahr und
Tag vergangen sind mit deinem Könige reisen der jetzt seine Kriegsfahrt
rüstet Unterdes wird die Jungfrau im Hause der edlen Edit zurückbleiben wenn
der Vater wie ich wünsche die Herrin gleich zur Stelle darum bittet und diese
es ihm gewährt Du junger Gottfried bewahrst bis zur Heimkehr des Bruders sein
Erbe und legte es ihm in seine Hand zurück wie du schon heute getan ihr
anderen Söhne des Helden Irmfried aber steigt auf die Rosse und folgt dem Bruder
in meinem Heere Sooft die Speere an den Schilden der Welschen dröhnen hoffe
ich euren Gesang zu hören«
Der König erhob sich legte den Richterstab in die Hand des Erzbischofs und
trat vor Edit
»Und jetzt Base Edit wenn der König durch die gebrochene Mauer reitet
willst du ihm dennoch freundlichen Willkommen sagen Mit großem Gefolge komme
ich und nur wenige Stunden werden wir dich beschweren doch man rühmt ja dass
Speicher und Keller wo du waltest reichlich gefüllt sind Heut sollst du
deinen Stammgenossen und Vetter gastlich empfangen denn als Freund schwingt
sich des Reiches Aar zu dem Nest der Zaunkönige«
Schluss
Im Lande der Alemannen weilte der gebannte Immo auf einem Hofe des Königs bis
seine Wunde geheilt war und seine Brüder mit reisigem Gefolge dem Heere zuzogen
Als Heinrich über die Alpen nach Italien drang und durch Überraschung und Gewalt
den Widerstand seiner Feinde brach da führte Immo das Banner der freien
Thüringe vom Walde wie einst sein Vater getan er und seine Brüder fochten in
den Straßen Pavias gegen die empörten Welschen und als König Heinrich von einem
treuen Bischof in Pavia zum König des langobardischen Italiens geweiht wurde
klang auch Immos Heilruf unter den Säulen und Steintrümmern der alten
Königsstadt Heinrich kehrte im Sommer nach Deutschland zurück aber er ließ die
Brüder als Wächter gewonnener Burgen durch den Winter in Italien
Seit jenem Gericht waren Jahr und Tag vergangen ein neuer Sommer zog ins
Land und kleine Blätter schlüpften aus den Baumknospen da legten die Mannen
Immos der Mühlburg festlichen Schmuck an sie hefteten Fichtenkränze an Tor und
Zinnen und breiteten schöne Teppiche aus dem Lande Italien an die Wände und über
den Fußboden Denn im Ringe seiner Edlen vermählte König Heinrich den Burgherrn
mit der Tochter des Grafen und der große Erzbischof erteilte den Vermählten den
Segen der Kirche Edit schritt im Brautzug an der Hand des Königs gefolgt von
sechs Söhnen auch Graf Gerhard trat hinter dem König einher er lächelte nach
allen Seiten und freute sich aber er war verfallen und gar nicht in seiner
alten Kraft denn auf dem Kriegszuge hatte ihn ein Pfeilschuss verwundet und im
Heere sagten sie dass der Pfeil nicht aus welschem Köcher gekommen sei sondern
hinterrücks aus dem eines heimlichen Feindes Da der Graf an der Wunde
kränkelte so sprach er öfter vertraulich mit dem Mönch Reinhard denn ihn
ängstigte jetzt seine Feindschaft mit den Wigbertleuten
Als am Abend des festlichen Tages der König in seinen nahen Hof
zurückkehrte folgte ihm Gundomar welcher dem Feste ferngeblieben war in das
Gemach Heinrich hielt dem Helden den Becher entgegen »Heut bin ich fröhlich
auch du glätte die Falten auf deiner Stirn denn Gutes bedeutet dieser Tag
deinem Geschlechte«
»Alles ist dem König wohlgelungen« versetzte Gundomar »Ich aber flehe
jetzt zu meinem Herrn dass er mir nicht zürne wenn ich mein Schicksal von dem
seinen scheide«
Heinrich sah betroffen auf die ernsthafte Miene »Unverständiges sprichst
du Da ich noch ein Kriegsmann war wie du gelobten wir einander Gesellen zu
sein an den Eid habe ich gedacht auch wenn ich dir einmal zürnte Wie willst
du dich von mir scheiden«
»Als ich gestern durch die neu geflickte Mauer ritt dachte ich daran dass
sie von einem Herrn gebrochen wurde obwohl ich der Frau die dort oben gebot
angelobt hatte dass der Bau meines Geschlechtes ihr unversehrt zurückgegeben
werden sollte«
»Du hast es gelobt nicht ich« unterbrach ihn Heinrich
»Du hast getan nach Art der Könige Denn sie üben das Vorrecht das Gute für
sich zu begehren das Unrecht auf das Haupt ihrer Diener zu wälzen Auch klage
ich nicht darüber denn ich weiß auch den König zwingt die Königspflicht Ich
aber sah zerbrochen was zu bewahren meine Pflicht war und mir war diese Tat
eine Mahnung dass ich genug für meinen Herrn getan und gesündigt habe Und ich
saß im Abendlicht am Fuß der Mauer und sah in die untergehende Sonne da
erkannte ich dass auch für mich das Tor des Himmels geöffnet wird«
»Du willst der Welt entsagen« rief der König bestürzt »Ich aber brauche
dich ein Undankbarer bist du dass du mich verlassen willst denn gütig war ich
dir und oft habe ich deine harte Meinung mit Geduld ertragen«
»Gütig war mein Herr auch wenn er fragte ob die Treue des anderen ihm
nütze gütiger noch ist der Herr in der Himmelshalle«
»Bist du unzufrieden weil ich andere mehr ehre als dich so fordere
Gundomar«
»Was du von dem einen nimmst gibst du dem anderen das ist die Art der
Mächtigen ich aber wähle mir jetzt den Herrn der jedem zu spenden weiß aus dem
Schatz seiner Liebe« Er hob eine goldene Kette vom Halse und legte sie zu den
Füßen des Königs »Dies war die erste Spende die du mir gabst und vor allem
Schmuck habe ich sie hochgehalten Wie dieses Gold so will ich hinfort alles
entbehren was ein Mensch dem anderen zu schenken vermag«
Heinrich wandte sich gekränkt ab Gundomar kniete an seiner Seite nieder und
fasste seine Hand »Lass mich dahinfahren Gleichgültig ist mir alle Freude der
Welt geworden Wenn ich deine Ritter im Kampfspiel reiten sehe und die langen
Züge der Wallenden in ihren Festgewändern so scheinen sie mir wie spielende
Kinder gegenüber den hohen Engeln die ich im Abendlicht dahinschweben sehe«
Der König hielt traurig die Hand des Knienden fest und dieser fuhr fort
»Alle Liebe die du je zu mir in deinem Herzen gehegt lass sie den Knaben meines
Geschlechts zugute kommen Der junge Held dem du heut deine Huld erwiesen wird
ihrer würdig sein Er hat sich gesträubt gegen den fremden Willen der ihn in
das Kloster warf damit er für die Schuld anderer büsse Jetzt tausche ich mit
ihm Der jüngere Held in blühender Jugend soll meinem König unter Waffen dienen
ich aber wende als müder Mann meine Schritte dem Kloster des heiligen Wigbert
zu«
Auf der Mühlburg saß Edit in dem hohen Herrenstuhl zu ihren Füßen die sieben
Söhne und im Ringe umher die vertrauten Gäste des Geschlechts Heriman das
Haus Baldhards worin Brunico und der Mönch Wigbert auch Balderich mit seiner
Tochter und andere Freie aus den Nachbardörfern Die Gäste schwenkten fröhlich
die Festbecher welche die junge Wirtin Hildegard ihnen mit holdem Lachen
darbot Als sie den Becher zu Brunico trug reichte sie ihm die Hand »Das
nächste Hochfest feiern wir im Hofe deiner Braut und erflehen Segen für euch
beide« Und Immo mahnte seinen Klostergenossen Rigbert »Jetzt ist die Stunde
gekommen wo du vom Kloster und von den Vätern berichten sollst«
»Gutes und Böses habe ich zu künden« begann Rigbert »Ganz verwandelt
kehrte Tutilo vor einem Jahre in das Kloster zurück er hatte mit König Heinrich
seinen Frieden geschlossen und demütigte sich bei seiner Ankunft vor Herrn
Bernheri Dieser aber wurde täglich kränklicher er stieg niemals mehr von St
Peter herab und warf in seinem Gemach mit dem Krückstock nach den
Hirschgeweihen weil er den Stock für einen Speer hielt Der König jedoch wollte
nicht leiden dass dem Herrn Bernheri solange dieser lebte sein Amt genommen
würde Da nun Reinhard fast immer in der Nähe des Erzbischofs weilte so wurde
Tutilo wieder zum Präpositus erhoben und er herrschte in ganz neuer Weise denn
sonst hatte er wenig auf die Regel geachtet jetzt aber wurde er hart und eifrig
und versagte den Brüdern auch Erlaubtes Du selbst magst ermessen ob er das
getan hat aus frommem Eifer oder aus einem anderen Grunde Darum wurde der
Widerwille der Brüder groß und mehr als einmal kehrten Unzufriedene dem
Heiligtum den Rücken und liefen aus So verbot Tutilo im letzten Herbst dem
Vater Bertram fernerhin in seinem Garten zu arbeiten weil dieser sein Herz in
sündiger Weise an die Obstbäume gehängt habe Da stieß Bertram seinen Spaten in
die Erde und ging schweigend in die Klausur zurück Sintram aber saß seitdem
kraftlos in seinem Garten und vermochte nicht mehr zu graben Tutilo herrschte
auch diesen an und bedrohte ihn mit Busse und Geissel Als Bertram das vernahm
erhob er sich und weil gerade wieder Brüder in Empörung von St Wigbert
scheiden wollten schritt auch er trotzig aus der Klausur in den Garten nahm
seinen Spaten auf den Rücken und winkte Sintram dasselbe zu tun So zogen die
beiden Alten in die wilde Welt traurig war ihr Anblick für die wandernden
Brüder denn beide wankten vorwärts wie unter schwerer Last Als sie nun zur
Höhe gekommen waren wo am Birkengehölz das steinerne Kreuz errichtet ist als
Grenzzeichen unseres Glockenschalls da läutete gerade die Glocke vom Turme des
heiligen Michael Der wandernde Haufe wandte sich um und manche klagten und
weinten Bertram aber sprach Weiter vermag ich nicht zu gehen und von der
ehernen Stimme des Engels will ich mich nicht scheiden wandelt ihr dahin und
sucht Frieden in der Fremde mir gefällt diese Stätte und hier will ich bleiben
Auf der Stelle begann er eine Grube zu graben und die Brüder vermochten ihn
nicht abzuhalten denn er antwortete ihnen nicht mehr Endlich verließen ihn die
anderen nur Sintram blieb bei ihm Am nächsten Morgen läutete dieser an der
Klosterpforte und berichtete dass sein Geselle Bertram in Frieden geschieden sei
und dass er neben einem Grabe liege das er sich selbst geschaufelt hatte
Sintram wankte in die Klausur zurück und blieb darin bis sie ihn nach wenigen
Tagen auch hinaustrugen Der gute Vater Heriger setzte durch dass die beiden an
der Stelle bestattet wurden wo die Glocke von St Michael sie gemahnt hatte
Und gerade jetzt wird dem hohen Erzengel eine Kapelle über ihrem Grabe erbaut
Jetzt ist Herr Bernheri von uns geschieden eine neue Ordnung beginnt für St
Wigbert und ein heiliges Leben Auch ich fahre jetzt dahin zurück«
Immo hob die Hand gen Himmel »Unter den Engeln weilt ihr liebe Väter
blickt günstig auf den Mann herab den ihr als wilden Schüler gesegnet habt Den
guten Lehren die ihr mir übergeben habt verdanke ich Leben und Glück Einem
Spruch habe ich nicht gehorcht der Mutter und den Brüdern habe ich zu lange
meine Kriegslust geborgen dadurch habe ich uns allen das Herz krank gemacht
Dass ich aber in der eigenen Bedrängnis meinen Helfer Heriman nicht im Stiche
ließ sondern die letzte Kraft daran setzte ihn zu retten das hat wie ich
merke dem König bessere Gedanken über mich eingegeben gerade als er mir am
meisten zürnte Und dass ich mir von Gerhard als er in Not lag nicht die
Tochter angeloben ließ das hat mir die Neigung des Königs und die Braut
wiedergewonnen Mein Erbteil habe ich nicht in fremde Hand gelegt darum stehe
ich jetzt als froher Herr auf freiem Eigen So hat sich jede Lehre als
heilbringend bestätigt«
Da rief Edit ihm zu »Zornig trugst du das Schülerkleid Dennoch sollst du
heut die Mutter preisen dass sie dich den Widerwilligen zu den Altären sandte
Denn nicht die Weisheit allein sondern auch was wenigen glückt die liebe
Hausfrau gewannst du dir unter den Mönchen durch die Klosterschule«
Die Brüder vom deutschen Hause
Im Jahre 1226
Auf dem Wege von den roten Bergen nach Erfurt lag in einer Niederung der Hof von
Ingersleben umflossen von einem Gebirgsbach dessen Wasser die schützenden
Gräben füllte Dahinter ragten die festen Mauern an den Ecken und über dem Tor
runde Türme geräumig genug um einen Standbogen oder eine große Schleuder
aufzunehmen Wer über die Zugbrücke durch das Torgewölbe trat der sah vor sich
einen weiten Hof von niedrigen Wohngebäuden Ställen und Vorratsräumen
eingefasst zur Seite das ansehnliche Herrenhaus im Unterstock wölbten sich
Steinhallen der vorspringende Oberstock war aus großen Holzbalken und Ziegeln
zusammengefügt An der Sonnenseite des Hauses lief eine zierlich geschnitzte
Galerie entlang und vor der Haustür standen zwei alte Linden deren Stämme mit
Bänken umgeben waren Neben dem Herrenhause erhob sich ein mächtiger viereckiger
Turm von welchem die Sage kündete dass er so alt war als der Herrensitz des
Geschlechtes In seinen geschwärzten Mauern liefen hier und da Risse aus denen
kleines Gesträuch und Grasbüschel wuchsen aber im ganzen war das feste Gefüge
erhalten noch stand der Turm trotzig und kriegerisch da gleich einem Hünen der
Vorzeit und er vermochte wohl bei einer Belagerung als letzte Zuflucht zu
dienen
Von der Höhe des Turms übersah man eine fruchtbare Landschaft zur Linken
die Waldhügel von Erfurt zur Rechten südwärts die roten Berge mit drei Burgen
und mehreren Warttürmen Einst waren der ganze Talgrund und alle Berghöhen
dahinter Eigentum desselben edlen Geschlechtes gewesen welches für eines der
ältesten in Thüringen galt Aber was ihm von je Ehre gegeben hatte dass es frei
auf eigenem Grunde saß das hatte ihm die Dauer des zusammenhängenden Besitzes
vermindert Denn nach türingischer Volkssitte war das freie Erbe unter die
Kinder geteilt worden vieles Land war durch Heirat und Schenkung durch Fehde
und Krieg in fremde Hände gekommen und man hatte in dem Herrenhofe zuweilen
erfahren dass gerade freie Erbschaft Habe und Gut zersplittert und die
Angehörigen scheidet während Dienstbarkeit und Lehnsitz die Stammgenossen
zusammenhält und ein Geschlecht erhöht
Auch das Schicksal der großen Landschaft Thüringen war dem Wachstum der
Familie hinderlich gewesen die Häupter hatten in alter Zeit treu zu den Sachsen
gehalten und zweimal war die Blüte der männlichen Jugend in den Kämpfen der
Sachsen mit den Franken auf dem Schlachtfelde dahingeschwunden Unterdes kam
durch die Gunst der Frankenkaiser ein anderes Herrengeschlecht herauf welches
von dem Landgrafenstuhl gewaltig herrschte nicht nur in Thüringen auch über
Hessen und Meissen und welches gerade jetzt die stärkste Fürstenmacht im Reiche
innehatte
Die Edlen aber welche sich rühmten Nachkommen eines alten Helden Ingram zu
sein hatten Herrenrecht an Dörfern und Höfen welche im Besitz ritterlicher
Dienstmannen und höriger Leute durch ganz Thüringen zerstreut lagen die Herren
selbst saßen in zwei Häuser geteilt noch auf altem Erbe ihrer Ahnen Doch auch
zwischen dem Hofe von Ingersleben in welchem Herr Ivo waltete und zwischen der
Mühlburg auf welcher Graf Meginhard hauste bestand kein gutes Einvernehmen
Der alte Meginhard galt für einen harten eigennützigen Mann der seinem Neffen
Ivo wenig Gutes gönnte und da er selbst kinderlos war seinen Besitz dem
zugebrachten Sohn seines Weibes verlassen wollte einem ungefügen Gesellen der
nicht einmal aus altem Rittergeschlecht war Der Graf hatte es freilich
verstanden durch Hilfe der Landgrafen seinen Besitz zu mehren er trug Güter
von ihnen zu Lehn und ritt gern als Vasall in ihrem Dienst und Gefolge Aber die
Leute wussten dass die beste Kraft des Geschlechtes in dem Hofe des jungen Herrn
Ivo fortlebte welcher noch nach der alten Weise freier Landherren auf seinem
Grunde gebot Ivo war fröhlich aufgeblüht seine Eltern die er kurz
nacheinander verlor hatten ihn als das einzige Kind sorglich in allem Hofbrauch
erzogen seit er zum Mann erwachsen war wurde er von den Landgenossen als ein
ehrbarer Nachbar gerühmt der jede Bedrückung der Schwächeren mied und von den
fahrenden Sängern als ein ritterlicher Held der milde und sorglos spendete und
nach Ehren strebte wie einem edlen Herrn geziemte
Heut hatte die Frühlingssonne ihre Fahrt am Himmel in heller Freude
begonnen zuerst umzog sie die Zinnen des alten Turmes mit rosigem Schimmer
kurz darauf strahlte ihr rundes Antlitz in den Hof und sie sah lachend zu wie
auch der Hof sich zu glänzender Ausfahrt rüstete Zwischen den Wohnhäusern und
den Ställen eilten geschäftig die Männer und Knaben der eine in buntem
Festkleid der andere noch in Hemdsärmeln die Knechte zogen starke
Turnierpferde an der Trense ins Freie und hingen die geschmückten Decken welche
den Leib der Rosse umhüllen sollten über die Holzgestelle Behende Knappen
trugen in den Armen das Festgewand ihrer Ritter nach den Herrenkammern und
tauschten im Lauf neckenden Zuruf mit ihren älteren Gefährten welche Harnisch
Schwert und Dolch der Herren putzten und zuweilen gegen die Sonne hielten um
den Glanz zu prüfen Auch drüben in der Küche tummelte sich der Koch mit seinen
Gehilfen um ein Frühmahl zu bereiten für das edle Hofgesinde und für die
Vasallen welche erwartet wurden Durch die Knechte und Rosse schritt gewichtig
Herr Henner Marschalk der ansehnlichste Ritter des Hofes und Aufseher über
alles Ritterwerk ein langer Mann mit scharfblickenden Augen und graulichem Haar
und Schnurrbart dem die strenge Amtsmiene den gutherzigen Ausdruck nicht zu
bannen vermochte Der kleine Hof mit welchem er belehnt war lag seitwärts im
Dorfe dort sorgte seine Hausfrau um Küche und Stall schalt die Mägde und
strafte ihre Knäblein während der Herr in dem Edelhofe herrschte und mit seinem
Gebieter auf reisigen Fahrten umherzog Herr Henner warf seine schnellen Blicke
in jede Ecke untersuchte jedes Ross bis auf die Hufe und gönnte den Knechten
strafende oder ermunternde Worte je nach ihrem Verdienst Längere Zeit
beschaute er mit stillem Behagen die neuen Gewänder in welche die Pferde
gehüllt werden sollten die schöne blaue Leinwand welche mit goldener Borte
umsäumt war und die kunstvoll aufgenähten Waffenbilder des Hofes
Endlich trat er in ein Seitengebäude die Herberge der ansehnlichen
Hofleute Es war ein großes schmuckloses Gemach in einer Ecke ragte der
rundliche Ofen mit seiner vielbegehrten Bank der übrige Raum war mit starken
Tischen und Schemeln besetzt in der Höhe stand auf Wandbrettern kleines
Hausgerät darunter hingen Waffen Harnischteile und anderes Rüstzeug des
Krieges und der Jagd Am Tische saß ein junger Krieger der sich in einem
Handspiegel betrachtete und seinen Schnurrbart mit den Fingern abwärts zu drehen
suchte »Gefällt es Euch Herr Lutz« begann der Marschalk streng »so streicht
Euer Haar tiefer in die Stirn und gewöhnt ihm sein Gekräusel ab nicht ohne
Absicht habe ich Euch eine scharfe Bürste als Präsent geboten Denn übel stände
Euch heut die bäurische Unordnung wenn wir zum Hofe des Landgrafen reiten«
Der Jüngling errötete ein wenig und strich eilig mit Bürste und Hand indem
er murmelte »Keine Salbe aus Wachs und Butter vermag sie zu zwingen«
Henner schwenkte zierlich einen Schemel ließ seinen langen Leib darauf
nieder und sah der Arbeit des andern mit väterlichem Anteil zu »Es ist Eure
erste Fahrt unter die Mannen des Landgrafen seit der Herr Euch den Rittergurt
angelegt hat und ich sorge um Euch mein Knabe dass Ihr uns auch Ehre macht
Denn nur widerwillig lobt das stolze Gesinde des Landgrafen unsere Ritterzucht«
»Sorgt nicht Herr Henner« tröstete der Junge »ich will Eurer Lehren
gedenken«
»Ich bitte dich Lutz« fuhr der Marschalk vertraulicher fort »halte dich
courtois sprich wenig und floriere deine Rede zuweilen mit einem neuen Wort
Sage nicht Ross sondern Pferd und dass du mir nicht von Rossdecken sprichst
sondern von Kuvertüren und vor allem warne ich dich dass du während des Mahls
den Becher nicht öfter hebst als dreimal und dass du dir nicht einfallen lässt
jemandem zuzutrinken wie du gestern abend in unserer Kompanei wagtest Drängt
Euch auch nicht unter den andern vor Herr lasst Eure Blicke nicht unverschämt
umherschweifen und glotzt nicht auf die Frauen sondern steht bescheiden hinten
Eurer Jugend eingedenk denn nicht Euretwegen seid Ihr dort sondern um Eurem
Herrn die Ehre zu vermehren Und vernehmt noch ein nützliches Wort Unser Herr
Ivo reitet heut ungerüstet zum Landgrafen denn so ist es Brauch bei einem
Herrenbesuch wir aber als sein Hofgesinde tragen Helm und Eisenhemd damit wir
zur Ehre unseres Herrn die Landgräflichen mit dem Speer begrüßen wenn sie ein
ritterliches Rennen von uns begehren Sollte jedoch der Landgraf selbst Lust
gewinnen sich in unser Spiel zu mischen so denkt daran dass wir nicht mit
unserm Kernholz gegen ihn rennen sondern mit leichten Speeren die bei sanftem
Stoß zersplittern Denn der Landgraf ist zwar ein tapferer Herr aber bei
starken Stößen wie sie auf unserm Hofe geübt werden würde er wohl im Sattel
schwanken Uns aber wäre der Festtag verstäubt wenn wir den Stolzen vor seinem
Schloss in den Staub legten Gegen erlauchte Herren muss man geziemende
Nachsicht üben Sie lohnen es wieder durch ihre Gnade wenn man sie nicht merken
lässt dass sie wenig vermögen«
»Nun Marschalk« versetzte der Jüngere »bei unserm Herrn trifft Eure Rede
nicht zu«
»Bei unserm« rief Herr Henner sich aufrichtend »das ist ein ganz anderes
Ding Habe ich ihn nicht selbst auf der Rennbahn unterrichtet seit dem Jahre wo
er seinen kleinen Kinderspiess zuerst auf das Rüsteisen legte Und doch Lutz er
ist auch nicht zum stärksten Speerbrecher des Landes geworden ohne dass ich ihm
etwas nachgegeben habe Denn als ich merkte dass ihm noch eines zu vollkommenem
Vertrauen fehlte nämlich dass er mich seinen Lehrer nicht in den Sand zu
rennen vermochte da kann es wohl sein dass ich mich einigemal mit gutem Willen
hinter das Ross auf den Grund setzen ließ Es war wie du dir denken kannst für
meinen Leib ein schwerer Fall aber es half denn seit der Zeit hat er seinen
Löwenmut dabei merkt junger Herr dass auch eine Ehre des Dienenden ist den
Herrn stark zu machen wo es ihm fehlt«
Der junge Ritter ergriff achtungsvoll die Hand des Älteren »Lieber Herr und
Vater es ist ein heimlicher Streit in unserer Kompanei und oft wird darüber
geredet wer jetzt der stärkere im Anritt ist ob unser Herr oder Ihr denn
selten fordert Euch Herr Ivo auf gegen ihn zu reiten und dann scheint es immer
ein gleicher Kampf«
Herr Henner zog sein Gesicht in Falten und sah vor sich nieder Als er
endlich zum Jüngling aufblickte glänzten die grauen Augen in guter Laune »Es
bleibt am besten unentschieden auch du unterfange dich nicht darüber zu reden
und zu grübeln Denn manche Dinge gibt es die ein höfischer Mann sich selbst
und anderen bergen muss wenn er die Treue bewahren will«
»Ich weiß« versetzte der andere leise »keiner von uns wagt zu fragen
wohin unser Herr reitet wenn er zuweilen allein seinen Hof verlässt ohne
Gefolge ja sogar ohne seinen Knaben Obgleich alle sich verwunderten als er
neulich zurückkam mit durchnässtem Gewande wie ein armer Mann der zu Fuß durch
tiefe Pfützen gewatet ist«
Der Alte sah finster auf seinen Schüler »Ich ersuche Euch Herr Lutz
angenehm zu reden und statt Pfütze lieber Riviere zu sagen und ich mahne Euch
dass Ihr solche dreiste Rede überhaupt völlig meidet Wir alle haben die Ehre
die wenigen in diesem Lande zuteil wird dass wir einem Frauenritter angehören
welcher Leib und Leben seiner Herrin gelobt hat Das ist sein und unser Ruhm
unter den Leuten will einer darauf merken und spähen wer die Herrin ist und
wie er ihr dient ob mit Erhörung oder ohne Lohn dem möchte seine Neugier
Verderben bereiten und wenn er zu unserm Hofe gehört so dürfte sein Sitz in
der Tafelrunde bald leer werden«
»Ich will alles tun wie Ihr verlangt« antwortete der Jüngling lächelnd
»Es wird heut ein warmer Ritt darf ich für Euch lieber Vater noch einen
Frühbecher ausbitten Dort geht Herr Godwin der Kämmerer und hinter ihm der
Schüler Nikolaus mit der Kanne«
»Möge diesem seine Schreiberei übel gedeihen« rief der Marschalk »der
Unheilstifter hat das Ohr des Herrn Ärgerlich ist es für einen Kriegsmann wenn
ein müßiger Schreiber im Hofe stolziert Lieber will ich einen Schwertieb
abwehren als den Schlag seiner Zunge Wendet Euch weg damit er nicht hier
eindringe«
»Er trägt aber die Kanne« erinnerte der Jüngere
Herr Henner warf durch das Fenster einen strengen Blick nach dem Schüler
doch die Miene wurde friedlicher während er die Kanne beobachtete denn er
erkannte die gute Meinung seines Gesellen Dennoch fuhr er grollend fort »Ein
Schadenfroh ist er und ich hoffe den Tag zu erleben an dem er ohne Ehren aus
dem Hofe weicht Er gehört unter die Fahrenden und ein ehrlicher Trunk wird in
seiner Nähe vergällt«
Aber der junge Ritter hatte hinausgerufen und gleich darauf trat der
Schüler mit der großen Kanne ein Nikolaus war ein Mann in mittleren Jahren mit
einem runden rötlichen Gesicht Nase und Mund waren etwas zu voll und zu sehr
gerötet um hübsch zu sein aber zwei strahlende Augen standen darüber deren
Brauen sich schräg nach der Nase hinunterschwangen Er trug das Haar nach
Pfaffenweise kurz geschnitten sein Schülermantel war von dunklem Stoff aber
von sorgfältiger Arbeit und er hatte ihn selbstgefällig zurückgeschlagen damit
man das schöne blaue Futter sehe an seinem Gürtel hing ein Messer in silberner
Scheide und eine Kapsel welche das Tintenhorn und die Rohrfedern enthielt
»Benedicta sit sodalitas« begann der Eintretende mit leichter Verneigung »ich
grüße die edle Kompanei gefällt den Herren ein Frühtrunk so sei mir die Ehre
gewährt ihn einzuschenken« Ohne sich an das feierliche Aussehen des Marschalks
zu kehren welcher steif auf seinem Stuhle saß setzte er die Kanne auf den
Tisch holte vom Holzgesims drei zinnerne Becher rückte sich einen Schemel goss
ein und schob die gefüllten Becher den Rittern zu indem er mit der Miene eines
Wirtes einlud »Wohl bekomme den Herren der Trunk Es ist Würzwein Herr
Marschalk und ich selbst habe ihn gebraut darum mögt Ihr ihn für gut halten
Denn diese Kunst lehrte mich eine Herzogin in Ungarland die deshalb unter
Christen und Heiden berühmt ist«
Herr Henner hörte mit Verachtung die Rede und widerstand eine Weile dem
Wohlgeruch der aus dem Becher aufstieg Doch hob er ihn langsam »Wer Euch auch
die Kunst lehrte« entschied er absetzend mit einem leisen Seufzer »der Trank
ist erträglich«
»Und niemand ist würdiger den besten Wein vom Rhein und Welschland zu
kosten als Ihr« schmeichelte der Schüler »So sprach auch neulich unser Herr
als er Euch mit seinen Rittern reiten sah dies ist die Blumenkrone worauf ein
Herr stolz sein kann und der Marschalk gleicht immer der Rose in der Mitte
Noch eine gute Neuigkeit habe ich mitzuteilen Herr Ich vernahm zufällig dass
Ihr ein starkes Rennpferd begehrt und dass Dunkelbraun Euch die liebste Farbe
ist Vorgestern sah ich auf der Weide eines Bauern ein Tier ganz wie Ihr es zu
einem Pferde für Euch gebraucht einen unmäßig starken Hengst Der Bauer weiß
schwerlich wieviel sein Ross wert ist und ich denke es Euch billig zu schaffen
vielleicht gegen Tausch«
»Wenn Ihr es ernstaft meint so ließe sich darüber reden« versetzte Herr
Henner freundlicher »Nur dass Ihr nicht einen der Streiche spielt wie Ihr
neulich gegen Frau Jutte meine Hausfrau wagtet Denn als sie mit
unerträglichem Zahnweh behaftet war legtet Ihr neunerlei Kräuter wie Ihr
sagtet auf eine Kohlenpfanne und gebotet der Frau Tür und Fenster zu schließen
und so lange rings um die Pfanne zu wandeln als sie es irgend ertragen würde
Über dem greulichen Dunst kam sie ins Straucheln und schlug an die glühenden
Kohlen Sie behielt ihren Schmerz und hatte den Schaden dazu und der garstige
Dampf wollte nie wieder aus dem Gemach weichen Ihr habt fortan geringe Huld von
ihr zu erwarten«
»Warum ging sie links im Kreise statt rechts das hat die gute Wirkung
völlig verdorben und ich hatte sie doch dringend gebeten« antwortete Nikolaus
bedauernd »Immer trägt der Arzt die Schuld wenn der Kranke etwas versieht«
»Ihr habt vielerlei Künste Nikolaus« warf der junge Ritter ein indem er
mit einiger Scheu nach dem Schüler hinsah
»Wäret Ihr wie ich viele Jahre durch die weite Welt gewandert so würdet
auch Ihr noch andere Dinge gelernt haben als Rosse zu zäumen und Holz zu
verstechen« antwortete der Schüler übermütig »denn wenig Länder der Erde gibt
es die ich nicht kenne und keine Kunst der Weisen in der ich nicht ein wenig
unterrichtet bin Nur den Hafer im Sieb schwingen und mit dem Flegel auf die
Tenne schlagen vertrage ich nicht dann überfällt meine Glieder ein
gefährliches Reissen Aber zu reden vermag ich in vielen Sprachen der Welt
Lieder singe ich lateinisch und deutsch und ich möchte den sehen welcher mehr
Geschichten am Herdfeuer zu erzählen weiß als ich Briefe kann ich schreiben von
jeder Art Rosse kann ich heilen und den Hunden die Ohren stutzen geheime
Mittel kenne ich gegen das Fieber und viele andere Leiden und wenn Ihr es
einmal von mir begehrt so verstehe ich auch Euer Mädchen zu zwingen dass sie
Euch am Abend die Kammertür williger öffnet Wer in Not ist dem bin ich
hilfreich und ich kenne die Zeichen und Wappen aller edlen Geschlechter im
Lande Solche Kunst macht dass ich nicht nötig habe auf einem Hofe zu beharren
wie andere Wo mirs gefällt bleibe ich und wo ich kalten Gruß finde da gehe
ich wenn nicht zu Ross doch zu Fuß«
»Dann müssen wir Euch dankbar sein« spottete Henner »dass Ihr gnädig bei
uns aushaltet und nicht verschmäht unsern Wein zu trinken und unseren Weibern
allerlei in das Ohr zu flüstern Ich meine Herr Ivo preist die Heiligen dass er
Euch erstarrt im Schnee gefunden hat«
»Vielleicht dankt er den Heiligen« versetzte der Schüler mit verändertem
Tone »wie auch ich tue dass er damals Erbarmen bewiesen hat Denn um Euch alles
zu sagen ich habe einen Feind der mich zwingt und dieser ist der kalte
Winter wenn die Stare fortgezogen sind wird mir schwer ums Herz und meine
Kunst wird schwach erst der Mai macht mich wieder zu einem Helden Manches Mal
habe ich im Winter meine Kunst vor dummen Dorfleuten geübt und an ihrem Herde
gesungen«
»Jetzt aber ist Maienzeit« mahnte Herr Henner »ich hoffe dass Ihr jetzt
ausfliegt«
»Ihr vergesst dass ich erst dem Bauer das Ross verleiden muss das Ihr
begehrt« antwortete der Schüler lächelnd »auch bin ich nicht unempfindlich
gegen die gute Behandlung die ich bei euch ihr Herren gefunden habe Denn
glaubt mir Schüler und Ritter gehören zusammen was der eine nicht übt
versteht der andere« Er holte ein kleines Buch aus der Tasche schlug die
Pergamentblätter auf und begann eifrig zu lesen Herr Henner aber schob seinen
Sessel näher an den des jungen Ritters und fuhr leise in seinen Ermahnungen
fort Allmählich vergaßen die Herren auf den Schüler zu achten der über das
Buch gebeugt lauschte und dieser vernahm dass Herr Lutz unvorsichtig äußerte
»Wenn nur dem Landgrafen heut nicht einfällt dass er uns beim Mahle auf der Erde
sitzen lässt was man jetzt champieren nennt Denn die Edlen und ihre Frauen
empfangen dicke Polster oder auch Stühle wir aber müssen uns im Eisenhemd auf
dem dünnen Teppich lagern und von unten dringt die Kälte in den Leib«
Diese Rede musste dem Marschalk missfallen und er mahnte wieder mit umwölkter
Miene »Solange Ihr auf dem Pferde sprengt Chevalier will ich Euch vertrauen
aber wenn Ihr an der Tafel sitzet oder zum Tanze schreitet und wenn die Herren
und Frauen mit artigen Reden schimpfieren dann fürchte ich dass Ihr nicht joly
antwortet sondern gleich einem Tölpel Denn an gefügiger Rede und vollends an
süßen Worten für die Frauen leidet Ihr noch Mangel«
»Ich weiß eine die diese Meinung nicht hat« versetzte der Jüngere
gekränkt
»Meint Ihr Herr Gelbschnabel dass Ihr den Frauen dort oben dasselbe bieten
dürft was Ihr Eurem Dorfmädchen in die Ohren raunt Schämt Euch Herr Lutz von
Eurer Kundschaft im Dorfe zu prahlen«
Aber der Jüngling sang leise »Sind ihre Füssel auch zerkratzt vom Stroh ihr
roter Mund ihr weißer Leib sie machen froh«
»Noch einmal sage ich Euch Chevalier schämt Euch und schweigt Ihr mögt
Eurem Berchtel oder wie sie sonst heißt in Erfurt einmal eine seidene Borte
kaufen oder einen Ring von Glas und Silber und Ihr möget sie heimlich herzen
soviel Ihr wollt niemand wird Euch das verdenken ja Ihr dürft sie auch wenn
Ihr erst in die Jahre gekommen seid und gewürdigt werdet ein Hofgut zu
erhalten zu Eurer ehelichen Hauswirtin machen und zur Mutter Eurer Kinder aber
niemals werdet Ihr Euch einfallen lassen sie als Eure Frau zu rühmen der Ihr
ritterlich dient Das bringt Euch arge Unehre Siehe Lutz das ist der Punkt
wo ich an dir auszusetzen habe Du reitest im Gefolge eines Herrn der dem
ganzen Lande ein glänzendes Vorbild von Ehre und Zucht ist auch von dir wird
gefordert dass du um die Minne einer edlen Frau wirbst sei sie Herzogin oder
Gräfin«
»Ich weiß aber keine« versetzte Lutz »Die Hennebergerin ist zu alt die
von Orlamünde hat nur ein Auge und die Gleichen gilt für ein böses Weib Ich
kenne niemanden der mir gefiele als Frau Else die Landgräfin«
Henner machte schnell eine abwehrende Bewegung und blies durch die Zähne
dass sich sein Schnurrbart sträubte »Von dieser rate ich Euch abzusehen Dennoch
eilt eine andere zu finden bei Männern und Frauen werdet Ihr erst Geltung
gewinnen wenn man erkennt dass Ihr hoch von Euch denkt und edle Minne begehrt«
Der Jüngling saß gedrückt und überlegte Da begann der Schüler mit
freundlicher Stimme »Darf ich in dieser Not einen Rat geben obwohl ich nicht
dem Schildamt angehöre Ganz in der Nähe weilt eine ritterliche Frau und für
jedermann wäre es ehrenvoll um ihre Huld zu werben Wählt Frau Jutte zu Eurer
Herrin«
Henner starrte in masslosem Erstaunen bald auf den Schüler und bald auf
seinen Zögling allmählich zog sich sein Gesicht finster zusammen und er griff
an sein Schwert »Wollt Ihr alt werden im Sonnenlicht so entaltet Euch
solchen Unfug zu sagen oder zu denken Ihr Tropf dies Eisen hier würde schnell
jeder Werbung ein Ende bereiten«
»Er würde doch nur tun was Ihr von ihm fordert« versetzte der Schüler
»Gestattet wenn ich Euch in aller Höflichkeit sage Ihr seid ein
Unverschämter und ich bin nicht der Mann welcher ruhig zusieht wenn in seinem
Hofe ein fremdes Hähnchen kräht Doch ich erweise Euch zu viel Ehre dass ich
über Euren törichten Einfall zürne auch ist Frau Jutte nicht so sanft geartet
dass sie irgendwelche Frechheit mit Wohlgefallen ertragen würde denn sie
schwingt kräftig ihren großen Kochlöffel wie wir alle wissen und auch ich
lasse mir das gefallen weil sie ein redliches Weib ist«
»Das denke ich auch« versetzte der junge Ritter »und ich will Euch nicht
kränken wenn ich tue was Ihr gebietet«
»Es freut mich dass Ihr Euren verständigen Sinn bewährt« antwortete Henner
ruhiger »Auch würde Euch dieser Frauendienst nichts nützen denn Frau Jutte
genießt die Ehre ihres Hauswirtes und war eines Ritters Kind doch sie wurde in
Dienstbarkeit geboren wie Ihr und ich sie ist gar keine Freie und sie selbst
wird sich auch im Traume nicht berühmen vom Adel zu sein Ihr aber vermögt
durch Frauendienst nur dann Ehre zu erwerben wenn Ihr einer edlen Herrin
gefallt«
»Es ist mir auch ganz recht dass Ihr mir den Dienst verwehrt« erklärte der
andere ehrlich
Dem Marschalk jedoch war die Laune verdorben er erhob sich winkte seinem
Genossen und schritt mit diesem klirrend aus der Tür ohne den Schüler weiter zu
beachten
Während der Hof um die Ausfahrt sorgte stand Herr Ivo allein auf der
Galerie seines Hauses die über den kleinen Hofgarten vorsprang Aus den üppig
geschwellten Knospen der Sträucher brachen die zarten Blätter und umhüllten als
grüner Flor das Geflecht der Äste Ivo stand wie im frohen Traume und tippte mit
dem Finger im Takt auf das Geländer während ganz nahe vom höchsten Zweige ein
Vogel mit schmetterndem Schlage sang Sooft der Vogel schwieg spitzte Ivo
seinen lachenden Mund und pfiff leise eine Melodie dem Vogel zur Antwort Das
freute wieder den Vogel er neigte den kleinen Kopf und hörte zu und wenn Herr
Ivo aufhörte begann er aufs neue und noch kunstvoller seinen Sang breitete
dabei seine Flügel und hob das Krönlein Dann tippte Ivo wieder auf das Holz und
lachte selig vor sich hin So trieben es die beiden längere Zeit miteinander
während die Himmelssonne alle umstrahlte die brechenden Knospen den Finken und
den jungen Hofherrn Gleich hellem Gold glänzten die Locken um das edle Antlitz
des Mannes welcher im langen Festgewande wie es vornehme Herren damals trugen
lichtumflossen dastand als ein schönes Bild männlicher Kraft und Hoheit
Am Eingange regte sichs leise der alte Kämmerer Godwin war eingetreten er
neigte das Haupt mit dem weißen Haar und Schnurrbart hielt in der Hand einen
kleinen Silberbecher und erwartete achtungsvoll die Anrede seines Herrn
Ohne sich umzuwenden fragte Ivo zurück »Bist dus Nikolaus Ich hoffe
ich habe das Lied im rechten Tone zusammengebracht nimm schnell dein Rüstzeug
und schreibe bevor mir die Worte entweichen«
»Es ist diesmal der alte Godwin« antwortete der Kämmerer und stellte den
Becher auf einen Tisch
Ein leichter Schatten flog über das freudige Antlitz des Hausherrn denn die
Störung war ihm peinlich aber er fasste sich sogleich und dem Alten die Hand
bietend sprach er gütig »Ihr bemüht Euch meinetwegen selbst dann bitte ich
Herr denkt auch an Euch damit Ihr mir Bescheid tun könnt«
»Ich danke meinem Herrn« versetzte der alte Kämmerer »Eure Hofleute
verstehen ohnedies besser für sich zu sorgen als Ihr für Euch von den großen
Kannen die Nikolaus bereitet gelangt nur ein kleiner Napf der kaum für einen
Vogel im Bauer reichen würde bis an den Mund meines Herrn Solche
Enthaltsamkeit ist neuer Brauch und ich fürchte das junge Geschlecht wird ihn
nicht ohne Schaden ertragen Die alte Sitte war Der beste Mann der stärkste
Trunk«
»Bleibt bei Eurem Brauch« versetzte Ivo lächelnd »und lasst mir den meinen
Doch wie mein Vater Ich sehe Euch im Hauskleide ich hoffe Ihr versagt Euch
nicht der Fahrt«
»Ein Alter bedarf wenig Zeit sich zu bereiten die Frauen lächeln ihm nicht
mehr zu«
»Was beschwert Euch den Sinn Vater Ihr seht ernsthafter drein als mir
heut lieb ist«
»Verzeiht Ich dachte wie das Alter pflegt an die Zeit der Jugend Euer
Vater ritt ungern in die Höfe des stolzen Geschlechtes welches sich über den
Freien im Lande gelagert hat und er verschmähte es zuweilen dort im Frühling
den Ehrentrunk zu holen den der Landgraf Eurem Geschlechte schenken muss«
Ivo ergriff die Hand des Alten »Ich verstehe worauf Ihr zielt Soll ich
dem Landgrafen Fehde ansagen und soll ich mit den Goldketten die aus dem Erbe
meiner lieben Mutter übrig sind Reiter zu einem Heere anwerben um ihn aus
Burgen und Land zu treiben Wollte ich das ihr alle würdet mich unsinnig
schelten«
»Das könnte Euch niemand raten« versetzte der Alte »Doch Euer edler Vater
diente im Heere des großen Kaisers und brachte reichliche Beute heim«
»Wo ist unser Kaiser Friedrich« fragte Ivo wieder »weit von hier sitzt er
am welschen Meere und der Knabe Heinrich der als König in seinem Namen über
das Reich walten soll hat bisher wenig getan wofür ein Edler freudig ins Feld
ziehen könnte Nein mein Vater ich bin zu stolz um fremder Begehrlichkeit zu
dienen ich vermag nicht als Gesinde eines Fürsten und sei er der reichste im
Harnisch zu reiten damit seine Herrschaft größer werde und er sein Haupt höher
hebe während ich als Diener die Knöchlein benage die der Löwe dem Fuchs
übriglässt Und ganz unwürdig dünkt mir auf eigene Faust Beute zu gewinnen wie
wohl der Oheim auf der Mühlburg und mancher andere Edle tut Werdet Ihr Herr
Godwin mich loben wenn ich die Erfurter ihrer Ballen beraube oder den Bauern
Rosse und Rinder bei Nacht davontreibe«
»In ehrlicher Fehde einen Warenballen gewinnen« versetzte der Kämmerer mit
einem sehnsüchtigen Blicke nach der Gegend von Erfurt »ist nicht so übel Herr
man weiß nicht was darin ist das Aufschneiden hat schon manchen gefreut
freilich auch geärgert wenn er Sackleinwand fand Und was ein gutes Pferd auf
fremder Weide betrifft so wird kein bedächtiger Mann leugnen dass der Raub ein
Unrecht ist doch freilich kommt es manchem frischen Knaben hart an daran
vorüberzutraben Denn das Ross gehört zum Reiter und man sagt dass auch die
Pferde denselben Stolz haben Von Rindern aber und vollends von Schafen rede ich
gar nicht es bringt geringe Ehre sich deshalb dem Richter in die Hände zu
geben Nur über den Krieg denke ich anders Herr Ihr wisst ja selbst dass dieser
die hohe Schule ist für alles Heldenwerk«
»Ja« rief Ivo stolz »wenn ich in die Schlacht reite für meinen Ruhm und
mein Recht nicht aber wenn ich für einen Gierigen den ich nicht ehre und
nicht brauche Seele und Leib daransetze Und ich sage Euch Vater auch ich
habe wilde Stunden gehabt in denen ich Fehde und Krieg ersehnte und ich habe
in Gedanken meine Ahnen verklagt dass sie dies Geschlecht der Ludwige zu
übermütigen Landesherren heraufwachsen ließ Jetzt aber sehe ich die Welt froh
im Frieden alle preisen den jungen Landgrafen als einen guten Herrn weiß
nicht ob ich ein besserer wäre Da habe auch ich mir gewählt was für mich
übrigbleibt und was mir Ehre gibt im Lande Ich mühe mich redlich zu sein wie
meine Väter und mild gegen jedermann Geringere Freude macht mir der
Goldschmuck den ich in der Truhe berge als das Lachen und der herzliche Gruß
der Kleinen wenn ich das Gold in höflicher Weise austeile Der Gewaltigste
vermag ich nicht zu sein zwischen Saale und Werra sie sollen von mir sagen dass
ich der Adligste bin Darum haltet die Truhen geöffnet denn wenig liegt mir
solange der Sommer lacht an Sparen und Knausern Und wisst mein Vater wenn ich
zum Landgrafen ziehe um mir den Festtrunk zu holen so tue ich das gerade heut
in heimlicher Freude Darum wenn Ihr mich liebt lasst auch Ihr die Sorgen zu
Hause ungern möcht ich heut meinen lieben Vater unzufrieden sehen« Und er
fasste den Alten bei seinem weißen Haupt und küsste ihn
Der alte Kämmerer blickte seinen Herrn mit feuchten Augen an »Auch ich
widerspreche nicht mehr« sagte er bedächtig »denn ich vertraue der guten Art
meines Herrn Solange Ihr habt um zu spenden werdet Ihr den Stolz bewahren
anderen auszuteilen und wenn Ihr merkt dass Euch die Habe fehlt dann wird Euch
derselbe Stolz treiben Habe und Gut von anderen wiederzugewinnen Es gibt auf
den Burgen ein Sprichwort Wer sich in der Jugend dem Dienst einer Frau
angelobt der wird im Alter entweder ein Mönch oder ein sparsamer Herr«
Von unten klang Hufschlag und lauter Zuruf der Alte trat auf den Söller und
blickte zur Seite nach dem Brückentor »Sie kommen« rief er »die Ihr zur
Ausfahrt geladen Ich erkenne Herrn Dieter vom roten Spring Herrn Werner und
den jungen Eberhard mit ihren Knechten Der Marschalk begrüßt die Vasallen Euer
Gefolge ist versammelt«
»Eilt Vater sie an meiner Statt in die Halle zu führen ich folge Euch
sobald ich vermag Doch vorher bitte ich sendet mir noch Nikolaus den
Schreiber«
Als Nikolaus von seinem Herrn entlassen war eilte er während die Ritter
und Knappen beim Frühmahl saßen nach der Küche wo er größeres Ansehen genoss
als in der Herrenstube Nachdem er einige gute Bissen erlangt hatte holte er
sein Rösslein aus dem Stall und ritt allein auf die Landstraße hinaus denselben
Weg welchen Herr Ivo einschlagen wollte Er trabte lustig dahin summte und
sang bald lateinisch bald deutsch und verzog das Gesicht über die Worte des
eigenen Liedes Dann sah er wieder ungeduldig nach dem Stand der Sonne und trieb
seinen Gaul zu schnellerem Lauf So kam er in die Nähe des Dorfes Friemar wo
Herr Ivo nach alter Gewohnheit zu rasten pflegte sooft er gen Westen zog Der
Schüler aber bog ab von der Straße und ritt nach einem Gehölz welches in der
Niederung dicht am Anger lag dort stieg er ab band sein Tier in dem Dickicht
fest und eilte an den Rand des Gehölzes wo er den Anger und das Dorftor
übersah Nicht lange und er vernahm vom Dorfe her den Klang einer Sackpfeife und
bald darauf die laute Stimme mit welcher Bertold der Vortänzer durch die
Gassen sang »Aus der Stube ihr stolzen Kinder zieht euer bestes Gewand an
Urlaub nahm der Winter von der Heide zum Reigen ladet euch der Mai« In der
Gasse rührte sichs und die Landleute kamen durch das Tor auf den Anger je
zwei die einander die liebsten Gespielen waren oder in kleinen Haufen viele
Mädchen mit ihren Müttern welche den Reigentanz nicht weniger begehrten als die
Töchter Auf dem Anger standen sie nach Würden gesondert die Frauen erkennbar
an dem Hut oder Tuch womit sie ihr Haar verhüllten die Freien unter ihnen in
bunte Farben gekleidet traten voran und hielten zusammen wie sichs gebührte
Die Mädchen trugen über den Zöpfen einen Kranz von jungem Grün oder auch von
schön gewundenem Schleier bunte Leibchen mit Spangen faltige Röcke und
Halsbänder von buntem Glas Auch die Männer schritten ansehnlich daher jeder
führte die Waffe am Gürtel Es war ein großes Dorf und es war eine zahlreiche
Versammlung denn nur wenige der Ältesten waren zurückgeblieben um die Höfe zu
behüten Mitten im Haufen bewegte sich der Vortänzer Bertold der Sohn des
Richters Bernhard mit dem Selbstgefühl das ihm sein Ehrenamt gab ein hübscher
Knabe der seinen roten Hut schräg über das krause Haar gesetzt hatte das
gestickte Wams umschloss ein silberbeschlagener Gürtel an seinem grünen Rock
flatterten die langen Hängeärmel und vor dem Ohr hing ihm eine lange Locke bis
auf den Hals hinab an der er zuweilen zierlich drehte wie freie Hofherren zu
tun pflegen
Der Schüler musterte hinter einem Strauch kauernd die wohlbekannten
Gesichter endlich erhob er sich freudig
»Dort kommt Friderun« erscholl es aus dem Haufen
Aller Blicke richteten sich nach dem Rain auf welchem die Tochter des
Richters von einer jüngeren Gespielin begleitet mit schnellen Schritten
herankam »Guten Tag Gesellschaft« rief sie die Hand erhebend den Dorfleuten
zu »Heia tirilei gelobt sei der Mai«
Die Burschen jauchzten und eilten ihr entgegen die Mägde drängten sich um
sie und wie eine Herrin empfing sie Gruß und Huldigung eine hochgewachsene
kräftige Gestalt von vollen Formen in dem runden Gesicht strahlten zwei
tiefblaue Augen ihr blondes Haar war so lang dass sie die Zöpfe um das Haupt
geschlungen trug und doch hingen sie ihr bis tief über den Gürtel hinab Die
hohe Stirn die starken Brauen gaben ihr einen ernstaften Ausdruck darunter
aber lachten rosige Wangen ein kleiner Mund und das Grübchen am Kinn Sie trug
ein rotes Kleid von feinem Wollstoff die blaue Jacke an den Rändern mit bunter
Seide gestickt über den Zöpfen einen Kranz von jungem Grün und blauem Schleier
und einen andern der in derselben Weise gewunden war am linken Arm Sie neigte
sich ein wenig vor den Frauen und trat ohne die Knaben sonderlich zu beachten
unter die Mägde nach allen Seiten grüßend und Scherzworte tauschend »Freut
euch ihr stolzen Kinder ich sehe Ruprecht der Spielmann ist hier mit seiner
Geige heut wollen wir nach dem Reigen auch ein Hoftänzel treten«
»Womit fangen wir an« fragte Bertold in Amtseifer die Schwester
»Der Ball ist immer das erste Spiel« riefen viele Stimmen
»Tretet auseinander« gebot Bertold den Stab des Vortänzers erhebend »Die
Weiber hierhin die Männer dort in die Reihe so ist Wind und Sonne gleich
geteilt damit wir vor allem erfahren welche Paare heut zusammen tanzen Wer
von euch Kindern den Ball fängt den ich in meiner Hand halte der will heut mit
mir im Reigen springen« »Wirf liebes Bertel wir fangen« schrien einige
halbwüchsige Mädchen aus seiner Verwandtschaft »Wirf hierher Gevatterlein«
bat auch die alte Frau Herburg welche noch gern mit den Jüngsten sprang und
alle lachten Der schmucke Gesell stand vor der Reihe der Männer hob neckend
den großen Ball und neigte sich zum Wurfe doch warf er nicht sondern freute
sich über die gehobenen Arme und die Gesichter welche zum Himmel starrten
endlich schleuderte er geschickt der Magd zu die er am liebsten hatte diese
fing und während er jauchzte trat sie vor und warf den Ball hoch in die Höhe
zum Zeichen dass ihr nichts mehr daran liege wer von den Männern ihn erhalte
Dennoch fing ihn beflissen ein anderer Dorfknabe So ging das Spiel weiter
lauter wurde das Lachen und schneller die Bewegungen Wenn der Ball einmal auf
den Boden sank und in Sprüngen dahinhüpfte liefen Frauen und Männer so schnell
sie vermochten ihm nach denn es war Ehre für jede Partei ihn der anderen
abzugewinnen Als er einmal so auf dem Boden rollte sprang Friderun allen vor
und ihn vor der Reihe schwingend sang sie »Ich stehe auf der Brücke und harre
auf einen Tanz ich bin ein tapfer Mägdlein und behüte meinen Kranz« Und sie
warf den Ball mit einer Kraft um die sie mancher beneidete so weit dass
niemand ihn erreichen konnte denn er sprang abwärts über den Graben auf den
staubigen Weg Dennoch blieb er nicht ohne Bewerber Auf der Landstraße waren
Reiter herangesprengt einer von ihnen war abgestiegen und sah dem Spiele zu Er
lief nach dem Ball aber von der andern Seite flog auch der Schreiber Nikolaus
herzu und dieser hob den Ball doch der Reiter riss ihn aus seiner Hand und
gebot »Hinweg Schüler« Und von dem zornigen Nikolaus verfolgt eilte er in
den Haufen der Spielenden und rief »Wer den Ball fängt hat das Recht
mitzuspielen ich hoffe auch ihr Bauern ehret den Brauch« dabei grüßte er
herablassend den Vortänzer Bertold Die Männer murmelten unzufrieden »Ritter
Konz« und ein trotziger Geselle entgegnete »Wir Bauern begehren nicht auf der
Mühlburg mit euren Weibern den Ball zu werfen uns liegt wenig daran dass ihr
herabsteigt um unter uns zu springen« Aber Bertold entschied eifrig »Der
Brauch ist für Herrn Konz wir dürfens nicht wehren seid willkommen«
»Ich aber widerspreche« rief Nikolaus zornig »denn wie ihr alle saht
fing ich den Ball«
»Den Ball fing keiner« rief Friderun herüber »Nikolaus aber hat ihn aus
dem Staube gehoben«
»Das graue Mehl soll ihm nicht umsonst den Ärmel beschüttet haben der
Schüler soll gleiches Recht gewinnen« entschied Bertold und das Spiel ging
weiter Herr Konz stellte sich in die Mitte und begann »Jetzt stehe ich auf der
Brücke und werfe den Ball zurücke fange ihn schöne Friderun« und da er den
vierten Reim nicht sogleich fand warf er ihr schnell den Ball zu aber
unglücklich denn Friderun hob nicht die Arme sondern neigte sich zur Seite
und der Ball fuhr bei ihr vorüber einem kleinen Mädchen an den Kopf Der
Schüler jauchzte sprang auf seinem Platze und sang »Herr Konze warf mit gutem
Glücke er wählte die kleine Grasemücke« und alle lachten
»Ich werde einen Herrn über dich schicken der Knüttelholz heißt« rief Herr
Konz dem Schüler zornig zu
»Ich kannte einen bösen Hofhund« entgegnete Nikolaus »der den Knüttel
einen Herrn nannte weil er ihn am Halse trug«
»Haltet Frieden im Spiel« geboten die Dorfknaben Und der Ball flog wieder
hin und her unter frohem Zuruf und Gelächter
Endlich klatschte Bertold in die Hände und warf den Ball zur Seite »Tretet
zusammen ihr die der Ball gesellt hat und ihr Mädchen übet Huld und gönnt
euren Gesellen die Kränze für den Reigen Hat aber eine keinen Tänzer gefunden
dem sie ihren Kranz aufsetzen kann die harre ob einer kommt und danach
begehrt«
Jetzt entstand ein Suchen und Drängen Friderun hielt vielumworben den Kranz
an dem Arme Von der einen Seite redete Ritter Konz in sie hinein und von der
andern der Schüler dieser aber mit größerer Vorsicht wobei beide einander
feindselige Blicke zuwarfen Herr Konz wiegte selbstgefällig sein Haupt auf den
hohen Schultern und fasste an seinen Schwertgriff »Seht her schöne Magd«
sprach er herablassend »an der Seite des Knopfes ist ein kleines Spiegelglas
ganz kunstvoll eingefügt Ihr könnt Euch selbst schauen wenn Ihr hineinblickt«
und da Friderun den Kopf schüttelte fuhr er drängend fort »Seht doch hinein
Ihr werdet darin einen roten Mund erblicken den ich gern küssen würde wenn er
sich mir zuwendete«
Friderun aber antwortete über die Achsel »Herr ich sehe am liebsten in den
eigenen Spiegel und ich wünsche niemals Euer Bild darin zu schauen« Und als
Herr Konz sich gekränkt abwandte raunte ihr der Schüler zu »Achtet nur wie er
den Kopf zurückwirft Gleicht er nicht einem satten Täuberich der mit vollem
Kropf auf einem Kornkasten sitzt«
Konz trat zu Bertold »Du hast dein Versprechen übel gehalten Deine
Schwester zeigt mir keineswegs günstigen Sinn denn sie verweigerte mir sogar
in meinen Spiegel zu sehen und deutete ganz merklich an dass sie gar nichts mit
mir zu tun haben wolle Wenn dir an meinem guten Willen liegt wie du sagst und
wenn du den Wunsch hast einmal in meinem Gefolge eine rühmliche Ritterfahrt
mitzumachen so sorge dafür dass sie freundlicher mit mir spricht Denn obwohl
sie mir sehr gefällt so ziemt es mir doch nicht dass ein Bauernmädchen ihr
Spiel mit mir treibt und ich sage dir ich bin beleidigt«
»Ihr wisst ja Herr dass die Schwester sich anders hält als die übrigen
Mägde Auch ich vermag wenig über sie Schon als Kind als sie auf dem Edelhofe
bei der Mutter des Herrn Ivo hauste hat sie gegen den jungen Herrn ihre
trotzige Art bewiesen denn sie raufte ihm eine Locke aus als er hübsch mit ihr
tun wollte und die Edelfrau sandte sie kurz darauf nach Hause zurück Doch dass
ich meiner Schwester nichts Unrechtes nachsage die Edelfrau hat auch später
viel von ihr gehalten und in ihrer letzten Krankheit verlangte sie die
Schwester zur Pflegerin So hat diese sich gewöhnt den Herren dreist zu
antworten und jetzt sieht ihr der Vater vieles nach weil sie ihm statt einer
Wirtin den Hof in Ordnung hält Darum rate ich dass Ihr nicht die Geduld
verliert wenn Ihr im Ernste an sie denkt denn jede Magd will dass man um sie
werbe«
»Hat deine Schwester den Ivo feindselig an seinem Kopf gefasst so ist sie
mir deshalb um so lieber« antwortete Herr Konz vergnügt »Ich kenne mehr als
eine Gräfin welche froh wäre wenn ich sie ebenso begrüßte wie ich mit deiner
Schwester tue aber ich weiß nicht was mir die Hexe angetan hat Und wenn der
alte Herr Meginhard einmal die Augen schließt so mag ihr das Glück blühen dass
sie die Hausfrau eines edlen Ritters wird und auch du wirst der Gemeinschaft
mit diesen Dorftölpeln enthoben Daran rate ich dir zu denken«
Bertold trat eifrig zu seiner Schwester »Herr Konz will mit uns im Reigen
springen und begehrt dich ich fordere dass du dich ihm nicht versagst denn
ehrenvoller ist es für uns wenn du dich an der Seite eines Ritters schwingst
als mit einem von unsern Tölpeln«
»Gehörst du nicht selbst zu denen die du schiltst« versetzte Friderun
unwillig »Hat er dir gesagt dass deine Gespielen von ungeschlachter Art sind
so gilt vielleicht er selbst unter seinesgleichen für nichts Besseres Hüte
dich Bertold dir bringt das Geschwätz mit den Mühlburgern und das heimliche
Reiten unter den wilden Gesellen keinen Segen Ich hörte wohl wie du dein Ross
in der vorletzten Nacht erst gegen Morgen in den Stall zogst«
Bertold wandte sich verlegen ab und Friderun setzte ihren Kranz einem
ehrbaren Nachbar auf und sich verneigend sprach sie »Gefällts Euch Herr
Gevatter so führt Ihr mich zum Reigen«
»Wo ist der Vortänzer Bertold führe den Reigen« riefen die Dorfknaben
ungeduldig Der Spielmann strich auf seiner Geige die Paare liefen sich in die
Reihe zu stellen und Bertold ergriff die Hand seiner Tänzerin nachdem er noch
leise mit dem Ritter gesprochen hatte der seinen Ärger bezwingend sich
herabliess einem andern Dorfkind die Hand zu reichen Auch dem Schüler blieb
nichts übrig als eine rundliche Bäuerin zu werben die ihm schon früher
zuweilen zugelacht hatte und im letzten Winter mit Kesselfleisch und Wurst
freundlich gewesen war Der Vortänzer stimmte den Reigen an und alle sangen in
herzlicher Freude nach die Männer laut mit Jauchzen aber die Frauen zarter
Darauf schwangen sich die Paare zuerst einzeln im Kreise dann alle miteinander
in vielen Windungen des langen Zuges bis Ruprecht der Spielmann sich an die
Spitze stellte und die Kette vom Anger aufwärts führte einen Feldweg entlang
zu dem lichten Gehölz und zu dem flachen Hügel auf welchem eine große Linde
ragte das Wahrzeichen des Dorfes weit sichtbar im Lande »Haltet zusammen«
rief Bertold vor dem Holze »dass keiner mit seiner Tänzerin aus dem Reigen
breche sonst zahlt er die Busse« So führte er hinauf um die Linde schlang sich
der Reigen in hohen Sprüngen zeigten die Männer ihre Kraft obgleich viele die
Schwerter an ihrer Seite führten die Wangen glühten und die Haare flogen in der
Frühlingssonne Endlich hielt der Vortänzer den Stab in die Höhe der Spielmann
setzte die Geige ab die Kette löste sich und die Tänzer schwirrten lachend und
rufend durcheinander
Friderun stand unter dem Baume und fächelte sich mit einem gepflückten
Zweige Kühlung zu sie beugte sich schnell zur Erde und rief die geschlossene
Hand emporhebend »Wer vermag zu raten was ich in meiner Hand festalte
Vernehmt die Frage Aus der Erde sprang es auf niederem Stuhle saß es und trug
in milder Sonne sein winterlich Gewand doch kündets Heil und Wonne dem der es
fand Was ist das«
»Wenn es aus der Erde sprang und Gutes bedeutet so mag es wohl ein Wiesel
sein« rief der stolze Adelhun einer von den freien Knaben des Dorfes welcher
auch beim Tanze sein Eisenhemd trug und ein langes Schwert das an den Fersen
klirrte
Friderun schüttelte den Kopf Da riet der Schüler »Es ist ein weißes
Veilchen«
»Ihr habts getroffen und Ihr sollt es haben möge es Euch Glück bringen«
antwortete Friderun ihm zunickend und gab dem Frohen das Veilchen
Darüber wurden die Dorfknaben unwillig »Kein Wunder dass der Schreiber den
Preis davonträgt« höhnte Adelhun »er ist gewöhnt nach Hofbrauch in allerlei
Zungen zu reden aber es gibt manchen der seinen Worten misstraut«
»Herr Adelhun ist eine Blume des Dorfes« versetzte der Schreiber ärgerlich
»seine Locken wehen in solchen Loden wie man an dem Haupt des Löwen sieht der
auf der Burg des Landgrafen gehalten wird«
»Adelhun spricht recht« riefen einige drohende Stimmen
»Was ein öder Gänserich schreit schnattern die andern nach« entgegnete der
umstellte Nikolaus indem er sich hin und her wandte
»Adelhun hat dennoch recht« rief auch Herr Konz
Der Schüler beachtete ihn nicht und sprach zu Friderun »Könnt auch Ihr
erraten was ich in meiner Hand halte Ich weiß ein festes Haus der dicke Wirt
zog aus er aß das volle leer die Tür steht offen nur Kehricht fliegt umher«
»Der Spruch meint die hohle Nuss« riet Friderun lachend Nikolaus öffnete
seine Hand in welcher eine Nuss lag aber er versetzte nach dem Ritter Konz
blickend »Nein der Spruch meint einen Kopf auf hohen Schultern welchen ich
sehe denn keine hohle Nuss ist so leer als dieser«
»Wie du Schandfleck« rief Herr Konz »ich will sogleich den Leuten zeigen
was in deinem Kopf zu finden ist« und er zog sein Schwert
»Sie erregen Streit an unserer Linde« schrien die Knaben von Friemar
»wollen die Fremden unser Spiel stören so weist ihnen die Messer und scheucht
sie über die Grenze« Von allen Seiten blitzten die Waffen Da entriss Friderun
ihrem Bruder den Stab und unter die Zänker springend hieb sie auf die
Schwerter und schalt »Wer das Spiel verdirbt zahlt die Busse wir Frauen
schlagen ihn mit dem Stock über die Hände«
Die Männer wichen zurück und das Mädchen stellte sich schützend vor den
Schüler der behend hinter den Baumstamm schlüpfte
»Steckt das Eisen ein« gebot eine tiefe Stimme Ein Reiter ritt in den
Haufen gefolgt von seinem Knechte »Der Richter« murmelten die Dorfleute und
wichen zurück
Ein breitschultriger Mann mit harten Zügen und langem weißem Haar stieg ab
und trat in den Kreis »Wer erhob den Streit« fragte er finster umhersehend
Niemand antwortete nur Friderun schnipste mit den Fingern »Es war nicht
der Rede wert Richter sie sind noch vom Tanze heiß und weil einige von ihnen
nicht Witz genug hatten mit Worten zu treffen griffen sie an das Eisen wir
Frauen sind ihnen geringen Dank schuldig«
»Ich grüße Euch Richter« begann Konz um sich vor den andern vornehm zu
erweisen nachdem er vorher weislich sein Schwert eingesteckt hatte »der Streit
war wie Euer Kind sagt nicht der Rede wert denn er ging um den Schüler dort
und seine ungewaschenen Worte«
»Kommen Fremde ungeladen in die Flur um an unseren Spielen teilzunehmen«
antwortete der Richter ernstaft »so gebührt ihnen vor andern mit Mund und
Hand den Frieden zu bewahren damit auch wir das Gastrecht ehren denn Ihr wisst
Herr wer Streit aufregt verliert den Schutz«
»Wollt Ihr sagen dass wir ungebetene Gäste sind« versetzte Konz hochmütig
»so wartet bis wir Euch in die Häuser treten Kommt Ihr einmal der Mühlburg
nahe so wird auch Euch nichts daran gelegen sein wenn Ihr kalten Willkommen
findet«
»Wenn ich durch das Land reite« entgegnete der Alte ruhig »tue ich es in
des Kaisers Amt und wer mit dem Fronboten naht der sorgt nicht um kalten
Gruß«
Herr Konz sah düster auf den berittenen Knecht von dessen Sattel das
Strangbündel herabhing die furchtbare Waffe des Richters »Wohl Richter ich
kam durch Zufall hierher und sah das Spiel eine Weile an wie Nachbarn zu tun
pflegen und ich meine die Luft ist für jedermann frei und frei die Straße« Er
nickte stolz mit dem Haupte und wandte sich abwärts
Der Richter trat unter die älteren Bauern Aber die Nähe des strengen Mannes
wirkte erkältend auf die Lust der Jungen sie sprachen leise miteinander und
zerstreuten sich in das Gehölz Friderun wandte sich zu dem Spielmann »Zeige
deine Kunst Ruprecht mit Singen oder Sagen damit das junge Volk auf andere
Gedanken kommt« Der Spielmann nickte dienstbeflissen fuhr mit dem Bogen auf
der Geige umher und nachdem er eine alte Weise gespielt hatte begann er mit
lauter Stimme halb singend halb sprechend eine lange Sage von einem Lindwurm
der einst in den Steinen dieses Berges gehaust hatte und von einem fremden
Ritter der in das Land kam und das Ungeheuer erlegte
Friderun saß auf einem Steine sie hielt die Hände über dem Knie gefaltet
und hörte mit strahlenden Augen dem kunstlosen Gesange zu obgleich er ihr
wohlbekannt war Auch als sie viele Rosstritte hörte und über die Achsel blickend
erkannte dass Herr Ivo mit großem Gefolge herangeritten war und mit dem Vater
sprach blieb sie allein sitzen während die Landleute neugierig zu den Reitern
traten Grüße tauschten Waffen und Gewand musterten Sie mahnte den Spielmann
durch ihr Kopfnicken fortzufahren bis ein Herrenpferd dicht neben ihr den
Dampf aus seinen Nüstern blies und eine Stimme sie scherzend anredete »Guten
Tag stolze Friderun der junge Mai sitzt auf grünen Zweigen wie kommts dass
Ihr allein auf alte Mären lauscht Ist kein frischer Gesell zur Hand der Euch
ein neues Lied in das Ohr singt«
Friderun stand errötend auf aber ihre Brauen zogen sich finster zusammen
»Wenn Euch die alte Sage wenig gilt weil sie nicht vornehm klingt so wäre doch
freundlicher wenn Ihr Eure Verachtung vor uns bergen wolltet Denn die Sage
kündet etwas von Eurem Geschlechte und wir im Dorf denken gern daran Hier wo
der Baum steht lag einst Euer Ahn im giftigen Dampfe des argen Wurms und um
ihn loderte die rote Flamme«
»Und ein Weib aus Eurem Dorfe half ihm ins Freie« versetzte Ivo »ich habe
den Sang der Spielleute oft genug vernommen«
Ruprecht fiel mit kräftiger Stimme ein
»Eine Magd sprang durch die Flammen mit Namen Friderun
Sie sah auf dem Leib des Drachen den müden Ritter ruhen
Sie schlang um ihn die Arme sie hob den jungen Leib
Sie trug ihn aus der Lohe das wunderkühne Weib«
»Dies ist die Sage« fuhr Friderun ernstaft fort »und Euer Ross würde
schwerlich gegen mich fauchen wenn nicht ein Weib unseres Hofes Eurem Ahnherrn
seine Treue bewiesen hätte Denn wir im Dorfe meinen dass es ohne Eltern keine
Kinder gibt und dass die Enkel guttun an die Mühen ihrer Vorfahren zu denken«
»Ihr habt recht Friderun« antwortete Ivo ergötzt durch den Eifer des
Mädchens »Und wenn Eure Ahnin die der Fiedler rühmt noch am Leben wäre so
würde ich vor der alten Frau mich in Ehrfurcht neigen Dennoch gestehe ich dass
ich lieber Eure rosige Wange sehe wenn Ihr auch mit mir unzufrieden seid« Er
rührte mit der Hand leise an ihren Kranz »Wenn Euch einmal der trotzige Mut in
Sehnsucht dahinschwindet und wenn Eurem Vater gefällt dass Ihr den Kranz in
Eurem Haar mit dem Hütlein vertauscht so bitte ich gestattet auch mir bei
eurem Hochfest Brautführer zu werden denn ich denke gern daran dass meine liebe
Mutter Euch wert gehalten hat« Er wandte sein Ross die Schar stob abwärts
Friderun stand allein sie nahm den Kranz den seine Hand berührt hatte vom
Haupte und schleuderte ihn hoch in den Wipfel des Baumes Dann setzte sie sich
wieder auf den Stein drückte ihre Hände zusammen dass das Blut daraus wich und
rief dem Spielmann gebietend zu »Singe weiter Ruprecht«
Am Hofe des Landgrafen
Der junge Landgraf Ludwig war ein Herr ganz nach dem Herzen seiner Zeitgenossen
scharf hart gewaltsam und eigennützig wo es galt seine Herrschaft zu
vergrößern redlich und gutherzig in seinem Hause gegen die Getreuen und gegen
das arme Volk Sein verstorbener Vater ein kraftloser Mann hatte den fahrenden
Sängern für ein Musterbild ritterlicher Tugenden gegolten auch der junge Fürst
machte in müßigen Stunden gern den modischen Ritterbrauch mit dem sich kein
großer Herr entziehen durfte wenn ihm an seinem guten Rufe etwas lag aber im
Grunde dachte er lieber an die ausgestreckten Hände bezwungener Burgmannen
welche ihm den Treueid leisteten als an die behenden Finger der Sänger welche
das Saitenspiel rührten Alles war ihm bisher wohl gelungen und seine Gedanken
flogen hoch Gerade jetzt bereitete er einen Zug nach Welschland zum Kaiser
Friedrich seine Boten waren seit dem Winter hin und her geritten und seine
Hofleute erzählten sich dass ein fremder Gast die Gräfin Hedwig von Meran eine
Nichte des Kaisers nicht allein deshalb an den Hof gekommen sei um ihre Base
die Landgräfin zu besuchen sondern auch um dem Landgrafen geheime Botschaft
des Kaisers zu überbringen
Doch heut war im Hofhalt nichts von den Sorgen um Herrschaft und Reich zu
merken der Landgraf war mit großem Gefolge von der Kreuzburg nach Gota
geritten wo er vor der Stadt einen schönen Meierhof besaß um dort nach alter
Gewohnheit den Mai zu begrüßen
Bei dem einsamen Hofe drängte sich ein zahlreiches Gefolge geschmückte
Frauen edle Herren im Festkleid Ritter im Kettenhemd und Tross der Diener Die
Rosse welche in den Ställen nicht Unterkunft fanden stampften in langer Reihe
an den Pfählen eines Geheges auf dem Küchenherde loderte das Feuer und die
Köche bereiteten Speisen welche ein geduldiges Eselpaar im Rüstwagen
herangeführt hatte Rudolf der Schenk ließ die Fässer mit Wein und starkem
Bier anzapfen und zählte den Knaben welche bei der Tafel aufwarten sollten die
Silberbecher zu Aus der kleinen Stadt Gota liefen die Leute schaulustig herbei
und stellten sich in ehrfurchtsvoller Entfernung auf Sie wiesen einander die
berühmten Mannen ihrer Herrschaft und die vornehmen Gäste zumeist aber staunten
sie über schwarzbraune Männer im Turban mit blitzenden Augen und mit
Krummschwertern welche zum Gefolge der fremden Gräfin gehörten
Unterdes führte der Landgraf die Frauen aus dem Hofe einige Schritte
aufwärts wo sie Hügel und Tal überschauen konnten und erklärte ihnen vergnügt
seinen Besitz die alte Burg welche einst die Mönche von Hersfeld erbaut
hatten und eine Stelle auf der Höhe welche der Landgräfin gerade jetzt sehr am
Herzen lag weil sie dort als gutes Werk einen kleinen Hof für die armen Siechen
zu bauen gedachte
Plötzlich verdüsterte sich das freundliche Gesicht des Landgrafen er
berührte die Schulter eines alten Hofherrn und wies nach der Landstraße »Seht
Herr Walter dort naht der König Mai mit Helm und Schildrand wie zum Kampfe
gerüstet«
Walter von Vargula lächelte »Es ist Herr Ivo mit seinen Hofgesellen der
bei meinem Herrn ein altes Recht den Ehrentrunk sucht«
»Mir missfällt ein Vorrecht welches den Landesherrn daran mahnt dass andere
in seinem Lande sitzen die sich ihm gleich dünken« versetzte der Fürst
»Dennoch was er zu fordern hat soll ihm gewährt sein aber nichts darüber«
»Dann gestattet auch« ersuchte Herr Walter wohlmeinend »dass ich ihm Anruf
und Gruß entgegensende und dass ich unsere jungen Hofherren auf die Pferde
mahne Denn nicht umsonst wollen diese mit Helm und Schild hergeritten sein und
eine Kränkung wäre es für Euren Gast wenn Ihr seinem Gesinde den ritterlichen
Willkommen versagtet«
»Denkt an uns Frauen Vetter und dass wir zuweilen gern das Brechen der
Speere hören« bat eine wohlklingende Stimme mit fremdländischer Betonung Eine
Frau in langem weißen Gewande die nach dem Gebrauche des Südens Haupt und Hals
mit dichtem Schleiertuch umwunden trug trat zum Landgrafen und wandte die Augen
nach dem Wege auf welchem die Reiter herankamen
»Es geschehe was Euch gefällt Base Hedwig« antwortete der Landgraf wieder
in guter Laune »wisst der junge Held welcher meinen Wein begehrt ist mit
seinen Dienstmannen im ganzen Lande wohlbekannt weil er ruhelos sein Ross auf
der Rennbahn treibt« Herr Walter hatte unterdes den Speerruf nach dem Hofe
gesendet von dort erklang ein vielstimmiges »Urra wurra« als Antwort die
Knechte liefen zu den Rossen die Ritter schnallten an ihrem Harnisch und
schrien nach den Speeren Gleich darauf sprengte eine kleine Schar geführt von
Rudolf Schenk dem Sohne des alten Walter grüßend vor dem Landgrafen und den
Frauen in den Grund der zu dem Rennen geeignet war Herr Rudolf ritt voraus
tauschte mit den Fremden die übliche Begrüßung und besprach in der Eile mit
Henner Marschalk das Rennen sechs Kämpfer von beiden Seiten und jedem zwei
Speere
Auf der andern Seite des Kampfplatzes hielt Ivo mit seinem Gefolge während
die Bewaffneten in scharfem Anlauf mit den Speeren gegeneinander ritten zuerst
Herr Henner und Herr Rudolf nach ihnen die übrigen einzeln dann sechs gegen
sechs Die Rosse schnoben die Speere krachten und die Reiter erwiesen ihre
Kunst es war ein untadeliges Rennen ehrenvoll für beide Höfe auch der
Landgraf freute sich und wurde warm Und als Ivo abstieg und vom Herrn Walter
geleitet näher kam da trat er ihm freundlich entgegen
»Dein Hauswirt spricht lange mit dem Fremden« begann Frau Hedwig zu Else
und sah mit ihren großen Augen neugierig auf die Schar der Männer »der Gast
steht wie ich sehe in stolzer Haltung«
»Er ist gut beleumdet im ganzen Lande und die Leute rühmen ihn als einen
freudigen Helden« antwortete Frau Else und leiser setzte sie hinzu »Er dient
einer Herrin in Zucht und Ehre doch wunderlich dünkt es allen dass niemand
erraten kann wer sie ist«
»Geheimer Dienst ist nur halber Dienst« versetzte Hedwig lachend »wenn wir
einem Ritter erlauben uns zu dienen so ziehen wir mit der einen Hand den
Schleier über unsere Neigung mit der andern lüften wir den Zipfel denn eines
Helden Huldigung mehret auch uns die Ehre«
»Sicher bringt sein Dienst Ehre« fuhr Else fort »denn für den stärksten
Speerkämpfer gilt er im Lande und ist voran bei jeder rühmlichen Tat Sieh dort
die bunten Bilder auf dem Gewande der Herren in Farben gemalt und gestickt Wenn
Herr Ivo jedem den er im Speerwurf besiegt nur ein Bild aus dem Gewande
schneiden ließe er könnte seiner Herrin einen weiten Mantel machen lassen der
sie vom Kopf bis zu den Füßen bedeckte«
»Wahrlich« rief Hedwig spottend »wenn seine Herrin nicht ein fahrendes
Weib ist welches gelernt hat mit wilden Tieren durch das Land zu ziehen so
würde ihr mühevoller werden seinen Mantel zu tragen als ihm das Tuch zu
gewinnen«
»Die Schüler und Spielleute singen auch Lieder die er selbst erfunden hat
denn er ist des Gesanges wohl mächtig wir merkten dass seine Frau sich ihm
züchtig versagt denn voll Sehnsucht und Klage sind seine Töne und er ist uns
deshalb um so werter«
»Nun er sieht nicht aus wie einer der ohne Erhörung wirbt« antwortete
Hedwig trocken
»Dennoch ist es so« erklärte die Landgräfin eifrig und mit zartem Erröten
fügte sie hinzu »Es gab bereits müssiges Geschwätz dass er eine die uns nahe
ist in seinem Sange preist Aber mein Hauswirt und ich wir wissen beide dass
die Meinung falsch ist«
Hedwig sah scharf in das unschuldige Gesicht und berührte leise die Wange
der Landgräfin »Er hätte keine holdere Herrin finden können Sieh dein Wirt
führt ihn zu uns lass sehen ob er auch zu sprechen vermag«
Der Landgraf wies nach der Begrüßung auf die Frauen »Folgt mir dass ich
Euch zu denen geleite welche Euer Lob am liebsten verkünden Ihr findet einen
seltenen Gast des Kaisers Nichte Hedwig sie und die Frauen in ihrem Gefolge
sind wohl wert dass Ihr ihnen huldigt«
Ivo berührte mit der Hand ein Tuch welches er um den Hals geschlungen trug
»Habt die Güte mich bei den edlen Frauen zu entschuldigen wenn ich ihnen
unhöflich diene Mir ist verboten meinen Blick zu einer Frau Eures Hofes zu
erheben und ich darf nur vor sie treten mit gesenktem Haupt und
niedergeschlagenen Augen unlieb wäre mir wenn sie mich für kindisch hielten«
»Nun beim heiligen Georg« rief der Landgraf erstaunt »Eure Herrin übt eine
harte Herrschaft Selten haben unsere Frauen sich über niedergeschlagene Augen
der Gäste und der Schildtragenden zu beklagen« Doch ernsthafter fuhr er fort
»Wir wissen den Dienst eines verlobten Mannes zu ehren mögen die Gäste sich
streiten über die Farbe Eurer Augensterne«
Mit tiefer Verneigung trat Ivo vor die Fürstin das lockige Haar welches er
nach Gebrauch seines Hauses lang trug umsäumte ein männliches Antlitz Als er
so schweigend stand ruhig von hohem Wuchs ein Bild der Kraft und vornehmen
Zucht trotz seiner niedergeschlagenen Augen da wandten sich alle wohlgefällig
ihm zu und die Frauen im Gefolge der Fürstinnen nickten und flüsterten einander
in die Ohren Sogar die alte Dame Wendelmut welche den Kammerdienst und das
Hüteramt bei Frau Hedwig hatte gönnte ihm einen teilnehmenden Blick und sprach
halblaut zu ihrem Begleiter dem fremden Kämmerer Volko der mit düsterer Miene
unter den Thüringen stand »Wahrlich manchem von unseren jungen Rittern wäre so
züchtige Scham zu wünschen« und dieser bestätigte es durch ein leises Brummen
»Es ist ihm durch ein Gelübde verboten euch edle Frauen anzusehen«
erklärte der Landgraf »dennoch gönnt ihm eure Huld denn allen Frauen gereicht
zum Ruhme dass der Held einer in Züchten dient«
»Das sagen wir zuweilen« antwortete die klangvolle Stimme der Hedwig »doch
wir denken nur so wenn wir den Ritterdienst einer andern lieber gönnen als uns
selbst Verlangt Ihr solche kalte Huld für Euren Gast so wird sie gern
gewährt«
»Ihr versteht zu demütigen indem Ihr Gnade übt« versetzte Ivo stolz
»Verzeiht Herr wie kann ein Gast gefallen der uns nicht gestattet zu
prüfen ob sein Blick treuherzig oder falsch ist« entgegnete die Fremde und
sich zum Landgrafen wendend rief sie »Seht Herr Ludwig gerade über euch
schwebt ein Reiher ist niemand da der Eurem Edelfalken die Kappe löst« Alle
sahen nach der Höhe doch Ivo widerstand der neckenden Versuchung »Nichts für
ungut Vetter« fuhr die Dame lachend fort »es war nur eine Probe für Euren
Gast«
»Da er die Probe bestanden hat Base Hedwig sollt Ihr die Busse zahlen Ich
bitte Euch legt den Schleier ab der Euch Stirn und Kinn verhüllt und lasst
meine Helden Euer Angesicht schauen Ist auch in Eurer Heimat die Sitte
strenger wir in Thüringen sind gewöhnt beim Feste das Antlitz schöner Frauen
zu betrachten Gestattet unserer Sonne dass sie Euch die weiße Haut bräune«
Die Verhüllte berührte schmeichelnd die Wange der Herrin Else »Deinem
rosigen Antlitz sieht man nicht an dass die Maiensonne ihm sein Weiß und Rot
gemindert hat Nur wir Verschleierten tragen den Schaden denn Nase und Wänglein
verbrennen doch und wenn wir einmal das Schleiertuch lüften so sind wir in der
Mitte des Antlitzes rot gemalt Das aber ist die Wappenfarbe die unsere
Hausherren an uns am liebsten sehen obwohl jeder Blick auf den Spiegel uns
weinen macht« Sie löste die Enden des Schleiers schlug sie über den weißen
Nacken zurück und wies ihr edles Angesicht an dem von Sonnenbrand freilich
nichts zu merken war Als sie so neben der Landgräfin stand in voller gereifter
Schönheit und mit ihrem Arm die Hausfrau umschlang da freuten sich die Herren
über den Anblick und unwillkürlich erklang ein lauter Heilruf von den Lippen
der Hofleute selbst die Augen des Herrn Ivo zuckten aber er bezwang sich und
der Landgraf rief »Wahrlich das ist Frühlingswonne und wir wollen den Tag in
einer Tafelrunde feiern Den Hofhalt des Königs Artus spielen wir heut und Ihr
edler Ivo sollt Ritter Iwein sein oder ein anderer Held der Euch am besten
gefällt Breitet die Teppiche rüstet das Mahl und ihr edle Frauen windet
Kränze für euch und uns«
Die Frauen flogen summend wie Bienen durch Garten und Anger Doch waren der
Blumen nur wenige außer Veilchen und Himmelsschlüsseln und die zarten Hände
mussten zum Schlehdorn und Weissdorn hinauflangen deren Blüten noch die kalte
Farbe des Schnees trugen Dagegen verteilte Frau Else bunte Bänder aus einem
Korbe den eine ihrer Frauen vom Rüstwagen zutrug und lachend mühten sich die
Sammelnden um die Wette Blumen und Bänder auf biegsame Ruten zu binden und
diese in runde Kronen zusammenzufügen Frau Else bot selbst dem Gaste den Kranz
und die Fremde drückte den ihren auf das Haupt des Landgrafen
Auf sonniger Anhöhe stand ein mächtiger Ahorn niedrig gewachsen aber mit
breitem Wipfel Dass seine Laubknospen noch wenig Schatten gaben war keinem
unlieb denn zartes Gewölk wehrte die Strahlen der Sonne ab und barg das Antlitz
der milden Herrin so dass man nur in dämmrigem Licht und mattem Schatten ihre
Gegenwart merkte Unter den Ahorn wurde die Tafelrunde gesetzt genau so wie
der junge Lutz geargwöhnt hatte die edlen Gäste auf niedrige Sessel die Frauen
auf kleine Schemel und nur die Helden auf einen Teppich der über den Rasen
gebreitet war denn die Landgräfin sah ungern wenn ihre Frauen sich neben den
Männern auf den Boden lagerten obwohl dies sonst Brauch war Rudolf Schenk
hatte heute den Dienst die Paare zu gesellen nicht gerade wie es jedem der
Gäste am liebsten gewesen wäre sondern mit bedächtiger Rücksicht auf die Ehren
welche jeder zu fordern hatte zwischen den Hofherrn und Frau Else die fremde
Gräfin und auf die andere Seite des Landgrafen den Herrn Ivo neben die
Landgräfin aber seinen eigenen Vater den alten Herrn Walter von Vargulu
welcher der würdigste Ritter des Landgrafen war ein Hüter der Frau Else und
zugleich ihr ergebener Freund Auch die aus Ingersleben erkannten dass sie durch
ihre Sitze vom Landgrafen geehrt wurden Denn der Kämmerer Godwin saß allem
Frauendienst enthoben neben dem Herrn Walter und die beiden freundlichen
Herren mit dem weißen Haupthaar tauschten gute Gedanken aus über die Abrichtung
der Falken welche in den Höfen ihrer Herren auf der Stange saßen Herr Henner
aber erhielt die alte Frau Wendelmut zu seiner Kranzgenossin und Herr Lutz die
junge Berta die Tochter des Kämmerers von Fahnern welche für die schönste Magd
am Hofe galt Und Herr Henner drückte den Kranz den ihm Frau Wendelmut mit
steifem Arm reichte recht zart in das grauliche Haar indem er sprach Belle
graze nahm ihre Fingerspitzen in die seinen und führte sie zu dem niedrigen
Tische Er dachte wohl daran dass er sie vor vierzig Jahren zu Mainz am Hofe des
alten Kaisers Friedrich Rotbart gesehen hatte aber er hütete sich das zu
sagen um ihr nicht durch sein gutes Gedächtnis verleidet zu werden Doch begann
er von alter Zeit zu sprechen spielte sich mit gewandter Rede nach Mainz auf
das größte Kaiserfest welches jemals in deutschen Landen gefeiert worden war
und erzählte wie er damals als Knappe einer Magd des Hofes die von einem
Ritter gerade zum Tanz aufgeführt wurde den Mantel vom Boden gehoben hatte als
ihr dieser im Gedränge durch einen ungefügen Helden abgestoßen war und der
Schlaue setzte hinzu »Ach und weh Sie erschien mir als die schönste Magd von
allen und ich gedenke noch von roter Seide war der Mantel« Da trat Frau
Wendelmut in die Falle welche er ihr stellte denn als eine scharfe und
gewissenhafte Frau versetzte sie nicht unfreundlich doch noch säuerlich »Wenn
Ihr Euch der Magd so wohl erinnert wie Ihr sagt so müsstet Ihr auch wissen dass
der Mantel goldgelb war« worauf Herr Henner siegesfroh ausrief »Nie hätte ich
gewagt Euch an den armen Knappen zu erinnern der Euch die Hülle aufhob Da Ihr
aber selbst des gelben Mantels gedenkt so darf ich Euch sagen dass ich heut
beim ersten Blick Euch wiedererkannte so wie Ihr damals wart und dass ich Euch
in meinen Gedanken mit derselben goldenen Hülle vor mir sehe« Durch diese Rede
machte er die stolze Frau vertraulich und sie sprachen seitdem wie alte
Bekannte von den ruhmvollen Tagen des Kaisers Barbarossa und von vielem
Ärgerlichen das sie später erlebt
Dazwischen aber blickte Herr Henner sorgenvoll über den Tisch ob sein
junger Geselle sich auch bescheiden auf dem Teppich lagere und wie er sich
gegen seine Nachbarin gebärde Ihn freute dass beide leise miteinander redeten
aber er sah mit Entsetzen dass Herr Lutz plötzlich die Beine unter das Gesäss
zog weil ihn der Erdboden zu sehr kühlte und er hustete leise Seine
Nachbarin welche mit spähendem Blick das Ereignis in der Tafelrunde
beobachtete erkannte sogleich den Grund seines Hustens und da sie alle Not bei
Hofe verstand so tat sie für ihn selbst was noch niemals ein Fremder von ihr
genossen hatte sie fasste hinter sich nach einer Decke die zusammengebunden im
Bereich ihres Armes lag schob sie leise an den Sitz des Herrn Henner und winkte
ihm dass er sie unterlege Und der Marschalk der die Wohltat zu würdigen wusste
half mit der Hand ganz unmerklich nach und warf ihr einen dankbaren Blick zu
während ihm die welken Schlüsselblumen über die Augen hingen
Aber die Herrschaft am oberen Tische saß unterdes sehr feierlich nur der
Landgraf sprach einiges zu seinen Gästen bis er endlich zufrieden von dem
ausruhte was der Koch für das Fest bereitet hatte Da erhob er die Stimme »Und
alle will ich mahnen dass wir den jungen Sommer begrüßen wie es einer frohen
Tafelrunde gebührt Bringt das Saitenspiel und legt es in die Hände des Gastes
Gefällt es Euch Herr Ivo so lasst unsere Frauen denen Ihr nicht zulachen
dürft doch Euren Gesang vernehmen«
Ivo hatte bis dahin in stolzer Zurückhaltung vor sich niedergesehen und nur
auf die Fragen des Landgrafen geantwortet so dass die Landgräfin heimlich zu
Frau Hedwig sagte »Sieh gleicht er nicht unter den Sorglosen einem
Leidtragenden der sein geheimes Weh mit Mühe bändigt«
»Oder einem Gefangenen der widerwillig beim Mahle des Siegers sitzt«
versetzte die Fremde
Jetzt antwortete Ivo wie sichs gebührte »Die Bitte des erlauchten Wirtes
ist dem Gaste Gebot übt Nachsicht denn meine Stimme ist rau und meine Weise
nicht so kunstreich wie andere die ihr zu vernehmen gewöhnt seid« Er griff
kräftig in die Saiten spielte ein wenig und sang was damals aus seinem Munde
den Zuhörern weit lieblicher klang als jetzt aus dem Buche
»Bote geh und künde meiner Fraue
All mein Hoffen hat der Reif zerstört
Da die Blumen lachten auf der Aue
Harrt ich ob sie noch mein Flehn erhört
Trostlos find ich wenn der Morgen tagt
Vereist die Heide
In Sehnsucht und Leide
Vergangen die Freude das sei vor ihr geklagt«
Er hielt inne Die Herren murmelten ihr Lob deutlich die Frauen leise aber
nicht weniger ehrlich und der Landgraf rief »Wohlgesungen Wir hörten die
Klage ist niemand unter den Frauen der ihm Antwort gibt Base Hedwig
vielleicht beliebt es Euch dem edlen Gast das Widerspiel zu halten«
Hedwig rückte das Saitenspiel zu sich mit nachlässiger Handbewegung fuhr
sie über die Saiten und sang eine Antwort indem sie die fremde Weise welche
sie eben gehört hatte wiederholte und zierlich wandelte
»Weh des Mannes Sehnsucht schuf mir Sorgen
Sprach die Frau verschlossen bleibt der Mund
Meine Liebe trag ich still verborgen
Wie das Meer die Perle birgt im Grund
Trost noch findet wer sein Lieben klagt
Die sich sehnt und leidet
Und Rede meidet
Der Armen ist ihr letzter Trost versagt«
Als sie geendet hatte summten alle warmes Lob auch Herr Ivo lächelte und der
Hofherr sprach »Gern wird unser Gast Euch den Preis geben Base denn Ihr habt
seinen Sang geehrt indem Ihr ihn zur Stelle nachahmtet«
Und Ivo versetzte »Auch ich danke meiner Siegerin obgleich ihr Lied den
Trost nicht verheisst um den ich flehte Ich merke dass sie der Kunst des
Saitenspiels mächtig ist wie wenige Vielleicht wenn Ihr erlauchter Herr und
Euer Gemahl die Dame bitten versagt sie uns nicht die Freude ihr Spiel zu
hören«
Die Gräfin nickte gleichgültig und fasste sogleich nach der kleinen Harfe
die sie vor sich niedergesetzt hatte Und sie spielte in Wahrheit mit solcher
Kunst wie die meisten aus der Gesellschaft noch niemals gehört hatten
Der Landgraf war voller Bewunderung ergriff seinen goldenen Becher und
rief »Hebt euch von den Sitzen ihr stolzen Helden nie sah ich und nie hörte
ich die Finger einer Frau so behend durch die Saiten greifen denn schnell wie
der Blitz bewegtet Ihr die kleine Hand Base und ich vermochte mit den Augen
kaum dem Spiele zu folgen Darum trinken wir Heil der Herrin welche so seltener
Kunst mächtig ist« Als der Beifallssturm sich gelegt hatte fuhr der Wirt fort
»Gern vernähmen wir noch mehr von Euch und unser Ohr würde nicht müde vom
Zuhören Lasst singend oder sagend Eure Stimme noch weiter tönen denn am Hofe
unseres Herrn des Kaisers habt Ihr wie ich weiß jedes Werk der Sänger geübt
so dass auch die Welschen über Euch staunen«
Hedwig lachte »Ihr wollts nehmt vorlieb Und da wir hier unter Blumen und
Klee im Baumschatten sitzen so hört ein kleines Abenteuer es heißt wie dieser
Baum der Ahorn« Und sie hob die Hand nach der Höhe Darauf begann sie mit
klangvoller Stimme eine Geschichte in Reimen welche folgendes verkündete »Ein
König im Lande Spanien hatte eine Tochter welche so stolz war dass sie sich
selbst in den Arm zwickte wenn sie einmal einen Mann gegrüßt hatte Sie ritt am
liebsten allein auf ihrem Rösslein durch Anger und Wald Im Holze stand ein alter
Ahorn ein kaltes Brünnlein quoll an seinem Fuß und blaue Glockenblumen blühten
darum Als die Magd einst an einem heißen Tage dort anhielt löste sie die
Spangen ihres Gewandes und kühlte Wangen und Brust am klaren Quell Da hörte sie
ein leises Atmen sie glitt um den Stamm und sah auf der andern Seite desselben
einen Jüngling der sich am Brunnen gekühlt hatte und mit offenem Gewande unter
den Blumen entschlafen war Sie konnte die Augen nicht von ihm abwenden bis er
aufwachte und sie ansah Da sprach das Königskind Du siehst das Mal an meiner
Brust wie ich das deine sah küsse mich oder ich küsse dich Von diesem Tage
trafen die beiden einander oft unter dem Baume und sie wurden eins dem andern
lieb vor allem auf der Welt Unterdes überzog ein wilder Mohrenfürst den Vater
des Königskindes mit Krieg so dass dieser ihm einen Teil seines Reiches und die
Tochter zur Gemahlin verhieß Die beiden Trauten saßen sorgenvoll unter dem
Baume dass Herz wollte ihnen vor Gram zerspringen und ihre Tränen flossen in
den Quell Da erhob sich vor ihnen die Wasserfrau welche in dem Brunnen wohnte
aus der Flut Salzig wird mein süßer Quell durch eure Not und sie bot jedem von
ihnen einen hölzernen Armring in welchen ein Zauberdorn geflochten war Legt
ihr den Ring um so vermag er euch Seele und Leib zu scheiden so lange ihr es
begehrt und als Dämmervogel fliegt ihr ins Freie über Berg und Tal zu meinem
Baume doch hütet euch dass der Rückweg euch nicht gesperrt werde Da besprachen
die beiden Traurigen dass sie einander am Baum wiedersehen wollten in jeder
Sommerzeit bei jedem vollen Mond Der Mohr aber schloss die Königstochter auf
seiner Feste ein die er sich auf steilem Felsen erbaut hatte und sie durfte
niemanden sehen und sprechen nur eine treue Magd welche ihr gefolgt war Als
nun der volle Mond in ihre Schlafkammer schien da sprach sie zu ihrer Genossin
Schliesse die Tür und öffne das Fenster Wache und sorge nicht um mich ich weiß
eine die mit dem Mondenstrahl fliegt wenn die Leibeshülle leblos liegt Und
sie legte den Armring an Da sank sie sogleich auf ihr Lager zurück und aus
ihrem Munde flog ein winziges Vöglein und verschwand durch das offene Fenster in
der Dämmerung Die Dienerin wachte in Sorgen denn ihre Herrin lag wie tot das
Herz schlug nicht und sie atmete nicht Als aber die Tagesdämmerung am Himmel
aufstieg schwebte wieder ein kleiner Schatten durch das Fenster und das
Königskind richtete sich von dem Lager auf und sprach Am Astloch saß der
Geselle mein ihm troff der Tau vom Flügelein So trieb sie es den ganzen
Sommer Doch als die Nächte lang wurden und weißes Gespinst um die dürren Halme
glänzte da wurde der Dienerin mühsam im Vollmond den Schlaf von ihren Augen
fernzuhalten und als die Königstochter sich aufrichtete sprach sie Ein
Bahrtuch sah ich weben über Flur und Hain meinem Gesellen hing die Flocke am
Bein Und wieder schien der Vollmond in langer banger Nacht der kalte Sturmwind
fuhr durch das Land er heulte um die Burg und schlug das geöffnete Fenster zu
Die Dienerin aber hatte ihr Haupt verhüllt und war entschlummert der Morgen kam
und sie merkte es nicht und als sie erwachte schien die bleiche Wintersonne in
das Gemach An die geschlossene Tür schlug der Mohrenfürst bis sie aufsprang
und er sah das Königskind leblos liegen den Zauberring am Arme Da riss er ihr
zornig den Ring ab und befahl den Leib in einem steinernen Sarg zu bergen wo
nicht Mond nicht Sonne ihn beschien Und als die Kunde durch das Land lief dass
die Königstochter gestorben war da fanden die Knappen des Ritters am nächsten
Morgen ihren Herrn regungslos auf dem Lager sein Herz schlug nicht und er
atmete nicht Wer aber am Vollmond zu dem Quell kam der sah um den Baumeswipfel
einen kleinen Schatten schweben und sie sagen es war der treue Geselle
welcher sich sehnte und harrte«
Die Erzählerin hielt inne über ihrem Haupte zwitscherte es in den Ästen
»Seht« rief sie mit veränderter Stimme »dort ist das Astloch und dort hebt
ein Sänger den Fittich vielleicht ist es eine der beiden liebenden Seelen
welche einander suchen Sei tausendmal gegrüßt du Armer der du einsam
dahinziehen musst«
Sie schwieg und alle lächelten über das Ende welches anders war als sie
erwartet hatten Doch zeigten sie auch wie sich für Hofleute schickt dass sie
gerührt waren und bedauerten das Schicksal der Liebenden Frau Wendelmut
begann leise zu ihrem Kranzgenossen indem jetzt sie die Falle stellte »Auch zu
Eurem Amt Herr Marschalk gehört dass Ihr bisweilen einem Vogel das Fenster
offen haltet Fliegt Euer Vogel in weite Ferne und müsst Ihr lange harren bis er
zurückkehrt so habt Ihr einen sorgenvollen Dienst« Aber Herr Henner erkannte
die forschende Neugier und antwortete behutsam »Wir Thüringe hängen an der
Heimat ja selbst wenn wir ganz außer uns sind und wenn wir vor Liebe aus der
Haut fahren wir kommen in kurzer Zeit wieder zu uns selbst« Da nickte Frau
Wendelmut und blickte nach der Landgräfin hinüber denn in ihrem Ohre klangen
noch die herrlichen Worte mit denen Frau Else vor kurzem den Gast gelobt hatte
Die Landgräfin aber war still geworden und sah mit geröteten Wangen vor sich
nieder Doch auch sie erhielt ihren Anteil von den Ehren des Mahles Seitwärts
der Tafel saß auf der Bank ein geistlicher Herr dem sein Amt die Teilnahme an
der bekränzten Gesellschaft verbot Dass der Herr zum Hofe gehörte verriet die
tiefe Verneigung welche die aufwartenden Diener nicht unterliessen sooft sie
bei seinem Sitze vorübergingen Er aber sah von seinem Buche häufig nach der
Artustafel Jetzt erhob er sich geräuschlos ging nach dem Hofe wo die Kinder
des Landgrafen mit ihren Wärterinnen weilten der vierjährige Sohn und die
kleinere Tochter gebot die Kleine ihm nachzutragen und fasste selbst den
Knaben bei der Hand Als dieser ungern folgte und schrie wollte der Geistliche
ihn heftig fortziehen aber er bezwang sich freundlich zu reden gab ihm einen
grünen Zweig in die Hand hob ihn auf seine Arme und trug ihn einige Schritte
So trat er hinter den Landgrafen und begann mit gedämpfter Stimme welche aus
dem Munde des Priesters feierlich in das Ohr drang »Auch die Kinder wagen im
Mai ihren lieben Vater zu begrüßen und sie erbitten für sich die Liebe der
Eltern«
Der Landgraf wandte sich überrascht um sein Gesicht verklärte sich als er
die Kleinen sah er küsste den Sohn auf den Mund nahm die Tochter in seine Arme
lachte ihr zu und rief über die Tafel »Verzeiht edle Brüderschaft des König
Artus wenn ich Ungehöriges vollbringe hier aber sind Geschenke meiner Else und
mir lieb vor allem« und die Kinder der Wärterin zurückgebend nickte er dem
Geistlichen dankend zu welcher noch leise sagte »Auch Ihr werdet im heiligen
Psalter begrüßt mit diesen Worten Wohl dir wenn du den Herrn fürchtest dein
Weib wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock und deine Kinder wie die Ölzweige
um deinen Tisch her« Als der Priester darauf den Knaben zur Mutter führte
grüßte Frau Else den klugen Mann mit inniger Dankbarkeit und sprach »Ihr tut
immer das Gute« sie beugte sich tief auf seine Hand hinunter dass er sie
schnell wegzog und zurücktrat
Die düstere Gestalt des Geistlichen und seine Schriftworte verdarben den
Artusrittern die poetische Stimmung Ivo starrte noch ernsthafter vor sich
nieder als vorher sogar die Nichte des Kaisers betrachtete erstaunt das große
Gesicht mit geschwollenen Stirnadern und mit zwei tiefliegenden mächtigen
Augen um welche Schwermut und geheime Trauer zuckten und sie fragte den
Landgrafen »Wer ist dieser Unglücksvogel mit geschorener Krone«
»Es ist Meister Konrad von Marburg ein Richter des Heiligen Vaters über
Glaubenssachen und uns ein vertrauter Ratgeber«
»Dann möge sein Rat Euch alles Glück bringen das ihm selber fehlt denn ihn
anzusehen macht traurig«
Der Wirt aber winkte dem Schenken Rudolf welcher aufsprang und einen großen
Becher herantrug Der Landgraf erhob sich und zugleich mit ihm die Herren und
den Becher haltend begann er »Altem Brauche zu Ehren sei dieser Wein Euch
edler Ivo geboten denn es ist ein Recht Eures Geschlechtes aus der Väter Zeit
dass der Landgraf selbst Euch einmal im Jahre wenn der Kuckuck ruft den Becher
schwenke ein Edler dem andern damit er die Ehrbarkeit Eures Geschlechts vor
seinen Mannen bestätige« Und er reichte ihm den Becher
Ivo verneigte sich und den Becher fassend sprach er dagegen »Aus
erlauchter Hand empfange ich die Gabe damit ich Heil trinke für Euch den
mächtigen Gebieter in diesem Lande für Euer edles Gemahl und Euer ganzes
Geschlecht« Er trank die andern riefen das Heil nach und der Landgraf bot ihm
die Hand
Als alle saßen fuhr der Landgraf fort »Ich danke Euch Herr Ivo dass Ihr
mir Gutes wünscht Und da wir hier zwischen Wald und Flur unserer Heimat in
Frieden gesellt sind so lasst Euch noch etwas sagen was mir längst im Sinne
liegt Ungern sehe ich dass Ihr Euch von meinem Hofe fernhaltet Ihr findet hier
manchen der Euch wohlgeneigt ist auch mir ist es eine Freude Euch bei mir zu
haben Ungern entbehre ich auch Euren starken Speer wenn ich einmal gegen meine
Feinde in den Stegreif trete«
Tiefe Stille entstand und aller Augen richteten sich auf den Gast welcher
ruhig entgegnet »Lasst mich antworten so offen als Ihr fragt Ihr seid ein
gnadenvoller Herr kein Fürst auf beiden Seiten des Rheins darf sein Haupt höher
tragen als Ihr und oft hörte ich preisen dass Ihr guten Dienst reich zu
belohnen wisst Dennoch zürnt nicht wenn ich meine eigenen Wege reite nicht
umsonst botet Ihr mir heut den Becher Ich habe nicht gelernt zu dienen sondern
als Herr über Dienenden zu walten und ich vermag keinem Sterblichen den Treueid
zu leisten als meinem und Eurem Herrn dem Kaiser«
Frau Else sah besorgt dass das Antlitz ihres Gemahls sich rötete und als
sie sich hilfesuchend zu der Fremden wandte wurde sie wieder durch das kalte
Lächeln derselben gekränkt
»Stolze Worte sprecht Ihr Herr« rief der Landgraf gereizt »und wenn der
Becher den ich bot Euch so hohen Mut verleiht kann ich den nichtigen Brauch
fernerhin nicht loben Ihr selbst wisst wer als Landgebieter seine Macht
bewahren will den kränkt es wenn zwischen seinen Vasallen und Gerichtsstühlen
kleine Herren sitzen welche bei jeder Fehde stolz überlegen ob sie zu Hause
bleiben oder vielleicht gar gegen den Landesherrn reiten«
»Beschwert Euch das Herr« versetzte Ivo fest »so zürnt nicht mir sondern
der alten Ordnung des Landes«
»Ich will Euch nicht kränken edler Ivo« fuhr der Landgraf fort »denn mir
liegt daran Euch zu gewinnen Doch gibt auch der Kaiser mir recht wenn ich
dafür eifere dass der Eigenwille mancher Edlen im Lande gemindert wird So ist
des Kaisers Wunsch dass der große Stand der Reisigen welche den Rittergurt
tragen in seiner Ehre erhöht werde Denn die ärmlichen Ritter welche jeder der
Edlen und Freien sich nach seinem Belieben ernennt bringen dem Stand arge
Unehre schweifen durch das Land und schädigen als Räuber das arme Volk Auch
Euer Oheim Meginhard verzichtet darauf seinen reisigen Knechten den weißen Gurt
umzulegen und er überlässt mir diese Begabung Ich weiß wohl Herr dass Ihr auf
Rittertugend achtet dennoch würdet auch Ihr guttun wenn Ihr in Zukunft Eurer
Hofjugend die Ehre gönntet dass der Landgraf selbst sie aus Knechten zu Herren
macht«
Ivo drängte mit starker Anstrengung den Zorn zurück der in ihm aufstieg
und er sah nur etwas bleicher aus als sonst indem er ruhig erwiderte »Es war
bei diesem Frühlingsfeste schon allzuviel von alter Zeit die Rede doch zürnt
mir nicht wenn ich noch einmal daran mahne Es geht die Sage im Lande und
meinem Hofe dass der erste Ludwig den Ihr als Euren Ahnherrn auf dem
Landgrafenstuhle ehrt Sohn eines fränkischen Vasallen aus den Buchen war Den
Knaben zog ein Ahnherr meines Hauses seit er den Vater verloren hatte
getreulich auf und als der Knabe zu seinen Jahren kam bekleidete er ihn mit
dem Schwertgurt Da Euer eigener Vorfahr seine Ritterwürde meinem Hause zu
danken hat so bitte ich ertragt in Huld dass auch ich fortfahre die Ehre zu
verleihen die Eurem Geschlechte so gut gefrommt hat«
Die Landgräflichen sahen vor sich nieder denn die Antwort war allen
peinlich Ivo aber erhob sich und fuhr fort »Ich kam hierher erlauchter Herr
als Euer Gast ich fürchte dass meine Fahrt Euch unwillkommen war Doch bevor
ich bitte mich und die Meinen zu entlassen will ich auch noch sagen wie mir
gegen Euch zumute ist Und da heut in dieser Runde ein Abenteuer von einem Baume
erzählt wurde so gestattet mir huldreich dass ich ein anderes berichte
kunstlos und in wenigen Worten welches Ihr die Eiche benennen mögt Zwei
junge Edle von denen der eine reich und mächtig war der andere auf mässigem
Erbe saß lebten in Unfrieden wie Nachbarn oft geschieht Vieles irrte die
beiden am ärgerlichsten war ein Streit über die Hirschjagd im Waldgebirge Der
Mächtige hatte mit seinen Jägern und Hunden den Wald des andern durchzogen und
auf die Beschwerde die dieser erhob eine stolze Antwort gesendet Da ging der
Gekränkte allein mit Schwert und Armbrust in den Wald um sein Recht zu
behaupten und die Einbrecher zu strafen wo er sie fände Sein Mut war zornig
und er dachte am liebsten daran seinen Gegner selbst zu treffen und auf grünem
Moose Mann gegen Mann den Streit zu entscheiden So stand er mit wilden Gedanken
lauernd hinter einem Urbaum an dem die Mönche ein Bild der Gottesmutter
befestigt hatten zum Nutzen der frommen Waller welche auf dem Fußsteig über die
Berge ziehen Der Harrende vernahm dass Zweige brachen sein Gegner trat
bewaffnet wie er selbst aus dem Dickicht Da wollte er aus dem Versteck
springen der andere aber legte ahnungslos die Waffen ab warf sich mit
entblösstem Haupte vor dem Heiligenbild auf die Knie betete dort inbrünstig mit
seinen eigenen Worten und tat ein Gelübde in großer Bewegung Der Rachelustige
trat zurück und vernahm wider Willen die Worte des Betenden Ich darf nicht
künden Herr was ein Geheimnis des Waldes bleibt aber ich sage das Gebet
drang aus der Seele eines warmherzigen und ehrlichen Mannes welcher den lieben
Heiligen für alles Glück seines Lebens dankte vor anderem für sein liebes
Ehegemahl und für die Hoffnung auf einen Erben in der er damals lebte Und er
flehte zu den Fürbittern dass sie ihn vor argen Gedanken behüten möchten und vor
arger Tat damit er würdig werde seines Glückes und ein rühmlicher Herr für
alle die ihm angehörten Und als er sein Flehen und Gelübde vollendet hatte
schritt er ohne Kenntnis der Gefahr bergab Der andere aber welcher wider
Willen ein Vertrauter geheimer Gedanken geworden war kniete an seiner Stelle
nieder fasste an den Baum und gelobte dass er selbst dies Vertrauen ehren wolle
und gegen den andern nur solchen Widerstand üben wie man ihn gegen einen
befreundeten und zugeneigten Mann übt mit Schonung und Geduld und indem er die
Dienste von Vermittlern erbitte Diesen Schwur hat er gehalten der Streit um
die Hirsche wurde bald durch gute Gesellen vertragen ohne dass der Geschädigte
sein Recht verlor So lautet das Abenteuer von der Eiche Und jetzt
erlauchter Herr erbitte ich Urlaub für mich und die Meinen«
Die ganze Tischgesellschaft erhob sich der Landgraf aber breitete die Arme
gegen den Gast aus und rief »Nein bleibe Ivo jetzt wo ich dich kenne wie
du gegen mich gesinnt bist lasse ich dich nicht mit kaltem Gruß von mir ziehen
Leid tut mir meine Heftigkeit und ich muss erfahren dass du mir darum nicht
grollst Noch einmal rücken wir die Sitze zusammen nicht als Artusbrüder
sondern als Nachbarn welche einander in Glück und Unglück vertrauen Setzt Euch
zu uns Herr Walter von Vargula Ihr wart es der damals wegen der Hirsche dem
Übermütigen die Besinnung zurückgegeben hat Helft mir heut einen festhalten
der unter uns ein seltener Gast bleiben will damit wir uns noch mit redlichem
deutschen Herzen an einem guten Trunk erfreuen«
So geschah es Die Männer setzten sich das Spiel vergessend näher
aneinander und auch Ivo hob jetzt im Kreise guter Gesellen die Augen und sah
freimütig umher
Als die Frauen allein waren im Gemach der Landgräfin trat Else heftig vor
Hedwig »Schöner bist du als ich und unter den Männern weißt du die Worte
zierlich zu setzen des Sanges bist du kundig und deine Stimme dringt in das
Herz Auch meinem Gemahl gefällst du gar sehr und ich merkte wohl wie er
bewundernd auf dich sah Allen Ruhm gönne ich dir jedem magst du besser behagen
als ich denn einfach ist mein Sinn und ungeübt bin ich in aller höfischen
Kunst nur einen lass mir dass ich nicht unselig werde von meinem Hauswirt wende
deine Augen und deine Kunst denn damit quälst du mich Nichts habe ich auf
Erden als ihn und die Kinder verliere ich seine Huld so bin ich elend Eine
Feindin sollst du in mir finden anklagen will ich dich im Himmel und mein
Recht will ich gegen dich verteidigen vor den Menschen« Sie warf sich in einen
Sessel und verbarg das Gesicht in den Händen
Hedwig vernahm erstaunt diesen Ausbruch der Leidenschaft und rief die
Achseln zuckend »Sie liebt ihren eigenen Hauswirt« und der Weinenden die Hand
auf das Haupt legend sang sie leise »Lieb Elselein lass die Sorgen sein Auch
ich saß unter dem Baume wo der Zauberbrunnen quillt dort schau ich im Wachen
und Traume eines trauten Gesellen Bild«
Die Helden von Ingersleben aber freuten sich der gelungenen Fahrt als sie
bei sinkender Sonne heimritten Das Gefolge rühmte die tapfere Haltung des
Herrn und Ivo sang und lachte wie ein glücklicher Knabe Als Henner ihm
anvertraute dass auch die Frauen am Fürstenhofe sich wohlgefällig über seine
Höflichkeit geäußert hätten versetzte er gleichgültig »Zuweilen gefällt man am
leichtesten wo man am wenigsten um den Beifall sorgt« Und als sie zum nächsten
Dorfe kamen lenkte er sein Pferd neben das des Marschalks und gebot »Ich raste
mit meinem Knaben hier im Dorfe Mir sang ein Vogel gute Nachricht in das Ohr
und kündete mir eine Stelle an welcher ich geheime Botschaft finde führt Ihr
die Schar nach unserm Hofe morgen früh bin ich daheim« Henner nickte gehorsam
und trieb die Pferde zu schnellem Lauf während Ivo mit dem Knaben allein durch
das Dorftor ritt
Der Ritt nach dem Mantel
Mit glühenden Wangen sprengte Ivo am nächsten Morgen in seinen Hof er hob die
Hand zum Gruß gegen seine Dienstmannen und fragte atemlos »Wo ist der
Schreiber« sprang aus dem Sattel und eilte in sein Gemach Als Nikolaus
eintrat stieß der Herr den entblößten Dolch in den Tisch um den Schreiber an
seinen schweren Treueid zu mahnen und ein zusammengefaltetes Pergamentblatt aus
dem Gewande ziehend gebot er »Tritt vor das Messer und lies mir was in diesem
Briefe geschrieben steht treu und genau so wahr du leben willst« und Nikolaus
las folgendes
»Ein armes trauriges Käuzlein schrieb an seinen Gesellen diesen Brief
Ich das Käuzlein vernahm wie zwei Frauen zueinander von einem Ritter redeten
Die eine lobte in guter Meinung seine Kunst im Speerkampf und sagte er
vermöchte wohl die Wappenzeichen am Gewande der Helden welche er vom Pferde
wirft zu sammeln und seiner Herrin daraus einen wallenden Mantel zu gewinnen
Die andere Frau aber welche aus der Fremde gekommen war lachte spöttisch in
argen Gedanken Dennoch sage ich könnte dieser Frau ihr Ritter einen ähnlichen
Mantel erwerben sie würde ihn mit Freuden statt ihres Gewandes umtun wenn sie
einmal mit ihrem Gesellen allein wäre Manche die sich hart gebärdet verbirgt
mit Mühe vor ihren Hütern Leid und Sehnsucht Liebe Du mich wie ich Dich Der
Brief muss liegen auf grünem Ast ob ihn ein günstiger Wind erfasst ob ihn die
Pfote des Katers packt oder ob ihn der Specht zerhackt Der Brief ist zu
Ende« schloss Nikolaus verwundert
»Lies noch einmal« gebot Ivo der neben ihm mit heißen Wangen auf das
Pergament starrte »Und zum drittenmal damit ich jedes Wort festalte«
Darauf riss er den Dolch aus dem Tisch und winkte dem Schüler Entlassung Als er
allein war barg er den Brief nahe bei seinem Herzen und rang die Hände »Ja du
sagst es arme Nachtvögel sind wir beide endlos treibt die Sehnsucht verhasst
ist mir das Leben solange ich von dir getrennt bin und wenn ich einmal vor
dein Angesicht trete wird auch das Wiedersehen zur Qual denn das eherne Gitter
ragt bis zum Himmel zwischen uns beiden und kein Flügelschlag vermag darüber zu
erheben« Er warf sich in den Sessel und barg das Gesicht in den Händen Doch
nicht lange unterlag er dem Schmerze denn ihm fiel wie Liebenden geschieht
wieder etwas Günstiges ein er sprang auf und lachte »Verstehe ich meinen Kauz
recht so wäre ihm die Kappe lieb von der die beiden Frauen zueinander
sprachen Eine frohe Verkündigung finde ich in den Worten dass sie sich darein
hüllen will wenn das Glück uns zusammenführt Ich denke Geliebte dass ich dir
den Mantel gewinne Einen Mairitt wage ich dir zu Ehren und das Tuch für dich
hole ich mir im Speerkampf von den Edlen dieses Landes« Er schritt hastig auf
und ab und überlegte
Endlich lud er seine Getreuen Godwin und Henner zu geheimer Beratung
Die wilden Kampfspiele zu Pferde durch viele Jahrhunderte Stolz und
Leidenschaft der Deutschen waren in der Zeit des Herrn Ivo sehr ungleich dem
Speerkampf späterer Zeiten wo dicke Eisenschienen den ganzen Leib des Reiters
schützten und wo das gepanzerte Ross manchen Stoß der feindlichen Speere
auszuhalten hatte In jener alten Zeit war nur Haupt und Hals des Reiters durch
einen Eisentopf geschützt und die obere Brust durch eine Eisenplatte die über
das Kettenhemd geschnallt wurde der Stoß des Speeres welcher mit kurzer
stumpfer Spitze bewehrt war wurde durch einen hölzernen Schild aufgefangen Das
Ross trug keine Eisenrüstung der Ritter beugte sich beim Antritt stark nach
vorwärts die hohe Rücklehne seines Sattels half verhüten dass er durch einen
kräftigen Stoß hinter das Pferd geschleudert wurde Schon damals waren die
Spielkämpfe mit Helm und Schildrand ein Vorrecht aller welche den Rittergurt
trugen das höchste und am meisten beneidete Vorrecht welches einen Stand der
zu den dienenden gehörte in die Kampfgenossenschaft der Edlen heraufhob
Der Mairitt aber den Herr Ivo beschlossen hatte galt für die ruhmvollste
Aufforderung zum Speerkampfe welche sich an alle Ritter des Landes richtete
Das Spiel selbst wurde in der Hofsprache Forest Waldrennen genannt und verlief
nach herkömmlicher Spielordnung Wer zu solchem Rennen herausforderte der zog
mit seinem Gefolge durch das Land und hielt zu vorbestimmter Zeit an
bezeichneten Raststellen um dort Gegner zu erwarten denen der Ort gut gelegen
war Zu Raststellen wurden gewählt ebene Gründe am lichten Laubwald wo ein
klares Bächlein rann oder ein Quell zum Tränken der Rosse Unter dem Grün der
Zweige wurde ein Zelt aufgeschlagen in dem der Held sich wappnete auch die
Gegner brachen am liebsten aus einer Lichtung des Waldes hervor Dann ritt der
Herausforderer mit den einzelnen Gegnern im Speerkampf um einen begehrenswerten
Preis den er ausgesetzt hatte Am letzten Tage pflegte dem Rennen gegen
einzelne welches in der Sprache des Herrn Henner Tjost genannt wurde ein
Massenkampf zu folgen das Turnier ebenfalls nach strenger Spielordnung
Ivo gab seinem Mairitt solche Gesetze wie sie einem vornehmen Herrn
gebührten Für jeden Renntag setzte er vier Raststellen an jeder Rast war er
verpflichtet dreimal zu rennen und nur wenn er wollte öfter an jeder Rast
erhielt einer von den Gegnern welche ehrenvoll widerstanden hatten nach Ivos
Wahl einen goldenen Fingerring Wer vom Pferde geworfen wurde oder sonst nach
Rennbrauch für besiegt galt der sollte nicht Ross und Rüstung verlieren wie in
der Regel geschah sondern nur ein Stück des langen Überwurfs den der Ritter
damals über dem Kettenhemd und den eisernen Beinstrümpfen trug Denn der
Herausforderer verkündete dass er seinen Mairitt unternehme um von den Helden
des Landes Tuch für einen Frauenmantel zu erbitten Am letzten Tage der Fahrt
sollte ein Turnier in der Nähe von Erfurt den Einzelkämpfen folgen
Sogleich begann in dem Hofe ein emsiges Rüsten Ivo selbst ritt nach Erfurt
goldene Ringe für die Gegner Gewänder und Zierat für sich und sein Gefolge zu
bestellen Der Kämmerer Godwin hatte die schwierige Aufgabe das Geld für die
Fahrt zu gewinnen und dieser sah einige Tage sorgenvoll aus bis es ihm endlich
bei den Juden in Erfurt und bei den Mönchen in Reinhardsbrunn gelang Die größte
Arbeit aber fiel dem Marschalk zu und vom Morgen bis zum späten Abend klang
seine befehlende Stimme um die Ställe und auf der Rennbahn am Hofe Die Pferde
wurden geprüft die Knechte und die jungen Knaben zum neuen Spiel angelernt und
eine ganze Wagenladung Speerstangen wurde geschnitzt sorgfältig geprobt und
zuletzt mit blau und weißer Farbe schön bemalt
Nikolaus schnitt unterdes eine große Rolle Pergament zu zahlreichen Briefen
und Zetteln an die Herren in den Höfen und an die Burgmannen der Städte und
schrieb die Aufforderung so oft ab dass ihn die Finger schmerzten Im Hofe aber
sammelte sich an den nächsten Morgen ein Haufe von fahrenden Leuten welche hier
und da im Lande hausten und welche bei ritterlichen Festen als Rufer und Boten
zu dienen pflegten Sie empfingen die Briefe und lernten eine mündliche
Verkündung die ihnen der Schüler oft vorsagte Damit zogen sie durch das Land
zwischen dem Bergwald und dem Harz sangen ihren Spruch in den Burgen und
übergaben die Briefe an vornehme Edle und an die Obrigkeit der Städte
Sogleich rührte sichs in der ganzen Landschaft ehrenvoll und lustig
erschien der angebotene Wettkampf in wenigen Tagen war er in aller Munde als
das große Ereignis des Frühlings Wer den Rittergurt trug erkannte eine
Mahnung der er sich ungern entzog und nicht weniger ungeduldig wurden die Tage
des Spieles von anderen erwartet welche als Zuschauer daran teilnehmen wollten
besonders von den Frauen
Aber am Hofe des Landgrafen brachte das Ausschreiben nicht jedermann Freude
Als der Kanzler die schön geschriebene Einladung vorgelesen hatte und Herr
Ludwig beifällig ausrief »König Mai will eine neue Ausfahrt halten« saß Frau
Else erschrocken mit zusammengeschlagenen Händen ohne ein Wort zu sagen die
Frauen flüsterten einander leise zu und Frau Wendelmut lächelte spöttisch
»Was hast du Base« fragte Hedwig leise
»Gedenkst du der Worte die ich neulich im Scherze zu dir sprach Jetzt will
er tun was mir damals einfiel und was doch niemand aus meinem Munde vernommen
hat als du und etwa unsere Frauen Wer hat ihm meine törichte Rede zugetragen
und was meint er damit dass er sie durch das Land rufen lässt«
»Manches Ohr hat deine Worte gehört« tröstete Hedwig »wie darf dich
wundern dass sie ihm gefielen Er selbst hält es sicher für eine Huldigung gegen
dich und deinen Gemahl dass er seinen Willen nach der guten Meinung richtet die
du von ihm hegtest« Und zum Landgrafen gewandt fuhr sie fort »Wir wissen auch
Vetter wie Euer Herr Ivo auf den Gedanken gekommen ist um einen Mantel für
seine Herrin zu reiten Denn Else und ich waren es welche damals als er hier
weilte zuerst im Scherz die Kappe für seine Herrin forderten Will er Euch und
uns dadurch ehren dass er den lustigen Einfall Eures Hofes zu einem Gesetz macht
für seine Ritterfahrt so haben auch wir Grund ihm Gutes zu wünschen«
»Wenn Frau Hedwig mit meiner Else zu der Kappe geraten hat« versetzte der
Landgraf sorglos »so wünsche ich ihm dass seine Herrin das nicht erfährt damit
ihr die Freude an der bunten Hülle nicht durch Eifersucht verdorben werde Doch
rühmlich ist die Fahrt auch für uns andere sie gibt meinen Thüringen Ehre unter
den Fremden den Edlen aber und ihrer Ritterschaft durch einige Wochen Arbeit
und Unterhaltung während ich abwesend bin Vielleicht reite ich vorher selbst
noch gegen ihn« Und kampflustig ging er mit Herrn Walter nach den Ställen
Auch auf der Mühlburg erwachte die Kampflust aber mit gehässigen Gedanken
gegen den Niederhof Der alte Graf Meginhard war im Dienste des Landgrafen nach
dem Süden gezogen Herr Konz saß an seiner Stelle gebietend unter den
Dienstmannen und hielt mit ihnen vertraulichen Rat über eine Ritterfahrt Da ihm
aber seine eigenen Gedanken nicht recht gefielen so ritt er abwärts nach
Friemar lud den jungen Bertold aus dem Hofe und verhandelte heimlich mit
diesem dass er den Schüler Nikolaus versöhnen und zu einer Unterredung bestimmen
möge »Vermagst du mir diesen Gefallen zu tun so sollst auch du dem Kampfe
zusehen nicht von der Heerstraße sondern als unser Geselle im Festkleide mit
meinen Farben« Der Jüngling war freudig bereit den Schüler zu gewinnen und
Nikolaus willigte schneller ein als der Bote gehofft hatte mit dem Ritter in
einem Gehölz zusammenzutreffen das zwischen dem Niederhofe und der Mühlburg
lag
»Bertold von Friemar hat dir gesagt dass ich einen Dienst von dir begehre«
begann Herr Konz von seiner Höhe auf den Schüler herabblickend
»Er hat mir etwas gesagt« versetzte Nikolaus kühl
Konz griff in seine Tasche suchte aus der hohlen Hand einige Silberstücke
und bot sie mit gespitzten Fingern »Wenn etwa früher Widerwärtiges zwischen uns
gesprochen wurde so soll es ungesagt und vergessen sein Nimm dies damit du
mir in einer Sache die mir am Herzen liegt Gutes rätst«
Nikolaus wog das leichte Silberblech in seiner Hand »Von Fremden nehme ich
ungern gebotenes Geld zumal wenn es wenig ist Doch noch unlieber ist mir das
Geld abzuweisen« und er versenkte das Silber nachlässig in sein Gewand »Fragt
und ich will antworten soweit ich darf aber wisst auf leichte Münze folgt
leichter Dienst«
»Du sollst mehr erhalten wenn ich erkenne dass dein Rat mir frommt«
ermunterte Konz »Bevor ich aber meine Frage stelle gelobe mir Stillschweigen
auf dieses Kreuz du kannst in dem Schwertknopf deine schlauen Augen sehen wenn
du schwörst« Und er hielt ihm den Kreuzgriff des Schwertes hin
Nikolaus gelobte bereitwillig Verschwiegenheit
»Sage mir in welcher Farbe und mit welchen Zeichen wird Herr Ivo seinen
Speerritt durch Thüringen vollbringen«
»Niemand weiß das Herr als die in seinem Vertrauen sind«
»Darum gerade sollst du es mir sagen« versetzte Herr Konz ungeduldig »denn
ich gedenke ihm einen guten Possen zu spielen wenn ich in denselben Farben und
Abzeichen gegen ihn reite«
Nikolaus überlegte »Ihr mögt denken dass Herr Ivo solchen Schimpf nicht
freudig aufnehmen wird«
»Das eben will ich« rief Konz »Sein Zorn ist mir ganz recht und ich hoffe
ihn auf den Grund zu stechen dass er dem Rennen für lange entsagt denn
unerträglich ist sein Hochmut und ich gönne ihm wenig Gutes«
»Wenn Ihr so kühn seid so fragt den Schneider in Erfurt« antwortete
Nikolaus mit ausbrechendem Unwillen
»Das steht mir nicht an wohl aber dir darum eben begehre ich deinen
Dienst«
Der Schüler dachte nach und in seinen Augen glänzte die Schelmerei »Ich
vernahm dass er sich und sein Ross mit den Farben decken wird die er sonst
trägt und nach dem neuen Brauch der jetzt aufkommt wird er auch sein
Wappentier den Raben auf seinem Gewande führen und auf der Rossdecke«
»Das ist gute Botschaft« versetzte Herr Konz vergnügt »denn wir von der
Mühlburg vermögen dieselben Farben und dasselbe Zeichen zu führen und ich
bedarf in diesem Fall deiner Dienste nicht mehr«
»Dennoch mögt Ihr mir einen Einwurf gestatten zumal mir der Ritterbrauch
aus manchem Lande bekannt ist« warf Nikolaus demütig ein »Die vom Niederhofe
wollen nicht leiden dass Ihr selbst den Raben als Zeichen führt wie Herr Ivo
mit seinem Gesinde tut da Ihr nicht von seinem Geschlechte seid Kommt Ihr
damit vor allem Volk zum Spiel geritten so wird Ernst aus Scherz«
»Das ist mir recht« versetzte Konz die starken Arme aus seinen Schultern
reckend
»Vielleicht werden sie Euch ganz den Kampf versagen und alle Herren welche
etwa gegenwärtig sind werden ihnen beistimmen Möglich auch dass sie Euch wegen
dieser Kränkung zu scharfem Speerstoss fordern nicht nur Herr Ivo auch seine
Dienstmannen«
»Du meinst doch nicht dass ich die fürchte« fuhr Konz auf aber seine Augen
blickten unsicher umher
»Auch werdet Ihr vor dem ganzen Lande wenig Ehre gewinnen wenn Ihr das
Ritterspiel unhöflich verderbt«
Das gab Herr Konz durch sein Schweigen zu »Dennoch gedenke ich den Raben
nicht zu meiden« versetzte er endlich mit Trotz
»Dann rate ich dass Ihr wenigstens sein Aussehen ändert Auch die Brüder des
Landgrafen geben dem Löwen auf ihrem Schilde ein Abzeichen damit man sie
unterscheide Was diese tun wird Euch ohne Minderung Eurer Ehre erlaubt sein«
»Damit bin ich zufrieden« versetzte Konz »doch welches Abzeichen denkst du
dir«
Nikolaus überlegte wieder »Die Alten im Lande nennen die Mühlburg das
Vogelnest und sie wissen darüber auch eine Sage Darf ich Euch Gutes raten so
lasst unter dem Raben sein Nest oder doch ein Ei anbringen Führt Ihr solch
eigenes Abzeichen so dürfen jene Euch das Kampfspiel nicht weigern wie sehr
sie sich auch darüber ärgern«
Konz erwog die Sache ihm selbst fiel durchaus nichts Besseres ein Deshalb
gab er seine Einwilligung und verpflichtete den Schüler noch einmal zur höchsten
Verschwiegenheit und dieser erbot sich endlich gutwillig selbst den Schneider
des Ritters anzuweisen
Es war ein wonniger Morgen oben am blauen Himmel zogen in langer Reihe kleine
Lichtwolken und unten auf der Landstraße zog die geschmückte Schar des
Frauenritters dahin an der Spitze Herr Henner hinter ihm der Posaunenbläser
und der Rufer dann Ivo mit Seinem Gefolge zuletzt ein Haufen Knechte und
Diener welche ledige Rennrosse und ein Reihe Rüstwagen führten
Sooft die Fröhlichen durch ein Dorf zogen rannten die Leute an die Straße
und starrten neugierig auf den glänzenden Zug Viele riefen Heil und Siegwunsch
zu wenn sie den Herrn der Schar erkannten denn die ganze Landschaft war stolz
auf seine Reitertugend Barbeinige Dorfknaben liefen den Reitern meilenweit
nach um auch etwas von dem Rennen des großen Herrn zu schauen
Als sie an eine Krümmung des Weges gelangten wo ein lichtes Gehölz die
freie Umsicht verbarg da klang durch die lachende Landschaft der Ton einer
Posaune und aus dem Holz ritt ein Rufer ihnen entgegen und hielt auf der Höhe
so dass sein reiches Gewand und die Posaune welche er hoch emporstreckte in der
Morgensonne glänzten Die Fahrt wurde gehemmt der Gegenruf erscholl »Schlagt
den Pavillon auf unter dem Baumschatten« gebot Herr Henner nahm den schweren
Helm aus der Hand seines Knaben stürzte ihn auf und band ihn mit der seidenen
Schnur am Halse fest dann ließ er sich Schild und Speer reichen und ritt vor
Der fremde Rufer grüßte und verkündete mit lauten Worten dass sein Herr der
Ritter vom gekrönten Löwen in dem Holz lagere und von Herrn Ivo Ritterspiel
begehre Und der Marschalk antwortete wie sich gebührte dass jenem das
Ritterspiel gewährt sei drei Rennen nach Brauch ihm und seinen Begleitern und
dass Herr Ivo den Löwen erwarte Im nächsten Augenblick regte sichs in dem
grünen Holz und aus dem Waldversteck brach eine geschmückte Schar von Rittern
und Knappen die Helme aufgebunden so dass ihr Antlitz verborgen war alle in
rotem Gewande gestreifte Löwenbilder auf den Schilden und auf den langen
Rossdecken in ihrer Mitte mit glänzender Rüstung der Herr kenntlich durch ein
Krönlein auf dem Helm Ivo rief mit strahlendem Antlitz dem meldenden Marschalk
entgegen »Gutes Glück es ist der Landgraf selbst der uns die Ritterfahrt
einweihen will Sein Wappenbild soll wenn mir die Heiligen beistehen das erste
Stück Tuch zu dem Mantel geben« Henner hörte bekümmert diese Rede doch wagte
er nicht zu widersprechen er wandte sich wieder der fremden Schar zu von
welcher jetzt ein Hofherr sich ablöste um mit dem Marschalk den Rennplatz auf
dem ebenen Rasengrund zu bestimmen Feierlich begrüßten die beiden Würdenträger
einander mit ritterlichen Worten »Seid willkommen Messire Chevalier du Lion«
begann Henner »ich sehe aus fremdem Lande kommt Ihr und sucht Goldringe als
Beute«
»Der König Löwe« versetzte der andere stolz »ist nicht um die Ringe zur
Jagd gezogen er begehrt sich Eure Rosse und Euer Heergewand wahret Euch vor
seinen Sprüngen«
Nach diesem feierlichen Gruße ritten beide seitwärts um auf ebener Stelle
die Stäbe zu stecken damit Wind und Sonne unter die Kämpfer gleich verteilt
sei Unterdes lagerte der Haufe des Herrn Ivo auf der andern Seite der Straße
und Ivo wappnete sich in dem schnell aufgeschlagenen Zelte Als aber die beiden
Helfer des Kampfes sich von der übrigen Schar getrennt hatten begann Henner in
ganz anderem Ton »Wir freuen uns nach Gebühr der Ehre Rudolf Schenk dennoch
wäre besser gewesen wenn Ihr den Löwen überredet hättet sich dieser Sprünge
auf grüner Heide zu enthalten denn Ihr wisst ja selbst dass es für Euren Herrn
ein ungleicher Kampf wird und ich bin von Eurer guten Gesinnung versichert
auch Ihr wollt nicht dass der Landgraf meinem Herrn einen Groll nachtrage was
er sicher tun wird wenn er auf den Grund rollt«
Der Schenk von Vargula zuckte die Achseln »Er war so begierig nach dem
Abenteuer dass ihm keiner zu widersprechen wagte an Euch ist es dafür zu
sorgen dass Euch nicht später ein Schaden entsteht«
»Ihr sprecht gut« bestätigte Henner »aber auch meiner ist so begierig nach
Beute dass alles Zureden nichts fruchten wird Es ist unmöglich dass er der Ehre
entsagt die Haut des Löwen für das Gewand zurechtzuschneiden«
»Ihr seid scharf Henner Solltet Ihr ja vielleicht gegen den Herrn das
bessere Glück haben so sind andere unter uns um seinen Fall zu rächen«
»Nun Schenk« versetzte Henner »Ihr habt eine feste Faust aber wenn Euch
gelänge was Eurem Herrn missglückt so würde Euer gutes Glück Euch selbst kalten
Dank bei Eurem Gebieter eintragen«
»Dann müssen wir zusehen wer den Schaden trägt« antwortete der Schenk
zornig »Auch die Frauen haben den Landgrafen bestärkt Frau Hedwig bat sich den
Fingerring aus den er gewinnen wird und Frau Else sah zwar anfangs traurig
drein doch im Grunde vertraut sie fest ihrem Gebet und der unübertrefflichen
Tugend ihres Hauswirtes«
Henner nickte »Dennoch muss hier Hilfe geschafft werden Tut was Ihr
vermögt ich wills an mir nicht fehlen lassen« Die beiden drängten die Rosse
aneinander und verhandelten leise durch die Helmlöcher
Nach dieser Beredung verliefen die drei Rennen besser als Henner gefürchtet
hatte Hell klangen die Posaunen die Herren sprengten auf ihren Stand der
durch ein Fähnlein bezeichnet war sie grüßten einander mit würdiger Neigung des
Hauptes senkten die Speere hoben die Schilde und rannten von der Stelle in
gestrecktem Lauf gegeneinander Aber während dem schnellen Ritt hob Ivo seinen
Speer setzte ihn auf das Knie und empfing ohne Gegenstoss den Anritt des
Landgrafen Dieser traf mit der stumpfen Spitze auf die Eisenplatte welche als
Bruststück über das Panzerhemd gelegt war die Stange zersplitterte Ivo saß
unbeweglich und neigte das Haupt tiefer als die Reiter so nahe aneinander
vorüberflogen dass ihre Knie streiften »Speere her« riefen beide und die
aufgeregten Helden welche in zwei Scharen geteilt um den Kampfplatz hielten
schrien ihnen die Worte nach Die beiden Marschälle ritten herzu prüften mit
scharfem Blicke die Rüstung der Kämpfer und die Riemen des Geschirres und legten
die neuen Speere in die Hand der Leibknappen Diesmal antwortete der Löwe auf
die Huldigung im ersten Rennen dadurch dass er seinen Speer aus der eisernen
Auflage hob und unter den Arm schlug Ivo erwies sogleich dieselbe Artigkeit
und auch dies Rennen blieb wie zu erwarten war ohne Gefahr der schwache Stoß
des Landgrafen traf wenigstens den Schild des Gegners so dass der Speer
zerbrach und Herr Ivo hatte nach der Mitte des Schildes gehalten wo die
Widerstandskraft des Gegners am größten war Beide Kämpfer saßen als sie
aneinander vorübergejagt waren fest im Sattel Wieder riefen die Mannen Heil
und Waffen aber eine Unruhe war erkennbar jeder wollte den Ernst des Spieles
sehen »Jetzt kommts« seufzte Henner sorgfältiger prüfte er den Harnisch
seines Herrn und damit beschäftigt sprach er leise »Von Eurem Vater und von
Eurem Grossahn vernahm ich sooft sie gegen einen gekrönten Helm ritten stachen
sie nach der Krone Da auch heut der Löwe sich nicht enthalten konnte zu
zeigen dass er ein Herr sein will über uns alle so wäre es ein gutes Werk ihm
das Krönlein zu kappen« Der kluge Rat half beide Herren trieben ihre Rosse
weiter rückwärts von den Fähnlein um stärkeren Anlauf zu gewinnen und
sprengten kräftig gegeneinander Der Speer Ivos traf genau die Krone das
vergoldete Holz flog rückwärts und fiel in Trümmern zur Erde der Speer des
Landgrafen brach regelrecht an dem Schilde der Graf schwankte im Sattel aber
er hielt sich Und beide Kämpfer warfen die Endstücke der Speere auf die Bahn
und neigten sich grüßend gegeneinander Wieder klang lauter Beifallsruf der
Landgraf nahm seinen Helm ab und streckte mit gerötetem Antlitz lachend seinem
Gegner die Hand entgegen welche dieser ehrerbietig ergriff
Dem Kampf der Gebieter folgte eifriges Rennen des Gefolges viel Eschenholz
wurde kunstvoll zerbrochen und kein größeres Unglück war zu beklagen als einige
verstauchte Daumen und ein harmloser Fall auf den Rasen Darauf rasteten die
Rosse die Herren saßen am Birkengehölz auf weichen Polstern tranken vergnügt
welschen Wein und sprachen von Rüstungen Pferden und Falken wie Brauch Mit
ehrlichem Heilwunsch schied der Landgraf nachdem er noch Herrn Ivo eine gute
Strecke begleitet und vergnügt den Ring empfangen hatte
Auch an den nächsten Raststellen wurden die Reisenden von rüstigen Rittern
der Umgegend erwartet und die von Ingersleben merkten mit stolzer Freude dass
der Beginn ihrer Rennen Glück und ruhmverheissend war
Es war am zweiten Tage der Fahrt als die Schar zu einem Platz auf einsamer
Heide gelangte wo sie keinen Gegner zu finden glaubte Dennoch hielt auch dort
ein kleiner Haufe mit gehobenen Waffen Es war Herr Konz mit seinem Gefolge er
ritt vor und schwenkte seinen großen Speer hochragend auf starkem Rosse ein
gefährlicher Gegner in seiner Rüstung ganz ähnlich dem Herrn Ivo nur
breitschultriger und plumper Jedoch die Zeichen auf seinem Wappenrock und auf
dem Behang seines Pferdes waren übel geraten Allerdings war ein Rabe sorgfältig
aus schwarzem Tuch geschnitten und über den blauen Perkan genäht auch ein
Krönlein trug er aus vergoldetem Taft aber da der Schneider den Vogel
gewissermaßen in häuslicher Tätigkeit dargestellt hatte über seinem Nest
schwebend so hatte er ihm den Schwanz gehoben und was darunter lag als Ei und
Nest war weisslich undeutlich und erregte Zweifel über die Beschäftigung des
Vogels Und wie Herr Konz selbst waren auch seine Begleiter gezeichnet
Die Schar des Herausforderers sah befremdet auf die ungewöhnlichen
Wappenzeichen Einer wies dem andern den Vogel bald hefteten sich aller Augen
darauf zuerst lachten die von Ingersleben bald aber erkannten sie in dem
Reiter und seinem Vogel eine Kränkung die ihnen angetan wurde sie schrien laut
Hui und Pfui und fassten nach den Schwertern Henner ritt vor und rief seinem
Herrn zu »Erlaubt dass ich den Dreisten für seine Frechheit bezahle denn
unwürdig ist er Eures Speeres und schnell soll die Unehre getilgt sein die er
Euch bereitet hat« Ivo winkte Gewähr und Henner spornte sein Pferd zum Anritt
»Den Herrn Ivo begehre ich zum Kampf« schrie Konz aus der Ferne doch Henner
rief »Zuerst den Marschalk ob Euch dann noch ein zweiter Ritt gelüstet Heran
wenn Ihr kein Feigling seid oder ich kehre den Speer um und schlage Euch mit
dem Holz wie Ihr verdient« Da erhob sich lautes Getümmel von beiden Seiten
klang wilder Zornesruf Die beiden Kämpfer fuhren gegeneinander nicht zum Heil
für Herrn Konz denn wie stark er sich dünkte er war im Nu rückwärts aus dem
Sattel geschleudert und lag betäubt auf dem Grunde »Die Schere her« rief
Henner vom Rosse »Und ihr Mannen des edlen Ivo rückt im Kreise um die
Spiessgesellen des Geworfenen lasst keinen entweichen der das Zeichen unseres
Herrn so unhöflich führt Euch aber ihr Fremden fordere ich auf gutwillig
abzusteigen und euer Gewand abzulegen oder bei allen Heiligen die Schäfte
unserer Speere sollen euch den Rücken bleuen« Doch die Begleiter des
Mühlburgers spornten ihre Rosse und eine helle Stimme rief »Nimmer gebe ich
Euch Gewalt über Kleid und Leib trotz Eurem Drohwort Marschalk wahret Euch vor
dem Freien« Es war Bertolds Stimme er riss sein Schwert von der Seite und fuhr
gegen den Marschalk los Aber im Nu war er umringt vom Rosse geworfen des
Gewandes entkleidet und geschlagen und wie er die andern Und Henner warf die
Streifen der zerschnittenen Decken hoch in die Luft indem er rief »So sei der
Hohn gerächt nach Reiterbrauch vorwärts ihr Herren zu einer Stelle wo man
höflichere Sitte übt ihr aber tragt den Schaden« Herr Ivo winkte ihm dankend
zu und ritt davon Flüchtig im Reiten sah er noch das Antlitz des jungen
Bertold bleich und verstört er sah einen Arm der sich wie zum Schwur gen
Himmel hob und ein Auge voll Zorn und Seelenqual das auf ihn starrte Und
wieder bliesen die Pfeifen spielten die Geigen und dröhnten die kleinen
Trommeln die bunte Schar flog lachend und jauchzend über den grünen Grund und
ließ gebrochene Speere geknickten Stolz und todwunde Herzen an der Erde zurück
Grösser wurde der Zug und lauter die Fröhlichkeit als sich die Sonne abwärts
neigte die Schar war fast zu einem Heere gewachsen einige der Herren welche
im Rennen rühmlich ihren Ring gewonnen hatten schlossen sich dem Gefolge an
viele Landleute die an den Kreuzwegen gewartet hatten begleiteten meilenweit
die Mairitter Vollends die fahrenden Leute waren aus der ganzen Landschaft
zusammengeströmt die ansehnlichen auf Pferden und Eseln die Mehrzahl zu Fuß
Spielleute mit ihrem Gerät Gaukler und Luftspringer Weiber in buntem Gewande
mit herausforderndem Blick auch solche welche ein Gewerbe daraus machten
Pferde zu heilen und kranke Pferde um ein Billiges zu kaufen dazu alle die mit
dem Brauch der Speerrennen und Turniere vertraut waren und als Rufer und
gewandte Diener ihren Lohn zu gewinnen hofften diese scharten sich achtungsvoll
um ihre Genossen welche dem Herrn Ivo während der Fahrt treuen Dienst
geschworen hatten und einen schönen blauen Überwurf sowie am Arme einen
silbernen Ring trugen mit dem Bilde eines Raben als Abzeichen An sie schloss
sich ein ruhmloser Haufe von verlorenen Kindern der Heerstraße welcher
keinerlei Kunst aber große Begehrlichkeit besaß und durch Heilrufe und Geschrei
seine Spende zu verdienen suchte Hinter dem Zuge der Herren und Knechte wälzte
das fahrende Volk sich mit Lachen Geschrei und Zank dahin lauernd spähten die
Augen aus den sonnenverbrannten Gesichtern und der erste Rufer des Herrn hatte
Mühe die Frechen welche sich mit Scherzreden und Schmeicheleien an die Reiter
drängten durch eine zähe Gerte zurückzuhalten die er über ihnen schwenkte
Die Abendsonne schien golden auf die Türme und Mauern einer ansehnlichen
Stadt auf dem Felde davor sprengten Reiter und große Haufen von Neugierigen
harrten der Gäste denen die Luft ein Getöse von Hörnern Pfeifen und kleinen
Handtrommeln grüßend zutrug Henner ritt zu seinem Herrn »Das sind die lustigen
Bürger von Mühlhausen ansehnlich wissen sie sich zu halten und nicht wenige
treue Gesellen erkenne ich welche ihre Ritterschaft erweisen wollen Sie haben
Euch wie ich vernehme gute Herberge bereitet und hoffen auch bei einem
Abendtrunk Ehre einzulegen Da das Volk hier drängen wird so umzäune ich mit
der Schnur einen Rosengarten in dem Ihr reiten könnt« Er winkte den Rufern
und eilend liefen diese hinter ihm mit den spitzen Stäben und der roten Schnur
nach artiger Begrüßung wurde der Plan abgesteckt und das Zelt des Herrn
aufgeschlagen Die Burgmannen welche den Ritterschild führten waren zahlreich
gekommen unter ihnen hielt auf einem mächtigen Rosse Johannes der Kaufmann den
sie Langhans nannten und sogar der alte Bertram Schultheiß ein runder Mann mit
fröhlichem Gesicht als kluger Sprecher wohlbekannt in den Städten Ihm wurde
nicht bequem auf das Ross zu steigen aber man wusste auch dass er nicht leicht
herunterzubringen war wenn er einmal fest saß
Als Ivo gewappnet aus seinem Zelte trat und sich auf das Pferd schwang
begrüßten ihn wieder lauter Zuruf Geschrei und Getöse der fahrenden Musiker
und als er in die Schranken ritt drängten sich von allen Seiten die Zuschauer
heran und ihre Augen richteten sich auf den entgegengesetzten Eingang wer
zuerst gegen den berühmten Kämpfer ansprengen würde Es war der dicke Schultheiß
Bertram unter einem schweren Helm in schönem feuerfarbenem Überwurf zwar mit
verdecktem Antlitz aber wohl kenntlich an seiner Rundung darüber freuten sich
die Mühlhäuser jauchzten und nickten einander zu Alles glückte in dem
Speergarten zumal Herr Henner die Speere in freundlicher Gesinnung wählte und
seinem Herrn auch einmal zuraunte »Seid nicht zu scharf« Die Burgmannen aber
erwiesen sich gewaltig der Schultheiß gewann den Fingerring und rief fröhlich
dem Ivo zu »Den trage ich dieweil ich lebe zu Eurem Gedächtnis« Nur Herr
Langhans entging dem Unglück nicht er wurde aus dem Sattel geschleudert dass er
der Länge nach auf den Rücken fiel und mit den Händen in der Luft fingerte Aber
da er in der Stadt nicht sehr beliebt war wegen übergrosser Hoffart so hielten
die von Mühlhausen seinen Fall für keine Kränkung auch er selbst trugs
leidlich da ihm Ähnliches schon früher begegnet war Ja er versuchte sogar
trotz seinem Schmerz zu lächeln als Henner sich über ihn beugte und dem Knappen
mit der Schere zuwinkte den vorderen Teil eines Überwurfs von kostbarem Samt
wegzuschneiden indem er artig sagte »Gestattet Chevalier dass wir nach
unserem Devoir tun wenn wir auch weniger geübt sind Gewand zu schneiden als
Ihr selbst«
Jedesmal wenn Herr Ivo von einem Rennen auf seine Stelle zurückritt erhob
sich das Freudengeschrei des Haufens der mit ihm gekommen war zumal der
fahrenden Leute welche dichtgedrängt am Eingange standen und einander stießen
um den Schranken am nächsten zu sein Denn alsbald griff Herr Henner in die
Geldtasche welche er an der Seite trug und warf kleine Silbermünzen in den
Haufen Sobald er an die Tasche rührte hoben sich die Arme der Fahrenden und
sie schrien »Segen über Euch Herr Ritter hierher hierher« Sie bückten sich
nach der fallenden Münze schlugen und balgten sich zum Ergötzen der Zuschauer
Als Ivo einmal so an den Schranken hielt unter dem Helme tief atmend und sich
mit einem Tuch durch die Helmlöcher Kühlung zuwehend hörte er neben sich eine
bebende Stimme welche wie die andern rief »Spendet mir« Er sah die zitternde
Hand eines alten Mannes in elendem Reisekleide und als die Hand nichts zu
fangen vermochte den matten Blick eines Entsagenden Da fragte er über die
Schranken »Wer bist du Alter«
»Ein Elender den der Hunger zwingt während er sich nach der Heimat sehnt«
klang es leise zurück
»Er gehört nicht zu uns« schrien die Fahrenden neben ihm feindselige
Blicke auf den Fremden werfend der sich in ihre Brüderschaft drängte
In dem Klang der Stimme und dem gramdurchfurchten Angesicht war etwas so
Verzweifeltes dass dem Herrn das Herz weich wurde er lenkte seiner
Ritterpflicht gedenkend das Pferd zum Marschalk griff in die Ledertasche und
holte einen Goldgulden heraus Als er sich wieder zu dem Fremden wandte war
dieser vor Erschöpfung an den Schranken zusammengebrochen Da winkte er einem
Knechte dem Liegenden beizuspringen und warf ihm das Goldstück in den Schoss
Gierige Hände der Umstehenden griffen danach aber der Knappe eilte dem Manne
zu Hilfe und dieser rief die Hand hebend »Möge der Himmelsherr dich bewahren
dass du selbst jemals in so bitterer Not für eine Gabe danken musst wie ich dir
danke« Die Fanfaren klangen Ivo wandte sich ab fasste nach dem Speere und
hatte bald unter den Grüssen der Mühlhäuser und beim festlichen Abendtrunk in der
Ratsstube den Jammer des fremden Bettlers vergessen
Es war am vierten Tage der Maienfahrt die ritterliche Schar kehrte von
Norden her in die Umgegend von Erfurt zurück wieder trug die Natur ihr
schönstes Feierkleid die Tautropfen blitzten wie Edelsteine an Gras und Blumen
die Amsel pfiff im Gehölz und von der Höhe trillerte die Lerche Harte Stöße
hatte der unermüdliche Speerbrecher empfangen aber noch stärkere hatte er
ausgeteilt mit Stolz blickte er rückwärts auf ein Bündel welches mit seidener
Decke umhüllt an seinem Sattel befestigt war denn es enthielt zehn Stücke
bunten Stoffes die sein Marschalk aus den Wappenröcken geworfener Ritter
geschnitten hatte Beinahe war der Stoff gesammelt für einen Mantel und doch
war im Turnier noch der meiste Zuwachs zu erwarten Sah man dem Herrn und seinem
Gefolge auch die Anstrengung der letzten Tage an sein Herz war froh denn sein
Ruhm war hoch gestiegen die stärksten Ritter der Landschaft hatten vergebens
ihre Rosse gespornt und mächtige Speere gegen ihn eingelegt und die Spielleute
zählten bereits in langen Gedichten seine Gegner auf den Schmuck ihrer
Rüstungen und den Verlauf seiner siegreichen Kämpfe
Ivos Lippen bewegten sich und er sang leise vor sich hin Da hielt der Zug
Auf einer kleinen Anhöhe standen Rosse Helme blinkten und Bewaffnete lagerten
am Rand eines Gehölzes »Gutes Glück« rief Herr Henner »dort harren edle
Gäste weckt sie aus ihrer Ruhe denn mir scheint sie haben den Ausguck
versäumt und wir überraschen sie« Herausfordernd klang die Posaune aber kein
Gegenruf antwortete und die fremden Reiter traten nicht einmal an die Rosse
»Sie schlafen« rief Ivo verwundert »blast zum zweiten Male« »Sie haben sich
träge verlegen und vermögen die Glieder nicht zu rühren« spotteten seine
Ritter Auch der zweite Klang weckte keine Antwort Der Marschalk ritt vor aber
nach wenig Rosssprüngen wandte er um und rief seinem Herrn zu »Sie führen nicht
Wappen nicht Decken nur ein schwarzes Kreuz erkenne ich an den Mänteln und die
Vollbärte der Gesichter Es sind Marienbrüder vom deutschen Hause in Jerusalem«
Mehrere aus dem Gefolge bekreuzigten sich Ivo hielt sein Pferd an »Wir
vernehmen zuweilen von ihren Taten im Gelobten Lande doch wir selbst sehen
wenig davon denn bei uns schleichen sie wie die Mönche bergen ihr Antlitz in
den Siechhöfen und stellen sich wie man sagt ungern zum Speerkampf Dennoch
begehre ich ihr schwarzes Zeichen als Beute wenn es auch nur ein trauriger
Schmuck ist Wir reiten näher ob wir sie herauslocken«
Er ritt vom Marschalk begleitet zu den Fremden Aus dem kleinen Haufen der
Gelagerten erhob sich ein Bruder und antwortete ernstaft dem Gruße ein Mann
von mittleren Jahren der über dem Kettenhemd einen braunen Überwurf von grobem
Wollstoff trug über der Brust ein großes Kreuz von schwarzem Tuchstreifen und
um die Schultern einen weißen Mantel Sein voller Bart war mit Grau gemischt
die festen Züge des Antlitzes von südlicher Sonne gebräunt
»Geschlossene Helme sehe ich hier« begann Ivo »und Schwerter welche am
Rittergurt hängen aber auf die Ladung meines Rufers kam von euch keine frohe
Antwort Ist keiner unter euch ihr Herren der sich einen goldenen Fingerring
begehrt wenn er mir ehrlich widersteht oder meine Rosse und Rüstungen wenn er
mich wirft Schwingt euch vom Boden und ergreift die Speere«
Einige der Jüngeren sprangen auf der Führer aber hob die Hand und die
behenden Knaben traten zurück »Euer Ring edler Herr soll die Brüder nicht
locken sie dürfen kein Gold tragen nicht am Finger nicht am Harnisch und
Gewand auch eure Rosse und Rüstungen dürfen sie nicht erwerben denn sie führen
nicht eigenes Ross und nicht eigene Waffen sie gebrauchen nur was ihnen die
Bruderschaft zuteilt«
»Lockt euch der Preis nicht« rief Ivo wieder »so kämpft wenn euch an der
Huld guter Frauen gelegen ist einer Herrin zu Ehren fordere ich euch habt ihr
eine Frau welcher ihr dient so streitet für ihren Ruhm denn ich hoffe Ehre
erwirbt bei Männern und Frauen wer mich aus dem Sattel zu schwingen vermag«
Aber ungerührt antwortete der Bruder »Keiner von uns dient einer irdischen
Frau und das einzige Weib welches wir anflehen ist die hohe Gottesmutter
Auch Euch Herr Ivo ziemt nicht die Himmelskönigin gegen ein irdisches Weib
herauszufordern«
»Nun denn« versetzte Ivo gereizt »wenn ihr nicht um Beute kämpfen wollt
und nicht für Frauenminne so schwingt euch in den Sattel weil ihr Ritter seid
damit euch die Leute nicht schelten dass ihr ruhmlos die Waffen führt«
Wieder regten sich die Jüngeren und zornige Blicke drohten dem
Herausforderer Doch der Bruder wies auf einen Speer im Boden an welchem die
scharfe Spitze glänzte »Wir treffen mit dem Speere nur wenn wir den Tod geben
und erwarten zu Reiterlust und Spiel führen wir die Waffen nicht«
»Wohlauf ihr Herren ist euer Brauch so unmild so weiß ich euch mit
gleicher Waffe zu begegnen auch ich führe Speerholz an welchem der
Todesstachel befestigt ist Ihr seid geladen zum Kampf nach eurer Weise«
»Wir töten Ungläubige wenn sie uns trotzig widerstehen« versetzte der
Bruder »Unter den Christen ist unser Amt nicht Wunden zu schlagen sondern zu
heilen Wir üben hier die Bruderpflicht« Er trat zurück und wies auf die Gruppe
am Boden Ivo hob sich im Sattel und sah dass zwei Brüder einen entblößten und
blutigen Mann in den Armen hielten während ein dritter mit dem Verband
beschäftigt war Er war als Sohn einer harten Zeit gewöhnt ohne Schrecken auf
Wunde und Tote zu sehen aber der schweigsame Ernst mit welchem die Brüder um
den Kranken bemüht waren und ihr fremdartiges Aussehen fesselten seinen Blick
er zwang sein bäumendes Ross zu halten »Ist der Sieche von eurer Gesellschaft«
»Es ist ein armer Landfahrer den andere schlugen welche an Nächstenliebe
und Gnade ärmer waren als er«
»Und was wollt Ihr mit ihm beginnen Herr«
Der Bruder zeigte in das Gehölz wo zwei der Jüngeren Holzstangen zu einer
Trage zusammenbanden »Wir tragen ihn bis wir gute Leute treffen welche ihn um
Christi willen aufnehmen«
»Und wenn ihr die Höfe an der Landstraße verschlossen findet« fragte Ivo
»Wer kennt das Schicksal das der Arme sich bereitet hat und wer weiß welchen
Fluch er mit sich durch das Land trägt«
»Einer weiß es der uns Barmherzigkeit geboten hat« versetzte der Bruder
feierlich
Ivo schwang sich aus dem Sattel und trat näher aber er fuhr unwillkürlich
zurück denn der Verwundete hob gegen ihn das Haupt wimmerte leise und streckte
die geöffnete Hand in die Höhe Ivo erkannte jenen Dürftigen dem er vor wenigen
Tagen ein Goldstück in den Schoss geworfen hatte »Ich gab ihm Geld vor vieler
Augen« murmelte er »und ich fürchte um des Geldes willen liegt er heut am
Boden«
Der Krieger welcher den Verband angelegt hatte erhob sich und sprach zu
dem Führer einige Worte in fremder Sprache
»Mein Bruder sagt dass dies Leben bei guter Pflege vielleicht erhalten
wird« erklärte der Anführer und neigte das Haupt zum Abschiede während die
jüngeren Brüder den Kranken vorsichtig auf die Trage aus Baumästen hoben Ivo
warf noch einen traurigen Blick auf das Opfer seiner Milde bestieg das Ross und
sprengte nach dem Wege Lauter Zuruf der Seinen grüßte ihn die Spielleute
bliesen auf den Pfeifen und schlugen die kleinen Handtrommeln Er aber hielt
still und senkte das Haupt »Fröhlich sangen die Sommervögel in mein Herz da
klang der Schrei eines Habichts durch die Luft die kleinen Sänger bergen sich
im Laub und ich vernehme ihre Stimme nicht mehr« Er sah um sich und erkannte
das große Dorf welches im Grunde vor ihm lag wandte das Pferd und ritt schnell
zu den Brüdern zurück
»Sucht ihr ein Obdach für euren Schützling so nehmt freundlich mein Fürwort
an Ich kenne den Richter im nächsten Dorfe und hoffe ihn zu bereden dass er dem
Kranken und euch Herberge schafft gefällt es euch so geleite ich euch
dorthin« Er wies auf das Tor von Friemar aus dem die Landleute in hellen
Haufen strömten um die Herrlichkeit der geschmückten Rosse und Reiter zu
schauen Der Fremde verneigte sich dankend die dunklen Gestalten folgten dem
festlichen Zuge vier Brüder trugen den Verwundeten
Als die Reiter den Anger betraten wurden sie auch hier durch Heilrufe und
vertrauliche Grüße empfangen Die Kinder liefen zu beiden Seiten der Schar auf
und ab schrien vor Aufregung und zeigten einander die bekannten Herren Die
Frauen standen mit untergeschlagenen Armen und manche hübsche Magd errötete und
schlug ihre Zöpfe auf die Schulter zurück wenn die jungen Ritter ihr grüßend
Scherzworte zuriefen Im Dorf warteten auch die Alten neugierig vor ihren Höfen
die Hunde bellten die Spielleute bliesen und sangen So kamen die Gäste vor den
großen Hof der mitten im Dorfe am freien Platz lag Dort aber war das Tor
geschlossen kein Menschenhaupt an Tür und Fenstern zu sehen vergebens suchte
Ivo nach den langen Zöpfen der Magd Friderun die Landleute traten scheu zurück
und tauschten kopfschüttelnd leise Worte Der Knappe Ivos stieß mit der
Speerstange an das Tor aber alles blieb still »Ist der Richter daheim« rief
Ivo in den Haufen
»Ich vermute dass er im Hause ist« versetzte ein alter Bauer
Der Knappe öffnete die kleine Torpforte Ivo stieg ab bedeutete die Brüder
seine Rückkunft zu erwarten und trat ein Auch im Hofe war niemand zu finden
nur der Hahn rief misstrauisch sein Federvolk zusammen und der Hofhund zerrte
wütend an seiner Kette Ivo öffnete den Drücker der halben Tür welche in das
Wohnhaus führte trat auf die Schwelle und sah in den dämmrigen Hausflur Im
Holzstuhl am Herde saß der Richter und starrte mit gebeugtem Haupt vor sich hin
das weiße Haar hing ihm über sein gramdurchfurchtes Gesicht Neben ihm auf den
Stufen der Bühne saß die Tochter bleich und verweint beide unbeweglich in
stillem Jammer Als die Gestalt des Eintretenden den Raum verdunkelte hob der
Richter sein Haupt und blickte auf den geschmückten Ritter sein Antlitz rötete
sich die buschigen Brauen zogen sich zusammen und indem er sich langsam erhob
fragte er mit rauer Stimme »Was wollt Ihr Herr in dem Trauerhause«
»Wo ist Euer Sohn Bertold« rief Ivo
»Tot« antwortete der Bauer und schlug mit der geballten Faust auf den Herd
»Er ist fortgeritten von uns nach der Mühlburg« sprach die Tochter leise
»weil er den Hohn Eurer Ritter nicht ertragen konnte«
»Trieb ihn der Groll über die erlittene Kränkung in den Hofdienst«
versetzte Ivo betroffen »Dann ist mir von Herzen leid dass es die schnellen
Hände meines Gefolges waren die ihn aufschreckten Denn seit unserer Kinderzeit
war ich ihm freundlich gesinnt«
»Für Euren freundlichen Sinn sage ich Euch geringen Dank Herr« begann der
Richter wieder »und wenig liegt mir daran wenn Ihr mir und denen die mir
gehören lächelnd zunickt Zu ehrlicher Arbeit hatte ich mir einen Sohn erzogen
und nicht zur Gesellschaft für Euresgleichen Ob er jetzt als ein Gauch durch
das Land zieht mit bunten Lappen behangen oder ob er in der Dämmerung
dahinreitet um die Rinder des Landvolkes fortzutreiben das ist für mich ein
geringer Unterschied Und ich sage Euch edler Herr im lichten Sommerkleide ich
bin nicht dankbar dafür dass Ihr Euch herablasst mich in meinem Hause zu
begrüßen Haben auch die Kornsäcke lange meinen Nacken gedrückt Euch gegenüber
ist er steif wenn Ihr Willkommen von mir begehrt Denn Ihr und Euresgleichen
habt mir den Sohn genommen für dessen Ehre ich mich gemüht habe solange ich
meine Bauernschuhe trage«
»Ich aber denke daran« antwortete Ivo gemessen »dass Ihr ein alter Mann und
in schwerem Kummer seid wenn ich Eure Rede ohne die Antwort ertrage die ich
Euch leicht geben könnte Heut Richter kam ich nicht um meinetwillen sondern
weil ich Eure Hilfe für einen andern begehre An der Grenze Eurer Flur lag ein
Schwerverwundeter den die Brüder vom schwarzen Kreuz aufgehoben haben schon
allzulange harren sie mit dem Kranken vor Eurem Tor Sie werden Euch fragen ob
Ihr den Armen aufnehmen wollt Mich reuts dass ich unternahm bei Euch
Fürsprech zu sein dennoch mahne ich Euch an Eure Pflicht tretet hinaus und
gebt den Fremden Bescheid«
»Wars auf unserer Flur« murrte der Alte »kennt Ihr so genau das Maß der
Bauernäcker«
Die Tochter ergriff seine Hand »Geht vor das Tor Vater«
Als der Alte die Hand der Tochter an der seinen fühlte fasste er heftig
danach die Tränen stürzten ihm aus den Augen er zog sein Kind zu sich legte
sein Haupt auf das ihre und schluchzte laut Ivo trat leise in den Hof zurück
und sah über Holzhaufen und Scheuern der Hahn schritt stolz ohne ihn zu
beachten durch das Stroh der Hund knurrte ihn aus seiner Hütte misstrauisch an
hinter dem Hoftore ragten die buntbemalten Speerstangen und klang das Summen der
Menge aber ihm kam vor als gehöre er selbst nicht zu der Genossenschaft
welche draußen auf Ritterspiele hoffte
Nicht lange und der Richter schritt aus dem Hause und öffnete mit fester
Hand die Pforte
Als er vor die Menge trat hochaufgerichtet mit seinem weißen Haar und dem
runden großen Haupte war er in seiner Trauer so ehrwürdig dass ihn alle mit
Scheu betrachteten Die kleine Schar der Brüder hielt unbeweglich der Führer
lenkte schweigend sein Ross zur Seite so dass der Richter den Wunden auf der
Trage vor sich sah Er betrachtete den Mann »Es ist ein Fremder« sagte er
kalt
»Es ist ein Todwunder« antwortete der Bruder »unser Amt ist den Kranken
zu heilen und wir bitten Euch dass Ihr uns dafür Obdach gewährt«
»Wollt Ihr bezeugen dass er auf unserem Dorfgrunde lag« fragte der Richter
»Wir kommen nicht für ihn zu zeugen sondern ihm Liebe zu werben Zum
andern Mal bitte ich Euch nehmt ihn unter Eurem Dache auf und uns dazu damit
wir ihn pflegen Denn unser Erlöser spricht Was ihr dem Geringsten auf Erden
tut das habt ihr mir getan«
Doch der Bauer hob abweisend die Hand und versetzte finster
»Tragt ihn unter das Dach der ritterlichen Herren welche bereit sind
solche Wunden zu schlagen«
»Wir aber stehen vor Eurer Tür« fuhr der Bruder fort »und dreimal zu
bitten ist uns befohlen Darum flehe ich zum drittenmal dass Ihr ihn aufnehmt
und uns dazu Und wir mahnen Euch mit den Worten die unser Herr Christus selbst
gesprochen hat als er sagte Ich suche nicht meinen Willen sondern ich handle
nach dem Willen meines Vaters der mich gesandt hat«
Der Hofwirt sah schnell auf und fragte »Steht das geschrieben in dem
heiligen Buche aus dem wir nur dann in unserer Sprache hören wenn die Pfaffen
sich ein Ross begehren oder ein Stück unseres Ackers Steht das in Wahrheit
geschrieben so ist es eine weise Rede denn auch der Sohn Gottes dachte daran
dass er der Sohn war und gab seinem Vater die Ehre Und weil Ihr mir diese Worte
sagt so will ich Euch aufnehmen als ein Vater der seinen Sohn verloren hat
und ich will Euch einführen in das verlassene Haus« Er schlug den Holzriegel
des Tors zurück »Tretet ein ihr Herren«
Die Bärtigen betraten hinter dem Richter den Hof die nachdringenden
Dorfleute wies dieser mit einer Handbewegung zurück und führte die Gäste zu
einem Gebäude welches kleiner als das Wohnhaus mit der Langseite an der
Straße stand Auf der Schwelle hielt er und begann finster »Hier wohnte einst
mein Vater als er mir den Hof übergeben hatte Dann ein Jüngling den seine
Mutter während sie lebte zu adlig hielt in Kleidung und Sitte« Er öffnete
zögernd die Tür In dem leeren Gemach waren die Fensterladen geschlossen durch
die Ritze fiel ein spärliches Licht auf die Dielen und das Lager an der Wand
Der Richter riss den Laden auf die Bewegung wollte ihn übermannen und er gebot
mit heiserer Stimme »Dort ist das Bett legt den Elenden hinein und dies ist
eure Herberge wenn sie euch ihr Fremdlinge genügt« Er wandte sich zur Tür
»In meinem Pferdestall ist seit der letzten Nacht Raum geschafft für zwei Rosse
begehrt ihr sonst noch etwas so ist mir eine Tochter geblieben sie soll für
euch sorgen«
»Ich danke Euch Richter« versetzte der Anführer »Einem Bruder mit seinem
Knecht und zwei Rossen bitte ich Obdach zu geben und so viel Kost dass sie nicht
Not leiden bis wir jenen dort in unser nächstes Haus schaffen können Wir
andern reiten zur Stelle unsern Weg Für Euer Erbarmen können wir Euch nichts
bieten wir werden jeden Abend für Euch beten dass der Himmelsherr Euch Gnade
erweise und die Trauer von Eurem ehrwürdigen Alter nehme«
Der Richter neigte das Haupt ein wenig schritt zu seinem Herde zurück und
saß dort wie zuvor
Während der Alte mit den Bärtigen verhandelte trat Ivo zu Friderun »Der
Vater hört auf Eure Worte sorgt mit gutem Bedacht dass er nicht ungerechten
Groll gegen mich und meinen Hof bewahre Denn sein altes Haupt ist mir vertraut
und ehrwürdig Und Euer Bruder war es der zuerst das scharfe Schwert gegen die
Meinen entblößte«
»Als ein Freier ritt der Bruder mit dem Mühlburger Euer Ritterspiel in der
Nähe zu schauen« antwortete Friderun »fremd war er und unbeteiligt an Euren
Händeln da haben Eure Dienstmannen ihn vom Rosse gerissen und ihre unfreien
Hände haben den Freien geschlagen Die Alten im Dorfe gedenken noch wie der
Großvater Eures Herrn Henner der jetzt so ritterlich prangt im schmucklosen
Kleid eines Knechts die Hammel durch unsere Dorfgasse trieb«
»Ihr irrt« versetzte Ivo »nicht als ein Freier zog der Bruder in der Schar
meines Gegners sich und sein Ross hatte er in die Farben des andern gekleidet
und ein fremdes Abzeichen trug er wie ein Dienender«
»Fremde Farben und fremdes Abzeichen« wiederholte Friderun
leidenschaftlich »Waren es nicht auch Eure Farben die er trug Und ist der
Rabe darauf Euch so unbekannt Was konnte mein lieber Knabe dafür dass Euch die
Bilder seines Begleiters nicht gefielen Oh du mein armer Bruder Als du noch
ein Kindlein warst hat man dich gelehrt deine kleinen Armen auszustrecken und
zu jauchzen sooft das blaue Herrengewand und sein Wappenbild in unserm Dorf zu
sehen war Teuer hast du für die Zuneigung bezahlt die du in deinem treuen
Gemüte bewahrtest Denn aller Trost den Herr Ivo unseren Herzen zu geben weiß
sind nur die stolzen Worte Es ist ihm recht geschehen«
»Nicht so Friderun Euren Bruder erkannte nicht ich und kaum einer von den
Meinen als er verkleidet im Haufen ritt Erst als er auf dem Boden saß sah ich
sein verstörtes Angesicht und glaubt mir ich dachte dabei an Euch und den
Vater und sein Unfall tat mir wehe«
»Ihr aber rittet hoch zu Ross vorüber statt anzuhalten und ihn mit Eurer
Hand hochzuheben«
»Wie durfte der Verletzte wenn er ein Mann war in der Stunde der Kränkung
die Hand des Gegners fassen«
»Wundert Euch also« rief Friderun »dass in dem Bruder die Scham brennt und
dass er darauf denkt die Schmach zu rächen in Eurer Weise Hat Euch der Vater
schwere Worte gesagt so haben Eure Dienstmannen die verschuldet denn einsam
habt Ihr sein Alter gemacht und auf sein weißes Haupt das bitterste Leid
gehäuft Sie sagen dass Euch der Mantel um den Ihr stecht hohen Ruhm schaffen
werde wenn Ihr ihn Eurer Herrin um die Schulter hängt denkt auch daran dass
Eure Fahrt Trauer unter Leute gebracht hat die bisher treu zu Eurem Hause
hielten und die sich in der Stille freuten wenn Euch alles im Leben gut
gelang«
»Bei allen Heiligen« erwiderte Ivo unwillig »selten hörte ich ein Weib
das so scharf mit seiner Zunge zu schneiden versteht als Ihr schon da Ihr ein
Kind wart haben sich die Leute gewundert und auch die Mutter hat Euch darum
gescholten«
»Eure liebe Mutter ist zu den Engeln heimgegangen von denen sie zu uns kam
Meint Ihr dass sie sich über alles freuen würde was Ihr tatet um Gold und
Silber für Eure Ritterfahrt zu gewinnen Von einem Manne aus Erfurt erfuhren
wir dass Ihr den alten Stadtof Eures Geschlechtes aus der Hand gegeben habt
und doch hielt Eure selige Mutter viel auf den Hof und sie sagte zuweilen dass
der Turm im Stadtfrieden ihrem Geschlecht einmal wertvoller sein könne als
manche Hufe auf dem Lande«
Ivo fühlte ein scharfes Missbehagen über die dreiste Rede doch antwortete er
gutherzig »Heut darf ich Euch nicht zürnen wenn Ihr scheltet Ihr übt in Eurem
Schmerze nur ein altes Vorrecht und ich weiß wohl Eure Meinung ist gut wenn
Ihr auch um die Ehren des Ritteramtes wenig sorgt«
Aber seine freundlichen Worte bezwangen nicht den Zorn der Jungfrau
»Mögen andere Euer ritterliches Abenteuer preisen unsere freien Bauern
wundern sich dass Ihr der Edle aus dem alten Blut der Thüringe Eure Habe und
Eure Glieder übermütig preisgebt dem Speerholz jedes groben Gesellen dem einmal
sein Herr den weißen Riemen um seinen Knechtsleib geschnallt hat Geringen Ruhm
finden wir darin dass Ihr solche wie Euresgleichen ehrt die als Kuhdiebe durch
die Nacht reiten Unfreie deren Leib und Leben unter dem Hofrecht eines Herrn
steht die als Knechte Schläge und Fesseln ertragen müssen und die in Wahrheit
nur wie Rossknechte gebraucht werden auch wenn Ihr sie nach Eurer höflichen
Sitte Herren nennt Und wir Freien halten es für einen schlechten Brauch in der
Welt dass der unfreie Knecht wenn er den Eisenhelm empfängt sich unter die
Edlen setzt und über die Schulter auf die Freien im Bundschuh herabsieht Auch
Ihr helft dazu dass die alte Freiheit im Lande untergeht und mancher trauert
dass wir das von Eurem Geschlecht erleben«
»Oft habe ich vernommen« versetzte Ivo erstaunt »dass die Bauern mit
Missgunst und Neid nach den Höfen der Ritter schauen und auch gegen die Edlen
geheimen Hass bewahren aber in Eurem Hofe Friderun hätte ich bessern Verstand
gehofft«
»Meint Ihr so« rief Friderun mit blitzenden Augen »dann reut mich jedes
Wort das ich Euch sagte Bin ich Euch nur die Magd aus dem Bauernhofe so fahrt
dahin in Eurem Stolz ich behalte den meinen« Die Tränen stürzten ihr aus den
Augen aber gleich darauf zog sich ihr Gesicht finster zusammen und sie wandte
sich ab
Noch einen düstern Blick warf Ivo auf die Gespielin seiner Kinderzeit dann
schritt er durch das Tor und schwang sich auf sein Pferd
Gegen Abend kam der Richter aus seinem Hause in den Hof er sah zuerst wie
er gewohnt war nach dem Stand der Sonne an der Tür des Stalles fuhr er zurück
doch bezwang er sich und trat hinein Schweigend betrachtete er die fremden
Rosse denen der junge Knecht das Futter schwang »Woher kam der Braune in
unsere Täler« fragte er endlich den Knecht
»Aus dem Heiligen Lande« antwortete dieser unterwürfig
»Du aber stammst wenn ich deine Sprache richtig erkenne aus Thüringen
Hast du einen Vater und wo lebt er«
»Mein Vater war ein Schmied von der Naumburg die Eltern starben an der
Pest da nahm mich mein Herr Arnfried aus dem leeren Hause und zog mich bei der
Bruderschaft auf«
»Ich hoffe er war strenge gegen dich«
»Er ist gut wie ein Engel des Himmels aber der Orden ist streng« versetzte
der Jüngling mit weicher Stimme
»Ich denke mirs« sprach der Richter zu sich selbst »darum gefielen mir
die Männer Ist jener der bei dem Kranken sitzt dein Herr Arnfried«
»Nein Herr« antwortete der Knecht »der andere wars welcher mit Euch am
Tore sprach er ritt von dannen Der jetzt am Lager wacht ist Bruder Gottfried
der von den Sarazenen stammt«
Der Richter sah verwundert auf das Pferd »Lass mich seinen Braunen von vorn
sehen« Er schüttelte den Kopf und schritt nach der Gastwohnung
Der Bruder grüßte vom Lager des Verwundeten mit einer Handbewegung und
wandte sich wieder dem Kranken zu Der Richter aber setzte sich abseits und
bedeckte das Gesicht mit der Hand Als der Kranke einmal stöhnte richtete er
sich auf und betrachtete das dunkle Antlitz und den schwarzen gekräuselten Bart
des Bruders welcher die Lippen des Liegenden mit einem Trank anfeuchtete und
vorsichtig die Decke zurechtrückte »Fremdländisch ist Euer Ross und fremd seid
Ihr selbst ich hoffe Ihr seid ein Christ«
Der Bruder antwortete das Haupt neigend mit fremder Betonung »Ich glaube
an Gott den Vater den Sohn und den Heiligen Geist und sie sind eins und in
gleicher Hoheit anzubeten«
Der Kranke seufzte und machte eine Bewegung der Richter schlug sein Kreuz
und sprach »So sind auch wir im Glauben gelehrt Von Euch aber vernahm ich dass
Ihr aus der Heidenschaft stammt gibt es bei Euch Söhne die ihren Vätern
ungehorsam sind«
»Auch dort ist ein Gesetz dass der Sohn den Vater ehre solange dieser lebt
und wenn er getötet wird seinen Tod an dem Feinde räche«
»Habt auch Ihr so gehandelt gegen Euren Vater«
Der Bruder wies auf sein Haupt an welchem eine rote Narbe vom Scheitel nach
der Stirn herablief »Ein Edler meines eigenen Stammes erschlug meinen Vater
Ich nahm an seinem Leben die Rache und verfiel darum den Schwertern seiner
Blutgenossen Als ich mit solchen Wunden in der Sonne lag fanden mich die
Brüder in ihrem Hause erwachte ich zum Leben seitdem diene ich ihnen«
Der Richter nickte beistimmend »Ich merke Ihr seid ein treuer Bruder Ein
geistliches Leben führt Ihr aber anders als unsere Mönche und Pfaffen denn
ganz verdorben sind diese nur auf Wohlleben denken sie auf kostbare Gewänder
und schöne Weiber und ich sorge kraftlos sind ihre Gebete für uns Laien Für
den Reichen beten sie aus Habgier um den kleinen Mann kümmern sie sich wenig
Doch vernahm ich dass jetzt allerlei neue Brüder in das Land kommen welche als
armselige Leute leben sich ihre eigene Kost an den Türen betteln und am
liebsten für die armen Laien beten Ich denke auch Ihr gehört zu diesen
Bittenden«
Der Bruder erhob stolz das Haupt »Ich bin ein Krieger und kein Bettelmönch
ich diene nur durch gute Werke im Hospital oder mit den Waffen auf dem
Schlachtfeld«
»Und wer sind Eure Feinde«
»Die der Meister uns nennt«
Der Richter schüttelte sein weißes Haupt aber er blieb sitzen bis er
draußen den Peitschenschlag seiner heimkehrenden Knechte hörte Nach
Sonnenuntergang kam er zurück begleitet von seiner Tochter welche den Tisch
mit einem weißen Tuch bedeckte und kräftige Kost aufsetzte der Alte selbst
brachte eine Kanne vom besten Bier das er in seinem Keller bewahrte stellte
sie vor den Gast und schüttelte wieder das Haupt als dieser sich mit wenigen
Bissen begnügte und auch dem starken Trunk nicht volle Ehre erwies Eine
stämmige Magd trug dem Fremden Streu in eine Ecke und breitete darüber das
Polster die Decke und ein weiches Kopfkissen Der Richter blieb schweigend auf
seinem Schemel endlich begann er »Gedenket der Ruhe Bruder« und als der
Sarazene auf den Kranken wies fuhr er fort »Sagt mir was ich diesem tun soll
Denn ruhelos ist für mich die Nacht und ich sorge wenn ich allein liege werde
ich einem fluchen der nicht hier ist Darum lasst mich an Eurer Stelle sitzen
Fremder Ihr seid Eurem Vater treu gewesen bis über den Tod darum sollt Ihr
jetzt schlafen und ein armer Vater will statt Eurer wachen«
Der Bruder sah ihn dankend an und gab in wenigen Worten die Anweisung Dann
sprach er am Lager kniend leise die Gebete und schob bevor er sich
ausstreckte das weiche Kopfkissen welches ihm nicht erlaubt war beiseite Der
Richter aber saß bei dem Kranken und starrte auf das hagere Gesicht des
Liegenden der zuweilen zuckte und stöhnte So durchwachte der Alte die Nacht
zuweilen aufgerichtet mit finsterer Miene und geballter Faust dann wieder mit
gebeugtem Haupt und gefalteten Händen
Ivo hatte sich mit kurzem Abschied von den Bärtigen getrennt und zog in
seiner lustigen Schar dahin Aber er nahm nicht teil an der geräuschvollen
Fröhlichkeit der anderen Dem hochherzigen Manne waren die harten Reden des
alten Bauern und seiner Tochter lästiger als er irgend jemandem gestanden
hätte auch das Unglück des Knaben Bertold beschwerte ihm den Sinn Seit der
Kinderzeit hatten ihn die Tränen welche andere in seiner Nähe vergossen
beunruhigt manchem Knechte hatte er die verdiente Strafe abgebeten und dem
Traurigen heimlich gute Bissen zugetragen Auch Friderun bewahrte in ihrer Lade
ein Geschenk das er ihr als Knabe aus gutem Herzen gemacht hatte eine bunte
Holzpuppe welche ein lustiges Männlein vorstellte Zog man an einem Faden so
bewegte das Närrchen den Kopf und die Arme Ivos Mutter hatte es einst dem Sohne
von Erfurt mitgebracht und der ganze Hof hatte sich gefreut wenn der Knabe mit
dem Gaukelmann spielte und aus dem Stegreif possierliche Worte dazu sprach wie
er sie von fahrenden Leuten gehört hatte Gerade damals war die kleine Friderun
nach dem Tode ihrer eigenen Mutter auf den Hof gebracht worden weil die
Edelfrau ihre Pate war das Kind saß in einer Ecke bangte sich unter der
fremden Umgebung und weinte als wollte ihm das kleine Herz brechen Da ging Ivo
leise zu ihr und legte sein Spielzeug in ihren Schoss Das Geschenk hatte sie
auch ein wenig getröstet nicht sowohl wegen des närrischen Gesichtes als
deshalb weil ihr die gute Meinung des Knaben wohltat und die Mutter welche
von ihrem Ehrensitz die Kinder beobachtete hatte genickt und dem Mädchen
erlaubt das Bild zu behalten Heut wo Ivo die Jungfrau in Tränen gesehen
hatte musste er immer wieder an jenen Tag denken an dem das fremde Kind mit
seinen großen Augen so verstört zu den Füßen der Mutter gesessen hatte Er
fühlte ihr Leid mit wie damals als Knabe und ihm war als müsste er ihr etwas
recht Gutes erweisen Doch er selbst hatte ihr den Bruder aus dem Hause
getrieben und er hatte Schuld an den Tränen die sie heut weinte Vergebens
spornte er sein Ross um der schwächlichen Gedanken ledig zu werden
Henner aber der seinen Herrn nicht aus den Augen ließ sprach bekümmert zu
seinem Genossen Lutz »Ich sorge um ihn er ist triste und pensant er sieht
müde aus er hat heimliche Maladei Die Bärtigen und die Bauern haben ihm seine
Kraft gemindert und er wird sie jetzt mehr brauchen als zuvor Denn wisst
Kumpan wir sind seither fast nur gegen gute Gesellen geritten die außer der
Ehre nur den Ring begehrten Jetzt kommen wir unter die Erzbischöflichen von
Erfurt und werden mit den Grafen von Gleichen und ihren Dienstmannen
zusammenstossen von denen viele einen alten Groll gegen uns bewahren harte
Rennen stehen uns bevor ungefüge Speere und böse Absicht welche unserm Herrn
den Mairitt verderben möchte Strengt Euren Witz an dass wir erfinden was ihn
wild macht denn zu hurtigem Rennen gehört ein ganzer Mann und ein scharfer
Wille sonst helfen nicht starker Rücken nicht feste Schenkel«
»Ich habe ihm die zwei besten Pferde gespart« tröstete der ruhige Lutz
»auf den Fuchs kann er sich verlassen«
»Aber nicht auf sich selbst« entgegnete Henner »Alle guten Geister mir
ahnte dass uns Unheil bevorsteht Dort hält der Rettbacher am Wege der alte
Rennteufel bringt uns heut in Not«
»Er kommt nicht um zu stechen er ist ganz allein«
»Er kommt zu spähen und sinnt Arges Reitet flugs zu den Knechten welche
die Pferde führen und leidet nicht dass er sich an die Tiere herandrängt«
»Guten Tag Henner« grüßte der Rettbacher ein stämmiger Mann mit einem
Stiernacken kurzem Oberleib und starken Schenkeln der im Lande für einen der
gewaltigsten Speerkämpfer galt und ein Schrecken in den Rennbahnen war weil er
sich wenig um die Ehre aber sehr um die Kampfbeute kümmerte »Ein schöner Zug«
fuhr er fort »ich sehe viele Hufe die Ihr dem Sieger als Preis gestellt habt
Wieviel mögen ihrer wohl sein«
»Gewinnt den Preis und Ihr könnt sie gemächlich zählen« spottete Henner
»Doch ich sehe dass Ihr ohne Speer kommt«
»Vielleicht reite ich doch« lachte der andere schlau
»Dann rüstet Euch wir haben nicht weit bis zur nächsten Raststelle«
»Sie liegt einsam im Felde« versetzte der Rettbacher »Manchem wird lieber
sein vor einer großen Menge zu stechen Auf der Heide könnte es dem Sieger
schwer werden Euch von den Rossen zu heben und aus den Rüstungen zu schälen«
»Was wollt Ihr damit sagen Ihr Kobold«
»Nichts gegen Eure Ehre Henner Doch Vorsicht ist gut Nicht jedermann hat
aus Eurer Aufforderung verstanden ob auch die Rüstungen und Rosse der
Dienstmannen in den Preis gestellt sind oder nur die des Herrn und seiner
Knechte«
»Nehmt an dass der Sieger alles erhält was unter dem Wappenzeichen unseres
Hofes reitet«
»Herr Ivo handelt immer großartig Gebt Ihr die Beute selbst oder zahlt Ihr
den Wert in Geld«
»Wie dem Sieger beliebt« antwortete Henner unwillig
»Schätzt der Sieger nach eigenem Ermessen«
»Ihr wisst ja selbst dass er das Recht hat« rief Henner noch zorniger
»So ists in Ordnung« bestätigte der andere und sah mit Luchsaugen auf die
vorbeischreitenden Pferde »Da ist ja auch der Fuchs« sagte er nachdenklich und
ritt heran
»Zurück Wilhelm oder Euer Pferd macht einen Bocksprung ins Grüne« rief
Lutz den Zudringlichen mit der Speerstange abtreibend »wir leiden nicht dass
eine Bremse um die Ohren unserer Rosse summt«
»Vorsicht ist immer gut« wiederholte der Ritter ungerührt durch den
Verweis »Die Zahl stimmt mit meiner Rechnung Eure letzte Rast haltet Ihr ja
wohl in Erfurt«
»Habt Ihr gezählt Dann beeilt Euch heut die Beute heimzutreiben« höhnte
Henner »denn morgen würde die Zahl nicht stimmen«
»So« brummte der Rettbacher »ich verstehe Ihr wollt heut noch in Euren
Hof führen was Ihr morgen nicht gebraucht«
»Dürfen wir den Erfurtern weniger Pferde zeigen als den Bauern im Lande
Unser Herr denkt weit anders wir hoffen morgen mehr und Besseres zu weisen
als Ihr hier seht Meint Ihr dass wir unsere besten Pferde wie Rosstäuscher durch
das Land führen«
»Euer Fuchs ist doch hier« bemerkte Rettbacher
»Es ist wohl möglich dass der morgen Ruhe hat Den Stolz des Stalles hebt
jeder für das Ende auf Die vier Pferde welche uns morgen zugeführt werden
findet Ihr nicht im Zuge«
»Vier« fragte der Schlaue »Wir haben doch nichts von neuen Rennpferden bei
Euch gehört«
»Wir wissen einen Vorteil geheim zu bewahren« versetzte Henner
»Ihr seid nicht von gestern« schloss der Rettbacher achtungsvoll »Also
vier Gute Fahrt Herr vielleicht sehen wir uns wieder« Und er trabte mit
kurzem Gruß nach Erfurt zu
»Was wollt ihr mit den vier Pferden« fragte Lutz neugierig
»Vielleicht meine ich die Gäule welche uns den Hafer nach Erfurt schaffen«
lachte Henner »Merkt auf Lutz er wollte heut abend gegen uns reiten und es
ist wohl möglich dass unsere Feinde ihm allein die drei Speere gelassen hätten
Unser Herr aber darf heute diesem alten Stossvogel nicht im Kampfe begegnen
sonst erleben wir Malheur Über Nacht findet Ivo wohl sein Vertrauen wieder und
morgen ist großes Gedränge da muss der Habgierige sich mit einem Speer begnügen
deshalb habe ich ihm die Beute die er sich bereits gezählt hat so stattlich
gemehrt«
So geschah es Der kluge Henner wusste bei dem letzten Rasten seinem Herrn
leichten Kampf zu verschaffen die Schwäche Ivos ging vorüber Am nächsten
Morgen freute sich der Marschalk über das Feuer mit welchem er in den Sattel
sprang und über die Gewalt der Stöße welche er austeilte
Der Herrin Dank
Eine halbe Wegstunde von Erfurt waren auf großer Wiese die starken Pfähle der
Turnierschranken errichtet und durch Querriegel verbunden mit zwei Eingängen
auf den entgegengesetzten Seiten Der freie Raum ringsumher stieg allmählich zu
den bewaldeten Höhen Dort standen unter den ersten Bäumen die buntfarbigen
Zelte der Kämpfenden wo ein Edler sich gelagert hatte wehte ein Banner mit
seinen Farben und Wappenzeichen bei jedem Zelte stampften Rennpferde und
drängten sich buntgekleidete Knechte Spielleute und neugierige Zuschauer
Dazwischen hatten die Erfurter Buden und Tische aufgestellt in denen sie Speise
und Trank feilboten hier und da war in Holzhütten ein Herd errichtet mit dem
Blasebalg und die Schmiede warteten mit ihren Hämmern am Amboss um an Rüstungen
und Hufbeschlag ihre Kunst zu erweisen Zwischen dem Waldesrand und den
Schranken trieben sich Städter und Dorfleute umher zu Fuß und zu Ross viele
waren aus großer Entfernung aufgebrochen und hatten die Nacht bei Bekannten in
der Nähe oder gar im Freien am flammenden Feuer zugebracht Lange vor Beginn des
Festes schallte der Lärm zum Himmel die Sänger welche die Fahrt begleitet
hatten sangen von den Taten ihrer Helden die Geiger spielten lustige Reigen
Rosse wieherten die Verkäufer luden schreiend zu ihren Buden die Menge
schwatzte und lachte um jeden der Bescheid wusste sammelte sich ein Haufe
Neugieriger der sich die Wappen und Namen der Ritter erklären ließ und seine
Vermutungen über das Glück der einzelnen austauschte
Während Herr Godwin mit seinen Knechten in den Schranken umherritt
dieselben von Knaben und vorwitzigem Volk frei zu halten standen die fahrenden
Leute welche als Turniergehilfen der Kämpfer in Sold genommen waren in großen
Haufen unweit der Eingänge denn als Helfer der Knappen mussten sie sich in das
Gewühl der Männer und Rosse werfen um Geworfene zu retten Speertrümmer aus dem
Wege räumen Speere aufzuheben kleine Schäden an Riemzeug und Rüstung zu
bessern und sie taten dies nicht stillschweigend sondern mit Geschrei Die
Übung half ihnen aalgleich wussten sie sich zwischen den Reitern und unter den
Rossen durchzuwinden wenn aber einer von ihnen getreten und verwundet wurde
hatte er den Schaden und geringen Dank
Unterdes trugen in Erfurt die Knappen der Ritter welche an dem Turnier
teilnehmen wollten die Schilde anmeldend nach der Herberge in welcher der alte
Graf von Orlamünde als erwählter Turnierrichter saß Durch ihn wurden die
Kämpfer in zwei Parteien geteilt und nach ihrem Wunsch entweder Herrn Henner
oder einem Dienstmann der Grafen von Gleichen zugewiesen Denn Markwart von
Gleichen hatte die Führung der Gegner übernommen und alle welche dem Herrn Ivo
abgeneigt waren oder ihre Kraft gegen die Herausforderer versuchen wollten
sammelten sich unter seinem Banner Die Mehrzahl der Kämpfer aber ging zur Messe
und tat heimliche Gelübde für einen guten Ausgang denn der Kampf im Turnier
bedrohte mit weit größerer Gefahr als das Speerrennen der einzelnen Wer in die
Hände der Gegner fiel oder gar vom Ross geschleudert wurde der hatte schlechte
Behandlung und Schaden an Leben und Gliedern zu besorgen
Lange harrten die Zuschauer auf dem Rennplatz endlich klangen die Posaunen
und vier Scharen Geharnischter sprengten mit geschlossenen Helmen auf der Straße
heran jede gefolgt von ihren Knappen Die Kämpfer im Helm hielten von den
Marschällen geführt durch die beiden Tore ihren Einritt es waren im ganzen
etwa achtzig Speere welche sich so aufstellten dass die Herausforderer den
Osten und Süden die Gegner den Norden und Westen des umhegten Raumes erhielten
die gegenüberstehenden hatten abwechselnd gegeneinander zu reiten Wer den Speer
verstochen hatte oder wer sich an die Schranken drängen ließ galt für wehrlos
und durfte nach Turnierrecht durch Schläge gezwungen werden den Helm abzubinden
und sich gefangenzugeben Ross und Rüstung verfielen dem Sieger
Die vier Scharen ordneten sich jede in zwei Glieder die Partei Ivos
kenntlich durch einen weißen Schleier die Gegner durch ein Tannenreis an den
Helmen Als die Herren so hielten und die Rosse schnoben und stampften da
dachten die Zuschauer mit Stolz daran dass sie die Blüte ihres Adels und der
waffentüchtigen Helden vor sich sahen im Heergewande in ihrem schönsten
Kriegerschmuck die großen Helme zum Teil bemalt mit den Wappenfarben bei
manchen Edlen gekrönt durch einen Aufsatz der ein geschnjetztes Wappentier wies
einen Fächer einen Mohrenkopf oder was sonst den Herren als Zierat gefiel Die
Holzschilde mit schwarzem grauem oder weißem Pelzwerk überzogen und zuweilen
mit dem Wappenzeichen versehen die langen Gewänder über Rüstung und Ross von
farbigem Stoff mit Bildern geschmückt waren den Leuten ein prachtvoller
Anblick
Posaunen und Pfeifen erklangen das Kampfspiel begann Ivo ritt mit seinem
Haufen in schnellstem Lauf gegen die Schar des Grafen Markwart von Gleichen die
ihm entgegensprengte um den Anprall nicht stehenden Fußes zu erwarten Laut
krachten die Speere des ersten Gliedes in jeder Schar die Trümmer sanken zu
Boden und im Nu fuhr das zweite Glied durch die Zwischenräume des ersten in den
Vorkampf damit die speerlosen Genossen Zeit erhielten von den Knappen welche
sich in das Gewühl stürzten neue Speere zu empfangen Mit diesen Waffen drängte
wer von der ersten Reihe freie Hand behielt wieder den Genossen nach um die
Reihen der Gegner zu durchbrechen und die Hintersten des feindlichen Haufens an
die Schranken zu drücken Ein wildes Getümmel erhob sich von allen Seiten
ertönte der Schlachtruf und das Geschrei nach Speeren und an der einen Seite
des Kampfplatzes wogte ein unsägliches wirres Durcheinander von Rossen und
Menschenleibern Auch die Zuschauer schrien und jauchzten in wilder Aufregung
bis sich die beiden kämpfenden Scharen nach den entgegengesetzten Seiten der
Schranken auseinanderzogen während ihre Gefangenen von den Knappen gewaltsam
aus der Umfriedung gezerrt wurden Jetzt sprangen die fahrenden Leute in den
Rennplatz und säuberten ihn von dem gebrochenen Holze und den gestürzten Rossen
die sich nicht aufzurichten vermochten Wieder rief die Posaune die beiden
anderen Scharen welche gegenüber hielten rannten ebenso wie die ersten
zusammen unterdes zogen sich die Kämpfer des ersten Rennens hinter ihnen auf
den früheren Stand In solcher Weise wurde viermal gerannt damit jede der
Scharen ihren langen Anlauf erhielt Dann erhob sich nach einer Pause in
welcher nur einzelne gegeneinander ritten ein allgemeiner Kampf der beiden
Parteien Die Zahl der Streitenden war kleiner geworden aber der Eifer
gestiegen die Reihenfolge im Abritt war nicht mehr zu bewahren auch der
Zusammenhalt der Scharen wurde gelockert von allen Seiten stießen die Wilden
nach der Mitte und suchten sich die Gegner welche ihnen am leidigsten waren
immer schärfer gellten die Rufe der Kämpfenden die Pfeifen und Posaunen schrien
dazwischen und gleich dem Gebrüll empörter Meereswogen tönte Zuruf
Jubelgeschrei und Klage der Schauenden um das sinnbetörende Schauspiel Der
Rettbacher stieß mit Henner zusammen »Wo sind Eure neuen Rosse« schrie er
sein Pferd zum Anlauf wendend »Am Heuwagen« rief Henner zurück »hütet Euch
dass Ihr heut Euren Gaul bewahrt« Und sie stießen zusammen wie zwei Felsblöcke
welche gegeneinander geschleudert werden beide blieben unbewegt sitzen und
beiden kamen die nächsten Genossen zu Hilfe während sie sich neue Waffen
suchend dem Getümmel zu entziehen suchten Aber die von Ingersleben waren
zahlreicher Lutz schleuderte mit seinem Rosse die herzueilenden Knappen des
Rettbachers zur Seite und der Waffenlose musste indem er unablässig nach einem
Speer schrie den Rücken wenden und durch die Windungen seines Pferdes den
Verfolgern zu entrinnen suchen welche ihn den Schranken näher trieben
Unterdes blieben die Führer im dichten Kampfgewühl denn um beide scharten
sich am engsten die Genossen weil die Ehre der Partei daranhing dass ihr
Vorkämpfer nicht gefangen wurde »Gebt Raum« rief Ivo den zugereichten Speer
einlegend »jetzt bring ichs zum Ende« und er fuhr mit so gewaltigem
Rosssprunge auf Herrn Markwart zu dass diesem das Tier auf das Hinterteil gesetzt
wurde und mit dem Ritter zu Boden rollte Hilflos lag der Graf unter dem Rosse
und um ihn begann das Stoßen und Zerren so dass die Zuschauer in dem tollen
Gewirr nichts deutlich erkannten nur einen Strudel von Helmen und Rosshäuptern
der sich kreisend um den unsichtbaren Mittelpunkt bewegte Aber die Mannen von
Ingersleben drängten mit ihren Speeren dicht um den liegenden Grafen und Ivo
rief ihm zu »Nur das Wappenbild auf Eurem Gewande begehre ich Gebt Euch Graf
Markwart damit meine Knaben Euch nicht die Arme schnüren« Der Betäubte
vermochte kaum zum Zeichen der Ergebung die Hand zu heben Ivo sprang herab
löste ihm die Schnur des Helms und half ihm auf das zitternde Ross aber die
behende Schere seines Knappen hatte dem Gefallenen bereits den seidenen Überwurf
gekürzt
Da gab der Kampfrichter den Bläsern ein Zeichen das Ende auszurufen Wer
nach dem letzten Posaunenton noch weiterkämpfte verlor seine Rüstung darum
schwand allmählich das Getöse die Kämpfer banden ihre Helme ab und suchten ihre
Stelle in den geminderten Haufen Ivo aber sprengte mit entblösstem Haupt in die
Mitte des Raumes rief den Teilnehmern am Turnier seinen Dank aus und zog dann
langsam mit seiner Schar in den Schranken umher während der Beifallsruf der
Zuschauer wie Donner erklang Die Gefangenen entließ er soweit er Macht über
sie hatte ohne Lösegeld
Es war ein kleines aber ruhmvolles Turnier Die Gegner Ivos hatten den
größten Verlust an geworfenen Helden wie an zerbrochenen Rippen und die
Erfurter rühmten als besonderen Zufall dass kaum zwei gefährlich verwundet
waren Nur die Beutelustigen grollten dem Sieger weil er das Waffenspiel allein
auf Speere und nicht auch auf die stumpfen Schwerter eingerichtet hatte welche
sonst nach dem Speerkampf geschwungen wurden und reichlicher zu Gefangenen
verhalfen Ganz unzufrieden war der Rettbacher denn die Herren von Ingersleben
hatten ihn gefangen und weil er sich sträubte mit Riemen geschnürt
Am Abend lag Ivo müde auf seinem Lager Henner hatte sich nicht nehmen
lassen den Herrn eigenhändig mit wohlriechendem Öle zu salben er umhüllte ihn
sorglich mit der weichen Decke und mahnte »Gönnt Euch die Ruhe Nie wurden
Stöße ruhmvoller empfangen und die Anstrengung dieser Tage war größer als wohl
ein anderer Mann ertrüge«
»Wahrlich« lachte Ivo sich mühsam ausstreckend »an den Blumen rühmen wir
im Liede die Farben Rot Blau und Braun aber auf der Haut bereiten sie nicht
das größte Behagen«
Unterdes kniete Nikolaus auf dem Boden und breitete vor dem Herrn den Gewinn
des Kampfes die bunten Stücke Tuch und Pelzwerk aus er rief dabei noch
begeisterter als der Marschalk »Das Leid währte nicht lange denn nicht ein
Finger wurde gebrochen und selig preisen wir den Helden der dafür Ruhm in
allen Landen davonträgt Es wird ein Mantel den eine Königin mit Stolz tragen
kann oben das weiche Pelzwerk und unten die wilden Tiere und in der Mitte die
ganze Herrlichkeit des Himmels Sonne Mond und Sterne« Und er summte vor sich
hin
»Non leo rugiens neve bos mugiens
nec hircus hinniens cornibus quatiens
insanit totiens quam miles saliens dominae serviens6«
Henner verließ das Zelt mit einem argwöhnischen Blick auf den Schüler und Ivo
sprach müde zu Nikolaus »Sage mir was du lateinisch gesungen hast«
Die Miene des Schülers änderte sich als er mit Ivo allein war und an das
Bette tretend antwortete er nicht wie ein Dienender sondern wie ein Sänger
der zu seinem Genossen redet »Es gibt nichts auf Erden was sich solchem
Ritterspiel vergleichen lässt als der Kampf zweier Stiere auf dem Anger oder
auch zweier übermütiger Böcke wenn sie mit den Hörnern zusammenschlagen Um
fünfzehn Lappen Zindel und Perkan habt Ihr Euch fünfzehn Todfeinde gemacht seid
sicher sie werdens Euch nachtragen«
»Mögen sie« versetzte Ivo gleichgültig »nicht alle bewahren ihre Tücke so
dauerhaft als du und wenn sie es tun so weißt du auch dass ich wenig danach
frage«
»Nur eines mindert Euren Ruhm« fuhr Nikolaus fort »dass Ihr mit ziemlich
heiler Haut davongekommen seid weit ritterlicher wäre es wenn Ihr wenigstens
ein Bein gebrochen hättet«
»Ich bin dir dankbar für die guten Wünsche«
»Nicht ich denke so denn das Schicksal hat mich davor bewahrt ein Reiter
zu werden aber Euresgleichen hegt solche Gedanken Es ist Art der Welt Herr
die Liebenden zu bewundern wenn sie Unglück haben Der junge Held Leander
schwamm zu seiner Herrin Hero über ein großes Wasser wäre er nicht ertrunken
so würde kein Hahn nach ihm krähen Jetzt rühmen die Sänger in allen Landen
seinen Heldenmut So würden auch Euch die Frauen lieblicher zulächeln wenn Ihr
wenigstens halbtot am Boden liegen wolltet denn das brächte ihnen mehr Ehre«
»Eine weiß dass mir wenig am Leben gelegen ist« versetzte Ivo lachend
»Wäre es noch auf dem Wege zur Herrin oder lieber von ihr« antwortete der
Schüler »Aber für ein Gewand das Leben zu wagen solcher Dienst ist nicht nach
meinem Sinn«
»Nein« murmelte Ivo »sonst wärest du schwerlich ein fahrender Schüler«
»Was kann ich dafür« fragte Nikolaus »Jedes Geschöpf hat seine eigene
Natur und ich bin nicht in die Welt gesetzt um mit Schwert und Spieß zu
hantieren Das merkte ich neulich als Ritter Konz und die Dorfknaben ihre
Schwerter gegen mich zogen und die Magd Friderun dazwischensprang Mich
ängstigte das kalte Eisen dennoch freute ich mich über das Weib denn sie
achtete um meinetwillen die Schwerter weniger als Rohrhalme«
»Um meinetwillen« wiederholte Ivo aus seiner Mattigkeit erwachend
»Ja Herr« versetzte der Schüler »ich hoffe dass sie mir wohlwill und
wenn mir einmal besseres Glück zuteil werden sollte so denke ich sie als meine
Hausfrau heimzuführen«
Ivo richtete sich auf »Du« fragte er kalt
»Warum nicht Jedermann denkt in der Stille gut von sich und rechnet auf
besseres Glück« Und wieder an das Bett tretend fuhr er eifrig fort »Ich weiß
auch Ihr achtet mich im Grunde nicht viel mehr als Eure Ritter tun die einen
leeren Kopf in dickem Eisentopfe verstecken Und trüget Ihr Euren Rittergurt
gerade so wie die andern ich würde Euch nicht lange dafür danken dass Ihr mich
aus dem Schnee gehoben habt sondern ich würde meinen Stab weitersetzen und das
Zauberweib Fortuna anflehen dass sie mir anderswo ein Unterkommen bereite am
Küchentisch eines lustigen Bischofs oder in einer kalten Schneewehe Aber Herr
obwohl Ihr so fleißig Speere zerstecht dass die Spreizel durch das ganze Land
fliegen so habt Ihr doch andere Gewohnheiten welche ich lieber verehre Wenn
die Nachtigall singt so zwitschert auch in Eurem Herzen ein kleiner Vogel wenn
Ihr einen Notleidenden seht so rötet sich Eure Wange in Mitgefühl wenn Ihr
lacht so klingt das herzlicher als bei den meisten Menschen und es macht auch
andere froh Und nicht zum wenigsten dankbar bin ich Euch deshalb weil Ihr den
Witz habt mich zu ertragen wenn ich rede wie ich denke und weil Ihr einmal
zu mir gesagt habt Nur die Lüge will ich nicht leiden sage mir die Wahrheit
und ich gelobe dir niemals zu zürnen und dir auch Unrecht zu verzeihen solange
ich das vermag Das spracht Ihr Herr und ich tue danach Andere habe ich oft
belogen gegen Euch bin ich ehrlich gewesen Wollt Ihr mich so nicht mehr
dulden so sagt mirs ich laufe von dannen Für Eure Lieder werdet Ihr leicht
einen andern fahrenden Sänger finden der sie Euch zurechtsetzt und im Lande
verbreitet und für Eure vertraute Schreiberei noch eher einen gefälligen
Pfaffen den Ihr durch Eide festbinden könnt«
Ivo streckte den Arm von seinem Lager »Bleibe bei mir Nikolaus«
Der Schüler beugte sich über die Hand und verließ leise das Zimmer Ivo
legte sich seufzend zurück Die Siegesfreude welche er eben noch empfunden
hatte war ihm geschwunden Vergebens mühte er sich das Bild der Herrin
festzuhalten und an die Überraschung zu denken die ihr der Mantel bereiten
werde immer wieder kam ihm das zornige Antlitz des Landmanns vor Augen dem der
Sohn entwichen war und dazwischen hörte er die klagenden Worte der Magd
Friderun Er machte mit der Hand eine heftige Bewegung um die fremden Gedanken
loszuwerden aber sie warfen ihn lange umher bis sie endlich als undeutliche
Traumbilder entschwebten
Einige Tage darauf traten Frau Else und Hedwig aus den Frauengemächern der
Wartburg in den kleinen Hof welcher zu ihrem Gebrauch abgegrenzt war In den
Steinhallen der Burg loderten die Kaminfeuer aber draußen schien die Abendsonne
warm auf den Felsen Der Landgraf war mit großem Heergefolge nach Italien zum
Kaiser gezogen auch Hedwig rüstete sich zur Abreise nach Augsburg an den Hof
des jungen Königs Heinrich wo sie zu weilen pflegte Die Frauen waren allein
nur in einer warmen Mauerecke kauerte das rote Turbantuch über der braunen
Stirn fröstelnd ein stummes Sarazenenmädchen die vertraute Dienerin der
Fremden
Beide stiegen aus dem Hofe einige Stufen hinauf zu einem Söller von
zierlichem Schnitzwerk der oben an die Mauer gefügt war von dort sahen sie
über Felsen und Baumwipfel hinab auf ein enges Tal in welchem die Hirten mit
ihrem Herdenvieh lagerten Durch die stille Luft klangen einzelne Töne der
Sackpfeife wie ein Gruß den das Tal der Höhe zusandte
»Es ist niedrige Kunst die jene dort üben« begann Hedwig »aber fröhlicher
ist ihr Mut als der meine denn hinter vergoldeter Pforte stehe ich in der
Klausur und der Blick ins Freie macht mich traurig Du bist glücklich Else dass
du ohne Wächter mit offenem Antlitz über Berg und Tal ziehen darfst Es ist
lange her seit ich mit meinen Füßen auf offenen Anger trat und für mich Blumen
zum Kranze las«
Nahe vor ihren Füßen ertönte leiser Gesang die Frauen sahen einander an
»Das klingt nicht wie das Lied eines Bauern es ist eine ritterliche Weise«
sagte Hedwig und beugte sich über die Brüstung Unter dem Söller fiel der Fels
steil zur Tiefe Auf einem Vorsprung der kaum dem Stehenden Raum gab lehnte
ein Mann in ärmlicher Tracht dem das Haar wirr um das Gesicht hing einen
großen Filzhut wie ihn die Landfahrer trugen hatte er abgenommen und hielt
ihn nach der Höhe blickend über sich als wollte er eine herabgeworfene Gabe
auffangen »Klimmen bei euch die Bettler mit Lebensgefahr nach Almosen« fragte
Hedwig »Kann ich ihm spenden so tue ichs denn er wagt seinen Hals oder doch
seine heile Haut wenn ihn die Wächter auf der Zinne erblicken« Sie suchte in
der Tasche welche ihr an der Seite hing »Fange auf« rief sie hinab und warf
etwas in den Hut ein undeutlicher Dank wurde gehört dann klang die frühere
Weise fort Während die Frauen lauschten schwebte plötzlich ein dunkler
Gegenstand vor ihnen in der Luft ein Bündel mit Stoff umwickelt sank vor ihre
Füße die Frauen sprangen auf und sahen über die Mauer der Felsblock war leer
der Fremde verschwunden »Ihn deckt der Laubwald wir aber haben ein
Gegengeschenk empfangen« rief Hedwig mutwillig »bücke dich nicht danach
Else wer mag wissen was darin ist«
»Ich sehe silberne Borten glänzen« versetzte Frau Else erstaunt
»Rufen wir eine unserer Frauen dass sie es öffne« Sie klatschte schnell in
die Hände ihre Dienerin flog von der Mauerecke herzu Hedwig gebot ihr in
fremder Sprache Die Dienerin löste die Bänder und entrollte einen bunten
Mantel seltsam aus vielen Stücken zusammengenäht mit allerlei ritterlichen
Zeichen Sternen und Fabeltieren bedeckt Die Landgräfin sah erschrocken darauf
und rang die Hände »Das ist der Mantel den Herr Ivo im Kampfe für seine Herrin
erworben hat«
»Weißt du wer die Herrin ist« fragte Hedwig mit blitzenden Augen
Else neigte wie betäubt das Haupt Wieder machte Hedwig eine heftige
Bewegung die Dienerin raffte den Mantel zusammen »Was soll aus der Speerbeute
werden« fragte sie wieder
»Nie habe ich ihm ein Recht gegeben« klagte Else »nicht durch Wort nicht
durch Miene mir so dreist sein Geschenk zu senden Rein hielt ich mich vor dem
Himmelsherrn und vor meinem lieben Hauswirt«
»Eine andere Frau würde stolz sein so teuer gewonnene Spende zu empfangen«
versetzte Hedwig kalt Frau Else aber stieß mit dem Fuß an das Bündel »Hinweg
damit eine Versuchung erkenne ich die mir der Böse sendet meinem Hausherrn
will ich die Kränkung klagen«
»Willst du Herrn Ivo töten oder deinen Gemahl und vielleicht beide weil ein
Ehrengeschenk über die Mauer geflogen ist welches keine Königin missachten wird
Wahrlich bescheiden und demütig rollte der Bund vor unsere Füße Merke auf
Else kränkt dich das Gewebe so strafe den der es gesandt hat durch Kälte in
Blick und Wort aber mache keinen Mann zum Vertrauten keinen Else denn du
selbst möchtest die Folgen beweinen Von der Gabe die der Werber vor unsere
Füße gesandt hat denke ich dich schnell zu befreien« Sie fragte die stumme
Dienerin »Brennt das Kaminfeuer in meiner Kammer Trag den Bund eilig hinauf
schliess die Tür wirf ihn in die Flammen und harre bis er zu Zunder verbrannt
ist« Und sie fügte einige fremde Worte hinzu
Als das Sarazenenmädchen die Treppe hinaufeilte trat ihr ein Mann in
dunklem Priesterkleide entgegen es war Meister Konrad Er riss das Bündel aus
ihrer Hand und während die Stumme heftig mit den Armen gegen ihn schlug und
misstönendes Geschrei außstieß lüftete er das lose Band sah die Zipfel des
zusammengerollten Tuches und gab es mit finsterer Miene zurück Als das Mädchen
entsprungen war blickte er forschend in die Landschaft hinaus
Unterdes standen die Frauen einander schweigend gegenüber Endlich wies
Hedwig nach einer Esse aus welcher ein dicker Qualm aufstieg »Dort schweben in
braunem Dampfe Greifen und Löwen den Wolken zu« rief sie übermütig »Getilgt
ist der Zauber mit dem der Kühne edle Frauen umstricken wollte Stecht Ihr
wieder einen Mantel zusammen Herr Ivo so sorgt dafür dass er unverbrennbar
werde Sei ruhig Else wären wir Bauernkinder wie die dort unten so würden
wir den Glasring den uns ein kecker Werber an den Finger drückt entweder in
den nächsten Bach werfen oder auch heimlich bewahren und uns fröhlich im Reigen
weiter schwingen Küsse du deinen Trauten um so herzlicher wenn er zur Heimat
kehrt schweig und vergiss Denn wir sind nicht allein dort naht der finstere
Meister der wenig spricht und auf alles merkt und der in diesem Hause mehr
gebietet als einem leichten Herzen frommt«
Konrad verneigte sich gemessen vor den Frauen »Ein Bauer rief klagend in
den Schlosshof dass ihm ein Bär aus den Bergen in seinen Zaun gebrochen sei Herr
Walter rüstet eine Jagd gegen das Untier« Und zu Frau Else tretend fuhr er
leise fort »Was soll mit dem Mantel werden«
Else wies nach der Höhe »Er ist verbrannt mein Vater« Der Meister nickte
zufrieden mit dem Haupt
Als Frau Else sich nach demütigem Gruß dem Hause zugewandt hatte trat
Konrad zu Hedwig die ihn mit zusammengezogenen Brauen erwartete »Entaltet
Euch edle Frau Eure Kunst an meiner Herrin Elisabet zu üben Sie ist seither
unsträflich gewandelt in einer verdorbenen Welt die Unschuld eines Kindes hat
sie sich als Hausfrau und Mutter bewahrt ihr Sinn ist völlig lauter ihre Rede
wahrhaft und sie gleicht einem Engel des Himmels soweit irdischer
Unvollkommenheit solche Hoheit gegönnt ist Ich aber habe vor Gott und den
Heiligen gelobt ihr Gemüt dem Himmel rein zu bewahren wie ich es empfing
Darum rate ich Euch verlockt sie nicht in das weltliche Treiben das Euch die
Seele füllt Denn obgleich ich selbst ein sündiger Mensch bin bei dieser Reinen
will ich stehen wie der Wächter vor dem Paradiese der den Gefallenen wehrt das
Heiligtum zu betreten« Er sprach in großer Bewegung und seine Augen flammten
Hedwig antwortete stolz »Seid Ihr zum Wächter einer Frau gesetzt die in
weltlichen Freuden leben darf so hütet Euch Herr dass Ihr nicht Eifer für den
Glauben nennt was Herrschsucht und Neid gegen andere ist Wisst dass ich unter
den Sündern die Kunst gelernt habe durch die Augen der Menschen in ihr Herz zu
schauen Ich sah zuweilen dass ein Priester ein Weib mit der Geissel zur Nonne
schlug weil er sie anderen Männern nicht gönnen wollte und daran verzweifelte
sie für sich selbst zu gewinnen«
Aus den Augen des Priesters brach ein heißer Blick des Zornes aber er
erblasste und sprach leise »Ich sagte Euch dass ich ein sündiger Mensch bin
Habe ich mit schweren Gedanken zu ringen so wissen meine hohen Fürbitter dass
ich mich selbst mit strenger Busse strafe Ihr aber sprecht nur wie ein böser
Feind von den geheimen Sorgen einer frommen Seele denn Ihr vermögt nichts von
der heiligen Freude zu ahnen die ein Lehrer haben darf über eine Schülerin wie
jene ist Verständet Ihr die Kunst in dem Gemüt anderer zu lesen so würdet Ihr
auch in meinem Herzen erkennen dass ich ein treuer Diener meines Gottes bin und
dass ich keine Schonung übe wo ich Unglauben und Herrschaft des Teufels erkenne
sei der Sünder hoch oder niedrig Landfahrerin oder Fürstin«
»Ihr sprecht zu einer Nichte Eures weltlichen Herrn des Kaisers« versetzte
Hedwig kalt »und zu einer Frau welcher der Heilige Vater selbst ihre
Rechtgläubigkeit bereitwillig bestätigt hat Und ich rate Euch dass Ihr Euer
menschenfreundliches Werk zu Rom beginnt unter den Großen der Kirche denn man
sagt dass Hoffart Geldgier und was Ihr als Sinnenlust und Werke des Teufels
verfolgt nirgend mehr in Blüte stehen als dort«
Sie wandte ihm den Rücken und er sah ihr zornig nach
Die Nacht war gekommen der Vollmond ging am Himmelsgewölbe das wolkenlos
wie ein dunkler Kristall die Erde umschloss Nur hoch über der Burg schwebte eine
schwarze Wolke vielleicht war es der zusammengeballte Dampf eines verkohlten
Gewebes Auf den Höhen und im Tal war kein Windeshauch zu spüren regungslos
starrte das junge Laub an dem Gehölz welches den Fuß des Burgfelsens umgab
Auch der Hof hinter der Mauer lag einsam mit dunklen Schatten und hellen
Lichtern Da klang eine Frauenstimme leise wie ein Hauch von der Mauer herab
»Ein Käuzlein ruft das andere«
Von unten aus dem Schatten des Felsen kam ebenso die Antwort zurück »Dein
Geselle hängt am Steine er hört die Stimme die ihn selig macht das Antlitz
vermag er nicht zu schauen denn dunkler Schatten birgt das Licht deiner Augen
und ich erkenne nicht ob dein Mund mir zulacht«
Und von der Höhe sprachs wieder »Ich aber möchte alle Finsternis der Nacht
über dich decken denn mir bangt um dich und mich ängstet dein Stand auf dem
schmalen Stein Schnell weichen die Schatten der erste Mondenstrahl der auf
dich fällt verrät dich den Wächtern«
»Sorge nicht« antwortete es »grau ist der Stein und grau das Gewand deines
Kauzes Ach eine Lüge war unser Spiel mit dem Käuzlein so klein ist der Raum
der mich von dir trennt und doch fehlen die Flügel auf denen ich mich zu dir
schwinge«
»Harre unten Geselle« flüsterte es »die Späher wachen Ich weiß eine die
ihrem Ritter dankbar ist und die ihre Kappe treu bis zu der Stunde bewahrt wo
sie sich damit umhüllen darf Wisse auch arge Not bereitete das Geschenk
welches zwischen zwei Frauen fiel und nur eine List vermochte es vor dem Feuer
zu retten Wie gefiel dirs mein Kauz als die fremde Frau in der Tafelrunde
eine Geschichte erzählte die wir beide am Baume erlebt Die Heiligen mögen
uns vor einem gleichen Ende bewahren«
»Sinnvoll sprach die Frau denn in dem Astloch fand ich den Brief meines
Gesellen Aber hart war dein Gebot die Augen zu senken«
Oben klang leises Lachen »Arme Schattenvögel sind wir Wenn wir bei
Sonnenlicht gegeneinander blinzen erraten uns die Späher Ich bewahre geduldig
die Kappe ertrage auch du das Geheimnis um meinetwillen«
»Ob ich in deiner Nähe atme« antwortete der Mann »oder ob ich von dir
getrennt bin immer fühle ich den Zauberring den du um meinen Arm gelegt hast
Auch wenn du in der Ferne weilst ist der beste Teil meines Lebens bei dir Und
ich sage dir Herrin ganz wie im Traume wandle ich dahin unablässig schweben
meine Gedanken um den Baum und den Quell an dem ich dich küsste als du noch
frei durch Flur und Hain zogst Alle meine Sinne sind durch deine Macht
gefangen und mir ahnt nicht eher werde ich den Frieden wiederfinden als bis
ich dich an meiner Seite schaue wie einst in seligen Tagen am Quell«
In der Höhe schwiegs erst nach einer Weile hauchte es leise mit bebender
Stimme »Ich aber sorge anders um dich du kindischer Mann auch unter den
Fremden freue ich mich in meinen Gedanken des Geliebten wenn ich dein Lob höre
so pocht mir das Herz und gern sinne ich darüber wie ich alle Herrlichkeit um
dein Haupt sammeln könnte Deinen Ruhm will ich erhöhen und als sieghaften
Helden will ich dich unter deinesgleichen sehen Ich hoffe bald kommt der Tag
wo du dem großen Herrn der Christenheit wert bist vielleicht dass du durch die
Gunst des Kaisers einen Preis gewinnst den du dir wie du sagst am meisten
ersehnst«
»Ungleich ist unsere Liebe« sprach es traurig in der Tiefe »du begehrst
für mich Kampf und Heldentat damit du stolz sein kannst auf einen Ritter der
dir dient Ich aber sehne mich in deine Arme dein holdes Lachen will ich hören
und die süßen Worte die du mir einst in das Ohr sprachst Lade mich dass ich
das Mohrenschloss breche welches dich umschließt und ich will wie hoch die
Mauer auch rage zu dir eindringen dich auf mein Ross heben und meine Beute
behaupten gegen jedermann ja auch gegen Kaiser und Reich Aber tröste mich
nicht mit der Gunst anderer und hoffe nicht Geliebte dass Fremde für meines
Herzens Seligkeit tun werden was wir selbst nicht zu tun vermögen Allein sind
wir beide auf der Welt mit unserer Liebe und nur auf uns selbst dürfen wir
vertrauen« Die Frauenstimme antwortete nicht nur ein Seufzer drang in das Ohr
des Mannes der ernstaft fortfuhr »Bitter und schwer wird mir die Entsagung
in der ich wie ein Mönch lebe und für meine Liebe ist es die härteste Prüfung
dass ich deinen Willen ehre auch wenn du dich mir versagst Wisse du Holde
wenn ich mein Haupt hoch trage unter den Edlen dieses Landes und wenn ich gering
achte was andere mit wilder Begier erfüllt so gewinne ich die Kraft nur darum
weil ich mich würdig halten will für den holden Gruß den ich von deinen Lippen
hoffe und für das Umfangen deiner Arme«
Eine kleine Hand hob sich wie zum Segen über die Mauer »Nicht um
meinetwillen sollst du stolzer sein als deinesgleichen und nicht mir verdankst
du es wenn du dich edler hältst als andere denn du folgst nur dem hohen Sinn
der dir selbst eigen ist Ja du hattest recht den Ehrgeiz zu schelten mit dem
ich dir durch Fremde eine größere Herrschaft bereiten möchte So wie du bist
sollst du dich mir bewahren Glücklich war ich in der Stunde in welcher du dem
Herrn dieser Burg antwortetest du ein hochsinniger Edler einem Begehrlichen
Dass du nicht um Gunst und Lohn der Mächtigen sorgst darum will ich dich lieben
und wie ein Lied in reinem Ton soll dein ganzes Leben erklingen nach deiner
eigenen Art Wehe mir die Schatten schwinden und das Mondenlicht umsäumt
dein bleiches Antlitz Drücke dich an den Felsen und vernimm meinen letzten
Gruß Immer liebe ich dich Selig fühle ich mich in deiner Heimat selten
verging ein Tag wo nicht unter den Frauen dieses Hauses von dir die Rede war
aus der Ferne sah ich die Stätte wo deine Wiege stand und sie zeigten mir den
alten Turm deines Hofes Täglich habe ich dir mit dem Schleier Grüße zugeweht
und deine Liederweise vor den kleinen Vögeln deines Landes gesungen Ist deine
Sehnsucht heiß so wisse auch ich gehe jetzt in das Elend da ich dich meiden
muss«
Von unten hob sich ein Arm in die Höhe vergebens bemüht der Geliebten Hand
zu fassen welche sich nach ihm ausstreckte Da erscholl vom Turme ein
feindlicher Ruf und ein Pfeil flog zwischen den ausgestreckten Armen an den
Felsen »Lebe wohl gedenke mein« flüsterte es noch traurig hinauf Im nächsten
Augenblick glitt die Gestalt eines Mannes abwärts von der Höhe starrten zwei
Frauenaugen angstvoll in die Dämmerung hinab
In harter Zeit
Auf den sonnigen Mai folgte ein regenloser Sommer jeden Tag warf die Sonne
feurige Strahlen auf die trockene Erde Die Obstbäume in den Gärten hatten
überreichlich geblüht jetzt fielen die grünen Früchte welk auf den Boden auf
den Ackerbeeten hatte die Saat wie ein grünes Meer gewogt jetzt sah man graue
Schollen zwischen den ährenlosen Halmen der bunte Blumenteppich der Wiesen war
geschwunden und verbrannt lag der Rasen auf dem Anger und der Heide die Quellen
versiegten in dem Bett der Gebirgsbäche rann die dünne Wasserader kaum sichtbar
zwischen kahlen Steinbänken das Herdenvieh drängte sich hungrig an die
schattigen Ränder des Laubwaldes sogar das grüne Gewand der Bäume hing dünn und
durchsichtig um die Zweige Den Menschen schwand der kecke Sommermut in banger
Sorge um die Zukunft wenn sie über die lechzende Flur sahen auf hungrige
Herden und in leere Scheuern Aber noch war das Schlimmste zurück denn als die
Landleute gerade ihr Werkzeug schärften um die spärliche Ernte einzubringen
barg sich die Sonne hinter dicken Wolkenmassen und der Regen strömte herab
täglich ohne Ende Der Donner krachte und die Blitze zuckten um das Waldgebirge
das Wasser stürzte in Strömen durch die Täler wieviel auch der versengte Boden
einsog der Schwall rauschte doch aus den Ufern übergoss die Felder und wälzte
sich zerstörend durch die Dörfer er hob die Brücken schwemmte Ställe und
Hütten von ihrem Grunde und riss Tiere und Menschen in tollem Strudel abwärts Da
kam der größte Schrecken über das Land ein Gefühl menschlicher Ohnmacht
gegenüber den feindseligen Gewalten der Natur Die Leute liefen zu den
Heiligtümern beteten und taten Gelübde Überall erschienen neue Mönche in
braunen Kutten mit einem rohen Riemen oder Strick gegürtet unter den
Dorflinden und auf den Kirchhöfen der Städte wo sich sonst die Paare im
Reigentanz geschwungen hatten hielten sie ihr kleines Holzkreuz in die Höhe und
schrien den Zorn des Himmels aus mahnten zur Busse und verkündeten die Schrecken
des Jüngsten Gerichts Viele von den armen Laien verzweifelten am Leben die
Trotzigen gesellten sich zu Haufen welche gegen die Höfe der Wohlhabenden die
Fäuste erhoben und auszogen um durch Raub und Einbruch ihrer Not abzuhelfen
die Schwächeren unterlagen dem Mangel und den Seuchen welche sich plötzlich mit
furchtbarer Macht in Stadt und Dorf ausbreiteten Jedermann litt und klagte
auch der Reichste fragte bekümmert wie das Volk die lange Zeit bis zur nächsten
Ernte ertragen werde
Von der Wartburg stieg Frau Else jeden Tag nach Eisenach herab dort loderte
das Feuer in vielen Küchen für welche sie sorgte und vielen hundert
Notleidenden wurde dort täglich die Kost bereitet Aus den Scheuern und Ställen
ihres Gemahls ließ sie herbeifahren was sie vermochte um unter der Aufsicht
des Meister Konrad den Darbenden zu spenden Vergebens mahnte Herr Walter Maß
zu halten und vergebens zürnten die Brüder des Landgrafen dass sie das Gut des
edlen Hauses vergeude ihr Herz war ganz aufgelöst von Angst und Mitleid sie
saß selbst bei den Kranken in den Siechhöfen fastete und büsste in härenem
Gewand um den Zorn des Himmels von ihrer Landschaft abzuwenden dabei grämte
sie sich über die Abwesenheit ihres Gemahls dem seine Kriegsfahrt in Italien
gar nicht glücken wollte
Auch auf dem Hof des Herrn Ivo sah man ernste Gesichter die Ausgaben in der
Maienzeit waren groß gewesen jetzt kamen statt neuer Einnahmen von allen Seiten
Klagen der Vasallen und Notrufe der hörigen Leute In dem eigenen Dorfe welches
seitwärts vom Hofe lag hatten die Bauern in milder Dienstbarkeit gelebt und
sich lange wohlgefühlt jetzt sah Ivo täglich bleiche Kinder und Frauen mit
Herrn Godwin verhandeln und wenn die Armen ihn selbst erblickten so fassten sie
ihm flehend an Hände und Gewand und schrien um Nahrung für sich und für die
letzten Häupter ihres Stalles Er öffnete warmherzig seine Scheuern und mit
Mühe rettete der Kämmerer dem Herrenhofe den notdürftigen Winterbedarf aber was
Ivo auszuteilen vermochte wollte nirgend reichen und oft stand er bei Herrn
Godwin in sorgenvoller Beratung
Zum ersten Male in seinem Leben empfand er bitteres Weh darüber dass er
nicht reicher und mächtiger war und dass er nicht als Herr für andere welche auf
ihn hofften so zu sorgen vermochte wie ihm sein milder Sinn gebot Er dachte
auch zuweilen daran dass jenes Gold welches im Frühling vom Schmiede zu
Fingerringen geschlagen war jetzt manchen aus der letzten Not erlöst hätte
Aber solcher Gedanke erschien ihm wieder als ein Unrecht gegen die Herrin und
er bat sie in der Stille um Verzeihung Nur einmal war er heimlich nach dem
Süden geritten und hatte aus der Höhlung eines Baumes den er kannte einen
Brief geholt daraus wusste er dass auch die geliebte Frau mit schweren Sorgen
rang Deshalb war ihm das Herz selten so leicht dass er nach dem Saitenspiel
griff und Nikolaus der ihm sonst die Lieder schrieb und mit seiner schönen
Stimme vorsang hatte müßige Tage
Oft zog den Schüler der Wunsch Friderun zu sehen nach ihrem Dorfe doch
trotz seiner Dreistigkeit wagte er lange nicht den Hof des Richters zu
betreten denn sein arglistiger Rat hatte das Unglück Bertolds herbeigeführt
er hatte wohl gemerkt dass seit jener Zeit der Verkehr zwischen den Herren von
Ingersleben und dem Hofe des Richters aufgehört hatte und er fürchtete für sich
schnöde Behandlung die ihn anderswo weniger gekümmert hätte Von den Dorfleuten
vernahm er dass der fremde Bruder mit dem schwarzen Bart noch immer bei dem
Richter hauste und dass zu dem einen Kranken ein zweiter gekommen war ein
hilfloser Mann aus dem Orte selbst Um seine Feinde auf der Mühlburg sorgte er
nicht sehr Denn Ritter Konz hatte sich mit Bertold und einigen Knechten dem
Zuge des Landgrafen nach Welschland angeschlossen weil ihm nach seiner
Niederlage ganz lieb war für längere Zeit der Heimat den Rücken zu kehren
Als nun Nikolaus einmal im Spätsommer das Haus des Richters spähend
umkreiste sah er durch die offene Pforte dass Friderun über den Hof nach dem
kleinen Garten schritt Da konnte er sich nicht enthalten ihr nachzuspringen
und er begann verlegen »Guten Tag Magd Friderun Ich wollte sehen ob der
wilde Birnbaum unter dem Ihr steht in diesem traurigen Jahr Früchte trägt Ich
denke wohl daran dass Ihr mich einmal spottend mit einer wilden Birne verglichen
habt die erst geniessbar wird wenn sie Runzeln bekommt und dann auch nicht
sehr Beim lichten Himmel der Baum trägt über und über ich glaube er ist der
einzige in der Welt« Sein Gesicht verklärte sich als Friderun ihm eine
freundliche Antwort gab und sogar fragte wie es während der langen Zeit im
Edelhof ergangen sei Sogleich schnellte sein Selbstgefühl in die Höhe »Ich
habe wenig Gelegenheit dort meine Kunst zu üben auch die behelmten Raubvögel
welche dort sitzen lassen die Flügel hängen und Herr Ivo hat den Gesang fast
verlernt«
Friderun nickte »Er singt Euch zuerst seine Lieder vor weil Ihr selbst ein
Sänger seid«
»Ich helfe ihm auch wenn ihm eine Silbe fehlt oder ein Reim nicht
säuberlich klingt denn er arbeitet liederlich wie Herren pflegen«
»Ist er immer gütig gegen Euch« fragte Friderun schnell
»Fragt lieber ob ich es gegen ihn bin« versetzte Nikolaus übermütig Aber
er bereute zur Stelle diese Worte denn die Augen der Friderun blitzten so
scharf gegen ihn dass er zurücktrat
»Ihr seid in seinem Dienst und Ihr sollt Euch nicht vor Fremden gegen ihn
erheben das ist nicht redlich Nikolaus denn Ihr vermögt seine edle Gesinnung
besser zu verstehen als mancher andere«
»Ihr habt recht« bekannte Nikolaus reuig »doch bedenkt dass auch ich ein
Sänger bin und nicht geringer als er«
»Seid Ihr ihm im Gesänge überlegen« fuhr Friderun mahnend fort »so zeigt
das ihm allein mit Bescheidenheit damit seine Kunst sich mehre«
»Ich spreche auch nur gegen Euch so weil ich Vertrauen zu Euch habe« sagte
Nikolaus und setzte mit stockender Stimme hinzu »Denn glaubt mir vor allen
anderen möchte ich Euch gefallen«
»Euer Handwerk verlangt dass Ihr vielen zu gefallen sucht« antwortete
Friderun freundlicher »und Ihr wisst dass ich Euch zuweilen gerne sehe und Eure
lustigen Reden anhöre« Sie nickte ihm zu und wandte sich abwärts zu den Häusern
der Bienen welche ihr und dem Vater Ehrfurcht bewiesen aber dem Schüler
furchtbar waren
Nikolaus folgte ihr mit den Augen bis ihre Gestalt hinter den Stöcken
verschwand Dann glitt er auf eine Bank barg trübselig seine Augen mit der Hand
und lange Zeit zwitscherten seine kleinen Kumpane im Laube ohne dass er darauf
achtete endlich summte er leise »Die Schwalbe baut aus Lehm ihr Häuselein ich
aber habe keins Wirt und Wirtin fliegen aus und ein ich aber schweife durch
die Welt in Lieb und in Leide allein allein«
Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter er fuhr in die Höhe der
Richter stand vor ihm Der Schüler zwang sich zu sorglosem Ausdruck und suchte
in den Zügen des Alten zu lesen ob dieser ihm Übles sinne aber er sah eine
nachdenkliche und trübe Miene
»Man sagt von Euch Nikolaus dass Ihr weit in der Welt umherkommt und dass
Ihr auch einmal geistlich gewesen seid«
Nikolaus antwortete mit mehr Aufrichtigkeit als er sonst einer forschenden
Frage vergönnte »Ich saß zu Würzburg in der lateinischen Schule und mit
manchem der jetzt als ein stolzer Bischof durch die Länder fährt habe ich
zusammen gelernt Ich war auch zwei Jahre in Paris bei weisen Meistern Und ich
meine nicht vergebens habe ich die Dichter gelesen denn einige Lieder die ich
erdacht habe singen die Schüler noch heut an den lateinischen Bänken«
»Dann sagt mir doch wenn es Euch gefällt warum Ihr ein schweifender
Landfahrer geworden seid statt eines feisten Pfaffen oder Mönches«
»Ich schäme mich der Wahrheit nicht ob Ihr sie glaubt oder bezweifelt«
versetzte der Schüler stolz »ich konnte das Haupt nicht lange demütig beugen
und das Schafskleid tragen ganz zuwider wurde mir ihre Heuchelei und ihre
Falschheit«
»Wir sind nicht gewöhnt an fahrenden Leuten die Wahrhaftigkeit zu loben«
sagte der Alte
»Dennoch dürft Ihr mir glauben Vater Läuft meine Rede auch nicht immer auf
geraden Wegen meine Verachtung kann ich nicht hinter der Zunge bewahren Unser
Herr Christus ging wie die Schrift verkündet demütig zu Fuß und ritt höchstens
auf einem Esel käme er jetzt die Pfaffen in Seide und Purpur würden ihn nicht
als ihren Herrn erkennen«
Der Bauer ergriff kräftig die Hand des Schülers »Ihr sprecht gute Worte
Wir haben Wunderliches an den neuen Mönchen gesehen welche jetzt unter den
Armen predigen Wisst Ihr wie es mit diesen steht«
Vorsichtig versetzte der Schüler »Es sind heilige Männer unter ihnen aber
auch unverschämte Bettler als die Hündlein des Papstes laufen sie spähend und
bellend durch die Christenheit mancher hofft dass sie uns ein neues Heil
bringen zumeist solche denen daran gelegen ist dass der Kasten unseres Vaters
des Papstes mit Geld gefüllt wird«
»Mich dauert das Los der Laien« fuhr der Richter fort »Manchmal rühmen die
Pfaffen dass der Himmelsherr unser Vater sei voll Liebe und Erbarmen und
manchmal scheuchen sie uns mit seinem Zorn und seiner Rache wir aber müssen
dies leiden denn sie allein bewahren die heiligen Bücher in denen wie wir
vernehmen das ganze Gesetz verzeichnet ist und auch die Rechte die wir als
Christen an den Himmel haben Ich muss den selig preisen der selbst die Wahrheit
zu erkunden vermag weil er der Schrift mächtig ist und der heiligen Sprache
und ich möchte wohl von Euch wissen Schüler ob Ihr so glücklich seid«
Nikolaus hob sich und seine Augen glänzten Der Vater des Mädchens welches
er sich ersehnte pries seine Vorzüge und er antwortete schnell »Ich bin der
Schrift kundig und oft habe ich in den heiligen Büchern gelesen nicht nur in
der Schule auch sonst«
Der Richter schwieg lange Zeit und der innere Kampf verriet sich in seinem
Gesicht während er zuweilen forschend auf den Schüler blickte endlich fasste er
die Hand des Erstaunten und führte ihn an seinen Herd »Ich gedenke Euch noch
etwas zu fragen« begann er feierlich »wenn Ihr mir schwören wollt dass Ihr
gegen jedermann schweigt von dem Geheimnis das ich vielleicht bei Euch suche
Wird Euer Sinn und Eure Zunge untreu so wisst dass ich Euch schädlich sein
will wo ich kann und darf«
»Schon andere haben erfahren dass ich Geheimes zu bewahren weiß« antwortete
der Schüler »Und mit Freuden gebe ich Euch den Schwur«
»Ich würde mich lieber offenbaren« sprach der Bauer misstrauisch »wenn Ihr
weniger leichtfertig gelobtet Dennoch muss es sein« Und zögernd fragte er »Ist
es schwer des Lesens kundig zu werden«
»Es ist jahrelange Arbeit für einen Jüngling und einem älteren Manne wird
die Mühe nur selten gedeihen«
»Ich aber will es versuchen vielleicht gönnt mir der große Gott dass ichs
erlange«
Der Schüler frohlockte »Und Ihr wollt dass ichs Euch lehre«
»Wenn Euch das gelingt« versetzte der Richter »so bin ich bereit Euch
ansehnlichen Lohn zu geben Ein gutes Ross oder zwei Rinder sofern Ihr die
begehrt dazu ein neues Gewand Und Ihr sollt solange Ihr mich lehrt an jedem
Sonntag wenn Ihr vorsprecht die beste Kost finden«
»Ich begehre nicht Rosse nicht Gewand« rief Nikolaus feurig »ich will
mich auf den Lohn besinnen Zuvor aber sagt mir noch eins wozu ersehnt Ihr Euch
die schwere Kunst Es ist nicht unnütz dass ich es weiß Denn wollt Ihr Briefe
lesen über Verleihungen und Schenkungen wie ich annehme so sind diese in
lateinischer Sprache geschrieben und es würde Euch wenig frommen wenn Ihr auch
der Schrift kundig wäret Ihr könntet die fremden Worte doch nicht verstehen«
Der Richter antwortete zögernd »Ich begnüge mich wenn ich deutsche Worte
zu lesen vermag«
Nikolaus lachte »In deutscher Mundart aber ist wenig anderes zu finden als
die Lieder und Brieflein welche einander solche zusenden die gerade in Liebe
sind ich denke nicht dass Ihr daran Freude haben könnt oder seid Ihr im
geheimen nach Sagen begierig wie von Herrn Siegfried und von Kaiser Karl Ich
habe niemals bemerkt dass Ihr mir freundlichen Gruß geboten habt wenn ich
einmal vor den Bauern sagte und sang«
»Vielleicht will ich alte Sagen lesen« antwortete der Richter
»Dann wird Euch am besten frommen wenn ich des Sonntags an Eurem Herde das
Saitenspiel rühre oder Euch aus geschriebenem Buche vorsage denn viele haben
meine Kunst darin gerühmt«
»Euren Gesang begehre ich nicht selbst will ich lesen«
Der Schüler sah noch immer erstaunt auf den Alten der in tiefem Ernst vor
ihm stand aber die Hoffnung der Tochter mit gutem Rechte nahe zu sein war ihm
so erfreulich dass er in die dargebotene Hand schlug und fragte »Und wann wollt
Ihr das schwere Werk beginnen«
»Am nächsten Sonntag sobald das junge Volk auf den Anger zum Reigen geht
Ihr habt mir Geheimnis gelobt hütet Euch gegen irgend jemand ein Wort von
unserer Schule zu sprechen
Fragen die Neugierigen so mögen sie erfahren dass Ihr mir alte Urkunden
deutet«
Am Abend saß der Richter neben seiner Tochter am Herdfeuer und sah durch die
Türöffnung schweigend in den dämmrigen Hof auf welchen wieder ein dichter Regen
herabströmte Da begann Friderun »Vater wie soll es werden zwischen uns und
dem Herrn Ivo«
Der Richter strich mit der Hand über die Ecke des Herdes »Es ist aus
zwischen uns Seine Ritter haben deinen Bruder geschlagen als er noch in unserm
Hause war und ich habe dagegen den reisigen Herren unsern Hof gesperrt keiner
von beiden kann das ungeschehen machen«
»Er aber hat sich gegen uns entschuldigt denn der arme Bertold trug in
seinem Unbedacht das Kleid eines fremden Dieners«
»Ist der Bauer schärfer gewesen als der Edle« entgegnete der Alte »und hat
der Edle die bessere Entschuldigung so haben wir den härteren Stolz Vielleicht
tut mir manches Wort leid das ich in meinem Zorne sprach aber einem Edlen
gegenüber bitte ich es niemals weg Das lobte auch der fromme Bruder drüben mit
dem ich neulich den Streit besprach«
»Der Bruder mag ein guter Mann sein« antwortete Friderun lebhaft »aber er
ist ein Mohr und kann nicht Ratgeber werden für die Höfe der Thüringe Dies ist
keine Zeit Vater in welcher redliche Leute einander feindlich den Rücken
zukehren dürfen« Der Richter schwieg und beide hörten auf das Rauschen des
Regens »Ich denke Vater« begann Friderun wieder »wenn Herr Ivo durch unser
Dorf reitet so dürft Ihr am Tore stehen und wenn er Euch zuerst grüßt so
dürft Ihr ihn einladen in Euren Hof zu treten und von den harten Worten
braucht nicht mehr die Rede zu sein«
»Er aber wird ebensowenig anhalten und grüßen« entgegnete der Vater »wie
ich es tun würde«
»Ich will ihn fragen« entschied Friderun »Morgen gehe ich die Nesse hinauf
zur Base nach Frienstädt da will ich am Edelhof vorsprechen wenn Ihr nicht
dawider seid«
»Du« fragte der Vater befremdet »Hüte dich Friderun ein Kind ist mir in
den Ritterburgen geschwunden der Verlust des zweiten wäre ein ärgeres Leid und
könnte traurig enden für dich und mich«
»Sprecht nicht solche Worte Vater« versetzte Friderun ihren Arm um seine
Schulter legend »Ihr wisst recht gut dass Ihr mir vertrauen könnt Ich aber
erkenne dass Euch die Feindschaft mit Herrn Ivo fast ebensoviel Sorge macht wie
mir und was ich tun will ist gut für uns alle darum lasst mich gehen«
Der Alte schwieg und beide saßen wieder nebeneinander am Herde zu ihren
stillen Gedanken knisterte das Feuer und rauschte der Regen
Am nächsten Nachmittage trat Herr Godwin eilig in die Galerie von welcher
Ivo auf die Nebelwolken sah wie sie im Regen über dem Boden sich ballten und
die Niederung mit wogendem Schleier bedeckten »Verzeiht Herr draußen vor der
Brücke steht im Regen eine Magd die einst ein lachender Gast des Hofes war sie
weigert sich einzutreten und doch begehrt sie mit Euch zu reden«
»Das ist Friderun« rief Ivo Hut und Kappe ergreifend
Friderun stand an der Landstraße gehüllt in einen grauen Regenmantel das
Wasser rieselte ihr über Stirn und Wange »Ich wusste Ihr würdet zu mir
herauskommen« begann sie in tiefem Ernst »Bevor ich Euch meine Botschaft sage
möchte ich gern von Euch hören dass Ihr mir wegen der heftigen Worte nicht
zürnt die ich in meinem Schmerze gegen Euch sprach Ich hatte in manchem recht
und zurückdeuten kann ich nichts aber ich hätte Euch nicht so dreist mahnen
sollen«
»Ihr wart durch unsere Schuld in Trauer versetzt« antwortete Ivo
freundlich »Heut aber ist es unrecht dass Ihr in Regen und Wind vor meiner
Schwelle steht«
»Ich darf nicht näher treten an Euer Haus als drei Schritt vom Wege denn
zwischen unserm Hofe und dem Euren ist der Friede geschwunden«
»Kommt Ihr als freundlicher Bote um ihn wiederzubringen so dürft Ihr auch
die Halle besuchen« ermahnte Ivo »im Kamin brennt ein Feuer legt die Hülle
ab denn Ihr gleicht einer Wasserfrau mit triefendem Gewande«
»Das Himmelswasser ist ein guter Freund der Bauern wenn es uns auch dies
Jahr ängstigt es hilft heut unserer Rede denn es mahnt zur Eile Ich komme
Euch zu ersuchen dass Ihr meinem alten Vater nicht nachtragt was er Euch an
rauen Worten gesagt hat«
»Ich habe immer an sein weißes Haar und seinen Verlust gedacht« versetzte
Ivo
Friderun sah ihn dankbar an »Wenn Ihr das nächste Mal durch unser Dorf
reitet ohne Eure Herren so bitte ich haltet an unserm Hoftor und wenn der
Vater in die Pforte tritt so grüßt ihn zuerst weil er ein Greis ist
Vielleicht dankt er Euch und fordert Euch auf einzutreten Dann bitte ich
reitet ein und sitzt an unserm Herde nieder und von dem alten Zorn soll nicht
mehr die Rede sein Denn dem Vater tut manches leid aber sein Stolz ist alt und
der Eure ist jünger Ihr seid der Edle er ist der Freie und da Ihr über ihm
sitzt fühlt er sich leichter beschwert Der Stolz eines wackeren Mannes geht
nach oben und nicht abwärts und deshalb könnt Ihr dem Vater mehr nachgeben als
er Euch ohne dass Eure Ehre gemindert wird«
Ivo überlegte »Ich komme morgen Friderun«
»Ich danke Euch Ivo« rief das Mädchen und in ihren Augen leuchtete so
warme Freude und Rührung dass Ivo hingerissen ihr die Hand entgegenstreckte Sie
aber trat zurück und schlug den nassen Mantel dichter um sich »Ihr werdet
morgen den Vater allein finden denn ich habe auswärts zu tun Lebt wohl Herr
Der Weg in der Niederung ist übergossen ich muss einen Umweg nehmen Der liebe
Gott segne Euch« Sie hob die Hand gegen ihn dann wandte sie sich schnell um
und schritt im Regen auf der Landstraße dahin
Am nächsten Tage hielt Ivo zu derselben Stunde mit seinem Knappen vor dem
Hofe der Alte öffnete die Pforte die Männer tauschten ernstaften Gruß und
der Bauer lud den Edlen ein in seinen Hof zu reiten Bald saßen die Männer am
Herde ihre Gedanken über die Not des Jahres austauschend und Ivo erkannte dass
der verständige Rat des andern auch ihm für die Sorgen seines Hofhaltes nützlich
war Seitdem lenkte er zuweilen wenn er allein ausritt dem Hofe des Richters
zu
Der Winter kam der Frost bändigte den Sturz der Wasser der Sturmwind fegte die
dürren Blätter vom Waldesrand über die missfarbige Flur dann fiel der Schnee in
großen Flocken und barg die spärliche Wintersaat unter seiner weißen Decke Auch
im Hofe Ivos glitzerten die weißen Schneekappen auf den Zinnen der Mauer und auf
dem alten Turme der junge Hofherr sah statt der bunten Sommervögel jetzt
schwarze Krähen um die entblößten Äste schweben und hörte statt des fröhlichen
Liedes der kleinen Hofsänger das Gezänk der Sperlinge welche nach den Körnlein
am Boden pickten Herr Henner hauste in seinem Hofe bei Frau Jutte in der
Wolljacke saß er am Herde und schnitzte seinen Söhnen Armbrust und Pfeile damit
sie sich an den Krähen übten wenn er aber in den Herrenhof kam schritt er in
Pelzrock und Mütze wie ein wohlhabender Landmann Die jüngeren Gesellen des
Hofes ritten zuweilen auf dem Anger wo sie sich mühsam eine Bahn gefegt hatten
und Ritter Lutz zimmerte mit eigener Hand einen Holzschlitten übte zwei Rosse
das leichte Geschirr zu ziehen und freute sich auf den Tag wo er neben seinem
Mädchen über die Flur gleiten werde Nur Herr Godwin sah strenger aus als sonst
und die Hofleute klagten dass er sehr genau war im Zumessen von Getreide und
Küchenkost selbst die Kannen in denen Nikolaus den Würzwein braute wurden
kleiner
Jeden Sonntag trabte der Schüler nach dem Hofe des Richters aber er sah
Friderun selten daheim und fand allmählich langweilig neben dem düstern Alten
zu sitzen dem es gar nicht gelingen wollte die Striche der Buchstaben auf
vorgelegtem Pergament zu unterscheiden obgleich er mit finsterem Eifer darauf
bestand Auch wenn der Schüler vor den Hofleuten sang oder abenteuerliche
Geschichten erzählte wurde ihm schwerer seinen Zuhörern ein herzliches Lachen
abzugewinnen als in der Sommerzeit Der Verkehr zwischen den Höfen der Umgegend
war dürftiger als einst denn jedermann saß mit trübem Mut bei den lodernden
Holzscheiten und wenn die Männer zum Jagdspiess griffen und mit ihren Hunden in
den Bergwald zogen so hatten sie auch dort geringe Freude das Wild war durch
die Ungunst des Jahres ebenso gemindert wie die Herden der Landleute nur die
Wölfe trotteten frech um die Dörfer und wagten sich bei hellem Tag an die Höfe
Die Sonne schien leidlich warm und die Bäume trugen ihren Winterschmuck
die Reifkristalle als Ivo nach längerer Zeit wieder einmal am Hoftor des
Richters hielt Verwundert sah er an dem Nebenhause welches längs der Straße
lag ein Holzschild mit großem schwarzen Kreuze und eine neue Tür welche nach
dem Dorfplatz führte Noch befremdlicher war ihm der Ton einer Geige die aus
dem stillen Hof klang An der Tür des Wohnhauses drängten sich Knechte und
Mägde und in ihrer Mitte sprang eine vermummte Gestalt in einem umgewendeten
Pelzrock mit einer roten Kappe an welcher zwei große Ohren und lange Loden von
Werg befestigt waren Das Ungetüm hob bisweilen die Beine zum Sprunge
begleitete sich aber selbst die wilden Bewegungen durch wohlklingendes
Saitenspiel Als Ivo herantrat wichen die Zuschauer zurück der Vermummte
begrüßte ihn durch lächerliche Verbeugungen und eine Magd des Hofes redete ihn
gewichtig an »Meine Herrin Friderun findet Ihr heut nicht sie ist zur lichten
Himmelsfrau geworden und bereitet sich die Dorfkinder zu besuchen«
In der Mitte des Hausflurs stand Friderun ein weißer Mantel mit glänzenden
Sternen verziert wallte bis zum Boden die Fülle des langen blonden Haares hing
gelöst über den Mantel und umgab ihr Haupt und Leib wie ein goldener Schleier
In solcher Hoheit stand das Mädchen dass Ivo sich unwillkürlich bekreuzigte und
rief »Sei gegrüßt Maria du Stern des Meeres« Auch Friderun empfing seinen
Gruß anders als sonst denn sie gedachte in frommem Sinne dass sie sich zu
halten habe wie einer Himmelsherrin gebührt deshalb neigte sie sich mit
gefalteten Händen ein wenig gegen ihn nur dass sie dabei errötete Doch sogleich
fiel ihr aufs Herz dass er der vor ihr stand ein Gast des Hofes war und sie
fügte vertraulicher hinzu »Der Richter wurde gefordert und ritt mit seinem
Knecht über Land und mir ists zugeteilt den Kindern im Dorfe zu erscheinen
Sonst ging ich in größerem Zuge aber die Könige habe ich dies Jahr gebeten
wegzubleiben weil einer von ihnen fehlt« Der Gast erriet an dem Zucken ihres
Mundes dass Bertold der Fehlende war »Auch die Narren und Wichtelmänner sind
zu Hause geblieben weil manchem die Lustigkeit mangelte doch Ruprecht der
Geiger ist da die Frau erscheint heut nur bei der Freundschaft des Hofes und
wo in den armen Hütten kleine Kinder sind Deshalb zürnt nicht wenn Ihr niemand
am Herde findet«
»Gestattet Ihrs so folge ich Euch« bat Ivo
Aber Friderun versetzte »Die Frau muss allein gehen nur unter den Leuten
welche sich an der Schwelle drängen dürft Ihr stehen« Sie gebot dem Haufen
an der Tür »Tretet näher ihr Mädchen und hebt eure Last denn die Kleinen
harren und sehnen sich« Als zwei handfeste Mägde die gefüllten Säcke welche am
Herd lehnten gefasst hatten neigte die Jungfrau das Haupt und die Männer zogen
die Mützen sie sprach leise ein Ave Maria dann winkte sie zum Aufbruch der
Kobold Ruprecht begann kräftig auf der Geige zu streichen und der Zug setzte
sich in Bewegung »Schweig still in den Dorfgassen nur in den Höfen darfst du
springen und spielen« gebot Friderun am Tore So schritt sie mit ihrem Gefolge
hinaus in den Schnee auch der fremde Bruder vom deutschen Orden trat aus dem
Vorderhause und folgte mit entblösstem Haupt Als er neben Ivo dahinging begann
dieser »Wie ich sehe habt Ihr hier eine Heimat gefunden«
»Gutes brachte uns Euer Geleit« antwortete der Fremde »der Richter hat die
Bruderschaft begabt mit dem Vorderhause und mit einer Wiese für zwei Rosse«
Sobald der Zug in einen Hof trat empfing ihn der Wirt fröhlich an der
Hausschwelle Ruprecht sprang nachdem er sich der Geige entledigt hatte zuerst
in die Stube sagte lustige Reime her und fragte ob die Kinder säuberlich waren
und ob sie züchtig ihren Eltern dienten Und die er als unordentlich erkannte
bedrohte er mit Gefängnis in seinem schwarzen Sack so dass über Gute und Böse
ein heilsamer Schrecken kam Dann erst trat die Jungfrau ein und mahnte durch
einen alten Spruch jedermann zum Fleiß im Stall und am Rocken Endlich lud sie
die Kinder zu sich und wenn diese mit gefalteten Händen herumstanden teilte
sie ihnen zu was ihr die Mägde aus den Säcken reichten am häufigsten süßes
Pfeffergebäck zu dem die Bienen ihres Gartens den Honig geliefert hatten Ivo
gedachte dass auch ihm seine Mutter als lichte Himmelsherrin erschienen war und
Geschenke gebracht hatte und sah in dem Haufen der anderen von der Schwelle zu
ohne dass jemand auf ihn achtete
So kamen sie auch in eine niedrige Hütte der Span welcher am Herde
steckte warf sein flackerndes Licht auf eine Stätte der Armut der Hausherr
fehlte die Wirtin lag krank in dürftigem Bett fünf Kinder kauerten in der Ecke
und erwarteten mit starren Blicken die vornehmen Gäste Da winkte Friderun dem
Kobold sich seiner Sprünge zu enthalten sie trat an das Bett sprach leise den
frommen Gruß und auf dem Schemel sitzend hielt sie die Hände welche die
Kranke ihr entgegenstreckte Die Kinder schnellten eins nach dem andern aus
ihrer Ecke auf und kamen langsam mit stockendem Schritt näher zu der vornehmen
Frau nur das kleinste stand fern und hielt bedenklich den Finger im Munde
Plötzlich rannte es mit ausgebreiteten Armen auf die Jungfrau zu und umschlang
ihre Knie Da lachte Friderun ihm entgegen und hob es in ihren Schoss und das
Kind wand sich zu ihr hinauf und versuchte die Arme um ihren Hals zu schlingen
Im Nu war auch den anderen Kindern das Bangen geschwunden sie schmiegten sich
von allen Seiten an die Sitzende umfassten ihr Hände und Knie und tauchten unter
ihrem Mantel empor so dass das Antlitz der Jungfrau mit seinem wallenden Haar
ganz umgeben war von den hellockigen Kinderköpfen Sie winkte ihren
Begleiterinnen und teilte reichlich aus während die kranke Frau den Segen des
Himmels auf sie herabbetete Kobold Ruprecht welcher still an der Tür stand
vergaß ebenfalls seine Bosheit und teilte dem Herrn Ivo mit »Hier ist die Not
am größten aber die Jungfrau kehrt jeden Tag zweimal ein bringt Speise und
Trank und erhält die Zucht Wundert Euch nicht dass sie die Kinder so herzlich
küsst denn sie selber hat sie heut wie alle Tage gewaschen«
Als Ivo näher trat und eine Spende auf das Bett der Kranken legte wandte
Friderun sich ihm zu und ihr Auge ruhte wie verklärt auf ihm Mit schnellen
Schritten verließ er den Raum
Am Abend saß er in seiner Halle an dem großen Kamin in welchem die
Holzklötze brannten der Wintersturm fuhr um das Haus und stieß zuweilen in den
Schlot dass der Rauch in das Zimmer schlug In tiefen Gedanken starrte Ivo auf
die züngelnde Flamme und auf die glühenden Kohlen In dem Feuer sah er den
hellen Mantel der Jungfrau Maria wallen und viele blondhaarige Kinderköpfe um
sie herum welche sehnsüchtig zu ihr aufblickten Als aber der Luftzug die
Flamme niederdrückte und eine dunkle Rauchwolke in das Zimmer trieb fuhr er in
die Höhe und ihm kam vor dass der dämmrige Raum öde war und dass er einsam auf
seinem Sessel saß Da fiel sein Blick auf Herrn Henner der leise eingetreten
war und den Fensterladen öffnete um den wirbelnden Rauch zu entfernen
»Es tobt ein wilder Kampf um die Höfe und auf dem Anger« begann Ivo »der
bittere Frost und sein Gefährte der Hunger bedrängen das Volk und alle
Fröhlichkeit der Welt schwand in Dunkelheit und Not Setzt Euch zu mir Henner
es ist einsam in der alten Halle auch das Feuer will nicht wärmen«
»Den Knechten drücke der üble Teufel den Kragen weil sie meinem Herrn
nasses Holz in den Kamin geschichtet haben ich wollte eine Hausfrau wie Frau
Jutte führe ihnen über die Köpfe«
Ivo lächelte und starrte wieder in die Flamme »Sagt mir Henner welchem
Heiligen vertraut Ihr Euch am liebsten«
Henner räusperte sich und dachte nach »Es kommt darauf an Herr in welchen
Nöten ich bin Da ich jung war suchten unsere Hofleute noch zuweilen die
Fürbitte des Hersfelder Wigbert aber ich fürchte dass dieser Heilige träge und
säumig geworden ist die Bitten der Gläubigen anzuhören Die auf der Mühlburg
priesen mir vor Jahren sehr ihren Meginhard aber wie er auch sei wo die vom
Berge ihre Not klagen vermögen wir im Talhofe für uns wenig Gutes zu erhoffen
Am besten hat sich mir immer noch St Georg erwiesen er hat ritterliche
Gewohnheiten und ich hoffe er ist guterziger als andere gegen die kleinen
Sünden welche einem Reiter über den Weg laufen«
»Viele weiß ich« fuhr Ivo in seinen Gedanken fort »welche Sinn und Herz
der reinen Jungfrau zugewandt haben die als Himmelskönigin waltet denn sie
beschützt nicht nur die unschuldigen Kinder auch den Kriegern neigt sie sich
huldreich zu und hebt sie von dem Schlachtfelde hinauf in den Saal der ewigen
Freude«
»Ich höre dass die bärtigen Brüder ihr vertrauen und auch die Schiffer in
den wilden Nordmeeren« warf Henner ein ganz erstaunt über die schweren
Gedanken des jungen Helden »Doch weiß ich nicht ob die Jungfrau auch dem
zulächelt welcher sich einer irdischen Herrin gelobt hat denn die Frauen
verlangen gern dass die Gelübde der Männer ihnen allein zukommen«
Ivo seufzte »Es naht die gnadenvolle Zeit der zwölf Nächte in welcher
einst unser Herr Christus geboren wurde er lag als Kindlein in ärmlicher Hütte
und als er ein lachender Knabe war hielt ihn die Jungfrau in ihren Armen Mich
wundert nicht dass so viele Helden der Christenheit nach dem Heiligen Lande
gefahren sind denn wahrlich es muss Wonne sein an den Stätten zu knien wo
einst der Herr leibhaftig gewandelt ist«
»Die Pfaffen sagen dass solche Fahrt alle Sünden eines Mannes austilgt Auch
Godwin und ich hatten ein gutes Vertrauen als wir mit Eurem Vater das Kreuz
nahmen doch blieben wir auf halbem Wege in Italien sitzen und ich bin
unsicher ob die im Himmel den Willen für die Tat nehmen«
Ivo sah wieder in das Feuer »Den Mantel sehe ich und die Kinderköpfe
darunter und darüber holdselig das Antlitz der reinen Magd« Beide saßen in
langem Schweigen das Feuer brannte herunter die blauen Flammen züngelten aus
den glühenden Kohlen sie schwanden und fuhren aufs neue empor wenn die Luft
stärker in den Schlot wehte Endlich rüttelte sich Ivo auf und blickte in dem
dunklen Raum umher und über die lange Gestalt des Treuen welcher achtungsvoll
auf dem Schemel saß und den nächsten Einfall seines Herrn erwartete »Wie steht
es drüben in Eurem Hofe« fragte Ivo
»Ich denke Frau Jutte schafft am Herde und sorgt für die Abendkost«
versetzte Henner gleichgültig »und die jungen Wölfe werden nicht weit ab sein
denn sie sind esslustig«
»Ist es Euch recht Herr so will ich heut Euer Gast sein und eine Kanne
Wein zum Abendtisch steuern wenn Frau Jutte mich sehen will«
»Das ist hohe Ehre« rief Henner »erlaubt dass ich vorausgehe und die
unartigen Knaben auf ihr Lager scheuche damit sie nicht um Euch glotzen und
heulen denn sie gleichen noch zu sehr ungeleckten Wildtieren«
»Nein lasst sie wo sie sind Der Knecht mit der Kanne soll uns begleiten
ich will nicht dass Eure Hausfrau mich anders halte als einen guten Gesellen
ihres Wirtes«
Die Männer brachen auf und Ivo saß den Abend am Herde seines Dienstmannes
rief die Knaben zu sich hörte auf ihre kindlichen Reden und erzählte ihnen
Geschichten die er als Kind vernommen hatte bis er selbst in die Stimmung kam
zu spielen und zu lachen wie ein sorgloser Knabe
Die Tage wurden länger der Winter der grausame Herr musste mit seinen Rittern
Reif und Frost das Land räumen und die kleinen Vögel denen er lange den Gesang
gewehrt flatterten wieder durch die grünen Baumknospen Die Schneewurz und das
Veilchen hoben ihre Häupter aus dem Grunde und der Frühlingswind wehte warm
über Berg und Tal Wieder tummelte sich die Dorfjugend auf dem Anger und der
Ball flog zur Lerche empor Aber die Zahl der Springenden war gemindert
mancher der sich im letzten Mai mit stolzem Mut über die Genossen gehoben
hatte lag still unter grünem Rasen viele saßen kummervoll in dem leeren Hofe
und andere schweiften mit wilden Gedanken in der Ferne und mieden die Nähe des
Richters und seiner Schergen
Ivo stand im Bergwalde auf dem Grund seiner Väter gelehnt an den Stamm
einer alten Eiche deren Äste der Sturmwind durchfahren hatte bevor die ersten
Kirchenglocken in den Tälern erklangen Die Zügel des müden Rosses hatte er um
eine aufspringende Wurzel des Baumes geschlungen er selbst sah über die Wälder
hinab nach der Gegend in welcher sein Hof lag um ihn rauschten die Wipfel am
Himmel trieben die Wolken schnell unter der Sonne dahin und warfen Schatten und
dämmrige Lichter auf die Landschaft Auch die Gedanken des Mannes flogen unstet
umher wieder war sein heimlicher Ritt nach dem Quell und Baum fruchtlos
gewesen er hatte keinen Brief der geliebten Frau gefunden und von den Leuten
der Umgegend erfahren dass man sie nach Welschland geführt habe »Der Sonne
lichter Schein vergeht« sprach er leise »und graue Schatten fahren durch meine
Seele der fröhliche Mut ist geschwunden mit dem ich im vorigen Jahr über die
Flur ritt Der Rettbacher höhnte meine Hofleute mit einer Sage die durch das
Land geht dass die Frauen auf der Landgrafenburg ein Gewebe verbrannt haben Ist
das Geschwätz auch unwahr mir tut es doch wehe Oh zürne mir nicht geliebte
Herrin wenn ich sorge dass der Mantel ein kindisches Werk und des langen
Reitens nicht wert war Aus dem Harzwald weht der Duft und die Vöglein im
Laube singen wie sonst der Frühling hat jedes Festgewand in Wald und Flur
wohlbereitet aber die Menschenwelt um mich sehe ich verwandelt und verwandelt
bin ich selbst Langweilig wird mir das Reiterspiel unter meinen Gesellen und
wenn ich in der Halle meiner Väter sitze empfinde ich die kalte Öde des
Winters Im Herzen schelte ich eitel und nichtig was ich gerade treibe mir
zucken die Glieder und die Faust ballt sich als könnte ich etwas Großes tun
und mein Leben wagen für ein heilbringendes Werk Wahrlich Gefahr würde mich
trösten und heißer Kampf Wofür Sie sagen dass der Mann den höchsten Preis
erringe im Kampfe um die heiligen Stätten wo die Gottesmutter unsern Herrn auf
ihren Armen trug Manches Geschlecht vergangener Helden ist nach dem Osten
gefahren und hat fruchtlos sein Blut vergossen zwei meiner Ahnen sind denselben
Weg gezogen und mit gebrochener Kraft zurückgekehrt Aber auch der Glaube ist
kalt geworden und wir zweifeln ob es in Wahrheit Gottes Wille ist dass wir im
Heergewande über das Meer ziehen Hier ist die Stelle wo ich den Landgrafen
knien sah Jetzt ist er aus Welschland zurückgekehrt es war ein kühles
Wiedersehen sein Mut war beschwert und gern habe ich ihm in diesem Jahre den
Ehrentrunk erlassen Man sagt dass er jetzt eine neue Fahrt rüstet«
Aus der Tiefe läuteten unablässig die Klosterglocken »Zu welchem Feste
laden die lustigen Mönche von Reinhardsbrunn so dringend« Er neigte sich vor
dem Bilde der Gottesmutter am Baum band sein Pferd los und ritt langsam über
seine Mark dem Kloster zu Als er in die Waldlichtung hinabkam welche das
Kloster umgab fand er den Grund mit Rossen und Reisigen gefüllt und erkannte
das Gefolge vieler Edlen aus der Umgegend darunter auch die Knechte seines
Oheims Meginhard An der Klostermauer war ein großes rotes Kreuz aufgerichtet
Dort drängte sich das Landvolk um einen Bettelmönch in brauner Kutte der mit
heftigen Armbewegungen eine neue Kreuzfahrt ausschrie und hohen Lohn jedem
verkündete der mit seinen Waffen zur Befreiung des Heiligen Landes ausziehen
werde völlige Vergebung aller Sünden und dreijährigen Frieden und Schutz für
Habe und Eigen Weib und Kind in der Heimat Einige der Zuhörer waren
niedergekniet hoben die Arme nach dem Kreuz und begleiteten die Worte des
Mönches mit Stöhnen und Ausrufungen des Entzückens Die meisten aber standen
schweigend in stumpfer Neugier oder schüttelten den Kopf und sprachen
zueinander Da übergab Ivo einem Knaben sein Pferd und schritt durch das offene
Tor zu dem Klosterhof in welchem die Kirche lag Leise trat er ein und blieb
unter den Knappen an der Tür Er fand eine erwählte Gesellschaft Der Landgraf
selbst stand auf den Stufen des Chors ein rotes Kreuz an der Schulter aber er
blickte zerstreut und in trüben Gedanken um sich Neben ihm lag Frau Else vor
dem Altar bitterlich weinend und ganz aufgelöst in Schmerz Denn lange hatte
der Gemahl ihr verborgen dass er schon in Welschland sich der Kreuzfahrt
zugelobt und hatte das Zeichen der Fahrt heimlich auf dem Unterkleide getragen
Dort hatte sie es in vertrauter Stunde entdeckt und jetzt fühlte sie ihr Elend
Auf der andern Seite der Altarstufen aber sah Ivo einen fremden Mann in der
Rittertracht der Marienbrüder mit einem großen goldenen Kreuz am Halse umgeben
von Zugehörigen des Ordens Der ganze Raum der Kirche war von knienden Edlen und
ihren Rittern angefüllt gegen welche Meister Konrad oben am Altar stand Von
den Knienden erhob sich einer nach dem andern und stieg zu dem Priester hinauf
der ihm das rote Kreuz anheftete und ihn segnete während rings umher feierlich
der Chorgesang der schwarzen Mönche erscholl Ivo sah wie sein Oheim Meginhard
das Kreuz empfing und nach ihm Ritter Konz und noch ein junger Knappe Bertold
der Sohn des Richters Als Meister Konrad die Knienden sämtlich gezeichnet
hatte erhob er mächtig seine Stimme und rief
»Ihr aber die ihr von fern steht bedenket euer Heil Wer ein Schwert zu
schwingen vermag der rüste sich zum Kampfe denn der Herr spricht Vater und
Mutter sollt ihr verlassen und mir nachfolgen von Haus und Hof sollt ihr euch
scheiden und mein Kreuz auf euch nehmen damit die Welt erkenne wer zu mir
gehört Auf auf ihr Helden zur heiligen Reise Gott will es« Und die
Versammelten riefen die Arme hebend »Gott will es« Da eilten noch manche aus
dem Hintergrunde zum Altar warfen sich vor die Füße des Priesters und ließ
sich zeichnen Aufs neue erhob Konrad die mächtige Stimme und rief zum Kreuze
und Ivo meinte zu erkennen dass der Priester mit finsterem Blicke nach ihm
hinsah und ihn durch seine Rede anmahne Er aber neigte das Haupt und blieb
stehen Als die Mönche einen neuen Gesang begannen trat er leise zurück und
verließ die heilige Stätte schwang sich auf sein Ross und ritt in tiefen
Gedanken seinem Hofe zu
Am nächsten Tage saß er auf der Galerie seines Hauses und sprach zu
Nikolaus »Du selbst warst im Heiligen Lande wie kommt es dass du lieber von
anderem erzählst als davon«
»Ich war jung« antwortete Nikolaus »mich bedrückte meine Sünde noch wenig
auch stand ich mit leerem Magen auf dem Ölberg und der Hunger ist der Andacht
hinderlich Das Beste was man dort fühlt lässt sich nicht sagen und was man
erlebt ist nicht viel Gutes«
Ivo fuhr in seinen Gedanken fort »Als ich aus dem Klosterhofe trat schrie
der Mönch draußen an der Mauer gerade wie Meister Konrad drinnen Wer kommt noch
mehr Und als er einen ernstaften Mann nahe bei sich stehen sah rief er diesen
vor anderen zu sich Kommt Freund und nehmt das Kreuz auf Euch Der Mann aber
antwortete Ich war bereits dort Da wandte sich der Mönch ab und der andere
auch und sie hatten nichts mehr miteinander zu reden Das wunderte mich Weißt
du was das bedeutet«
Der Schüler sah nach ob die Tür geschlossen war bevor er die Antwort gab
»Ich traf einst einen fahrenden Mann der gegen eine kleine Spende den größten
Narren auf Erden zu zeigen versprach Wer die Tasche auftat dem öffnete er
einen verhüllten Kasten und sprach dazu Haltets geheim vor jedermann Alle
schieden verlegen von dem Kasten Was meint Ihr wohl was in dem Kasten war Ein
kleines Spiegelglas Jeder behielt für sich dass er sich als Narren geschaut
hatte Jener Mönch und der andere beide wussten was in dem Kasten zu finden
war Dennoch wünsche ich Euch dass Ihr einmal die heilige Fahrt unternehmt
Machts auch nicht froher es macht klüger«
Ein Hornruf des Türmers verkündete das Nahen Bewaffneter Die Knechte des
Hofes liefen zu der Brücke und Herr Godwin trat in das Tor Ivo vernahm die
Hufschläge der Einreitenden im nächsten Augenblick kam die Meldung dass Hermann
von Salza der Meister der Marienbrüder im Hofe sei Er eilte dem berühmten
Herrn auf die Schwelle entgegen und geleitete ihn in das Gastgemach während das
Gefolge durch die Dienstmannen in der großen Halle begrüßt wurde Neugierig
betrachtete Ivo den vielgenannten Helden in der Nähe und er war überrascht dass
dieser den er sich wie einen stolzen Krieger gedacht hatte als ein Herr von
mittlerer Größe vor ihm stand mit einem Gesicht dessen vorstechender Zug
gutherzige Freundlichkeit war nur die klugen Augen und die Falten der Stirn
verrieten dass große Gedanken und schwere Sorgen durch sein Haupt gegangen
waren Einfach wie das Aussehen des Fremden war auch seine Anrede und seine
Sprache klang so vertraulich in das Ohr dass dem jungen Hofherrn vorkam als
begrüsse ihn ein alter Bekannter »Ihr habt Euch dem Kreuze versagt edler Herr
Als ich in meine Heimat ritt um dem Zuge des Kaisers ritterliche
Schwertgenossen zu gewinnen da hoffte ich dass Ihr in der frommen Schar nicht
fehlen würdet denn ich weiß Euer Beispiel gilt viel in den Burgen«
»Ich sah eine große Zahl bewährter Krieger welche Eurem Rufe gefolgt ist«
antwortete Ivo »ich aber habe nur geringe Erfahrung auf dem Schlachtfelde
gewonnen«
»Soll ich Euch in das Gesicht rühmen« fragte der Meister mit einem
wohltuenden Lächeln »Was einen Helden locken kann biete ich Euch ersehnt Ihr
Heldentat und Ruhm kein Kampf ist ehrenvoller als gegen die Ungläubigen und
die Sänger verkünden das Lob des Siegers in allen Sprachen der Christenheit Ihr
wisst dass auch der Heilige Vater hohen Preis auf solche Fahrt gesetzt hat wie
ihn die Kirche zu spenden vermag«
Ivo versetzte mit höflicher Zurückhaltung »Vieles hören wir von Frevel und
Torheit der Christen im Morgenlande was uns das Herz erkältet«
»Ihr könnt nur wenig von dem gehört haben« versetzte Hermann ernst »was
ich selbst mit Sorgen erlebte Wilde Missetat der Eifrigen und harte Klugheit
der Großen welche mehr an den eigenen Vorteil denken als an die Pflicht des
Kreuzes Um unserer Sünden willen hat wie ich fürchte der große Gott uns
entrissen was die Frömmigkeit eines früheren Geschlechtes gewann Aber gerade
darum weil die Argen dort zahlreich sind sollen die Redlichen der Fahrt nicht
widersprechen damit der Himmel wieder gnädig unseren Waffen beistehe«
»Uns aber Herr« entgegnete Ivo »bedrängt jetzt die Not in der Nähe Ohne
Freude sage ich was ich doch nicht verschweigen darf die Ritterfahrt in das
Heilige Land gilt bei uns für kostbar und wohlbekannt ist der Wucher und die
Bosheit mit welcher die Christen auf dem weiten Wege den Wallenden betrügen«
»Hindert Euch diese Sorge welche ich verständig nenne so wisst edler Herr
der Kaiser hat mich nicht ohne Goldschatz in das Land gesandt und ich vermag
Euch an Geld zu bieten was die Rüstung und Reisezehrung kostet«
»Wie darf ich Gold nehmen damit ich mich dem Dienst des Himmelsherrn
gelobe« rief Ivo verletzt »Mich wundert dass Ihr mir ein solches Angebot tut«
»Ich wollte Euch nicht kränken« versetzte der Gast ruhig »Doch wisst
edler Ivo solche Reisespende ist ein gewöhnlicher Handel und die höchsten
Herren begehren ihn denn an Geld zur Rüstung fehlt es ihnen immer und manchmal
ist das für andere ein Glück Auch Graf Meginhard Euer Oheim bereitet sich zur
Kreuzfahrt mit dem Golde welches ihm der Landgraf aus dem Schatze des Kaisers
zahlt«
»Es tut mir wehe wenn ich nicht loben kann was mein Oheim tut« antwortete
Ivo finster »Mir verbietet die Ehre das Werbegeld des Kaisers zu empfangen
und ich denke Herr auch Ihr würdet an meiner Stelle fremdes Gold nicht
nehmen«
»Ich bin nur ein Dienstmann der Jungfrau« sagte der andere »und ich denke
ungern daran was ich tun würde wenn ich nicht in den Schuhen des Bruders
Hermann stände So wie ich bin lobe ich den edlen Stolz der sich weigert um
Gold zu pilgern aber verzeiht mir wenn ich den Rittersinn eines Christen nicht
preise der sich weigert für den Himmelsgott die Waffen zu tragen weil ihn
solcher Dienst zuviel Geld kostet«
Ivo errötete bis an die Schläfen und Hermann fuhr fort »Der kühne
Turnierkämpfer welcher um seiner irdischen Herrin im Spiel zu gefallen
Goldringe austeilte wird mir nicht im Ernst sagen dass seine Truhen leer sind
wenn es eine Fahrt zu Ehren des Erlösers gilt«
Ivo fühlte tief den Vorwurf doch er antwortete ehrlich »Streng sind Eure
Worte Herr aber Ihr habt recht Ich selbst wenn ich unzufrieden war mit mir
und mit anderen habe zuweilen daran gedacht dass ich den freudigen Mut
wiedergewinnen könnte durch guten Schwertschlag am Ölberge Dennoch Herr darf
ich Euch nicht bergen dass ich in meinem Innern auch eine warnende Stimme
vernehme welche mir diese Speerreise widerrät Wenn der Himmelsherr das Gelobte
Land der Christenheit gönnen wollte er vermöchte das zu tun ohne unsere
Waffen«
»Sprecht diese Worte nicht nach edler Ivo ein satter Pfaffe hat sie
erdacht und Ihr scheltet dadurch mich selbst einen Toren« antwortete der
Meister mit Nachdruck »Gott wirkt seine größten Werke durch die Gedanken und
den Willen der Menschen welche ihm dienen Seit zwanzig Jahren fahre ich
rastlos über die wilde See und durch die Länder der Christen und Heiden um die
Kreuzfahrt möglich zu machen zu welcher ich Euch lade Darum habe ich
verzichtet auf Gut und Eigen auf ein Ehegemahl und auf Söhne aus meinem Blut
Ich habe gekämpft gegen den Eigennutz und die Bosheit der Mächtigen und gegen
die dumpfe Trägheit der Reichen«
Er war aufgestanden wie Ivo jetzt wies er auf die Sessel »Gönnt einem
Vielgeschäftigen noch einmal Rast unter Eurem Dache Ihr wisst ich bin ein
Thüring wie Ihr der Hof in dem ich geboren wurde liegt so nahe an dem Euren
dass ein Ross den Reiter in einem Tage hinträgt Ich sah einst Euren Vater und
was ich von ihm kennenlernte machte mir den Sohn wert Darum vernehmt mit
günstiger Gesinnung eine Mahnung die ich nicht in die weite Welt hinausrufen
darf Als ich fast noch ein Jüngling nach dem Morgenland kam fand ich allen
Landbesitz der Christen und alle Gewalt in den Händen der Welschen zumal der
Gallier Französisch waren Sprache und Sitte mit Hochmut und Verachtung
blickten sie auf die Männer unseres Volkes herab Auch die beiden mächtigen
Bruderschaften vom Tempel und St Johannes gehörten den Fremden kam einer
unserer Landsleute zu ihnen so musste er sich schnell der heimischen Weise
entledigen wenn er unter ihnen gelten wollte Ihrem Schwert allein und ihrer
Heldenkraft schrieben sie die Eroberung des Heiligen Landes zu In Jerusalem sah
ich das Grabmal des stärksten Helden im Kreuzheere des Schwaben Wigger der mit
seinem Schwert einen raubenden Löwen zerschlug und unter König Gottfried zuerst
über die Mauer von Jerusalem sprang durch die Eitelkeit der Fremden zerschlagen
und geschändet damit die unwillkommene Erinnerung an unser Volk dahinschwinde«
»Die gottlosen Buben« murmelte Ivo zornig
»Meine Faust ballte sich als ich den Frevel sah wie jetzt die Eure beim
Hören« fuhr Hermann fort »Da lernte ich unsere heimische Art mit der fremden
vergleichen und ich fand dass wir nicht schlechter waren als jene Ich erkannte
auch wie Jerusalem durch Schuld der Christen verloren ward Zuchtlose
Kreuzfahrer aus allen Ländern der Christenheit saßen dort durcheinander in Hader
und Untreue in Wahrheit heimatlose Abenteurer nur auf den eigenen Vorteil
bedacht oft einer im Kampf mit dem andern und den ungläubigen Heiden verbündet
Soll Jerusalem wiedergewonnen werden und die Herrschaft der Christen dauern so
müssen sie alle einem starken Herrn dienen der seine Macht nicht ihnen dankt
sondern der sie selbst zu schützen zu bändigen und zu strafen vermag Dieser
Herr aber ist unser Kaiser Friedrich Und gegen die Verdorbenheit und Untreue
der Fremden sollen Männer eines Volkes dem die Redlichkeit nicht zum Spott
geworden ist als Hüter des Heiligen Grabes gesetzt werden und diese Männer
sollen Eure und meine Landsleute sein In solcher Meinung will Kaiser Friedrich
die neue Kriegsfahrt rüsten auf die Wehrhaften unseres Volkes hat er sein
ganzes Vertrauen gesetzt Vor anderen aber sind es Edle und Ritter des Thüringer
Landes auf die er hofft Denn wie ein Herzland liegt es in der Mitte und die
größte Kraft ist hier gesammelt ich darf das zum Lobe meiner Heimat wohl sagen
Wenn wir jetzt in edler Schar über das Meer ziehen so tun wir dies auch um den
Namen der Deutschen zu Ehren zu bringen und eine Herrschaft unseres Blutes über
die Länder am Südmeere zu begründen Das zu bewirken ist das hohe Ziel meines
Lebens Darum bin ich vor Euch getreten mit hoher Mahnung als Thüring und als
Meister einer Bruderschaft welche sich vom deutschen Hause nennt Und darum
strecke ich jetzt bittend meine Hand gegen Euch aus damit Ihr ein Jahr Eurer
Jugend dem heiligen Werke weihet als ein Christ und als ein Edler unseres
Volkes«
Gefesselt durch die warme Rede des mächtigen Mannes saß Ivo mit geröteten
Wangen Zum ersten Male seit er lebte wurde er gerufen weil er ein Deutscher
war und verwundert dachte er nach welchen Wert solche Aufforderung für ihn
haben könne Aber während er den Grund eines tiefen Quells erschauen wollte
gewahrte er darin plötzlich sein eigenes Bild Ihm stieg das Blut ins Gesicht
als er fühlte dass eine Kränkung seines Volkes auch Kränkung seiner eigenen Ehre
war und die Hand erfassend antwortete er »Ihr habt meine Seele nicht
vergebens daran gemahnt dass ich als ein Kriegsmann meinem Volke zu dienen
schuldig bin Denkt nicht gering von mir wenn ich heut das Ja nicht ausspreche
das ich gern geben möchte Ich bin nicht ganz so frei wie Ihr meint auch ich
stehe unter einem Gelübde und ich darf nur sagen dass Ihr meinen guten Willen
gewonnen habt entscheiden über meine Zukunft kann ich erst wenn ich da gefragt
habe wo ich diene«
Der Meister bewegte beistimmend das Haupt »Ich ehre die Rücksicht auf
ältere Pflicht Habe ich Euren guten Willen gewonnen so vertraue ich dass ihm
die Tat nicht säumig folgen wird« Und nachdem er noch einiges über Zeit und Ort
der Heeresversammlung mitgeteilt hatte brach er auf und die Hand Ivos
festhaltend sagte er »Es war eine kurze Begrüßung aber ich werde mit Freude
daran denken Auf Wiedersehen wills Gott im Hafen wenn ein guter Fahrwind
dem Heiligen Lande zuweht« Damit schied er vom Hofe
Eher als Ivo dachte erhielt er einen Gruß seiner Herrin der die
Unsicherheit beendete Von Gota ritt ein Knecht des alten Walter von Vargula
bei ihm ein mit der Nachricht dass Frau Else ihm mündlich eine Botschaft
mitzuteilen habe Ivo schwang sich auf sein schnellstes Pferd und traf vor der
Stadt mit Herrn Walter zusammen der nach der Begrüßung klagte »Meine Herrin
weilt unter den Siechen dort will sie Euch sehen Ich fürchte Ihr werdet sie
verändert finden die Trennung von Herrn Ludwig hat ihr diesmal fast das Herz
gebrochen drei Tage dauerte der Abschied seitdem lebt sie nur für ihre Kinder
und die Armen«
Am Bette der armen Kranken sah Ivo die Landgräfin in klösterlicher Tracht
verweint und erblichen hinter ihr stand wie ein dunkler Schatten Magister
Konrad Als Frau Else ihm entgegentrat zog eine flüchtige Röte über ihr
vergrämtes Gesicht und mit einem Blick auf den Priester begann sie »Man hat
mir gesagt dass ich ein gutes Werk tue wenn ich Euch spreche Es war der Wunsch
meines lieben Hauswirtes Ihr möchtet Euch der Fahrt welche sie die gnadenvolle
nennen nicht entziehen denn er sagte mehrmals lieber würde er Euch in seiner
Nähe sehen als daheim Auch Frau Hedwig die Ihr einst bei uns getroffen habt
schreibt mir durch einen Boten vom Kaiserhofe diese Worte über Euch Sorge
nicht denn alles verheisst der Schwertreise ins Gelobte Land gutes Glück und am
ruhmvollsten zieht ihr Thüringe daher Manche unter uns meinen auch dass Euer
starker Speerbrecher Herr Ivo nicht fehlen wird da es jetzt gilt der
Heiligen Jungfrau zu Jerusalem statt des alten Gewandes das die Sarazenen
zerrissen haben ein neues zu erkämpfen Nur das wollte ich Euch ausrichten
Herr verzeiht dass ich Euch bemühte« schloss die Landgräfin das Pergament
zusammenlegend und verneigte sich wie zum Abschiede
Diese Worte entschieden den inneren Kampf Ivos Mit Entzücken erfüllte ihn
die Hoffnung dass er seine geliebte Herrin in Welschland treffen könne ja dass
sie vielleicht wie Frauen oft taten selbst die Pilgerreise im Gefolge des
Heeres wagen werde deshalb antwortete er zur Stelle »Die Mahnung die mir
durch Euren Mund kommt soll nicht verloren sein Ich denke mich zur Fahrt zu
bereiten«
Mit großen Augen wie erschrocken über seine schnelle Bereitwilligkeit sah
ihn Frau Else an und wieder rötete sich ihre Wange ein wenig dem Scheidenden
folgte der finstere Blick des Priesters Konrad
Kaiser Friedrich
Die Reisewege nach dem Gelobten Lande waren zur Zeit Ivos den Leuten besser
bekannt als in späteren Jahrhunderten jedes Kloster bewahrte Beschreibungen der
Fahrt kaum einen Hof und kein größeres Dorf gab es aus welchen nicht seit
Menschengedenken einzelne die Pilgerreise gemacht hatten entweder im Kreuzheer
oder als friedliche Waller Die Burgmannen von Köln Bremen und Lübeck fuhren
auf ihren hochbordigen Seeschiffen den Koggen häufig mit Pilgern und Waren in
das südliche Meer kämpften dort gegen die Seeräuber und warfen ihre Anker an
den griechischen Inseln und der syrischen Küste neben den Galeeren der reichen
Handelsherren von Pisa Genua und Venedig Auch im Innern des Landes waren die
Waren des Orients begehrte Handelsartikel in jedem wohlhabenden Haushalt
besserten die Frauen den herben Wein mit indischem Pfeffer und Zimt die
Goldarbeiten Rüstungen und Seidengewebe der Griechen und Syrer galten für den
wertvollsten Schmuck der Vornehmen und Ivo selbst dachte jetzt gern daran dass
er mit Wasser aus dem Jordan getauft war welches ein Bruder seiner Mutter
heimgebracht hatte Seit mehr als hundert Jahren war die christliche
Ritterschaft nach dem Morgenlande gefahren jetzt hatte sich die fromme
Begeisterung in den Herzen gemindert aber die Abenteuer und Heldentaten
früherer Geschlechter wurden doch in den Edelhöfen und unter der Dorflinde gern
als Sagen erzählt Zumal die Thüringe waren stolz auf die Reisen ihrer Herren
ins Heilige Land denn jeder der letzten Landgrafen hatte mit seinem
Heeresgefolge sich dort kriegerisch gerührt Man wusste in den Burgen auch
Bescheid über die christlichen Herrengeschlechter welche noch im Osten
herrschten auf Cypern im Herzogtum Antiochien und dem syrischen Tripolis man
kannte den Namen des Sarazenensultans Elkamil welcher jetzt um den Besitz des
Königreichs Jerusalem mit seinen Verwandten haderte und man hatte vernommen
dass der neue Zug von der Hafenfestung Accon die noch in den Händen der Christen
war nach Jerusalem gerichtet würde
Ivo fand schwer seine Fahrt in der Eile zu rüsten und sein Kämmerer Godwin
hatte weit größere Mühe als im vorigen Jahre durch Verkauf und Verpfändung von
Dörfern und Hufen das Reisegeld zu beschaffen In den letzten Tagen vor der
Fahrt ritt Ivo nach dem Hofe des Richters Der Alte schloss auf einen Wink des
Edlen die Tür des Hauses und in geheimem Gespräch vertraute dieser seine
letzten Sorgen um Habe und Hof dem Nachbar Als er sich zum Abschied erhob war
Friderun verschwunden und der Vater musste wiederholt ihren Namen rufen bevor
sie aus dem Garten trat Bleich und ohne ein Wort zu sprechen legte sie ihre
Hand in die des Scheidenden und als Ivo ernstaft sagte »Auf Wiedersehen im
nächsten Mai wills Gott« da sah sie so starr und angstvoll in seine Augen
dass Ivo den Blick gar nicht vergessen konnte
Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne vergoldeten den First des
Herrenhofes und die Rosse stampften ungeduldig unter den gewappneten Reitern
als Ivo zur Reise gerüstet über die Schwelle trat Er streckte die Hände nach
den Leuten des Hofes und Dorfes aus welche sich in dichtem Haufen
herandrängten Den alten Kämmerer Godwin küsste er herzlich und empfing mit
gesenktem Haupte den Segen des schluchzenden Greises Sobald er sich auf das
Pferd geschwungen hatte stimmte Nikolaus das fromme Kreuzlied an In Gottes
Namen fahren wir und als er sich vom Wege nach seinem Hofe umwandte sah er den
alten Godwin inmitten der Brücke auf den Knien und um ihn die Weiber und Kinder
mit aufgehobenen Armen des Himmels Segen für ihn herabrufend Über die Mauern
und Dächer des Hofes aber ragte der alte Turm seines Geschlechtes in düsterm
Grau nur die Zinnen leuchteten in feurigem Scheine
Das erste Lebende welches dem Ausfahrenden im Freien aufstiess war ein
Habicht der vor ihm aufflog und hoch in der Luft über ihm kreiste Während er
dies gute Vorzeichen seinen Genossen wies gesellte sich ein zweiter Raubvogel
zu dem ersten und beide entschwebten miteinander in schnellem Flug nach dem
Osten so dass Henner kopfschüttelnd sagte »Sie weisen nach dem Morgen aber
nicht über die Alpen«
Es war ein kleiner Haufe der unter dem Kreuze dahinfuhr außer den
Dienstmannen Henner und Lutz noch ein Vasall der junge Eberhard welcher
freiwillig folgte zusammen vier Ritter und ebensoviel Knechte mit zwölf Rossen
und drei Rüstwagen von denen zwei welche Reisevorrat führten nur so lange zu
fahren hatten bis sie geleert waren Nikolaus aber sollte weil er der fremden
Sprachen am besten mächtig war die Gesellschaft bis zu ihrer Einschiffung im
Hafen von Brindisi begleiten und dann wenn es ihm gefiele in den Hof
zurückkehren und dort den Winter verbringen Aber schon an den ersten
Raststellen vergrößerte sich die Zahl der Begleiter denn hier und da schlossen
sich ritterliche Pilger an und diese wählten Ivo zu ihrem Führer und sie
gelobten einander bis zu den Schiffen treue Genossenschaft
Solange die Reisenden durch deutsches Land zogen war es eine fröhliche
Fahrt Ivo selbst fühlte eine Zufriedenheit die ihm lange gefehlt hatte Vor
sich sah er ruhmvolle Arbeit eines Kriegers und dabei träumte er von dem
Wiedersehen der Geliebten Die Freude lachte ihm aus den Augen und er sang mit
Nikolaus um die Wette Als die Waller aber über die Alpen in das Land der
Lombarden hinabstiegen wurden die Mienen ernster denn ihre Rosse zogen müde
dahin im Sonnenbrand und die Pilger fanden fast überall kalte Blicke vernahmen
spöttische Reden und ärgerten sich über unchristliche Preise welche die
Welschen von ihnen forderten
Und wie scharfe Windstösse schlugen üble Nachrichten von dem Kreuzheer ihnen
entgegen dass die Schiffe nicht zur rechten Zeit gekommen dass das Heer Hunger
leide dass ein großes Sterben ausgebrochen sei dass auch der Kaiser und der
Landgraf von der Krankheit ergriffen worden Bald sahen sie selbst die
Bestätigung Elende Haufen von Männern und Frauen zogen ihnen auf der Landstraße
entgegen zuweilen in stummem Jammer die meisten mit Geschrei und Klage sie
versammelten sich um die Reiter hoben flehend die Hände drängten sich an die
Rüstwagen und griffen gierig hinein es waren Fremde von allerlei Volk meist
Engländer und Franzosen in ihrer Sprache verwünschten sie den Kreuzzug und
schrien Rache über Geistliche und Laien welche so viele fromme Seelen in das
Verderben geführt hätten Je näher die Pilger der Stadt Brindisi kamen desto
kläglicher wurde was sie erblickten Die Landschaft sah aus wie ein ungeheures
Schlachtfeld überall Kreuze an unordentlich geschichteten Erdhaufen Leichen
von Pferden bald auch von Männern und Frauen beraubt und entblößt Schwärme
von Geiern und kleinen Raubvögeln schwebten träge auf sobald die Reisenden
vorüberkamen und kehrten dreist zu ihrer eklen Beute zurück Den missfarbigen
Boden bedeckten widerwärtige Lagertrümmer dort rauchten noch die verkohlten
Bretter einer Holzhütte hier schlichen um Strohdächer bleiche Gestalten und
aus den Fensteröffnungen drang das Ächzen der Kranken welche
zusammengeschichtet darin lagen
Am Wege stand ein Franziskaner der einen schweren Quersack trug er schrie
den vorbeireitenden Schüler mit misstönender Stimme an »Hallo singender Klaus
kommst auch du zum Gastmahl welches hier für alle unnützen Vögel bereitet ist
Die vornehmen Wirte sind weggezogen und haben nur noch den Küchenabfall
zurückgelassen Deine Schelmenlieder kannst du hier vor den Toten und Sterbenden
singen«
Nikolaus verfärbte sich »Bist du es Dorso Seit wann trägst du die Kutte«
»Seit du dich dem Teufel verschrieben hast« war die unhöfliche Antwort
Als Ivo die deutsche Rede vernahm lenkte er sein Pferd heran vor ihm stand
ein vierschrötiger Mann mit gekrümmtem Rücken und starken Armen und Beinen der
auf dem kurzen Hals einen übermäßig großen Kopf trug so dass er aussah wie ein
verknorzter Riese »Wo ist das Heer« fragte Ivo
Der Mönch wies höhnisch auf einige helle Punkte in der glitzernden See »Die
letzten welche noch leben fahren dort hinaus Wollt Ihr nach dem Gelobten
Lande so mögt Ihr auf euren Gäulen durch das Meer schwimmen«
»Wo ist der Kaiser«
»Wenn Ihr die Heiligen des Himmels nach ihm fragt so werden sie Euch
schwerlich guten Bescheid geben denn seine Untreue hat die frommen Gläubigen in
Not gebracht«
»Bist du ein Deutscher du Schuft so sprich mit Ehrfurcht von unserm
Herrn« rief Ivo seine Gerte erhebend
»Ihr selbst werdet hoffe ich Eure Ehrfurcht völlig verbrauchen wenn Ihr
erst einige Wochen in diesem Rosengarten lagert« versetzte der ungeschlachte
Mönch »Der Herr verleihe Euch christliche Geduld und wenn Ihr bei diesen
Hütten in den letzten Zügen liegt so vergesst nicht den Schuft holen zu lassen
damit er Euch den letzten Segen erteile sonst wird St Peter Eurer armen Seele
die Himmelstür zuschliessen weil Ihr einen Diener des Herrn gelästert habt« Er
rückte seinen Quersack auf die Achsel so dass das Metall darin klirrte und
kehrte den Reisenden seinen Rücken
Schweigend ritten die Genossen der großen Stadt zu das Tor war bewacht mit
Mühe erhielten sie Einlass Aber in der Stadt fanden sie gehäuftes Elend Längs
der Mauer lagen die armen Kranken unter Dächern von Brettern und Segeltuch
durch die Straßen zogen Mitglieder der frommen Bruderschaften mit Kreuzen und
Lichtern alle Häuser waren mit traurigen Fremden gefüllt die Straßen durch
Unrat und umgestürzte Karren fast unwegsam Und als sie zu dem Hafen
durchgedrungen waren fanden sie ihn leer kein Segel darin die ganze Umgebung
wie ausgestorben Unten schlugen die Wellen an die kahle Steinmauer und darüber
wehte der Seewind an verstörte Gesichter
»Harret hier« gebot Ivo den Genossen »wo die Luft rein ist und der Jammer
nicht den Sinn betäubt« Er selbst ritt mit Nikolaus zurück in die Straßen der
Stadt sie hielten oft an und fragten vernahmen aber nichts Tröstliches
Endlich lenkte Ivo zu einem kleinen Hause an dem ein weißes Schild mit
schwarzem Kreuze hing dem Spital der deutschen Marienbrüder Ein alter
Ordensmann der dort unter den Siechen zurückgeblieben war gab willigen
Bescheid »Der Kaiser und der Meister hatten eine Kriegsfahrt waffentüchtiger
Männer aus unserer Heimat gerüstet dem Heiligen Vater aber lag eine allgemeine
Fahrt der Christenheit mehr am Herzen und er sandte daher die Bettelmönche
durch alle Länder Denn es gab manche welche uns Deutschen die Ehre beneideten
Da sammelte sich gleich Heuschrecken ein ungeheurer Schwarm wilden Volkes aus
jedem Lande außer Männern und Weibern auch Kinder Für ihn reichten weder
Schiffe noch Lebensmittel Der verlorene Haufe lagerte sich um die Stadt zuerst
sang er dann raubte er bis er aus Mangel verging und uns die Seuche
zurückließ Jetzt erhebt sich Geschrei und Fluchen gegen die welche die
Kreuzfahrt zugerichtet haben Darf ich Euch raten Herr so weicht ohne Zaudern
von dieser Stätte des Unheils Ich vernahm dass zwei Tagereisen südwärts im
Häfen von Otranto Schiffe aus Bremen angelegt haben auch der Landgraf wollte
landen Vielleicht gewinnt Ihr dort die Überfahrt«
Ivo schied mit Dank von dem Landsmann und die Reiter wendeten sogleich die
Häupter ihrer Rosse dem Süden zu und atmeten frei auf als sie dem Dunst und dem
Gestöhn des Kreuzlagers entronnen waren
Als die Reisenden sich am zweiten Tage darauf der Burg Otranto näherten
fanden sie den Weg durch ein hölzernes Gatter gesperrt dahinter lag ein
steinernes Wachtaus vor welchem ein Wächter mit Schwert und kurzem Spieß auf
einer Bank saß Henner ritt vor und forderte Durchlass der Wächter schrie ohne
aufzustehen in welscher Sprache nach dem Wachtause zurück gleich darauf
traten zwei Männer heraus mit dunklen faltigen Gesichtern und riefen in
strengem Tone über die Schranken Befehle die Herr Henner nicht verstand
Hilflos sah er sich nach dem Schüler um welcher vorreitend erklärte »Sie
gebieten uns abzusteigen« »Wie« rief Henner entrüstet »diese Männlein wagen
uns von den Pferden zu drängen Sagt ihnen wenn sie ihre schlotternde Haut
unversehrt nach Hause tragen wollen so sollen sie sich beeilen die Sperre zu
öffnen«
»Ich widerrate solcher Drohung« sagte Nikolaus ernstaft »soweit ich den
Brauch dieses Landes kenne sind es Beamte des Kaisers und sie haben ein Recht
zu ihrer Forderung«
»Beamte« fragte Henner verächtlich »Seit wann lungern die Herren welche
dem Kaiser dienen an der staubigen Landstraße«
Der Schüler rief in Latein zurück »Wir sind Kreuzfahrer und reiten im
Gefolge eines edlen Herrn«
Aber ungerührt entgegnete einer der Schwarzhaarigen mit einem Wirbel fremder
Worte und begleitete seine Rede mit drohender Gebärde
»Was sprudelt der Zwerg« fragte Henner aufs höchste entrüstet
»Sie wollen unser Reisegerät durchsuchen ob etwas Zollbares darin ist und
fordern unsern Passierschein«
»Zollbares Wir sind nicht Kaufleute und was bedeutet ein Passierschein
Wenn das Geschriebenes ist so mögen sie sich bei einem Pfaffen danach
erkundigen«
»Das ist in Apulien und Sizilien so Brauch« belehrte der Schüler »Überall
hält der Kaiser Bewaffnete zu Ross und zu Fuß welche die Reisenden nach
Freibriefen fragen und solche in Haft nehmen denen das fehlt was sie die
Legitimatio nennen Ich rate Euch Herr nachzugeben sonst entsteht Unheil«
»Bei St Georg« schwor Henner »das mag unter Sarazenen und Mohren
gebräuchlich sein aber einem christlichen Deutschen wäre es Schmach sich
solcher Zumutung zu fügen Öffne du Missgestalt« rief er »oder ich renne dir
das Gitter ein«
Als der Apulier die drohende Bewegung des Reiters sah winkte er seinen
Begleitern welche sich in achtungsvoller Entfernung vor dem Schlagbaum quer
über den Weg stellten worauf die beiden Beamten sich hinter diese Hecke
zurückzogen und heftige Worte gegen die Fremden richteten
»Hier muss ein Ende werden« rief Henner »dort naht bereits unser Herr habt
die Güte Lutz die Valets anzurufen dass sie eine Axt vom Rüstwagen bringen«
Mit mächtigem Satze trieb er das Pferd über das Gitter brach durch die
Bewaffneten und packte mit jeder Faust einen der Beamten beim Kragen schwenkte
sie an den Sattelknopf und drückte sie fest dass sie jämmerlich schrien Als
Lutz seinen Marschalk im Angriffe sah zögerte er nicht ihm auf demselben Wege
zu folgen er riss dem einen Wächter den Speer aus der Hand und stieß den andern
beiseite so dass beide brüllend davonliefen »Ich erbitte Euren Riemen Herr
Lutz« fuhr Henner erfreut fort »damit ich meine Hasen am Sattel befestige«
Unterdes sprengte ein Knecht durch Axtschläge das Gitter und als Herr Ivo den
der Schüler ängstlich geholt hatte herankam war das Werk getan »Ich sorge
Marschalk dies wird ein böser Handel« sagte Ivo »und ersuche Euch die beiden
Männer loszubinden denn sie haben wie ich vernehme nur nach dem Befehl des
Kaisers gehandelt« Als Henner zögerte nahm er ihm die Riemen aus der Hand und
da ihm der Schüler zuflüsterte »Gebt ihnen Geld das ist hier das letzte
Mittel solchen Streit zu vergleichen« griff er in die Tasche drückte jedem
der Männer ein Silberstück in die Hand und löste die Riemen Die Beamten
schlossen die Finger über dem Gelde aber nur um die Faust zu ballen sich
feindlich auf den Weg zu stellen und die flüchtigen Wächter zurückzurufen Von
neuem begann das Geschrei und der Schüler riet ängstlich »Gebt ihnen mehr
noch sind sie nicht zufrieden«
»Sie haben doch Geld genommen« versetzte Ivo und rückwärts rief er
»Schliesst euch um den Wagen zusammen mögen sie es jetzt versuchen uns zu
hindern«
Auf einem Hügel in der Nähe wurde ein Trupp Reiter sichtbar die Abendsonne
vergoldete Rüstungen und Gewänder Ivo grüßte den Speer senkend und die
Reisekappe lüftend Er bemerkte wie die Wächter zu dem Trupp liefen dort
niederfielen und die gehobenen Arme heftig bewegten Gleich darauf lösten sich
einige Reiter von der Gesellschaft und sprengten auf die Fahrenden zu Ivo ritt
ihnen entgegen nannte seinen Namen und die Absicht der Fahrt und entschuldigte
die Gewalttat seiner Mannen so gut er vermochte Die strenge Miene des
Anführers entwölkte sich und er antwortete in deutscher Sprache »Ihr werdet
Euch gefallen lassen dass die Beamten mit ihren Augen Euer Reisegerät mustern
damit dem Gebot des Kaisers Genüge geschehe ich will sorgen dass sie Euch nicht
weiter belästigen Vermeidet in der Stadt Herberge zu suchen sie ist überfüllt
durch das Gefolge des Kaisers und der Kaiserin habt Ihr Zelte so schlagt sie
nahe am Hafen auf Einer meiner Speerreiter soll Euch begleiten« Ein junger
Krieger jagte pfeilschnell an die Spitze des Zuges Der Turban den er über der
Eisenkappe trug sein runder Schild und sein Speerschaft aus Rohr verrieten dass
er zu der maurischen Leibwache des Kaisers gehörte »Wenn Ihr aus Thüringen
seid« sprach der Reiter beim Abschiede mit ernster Miene »so kommt Ihr nicht
zu froher Stunde« Bevor Ivo weiter fragen konnte war der Herr zurückgesprengt
Die Reisenden zogen im Abendlichte dem kleinen Hafen zu Auf der dunklen
Flut schwebten eine Anzahl Schiffe welche der Kreuzflotte angehörten längs dem
Hafendamm lagen sizilische Galeeren dahinter an ihren Ankern rundliche
Kielschiffe aus den Nordmeeren Boote fuhren hin und her ein Teil der Reisenden
war ausgeschifft und hatte die Zelte am Strande aufgeschlagen Aber der freudige
Ruf mit welchem die Ankommenden die ersehnten Fahrzeuge begrüßten wurde
sogleich gedämpft denn sie erkannten Verwirrung und Trauer an den Borden und am
Ufer Über den Schiffen wehten die schwarzen Flaggen die Bewaffneten am Ufer
rannten durcheinander oder standen in unordentlichen Haufen und von den
Verdecken erscholl Trauergesang und laute Totenklage Henner ritt zu einem
Haufen der Landgräflichen und als er zurückkam lasen die andern die
Schreckenskunde in seinen Zügen bevor er noch zu rufen vermochte »Der Landgraf
ist tot« Schweigend hoben sich die Reiter aus den Sätteln und warfen sich auf
den Boden für die Seele des Herrn zu beten Jedem kam vor als ob die blutlose
Hand des Todes sich drohend gegen ihn selbst erhebe Ivo dachte während ihm die
Tränen von den Wangen rannen an die Stunde wo er den Herrn zuletzt vor dem
Altar gesehen hatte wie in düsterer Vorahnung seines Endes und neben ihm am
Boden die verzweifelnde Gemahlin
In ihrem Kummer achteten die Pilger nicht darauf dass die Reiter an denen
sie vorübergezogen waren näher herankamen und unweit ihrer Raststätte hielten
während zwei Männer von den Rossen stiegen und in ihre Mäntel gehüllt dem
Uferdamm zuschritten
Der eine von ihnen war Hermann der Meister des Deutschen Ordens und der
andere ein Herr von mäßiger Größe und zarten Gliedern Sein Antlitz fahl wie
das eines Erkrankten erschien noch bleicher durch die rötlichblonden Locken
des Hauptaars aber die Krankheit hatte nicht vermocht die stolze Haltung zu
beugen in welcher er daherging Dieser Herr war Kaiser Friedrich
»Es war ein heller Frühlingsmorgen der dort in Trauerwolken untergegangen
ist« begann Hermann zu den Schiffen gewandt
»Wahrlich« antwortete der Kaiser »nicht wie einen Fürsten des Reiches
sondern wie einen König betrauert das Volk diesen Toten Einem sonnigen Morgen
vergleichst du sein Leben aber ein heißer Wettertag wäre es für den Kaiser und
das Reich geworden denn in seiner Seele lebte der Herrenstolz Ein Glück dass
seine Brüder ihm nicht gleichen Mancher wird sagen dass sein Tod eine Strafe
des Himmels war Denn höheren Preis als jeder andere hat er von mir erzwungen
bevor er das Kreuz auf sich nahm das Land Meissen welches er dem Söhnlein
seiner Schwester mit den Waffen entriss habe ich ihm bewilligen müssen samt
allen Einkünften des Reiches vergebens hat die fromme Else sich geweigert das
Brot aus den geraubten Kornkammern zu essen und vergebens hat sie wie man
erzählt einen kranken Bettler in das Bett ihres Gemahls gelegt um durch
schwere Liebeswerke die rächende Vergeltung von seinem Haupte abzubitten«
»Und doch hat Eure Majestät ihm selbst seine Würde erhöht«
»Auch du hast deshalb meine Klugheit gelobt Wie kann ich in dem fernen
Deutschen Reich die Ordnung erhalten Sicherheit auf der Landstraße und
Ehrfurcht vor meiner Würde wenn nicht durch die Fürsten und Bischöfe welche
als Gebieter mächtig auf ihren Stühlen sitzen Hier in Apulien und Sizilien bin
ich Herr ich allein und sie nennen mich einen scharfen Herrn der ihnen in
jeden Topf guckt Daher gehorcht mir das ganze Land wie ein gut geschultes Ross
Auch für meine Deutschen hoffe ich eine bessere Zeit Bin ich erst Gebieter über
die Ostländer an diesem blauen Meer dann sollen die Deutschen erkennen dass
ihre Fürsten ohnmächtig sind gegen den Kaiser«
»Mehr vermögt Ihr als ein anderer Mann auf Erden« versetzte Hermann
»dennoch seid auch Ihr ein sterblicher Mensch und die Jahre bändigen Eure
Kraft Ihr seid einer die Fürsten aber gleichen zusammen einer großen
Bruderschaft die Brüder wechseln und sterben die Bruderschaft dauert«
Der Kaiser lächelte »Das spricht einer der selbst ein Ordensbruder ist
Dennoch merke Meister alles Große und Dauernde auf Erden hat nicht eine
Gesellschaft von Schwachen geschaffen die sich zusammenschwor sondern ein
Held der höher dachte als die andern alle Du vertraust deinem Orden deine
Brüder jedoch hoffen auf dich du bist der Starke welcher Kleine grosszumachen
versteht weil du klüger und fester bist als die andern«
Der Meister schwieg Friedrich lauschte auf den Trauergesang welchen die
Abendluft von den Schiffen herübertrug »Auch ich war in seiner Gesellschaft
zuweilen fröhlich Noch war er des Kaisers Freund Uns beiden wurde Antwort
erspart auf die Frage Wie lange«
Hermann wies auf die Stelle an welcher der Haufe Ivos die Zelte aufschlug
»Nicht alle Herren aus Thüringen folgten dem Banner des Landgrafen«
»Das ist der Recke dessen Heldenkraft meine Gitter zerbrach und meine
Wächter schlug« versetzte der Kaiser unfreundlich
»Er war der einzige unter den Edlen aus Thüringen der meine Goldgulden
ablehnte obgleich er nicht auf reichem Erbe sitzt«
»Botest du ihm zu wenig«
»Er meinte es mindere seine Ehre wenn er Geld nehme um für den
Himmelsherrn zu reiten« Und der Meister berichtete einiges über Ivo
»Ha« rief Friedrich das Haupt hebend »Schon früher habe ich aus anderem
Munde sein Lob gehört ruf ihn her«
Hermann eilte nach den Zelten Die Sonne war untergegangen aus dem Meere
stieg die Dämmerung schnell am Himmel empor als Ivo seinem Kaiser
gegenübertrat »Aus Thüringen seid Ihr Herr« begann Friedrich »und doch
rastet Ihr abseits von dem trauernden Haufen am Strande seid Ihr jenen
verfeindet«
»In der Heimat habe ich Herrn Ludwig als meinen Nachbar geehrt jetzt traure
ich über seinen Tod Zur Kreuzfahrt aber zog ich aus eigenem Willen und das
Schwert würde ich ungern unter einem andern Banner schwingen als unter dem
meines Kaisers«
»Bewahrt diesen Stolz« sagte Friedrich schnell »Wer hoch von sich denkt
der steckt sich wohl auch ein großes Ziel Wird Euch das Erbe Eurer Väter zu
klein für treue Dienste kann der Kaiser es mehren«
»Wenig habe ich bis jetzt um Gut und Eigen gesorgt« antwortete Ivo ehrlich
»Bevor ich das Kreuz auf mich nahm diente ich in freiem Jugendmut da wo mir
mein Herz gebot«
Friedrich lächelte »Hat Euch die Herrin in die Fremde geschickt Ich meine
solche Entsendung gleicht dem Torenwerk eines Mannes der mit der Säge den Ast
abschnitt auf dem er saß«
»Beide begehren wir vom Himmel dass er uns gnädig sei«
Wieder lächelte der Kaiser und betrachtete den jungen Helden dessen Antlitz
durch den letzten Abendschein gerötet wurde »Auch einen Mann macht es fröhlich
Euch in die Augen zu sehen Herr mich wundert nicht dass die Frauen Euch
preisen ich hoffe Ihr sollt den braunen Damen im Harem des Sultans manche
Angststunde bereiten wenn Ihr gegen ihre Helden sprengt Trägt man in Thüringen
solch buntes Tuch als Kollier wie Ihr um den Hals geschlungen habt«
Ivo antwortete errötend »Des Kaisers Majestät weiß dass Wallende die Gabe
einer geliebten Frau unter dem Kreuzeszeichen tragen wenn sie der Herrin Anteil
geben wollen an dem Heil welches ihnen die Fahrt bereitet«
Der Kaiser nickte »Auch ich trage den Schleier meiner Herrin« und er wies
auf ein feines Gewebe aus Goldfäden welches ebenso unter dem Kreuz an der
Schulter befestigt war »Doch ich sorge die Unbekannte welcher Ihr dient ist
eine ungläubige Sarazenin denn auf dem Zipfel unter dem heiligen Kreuze sehe
ich fremde Buchstaben in Gold gestickt versteht Ihr die verschlungenen Linien
zu deuten« Und den Zipfel fassend fuhr er spottend fort »Es sind arabische
Worte sie bedeuten Allah ist Gott und Mohammed ist sein Prophet Ich hoffe
der Spruch dem unsere Pfaffen fluchen wird Eurer Seligkeit nicht schaden
Zufällig vermag ich dies Geheimnis zu künden denn ich selbst schenkte einst ein
Tuch diesem ähnlich einer edlen Frau die mir verwandt ist Noch vor wenig
Tagen hättet Ihr Euer Tuch mit dem ihren vergleichen können Jetzt ist die Dame
durch ihren Herrn nach Deutschland zurückgefordert« Ivo zuckte und trat einen
Schritt zurück »Bleibt ruhig Messire Ivo« fuhr der Kaiser lachend fort aber
seine Augen sahen scharf auf den Betroffenen »Ich verrate die Helden meiner
Tafelrunde nicht«
Er winkte Entlassung und sprach auf dem Wege zu seinem Begleiter »Diesem
kann man vertrauen und ich gedenke ihn in meiner Nähe zu behalten Aber ich
fürchte er ist von einfältigem Herzen«
»Er ist ein Deutscher« antwortete der Meister
»Das bin auch ich« versetzte der Kaiser schnell »Wie Hermann du birgst
dein Lächeln nicht Was meinst du sprich bin ich ein Deutscher oder nicht«
»Verzeiht wenn ich in einem Gleichnis antworte Als ich zuerst nach dem
Morgenlande zog empfing ich als Geschenk eine Silberplatte aus Goslar Ein
arabischer Goldschmied schlug sie mir zu einem Becher mit römischen Goldmünzen
die ich ihm gab überzog er das Silber und fügte in der Kunst welche die
Ungläubigen verstehen zierliche bunte Farben zu dem Golde Jetzt hat der Becher
langen Reiterdienst getan die arabischen Farben und das römische Gold sind an
vielen Stellen abgescheuert und das deutsche Silber kommt zum Vorschein
möglich dass der Becher für Fremde unscheinbar ward mir ist er jetzt teurer als
ehedem Ich weiß nicht ob ich zu den Heiligen flehen darf dass auch bei Eurer
Majestät durch den Druck der Jahre das deutsche Metall ans Tageslicht gebracht
werde«
Friedrich lachte »Ich hoffe deine Treue wünscht mir kein Unglück Immerhin
danke ich dir dass du mich wenigstens mit einem silbernen Napfe vergleichst
Doch meine ich Meister du trinkst aus zwei Bechern der eine heißt Kaiser der
andere heißt Papst Aus welchem Metall ist der alte Mann welcher grollend in
Rom sitzt der dein zweiter Herr ist und dazu der meine«
»Da er mein Herr ist wie Ihr sagt so verbietet mir die Ehrfurcht gegen
Euch sein Metall zu schätzen Doch der hochwürdige Vater welcher auf dem Stuhl
St Peters sitzt darf sagen Wie auch das Gefäß sein mag der Wein den ich
berge ist immerdar ein Himmelstrank und das Heil der Christenheit«
»So lass du dir in deinem Gleichnis sagen« rief der Kaiser eifrig »dass drei
Töpfe aus schlechtem Ton von den törichten Völkern der Erde angebetet werden als
die Bewahrer göttlichen Segens Der erste stammt von Moses und der letzte von
Mohammed und der mittlere ist der den der Alte zu Rom so herrisch schwenkt
Könnte ich wie ich wollte ich zerschlüge alle drei um die Welt von finsterer
Tyrannei zu befreien« Hermann bekreuzigte sich »Sei ruhig und entsetze dich
nicht du weißt ich bemühe mich um die Gunst der Heiligen und bin zur Zeit in
dem frömmsten Geschäft meines Lebens Verliere nicht das Zutrauen zu mir
vielleicht kommt die deutsche Einfalt die du bei deinem Herrn Ivo rühmst auch
an mir noch einmal zutage so dass ich dahinfahre als ein treuer und hochgelobter
Sohn der Kirche wie der junge Landgraf In Wahrheit gerade jetzt wäre
willkommen bei unserem Vater Papst einigen guten Willen für mich zu finden« Er
blieb stehen »Vernimm du zuerst was bald ruchbar sein wird Die Kreuzfahrer
welche hier versammelt sind führst du nach dem Gelobten Lande nicht ich Ich
folge dir erst im nächsten Frühjahr«
Der Meister stand still und in seinem Gesicht zuckte eine heftige Bewegung
der staatskluge Mann fand keine Antwort Sieben Jahre waren es her seit der
Kaiser den Kreuzzug gelobt hatte immer hatte er ihn verschoben und Hermann
hatte mehr als einmal seine ganze Kunst aufgewandt den erzürnten Papst zu neuem
Aufschub zu bewegen jetzt wo die Fahrt begonnen war sah er die reifende
Frucht mühevoller Arbeit durch einen Einfall des Kaisers verdorben »Du zürnst
mir in deinen Gedanken« begann Friedrich endlich »niemand hat so viel Recht
dazu denn dir Hermann danke ich dass ich in den letzten Jahren frei von Bann
und Verwünschung des Alten die zuchtlosen Füllen dieses Landes an meinen Zaum
gewöhnen konnte Alles was du sagen kannst um mich zu treiben weiß ich
selbst und glaube mir heißer ist mein Drang im Morgenlande die Krone über
dies Inselmeer zu holen als dein Wunsch deinen Brüdern dort Burgen und eine
Herrschaft zu gewinnen Darum vernimm du allein was mich hindert Zwei
Frauenlippen waren es und wenige holde Worte die mir in das Ohr geflüstert
wurden aber sie wiegen schwerer als die alte Pflicht und als der Kriegsruf aus
dem Heere das du für mich gesammelt hast Ja und auch du der du dem Weibe
entsagt hast wirst mich nicht schelten Denn eine neue Zeit kommt heran und
alte Verkündigung wird zur Wahrheit Wisse sechs Wochen sind es jetzt dass mein
Gemahl die Erbtochter des Königreichs Jerusalem zum letztenmal an meinem Halse
lag In derselben Nacht stand mein weiser Omar auf der Zinne des Schlosses und
spähte nach dem Stand der Himmelslichter an denen unser aller Schicksal hängt
Gerade als wir uns von Brindisi eingeschifft hatten zur gelobten Fahrt brachte
mir eine schnelle Galeere auf der See den Gruß der Kaiserin die goldene Kapsel
in der sie sonst ihre Reliquien bewahrt ein aufgebrochener Granatapfel lag
darin Verstehst du dies Zeichen Es bedeutet geheimes Hoffen Und der Bote
verkündete dass sie hier meiner harre Darum sind wir gelandet Der Landgraf
vermag nicht mehr die Pilger zu führen das macht auch mir leichter zu bleiben
denn ungern hätte ich den jugendlichen Helden unter meinen Deutschen allein im
Gelobten Land gesehen obgleich er nicht der Mann war mit den Kindern
Mohammeds zu handeln Sieh hinauf Hermann« er wies nach dem dunklen Himmel an
welchem einzelne Sterne sichtbar wurden »dort wandeln unter den andern
Gestirnen die großen Wahrsager unseres Schicksals ihre geheimnisvollen Bahnen
dort glänzt der Stern meines Geschlechtes Almustari den die Römer Jupiter
nennen Lautlos ziehen sie und doch enthüllen sie dem Kundigen dass in wenig
mehr als sieben Monden der heiße Wunsch meines Lebens erfüllt wird der König
über Gläubige und Ungläubige wird geboren die Herrlichkeit eines neuen Reiches
wird heraufsteigen aus dem Meere und in neuem Glauben werden die Stämme mit
schwarzen und blauen Augen einträchtig beieinander wohnen«
»Zürnt mir nicht mein kaiserlicher Herr« entgegnete der Meister traurig
»wenn ich Euch nicht folge zu den Luftbahnen welche die Sterne wandeln Ein
deutscher Ordensmann bin ich und mein Amt ist nicht an mich zu denken sondern
an das Wohl meiner Bruderschaft Für diese aber sind Eure Majestät und Papst
Gregor die beiden Leitsterne welche unser Schicksal da bestimmen wo unsere
eigene Kraft nicht reicht Und deshalb gestattet mir noch einmal Euch zu
mahnen Sieben Monate sind von Euren Wahrsagern als Frist gegeben für die Fahrt
in heißen Landen für uns die beste Jahreszeit nach dieser Zeit mögt Ihr
zurückkehren und Euch des Glückes freuen das Ihr so sicher erhofft«
»Doch wenn ich nimmer zurückkehre« fragte Friedrich mit finsterem Blick
»Du weißt Hermann nicht jedem meines erlauchten Stammes glückte aus dem
Gelobten Lande den Rückweg zu finden Und wenn ich heimkomme wähnst du dass ich
die Kaiserin und die Hoffnung die mich jetzt froh macht ungeschädigt
wiederfinde«
»Man sagt dass des Kaisers Frauengemach einer zugemauerten Burg gleicht so
unzugänglich wie der Harem des Kalifen und dass die fremden Wächter den
Zudringlichen mit scharfer Waffe begrüßen«
»Die Feinde welche wir beide kennen dringen durch jede Tür sie geben
Siechtum mit der Hostie und raunen Tödliches in das Ohr der Betenden Hermann
ich darf mein Weib in dieser Zeit nicht verlassen«
»Wenn aller Welt verborgen bleibt was Euch bis zu nächstem Frühjahr bei
Eurem Gemahl festhält einen gibt es dem dies Geheimnis dennoch zugetragen
wird und dieser eine ist der Heilige Vater Den Erben begehrt Ihr dem Volke zu
zeigen bevor Ihr ihm das Gelobte Land gewinnt Eure Gegner in Rom aber drängen
dass Ihr das Land erwerbet nicht für Euer Geschlecht sondern für einen
Oberherrn den Heiligen Vater selbst Keinen Grund des Zögerns weiß ich der den
Zorn des Papstes so heftig entflammen muss wie dieser geheime der dem Kaiser so
wichtig ist Bei Strafe des Bannes habt Ihr Euch verpflichtet in diesem Sommer
zu segeln wird der Bann gegen Euer hohes Haupt geschleudert so verdirbt er
Euch die heilige Fahrt und verdirbt die Arbeit und die Hoffnungen vieler Jahre«
Und vor dem Kaiser niederkniend rief er in heißem Schmerze »Oh lasst Euch
warnen Herr wenn Ihr je Treue und gute Meinung in meinen Worten erkannt habt
so hört jetzt auf mein Flehen setzt nicht alles aufs Spiel um einer unsicheren
Hoffnung willen die jeder kommende Tag vereiteln kann«
»Steh auf Hermann« sprach der Kaiser den Knienden erhebend »du sprichst
redlich wie du immer gegen mich gesinnt warst Aber du begreifst nicht wie
dein Kaiser denken muss Hoch über alle Häupter der Christenheit hat der Erhalter
der Welt mein Geschlecht erhöht an dem neuen Leben welches er in mein Haus
sendet hängt das Schicksal von Millionen Nicht ein Kind wie jedes andere ist
der Sohn welcher dem Kaiser geboren wird sondern eine Verheißung für die
Völker der Erde Du mahntest mich an meine Sterblichkeit und mein Alter in
meinen Söhnen liegt die Verjüngung meiner selbst und die Bürgschaft dafür dass
die Gedanken die ich in mir trage und mein Wille eine neue Ordnung in die
zuchtlosen Seelen der Menschen zu pflanzen nicht mit meinem Leben vergehen Nur
auf zwei Augen auf dem Knaben Heinrich allein ruhte bisher die ganze Zukunft
meines Geschlechts Jetzt ist die neue Hoffnung verkündet Darum sage ich dir
der König wird geboren werden so wahr ich unter dem Schein dieses Sternes vor
dir stehe Ich werde ihn den Völkern zeigen und ich werde für ihn die Krone der
heiligen Stadt gewinnen gebannt oder nicht mit gutem Willen des Papstes oder
mit bösem Wie mein Sohn Heinrich die Diademe des Deutschen Reiches tragen wird
so soll ein anderer Sohn als Meerkönig die Kronen von Sizilien und Jerusalem auf
seinem Haupte vereinigen Und ich mit meinem Geschlecht wir werden die Welt
befreien von der Tyrannei des Alten der zwischen den sieben Hügeln tront und
der sich zum Herrn gemacht hat über die Majestät der Könige und über das
Schicksal der Völker«
Hermann bewegte abweisend das Haupt Da fasste Friedrich die Hand des
Vertrauten am Gelenk und schüttelte sie in leidenschaftlicher Aufregung »Die
Völker leben in Siechtum und die Könige werden Sklaven Da ich noch ein Knabe
war haben die Priester mich gezwungen ihrer List und Untreue zu begegnen mit
gleicher Verstellung Du hast zuweilen die Kunst gerühmt mit welcher ich meine
Gegner überrasche und die Mäßigung mit der ich für mich nur begehre was
erreichbar ist wisse mein Freund teuren Preis habe ich für diese Kunst
gezahlt es ist die Schlauheit eines Unfreien der unablässig die Kette fühlt
die er mit sich schleppt Durch sie bin ich gescheuert wie dein Becher von dem
du sprachst und wenn ich jetzt in der Stille vor dir tobe so nimm an dass es
mein deutsches Silber ist ein empörtes Gemüt was an mir zum Vorschein kommt«
Und seine Bewegung bezwingend schloss er »Gib dich Hermann sprich mir nicht
mehr von dem was unabänderlich ist sondern vernimm was ich noch von dir
begehre Die Luft wird kühl und der kranke Leib fordert Ruhe«
Das Dunkel der Nacht lag über dem Hafen aus dem die Masten der Schiffe
schwarz gegen den Sternenhimmel ragten die Totenklage war verstummt nur die
Flut rauschte aus der Tiefe Ivo stand am Ufer sein Auge haftete an einem
bleichen Lichtstreif der ostwärts auf hoher See glänzte »Dort hinaus liegt das
Land der Verheißung Eine hohe Pflicht habe ich auf mich genommen und ich ahne
dass sie mir den freien Sinn einhegt und mich enge und düster umschließt wie die
Schwärze dieser Nacht Von den Freuden meiner Jugend habe ich mich geschieden
auch von der geliebten Herrin soll mich weites Land und wildes Meer trennen Wer
mag sagen wie lange Das Tuch mit den fremden Zeichen welches uns beide einem
Fremden verriet löse ich vom Halse heimlich will ich es an meinem Herze
bewahren als die einzige Habe die mir aus seligen Tagen geblieben ist Still
berge ich fortan meine Liebe und meine Sehnsucht nur für mein neues Amt will
ich leben damit der Himmelsherr meinen Dienst gnadenvoll annehme und mit mir
tue wie ihm gefällt ob die furchtbare Todesmahnung die mir auf dem Wege
hierher wurde auch an mir in Erfüllung geht oder ob mir gestattet wird die
Treuen zur lieben Heimat zurückzuführen« Er kniete nieder und betete für alle
die er in der Heimat liebhatte
Als der Meister des Deutschen Ordens am Abend in seine Herberge kam gelang
es ihm wie sehr er gewöhnt war sich zu beherrschen dennoch nicht seine
Bewegung den harrenden Brüdern zu verbergen Mit stummem Gruß winkte er die
Entlassung lange saß er schweigend gebeugten Hauptes während Arnfried sein
Neffe und liebster Gesell ehrerbietig an der Tür harrte »Wie lange ist es her
dass wir vom Mastkorb auf die Mauer von Damiette sprangen« fragte er endlich
»Seitdem trage ich rollende Steine den Berg hinauf in mühsam fruchtloser Arbeit
Der Kaiser ist anderen Sinnes geworden und verweigert die Kreuzfahrt«
»Wir vernahmen Ängstliches von der Krankheit des Kaisers«
»Er ist krank und seine heidnischen Ärzte raten ihm Ruhe obgleich sie ihn
schwerlich von der Falkenjagd abhalten werden Doch nach einem Aufschub von
wenigen Wochen vermöchte er dem Kreuzheer zu folgen und diese Verzögerung würde
wenig schaden Er aber hat den Willen erst im kommenden Jahre zu fahren«
Arnfried starrte erschrocken den Meister an und dieser fuhr leise fort »Der
Grund des Aufschubs ist Geheimnis Er ist nicht auszutilgen und erfüllt ihm die
ganze Seele Drei Kronen schweben über seinem Haupte aber sein edler Geist
erträgt nicht ohne Schaden diese irdische Verklärung ihm schwillt das Herz bei
dem Gedanken an die Majestät und den Pomp seines Amtes Jetzt bleibt er zurück
weil er die Hoffnung hegt wahrlich eine unsichere Hoffnung im nächsten
Frühjahr der staunenden Welt von hohem Gerüste großartige Worte zu verkünden
Schon heut freut er sich des Tages Alles was inzwischen geschehen muss
erscheint ihm gering gegen diese Verkündigung vor dem Volke Er ist ein weiser
und kühner Herr und doch leidet er durch geheimen Schaden Kennst du sein
Unglück Arnfried Ihm ist in die Wiege gelegt dass er elf Stunden des Tages
klüger stärker und größer sein soll als wir anderen alle die zwölfte Stunde
aber ein unartiges Kind Wir fahren morgen um zu retten was möglich ist nur
du folgst später Dich sende ich vorher auf den Wunsch des Kaisers zum Heiligen
Vater um Entschuldigungen hinzutragen Leichterzig hofft er den Greis Gregor
für neuen Aufschub zu gewinnen er will nicht wissen wie groß die Ungeduld das
Misstrauen und die Abneigung des Papstes sind Ein neuer Streit wird entbrennen
zwischen den beiden Häuptern der Christenheit und die Heiden werden frohlocken
denn nie war eine Fahrt so furchtbar für sie und so glückverheissend für uns wie
diese« Und als der Meister seinem Vertrauten vieles andere aufgetragen hatte
fügte er noch hinzu »Sorge auch soweit du vermagst für unsern Landsmann
welcher jetzt mit seinen Rittern vergebens nach einem Fahrzeug ausspäht«
»Ihr meint den Edlen von Ingersleben«
»Der Kaiser möchte ihn in seiner Nähe festhalten aber der junge Held wird
unter den Welschen und Sarazenen schwerlich gedeihen Ich habe ihn auf meine
Seele genommen denn ich habe ihn durch hohe Mahnung zu der Fahrt geladen«
»Ihr wisst dass die Spielleute in der Heimat ihn den König nennen Leidet
auch er an dem Fluch der nach Eurer Meinung an der Königswiege hängt«
»An einem andern mein Bruder Wer den Sinn eines Königs hat ohne die Macht
der vermag schwerlich zu bestehen im Kampfe gegen die wilde Welt«
Bei Accon
Auf dem Deck einer starken Kogge aus Lübeck saßen die Pilger den Blick nach der
aufsteigenden Küste von Cypern gerichtet Ihre Wangen waren gebleicht durch den
Meerwind und das ungewohnte Schaukeln des großen Wasserrosses und oft hatten
sie sich reisemüde gewundert dass es so viel wildes Gewässer auf Erden gebe
Jetzt harrten sie schweigend des Landes nur der sorglose Lutz sang leise einen
heimatlichen Reigen »Wer kann hier tanzen« sprach Henner unzufrieden »wenn er
nicht vom Geschlecht der Meerweiber oder Seehechte ist denn grossmäulige und
habgierige Gesellen wälzen sich um uns« »Segel ahoi« rief der Maat über die
Brustwehr des Gerüstes welches oben am Mastbaum ragte Gleich darauf schrillte
derselbe Ruf wieder und wieder Der Schiffer trat zu Ivo »Es sind Schiffe des
Kreuzheeres welche von Accon heimkehren Ihr werdet im Hafen Neues aus dem
Heiligen Lande erfahren« Bald sahen die Pilger eine ganze Flotte welche von
Osten her einfuhr oder bereits landete viele Boote fuhren an das Land und doch
standen die Leute auf den Fahrzeugen Kopf an Kopf gedrängt
»Geht der Kreuzzug rückwärts« fragte Ivo verwundert »auch Banner der Edlen
sehe ich an den Mastbäumen die Krieger hasten nach dem Ufer kommend aber sie
ziehen nicht gleich Siegern daher«
Als er mit seinen Begleitern im Boot durch das Gewirr der Schiffe ans Land
fuhr riefen ihm Stimmen entgegen »Kehrt um nutzlos ist eure Reise die
Kreuzfahrt ist vergangen«
Henner wies zur Seite »Seht dort Gesichter die wir in der Heimat nur zu
gut kannten Graf Meginhard Euer Ohm hebt sich an den Strand«
Ivo sprang aus dem Boote War auch daheim nur geringe Freundschaft zwischen
ihm und seinem Verwandten gewesen hier pochte ihm doch freudig das Herz als er
dem Mann seines Blutes entgegentrat »Seid gegrüßt im fremden Lande« sagte er
fröhlich
Der Graf antwortete kalt der Begrüßung »Ihr kommt zu spät Ivo wenn Ihr
gesonnen seid weiter ostwärts zu fahren Wir Thüringe haben geringe Ursache
die Treue des Kaisers zu rühmen er hat uns verlassen und der Zorn des Papstes
hat die gewappneten Pilger von ihrem Gelübde gelöst Das ganze Heer läuft
auseinander Umsonst haben sich die Pfaffen in der Heimat heiser geschrien und
ganz umsonst haben wir unser Geld aufgewandt«
»Der Kaiser aber wird kommen«
Der Graf lachte »Dann mag er allein die Heiden in ihre Sandwüste scheuchen
die Hilfe der Christen hat er verloren Eilt Euch« rief er seinen Begleitern
zu »damit wir Herberge in der Stadt finden bevor der Schwarm der Fahrenden
eindringt Wundert Euch darum nicht« schloss er seine Mütze gegen Ivo lüftend
»wenn ich Euch verlasse Wollt Ihr Euch weise beraten so wendet den Kiel Eures
Schiffes einer anderen Ritterfahrt zu«
Ivo erkannte im Gefolge des Grafen den leidigen Herrn Konz und den jungen
Bertold welche mit den Herren vom Niederhof feindliche Blicke tauschten Er
rief dem Oheim nach »Wollt Ihr mir noch sagen wo der Meister des Deutschen
Ordens weilt«
»Er müht sich zu Accon Wasser in einem Siebe zu tragen« antwortete der
Graf über die Achsel zurück
Da sprach Ivo zornig zu seinen Gesellen »Ich aber meine dass jetzt ein
anderes Sieb geschwenkt wird welches die Spreu des Heeres vom Weizen sondert«
Am dritten Tage darauf lag die Küste des Heiligen Landes vor den Augen der
Pilger alle knieten auf dem Verdeck ein alter Priester sprach die Gebete und
stimmte den Hymnus an zu welchem die Laien das Kyrie sangen indem sie
sehnsüchtig die Arme gegen das Land streckten Als der Gottesdienst mit heißer
Andacht vollendet war deutete der Geistliche den Thüringen die sichtbaren
Strecken des Landes »Dort gegen Norden ragen die beschneiten Gipfel des
Libanon jener blaue Fels im Süden ist der heilige Berg Karmel und hier vor uns
liegt Accon der eherne Schirm der Christenheit denn dreieckig gleich einem
Schilde liegt es da an zwei Seiten von den Wellen umspült« Er wies auf einen
alten Turm der auf einer Klippe trotzig in die See hinausgebaut war als
äußerste Wacht des Aussenhafens »Dies ist der Fliegenturm dort hinten ragen die
Zinnen der Königsburg dies sind die starken Türme und die Basteien der Brüder
von St Johannes und weiter abwärts hinter den Hügeln liegt das Pilgerschloss
die Burg der Templer welche nicht ihresgleichen auf Erden hat«
Als das Schiff in den Binnenhafen fuhr läuteten die Glocken und dröhnten
große eherne Pauken den Gruß der Stadt Eine unzählbare Menge war
zusammengelaufen und antwortete den winkenden und grüssenden Pilgern durch lautes
Geschrei Wie Gestalten einer fremden Sage schwebten und drängten die Menschen
vor den erstaunten Augen der Landenden sie fanden sich umgeben von Trachten
die sie niemals geschaut und angerufen durch Laute menschlicher Rede
dergleichen sie niemals gehört Neben dem Griechen in langem bunten Gewande
standen der Jude im Kaftan der syrische Christ mit weißem Turban und
Wollgürtel Frauen welche Stirn und Kinn verhüllt trugen aber mit Auge und
Hand zu sich heranwinkten und Lateiner aus jedem Volk des Abendlandes vom
braunen Portugiesen bis zum hageren Schotten Unter den Erwachsenen wanden sich
aalgleich halbnackte Kinder weiß braun und schwarz und hoben begehrlich die
geöffneten Hände Abseits von dem Volksgetümmel aber harrten stolze Krieger des
Christenheeres viele im schwarzen Mantel der Johanniter oder im weißen der
Templer Leibwächter des Patriarchen mit vergoldeter Rüstung und georgische
Reiter Mann und Ross in glänzende Schuppenpanzer gehüllt Zwischen die Menschen
schoben sich Esel und Maultiere der Führer welche die Reisenden und ihr Gepäck
in Empfang nehmen wollten dahinter ragten die langen Hälse und Höcker der
Kamele Und der ganze seltsame Schwarm grüßte winkte schrie »Wir hörten eine
Sage über den Turmbau zu Babel« murmelte Henner »hier ist einiges aus dem
Wirrwarr übriggeblieben Weiche zurück von meiner Tasche Gesindel«
»Heil sei allen tapferen Deutschen« schrie ein vierschrötiger Mann seine
Nachbarn zurückstossend »Hierher ihr Herren hier steht der echte Blitzschwab
bei mir findet ihr Herberge und heimische Kost berühmt sind die Klösse und
vielgepriesen ist der Wein des Wirtes zum Greifen«
»Segen über Eure goldnen Locken Ihr edler Herr« rief von der andern Seite
eine ältliche Frau die ein rotes Turbantuch um die Schläfen trug und am
Halsbande ein großes silbernes Kreuz »Nimmer hätte ich mir träumen lassen
euch ihr ruhmvollen Helden hier zu sehen Habt ihr nie von der Wirtin zum
heiligen Georg gehört Ein Erfurter Kind bin ich und ich sah manchen von euch
da er nicht größer war als so hoch«
Ein Ritterbruder von St Johannes nahte hinter einem Knappen der mit seinem
kurzen Spieße rücksichtslos auf die Schienbeine der Zudringlichen schlug so dass
sie scheu zurückfuhren und dem Ritter eine Gasse bis zu Ivo öffneten »Seid
willkommen edler Herr« begann der Bruder höflich zu Ivo »der hochwürdige
Meister sendet Euch und den Herren seinen Gruß und erbietet sich zu jedem guten
Dienst den ein Fremder in diesem Lande begehren mag Gestattet Ihrs so führe
ich Euch vor seine Augen denn er selbst ist zur Stelle«
Ivo trat mit seinen Rittern zu einer Gruppe von Johannesbrüdern aus deren
Mitte der berühmte Meister Bernard ihm entgegentrat Der Lotringer segnete ihn
in deutscher Sprache und bot ihm verbindlich das Gasthaus des Ordens zur
Herberge an Da Ivo sich aber nicht in der ersten Stunde seiner Ankunft einer
Bruderschaft verpflichten wollte so dankte er artig und der Meister ein
geheimes Missvergnügen verbergend entließ ihn mit wiederholtem Angebot
ritterlicher Dienste Sogleich hingen sich wieder die Erfurterin und der Schwabe
an ihn»Begehrt Ihr den Greif oder St Georg« fragte Henner »mir scheint die
Ehrbarkeit ist in beiden gleich«
»Die Landsmännin soll uns haben« versetzte Ivo lachend »wie sie auch sei«
»Sehr klug tatet Ihr« lobte vertraulich die Frau »dass Ihr die Skorpione in
den Strohsäcken der Weisskreuze vermieden habt die vom Johannes sind gieriger
als alle anderen und missgönnen sogar einer ehrlichen Frau ihre kummervolle
Nahrung Heda Jakob wo bist du und wo sind die Esel«
Ein syrischer Mann zerrte seine Tiere am Halfter herzu und mit vielem
Aufwand von Worten und Gebärden führte die Wirtin ihre Gefangenen triumphierend
in die Stadt Durch enge schmutzige Gassen zwischen den rückströmenden Haufen
drängte und stieß sich der Zug bis zur Herberge während Henner und Lutz mit den
Knechten im Hafen zurückblieben um das Ausschiffen der Rosse und der
Heeresrüstung zu überwachen
Der Abend kam heran bevor die Thüringe sich mit ihren Tieren unter dem
Schutz des heiligen Georg geborgen hatten und in einem weiten Hof der mit
Fliesen gepflastert war an Tischen und Bänken zusammen saßen Der ganze Raum
füllte sich mit Gästen auch hier schwirrten viele Sprachen des Abendlandes
durcheinander doch blieb das Deutsche obenauf Es waren zum Teil Leute von
achtbarem Aussehen neben ihnen andere mit deutlichen Gaunergesichtern und
gefällige Weiber bunt aufgeputzt mit frechen Blicken auch deutsche Spielleute
fehlten nicht bald klang die Sackpfeife und die Flöte bald sang ein Wanderer
der den silbernen Armring seines Herrn trug zu der kleinen Harfe Auf allen
Tischen standen Kannen mit dem feurigen Wein Palästinas oft gefüllt von den
gefälligen Töchtern des Gastofes die zwar einer Mutter gehorchten aber in
verschiedenen Mundarten auf die Befehle der Gäste antworteten
Die Angekommenen hatten keinen ruhigen Sitz denn um sie kreiste neugierig
und begehrlich der Schwarm Manche fragten wehmütig nach der Heimat andere
priesen ihre Waren die sie in Körben vorzeigten oder erboten sich zu jeder Art
von Diensten auch zu unsäuberlichen Sogar Brüder von St Johannes saßen in dem
Haufen und Ivo wunderte sich dass die Ordensregel das lustige Zechen nicht
hindere Aber er war doch froh als derselbe Bruder der ihn am Hafen begrüßt
hatte zu seinem Tische trat denn der schwarze Mantel desselben scheuchte
sogleich alle Zudringlichen aus der Nähe und dem Bruder höflich Sitz und Becher
bietend sprach er »Mit frommen Gedanken betraten wir das Land der Verheißung
und erwarteten Bussgesänge zu hören aber wir vernehmen hier weltliches Getöse
lauter und wilder als daheim« Der Bruder lachte »Jeder Ankommende hegt
dieselben Gedanken und mancher der betend landet lernt hier das Fluchen
Doch« fügte er höflich hinzu »Eure Frömmigkeit ist zuverlässig größer als die
der meisten Pilger da Euch das Herz treibt zu kommen während die anderen
abziehen«
»Wir vernahmen auf dem Wege dass der Heilige Vater aus Zorn gegen den Kaiser
die Waller von ihrem Eide entbunden hat«
Der Bruder versetzte vorsichtig »Traurig war für uns der Tag wo die
Botschaft verkündet wurde Was soll aus dem Weinberge werden wenn der Aufseher
selbst die Arbeiter hinausscheucht Jetzt aber sind wir alle begierig Neues
zu hören und Ihr werdet auch deshalb meinen Brüdern eine Freude machen wenn
Ihr unseren Hallen die Ehre Eures Besuches vergönnt«
Ivo neigte sich stumm der Bruder fuhr fort »Ihr habt heut edler Herr den
Antrag meines Meisters zurückgewiesen sicher aus wackerem Stolz Verzeiht aber
die Frage gedenkt Ihr lange in dieser Herberge unter Dieben und Trunkenbolden
auszuharren«
»Wir kamen hierher mit den Ungläubigen zu kämpfen«
»Kämpfen« antwortete der Bruder verwundert »Wir leben seit Jahren im
Waffenstillstand oder im Frieden mit den Sarazenen nur dass wir eingeschlossen
sind Die Ruhe soll dauern bis der Kaiser kommt Wer weiß wann«
Die Thüringe sahen einander betroffen an »Wurde das Kreuzheer dazu
aufgeboten um hier ruhmlos zu liegen« fragte Ivo
»Das Heer ist zum großen Teil verlaufen« erklärte der Bruder »was noch
kampflustig unter den Waffen steht vermag den Kampf im freien Felde nicht
aufzunehmen Derweil vertreiben wir die Zeit indem wir miteinander zanken und
da Fehde und Zweikampf unter dem Kreuze verboten sind so müssen wir uns
begnügen mit der Zunge zu stechen Hätten wir nicht die Frauen welche uns
zuweilen ein Lächeln gönnen so wäre das müßige Sitzen gar nicht zu ertragen
Wir haben eine Tafelrunde als Liebeshof eingerichtet die Nichte des Patriarchen
Gerold ist Grossmeisterin Jeder Neue wird geprüft ob er hoher oder niederer
Minne dient und erhält alsdann eine Lehrmeisterin«
»Die haben wir Thüringe nicht nötig« bemerkte Lutz »Sitzt Ihr dabei auf
dem Erdboden«
»Die Paare welche sich gesellen ruhen auf weichem Polster sie schmiegen
sich nahe zueinander und die Leuchte brennt zuweilen dunkel Seid Ihr dem Sange
und fröhlichem Minnespiel nicht abhold so könnt Ihr Euch dort manche Stunde
verkürzen«
Ivo sah vor sich nieder und Henner brummte »Ich hoffe Ihr brecht unterdes
fleißig Eschenholz«
»Ihr wisst ja selbst dass der Heilige Vater die Turniere verboten hat dafür
stechen wir in der Rennbahn nach hölzernen Mohrenköpfen« Der Brust des
Marschalk entrang sich ein beistimmender Laut der einem Stöhnen glich
Auf der Straße gellte ein verzweifelter Schrei nach Hilfe mancher Gast
wandte das Gesicht neugierig dem Eingange zu aber die lärmende Unterhaltung
wurde nicht unterbrochen bis zwei Männer einen Verwundeten dem das Blut aus
großer Brustwunde lief in den Hof trugen Die Wirtin stürzte sich wild aus
ihrer Burg einem hohen Verschlage nahe der Tür von dem sie mit scharfem Blick
alle Tische überschaute und die Eintretenden abwehrend schrie sie »Hinaus
ihr heillosen Tröpfe wollt ihr mir den Fußboden beschmutzen Legt ihn auf die
Straße und ruft die Wache des Balif«
Henner erhob sich und durchschritt das Gewühl »Es sind Schiffskinder des
Lübeckers«
»Er ist von unserer Back« klagten die Seeleute gegen Ivo »Er wankte allein
wenige Schritte vor uns durch die Gasse da warfen sich die Mörder über ihn und
raubten ihn behende aus Unsere Gesellen verfolgen die Feiglinge«
Der Johannesbruder beugte sich über den Erschlagenen »Es ist vorbei mit
ihm der Stoß kam von geübter Hand« sagte er achselzuckend »Warum trug er kein
Stahlhemd unter der Jacke Sorgt für die Bestattung ihr guten Männer und wenn
ihr Rache begehrt so nehmt sie an der ersten Nachtmotte der ihr begegnet es
ist kein Mangel daran« Noch andere Matrosen traten ein verstört und grimmig
»Wir verfolgten die Bösewichter bis zu einem großen Hause sie sprangen hinein
vor uns schlug man die Tür zu das weiße Zeichen von St Johannes hing darüber«
Die zornigen Gesichter der Seeleute wandten sich gegen den Bruder welcher stolz
entgegnete »Sie haben das Asylrecht gefordert Das weiße Kreuz schirmt jeden
der ihm vertraut Naht morgen bei Tage höflich der Pforte und klagt bei dem
Hauskomtur« Und zu Ivo gewandt fügte er entschuldigend hinzu »Wundert Euch
nicht wenn Ihr hier mehr von heimlichem Überfall vernehmt als daheim Der
heilige Friede welcher hier geboten ist trägt die Schuld Denn wer sich mit
dem Schwert nicht rächen darf bezahlt zuweilen ein Messer« Doch als er aus der
ernsten Haltung Ivos erkannte dass auch dieser gekränkt war leerte er sein Glas
und empfahl sich mit zierlichen Worten künftiger Gunst Auch der Tote wurde
hinausgeschaft eine schwarze Tochter der Wirtin fuhr mit einem großen Schwamm
über den Fußboden und der Lärm tobte weiter
Die Wirtin im Turban aber trat zu Ivo und auf den leeren Sitz des Bruders
deutend sprach sie leise »Da Ihr ein Thüring seid so traut diesem Ritter
nicht denn er ist aus Franken und selten bezahlt er einen Becher den er bei
mir trinkt Ihr habt wohl selbst gemerkt dass er nur gekommen ist um Schakale
zu locken«
»Was bedeutet das« fragte Ivo
»Verzeiht wir nennen die neuen Pilger so Denn Schakal ist hier ein Tier
dem Fuchs ähnlich welches hinter dem Löwen hertrabt und diesem das Wild jagen
hilft dafür lässt der Löwe dem Schakal den Abfall der Beute«
»Begehrt die große Bruderschaft den Beistand der Pilger damit diese unter
ihrem Banner fechten«
»Fechten Hier wird seltener gefochten als daheim« versetzte die Wirtin
»Gewöhnlich müssen die Fremden ihnen um Gotteslohn Säcke tragen Mörtel mischen
und Steine heben für ihren Burgenbau Wie könnten die Brüder als Herren unter
uns sitzen in ihren Palästen wenn die Pilger ihnen nicht mit ihrem Schweiß die
Mauern zusammenfügten«
»Das mag gute Arbeit sein für die armen Waller die in ihrer Heimat
Ähnliches getan haben doch schwerlich für solche welche das Waffenkleid
tragen«
»Ihr irrt Herr Wisst dass für den Pilger in diesem Lande jede Arbeit die
er den Heiligen zur Ehre tut ein gutes Werk ist welches ihm den Himmel öffnet
und die niedrigste Arbeit das heilsamste Ich selbst sah Fürsten und Grafen die
Mauerkelle schwingen und auch mich dünkt es ein rühmliches Tun wenn gerade die
Not bedrängt Die Bruderschaften aber sinnen unablässig auf Vergrößerung und
deshalb fangen sie den neuen Pilger in ihren Herbergen ein damit er sich ihnen
gelobe und ihnen diene wozu sie ihn gebrauchen Erst vor wenigen Tagen haben
die Templer einige tausend Mann des Kreuzheers entführt damit sie ihnen die
Mauern der Stadt Saida wieder aufrichten«
»Wie kommts dass die Brüder vom Tempel nicht auch in Eurer Herberge
werben«
»Die sind zu stolz um in die Schenken zu gehen« antwortete die Wirtin
»sie verstehen darum den Fang nicht weniger gut«
»Und haben die Brüder vom deutschen Hause denselben Brauch«
Die Wirtin zuckte mit den Achseln »Diese sind stille Männer aber sie sind
arm und haben wenig Gewalt Ihre kleine Herberge ist überfüllt durch die
Kranken Wollt Ihr den Rat einer geringen Frau beachten so traut hier
niemandem denn jeder sorgt nur für sich selbst«
»Auch Ihr Mutter« fragte Ivo lächelnd
»Ach edler Herr« rief die Frau beweglich »Ihr werdet es mit einer Witwe
nicht zu genau nehmen Bedenkt wir sind hinausgestossen an die äußerste Grenze
unter die Heidenschaft wir sind es welche für die ganze Christenheit das
Ärgste wagen und dulden damit wir frommen Pilgern hilfreich sein können« Ihre
Rede störte ein plumper Gesell mit borstigem Haar einem Schlächter ähnlich
welcher die Mütze in der Hand herzutrat »Solltet Ihr selbst einmal eine
sichere Hand bedürfen bei Tage oder bei Nacht so gebt mir und meinem Gesellen
den Vorzug weil ich ein Deutscher bin und in diesen Hof gehöre«
»Was ist dein Amt« fragte Ivo mit Widerwillen Der Mann wies auf das breite
Messer an seiner Seite und machte eine kurze Bewegung mit der Hand Da winkte
ihm Ivo zu entweichen und sprach finster zu der Wirtin »Herbergt Ihr auch
ehrlose Gesellen dieser Art«
»Heilige Magdala« rief die Wirtin »scheltet mir nicht meine Sangliers Wie
soll eine fromme Frau unter dem wilden Volke haushalten wenn sie nicht einige
Trotzköpfe hat Die meisten Prälaten und die großen Laien halten sich
dergleichen Ich nähre nur zwei damit sie dort vor meinem Stuhl sitzen und die
frechen Trunkenbolde schrecken Der Wirt zum Greifen aber bewahrt ein ganzes
Rudel und vermietet sie auch was ich niemals tue Denn ich achte soviel ich
vermag auf Ehrbarkeit«
Am nächsten Morgen begann Ivo zu seinen Gefährten »Wir sind in dies Land
gekommen um allerlei zu lernen Was die Kreuzespflicht gebietet das wollen wir
tun bis aufs äußerste fremdem Brauch fügen wir uns nur wenn er unserer Ehre
nicht zu nahe tritt Wir schlagen noch heut Zelt und Hütte draußen im Lager auf
und verhalten uns dort nicht als Werkleute sondern als Krieger Denn darum sind
wir gekommen und die Heiligen werden uns nicht zürnen wenn wir uns nach der
Sitte der Heimat unedler Arbeit versagen Immer aber lasst uns ihr Herren treu
zusammenstehen und ein gutes Vertrauen bewahren«
Als die Pilger aus der Herberge traten umfing sie wieder betäubender Lärm
der großen Stadt Von dem Syrer Jakob ihrem Dragoman geführt wanden sie sich
durch das Gewirr der engen Gassen und kletterten halsbrechende Stiegen zwischen
den Häusern welche gleich zahllosen Burgen um sie ragten weiß getüncht mit
spärlichen Lichtöffnungen und platten Dächern Unter den schmucklosen Wohnungen
kleiner Leute standen mächtige Steintürme und reichverzierte Paläste die Burgen
edler Geschlechter dazwischen eine große Anzahl Kirchen und Kapellen deren
Glocken fast unablässig läuteten An den freien Plätzen aber lagen die
stattlichen Höfe der Kaufherren aus Pisa mit gewölbten Lauben wo hinter
metallenen Gittern Waren des Morgen und Abendlandes ausgestellt waren Bei
jedem Schritt haftete der erstaunte Blick der Thüringe auf feilgebotenen
Früchten und Lebensmitteln von denen heimkehrende Pilger Wunderbares berichtet
hatten auf kostbaren Stoffen und edlem Metallschmuck von deren Pracht und
Fülle ihnen selbst das Lied des Sängers nichts verkündet hatte Sie sahen die
reiche Stadt von Meer und Ebene abgeschlossen durch zwiefache hohe Mauern die
aus Felsstücken wie für die Ewigkeit gebaut waren darüber ragten mächtige Türme
und als Vorwerke große Bastionen die Barbakanen welche gerundet oder im Winkel
gegen den Strand und die Ebene vorsprangen jede war selbst eine kleine Festung
trug auf der Plattform ihre Wurfgeschosse und enthielt im Innern große gewölbte
Räume und Gemächer in denen sich eine ganze Schar bergen konnte Auf diesen
Basteien wehten die Banner der Bruderschaften und einzelner Edlen an der
nördlichsten Ecke beim Tore von St Leonhard auch das Banner der Marienbrüder
Draußen in der weiten Ebene aber lagen einzeln an Quell und Bach die
burgähnlichen Wohnhäuser der syrischen Landbauer zwischen großen Wein und
Orangegärten in der Niederung breiteten sich Feigenbäume und Olivenwälder am
Rand der Bäche wuchs der Oleander auf den Höhen ragten Zypressen und
flachgewipfelte Pinien Der Syrer wies in die Ferne »Dort hinter den Bergen
liegt Jerusalem« Und die Pilger neigten sich ehrfürchtig der heissersehnten
Stadt zu
In der Barbakane der Marienbrüder fand Ivo ihren Meister »Ich dachte wohl
dass Ihr beharren würdet« rief ihm dieser grüßend entgegen
»Der Kaiser kommt zum Frühjahr« sprach Ivo »er hat es mir da ich Urlaub
nahm feierlich bestätigt«
»Er kommt als ein Gebannter« murmelte Hermann »Euch aber edler Herr
beweise ich meine Achtung wenn ich in diesem Lande den Rat gebe helft Euch
selbst und schlagt Euch als ein Freier durch alle Hindernisse Sucht Ihr den
Beistand eines erfahrenen Mannes so werde ich immer bereit sein Meine
Bruderschaft aber gehorcht einem strengen Gesetz sie naht freiwillig nur dem
Kranken und dem Feinde und sie verrichtet ohne Entgelt nur Werke des Erbarmens
und des Krieges Wer uns sonst gebraucht muss uns rufen und wer von uns
begehrt muss uns leisten Denn nur unsern Dienst vor Augen gehen wir still
unseren Weg zwischen den Guten und zwischen den Argen und suchen beide für uns
zu benützen Deshalb ist der beste Wunsch den ich für Euch hege dass Ihr
niemals unsern Beistand gebrauchen mögt«
Ivo meinte dass dies kalte Worte eines Mannes waren den er im Herzen
verehrte und er nahm sich vor die Dienste des Meisters und seiner Brüder
solange als möglich zu entbehren Er meldete seine Ankunft dem Herzoge von
Limburg welcher an Kaisers Statt Führer des Heeres war und rückte mit seinem
Gefolge an demselben Morgen auf die Ebene unweit des Strandes wo die Zeltgassen
verödet lagen Sein Zelt wurde aufgeschlagen einige leere Hütten gesäubert und
ausgebessert und es war für alle der erste frohe Augenblick seit vielen Tagen
als Henner das Wappenschild seines Herrn auf der gemalten Speerstange befestigte
und sein Haupt entblössend rief »Fliege in Ehren über getreue Herzen«
Das Jahr neigte zum Ende die Pilger freuten sich über die milde Luft der
ersten Wintermonate und Henner richtete hinter den Hütten eine kleine Rennbahn
ein auf welcher die Thüringe sich und ihre Rosse eifrig im Speerkampf übten
Wurde das ritterliche Stechen auch von der Kirche nicht gelobt die Krieger
durften sagen dass sie es als Übung nicht entbehren konnten Bald war die Bahn
in dem trägen Lager ein gesuchter Ort nicht nur Landsleute auch Fremde
sammelten sich darin und über den Trümmern der gebrochenen Speere gewannen die
Thüringe gute Kundschaft mit vielen fröhlichen Gesellen Der Herzog von Limburg
verstach selbst zuweilen gegen Ivo seinen Rohrschaft und rühmte den Helden und
seine Ritter vor den Häuptern des Heeres
Aber die Ungunst des Winters störte das sorglose Treiben Ein kalter Nordost
hinderte die Schiffahrt die Zufuhr blieb aus eine unleidliche Teuerung begann
Denn Weizen und Gerste die unentbehrlichen Lebensmittel wurden zumeist mit den
Summen erkauft welche fromme Christen des Abendlandes zu dem Kreuzzuge
gesteuert hatten Immer war die Verteilung unbillig gewesen der kleine Haufe
für welchen Henner zu sorgen hatte wurde gegen andere Scharen zurückgesetzt
die großen Bruderschaften und die mächtigen Gebieter nahmen gern das Beste
vorweg und mit viel scharfem Wortgefecht hatten die Thüringe kaum das
Notdürftige behauptet Jetzt war gar nichts zu erhalten alle Beschwerden Ivos
blieben fruchtlos der Herzog schalt heftig auf die Verteiler vermochte aber
die Parteilichkeit nicht zu brechen Und Henner musste aus der Geldtasche welche
er als leichte Last über seinem Herzen bewahrte den Tagesbedarf zu unerhörten
Preisen einkaufen Sein Zorn wurde größer wenn er sah wie wohlgenährt die
Pferde vom Tempel und Johannes waren Denn die Brüder hatten durch große
Magazine weislich für ihren Bedarf gesorgt sie besaßen eigene Lastschiffe und
Unterhändler in anderen Häfen Darum ging der Marschalk mit umwölkter Miene
einher bemüht seinem Herrn die Not zu bergen Unterdes suchten Lutz und
Eberhard die jungen durch Jagdbeute der Küche zu helfen Doch in der Nähe des
Lagers war das Wild fast gänzlich getilgt sie mussten weit in das Land ziehen
und stießen mehr als einmal mit feindlichen Bodwinen zusammen welche auf ihren
Rossen schweifend das Lager umlauerten und unter den braunen härenen Mänteln
gerade dann hinter einer Erdwelle auftauchten wenn die Pilger ein Rudel Rehe
oder Gazellen beschlichen hatten »Ein Glück dass diese Heidetraber im weißen
Hemde niemals einen Pfeil versenden« tröstete sich Lutz als er einen Rehbock
durch einen Lanzenstich im Arme erkauft hatte
Als Ivo einst in der Rennbahn ritt erkannte er unter den Zuschauern weiße
Mäntel der Templer und Herr Peter von Montague ihr Meister kam grüßend heran
und rühmte die gute Hofzucht der Pferde »Sie haben nicht ihre volle Kraft«
antwortete Henner ein wenig getröstet durch das Lob des stolzen Helden der von
dem ganzen Kreuzheere mit Scheu betrachtet wurde »Schwer haben sie sich an das
Futter des Landes gewöhnt und jetzt wird es ihnen knapp zugemessen«
Der Meister lächelte ein wenig und sagte im Davonreiten »Solltet Ihr einmal
Lust haben Pferde Eurer Zucht zu verkaufen so bitte ich denkt vor andern an
die Brüder vom Tempel«
Henner sah ihm finster nach Wenige Tage darauf begann Ivo beim Lageressen
»Feiern wir im voraus das Osterfest ihr Herren Täglich bietet der Koch
gesottene Fische Wie kommt es auch Herr Eberhard dass Ihr so verstört sitzt
und den Arm verbunden tragt«
»Ich fiel als wir Fische aus der Bucht holten von der Klippe in die See«
antwortete der Vasall »und ich wäre nimmer aus der kalten Flut getaucht wenn
mich mein Geselle Lutz nicht an den Haaren herausgezogen hätte«
Da stieß Henner plötzlich sein Schüsslein beiseite und große Tränen liefen
ihm aus den Augen »Es ist mir nur um die Pferde« seufzte er »sie wollen
durchaus nicht mit Gräten vorliebnehmen«
Ivo stand auf und winkte dem Marschalk ins Freie »Sagt mir alles Henner«
»Die Geldtasche ist leer« versetzte Henner »wir sind am Ende«
Ivo nahm die schwere Goldkette vom Halse den einzigen Schmuck welchen er
trug »Nimm« Henner wog die Kette in der Hand »Oft habe ich sie in Gedanken
geschätzt sie ist die letzte Bürgschaft für Eure Heimkehr«
»Für die Zukunft vertrauen wir dem in dessen Dienst wir hierhergekommen
sind« antwortete Ivo
»Sie hilft auch nur auf kurze Zeit Herr Eberhard trägt eine Schiene um
den gebrochenen Arm und wird ihn den Sommer schwerlich im Ernste gebrauchen Er
sehnt sich heimlich nach Hause nur dass ihn die Scheu abhält Euch das zu
sagen«
»Und Ihr Henner«
»Ihr werdet doch nicht ohne mich und meinen Gesellen Lutz in Jerusalem
einziehen wollen«
Ivo zerriss die Kette in zwei Teile »Die Hälfte sei für Eberhard und seinen
Knecht zur Heimfahrt die andere Hälfte für uns damit wir aushalten Zwölf
Rosse hatten wir bis jetzt verkauft die Hälfte den Templern so bleibt dem
Manne ein Pferd«
Es war für Henner der schwerste Ritt seines Lebens als er am Nachmittage in
die Burg der Templer zog die Pferde anzubieten Der Meister empfing ihn mit
ausgesuchter Höflichkeit »Schätzt die Pferde selbst und empfangt zur Stelle den
Preis Wir füttern und gebrauchen sie für euch begehrt ihr sie einst zurück so
mögt ihr sie wiederkaufen Und findet ihr es zu schwer unter eigenem Banner
bessere Zeit zu erwarten so wisst dass meine Brüder sich freuen werden euch von
unseren Vorräten mitzuteilen soviel ihr wollt«
»Diese verstehen besser als andere für sich zu werben« sagte Ivo mit
trübem Lächeln als ihm Henner die Unterredung berichtete »Mein Stolz gleicht
einer Espe von welcher der Sturmwind einen Ast nach dem andern bricht unruhig
zittern die Blätter der letzten Zweige wie lange und die karge Frist welche
wir erlangt haben wird verronnen sein«
Die Worte sollten bald Wahrheit werden Die warme Frühlingssonne umkleidete
wenige Tage darauf die Landschaft mit buntem Farbenglanz Während in der Heimat
die ersten Veilchen und Schneeglocken sich furchtsam an die kalte Luft wagten
leuchtete hier die Ebene gleich einem gestickten Teppich die weißen Lilien und
die Rosen öffneten die geschwellten Knospen die Turteltauben girrten auf den
Sykomoren und die Nachtigall schmetterte aus dem Zitronenhain ihre Lieder In
dem Lager liefen die Krieger zusammen denn aus der Stadt bewegte sich unter
Glockengeläut und geistlichem Gesange geführt von dem Herzoge von Limburg und
dem Patriarchen ein langer Zug mit dem wallenden Banner der Marienbrüder sie
kamen nicht im kriegerischen Schmuck sondern trugen Schanzzeug und Baugerät
und in langer Reihe folgten Lasttiere und Karren Mit düsterem Blick sahen die
Templer welche bei Ivos Rennbahn hielten auf den großen Schwarm als er das
Kreuzlied singend durch die Ebene zog und der Johannesbruder barg nicht den
Ausruf »Niemals hätte ich gedacht dass das Marienspital eine solche Schar für
sich erbeuten würde« Da dachte Ivo dass es Deutsche waren welche auszogen und
er folgte mit seinen Rittern Eine gute Meile landeinwärts erhob sich ein
ansehnlicher Hügel an dessen Fuß mehrere weiße Häuser syrischer Landbauern
glänzten Der Zug erstieg die Höhe die Karren wurden zusammengefahren das Heer
umschritt singend den Gipfel dann trat es in großem Ringe zusammen und der
Patriarch rühmte dass das beabsichtigte Werk eine heilige Tat und die Teilnahme
daran für jeden heilbringend sei er weihte die Stätte und erteilte den Segen
Darauf wurde die gesamte Schar unter Ordensbrüder verteilt und zur Arbeit
geführt Um den abgesteckten Raum begann ein Teil der Pilger den Graben zu
ziehen und einen Wall zu erhöhen während andere Haufen die Abhänge des Berges
von Bäumen und Gestrüpp reinigten Der Herzog von Limburg und der Ordensmeister
taten den ersten Spatenstich und beide arbeiteten tapfer mit Hacke und
Grabscheit ringsum klangen die Äxte und Hauen laut an Holz und Stein denn wohl
mehr als tausend kräftige Männer schufen am Werke
Ivo sah eine Weile schweigend zu Als dem Meister ein großer Stein den er
aus dem Boden heben wollte abglitt sprang er herzu hob die Last und lachte
als der Meister ihn mit freundlichem Kopfnicken grüßte Bald fasste er selbst
eine Haue und half frisch bei der Arbeit In der Rastzeit trat er zu Hermann und
sprach das Haupt neigend »Nehmt mich zum Arbeiter an auch für mich ist die
Zeit gekommen zu dienen und ich will es am liebsten für Euch tun da Ihr mich
im Namen unseres Volkes zur Pilgerfahrt geladen habt«
Der Meister antwortete ernstaft »Ich empfange Euren Dienst den Ihr mir
als ein Freier bietet Ihr aber nehmt solange Ihr an unserem Werke schafft
auch unsere Hilfe für Euer Leben Keine unrühmliche Arbeit ist es edler Ivo
der Ihr Euch weiht Dies ist streitiges Land zwischen uns und den Sarazenen uns
aber gehören die Meierhöfe welche Ihr in den wonnigen Tälern vor uns seht
Starkenburg soll dies Kastell heißen ein Schutz für Accon und zur Behauptung
der Landschaft Vielleicht sind auch schon die Stätten bestimmt an welchen
weiter abwärts die nächsten deutschen Burgen gebaut werden Meine Brüder leiten
die Arbeit denn sie haben darin Erfahrung Bruder Arnfried von Naumburg
gebietet den Maurern auf der Höhe Ihr seht ihn mit Richtscheit und Messstock
schreiten und dort unten bereitet Bruder Sibold aus Bremen ein Heerlager für
die Arbeiter diesem will ich Euch zuteilen«
Ohne Freude empfing ihn der Alte »Was fiel meinem Meister ein dass er mir
einen Gehilfen sendet der zuverlässig nichts versteht als Rosse zu drücken und
der außerdem ein Edler ist Kennt Ihr das Geheimnis der Zahlen«
»Wie der Knabe es auf dem Zahlbrett lernt«
»Wisst Ihr die Zahlzeichen auf eine Wachstafel zu schreiben«
Das wusste Ivo nicht »Versteht Ihr die Linien auf diesem Pergament zu
deuten« und er hielt ihm einen gezeichneten Plan hin Ivo fand die Linien
unverständlich Der Bruder bewegte missbilligend das weiße Haupt »Ich dachte
mirs wohl es ist geringe Freude einen Ungeschickten zu lehren«
»Habt Geduld mit mir« bat Ivo den aufspringenden Stolz unterzwingend »Ich
will mir eifrig Mühe geben Euch zu gefallen«
»Haltet wenigstens die Messschnur« gebot der Bremer und Ivo fasste an
Am Abend war es ihm gelungen dem strengen Alten so weit zu gefallen dass
dieser sagte »Ich sehe Ihr seid willig Dafür will ich Euch Zeichen in den
Sand ritzen und erklären damit Ihr sie morgen bei Sonnenaufgang merkt Legt ein
Brett darüber sonst tilgt Euch ein plumper Fußtritt die Wissenschaft«
Früh am nächsten Morgen saß Ivo auf dem Sande in der Wolljacke ein
Schurzfell um die Hüften er zog mit einem Schnitzmesser gerade Linien auf ein
dünnes Brett sägte vorsichtig das umrissene Stück ab und rief seine Arbeit in
die Höhe haltend dem Marschalk zu »Wisst Ihr Henner was ein Winkel ist« Er
musste die Frage wiederholen denn rings um ihn krachten die Äxte auch seine
Ritter und Knechte waren in Werkleute verwandelt welche Balken und starke
Pfosten zurechtieben Endlich antwortete Henner seine lange Gestalt reckend
und den Schweiß von der Stirne wischend »Ich kenne nur einige Winkel in Erfurt
in welchen nicht viel Gutes zu finden ist Doch die Heiligen hier haben andere
Gewohnheiten als bei uns für die Seele mag ihre Sitte heilsam sein aber dem
Rücken tut sie weh Wir merken Herr dass dies die Heimat des heiligen Joseph
ist der wie sie sagen ein Zimmermann war«
Wieder half Ivo dem Alten und war eifrig bei der Arbeit denn er erkannte
allmählich das Sinnvolle der Zeichen welche er machen half In der Mitte des
Lagers sah er einen großen freien Raum den Ring zum Marktverkehr und zur
Sammlung beim Alarm in der Mitte des Ringes das Wachtaus und dahinter nach der
Zahl der Apostel die Stellen der zwölf Schenken und Kaufbuden seitwärts den
Kirchhof auf dem die Kapelle der Jungfrau Maria gezimmert werden sollte Von
den vier Ecken des Marktes liefen vier Lagergassen nach zwei gegenüberliegenden
Toren und kleinere Gassen nach den Pforten auf den beiden anderen Seiten längs
der Gassen wurden die Hüttenräume für je zwölf Schüsselgenossen abgesteckt und
in Quartiere geteilt um den ganzen Raum wurde die Furche für den Wall und
Graben gezogen
Mit dem Werke gewann Ivo auch den Bruder lieb denn er merkte wohl dass
dieser in seiner Art ein vielerfahrener und weiser Mann war Als sie alles
abgegrenzt hatten und die Pfähle mit verschiedener Farbe bezeichnet in Reihen
standen sah der Alte zufrieden auf sein Werk und sprach im Selbstgefühl eines
Meisters »Auch Ihr habt jetzt die Kunst gewonnen ein Lager abzustecken
welches so groß ist dass zweitausend Mann darin bequem wohnen und zugleich den
Wall verteidigen können Glaubt aber nicht dass Ihr deshalb versteht auch das
Lager für weit größere Anzahl zu errichten indem Ihr nach Eurer Willkür die
Quartiere vergrößert Ihr würdet nur ein ungefüges Werk zustande bringen und die
Mannschaft würde sich entweder drängen oder nicht imstande sein den ganzen Wall
zu verteidigen Denn jedes Maß ändert das andere und eine Zahl hängt von der
andern ab Dies größere Geheimnis aber darf nur ich wissen und der Orden denn
der Lehrherr muss etwas vorausbehalten vor dem Lehrling«
Das gab Ivo ergeben zu und Sibold fuhr fort »Diese Kunst die wir jetzt
üben vermag man hier im fremden Lande nicht zu gewinnen wo vieles unordentlich
zugeht Sie ist aber ein Geheimnis das wir Nordfahrer und zum Teil Eure
Nachbarn die Magdeburger ergründet haben wenn wir mit unseren Meerschiffen
den Strand der Heiden im kalten Osten anliefen oder unter den Fremden handelten
Merket auch dass dieses Lager zugleich eine Stadt werden kann für die Siedler
wenn diese hier dauern Wo wir das große Alarmhaus gesetzt haben wird ein
Stockwerk übergebaut für den Rat der Gemeinde und die zwölf Apostel dahinter
werden zwölf Kaufhäuser aus den Lagergassen erstehen die Straßen und aus den
Hütten die Wohnungen mit ihrem Hofraum Dann mögen sich die neuen Burgmannen
statt des Holzgerüstes eine Kirche bauen und statt des Pfahlwerkes eine Mauer
errichten Solche Werke gedeihen bei uns überall wo die Kaufleute ihre Bank
unter den Ostleuten aufschlagen und die Bauern ihnen nachziehen um auf neuer
Scholle zu siedeln«
Ivo sah über das Lager auf die fruchtbare Landschaft um sein Haupt sangen
die Sommervögel die Natur blühte und duftete und er rief begeistert
»Wahrlich keinen besseren Wohnsitz kann ich denken für Männer meines Volkes
Bald soll wenn unser Schwert hilft hier ein neues Heimwesen gegründet werden
Und ich denke auch Euer Meister hat das gewollt als er die Arbeiter bei der
neuen Burg ansiedelte«
Der Alte schwieg endlich sprach er in seinen Gedanken »Viel bin ich
umhergezogen über das salzige Meer in Sturm und Eisfrost unserer Heimat Und in
manchem Lande fremder Menschen habe ich als ich noch ein freier Mann war die
Warenballen aufgeschnürt gekauft und getauscht um in Reichtum meine Tage zu
enden Wisst Herr eine Sturmnacht vertilgte die Hoffnungen meiner Seele zwei
gewappnete Söhne versanken mir mit ihrem Schiffsvolk im Ostmeere Seitdem wurde
mir die Sorge um mein einsames Leben verächtlich und ich dachte oft an den Saal
der ewigen Freude in dem ich meine lieben Jungen wiederfinden könnte Da
übergab ich mich und mein Gut der Bruderschaft und kam in dieses Land Mit gutem
Grunde sagt Ihr dass das Land erfreulich ist für Auge und Herz und doch kennt
Ihr noch wenig davon Ich aber habe das Schönste darin geschaut was einem
Paradiese gleicht«
»Ihr meint das heilige Jerusalem« fragte Ivo
Bruder Sibold schüttelte das Haupt »Dort wurde der Herr gemisshandelt und
gekreuzigt und wenn sie auch sagen dass große Verheißung an der öden Stätte
hängt mir war als ich dorthin pilgerte das Herz schwer bedrückt Nein ein
anderes Tal preise ich wo ich selbst sterben möchte Seht dort gerade vor uns
hinter den Bergen liegt das gesegnete Nazaret in wenigen Stunden könnte Euch
ein Ross hintragen Dort wuchs unser lieber Herr bei seiner Mutter und dem treuen
Joseph auf Dort stand ich mehr denn einmal als Waller und ich sage Euch
nichts auf Erden gleicht der Seligkeit dieser Stunden Denn ich sah in meinem
Geiste das liebe Kind mit seinen treuen Augen vor mir als es vor dem Hause saß
und spielte wie Kinder tun und ich kniete an der Quelle zu der ihn gewöhnlich
seine Mutter schickte das Wasser zu holen und hörte in meinem Geiste wie die
Himmelskönigin wenn er das Krüglein brachte zu ihm sprach Lütte Putje wat
vorsumst du di Da dachte ich an meine eigenen Jungen«
Den Alten übermannte die Bewegung er setzte sich auf einen Stein zur Seite
und faltete die Hände Ivo stand still neben ihm und legte den Arm über seinen
Hals Auch er dachte an die Heimat obwohl kein blondhaariger Knabe seine
Rückkehr erwartete Nach einer Weile fuhr der Bruder traurig fort »Ihr sagt
aus diesem Lager hier mag eine Stadt unseres Volkes werden und wie Ihr denken
vielleicht andere ich aber sorge diese Hoffnung wird nicht in Erfüllung
gehen«
»Die Ankunft des Kaisers steht bevor Vater vertraut auch Ihr dass die
träge Ruhe ein Ende nimmt und die Heiden vor unseren Waffen entweichen«
»Wenn Waffen dies Land festhalten könnten« entgegnete der Alte
kopfschüttelnd »so wäre es nicht verloren worden trotz unserer Sünden Wir
Kaufmänner aus Bremen haben darüber andere Gedanken Die Edlen und Ritter haben
durch das ganze Land unablässig Burgen erhöht und unzählige Christen haben ihr
Blut vergossen sie zu behaupten Aber das Beste wollte nicht gelingen die
Christen haben nirgend im Lande eine Stadt gebaut und nur die Küste vermochten
sie festzuhalten weil die Schiffahrt und der Handel ihnen gehören Denn eines
fehlt hier unsere Bauern und Arbeiter die hinter dem Stadtwall hausen und von
da das umliegende Land in Frieden bezwingen«
»Mögen sie hier beginnen« rief Ivo »Viele kräftige Ackerleute unseres
Volkes kommen in den Kreuzheeren«
Da sprach der Alte leise »Sie gehen wieder oder verderben denn sie
vermögen hier nichts Wundervoll ist was dieses Land den Menschen gewährt und
zwiefältig ist der Segen Denn die Wolle wächst nicht nur auf den Schafen
sondern noch zarter auf einem Gesträuch des beackerten Bodens den süßen Seim
sammelt nicht nur die Biene auch die Menschen kochen ihn aus einer kostbaren
Rohrpflanze die sie im Sumpfe bauen Fremdländisch ist der Bau und unsere
Landsleute sind den fleißigen Syrern an Kunst nicht überlegen sondern die Syrer
ihnen Und ebenso sind diese hier in vieler Handwerksarbeit voraus Darum können
unsere Landgenossen sich nur mühsam durch ihrer Hände Arbeit behaupten und sie
finden es leichter als müßige Herren über den Arbeitern zu sitzen Dies ist der
Grund dass unsere Hüttenlager sich niemals in Städte verwandeln und deshalb
wird um die Burgen der Kampf toben solange wir hier sind«
»Solange wir hier sind« wiederholte Ivo »Meint Ihr Vater dass die
Christenheit einmal aus dem teuren Lande entweichen wird«
Der Alte vermied die Antwort »Ein Bremer Kaufherr hatte da ich jung war
ein Sprichwort welches viele verlachten Der Untreue vergeht der Redliche
besteht Ihr seid ein billig denkender Mann und auch ich gehöre zu einer
Bruderschaft welche auf Treue hält aber ich hörte manchen frommen Mann
bitterlich klagen dass die Sarazenen gerechter und wahrhafter sind als die
Lateiner denen auch wir zugezählt werden Das beachten die alten Einwohner
dieses Landes sehr wohl auch wenn sie Christen sind und sie werden darum den
Sarazenen williger dienen als uns Abendländern Wenige wagen davon zu reden
einer aber weiß es der vorsichtig für uns alle denkt« Und der Alte wies nach
dem Hügel auf dem der Meister seiner Bruderschaft stand
Während Ivo in der Fremde da wo er kühne Rittertat gehofft hatte die
Messschnur hielt und den friedlichen Lehren des alten Bürgers lauschte war in
seiner Heimat der Friede geschwunden und eine gepanzerte Faust hob sich gegen
die andere Vor andern erfuhr die schuldlose Frau Else mit ihren Kindern die
Rache des Schicksals Wie ihr Gemahl sein Schwesterkind aus den Burgen von
Meissen verjagt hatte ebenso trieben jetzt die Brüder des Landgrafen sie mit
ihren Kindern aus der festen Wartburg und die Thüringe erzählten einander mit
Schrecken dass die Landgräfin zu Fuß aus der Burg gewandert war und wie eine
Bettlerin mit ihren Kleinen Obdach in der Stadt Eisenach erbeten hatte Der tote
Landgraf hatte aber auch als strenger Herr die Raublust in den Bergen gebändigt
und mehr als einen frechen Missetäter gezwungen barbeinig und auf den Knien
Genugtuung zu geben Jetzt brannten überall neue Fehden auf man sah den Himmel
oft von niedergesengten Höfen gerötet und vernahm von geblendeten Bauern und
weggetriebenen Herden
In dem Hofe Ivos stand der alte Godwin trübe zwischen Ställen und Scheuern
Von den entfernten Dörfern kamen unwillkommene Nachrichten noch hielt die
Teuerung an und viele Hintersassen waren nicht imstande dem Herrenhofe die
Gebühr zu leisten andere entzogen sich aufsässig ihren Pflichten da die Hand
des Gutsherrn nicht über ihnen war Zwar sollten Hof und Gut den hohen Frieden
genießen welchen die Kirche verkündet hatte aber mancher gewalttätige Nachbar
umlauerte die Grenzen und enthielt sich durchaus nicht eigennütziger Eingriffe
Auch der alte Graf Meginhard kam mit seinem Gefolge über die Brücke geritten
rief die Hofleute herrisch an sah in die Ställe und saß in der Halle nieder
weil er bei der langen Abwesenheit seines Neffen um das Erbe des Geschlechtes zu
sorgen habe und am greulichsten war dem Kämmerer dass sogar Ritter Konz
unverschämt über den Hof schritt und ein junges Ross von der besten Zucht am
Halfter aus dem Stalle führte um es nach der Mühlburg zu nehmen Nur mit Mühe
vermochte Godwin durch den alten Grafen diese Gewalttat zu hindern
Lange hatte der Kämmerer ungeduldig nach Nikolaus ausgesehen der ihm lieber
gewesen war als den anderen Rittern des Hofes und der ihm jetzt Nachricht aus
Welschland bringen sollte Aber der Schüler blieb lange aus Und als er endlich
spät im Winter zurückkehrte war sein Übermut ganz geschwunden und er wollte
wenig von dem berichten was er selbst erlebt hatte
Auch ihm war nicht alles wohlgelungen Ivo hatte während er vom Kaiser
festgehalten bei Otranto auf die Abfahrt wartete zuweilen wieder die Saiten
der Harfe gerührt und ein neues Lied an die Herrin erdacht Vor dem ersehnten
Tage der Abreise legte er seinem Liedergesellen Nikolaus die Verse ans Herz
damit dieser sie wie er bisher getan vor den Landsleuten singe und Ivo machte
ihm vor allem zur Pflicht nach Augsburg an das Hoflager des jungen Königs
Heinrich zu gehen sich dort in den Haushalt der Gräfin von Meran zu schmeicheln
und das Lied vor ihr und ihren Frauen zu singen Dies war für Nikolaus ein
willkommener Auftrag Denn er ließ seine Stimme am liebsten vor schönen Frauen
ertönen Als er nach Augsburg kam erkundete er leicht das ansehnliche Turmhaus
in welchem die Herrin wohnte Er fand einzelne aus dem Gefolge denen er schon
einmal bei den Landgräflichen in Thüringen vorgesungen hatte und gewann den
Eintritt in die untere Steinhalle Schnell machte er die Hofleute welche darin
saßen durch seine Lieder und Scherzreden gutwillig und lauerte auf eine
Gelegenheit die ihm das Gemach der Herrin öffnen würde Als Frauenrosse an das
Tor geführt wurden und zierliche Hofknaben zur Schwelle eilten um der
Gebieterin aufzuwarten trat er aus der Halle in den Flur stellte sich so auf
dass man ihn sehen musste griff in die Saiten der Harfe und hob mit lauter Stimme
den Ton des Herrn Ivo an Eine verhüllte Frau welche gestützt auf den Arm
ihres Kämmerers herankam hielt still sobald sie den Gesang vernahm und hörte
einem Verse aufmerksam zu dann winkte sie mit der Hand und sprach »Eine
wohltönende Stimme ward Euch zuteil Sänger und gern vernehme ich bei
Gelegenheit mehr davon meldet Euch wenn Ihr wiederkommt vor meiner Kammer«
Sie rauschte vorüber und wurde auf das Ross gehoben während der Schüler seines
Glückes froh sich tief verneigte Aber sein Behagen ward jämmerlich gestört
als ein Herr mit braunem gefurchtem Gesicht welcher einem Welschen glich in
den Flur trat und mit scharfer Stimme gebot »Führt den Fahrenden in mein Gemach
und harret vor der Tür« Sogleich fühlte sich Nikolaus gepackt und widerwillig
fortgeschoben Als er im verschlossenen Gemach dem Fremden gegenüberstand
sprach dieser »Auch ich bin ein Freund des Gesanges Sing mir das Lied das du
unten an der Tür erschallen ließest« Der Schüler hielt für das beste dem
unfreundlichen Mann seinen Willen zu tun Dieser hörte abgewandt zu »Ich kenne
die Weise deines Liedes denn öfter wird nach derselben in diesem Hause
gesungen Mit welchem Namen benennt ihr Sänger die Weise«
»Es ist der Ton des Herrn Ivo« versetzte Nikolaus »und er heißt so weil
der edle Ivo von Ingersleben in diesem Tone zu dichten pflegt«
»Du aber bist der Fahrende der in seinem Solde singt«
»Ich bin wie Ihr seht ein lateinischer Schüler und singe seine Lieder«
»Und dein Herr hat dich gesandt damit du sie in diesem Hause singen
sollst«
Solche Frage dünkte den Schüler ungehörig »Ich sang das Lied hier wie ich
es überall singe wo man mich hören will«
Im nächsten Augenblick fühlte er die Spitze eines Dolches an seinem Halse
und vernahm entsetzt die Worte »Gesteh oder dies Eisen durchbohrt dir die
Kehle« Da vermochte er in der Todesangst die Wahrheit nicht zu bergen zumal
sie ihm nicht verboten war und seufzte »Es ward mir befohlen«
»Und wie heißt die Dame vor der du singen solltest« Da nannte er traurig
den Namen Der Herr öffnete die Tür und gebot den Dienern »Fasst die Riemen und
geisselt ihn hinaus Lässt du dich noch einmal in diesem Hause oder in der Nähe
blicken so hast du zum letzten Male das Sonnenlicht geschaut«
Behende entsprang Nikolaus den Knechten eilte in die Herberge und kehrte
noch an demselben Tage der ungastlichen Stadt den Rücken Lange war ihm aller
Gesang verleidet auch die Rückkehr in den Edelhof missfiel ihm denn er
gedachte dass er in seiner Angst die Wahrheit gesagt hatte wo sie seinem
Beschützer nicht frommte So flatterte er unstet umher wie ein Vogel dem der
Marder das Nest zerrissen hat und erst die Winterkälte trieb ihn unter das
schützende Obdach
Er hütete sich Herrn Godwin etwas von seinem Abenteuer zu gestehen als er
aber in den Hof des Richters kam und Friderun ihn mit herzlicher Freude empfing
und das Beste hervorholte was sie aus Küche und Keller ihm anzubieten hatte da
ging ihm das Herz auf und nachdem er die ganze Reise des Herrn Ivo bis zum
Hafen berichtet und vielen Fragen der Magd geantwortet hatte vertraute er ihr
auch über den Herd hinüber einiges von seinem späteren Schicksal vor allem den
Unglimpf welchen er im Dienste des Herrn Ivo erfahren hatte und er freute
sich dass Friderun ihn dabei aus ihren großen Augen so entsetzt anstarrte als
hätte sie selbst das Unglück erlebt Da er aber zuletzt gedrückt hinzufügte
»Ich sorge die Dame selbst oder eine ihrer edlen Frauen ist seine Herrin« und
darauf zu der Magd hinübersah war ihr Sitz leer und sie selbst wie ein Geist
verschwunden
Dagegen stand in der Tür eine große Gestalt und die Hand des Richters fiel
schwer auf seine Schulter »Ihr haltet übel den Vertrag dem Ihr Euch gelobtet«
Beunruhigt durch die finstere Miene des Alten sagte Nikolaus »Ich dachte
Herr die mühsame Arbeit sei Euch selbst verleidet«
»Ich aber rate Euch dass Ihr Eures Eides gedenkt« versetzte der Alte
feierlich »Folgt mir denn die Zeit ist gekommen wo Ihr mir deuten sollt was
ich selbst nicht zu lesen vermag« Er führte den betroffenen Schüler in die
Kammer öffnete die Truhe hob einen Pack heraus den er sorgfältig in Leinwand
geschlagen hatte und enthüllte eine Anzahl Pergamentblätter gebräunt und
vielgebraucht das Aussenblatt durch dunkle Flecke entstellt Der Richter setzte
den Daumen an die Flecke »Der mir dies gab sagte aus dass hier Blut eines
Mannes ist welcher getötet wurde weil er diese Blätter zu lesen vermochte«
Nikolaus sah entsetzt auf das Pergament sein Grauen überwindend schlug er
die Blätter um aber er legte sie nach wenigen Augenblicken wieder weg sein
rötliches Antlitz war erblichen und seine Augen fuhren angstvoll umher während
er den durchbohrenden Blick des Richters auf sich gerichtet fühlte
»Versteht Ihr was in dem Buche steht«
»Es ist die Verkündigung welche sie das Evangelium des Markus nennen und
es ist in deutscher Sprache geschrieben Diese Bücher sind ein Geheimnis der
Unseligen welche von den Pfaffen Abtrünnige und Ketzer genannt werden Ein
solches Buch lesen bringt wie ich fürchte den Tod«
»Gilt bei den Schriftkundigen für Wahrheit was hierin geschrieben steht«
»Es ist ein Teil der heiligen Offenbarung«
»Dann will ich es verstehen trotz aller Pfaffen« rief der Richter mit
starker Stimme »was mir auch darum geschehe Denn ich erkenne nicht umsonst
wurde das Buch in mein Haus getragen Vernehmt Nikolaus am Tage wo ich meinen
Sohn verlor forderten mich die Kreuzbrüder zur Hilfe bei einem guten Werke
Einen Landfahrer der auf der Straße verwundet worden nahm ich auf und half ihm
zur Genesung Er war ein Mann der wegen der Pfaffen aus seiner Heimat am Rhein
entwichen war flüchtig zog er gen Osten um sein Haupt unter dem Böhmervolk zu
bergen Das einzige was ihm die Räuber gelassen hatten war diese hohe
Verkündigung Ich habe manche Nachtstunde neben ihm gesessen und seltsame Worte
gehört und ich sage Euch er der heimatlos auf Erden umherirrte war ein
frommer Mann der unserm himmlischen Vater unter Tränen diente Vieles hat er
mir gesagt was hier ungesprochen bleibt und große Worte hat er mir zugeraunt
von dem Tage an welchem Himmel und Erde vergehen werden und den niemand weiß
nicht die Engel auch nicht der Sohn sondern nur der Vater und dazu andere
Worte die zu seiner Zeit der Herr Jesus in Todesnot gesprochen hat Vater
nicht wie ich will geschehe sondern wie du willst Habt Ihr jemals diese
hohe Rede vernommen«
»Ich kenne die Worte« antwortete der Schüler mit gesträubtem Haar
»Diese Stellen in dem Buche will ich selbst erkennen damit ich die Wahrheit
erschaue Dies sind Worte die ein treuer Sohn zu seinem Vater sprechen muss und
sie sind der Grund eines echten Glaubens denn ich hoffe auch im Himmel gilt
der Vater mehr als der Sohn und was uns die Pfaffen von der gleichen Würde des
Sohnes vorreden ist Trug«
»Schwer ist es Richter die Verkündigung zu verstehen und ich lobe die
Bescheidenheit des Mannes der in so großer Sache der Deutung weiser Lehrer
vertraut«
»Wer sind die weisen Lehrer« fragte der finstere Richter »Sind es die
Mönche welche betteln oder die andern welche sich mit den größten Weinfässern
im Lande berühmen Ist es der Papst der unsern Herrn Kaiser in den Bann getan
hat während dieser die Fahrt zum Heiligen Grabe bereitet Die Welt ist
zerrüttet und die Rachsucht tobt wo Liebe herrschen soll und Erbarmen Ich aber
bin ein Richter und führe Schwert und Strang gegen die Missetäter ich will auch
Richter sein über Recht und Unrecht in dem Glauben an dem meine eigene
Seligkeit hängt Wenn mir jemand klagt dieser Mann hat Missetat geübt so lade
ich die Zeugen jetzt will ich Zeugen rufen in einer Sache die mir zumeist am
Herzen liegt« Und er legte die Faust auf das Pergament
Bis zu den Messern am Grenzstein
»Der Kaiser kommt« riefen die Kreuzfahrer einander freudestrahlend zu als ein
schnelles Ruderschiff die Nachricht von Accon gebracht hatte dass Friedrich mit
seiner Flotte auf Cypern gelandet sei Mit gehobenem Haupt schritten die
Deutschen einher auch die Partei des Papstes Lombarden und Provenzalen
Templer und Johannesbrüder vermochten das frohe Gefühl nicht zu unterdrücken
dass jetzt die träge Ruhe zu Ende sei und eine große Entscheidung bevorstehe Der
Kaiser kam als Gebannter und kam gegen den Willen des Papstes der den
verspäteten Kreuzzug vor der gesamten Christenheit als neuen Frevel und
Ungehorsam verklagt hatte Aber dass er dennoch sein Gelübde erfüllen wollte und
dass er in stolzem Mute wagte trotz der Verdammung des Heiligen Vaters im Dienst
des Erlösers zu kämpfen das fesselte für den Augenblick die Herzen der Menschen
in Bewunderung und hemmte die Bosheit der Unversöhnlichen Und als Kunde auf
Kunde einlief dass der gewaltige Herr das ganze Königreich Cypern ohne
Schwertstreich nur durch die Wucht seines Willens und durch blitzschnelle
Überraschung unter seine Gewalt gezwungen habe und dass er seine hochfahrenden
Gegner gleich Unterworfenen mit sich führe da bezwang die Furcht selbst die
Unbotmässigsten die Fürsten von Antiochien und Tripolis alle Grafen und Barone
des nördlichen Syriens riefen nach ihren Rossen und beeilten sich gen Accon
hinabzuziehen um dem Oberherrn der Christenheit zu huldigen Die Johannesbrüder
luden ihre Komture aus den großen Burgen am Libanon um dem Kaiser die Helden
ihrer reichen Genossenschaft vorzustellen und sogar die hochfahrenden und
eigenmächtigen Templer beschlossen sich vorläufig vor der überlegenen Macht zu
beugen Da endlich seine Flotte in Sicht kam strömte alles nach dem Hafen die
Edlen die Kreuzfahrer die Bürger der Stadt und er setzte seinen Fuß auf den
Boden des Gelobten Landes unter einem Jubelgeschrei das bis zum Himmel stieg
Auch der Patriarch mit seinen Bischöfen stand grüßend am Ufer und der Kaiser
beachtete wenig dass der Stellvertreter des Papstes ihm weil er gebannt war
den Friedenskuss versagte Sein Antlitz strahlte vor Freude als er die Führer
der Christenheit und einen unzählbaren Schwarm des Volkes vor sich sah wie sie
niederknieten und begeistert die Hände zum Himmel hoben um ihn als Kaiser und
Herrn und als ihren Retter zu begrüßen
Groß war die Freude der Christen doch noch größer die Bestürzung der
Mohammedaner Zu ihnen flog die Kunde dass der große Emperor gekommen sei wie
ein Wüstensturm der den Horizont mit rotem Dampfe verhüllt Wolken von heißem
Sande aufwühlt und durch seinen Atem das Mark der Glieder und das Grün des
Bodens versengt In jedem Weiler und in jeder Burg der Sarazenen lauschten die
Leute der Verkündigung in den Oasen der Wüste saßen die Haufen der Bodwinen
nachdenklich die Bärte streichend und die wilden Krieger des Libanon die den
Sarazenen verfeindet waren wie den Christen sprengten durch die Felsschluchten
und schrien die Neuigkeit in die Täler Es war nicht das kleine Kreuzheer
welches den eingeborenen Söhnen des Ostens solche Scheu einjagte ihre Späher
hatten oft in die leeren Lagergassen der Christen geschaut und auch die Schiffe
der kleinen Flotte gezählt welche der Kaiser heranführte Es war der Name des
einen Mannes der die Kühnsten mit banger Sorge erfüllte Nicht grundlos war die
Scheu mit welcher sie ihn betrachteten denn sie hatten im Guten und Bösen die
Gewalt seines Wesens erfahren Er hatte Sizilien den Helden ihres Volkes
entrissen jeden Widerstand niedergeschlagen alle seine Feinde vom Erdboden
vertilgt Sie wussten dass er erlittene Kränkung nicht vergaß und dass er Untreue
zu rächen wusste ausdauernd kalt die Stunde erwartend aber sicher und
erbarmungslos gleich einem Geiste der Luft der unsichtbar den tötenden Hauch
entsendet Doch wie er sie mit Schrecken erfüllte so verstand er ihnen auch zu
gefallen durch vornehmen Stolz durch sein prachtvolles Wesen und durch das
hochsinnige Vertrauen welches er den unterworfenen Bekennern des Islams
schenkte Denn aus ihnen wählte er die Leibwache die ihn immer umgab Mit den
Sultanen der Sarazenen verkehrte er durch Gesandte wie mit stammverwandten
Fürsten und gern tauschte er mit ihnen Geschenke die arabischen Gelehrten und
Dichter pilgerten zu seinem Hofe er selbst kannte ihre heilige Sprache und
hatte Verständnis für die Weisheit und Kunst des Morgenlandes Wo er als Herr
waltete hielt er streng darauf dass die Mohammedaner in ihrem Glauben nicht
gestört wurden ihre Muezzins riefen in Palermo und Messina zum Gebet wie in
Kairo und Damaskus und gern verkündeten ihre weisen Männer dass er kein Christ
sei wie die andern sondern eher ein Bekenner des Propheten Während das
Misstrauen der päpstlichen Partei jede Tat seines Lebens feindselig deutete
empfing ihn die Bewunderung der Ungläubigen als einen Mann der an Stärke und
Weisheit allen überlegen sei
»Hier hast du mich« rief Friedrich fröhlich dem Bruder Hermann zu »denke
an den Abend von Otranto es ist gekommen wie ich hoffte«
»Auch wie ich fürchtete« antwortete der Meister ernst
»Ja« sagte der Kaiser »der Alte hat mir Not genug gemacht dennoch
verspreche ich dir ich gehe nicht eher von hier fort bis ich dich und deine
Brüder in Jerusalem eingeführt habe Vermögen wir nicht mit dem Blitz zu
treffen so wollen wir durch Donner betäuben Vor allem will ich deinen
Missgönnern von St Johann die Herrenfaust zeigen Beim Einfahren sah ich Brüder
vom weißen Kreuz in der Maut lagern sie sollen sogleich erfahren dass dieser
Hafen mit seinen Einkünften mir gehört Und wir werden das Geld gebrauchen
Das Heer muss aus der verdorbenen Luft hinein ins Land«
»Die neue Burg ist geschanzt welche des Kaisers Heerlager gegen Sultan
Elkamil decken soll« versetzte Hermann
»Du tust immer still das Richtige« lobte der Kaiser »Wo lagern die
Sarazenen« Und zur Stelle begann ein eifriger Austausch von Nachrichten
Unterdes stand Ivo in der Halle des Königsschlosses unter einer glänzenden
Versammlung von Edlen Als der Kaiser mit seinem Gefolge eintrat erscholl
wieder donnernder Jubelruf und er dankte mit sichtlicher Freude Einer der
Herren nach dem andern nahte huldigend und da auch Meister Montague vom Tempel
sein Knie beugte flog ein Lächeln des Triumphes über das Antlitz Friedrichs
und er ließ ihn einen Augenblick knien bevor er ihn aufhob und küsste Während
er den knienden Ivo erhob und mit einem Kuss ehrte sagte er leise »Ihr seid
einer von den Treuen und hier gedenke ich Euch nicht von mir zu lassen Denn
Ihr seid erwählt die deutschen Ritter anzuführen mit denen ich mich umgeben
will Einst wart Ihr zu stolz die Reise mit meinem Golde zu rüsten jetzt lege
ich Euch an eine goldene Kette«
Als Ivo in das Gemach des Kaisers trat sich für den neuen Dienst zu melden
fand er den Herrn im Gespräch mit einem Edlen dem sein schwarzes
kurzgeschnittenes Haar und das hagere gefurchte Gesicht das Aussehen eines
Italieners gaben »Kennst du den Edlen von Ingersleben Humbert« fragte
Friedrich und setzte zu Ivo gewandt hinzu »Mein Vetter der Graf von Meran«
»Ich sah den Herrn niemals vor diesem Tage« antwortete der Graf stolz
Der Kaiser setzte sich und betrachtete mit stillem Behagen die beiden
Helden welche sich förmlich gegeneinander neigten »Vertragt euch unter dem
Kreuz als gute Gesellen« riet er gemütlich Als er den Grafen entlassen hatte
berührte er mit der Hand die Schulter Ivos da wo er einst die Stickerei eines
Tuches gemustert hatte und sagte auf die Tür deutend vertraulich »Er ist
still und scharf Mir hat er gute Dienste geleistet da wir beide jünger waren
und ich im Kampf gegen die empörten Sarazenen Siziliens Diese haben zuweilen
erkannt dass er Feinde nicht schont Ihr wisst vielleicht dass er durch Heirat
meinem Hause nahe verbunden ist ihn und sein Gemahl habe ich nach Deutschland
weggegeben damit der junge König Heinrich der die Nähe des Vaters entbehren
muss von Angehörigen meines Geschlechtes beraten sei Zu der Kreuzfahrt lud ich
den Grafen weil er mit Sprache und Brauch der Sarazenen so gut bekannt ist wie
wenige Könnt Ihr nicht sein Freund sein Ivo so seht zu dass er nicht Euer
Feind wird denn er ist seinen Gegnern lästig Aber ich habe noch jemanden
der Euch kennen muss« Er schlug dreimal an eine tönende Erzschale Durch eine
Seitentür trat ein alter Mann herein mit scharf geschnittenen Zügen und
forschenden Augen in langem wallenden Gewande »Dies ist mein Lehrer Omar«
sprach der Kaiser herzlich »einer von den Weisen der die tiefen Geheimnisse
der Zahlen und der Sterne versteht und der auch aus den Seelen der Menschen
Geheimes zu lesen weiß Betrachte diesen Omar und suche von ihm die
Konstellation zu erfahren wenn er selbst die Stunde seiner Geburt kennt denn
meine Deutschen sind darin sorglos«
Der Araber schaute prüfend auf den jungen Helden dem dabei gar nicht wohl
zumute war er bat ihn seine Hand zu öffnen und nickte zufrieden als Ivo
nicht nur das Jahr der Geburt zu sagen vermochte sondern auch dass er am hohen
Pfingstsonntag geboren sei gerade als das Glöcklein zur Mette läutete
Seit diesem Tage wurde Ivo von dem Kaiser mit so gütigem Vertrauen
behandelt dass er sich selbst darüber wunderte und dass der Neid anderer
erwachte Vielleicht verdankte er die unerwartete Gunst einem Horoskop welches
Omar anfertigte vielleicht einem andern geheimen Bande welches ihn nach der
Meinung des Kaisers zu treuem Dienst fesselte
Im glänzenden Kriegerschmuck mit wehenden Bannern rückte der Teil des
Kreuzheeres welchem der Kaiser am meisten vertraute aus der Nähe des Hafens
zwei Tagemärsche in das Land Am Ufer eines klaren Baches wurden die Gassen
gezogen die Zelte geschlagen jeder lebte in ungeduldiger Erwartung des
Kampfes denn drei Sarazenenkönige zogen mit ihren Heerhaufen heran und der
mächtigste von ihnen Elkamil Sultan von Ägypten welcher die Herrschaft über
Palästina an sich gerissen hatte lagerte so nahe dass jeden Tag ein
Zusammenstoß zu erwarten war Doch keine Posaune rief zum Kampf nur Gesandte
der Christen und Sarazenen ritten zwischen den beiden Heerlagern
Unterdes wurde es nicht leicht das Heer zu ernähren am schwersten den
Rossen das Futter zu schaffen die leichten Reiter der Sarazenen streiften
umher lauerten hinter Felsen und Sandhügeln und die ausgesandten Haufen der
Christen hatten fast täglich kleine Kämpfe zu bestehen und kehrten oft
vergeblich zurück gemindert an Zahl und Vertrauen Einst erhielt Lutz den
Befehl mit einer Anzahl Knechte nach Lebensmitteln auszureiten »Ich denke mit
gefüllten Karren heimzukommen oder gar nicht« sagte er des Auftrages froh zu
Henner Bei früheren Jagdfahrten war er viel durch das Land gestreift auch
diesmal wusste er seinen Zug auf Umwegen weit hineinzuführen bis er von der Höhe
auf ein Tal blickte das von einer reichen Quelle bewässert in tiefem Frieden
dalag »Hier hat noch niemand gesengt die Häuser sind unversehrt ich sehe
Kamele und weidende Rosse« Die Reiter wanden sich durch ein Gehölz vorsichtig
in den Grund wo ihr plötzliches Erscheinen arge Verwirrung hervorbrachte Eine
kleine Karawane hatte sorglos am Quell gerastet verhüllte Frauen rannten zu den
Kamelen und ihre Wächter sprangen zu den angepflöckten Rossen Doch sie wurden
umringt und entwaffnet bevor sie zum Widerstand bereit waren und Lutz rief
ihnen durch den syrischen Dragoman zu »Werft euch mit den Gesichtern auf den
Boden und rührt euch nicht an euch ist uns wenig gelegen« Die Knechte
durchsuchten die Häuser und öffneten die gemauerten Gruben in denen das
Getreide lag Während sie aber hastig die Karren beluden kam von der
entgegengesetzten Seite ein anderer Haufe des Kreuzheeres herangejagt mit
ähnlicher Absicht Lutz erkannte die Mäntel der Johanniter und ritt ihnen
entgegen »Sucht euch andere Gelegenheit hier sind wir Wirte«
»Wir teilen die Beute« rief ein Bruder »oder beim heiligen Kreuz ihr
sollt gar nichts erhalten denn wir sind die stärkeren«
»Wir aber waren die ersten« versetzte der Thüring »und deshalb füllen wir
vor euch« Er gab seinen Begleitern das Zeichen vorzusprengen und gebot die
Karren zum Schutz des kauernden Haufens an den Seiten aufzufahren »So halte ich
meine Speerbeute in der Wagenburg geschlossen« rief er »will einer von euch
durchbrechen so erhält er Hiebe«
Die Brüder ritten scheltend und drohend durcheinander ihr Führer schrie
zornig herüber »Hört meinen letzten Vorschlag nehmt eure Säcke und macht euch
davon uns aber lasst die Weiber und Kamele«
»Ihr seid gütig« spottete Lutz »Ich will euch nicht in Versuchung bringen
euer Gelübde zu brechen Wir halten Quell und Tal besetzt und haben keine Eile
abzuziehen seht zu ob ihrs so lange aushaltet wie wir« und er rief zu den
Karren zurück »Nehmt einen Hammel ihr Knaben und bereitet säuberlich eine
Mahlzeit denn wir fühlen Hunger«
»Ihr seid ganz nahe an dem Lager der Sarazenen« mahnte der Bruder »jeder
Augenblick Säumen kann euch die Todespforte öffnen Ganz unsinnig muss ich euch
schelten dass ihr so sorglos lagert«
»Bedrängt euch die Nähe so macht euch fort« antwortete der Thüring »ich
gedachte euch wenn ihr ruhig harret von dem gebratenen Hammel anzubieten«
Die Brüder zögerten Gewalt zu brauchen denn obgleich ihr Gewissen sie
nicht gehindert hätte den Gegner anzufallen so scheuten sie doch das strenge
Lagergesetz
»Wisst starrköpfiger Deutscher dass wir ausgeschickt sind den Haufen zu
fangen welchen ihr zwischen den Karren festaltet Es ist wertvolle Beute denn
die Weiber sind aus dem Harem des Sultans und uns ward ihre Reise verraten
Wagt ihr sie zu weigern gegen den Befehl unseres Feldherrn«
»Gewiss weigere ich sie« entgegnete Lutz »In meiner Heimat ist nicht
Brauch dass ein Ritter auf den Fang von Weibern ausgeht sondern diese haben
Frieden bei den Fehden der Männer zumal edle Frauen Gehören die Verhüllten zum
Hofhalt des Sultans so sollt ihr sie erst recht nicht erhalten« Und als er so
für die fremden Frauen sprach fiel ihm der Vorwurf ein den sein Lehrer ihm
zuweilen machte »Niemals trifft sich eine bessere Gelegenheit dem Mangel
abzuhelfen« Er gebot seinen Begleitern »Fällt die Speere dass sie nicht gegen
euch vorbrechen« und den Dragoman rufend ritt er zum Haufen der Gefangenen und
begann mit höflicher Handbewegung »Ist eine Edle unter den Frauen hier so
ersuche ich sie in allen Ehren dass sie für mich ein Stück ihres Schleiers
abschneide und mir freiwillig übergebe damit ich ihr als Ritter dienen kann
denn ich gedenke nicht zu leiden dass jene schreienden Helden euch wegführen«
Eine der Frauen welche mit verhülltem Gesicht an dem Kamele lag erhob
sich riss einen Zipfel ihres Schleiers ab und hielt ihn dem Ritter hin Lutz
erkannte dass zwei dunkle Augen ängstlich auf ihn starrten Er dankte ehrbar
»Dagegen weihe ich mich Eurem Dienste habt die Güte jetzt ein wenig
aufzublicken« und sein Ross spornend rief er den Brüdern entgegen »Wisst ich
bin Ritter jener weißen Taube geworden und wenn ihr etwas gegen ihre Freiheit
und Ehre sinnt so werdet ihr mir einen Speerkampf nicht versagen Werft ihr
mich so folgt euch die Dame werfe ich euch so lasst mich die Schweife eurer
Rosse so bald als möglich sehen Das ist ehrliche Bedingung«
Die Langmut des Johanniters war zu Ende mit einem lauten Fluch wandte er
sein Pferd zum Anlauf beide rannten gegeneinander und als die Speere gebrochen
waren zogen sie die Schwerter und schlugen dass die Helme klangen Da gab einer
der Brüder ein schrilles Zeichen der Johanniter wandte sein Pferd und alle
jagten so schnell sie vermochten von dannen
»Ich sehe was Euch den Kampf verleidet« rief Lutz als eine Schar
Sarazenen in der Entfernung sichtbar wurde »Ihrer sind viele und wir müssen
auf den Rückzug denken« Er berührte den alten Haremswächter mit der
Speerstange »Ihr Fledermaus der Ihr weder Vogel noch Maus seid nehmt Eure
Damen unversehrt in Empfang« und sich zu der Verhüllten wendend welche dem
Kampf vom Rücken des Kamels zugesehen hatte »Ihr seid frei Herrin erweist
auch mir die Gunst jenen dort Stillstand zu gebieten während ich meine Karren
abwärts führe Lebt wohl ich fürchte dass ich Euch niemals wiedersehe und mein
Lebelang die Sehnsucht nach Euch herumtrage«
Die Frau sprach einige arabische Worte zu dem Alten welcher den Sarazenen
entgegenritt Lutz aber gebot noch schnell auf die Karren zu werfen und über
die Sättel zu hängen was erreichbar war deckte die abfahrende Ladung und
gelangte glücklich an das Lager ohne von den Feinden verfolgt zu werden
Als er durch Ivo und Henner eingeholt den Zelten nahte begegnete den
Thüringen der Kaiser Ivo berichtete zur Stelle den Ritterdienst seines Mannes
und wies auf den Schleier Da dem Kaiser die gute Behandlung des Harems sehr
willkommen war so lachte er und redete das Gefolge an was er sonst selten tat
»Erkanntet Ihr ein wenig Herr wie Eure Dame aussieht«
»Ich sah nur zwei Augen wie die einer Eule« versetzte Lutz ehrlich »und
zwei trippelnde Füße Wenn sie unter der Dorflinde im Reigen spränge würde sie
Mühe haben sich neben unseren stolzen Mägden zu behaupten«
Henner wurde traurig über die ungefüge Antwort Der Kaiser bemerkte die
strenge Miene des langen Ritters und fragte ergötzt »Wie behagt es meinen
Thüringen im Gelobten Lande«
»Da dies ein heiliges Land ist« antwortete der Marschalk ehrerbietig »so
darf ein billig denkender Mann nicht zu viel weltliche Ergötzlichkeit erwarten
Dennoch ist es ein jämmerlicher Gedanke dass zwei würdige Heilige wie die
Jungfrau Maria und Joseph in ihrem Leben hier soviel Herzeleid erduldeten
Sicher wäre ihnen auf Erden manches besser gediehen wenn sie aus dieser dürren
Gegend fröhlich nach Deutschland ausgewandert wären sie hätten dort größere
Kourtoisie gefunden und dazu mehr Redlichkeit«
»Ihr vergesst Marschalk« mahnte der Kaiser »dass in diesem Falle die
Kreuzigung und die Erlösung ausgeblieben wären und wir müssten alle miteinander
zur schwarzen Hölle fahren Obwohl es auch in Deutschland an Pfaffen nicht
gefehlt hätte denen die Heiligen verdächtig geworden wären Denn auch deutsche
Priester sind begierig Holz zum Scheiterhaufen zu schichten«
Als die Lagergenossen verwundert den goldgestickten Schleier musterten
erklärte Lutz zufrieden »Die Herrin ist bräunlich und sitzt in einem Harem ich
hoffe das wird meinem Berchtel um so lieber sein«
Aber er wurde noch an das Abenteuer erinnert Denn als kurz darauf ein
Gesandter der Sarazenen in das Lager kam öffnete der Dragoman des Kaisers die
Tür seiner Hütte und führte einen nubisschen Knaben herein welcher vor dem
jungen Ritter niederkniete und einen Selam sprach zuerst arabisch dann
ziemlich verständlich in der Sprache der Lateiner dass die Herrin des Schleiers
dies ihrem Ritter als Dank sende worauf er sich selbst und einen zierlichen
Kasten vor die Füße des Türings setzte
»Der Knabe ist aus der lateinischen Schule des Sultans Elkamil« erklärte
der Dragoman »wie ich selbst aus der arabischen zu Messina er ist zum Erklärer
erzogen und vermag Euch und dem Herrn wohl zu dienen«
Lutz sah die Sendung bedenklich an »Öffne den Kasten« Als er eingemachte
Datteln darin fand schob er ihn dem Sklaven hin »Iss von diesen Pflaumen
solange sie reichen denn weiter habe ich dir nichts anzubieten« er selbst
ergriff eine Bürste und rieb ihm damit kräftig die Haut »Lange begehre ich
diese Probe zu machen Die Schwärze geht über alle Schornsteinfegerei sie ist
untilgbar und dies ist das echte Rabenkind und ganz sicher ein Heide und
Höllensohn«
Verlegen brachte er den Knaben seinem Herrn Der Schwarze erwies sich als
anstellig und empfänglich für die Freundlichkeit mit welcher ihn die neuen
Herren behandelten er wurde bald der verzogene Liebling der Hütten und Ivo
vertrieb sich manche müßige Stunde damit den jungen Ali Reiterdienst zu lehren
und sich arabische Worte vorsagen zu lassen
Die gehobene Stimmung in welcher die Kreuzfahrer den Kaiser begrüßt hatten
sollte nicht dauern Friedrich hatte einen großen Kriegsrat nach Accon berufen
und ritt frohen Mutes hinab Es war eine erlauchte Versammlung der Patriarch
und die Bischöfe des Gelobten Landes die Meister der drei Orden die Edlen des
Kreuzheers und der christlichen Besitzungen in Syrien Als der Kaiser die
Verhandlungen über den Feldzug eröffnen wollte erhob sich der Patriarch und
meldete eine Botschaft des Heiligen Vaters welche an die Versammlung gerichtet
sei Zwei Franziskaner traten ein und überreichten kniend das Schreiben des
Papstes Feierlich begann er zu lesen dass der Stattalter Christi den
Geistlichen und Laien des Kreuzheeres verbiete dem eidbrüchigen und gebannten
Kaiser dem nach seinem ersten Ungehorsam die Pilgerreise versagt worden und der
in ungehorsamem Trotz dennoch gefahren sei irgendwelchen Gehorsam zu leisten
Damit aber das versammelte Kreuzheer nicht führerlos werde bestelle der Heilige
Vater selbst zu Feldherren des Heeres für die Abendländer Hermann von Salza für
die Morgenländer zwei andere edle Barone Als die Vorlesung beendet war
herrschte Totenstille im Saale und Ivo der hinter dem Stuhl des Kaisers stand
und gesehen hatte dass dieser wie im Krampf die Lehne des Tronsessels packte
war erstaunt als er mit ruhiger Stimme begann »Der Heilige Vater ist trotz
seiner hohen Jahre eifrig für das Wohl der Christenheit besorgt Mir möge die
erlauchte Versammlung nicht verdenken wenn ich den Eifer seiner Mahnung für
allzu groß halte nicht meinetwegen denn als ein treuer Sohn weiß ich mich
auch wenn er zürnt seinem Willen zu fügen wohl aber sorge ich um die
begonnene Kreuzfahrt und unser aller Ehre Denn das Heer ist klein und jeder
Zwiespalt in demselben nimmt die Hoffnung auf Sieg Erachten die hochwürdigen
Väter der Kirche und meine Edlen für heilsam dem Wunsche des Papstes zu
gehorchen so werde ich nicht widerstehen aber ich werde als Streiter Christi
und weltlicher Oberherr dieser Länder mit dem Heere ziehen selbst gegen den
Willen des Heiligen Vaters denn dies ist mein Recht als Kaiser und König als
Ritter und als Christ«
Da erhob sich unter den Deutschen ein Summen des Beifalls und auch die
Welschen waren durch die Nachgiebigkeit des Kaisers freundlich gestimmt Doch
Peter von Montague zerriss die Versöhnung welche sich anknüpfte indem er
hochfahrend begann »Die Brüder vom Tempel sind nur dem Gericht und der
Oberhoheit des Papstes untertan und vermögen nicht im Rat zu sitzen und nicht in
einem Lager zu dienen mit einem weltlichen Fürsten den unser Oberherr gebannt
hat Wir versagen uns seinem Befehle wie der Teilnahme an seinen Verhandlungen
mit den Feinden und wir schlagen unsere Zelte gesondert von den seinen auf«
Dasselbe erklärte Bernard der Johanniter die Geistlichen und die meisten Laien
des Morgenlandes Heftig eiferten die Parteien gegeneinander während der
Kaiser ohne ein Wort in den Streit der Meinungen zu werfen auf seinem Stuhle
saß mit Mühe vermochte Hermann von Salza durchzusetzen dass die Herren welchen
der Papst den Oberbefehl überwiesen hatte von der Versammlung als Feldherren
ausgerufen wurden
Schweigend ritt der Kaiser in das Lager zurück Aber als er mit wenigen
Getreuen in sein Zelt trat sagte er heiter »Lange Jahre spiele ich mit dem
Alten von den sieben Hügeln das Königsspiel welches sie Schach nennen und ich
habe manches von ihm gelernt jetzt hat der hitzige Spieler einen falschen Zug
mit seinem Elefanten Gerold getan er soll mich nicht verleiten in den gleichen
Fehler zu fallen Du Humbert hast von je gute Freundschaft mit Templern und
Johannitern gehalten bewahre die Vertraulichkeit sosehr du kannst damit wir
zu rechter Zeit erfahren was sie in ihrem Lager ersinnen«
Ivo wollte das Zelt mit den anderen Herren des Gefolges verlassen da hielt
ihn der Kaiser durch ein Zeichen zurück und als sie allein waren sagte er
herzlich »Bleibe noch mir ist heut einsam zumute erzähle mir was du willst
am liebsten Fröhliches« Er reichte ihm die Hand und als Ivo sich gerührt
darüber beugte presste er ihm heftig die Finger zusammen »Und du weißt nicht
einmal das Ärgste denn während ich hier mit Christen und Heiden streite rüstet
der fromme Vater der Christenheit daheim ein Heer um mich aus meinem Erblande
zu verjagen Dennoch hoffe ich dass ich diesmal sein Meister bleibe« Und er saß
im nächsten Augenblick mit Königsmiene auf seinem Stuhl ließ sich von der Jagd
im Bergwalde Türingens erzählen und belehrte Ivo über die Vorzüge der
norwegischen Schneefalken
Unterdes erhob sich in den Zeltgassen Lärm und Getümmel die Krieger eilten
auf den Erdwall welcher das Lager umgab starrten in die Ferne und riefen
einander heftig zu während ausgestellte Wachen auf schäumenden Rossen vor das
Zelt des Kaisers jagten Als dieser heraustrat empfing er von den Aufgeregten
die Nachricht dass ein fremder Krieger sich einen Ritter aus dem Christenheer
zum Zweikampf fordere Geringschätzig sagte Friedrich »Ich denke er wird nicht
vergeblich schreien die Helden in unserem Heere haben so lange über unsern
Müßiggang geklagt dass sie in einen Baumstamm hacken würden dem man einen
Turban aufsetzt« und zu dem sarazenischen Leibwächter gewandt fragte er
»Kennst du deinen Glaubensgenossen Wer ist der brüllende Wüstenlöwe«
Mit einer Gebärde des Abscheues antwortete der Mann »Kein Bekenner des
Propheten Herr sie sagen dass es Hassan der Ismaelit ist einer von den
Verfluchten welche dem Scheik in den Bergen dienen«
»Wie« fragte der Kaiser neugierig »senden auch die Assassinen des Libanon
ihre Helden gegen uns herab Ich rate ihr Herren dass wir den Unhold
betrachten« Er ritt mit seinem Gefolge aus dem Tor auf der Höhe vor ihnen
ragte im Sonnenlicht ein Reiter Mann und Ross in hellglänzendes Metall gehüllt
über der Stahlkappe trug der Fremde eine spitzige rote Mütze und über der
Rüstung einen schneeweißen Überwurf Hinter ihm hielt ein kleiner Trupp seiner
Genossen in ähnlichem Kriegsschmuck näher am Lager schrie ein Syrer in der
Sprache der Morgenländer und Lateiner die Ausforderung gegen das Christenheer
und zwei Reiter mit Pauken und langen Posaunen begleiteten die Verkündigung
durch misstönenden Lärm Die Kreuzfahrer drängten sich mit zornigen Gesichtern um
das Gefolge des Kaisers und der Herzog von Limburg meldete »Derselbe Fremdling
war gestern vor Accon bei den Zelten der Johanniter er hat einen der
Bruderschaft geworfen und erlegt und ist darauf schnell wie ein fallender Stern
in der Ferne verschwunden«
»Vieles haben wir im Abendlande von den unholden Bräuchen der Rotmützen
vernommen und von der Dreistigkeit mit welcher sie das Messer führen«
versetzte der Kaiser »ich merke an den bestürzten Mienen dass sie auch von
meinen Helden mit Scheu betrachtet werden«
»Ihr Messer hat den Grafen Bohemund von Tripolis getötet« rief einer der
Edlen und ein anderer »Zwei Komture von St Johannes und ein Meister der
Templer sind durch sie gemordet«
»Es ist eine Bruderschaft ehrloser Schufte« erklärte der Graf von Meran
»die Meuchler welche sie gegen ihre Feinde aussenden schleichen durch jede Tür
und dringen durch den Ring der Leibwache Auch die Sultane des Islams hegen in
ihrem Harem Angst vor ihnen und kaufen sich durch Jahrgeschenke los von der
täglichen Sorge um heimlichen Mord«
»Dann sind diese Heiden in der Kunst des Messers besser erfahren als deine
Welschen Humbert denen es an gutem Willen auch nicht fehlt« versetzte der
Kaiser ungerührt
»Die Templer haben ihren Brüdern verboten« fuhr der Graf fort »gegen das
Ungetüm dort zu kämpfen weil sie demselben ritterliche Ehre nicht zugestehen
Sie allein unter allen Anwohnern des Libanons werden von den Mördern gefürchtet
denn sie haben ihnen Land abgenommen und die Burg Safitah darauf erbaut«
»Wir haben zuweilen die Redlichkeit kennengelernt mit welcher die Templer
ihre Gegner in Worten und Werken behandeln« sagte Friedrich verächtlich »und
es gibt ein Sprichwort dass auch der üble Teufel nicht so schwarz ist wie die
Leute ihn schildern Jener dort kommt doch nicht mit dem Messer sondern mit dem
Speere und fordert ritterlich zum Kampfe ich denke wenn er einen Johanniter
geworfen hat werden meine Deutschen ihm den Gegengruss nicht schuldig bleiben«
Er sah im Kreise umher eine Zahl Edler sprengte aus dem Haufen des Kaisers
Blick haftete auf Ivo »Reitet hinaus Herr und fasst mir diesen Uhu gegen
welchen alle meine Raubvögel die Federn sträuben«
Ivo winkte seinem Marschalk und eilte sich zu waffnen während Henner mit
dem Dragoman und einem Rufer in das Feld ritt Das ganze Heer sammelte sich zu
dem bevorstehenden Streite auch der Kaiser hielt erwartungsvoll auf der Stelle
der Fremde aber sprengte als der gebotene Kampf angenommen war von der Höhe
herab und tummelte stolz sein Ross den Anritt des Gegners erwartend Als Ivo im
Harnisch aus dem Lager kam laut begrüßt von den Kreuzfahrern begann Henner
der den Ismaeliten seither nicht aus den Augen gelassen hatte vertraulich »Er
ist ein kräftiger Gesell und im Schwertkampf wird er Euch Not machen Aber er
ist noch jung und versteht seine Kunst nicht zu bergen immer wieder wirft er
sein Pferd zur rechten und gleich darauf zur linken Hand um dann ein Stück in
Rabbia geradeaus zu sprengen Er will das Tier an seine Kunst mahnen Kommt Ihr
ihm im Anritt nahe so wird er das Pferd umlenken das gerade Rennen vermeiden
und Euch wie ein Blitz à travers anfallen Solche Künste sind auf unserer
Rennbahn auch bekannt nur dass sein Tier mehr einem Aale gleicht als einem
Pferde Seht Herr wie ein Wunder schwingt es sich Wenn Ihr im rechten
Augenblick zum Gegenstoss dreht und Euer Fuchs nicht versagt so mögt Ihr ihn
wohl überrennen«
»Ihr ratet gut« versetzte Ivo eifrig »lasst blasen ich bin bereit«
Die Kämpfer ritten auf den Platz Ivo grüßte die Lanze neigend der
Ismaelit antwortete in derselben Weise Der Fremde wandte sich nach Norden und
Ivo nach der Gegend wo Jerusalem lag während beide ihr Gebet sprachen Dann
klangen hell die Fanfaren und beide rannten gegeneinander unterdes hielt der
Marschalk die Hand auf sein klopfendes Herz Aber der lautlosen Stille im
Christenheere folgte helles Siegesgeschrei denn dem gefährlichen Anfall auf die
ungedeckte Seite begegnete Ivo durch schnelle Wendung im Laufe sein Speer
zerbrach am Metallschild des andern aber die Wucht des schweren Reiters und
seines mächtigen Pferdes warf wie der Stoß eines Sturmbocks den Gegner und sein
schwächeres Ross zu Boden Der Ismaelit lag von dem Rosse geklemmt der Helm war
ihm abgesprungen und aus seinem jugendlichen Gesicht starrten die dunklen Augen
auf Ivo den Todesstoss erwartend Dieser war zu Boden getaucht und hielt die
Schwertspitze über den Hals des Gegners welcher kein Zeichen gab dass er
Schonung begehre »Gut geritten Ivo« rief der Kaiser herzureitend »schenke
mir sein Leben wenn er es selbst nicht begehrt Löst ihn vom Rosse entwaffnet
ihn und schafft ihn zu unseren Zelten mein arabischer Arzt soll nach seinen
Schäden sehen Ich bin dir dankbar Ivo dass du diesen Scheucher für meinen
Vogelherd eingefangen hast«
Die Begleiter des Fremden waren während des Kampfes näher geritten sie
stießen nach dem Fall ihres Gefährten einen gellenden Klageschrei aus und
verschwanden hinter den Hügeln Der Geworfene welcher schwer am Bein beschädigt
war wurde auf einer Trage zu den Hütten geschafft welche das kaiserliche Zelt
umgaben und Friedrich trug dem Sieger die Sorge und Wache über den Kranken auf
Als Ivo mit einem Dragoman an das Lager des Ismaeliten Hassan trat
begegnete seinen forschenden Augen ein wilder Blick voll geheimer Seelenqual
aber seinem gehaltenen Gruß antwortete der Fremde in gleicher Würde indem er
mit der Hand an Brust und Haupt rührte Der Wächter meldete »Er hat sich
geweigert Nahrung zu nehmen und hat auch den Trank zurückgewiesen den der
Arzt bereitet hat« Da sagte Ivo »Während du als Gefangener des Kaisers unter
uns weilst habe ich die Pflicht für deine Sicherheit und für dein Wohl zu
wachen Ich bitte dich erschwere mir nicht mein Amt«
Der Fremde antwortete finster »Habt Ihr mein Leben bewahrt um ein
Unterpfand zu erhalten durch welches Ihr meinen Stamm demütigen könnt so ist
Eure Hoffnung vergeblich Sind mir auch die Waffen genommen ich weiß auf dem
Lager die Lösung zu finden die mir dein Schwert versagt hat« Er legte sich
zurück und wandte sein Haupt ab
»Du sprichst wie einem Tapferen gebührt« versetzte Ivo erfreut über den
Stolz des anderen »doch du kennst unsere Sitte nicht Wer im ritterlichen Kampf
Gefangener des Kaisers wird dem mutet dieser nichts zu was für einen Helden
schmachvoll wäre Unterdes rate ich dir für deine Genesung zu sorgen denn
gerade so wie jetzt bist du auch später Herr deines Schicksals wenn dir das
Leben verleidet wird«
»Wenig liegt an dem Leben eines Besiegten« rief der Ismaelit
»Du hast dich unserm Kampfbrauche gefügt und mein Ross stärker gefunden als
das deine hätten wir den Kampf ausgefochten in der Weise deines Volkes so
würdest vielleicht du der Sieger sein« tröstete Ivo »Darum verzweifle nicht
sondern denke mutig auf neuen Streit Bringt ihm Trank und Kost damit ichs ihm
anbiete« Ivo aß ein wenig von der Speise und setzte den Trank an die Lippen
»Nimm« lud er freundlich ein »und lass dir die Heilung gefallen Beide sind wir
jung und haben in unserem Leben noch Ruhm und gutes Glück zu hoffen«
Der Fremde empfing den Becher aus der Hand seines Wirtes und sah ihn mit
dankbarem Blicke an
Einige Tage darauf sprach Ivo am Lager des Ismaeliten »Bei uns ist Sitte
dass ein gefangener Held sich durch hohen Eid verpflichtet während der Haft
nichts gegen das Wohl seiner Wirte zu tun und nicht durch Flucht zu entweichen
Gern würde ich dir deine Gefangenschaft erleichtern wenn ich wüsste ob dich ein
Eid bindet und wie dieser Eid lautet Doch zürne mir nicht wenn ich dir auch
sage dass viele unter uns den Männern deines Volkes nicht vertrauen weil ihr
fremde und unehrliche Bräuche übt und heimliche Todesboten gegen eure Feinde
sendet«
Der Ismaelit sah finster vor sich nieder »Ich bin ein Krieger und gehöre
nicht zu der kleinen Zahl der Geweihten denn nur diese dienen unserm Scheik mit
dem Messer Wisse Franke verschieden sind die Pflichten des Lebens unter uns
geradeso wie bei euch Stehen wir auch alle als Schwurgenossen zueinander so
folgt doch jeder dem Gesetz welches seinem Berufe gegeben ward Sieben sind der
Stufen zu dem höchsten Amt auch bei uns arbeitet der Landbauer sorglos auf
seinem Acker der Edle bewahrt seine Ehre die Weisen hüten die Gedanken des
Volkes und unser Vater der Scheik sorgt als ein Heiliger über alle Die
Krieger und Weisen geben ihm Rat wenn er ihn verlangt sie sprechen Recht in
den Tälern und kämpfen mit den Feinden Nur was gegen die Fremden geschehen muss
zur Ehre des Glaubens und der ganzen Bruderschaft darüber waltet der Scheik
allein denn dazu ist er von Gott begnadet und sein Ausspruch an dem wir nicht
deuten ist unfehlbar«
»Wie mögt ihr euch wenn ihr Männer seid solcher Herrschaft eines Mannes
fügen der eure Seelen und Gedanken führt wie der Hirt die Schafherde«
»Auch ihr gehorcht wie wir vernehmen einem Scheik den ihr den Heiligen
Vater nennt er öffnet und schließt euch die Tore des Christenhimmels und auch
ihr dient ihm willenlos auf den Knien«
Erzürnt rief Ivo »Wage nicht eure teuflische Lehre mit dem milden Gesetz
der Christenheit zu vergleichen Unser Glaube ist durch heilige Verkündigung
festgesetzt und alle unsere Bischöfe und frommen Väter haben darüber zu wachen
dass er rein bewahrt werde Unser Heiliger Vater ist nur der Erste unter ihnen
und wir dienen ihm soweit er weise und redlich ist Mehr als einem Papst haben
Geistliche und Laien widerstanden und er wurde herabgeworfen von seinem Stuhl
weil er unwürdig war«
Der Fremde legte sich ohne zu antworten auf sein Lager zurück
Als Ivo dem Kaiser die Unterredung berichtete sprach dieser »Zeige ihm
Vertrauen ich wette es ist mehr Redlichkeit in diesem Heiden als in manchem
Christen« Und auf Ivos ehrerbietige Mahnung dass die Sicherheit des Kaisers
Vorsicht gebiete versetzte er gleichgültig »Wisse du sorgsamer Deutscher
wenn Messer und Gift eines Meuchlers den Kaiser zu erreichen vermöchten so wäre
er längst aller irdischen Sorge enthoben Oft war ich begierig das Geheimnis zu
erkunden welches die Bruderschaft vom Messer verbindet denn ihr Scheik wie er
auch sei hat doch etwas Großes bewirkt sein ganzes Volk gehorcht ihm bis zum
Tode Wären sie die Bösewichter wozu ihre Nachbarn sie gern machen so hätten
sie sich längst untereinander gleich Ratten vertilgt Bist du des Helden Hassan
besser gesichert so will ich ihn selbst ausfragen Denn er gilt in seinem Volke
für einen großen Mann und er ist wie die Templer behaupten ein Schwestersohn
und Liebling des Scheiks«
Friedrich widerstand der Versuchung nicht lange eines Abends trat er
verhüllt in die Hütte redete den Ismaeliten in arabischer Sprache an und als
er nach langer Unterredung schied sagte er befriedigt zu Ivo »Sie haben
verrückte Bräuche und ihre Messer sind in Wahrheit unhöflich Die Scheiks haben
für sie einen eigenen Glauben gemacht indem sie vorgeben dass die göttliche
Offenbarung von Moses zu Christus gekommen sei von diesem zu Mohammed und dass
sie jetzt aufs neue verkündet werde von ihnen selbst Dennoch sind sie nicht
ganz Teufelskinder Dein Gefangener fragte ganz verständig nach dem Gesetz der
Christen Ich habe ihm seine Freiheit angekündigt und sobald er genesen ist
mag er zu seinen Bergen ziehen Vielleicht gelingt es uns diese Wilden an
bessere Sitte zu gewöhnen«
Trotz dem Vertrauen des Kaisers bewachte Ivo doch sorgsam die Hütte des
Fremden denn ihm kam vor als ob dieser geheimen Verkehr unterhalte und die
Wachen mussten einigemal fremdartige Gestalten verscheuchen welche sich in die
Nähe drängten Aber der Argwohn gegen den Ismaeliten schwand in größerer Sorge
Eine Gesandtschaft des Sultans Elkamil war in das Lager gekommen und als Ivo
bei dem Kaiser eintrat fand er diesen in einer zornigen Aufregung welcher der
kluge Fürst selten unterlag »Weißt du was der Bote des Sultans mir zugetragen
hat Dass die Treue von den Christen gewichen und zu den Heiden gezogen ist ich
stehe hier von meinen Mitchristen preisgegeben und verraten und ich verdanke
nur dem Hochsinn eines Sarazenen dass ich nicht ein Gefangener bin Zwei Briefe
sendet der höfliche Sultan welche Christen an ihn geschrieben haben der eine
ist von dem Heiligen Vater selbst welcher den Sultan warnt mit mir zu
verhandeln denn ich sei gebannt und alle Verträge die ich schließe seien
nichtig der andere Brief des Schurken Montague verrät dem Heiden gar die
Stunde in der wir täglich mit kleinem Gefolge in das nahe Tal reiten um dort
zu baden damit der Sultan uns durch seine Reiter ergreife Wie gefällt dir du
deutscher Sänger die neue Weise in welcher meine Feinde den Sarazenen ins Ohr
singen Und wer hat den Templern zugetragen dass wir im Bade zu fassen sind«
»Gebt uns Deutschen die Erlaubnis« rief der empörte Ivo »den Bösewicht
Montague zu greifen und wir reißen ihn mitten aus seiner Bruderschaft und
führen ihn gebunden an die Sättel unserer Pferde in dies Lager und vor Euer
Gericht«
»Ich weiß dass ihr Thüringe behende seid widerwärtige Leute an eure Sättel
zu binden« antwortete der Kaiser ein wenig besänftigt durch den Zorn des
Getreuen »Aber solange du mir diesen Ritterdienst nicht gegen alle Feinde
erweisen kannst danke ich dir dafür denn er würde das Übel nur ärger machen
und uns schnell aus dem Heiligen Lande hinaustreiben Anderes gebietet dem
Kaiser sein Amt Willst du wissen was« Er nahm zwei Briefe von der Tafel warf
sie in einen Kasten und schlug den Kasten zu »Schweigen und stillhalten bis
der Tag der Rache kommt Unterdes sind diese Briefe für mich nicht geschrieben
und auch du vergiss dass du von ihnen gehört hast«
Der Kämmerer trat ein »Zürnt nicht wenn ich Nichtiges melde Zwei
Fremdlinge die mehr bartlosen Knaben als Männern gleichen erflehen Zutritt
Sie tragen sich wie syrische Landleute doch sprechen sie nur Arabisch und auch
davon kam wenig über ihre Zunge«
»Frage selbst was sie begehren« befahl Friedrich abweisend
»Nur dem großen Emperor dürften sie den Auftrag sagen«
»Dann kommen sie wegen geraubter Frauen oder Hammel Der Sarazene Abdallah
soll mit ihnen reden«
Aber im nächsten Augenblick trat der gerufene Leibwächter ein entsetzt als
hätte er einen Geist gesehen »Sie kommen vom Scheik aus den Bergen es sind
verkleidete Fedavie mit den Messern Gestatte dass wir sie niederhauen bevor
sie stechen«
»Ich bin dem Alten dankbar dass er gleich zwei seiner Wespen an uns
verschwendet« sagte Friedrich betroffen »Torheit« unterbrach er sich selbst
»Ich habe ihm nie etwas zuleide getan Ladet den Helden Hassan zu mir doch
geleitet ihn durch den anderen Eingang alsdann führt die Boten herein ich will
sie selbst sehen«
Als Hassan waffenlos mit tiefer Verneigung eintrat hob der Kaiser ein
reichgeschmücktes Krummschwert wie es die Morgenländer zu führen pflegten aus
den aufgestellten Rüstungen und reichte dasselbe dem Ismaeliten »Ich empfange
Boten deines Scheiks sie sollen dich als freien Mann unter uns erkennen nimm
die Waffe und stelle dich neben mich«
Ivo warf einen flehenden Blick auf den Kaiser und beugte das Knie »Gut«
nickte Friedrich »ich halte mich seitwärts du magst an meiner Statt in die
Mitte treten ihr Wachen lüftet die Klingen und bringt sie her«
Zwei unansehnliche Gestalten mit fahlen verlebten Gesichtern und glanzlosen
Augen traten herein warfen sich am Eingang zur Erde nieder und schlugen mit dem
Haupt auf den Teppich dann griff der eine in das Gewand brachte einen Brief
der mit goldener Schnur umwunden war hielt ihn an Herz und Haupt und legte ihn
ehrfurchtsvoll in Ivos Hand Dieser überreichte den Brief dem Kaiser »Der Alte
führt ein Siegel wie andere große Herren« murmelte Friedrich neugierig »und
sogar sein Wappenzeichen das Messer« Er las ihm entschlüpfte ein Ausruf des
Erstaunens und er gab den Brief an Hassan »Lies Held und sage mir ob alles
ehrlich gemeint ist was in diesen Zeilen steht«
Der Ismaelit rührte mit der Hand an seinen Hals und versetzte stolz »Mein
Haupt sei dir Unterpfand verächtlich ist die Lüge in den Bergen auch unsere
Feinde haben nie an der Wahrheit unserer Rede gezweifelt«
Der Kaiser blickte ihm scharf in die Augen »Ich vertraue dir Wisse Ivo«
begann er gutgelaunt in deutscher Sprache die keiner der Anwesenden verstand
»dieser Tag bringt vieles Unerwartete nicht nur der Sultan auch der Scheik aus
den Bergen erweist sich als ein wohlgefälliger Nachbar Er dankt ganz höflich
für die gute Behandlung seines Neffen Hassan schreibt Ehrenvolles über die
Hochherzigkeit die ich diesem bewiesen habe und bittet mich einen Weisen zu
senden der mit ihm und seinen Gelehrten über den Glauben der Christen
verhandeln könne Er weiß nicht dass ich gebannt bin und dass ich nicht
sogleich einen frommen Vater auftreibe der in arabischer Sprache zu streiten
vermag Zuletzt beweist er seine Achtung vor unserem Christentum dadurch dass
er mir diese hier zum Geschenk sendet« Er wies auf die beiden Boten welche am
Eingange des Zeltes kauerten mit gesenkten Häuptern und stieren Augen gleich
Stumpfsinnigen Ivo sah in Widerwillen auf die Gesandten »Was sollen Eurer
Majestät diese kraftlosen Männer«
»Auch der Alte wird schwerlich auf ihre Stattlichkeit stolz sein aber er
hält sie für nützlich Zwei Seelen seiner Geweihten schenkt er mir und zwei
Messer damit ich sie wie der wilde Heide schreibt gegen meine Feinde
gebrauche Denn wisse so kläglich sie aussehen sie sind begeistert in ihrem
Glauben kein Hindernis und keine Gefahr hemmt wie er behauptet den Todesgruss
welchen sie tragen und keine Marter lockt ihnen ein Geständnis ab Wunderlich
ist eine Macht welche so über das Leben anderer verfügt schneidende Werkzeuge
sind diese Knaben in der Hand ihres Herrn und dieser Herr soll fortan ich
sein«
»Mein Kaiser aber wird dem Geber die fluchwürdige Gabe zurücksenden« bat
Ivo
»Du bist schnell« versetzte Friedrich mit düsterm Behagen auf die
Willfährigen blickend »Wer die Geschenke eines Morgenländers ablehnt beleidigt
ihn schwer und der Alte in den Bergen vermag ein wertvoller Freund zu werden
ja noch mehr er findet sogar ein Wohlgefallen an unserem Glauben«
»Begehrt er in Wahrheit gutes Einvernehmen mit den Christen« fuhr Ivo
flehend fort »so ist die erste Bedingung dass er dem teuflischen Gebrauche der
Messer entsage denn kein Zutrauen ist möglich zu einem Volk dessen Glaube
ehrlose Taten heiligt Niemand aber vermag ihm das so eindringlich zu sagen als
des Kaisers Majestät wenn Ihr seiner Sendung entgegenhaltet dass sie mit dem
Gesetz unseres Glaubens unverträglich sei«
»Du hast ganz recht« versetzte der Kaiser ruhiger »wenn du ihre Messer
ehrlos nennst Handeln aber die Christen anders« Er wies auf das Kästchen
»Waren das nicht auch ehrlose Dolche die gegen mich geschwungen wurden«
»Viele Missetat geschieht unter uns welcher wir fluchen« entgegnete Ivo
»doch die Missetäter trifft in dieser Welt Zorn und Verachtung der Redlichen und
vielleicht der Arm des irdischen Richters und in jenem Leben wie wir belehrt
sind die Schrecken der Ewigkeit«
»Dein Kaiser ist auf Erden der höchste Richter« antwortete Friedrich »und
er hat oft gefühlt dass in Notzeiten sein Arm schwach ist die Missetäter zu
strafen Da die Römer noch Heiden waren bildeten sie ihren höchsten Gott
Jupiter ab wie er ein Bündel rächender Blitze in der Hand hielt sie konnten
kein besseres Zeichen göttlicher Macht erfinden Wahrlich diese Knaben welche
sich für ihren Herrn dem Tode geweiht haben sind solchen Blitzen vergleichbar«
Erschreckt durch diese Worte warf sich Ivo dem Kaiser zu Füßen und rief
»Oh mein gnadenvoller Herr bannt die finsteren Gedanken aus Eurem edlen
Geiste denn der üble Teufel versucht die Guten durch seine Unholde die er
ihnen in den Weg sendet Auch der Höchste und Beste auf Erden soll sich hüten
dass ihm nicht in schwerer Stunde die dienstwilligen Boten der Hölle als gute
Gehilfen erscheinen für eine ehrliche Tat Eurer Rache dienen die Schwerter der
Redlichen und die Gewalt des laut verkündeten Richterspruches nicht die
heimliche Waffe der Verschwörer ein heller Tagesfürst seid Ihr uns und nicht
ein Gebieter finsterer Schatten«
»Erhebt Euch Herr« rief der Kaiser unwillig »allzu dreist mahnt Ihr vor
Zeugen Euren Gebieter« Da Ivo traurig zurücktrat fügte er freundlicher hinzu
»Du meinst es gut das weiß ich wohl aber hege ein besseres Zutrauen zu mir
Seh ich aus wie einer der Meuchler sendet um sich lästiger Feinde zu
entledigen Wahrlich meine Gegner dürfen sich nicht beklagen dass ich ihnen die
Freude mir zu schaden unredlich verkürze Wenn ich etwas von Notfällen sagte
so waren es nur solche die ein König allein versteht Tröste dich Ivo jene
Stummen mögen abwarten bis wir den Alten selbst auf bessere Gedanken gebracht
haben vielleicht behältst du recht und ich kann sie ihm zurücksenden ohne dass
er sich gekränkt fühlt Du Hassan sprich zu den verlorenen Kindern deines
Volkes ihr anderen aber achtet darauf dass sie nicht im Lager umherschweifen
und überlasst sie sonst ihren eigenen tiefen Gedanken«
Der unablässigen Sorge mit welcher Ivo die Behausung der unheimlichen
Gesellen bewachte wurde er bald darauf durch den Kaiser selbst enthoben
»Sattle Held« rief Friedrich dem Eintretenden zu »du sollst einen weiten
Weg für mich reiten Nach dem Norden entsende ich dich mit einer Botschaft an
den Sultan von Damaskus du wirst ihn und sein Heer am Libanon finden wo er mit
den Johannitern um die Grenzsteine hadert Von dort magst du ihn nach Damaskus
begleiten dort kannst du den Hofhalt eines reichen Morgenländers schauen
Geschenke bringen und empfangen«
Ivo dankte durch einen frohen Blick »Deine Augen sind unhöflich« lachte
der Kaiser »sie verraten wie glücklich du bist meiner Nähe zu entrinnen
Entschuldige dich nicht« fuhr er gütig fort »und eile zurückzukehren Auch
deinen Schützling den Ismaeliten wirst du entlassen ich sende zugleich mit
dir den Grafen Humbert nach dem Libanon er soll dem Scheik seinen Helden
übergeben und meinen Dank für die Messer zurücktragen die der Alte mir gesandt
hat Ich meine dir wäre der Auftrag unwillkommen«
»Ich danke dass des Kaisers Majestät mich dieser Fahrt entebt« versetzte
Ivo aufrichtig »Möge Eure Huld dem Hassan eine ehrliche Heimkehr sichern denn
er hat sich unter uns unsträflich gehalten und doch geringe Freundlichkeit
gefunden«
»Du selbst kannst für deine Speerbeute sorgen denn du reitest bis zu den
letzten Burgen der Christen mit dem Grafen Humbert zusammen«
Ivo machte eine Bewegung »Ihr lebt beide unter dem Kreuz« mahnte Friedrich
ernstaft »Die Heiligen denen ihr jetzt dient fordern mancherlei Entsagung
Das Land ist unsicher und ihr werdet guttun scharf auszusehen«
Der Graf trat ein mit anderen Herren des Gefolges Bevor der Kaiser sie
anredete schlüpfte aus der Seitentür ein maurischer Knabe und übergab kniend
ein kleines Pergamentblatt Friedrich las seine Miene umwölkte sich er setzte
sich schweigend in den Sessel las wieder und sah prüfend auf Ivo und den
Grafen Endlich erhob er sich und nachdem er die Aufwartenden entlassen hatte
begann er in gebietendem Tone gegen beide von der vertrauten Sendung Aber Ivo
vermochte seine Überraschung nicht zu bergen als der Kaiser dem Grafen Humbert
die Gesandtschaft an den Sultan von Damaskus auftrug ihm aber die Reise zu dem
Alten vom Berge Der Graf warf von der Seite einen wilden Blick des Triumphes
auf Ivo und verneigte sich dankend gegen den Herrn Als der Thüring folgen
wollte trat Friedrich auf ihn zu und ihn scharf anblickend sprach er »Ich
habe dir zuweilen gezeigt dass du mir wert bist Wenn du jetzt in stillem
Verdruss die unwillkommene Reise antrittst so wisse Ivo dass ich dir einen
größeren Beweis meiner Neigung nicht geben konnte als gerade den dass ich dein
Amt und das eines andern vertauschte« Er gab ihm mündliche Aufträge das
Schreiben an den Scheik das Verzeichnis der Geschenke und schloss »Deine Ritter
würden dir in dem fremden Land ohne Nutzen sein nimm statt ihrer einen Beritt
meiner Leibwächter welche Sprache und Sitte des Morgenlandes kennen du kannst
dich für Leben und Tod auf sie verlassen Um deine Thüringe werde ich unterdes
sorgen Sende mir den Hassan damit ich selbst ihn entlasse«
Sonst war Ivo jedem neuen Abenteuer fröhlich entgegengezogen als er heut
aus dem kaiserlichen Zelt trat war ihm das Herz so schwer wie niemals in seinem
Leben und er schalt sich selbst darüber Auch seine Ritter trauerten »Zum
erstenmal reitet mein Herr ohne mich unter Feinden« klagte Henner und Lutz
bat »Nehmt wenigstens den Rabensohn mit Euch der uns aus dem Harem zugeflogen
ist denn er versteht das Schnarren und Krächzen alles Geziefers in diesem
Lande«
Mit sechs maurischen Leibwachen und den Saumrossen ritt Ivo begleitet von
Hassan und dem jungen Nubier zum Sammelplatz des Lagers gleich darauf kam der
Graf von Meran mit großem Gefolge darunter Brüder von St Johannes und dem
Tempel welche nach ihren Burgen im Norden reisten Ivo sah dass in der ganzen
Gesellschaft kein Deutscher war nur Provenzalen und Welsche Graf Humbert gab
das Reisezeichen und die kleine Schar sprengte aus dem Lagerwall der Küste zu
Als sie eine Strecke geritten waren trieb der Graf sein Pferd zu Ivo heran
»Der Kaiser will dass Ihr die Reise bis zu den Grenzburgen in meiner
Gesellschaft macht Da Ihr ein Deutscher seid so ist nicht unnütz Euch zu
erinnern dass ich den Befehl habe und dass Ihr Euch meinem Gebot fügen werdet wie
ein anderer«
Ivo antwortete »Der Oberbefehl gebührt Euch mit Recht da Ihr der Ältere
seid Was Ihr zum Nutzen der Fahrt meinen Leuten gebieten müsst das lasst mich
wissen und zwar mit der Höflichkeit welche ich im Amt des Kaisers von Euch zu
fordern habe Außer durch mich kommt kein Befehl an den Ismaeliten Hassan und an
meine Lanzenträger denn die Leibwache führe ich und für den Fremden bin ich
dem Kaiser verantwortlich«
Mit hoher Miene antwortete der Graf »Ich bin nicht gewöhnt den Befehl mit
andern zu teilen«
Ivo wandte sein Ross »Dann gestattet dass ich zur Stelle zurückreite und den
Entscheid des Kaisers erbitte«
»Ihr wisst das Vorrecht eines Günstlings keck zu benutzen« versetzte der
andere mit Hohn und sprach Arabisch zu dem Führer der Leibwache Dieser
antwortete ehrerbietig und machte gegen Ivo den Gruß des Untergebenen »Da die
Leibwachen sagen dass sie an Euch gewiesen sind« schloss der Graf unzufrieden
»so überlasse ich Euch der Gesellschaft Eurer Ungläubigen« Er sprengte
vorwärts die Schar bewegte sich in zwei Haufen dahin die Genossen des Grafen
lachend und in sorglosem Gespräch Ivo allein unter den Morgenlandern in trüben
Gedanken
»Meiden sie dich« fragte Hassan »weil du mit einem Sohn der Berge
reitest« und sein Flammenblick folgte dem Grafen
»Ich fürchte vielmehr Held Hassan dass deine Reise beschwerlich wird weil
ich selbst jenem verfeindet bin«
»Und warum reitet Ihr nicht seitwärts in ein Tal um Euren Streit
auszufechten«
Ivo wies auf das Kreuz an seiner Schulter »Beide haben wir der Rache
entsagt solange wir das heilige Zeichen tragen«
»Solches Gesetz verdirbt den der es am meisten ehrt« versetzte der Fremde
Fünf Tage zogen die Gesandten längs der Küste dem Norden zu Oft ritten sie
auf hartem Ufersand umweht von dem milden Seewinde oder blickten von der Höhe
weit hinaus auf das blitzende und wogende Meer Sie kamen durch die berühmten
Hafenburgen der Christenheit welche von früheren Kreuzfahrern über den Trümmern
vergangener Städte Phöniziens aufgemauert waren vor ihnen aber erhob sich zur
Rechten gewaltig das Gebirge des Libanon unten fruchtbare Gelände darüber
Höhen mit dunklem Bergwald und alles überragend die langgestreckten
Schneegipfel
Am sechsten Tage lenkten die Reisenden vom Küstenpfade den Bergen zu welche
rings um sie aufstiegen hier als steile Felsklippen dort durch dunkles
Nadelholz gekrönt Sie betraten das Grenzgebiet welches die Templer den
Ismaeliten entrissen hatten und durch ihre Burgen festielten Beim Aufbruch aus
dem Nachtlager bemerkte Ivo dass der Ismaelit nicht mehr das reichverzierte
Krummschwert trug welches ihm der Kaiser geschenkt sondern eine Waffe die er
im Zweikampf verloren und bei der Entlassung zurückerhalten hatte und er
fragte »Willst du die Ehrengabe ablegen jetzt wo wir deinen Bergen nahen«
»Für den Kampf vertraut der Krieger am liebsten dem Stahl welchen er
erprobt hat« versetzte Hassan
»Sinnst du auf Schwertschlag« fragte Ivo »Wir ziehen im Frieden und du
weißt dass ich dem Kaiser mit meinem Leben für deine Heimkehr hafte«
Hassan neigte höflich das Haupt »Vor mir liegt das Land meiner Väter und
bei uns gilt das Sprichwort dass der Fuß des Heimkehrenden am leichtesten an der
Schwelle des eigenen Hauses strauchelt« Sie ritten den Tag menschenleere und
öde Höhen entlang zwischen Felsen welche steil gen Himmel ragten zuweilen
sahen sie ein lachendes Tal welches noch im Spätherbst mit hellem Grün prangte
aber die vereinzelten Steinhäuser welche gleich Burgen an den Felsen hingen
waren durch Feuer ausgebrannt und die verkohlten Balken lagen umher Hier und
da erschienen und schwanden Reiter auf den Höhen einigemal glaubte Ivo die
Tracht der Templer zu erkennen Am Abend kamen sie an einen großen Chan und
traten in niedrige Hallen welche sich nach einem weiten ummauerten Hofraum
öffneten an dem Eingange hing das rote Kreuz der Templer Dort wurden die
Reisenden von einigen Brüdern des Ordens begrüßt Tische waren aufgestellt und
ein reiches Mahl gerüstet für die Herren und Knechte und gesondert für die
maurische Leibwache nach dem Brauch ihres Glaubens diese bedienten ein
sarazenischer Koch und ein Bruder des Ordens
Die Sonne war untergegangen und große Feuer verbreiteten im Hofe Licht und
Wärme als eine Schar von Templern heransprengte in ihrer Mitte sah Ivo mit
Erstaunen die düstere Gestalt des Meisters Montague den er weit im Süden beim
Kreuzheer verlassen hatte Der mächtige Mann begrüßte als Wirt die christlichen
Gäste auch zu Ivo trat er »Da hier die Wegscheide ist für die beiden Boten des
Kaisers so bin ich zur Grenze gekommen um für die edlen Herren zu sorgen
soweit die Bruderschaft vermag Wisst Herr Ihr zogt bis jetzt im Schutze des
Tempels denn meine Brüder haben die Bergpfade bewacht«
Bald schwirrte laute Unterhaltung in verschiedenen Sprachen Graf Humbert
war in besserer Laune als sonst und Ivo beachtete wohl wie vertraulich er mit
den Templern lachte und Scherzworte tauschte Auch Ivo wurde von einem Bruder
deutscher Zunge der mit dem Meister gekommen war in ein leichtes
Reitergespräch gezogen und die Gäste rühmten freudig die leckere Kost während
behende Knaben der Templer den heißen Wein des Libanon schenkten Dennoch war
bei dem Gelage ein Zwang erkennbar öfter als sonst geschieht sprachen einzelne
leise miteinander und lautes Gelächter wechselte mit unheimlicher Stille Als
Ivo aufstand nach dem Helden Hassan zu sehen fand er ihn allein neben dem
nubisschen Knaben auf dem Boden sitzen mit dem Rücken an die Mauer des Chans
gelehnt Da nahm er einen gefüllten Becher und bot ihn dem Ismaeliten »Du
verschmähst unter uns nicht den Lieblingstrank der Christen trinke nach unserem
Brauch auf ein gutes Ende der Fahrt« Hassan wies dankend den Becher zurück
»Auch nicht wenn ich dir zutrinke«
Der andere weigerte sich wieder und wies nach den Templern »Ich und jene
schenken einander nichts als den Tod Willst du dein eigenes Wohl beraten so
halte dich fern von mir«
Da gebot Ivo dem nubisschen Knaben dass er ihm das Nachtlager an der Seite
des Ismaeliten bereite er selbst trat zu den Leibwachen und fand dass auch
diese stumm vor unberührten Speisen saßen Als er fragte »Verbietet heut euer
Gesetz das Nachtmahl« antwortete der Führer düster »Sonst wenn uns der Knappe
des Meisters zum Mahle lud kostete er von Speise und Trank vor wie sichs
gebührt heut unterließ er die Höflichkeit Dagegen forschte er prüfend ob wir
im Fall eines Kampfes das Schwert für den Ismaeliten ziehen würden« »Und was
sagtest du ihm«
»Dass wir tun werden was du gebietest«
Ivo nickte »Achtet auf die Pferde dass ihnen kein Gegner nahe Du
Abdallah wende deine Augen nicht von dem Fremden und schütte dein Lager dicht
an unserer Seite« Als er sich dem Tisch zuwandte trat der Meister der Templer
ihm entgegen »Gefällts Euch Herr so gönnt mir auf einige Augenblicke Eure
Gesellschaft« und das Tor des Chans öffnend lud er ein »Folgt mir hinaus in
die Nachtstille« Ivo sah zögernd nach dem Ismaeliten da setzte der Templer
hinzu »Ihr werdet ihn hier wiederfinden wie Ihr ihn verlasst« Im Freien begann
er »Euer Kaiser erforscht gern die Zukunft aus den Sternen auch meine Brüder
ehren diese Wissenschaft Sie fragten die Himmelslichter nach dem Schicksal
jenes Sohnes der Messer den Ihr mit Euch führt und ihnen wurde verkündet dass
dies seine letzte Reise ist und dass er gefällt wird bevor er eine Burg seiner
Genossen betritt«
»Ich bin des Kaisers Bote Herr« antwortete Ivo »und der Fremde ist meiner
Ehre anvertraut«
»Die Macht des Kaisers ist nichtig in diesem Lande keinen andern Gewaltigen
gibt es hier als den scharfen Stahl Jener aber gehört zu einer Rotte von
Mördern sie werden von ihren Nachbarn erlegt wie man den Wolf und die wilde
Katze erschlägt welche allen Waldtieren schädlich im Dunklen schleichen Ein
unchristlicher Einfall des Kaisers war es dem Heiden das Leben zu bewahren als
er unter Eurem Schwerte lag und Ihr begeht ein Unrecht gegen die Christenheit
wenn Ihr ihn heimzuführen strebt«
»Ihr wisst Herr dass mir als einem Gesandten nicht ansteht den Wert des
anvertrauten Mannes zu schätzen«
»Dann fürchte ich« antwortete Montague ruhig »dass Ihr selbst durch Euer
Amt belästigt werdet Denn als meine Brüder in den Sternen lasen dass jener dort
dem Tode verfallen ist da erspähten sie auch dass jeder der für ihn das
Schwert zieht von dem gleichen Schicksal bedroht wird Da Ihr ein Edler und ein
Christ seid so hielt ich für recht Euch zu warnen«
»Wisst auch Herr« rief Ivo stolz »dass Ihr selbst Euch durch diese Rede
in meine Hand gebt«
Der Meister lächelte finster »Ein Tor warnt wo er verderben will ich
spreche in guter Meinung Und ich sage Euch nur was unsere Weisen aus den
Sternen erforscht haben Tut mit der Warnung was Euch gefällt ruft sie in die
Berge klagt sie dem Himmel oder schreit sie laut in den Hof Blickt um Euch
Herr die grauen Mäntel welche Ihr vielleicht ringsum im Dämmerlichte seht
mögen Euch die Sicherheit geben dass die Templer in dieser Nacht um Euch wachen
Zuletzt vernehmt noch dies Meinen Brüdern verbietet ihr Eid einen Christen
zumal wenn er das Kreuz trägt mit ihren Waffen anzugreifen außer in eigener
Not zur Verteidigung Gefällts Euch so kehren wir zum Abendtrunk zurück«
Ivo schritt im Hofe zum Grafen von Meran und rührte ihn am Arm Dieser
zuckte als er den Mahnenden erkannte aber so feierlich war der Ausdruck und
die Haltung des Gegners dass er sich erhob und zur Seite trat »Ich bin
gewarnt« sprach Ivo »dass mir und meinen Begleitern vor dem Ende der Reise ein
Überfall droht und ich hege Verdacht dass er von Christen ausgeht welche
Gegner des Kaisers sind Wie denkt Ihr Euch dabei zu verhalten«
»Mich zwingt mein Amt zum Sultan von Damaskus zu reiten« versetzte Graf
Humbert »scheut Ihr Euch Eure Reise zu wagen so schließt Euch meinem Gefolge
an und wenn ich Euch gesund heimbringe sagt dem Kaiser dass Ihr Furcht
hattet«
»Solche Antwort habe ich erwartet« versetzte Ivo ruhig »doch war es meine
Pflicht von der drohenden Gefahr gegen Euch zu reden denn es handelt sich hier
um das Wohl eines Fremdlings der in kaiserlichem Schutze reist und um die
treuen Leibwächter für deren Heil ich zu sorgen habe«
»Da Ihr Euch den Befehl über den Fremden und die Mauren vorbehalten habt so
müsst Ihr auch allein die Verantwortung für ihr Heil übernehmen«
»Ihr sprecht wieder Herr wie ich erwartete« antwortete Ivo »und damit
alles zwischen uns geordnet sei bevor Ihr Euren Weg fahrt so vernehmt noch die
letzten Worte welche ich Eurem und meinem Herrn durch Euch sende da Ihr
vielleicht dem Kaiser eher vor Augen treten werdet als ich Der hochwürdige
Bruder Montague sagte mir dass die Templer einen Kreuzfahrer nur in eigener Not
zur Verteidigung angreifen Werde ich aufgehalten so sind andere Christen
weniger bedenklich gewesen« Er kehrte dem Grafen den Rücken
Der Graf von Meran trat zurück und sah unwillig nach dem Meister der
Templer der daneben stand und die Worte Ivos bestätigend mit dem Haupte
nickte »Seit wann haben die Brüder vom Tempel den Brauch zu warnen bevor sie
treffen« fragte er leise
»Seit sie für unrecht halten in diesem Lande alte Kränkung zu rächen Und
ich sage dir Humbert meine Brüder sollen seinen Tod nicht auf ihre Seele
nehmen wenn es zu hindern ist«
Die Feuer brannten nieder der Meister brach mit seinem Gefolge nach der
Burg Safitah auf die Gesandten des Kaisers bereiteten in den Hallen ihr
Nachtlager Ivo streckte sich neben dem Ismaeliten auf den Teppich und befahl
dem jungen Nubier zwischen ihnen zu kauern damit er im Notfall leise Worte von
einem Ohr zum andern trage Der Knabe erwies sich herzhaft und flüsterte
»Schlaft Herr ich wache« Es war eine stille bange Nacht Ivo lag auf den
Arm gestützt unbeweglich aber seine ganze Seele war gespannt in Auge und Ohr
der Lärm in den Mauern war verstummt er vernahm nur das Stampfen der Rosse und
leise Seufzer der Schlafenden und draußen in der Wildnis den Schrei eines
Nachtvogels und das Gebell der Raubtiere Zuweilen erhob sich der Knabe und warf
ein Scheit in das niedergebrannte Feuer So verging die Nacht den Schlaflosen
Als kaum der erste Tagesschimmer über den Himmel flog rief der Marschalk des
Grafen von Meran zum Aufbruch Eilig wurden dem Grafen und seinem Gefolge die
Rosse gesattelt die Herren schwangen sich auf und ritten ohne Abschiedsgruss
davon Jetzt erst erhoben sich die gewarnten Helden sie waren allein und Ivo
atmete auf als er ins Freie trat vor der Herberge war alles still nirgend ein
Feind zu sehen der Bergwind wehte frisch an die heißen Schläfen und das
aufsteigende Tageslicht weckte in allen Herzen neues Vertrauen Ivo ergriff die
Hand des Ismaeliten »Vermögt Ihr allein Euch leichter zu retten als in unserer
Gesellschaft so lasst mich das wissen«
»Sässe ich auf meinem Ross das die Berge kannte wie ich selbst so würde ich
die Verfolgung der Templer verlachen aber dieses Tier ist aus der Ebene und
nicht behender als die Euren«
»Dann reiten wir als treue Genossen zusammen« entschied Ivo »Euch Held
Hassan gebührt uns zu führen«
Hassan winkte zu den Pferden er selbst ritt voran und lenkte seitwärts in
die Berge Es war ein heißer Ritt um das Leben Felsen hinauf und hinab
zwischen die Stämme mächtiger Zedern in grüne Täler durch angeschwollene
Waldbäche und wieder steile Berglehnen hinauf Die Rosse schnoben und
strauchelten hoch aufgerichtet saß der Sohn der Berge seine Augen fuhren
spähend über Nahes und Fernes oft änderte er die Richtung oder lenkte zurück
auf bereits durchlaufenen Weg Als Ivo ihn bei solcher Umkehr fragend ansah
wies er in die Ferne und da Ivo nichts zu erkennen vermochte und mit dem Haupt
schüttelte hob er zwei Finger in die Höhe und rief mit einem Blick wilden
Abscheues
»Es sind Templer sie verstehen sich auf Jagd in den Bergen« Die Sonne
stieg höher die Pferde ermüdeten und traten unsicher Ivo fühlte unter den
Leichtbewaffneten den Druck seiner schweren Rüstung Und wieder wies er warnend
auf die stöhnenden Pferde
»Sie müssen aushalten oder wir verderben« versetzte der Ismaelit Weiter
ging die Fahrt über Steine und durch stürzendes Wasser Endlich hielt Hassan vor
einer stillen Klippe schwang sich vom Ross zog ein rotes Tuch aus dem Gewande
und in die Höhe klimmend ließ er das Tuch ins Tal wehen Als er zurückkehrte
blickte Ivo in ein freudiges Gesicht »Noch sind wir nicht am Ziele« sagte
Hassan »aber Kinder der Berge wissen dass wir nahe sind und ihre Reiter jagen
mit der Botschaft in die nächste Burg« Und sich wieder auf das Pferd schwingend
führte er einen Bergrücken entlang durch den Hochwald Vor ihnen fiel die Höhe
steil ab in ein kleines Tal welches von einem reißenden Gebirgsbach durchströmt
wurde »Dort liegt das Land meiner Väter« sagte er mit einem Blick des
Triumphes hinüberweisend »der Bach ist die Grenze Vermögen wir vor einem
Anfall der Feinde hinüberzudringen so sind wir der Gefahr enthoben denn dort
sammeln sich jetzt meine Brüder« Vorsichtig stiegen die Reisenden in das Tal
drangen durch den kalten Bach der seinen Schaum zu den Schaumflocken der
zitternden Pferde warf und trabten die letzte Kraft aufbietend den Hügel
hinan auf welchem ein hoher Grenzpfeiler stand der ihnen ein Kreuz als Zeichen
zukehrte Ivo neigte sich vor dem heiligen Symbol bevor er es hinter sich ließ
dann glitten sie in eine Senkung des Bodens hinab die von hohen Zedern
umschlossen war Hassan hielt sein Ross an sein dunkles Antlitz strahlte vor
stolzer Freude er wies nach dem Grenzstein zurück in welchem auf dieser Seite
zwei Messer eingehauen waren »Hier ist meine Heimat« Und würdig grüßend
sprach er »Seid willkommen Wir lagern und harren der Meinen Mir deucht schon
höre ich den Klang der Hufe durch den Wald« Die ermüdeten Reiter stiegen von
den Pferden Ivo band den Helm ab warf sich erschöpft neben den andern auf den
Boden und faltete seine Hände zu stillem Gebet
Plötzlich stieß Hassan einen wilden Schrei aus Ivo fuhr auf die Stätte war
von dunklen Gestalten in schwarzer Kriegertracht umringt von allen Seiten
flogen die Wurfspeere und ein gellendes Kampfgeschrei folgte der Stille Er zog
sein Schwert und eilte dem Ismaeliten zu Hilfe der am Boden liegend gegen
einen ganzen Haufen Feinde rang Da sprang ein einzelner Gegner auf ihn zu
diesem war die schwarze Kurdenmütze abgefallen und Ivo starrte in ein
Angesicht das er wohl kannte er rief sein Schwert wegwerfend »Nimm dein
Recht« und das Messer des andern bohrte sich durch die Rüstung in seine Brust
Seufzend sank er über den Leib des Isameliten Im nächsten Augenblick waren die
Mörder verschwunden die Rosse der Getöteten entführt lautlose Stille lag
wieder über dem Tale des Todes nur der Bergwind rauschte in den Wipfeln der
Bäume
Ungeduldig erwartete der Kaiser die Rückkehr seiner Gesandten Er war mit
dem Heere nach Süden aufgebrochen und lag bei Jaffa an der Straße nach
Jerusalem Seinem Vorsatz getreu vermied er den Kampf mit den Sarazenen aber
er wusste trotz der Schwäche seines Heeres die Zauberkraft zu bewahren die sein
Wesen auf die feindlichen Fürsten ausübte und benützte in den Verhandlungen
meisterhaft die Uneinigkeit welche die Sultane des Morgenlandes an gemeinsamer
Tat hinderte Endlich ritt der Graf von Meran in das Lager ein mit guten
Versprechungen und reichen Geschenken des Sultans von Damaskus ihm war alles
wohlgelungen von der andern Gesandtschaft wusste er nichts zu berichten als dass
er sie in der Herberge einer Grenzburg zurückgelassen hatte Vergebens ließ der
Kaiser durch ihn bei Templern und Johannitern den nächsten Nachbarn der
Ismaeliten umfragen Endlich kam vom Norden her ein Gerücht in das Lager die
Gesandtschaft sei von wilden Kurden welche in dem Grenzland nach Raub
umherstreiften getötet worden Da sprach der Kaiser traurig zu seinem
Vertrauten Omar »Du hattest falsch gerechnet Nur was du mir prophezeitest als
er zuerst in mein Zelt trat ist zur Wahrheit geworden dass sein Dienst kurz und
wohltätig für mich sein würde Aber das Ende hat sich weit anders gefügt« Der
Araber eilte bestürzt zu seinen Kreisen und Sterntafeln kehrte zurück und
behauptete der Geschwundene müsse noch wiederkehren Da hoffte Friedrich aufs
neue Als aber Woche auf Woche verrann sah er sich nach einem andern Boten in
die Berge um und fand endlich einen redlichen Mönch aus sächsischem Kloster der
des Arabischen mächtig war ihn sandte er mit einem Briefe heimlich über
Damaskus in das Gebiet des Scheiks Doch der Mönch brachte den Brief zurück den
Herrn der Berge hatte er gar nicht gesehen denn er war in einer Grenzburg
desselben aufgehalten worden über das Schicksal der Gesandtschaft hatten die
Ismaeliten ein finsteres Schweigen bewahrt und nur mündlich die stolze Antwort
gegeben sie wünschten dem Kaiser als einem hochsinnigen Helden Glück gegen
seine Feinde aber sie hätten erkannt dass er zu schwach sei um Treulosigkeit
und Verräterei der Christen zu bändigen Und der Glaube dem so viele Schlechte
vertrauten sei ihnen verleidet und verhasst
Als die erste Nachricht von dem Überfall der Kurden zu den Zelten der
Thüringe kam schritt Henner schweigend in den Stall sattelte sein Pferd und
sprengte aus dem Lager um seine Verzweiflung den Jüngeren zu verbergen Da
Lutz besorgt um seinen Gesellen nacheilte fand er ihn auf der Höhe unter
einem blätterlosen Baume sitzen ganz verwandelt und weit älter als sonst Er
setzte sich zu ihm und fasste schweigend die Hand »Du bist jung und du wirst
wieder lachen« sprach Henner »ich aber habe ihn auf meinem Arm gehalten da er
ein Kindlein war mir ist unerfreulich dass ich ihn überleben soll und ich sah
aus ob ich einen schweifenden Haufen von Bodwinen oder ähnlichem Heidenvolk
erblicken könnten um an diesen die Rache zu nehmen und ihm nachzufolgen«
»Denkt auch daran Marschalk dass er vielleicht noch lebt« tröstete Lutz
»und dass er Euch finden muss wenn er zurückkehrt«
»Tröstet Ihr Euch mit dieser Hoffnung« stöhnte Henner schlug die Hände vor
sein Gesicht und weinte
»Wir vernehmen oft« begann der Jüngere wieder »dass die Wüstenräuber gierig
nach Lösegeld sind und lieber gefangennehmen als töten«
»Unser Herr ist nicht leicht zu fangen« versetzte der Marschalk rau »Ihr
solltet doch wissen dass er sich nicht ergibt und am wenigsten diesen
unritterlichen Bösewichtern«
Das musste Lutz seufzend zugeben und sie saßen wieder schweigend
beieinander
»Wenn er aber dennoch am Leben wäre und zu den Seinen zurückkäme« begann
Henner endlich »so soll kein Auge ihn eher erblicken als das unsere und wenn
er zu Fuß kommt als ein müder Wanderer so soll er hier eines unserer Rosse
finden damit er in das Lager reiten kann als ein Krieger Merkt Herr dass dies
von heut an unsere Warte ist von der wir nordwärts blicken denn hinter jenen
Bergen ging verloren was die Freude und Ehre unseres Lebens war« Seit diesem
Tage ritt der Marschalk täglich hinaus zu dem Baume und führte ein leeres Pferd
an der Trense mit sich Bald wusste man im Lager dass die beiden dort auf ihren
Herrn harrten die Christen welche des Weges zogen sahen scheu hinüber und
mancher sprach ein stilles Gebet für den Verlorenen
Der Vertrag des Kaisers mit dem Sultan war geschlossen der Kaiser erwarb
die heiligen Städte Jerusalem und Bethlehem und die Herbergen auf dem Wege von
der Küste bis Jerusalem Als ihm das große Werk gelungen war ließ er die beiden
Dienstmannen vor sich laden und sprach»Die Kreuzfahrt wird vollendet wir
brechen morgen nach Jerusalem auf und auch ihr Herren werdet mich um des
Verlorenen willen begleiten denn ich verspreche euch durch die Fürsten der
Sarazenen unter den Horden welche im Lande umherziehen nachzuforschen damit
wir Sicherheit gewinnen über sein Leben oder seinen Tod«
Da riet Lutz ehrerbietig »In der Begleitung des Herrn war ein schwarzer
Knabe Das Heidenkind ist schlau und vermöchte wohl Auskunft zu geben ich
denke dass es nicht getötet ist sondern irgendwo als Sklave weilt«
Der Kaiser nickte »Ich kenne den Knaben Zwar ist die Hoffnung gering hier
im Lande einen Neger bei den Händlern aufzufinden dennoch will ich auch daran
denken«
Als die Kreuzfahrer die Kuppeln und Mauern Jerusalems vor sich sahen
loderte in dem müden und entzweiten Heere die fromme Begeisterung aufs neue in
hellen Flammen empor die Pilger warfen sich zur Erde küssten den Boden
schlugen die Brust seufzten ächzten und weinten und zogen unter Bussgesängen in
ungeheurer Prozession durch die Tore Der Kaiser aber stellte überall seine
bewaffneten Haufen auf damit die Entzückten den Sarazenen in der Stadt nichts
zuleide täten Da ihm die christlichen Priester zürnten und das Hochamt zu
seiner Krönung verweigerten so erstieg er selbst in der heiligen Grabskirche
die Stufen des Hochaltars hob die Königskrone Jerusalems vom Altar und setzte
sie sich auf unter dem hellen Jubelgeschrei des Heeres Den deutschen
Ordensbrüdern aber verlieh er zur Belohnung für ihre Treue die Königsburg von
Jerusalem und setzte die Bruderschaft welche sich bis dahin mühsam gegen die
anderen behauptet hatte in den berühmtesten Herrensitz als Wächter der Heiligen
Stadt Und während seine Kreuzfahrer in vielen wallenden Haufen vor den
zahlreichen geweihten Stellen knieten tauschte er selbst höfliche Grüße und
Versicherungen der Freundschaft mit den Sarazenen und veranstaltete zu seinem
Vergnügen Wettgespräche in denen die Weisen aus dem Morgen und Abendland mit
den schärfsten Waffen ihrer Dialektik und Rhetorik gegeneinander kämpfen mussten
Heimlich aber blieb sein Sinn auf die Heimkehr gerichtet denn was er längst
befürchtet hatte war geschehen sein Erbland das Königreich Sizilien war von
einem päpstlichen Heere überschwemmt
Die Ritter des Herrn Ivo hielten sich auch in der Heiligen Stadt gesondert
von den übrigen unter traurigen Gedanken und Henner fand seinen einzigen Trost
in den Reden seines Gesellen Lutz welcher fest an der Meinung hielt dass ihr
Herr noch am Leben sei Auch aus Jerusalem ritten die beiden täglich zu der
Straße welche von Norden heranführte sie hatten ihren Sitz auf hohem Felsblock
gewählt von dem sie ein weites Land übersahn Dort begann einst Lutz »Ich
rate Marschalk dass wir bisweilen an das Heil unserer Seelen denken damit wir
nicht den Segen verlieren der dem Pilger zuteil wird wenn er an den heiligen
Stätten kniet«
Doch der Marschalk entgegnete finster »Tut Ihr was Euch frommt ich aber
vertraue dass die Heiligen mein Gebet auch von diesem Stein erhören werden Denn
ich habe nicht viele Bitten an sie zu richten sondern nur die eine dass ich
bald ebendahin fahre wo mein Herr weilt sei es auf Erden oder im Himmel oder
sonstwo«
Am Tage vor seiner Abreise ritt Friedrich mit Hermann von Salza aus den
Mauern von Jerusalem »Hier ist meine Arbeit getan« begann er »eine härtere
erwartet uns in der Heimat Das Banner des Kaisers weht über der Heiligen Stadt
und die Abendländer können auf den heiligen Steinen ihre Knie wund reiben ohne
von den Ungläubigen gemisshandelt zu werden Ich habe für mich und meinen Sohn
die Krone vom Altar gehoben und dich und deine Brüder habe ich ansehnlich
gemacht vor den Leuten ich höre die deutschen Ritter drängen sich jetzt an die
Pforten deines Hauses um bei euch die Gelübde abzulegen Beide haben wir
gewonnen was die Herzen der Gläubigen an uns fesseln muss und die hohe Meinung
der Welt soll uns Bürgschaft werden für künftige Siege Wir brauchen Sie
Hermann« fuhr er mit düsterm Lächeln fort »denn in Wahrheit reitet jetzt der
Kaiser neben dir als ein König ohne Land Und ich würde teuren Preis dafür
bezahlen wenn ich mit dir auf dem Zaubermantel eines weisen Meisters nach
Italien fliegen könnte denn mir brennt das Herz danach an meinen Feinden
Rache zu nehmen Wer sind jene« unterbrach er sich nach der Höhe weisend »die
über dem Grabe der alten Kaiserin Helena die Speerwache halten«
»Es sind die Dienstmannen des edlen Ivo« antwortete der Meister ernstaft
»sie wollen der Hoffnung nicht entsagen dass ihr Herr zurückkehre«
Friedrich ritt an die Traurigen und sprach zum Marschalk »Vergeblich war
alles Hoffen ihr Treuen gern werde ich selbst euch in meinem Dienste behalten
in Italien habe ich scharfe Arbeit für eure Schwerter Auch Held Ivo würde mir
seine Waffe gegen die welschen Feinde nicht versagt haben«
Henner antwortete mit bebender Stimme »Möge der Majestät des Kaisers alles
wohl gelingen Uns zürnt nicht wenn wir noch hier beharren bis wir untrügliche
Kunde erhalten ob unser Herr aus dieser Welt geschieden ist Denn ganz
Verworrenes reden die Leute Wir aber meinen dass er uns in diesem Lande finden
muss wenn er dennoch zurückkehrt und wenn die Kunde erschallt dass er irgendwo
am Leben ist so müssen auch wir zur Stelle sein um sie sogleich zu vernehmen
Sobald wir unserer Pflicht gegen das Kreuzheer enthoben sind denken wir
nordwärts zu reiten und selbst im Grenzlande zu suchen«
Da gebot der Kaiser dass sie sich noch bei seinem Kämmerer melden sollten
um Reisegeld zu empfangen und sprach traurig zu Hermann »Dies ist das Land wo
sich jeder für seinen Glauben unsinnig gebärdet Aber das törichte Vertrauen
dieser zwei armen Männer ist ehrwürdiger als manches Pochen auf hohe
Verheißung«
Friderun
Jahraus jahrein säten die Thüringe die goldenen Halmfrüchte in den Ackergrund
aber die alte Fruchtbarkeit des Bodens durch welche sie kräftig und stolz
geworden waren wollte nicht zurückkehren Die Sommerglut dörrte die schützende
Schneedecke blieb aus der Rost befiehl die Ähren und die Feldmaus tilgte das
Saatkorn Darum blieben die Leute ärgerlich und fuhren unruhig durcheinander
Noch anderes kränkte die alten Bauerndörfer am Nessebach Als die Landgenossen
sich einst versammelt hatten zu gebotenem Ding unter der Gerichtslinde in der
Nähe von Friemar kam ein Zug landgräflicher Reiter herangesprengt mit Edlen der
Umgegend mit Geistlichen und Hofherren Und der Kanzler las dem erstaunten Ring
der Versammelten große Briefe vor von Kaiser und König und von dem Landgrafen
in denen verkündet wurde dass das kaiserliche Gericht der freien Thüringe
aufhöre und dass alles Recht fortan im Namen des Landgrafen verkündet werde Denn
der Kaiser hatte den großen Gebietern in Deutschland dies Herrenrecht mit vielem
anderem gewähren müssen damit sie auf seine Seite traten und bei dem Heiligen
Vater die Lösung vom Banne betrieben
Als die Briefe gelesen waren und die Landleute schweigend und erschrocken
standen ritt Graf Meginhard vor und sprach gegen den Richter »Wollt Ihr dem
Landgrafen den Eid leisten wie Ihr ihn einst dem Kaiser geleistet habt so
möget Ihr Euer strenges Amt auch in der neuen Ordnung bewahren«
Da antwortete der Richter sein Haupt erhebend »Viel Neues ereignet sich
jetzt auf Erden und alter Brauch vergeht schnell ob das Neue besser sein wird
darüber mag ein jüngeres Geschlecht urteilen wenn es den Schaden fühlt Ich
aber stehe unter dieser Linde als ein alter Mann im Namen meines Herrn des
Kaisers bin ich geritten mit meinem Knecht bis mein Haar weiß wurde Soll der
Name des Kaisers fernerhin verschwiegen bleiben wenn die Schöffen unter der
Linde sitzen oder stehen so tue ich mich ab von meinem Amte und ein anderer
mag mit meinem Werkzeuge reiten wenn es ihm gefällt« Er legte den Strang und
das Schwert auf die Gerichtsbank und trat finster zurück in den Ring
Friderun stand auf dem Hügel unter der Linde der Herbstwind schüttelte den
Wipfel und sie sprach Else vor sich hin »Ich weiß eine Magd die einst in
stolzem Mute ihren Kranz auf die Zweige warf das ist lange her Seit ich
traure trug die Linde dreimal ihr grünes Kleid und dreimal zerriss es im
Wintersturm Als er hinausritt in die Fremde sprach er Auf Wiedersehen wills
Gott im nächsten Mai Es währte lange da kam der Mai ins Land und mancher
frohe Sommervogel flog heran und baute sein Nest in der Linde Er aber blieb
aus und wenn die Magd die Kleinen im Laube nach ihm fragte so sangen sie ihr
die Antwort Er ist nicht da so kommt er wohl bald Die Sänger flogen davon und
die Krähen schrien auf den Ästen Doch als die Tagvögel zum andernmal kamen und
die Magd wieder fragte klagten sie traurig Weit ist die Reise nicht jeder
der ausflog kehrt zurück Und da sie zum drittenmal Bescheid geben sollten
flatterten sie scheu davon und weigerten die Antwort und wenn die Magd
hinaussah auf die grüne Heide standen die Blumen welk und fahl und sie hatte
niemand den sie fragen konnte als die Wolken und Wind Der Sturm fegte die
Blätter hinab die Wolken fuhren um den bleichen Mond und sie rief in den
wilden Sturmwind hinein Dir will ich klagen du sollst von dem einen Botschaft
sagen Da war ihr als rufe aus den Wolken zur rechten Hand ein Reiter auf
grauem Nebelrosse Er liegt gefangen im Heidenland Doch von links rief ein
schwarzer Reiter Er liegt still und tief unter dem Rasen Seitdem war alles
Hoffen der Magd geschwunden und sie weinte wo niemand ihre Tränen sah«
Friderun setzte sich auf einen Stein und barg das Gesicht in den Händen
Aus der Ferne klang Hufschlag »Die Reiter kommen« rief sie aufspringend
Auf dem Wege von Erfurt nahte ein Ritter mit seinem Knecht er stieg am
Holze ab warf dem Begleiter die Zügel zu und eilte zu dem Steine
»Bertold mein Bruder« grüßte Friderun »du trägst den Rittergurt«
»Meine Lehrzeit ist vorüber« versetzte Bertold stolz »Und auch die drei
Jahre gingen zu Ende in denen jene dort der heilige Frieden beschützte« Er
wies zornig nach der Gegend des Niederhofes
»Die Rache hinkt welche gegen die Toten reitet« antwortete Friderun
»Noch leben manche welche meine Faust fühlen sollen Das ganze Erbe gehört
jetzt zu Recht dem Grafen Meginhard und es ist wohl möglich dass er einen
seiner Getreuen ausstattet mit dem Hofe in dem meine Feinde stolzierten«
»Du denkst dich selbst in dem fremden Hofe niederzulassen du ritterlicher
Knabe« fragte Friderun zornig »Was der Graf tut mag er vor dem Himmelsherrn
verantworten Wenn aber du aus dem Bahrtuch eines edlen Geschlechtes für dich
ein neues Knechtsgewand zu schneiden hoffst so wisse Bertold dass du einen
Feind finden wirst der dich als untreu verklagt und dieser Feind will ich
sein«
»Du« rief der junge Ritter unwillig »So höre auch du Schwester was ich
dir ungern sage die Zeit ist vorüber wo ich deine stolze Weise geduldig
ertrug Ich bin ein Mann geworden und nach dem Vater der grollend in seinem
Hofe sitzt werde ich dein Herr und mir steht es zu über deine Zukunft zu
beschließen«
»Und was hast du beschlossen« fragte Friderun die Arme übereinander
schlagend
»Ich meine es gut mit dir und will dass du die Frau eines ehrlichen Ritters
wirst Mein Geselle Konz gegen den du dich immer so hochmütig hältst kann das
Wohlgefallen an dir nicht verwinden und sprach erst gestern von seinem Wunsche
dich zu freien Ich denke der Vater wird sich fügen wenn du nur willst Sollte
aber der Alte widerstehen so ist mein Geselle auch bereit seine Zeit
abzuwarten sobald du ihm nur gutwillig zulachst«
»Ich bin euch beiden ihr strengen Ritter dankbar für das Los welches ihr
mir bereiten wollt« antwortete Friderun verächtlich Doch sogleich fuhr sie in
anderm Ton fort »Mein armer Bruder Es war ein schweres Schicksal das dich
unter dies Reitervolk geschleudert hat Dennoch hätte ich von dir mehr Liebe
erwartet als dass du mich dem ungeschickten Manne vermählen wolltest«
»Er ist immer freundlich gegen mich gewesen« versetzte der Bruder »weil er
auf dich gehofft hat auch daran solltest du denken«
»Ja Bertold die Schwester ist der Preis gewesen durch den du dich in der
Gunst deines Genossen eingekauft hast Das war nicht treu gegen mich und du
musst es jetzt tragen wenn er dir wegen meiner Weigerung zürnt Denn niemals
werde ich seine Hausfrau«
»Was soll aus dir werden« fragte der Bruder zornig
Die Magd sah zum Himmel hinauf »Ich bleibe bei dem Vater er bedarf meiner
Dienste mehr als sonst denn sein Mut ist beschwert und er grübelt über die
arge Zeit Auch um deinetwillen bleibe ich Täglich wenn ich deinen Sitz an
unserm Herde leer sehe denke ich daran wie wir als Kinder miteinander im
Herdloch kauerten ich als Hauskatze und du als Schäferhund Jetzt ist mein
Hündlein unter die Wölfe geraten und ich fürchte es wird entweder seinen
frommen Sinn verlieren oder die Argen werden es zerreißen«
»Sprich nicht so wehmütiges Zeug das hier ganz ungehörig ist« versetzte
Bertold unruhig »und höre verständig auf meine Worte«
»Ich bin verständig Bruder« sprach Friderun seine Hand festhaltend
»Setze dich zu mir Bertold Mutterlos wuchsen wir zwei Geschwister auf und
wenn der Vater hart war suchten wir Trost beieinander Mir ist oft einsam im
Hofe und die Sehnsucht nach dir und deinem sorglosen Lachen verlässt mich nicht
Ich denke mir dass auch du unter den Fremden keine Schwester gefunden hast mit
der du vertraulich reden kannst wie du einst mit mir tatest«
Bertold setzte sich willig zu ihr sie sah ihn liebevoll an »Du bist
mannhaft geworden und ich muss dich loben du eitles Kind deine Löckchen hängen
dir lustig um die Wange Aber dein Auge fährt unruhig umher und ich fürchte
sie haben dich zu mancher Tat verleitet deren ein redlicher Mann ungern
gedenkt«
»Jeder Dienst verlangt Gehorsam« sagte der Bruder trübe
»Du warst ein Freier und an friedliche Sitte gewöhnt Doch Vergangenes macht
niemand ungeschehen« fuhr sie seufzend fort »Da du ein Ritter geworden bist
müssen wir beide darauf denken dass dir dein Leben nicht in fremdem Dienst
verdorben werde Vernimm mein Bruder was dich trösten soll Du hast jetzt
keine Hoffnung den Zorn des Vaters zu versöhnen aber was ich als seine Tochter
tun darf um dir dein Erbe zu bewahren darauf bestehe ich Deshalb verpflichte
dich nicht gegen die Mühlburger«
Bertold erhob sich »Du bist eine treue Schwester doch du verstehst nicht
was ritterliche Pflicht gebietet«
»Kannst du dich nicht heut und nicht morgen von ihnen befreien so tue es
allmählich Denke immer daran dass deine Zukunft nicht von ihrer Gunst abhängt
und dass es noch andere gibt die um dein Glück besorgt sind Und lass mich dein
vertrautes Gesicht bald wiedersehen mein Bruder«
Friderun sah dem scheidenden Bertold traurig nach »Ein ungetümer Drache
wälzt sich um den Edelhof nicht lange er dringt hinein und verzehrt Habe und
Gut Der Held aber der diesen Drachen erlegt ist geschwunden Auch dem Hofe
des Bauern wird der Untergang des edlen Hauses zum Verhängnis der Sohn zieht
unstet auf den wilden Wegen und die Tochter wird auf dem Steine ein altes Lied
singen bis ein neues Geschlecht sie und ihren Gesang verlacht« Sie sprang
erschrocken auf »Eine Mahnung erhalte ich vom Schicksal schwarz ist das Ross
welches dort herankommt und schwarz ist der Reiter ich weiß was mir der
Hufschlag bedeutet« Bleich und starr sah sie auf den Weg
»Seid gegrüßt Magd Friderun« rief ein bärtiger Krieger ihr zu »ein gutes
Vorzeichen soll es für mich sein dass ich zuerst Euch finde«
»Lange weiltet Ihr in der Fremde Bruder Gottfried« antwortete die Magd
tonlos »das Kreuz der Bruderschaft hing über leerem Hause«
»Wir kommen und gehen wie der Meister gebietet diesmal denke ich nur kurze
Zeit bei Euch zu bleiben«
»Ihr kommt aus dem Morgen bei uns wurde es Abend Was bringt Ihr Neues für
die Meinen und mich«
»Aus Accon einer Burg der Christenheit bin ich herzugereist und Euch
bringe ich Botschaft aus dem Libanon«
»Sprecht ich höre« murmelte Friderun unbeweglich
Der Bruder griff in sein Gewand und bot ihr ein seidenes geknotetes Tuch
das mit vielen Schnüren umwunden war »Ein sächsischer Mönch der als Waller von
Antiochien nach Damaskus zog empfing dies heimlich in einem Tal der Ismaeliten
von einem türingischen Manne traurig war der Geber und ein Notzeichen nannte
er die Gabe er gebot dem Mönch sie in einem Haus unseres Ordens abzugeben
zugleich mit dem Wahrspruch Friderun aus Friemar sprang in die Flamme«
Die Jungfrau stürzte auf die Knie die zitternden Finger lösten und rissen
an der Schnur sie schlug das Tuch zurück ein Strang Menschenhaare ringelte
sich in ihrer Hand und sie schrie »Die Haarlocke ist es das letzte Notzeichen
des Bedrängten Sein Haar ist es er weiß dass ich die Farbe kenne er lebt und
ruft nach Hilfe« Sie warf sich an dem Baume nieder hob die Arme gen Himmel
lachte und weinte zu gleicher Zeit
Am Abend saß eine kleine Zahl älterer Männer am Herdfeuer des Freihofes die
Tür war verschlossen gegen Regen und Sturm die Flamme schien auf graue Häupter
und gefurchte Gesichter es waren Bauern des Dorfes die meisten seit alter Zeit
dem Geschlechte des Richters Bernhard verwandt Hinter ihnen auf der Bühne stand
Friderun den Arm auf das Geländer gestützt sah sie zu wie die Flamme loderte
und der Rauch in der Höhe sich zu dicken Wolken ballte Und ein alter Bauer
begann »Über dem Wald sieht man hellen Feuerschein dort werden Häuser gesengt
und neue Frucht verbrannt denn es ist Fehde zwischen den Dienstmannen des
Hennebergers und den Landgräflichen«
»Nie dachte ich zu erleben« fuhr der Schöffe Isenhard fort »dass der grobe
Mann den sie Ritter Konz von der Mühlburg nennen jemals auf dem Grafenstuhl
Gericht halten sollte über freie Bauern sonst ehrte der Richter in Wort und
Gebärde den höchsten Herrn der Christenheit diesmal war von dem Herrn nicht
mehr die Rede Ganz unordentlich und greulich hielt der Plumpe das Gericht denn
er mengte die Worte und herrschte die Schöffen an als ob sie von seinem Gesinde
wären«
»Ich gedenke noch der Zeit« sprach Hartmann ein treuer Nachbar des
Hauswirts »wo die Leute bei uns lachten und fluchten wenn jemandem einfiel
den Herrn Papst zu rühmen Damals war ein großer Streit in der Christenheit wer
stärker sei der Kaiser oder der Papst doch jetzt ist dies anders geworden man
vernimmt wenig vom Kaiser und viel vom Papste«
»Vielleicht ist das besser vielleicht auch nicht« antwortete vorsichtig
der erste Bauer
»Damals« fuhr Hartmann nachdrücklich fort »fragten die Leute ob der Vater
der Christenheit zu Rom mit seinem Gefolge in Wahrheit die Gewalt habe das
Himmelreich den armen Seelen zu öffnen oder zu sperren Ich merke dass jetzt
niemand darüber spricht und ich möchte wohl wissen ob es noch viele gibt die
den Zweifel hegen«
»Die meisten fürchten sich zu fragen« versetzte der erste Bauer Die
Männer sahen einander bedeutsam an
Da sprach Bernhard mit starker Stimme »Eine Verkündigung vernahmen wir dass
vor dem Ende der Welt eine neue Ordnung kommen soll und eine Herrschaft des
Antichrists welcher sich auf dem Stuhle niedersetzt der für unsern Herrn
Jesus den Sohn des Himmelsgottes errichtet ist in dieser Zeit wird der Sinn
von Geistlichen und Laien verkehrt und sie werden dem falschen Gott dienen der
sich frech vermisst an Stelle des Herrn zu herrschen Manche von uns sorgen dass
diese Zeit der Betörung nahe sei denn der Acker beharrt darauf die Frucht zu
versagen das alte Recht schwindet und ärger als je zuvor reiten die Diebe aus
den Burgen und schnüren dem Landmann das Haupt mit seiner Peitschenschnur damit
er ihnen das Versteck eröffne in dem er sein Geld birgt Braune Mönche
schweifen durch das Land rufen die armen unfreien Leute welche uns seither
dienten auf dass sie die echten Gotteskinder seien und hetzen die einfältige
Menge gegen uns«
»Wir wissen« sprach Isenhard tröstend »dass vieles auf Erden in das Arge
verkehrt ist Aber manche schwere Zeit erlebten wir und ihr folgten bessere
Tage So denke auch ich dass die beiden neuen Bedrücker welche uns den Frieden
in Unfrieden verkehrt haben die schweifenden Bettler welche sich Mönche des
Heiligen Vaters nennen und die schlechten Richter welche den Kaiser
verleugnen nicht ewig dauern werden Denn wir sind nicht herrenlos noch lebt
unser Kaiser Alle verkünden dass er ein weiser und machtvoller Herr ist der
den Pfaffen und Mönchen gewaltig widersteht Aber er ist fern von uns und er
weiß in der Fremde nicht was uns den Freien am Walde Sorgen bereitet Käme er
zu uns und sähe das Leiden er würde es an sich nicht fehlen lassen Denn das
ist sein Amt und wir alle haben von unsern Vätern gehört dass die Kaiser einst
durch das Land geritten sind mit großem Gefolge den raubenden Rittern haben sie
die Burgen gebrochen und die Missetäter an die Bäume gehenkt an grüne und an
dürre je nach dem Maß ihrer Untaten Darum soll soweit ich erkenne unsere
Sorge sein ob wir den Kaiser zur Hilfe rufen können gegen die wilden Mönche
welche mit dem Holzstoss drohen und gegen die Räuber welche prahlen dass sie im
Dienste eines Herzogs oder Landgrafen mit unserer Habe und unseren Kindern zu
schalten vermögen wie ihnen beliebt«
»Ihr sprecht verständig« versetzte Bernhard »aber wer wagt so laut zu
schreien dass seine Klage über deutsches und welsches Land hinausschallt bis an
das Meer wo die Heiden wohnen denn dort waltet der Kaiser Vieles und Schweres
haben wir ihm zu künden vielleicht« fuhr er mit leuchtenden Augen fort »auch
manches was ihm selbst ein teurer Gewinn sein kann Denn er lebt in starker
Feindschaft mit dem Manne zu Rom der sich für den Herrn der Welt ausgibt weil
er ein Nachfolger der heiligen Apostel ist Die Apostel aber haben wieder die
Herrschaft empfangen von dem Sohne des Himmelsherrn Darum erlügen die Pfaffen
dass der Sohn gleiche Macht und Herrlichkeit habe wie der Vater damit sie den
Mann in Rom und seine Gebote gleichmachen dem Himmelsherrn und den Geboten des
alten Gottes selber Wir aber haben erkannt und wir wissen wie unser lieber
Herr und Heiland in seiner Demut selbst bezeugt hat dass sein Vater mehr ist als
er Hat der Herr Papst seine Macht von dem Sohne so hat unser Herr Kaiser sein
Recht und seine Macht von dem Vater denn der Vater selbst hat in dem Erdgarten
die Menschen geordnet und jedem sein Amt und seine Arbeit festgesetzt Dies
heilige Geheimnis haben wir erkundet und wir sind bereit dasselbe vor aller
Welt zu bezeugen Denn wir besitzen einen unumstösslichen Grund dafür das eigene
Wort des Herrn wie es niedergeschrieben wurde und besprengt mit dem Blute eines
redlichen Bekenners Das könnte dem Kaiser zum Siege verhelfen in seinem harten
Streit mit dem Papst zu Rom wenn er die heiligen Worte erfährt welche sein
Recht besser machen als das des andern und wenn er solche Wahrheit verkünden
lässt durch alle Lande damit jedermann sie wisse So vermöchten auch wir dem
Kaiser zu helfen wie er uns helfen soll Und wieder beklagen wir dass der
Kaiser uns verlassen hat denn wer von uns Bauern kann mit solchem Gruß viele
hundert Meilen über ungeheure Berge und über das wilde Meer zu ihm dringen«
Die Männer sahen in die Flamme und schwiegen von oben klang eine
Frauenstimme »Die Freien von Friemar hatten einst unter den Edlen einen
Genossen welcher bei den Königen das Wort für sie führte«
»Die wir einst hatten wir haben sie nicht mehr sie sind verdorben und
gestorben« versetzte der Vater
»Hat auch die Grafen auf der Mühlburg ihr Hofdienst verdorben die Herren im
Niederhof haben uns billigen Sinn bewährt sie vermöchten am ersten ihre Stimme
für euer Recht zu erheben und den Kaiser dem sie lieb sind an eure Not zu
mahnen«
»Was rufst du die Toten Friderun der letzte von ihnen der unter uns sein
Haupt hoch trug ist getilgt«
»Er lebt« rief Friderun »so wahr auf die Nacht der Morgen kommt und auf
Wettersturm das milde Sonnenlicht Er lebt aber er liegt in Not und Gefängnis
und er fordert von uns Hilfe für sich« Sie stieg die Stufen herab und zog aus
dem Gewande ein seidenes Tuch hervor schlug es auseinander und hielt eine Locke
in die Höhe »Dies ist Haar von seinem Haupte welches er in unsern Hof sandte
damit wir ihn retten Der Bärtige brachte diesen Gruß aus dem Heiligen Lande
ein Pilger empfing ihn von Herrn Ivo der in Haft liegt bei dem wilden
Heidenvolk welches sie die Ismaeliten nennen Dies ist in Wahrheit seine Locke
und als er sie dem Boten gab sprach er einen Wahrspruch dazu welchen nur wir
kennen Darum mein Vater beschliesst wie Ihr ihm helfen mögt«
Die Landleute sahen scheu auf das ehrwürdige Notzeichen welches Friderun
unter ihnen in der Hand hielt
»Ist das Zeichen echt« begann der Richter »so mahnt die Tochter nicht ohne
Grund denn wisst ihr Freunde und Eidgesellen ich bewahre einiges von seiner
Habe was er mir beim Abschied anvertraute Ist er ein Gefangener der durch
Lösegeld befreit werden kann so mag ihn vielleicht retten was er meinem Herde
übergab«
Wieder saßen die Männer nachdenklich bis Isenhard begann
»Ihr dachtet daran ihn als Helfer zu gewinnen und er begehrt Eure Hilfe
für sich so wächst zu der alten Sorge die neue Schon war der Wagen überladen
wie vermögen die Rosse zu ziehen wenn eine größere Last dazu kommt«
»Darf ich sprechen in Eurem Rat Vater« fragte Friderun
»Wollt ihr mein Kind hören Ist sie auch ein Weib so wurde ihr doch die
Gabe nicht versagt guten Rat zu finden«
Die Männer nickten bedächtig »Wir wissen dass etwas in dir ist Friderun«
ermunterte Hartmann »was manchen mit Scheu erfüllt mich aber mit Freude«
»Sendet einen Boten zum Kaiser« rief Friderun mit blitzenden Augen
»vertraut dem Boten an was euch beschwert und vertraut ihm den Schatz an
damit er ihn in die Hand des Kaisers lege Denn wenn irgendein Mann so vermag
der Kaiser den Herrn Ivo zu lösen Seine Herrlichkeit ist gefürchtet im Abend
und im Morgen und man sagt dass auch die Heidenkönige sich vor ihm neigen wie
vor einem Herrn und ihn durch reiche Geschenke ehren Und Vater« rief sie
begeistert und kniete nieder seine Hand ergreifend »der Bote will ich sein
lasst mich ziehen«
»Du« rief der Richter und sein Antlitz erblich in der heftigen Bewegung
»Du bist mein letztes Kind und du bist ein Weib Soll ich auch dich verlieren«
»Nicht verlieren sollst du mich Vater sondern besseres Glück durch mich
gewinnen Pilgern nicht alljährlich viele Frauen nach Rom und kehren ungekränkt
zurück Warum soll mir es schwer sein zu unserm Kaiser zu dringen Bedenke
Vater dass wir bessere Hilfe haben als viele andere« und sie legte schnell die
Hände zusammen wie die Bärtigen taten wenn sie mit den Zugewandten der
Bruderschaft Gruß tauschten »Ich bin ein Kind der Thüringe und fürchte mich
nicht vor den Fremden«
Da der Richter nicht antwortete so erhob sich der alte Hartmann und sprach
feierlich zu seinem Genossen »Ob Ihr als Vater die Tochter an solche Botschaft
wagen wollt das steht bei Euch allein und wir andern dürfen nicht zureden und
nicht abmahnen Doch es handelt sich um ein großes Werk und das Schicksal von
manchem unter uns mag daran hängen Und deshalb sage ich hier nach meinem
Gewissen dass die Freien von Friemar keinen besseren Boten durch die wilde Welt
senden können als unser Kind Friderun Denn wir alle wissen und vertrauen dass
sie eine reine Magd ist welche niemals einem Manne heimlich zugelächelt hat wie
andere Mädchen im Dorfe Einer solchen gelingt aber auf Erden was einem starken
Manne versagt ist und sie ist begnadigt vor anderen Menschen dass die Argen sie
scheuen und die Gefahr von ihr weicht und die liebe Sonne freundlicher auf ihrem
Wege scheint als vor anderen Darum sorge ich auch nicht übermäßig um die
Gefahren einer weiten Fahrt nicht wegen der Räuber wenn sie einen Schatz
trägt und nicht wegen der Heiden wenn sie durch ihre Schwerter wandelt Einen
Edlen vermögen wir dem Kaiser nicht zu schicken aber wir senden ihm das
Vornehmste was wir haben eine Jungfrau welche den Menschen und den Engeln
lieb ist und welcher die Gabe der Rede zugeteilt wurde und zuweilen große
Gedanken denen auch wir Alten willig Gehör geben«
Friderun stand mit gesenktem Haupt während der Alte sprach jetzt neigte
sie sich wieder zu ihrem Vater herab und fasste Knie und Hand Dem Alten rannen
die Tränen über sein ehrwürdiges Angesicht er legte den Arm um sie küsste sie
auf die Stirn und sprach »Geh und sage auch unserem Kaiser dass Bernhard der
sein Richter war ihm das Liebste sendet was er noch auf Erden sein nennt«
Am nächsten Morgen ging Friderun nach dem Edelhofe Der Hof war leer wie
ausgeräumt die Stalltüren standen offen die Rosse waren bis auf zwei Klepper
entführt Als die Magd ein klägliches Brüllen hörte trat sie in den Kuhstall
dort fand sie die letzte Kuh vor leerer Krippe Sie sprang auf den Futterboden
holte von dem geringen Heuvorrat und legte der Hungrigen vor Dann eilte sie
über den öden Hof nach dem Herrenhause öffnete die Tür der Stube in welcher
Herr Godwin hauste und rief auf der Schwelle »Er lebt«
In seinem Bett lag Godwin schwach und verfallen an der Seite saß Nikolaus
und las ihm aus einem kleinen Pergamentband Gebete vor Als die beiden Friderun
erkannten welche freudestrahlend mit gehobener Hand die Verkündigung brachte
erhoben sie sich aus ihrer Bekümmernis Godwin starrte mit gefalteten Händen
nach der Tür und Nikolaus sprang auf um der Magd entgegenzueilen aber er
hemmte den Schritt da er ihre Verklärung erkannte denn ihm kam plötzlich die
Erkenntnis dass die Magd um einen andern mehr sorge als um ihn »Der Herr lebt«
wiederholte Friderun zu dem Lager tretend »er liegt im Morgenlande gefangen
und ein Bote wird zu unserm Kaiser wandern damit sein Wort die Befreiung
verschaffe Ihr zuerst sollt das wissen Herr Godwin und niemand anders denn
schädlich wäre es davon zu reden nur damit Ihr ausdauert sage ichs Euch
wills Gott kehrt er dennoch wieder«
Der Alte hatte sich aufgerichtet er beugte jetzt schweigend sein Haupt über
die heftig zitternden Hände
»Die Mühlburger haben den Hof geräumt« sagte Nikolaus leise »seitdem ist
seine letzte Kraft gebrochen und ich fürchte es geht bald mit ihm zu Ende«
Godwin fasste die Hand der Magd und wollte sie an sein Lager ziehen sie aber
sprach über ihn gebeugt »Ich darf mich nicht setzen und ich darf nicht rasten
denn Großes liegt mir auf der Seele und ich bin nur hier wie die Schwalbe wenn
sie sich im Fluge durch den Hof schwingt bevor sie den weiten Weg in die Fremde
beginnt Wie kommts Nikolaus dass Frau Jutte nicht nach dem Vieh im Stalle
sieht Ihr müsst sie bitten ich darf nicht zu ihr gehen weil ihr Hauswirt unser
Geschlecht gekränkt hat«
»Auch dort ist Not und Kummer« klagte der Schüler »die Knaben sind krank«
»Ich sende Euch noch heut aus unserem Hofe was Ihr zunächst brauchen mögt
später soll der Vater für Euch sorgen«
»Ich frage nicht« begann Nikolaus traurig »wer der Bote zum Kaiser sein
soll Lasst mich Euch begleiten Friderun«
Die Magd schüttelte das Haupt »Nimmer Nikolaus Ihr habt einmal von Eurem
günstigen Willen zu mir gesprochen und ich habe Euch Bescheid gegeben wie ich
musste Wollt Ihr dem Herrn dem Ihr Euch einst gelobt habt Eure Treue erweisen
so verlasst den Kranken nicht und gewinnt Ihr Zeit so seht nach meinem lieben
Vater denn in schwerer Sorge um ihn ziehe ich aus dem Lande«
»Wie wollt Ihr allein über Berg und Tal in die Fremde« fragte Nikolaus die
Hände ringend
»Es ist für mich gesorgt ein Bruder von den Bärtigen geht von der Naumburg
zu seinem Meister nach Welschland ihm vertraue ich mich damit sein Kreuz mich
schütze«
Wenige Tage darauf hielt ein alter Ritterbruder mit seinem Knecht vor dem
Hofe Bernhards und sah schweigend zu wie die weinende Friderun sich vom Halse
des Vaters löste und noch von ihrem Rösslein den Segen des Himmels für den Hof
erflehte Erst als sie eine gute Wegstrecke geritten waren redete er die
Traurige an »Die Sorge für Euch ist mir von Bruder Arnfried auferlegt und was
ich bis jetzt von Euch gesehen habe gefällt mir recht wohl Doch mögt Ihr
selbst denken dass es mir geringe Freude ist mit einem Weibe durch das Land zu
ziehen zumal ich in gewichtigen Sachen reise und eilig bin Ich fürchte Ihr
werdet mich aufhalten«
»Duldet mich solange Ihr dürft« bat Friderun »Auch ich habe Eile und
reite für Leben und Freiheit eines andern«
»Sagt mir nichts was ich nicht zu wissen brauche denn wir Brüder kümmern
uns nicht um fremde Geschäfte nur was für den Weg nötig ist lasst mich
erfahren Wollt Ihr auf Eurer Pilgerfahrt bei Heiligtümern eintreten oder
sonstwo«
»Nein ehrwürdiger Bruder zwischen Euch und mir muss Vertrauen sein«
antwortete Friderun »sollt Ihr für mich sorgen mit freudigem Willen so müsst
Ihr vorher wissen dass ich Eurer Sorge nicht unwert bin Wenn Ihr auch rau zu
mir sprecht so habe ich doch bemerkt dass Ihr ein guterziger Mann seid als
Ihr im letzten Dorfe dem Knaben über die Wange stricht Darum verschmäht nicht
mein Geheimnis zu hören soweit ich es sagen darf Ich ziehe aus der Heimat um
Hilfe zu werben für einen Gefangenen im Morgenlande und ich gleiche dem
Mädchen das über die Erde bis an den Himmel ging um die drei segensreichen
Gestirne zu fragen Mein Mond ist Frau Else die Landgräfin welche jetzt auf
der Marburg wohnt der Morgenstern ist eine Verwandte des Kaisers zu der mich
die Landgräfin weisen soll und das dritte Gestirn ist die lichte Sonne unser
Herr Kaiser selbst zu dem ich dringen muss um zu verkünden dass ein Verlorener
wiedergefunden ist und dass er den seine Freunde als tot beweint haben
Botschaft aus dem Berge Libanon gesandt hat«
Der Bruder hielt sein Pferd an »Meint Ihr einen Thüring den edlen Ivo«
»Ihr kennt ihn« rief Friderun in heller Freude
»Gewiss kenne ich ihn« versetzte der Bruder »und manchen Tag habe ich mit
ihm vor Accon an demselben Werke geschafft Einiges was wir damals miteinander
redeten ist jetzt der Erfüllung nahe Wagt Ihr die Reise für ihn um den auch
ich getrauert habe so sollt Ihr mir lieb sein und ich will treu für Euch
sorgen bis ich Euch zum Meister bringe welcher jetzt bei dem Heiligen Vater
weilt oder doch in der Nähe«
Im sichern Schutz des Bruders Sibold gelangte Friderun bis zu der Marburg
wo neben den frommen Stiftungen der Landgräfin auch ein Spital des Deutschen
Ordens war Der Bruder führte Friderun in die Burg und empfahl sie dort dem
Meister Konrad welcher mit den Bärtigen in gutem Einvernehmen lebte Prüfend
fragte der strenge Priester »Was begehrst du Pilgerin von der gottseligen
Frau«
»Verzeiht ehrwürdiger Vater wenn ich meine Bitten zuerst der Herrin selbst
anvertraue Doch darf ich Euch sagen ich komme um Leben und Freiheit eines
armen Kreuzträgers im Morgenlande«
»Du berätst dich übel durch dein Misstrauen Doch bittest du für einen der
unter dem Kreuzeszeichen gelitten hat so will ich dir den Zutritt nicht
wehren« Er schritt vor ihr in das Gemach
Die Landgräfin saß in Nonnentracht unter den dienenden Frauen der rosige
Schimmer ihrer Wangen war geschwunden ihr Leib hager von Gram und strengen
Büssungen und ihre Augen strahlten in dem Glanze welcher zuweilen das Antlitz
des Menschen verklärt wenn ihm nur noch ein kurzes Leben bestimmt ist Sie hob
die Magd welche an der Tür niedergekniet war gütig auf »Du kommst aus
Thüringen wo ich oft mit meinen Gedanken weile gutwillig höre ich was du mir
zu sagen hast« Sie setzte sich und Friderun begann ihren Bericht dass sie der
Mutter des Verlorenen großen Dank schuldig sei und dass sie jetzt Fürsprache für
sich selbst ersehne durch die Landgräfin und durch Frau Hedwig damit sie bei
dem Kaiser gnädigen Empfang finde
Während sie erzählte flog ein heller Schimmer wie vom Abendlicht über das
Antlitz der Frau Else und der Priester welcher zur Seite stand betrachtete
besorgt die Miene der Herrin Als Friderun geendet hatte antwortete die
Landgräfin »Es ist lange her seit ich mit meiner Base die letzten Briefe
getauscht habe Doch um des Herrn Ivo willen will ich dir gern einige Zeilen
anvertrauen denn ich kannte ihn als ich hier auf Erden im Glücke war« und mit
leisem Lächeln fügte sie hinzu »Er war auch mir wohlgesinnt und dies ist eine
Gelegenheit wo ich ihm als Christin meinen Dank dafür erweisen darf« Sie erhob
sich doch als sie zu dem Schreibpult trat stand der Priester neben ihr legte
seine Hand auf das leere Pergamentblatt und fragte in gebietendem Tone »Ziemt
der Gedanke an eitle Ritterdienste einer gottgeweihten Seele«
Frau Else hob das Haupt und in ihren Augen blitzte der Stolz einer Fürstin
»Nehmt die Hand vom Pergament Herr mein Berater und Lehrer seid Ihr und
wahrlich die Heiligen wissen es ein strenger Lehrer doch zu ihrem Hüter hat
Euch die Landgräfin nicht bestellt« Als er erstaunt und mit gefurchter Stirne
wich tat der Herrin die eigene Strenge leid und sie fuhr demütig fort »Einst
war ich nicht nachsichtig mit einer weltlichen Huldigung obgleich sie in
Ehrerbietung dargebracht wurde aber harterzig kann ich nicht werden gegen die
wenigen welche meinem lieben Gemahl und mir redliche Gesinnung erwiesen haben«
Sie schrieb den Brief übergab das geschlossene Pergament Friderun mit einem
Segenswunsch für Ivo und fügte hinzu »Die Gräfin ist wie ich vernehme mit
dem Königshofe nach Speier gezogen dort wirst du sie finden« Aber die Magd
bemerkte wohl dass Frau Else bedrückt war durch ihren eigenen Widerstand gegen
den mächtigen Meister und als sich die Tür hinter ihr schloss vernahm sie laute
Worte des Mannes
»Gütigen Schein spendete mir das Mondenlicht« sprach Friderun dem Bruder
das Pergament weisend »aber der Priester Konrad entließ mich feindselig«
»Er ist heiß in allem Tun« antwortete der Bruder »und viele halten ihn für
furchtbar Doch unserer Bruderschaft ist er ein treuer Gehilfe denn er spricht
für uns bei den Großen und im Volke und ich denke wir werden in kurzem seinen
mächtigen Beistand gebrauchen«
Die Reisenden zogen in Frieden südwärts als sie sich aber der ruhmvollen
Königsstadt Speier näherten begann der Bruder den stolpernden Gaul der Magd am
Zügel fassend »Wer zu Rosse sitzt ringt nicht ohne Gefahr die Hände Verändert
finde ich Euer Wesen Friderun der Weg zu dem goldenen Stuhle dem Ihr jetzt
nahet wird Euch mühevoll«
Friderun sah den Bruder mit so bitterer Seelenqual an dass dieser ihren
Kummer durch Schweigen ehrte »Gern würde ich mich an den Weg setzen und
ausweinen« sagte sie
»Manchem hilft das« ermunterte der Bruder »ich warte auf Euch«
»Vorwärts« rief die Magd tief aufatmend
Kurze Stunden darauf stand sie in einem reichgeschmückten Gemach der Gräfin
von Meran gegenüber Hoch aufgerichtet sah sie von der Schwelle auf die
vornehme Dame so dass sich diese verwundert erhob doch im nächsten Augenblick
neigte sie sich tief und überreichte den Brief der Frau Else Hedwig ging zum
Fenster las und fasste mit dem Arm die Stuhllehne so stand sie lange Zeit
abgewandt und die Magd fragte sich ob sie vor Freuden weine Endlich trat sie
zu der kleinen Harfe welche auf einen zierlichen Tisch gestellt war und fuhr
mit der Hand durch die Saiten Friderun wusste wohl dass dies die Weise des Herrn
Ivo war und dachte bei sich ich höre sie oft erklingen auch wenn niemand an
die Saiten rührt doch in den letzten Wochen habe ich nicht an seine Lieder
gedacht Plötzlich wandte sich die Gräfin zu ihr fasste ihre Hand und sah sie so
weich und dankbar an dass Frideruns Trotz dahinschwand »Seit wann kennst du
ihn«
»Da ich ein Kind war weilte ich einige Jahre im Edelhofe« antwortete die
Magd vor dem forschenden Blick die Augen niederschlagend
»Wann hat er dich zum letztenmal geküsst« fragte Hedwig lächelnd
»Nimmer seit ich heranwuchs« rief Friderun gekränkt Beide schwiegen und
betrachteten einander mit geröteten Wangen
»Weiß jemand in diesem Hause weshalb du zu mir kommst«
»Nur wenige erfuhren weshalb ich reise in dieser Stadt seid Ihr die
einzige«
»Du sprichst verständig Wenn dir sein Leben lieb ist birg das Geheimnis
vor jedermann Jetzt setze dich zu mir und erzähle wie du die Nachricht
erhieltest und zu dem Entschluss kamst für ihn der einst dein Gespiele war die
weite Fahrt zu machen«
Niemals zeige ich ihr die Haarlocke dachte Friderun ihr Auge soll nicht
darauf sehen und sie soll mein Eigentum nicht von mir fordern Deshalb sprach
sie vorsichtig »Einer von den Bärtigen der im Hofe meines Vaters Kranke
gepflegt hatte brachte uns die Botschaft dass er als Gefangener im Libanon
lebe und als Wahrzeichen Worte eines alten Liedes das in unserem Dorfe bekannt
ist Denn bevor Ivo unter dem Kreuze auszog übergab er meinem Vater Goldschmuck
und edle Steine das Erbe seiner Mutter damit der Vater den Schatz in unserem
Herd berge bis zu seiner Rückkehr Diesen Schatz soll ich zum Kaiser tragen als
Lösegeld«
Hedwig lächelte »Und warum wurdest du der Bote und nicht dein Vater«
»Der Vater ist alt und der Hof kann ihn nicht entbehren« Hedwig nickte »Du
warst seiner Mutter vertraut Sprich mir von ihr«
»Sie war aus dem Grafenhaus von Orlamünde wie Ihr wissen werdet und eine
stolze Wirtin doch klüger als andere und von gütigem Herzen Dass sie starb war
ein Unglück für den Hof Herr Ivo lebte sorglos und ritt durch das Land und ein
Herrenhof bedarf Hände die sparsam zusammenhalten denn wo viele begehren wird
leicht unnütz verschwendet und auch die Treuen gewöhnen sich aus dem vollen zu
leben«
Wieder lächelte Hedwig »Wie war der Herr Ivo als Knabe«
Friderun schwieg »Fragt mich was Ihr über ihn wissen wollt« sprach sie
endlich mit Zurückhaltung
»Sage mir wie er gegen dich war«
»Wir spielten miteinander Wer die Gerte in der Hand hielt führte den
andern als Ross an der Leine«
»Doch als du größer wurdest«
»Wir zankten uns zuweilen doch saßen wir auch beieinander und sangen Lieder
um die Wette Als Knabe hatte er eine liebliche Stimme« berichtete Friderun
kurz
»Und wann schiedest du aus dem Hofe«
»Da er in die Zucht des langen Marschalks kam und der Väter meiner
bedurfte«
»Ich erkenne« begann Hedwig überlegend »dass du schnell und klug zu
antworten weißt ich hoffe du verstehst ebenso zu sehen und zu hören Frau Else
schreibt mir dass du mein Fürwort beim Kaiser gebrauchst Ich gebe dir keinen
Brief doch ein Zeichen dass du von mir kommst« Sie zog einen Ring vom Finger
»Auch den Ring bewahre geheim vor jedermann Willst du dem Kaiser angenehm und
wertvoll werden so musst du ihm einiges von seinem Sohne dem König Heinrich
berichten können denn wenn du ihm meinen Ring gibst wird er auch danach
fragen Ich will dir Gelegenheit verschaffen den jungen König zu sehen und zu
hören ohne dass er und seine Herren dich mit Fragen belästigen doch musst du
dich vorsichtig still halten Verweile hier bis ich dich rufe mich zwingt
meine Pflicht als Hauswirtin dich zu verlassen lass dir die Zeit nicht lang
werden und wundere dich nicht wenn ich die Tür zusperre damit die Diener nicht
eindringen«
»Ich ginge lieber« versetzte Friderun
»Wenn du für Herrn Ivo sorgen willst so bleibe« sprach Frau Hedwig mit so
hohem Ernst dass die Magd schweigend einwilligte
Hedwig verließ das Zimmer und Friderun hörte dass die Tür gesperrt wurde
Lange saß sie in unruhigen Gedanken Endlich kehrte die Gräfin zurück »Folge
mir schnell und vorsichtig« gebot sie und Friderun erkannte dass eine finstere
Entschlossenheit auf dem bleichen Antlitz lag Sie folgte der Führenden wenige
Stufen einer Seitentreppe hinab und wurde erst ihrer Sorge enthoben als sie
ganz in der Nähe Gelächter und das frohe Geräusch eines Gastmahls vernahm
Vor drei großen Herren
In einer dürftigen Herberge der syrischen Hafenstadt Tripolis saßen Henner und
Lutz einander gegenüber Jedermann merkte dass sie nicht im Glück lebten ihr
Gewand war abgetragen das Eisenhemd darunter rostig und an den Rändern
zerrissen und ihre Miene sehr bekümmert Sie waren ruhelos am Libanon
umhergeritten und hatten vergeblich in allen Burgen nachgeforscht Als das
reiche Geschenk des Kaisers aufgezehrt war hatten sie in der Not einem der
syrischen Barone bei seinen Grenzfehden gedient um sich rittermässig
durchzubringen Öfter waren sie mit Kurden und Arabern zusammengestossen und mit
Mühe der Knechtschaft entgangen zweimal auch waren sie in das Land der
Ismaeliten eingedrungen aber die Grenzwächter hatten sie trotzig abgewiesen
denn jedem bewaffneten Fremden blieb das Gebiet des Scheiks verschlossen »Das
letzte Pferd ist verkauft« begann Henner
»Dann brauchen wirs nicht zu füttern« versetzte Lutz »und sind die größte
Sorge los«
»Das Geld fordert der Wirt« fuhr Henner fort »er behauptet ein Thüring
und ein Ei aus den Dörfern des Hennebergers zu sein Aber die heiße Sonne hat
ihn hart gesotten und von Erbarmen ist nichts mehr an ihm zu finden«
Lutz welcher unnötige Worte gern vermied schwieg still und Henner begann
nach einer Weile wieder »Ein Krieger der Knecht und Ross verloren hat ist
nicht glückselig zu preisen wir sind jetzt Bettler Chevalier von dem Orden
der armen Ritter denen ich daheim manchmal mit Missvergnügen ein Almosen
zugesteckt habe Darum frage ich Euch was soll aus uns werden«
»Wir fasten wieder wie einst« riet Lutz »im Meer sind Fische genug es ist
hier nicht leicht zu verhungern«
»Ich sorge nicht um unsern Magen Herr« antwortete der Marschalk »aber Tag
und Nacht muss ich an den Brief denken den uns unser Geselle Godwin durch
Nikolaus schreiben ließ Denn was die deutschen Brüder vorlasen war ganz
widerwärtig die Mühlburger wollen unsern armen Herrn bei lebendigem Leibe
beerben«
»Wüssten wir nur erst sicher dass er lebendig ist« bemerkte Lutz verständig
»dann wollten wir die Mühlburger flugs von Hof und Gut jagen«
»Seit dem Briefe verlässt mich der Gedanke nicht dass wir zu Hause nötiger
sind als hier und die Angst um den Hof wächst mir mit jedem Tage den wir in
diesem bösartigen Lande verweilen Auch Frau Jutte mit den Knaben jammert mich«
»Der Schiffer aus Bremen war hier« warf Lutz ein »er will Euch mitnehmen
wenn Ihr Euch während der Fahrt dem Schiffe als Kriegsmann gelobt«
»Mich« fragte Henner unwillig »wir sind aber zwei«
Lutz antwortete ausweichend »Denkt daran Herr dass Weib und Kinder an
Eurem Herde sitzen und dass der alte Godwin sich nicht auf dem Gute behaupten
wird wenn nicht Eure Fäuste ihm helfen Ich aber habe nur eine um die ich
sorge Seht Ihr mein Berchtel Henner so sagt ihr dass sie das Strumpfband
losbinden soll welches ich ihr um ihr weißes Bein gelegt habe denn ich kehre
schwerlich zurück« Er stützte den Kopf in die Hand
»Lasst Euch sagen Lutz« sprach der Marschalk gerührt »dass Ihr
gewissermaßen besessen seid Ich lobe die Treue Ihr aber werdet hartnäckig ohne
Nutzen«
»Vielleicht kommt er doch wieder« versetzte Lutz »In seinem Hofe bin ich
erzogen und er hat mich bei sich behalten und einen Mann aus mir gemacht
deshalb denke ich in seiner Nähe zu bleiben Sprecht mir nicht dawider
Marschalk Euer Amt ist den Hof zu bewahren und meines ist auf den Herrn zu
warten«
Henner erhob sich »Wahrlich Geselle Ihr habt das Richtige gefunden was
geschehen muss soll geschehen ohne viele Worte und wenn wir es beide vermeiden
können ohne Wehmut Begleitet mich wenns Euch beliebt zum Schiffe«
Als Lutz von seinem Gefährten Abschied genommen hatte und das Schiff zum
Hafen hinausfuhr stand er am Strande und starrte nach der hageren Gestalt des
Marschalks der immer wieder die Hand nach ihm ausstreckte bis ihm das Schiff
und der Freund darauf wegen rinnender Tränen undeutlich wurden Bald aber fand
er seine bedachtsame Ruhe wieder und sprach zu sich selbst »Bisweilen ist einer
mehr als zwei Mein Geselle war allzu ritterlich Wir haben seither vielerlei
Umwege gemacht ich gehe geradeaus zu dem grimmigen Messerschmied in den Bergen
und sage ihm auf den Kopf zu dass er den Herrn gefangenhält und dass es endlich
Zeit ist ihn zu entledigen« Er eilte in das kleine Hospital welches die
deutschen Brüder vor kurzem in Tripolis gegründet hatten bat um ein altes
Pilgerkleid und gab dafür sein Ritterschwert zum Pfande So verließ er die Stadt
als ein armer Waller und zog längs der Küste nordwärts um das Grenzgebiet der
Templer und Johanniter zu vermeiden denn diese hielten scharfe Aufsicht über
alle Reisenden die nach den Bergen der Ismaeliten oder von dort nach der Küste
gingen Zwei Tage lief er in Pilgerweise und nahm Kost und Herberge bei
barmherzigen Leuten am dritten kam er an eine kleine Hafenstadt Valenia welche
früher den Ismaeliten gehört hatte und jetzt von den Johannitern und einem
Bischof bewacht wurde Dort schlug er sich in die Berge Als er die Grenzwächter
der Ismaeliten erblickte eilte er auf sie zu und sagte so deutlich er es mit
arabischen Worten vermochte dass er zu ihnen gedrungen sei um in einer großen
Sache ihren Vater den Scheik zu sprechen Er wurde auf ein Pferd gesetzt und
durch das Land geführt bis zu einer großen Burg welche mit Türmen und Mauern
auf steilem Fels ragte so dass man nicht erkannte wo die weiße Klippe aufhörte
und wo das Menschenwerk begann In der Burg blieb er strenge bewacht bis zu dem
Tage des Verhörs Endlich wurde er in eine weite Halle geführt zwischen
reichverzierte Säulen und Bögen in einer Nische auf erhöhtem Raume stand ein
Haufe der Geweihten im weißen Kaftan kenntlich an der spitzen roten Mütze und
dem roten Leibgurt und längs den Wänden saßen auf Polstern Weise und Edle des
Volkes Lutz sah nach dem furchtbaren Alten umher von dem er gehört hatte aber
vor ihm waren viele bejahrte Männer er fand viele blitzende Augen auf sich
gerichtet und nicht wenige weiße Bärte hingen bis zu den Gürteln herab so dass
er dachte wenn ich nicht wüsste wie rachsüchtig sie sind würde ich sie für die
ehrbarste Gesellschaft halten die ich je geschaut Doch wer unter wilde Tiere
geht hüte sich ihren Zorn zu erregen und er verneigte sich tief zu beiden
Seiten
Nach langem Schweigen winkte ein Greis dem Dragoman und begann »Freiwillig
kamst du in unsere Berge o Franke verkünde wer du bist und was du begehrst«
»Ludwig von Ingersleben ist mein Name ein Dienstmann bin ich des edlen Ivo
den ihr wie ich vernehme gefangenhaltet seinetwegen komme ich euch zu
bitten dass ihr ihn freigebt«
»Wer hat dir die Kunde zugetragen dass dein Herr als Gefangener bei uns
weilt«
»Unter den Christen an der Grenze läuft die Sage« behauptete Lutz kühnlich
und er hatte in der Tat unter vielem anderem auch dies vernommen
»Wer von Fremden holen will muss vorher bringen Was gedenkst du zu bieten«
fragte der Alte weiter
»Geld bringe ich nicht« versetzte Lutz ehrlich »doch vermag mein Herr euch
Lösegeld zu zahlen wenn ihr ihn nicht unmenschlich schätzt ich aber erbiete
mich an seiner Statt als Gefangener bei euch zu bleiben bis ihr das Geld
empfangt«
»Wenn Geld die lösen könnte welche wir festhalten so wäre mancher frei
der hinter Mauern weilt«
Ein langes Schweigen folgte dem Thüring aber kam vor als ob sein Herr
wahrhaftig hier in Gefangenschaft sei und er hütete sich seine Freude zu
verraten und Ungeduld zu zeigen »Hast du sonst etwas zu bitten und zu bieten«
fragte der Greis wieder »so sprich doch meide unnütze Worte«
»Wohlan ihr Herren wenn ihr ein Recht zu haben glaubt an seinen Leib so
fordere ich gewährt auch mir ritterliches Recht und stellt mir einen Kämpfer
damit ein Gottesurteil entscheide ob das Leben meines Herrn euch gehört oder
seinen Freunden«
»Gering ist dein Aussehen wie magst du wagen unsere Helden zum Kampfe zu
fordern«
Lutz öffnete sein Pilgerkleid und wies auf den weißen Rittergurt »Ich bin
schwertlos gekommen um euch nicht zu erzürnen aber ich trage die Ehrenzeichen
eines Ritters und kein Fürst darf mir den Kampf verweigern wenn ich ihn in
ehrlicher Sache fordere«
»Meinem Volke aber wird deine Forderung verächtlich nur ein Unsinniger
kämpft ohne Not um ein Gut das ihm bereits gehört«
»Ich dachte mirs« murmelte Lutz »Dann also alter Herr lasst mich mein
letztes Gebot tun Wenn euch so viel daran liegt einen Ritter aus Ingersleben
in eurem Turm zu bewahren so lasst meinen Herrn frei behaltet statt seiner mich
und macht mit mir was ihr wollt«
»Du nennst dich selbst seinen Diener ihn deinen Herrn auch bei euch
tauscht der Jäger nicht den Falken gegen die Amsel« Wieder folgte langes
Schweigen endlich begann der Alte »War der welchen du deinen Herrn nennst
ein Christ«
»Gewiss war er das« versetzte Lutz
»Wie kam es doch dass wir ihn am Grenzsteine gefällt fanden ohne einen
Glaubensgenossen mitten unter Bekennern des Islam«
»Er war von dem großen Kaiser zu euch gesandt mit maurischen Leibwächtern
weil diese eurer Sprache und Sitte mächtig sind Hätte ich mit meinen Gesellen
ihn begleitet dann wäre die Missetat nicht vollbracht oder ich würde nicht
lebend vor euch stehen«
Der Ismaelit gab ein Zeichen einer der Geweihten trug ein blutgetränktes
Tuch herzu welches der Dragoman dem Thüring wies und dieser vermochte seine
Bewegung nicht zu bergen als er das Tuch erkannte welches sein Herr einst am
Halse getragen hatte
»Auf dem Gewebe steht ein Spruch den die Mohammedaner für heilig halten
bewahren die christlichen Franken ein solches Amulett über ihrem Herzen«
Erstaunt vernahm Lutz die Bedeutung der goldgestickten Zeichen »Ich weiß
nur dass das Tuch eine Gabe der Herrin ist welcher er sich geweiht hatte wer
die Herrin war blieb sein Geheimnis War sie eine Sarazenin so wisst dass wir
auch fremdländischen Frauen unseren Dienst widmen Ich selbst bewahre das
Schleiertuch einer Dame der ich diene obwohl sie im Harem eines Sultans lebt«
Und er brachte bereitwillig aus seinem Gewande den zerrissenen Schleier
hervor den er einst bei den Kamelen gewonnen hatte
Zum erstenmal bemerkte er unter den Ismaeliten eine Regung der Neugierde
leise Ausrufe wurden gehört und mehrere strichen zufrieden die Bärte »Du selbst
bist der Ritter welcher mit den Johannitern kämpfte um die Mutter des Sultans
Elkamil vor der Gefangenschaft zu bewahren« fragte der Alte
Lutz hatte bis jetzt nie erfahren dass die Herrin des Schleiers so ehrwürdig
war und er fand seltsam dass die Wilden im Libanon das wussten Als er in den
Mienen der Ismaeliten die Billigung erkannte dachte er Ihr würdet anders
denken wenn ihr jünger wärt aber antwortete beherzt »Ich bin der welchen du
meinst«
Da traten die Geweihten auseinander er sah auf der Höhe einen Greis im
weißen Gewande sitzen und merkte dass ihm erst jetzt der Anblick des Scheiks
vergönnt wurde Der Weissgekleidete schlug in die Hände zwei Gewappnete führten
einen jungen Neger herein der mit ausgebreiteten Armen auf Lutz zueilte sich
vor ihm niederwarf und das Gesicht an sein Gewand drückte »Ali mein
Rabenkind« rief Lutz die ganze Umgebung vergessend »wo weilt unser Herr«
»Sprich nicht mit dem Knaben« warnte der Dragoman dazwischentretend Die
Stimme von der Höhe fragte »Du kennst den Sklaven«
»Er war ein Geschenk welches mir die Frau von der ich sprach in das Lager
des Kaisers sandte und er war der einzige aus unseren Zelten der meinen armen
Herrn auf der Reise begleitet hat«
»Im Tal des Todes fanden meine Söhne den Schwarzen« sprach der Scheik
»Sprich wahrhaft Franke was hast du im Lager des großen Emperor über die
Bluttat vernommen«
»Dass umherziehende Kurden die Missetat verübten«
»Unschuldig sind die Kurden an der Tat Held Hassan und dein Herr fielen
unter den Messern deiner Glaubensgenossen«
Der Thüring sah erschrocken um sich Was der Scheik behauptete klang ihm
nicht fremd in das Ohr schon im Lager war allerlei über die Templer geflüstert
worden und er selbst hatte sich mit seinen Gesellen schwere Gedanken gemacht
wegen der Feindschaft die zwischen Ivo und einem Verwandten des Kaisers
bestand Nachdrücklich fuhr der Scheik fort »Rache begehren wir für den Tod des
Helden Hassan und für die Missetat welche hinterlistig von Christen auf unserem
Grunde verübt wurde Darum handelt der Christ töricht welcher von uns hohen
Dienst begehrt ohne den Gegendienst zu leisten welcher uns wertvoll ist Das
Gesetz in den Bergen lautet Leben für Leben begehrst du deinen Freund lebendig
zu schauen so hilf uns dass ein anderer erlegt werde«
Lutz überlegte »Vieles darf ich für meinen Herrn tun und willig gab ich
Freiheit und Leben in eure Hand aber wenn ihr mich gebrauchen wollt dass ich an
Stelle eurer Knaben irgendwie einen Christen oder Heiden hinterrücks treffe so
habt ihr euch gröblich in mir geirrt und ich antworte euch ich tue es nimmer
und um keinen Preis Darum macht mit mir was ihr wollt aber ein Mörder werde
ich nicht«
»Meine Söhne gebrauchen nicht fremde Hilfe um einen Feind der ihnen
gewiesen wird zu verfolgen sie tragen die Rache über Land und Meer und wissen
in Alexandrien und Messina den Todesgruss zu bieten Die Missetat aber um welche
wir trauern blieb auch uns geheimnisvoll Darum begehren wir deine Hilfe dass
du den Mann erkundest welcher die Tat geleitet hat und dass du nach den
Gebräuchen des Abendlandes das Leben des Mörders austilgst Wir fordern von dir
nur was in deinem Volke für ehrenwert gilt willst du den Gefangenen befreien
so sei unser Kämpfer um die Bluttat zu rächen«
Nachdenkend versetzte der Thüring »Wegen der schweren Tat welche an dem
Gast und dem Gesandten meines Kaisers verübt wurde darf ich den Gerichtskampf
fordern als Christ und Ritter Doch Herr erst muss ich glauben dass ein Christ
Anstifter und Vollbringer wurde und ich muss wissen wer der Täter war Wie
könnt ihr mir Sicherheit darüber geben da Ihr selbst wie Ihr sagt in Zweifel
seid«
Der Scheik neigte das Haupt »Zwei Zeugen übergebe ich dir der eine ist der
schwarze Knabe den wir in dem Tale des Todes fanden er weiß von der Untat zu
berichten doch ist er ein Sklave Der andere Zeuge aber ist dieses Werkzeug«
Er winkte einer der Geweihten trug ein Dolchmesser herbei dessen Spitze durch
eine goldene Kapsel gestochen war wie sie kaiserlichen Briefen angehängt wurde
um das Siegel zu bewahren »Dies Messer durchbohrte das Tuch und den
kaiserlichen Brief welchen dein Herr auf der Brust trug beide hemmten die
tötende Gewalt des Stosses Den Knaben und das Messer sollst du ohne Säumen zu
deinem Kaiser bringen mit dieser Botschaft aus unseren Bergen Gemeinsam sei der
Schimpf den er und die Ismaeliten erduldet darum senden wir an ihn die Zeugen
und den Rächer nach der Sitte seines Landes damit er selbst für unsere und
seine Rache sorge Dies ist der Dienst den wir von dir begehren denn wir haben
erkannt dass du nicht zu den Argen gehörst sondern zu den Treuen Leiste uns
einen Eid nach deinem Glauben dass du von hier ohne Aufenthalt über das Meer vor
das Angesicht des Kaisers eilen willst«
Da hob der Thüring die Hand in die Höhe und sprach den Eid »Gestatte mir
bevor ich scheide meinen Herrn zu sehen«
»Du wirst ihn wiedersehen« antwortete der Scheik »wenn er durch dich
entledigt zwischen Messer und Kreuz am Grenzsteine steht nicht eher Geendet
sei die Rede meine Söhne geleiten dich Nimm die Zeugen mit dir und gedenke
deines Eides«
Während Lutz mit dem Knaben Ali zum Tor der Burg hinausritt lag der Gefangene
wenige Bogenschüsse von ihm entfernt auf dem Dach eines morgenländischen
Landhauses Vor ihm öffnete sich ein lachendes Tal tief in das Gebirge
eingesenkt von allen Seiten mit hohen Felsen umschlossen Überall brachen
starke Quellen aus dem weißen Gestein sie strudelten und rauschten bis sie
sich unten zu einem See vereinigten Bei dem milden Herbstlicht wies der Grund
ein üppiges Grün denn kleine Rinnen von Menschenhand gezogen verbreiteten
weithin das lebenspendende Wasser In heiterer Ruhe lag das Tal wie geschieden
von der Welt Über mächtige Fruchtbäume ragten auf kleinen Anhöhen die
Turmhäuser der Landleute am Fuß der Felsen kletterten genäschige Ziegen und
große Koppeln edler Rosse tummelten sich im Gehege
Der Gefangene war nur an dem blonden Bart und der helleren Hautfarbe als der
Fremde zu erkennen er trug das reiche Gewand eines Morgenländers und redete
arabisch mit seinem Wächter Achmed einem Jüngling der seinem älteren Bruder
Hassan in Gestalt und Gebärde ähnlich war »Lange weilt der Knabe Ali auf der
Burg« begann Ivo
»Unser Vater der Scheik hat ihn zu sich befohlen« antwortete Achmed
»Es geschah zum erstenmal« murmelte Ivo unruhig und da er die verwunderte
Miene seines Gefährten sah setzte er lächelnd hinzu »Wer nicht von großer
Sorge bedrängt wird der schafft sich kleine«
Der Jüngling wies hinab in den Hof wo braune Mädchen in leichtem Gewande
sich zum Klange einer arabischen Laute zierlich im Kreise drehten »Sie zeigen
dir ihre beste Kunst es wird sie kränken dass du so wenig auf sie achtest denn
der Sklavin ist der freundliche Wink des Herrn der beste Lohn«
»Auch süßer Trank wird verleidet« antwortete Ivo mit ernstem Lächeln »ihre
behende Kunst gleicht dem Gesange der Nachtigallen in deinem Tal Bei mir daheim
gilt derselbe Vogel für den lieblichsten Sänger und wir lauschen ihm freudig
Hier aber hörte ich im Frühling nicht einzelne singen sondern scharenweis
schmetterten sie im Laube und nahmen mir jede Nacht den Schlummer Viel Wonniges
ist hier gehäuft Zürne mir nicht Achmed wenn ich des Reichtums überdrüssig
mich nach der Armut meines Landes sehne«
»Kommt dich die Schwermut an« versetzte der Jüngling »so lasse ich dein
Ross satteln und wir reiten durch das Tal«
»Auch die Wege dieses Tals haben wir durchmessen Von Balsam duftet der
Grund und täglich erblühen neue Blumen dennoch ist es für den Gefangenen ein
geringer Unterschied ob er die Schritte zählt von einer Kerkerwand zur andern
oder die Sprünge des Rosses von Fels zu Fels«
»Sonst warst du anders« rief unzufrieden der Jüngling
»Habe Geduld du treuer Wächter In Thüringen erzählen die Leute dass eine
holde Göttin Frau Minne im Innern der Berge wohnt und junge Helden zu sich
lockt sie beharren lange bei ihr in Freuden zuletzt verzehrt sie doch der
Kummer nach der Oberwelt So habe ich hier gelebt wie im Traume und wenn du
mich den Sinn eurer Lieder lehrtest so war mir zuweilen als könnte ich im
Morgenlande heimisch werden jetzt ist auch für mich der Zauber gelöst Wisse
mir gelang es aus deinen Bergen einen heimlichen Gruß in die Heimat zu senden
ich sage dir nicht wie damit du niemandem zürnst Mit dem Gruß wandert jetzt
meine Seele jeden Tag ungeduldig folge ich dem Boten auf Schritt und Tritt ich
sehe ihn am Hafen und auf dem wilden Meer und wie er die Botschaft in die Hand
eines Weibes legt der ich gern vertraue Wahrlich neulich am Abend erkannte
ich die blonden Zöpfe der Magd Friderun neben der braunen Tänzerin dort unten
und ich schob das Mädchen zur Seite um das Haar der Deutschen zu fassen Zu
Ross Geselle« schloss er sich aufrichtend »fliegt der Rappe dahin wie ein
Pfeil und saust die Luft um die Schläfen so höre ich wohl auf dir gleich
einem Weibe Klagelieder zu singen«
Von der Burg jagte ein Reiter heran Achmed empfing die Botschaft und kehrte
bestürzt zurück »Unser Vater der Scheik fordert dich vor sein Angesicht«
Gleich darauf klang von der Höhe ein scharfer eherner Ton über das Tal und aus
der Ferne antwortete der Gegenklang »Die Männer meines Geschlechts werden
aufgeboten zum Waffenritt«
»Mir ahnt« sagte Ivo ernst »dies verzauberte Leben nimmt ein Ende Ich bin
bereit nur mein altes Eisenhemd tue ich um denn mir ziemt nicht im Gewande
dieses Tales vor deinen Herrn zu treten Dir aber Jüngling danke ich wenn ich
nicht wiederkehre für deine Sorge denn treu wie ein Bruder warst du dem
fremden Mann«
Ivo hatte nur einmal als er mit seiner Wunde in den Burghof getragen war
den Herrn der Berge undeutlich gesehen denn der Greis stieg niemals von seiner
Höhe in die Täler hinab Als er jetzt in die Halle trat fand er den Scheik
allein auf seinem Polster sitzen er sah eine hohe gefurchte Stirn und zwei
Augen welche scharf wie die eines Adlers nach ihm blickten Dann senkte er nach
der Sitte des Ostens sein Haupt und harrte der Anrede
»Zwei Sommer weilst du bei uns nicht als Gast denn du beharrtest nicht
freiwillig nicht als Gefangener denn meine Söhne haben dich geehrt gleich
einem Gastfreund Zwei Sommer war dein Mund verschlossen und die Pforte deiner
Heimkehr blieb verschlossen weil du dich geweigert hast vor deinem Kaiser und
deinem Volk Kläger zu werden über verruchte Missetat Doch bevor das Laub vom
Baume fällt wandelt es sein Grün in bunte Farben auch du wandelst wohl bevor
du aus dem Tal des Lebens scheidest deine Gedanken Darum frage ich dich in der
letzten Stunde Willst du ungesprochen mit dir nehmen was nach der Sitte deines
und meines Landes Racheruf fordert«
»Ich muss schweigen Herr« antwortete Ivo »was mir auch darum geschehe«
»Dann scheidest du Christ wie du kamst nicht Freund nicht Feind als ein
Fremder an den wir denken wie an die Wolke welche vorüberzog Meine Söhne
gewähren dir die Entlassung wandle dahin ungescholten und ungegrüsst«
Ivo vermochte nicht zu antworten in der Freude bebte ihm das Herz er sah
sich in dem Hause seiner Väter ihm war als hörte er auf seinem Söller den
Gesang der kleinen Vögel und den Speerruf seiner Ritter und er neigte stumm das
Haupt Der Alte fuhr fort »Einem Sohn meines Volkes hast du Treue bewiesen wir
fanden dich blutend über dem Leibe des Toten die Männer des Geschlechtes Hassan
achten darauf dich in Ehren zu entsenden Sie können dir nicht Gastgeschenke
bieten die der freundliche Wirt gibt und die der Gast nicht ausschlagen darf
du selbst magst dir vom Boden heben was für dich bereit liegt« Der Alte winkte
und führte ihn in den Hof dort waren zwei Teppiche gebreitet auf dem einen
seidene Gewänder darüber ein Schwert in goldener Scheide der Griff mit einem
großen Edelstein geschmückt daneben hielt Achmed das arabische Ross auf welchem
Ivo durch das Tal gesprengt war und den ritterlichen Speer mit dem Rohrschaft
Auf dem andern Teppich lag ein Pilgerkleid mit Hut und Stock wie arme
Christenwaller trugen »Wähle« sprach der Scheik
Ivo trat an die Seite des Rosses strich am Halse herab und sagte ihm leise
in das Ohr »Lebe wohl Rappe« Dann hob er Pilgerkleid und Hut vom Teppich Der
Scheik neigte das Haupt machte das Zeichen der Entlassung und trat in die Halle
zurück Ivo aber hob den Arm gegen das Tal welches in der Tiefe vor ihm lag
»Möge der hohe Vater im Himmel auch hier die Guten beschützen und ihnen mildere
Sitten verleihen« Er zog das Pilgerkleid über sein Eisenhemd und ergriff den
Stab da führte Achmed traurig das Ross zu ihm und sprach »Noch einmal soll es
dich tragen bis zum Grenzsteine denn ich und mein Geschlecht geben dir das
Geleit« Ivo schwang sich auf und sprengte aus dem Hofe draußen hielt ein Haufe
Bewaffneter an ihrer Spitze flog er neben Achmed den Felsen hinab in das Tal
Er zog still wie im Traume dahin auch der Jüngling ehrte durch Schweigen
die ernsten Gedanken doch war er immer herzlich um ihn bemüht und wenn der
Christ des Weges nicht achtete rief er dem Ross leise Mahnungen zu So ritten
sie Stunde auf Stunde in gestrecktem Lauf bis sie an die Wildnis kamen welche
das Gebiet der Bruderschaft von dem Lande der Christen schied Vor ihnen erhob
sich weit sichtbar ein weißer Stein mit den Grenzzeichen der Jüngling hob den
Arm gegen sein Gefolge die Ismaeliten riefen laut ihren Kriegsruf fuhren auf
ihren flüchtigen Rossen blitzschnell durcheinander und schleuderten das Holz der
Wurfspeere an die metallenen Schilde den Scheidenden im Getümmel umkreisend
dann hielten sie plötzlich still und Ivo neigte dankend das Haupt Achmed sprang
ab ergriff den Zügel des Rappen und sagte auf einen Haufen der Geweihten
zeigend der dicht geschlossen jenseit des Grenzsteines hielt »Diesen muss ich
dich übergeben« und eine Tasche von der Seite lösend setzte er mit stockender
Stimme hinzu
»Nimm hier und sei gesegnet« Ivo sah ihn dankbar an »Solange ich lebe bin
ich deiner eingedenk Lass mich gehen wie ich kam« Doch der Jüngling hielt noch
einmal mit gesenkten Augen die Tasche hin »Nimm nur so viel von mir dass du dir
Nahrung kaufen kannst beim ersten Hunger« Da hob Ivo aus der Tasche zwei der
kleinsten Silbermünzen und sagte »Einst mahnte mich ein Darbender dem ich ein
Goldstück zuwarf an den Tag wo auch ich eine Spende aus fremder Tasche suchen
würde Lebe wohl« Der Ismaelit wich zurück und Ivo schritt an dem Grenzstein
vorüber gegen die Sonne welche sich zum Abend neigte Die Reiter vor ihm stoben
auseinander und er sah auf dem Felde den Knaben Ali stehen und neben diesem
einen Christenpilger Im nächsten Augenblicke fühlte er sich an der Hand gefasst
und vernahm mit Entzücken die deutschen Worte »Guten Tag Herr seid willkommen
zur Reise in die Heimat«
Unterdes hatte Bruder Sibold seinen Schützling bis nach der Stadt Anagni
geleitet wo Papst Gregor am liebsten weilte Dort hielt er vor einem
Frauenkloster und eilte nachdem er Friderun der Sorge frommer Schwestern
empfohlen zu seinem Meister welcher ihn ungeduldig erwartete »Bringst du die
Urkunde aus dem preußischen Grenzlande so sei dreimal gesegnet denn der
Heilige Vater ist feurig für unsere Fahrt gegen die preußischen Heiden und sorgt
täglich um unsere Verträge mit all den christlichen Nachbarn welche Anspruch
auf das Heidenland erheben« Mit der Urkunde ging der Meister zum Papst Wenige
Tage darauf stand er neben dem Heiligen Vater in einer Kapelle der Kathedrale
und Papst Gregor ein stattlicher alter Herr mit großen munteren Augen begann
»Du hast aufs neue deine Kunst bewährt zu versöhnen Ich habe den Kaiser
bei unserem Wiedersehen demütiger gefunden als ich erwartete ich hoffe der
verlorene Sohn welcher zu seinem Vater zurückgekehrt ist hat in den Jahren des
Bannes Bescheidenheit gelernt«
»Oft habe ich seine Weisheit im Heiligen Lande bewundert« antwortete
Hermann »Alles was den Heiden abgerungen wurde hat nur er durchgesetzt Da er
gebannt war konnte er wahrhaftig nicht mehr erreichen«
»Willst du mir andeuten mein Sohn dass die Zuchtrute zu schnell geschwungen
wurde« versetzte der Papst in guter Laune »Du freilich hast immer zur Geduld
mit diesem argen Weltkinde geraten Gern vertraue ich deiner Einsicht und
Redlichkeit aber du gleichst nur einer von den vielen Pfeifen in dieser Orgel
andere sind die Bischöfe und Mönchsorden und noch andere deine Gegner die
Johanniter und Templer Ich aber gebrauche für das Hohe Lied welches zur Ehre
Gottes erklingt alle Töne des heiligen Instrumentes bald diesen bald jenen
Jetzt ist die Stunde gekommen wo ich dir du wohltönendes Rohr der Kirche den
Mund öffne damit du eine neue Weise zu Ehren der hohen Gottesmutter intonierst
Ich erkenne dass für die nächste Zukunft in dem Gelobten Lande keine Mehrung
unserer Würde durchzusetzen ist Deshalb will ich die neue Kreuzfahrt in die
Nähe richten und dir und deinen Brüdern die Unterwerfung der heidnischen Preußen
anvertrauen Ich habe auch die Urkunde erhalten durch welche der Polenherzog
Konrad deinem Orden seine Grenzen öffnen will damit ihr ein Kreuzheer in das
Preussenland geleitet Aber eine so liederliche und törichte Schrift habe ich
kaum jemals gesehen das Datum fehlt und jede gebührliche Form und sogar die
Hauptsache ist verschwiegen eure Kreuzespflicht das Land Preußen zu erobern
damit ihr es unter meiner Oberhoheit besitzet Ich fürchte der Herzog und sein
Kanzler waren nach ihrer Unsitte sauren Weines voll«
»Die Brüder klagen dass mit den Polen schwer zu verhandeln ist« versetzte
ehrerbietig der Meister »am Morgen sind sie voll Argwohn und am Abend behende
mit Umarmungen aber unfähig zu bedachtsamer Rede«
»Dennoch fordere ich dass die Urkunde ein ehrbares Ansehen habe denn sie
soll uns in saecula saeculorum dienen Er muss eine andere ausstellen und meine
Kanzlei soll sie ihm selbst vorschreiben damit er sie nur unterzeichne«
»Meine Brüder werden auf eine Gelegenheit harren müssen wo der Pole wieder
einmal ihre Dienste ersehnt« bemerkte Hermann
»Wende nur einige edle Pferde oder auch Geld an den Kanzler« riet der
Papst »von solchem Geschenk muss er seinem Herrn abgeben dergleichen
Linsengericht macht diese Söhne Esaus gutwillig Dem Magister Konrad in Hessen
habe ich gebieten lassen das Kreuz zu errichten und eine Preussenfahrt zu
verkünden Er wird es an sich nicht fehlen lassen Und wahrlich es tut not in
Deutschland die Seelen an den Dienst der Heiligen zu mahnen denn Trauriges
vernehmen wir von Unglauben und ruchloser Ketzerei welche dort heimlich in die
Seelen schleichen Du aber mein Sohn nimm als Lohn für die Versöhnung mit dem
Kaiser das neue Amt auf dich Gern vertraue ich dir denn du hast immer den
Frieden betrieben während andere eifrig waren den Zwist zu nähren Auch deiner
Bruderschaft vertraue ich gern denn deine Deutschen sind wenn sie etwas
beginnen hartnäckig und wütend gegen ihre Feinde und lieber sehe ich die neue
Eroberung in euren Händen als in der Gewalt meiner Söhne von St Johannes
welche allzu reich und weltlich werden Und Bruder Peter vom Tempel lässt es zwar
an Ehrfurcht gegen uns nicht fehlen und sendet auch reichlicher Geld als ihr
andern aber ich fürchte die Christenliebe gedeiht in seinen Konventen nicht
allzu wohl Doch wegen jenes Mordes der vor Jahren an der kaiserlichen
Gesandtschaft begangen wurde haben sich die Templer entschuldigt Denn durch
sie wurden nur Ungläubige getötet wie du wissen wirst«
»Ich habe nur vernommen was das Gerücht kündet« versetzte Hermann
vorsichtig
Der Papst aber fuhr redselig fort »Und wie der arme Bischof von Valenia
meinem Kämmerer schrieb soll jener Gesandte auch gar nicht tot sein sondern
den Mördern entronnen und bereits zu Schiff auf der Heimkehr Hatte jemand bei
dem schlimmen Handel schuld gegen einen Christen so mag der Kaiser den Täter
unter solchen suchen die er für seine Treuen hält obgleich die heilige Kirche
manchen von ihnen besser kennt als er Gehe also mit meinem Segen Ich weiß du
kluger Rat ich erfülle dir jetzt einen Herzenswunsch den du lange in geheimer
Seele bewahrt hast«
Als der Meister in seine Herberge zurückkehrte sagte er zu Bruder Sibold
»Nirgend erfährt man so viel Neues aus der Welt als hier und dem Heiligen Vater
macht es zuweilen Freude davon zu erzählen Sorge dafür dass dein Schützling
seine Worte in acht nimmt denn die frommen Schwestern werden sie neugierig
ausfragen Schaffe ihr auch das Gewand einer Mitschwester damit sie in meinem
Gefolge nach Otranto reisen kann dort werde ich den Kaiser treffen«
Bange Wochen vergingen der Pilgerin zuerst auf der Fahrt im Gefolge des
Meisters dann zu Otranto in einem Frauenkloster bis Hermann sie in die
kaiserliche Burg geleitete Auf dem Wege wies der Meister nach dem Hafen »Das
Schiff welches dort einfährt kommt aus dem Heiligen Lande die Kreuzfahne der
Pilger steckt am Mast Vielleicht bringt es auch dir Neues«
Als Hermann für die Magd Zutritt erbat fragte der Kaiser spöttisch »Du
strenger Meister führst mir ein Weib zu«
»Sie ist im Geheimnis des schwarzen Kreuzes« versetzte Hermann »sie und
ihr Vater haben der Bruderschaft Gutes getan«
»Und du willst ich soll für die Dienste bezahlen die sie deinem Orden
erwiesen hat Ist sie jung und hübsch eine Edle oder doch unter dem
Ritterschild geboren«
»Es ist Friderun aus Thüringen die Tochter Bernhards der des Kaisers
Richter war Sie kommt nicht mit leichtem Herzen Eure Nichte die edle Hedwig
übergab ihr ein Zeichen für Euch«
Der Kaiser sah verwundert auf »Lasst sie allein ihr Leid klagen« Als
Friderun in die Halle trat kniete sie nieder hob flehend den Ring in die Höhe
und bot ihn dem Kaiser dar der sie von seinem Sessel forschend ansah Während
Friedrich das Juwel betrachtete wartete sie mit gesenktem Haupt und gefalteten
Händen auf die Anrede
»Bringst du mir eine Botschaft von der Dame welche dir diesen Ring gab so
sprich«
»Ich komme eine Klage zu verkünden welche die Landgenossen zwischen Berg
und Tal einander leise in das Ohr sprechen Die Welt ist in Not und Trauer wenn
die Bäume grünen und wenn der Wintersturm durch kahle Äste saust jahraus
jahrein harren wir vergeblich auf den höchsten Herrn der deutschen Erde der
über Recht und Frieden waltet«
»Senden die Bauern aus Thüringen solche Botschaft an den Kaiser« fragte
Friedrich verwundert
»Auf dem Berge steht der Baum« fuhr Friderun begeistert fort »an welchen
der Kaiser seinen Heerschild hängen soll So verkünden die Alten Manche
behaupten dass dieser Kaiser längst gestorben sei und nur noch als Geist in der
Tiefe des Berges hause wenn der Nachtwind braust meinen sie ihn zu hören wie
er herrlich durch die Lüfte fährt und sie entsetzen sich Der Vater aber sagt
nicht ein Nachtgeist sondern unser Herr der unter der welschen Sonne wohnt
werde über die Berge in das Land dringen mit seiner Heeresmacht um sein armes
Volk aus der Bedrückung zu retten die wir von den falschen Richtern und von den
raubenden Rittern erdulden Ihr seid der Herr und auf Euch hoffen wir«
Friedrich sah sie betroffen an er dachte daran dass er erst vor kurzem die
eigene Richtergewalt den deutschen Fürsten geopfert hatte Und das Missbehagen
darüber niederkämpfend spottete er »Ich bin eurer Treue dankbar dass ihr mir
das Amt des großen Königs Karl zuschreibt einmal aus dem Schlaf zu erwachen und
eure Räuber an den Baum zu hängen Unterdes saßen wir hier nicht müßig du
deutsche Sagenerzählerin Euch aber fehlt wie ich hoffe in eurer Verlassenheit
ein christlicher Trost nicht Der Heilige Vater ist eifrig die Guten zu locken
und die Bösen zu erschrecken«
»Wir vernahmen dass zwei Schwerter vom Himmelsherrn in die Welt gesandt
sind um die Völker zu regieren das eine führt Ihr und das andere der Papst in
Rom den sie den Heiligen Vater nennen« Der Kaiser sah wieder auf »Wir aber im
Dorfe wissen dass zur Zeit der Vorfahren nur ein Herr über uns gewaltet hat der
von deutschem Blute war unser Kaiser«
»Ist das Bauernmeinung« fragte Friedrich »hüt dich du schöne Ungläubige
dass dich kein Pfaffe hört Wisse Kaiser und Papst sind wieder gut Freund«
»Wir bewahren solche Gedanken vor jedermann außer vor Euch denn Ihr seid
uns der Höchste auf Erden«
Friedrich rührte mit der Hand an ihr Haupt und sprach gütig »Steh auf und
sprich mit deutlichen Worten was du von mir begehrst Denn nicht deiner Bauern
wegen hast du den Ring empfangen«
»Lasst mich knien Herr« bat Friderun »Schweres habe ich Euch zu verkünden
und Ihr sollt wenn Ihr mir darum zürnt nicht vergessen dass ich eine arme
Flehende bin«
»Rede wie du willst Weshalb hast du die weite Fahrt zu mir gemacht«
»Damit Eure Macht den Herrn Ivo befreie denn er liegt gefangen am Berge
Libanon«
Friedrich fuhr auf »Was soll die Rede Du begehrst des Kaisers Hilfe für
einen Toten«
Die Magd zog die gebundene Locke aus ihrem Gewande »Er lebt so wahr dies
Haar von seinem Haupte ist dies Zeichen sandte er aus einem Volke von dem sie
Furchtbares erzählen«
»Und dir sandte er den Notruf Nicht du bist die Vertraute welche die Farbe
seines Haares kannte«
Friderun senkte den Blick »Ich lebte als Kind auf dem Edelhofe«
»Wahrlich dies ist kein Trug« fuhr Friedrich fort sie scharf betrachtend
»und mein alter Omar behält am Ende recht Doch weshalb kommst du für ihn zu
reden da du nicht von seinem Geschlechte bist«
»Vor alter Zeit als die Flamme loderte die aus dem Rachen des ledigen
Wurmes kam rettete eine Frau meines Stammes seinen Ahnherrn darum meinten wir
dass wir dem Nachbar die alte Treue erweisen müssten Ich trage heimlich mit mir
was ihn befreien mag wenn die Fremden Lösegeld nehmen Seht her« sie zog aus
ihrem Gewande ein Tuch knotete es am Boden auf und wies es gewichtig dem
Kaiser der darin edle Steine und Goldschmuck sah in derber Fassung wie sie auf
deutschen Edelhöfen bewahrt wurden»Es ist der Schatz seiner Mutter« erklärte
Friderun »ich bringe ihn Euch Herr Kaiser Ihr werdet am besten wissen wie
man ihn zu seiner Rettung verwendet«
Friedrich sah lächelnd auf den Knäuel »Packe ein du Einfalt und erzähle
mir genau was du von seiner Gefangenschaft erfahren hast«
Die Magd berichtete was ihr der Bärtige zugetragen hatte und darauf von
ihrer Reise Unterdes hielt der Kaiser nachdenklich den Ring in der Hand »Du
sahst den König Heinrich« unterbrach er ihre Rede
»Ich sah ihn« antwortete Friderun zögernd
»Wie sah er aus was sprach er zu dir Rede Magd du warst erst so
spruchreich jetzt stockt dir das Wort in der Kehle Durch den Ring weiß ich
dass du mir Ernstaftes zu sagen hast«
»Frau Hedwig zog mich auf eine Bühne an der Wand eines großen Saales war
diese erhöht und durch einen Teppich verschlossen Hier harre und höre
flüsterte sie verrätst du deine Nähe so wird es dein Verderben Durch eine
Öffnung sah ich hinab in den Saal wo fünf vornehme Herren beim Becher saßen
Vernimm auch die Namen raunte sie mir zu damit du sie melden kannst Der
bleiche Jüngling ist König Heinrich und der Starke mit dem gelben Bart ist
Herzog Ludwig von Bayern«
Der Kaiser stand auf »Weiter«
»Jener ist der Bischof von Strassburg und der Rote im Pelzrock ein Gesandter
aus Böhmen«
»Wenn meine bittersten Feinde nach Speier reiten um mit dem Sohne zu
trinken so wird der Vater wohl die Kosten des Gelages zu zahlen haben«
murmelte Friedrich »Fahre fort«
»Die Herrin verließ mich ich stand allein und vernahm vieles was ich nicht
verstand bis die Frau selbst durch eine Tür in den Saal trat und von ihrem Sitz
den Namen unseres Herrn des Kaisers nannte Da vernahm ich Gelächter und
frevelhafte Reden und einer rief Das Ross des Deutschen Reiches ist es müde
zwei Reiter zu ertragen der eine sitzt darauf der andere wills von fern an
der Leine lenken Zerschneidet die Leine dass der junge König frei durch das
Land reite Und ein anderer sprach Unwürdig ist es einen König am Gängelband
zu führen eine Königin begehrt er sich nach seinem Herzen die verhasste
Gemahlin welche ihm der Sarazene Friedrich aufgedrungen hat jagt er aus seinem
Hause und wählt sich ein schmuckes Königskind aus Böhmerland Und ein dritter
riet Durch Seufzen und Schelten wird nichts gebessert steht fest zusammen
werft die hohen Briefe welche über die Alpen zu uns fliegen ins Feuer und
sperrt die welschen Tore«
Der Kaiser fasste die Magd hart am Arme und schüttelte sie »Und was sprach
König Heinrich« Friderun schwieg »Rede wenn dir dein Leben lieb ist
Horcherin«
Friderun erhob sich »Nehmt mein Leben aber die Horcherin verklagt nicht
den Sohn bei seinem Vater Schon zuviel habe ich Euch von dem gesagt was ich
mit Unrecht hörte und wer mir zornig droht schließt mir die Lippen auch wenn
er mein Herr und Kaiser ist«
Friedrich schritt heftig auf und ab bis er vor Friderun stehenblieb welche
sich wieder auf ihre Knie niedergelassen hatte »Du hast recht Magd es bringt
Unglück die Geheimnisse der Könige zu erlauschen War keiner der den dreisten
Reden widersprach«
»Keiner« antwortete Friderun
»Vier Namen nanntest du mir wer war der fünfte«
»Die Frau nannte ihn nicht«
»Ein finsterer Mann mit schwarzem geschorenem Haar der Gräfin Hausherr«
»So war er und dieser gebot den Dienern Als die Knaben mit goldenem Gerät
eintraten erhob sich die Frau welche stumm unter den Männern gesessen hatte
und wieder trat sie an die Tür des Verstecks zog mich hinaus und sprach Was du
vernommen hast sei dein verschweige es oder gebrauche es nach deinem Gefallen
Samen der Zwietracht schwenke ich aus dem Tor ob er verwehe ob er hafte ob er
Heil bringe oder Verderben Und mit bleichem Antlitz ohne Gruß entließ sie mich
Auch ich sah nicht rückwärts als ich aus dem Hause entfloh«
Langes Schweigen folgte ihren Worten Friedrich warf sich in den Sessel und
beugte das Haupt »Die undeutlichen Worte gleichen dem misstönenden Schrei einer
Eule« sprach er zu sich selbst »wer sie abwägen will der vermag keinerlei
Beweis zu finden und doch regen sie eine wilde Flut von Schmerz und Sorge auf
denn sie stimmen zu anderen Berichten und sind Bestätigung einer Ahnung die ich
vor mir selbst verbarg« und der große Herr der Erde barg das Gesicht in seiner
Hand
Es war so still in dem Gemach dass man die Stechfliegen summen hörte welche
an dem Schleiertuch des Fensters auf und ab fuhren und Einlass begehrten Da
drang aus den Lippen des Kaisers leise der Jammerlaut »Heinrich mein Sohn
Gegen den kinderlosen Alten stand ich in frohem Vertrauen auf den Nachwuchs
meines Geschlechts Mein Werk sollte fortleben in meinen Söhnen die Fäden habe
ich gezogen über Land und Meer damit wenn ich scheide meine Knaben das Gewebe
vollenden jetzt zerreißt der eigene Sohn ruchlos die Arbeit meines Lebens«
Draußen klang der Ruf der Wachen und kriegerische Musik darauf Saitenspiel und
das Schwirren und Lachen Sorgloser Das Sonnenlicht fiel gedämpft durch den
Vorhang in den Raum und umsäumte das Haar des Kaisers im Schatten kniete das
Mädchen aus Thüringen der graue Mantel der Bruderschaft wallte ihr um den Leib
dass sie aussah wie ein Geist der heimatlichen Berge Endlich erhob sich
Friedrich sein umherirrender Blick haftete auf der fremden Frau und wild zogen
sich seine Brauen zusammen »Was kauerst du hier Unglücksgestalt Ich sage dir
dass es Tod bringt in die Geheimnisse der Könige zu dringen«
»Ich weiß wie einem Vater ums Herz ist der um den verlorenen Sohn
trauert« antwortete Friderun »habe ich Euch Unglück verkündet so zürnet dem
Boten nicht ich durfte nicht verschweigen was ich widerwillig gehört denn wie
der Vater im Himmel größer ist als der Sohn so soll auch auf Erden der Kaiser
mehr sein als der junge König Er ist jung Herr und er lachte sorglos wie ein
leichterziger Knabe Er sieht Euch auch ähnlich hoher Herr und jedermann muss
merken dass er von Eurem Geschlecht ist Leicht wird ein Sohn verlockt wenn
arglistiger Rat in sein Ohr dringt Das haben auch wir in unserem Hofe
erfahren«
»Du sprichst gut« murmelte der Kaiser »gegen den Arglistigen hebt sich die
Hand des Rächers«
Aus dem Hofe klang vielstimmiger Freudenruf und gleich darauf die
Totenklage welche unter den maurischen Kriegern gebräuchlich war Der Kaiser
trat zornig an das Fenster »Vergessen auch meine Leibwachen die Ehrfurcht vor
ihrem Herrn Was verstört ihnen die Zucht«
Ein Leibwächter meldete eilig »Der Knabe Ali steht unten und bei ihm ein
deutscher Ritter«
»Herein« befahl Friedrich Er öffnete die Tür eines Nebenzimmers und gebot
der knienden Friderun »Tritt zur Seite« Als er sich umwandte erkannte er den
Thüring Lutz mit dem nubisschen Knaben »Steht auf Mann Ich sah Euch zuletzt
auf trauriger Warte bei Jerusalem und ich merke nicht fruchtlos war Euer
Harren denn Ihr habt etwas von dem gefunden was Ihr suchtet Vernahmt Ihr von
dem Gefangenen«
»Mein Herr Ivo harrt am Tore auf die Erlaubnis vor des Kaisers Angesicht zu
treten«
»Ihr bringt ihn« rief Friedrich in freudigem Erstaunen »warum sendet er
Euch voraus«
»Ich habe einen Handel gemacht wegen seiner Rückkehr mit dem weissbärtigen
Alten im Libanon und gedachte zuerst dem Heiden meine Treue zu erweisen Denn
Herr Kaiser durch hohen Eid bin ich verbunden die Missetat zu rächen welche
beim Grenzsteine der Messer verübt wurde an meinem Herrn an dem Helden Hassan
an dem Mauren Abdallah und an dessen fünf Begleitern Als Kläger stehe ich hier
gegen einen Christen den die Heiden im Gebirge mit ihrer schleichenden Rache
nicht zu erreichen wissen Ich bringe die Zeugen mit mir und fordere wenn des
Kaisers Majestät den Schuldigen erkennt Kampf gegen ihn im Gottesgericht«
»Du meinst Peter Montague vom Tempel« rief Friedrich
»Die Templer hatten teil an der Tat denn ihr Meister selbst hat vorher
meinen Herrn gewarnt aber der Stifter und Führer des Überfalls war ein
anderer«
»Weißt du den Namen« fragte Friedrich mit flammenden Augen
»Ich denke dass ich ihn kenne« antwortete Lutz vorsichtig »Möge mein Herr
und Kaiser ihn selbst durch das Zeugnis erfahren Die Mörder kamen als ein
großer Haufe in der Tracht schweifender Kurden nur der Knabe Ali entrann in den
dunklen Wald Die letzten Worte welche er vernahm rief ein Kurde in der
Sprache der Lateiner als er sich gegen Herrn Ivo warf und die Worte waren
Hier Minnesänger nimm den Dank Als die Ismaeliten herzueilten fanden sie die
überfallenen Männer am Boden die Rosse entführt meinen Herrn über der Leiche
des Helden Hassan in seiner Rüstung diese Waffe« Er wies dem Kaiser den Dolch
an dessen Spitze noch die goldene Kapsel steckte »Die Ismaeliten meinten der
große Kaiser werde an dem Messer und an den Worten des Knaben den Täter
erkennen«
Friedrich warf einen Blick auf den kunstvoll gearbeiteten Griff der Waffe
und schleuderte sie auf den Tisch »Ich sah sie schon früher« Er wandte sich zu
dem Knaben und sprach Arabisch mit ihm Dann trat er an den Tisch und starrte
auf die Waffe »Es ist lange her mein Vetter dass du deine Wahl getroffen hast
zwischen Vater und Sohn Den vereitelten Überfall im Bade darf ich wohl auch auf
deine Rechnung schreiben Seitdem habe ich manches Mal deine Falschheit geahnt
Was ich dir gewähren konnte hattest du erreicht als vertrauter Rat des Knaben
Heinrich hofftest du der große Gebieter der Christenheit zu werden Die
Versuchung war für dich zu groß und mein war die Schuld dass ich dir zu lange
vertraute Immer warst du klug und ohne Bedenken und fast hättest du mich
überlistet Aber einmal haben Neid und Eifersucht dir doch die kalte Ruhe
genommen eine Torheit war der kurdische Mummenschanz durch ihn hast du dein
Spiel verloren Hinweg« Er warf ein Tuch über die Waffe und trat zu Lutz »Ihr
habt als ehrlicher Ritter Eure Pflicht getan die Vollstreckung der Strafe
welche Ihr den Ismaeliten gelobtet nehme ich Euch ab der Kaiser selbst wird
Rächer der Missetat«
Lutz griff verlegen an seinen Schwertgurt »Verzeiht Herr Kaiser um meinen
Herrn zu retten habe ich bei meiner Ehre gelobt gegen den Leib des Täters zu
reiten«
»Sorgt nicht« versetzte Friedrich mit wildem Lächeln »des Kaisers Rache
zieht vielleicht nicht auf einem Ritterross durch das Land aber sie trifft das
Leben« Er fasste an sein Schwert »Ich gelobe Herr Euch und Euren Heiden soll
Genüge geschehen Jetzt aber eilt mir einen Lebenden herbeizuführen an den ich
lieber denke«
Lutz und der Knabe verließen das Gemach gleich darauf lag Ivo zu den Füßen
des Kaisers der ihm über sein Haupt strich und ihn küsste »Dass du lebest wurde
mir wenige Stunden vor deiner Ankunft durch deine Haarlocke angekündigt Eines
sage mir vor allem wie kams dass der wilde Alte dich nicht selbst als Rächer
entließ«
»Herr ich durfte den Heiden niemals gestehen dass ich Christen als Täter
erkannt hatte und Euren Boten als Anstifter Jener aber meinte nur mich« Ivo
berührte mit der Hand seine Schulter an welcher der Kaiser einst das Tuch
erkannt hatte
»Ich verstehe« sprach Friedrich »aber wozu musste der Bösewicht ein solches
Gemetzel ersinnen Konnte er nicht warten bis es Zeit war euren Handel zu
einem ehrlichen Ende zu bringen Für dich Ivo bewahre ich zwei Getreue
welche sich deiner Rettung freuen werden beide sind wie ich fürchte
Ungläubige« Er öffnete die Seitentür winkte der Magd einzutreten und verließ
das Gemach
Als Friderun sich plötzlich dem Jugendgespielen gegenüber sah stieß sie
einen Schrei aus und lehnte sich an die Wand Sie fühlte sich umfasst und einen
Kuss des Mannes auf ihrer Stirn und sie ruhte einen Augenblick alles
vergessend in seinen Armen doch bald entzog sie sich ihm und sprach mit
bebender Stimme und niedergeschlagenen Augen »Die Bauern von Friemar grüßen
Euch vor den anderen«
Hinter dem Kaiser trat der weise Omar ein Der Araber fasste die Hand des
Wiedergefundenen und legte sie sich an Herz und Haupt »Auch der Alte freute
sich in seiner Weise« sagte der Kaiser lächelnd »denn deine Rückkehr hat seine
Wissenschaft zu Ehren gebracht Wisse Ivo als ich dich und zugleich einen
anderen entsendete suchte Omar wie er zuweilen für mich tut den Erfolg eurer
Reise zu erkunden Nachdem ich dir bereits den Auftrag gegeben hatte erhielt
ich das Prognostikum welches mir und ihm seitdem Kummer gemacht hat denn es
lautete Die Sendung zu dem Herrn der Messer mag vergeblich sein doch der Bote
kehrt gerettet zurück und ferner die Botschaft nach Damaskus schafft dem
Kaiser Glück aber dem Boten mag sie zum Unheil werden Da tauschte ich dir
zuliebe die Ämter und ich habe mit diesem gegrollt weil du nicht
wiederkehrtest Jetzt hat sich die Verkündigung welche dich anging als wahr
erwiesen und« setzte er finster hinzu »auch was dem andern gedeutet wurde
mag sich erfüllen Du aber erzähle wie du bei den wilden Männern im Berge
gelebt hast denn ganz als ein Sagenheld stehst du vor mir«
Die Heimkehr
Als Ivo einige Tage später mit Friderun zur Reise gerüstet vor dem Kaiser stand
sprach dieser »Zwingt dich die Sorge um Hof und Gut in deine Heimat so darf
ich dich nicht festhalten Doch wird dir einmal das Reiten unter den Nachbarn
verleidet so komme zu mir und versuche wie sichs in meinem Dienste lebt Für
den Knaben Ali lass mich sorgen er würde in euren Höfen schwerlich gedeihen«
Als die Reisenden zum Abschiede die Knie beugten flehte Friderun »Die
Dorfleute werden mich fragen wann unser Kaiser zu uns kommt um Frieden zu
bringen und eine neue Herrlichkeit Was darf ich den Alten sagen Herr«
Da lächelte Friedrich wieder über die treuherzige Frage aber gleich darauf
flog ein düsterer Schatten über sein Antlitz »Ruhelos kämpft der Kaiser gegen
seine Feinde auch wenn die Deutschen nichts vom Waffenlärm vernehmen Gerade
jetzt steht ihm neuer Streit bevor Du aber sage den Weisen deines Dorfes der
Kaiser vertraut dass der große Himmelsgott welcher ihn in sein Amt eingesetzt
hat ihm zuletzt Sieg verleihen wird über alle seine Gegner Und solange dies
Vertrauen mich erhebt sollen auch meine Deutschen sich die Hoffnung bewahren
dass ich in besserer Zeit bei ihnen sitzen werde am Gerichtsbaume unter meinem
Heerschild«
Er stand in seiner Majestät vor ihnen glanzumflossen und kraftvoll umringt
von seiner maurischen Leibwache während unten in der Stadt die Glocken der
bischöflichen Kirche läuteten Oft gedachten die Reisenden an diesen Abschied
Eilig zogen die Thüringe nordwärts Es war kurz vor dem Winter auch in dem
warmen Lande trug der Herbstwind die Kälte von den Bergen und entlaubte die
Bäume missfarbig war der Grund und graue Wolken deckten die Sonne aber Ivo und
Friderun achteten wenig auf die wilde Jahreszeit sie zogen nebeneinander dahin
so glücklich wie sie in der Kinderzeit über Hügel und Feld der Heimat gewandert
waren Die Magd wurde nicht müde zu fragen und während Ivo erzählte durchlebte
sie in Gedanken die Abenteuer der Kreuzfahrt er aber freute sich an dem
Verstand mit welchem sie die Gebräuche fremder Menschen und das Leben im
Morgenlande betrachtete Auch sie berichtete von der Heimat war auch vieles
unerfreulich er vernahm es aus einem Munde der ihm dabei herzlich zulachte
alles was sie sagte klang ihm wie ein Lied aus Thüringen entzückt lauschte er
auf die heimische Sprache und die kräftige treuherzige Weise in der sie zu
reden wusste Und obgleich ihr Mantel grau war und ohne Flittersterne so sah sie
ihm doch zuweilen aus wie die Jungfrau Maria welche zu armen Kindern
herniedersteigt Freilich dünkte sie ihm nicht immer so vornehm Einst als sie
in der Mittagssonne auf einem Steine saßen während Lutz die Pferde am nahen
Quell tränkte war ihr eine der Flechten welche sie mühsam unter dem Pilgerhut
zusammenhielt am Rücken hinabgefallen da konnte er sich nicht enthalten die
Flechte zu ergreifen und zu küssen und als sie das merkte und mit heißem
Erröten die verschobene zurechtrückte gestand er ihr dass er in der Ferne oft
an sie gedacht hatte zuweilen wie an eine gute Gespielin mit zwei langen
Zöpfen und ein andermal wie an eine übermenschliche Frau in wallendem
Haarschleier er wusste selbst nicht ob Göttin ob Heilige
»Wie war Euch die Magd lieber« fragte Friderun mit abgewandtem Gesicht
trockne Grashalme pflückend
»Immer gerade so am liebsten wie sie mir vorkam« versicherte er ehrlich
»und wenn ich heut die Flechte berührte so tat ich dies in Erinnerung an einen
früheren Tag wo sich ein wildes Mädchen zu mir gesellte und ich sie zur Seite
schob weil ich wahrhaftig beim Schein der Leuchte Euch neben mir sah«
Da aber blickte ihn Friderun kummervoll an und sprach schnell aufstehend
»Sagt mir so etwas niemals wieder Herr Ivo«
Am nächsten Morgen ritt sie niedergeschlagen an seiner Seite und als er
nach dem Grunde ihrer Trauer fragte begann sie errötend »Viele Tage müsst Ihr
mich mitnehmen und oft müssen wir bei fremden Leuten einkehren sind sie auch
fremd mir tut weh wenn sie Unrechtes von mir denken denn einer Magd ziemt es
nicht so zu reisen wie ich mit Euch fahren muss Darum flehe ich Herr lasst
mich in einem Frauenkloster wo sie gegen arme Pilgerinnen gütig sind bis ich
eine Gelegenheit zur Heimkehr finde«
»Wie dürft Ihr mich durch solche Gedanken kränken« rief Ivo »keine höhere
Pflicht habe ich jetzt als Euch unversehrt in den Hof Eures Vaters zu bringen«
»Ich weiß dass Ihrs gern tätet Ich aber war mutvoll da ich ging und
furchtsam kehre ich heim«
»Sagt wie Ihr mit uns reisen wollt« bat Ivo »wir haben den Schatz der
Mutter ich will Euch ein Gefolge werben damit Ihr nach dem Brauch ansehnlicher
Frauen umgeben von Euren Hütern dahinziehen könnt und wir begleiten Euch als
dienende Reiter«
Friderun lachte trotz ihrer Sorge »Das würde dem Bauernkinde nicht ziemen
auch würde es das Übel nur ärger machen wenn uns ein Thüring begegnete und
Kundschaft von uns erhielte denn die Landsleute wandern sehr in der Welt umher
und da ich mit dem Bärtigen reiste habe ich mehr als einen getroffen Ich
merke Herr ich bin in Not es ist nicht die größte und sie geht mich allein
an doch ist sie schlimm genug für mich und meinen alten Vater«
»Mir fällt eine Hilfe ein« tröstete Ivo »Als Ihr bei uns im Hofe wart
spielten wir zuweilen dass der Bruder verlorenging und die Schwester ihn suchte
beim Traume beim Baume und beim Rösslein im Stall Jetzt seid Ihr wieder
ausgezogen mich zu finden lasst uns denselben Brauch üben wir reisen als
Pilger und Geschwister und Herr Lutz sei unser Hüter Leicht werden uns die
Leute dafür halten und Ihr seid müßiger Fragen ledig«
»Das würde mir gefallen« sprach Friderun leise »doch wenn zwei eine lange
Fahrt zusammen tun so verpflichten sie sich gegeneinander durch ein Gelöbnis
treue Gesellen zu sein Wollt Ihr geloben mich als eine Schwester zu halten und
zu ehren so will ich weiter mit Euch ziehen und der liebe Gott möge unsere
Reise behüten«
Das gelobte Ivo Am nächsten Tage trug er über dem Eisenhemd wieder ein
Pilgergewand und Friderun zog mit besserem Vertrauen neben ihm dahin
Nur ein Erlebnis ihrer Reise hatte sie ihm verschwiegen den Besuch bei Frau
Hedwig Sooft sie davon anfangen wollte schnürte es ihr die Kehle zusammen
Endlich aber bezwang sie sich »Er muss es wissen da sie seine Herrin ist« Und
obgleich ihr vorkam als verderbe solches Gespräch die ganze Seligkeit ihrer
Reise so begann sie doch »Ich war auch bei Frau Hedwig der Gräfin«
»Ihr« rief Ivo heftig Sie sah dass er tief errötete und fühlte einen
Stich im Herzen wie von einem Messer »Sprecht wie war die Begegnung« fragte
er nach einer Weile »Als ich ihr sagte dass Ihr lebt spielte sie Eure Weise
auf ihrer Harfe Dann fragte sie mich aus über allerlei um zu erforschen ob
ich mit Bedacht reden könnte Sie versprach mir auch den König Heinrich zu
zeigen damit ich dem Kaiser von ihm erzähle und ließ mich ein Gespräch
belauschen das ich lieber nicht gehört hätte Auch davon musste ich dem Kaiser
wider Willen berichten«
»Was vernahmt Ihr Friderun«
»Das bleibt mein Geheimnis Herr« antwortete die Magd Ivo fragte nicht
mehr und beide zogen stillschweigend nebeneinander
Lutz welcher den Reisenden bald voraussprengte bald den Rücken deckte
ritt zu seinem Herrn »Ich sorge unsere Fahrt wird beobachtet blickt nach
rückwärts Seit zwei Tagen sehe ich einen Mann in unserer Spur er hält sich
fern aber folgt jedem Schritt unseres Weges«
Ivo wandte sich um »Es ist ein einzelner Reiter und soweit ich erkenne
klein und ohne Rüstung wahrscheinlich ein furchtsamer Händler der in einem
Notfall unsere Hilfe begehren will«
»Dann würde er näher heranreiten denn wird er überfallen so vermöchten wir
aus der Ferne doch nicht zu helfen Sooft wir halten hält er auch um uns nicht
nahe zu kommen und sobald wir aus dem Nachtlager aufbrechen zeigt er sich in
der Entfernung
Merkt Herr er beachtet dass wir nach ihm hinschauen denn er hält«
»Vielleicht werdet Ihr seiner in der Herberge habhaft« versetzte Ivo
gleichgültig
Sie kamen in die lombardische Ebene und zogen den Alpen zu da begann Lutz
wieder »Das dunkle Männlein folgt uns immer noch Die Sonne bescheint ihn auf
der Höhe Ihr mögt ihn jetzt deutlich erkennen ein Händler ist er schwerlich
denn er führt weder Pack noch Saumtier und sein Ross ist so beharrlich wie er
selbst denn es kann mit diesen Pferden aus dem kaiserlichen Stalle Schritt
halten Er schleicht hinter uns wie im Morgenlande das Raubtier hinter der
Karawane«
»Bleibt bei der Magd« gebot Ivo »ich betrachte die Gestalt in der Nähe«
Er fuhr in gestrecktem Laufe zurück Der Fremde wich der Bewegung nicht aus
sondern stieg vom Pferde und kauerte auf dem Boden die Ankunft erwartend Ivo
sah einen dürftigen Gesellen vor sich in geringer Tracht mit hagerem braunem
Gesicht und stierem Blick Er prallte mit seinem Ross entsetzt zurück denn er
hatte dieselbe Gestalt ebenso kauernd vor Jahren im Zelte des Kaisers gesehen
und an die Waffe fassend fragte er in arabischer Sprache »Was suchst du auf
meinem Wege Ungläubiger«
»Mir ist geboten auf deiner Spur nach Norden zu gehen« antwortete der
andere
»Wohin und gegen wen« fragte Ivo Der Mann schwieg und sah gleichgültig vor
sich nieder »Hast du das Bellen verlernt Schakal« rief Ivo zornig und rührte
ihn mit dem Fuß am Bein Der Mann zog das Bein an sich und fragte gleichmütig
»Haben sie dich in den Bergen mit dem Fuße gestoßen wenn du ihrer Frage die
Antwort versagtest«
Da ließ Ivo den Schwertgriff los »Mir ist es greulich dein Führer zu sein
darum weiche von meinem Wege du Unglücksgestalt«
»Mir aber ist geboten auf deiner Spur nach Norden zu gehen« wiederholte
der Fremde und senkte der Reden überdrüssig das Haupt
Ivo kehrte in finsterem Schweigen zu seinen Begleitern als Lutz ihm fragend
in das verstörte Gesicht sah antwortete er nur »Ihr nanntet ihn mit Recht ein
Raubtier hinweg aus seiner Nähe« Eilig zogen sie vorwärts und hatten den
Ismaeliten bald aus dem Gesicht verloren Sie kamen in die Schneeberge und
wanderten mit Führern mühsam auf rauhem Pfade oft sahen die Männer wenn der
Weg abwärts lief nach der Höhe zurück aber sie erspähten die Schattengestalt
nicht mehr Als sie von der schweren Bergfahrt in deutsches Land hinabstiegen
und die bleiche Novembersonne Tal und Hügel mit mattem Schein erhellte atmete
Ivo leichter und sprach leise zu Lutz »Vielleicht hemmten ihm Eis und Schnee
den Weg« Aber Lutz wies rückwärts auf der Höhe bewegte sich etwas durch den
Schnee kaum sichtbar dem Auge und wieder spornte Ivo sein Ross dass es bäumte
Die Nacht verbrachten sie in der engen Herberge eines Gebirgsdorfes die
Männer hatten sich in ihren Mänteln auf den Boden gestreckt Friderun saß am
Ofen und hörte auf den Nachtwind der um das Haus tobte »Ich war ihm gut«
sprach sie zu sich selbst »seit ich denken kann Wie man der Sonnenstrahlen
froh wird und des singenden Vogels so freute ich mich wenn ich von ihm hörte
und an ihn dachte Wenn ich ihn aber als erwachsene Magd im Hofe des Vaters sah
da kränkte mich dass er als ein edler Herr anders zu mir sprach als damals wo
wir als Kinder zusammen spielten und ich wurde trotzig gegen ihn und eine
hochmütige Törin Erst als die Trauer um den Geschwundenen über mich kam merkte
ich wie sehr mein Herz an ihm hängt Und seit er mir die Locke sandte ist es
mir angetan Die haben wohl recht welche sagen dass von dem abgeschnittenen
Haar ein Zauber ausgeht für den der es bewahrt Ich habe einen Teil von ihm
den ich an meinem Herzen trage und den ich niemandem gönne Seitdem hat mich der
Mut in seiner Nähe verlassen Sonst wäre mir das höchste Glück gewesen als
seine Schwester neben ihm zu wandeln jetzt macht mich auch dieser vertraute
Gruß traurig«
Ivo bewegte sich unruhig im Schlafe »Peitscht mir den Hund aus meiner
Seele« murmelte er
»Auch ihm ist das Herz schwer« fuhr Friderun fort »er merkt wohl dass ihn
Hartes in der Heimat erwartet Aber dort ist er wieder der Edle welcher im
Dienste seiner Herrin reitet und ich die ungeschickte Dorfmagd welche das
Drachenlied singt Arme Friderun«
Sie erhob sich denn zwischen dem Brausen des Sturmes und dem Dröhnen im
hölzernen Hause vernahm sie ein leises singendes Murmeln wie von einer
Menschenstimme dicht an der Hauswand Sie bändigte den ersten Schrecken indem
sie dachte Bleibt ein Mensch in der kalten Nacht dort draußen so wird es ihm
schädlich Entschlossen drückte sie die Tür auf und trat in das Freie Nahe der
Schwelle am Fenster kauerte eine dunkle Gestalt welche das Haupt hin und her
bewegte und unverständliche Worte vor sich hin sang ohne die Nahende zu
beachten Da schloss sie die Tür rührte ängstlich an Ivos Arm und flüsterte
»Draußen unter dem Fenster sitzt einer der trunken ist oder unsinnig denn ganz
verstört singt und gurgelt er vor sich hin« Ivo stützte sich auf den Arm um zu
hören aber im nächsten Augenblick sprang er auf und fasste ihre Hand »Bete
Friderun für eine arme Seele denn dieser Nachtgesang bedeutet einem sündigen
Menschen ehrlosen Tod« Und beide flehten zu dem Gott des Erbarmens während
draußen der Bergwind tobte und ein Verzückter von den Freuden des Paradieses
träumte
Am Morgen sah Ivo vor die Tür der Fremde war verschwunden Da gebot er
seinem Begleiter Lutz »Wir reiten nach Speier den Grafen von Meran zu grüßen«
Einige Tage darauf hielten die Reisenden vor dem Hause in welchem Humbert
von Meran wohnte Ivo winkte seinem Begleiter beide stiegen ab und gaben die
Zügel an Friderun Dem diensttuenden Kämmerer rief Ivo zu »Ein Pilger der
geheime Botschaft vom Kaiserhofe trägt« und beide folgten dem Manne in das
Gemach des Grafen Ivo nahm den Pilgerhut ab und als der Graf erschrocken
zurückfuhr rief er »Ein Verräter seid Ihr an Eurem Kaiser Graf Humbert und
für die heilige Woche der Kreuzigung und Auferstehung ladet Euch der Thüring Ivo
zum letzten Kampfe« Er warf ihm das Fehdezeichen hin und fuhr fort »Wollt Ihr
den Tag des Kampfes erleben und ein ehrliches Ende finden so entweicht zur
Stelle hinter geweihte Mauern und bergt Euer Haupt wo kein Fremder Euch nahen
kann denn wisst die Messer vom Grenzsteine sind über Euch« Und bevor der
Graf einer Antwort mächtig war verließ er mit seinem Begleiter das Haus und
ritt von dannen
Jahrelang hatte Ivo mit heißer Sehnsucht an die Tage gedacht wo ihn Gruß
und Brauch der Heimat empfangen würden wo er im alten Eichwald stehen und den
Vogelgesang vernehmen würde der ihm aus der Kindheit vertraulich war Jetzt
kehrte er gelöst aus wilder Fremde zurück er ritt an der Seite eines Weibes
das ihm liebgeworden und eines Treuen dem er die Freiheit verdankte Und
dennoch wurde ihm das Herz immer schwerer je näher er der Heimat kam fremd und
rau war der Gruß der Leute kalt der Himmel die Bäume entlaubt und die Vögel
entflogen Die Schwermut und geheime Angst welche den Deutschen beim Nahen des
Winters überfällt bedrückten ihn ärger als jemals zuvor Auch wenn er an seinen
Hof dachte und an die ritterlichen Genossen der Landschaft wurde ihm nicht
wohl Zwar um den begehrlichen Oheim und um widerspenstige Vasallen sorgte er
nicht allzusehr denn er vertraute seinem Arm und guten Helfern und er scherzte
mit Lutz über das Erstaunen und die geringe Freude aller welche sich frech in
seinem Erbe niedergelassen hatten Aber auch wenn er sich in sicherem Besitz des
Hofes und der Turnierrosse dachte mitten unter seinen Dienstmannen und dass er
vielleicht einmal dem Schüler Nikolaus ein neues Lied vorsagen werde erschien
ihm sein ganzes früheres Leben wie ein abgelegtes Gewand und er empfand
dasselbe Missbehagen welches ihn zu der Kreuzfahrt getrieben hatte vorahnend
wieder Noch ein anderer Streit arbeitete in seiner Seele alte Leidenschaft und
wilde Hoffnungen waren lebendig geworden und dazwischen fühlte er etwas
Unheimliches das zwischen ihn und seine Herrin trat er wusste nicht zu sagen
was es war aber sooft ihm dieser Schatten durch die Seele fuhr wurde es sein
bester Trost die Stimme der Magd Friderun zu hören Denn wenn sie von der
Heimat erzählte an der ihre ganze Seele hing konnte er träumen dass er dort
sein Glück finden werde
Als die Wanderer über den Main gedrungen waren und an dem Kirchhof einer
ansehnlichen Stadt vorüberritten wies Lutz zur Seite »Wir kommen und diese
wollen gehen« und Ivo sah wieder ein rotes Kreuz aufgerichtet dabei einen
Bettelmönch welcher dem aufgeregten Haufen neue Briefe des Heiligen Vaters
vorlas und für den nächsten Mai große Vergebung der Sünden allen verkündete
welche einen Sommer unter dem Kreuz gegen das wilde Preussenvolk kämpfen würden
Da sprach Ivo lächelnd zu seinem Gefährten »Ich denke wir haben genug davon
genossen« und er wunderte sich als Lutz antwortete »Nach allem was man hört
haben diese Heiden doch größere Lust zu fechten als die Sarazenen und ein
ehrlicher Kriegsmann könnte dort Sommerfreude finden«
Die Reisenden waren um Gota die letzte Stadtburg ihres Weges geritten und
Ivo suchte von der Höhe die Stelle des Tales wo der Ahorn stand aus dem er
einst den Brief seiner Herrin geholt hatte Da scheute das Pferd der Magd an das
seine er fühlte sich beim Arme gefasst und sah in das verblichene Gesicht seiner
Begleiterin Auf der andern Seite der Straße bewegte sich ein trauriger Zug
voran auf einem Esel ein ungeschlachter Bettelmönch der ein rohes Holzkreuz wie
eine Waffe auf der Schulter hielt hinter ihm ein Mann und ein Weib
blutrünstig mit Riemen aneinandergebunden und um die Gefangenen ein Haufe
bewaffneten Gesindels Als der gebundenen Frau die Knie einknickten zerrte sie
der Mönch am Riemen und der Haufe dahinter höhnte und piekte mit Speer und
Schwert gegen sie »Wie mögt Ihr ein Weib so rau fortschleifen Bruder« rief
Ivo an den Mönch reitend »Wie mögt Ihr so unverschämt fragen« spottete ihm
der Mönch nach »Die Tiere welche ich treibe sind eine neue Art von
Ungeziefer welches in diesem Lande zum Vorschein kommt«
»Wer seid Ihr und mit welchem Recht führt Ihr diese« fragte Ivo unwillig
»Dorso haben mich die getauft denen mein Rücken nicht gefiel und ich rate
Euch nicht an meiner Heiligkeit zu zweifeln denn ich bin der Handlanger meines
hochwürdigen Meisters Konrad und führe hier Marktware für das Höllenfeuer
Verdammte Ketzer sind es welche Meister Konrad zu Erfurt auf dem Holzstoss
sengen wird Soll ich Euch Gutes raten so haltet Euch fern von ihnen denn dies
traurige Laster steckt an Doch halt Bruder Pilger auch Ihr seid mir schon
über den Weg gelaufen Wart Ihr es nicht der mich im Kreuzlager anherrschte und
gröblich schmähte Seid Ihr damals den Leichenvögeln entgangen so seht zu dass
Ihr nicht jetzt den Krähen in die Hände fallt welche nach meinem Gebote
fliegen denn sie verstehen mit den Schnäbeln zu hacken und ihr Krächzen
bedeutet ein feuriges Ende« Seine Begleiter lachten und schrien Beifall die
Reiter spornten ihre Pferde um der unheimlichen Nähe zu entkommen während Ivo
Friderun zu unterstützen suchte welche sich kaum auf ihrem Rosse zu erhalten
vermochte Ivo aber sprach finster »Wir haben auf dieser Fahrt die Rache des
Kaisers und des Heiligen Vaters auf der Landstraße gesehen die eine schlich
scheu und verkleidet die andere fährt trotzig am Tageslicht Wir zweifeln nicht
mehr welcher der beiden Herren im deutschen Lande gebietet«
Als sie an das Dorftor von Friemar kamen bat Friderun die bis dahin ihr
starres Schweigen nicht gebrochen hatte »Lasst mich allein meinen lieben Vater
begrüßen kommt aber bald damit die Nachbarn sich Eurer freuen« Sie wandte ihr
Ross zum Tore er sah ihr nach bis ihre Gestalt zwischen den Höfen verschwand
Ivo jagte in gestrecktem Lauf vorwärts und als Lutz warnte »Herr den
Pferden dünkt die Eile zu groß« versetzte er »Mit heißem Wunsch habe ich
diesen Tag ersehnt und oft an das Glück gedacht Berg und Tal der Heimat
wiederzuschauen heut ist mir alle Freude geschwunden ein Unglücksahnen lastet
mir auf der Brust und ich höre die Warnung des toten Hassan Der Fuß des
Heimkehrenden strauchelt an der Schwelle des Hauses« Er wies mit der Hand nach
der Ferne »Dort ragt der alte Turm hinein in den Hof denn nicht im Frieden
finden wir ihn wieder« Sie jagten bei bewaffneten Knechten vorbei welche auf
dem Anger hielten schon vor dem Tore vernahmen sie Zank und wildes Geschrei
als sie einritten fanden sie den Hof mit Bewaffneten zu Fuß und Ross gefüllt
und erkannten viele der Nachbarn Dienstmannen der Grafen von Gleichen und den
Rettbacher auch Ritter Konz war da und Graf Meginhard und dieser stand zu Fuß
inmitten des Haufens gegenüber dem Turme Der alte Graben um den Turm war
vertieft ein schmaler Steg darübergelegt und auf der Turmseite stand Herr
Henner mit wenigen Knechten bei einem Stellbogen der so aufgerichtet war dass
er den Steg bestrich Die Ankommenden drückten die Eisenhüte in die Augen und
niemand achtete auf sie den Knechten im Hintergrund galten sie für Gesellen der
Angreifer und die vorderen haderten mit Herrn Henner
»Zum letztenmal will ich Euch mahnen Marschalk« rief Graf Meginhard »wie
ein Toller gebärdet Ihr Euch wir aber sind nicht hergekommen um Märchen zu
hören bei uns werden die Toten nicht lebendig und Eure Sommerritte mit dem
leichtgeherzten Fant haben ein Ende Im Namen des Landgrafen fordere ich dass
Ihr Euch ergebt oder Ihr und die Toren welche Euch folgen büßen mit ihrem
Leibe für den Ungehorsam gegen Euren Herrn«
Henner aber rief zurück »Nicht als Herr des Gutes kommt Ihr Graf
Meginhard mit Euren Kumpanen sondern als ein raublustiger Einbrecher und wie
Räuber will ich Euch empfangen Wer Miene macht herüberzudringen den nagelt
mein Pfeil an den Boden«
»Macht ein Ende« schrie der Rettbacher den Knechten zu »schlagt Balken aus
den Dächern und legt sie über den Graben damit wir dem Schreier seinen Mund
stopfen« »Macht ein Ende« schrie auch Herr Konz »Balken her«
»Kommt nur herüber Wilhelm« entgegnete Henner zornig »Ihr findet im Turm
die vier Pferde die Euch vor Jahren entgingen und eine Halfter mit der wir
Euch am Halse schnüren«
Da rief eine helle Stimme über den Haufen »Was sucht ihr Herren in meinem
Hofe Ich grüße Euch Oheim vor dem Turm unserer Väter« Durch die Bestürzten
welche nach allen Seiten zurückwichen ritt Ivo mit seinem Begleiter an den
Graben und stellte sich gegen sie auf Lutz sprang vom Pferde und das
widerstrebende über den Steg treibend rief er seinem Gesellen zu »Bewahrt den
Gaul Henner er kommt aus gutem Marstall«
Mit geschlossener Faust stand der Graf und hörte finster auf den jauchzenden
Heilruf der von der andern Seite des Grabens für seinen Neffen erscholl
»Beweist dass Ihr es seid« murmelte er endlich und der Rettbacher rief »Er
ist ein Betrüger auf ihn und macht ein Ende«
Ivo nahm seinen Hut ab »Wer mich nicht wiedererkennt der reite heran
damit ich ihm mit der Schwertand beweise wer ich bin«
Da kam niemand aber mehrere der hintersten ritten weiter zurück und
sprachen leise miteinander Doch Graf Meginhard stand trotzig »An Euren hohen
Worten erkennen wir Euch doch fürchte ich dass Ihr Eurer Heimfahrt nicht so
froh werdet als Ihr meint denn Euer Gut und Hof ist mir als Erbe zugefallen
und Ihr habt Euch mit mir zu vergleichen bevor Ihr wieder in den Herrenschuh
treten dürft«
»Tut das Herr und zur Stelle« rief Lutz »es fehlt hier nicht an guten
Gesellen welche nach einem Vergleich begierig sind« Und blitzschnell packte er
den Grafen mit starkem Griff und schwenkte ihn auf den Steg »Herbei Henner
und haltet Eure Waffe über ihn« So unerwartet war die kecke Tat dass niemand
sie hinderte doch im nächsten Augenblick erhob sich helles Geschrei und die
Mühlburger drangen gegen Ivo der sie mit seinem Schwert vom Stege abtrieb
»Weicht zurück« rief Henner »oder bei St Georg euer edler Genosse zahlt
zuerst für den Schaden« »Weicht ihr Herren« rief auch Ivo »dass ich mit dem
Grafen friedlich verhandle Ihr aber Marschalk geleitet ihn höflich an den
Turm Haltet hier Wache ihr Treuen und lasst niemand herüber« Lutz sprang vor
und während die beiden Dienstmannen jenseit der Brücke gegen den unschlüssigen
und schreienden Haufen Wache hielten ergriff Ivo den bestürzten Oheim bei der
Hand und führte ihn in das Turmgewölbe »Ich bin im Vorteil Graf Meginhard und
es bedarf zwischen uns nicht vieler Worte Ungern übe ich gegen einen Verwandten
Gewalt Ihr selbst tragt schuld wenn Ihr in diesem Turme den Euer Ahn gebaut
als Gefangener bleiben müsst Denn nicht lebend verlasst Ihr diese Mauern wenn
Ihr nicht herausgebt von Hufen und Habe was Ihr als zugefallene Erbschaft in
Besitz nahmt Ihr schaltet vor Fremden den leichten Sinn mit dem ich sonst
dahinlebte Ihr zuerst sollt erkennen dass ich aus der Fremde zurückkehre
scharf und hart um mein Recht zu behaupten«
Der Graf blickte in dem düstern Raume umher und erkannte in dem Gesicht
seines Neffen eine finstere Entschlossenheit darum versetzte er »Ihr sprecht
mit gutem Grunde dass es zwischen uns nicht vieler Worte bedarf und gern
erspare ich Euch die Unehre dass Ihr Euren Blutsverwandten im Kerker haltet
schafft einen Schreiber und gute Männer von beiden Seiten welche vermitteln und
zeugen ich bin bereit mich dem Vorteil zu fügen den Ihr über mich erlangt
habt Jedoch merkt Neffe Mich könnt Ihr zwingen Frieden zu halten nicht alle
Feinde welche über das herrenlose Gut eingebrochen sind Ich will Euch loben
wenn Ihr scharf und hart auf Eurem Rechte besteht aber ich sorge die
Erkenntnis ist Euch zu spät gekommen«
Ivo stand wieder als Herr in dem Hofe seiner Väter Der zudringliche Erbe
war hinausgescheucht ein Teil der entführten Rosse und Rinder zurückgegeben
den Schatz der Mutter hatte er zu Gelde gemacht um Knechte zu werben und die
Schäden der letzten Jahre zu bessern Dennoch fand er es schwer den alten
Besitz welcher durch die ganze Landschaft zerstreut lag und jahrelang für
herrenlos gegolten hatte wiederzugewinnen Bauern welche ihm zinspflichtig
waren hatten sich selbstwillig anderen Herren unterstellt um Schutz für Leben
und Habe zu finden ritterliche Vasallen weigerten sich ihre Lehnspflicht zu
erfüllen benachbarte Edle hatten sich Wälder Weiden und Wiesen angeeignet und
waren entschlossen ihren Raub mit den Waffen zu behaupten Viele Grundstücke
waren vor der Kreuzfahrt durch Verpfändung und Leihkauf in andere Hände
übergegangen wo sollte Ivo die Summen schaffen um das Verpfändete einzulösen
selbst wenn die Gläubiger guten Willen hatten es gegen die gezahlte Summe
zurückzugeben Auf allen Seiten fand er sich in Händel verstrickt und er
empfand dass er als freier Herr auf seinem Erbe viel schlimmer daran war als ein
großer oder kleiner Vasall denn er stand allein gegen zahlreiche Feinde Ohne
Hilfe vermochte er ihnen nicht zu widerstehen und Verbündete konnte er nur
durch neue Opfer an Geld und Hufen erhalten weil niemand bereit war im
Harnisch für ihn Leib und Glieder zu wagen wenn er nicht einen Vorteil für sich
zu hoffen hatte Die größten Herren der Landschaft das Haus des Landgrafen und
der Erzbischof von Mainz welcher von Erfurt aus gebot waren ihm abgeneigt und
begünstigten seine Gegner die Mühlburger und die Gleichen Jeder der anderen
großen Herren hatte seine Feinde mit denen er in Händeln und Fehde lebte und
wenn ein solcher bereitwillig war einen Vertrag zu schließen dass Freunde und
Feinde gemeinsam sein sollten so war für Ivo sicher dass er zu seinen Feinden
noch zahlreiche neue erhielt aber sehr unsicher ob er gerade da wo es ihm
darauf ankam die tatkräftige Unterstützung seines Verbündeten gewinnen würde
Ivo hatte früher mit Widerwillen die kleinen Fehden seiner Nachbarn betrachtet
das Niederbrennen der Dörfer und das Wegtreiben der Herden jetzt fand er sich
in der Lage an dieselben rohen Zwangsmittel zu denken denn wie konnte er
seinen Gegnern anders furchtbar werden als wenn er ihnen Schaden zufügte
Sehr verändert war das Aussehen des Herrenhofes Statt der zierlichen
Knaben welche sonst dem Herrn aufgewartet hatten lagerten jetzt narbige
Knechte mit harten Fäusten in Saal und Zimmern die Boten welche aus und
einritten trugen nicht Einladungen zu ritterlichen Stechen sondern Fehdebriefe
oder Klageschreiben an den Speerstangen blitzten scharfe Eisen und statt der
schnellen Turnierpferde stampften derbe Kriegsgäule in den Ställen Oft trauerte
Henner über diese Veränderung und er wunderte sich dass sein Herr unter allem
Widerwärtigen die heitere Fassung nicht verlor Gleich am ersten Tage nachdem
der Hof von Fremden gesäubert war hatte er ihn in die Kammer geführt wo der
gute Godwin gestorben war »Er hielt auf dieser Erde aus bis ich in den Hof
kam ihm die Augen zuzudrücken und er starb als Ritter und Christ mit einem
Segenswunsch für seinen Herrn« Da legte Ivo die Hand auf die Stelle wo das
Haupt des Alten geruht hatte und sprach »Ich gedenke deiner Worte Vater
jetzt ist die Zeit gekommen wo ich als sparsamer Herr um das Meine zu sorgen
habe und ich verspreche dir muss ich Busse zahlen für das sorglose Treiben
meiner Jugend so soll niemand meine Trauer darüber erkennen Ich sorge
Marschalk wir werden fortan nicht um das Lächeln der Herrin unter dem Schilde
reiten und auch Nikolaus wird schwerlich Verse schreiben sondern grobe
lateinische Urkunden Wo weilt der Schüler« Er vernahm dass Nikolaus seit
Godwins Tode den Hof verlassen hatte und unstet in der Gegend umherzog
Ungeduldig erwartete Ivo das Eintreffen des Wandervogels Aber Nikolaus beeilte
sich nicht in das alte Nest zurückzukehren auch nachdem er vernommen hatte
dass sein früherer Liedergesell daheim sei Erst an einem kalten Abend als Ivo
allein bei der knatternden Flamme des Kamins saß vernahm er draußen die
wohlbekannte Stimme welche durch ein Lied Einlass begehrte Seinem warmen Gruß
antwortete Nikolaus in einer gedrückten Weise die dem Dreisten sonst fremd
gewesen war bis er nach den ersten Reden vor den Hausherrn trat und fragte
»Soll zwischen uns beiden auch ferner gelten was wir einst wegen meiner
Wahrhaftigkeit besprochen haben« Und als Ivo antwortete »Es soll« da begann
Nikolaus die Erzählung von seinem Abenteuer in dem Hause der Frau Hedwig und
schloss »Vielleicht wäre ich in der rauen Nacht lieber woanders eingekehrt als
bei Euch aber heut erfuhr ich was mir allerlei Gedanken macht und wohl auch
Euch Jener grobe Mann ist still geworden und das Eisen welches er damals mir
gegen die Kehle zückte hat er mit besserem Recht gegen sich selbst gebraucht
Ein Kaufmann der von Frankfurt über den Main kam erzählte mir neue Mär Man
fand den Unhöflichen in dem Flur seines Hauses auf den Steinen und ein Messer in
seiner Brust und als die Leute näher zusahn war es seine eigene Waffe Doch
vernahm der Kaufmann auch Wunderliches von dem Messer denn der Tote soll es
seit Jahren vermisst haben und man sagt kurz vor seinem Ende sei ihm ein Geist
erschienen habe ihm das Messer zurückgebracht und sein bevorstehendes Ende
angezeigt«
Ivo sank schweigend auf seinen Sitz und Nikolaus fuhr schadenfroh fort
»Wer jetzt eine ritterliche Weise in dem Hause singt wird den Weg zur Herrin
von Riemen und Eisen frei finden«
»Er ist geschwunden und die Herrin ist frei« hallte es in Ivos Seele nach
er stand auf und verließ das Zimmer
Der Mitbruder
Wieder wehte der Mai mit warmem Hauch durch das Land und hing sein grünes Gewand
um die entlaubten Bäume wieder regte sich das frohe Leben auf Heide und Flur
und die Herzen der bekümmerten Menschen erhoben sich in neuer Hoffnung Auch in
dem Edelhofe war der goldene Schein zu erkennen welchen das Sonnenlicht in die
Seelen warf Jedermann schritt stolzer einher wer den ganzen Winter kein Lied
gesungen hatte der summte jetzt die fast vergessene Weise aus den Kammern der
Knechte erklang jeden Abend ein lustiger Rundgesang Lutz der sich wenig über
den Winterfrost gegrämt hatte bürstete viel über Bart und Haar und betrachtete
vergnügt die glänzende Borte welche er seinem Mädchen als Gürtel schenken
wollte Nikolaus war oft über seiner neubesaiteten Laute zu finden und sogar
der Marschalk ehrte die frohe Jahreszeit indem er eigenhändig einen großen Topf
mit Farbe über den Hof trug und den Knechten gebot das Speerholz säuberlich mit
den Wappenfarben des Herrn zu bemalen Ivo blickte wieder von der Galerie herab
auf das kleine Baumgehege an der Mauer und hörte lachend auf den Gruß des
türingischen Finken den er jahrelang nicht vernommen hatte Öfter als sonst
ließ er sein Pferd satteln um nach dem Hofe des alten Bauern zu reiten Denn
dort erwartete ihn ein Weib das er seit der Heimkehr gern als seine Schwester
begrüßte
Aber mit dem Frühling kam auch die Unruhe und Reiselust in das Volk überall
sprachen die Leute von der neuen Kreuzfahrt die den Seelen ebenso heilsam sein
sollte wie die früheren und doch weit weniger mühsam Oft verließ die Dorfjugend
den Anger und das Spiel mit dem bunten Ball um auf die heftigsten Mahnungen
eines braunen Mönches zu hören der auf dem Kirchhofe zur Fahrt in das
Preussenland trieb und dabei von der Fülle guter Dinge berichtete welche dort
für begehrliche Weltkinder zu finden seien Zuweilen zogen auf der Landstraße
wandernde Haufen mit Gesang und Geschrei dem Ostlande zu meist leichtfertiges
und unstetes Volk die ersten Schaumwellen der beginnenden Strömung doch war
auch mancher ehrenwerte Mann darunter und in den Dörfern der Umgegend nannte
man bereits die Namen sesshafter Wirte welche ebenfalls daran dachten sich zu
erheben Stärker als in anderen Jahren arbeitete das Sommerleben in der Natur
und in den Seelen der Menschen der Frühling war spät gekommen aber als heißer
und starker Gebieter Fast plötzlich bedeckte sich der Grund mit Grün und die
Obstbäume mit ihrem weißen Blütenschmuck in unaufhörlichem Wechsel folgten
heißes Tageslicht und befruchtender Regen und wenn der Ackersmann auf die üppig
wuchernde Saat schaute so schüttelte er wohl das Haupt über die unerwartete
Herrlichkeit und sorgte dass der kalte Feind noch einmal zerstörend in das Land
dringen werde
Nach einem warmen Tage trat Ivo auf den Söller seines Hauses Er staunte
über den Wohlgeruch welcher von der Wiese und den Blütenbäumen aufstieg die
Sonne war glühendrot gesunken kein Tropfen Tau hing am Boden und die stille
Luft wurde ihm so schwül dass er sein Gewand aufriß In der Höhe zogen die
Wolken hastig um die Mondsichel unter den kleinen Lichtflocken schoben sich
graue unförmliche Gebilde dahin jedes mit lichten Rändern umsäumt während über
den roten Hügeln und dem Bergwald die schwere schwarze Finsternis lagerte dort
sammelten sich die Gewaltigen der Luft zu einer großen Schlacht und die Kinder
der Erde harrten in bangem Schweigen auf den bevorstehenden Kampf Ivo war den
Tag im Hofe Bernhards gewesen und Friderun hatte zum erstenmal von ihrer Sorge
um den Vater gesprochen von seinem düstern Grübeln und von dem wilden Feuer
mit welchem er ihr und den Nachbarn das erforschte Geheimnis der heiligen Lehre
verkündete »Sie geht still durch Hof und Haus« dachte Ivo »schafft unablässig
für den Vater und sorgt warmherzig um viele andere immer ist ihre Rede mutvoll
aber ihr Lächeln wird traurig ich sorge ihr Herz ist schwer bekümmert und sie
lebt in Erwartung eines Unheils« Lange stand er und sah in die dunkle
Landschaft aus dem Hofe klang ein kriegerisches Lied welches Nikolaus den
Knechten vorsang auf dem Lande lag tiefes Schweigen Der Mond war verschwunden
und dichte Finsternis deckte Himmel und Erde vergebens sah er aus nach einem
Blitz und hätte sich gefreut das Rollen des Donners zu hören Da suchte auch er
mit einem Seufzer sein Lager
Dort warf er sich unruhig umher bis ihm endlich ein bleischwerer Schlaf die
Glieder lähmte Er vernahm nicht dass sich der Wettersturm erhob dass er die
Baumblüten raufte und Äste brach und mit wilden Stößen um das Haus fuhr durch
den Hof fegte und an die Stalltüren schlug bis die Rosse bäumten und die Rinder
in Angst brüllten Die Blitze zerrissen das schwere Wolkendach der ganze Himmel
loderte von Flammen und der Donner krachte und rollte unaufhörlich Henner
sprang auf dem schmalen Steg der von seinem Hofe über den Wallgraben führte zu
den Kammern der Knechte er fand die Männer wach und ermahnte sie auf den Hof
und das Herrenhaus zu achten »Wir Thüringe wissen was ein tüchtiges Wetter
heißt aber solche Wut der Wolken hat noch keiner erlebt denn armesdick fallen
die feurigen Strahlen« Lutz welcher Türme und Wall des Hofes beschritten und
den erschrockenen Torwächter getröstet hatte rief durch das Brausen
»Von den roten Bergen hebt sich ein Feuerschein in den Himmel dort liegt
das Wetter über dem Talkessel mir scheint es versengt den Mühlburgern ihre
Schlafdecken und der Regen bleibt aus der ihnen beim Löschen helfen sollte«
Im ersten Morgengrau öffneten die Männer das Tor und drangen mühsam durch den
tobenden Sturm zu der nächsten Anhöhe dort wiesen sie nach den Höhen und hoben
die Arme Als Henner zu ihnen kam sah er von jeder der drei Burgen welche auf
den Bergen standen eine Flamme und eine Rauchwolke aufsteigen zu dem schwarzen
Himmel aus dem noch immer die Blitze um den missfarbenen Dampf zuckten Da rief
er bekümmert »Dort fährt die Lohe aus den drei Steinringen in denen vorzeiten
das Geschlecht meines Herrn aufgewachsen ist und Herr Ivo schläft Ich war in
seiner Kammer doch ich scheute mich ihn zu wecken«
»Blieb doch unser Hof verschont« tröstete Lutz
»Dennoch darf er nicht liegen während ihm der Himmel diese drei Lichter
angezündet hat« sprach Henner und kämpfte sich zurück nach dem Hofe
Ivo fuhr empor als ihn der Treue am Arm zog er richtete sich auf und hörte
erstaunt auf das Tosen im Freien »Mir träumte so deutlich wie ich Euch vor mir
sehe dass ich auf meinem Lager hingestreckt war meine Hausfrau hielt ich im
Arme ihr Haupt und ihr langes Haar war an meiner Brust und ich fühlte den
Schmerz meiner Wunde Um mich hörte ich Kampfgeschrei über mir flammte das
Hausdach und es knisterten die brennenden Balken Doch war es nicht dieses Haus
Ihr aber Henner sasset abgewandt von mir am Fuß meines Lagers das Schwert in
den Händen Der Donner dröhnte da wecktet Ihr mich Gern wüsste ich was der
Traum bedeutet«
»Saht Ihr Flammen im Traume so mag er Euch eine gute Neuigkeit verkünden«
antwortete Henner ernstaft »Dem andern aber der abgewandt von Euch saß
weissagt er Übles Steht auf Herr denn auch draußen hat das Wetter ein Zeichen
aus den Wolken gesandt das Euer Geschlecht angeht«
Als der Morgen kam sahen die im Hofe ringsum den Schaden der Sturmnacht
geworfene Baumstämme niedergelegte Zäune zerraufte Dächer und am Horizont hier
und da aufsteigende Rauchwolken Noch immer rollte der Donner der Wind trieb
die Wolken in hoher Luft und hinderte den Regen Ivo stieg von dem alten Turme
herab und winkte dem Schüler »Es brennt in der Richtung von Friemar wirf dich
auf den Gaul frage wie es um den Hof des Alten steht« Nikolaus sattelte
willig sein Rösslein und trabte aus dem Hofe während sein Schülermantel wie ein
schwarzes Segel über den Kopf flog
Die Sonne stieg höher es sauste und pfiff in der Luft und jedem war als
sei das ungeheure Wetter nicht zu Ende da klang der Hornruf des Türmers
welcher das Nahen Bewaffneter anzeigte Gleich darauf jagten fremde Reiter
heran und Lutz der über dem Tore stand erkannte mit Staunen die Turbane und
Rüstungen maurischer Leibwachen Er rief alter Genossenschaft eingedenk den
Ungläubigen von der Zinne arabischen Gruß entgegen und empfing die Botschaft
eines reichgeschmückten Knaben der zwischen den Bewaffneten hervorritt und
meldete die Herzogin Hedwig von Staufen erbitte auf ihrem Wege nach Erfurt die
Gastfreundschaft des Hofes
Atemlos trug Lutz seinem Herrn die Nachricht zu Ivo empfing sie schweigend
das Blut schoss ihm zum Herzen und übergoss gleich darauf seine Wangen mit dunkler
Röte »Bereitet Euch sie zu empfangen« rief er sich umwendend entließ den
Boten und sprang auf das Tor um dem Flüchtigen nachzusehen ganz betäubt durch
die große Erwartung Henner kam eilfertig heran »Der Hof ist übel für den
Besuch einer Fürstin vorbereitet darf ich Frau Jutte rufen damit sie der
erlauchten Frau zu Diensten sei« Ivo wehrte »Treibt Eure Hausfrau nicht in ihr
Festgewand ich denke die Herrin wird Nachsicht in einem Reiterhaushalt üben«
Ein glänzender Zug stob heran Schleier und bunte Gewänder wehten im Winde
Henner erkannte Frau Wendelmut und den Krämer Volko und hinter den maurischen
Kriegern auch beladene Saumtiere Ivo trat der Herrin auf der Brücke entgegen
und als er das Knie beugte lachte ihn Hedwig von ihrem Rosse herzlich an »Wir
suchen bei dem ritterlichen Herrn Schutz gegen die wilden Wetter des Landes
nehmt gütig die Zudringlichen auf und bietet uns Willkommen wie alten Freunden«
Ivo stand unter den strahlenden Augen des schönen Weibes und aufs neue
umfing ihn der Zauber »Nehmt vorlieb der Wirt war lange in der Fremde und der
Hof ist verwüstet« rief er indem die helle Freude sein Antlitz verklärte Er
selbst führte ihr Ross am Zügel in den Hof und als er zur Seite trat um sie
herabzuheben griff sie lachend in sein langes Haar und hielt sich daran
während sie zu Boden glitt Als er sie in das Haus führte warf sie einen
schnellen Blick umher und sprach halb zu dem Gefolge »Nicht lange denken wir
Euch zu belästigen und da dem Hause die Herrin fehlt so bitte ich gestattet
meinen Frauen dass sie mein Reisegerät in der edlen Herberge ausbreiten« Ivo
wies für das Gefolge auf die Hallen des Unterstocks und führte Frau Hedwig
hinauf in seine Behausung den einzigen wohnlichen Raum seit der Rückkehr »Ich
merke wohl dass ich Euch nichts bieten kann als meine Freude« sagte er
entschuldigend
»Hier ist Euer Heimwesen Nirgend will ich lieber weilen« antwortete
Hedwig »Ich sehe die Rüstungen an der Wand die Harfe und hier einen Söller
den ich kannte bevor ich ihn sah« Sie winkte der stummen Dienerin das Mädchen
flog hinab im nächsten Augenblick wurden umhüllte Ballen herzugetragen und die
Kammern und das Gemach mit Polstern und Teppichen belegt Wieder ein Wink der
Herrin und die Diener verschwanden Hedwig stand Ivo allein gegenüber Sie sah
ihn innig an und hielt ihm die Hand entgegen »Da hast du das Käuzlein« sprach
sie mit zuckenden Lippen Hingerissen von der holden Mahnung senkte Ivo in
tiefer Bewegung das Knie
Leise berührte sie ihm das Haupt »Steht auf Ivo uns beide hat die Zeit
verwandelt und der Scherz des jugendlichen Frauendienstes mag uns nicht mehr
geziemen Kommt setzt Euch zu mir und lasst uns beide wissen wie jetzt die alte
Liederweise in unsern Herzen klingt Heut ist der Tag wo ich mein Trauergewand
abgetan habe dieser Tag sollte dem Manne gehören der mir vor anderen vertraut
war«
»Liebe Herrin« rief Ivo
»Still Geselle« mahnte sie »lass mich bedächtig reden Es ist lange her
seit ich dich als fahrenden Helden bei der Burg meines Vaters entdeckte wie du
am Quell lagst und schliefst Der erse Kuss den ich einem Manne gab haftet an
deinen Lippen das kann ich nicht vergessen Ivo Uns beiden ist dadurch das
Leben schwer geworden Der Kaiser zwang mich einem verhassten Manne zu folgen
und ich habe die traurige Kunst der Frauen geübt mich zu verstellen und zu
lachen während ich in meiner Seele Bitterkeit fühlte Du aber hast als ich dir
entfremdet wurde treu zu mir gehalten du weißt nicht wie oft der Gedanke an
deinen demütigen Dienst mein einziges Glück war an dem ich mich aufgerichtet
habe indem ich unter den Argen lebte Aber dir und mir hat unsere Liebe zuletzt
Not gebracht und scharfes Eisen hat in das Band geschnitten welches zwischen
uns geschlungen war Ich bin hier um zu prüfen ob das alte Bündnis noch dich
und mich zusammenhält«
Ivo wusste nicht dass sie in derselben Stunde in der sie die Kunde von
seinem Leben erhielt einen andern dem Arm des Rächers preisgegeben hatte aber
ihm fiel aufs Herz dass eine wahrhafte Magd in der Nähe mit Unwillen an die List
dachte durch welche sie damals zur Zeugin gemacht worden war Und der Gedanke
an Friderun hing sich wie ein Reif an die Freuden seiner Mailiebe Darum
erwiderte er mit Haltung »Beide hatten wir einem Fremden Anrecht gegeben
unsere Liebe zu hassen dass er die Rache nehmen würde in seiner Weise haben wir
erwartet und wir mussten die Rache ertragen«
Hedwig ahnte dass ihr Falke anders flog als sie wollte und sie fragte sich
in der Stille angstvoll ob er alles wisse und ob er ihr deshalb zürne Aber als
sie Ivos Blick unsicher und fragend auf sich gerichtet fand erhob sie stolz das
Haupt »Jetzt sind wir beide frei Wisse Ivo ich war seitdem bei dem Kaiser
Er nannte deinen Namen nicht als er von meiner Zukunft sprach aber gleich
darauf begann er in großer Güte von dir zu reden dass er dir das Beste gönne und
dass er dir Hohes gewähren würde Und er sagte Ich vernahm dass ihm sein Haus
zerrüttet ist weil er in meinem Dienst überlange verweilt wurde mir wäre ganz
recht wenn eine Frauenhand ihn dieser lästigen Sorge entöbe« Frau Hedwig sah
auf ihre eigene Hand als sie fortfuhr »Sieh zu Ivo ob du eine solche Hand
findest«
Das waren ruhige Worte aber sie regten in der Seele des Mannes einen wilden
Sturm von Gedanken auf Hier ein enges Leben gefüllt mit Demütigungen und einem
endlosen Streit gegen widerwärtige Nachbarn an ihrer Seite Reichtum und Glanz
des Kaiserhofes Herrschaft und Kriegsruhm Er atmete tief als er wie im Scherz
antwortete »Wir loben den Heldenmut des Mannes nicht der sich durch ein Weib
aus der Bedrängnis retten lässt Ist die Mitgift der Hausfrau zu groß und die
Morgengabe des Gatten zu gering wie kann der Wirt die Herrschaft im Hause
bewahren«
»Denke stolzer von dir Ivo du selbst rühmtest einst in meiner Gegenwart
gegen den Landgrafen die Hoheit deiner Ahnen Wisse Held dies Geschlecht der
Landgrafen ist dem Kaiser verleidet und wenig Gutes erwartet er in Zukunft von
ihm vielleicht ist der Tag nicht fern wo er sogar gegen sie rüstet Wer ihm
das Heer führt und die stolzen Häupter dieser Herren wirft der mag selbst in
ihrem Stuhle niedersitzen« Das sprach sie in tiefem Ernste Ivo wusste recht
wohl dass es nicht eitle Worte waren und in seinem Auge blitzte der alte Stolz
seines Hauses Doch während sich Hedwig über die Glut freute die sie in ihm
entzündet hatte fühlte sie den festen Druck seiner Hand und vernahm die
traurigen Worte
»Lade nicht die Gewaltigen der Welt zu Bundesgenossen unseres Glückes Aus
Herrschsucht und Ehrgeiz darf ich dein Gemahl nicht werden von solchem Elend
hast du zur Genüge gekostet Nur wenn wir beide uns im Herzen vertrauen und
wenn du in treuer Liebe zu mir stehen kannst wie es mir auch in meinem Leben
gelinge nur dann sollst du dich zu mir neigen wie einst Rühmte der Kaiser
gegen dich meine Treue so sage ich dir ich ehre in Demut den großen Geist des
Herrn aber ich vermag ihm nicht zu folgen in seinen Gedanken und nicht auf
seinen Wegen Einfach bin ich in Sinn und Sitte Wie enge und klein das Leben
ist in dem ich aufwuchs habe ich in der Fremde völlig erkannt Dennoch will
ich die heimische Art nicht von mir abtun redlich will ich bleiben in Liebe und
Hass die gewundenen Gedanken und die kalte List des Kaisers Friedrich kann ich
nicht loben und ich will keinen Teil daran haben Frei gedenke ich zu leben
nach meinem Gewissen auch gegenüber seinem Willen Und darum sage ich dir
Diener und Werkzeug der Hohenstaufen wird der Mann nicht welcher sich einst im
Mairitt vor dir berühmte ein Nachkomme des alten Helden Ingram zu sein«
Hedwig trat abgewandt auf den Söller und blickte nach den geballten Wolken
»Du zürnst Herrin« fuhr Ivo traurig fort »merke wohl heut schaust du das
Gewand deines Kauzes beim Tageslicht da erscheint es dir weit anders als sonst
im Dämmerscheine und ganz ins Fahle und Schmucklose gewandelt Halte mich darum
nicht für unsinnig wie die Tagesvögel mit dem Käuzlein tun Dort an der Seite
siehst du den alten Turm die einzige Erinnerung an meine Vorfahren er ist
zerrissen und geflickt ein guter Aufenthalt für Nachtvögel nicht lange und er
sinkt in Trümmer Aber solange sein Haupt gegen die Berge ragt bewahre ich mir
den Stolz ein kleiner Herr zu sein und nicht ein mächtiger Diener«
Hedwig wandte sich zu ihm und lachte so zutraulich und herzlich war ihr
Lachen dass auch er nicht ganz ernstaft blieb »Wir sind beide kindisch dass
wir in der ersten Stunde des Wiedersehens vom Kaiser und von den Vätern reden
statt von uns beiden Ivo geliebter Mann ahnst du nicht was ich dir bringe
Es ist die Erfüllung des Versprechens das wir als Frau und Ritter einander
gaben sieh her« Sie öffnete die Tür des kleinen Gemaches in welchem die
stumme Dienerin geschäftig gewesen war über das Lager welches sonst dem
Hausherrn diente war ein großer Hermelinmantel gebreitet und dabei lag die
Speerbeute des Mairittes die wallende Kappe welche aus Wappenzeichen
zusammengenäht war Hedwig warf die Kappe um ihre Schulter »So komme ich zu
dir mein Ritter wie ich dir verhieß Gabe um Gabe du gewannst mir den Mantel
ich bringe dir die Frau« Sie warf sich in seine Arme und drückte ihn fest an
sich Die heißen Küsse des Mannes schlossen ihr den Mund
Ivo hörte nicht den Hufschlag des Pferdes und nicht die Menschenstimme
welche ihn aus der Ferne ängstlich anrief Gleich darauf lärmte es im Hause und
pochte wild an die Tür und der Schüler rief »Zu Hilfe Herr Ivo«
Als Ivo öffnete stand Nikolaus ganz außer sich mit schlotternden Gliedern
vor ihm »Friderun und ihr Vater sind gebunden der Teufel Dorso führt sie wegen
Ketzerei nach Erfurt Rettet sie« schrie er die Hände ringend »sie werden zum
Holzstoss getrieben«
Ivo starrte wie einer der aus dem Traume erwacht
»Die Magd sprang in die Flamme« murmelte er und fragte nach dem Harnisch
an der Wand greifend »Welchen Weg ziehen sie«
»Die Straße jenseits der Nesse der Alte ist verwundet beide sind auf einen
Karren gesetzt Seitdem ist fast eine Stunde vergangen obwohl ich mit dem Winde
ritt«
»Rufe den Hof zu Pferde« Nikolaus flog die Treppe hinab gleich darauf
klang der Ton eines Hornes über den Hof »Verzeiht Herrin« sprach Ivo tonlos
»wenn ich Euch verlasse gröblich fehle ich gegen die Pflichten eines Wirtes«
und er warf sich das Eisenhemd über
Hedwig stand bleich wie er selbst »Ist jene um deren Rettung Ihr reiten
wollt die Magd welche für Euch zum Kaiser ging«
»Sie ist es« antwortete Ivo über seiner Arbeit »Ihr wisst ich bin ihr Dank
schuldig«
»Sendet Eure Dienstmannen mit meinen Speerreitern« rief Hedwig ihn am Arme
haltend »Nur Ihr verlasst mich nicht in dieser Stunde«
»Die Hilfe der Heiden welche einen Mönch angreifen würde das Verderben der
Gebundenen vollenden Verzeiht mir ich bitte« wiederholte er »unhöflich
handelt der Hausherr welcher den Gast allein lässt«
»Nicht deinen Gast kränkst du wenn du jetzt von mir scheidest sondern ein
Weib welches die Liebe im Herzen zu dir kam«
»Auch Ihr könntet mich nicht lieben und nicht ehren wenn ich treulos
handelte gegen meine Freunde«
Und wieder fasste Hedwig ihn am Arm und rief mit blitzenden Augen »Willst du
der Nichte des Kaisers Schimpf antun in deinem eigenen Hause um die Bauerndirne
zu retten«
»Ich gehe die zu retten welche in Not ist« antwortete er sein Schwert
umgürtend »Übt Großmut Hedwig und entlasst mich ohne Vorwurf«
Sie aber hielt ihm den Arm fest »Ivo ich kenne den Priester Konrad dem es
eine wilde Lust ist der büssenden Landgräfin den nackten Rücken zu peitschen Du
selbst wirfst dich wenn du gehst in Todesnot aus welcher keine Erdenmacht
dich erlöst«
»Das ist wohl möglich« antwortete Ivo zerstreut und suchte in seinen
Waffen »Meister Konrad versteht zu hassen«
Hedwig trat zurück und neigte ihr Haupt über die Harfe sie fuhr mit den
Fingern heftig durch die Saiten die Weise des Herrn Ivo spielend immer
schneller und stürmischer wurden die Griffe bis die Saiten mit schrillem Misston
zerrissen da fuhr sie auf und starrte nach ihm und als er den Helm ergriff und
die bergende Eisenhülle über sein Haupt legte fasste sie das Saitenspiel und
schleuderte es in wildem Schwunge vor seine Füße dass es klirrend zerbrach Sie
aber warf sich auf das Lager und verhüllte das Haupt Ivo sprang aus der Tür Im
nächsten Augenblicke dröhnte Hufschlag der Davonreitenden auf der Brücke
Als Nikolaus am Morgen nach scharfem Ritt in das Dorf gekommen war hatte er
keinen Wetterbrand gefunden aber eine aufgeregte Gemeinde Schon in der Ferne
vernahm er zu ungewohnter Stunde unablässiges Glockengeläut und bei der Kirche
hörte er predigen und erkannte die misstönende Stimme des Mönches Dorso Dieser
stand über der Kirchhofsmauer umgeben von seinen Handlangern und von fremden
Landläufern welche mit dem roten Kreuz gezeichnet waren und las einen Brief
vor in welchem Kaiser und König geboten die Ketzer welche Meister Konrad
verklagen würde in weltlichem Gericht abzuurteilen damit sie an Leib und Leben
gestraft würden Und der Mönch rief »Hier stehe ich in heiligem Amte um die
Böcke von den frommen Schafen zu scheiden und die Ruchlosen zum Holzstoss zu
führen Hohen Preis hat der Heilige Vater für die Treuen gesetzt welche einen
Irrgläubigen den sie etwa kennen anzeigen denn Habe und Gut soll dem Untreuen
genommen und den Treuen zugeteilt werden Haus und Hof des Ketzers werden den
eifrigen Kindern Gottes preisgegeben damit sie sich daraus auch irdischen Lohn
holen für ihre Frömmigkeit« Und das Holzkreuz schwenkend schrie er »Darum
weise ich das Kreuz und lade die frommen Zeugen zum ersten zweiten und dritten
Male vor mein Angesicht scheuen sie sich laut zu rufen so mögen sie mir ihren
Argwohn leise anvertrauen denn dazu bin ich hier«
Da erhob sich unter den Wirten welche umherstanden ein unwilliges Gemurr
und aus dem Haufen trat ein alter Mann mit weißem Haar und festen Zügen und
sprach mit lauter Stimme
»Wir aber halten Eure Verkündigung für ungerecht denn leichtfertige Angeber
und falsche Zeugen lockt Ihr durch wilden Preis und jeden Herrn über Haus und
Hof liefert Ihr in die Macht habgieriger Bösewichte Wir Alten im Dorfe wollen
uns wahren gegen so freche Forderung und wir raten Euch Euer Holzkreuz wieder
auf die Schulter zu nehmen und abzuziehen aus unserer Flur«
»Halloh« rief der Mönch erstaunt »ich höre der schwarze Höllenmohr hat
sich einen weisshaarigen Knappen geworben Hast du nicht die Briefe gehört
Willst du es wagen den Geboten des Heiligen Vaters und des Kaisers zu
widerstehen Missfällt dir ihr Inhalt so gibst du deine eigene Bosheit zu
erkennen und ich will sogleich mit dir den Anfang machen und forschen wie es
mit deinem Glauben bestellt ist«
Da drang ein Weib durch den Haufen und Friderun fasste flehend den Arm des
Vaters »Antwortet ihm nicht Vater und kehrt dem Wilden den Rücken« Aber der
Alte schüttelte sie heftig ab »Meinst du ich werde schweigen wo es gilt die
Wahrheit zu bekennen und die teure Offenbarung« und er warf dem Mönch entgegen
»An die kaiserlichen Briefe glauben wir nicht denn wir wissen besser wie unser
Herr und Kaiser gegen uns Landleute gesinnt ist An der Aufforderung des Papstes
aber welchen Ihr den Heiligen Vater nennt erkennen wir dass sie hohem Zeugnis
der Schrift widerstrebt«
»Er lästert die Ordnung der hohen Apostel« schrie der Mönch zu seinem
Haufen gewandt »er bestreitet die Gewalt der heiligen Kirche« und sein Gefolge
heulte ihm die Worte nach »Ein gottverdammter Ketzer bist du Schriftgelehrter
im Bauernrocke und du selbst hast dir das Urteil gesprochen Werft euch auf ihn
und fasst mir den Schurken«
Über die Kirchhofsmauer sprang der wütende Haufe gegen den Alten ein um ihn
sammelte sich ein Teil der Dorfleute und in wildem Tumulte blitzten die Waffen
der Mönch aber erhob sich auf der Mauer streckte sein Kreuz in die Höhe und
warnte mit dröhnender Stimme »Verflucht sei wer die Hand für ihn hebt er ist
gezeichnet und verdammt weicht zurück ihr Christenleute flieht vor dem Kerker
auf Erden und vor dem Höllenfeuer«
Da wichen die Leute bleich und entsetzt zurück auch die Alten des Dorfes
standen finster zur Seite und mancher schlich sich nach seinem Hause Bernhard
aber warf sein Schwert auf den Boden und rief »Der Tag ist gekommen Zeugnis zu
geben fürchtet euch nicht vor denen die den Leib töten denn die Seele
vermögen sie nicht zu töten Hier stehe ich als ein Bekenner des Herrn Trotz zu
bieten den Pfaffen und Pharisäern welche uns die Herrlichkeit der Gotteslehre
verderben«
»Hört ihr den Empörer prahlen« schalt der Mönch aufs neue »Packt ihn und
bereitet ihn für das Gericht« Die Schar strömte gegen ihn ein roher Gesell
führte mit dem Hebebaum den ersten Schlag dass der Alte in der tobenden Menge zu
Boden sank Über ihn warf sich die Tochter um die Streiche mit ihrem Leibe
aufzufangen beide wurden emporgerissen und gebunden nach ihrem Hofe gezogen
Nikolaus sah noch wie das Gesindel raublustig in Ställe und Kammern drang und
wie der Mönch die Gebundenen auf einen Karren des Hofes heben ließ und mit einem
Teil seiner Begleiter in der Richtung nach Erfurt abzog Dann jagte der Schüler
fast besinnungslos vor Angst und Grauen dem Edelhofe zu
Als Dorso mit seinen Gefangenen in die Nähe von Erfurt kam merkte er dass
jenseit der Brücke welche über den Nessebach führte ein Trupp Bewaffneter den
Weg sperrte Er ritt vor hob das Kreuz und rief von seinem Esel »Als Beamter
des hochwürdigen Meisters Konrad reise ich öffnet die Straße« Aber die Hand
eines Gehelmten fiel schwer auf seinen Arm und hielt ihn mit seinem Tiere fest
wie sehr er sich sträubte und schrie während die übrigen Reiter schweigend um
den Karren rückten das andringende Gesindel mit den Speerstangen abtrieben und
die Pferde des Karrens in einen Seitenweg südwärts lenkten Auf einen Ruf des
Anführers fuhr der Karren umschlossen von den Reitern in schnellem Lauf von
dannen Der Anführer welcher bis dahin den wütenden Mönch mit eisernem Griff
gehalten hatte sprengte nach und durchschnitt mit dem Dolche die Riemen der
Gebundenen
Als Ivo mit dem Karren am Edelhofe ankam fand er den Marschalk seiner
wartend »Kalt war der Abschied der hohen Gäste« meldete dieser bekümmert »im
Sturme sind sie gekommen und verstoben Dafür Herr werden sich jetzt andere
Gäste in Kutten einfinden welche uns fester um den Hals fassen«
»Vielleicht vermögen wir jene dort noch in die Berge zu retten Wir kennen
manches Versteck« sprach Ivo leise
»Der Mönch ist nicht nach Erfurt gelaufen wie ich hoffte« wandte Lutz ein
»die ganze Meute trabt hinter uns her und wir werden sie in kurzem am Tore
hören Auf unsere Knechte ist kein Verlass Herr sie stutzten und redeten leise
miteinander«
»Wer kann sie darum schelten« sagte Ivo mit kaltem Lächeln »Die Verfolgten
bergen wir in dem Gewölbe des alten Turmes die Leute unseres Dorfes entbieten
wir nicht zur Verteidigung der Mauern denn auch diese würden uns versagen
Unterdessen besetzt die Türme mit Wachen hebt die Brücke und sperrt das Tor«
Die Brücke stieg auf kurz darauf klang von der Landstraße Gesang der
Wallfahrer eine raue Stimme sang vor und die andern wiederholten die Worte
Dorso ritt auf seinem Esel gegen die Zugbrücke und schrie über den Graben »Wer
mit Irrgläubigen Gemeinschaft hält wer den Verdammten Obdach gewährt Speise
und Trank und wer eine Hand hebt für ihre Verteidigung der wird teilhaftig
ihrer Missetat und teilhaftig der irdischen und der ewigen Flammen Gebt heraus
ihr groben Burgleute die ihr mir entführt habt«
»Ihr seid ein unverschämter Narr« sprach Henner zurück
»Vernehmt die lustigen Worte des Abtrünnigen« rief der Mönch zu seinem
Haufen »verflucht sei dies Ketzernest und preisgegeben euren Fäusten« Ein
gellendes Geschrei antwortete Der Mönch ritt zurück lud seinen Haufen
zusammen und Henner erwartete einen Anlauf Aber nichts dergleichen wurde
versucht der Schwarm teilte sich wieder ein Teil zog in das Dorf andere
bewachten in einiger Entfernung das Tor noch andere drangen oberhalb durch den
Bach und stellten sich dort als Wächter auf
Unterdes war Friderun im Gewölbe des Turmes um den verwundeten Vater bemüht
welcher nach dem furchtbaren Schlage auf das Haupt lange in Betäubung gelegen
hatte jetzt aber in wilde und wirre Reden ausbrach sie sah wie dem Schüler
der ihr zu helfen bemüht war die Hände in der Angst flogen und sprach gefasst
»Längst habe ich einen solchen Tag in der Stille gefürchtet ich weiß dass wir
dem Tode geweiht sind und dass auch Herr Ivo uns nicht davor bewahren wird Aber
weshalb wollt Ihr Euch dem Mönche in die Hand geben Vielleicht könnt Ihr Euch
noch retten Entflieht auch um unsertwillen« Sie holte aus ihrem Gewande ein
kleines schwarzes Kreuz welches in geschlossener Hand zu bergen war »Eilt nach
Erfurt Nikolaus zum Hause der deutschen Brüder gebt dies dem ersten Bruder
ab den Ihr dort findet und sagt ihm wir senden dies und der Vater liege hier
in Not Vermögen die Brüder auch nicht uns das Leben zu retten lieber wollen
wir in ihrer Haft vergehen als unter den Händen des wütenden Mönches«
Nikolaus nahm das Dargebotene und lief dem Stege zu der nach dem Hofe des
Marschalks führte gerade als Lutz im Begriff war den Steg zu heben sprang er
hinüber wand sich unbemerkt hinter dem Dorfe herum und rannte der Stadt zu
Es war still geworden im Hofe und draußen nur der Wind heulte und in der
Höhe flogen die Wolken Ivo trat zu Friderun und als er ihr liebevoll Trost
zusprechen wollte antwortete sie mit verklärtem Blick »Ihr habt an uns
gehandelt wie Eurer würdig ist ich klage auch nicht um Eure Gefahr ich flehe
zu unserm Vater im Himmel dass er mich annehme als Opfer und Euch errette«
So verrann Stunde auf Stunde bis die Sonne sich zum Abend neigte
Ivo stand bei Henner auf dem Torturm »Sie haben sich Hilfe geladen und
wollen wie Krieger uns belagern Verstehen wir sie bis zur Nacht hinzuhalten
so kann uns wohl gelingen über sie hinwegzureiten«
»Der Mönch kennt sein Handwerk« versetzte Henner und wies auf den Weg der
von der Mühlburg heranführte »Seht dort Gewappnete sie nahen schwerlich um
Euch das Gesindlein zu verscheuchen« Lutz kam eilig herzu »Von Gota zieht ein
Haufe Kreuzfahrer heran ich vernahm das Lied der Wallenden der Mönch ritt
ihnen entgegen«
»Was bringst du Martin« fragte Ivo einen handfesten Knecht welcher das
geworbene Gesinde im Hofe anführte
»Herr« begann der Kriegsmann bekümmert »meine Kumpane im Hofe weigern sich
zu fechten sie sagen ihr Eid verpflichte sie nur gegen Eure irdischen Feinde
das Eisen zu heben nicht aber gegen die Heiligen des Himmels«
»Und was wollen sie tun um den Heiligen zu gefallen«
»Sie gedenken nichts gegen Euer Haupt zu wagen aber sie werden sich abseit
halten in ihren Kammern und sobald der Hof geöffnet wird davonziehen«
»Sage ihnen sie mögen handeln nach ihrem Gewissen« versetzte Ivo
Als der Mann kummervoll die Treppe hinabstieg sprach Ivo »Wir sind allein
ihr Herren« und beiden die Hände reichend fuhr er mit stolzem Lächeln fort
»Es ist nicht nötig dass wir alle drei bei dem alten Turm die Totenwache halten
Ihr seid jung Ludwig und Ihr Henner habt Weib und Kind«
»Wir aber dachten nicht dass unser Herr uns jemals den Dienst aufkündigen
würde« antwortete Henner gekränkt »Wir sind nicht auf Zeit gedungen Herr Ivo
sondern unsere Ehre ist wenn wir nicht mehr auf Erden Euch begleiten können
Eurer lieben Seele nachzufolgen wohin der große Gott sie fahren lässt Dort
hebt sich das Banner des Landgrafen in der Faust eines Mühlburgers Der
Bannerträger blickt nach dem Raben unseres Hofes umher denn er hat von je seine
Freude an dem schwarzen Vogel gehabt«
Von der andern Seite des Grabens rief eine befehlende Stimme »Im Namen des
Landgrafen öffnet das Tor«
»Wie kommts dass Ihr unter dem fremden Wappentier reitet Ritter Konz«
fragte Henner von der Zinne »Scheut Ihr Euch unter Eurem Raben dahinzufahren
weil er den Schwanz gegen Euch hebt«
Den höhnenden Worten folgte helles Geschrei der Mühlburger die anderen
Haufen antworteten und im Getümmel breiteten sich die Angreifer gegen den
Grabenrand
»Sie wissen dass es uns an Händen fehlt sie abzutreiben« sprach Ivo »Zu
unserer Feste ihr Herren«
Die Bedrängten eilten nach dem alten Turme ihrer letzten Zuflucht »Ich
rate den Steg nicht zu werfen« sprach Henner »damit den ritterlichen Feinden
der Anlauf leichter werde« Und er stellte sich mit Schild und Schwert am
Grabenrande auf Sie vernahmen das Geschrei und Brausen der Menge welche von
allen Seiten mit Balken und Dachleitern gegen Tor und Mauer anlief Nicht lange
und sie sahen hier und da Bewaffnete über die Mauer springen hörten das Klirren
der Ketten und das Dröhnen der geöffneten Brücke In hellen Haufen drangen die
Belagerer über den Hof ein Teil rannte nach Haus und Stall Beute zu holen der
größere Schwarm zog sich zu dem Turme voran Ritter Konz der vom Pferde
gesprungen war und in wildem Mute den Schild erhebend gegen den Steg lief Als
Henner den Verhassten im Ansprunge sah vermochte er sich nicht zurückzuhalten
er stürmte ihm über die Bretter entgegen und die beiden Starken schlugen
aufeinander Aber dem Marschalk war kein ritterlicher Kampf gestattet die
Knechte des Mühlburgers stachen mit ihren Speeren gegen ihn und während er sich
ihrer erwehrte traf ein Schwertschlag des Ritters seine Schulter dass er
blutend zurücksank Konz schrie freudig auf doch es war sein letzter Ruf denn
in demselben Augenblick fuhr ein mächtiger Pfeil des Stellbogens ihm durch
Harnisch und Brust er stöhnte und fiel Während die Mühlburger erschrocken zu
ihm liefen sprang Lutz vor hob seinen Gesellen und half ihm über den Steg
Dann riss er das Brett welches auf dem jenseitigen Grabenrande ruhte zurück
und einen neuen Pfeil auf den Stellbogen legend drohte er »Heran wer die
zweite Gabe begehrt«
Von der Landstraße ritt ein Geistlicher begleitet von Dorso und einem
andern Mönche in den Hof Es war Meister Konrad selbst »Tretet zurück« gebot
er den Haufen »damit nicht ohne Not das Leben frommer Christen gefährdet werde
Euch aber der Ihr Herr dieses Hofes seid mahne ich noch einmal dass Ihr den
ruchlosen Widerstand aufgebt gegen das Gesetz des Himmels und der Menschen und
dass Ihr Euren Leib überantwortet dem irdischen Richter damit die Fürbitte der
Heiligen Eure Seele errette aus der ewigen Verdammnis«
Vom Turme her antwortete Ivo »Vergeblich ist Eure Ladung Ihr stolzer
Priester die hier versammelt sind vertrauen einem barmherzigeren Richter als
Ihr seid«
Der Meister erhob die Hand Die Mönche begannen ein Busslied zu welchem die
anderen das Kyrie eleison schrien und die Haufen strömten von allen Seiten
gegen den Graben schichteten Holzscheite trugen Balken und schossen mit
Brandpfeilen nach den Fensteröffnungen des Turmes In dem Turmgewölbe war Ivo
mit Friderun um die Wunde Henners beschäftigt nur Lutz kniete gedeckt von
seinem Schilde draußen am Standbogen und wartete auf die Gelegenheit um an
einem Verhassten die letzte Rache zu nehmen
Eine Dampfwolke brach aus dem Luftloch des Turmes Brennendes Werg und Teer
die um einen Pfeil gewickelt waren hatten in dem Raume gezündet wo den Rossen
für einen Fall der Not das Heu geschichtet war Mit den Windstössen wogte der
Dampf um die Mauern und umhüllte den Fuß des Turmes Ein wildes Freudengeschrei
erscholl aus dem Haufen
Da schmetterte von draußen eine Posaune Über die Brücke ritten vier Brüder
vom deutschen Hause mit ihren Knechten und Bruder Arnfried von der Naumburg
rief über die Menge »Wo weilt der Herr des Hofes damit wir ihn grüßen und
fragen«
Meister Konrad antwortete »Er birgt sich im Turme verstrickt in dem
Dampfe den fromme Christen ihm entzündet Was führt euch her ihr Brüder«
Arnfried versetzte »Einer der die Heimlichkeit des Ordens weiß liegt hier
in Not und sandte uns sein Zeichen«
»Die dort liegen sind Verbrecher an der heiligen Kirche und Verächter des
Landesherrn die Boten des Landgrafen und meine Schergen begehren ihren Leib
und ich vertraue die frommen Brüder deines Hauses werden uns nicht hindern«
»Du weißt wir gehen in Frieden unsern Weg und üben unsere Werke Wir
hindern dich nicht in deinem Recht wir suchen nur das unsere wir kommen weil
wir gerufen sind und wir begehren nur was uns gehört«
»Einen Alten und ein Weib die meinen Boten höhnend trotzten und ruchlose
Ketzerei ausschrien hat der Mönch gefasst für mein Gericht beide gehören mir«
»Ist der Alte mit dem Weibe ein Zugewandter unserer Bruderschaft und finden
deine Späher Irrglauben in ihm so soll ihn ein frommer Priesterbruder unseres
Ordens belehren und wenn er der Belehrung widersteht so straft und richtet ihn
die Bruderschaft nicht du nicht der Landgraf auch nicht der Kaiser Erst wenn
er sich unserer Strafe versagt und aus dem Orden scheidet magst du ihn nehmen
und mit ihm tun was deines Amtes ist« Und er ritt vor gegen den Turm Da
sprang der Mönch Dorso wütend aus dem Haufen und schrie »Hinweg wagt es nicht
das brennende Ketzernest zu betreten denn verdammt sind alle die dort im
Qualme hausen«
»Ob die Flamme lodert ob der üble Teufel im Wirbel fährt wir reiten wohin
uns die Pflicht führt« versetzte Arfried und an den Grabenrand sprengend rief
er hinüber »Ist ein Christenmann dort drinnen so öffne er den Weg Die
Jungfrau mit dem Kinde begehrt Einlass«
Ivo trat aus dem Turme und grüßte den Bruder
»Nicht freiwillig drangen wir in Euren Hof edler Ivo« sagte Arnfried »wir
kommen Euch nicht zu Hilfe und nicht zu Leide nur Eure Gäste holen wir weil
sie sich das begehren«
»Nehmt sie und seid gesegnet für Eure gute Tat« sprach Ivo dagegen Lutz
hatte behend die Bretter des Steges zusammengefügt er hob mit Ivo den alten
Bernhard vom Boden trug ihn über den Graben und legte ihn vor die Rosse des
Bärtigen Friderun folgte Die Ritter traten zurück an den Turm Bruder
Arnfried der Sarazene stieg ab und schloss den Alten in seine Arme
Da rief Meister Konrad unwillig »Du hast genommen Arnfried was deiner
Bruderschaft gehört jetzt fordere ich weiche von jenem anderen der mir
gehört«
Friderun warf sich vor dem Rosse Arnfrieds nieder »Rettet ihn ehrwürdiger
Bruder nur weil er meinen Vater und mich dem rasenden Haufen entriss hat der
böse Mönch die Menge gegen ihn gehetzt«
»Verteidige ihn nicht« antwortete Arnfried traurig »ich bin nicht Kläger
und Richter über Unglauben aber jene sind die Kläger und sie üben ihr heißes
Recht ein freier Mann ist Herr Ivo und frei hat er sich sein Schicksal gewählt
Wir aber vermögen nur den zu schützen der zu uns gehört« Und er sprach über
den Graben »Habt Ihr edler Ivo mir noch etwas zu sagen was man einem
wohlmeinenden Manne vor dem letzten Scheiden anvertraut so sprecht«
»Sorgt mit der Treue die ich an Euch kenne für die Magd die dort vor
Euren Füßen liegt«
Da ritt Meister Konrad aufs neue heran und begann »Wieder bitte ich dich
Arnfried dass du nicht freundlich zu dem Schuldigen redest der gegen meine
Rechte gefrevelt hat denn du irrst mir die Menge und minderst das Ansehen meines
heiligen Amtes«
»Ich ehre und scheue dein schweres Amt Konrad wie dem frommen Christen
gebührt Aber denke auch dass jener dort in unseren Augen nichts Arges tat als
er deinen Schergen die entzog welche nicht vor dein Gericht gehörten sondern
vor das unsere Hat er dir die Ehre des Amtes gekränkt so siehe zu was dir
dein Amt und dein Gewissen gegen ihn erlauben uns aber zürne nicht wenn wir
ihm in seiner letzten Not noch danken soweit wir dürfen«
Meister Konrad wandte sein Ross redete leise zu dem Mönche Dorso der ihm
mit rachsüchtiger Freude zustimmte und verließ darauf den Hof Er hielt vor der
Brücke bei dem Haufen der Mühlburger an welche um den todwunden Konz versammelt
waren und sprach über diesem die Gebete dann ritt er abwärts Im Hofe hielten
die Bärtigen finster gegenüber dem brennenden Turme die Flamme schlug aus den
Öffnungen und züngelte an dem Mauerwerk empor Dorso aber und seine Begleiter
türmten auf der Windseite Holzwerk und was sie sonst an Brennbarem fanden zu
einem Walle und Dorso rief höhnend hinüber »Ihr habt die Ketzerküchlein mir
entführt jetzt halten wir euch in eurem Bau umschlossen kommt ihr nicht
gutwillig heraus so räuchern wir euch« und er hielt eine Pechfackel an den
Holzstoss Ivo legte die Hand auf die Schulter des jungen Ritters der sich
hinter seinem Schilde am Graben niedergesetzt hatte und wies über den Steg
doch dieser schüttelte das Haupt Da neigte sich Ivo gegen die deutschen Brüder
zum letzten Gruß und die Hand gen Himmel hebend rief er mit heller Stimme
»Aus feuriger Lohe stieg mein Geschlecht hernieder in dies Land hier stehe ich
unter der letzten Mauer die mir von dem Erbe meines Geschlechtes geblieben ist
in ihrem Brande will ich vergehen als ein Freier ehrlich habe ich gelebt und
ehrlich sterbe ich und meine Seele empfehle ich der Gnade des erbarmenden
Gottes« Und er wandte sich nach dem Turme
Aber ein alter Bruder ritt an den Grabenrand und rief zornig hinüber
»Willst du als ein König der Spielleute untergehen auf den Trümmern deiner
Herrschaft Ich denke du hast gelernt neue Burgen zu bauen Ich mahne dich
Geselle dass du mir im Preussenlande die Messschnur haltest«
Als Ivo die Stimme hörte hielt er an und hob das Haupt da sprang von der
Seite des wunden Vaters Friderun empor und rief »Vater ich tue was ich muss«
und über den Steg eilend warf sie die Arme um den geliebten Mann »Hast du den
Willen in den Flammen zu sterben so will auch ich nicht leben Darfst du im
Leben mir nicht gehören so will ich dein sein im Tode« Ivo umschlang die Magd
und küsste sie auf den Mund er hielt sie in seinen Armen und rief »Ich will mit
euch leben Sibold«
Wie eine Beschwörung erklangen diese Worte zwischen Erde und Himmel Einem
Wunder gleich erschien es dass zugleich das Tosen des Sturmes aufhörte Die
Flamme welche der Mönch am Grabenrand entzündet hatte um die Eingeschlossenen
durch Dampf zu töten flackerte aufwärts und die Rauchsäule stieg gegen die
Wolken
Die Brüder aber rückten um den Steg und Arnfried sprach »Wer unser Bruder
sein will der muss um Bruderschaft bei uns werben«
»Ich werbe« antwortete Ivo
»Wer Bruderschaft des Ordens begehrt und dabei in weltlichen Ehren leben
will« fuhr Arnfried fort »der muss uns einen Anteil geben groß oder klein an
seiner Habe und an seinem Gut an seinen Gedanken und an seinem Willen damit
der Welt kundwerde dass er mit uns diene und ich muss Euch fragen seid Ihr dazu
bereit«
»Ich bin bereit« antwortete Ivo der Magd in die Augen blickend »Harret
während ich die Brüder frage ob sie Euch als Mitbruder empfangen wollen in
unserer Gemeinschaft« Die Bärtigen stiegen von den Rossen traten zusammen und
verhandelten leise Und Arnfried begann aufs neue »Komm zu uns Ivo und knie
nieder« Da trat Ivo mit Friderun über den Steg und beugte das Knie während
Arnfried die Worte der Aufnahme sang »Deus meus salvum fac servum tuum mein
Gott errette deinen Knecht« Er segnete ihn mit dem Kreuz hob ihn auf küsste
ihn auf den Mund und gebot »Legt ihm das Gewand um«
Dorso aber rief in Wut »Heillos seid ihr selbst und mit Ketzern haltet ihr
Gemeinschaft Herbei ihr frommen Pilger helft gegen die Verräter«
Da erhob sich unter den Brüdern ein zorniger Ruf »Er lästert den Orden
werft den bellenden Hund in den Graben« Doch Arnfried gebot »Nicht so führt
den Mönch an der Hand über die Brücke und entlasst ihn in Frieden denn er hat
nicht teil an unserer Arbeit und wir nicht an der seinen Ihr Brüder aber
entrollt das Banner der Jungfrau und stosst es in die Zinne des Tores damit die
Pilger und das Landvolk erkennen dass die deutschen Brüder hier eine Heimat
haben und ein Hospital In dem Hause unseres Mitbruders bereitet die Lager und
sorgt um die Verwundeten denn das ist unser erstes Amt«
Dem Befehl des Bruders gehorchten nicht nur die Bärtigen auch viele der
Eingedrungenen riefen ihm Heil zu die erschrockenen Knechte kamen eifrig
hervor und dieselben Hände welche vor kurzem das Holz geschichtet hatten
zerwarfen jetzt die Flammen
Arnfried aber sprach zu Ivo »In Freuden fasse ich deine Hand mein Bruder
denn dieser Tag verbindet einen Mann von edlem Sinne zu ehrlichem Dienste mit
anderen welche auch zu den Guten unseres Volkes gehören Du selbst magst den
Anteil bestimmen den du der Bruderschaft an deinem Erbe gewähren willst und
sei er groß oder klein du wirst gut dabei fahren denn der Orden vermag jetzt
dein Recht zu vertreten und unter dem schwarzen Kreuze wirst du der meisten
Gegner ohne jeden Kampf ledig Mit unserer Mitschwester Friderun wird einer von
unseren alten Priestern gutwillig wegen ihres Irrglaubens sprechen ihr Vater
aber wird bald vor einem Richter stehen der die Seelen und Gedanken der
Menschen mit anderem Masse misst als wir zornigen Sünder«
An Henners Lager kniete neben der Hausfrau des Ritters Friderun und klagte
über seine Hand gebeugt »Für mich und meinen Vater empfingt Ihr die Wunde und
bitter schmerzt mich dass ich Euch gezürnt habe«
»Gehabt Euch darum nicht pleurant liebe Magd« versetzte Henner
rücksichtsvoll »ich tat Euch Willkommenes und Eurem Bruder Widerwärtiges
beides in meinem Amte« Und die Hände Ivos festhaltend sprach er mit
Anstrengung »Sorgt für die Kummervollen welche ich zurücklasse Zu den lieben
Engeln nehme ich den Ruhm dass ich mit dem adligsten Herrn in Thüringen geritten
bin keinem war er untreu und keiner hat ihn jemals vom Pferde gestochen ich
aber war sein Marschalk Speere her Lutz mein Geselle halte auf Kernholz« Er
sank sterbend zurück
Aus den Wolken sank friedebringender Regen und das Himmelswasser rauschte
hernieder auf die Mauern des ausgebrannten Turmes
Schluss
Aus dem Hügellande Thüringen bewegte sich ein reisiger Zug ostwärts nach den
Ufern der Weichsel In der Urzeit hatte das gelbe Wasser des großen Stromes die
Vandalen und Burgunder getrennt von Slawen und anderen Völkern fremden Stammes
Damals hatten sich die Germanenkrieger aus ihren östlichen Sitzen erhoben und
waren wie Meereswogen eingebrochen in den Ländern des Westens mildere Sonne und
ein reicheres Leben begehrend Jetzt strömte die Volkskraft der Deutschen in
vielen kleineren Wellen wieder zurück von Westen nach Osten und tausend Jahre
nach der Auswanderung jener alten Germanen begannen die Thüringe und Sachsen an
der Stromgrenze aufs neue den Kampf gegen die Fremden mit stärkeren Waffen und
festerer Kraft
Der Haufe welcher von den roten Bergen und dem Nessebach über die Saale
zog glich in vielem den Schwärmen alter Germanen welche tausend Jahre vorher
aus dem Osten gekommen waren denn nicht nur gewappnete Krieger bildeten die
Schar ein langer Tross von Wagen und Karren folgte mit Kindern und Frauen
gezogen durch starke Rinder beladen mit Saatkorn Hausrat und Feldgerät Und es
war nicht allein die unruhige Jugend welche auszog auch grauhaarige Bauern mit
ihren Hausfrauen saßen auf den Wagen oder schritten das Kreuzlied singend
nebenher Der alte Hartmann aus Friemar ritt in dem Haufen der Freischöffe
Isenhard und andere ansehnliche Nachbarn von der Nesse welche Baugrund in einem
Lande begehrten wo sie als Christen ehrwürdig waren und wo man um anderes
sorgte als um ihre Gedanken über die Macht des Vaters und des Sohnes Auch
deutsche Ordensleute zogen in der Schar Bruder Sibold führte sie und Ivo ritt
als Mitbruder neben seinem Gemahl Friderun und in seinem Gefolge waren die
Witwe Henners mit ihren zwei Knaben Ritter Lutz und ein rotwangiges Dorfkind
das Berchtel aus Frienstädt
Als der Zug über die Saale gesetzt hatte und auf der Höhe anhielt damit die
scheidenden Pilger noch einmal das Land ihrer Väter begrüßten bestiegen Ivo und
Friderun einen Felsen und blickten Hand in Hand hinüber nach dem blauen Streifen
des Waldgebirges Da klang in der Nähe Hufschlag eines einzelnen Reiters und
Bertold stand vor ihnen Wild und drohend war sein Aussehen als er die Hand
der Schwester ergriff und sprach »Du trägst den Segen des alten Mannes auf
deinem Haupte meiner hat er nicht gedacht Ich aber war in dem Hofe den die
Horden des Mönches ausgeraubt hatten ich kniete nieder am Herde und gelobte
den Vater zu rächen an seinem Mörder Lebe wohl Friderun und Ihr der Ihr über
meine Schwester Herr geworden seid macht an ihr gut was Euer Gesinde an mir
gefrevelt hat Vernehmt Ihr von schwerer Tat so wisst dass es der Sohn des
Richters ist welcher eine Brandfackel in unserem Lande austilgt« Und ohne Gruß
trat er zurück und jagte den Bergen zu
Je weiter die Fahrenden nach Osten drangen desto größer wurde ihre Schar
mehr als einmal kamen sie bei ähnlichen Haufen gerüsteter Auswanderer vorüber
dann liefen die Fahrenden mit frohem Gruß zusammen als künftige Nachbarn und
Streitgenossen Während der Nächte rasteten sie in der Wagenburg die sie aus
ihren Karren zusammenstiessen auf einem Dorfanger oder in der Nähe einer
ummauerten Stadt bis sie das wilde Wasser der Weichsel erreichten Dort
lagerten sie am Ufer und zimmerten Fähren Bruder Sibold aber fuhr mit Ivo über
den Strom zu der Stelle wo andere Brüder bereits um einen alten Eichbaum die
kleine Holzburg gezimmert hatten Dort steckten die beiden mit ihren Gehilfen
Pfähle für ein Standlager welches zu einer festen Stadt werden sollte und zu
einer neuen Grenzburg der Deutschen Den Brüdern gefiel die neue Stätte Toron
zu nennen und sie dachten dabei mit Freude an einen Berg Accon unter dem die
Bremer vor vierzig Jahren das erste Spital des Ordens aus Segeltuch errichtet
hatten Die Kreuzfahrer aber taten jetzt am Gestade der Weichsel dieselbe
Arbeit welche frühere Waller im Heiligen Lande geübt hatten sie zogen die
Gräben erhöhten den Wall richteten darüber aus Pfählen den Zaun einer Stadt
und bauten in dem umschanzten Raum ihre Hütten Fehlten ihnen in dem Flachland
die Steine so schichteten sie die Baumstämme des Waldes Wie durch Zauber wuchs
das neue Menschenwerk aus dem Boden und auf dem Markt und in den Straßen der
Stadt bewegte sich wenige Monate nach der Ankunft geschäftig die wohlgeordnete
Gemeinde der Kaufmann bot seine Waren feil der Handwerker schnitt und
hämmerte und der Landbauer fuhr auf seinem Erntewagen den ersten Hafer ein
In dem neuen deutschen Lager gründete auch Ivo sein Heimwesen Zuerst war es
ein Blockhaus bald wurde es ein künstlicher Bau welcher ansehnlich unter den
Hütten ragte Als Kriegsmann ritt er mit dem Kreuzheer gegen die Heiden und bei
der ersten Ausfahrt führte er das Banner der türingischen Pilger wie einst
seine Ahnen in den Kämpfen des Reiches das Banner ihrer Landschaft getragen
hatten Bald wurde er im Grenzlande ein vielgenannter Held die Freude seiner
Nachbarn und den Feinden furchtbar Und ihm selbst hob sich das Herz in stolzem
Behagen als er sah wie hier das Heidenland sich ganz nach dem Willen des
weisen Sibold mit Burgen und Städten füllte denn jeder Kreuzhaufe der über die
Weichsel kam zimmerte eine neue Burg oder Feste und ließ Ansiedler für Dörfer
oder eine neue Stadt zurück und durch jede dieser Ansiedlungen wurden neue
Meilen des Bodens den Heiden entrissen und mit deutschen Ansiedlern besetzt Als
Mitbruder blieb er auch den Bärtigen vertraut und obgleich er nur ein
Zugewandter war welcher nicht im Rate der Bruderschaft stand und kein Ehrenamt
bekleidete so saßen die andern welche sich der Jungfrau gelobt hatten und
Eigentum und Haushalt entbehren mussten doch lieber an seinem Herde nieder als
anderswo und mancher von ihnen betrachtete das Haus in welchem Frau Friederun
waltete als seine Heimat
Auch an wandernden Landsleuten fehlte es nicht welche neue Kunde aus der
Heimat zutrugen Als erster kam Nikolaus mit seiner Laute Ihn hatte die Furcht
vor dem Mönche Dorso aus der Heimat vertrieben er berichtete von dem frommen
Ende der Frau Else und von den wunderbaren Heilungen welche sie in der letzten
Zeit verrichtet und klagte dass seit ihrem Tode der Grimm des Priesters Konrad
wie ein wildes Feuer durch das Land fuhr und unzählige Unglückliche zum Holzstoss
führte Als ihn Ivo aufforderte im Preussenlande zu bleiben wo seine
Schreibekunst den neuen Bürgern wertvoll sein könne da sah er traurig nach
Friderun und schüttelte das Haupt Doch einige Jahre später blieb er und seit
er das ansehnliche Amt des Stadtschreibers in einem neuen Burgsitz gewann wurde
er wohlhäbig und überwand seinen geheimen Gram nur machte er zuweilen noch
lateinische Verse in denen die Anfangsbuchstaben ohne dass es jemand merkte zu
dem Namen Friderun zusammenstimmten Im nächsten Jahre zog ein anderer Gast
Bertold mit einem sächsischen Kreuzhaufen durch das Stadttor Aber erst am
Abend betrat er Ivos Haus dem Diener welcher ihn ankündigte nannte er einen
fremden Namen und im ersten Morgengrau ritt er durch Ivo über die Stadtmark
geleitet zum Kampfe mit den Heiden von dannen Die türingischen Ansiedler aber
erfuhren von anderen Wallern dass Meister Konrad auf der Heerstraße durch
unbekannte Rächer erschlagen und die Brandfackel Deutschlands in Blut
ausgelöscht sei
Als endlich der große Ordensmeister Hermann selbst über die Weichsel kam da
war Ivos Haus die erste Herberge welche er auf dem neuen Grunde der Deutschen
besuchte Er saß zwischen Friderun und ihrem Gatten und begann »Dir Schwester
bringe ich einen Gruß der Herzogin Hedwig welche am Kaiserhofe lebt von vielen
umfreit und von den Sängern gepriesen Sie sprach zu mir Grüsst die Hausfrau
und nicht ihn damit sie erkenne dass ich ihr Recht ehre und ihr Gutes wünsche«
Darauf erzählte er dass Kaiser Friedrich über die Alpen nach Deutschland
gekommen sei »Wie war sein Heergefolge Meister« fragte Ivo
»Er zog ohne Heer Dreißig Kamele trugen ihm Kisten nach darunter einige
mit Gold gefüllte für die deutschen Fürsten«
»Wie widersteht er bei uns der Herrschaft des Heiligen Vaters Denn wir
hören dass die großen Häupter der Christenheit wieder uneinig sind«
»Er hat um seine Gläubigkeit zu erweisen mit seinen Schultern den Sarg der
Frau Else getragen da diese als Heilige beigesetzt wurde« antwortete der
Meister ernstaft Die Männer sahen einander an »Oft muss der große Kaiser tun
was er im geheimen missbilligt oder verachtet« fuhr Hermann traurig fort »und
doch wird seine Herrschaft im Reiche allmählich schwach und zu eitlem Scheine
Er ist so stolz auf die Majestät seines kaiserlichen Amtes und doch wurde sein
Schicksal dass er sich selbst die Wurzeln seiner Herrenmacht zerstören muss«
»Die Leute hier sorgen oft dass die Herrlichkeit des Reiches klein werde
und sie befürchten Unheil auch für unsere Burgen im Preussenland«
»Der bescheidene Mann meidet vergeblich Sorge Du weißt wir Brüder deuten
nicht und grübeln nicht wir schaffen schweigsam und warten überall unseres
Amtes Hier im Lande säen wir deutsche Saat Wenn einst die Zeit der Ernte
kommt dann mögen andere zusehen die nach uns leben« Er wies auf zwei
blondhaarige Knaben welche an die Knie der Mutter geschmiegt den fremden Herrn
anstarrten
Auch die deutsche Saat bei welcher Ivo tätig war wurde zuweilen durch die
Kriegsrosse der heidnischen Preußen niedergetreten Es war ein harter Kampf und
es war ein sorgenreiches Wachstum aber ihm erschien er als groß und als heilsam
für alle die er liebhatte Wenn er mit seinem treuen Gesellen Lutz gegen die
Feinde ritt oder wenn er im Rate der Ansiedler tagte sooft er den alten Sibold
gleich einem Ahnherrn zwischen der Kinderschar sitzen sah welche in seinem
Hause aufblühte und immer wenn er das mutige und hochgesinnte Weib im Arme
hielt welches sich ihm in der Todesnot verlobt hatte freute er sich des Tages
wo er ein Mitbruder des deutschen Hauses geworden war und aus einem
türingischen Edlen der Ivo den sie den König nannten ein Burgmann von Torn
Marcus König
Im Jahre 1519
Im Preussenlande ging die Herrschaft des kalten Winters zu Ende Noch lastete auf
Flur und Wald der Schnee und über dem Wasser der Weichsel starrte geborsten und
in riesige Schollen zusammengeschoben die Eisdecke Aber ein lauer Westwind der
erste Vorbote des Frühlings hatte zur Fastnacht mit neuem flockigem Weiß die
missfarbige Landschaft überzogen Der leichte Flaum der Wolken deckte die kahlen
Stellen der Heide welche der Nordsturm gefegt er verbarg die Fährten der Wölfe
und die Stapfen der Raubvögel die Gleise der Schlitten und die braunen Steige
welche der Fuß des Menschen gedrückt hatte Jedes Turmdach und jeder Vorsprung
der Häuser die Kiefer im Walde und der Wacholder am Moor waren geschmückt mit
glitzernden Kappen
Am Ufer des Stromes lagen die Altstadt und Neustadt welche den Namen Torn
führten und einem Rate gehorchten noch durch Mauern voneinander geschieden und
durch Tore welche in der Nacht verschlossen wurden nach außen aber gegen die
Landschaft eine einige Burg mit vielen stolzen Türmen von drei Seiten von einem
breiten Graben umgeben an der vierten wälzte sich unter der Eisdecke das wilde
Weichselwasser Ungern ertrug es die lange Brücke welche die Bürger erst vor
kurzem gezimmert hatten damit ihnen der Verkehr nach Polen bequemer sei
Dreihundert Jahre hatte dies feste Feldlager deutscher Arbeiter an der
Slawengrenze bestanden zuerst war es von Holz gewesen dann hatten die
Ansiedler sich eine Mauerbrüstung aus gebranntem Steine errichtet Als Eroberer
waren die ersten Burgmannen an den Heidenstrand gezogen als Herren fühlten sich
die Nachkommen noch jetzt zwischen Slawen und deutschen Edelleuten Klugen Sinn
im Rat und harte Faust zur Tat rühmte man an ihnen überall im Lande doch wurden
sie auch herrisch gescholten und eigennützig aber sie behaupteten ihren hohen
Mut unter lauernden Gegnern und offenen Feinden Und wenn die Stadt aus ihrem
Artushofe die Söhne alter Geschlechter zur Landesmusterung sandte so trug der
Fähnrich ein Banner von rotem Tuch worauf ein Salamander zwischen Flammen
gemalt war mit der stolzen Umschrift Ich werde dauern Saßen die Männer von
Torn auch nicht in der größten Stadt des Weichsellandes denn Danzig an der
See war mächtiger geworden sie freuten sich doch des Vorrechts der ältesten
ihre Bürgermeister führten den Vorsitz im gemeinsamen Rat der Städte als
Glieder der Hansa waren sie heimisch auf den Kontoren von Lübeck und Brügge und
übten Herrenrechte an dem Strand von Schonen wo das Stadtzeichen über den
Lagerhäusern ihrer Fischer befestigt war
Sie waren Deutsche geblieben und sahen mit geheimer Verachtung auf die
polnische Unordnung jenseits der Weichsel aber über ihrer Stadt schwebte
gebietend der weiße Adler der Polen Denn zur Zeit der Grossväter hatte sich das
ganze Weichselland von Torn bis zur See gegen den verdorbenen Deutschen Orden
empört und der Krone Polen untergestellt weitab im Osten lag das verkleinerte
Ordensland wie eine Insel zwischen dem Meere und dem slawischen Gebiet Auch
diesen Landrest sollte der Hochmeister nur als Vasall der Krone Polen regieren
und da der junge Herr Albrecht von Brandenburg welcher jetzt auf dem
Hochmeisterstuhle saß die Lehnshuldigung noch nicht geleistet hatte so wurde
er in den Städten des polnischen Preußens mit Argwohn und Hass betrachtet Denn
überall zürnte und spottete man über den Verfall des Ordens und die Bürger
wurden nicht müde arge Geschichten von Druck Freveltat und nichtswürdiger
Schwäche der alten Kreuzritter zu erzählen Auch die weltklugen Männer welche
in dem Rate von Torn saßen hassten den Gedanken an eine Rückkehr der
tyrannischen Ordensherrschaft und dachten feindselig an ihre Landsleute im
Ordensland Sie hofften für sich und ihre Stadt aus dem großen Polenreiche ein
fröhliches Aufblühen sie verstanden trefflich sich von dem Könige als
Belohnung ihrer Treue wertvolle Vorrechte zu erhandeln und sie wunderten sich
zuweilen dass ihrer Stadt ein völliges Gedeihen doch nicht wiederkehren wollte
So glichen sie Matrosen welche sich beim Schiffbruch gegen den schlechten
Schiffsmeister empört und auf einem Boot an das Land gerettet haben und sie
sahen hinüber nach dem verlassenen Schiff und auf die bedrängten Maate welche
bei dem Meister zurückgeblieben waren in einem finsteren Groll der vielleicht
verstärkt wurde durch geheime Mahnung des Gewissens
Wer aber heut die Gassen der Stadt betrat der merkte nicht dass die Bürger
durch schwere Händel und Kriegsgefahr bedrängt wurden Es war Wochenmarkt in der
Fastnacht das lustigste Frühlingsfest der Stadt Durch die klare Luft klang das
Morgengeläut der kleinen und großen Glocken jede der metallenen Stimmen redete
vertraulich dem Stadtsohne zum Herzen denn in jeder vernahm er den Gruß eines
Schutzheiligen der Stadt und jede hatte hohe Stunden seines eigenen Lebens
geweiht Vor allem erhob den ehernen Gesang das schöne Geläut der Heiligen
Jungfrau welcher die erste Rede gebührte da sie für die himmlische Gebieterin
des ganzen Preussenlandes galt wie im Wettstreit antworteten aus der Neustadt
der große Jakob und die scharfe Stimme der Dominikaner von St Nikolaus gleich
darauf folgten mit schnellem Schwunge und hellem Gebimmel alle kleinen Betäuser
und Kapellen Aber am liebsten lauschten die Bürger in der Altstadt auf den Ruf
der Pfarrkirche von St Johannes und sie hatten die Absicht dort eine neue
Riesenglocke aufzuhängen welche zu allem Gesange der Luft den Bass hallen und
die Ehre der Stadt in der Landschaft vermehren sollte Denn weit über die Dörfer
und Wälder den Strom entlang und nach Polen hinein drang der Morgengruß der
großen deutschen Burg und das raublustige Gesindel welches mit den Wölfen und
Füchsen bei Nacht über die preußische Heide trabte wandte sich missvergnügt von
dem Klange ab nach seinen wilden Schlupflöchern
Als die ersten Festgenossen des Tages schwärmten die Kinder aus den Häusern
sie wateten lustig im weichen Schnee und sprangen im Reigen viele mit Flittern
und künstlichen Blumen aus buntem Papier geschmückt Auch die Bürger beeilten
sich auf dem Markt und in den breiten Straßen Bänke aufzustellen und die Waren
auszulegen wer keinen Stand behauptete der brachte doch seine Arbeit in den
Hausflur oder hing sie an seine Tür damit sie den Fremden gefalle Denn auf
allen Straßen zog das Landvolk der Stadt zu die Bauern der Umgegend in ihren
Korbwagen die Junker mit ihren Knechten auf behenden Rossen die gewöhnt waren
sich durch Kiefergebüsch und über das Moos der Sümpfe zu winden Auch die Polen
kamen über die lange Brücke in lodigen Schafpelzen auf kleinen struppigen
Pferden viele lagerten außerhalb der Mauern am Ufer wie ein Kriegshaufe bei
rauchenden Feuern und sie luden von ihren Karren ab was sie zum Tausch gegen
städtische Waren angefahren hatten Honig Wachs und Felle
Zunächst nach den Glocken erhob der ehrbare Rat seine mahnende Stimme Der
erste Diener gefolgt von zwei Hellebardieren schritt vom Rataus über den
Markt und rief an den Ecken den strengen Frieden der Stadt aus »Der Rat
gebietet euch von Gottes wegen und von der Stadt wegen verbricht jemand mit
Worten so gehe es ihm an seine Habe verbricht er mit Werken so gehe es ihm an
seinen Hals« Und jedesmal folgte den Worten ehrfürchtige Stille darauf ein
unterdrücktes Gemurmel
Gleich darauf erklangen Trommeln und Pfeifen aus allen Stadtvierteln Frauen
und Mädchen traten in die Haustüren und blickten neugierig aus den Fenstern
denn die Viertel trugen heut nach altem Brauch ihre Fahnen vor das Rataus
damit einer der Herren Bürgermeister das Fahnentuch mustere und den Trägern von
Rats wegen eine Verehrung zuteile Zu gleicher Zeit kamen aus beiden Städten die
Fähnriche begleitet von einem Zug Bewaffneter herangezogen Sobald der
Fähnrich des Viertels welches das Alttorner hieß von der Heiligengeiststrasse
her den Markt betrat hielt er vor einem Eckhause das unter den ansehnlichen
Steinbauten des Marktes als ein Überrest aus alter Zeit stand Der Unterstock
war dicke Mauer die an der Straßenecke kreisförmig geschwungen war gleich
einem Festungsturme darüber erhob sich ein hölzerner Giebelbau aus starken
Balken welche in jedem höheren Stockwerk über die unteren vorsprangen das
Holzwerk war geschwärzt durch Sonnenbrand und Wintersturm vieler Jahre Eine
gepflasterte Einfahrt mit hochgewölbtem Tor und im Giebel eine Luke aus welcher
an einem Kranbalken das Seil herabhing ließ erkennen dass das Haus einem
Kaufherrn gehörte Der Fähnrich sah scharf nach den Fenstern entfaltete das
blau und weiße Tuch der Fahne und streckte sich um seine Kunst zu zeigen Da
öffnete sich die Tür und auf die obere Stufe der Steintreppe trat ein Mann in
der Tracht eines wohlhabenden Bürgers den Hut auf dem Haupte eine goldene
Kette am Halse über dem Hausgewande einen schönen Pelz um den Leib einen
breiten Gürtel der mit Golde reich verziert war Stolz stand er da trotz
seiner hohen Jahre ein kräftiger Mann mit hagerem Antlitz von strengem Ausdruck
und mit dunkeln Augen denen die starken Augenbrauen einen düsteren Ausdruck
gaben dahinter ein Jüngling dem Alten sehr ungleich mit rundlichem Gesicht
und lachendem Munde Als der Fähnrich die beiden erblickte hob er sich wie zum
Tanz senkte grüßend die Fahne und ließ das Tuch in kunstvollen Wellen durch die
Luft sausen endlich sprang er gar selbst über den Fahnenstock und die Fahne
stand erhebend aufrecht so dass die Falten derselben ihn wie ein Mantel
umhüllten Dem Gruß antwortete der Mann auf der Schwelle indem er seinen Hut
abnahm und das Haupt ein wenig neigte während der Jüngling dem Fähnrich
vertraulich zuwinkte Darauf traten die beiden zurück die Tür schloss sich und
kein neugieriges Gesicht erschien an den Fenstern als hätte das Haus nur mit
Herablassung die Ehre angenommen welche ihm die Bürger erwiesen
Unter den Leuten welche den Fahnenzug begleiteten ging ein Fremder an dem
langen Pelzrock der Mütze mit einer Reiherfeder und dem krummen Säbel erkannten
die Bürger einen polnischen Gast Dieser wandte sich zu seinem Begleiter dem
Schreiber des Rates und sagte spöttisch auf die Haustür deutend »Eure Stadt
hat stolze Bürgermeister mein Herr Seifried es wird ihnen mühsam das Haupt zu
neigen«
»Es war der reiche Marcus König der dort heraustrat und verschwand wie das
Männchen in der Uhr« versetzte der Schreiber und verzog sein breites Gesicht
»er ist weder Bürgermeister noch Ratmann doch rechnet er sich zu den Herren von
edlem Blut welche im Artushofe auf der Georgenbank sitzen«
»So ist er ein Kriegsherr der Stadt«
»Er ist auch nicht Hauptmann das Fahnenschwenken vor seinem Hause dauert
nur als alte Gewohnheit und er bezahlt die Ehre dem Fähnrich jedes Neujahr mit
einer Kanne Wein Es geht die Sage dass sein Haus noch von den Alten herstammt
die sich zuerst gegen die Heiden hier anbauten Auch die Farben der Fahne sollen
von seinem Geschlechte gegeben sein Jetzt nährt der unnütze Brauch nur den
Hochmut Doch dünkt mich dass Herr Marcus stolzer ist auf sein Geld als auf sein
Wappen Fragt nur Euren Grosskanzler er kennt sicher den Preis des Goldstoffes
welcher hier in dem Kaufhause zu finden ist«
»Ihr sagt recht Herr Stadtschreiber dass es unser Geld ist welches die
Bürger von Torn stolz macht« versetzte der Pole lachend »Wir Edelleute in
unsern Palästen trösten uns damit dass auch ein fester Kasten springt wenn man
mit der Axt darauf schlägt«
»Lasst Eure Edelleute doch zuerst dafür sorgen dass ihre Paläste ein festeres
Dach erhalten als Euer Stroh Wer die Kisten der Torner begehrt mag sich
selbst vor den Brandkugeln hüten welche unsere Bürger in die Raubnester der
Edelleute schießen« entgegnete der Stadtschreiber
»Wir sind gute Brüder« beruhigte der Pole »und Federn im Schwanz desselben
Adlers Kommt Bruder Stadtschreiber und weist mir den Kram den Eure Städter
heut auslegen«
Allmählich füllten sich die Straßen zwischen geschäftigen Bürgern und
Landleuten trieben einzelne Vermummte umher Vor den Häusern stimmte ein Haufe
Lehrlinge kräftigen Gesang an um Wecken und Würste sie hatten die Gesichter
durch Ofenruss geschwärzt und machten eine närrische Musik mit misstönenden
Instrumenten mit Kuhhörnern großen Trichtern und mit Pfannen welche durch
einen Kochlöffel geschlagen wurden der Vorsänger hielt eine riesige Gabel in
der Hand und spiesste auf was die Leute ihm darreichten Wer nur wenig auf sich
zu wenden vermochte lief in der Jacke eines Bauern oder im Kittel eines
Fuhrmanns oder band sich ein Strohseil um das Knie zur Andeutung dass er einen
Landmann vorstelle Sogar die Verkäufer hinter ihren Tischen gaben der Festzeit
die Ehre indem sie ihre Pelze umdrehten so dass die Haare nach außen starrten
oder ein Band mit tönenden Schellen um das Handgelenk befestigten
Bei einem Krämer an der Marktecke war jetzt der regste Verkehr Dieser hatte
an der Tür den lockenden Schmuck des Tages ausgehängt Narrenkappen mit langen
Zipfeln breite Bänder mit Schellen für Knie und Arme auch Larven für solche
welche ihr Gesicht nicht gern unter der Narrenmütze zeigen wollten Wer nicht
kaufen konnte erhielt wohl auch geliehen wenn er sicher war und gab am Abend
zurück was er nicht verdorben hatte Da das Haus einen Ausgang nach der
Hintergasse hatte so schritt mancher ernstaft durch die Vordertür und sprang
als Bär oder Stocknarr hinten heraus nachdem er auf der hohen Düngerstätte des
Hofes sein neues Wesen durch einige Sprünge eingeübt hatte Wie die Sonne höher
stieg wurden die Vermummten dreister und beschwerlicher als Mönche und Nonnen
kamen sie paarweise mit wilden Gebärden tanzend Schelmlieder singend und
bereit jedermann zu umarmen Noch unleidlicher waren die grauen Brüder welche
große Säcke mit Asche trugen und oft hineingriffen am liebsten wenn ihnen eine
wohlgeschmückte Person aufstiess der sie Kleider und Gesicht bestäuben konnten
Auch zierliche Gestalten sah man in rotem Hut mit Hahnenfeder um den ein
Schleier gewunden war über der Haustracht ein buntes Hemd mit seidenen Nähten
Jeder der sich als Maske betrachtete arbeitete eifrig in seinem erwählten
Berufe der Bär im Pelz tanzte unermüdlich das Kuhhorn blies der Aschenmann
stäubte bis irgendein auffallender Narrenstreich und ein helles Gelächter dies
geschäftliche Treiben unterbrach Am meisten geplagt waren die Landleute zumal
die Polen deren Schafpelze beliebt waren um darauf schwarze und graue Streifen
zu ziehen Aber obwohl sie das wussten freuten sie sich doch nicht weniger als
die andern über das wilde Treiben mancher vorsichtige Landmann polsterte sich
seinen Rücken mit Werg um durch die Schläge der Lederkolben und Pritschen
weniger belästigt zu werden und sie brachten sogar ihre Frauen mit welche den
Anfechtungen durch die Narren mit starken Ellenbogen zu widerstehen wussten Eng
zusammengeschart saßen die Bäuerlein um die Häuser in denen Bier und Met
geschenkt wurde und boten ihren Nachbarn den Trunk bis sie einander umarmten
und küssten oder bis ihnen das Herz aufging gegen die Frauen und Mädchen dann
brach die ganze Vetterschaft auf zu den Tischen an denen der Schmuck für die
Weiblein zu kaufen war Ringe mit Glassteinen Spangen Rosenkränze und
zierliche Kramtaschen Dort feilschten sie mit dem Krämer wehrten die Narren ab
und blickten begehrlich auf die ausgelegten Schätze und mit erstauntem Grinsen
auf die wunderlichen Masken der Bürger und auf das tolle Gebaren in der Stadt
die sonst so ernstaft war
Am Kirchhof von St Johannes hatte Hannus der Buchführer seinen Tisch
aufgeschlagen einige gebundene Bücher lagen darauf und viele leichte Büchlein
wie sie das Volk gern kaufte Kalender und Prognostika in denen aus dem Stand
der Gestirne die Fruchtbarkeit des Jahres und das Schicksal der Könige
prophezeit wurden Manche klagten über die Lügen der Kalenderschreiber doch
bedächtige Leute wussten dass zwar die Vorhersagung nicht sicher war aber die
ganze Wissenschaft keineswegs verächtlich Liebevoll behütete der kleine Hannus
seine Waren »Rühre mit deinen geteerten Fingern nicht an was du doch nicht
kaufst« rief er als ein Bäuerlein neugierig nach einem Blatte griff auf
welchem Sonne und Mond freundlich auf ein Totengerippe mit Sense herabsahn »Es
ist etwas Neues gekommen von Strassburg Meister Schwertfeger über die Kunst
Eisen zu härten« empfahl er ein Büchlein in die Höhe haltend »die besten
Rezepte und verborgenen Geheimnisse Eures Handwerks werden darin offenbart Seid
willkommen hochgelehrter Herr« begrüßte er einen ernsten Mann welcher
vorbeiging »Ihr fragtet neulich nach dem Karmen des ruhmvollen Eobanus Hessus
Poeta welches betitelt ist Beschreibung des Preussenlandes es war nicht auf
Lager jetzt aber ist es mir zugegangen«
Trotz der eifrigen Empfehlungen blieb der Stand in den ersten Morgenstunden
wenig beachtet und Hannus sah zuweilen abfällig hinüber nach dem umdrängten
Tisch zur Linken auf welchem bunte Bänder verkauft wurden und nach dem Haufen
welcher sich an seiner Rechten um Kuchen und Pfeffergebäck sammelte Aber nach
und nach erhielt auch er Zuspruch so dass wer später in die Nähe kam sich über
die ansehnlichen Männer um den Tisch wunderte und ebenfalls herantrat Doch
hatte es mit den neuen Kunden eigene Bewandtnis Hannus wählte sie sich
gewissermaßen unter den Vorbeigehenden aus indem er wie in geheimem
Einverständnis mit dem Finger winkte dann trat der Geladene hinter den Tisch
Hannus sprach leise mit ihm und wies ihm ein und das andere Büchlein welches
der Bevorzugte still in seiner Tasche barg worauf er unweigerlich den Beutel
zog dabei spähte der Buchführer vorsichtig umher »Bonum matutinum domine«
rief er einem Fremden zu der mit einer verhüllten Frau langsam über den Markt
schritt und an seiner Tracht und der Neugier mit welcher er sich umsah leicht
als ausländisch erkannt wurde
Der Fremde lächelte und steuerte mit entschlossenem Schritt dem Tische zu
gleich dem Schiffe welches nach unsicherem Kreuzen die Einfahrt zum Hafen
gefunden hat ein kleiner Mann mit hagerem Gesicht und zwei lebhaften Augen die
durch zahllose Falten eingefasst waren er griff an die Mütze und antwortete mit
heller Stimme der man anhörte dass sie gewohnt war zu befehlen »Salve domine
bibliopola« dabei versenkte er beide Hände in die Taschen seines Gewandes und
suchte nach etwas sah forschend unter sich auf den Boden griff in andere
Taschen und suchte wieder bis eine Frauenstimme neben ihm mahnte »Herr Vater
den Brief habt Ihr in die Ledertasche gesteckt«
»Ganz recht« bestätigte der Fremde und holte ein zusammengefaltetes Papier
heraus »Wenn ich in Euch wie ich annehme den fürsichtigen Hannus Buchführer
begrüsse so nehmt dieses Schreiben Eures ansehnlichen Geschäftsfreundes aus
Danzig«
Hannus las und warf dabei prüfende Blicke auf die Fremden »Seid willkommen
in Torn wohlgelehrter Herr Magister Fabricius ich empfehle mich Eurer Gunst
zu guter Kundschaft Und dies ist des Herrn Magisters Frau Liebste« Da aber die
Begleiterin des Fremden errötend den Kopf schüttelte so sah der Händler wieder
in den Brief und verbesserte sich »Doch nein es ist die Tochter Jungfer
Anna« und er sprach heuchlerische Worte von einer Ähnlichkeit mit dem Vater
»Kann ich mit meinem Vorrat dienen Hier das Neueste von Erasmus Roterdamus«
Der Magister griff danach doch das Buch haltend sprach er ehrlich »Wenn
jemand eine weite Reise gemacht hat so ist bei ihm die Lust zu kaufen
vielleicht größer als das Vermögen«
»Das tut nichts« tröstete der Torner wohlwollend »mir ist ja bekannt dass
Ihr als neuer Rektor hiesiger lateinischer Schule von ansehnlichen Männern
erwartet werdet Was Ihr nicht kauft seht Ihr Euch an« Der Magister war
sogleich in das Lesen einer lateinischen Vorrede vertieft »Vielleicht gefällt
es der Jungfer Anna unterdes hier die Bilder zu betrachten« riet Hannus der
vergessenen Tochter welche unruhig auf den Vater sah und bot ihr ritterlich
die Meerfei Melusine Während er so für die Fremden sorgte steigerte sich seine
Teilnahme an ihrem Wohlbefinden und er unterbrach den lesenden Magister beugte
sich über den Tisch und sprach leise »Oder begehrt Ihr etwas von Wittenberg«
»Mönchsgezänk« versetzte der Magister aber er legte doch den Erasmus auf
den Tisch und fragte »Wo« und beide senkten die Nasen und sahen einander über
die Brillengläser bedeutsam an Hannus zog unter einer Decke kleine Büchlein
hervor »Sie sind alle von demselben Manne von dem die Leute jetzt überall
reden«
»Diese sind deutsch« rief der Magister verwundert »Sermon von Ablass und
Gnade Und was haben wir hier Ohne Ablass von Rom kann man wohl selig werden«
»Es sind lauter Bibelsprüche mit denen das bewiesen wird« erklärte der
Buchführer leise
Die Augen des Magisters glänzten er fuhr mit dem Büchlein schnell in die
Tasche die Tochter stieß ihn an »doch ich vergesse wieder« entschuldigte
er den Fund herausziehend
»Behaltet die Bogen« ersuchte Hannus wohlwollend »das Geld ist gut
angelegt denn Ihr werdet mich dafür bei vorkommender Gelegenheit gebührlich
empfehlen«
»Ich bleibe dafür in Eurer Schuld« versetzte der Gelehrte mit Würde
Unterdes betrachtete Jungfer Anna nicht ohne Störung die Holzschnitte ihres
Buches Sie hatte Aufsehen erregt vielleicht wegen ihres anmutigen Gesichtes
vielleicht weil sie einen Beduinenmantel trug welcher in Torn bei ehrbarn
Jungfrauen nicht gebräuchlich war denn sie vernahm plötzlich neben sich die
dreisten Worte eines fremden Mannes »Was guckt Ihr in Gedrucktes Ihr hübsches
Fräulein hört lieber auf die Rede eines Edelmanns wenn er Euch sagt dass Ihr
selbst schöner anzusehen seid als die Weibsstücke welche in diesem Buche
abgebildet sind« Anna sah neben sich den Schnauzbart des Polen welcher in das
Buch und auf sie starrte Errötend wandte sie sich ab und fasste den Magister am
Arm »Herr Vater gehen wir«
Aber als der Magister sich zu der Verabschiedung rüstete raunte Hannus
»Bergt die Bücher dort schleicht ein Dominikaner herzu es ist Pater Gregorius
der heftige Mann« Er schob mit schneller Handbewegung eine Decke über die
aufgelegte Ware und neigte sich vor dem Mönch welchen der Beduinenmantel der
Jungfrau und die weiße Feder auf der Mütze des Polen herangelockt hatten damit
er seine Gewalt erweise Der Mönch sah unter der gerollten Krempe seines Hutes
finster auf den Händler herab »Ich sorge Meister Hannus Ihr bewahrt vieles in
Eurem Kram was die Seelen guter Leute zu Schaden bringen mag«
»Ihr kennt ja mein Geschäft seit lange« versetzte der Buchführer »wenn Ihr
mir auch selten Eure Kundschaft vergönnt Wir armen Laien kaufen und verkaufen
was die Drucker von neuer Ware zusenden uns fehlt die Zeit um alles selbst zu
lesen auch haben wir nicht Witz genug um zu verstehen was den ehrwürdigen
Vätern lieb oder leid ist«
»Der Rat sollte Euch strenger auf die Finger sehen« fuhr der Mönch tadelnd
fort »denn wie mir scheint gleitet allerlei durch Eure Hände was Euch einmal
da Angst bereiten wird wo Ihr Erbarmen nötig habt«
»Ich halte auf reine Wäsche« entgegnete Hannus gereizt »erst gestern habe
ich das Geld zu Eurem Tische getragen und meinen Zettel gelöst Ist mir in
meinem Geschäft zuweilen ein unrichtiges Buch durch die Hände geschlüpft so
habe ich diese Sünde durch richtiges Geld bei den Heiligen wettgemacht Ihr
selber wisst dass ich Ablass für alles habe«
»Dennoch rate ich Euch dass Ihr Euch vor der Versuchung wahrt denn der böse
Feind ist mächtig geworden unter solchen welche Bücher schreiben und zu der
Rotte des Reuchlin und Erasmus gesellen sich jetzt andere Übeltäter welche
ärger sind als jene« und er schlug im Eifer mit der Faust auf den Tisch
Der Pole hörte ergötzt dem Eifer des Mönches zu »Recht ehrwürdiger Vater«
ermunterte er »alles Gedruckte ist Unsinn«
Diese törichten Reden der Dunkelmänner vermochte der Magister nicht geduldig
anzuhören er wandte sich mit herber Miene um ihnen Bescheid zu sagen Da aber
erhob sich ein helles Geschrei die Marktleute stoben vor einem fernen Schrecken
auseinander Weiber und Kinder rannten den Häusern zu und das Volk schrie »Die
Teufel kommen« Anna drückte sich ängstlich an den Arm des Vaters Ach sie
glich heut dem Schwan Hangan mit goldenen Federn von dem die Torner eine alte
Geschichte wussten wer ihn berührte blieb an ihm hängen Auch an die Jungfer
heftete sich der Pole an diesen der Mönch und an den Mönch leider viele Teufel
In der weiten Gasse welche durch den Schrecken des Volkes geöffnet wurde
sprang etwa ein Dutzend wilder Gestalten heran in roten Kamisolen und engen
schwarzen Hosen vor den Gesichtern braune und schwarze Teufelslarven mit großen
Hauzähnen zwischen denen eine Zunge von rotem Tuch heraushing die Häupter
durch schwarze Ziegenfelle verhüllt aus denen die Hörner ragten in den Händen
schwenkten sie Lederkolben und rasselnde Schweinsblasen Der gute Stoff ihrer
höllischen Gewänder und der kecke Übermut mit welchem sie auf die Menge
schlugen ließ wohl erkennen dass sie gewöhnt waren sich als Herren in den
Straßen der Stadt zu fühlen aber die Leute vergaßen vor den greulichen
Gestalten dass heut Fastnacht und dass diese Maske in Torn nicht ungewöhnlich
war Viele empfanden ein Entsetzen als wenn Luzifer mit seinem Gesinde
leibhaftig aus dem Abgrund aufgestiegen wäre vollends die Landleute welche zum
erstenmal die Schreckbilder sahen verfielen in Not und Angst mehr als einer
kniete nieder und die Weiber auf den Karren schrien zum Himmel rangen die
Hände oder bargen die Gesichter in Stroh je nach ihrer Gemütsart Als Hannus
den Aufstand und das Drängen des Volkes sah warf er behend die wertvollsten
Bücher in den Kasten Doch dass er so eifrig seinen Tisch räumte gedieh ihm
nicht zum Heil Denn als die Teufel herankamen erkannte einer den geleerten
Tisch und schwang sich hinauf ein kleiner dienender Satan der mit zwei
Widderhörnern auf dem Kopfe und einem großen Kuhschwanz am Hinterteil sehr
bösartig aussah und während des Laufes zuweilen Kobolz geschossen hatte brüllte
im nächsten Augenblick den Buchführer so grimmig an dass auch dieser erschrocken
zurückfuhr ergriff den Schemel auf dem Hannus auszuruhen pflegte und hob ihn
auf den Tisch als Thron des Oberteufels Dieser setzte sich darauf und rief
seinen Kolben schwingend mit hohler Stimme über den Platz »Wohl her wohl her
mein teuflisches Heer aus Sümpfen und Moor aus Brüchen und Rohr« Und auf den
Dominikaner weisend fuhr er fort »Hier haben wir Mönch und Nonne beieinander
das Sprichwort sagt wahr dass die Heiligen nicht einzeln wandern sondern zu
zweien ist das zweite nicht ein Männlein so ist es ein Fräulein heran meine
Teufel ehrt die Frommen durch einen Tanz Denn auch wir gehören zur Kirche
überall wo die heiligen Väter sich ein Haus errichten bauen sie dem Teufel
daneben eine Kapelle Sa sa rund um« Der Mönch und der Pole der Magister und
seine Tochter wurden bevor sie sichs versahen von den Teufeln in einen Kreis
gezogen und mit wildem Tanze umringt Das Mädchen barg entsetzt über den Anblick
und empört über die Schmach in der fremden Stadt das Gesicht in ihren Händen
der Magister starrte durch seine Brille erstaunt auf die unerhörte Gesellschaft
der Pole fluchte und der Mönch begann einen zornigen Verweis aber die Worte
wurden übertönt durch den lauten Gesang der tanzenden Teufel »Luzifer auf
deinem Höllensitz rivo rivo rivo einst warst du ein Engel von gutem Witz
jetzt bist du greulich und gar nichts nütz pfu Deubel pfu Deubel« Der Mönch
übermannt von Zorn ballte die Faust um sich tatkräftig der Andringenden zu
wehren welche mit ihren Schweinsblasen seinen Rücken zu treffen suchten aber
der kleine Satan mit dem Kuhschwanz sprang ihm wie ein Bock gegen die Beine so
dass der würdige Herr stolperte und sich auf den Boden niedersetzte Da erhob
sich unter dem zuschauenden Volk ein wildes Gelächter in dem die geheime
Abneigung laut wurde Doch die Teufel wichen zurück »Ihr seid ungeschickt«
rief der Oberteufel »dass ihr unsern lieben Vater an den Boden setzt helft ihm
säuberlich auf und entlasst ihn aus unserer Mitte denn ich hoffe er und wir
bleiben gute Freunde« Der Mönch erhob drohend den Arm und entwich aus dem
Kreise
»Wer aber ist der polnische Hahn der so wild in unserm Ringe kräht« fuhr
der Anführer fort und sprang vom Tische dem Polen entgegen Doch in demselben
Augenblick blitzte ein geschwungener Säbel in der Luft und traf seine Larve die
festen Hörner minderten die Wucht des Hiebes aber die Larve klaffte und glitt
vom Haupte und ein gerötetes Jünglingsgesicht wurde sichtbar dem das Blut von
der Stirne rann Ein lauter Schrei erscholl die Umstehenden riefen einen
wohlbekannten Namen und gleich darauf erhob sich der zornige Ruf »Greift den
Polen er hat den Frieden der Stadt gebrochen« Eine Anzahl fester Fäuste packte
den widerstrebenden Fremden und riss ihn zur Seite Der Teufel hatte im Nu seine
Larve wieder befestigt und schrie »Führt jeden zur Hölle der die Rechte der
Kinder von Torn kränkt heran meine Gesellen erhebt noch einmal den Gesang
Zwei Gefangene sind uns geblieben und der eine gleicht einem Gelehrten« Er wies
auf den Magister welcher den Arm um seine Tochter geschlungen hatte und schrie
»Latine loquamur ut vir doctus gaudium habet«
»Nicht habet sondern habeat du höllischer Abcschütz« rief ihm der
Gelehrte unwillig entgegen Doch ungerührt durch den Verweis fuhr Luzifer fort
»Schwand auch der Mönch die Nonne blieb« und dabei legte er den Arm um die
Kappe der Jungfrau aber er stand wie versteinert als er ein verblichenes
junges Antlitz sah die verstörten Mienen und den entsetzten Blick und er rief
zurücktretend und die Hand hebend »Diese gehören nicht zu uns hinweg ihr
Gesellen« Mit großen Sprüngen fuhr er an die Spitze des Schwarms und schwang
sich mit ihm durch die Haufen in die nächste Gasse die gehobenen Kolben fielen
auf die Rücken der Landleute und das Gelächter der Zuschauer begleitete die
Unholde bis Geschrei in der Ferne verriet dass die Teufel wieder mit einem
Gegner zusammengestossen waren
»Furor diabolicus« rief der Magister »blicke auf mein Kind sie sind
fort komm nach der Herberge« Er vergaß den Scheidegruss an den Buchführer
welcher zerknitterte Bogen glättete und verschwand mit seinem Kind in der
Menge
Am Nachmittage schlug der eiserne Klopfer stark an die Haustür des Marcus König
in dem Flur wurden Stimmen laut Barbara die alte Hausmagd öffnete dem
Ankommenden die Stubentür Ein stattlicher Mann in höheren Jahren trat ein das
braune Haar mit Grau gemischt in dem großen Antlitz runde scharfblickende
Augen über dem langen braunen Samtmantel trug er einen Kragen von Marderfell
an dem silberbeschlagenen Gürtel einen Degen in silberner Scheide Er bewegte
seinen gestickten Hut mit gemessenem Gruß gegen den Hausherrn und streckte ihm
die Rechte entgegen Mit langsamer Förmlichkeit ergriff der Wirt die gebotene
Hand und lud den Gast auf einen großen Lederstuhl den Ehrensitz Er selbst
rückte sich seinen Sitz gegenüber und winkte der harrenden Magd welche eine
Flasche und zwei kleine Silberbecher herzutrug und vor den Herren auf den Tisch
setzte Als sie die Tür geschlossen hatte begann der Wirt sein Glas hebend
»Dies bringe ich Euch zum Willkommen namhafter Herr Bürgermeister Hutfeld«
Der Gast antwortete ebenso bedächtig »Ich denke in diesen Wänden an meine
selige Schwester Marta Eure Ehegattin und gern würde ich vernehmen dass Ihr
mich wie sonst als Euren Schwager begrüßt« Da Marcus schweigend das Haupt
neigte fuhr der Gast lebhafter fort »Ich bedaure Schwager Marcus dass Ihr mir
so fremd gegenübersjetzt Tragt nicht mir nach wenn Euch vor kurzem eine
Weigerung des Rates gekränkt hat Ihr erbatet aus dem Zeughause zwei
Feldschlangen für das feste Haus Eures Landguts aber Ihr selbst wisst dass nur
den Ratmännern zuweilen Geschütz in ihre festen Häuser geliehen wird«
»Ich weiß« versetzte der Hausherr »Die Bürger klagen zuweilen dass die
ehrbaren Herren vom Rat nur deshalb die Geschütze der Stadt auf ihre Landhäuser
ziehen um die Gastgelage welche sie dort ausrichten durch Freudenschüsse den
Untertanen zu verkünden Mir aber hatten als ich die Herren durch meine Bitte
beschwerte fremde Wegelagerer eine Scheuer meiner Dorfleute ausgebrannt und mit
fernerer Rache gedroht Die wilde Reiterei ist gemein geworden im Lande und
darum meinte ich der Stadt werde nicht gleichgültig sein wenn das Gut ihrer
Bürger zugrunde geht Ich will fernerhin versuchen mich selbst zu beraten ich
habe durch mein Leben gelernt fremder Hilfe nicht zu trauen«
»Wenige in der Stadt werden bezweifeln dass Ihr in Ratschlag und Tat
wohlbedacht seid Doch verzeiht Herr Schwager wenn ich Euch in treuer Meinung
sage nicht immer frommt es dem Bürger seine Meinung von denen seiner Nachbarn
zu trennen und leichter gewinnt man Gutes für sich selbst wenn man sich
gutherzig in andere schickt Das Geschütz hättet Ihr erhalten und ein Sitz im
Rate würde Euch nicht fehlen wenn Ihr williger der Stadt Eure günstige
Gesinnung erweisen wolltet«
Der Hausherr richtete sich in seinem Stuhle hoch auf »Sprecht weiter
gebietender Herr Bürgermeister Ihr habt zuviel gesagt um aufzuhören«
»Ich rede vertraulich mein Schwager« fuhr der andere fort »Vielen fällt
auf dass Ihr in dieser Zeit wo es sich um Gedeihen oder Untergang der Stadt
handelt in Rede und Tat so wenig Hass und Liebe erkennen lasst und sie wissen
darum nicht ob sie Euch vertrauen dürfen oder nicht«
»Ich bin gelehrt worden« versetzte der Wirt »dass dem Bürger ziemt um das
eigene Wohl zu sorgen und dass ein ehrbarer Rat die Sorge um die Stadt als sein
Vorrecht betrachtet«
»Dem Rat aber vermöchte Eure Einsicht zu nützen Ich weiß am besten
Schwager Marcus wie hoch der Sinn des Mannes ist mit welchem ich rede Nie
werde ich vergessen dass ich meinen Wohlstand den Jahren verdanke in denen ich
als Euer Geselle Handelschaft trieb«
»Vergesst die alte Zeit Herr Bürgermeister und wenn Ihr redlich an mir
handeln wollt so müht Euch zu vergessen was Ihr vielleicht von mir
kennengelernt habt als wir beide jünger waren Ich bin alt geworden es ist
einsam in meinem Hause ich denke die Stadt kann mich leiden wie ich bin bis
ich in der Marienkirche beigesetzt werde gleich anderen meines Geschlechts Dann
mag Euer Pate mein Sohn Georg versuchen dem Rat besser zu gefallen«
»Wenn ich unwillkommen zu Euch kam« antwortete der Bürgermeister gekränkt
durch die Abweisung »so kam ich um Eures Sohnes willen Ein Haufe Vermummter in
der unheiligen Tracht von Teufeln hat heut in den Gassen Ungebühr geübt hinter
der Larve ihres Anführers ist mein Pate Georg erkannt worden Es geschieht nicht
zum erstenmal dass der Rat Ursache hat auf ihn zu merken Diesmal hat er der
Kirche Ärgernis gegeben und ist auch mit dem Polen Pietrowski zusammengestossen
welcher als Gesandter des Grosskanzlers dem Rate am Herzen liegen muss Vielleicht
gefällt es Euch Herr Schwager den Sohn auf einige Tage zu versenden bis der
ärgerliche Fall vergessen ist«
»Hat der Knabe einen polnischen Abgesandten auf offener Straße gekränkt so
soll er auf offener Straße die Busse zahlen« versetzte Marcus finster »ich will
nicht dass um meines Blutes willen die Stadt in Ungelegenheiten gerate Erlaubt
dass ich ihn in Eurer Gegenwart abhöre« Er schritt zur Tür und rief nach seinem
Sohne Es verging einige Zeit in welcher die Herren schweigend einander
gegenübersassen endlich öffnete sich die Tür und herein trat ein junger Gesell
hoch aufgeschossen mit blondem Kraushaar und mit einem runden rosigen Antlitz
in dem zwei schlaue Augen unruhig über die ernsten Gesichter der Herren fuhren
man sah dem Eintretenden die Verwirrung an sein Wams war unordentlich genestelt
und eine Seite der Stirn mit einem Pflaster gedeckt aber um den Mund zuckte
doch die Schelmerei als er sich verneigend grüßte »Guten Abend Herr Vater
guten Abend Herr Pate«
»Wer hat dir die teuflische Fratze gemacht« fragte der Vater streng »in
der du heut vor den Bauern getanzt hast«
»Lorenz der Läufer hat sie von Danzig zugeführt«
»Und wer hat dir das Geld dazu in die Hand gelegt«
»Der Danziger wartet noch darauf Herr Vater« gestand Georg mit geringerer
Zuversicht »Da ist der Gewinn vom letzten Vogelschiessen«
»Der ist schon mehr als einmal in Rechnung gebracht« unterbrach ihn der
Vater »Wer hat dich an der Stirn getroffen«
»Der Säbel des Pan Pietrowski aber er soll dafür bezahlen Eisen um Eisen
ist ein Torner Sprichwort«
»Schweig du dreister Knabe Ihr hört Herr Bürgermeister er hat bekannt
nehmt ihn und tut mit ihm nach Ermessen des ehrbaren Rats«
Dem Bürgermeister war die kurze Bereitwilligkeit des Vaters nicht
willkommen und er fragte nach einer Weile »Als der Fremde den Säbel zog was
hatten ihm die Vermummten angetan«
»Sie hatten ihn umtanzt wie viele andere die heut in fremder Tracht auf
unsern Gassen wandeln Das ist ein altes Recht der Fastnachtsteufel wenn es den
Fremden nicht gefällt mögen sie draußen bleiben« antwortete Georg trotzig
»Haben Stadtleute gesehen dass die Wunde geblutet hat«
»Er hieb die Bänder der Larve durch und entblößte mein Gesicht und einige
schrien Gewalt als das Blut rann«
Hutfeld sah den Vater ernst an »Dies mag das Recht des Polen mindern und
dein Unrecht bessern Euch Herr Schwager ersuche ich diesen unterdes in Eurem
Hause festzuhalten wenn etwa der Rat ihn Euch abfordern lässt« Er wandte sich
zum Abgange
»Darf ich noch etwas reden lieber Herr Pate« bat Georg demütig und als
Hutfeld nickte fuhr er fort »Mir wäre wirklich lieber wenn statt meiner der
Pietrowski verhaftet verstrickt und eingesetzt würde Denn nicht ich habe das
Gesetz mit dem Säbel gebrochen sondern er und nicht er trägt die Schmarre
sondern ich und deshalb kann mir nicht gefallen dass ich in der Klausur sitzen
soll während er in der Schenke die Stiefel zusammenschlägt zumal heut wo alle
Brüderlein lustig sind«
»Du bist Sohn eines Hauswirts er ist der Gast« antwortete Hutfeld ernst
»Nicht immer trinken Wirt und Gast das gleiche Maß Dir aber kann morgen vor dem
Rate frommen wenn du heut nicht im Artushofe beim Abendtanz gefunden wirst« Er
verließ grüßend das Zimmer Der Wirt folgte ihm bis zur Haustür
Als Marcus zurückkam schritt er schweigend zu einem kleinen Wandschrank
hob ein Schlüsselbund heraus und gebot dem Sohne
»Folge mir Hole zuvor dein Gebetbuch denn es wird dir heilsam sein um den
Himmel zu sorgen nachdem du dich im Dienst der Hölle so lustig bemüht hast«
Georg trug mit düsterer Miene ein kleines Buch herzu und folgte dem Vater
die Treppe hinauf in den Oberstock Dort hielt Marcus vor einer
eisenbeschlagenen Tür und faltete bevor er das Schloss öffnete die Hand über
dem Schlüssel Der Sohn aber trat einen Schritt zurück der stumme Trotz mit
welchem er die Einsperrung erwartete schwand in unverhohlenem Schrecken Denn
das Gemach war obwohl stattlich in der Mitte des Hauses nach dem Markte
gelegen doch bei den Hausgenossen und auch unter den Nachbarn übel beleumdet
als Behausung eines polternden Geistes welchen alte Leute als einen gepanzerten
Mann geschaut hatten andere aber als einen braunen Kobold Georg hatte nur
selten den Raum betreten und gerad heut wo er sein Gewissen ein wenig bedrängt
fühlte war ihm der Aufenthalt unheimlich aber die Scheu vor dem Vater schloss
ihm den Mund und er presste die Lippen zusammen Die Tür knarrte in den Angeln
der Sohn trat auf die Schwelle und sein Blick irrte in dem dämmrigen Raume
umher Es war ein Gewölbe mit dicken Mauern durch die trüben Rauten des
Fensters fiel ein Sonnenstrahl und zeichnete auf die Dielen ein Netzwerk aus
mattem Gold an den Wänden standen Schränke und eiserne Kästen auf einem Tisch
hing am kleinen Ständer eine goldene Haube und anderer Schmuck wie ihn die
vornehmen Frauen zu Torn trugen Der Vater blieb vor einem großen Schrank
stehen »Tritt näher« begann er feierlich »du hast heut Heilloses getrieben in
dem Übermut den ich wohl an dir kenne und lange mit Nachsicht getragen habe
ich will dich zur Vorsicht und Bescheidenheit mahnen durch ein ernstes
Beispiel«
»Sagt mir vor allem Herr Vater ob Ihr selbst sehr böse seid wegen des
Teufelskrams« bat Georg
»Dass mein Sohn in der unheiligen Maske als Narr vor den Bürgern gespielt
hat war für uns beide Unehre und noch größer war die Torheit dass er sein
Gesicht sehen ließ«
»Der Pole soll mirs bezahlen« murmelte Georg
»Was ist der Pole« fragte der Vater »der Diener eines Dieners Wer seinen
Zorn an kleinem Gesindlein verzettelt gleicht dem Bussard der nach Mäusen
stößt« Er öffnete die Schranktür »Du warst oft begierig in Blechkappe und
Krebs eines Gewappneten zu reiten weißt du mir zu sagen wer einst diese
Rüstung getragen hat« In dem Schranke stand eine altertümliche Rüstung graues
Eisen mit Gold verziert dabei ein hoher Schild mit dem Zeichen welches in
Torn verhasster war als irgend etwas anderes Es war das schwarze Ordenskreuz
in dessen Mitte ein goldenes lag
»Ein Weissmantel trug die Rüstung« antwortete Georg »und sehe ich recht so
war es ein Hochmeister des Ordens«
»Es war ein Meister des Ordens« bestätigte der Vater »und er war von
unserm Geschlecht Vernimm was von ihm die Chronik kündet Herr Ludolf wurde zu
seiner Zeit gerühmt als ein weiser und kriegstüchtiger Herr Er führte ein
großes Kreuzheer gegen die Heiden in Litauen wohlüberlegt war der Kriegsplan
und er hoffte Ruhm für sich und Landgewinn für den Orden Aber die große
Hoffnung erwies sich als eitel die Litauer wichen weit rückwärts in ihre
Sümpfe und während er mühsam durch die Wildnis nachzog brachen andere
Heerhaufen der Heiden in das preußische Land und verwüsteten erbärmlich Gut und
Volk des Ordens Als er auf die Trauerbotschaft umkehrte verlief sich
unzufrieden das Kreuzheer und von allen Seiten erhoben sich Klagen gegen ihn
selbst Das Unglück des Landes frass ihm am Herzen so dass er in Trübsinn verfiel
und in schwarzer Stunde mit dem Messer nach einem Ordensbruder stach In seinem
Gram über die Missetat entsagte er selbst einer Herrschaft Nach Jahren schwand
die Wolke von seinem Geiste und die Brüder welche seinen Wert wohl kannten
wollten ihn wieder auf den Herrenstuhl setzen er aber weigerte sich Und als er
von dieser Erde schied umgeben von trauernden Brüdern und Männern unseres
Geschlechts da sprach er wie die Sage meldet eine schwere Besorgnis aus Oft
ist das Schicksal der Könige von Torn gewesen dass durch den Lauf der Welt
vereitelt wurde was sie redlich wollten ihnen ist wie ich fürchte kein Glück
auf Erden beschieden Sorgt dafür Kinder meines Geschlechtes dass ihr im Himmel
euch gute Fürbitter gewinnet Was der Sterbende sprach hat die folgende Zeit
erfüllt Einst saß unser Geschlecht ehrenvoll in den großen Städten und in der
Landschaft es sind wenige davon übriggeblieben hier in Torn sind wir beiden
die letzten« Er sah finster vor sich nieder
Dem Sohn tat der Kummer des Hausherrn leid und er versuchte gutherzig zu
trösten »Ach Herr Vater hätte der arme selige Vetter Hochmeister doch bevor
er schwermütig wurde noch einmal auf die hinterlistigen Heiden losgeschlagen
Blieben sie stärker so starb er im Felde mit leichtem Herzen Und wegen seiner
Prophezeiung grämt Euch nicht Euch ist doch auch manches gelungen in Eurem
Leben und im Artushofe schweigen alle mit Achtung wenn Ihr einmal das Wort
ergreift Waren die Alten trübselig warum sollen wirs sein«
»Du sprichst in kindischem Mut« antwortete Marcus »höre weiter Du hast
deinen Großvater nicht gekannt auch von ihm bewahre ich ein Gewand« Er öffnete
die andere Hälfte des Schrankes ein Büsserkleid hing darin »In seiner Zeit war
der Deutsche Orden schwach und hilflos die Ordensherren verdorben durch
Schwelgerei und Unzucht wie sie in der Mehrzahl noch jetzt sind hochmütig
pochten sie auf ihren Adel sie versagten uns alten Geschlechtsgenossen aus den
Städten die Aufnahme in die Bruderschaft weil wir Kaufmannschaft trieben und
Bürger waren und verteilten die Ämter des Ordens an fremde Abenteurer aus dem
Reiche die gewöhnt waren von Raub zu leben und die auch als Ordensritter
gleich Räubern in unserm Lande hausten Die Tyrannei wurde dem Lande unleidlich
zum Unheil war der Orden geworden und ein Unheil war die Hilfe welche das Land
zur Zeit deiner Grossväter dagegen fand In offener Empörung kämpften Städte und
Landschaft gegen den Orden und sie die sich Deutsche nannten gaben ihr Geld
und ihr Blut dafür dass der Pole ihr Schutzherr wurde Damals war im Lande alles
feindlich geteilt Brüder und Nachbarn in grimmigem Kampf gegeneinander In
unserer Stadt gab es viele welche dem Hochmeister anhingen und die Stadt der
deutschen Herrschaft bewahren wollten Auch dein Großvater gehörte zu den
Freunden des Ordens Da ich ein kleiner Knabe war wurde ich vor ein Gerüst
geführt das dort vor unserem Hause gezimmert war und sah wie die Häupter
ansehnlicher Bürger in den Sand fielen Zuletzt erkannte ich meinen Vater Er
ließ mich durch den Mönch der neben ihm stand auf das Gerüst heben küsste
mich sah mich aus hohlen Augen an und sprach mir leise in das Ohr Du wirst
mich rächen Marcus Seitdem sehe ich zuweilen am Boden das schwarze Blut und
ich höre wenn ich allein bin die heisere Mahnung in meinem Ohr« Er hielt
inne auch der Sohn starrte bleich auf das blutgetränkte Gewand Endlich fuhr
Marcus fort »Der Bruder meines Vaters der mein Pate war hielt zur polnischen
Partei er rettete mir das Erbe und erzog mich in Treue Wundere dich nicht
Georg dass dein Vater ein schweigsamer Mann geworden ist nur kurz war das
Glück welches mir mit deiner lieben Mutter der Schwester meines Spielgesellen
Hutfeld in das Haus geführt wurde sie ging zu den Engeln und ließ dich mir
zurück Ungern giesse ich den bitteren Trank in den Becher deiner Jugend aber
der Tag ist gekommen wo dein sorgloser Mut durch ernste Gedanken gebändigt
werden soll Erkenne dass ich dich nicht wie einen ungezogenen Knaben behandle
und hüte dich mir fernerhin zu missfallen«
Er wandte sich zum Gehen Georg eilte ihm nach und sprach mit tränenden
Augen »Ich danke Euch Herr Vater für Eure Liebe und Euer Vertrauen und dass
Ihr mich so gütig straft Gefällt es Euch Herr so sagt mir noch eins worum
ich in Demut bitte Ists nach Eurem Wunsche wenn ich mich für einen Deutschen
halte gegen die Polen«
Der Vater hielt an und antwortete mit Überwindung »Ich denke dir ist nicht
not darum zu sorgen Du bist ein Sohn der im Hause des Vaters lebt und der
Vater richtet dir den Willen Zuerst gebietet dir der Vater dann der Rat Wirst
du einst zum Ratmann der Stadt erkoren dann erst darfst du deine eigenen
Gedanken betätigen«
Als Marcus die Tür verschlosesn hatte fragte Georg erstaunt War dies mein
Vater Er sah höher aus als sonst und so gewaltige Rede habe ich nie aus seinem
Munde vernommen er wäre wohl strenger gewesen wenn er gewusst hätte dass wir
den Frauenbruder garstig vexiert haben Scheu blickte er durch die Dämmerung
nach dem offenen Schrank dessen Tiefen wie schwarze Schlünde gegen ihn gähnten
Vom Großvater hat mir oft die selige Tante erzählt und meine Gesellen haben mir
sonst sein Schicksal vorgeworfen Jetzt wagt es keiner mehr Dennoch ist es
hart mit diesen Totengewändern eingesperrt zu sein Er drückte die Schranktüren
zu eilte an das Fenster und zog bis es ihm gelang zu öffnen Dort atmete er
frische Winterluft sah die heimziehenden Landleute die geschäftigen Bürger
welche Tische und Kasten vom Markte in die Häuser trugen und hoch über den
dunklen Schatten der Erde den lichten Abendhimmel da wurde ihm leichter zu
Sinn Also ich bin von dem Blute dem Hochmeister entstammen Ich grüße Euch
mein Kumpan Herzog Albrecht von Brandenburg Der Vater trägt wie ich merke
seinen Stolz in der Tasche ich wollte er zeigte ihn auf dem Markte Meine
Ahnen haben als die Vornehmsten dem Adel geboten jetzt drängen wir uns mit den
Junkern vom Lande wenn wir zufällig auf derselben Bank sitzen und höhnen
einander in wilden Reden Der lange Henner Ingersleben der weder Gut noch Geld
hat und als Einlieger bei seinen Spiessgesellen auf dem Lande haust weigert sich
höhnisch mit uns Stadtknaben im Ringelrennen zu reiten und schalt uns
Bürgerpack Treffen wir uns auf der Heide so ist ausgemacht dass wir einander
schlagen bis einer unter dem Pferde liegt Auch mit dem Polen und seiner
Sippschaft hängt jetzt ein Handel den wir in Frieden schwerlich zu Ende
bringen aber Junker und Polen sollen merken dass wir Kinder von Torn uns gegen
sie zu behaupten wissen Drohend hob er die Faust aber er sah gleich darauf
wieder scheu in der Stube umher Als ich vor Jahren auf dem Danziger Schiff nach
Schonen fuhr um unsere Heringstonnen heimzuholen und der dänische Seeräuber
uns anlief da sprang ich mit den andern auf sein Verdeck obwohl ich ein Knabe
war und der Schiffer Hendrik rühmte die Hiebe des Dussek den ich gegen die
Dänen schwang Doch trotz dieser tapfern Reden hielt er sich vorsichtig in der
Nähe des Fensters Draußen war es finster geworden nur einzelne Tritte klangen
auf den Straßen in den Häusern glänzten Lichter und flackernde Herdfeuer um
die Schänken summte das Geräusch lustiger Gesellschaft und vom Artushofe her
klang die Tanzmusik Die Pfeifer hätten auch nicht nötig so gellend zu locken
ich vernehme die Ladung ohnedies Ob Eva Eske wohl nach mir fragt Ich denke
sie erwartet dass ich mit ihr tanze Wäre ich dort ich hätte den Vortritt weil
ich beim letzten Stechen das Beste gewonnen habe Jetzt wird sich Vetter Matz
Hutfeld die teige Bürgermeistersemmel obenan auf das Brett schieben Matz
stolperte neulich beim Tanze über mein ausgestrecktes Bein und fiel hin mich
soll wundern ob sein Vater trotzdem im Rate für mich sprechen wird Auf der
Straße sangen vorübergehende Gesellen ein Liebeslied Georg summte es leise mit
Ach das fremde Mädchen hat ein holdseliges Gesicht und mich ärgert sehr dass
ich sie gekränkt habe sie starrte mich an in Schreck und Scham ich kann den
Blick nicht vergessen ich muss erfahren wer sie ist und bei wem sie haust ich
möchte nicht dass sie mich für ganz unbändig hielte Vielleicht berede ich meine
Genossen dass sie ihr eine Nachtmusik bringen dann spiele ich die Laute und
Lips Eske streicht das Bassettel Lange erfreute ihn dieser Gedanke und er
summte eine zierliche Weise die zu dem Ständchen passte Auch als die
Abendglocken läuteten und er das Gebetbuch in der Tasche fühlte dachte er das
läuft niemals weg und begann eine neue Melodie Zuletzt aber fühlte er die
Kälte und den Hunger und auch die finstere Stube bereitete ihm Sorge Der Herr
Vater sitzt wohl im Artushofe bei seinem Trunke und Barbara getraut sich nicht
ohne seine Erlaubnis Licht und Nachtkost zu bringen Es ist zuweilen
mühseliger ein Sohn zu sein als ein Vater
Da knarrte es leise längs der Hauswand an dem Seile welches aus der
Giebelluke hing glitt ein dunkles Bündel herab und eine Stimme flüsterte vor
dem Fenster »Seid Ihr noch bei Leben und Gesundheit Junker«
»Bist dus Dobise«
»Niemand sonst Wenn Ihr Euren Arm ausstreckt könnt Ihr den meinen fassen
und mich ans Fenster ziehen«
Das tat Georg Der Ankömmling dessen Fuß in dem Haken des Seils haftete
klammerte sich an das Fensterbrett und blickte ängstlich in den Raum »Was
bringst du Hausteufel« fragte Georg
»Nichts vom Teufel« warnte der andere »denn es ist Nacht und die
schwarzen Geister wandeln Eure Gesellen grüßen Euch sie ziehen nach dem
Abendtanz in die Trinkstube zu Jan Rike dort erwarten sie Euch Haltet das Seil
fest Ihr könnt nach mir auf den Boden steigen und durch das Hinterhaus ins
Freie Schlagt den Haken an das Fenster so findet Ihr Euch auf demselben Wege
zurück und kein Herr merkt Eure Fahrt«
»Wo ist der Vater«
»In seiner Kammer die er nicht mehr verlässt«
Georg dachte sehnsüchtig an die harrenden Genossen aber er ermannte sich
»Ich bin hier verstrickt und darf nicht entweichen«
»Bindet Euch ein Strick so löst Euch der andere« erinnerte Dobise an dem
Seil schüttelnd
»Dennoch bleibe ich hier man muss seinem Alten auch einmal etwas zu Gefallen
tun Den Gesellen sage dass der Rat über uns ist und hör mahne heimlich die
Magd dass sie mir ein Licht und gute Kost zuträgt denn es ist einsam im
Finsteren«
»Ihr wollt doch die Nacht nicht allein bleiben mit den Unholden der Stube«
»Willst du zu mir hereinkommen und bis zum Morgen hier weilen so habe ich
nichts dagegen« versetzte Georg
»Lieber wollte ich sterben« raunte Dobise in ehrlichem Grauen und ließ das
Fenster los so dass er an dem Seile baumelte
»So fahr dahin du Narr«
»Auf der Treppe will ich die Nacht sitzen um Euretwillen« flüsterte der
andere handelnd »dafür bitte ich Euch morgen um Silber bei den Pfaffen einen
Zettel für mich zu kaufen Denn sie sagen dass die Teufel Macht über jeden
erhalten der ihren Rock anzieht und da ich Euch zuliebe mit Kuhschwanz und
Hörnern gesprungen bin so hoffe ich werdet Ihr Euch meiner Seele erbarmen
Alle vierzehn Notelfer Seht Ihr die feurigen Augen hinter Euch«
Georg wandte sich erschrocken um »Es ist die Goldhaube der Mutter« sagte
er beruhigt
Dobise schwieg und sah spähend in den Raum
Auf dem leeren Markt klangen Tritte welche sich näherten »Schnell mach
dich fort« mahnte Georg und trat vom Fenster zurück Im nächsten Augenblick
vernahm er Gebrüll und einen Schreckensruf und sah den Dobise schleunigst am
Seil nach der Höhe klimmen Unten murmelte es leise dann wurde alles still der
Nebel quoll in den Straßen die roten Lichter welche hier und da blinkten
schwanden eines nach dem andern in der Ferne schlug dumpf die Uhr von St
Johannes und zuweilen blies der Türmer die gewohnte Weise Spät kam die alte
Barbara sie trug die Abendkost eine Lampe Strohsack und Decke Georg
antwortete ihrem bekümmerten Nachtsegen mit freundlichem Lachen warf sich auf
sein Lager am Boden und entschlief ruhig
Der Vater aber in seiner Kammer wachte er saß über ein Buch gebeugt dessen
Seiten er mit vielen Zeichen beschrieben hatte zählte zusammen und rechnete
Die Zeichen und Zahlen des Buches unverständlich für jeden andern bedeuteten
nicht Kaufmannsgüter und Summen seines irdischen Handelsgeschäftes es war die
Rechnung die er als frommer Christ für das ewige Leben führte Die frommen
Bruderschaften standen darin denen er angehörte jede mit vielen Tausenden
Paternoster und AveMarias mit ganzen Rosenkränzen und anderen Hilfsmitteln zur
Seligkeit welche die Bruderschaft als gemeinsamen Schatz für ihre Mitglieder
gutgemacht hatte Auch seine eigenen guten Werke waren darin verzeichnet die
frommen Spenden und Almosen die er ausgeteilt und die Bussübungen denen er
sich unterzogen Seite auf Seite überschlug er und rechnete zusammen am
sorgfältigsten was er der Mutter Gottes und seinem Schutzpatron dem heiligen
Johannes zu Ehren erwiesen hatte damit sie ihm ihre besondere Neigung
zuwendeten Es war eine große Summe von Gebeten und von guten Werken »Wir
flehen und opfern unablässig« seufzte er endlich »aber nimmer erfahren wir
wie hoch die Heiligen den Aufwand schätzen den wir für sie gemacht und wir
müssen den Priestern vertrauen wenn sie uns gute Vertröstung geben und
bestätigen dass unsere Rechnung mit dem Himmel günstig für uns stehe Ich bin
ein alter Mann geworden über der Arbeit dieses Buches aber den größten
irdischen Wunsch um den ich flehe entbehre und opfere haben die Heiligen
nicht erhört« Er barg das Buch in seinem Schrein und ging mit großen Schritten
und gehobenem Haupte in der Kammer auf und ab die Augenbrauen zogen sich
finster zusammen die Faust ballte sich und wenn das Licht seine düstern Züge
erleuchtete sah er einem harten Kriegsmanne ähnlicher als einem friedlichen
Kaufherrn
Der Herr Magister
Marcus König galt für den reichsten Grosshändler der Stadt er war Herr eines
Landgutes mit befestigtem Hause er besaß Wälder Wiesen und Mühlen nicht nur im
Stadtgebiet auch jenseit der Brücke in Polen ihm gehörten mehrere Bordinge und
Frachtkähne auf der Weichsel und man wusste dass er in Gesellschaft mit großen
Kaufherren aus Danzig und Lübeck weit über die See handelte Wer in sein Kontor
die Kammer trat erkannte dass der Hausherr sich viel in der Welt versucht
hatte neben den Schränken mit Handelsbriefen und Warenproben hingen zwei halbe
Rüstungen aus schwarzem Eisenblech wie die Seefahrer im Kampfe zu tragen
pflegten darunter ein Feuerrohr Piken und Enterbeile an der Decke
zusammengerollte Wimpel und Flaggen verschiedener Schiffe in der Ecke lehnten
gewaltige Wurfspeere welche der Nordländer zum Streit gegen Seeungeheuer
gebraucht und zwischen ihnen das riesige Horn eines Ungetüms Auch das
Marienbild welches über dem Weihkessel an der Tür hing war mit einem
Rosenkranz von großen roten Korallen umgeben die nur im Südmeer erfischt
wurden Die oberen Stockwerke des Hauses die Keller und die Speicher in dem
langen Hof waren mit Kaufmannsgut gefüllt dort lagerten Kupfer und Pelzwerk
Wachs und Honig der Ostländer aber auch die köstlichen Waren welche aus dem
fernen Westen herzugefahren wurden süßer Wein und Gewürz teure Gewebe Samt
und goldgemusterte Stoffe aus Flandern und Genua Dennoch war es ein stilles
Haus und eine kleine Dienerschaft mit welcher der reiche Mann seinen Handel
betrieb In der Kammer saß nur ein Gehilfe ihm gegenüber Bernd Gusek ein
demütiger Mann welcher der Lieger hieß weil er eigenen Anteil an vielen
Geschäften hatte und das Vorrecht gleich dem Herrn mit der Marke der Handlung
zu zeichnen er war wohlbekannt in allen Oststädten von Lemberg bis Danzig und
galt unter den Polen soviel als der Herr selbst Ein niedriger Seitentisch war
für Georg aufgestellt der als Gesell in der Handlung diente Im Hofe und in den
Speichern aber wirtschaftete mit einigen Packern der Hausknecht Dobise ein
Unfreier vom Gute des Hausherrn Sonst wussten die Neugierigen weniger von dem
reichen Marcus zu erzählen als von andern Brüdern des Artushofes Denn er war
nach dem Tode seiner Hausfrau viele Jahre auf Handelsfahrten in der Fremde
gewesen während seine unverheiratete Schwester ihm den einzigen Sohn erzog
Erst als die Schwester starb war er heimgekehrt ein ernster schweigsamer
Herr der sich stolz hielt gegen die Bürger aber auch unter den Brüdern des
Artushofes wo er von seinen Vorfahren her einen Ehrensitz an der vornehmsten
Bank innehatte
Am Tage nach dem Teufelstanz schrieb Marcus in der Kammer über
Geschäftsbriefen auch Georg der seiner Haft entledigt war saß missvergnügt auf
dem Schemel als der Ratsbote eintrat und den Hausherrn mit seinem Sohne vor den
Rat lud Die alte Magd reichte dem Herrn klagend seinen Hut »Das wird für Euch
ein saurer Gang Sonst wenn Lischke der Bote in das Haus kam hielt er gern
bei der Küchentür an er saß auf dem Schemel nieder und erwartete dass ich ihm
ein Glas Danziger zutrug heute sah er feindselig um sich und wich vor dem
Schemel zurück wie ein Kater vor dem heißen Rost«
Nicht nur der Diener war in Aufregung auch die Herren des Rates saßen steif
auf ihren Stühlen und sogar der älteste Bürgermeister Burggraf Friedewald der
allen ehrwürdig war mit seinem langen weißen Haar und dem freundlichen Antlitz
begann feierlicher als sonst »Bevor der Rat Euren Sohn straft Herr Kumpan muss
ich Euch vorhalten dass heut Bartel Schneider mit seinem Gesellen eine Anzeige
vor uns gebracht hat Als er gestern in später Abendstunde bei Eurem Hause
vorbeiging hat er nahe an Eurer Wand über sich in der Luft eine schwarze
scheussliche Gestalt gesehen die ihm als der leibhaftige Teufel kenntlich wurde
Diese Gestalt hat sich in der Luft überschlagen und gegen die redlichen Männer
den Schneider und seinen Gesellen so greulich gebrüllt dass beide entsetzt
auseinanderfielen bis sie auf dem Boden lagen Von dort sagt Bartel habe er
noch gesehen dass der böse Geist an Eurem Hause in die Höhe flog wobei sein
Schwanz immer länger wurde bis er endlich in Eurer Giebelluke verschwand Der
Geselle sagt aus dass er ein unmenschliches Gelächter vernommen habe und dass
obenerwähnter Schwanz welcher gerade herabhing am Ende gekrümmt gewesen sei
wie bei einem Fleischerhunde Ungern teile ich Euch das mit da Ihr als ruhiger
und gottesfürchtiger Mann bekannt seid doch Euch selbst wird nicht verborgen
bleiben was viele meinen dass der Frevelmut Eures Sohnes und sein Spiel mit dem
Teufel dem Bösen Zugang in Euer Haus bereitet habe Arges Gerücht aber verdirbt
den besten Mann und des Rats Verpflichtung ist unter anderem auch
Beunruhigungen christlicher Seelen zu verhindern deshalb werdet Ihr wohltun
unverzüglich die frommen Väter zu laden damit sie dem Bösen Euer Haus
verleiden und werdet fortan Eure Hausgenossen in strenger Zucht halten damit
das Geräusch in der Stadt wieder gestillt werde und unsere und Eure Ehre im
Lande nicht durch schädliches Gerücht gekränkt«
Marcus warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn der betroffen an das
Seil des Dobise dachte und schwieg eine Weile wie einem bescheidenen Manne
schicklich war wenn ihm Gewichtiges in das Ohr klang Endlich begann er »Ich
bedanke mich bei dem ehrbaren Rat für die Vermahnung und ich werde zur Stelle
bei den ehrwürdigen Dominikanern um die Hilfe der Heiligen anhalten Ich selbst
habe in meiner Kammer wo ich gerade besser als mit weltlichen Dingen
beschäftigt war einmal ein fernes Brummen vernommen und mich dabei beruhigt
dass es vom Markt herkomme Gegen die Aussage des Bartel Schneider vermag ich
nichts vorzubringen er ist aus der Neustadt und deshalb geneigt von unserer
Altstadt Unfreundliches zu vermelden und er ist zwar bekannt als ein redlicher
Mann aber nicht als ein herzhafter Einen ehrbaren Rat bitte ich nur
wohlmeinend zu erwägen dass der nächtliche Spuk nach Aussage nicht in meinem
Hause sichtbar wurde sondern außerhalb und wenn er sich unter meinem Dach
verloren haben soll so mögen vielleicht die Erschrockenen dies nicht deutlich
gesehen haben zumal die Nacht finster war« Darauf wandte sich der Burggraf
gegen Georg und strafte diesen stärker mit Worten »Denn obwohl die Maske des
Teufels in der Fastnacht von Torn nicht unerhört ist so bleibt sie immer
bedenklich vor anderen für junge Gesellen des Artushofes und obwohl das
Vexieren mit Schweinsblasen und Lederkolben ebenfalls gebräuchlich ist so ist
dabei doch billige Rücksicht zu nehmen auf fremde Gäste und zumeist auf heilige
Männer Beide aber sind durch den Narrentand gekränkt worden und der Rat muss
Euch weil Ihr den Frieden der Stadt durch Wort und Gebärde geschädigt habt zu
einer starken Pön verurteilen zumal uns allen wohlbewusst ist dass Ihr nicht zum
erstenmal wegen Ungebühr vor dem Rate steht Da Ihr öfter gemahnt worden seid
und doch nicht Ruhe haltet so muss der Unwille der Stadt um so größer werden«
»Hochgebietender Herr Burggraf« antwortete Georg mit aufrichtigem Kummer
»Mich selbst verwundert sehr dass gerade ich zuweilen das Unglück habe einen
Anstoß zu geben denn ich möchte gern in Frieden lebenWenn die anderen Vögel
davonfliegen an meinen Federn haftet das Pech dass zuletzt der Bote des Rats
seine Mütze über mich wirft«
»Wollt Ihr damit sagen« versetzte der Bürgermeister »dass Ihr von anderen
angestiftet seid so mögt Ihr in diesem Fall vielleicht Eure Strafe mildern
wenn Ihr die Rädelsführer angebt« Und als der alte Herr so sprach zuckte trotz
der strengen Worte doch ein Lächeln um seinen Mund Georg errötete über die
Zumutung »Ihr wisst selbst hochgebietender Herr dass mir nicht ziemen würde
einen meiner Gesellen zu verraten oder gar das Urteil welches gegen mich
gefällt ist andern an den Hals zu reden«
Da Herr Friedewald dasselbe wusste und auch daran dachte dass die andern
Teufel zum Teil Söhne von Ratsherrn gewesen waren so begnügte er sich zu sagen
»Wenn Euch der Rat nach dem Namen Eurer Kumpane fragen wollte würdet Ihr ihm
die Antwort nicht weigern diesmal geht die Klage gegen Euch allein Dagegen ist
wieder dem Rate berichtet dass ein Bäuerlein von den Stadtgütern mit einem
eisernen Flegel gefährlich gegen Eure Genossen losgeschlagen und dass der fremde
Pole Euch mit gezückter Waffe angefallen hat Beide haben den Frieden der Stadt
gebrochen das Bäuerlein welches uns angehört wird nach Gebühr gerichtet
werden und gegen den Polen steht Euch selbst eine Klage zu wegen des Hiebes
welcher dem Vernehmen nach zweizöllig und blutig war
Da der Pole als Gast der Stadt anwesend ist und sich als fremd zu unserm
Brauch und Recht bekannt hat so will der Rat ein übriges tun und Eure Strafe
erlassen wenn Ihr davon absehet den Gast zu verklagen«
»Ich denke gebietende Herren« versetzte Georg »mein Recht mir selbst von
dem Pietrowski da zu holen wo der Friede der Stadt mir nicht die Waffe bindet«
»Ich merke« sagte Herr Friedewald strafend »dass Ihr geringe Ursache habt
friedliche Gesinnung vor uns zu rühmen Wahrt Euch auch auf fremdem Grunde vor
Händeln und Rache damit der Stadt nicht Euretwegen neue Sorge entstehe Heut
aber entnehme ich aus Euren Worten dass Ihr der Klage entsagt Fertigt die
Vergleichung zu Papier Stadtschreiber«
Als Vater und Sohn das Ratszimmer verließen und der Vater schweigend mit
gesenktem Haupt über den Markt schritt dachte Georg reuig dass er sehr zornig
sein müsse und der Kummer des Alten tat ihm von Herzen weh Erst als sie vor
ihrem Hause standen sah Marcus nach der Höhe und sprach seinen Sohn scharf
anblickend »Dort hängt der Haken mit dem Seil aus der Luke sage dem Dobise
dass er ihn zur Stelle einzieht ich gehe zu den Predigermönchen«
»Herr Vater« bat Georg »warum wollt Ihr nicht bei unserem Pfarrer von St
Johannes Hilfe suchen was kümmern uns die Mönche in der Neustadt«
»Sie kümmern uns weil sie gegenwärtig die Herrschaft unter den Geschorenen
führen Der Pfarrer von St Johannes ist beargwöhnt als ein Unzufriedener«
Kurze Zeit darauf bewegte sich ein heiliger Zug von der Neustadt über den
Markt zwei Predigermönche vor ihnen die Knaben mit Lichtern der Sakristan mit
Wedel und Sprengkessel ein junger Bruder mit dem großen Buche An der Tür
empfing der Hausherr die hilfreichen Gäste die Knaben zündeten die Lichter an
welche der Wind ausgeblasen hatte und die Mönche umschritten feierlich die
versammelten Hausgenossen sprachen die lateinischen Gebete und besprengten die
Knienden mit dem Weihwasser wobei Georg ohne Freude erkannte dass der Zorn des
Pater Gregorius ihm das ganze Gesicht mit dem Wedel bestrich Als die Menschen
notdürftig gegen die Einwirkungen des Satans geschützt waren durchzogen die
Brüder das Haus forderten in jedem Raume den Bösen auf zu entweichen
sprengten und räucherten jede Ecke Der Demütigste von allen war Dobise er
hatte sich aus eigenem Triebe ein Wachslicht angezündet das er mit gesenktem
Haupt und gefalteten Händen vor sich hertrug er murmelte das AveMaria dessen
er mächtig war unablässig vor sich hin und benutzte jede Gelegenheit sich auf
die Knie zu werfen
Als alles nach Gebühr vollendet war führte der Hausherr die Brüder zur
Wohnstube wo bereits der Weinkrug mit den Bechern stand er bedankte sich
wieder ehrerbietig wegen Säuberung seines Hauses und empfahl sich und die Seinen
dem Gebet der Mönche »Und jetzt bitte ich dass die ehrwürdigen Väter eine
Stärkung nicht verschmähen«
»Noch haben die Heiligen nicht die Sühne welche sie sich begehren müssen
nach der Kränkung die einem Geweihten zugefügt wurde« versetzte Pater
Gregorius feindselig abweisend
»Mein armer Sohn ist bereit sich jeder Busse zu unterwerfen welche Ihr ihm
auferlegen werdet«
»Wenn er an drei Festtagen vor dem andächtigen Volke büssend befunden wird
nicht auf den Stufen des Altars sondern auf dem Fußboden nicht auf seinen
Knien sondern ausgestreckt und wenn er darauf gebührlich opfert so mag die
Kirche ihn seiner Sündenschuld erbarmend entledigen«
Das Antlitz Georgs rötete sich und er ballte die Faust aber der Vater hob
die Hand dass er schweige »Wenn er auch tut was Ihr frommen Väter ihm
auferlegt so weiß ich doch dass Euer Gebet heilkräftiger für ihn sein wird als
seine eigene Busse und vor allem möchte ich Euren guten Willen erwerben Deshalb
flehe ich dass Ihr als Zeichen günstiger Meinung nicht verschmäht von diesem
Sekt zu trinken welcher das Beste meines Kellers ist«
Pater Gregorius ergriff nachlässig den Wedel sprengte um den Wein wobei er
sich hütete Wassertropfen in den Trunk zu werfen leerte vornehm das Glas und
wandte sich dann im stillen Gebet vor das Muttergottesbild in der Nähe der Tür
Als Dobise welcher dort unter den Knaben stand die neue Andacht des großen
Mannes sah hielt er es für nützlich ihm wieder zu leuchten und warf sich mit
seiner Kerze vor den Füßen des Mönches zu Boden Unterdes nahm Marcus den
anderen Bruder der dem Wein volle Ehre erwiesen hatte ans Fenster und sprach
bekümmert »Ich bitte Euch ehrwürdiger Bruder mir zu sagen wie ich den guten
Willen unseres Vaters gewinnen kann gern würde ich ihm meine Verehrung
erweisen damit er des Mutwillens nicht mehr gedenkt und fortan mit treuer
Gesinnung für mich und meinen Sohn zu bitten vermag Denn hart ist die Busse
welche die Heiligen meinem armen Georg auferlegen wollen und gern vermiede ich
die Unehre«
»Vielleicht« versetzte der Mönch wohlwollend »wenn Ihr ein ansehnliches
Fass von demselben Wein an unserer Pforte abladen liesset würde mein Bruder
besseres Vertrauen gewinnen«
»Ein ansehnliches Fass« wiederholte Marcus erstaunt »Ihr wisst dass dieser
Wein nur in kleinen Tonnen aus Welschland zu uns kommt Doch bin ich bereit
gegen Abend zwei Legel nach St Nikolaus zu schaffen diese soll mein Knabe
selbst überbringen«
Der Mönch winkte mit einem Blick des Einverständnisses und die frommen
Brüder verließen das Haus im Zuge nachdem sie die Hausbewohner gesegnet hatten
Georg trat mit flammendem Blick vor den Vater »Niemals unterwerfe ich mich
der Busse des boshaften Mannes«
»Wer länger gelebt hat als du der erkennt dass alles seinen Preis hat Am
kostbarsten aber ist der Zoll den wir auf dem Wege in jenes Leben zu entrichten
haben Gibt jemand den Pfaffen ein Recht über sich so darf er sich nicht
wundern wenn sie den Vorteil unmäßig benutzen Denn die Geistlichen wie sie
auch sein mögen haben die Macht jedem in diesem und noch mehr in jenem Leben
zu schaden oder zu nützen Kein Kaiser und kein König vermag ohne ihre Hilfe und
Fürbitte zu bestehen und die von St Nikolaus sind obgleich schärfer als
andere in Torn doch noch nicht so unersättlich als größere und kluger Sinn
vermag sie noch zu gewinnen Und ich sage dir« fuhr er befehlend fort »du
wirst dich vor ihnen demütigen sie aber werden wie ich hoffe dir die
öffentliche Unehre erlassen«
Als Georg gegen Abend mit Dobise den Wein vor der Klosterpforte abgeladen
hatte senkte er seinen Stolz mühsam bändigend vor dem Pater das Haupt und bat
mit höflichen Worten die er sich mühsam überlegt hatte um Verzeihung Der
finstere Blick des Paters glitt auf die Tönnlein herab und wurde etwas
freundlicher so dass er dem Sünder nur als stille Busse auflegte an drei Tagen
eine vorgeschriebene Anzahl von Gebeten vor jedem Altar der Klosterkirche zu
sagen Mit diesem Bescheid ging Georg missmutig heim
An einem der nächsten Tage saß Georg in der dunkeln Hinterstube des Hauses
und berechnete die Unkosten welche eine Kiste Samt und Brokat von Venedig bis
zur Ankunft in Torn verursachen würde Die Arbeit rötete ihm die Wangen und da
er sich mehrmals in das Haar gefahren war stand es ihm aufgeregt um den Kopf
er sah zuweilen auf ein Rechenbrett mit wunderlichen Zeichen und war unzufrieden
mit dem Schreiberohr der Tinte und der schweren Rechnerei Unvermerkt war der
Vater herangetreten als Georg das Rohr weglegte und tief aufatmete ergriff er
das Blatt und sah die Rechnung durch »Samt und Brokat haben klein Gewicht das
konntest du wissen« tadelte er »auch hast du vergessen dass die Herrschaft von
Venedig dem deutschen Kontor beim Zoll zehn Prozent vom Werte der Ware nicht in
Rechnung bringt Die Berechnung über Augsburg ist richtig der Danziger nimmt
die Lagermiete nach dem Wert der Ware sobald er die Kiste unter sein Dach
bringt und es ist deshalb unsere Sache mit dem Bordschiff bei der Hand zu
sein damit wir vom Deck einladen« Das Blatt weglegend fuhr er fort »Wie
lange ist es her seit du die lateinische Schule von St Johannes verlassen
hast«
»Drei Jahre Herr Vater und ich musste länger dort sitzen als ein anderer
ich war der größte Schüler und die kleinen Schützen lachten wenn ich einmal
nicht Bescheid wusste« versetzte Georg mit ehrlichem Abscheu
»Ich habe mit Bürgermeister Hutfeld deinem Paten deinetalben gesprochen
einiges was er mir sagte vermag er mit guten Gründen zu stützen jetzt sitzest
du im Artushofe unter den jüngsten ich denke du hast den Willen einen
Ehrensitz zu erwerben«
»Ich will der Stadt keine Schande machen Herr Vater«
Marcus nickte »Es kommt eine neue Zeit und wer jetzt über das Wohl der
Stadt verhandeln will mit den Polen oder auch fern im Reiche der muss des
Lateinischen mehr mächtig sein als du bist Gern hätte ich dich an die Oder
nach Frankfurt geschickt damit du dort bei den Juristen das Recht lerntest
Aber die Handlung konnte dich nicht entbehren Noch andere Knaben aus dem
Artushofe sind in derselben Lage dass die Väter sie im Hause nicht ganz missen
wollen Darum haben einige von uns vereinbart euch dem neuen Magister der
Johannesschule in der Art zu übergeben dass ihr gesondert von den andern in Stil
und lateinischer Kanzlei belehrt werdet Es wird dem Magister sowohl durch Geld
als auch durch Getreide gutgemacht werden«
Georg vernahm bekümmert diesen Befehl aber im nächsten Augenblick erhellte
sich sein Gesicht und mit größerer Freudigkeit als der Vater erwartet hatte
antwortete er »Ich bin willig Herr«
Am Nachmittage saß Konrad Hutfeld wieder seinem Schwager gegenüber diesmal
in besserem Einvernehmen beide in der Absicht den geladenen Magister zum
lateinischen Lehrer ihrer Söhne zu werben Der Gelehrte wurde eingeführt und
begrüßte geziemend die beiden »Hochansehnlicher Kaufherr und Wirt namhafter
Herr Bürgermeister es geschieht auf Grund einer Aufforderung dass ich hier
eindringe Gern bin ich bereit zu vernehmen womit ich meinen günstigen Herren
zu dienen vermag Sind hier auch meinerseits Bitten stattaft so wollte ich mit
gebührendem Respekt anheimgeben dass der Ofen in der mir überwiesenen Schulstube
qualmt und dass meine Schützen Rauch schlucken was ihre Aufmerksamkeit nicht
befördert und auch mir erschwert in dem schwarzen Dampf die Übeltäter zu
erkennen obgleich dies wegen der Abrechnung am Samstage notwendig ist«
Der Bürgermeister stellte Abhilfe in Aussicht der Magister nahm auf dem
bereitstellenden dritten Stuhle Platz und empfing den Wein welcher ihm von dem
Hausherrn eingeschenkt wurde Er kostete setzte erfreut ab leerte das Glas und
rief »Dieser Rivesalt hat lange Jahre in einem guten Keller gelegen«
Da lächelte der Hausherr ein wenig und der Bürgermeister machte den
verabredeten Vorschlag Doch der Magister vernahm die Zumutung ohne Freude
»Ungern nehme ich erwachsene Jünglinge in die Lehre noch unlieber teile ich
ihnen besondere Stunden zu denn selten lernt etwas Ordentliches wer gewöhnt
ist am Abend mit der Laute durch die Gassen zu ziehen und auf das Frauenvolk an
den Türen zu blicken«
»Dennoch würdet Ihr manchen durch diese Gefälligkeit verpflichten der Euch
von Nutzen sein kann« mahnte Hutfeld verletzt durch die kühle Haltung
»Es ist nicht meine Sache gebietender Herr« versetzte der Magister ihn
steif ansehend »als Lehrer anderen angenehm zu sein sondern die Knaben welche
ich lehre sollen mir angenehm werden das will sagen sie sollen etwas
Ordentliches lernen denn das ist die Freude des Lehrers wollen sie das nicht
so kränkt mich die verlorene Zeit selbst wenn die Faulen mit Verlaub zu sagen
Söhne eines Bürgermeisters sind«
»So mögt Ihr mit mir reden« antwortete Hutfeld mit Haltung »nachdem Ihr
Eure Schüler als träge erkannt habt jetzt rate ich doch die Sache erst zu
versuchen«
Der Magister fühlte dass er zu eifrig gewesen war und diese Erkenntnis
bändigte den Stolz den er als Feldherr im Kriege gegen bäurische Unwissenheit
gewonnen hatte er fuhr ruhiger fort »Auch was Ihr von der Zulage zu meiner
Besoldung gesagt habt kann mich nicht locken Wenn ich Eure alten Knaben in
meine Lehre nehme so tue ich es nur auf meine Bedingungen«
»Nennt diese« mahnte Hutfeld
»Zunächst nehme ich sie nur auf Probe und ich selbst bestimme am Ende des
Vierteljahres das Geld welches jeder zu zahlen hat wer nichts lernt zahlt
doppelt und wer mir Freude macht weniger denn bei den Schlechten habe ich
Ärger und Mühe«
»Ihr habt recht Herr Magister« lobte Marcus dem die Gesinnung des Alten
gefiel »um das Schulgeld wollen wir also nicht streiten«
»Noch bin ich nicht fertig« fuhr der Magister ungerührt fort »ich nehme
keinen Knaben an den ich nicht vorher gesehen habe denn wir Schulmänner lesen
aus den Linien des Gesichtes manches was die Eltern nicht erkennen«
»Einer wenigstens ist zur Stelle« sagte Marcus aufstehend und rief in die
Kammer nach seinem Sohne
Georg trat eilig ein in dem Wams das er in der Schreibstube trug und
grüßte den Paten als sein Blick auf den Magister fiel errötete er ein wenig
denn er erkannte sein Opfer vom Fastnachtsspiele Da der kleine Magister die
hohe Gestalt sah in voller Jugendkraft die Stirne von blonden Locken umgeben
stellte er sich dicht vor den Jüngling und stützte die Arme unter Sein scharfer
Blick wurde heiter »Einen so langen Bacchanten habe ich noch niemals unter
meinem Zepter gehabt« begann er endlich und lachte so laut dass er schütterte
und sich beugte und dass Georg von der Fröhlichkeit angesteckt wurde »Doch wie
geschieht mir« unterbrach sich der Magister »diesen Lateiner habe ich bereits
gesehen richtig er ist es« und er fasste ihn am Wams und schüttelte ihn »Ihr
wollt den Teufel spielen Ihr seid in der höllischen Kanzlei schlecht bewandert
meint Ihr ich habe vergessen dass Ihr in Eurer Rede ut mit dem Indikativ
konstruiert habt Ihr werdet Eurem Lehrer Not machen« Er wandte sich kurz ab
und setzte sich stracks auf seinen Stuhl
Jetzt lächelte auch Hutfeld und fragte um die Verhandlung zu enden »Wollt
Ihr es nicht dennoch mit ihm und den andern versuchen«
»Die Frage ist jetzt gebietender Herr Bürgermeister ob er es mit mir
versuchen will« Er sprang wieder vor Georg und sprach mit dem Finger gegen die
eigene Brust stossend »Ich gehe nicht in die Häuser um die Söhne reicher Leute
zu unterrichten wie ein verlaufener Bettelmönch wer bei mir lernen will der
muss zu mir kommen und wer in meine Lehre eintritt der wird mein Schüler und
ich werde sein Meister Lasse ich vor dem Schüler welcher bereits ein Jüngling
ist meinen Stock in der Ecke so muss der Schüler seinen Hochmut zu Hause
lassen Willst du ein Lehrling werden in der Grammatik und in den Skriptoren so
musst du mir die Ehre eines Herrn zugestehen und von mir den Gruß annehmen den
ich meinen Knaben gebe denn nur in der Zucht gedeiht die Lehre Wollt Ihr das
nicht Junger so bleibt zu Hause oder lauft als Teufel durch die Gassen wie es
Euch gefällt«
Da der Gelehrte Georg als Knaben anredete hob sich dieser trotzig aber im
nächsten Augenblick beugte er das Haupt und sprach »Ich will mein Herr
Magister«
Der Magister wandte sich wieder kurz um und setzte sich »Wenn die andern
nicht ärger sind als dieser hier so will ichs versuchen«
Dem Bürgermeister gefiel die Art des Fremden gar nicht doch er bedachte
dass derselbe als ein gelehrter Mann und trefflicher Lehrer empfohlen war und so
wurde zuletzt mit höflichen Worten eine Schule für Knaben des Artushofes
verabredet
Der vornehmen Schüler sollten außer Georg noch zwei sein Der eine war
Mattias Hutfeld der nächste Vetter Georgs doch bestand zwischen ihnen keine
Herzlichkeit denn Matz sorgte lieber für sich selbst als um andere er war ein
rundlicher Gesell der in engen Kleidern daherging wie ausgestopft hatte ein
milchweisses Gesicht mit roten Backen große wasserblaue Augen unter weisslichen
Brauen und trug sein hellblondes Haar zu einem Kolben geschnitten der ihm die
Stirn bis zur Mitte verdeckte Er hielt sich für einen sehr hübschen Knaben und
weil sein Vater mächtig war galt er auch bei vielen Mädchen dafür Da er
vorsichtig Händel und gemeine Gesellschaft mied so wurde er als wohlgezogen
gerühmt und hatte gute Aussicht dereinst in die Ratsstube seines Vaters zu
treten Ein besserer Gesell war Philipps Eske Sohn des Dritten Bürgermeisters
ein langer hagerer Knabe der sich gern zu Ross mit der Stechstange sehen ließ
er sprach wenig und es war ihm lieb wenn Georg für ihn dachte denn er hielt
treu zu diesem Beim Abendtanz im Artushofe suchte er mit seiner Tänzerin hinter
Georg zu stehen und sprang genau wie sein Vormann nur dass er wegen seiner
Hagerkeit die Glieder in scharfen Ecken hob er trieb auch wie Georg die Musica
und strich am liebsten die Standgeige das Bassettel mit einem starken Bogen
der zum Krähenschiessen brauchbar gewesen wäre seine Kunst war nicht groß aber
ihn freute mehr als alles das Gebrumm der dicken Saiten Der Magister merkte in
den ersten Stunden dass Philipps die lateinische Weisheit seines Freundes Georg
bewunderte und gern einige Körnlein davon für sich aufpickte und er änderte ihm
deshalb den Vornamen in Pylades
Da die Decke in der Schulwohnung von St Johannes eingefallen war weil der
vornehme Rat lange die Zudringlichkeit des Regens missachtet hatte so wurde
jetzt über einen Neubau verhandelt und der Magister musste mit einer andern
Behausung vorliebnehmen welche nach einiger Mühe bei einem Diener des Rates
beschafft wurde Es war der ganze Oberstock des Hauses eine große Stube in
welcher vorläufig die Schule abgehalten wurde daneben eine Studierkammer für
den Magister und auf der andern Seite der Treppe die Wohnstube Kammer und
Küche Anna freute sich über das gute Gelass zumal auch der Ratsdiener und
dessen Frau sich als dienstfertige Leute erwiesen Das Haus lag unweit der
Stadtmauer zwischen Altstadt und Neustadt aus den Fenstern der Vorderseite sah
man auf einen stillen Platz mit zwei alten Linden von der Hinterseite auf einen
ummauerten Raum in welchem Karren und Feuertonnen des Rates bewahrt wurden
Seitwärts lag ein ungeheurer Schuttaufen wie ein Berg aus welchem ein
geborstener Turm und Mauertrümmer ragten Das war die Stätte der Ordensburg
welche die Torner vor sechzig Jahren zerstört hatten weil sie ihnen eine
verhasste Zwingfeste geworden war Aber auch die Umgebung der wüsten Stätte war
durch Frauensorge ein wenig verschönt Hinter dem Hause hatte die Ratsbotin
ohne dass die Herren vom Rat widersprachen allmählich bei den Feuertonnen einen
kleinen Garten angelegt mit einer schönen Sommerlaube sie zog dort nicht nur
rankende Bohnen auch wohlriechende Kräuter und Blumen und ein großer
Fliederstrauch in der Ecke welcher noch aus der Ordenszeit stammte war in der
ganzen Stadt rühmlich bekannt so dass Frau Lischke alljährlich Kampf mit den
Kindern hatte wenn diese über die Mauer klommen um die heilkräftigen Blüten
abzureissen Und als sie an einem warmen Tage des März ihrem Gaste die kleinen
Beete wies aus denen das erste Grün hervorspross vertröstete sie gutherzig »In
einigen Wochen ist alles grün und Euch Jungfer Anna soll der Garten immer
geöffnet sein und auch die Laube wenn Ihr einmal den Sitz unter Blumen begehrt
wie junge Fräulein gern tun«
So richtete Anna mit gutem Mute die neue Behausung ein Und eines Mittags
rief ihre Stimme fröhlich über den Flur »Herr Magister«
»Quid vis Annule« antwortete der Magister aus der Schulstube »denn einem
Ringe kann ich dich vergleichen den mir der grundgütige Gott an den Finger
gesteckt hat zur Ehre und Freude meines Lebens«
»Will der Herr Vater mir helfen die Truhe in die Kammer tragen«
»Sogleich meine Tochter ich muss nur erst den wilden Dampf hinaussenden
welchen diese teutonischen Buchschützen in dem Museum zurücklassen« Er kam
eilig heraus rückte die Truhe und fuhr lächelnd fort »Doch habe ich auch
einige glatte und wohlgeputzte Patricios ich denke es wird ihnen sauer an der
beklexten Schulbank zu sitzen Es sind lange Götzen darunter vorab dieser Georg
Regulus dem du schon begegnet bist in Wahrheit ein hübscher Junge und nicht
ganz übel im Wollen wenn auch nicht stark im Können Hast du ihn dir
betrachtet«
»Nein Herr Vater« versetzte Anna kurz »mir kommt ein Schauder wenn er
die Treppe heraufkommt und ich sehe ihn in Gedanken immer wie seine Larve
gegen uns die Zähne fletscht Ich sorge Vater sein Eindringen in die Schule
bedeutet nichts Gutes«
»Possen« versetzte der Magister überlegen »All dieser Satyrkram wird
ohnmächtig in dem Raume in welchem die oberen Götter walten Jupiter Phöbus
Apollo und die herzerhebende Minerva Hat der Gesell dich geängstigt durch das
Brüllen seiner Teufel so ängstige ich ihn durch den Accusativus cum Infinitivo
diese Konstruktion ist allen Teufeln lästig« Er trat an den Tisch auf welchem
Anna das einfache Mittagsmahl zurechtgesetzt hatte und faltete die Hände
während die Tochter den Tischsegen sprach »Wenn wir allein sind« ermahnte er
seinen Stuhl rückend »habe ich nichts dagegen dass du dein Sprüchlein in
gemeinem Deutsch sagst wenn aber arme Schüler mit uns essen so fordere ich des
guten Beispiels wegen das angenehmere Latein denn nicht umsonst will ich dich
darin unterrichtet haben Wie« fuhr er erfreut fort »sogar ein schönes Stück
Fleisch Schade dass ich das während der Schule nicht gewusst habe denn unter
meinen Schützen sind einige armselig«
»Esst es nur lieber selbst Herr Vater denn Ihr habt die größte Mühe«
»Natürlich« stimmte der Magister essend bei »Der Lehrer darf auch sie
nicht vergessen« und behaglich fuhr er fort »Im ganzen hoffe ich Kind Anna
dass uns das Leben hier wohl gedeihen wird«
»Beruft es nicht Vater« mahnte die Tochter »wir kennen noch wenig davon«
»Unsinn« entschied der Magister vergnügt »wir wissen dass wir dreißig
Schock erhalten und ziemliches Holz wenn auch nicht ganz reichlich Die
Schulstube mag in Zukunft zu klein werden aber unsere Wohnung ist hell und es
ist eine ruhige Stätte Der Hauswirt sagte mir etwas von dem Steinhaufen
nebenbei dass darin zuweilen Ungetüme poltern aber ich merke auch dies
Geschlecht nächtlicher Schatten erweist seine Achtung vor dem Musensitz welcher
hier eingerichtet wird wenigstens habe ich gestern als ich am späten Abend in
meiner Kammer las von den Steinen her ganz wohlklingende Musik gehört Wenn die
Kobolde so artig zwischen dem Gestein umgehen habe ich nichts dawider«
Die Tochter sah finster auf den Teller auch sie hatte die späte Musik
gehört und musste der Warnung gedenken welche die Hauswirtin gleich in den
ersten Tagen vertraulich gegeben hatte »Hütet Euch zumeist vor den stolzen
Knaben aus dem Artushofe Denn diese werden leicht unverschämt Wie sie zur
Fastnacht als Teufel springen so schwärmen sie auch des Abends in den Gassen
und suchen Eingang durch Liebeslieder und Saitenspiel wo ihnen eine Jungfer
gefällt Dann gibt es zuweilen Lärm mit den Wächtern und uns armen Weiblein
entsteht üble Nachrede«
Trotz dem weiblichen Widerwillen klang auch ferner aus den Steinen der
zerstörten Burg das Spiel einer Laute niemand wusste wer der Spieler war auch
der Ratsdiener schüttelte unsicher den Kopf Denn von Mauer und Graben umgeben
lag der Burghof nahe am Strome zwischen Altstadt und Neustadt den Schlüssel zu
der einzigen Pforte bewahrte Lischke selbst in der Dämmerstunde schloss er ab
und sperrte die Trümmer für jedermann Und obgleich er vertrauter mit den
Schrecken des Platzes war als andere hinderte auch ihn die Furcht vor den
Unholden in der Finsternis unter den Steinen zu suchen Nur aus seinem Hofe
hatte er einmal dunkle schwebende Schatten erkannt Wer sich aber auch die Mühe
gab dort im Nachtwind die Saiten zu rühren eines Gewinns konnte er sich nicht
rühmen denn das Haus verriet nicht dass es sich um diese luftige Artigkeit
kümmerte kein Fenster wurde aufgesperrt kein Licht erschien in der Nähe der
Scheiben und kein Frauenkopf wurde sichtbar
Georg öffnete zögernd die Pforte der Dominikanerkirche um seine Busse an den
Altären abzutun er meldete sich wie Brauch war bei dem ab und zugehenden
Bruder Sakristan dieser nickte gleichgültig mit dem Kopf sah noch zu wie der
Büsser in einer dunklen Ecke an den Stufen des Altars niederkniete und
verschwand dann in einem Nebenraum Als Georg die dicke Weihrauchluft atmete
wurde ihm fühlbar dass er im Hause und unter Herrschaft der Heiligen war er
fasste seinen Rosenkranz neigte das Haupt und begann mit gutem Willen die
Gebete Aber die ehrfürchtige Stimmung hielt nicht vor die Kugeln glitten
langsam durch die Finger er begann die Augen um sich zu werfen starrte auf die
künstlichen Blumen welche die Landleute gestiftet hatten auf den dunklen
Trauerbehang der über den Altar gebreitet war und ihm fiel der Handel ein und
die Fässlein mit Sekt durch welche er sich die mäßige Busse verschafft hatte Da
kam ihm das Lachen an und zugleich ein Zorn gegen die Mönche »Den Wein trinken
Gregorius und Pankraz miteinander aus möge er ihnen den Schlund verbrennen Das
ist nicht recht und wird nimmer recht Wahrlich die Heiligen gehen mit bösem
Beispiel voran wenn sie durch ihre Büttel die Mönche und Pfaffen Bestechung
nehmen wie manche unserer Herren vom Rat tun Das meiste nimmt wie man hört
der Heilige Vater selbst wenn er um Ablassgeld die Türen des Himmels öffnet« Er
sah missfällig auf eine arme Frau die heranschlich sich am nächsten Altar auf
die Stufen warf und die Hände rang »Das Weib kenne ich ihr Sohn sitzt im
Turme weil er zur Fastnacht das Eisen schwenkte um sich gegen die
Schweinsblasen meiner Teufel zu verteidigen Man sagt der Hieb mit dem Flegel
wird ihm die Hand kosten gewiss schreit sie deshalb zu den Heiligen Warum hob
der Tor seine Waffe gegen Stadtkinder Wäre er wie der Pole Pietrowski so würde
er frei ausgehen Wohl dem der reich ist die armen Leute mögen sehen wie sie
in diesem und jenem Leben zurechtkommen Vielleicht kann ich dem Vater
Gregorius einen Possen spielen Ich weiß dass er gern ein frommes Weiblein
besucht es wäre gut ihm aufzulauern wenn er einmal in der Dämmerung von ihr
weicht« Dieser Gedanke machte ihn eine Weile lustig bis ihm einfiel dass die
Rachsucht an diesem Orte eine neue Sünde sei und er fing wieder an die Kugeln
des Kranzes zu bewegen Da vernahm er in seiner Nähe leisen Tritt er sah auf
ob Vater Gregorius komme sich an seiner Demütigung zu weiden aber er drückte
sich tiefer in die dunkle Ecke denn an die Stufen des Altars trat eine
verhüllte Magd es war Jungfer Anna Seine Andacht hatte ein Ende Er blickte
scharf nach dem holden Angesicht das sich einst im Zorn über ihn gerötet hatte
Sie war ihm noch nie so schön vorgekommen mit gefalteten Händen stand sie vor
dem Altar nicht gebeugt wie sonst die Frauen pflegten denn sie sah über das
Kruzifix weg nach der Höhe sie bewegte auch nicht betend die Lippen sondern
sprach ihre Bitte ganz still Georg sah aus seiner dunklen Tiefe zu ihr auf und
ihm kam etwas wie Ehrerbietung vor solcher Andacht »Sie hält sich auch vor den
Heiligen fremdländisch« dachte er »ich höre dass es Ketzer gibt welche den
Bildern die gebührliche Demütigung weigern« und er erschrak bei dem Gedanken
dass sie zu diesen Verdammten gehören könne Nicht zum erstenmal kam ihm die
Sorge denn er hatte bereits bemerkt dass auch der Magister sich auffällig gegen
die Werke der Pfaffen verhielt Einst als während der Lektion auf der Straße
das Glöckchen tönte und Georg mit den andern Schülern sich schweigend über die
Bücher neigte tat der Lehrer als vernehme er nichts von dem Wandel des
Allerheiligsten sondern erklärte die Worte Augur und Haruspex und erzählte aus
dem alten Rom wenn zwei solche Männer einander begegneten vermochten sie sich
des Lachens nicht zu enthalten Und Georg dachte wieder dass Gregorius und sein
Geselle einander auch angeblinzt und gelächelt hätten als der Wein in das
Kloster gerollt wurde Die aber jetzt vor ihm stand war sicher fromm
Als sich Anna vom Altar abwandte erhob sich auch Georg sah auf die
liegende Frau und ging mit leisen Schritten zum Ausgang wo er sich an dem
Weihbecken aufstellte ihm schlug das Herz und seine Verlegenheit war größer
als seit lange da er auf Anna zutrat Das Mädchen fuhr zurück und sein
furchtsamer Blick las in ihren Augen leider Schrecken und Abneigung Mit
stockender Stimme begann er »Da ich wegen der neulichen Teufelei hier bin um
die Heiligen zu versöhnen so möchte ich auch Euch liebe Jungfer bitten dass
Ihr mir verzeiht wenn ich Euch in der Fastnacht kränkte ich versichere Euch
von Herzen es reut mich sehr dass ich Euch unhöflich an den Mantel gerührt
habe«
Anna wollte ihm streng entgegnen aber weil er mit niedergeschlagenen Augen
demütig vor ihr stand antwortete sie nur
»Tut es Euch leid so darf auch ich als Christin Euch verzeihen«
»Reicht mir die Hand« flehte Georg »zum Zeichen dass Ihr mir nicht mehr
böse seid«
Diese Gunst konnte ihm Anna nicht gewähren obgleich er verschüchtert
aussah sie zog die Hand zurück und sprach hastig »Lasst mich gehen Junker
redet nicht zu mir im Heiligtum und nicht auf der Straße dann werdet Ihr mir
besser gefallen denn Ihr wisst selbst Eure Nähe kann mir nicht frommen«
Der arme Georg dachte dass er gern in ihrer Nähe weilen und ihr sehr gern
gefallen wollte und ihm kam ein verzweifelter Einfall »Dennoch bitte ich Euch
mir einen Augenblick Gehör zu geben Der Sohn jener Frau welche dort vor dem
Altar fleht sitzt im Turme und ist in Gefahr wegen desselben Fastnachtsfrevels
seine Hand zu verlieren weil er gegen mich und meine Gesellen die Waffe gehoben
hat Als ich Euch bei dem Altare sah fiel mir ein dass Ihr vielleicht der Frau
helfen könntet Denn wenn sie den Mönchen eine ansehnliche Spende opfert so
werden diese ein Fürwort beim Rate einlegen weil der Sohn sich nur als guter
Christ gegen solche gewehrt hat die er für Teufel hielt Ich darf der Frau die
Anweisung nicht geben denn die Mönche wollen mir nicht wohl und könnten sie
ausfragen darum flehe ich sprecht Ihr zu der Armen«
»Wenn die Mönche nur gegen Spende ihr Fürwort geben wie kann ich der Frau
helfen da ich so wenig das Geld habe wie sie«
»Gerade deshalb ersuche ich Euch dass Ihr dieses hier in ihre Hand legt
damit sie es zum Opfer trage« und er bot ihr ein großes Goldstück ein
Patengeschenk des Bürgermeisters welches er als Opfer für sich selbst
mitgenommen hatte
Diese List Georgs erwies sich als Ungeschick denn Anna trat zurück und
lehnte mit einer Handbewegung das Geld ab »Wenn die Mönche um Geld ihre
Fürbitte gewähren so ist dies ein Unrecht vor unserem lieben Gott und mein
Gewissen sagt mir dass ich nicht dazu helfen darf Wisst aber Junker dass es
Eure Pflicht ist nicht durch andere der Frau etwas in das Ohr sagen zu lassen
sondern selbst Mühe anzuwenden bis zum äußersten damit ihr Sohn entledigt
werde Unrecht ist es wenn Ihr ertragt dass der Arme Euretwegen in Not kommt
denn jedermann wird sagen dass Ihr schuld seid an dem Unglück des Bäuerleins«
Sie nahm ihr Gewand zusammen und verließ das Heiligtum
Georg sah ihr betroffen nach und murmelte »Mich solls nicht wundern wenn
ihr im Rücken zwei Flügel herauswachsen« Er trat hinter den Pfeiler und
überlegte endlich schlich er mit unhörbarem Tritt in die Nähe des Altars an
dem die Frau noch immer jammervoll über ihrem Rosenkranz kauerte Plötzlich
vernahm diese eine flüsternde Stimme von der Seite über sich »Weib willst du
Gnade finden so wandle von hier zu dem frommen Bruder Gregorius flehe ihn an
dass er beim Rate für deinen Sohn spricht Denn der Teufel geht umher wie ein
brüllender Löwe und dein Sohn ist nur in Not gekommen weil er als frommer
Christ gegen einen Teufel das Messer gezückt hat Damit die frommen Väter
erkennen dass die Heiligen dir gnädig sind so empfange hier was du der Kirche
opfern sollst« Ein großes Goldstück fiel klirrend auf die Stufen des Altars
Das Weib welches bei dem ersten Laut sich niedergestreckt hatte fuhr auf als
das Metall klang und fasste das Gold hob es entzückt gegen den Altar sprang
auf und lief dem Kloster zu Georg aber stahl sich schnell nach Hause »Ich
hoffe Bruder Gregorius merkt nicht dass ihm von der einen Seite abgeht was ihm
von der andern zukommt Wenn ich meine Büchse ausfege finde ich immer noch was
mich zur Not von den Habgierigen löst«
Die Frau stammelte vor den Mönchen einen verwirrten Bericht von der
himmlischen Stimme die sie gehört und von dem Engelsantlitz das sie einen
Augenblick über sich am Altar gesehen sie wiederholte so gut sie vermochte
die Worte und bot das Geld Die Mönche schüttelten den Kopf erforschten das
Weib kreuz und quer und prüften das Goldstück Da sie sahen dass die arme Frau
nicht täuschen wollte so überlegten sie wer der Geber sein könne und es ist
wohl möglich dass sie auf Georg rieten Aber sie erkannten auch dass der Vorfall
wunderlich und ihrem Kloster nützlich sei darum beschlossen sie nach langer
Erwägung die Sache mit Vorsicht auf sich zu nehmen und geleiteten die Frau
nach dem Ratause Dem Rat gefiel im Grunde gar nicht dass die Predigermönche
durch ein Wunder die Stadtjustiz hindern wollten auch erschien ihm seltsam dass
die Heiligen mit dem Goldstück sich gewissermaßen selbst ein Geschenk machten
Dennoch wurde die Fürbitte des Pater Gregorius mit Achtung angehört denn dieser
sprach bescheidener als wohl sonst und stellte die Angelegenheit gänzlich der
Weisheit des Rates anheim Zuletzt wurde nachdem die Mönche abgetreten waren
die Sentenz gefällt dass das Bäuerlein seine Hand auf den Klotz legen und dass
Hans Buck der Scharfrichter die Schneide des Beils darüberhalten und dann
wegziehen solle damit der Bauer gnädiges Recht erhalte und die Unehre fühle
doch ohne Leibesschaden
Konrad Hutfeld sah genau auf das Goldstück bevor es in die Kutte der Mönche
fiel doch schwieg er und billigte den Beschluss Nur der Stadtschreiber Seifried
wollte seine Verachtung nicht bergen als er am Ende halblaut fragte ob er den
Vorfall unter der Rubrica Gaunerei oder Gewalttat gegen den Rat in das Stadtbuch
eintragen solle und erst ein strafender Blick des Burggrafen wandelte ihm die
spöttische Miene Die Torner liefen in hellen Haufen zu um Hans Buck mit
seinem Beil zu sehen die Predigermönche aber hatten den größten Vorteil denn
um den Altar auf welchem das Engelsgold aufgestellt wurde war seitdem ein
Gedränge von Betenden und alle die in Not waren lauschten nach dem Klange
eines Geldstücks Doch der Engel hatte keines mehr das er zu werfen vermochte
Georg ging am nächsten Tage zufrieden in seine Schule er sah nach dem
Zeiger der Uhr auf St Johannes um ein wenig vor der Zeit einzutreffen Denn er
hatte bereits gemerkt dass Anna zuweilen vorher im Museum des Vaters beschäftigt
war entwich sie auch schnell wenn ein Schüler nahte so hatte er doch bei
solcher Gelegenheit die Freude sie zu grüßen und in ihre Augen zu sehen Auch
heut glückte es ihm denn Anna trat aus dem Raume als sie seinen Tritt auf der
Treppe hörte aber als er ihr mit höflichem Gruß zu sagen wagte »Dem Bauer ist
es wohl gelungen er hat seine Faust gerettet« da versetzte sie traurig »Wenn
Ihr meinen Vater fragt wird dieser Euch sagen dass es vielleicht noch größere
Sünde war den Engel zu spielen als den Teufel«
»Der Junge ist doch mit seiner Mutter ganz voll von Met und Bier aus der
Stadt gefahren mit Semmeln und Würsten beladen die ihm als Ehrengeschenk wegen
des Wunders von den Leuten zugetragen wurden«
»Ein anderer aber hat das Heiligtum gemissbraucht zu losem Streich und die
Mönche und Stadtleute in falschem Glauben bestärkt und er trägt die
Verantwortung wenn die Seelen in ihrem Irrtum verhärtet werden« Damit ließ die
Eifrige den Verdutzten stehen Er schlug auf den Pfosten der Treppe auch
seinerseits unwillig und dachte »Ihr ist nichts recht nie habe ich eine
Jungfer gekannt welche eine so scharfe Bürste führt Ich weiß nicht warum ich
mich um sie kümmere es gibt wohl noch andere welche freundlicher gegen mich
sind«
Er bestand den Tag schlecht in der Lektion und die ärgerliche
Gemütsstimmung hielt bis zum Abende an Denn als Anna spät in ihre Kammer kam
hörte sie wieder die Laute aus dem wüsten Gestein eine bekannte Weise spielen
und sie vernahm zum erstenmal dass der Lautenspieler auch zu singen vermochte
nicht schlecht die Worte klangen undeutlich aber ihr war wohlbekannt dass sie
lauteten »Ich armes Käuzlein kleine wo soll ich fliegen hin ich muss mich von
dir scheiden ganz traurig ist mein Sinn es geschah mir nie so Leides Ade ich
fahr dahin«
Da setzte sie sich auf das Bett schlug die Arme übereinander und sang den
letzten Vers leise vor sich so dass niemand als sie selbst etwas davon vernehmen
konnte »Ade er fährt dahin Ich merke er wird nicht wiederkommen« sagte
sie indem sie ihr Haar löste und in Gedanken die langen braunen Flechten durch
die Finger gleiten ließ
Es blieb auch wirklich mehrere Abende still und Anna dachte jedesmal wenn
sie zur Nacht ihr Haar aufband Es ist gut dass der Gesang zu Ende ist Aber die
Zufriedenheit dauerte nicht lange denn am nächsten Sonnabend als sie in ihre
Kammer getreten war und gerade vor sich hinsummte »Ich armes Käuzlein kleine«
wurden die Geister wieder unruhig und diesmal erklang nicht nur die Laute
sondern auch die Pfeife und ein Bassettel Sie sprang vom Bett und eilte an das
Fenster aber sie fuhr sogleich zurück und dachte ärgerlich dass sie die
Dreistigkeit ruhig ertragen müsse Da rührte sichs auch im Museum und der
Magister rief in den Flur hinaus »Hörst du die Geister lärmen mein Kind Einer
spielt gar das Bassettel«
»Ich höre Vater« antwortete Anna bekümmert »was werden die Leute sagen«
»Sie werden wohl wieder ein Wunder daraus machen« versetzte der Magister in
guter Laune »kannst du dir denken was die Musica soll«
»Ich weiß es nicht Herr Vater wir sind ja fremd hier«
»Das ist richtig« sagte der Magister »Sollten unter meinen Schülern einige
sein welche mir und dem Museum zu Ehren dies Nachtstück aufführen Das war
sonst nicht die Art meiner Schützen aber jede Stadt hat ihre Bräuche und ich
habe unter ihnen bereits zwei Musensöhne zur Strafe notiert welche ihre Lust so
wenig bezwingen konnten dass sie während der Lektion auf einem Kamme bliesen«
»Vater ich glaube nicht dass diese es sind«
»Jedenfalls muss der mit dem Bassettel ein starker Gesell sein ich möchte
wissen wie sie das Instrument über Wasser und Steine hineingebracht haben«
Unten bellte ein Hund die Hoftür öffnete sich und der Ratsdiener drang in
den Hof in nächtlicher Tracht mit einer großen Schlafmütze und einem Feuerrohr
hinter ihm seine Frau welche die Laterne hielt aber den mutigen Gatten am Bund
seiner Beinkleider zurückzog »Wer erkühnt sich wer unterfängt und wer
unterwindet sich den Frieden der Nacht zu stören« fragte Lischke gegen das
Gemäuer doch hörte man seiner Stimme die Aufregung an Er rief umsonst die
geisterhaften Musiker fuhren fort ganz versunken in ihre Kunst die liederliche
Weise zu spielen Wer hier mit mir will fröhlich sein das Glas will ich ihm
bringen trink mein liebes Brüderlein so wird dirs wohl gelingen Der
Ratsbote welcher sich bis dahin hinter dem Zaun des Gartens gedeckt hatte
drang kühn noch einen Schritt vor und rief wieder gegen die wüste Stätte »Seid
still oder ich feuere« und er hob sein Rohr Da schwieg die Musik einen
Augenblick und eine hohle Stimme tönte gewaltig zurück »Der Rat hat alles
Schießen in der Stadt verboten« und sogleich ging der Lärm weiter Lischke
setzte verdutzt das Rohr ab und sagte sich zu seiner Frau umwendend »Sie
wissen Bescheid und sie haben recht«
Oben lehnte sich der Magister zum Fenster hinaus und lachte laut »Lasst sie
gewähren Herr Hauswirt ich freue mich der Ehre« und er rief ihnen den Vers
eines lateinischen Dichters hinüber in welchem die stygischen Schatten
aufgefordert werden sich in den Orkus zurückzuziehen
Das Erscheinen des Magisters und die lateinische Beschwörung bewirkten was
dem Ratsdiener nicht gelungen war die Musik verstummte plötzlich Die
Lauschenden vernahmen nur noch den Abendwind der über den Strom wehte und
sahen nichts als ragende Trümmer und oben die kleinen Sterne welche durch die
Wolken blinzten Der Hund bellte noch einmal gegen die Ruinen und Lischke ging
laut scheltend in das Haus zurück Der Magister schloss zufrieden das Fenster
»Den Virgil vermochten sie nicht auszuhalten er hat sie verscheucht er soll
noch manchem von ihnen schrecklich werden«
Anna aber sprach in der Kammer zu sich selbst »Das kann und darf nicht so
fortgehen und es muss dem Dreisten verboten werden Doch gegen den Vater traue
ich mich nicht davon zu reden da ich doch nichts Sicheres weiß und ich fürchte
seine Heftigkeit« Da kam ihr wieder der Rat zu Hilfe Denn die trotzigen
Neustädter welche weniger Mitleid mit nächtlichen Musikanten hatten als die in
der Altstadt und außerdem jetzt durch die Erscheinung von Teufeln und Engeln
aufgeregt waren trugen eine Klage über Unruhe in dem verwünschten Schloss aufs
Rataus und weil der Rat sich um alles kümmerte was das Gemüt der regierten
Bürgerschaft aufregen konnte so wurde Lischke als Hüter der Stätte ernstaft
ermahnt dies Getöse junger Gesellen zu stillen Als der Diener nach Hause kam
war er wegen der Ermahnung widerwärtig gegen seine Frau und sprach strafend
»Ihr Weiber fürchtet die Geister wo gar keine zu finden sind auch der Rat
meint gerade wie ich dass es nur Unruhestifter sind und sie sollen den Ernst
erkennen« Das klagte wieder Frau Lischke gegen Anna »Meiner ist ganz wild und
der Rat hat ihm erlaubt wenn sie nicht gutwillig weichen das Rohr zu
gebrauchen wandeln sie in Fleisch und Bein so mögen sie den Schaden tragen
Selbst wenn Georg König zu ihnen gehört«
Anna fragte erschrocken »Warum denkt Ihr auf diesen«
»Weil er bei jedem Schabernack geschäftig ist« versetzte die Wirtin »und
schlimmer als andere im Gassieren und Anlachen der Mädchen und Frauen«
Die Miene Annas wurde sehr streng und die Wirtin welche selbst eine
zierliche Frau war fuhr verschämt fort »Auch Euch hat er gekränkt und Ihr
seid nicht die einzige denn voriges Jahr beim Vogelschiessen wagte er sogar im
Vorübergehen seinen Arm um mich zu schlingen und ich glaube er hätte mich
geküsst wenn ich mich nicht ihm entwunden hätte Doch durfte man ihm das nicht
so übel deuten denn er war gerade frohen Mutes weil er einen glücklichen Schuss
getan hatte Und die Bürger halten ihm auch mehr zugute als anderen«
Da erkannte Anna aufs neue dass der Schüler ihres Vaters ein gefährlicher
Hausgast war den ein Mädchen sich fernhalten musste sie hatte die Absicht
gehabt der Wirtin eine vertrauliche Warnung für Georg anzuempfehlen aber die
Art in welcher Frau Lischke von der Dreistigkeit des Gesellen gesprochen hatte
missfiel ihr heimlich und sie bedachte seufzend dass sie selbst die Musik ihm
wehren müsse »Noch dies eine Mal rede ich mit ihm und nicht wieder«
Deshalb geschah es dass sie ihm begegnete als er in die nächste Lektion
kam und da er sie mit leuchtenden Augen grüßte begann sie leise »Mein Vater
und ich sind fremd hier und es liegt uns daran die gute Meinung der Torner zu
gewinnen wir werden sie aber verlieren wenn in den wüsten Steinen neben uns
zur Nachtzeit Musik gemacht wird wie seither öfter geschah Da Ihr in der Stadt
wohlbekannt seid so werdet Ihr für die Ruhe und den guten Ruf meines lieben
Vaters und aller Hausleute sorgen wenn Ihr den Anstifter erkundet und ermahnt
dass er unsern Nachtfrieden nicht mehr stört«
Georg sah zu Boden endlich fragte er ergeben »Sagt mir nur ob Euch das
Lautenspiel auch lästig wäre wenn es von niemandem vernommen würde als von Euch
allein«
Anna erschrak über die dreiste Frage und antwortete tonlos
»Ja« Da zuckte ein so tiefer Schmerz über sein Gesicht dass sie fast die
kurze Antwort bedauert hätte er wich zurück und sprach mit mühsam gedämpfter
Bewegung »Die Musik soll Euch nicht mehr stören« Gern hätte sie ihm für die
Bereitwilligkeit gedankt aber sie fand nicht Worte und schied mit stummem Gruß
Seitdem hielten die Geister Ruhe und Lischke triumphierte über ihre Furcht
Georg aber stampfte mit dem Fuße heftig auf den Boden als er die Schule
verließ »Es gedeiht nimmer zwischen ihr und mir und ich will gar nicht mehr an
sie denken«
Bevor er seinen Beschluss ausführte beschwerte er sich noch einmal bei
seinem Vertrauten Philipps »Sie spricht anders und sie hält sich anders wie
unsere Mädchen«
»Sie ist aus Kursachsen« erklärte Lips
»Sie hat auch andere Gedanken Keine unserer Jungfern hat so stolzen Sinn
und so vornehme Art«
»Soll ich dir meine Meinung sagen« entschied Lips »sie ist eines Magisters
Kind Topf wie Kessel sie ist eine Schulmeistersche«
»Dir stände besser an« rief Georg »wenn du sie mit einer Herzogin
verglichst«
»Eine Herzogin die ich gesehen habe« antwortete Lips »trug einen
Schleppenpelz und blies über beide Achseln Das ist nicht nach meinem Gefallen
Wie ich gewachsen bin so tanze ich Mir ist die Jungfer am liebsten die mich
haben will so wie ich bin«
»Sie gleicht einem Heiligenbilde« klagte Georg wieder »kannst du dir ihre
Augen denken dass sie holdselig anlachen kannst du ihren Mund denken wie er
küsst Und kannst du dir denken dass sie abends die Tür öffnet«
»Warum nicht« versetzte Lips
Da aber fuhr Georg zornig auf ihn los »Willst du an so etwas denken«
»Das ist ja deine Sorge« entschuldigte sich Lips »Aber darf ich dir einen
Rat geben denke auch du nicht mehr an die Fremde denn sie macht dich
ärgerlich Und wenn meine Geige bei der nächtlichen Reise über Graben und Mauer
zerbricht dann werden alle Ständchen in Torn ein jämmerliches Ende finden
Darum sage ich schlage sie dir gänzlich aus dem Sinn«
Das versprach Georg aufs neue Und es wäre ihm vielleicht gelungen Aber die
Jahreszeit war dazu nicht geeignet Es kam ein Mai so lind und froh wie er im
Nordlande seit Menschengedenken nicht gewesen war Die Vögel sangen wunderschön
die Sonne lachte und die Bäume blühten alle Locken flogen in dem warmen Hauch
durch alle Sinne drang die Wonne des Frühlings in die Seelen und die jungen
Gesellen und die Mädchen schwangen sich in Wohlgefühl und Überkraft dahin wie
zum Tanze Das war keine Zeit einen roten Mund zu vergessen und zwei tiefblaue
Augen und am wenigsten wollte das ihm gelingen der jeden Tag in die Gefahr
kam die Geliebte wiederzusehen Oft wenn Georg unglücklich darüber grübelte
dass eine welche schöner war als alle andern ihn in der Stille mit Abneigung
betrachtete fielen ihm die Worte ein mit denen sie ihn gescholten hatte dann
sprang er leicht wie ein Ball über die Gasse und rief »Solch hohen Mut und
solch redliches Herz gibt es nicht weiter auf Erden« und war auf kurze Zeit so
froh als ob ihm die fremde Jungfrau einen Kranz von Rosen aufgesetzt hätte In
der Schule aber war er in dieser Zeit nicht gerade lustig und hielt sich stiller
als sonst Aus diesem Benehmen erriet Anna endlich dass es nicht mehr nötig war
ihn durch Strenge abzuschrecken und sie vernahm auch ohne Widerwillen wenn der
Magister einmal Georgs Vortrag lobte Denn der Magister ließ seine Patrizier
gern Reden aus dem Livius memorieren und vortragen Dann ergriff er seinen Stock
und setzte sich mit übergeschlagenen Armen vor sie hin »Hier sitzt euer Konsul
Fabricius Da ihr dereinst als Oratores vor dem polnischen Senat eure Worte
stellen sollt so sorgt jetzt dass ihr vor dem römischen Rate wohl besteht«
Wenn nun Anna in Küche und Flur beschäftigt war und die Stimme Georgs hörte so
unterbrach sie die Arbeit um zu vernehmen ob er auch gewichtig und ohne
Stocken die schweren Worte herausbrächte ja es geschah dass sie die Küchentür
öffnete und harrte bis er an die Reihe kam Dann stand sie an den Pfosten
gelehnt und lauschte mit vorgebeugtem Haupt und wenn der Magister zuletzt
urteilte satis bene flog ein Lächeln über ihr Gesicht und sie nickte
zufrieden
Die Fahrt aufs Land
Der Sommer kam im Garten bei der Schule blühten die stolzen Lilien wer ein
Liebchen hatte war selig wenn er sie küsste und wer um die Neigung einer
Jungfrau warb der dachte in der Stille darauf ihr seine Liebe zu erweisen
Der Buchführer hatte dem Magister neue Büchlein zur Ansicht geschickt und
da der Bote die alten zurücknehmen sollte gedachte Anna dass sie heut wohl in
das Museum des Vaters dringen dürfe weil gerade nur einer von den drei
Patriziern anwesend war Georg König der ihren Eintritt unmöglich übel auslegen
konnte
Der Magister ergriff die Sendung betrachtete die Holzschnitte der Titel und
sagte zufrieden »Auch diese Bilder werden jetzt kunstvoller gemacht als ehedem
sieh hier ein zierliches Weib an welchem das Hündlein heraufspringt«
»Es ist ein hübsches Hündlein« bestätigte Anna
»Da du klein warst hatte die selige Mutter lange Not mit dir weil du
durchaus einen solchen Zwerghund zum Spielgenossen haben wolltest Endlich gab
die Mutter dir nach und betupfte um einen Hund hervorzubringen das weiße Fell
deines hölzernen Schafes mit braunen Flecken Aber als sie dir das neue Wunder
darbot wolltest du kluges Kind nicht an die Verwandlung glauben«
»Ich würde mich auch jetzt über ein solches Hündlein freuen« sagte Anna
arglos »doch es ist nur ein Spiel für reiche Leute« Sie trug die Antwort des
Vaters hinaus aber Georg war durch ihre Worte in tiefes Nachdenken versetzt
und als er von dem Magister entlassen wurde sprang er die Treppe hinab in dem
Entschluss der Jungfrau einen kleinen Hund zu verschaffen Die Sache erwies sich
schwierig denn in der Stadt waren zwar Hunde genug aber nur von ungefügem
Schlage wie sie an der Kette lagen mit den Metzgern liefen oder wie der Hirt
sie hielt zum Kampf gegen Wölfe Nur zwei Frauenhunde wusste er in der Stadt ein
Wachtel und ein Windspiel welche der Stolz ihrer Herrinnen und von jedermann
gekannt waren Diese durch Bitten oder List aus ihren Burgen zu entführen war
unmöglich auch um den Nachwuchs stand es bei beiden verzweifelt Als er
unsicher um sich blickte sah er sich selbst am Fährtor und vor sich den Mast
eines wohlbekannten Bordschiffes mit geflügelten Schritten eilte er darauf zu
kletterte die Leiter hinan und traf auf dem Deck den Schiffer Hendrick seinen
alten Bekannten Diesen nahm er beiseite und beschwor ihn im höchsten Vertrauen
bei seiner nächsten Fahrt einen kleinen Frauenhund von Danzig oder Lübeck
mitzubringen
Hendrick stemmte beide Arme über seine dicken Hüften und zog schnaubend
einen Strahl Luft ein als wollte er den neuen Fahrwind einfangen »O Jörge
lieber Jörge was forderst du von mir Noch niemals ist ein Frauenhund zwischen
Haupt und Sterz meines Bordings gelaufen die Schiffskinder sind argwöhnisch
und ich weiß nicht wie sie einen solchen Gesellen ihrer Fahrt ertragen werden
Er könnte bei Nacht über Bord fallen Warum willst du nicht lieber eine bis drei
junge Robben Sie drehen sich auch ganz behende und sie sind fetter«
Da Georg diesen Vorschlag missbilligte fuhr der Schiffer überredend fort
»Ich weiß im Danziger Hafen einen Papagei mit wunderschönem Gefieder Schnabel
wie ein Adler und beißt dir jede Nuss«
»Hendrick es muss ein Wachtel sein mit Loden an den Ohren und am Schwanze«
»Das ist das Schlimmste« versetzte der Schiffer »denn wenn ich auch einen
meiner Jungen mit dem Fangnetz in die Straßen von Danzig ausschicke er wird mir
eine ganz andere Art von Schwanz zurückbringen«
»Du musst den Hund von den Kaufleuten erbitten das Geld dafür verlegst du
was er auch koste«
»Ich merke wohin die Fahrt geht« schloss Hendrick bekümmert »ich täts für
keinen als für dich« Und er versprach mit Handschlag das mögliche
Einige Monate vergingen in welchen die Torner vergebens auf hohes Wasser
hofften damit die tiefen Bordschiffe sich von der See stromauf steuern könnten
endlich kam doch der Tag wo Hendricks Mastkorb wieder über das Zollhaus ragte
Am nächsten Morgen hatte Lischke in der Dämmerung die Haustür geöffnet und
war gegangen die Mauerpforten zwischen den beiden Städten aufzuschließen Als
er zurückkam stand etwas Helles auf der Treppe zum Oberstock er erkannte die
Henkel eines Korbes der mit einem weißen Tuche lose verdeckt war Zuerst
erschrak er und bekreuzigte sich dann ergriff er den Korb und trug ihn in seine
Kammer vor das Bett seiner Frau welche erstaunt dem Abenteuer entgegensah Beim
Schein des Lichtes erblickte er ein beschriebenes Papier auf dem Tuche er trug
es vorsichtig zum Licht und buchstabierte laut die Worte »Dies gehört dem Herrn
Magister« Unter dem Tuche aber rührte sichs und ein leises Winseln wurde im
Zimmer gehört
»Es ist ausgesetzt« rief Frau Lischke nach dem Korb starrend
»Es ist ausgesetzt« wiederholte Lischke und beide fuhren fort aus der
Ferne den Korb zu betrachten in welchem sichs unter der Leinwand wieder regte
Endlich fasste der Mann ein Herz und griff nach der Decke »Rühre nichts an«
rief die Frau »wer es zuerst ansieht muss ihm etwas Gutes wünschen und sein
Pate werden«
Lischke ließ die Hand fallen aber er dachte daran dass er ohne Leibeserben
war und sagte mitleidig »Vielleicht geschah es mit dem Willen der Heiligen
dass es in unser Haus getragen wurde« Da aber sprang Frau Lischke mit ihren
nackten Beinchen aus dem Bette und stellte sich drohend vor den Gatten »Was
höre ich du bist gar nicht verwundert über dies Eingebrachte«
»Es ist ja dem Magister zugeschrieben« versetzte Lischke kleinlaut
»Das ist nur Hinterlist« rief die Frau in hellem Zorn »der Herr Magister
gleicht nur einem Sack auf den geschlagen wurde aber ein anderer ist gemeint
Ach wenn du so ein gutes Gewissen hättest als der Magister«
»Wo denkst du hin« antwortete der bestürzte Lischke »wir vom Rat «
»Schweig mit deinem Rate« befahl die Frau »die Herren vom Rat sind auch
nicht besser als du Zur Stelle nimmst du den Korb und trägst ihn hinauf«
Das hielt auch Lischke für das beste Er trug den Korb die Treppe hinauf und
pochte während die Frau mit fliegender Eile die nötigsten Gewänder umlegte und
ihm nacheilte Anna öffnete und der Zug bewegte sich nach dem Museum des
Magisters der verwundert über den aufgeregten Besuch aus seiner Kammer kam Er
las den Zettel und riss das Tuch von dem Korbe ein kleines zottiges Ungetüm von
dunkler Farbe lag darin und winselte Frau Lischke fiel entsetzt auf die Knie
und hob die Arme in die Höhe »Hilf Maria Jacobe hilf Maria Salome helft ihr
heiligen Marien alle drei hier ist ein neugeborener Teufel«
»Wie« fragte der Magister erschrocken seine Brille suchend »werden
hierzulande die Teufel in Körben ausgetragen«
Anna fühlte einen Stich in ihrem Herzen sobald die Hauswirtin des Teufels
gedachte ihr fiel sogleich ein wie Georg mit großen Augen zugehört hatte als
der Vater einmal von ihren kindischen Wünschen sprach und sie rief »Herr
Vater dies ist nur ein kleiner Wachtelhund« Sie beugte sich nieder hob das
Tier heraus und löste die Bänder mit denen die Füße festgebunden waren Das
Hündlein fiel aus ihrem Schoss auf die Diele schüttelte sich und lief laut
bellend im Kreise
»Kanis pusillus« bestätigte der Gelehrte
»Es ist ein vornehmer Frauenhund« rief Lischke bewundernd und auch seine
Frau begann sich ihres Argwohns zu schämen Anna aber saß schweigend und stützte
den Kopf in die Hand
»Das ist die Tücke eines meiner ungeschlachten Schützen« erklärte der
Magister »erst gestern habe ich ihnen die Stimmen der Tiere im Latein
beigebracht er hat den Hund aus einem Patrizierhause entwendet«
Aber Lischke verneinte »Der Hund ist nicht von hier er hat einen weißen
Brustlatz er ist wie der Zettel besagt ein Geschenk für den Herrn Magister«
»Wir haben bereits Esser genug an unserm Tisch welche ungern zahlen« Doch
das Wachtel selbst machte der Verlegenheit ein Ende denn es setzte sich vor
Anna nieder wedelte mit seinem buschigen Schwanz und winselte bittend Da fasste
Anna den Hund schnell in die Arme trug ihn in die Küche und setzte ihm ein
Schälchen Milch vor während der Magister mit den Wirtsleuten nachträglich den
geziemenden Morgengruß wechselte und sie dankend entließ
Aber den ganzen Morgen erfüllte der Ankömmling die Gedanken des Hauses Frau
Lischke vertrat im Unterrock die Meinung dass der Magister das vornehme Tier
nicht behalten dürfe weil Anna dadurch in den Verdacht des Hochmutes kommen
müsse Auch der Magister entwich einige Male seinen Amtsgeschäften um seinen
Gast zu betrachten der neben der Küche auf einem Stühlchen saß aber jedesmal
auf den Gelehrten lossprang und die runden Brillengläser anbellte Am größten
war Annas Not welche niemand kannte Dass Georg König in solcher Weise ein
Geschenk zu machen wagte ärgerte sie dass er so eifrig gewesen war ihr einen
Wunsch zu erfüllen ängstigte sie und doch fühlte sie eine geheime Freude dann
streichelte sie das Hündlein und drehte ihm seine Locken Als sie ihren Gast
über der Schüssel liebkoste fand sie dass ein Faden um seinen Hals gebunden war
und daran ein schmales zusammengerolltes Pergamentblatt Auf dem Streifen stand
geschrieben »Mein Name ist Amor« Diese Andeutung hatte sich Georg ausgedacht
Anna wich bestürzt von dem Kleinen und ihr Antlitz rötete sich bis an die
Schläfe Ein solcher Name war eine deutliche Anspielung vor jedermann Sie löste
den Faden versteckte den Zettel in ihrem Gewande und sah aus der Ferne starr
auf den Hund Es war ein hübsches Tier es drehte sich zierlich und schnoberte
am Boden umher und sie rief es halb bewusstlos leise mit dem geschriebenen
Namen Doch der Hund beachtete den Ruf nicht Da atmete sie tief auf er
wenigstens wusste von nichts Aber je höher der Tag heraufstieg desto größere
Beklemmung fühlte sie bei dem Gedanken an die Dreistigkeit des fremden Knaben
und dass sie jetzt mit ihm ein Geheimnis teile und Mitschuld trage an der
Täuschung ihres lieben Vaters Als die Tischgenossen sich bedankt hatten und
geschieden waren holte sie das Pergament heraus »Herr Vater dies trug das
Hündlein um den Hals«
Der Magister las und nickte sorglos »Es ist ein lustiger Name« »Wir dürfen
das Tier nicht Amor nennen das würde Gerede geben«
»Worüber« fragte der Vater verwundert »Nenne ihn also Psyche« »Herr
Vater« »Ja so« verbesserte sich der Magister »es wäre gegen die männliche
Würde Was meinst du zu Cupido«
»Das wäre nicht besser«
»So soll er Ajax heißen wegen seiner Zornwut«
Dem widersprach Anna nicht »Herr Vater auf wen mutmasst Ihr wegen des
Hündleins«
Der Gelehrte beugte sich gewichtig zurück »Es ist ein alter Brauch dass
Gelehrte einander etwas senden ein neues Buch oder auch einen Karpfen oder
gutes Getränk dann schreiben sie eine Entschuldigung an das Ende des Briefes
und ihren Namen darunter Da aber der Geber des Hündleins nicht gewagt hat mit
seinem Namen zu zeichnen so ist er noch kein Gelehrter sondern wahrscheinlich
ein Schüler und ich vermute dass es einer von meinen Patriziern ist denn wie
sollten die jungen Schützen eines solchen Geschenkes habhaft werden«
»Und wem von den Großen traut Ihr die listige Sendung zu«
»Dem Matz Hutfeld« versetzte der Magister entschieden »denn die andern
haben sich sämtlich mehrmals durch Verehrungen bemerkbar gemacht dieser aber
noch nicht«
Anna schlug die Augen nieder »Ich dachte daran Herr Vater dass der Sohn
des reichen König einmal gegenwärtig war als Ihr ein solches Hündlein in einem
gedruckten Buche fröhlich ansaht und rühmtet und ich denke der junge Georg ist
der Geber« Ihr wurde leichter als sie den Vater in dieser Weise zum Mitwisser
gemacht hatte nur eines traute sie nicht zu sagen dass die Sendung ihr gegolten
hatte und sie wurde deshalb aufs neue geängstigt als der Vater zufrieden
zustimmte »Du bist mein bedächtiges Kind und ich freue mich deines guten
Gedächtnisses denn ich weiß nichts mehr von jener Rede Von meinem Regulus ist
mirs im Vertrauen gesagt am liebsten obgleich er seine Orationen gern kürzer
macht als die andern«
Als der Magister aber bei der nächsten Lektion der Großen den
widerstrebenden Hund auf den Tisch stellte und dazu fragte »Wer von euch hat
mir diesen als Präsent geschickt« antworteten alle einstimmig »Nicht ich«
auch Georg obgleich er scharf angeblickt wurde und als der Magister zum
zweitenmal fragte »Wer von euch hat mir diesen Zettel geschrieben« und alle
wieder antworteten »Ego vero minime« da entschied er kräftig »Dann also tat
es ein anderer« schob das Hündlein bis zur Tür hinaus und die Sache blieb
geheimnisvoll
Anna lebte in der Sorge dass Georg wegen des Geschenkes ihr eine größere
Vertraulichkeit zeigen werde und sie war entschlossen in diesem Fall den Vater
zu bitten dass er die Gabe samt dem Korbe zurücksende was auch daraus entstehen
möge Doch Georg verriet gegen sie niemals durch Wort oder Miene dass er den
Geber kenne er blieb still und ehrerbietig und bewies dem Kleinen welcher Ajax
genannt wurde weil er nicht Amor heißen durfte nur kühle Freundlichkeit Diese
Klugheit wurde belohnt Nämlich das Wachtel selbst hatte eine Vorliebe für ihn
Wenn die Stunde kam in welcher die Treppe unter seinem Tritt knisterte lief es
nach der Tür und wedelte eifrig »Das ist nicht zu verwundern« dachte Anna
»denn er hat es zuerst gefüttert und sein weiches Fell gestreichelt« Seitdem
geschah es wohl dass Anna einen Spalt der Tür öffnete und das Hündlein zur
Begrüßung hinausliess Bei dieser Gelegenheit gewann Georg einen flüchtigen
Anblick ihrer Gestalt und zuweilen einen freundlichen Gruß War das auch nur
wenig es gab ihm doch Mut mehr für sich zu begehren
Es kam ein Sonntag im Herbste klar warm und still die Frucht der Felder
war in den Scheuern geborgen und viele kleine Vögel waren fortgezogen aber
große Flüge der Tauben lagen auf den Stoppeln die grauen Stelzen liefen die
Raine entlang und die Stadtsperlinge von Torn wiesen der jungen Brut die
schönen Felder und Bäume an denen sie altes Herrenrecht hatten und zankten
sich mit den Dorfspatzen Da erbat Georg von seinem Vater dass er dem Herrn
Magister einmal auf dem Landgute Ehre erweisen dürfe und der Vater war das wohl
zufrieden »Der Magister möge nicht für ungut nehmen wenn ich nicht selbst
komme« Darauf sandte der vorsichtige Georg zuerst seinen Gesellen Philipps zu
Frau Lischke diese einzuladen weil sie doch die Hauswirtin der Schule sei und
die Frau geschmeichelt durch die Höflichkeit der vornehmen Knaben erklärte
ihre Bereitwilligkeit »Lischke wird nicht übelnehmen wenn er der Ehre nicht
teilhaftig wird denn er sitzt des Sonntags gern im Bierhause Doch schickt sich
nicht dass ich allein unter jungen und alten Männern weile und ich kann nur
kommen wenn Jungfer Anna zugleich eingeladen wird«
Darauf lud Georg feierlich in lateinischer Sprache den Magister ein welcher
für sich und seine Tochter in einer wohlgesetzten Periode die Freundlichkeit
annahm Wie Georg die Treppe hinabstieg erwartete ihn Frau Lischke »Ihr wisst
selbst Junker dass eine ehrbare Frau nicht mit euch wilden Brüdern durch die
Gassen und Tore spazieren darf und ich rate euch vorauszuziehen und den
Magister und uns am Birkenholz zu erwarten« Damit war Georg einverstanden Als
der Gottesdienst beendet war und die Bürger in ihren Festkleidern durch die
Straßen gingen schritt auch der Magister mit den beiden Frauen langsam nach dem
Tor Er trug sein bestes Kleid und einen seltenen Stock von hispanischem Rohr
mit einem Lederriemen und grüßte würdig zur rechten und linken Hand Hinter ihm
kamen Anna und die Wirtin ihre großen Regentücher auf dem Arme beide mit
Handkörben Anna trug in dem ihren das Wachtel und Frau Lischke hatte bedacht
dass es auf dem Lande Brauch war den Gästen aus der Stadt etwas Zubeisse für den
Heimweg mitzugeben
Als sie beim Birkenholz um die Ecke bogen blieben sie erstaunt stehen denn
auf der Straße hielten zwei Reiter und zwischen diesen stand ein schöner Wagen
mit zwei großen Gäulen bespannt Auf dem Kutschersitz hockte Dobise und sah
unter seinen buschigen Augenbrauen schlau auf die bevorstehende Ladung Die
Reiter sprengten ihnen entgegen es waren Georg und Matz während Lips im Wagen
die Gesellschaft begleiten sollte Das Antlitz Georgs war in heller Freude
gerötet als er vom Rosse sprang um die Gäste zu begrüßen Auch Anna lachte ihn
froher an als er bis jetzt an ihr gesehen hatte Der Magister aber schritt
bewundernd um den Wagen und die Pferde Das Korbgeflecht war mit Hochrot und
Gold bemalt darüber trugen Reifen ein luftiges Dach von bunter Leinwand welche
sich an den Seiten zurückschieben ließ und oben noch mit einer Lederdecke
überspannt war zum Schutz gegen ein Unwetter Georg nötigte den Herrn Magister
auf den Vordersitz »Du Lips sitze daneben und sorge dass unserm Herrn Vater
die Unterhaltung nicht fehle« Darauf öffnete er die Hinterwand des Wagens zog
eine kleine Leiter heraus und hakte den Polstersitz ab damit den Frauen das
Einsteigen bequemer sei half ihnen ritterlich in das Innere befestigte hinter
ihnen Sitz und Rückwand und schwang sich wieder auf seinen Gaul um nebenher zu
reiten Der Magister steckte den Kopf seitwärts heraus und rief vergnügt
»Wahrlich wie ein römischer Gott fahre ich im Triumphwagen zu beiden Seiten
die Dioskuren« Und auch Annas Augen leuchteten als sie auf den bewaffneten
Reiter an ihrer Seite blickte der als Seitenwehr einen großen Dussek mit
breiter krummer Klinge und in der Hand einen Kurzspeer führte und sie
unterdrückte mit Mühe einen Angstruf als das mutige Pferd unter dem Reiter
aufsprang bis er es mit fester Faust bändigte Dobise knallte und in scharfem
Trabe ging es vorwärts der Staub wirbelte der Wagen schütterte und wenn die
Räder über einen Stein hüpften zuckten die Fahrenden von ihren Sitzen in die
Höhe so dass Anna sich am Holz des Wagens festhalten musste Aber das Schütteln
gehörte zu vornehmer Fahrt die Frauen überwanden bald den kleinen Schreck
lachten einander zu und fanden endlich den Mut die artigen Fragen Georgs zu
beantworten Und obgleich zuweilen der Staub durch die Fensteröffnung wehte
wollte Anna doch die Leinwand nicht vorschieben wie Frau Lischke riet und sie
wurde auch nicht böse als Georg ihr nach dieser Erklärung einen dankbaren Blick
zuwarf Unterdes hörte Lips ergeben die Bemerkungen des Magisters und nannte die
Namen der Dörfer deren Kirchtürme hier und da aus der Ebene aufstiegen Es war
Sonntagsstille über der Landschaft und auf den Feldern niemand zu sehen nur
hier und da rollten sie an einer weidenden Herde vorüber und hörten das Gebell
des Hirtenhundes der auf sie zulief
Endlich fuhren sie über eine kleine Grenzbrücke in den Schatten wilder
Birnbäume welche zu beiden Seiten des Weges standen der Wagen hielt und Georg
bat die Gäste sich eine Weile zu gedulden damit die Pferde verschnaufen und er
vorausreiten könne sie auf dem Hofe anzumelden Die Fahrt war wundervoll
gewesen aber eine kurze Ruhe war nach der Erschütterung doch allen lieb Dobise
stieg ab und trat zu den Pferden auch der Magister und Philipps kletterten über
den Kutschersitz ins Freie nur die Frauen blieben in dem Wagen und hatten
einander jetzt leise viel zu erzählen Plötzlich sprang Dobise auf seinen Sitz
ergriff die Zügel und wies mit der Peitsche in die Ferne »Es kommt einer«
Ein einzelner Reiter trabte über das Feld gerade auf sie zu Es war auf
magerem Pferde ein langer Mann in halber Rüstung mit Brustschiene und Helmkappe
und einem langen Reiterspiess »Wer ist es« fragte Matz Hutfeld den Kutscher
»Es ist eine Landfliege Seht ihn nur an Ihr kennt ihn gut genug«
Der Reiter ritt ohne zu grüßen langsam im Kreise um die Gesellschaft wobei
sein Pferd wie ein Hund durch den Graben am Wege kroch endlich hielt er
betrachtete unverschämt die erschrockenen Frauen und spähte in jede Ecke des
Wagens Der hagere starkknochige Gesell mit schmalem Angesicht das bleich und
verbrannt und trotz der Jugend durch hartes Leben und Ausschweifungen gefurcht
war sah auf seinem struppigen Klepper gegenüber dem rundlichen Stadtreiter aus
wie aus einem andern Lande Matz hielt still auf seinem Platze Lips aber entriss
dem Dobise die Peitsche und rief dem Gefährten zu »Hilf ihn zurücktreiben« Da
lenkte auch Matz sein Pferd heran »Macht Euch fort Henner hier ist nichts für
Euresgleichen zu holen«
»Ich komme nicht zu holen sondern zu geben ich merke Matz Ihr seid nach
Streichen begierig« versetzte der Reiter verächtlich »Redet höflicher auf der
Landstraße ihr stolzen Bürgermeistersöhne es wird jedermann erlaubt sein die
Könige von Torn anzustaunen wenn sie im roten Wagen durch das Land traben
Potz Blitz weg mit der Peitsche du Narr oder ich treibe dir das Eisen in die
Rippen Wo wollt ihr hin ihr heldenmässigen Kumpane des König Artus«
»Das geht Euch nichts an« rief ihm Matz zu »wir haben auch Euch nicht
gefragt wo Ihr herkommt Ich sage Euch macht Euch fort Dies ist Torner
Grund und wir sind vier gegen einen«
»Die vier sind auch danach« höhnte der Fremde »Schöne Samtmützen sehe ich
auf euren gekräuselten Haaren Wie hoch haltet Ihr das Stück Junker Krämer Ich
habe Lust meine mit Eurer zu vertauschen Ists nicht eine Schere die Ihr an
der Seite tragt« Er rührte mit dem Spieß an Hutfelds Dussek
»Die Torner Schere hat schon mehr als einmal in Euer Wams geschnitten ich
denke Ihr kennt den Käfig über unserm Kerkertore«
»Ich weiß eure guten Herbergen zu rühmen« antwortete der Reiter ungerührt
»auch die Torner hängen keinen den sie nicht haben Meiner Treu Ihr reitet
ein starkes Pferd Bürgermeister Matz ich merke Ihr wollt mirs zum Tausch
anbieten steigt einmal herunter es ist nur zur Probe«
Hutfeld errötete aber er blieb unbeweglich sitzen »Dort kommt Georg« rief
Eske
»Das ist eine andere Art Apfel« sagte der Reiter ernsthafter lenkte sein
Pferd zurück und legte den Bolzen auf die Armbrust »Guten Tag Jörge gerade
Euretwegen bin ich gekommen ich ritt so am Rande Eurer Feldmark entlang und
suchte jemanden dem ich einen Gruß an Euch in den Kopf schlagen könnte da
ersah ich Eure Kardinalsfuhre ich merke Ihr wollt geistlich werden weil Ihr
schon zwei Weiblein unter Eurem roten Dach eingefangen habt«
»Ich habe lange auf Eure Botschaft gewartet« rief Georg ihm nahe reitend
»Ihr hattet die Frechheit mir vor der Fastnacht sagen zu lassen dass Ihr mich
unter freiem Himmel werfen wolltet wenn ich den Mut hätte gegen Euch zu
sprengen Jetzt habe ich Euch vor der Klinge heraus mit dem Eisen frisch
gezückt ist halb gefochten«
Er hob schnell den Dussek und schlug dem andern die Armbrust aus der Hand
»Lass ihn los Lips« rief er seinem Gesellen zu der von der andern Seite mit
kräftigem Griff das Bein des Reiters gepackt hatte so dass dieser schief im
Sattel hing »Er soll herunter vom Gaule« versetzte Eske festhaltend »er trägt
die Eisenplatten und du bist wehrlos ich leide nicht dass Ihr Euch heute
rauft«
»Lass ihn los« wiederholte Georg heftig
»Er hat recht Jörge« sprach der Reiter zwischen Zorn und Lachen »Steckt
ein und wartet auf einen andern Tag Ich verspreche Euch heut Frieden zu
halten obgleich Ihr meine Armbrust zerhauen habt Lasst das Bein los Junker
Klette und gesegne euch der Teufel eure Lustfahrt«
»War er unhöflich gegen die Frauen« fragte Georg zurück indem er mit
drohender Gebärde vor dem Wegelagerer hielt
»Wir erheben keine Klage gegen ihn« rief der Magister »wir haben am Tage
des Herrn genug von Streit gesehen und schon zuviel für unser Vergnügen Weicht
von hinnen Ihr Katilina aus Moor und Heide excede evade erumpe« Er stand
drohend mitten auf der Straße und seine Brillengläser glänzten gegen den
Reiter
Unterdes ritt Henner näher an Georg und sprach leise »Durch Eure Gesellen
wollte ich Euch sagen damit Ihr nicht unrichtig von mir denkt dass ich seither
Leib und Ross einem andern zum Dienst angelobt habe und meine eigenen Händel
nicht betreiben darf bis ich wieder mein eigener Herr werde«
Georg antwortete ebenso »Ihr hattet es heiß den Brei zu kochen jetzt
stellt Ihr ihn kalt Seid Ihr frei so lasst michs wissen dann bestimme ich die
Zeit wo wir uns treffen damit ich für mich dasselbe Recht behaupte das heut
Ihr Euch nehmt Ich denke wir sorgen alsdann dafür dass einer von uns
heimgetragen wird«
Henner nickte einverstanden »Macht euch zuerst fort Jörge obgleich ihr
die Stärkeren seid ich will nicht vom Pferde steigen und mich nach der Armbrust
bücken während die Stadtjungen zusehen« Und lachend fuhr er fort »Ihr hättet
heut nicht viel Ehre mit mir gewonnen denn ich reite in einem Auftrage an dem
gelegen ist ich und das Pferd sind abgetrieben und ich habe Nacht und Tag den
Riemen über meinem Magen enger geschnallt weil er knurrte Jetzt habt Ihr mir
zerschlagen was zu einem Feldhuhn oder Hasen helfen konnte und ich muss mirs
zurechtbasteln«
Georg wies auf einen alten Baum »Da wir einander durch die Haut an das
Leben wollen kann ich Euch obgleich Ihr hungert nicht einladen mein Gast zu
sein auch würde Eure Galle gegen die Kinder von Torn uns das Mahl verbittern
aber ich sende vom Hofe einen Kober und Krug dort in den hohlen Stamm Findet
Ihrs so nehmt Ihrs ohne Dank«
»Euch wäre auch schicklicher Georg wenn Ihr als ein Reiter geboren wärt
Ihr würdet in dieser Zeit auf gezäumtem Pferde um anderes sorgen als um
Frauenfuhren« antwortete Henner und beide lüfteten gegeneinander ein wenig die
Mützen Darauf rief Georg »Vorwärts« Dobise knallte stolz mit der Peitsche
und die Pferde liefen dass den Fahrenden in der Anstrengung die Sitze zu
behaupten alle Sorge um Vergangenes und Künftiges dahinschwand Auch Georg ritt
schweigend überdachte die Reden des Henner und wunderte sich dass der
Buschreiter ganz gegen seine Art lieber hungere als die Kost mit Gewalt von den
Bauern nehme Als er endlich wagte in den Wagen hineinzusprechen und Anna zu
fragen ob der rohe Mann sie erschreckt habe saß die Jungfrau mit
niedergeschlagenen Augen und gab mit gleichgültiger Stimme den Bescheid »Es
waren ja Männer genug zur Stelle« und er merkte dass sie durch die Begegnung
gekränkt war
Vor ihnen erhob sich ein Herrenhaus der Wagen rasselte über die Zugbrücke
und fuhr in einen engen Hof in welchem Ställe und Wirtschaftsgebäude von Graben
und hoher Mauer umgeben standen Das Haus selbst war ein schmuckloser Steinbau
mit dicken Wänden auf dem Unterstock erhob sich ein zweiter mit verschlossenen
Fenstern und mit kleineren Öffnungen über welche sich Schirmdächer wölbten der
Raum war zur Aufstellung von Sandbüchsen und Geschütz bestimmt jetzt aber
diente er als Kornboden Der Vogt des Gutes trat mit seiner Frau achtungsvoll
heran Georg sprang vom Pferde und half den Gästen aus dem Wagen Als er alle
auf dem Erdboden versammelt hatte nahm er die Mütze ab und begrüßte im Namen
seines Vaters den Besuch während ein Knecht mit Dobise die Pferde nach dem
Stall führte Auch der Magister lüftete seine Mütze und antwortete durch schönen
Gegengruss worauf Georg in das Haus geleitete Unter Vortritt des Magisters
stiegen die Gäste die steinernen Stufen hinauf und sahen neugierig in die
Herrenstube und über die gedeckte Tafel auf welcher ein kleines Vesperbrot
aufgestellt war dreierlei Weizengebäck süße und saure Milch und was dem
Magister lieber war große Tonkrüge gefüllt mit starkem Bier und uraltem Met
Mit heißen Wangen erfüllte Georg die Pflicht des Wirtes er bot dem Magister den
Ehrensitz und lud ihm zu beiden Seiten die Frauen da er als Wirt bescheiden
unten sitzen musste konnte er nicht vermeiden dass Matz Hutfeld seinen Platz
neben Anna erhielt Das war ihm unlieb und ihn ärgerte auch dass Matz sogleich
mit großer Sicherheit die Speisen bot und die Frauen zum Met nötigte als ob er
selbst der Gastgeber sei doch tröstete ihn wieder dass Anna sich auch gegen
diesen ernstaft hielt auf den Teller blickte und wenig beachtete wenn Matz
seine runde Hand zierlich schwenkte und den Frauen die Babe den großen
Napfkuchen vorschnitt Frau Lischke aber ließ vergnügt ihre Augen
umherschweifen ermahnte Anna die große Menge blanken Zinns zu bewundern
welches auf dem Tische aufgesetzt war und noch reichlicher auf Gestellen an der
Wand und sie hob das Tischtuch und rühmte das feine Gespinst Das musste auch
Anna loben und sie sah ein wenig nach Georg hinüber als dieser ernstaft
sagte »Es ist aus dem Brautschatz meiner seligen Mutter« Der Magister aber
als er einen tiefen Trunk getan hatte richtete sich strack auf und begann das
Gespräch »Vor allem sage mir mein Sohn Regulus wer war dieser gewappnete
Strolch was wollte er von uns und was hatte er gegen euch meine Scholaren«
»Es ist ein Adliger« erklärte Georg »den sie den langen Henner nennen
seine Väter waren im Lande angesessen er aber schweift ohne Gut und Habe liegt
bei den Landherren ein und gelobt sich bald dem einen und bald dem andern zur
kleinen Reiterei«
»Er ist ein armseliger Latro und Buschklepper« fiel Matz wegwerfend ein
»er ist in der Stadt übel berüchtigt wegen seiner Schamlosigkeit und ich werde
meinem Vater sagen dass er unsern Freireitern befiehlt auf ihn zu fahnden und
ihn festzumachen«
»Diesmal hat er nur mit losen Reden gefrevelt« versetzte der Magister »und
mein Sohn Eske hat das richtige getan als er ihm das Bein schwenkte Dich aber
Georg muss ich schelten soweit sich bei diesem Vespermahle geziemt denn auch
du bist wie ein Heckenreiter gegen ihn gesprungen und warst nicht abgeneigt
mich und die Frauen in eine Katzbalgerei zu verwickeln«
»Ich merke wohl Herr Magister dass ich mich ungebührlich geregt habe und
ich merke auch dass die Frauen mir deshalb zürnen Aber da ich ihn von ferne
sah bekam ich Angst dass er gegen die Gäste unschickliche Reden führen könnte
denn sein Mundwerk mahlt nur groben Schrot auch gibt es zwischen mir und ihm
alte Späne weil er uns Tornern feindselig ist«
»Vernahm ich recht so war von einem Duellium die Rede«
»Es ist nichts damit« entschuldigte sich Georg mit bösem Gewissen »er
hatte sich früher gerühmt dass er jedem Kinde von Torn feindlich sein wollte
und kam heut zu sagen dass er verhindert sei gegen uns zu reiten«
»Der lange Henner ist mit allen jungen Gesellen vom Artushofe verfeindet«
erzählte auch Eske der in der Rede häufig zu spät kam »denn er hat sich
geweigert auf der Stechbahn gegen uns zu stechen weil unser Adel wenn unsere
Väter ihn auch gehabt hätten durch Tinte bekleckst und durch die Gewandschere
zerschnitten sei Es ist jedem unleidlich das zu hören«
»Darum also wollte er nicht mit Georg raufen« fragte der Magister
ernstaft
»Bei diesem« fuhr Eske vorsichtig fort »will er eine Ausnahme machen weil
ihre Vorväter Landsleute gewesen wären aus Thüringen wir aber stammten aus
Westfalen und er sagt ein Vorfahr des Georg hätte lange als Knecht gedient bei
einem seiner Vorfahren deshalb habe er ein Recht sich mit Georg zu schmeissen
und ihn zu schlagen sooft es ihm gefiele«
»Du könntest auch Besseres tun Lips als den Frauen die ungefügen Reden des
wüsten Junkers vorerzählen« unterbrach ihn Georg mit einem furchtsamen Blick
auf das ernste Gesicht der Jungfrau »Aber hier ist ein Gast welcher sein
Schüsslein noch nicht erhalten hat« und er bückte sich zu Ajax der wohl wusste
wer Wirt war denn er saß still neben ihm und bat mit Schweif und Pfoten Georg
goss Milch in eine Schale brockte Weissbrot ein und setzte das Gericht neben
Annas Stuhl auf den Boden aber er gewann keinen dankenden Blick
Jetzt nahm der Magister das Wort und sprach Gelehrtes über den Unterschied
zwischen deutschen Rittermässigen und römischen Rittern die deutsche Reitersitte
sei ungeschickt und barbarisch bei den Römern aber sei sie weit besser gewesen
»denn« sagte er »die römischen Reiter vergeudeten nicht sondern sammelten
Geld und hielten auch für ehrenvoll durch Kaufmannschaft vorwärtszukommen« Er
wurde heiter durch seine Rede und den Met und da unterdes alle dem Vesperbrot
Ehre erwiesen hatten und da die Vogtin mit einer Handvoll großer grüner Blätter
hereinkam und den Frauen viel von dem Weizengebäck einpackte damit sie es in
den Körben heimtrügen so erhob sich auch der Magister und erklärte seine
Beistimmung als Georg um die Erlaubnis bat den Gästen das Gutsland und die
Gegend zu zeigen Die Gesellschaft brach auf Georg gab dem Dobise der unterdes
vom hohlen Baume zurückgekehrt war einen Wink worauf dieser zwei Lauten aus
der Kammer holte und hinter ihnen hertrug So schritten sie aus dem Hofe und
zwischen dürftigen Hütten des kleinen Dorfes dahin Die Dorfleute saßen gedrängt
in der Schenke aus welcher eine Sackpfeife klang wer in der Tür stand grüßte
unterwürfig den Herrensohn und mit finsteren Blicken den Vogt der den Gästen
mit seinem großen Amtsstock folgte Die Kinder des Dorfes starrten von den
Hausschwellen neugierig auf die Fremden ein übel bekleidetes Völklein die
meisten barfüssig die kleineren nur im groben Hemde und als Anna sich nach den
rundlichen Wangen und blauen Augen umsah und einem Krauskopf die Wange
streichelte kam die ganze Schar nachgezogen aus Furcht vor dem Stock des
Vogtes in geziemender Entfernung
Die Gäste durchschritten einen Wiesengrund und betraten den hochstämmigen
Laubwald Der unebene Fußpfad führte zu einer Lichtung in welcher eine riesige
Eiche stand die Herrin des Waldes umgeben von ihrem grünen Hofgesinde
Zwischen den hohen Wurzeln des Baumes war ein Balkenstück als Holzbank
eingeklemmt auch in der Höhe sah man über den mächtigen Ästen die morschen
Bohlen einst Boden und Seitenwände eines Baumhauses wie es hier und da als
Sommerlaube in den Ritterburgen und als Jagdhütte in den Wäldern zu finden war
In der Lichtung war es still und feierlich wie in einer Kirche nur zuweilen
klang von dem hohen Gipfel der klagende Schrei eines Raubvogels »Hier ist ein
philosophischer Sitz« rühmte der Magister sich schnell setzend und die Mütze
lüftend da der unebene Pfad ihm warm gemacht hatte Georg aber sah nach Dobise
mit den Lauten zurück und Anna erriet wohl seine Gedanken Denn nachdem alle
eine Weile still geruht hatten begann sie »Die Nachtigall höre ich nicht mehr
und auch der Kuckuck schweigt er hat sich wohl wie das Lied im Scherze sagt
zu Tode gefallen in einer alten Weiden« und sie begann mit leiser Stimme die
Melodie Da fasste Georg schnell die eine Laute reichte dem treuen Philipps die
andere und beide nahmen zur Stelle die Weise auf »Wer soll uns nun wer soll
uns nun die liebe Zeit vertreiben« Kräftig fuhren die Jünglinge fort »Ei das
soll tun Frau Nachtigall« Und Georg hörte während des Singens mit Entzücken
wie Anna mitsang und künstlich in hoher Stimme trillerte ganz als wollte sie
die Nachtigall nachahmen Auch der Magister summte im Bass »Kuckuck« dazu Als
das Lied zu Ende war lachten alle gegeneinander die Spieler begannen eine
andere noch feinere Weise ohne Gesang und darauf stimmten Wirt und Gäste in
schöne Lieder ein welche sie gemeinsam vermochten
Anna wurde von Herzen vergnügt Georg gefiel ihr heut ausnehmend gut wie er
in blühender Jugend mit dem Rosse sprang dass er sich ritterlich gegen den Vater
hielt dass er so froh war sie im Hause zu begrüßen und so bescheiden den Wirt
machte mitten in allem Überfluss des Reichtums Wohl hatte er sie durch sein
schnelles Losfahren gegen den Fremden geängstigt und auch am Tische hatte der
reiche Haushalt sie bedrückt aber das alles war vergessen seit sie miteinander
sangen und sie fühlte sich ihm so vertraulich als ob sie zu ihm gehöre Als
sie während des Ausruhens fröhlich um sich sah merkte sie dass sie nicht allein
waren am Rande der Lichtung lagerten die Dorfkinder die kleinen saßen auf der
Erde den Finger im Munde alle staunten unverwandt die vornehmen Stadtleute an
Da ergriff Anna schnell einen Handkorb der neben ihr stand eilte zu ihnen und
sprach »In dem Korbe ist Süßes für euch ihr Kleinen seid fromm und sprecht
ein Vaterunser« Aber die Kinder glotzten sie an und regten sich nicht »Die
wissen nichts vom Vaterunser« lachte der Vogt »wo sollen sie es her haben von
den Eltern lernen sie eher Flüche und Schelmenlieder«
»Lieber Gott« rief Anna erschrocken »so lebt ihr ja als kleine Heiden
dahin« Sie beugte sich nieder legte den Kindern der Reihe nach die Hände
zusammen und gebot »Sprecht mir alle die Worte nach welche ich euch vorsage
damit der liebe Gott doch wenigstens eure Stimmchen hört so bekommt ihr den
Kuchen« und sie sprach ihnen die erste Bitte nachdrücklich vor Da schrien die
Kinder hoffnungsvoll den frommen Gruß nach und die Jungfrau neigte das Haupt
Dann griff sie in den Korb und verteilte den Kuchen Sie sah begeistert aus wie
damals in der Kirche
Aber die Torner sahen befremdet auf diese sorglose Verteilung welche ihnen
ungehörig und als eine Kränkung des Gutsherrn erscheinen musste Denn das Gebäck
war aus Gastfreundschaft den Geladenen gewidmet und es war ihnen feierlich als
angenehme Erinnerung beigepackt worden Am tiefsten gekränkt war die Ratsbotin
da es ihr Handkorb war aus dem die Jungfer ihre Verschwendung betrieb Sie
fasste den Korb und sagte mit scharfer Stimme »Hierzulande ist es nicht Brauch
Jungfer Anna Ehrengeschenke der Hauswirte vor ihren Augen zu vergeuden am
wenigsten aus fremdem Korbe«
»Nehmt dafür den meinen« antwortete Anna sich erhebend Obgleich sie
gutherzig lächelte so dachten doch die Torner dass die Ratsbotin nicht ohne
Grund ärgerlich war Und Georg freute sich zwar dass sie von den Kindern mit so
sicherem Vertrauen zu ihm aufsah als ob sie selbst die Gutswirtin wäre aber er
sagte doch leise zu seinem Gesellen Eske »Ach sie ist schön und hat als
Nachtigall holdselig getrillert aber ich fürchte ihrem Gemüt ist alle irdische
Freude gleichgültig«
»Sie ist zu einer Nonne geboren« versetzte Lips unwillig und Georg dachte
ich will und muss erfahren ob sie mich so geringachtet wie unsern Kuchen
Anna hatte sich wieder zu den Kindern gebeugt die ihr jetzt williger
Bescheid gaben Da rief eine schrille Stimme von der Seite »Lehrt nur die
deutschen Krähen singen Junker Georg hier vor Eurem Baume der Tag wird
kommen wo die fremden Vögel wieder wegfliegen große und kleine« Eine alte
Frau verwittert und runzlig wankte unter der Last eines schweren Korbes heran
stellte sich vor Georg hin und die grauen Augen in dem wankenden Kopf sahen
scharf nach dem Herrensohn
»Wollt Ihr schweigen Alte« rief Dobise herzueilend und versuchte die
Frau wegzuführen sie aber hielt sich mit ihrer Hacke an eine Baumwurzel
»Lass deine Mutter Dobise« gebot Georg »ich weiß sie wünscht mir nichts
Böses«
»Denkst du daran Junkerlein dass ich dich einst auf den Armen hielt Lange
hast du der Alten nichts Gutes in das Haus gesandt und doch gehe ich hier Jahr
für Jahr um den Baum und sehe zu wie die Krähen kommen und fliegen ich höre
wie das Holz im Sturme kracht und ich fege den Schnee von den Wurzeln damit
die Seelen der Verstorbenen gute Bahn finden wenn sie aus den Ästen zur Erde
fahren«
»Demens est« rief der Magister
Aber die Alte versetzte mit scharfem Ton als wenn sie die Rede verstanden
hätte »Ich bin nicht schwachsinnig deutscher Mann und wenn die deutsche
Glocke bimmelt opfere ich den Heiligen mein Wachslicht so gut wie andere Das
Herrenkind versteht mich wohl denn es ist von alten Leuten gesagt als der
Stamm in festem Holze stand kamen seine Vorfahren in das Land sie fällten
ringsumher den Wald sie zimmerten ihr grünes Lager unter dem Wipfel und ihre
Weiber und Kinder saßen in den Ästen Von hier flogen sie über das Preussenland
ihrer wurden viele und unserer wenige Solange der Baum grünt soll das fremde
Geschlecht in dem Lande herrschen Grüsst Euren Vater Georg und sagt ihm es
rauscht in der Luft und die Unsichtbaren brauen einen Sturm der Moder frisst in
der Eiche er soll seinen Sohn hüten« und mit veränderter Stimme wiederholte
sie »Warum hast du der alten Mutter so lange nichts Gutes hinausgeschickt ich
singe deinetwegen und gehe für dich um den Baum aber ich kann das Volk der
Würmer nicht mehr aus dem Holze bannen«
»Gut Mutter dass Ihr erinnert geht heut abend auf den Hof der Vogt wird
Euch geben was Euch erfreut« und während Dobise die Alte abführte gebot er
dem unwilligen Vogt »Der Vater will dass ihr von Euch kein Leid geschieht wenn
sie auch wilde Reden verführt sie ist harmlos und war eine Zeitlang meine
Wärterin« Und zum Magister fuhr er fort »Diese und ihr Sohn sind eigene Leute
des Gutes und stammen von den alten Preußen Die Leute sagen dass einst meine
Vorfahren als sie unter dem Kreuz in das Land kamen bei dem Baume gerastet
haben und darum prophezeien sie allerlei Sonst war das Sommerhaus dort oben in
besserem Stande ich selbst habe oben mit dem Flitzbogen geschossen jetzt hat
niemand daran gedacht neues Gebälk einzuziehen«
Anna hatte mit Anteil die Erklärung gehört Als sie nun zur Heimat
aufbrachen machte sichs dass Georg neben ihr ging er half ihr das grüne
Regentuch umlegen denn die Sonne stieg niederwärts und es wurde kühl Da
begann sie »Die Alte war doch eine schreckhafte Frau und zu ihrem Sohne Eurem
Diener könnte ich auch kein Zutrauen haben«
»Er ist anstellig und der Vater ist gewöhnt ihm zu vertrauen«
»Ich denke Euer Vater kommt selten auf das Gut«
»Er sorgt doch in der Stille um alles was hier vorgeht aber er lebt
schweigsam vor sich hin Es werden bei uns im Hause nicht mehr Worte gemacht
als gerade nötig sind Immer freue ich mich wie der Herr Magister mit Euch
verkehrt Ihr seid freilich an Hausfrauen Statt und seine Stütze«
»Ihr könnt gar nicht denken wie gut der Herr Vater gegen mich und alle Welt
ist« versetzte Anna eifrig
»Gern wüssten wir ob der Herr Magister auch mit uns zufrieden ist« fragte
der schlaue Georg
»Er mag wohl manche Ursache haben zu tadeln« sagte Anna lächelnd
Das gab Georg bescheiden zu und sich ein Herz fassend fuhr er fort »Ach
liebe Jungfer Anna mehr noch als die Gesinnung Eures Herrn Vaters kümmert mich
die Eure denn ich besorge dass Ihr mir in Eurem Herzen abgeneigt seid«
Anna zog an ihrem Tuche »Warum denkt Ihr so«
»Ich merke zuweilen dass Ihr gegen meine Gesellen freundlicher redet beim
Gruß und Abschied denn den anderen vorab dem Matz Hutfeld sagt Ihr ganz
fröhlich Dank und auf seine Frage auch einmal freundlichen Bescheid Wenn ich
aber die Treppe heraufkomme so tretet Ihr in die Küche zurück und wenn Ihr mir
antworten müsst so sind es nur kurze Worte Ich weiß es wohl« fuhr Georg in
aufrichtiger Reue fort »dass ich Euch schwer gekränkt habe bevor ich Euch
kannte und ich fürchte dass Ihr das nicht vergessen könnt«
Da sah sie ihn schweigend an mit so warmem Blick und ein liebreiches Lachen
flog über ihr Antlitz dass ihm sein Herz vor Wonne hüpfte Sie waren von den
andern durch ein Gebüsch getrennt das oben in rotem Abendlicht glänzte und
unten in bläulicher Dämmerung stand er fühlte einen warmen Luftauch an seiner
Wange und ein Vogel rief von dem Aste Flink flink Da vergaß er sich ganz und
gar er vergaß dass er als Wirt neben seinem Gaste ging er schlang den Arm
wieder um sie und neigte sich um sie zu küssen
Aber die Hülle sank zwischen ihr und ihm zur Erde sie entwand sich ihm
heftig er sah zum zweitenmal ein verstörtes Gesicht und den starren Schrecken
in ihren Augen im nächsten Augenblick rannen Tränen auf ihre Wangen Sie wandte
sich ab und ging ohne ihn noch eines Blickes oder Wortes zu würdigen eilig den
andern nach Er stand am Wege hob betäubt den Mantel auf und fühlte sich elend
und verworfen Er hatte schnell erfahren was er durchaus wissen wollte dass sie
ihn anders achtete als sein Gastgeschenk denn sie hatte seinetwegen geweint
Sie aber erkannte dass er in dem Übermut eines vornehmen Knaben Dreistes gegen
sie wagte und ihr Herz empörte sich gegen ihn
Obgleich sie kein Wort geredet hatte behauptete Georg doch vor sich selber
Sie ist hart und scharf wie Riedgras Ich möchte Matz Hutfeld Püffe geben er
ist geradeso kalt wie sie Beide passen gut zueinander ich merke auch dass er
sogleich gegen sie hübsch tut So schritt er finster und grollend hinterdrein
und fühlte sich unglücklich wie noch niemals in seinem Leben Erst im Hofe als
der Magister stehenblieb und ihn wegen der Heimfahrt anredete gedachte er
seiner Pflicht er lüftete die Mütze und lud wie alle erwarten mussten zu einer
Abendkollation ein Wieder betraten sie die Herrenstube aufs neue war der Tisch
gedeckt und reichlich besetzt mit allerlei auserwählter Kost worunter ein
riesiger Schinken war daneben Pfefferkuchen und sogar die neueste Erfindung
welche die Kaufherren aus Italien eingeführt hatten heilkräftiger Marzipan und
zwischen den Krügen mit Bier und Met standen jetzt Flaschen mit süßem Sekt Der
Magister konnte einen Ausruf angenehmer Überraschung nicht unterdrücken als er
eine solche Besetzung der Herrentafel sah und er merkte nicht dass was ihn mit
stolzer Befriedigung erfüllte sein liebes Kind noch mehr demütigte und ihr aufs
neue Tränen in die Augen lockte Alles war sehr festlich und die meisten
freuten sich der Ehre nur zwei saßen bleich und verstört und das Hündlein lief
vergeblich zwischen ihnen Da war es ein Glück dass der Magister die
Gesellschaft unterhielt von den Pfauenzungen seiner Römer und dass einer von
diesen die Fische mit Sklaven gefüttert habe Nur Frau Lischke antwortete
»Pfui der Türke« Als Dobise draußen knallte stand der Magister auf gerötet
vom Sekt und hielt die Dankrede an den Hausherrn und den gegenwärtigen Sohn
Regulus wobei er auch den Vogt und die Vogtin ehrenvoll erwähnte und als sie
zu dem Wagen traten sprach er an das Schüttern gedenkend großartig wie ein
römischer Feldherr »Hinter uns liegt die Freude jetzt kommt die Ehre« worauf
die Gäste zur Vorder und Hintertür hineinstiegen Es war eine schweigsame
Fahrt Dobise fuhr maßlos denn es war spät geworden und er dachte an die
Heckenreiter Georg trabte finster an der Seite wo die Ratsbotin saß und in
ihm klang es zum Abendgeläut der Dorfglocke Es ist vorbei und kann sich nimmer
wenden Als endlich der Wagen an dem Birkengehölz hielt und Frau Lischke der
Gesellschaft Trennung gebot sah er noch einmal in das verblichene Antlitz Annas
und auf die niedergeschlagenen Augen mit denen sie sich gegen den Abschiedsgruss
der Schüler neigte und ritt stumm neben seinen Gesellen dem Reiter und
Fußgänger einem andern Tore zu
Am Abend ging der Magister begeistert in seinem Museum auf und ab während
Anna schweigend nach den Trümmern des Schlosses starrte von denen sich jetzt
niemals mehr eine Abendmusik hören ließ »Es war alles rühmlich und
freudenreich« triumphierte der Magister »und der ansehnliche Herr Marcus König
hat sich königlich gegen uns verhalten«
»Er selbst war aber nicht da« warf Anna ein
»Dafür hat er seinen Sohn gesandt der uns im Grunde vertraulicher ist«
verbesserte sie der Vater »und ich habe beschlossen den günstigen Gönnern
meine Dankbarkeit zu erweisen durch Dedizierung und Überreichung eines
elegischen Gedichtes zu Weihnachten habe auch schon dem Hannus Buchführer davon
Andeutungen gemacht welcher sich bereit erklärt die Kosten für einen Bogen
Papier und Druck zu tragen mir mehrere Exemplare gratis zu verabreichen den
Rest womöglich um drei Kreuzer zu verkaufen Der Bogen muss in Danzig gedruckt
werden weil man hier in dieser Kunst nichts vermag«
Als der verstörte Georg mit seinen Gesellen den Marktplatz betrat standen
die Leute in eifrigem Gespräch Vor dem Ratause hielten polnische Reiter im
Artushofe saßen die Brüder dicht gedrängt auch er vergaß auf Augenblicke sein
Leid als ihm seine Genossen zuriefen »Es ist Botschaft gekommen vom polnischen
König der große Reichstag wird zum Winter nach unserer Stadt geladen es geht
gegen den deutschen Hochmeister«
Und als der Winter kam als Hannus einen Danziger Ballen auspackte und der
Magister seine Bogen welche er lange mit stillem Behagen betrachtet hatte den
Gönnern der Schule austrug schritt er durch den Tumult fremder Haufen er fand
in den Häusern seiner Patrone sorgenvolle Gesichter und ihrem Dank den sie
nicht vorentielten fehlte die Herzlichkeit
Der Hochmeister
Die vier Bürgermeister hielten im Artushofe mit den Ältesten der Bruderschaft
vertraulichen Rat wie die polnischen Herren bei den ansehnlichen Bürgern
eingelegt werden sollten Jeder der Anwesenden begehrte solche Gäste die ihm
bekannt waren oder von denen er Vorteil hoffte Marcus König war der einzige
welcher geduldig hinter seinem Becher saß und wenn er einmal das Wort ergriff
nur für Abwesende sprach damit diese nicht übermäßig beschwert würden Es
geschah wie durch Einverständnis dass niemand das Haus des Marcus in Vorschlag
brachte entweder aus Achtung vor dem stillen Manne oder weil es unheimlich
geworden war denn gerade in den letzten Tagen hatten die Nachbarn wieder über
nächtlichen Spuk geklagt Doch nur hinter dem Rücken des frommen Hausherrn wurde
dergleichen gemurmelt denn man wusste dass er Fragen danach mit einem finsteren
Zornesblick beantwortete oder mit kalter Abweisung welche noch mehr gefürchtet
war Endlich begann der alte Burggraf »Die Kumpane haben jeder gewählt nur
Ihr Bruder Marcus seid noch zurück Da Ihr nicht frei bleiben werdet so
ersuche ich Euch das Recht unserer Bruderschaft zu gebrauchen«
»Ich bin bereit den Fremden zu nehmen welchen Euer Wille mir zuteilt«
versetzte Marcus
Der Bürgermeister nickte und sah in die Liste »Was würdet Ihr zu dem
hochwürdigen Bischof von Plozk sagen«
»Da er von Euch kommt will ich ihn und seine Begleiter soweit das Gelass
reicht gern beherbergen doch zürnt nicht wenn ich Euch sage nur ungern öffne
ich mein Haus den liederlichen Weibern welche von den geistlichen Herren
mitgebracht werden«
»Der Missbrauch verleidet vielen die Bischöfe« gab der Burggraf zu
»Vielleicht beschwert Euch das weniger als andere« warf ein Bruder ein »da
in Eurem Hause die wilden Weiber keiner Hausfrau die Ehre kränken«
»Marta Hutfeld hat in meinem Hause gewohnt« entgegnete Marcus »und ich
will nicht dass ihr Sohn ein täglicher Genosse der Unordnung werde«
»Der Bischof bringt wohl seine Trauten in der Nähe unter« entschied
Hutfeld »ich finde Gelegenheit mit seinem Kaplan darüber zu reden«
Die Stadt füllte sich mit Fremden durch die Straßen schritten vornehme
Prälaten mit ihrem geistlichen Gefolge und polnische Edle begleitet von einem
langen Tross Bewaffneter vor den Schenken zankten fluchten und umarmten sich
Schlachtschützen mit großen Bärten und wilden Gesichtern Die friedliche Stadt
war in ein Feldlager verwandelt auf den Straßen und in den Häusern klang lauter
die polnische Rede als die deutsche Der Wintersturm fegte und heulte in den
Schornsteinen und Eisschollen trieben auf dem kalten Wasser als Bürgermeister
und Rat über die deutsche Brücke der Weichsel zogen um an der Stadtgrenze den
einziehenden König von Polen zu begrüßen Unter einem seidenen Baldachin den
zwei Bürgermeister und zwei Herren von der Landschaft trugen ritt der König in
die Stadt huldvoll nach allen Seiten lächelnd ihm folgte polnisches
Kriegsvolk das den Tornern unendlich schien stundenlang dauerte der Einzug
Den Bürgern war es nichts Neues den König und den polnischen Reichstag in ihren
Mauern aufzunehmen sie hatten auch gelernt die Augen zu schließen gegen
fremden Brauch und zuchtloses Benehmen der Gäste solange diese sorglos ihre
Geldtasche öffneten doch so große kriegerische Pracht und Menge hatte das
lebende Geschlecht nimmer gesehen Die Leute staunten über samtene Pelzröcke
silberne Rüstungen und edle Rosse deren Reitzeug mit bunten Steinen bedeckt
war und sie schrien einander die Namen der vornehmsten Herren zu Aber viele
empfanden Schadenfreude als ein kalter Sprühregen auf die Einziehenden
niedersank und den Fremden die kostbaren Kleider verdarb obgleich sie selbst
nicht weniger nass wurden Verständige Männer blickten mit geheimem Schrecken auf
den Strom wilden Kriegsvolks der durch die Tore eindrang und fühlten sich erst
erleichtert als die Mehrzahl nach kurzer Rast auf der entgegengesetzten Seite
der Stadt wieder hinauszog um sich in den Dörfern der Umgegend zu lagern Bis
zum späten Abend wogte das Gewühl in den Straßen und die Ratsbeamten
verhandelten mit heißen Gesichtern und heiseren Stimmen gegen Haufen
unzufriedener Gäste welche viel mehr von der Stadt begehrten als diese zu
leisten vermochte
Auch vor dem Hause des Marcus hielt ein stattlicher Zug der hochwürdige
Bischof von Plozk mit seinen Geistlichen und Edelleuten stieg ab und wurde an
der Tür von dem Hauswirt empfangen der sein Knie bis auf den Boden neigte den
Segen des Bischofs erbat und ihm demütig in der Gaststube den Willkommen bot
Unterdes geleitete der Ratsdiener einige vornehm geschminkte Frauen welche auf
Wagen und Rossen vor der Einfahrt hielten um die Ecke in ein Nebenhaus der
Hintergasse obgleich die Weiber mit hellen Worten gegen die niedrige Herberge
fochten Aber auch die geistlichen Herren im Marktause erfuhren bald dass ihre
Wohnung Gäste ungern ertrug und dass sie widerwärtigen Heimsuchungen nicht
entgingen wenn schon ihr Hauswirt ein frommer und eifriger Christ war
Am Abend schlich Dobise mit einer Laterne über den Bodenraum des alten
Hauses er sah scheu um sich bevor er einen Bretterverschlag öffnete der mit
alten Kisten und Fässern gefüllt war Dort wand er sich zwischen dem Gerät hob
an der Rückwand ein Brett und schlüpfte durch die schmale Öffnung in einen engen
lichtlosen Raum den er sich allmählich hergerichtet hatte und den nur er
kannte Es war darin gerade für einen Schemel Gelass und für einige Kisten
Dobise hing die Laterne an einen Pflock richtete sich so hoch auf als er
vermochte und sah sich stolz in dem Verschlage um Jetzt ist Dobise wieder ein
Edelmann und Kaufherr von Torn Er warf seine Jacke ab hob aus der Kiste einen
stattlichen Pelzrock und eine Mütze von Marderfell tat beides an und setzte
sich auf den Schemel dann holte er aus einem anderen Behältnis einige Stücke
schweren Seidenstoffes die mit Gold durchwirkt waren breitete sie um sich her
und sah entzückt wie die bunten Muster im Licht der Laterne glänzten Dies ist
der fürstliche Mantel für mich und hier ist auch ein Prachtkleid für die Alte
im Dorfe das ich ihr aufhebe Er griff wieder in eine Ecke holte einen Krug
hervor schwenkte ihn und murmelte Dies trinke ich zu meinem eigenen Wohl es
ist das Beste aus dem Keller des Alten So saß er da ähnlich einem Hauskobold
die kleinen Augen zwinkerten unter den schwarzen Brauen und die schmalen Lippen
in dem gelben Gesicht zogen sich in behaglichem Lachen zu beiden Ohren Niemand
weiß es dass ich hier sitze als der echte Herr der Stadt und des Landes auch
der Alte bildet sich ein dass ich an unseren Kisten zimmere drüben in der
Kaufkammer rechnen sie und der fremde Gast der unter mir wohnt und aus seinem
schwarzen Buch beten sollte zankt sich mit seinen Dirnen ich aber trete mit
meinem Fuß auf ihre Köpfe und freue mich Wieder trank er und murmelte Deutsche
und Polen sind jetzt darüber her einander umzubringen Wenn sie abgewürgt sind
bleiben wir übrig und werden wieder Gebieter des Landes wie wir einst waren
Vivat Rex Dobise rief er den Becher hebend möge allen Fremden scharfes Eisen
durch die Hälse fahren Er trank und setzte ab Meinen Alten nehme ich aus dem
gebe ich ein bis zwei Goldstücke zur Heimfahrt über das gelbe Weichselwasser
den Georg nehme ich aus und vielleicht noch wenige Städter darunter Bartel
Schneider Er lachte über das ganze Gesicht Den Schneider soll alle Tage der
Teufel zwicken wenn ich erst Herr von Torn bin Dann werfe ich auch dieses
goldne Kleid der Jungfer Anna zu und mache sie zur Königin Er hielt an und
lauschte Der Bischof zankt noch immer mit seinen Weibern es ist ein filziger
Pfaffe den sie in unser Haus gelegt haben und meinem Alten liegt wenig an ihm
denn der Alte und ich wir sahen einander an und mein Alter fragte Ob der Pole
hier Ruhe findet Mancher wird furchtsam wenn die Katzen auf dem Boden
springen Nach diesen Worten fuhr Dobise in die Höhe und sprang mit beiden
Beinen kräftig gegen den Fußboden saß nieder und fuhr verächtlich fort Es ist
ein schmutziger Pfaffe der zu der schwarzen Maruschka von Czenstochau betet
obgleich dies Weib aussieht wie des Teufels Großmutter Wie will das polnische
Weibsstück wagen sich gegen unsere Maria von Torn zu brüsten welche weiß und
rot in der Kirche steht mit goldner Krone und blauem Mantel Ich denke es wird
dem Alten ein Gefallen sein wenn ich den Bischof aus dem Hause schicke Er
kniete an der Seite nieder wo er die Flasche unter dem Fußboden heraufgeholt
hatte Gepriesen sei mein Kellerloch Mühsam habe ich den Schutt ausgewühlt bis
zu den Deckbrettern über der Gaststube dafür höre ich die Reden dort unten Er
neigte das Ohr Der Pfaffe zankt noch immer auf polnisch Dobise steckte den
Kopf in das Loch stieß ein wildes Gebrüll aus und schrie in polnischer Sprache
»Hoho der Teufel ist über euch ihr Satansbrut« worauf er schnell das seidene
Gewebe und den Krug versteckte und aus der Kammer sprang Er stolperte noch
zwischen den Kisten löschte das Licht aus und fuhr unter dem Dach nach dem
Hinterhause
Am nächsten Morgen waren die geistlichen Herren in geheimnisvoller Unruhe
sie murmelten untereinander und schritten wieder mit Lichtern und Sprengwedel
durch den Oberstock doch wollte der Grund ihrer Bekümmernis nicht laut werden
Bis endlich der hochwürdige Bischof zu den Bürgermeistern sandte und sich eine
andere Herberge forderte So wurde Marcus schnell der Gäste enthoben nur in
seinem Hinterhause blieben einige Geistliche aus dem Hofhalt des Bischofs
welche in der gefährlichen Wohnung bei Tag und Nacht länger beteten als sonst
ihre Gewohnheit war
Der Reichstag wurde eröffnet Die Abgeordneten der deutschen Städte waren
ebenso eifrig als die Polen Krieg gegen den widersetzlichen Hochmeister zu
fordern und der König gab ihrem Drängen nach Zum letztenmal wurde Herr
Albrecht gefordert den Lehnseid zu leisten und als er nicht erschien trugen
die Fehdeboten des polnischen Adels zahlreiche Absagebriefe über die Grenze
Der Krieg begann ein seltsamer Krieg denn weder der König noch der
Hochmeister geboten über ein Heer um ihren Willen durchzusetzen Die Torner
hatten vor wenig Wochen eine große polnische Heeresmacht angestaunt es waren
fast nur Banden polnischer Edlen gewesen und diese hatten zwar feurig nach dem
Kriege geschrien aber sie hatten wenig Lust selbst Haut und Gut im Kampfe zu
wagen das polnische Heer ritt auseinander und verzog sich nach der Heimat Der
Hochmeister hatte seit Jahren um den bevorstehenden Kampf gesorgt aber alles
Mühen und Verhandeln war fruchtlos gewesen sein Land war klein arm
widerwillig nur wenige der Ordensherren waren feldtüchtige Reiter die Bürger
weigerten sich im Harnisch zu ziehen das gedrückte Landvolk saß waffenlos und
es fehlte ohnedies an Händen das Land zu bebauen die Fürsten im Reiche hatten
zwar Gutes versprochen aber wenig gehalten Zuletzt waren beide Herren in der
Lage nach geworbenen Söldnern auszuschauen und keiner von beiden hatte das
Geld starke Fäuste zu bezahlen Der Hochmeister fand einigen guten Willen bei
der fränkischen Ritterschaft und ließ durch diese im Reiche Landsknechtaufen
werben der König von Polen wandte sich an die Böhmen und sogar an die Tataren
und diese Heiden welche am schnellsten zur Stelle waren fielen in das
Ordensland ein brannten erschlugen und hausten so greulich dass ein Schrei des
Unwillens bis in das Reich drang und dass auch die Bürger von Torn die Köpfe
schüttelten und in den Schenken zur Beunruhigung des Rates gegen die polnische
Zügellosigkeit ein Gemurr erhoben Sie freilich saßen vorderhand in Sicherheit
Immer noch war der König in der Nähe viele vornehme Herren ritten aus und ein
und gutes Geld wurde lustig ausgegeben und leicht verdient Doch außerhalb der
Mauern merkte man die Verstörung oft sahen die Bürger den Himmel gerötet
Räuber und loses Gesindel wurden eingebracht und Hans Buck hatte mehr Arbeit
als sonst Noch in anderer Weise empfand die Stadt den Krieg die Bürger selbst
lebten unruhig und wild vom Morgen bis Abend waren die Schenken gefüllt feste
Arbeit wollte nicht gedeihen wer unzufrieden war mit dem Rat ballte nicht mehr
die Faust in der Tasche sondern schrie laut hinter seinem Kruge wer zornig
wurde schlug schneller los als sonst und das Schlichten und Rechtsprechen nahm
kein Ende
Zwischen Anna und Georg war seit jener Fahrt nach dem Gute kein Vertrauen
mehr der Herbstwind stürmte gegen die junge Neigung alle Blüten welkten im
Frost und Schneegestöber wirbelte darüber Georg litt zuweilen an
unchristlichen Gedanken »Die teuren Heiligen und wer sonst im Himmel Würde hat
werden jetzt zu oft durch Bitten beschwert Viele die am eifrigsten zu ihnen
schreien taugen wenig und andere die sich übrigens redlich halten verlieren
dadurch ihren Frohsinn Ich lobe mir eine Magd die vor einem frischen Knaben
lieber daran denkt ihre Arme um seinen Hals zu werfen als die Hände zu falten
Als ich im letzten Winter mit Eva Eske aus einem Becher trank und sie küsste
lachte sie nur und auch Dörte Mochinger das Doktorkind verzog nur ein wenig
die Nase obwohl sie ebenfalls eine Fremde ist Und mich dünkt sie ist auch
hübscher« Das konnte er freilich im Ernste nicht für wahr halten und wenn er
Anna vor der Schulstube sah selten mehr als eine Wange und ein Ohr so
fühlte er die bittere Reue in seinem Herzen Anna aber dachte seine Augenbrauen
sind schräge gerade wie sie auf der Teufelslarve waren Nein nicht ganz so
aber sie sind listig geschwungen und man kann seinem Übermut niemals trauen
Ach was ist es ein Unglück wenn Leute so reich sind die ganze Stube voll Zinn
und alle Truhen voll feiner Wäsche und sie sitzen triumphierend am
reichbestellten Tisch und meinen mit uns Armen spielen zu können wie mit einem
Hündlein Bei solcher Missachtung welche in beiden arbeitete war es ihnen
lästig dass sie doch nicht vermeiden konnten eines um das andere zu sorgen So
war Ajax durch seine Zuneigung zu Georg verleitet worden hinter diesem aus dem
Hause zu laufen und Georg welcher gerade in trauriger Stimmung war hatte
nicht darauf geachtet bis er ein klägliches Gewinsel hörte und den Kleinen
zwischen den Pferdebeinen polnischer Leibwächter sah welche die Straße
hinabsprengten Er warf sich zwischen die Reiter die Pferde bäumten die Polen
fluchten aber er riss obgleich sein Arm durch einen Hufschlag getroffen war
das Tierchen aus der Gefahr und trug es in die Schule zurück Schon im Hause
hörte er Annas Stimme welche ängstlich nach dem Kleinen rief er sprang die
Treppe hinauf ließ ihn vor Annas Füßen nieder sagte mit gleichgültiger Miene
»Ich fand ihn auf der Straße« zog die Mütze und ging stolz hinab bevor Anna
mit ihrem Danke zurechtkam Aber Lischke hatte etwas von der Rettung gesehen
und als Georg am andern Morgen den Arm in der Binde trug und der Magister bei
Tische bedauernd erzählte »Den Regulus hat ein Polenpferd geschlagen« da
sprach Anna zwar nichts aber Ajax hatte es am Nachmittage gut denn sie hielt
ihn auf ihrem Schoße fest damit er nicht in ein neues Unglück liefe
Kurz darauf kam in die Stadt eine Schreckensbotschaft dass fremdes
Raubgesindel sich auf Stadtgrund eingenistet hatte und in den Dörfern plünderte
und brannte Da trat Georg mit anderen Knaben des Hofes welche für Reiterdienst
eingeschrieben waren vor den Rat und erbot sich freiwillig in Waffen
auszuziehen Das gefiel dem Rate weil die geworbenen Freireiter in dieser Zeit
nirgend ausreichen wollten Die Knaben sollten unter Anführung eines Alten über
das Land und durch die Wälder reiten um die Wegelagerer einzufangen Darunter
litt natürlich die lateinische Schule Als Georg von dem Magister kam bei dem
er sich und die Genossen auf einige Tage beurlaubt hatte stand Anna an der
Treppe und da er vorübergehen wollte redete sie ihn an »Wer seinen Arm noch
verbunden trägt der sollte sich nicht wieder in Gefahr werfen« Georg aber hob
lachend den Arm aus der Binde und antwortete kurz »Der Schlag war nicht der
Rede wert und es war der linke« Rauh war die Anrede und rau war die Antwort
Und als die Reiter zur Nacht nicht heimkehrten und Lischke allen die ihn hören
wollten erzählte dass man in der Ferne Schüsse aus Feuerröhren gehört habe da
ging in manchem Hause zu Torn die Nachtruhe verloren und es gab solche welche
bei brennender Lampe vergeblich auf den Hufschlag Heimkehrender lauschten
Erst gegen Abend des nächsten Tages rief die Hauswirtin die Treppe hinauf
»Es schießt wieder der Türmer schreit herunter dass die Unsern sich mit fremden
Reitern auf dem hohen Land herumtreiben« und einige Zeit darauf rief sie
wieder »Sie kommen zum Jakobstor herein schnell Jungfer Anna es sind nur
wenige Schritte« da ging Anna mit nicht freiwillig sondern von der Frau
fortgezogen Sie stand unter dem Volk unweit des Tores und Georg ritt vor
seinem Haufen bei ihr vorüber mit tiefliegenden Augen und einem wilden Ausdruck
in seinem Gesicht und neben seinem Rosse führte er an einer Halfter gebunden
einen greulichen barhaupten und blutigen Gesellen Da riefen ihm die Bürger
fröhliche Grüße zu auch Frau Lischke rief aber Anna vermochte keinen Laut
hervorzubringen und sah ihn nur stumm an und er sie ebenfalls ohne dass er die
Mütze schwenkte was er sonst so bereitwillig tat Und als der Ratsbote nach
Hause kam und von den Abenteuern der jungen Reiter vieles berichtete auch den
Georg hoch rühmte weil er nach hartem Strauss den Anführer der Bande bewältigt
hatte da blieb Anna still und finster denn er war ihr furchtbar erschienen
Bei solchem Zustande konnte der Frühling nicht gedeihen Er kam zwar nach
alter Gewohnheit aber widerwillig und er war auch danach Unfriede und
zerstörte Hoffnung in den Lüften wie auf der Erde Wenn die Singvögel ihre
Nester im Baumeswipfel fertig hatten erhob sich ein Sturm und brach die Äste
als die Baumblüten gerade aufbrechen wollten schütteten die Wolken eine
Schneelast darüber wenn die Leute einmal zum Reigen antraten stießen sie
einander mit den Ellbogen und der Tanz endete in Schlägen Die Sommerlust
verlief nach derselben Weise Alle kleinen Äpfel fielen grün von den Zweigen
sooft die Nachtigallen sich zu einem Wechselgesange zurechtsetzten rauschte ein
Wetter und Hagel hernieder und zerstäubte ihnen die Federn und wenn Lips Eske
einem guten Gesellen zuliebe des Abends mit dem Bassettel eine Musika anstellte
sprangen aus allen Schenken trunkene Schlachtschützen und begannen im
Mondenschein mit wildem Geschrei einen ungefügen Krakowiak Es war für jedermann
ein schlechtes Jahr
Als der Sommer kam hatten Bürgermeister und Rat über neue Einquartierung zu
beraten Denn fürstliche Vermittler hatten dem Hochmeister Albrecht freies
Geleit ausgewirkt und dieser wollte selbst nach Torn reiten um wegen Krieg
oder Frieden mit dem Könige seinem Oheim zu verhandeln Diesmal berieten die
Herren von Torn weniger fröhlich Die Stadt war des Kriegslärms müde der Hader
mit den einquartierten Polen nahm kein Ende jedermann sträubte sich gegen neue
Belästigung zumal gegen Aufnahme der Feinde Zuletzt erschien es der Mehrzahl
als eine gute Auskunft dass ein Ratmann begann »Das Haus des Marcus König ist
zu Unbill für andere wenig belastet und Bruder Marcus hat erst gestern im
Artushofe gesagt ihn wundere selbst warum man ihn vor andern verschone« Da
stimmten alle bei den reichen Kaufherrn zu laden nur Konrad Hutfeld schwieg
wie die andern meinten deshalb weil es ihm als dem Schwager des Marcus sowohl
unziemlich war beizustimmen als zu widersprechen
Als Marcus vor den Rat trat wurde er nicht wie früher um seinen guten
Willen befragt sondern der Burggraf eröffnete ihm als Gebot »Da die ganze
Stadt schwere Bürde trägt Ihr aber weniger so ist Beschluss des Rates dass Ihr
jetzt den deutschen Hochmeister und einen Teil der neuen Gäste empfangt«
Auch Marcus war nicht mehr so willig wie ehedem Er schwieg lange und seine
Augenbrauen zogen sich zusammen er sah dass sein Schwager Hutfeld ihn forschend
anblickte endlich begann er »Ich bin dem Rat Gehorsam schuldig und ich kenne
die Not der Stadt doch bitte ich die ehrbaren Herren in Zukunft daran zu
denken dass nicht ich die Fremden erbeten habe sondern dass sie mir ohne meinen
Willen in das Haus gelegt werden Ich führe fürwahr ein friedliches Leben
dennoch höre ich dass man mich hier und da für einen Gegner der Landesfreiheit
hält Die Nachrede wird sich mehren wenn weiße Mäntel durch meine Tür aus und
ein gehen Dies mag mir selbst einmal bei dem Rate nachteilig werden denn ich
habe bereits zu meinem Schaden erfahren damals als die Scheuern meines Gutes
angesteckt wurden dass die hochmögenden Herren nicht bereitwillig waren mein
Eigentum zu schirmen Darum erscheint mir das Gebot bedrohlich«
»Ihr sprecht vorsichtig« versetzte der Bürgermeister »der Rat wird sich
erinnern dass Ihr heut bereitwillig ward und da Ihr an die Sorge um das
Geschütz rührt so darf ich Euch sagen dass auch die Stadt Euch gute Meinung
beweisen wird und ich hoffe Herr Kumpan dass Ihr die Feldschlangen aus dem
Zeughaus erhaltet«
Marcus vernahm die Kunde ohne ein sichtbares Zeichen der Freude und sagte
nur »Die gebietenden Herren mögen tun was ihnen gerecht und billig dünkt«
Er wandte sich auf der Treppe da ihm jemand folgte Es war Konrad Hutfeld
»Mich führt mein Amt nach dem Zeughaus ists Euch recht Schwager Marcus so
begleite ich Euch«
Marcus lüftete seinen Hut Die Schwäger betraten nebeneinander den Markt
»Gern hätte ich Euch« fuhr Hutfeld fort »das lästige Einlager des Hochmeisters
abgewehrt«
»Ich weiß Herr Bürgermeister« antwortete Marcus »dass Ihr den Fremden den
Ihr selbst nicht mögt auch in meinem Hause nicht gern seht Verzeiht einem
Hauswirt die Frage Erwartet Ihr dass der Hochmeister lange hier verweilen
wird«
»Ihr fragt welches Vertrauen ich zu der Friedenshandlung habe Ich will
offenherzig zu Euch reden ich habe wie alle Welt geringe Zuversicht Der
König hielt es für klug den deutschen Fürsten welche für den Hochmeister
verhandeln nicht entgegen zu sein aber der Krieg ist entbrannt keiner von
beiden hat dem andern obgesiegt und wenn der Hochmeister auch erkannt haben
mag dass er der Schwächere ist er hat zu stolz gehofft des Lehnseides quitt zu
werden als dass er nachgeben sollte solange ihm die Deutschen im Reiche noch
ihre Hilfe nicht ganz versagen« Und nachdrücklich fügte er hinzu »Ich sorge
er hat Ratgeber die ihn durch eitle Hoffnungen täuschen«
»Ist seine Art so dass er sich täuschen lässt«
»Er ist einer von den deutschen Fürsten« versetzte Hutfeld kalt »und er
hält sich für einen Meister der deutschen Adligen Ihr wisst selbst dass diese
schlechte Ratgeber sind außer da wo es gilt zu rauben oder zu trinken«
»Vielleicht hofft der Hochmeister darauf seinen Orden zu reformieren
Vieles was zur Väter Zeit schlecht geworden ist muss von den Enkeln gebessert
werden«
Hutfeld sah misstrauisch auf seinen Begleiter »Meint Ihr dass der junge
Albrecht ein Schwarzkünstler ist welcher die abgestandenen Fische seines
Sumpfes wieder lebendig machen wird Doch wenn es ihm auch gelänge wozu keine
Aussicht ist des Lehnseides für seine kleine Herrschaft quitt zu werden was
kümmert uns Torner und das ganze Weichselland solcher Gewinn«
»Nichts denke ich« antwortete Marcus »unsere Bürgermeister werden doch
dem Könige von Polen den Baldachin tragen«
»Nicht also Marcus sprecht lieber so Wir Torner werden doch die
Freiheit welche die Vorfahren mit Blut erkauft haben gegen die Tyrannei der
Ordensherren behaupten Ich denke nicht dass in der Stadt noch einzelne Träumer
sich mit der Hoffnung getrösten das Weichselland unter die Knechtschaft dieses
Knaben Albrecht zurückzubringen«
»Sind es einzelne und sind es Träumer so hat der Rat sie nicht zu
fürchten« entgegnete Marcus kalt
»Damit er sie nicht fürchten müsse ist er genötigt mit scharfem Auge auf
ihren Weg zu sehen«
»Wir Torner vertrauen ruhig der Vorsicht des Rates« antwortete Marcus
Sein Schwager sah ihn besorgt an und ergriff die Hand des Widerstrebenden
»Ich bin Euch dankbar für große Treue und ich dachte an die Zukunft des alten
Hauses vor dem wir stehen als ich so offen zu Euch sprach denkt auch Ihr
daran Schwager«
»Ich denke daran dass Ihr ein kluger Herr seid namhafter Herr
Bürgermeister und dass Ihr entschlossen tun werdet was Ihr tun müsst« schloss
Marcus seine Hand zurückziehend und verneigte sich höflich
Es war mitten im Sommer an einem heißen Tage als der Hochmeister Herr
Albrecht in die feindliche Stadt einzog An dem Tore begrüßte ihn der Kastellan
von Dibow und ein Ratmann Während der Herr unter ihrer Führung langsam aus der
Mauerenge zwischen die Häuser ritt hinter ihm die kleine Schar der Weissmäntel
und die Frachtwagen welche den Fremden ihren Reisebedarf in feindlichem Lande
nachfuhren standen die Leute wieder dicht gedrängt an den Türen und auf den
Kellerhälsen und ein aufgeregtes Summen ging durch die Menge Aller Augen
suchten das verhasste schwarze Kreuz aber sie fanden es nicht und sie sahen
dass die Hüllen der Reiter weiße Tatarenmäntel waren welche der Orden den
Söldnern des polnischen Königs im Kampfe abgenommen hatte Da fiel manchem aufs
Herz dass die Herren des Ordens doch als Christen gegen unmenschliche Heiden
gestritten hatten deren Bundesgenossenschaft die Torner für eine Schande
halten mussten und ihr Unwille gegen die Einziehenden wurde ein wenig gedämpft
Einzelne Stadtleute zumal Bürger aus der Neustadt zogen sogar ihre Mützen da
der Hochmeister auf seinem schwarzen Streitengst bei ihnen vorüberkam ein
schlanker Herr noch in jungen Jahren mit einem Antlitz das bleich aussah
vielleicht wegen Kränklichkeit vielleicht wegen der Sorgen Er dankte vornehm
auf gebotenen Gruß aber mit gespannter Aufmerksamkeit sahen seine hellen Augen
auf das Volk zu beiden Seiten Wie der Zug am Markte aufgeritten war entdeckte
Georg verwundert dass unter den letzten im Gefolge auch sein Feind der lange
Henner in dem fremden Mantel unter der Blechkappe hielt Ich hoffe er ist
nicht so unverschämt in unser Haus zu dringen Aber bevor Henner mit anderen
seitab ritt trieb er sein Pferd mit geschickter Wendung in die Nähe der
Türtreppe und raunte an die Wand geklemmt in Georgs Ohr »Wenn ich als Gast in
Euer Haus komme will ich Malvasier trinken auch könnt Ihr mir einen neuen
Marderpelz zurechtlegen ich denke ihn anzunehmen«
»Die Knechte führen lange Stöcke mit denen sie die Motten ausklopfen hütet
Euch dass Ihr ihnen nicht in die Hände fallt« antwortete Georg
Der Ratmann geleitete den Hochmeister zu dem Kaufherrn Als Marcus den
vornehmen Gast begrüßte kam dem Sohne vor als ob der Vater ebenso verblichen
aussehe wie der Hochmeister Aber beide hielten sich höflich zueinander wie die
strenge Sitte vorschrieb Marcus geleitete die Gäste in den Oberstock wo eine
Reihe Zimmer für sie bereitet war und während Rosse und Wagen in den Hof
einfuhren und der vertraute Rat des Hochmeisters Herr Dietrich von Schönberg
verbindliche Worte zu Georg sprach tauschte Herr Albrecht selbst mit dem
Hausherrn die gebührlichen Reden »Wir vernahmen viel von dem Hasse mit welchem
die Bürger uns Brüder vom schwarzen Kreuz ansehen wir freuen uns dass wir das
Gerücht als unwahr befinden und dass die Torner ihren deutschen Nachbar
gutwillig leiden wollen«
»Die Welschen sagen uns Deutschen nach« versetzte Marcus »dass wir in Zorn
und in Reue maßlos sind Vielleicht aber vermögen die Deutschen deshalb auch in
Reue wieder gutzumachen was sie im Zorn verdorben haben«
Der Hochmeister sah befremdet auf seinen Wirt doch fragte er gleichgültig
weiter »Ihr ward selbst in welschen Landen Herr« und als er nach Fürstenweise
auch den andern Ehre erwiesen hatte verabschiedete er die Herren von Torn
weil er dem Könige aufwarten müsse und Dietrich von Schönberg versicherte dem
Hauswirt mit einem Händedruck dass seine fürstlichen Gnaden einer ernsten
Zusammenkunft entgegengehe und wohl lieber noch unter den Hausgenossen weilen
würde
Förmlich wie der Empfang verliefen auch die folgenden Tage Die Bürger
mussten bekennen dass die Fremden sich schweigsam und in guter Zucht hielten
Auch im Hause des Marcus gingen zwar Weissmäntel und fürstlicher Besuch häufig
aus und ein doch an Gelage und Gasterei war nicht zu denken der Hochmeister
blieb des Abends am liebsten allein oder zusammen mit wenigen Vertrauten Marcus
wartete jeden Morgen als Wirt seinem Gaste auf fragte nach den Wünschen der
Herren und erhielt jedesmal ein Lächeln und dankbare Reden
Aber er beobachtete mit leidenschaftlicher Teilnahme jede Regung der Fremden
und vermochte die geheime Freude kaum zu bergen als ihre Mienen nach wenigen
Tagen sorgenvoller wurden Einst fand er den Hochmeister früher als sonst vom
Ratause zurückgekehrt der Herr saß in trübem Sinnen und antwortete dem Gruß
des Wirtes »Ohne Nutzen für das Land haben wir Euch bemüht wir ziehen in
Unfrieden ab mein Oheim will dass ich das blutige Schachspiel gegen ihn
fortsetze« Marcus schwieg und der Hochmeister fuhr in seinen Gedanken fort
»Zehn Jahre trage ich dies Kreuz und die Last war zuweilen schwer«
Da vernahm er die Gegenrede »Sechzig Jahre trage ich die Hoffnung auf
Rettung und Rache still in mir herum und mein heissestes Gebet war dass ich
nicht von dieser Erde scheiden möge bevor die Ordensfahne wieder über der Burg
von Torn weht«
Der Hochmeister sprang auf »Der Ruf kam von Herzen Wer seid Ihr Herr dass
Ihr in Torn solche Rede wagt«
»Ein Mann aus dem Geschlecht des Ludolf König der einst auf dem
Hochmeisterstuhl zu schnell an seinem Glück verzweifelte«
»Ich aber sehe heut in das Angesicht eines vertrauten Mannes« rief der
Fürst »Nicht zum erstenmal vernehme ich den geheimen Gruß Seit Jahren erhalte
ich über Lübeck Briefe deren Schreiber sich nicht nannte Oft war ich ihm
dankbar für klugen Rat und habe über seine gute Kenntnis des Weltlaufs gestaunt
seine Worte haben mich getröstet wenn mir Ermutigung am meisten nottat Jetzt
frage ich nicht mehr wer der unbekannte Freund war«
Marcus verneigte sich ehrerbietig »Seit Jahren erkenne ich dass Eure
fürstliche Gnade mit dauerhaftem Mut gegen Wind und Wogen zu steuern weiß und
oft habe ich im geheimen Euch gerühmt weil Ihr unermüdlich ward und Euren
Feinden widerstandet obgleich das Unglück wie Wellen des Meeres über Euch
hereinbrach«
Der Hochmeister lächelte traurig »Auch der Gleichmut in Weltändeln wird
erlernt Doch teuren Preis habe ich dafür bezahlt Denn ich darf Euch der
gleich einem alten Freunde vor mir steht auch bekennen dass mir das Leben so
sauer gemacht wird wie keinem andern deutschen Fürsten Da ich mit dem Mantel
bekleidet wurde fast noch ein Knabe schwoll mir das Herz bei dem Gedanken dass
ich als Landesherr mit einem ritterlichen Kreuzheer das Ordensland freimachen
und die Fremden zurückwerfen könne Es war ein törichter Wahn mein Vater und
bitter war die Enttäuschung Denn wie ich nach Preußen kam und die Helden
betrachtete welche die Ordensburgen und Pflegeschaften innehatten und durch ihr
Amt und ihr Gelübde zum Kampf verbunden waren fand ich sie bis auf wenige
unkriegerisch und als ich prüfend nach ihrem Willen forschte empfing ich drei
Grüße Lachen Stöhnen und Achselzucken Der eine hatte die Gicht dem andern
hatte die Traute die er sich in seinem Hause hielt gänzlich verboten auf das
Pferd zu steigen einige saßen schon vormittags in Trunkenheit und manche die
noch auf Waffen und Gäule hielten fanden es töricht für den Hochmeister und
den Orden ins Feld zu ziehen und zogen es vor in der Dämmerung mit
Heckenreitern gemeinsame Sache zu machen und Reisende auf der Heide ihres Geldes
zu entledigen Auch die Besseren waren müde und mutlos und lebten armselig im
verarmten Lande Dennoch Herr erkannte ich unter ihnen einige Männer von
wackerm Mut und adligem Sinn Und ich sage ehrlich wie ichs gefunden der
deutsche Adel war immer noch meine beste Hilfe«
»Weil der Adel am meisten verlieren wird wenn der deutsche Orden vergeht«
warf Marcus ein »Soll der Orden gedeihen so muss der Bürger Anteil an seinem
Regiment gewinnen«
»Es mag so sein wie Ihr sagt« fuhr Herr Albrecht fort »Denn die Bürger
meiner Städte waren nicht willig gegen mich jeden Groschen den sie mir
zahlten rückten sie mir wieder vor die kleinste Geldsumme sollte ich bezahlen
durch ein Pergament welches ihnen neue Rechte einräumte jeder der mir zu
leisten hatte wollte dafür haben War doch alle Macht des Hochmeisters ohnedies
zerstückelt in den Händen der Städte und Landschaft Ich hoffte auf die
deutschen Fürsten auf meine Verwandten auf den alten Kaiser Max auf den
jungen Kaiser Karl auf den Heiligen Vater selbst Ich bekam guten Rat so viel
dass ich damit eine Burg von Papier hätte aufbauen können unsichere
Versprechungen und nirgends Hilfe und zu den kleinen Summen die mir meine
Verwandten etwa vorschossen alsbald herrische Ermahnungen und Forderungen auf
Ersatz Niemand hatte was mir allein helfen konnte die Lust meinetwegen in
das Feld zu ziehen Der Kaiser ja der Heilige Vater selbst sandten mir zuweilen
gute Vertröstungen um den überlästigen Bettler loszuwerden und in der nächsten
Stunde dachten sie daran dass der große König von Polen ihnen mehr nützen könne
als der deutsche Ordensritter am fernen Meeresstrand«
»Kämpfen zwei Adler miteinander in freier Luft« antwortete Marcus »so wird
der den Gegner niederstossen welcher am höchsten fliegt Der Hochmeister zu
Königsberg getrennt durch das polnische Weichselland vom Deutschen Reiche hat
nur geringen Wert für Kaiser und Reich ein geehrter Landherr wird er erst wenn
ihm die Städte des Weichselstroms gehorchen und niemals wird Eure fürstliche
Gnade von der Schmach der polnischen Dienstbarkeit befreit werden wenn Ihr
nicht mehr begehrt als den Rest des alten Ordenslandes«
»Ich vernehme die alte Mahnung Eurer Briefe« rief der Hochmeister »sie
klang laut wider in meinem Herzen Gegen die Polen bei Kaiser und Papst habe
ich das ganze Ordensland gefordert Ich habe gefordert doch ich vermochte nicht
zu erringen Und ich sorge mehr noch als die polnische Macht hindert mich der
Hass der Weichselstädte«
»Ihr habt bei uns mehr Freunde als Ihr wisst Zwar die Geschlechter welche
in der Stadt regieren sind Euch feindselig aber sie werden von den Bürgern
beargwöhnt vorab in der Neustadt hausen viele Unzufriedene Die große Masse
endlich folgt dem welcher die größere Stärke erweist Wollt Ihr die Polen
bewältigen so müsst Ihr Torn mit Kriegsmacht einnehmen denn es ist die Pforte
des Weichselstroms und Euch mit den Danzigern freundlich vertragen was sie
auch für sich fordern mögen dann fällt Euch das übrige Weichselland von selbst
zu«
»Könnt Ihr helfen dass ich diese Stadt in meine Gewalt bekomme« fragte Herr
Albrecht schnell
»Vielleicht ist die Stunde nicht fern wo die Bürger freiwillig Euch die
Tore öffnen Vertraue Eure fürstliche Gnade dass hier ein treuer Mann lebt der
jeden Tag darüber sinnt Euch zum Herrn der Stadt zu machen«
»Gut Herr« rief freudig der Hochmeister Aber sogleich fuhr er finster
fort »Wir gebärden uns als Eroberer und doch habe ich zur Zeit große Not nur
zu behaupten was ich besitze In Wahrheit hängt mein ganzes Glück an einem Sieg
im Felde Ihr aber versteht wie ein Sieg erkauft wird er ist teure Ware und
der Hochmeister ist der ärmste aller Landesherren ich werbe Söldner und es
fehlt mir nicht an kriegsfesten Hauptleuten doch an Geld sie zu unterhalten
Kein Bettler und kein Heckenreiter der gewöhnt ist auf fremdes Gut zu lauern
hat so große Sorge um das Volk gemünzter Pfennige als ich denn mein günstiger
Freund zum Losschlagen sind die Deutschen wohl bereit aber nicht den Beutel
zu öffnen Und obwohl der König von Polen sein Geld lieber in der Truhe behält
als im Kriege verschwendet so wird er doch länger Goldgulden besitzen die er
in das Spiel setzt als ich Und es ist ein alter Spruch dass das letzte
Geldstück das Spiel gewinnt«
»Nicht so edler Herr der wird gewinnen welcher den besseren Mut einsetzt
Denn wem das Herz fest bleibt in aller Not der wird zuletzt nicht nur den lauen
Freunden auch seinen Feinden ehrwürdig«
»Ihr sprecht mit gutem Vertrauen Vater aber auch Ihr wisst nicht wie
kränkend für fürstlichen Stolz dies Beharren ist denn ich darf sagen in Sorgen
schwebe ich vom Borgen lebe ich Und wenn ich alles bedacht habe und Plan auf
Plan geschmiedet am Tage der Ausführung wird alles vereitelt weil der
Schatzmeister mir vorrechnet dass ich nichts vermag Es ist ruhmlose Arbeit
welche ich aufwende um solcher Not zu widerstehen die preist kein Sänger und
rühmt kein Orator und mächtigere Fürsten zucken die Achseln darüber So sind
jetzt stattliche Haufen von Reisigen und Landsknechten bereit mir zu dienen
wenn ich ihnen Sold zahle und ich ziehe von hier mit der bitteren Sorge dass ich
sie nicht festzuhalten vermag«
»Und wenn Ihr sie nicht festzuhalten vermögt gnädiger Herr was werdet Ihr
dann tun« fragte Marcus
»Ich weiß es heut noch nicht zu sagen aber eines darf ich kühnlich vor Gott
behaupten verzweifeln werde ich nicht Ich habe in den zehn Jahren manchen
bitteren Trank der Demütigung getrunken darum habe ich mich jetzt entschlossen
das Äußerste zu wagen und ich denke lieber unterzugehen im Kampfe als den Eid
zu leisten der den Meister des Ordens zum Diener eines fremden Königs macht
Ich will der letzte Hochmeister sein wenn ich nicht dem Orden aufs neue eine
geehrte Herrschaft erwerben kann«
Da rief Marcus mit starker Stimme »Seid gesegnet Herr um dieser Worte
willen Bewahrt Ihr in der Not den Sinn eines festen Mannes so bewahre ich eine
Waffe die Euch aus der Not erlöst Folgt mir gnädiger Herr«
Er öffnete mit einem Schlüssel die Tür welche das Gemach des Hochmeisters
von dem Gewölbe trennte und führte den erstaunten Herrn zwischen die Schränke
vor einen großen eisernen Kasten dort hob er den schweren Deckel Der Kasten
war mit gemünztem Golde gefüllt und Marcus sprach darauf weisend »Des
Kaufmanns Truhe ist nicht groß genug um alles Geld zu fassen welches einem
Kriegsherrn nötig ist damit er den Krieg ernähre bis zum Siege Aber ich denke
der Schatz an welchem ich mein Lebelang gesammelt habe ist keine verächtliche
Ausstattung für einen jungen Helden denn hat er sich seinen Feinden furchtbar
erwiesen so öffnen sich ihm auch wohl die Beutel zweifelhafter Freunde und er
selbst holt sich neue Kriegszehrung von den Feinden Dies ist gesammelt um
Eurer fürstlichen Gnade zu dienen wenn Ihr mir gelobt zu beharren bei Eurem
hohen Vorsatz und eher zu sterben als ein Vasall der Polen zu werden Dies
gehört Euch und im Notfall noch mehr soweit mein Vermögen reicht Der Kaufmann
verpfändet Euch seine Habe Ihr setzt dagegen Ehre und Leben Verleihen die
Heiligen Euch Sieg so werdet Ihr mein Landesherr und für diese Summe Schuldner
eines getreuen Dieners und endet Euer fürstliches Leben anders so ist diese
wie jede andere Erdenschuld getilgt«
Der Hochmeister stand sprachlos »In der Stunde wo ich mich von allen
verlassen wähnte« murmelte er »Mein Vater und mein bester Freund«
»Ich bin nur ein Bürger von Torn den es schmachvoll dünkt dass seine
Vaterstadt einem fremden Volke dienstbar ist Seht Herr das Eisen dieses
Deckels ist scharf und vermöchte wohl meine Hand abzuschlagen die ich hier
zwischen Kasten und Deckel lege Freudig will ich sie in den Kasten fallen
sehen wenn ich dadurch meine Vaterstadt von der Unehre des alten Treubruchs
lösen könnte«
Da legte Herr Albrecht hingerissen durch die finstere Begeisterung seine
Hand zu der des Marcus auf den Eisenrand und rief
»Auch der Hochmeister des deutschen Ordens will eher seiner Schwurhand quitt
werden als dem Polen dienen das gelobe ich Euch«
Marcus hielt die Hand des Herrn über dem Golde und sprach »Der Schatz fand
seinen Herrn ich aber danke den Heiligen dass ich diesen Tag erlebte«
Stiller Vertrag
Der Hochmeister hatte die Stadt verlassen der Krieg war aufs neue entbrannt und
die gebietenden Herren zu Torn erwarteten ungeduldig die Nachricht von der
völligen Besiegung ihres Feindes Aber es kam weit anders Wie durch einen
Zauber herangelockt drang ein deutscher Heerhaufe nach dem andern an die
Weichsel der junge Hans Sickingen führte eine Schar Reiter herzu darunter
wohlbekannte Herren des fränkischen Adels viele Fähnlein Landsknechte wälzten
sich mit ihrem Tross über das polnische Preußen und der Hochmeister stand auf
einmal an der Spitze eines Heeres dem die Polen nicht gleiche Kraft
entgegenzusetzen hatten er eroberte Städte zurück welche die Kastellane des
Königs vorher eingenommen hatten säuberte den größten Teil des Ordenslandes von
den Fremden und tüchtige Hauptleute seines Heeres schlugen und fingen einen
polnischen Trupp nach dem andern Aufs neue wurde das Land durch Brand und Raub
verwüstet Traf der Verlust auch beide Teile im ganzen war durch mehrere Monate
Herr Albrecht der stärkere die deutsche Partei erhob mit frischem Vertrauen das
Haupt und die Mienen der Polenfreunde wurden sorgenvoll
Das Herz des Marcus pochte in stolzer Freude Zwar in der Trinkstube des
Artushofes hütete er sorgfältig Miene und Rede er wusste wohl dass er unablässig
beobachtet wurde Auch dem Sohne verhüllte er sein Gemüt denn er wollte den
einzigen Erben von den Gefahren entfernt halten unter denen er selbst
einherging nur gegen den vertrauten Gehilfen Bernd der heimlich zum Orden
hielt offenbarte er etwas von der stürmischen Bewegung die er empfand Der Rat
hatte ihm als Entgelt wegen Verpflegung des Hochmeisters zwei Feldschlangen für
sein festes Haus bewilligt Damit erhielt er das Vorrecht zum Schutz und zur
Bedienung des kostbaren Stadtgutes einen Büchsenmeister und einige Söldner zu
unterhalten Georg bat den Vater ehrerbietig die Sorge um die Kriegsleute ihm
anzuvertrauen und er war gekränkt als der Vater ihm das kurz abschlug zumal
er bei einem Ritt auf das Gut wahrnahm dass Haus und Hof für eine große
Besatzung vorbereitet wurden Zwar kamen die Nachrichten vom Heere des
Hochmeisters nur undeutlich in die Stadt was für den Feind ungünstig war wurde
laut berichtet und seine Siege gern vom Rat verschwiegen aber Bernd war mit dem
Volke der Schiffer vertraut und hatte Kundschaft mit kleinen Bürgern in der
Neustadt und was er dort erfuhr lautete oft weit anders als was in der Halle
des Artushofes verkündet wurde
Als Georg einst am Abend durch das Hinterhaus heimkehrte vernahm er in der
Kammer in welcher sonst Dobise schnürte und hämmerte den Gesang einer fremden
Stimme welche zu bekannter Weise ein neues Landsknechtslied sang und er
verstand Worte in denen die Danziger und Elbinger übel gescholten und die Taten
des Hochmeisters und seiner Scharen mit stolzer Freude gerühmt wurden Er
blickte erstaunt durch das Fenster in der Mitte des Raumes stand sein Vater
und diesem leuchtete das Antlitz vor freudiger Aufregung und ein Lächeln
schwebte um seinen Mund Gegenüber dem Vater saß ein fremder Gesell mit narbigem
Gesicht in der Tracht eines Landfahrers der das lange Lied fröhlich absang und
nach dem Ende mancher Verse die Trinkkanne hob Als der Sohn leise eintrat zog
sich die Miene des Vaters finster zusammen er winkte ihm mit der Hand sich
still zu halten und erst als das Lied beendet war sagte er gemessen »Es ist
nützlich neue Zeitungen auch so zu vernehmen wie die Gegner sie berichten« Er
reichte dem Fremden etwas in der Hand und gebot dem Dobise ihn in eine sichere
Herberge zu führen Und Georg erkannte aus der gezwungenen Haltung des Vaters
dass dieser ihm seine Gesinnung verbarg Aber nicht Marcus allein lauschte auf
Kunde welche dem Hochmeister günstig war in der Neustadt saßen viele welche
den Polen nichts Gutes gönnten entweder weil sie dem Regiment des Rates
zürnten oder weil sie daran dachten dass ihre Vorfahren lieber zum Orden
gehalten hatten als die Altstädter und in den Trinkstuben der Neustadt bargen
die Missvergnügten ihre Freude nicht wenn sie erfuhren dass der polnischen
Partei etwas misslungen war Dasselbe Lied welchem Marcus zugehört hatte war in
der Schenke Zur blauen Marie hergesungen und das Gemurr der Wohlgesinnten durch
lauten Ruf der andern übertönt worden Und als der Rat auf Anzeige nach dem
Sänger suchte war dieser verschwunden obgleich keiner von allen Torwärtern
einen Fremden seines Aussehens am Tore beachtet hatte Solche Anzeigen machten
dem Rat stille Sorge
Aber als der Herbst kam und die gefüllten Erntewagen durch die Stadttore
fuhren und als die Schwalben ihre junge Brut über den geräumten Feldern den
Kreistanz lehrten da kam zu der alten Unruhe ganz allmählich noch eine neue in
die Seelen der Torner Wenn angesehene Bürger auf der Straße einander
begegneten verweilten sie länger als sonst und sprachen leise miteinander wenn
an den Tischen der Stammgäste das Gespräch über die letzten kriegerischen
Nachrichten aus dem Felde aufgehört hatte vernahm man starke Worte gegen
vornehme Geistliche ja was sonst jeder als Geheimnis bewahrt hatte Gedanken
über Kirchenlehre und Glauben das lief ihm jetzt über die Zunge Neben den
alten Sprichwörtern durch welche der Bürger seine Rede bestätigte gebrauchten
jetzt zuweilen auch Laien Sprüche aus der Heiligen Schrift und Bartel
Schneider geriet mit seinem Nachbar dem Lohgerber in heftigen Zwist als er
sich auf eine Aussage des Daniel berief welche dem Lohgerber ungehörig
erschien weil der Jude Daniel Danziger ihn bei einer silbernen Kette betrogen
hatte Bartel aber nicht deutlich zu sagen vermochte wer Daniel eigentlich
gewesen sei Wenn die Predigermönche zu zweien durch die Stadt gingen lachten
viele hinter ihnen her oder zuckten die Achseln und wandten sich ab wie von
nichtsnutzigen Leuten Und die Menschen wagten nicht nur von anderem zu reden
als seither sie dachten sogar darauf Neues zu fordern Über das Regiment der
Stadt wurde laut gehandelt oft erfuhr der Rat dass Unfreundliches über ihn in
den Schenken verlautete Sonst hatte der Bürger auch der Neustädter mit kaltem
Hochmut auf den Bauer herabgesehen und ihn als das Lasttier der Erde betrachtet
jetzt sprach der Bürger mit freundlicher Herablassung zu dem Bäuerlein welches
in den Laden kam eine Sense oder eine Pelzmütze zu kaufen und wenn der
Landmann zutraulich über unerträgliche Lasten klagte so nickte der Bürger im
Einverständnis Sogar im Artushofe wo die Herren der Stadt in drei Bänke
geteilt saßen war zwischen der vornehmen Georgenbank und den Bänken der
Kaufleute und Schiffer eine stille Fehde erkennbar und ungern vernahmen es die
Alten auf der Georgenbank dass Hendrick der Schiffer seinen Krug erhob und
laut rief »Dies bringe ich einem guten Steuermann der uns alle durch die
Brandung fährt« und auf diese Anspielung klang in der alten Halle hier und da
Beifallsruf
In diesen Wochen wurde Hannus ein vielgesuchter Mann Es war ihm nach langer
Unterbrechung seines Geschäftes gelungen einen großen Bücherballen von Danzig
heraufzuschaffen er war jeden Tag beschäftigt seine Ware vertraulich
vorzulegen und kleine Silberstücke in seinem Beutel zu bergen Und er musste die
Mehrzahl seiner Kunden auf eine neue Sendung vertrösten nach der er
geschrieben Was die neue Aufregung in den Seelen bewirkte waren wieder
unscheinbare Büchlein die er aus dem Reiche eingeführt hatte jetzt in der
Mehrzahl nicht lateinisch für die Gelehrten in deutscher Sprache berichteten
sie jedem der zu lesen vermochte von einem Kampfe zwischen tausendjähriger
Herrenmacht und dem kühnen Mute weniger welche ihre Überzeugung gegen die
Gewaltigsten der ganzen Welt zu verfechten wussten Noch nie war die deutsche
Sprache durch den Druck so stark in die Seelen gedrungen der Zorn und die
Klage welche hier verkündet wurden lagen in jedermanns Herzen die Besserung
des christlichen Standes welche sie forderten war aller Vernünftigen Wunsch
und die Erlösung der Christenheit aus der babylonischen Gefangenschaft in
welcher fremde Priester zu Rom die Gewissen hielten längst die geheime
Sehnsucht der Besten Um so unwiderstehlicher war die Wirkung der kühnen Worte
weil die Leser wussten dass den Männern welche vor allem Volk zu lehren wagten
was Jahrhunderte nur unterdrücktes Murmeln gewesen war wegen ihres Mutes der
Tod drohte in seiner furchtbarsten Gestalt dass ihre Seelen verflucht werden
sollten und die Asche ihres verbrannten Leibes in alle Winde gestreut
Aber auch für den Bürger von Torn wurde es gefährlich sich um die neue
Lehre zu kümmern und über den Büchlein des Hannus zog sich ein Wetter zusammen
Denn der polnische König welcher nahe der Stadt auf seinem Schloss Dibow
weilte kam oft über die Brücke und erhielt Kunde von allem was die Deutschen
aufregte Als König Sigismund einst nach dem Ratause geritten war und der
Bürgermeister Hutfeld vor sein Angesicht trat sah der König den Bürgermeister
bei gnädigem Gruß mit seinen klugen Augen prüfend an und wandte sich wieder dem
Markte zu wo ein Haufe polnischer Reiter auf dem Durchzug rastete Die müden
Pferde ließ die Köpfe hängen und die Polen schrien einander über den
Futtersäcken zu oder lagen erschöpft auf ausgebreitetem Stroh Da begann der
König »Aus dem Lande sind üble Nachrichten gekommen wie Ihr wohl gehört habt
Bürgermeister mein Vetter Albrecht spielt den Kriegsmann und ist ein Führer
fremder Landsknechte geworden Die deutschen Bremsen stechen übel im Lande
Briefe verkünden mir dass im Reich unter dem Adel ein starkes Werben für den
Hochmeister ist Das Land aber liegt verwüstet und die Polen sind ebenso
säumig ihre Haufen heranzuführen als ihr Städter säumig seid euer Geld in das
Schatzhaus zu senden Mein Neffe erweist größere Hartnäckigkeit als ich ihm
zugetraut und ich sehe kein Ende des Raubes und Brandes Auch unsere Freunde im
Reich mahnen zur Nachgiebigkeit« Da Hutfeld auf diese Rede nicht antwortete
fragte der König mit abgewandten Blicken »Was ist Eure Meinung Bürgermeister«
Das behagliche Gesicht des Herrn Konrad rötete sich als er antwortete »Wie
wir in Torn wissen sind es jetzt sechzig Jahre da tat ein König von Polen
einem Bürgermeister von Torn dieselbe Frage und der Enkel weiß Eurer
königlichen Würde nur dieselbe Antwort zu geben Wenn die Krone Polen dem
Ordensmeister gestattet eine freie Herrschaft zu behaupten so opfert sie
früher oder später das Weichselland welches sich unter polnischen Schutz
gestellt hat Solcher Entschluss geht uns allen an die Hälse Unsere Väter haben
um Städte und Land zu retten der polnischen Treue vertraut Schwere
Verantwortung haben sie auf sich genommen und ein heißer Hass ist entbrannt er
glimmt noch heut unter der Asche Wenn die Polen treulos gegen uns handeln so
bleibt uns nur übrig um unser Leben zu kämpfen Darum entsagen die Polen dem
Preussenlande so werden wir sie als Meineidige vor aller Welt anklagen und
überlegen wie wir uns selbst bewahren vor der Rache unserer Feinde«
Jetzt ruhte der Blick des Königs auf dem erregten Sprecher er trat auf ihn
zu und ein Lächeln glitt über sein ernstes Gesicht »Das war eine Sprache die
ich hören wollte ich habe Euch nur durch Worte geprüft zürnt mir darum nicht
Wisst Herr manche in meiner Nähe hegen Argwohn gegen euch Deutsche weil ihr
in vielem hartnäckig den Polen widerstrebt Ich aber denke nicht daran dem
jungen Albrecht in seinem fadenscheinigen Ordensgewand zu schenken was ich in
meiner Hand halte und Ihr mögt mir glauben Herr Bürgermeister dass ich lieber
neuen Krieg wage als das Anrecht opfere welches die Krone Polen an dem
Preussenlande erstritten hat« Und da Hutfeld betroffen schwieg fügte er hinzu
»Seid nicht gekränkt über meine Rede wir wissen jetzt beide dass wir gute
Freunde sind und Eurer Stadt soll nicht zum Schaden gereichen dass ich Euch
vertraue Doch nicht alle in Torn denken wie Ihr Wer ist das Haupt der
Unzufriedenen«
Hutfeld antwortete zögernd »Es sind außer den Schreiern in den Schenken nur
einzelne der ansehnlichen Bürgerschaft niemand vom Rate und diese
Unzufriedenen bewahren vorsichtig ihre Gedanken« Und da der König ihn Weiteres
erwartend anblickte fügte er hinzu »Ich denke dass ich Eurer königlichen
Würde bürgen kann für die Treue der Stadt«
»Wollt Ihr die Bürgschaft auf Euer Gut und Leben nehmen so frage ich nicht
weiter«
»Ich will die Bürgschaft übernehmen« versetzte Hutfeld »wenn Ihr
gnädigster Herr meiner Treue fest vertrauen wollt«
Der König nickte und fuhr nach einer Weile fort »Ihr seid zu nachsichtig
gegen die deutschen Ketzereien welche sich aus dem Reiche einschleichen sie
mehren den Zwist mit meinen polnischen Herren«
»Sie trennen uns auch für immer von der Möncherei des deutschen Ordens
darum sieht der Rat aller Weichselstädte in der Stille nicht ungern wenn die
Bürger etwas von der neuen Lehre in ihre Herzen aufnehmen Zudem wird die
Tyrannei und Habsucht der Pfaffen oft unleidlich Auch für Eure königliche Würde
mag der neue Glaube wie ihn die Leute nennen eine gute Hilfe werden gegen den
Hochmeister und seine Ordensleute«
»So denkst du als Bürger von Torn« antwortete der König vertraulich in
lateinischer Sprache »der König aber hat andere Rücksichten zu nehmen auf den
Eifer der Magnaten und Bischöfe und vor allem auf den Kaiser und den Heiligen
Vater selbst und es ist mir gerade jetzt notwendig mich als treuen Sohn der
Kirche zu erweisen Dem Rat wird ein scharfes Mandat zugehen gegen die
Verbreitung der Irrlehren durch Predigt und Bücher und ich fordere von den
Städten dass sie mir darin nicht widerstreben«
»Der Rat wird das Mandat des Königs gehorsam ausrufen und anschlagen«
versetzte Hutfeld ehrerbietig »Doch möge Eure königliche Würde auch gnädig
bedenken dass die Torner sich nicht gern die freie Rede verbieten lassen«
»Wir verstehen uns« schloss der König huldreich »sorge nur du Treuer dass
kein Lärmgeschrei der Pfaffen zu mir dringt«
Wenige Tage darauf schlug Lischke ein großes Mandat an das Rataus er
läutete mit der Glocke durch die Straßen und der Ausrufer schrie die Worte des
Befehls in die Lüfte Am Abend war in allen Schenken große Aufregung und manches
heftige Wort gegen den Rat wurde laut auch wurden einige junge Gesellen deshalb
vorgefordert und streng vermahnt Hannus raffte in dem ersten Schrecken alle
verdächtigen Büchlein zusammen und versteckte sie unter seinem Bette an den
nächsten Markttagen fand man bei ihm außer den Kalendern und Wetterbüchern nur
etwas von den Gegnern der neuen Lehre von Dr Eck und Kochläus und wenn die
Leute seinen Kram umstanden und neugierig fragten so zuckte er abweisend mit
den Achseln und wies nach dem Ratause Als aber endlich die Bürger über seine
Verzagteit spotteten und er merkte dass Lischke gar nicht nach seinem Tische
hinsah wurde er wieder mutiger und griff zuweilen wenn ein sicherer Kunde kam
in die Tiefe seines Kastens oder lud ein ihn daheim zu besuchen ob er
vielleicht etwas Erwünschtes finden werde
Niemand in Torn war glücklicher über die neue Aufregung als der Magister
Zuerst hatte er vornehm auf den Streit der Mönche herabgesehen dann hatte er
dem Kampf eine wohlwollende Teilnahme gegönnt jetzt aber umfing auch ihn die
Macht des gewaltigen Geistes welcher unablässig als Lehrer der Deutschen
verkündete und mahnte Er war der erste welchem ein Einblick in die Sendungen
des Buchführers vergönnt wurde und seit die Traktätlein in deutscher Sprache
durch die Länder flogen wie die Bienen eines umgeworfenen Stockes durch den
Garten verlor er seinen lateinischen Stolz und trug ungelehrte deutsche
Druckschriften in den Taschen umher In der Schule zwar nahm er einige Rücksicht
auf die Gewaltigen der Stadt Anna aber war als sein einziges Kind auch die
Vertraute seiner Gedanken und es war für sie eine Herzensfreude dem Herrn
Vater zuzuhören wenn er ihr des Abends vorlas dann wurde er bei dem Streit der
Theologen kriegerisch er schlug auf den Tisch sprang bei den Stellen die ihm
besonders gefielen auf und pries mit gehobenen Händen den Schreiber und sein
eigenes Glück dass er solche Tapferkeit erlebe Die Argumente der Gegner aber
begleitete er mit verächtlichen Bemerkungen warf ein Büchlein das ihm missfiel
in die Stubenecke und kämpfte gegen das liegende mit starken Gründen und seinem
Stocke bis er es endlich wieder aufhob um weiterzulesen Da war natürlich dass
Anna ebenso eifrig für die neue Lehre wurde Und als ein redliches Weib musste
sie wünschen dass auch andere von der verkündeten Wahrheit erfüllt wurden
mochten sie nun Schüler sein oder nicht Bei den andern dachte sie zunächst an
einen für den sie in der Stille immer sorgte Sie fürchtete dass er sehr wenig
um sein Seelenheil bekümmert sei und dass er sich aus den Streitbüchern der
Gottesgelehrten und aus den Greueln des Papsttums gar nichts mache Ihr schlug
das Herz höher in dem Gedanken dass sie ihm aufhelfen müsse Aber wie durfte sie
in sein Gemüt eindringen
Wenn sie einmal zufällig ihre Meinung offenbarte und Georg etwas davon
vernahm dann trug der gute Samen bei ihm üble Frucht So war Matz Hutfeld spät
zu dem Entschluss gekommen auch seinerseits einmal dem Magister und seinen
Schulgenossen eine Kollation auf dem nahen Zinsgut zu geben welches sein Vater
von der Stadt innehatte Und zwar sollte alles großartiger sein als im letzten
Jahre bei den Königen Nachdem Matz den Vater um einen Wildbraten aus dem
Stadtwald gebeten hatte und um ein Fässlein rheinischen Weins geleitete er
dieselbe Gesellschaft die früher zusammen gewesen war durch die Felder nach
dem Herrenhof Diesmal fuhren sie nicht zu Wagen sondern kleine Polenpferde
warteten vor der Stadt auf die Frauen und den Magister und einige Freireiter
geleiteten den Zug denn Matz hatte vorsichtig die unsichere Zeit und die
fahrenden Strolche bedacht Es war vieles prächtiger aber das vornehme Wesen
und die schwere Zeit bedrückten die Herzen und als die Gäste gar in den Gutshof
traten und dort hinter der Mauer zwei Feldschlangen aufgepflanzt sahen und
einige Kriegsknechte zur Bewachung da verstummte die Unterhaltung obgleich
Matz mit Stolz zu den Geschützen führte und den Ruhm erklärte welchen sie dem
Hausherrn gewährten Als der Wildbraten bei der Kollation aufgestellt wurde
schlug nur Frau Lischke die Hände zusammen Matz aber hielt zum Ruhme des
Magisters eine lateinische Oration die er sich ausgearbeitet hatte ganz ohne
Fehler und wie er den Becher hob und die Gesundheit ausbrachte lösten die
Kriegsknechte im Hofe ein Geschütz zur Begrüßung der Gäste was sonst nur bei
großen Gastmahlen für Bürgermeister und Rat gebräuchlich war Obgleich Matz am
Pulver gespart hatte damit in der Stadt kein Gerede entstehe sprangen die
Frauen doch erschrocken von ihren Sitzen und Georg vernahm mit grimmigem Zorn
wie der öde Bürgermeistersohn Anna in unverschämter Vertraulichkeit tröstete
»Das geschah vor allen anderen Euch zu Ehren liebe Jungfer«
Nach der Kollation führte Matz die Gäste ebenfalls ins Freie um ihnen das
Gut zu weisen und da es ein Sonnabend war fanden sie die Arbeiter über der
letzten Ernte beschäftigt Die Gäste sahen zu wie die Bauern im Frondienst
mähten und wie der Vogt sie scheltend trieb Der Magister sagte bedauernd »Der
arme Karstans arbeitet in saurem Dienst damit wir unser Brot haben« Doch Matz
Hutfeld antwortete kalt »Es sind Deutsche ein störriges und widerwilliges
Volk weil sie sich rühmen von den Vätern her freie Leute zu sein«
Ein alter Mann konnte wegen Gebrechlichkeit nicht die Reihe halten so dass
der Vogt auf ihn eindrang und seine Gerte über ihm schwang Da vergaß sich die
Anna ganz und gar und rief mit geröteten Wangen und blitzenden Augen »Wie darf
der Vogt einen freien Mann schlagen zumal dieser alt und gebrechlich ist« Aber
Matz lächelte und der Magister kehrte dem Vogt den Rücken um den Anblick zu
meiden Der Alte mochte etwas von dem Bedauern vernommen haben denn er legte
die Sense hin und wankte zur Seite in den Schatten des Gebüsches bei welchem
die Gäste eben gestanden hatten da schrie der zornige Vogt »Tuts die Gerte
nicht so soll dich die Peitsche lehren« Er lief eine Wegstrecke zurück wo
sein Pferd angebunden war um dort die Lederpeitsche zu holen Der Magister
gekränkt durch die wilde Drohung führte seine Begleiter mit starken Schritten
von der Stelle weg Anna aber wandte sich nach einer Weile um denn Georg fehlte
in der Gesellschaft Sie sah den Weisskittel wieder tief gebückt mähen und wie
der Vogt mit geschwungener Peitsche auf ihn losfuhr aber im nächsten Augenblick
stand der Mäher hoch aufgerichtet sprang gegen den Vogt riss ihm die Peitsche
aus der Faust und hieb ihn mit seiner eigenen Waffe jämmerlich durch Es war
Georg in Mütze und Kittel des Bauern »Du sollst fühlen du wüster Tropf dass
Hiebe weh tun« rief er »nimm dies weil du einen Freien geschlagen hast und
dies weil du einen Alten geschlagen hast und dies weil du ein harterziger
Tyrann bist« Der Vogt brüllte unter den Streichen die Arbeiter standen still
und sahen einander frohlockend an Matz Hutfeld vergaß seine Ruhe und lief
herzu »Das sollst du büßen« rief er seinen Mitschüler an
»Halte dich zur Seite junger Bürgermeister« gebot Georg mit geröteter
Wange »verklage mich bei deinem Vater Dir aber Meister Vogt rate ich deine
Rache an mir zu nehmen und nicht an dem Alten denn wenn du ihm nur ein Haar auf
seinem Haupte versehrst so komme ich zum zweitenmal über dich und zahle dir
dass du das Aufstehen für immer vergisst« Er warf dem alten Manne der hinter
einem Busche auf den Knien lag Kittel und Mütze zu und schritt ohne Gruß nach
dem Hofe Gleich darauf sahen die Gäste ihn heimwärts reiten Das war ein
klägliches Ende der Kollation Matz enthielt sich nicht mit bleichem Gesicht
gegen den entfernten Georg loszuziehen aber Lips Eske fand diesmal früher Worte
als der Magister und sagte »Hättest du dem Vogt seine Bosheit gewehrt wie du
wohl konntest so wäre Jörge nicht in seinen Zorn verfallen«
Verstört kehrte die Gesellschaft zurück und brach nach einigen höflichen
Reden welche die Bewegung verbergen sollten zur Stadt auf Georg aber dachte
als er heimritt ihr schafft es kein Glück mit mir über Land zu reisen Sie sah
erstaunt aus ihren großen Augen auf mich ich habe sie gewiss wieder durch mein
jähes Wesen erschreckt Und doch kam mir ein dass ihr ganz recht sein würde
wenn ich den Vogt abstrafte Es ist möglich dass ich wegen des Handels wieder
vor den Rat komme ungern bemühe ich die alten Herren Ob Matz jetzt noch einmal
aus der Feldschlange schießen lässt Aber dass ich den Vogt gestrichen hab das
freut mich von Herzen Dieser Satz gefiel ihm sehr und er sang ihn zuerst nach
der Weise Tannhäuser war ein Ritter gut und darauf wie das Lied Frisch auf
du schöne Sommerszeit und endlich nach dem Schloss in Österreich
Er kam zufriedener nach Hause als er ausgeritten war und beschloss während
er das Pferd in den Stall führte seinem Vater keine Mitteilung zu machen »Nur
nicht voreilig« sagte er mit klugem Bedacht
Als der Magister das Museum betrat und das zurückgelassene Wachtel seine
Brillengläser anbellte brach er ein langes Schweigen mit den Worten »Nicht du
solltest Ajax heißen sondern ein anderer Ich bin in großer Sorge um den
zornigen Georg« und er vernahm mit Erstaunen dass Anna heftig antwortete »Auch
ich hätte den Vogt gestraft wenn ich ein Mann wäre« Sie war den Abend
schweigsam beeilte den Gutenachtgruss und ging in ihre Kammer Dort warf sie ihr
Regentuch zur Seite und die helle Freude flog über ihr Gesicht »Wilder Georg«
sprach sie leise vor sich hin und wiederholte oft die Worte sie öffnete das
Fenster und sah hinaus nach der wüsten Stätte der Ordensburg Da fiel ihr alles
ein die Lieder und die große Musika welche dort in den ersten Wochen erklungen
waren die Geduld mit welcher er seit der Zeit um ihre gute Meinung geworben
hatte und seine Freude als er im vorigen Jahr mit ihr zusammen sang Auch der
dreiste Arm den er damals um ihre Hüfte gelegt und den sie durch so lange
Strenge gestraft hatte tat ihr heut gar nicht weh ja ihr war als fühle sie
seinen Arm wieder und sie wandte sich mit freundlichem Blick zu der Seite wo
sie ihn dachte sie lächelte nur und sagte vor sich hin »Er ist ein wilder
Knabe Heut tat er es um meinetwillen weil ich mich über den harten Treiber
erzürnt hatte denn er sah vorher auf mich ach so warm und treu« In dieser Art
trieb sie es lange auch als sie die Flechten gelöst und ihren Gürtel auf den
Schemel gelegt hatte wollte sie das Fenster noch nicht schließen Sie hielt
zuweilen inne und lauschte um ein Lied aus der Ferne zu vernehmen Es war
draußen alles still aber in ihr klang eine holde Weise nach der andern Und als
sie im Bette lag und die Decke um sich zog flüsterte sie noch lächelnd »Gute
Nacht wilder Junker schlafet in Frieden« Gute Nacht auch der Jungfer Anna
Sie war ein feines und sittsames Kind aus Kursachsen oder Meissen und hatte
einen Widerwillen gegen rohe Taten der Männer und doch war es ihr Schicksal
dass die Liebe in ihr aufblühte weil ihr behender Knabe einen andern mit der
Faust bewältigt hatte
In den Ratsherren von Torn wollte eine ähnliche Wohlmeinung nicht erblühen
Matz berichtete dem Vater gehässig gegen Georg Am andern Tag kam jammernd der
zerbleute Vogt und die Geschichte wurde ruchbar Da der Täter und der Herr des
Gutes dem Artushofe angehörten so ging der Handel vor das Gericht der Brüder
auf deren Bank Marcus König neben Hutfeld saß Diesmal trat Georg keck unter die
Augen seiner Richter erzählte den Fall in seiner Weise beschuldigte den Vogt
und schloss »Hochmögende Herren Väter und Brüder wenn ich wieder solches
Unrecht sehe werde ich wieder zuschlagen was mir auch darum geschehe«
Da furchte sich die Stirn Hutfelds und der Burggraf Friedewald musste dem
Dreisten seine Rede verweisen »Wenn der Vogt im Dienst seines Herrn allzu
eifrig war so stand nicht Euch die Strafe zu mein Sohn sondern dem Gutsherrn
selbst«
»Das bekenne ich hochgebietender Herr« versetzte Georg achtungsvoll
»vielleicht fühlte ich das Unrecht doppelt da ich auf dem Gute meines Oheims
und Paten war und ich meinte nichts Übles zu tun wenn ich als ein Mann aus der
Freundschaft des Gutsherrn zur Stelle bewies dass der Bürgermeister von Torn
seine Diener nicht gegen Recht und Gesetz an dem Leibe freier Arbeiter freveln
lässt Habe ich darin zuviel getan so bitte ich um gnädige Strafe«
Nach den kühnen Worten schwiegen alle Hutfelds Gesicht rötete sich im Zorn
und er sah finster auf seinen Paten
Darauf wurden die Zeugen gefordert Von dem Magister sah man ab da er kein
Bankgenosse war Lips Eske aber sagte genau aus wie Georg und der Vogt konnte
seine Hitze nicht leugnen obgleich er viel über Widersetzlichkeit der Arbeiter
zu klagen hatte so dass die Herren mit düsteren Mienen zuhörten
Als die Parteien abgetreten waren bat zuerst Hutfeld um milde Strafe für
seiner Schwester Sohn was manchen wunderte denn man wusste dass er ungern
verzieh Doch der Burggraf fiel ihm bei »Es würde dem Hofe in dieser Zeit
verdacht werden wenn er über solche Dreistigkeit strenger urteilte als die
Bürger die Leute sind jetzt durch neue Gedanken beunruhigt und es wird uns
wohl anstehen zu zeigen dass auch wir einer Bedrückung des gemeinen Mannes
nicht gleichgültig zusehen«
Darauf erhielt der Vogt einen scharfen Verweis und Georg als milde Strafe
einige Tage Gefängnis in einer Kammer des Artushofes Dort weilte er ohne
Ungemach denn Eske und andere gute Gesellen wussten zu ihm zu gelangen er genoss
fröhlich in ihrer Mitte allerlei Gutes das sie ihm zutrugen und der
Hauswächter brachte ihm sogar einen Topf mit kunstvoll gebrautem Würzbiere den
die Stammgäste der blauen Marie in der Neustadt ihm wegen seiner
Unerschrockenheit gestiftet hatten Da merkte Georg dass die Bürger ihn wert
hielten sein Mut stieg hoch und er wurde ganz sorglos Nur als er aus der
Klausur nach Hause kam und seinem Vater gegenüberstand fühlte er sich bedrückt
Denn der Vater warnte ihn in seiner ruhigen Weise »Du trägst deinen Krug
allzuoft zum Wasser er wird zerbrechen Diesmal hast du alle Brüder gekränkt
welche als Herren auf Stadtgütern sitzen und du hast dir auch in unserer
Freundschaft Gegner gemacht denn Bürgermeister Hutfeld und sein Sohn werden dir
die Kränkung im geheimen nachtragen«
»Verzeiht nur Ihr Herr Vater es soll sicher das letztemal sein dass ich
als unbändig gescholten werde«
Denselben Tag stand Anna allein im Hausgarten Durch das Laub des
Fliederstrauchs warfen einzelne Sonnenstrahlen goldenen Schein auf ihre langen
braunen Zöpfe und auf das feine Rot ihrer Wangen und malten ihr bunte Muster
über das dunkle Hauskleid Hoch aufgerichtet hielt sie die gebogenen Zweige mit
der Hand und sah nach einem Vogelnest »Die Kleinen sind ausgeflogen und ich
werde ihr Gezirp nicht mehr hören hütet euch ihr Flatterer dass euch die
Menschen nicht einfangen und in ihre Bauer stecken Wie ist es doch traurig
im Gefängnis zu sitzen wenn die warme Sonne scheint und der würzige Geruch von
Blumen und Kräutern in der Luft schwebt«
Da lief das Hündlein und bellte kam zu ihr und zog sie am Gewande Sie
wandte sich um an der Außenseite des Zaunes lehnte Georg und sah bewundernd
nach ihr hin Beiden röteten sich die Wangen höher als sie einander
gegenüberstanden weil aber Georg hingerissen von dem Anblick der Geliebten
stumm blieb begann sie endlich verlegen »Der Vater wird gern vernehmen dass
Ihr aus dem Gefängnis befreit seid«
Ihr Gruß löste ihm die Zunge »Es war keine schwere Haft doch war sie nicht
so lustig als der Zaun von dem Ihr umschlossen seid Dort kam ich heraus hier
möchte ich hinein wenn Ihr es vergönnt«
»Bleibt doch draußen« versetzte sie ängstlich »gute Nachbarn tauschen
ihren Gruß auch über den Zaun«
»Ach liebe Jungfer Anna meine Freude wäre groß wenn Ihr mich für einen
guten Nachbarn hieltet dem Nachbar reicht man auch wohl etwas Gutes über den
Zaun« Er schwenkte seinen Hut »Ich würde fröhlicher meine Straße ziehen wenn
ich einen kleinen Strauss aus Eurem Garten auf dem Hut tragen dürfte zum Andenken
an dieses Wiedersehen«
»Tragt Ihr einen Strauss am Hute so wissen alle Leute dass eine Magd ihn
Euch gebunden hat und sie raten was jedes Kraut und jede Blume für Euch
bedeuten«
»Vermag doch niemand zu erraten wer mir den Strauss angebunden hat und jede
Blume die Ihr mir schenkt bedeutet für mich Gutes«
»Mich aber ängstigt ob ich die rechten wähle« antwortete sie befangen
»Dies hier wage ich Euch zu geben nehmt das Eisenkraut da Ihr doch ein
stürmischer Junker seid« und sie bot ihm den blühenden Stengel über den Zaun
»Wie einen wilden Kriegsmann behandelt Ihr mich« sprach Georg den Stiel
haltend »Ich bitte herzlich tut noch etwas Wohlriechendes hinzu Salbei und
Muskatkraut damit ich Eure gute Meinung erkenne«
Sie bückte sich zu den Beeten »Nehmt auch noch die Sternblume sie deutet
auf die Sterne und dass die Geberin Gutes für Euch erfleht« und sie wand ihm das
Büschel mit einem Halm zusammen
Er hob fröhlich den Hut »Gesegnet sei der Garten und gesegnet sei die
Jungfrau darin und mir sei es gute Vorbedeutung dass ich Euch zuerst hier
wiedersehe allein in freier Luft wo die Vögel fliegen und die Sonne lacht«
»Mit Recht lobt Ihr den Garten« sagte Anna um seine verklärten Augen von
sich abzulenken »denn ist der Raum auch nur klein er birgt doch ein Wunder des
Sommers seht dorthin Die Rosenzeit ist längst vorüber und wenn ein König
seine Boten aussenden wollte nach einem Rosenkranze er würde weit umher suchen
müssen hier aber trägt ein Stock zum zweitenmal seine Blüte« Sie wies nach der
Seite
»Ihr sagt es dass die Rose blüht« versetzte Georg bekümmert »aber für
einen der draußen steht ist sie vom Baumlaube verdeckt«
Da rührte Annas Hand leise an der Gittertür Georg sprang herein sie trat
zurück und wies nach der Blume So standen sie im Garten beiden bebte das Herz
in Ahnung und freudigem Bangen und beiden war der Blick wie mit einem Flor
verhüllt und die Wange in freudigem Schreck verblichen Sie traten zu der Rose
die am Gipfel des Strauches im Halbschatten leuchtete und Georg begann leise
»Wo eine Rose einsam steht da ist hier Brauch dass man ihr Vertrauliches
offenbart Und wenn eines dem andern etwas zu sagen hat und die Scheu beim
Anblick des andern die Lippen schließt dann wenden sich beide voneinander ab
und sprechen zu der Blume So tue ich hier«
Anna wandte sich ab und faltete die zitternden Hände
»O liebe Rose Jungfer Anna seit Jahr und Tag bin ich Euch gut und trage
meine Sehnsucht still im Herzen Einst war ich ein frecher Knabe gegen Euch
aber die Liebe hat meinen Sinn gewandelt auch wenn Ihr streng gegen mich wart
seid Ihr mir immer lieber geworden das Höchste seid Ihr mir was ich auf der
Erde habe ich scheue Euch und ehre Euch und frage unablässig was Ihr von mir
denkt Lassts Euch gefallen dass ich Euch im Herzen trage seht mich freundlich
an mit Euren treuen Augen und sprecht auch milde Worte zu mir denn ich lebe in
Unglück und Verstörung wenn ich denke dass Ihr mir zürnt« In tiefen Atemzügen
bebte seine Stimme und bei dem zitternden Klange pochte das Herz des Weibes
sie stand unbeweglich und als er schwieg antwortete sie fast unhörbar mit
bebenden Lippen »Ich sah wie die Knospe aufschoss und ich sah wie die roten
Blätter aus der Hülle brachen und jetzt da die Rose blüht muss ich sorgen
fallen die Blätter in der Nacht oder wird sie morgen noch blühen«
Da wandte sich Georg zu ihr und rief »Die Rose kommt und welkt in wenigen
Tagen mir aber wurde die Jungfrau lieb für mein Leben und wenn ich sie missen
muss will ich nimmer leben«
Auch sie sah zu ihm auf ihre Augen strahlten von Liebe und Zärtlichkeit
aber sie hob die Hand abwehrend gegen ihn und sprach tonlos »Liebt Ihr mich und
ehrt Ihr mich so flehe ich dass Ihr geht«
Und der wilde Knabe ging
Aber der liebste Gang war ihm fortan in die Nähe der alten Burg Dort saß
der Magister zuweilen nach der Lektion im Schulgarten und da er bei Georg eine
besondere Ehrfurcht vor diesem Aufenthalt erkannte so lud er ihn eines Tages
ein im Garten gewissermaßen zwanglos lateinische Reden zu üben und er freute
sich dass die Übungen ganz nach dem Herzen seines Schülers waren denn Georg kam
seitdem regelmäßig Zuerst verlief die Stunde lateinisch dann brachte Anna dem
Vater sein Vesperbrot herab und der Magister forderte seinen Schüler auf
mitzuessen Glückselig saßen die drei zusammen es war ein stiller
abgeschlossener Raum der nicht durch die Augen der Nachbarn zerstochen wurde
und nur zuweilen verriet sich die Gesellschaft dem Volke der Gassen wenn Georg
nicht vermeiden konnte zur Laute zu singen Doch tat er das selten denn Frau
Lischke die jetzt ganz auf seiner Seite war warnte ihn verständig damit dem
Hause keine üble Nachrede entstehe
Bald wurde er der Vertraute bei einem geheimen Vorsatz des Magisters Denn
an einem friedlichen Nachmittage begann dieser »Da wir hier zu dreien
versammelt sind so will ich ein Kollegium eröffnen du Regulus und du Kind
Anna ihr sollt meine Berater sein Nämlich der neuliche Ehrentag hat mich
obwohl er jämmerlich auslief doch wieder an meine Pflicht erinnert wegen eines
kleinen Gedichtes zur Weihnacht Hannus ist willfährig einen Bogen drucken zu
lassen Aber nur unter einer Bedingung sagte er Die ganze Welt ist jetzt nach
deutschen Büchlein begierig das Lateinische vermögen nur wenige zu lesen Wenn
ich einen Bogen Deutsches erhielte so könnte ich mich für die Kosten daran
erholen und etwas Deutsches würde auch Euch Herr Magister den Tornern wert
machen vornehmlich wenn es einfältiger wäre und für die kleinen Leute Er wies
mir einen Holzstock der ihm einmal zugekommen ist darauf das Kind in der
Krippe Maria und Joseph dabei Öchslein und Esel Mond und Stern Und er rühmte
sich und mich indem er sagte Schreibt Ihr dazu etwas so kann keiner
widerstehen Heut nun erinnerte ich mich an unsere Fahrt im vorigen Jahre zu
dir Regulus welche vergnüglicher war als die letzte und ich bedachte wie
jämmerlich unkundig in der heiligen Geschichte das Volk hier dahinlebt Darum
will ich diesmal den Bürgern ganz schlicht aus Mattäus und Lukas die Kapitel
von der Geburt des Herrn zusammenfügen und in gemeines Deutsch übertragen Es
ist keine vornehme Arbeit und mancher wird es als Pfaffenwerk geringachten
jedoch es läuft unter anderem mit Das ist meine Absicht nun sagt ihr Kinder
auch eure Meinung«
Da fiel Georg sogleich mit warmen Worten bei aber Anna schüttelte den Kopf
»Vater wer kann wagen die heiligen Worte in Deutsch zu verkünden wenn er
nicht geistlich und nicht in der Kirche angesehen ist Die Pfaffen werden Euch
jedes Wort aufmutzen und ich fürchte Herr Vater Euch selber wird jedes Wort
schwer auf dem Gewissen liegen ob Ihr den Leuten alles richtig erklärt«
Daran hatte der Magister nicht gedacht und der Einwurf fiel ihm auf das
Herz »Es gibt jetzt andere die noch Größeres wagen« antwortete er endlich
»und die kleinen Bänkelsänger singen ja auch zuweilen ein Lied darüber im
Notfall kann ich meinen Namen weglassen und obgleich ichs nicht gern tue kann
ich die Arbeit auch vorher unserm Pfarrer von St Johann unterbreiten« So
beschloss er die kleine Übersetzung aus dem Griechischen und Georg war sehr
bereitwillig ihm Bücher zu werben und heranzutragen
Als der Nachtfrost das Grün des Gartens verdarb wurde die gelehrte
Unterhaltung in die Stube des Magisters verlegt Hier war die Freude Georgs noch
größer wenn er zusah wie sicher Anna in der Wirtschaft waltete wenn sie sich
im Gespräch vertraulich zu ihm wandte wie zu einem alten Freunde und wenn er
einmal wagte einen Augenblick ihre Hand zu halten Dann trieb auch er Possen
wie ein kleiner Knabe erzählte lustige Geschichten und ein herzerfreuendes
Lachen froher Menschen klang von den Wänden zurück Nie hatte der Jüngling bis
dahin das Glück empfunden welches die Anmut einer Frau im Haushalt verbreitete
jetzt sah er die Geliebte an seiner Seite und fühlte den seligen Frieden in
seinem Herzen Und oft verstummte er plötzlich und saß in seinem Entzücken
schweigsam mit heißen Wangen Er half auch treulich bei der Übersetzung des
Weihnachtsevangeliums wenigstens als Zuhörer Der Magister begann siegesgewiss
aber während der Arbeit wurde er immer unsicherer er strich und änderte klagte
über die ungefüge deutsche Sprache alter Übersetzungen die ihm Georg aus den
Büchern einiger Ratsherren verschafft hatte und war wie Anna vorhergesagt in
seinem Gewissen beschwert ob er die Worte geschickt deute und auch den
Geistlichen kein Ärgernis gebe Als er endlich den Druck der wenigen Seiten
austrug fand er diesmal Widerspruch die Bürger zwar kauften das Blatt aber
seine vornehmen Gönner sahen unzufrieden auf die geistliche Arbeit welche nicht
seines Amtes gewesen sei und vollends die Mönche von St Nikolaus wollten das
Werk gar nicht loben und warnten ihre Getreuen davor Da war in seinem Ärger
Georg der beste Trost denn diesem gefiel jedes Wort weil Anna mit ihrer klaren
Stimme das ganze Büchlein an dem Abende wo es dem Magister zukam vorgelesen
hatte
Und da Georg bedachte dass die Verhandlung Annas mit Dorfkindern auf dem
väterlichen Gute die ersten Gedanken zu der Arbeit gegeben hatte so bat er um
den Bogen aus welchem die Jungfrau vorgelesen hatte faltete ihn eng zusammen
und barg ihn mit den trockenen Blüten ihres Strausses an seiner Brust
So kam und schied der Winter In der Kammer des Vaters sah Georg jetzt
gefurchte Stirnen Marcus saß oft in finsterem Nachdenken und auch der
schweigsame Gehilfe konnte stillen Kummer nicht verbergen Handwerker aus der
Neustadt erschienen im Hause mit denen der Vater sonst nicht verkehrt hatte
sogar der Stadtschreiber Seifried der wegen seiner bösen Zunge im Artushofe
nicht gut beleumdet war kam zu geheimer Unterredung und Georg merkte dass der
plumpe Gesell einmal einen großen Beutel Geld unter seinem Mantel hinaustrug
Ihm galt das wenig auch was von den Weltläuften erzählt wurde vernahm er ohne
Sorge dass der König und der Hochmeister nicht mehr Krieg zu führen vermochten
und doch Frieden nicht schließen wollten dass ein Waffenstillstand im Werke sei
und dass für die nächsten Jahre alles bleiben solle wie es vor dem Kriege
gewesen Als diese Nachricht zuerst im Artushofe verkündet wurde sah er dass
sein Vater finster lächelte und wunderte sich dass der Alte zum Aufbruch ihn an
seine Seite rief und sich beim Heimgange auf seinen Arm stützte was er vorher
nie getan hatte Einen Augenblick ängstigte ihn das aber er schlug sichs gern
aus dem Sinn denn sein junges Leben stand zum erstenmal unter der Herrschaft
einer großen Leidenschaft und alle seine Gedanken flogen der einen zu von der
er jetzt wusste dass sie auch ihn im Herzen trug
Auf dem Kirchhofe von St Johannes
In der kleinen Stube des Buchführers saßen der Magister und Anna als geladene
Gäste Hannus der einsam in seinem Hause wohnte machte selbst die Bedienung
putzte das Licht füllte die Gläser lobte Anna dass sie ihm beistand das
Tischtuch aufzulegen und die Teller zu setzen und erwies seinem Besuche jede
gebührende Ehre Denn der Gelehrte war ihm eine wichtige Person geworden weil
er nicht nur kaufte sondern auch anderen mit Wärme empfahl Unterdes sah der
Magister unruhig nach einem großen eisenbeschlagenen Kasten in der Stubenecke
»Dort liegt die Arbeit der Weisen und der Esel friedlich zusammen«
»Wenn mir Jungfer Anna den Tisch rücken hilft« sagte Hannus lächelnd »so
will ich Euch als einem vertrauten Manne und guten Freunde meinen Schatz
offenbaren« Er hob den Deckel »Es ist alles neue Sendung«
Der Magister griff nach den obersten Blättern »Wieder neue Zeitungen« rief
er bewundernd »Es erscheinen jetzt jedes Jahr solche Bogen und man erfährt
was an den Enden der Welt vorfällt beim Türken und Spanier« Die nächsten Hefte
schob er unzufrieden beiseite »Die leidigen Prophezeiungen«
»Auch diese helfen einem redlichen Händler« tröstete Hannus »sie sind den
Leuten um so lieber je mehr Unheil sie verkünden Wie ich hier sitze habe ich
zweimal den Untergang der Welt erlebt Aber den harten Köpfen der Leute ist die
Furcht heilsam sie denken an ihre letzte Rechnung und werden barmherziger«
»Sie essen auch ihre Würste vor Weihnachten auf und müssen wenn die Welt
nicht untergeht im neuen Jahre fasten« versetzte der Magister aufsehend »Was
gibt es hier Gutes« fuhr er fort und las den einen Titel »In diesem Büchlein
wird bewiesen dass der Apostel Petrus niemals in Rom gewesen ist« Er lachte
vergnügt »Ob der Rat dies für gefährlich hält«
»Dem Rat fehlt es nicht ganz an Einsicht« beruhigte Hannus »Lischke war
mehr als einmal hier er kam immer des Abends klopfte an den Fensterladen und
wartete draußen bis ich ihm einen Trunk zurechtgestellt hatte So machte
sichs dass ich vor der Obrigkeit bestand«
Auf der Straße dröhnten schwere Tritte es pochte am Fenster und eine
Stimme befahl »Hannus öffnet ich komme auf Befehl des Rats« Der Buchführer
sprang erschrocken auf und fuhr mit beiden Händen in den Kasten hob einige
kleine Ballen heraus lief in die Kammer und versteckte sie unter die Kissen des
Bettes indem er rief »Ich komme Lischke« Zögernd öffnete er die Haustür
aber er fuhr entsetzt zurück als er bei der Laterne des Ratsboten blinkende
Hellebarden und die grimmigen Gesichter fremder Trabanten erkannte Klirrend
trat der Pole Pietrowski ein hinter ihm zwei Mönche und einer davon war Pater
Gregorius Dieser begann feindselig »Der hochwürdige Legat des Heiligen Vaters
gebietet Euch Euren ganzen Kram aufzulegen damit wir untersuchen ob Ihr die
Verbote der heiligen Kirche und das Edikt des Königs beachtet habt« Der Pole
aber befahl an seinen Säbel fassend »Wer nicht in dieses Haus gehört der
weiche von hinnen« und er blickte heut fremd auf Jungfer Anna und ihren Vater
»Macht fort« raunte Lischke ängstlich dem Magister zu »denn es wird
diesmal ein großes Unglück« Da trat der Magister traurig zu dem Buchführer
welcher gebeugt mitten unter den Feinden stand drückte ihm teilnehmend die
Hand wechselte noch einen feindseligen Blick mit dem Frauenbruder und verließ
die Hand seiner Tochter fassend das Haus des Heimgesuchten
Am nächsten Morgen sprach Frau Lischke die Treppe hinauf zu Anna »Ich weiß
alles nur dass ich nicht reden darf weil es Geheimnis des Rates ist Hannus ist
sonst ein redlicher Nachbar aber seine Verwegenheit hat ihn ins Unglück
gestürzt Ob es ihm an den Leib gehen wird wusste Lischke noch nicht aber sein
ganzer Kram ist verloren Warum hat er die verbotene Ware in seiner eigenen
Stube verhalten wie eine Braut ihre Ausstattung Und er hat doch einen
Gänsestall unter den Gänsen hätte kein Pole nach Büchern gesucht«
»Wisst Ihr wohin sie die Bücher geschafft haben« fragte Anna
Frau Lischke kam die Treppe herauf »Verratets nicht denn das Größte steht
noch bevor die Kiste ist zu den Predigermönchen geführt obgleich der Handel
vor den Rat gehört hätte Die Bischöfe selbst nehmen sich der Sache sehr an
wenn Ihr heut abend hellen Schein vom Kirchhofe seht wo der Hannus sonst seinen
Stand hatte so macht ein Kreuz und denkt dass die Mönche Ketzerei brennen«
Anna trat erschrocken zurück und rang die Hände die Hausfrau fuhr fort »So
war auch mir als ichs erfuhr und ich sagte zu Lischke wenn die geistlichen
Väter brennen und nicht der Rat so geht dich die Sache völlig nichts an und du
bleibst zu Hause Er aber behauptete Ich muss hin Ihr mögt denken dass ich
deshalb in Ängsten schwebe denn auch er kann sich an solchem Holzstoss das Wams
versengen«
Anna ging traurig in die Küche zurück sie empfand tief die Kränkung welche
der neuen Lehre bereitet wurde und dazwischen kam ihr heiße Angst dass dem
Vater eine Gefahr drohe sie dachte auch dass es ihm leidvoll sein werde wenn
einer von den Schülern vielleicht ein kleiner vielleicht ein großer sich
vermessen an das nächtliche Werk der Dunkelmänner wage Die Hände flogen ihr
zwischen den Töpfen und das Essen war längst fertig als das Mittagsgeläut die
Schulstube leerte Der Magister saß heute trübe über seinem Teller während Anna
begann »Sagt mir Herr Vater haben die alten Römer auch Bücher verbrannt die
ihnen nicht gefielen«
»Selten« versetzte der Magister »Die weise Sibylle verbrannte Bücher aber
das waren ihre eigenen und es hatte niemand dareinzureden Doch warum fragst du
so Es ist ein trauriger Streit den heutzutage der Holzstoss gegen das Feuer des
Geistes führt und lange haben die Päpstlichen an guten Büchern greulichen Mord
geübt bis die Wittenberger ihnen die richtige Antwort gaben indem sie die
Bannbulle verbrannten Mit den Büchern eröffnen die Mönche den Brand aber mir
ahnt bald werden die Leiber redlicher Bekenner auf dem Scheiterhaufen brennen«
»Wenn die Mönche am Abend den Kram des Hannus anzünden so können sich Eure
Schüler unnütz machen und Euch wäre leid wenn deshalb einer vor den Pfaffen in
Not käme«
Der Magister legte seinen Löffel weg und sah starr auf die Tochter bis ihm
diese die ganze Neuigkeit erzählte »Ich fürchte Herr Vater« schloss sie
bekümmert »obgleich Ihr die Knaben in strenger Zucht haltet so sind doch
einige darunter vorwitzig am meisten die großen«
Diese bescheidene Warnung hatte zur Folge dass der Magister am Ende der
Nachmittagslektion seinen Schützen einschärfte sich von allen Aufläufen
fernzuhalten und er drohte jeden von der Schule auszuschliessen der heut auf
der Straße umherschweifen werde Er hätte ebensogut den Sperlingen auf dem
Fliederstrauch verbieten können um die Marktwagen zu hüpfen Als darauf die
großen Schüler kamen wurde er deutlicher und stellte die Frage zur Disputation
wie sich ein Humanist verhalten solle wenn Obskuranten an den Schriften eines
verehrten Mannes durch Brand und Feuer frevelten Aber er erhielt von keinem die
Antwort welche er begehrte Matz Hutfeld empfahl Klage beim Rat Lips riet zu
einem Gegenfeuer mit den Werken der Dunkelmänner und Georg wollte gar durch
Hebebäume und starke Fäuste die Brenner verscheuchen Der Magister hatte
schweren Stand als er bewies dass einem Deutschen der durch die lateinische
Schule aus der heimischen Roheit herausgehoben sei nichts so sehr gezieme als
ruhige Verachtung der Auguren und er selbst konnte nicht vermeiden dass seine
Augen zornig funkelten und seine Hand schwer auf den Tisch schlug während er
die Schüler beschwor sich zu Hause zu halten wenn ja in ihrer Nähe ein solches
Feuer aufbrennen sollte
So war wirklich das mögliche geschehen um die Schule vor dem Lärm der
Straße zu bewahren Dennoch wollte das Schicksal dass gerade diese Vorsorge
Lehrer und Schüler dem lodernden Feuer nahebringen sollte Von den Schützen
dachte keiner an das Pensum für morgen sie schwärmten wie die Hummeln um das
Kloster der Predigermönche und an den Pforten zwischen Altstadt und Neustadt
und sogar Georg der mit seinem Gesellen Lips eine Unterhaltung beim Bassettel
verabredet hatte schlug vor heut auf die Musik zu verzichten
»Wir wissen dass es nicht gut ist den geistlichen Herren in den Weg zu
laufen« mahnte Lips ihn bedeutsam anblickend
Georg nickte »Auch ich will unsern Magister nicht kränken und nur aus der
Ferne zusehen«
Es war ein milder Frühlingstag gewesen das Abendlicht vergoldete die Türme
von St Johannes unter dem hellen Himmel lag der Kirchhof in rötlicher
Dämmerung aus welcher einzelne Kreuze und Steintafeln hervorragten Die Bürger
trieben in froher Bewegung umher Denn die Mehrzahl der polnischen Herren
welche so lange unter ihnen gelegen hatten war am Morgen mit dem Könige
abgeritten und sie freuten sich wieder Herren in ihren Häusern zu sein Zuerst
hatten sie den guten Verdienst gelobt welchen sie von den Fremden zogen dann
war die Last und Unordnung größer geworden als die Freude und zuletzt erschien
das Einlager den meisten ganz unerträglich Heut verglichen sie Gewinn und
Nachteil säuberten ihre Häuser und eilten zum Tisch ihrer Schenke Das junge
Volk aber trieb auf dem Markte und den Gassen dahin wie an einem Festtage viele
im Sonntagsschmuck Über den Kirchhof erklang frohes Geschrei der spielenden
Kinder um die Mauer saßen die Erwachsenen hier sang ein munterer Bürgersohn
zur Laute und die Frauen seiner Bekanntschaft sangen den Kehrreim mit in der
andern Ecke schnarrte ein Dudelsack und leichtes Volk sprang zwischen den
Gräbern zusammen und ordnete sich zum Reigen Es wussten nicht viele Leute von
dem was bevorstand aber durch die einzelnen Haufen ging ein Summen die Zahl
der Anwesenden war viel größer als sonst wohl und die Schützen der lateinischen
Schule steckten ihre Köpfe hinter den Kirchenpfeilern hervor bald auf das
Abenteuer des Abends lauernd bald ängstlich nach dem Herrn Magister spähend
Auch für die Herren des Rats war es ein festlicher Tag gegen Gewohnheit
saßen sie noch spät versammelt Die Bürgermeister hatten den König bis an die
Grenze begleitet und freuten sich jetzt seine letzten huldreichen Worte vor dem
Rat zu wiederholen und was allen wichtiger war die Urkunden welche der König
beim Abschied der Stadt verliehen feierlich in die eiserne Truhe
einzuschliessen Denn da der König oft auf Kosten der Stadt gelebt hatte und ein
sehr teurer Gast gewesen war so hatte er als Gegengabe der Stadt auch Großes
gewähren müssen indem er Neues schenkte und alte Vorrechte bestätigte und
beide Teile hatten darauf geachtet dass die Gaben der Stadt und die Bezahlung
nicht ungleich waren der König nahms nicht von seinem eigenen und die
Mitglieder des Rats erhielten durch seine Begabung größeren Vorteil als andere
Bürger Als nun der Burggraf die Anwesenden auf die Stühle lud um die Sitzung
aufzuheben da fing einer der jüngsten Ratmänner von dem Buchführer Hannus an
und von Wegnahme der Bücher und Lischke der bei der Tür stand merkte als
vorsichtiger Beobachter großer Herren dass diese Erwähnung den anderen ungehörig
erschien Denn zögernd sprach Herr Friedewald »Der hochwürdige Legat hat
gestern den Ratsboten gefordert um in geistlichen Dingen bei einem Bürger zu
untersuchen Was er etwa gefunden ist nicht vor uns gebracht worden vielleicht
ist es dem Rate genehm dass er nicht genötigt wird zu prüfen ob ein Bürger
gegen des Königs Mandat gefrevelt habe Wir vermögen den Hannus nicht zu
bestrafen wenn die verbotene Ware nicht vor unsere Augen kommt weil sie
anderswo liegt oder weil sie gar verbrannt wird«
Aber der heftige Ratmann gab sich nicht sondern fuhr fort »Soll der Rat
von Torn dulden dass Habe und Gut eines Bürgers ohne Urteil und Recht von den
Pfaffen geraubt wird«
Darauf antwortete wieder Herr Friedewald bedächtig »Ob der Rat das dulden
muss oder nicht darüber Herr Kumpan werden wir erst befinden wenn Meister
Hannus vor uns eine Klage gegen die ehrwürdigen Väter oder gegen wen sonst
erhebt Zur Zeit wissen wir nichts« Nach diesen Worten mahnten die Herren den
Unruhigen durch Blicke dass er schweige aber dieser brach zum drittenmal los
»Und heut abend soll ein Feuer brennen welches in der Stadt unerhört ist es
kann ein Unglück geben denn in den Köpfen arbeitet Widersetzlichkeit«
Darauf gab der Burggraf gar keine Antwort mehr und Hutfeld fragte
»Widersetzlichkeit Nicht gegen uns Ihr selbst habt die Feuerwache Herr
Kumpan vielleicht seht Ihr heut nach den Tonnen« worauf die Sitzung eiligst
aufgehoben wurde Daraus entnahm Lischke dass der Rat sich nicht einmischen
wollte und als Bürgermeister Hutfeld bei ihm vorüberschritt wagte er die leise
Frage »Wenn ich heut abend nach St Johannes gehe soll ich von den Söldnern
der Stadt mitnehmen« Aber er vernahm die strenge Gegenfrage »Hat jemand
Bewaffnete gefordert oder erbeten« Deshalb beschloss er seinen eigenen Mut
ebenfalls zu bändigen
Vor dem Kloster der Predigermönche harrte erwartungsvoll die Menge Die
Klosterpforte war heut weit geöffnet und hell erleuchtet Mönche liefen
geschäftig aus und ein und es war ein Verkehr in dem frommen Hause wie in einer
Herberge Aus der Altstadt kam in feierlichem Zuge Bischof Zacharias Legat des
Heiligen Vaters er saß prächtig auf einem grauen Maultier das mit seidener
Decke und mit vielen bunten Quasten geschmückt war er selbst ein hagerer Mann
mit einer dünnen Nase und schielenden Augen der hochmütig und quer über die
gefurchten Gesichter der Bürger wegsah vor ihm schritten vier Trabanten in
roten Wämsern welche das säumige Volk durch die Schäfte ihrer Hellebarden
unsanft aus dem Wege trieben zur Seite liefen zwei Knaben in buntem Festkleide
und hinter ihm zog eine lange Reihe von dienenden Geistlichen und Beamten Die
Leute lachten wenn einmal das Maultier stärker ausschritt und die frommen
Väter mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen hinterhertrotteten Aber das
Gelächter verstummte sooft der Pole Pietrowski mit seinen bewaffneten
Begleitern den Zug entlang sprengte denn die Polen ritten schonungslos gegen
den Haufen als verwegene Gesellen welche die adlige Feder auf ihren Pelzmützen
nicht zum Scherz trugen An der Klosterpforte wurde der Legat von dem Prior und
den knienden Brüdern empfangen er bewegte nachlässig die Hand zuerst über sie
und streute dann den Segen über die Haufen der Zuschauer von denen viele die
Häupter nicht entblößten Gleich nach ihm kam in ähnlichem Aufzuge nur ohne
Trabanten der Bischof von Kaminiez den die Torner Stampe nannten weil er
kurz und dick war wie ein solches Trinkglas die kleinen Augen in seinem roten
Angesicht waren durch die schweren Lider fast ganz zugesperrt denn das
Fackellicht tat ihnen seit dem letzten starken Trunke weh Schwerfällig plumpte
er von seinem Gaule und wankte in das Kloster Hinter den großen Herren drängte
das Volk bis an die Pforte staunte über die roten Trabanten und verlachte die
gekrausten Lappen an ihren Gewändern Als aber der gefürchtete Vater Gregorius
am Eingange sichtbar wurde schwieg alles erwartungsvoll ein Mönch eilte
geschäftig um die Ecke und brachte einen greulichen Zug heran den Henker Hans
Buck mit seinem Knechte und der Knecht führte eine elende Mähre herbei mit
einer Schleife auf welcher eine Kuhhaut lag Da Hans Buck vor die Augen des
Paters trat rückte er unbehilflich an seiner Mütze und vernahm die Anrede »Du
bist geladen zur Hilfe bei frommem Beginnen und dein Dienst soll dir in diesem
und jenem Leben helfen Bist du bereit den Holzstoss zu schichten und Werke des
Teufels darauf zu brennen«
»Es wäre nicht der erste Holzstoss an den ich die Fackel halte« versetzte
Hans Buck mit Selbstgefühl Er stand vierschrötig da und sah aus seinen scharfen
grauen Augen dem Pater unerschrocken ins Gesicht »Von welcher Art ist der
Teufelskram den Ihr abtun wollt«
»Es sind ketzerische Bücher von der heiligen Kirche für todwürdig erklärt
du sollst ihnen zu feurigem Ende verhelfen«
»Papier brennt leicht nur dass die Asche weit fliegt« versetzte Hans
vorsichtig »Ich denke dass dies freiwilliger Dienst ist der nicht für meine
Schuldigkeit gilt«
»Nicht umsonst fordern die Heiligen deine Hilfe entblösse dein Haupt Mann
und empfange hier für dich und deinen Knecht was dich von dem Höllenfeuer lösen
mag«
Hans lüftete wieder die Mütze und nahm zwei Ablasszettel die ihm der Pater
wie einem Aussätzigen mit spitzen Fingern darbot Hans hielt das Papier gegen
das Licht der Fackeln »Es sieht aus wie mein Name kommts dem Feuer zu nahe
so verfliegt auch dies zu schwarzer Asche« sagte er schlau »Doch man kann
nicht wissen wozu es gut ist« und er steckte das Papier in sein Wams »Zeigt
mir meine Ladung«
Der Pater winkte die Mönche rollten einen großen Ballen herzu der mit
roten und schwarzen Stricken verschnürt war Es war im Volk lautlose Stille als
die Mönche den Ballen auf die Kuhhaut wälzten Aber gleich darauf erhob sich ein
tiefes Summen Gelächter und lautes Geschrei Denn ein junger Mönch trug einen
Stock mit eisernem Stachel herzu an welchem eine lebensgrosse Puppe mit
Teufelshörnern befestigt war auf die Brust der Missgestalt war der Name eines
Mannes geschrieben und in dem ausgestreckten Arme hielt sie einen Holzschnitt
welcher das Gesicht desselben Mannes darstellte Es war das Bild welches jeder
Torner während der letzten Monate an dem Brettergestell des Buchführers Hannus
gesehen hatte und das in manchen Häusern heimlich bewahrt und guten Freunden
gezeigt wurde Der Mönch stieß die Stange in den Ballen so dass die teufliche
Gestalt von jedermann gesehen wurde Als die Nahestehenden allmählich beim roten
Fackellicht den Namen und das Bild erkannten wichen sie zurück und dem
Gelächter folgte ein dumpfes Gemurr aber auch dies verstummte als Pater
Gregorius einen Schritt auf die Menge zutrat und mit gehobenen Augenbrauen
hineinblickte »Vorwärts nach dem Kirchhof« gebot er dem Henker
Doch Hans Buck stemmte die gespreizten Beine auf den Grund und sah sich den
Teufel an »Der Dienst ist freiwillig« antwortete er endlich »von dem
schwarzen Butzemann war vorhin nicht die Rede«
»Willst du mit den Heiligen um deinen Lohn feilschen« fragte der Pater
zornig
»Ich bin Scharfrichter von beiden Städten welche Torn heißen und ich bin
Diener des Rates ein Menschenbild ob es lebendig oder von Papier ist brenne
ich nur wenn der Rat befiehlt sonst niemandem zu Liebe oder Hass Klas« gebot
er seinem Knecht »spanne die Mähre ab und führe sie nach Hause Die Kuhhaut
lasse ich Euch wegen der Zettel denn eine Gabe ist der andern wert« Er sah
noch einmal nach dem Bilde dann wandte er sich entschlossen und trat in den
Haufen zurück während der Knecht den müden Gaul von dannen trieb Niemals war
Hans Buck in ähnlicher Weise durch die versammelten Bürger von Torn gewandelt
er war gewöhnt dass ihm alle auswichen und seinen Blick vermieden heut sah er
viele freundliche Augen auf sich gerichtet und vernahm wie er weiterschritt
von beiden Seiten grüssende Zurufe »Wackerer Hans treuer Mann Gottes Segen
über dich« Da wurde ihm wohler als je in seinem Leben und er schritt stolz bis
an die Kirchhofsmauer Auch dorthin folgten ihm Leute und Bartel Schneider
lief sogar in das Schenkhaus gegenüber und brachte ein großes Glas Danziger
getragen das er neben dem Mann auf die Mauer stellte »Nehmt Hans und möge es
Euch gedeihen« Hans hob das Glas und rief »Dies bringe ich allen freien
Kindern von Torn« trank und schob das geleerte Glas unter den Arm wie sein
Recht war bei jedem gespendeten Trunk da nach ihm niemand das Gefäß gebrauchen
konnte
»Die freien Kinder von Torn danken dir Hans dass du ihnen einmal gutes
Glück zutrinkst ohne dass du deine Waffe an ihren Hälsen gefärbt hast« sprach
neben ihm eine lustige Stimme
»Mancher der heut den Kopf hoch trägt denkt nicht daran dass er morgen
unter meiner Waffe liegen kann« versetzte Hans ernstaft
»Darum sorgen wir nicht mehr« lachte Georg »denn wir hoffen Hans du
wirst morgen den Kindern von Torn dieselbe Schonung erweisen wie heut der
Puppe«
Hans Buck grinste und wandte sich zu Lischke mit dem er so vertraut war
wie der Unterschied ihrer Ehre gestattete »Ich würde mir lieber einen Finger
abhacken als den Pfaffen zuliebe jenes Mannsbild brennen«
»Kümmert auch dich der Streit der Pfaffen« fragte Lischke verwundert
»Um das Gezänk dieser Mönche kümmere ich mich nicht und ich mache mir auch
wenig aus ihrem Glauben Wenn ich einmal im Jahre zur Beichte gelassen werde
schieben sie einen kleinen Altar in die Armesünderecke und fassen die Kutte mit
beiden Händen damit ich sie nicht berühre Jener Mann aber von dem sie das
Konterfei verbrennen wollen hat ihnen die Wahrheit gesagt darum hassen sie
ihn«
»Was weißt du von seiner Lehre«
»Einer von seinen Jüngern die man Prädikanten nennt hat sich nicht
gegraut an meinem Tisch niederzusitzen dieser verkündete mir und meinem Knecht
soviel als wir brauchen Wisst Lischke er hat zwei Lehren gleich den zwei
Beinen eines Menschen sich darauf zu stützen Das erste Bein ist Alle Menschen
sind arme Sünder und vor andern die vornehmen und reichen Hansen die mit ihren
guten Werken prangen das andere Bein aber welches dem ersten Widerpart hält
ist dieses Kein Sünder ist so verworfen dass er nicht durch seine Reue die
Gnade unseres Vaters im Himmel erwerben kann Dass dieses alles die Wahrheit ist
weiß der Henker am besten Denn manchmal wenn ich einen gerichtet habe hätte
ich mit besserem Recht den Stolzen abgefertigt der den armen Sünder richten
ließ und wieder mancher armen Seele habe ich zugesehen die so friedlich den
letzten Weg ging wie ein Kind das zu seiner Mutter ins Bette kriecht« Er
nickte und verschwand in einer Seitengasse
Aber der Widerstand des Hans Buck hemmte nur kurze Zeit die düstere
Feierlichkeit welche die geistlichen Herren zur Warnung der Bürger beschlossen
hatten Aus einem nahen Stall wurde ein anderes Ross herzugeführt und der Zug
setzte sich in Bewegung Einen Busspsalm singend schritten die Mönche mit Kreuz
und Fahne voran die großen geistlichen Herren folgten hinter ihnen kam die
Schleife und ein Karren mit Brennholz gedeckt von den Trabanten und
Laienbrüdern des Klosters längs dem Zuge sprengten gleich Marschällen der Pole
und seine Begleiter So bewegte sich die unheimliche Prozession vom Kloster der
Predigermönche durch das Kerkertor nach der Altstadt und nach dem Kirchhofe von
St Johannes Die traurigen wilden Klänge des lateinischen Gesanges beengten den
Bürgern das Herz das Licht der Pechfackeln beleuchtete mit grellem Rot die
Gestalten der reitenden Bischöfe welche über dem dunklen Haufen dahinfuhren wie
der Erde enthoben die kahlen Scheitel der singenden Mönche glänzten bald in
rotem Schimmer bald wurden sie von einer russigen Wolke verhüllt Am Eingange
des Friedhofs empfing den Legaten demütig der Pfarrer von St Johannes der im
Grunde den Mönchen zuwider war sich aber heut vor der höheren Macht beugte Der
Zug stellte sich auf ein neuer Psalm Davids worin der Sänger seinen Feinden
viel Böses wünscht wurde angestimmt junge Mönche luden die Holzbündel ab
schichteten den Stoß und wälzten den Ballen hinauf
Der Magister konnte heut über seinen Büchern nicht ausdauern er ging mit
großen Schritten in der leeren Schulstube auf und ab ergriff seinen Stock und
tat gefährliche Stöße nach der dunklen Ecke welche unter den Schützen
gefürchtet war weil dort die argen Frevler abbüssten Als es finster wurde und
das Gesumm von dem nahen Kirchhofe in sein Ohr drang ergriff er den Hut »Ich
fürchte meine Schüler vermögen heut nicht zu gehorchen ich will selbst hin
sie wegzutreiben«
Anna fasste flehend seinen Arm »Bleibt nur heute Herr Vater mich quält den
ganzen Tag die Ahnung dass ein Unglück bevorsteht warum wollt Ihr ansehen was
Ihr nicht hindern könnt«
Aber der Magister wies sie kurz zurück und schritt eilig die Treppe hinab
Als Anna allein war wurde ihre Angst unerträglich sie sah die Hausgiebel vom
Feuerschein gerötet und hörte aus der Ferne Bussgesänge Da schlug sie ihren
Mantel um und eilte zur Hauswirtin hinab Sie fand diese in derselben Tracht zum
Ausgange gerüstet »Eilt Jungfer Anna wir dürfen die Männer heut nicht aus den
Augen lassen«
Auf dem Kirchhofe wanden sie sich durch dichtgedrängte Haufen ängstlich
nach denen suchend die ihnen am Herzen lagen Sie kamen als gerade ein Mönch
die Fackel zutrug und in den Holzstoss steckte Als die Flamme aus der schwarzen
Rauchwolke züngelte wurde es so still im Volke dass man den Schrei eines Kauzes
auf dem Turmdach hörte
Pater Gregorius trat an den Stoß las laut die Titel der Bücher welche in
dem Ballen gebrannt werden sollten und warf die letzten welche er noch in der
Hand hielt eines nach dem andern in die Flammen Er nannte wohlbekannte
Schriften welche vielen in Torn für tröstend und heilbringend galten darunter
auch den Titel des fliegenden Blattes welches der Magister zur Weihnacht hatte
drucken lassen und obgleich er den Namen des Autors nicht kündete weil dieser
in dem Blatt nicht zu finden war so wussten die Torner doch wer es geschrieben
hatte Es erhob sich ein Gemurr und einzelne Steine flogen von hinten her gegen
den Holzstoss Zuletzt rief der Mönch »Wie diese in das irdische Feuer geworfen
werden ebenso mögen die Übeltäter welche Ketzerei in der Welt verbreitet
haben dem Höllenfeuer verfallen«
Der Magister stand von den Flammen beleuchtet zornrot in der ersten Reihe
seine Hände ballten sich aber er vermochte nichts herauszubringen als ein
lautes Pfui Sein Schrei verhallte in neuem Gesang den junge Klosterbrüder
anstimmten sie trugen die Teufelspuppe auf der Stange rings um den
Scheiterhaufen unter dem Spottliede »Ach du armer Judas was hast du getan«
Das Lied wurde durch Gejohl und Schreien des Volkes begleitet Die Mönche aber
befestigten die Stange an dem brennenden Holzstoss und jetzt trat der Legat
selbst hervor und sprach in feierlichem Latein einen Fluch über den Mann dessen
Name auf dem teuflischen Bilde geschrieben stand Da flog ein großer Mauerstein
gegen die Puppe dass sie aus dem Feuer fiel aber der hochwürdige Bischof von
Kaminiez bückte sich trotz seiner Schwere nach der Gestalt und warf sie von
neuem in die Flamme In diesem Augenblick rief eine helle Stimme ach es war
die des Magisters »Ich protestiere gegen die Kränkung welche hier einem
würdigen Lehrer des deutschen Volkes zugefügt wird«
Dieser Ruf war wie ein Windstoß welcher ein Hagelwetter entladet von allen
Seiten flogen Erdballen und Steine gegen den Scheiterhaufen und gegen den
geistlichen Herren Der Rat selbst hatte dafür gesorgt dass es an Wurfgeschossen
nicht fehlte denn er ließ noch immer über der lateinischen Schule bauen und
dicht am Kirchhofe war die Baustätte Eilig entwichen die Geistlichen in das
Dunkel doch Pan Pietrowski fuhr mit seinem Gefolge auf den Magister los und
gebot »Dieser ist der Schreier fasst ihn« Der Magister stand ihm gegenüber
bereit zu kämpfen und zu sterben der Hut war ihm vom Haupte gefallen einen
Arm hielt Anna den andern die Ratsbotin um den Widerstrebenden zurückzuziehen
Aber gerade als der Pole die Hand gegen ihn ausstreckte trat Georg zwischen
beide und warf den Pietrowski zurück dass er taumelte Der Pole stieß ein
Schmähwort aus und sprang mit gehobenem Säbel wieder vor Da traf ihn eine
Rüststange am Haupt dass er lautlos zu Boden sank und die Stange schwingend
rief Georg »Heran ihr Schüler von Torn verlasst euren Herrn Vater nicht in
der Gefahr« Auf diese Worte erhob sich ein so fröhliches Jauchzen und Geschrei
wie es zu diesem Abend gar nicht passte die Schützen kleine und größere
tauchten aus allen Ecken hervor und sprangen über die Mauer Viele sammelten
sich um den Magister andere holten ihre Waffen von dem Holzwerk des Gerüstes
Ihrem Beispiel folgte die Menge auch bedächtige Bürger wurden fortgerissen und
griffen nach Steinen und Stangen Die frommen Väter mit ihrer Begleitung
entwichen laufend dem Kirchhofe der betäubte Magister aber sah sich der Gefahr
enthoben und von seiner ganzen Schule umschwärmt Lustig sprangen die Leute
gegen das Feuer stießen mit dem Rüstolz hinein zerrissen den Scheiterhaufen
und warfen die Brände auseinander
Marcus saß an seinem Schreibtisch in finsteren Gedanken »Ich höre die
Bussgesänge der Mönche und sehe das rote Fackellicht heut wie in jener Nacht wo
mein Vater endete Damals ritt der Ahn des Pietrowski als Treiber des traurigen
Zuges gerade wie heut sein Enkel und der Fremde fluchte und schmähte meinen
Vater als sie mich auf das Gerüst hoben Die Kränkung blieb ungerochen als
Knabe vernahm ich sie warum brennt sie heut auf der Seele des Alten« Da
wurde die Tür hastig geöffnet er wandte sich befremdet um erkannte im trüben
Schein der Kerze das verstörte Gesicht seines Sohnes und vernahm die Worte
»Verzeiht mir Herr Vater ich komme in einem bösen Handel Die Bischöfe und
Mönche haben zu St Johann Büchlein der Wittenberger verbrannt dabei wollten
die Polnischen gewalttätige Hand an den Herrn Magister legen ich aber habe den
Pietrowski mit einem Rüstbaum niedergeschlagen er liegt mit blutendem Kopfe
und die Polen brüllen Gewalt in den Straßen«
Der Vater fasste mit der Hand das Pult als er sich langsam erhob er stand
mit gesenktem Haupt und murmelte »Unheilig war der Wunsch und die Hölle hat ihn
erfüllt« Er trat auf seinen Sohn zu und fragte bleich wie dieser »Ist der Pole
tot«
»Ich weiß es nicht Herr Vater«
»Die wilde Tat geht noch einem andern an Hand und Hals Warum warst du so
hastig zu begehren dass dein Vater dich überleben soll Gegen die Ketzerrichter
hast du dich aufgelehnt Unseliger Die Heiligen des Himmels hast du erzürnt
und Gnade hast du nicht im Himmel und auf Erden zu hoffen«
»Der Pole schmähte Herr Vater dem Schimpfwort folgte der Schlag«
»Ich weiß« sagte Marcus leise »Vermagst du noch durch das alte Tor aus der
Stadt zu entrinnen«
»Ich hoffe Herr Vater der Pförtner ist uns zugetan«
»So entweiche in die wilde Nacht flieh nach unserm festen Hause und lass
Wache halten morgen früh sende ich dir durch Bernd Nachricht Du gehst als
Schiffer nach Danzig von da nach Lübeck dort weilst du bis dein Schicksal
hier entschieden ist Als Flüchtling musst du von dem Hause deiner Väter
scheiden wann wirst du es wiedersehen Hinweg jeder Augenblick vermehrt die
Gefahr«
»Lasst mich nicht ohne Segen von Euch Vater« rief Georg und warf sich vor
ihm auf die Knie Marcus legte ihm die zitternde Hand auf das Haupt und murmelte
Unverständliches und als Georg aufsprang und ihn umfasste hielt er den Sohn
einen Augenblick an seinem Herzen gleich darauf stieß er ihn heftig zurück
»Hinweg« Georg sprang aus der Tür und aus dem Vaterhause Marcus aber schlug
die Hände zusammen und warf sich vor dem Marienbilde auf den Boden
Georg eilte in einen polnischen Mantel gehüllt durch die Hintergassen dem
Tore zu scheu blickte er zur Seite nach den Verfolgern Doch die Angst ein
neues Gefühl in seinem jungen Herzen vermochte ihn nicht lange zu demütigen er
richtete sein Haupt auf fühlte nach dem Messer an seiner Seite und dachte
»Leichten Kaufes sollen sie mich nicht fangen«
»Euch wäre auch besser Junker wenn Ihr jetzt in einer Nebelkappe lieft«
raunte neben ihm eine warnende Stimme Es war Bartel Schneider »Wo wollt Ihr
hin«
»Habt Ihr gehört was aus dem Herrn Magister geworden ist« fragte Georg
schnell
»Ich sah ihn mit der Tochter zu seiner Schule wanken Lischke sagt es wäre
sein Letztes die Pfaffen würden ihn wegen Ketzerei richten«
Georg drehte sich kurz auf das Haus des Magisters zu aber Bartel fasste ihn
am Arme »Seid Ihr unsinnig Sorgt um Euren eigenen Kragen Kommt Junker hier
ist dunkler Schatten drückt die Mütze besser auf den Kopf dass man Euer krauses
Haar nicht erkennt« Sie kamen an das Tor Bartel klopfte an den Fensterladen
des Wächters »Gevatter bemüht Euch um meinetwillen mein Gesell hat eilige
Botschaft aufs Land zu tragen«
Aber aus dem halbgeöffneten Laden kam die leise Warnung zurück »Lasst Euch
Gutes raten und sucht für Euren Gesellen eine andere Öffnung« In demselben
Augenblick sprang die Tür auf ein Haufe Bewaffneter brach aus dem Hause
Bartel umklammerte ängstlich den Arm Georgs und wehrte ihm das Messer zu
ziehen Der Jüngling wurde bewältigt und vor den Säbeln der fluchenden Polen nur
dadurch bewahrt dass sich der Pförtner und Bartel fest an ihn hingen Als
Gefangener wurde er dem Ratause zugeführt
In der kleinen Ratsstube saßen am nächsten Morgen die vier Bürgermeister
zusammen der Burggraf Herr Friedewald hatte das Antlitz über den Tisch
gebeugt dass ihm das lange weiße Haar über die Augen herabfiel und zögerte die
Beratung zu beginnen Achtungsvoll harrten die andern und die beiden jüngsten
Herr Eske und Herr Seuse richteten zuweilen neugierige Blicke auf ihren Kumpan
Hutfeld welcher aufrecht dasaß mit gefurchter Stirn als ein Mann der gewöhnt
war seine Ruhe im Kampfe zu behaupten Endlich hob der alte Burggraf das Haupt
und nach seinem ruhigen Nachbar sehend fuhr er statt der gebührenden Einleitung
in seinen Gedanken fort »Ich gehöre nicht zu der Freundschaft seines
Geschlechtes aber ich habe den Knaben stets gern betrachtet Die Bürger hatten
auch nicht unrecht wenn sie seinem Übermut etwas nachgaben denn viele dachten
wie ich dass er eine Hoffnung der Stadt war Mancher ist vielleicht umsichtiger
und ebenso redlich im Gemüt er aber hatte die Faust eines tapferen Mannes und
sprang vor den anderen in die Gefahr Er sollte eine Ehre werden für die Stadt
und ein deutscher Hauptmann für die Landschaft«
»Die schnelle Faust ist es welche ihn von der Bruderschaft von der Stadt
und von dem Sonnenlicht scheidet« antwortete Hutfeld ernstaft
»Ihr seid sein Freund und Pate und sprecht wie Eure Pflicht ist« fuhr der
Burggraf fort »Wundere sich niemand dass ich als der Alte bei seinem Verderben
auch den Schaden fühle welcher unsere Stadt bedroht Ich weiß nicht ob wir
bessere Zucht und mildere Sitten haben als unsere Väter aber da ich jung war
zogen die Bürger selbst aus den Toren und schlugen auf ihre Feinde wir greifen
in den Beutel und bezahlen fremde Söldner Die Alten unterfingen sich weil sie
der eigenen Kraft stolz vertrauten ihr Recht gegen die Ordensleute und gegen
die Polen zu vertreten Wenn unsere Söhne zu klug und zu fein werden um selbst
den Spieß zu tragen so fürchte ich könnten fremde Fäuste ihnen bald einmal
das Geld aus den Truhen holen« Die andern schwiegen »Und darum« schloss der
Burggraf »bedaure ich dass wir guten Stahl zerbrechen müssen weil er zu scharf
geschnitten hat«
»Das Edikt bedroht den Übertreter nur mit Verbannung« warf Herr Eske ein
»Ich meine dem Zorn des Königs geschieht Genüge wenn wir den Jüngling aus der
Stadt senden weil er der Zerstörung von Ketzerbüchern widerstrebt hat«
»Ob die Mönche Ketzerbücher verbrannt haben wissen wir nicht« antwortete
der Burggraf »aber er wird verklagt und durch Zeugen überwiesen dass er zum
Widerstand gegen den Legaten des Heiligen Vaters gerufen und selbst mit
hölzerner Waffe den Schädel eines adligen Polen zerbrochen hat welcher jetzt
todwund bei St Nikolaus liegt«
»Es wird auch bezeugt werden« versetzte Herr Eske »dass der Pole als erster
das Schwert gezogen hat zum zweitenmal in unserer Stadt der Pole selbst ist
dem scharfen Gericht der Stadt verfallen«
»Er war hier als des Königs Diener und die Bestrafung der königlichen
Diener steht beim Könige selbst uns bleibt nur die Klage Die Bestrafung eines
Knaben aus dem Artushofe heischt der König von der Stadt und er hat genügenden
Grund dafür denn noch stand die Stadt in seinem Frieden und allen ist bewusst
Herr Kumpan dass während dieser Zeit scharfes Recht gilt und jeder handhafte
Widerstand gegen des Königs Boten am Leben gestraft wird«
Und wieder neigte der alte Mann das Haupt und sah traurig vor sich nieder
»Ist es an dem dass Hans Buck Arbeit haben soll so ist ein Opfer genug für
den Zorn des Königs« erinnerte Herr Seuse »Die Schüler der Johannesschule
haben die Steine geworfen und ihr Magister hat sie angeführt Muss ein Opfer
fallen so ist der Magister ein Fremder und gehört nicht zur Bruderschaft des
Hofes«
»Er hat nur mit Worten gehadert« entgegnete der Burggraf »Doch vergaß er
die Bescheidenheit und gab seinen Schülern ein böses Beispiel vor allem Volke
Deshalb wird der Stadt unleidlich dass er in seinem Amte beharre Dazu hat er
die Würde unseres geistlichen Vaters gekränkt der an Statt Seiner Heiligkeit
unter uns weilte und die Stadt wird wohltun ihm ihren Frieden zu versagen und
ihn auszuweisen in kürzester Frist«
»Er war ein guter Lehrer unserer Kinder und hat sich sonst unsträflich
gehalten« warf Herr Eske ein
»Er war zu hitzig für uns« entschied der Burggraf »Vorschnelles Wort
verdirbt auch gerechte Sache Hat er durch zwei Jahre den Bürgerkindern Gutes
getan so erweisen auch wir ihm Gutes wenn wir ihn unversehrt an Leib und Habe
von uns entsenden bevor die von St Nikolaus ihn wegen ketzerischen Irrtums
verklagen Denn ich vernehme es ist auch Gedrucktes das aus seiner Feder
kommt gebrannt worden«
Hutfeld stimmte bei »Der Elbinger welcher während des Winters im Hafen
lag hat das Grosssegel zum halben Mast gezogen er ist fertig zur Abfahrt
gefällt es den hochmögenden Herren so legen wir den Magister und seine
Hausgenossen diesem als Ladung auf Es mag anderen zugute gerechnet werden wenn
die Stadt gegen ihn einen harten Ernst beweist und den Magister selbst entebt
es größerer Not«
Damit waren die vier einverstanden und der Burggraf fragte »Wer wird
Kläger wider den Gefangenen«
»Der edle Kastellan von Dibow« antwortete Hutfeld »Der König besteht
darauf dass die Stadt selbst über den Täter richte damit der Hass nicht auf ihn
falle«
»Der König war übel beraten als er beschloss den Hass der Bürger gegen uns
zu wenden« rief Herr Seuse
»Wenn der König sich selbst seines Gerichtes begibt« mahnte wieder Herr
Eske »so rate ich dass wir ihm dennoch widerstehen und den Täter verurteilen
wie es uns frommt und nicht wie es ihm gefällt«
Die andern sahen finster vor sich nieder
»Uns frommt dem König nicht zu widerstehen« entgegnete der Burggraf
nachdrücklich »Der Waffenstillstand mit dem Hochmeister ist beschlossene Sache
und der König ist mächtiger im Lande als je Einst zur Zeit der Grossväter als
der Ordensritter zwischen uns saß verging selten ein Jahr wo die Ordensleute
sich nicht ein Menschenleben als Beute holten entweder einen Mann oder ein
junges Weib darum verjagten wir die Frevler Müssen wir jetzt zuweilen
ertragen dass der polnische Bär ein Leben für sich fordert es geschieht doch
nur selten und nie in mutwilligem Bruch des Stadtrechts denn er haust nicht
unter uns«
»Aber er lauert an unseren Grenzen« sprach Eske
»Wo ist bessere Sicherheit auf Erden und wo ist Friede« fragte traurig der
alte Burggraf
Kurz darauf öffnete die weinende Barbara dem Bürgermeister Hutfeld die
Wohnstube und wieder standen die beiden Schwäger einander gegenüber Wer die
beiden nicht kannte durfte zweifeln welchem von ihnen das Schicksal des
Gefangenen mehr am Herzen lag Denn Marcus stand seine Angst kräftig
bezwingend gerade aufgerichtet da und auf des Bürgermeisters Gesicht das im
Rate so unbewegt erschien lag jetzt die Verstörung Der Hauswirt enthielt sich
nicht förmlicher Begrüßung und bot den Stuhl Konrad aber beachtete nicht die
Höflichkeit und begann sogleich »Ich komme vom König es ist dort keine
Hoffnung«
»Habt Ihr für meinen Sohn gebeten hochmögender Herr«
»Ich tat es«
»Hast du dem König gestanden Konrad dass der Knabe ein Sohn deiner
Schwester ist und du ihm vom Taufstein her an Vaterstelle«
»Wenn das der König weiß so erfuhr er es nicht durch mich« versetzte
Hutfeld mit gefurchter Stirn
Marcus trat zurück »Ich denke Ihr tatet klug Euch dem Polen nicht zu
verleiden«
»Ich schwieg nur weil ich unserm armen Knaben mehr zu nützen glaubte wenn
ich als Bürgermeister von Torn bat«
»Und was hat der Rat über Georg beschlossen« fragte der Vater kalt
»Du weißt selbst« antwortete Hutfeld mit zuckenden Lippen »wie der Verlauf
sein wird morgen früh fällt der Spruch des Gerichtes noch lag des Königs
Friede auf der Stadt der Verwundete gibt keine Hoffnung der König auch wenn
er schonen wollte ist gezwungen die Steinwürfe zu rächen welche den Legaten
und die Priester getroffen haben«
Marcus stützte sich mit der Hand auf die Tischplatte »Die Stadt hat von dem
Polen neue Gunst erfahren und wird eifrig sein seinen Zorn zu besänftigen«
»Aufschub wäre Rettung« antwortete Hutfeld bedeutsam »der König will ihn
nicht gewähren Die Priester haben ihn erzürnt und er tat dass ichs hörte den
Schwur Nicht eher kehre ich den Schweif meines Rosses gegen diese
aufrührerische Stadt die ich eben erst durch Huldbeweise geehrt bis Ihr die
Kunde bringt dass das Urteil vollzogen ist«
»Wenn der Vater den hochmögenden Rat um Aufschub anfleht würden
Bürgermeister und Rat noch einmal den Ritt zum Könige über die Brücke wagen«
»Wenn der Rat selbst solche Bitte tut und der König sie gewährt dann
übernimmt der Rat auch die Bürgschaft dafür dass nach Ablauf der Frist der
Gefangene zur Stelle ist« versetzte Hutfeld ablehnend und nach einer Weile
fuhr er fort »Als ich heimritt dachte ich daran dass du stets bemüht warst
dir den guten Willen der Geschorenen zu sichern Ich weiß dass sie dir als einem
Rechtgläubigen vertrauen Die guten Dienste des Vaters könnten wohl die Missetat
des Sohnes überwinden wenn du den Bischöfen jetzt eine goldene Sühne bietest«
»Habe ich als treuer Sohn der Kirche von meinem irdischen Verdienst
geopfert so habe ich es getan um die Gunst der Heiligen für mich zu gewinnen
nicht die der Priester Ihr wisst so gut wie ich dass es vergeblich wäre Gold an
den hochwürdigen Legaten Zacharias zu zahlen da dieser ein Welscher ist Denn
er würde jede Gabe willig annehmen und auch mit lauten Worten Fürbitte einlegen
zu gleicher Zeit aber durch die geistlichen Väter der Polen den König
aufstacheln damit die Kränkung seiner Würde dennoch gerächt werde Den
polnischen Herren aber vermag man ihren Zorn nie in den ersten Tagen abzukaufen
sondern erst nach einiger Zeit«
Die beiden Welterfahrenen sahen einander an »Dann bleibt noch ein Mittel«
begann Hutfeld feierlich »das letzte«
»Ihr sprecht zu einem Vater hochmögender Herr«
»Ich geleite dich zum Könige und schaffe dass du vor sein Angesicht geführt
wirst ohne Zeugen Tu den Kniefall des Bittenden und gib dem König eine
Verheißung Ich weiß er begehrt sich den Eichwald der bei Nessau deinem Hause
verblieben ist beweise ihm darin guten Willen und du magst von ihm gleiche
Gefälligkeit erwarten Du hast nie vor seinem Angesicht gestanden und es ist
wohl möglich dass er den Namen deines Sohne ohne gute Meinung gehört hat
gewinnst du diese durch Demut und Gefügigkeit in seine Wünsche so gewährt er
dir was er irgend vermag nicht Verzeihung für Georg aber längeren Aufschub
und dadurch die Wahrscheinlichkeit ihn zu retten so oder so«
Marcus sah vor sich hin während Hutfeld warm auf ihn einredete Als er das
Haupt erhob fand er die Augen des andern ängstlich und forschend auf sich
geheftet Er richtete sich hoch auf »Gilt der alte Burgwald von Nessau für ein
so königliches Geschenk dass der König von Polen darum den Kopf eines Deutschen
freigibt den er werfen könnte Ich bin nicht gewöhnt königliche Herren durch
Geschenke zu verpflichten und ich fürchte ich könnte straucheln wenn ich den
Wald in der Hand tragen und dabei niederknien sollte Erlasst mir die
Kniebeugung die ich bisher nur vor dem Himmelsherrn und seinen Heiligen geübt
habe und nehmt den Wald für das Haupt des Knaben den Eure Schwester unter dem
Herzen getragen Nehmt den Wald Ihr selbst die Stadt der König ganz wie
Eurer Weisheit am förderlichsten scheint«
Hutfeld versetzte unwillig »Wundert Euch nicht wenn andere für Euren Sohn
nicht tun was Euch selbst zu tun nicht gefällt Soll ein Angebot dem Leben des
Sohnes frommen so muss die demütige Bitte des Vaters dasselbe annehmbar machen«
»Soll ich demütig flehen so vertraue ich vor allen den heiligen
Fürbittern«
»Dann scheide ich von Euch mit noch größerem Leide als ich herbrachte denn
ich sehe keine Hilfe die Ihr und ich miteinander beraten könnten«
»Ich danke Euch für Euren guten Willen Herr Bürgermeister« sprach Marcus
aber plötzlich auf den andern zutretend erhob er die Hand und rief drohend
»Wahrlich Konrad das Blut deines Schwesterkindes wird auf dein Haupt fallen
denn du bist es der dem Dienst des Königs meinen Knaben opfert« Seine Augen
flammten und die Faust bebte in starker Bewegung
Hutfeld trat einen Schritt zurück aber er wich nicht dem Zorn des Vaters
sondern entgegnete leise »Hüte du dich selbst Marcus dass du nicht deinen Sohn
um ein Traumbild hinopferst das wenn es etwas anderes wird als ein Traum
dein und deines Sohnes Haupt auf dieselbe Stätte führt auf der dein Vater
endete«
»Damals stand Konrad Hutfeld neben mir und hielt meine Hand«
»Damals machtest du es deinen Freunden nicht so schwer dir zu dienen als
jetzt« antwortete Hutfeld bewegt
»Wo liegt mein Knabe in Haft Man hat mir den Zutritt zu ihm verweigert«
»Nur bis der Spruch des Gerichtes gefallen ist« versetzte der
Bürgermeister »Er ist in der Artuskammer des Kerkerturmes Die Stadt hat bis
jetzt die Pflicht ihn zu bewahren Da er unter alt und jung manchen verwegenen
Freund zählt werde ich den Kastellan von Dibow der als des Königs Kläger in
die Stadt geritten ist heut wenn die Abendglocke läutet auffordern den
Zugang vom Turm von der Alt und Neustadt her zu bewachen damit die Stadt der
Verantwortung enthoben werde«
»Nehmt meinen Dank namhafter Herr für diese Vorsicht« antwortete Marcus
Beide sahen einander schweigend an endlich streckte Hutfeld die Hand aus
Marcus ergriff sie und die beiden Schwäger tauschten einen Händedruck doch
wurde kein Wort mehr gesprochen
Marcus blickte auf die geschlossene Tür und murmelte »Ich kenne dich und
ich weiß dass zwei scharfe Augen auf meine Wege spähen Der Streit welcher
zwischen uns begonnen wird einen von uns beiden verderben Heut aber muss ich am
Leben meines Sohnes prüfen ob du ein redlicher Gegner sein kannst« Er öffnete
schnell die Schreibstube und rief seinen Gehilfen Bernd Unterwürfig trat der
stille Mann ein und erwartete in kummervollem Schweigen die Aufträge des
Meisters Sie verhandelten leise dann rief Bernd den Dobise in die Stube und
ließ den Herrn mit seinem Knechte allein Endlich schlich Dobise in seine
Geschirrkammer und Bernd eilte aus dem Hause dem Strome zu Als es dunkel
wurde verließ auch Dobise durch die Hintertür das Haus Marcus schritt allein
mit gerungenen Händen auf und ab Die weinende Magd brachte das Licht und
begehrte Trost von ihm Er wies sie mit einer Handbewegung hinweg und hob aus
dem geheimen Schranke das Buch über dem er in stillen Stunden am liebsten saß
hastig wandte er die Blätter »Zu dir flehe ich vor allen Gebenedeite holde
Jungfrau Maria du Königin von Preussenland Oft haben meine Vorfahren und oft
habe ich deine Gnade erfahren auf deinem Mantel trugst du wie die Sage kündet
die Seelen meiner Ahnen in die Himmelshalle über dem Mastkorb unserer Schiffe
schwebtest du und wehrtest der bösen Macht des Eises und des Sturmes nach jeder
Fahrt nahmst du huldvoll den Herrenzins von gewonnenem Gut Du bist es in deren
Dienst ich lebe damit dein Reich aufs neue erhoben werde vom Haff bis über den
Strom sei mir auch heut barmherzige Fürbitterin Doch nicht dich allein bemühe
ich für die Rettung meines Sohnes Darum rechne mir meine demütigen Dienste
nicht ganz auf gegen seine Rettung damit ihm und mir noch eine Hoffnung bleibe
für unsere Stadt und unser Land Wenn ich Gnade bei dir gefunden habe so
erweise mir diese auch bei anderm Wunsch von dem du aus ungezählten Bitten
weißt« Er schlug mehrere Blätter um »Sei gegrüßt St Johannes Prediger in
der Wüste Ich armer Sünder habe dir treu angehangen denn immer dünkte mich
meine eigene Sorge als ein Abbild der deinen Auch ich habe gelebt in der Wüste
und ich bin in irdischem Kampf der Vorläufer eines Grössern der vollenden soll
was ich im kleinen begann Das Haupt meines Vaters fiel unter dem Schwert wie
das deine und ich der Sohn lebe wie du gelebt hast in der Sorge dass mir
dasselbe geschehe Gedenke heut meines Flehens und der Werke die ich nach
Kräften deinem Heiligtum zugewandt und schütze den Sohn in der Gefahr die uns
jetzt umgibt« Und bei dem dritten Blatt sprach er »Ich weiß heiliger
Nikolaus dass manche in deinem Heiligtum meinem Knaben abgeneigt sind lass ihn
heut seine Vermessenheit nicht entgelten Man rühmt von dir dass du selbst
fröhlicher Mummerei nicht abhold bist und dem Possenspiele der Kinder freundlich
zusiehst auch mein Sohn ist nur kindisch einhergesprungen auf den Straßen der
Stadt und als er sich gestern gegen den Zug auflehnte der aus deinem
Klosterhofe zog tat er es nicht in hartem Unglauben sondern als ein
Schulknabe der seinem Lehrer die Treue beweisen will Ich habe Goldstoff auf
deinen Altar gelegt und dir neue Kerzen angezündet zur Sühne für deine Priester
Darum sei auch du nicht strenge gegen ihn und widersprich nicht wenn andere
Heilige für ihn bitten« Und er blätterte weiter »Zu dir flehe ich heut vor
andern St Jakob in der Neustadt du bist als Helfer in Todesnöten weit berühmt
und angerufen in der ganzen Christenheit Sonst habe ich dich mit meinem Flehen
selten beschwert heut hebe ich als ein jammernder Vater zu dir die Hände« Er
warf sich auf den Boden »Nimm gnädig das Gelübde an das ich in dieser Stunde
ablege Dorthin wo im Lande Hispanien dein großes Heiligtum errichtet ist will
ich büssend ziehen in Betfahrt nach armer Pilger Weise wenn deine Fürbitte
meinen Knaben vom Tode löst Habe Mitleid mit seinem sorglosen Gemüt er ist ein
frischer Gesell ich habe ihn streng gehalten und fern von dem gefährlichen
Werk das ich selbst betreibe harmlos lebt er noch dahin in seiner Jugendblüte
und ich denke keine schwere Sünde lastet auf seiner Seele Jeden von euch
vieren flehe ich an und alle vier zusammen ihr seid die großen Helfer von
Torn in eurer Obhut steht die Mauer und der Strom alle Herrlichkeit und Macht
unserer Stadt und in eurer Hand sind die Seelen aller Großen und Kleinen der
Lebenden und der Toten«
Das Dunkel der Nacht lag auf den Gassen doch in der Stadt blieb es unruhig
die Schenken waren überfüllt und wenn sich eine Tür öffnete drang mit dem
Lichtschein lautes Geräusch der Stimmen auf die Straße häufiger als sonst
schritten Ratsherren und ansehnliche Bürger mit ihren Dienern welche die
Laterne trugen über den Markt am lautesten schwirrten die Stimmen in der Nähe
des Kerkertores zwischen alter und neuer Stadt Dort erhob sich über dem Tore
ein festes Haus mit dicken Mauern zur Seite mit einem runden Turm der wie
viele andere über die Fluchtlinie der Stadtmauer ragte Georg saß in dem
Herrengelass des Turmes welches man im Spott die Artuskammer nannte Es war ein
kahler Raum mit hoher schmaler Lichtöffnung er enthielt einen alten Tisch und
eine Lagerbank die Wände waren bis zur halben Höhe verkleidet nicht mit Holz
sondern mit Eisenplatten an welche in regelmäßigen Zwischenräumen starke
eiserne Ringe geschmiedet waren um Ketten daran zu befestigen Als vom Turme zu
St Johannes die Abendglocke läutete zog eine Schar bewaffneter Polen vor das
Kerkerhaus geführt von dem Kastellan des Königs geleitet vom Bürgermeister
selbst Hutfeld betrat mit dem Kastellan das Haus rief den Schliesser und gebot
»Weist dem edlen Herrn bei Lichte den gefangenen Mann schließt die Tür vor
seinen Augen und hängt das Schlüsselbund an den Haken Das Gelass gehört innen
der Stadt draußen den Wächtern des Königs«
»Wenn ich gutstehen soll für den Gefangenen« sagte der Kastellan »so
begehre ich auch die Treppe zu hüten den Wächter und seine Schlüssel«
»Es sei für diesmal« versetzte Hutfeld »doch dass es kein Beispiel gebe
gegen die Rechte der Stadt«
Der Kastellan ließ das Gefängnis öffnen trat ein und sah ohne den
Gefangenen zu beachten mit dem Grauen welches auch ein wackerer Krieger in
verschlossenen Mauern fühlt die furchtbare eiserne Rüstung an der Wand Er nahm
das Licht und untersuchte die Wände alles war fest gefügt Er blickte nach der
Höhe »Durch das Luftloch könnte sich vielleicht ein schlanker Leib zwängen«
»Es hats nie jemand versucht« antwortete der Schliesser kopfschüttelnd Das
Gefängnis wurde verschlossen zwei Bewaffnete auf die Stufen der Treppe
gestellt zwei andere in das Zimmer des Schliessers vor das aufgehängte
Schlüsselbund und diese sahen lachend zu wie der Schliesser sich mit
untergeschlagenen Armen niedersetzte und murrte »Es geschieht zum erstenmal
dass der Schliesser von Torn durch polnische Säbel seines Amtes enthoben wird«
In zwei Haufen lagen die Polen vor dem Gefängnis und bewachten von der
Altstadt und Neustadt die geschlossenen Pforten sie zündeten große Feuer auf
der Straße an und die rote Flamme erhellte die kleinen Fenster des Baues und
die Mauer so dass man selbst ein Wiesel erkannt hätte welches auf der Höhe
lief
So verging Stunde auf Stunde die Polen um das Gefängnis tranken schrien
und erhoben wilden Gesang der die Bürger der benachbarten Häuser tief kränkte
Oben in der eisernen Kammer lag Georg auf der Bank Von den Feuern drang ein
rötlicher Schein durch die Fensterluke zuweilen trieb der Wind eine Rauchwolke
herein dann starrte Georg in der Dämmerung auf die Wirbel des Dampfes Er wusste
wohl dass er in üblem Handel war aber die Größe seiner Gefahr kannte er nicht
Ihn wunderte dass er den ganzen Tag ohne Zuspruch aus dem Vaterhause geblieben
war auch der trübe Ernst des Schliessers hatte ihn für kurze Zeit nachdenklich
gemacht und als am Abend der Kastellan eindrang und das Gefängnis untersuchte
ohne ihn selbst zu grüßen oder wie einen Lebenden zu beachten da fiel größere
Sorge auf sein Herz und das Geschrei der Wächter wie der Feuerschein wurden ihm
unheimlich Aber immer tröstete er sich damit dass er ein junger Bruder des
Artushofes sei und dass auch diesmal wie bei allen früheren Händeln die er mit
der Stadt gehabt das Drohen ärger sein werde als die Strafe »Sie sagen ich
bin ein Sonntagskind« sprach er endlich müde »diesen kommt das Glück im
Schlafe Wenn ich nur wissen könnte wie es ihr ergangen ist ich wollte das
harte Lager mir ganz vergnüglich gefallen lassen« So entschlief er Im Traume
kam ihm vor als ob er in seiner Kammer läge und Dobise mit der Leuchte
hereinschliche um ihn zu wecken wie er jeden Morgen tat Er weigerte sich zu
erwachen und murmelte »Tölpel noch ist es nicht Zeit« Aber die Leuchte fuhr
fort zu flackern er öffnete die Augen und sah in Wahrheit den Dobise mit einer
kleinen Blendlaterne vor sich stehen Erstaunt richtete er sich auf und rieb die
Augen »Nehmt hier dies in Eure Hand« flüsterte Dobise mit heiserer Stimme und
hielt ihm ein kleines Kruzifix hin »Der Alte schickt es Euch dass Ihr darauf
schwört bei dem Manne am Kreuz und bei den vier großen Stadteiligen das
Geheimnis dieser Kammer niemals zu verraten auch nicht um Euer Leben om Tode
zu retten Schwört denn morgen mittag fasst Hans Buck Euren Hals wenn Ihr nicht
vorher entrinnen könnt Auch Euer Großvater saß hier bevor er gerichtet wurde
ihm aber hatten die Herren vom Hofe den Ausgang gesperrt«
Georg sprang auf »Steht es so dann schaffe mich fort wenn du kannst Wo
ist dein Schwanz du Teufel« Hastig sprach er den Eid Dobise steckte das Kreuz
ein »Harret noch ein wenig« flüsterte er »erst muss ich den wilden Polen etwas
vormachen« Er schlang einen Strick in einen der Eisenringe an der Wand und warf
das andere Ende welches durch ein Gewicht beschwert war aus der Fensterluke
das Seil zog sich straff »Dort hinaus kann nur ein Kater aber nicht wir beide
Mögen sie sich darüber die Köpfe zerbrechen« raunte er mit schlauer Miene »Ihr
aber folgt mir« Er ergriff an der andern Seite der Wand einen Ring drückte und
zog ein Feld des eisernen Tafelwerks sperrte sich auf und eine dunkle Öffnung
der niedrige Zugang zu einer engen Treppe wurde sichtbar Dobise wies in die
schwarze Tiefe und lachte »Nur die drei Ältesten der Bruderschaft kennen das
Geheimnis und der vierte bin ich denn die Herren müssen einen haben der mit
dem Eisenwerk umzugehen weiß und der seinen Hals für sie wagt Nehmt die Leuchte
und kriecht voran damit ich hinter Euch zusperre Sie sagen dies Kunstwerk
wurde von einem Schlosser aus Nürnberg erfunden Auch wer guten Witz hat wird
von der Kammer aus die Tür nicht erraten«
»Fort« mahnte Georg flüsternd er tauchte in die dunkle Wölbung hinab und
hielt auf der Treppe kniend die Leuchte während Dobise die eiserne Tür von
außen zuzog verriegelte und noch durch eine hölzerne Tür verschloss Tief
gebückt strichen die Flüchtigen in einem schmalen Mauergang die dumpfe Luft
machte das Atmen schwer und der Weg wollte kein Ende nehmen zuweilen stiegen
sie Stufen hinab dann ging es wieder eine Weile eben fort Zuletzt war der Gang
durch eine Wand geschlossen Georg fühlte an den kalten Stein »Der Weg hat ein
Ende«
»Fallt auf die Knie und kriecht durch das Loch« riet Dobise Eine
Maueröffnung durch Entfernung einiger Steine gebildet gewährte gerade Raum zum
Durchkriechen Georg schob die Leuchte voran und schlüpfte hindurch Als er sich
erhob stand er in einem Gewölbe das zum Aufbewahren von altem Gerät diente
Dobise kauerte am Boden schichtete die herausgezogenen Steine wieder in das
Loch strich einen dunklen Kitt in die Fugen und häufte Holzbündel davor »Dies
ist Dobises Tür niemand versteht sie zu öffnen als ich Ihr aber gebraucht dies
Bündel es ist ein polnischer Mantel darin Mütze und Stiefel denn als Pole
müsst Ihr entweichen« Ohne Freude öffnete Georg den Pack und wechselte die
Kleidung »In dem einen Stiefelschaft ist das Leder doppelt ich habe Geld
eingenäht der Alte schickt Euch außerdem zur Reise diesen Beutel Es ist Gold
darin« sagte er mit lüsternen Augen
»Das Siegel des Beutels ist erbrochen« versetzte Georg befremdet
»Ich musste ihn doch öffnen um Euch den Notpfennig in die Stiefel zu nähen
und wenn ein und das andere Stück dabei verlorenging so werdet Ihr es dem Alten
nicht klagen denn ich habe noch manches bei Euch gut und muss mich bezahlt
machen deswegen und wegen meiner Lebensgefahr Jetzt aber rate ich Euch Euer
Gebet zu sprechen wir sind hier über dem Graben auf der Neustädter Seite diese
Tür führt bei den Predigermönchen heraus und Ihr müsst an dem Polenvolke
vorüberstreichen«
»Wo führst du mich hin«
»In die Trümmer des Ordensschlosses den Weg welchen Ihr von der Musik her
kennt an der gelben Weichsel liegt unser Kahn im Versteck Ihr sollt mit dem
wilden Wasser abwärts treiben Es wird Zeit der Morgen ist nahe«
»Schnell hinaus« gebot Georg und lüftete den polnischen Säbel in der
Scheide Dobise schloss die Tür auf löschte die Leuchte und Georg atmete die
frische Nachtluft Er warf einen Blick zur Seite die Polen lagen und saßen in
einiger Entfernung müde um die niedergebrannten Feuer die Flüchtigen glitten
längs der Mauer des Klosters dahin hielten eine Weile im Schatten der
Klosterpforte und gingen von da mit festerem Schritt unangefochten durch die
leeren Straßen Stürmisch schlug das Herz des Jünglings als er in der Dämmerung
undeutlich die Schule erkannte und er hielt an aber Dobise rief ängstlich
»Vorwärts Es ist nicht das erstemal dass Ihr den Weg über die Burgmauer findet
hinweg wenn Euch Euer Leben lieb ist«
Sie kletterten auf den Steinhaufen der Ordensburg »Heut könnt Ihr nicht
weilen um eine Musika zu beginnen Ihr müsst auf der Flussseite wieder hinaus
die Mauer hinab Folgt vorsichtig denn die Steine sind locker aber der Graben
unten hat eine trockene Furt« Dobise kletterte wie ein Kater voran mühselig
folgte Georg indem er murmelte »Du weißt hier gut Bescheid bin ich erst
Bürgermeister so frage ich dich wozu du diese Kenntnis gebraucht hast«
»Ihr seid just auf dem Wege Bürgermeister zu werden« spottete Dobise
»Reicht mir die Hand« und er half ihm vom Grabenrand ins Freie »Haltet Euch
fern vom Fährtor bei der Färberei soll der Kahn liegen«
Georg trat an den Strom laut rauschte das Wasser auf der geschwollenen
Flut schwammen kleine Eisschollen Der Schiffer erhob sich aus dem Fahrzeug
»Dies wird üble Fahrt zwischen treibenden Baumstämmen und Schollen das Wasser
reißt und kocht in den Strudeln wie in einem Topfe« Sie bestiegen den Kahn der
Schiffer löste das Seil und Georg trieb dem Tode entronnen von der Heimat
geschieden auf dem wilden Strom hinein in die unsichere Dämmerung
Als am Morgen der polnische Kastellan die Zelle des Gefangenen betrat fand
er nur das Seil welches über die Stadtmauer hinabhing Da erhob sich großer
Lärm die Polen schrien Verrat ihre Boten ritten über die Brücke zum Könige
das Gefängnis wurde wiederholt untersucht aber nichts Unrechtes gefunden die
Wächter sämtlich verhört doch es war auf niemanden etwas zu bringen am
wenigsten auf den Schliesser und die Beamten der Stadt Der Zorn des Königs legte
sich erst als am Nachmittag der Bürgermeister Hutfeld allein vor seinem
Angesicht gestanden hatte Die Torner und die Polen stritten darüber ob es
einem Manne möglich sei seinen Leib durch die Lichtöffnung des Kerkers zu
zwängen die Abergläubisschen neigten zu der Annahme dass der Teufel aus dem
Hause des Marcus dabei wieder im Spiele gewesen sei und die Klugen wunderten
sich dass die Verfolgung nicht eifriger betrieben wurde denn der Wächter über
dem Fährtore hatte Männer auf einem Kahne gesehen der gegen Morgen stromab
gewirbelt war
Die Mönche aber hatten von ihrem feurigen Werk schlechten Gewinn Viele
unter ihnen waren durch Steinwürfe getroffen dem hochwürdigen Legaten selbst
war ein Stein an das Bein geflogen und er ächzte als er am nächsten Morgen in
aller Frühe auf das Maultier gehoben wurde damit er der zornigen Stadt
entweiche Ihre Absicht hatten die Eiferer vollends nicht erreicht Zwar die
Teufelspuppe fand man halb verbrannt im Grase aber der Ballen des Buchführers
war nur an den Rändern gesengt und verkohlt die frommen Väter hatten vergessen
dass festgepackte Bücher der Flamme lange widerstehen Hannus erhielt von seinem
Krame kaum ein einzelnes Stück zurück denn als das Volk den Holzstoss
auseinanderwarf und den Inhalt des Ballens zerstreute wurden die angesengten
und gebräunten Büchlein wie eine wertvolle Beute aufgegriffen und in die Häuser
getragen Wer sich bis dahin um den Inhalt der neuen Lehre nicht gekümmert
hatte der las jetzt neugierig davon es war wohl keine Familie in welche nicht
gerettete Bogen gelangten und der Stadtschreiber Seifried hatte Grund zu
spotten dass gerade durch den Scheiterhaufen jener Nacht die neue Lehre in Torn
eingebürgert worden sei
Unter den Landsknechten
Während Georg im Kerkerturm lag verließ der Magister mit seiner Tochter die
Stadt
Auf dem Deck des Elbingers war in der Eile eine Hütte errichtet welche den
Verbannten mit seinem Haushalt beherbergen sollte bis er das Gebiet der Stadt
Torn geräumt hätte dann mochte er auf dem Bordschiff weiterfahren oder
aussteigen wie es ihm gefiel Die Hütte hatte Philipps Eske durch seinen Vater
dem Schiffer anbefohlen und der treue Knabe wich den Flüchtigen in den letzten
Stunden ihres Aufenthalts nicht von der Seite Doch nicht er allein war der
Pflichten eingedenk welche dem lateinischen Schüler gegen seinen Lehrer
oblagen auch ein Haufe der kleinen Schützen trug sich mit dem Reisegepäck des
Vaters und vor andern die Armen welche an seinem Tische Kost und freundlichen
Zuspruch gefunden hatten Lips machte sich auf dem Schiffe bei dem Gepäck und
den Schiffsleuten zu tun um der Unterhaltung mit den Scheidenden auszuweichen
denn ihm war das Herz schwer und er fürchtete wegen des Gefangenen ausgefragt
zu werden Er hatte dem Ratsdiener und dessen Frau ernstaft geboten die
Traurigen nicht durch Reden über die Gefahr des Freundes noch tiefer zu kränken
Aber seine Vorsicht nützte wenig denn wenn auch der Magister für seinen Schüler
noch Gutes von der vornehmen Freundschaft hoffte Anna erkannte deutlich aus den
Mienen ihrer Wirte und aus den zögernden Antworten des Pylades dass Georg in
furchtbarer Bedrängnis zurückblieb Sie saß stumm und teilnahmlos auf dem
Verdeck hielt das Hündlein in ihrem Schoss und blickte unverwandt nach den
Türmen der Stadt welche sie in Feindschaft verlassen sollte Nur einmal als
Philipps vorüberging fragte sie »Wo weilt er jetzt« Da vergaß der Gefragte
selbst die Behutsamkeit und antwortete traurig »Ihr könnt von hier den Turm
nicht sehen« sie aber senkte das Haupt und fragte nicht mehr Als in den
letzten Stunden des Nachmittags der Schiffer alle Fremden aufforderte das Deck
zu verlassen bot Lips dem Magister und Anna die Hand und vermochte nichts
vorzubringen als »Ich danke für alles Gute Herr Vater lasst mich in kurzem
wissen wohin ich Euch Nachricht senden soll« dem Schiffer raunte er noch zu
»Sorgt für meinen Herrn Vater wenn Euch an dem guten Willen der Torner gelegen
ist« und schwang sich an Land Die Schützen aber standen gedrängt am Rande des
Ufers und als der Magister ihnen vom Deck den Scheidegruss zurief und sie
aufforderte guter Lehre eingedenk zu sein da schrien die größeren ihre
lateinischen Abschiedsworte mit heiseren Stimmen und die Kleinen schluchzten
Der Elbinger rief seine Schiffskinder zusammen sprach die Reisebitte zur
Heiligen Jungfrau und drückte das Schiff vom Ufer in die Strömung »Es ist gegen
Schifferbrauch bei sinkender Sonne an das Steuer zu treten« sagte er im
Vorübergehen zum Magister »aber die Herren von Torn haben es diesmal geboten«
Das Fahrzeug glitt schnell stromab in grauem Nebel schwanden die Türme und
Mauern der Stadt die Gebannten saßen in trübem Schweigen vor ihrer Hütte und
starrten hinab auf das Wasser und in die Ferne welche undeutlich vor ihnen lag
wie ihre eigene Zukunft
Als Anna am nächsten Morgen aus der Hütte auf das Deck trat lag das
Fahrzeug an der deutschen Uferseite und der Schiffer wies ihr eine Steinsäule
auf der Höhe »Dort ist die Grenze des Stadtgebietes« Sie stand lange die
Augen zum Himmel gerichtet ach heut war bei ihren heißen Bitten das Antlitz
verstört die Augenlider vom Weinen gerötet aber hätte Georg sie gesehen sie
wäre ihm noch ehrwürdiger erschienen als damals in der Kirche sie dachte nur an
ihn und bat für ihn Bei dem stillen Flehen wurde ihr das Herz mutiger und sie
bot dem Vater als er zutage kam einen herzlichen Morgengruß
»Wir treiben auf öder Flut hier und dort unwirtliches Gestade Szylla und
Charybdis aber ich bin besser daran als der alte Grieche Ulysses denn ich habe
mein liebes Kind bei mir und ich denke doch dass wir in diesem gelben Wasser
nicht auf Menschenfresser stoßen werden« Und gegen seine eigenen reuigen
Gedanken ankämpfend fuhr er fort »Bei alledem kann ich nicht bedauern dass ich
den Obskuranten am Holzstoss meines Herzens Meinung deutlich gemacht habe« Aber
Anna die noch in ihrer andächtigen Stimmung war antwortete »Ich aber Herr
Vater habe an dem Unglückstage zu wenig daran gedacht alles vertrauend dem
lieben Gott zu überlassen denn hätte ich mich vorher mit herzlicher Bitte an
ihn gewandt so würde ich bessere Ruhe und Bedacht genommen haben ich hätte
Euch nicht durch die Nachricht von dem Vorsatz der Feinde erschreckt und es
wäre Euch und der Schule leichter geworden dem Feuer fernzubleiben Jetzt sind
wir beide der Gefahr entronnen aber einer ist darin zurückgeblieben« Da schlug
der Magister die Hände zusammen und setzte sich stöhnend auf ein Fass »Mein
armer Regulus Der römische Name den ich ihm gegeben ist für ihn von übler
Vorbedeutung geworden Denn wie jenen Konsul halten ihn die Feinde gefangen und
wollen über ihn in scharfem Gericht erkennen Wahrlich auch dies war ein
seltsamer Zufall die letzte Oration die ich ihm aufgegeben war die
hochherzige Rede welche Regulus im römischen Senat halten musste da er als
Gefangener der Kartager mit Urlaub nach Rom zurückkehrte er mahnte seine
Landsleute nicht seinetwegen mit den Fremden Frieden zu machen sondern ihn zum
Tode zurückzuliefern Georg war mit Lust bei der Arbeit er forderte mit
Begeisterung in die Gefangenschaft zurückzukehren und ich freute mich innig
über den Vortrag« Bei dem Gedanken verlor der Magister die Fassung und suchte
in den Taschen nach seinem Tuche
Da wagte das Hündlein zum erstenmal wieder zu bellen und eine feierliche
Stimme klang hinter den Traurigen »Adsum patres conscripti adsum captivus et
aegre e vinculis solutus Ich bin da Herr Magister dem Gefängnis entronnen
aber ich habe gar keine Lust dahin zurückzukehren Guten Morgen Herr Vater
guten Morgen liebe Jungfer Anna« Der Redner sprang über den Bord in das
Schiff aber er vermochte nicht weiterzusprechen denn Anna wankte im nächsten
Augenblick hielt er sie fest in seinen Armen er fühlte ihr Haupt auf seiner
Brust und zwei Arme die sich an ihn klammerten und er küsste sie zum erstenmal
auf den bleichen Mund Der Magister aber saß unterdes wie betäubt auf dem
Tönnlein er hörte eine vertraute Stimme aber er sah einen wilden Polen in das
Schiff klettern und griff krampfhaft nach seiner Brille bis er den festen
Händedruck seines Schülers fühlte und die heiteren Worte vernahm »Jetzt ist die
Schule wieder beisammen Herr Magister und ich denke der Rat von Torn soll
die Lektionen nicht mehr stören« Da ging auch dem Magister alle Würde verloren
und er umschloss wie ein Kind weinend den Geretteten
Drei Heimatlose saßen zusammen in kalter Morgenluft über dem ungastlichen
Wasser aber sie dachten jetzt wenig an alles was sie verloren hatten und die
Schule stimmte vergnügt bei als Georg vorschlug »Ists Euch recht Herr
Magister so bleiben wir beieinander mein Vater will dass ich zuerst nach
Danzig fahre von dort schreibe ich ihm und erwarte sein Gebot Ihr aber werdet
überall Schüler finden und bessere Dankbarkeit als in unserer Stadt« So machten
sie in gutem Vertrauen Pläne für die Zukunft nur Georg sah zuweilen misstrauisch
nach rückwärts und auf die Wege am Ufer ob er verfolgt würde
Es war keine mühelose Reise Das große Fahrzeug trieb bald mit reissender
Strömung bald langsam in seichtem Wasser zwischen angeschwemmten Inseln und
zwischen kahlen Dämmen und Lehmhügeln dahin hier kreiste die Flut in
gefährlichem Strudel dort streifte ein Baumstamm welcher dahinschwamm oder im
Grunde festgerannt war die Seiten und den Boden Unablässig arbeiteten die
Schiffer mit Stangen und Haken sich die Fahrt freizuhalten sie ließ sich
gern gefallen dass Georg Hand anlegte wie einer von ihnen Sogar der Magister
stemmte Hände und Schultern gegen das Ruderholz Wenn der Abend kam wurde die
Reise unterbrochen der Schiffer suchte eine Stelle in der Nähe des Ufers wo er
das Tageslicht abwarten konnte auch in der Nacht musste ein Wächter Ausguck
halten gegen Schollen und treibendes Holz Der Magister mit seiner Tochter fand
zuweilen Herberge am Lande Georg vermied auf dem Schiffe die Augen der Späher
So waren sie einige Tage ohne Abenteuer gefahren und trieben mit der
Strömung am Ufer eines Landstrichs welcher im Kriege zwischen dem Hochmeister
und den Polen streitig gewesen war Am Abend kamen sie an einen Ladeplatz zu
welchem von hohem Deiche zwei Wege hinabführten dort stand am Wasser eine
Schenke und Hütten für die Schiffer Der Elbinger sah unruhig auf die öde
Stätte »Dies gehört noch zum Land des Bischofs von Pomesanien« sagte er zu
Georg »Polen und Ordensleute sind hier widerwärtig und beide wagen zuweilen
Zoll zu fordern« Georg sprang mit dem Schiffer ans Land sie fragten in der
Schenke suchten in den Schoppen bestiegen die Dämme und spähten in die dunkle
Landschaft es war nirgends etwas Unrechtes zu entdecken Da legte der Ebinger
an der Magister und sein Kind suchten Unterkunft in der Schenke Georg blieb
mit einem Schiffsknecht als Wächter auf dem Fahrzeuge er stand in der hellen
Mondnacht lange auf dem Deck stieg wiederholt hinab an das Ufer umschritt die
Hütten und sah von der Höhe in das Land aber alles lag friedlich in grauem
Dämmer Als der Morgen nahte hüllte er sich in einen Schiffermantel und legte
sich in die Hütte zu kurzem Schlummer Er erwachte von heftigem Gebell des
Hundes der bei ihm zurückgeblieben war vernahm auf dem Lande das wilde
Geschrei Zankender und erkannte in der Dämmerung auf jedem der beiden Wege
welche an den Deichen hinabliefen Bewaffnete und Gespanne »Wir waren die
ersten« schrie eine gebietende Stimme »und wenn ihr nicht zurückweicht so
werfen wir euch zu den Fischen ins Wasser«
Im nächsten Augenblick hörte er einen Angstruf Annas und sah die Jungfrau
aus der Herberge dem Schiff zueilen Da warf er sich in mächtigem Satze auf das
Land und sprang mit geschwungenem Säbel einigen dunklen Gestalten entgegen
welche die Flüchtige verfolgten Er schlug kräftig auf die Verfolger ein und
schleuderte den ersten welcher den Arm nach der Geliebten ausstreckte durch
einen Streich des Säbels zur Seite Gleich darauf war er im Kampf gegen mehrere
Feinde aber wie wild er um sich schlug er wurde im Rücken gepackt entwaffnet
und an den Händen gebunden So blieb er mit Anna am Ufer unter Obhut eines
finsteren Gesellen der ihn mit der Hellebarde niederzuschlagen drohte wenn er
sich noch weiter rege Unterdes dauerte um die Hütten der Zank und das Geschrei
fort Nicht lange so sprangen Bewaffnete auf das Schiff die Äxte krachten an
Deck und Planken Wagen rasselten vom Deich herunter an die Ladestelle
Laufbretter und Leitern wurden an den Schiffsbord gelegt und ein Haufe von
Männern und Weibern begann die Ladung auszuräumen welche zum größten Teil in
Getreide und in einigem Kaufmannsgut bestand Beim aufgehenden Frühlicht sah
Georg dass eine ansehnliche Zahl ausgestellter Wachen die Beraubung deckte und
dass sie Tracht und Waffen deutscher Landsknechte trugen Zuletzt vernahm er
wieder die Stimme welche herrisch in dem Tumult gerufen hatte Ein hoher
breitschultriger Mann mit großem rundem Kopf und grauem Bart trat auf ihn zu und
rief befehlend »Potz Velten Ihr habts uns sauer gemacht Mann schüttet aus
was Ihr in der Tasche habt denn das ist unser Recht« Er warf seinen Hut auf
die Erde »Ihr mögt selber Eure Tasche leeren da Ihr Euch redlich gewehrt habt
Wollt Ihr Euch ergeben und Friede geloben so steht es bei Euch sonst schlagen
meine Gesellen Euch nieder«
»Ihr seid die Stärkeren« versetzte Georg grimmig »Löst mir die Bande so
will ich Euch für heut Frieden geloben« Der Landsknecht winkte dem Wächter
Georg sprach das Gelöbnis und schleuderte sein Säcklein mit Geld in den Hut Der
Führer kniete nieder zählte und teilte in mehrere Häuflein das größte steckte
er mit dem Beutel in die Tasche »Und jetzt antwortet auf meine Frage aber
wahrhaft wenn Ihr Leib und Seele zusammenhalten wollt wer seid Ihr und woher
kommt Ihr«
Georg nannte Namen und Heimat und fragte trotzig dagegen
»Und wer seid Ihr dass Ihr es wagt an Reisenden Gewalttat zu üben«
»Holla« entgegnete der andere »Ihr seid der Gefangene Ihr habt zu
antworten und ich zu fragen denn das Eisen hängt über Eurem Haupte Doch da Ihr
Frieden gelobt habt sollt Ihr wissen wem die Herrschaft über Euren Leib
zugefallen ist Ihr seid in der Hand freier Knechte aus dem Reich und ich bin
Hans Stehfest ihr Hauptmann Führt die Gefangenen das Ufer hinauf« gebot er
seinen Begleitern »und haltet sie unter Wache doch getrennt damit sie sich
nicht miteinander bereden Zu der Frau setzt zwei von den Weibern die ihr das
Weglaufen wehren«
Auf der Landseite des Deiches schritt Georg die kurze Strecke welche ihm
sein Wächter freigab in heißem Zorne auf und ab In der Ferne sah er Anna
zwischen Weibern der Bande und ihn tröstete ein wenig dass diese der Gefangenen
gegen den Morgenfrost ein Tuch um die Glieder schlugen Ajax kam ängstlich von
der Höhe gelaufen der Landsknecht schlug mit dem Spieße nach ihm »Der Hund
gehört der Jungfrau dort« herrschte Georg den Wächter so gebieterisch an dass
dieser dem Kleinen den Weg freiliess So verging Stunde um Stunde vom Wasser her
klang unablässig Geschrei und mahnender Zuruf Endlich kamen die Wagen mit dem
Raube beladen über den Deich und fuhren in Reihe auf Auf einem lag der
verwundete Landsknecht mit welchem Georg zusammengestossen war Als dieser den
Gefangenen sah hob er die geballte Faust und stieß einen schweren Fluch gegen
ihn aus Georg zuckte verächtlich die Achseln Darauf stieg ein Trupp der
Bewaffneten von der Höhe herab der Hauptmann blies in ein kleines Horn das er
am Halse trug struppige Pferde wurden vom Grunde herangeführt die Knechte
warfen sich unbehilflich über die Rücken der Gäule und der Hauptmann befahl
»Auf die Wagen mit den Weibern« und nach Georg und einem leeren Pferde deutend
»Fort wir haben Eile« Der wilde Zug setzte sich von den Landsknechten
geleitet in Bewegung der Hauptmann ritt an den Wagen auf und nieder unter
Antreiben und Fluchen ging es vom Fluße ab in das Land hinein
Georg der hinter dem Hauptmann ritt erkannte Anna auf einem Getreidewagen
vor sich und er sah dass sie sich nach ihm umwandte »Die Jungfrau begehrt
uns« rief er befehlend dem Hauptmann zu und bevor dieser ihn hindern konnte
jagte er an den Wagen Anna rang die Hände gegen ihn »Wo ist der Vater« Er
suchte vom Pferde den Zug entlang der Magister war nirgend zu finden Da rief
er den alten Landsknecht an »Hochgebietender Befehlshaber ist eine Frage an
Eure Ehrbarkeit erlaubt Wir waren drei Reisende auf dem Schiff hier sind nur
zwei was ist aus dem dritten geworden«
»Ich denke er reitet ebenso gemächlich nach anderer Seite im polnischen
Haufen wie Ihr mit uns deutschen Knechten und Ihr werdet ihn schwerlich so
bald wiedersehen«
»Mein Vater« klagte Anna und in dem Schrecken über ihre Hilflosigkeit sank
ihr das Haupt auf die Brust
»Also Ihr seid die Tochter jenes Mannes« fragte der Landsknecht »und
gehört zu der Freundschaft meines Gefangenen«
Anna antwortete nicht doch Georg versetzte ungeduldig »Die Jungfrau und
ihr Vater sind mir wohlbekannt und ich sage Euch an ihrem Wohl ist mir mehr
gelegen als an uns allen«
»Dies also ist eine Jungfer welche von ihrem Vater abgekommen ist«
wiederholte der Kriegsmann bedächtig und betrachtete die gebrochene Gestalt von
der Seite »Ihr könnt gemerkt haben« fuhr er gegen Georg mitteilsamer fort
»dass wir es nicht allein waren welche die Beute erwarteten denn ein polnischer
Haufe bei welchem mein alter Gesell Heinzelmann mit seinen Knechten dient
lauerte gleich uns auf das Schiff und wir stießen am Ufer mit ihnen zusammen
Doch wurde der Streit gütlich vertragen sie haben einen Teil der Ladung
genommen und auch einen Gefangenen gefordert Den Polen gefiel der Mann weil er
sie lateinisch anrief sie halten jeden für vornehm der dieser Sprache mächtig
ist und sie werden ihn nicht schlechter behandeln als sie müssen denn sie
hoffen von ihm gutes Lösegeld«
Anna verbarg ihr Antlitz in den Händen »Denkt daran liebe Jungfer« bat
Georg hingerissen von ihrem Weh »dass Euch ein treues Herz geblieben ist
Solange ich den Arm rühren kann sollen sie Euch kein Leid tun«
»Versprecht nicht mehr als Ihr halten könnt« warnte der Hauptmann »Heda
wer trabt dort über das Feld« Er wies auf einen entfernten Reiter und gebot den
Bewaffneten »Treibt den Fremden mit Euren Spiessen ab Doch halt« verbesserte
er sich unwillig »den langen Gesellen kenne ich Ich dachte es wohl das
Junkervolk spürt auf Meilen wo eine Beute zu nehmen ist Dies ist einer von den
Reitern unseres Ordenspflegers Der Pfleger gedenkt nach seiner Art sich einen
Anteil von der Mahlzeit zu holen die er nicht kochen half«
Der Reiter kam näher der Tatarenmantel und die weiße Feder auf der Mütze
gehörten einem Adligen im Dienste des Ordens »Gutes Glück Hauptmann« rief er
mit rauer Stimme »Ihr versteht das Wild schnell auszuweiden« Sein Blick flog
begehrlich über die lange Reihe der Wagen »Hui auch Gefangene« Aber im
nächsten Augenblick begann er hellauf zu lachen sein Pferd sprang mit allen
vieren in die Höhe und schlug darauf mit den Hinterbeinen aus gleich einem
ungezogenen Knaben der sich über fremden Schaden freut »Ihr seid es Jörge in
den Fäusten der Landsknechte Wo habt Ihr Euren vergoldeten Wagen und wo sind
Eure stolzen Artusbrüder Doch ich sehe wenigstens die Jungfer führt Ihr mit
Euch über die Heide«
Georg sah wild auf seinen alten Feind Henner er vergaß dass er ohne Waffen
war und trieb sein Pferd heftig auf ihn zu aber der Landsknecht fiel ihm in
die Zügel »Hängt euch an ihn und haltet ihn zurück denn er hat den Teufel im
Leibe« gebot er seinen Leuten Er ritt dem Ankömmling entgegen und ließ das
Pferd Georgs zwischen den Fäusten zweier Knechte Während der Zug sich vorwärts
bewegte verhandelte er mit dem Adligen und als Georg sich umwandte merkte
dieser dass der Landsknecht auf ihn selbst zeigte und sich von dem
zurückbleibenden Henner berichten ließ Was er erfuhr musste ihm willkommen
sein denn er ritt wiederholt bei Georg vorüber betrachtete ihn scharf und
lachte still in sich hinein
Sie zogen längere Zeit dahin so schnell die Gespanne laufen konnten bis
sich vor ihnen die Mauern und Türme einer kleinen Stadt erhoben Auch dieser Ort
war einst von deutschen Kolonisten an dem Wall eines Ordenshauses gezimmert und
umschanzt worden Jetzt hatte das Kriegsfeuer die Scheuern und Aussengebäude
getilgt und um die Mauern lag verkohltes Holz auf schwarzen Brandstätten Das
Innere bot ebenfalls ein Bild des Verfalls und der Zerstörung den Kies der
Gassen deckte eine Wust von Stroh und Dünger die Mehrzahl der Häuser war
beschädigt hatten die Fenster einst Scheiben gehabt jetzt waren sie
zerschlagen die Fensterläden hingen locker in den Angeln sogar Haustüren waren
zertrümmert und als Brennholz verbraucht Viele Bürger hatten die Stadt
verlassen nur hier und da schlich ein altes Mütterlein oder ein Handwerksmann
die Häuser entlang und sah furchtsam auf unwillkommene Gäste welche herrisch in
fremdem Eigentum geboten Denn ein Fähnlein der Landsknechte hatte sich
innerhalb der Mauern festgesetzt und führte seinen wilden Haushalt in den
Bürgerhäusern Wo einst fleißige Hände den Hammer geschwungen und den Hobel
gezogen hatten schlugen jetzt die harten Fäuste trunkener Kriegsknechte auf die
Tische und der wilde Tross des Fähnleins Dirnen und Kinder schrie aus den
Fenstern und balgte sich vor den Türen Mit hellem Freudenlärm empfing die Bande
den heimkehrenden Haufen Knaben und Mädchen manche trotz der Kälte halb nackt
andere eingewurstelt in die Kleidung Erwachsener kletterten an den Wagen
hinauf halbwüchsige Trossbuben griffen begehrlich über den Leiterbaum in die
Ladungen die Dirnen der Bande bunt aufgeputzt riefen die Einziehenden an und
wechselten mit ihnen dreiste Scherzreden und bewaffnete Landsknechte liefen aus
den Häusern boten den Genossen die Trinkkrüge und folgten lachend dem Zuge
Über den Markt drängte der lärmende Schwarm nach dem Schloss in welchem das
Hauptquartier der Knechte war Am Schlosstor machte der Hauptmann mit seinen
Begleitern gegen den Haufen kehrt gebot dem Tross mit Donnerstimme
zurückzubleiben und schlug mit einem Stock unbarmherzig auf die Köpfe der
Überdreisten welche sich hinter den Wagen in den Schlosshof einschmuggeln
wollten Als das Fuhrwerk geborgen war besetzte er das Tor mit Wächtern und
ritt mit seinem Gefangenen in den Hof Eine feste Mauer mit Scharten und einer
Galerie zur Verteidigung wohl geeignet umfasste den Hofraum gegenüber dem Tor
stand ein hohes Steinhaus und daneben ein dicker viereckiger Turm aus
geschwärzten Ziegeln zur Seite lagen Ställe und Scheuern und ein langes
niedriges Gebäude mit Kammern und Gewölben zum Aufbewahren der Vorräte Hans
stieg schwerfällig ab und reichte seine große Hand grüßend einem Weibe das ihm
von der Schwelle des Hauses entgegentrat Es war eine hagere ältliche Frau mit
harten Zügen die in einem verschossenen Gewand von schwerem Seidenstoff
daherging über welches sie vorsorglich eine Schürze gebunden hatte sie trug am
Gürtel neben ungeheurem Schlüsselbund ein langes Messer und schwenkte in der
Hand einen großen Schöpflöffel »Wir bringen« grüßte der Landsknecht in guter
Laune »Gib auch du Alte was der Kessel fasst denn wir sind hungrig«
»Wer hats dem Peter Meffert versetzt« fragte die Frau nach dem Wagen
sehend von welchem der verwundete Landsknecht durch schreiende Weiber
herabgehoben wurde
»Dieser« antwortete der Hauptmann auf Georg zeigend und vertraulich
setzte er hinzu »Der Vogel hat goldene Federn er soll dafür Gutes aus deinem
Kessel erhalten«
»Die Jutta wird wohl dafür sorgen dass ers nicht lange genießt« sagte die
Alte und wies auf eine große üppige Dirne welche über den Leib des Verwundeten
heftige Schmähreden gegen Georg außstieß »Aber Blitz und Hagel was führst du
hier für ein Milchgesicht heran«
Anna wankte von Georg geführt zu der Alten sie sank die Hand der
Widerstrebenden fassend lautlos an ihr nieder und sah so flehend und beweglich
zu ihr auf dass die Frau eine mütterliche Empfindung nicht abzuwehren vermochte
Unterdes drückte Georg heftig die andere Hand und bat »Würdige Frau
Hauptmännin erbarmt Euch der armen Jungfer mit gutem Herzen«
Die Alte sah von einem zum andern und antwortete ohne Härte
»Wer im Kriege gefangen wird muss sein Schicksal tragen wenn es ihm auch
grausam erscheint Steht auf Jungfer der beste Dienst den ich Euch hier
erweisen kann ist der dass ich Euch einsperre« Sie hob Anna in die Höhe
führte sie in eine Kammer des Vorratshauses und schloss sorgfältig hinter ihr ab
Als Georg folgen wollte legte sich ihm die Hand des Hauptmanns schwer auf die
Schulter »Euer Schlupfloch ist anderswo« Er nötigte den Widerwilligen eine
kleine Treppe zum Turme hinauf und barg ihn dort in dem unteren Gemach Bevor er
die Tür schloss rief er noch tröstend hinein »Verhungern und verdürsten sollt
Ihr nicht«
Nach einer Weile kam die Alte aus dem Gefängnis der Jungfrau stieß den
Hauptmann vertraulich in die Seite und sprach leise in ihn hinein er zuckte mit
den Achseln maß mit seinen großen Augen die Höhe und Breite des Hauses und
lachte schlau
»Sie lag wieder vor mir auf dem Boden« sagte die Frau »es war ein
trauriger Anblick und sie sagte dass sie zu mir Zutrauen hätte da ich dein
eheliches Weib sei und eine ehrsame Frau«
»Na« sagte der Hauptmann
»Wie darfst du grienen du Bösewicht« fuhr ihn das Weib an »als wenn ich
nicht mit dir vor der Kirchentür gestanden hätte da der Pfaff unsere Hände
zusammenlegte«
»Ich weiß zwei die damals widerwillig waren nicht nur der Pfaffe auch
noch ein anderer« Und besänftigend fügte er hinzu »Gib dich zur Ruhe Alte es
ist einmal geschehen und geschieht nimmermehr«
»Pfui Hans ich habe Besseres um dich verdient Und was soll aus dem armen
Kinde werden denn sie ist ja noch ein Kind«
Wieder verzog er das Gesicht »Kann sie Lösegeld schaffen in nicht zu langer
Frist so bewahren wir sie nach unserem besten Vermögen denn wir sind Christen
und keine Mohren Kann sie nicht zahlen so muss aus ihr werden was aus andern
geworden ist Sie wird einem freien Landsknecht die Grütze kochen«
»Sie wird ins Wasser springen«
»Das hat manche gewollt die dort den Kochlöffel rührt« entgegnete Hans
gemächlich »Sie mag sich einen aussuchen der sie behaupten kann an
Begehrlichen wird es ihr nicht fehlen«
»Sie hat gute Verwandte in Meissen«
»Was können wir dafür soll sie deshalb als alte Jungfer sterben«
»Ich aber sage dir sie ist nicht von dem Schlage wie diese dort«
»Diese sind von gutem Schlage wie er uns Knechten wohltut Wenn das
Schuhwerk fehlt laufen sie barfuß und wenn ihr Herr hungert mausen sie für
ihn Du weißt ja selbst dass die Fremde so bei uns nicht bleiben kann und
wenns die Knechte ertragen wollten die Dirnen würdens nimmer leiden«
Was der Hauptmann mit seiner Ehefrau besprach blieb kein Geheimnis die
Weiber welche im Schlosshofe wirtschafteten verließen die Feuerstätten fuhren
aufgeregt durcheinander und verhandelten eifrig auch die Männer traten
zusammen zuchtlose Scherzworte flogen durch den Haufen und mancher kecke
Gesell reckte sich hoch auf und schritt dem Hause näher um durch das Fenster
einen Blick auf die Fremde zu gewinnen Der Hauptmann stand noch immer vor dem
Hause lachte zuweilen und überlegte endlich wandte er sich kurz um schritt
hinein und schloss hinter sich die Tür Als er wieder herauskam war er ernst und
nachdenkend und winkte einige alte Würdenträger des Haufens zu sich heran »Eine
arme weiße Maus« sagte er
»Kann sie zahlen was dem Haufen lohnt« fragte Wuz der Locumtenens
Hans schüttelte den Kopf »Wenigstens ist es ganz unsicher sie hat ihre
Verwandten weit von hier in Sachsen Sie will von den Männern nichts wissen und
betet zu ihrem Gott um ein barmherziges Ende«
»Dergleichen kommt vor« erklärte Benz Streitenberg ein alter
Doppelsöldner »Ich gedenke wohl bei einem Haufen in Friesland war in meinen
jungen Jahren auch eine Magd welche sich jedem versagte und die Sache war
nicht ohne« fügte er geheimnisvoll hinzu »das Fähnlein hatte Glück bis es die
Magd verlor«
»Ohne Zweifel war die Friesländerin hässlich diese aber ist es weniger Wer
soll unseren Eisenbüchsern wehren«
»Kommt Zeit kommt Rat« beruhigte der Alte »Unterdes übergebt sie Eurer
Frau bis Ihr wegen des Lösegeldes sichere Kundschaft gewonnen habt«
»Soll ich wegen der Jungfrau gegen unsere frechen Knaben auf der Lauer
liegen und mich außerdem mit der Alten zanken« wandte Hans ein offenbar am
meisten beunruhigt durch die letzte Möglichkeit »Wollt Ihr die Sorge für sie
übernehmen« fragte er seinen alten Genossen »Lieber wollte ich einen
Ameisenhaufen hüten« versetzte Benz unwillig
»Dann weiß ich keinen Rat« entschied der Hauptmann »und das Rad mag
laufen wohin es will Aber noch ein anderes Urteil haben die Brüder zu fällen
über den Gesellen den wir verstrickt halten Der verwundete Peter hat ein Recht
an ihm gewonnen und er wird fordern ihn niederzuhauen Der Gefangene ist aber
der Sohn eines reichen Kaufmanns aus Torn und vermöchte sich hoch zu lösen«
»Es gilt ein Sprichwort« sagte der Alte »Geld ist gut und Rache besser
doch die Rache dient nur einem das Geld aber uns allen Das erwägt«
»Mir hat der Knabe unmäßig gut gefallen« fuhr der Hauptmann fort »er
schlug um sich wie ein Satan und drei von uns hatten Mühe ihn zu bändigen Und
als ich ihn an seinen Banden betrachtete gefiel er mir noch besser denn
hochmütig trug er seinen Kopf ein langer Gesell mit starken Gliedern der
scharf aus seinen Augen sieht mit roten Backen und langem Haar und säuberlich
in seinem ganzen Wesen dazu von Geburt ein Junker und ich dachte das wäre der
Fähnrich den wir entbehren«
»Ein reicher Junker gibt einen schlechten Landsknecht er schämt sich die
Brüder an seinen Herrentisch zu setzen« wandte Benz Streitenberg ein
»Vielleicht mag ihn die Not in der er unter uns liegt dazu bringen«
meinte der Hauptmann
»Wie dürfen wir die Fahne einem überlassen der sie aus Furcht trägt«
fragte ein anderer bedenklich
»Der Gesell tut nichts halb« lobte Hans »nimmt er die Fahne so trägt er
sie uns zur Ehre Darum bevor ich die Brüder in den Ring lade bitte ich euch
sie geneigt zu machen dass sie sich nicht auf die Seite des geschädigten Peters
stellen denn dieser ist uns nicht selten zuwider gewesen und auf seinem
Kerbholz ist mancher blutige Strich den ein redlicher Knecht ohne Freude
betrachtet«
Darauf füllte Hans eine Holzkanne mit Bier rief einen Buben dass er sie
hinter ihm hertrage und schritt nachdenklich zu dem Turme in welchem er seinen
Gefangenen untergebracht hatte Er öffnete mit der Erwartung den Jüngling in
einer Lage zu finden welche er bei ähnlichen Fällen oft beobachtet hatte auf
dem Holzklotz sitzend mit gefalteten Händen aber er vernahm schon an der Tür
Gesang vieler Stimmen und dazwischen belehrenden Zuruf Georg hatte sich auf
eine Fensternische geschwungen und verkehrte durch das Eisengitter mit Kindern
des Trosses welche draußen an der Böschung des Walles saßen und mit heller
Stimme das Lied vom gefangenen Knaben absangen wobei Georg ihnen einhalf Auf
das Geräusch wandte sich der Jüngling um und sprang dem Landsknecht entgegen
»Würdiger Hauptmann Isegrim wie geht es der Jungfrau Ich rate Euch sie
säuberlich zu behandeln wenn Euch Eure Ohren lieb sind«
»Oho« rief Hans verwundert über den groben Empfang »ich rate Euch an
Eure eigenen Ohren zu denken die wahrlich in Gefahr sind«
»An meinem und an Eurem Kopf ist jetzt wenig gelegen und ich gebe Euch Eure
Rede und den Trunk in der Kanne die Ihr mit Euch tragt keinen Bescheid bevor
ich nicht weiß ob Ihr an dem Kinde als redliche Leute oder als Schelme handeln
wollt«
»Ihr wart wohl noch nie Gefangener« fragte Hans »dass Ihr Euch unterfangt
so gegen mich aufzupochen«
Georg zuckte die Achseln über solche Unwissenheit »Wenigstens noch nicht in
den Fäusten Euresgleichen Doch ich merke ich muss Euch traben lassen wie Ihr
es gewohnt seid« er machte eine Bewegung nach dem Holzklotz »setzt Euch
beginnt Eure Rede und trinkt Euer Bier aber schnell denn ich habe nicht
übermäßig Geduld«
Der Hauptmann setzte sich gemächlich stellte die Kanne auf den Boden und
betrachtete in unverhohlenem Behagen den Jüngling welcher mit gekreuzten Armen
nachlässig an der Wand lehnte »Ihr habt einen unserer Bruderschaft gefährlich
verwundet und er wird Euer Blut fordern«
»Bringt Ihr die Kanne um es mir abzuholen Meister Fleischhauer« fragte
Georg zornig
»Ich kam zu Euch in guter Meinung und es wäre klug von Euch wenn Ihr die
scharfen Reden unterliesset«
»Ich bin Eurer Hauptmannschaft für die gute Meinung verbunden« versetzte
Georg »und bin bereit Euch zu hören schon deshalb weil ich verhindert bin
Euch hinauszuschicken Gefällt es Euch beantwortet mir nur eine Frage Seid ihr
Landsknechte die der Hochmeister geworben hat oder seid ihr Räuber«
»Darauf will ich Euch Bescheid geben aus guten Gründen obwohl Ihr unhöflich
fragt Wir sind freie Knechte aus dem Reich und kamen hierher vom Hochmeister
geladen wir dienten ihm er aber zahlte uns nur kurze Zeit Jetzt hausen wir
hier und behelfen uns so gut und übel wir können Wir stehen unter dem
Ordenspfleger der nächsten Burg und tun wie er gebietet wenn nämlich sein
Gebot unserer Bruderschaft gefällt«
»Ihr nehmt euch also wo ihr etwas erhalten könnt von beiden Teilen«
Hans zuckte die Achseln »Auch wir freien Knechte müssen leben und zu
unseren Tagen kommen Heut wollen die Fürsten und Herren sich schlagen und
morgen vertragen wenn sie schlagen wollen dann locken sie uns mit schönen
Worten und hohen Versprechungen die sie selten halten und wenn sie sich
vertragen wollen so wünschen sie uns zu allen Teufeln Wir aber sinds die den
Krieg führen und hätten sie uns nicht um ihre Händel auszufechten so bliebe
ihnen nichts übrig als zu fauchen wie alte Kater und einander durch heimlichen
Mord aus dem Wege zu räumen«
»Wie mögt ihr da ihr so gering an Zahl seid hier an der Grenze euch
behaupten gegen die Polen des Königs und die Deutschen der Städte«
»Gegen das fremde Kriegsvolk hat uns bisher Eisen und Blei gute Dienste
getan und mit den deutschen Knechten welche sonst im Lande sind halten wir
Kundschaft wie sich gebührt denn wir denken Heut Feind morgen Freund«
»Ihr sagt dass ein Ordensherr euch an Stelle des Hochmeisters gebietet Wie
kann dieser mit solchem Vertrage zufrieden sein«
»Vielleicht ist dieser Vertrag ihm selbst nützlich Kommt der Tag wo der
Kriegsherr uns gegen alte Genossen aufruft so fragen wir zuerst ob er sich
ehrlich gegen uns gehalten hat mit Sold und Zufuhr und ob auch wir ehrlich gegen
ihn sein müssen Und wenn wir befinden dass er ein Recht an unsere Hälse
behaupten kann so wagen wir uns für seine Sache und die andern gegen die wir
losschlagen handeln ebenso Dann müssen sich alte Kameraden im Herrendienst
einmal die Wämser zerstossen und auf brauner Heide ihr Leben geben und nehmen
Das aber geschieht nach redlichem Handwerksgruss und keiner darf dem andern
wegen Leibesschaden und Tod einen Groll in jenem Leben nachtragen Dort drüben
der polnische Starost unterhält auch deutsche Landsknechte die in ihrer Not zu
den Polen übergetreten sind und die Ihr heut früh gesehen habt Auf der Heide
ist eine Stätte erkoren welche Frieden hat an dieser begrüßen wir uns
zuweilen und der eine erfährt im voraus was ihm von der andern Seite gebraut
wird«
»Wo die Füchse einander gute Nacht sagen finden die Hasen übles Lager
Verdammt dass ich jetzt euer Hase bin Auch der Gesang eurer Kinder hat
aufgehört zürnt nicht wenn ich Euch bekenne dass ich ihn lieber höre als Eure
Erzählung« Er schwang sich wieder auf das Fenster und rief hinaus »Seid ihr
da«
»Ja« schrien viele Kinderstimmen
»So singt mir noch eins zum Angehör Kennt ihr das Ducke dich Hansel
ducke dich das Wetter wird vorübergehn«
Kräftig schrie der Chor draußen die Weise
»Und was denkt Ihr jetzt mit mir zu beginnen« fragte Georg zu dem
Landsknecht zurückkehrend
»Die Bruderschaft hat ein Recht auf Euch gewonnen und sie wird sichs
einfordern so oder so«
»Und was will sie mir antun«
»Entweder wird sie Euch hinstellen vor den Verwundeten und seine Freunde
damit ihre Waffen Euch den Arm abhaue den Ihr einem Knechte geschädigt habt«
»Teufel Hauptmann Ihr übt groben Brauch daran ist mir nichts gelegen Und
welches andere Recht könnten sie noch gegen mich behaupten«
»Dass Ihr selbst in die Bruderschaft tretet«
Georg lachte »Und dass ich ein Mausekopf werde wie ihr andern Auch dies
steht mir nicht an findet bessere Hilfe Was sagt Ihr zu einigen Batzen
Lösegeld Lasst uns versuchen ob gute Leute in meiner Vaterstadt das für mich
aufbringen«
Hans schüttelte den Kopf »Ich sorge dass die Knechte sich damit nicht
zufriedengeben zumal sie nicht alles erhalten würden denn wenn Geld gezahlt
wird so nimmt sich einen Teil der deutsche Ordensherr«
Georg stellte sich vor den Landsknecht und begann in verändertem Ton »Ihr
seid zu mir gekommen wie Ihr sagt in guter Gesinnung und wahrlich an Eurem
breiten Gesicht erkenne ich dass Ihr es nicht übel mit mir meint Sprecht ob
Ihr mir und der Jungfrau von hier fortelfen könnt denn obwohl ich jetzt so arm
bin wie eine Kirchenmaus glaube ich doch dass ich Euch einen Zehrpfennig für
Eure alten Tage schaffen kann der Euch aller späteren Sorge enteben wird wenn
heute oder morgen diese wilde Wirtschaft aufhört«
Hans hob die Kanne »Das war ein verständiges Wort und ich will Euch meine
Meinung sagen wenn Ihr mir erst willig Bescheid getan habt«
Georg nickte »Trinkt mir zu auf gutes Geschäft ich folge Euch« Sie
tranken und schüttelten einander die Hände darauf sagte Hans »Ich kann Euch
nicht von hier lösen wie Ihr meint und ich würde es auch nicht tun selbst
wenn ichs vermöchte Denn ich will gegen meine Gesellen nicht unehrlich sein
und ich würde schwerlich lange am Leben bleiben um das Geld zu genießen Darum
wiederhole ich mein Angebot Ich will nicht dass Ihr ein gemeiner Landsknecht
werdet sondern dass Ihr den Brüdern die Fahne tragt Uns ist der Fähnrich
gestorben und Wuz der jetzt an seiner Stelle das Tuch schwenken muss taugt
ganz und gar nicht dazu und begehrt sich selbst die Ehre nicht Und um Euch
alles zu sagen Ihr habt mir gefallen und ich möchte Euch darum retten und für
den Haufen bewahren«
Wieder lachte Georg »Ich bin dankbar für die zugedachte Ehre Doch ist mir
noch undeutlich für wen ich nach Eurem Willen die Fahne schwenken soll Ists
der Hochmeister oder der Ordenspfleger oder Herr Omnes der Hauf Eurer Knechte«
»Das Fahnentuch weist die schwarzen und weißen Rauten und an der Ecke das
Ordenskreuz« antwortete der Hauptmann
»Und wenn es den Knechten gefällt ihren Herrn zu wechseln«
»Der Fähnrich gelobt sich der Fahne nur solange Ihr des Hochmeisters Farben
tragt seid Ihr gebunden«
»Der Krieg ist beendet ein Stillstand geschlossen Wie lange denkt Ihr hier
noch zu dienen« fragte Georg
»Bis der Hochmeister uns ablohnt« versetzte Hans »Zahlt er dem Fähnlein
morgen aus so seid Ihr morgen frei Doch« fügte er schlau hinzu »es kann auch
länger dauern«
»Jedenfalls lange genug« sagte Georg ernstaft »um Eurem Fähnrich Ehre und
Gewissen in Bedrängnis zu bringen Denn Hauptmann nach allem was Ihr erzählt
und was ich gesehen haust ihr in einer Weise die mir nicht gefällt«
»Auch dabei hat der Fähnrich mitzureden« antwortete Hans »Euch steht es
zu die Ehre der Fahne gegen die Knechte zu vertreten und dem ganzen Haufen
liegt daran dass Ihr selbst an unehrlichem Werke keinen Anteil habt Wenn Ihr
Euch weigert die Fahne fliegen zu lassen weil Unehre geübt ist durch einen
oder viele so muss der Haufe den Schaden bessern oder in Schimpf dahinleben Ist
vielleicht in dieser Zeit wo uns ein sicherer Fähnrich fehlte allerlei
geschehen was besser unterblieben wäre so könnt Ihr helfen dass es künftig
vermieden wird Lasst Euch sagen dass Ihr mir gerade darum wohl ansteht weil ich
Euch als einen stolzen Gesellen erkenne Ich weiß jetzt auch durch die
Gefangene wer Ihr seid und dass Ihr von Eurer Vaterstadt nur wenig zu hoffen
habt denn Ihr seid dort strengem Recht verfallen und das Polenreich ist Euch
zugesperrt«
Zum erstenmal merkte Georg dass er im Elend war und sah schweigend vor sich
hin während der Hauptmann schloss »Darum denke ich dass Euch mein Angebot
genehm sein könnte Wollt Ihr nicht auch gut Dann bleibt mir nichts als über
Euch wenn Ihr auf dem Boden liegt das Kreuz zu machen«
»Droht mir nicht wenn Ihr mich haben wollt« rief der Jüngling unwillig
»denn durch Schrecken gewinnt mich niemand«
»Dann rate ich dass Ihr an andere denkt die Euch vielleicht am Herzen
liegen Denn diesen vermögt Ihr jetzt nur beizustehen wenn Ihr meinen Vorschlag
willig annehmt«
Georg überlegte »Ich habe Euch gehört jetzt merkt auch auf mich Ihr seid
dem Ordenspfleger dieses Amtes unterstellt lasst mich vorerst mit ihm
verhandeln es soll Euer Schade nicht sein«
Hans vernahm mit Missvergnügen diesen Vorschlag »Ihr setzt Euch aus dem
Regen in die Traufe Dennoch mögt Ihr erkennen dass ich Euch gern gefällig bin
Wir haben nicht nötig deshalb Reisestiefel anzuziehen denn er kommt sicher
noch heut um die Beute zu besehen«
Vom Tore her tönte dumpfer Trommelschlag Hans erhob sich ärgerlich »Ich
wusste dass er gute Nachbarschaft halten würde folgt mir und harret bis ich
Euch zur Unterredung führe« Der Hauptmann trat mit seinem Gefangenen in den
Hof die Knechte in der Nähe des Tores liefen mit ihren Spiessen und Rohren herzu
und stellten sich auf Durch die Stadt sprengte ein Trupp Reiter nach der Höhe
an ihrer Spitze der Pfleger der nächsten Ordensburg Er trug wie mehrere seiner
Begleiter welche die Gelübde abgelegt hatten auf dem weißen Mantel das
schwarze Kreuz neben ihm ritt seine Traute ein prächtiges Weib im roten
Samtpelze mit wallenden Straussfedern auf dem Hute Sie bändigte ihr mutiges Ross
wie ein Mann und sah an Bewunderung gewöhnt herausfordernd in die Reihe der
Knechte Als die Schar im Hofe anhielt rief der Pfleger mit nachlässiger
Vertraulichkeit dem Hauptmann zu indem er auf die Wagen wies »Meine Bären
kommen voll vom Honigbaum und der Seim trieft ihnen vom Fell«
»Herr Reinecke trabt auch herzu« brummte der Landsknecht und zog den Hut
ab »Was wir gebeutet haben ist fast nur Brotkorn den Mäulern meiner Kinder
tat es not Euch wird es wenig frommen«
»Mir ist von Kaufmannsgut berichtet« versetzte der Ordensmann eifrig
»weist meinem Schreiber die Ware« Als er vom Pferde stieg fiel sein Blick auf
Georg und unwillig über den fremden Zeugen rief er »Welchen unberufenen Gast
habt Ihr hier Seit wann ladet Ihr Gefangene zu den Geschäften mit meinem Amt«
»Der Junker begehrte dringend Euch selbst zu sprechen und ich wollte nicht
verhindern was Euch lieb sein konnte«
»Ihr also seid der Bürgersohn aus Torn« fragte der Pfleger mit finsterer
Miene
Georg las in dem harten Gesicht aus welchem zwei scharfe Augen auf ihn
stachen nicht viel Gutes für sich und sein Stolz bäumte sich auf »Ich bin
Georg König einer von den Brüdern des Hofes zu Torn bei friedlicher Fahrt auf
dem Strome wurde ich durch diese Knechte gefangen herbeigeführt obgleich ein
Stillstand geschlossen und die Stromfahrt freigegeben ist«
»Uns ist darüber keine Nachricht zugegangen« erwiderte der Ordensherr
abweisend »und Ihr seid nach Kriegsbrauch gefangen«
»Ob ich mit Recht oder Unrecht angehalten wurde das mag verhandelt werden
zwischen dem Hochmeister Eurem Gebieter und meinem Geschlecht Unterdes bitte
ich Euch geziemend dass Ihr es übernehmt Seiner fürstlichen Gnaden welcher ich
von Angesicht wohlbekannt bin ein Schreiben von mir zugehen zu lassen und bis
zu der Antwort Eures Gebieters die Entscheidung über mein Lösegeld und über das
meiner Mitgefangenen hinauszuschieben«
»Ich bin kein Bote für Eure Briefe« beschied der Pfleger geringschätzig
»Hat Euch der Hochmeister in Wahrheit je gesehen so hat er Euch längst
vergessen«
»Herr Albrecht hat da er als Gast in meines Vaters Hause weilte mir
wiederholt in Hulden sein Schloss zu Königsberg als meine Gastwohnung angeboten
wenn ich einmal das Ordensland beträte Darum meine ich hat er ein Recht zu
erfahren dass ich hier mit Gewalt zurückgehalten werde«
Ein Weissmantel aus dem Gefolge ritt zum Pfleger und sprach ihm in das Ohr
das Gesicht des Ritters erhielt einen entschlossenen und bösartigen Ausdruck
»Es ist weit von hier bis nach Königsberg« antwortete er endlich »und ich
versage Eurer Rede den Glauben«
Da rief Georg zornig »Ihr seid Pfleger dieses Amtes damit Ihr im Namen
Seiner fürstlichen Gnaden Recht und Gesetz handhabt verweigert Ihr mir in
meiner Bedrängnis was mein Recht und Eure Pflicht ist so mögt Ihr die Folgen
auf Euer Gut und Leben nehmen denn ich sage Euch Herr Ihr werdet es
entgelten entweder mir oder anderen welche das Unrecht an Euch rächen«
»Ihr kräht zu laut junger Hahn aus dem Bürgerhofe« entgegnete der
Ordensherr mit unheilverkündendem Blick und wandte sich kurz ab Aber Georg dem
das Blut wallte fuhr heftig fort »Außer mir ist eine ehrbare Jungfrau
hergeführt worden haben die Herren vom schwarzen Kreuz vergessen dass Frauen
frei ausgehen beim Streite der Männer Wir in Torn vernahmen dass es einst
Ritterpflicht war Frauen und Jungfrauen zu beschützen« Er hörte hinter sich
die leise Warnung »Schweig du Tor« und erkannte die Stimme seines Feindes
Henner aber unbekümmert um die Folgen fuhr er fort »Ist ein Adliger von Ehre
in der Nähe so fordere ich ihn auf dass er an seine Ehre und an seinen Eid
gedenke«
Der Pfleger lächelte »Ist sie vom Adel« fragte er sich zum Hauptmann
wendend
»Es ist die Tochter eines lateinischen Lehrers« erklärte dieser
»Wenn sie jung und hübsch ist so wollen wir dem frechen Gesellen den
Gefallen tun und selbst den Schutz übernehmen Führt sie herbei«
Hans eilte nach der Kammer und brachte die erschrockene Anna in den Kreis
Der Ordensherr sah sie sorgfältig an und nickte seinen Begleitern zu »Seid
guten Muts Jungfer Ihr sollt nicht lange in der Hut dieser bärbeissigen Knechte
verweilen« Er winkte dem Hauptmann dass er die Gefangene zurückführe und
stieg ohne Georg noch einmal anzusehen auf sein Pferd Die Frau im roten
Samtpelz aber rief »Wir danken für die Gesellschaft der bleichwangigen Dirne
wollt Ihr jemand von hier in das Schloss laden so fordere ich diesen mit dem
krausen Haare zu meinem Dienst« und sie trieb ihr Pferd mit einer Wendung an
Georg vorüber und schlug ihn mit ihrem Handschuh an die heiße Wange Das Gefolge
des Pflegers lachte er aber warf ihr einen finsteren Blick zu und ritt
schweigend nach dem Tore Dort sprach er längere Zeit mit dem Hauptmann dann
winkte er mit der Hand und der Reiterzug sprengte abwärts durch die Gassen der
Stadt
Georg stand allein im Sturm seiner Gedanken da trat der Hauptmann zu ihm
und begann in guter Laune »Ihr habt den Ordensleuten den Trunk vergällt Sonst
mussten wir ihnen jedesmal auftragen wenn sie uns die Ehre ihres Besuches
erwiesen Wenn diese Weissmäntel untereinander sitzen so reden sie verächtlich
von uns Knechten als von treulosen Buben und Strauchdieben wie sie selbst aber
sind habt Ihr wohl gemerkt Und ich sage Euch der ganze Haufen meiner Knechte
ist ausbündig erfreut dass Ihr dem Pfleger aufgetrumpft habt«
»Was hat er mit der Jungfrau vor« fragte Georg wild
Hans zuckte die Achseln und erklärte das nicht zu wissen
»Gestattet dass ich mit Ihr rede« bat Georg
Der Hauptmann welcher misstrauisch die Folgen dieses Gesprächs erwog
schüttelte den Kopf »Bedenkt was ich einem Gefangenen gestatte könnte ich den
freien Knechten nicht verweigern Die Magd bleibt heut im Verschluss meiner
Alten Wir aber kommen auf den Handel zurück Auch die Knechte meinen jetzt dass
Ihr unser Fähnrich werden müsst Ihr versteht die Worte zu setzen wie ein
Schreiber und das Feuer sprüht Euch aus den Augen Ihr ward behende dabei Euch
den Pfleger zum Feind zu machen und im Vertrauen er riet uns dem verwundeten
Peter sein Recht an Eurem Leibe zu gewähren«
»Um den Verwundeten sorge ich nicht schwer« sagte der Jüngling mit seinen
Gedanken ringend »gegen ein gutes Stück Geld verträgt er sich mit mir«
»Vielleicht tut er das« antwortete Hans »vielleicht auch nicht ich
widerrate dass Ihr Euer Schicksal in die Faust des wüsten Gesellen legt«
»Hauptmann« rief Georg die Hand des Landsknechts ergreifend »mein Ross
stutzt und bäumt vor dem Graben lasst mich kurze Zeit unter freiem Himmel
allein dann will ich Euch Bescheid sagen« Der Landsknecht nickte und trat
zurück Georg schritt im Hofe auf und ab endlich setzte er sich auf einen Stein
unweit der Kammer in welcher Anna verschlossen war Es war still um ihn am
Abendhimmel trieben dunkle Wolken schnell dahin darüber hellere in rötlichem
Glanz die Knechte standen mit untergeschlagenen Armen vor dem Tore nur die
Kinder des Haufens hockten nahebei auf den Balken sie beobachteten den
Gefangenen in Erinnerung an die gemeinsame Kunstleistung wie ein Flug Saatkrähen
den Ackersmann Jetzt benutzten sie die Stille um zu seiner Unterhaltung das
Lied O Schiffsmann anzuheben und sie sangen von der Jungfrau welche aus dem
Schiff in die Tiefe versenkt werden soll und der Reihe nach ihre Lieben zu Hilfe
ruft der Bruder kommt nicht der Vater kommt nicht aber der Geliebte hört und
löst sie aus der Todesnot Und als die Kinder schrien »O Liebste mein Leib und
Seel verkaufe ich dein junges Leben rette ich ich will dich nicht verlassen«
da sprang Georg auf und den Arm hebend rief er »Ich höre die Mahnung meiner
Kantorei und sie hat das Richtige getroffen« Und während die Bande noch über
dem Liede sang trat er zu dem Hauptmann und begann fröhlich »Ich will Euer
Fähnrich werden und ich will mich Eurer Bruderschaft geloben für Leben und Tod
wenn Ihr mir die Rechte abtretet die Euer Haufe an die Jungfrau als Eure
Gefangene beansprucht Ihr mögt sie schätzen und das Lösegeld von mir nehmen
aber sie wird soweit Ihr ein Recht an sie habt mein eigen von der Stunde wo
ich mich Euch angelobe«
»Sie soll Euer werden« antwortete der Landsknecht die Worte erwägend
»soweit der Haufe ein Recht an sie hat« Und Georgs Hand schüttelnd rief er
»Nichts Besseres konnte dem Fähnlein geschehen Lass den Trommler anschlagen
Wuz und die Alten zum Rate laden denn ein wackerer Fähnrich ist gefunden«
Unterdes saß Anna zwischen den Heubündeln ihrer Kammer nach schlafloser
Nacht und einem Tage unsäglicher Angst waren ihre Kräfte erschöpft ihr Haupt
auf ein Bund herabgeglitten und das Bewusstsein ihres Elends auf kurze Zeit
geschwunden Im Schlummer kam ihr vor als ob Georg mit der Laute vor ihr stehe
und sie lachte ihn freundlich an Da unterbrach Trommelschlag den friedlichen
Traum die Tür öffnete sich und die Frau des Hauptmanns trat ein Anna fuhr in
die Höhe »Ihr habt nicht nötig zu erschrecken Jungfer« begann die Alte
freundlicher als bisher »Euer Schicksal wendet sich zum Bessern das Fähnlein
ist dabei sich einen neuen Fähnrich zu wählen hat er sich erst der Fahne
gelobt so will er die Sorge für Euch übernehmen und von morgen gehört Ihr ihm
an Entsetzt Euch nicht Jungfer der neue Herr ist Euer guter Freund der
Junker welcher mit Euch gefangen wurde«
Da stieß Anna einen gellenden Schrei aus warf sich auf die Knie und
verhüllte das Haupt und die Alte welche sich über sie beugte vermochte ihr
keine Rede abzugewinnen
Am nächsten Tage wurde das ganze Fähnlein aus der Stadt und den nächsten
Dörfern zusammengeboten und lange mit den einzelnen Haufen verhandelt Endlich
am Nachmittag war durch den Einfluss der Führer und Doppelsöldner die Einigkeit
gewonnen Georg trat in den Ring und legte das Gelöbnis ab die Fahne wurde ihm
angebunden wie Brauch war dass er sie in der Rechten trage und nach Verlust der
Rechten in der Linken dass er sie im Lager bewahre bei Tag und Nacht gleich
einer Braut und beim Kampf sein Leben für sie lasse Und als Georg die Fahne in
der Luft schwenkte so sicher wie ein alter Kriegsmann freuten sich die
Knechte Er hatte bisher nicht gedacht dass das Spiel des Artushofes bitterer
Ernst seines Lebens werden sollte War seine Wange auch fahler als sonst er
trug sein Haupt aufrecht und das Herz wurde ihm nicht schwer Als alles nach
Gebühr vollendet war und er die Knechte mit einer Ansprache begrüßt hatte die
dem Haufen wohlgefiel löste der Hauptmann den Kreis und Georg begann »Ich habe
unsern Vertrag erfüllt jetzt tut Ihr mir desgleichen und führt mich zu der
Jungfrau« Der Hauptmann nickte Aber in demselben Augenblick rief die Wache vom
Tor dass ein Reiter herantrabe und das Gesicht des tapfern Hans verzog sich in
Unruhe und Verlegenheit »Der Pfleger hats eilig« brummte er »Gedenkt
Fähnrich was ich Euch verheißen habe das Anrecht welches das Fähnlein an der
Gefangenen behaupten kann will ich Euch übergeben mehr nicht vielleicht ist
es noch ein anderer der ein Recht auf die Jungfrau für sich fordert« Da fasste
die Hand des Jünglings wie eine Eisenklammer in seinen Arm dass er zuckte und
dem herantretenden Henner rief Georg entgegen »Kommt Ihr die Jungfrau nach dem
Ordenshause zu holen so steigt vorher ab und zieht Eure Waffe denn ich weigere
Euch das Weib«
Aber Henner blieb sitzen und sah verwundert auf seinen Gegner der die Fahne
im Arm hielt und nicht als Gefangener sondern in Waffen vor ihm stand »Die
Pest auf alle Weibernarren« fluchte er »meinetwegen behaltet Euer Liebchen
bis Ihr und sie mit Urenkeln gesegnet seid Ihr habt heut nicht nötig mich
anzuschnarren auch ich will Euch nicht auslachen wie ich wohl könnte dass Ihr
ein Fähnrich dieser Klotzköpfe geworden seid denn ich habe in meinen Tagen
selber erfahren wozu Not und Elend verleiten Ich kam nur im Vorüberreiten
herauf um Euch zu winken dass Ihr Euch mit der Jungfer fortmacht was es den
reichen Vater auch koste Denn Ihr seid hier nicht gut daran aber in dem Hause
aus dem ich komme wäret Ihr oder eine andere an der Euch liegt völlig
verloren Doch ich sehe Ihr habt Euch festgehakt und dem Teufel ein Recht über
Euch gegeben« und sich vom Rosse niederbeugend sagte er leiser »Die Jungfer
wird dem Fähnlein abgefordert werden und die Knechte werden sie Euch zuliebe
schwerlich verweigern«
»Ich aber« rief Georg
»Bah wie vermögt Ihr das sie ist ja nicht Euer Eheweib Und ich sage Euch
die Ordensdiener wären bereits hier wenn der Pfleger nicht in ein Hindernis
gefallen wäre Er geriet gestern beim Trunke mit einem Adligen in Streit
vielleicht war es Euretwegen und wegen des blassen Magisterkindes Das Eisen
fuhr zu schnell aus der Scheide und er liegt jetzt mit einem Ritz im Leibe der
andere aber hat sein Pferd gesattelt und ist dem Hause entwichen sich
irgendwoanders Unterschlupf zu suchen Benutzt die Frist die Euch durch den
Schnitt geworden ist denn ich denke allzuviel Zeit wird Euch nicht bleiben«
»Der andere wart Ihr Henner« sagte Georg und streckte die Hand nach ihm
aus Henner ergriff sie »Der Krug ist bezahlt die zerschlagene Armbrust habe
ich bei Euch gut« Er wandte sein Pferd um wegzureiten »Verweilt noch
Henner« rief ihm Georg zu »Ich gedenke Euch als meinen Zeugen zu laden wenn
ich mir ein Eheweib gewinne«
»Ich bin ein schlechter Hochzeitsgast« versetzte Henner »und ich will heut
nicht mit den Knechten beim Trinkkrug niedersitzen nachdem ich mich gestern mit
den Herren gerauft habe Fahrt wohl Ihr stolze Distel von Torn« rief er
lachend »niemand weiß was auf Erden noch aus ihm werden kann« Er grüßte mit
der Hand und sprengte aus dem Tor
Georg trat zu dem Hauptmann »Wird der Haufe das Eheweib seines Fähnrichs
gegen die Begier eines Fremden schützen«
»Wenn Ihr ein Eheweib gewinnt in Eurem Amte so gehört das Weib zur
Bruderschaft und die Knechte müssen es schützen Wollt Ihr mit der Jungfrau in
den Ring treten so steht das bei Euch wir werden uns nicht versagen Und darf
ich Euch raten so tut zur Stelle was Euch am Herzen liegt«
»Öffnet mir die Kammer der Jungfrau« forderte Georg
Er trat schnell ein in dem dämmerigen Raum sah er eine helle Gestalt
welche scheu zurückwich und den Arm ihm abwehrend entgegenhielt er sah das
verstörte Gesicht der Geliebten und zwei Augen welche ihn angstvoll anstarrten
Da hemmte sich sein Schritt und er begann traurig »Liebe Jungfer Anna lasst
Euch gefallen was geschehen ist bei schlechtem Wetter ist jedes Obdach eine
Hilfe«
»Armer Georg« klagte sie »Seele und Seligkeit habt Ihr in Gefahr gesetzt«
»Nicht also liebe Jungfer Seele und Leben hoffe ich zu bewahren wenn Ihr
mich nicht verlasst und ich komme Euch anzuflehen dass Ihr bei mir aushaltet«
Er fasste ihre Hand sie zuckte bei der Berührung aber im nächsten Augenblick
warf sie sich an seine Brust und weinte Als sie sich aufrichtete sah sie ihn
zärtlich an wie eine Mutter ihr Kind und strich ihm mit der Hand über Haar und
Stirn »Armer wilder Knabe was habt Ihr gewagt warum habt Ihr Euch dazu
gedrängt das Opfer zu sein«
»Nicht ich Anna das Größte müsst Ihr selbst wagen denn Ihr könnt Euch nur
retten wenn Ihr Euch mir vermählt«
Sie löste sich von ihm und wieder sah er den scheuen Blick »Der
Ordenspfleger wird Boten senden um Euch auf sein Schloss zu holen«
»Habt Ihr kein Messer das Ihr mir geben könnt« rief sie mit rauer Stimme
»Ich selbst und die draußen vermögen Euch zu schützen wenn Ihr nach dem
Brauch des Fähnleins mit mir in den Ring tretet und Euch mir zur Ehe angelobt«
Sie sah ihn lange unsicher an wie jemand der den andern nicht versteht
bis sie heftig ausrief »Wo ist der Brautkranz Kommt« Aber sie wankte und er
hielt sie in seinen Armen fest
Im Hofe klang wieder die Trommel und die Knechte traten zusammen der Ring
öffnete sich als Georg das zitternde Weib in seinen Armen herausführte Georg
legte die Jungfrau seinem Gesellen Wuz an die Schulter ergriff die Fahne und
trat mit seinem Zeugen gegenüber der Hauptmann stand in der Mitte tat die
Fragen und fügte die Hände zusammen Wieder schlug die Trommel mit dumpfem Ton
Georg reichte die Fahne dem Hauptmann und dieser schwenkte das Fahnentuch über
den Vermählten damit die Ehe ehrlich werde und in den Schutz der Bruderschaft
aufgenommen
Georg rief »Seid bedankt Hauptmann und gute Gesellen« Er raunte der
Bewusstlosen zu »Mein Weib« hob sie mit starkem Arme und trug sie in den Turm
Hier setzte er sich mit seiner süßen Last auf die Bank bedeckte ihr bleiches
Angesicht mit heißen Küssen und vermochte nichts anderes zu sprechen als »Mein
liebes Weib« Sie hing hilflos in seinen Armen und widerstrebte nicht wenn er
sie küsste Aber als er sie mit heißen Augen zu sich emporhob glitt sie an
seiner Seite nieder auf den Boden und lag die gerungenen Hände flehend
ausgestreckt »Um meinetwillen seid Ihr aus der Heimat geworfen um meinetwillen
in Not und Elend geraten um mich zu retten habt Ihr Euer Leben den furchtbaren
Leuten angelobt hier liege ich vor Euch Leib und Seele sind Euch verfallen
Ihr mögt mit mir machen was Euch gefällt«
Er fuhr erschrocken zurück vor dem jammervollen Blick und hob ihr leise das
Haupt »Anna ich hoffte dass Ihr mich liebhättet« Sie seufzte fast unhörbar
»Wollt Ihr mich nicht ganz zerbrechen so schont mich«
Da wandte er sein Antlitz ab um den Schmerz darüber zu verbergen dass sein
Weib sich ihm versagte aber er vermochte nicht die Herrschaft über sich zu
behaupten der Sturm in seinem Innern hob ihm die Brust und er stöhnte laut Sie
lag regungslos vor ihm auf der Erde und heiße Tropfen fielen aus seinen Augen
auf sie So blieben sie lange
Georg ermannte sich zuerst Er berührte ihr leise den Arm »Erhebt Euch
liebe Jungfer Anna ich kann solchen Schmerz nicht ansehen Dort über uns im
Oberstock ist Euer Gemach ward es auch nur notdürftig hergerichtet es ist
sicher Zieht Ihr die Leiter hinauf so vermag niemand zu Euch zu dringen
Gestattet mir dass ich mit der Fahne hier unten hause ich will Euch ein treuer
Wächter sein«
Sie erhob sich ohne seine Hilfe und wankte nach der Leiter dort hielt sie
sich fest er aber stand abgewandt und starrte durch das Gitterfenster auf den
grauen Wolkenhimmel als er sich umwandte war sie verschwunden Da ergriff er
seinen Hut und stürzte aus dem Turme
Draußen empfing ihn der lärmende Zuruf seiner neuen Genossen er sagte
ihnen dass sein Weib erkrankt sei vernahm mit halbem Ohr ihre rauen Scherze
und ließ sich durch sie fortziehen zu dem Gelage das der Hauptmann dem neuen
Fähnrich zu Ehren für die Würdenträger des Haufens veranstaltet hatte Erst in
später Nacht kehrte er zum Turm zurück er wankte in das Gemach stieß hart
gegen die Wand und sank mit einem unterdrückten Fluch auf sein Lager Dort
verlor er in bleiernem Schlaf die Empfindung seines Unglücks
Es war still im Turme und man vernahm nur die schweren Atemzüge des
Schlafenden da fiel ein Lichtstrahl aus der Luke hernieder Mit der Leuchte
stieg ein angstvolles Weib herab sie setzte sich an das Lager rückte dem
Schlafenden sorglich das Haupt zurecht und breitete eine warme Decke über ihn
lange saß sie auf dem Boden lautlos mit gesenktem Haupte
Das war für die armen Kinder der Tag ihrer Vermählung
Die Ehe in der Wildnis
Georg erwachte spät am Morgen fühlte nach seinem heißen Haupt und sah sich
verwundert in dem kahlen Raume um Neben seinem Lager saß Ajax und wedelte Mir
ist so als wäre ich verheiratet und seit gestern ein Ehemann sagte er zu sich
selbst Vor ihm stand Wasserkrug und Becken und dabei lag sorgfältig
ausgebreitet ein Anzug aus seinem Reisebündel den er bereits als verloren
bedauert hatte Er sprang auf und benutzte die Gelegenheit sich in besseren
Stand zu setzen Als er umschaute stand die Leiter zum Oberstock angelehnt
oben war alles still er wagte nicht hinaufzusteigen aber er rief »Jungfer
Anna« doch kam keine Antwort
Da klopfte es an der Aussentür und auf sein Herein trat Anna in den Turm
einen rauchenden Topf und ein Schälchen in der Hand »Guten Morgen Junker«
grüßte sie mit niedergeschlagenen Augen »ich bringe die Morgensuppe« »Ei«
rief der erstaunte Georg Sie rückte einen wankenden Tisch heran setzte den
Schemel goss aus dem Topf in die Schale und kühlte den Trank mit dem Löffel
Georg saß vor dem Frühstück »Vor allem sagt mir wer bin ich und wer seid
Ihr« Da ließ sie den Löffel fallen ein trauriges Lächeln glitt über ihr
Gesicht »Ihr seid mein Herr« sprach sie leise Aber als er ihre Hand ergriff
indem er die Frage wiederholte »Wer seid Ihr« da entzog sie ihm die Hand und
antwortete niederblickend »Ich bin Eure Jungfer Anna«
»Hm« summte er und trank aus der Schale
Anna ergriff das Wams welches Georg abgelegt hatte setzte sich ihm
gegenüber auf die Bank und holte Nadel und Zwirn aus der Tasche »Dies Loch hat
die Hellebarde des Hauptmanns gerissen auf dem Wege hierher grauste mir wenn
ich es ansah und dachte wie wenig gefehlt hat dass er Euch am Leben traf« Sie
legte das Gewand in den Schoss und sah vor sich hin aber sie fasste es sogleich
wieder und nähte eifrig über dem Ritz Georg sah ihr schweigend zu
»Wisst lieber Junker« begann sie »das Nötigste ist ein eigener Herd auf
dem ich für uns koche Am Turme läuft ein Schlot hinauf es wäre geringe Mühe
hier oder oben einen Herd oder gar einen Ofen zu setzen vielleicht ist ein
Töpfer in der Stadt zu finden Ich habe ein wenig Geld gerettet das in mein
Kleid genäht war ists Euch recht so sehen wir flugs dass wir zu dem Herde
kommen Die Hauptmännin sagt was wir an Essen gebrauchen muss Euch das Fähnlein
liefern Du lieber Himmel es wird wohl dürftig sein aber ich wills Euch schon
zurichten«
»Um das Geld sorgen wir nicht« antwortete Georg »auch mich haben sie nicht
ganz ausgeplündert und wenn ich in die Stadt hinuntergehe suche ich die
Arbeiter«
»Wenn Ihr geht und es Euch nicht uneben ist« bat Anna »so nehmt mich mit
damit das Gesindlein sieht dass ich zu Euch gehöre sie werden dann eher Scheu
haben wenn ich einmal allein unter sie treten muss«
»Es ist also Euer Wille zu mir zu gehören« fragte Georg »Und wofür sollen
die Leute Euch halten«
»Nun da Ihr hier Fähnrich geworden seid bin ich doch die Frau Fähnrichin«
antwortete Anna und stach heftig in das Wams
»Das ist richtig« sagte er
»Ist der Herd das erste« fuhr Anna fort um ihn von seinen Gedanken
abzuziehen »so ist eine Mausefalle das nächste Die Hauptmännin sagt dass die
Buben vom Tross darin großes Geschick haben Die Falle aber ist dringend denn
das Mäusevolk rennt hier unverschämt wahrscheinlich weil es nichts zu knuspern
findet wobei es stillsitzen könnte Heut nacht habe ich mich entsetzt als ich
sah dass eine ganz frech über Euch weglief«
Georg sprang auf »Jungfer Anna ich weiß jemand der zur Nacht an meinem
Lager war und der mir auch die warme Decke übergelegt hat«
Anna ließ erschrocken das Wams auf die Erde fallen Aber im nächsten
Augenblick lag sie an seinem Halse und klagte mit bebender Stimme »Armer wilder
Georg«
»Anna mein geliebtes Weib« rief er sie umschlingend Sie weinte still an
seinem Herzen er hielt sie fest und wollte sie küssen doch wie gestern glitt
sie an ihm nieder und sah mit gefalteten Händen zu ihm auf »Ihr seid mein und
ich bin Euer« sprach sie leise »aber übt Nachsicht gegen mich mir graut vor
der Zuchtlosigkeit die mich in Eure Arme geworfen hat wenn ich sehe wie die
es hier treiben die zusammengehören so erscheint mir alles wie Sünde und
Frevel und wenn Ihr mich mit feurigen Augen küsst so fühle ich bittere Angst
über unser Elend Duldet mich Herzensjunge wie ich bin ich will Euch dienen
und für Euch sorgen bei Tag und Nacht«
Georg hob die Kniende zu sich herauf »Und was soll zuletzt aus uns beiden
werden Anna«
»Ich weiß es nicht« antwortete sie tonlos und in ihrem Blick fand er
wieder die Angst die ihn gestern erschreckt hatte Er ließ sie los und setzte
sich auf den Schemel »Das wird eine Ehe wie im Himmel« sagte er gutherzig und
trommelte auf dem Tische
Anna stand abgewandt und zog an den Falten ihres Kleides Nach einer Weile
kauerte sie hinter ihm an dem Schemel nieder und er vernahm ihr Flüstern an
seinem Ohr »Gedenkt an den Garten Dort stand ich und sah täglich wie die Rose
wuchs Mit der Zeit wurde sie größer und als die roten Blätter aus der Hülle
brachen da kamt Ihr zu mir Und jetzt « Sie schob ihm mit der Hand die Locke
vom Ohr doch sie schämte sich zu sprechen was sie meinte und barg ihr
Antlitz am Schemel Er aber gewann neues Leben aus ihren Worten und fuhr
fröhlich fort »Und jetzt Jungfer Anna da Ihr meint dass die Rose wieder
aufblühen wird will ich Euch als ein wackerer Knabe auch sagen was ich denke«
und er sang »Da das Röslein blühte zum ersten Male kam ich zu ihr wenn es
wieder blüht zum andern Male kommt sie zu mir« Anna saß noch hinter dem
Schemel und barg ihre Wange an der Lehne er aber hielt ihr seine Rechte hin
»Traut mir liebe Jungfer Anna hier gelobe ich ich will Euren Sinn ehren« Da
ergriff sie die Hand ihres Herrn und küsste sie Darauf setzte sie sich still auf
die Bank und fasste die Nähterei aufs neue an »Darf ich noch ein Drittes sagen
Herr« fragte sie nach einer Weile
»Ja« rief Georg »Jetzt höre ich Euch vergnügt zu denn jetzt weiß man
doch wie man daran ist Also was hat die Frau Fähnrichin zu wünschen«
»Du liebes Leben zu wünschen wäre viel Aber das dritte was gleich nach
dem Herde kommen sollte ist dieses Ihr müsst unsere Brautzeugen zu einer
kleinen Gasterei oder Kollation auffordern Vor allen andern jedoch die Frau
Hauptmännin Das muss sein damit die Ehe bestätigt und ihnen lieb werde«
»Ihr habt recht« sagte Georg »aber worauf einladen Küche und Keller sind
nicht vorhanden und wären sie zur Hand so würden sie leer sein«
»Sagt ihnen nur in Eurer lustigen Weise dass Ihr sie einladen wollt und dass
Ihr auch etwas daranzuwenden habt so werden sie Euch schon allerlei Gutes
nachweisen denn bei solcher Gelegenheit werden die Leute erfinderisch«
Als Georg dem Hauptmann den Morgengruß bot rief ihm dieser entgegen »Der
Forderung des Ordenspflegers bin ich zuvorgekommen ich habe in der Frühe zwei
von den Alten als Botschaft zu ihm gesandt damit er wisse dass unser Fähnlein
Euch aufgenommen hat und dass die Jungfrau unter der Fahne Euer Eheweib geworden
sei«
»Wie wird der Arge das ertragen« fragte der Fähnrich finster
»Er wird gute Miene machen und seinen Grimm still bewahren« antwortete der
Hauptmann »denn Eure Rede über den Hochmeister hat das Junkervolk in Verwirrung
gebracht und ich denke sie brauchen uns nötiger als wir sie«
In dieser Weise wurden die jungen Gatten wenigstens für die nächste Zeit
einer Gefahr enthoben
Auch der kluge Rat welchen Anna erteilt hatte erwies sich als heilsam Der
Hauptmann und seine Frau ließ sich nicht nehmen die neuen Würdenträger bei
ihrem ersten Besuche in der Stadt zu geleiten und diese Einführung war nicht
unnütz denn die Neulinge wurden mit großen Augen betrachtet und wenn Anna auch
bemerkte dass Georg den Männern und Weibern ganz wohl gefiel und in seiner
sorglosen Keckheit überall gut Bescheid zu geben wusste so war das doch bei ihr
selbst weniger der Fall ihr zog sich das Herz zusammen vor der Roheit und
Unsitte welche sich so dreist auf den Straßen darbot und sie vernahm zuweilen
hinter sich freche Nachrede von wüsten Gesellen und Dirnen Zu besonderem Kummer
gereichte ihr als sie ein Kleid aus ihrem eigenen Reisebündel auf fremdem Leibe
über die Gasse laufen sah und sie fühlte sich bitterlich gedemütigt wenn die
Hauptmännin aufforderte vor der Dirne eines einflussreichen Doppelsöldners
stehenzubleiben und mit dieser freundlichen Gruß zu tauschen »Die armen Dinger
sind nicht wie wir« erklärte die gebietende Frau »aber sie haben ein mühsames
Leben und manche von ihnen hätte ein besseres Schicksal verdient« Dennoch
schaffte der Gang den ersehnten Herd denn in einem Winkel der Stadt fand sich
im leeren Hause zwischen einem großen Hauf Scherben ein alter Töpfer dessen
Lebensmut zerbrochen war wie seine Ware Als dieser später mit Anna im Turm eine
vertrauliche Unterredung gehabt hatte erklärte er sich zu jeder Leistung
bereit und es machte sich dass er an einem dunklen Abend sogar das nötigste
Kochgeschirr aus der Tiefe seines Scherbenhaufens auf den neuen Herd lieferte
Auch der Kriegszug gegen die Mäuse wurde durch einige braune fingergewandte
Buben auf der Stelle mit gutem Erfolge eröffnet Vollends die Einladung zu einer
Kollation fand bei allen Würdenträgern des Fähnleins günstige Aufnahme Wuz der
Lokumtenens schenkte als Angebinde in die junge Wirtschaft Tische und Stühle
die er wie sich später ergab einer Kammer des Ratauses entführte und der
Hauptmann erbot sich ein Fässlein guten Weines gegen gutes Geld zu beschaffen
Anna hegte den Verdacht dass er es einem Winkel des Schlosskellers entob in
welchem der Schatz vor den Luchsaugen der Knechte verborgen lag Auch die
Hauptmännin versprach der Jungen Frau jede Hilfe in der Küche und als Anna sich
eines Nachmittags aus der Schlosspforte ins Freie wagte sah sie Buben der Bande
mit einem Korb Hühner vom Lande her dem Schloss zuziehen und als sie die
Knaben ausfragte ergab sich dass diese auf Befehl einen Beutezug in den Dörfern
der Umgegend unternommen hatten Da geriet für einige Stunden das ganze Fest in
Gefahr zu scheitern denn Anna kränkte sich so tief über den unredlichen Erwerb
der Mahlzeit dass Georg ins Mittel treten und die wohlgemeinte Gabe ablehnen
musste weil jedes Hochzeitsmahl Unglück verheisse wenn es nicht um Geld erworben
sei Trotz dieser Störung verlief die Kollation besser als Anna gehofft hatte
die Hauptmännin erschien in einem prächtigen Gewande mit Federn auf dem Hute
und die Landsknechte saßen ihrer Würde froh mit steifer Förmlichkeit am
Tische bis der Wein ihnen die Zunge löste Aber obwohl sie weniger laut wurden
als sonst und Flüche und rohe Reden nach Möglichkeit vermieden weil sie sich
durch die vornehme Haltung der beiden Wirte beengt fühlten so waren sie doch
eben darum sehr erbaut von den neuen Bekannten und Wuz ein alter Knabe der in
Stürmen und Streiten fast ein halbes Jahrhundert ausgehalten hatte wollte beim
Abschiede Annas Hand gar nicht loslassen und versicherte ein Mal über das
andere dass sie niemandem ähnlicher sehe als seiner Mutter Der Hauptmann aber
stolz auf seine neuen Zugehörigen erbot sich gegen Anna Erkundigungen nach
ihrem Vater einzuziehen weil er am nächsten Tage das Lager des polnischen
Haufens besuchen musste um mit Hauptmann Heinzelmann Streitigkeiten
auszugleichen wegen der Grenzen in denen das Fähnlein beuten durfte Und als
Anna ihn bat ein Brieflein an ihren Vater mitzunehmen und sich wegen des
Lösegeldes zu erkundigen versprach er auch dies
Am andern Tage legte Georg der das Heiligtum des Haufens die Fahne nicht
auf längere Zeit verlassen durfte dem Hauptmann zwei Briefe an das Herz Der
eine war an Herzog Albrecht worin er den Herrn um Schutz bat auch einige
vorsichtige Andeutungen über die abenteuerliche Lage des Fähnleins beifügte der
zweite aber war an seinen Vater In diesem berichtete er sein Schicksal und wie
er dazu gekommen sei Anna zu seiner Frau zu machen er entschuldigte den
schnellen Entschluss flehte um den Segen für die Ehe und dass der Vater von ihm
in seiner bedrängten Lage nicht die Hand abziehen möge Er bat den Landsknecht
beim Abschiede dringend die Briefe in der Stadt welche die Polen besetzt
hielten an einen Kaufmann abzugeben den er von der Handlung her als
zuverlässigen Mann kannte Der Hauptmann betrachtete die Briefe mit schlauer
Miene indem er das Beste versprach und Georg sah dem Abreitenden vom Tore noch
lange traurig nach Denn erst jetzt wo er seine Lage dem Vater berichten musste
fiel ihm die Not in der Fremde schwer auf das Herz und er wurde sehr unsicher
wie sein Vater die unwillkommene Kunde aufnehmen werde Diese Sorge hätte er
sich ersparen können denn als Hans eine Wegstrecke geritten war nahm er die
drei Briefe der Fähnrichfamilie hervor und besah sie da er des Lesens unkundig
war argwöhnisch aufs neue von der Außenseite Endlich beschloss er so redlich
zu sein als irgend möglich und wenigstens der Frau seinen ritterlichen Dienst
nicht zu versagen Die Briefe des Fähnrichs aber behielt er in der Hand bis er
in einem alten einsamen Birnbaum hoch über dem Boden ein Loch entdeckte Dort
verbarg er sie weil ihm unschicklich schien die mühsame Arbeit eines guten
Gesellen zu vernichten und weil er doch von Besorgung der Briefe Unheil für sich
und das Fähnlein erwartete Denn seine Hauptmannschaft und der gegenwärtige
Zustand waren ihm gerade recht und er fürchtete durch das Papier die Fahne und
den Fähnrich auf den er bereits große Stücke hielt in irgendeiner Weise zu
verlieren
In dem wilden Baume verfielen die Briefe welche das Schicksal Georgs und
Annas zum Bessern wenden sollten dem kleinen Tross der braunen Heide die
Spinnen und Käfer krochen neugierig hinein die Fledermaus nagte daran und
zuletzt kam das Eichhorn und benutzte sie bei seinem Wochenbett
Als Hans zurückkehrte begrüßte er im Turme die Frau Fähnrich welche am
Herde kochte er setzte sich nieder und sah sie mit seinem schlausten Blick an
während sie mit gefalteten Händen und unsäglicher Angst vor ihm stand »Könnt
Ihr mir etwas Gutes erweisen so tut es« begann er auf den Topf zeigend »denn
auch ich bringe gute Nachricht Ein kleiner alter Herr mit scharfen Augen und
heller Stimme ist er das«
»Mein Vater« rief Anna
»Seinem Zeichen nach ein Koch mit einer langen Fleischerschürze welcher
Arme Ritter buk« fuhr Hans prüfend fort
»Das ist der Vater nicht« seufzte Anna
»Mit seinem Namen heißt er Magister Fabricius« schloss Hans siegreich
Die Tochter umklammerte mit beiden Händen die große Faust des Landsknechts
»Aber der Vater in der Küche« klagte sie
»Er ist Koch weil er zu den Waffen nicht tauglich ist was konnte ihm
Besseres begegnen Ein kleiner behender Kerl er ist ganz munter in seiner Art
und sie behandeln ihn gut Ihr sagt ganz richtig dass er schwach in der Küche
ist aber dafür versteht er zu lesen besser als ein Ratsschreiber Er ist bei
ihnen Koch Schreiber und Leser« Hans schüttelte den Kopf und lachte »Ich habe
dort neuen Brauch erlebt der seither unter den freien Knechten unerhört war
die Alten sitzen abends bei Lichte im Haufen er in der Mitte und er liest vor
ihnen so dass sie alle zuhören und zuweilen sogar ihr Karnöffelspiel vergessen
Auch mich haben sie aufgefordert anzuhören und um Euretwillen fügte ich mich
in die Sitte und vernahm wie Euer Vater von einem Bettelmönche las welcher für
sein Kloster sammeln wollte und zu einem Bauer kam Der Bauer nahm ihn auch auf
gab ihm aber keine Eier und keinen Käse sondern setzte ihm scharf zu mit
subtilen Worten indem er ihm die Nichtswürdigkeit seines Lebens und der ganzen
Pfaffenwirtschaft vorhielt so dass der Kopf des Mönches dick und rot wurde Was
der Bauer nach den Reden Eures Vaters über die Pfaffen zu klagen wusste ist gar
nicht wiederzusagen Aber es ist alles wahr und die Gesellen dort drüben hatten
dieselbe Meinung« Und leiser fügte er hinzu »Zuletzt fing Euer Vater auch noch
an aus eigenem Kopfe zu reden und ermahnte meine Kameraden mit hohen Worten
dass sie sich allerlei Unzucht abgewöhnen möchten Manche lachten andere hörten
ihm zu weil man merkte dass ers ehrlich meinte Ich denke es wird nicht viel
nützen denn es sind Teufelskrabben unter ihnen welche die andern anstiften
Doch muss ich sagen Euer Alter gefiel mir nicht übel und ich fragte die
Knechte welches Lösegeld sie von ihm hofften Aber sie waren ganz eingebildet
auf seine Leserei und wollten ihn ungern missen Nur ein Schreiben habe ich
mitgebracht das er mir heimlich bei meinem Abgang zusteckte« Er zog ein
zusammengelegtes Papier heraus und legte seine Hände darauf Anna fasste wieder
flehend die Hand »Haltet an Weiblein« sagte der Landsknecht »so schnell geht
das nicht es könnte etwas darin stehen was unserer Bruderschaft schädlich
wäre Denn wenn die drüben auch im ganzen sich gewissenhaft halten es sind doch
Feinde und ich weiß nicht wie ich Euch Macht über den Brief geben soll Kommt
herbei Jörge ich will Eurem Schwur trauen wenn Ihr mit hineinseht und mich
versichert dass sie jedes Wort so vorträgt wie es geschrieben steht«
»Wenn Anna das will« versetzte Georg
»Tretet heran« rief Anna hastig und öffnete den Brief Liebe Tochter
meinen besten Gruß zuvor In der Hoffnung dass Herr Hans Landsknecht dies
Brieflein an dich abgeben wird schreibe ich Dir mit der nötigen Vorsicht aus
meinem Gefängnis in der Höhle der Zyklopen
»Er meint die schwarze Küche« erklärte Hans
Liebes Kind was Du mir über Dich und meinen lieben Sohn Regulus schreibst
das erlöst mich von der unablässigen Angst welche ich bei Tag und Nacht
Deinetwegen in mir herumgetragen habe Freilich bereitet es auch Kummer von
anderer Art doch dieser ist erträglicher und geht zum größten Teil die Zukunft
an Geliebte Kinder ich sende Euch beiden meinen väterlichen Segen aus
gerührtem Herzen und ich hoffe was etwa noch an der Form und Ordnung fehlt
wird sich später nachholen lassen zumal wenn auch mein Sohn Georg bei seiner
Freundschaft das Nötige tut Diesem vertraue ich gänzlich wegen Deines künftigen
Glückes Liebes Kind um mich sollst Du Dir keinerlei Kummer machen denn Pan
Stibor der hiesige Kastellan ist nicht ganz ohne lateinische Zucht und ich
darf auf seinen Schutz hoffen sowohl wegen seiner Wissenschaft als auch weil
er mich beim Lesen und Konzipieren der lateinischen Briefe verwendet Und
obgleich die Polnischen mir nicht zugeben wollen dass ich widerrechtlich in Haft
gehalten werde weil sie nämlich auf die deutschen Städte und vorab auf die
Torner sehr zornig sind so merke ich doch dass sie sich heimlich meinetwegen
in ihrem Gewissen bedrückt fühlen und ich hoffe sie werden mich zuletzt noch
freigeben oder doch wenigstens gegen Gelöbnis der Wiederkehr entlassen damit
ich mich in Danzig nach einem mäßigen Lösegeld umtue Auch tröstet mich dass die
Leute hier von den Auguren keinerlei gute Meinung hegen Liebe Tochter lieber
Sohn ich bitte täglich den allmächtigen Gott Euch in seinem gnädigen Schutz zu
bewahren und bin mit Anwünschung eines besseren Schicksals für uns alle meiner
lieben Kinder getreuer Vater M Fabricius
Anna hielt den Brief lange in der Hand So harmlos und warmherzig fand sich
der Vater in die wilde Vermählung er ahnte nicht was ihr die Seele bedrückte
Und sie sagte zärtlich »Ach der liebe Vater er behält auch im Unglück sein
gutes Vertrauen zu aller Welt« Georg aber rief fröhlich »Gepriesen sei der
Herr Vater und bedankt für jedes Wort das er im guten von mir schrieb« Er
wandte sich zum Hauptmann der unterdes am Herde bei seiner Schüssel beschäftigt
war »Hat Euch nicht missfallen Hauptmann dass der Herr Magister dem fremden
Haufen vorlas so vermag die Fähnrichin ebensogut vor Euch zu lesen Denn ich
bewahre ein Büchlein welches noch besser ist als jenes dort drüben« Er holte
aus seinem Gewande den gefalteten Bogen welcher dem Magister so leidvoll
geworden war Hans erkannte Sonne und Mond Ochs und Esel und sagte erfreut »Es
ist richtig das ist ganz dieselbe Art aber wie getraut sich die junge Frau
damit fertig zu werden«
»Sie ist gelehrt wie ihr Vater« erklärte Georg mit unverhohlener
Bewunderung »und sie vermag alles noch viel schöner zu verkünden als er«
»Steht das so mit ihr« rief Hans erstaunt »dann lade auch ich die
Ansehnlichen des Haufens welche um das Schloss hausen zu einem Fass Bier und
Eure Frau soll vor diesen ihre Kunst erweisen wenn es ihr selbst genehm ist«
So machte sichs dass an einem der nächsten Tage Anna mit dem Büchlein in
der Halle des Hauses saß aus dem hohen Fenster fiel der Lichtstrahl auf ihr
Haupt und die bedruckten Blätter Hinter ihr stand Georg mit der Fahne um sie
herum saßen und kauerten Weiber des Haufens weiter ab die wilden Gestalten der
Männer viele ihre Trinkgläser neben sich Vorn auf einem Sessel der sonst dem
Bürgermeister gedient hatte dehnte sich Hans sein großes Schlachtschwert
zwischen den Beinen
Bevor Anna begann sprach sie zu Georg »Sagt ihnen Herr was es ist das
sie hören wollen« Und Georg musste erklären »Was die Jungfrau aus dem Buche
lesen wird ist die Botschaft von der Geburt des Herrn wie sie wahrhaft von
seinen Schülern verzeichnet worden ist Sie ist jetzt ganz neu in unserer
Sprache ans Licht gebracht und soll eine Grundlage unseres Glaubens sein darum
ist es gut dass wir alles vernehmen und wissen«
Und Anna begann mit ihrer wohltönenden Stimme langsam und laut sie selbst
in ehrlicher Andacht so dass mancher narbige Sünder welcher sie ansah sich der
Frau unter der Fahne freute
Sie las von der Geburt des Kindes von den Weisen aus dem Morgenlande und
von dem argen König Herodes Neugierig und mit vorgebeugten Hälsen hörten die
verlorenen Kinder zum erstenmal in verständlichen Worten die ihnen wie ein Lied
klangen den Bericht von dem sie in der Kinderzeit eine undeutliche Kunde
vernommen hatten Als Anna nachdrücklich aussprach wie der Herr heißen sollte
nahm Hans feierlich seinen Hut ab und seine Getreuen folgten dem Beispiel und
als sie nach dem Besuch der Weisen einen Augenblick innehielt erhob sich zu
aller Erstaunen Wuz der sonst schweigsam das Seine tat und rief tief
begeistert »Ja alles war so wie es hier gelesen wird denn liebe Gesellen
ich selbst war auch dabei als einer von den drei Königen Ich war noch
halbwüchsig und wir trugen an einer Stange den Stern der sich drehte wenn man
einen Faden zog einer aber von den dreien muss schwarz gewesen sein denn ich
war der Schwarze Und auch das übrige Ochs und Eselein ist wahrhaft denn es
war viel davon die Rede wie wir von Haus zu Haus zogen und Eier einsammelten«
»Die wirklichen Könige aber haben nicht genommen sondern gebracht«
erklärte Hans um den Aufgeregten zu beschwichtigen »und sie haben als Könige
auch nicht Eier geboten sondern wie sich gebührt Gold und kostbares Gewürz
womit man den Wein bessert«
Doch Wuz ließ sich nicht abweisen »Alles andere aber ist so wie es im
Buche steht und wie diese drei heiligen Könige aus der Gesellschaft gingen so
grüßten sie höflich und sagten Wir wünschen dem Herrn einen goldenen Tisch an
jeder Ecke einen gebratenen Fisch Das war damals als meine Mutter noch lebte«
und er setzte sich schnell wieder hin Als aber weiterhin König Herodes seine
Rache übte und die unschuldigen Kindlein umbringen ließ ergriff die Unruhe auch
die Weiber sie seufzten einige hoben die Hände und man vernahm den Ruf »Was
haben die armen Kinder verschuldet Der Bösewicht« Und Hans spuckte verächtlich
aus und rief mit mächtiger Stimme »Dieser König Herodes war zu seiner Zeit ein
Mistfink Ich denke bei solchem Morde hat sich kein redlicher Landsknecht
gebrauchen lassen«
Zuletzt erhob sich Anna und sprach ein kurzes Gebet Da standen auch die
Zuhörer auf die Männer entblößten die Häupter wie in der Kirche und alle
gingen vergnügt auseinander
Dem Hauptmann aber war bestimmt dass er noch weiter für die Erbauung des
Fähnleins sorgen sollte auch wo er selbst ganz andere Unterhaltung
beabsichtigte Wenige Tage nach der Vorlesung zog er mit einem Teil der Bande zu
Pferde aus dem Schloss ohne seinem Fähnrich vorher eine Mitteilung über den
Zweck der Reise zu machen Denn er dachte wohl an das Versprechen das er
gegeben die Fahne von Geschäften zweifelhafter Art fernzuhalten Zu diesen
Unternehmungen gehörte der Ausguck an der Weichsel auf vorüberfahrende Kähne und
der unregelmässige Zoll welcher von diesen erhoben wurde War auch seit dem
Frieden größere Mäßigung nötig geworden und ein Ausrauben der Ladungen nicht
mehr ratsam so hielt doch Hans ebensogut wie die Polen darauf einen kleinen
Anteil als Steuer zu erheben und er gedachte damit fortzufahren bis die Klagen
der Geschädigten übermächtig würden Diesmal fand er an dem Ladeplatz nur
geringe Beute ein Fahrzeug welches mit Ballast stromauf fuhr und in dem Kahn
einen einzelnen Reisenden den das Unglück in der letzten Zeit hart verfolgt
hatte Es war der kleine Buchführer von Torn
Hannus der sich auf dem Deck sorglos über seine Kiste gebeugt hatte hob
erschrocken das Haupt ihn umgaben wilde Gestalten mit gezückten Waffen und rote
Gesichter mit wütenden Augen beugten sich über seinen Kram »Wer bist du und was
führst du« rief der Hauptmann ihn an der Brust packend
»Ich bin Hannus der Buchführer von Torn«
»Was birgt er in der Tasche« fragte Hans Stehfest einen Genossen
»Leer wie eine Kirche« versetzte Wuz
»Hebt den Kasten auf und schüttet aus« Der Deckel krachte die Bücher
kollerten auf die Planken der Landsknecht störte mit seiner Hellebarde in dem
Haufen dass eine Anzahl Bücher in das Wasser fiel Hannus sah die Holzbände aus
der Flut auftauchen und vermochte einen Schrei nicht zu unterdrücken »Die
Adagia des Herrn Erasmus«
Dem Landsknecht tat der Schmerzensruf leid darum entschuldigte er sich
indem er den kleinen Mann anherrschte »Untersteh dich nicht zu winseln Danke
den Heiligen wenn es welche gibt die um deinesgleichen sorgen dass wir dich
nicht in das kalte Bad tauchen wohin deine Ware schwimmt denn du hast uns
betrogen«
Hannus erhob flehend die Hände
»Wir haben Besseres von deinem Kasten erwartet und du hast uns in unnütze
Mühe gebracht Doch halt Antworte mir wenn du deine heile Haut liebst
wahrhaft auf eine Frage« Er stampfte mit der Hellebarde vor ihm auf die Planke
»Führst du unter deinen Büchern auch solche in denen von allerlei die Rede ist
was sie die neue Lehre der Wittenberger nennen von Mönchen mit Eiern und von
dem König Herodes und dergleichen«
Hannus sah furchtsam auf den wilden Mann er wusste nicht ob die Wahrheit
ihm zum Heil oder Verderben sein würde »Wir führen Altes und Neues« sagte er
endlich demütig
»So zeige mir das Neue« Der Buchführer kauerte nieder und bot einige
Büchlein dar
»Narr« schalt der Landsknecht »würde ich dich fragen wenn ichs selbst
lesen wollte Was ist dieses Hier erkenne ich einen Mönch mit einem Katzenkopf
und einen Bauer« Er wies es seinen Gefährten »So ungefähr sah das aus was die
drüben in der Küche bewahrten Und liest denen dort der Magister Fabricius so
soll uns dieses seine Tochter lesen«
Hannus horchte hoch auf aber er fürchtete sich zu fragen und in der
Zerstreuung nahm er ein größeres und hielt es dem Hauptmann hin
»Dies ist dicker und größer als das welches die drüben haben« entschied
der Landsknecht zufrieden »Um dieses Buch pfände ich dich deine andere Ware
magst du behalten« Er wandte sich zum Abgange
Hannus fasste ein Herz und rief dem Landsknecht nach »Nehmt eine Frage nicht
für ungut Ihr spracht von einer Tochter des Magisters welche bei Euch weilt
heißt sie mit Namen Anna welche ehedem in Torn war«
»Wohl möglich dass es dieselbe ist« versetzte der Hauptmann
»Das arme Kind« seufzte Hannus
»Ihr braucht nicht groß um sie zu klagen« sagte der Landsknecht zornig
»sie hat es so gut wie das beste unserer Weiber Der Fähnrich Görge selber sorgt
für sie«
»Barmherziger Gott« klagte Hannus wieder »Wollt Ihr mir noch sagen wo der
Vater ist«
»Den halten die Polen dort hinten gefangen bis er Lösegeld zahlt« Hans
Stehfest hielt bei der Leiter an »Sieh zu Wuz ob die Luft rein ist«
»Nichts zu sehen und zu hören« antwortete der Genosse
»Man hat Beispiele« fuhr der Hauptmann fort »dass es Unglück bringt fromme
Bücher ohne Entgelt zu gewinnen Matz Rotkopf der einem Pfaffen sein Brevier
abgenommen hatte plumpte in der nächsten Nacht vom Fusswege in den Sumpf und
als ich acht Tage darauf des Weges kam sah ich verwundert ein Büschel rotes
Gras im Moder bis ich erkannte dass es sein Haarschopf war die arme Seele aber
war irgendwohin gefahren« Er griff in seine Tasche und brachte mit Mühe kleine
Silbermünzen ans Tageslicht
»Merkt auf Männlein wir wollen als redliche Knechte Euch Gelegenheit
geben Geld zu verdienen« Er warf das Buch auf die umgestürzte Kiste »Kommt
heran Ihr setzt das Buch ich setze dagegen mein Silber und wir würfeln
darum«
Hannus vernahm erschrocken die neue Zumutung »Und sie würfelten um seine
Kleider« murmelte er »behaltet das Buch lieber so«
»Ich will aber nicht« rief der Landsknecht und stampfte mit der Hellebarde
auf »Hat einer von euch Würfel Nicht deine Schelmbeine Wenzel er soll
ehrliches Spiel haben« Er legte die Würfel welche ihm Wuz reichte auf die
Kiste »Frisch Kleiner und sperrt Euch nicht wir haben keine Zeit«
Hannus warf mit zitternder Hand
»Daus und vier ist wenig« sprach der Hauptmann die Würfel in seiner großen
Hand schüttelnd Er schwenkte sie auf das Holz »Fünf und sechs Ihr habt
verloren Geld und Buch sind mein Alles ist mit rechten Dingen zugegangen und
ich hoffe Ihr seid jetzt zufrieden Denn selbst der Kaiser darf sich nicht
beklagen wenn die Würfel gegen ihn fallen« Und auf die schwimmenden Blätter
weisend schloss er gnädig »Fische auf Wuz was du erreichen kannst damit das
Männlein durch uns in nichts zu Schaden kommt«
Hannus empfing dankend einige triefende Bücher »Er ist ganz vergnügt«
sagte der Landsknecht zu seinen Begleitern »Fahrt wohl Torner und sagt Euren
Stadtleuten wir hoffen bald einmal an sie zu kommen und sie sollen ungünstige
Gäste in uns finden wenn sie in ihren Kisten nichts Besseres bewahren als Ihr
mit Euch führt«
Als die Rücken der Knechte hinter dem hohen Uferrand verschwunden waren und
die Schiffer schreiend und fluchend den Kahn wieder in Bewegung setzten verließ
Hannus seinen Kram schlüpfte unter das Bretterdeck und fühlte in der Dämmerung
nach dem Ritz in welchem er einen schmalen Geldbeutel verborgen hatte
Aber auch da er beruhigt wieder auf das Deck kam den Mönch mit dem
Katzenkopf in die Kiste packte und die durchnässten Bücher zum Trocknen
ausbreitete war er nicht mit ganzer Seele bei dem Werk er seufzte schüttelte
den Kopf und suchte einen Ausblick auf das Land zu gewinnen als vermöchte er
den Magister und sein Kind an dem schwarzen Waldsaum zu entdecken welcher auf
beiden Seiten des Stromes die Ebene begrenzte
Als der Hauptmann heimgekehrt war fand er Anna auf der Außenseite des
Schlosses hinter einem Strauch wilder Rosen der wegen seiner krummen Stacheln
dem Schicksal entgangen war an den Kochtöpfen der Landsknechte verbrannt zu
werden Sie war von den Kindern des Trosses umringt der Garde welche sie sich
zum Schutz in dem wilden Lager abgerichtet hatte Wie Kletten hingen ihr die
Kleinen den ganzen Tag an auch jetzt lagerte der Haufe blauäugig rotbäckig
mit brauner Haut und hellen Haaren um sie herum die jüngsten spielten vor
ihren Füßen im Sande und verfertigten unermüdlich kleine Backöfen während ihre
Väter die großen einschlugen einige ältere Mädchen saßen dicht bei ihr eifrig
mit der Nadel beschäftigt Denn diese Kunst wurde nächst der des Kochlöffels von
Männern und Frauen des Haufens am meisten geehrt weil in dem scharfen und
stachlichen Treiben Wämser und Röcklein unablässig zerrissen Sie aber schalt
gerade den Purzel einen kleinen Bösewicht welcher einen andern noch kleineren
Strolch von hinten beim Hemd gepackt und zerhämmert hatte Hans winkte ihr
sitzenzubleiben und legte feierlich das erbeutete Buch in ihren Schoss »Ihr
mögt es ruhig behalten« sagte er über das ganze Gesicht lachend »es ist um
seiner Heiligkeit willen ganz redlich gewonnen«
Anna sah auf den Titel »Eine schöne nützliche Erklärung der zehn Gebote«
Da erhob sie sich schnell »Und Ihr seid es Herr der dies Buch in meine Hände
legt Ach Ihr wisst nicht Hauptmann wie groß die Freude ist dir Ihr mir
bereitet Dies ist ein sehr heilsames Buch und es ist von dem großen Doktor in
Wittenberg selbst geschrieben«
»Wenn diese neue Geschichte von dem starken Mann zu Wittenberg ist so mag
sie dem Haufen wohl frommen« nickte Hans erfreut durch ihre Dankbarkeit »Und
ich denke Ihr sollt es vorlesen Denn aus dieser Stadt ist der Pfaffe entwichen
und die Knechte leben gottlos dahin Ihr könnt statt des Pfaffen meine Knaben
ein wenig an die Hölle mahnen vielleicht gehorchen sie dann um so williger«
In dieser Weise geschah es dass Anna denen welche zuhören wollten aufs
neue an einem Sonntagmorgen in dem Saale vorlas Sie selbst kannte das Buch aus
dem lateinischen Text den der Vater ihr gelesen hatte sie wählte mit Klugheit
aus was ihren Zuhörern verständlich und am nötigsten war und wagte auch
fromme Bitten hinzuzufügen Es wurde ein seltsamer Gottesdienst denn die
Bierkrüglein fehlten nicht und die Andacht der Gemeinde ließ zu wünschen übrig
Aber der ernste Inhalt welchem auch die Rohen eine widerwillige Achtung nicht
versagten gewann ihr doch die Aufmerksamkeit und mehr noch als der Inhalt ihr
eigenes Wesen denn gehoben und glücklich über ihr frommes Amt saß die Jungfrau
dem Haufen gegenüber und die klangvolle Stimme welche aus bewegter Brust in
die Seelen drang übte auf solche welche hoher Lehre ungewohnt waren einen
Zauber dem sie sich im Augenblicke nicht entziehen konnten
Aber leider Auf die Länge vermochte Annas Begeisterung ihre Hörer nicht bei
der neuen Lehre festzuhalten Vom Anfang war ein Teil der Knechte aufsässig
gegen das Pfaffenwerk gewesen Peter Meffert fluchte auf seinem Lager über den
Unsinn welcher den Brüdern das Mark aus ihren Knochen ziehe und seine
Lagergenossin Jutta höhnte Anna hinter ihrem Rücken als alberne Pfarrköchin
auch Bruder Veit erwies geringe Andacht er blieb in kurzem aus der Versammlung
weg setzte sich am Sonntagmorgen mit seinem Trinkkrug und gespreizten Beinen in
die Schlosstür und verlockte junge Gesellen mit ihm ein Schelmlied zu singen
welches die Aufmerksamkeit der Hörer in dem Saale bedenklich störte Sogar Hans
wurde zweifelhaft und mit ihm die alten Doppelsöldner denn die Lehren des
Buches gefährdeten die Einigkeit in der Bruderschaft Einige nahmen sich zu
Herzen dass ihnen geboten wurde sie sollten nicht fremdes Gut begehren der
stille Wuz geriet in einen schweren Handel weil er einem Bruder sein
gotteslästerliches Fluchen verwies und es ereignete sich dass eine Rotte
welche auf Beute in das Land geschickt war beim Wegtreiben des Viehes uneinig
wurde weil die Mehrzahl den flehenden Dorfweibern eine Milchkuh zurückließ so
dass Veit in hellem Zorne die Kuh vor ihren Augen erstach Deshalb erhob eines
Abends im Rat der Vornehmen Benz Streitenberg den alle mit Achtung hörten ein
schweres Bedenken »Es ist ein neues Abenteuer unter uns gekommen welches man
das Lesen der Büchlein nennt und es hat sich in der Bruderschaft deshalb
allerlei Zwist erhoben Es gibt mehr Rauferei als sonst und wir haben Mühe die
Zornigen zu vertragen Nicht wenige fangen an um jenes Leben zu sorgen und
verlieren die Freudigkeit für diesen Stand Ich sage nichts gegen das Weib
welches als Lesemeisterin bestellt ist obgleich man von dieser Ordnung unter
uns niemalen und nirgend gehört hat und ich sage auch nichts gegen die neue
Verkündigung welche für solche die an ihrem Samtwams einen runden Geldbeutel
tragen ganz heilsam sein mag Aber ich halte für schädlich wenn die Knechte
mehr um die Gnade sorgen als wie sie sich und dem Tross den leeren Magen
füllen«
Sogleich fielen ihm mehrere mit lautem Rufe bei und ein andrer Landfahrer
sprach »Auch ich meine dass Unfug aus dem Neuen kommt denn seither wenn
jemand zuviel auf sein Gewissen geladen hatte wandte er einiges Geld an die
Pfaffen oder kaufte einen Zettel und ging rein gewaschen von dannen jetzt soll
er jammern und die Hände aufheben welches einem Kriegsmann übel ansteht und er
soll auch vieles meiden was er gern tut Es wird uns gelesen von zehn Geboten
die wir halten sollen wir aber vermögen kaum eins zu beachten und darum meine
ich dass der neue Glaube für uns ganz verwerflich ist«
Hans saß verlegen bei solchem Angriff dessen Wahrheit ihm selber
einleuchtete und er versuchte die neue Einrichtung zu entschuldigen
»Bedenkt auch dies liebe Brüder und Gesellen es ist keinem von uns zu
verargen wenn er zuweilen daran denkt wohin seine Seele dereinst fahren wird
Darum meine ich dass wir dem Gewissen eines jeden freistellen müssen wie er
sich seine Zukunft herrichten will«
Und Wuz fiel ihm eifrig bei »Man sagt freilich dass einmal ein dummer
Dorfteufel vor dreien aus unserer Bruderschaft erschrocken ist als er unter der
Ofenhölle auf sie lauerte sie aber hatten einen schwarzen Hahn gebeutet und
hinter den Ofen gehängt und als sie untereinander sprachen wir wollen den
Schwarzen hinter dem Ofen schlachten meinte der Teufel dass ihn die Rede
anginge stieß eine Ofenkachel ein entwich und warnte seine Kumpane keinen von
uns aufzunehmen Aber obgleich es seitdem eine Rede ist dass kein Landsknecht in
die Hölle kommt weil die Teufel mit uns durchaus nicht auszukommen wissen so
ist solche Verkündigung doch unsicher und nicht für jeden tröstlich zumal uns
auch berichtet ist dass St Peter die Landsknechte gleichfalls nicht leiden mag
und ebenso vom Himmelstore zurückweist Wohin soll einer fahren wenn ihm alle
Unterkunft versagt wird Und ich fürchte wir haben keine Bürgschaft dafür dass
uns das Höllenfeuer erspart bleibt Darum bitte ich euch herzlich verachtet
nicht die Worte des Mannes welcher in die Welt gesetzt ist um uns das
Himmelstor aufzuschließen verlasst euch auch nicht auf die Pfaffen und
Bettelmönche der alten Lehre Von diesen kann uns niemals Hilfe kommen nur von
uns selber wenn wir wie in dem Buche verkündet wird uns redlich um die Gnade
bemühen«
»Was der Bruder sagt« begann der alte Benz wieder »hat guten Grund und
ich werde niemals raten dass wir Mönche und Pfaffen unter uns leiden darum aber
brauchen wir auch das Lesen der Büchlein nicht zu vertragen und ich mahne
unsern Hauptmann dass er die neue Sitte abstelle«
Dieser Rat gefiel der Mehrzahl und mit Betrübnis vernahm Anna die
Entscheidung
Aber dieser Kummer ging unter in einem größeren Wochen verliefen und um
das verwünschte Schloss in welchem die Liebenden zwischen den Stangen ungefüger
Riesen hausen mussten tobte der Kampf des Winters und des Frühlings Unterdes
war das öde Turmgelass durch Annas Kunst in eine leidliche Wohnung gewandelt
wenn der Nordwind an die Mauern schlug und ein kalter Regen herniederrauschte
verbreitete das Herdfeuer behagliche Wärme und malte die Wände mit rötlichem
Licht Auch Georg hatte gefunden was er lange gesucht einer von den Knechten
hatte ihm eine alte Laute überlassen sooft er neben Anna am Herde seine Lieder
sang glänzte sein Auge wieder fröhlich wie ehedem und der rosige Schein des
Glückes färbte seine Wangen Deshalb ermunterte sie ihn fleißig seine Kunst zu
üben aber ihr selbst wurde schwer in den Gesang einzustimmen und nur wenn er
sehr bat entschloss sie sich dazu Dann brachte nach einer Weile auch sie das
neue Buch hervor und begann zu lesen Georg legte still die Laute weg und hörte
zu er sah mit Bewunderung und heimlicher Sehnsucht in die edlen Züge ihres
Angesichts und wohl auch auf den runden Arm welchen sie beim Umwenden der
Blätter regte Wenn sie aber aufsah und ausrief »Das sind große Worte und eine
edle Verkündigung« dann nickte er zwar seine Zustimmung aber er bat versunken
in ihren Anblick »Liebe Jungfer legt Euer schönes Haar vorn über die
Schultern dass es Euch an den Wangen herunterläuft denn so steht es der Frau
Fähnrich am besten« dabei sah er sie wieder mit den heißen Augen an die sie
fürchtete Sie konnte ja nicht böse darüber sein dass sie ihm gefiel aber sie
merkte dass er lieber an die Kreatur dachte als an den Schöpfer und das wurde
ihr ängstlich Auch sagte er ihr das einmal geradezu als sie mit ihm aus der
Schlosspforte ins Freie trat um den jungen Frühling zu begrüßen Nach einem
warmen Regen bereitete sich über der Heide eine grüne Samtdecke kleine
Schmetterlinge waren aus den Gehäusen geschlüpft die Frösche begannen ihre
Chorgesänge und die Krähen flogen aus der Stadt zum Kiefernwalde In einer
Senkung des Bodens lag ein Weiher welcher von Buschwerk und lichtem Gehölz
eingefasst war dort hüpften und sangen die Vögel hinter dem dünnen Flor der
jungen Blätter »Sie sind da« sagte Georg herzlich »seid tausendmal gegrüßt«
Der Kuckuck rief »Es ist der erste Ruf« er fühlte in die Tasche »Im Beutel
ist etwas Geld wenn auch wenig Kuckuck von Heven wie lange soll Jungfer Anna
leben« Da antwortete der stolze Vogel nur einmal und nicht wieder und Georg
sah erschrocken auf die Geliebte als aber Anna für Georg dieselbe Frage tat da
geriet der Kuckuck in Eifer und wollte mit seinem Ruf kein Ende finden und Anna
lachte ihren Hausherrn an Georg aber sagte ärgerlich »Der Gauch ist ein
unholder Vogel und ich habe ihn nie gemocht denn er sitzt unter den andern wie
ein Pfaffe und weiß nichts zu schreien als Tu Buss viel lieber höre ich auf die
Nachtigall denn sie singt unablässig Lustig ihr lieben Leut ach wie ist es
schön in dieser Welt« Da merkte Anna wie Georg im stillen dachte und senkte
das Haupt
Ihr war es nicht zu verdenken wenn sie sich in der unsicheren Wildnis
unter den rohen Leuten fest an die Lehren des Buches hielt welches jetzt ihr
einziger Halt und Trost war Täglich las sie in der Einsamkeit und grübelte
darüber dabei fiel ihr vieles ein was sie in alter Zeit versehen hatte sie
wurde strenger in ihrem Urteil gegen sich selbst und betrübte sich immer mehr
über die Sünde die sie an andern sah Oft erwog sie kummervoll ihr Bündnis dem
noch der Segen des Priesters fehlte Auch mit Georg war sie zuweilen
unzufrieden Sie fand ganz recht dass er sich seines neuen Amtes kräftig annahm
Aber wie einem Fähnrich gebührte lebte er auch sorglos mit seinen Genossen und
ihr tat weh wenn sie aus dem Turmzimmer sein lautes Lachen im Hofe hörte und
dass er mit den Ungeschlachten in derben Scherzworten verkehrte Vollends am
Abend wo die Anführer im Trinkgelage zusammensassen fehlte Georg ungern Er
wusste wohl weshalb er nicht mit Anna allein zu Hause blieb Sie aber hörte von
ihrem einsamen Sitz den Lärm der Zecher sie unterschied zuweilen in dem Gesang
der vollen Brüder die Stimme ihres Herrn und lauschte ängstlich auf seinen
schweren Tritt wenn er spät nach Hause kam Als er einst am Morgen mit
schmerzendem Haupte am Herde saß und sie ihm zu sagen wagte »Schont Euch
lieber Junker mir tut es bitterlich leid wenn Ihr Euch mit den andern gemein
macht« da vernahm sie die Gegenrede »Ihr selbst wollt es nicht anders Jungfer
Anna« dass ihr die Tränen aus den Augen brachen und sie still hinausging
So legte sich ganz allmählich graue Asche über die Glut einer Leidenschaft
welcher die helle Flamme versagt war Georg betrat seinem Versprechen getreu
niemals den Oberstock des Turmes und die Leiter wurde am Abend immer zeitiger
heraufgezogen Auch bei Tage wenn beide einmal draußen vom Schlosswall auf die
grünende Landschaft schauten saßen sie voneinander getrennt sie hier er dort
so dass sogar Wuz welcher vorbeiging erkannte dass etwas nicht richtig war und
zu Georg sagte »Warum sitzt die Fähnrichin allein Wenn zwei zusammengehören
so gehören sie zusammen« Diesem Rat welcher viel mehr Weisheit enthielt als
Wuz ahnte stimmte Georg trübe zu Doch er blieb sitzen und Anna kam nicht zu
ihm
Beide wussten nicht wie sie miteinander daran waren Georg fühlte ein
unablässiges Weh weil er sah dass Annas Augen die Spuren geheimer Tränen
zeigten und er dachte sie wird täglich unglücklicher in dem wilden Leben und
das Opfer welches ihr zugemutet wird hier mit mir auszuhalten ist für ihr
feines und sauberes Wesen zu groß Aber er kannte nicht ihr ganzes Leiden Ach
Georg wurde ihr immer lieber Er kam ihr schöner vor als je und immer wieder
flogen ihre Gedanken den Augenblicken zu wo er sie an seinem Herzen gehalten
und wo sie seine Küsse gefühlt Wenn sie des Abends allein saß dann löste sie
was sie in seiner Gegenwart zu tun verweigerte ihre braunen Flechten und legte
sie an die Wange weil ihm das so gefiel Oft dachte sie dass er einst in der
Schule ganz außer sich gewesen war als die Ratsbotin ihr im Scherz einen
Blumenkranz in das Haar gesetzt hatte und gar zu gern hätte sie wieder seine
Worte gehört »Wie steht Euch das gut liebe Jungfer Anna« Da sie allein nach
dem Teiche ging pflückte sie den Schoss voll Blumen und wand hastig für sich
einen Kranz aber als er fertig war fehlte ihr der Mut ihn aufzusetzen Sie
trug ihn zu der Stelle an der Georg gestanden hatte als der Kuckuck zum
erstenmal rief und legte ihn dort auf den Grund wie vor seine Füße
An einem Morgen trat sie in die Turmtür und sah dem Hauptmann zu welcher
unter die Knechte Brotkorn verteilte da verkündete der Ruf vom Tore die Ankunft
fremder Ritter Als weiße Ordensmäntel in den Schlosshof sprengten flüchtete sie
erschrocken in ihr Gemach und spähte durch die Fensteröffnung nach den
widerwärtigen Gästen Sie erkannte den Pfleger und neben diesem einen kleinen
Mann in bürgerlicher Tracht und sah erstaunt dass Georg dem Kleinen vom Pferde
half und um den Hals fiel Der Pfleger welcher seit jenem Angsttage das Lager
des Fähnleins gemieden hatte wandte sich sogleich zu Georg und begann mit
umwölkter Miene der man den Zwang wohl ansah »Habe ich Euch bei der ersten
Begegnung rauen Willkommen geboten Fähnrich so bringe ich Euch dafür heut
einen Gruß Seiner fürstlichen Gnaden und diesen Boten aus Eurer Heimat« Und
Bernd Gusek der Gehilfe des Vaters schüttelte Georgs Hand und schalt
ernstaft »Ihr habt uns mehr Kummer gemacht als Ihr verantworten könnt« Georg
führte den treuen Mann zur Seite »Was hat der Vater auf meinen Brief gesagt«
»Einen Brief hat er niemals erhalten Zuerst kam Botschaft von dem Elbinger
Schiffer dass sein Schiff geplündert sei und Ihr mit andern Reisenden
weggeführt und Euer Vater ängstigte sich weil er Euch von den Helfern des
Pietrowski aufgefangen glaubte Dieser liegt noch mit einem Loch im Kopfe bei
den Mönchen Dann brachte der Buchführer Hannus ein Gerücht nach der Stadt und
so trostlos war die Kunde dass Euer Vater in Zorn und Kummer mich aussandte
Euch aufzusuchen Bevor ich zu Euch drang musste ich nach Königsberg zum
Hochmeister denn in Eurer Nähe fand ich üblen Willen und ich wollte aus gutem
Grunde nicht ohne Geleit unter dies ungeschickte Volk kommen«
»Erzählt mir vom Vater« bat Georg
»Er ist finsterer und stiller als er war aber er trägt sich mit großen
Gedanken Euer Lachen täte dem Hause gut Ich denke wir müssen Euch nach Torn
zurückbringen im guten oder bösen« Er lächelte geheimnisvoll
»Ich weiß der Vater ist verwandelt seit der Hochmeister bei uns in
Herberge lag«
Bernd sah ihn schlau an »Wisst Ihr das nicht durch Euren Vater so kann auch
ich nichts darüber sagen Ich bin nur hier um Euch seinen Befehl auszurichten
dass Ihr Euch schleunig von dieser Bande lösen sollt« und leiser setzte er
hinzu »Ich trage bei mir was Ihr dazu braucht«
»Sagt dem Vater Bernd ich bin als Fähnrich durch schweren Treueid an die
Fahne gebunden und wie die Männer auch sein mögen denen ich die Fahne trage
dass ich eidbrüchig werde wird mein Vater nicht verlangen«
»Darum eben sollt Ihr ihnen Geld geben damit sie Euch freiwillig vom Eide
lösen«
»Ihr kennt die Ordnung der Bruderschaft nicht Noch sind es fast vierhundert
Mann welche an meinem Leib und Leben ein Recht haben nur wenn das Fähnlein vom
Hochmeister abgelohnt wird bin ich wieder frei und dazu vermag ich nicht zu
helfen«
»Wie behauptet Ihr Euch in dem Haufen« fragte Bernd nachdenklich »folgen
sie Eurem Rat«
»Der Hauptmann und die Führer haben Zutrauen zu mir«
»Ihr habt mich noch nicht nach Torn gefragt« fuhr der andere fort
»Wisst dass bei uns der Unfriede groß geworden ist Vielleicht denkt mancher
Schade dass Junker Georg mit seinen Knechten so weit von der Stadtgrenze steht«
Beide sahen einander bedeutsam an »Doch nicht dahin geht mein Auftrag sondern
Euch zu mahnen und Euch Euer Lösegeld im geheimen zu übergeben«
»Ich aber habe eine andere Bitte an Euch mein alter Geselle Helft mir den
Magister mit dem Gelde lösen«
»Verlangt das nicht von mir« antwortete Bernd ernstaft »Euch soll ich das
Geld übergeben und niemand anderem wie Ihr es verwendet ob nach des Vaters
Willen oder wider seine Meinung das ist Eure Sache Zwischen Vater und Sohn
setze ich mich nicht«
»Dann also folgt mir in den Turm damit ich Euch zur Fähnrichin führe
erzählt ihr Freundliches von unserer Stadt«
»Ungern folge ich Euch« sagte Bernd zögernd »denn es wird niemandem etwas
nützen Doch da Ihr mich so traurig anblickt merke ich dass ichs Euch nicht
weigern darf«
Die Männer traten in den Turm Georg schloss die Tür und der Bote entledigte
sich seines Geldes welches Georg sorglich verbarg Dann rief er Anna herab
Befangen trat sie dem Torner gegenüber und holte um den Gast zu ehren nach
der ersten Begrüßung herzu was der Haushalt darbot Bernd sah sich bekümmert in
dem Turme um und da er ein guterziger Mann war hütete er sich beiden das
Herz schwerer zu machen Aber bald erhob er sich weil der Geleitsmann wartete
um ihn nach dem Ordenshause zurückzubringen Als er von Anna freundlichen
Abschied genommen hatte und mit Georg im Hause stand fragte er prüfend »Wollt
Ihr sie in diesem Turme bewahren bis Ihr selbst frei werdet«
Da antwortete Georg mit tiefem Ernst »Ich danke Euch Bernd und ich danke
meinem lieben Vater dass mir seit heut möglich wird besser für das Wohl meines
Weibes zu sorgen«
»Ich komme wohl wieder« sagte der Gehilfe ihm vom Pferde die Hand
schüttelnd »und ich wiederhole Euch meine Mahnung die Handlung fordert sich
ihren Erben«
Als der Bürger die Stadt verlassen hatte suchte Georg den Hauptmann auf und
hatte mit diesem eine lange Unterredung dann kehrte er zu seinem Weibe zurück
Anna saß sinnend am Herde das Feuer flackerte das Holz knisterte an den
Wänden fuhren unruhig rote Lichter und Schatten dahin und kleine Funkengarben
sprühten aus der Flamme Der Besuch eines Bürgers mit städtischer Sitte
erinnerte Anna schmerzlich an das frühere Leben von dem sie wie durch einen
Abgrund geschieden war sie bedachte alle Worte und Mienen des freundlichen
Mannes und ihr fiel schwer auf das Herz dass er den stolzen Vater ihres Gatten
gar nicht erwähnt hatte Da trat Georg schnell ein holte von seinem Lager den
Schatz welchen ihm Bernd zurückgelassen und den Beutel vor Anna auf den Herd
setzend sagte er »Er brachte das Lösegeld«
»Ihr werdet frei« schrie Anna aufspringend
»Nicht ich« antwortete Georg »aber Euer Vater und Ihr Morgen reitet Hans
unter die Polen den Herrn Magister zu lösen«
Anna umfasste mit ihren Händen den Arm des Gatten aber indem sie ihn ansah
erkannte sie den tiefen Ernst in seinem entschlossenen Angesicht und sank den
Blick unverwandt auf ihn geheftet in den Stuhl zurück »Morgen kommt der
Vater« fuhr Georg fort »ich hoffe es bleibt genug von dem Gelde übrig dass er
mit Euch längere Zeit in größerer Sicherheit leben kann unter sesshaften Leuten
Die Stadt Elbing liegt in mäßiger Entfernung und er sagte mir einst dass er
dort gute Kundschaft habe«
»Ihr wollt mich von Euch fortschicken« rief Anna
»Ich will nicht liebe Jungfer Anna« antwortete Georg vergebens bemüht
seine Bewegung zu beherrschen »aber ich erkenne mit jedem Tage deutlicher dass
ich es muss damit mir das Liebste was ich auf Erden habe nicht im Elend
vergehe Denn wenn Ihr mir Eure Tränen auch verbergt ich fühle sie doch heiß
auf meiner Seele und ich weiß wie unglücklich Ihr in dieser Wildnis geworden
seid« Anna saß unbeweglich das Antlitz gerötet und er fuhr nach langem
Schweigen mit gebrochener Stimme fort »Mich hält hier der Schwur den ich
abgelegt habe Aber ich hoffe das Fähnlein wird in kurzem ausgezahlt unterdes
behelfe ich mich und an dem Tage welcher mich frei macht komme ich zu Euch
Bis dahin will ich sorgen dass wir häufig voneinander erfahren« Er wandte sich
ab setzte sich auf die Bank bei seinem Lager und kehrte das Gesicht dem
Gitterfenster zu Anna erhob sich in fliegender Eile rückte sie an den Topfen
setzte ihm das Schüsslein mit seinem Abendessen an die Ecke des Herdes und
entfloh aus dem Gemach die Leiter hinauf Als Georg sich nach ihr umwandte sah
er nur noch den Saum ihres Gewandes Er saß allein das Feuer seines Herdes
stieg und sank es flackerte noch einmal dann verging es in bläulichem Scheine
So heiß war die Flamme gewesen und so kurz das Licht und die Wärme welche sie
gab Schweigend ohne Klage und ohne ein Wort des Trostes löste sich sein Weib
von ihm In rötlicher Dämmerung lag das Gemach bald kam die schwarze kalte
Finsternis er schlug die Hände vor sein Angesicht und warf sich auf das Lager
Draußen war es still von der Stadt her vernahm man verlorene Klänge eines
Liedes das ein Landsknecht sang und vom Wasser her tönten die Rufe der
Nachtvögel
Da stieg etwas die Leiter herab es glitt am Herde vorbei und neigte sich
über das Lager Den Liegenden umschlangen zwei weiche Arme er fühlte den warmen
Hauch an seiner Wange und vernahm die flehenden Worte »Ich komme zu dir Du
über alles Geliebter behalte mich bei dir«
Stille draußen und im Turme Aber vom Weiher klang jetzt schmetternd wie
Siegesruf Gesang der Nachtigallen
Das Jahr der jungen Frau
Als die Vermählten am nächsten Morgen ins Freie traten war die ganze Welt um
sie gewandelt Vom Himmel strahlte die Sonne und warme Luft wehte sie grüßend
an Die langen Stacheln der wilden Rose am Wall bisher das Kriegskleid der
kahlen Zweige waren durch unzählige Sträusse heller Blätter verdeckt und
draußen grünte und blühte Wiese und Wald Anna hielt die Hand des Gatten fest
und wollte sie nicht mehr loslassen und da Wuz herzutrat lachte sie den Zeugen
ihres Gelübdes an und hielt sich noch fester an ihren Herrn dass der Landsknecht
etwas von der Seligkeit merkte und ihr zunickte »Das ist recht« Sobald sie auf
das Feld kamen stiegen die Lerchen von allen Seiten in die Luft und wohin Anna
den Schritt wandte jubelten sie über ihrem Haupt Wollte ja ein scheuer Vogel
aus ihrem Wege fliegen so sang diesem sein Gefährte zu Die Federlosen fürchten
wir nicht sie bauen am Neste wie wir Auch die brüllenden Landsknechte des
Weihers die Frösche sahen schlau zu der jungen Frau empor und ein alter
Hauptmann dieses Volkes rief mit seiner quarrenden Stimme so deutlich
»Querkopf« dass sie die Meinung verstand An der Stelle wo beide neulich die
ersten Boten des Frühlings gehört hatten breitete Georg seinen Mantel aus sie
lagerten unter dem jungen Laubdach und die trunkenen Augen flogen über das
glitzernde Wasser und den blühenden Grund Das Weib lag an seiner Achsel und er
lachte und sang laut sein altes Lied »Der Kuckuck hat sich zu Tod gefallen in
einer alten Weiden« und als er nach dem neuen Zeitvertreibe fragte hielt ihm
Anna den Mund zu und sang weiter und sie zog und trillerte übermütig wie ein
Vogel schob sich an ihm empor fasste mit beiden Händen in seine Locken und
küsste ihn bis er rief »Töricht war Lips Eske als er behauptete Jungfer Anna
sei zu einer Nonne geboren«
Da entsprang sie pflückte Blumen und grüne Zweige und wand zwei Kränze
»Für dich und mich« sagte sie ernstaft »es sind unsere Brautkränze und heut
abend im Turm trägst du deinen und ich meinen Ach Ihr habt lange Geduld mit
mir gehabt lieber Junker«
»Kommt heut abend der Vater« sagte Georg »so wird ihm der Festschmuck
recht sein denn er denkt daran dass auch seine Römer Kränze aufsetzten wenn
sie froh waren«
»Der liebe Vater bleibt von jetzt als Gast bei uns« entschied Anna »ich
schaffe ihm neben uns im Schloss eine Kammer Der Hauptmann wird sie mir nicht
wehren«
Aber am Abend kehrte der Landsknecht ohne den Vater zurück und brachte auch
das Geld wieder Der Magister war von den Polen gegen Gelöbnis nach Danzig
gesandt um dort dem Kastellan in einem Geschäft mit dem Rate zu dienen »Die
Kammer richte ich dennoch morgen für ihn ein« sagte die Tochter »damit er bei
uns jederzeit gutes Gemach findet«
»Ich aber lasse morgen eine Treppe nach dem Oberstock zimmern und verbrenne
die feindselige Leiter« rief Georg entschlossen
»Das wird dem Hündlein Amor lieb sein« antwortete Anna »er hat mir seither
Not genug gemacht denn er wollte jeden Abend zu Euch herunter und ich musste
ein Tuch über ihn decken damit sein Winseln den Herrn nicht störte« und ihre
Wange an die seine legend gestand sie schüchtern »Ich habe zuweilen das Tuch
über uns beide gedeckt um uns festzuhalten«
Von dem Jahre welches der weissagende Vogel den Liebenden vergönnt hatte
vollendete sich ein Mond nach dem andern gleich einer Mauer umschloss sie der
dunkle Ring der Kiefernwälder am Horizont und nur selten und undeutlich drang
Kunde von der Außenwelt zu ihnen Aber in der Bruderschaft verlorener Leute
welcher sie angehörten bewährten sich beide als gute Helfer Georg besserte
wie der Hauptmann ihm zugetraut hatte an der Zucht des Fähnleins einigemal
durch hohen Ernst den er gegen Missetäter bewies immer durch sein frisches
Wesen und geschickte Worte Er bestand darauf dass das rohe Beuten abgeschafft
wurde und regelmäßige Lieferung durch die geplagten Landleute eingeführt und er
gewöhnte den Hauptmann daran auch den Einwohnern wenn sie einmal gröblich
verletzt wurden einiges Recht zu bewilligen Sogar die Kanzlei des Hochmeisters
half zu größerer Ordnung von vielem rückständigen Solde wurde etwas auf
Abschlag gezahlt und Georg meinte dass sein Vater dabei die Hand im Spiele
habe Wer aber ist das schöne Weib welches so stolz und sicher wie eine Herrin
zwischen den ruchlosen Söhnen der Fremde einhergeht Ist es die scheue Anna das
Kind des Schulmeisters Höher scheint ihr Wuchs und gebietender ihr Auge ihre
Wangen färbt wieder ein mildes Rot und wer in den festen Zügen zu lesen
versteht der kann die frohe Sicherheit welche ein großes Glück verleiht darin
erkennen
Mit der Hauptmännin ging sie durch die Gassen der Stadt und antwortete
gehalten auf Anreden der Großen und Kleinen gerade vor ihr hatte sich wildes
Getümmel erhoben trunkene Knechte zankten und schrien nach Hilfe und Waffen
Die Hauptmännin hielt Anna zurück »Peter Meffert tobt in dem Haufen Ich rate
Euch nicht weiterzugehen« »Können wir auf anderem Wege zu der Dirne gelangen«
fragte Anna
»Wir müssen hier vorüber« »Dann gehen wir« Und sie sprach laut »Gebt Raum
für die Frauen ihr freien Knechte« Da traten die ersten zurück bis zu dem
zornigen Peter der mit seinem langen Degen um sich fuchtelte Anna stand ihm
gegenüber »Lasst uns vorbei Herr wir gehen zu Eurer Jutta«
»Geht zum Teufel aber nicht über meine Schwelle« rief der Landsknecht
»Wir würden Euch mit dem unwillkommenen Besuch verschonen« sagte Anna
»wenn Ihr selbst am Lager Eures kranken Mädchens sässet statt hier auf der Gasse
zu streiten denn die Arme gebraucht Hilfe damit Ihr sie nicht verliert und
sie hätte es wohl um Euch verdient dass Ihr jetzt ein wenig um sie sorgt« Er
sah die Frau des Fähnrichs gehässig an und die Waffe zuckte in seiner Hand
aber er hob sie nicht und Anna schritt vorüber In der Wohnung des Landsknechts
warf sich die Kranke in Fieberhitze auf ihrem Lager »Weicht von mir« rief sie
Anna zu »denn Ihr seid uns feindlich und Ihr bringt mir Unglück ins Haus«
»Sind die Männer Gegner warum sollen wir Frauen es sein Läge ich einsam
auf dem Krankenlager würde ich Euch bitten mir zu helfen«
»So geht Ihr Stolze und holt meinem Herrn Bier in seinen Krug denn wenn
er nach Hause kommt und den Krug leer findet schlägt er mich« Während die Frau
des Hauptmanns die Aufgeregte beschwichtigte und eine Arznei einflößte füllte
Anna den Krug am Brunnen mit Wasser und setzte ihn auf den Tisch dann holte sie
den kleinen Purzel aus der Ecke welcher dort jämmerlich im Sude lag setzte
sich so dass die Mutter ihre Arbeit nicht sah wusch und strählte ihn und zog
ihm ein reines Hemd und Röcklein an die sie mitgebracht hatte Die Türe ging
auf und Peter drang herein er sah finster und verächtlich nach den Frauen
warf sich auf den Schemel und hob die Kanne »Mord und Tod« fluchte er »wer
hat den Gänsetrunk eingegossen«
»Ich« antwortete Anna ruhig an dem Knaben beschäftigt Er schüttete das
Wasser auf den Boden »Wie könnt Ihr wagen an dem Kinde zu hantieren es geht
Euch nichts an« rief er streitlustig
»Die Mutter kann ihn nicht wahrnehmen und Ihr wollt es nicht In ihren
gesunden Tagen hielt die Jutta darauf dass der Knabe säuberlich einherging Die
Leute sollen nicht über Euren Sohn die Achsel zucken«
»Ich aber leide nicht dass das Kind trägt was aus Euren Händen kommt und
soll ich Euch Gutes raten so nehmt Eure Lappen mit Euch und weicht aus meinem
Hause«
»Es kann doch nicht nackend gehen« wandte Anna ein knüpfte dem
schweigenden Purzel das Jäckchen zu und küsste ihn auf die Stirn »Ists Euch
widerwärtig dass der Kleine die Kleider behält so lasst sie ihn wenigstens
tragen bis seine Mutter wieder bei Kräften ist dann mögt Ihr den Kram wegtun
Und ich sage Euch Herr die Hauptmännin und ich lassen uns nicht durch Euren
Trotz abweisen wir kommen jeden Tag um nach Eurer Kranken zu sehen gefällts
Euch nicht mit uns zusammen zu sein so erlaubt uns die Stube wenn Ihr nicht
daheim seid Und ich bitte Euch werbt eine Wärterin aus dem Tross oder lasst uns
das tun denn ihr Männer bleibt ungeduldige Pfleger« Als sie sich erhob und mit
der Alten das Zimmer verließ saß Peter auf seinem Schemel und antwortete dem
Gruße nicht Draußen sagte die Frau des Hauptmanns »Niemals hätte ich gedacht
dass die schüchterne Taube zu einer so dreisten Krähe werden könnte Ihr seid
gemacht den Befehl über ein Fähnlein zu führen« Anna aber sah sie verwundert
an
Als Jutta genesen war lag des Morgens früh ein Bündel auf der Turmschwelle
Anna löste die Schnur und fand das Wams des kleinen Landsknechts darin und dabei
einen Rock der ihr selbst bei der Plünderung geraubt war
Der Hochsommer kam über dem dunklen Kranz der Wälder wölbte sich der blaue
lichtvolle Himmel wie eine Halbkugel von blauem Glase unten in der Mitte des
großen Glasberges stand der Turm in welchen die jungen Gatten gezaubert waren
und oben stieg die liebe Sonne täglich auf und ab und warf ihre heißen Strahlen
auf den Boden des umschlossenen Raumes Dort blühte das Heidekraut und deckte
die wilde Landschaft mit rötlichen Farben und über dem Blütenmeer wallte und
zitterte die heiße Luft An einer Stelle wo Wald und Heide zusammenstiessen hob
sich ein kleiner runder Hügel der einst als Grabmal eines alten Preußen oder
Goten geschichtet war auf ihm standen Eibenbäume zwischen denen die Zeidler
die den wilden Honig sammelten eine kunstlose Hütte errichtet hatten an der
Sonnenseite offen und gerade groß genug um wenigen Wanderern kurzes Obdach zu
geben Dort pflegte Georg zu rasten wenn er einmal die Fahne dem getreuen Wuz
anvertraute und mit der Armbrust dem Wilde nachging um seiner Hausfrau die
Küche zu bessern Heute hatte ihn Anna begleitet die Jagdbeute lag bei den
Waffen und beide harrten im Heidekraut gelagert auf den Niedergang der Sonne
und die kühle Abendluft Es war ein wonniges Lager über den roten Büscheln
flatterten die Schmetterlinge die Bienen trugen den Seim zu ihrem Baume die
Wachtel schlug Feldhühner schwirrten in langen Ketten und hoch oben am blauen
Gewölbe zog der Adler seine Kreise Da kam eine große Hummel an die sitzende
Frau umkreiste sie unablässig und brummte mit schwerem Fluge an ihrem Haupt
Georg wollte die Lästige fortscheuchen aber Anna hielt ihm den Arm »Sieh wie
schön sie ist sie trägt stahlblaue Panzerringe um ihren Leib und schwer wird
ihr der Flug denn sie birgt unter ihrer Rüstung den süßen Honig Ich verstehe
wohl Gevatterin was du mir summend verkündest Willst du es wissen Georg Oh
komm näher zu mir wenn ich an deinem Herzen liege getraue ich mich dirs zu
sagen« Und sie sprach leise zu ihm nur wenige Worte aber sein Gesicht erglühte
in freudigem Schrecken und wie sie dasaß mit stolzem Lächeln kniete er vor ihr
nieder bedeckte ihre Hände mit Küssen und küsste das Gewand ihres Leibes Dann
hielt er sie in seinen Armen und sie saßen aneinandergelehnt während sich der
Abendhimmel rötete und von wolkenloser Höhe ein ferner Donner klang
Wieder vergingen Wochen die dürftige Halmfrucht in der Nähe der Stadt war
eingebracht mit Hilfe der Knechte welche den besten Teil selbst zu genießen
dachten Über die Stoppeln zogen die kleinen Spinnen ihr silbergraues Gespinst
und die Tautropfen glänzten als flüssige Edelsteine darauf Die Blätter der
Birke und Eberesche färbten sich mit Gelb und Purpur dem letzten Festschmuck
zur Ehre des scheidenden Sommers Anna stand mit dem Gemahl an der Stelle des
Weihers welche beide wohl kannten und begann mit trübem Lächeln »Deine
Nachtigallen sind fortgeflogen« und als er antwortete »Nein eine die ich
liebe bleibt treu bei mir« wandte sie sich ab und fragte »Wie lange noch Ein
Jahr gestattet der Kuckuck für mein Glück und die Hälfte ist vorüber« Georg
erschrak dass sie noch an die vorlaute Frage aus dem Frühjahr dachte Sie bog
ihr Haupt dem seinen zu da sah er wie die Tränen aus ihren Augen rannen
»Selig war die Zeit und wie ein Engel sorgte mein Junker für mich o Georg wie
ist das Leben schön und wie traurig ist es von dem Liebsten zu scheiden« Er
hielt die Schwermütige still an seinem Herzen Auch er dachte daran wie hart
der Winter für sein liebes Weib werden müsse und wie gefährdet die Zukunft sei
Noch anderes bedrängte ihn Sein Vater selbst hatte ihm niemals geschrieben nur
durch Bernds Hand war ein Befehl an ihn gekommen dass er bei der Fahne bleiben
möge von Anna aber stand nichts in dem Briefe
Kürzer wurden die Tage und rauer das nächtliche Dunkel der Herbststurm
fuhr wild um die Mauern des Turmes er drehte die Wetterfahne am Schloss dass
sie ächzte und polterte wie ein unseliger Geist an den Türen und Fensterläden
Da sorgten die Menschen um die nahe Winterzeit auch Georg sammelte als Hauswirt
Vorräte und half selbst die Holzscheite um den Turm zu einem Wall häufen damit
in dem Ofen den die Kunst des Töpfers für sein Weib hergestellt hatte die
Wärme nicht fehle Doch die Knechte dachten am liebsten darauf den Gewinn des
Sommers lustig zu verwenden viele Tönnlein Bier wurden gewälzt um die
Feuerstätten dufteten die Braten und in lärmender Gesellschaft verzehrten sie
sorglos was kluger Bedacht des Erwerbenden auf den ganzen Winter verteilt Auch
im Schlosshofe war jetzt täglich reges Leben und Geschrei Und oft schritt Anna
durch gedrängte Haufen Aber Männer und Weiber gaben ihr ehrerbietig Raum wo
sie ging die Augen der Frauen ruhten mit Teilnahme auf ihr sogar die derbe
Jutta unterbrach das Gezänk mit einer andern Dirne und schwieg bis Anna vorüber
war die Kinder des Trosses standen verschüchtert zur Seite und wagten nicht
mehr sich an ihre Arme zu hängen wie ehedem auch die Männer welche sonst das
schöne Weib mit dreistem Blick betrachtet hatten wandten jetzt unwillkürlich
die Augen ab als ob ihnen nicht gezieme eine Geweihte anzustarren Und kam sie
langsam mit schwerem Tritt die Stufen hinauf in das Turmgemach dann rückte
Georg ihr den Stuhl zurecht und legte das Federkissen herein welches die
Hauptmännin in mütterlichem Wohlwollen herzugetragen hatte So saß sie eines
Tages und hörte zu wie Georg ihr lachend sagte »Henner die rastlose Dohle
welche nur auf Augenblicke herzufliegt ritt heut ein und fragte ernstaft wie
es dir gehe« Und sie antwortete »Sage ihm nur ich bin bei dir«
Da öffnete sich schnell die Turmtür und der Magister trat herein Mit einem
Freudenschrei erhob sich Anna und ging dem Vater entgegen Diesen aber
übermannte die Bewegung als er die Tochter sah denn sie war anders als er sie
immer in seinen Gedanken geschaut hatte Er setzte sich sogleich auf einen
Schemel an der Tür und bedeckte die Augen mit der Hand Doch nicht lange so
fuhr er empor fasste Georg um den Leib und rief »Ich habe unrecht mein Sohn
sie gehört jetzt dir« und darauf erst begrüßte er gerührt sein liebes Kind
Anna saß zwischen dem Vater und dem Gemahl jeder hielt eine Hand beide
sprangen auf sooft sie meinten dass ihr etwas zu bringen sei und der Magister
lief ungeschickt um den Herd herum und trug das Kissen des Hündleins statt der
Fussbank Als Anna inmitten der beiden ausruhte welche ihr die Liebsten auf der
Erde waren und wieder das Lachen und die lateinischen Reden des Vaters hörte
sagte sie in inniger Freude »Heut bin ich glücklich«
»Ach du armes Kind« antwortete der Magister und suchte vergebens nach
seinem Sacktuch »euer Schicksal ist ganz ohne Beispiel und ich weiß niemanden
mit dem ich dich vergleichen könnte es müsste denn die deutsche Fürstin
Tusnelda sein«
»Diese aber Herr Vater wurde von ihrem Hausherrn getrennt«
»Richtig« versetzte der Magister »dies stimmt nicht aber anderes stimmt«
Und er sprang wieder auf und trug ihr das flackernde Licht aus den Augen Bald
jedoch war er fröhlich dabei von den eigenen Abenteuern zu erzählen und lobte
den Pan Stibor sehr »Zuletzt hat er mich ohne Lösegeld entlassen nachdem ich
ihm beim Danziger Rate die Auszahlung eines Erbteils durchgesetzt und ich bin
völlig frei Freier als ihr arme Kinder Doch dies ist ein Jahr der
Gefangenschaft nicht nur uns erging es so auch ein Grösserer der unser aller
Hoffnung war sitzt der Menschheit entzogen in Haft Die Danziger glaubten ihn
in dem Kerker seiner Feinde aber jüngst ist Botschaft gekommen dass er irgendwo
verborgen lebt Und da es ihm besser ergangen ist als wir wähnten so hoffe ich
jetzt auch für euch Günstiges«
»Und Ihr bleibt bei uns Herr Vater« bat Anna »seit dem Frühling steht
Euer Gemach bereit«
»Natürlich bleibe ich« rief der Magister »ich darf doch meinem lieben
Kinde die Ruhe nicht mitnehmen Aber nur bis morgen denn hier herrscht wie ich
merke das Geräusch des Lagers und die Musen haben nicht viel Förderung zu
erwarten Es ist alles bedacht ich finde Unterkunft in der ansehnlichen Stadt
Elbing und wenn ihr mich einmal begehrt so kann ich jetzt wo der Verkehr
wieder eröffnet ist leicht zu euch dringen«
Trotz aller Bitten blieb der Magister fest und er sagte beim Abschiede in
seiner ehrlichen Weise den wahren Grund nicht der Tochter aber seinem Schüler
Regulus »Auch die Kinder müssen zuweilen Nachsicht mit den Eltern üben Du hast
dir den Ring den ich an meinem Finger trug redlich verdient ich lobe dich und
ich segne dich aber den Alten vexierts dass sein Kind nicht mehr ihm gehört
und er braucht Zeit um das zu überwinden«
Der harte Winter war gekommen Das Himmelsdach umschloss schwarzgrau wie ein
ungeheures Kerkergewölbe die Heide den Turm und die beiden Gatten nur am
Morgen und Abend vermochte man an einem feurigen Scheine den Ort zu erkennen in
welchem die Wintersonne auf und niederstieg Über der weiten Ebene lastete
tiefer Schnee er glich nicht dem weißen Tuch welches zum Schutz des
schlummernden Lebens gebreitet ist wie ein brandendes Meer war er von dem
Sturmwind aus den Steppen des Ostens herangetrieben langgestreckte Schneewellen
hoben sich so weit das Auge reichte eine hinter der andern und wie
Wasserschaum der Wellen stoben weiße Wolken über dem Kamm der Schneehügel in die
Luft sanken in die Schneetäler die der Wind eben erst gefegt und erhoben neue
Berge über den Grund Hinter dem weißen Schneemeer aber ragte der schwarze Ring
des Kiefernwaldes auf welchen die Wolkendecke gemauert schien Bei Tage kein
Ton in der Luft als das Heulen des Windes der Schrei eines Raubvogels und das
Gekrächz eines Krähenschwarmes welcher frohlockend der Stelle zuflog wo ein
Wild in den Schneehügeln verendet war Auf wenige Stunden des dämmrigen
Tageslichts folgte eine lange bange Nacht schwarz und sternlos dann
verstummten auch Adler und Krähen nur die Wölfe heulten und in dem fahlen
Licht welches die untergehende Sonne über den Schnee sandte sah man die Herde
der Hungrigen um die Mauern trotten hinter denen die Menschen sich bargen Dann
läutete noch einmal die kleine Glocke der Stadt zitternd und wehklagend war der
Laut ein Hilferuf gegen die Gewalten der Nacht bis er unkräftig in wirbelndem
Schnee und sausendem Wind verhallte das Dach des Himmels wurde kohlschwarz und
die Erde begann gespenstisch zu leuchten ein matter bläulicher Schein glomm von
dem Schnee herauf gegen die Finsternis der Luft und eisige Kälte der Todfeind
des Lebens frass sich in das Holz der Bäume bis der Kern zersprang sie drang
durch die Mauern und machte die Menschen beben auch wenn sie sich mit dichtem
Pelz geschützt hatten
Einsam und preisgegeben dem Zorn des Winters stand das Lager der
Landsknechte zwischen den Schneebergen selbst der Mauergraben war zugeweht und
durch die flache Rinne zogen sich lange weiße Bänder der Windwehen bis zu den
Zinnen herauf Innerhalb der Mauern drängten sich die Menschen zusammen wo eine
Feuerstätte war oder ein Ofen und die Knechte haderten und schlugen sich um den
wärmsten Platz jeden Tag liefen Weiber und Kinder mit den Äxten sie scheuten
die Mühe und fürchteten die Gefahr Brennholz durch den tiefen Schnee aus dem
Walde zu schleifen Die Balken der geworfenen Scheuern waren längst verbrannt
jetzt zerhieben rotgeschwollene Hände den Dachstuhl die Türen und Fenster der
leeren Stadtäuser ja sogar das Gebälk der Wohnungen in denen die Knechte
selbst herbergten so dass der Schnee in das Innere wehte und durch die erwärmten
Decken tropfte Mehr als einmal krachte ein Haus zusammen und mit Mühe
entrannen die Bewohner dem Verderben dennoch wurden die Sorglosen nicht
vorsichtiger scharrten nach kurzem Geschrei ihre Habseligkeiten aus den
Trümmern und drängten sich in eine andere Wohnung bis der Hauptmann einen Rat
der alten Knechte berief und durch diesen ein Verbot ergehen ließ Hans selbst
musste obgleich ihm der kalte Winter den Fuß gelähmt hatte schwerfällig mit
seinem Stock durch die Straßen schreiten und das Gesindlein züchtigen das er
über verbotenem Holzschlage traf
Draußen aber in der Wildnis glitt ein Schlitten die Schneehügel abwärts und
wieder hinauf Um den einsamen Führer Finsternis und Öde hinter ihm das Geheul
des Sturmes und das Bellen der jagenden Wölfe ungeduldig peitschte er die müden
Pferde und richtete sich auf um in der Ferne den Lichtfunken zu erkennen der
aus dem Turmzimmer blinkte und zu dem ihn Sehnsucht und heiße Angst zogen Es
war Georg der im Auftrage des Hauptmanns zu den Knechten auf das Dorf geschickt
war um ernste Händel mit den Polen zu vergleichen Ungern war er ausgefahren
denn sein liebes Weib war erkrankt Doch sie selbst hatte ihn lächelnd
fortgetrieben mit gutem Trost Den ganzen Tag hindurch verweilte er bei den
Zänkern jetzt schnürte dem Heimkehrenden die Angst das Herz zusammen wie er
sein Weib wiederfinden werde Er sah das Licht er unterschied die Umrisse des
schwarzen Turmes und jagte in den Schlosshof mit heißen Wangen
Als er in den Turm trat vernahm er den Schrei einer Stimme die bis dahin
noch niemals in den Wänden des Turmes erklungen war er sprang die Treppe
hinauf sein Weib ruhte auf dem Lager und die Hauptmännin hielt ihm einen
nackten Knaben entgegen Es war sein neugeborener Sohn Da schlug er die Hände
zusammen und rief außer sich »Herr mein Gott« Scheu und ehrfürchtig empfing
er das Kind in seine Arme und sank an dem Lager seines Weibes nieder »Halte die
Hand über ihn und mich und flehe zu unserm Vater im Himmel dass ich würdig
werde sein Wunder zu bewahren«
Auf der Heide
Georg saß am Herde hielt sein Kind in den Händen und sah unverwandt auf das
kleine Gesicht »Das erste Lachen soll die Mutter sehen« rief er freudig und
legte den Knaben schnell in Annas Arme
»Wie soll es mit der Taufe werden lieber Herr«
»Sobald die Frau Fähnrich Gäste vertragen kann«
»Ich denke wir laden die Gevattern« riet Anna »Zuerst den Vater dann die
Hauptmännin «
»Der dritte muss Henner sein« fiel Georg ein »denn als er neulich
heranritt dich zu grüßen forderte er dies Amt als sein Recht weil wir doch
von den Vätern her Landsleute wären und er wenn es mit rechten Dingen zuginge
der Oberherr unseres Knaben dabei kam er wieder mit seinem alten Unsinn«
Anna nickte »Die größte Sorge ist in dieser Wildnis der geistliche Herr
Doch die Taufe wird heilkräftig durch jeden Geweihten«
»Dann also fahre ich mit dem Schlitten aus und suche einen Priester«
beschloss Georg
Durch Henner selbst wurden die Gatten dieser Verlegenheit enthoben An einem
der nächsten Tage schalt die Stimme Henners im Hofe Er hielt zu Pferde neben
einem Bauernschlitten auf welchem unter Stroh und Decken ein hilfloser Kranker
lag »Dies Ungeheuer fand ich beim nächsten Dorfe geduckt in einer alten Weide
und auf dem Wege zu erfrieren Da gerade die Kirchglocke läutete und heut
Sonntag ist tat ich ein übriges und warf es einem vorüberfahrenden Bauern auf
den Schlitten Wollt ihr es wieder lebendig machen so steht das bei euch
Jedenfalls schneide ich ihm ein Ohr ab das habe ich allen Brüdern seiner Art
zugeschworen denn es ist ein Mönch«
Georg beugte sich über den Korb und erkannte erstaunt die entstellten Züge
des Bruder Pankratius aus Torn Der Arme wurde in die Turmstube getragen und
dort mit Mühe wieder zu Sinnen gebracht so dass er seine Glieder regen und den
Trank welchen Anna ihm bot einnehmen konnte Unterdes saß Henner dem Kranken
welcher die frühere Wohlhäbigkeit gänzlich verloren hatte feindselig gegenüber
und enthielt sich nicht ihn zu höhnen »Ich kenne diesen Gesellen er trug
seine Kutte so stolz wie ein Freiherr und am Handgelenk einen Rosenkranz von
roten Korallen den ihm sicher ein frommes Beichtkind geschenkt hatte und er
spielte mit dem Kreuze das daran hing Er hatte auch einen Bisamapfel von
Silber in der Tasche aus dem ein Wohlgeruch kam und wenn der Apfel duftete und
der Mönch die Augen verdrehte dann fielen die Weiblein nur so vor seine Füße
Wo blieb der Wohlgeruch Bösewicht Du riechst mir jetzt sehr nach armen Leuten
und wo blieb der silberne Ohrlöffel den du vordem in der Hand schwenktest«
»Ich war in den Händen Eurer Gesellen« seufzte der Mönch
»Haben diese dir den Sack ausgefegt so haben sie ein gutes Werk getan
hoffe deshalb bei mir nicht auf Erbarmen«
»Schweigt mit den wilden Worten Junker und schont den Unglücklichen«
mahnte Anna unwillig
»Ihr mögt gut reden Ich aber habe eine alte Rechnung mit seinesgleichen
Denn sie sind schuld dass ich als armer Reiter im Stegreif traben muss was mir
bei meiner Wiege nicht gesungen wurde Wisst junge Frau ich wuchs auf als Erbe
eines alten Oheims der guten Anteil an Burgen und Mühlen hatte Da dieser
kränklich wurde riet ihm der Böse nach Torn zu ziehen Dort schlichen die
Brüder dieses Gesellen an sein Lager und erboten sich zu allem Guten unter dem
Vorwande dass ihre Regel ihnen die Pflicht auflege Bedrängte aufzusuchen So
nisteten sie sich in seinem Hause ein Dazwischen klagten sie viel über das
Elend der Welt über die große Not ihrer Brüder und sie beschrieben ihre Armut
die sie täglich ertrugen und ihre strenge Regel mit vielem Fasten und langem
Chorsingen Dann lobten sie ihm die Privilegien und hohen Freiheiten ihres
Ordens die zahllosen Messen welche jedem im Himmel gutgeschrieben werden
welcher dem Orden Gutes tut auch zählten sie die frommen Bruderschaften auf an
denen sie nach dem Gebot des Papstes Anteil haben und sie rühmten sich vieler
frommer Kinder und Brüder die so streng gegen sich selbst leben dass sie gar
wenig essen und trinken und dass ihre Frömmigkeit im Himmel jedem andern zugute
kommt der in die Bruderschaft tritt So verlockten sie den kranken Mann dass er
ihrem Orden sein Hab und Gut übermachte und ich ging nach seinem Tode leer aus
Ich hatte eine Jungfer von Herzen lieb dem Erben hätte der stolze Vater sie
bewilligt den armen Kalmäuser wies er zum Tor hinaus Dadurch bin ich geworden
was ich jetzt bin ein Heimatloser der von heut auf morgen lebt« Er stützte
sich finster auf den Tisch
»Ihr aber Bruder« fragte Georg »was scheuchte Euch in dieser Jahreszeit
aus dem Kloster«
»Seit dem Scheiterhaufen der Euch schädlich wurde ist von St Nikolaus der
Friede gewichen« klagte der Mönch »Die Bürger mögen uns nicht mehr leiden und
kaum trauen wir uns auf die Straße einige von uns sind ganz ausgelaufen und
wir übrigen leben in Furcht Mich sandte der Prior nach Elbing auf dem Wege
wurden wir von Reitern überfallen aus dem Schlitten geworfen und geplündert
die Räuber ließ mich nach harten Stößen frei doch in dem Schnee schwand mir
die Kraft und ich war meiner letzten Stunde gewärtig« Henner lachte
verächtlich
Zu diesem trat Anna das schlummernde Kind in den Armen haltend verneigte
sich und begann herzlich »Gestrenger Junker für meinen Hausherrn und für mich
erbitte ich als werte Gunst dass Ihr es nicht verschmäht das Amt eines
Gevatters bei unserm Knaben zu übernehmen Denn ich hoffe der Priester ist
gefunden« Das umwölkte Gesicht Henners wurde freundlicher er erhob sich und
nahm die Stelle mit geziemenden Worten an
Anna aber blieb stehen und sah flehend zu ihm auf »Da wir wünschen dass
Bruder Pankratius den Kleinen zum Christen weiht so bitte ich dass Ihr der
Gevatterschaft zu Ehren den Bruder mit Eurer Rache verschont«
»Ihr wollt mich fangen junge Frau« versetzte Henner zwischen Unwillen und
Lachen »Ich sehe wohl ich bin Euch einen Gevatterdienst schuldig aber
wenigstens ein Ohrläppchen muss er hergeben«
Doch auch dies wurde dem rauen Gesellen in den nächsten Tagen abgehandelt
Auf die Einladung seiner Kinder kam der Magister unter sicherem Geleit er
segnete gerührt den Enkel und nannte ihn einen Romulus der obgleich von Geburt
ein Königssohn unter die Wölfe ausgesetzt sei Und der Bruder welcher sich in
guter Pflege wieder erholt hatte vollzog die Taufe Als dieser am nächsten Tage
mit neuem Lebensmut unter dem Schutze eines sicheren Knechtes wegziehen sollte
nahm er von Anna wehmütigen Abschied »Ich habe dem Bruder Gregorius vor dem
Scheiterhaufen die Büchlein zugereicht und jetzt danke ich Euch Leben und
Gesundheit Vielleicht schaffen die Heiligen dass ich Euch wieder einen Dienst
erweise« Draußen aber winkte er Georg zur Seite und begann mit hohem Ernst
»Nehmt als Dank für Eure Gutherzigkeit eine Warnung Euer Feind der bisher
krank im Kloster lag ist endlich genesen und ist nach dieser Gegend zu dem
polnischen Kastellan Pan Stibor aufgebrochen um an Euch seine Rache zu nehmen
denn damit hat er Euch oft bedroht Wisst es ist ein Anschlag gemacht
entweder gegen Euch allein oder auch gegen Eure ganze Gesellschaft Denn da ich
um die Pflege des Kranken zu sorgen hatte hörte ich etwas weniges von den Reden
des Polen mit Herrn Hutfeld Bürgermeister welcher jetzt Burggraf werden soll
weil den alten Herrn Friedewald der Schlag getroffen hat Die beiden waren in
Unruhe wegen Eures Fähnleins und überlegten ob es von den Unzufriedenen einmal
in unsere Landschaft geladen werden könnte Darum traut dem Stillstande nicht
und wahret Euch selbst Euer liebes Weib und Kind vor Eurem Todfeinde«
Aufgeschreckt durch die Nachricht wollte Georg mehr erfahren aber der
Mönch verweigerte weitere Rede »Das andere ist Geheimnis des Ordens die
Heiligen mögen mir verzeihen wenn ich Euch schon zuviel gesagt habe«
Diese Warnung des Mönches erhielt noch an demselben Tag von anderer Seite
Bestätigung
Der Wächter verkündete Gäste aus der Umgegend des Polenlagers In den
Schlosshof traten drei ausgewetterte Gesellen über den geschlitzten
Landsknechtshosen deren bunte Farbe durch Wetter und Lager unscheinbar geworden
war trugen sie kurze Pelze an den Beinen hohe Stiefel und jeder von ihnen
führte eine der Landsknechtwaffen Spieß Hellebarde oder Feuerrohr woraus Hans
schon von weitem erkannte dass sie sich nicht zufällig zusammengefunden hatten
sondern als Erwählte ihres Haufens gekommen waren Er richtete sich deshalb hoch
auf und begrüßte sie am Tore mit größerer Förmlichkeit als sonst Brauch war
»Seid willkommen Hauptmann und gute Gesellen Ob ihr einen Auftrag auszurichten
habt oder nur als gute Nachbarn kommt des letzten Zwistes soll nicht gedacht
werden«
Da Hauptmann Heinzelmann ein hagerer Alter mit schlauem Gesicht vorsichtig
erklärte dass sie im Auftrage kämen so ließ Hans den Trommler anschlagen und
die Führer und Doppelsöldner zum Rate laden Als der Kreis geschlossen war
begann der fremde Führer »Nehmt unsere Botschaft ihr Landsleute im guten auf
wie wir sie bringen Wir haben lange einander gegenübergelegen ohne scharfen
Gruß und haben uns als Nachbarn vertragen Beide sitzen wir geldlos mit
Vertröstung und dürfen fragen wieweit wir den Herren die uns geworben haben
und nicht bezahlen zu Dienste sein wollen und wir haben gefunden dass wir
ihnen geringen Dienst schuldig sind um geringen Lohn« Er hielt an die Knechte
nickten ihre Beistimmung und Hans bestätigte »Es ist so wie Ihr sagt Ich
hoffe ihr habt uns treu gefunden und auch wir wollen heut nicht Ursache
suchen über euch zu klagen«
Der fremde Redner billigte die Worte mit höflichem Lächeln und fuhr fort
»Dieselbe Treue denken wir euch jetzt zu erweisen wo der Mond wechselt und das
Wetter sich ändern will Nämlich uns ist die Kunde zugegangen dass Pan Stibor
und seine Edelleute einen Wagen mit Geld heranfahren und um gutes Geld eine
Verschärfung unseres Gelübdes und unserer Arbeit fordern werden Ihr Plan geht
wie wir meinen gegen euch und den Garten den ihr besetzt haltet Da wir uns
nun lieber mit euch vertragen als gegen euch schlagen so fragen wir euch im
guten und in treuer Gesinnung ob ihr von dieser Burg weichen wollt und uns das
Land räumen damit wir es ohne Blutvergießen behaupten Ihr wisst wir sind im
Vorteil dennoch bieten wir euch mit eurer Habe mit Weib und Kind mit Karren
und Pferden freien Abzug«
Ein Gesumm und Gemurr erhob sich im Kreise und Hans antwortete »Wir haben
vernommen was Ihr gesprochen Ihr wisst dass Brauch der Knechte ist allein
untereinander zu beraten wenn nicht einmal dann zweimal Ich ersuche Euch
also dass ihr so lange aus der Runde weicht« Er winkte einem der Rottenführer
welcher die Fremden zur Seite wies Nach kurzer Beratung wurden sie wieder in
den Ring geleitet und Hans sprach »Günstige Gesellen wir bedanken uns für eure
Erinnerung und bitten dass ihr euch nicht beschwert haltet wenn wir euren
Vorschlag nicht annehmen Wir haben an unsern Broterrn eine Forderung von Sold
und Reisekosten welche groß ist wir können unser sauer verdientes Geld nicht
im Stiche lassen und ihr würdet ebenso handeln«
Hauptmann Heinzelmann der auf diese Antwort vorbereitet war versetzte
»Wir verstehen wohl dass ihr eures Beutels gedenkt obwohl euer Broterr
schwerlich imstande sein wird jemals nur einen Teil eures Soldes zu zahlen
Dennoch wollen wir euch noch weitere Kameradschaft erweisen und wollen den Pan
Stibor drängen dass er euch ein Drittel eurer Forderung zahlt und freie Zehrung
auswirkt bis an die Grenze der polnischen Herrschaft wenn ihr auf dem kürzesten
Wege ohne Rasttage hindurchziehen wollt Ihr aber bedenkt dass der Sperling in
der Hand auch etwas wert ist zumal wenn man ihn ohne eigene Gefahr erfassen
kann« Er trat zum zweiten Male aus dem Kreise Diesmal dauerte die Beratung
länger und mehrere Stimmen mahnten ernstaft dass man das Drittel nehme
Georg stand im Ringe die fliegende Fahne in der Rechten Als die Knechte
über den Abzug verhandelten schlug er schweigend das Fahnentuch zusammen und
steckte die Fahne verkehrt in den Boden Da erhob sich lautes Geschrei und Hans
begann erschrocken »Was tut Ihr Fähnrich dass Ihr die Fahne bergt wie vor
Missetätern«
Georg antwortete »Liebe Gesellen ihr fragt was eurem Säckel frommt mich
aber habt ihr dazu gesetzt dass ich die Ehre der Bruderschaft wahre und da ich
Worte höre welche zu Meineid und Verrat an unserm Kriegsherrn führen so behüte
ich die Fahne und berge das Tuch denn ihr wisst dass es nicht über eure Schande
wehen darf« Wieder erhob sich lautes Geschrei und einzelne griffen zornig nach
den Waffen aber Hans entschied mit starker Stimme »Er übt sein Recht und wir
dürfen es ihm nicht wehren Dennoch mahne ich Euch Fähnrich dass Ihr den Sinn
der Brüder nicht mehr beschwert denn noch ist nichts abgemacht«
»Beschliesst Euch als fromme Knechte zu halten« rief Georg »dann werfe ich
das Tuch in den Wind über ehrliche Leute«
Darauf sprach Benz Streitenberg »Vernehmet den Rat eines Alten Dass der
Stibor uns einiges Geld hinlegt das können wir bewirken wenn wir die Stadt
preisgeben aber wir können nicht hoffen dass wir es in das Reich bringen Denn
sobald wir das Geld des Polen nehmen verlieren wir die Fahne und den Schutz des
Hochmeisters und ohne Fahne sind wir ein armer Schwarm von Flüchtigen welche
des Befehls und der Ordnung entbehren Wie wollen die einzelnen mit dem Tross
unversehrt aus diesem Lande sich retten Der gerade Weg hinaus führt drei
Tagereisen durch ödes Heideland Wer soll dort die hungrigen Mäuler verpflegen
Und das Geld in den Taschen wird uns Wegemüden von den polnischen Strauchdieben
bald abgejagt werden«
Dieser Meinung waren auch andere es erhob sich lautes Geschrei und Getümmel
und dazwischen der Ruf »Stellt die Frage und hebt die Hände damit wir nicht
weiter beraten in Schande« Als nun Hans fragte erhob eine große Mehrzahl die
Hand für Ablehnen und Georg lachte und rief das Tuch entfaltend »Ich bedanke
mich bei euch Hauptmann und Gesellen«
Als die Fremden wieder in den Kreis geführt wurden sprach Hans feierlich
»Mein Volk muss ablehnen was ihr geboten um der Fahne und des Eides willen wir
aber sagen euch Dank und bitten dass ihr nicht für ungut nehmt was wir nicht
mit leichtem Herzen beschlossen haben«
Die fremden Landsknechte vernahmen den Entscheid ohne Verwunderung und der
Sprecher sagte nur »Bestätigt auch ihr dass wir euch soweit wir vermochten
gute Nachbarschaft gehalten haben«
»Das tun wir« riefen die Knechte und Hans gebot »Geschlossen ist der Rat
und geöffnet der Ring euch aber bitte ich dass ihr als unsere Nachbarn einen
Trunk nicht verschmäht«
Die Boten waren der Einladung nicht abgeneigt und der Haufen geleitete sie
in die Halle ein Fass wurde herangeschleift und starkes Zechen begann In heller
Fröhlichkeit und mit hochroten Wangen tranken die Parteien einander zu auf gutes
Glück und treue Nachbarschaft am lautesten die Heimischen weil sie eine Sorge
im Herzen bargen Der fremde Hauptmann lobte die feste Mauer und das Schloss und
begann scherzend »Wenn ja das Schicksal wollte dass wir noch einmal
gegeneinander schlagen müssten so wird euch der Vorteil der Mauern und des
Grabens nötig sein damit ihr die starken Fäuste meiner Knechte abwehrt Denn
obwohl wir an Zahl ziemlich gleich sind so meinen unsere Gesellen doch dass ihr
im freien Felde euch niemals gegen uns wagen werdet«
Da erwiderte Hans gehoben vom Trunke »Wir begehren gegen euch keinerlei
Vorteil der Mauer und des Grabens auch in gleichem Kampfe trauen wir euch
obzusiegen nach unseres Ordens Brauch auf offener Heide im gevierten Haufen
wann und wie ihr den Kampf begehrt« Und seine Genossen riefen stürmisch die
Bestätigung Der Fremde aber sprach mit lauter Stimme »Wenn sein müsste was wir
nicht begehren soll alsdann das Wort gelten ihr frommen Knechte« Alle
schrien »Ja« Hans schlug ein dass es schallte und setzte lachend hinzu »Wenn
es sein muss« Auch der andere lachte
Erst gegen Abend brachen die Gäste auf
Hans der die Fremden bis zum Kreuz geleitet hatte kehrte nachdenkend ins
Lager zurück am Tore erwartete ihn Georg »Sie werden den Kampf fordern
Hauptmann«
»Ich denke nicht« versetzte Hans unsicher »Sie werden sich ungern Schläge
holen sie wissen auch dass wir kahl sind und dass sie bei uns nur geringe Beute
finden«
Als Georg am Abend in seine Behausung zurückkehrte betrat er vorsichtiger
als sonst die Frauenstube Es war still darin kein Gruß empfing ihn er vernahm
nur leise Atemzüge Mutter und Kind lagen in friedlichem Schlaf der Kleine
näher der Wand durch Betten gegen den kalten Zug aus den Steinen geschützt die
Mutter vor ihm noch im Schlaf mit ihrem Leibe seine Schützerin Der Vater stand
lange versunken in den Anblick des liebsten Lebens welches in zwiefacher
Gestalt vor ihm lag und sein Auge wurde feucht »Mein alter Feind gedenkt die
Rache an einem zu nehmen noch weiß er nicht dass er mit einem Schlage drei
Leben trifft Ob er den Fähnrich allein sucht oder auch die Fahne in jedem Fall
hat er dafür gesorgt dass er im Vorteil ist Ich sah den hündischen Blick des
fremden Landsknechts als unser Hauptmann den Kampf auf der Heide versprach Ich
fürchte er hat damit auch euch ihr beiden süßen Schläfer den Dritten
abgesprochen der zu euch gehört Wenn das Fähnlein auszieht und der Fähnrich
den Rückweg nicht findet was wird alsdann aus diesen Vater im Himmel tu mit
mir was du willst aber rette mein Weib und Kind« Er kniete am Lager nieder
und hob in bitterer Angst die Arme nach der Höhe bis der kleine Sohn die
geballten Händchen öffnete und schrie Da erwachte die Mutter sie lächelte
glücklich als sie das Antlitz des Gatten dicht neben dem ihren sah und sie
fand noch Zeit den Arm um seinen Hals zu legen und ihn herzlich zu küssen
bevor sie sich zu dem Schreier wandte Da lachte Georg wieder und sagte ihr noch
halblaut Lustiges von der Gesellschaft aus welcher er kam bis er sich auf sein
Lager an der Tür warf und das Gesicht der Fahne zuwandte um die wilde Neuigkeit
weiter zu erwägen
Am andern Morgen rief er den Magister in die Turmstube und berichtete seinem
Weibe in Gegenwart des Vaters einiges von seinen Sorgen »Es ist ein Anschlag im
Werke sich dieses Schlosses zu bemächtigen Obgleich der Krieg durch Stillstand
geendigt ist so hoffen die Polen doch bei einem künftigen Frieden zu behalten
was sie jetzt in Besitz nehmen und es ist wohl möglich dass diesem Schloss
eine Belagerung droht Denn wir haben die Pflicht die Stadt und das Amt dem
Hochmeister zu bewahren Da ist mir der Gedanke unerträglich dass euch die
Unruhe umfassen könnte Wuz zieht morgen mit einigen Knechten nach der Seite
hin wo Elbing liegt Vermagst du mit dem Kinde bei günstigem Wetter die
Schlittenfahrt zu wagen so will ich dass du mit dem Vater dorthin aufbrichst
und in den nächsten Tagen nicht zurückkehrst sondern dort oder wo es dem Vater
am sichersten erscheint verweilst bis über dieses Amt und das Fähnlein
entschieden ist Denn wie man vernimmt ist auch im Werke das Fähnlein zu
entlassen« Als er so sprach suchten zwei große Augen angstvoll seine ganze
Meinung zu verstehen der Magister aber fiel ihm eifrig bei Anna sprach nicht
ja nicht nein sie beugte sich über das Kind und ihre Tränen fielen auf den
Kleinen herab Georg selbst mühte sich die Bewegung welche ihn fast
übermannte in der Geschäftigkeit zu verbergen womit er den Aufbruch betrieb
Anna saß unterdes bleich und schweigend das Kind im Arme aber sie regte sich
nicht um für die Reise zu rüsten wie Frauen pflegen Nur des Kindes Bedarf
über dem sie im Herbste genäht rollte sie in ein Bündel Erst als Georg
heraufkam ihr zu sagen dass der Schlitten seiner Ladung harre erhob sie sich
und trug ihm das Kind entgegen »Vater segne deinen Sohn« Da verließ ihn die
Fassung die er bisher mühsam bewahrte Er hielt den Knaben unter Tränen in den
Armen und sie sprach leise zu ihm »Das Jahr ist zu Ende« Und als er das Kind
in die Hände des Großvaters legte umschlang sie ihn mit heißer Leidenschaft und
hing an seinem Halse er aber hob sie in wildem Schmerze und trug sie nach dem
Schlitten Sie hielt die Augen starr auf ihn geheftet bis die Pferde anzogen
und der Weg ihr seinen Anblick entzog Beide vernahmen nichts von den Grüssen und
Abschiedsrufen der Männer und Weiber welche sich um den Schlitten gesammelt
hatten denn in unsäglichem Weh und schwerer Ahnung schwanden ihnen die
Gedanken
In dem stillen Kontor des Marcus König fanden sich jetzt zahlreiche Besucher
ein doch kamen sie schwerlich als Kunden des Geschäftes Es waren meist
Zunftgenossen aus der Neustadt sie traten vorsichtig von der Hintergasse in den
Hof und während sie in der Kammer mit dem Kaufherrn und dem Gehilfen
verhandelten hielt Dobise über einem Frachtstück beschäftigt an der Vordertür
Wache und pochte so oft ein störender Gast nahte Als Marcus sich gegen Abend
von seinem Sitz erhob sagte er mit stolzem Lächeln zu seinem Vertrauten »Die
Flut steigt schnell die Galeone von Torn fühlt Wasser unter dem Kiel es wird
Zeit dass wir alle Hände zuhauf rufen«
Da meldete Dobise mit schlauem Augenzwinkern einen Fremden der in
dringendem Geschäft den Herrn allein sprechen müsse Marcus trat eilig in den
Flur fand einen kleinen verhüllten Mann der seinen Hut tief in die Augen
gedrückt hatte und winkte mit der Hand in die Wohnstube Dort erst nahm der
Gast den Hut ab der Magister stand dem Kaufherrn gegenüber Die Gestalt des
Marcus hob sich wie zum Kampfe und ohne dem andern einen gastlichen Sitz zu
bieten begann er »Was führt den Herrn Magister in die Stadt welche ihn
gebannt hat und was führt ihn zu dem Vater welcher durch ihn seines Erben
beraubt ist«
Das Gesicht des Gelehrten war gerötet und seine Stimme zitterte als er zur
Antwort gab »Die Sorge eines Vaters zwingt mich zu Euch auch ich habe ein
Kind welches durch Euren Sohn der Herrschaft des Vaters entzogen wurde
wahrlich ohne meinen Willen und in furchtbarer Notzeit Als es sich für Euren
Sohn und meine Tochter um Ehre und Leben handelte haben die Armen sich
vermählt Sie mussten den Segen der Eltern entbehren aber Gott hat ihre Ehe
gesegnet ein Enkel ist Euch und mir geboren und ich bin in die Stadt
gedrungen um Euch hochansehnlicher Kaufherr als dem Vater und Großvater dies
anzuzeigen und Euch zu bitten dass Ihr durch Eure Bestimmung und durch Euren
Segen die Ehe bekräftigt«
Marcus trat zurück und ein düsteres Licht glomm in seinen Augen »Sendet
Euch der Fähnrich Georg König«
»Er weiß nichts von dieser Reise«
»Weilt Eure Tochter bei ihm«
»Ich habe sie und das Kind mit seinem Willen zu besserer Sicherheit und
Pflege nach Elbing geführt«
»Dort mögt Ihr sie von jetzt an bewahren« versetzte Marcus »und redlicher
als Ihr seither getan«
Den Magister ergriff unsägliche Angst bei der abweisenden Haltung des
strengen Mannes und mit heiserer Stimme fragte er »Wie soll ich Eure Rede
deuten Herr«
»Dass ich als Vater dem wilden Zusammenleben feindlich bin und dass ich einer
Ehe meines Sohnes mit Eurer Tochter von der Ihr redet Einwilligung und Segen
verweigere«
Dem Magister bewegten sich krampfhaft die Hände »So war meine Ahnung«
murmelte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn Erst nach einer Weile
fand er die Worte »Obgleich ich kein großer Mann auf Erden bin so wird mir
doch schwer mich zu demütigen aber heut tue ich es nicht für mich sondern
für mein armes unglückliches Kind und ich flehe Euch herzlich und in Todesangst
an erweist uns Geschlagenen eine mildere Gesinnung lasst meine Tochter nicht in
Schimpf und Unehre vergehen denn ich sage Euch Herr sie ist ein gutes Kind
und sie war der Stolz meines Lebens«
»Auch Georg König war lange die Freude seines Vaters und dem einsamen Hause
die einzige Hoffnung« antwortete Marcus »Wer trägt die Schuld dass er von
seinem Vater und aus der Heimat hinausgeworfen wurde in ein elendes Leben Ihr
Herr Magister und Euer Kind Jahrelang habt Ihr Besuche meines Sohnes und
heimliche Liebschaft in Eurem Hause geduldet Ihr selbst habt in seine Seele
Irrlehren und Unglauben gesäet Euch zuliebe geschah es dass er sich offen gegen
die heilige Kirche empörte und der Blutrache des polnischen Königs verfiel Und
Ihr und Euer Kind habt bewirkt dass er in wüstem Leben bei fremden Landsknechten
festgehalten wurde Durch Euch ist der Sohn dem Vater entfremdet Mit Bitterkeit
und Gram habt Ihr mein Leben erfüllt und jetzt wagt Ihr vor mich zu treten und
von mir zu fordern Gib einen Segen alter Mann zu unserm Werke«
Der Magister stand wie überwältigt durch die Vorwürfe des Gegners »Unser
Vater im Himmel weiß dass ich von der Neigung Eures Sohnes nichts geahnt habe
solange ich mit ihm zusammen war und unser Vater im Himmel weiß auch dass meine
liebe Tochter züchtig und ehrbar in Worten und Werken gelebt hat Was ich Eurem
Sohne beigebracht habe von Lehre und Gedanken das ist wahrhaftig in guter
Gesinnung geschehen keiner vermag anderes zu geben als er hat und ich habe
ihm in Latein und in Lehrmeinungen überliefert was für den Magister Fabricius
der Stolz seines Lebens war Wenn Euch das nicht gefällt Herr so ist dies
nicht die Schuld des Lehrers denn Ihr habt mich geworben Wenn Ihr mir sagt
dass wir Euch den Sohn entfremdet haben so sage ich dagegen Euch Euer Sohn hat
auch mir mein Kind entzogen Und ich weiß wie wehe es einem Vater tut wenn er
sein Kind einem andern überlassen soll Dies aber ist von dem Allmächtigen
selbst geordnet dass die Kinder Vater und Mutter verlassen um der Gatten willen
und weder Ihr noch ich haben ein Recht darüber zu zürnen wie wehe es auch tun
mag Darum Herr unternehme ich was ich noch niemals in meinem Leben getan
habe ich flehe zum zweitenmal da wo ich einmal abgewiesen bin nicht für mich
sondern für mein Kind Herr Ihr bedenkt nicht um was es sich hier für meine
Tochter Anna handelt« rief er mit stärkerer Stimme »Die Frage ist ob sie vor
den Leuten ein redliches Weib sein soll oder eine Dirne Ihr habt oft Gut und
Geld gewagt Herr aber niemalen wart Ihr in der Lage dass der böse Wille eines
andern Euch so elend und verworfen machen konnte wie Euer böser Wille mein
liebes Kind elend und verworfen machen kann ein gutes Kind Herr und wie ich
Euch sagte die Freude meines Alters Und wahrlich Herr für Euer stolzes Haus
wäre es ein Segen und ein Glück wenn mein Kind als Eure Schwiegertochter darin
hauste Und ich versichere Euch Herr hätte ich eine Ahnung gehabt dass Euer
Sohn heimlich meine Tochter im Herzen trug ich hätte ihn wie wert er mir auch
als Schüler geworden war aus dem Hause gejagt auf Nimmerwiedersehn Denn nichts
ist mir in meinen Tagen nächst den Lügen der Pfaffen so verhasst gewesen als der
Dünkel der Reichen und niemals Herr habe ich die Gesellschaft Euresgleichen
geliebt und gesucht denn ich weiß wohl wie selten Nächstenliebe und ein
freundliches Herz unter den Geldsäcken gedeiht Und darum Herr mahne ich Euch
noch einmal und zum letzten Male nicht mehr um meines Kindes willen sondern um
Eures Sohnes willen damit er nicht als Schelm und Bösewicht gegen meine Tochter
fortlebe und ich mahne Euch noch einmal um Euer selbst willen damit Euch das
Unglück das Ihr über mein Kind bringen wollt nicht in Eurer letzten Stunde das
Scheiden schwer mache«
Marcus dem die steigende Heftigkeit des andern seine Ruhe zurückgab
antwortete ohne Härte »Ich bin alt und denke zuweilen an meine letzte Rechnung
Der Sorge dafür entebe ich Euch Hat mein Sohn in dem Übermut der Jugend ein
Unrecht an Eurer Tochter geübt was ich nicht weiß so muss er das Unrecht auf
sein Leben nehmen und bei den Heiligen um Vergebung seiner Schuld werben War es
auch für Euch ein Unglück was für mich leidvoll geworden ist dass mein Sohn in
Euer Haus kam so bin ich bereit Euch die Entfernung aus diesem Lande möglich
zu machen welche Ihr selbst wünschen müsst Sagt mir wo Ihr Euch hier verborgen
aufhaltet damit ich deshalb meinen Gehilfen zu Euch sende«
Das gerötete Gesicht des Magisters erblich während der Rede des andern wie
das eines Sterbenden Er drückte seinen Hut in das Gesicht rief mit heiserer
Stimme »Pfui Sendet Euren Gehilfen in die Weichsel« und stürzte aus dem
Hause
Unterdes ging Lips Eske bei welchem der Magister das Versteck gefunden
hatte unruhig in seiner Kammer auf und ab und erwartete die Rückkehr des
Lehrers Als der Alte entstellt in Antlitz und Gebärde hereinwankte erkannte
der treue Knabe dass alles gekommen war wie er gefürchtet Er rückte schnell
dem Magister einen Sessel der Alte hielt sich daran »Schaffe mich fort mein
Sohn denn der Boden dieser Stadt brennt mir unter den Füßen«
»Ich leide nicht dass Ihr so von mir geht« bat Lips und drückte den
Gelehrten in den Stuhl »hier sitzt nieder und nehmt diese Stärkung« Er goss
Vein in ein Glas und zwang den Alten die Lippen zu befeuchten »Und wenn Euch
lästig ist mir die Reden des harten Mannes zu wiederholen so sollt Ihr
stillsitzen aber bleibt bei mir Herr Vater bis Ihr Euch erholt habt hier
seid Ihr sicherer als anderswo Ich weiche nicht mehr von Eurer Seite bis ich
Euch wohlbehalten außerhalb des Stadtgrundes sehe« Er setzte sich zu ihm
umfasste die Hand des stöhnenden Alten hielt sie fest und strich sie zuweilen
mit seinen knochigen Fingern wie ein Kind die Hand seiner lieben Mutter
streichelt Der Magister ließ sich das gefallen und die beiden beharrten lange
ohne ein Wort zu sprechen Endlich ermannte sich der Magister »Du hast das
Verzeichnis meiner Bücher die ich in Verwahrung des Lischke zurückließ«
»Ja Herr Vater Ich selbst bewahre den Schlüssel«
»Gib das Verzeichnis an Hannus er soll aus alter Gunst die Bücher hier oder
in Danzig verkaufen sich einen gebührlichen Vorteil nehmen und den übrigen
Ertrag dir einhändigen«
»Aber Herr Vater Eure ganze Liberei Sie war für Euch ein Schatz«
Der Gelehrte bestätigte durch ein Kopfnicken »Sie ist mühsam
zusammengebracht und manches Geschenk ehrenwerter Gönner steht darunter Aber
sie muss fort mein Sohn und so schnell als möglich Empfängst du das Geld so
trägst du es zu dem reichen Manne von dem ich komme und sagst ihm dies sei
die Summe welche der junge König dem weiland Magister Fabricius damals
auszahlte als er sein Weib Anna geborene Fabricius und seinen Sohn Romulus
König dem erwähnten Magister zu fernerer Behütung übergab Ob das Geld im
Betrage stimmt wird unwichtig da es alles ist was ich besitze«
»Das Geld will ich übergeben aber was bedeutet weiland Herr Vater«
Finster antwortete der Alte »Der lateinische Ehrenname Fabricius ist von
heute ab verloren der Mann welcher unrühmlich und verborgen zu leben hat
heißt fortan mit gemeinem deutschen Namen Schmieder«
Mit Betrübnis hörte Lips den verzweifelten Beschluss »Vertraut mir lieber
Herr Vater was wollt Ihr jetzt tun«
Der Magister richtete sich auf und saß stolz vor ihm wie in der Schule
»Erinnerst du dich noch an den Römer Virginius welcher seine Tochter vor Unehre
zu bewahren hatte«
»Herr Vater« rief Lips erschrocken aufspringend
»Still« gebot der Magister »wir sind Christen und es war nur ein
Beispiel«
Tag auf Tag verrann und Georg erhielt von Anna und seinem Kinde keine
Nachricht Der Tauwind erhob sich und schüttete Regenwolken über das Stromeis
und die Schneehügel der Heide Auf die starre Ruhe des Winters folgte wilde
Bewegung in zahllosen Rinnen lief das Wasser es tilgte den Schnee hob die
Eisdecke der Bäche und wälzte die Trümmer dem Meere zu Georg sandte Boten über
Boten nach der Stadt Elbing aber keiner brachte Kunde von seinen Lieben
Wortkarg saß er unter seinen Gesellen täglich ging er hinaus auf die Stellen
wo im vorigen Jahre Anna gern geweilt hatte wenn er des Abends in dem öden Turm
saß hörte er die Stimme der Gattin und den Schrei des Kleinen aber was von den
Mauern widerklang waren nur die Seufzer seiner eigenen Brust Unterdes kam
langsam die Gefahr heran welche er vorausgesehen Das gute Einvernehmen mit den
polnischen Landsknechten hörte plötzlich auf In den Grenzdörfern gab es täglich
Zusammenstösse Pferde wurden gestohlen Knechte erschlagen entlaufene Dirnen
nicht zurückgeliefert und auf die Beschwerden welche Hans den Nachbarn zugehen
ließ kamen abweisende Antworten und höhnende Reden So geschah es dass die
Knechte in kurzer Zeit zornig wurden und beim Hauptmann Rache forderten und dass
dieser Mühe hatte den Ingrimm der Seinen zu bändigen Jeden Tag erwartete
Georg dass die Feindschaft zu heller Flamme aufschlagen werde Als er einst
draußen am Walle stand unweit des wilden Rosenbusches und an die Stunde
dachte wo er Anna in den Schlitten hob und an den Unheil ahnenden Blick mit
dem sie von ihm schied da kam Henner durch die Pforte auf ihn zu unsicher war
der Schritt des rastlosen Gesellen und in Falten zusammengezogen sein Antlitz
»Habt Ihr Botschaft von Eurem Weibe« fragte er mit heiserer Stimme
»Ihr bringt die Botschaft« schrie Georg
»Ich ritt nach Elbing obwohl es dort für unsereinen nicht geheuer ist und
fragte in den Herbergen des Hafens Die Leute erzählten als Schiffernachricht
dass ein Weichselkahn umgeschlagen sei und die Fahrenden im Strome ertrunken ein
kleiner Alter ein junges Weib und ein Kind Ich lief zu dem Wirt bei dem der
Magister gewohnt hatte er hielt mir den Brief eines Danziger Buchführers
entgegen den er eben erhalten der Brief meldete dasselbe mit dem Auftrage
Euch davon Nachricht zu geben«
Georg stieß einen gellenden Schrei aus dass Henner zurückfuhr und stürzte
wie ein gefällter Stamm zu Boden er lag stöhnend und wandte das Antlitz vom
Himmel ab der Erde zu Henner beugte sich an ihm nieder und versuchte
unbehilflich Tröstendes zu sagen aber der Liegende verstand ihn nicht und
entzog ihm wild die Hand Da setzte sich Henner schweigend neben den
Geschlagenen und während diesem der starke Leib zuckte und schauerte schrieb
er mit der Schwertscheide Totenkreuze in den Sand Der Regen rieselte herab er
nahm seinen Mantel von den Schultern warf ihn über den Fähnrich setzte sich
wieder auf den Stein und zeichnete von neuem viele Kreuze um sich und den
andern soweit sein Arm reichte Als endlich ein Bube vorüberlief ließ er den
Hauptmann benachrichtigen und rief dem erschrockenen Hans zu »Hier liegt was
von Eurem Fähnrich übrig ist helft ihn nach dem Turm schaffen« Sie hoben den
Armen der sie zuerst rau abwehrte und sich dann schwerfällig wie im Traume zum
Turm bewegte Dort warf er sich auf sein Lager das Gesicht der Wand zugekehrt
und Henner blieb neben ihm sitzen und mühte sich den Fußboden aufs neue mit den
Zeichen des Todes zu bedecken
Als der Hauptmann am nächsten Morgen eilig eintrat fand er einen bleichen
finsteren Mann der am Herde vor sich hinstarrte während Henner an Stelle der
Hausfrau Töpfe zum Feuer rückte »Vermögt Ihr herauszukommen Fähnrich so
gedenkt der Fahne« mahnt Hans bekümmert »es ist etwas auf dem Wege«
»Der Pole kommt« antwortete Georg mit rauer Stimme »dies ist die rechte
Zeit für ihn und mich« Er legte schnell sein Schwert um ergriff die Fahne und
stieg mit seinem Gefährten die Mauer hinauf zur Stelle wo die Wache stand
während Henner bei den Kochtöpfen zurückblieb
Es war ein kalter Morgen die Sonne stand gedeckt hinter einer dunklen
Wolkenwand über der kahlen Heide lag der Reif Ein einzelner Reiter bewegte
sich von dem polnischen Lager langsam heran
»Er führt einen Kurzspiess und kommt als Bote« sagte Wuz
»Er reitet mit steifen Beinen« fuhr der Hauptmann fort »daran erkennt Ihr
den Landsknecht und wenn sie auf Kamelen und Seehunden ritten sie müssten die
Beine spreizen« Er schüttelte den Kopf»Es ist Tiele Storch ihr Ausrufer
diesmal hat ers nicht eilig alte Gesellen zu begrüßen«
Argwöhnisch umschauend ritt der Fremde in den Schlosshof »Treibe deinen
Gaul« rief der Hauptmann von der Mauer herab »der Morgentrunk ist bereit«
Aber Tiele hielt mitten im Hofe an »Ich bringe Botschaft an Euch und Eure
Gesellen gefällt es Euch so hört sie unter freiem Himmel wo die Sonne scheint
und die Luft weht«
Hans sah den Fähnrich mit düsterm Blicke an »Der Wein ist ausgetrunken
werft die Gläser gegen die Wand und kümmert Euch nicht wohin die Scherben
fallen Kommst du als Bote so harre bis ich die Brüder lade« Er hob die alte
Trommel welche unter einem schützenden Dächlein stand die dumpfen Schläge
trieben die Knechte aus den Häusern sie eilten an das Tor und traten mit
ernsten Mienen in den Kreis der sich nach der Seite des Fremden öffnete so dass
dieser dem Hauptmann und Fähnrich gegenüberstand Er war vom Pferde gestiegen
hielt seinen Kurzspiess verkehrt mit der Spitze nach unten und seine lauten
Worte kamen mit Anstrengung aus der Kehle »Ich grüße den Orden der freien und
wehrhaften Knechte tragen sie Spieße oder Rohr ich grüße den Hauptmann und
ich grüße den Fähnrich mit Gunst oder ohne Gunst bringe ich Botschaft von
meinem Hauptmann und von meiner Bruderschaft und sie senden euch weil es nicht
anders sein kann dies rote Zeichen nicht zu Liebe sondern zu Leide und sie
sagen euch ab allen Frieden und bieten euch Unfrieden« Er warf einen großen
rotgefärbten Handschuh vor dem Hauptmann nieder »Am dritten Morgen von heute
wollen sie ausziehen gegen euch mit Harnisch und Wehr von Sonnenaufgang nach
Untergang um sich mit euch zu schlagen nach Landsknechtsbrauch Am Kreuze auf
brauner Heide wo im Sommer die Blumen blühen und im Winter der Schnee weht
wollen sie den Grund rot färben mit eurem Blut Ihr aber Hauptmann bestätigt
dass ich meinen Auftrag nach Gebühr verkündet sei er mir oder Euch lieb oder
leid«
Hans trat einen Schritt vor und gebot »Fähnrich hebt das Pfand auf und
bewahrts Wir aber bieten Euch und Euren Gesellen unsern Gegengruss ohne Gunst
und in heller Feindschaft die sie durch Euch gefordert haben Am dritten Morgen
von heut ab werden auch wir ausziehen mit Harnisch und Wehr von Abend gegen
Morgen damit wir euch treffen und auf brauner Heide schlagen nach Brauch freier
Knechte Euch aber bestätige ich dass Ihr nach Gebühr abgesagt habt wenn nicht
zuliebe dann zuleide und die Bruderschaft verweigert Euch nicht den Botenlohn
der dem Absager gebührt als letzte Gunst Holt einen Becher mit rotem Wein
damit er ihn trinke abgewandt und ohne Bescheid« Während ein Knecht den Trunk
holte standen die Männer einander schweigend gegenüber »Ihr hattet es eilig
den Frieden aufzukündigen« begann endlich Hans mit erheuchelter Ruhe »ich
selbst war gestern am Kreuz aber ich sah keinen dürren Ast der doch verabredet
war als Warnung«
Der Bote räusperte sich »Der Pan Stibor kam erst gestern zu uns geritten
auf jeder Sattelseite einen Beutel mit Geld er hat allen Rückstand bezahlt
doppelten Sold verheißen und ehrliche Ablohnung zum nächsten Monat damit wir
heimkehren wenn wir vorher euch aus der Burg werfen und die Herrschaft über
euren Garten in seine Hand geben«
Hans wandte sich grimmig lächelnd zu seinen Gesellen »Dann kommt ihr also
schwer um die Hüften mit gefüllten Taschen meinen Knaben wird es wohltun mit
euch zu teilen Nehmt den Becher und trinkt«
Der Bote wandte sich ab leerte das ansehnliche Gefäß in dem aber nur Bier
war und goss die Neige in den Schnee »Aus der Erde kams zur Erde fällts«
sagte er den Becher vor dem Hauptmann auf den Boden setzend
»Aus der Erde wuchsen wir und zur Erde sinken wir« wiederholte Hans das
Haupt neigend »unsern Seelen aber sei Gott gnädig Um die Männer haben wir
gehandelt nach Brauch der gewappneten Knechte sorgen wir jetzt um unsere Weiber
und Kinder dass sie Frieden behalten beim Sieger Wollt Ihr einen Eid darauf
geben und empfangen damit ihr euch als ehrliche Feinde erweist Denn ihr dient
einem Fremden der unlustig ist unsern Brauch zu ehren«
»Wir bieten Freiheit für die wehrlosen Weiber und Kinder und von ihrer Habe
Kochlöffel und Bett ihr Gewand und was sie sonst unter dem Gürtel tragen«
»Wir fordern auch Pferde und Wagen für die Unsern« versetzte Hans »und wir
wollen sie den Euren gewähren«
»Ihr wisst dass dies gegen den Brauch ist« antwortete der Bote
rücksichtsvoll
»Wir sind aber in fremdem Lande und hundert Meilen über Heide und Schnee
sind weit für kleine Füße«
»Darf ichs nicht beeiden so will ich doch bei meinen Brüdern dafür
sprechen« sagte der Bote
Als der feindliche Rufer sich entfernt hatte standen die Knechte auf ihre
Wehren gelehnt und sahen bestürzt einander an
»Die Hunde verlassen sich darauf dass sie unser Gelöbnis in der Tasche
haben« murmelte Hans
»Was werdet Ihr tun« fragte Georg
»Ihnen entgegenziehen wie wir gelobten« versetzte Hans düster »Die
Knechte können nicht in Schande leben«
»Müsst Ihr das Fähnlein im Freien daran wagen so dürft Ihr doch die Hilfe
des Ordens anrufen damit Euch der Rücken gedeckt werde«
»Den Orden« rief Hans verächtlich »ich sage Euch die Junker und alle ihre
Kumpane werden froh sein wenn man uns von hier vertreibt und sie werden sich
lieber mit den Polen vertragen als uns helfen Die Bürger aber und das Landvolk
sind so armselig und zerschlagen dass es ihnen geringe Sorge macht wer aus der
Burg nach ihren leeren Höfen sieht Dies ist ein Streit der nur uns Knechte
angeht Werden wir der andern Meister so fegen wir ihnen die Taschen und ziehen
in unsere Burg zurück werden sie die Stärkeren so ist ganz gleich wer nach
uns in diesen Steinen gebietet«
»Dennoch mahne ich Euch dass Ihr die Pflicht habt diese Stadt und Burg
unserem Kriegsherrn zu bewahren Darum bitte ich berichtet dem Pfleger ohne
Verzug durch sichere Boten von dem drohenden Zweikampf«
»Wozu dem Pfleger eine Freude machen Sende ich einige aus meinem Haufen so
könnten sie fehlen wenn ich sie brauche und wir sind um keinen zuviel«
»Wenn niemand reiten will so entsendet mich«
Hans sah ihn misstrauisch an »Wollt Ihr von uns weichen«
»Ich hoffe dass Ihr das nicht im Ernste meint« rief Georg
»Ihr aber sollt daran denken« entgegnete der Hauptmann »dass der Weisel den
Stock nicht verlassen darf Reitet Ihr ohne Euer Tuch so geht es Euch an Ehre
und Hals und nehmt Ihr den Knechten das Zeichen weg dem sie sich gelobt haben
so wird ihr Eid null und nichtig und sie schwärmen auseinander wie Raubbienen
Was meine Knechte hier zusammenhält ist nur der Glaube dass sie im Haufen vor
Eurer Fahne kämpfen müssen und Euch rächen wenn Ihr auf dem Grunde liegt«
»Wollt Ihr niemanden aus dem Fähnlein daran wagen so gestattet dass ich den
Henner abschicke damit er für Burg und Stadt eine Hilfe herbeiholt«
»Die Helfer wenn sie kommen könnten uns bei der Gelegenheit selbst
aussperren« antwortete mürrisch der Hauptmann »Doch tut nach Eurem Gutdünken«
Georg kehrte zum Turme zurück und berichtete dem Reiter welcher ruhig über
dem Frühstück saß in Eile die neue Gefahr Henner erhob sich »Zum Henker mit
der ganzen Bruderschaft Sie hätten sich dreimal besonnen bevor sie für den
Hochmeister ihre Hälse wagten weil sie aber eine Bosheit gegen ihresgleichen
gefasst haben stolpern sie wie Betrunkene in eine nutzlose Schlägerei« Er
stürzte die Blechkappe über sein Haupt »Auch ich rate nicht dem Pfleger zu
vertrauen Doch vernahm ich dass der Hochmeister selbst zu einer Reise in das
Deutsche Reich aufgebrochen ist und hier in der Nähe verweilt vielleicht
gelingt mir ihn zu finden Verlasst Euch darauf dass ich mein Pferd nicht
schone Tragt Euren Kummer wie ein Mann Jörge in drei Tagen hört Ihr von mir«
Er eilte hinaus Georg warf sich in den Sessel und sein Haupt sank ihm schwer
auf den Herd
Die drei Tage vergingen in stürmischer Vorbereitung Schnelle Boten beritten
die Dörfer der Umgebung und riefen die Rotten welche dort mit ihrem Tross
lagerten nach der Stadt die Waffen wurden gemustert die Knechte neu
eingeteilt und gezählt Es waren noch an dreihundert Mann welche unter die
Fahne traten und etwa ebenso stark sollte der feindliche Haufen sein Aber die
Knechte des Hans waren stolz auf größere Erfahrung im harten Kampfe
Am Frühmorgen des dritten Tages stand Georg mit dem Hauptmann über dem Tore
Hans wies nach dem Osten wo die Morgenröte feurig heraufstieg »Dort oben
brennts rot genug auf der Heide aber liegt der Reif Noch niemalen habe ich
vor einem Streite den Morgenschauer so tief im Mark gefühlt als heut«
»Wenn unsere Knechte die Arme heben werden sie wärmer werden« versetzte
Georg zerstreut und sah nach dem Wege auf dem er die Rückkehr des Henner
erwartete »Er bleibt zu lange aus« murmelte er
»Ein Landsknecht soll sich niemals auf Pferdehufe verlassen ist eine alte
Rede« sagte der Hauptmann
»Wenn nicht Gewalt ihn zurückhält so kommt er« antwortete Georg
»Wir aber können nicht warten bis ihm gefällig ist die Gesellschaft der
Junker zu verlassen Ich wollte Fähnrich eine um die Ihr trauert wäre heut
hier Sie würde einen Segen über unser Eisen sprechen«
Er sah prüfend auf Georg »Um Euch sorge ich nicht obgleich Ihr zum
erstenmal die Fahne im Sturme tragen sollt Vergesst nur nicht sie hochzuhalten
die Spitze stracks nach vorwärts denn auf dies Zeichen achten alle Knechte und
denkt auch daran dass Ihr nicht in die erste Reihe gestellt seid und nicht in
die zweite sondern in die dritte weil Ihr nicht selbst um Euch schlagen sollt
sondern das Tuch gegen den Wind halten Nur wenn keiner mehr vor Euch steht und
die fremden Fäuste nach Euch greifen mögt Ihr die Fahne um Euch werfen und Eure
Rechte gebrauchen solange Ihr könnt« Noch einmal sah er in die Runde und
neigte sein Haupt Dann gebot er mit mannhafter Stimme »Lass die Trommel
schlagen Wuz damit die Knechte ihren Frühtrunk verlassen«
Die Trommel dröhnte und Hans achtete scharf nach dem Ton als die Schläge
in der frischen Morgenluft kräftig über den Alarmplatz klangen sagte er
zufrieden »Sie spricht an ihr ist der Streit gelegen«
In der Stadt wurde es laut Weiber und Kinder schoben die Karren aus den
Torwegen und warfen die Bündel hinauf um sich in dem Schlosshofe zu bergen
Überall ängstliche Gebärden und wilde Rufe die Knechte rannten zum Platze und
stellten sich auf viele mit bleichen Gesichtern und verstörten Mienen Hans
aber sprach zu seiner Frau die gleich einem Mann bewaffnet zu ihm geeilt war
»Manches Jahr bist du Hauptmann gewesen in meiner Hütte und an meinem Feuer
heut übergebe ich dir den Weibern und Trossbuben die Wache über das Schloss« und
leiser fügte er hinzu »Auch die Wache über die Vorräte welche ich hier
zurücklassen muss Stelle die besten der Weiber auf das Tor lass Steine
herzutragen und achte darauf dass der Zugang und alles übrige verschlossen
bleibt«
»Sorge nicht um uns Johannes« versetzte das Mannweib »achte auf dich
selber dass du nicht gerade mit dem Hauptmann zusammenstösst denn er hat einen
alten Groll auf dich noch vom Reiche her und verdeckte Kohlen halten lange die
Glut«
»Euch haben sie Frieden gelobt Wenn ich nicht wiederkehre so gebraucht
eure Zungen damit sie ihr Wort halten denn auch ein Unbändiger scheut sich vor
eurem Geschrei und Fluchen Ich denke Alte daran wirst du es nicht fehlen
lassen lange Jahre hast du dich bei mir redlich geübt« Er hob ihr das Kinn und
sah ihr vertraulich in das wettergebräunte Gesicht Sie hielt seine Hand fest
und eine Träne lief langsam über die Wange
»Sonst war ich näher bei dir auf dem Felde« klagte die Frau
»Unsere Spur ist breit genug ich denke du wirst noch zurechtkommen Finde
ich den Rückweg nicht so findest du den Weg zu mir ich hoffe die Heiligen
werden sich mehr um dich kümmern als um die andern weil du mit mir an der
Kirchentür standest Alles hat sein Gutes« Er wandte sich ab und trat zum
Haufen dort gab er die letzten Befehle dann hob er den Spieß welchen er im
Kampfe trug lüftete seinen Hut und gab das Zeichen zum Aufbruch
Langsam bewegte sich der Haufen aus dem Tore im Schlosshof beim Trinkkruge
hatten die Knechte sich für eine ansehnliche Schar gehalten jetzt im Freien auf
der weißen Decke welche der Reif über das Land gelegt hatte erkannten sie wie
klein ihre Zahl war und besorgte Blicke spähten nach der Ferne um zu erkunden
ob die Feinde in größerem Zuge entgegenkämen
Kurz darauf sprengte ein Reitertrupp durch die Stadt dem Schloss der
Landsknechte zu die Weiber in der Burg erkannten weiße Mäntel und das
Ordenskreuz »Öffnet« gebot die Stimme des Pflegers an dem geschlossenen Tore
Aber über die Zinne hob sich die Frau des Hauptmanns eine Hellebarde in der
Hand »Weicht von hinnen wer Ihr auch seid hier gebietet niemand als Hans
Stehfest und sein Volk«
»Öffne alte Törin« wiederholte der Reiter ungeduldig und stieß mit dem
schafft seiner Lanze gegen das Tor »oder meine Buben lassen dich ihr Speerholz
fühlen«
»Kommt der Ordenspfleger um die geworbenen Knechte zu grüßen so soll er
hinausreiten auf die Heide wo unsere freien Knaben zum Streite ziehen Wollt
Ihr kämpfen so rückt gegen die Polen nicht gegen uns Weiber Macht Euch fort
sage ich oder mein Tross wirft Euch mit Steinen«
Der Reiter zog sich zurück »Sprengt die hintere Pforte« gebot er einem
Trupp Knechte Diese führte Henner um das Schloss herum trotz dem Widerstand der
Weiber rissen sie die Pforte auf Nach längerem Verzug und vielem Lärm gelang
es den vorderen Zugang zu öffnen Mühsam wanden sich die Reiter durch
aufgefahrene Karren des Trosses umtobt von dem Geschrei und Geheul der Weiber
und Kinder
Mit seinen Begleitern ritt der Hochmeister in den Hof »Besetzt die Mauern
und sichert die Pforte« befahl Herr Dietrich von Schönberg »wir kamen noch zu
rechter Zeit«
»Wohin zog der Hauptmann mit dem Fähnlein« fragte der Hochmeister die Alte
welche mit ihrer Hellebarde feindselig vor ihm stand
»Den Weg zum Steinkreuze findet ein Blinder Seid Ihr der Herr dem die
Fahne gehört so achtet darauf dass Hans Stehfest mit seinen Knechten nicht
unter Euren Farben erschlagen werde« Sie wandte sich finster ab stieg auf
einen Karren ergriff die Zügel und peitschte die Pferde zum Schlosstor hinaus
Da gebot Herr Albrecht dem Pfleger »Sorgt mit Euren Reisigen für die
Sicherheit des Schlosses« und dem Herrn Dietrich »Lasst ihm an Mannschaft
zurück was die Mauer bedarf und ihr Herren folgt mir dass wir den Bruch des
Stillstands verhindern« Aber er sah rings um sich umwölkte Gesichter und
widerwillige Mienen Herr Dietrich bat mit höfischer Ergebenheit »Wir dürfen
nicht leiden dass mein gnädiger Herr sich mit dem schwachen Haufen in freiem
Felde einem polnischen Angriff preisgebe« Von der andern Seite drängte der
Pfleger sein Pferd heran »Nichts Besseres kann Eurer fürstlichen Gnade und dem
Orden geschehen als wenn die fremden Ratten sich untereinander auffressen«
»Ohne Befehl und wie Meuterer sind die Schelme ausgezogen ganz eigenmächtig
und in Rachsucht« rief ein alter Komtur »Das Schloss behaupten wir wie mögen
wir unsern Gebieter und unsere Waffen in unrühmlichem Kampfe gegen Knechte
daransetzen« Und mit Kopfnicken und Gemurmel fielen ihm andere bei Da trieb
Henner sein Pferd aus dem Kreise »Ich bitte um Urlaub Herr dass ich zu dem
Haufen reite ich habe dort einen Gesellen der zu mir gehört und ich will
ansehen wie er im Sturm die Ordensfahne hält«
»Nehmt mich mit Junker« gebot in bitterem Unwillen der Hochmeister »wenn
meine Ordensbrüder in bedächtiger Klugheit die Ehre ihres Herrn vergessen so
will ich allein dafür sorgen dass meinem Andenken die Schande erspart bleibe«
Und er ritt hinter Henner dem Tore zu
Da blickte Herr Dietrich finster auf seine Kumpane und jagte mit einem Teil
der Weissmäntel dem Herrn nach
Gerade als sie aus den engen Gassen der Stadt ins Freie kamen fuhr im
gestreckten Lauf ein Schwarm polnischer Reiter ihnen entgegen Die Polen
stutzten und warfen sich seitwärts auf das Feld dort hielten sie an und ihre
Führer berieten endlich ritt ein einzelner Reiter auf die Ordensbrüder zu Herr
Dietrich löste sich aus dem Trupp und rief dem Fremden entgegen »Ihr kommt zu
spät Kastellan wenn Ihr ein Gastlager im Schloss sucht der Hausherr hat den
Schlüssel abgezogen und bewahrt ihn an seiner Schwertseite«
Aber Pan Stibor schwenkte lachend die Hand zum Gruße »Dennoch komm ich
nicht zu spät Seine fürstliche Gnaden zu begrüßen und meine Landsleute zu
entschuldigen Denn nicht wir Polen sind darüber her den Frieden zu brechen
sondern die fremden Knechte welche untereinander in Zwist geraten sind und
jetzt auf der Heide zusammen schlagen«
»Wollt Ihr deshalb mit meinem gnädigsten Herrn verhandeln so seid Ihr in
unsern Reihen willkommen« rief Herr Dietrich dagegen »Ihr mögt uns helfen den
Streit zu hindern Euren Haufen aber ersuche ich aus unsern Feldern
heimzusenden denn Ihr seht Pan Stibor wir sind hier die Stärkeren« Der Pole
überlegte dann rief er einen Befehl zurück der polnische Haufe stob von
dannen er selbst kam mit höflichem Gruß auf den Hochmeister zu
Unterdes bewegte sich das Fähnlein der Knechte langsam nach der Stätte wo
auf öder Heide ein verwittertes Steinkreuz ragte Die Gesichter der Wilden waren
fahl aber in den düstern Zügen lag mürrische Entschlossenheit Georg trug die
Fahne mit gehobenem Haupte gleichgültig wie ein Traumwandler gegen alles was
um ihn vorging denn immer schwebten zwei körperlose Gestalten vor seinem Auge
ein Weib und ein Kind und kein Gedanke wurde in ihm lebendig als der eine dass
er auf dem Wege sei sie wiederzufinden Zur Seite sah er das Kreuz zwischen
erstorbenen Distelstauden und einen krächzenden Raben welcher auf dem Kreuze
saß und er lächelte über den Vogel Der Hauptmann rief Halt denn wenige
hundert Schritte vor ihm brach der feindliche Haufe aus einem Kieferngehölz
Auch dieser hielt »Wir haben sie« rief Hans mit starker Stimme über seine
Schar »dringt gegen sie und stecht in ihre vollen Taschen« Ein wilder Schrei
folgte der Mahnung und von drüben antwortete ein gleicher Ruf Der Trommler
schlug die Führer sprangen vor und ordneten ihre Rotten zu viereckigem
Schlachtaufen mitten auf der Seite die dem Feinde zugekehrt war hielt Georg
die Fahne umgeben von den stärksten Knechten welche riesige Schlachtschwerter
führten Vor die Spiessträger traten in gelöster Ordnung die Knechte mit
Feuerrohr um den feindlichen Haufen für den Einbruch zu lockern Umständlich
wurde die Schlachtordnung von beiden Teilen geformt Endlich dröhnte die große
Trommel zum zweitenmal der ganze Haufen fiel auf die Knie jeder der Knechte
sprach mit gehobener Waffe ein stilles Gebet und warf um sich für den Tod zu
weihen eine Handvoll Erde hinter sich Als Hans aufstand gab er dem Fähnrich
das Zeichen Da schwenkte Georg das Fahnentuch in der Luft und rief den alten
Schlachtenruf der Knechte »Wohl über sie Herr« und »Über sie Herr« schrie
der Haufe nach Von drüben klang derselbe Schrei und langsam mit schwerem
Tritt rückten die Fähnlein aufeinander zu so dass beide in Schussweite hielten
die Schützen stützten sich auf ein Knie bliesen das Zündkraut an und die
ersten Schüsse krachten aus den schweren Rohren Aber nicht lange ertrug die
grimmige Ungeduld das tatlose Harren nach jeder Kugel welche traf tönte der
Kriegsruf wilder aus den heiseren Kehlen Die dichte Masse bewegte sich und
drückte bis der Hauptmann erkannte dass der Augenblick gekommen sei der
Trommler schlug zum dritten Male in schnellem Sturmschlag die Schützen liefen
zur Seite die Spiessträger senkten die Waffen und die Haufen brachen zum Sturm
gegeneinander vor
In dem Augenblick regte sichs hinter den Feinden am Holz ein Schwarm
berittener Polen trabte aus dem Walde und stellte sich zur Seite auf den
Reitern folgte fremdes Fußvolk welches als Rückhalt für die Landsknechte den
Waldrand besetzte An der Spitze der Reiter meinte Georg seinen Feind Pietrowski
zu erkennen Hans aber stieß einen schweren Fluch aus »Die ehrlosen
meineidigen Schufte« Denn er verstand wohl dass gerade in der Entscheidung
seinem Haufen die Kraft des Stosses zerbrochen wurde und er schrie mit mächtiger
Stimme zurück »Drauf und dran« Da stießen die Haufen zusammen die Spieße
krachten Todwunde fielen mit wildem Geschrei rückten und drängten die beiden
zusammengeschobenen Massen gegeneinander treibend und weichend gleich zwei
wütenden Stieren deren Hörner sich nicht mehr zu lösen vermögen Aber nur kurze
Zeit behielt der Haufe des Hans Stehfest seine Stärke an den scharfen Ecken wo
Wuz und Benz den Befehl hatten vermochte ihr gutes Beispiel nicht zu
verhindern dass in der Sorge um die neue Gefahr die Kraft erlahmte Dort begann
die Flucht nicht lange und nur in der Mitte wo der Hauptmann und der Fähnrich
trieben hielt noch ein Knäuel zusammen Vor der Fahne lag eine Reihe der alten
Doppelsöldner am Boden und von den Starken mit den Schlachtschwertern sprang
einer nach dem andern vor die Fahne zerschlug Spieße und warf sich gegen die
Leiber der Feinde und einer nach dem andern wurde erstochen Der letzte war
Peter Meffert wütend hieb er um sich und sein Schwert traf den Heinzelmann
dass dieser in die Arme seiner Nachbarn sank Als der Wilde zurücksprang sah er
seinen Hauptmann am Boden den Haufen zerstreut und den Fähnrich der nur noch
von wenigen Knechten umgeben in der Linken die Fahne hielt und in der Rechten
den geschwungenen Degen Da schrie der Landsknecht »Der letzte Streich sei für
mich und die Rache« und sich zur Flucht wendend schlug er mit dem furchtbaren
Schwerte gegen den Arm des Fähnrichs dass diesem die Hand mit der Waffe zu Boden
fiel und der Verstümmelte auf die Fahne hinsank
Vom Walde flogen die polnischen Reiter heran und ihr Führer senkte mit
brennenden Augen die Lanze um den Wunden auf dem Fahnentuch zu durchbohren
Aber von der Seite rief eine Stimme »Hierher du Henkersknecht dass ich dir die
adlige Feder ausraufe« und Henner stürmte mit seinem Rennspiess gegen den Polen
Er stach ihn im Nu durch die Gurgel und vom Pferde doch er selber stürzte
gleich darauf von einem polnischen Streitkolben getroffen neben Georg auf die
Heide »Armer Henner« seufzte Georg
»Gehab dich nicht weinerlich Jörge« antwortete Henner leise und ein
Lächeln flog über sein entstelltes Gesicht »Jetzt liegen zwei beieinander die
zusammengehören ich aber hab dir meine Treue bewiesen als ein deutscher
Edelmann« Er zuckte dann lag er still
Unterdes dröhnte auf dem Felde der Hufschlag eines geschlossenen
Reitertrupps die Verfolger wichen zurück da wo der Fähnrich und die Fahne
lagen umschlossen die Reiter im Kreise den Hochmeister Aber Albrecht stieg ab
beugte sich über den toten Henner sprach herzlich zu Georg und übergab ihn der
Pflege eines Arztes in seinem Gefolge Und zu seinem Vertrauten gewandt setzte
er traurig hinzu »Der Hochmeister kam zu spät weil seinen Ordensbrüdern der
Ritt nicht behagte jeder Landesherr der mit angeborenem Recht seinen Leuten
gebietet hätte williger Gehorsam gefunden«
Der kurze Tag ging zu Ende bewaffnete Ordensleute schützten die Stätte des
Kampfes vor Raubtieren mit menschlichem Antlitz und vor den hungrigen Wölfen
während die Weiber des Trosses mit lauter Klage die Wunden und Getöteten auf
ihre Karren luden Da saß am Steinkreuz unter den Disteln eine alte Frau über
den Leib des starken Hans gebeugt hielt sie sein Haupt in ihrem Schoße sie saß
unbeweglich und ohne Tränen nur zuweilen strich sie mit ihren Händen sein
graues Haar Um sie flatterte und krächzte der Rabe und über die Heide brauste
mit mächtiger Stimme der Wind Aus der Erde wuchset ihr zur Erde sinket ihr
Enttäuschung
Auf seiner Reise nach dem Deutschen Reiche ritt der Hochmeister in Torn ein
unter polnischem Geleit das der König nicht hatte versagen können Dem Rat war
die Herberge des gefährlichen Nachbars unwillkommen er trug Vorsorge dass die
Stunde der Ankunft vorher nicht ruchbar wurde und öffnete den Gästen Zimmer des
Artushofes damit der Verkehr mit den Bürgern leichter beaufsichtigt werde
Trotz dieser Vorsicht fand der Hochmeister bei seinem Einzuge die Straßen mit
Menschen gefüllt empfing Grüße von allen Seiten und sah neben den ernsten
Mienen der Polnischgesinnten viele erfreute Gesichter Als er das Gastgeschenk
der Stadt entgegengenommen und mit dem neuen Burggrafen Hutfeld höfliche
Begrüßung ausgetauscht hatte sagte er Herrn Dietrich
»Ich trete heut nicht ohne Sorge unserm finsteren Alten gegenüber ich
fürchte er ist mit uns nicht zufrieden und ich muss ein Bote werden der ihm
Unwillkommenes meldet«
»Sein guter Rat der unerbeten aus dem Winkel kam ist Eurer Gnade oft
lästig geworden Wer nicht die Arbeit und Last der Verhandlungen auf sein Leben
nimmt der sollte sich hochtönender Ratschläge enthalten«
»Ehre seine Klugheit und Treue« gebot Herr Albrecht
»Lieber ehre ich sein Geld und deshalb bitte ich Euch mit hoher Huld nicht
zu kargen denn Geld brauchen wir jetzt nötiger als je«
»Wie darf ich ihm der so große Opfer für uns gebracht neue Zumutung
stellen«
»Was Ihr selbst nicht tun wollt überlasst getrost mir« antwortete lachend
der Vertraute »da der Bürger die Ehre hat Euer Bundesgenosse zu sein so ist
billig dass er wenigstens zuträgt was Euch fehlt«
Auch Marcus erwartete den angekündigten Besuch nicht mit leichtem Herzen
Auf die begeisterte Hoffnung war Ernüchterung gefolgt vieles war nicht
gelungen das Wichtigste noch unentschieden und der Kaufherr hatte sich
zuweilen gefragt ob die rührige Geschäftigkeit des Hochmeisters nicht größer
sei als sein festes Beharren Aber als der edle Herr jetzt vor ihm stand und mit
herzgewinnender Freundlichkeit seinen Gruß bot da leuchtete doch die Freude im
Angesicht des stillen Mannes
»Ihr seid nicht einverstanden Vater dass ich in das Reich gehe« begann
Herr Albrecht nach dem ersten Austausch höflicher Worte
»Verzeiht gnädigster Herr wenn ich mich zu der Meinung bekannte der Herr
gehört in sein Land und gute Helfer an fremde Höfe und Kanzleien«
»Gute Helfer selbst wenn ich sie hätte werden meinen Bitten in der Fremde
schwerlich geneigtes Gehör schaffen Um den Hochmeister welcher einsam in
Königsberg sitzt kümmert sich niemand auch meine Vettern sind froh wenn sie
meine Mahnungen nicht hören Allzu weit bin ich von den Reichstagen von Rom und
dem Kaiser entfernt Die Reise ist lange bedacht und meine beste Hoffnung ist
dass ich da wo die letzte Entscheidung liegt selbst für mich handle«
Unzufrieden fragte Marcus »Und hofft mein gnädigster Herr dass in dem
eigenen Lande dem der Gebieter fehlt Sicherheit und gutes Vertrauen
zurückkehren werden Vieles bleibt dort ungeordnet und alle Gegner erheben ihr
Haupt Man erzählt dass die neue Ketzerei in dem Ordenslande wenig Widerstand
findet«
»Wie vermag ich den Kampf aufzunehmen mit Gedanken welche jetzt jeden
erregen« rief der Hochmeister lebhaft und seine Vorsicht vergessend setzte er
hinzu »Wie darf ich wehren Vater was beschwerte Gewissen für sich als ein
Recht fordern Jedermann weiß dass die Kirche einer Besserung bedarf«
Die Brauen des Marcus zogen sich finster zusammen »Der Hochmeister des
Deutschen Ordens ist verloren wenn Misstrauen und übler Wille des Heiligen
Vaters sein Werk kreuzen Nicht Eurer fürstlichen Gnade steht es zu um die
Schäden der Kirche zu sorgen denn für das große Geschäft Eures Lebens ist der
Heilige Vater ein Geschäftsfreund den Ihr zur Zeit notwendig braucht Dem König
von Polen gelingt besser sich in Rom guten Willen zu sichern«
»Mein Oheim trennt sich ungern von seinem Golde dennoch kann er leichter
volle Felleisen über die Alpen senden als ich In seinem Lande zeigt er zwei
Gesichter den Polen einen römischen Hofmann den Deutschen einen nachgiebigen
Schutzherrn So muss auch ich tun Herr denn unter meinen Augen löst sich von
dem alten Bau der Kirche ein Stein nach dem andern«
»Der große Dom welcher die Christenheit umschließt wird durch keine
Neuerung zerworfen werden« antwortete Marcus mit gehobenem Haupt »und ich
flehe in Ehrfurcht dass mein gnädigster Herr um des eigenen höchsten Vorteils
willen auch im Reiche die Gemeinschaft mit den Sektierern sorglich meide Denn
von wildem Rausche sehe ich die Menschen erfasst Gelübde sollen nicht mehr
gelten frech verkünden die neuen Lehrer Befreiung von jeder lästigen Pflicht
überall ist der Friede in Unfriede verkehrt und Krieg zwischen den Herzen
welche zusammengehören die Dienenden erheben sich gegen ihre Herren die Kinder
gegen die Eltern«
»Dennoch werdet Ihr es nicht tadeln wenn ich einen Unfrieden den ich nicht
zu schlichten vermag für mich zu benutzen suche Ihr selbst in Torn setzt Eure
Hoffnung darauf«
»Ungern tue ich es« entgegnete Marcus finster »Auch ist es nicht das
Gewissen des Unzufriedenen auf welches Eure ergebenen Freunde Hoffnung setzen
sondern die Sünde und Schwäche unserer Gegner und Euch gnädiger Herr würde
wenn Ihr im Lande geblieben wäret wohl in wenigen Tagen die Kunde zugegangen
sein dass die Bürger von Torn sich gegen das polnische Regiment erhoben haben
und Euch zu dienen bereit sind Vermögt Ihr auch während des Stillstandes Euch
dieser Stadt nicht offen anzunehmen so sind es doch Eure Freunde welche die
Macht erhalten ihr Beispiel wird in andern Städten Nachahmung finden und ihre
Klagen gegen die Polnischen laut genug bis in das Deutsche Reich hinüberklingen
Ich nehme an Eure Gnade hat befohlen die Landsknechte deren Fähnrich Georg
König geworden ist abzuzahlen damit den Hochmeister kein Vorwurf treffe wenn
die Bürger von Torn sich einen Teil der Heimziehenden anwerben«
Der Hochmeister erhob sich schnell »War es unrecht Euch die Nachricht bis
jetzt vorzuentalten so zögerte ich nur weil mir schwer wird dem Vater
Schmerzliches zu sagen Das Fähnlein ist in Händel mit polnischen Landsknechten
geraten und in offenem Kampfe zerstreut worden Euren Sohn fand ich auf blutigem
Felde Ich hoffe Herr dass es der Kunst meines Arztes gelingt ihn dem Vater zu
erhalten aber er ist schwer verwundet«
»Noch habt Ihr nicht alles gesagt« rief Marcus in das bewegte Gesicht des
Herrn starrend
»Er hat seine Schwurhand durch den Schlag eines Schwertes verloren«
Da sprach Marcus vor sich hin »Der Vater setzte die Hand auf das Eisen und
dem Sohne wurde sie abgeschlagen«
»Ich denke daran Herr dass Euer Sohn die Hand verlor als er meine Fahne
trug Ich bitte gebt mir Gelegenheit ihm und Euch meine guten Dienste zu
erweisen soweit ich armer Mann das vermag Ich habe meinen Medikus bei dem
Kranken zurückgelassen gestattet dem Sohn wenn sein Zustand das erlaubt mir
in das Reich zu folgen dort wollen wir ihn pflegen und ich will ihn halten wie
den liebsten meiner Diener«
Der Vater stand abgewandt mit gebeugtem Haupte als er das düstere Antlitz
seinem Gaste zukehrte zitterte seine Stimme »Öffnen sich meinem Sohn die Tore
der Vaterstadt so soll er hierher zurück denn der Vater vermisst ihn jeden Tag
bleibt der Bann welcher über ihm hängt in Kraft dann möge er Eurer
fürstlichen Gnade zu dienen suchen« Er rang nach Fassung aber der Hochmeister
sah mitleidig den bitteren Zwang und aufbrechend sagte er traurig »Was wir
beide hoffen werde unser Trost«
»Auch gutes Glück gibt nicht jedem wieder was er verlor« antwortete der
Alte »Wenn die Heiligen unsere Wünsche nur gegen ein Opfer erfüllen so möge
das Unglück mich und die Meinen treffen und Ihr gnädiger Herr frei ausgehen
Denn Ihr seid immerdar die Hoffnung des ganzen Preussenlandes«
Als Marcus allein in der Stube saß das schwere Haupt in die Hand gestützt
vernahm er vor der Tür ein klägliches Seufzen sein Knecht Dobise schlich
herein wischte die Augen bald mit der Mütze bald mit dem Ärmel und brachte
endlich heraus »Meister die Alte ist fort«
»Wohin« fragte Marcus in seinen Gedanken
»Wer kann das sagen« seufzte Dobise »Sie verging ganz schnell bevor sie
den letzten Segen erhielt Es gab im Holze ein großes Gekrach und Dröhnen das
man weit auf dem Felde hörte und die Leute liefen ins Dorf und schrien dass die
Eiche umgestürzt war« Marcus fuhr auf und sah ihn fragend an »Ja Herr der
alte Baum in der Lichtung Es wehte kein arger Wind und allen kam der Sturz
wunderlich vor Da schrie die Alte Jetzt geht es zu Ende und alle Seelen
fliegen von dannen Wer weiß wohin Herr Aber der Baum ist zur Erde gefallen
und die Alte auch« Er wischte sich wieder die Augen »Herr wie wirds mit dem
Sterbekleide Ich denke weil sie Euch gehört hat ist das eher Eure Sache als
die meine«
Marcus bedeutete ihm durch eine Bewegung der Hand zu entweichen und Dobise
setzte sich kummervoll in seine Kammer »Ob ich ihr den Goldstoff zu ihrem
Kleide einpacke und mitgebe oder ob ich ihn behalte Denn sie wäre eine
vornehme Frau wenn sich nicht vor ihrer Zeit manches in der Welt geändert
hätte Die Eiche und die Alte sind fort Junker Georg ist verloren die Jungfer
Anna und das Kind sind tot und mit diesem Haus geht es auch zu Ende ich höre
seit langem das Knistern im Gebälk Dobise sorge dafür dass du deine Schätze
anderswo versteckst Niemand in Torn weiß so viele Verstecke als ich« fuhr er
ruhmredig fort »Geheimnisse des Hofes und andere die ich als Erbteil von
meinen Landsleuten überkommen habe Auch diese sind jetzt verschwunden und ich
bin der einzige der Bescheid weiß«
Nach diesem Selbstgespräch geschah es dass Dobise mit besonderer
Heimlichkeit in dem alten Hause wirtschaftete er trug zusammen und schnürte
Bündel wo ihn niemand sah und begann am nächsten dunklen Abend mit seinem Kram
auszuziehen Er lief scheu um sich blickend zu den Trümmern der alten Burg
drang an der wegsamsten Stelle zu welcher er einst die Musikanten geleitet
hatte über den Graben kletterte die gemauerte Einfassung hinauf und verlor
sich unter den dunklen Schatten des Trümmerhaufens Wenn er dort in einer Ecke
den Schutt entfernte fand er eine niedrige Holztür und dahinter Zugang in den
Keller des alten Schlosses Früher hatten Schiffsleute das Versteck gebraucht
um geraubtes Gut zu bergen oder Waren dem Auge des Zollwächters zu entziehen
jetzt freute sich Dobise der günstigen Stelle Aber nicht lange blieb ihm dieser
Besitz denn seit einiger Zeit achteten fremde Augen auf jeden seiner Wege und
als er zum drittenmal unter die Steine kam sein Bündel niedergelegt und mit
Hilfe der Blendlaterne die Tür geöffnet hatte fühlte er sich von starken
Fäusten gepackt und aus dem Schatten der Mauer trat eine Gestalt welche er
trotz der Verhüllung zur Stelle erkannte weil er sie nächst seinem Gebieter
mehr fürchtete als jeden andern Es war der Schwager seines Herrn einst Genosse
der Handlung »Bindet ihn Lischke« gebot der Burggraf »und steigt mit einem
Trabanten hinab ihr andern führt den Knecht ohne Lärm zum Kerkertor dort will
ich ihn selbst verhören«
In der Neustadt lag unweit des Marktes die Schenke zur blauen Marie in welcher
ansehnliche Zunftgenossen am liebsten verkehrten Sie war für Fremde von weitem
kenntlich durch ein Holzbild der Himmelskönigin welche im schönen blauen
Gewande die geöffnete Hand über der Tür ausstreckte als Zeichen dass an diesem
Ort den Neustädtern durch den frommen Wirt das Geld abgefordert wurde In der
großen Schenkstube standen Tische und Bänke aus Fichtenholz dort saßen
dichtgedrängt die Gäste welche der Zufall oder alte Genossenschaft
zusammenführte Handwerksgesellen Landleute aus der Umgegend mit ihren Weibern
dazwischen andere deren Heimat und Amt unsicher war leicht erkennbar an den
herausfordernden Mienen mit welchen sie ihre Nachbarn betrachteten Aus dem
Raume für das gemeine Volk führten mehrere Stufen zu einer Oberstube welche
stattlicher eingerichtet war der untere Teil der getünchten Wände war mit
gebohnten Brettern verschlagen Tische und Bänke weiß gescheuert auf dem
Fußboden lag weißer Sand zu zierlichen Kreisen gesiebt ein Ofen verbreitete
behagliche Wärme und Talglichter in großen kupfernen Leuchtern erhellten den
Raum und wenn sie einmal dunkler brannten so schneuzte sie der auf und ab
gehende Wirt geschickt mit den Fingern Aber heut tat er das nur aus alter
Gewohnheit denn die Stube war leer und er selbst bewegte sich als Wächter um
fremde Kunden abzuhalten Denn seine Stammgäste waren in geschlossenem Gemach
dahinter versammelt und durch die Tür tönte ein Durcheinander heftiger Stimmen
»Jetzt spricht Herr Seifried« brummte der Wirt »man merkts an der Stille er
zählt die Summen auf welche der Rat vergeudet hat nicht umsonst hat er die
Ratsbücher geführt er verhöhnt das Vornehmtun jetzt verklagt er den Rat
wegen der Ungerechtigkeiten welche dieser an Neustädtern verübt hat das hat
sie erzürnt er versteht sein Handwerk Er versteht sich auch auf Striche am
Kerbholz denn er ist mir am meisten schuldig«
Ein untersetzter Mann in dunklem Mantel den Hut tief über die Stirn
gedrückt stieg aus dem Dunst der unteren Stube herauf der Wirt maß den Fremden
mit ängstlicher Miene und als dieser leise gebot »Öffnet und haltet Euch in
der Nähe« da ließ der Wirt den Gast dienstbeflissen in das verschlossene Gemach
und hielt sein Ohr an die Tür Die meisten Viertelsmeister und Zunftältesten der
Neustadt standen in dem Raume zu geheimer Beratung beim trüben Schein des
Lichtes erkannte man kaum die geröteten und eifrigen Gesichter »Was braucht es
noch vieler Worte uns zornig zu machen« mahnte ungeduldig Dendel der
Zinngiesser »wir haben lange genug die Fäuste in der Tasche geballt jetzt
gilts sie ihnen unter die Augen zu strecken Meiner Zunft bin ich sicher
schlagt um und ruft zum Sturme«
Und Herr Seifried rief übermütig einen Spottvers der auf den Straßen
gesungen wurde »Auf und an mit frischem Mut wohl gegen das edle Blut das wenig
hat und viel vertut«
»Auch meine Knappen sind bereit« schrie Kunz der Lohgerber die Faust auf
den Tisch setzend »und sie haben nichts dagegen ihre gelben Schürzen im
Ratause rot zu färben«
»Ihr wisst Nachbarn« rief Bartel »dass die Schneider der Neustadt bei
jedem Alarm den Vortritt haben«
»Wenn Ihr sie führt Bartel« spottete der Lohgerber »Ihr tragt ihnen die
Quaste vor die Eure Schere vor Zeiten dem Hausteufel der Könige von seinem
Schwanz geschnitten hat«
»Schweigt mit den Possen« gebot in dröhnendem Basse Wolf Obermeister der
Schmiede »verteilt lieber die Arbeit für morgen zur Mitternacht Wer lockt mit
der Feuerglocke« »Wir Schlosser« antwortete ein Meister »Und wer öffnet das
Kerkertor« »Bilse der Grobschmied« rief ein anderer
Da klang aus dem Hintergrunde eine helle Stimme »Wollt ihr die alte Ordnung
der Stadt zerschlagen Nachbarn so nehmt mich mit denn ich gedenke euch zu
helfen« Zwischen den Bürgern trat der Verhüllte an das Licht und entblößte sein
Haupt es war der Burggraf Hutfeld Flüche und zornige Rufe wurden laut die
Messer fuhren aus der Scheide und vom Hintergrund schrie eine Stimme »Auf ihn
er darf nicht lebendig von hinnen«
»Lasst die Eisen stecken günstige Nachbarn und gute Freunde« gebot Hutfeld
»wenn scharfe Waffen diesen Streit beenden sollten dann wäre euer Burggraf im
Vorteil und ihr wäret Gefangene des Rats In der vorderen Wirtsstube zechen
Trabanten und andere bewachen die Tür durch welche ihr eingetreten seid« Die
Gesichter wurden lang die gehobenen Arme sanken herab »Wie durftet Ihr wagen
hier einzudringen« schrie der Lohgerber welcher zwischen Zorn und Sorge zuerst
Worte fand
»Da ihr nicht zu mir an den Ratstisch kamt um eure Beschwerden vorzutragen
so komme ich zu euch und ich schwöre bei den Heiligen unserer Stadt ich komme
ohne Arg in guter Meinung Denn ich wiederhole euch wollt ihr den Rat werfen
wollt ihr alten Missbrauch nicht ärger machen sondern bessern so bin ich auf
eurer Seite und ich der Burggraf will euch helfen mit meinem Leben nach
meinem besten Vermögen Ich denke wir müssen den Streit untereinander
ausmachen damit wir weder den andern Städten noch der Landschaft weder den
Polen noch anderen Fremden ein Recht geben sich in den Zwist der Kinder von
Torn einzumischen Denn dies geht uns allein an Es handelt sich um Stadtgut
und es handelt sich nur um unsere Hälse Und darum bitte ich euch hört auf
meine Worte Manches ist hier und anderswo geklagt worden über unser Regiment
ich weiß besser als ihr dass vieles übel geordnet ist und ich könnte zu euren
Klagen noch andere setzen die nicht weniger Grund hätten Aber nicht die
einzelnen Beschwerden sind das größte Leiden der Stadt sondern der Rat selbst«
Die Bürger trauten ihren Ohren nicht und standen in finsterem Schweigen aber
die Stimme des Schneiders rief »Hört ihn er hat das Richtige gesagt«
»Liegt die Schuld am Rate« fuhr Hutfeld fort »so liegt sie doch nicht an
den Männern welche jetzt darin sitzen denn diese sind nicht schlechter als
andere in der Stadt sondern der Schaden liegt darin dass nach eingerosteter
Gewohnheit nur wenige die Macht haben und zuweilen eigennützig gebrauchen und
dass sie nicht immer erkennen was der Bürgerschaft frommt Vieles würde besser
geschafft werden wenn die Stadt den Beirat der verständigen Männer gewinnen
könnte welche hier versammelt sind und einiger anderer aus der Altstadt
welche Einsicht und das Vertrauen ihrer Mitbürger besitzen Darum ist meine
Meinung dass für die Torner hohe Zeit ist die Ratsstühle umzustellen die
kleine Zahl der Ratsherren zu vergrößern und euch und euresgleichen an den
Ratstisch zu setzen damit die Bürgerschaft das Recht erhalte selbst für das
Wohl ihrer Stadt zu sorgen Mir ist nicht leicht geworden euch dieses Angebot
zu machen denn ich gehöre zu den alten Regierenden und ich und mein
Geschlecht wir hatten den Vorteil davon aber ich erkenne die große Gefahr der
Stadt Fremde lauern darauf sich einzudrängen und der Unfriede frisst an eurem
Wohlstand und ehrlichen Verdienst Traut mir darum nicht weniger weil ich mit
schwerem Herzen komme ich will euch ein ehrlicher Bundesgenosse sein und ich
hoffe wenn ich am Ratstische mit euch sitze dass wir das Beste der Stadt
williger wahrnehmen als der alte Rat vermochte Wisst auch günstige Nachbarn
in denen ich gern meine künftigen Ratsgenossen begrüsse ich bringe euch noch
einen andern Verbündeten zu und dieser ist König Sigismund von Polen«
Ein Murren erhob sich aber der laute Ruf »Stille« bändigte es Und der
Burggraf sprach weiter »Der König weiß durch mich von vielem was ihr mit gutem
Grunde fordert er ist gewillt euch nachzugeben und eine Reformation der Stadt
die wir zusammen beschließen durch sein Siegel zu bestätigen Und darum frage
ich euch jetzt noch einmal in Treue Wollt ihr euren Burggrafen als Genossen
annehmen zu gemeinsamem Werk«
Alle schwiegen aber Hutfeld erkannte in vielen Gesichtern die Befriedigung
Endlich begann Wolf der Obermeister »Da Ihr zu uns kommt als guter Nachbar
wie Ihr sagt so sollt Ihr auch von uns ehrlichen Bescheid erhalten Große
Verheißungen haben wir von Euch gehört und mancher unter uns meint vielleicht
dass es für ihn und die Stadt gut wäre wenn wir auf Eure Worte achten aber es
besteht ein alter Verdacht zwischen uns und euch Herren vom Rat und wir wissen
nicht wieweit wir der Vertröstung trauen dürfen Darum suchen wir zuerst bei
Euch Sicherheit dass keinem von uns in Zukunft nachgetragen werde was er bisher
gehandelt hat auch nichts von dem was Ihr Herr heut bei uns vernommen habt
denn heimlich seid Ihr zu uns eingedrungen«
»Was ich von eurer Heimlichkeit gehört« antwortete der Burggraf »das
gelobe ich euch zu verschweigen und zu vergessen wenn auch ihr in meine Hand
gelobt euch die nächste Nacht und fernerhin der Gewalt zu enthalten und fortan
in guter Gesinnung mit mir zu verhandeln Alle habt ihr gesprochen als freie
Bürger die in ihren eigenen Schuhen stehen und keinen von euch soll deshalb
ein Vorwurf kränken nur diesen hier nehme ich aus« er wies auf den
Stadtschreiber Seifried »Er war ein Diener des Rates und er hat seinen Schwur
gebrochen denn er hat Ratsgeheimnis unter die Bürger getragen War er unehrlich
gegen den alten Rat so wird er auch unehrlich gegen euch die Herren vom neuen
Rate sein«
Wieder erhob sich Gemurr und einige riefen »Wir dürfen unsern Genossen
nicht preisgeben« aber Herr Hutfeld gebot kurz »Entfernt Euch Ratsschreiber«
und als Seifried entwich ohne ein Wort zu sprechen beschwichtigte der Burggraf
die andern »Auch ihr sollt über sein Schicksal entscheiden« Und siegreich an
den Tisch tretend fuhr er fort »Wohlan ihr Bürger von Torn bietet jetzt
freundlich eurem Nachbar einen Sitz in eurer Mitte damit wir nach guter
deutscher Weise bei einem Trunke besprechen was unsrer Gemeinde vor allem
nottut«
Da lächelte achtungsvoll die Mehrzahl der künftigen Ratsmänner
Marcus durchschritt am späten Abend ungeduldig die Kammer sein vertrauter
Knecht der um vieles wusste war verschwunden Zuerst hatten die Hausgenossen
gemeint dass er durch den Tod der Mutter verwirrt auf das Gut entwichen sei
und Bernd war deshalb hinausgeritten aber im Dorfe wie in der Stadt wusste
niemand was aus Dobise geworden war Jetzt erwartete Unheil ahnend der
Kaufherr seinen Gehilfen Auch die Neustädter beraten zu lange sprach er vor
sich hin beim Trinkgelage vergessen sie dass ihre Hälse in Gefahr sind Da
pochte es stark an die Haustür er vernahm den Schritt der Dienstmagd welche
öffnete gleich darauf ihren Schrei und Geklirr von Waffen Schnell erhob er
sich und griff nach der Wand wo sein Schwert hing aber er trat zurück und
sagte Es kommt nicht unerwartet
Die Tür flog auf und der Burggraf stand vor ihm »Verzeiht Herr Schwager
wenn ich zur Unzeit störe ich komme diesmal im Amte«
»Dann ist mir wie Euch jede Stunde gleich hochgebietender Herr«
antwortete Marcus und bot dem Gaste den Sitz
Hutfeld neigte dankend das Haupt »Ihr wisst Herr Schwager dass die Bürger
sich zuweilen über nächtlichen Verkehr auf dem Burghofe beschwerten Der Rat
ließ die Stätte bewachen die Wächter ergriffen Euren Knecht welcher im Begriff
war dort in einem Kellerloch gestohlenes Gut zu bergen Es wurde vielerlei
gefunden was er selbst versteckt auch alter Raub den er gehehlt hat Manches
ist aus Eurem Hause und darüber wird Euch das Gericht gegen Euren Knecht
zustehen anderes ist nach seinem Bekenntnis an fremder Stelle entwendet und von
ihm gehehlt und darüber steht das Gericht bei der Stadt die Vollstreckung des
Urteils aber da er ein Unfreier ist nach unserer Gewohnheit bei Euch der Ihr
sein Gerichtsherr seid Nach dem Recht und Urteil der Stadt gebührt seinem Halse
der Strang Die Trabanten führen Euch den Gefangenen zu ob Ihr ihn gegen Eure
Bürgschaft selbst bewahren wollt oder dem Gefängnis der Stadt übergeben bis Ihr
ihn richten lasst Auch den Kram den er Euch entwendet zu haben bekennt trägt
der Ratsbote in Euer Haus zurück« Und leiser fragte er »Ihr bewahrtet einst
die Goldhaube Eurer seligen Frau in dem Gewölbe des Oberstocks habt Ihr sie
etwa vermisst Sie findet sich unter seiner Beute«
Jetzt vermochte Marcus den Schrecken nicht zu verbergen und stemmte die Hand
auf sein Pult »Die Neuigkeit welche Ihr mir in das Haus bringt gebietender
Herr erschreckt mich mehr als vielleicht eine andere die mir größeren Verlust
verkündete denn der Unglückliche ist ein Hausgenosse gewesen dessen
Ergebenheit ich fest vertraute«
»Er war Euch ergeben nur dass er die Art eines Raben an sich hatte«
antwortete der Burggraf mit flüchtigem Lachen
»Kann ich ihn sehen«
»Er ist zur Stelle« Hutfeld öffnete die Tür und winkte Als Dobise mit
gebundenen Händen hereinwankte und auf die Knie fiel hob Marcus gegen ihn den
Finger »Wie hast du die Haube entwendet«
»Vom Seil durch das Fenster« stöhnte Dobise »sie blitzte mich beim Lichte
an«
Da wandte sich Marcus zu dem Burggrafen »Ich übernehme die Bürgschaft für
seinen Leib auf Habe und Gut und ich lasse das Urteil gegen seinen Hals wie
ein ehrbarer Rat gebietet vollstrecken auf der Gerichtsstätte seines
Heimatdorfes«
»Nehmt seinen Leib« sprach Hutfeld
Marcus hielt die Hand über den Gefangenen »Er der den Strang am Halse
trägt war durch viele Jahre ein heimlicher Knecht der Artusbrüderschaft und
die Ältesten des Hofes möchten ihm in seiner Not eine Gunst gewähren soweit das
strenge Recht verstattet Ists Euch genehm hochgebietender Herr wenn ich
diese Gunst ihm biete«
»Der Rat wird nicht dawider sein« antwortete Hutfeld und nachdrücklich
fügte er hinzu »Ich selbst habe ihn verhört und kein anderer«
Ein düsterer Blick des Marcus antwortete der tröstenden Versicherung des
Burggrafen und er fragte den armen Sünder »Begehrst du etwas Günstiges für
deinen Leib und deine Seele nur nicht dein verfallenes Leben so sprich dein
Herr darf dirs gewähren«
Zähneklappernd flehte Dobise »Zum schwarzen Wasser im Walde wo die
vierzehn Notelfer ihr Heiligtum haben ziehen die Leute meines Volkes wenn sie
um ihre Seligkeit sorgen Schickt mich dorthin Herr damit ich mir die Gnade
des Himmels erwerbe«
»Es sei« antwortete der Herr »Gelobe die Heimkehr auf dass die Stadt ihr
Recht an dir gewinne« Er wies auf das Marienbild an der Tür Dobise rutschte
auf den Knien zum Bilde und hob die Hand
»Du bist gebunden zur Wiederkehr Tag und Stunde stehen bei dir du darfst
sie wählen nach deinem Gefallen Kehrst du zurück so verfällt dein Leib dem
Richter«
»Steh auf und entweiche« gebot Hutfeld »der Ratsbote öffnet dir das Tor«
»Lasst mich noch einmal den Morgen in der Stadt erleben« bat Dobise
»In der Nacht bist du zu schädlichem Werk durch die Stadt geschlichen darum
versagen dir die Mauern den nächtlichen Schutz zieh hinaus in die wilde
Finsternis« entschied der Burggraf
Dobise sah sich mit irrem Blick in der Kammer um dann schlich er schweigend
hinaus Die Schwäger standen einander allein gegenüber
»Ich danke Euch gebietender Burggraf für Eure Mühe um mein Haus und meinen
Knecht« begann Marcus förmlich
»Noch andern Dank möchte ich von Euch verdienen Herr Schwager« antwortete
Hutfeld »Ich hoffe der Friede welcher unserer Stadt lange gefehlt hat soll
zurückkehren Ich habe heut mit den Häuptern der Unzufriedenen gehandelt und
wir haben uns über eine Reformation der Stadt friedlich geeinigt An Stelle des
alten Rates wird ein neuer treten Auch Euch geht die Neuerung an Herr
Schwager und mir wird ein Wunsch erfüllt Denn auch Ihr werdet zum Ratmann der
Stadt erkoren«
Marcus stand unbeweglich aber dem forschenden Blick des Burggrafen
antwortete ein flammender Blitz aus finsteren Augen »Als Ihr über die Schwelle
tratet hochgebietender Herr sah ich dass Ihr als Sieger kamt«
»Noch nicht« entgegnete Hutfeld vorsichtig »unser Schicksal wird nicht in
Torn entschieden«
»Bis dahin lasst Euch meine Antwort genügen« sprach Marcus »Ihr könnt den
letzten der Könige von Torn zu der Stätte führen wo sein Vater geendet hat
aber Ihr dürft ihn nicht mit dem Strang am Halse entlassen wie seinen Knecht«
Auf dem Wege
Jahre vergingen langsam für einen heissblütigen Alten welcher mit Ungeduld auf
die Erfüllung seiner liebsten Hoffnungen harrte langsamer noch für den Sohn
dem die Hoffnung und Freude seines Lebens im kalten Strome versunken war endlos
und unerträglich für einen entlassenen Knecht dem alles Hoffen und Harren
beendet sein sollte wenn er in die Heimat zurückkehrte
Wenige Meilen von dem Turme in welchem einst die jungen Gatten ihr
Heimwesen geführt hatten lag mitten unter hohen Fichten ein kleiner Landsee
tief eingesenkt in rundem Talkessel Vor Zeiten war dort ein Heiligtum der
heidnischen Preußen gewesen und die Leute der Umgegend wussten von dem See viel
Unheimliches zu erzählen Darum hatten christliche Priester die Stelle den
vierzehn Heiligen geweiht welche sich als hohe Notelfer den schwer
geängstigten Gewissen zuneigten Am Rande des Wassers standen rohe Holzbilder
der seligen Fürsprecher mit bunten Farben gemalt jedes unter einem kleinen
Schirmdach ein umhegter Raum mit einer Kanzel vereinte zu frommem Dienst die
Wallfahrer welche im Sommer aus der Nähe und Ferne herzukamen Für diese Zeit
lebte ein frommer Bruder aus dem Orden der Predigermönche in kleiner Holzhütte
als Wächter des Heiligtums und als Geistlicher der Wallenden Solange die
Landsknechte in der Nähe lagen unterblieben die Wallfahrten denn niemand wagte
sich gern in die Nähe der Gewalttätigen seitdem prangten die Heiligen in neu
gemalten Gewändern und das Kloster genoss wieder die frommen Spenden Auch
Dobise schlich um das schwarze Wasser er diente dem Mönch und flocht
Fichtenkränze für die Heiligen Jahr und Tag war er umhergeirrt er selbst wusste
nicht wo bald hatte er armen Stammesgenossen mit denen er sich durch Sprache
und geheime Zeichen verstand in ihrer Wirtschaft geholfen bald war er mit
heimatlosem Volk und Wegelagerern gewandert aber nirgends vermochte er zu
haften denn immer zog es ihn in die Nähe der Stadt in welcher Hans Buck wie
er annahm seiner harrte Zuweilen war er heimlich bis zur Grenze des
Stadtgebiets gelaufen hatte an den Steinpfeilern und Warten gekauert und nach
der Stelle hinübergestarrt wo die Türme von Torn in der Dämmerung lagen Im
vergangenen Herbst war er dem einsamen Mönch ein willkommener Diener gewesen
den Winter hauste er allein unter dem Holzdach der Klause in furchtbarer
Verlassenheit zwischen Wölfen und Krähen fing Waldtiere in Schlingen und
richtete Vögel im Bauer ab Jetzt trieben die Fichten neue Knospen in dem
runden See spiegelten sich wie in einem großen Auge die Wolken des Himmels der
Mönch war angekommen und Dobise vernahm wieder die Stimme eines Bekannten Er
saß am Saum des Waldes und erwartete die Heimkehr des Bruders welcher am Morgen
aufgebrochen war ohne ihm zu sagen wohin und sich den ganzen Tag verweilt
hatte Als er den leisen Schritt des Mönches hörte wandte er den Kopf »Ist es
wahr Vater Pankratius dass die große Glocke welche sie bei St Johannes
aufgehängt haben ihre Stimme nur hören lässt wenn zwölf Mann am Strange
ziehen«
»So ist es« antwortete der Mönch
»Und die Böttcher ziehen« fuhr Dobise kopfschüttelnd fort »Ich möchte wohl
ansehen wenn sie die Glocke schwenken und ich möchte den Gesang hören«
»Mancher sehnt sich nach dem was er verloren hat« sagte der Mönch traurig
und erfüllt von den Ereignissen des Tages setzte er vertraulich hinzu »Es
leben noch andere in der Gegend welche sich um die Torner in der Stille
grämen und sie gehen dich nahe genug an Sieh dorthin wo jetzt die Sonne
schwindet hinter dem Holze liegt eine Stadt und in der Stadt steht ein Turm
dort hat einst dein Junker Georg mit Frau Anna seinem Weibe gewohnt«
Dobises Augen zwinkerten »Ihr kommt von dort Vater«
»Ich hatte mit dem neuen Stadtschreiber zu tun« antwortete Pankratius
abbrechend und schritt seiner Klause zu
Am nächsten Morgen fand der Mönch das Lager des Knechtes leer und niemand
antwortete auf seinen lauten Ruf Zu derselben Zeit lief Dobise wie ein
Hündlein welches eine Spur verfolgt durch Wald und Heide der Landstadt zu
Sobald das Tor geöffnet wurde wand er sich durch die Gassen das Auge
unverwandt nach dem Turme gerichtet Als er Leute in den Schlosshof gehen sah
wagte auch er sich hinein und duckte sich hinter einem Haufen Bauholz in die
Ecke Nicht lange und die Tür des Turmes öffnete sich ein kleiner Mann mit
faltigem Gesicht trat heraus drückte ein Bündel Papiere unter den Arm und
schritt über den Schlosshof der Stadt zu Dobises Augen funkelten in der dunklen
Ecke wie zwei Leuchtkäfer Wie die Sonne höher stieg und ihr warmes Licht die
düstere Masse des Turmes beschien öffnete sich die Tür wieder auf der Schwelle
stand ein junges Weib in Witwentracht sie hielt einen Knaben im Arme der mit
der Hand lustig eine Gerte schwenkte Bald setzte sie ihn auf die Schwelle und
ging an den Brunnen Dobise lachte über das ganze Gesicht er kroch hinter dem
Holze näher heran und da er die Frau in einiger Entfernung merkte lief er
schnell auf den Kleinen zu hob die Gerte auf welche diesem entfallen war gab
sie ihm in die Hand und schlüpfte in sein Versteck zurück Am Abend saß er vor
der Hütte des Mönches schnitzelte über Holzstäben und sprach mit sich selbst
Ich habe unserm Junker den ersten Wagen gebaut als er zu spielen anfing jetzt
mache ich einen neuen für den jüngsten Herrn Wenn Lips Eske wüsste was ich
weiß Als der Mönch die kleine Glocke zum Abend geläutet hatte fiel Dobise vor
ihm nieder und bat »Segnet mich Vater«
»Was liegt dir im Sinn mein Sohn« fragte Pankratius verwundert
»Ich muss fort ehrwürdiger Vater«
»Wohin du Tor« fragte der Mönch
»Wer weiß wohin Vater« Am nächsten Morgen war der Flüchtling wieder
verschwunden und diesmal kehrte er nicht zurück Aber auf der Schwelle des
Turms stand ein kleiner säuberlich geschnitzter Wagen als Spielzeug für das
Kind
Wenige Wochen später stand Georg zu Frankfurt am Main in der Herberge des
Hochmeisters breitete auf dem Arbeitstisch des Herrn neugefertigte Urkunden aus
und stellte daneben einen Beutel mit Geld Der feurige Jüngling war zu einem
ernsten stillen Manne geworden lange hatte er an seiner Wunde gelitten und
nach der Genesung viele Mühe darangesetzt bevor seine Linke die Arbeit der
verlorenen Hand verrichten lernte Jetzt versah er bei dem Hochmeister wenn
dieser mit seinem unsteten Haushalt zu Frankfurt weilte die vertraulichen
Geschäfte der Kanzlei und arbeitete sooft er Musse hatte als freiwilliger
Helfer bei einem angesehenen Kaufmann welcher seinem Vater von Venedig her
befreundet war Heut sah er auf die Schrift der Urkunden welche er nach Preußen
senden sollte und sagte trübe zu sich selbst Die alte Handschrift ist
wiedergewonnen aber das Lautenspiel finde ich niemals wieder Er betrachtete
den Beutel Im sparsamen Hause zu Torn wurde das Geld gesammelt und in der
Fremde verwendets leichterzig ein anderer
Der Hochmeister trat ein und wog vergnügt den schweren Beutel »Dies sind
die Rösslein welche mich eine Strecke Wegs vorwärtsbringen sollen ich fürchte
sie werden nur allzu schnell auseinanderspringen Nimm auch dir einen Anteil
davon Jörge ich denke dass ich in deiner Schuld bin und hör geh noch heut
zum Goldschmied Die goldene Kette welche er mir wies habe ich lange begehrt
jetzt will ich sie haben«
Erschrocken vernahm Georg diesen fürstlichen Wunsch er wusste wie lange
Fleischer und Bäcker die für den Hofhalt geliefert hatten nicht bezahlt waren
»Ich fürchte gnädigster Herr« wandte er bescheiden ein »die Frankfurter
welche bis jetzt die Küche versorgt haben werden neidisch nach der Goldkette
schielen sie drohen mit Klage«
»Vertröste sie versprich ihnen was du kannst« sagte der Hochmeister
gleichgültig »sie sitzen gemächlicher als ich und können warten«
»Sie haben aber üblen Willen und Herr Dietrich klagt dass es unmöglich sei
den Herren und Knechten noch Kost zu schaffen«
»Ich merke auch du wandelst auf den Wegen des Marschalls und machst dich
durch Widerspruch unleidlich ich dachte besser von dir Jörge«
»Gestattet wenigstens dass ich für mich nichts aus dem Beutel nehme ich
vermag mir durchzuhelfen aber Euer Hofhalt vermag es nicht mehr«
»Wie du willst« versetzte Herr Albrecht gekränkt »vergiss aber in Zukunft
nicht dass ich dir einen Teil angeboten habe«
Georg beugte das Knie »Ich dachte an das fürstliche Ansehen meines Herrn«
»Mein fürstliches Ansehen« brach der Hochmeister bitter heraus und ging
die Hände zusammenpressend im Zimmer auf und ab »Ich weiß dass ich ein Bettler
bin und du brauchst mir es nicht vorzuhalten ich weiß dass mein ganzes Leben
ein jämmerlicher Schein ist ohne Macht dass die Fürsten über mich die Achsel
zucken die gemeinen Leute über mich spotten Du hast nicht nötig meinen Stolz
zu demütigen er wird täglich mit Füßen gestoßen Du verstehst nicht was es
heißt jahrein jahraus sich schwach und hilflos zu fühlen alle Wochen neue
Pläne zu machen und sich mit Hoffnungen zu trösten die am nächsten Tage im
Sande verrinnen Dennoch bin ich ein deutscher Fürst nicht schlechter als die
andern und ich habe da ich den weißen Mantel nahm ein Recht gewonnen auf
Landherrlichkeit und Fürstenmacht Bei aller Schmach hält mich nur der Gedanke
aufrecht dass ich für mich gewinnen will was eines Edlen würdig ist Wie vermag
ich das der Machtlose unter Hochfahrenden und Eigennützigen wenn ich nicht
wenigstens den Schein behaupte Die Ordensbrüder haben mir bitter vorgerechnet
dass ich armer Mann unter den Fürsten Goldgulden verspielte Es mag übler Brauch
sein dass edle Herren jetzt im Brett um Goldgulden spielen und es mag ein
frommer Schwärmer dagegen predigen dass die vornehmen Leute goldene Borten und
Ketten tragen sie tuns aber alle und wenn ich nicht mehr tun kann wie sie
werde ich ihnen vollends verleidet und sitze als ein Schuhu unter den Falken
Darum liegt mir mehr an der Kette und dir mehr an den Mienen des Fleischers und
Bäckers« Und heftig setzte er hinzu »Du meinst es gut in deiner Weise und du
hast mir ohne Sorge um den eigenen Nutzen gedient ich werde nicht zürnen wenn
dir das ewige Borgen Feilschen und Vertrösten verleidet wird und du mich
verlässt wie mancher andere getan Vielleicht wärst du mir lieber wenn du nicht
so ungeschickt ehrlich wärest dann wüsste ich eher wodurch ich dich festhalten
kann«
Gekränkt durch die Rede des Herrn nahm Georg sein Bündel Papiere zusammen
und verneigte sich um das Zimmer zu verlassen da rief Herr Albrecht »Bleib
ich habe unrecht dich mit übler Laune zu plagen du hast ohnedies Mühe mit
mir« Er legte ihm die Hand auf die Schulter »Als du mir unzufrieden
widerstandest sah ich in dir den Sohn deines Vaters der mich zuweilen auch
durch seine Mahnungen quält Ihm gegenüber aber fühle ich mein Gewissen
bedrückt und ich büsse meine Unfreundlichkeit indem ich dir das bekenne Wisse
Georg ich habe vor Jahren deinem Vater ein Versprechen getan dass ich der
Hochmeister des Ordens den Polen niemals huldigen werde Das Gelübde war
voreilig unablässig habe ich bei aller Welt um die Freiheit meiner Herrschaft
gehandelt gedrängt und gefleht es war alles vergebens Der Kaiser und der
Papst stehen auf s meiner Feinde das Reich hat mich verlassen der Orden
in Deutschland ist mir feindlich und würde mich am liebsten aus der Welt
schaffen Der Orden in Preußen vergeht an seiner eigenen Schwäche die starke
Stimme von Wittenberg hat dringend geraten mit dem Zwitterwesen ein Ende zu
machen und seit das Büchlein an die Herren des Deutschen Ordens im Druck
ausgegangen ist verändern die Brüder in Preußen eigenhändig ihren Stand und
schon mehr als einer hat sich ein Eheweib genommen Darum bin ich jetzt dabei
mich in das Unvermeidliche zu fügen und mich mit meinem Oheim von Polen zu
vertragen Mein Gelöbnis halte ich nach den Worten aber wie ich fürchte nicht
nach dem Sinn deines Vaters Das lag mir heut schwer auf der Seele und deshalb
war ich gegen dich widerwärtig Denke nicht mehr daran« bat er und hielt ihm
die Hand hin
Herr Dietrich kam eine Tasche mit Briefen in der Hand »Gute Zeitungen«
rief er »hier ist das Schreiben des Königs von Polen an Eure fürstliche Gnaden
die Entscheidung ist gefallen wir reisen nach Krakau« Und zu Georg sagte er
leise »Auch für Euch ist ein Schreiben darunter« Georg trat in das Vorzimmer
und öffnete den Brief Es war die Handschrift seines getreuen Gesellen Lips
Eske und es waren nur wenige Zeilen darin stand etwas von seinem Weibe von
seinem Sohn und von einem Turmgemach Alles wurde undeutlich im wilden Sturme
der ihm die Gedanken umhertrieb den Mund zum Lachen verzog und die Augen mit
Tränen füllte nur den Turm sah er vor sich schwarz war die Mauer und auf
halber Höhe wuchs aus dem Stein eine Eberesche welche die Vögel gesäet hatten
Dorthin ging jetzt sein Weg Ihm war als ob Herr Albrecht ihm zum Abschied
sagte Du glücklicher Jörge und dass ihm selbst wegen dieser Worte die Stimme
beim letzten Gruß versagte Er merkte dass er im Kontor des befreundeten
Kaufmanns stand und auf die kunstvolle Scheide eines Messers sah das ihm der
Frankfurter zu seiner Reise verehrte dann fand er sich im Stall sein Pferd
sattelnd und darauf vor der Herberge einen Fuß im Steigbügel und ihm war als
ob Herr Dietrich ihn lustig auf die Achsel schlüge Bald ritt er auf der
Landstraße In den Gärten blühten die Apfelbäume es war hier wärmer als da wo
die Esche aus dem Stein wuchs Denn er war erst im Anfang des Weges der hundert
Meilen über Berg und Tal dem Aufgang der Sonne zuführte Und er meinte zu sehen
wie ihre ersten Strahlen das Dach des Turmes röteten und immer mehr von dem
Gemäuer vergoldeten bis die Schwelle im hellen Lichte lag und auf der Schwelle
saß sein Sohn So schrieb Lips Eske Wie konnte der Sohn auf dem kalten Stein
sitzen Oft hatte er ihn geschaut in schwerer banger Zeit als ein kleines
nacktes Kind mit wenig Härlein auf dem Kopfe wie es ihm von den Frauen
entgegengehalten wurde Nackt war das Kind und winzig klein welches er wachend
und träumend in sich herumtrug und das er jetzt wieder vor sich sah ganz
deutlich schwebte es ihm zugewandt in der Luft und zeigte ihm den Weg nach dem
Turme Wie konnte das Kleine auf der Schwelle sitzen und spielen Da merkte er
dass er jahrelang einsam und elend gewesen war und die Tränen stürzten ihm aus
den Augen in Wehmut über sein langes Leid Er ritt weiter gen Norden und
Osten in den Dörfern klang Sturmgeläut und Haufen bewaffneter Bauern umringten
ihn er vernahm drohenden Anruf sah eiserne Flegel und Morgensterne gegen sich
gehoben und bat herzlich »Lasst mich ziehen ich bin ein armer Vater der sein
Weib und Kind jahrelang als tot betrauert hat und jetzt höre ich dass sie
leben darum will ich zu ihnen« Die Landleute senkten ihre Waffen und ließ
ihn durch Er kam in das Land des Kurfürsten von Sachsen und ritt längs der
türingischen Berge bei der Burg vorüber in welcher ein anderer lange Zeit
verborgen gelebt hatte während das Volk seinen Untergang betrauerte Er
gedachte der Stunde wo sein liebes Weib für den Verlorenen die Hände faltete
als sie im Turm zwischen ihm und ihrem Vater saß Und in ihm klangen die Worte
wider Jener wurde damals bewahrt vor dem Verderben auch wir dürfen wieder
Gutes hoffen
So drang er bis an die Elbe Als er von seinem müden Pferde gestiegen war
und am Ufer auf den Fährmann wartete sangen die Kinder auf einem umgestürzten
Kahn in der Nähe Ihm fiel das Lied von der Jungfrau bei welche im Strome
versenkt werden soll und durch den Geliebten gelöst wird Zum erstenmal seit
Jahren vermochte er die Worte zu ertragen und während er leise vor sich
hinsang überkam ihn wieder das Entsetzen jener Stunde wo Henner von dem
umgeschlagenen Kahn berichtet hatte und er fuhr mitten im Liede wild empor als
er neben sich die Stimme seines alten Gesellen Wuz hörte denn er meinte das
Fürchterliche noch einmal zu erleben Aber Wuz stand wirklich vor ihm und außer
diesem noch einige Genossen aus dem Schlosshofe rings um sich vernahm er frohen
Zuruf und auch er umarmte den Wuz und den Benz wie seine besten Freunde und
sagte ihnen glücklich »Verweilt mich nicht liebe Gesellen die Fähnrichin
lebt und mein Sohn lebt und ich ziehe zu ihnen denn sie wohnen im Turme« Da
freuten sich die alten Knechte über ihn sie streichelten sein Pferd einer lief
und holte Hafer und Heu und Wuz griff sogar in seinen Säckel welcher leicht
war und wollte ihm daraus mitteilen Er hörte dass sie nach Torgau reisten um
sich dem Kurfürsten als Trabanten anzubieten und wie er mit seinem Pferde auf
der Fähre stand erscholl ihr lauter Zuruf »Grüsst die Frau Fähnrichin von der
Bruderschaft und sie soll unser im Guten gedenken«
Durch Sand und Kiefernholz führte die Straße die Gräben waren mit
Winterschnee gesäumt die Krähen flogen über das öde Land und der Weg wurde
mühsam denn die Landschaft war auf mehrere Tagereisen berüchtigt als Aufenthalt
grausamer Buschklepper in den schlechten Herbergen verschwand mancher Wanderer
für immer aus dem Tageslicht und jeder Reisende musste Not leiden Aber die
Sorge vermochte noch nicht aufzukommen sein Rösslein wieherte ein frischer
Reisewind streifte seine Wange und vor ihm schwebte wie leibhaftig eine
Gestalt das kleine nackte Kind glitt ihm zugewandt über Feld und Heide über
Wasser und Wald dem Turme zu Deutlich schaute er das Kind welches den Weg
wies und deutlich schaute er das dunkle Gemäuer dem er zuzog doch das Bild
des Weibes sah er nicht außer sich sie war bei ihm in seinen Gedanken sprach
ihm in das Ohr lehnte an seiner Schulter und schlummerte an seiner Seite auf
dem Lager
Endlich stand er an dem Strome der Heimat und blickte über das wilde Wasser
dort lag die Schenke und dort ragten die Deiche wie an jenem Morgen wo er mit
Anna ein Gefangener der Landsknechte wurde Jetzt legte sich die Angst um seine
Brust in welcher Gesinnung ihm sein Weib entgegentreten werde und ob er dem
Magister die Feindschaft seines Vaters entgelten müsse Denn durch seinen
Gesellen Eske war ihm nicht verhehlt worden wie grausam der Kaufherr mit dem
Gelehrten gehandelt hatte und zwischen ihm und seinem Vater war seit jener Zeit
in Briefen kein vertraulicher Gruß gewechselt worden nur mit kalter Vorsicht
das Nötigste Wild rief er nach dem Fährmann sein Herz pochte dass er den Atem
verlor und endlos dünkte ihm die Breite des tückischen Stromes Dann trieb er
sein Pferd auf dem Wege den er einst neben dem toten Hauptmann durchmessen und
hob sich im Steigbügel um über Heide und Holz das Schloss auf der Höhe zu
erkennen Vor ihm stieg es empor als ein dunkler Schatten und er jagte darauf
zu wie an jenem Winterabende wo er nach dem Lichtschein im Fenster gespäht
hatte Alles Schauen und alles Denken ging verloren in dem heißen Fieber
welches ihn schüttelte Er sprengte durch das Stadttor undeutlich kam ihm vor
als ob andere Menschen wie sonst in den Gassen liefen und dass die Handwerker
wieder in ihren Stuben bei der Arbeit saßen Er spornte sein Pferd den
Schlossberg hinauf sprang ab und schlang den Zügel in den Ring des Pfostens Wie
gelähmt schritt er in den Hof die Turmpforte stand geöffnet und die Zweige der
Esche bewegten sich im Winde mattes Sonnenlicht lag auf dem Wege und vor der
Turmschwelle lief ein Knabe umher er hatte kleine blonde Locken und rosige
Wangen und stapfte mit den Beinchen kräftig auf die Erde Georg stand
erschrocken Dort ist es von ihr kam es und mir gehört es es gleicht einem
Engel Aber es sieht weit anders aus als mein armes kleines Kind »Romulus«
rief er kaum brachte er das Wort aus der heiseren Kehle Der Knabe sah zu dem
fremden Mann auf und lachte ihn an Da schrie der Vater laut riss den Knaben zu
sich und sprang mit ihm in den Turm Niemand war darin aber alles wie sonst
der Herd die Treppe das Lager er warf sich auf den Sessel am Herde nieder und
küsste den Kleinen auf Stirn Wangen und Mund Das Kind aber wurde bei den
Liebkosungen des Mannes ängstlich und rief nach der Mutter Und er setzte seinen
Sohn der ihn nicht kannte betäubt zu Boden
Unterdes bellte laut und lauter das Hündlein sprang an ihm herauf und legte
sich vor ihm auf den Rücken bis eine Frau eilig die Treppe herabkam in dunklem
Gewande das Haar in einer Witwenhaube verborgen Zwei leise Rufe des Schreckens
und Entzückens sein Weib flog ihm entgegen warf sich an seinen Hals und er
hielt sie an seinem Herzen Unsäglich war das Elend der letzten Jahre gewesen
und unsäglich war die Seligkeit dieses Augenblicks Als sie endlich unter Tränen
und Küssen die Worte fanden sprach Anna leise »Ich wusste dass du mich hier
finden würdest« und den Knaben zu ihm aufhebend rief sie »Hier ist dein Sohn
und du Knabe sprich lieber Vater Er ist die Rede gewöhnt denn ich habe sie
ihn alle Tage gelehrt« Da sah das Kind von einem zum andern und verstand alles
es wusste dass der Vater gekommen war und sagte leise die ehrwürdigen Worte nach
Als aber Georg den Sohn vom Arme der Mutter hob erkannte sie erst dass der
Gemahl die rechte Hand unbehilflich regte sie fasste den Arm und sank an seiner
Seite auf die Knie
Der Dämmerschein des heimlichen Raumes schwand in dem kalten Tageslicht das
durch die offene Tür hereinfiel Der Magister stand vor den Gatten »Was drängt
Ihr Euch aufs neue zu meiner unglücklichen Tochter Junker Georg König Das
Weib welches einst allzu willig Eurer Liebe vertraut hat ist von Euch
geschieden und tot Die hier lebt gehört nur mir Hinweg von meiner Tochter«
Anna erhob sich und trat dem Alten gegenüber »Es ist mein Hausherr Vater
der zu mir und meinem Kinde heimkehrt«
»Sendet Euch der ungerechte Mann welcher Euer Vater und Herr ist so will
ich mich mühen die tödliche Kränkung unserer Ehre zu vergessen Kommt Ihr mit
eigenmächtiger Werbung wie vor Zeiten so gebiete ich Euch weicht von hinnen«
»Ich komme weit her aus dem Reiche um mein Weib und Kind zu fordern und
nicht Ihr und nicht mein eigener Vater dürfen sie mir weigern«
»Wisst Ihr wozu Euer Vater mein Kind gemacht hat Geht nach Torn und hört
es aus seinem eigenen Munde«
Da warf sich Anna um den Hals des Gatten und rief dem Alten zu »Ihr habt
zwei Hände um mich von seinem Herzen zu reißen er vermag nur eine zu regen um
mich festzuhalten Gedenkt dass er die Hand verlor weil er um meinetwillen
seine Freiheit hingab«
Der Magister starrte auf den Handschuh der Holzhand und murrte »Scävola«
griff suchend in die Tasche und ging mit großen Schritten auf und ab »Hier
verweilen dürft Ihr nicht Georg« begann er endlich »was aus uns allen werden
soll weiß ich nicht zu sagen Kein Richter im Lande soll weil ich lebe über
Ehre oder Unehre meines Kindes absprechen und Gott im Himmel allein vermag
zwischen uns und Eurem Geschlecht zu entscheiden«
Georg schwieg aber er drückte seinen Sohn fest an sich Wieder ging der
Magister auf und ab
»Vater« flehte Anna »einer lebt auf Erden den der liebe Gott zum Ratgeber
für angstvolle Gewissen bestellt hat«
»Willst du einen Fremden zum Richter machen über deine und meine Treue«
fragte Georg traurig
Da hob Anna die gefalteten Hände »Er ist kein Fremder für dich und mich
denn er hat durch seine Lehre geholfen dass ich die Trennung von dir ertrug«
Wieder hielt der Magister vor dem Gaste an »Ist meine Tochter vor Gott und
den Menschen Euer eheliches Weib so gehört sie mit ihrem Kinde Euch ist sie es
nicht so bleibt sie mein Darum lade ich Euch im zweiten Monat von heut an
demselben Tage zu dieser Stunde an die Klosterpforte der Augustiner zu
Wittenberg Dort soll ein Richter über Euer Anrecht entscheiden Hier aber
gestatte ich Euch unter meinen Augen nur so lange Zeit als ein Wanderer
braucht um auszuruhen nicht länger«
»Ich füge mich Eurem Willen Herr Vater« sprach Georg »Hat der Richter
gesprochen so sage ich ihm und Euch was mir mein Gewissen gebietet«
Er rastete und hielt das Weib in seinem Arm den Sohn auf dem Schoße der
Magister aber ging schweigend vor ihm auf und ab
Marcus wog einen Brief des Dietrich von Schönberg in seiner Hand und ein herbes
Lächeln fuhr über sein Antlitz In den Tagen junger Freundschaft schrieb der
Herr selbst jetzt versieht der behende Diener die lästige Arbeit Je schwerer
das Gewicht des Geldes wird welches ich ihnen zutrage um so flüchtiger wird
ihre Antwort auf die Fragen welche ich in banger Sorge tue Er las Die
Zusammenkunft meines gnädigen Herrn mit dem Könige von Polen ist endlich
durchgesetzt der Hochmeister rüstet sich zur Reise nach Krakau und die
Entscheidung steht bevor Auch Ihr mein günstiger Herr und guter Freund mögt
den Ausgang mit gutem Vertrauen erwarten und Euch durch allerlei Gerüchte nicht
beirren lassen denn wir haben Sicherheit dass der König in höchster
Notwendigkeit ist den alten Streit zu beenden Die edlen Herren haben darüber
bereits vertraulich eigenhändige Briefe gewechselt Marcus sah auf Ist die
Freundschaft der Edlen plötzlich so warm geworden Sie bedroht das Preussenland
mit kaltem Wetter Er las weiter Ich darf dem Papier nicht übergeben was noch
als Geheimnis bewahrt werden muss damit nicht unsere Feinde in der letzten
Stunde die Vollendung hindern Aber Seine fürstliche Gnaden befehlen mir Euch
mitzuteilen wenn in dem Vertrage auch nicht alles erreicht werde was wir in
dem letzten Jahre betrieben haben so steht doch ein fester Friede in Aussicht
und für das Land unseres gnädigen Herrn eine heilsame Zukunft Marcus
schleuderte den Brief auf den Tisch Ich verstehe die Meinung Torn und das
Weichselland sind den Polen preisgegeben und wir zahlen mit unserer Zukunft und
unserem Gelde dafür dass der Hochmeister für sich und sein Land des
schmachvollen Lehnseides enthoben wird Du hast lange gelebt Alter und
solltest gewöhnt sein dass deine Hoffnungen eitel und nichtig dahinflattern und
doch fühlst du so heißen Schmerz über diese letzte Enttäuschung Füge dich
stolzer Sinn begnüge dich mit dem kleinen Trost dass Mühe und Opfer doch nicht
ganz vergeblich waren Wenn Onkel und Neffe einander noch so warmherzig die
Hände reichen sie werden nicht hindern dass die Feindschaft zwischen dem freien
Ordenslande und Polen aufs neue entbrennt Was wir nicht vollendeten das muss
den Söhnen gelingen Ich aber frage wo ist mein Sohn dass ich ihm die Erbschaft
übergebe Sein Erbteil an Geld ist klein geworden dafür lege ich ihm eine große
Forderung auf die Seele dass er hasse und treibe wie sein Vater und gefällts
dem Himmel mit besserem Glück Er nahm den Brief auf und sah nach dem Datum
Das Schreiben war lange unterwegs und manches mag unterdes geschehen sein
Auf dem Markt liefen die Leute zusammen sie sammelten sich in Haufen vor
dem Ratause Bernd kam eilig herein der Schrecken lag über seinem behaglichen
Gesicht »Ein polnischer Bote trägt dem Rate seltsame Kunde zu Habt Ihr sie
vernommen Es gibt keinen Hochmeister mehr«
Marcus fuhr in die Höhe »Ist Herr Albrecht tot«
»Nein der Herr lebt aber der Deutsche Orden in Preußen hat wie sie sagen
ein Ende Herr Albrecht hat den Ordensmantel abgelegt ist in weltlichen Stand
übergetreten und durch den König von Polen unter polnischer Hoheit als Herzog
eingesetzt worden er selbst und sein ganzes Geschlecht«
Da lächelte der Kaufherr und zuckte die Achseln »Du bist alt genug um zu
wissen was von Gerüchten zu halten ist zumal von der Meldung polnischer
Boten«
»Der Bote ritt den weiten Weg von Krakau hierher um dem Rate die Nachricht
zu bringen«
Marcus lächelte wieder »Er wurde getäuscht oder er will die Bürger
täuschen denn dies ist unmöglich Ich habe einen Brief erhalten der weit
anderes meldet und was schwerer wiegt ich habe ein Gelöbnis des Hochmeisters
selbst ist er auch kein Mann von hartem Stahl er hält sein Wort«
»Soweit er vermag« versetzte Bernd kopfschüttelnd »Wer darf in den großen
Weltändeln auf Jahre hinaus beeiden was er dereinst tun wird«
»Niemand kann das aber ein Mann darf sagen was er nicht tun wird«
Wieder schüttelte Bernd den Kopf
An der Haustür tönte ein scharfer Schlag der Gehilfe rief seinen Herrn auf
die Schwelle Vor dem Hause stand der Ratsbote mit Hans Buck und zwischen ihnen
der Knecht Dobise »Der Rat sendet Euch Euren Knecht« begann Hans Buck »er
kehrte freiwillig zurück und trat in mein Gehege Sein Kopf gehört mir und ich
fordere ihn von Euch«
»Guten Tag Meister« grüßte Dobise demütig »da Ihr mir Tag und Stunde
freigelassen habt so komme ich erst jetzt nehmts nicht für ungut«
»Und warum kommst du jetzt« fragte Marcus
»Herr es wollte mir in der Fremde nicht mehr gefallen und nach dem was
ich in den letzten Wochen erfahren habe bin ich ganz zufrieden dass es mit uns
beiden zu Ende geht Nach uns kommen andere Vor Hans Buck fürchte ich mich
nicht ich habe ihm oft zugesehen und einen besseren finde ich nirgends« Hans
Buck lächelte wohlwollend über das Lob
»Nehmt den Mann Ratsbote und verwahrt seinen Hals bis ich ihn abfordere«
»Er treibt sich seit lange in der Gegend umher« erklärte Lischke »und
wurde zuerst vor mehreren Wochen im Hause des gebietenden Herrn Eske erkannt
dann saß er zuweilen auf dem Kirchhofe von St Johann erst heut gab er sich
unter die Hand von Hans Buck«
»Was kann ich noch für dich tun du Armer« fragte Marcus
Dobise drehte die Mütze in den Fäusten »Wenn es Euch nichts verschlüge so
möchte ich noch einmal zusehen wie sie die neue Glocke ziehen«
»Dazu kann Rat werden« sagte der Ratsbote froh über die Neuigkeiten
welche er wusste »Denn es ist Befehl erteilt morgen mit allen Glocken zu
läuten um den Frieden mit dem neuen Herzog Albrecht einzuweihen Ich selbst
gehe jetzt mit dem Ausrufer zu verkünden dass der Herzog unserm Könige
gehuldigt hat und zum Dank in dem früheren Ordenslande wieder eingesetzt ist
Morgen kommt Herr Albrecht selbst in die Stadt der Läufer hat ihn angekündigt
und die gebietenden Herren wollen ihn festlich empfangen«
Da winkte Marcus mit der Hand dass sie sich entfernten und Bernd schloss die
Tür
Der Abend kam heran auf den Straßen trieb die frohe Menge umher aus den
Fenstern blinkten Lichter und lustige Herdfeuer alle Türen waren geöffnet und
die Freunde der Hausbewohner gingen aus und ein Nur das Eckhaus am Markte stand
finster und verschlossen kein Lichtschein verriet dass es bewohnt sei und kein
Besucher hob den Klopfer der Haustür
Erst am andern Morgen als alle Glocken der Stadt miteinander das feierliche
Friedensgeläut anstimmten wurde die große Torfahrt geöffnet Marcus König ritt
aus seinem Hofe wie ein Kriegsmann gerüstet Im Tor stand die alte Dienstmagd
und barg ihr Schluchzen hinter der Schürze und Bernd ging barhäuptig zur Seite
des Reiters vergebens bemüht seine Fassung zu behaupten Auf dem Markt wandte
der Kaufherr das finstere Antlitz noch einmal nach dem Hause seiner Väter und
gebot von der Höhe seinem Gehilfen »Sollte der neue Herzog von Preußen nach dem
Hauswirt fragen so sage ihm Marcus König sei für Seine herzoglichen Gnaden
nicht bei Wege Er reitet über Land und lässt seinen Knecht henken weil dieser
ihm einen Eidschwur gehalten hat«
Langsam und allein zog er unter dem Geläut der Glocken zum Tore hinaus
Auf dem Dorfgrunde unweit des Stadtweges war der Galgenhügel dort hielt der
Karren mit Hans Buck und Dobise Marcus stieg vom Pferde schritt von
Bewaffneten seines festen Hauses umgeben nach der Anhöhe und gab dem
Scharfrichter das Zeichen Dobise kletterte willig die Leiter hinauf und sah
über das Gebälk auf den Himmel und die grünende Flur »Alles blau und grün«
sagte er kopfschüttelnd
»Sieh dir die Sache genau an« ermunterte Hans Buck der zur Seite über dem
Querholz saß »wir haben keine Eile«
»Dort sehe ich die Türme unserer Stadt der Ratsturm hat ein neues Dach das
hält wieder eine Weile«
»Bis es herunterfällt wie das alte« versetzte bedächtig sein Nachbar
»Mein Alter sieht aus wie ein Kriegsmann« fuhr Dobise fort »er trägt
selten die Brustplatte und das lange Schwert«
»Heut hat er es als Gerichtsherr dir zu Ehren angelegt« sagte Hans Buck
»Niemals ist einer so hinausgefahren wie ich während die zwölf Böttcher
zogen« berühmte sich Dobise »und mich freuts dass der Alte mir die letzte
Ehre erweist Er denkt daran dass ich zu ihm gehöre«
»Du bist von deinen Vätern her sein Knecht«
Dobise nickte »Die Bürger wollen die Leute meines Geschlechts nicht mehr in
der Stadt leiden Doch er und ich wir gehören von Vater und Mutter zusammen
ich bin im Torner Lande der letzte von den alten Preußen und er ist der letzte
von den alten Deutschen Und jetzt geht es auch mit uns beiden zu Ende« Hans
Buck sah ihn fragend an und hob die Schlinge Dobise half sie um den Hals legen
»Aber der Alte weiß doch nicht was ich weiß denn Hans Buck ich habe gesehen
wie sein Enkel die Gerte schwenkte«
»Was spricht der arme Sünder« fragte von unten eine starke Stimme
»Lebt wohl Hans Buck« rief Dobise und sprang von der Leiter
»Schneide ab« schrie Marcus
Der Henker zerschnitt mit Hilfe des Knechtes eilig den Strick »Der gute
Wille war vergeblich Herr er sprang zu jach in die Luft das Genick ist
gebrochen«
In einer Ecke des kleinen Friedhofs wurde die Ruhestätte geschaufelt die
Schollen rollten auf den Leib der Wind wehte und die Wolken flogen während
Marcus am Grabe seines Knechtes auf den Knien lag
Den Tag darauf standen die neuen Ratsmänner Kunz Lohgerber und Bartel Schneider
am Ufer der Weichsel und sahen über den leeren Ladeplatz zu dem nur einige
Holzflösse trieben »Der Friede ist verkündet« begann Kunz »ich gedenke der
Zeit wo die schweren Kähne hier so dicht lagen dass man Mühe hatte einen Kübel
Wasser zu schöpfen Ob sichs wieder füllen wird«
»Dort stößt der große Danziger gegen den Strom heran« antwortete sein
Nachbar »wunderlich ist es dass er zurückkommt er hat für Marcus König geladen
und lag die letzte Nacht unterwärts am Ufer Seht er hat sich wie ein
Kriegsschiff gerüstet eine Schanze um den Mastkorb gebaut und meiner Treu
ich erkenne bewaffnete Männer im Korbe meint Ihr nicht dass wir Lärm machen«
»Hier kommt jemand der Euch die Sorge abnehmen wird der Burggraf mit
seinen Trabanten Das Schiff bleibt im Strome und der Ratskahn legt an der
Burggraf selber will den alten König zum Land fahren«
»Ob zu einem Festmahle oder in den Turm Nun es haben schon bessere Leute
darin gesessen als der alte Papist«
Der Kahn des Rates führte den Burggrafen an das Schiff Hutfeld bestieg die
Planken Marcus begrüßte ihn an der Treppe »Ich danke Euch hochgebietender
Herr dass Ihr gegen den Brauch des Rates nicht verschmäht die Fahrt im
Stadtgebiet auf einem fremden Schiff zu machen«
Der Burggraf warf einen besorgten Blick nach dem Korbe in welchem
Bewaffnete ihre Rohre steif am Fuß hielten und nach dem Steuer wo neben einem
fremden Maat Hendrick der Schiffer seine Mütze lüftete »Sind die
Schiffskinder auch zum Teil Fremde« antwortete er lächelnd »der Schiffsmeister
ist ein Bürger von Torn«
»Er war es bis jetzt« versetzte Marcus
Hutfeld sah nach dem Kahne zurück dann maß er prüfend das düstere Antlitz
seines Gegners »Ich war bis jetzt Bürger dieser Stadt« fuhr Marcus fort »und
um mich von den Mauern zu scheiden in denen die Sorge uns beiden das Haar
gebleicht hatte habe ich dich mein Schwager hierhergeladen Ich denke es
sind die letzten Augenblicke in denen wir einander gegenüberstehen Den
Burggrafen der Stadt hätte ich nicht bemüht den Bruder meines lieben Weibes
wollte ich noch einmal grüßen bevor ich von hier gehe denn mein Fuß betritt
die Straßen von Torn nicht wieder«
Hutfeld fasste seine Hand »Die Stimme alter Freundschaft höre ich nach
Jahren zum erstenmal aus deinem Munde zürne nicht wenn ich widerstrebe dass
diese Stunde die letzte sein soll in der ich dich sehe«
»Auch du dessen Klugheit und Vorsicht ich heut mit schwerem Herzen loben
muss wirst meinen Entschluss nicht beugen Den Burgwald von Nessau und das
Landgut welche ich als altes Erbe meines Geschlechts überkam begehrt der Rat
Der Preis welcher mir geboten wurde ist so gering dass ich ihn zu anderer Zeit
abgelehnt hätte jetzt ist er mir willkommen denn Konrad ich bin kein reicher
Mann mehr«
»Das habe ich gefürchtet« sagte der Burggraf »Es war ein Unglückstag wo
der Herzog von Preußen in deinem Hause Einlager hielt«
»Weißt du dies du scharfblickender Mann so weißt du auch mehr Du warst
der Gegner der meine stillen Wege aufspürte und du gewannst das Spiel weil du
mehr von mir wusstest als andere«
»Nicht ich Marcus Du rangst gegen eine Flut welche uns alle übermächtig
forttreibt«
»Vielleicht« sagte der Kaufmann das Haupt neigend »Diese Planken sind
Danziger Grund und auf fremdem Boden darf ich dir sagen dass ich getan habe
wahrlich aus Liebe zur Stadt was mich ausschliesst von der Tafel Eures Hofes und
von dem Glockengeläut Eurer Türme Den Rat wollte ich werfen und die Stadt in
die Gewalt des deutschen Hochmeisters zurückbringen als ein wertvolles
Unterpfand für seinen Frieden mit Polen Jahre hindurch habe ich unter Euch
gelebt als Euer Todfeind«
»Wozu von Vergangenem reden Dir frommt nicht es zu sagen mir nicht es zu
hören«
»Du darfst es doch hören Konrad denn deiner Mäßigung verdanke ich dass ich
heut vor dir stehe«
»Ob du mit Grund sprichst oder nicht ich weigere dir die Antwort«
antwortete Hutfeld »wäre es aber wie du sagst so weißt du auch dass in dem
Frieden Verzeihung für alle Parteinahme ausbedungen ist Hättest du Unrecht
geübt gegen die Stadt und die Krone Polen es wäre jetzt gesühnt«
»Du sagst es« versetzte Marcus »aber du weißt auch dass es für den Kampf
um die Herrschaft kein Vergessen gibt Bald würden der König und der Rat einen
Vorwand finden mir an Habe und Hals zu gehen Und zürne mir nicht wenn ich es
sage ich bin zu stolz um länger als dein Schützling zu leben der auch dir
unablässig die Sicherheit gefährdet«
»Der Kampf ist ausgetragen und wir werden alt« sprach bittend der Burggraf
»und ich denke ebenso wie das Weichselland und die Stadt begehren wir beide
fortan den Frieden«
»Nicht ich« rief Marcus zornig »Könnt Ihr verzeihen ich vermag es nicht«
Er wandte sich rückwärts wo die Mauern und Türme von Torn ragten »Einst
priesen dich die Nachbarn als Königin der Weichsel jetzt ist die Krone für
immer von deinem Haupt gerissen zu einer polnischen Metze bist du geworden der
die Könige einmal ein Almosen hinwerfen um sie darauf wieder mit Ruten zu
streichen nach ihrem Gefallen«
»Lästere nicht Marcus in der letzten Stunde die Stadt welche dich geboren
und lange getragen hat« mahnte Hutfeld »blutiger Zwist und Krieg waren fast
hundert Jahre im Lande Dörfer sind geschwunden durch menschenleere Einöden
schweifen die Raubtiere aber die alte Stadt steht als ein sicherer Schutz für
ihre Getreuen und als gastfreie Zuflucht für Flüchtlinge aus aller Herren
Ländern Der Spruch unseres Fähnleins der in harter Zeit darauf gesetzt wurde
hat sich als wahr erwiesen sie hats überdauert«
»Ja zwischen feindlichen Flammen wie der Wurm den niemand kennt Hoffe
nicht dass in dem polnischen Feuer deine Bürger gedeihen werden Verhasst ist die
deutsche Art dem fremden Volke verhasst euer Reichtum dem polnischen Edelmann
und euer Stolz dem Palatin der über euch herrschen will Scheuen sie sich die
Tore zu brechen so werden sie zu den Pforten hineinschlüpfen und fürchten sie
eure helle Klage so werden sie langsam durch Schmeichelei und hohles Getön der
Worte euch zu Knechten machen«
»Nicht wir haben die Feindschaft geschaffen Marcus die dich jetzt von uns
scheidet wir haben sie als ein Erbe von den Vätern überkommen Was die Zukunft
uns bringt dafür mögen die Künftigen sorgen wir tun heut und morgen was wir
müssen«
»Bis der Tag kommt wo das schwarze Gerüst das für meinen Vater errichtet
wurde wieder auf dem Markte von Torn erhöht wird damit die Polen die Häupter
eurer Nachkommen werfen Das ist der letzte Gruß mit dem ich von euch scheide
als ein Flüchtling der eine Stätte sucht wo er unter freien Landsleuten sein
Haupt bergen kann Dir aber Konrad übergebe ich die Sorge für die Gräber
meines Geschlechtes du warst der erste Freund meiner Jugend du bliebst dem
Alten hochgesinnt auch als Feind«
Der Burggraf umfasste den Scheidenden er fühlte den krampfhaften Händedruck
und sah das Zucken in dem Antlitz des andern Gleich darauf trieb sein Kahn auf
dem gelben Wasser der Stadt zu Als er noch einmal zurückschaute stand Marcus
den Blick nach dem dunklen Norden gerichtet dem die Strömung zueilte rastlos
und unaufhaltsam
Der Einsame hob die Augen zu dem Wolkenhimmel und suchte nach einer Stelle
wo die Himmelsbläue sichtbar wäre es war alles in Grau gehüllt Nichtig war
seine Erdenarbeit gewesen all seine Hingabe eitel und nutzlos Keiner der
Fürbitter wie ängstlich er sein Lebelang um ihre Gunst geworben hatte
vermocht ihm den großen Wunsch zu gewähren Auch sie erschienen ihm kalt und
fremd alt und machtlos und er gedachte ihrer wie ein gottloser Mann fruchtlos
war alle Gabe und Verehrung welche Bittende ihnen zollten und verächtlich das
Drängen der Pfaffen welche für jeden beteten der die Macht hatte und der sie
bezahlte Jetzt feierten sie das Hochamt um einen unseligen Frieden und flehten
für das Wohl des Polenkönigs Er setzte sich nieder und barg das Gesicht in den
Händen Gnade für dieses Leben hatte er nicht gefunden und er glaubte nicht
mehr dass seine Rechnung mit dem Himmel ihm für das Jenseits heilsam sein werde
Das Schiff legte bei Marcus fuhr auf neben ihm stand der Schiffer Hendrick
und wies auf die Steinsäule am Ufer »Ihr wisst es ist Brauch an dem Bilde der
Jungfrau zu halten und um günstige Fahrt zu bitten Hier war es auch wo Euer
Sohn auf seiner Flucht das Boot des Elbingers betrat« Marcus wandte sich ab und
barg wieder seine Augen in der Hand »Auch er ist mir durch fremde Schuld
verdorben und wenn ich ihn wiedersehe wird er mein Gegner« sprach er finster
vor sich hin
Da klang über das Deck der flehende Ruf »Mein Vater« Und der Sohn warf
sich vor seine Füße und umschlang ihn mit den Armen
Bei den Augustinern
In der Schreibstube des Doktor Martinus Luther zu Wittenberg standen der
Magister und Anna mit dem Knaben und vernahmen die Worte des verehrten Mannes
»Mir ist durch Magister Philippus Gutes über Euch und Euer Kind berichtet und
ich will es an mir nicht fehlen lassen damit der Zweifel und die Unsicherheit
ein Ende nehmen welche jetzt Euer Leben verstören Denn in Gewissensnöten
schlägt an den Zweifel gern der leidige Teufel seine Krallen und jede
Sicherheit selbst wenn sie schmerzlich ist hilft eher zur Gesundheit der Seele
und des Leibes« Und gegen Anna fuhr er gütig fort »Es ist ein seltsamer
Handel um den Ihr mit Eurem Sohne die weite Reise unternommen habt möge sie
auch dem vaterlosen Kinde frommen« Er strich dem Kleinen über das Haar »Ich
denke dieser hat dazu geholfen dass Ihr die traurige Verlassenheit tapfer
ertrugt er nächst Eurem Gottvertrauen denn auch davon ist mir Kunde
zugegangen«
Romulus sah zu dem Doktor auf und verstand dass der Herr es gut zu ihm
meinte und hier zu befehlen hatte Aber der Handel welcher die Großen
bekümmerte machte ihm heut wenig Sorge Denn noch erfüllt von der Reise dachte
er vielmehr darauf wieder in die Welt zu fahren und achtete begehrlich auf
zwei schwarze Filzschuhe hinter dem Ofen um diese als Gäule anzuschirren
Ein junger Mann in der Tracht eines Schülers öffnete leise die Tür »Euer
Verlobter ist zur Stelle« sagte der Doktor »lasst euch beide gefallen dass ich
euch in dieser Stube bewahre denn ich will den Junker zuerst allein sehen«
Mit pochendem Herzen öffnete Georg die Pforte zum Kloster die Scheu vor dem
mächtigen Manne und schwere Ahnung bedrückten ihm die Seele auch ein Rest des
alten Trotzes dass der Priester über das Glück seines Lebens entscheiden sollte
Auf der Bank vor dem Hause saß ein Jüngling über einem großen Buche Als Georg
grüßend seinen Namen nannte erhob sich der andere »Der Herr Doktor ist noch
beschäftigt Ihr mögt hier niedersitzen und seiner harren«
Georg saß allein und sah sich in dem Hofe um Trotz seiner Not dachte er
wie unscheinbar und dürftig die Stätte erschien aus welcher ein so helles Licht
über das ganze deutsche Land leuchtete Ein Baum in voller Blätterpracht war die
einzige Zierde des stillen Raumes auf dem Boden vor ihm flatterten die Vögel
ein Fink schritt dicht vor seinen Füßen die Sperlinge als klügere Weltkinder
hüpften in größerer Entfernung und sahen ihn mit ihren runden Augen von der
Seite misstrauisch an Ihre Geschlechter lebten hier seit Jahrhunderten im Besitz
der Mauerritzen und immer hatten die Mönche ihnen Krumen gestreut Jetzt war das
Kloster im Schwinden nur die Kleinen saßen dick und stolz wie Prälaten Das
dachte auch Georg und unter den vertrauten Gesellen wurde ihm leichter ums
Herz Endlich flog der Fink gar auf die schöne Laute welche an der Bank lehnte
und sang in kunstvollem Schlag den Fremden an während die Saiten von der
Erschütterung leise klangen Da konnte Georg der Versuchung nicht widerstehen
mit dem Finger prüfend über die Saiten zu fahren aber er setzte die Laute
sogleich wieder hin betroffen über das Getön welches er verursacht hatte
»Ihr seid des Saitenspiels mächtig« fragte eine helle Stimme neben ihm
Georg fuhr empor und stand dem Herrn gegenüber den er noch nie leibhaftig
gesehen hatte und dessen Angesicht doch durch die Holzschnitte fast jedem
Deutschen bekannt war Er sah einen Mann von stattlicher Mittelgrösse mit großem
Haupt in welchem zwei tiefliegende Augen wie dunkle Sterne blitzten »Ihr seid
der Junker aus Torn welcher bei mir sein Eheweib begehrt« fuhr der Doktor
fort »Auch in Eurer Vaterstadt weicht jetzt die Finsternis dem Lichte Ist mir
recht berichtet so hattet Ihr vor einigen Jahren Tumult weil die Päpstlichen
ein Bild des Luthers verbrannten Ich denke sie hätten lieber den Luther selbst
in die Flamme geworfen doch ich hoffe sie sollen noch manchmal durch ihn
erzürnt werden bevor sie ihren Mut an ihm kühlen In Torn widersprach der
Magister Fabricius dem Beginnen der Mönche und wurde deshalb aus der Stadt
verbannt Wars nicht so«
Georg bestätigte und der Doktor fragte weiter »Damals geriet noch ein
anderer in Streit mit den Papisten wer war dieser und was ist aus ihm
geworden«
»Es war ein Schüler des Herrn Magisters auch er musste die Stadt verlassen
und lebt seitdem in der Fremde«
»Und verlor seitdem wie ich sehe die Hand mit welcher er sonst die Laute
spielte« setzte der Doktor auf den Handschuh blickend die Rede fort »Was
trieb Euch dazu den Mönchen das Ketzerfeuer zu verstören«
»Herr ich sah meinen Lehrer in Gefahr und hatte außerdem einen alten Handel
mit dem Polen welcher die Hand gegen ihn ausstreckte«
»Ihr seid für Eure Gewalttat mit Recht gestraft worden« versetzte der
Doktor kurz »Aber mich freuts dass Ihr so ehrlich seid und Euren wilden
Streich nicht mir auf die Seele reden wollt« Und abbrechend sagte er in gütigem
Ton wie zu einem alten Bekannten »Setzt Euch zu mir auf die Bank Junker«
Georg rückte sich bescheiden in die Ecke »Dieser Platz ist mir lieber als jeder
andere wenn ich meditiere und wenn ich mit guten Freunden ein vertrauliches
Wort rede Ich sah vorhin wie Ihr meinen kleinen Flattergeistern zulachtet
auch ich achte gern auf sie denn in ihrem bunten Kleide sind sie die kleinen
Närrchen unseres Herrgotts und sie haben mich manchmal getröstet wenn mir der
Papst und der Teufel Not machten Ihnen ist gesetzt sorglos dahinzuleben wir
Menschen freilich haben besseren Witz empfangen damit wir mit größeren Sorgen
ringen Uns Türingern vorab ist die Freude an diesen Federhelden gemein Eure
Vorfahren haben immer in Torn gewohnt«
»Es geht die Sage« antwortete Georg bescheiden »dass auch meine Voreltern
aus Thüringen stammen«
»Ihr seid vom Adel«
»Mein Vater gehört zu den Ältesten des Artushofes und einer von unserm
Geschlecht war vor Zeiten Hochmeister von Preußen«
»So« sagte der Doktor »Euer Vater also ist reich und stolz auf seine
Vorfahren Wie hält er sich im Glauben«
»Er ist eifrig für die alte Kirche«
»Und Ihr habt die Frau welche er Euch verweigert von Herzen lieb«
Georg stand auf »Herr so lieb dass mir alles auf Erden wenig gilt gegen
sie«
Auch der Doktor erhob sich und sprach feierlich »Dann erwartet mit Demut
gegen den Herrn was Euch die nächste Stunde bringt« Er winkte dem Schüler
welcher an der Tür harrte der Magister und Anna traten mit dem Knaben in den
Hof Als Georg Weib und Kind wiedersah eilte er auf sie zu küsste sein Gemahl
auf die Stirn und hob seinen Sohn zu sich auf dann legte er die Hand des
Kleinen in die der Mutter trat zurück und begrüßte den Magister von weitem Der
Doktor sah aufmerksam zu wie das Kind dem Vater sein Händchen reichte und dabei
lieber Vater sagte mit so zarter und verschämter Liebe als käme der Gruß aus
der Seele seiner Mutter Aber gleich darauf war Romulus wieder mit eigenen
Angelegenheiten beschäftigt Er hatte sich im Hofe sofort einer Gerte bemächtigt
und damit nach einem jungen Sperling des Doktors geschlagen Auf die
Kriegserklärung flog das ganze geflügelte Volk zur Höhe und die beiden Parteien
saßen lauersam gegeneinander
»Ich flehe ehrwürdiger Herr« bat Georg »dass Ihr mir gestattet die Zeugen
vor Euer Angesicht zu führen welche für mich aussagen können Sie warten vor
dem Tor«
»Ich bin kein Schöffe und kein Romanist« antwortete der Doktor »und das
Zeugnis anderer wird Euch in dieser Stunde wenig helfen Doch habt Ihr sie
herbeigeführt so lasst sie ein«
Georg eilte zur Pforte und herein trat Wuz mit zweien seiner Gesellen und
hinter ihnen ein alter Mann in der Tracht eines Wallfahrers Die Männer blieben
an der Tür die Landsknechte nahmen ehrerbietig ihre Hüte ab und standen steif
bei ihren Hellebarden
Der Doktor sah unzufrieden auf die wilden Gestalten »Was sollen die
fahrenden Hansen und Jakobsbrüder in Eurer Sache«
»Die Landsknechte waren Zeugen als ich mit meinem Weibe vermählt wurde«
erklärte Georg bittend »und sie haben in guter Meinung für mich die Reise
gemacht«
»Tretet näher« gebot der Doktor »da ihr einmal gekommen seid Ihr also
ward zugegen als der Mann die Magd zur Ehe nahm Habt ihr in eurem Orden
besonderes Gesetz für die Vermählung«
Wuz dachte nach »Wir haben keine besondere Ordnung sondern wir üben
denselben Brauch welchen im deutschen Oberlande die Bürger und Bauern anwenden
nur dass wir die Fahne darüberhalten«
»Und wie empfing dieser das Weib«
»Säuberlich es ging zu wie vor einer Kirche« versetzte Wuz »das Fähnlein
trat zum Ringe ich gab die Braut und Benz Streitenberg stand hinter dem
Bräutigam«
»Wer tat die Fragen und mit welchen Worten«
»Der Hauptmann fragte Fähnrich wollt Ihr diese zu Eurem Ehegemahl nehmen
Der Fähnrich sagte ja Dann fragte der Hauptmann die Jungfer und da diese nicht
vernehmlich wurde so sprach ich das Ja was ebensogut war und hernach
erinnerte der Hauptmann den Fähnrich dass er der Braut auf den Fuß treten müsse
denn dieser hatte nicht daran gedacht«
Der Doktor wandte sich zu Anna »Habt Ihr auf die Frage ja gesagt«
»Ich wollte ein Ja sagen« antwortete Anna Der Doktor nickte und sprach zum
Landsknecht »Und wie haltet ihr es bei euren Ehen mit dem Priester«
»Wenn sich eine Gelegenheit bietet so lässt auch der fromme Landsknecht
seine Ehe an der Kirchtür weihen obgleich das Fähnlein solches nicht begehrt«
»Mich wundert diese Ordnung denn ich höre ihr lebt zuchtlos mit euren
Weibsen«
»Es ist ganz wie der Herr Doktor gehört hat« bestätigte Wuz ehrerbietig
»Die meisten wirtschaften mit ihren Dirnen jedoch treten auch zuweilen zwei
miteinander in den Ring Nämlich eine Ehefrau sitzt vor den andern auf dem
Karren und wenn es an Fuhrwerk fehlt müssen die Dirnen zu Fuß laufen auch
darf der Trossweibel keine Ehefrau mit dem Stock schlagen Und es würde wohl jede
am liebsten Frau sein jedoch ist ihnen wieder hinderlich dass die Ehefrau nicht
wechseln darf solange das Fähnlein fliegt«
Martinus winkte finster mit der Hand »Es ist genug tretet zurück« Die
Knechte wichen rückwärts zu dem Baum in dessen Schatten der Wallfahrer lehnte
Der Doktor wandte sich wieder zu Anna »Habt Ihr nach eurer Vermählung den
Segen eines Priesters empfangen«
»Nein« antwortete Anna unsicher
»Wie kam das Da Ihr wie ich vernehme eine gottesfürchtige Frau seid«
»Zuerst fürchtete ich mich trotz der Vermählung sein eheliches Weib zu
werden« sprach Anna mit stockender Stimme »Dann las ich in Eurem Buche dass
nicht des Priesters Dienst eine rechte Ehe bewirkt sondern fromme Liebe und
christliche Gesinnung der Verlobten und ich wurde ruhiger darüber dass kein
Priester in der Nähe war Denn die Knechte waren widerwärtig gegen alle Pfaffen
und hatten diese verscheucht Als sich endlich ein Predigermönch aus Torn zu
uns fand lag mein Hausherr diesem hoch an dass er uns trauen möge Da erbot
sich der Mönch da er mit dem Vater meines Hausherrn wohlbekannt sei vorher um
die Einwilligung des Vaters zu werben und uns bei seiner nahen Rückkehr zu
segnen Bevor er wiederkam wurden wir getrennt«
»Wohlan« sprach der Doktor »hört zu ihr die ihr meine Entscheidung
angerufen habt Ich bin kein weltlicher Richter sondern ein Diener unseres
himmlischen Vaters Die Ehe der Christen aber ist ebensowohl nach göttlicher als
nach menschlicher Ordnung eingesetzt Darum liegt mir vor allem ob zu
erforschen ob euer Verlöbnis zu einer rechten Ehe vor dem Herrn geworden ist
Das Wohlgefallen unseres Vaters im Himmel wird gewonnen durch christliche
Gesinnung der Gatten wenn sie in dem Gedanken an Gott die Ehe eingehen und
sein Wohlgefallen wird erhalten durch ehrbare und fromme Liebe in welcher die
Verlobten fest beharren mit dem Willen ihr lebelang beisammen auszuhalten Dass
euch beiden eure Liebe zueinander hoher Ernst war und nicht nur ein
leichtfertiges Spiel übermütiger Jugend das erkenne ich aus der Not in welcher
ihr euch verbunden habt und aus der Angst in welcher ihr jetzt vor mir steht
Ob ihr aber auch als gute Kinder eures himmlischen Vaters im Glauben und
Vertrauen auf ihn euren Bund geschlossen habt das müsst ihr mir jetzt selbst
bekennen und ihr müsst die Worte auf euer Gewissen nehmen damit nicht
Unwahrheit eurer Seele und Seligkeit schade Darum frage ich zuerst Euch
Junker nach Gesinnung und Glauben dieses Weibes vor bei und nach der
Vermählung«
»Ach Herr« antwortete Georg mit gefalteten Händen »Jedermann der mein
Weib gekannt hat muss bezeugen dass sie schon als Jungfrau gottseliger war als
andere ihresgleichen Mich hat sie lange durch hohen Ernst und Strenge
verschüchtert Und in der Ehe habe ich täglich Ehrfurcht gefühlt vor der
Innigkeit in welcher sie mit dem lieben Gott verkehrte Auch die Kriegsleute
unter denen sie leben musste erkannten das und ehrten sie darum« Wuz unter dem
Baume nickte heftig mit dem Kopfe
»Das dachte ich wohl« sagte der Doktor freundlich »Und Ihr junge Frau
vermögt Ihr Ähnliches von Eurem Gatten zu sagen«
Da Anna schwieg fuhr er ermunternd fort »Denn Ihr müsst doch gemerkt haben
wie es mit seiner Gottesfurcht stand schon vor der Ehe und sicher in der Ehe«
Leise antwortete die Frau »Er hatte mich von Herzen lieb und war bereit
sein Leben für mich hinzugeben«
»Für Euch das Geschöpf doch ob für seinen Schöpfer Auch der Hirsch kämpft
zuzeiten für die Hindin Solch heißer Drang hat mit dem Glauben nichts zu
schaffen«
Anna schwieg »Wie« fragte der Doktor »hatte er als Ihr mit ihm in den
Kreis der Kriegsknechte tratet kein Wort keinen Blick für den Vater im Himmel
der Euer Bündnis segnen sollte Besinnt Euch« mahnte er dringend »denn es
handelt sich hier um Großes für euch beide«
»Herr ich war damals kaum meiner Sinne mächtig«
Da nahm ihr Georg die Sorge ab »Ehrwürdiger Herr ich stehe hier wie in der
Beichte und obwohl es meines Lebens Glück gilt so will ich doch nicht
täuschen Als ich ihr zugesprochen wurde sah ich nichts als sie und dachte an
nichts als an ihre Gefahr und dass ich sie für mich gewinnen wollte«
»Und nachher« forschte der Richter unruhig
»Herr ich fühlte nur Schmerz und Zorn dass sie sich mir versagte und um
Euch die ganze Wahrheit zu bekennen lange Zeit war mir ihre Frömmigkeit
verleidet weil sie sich in solcher Gesinnung von mir entfernt hielt«
Da blitzten die Augen des Doktors zornig auf das Weltkind und er sprach
rau »Sie tat recht Euch zu meiden denn Ihr wart nicht der Mann der ihrer
Seele heilsam werden konnte Doch als Ihr sie endlich wegen ihrer weiblichen
Schwäche gewannet und mit ihr in Gemeinschaft lebtet kam Euch niemals der
Gedanke dass Ihr verdammt sein werdet und dass Eure Ehe eine wilde Buhlschaft
sein werde ohne Gottes Gnade Und kam Euch niemals der Schrecken vor dem
Richter«
»Ich kanns nicht sagen« antwortete der ehrliche Georg in seiner
Bedrängnis »Ich habe obgleich wir im Elend waren doch am liebsten fröhlich
vor mich hingelebt meines Herzens Freude war immer mein gutes Weib und ich
habe sorglos darauf vertraut dass ihr Gebet auch mir zugute kommen werde Bis
ich einst an einem kalten Wintertage spät in unsere Behausung zurückkehrte Dort
fand ich ein Geschenk Gottes das nicht gewesen war als ich wegfuhr Draußen
heulte der Schneesturm als sie es mir entgegentrugen es war nackt und winzig
und ich hatte dergleichen niemals gesehen oben sah es aus wie ein altes
Männlein und unten ähnlich einem Frosch der im Wasser steuert Und es war mein
lieber Sohn Da erschrak ich vor Gottes Wunder und mir erbebte das Herz«
»Endlich« rief der Doktor aufatmend
»Seit der Zeit ehrwürdiger Herr lernte ich den großen Gott anflehen Oft
wenn ich den Knaben ansah riss es mich nieder auf die Knie denn ich bedachte
dass ich für ihn zu leben und zu sorgen hätte und wieviel unser Vater im Himmel
noch dazu tun müsste bevor das Kind seine Locken bekäme feste Beinchen und
einen verständigen Sinn Auch mein eigenes Leben erschien mir weit anders als
früher gleich einem Amte das mir übergeben war damit ich sein Wunder ehrlich
grosszöge Und als ich meinen Sohn verloren glaubte stand er immer so in meinem
Gemüt wie ich ihn das erstemal sah und wenn sein Bild erschien trieb es mich
die Hände aufzuheben und zu bitten dass ich bald dorthin erhoben werde wo nach
meinen Gedanken er und seine Mutter auf mich warteten«
Der Dokter sah auf die Mutter und in seinem Antlitz leuchtete die Freude
»Nun dieser ist kein verzweifelter Kunde und er vermöchte wohl neben einer
guten Frau ein frommer Hauswirt und Vater zu sein zumal wenn die Frau welche
im Glauben stärker ist ihn nicht durch Mahnungen quält sondern die Zeit
abwartet und ihm herzlich zuredet« Und näher an beide tretend begann er
feierlich »Soweit ich als kurzsichtiger Mensch den Willen des Herrn zu deuten
vermag sage ich euch euer Bündnis ist vor Gott eine rechte Ehe Und wenn der
Herr euch beiden die Gnade erwiese euch aus dieser sündigen Welt in das Reich
des Lichtes abzurufen so vertraue ich dass euch ihr armen Kinder im Himmel
eure Stübchen nebeneinander gerückt werden«
Da umfasste Georg glücklich die weinende Frau und der Doktor fuhr fort
»Auch bin ich jede Stunde bereit eurer Ehe durch Priestersegen nachträglich die
Bekräftigung zu geben welche ihr noch fehlt wenn ich von denen geladen werde
die das Recht dazu haben« Er löste die Hände der beiden voneinander »Denn die
Ehe ist nicht allein nach göttlicher Ordnung eingerichtet sondern auch nach
menschlicher Und obgleich die Bräuche durch welche eine Ehe vor den Menschen
gültig wird nicht in jeder Landschaft dieselben sind so ist doch unter
Deutschen überall Gesetz dass der Haussohn und die Tochter sich nicht vermählen
dürfen ohne Einwilligung der Eltern oder derer welche an Eltern Statt über sie
zu gebieten haben Euch aber Junker lebt der Vater und dieser hat die
Erlaubnis nicht gegeben sondern er hat sie ausdrücklich verweigert Darum muss
ich euch sagen fürwahr mit schwerem Herzen vor den Menschen in dieser
sündigen Welt ist euer Bündnis eine rechte Ehe nicht«
So schrecklich war für zwei Seelen der Sturz aus hoher Freude zum Elend dass
die Verlobten fassungslos standen Der erschrockene Magister zog die Tochter an
sich und hielt die Unglückliche umschlungen Der Doktor aber sah unzufrieden auf
das Entsetzen der Geschiedenen denn ihn erfreute zumeist ihre gute Aussicht für
jenes Leben sie aber fühlten stärker das Elend der irdischen Trennung Doch
sprach er schonend zu Georg welcher mit gefurchter Stirn und geschlossener
Faust vor ihm stand »Da Ihr im höchsten Vertrauen zu mir gekommen seid und mich
wider meinen Willen zum Meister Eures Geschickes machen wolltet so vernehmt den
besten Rat den ich Euch geben kann Eilt von hier zu den Füßen Eures Vaters und
fleht inständig dass er Euch den Segen nicht länger vorentalte Denn Liebe der
Eltern flackert nicht umher wie Liebe junger Herzen sie sitzt tief und bleibt
beständig und wenn sie auch einmal in den Winkel gestampft wird so bricht sie
immer wieder hervor«
»Ich habe zu den Füßen meines Vaters gefleht ehrwürdiger Herr« antwortete
Georg »und er hat seine Einwilligung verweigert Da habe ich ihm bekannt dass
ich mit dem Vater meines Weibes vereinbart habe uns unter Euren Richterspruch
zu stellen Er aber hat gefordert selbst ein Zeuge Eures Ausspruches zu sein
um sein Recht als Vater gegen Euch zu behaupten wenn Ihr ihm die Herrschaft
über seinen Sohn absprechen wolltet Und ich gab ihm zur Antwort wenn er mich
begleite so sei auch ich durch mein Gewissen gedrungen mein Recht unter Euren
Augen gegen ihn selbst zu vertreten Darüber vertrugen wir uns Und ich bitte
gestattet mir dass ich ihn vor Euch führe denn ich erkenne dass die schwerste
Stunde meines Lebens gekommen ist« Er wies auf den Wallfahrer welcher
herantrat »Dies ist mein Vater«
Die Gestalt des Doktors hob sich gebietend »Ihr tatet klug Euch in dem
Schatten zu bergen Herr Hättet Ihr mir sofort Euren Namen genannt so würde
ich auch Euch gesagt haben was Euch unlieb zu hören ist«
»Dennoch zürnt nicht« begann Marcus mit gleichem Stolze »dass ich ein Zeuge
Eures Urteils war denn was ich niemals für möglich gehalten habt Ihr bewirkt
ich bin Euch dankbar geworden für Eure Rede«
»Vermögt Ihr nach allem was Ihr hier gesehen und gehört habt Eure
Einwilligung noch ferner zu versagen«
»Ich versage sie« antwortete Marcus
»Dann habe ich mit Euch nichts mehr zu schaffen« sagte Martinus »Ich sehe
wohl Ihr seid einer von den Hochmütigen welche sich in der Stille ihrer guten
Werke berühmen und den Willen unseres Herrgotts zu meistern hoffen weil sie
fasten opfern und zu den Altären der Heiligen fahren Ich aber sage Euch Ihr
werbt um die Gunst Eurer Heiligen so wie ein schlechter Verwalter durch
Bestechung um die Gunst der Hofleute wirbt damit sie ihm bei ihrem Gebieter zu
weltlichem Vorteil helfen Eure kalte Frömmigkeit ist eigennützig und gottlos
sie macht Euren Sinn nicht demütig sondern stolz und hart Und Ihr und
Euresgleichen die dem Herrn nur dienen wollen damit er Euch wieder dienstbar
sei Ihr sollt erfahren dass Euer Hoffen eitel und Euer Wille ohnmächtig sind
gerade dann wenn Ihr am stolzesten auf Euer Recht vertraut«
Marcus zuckte unter diesen Worten aber er legte seinem Sohn die Hand auf
und gebot »Komm«
Da sprang Georg zu seinem Kinde riss es an sich und rief »Fordert Ihr Euer
Recht an mir so bin auch ich Vater und fordere mein Anrecht an meinem Sohn
Diesen hat mir der Herr durch seine Mutter zugeteilt für mein Leben und er hat
auf mein Gewissen gelegt dass ich dem Kinde und seiner Mutter ihre Tage behüte
als Wirt und Herr«
»Sprich nicht weiter Georg« rief Marcus heftig »denn wie du den Knaben
hältst so hielt ich dich in meinen Armen«
Doch Georg warf sich den Knaben festhaltend auf die Knie »Im Angesicht
des Himmels klage ich mein bitteres Leid Zwingt mich dein harter Wille Vater
zu wählen zwischen deiner Liebe und der Treue gegen Weib und Kind so muss ich
deine Liebe missen damit ich die Liebe meines Kindes verdiene«
Marcus hob drohend den Arm »Wahre dich dass nicht der Fluch des Vaters dein
Haus niederreisse«
Da ermahnte der Doktor »Ich höre zwei welche allzu hart auf ihrem Recht
bestehen Euer Recht Kniender ist nach dem Evangelium das bessere nach Brauch
und Ordnung dieser Welt ist es das schwächere Stürmt in Eurer Seele eine hohe
Pflicht gegen die andere so hütet Euch dass Ihr nicht allzu schnell die eine
verachtet um die andere zu erfüllen Denn was dem Menschen unversöhnlich
scheint weiß einer der die Herzen lenkt in Liebe zu vergleichen über alles
Hoffen Darum sage ich Euch zum zweiten Male weichet um Eurer Geliebten willen
nicht von Eurem alten Vater wie hart er auch gegen Euch poche Wisst ich
selbst habe erfahren in langem Herzeleid wie es schmerzt mit seinem Vater in
Unfrieden zu leben und ich habe ihn nicht um irdischer Liebe willen verlassen
sondern um meines Gottes willen weil ich damals wahrhaftig nicht anders konnte
Aber den rechten Frohsinn habe ich in meinem Herzen erst gefühlt seit ich aus
der Möncherei erlöst wurde und mein alter Vater mich wieder freundlich anlachte
Seid Ihr ein solcher Gesell wie Ihr mir heut erschienen seid so fühlt Ihr in
stillem Herzen denselben Stein der mich im Kloster drückte Sprecht aber nicht
etwa Herr mein Gott ich will zu meinem irdischen Vater gehen und ihn bitten
und wenn er meinen Wunsch nicht erfüllt so tue ich dies und das Solcher
Vorsatz ist eitle Vermessenheit er nimmt Eurem Flehen die Kraft und hindert
Euch den Willen Eures himmlischen Vaters zu erkennen sondern geht und sprecht
so Ich will als ein guter Sohn gegen meinen irdischen Vater handeln Und wenn
dann Euer Herr Vater Euch ferner widersteht so wendet Euch wieder zu Eurem Gott
und sorget unablässig dass Ihr mit diesem in Frieden bleibt und seinen rechten
Willen erkennt Dann wird auch er Euch zur Zeit eingeben was für Euch das
Rechte sein wird und ich hoffe lieber Junker er wirds mit Euch wohlmachen«
Georg hielt schweigend den Sohn an seinem Herzen Martinus nahm ihm den
Knaben aus der Hand und stellte ihn vor den Großvater »Bitte du Kleiner denn
unsere Stimme dringt nicht an sein Ohr«
Doch Romulus welcher wusste dass die armen Pilger seine Mutter um Almosen
baten sah zu dem Doktor auf und antwortete »Er muss bitten«
»Wahrlich« rief Martinus »du hast in deiner Einfalt das Richtige gesagt
Dennoch flehe denn du stehst vor dem Ahn deines Geschlechts« Da streifte das
Kind seinen Ärmel zurück und wies einen braunen Fleck auf der Haut welchen die
Mutter seinem Vater im Turme als ein Zeichen des Geschlechts gewiesen hatte und
es sprach »Ich habe auch ein Mal«
Als Marcus das Zeichen sah welches er selbst auf dem Arm hatte wollte die
weiche Regung seiner Herr werden doch wieder zog sich sein Antlitz zusammen und
er rief seinen Sohn nochmals an »Komm« »Fahrt dahin in Eurem Hochmut« gebot
der Doktor in heiligem Zorn »Seht zu was Euch von dem Sohne bleibt wenn Ihr
seinen getreuen Willen zerbrecht Für diese hier zu leben hat er gelobt was Ihr
aber aus ihm machen wollt ist ein ehrloser eidbrüchiger Mann«
Wie ein Blitzstrahl schlug das strenge Wort in das verdüsterte Gemüt des
Vaters Langsam trat er auf Anna zu fasste die Schaudernde bei der Hand und
führte sie zu Georg »Nehmt ihn von mir junge Frau er war mein einziger Sohn«
Anna sank neben dem Geliebten auf die Knie und Marcus begann mit hartem
Stolze zum Doktor »Ihr ward bereit zu segnen Herr Helft dass er seinen Eid
gegen diese halte der Vater ist nicht dawider«
Da sprach Martinus Luther feierlich den Segen über die knienden Gatten Als
die Vermählten sich erhoben ergriff Marcus den Stab »Lebe wohl mein Sohn«
»Vater« schrie Georg
»Während du im Kerkerturme lagst dem Tode verfallen gelobte ich den
Heiligen damit sie dich bewahrten die Betfahrt nach Kompostella Zwingt dich
dein Eid für deinen Sohn zu leben auch ich halte den Eid den ich für meinen
Sohn getan« Er winkte mit der Hand und wandte sich zur Klostertür
Wie Romulus sah dass der Wallbruder unzufrieden und ohne Gabe entweichen
sollte tat ihm der Alte leid er lief ihm nach und sagte »Da hast du meine
Gerte«
Marcus fuhr zurück wie vor einem unsichtbaren Schrecken und rief »Der
Tote sah den Enkel des Alten und seine letzten Worte haben ihn verkündigt« Und
den Knaben aufhebend trug er ihn zu der Mutter »Nehmt meinen Enkel liebe
Tochter mit meinem Segen« Er rührte ihr mit der Hand das Haupt dann schritt
er aus der Pforte
Georg wollte dem Vater nacheilen der Doktor hielt ihn zurück »Was unsere
Mahnung nicht vermochte hat der Herr durch die Einfalt des Kindes getan
Widersteht ihm nicht wenn er auch im Irrtum dahinwandelt Ich kenne diese
trotzige Art in seiner Seele kämpft ein starker Engel mit dem Teufel Ihr dürft
hoffen dass er Euch wiederkehrt« Er wandte sich zu dem Magister »Ihr habt
einst vor dem Scheiterhaufen der Mönche für den Luther Zeugnis abgelegt heut
dankt er Euch dafür Herr Magister«
»Wieder Fabricius« antwortete unter Freudentränen der Gelehrte
Da trat Wuz herzu entblößte sein Haupt strich das spärliche Kopfhaar mit
der Hand zurecht und sein runzliges Gesicht rötete sich »Dies ist die
Gelegenheit welche wir lange gesucht haben ehrwürdiger Vater denn wir
erkennen dass Ihr als ein Feldhauptmann vor uns steht im Streite gegen den
Teufel«
»Ängstigt Euch der alte Bösewicht« fragte Martinus die narbigen Gesichter
musternd
»Wir Landsknechte haben eine Verheißung wegen der Hölle und wir möchten
wohl wissen ob wir darauf bauen dürfen«
»Nein« versetzte der Doktor
»Derselben Meinung war zu ihrer Zeit die junge Frau Anna« fuhr Wuz unsicher
fort »Auch würde uns das wenig frommen wegen alter Abneigung des heiligen
Petrus Nun ist uns von der erwähnten Fähnrichin verlesen worden und auch
anderweitig zu Ohren gekommen Eure Lehre von den zehn Geboten welche man
gewissermaßen als Christ beachten soll«
»Es sind nicht meine Gebote« unterbrach ihn der Doktor »sondern die Gebote
deines himmlischen Vaters«
Wuz verneigte sich aufs neue demütig »Es wird uns gesagt dass sie notwendig
sind für unserer Seele Seligkeit jedoch meinen wir aus vielen Gründen dass sie
nicht für uns Knechte gegeben sind Denn hochwürdiger Herr sie sind uns bei
weitem zu schwer und ganz unmöglich zu beachten Darum kommen wir um Euch
flehentlich zu bitten ob wir nicht mit einem Teil etwa mit der Hälfte genug
hätten weil wir keine hohe Würde im Himmel begehren nur dass wir dort einen
ehrlichen Ruhesitz finden«
»Hinweg du Narr« versetzte Martinus »meinst du dass der große Gott mit
zweierlei Maß misst Dasselbe Gesetz ist gegeben für den König wie für den
Landsknecht«
Wuz sah sehr bekümmert aus als er erwiderte »Aber lieber Herr Doktor übt
Nachsicht mit uns denn die zehn sind mit dem Amt eines Landsknechts
unverträglich«
»Ich weiß dass ihr Spieler seid Flucher Räuber voll von Unzucht und dass
euch der Teufel beim Kragen hat ohne dass ihr ihn merkt«
Wuz bestätigte durch Kopfnicken jede Eigenschaft die ihm der Doktor
zuteilte »Alles ist wie Ihr sagt jedoch wie sollen wir anders sein denn wir
bestehen ohne Geld nur durch Gewalttat und leben in einem Notstande«
»Wenn eure Herren auch zur Sünde verlocken so werden sie dafür büßen wie
ihr euch aber vermag das nicht zu entschuldigen«
Wuz drehte ängstlich seinen Hut »Nichts für ungut ehrwürdiger Herr wir
möchten aber doch auch selig werden«
Als der Doktor die Angst des Mannes sah trat er ihm näher »Ihr habt
allerlei Zauberei und geschriebenen Segen auf den ihr euch gern verlasst wenn
ihr ins Treffen geht« Das gab der zerknirschte Wuz zu »Wohlan ich will euch
einen besseren Segen lehren der euch vielleicht helfen mag wenn ihr ihn
fleißig gebraucht Kennt ihr das Vaterunser« Das kannte Wuz ganz gut »Aber die
Worte allein tuns nicht« belehrte der Doktor »sie wirken nur dann wenn ihr
sie in der Weise gebraucht welche ich euch jetzt lehren will Bevor ihr sie
sprecht hebt die Augen zum Himmel und denkt daran dass auch euch armen
Schelmen ein Vater im Himmel lebt der euch liebhat und für euch sorgt und der
euch gar zu gern gnädig sein möchte wenn ihr nur nicht so arge Unfläter wäret
Denkt an den Vater mit herzlichem Vertrauen dann faltet die Hände wie ich
jetzt tue und sprecht leise was ich euch vorsage« Er sagte ihnen langsam und
mit heißer Andacht die Bitten vor und die Landsknechte murmelten sie nach
»Diesen Segen« fuhr er fort »gebe ich euch auf den Weg sprecht ihn jeden
Abend und jeden Morgen und wenn ihr sonst einmal mit guten Gedanken allein seid
und ich sage euch er wird euch aus eurem Elend helfen denn es liegt eine
wunderbare Kraft in ihm er weckt das Gewissen und widersteht der Hölle«
Wuz sah fröhlich aus aber noch stand er zögernd griff in seine Tasche zog
die Ohren eines schwarzen Lederbeutels und zählte drei Goldstücke in seine Hand
»Jeder von uns hat eins geopfert für die arme Seele des starken Hans welcher
unser Hauptmann war bis eine Hellebarde seinen Schädel traf Dies möchten wir
gern anwenden um unserem guten Gesellen noch etwas Günstiges zu erweisen für
den Einmarsch bei Sankt Peter und wir flehen ob Ihr uns auch dazu helfen
könnt«
»Hinweg ihr Leute« gebot der Doktor »ihr seid hier nicht im Papsttum
euer Hauptmann hat seinen Richter gefunden Möge der Herr euch allen gnädig
sein« Er grüßte und trat in das Haus zurück
Schluss
Im Jahre 1530 wurde zu Augsburg auf dem Reichstage über die Geltung der neuen
Lehre verhandelt Der gebannte und geächtete Mönch aus Wittenberg war zu einer
Macht geworden mit welcher Kaiser und Reich sich vertragen mussten Er selbst
war südwärts gezogen bis zur letzten Burg seines Kurfürsten Wähend er als
geehrter Gast in der Feste Koburg wohnte ritten seine Boten nach Augsburg und
wieder zurück
Auf dem Vorsprung eines hohen Hügels erhob sich die stolze Burg mit ihren
Türmen durch einen doppelten Mauerring gepanzert am Saum der Höhe breiteten
sich Obstgärten zur Seite lag die alte Stadt Koburg weiter unten das Tal des
Itzbaches in leuchtendem Grün gegenüber ragten schön geschwungene Höhen mit
Laubwald bedeckt und in der Ferne die blauen Hügel des Mains mit alten
Grenzburgen und Klöstern An einem Tor der Feste stand ein Führer der
kurfürstlichen Trabanten breitbeinig hielt er seine Partisane im Arm so dass
man an der Haltung einen früheren Landsknecht erkannte und streckte die beiden
Hände grüßend den Fremden entgegen welche von ihm Einlass begehrten Der eine
war ein hochgewachsener Mann in voller Kraft wie ein ansehnlicher Kaufmann
gekleidet er hatte den Handschuh der Rechten geschlossen und bot dem Trabanten
die Linke Neben ihm stand ein blühendes Weib welches einen achtjährigen Knaben
an der Hand führte auf dem Torsitz aber ruhte mit gekrümmtem Rücken ein Greis
dem ein kleiner Herr als Begleiter und Stütze diente und der Kleine hob dem
Sitzenden den Stock auf welcher diesem entfallen war und klopfte ihm mit
freundlicher Zurede auf die Schulter Der jüngere Fremde bat »Wir sind vom Main
heraufgereist um in schwerer Sache den Herrn Doktor zu sprechen Helft dazu
lieber Wuz dass es uns gelinge«
»Alles soll gelingen was Ihr und die Fähnrichin beginnt« rief Wuz
vergnügt »Ich denke unserem ehrwürdigen Vater wird es recht sein dass ihr
kommt Wisst er hat mich bereits euretwegen angeredet und mir erzählt dass ihr
zu Frankfurt durch Handelschaft fröhlich gedeiht Zu ihm selbst dürfen wir nicht
dringen aber er hat zwei bescheidene Knaben als Begleiter diesen müsst ihr euch
vertrauen Der dort auf dem Söller steht und jetzt die Treppe herabkommt ist
einer von ihnen«
Georg ging dem Jüngling entgegen und nannte Namen und Begehr Zögernd
erwiderte dieser »Der Herr Oheim hat geboten in diesen Tagen Fremde von ihm
abzuhalten weil er mit großer Arbeit allzusehr beschwert ist Doch da ihr aus
der Ferne zugereist seid und seine Hilfe nottut so harret im Hofe Gegenüber
seiner Arbeitsstube ist an der Mauer ein Sitz wenn er aus dem Fenster sieht
wie er oft tut und euch wahrnimmt so beschliesst er vielleicht selbst euch zu
sprechen« Der Jüngling geleitete zur Seite des stattlichen Hofgebäudes dort
führten breite Stufen die Mauer hinauf oben war ein Ausbau mit einer Bank von
der man über die Zinne in den nahen Bergwald und das lachende Tal sah
Georg führte den Alten mit zärtlicher Sorgfalt zu der Bank er und die
übrigen setzten sich auf die Stufen vor seine Füße Um den hohen Schlossturm
lärmten die Dohlen in dem niedrigen Gebüsch welches draußen am Fuße der Mauer
aufgeschossen war zirpten furchtsam die kleinen Vögel Die Fremden saßen in
andächtigem Schweigen nur von der untersten Stufe wo Romulus die Hand des
Magisters hielt vernahm man leise die Lehre »Fringilla im Latein Femininum
obwohl der Fink ein kecker und tapferer Vogel ist«
Da klirrte oben ein Fenster man sah die Gestalt des Doktors und vernahm
feierliche Laute einer Stimme Die Gesellschaft unten senkte andächtig die
Häupter als aber die Stimme verhallte rief der Greis auf der Bank nach der
Höhe »Seid Ihr der Rat und Helfer beschwerter Gewissen so neigt Euch zu mir
und helfet zum Frieden«
Der Doktor trat an das Fenster »Ich komme« rief er herab Georg eilte ihm
entgegen »Euch alle erkenne ich« sprach der Doktor gütig »wer aber ist der
Alte der mich rief«
»Mein Vater ehrwürdiger Herr«
»Ich erinnere mich Welche Hilfe begehrt er von mir«
»Er ist jahrelang als Waller umhergezogen von Kompostella nach Rom dann
kam er zu uns zurück mit gebeugtem Mut seitdem las er in Euren Büchern
ehrwürdiger Herr und niemand kann eifriger sein als er geworden ist Aber er
glaubt sich ausgeschieden von der Christenheit weil er an dem Heiligen
Abendmahle nicht teilnehmen darf«
»Was hindert ihn« fragte der Doktor
»Er will die Bedingung nicht erfüllen welche uns Christen gesetzt und durch
Eure Lehre geschärft ist er kann sich nicht überwinden einem Feinde zu
vergeben Darum hält er sich fern von Kirche und Gemeinde und wir alle leben in
Angst um seiner Seele Seligkeit Er hat mit sich gerungen dass es für den Sohn
jammervoll anzuhören war aber immer wieder brennt ihm der Zorn auf und die
Rachegedanken werden übermächtig so dass er selbst an seinem Heile verzweifelt«
»Ich gehe zu ihm« sagte der Doktor Er trat mit schnellem Schritt unter die
Gesellschaft grüßte durch eine Handbewegung winkte dass sie beiseite trat und
stieg zu dem Alten hinauf »Ihr riefet den Lehrer hier steht er«
Der Alte dessen Kraft durch den Bergweg erschöpft war versuchte sich zu
erheben der Doktor hinderte ihn »Bleibt sitzen Herr durch Euren Sohn habe
ich von Eurer Bedrängnis vernommen Wer ist der Mann den Ihr so hasst dass Ihr
seinetwegen die Versöhnung mit unserm himmlischen Vater nicht findet«
»Albrecht Herzog von Preußen« antwortete heftig der Alte
»Wie« rief der Doktor »er ist unter seinesgleichen der Schlechteste nicht
Hat er Euch an Gut Leib oder Ehre geschädigt«
»Er und ich haben uns zu gemeinsamem Werke verlobt und er hat sein
Gelöbnis nachdem er mich lange getäuscht nicht gehalten«
»Ihr seid Kaufmann ging Euer Bündnis auf Geld und Gut«
»Es ging auf die Befreiung des Preussenlandes von polnischer Herrschaft der
Kaufmann gab sein Geld der Hochmeister setzte die rechte Hand zum Pfande dass
er niemals der Krone Polen huldigen werde Mein Sohn hat in seinem Dienst die
Schwurhand verloren er aber trägt die seine heil am Arm und lebt als Vasall des
polnischen Königs«
»Hat er Euch Euer Geld zurückgezahlt«
»Er hat kaum den Anfang dazu gemacht«
»Das war zu fürchten« sagte der Doktor »Hat er während Eurer
Genossenschaft selbst und allein mit Euch verhandelt«
»Zuerst er allein als ihm der Vertrag lästig wurde durch seinen
Vertrauten«
»Das denke ich mir wohl Die Zwischenträger verderben einen üblen Handel
vollends Und was trieb Euch den Bürger von Torn zu solch hohem Vertrage«
»Meine Ahnen waren unter den ersten welche das Kreuz in das preußische
Heidenland trugen und das Haupt meines Vaters fiel auf dem Blutgerüst weil er
gegen die Polen treu zum Orden hielt«
»So werden die Taten der Väter das Unglück der Söhne« seufzte der Doktor
»Wenn der Herzog Euch gelobt hat etwas zu tun was er nach dem Willen Gottes
nicht durchsetzen konnte so war das Gelübde ein Unrecht nicht die Vereitlung
und der Zorn über den vorschnellen Eid steht dem Herrn zu nicht Euch Mein Amt
ist nicht weltklug zu sein doch muss ich Euch sagen dass gerade Euer heißer
Wunsch für das deutsche Wesen Eurem Hass gegen den Herzog unrecht gibt Ihr
wolltet Eure Heimat unter deutscher Herrschaft sehen und deshalb wolltet Ihr
dass der Herzog lieber untergehen sollte als dem Polen huldigen Wars nicht
so«
»So war es Herr«
»Nun gebt acht Gesetzt der Herzog wäre seinem Versprechen das er Euch
töricht gegeben so treu nachgekommen wie Ihr fordert was hätten wir erlebt
Wäre er Hochmeister und Knecht des Papstes geblieben so hätten ihn seine
eigenen Untertanen verachtet und ausgestoßen denn wir wissen wohl dass der
ganze Orden zerfiel wie morsches Gestein Und hätte er bis zum Tode widerstehen
wollen so wäre ihm nichts übriggeblieben als sich auf der Heide von polnischen
Säbeln niederhauen zu lassen Dann war er tot und seines Gelübdes quitt Doch
was wurde aus dem Ordensland wenn der letzte Herr wie ein Katzbalger erschlagen
war Es wäre den Polen gänzlich anheimgefallen kein Hahn hätte darum gekräht
und was Ihr hartnäckig begehret das wurde nach menschlichem Erkennen für alle
Zeit vereitelt Aber gerade weil der Herzog erkannte dass sein Versprechen
gegen Euch eine sündige Vermessenheit war und weil er sich beim Leben und bei
der Regierung erhielt bewahrte er seinem Lande ein deutsches Regiment Und dass
er den geistlichen Stand aufgab und ein weltlicher Herr wurde verschafte dem
Lande die Hoffnung auf fürstliche Nachkommenschaft und auf ein Herrengeschlecht
welches sich dort behaupten und Euer deutsches Wesen wie Ihr wollt für
künftige Zeiten bewahren kann Ihr seht also das Versprechen welches Ihr von
ihm erhieltet war nicht nur ein Unrecht vor dem Herrn die Erfüllung wäre auch
nachteilig für das was Ihr selbst begehrt«
»Meine Vaterstadt aber und das Weichselland überließ er dem Verderben«
antwortete Marcus finster »Ihr sprecht als Anwalt eines Unbeständigen und Ihr
selbst hochwürdiger Herr habt die Deutschen gelehrt dass ein Mann der in
guter Sache fest auf seinem Worte steht über Tod und Teufel triumphiert und ein
ganzes Volk zwingt nach seinem Willen zu tun Gerade damals wie ich mit dem
Herzog handelte und Euch als einem Ketzer abgeneigt war habe ich an Eurer
Tapferkeit gelernt was ein Starker auf dieser Erde in dem Gemüt der Menschen zu
ändern vermag«
»Ich bin ein Diener des Herrn in geistlichen Dingen und wer mit seinem Gott
in Frieden lebt kann die ganze Welt verachten und darf frohlocken wenn die
Feinde seinen Leib töten damit er aus dieser sündigen Welt zu seinem lieben
Vater gehe Weit anders steht es in weltlichen Händeln wo Tausende in Eigennutz
und Herrschsucht gegeneinander streiten Wer sich hier behaupten will der muss
auch seinen Gegnern etwas nachgeben Und merket wohl in weltlichen Dingen ist
der Klügste vor unserm Herrgott ein armer Tropf Seid Ihr ein Landwirt gewesen«
»Auf dem Landgut das ich besaß stand die Eiche um welche die Deutschen an
der Weichsel ihre erste Burg schlugen die Eiche fiel zu Boden als der
Hochmeister mir die Treue brach«
»Wohl mein guter Freund die Eiche ist gestürzt und Gottes Sonne scheint
noch heut wie damals über die Flur Wir nennen die Eiche einen dauerhaften Baum
der viele hundert Jahre auf Erden steht aber viele hundert Jahre sind vor dem
Herrn wie ein Tag die Geschlechter der Menschen welche aufeinanderfolgen sind
vor ihm wie Halme eines Sommers und die Erde gleich einem Landgut und wie ein
Wirt Weizen und Hafer so säet er Deutsche und Polen nacheinander auf denselben
Grund gerade die Frucht welche er für die himmlische Wirtschaft bedarf Was
wollt Ihr der Ihr nur ein Halm der Erde seid im voraus bestimmen welche
Frucht der Herr jetzt und künftig an der Weichsel säen soll«
»Kein ehrlicher Mann vermag in den Tag hineinzuleben ohne gute Vertröstung
auch für seine irdische Zukunft« antwortete der Alte »und jeder Deutsche muss
Angst um seine Angehörigen fühlen wenn er zusieht wie die Feinde seines
Geschlechtes und seines Volkes die Herrschaft gewinnen Könnt Ihr einem Manne
raten ehrwürdiger Herr dass er ohne Widerstand gegen Feinde das Gericht Gottes
und den Jüngsten Tag erwarten soll«
»Er soll bescheiden seinem Gott vertrauen« antwortete der Doktor »Ich bin
ein deutscher Mann wie Ihr und Gott weiß dass ich meinem Volk das Beste gönne
aber ich sage Euch vor dem allmächtigen Gott steht die Frage nicht so wie Ihr
sie gestellt habt ob Deutscher oder Pole sondern sie steht so ob echter
Glaube oder teuflische Verblendung Wenn die Polen Gottes Wort annehmen und treu
bewahren wie sie ja auch guten Willen haben so werden sie und ihre Herrschaft
fröhlich gedeihen und Euren Landsleuten wird es frommen in Eintracht mit ihnen
zu leben Wenn sie aber beharren in ihrem alten Wust und Unrat so werden sie
darin umkommen und hier und dort ihren Lohn erhalten Sind die Deutschen besser
in Glauben und Gewissen so mögt Ihr vertrauen dass sie auch tüchtiger auf der
Erde sein werden und dem Herrn liebere Kinder Evä als die Polacken wenn diese
ungewaschen und strotzig bleiben«
»Ich höre die Verkündigung ehrwürdiger Vater aber sie tröstet mich nicht
Dem Hochmeister gab der Herr des Himmels den Beruf im Preussenlande unsere
Herrschaft wiederherzustellen und seine Treulosigkeit ist schuld wenn meine
Landsleute durch Schmeichelei List und Gewalt der Fremden umgarnt werden Um
eitler Ehre willen hat er mein Vertrauen getäuscht und mich verraten und darum
vermag ich dem Grimm und der Rachsucht nicht zu widerstehen Jeden Tag steigen
die bösen Geister in mir auf und wie ich auch im Gebet gegen sie ringe sie
bleiben übermächtig«
»Herr mein Gott« rief der Doktor »hier ist ein Greis der wenig mehr auf
Erden hat was ihn von dem Gedanken an dich abziehen kann und doch hält er fest
an seiner Rache Erbarme dich seines Gemütes und senke in die Bitterkeit seines
Herzens einen Tropfen deiner himmlischen Gnade Ich denke« fuhr er fort »Euch
dem bösen Feind nicht zu überlassen der jetzt die Krallen nach Eurer Seele
ausstreckt manches Mal habe ich mit dem Grobian gerungen und bin sein Meister
geblieben Auch Euch will ich stärker bedräuen damit Ihr auf mich achtet Ihr
wollt einem nicht vergeben den Ihr Euch selbst in gehässigen Gedanken zu Eurem
Feinde gemacht habt und Ihr vermögt von dem Recht nicht zu lassen das Ihr wie
Ihr meint an seiner Seele erworben habt Wohl tragt seinen Schuldschein vor
Gottes Thron und beschuldigt ihn des Treuebruchs gegen Euch Seht zu ob der
Richter Euch nicht antworten wird Bevor ich deinen Zorn entschuldige will ich
prüfen ob du selbst niemals der Verzeihung anderer bedurft hast Bist du immer
treu gewesen gegen deine Mitbürger und deine Stadt der du verpflichtet warst«
»Nein« rief Marcus mit starker Stimme »Untreu war ich gegen die Obrigkeit
meiner Stadt aber die Sünde nahm ich auf mich um seinetwillen Gerade darum
hasse ich ihn«
»Und der Richter wird weiter fragen du bist niemals ungerecht und untreu
gewesen gegen dein eigenes Geschlecht welches du in deinem Ehrgeiz durch den
Hochmeister erhöhen wolltest«
»Ja« rief Marcus wieder »hart und ungerecht war ich gegen meinen lieben
Sohn meine Pflicht als Vater habe ich gering geachtet um den Eid zu halten
den ich dem andern geleistet Gerade darum fühle ich den Grimm dass er mich
getäuscht wie ein Werkzeug benutzt und preisgegeben hat«
»Und zum dritten wird der Richter fragen Hast du selbst niemals einen
anderen getäuscht und zur Täuschung verlockt zu deinem Vorteil benützt und
preisgegeben«
Marcus zuckte empor und starrte mit verglasten Augen vor sich in die Luft
»Dort ward er gerichtet es war mein vertrauter Knecht«
Da winkte der Doktor die Angehörigen herzu und wies mit der Rechten nach der
Höhe »Darum spricht dein Richter in deiner letzten Stunde Vergib damit dir
vergeben werde Er stand gebietend vor dem Alten Vergib Dein Richter ladet
dich vor seinen Thron«
Die Augen des Scheidenden fuhren unsicher über den Sohn und über die
Tochter welche vor ihm knieten und sie hafteten zuletzt auf dem Kinde welches
Georg mit tränenden Augen vor ihm festhielt Plötzlich erhob er sich griff mit
beiden Händen nach dem Arm des Doktors und seufzte zurücksinkend »Nehmt die
Hand zur Versöhnung«
Um den Toten glänzten Himmel und Erde in goldenem Abendlichte Er hatte
zornig die Heimat an der Weichsel verlassen um in der Fremde zu sterben und er
schloss die Augen auf der alten Heimatstätte seines eigenen Geschlechtes Aber
nicht er und keiner seines Stammes kannte die Heimat
Die Krähen und Dohlen flogen schreiend um die Türme der Burg und im Gebüsch
an der Mauer sangen furchtsam die kleinen Vögel Da klang über den Lauten der
Natur die feierliche Stimme des Mannes in welchem sich die Kraft die Größe und
die Einfalt des deutschen Wesens vereinten wie nie vorher in einem einzelnen
Menschen Auch an dem Geschlecht des Toten übte er sein hohes Amt indem er die
Trauernden ermahnte jeden Tag und jede Stunde mit ihrem Gott zu leben den er
nach alter Überlieferung als gebietenden Herrn und liebenden Vater verstand
Spätere Enkel desselben Geschlechtes deuteten das Unermessliche nach dem Maß
ihres Erkennens und nach dem Bedürfnis ihres Herzens zugleich freier und
bescheidener aber alle späteren wohin sie auch der himmlische Landwirt nach
dem Bedarf seiner Wirtschaft säte wurden Dank schuldig für ihre Freiheit und
für ihre Frömmigkeit dem Doktor Martinus Luther
Die Geschwister
Der Rittmeister von AltRosen
Im Jahre 1647
Nahe der Heerstraße welche von der Tauber zum Main führt rastete an einem
Nachmittage des Frühsommers eine Anzahl Bewaffneter auf niedrigem Hügel Eine
alte Linde gab den sonnengebräunten Männern dürftigen Schatten die Hälfte des
Baumes war durch Feuer zerstört und nackte Äste starrten zwischen dem Laube in
die Luft dennoch blühte der Baum und würziger Duft mischte sich mit dem
Brandgeruch welcher aus der Niederung heraufzog
Rings um den Hügel lagerte Kriegsvolk und man übersah von der Höhe die
Reihen der angepflöckten Pferde kleine Laubschirme aus schnell
zusammengetragenen Baumästen dazwischen wenige Zelte und die Feuer um welche
sich Männer und Reiterbuben bewegten Dick und wetterschwül war die Luft sie
drückte den Dampf der Feuer an der Erde dahin und wenn zuweilen ein kurzer
Windstoß den Rauch in Wolken emportrieb dann verhüllte er die Reiterstandarten
welche im Boden steckten und die Reihen der Pferde dann ragten die Gestalten
der berittenen Wachen welche die Außenseite des Lagers umgaben undeutlich aus
der missfarbigen Wolke und man vernahm auf dem Hügel aus dem Dunst der Tiefe nur
Geschrei der Buben Wiehern der Rosse und gebietende Rufe
Wer die Standarten musterte sah dass sie mehreren Reiterregimentern
zugehörten nur eine Kompanie Fußvolk lag dazwischen und ihr großes gelbes
Fahnentuch gebleicht durch Sonne und Regen manches Feldzugs hing in den
Knoten geschlagen um die Stange Dem Reiterhaufen fehlten die Karren und das
Gesinde seines Trosses Im Rücken des Haufens zogen sich dichtbelaubte Höhen auf
beiden Seiten des Weges nordwärts und die rastende Schar war nur eine Nachhut
welche anderen Teilen des Heeres ihren Marsch durch den langen Engpass gegen
einen Feind decken sollte der südwärts von der Tauber her erwartet wurde
Anderes freilich musste einen Kriegsmann befremden Es waren ausgewetterte
Soldaten welche um den Hügel lagerten narbige gefurchte Gesichter mit
trotzigen Augen viele mit grauem Haar in ihren Bewegungen sicher und
bedächtig untereinander schweigsam und von stolzer Haltung Leute die auch
ohne Befehl zu tun wussten was die Stunde verlangt aber nur spärlich waren
neben den zahlreichen Kornetten die Trompeter zu sehen welche doch sonst in
jeder Kompanie als vertraute Boten der Offiziere bei den Feldzeichen lagen In
den Reihen der Rosse und Feuerstellen vernahm man nicht die kräftigen Worte der
Unteroffiziere welche anderswo überall die Ordnung des Lagers mit vielem
Fluchen und Sausen ihrer Stöcke aufrechterhalten mussten Auch der Hügel in der
Mitte der das Hauptquartier vorstellte war nicht durch Wachen von dem Volke
geschieden wie Lagerbrauch war zwanglos und ohne Scheu verkehrten die gemeinen
Reiter mit den Herren auf der Höhe sie riefen im Vorbeigehen hinauf und lachten
über einen launigen Zuruf der ihnen von oben gegönnt wurde Und die
Befehlshaber selbst glichen nicht in allem den Offizieren wie sich diese in
anderen Heerhaufen darstellten Bei den meisten erwies nur die große Feldbinde
dass sie Rang und Amt hatten aber Samt und Seide goldene Tressen und wallende
Federn auf den Hüten waren selten zu erblicken die Männer lagen im Grase
rauchten aus kurzen Tonpfeifen spielten mit Würfeln und einer besserte gar
eigenhändig am schadhaften Wams das er sich ausgezogen hatte Die Mehrzahl
schien von demselben Schlage wie die Soldaten ein Geschlecht alter harter
Kriegsgurgeln dem der Dienst vieler Jahre anzusehen war Nur ein jüngerer Mann
befand sich unter ihnen mit neuer seidener Feldbinde und silbernem Ringkragen
Dieser ein stämmiger Herr saß auf einem Stein in der Mitte er hatte ein
breites Angesicht und große gescheite Augen welche in unablässiger Bewegung
über die Begleiter das Lager und die Landschaft flogen Die weißen
Straussenfedern auf seinem Hut kündigten den obersten Befehlshaber an
Ein kleiner Trupp kam in scharfem Trabe auf der Landstraße heran und hielt
außerhalb des Lagers ein einzelner Reiter sprengte durch die Lagergasse dem
Hügel zu
Der Feldoberst trat dem Ankommenden entgegen und rief mit guter Laune
»Maecenas atavis edite regibus
O Bernhard aus der König altem Haus
Entsprossen du mein Schutz und Augenschmaus
was bringst du Neues«
Der Angeredete sprang vom Pferde eine schlanke Kriegergestalt mit scharfen
blauen Augen gebräunten Wangen und schwedischem Knebelbart dem die braunen
Locken bis auf den Halskragen herabhingen »Marschall Turenne hat einen Offizier
mit Trompeter gesandt welcher an den Kriegsrat dieses Schreiben überbringt«
Die Miene des Befehlshabers wurde finster »Hofft der Franzose immer noch
durch Briefe und Boten die weimarischen Regimenter in seinen Dienst
zurückzuzwingen« rief er laut Unter den Offizieren auf der Höhe entstand eine
Bewegung sie sprangen empor und umringten den Anführer welcher das Schreiben
öffnete »Marschall Turenne verheisst zum drittenmal Verzeihung und Amnestie
wenn wir reuig zurückkehren und uns aufs neue dem König von Frankreich
zuschwören« Er hob den Brief in die Höhe »Es steht kein Wort darin dass er
unser verbrieftes Recht anerkennen will uns nur in deutschen Landen zu
gebrauchen und nur für die Sache des Evangeliums«
»Ich warne euch ihr Herren« rief ein alter Offizier aus dem Gefolge »dass
ihr der Redlichkeit des Franzosen jetzt weniger traut als zuvor der Wolf wird
um so bissiger je mehr ihn hungert Schon einmal als er Amnestie verhieß hat
er gleich darauf Reiter von uns die in seine Gewalt fielen auf die Folter
gespannt damit sie gegen uns aussagten Dieselbe schwarze Treulosigkeit wird er
auch jetzt gegen unsere Völker beweisen und vor allem gegen die Befehlshaber«
»Wer ist sein Bote Rittmeister König« fragte der Feldoberst
»Der Junker Reinbold welcher unter dem Marschall meine Kompanie führte«
meldete der Befragte »es war ein seltsames Wiedersehen«
»Wir zerreißen den Brief« rief ein anderer »und dem schurkischen Boten
der seine Kompanie um des Franzosen willen verlassen hat zerbrechen wir den
Degen und jagen ihn mit blutigem Rücken von dannen« Der General vernahm
beifällig den Ausbruch des Zornes »Dennoch rate ich« entschied er »dass wir
dem Marschall nach Kriegsbrauch antworten und seinen Boten ehrlicher behandeln
als er verdient Dem Rittmeister vom Regiment AltRosen befehle ich die
Aufsicht Geleitet den Abgesandten herein« Und näher zu dem Angeredeten
tretend setzte er hinzu »Hindere ihn mit den Gemeinen zu schwatzen Wie
gebärdet er sich«
»Er faucht wie ein Marder und es wird ihm schwer die Höflichkeit zu
bewahren«
Der Rittmeister sprengte zurück zur Lagerwache während der General den
sich die empörten Regimenter aus ihren Reihen selbstwillig erwählt hatten mit
den Offizieren beriet Kurz darauf ritt der Bote des Marschalls mit seinem
Begleiter durch die Lagergasse Er war ein junger Edelmann von entschlossenem
Wesen und sein Gesicht wäre hübsch gewesen bis auf den unsteten wilden Blick
der Augen hätte nicht das wüste Lagerleben ihm vor der Zeit Furchen
eingegraben Er sah hochmütig über die düstern und feindseligen Mienen der
Reiter welche herandrängten um den wohlbekannten Mann zu betrachten Als er am
Fuß des Hügels abgestiegen war verbeugte er sich mit höhnender Artigkeit gegen
den Feldobersten dieser aber schnitt ihm die Anrede ab indem er an seinen Hut
rührend im Tone ruhigen Befehls sagte »Das Schreiben des Marschalls Turenne
ist mir übergeben Ihr werdet hier die Antwort des Kriegsrats erwarten« dabei
wandte er dem Boten den Rücken und schritt mit seinem Gefolge dem Zelte zu
welches in einiger Entfernung eilig aufgeschlagen wurde
»Alle Teufel« rief Reinbold spöttisch »Wilhelm Hempel aus Weimar trägt
seine Plumage so stolz wie vorzeiten Saul der vom Eseltreiber zum König
avancierte Ich bin ihm dankbar dass er geruht hat gerade Euch zu meinem Hüter
zu bestellen Monsieur König der Ihr mein Fähnrich wart«
Bernhard antwortete ernst »Zwingt mich nicht Euch zu zeigen dass Ihr jetzt
mir zu gehorchen habt«
»Verzeiht« versetzte der andere »Eure junge Würde als Rittmeister in
Ehren ich bin die verkehrte Welt nicht gewöhnt wie Ihr Bah Was weiter Ihr
seid auf Fortunas Rade in die Höhe gestiegen und ich bin herabgeschwenkt Das
ist der Welt Lauf« Er rief einen Vorübergehenden an »Gottlieb Stange du hast
ein Pferd und Beutegeld bei uns zurückgelassen wir hebens dir auf bis du
wiederkommst«
Bernhard griff an den Degen »Ich warne Euch dass Ihr zu niemandem aus dem
Volke redet sonst wird Euch Eure Ambassade nicht vor einem Stich in die Kehle
schützen«
Der Angerufene war stehengeblieben ein alter Kriegsmann mit großem
Schnauzbart grauen scharfen Augen und hagerem Angesicht der schon unter
Gustav Adolf als Kanonier gedient hatte und jetzt die Stelle eines Leutnants
versah er war ein Liebling des Heeres wegen harter Tapferkeit und weil er
über viele Dinge seine eigenen Gedanken hatte
»Ob ich Gott lieb bin werdet Ihr am wenigsten wissen Junker von Reinbold«
antwortete er »denn Eure Bekanntschaften im Himmel sind mir sehr zweifelhaft
Wenn ich Euch wie einem Gaste Rede stehen soll so verlange ich vor allem als
Leutnant Stange ästimiert zu werden denn ich trage meine Feldbinde mit mehr
Recht als Ihr die Eure Mir traben die Reiter nach wenn ich sie kommandiere
Euch aber nicht«
»Da habt Ihr Euren Bescheid« sagte Bernhard
Reinbold nickte gleichgültig »Ihr haltet Eure Leute in strenger Zucht das
merkten wir auf dem Wege hierher bei jeder Raststelle sahen wir arme Sünder
die Ihr als Eicheln an die Bäume gehängt habt Wollt Ihr alle hängen die Euer
Abzug reuen wird so werdet Ihr zuletzt die Regimenter aus der Luft
zusammenblasen müssen Ist bei euch auch der Trunk verboten Sonst war es
guter Brauch einem alten Kameraden die Kanne nicht zu versagen«
»Wollt Ihr Eure Zunge hüten und Euren Zorn bändigen« antwortete Bernhard
»so soll die Kanne nicht fehlen obwohl unser Wein zur Neige geht« Er winkte
einem Knecht und bot dem Gesandten Sitz und Becher Vor der vollen Kanne fuhr
Reinbold vertraulicher fort »Du tust unrecht Bruder aus dem Weinlande
nordwärts zu reiten für uns Verlassene ist jetzt Wein der einzige Trost in
unserem betrübten Witwerstande«
»Dann wundert mich dass Ihr und Euer Marschall uns nachzieht über den
Rhein den Neckar die Tauber bis zum Main«
»Marschall Turenne sucht und reitet nach seinem verlorenen Glück Der König
von Frankreich hat nirgend Soldaten gleich den acht Regimentern welche Ihr ihm
entführt habt«
»Wir hörten zuweilen den welschen Hahn in unserem Rücken krähen« versetzte
Bernhard »Wie vertragt Ihr Euch mit den Franzosen«
»Wie Hund und Katze um die Wahrheit zu sagen Zuerst hat uns der Franzose
schöne Worte und hohe Versprechungen eingeschenkt solange er euch an unseren
Feldbinden festzuhalten hoffte jetzt macht er uns bereits den Trunk sauer durch
seine Mienen und mit seinen Günstlingen den Laffen aus Paris gibt es täglich
Tänze hinter der Mauer die mit blutigem Hinfallen enden Viele von uns denken
daran die Pferde zu satteln und von den Franzosen abzureiten«
»Kommt zu uns zurück« mahnte Bernhard »noch ist es Zeit«
»Wollt Ihr mir meine Kompanie zurückgeben« fragte der Abgesandte schnell
»und wollt Ihr wieder Fähnrich unter mir werden«
»Ich bins zufrieden« entgegnete der Befragte »wenn Ihr Euch durch
denselben Eid bindet den wir untereinander geschworen haben und wenn die
Kompanie welche Ihr den Fremden zu verkaufen dachtet Euch zurücknimmt«
»Also wenn Wasser den Berg hinauffliesst« lachte der Gesandte »seid
bedankt für die gute Meinung Doch sage Bruder wohin will dein Kriegsfürst
Hempel die Völker führen«
»Das fragt ihn selbst«
»Ich denke doch Bernhard du bist sein Vertrauter« forschte der andere mit
treuherziger Miene
»Wäre ichs so dürftet Ihr von mir zuletzt Bescheid erwarten« Reinbold
aber fuhr fort »In Hessen und in Westfalen findet ihr die Betten belegt Da ihr
von den Kaiserlichen ab nordwärts reitet so denke ich es zieht Euch zu dem
Schweden und zu den türingischen Klössen«
»Ihr selbst seid ein Thüringer« fragte Bernhard ablenkend
»Vom Rande des Waldes Geratet Ihr dorthin so gebe ich Euch Grüße mit an
einen alten Schatz«
»Erst muss ich wissen ob ich auch guten Willkommen finde wenn ich Eure
Grüße ausrichte« antwortete Bernhard
Der Fremde verzog den Mund »Vielleicht wird sie Euch freundlicher ansehen
wenn Ihr erzählt dass Ihr mich zum Rittmeister ohne Kompanie und zum Junker
Habenichts gemacht habt« Er trank hastig aus »Doch sage ich dir Bruder
manches Weib hat seitdem an meinem Halse gelegen aber die Dirne vom Walde kann
ich nicht vergessen Wachend und im Traume sehe ich sie vor mir zuweilen mit
geballter Faust zuweilen mit lachendem Munde mir sträubt sich das Haar und
mich packt die Begierde ihrer Herr zu werden oder sie zu erstechen Hoscha
Still Trinken wir eins auf Euer Wohl bis dahin wo mir Euer Wehe nötig wird zum
eignen Glück«
Bernhard stieß das Glas weg »Trinkt allein zu so widerwärtigem Wunsch«
»Noch sind wir ja gute Freunde« versicherte der Fremde »Und wenn ich so
neben dir sitze fällt mir aufs Gewissen dass du zu deiner Zeit ein ehrlicher
Kamerad gewesen bist vor allem damals als du mich aus Lamboys Dragonern
heraushiebst Trink Bruder scheiden wir voneinander mit heilen Gliedern dann
setze ich mich auf einen Stein und blase drei Federn in die Luft eine für die
Landgräfin von Hessen die andere für den Schweden die dritte für den Kaiser
und die am höchsten fliegt der reite ich nach Es kann wohl sein dass mir eine
Feder die ich in der Luft vor mir sehe zum Kaiser nach Böhmen winkt« Er
schwieg eine Weile hob drohend die Faust und fuhr leise fort »Kommt eine
dorthin die ich kenne so biete ich ihr den Willkommen« Er lachte wieder
»Lass mein Glas nicht leer stehen meine Pflicht ist euch zu schädigen wo ich
kann darum will ich vor allem euren Wein austrinken«
»Holla Pyritzer« unterbrach Bernhard einen Offizier anrufend »Was hat
Euch mein Bube getan dass Ihr ihn gefesselt heranführt«
Der Angerufene ritt näher neben dem Pferde lief ein Knabe mit geschnürten
Händen durch einen Riemen am Sattel festgebunden Es war ein Reiterbube von
etwa zwölf Jahren doch ungewöhnlich klein für sein Alter als Junge eines
angesehenen Offiziers trug er gute Kleider aber sein Wämschen war beschmutzt
und zerrissen es war auch kein schönes Kind das bleiche Gesicht mit
Sommersprossen bedeckt das rötliche Haar kurzgeschoren große Nase großer Mund
und ein Zug von Verschlagenheit in dem jungen Gesicht der verriet dass der
Kleine über seine Jahre gewitzigt war
»Ich wollte die Range dem Rumormeister übergeben sie hat sich in mein Zelt
geschlichen und ich traf sie über meiner Feldflasche Der Teufel muss ihr
geholfen haben einzudringen denn unsere Knechte und Buben lagen rings um das
Zelt«
»Wie Pieps du machst deinem Herrn die Schande im Lager zu mausen« rief
Bernhard zornig
»Es geschah nicht wegen des Branntweins« entschuldigte sich Pieps »nur
wegen der Ehre Die Reiterbuben von Taupadel verhöhnen mich weil ich auf die
Bank steige wenn ich das Pferd striegle Da kroch ich zwischen ihnen durch um
zu zeigen dass AltRosen mehr versteht als sie«
»Überlasst mir den Buben zur Bestrafung« ersuchte Bernhard »und wenn Ihr
mir Eure freundliche Gewogenheit erweisen wollt so gestattet dass ich Euch als
Ersatz für den verdorbenen Trank die letzten Flaschen von diesem hier in das
Zelt sende« Er bot ihm den Becher
»Ich fürchte Herr« sagte der Offizier den Knaben losbindend »der Junge
wird der ärgste Taugenichts im Tross Er ist im ganzen Lager beleumdet«
»Ich wundere mich Bruder« warf Reinbold dazwischen »dass du das garstige
Krötlein als deinen Läufer unterhältst mache es zum gemeinen Buben«
»Ich fand ihn in der ersten Woche als ich zum Heere kam neben seiner
Mutter an der Landstraße liegen Die Mutter war tot das Kind kam zum Leben und
wuchs bei den Pferden auf soweit es vermochte«
Der Pyritzer ein bedächtiger Pommer gab den Becher dankend zurück hielt
im Abreiten noch einmal an und begann vertraulich »Ihr seid von den Gelehrten
Herr Kamerad wisst Ihr mir den Traum zu deuten den ich heute nacht hatte Ich
saß als Schultheiß auf dem Hofe meines Vaters und hinter mir blökte die Herde
Im Traumbuch finde ich nichts darüber Das Schaf ist ein seltsames Vieh geworden
zwischen Rheinstrom und Oder wer jetzt Herden scheren will der muss die Wolle
von den Wölfen schneiden Darum möchte ich wissen hat dieser Traum eine
Bedeutung und welche Bedeutung hat er«
»Vielleicht wird er einst zur Wahrheit Ihr erlebt den Frieden und die
Herde«
Der Pyritzer schüttelte zweifelnd den Kopf »Der Schulzenhof ist abgebrannt
und die Hammel sind aufgegessen Meint Ihr dass mir bestimmt ist den Hof wieder
aufzubauen«
»Wenn Friede wird will ich Euch darauf Antwort geben« antwortete Bernhard
lachend
»Mir für mein Teil liegt wenig am Frieden« sagte Reinbold »mir hat eine
Zigeunerin prophezeit dass ich um keine Kugel zu sorgen habe bevor die
Kirchenglocken den Frieden einläuten«
»Setze dich unter das Pferd« gebot Bernhard dem Knaben »bis ich dich
stripsen lasse« Pieps tauchte ergeben in die unrühmliche Sperre zwischen den
Pferdebeinen das Pferd an diese Mitwirkung zur Disziplin gewöhnt neigte den
Kopf zu dem Übeltäter herab und Pieps streichelte den Pferdehals aus der Tiefe
worauf er sofort einigen Trossjungen welche lachend auf ihn wiesen durch
wortlosen Gebrauch seiner Zunge Missachtung ausdrückte und dieselbe Gebärde dem
Abgesandten zuwendete als dieser ihm den Rücken kehrte
Der General kam mit seinem Gefolge aus dem Zelte heran »Empfangt hier die
Antwort gegen das Schreiben Eures Marschalls Der Rat hat abgelehnt auf das
Angebot einzugehen Euch aber mahnen wir daran dass Ihr als deutscher Offizier
zu Euren Fahnen gehört«
»Umgekehrt hochmächtiger Herr Kriegsoberst« antwortete Reinbold sich
verneigend »Wir in unserem Quartier sind des Glaubens dass die Reiter zu ihren
Offizieren gehören und ich hoffe mancher von denen die hier im Kreise
drängen wird sich noch daran erinnern«
»Darüber sollt Ihr sogleich Sicherheit erhalten« antwortete der General und
rief mit heller Stimme in den Haufen welcher den Fremden umstand »Der
Marschall Turenne bietet euch Pardon und zwei Monate Sold wenn ihr zur Stelle
zurückkehrt und euch dem Könige von Frankreich aufs neue verpflichtet
Antwortet deutsche Soldaten wollt ihr das oder nicht«
Es wogte und murmelte in dem Haufen dann erhob sich ein lautes Geschrei
»Wir wollen nicht« Wilde Stimmen riefen »Eher reißen wir das Fahnentuch von
den Stangen und laufen nach allen Winden« Und ein alter Reiter trat vor den
Abgesandten und rief »Sagt Eurem Marschall auf seinen Gruß die letzte Antwort
Wenn einer unter uns auch nur ein französisches Haar auf dem Kopfe trüge wir
würden es ihm ausreißen«
»Wahre du selbst deinen Schopf« rief der Abgesandte dagegen »dass deine
Haare nicht am dürren Baume hängenbleiben wenn wir dich behandeln wie einem
Verräter gebührt« Im Haufen erhob sich Tumult die Waffen blitzten und viele
Rufe erschollen »Nieder mit ihm«
Der General trat rasch vor den Gefährdeten und gebot »Hinweg Führt ihn mit
sicherer Bedeckung bis zum nächsten Kreuzweg«
»Ich danke dem Herrn Kriegsobersten für die gnädige Entlassung« entgegnete
der Gesandte zornig »und bitte zum Abschiede nur noch um die Erlaubnis meiner
eigenen Kompanie einen Gruß zu bestellen« Er warf seinen Handschuh vor
Bernhards Füße »Ihr Fähnrich König reitet in meinen Stiefeln die Ihr mir
gestohlen Von zwei Rittmeistern bei demselben Kornett ist einer zu viel Lasst
uns zur Stelle entscheiden wem das Fähnlein gehören soll«
Bernhard hob den Handschuh auf
»Ich verbiete den Kampf« befahl der General »der Franzose soll nicht
sagen dass wir seinen Gesandten auf die Erde gelegt haben bevor er unsere
Antwort zurücktrug«
»Ich preise die Vorsicht des Herrn« antwortete der Gesandte
»Geduldet Euch Herr« sagte Bernhard »treffen wir uns wieder so will ich
Euch Eures Ranges entledigen Aufgesessen und fort«
Die Reiter warfen sich auf die Pferde den Gesandten umschloss die Zeltwache
so stoben sie ins Freie die beiden welche Todfeinde geworden waren schweigend
nebeneinander Am Kreuzwege hielt der Trupp die Gegner wechselten höflichen
Gruß und rührten an ihre Degen der Fremde trabte von dannen
Als Bernhard zu seinem Befehlshaber zurückkehrte und die Meldung machte
setzte er hinzu »Er wird nicht weit reiten bis er Genossen findet denn
während er hier seinen Groll verbiss flogen ihm die Augen lauernd über den Weg
zumal nach jenem Hügel als ob er dort etwas erwarte Auch verriet er sich dass
Turenne bis über die Tauber unseren Völkern nachgegangen sei Ich denke der
Marschall selbst ist in der Nähe«
Aus der Ferne jagten die Feldwachen heran
»Dort kommt Botschaft« rief der Befehlshaber auf die Flüchtigen weisend
»blase Trompeter Zu Pferde ihr Herren«
Von einer Anhöhe zur rechten Seite dröhnte ein Schuss Eine Stückkugel schlug
gegen den Stein auf welchem kurz vorher der General gesessen ein zweiter ein
dritter Schuss krachte die Rosse bäumten die Männer rannten zu ihren
Standarten
»Marschall Turenne spricht« rief der Feldoberst »er gedachte uns durch den
Gesandten sicher zu machen und ließ unterdes seine Stücke hinaufzerren« Die
Ordres flogen zu den Regimentern »Die gelben Musketiere und RosenDragoner
gegen die Geschütze AltRosen dahinter als Sukkurs Rittmeister König hat den
Befehl des rechten Flügels Regiment Taupadel gedeckt in Reserve Unser
Feldgeschrei soll sein Hie Deutschland« Das Geschrei summte von Beritt zu
Beritt Noch einen langen Blick warf Bernhard auf die geschwungenen Linien der
Hügellandschaft dann grüßte er den Freund der die Hand nach ihm ausstreckte
und trabte an der Spitze seiner Schar vom Wege ab
Den Musketieren und abgesessenen Dragonern gelang es sich gedeckt den
Geschützen zu nähern und diese zur Abfahrt zu zwingen doch als sie aus der
Deckung welche ihnen das Buschholz gab heraustraten ritten die französischen
Kompanien gegen sie
Sie aber ballten sich zu einem Igel aus den heiseren Kehlen drang der
Schlachtruf der bis dahin nur selten gehört war und aus den Rohren fuhren
feurige Strahlen gegen die Feinde Im nächsten Augenblick waren die
französischen Reiter über ihnen und der wütende Kampf Mann gegen Mann begann
Da flogen die Kompanien von AltRosen zur Hilfe allen voran Schwert und
Pistole in den beiden Fäusten der junge Rittmeister und in dem Gedränge der
Pferde taten Pistolen und Schwerter ihr blutiges Werk
»Holt Euch die Kompanie Reinbold« schrie Bernhard auf seinen Feind
einstürmend und schlug mit ihm zusammen
Hinter den französischen Regimentern hielt Vicomte Turenne selbst noch
zweimal sandte er neue Haufen in den Kampf die gefährdeten Geschütze zu retten
auch der Rückhalt der Deutschen warf sich in das Getümmel Doch die gehoffte
Überraschung war den Franzosen misslungen kämpften die Haufen auch fast in
gleicher Stärke die Wucht der deutschen Veteranen erwies sich als mächtiger
Langsam wichen die Angreifer gedeckt durch gut postiertes Fußvolk
Als die Trompete den Deutschen das Sammeln gebot und der General die Reihen
entlang ritt da riefen ihm die alten Reiter zu »Hätten wir die anderen
Regimenter zur Stelle gehabt es wäre uns keiner entronnen auch nicht der
Marschall«
Die Sonne sank abwärts Die Reiter trieben ihre Gefangenen zusammen
durchsuchten die Taschen und verhandelten kameradschaftlich mit ihnen wegen der
Lösung wer aber einen Offizier gefangen der freute sich des Gewinnes den er
aus Fortunas Glückstopf gezogen Auf der Stätte des Kampfes wurde es still nur
hier und da ein Schuss aus erbeuteter Pistole Rufe der Führer Hilfeschrei und
Gestöhn der Verwundeten
Unterdes war die Kunde vom Kampfe dahin gedrungen wo die Stärke des Heeres
und der Tross durch den langen Engpass zogen dort erhob sich jetzt wirres
Geschrei die Regimenter an der Spitze hielten an und im Tross begann Getöse und
Gewühl Weiber und Kinder flatterten wie ein Volk Stare welches durch einen
Schuss erschreckt wird wild auseinander Die eine Hälfte drängte nach vorn die
andere strömte zurück um den Regimentern welche im Kampfe gewesen nahe zu
sein Wagen und Karren wurden umgeworfen und stopften die Wege Unter den
Zankenden und Schreienden mühten sich die Rumormeister vergebens mit
geschwungenen Stöcken die Ordnung herzustellen die Rückflut der Waffenlosen zu
hindern Als die Abenddämmerung sich über die Erde legte breitete sich zwischen
den Regimentern der Nachhut die jetzt neugeordnet zum Aufbruch bereit standen
jauchzend brüllend klagend der Haufe ihrer Angehörigen über den Kampfplatz
sie drängten in die Reihen schrien die Namen ihrer Zelterren klammerten sich
an Schweif und Mähne der Pferde schwangen sich in die Steigbügel um ihre
Liebsten zu umarmen und kletterten wohl gar dem Gaul des Vaters oder Gatten auf
den Rücken Scheltend und lachend suchten die Offiziere ihrer Herr zu werden
aber immer wieder mussten die Kompanien ihre Stelle wechseln um die Reihen zu
erhalten
Über die Berge stieg der volle Mond aus der Niederung hob sich der
Nebeldunst er kroch an dem Gelände entlang und verdeckte mit grauem Flor die
Toten und Sterbenden nur hier und da ragte ein blutloses Antlitz hervor oder
der Leib eines getöteten Pferdes Aber in dem Dampf der sich ballte und
zerfloss huschten jetzt gleich Gespenstern die Weiber und Buben des Trosses Sie
suchten nach ihren Herren und Befreundeten um sie auf Karren zu laden oder in
einem Soldatengrabe zu bergen und sie spähten nicht weniger eifrig nach
liegenden Feinden um sie zu berauben Hier in Mondlicht und Nebel lautes
Geschrei und Schluchzen daneben scheues Geflüster und behende Arbeit der
diebischen Finger
Der Kriegsrat
Als die gelichteten Regimenter von der Stätte des Kampfes aufbrachen um sich
zur Nacht mit dem vorausgezogenen Heer zu vereinigen war unter den letzten
welche von der Verfolgung zurückkehrten Bernhard mit seiner Kompanie Er
erkannte die Hutfedern des Feldobersten vor einem Trupp Reiter welcher am Wege
hielt
»Ich melde mich zu Befehl meines Herrn Generals« grüßte Bernhard
»Lass die Höflichkeit« gebot der andere wandte sein Pferd dem Lager zu und
gab dem Gefolge einen Wink außer Gehörweite zu reiten »Ich muss vertraulich mit
dir reden und begehre deinen Rat«
»Den brauchst du nicht Bruder« versetzte der Rittmeister trocken »Du
warst stets neunmal klug und trägst jetzt deine Hutfeder wie einer der
jahrelang den Befehl geführt hat«
»Doch sage ich dir mein Amt muss aufhören je früher um so besser denn es
wird unmöglich unser herrenloses Volk aus dem Stegreif zu führen wie wir tun
müssen Wir reiten durch das Land allen Potentaten unheimlich und nur dass
jeder uns zu gewinnen hofft bewahrt uns auf kurze Zeit vor neuen Stößen«
»Wir fürchten sie nicht Wilhelm Das Wasser muss den anderen bedrohlich an
die Kehle steigen bevor sie ihr zusammengelaufenes Volk gegen uns senden Unter
allen die jetzt im Felde schwärmen haben wir die schärfsten Stacheln und sie
wissen das«
»Noch sind wir vielleicht zu fürchten Doch ohne Quartiere ohne Verpflegung
schwinden wir dahin wie Schnee in der Sonne Muss der Soldat sich täglich rauben
was er braucht so wird er in kurzem zum Räuber und Marodebruder«
»Lass jeden der ein Schelm wird henken wie du seither getan«
»Bis die Unzufriedenen den Profos erschlagen und uns dazu Und ich sage dir
die Ordnung ist nicht aufrechtzuerhalten wenn wir nicht Sold zahlen und Land
belegen wie die anderen«
»Wer nicht Sold zahlt sind die anderen Dränge dich ein zwischen Schweden
und Hessen«
»Wir vermögen uns ohne festen Proviantplatz nicht zu behaupten sobald
Schweden und Hessen sich gegen uns konjungieren Und wir haben kein Geschütz um
eine geschlossene Stadt einzunehmen«
»Was wir nicht haben wollen wir gewinnen vertraue dem Glück und unseren
Fäusten«
»Wer alles auf Fortunas Launen setzt der kann schnell alles verlieren«
»Er kann auch alles gewinnen Wilhelm«
»Und welchen Gewinn hoffst du für dich und mich« fragte der Feldoberst
schnell
»Was du dir ersehnst verbirgst du mir Herr Graf Wilhelm von Weimar«
versetzte Bernhard lachend »Was ich für uns ersehne ist wie du weißt der
Frieden auch für mich selbst und für die Schwester die ich jetzt im wilden
Lager bewahren muss Ich dachte seither der frühere Student Wilhelm Hempel
könnte ein wenig dazu helfen für welche rühmliche Arbeit ich auch seinen
getreuen Kommilito König rekommandiere«
Der Befehlshaber warf einen misstrauischen Blick auf den Freund aber er
sagte lächelnd »Jetzt trabt dein Gaul auf dem rechten Wege du sollst noch heut
für die gemisshandelte Frau Deutschland deine Zunge gebrauchen Ich habe zur
Nacht den Kriegsrat zusammengeladen und will das Eisen schmieden während es vom
Gefecht heiß ist Wisse die Regimenter Russwurm und Schütze werden schwierig
der Schwede Königsmark hat seine Spione unter sie geschickt und den Offizieren
heimliche Versprechungen gemacht sie werden fordern dass wir dem Königsmark
zuziehen«
»Du willst ja dasselbe«
»Meint der General« fuhr Wilhelm finster fort »durch geheime Intrigen
unsere Völker zu gewinnen ohne mich Wenn sie ihm zuteil werden so soll er sie
nur aus meiner Hand erhalten Dazu habe ich dir eine Rolle zugedacht in der
heroischen Komödie unserer dickköpfigen Offiziere deren Spielmeister ich heute
sein muss«
»Du weißt Wilhelm ich rede nicht anders als meine Gedanken sind«
»Sprich nur wenn du gefordert wirst wie dirs ums Herz ist und du wirst
mir recht sein sorge auch dass Gottlieb Stange nicht fehlt denn ich brauche
ihn nötig Es ist alles bedacht wir werden dem Willen unserer Herren ein wenig
nachgeben müssen« fügte er mit stolzem Lächeln hinzu »und verhüten dass kein
Schaden geschehe und ich hoffe du reitest morgen nach Gota« Bernhard hielt
erstaunt an »Ich tauge nicht zu deinem klugen Paktieren«
»Ich gedenke dich an einen ehrlichen Herrn zu senden gegen den du in deiner
Art reden kannst«
»Dann danke ich dir für den Auftrag auch wegen meiner Schwester Regine Das
Kind ist zu schwach und säuberlich für dieses Leben unter dem Trosse Ich nehme
sie mit mir und schaffe ihr ein Unterkommen bei frommen Leuten bis auf bessere
Zeit«
Das Gesicht des Freundes verfinsterte sich »Wenn du alles mit dir führst
was dir lieb ist wer bürgt mir dafür dass du selbst zu dem verlorenen Haufen
zurückkehrst«
»Der Eid den ich den Völkern geschworen« antwortete Bernhard stolz »Ich
ersuche Euch Herr solche Gedanken vor mir und Euch geheimzuhalten«
»Dein Eid soll dich binden« fuhr der andere grollend fort »leicht ist ein
Vorwand gefunden ihn zu umgehen«
»Zweifelt Ihr an mir so wählt einen anderen Boten und dies sei das letzte
Wort welches wir als alte Kameraden gewechselt haben Kommt der Tag wo Euer
Befehl aufhört dann werdet Ihr mir Rede stehen wegen Eures Verdachtes«
Wilhelm bezwang mit Mühe seine Bewegung »Sei nicht so streng gegen mich
Bruder Mir verstört es die Gedanken dass ich dich und deine Schwester entbehren
soll Denn was dieses Leben den scharfen Hader um eine unsichere Zukunft bisher
erträglich machte das waren die Stunden wo wir drei in deinem Quartier
zusammensassen du zur Laute spieltest und die werte Demoiselle Königin uns mit
hohen Worten ermahnte wenn wir uns als Weltkinder zu gröblich gebärdeten
Bernhard ich bitte dich lass die Schwester hier ich will an deiner Stelle Tag
und Nacht über sie wachen als wenn ich ihr Bruder wäre«
»Du bist es aber nicht Wilhelm«
»So gib sie mir zur Frau« brach der General heraus Mit großem Erstaunen
sah Bernhard auf seinen Freund »Der Himmel sei mein Zeuge dass mir kein anderer
Schwager lieber wäre als du Die Schwester aber werde ich nie gegen ihren Willen
zwingen Du selbst weißt dass sie nicht ist wie andere Weiber und zuweilen
schwer heimgesucht wird Sie ist krank und kann im Lager nie genesen Aber auch
du Wilhelm lebst nicht in einem Stande der dir ratsam macht den Bräutigam zu
spielen«
»Du meinst weil ich ein anderes Spiel unternommen habe bei dem mein Kopf
als Einsatz steht Es war nicht freundlich mich in dieser Stunde daran zu
mahnen Dass der Bürgerssohn aus Weimar über Nacht zu einem Herrn von acht
Regimentern geworden ist welcher nicht in eines Königs Namen henken lässt
sondern in dem eigenen das macht ihn zu einem Wundertier auf das die Leute mit
Fingern zeigen und es verleidet ihn auch seinem eigenen Freunde als Schwager
Sage mir nichts« fuhr er ruhiger fort »es ist möglich dass du recht hast ich
aber will dir und anderen beweisen dass ich Witz genug finde in diesem tollen
Wagnis meinen Kopf zu behaupten Ist auch heut keine Zeit zu freien wenn ich
die Völker aus ihrem Aufstand hinübergeführt habe unter neuen Befehl dann
versuche ich ob du dich als treuer Kamerad gegen mich beweisen wirst Jetzt
wiederhole ich noch einmal die Bitte Lass deine Schwester hier du weißt von
unseren Reitern wird sie keiner kränken mir aber ist ihre Nähe wie die
Bürgschaft meines guten Glückes Als sie in Tränen beistimmte zu unserem
Widerstand gegen die Franzosen fühlte ich mich leichter in meinem Herzen und
dir ging es ebenso«
»Sie selbst soll entscheiden ob sie bleiben will oder mit mir gehen«
antwortete ernstaft der Bruder
»Es sei« sagte der Feldoberst aber das Zugeständnis wurde ihm schwer
»Doch gönne mir ehrliche Karten gestatte dass ich sie in deiner Gegenwart
bitte deine Rückkehr unter uns zu erwarten Sei unbesorgt Bernhard ich werde
nicht als ein Liebhaber zu ihr reden sondern nur als dein Kamerad« Bernhard
reichte ihm die Hand
Neben einem verlassenen Dorfe leuchteten die Lagerfeuer Als die Reiter
näher kamen umgab sie das Gewühl des Trosses durch das Gedränge der Karren
zwischen den Weibern und Buben welche Stroh und Holz an die Feuer schleppten
wand sich der Trupp langsam der Mitte zu wo ein Raum für die Zelte und das
Gepäck der Befehlshaber abgesteckt war Dort stand unter den Trosskarren der
Offiziere ein Wagenhaus aus starken Brettern gezimmert hell getüncht mit zwei
kleinen Fenstern Daneben schlug der Knecht die Pfähle für ein Linnenzelt in den
Boden Bernhard schied von dem Freunde sprang eilig ab und hielt im nächsten
Augenblick ein Mädchen in den Armen welches ihm schon vom Wagen die Hand
entgegengestreckt hatte
»Ihr seid verwundet Bruder« rief Regine zurückfahrend als sie einen
zerschljetzten Ärmel und tropfendes Blut sah
»Nur ein Schnitt ins Fleisch den deine Kunst schnell heilen wird«
»Wir hörten die Schüsse und die Buben schrien dass AltRosen zum Angriff
reite« klagte die Schwester »ich aber saß festgefahren im Hohlwege und da ich
nach meinem Pferde rief wusste niemand wo es war und mir blieb nur übrig in
bitterer Not den lieben Gott zu bitten Es war eine angstvolle Stunde um mich
stöhnten die Weiber und forderten dass ich auch für ihre Männer Gutes vom Himmel
erflehen sollte dazwischen heulten die kleinen Kinder bis endlich der Wilhelm
an der Berglehne vorüberritt und mir zurief dass er Euch in guten Kräften auf
Eurem Pferde gesehen«
Das Weib welches liebevoll die Hand des Bruders festhielt war von zarter
Gestalt Beim ersten Blick sah man dass sie kein abgehärtetes Kind des Lagers
war die Sonne hatte ihre Haut nicht gebräunt und die kleinen Hände waren harte
Arbeit nicht gewöhnt Die großen dunklen Augen mit langen Wimpern und
zusammengewachsenen Brauen sowie die bleiche Farbe der rundlichen Wangen gaben
ihr das Aussehen einer Trauernden und Kranken aber sie bewegte sich behend und
kräftig als sie in den Wagen kletterte und Verbandzeug herzubrachte »Kommt in
das Zelt« bat sie auf den wunden Arm deutend
»Geh voran Prinzessin Dorimene bevor dein untertäniger Amadeo seinen Arm
preisgibt muss er nach den Pferden sehen«
Wenn Weiber oder stöhnende Buben in die Nähe des Feuers kamen und die
Geschwister erblickten so prallten sie hastig zurück »Das ist die schwarze
Hexe« flüsterte ein Trossbube hinter einen Baum zurückweichend seinem Genossen
zu
»Du Mondkalb« belehrte dieser »die schwarze Nonne heißt sie«
»Das ist Gurr wie Gaul« versetzte der erste »sieh nur was sie für Augen
macht«
»Fort Lumpengesindel« schrie Pieps und stürmte mit einer Wagenrunge auf
sie ein
Als Bernhard zum Zelte zurückkehrte erwartete ihn die Schwester am Eingange
und zog ihn hastig hinein er fühlte wie ihre Hand zitterte und erkannte bei
der brennenden Wachskerze in ihren Zügen die Aufregung
»Blitz« sagte er heiter mit ihrer Hilfe sein Wams ausziehend »hier hängt
auch die Laute sie wird in den nächsten Tagen vor mir Ruhe haben« er strich
mit der hohlen Hand über die Saiten und summte die beliebte Weise »Venus du
und dein Kind seid alle zwei blind«
Die Schwester machte den Verband zurecht »Singt nicht Bernhard« bat sie
»Ihr habt heut Menschenblut vergossen«
»Das gehört zum Amt eines wackeren Reiters« antwortete der Bruder »Doch
dir will ichs gestehen heut wurde uns der Ritt sauer gemacht Der schlaue
Franzose hatte unsere eigenen Offiziere zu einer Kompanie formiert unsere alten
Kameraden stürmten mit heißen Gesichtern gegen uns und meine Reiter stutzten
als ihnen ihre früheren Offiziere zuriefen Hie Weimar zur Hilfe Erst als sie
mich im Gedränge sahen erhielten sie ihren Zorn und es wurde ein scharfes
Raufen Wäre uns nicht Sukkurs gekommen du hättest mich vielleicht nicht
wiedergesehen denn der Schelm Reinbold summte um mich wie eine Hornisse ihm
danke ich diesen Schlitz im Wams Doch auch er entkam nicht mit heiler Haut und
ich sah wie er auf seinem flüchtigen Pferd wankte«
Die Schwester setzte sich und rang die Hände »Ach wie gern wollte ich
sterben wenn ich Euch aus dieser blutigen Gesellschaft erlösen könnte Die Welt
ist ganz ins Arge verkehrt wo ist noch Liebe und Erbarmen zu finden Auch mein
Bruder rühmt sich seiner wilden Taten Schaffet den Zorn aus Eurer Seele« bat
sie mit dem Schwamm auf seine Wunde tupfend »und entsaget Eurer Freude am
Raufen und Eurem wütenden Reiten über Stock und Stein und denkt fleißiger an
den süßen Herrn der als Lamm der Welt Sünde trägt«
»Wetter« brummte der Bruder »das Lamm hat jetzt viel zu tragen« Als er
aber die Kränkung der Schwester merkte fügte er gutherzig hinzu »Habe
Nachsicht mit mir Frau Pastorin die Worte sind schlimmer als die Meinung Ich
vertraue gern auf die Bitten meiner frommen Schwester und hänge mich an ihre
Schürze Denn wenn auch ich nicht in der Gnade bin du bist erkoren und
ausgewählt«
Regine legte ihm die Leinwandfäden auf die Wunde
»Mässig und gleichförmig sollt Ihr sein in Eurem Gefühl immer an die lieben
Engelein denken und nicht an die Katzbalgerei in Eurer Kompanie und wie Ihr
jetzt stillhalten müsst während ich die Binde rolle so sollt Ihr immer still
dahinleben in ruhigem Gemüt denn das ist die beste Hilfe zur Seligkeit« Und
sie band ihm die Leinwand fest »Tut es noch weh Ungern sehe ich Euch auch so
viel mit dem Wilhelm zusammen den Ihr jetzt Euren General nennt denn er hat
nur irdischen Ehrgeiz«
»Er meint es doch gut zu dir und mir Bereite dich ihn noch heut zu sehen
er will dir etwas erzählen«
Eine Magd schob die Leinwand zurück der General trat ein und wandte sich
mit ritterlicher Haltung zu Regine »Zürnet mir nicht werte Demoiselle wenn
ich Euch den Bruder auf ein oder zwei Wochen versende Er reitet mit einem
Auftrage nach Thüringen«
Die Schwester trat schnell zum Bruder und flehte »Nehmt mich mit«
»Ich bitte Euch« fuhr der Gast gehalten fort »dass Ihr bei uns seine
Rückkehr erwartet Der Weg ist weit und beschwerlich der Ritt muss schnell sein
und würde Eure Kraft erschöpfen Ihr seid in den nächsten Wochen sicherer im
Lager als irgendwo anders denn wir haben jetzt eher die Freundschaft der
Mächtigen abzuhalten als ihrer Feindschaft zu begegnen«
»Es kann Euer Ernst nicht sein Herr dass ich mich von dem Bruder scheiden
soll droht ihm auf dem Wege Gefahr so will ich sie mit ihm teilen Nehmt mich
mit Euch Bruder« bat sie wieder »lasst mich nicht zurück unter fremden
Leuten«
»Bin ich Euch ein Fremder Regine« fragte der General unzufrieden »Gönnt
mir für diese kurze Zeit das Recht über Euer Wohl zu wachen Mir ist als ob
die Gottesfurcht mit Euch von dannen ziehe und aller Schutz des Himmels und
manchem unter unseren Reitern wird es ebenso gehen«
»Ach Monsieur Wilhelm« sagte Regine »Ihr seid ein gar weltliches Kind und
folgt Euren Eingebungen Ihr hört nur zum Schein auf andere und wenn Ihr auch
gütig gegen mich seid Ihr beachtet mich nur wie die Kinder ihr Spielzeug« Sie
bat wieder mit gefalteten Händen »Lasst mich mit dem Bruder ziehen hier finde
ich den Frieden nicht nach dem ich mich sehne Ich gedenke wohl wie unser
seliger Vater da ich noch ein Kind war das Land Thüringen rühmte weil es treu
zum Evangelium halte und christliche Gesinnung dort noch nicht geschwunden sei
dort hat auch der erwählte Mann Gottes Doktor Luther zu seiner Zeit gelebt
und es steht in meiner Bibel eingeschrieben dass er unseren Voreltern zugetan
war und dass ihr Glück von ihm seinen Anfang genommen hat So hoffe auch ich
dass für den Bruder und mich dort ein besseres Glück kommen wird«
»Euer Bruder aber gehört mir« sprach Wilhelm zwischen Unwillen und Rührung
»Nur solange Gott will« antwortete das Mädchen und schlang die Arme um den
Bruder wie um ihn zu schützen
»Lebt wohl Regine« schloss der General mühsam seine Bewegung
niederkämpfend »Euch Rittmeister König erwarte ich im Rat«
In der zerstörten Dorfkirche versammelten sich die Offiziere der Kompanien
zum Kriegsrat An den Pfeilern waren brennende Kienfackeln befestigt auf dem
steinernen Fußboden vor dem Altar flammte ein Feuer und der Rauch wirbelte um
die glaslosen Fensteröffnungen oder sammelte sich zu russigen Wolken an der
gewölbten Decke Im roten Scheine glitzerten die trotzigen Augen der Geladenen
und über die gefurchten Gesichter flogen grelle Lichter und tiefe Schatten Als
der Feldoberst vortrat und seinen Hut lüftete erstarb das Gesumm in tiefer
Stille »Ich bedanke mich bei den Herren Offizieren und ich bedanke mich bei
den Regimentern der Nachhut dass sie heute ihre angestammte Bravour bewiesen
haben als sie den verräterischen Franzosen verjagten Seiner sind wir wie zu
hoffen ist für immer ledig Darum aber steht uns schwere Wahl bevor nämlich
dass wir entscheiden welchen Potentaten wir zu unserem Kriegsherrn erkiesen
wollen um ihm das Jurament zu leisten damit wir vor Gott und der Welt als
ehrliche Soldaten erkannt werden und nicht als herrenlose Räuber Nun ist euch
allen bewusst dass der römische Kaiser Ferdinandus III uns hohe Anträge und
Versprechungen zukommen ließ Unsere Völker aber haben seinen Boten abgewiesen
weil sie die evangelische Sache nicht verraten wollen Auch die Landgräfin von
Hessen hat uns eingeladen und der Schwede Wrangel hat eine Ambassade geschickt
welche öffentlich den Rat gab dass wir zu den Franzosen zurückkehren sollten
und sich erbot diesen mit uns zu versöhnen dieselbe Legation aber hat uns auch
in höchstem Vertrauen mitgeteilt dass wenn solche Versöhnung unmöglich sei der
Schwede selbst sehr kontent sein werde uns in sein Heer aufzunehmen Zwischen
diesen hohen Bewerbern haben wir uns zu entscheiden und ich bitte jedermann in
eröffnetem Kriegsrat zu einer guten Wahl zu helfen entweder durch Vortrag
eigener Meinung oder durch Beistimmung Da die Völker bereits gegen den Kaiser
entschieden haben so ersuche ich die Herren Offiziere zunächst über das
Angebot der Frau von Hessen zu verhandeln«
Von allen Seiten erhob sich Gemurr und Einrede
»Sie lebt in Unfrieden mit ihren Befehlshabern« rief es aus dem Haufen
»sie operiert mit den Franzosen und wir bekommen bei ihr wieder den Turenne auf
den Nacken« Es ergab sich nach heftigem Hinund Herreden dass in dem Heere
geringe Bereitwilligkeit war hessisch zu werden
»Wohlan« begann der General wieder »so bleibt die Konjunktion mit dem
Schweden Ich frage ob der Kriegsrat sich für den Feldmarschall Wrangel zu
entscheiden vermag«
Wieder Gemurr und laute Rufe »Dort regieren die schwedischen Kommissare
sie schicken uns Deutsche ins Feuer und essen die Kastanien die wir ihnen
herausgeholt« Aber auch Freunde der Schweden ließ sich vernehmen »Dem
Gustav Wrangel glückt es gegen alle seine Feinde Einst haben wir den großen
Schwedenkönig einen Erretter genannt und die ältesten von uns haben unter ihm
gedient Es ist das Heer seiner Tochter der Königin zu dem wir jetzt
zurückkehren«
Da rief ein alter Haudegen des Regiments Russwurm unter die Streitenden
»General Königsmark« Und viele Stimmen in seiner Nähe wiederholten den Namen
Der Rufer trat vor »Der General ist von Blut ein Deutscher wie wir er ist ein
pompöser Herr der dem armen Soldaten auch das Seine gönnt und er ist ein
tapferer Feldherr dessen Bravour weltkundig geworden Bei ihm finden wir
Soldaten von Fortune die beste Ehre und Anerkennung Darum liebe Brüder rate
ich dass wir nur diesen als unseren Feldherrn wählen und dass wir uns nicht darum
von ihm abwenden weil wir bei ihm der schwedischen Königin das Jurament leisten
müssen Sind die Schweden auch nicht eingeborene Deutsche so wissen wir doch
alle dass sie echte Martissöhne sind«
Ein Geschrei der Zustimmung kam aus vielen Kehlen aber auch heller
Widerstand erhob sich und der General welcher Mühe hatte die Ordnung zu
erhalten blickte forschend in die Versammlung
Endlich trat Gottlieb Stange in den Ring er nahm den Hut ab strich sich
mit der Hand sein graues Haar glatt und verneigte sich bedächtig nach beiden
Seiten »Wir vernahmen soeben von meinem Herrn Bruder Russwurm sechste Kompanie
dass die Schweden die echten Söhne des Martis oder Martinus sind welches ich
nicht bezweifeln will obgleich ich noch nicht erfahren habe dass besagter
Heiliger seinen echten Söhnen mehr gebratene Gänse und mehr gebackene
Martinshörner in ihre Quartiere liefert als uns anderen Solange der große König
Gustavus Adolfus lebte dachten wir wenig daran dass der Schwede von Mitternacht
her als Fremder kam denn der König war ein gerechter Herr und wir hofften dass
er ein Retter der evangelischen Sache sein werde Seit seinem Tode aber hat sich
der Eigennutz erwiesen und viele von uns zogen unserem seligen Herzog Bernhard
zu weil dieser aus deutschem Blute war angenehm als Landsmann wie auch als
Kriegsfürst formidabel Was wir seit seinem Tode von den Franzosen erduldet
haben ist jedem bekannt und viele von uns sind der Meinung dass zwischen dem
Turenne und dem Wrangel was die gute Gesinnung gegen uns Völker betrifft kein
größerer Unterschied sei als zwischen Kessel und Ofentopf obgleich einer dem
anderen sein schwarzes Gesäss vorwirft Wir aber sind es herzlich müde einem
Fremden zu dienen und die Reiter stecken die Köpfe zusammen und bedenken die
deutschen Potentaten des evangelischen Glaubens welche wir wählen könnten Sie
finden keinen Mann der gegenwärtig mit seinen Völkern im Felde liegt nur die
Frau von Hessen Diese jedoch behagt ihnen nicht weil sie ein Weib ist welches
nicht selbst zu Felde zieht und manche nehmen auch Anstoß daran weil sie beim
Abendmahl ganze Stücke Brot isst obwohl man ihr dies zugestehen könnte wenn sie
dem armen Soldaten den Braten ließe doch man sagt von ihr dass sie knickerig
haushalten lässt in ihren ausgesogenen Quartieren Nun aber sehen und erfahren
wir alle dass der Kaiser seine Freude daran hat wenn Deutschland verödet wird
und dass der Hahn von Frankreich einen Stolz darin findet in den deutschen Höfen
zu krähen und dass der schwedische Bär auch keine Lust verspürt aus der Nähe
der deutschen Stallungen abzuziehen solange er noch ein Kalb zum Zerreissen
findet Keiner will den Frieden nur der Bauer will ihn und der arme Soldat und
die beiden müssen einander zuvor totschlagen Und ich sage euch ihr Herren
wenn es nach den drei mächtigen Gebietern im deutschen Lande geht so wird nicht
eher Friede als bis der letzte Bauer an den dürren Ast gehenkt ist wenn keiner
mehr Brot und Hafer baut dann gehört das Land ganz den wilden Hunden und dann
kommt Ruhe in die Täler Darum ist unter den Völkern die Meinung dass wir die
wir zumeist Thüringer und Sachsen sind uns auch einen Herren wählen von unserer
eigenen Art den wir erhöhen und zu einem Kriegsfürsten machen damit er durch
uns dazu helfe den ersehnten Frieden in das gequälte Deutschland zu bringen
Nun aber haben manche von uns einen deutschen Herrn wohl erkannt Ernestus den
Bruder unseres seligen Herzogs Bernhard damals als er bei uns Kriegsdienste
tat und als er Gubernator in Franken war Dieser ist ein Mann an welchem wir
keinen Tadel wissen redlich und treu und wir trauen ihm zu dass ihm unser
Feldgeschrei von heute Hie Deutschland ein angenehmer Ruf sein werde Darum
dachten wir daran unseren Herrn General zu bitten dass er vor allem Abgeordnete
der Völker zu dem Herzog sende wenn dieser uns haben wollte unter billigen
Bedingungen so würden wir ihm am willigsten dienen«
Nach den Worten des beliebten Mannes trat eine kurze Stille ein dann ein
Gemurmel welches sich endlich zum lauten Geschrei verstärkte »Wir wollen den
Herzog Ernestus« Und der Feldoberst erkannte dass die Mehrzahl sich diesen
begehrte Aber auch der Widerpart eiferte heftig Endlich riefen helle Stimmen
aus dem Hintergrunde nach Gehör und einer der Ruhestifter schrie »Wir haben
mancherlei Opinion vernommen ehrliche Worte und wohl auch Meinungen welche von
Fremden dem Heere zugetragen sind aber wir wollen eine frische und redliche
Rede hören welche die Völker sonst wohl gern vernommen wir von AltRosen
fordern den Rittmeister König auf dass auch er seine Meinung sage« Und aus den
hinteren Reihen erklang Beifallsruf
Der Befehlshaber winkte dem Freunde zu und Bernhard trat vor »Ansehnliche
Herren und lieben Brüder Da ich einer der jüngsten bin ziemt mir mehr zu hören
als zu raten Was dem Heere am vorteilhaftesten ist für Sold Quartiere und
Ruhm darüber haben viele unter uns mehr Erfahrung als ich Ich aber will sagen
was uns allen während unserer Händel mit den Franzosen am Herzen gelegen hat
Wir haben uns von dem Marschall darum geschieden weil wir Deutsche sind und
unser Blut nicht länger für den Eigennutz fremder Potentaten vergießen wollen
Wir hören viel von der alten Herrlichkeit des deutschen Landes wo ist sie
hingeschwunden Ich kenne manchen unter euch der mitten in Brand und Plünderung
aus tiefem Herzen erseufzte über das Unglück welches wir ertragen und anderen
zufügen und ich hörte manchen Kriegsmann mit grauem Haar einen Fluch ausstoßen
gegen die vornehmen Perücken welche Frieden im Munde führen und den Krieg im
Herzen begehren Fünf Jahre verhandeln die Schreiber über den Frieden und wir
sind weiter davon entfernt als je Ich aber lebe des Glaubens dass der römische
Kaiser als der hartnäckigste und diffizilste Gegner des Friedens gegen uns
steht Er fühlt in seinen Erblanden wenig von der Kriegsnot und ist wohl
zufrieden wenn die Dörfer und Städte der evangelischen Landesherren verwüstet
werden Und ich sage euch ihr Herren und Brüder nicht eher wird er sich einem
billigen Vertrage zuneigen als bis ein deutsches Heer über seine Berge zieht
und seine Hofburgen ausbrennt Darum wenn die Großen üblen Willen haben das
deutsche Land in einen besseren Zustand zu bringen so meine ich sollen wir
Kleinen dazu helfen Habt ihr den Mut und den Willen euch als Helden zu
erweisen und den Kaiser zum Frieden zu zwingen so wählt euch einen kühnen
Kriegsobersten dem ihr zutraut dass er sich mit eurer Hilfe hoher Anschläge
vermesse Und in diesem Falle rate ich dass ihr den General Königsmark zuzieht
obgleich er den Schweden dient Denn wir wissen dass er von allen großen
Befehlshabern am fröhlichsten schlägt und in seinen Reiterstiefeln weder Tod
noch Teufel fürchtet Wollt ihr jedoch so hohes Wagnis nicht auf euch nehmen so
wahrt wenigstens euer Gewissen auf dass ihr nicht ferner an der Zerstörung
teilhabt und sucht einen gerechten protestantischen Landesherrn dem ihr euch
zum Schutz seines Landes anbietet und der vielleicht wenn er die Regimenter
entlassen will mit unseren Völkern ihren Weibern und Kindern die leeren
Bauernhöfe seines Landes besetzt Wollt ihr in solcher Weise für das Heil des
gemeinen Reiters sorgen so fragt den Herzog Ernestus den Bruder unseres
seligen Kriegsherrn ob er die Regimenter auf billige Bedingungen in seine
Gewalt aufnimmt Nur zwischen diesen beiden Heerstrassen haben wir die Wahl und
heute müssen wir uns entscheiden Doch worauf die Mehrzahl auch ihren Sinn
richte daran mahne ich euch bei unserer brüderlichen Treue und bei dem schweren
Eide den wir einander geschworen haben dass die Minderzahl sich nicht beschwert
fühle und sich gutherzig mit ehrlichem deutschem Gemüt dem Beschluss der anderen
füge damit wir fest beieinander stehen und Glück und Unglück gleich Brüdern
teilen«
Seinen Worten folgte wieder tiefe Stille dann wurde aufs neue die geteilte
Meinung in den Rufen laut »Für den General Königsmark Für den Herzog
Ernestus« Der Führer erkannte dass es Zeit sei zum Beschluss zu kommen er trat
vor und rief »Wer für Herzog Ernestus ist der hebe die Rechte damit der Wille
des Heeres kundbar werde«
Die große Mehrzahl der Hände fuhr in die Höhe
»Die Mehrhand ist für den Herzog« verkündete er und ein langes
Beifallsgeschrei antwortete »Was der Kriegsrat beschlossen hat« fuhr er fort
»soll sogleich ins Werk gesetzt werden Morgen mit Sonnenaufgang wähle jedes
Regiment einen Abgesandten Dazu wähle ich einen der bei der Ambassade meine
Stelle vertritt Noch ersuche ich die Herren folgendes zu bedenken Zwei
Meinungen sind hier verkündet Die Mehrzahl hat für die eine entschieden
Dennoch ist unsicher ob es den Gesandten gelingt mit dem Herzog zu paktieren
Sollte sich wider Hoffen ein Hindernis ergeben so schlage ich vor da die Not
drängt dass in diesem Fall unsere Abgeordneten Vollmacht erhalten
weiterzureiten und nach Beschluss der Minderzahl mit den schwedischen
Befehlshabern zu verhandeln« Auch dies wurde nach manchem Widerspruch zum
Beschluss erhoben und der Kriegsrat löste sich geräuschvoll und mit guten
Hoffnungen auf
Den nächsten Morgen ritt ein Reitertrupp aus dem Lager nordwärts in seiner
Mitte rollte der Lagerwagen Regines von vier starken Gäulen gezogen An
demselben Tage führte der Befehlshaber das Heer bei Würzburg über den Main
Der verlorene Haufe wälzte sich wieder vorwärts auf staubigen Wegen über Felder
und Heide die Rosse zerstampften die Halme des Ackers die Weiber und Kinder
drangen in die Dorfhütten in welchen noch der Landwirt hauste und zernagten
wie ein ungeheurer Rattenschwarm das wenige was er zur Erhaltung des eigenen
Lebens versteckt hielt Wo der Dampf von den Feuerstätten des Heeres aufstieg
da wurde die Arbeit eines Jahres versengt vergeudet verdorben An den
Lagerbränden verkohlten der Mut und die Hoffnung die Freude an redlichem
Erwerbe Nächstenliebe und Erbarmen in diesem Jahre wie bisher Seit fast
dreißig Jahren loderte das Kriegsfeuer im Lande es war zuerst hie und da
aufgebrannt dann war es zu einer ungeheuren Brunst geworden welche mit
feuriger Lohe über das ganze Land lief mit heißem Dampf jede Brust beengte und
schonungslos Leib und Seele der Lebenden zerstörte Jetzt war die Flamme kleiner
geworden aber sie flackerte bald hier bald dort in die Höhe wo sie unter den
Trümmern noch Nahrung fand und niemand war stark genug ihr zu wehren ja die
Fremden schürten während sie vom Frieden sprachen unablässig in der Glut
Es ist wahr viele Eltern der sonnengebräunten Brut welche jetzt raublustig
in Scheuern und Ställe des Bauern sprang wussten nicht mehr was Friede bedeute
und was Herrschaft des bürgerlichen Gesetzes sie selbst waren unter den
Schrecken der Kriegsfurie geboren und zu Männern erwachsen und hatten Kinder
gezeugt welche heimatlos und schädlich durch das Land schwärmten gleich ihren
Eltern
Und doch schien die Sonne warm wie vorzeiten im Frühjahr sang die Lerche in
der Luft im Sommer schlug die Wachtel im Unkraut des Ackers und an den
Fruchtbäumen welche noch nicht als Brennholz gefällt waren röteten sich die
Kirschen Wenn die kleinen Reiterbuben dem Johanniskäfer zusangen
Sonnenvöglein flieg aus komm wieder in mein Haus so gebärdeten sie die
niemals in eigenem Hause gesessen hatten sich ohne es selbst zu wissen als
ehrbare Hofherren wie vor langen Jahren ihre Vorfahren Die deutsche Natur
lebte ungewandelt wie einst und der ausgeruhte Acker war willig neue Frucht zu
tragen Undeutlich klang im tiefsten Herzen derer welche noch nicht ausgetilgt
waren in dem verwilderten und verdorbenen Geschlecht ein Ton der Sehnsucht und
Klage War es nur der Wunsch nach besserem Glück von dem ihnen eine Sage aus
dem Munde der Alten zugekommen war war es nur Schmerz über alle Angst und Not
die sie umgab oder war es ein stärkeres Gefühl welches wohl einmal dem Manne
die Faust um Schwert und Büchse ballen konnte Die Väter des gequälten
Geschlechtes hatten sich lange gerühmt dass sie Deutsche waren und hatten doch
fremde Sprache Mode Sitte ungeschickt nachgeahmt und sich zu Dienern der
Fremden entwürdigt und jetzt wo Deutschland als Beute der Fremden niederlag
und aus den Stuben der Gelehrten die Trauerklagen über den Verfall der alten
Herrlichkeit in das Volk drangen jetzt antwortete aus den Lagerhütten der
gemeinen Soldaten welche eine harte Notwendigkeit trieb sich durch Zerstörung
und Verderb des Volkes zu erhalten ein scharfer Gegenklang Die narbigen
Reiter die zuerst dem Sachsen Bernhard von Weimar gedient hatten dann dem
Franzosen verhandelt waren und mit Abenteurern aus jedem Lande des Weltteils
Schulter an Schulter gekämpft hatten sie die gefürchteten Alten des Krieges
die Waffenlehrer des jüngeren Schwarms sie empörten sich gegen einen fremden
Feldherrn und gegen die eigenen Offiziere weil sie zuletzt nur für die deutsche
Sache kämpfen und sterben wollten War das ein verlorener wilder Ton in langer
banger Nacht wie das ferne Gebell eines hungrigen Wolfes oder waren es die
ersten Noten eines Liedes welches von da ab aus dem Gemüt des deutschen Volkes
erklingen sollte bald so bald anders angehoben wie das Gezirp eines jungen
Vogels bis es nach Jahrhunderten unwiderstehlich herausschmettern wird als
Schlachtgesang einer siegreichen Nation
Im Walde
Von der Werra her ritten vier Reisende auf der fränkischen Seite des Bergwaldes
dem Rennwege zu Voran ein älterer Mann in Lederkoller mit Karabiner und Degen
eine kurze Pike statt der Reitgerte in der Hand aus dem hageren Angesicht
blickten zwei schlaue Augen spähend über die Flur und in das Buschwerk am Wege
An seiner Seite lenkte ein Knabe das Packpferd welches einen großen Quersack
trug In einiger Entfernung hinter ihnen kam auf bequemem Zelter ein Mädchen in
dunklem Reisemantel neben ihr ein junger kräftiger Mann bewaffnet wie der
Führer
Lange zogen die Reisenden schweigend dahin über Hügel und durch Talwellen in
der milden Sonnenwärme des späten Nachmittags Unter dem lichtvollen Himmel
breitete sich eine menschenarme Landschaft Wenn die Reisenden zu einem Dorf
kamen wurden sie von den Einwohnern scheu und feindselig betrachtet sie sahen
zerzaustes Dachstroh und viele leere Fensteröffnungen die Kirchenwände
schadhaft und die Schallöcher der Glocken ausgebrochen dann ritten sie in
gestrecktem Trabe auf der Dorfstraße hindurch oder in weitem Bogen herum nur
hier und da fanden sie Arbeiter auf dem Felde in den Niederungen eine kleine
Rinderherde und auf den Anhöhen einzelne bewaffnete Reiter zum Schutz der
Dorfleute gegen streifendes Gesindel Um die Bäume am Wege flatterten die
Sommervögel aber über ihnen flogen ungeheure Schwärme von Krähen und Dohlen dem
Walde zu und bei dem Geschrei der Großen verstummte das Gezwitscher der
Schwachen
Als die Reisenden zum Fuß des Gebirges gekommen waren hielt der Führer auf
dem Anger eines kleinen Dorfes und erwartete seine Genossen Er sprang vom
Pferde warf dem Knaben die Zügel zu setzte die Waffen in Bereitschaft und
betrat vorsichtig die Dorfgasse Dort spähte er von Hütte zu Hütte pochte an
verschlossene Türen und rief aber er erhielt keine Antwort nur ein schwarzer
Köter kläffte wütend hinter ihm her als er zu den Pferden zurückkehrte
»Geflüchtet« meldete er und ritt wieder vorwärts Vor einem kleinen Gebüsch
auf dem nächsten Hügel gebot er dem Knaben der behende seinen Quersack verließ
und in das Gehölz kroch während der Alte spähend in die Runde schaute Als der
Kleine zurückkehrend sein Zeichen machte winkte der Führer seine jüngeren
Gefährten heran und wies hinter dem Rücken des Mädchens bedeutsam in die Ferne
nach einer aufsteigenden Rauchwolke »Ich rate Bruder Bernhard dass wir hier
für die Pferde sorgen und unsere Abendkost verzehren solange wir allein sind
Proviant ist nirgends sicherer als im Magen«
Bernhard hob die Schwester vom Zelter Pieps leitete die Pferde in das
Gehölz zu der Stelle wo ein Bergquell fröhlich talab rieselte dort löste er
die Ledertasche mit dem Reisevorrat vom Sattel und half den Tieren zu Weide und
Tränke Die anderen setzten sich in die Nähe des Wassers und sprachen der Kost
zu wie Reisenden gebührt »Die blauen Waldglocken blühen« begann Regine
erfreut »gedenkt Ihr Bernhard wie wir miteinander sangen als ich ein Kind
war Blau sind alle meine Farben und blau ist meine Lust Denn dies war die
Farbe worauf der selige Vater am meisten hielt«
Bernhard nickte »Später kamen bessere Arien daran wie diese Knabe geh
und kauf Melonen und vergiss des Zuckers nicht Gottlieb mein ergrauter Knabe
reiche die Flasche mit gebranntem Wasser«
»Jetzt ist die Zeit des Abendgeläutes« fuhr die Schwester fort »mich
wundert dass wir keine Glocke hören«
Die Männer sahen einander an »Vielleicht sind sie vom Kriegsvolke
entführt« tröstete Gottlieb indem er seine Bissen zuschnitt »oder die Bauern
fürchten sich am Strange zu ziehen damit nicht fremdes Gesindel zu ihrem
Abendessen gelockt werde«
»Ihr sagtet doch« antwortete Regine »dass in dem Lande des frommen Herzogs
keine Kriegsleute lagern und dass wir in Sicherheit reisen«
»Es ist nirgends Sicherheit vor streifendem Volk« entgegnete der Bruder
»und da du ein beherztes Kind bist so berge ich dir nicht dass Gottlieb zur
Vorsicht gemahnt hat«
»Soll ich meine Meinung sagen« begann dieser »so sind wir nicht die
einzigen Kriegsleute welche heut im Walde reiten Vielleicht ist der Schwede
von Erfurt über den Rennstieg gekommen um Fichtenzapfen zu beuten da er auf
anderen Gewinst hier schwerlich hoffen darf«
Bernhard schüttelte das Haupt »Oberst Ermes bezieht seinen Proviant aus
Gota wollte er hier rauben würde er sich selbst die Zufuhr mindern Streifen
Bewaffnete im Holz so sind es kaiserliche Freireiter vom Frankenwalde her Um
der Schwester willen reut es mich dass unsere Begleiter an der Werra
zurückblieben weil wir unsern heimlichen Ritt zum Herzoge vor den Schweden
verbergen sollten Doch haben wir seither gutes Glück gehabt und kommen jetzt
auf die Höhe des Gebirges und in die Dörfer von Thüringen dorthin hoffe ich
folgen die Beutenden nicht« Regine stand auf
»Haben wir eine Gefahr zu meiden so bitte ich dass wir aufbrechen damit
wir noch bei Tage in sicheres Land vordringen«
Damit war Gottlieb einverstanden und sie ritten nach kurzer Rast wieder dem
Kamme des Waldgebirges zu
Auch Bernhard sah jetzt unruhig zurück bis sie den Hochwald erreicht hatten
und hinter den Bäumen der Beobachtung durch raublustige Reiter entzogen wurden
Die Sonne neigte zum Niedergang zuweilen fiel goldenes Licht zwischen den
Baumstämmen auf den Weg dann kletterten die Pferde in dichtem Schatten bergauf
während sich graue Dämmerung über Berg und Tal legte
Sie hatten den Rennstieg überschritten den Aushau des Waldes welcher die
Wasserscheide bildet zwischen Franken und Thüringen und die Pferde schnaubten
und strauchelten mühsam abwärts Der Weg zog sich zwischen dichtem Tannengehölz
in scharfer Krümmung da hielt der Führer plötzlich an im nächsten Augenblick
knackte es im Holz Mehrere wüste Gesellen sprangen in den Weg in dürftigen und
zerrissenen Kitteln mit Bauernmessern und alten Musketen bewaffnet einige
unter gerolltem Bauernhut andere barhaupt
»Holla halt« schrie der erste »steigt vom Pferde oder der schwarze Hagel
fährt euch in den Leib«
Gottlieb blieb sitzen und musterte die Wegelagerer »Wahre dich selbst
Bauer deine Lunte versengt dir den Rock« Während der Mann mit der Hand die
glimmende Stelle ausdrückte brachte Gottlieb seinen Karabiner in Ordnung
»Dieser hier gibt auf grobe Worte heiße Funken Wenn ihr aber ehrliche Flegel
seid wie ich hoffe so zeige ich euch meinen Freipass« Er griff in die
Tasche holte einen schmalen Riemen hervor ritt unter die Waldleute und sprach
leise den Reim »Wer hiermit bindet den Schuh der bleibt vor dem armen Bauer in
Ruh« Die Männer starrten ihn an unsicher sagte einer zum andern »Er hat das
fränkische Zeichen ich traue mich nicht ihn abzutun wir müssen den Schreiber
rufen«
Während der Bote abwärts lief hielten die Reisenden umstellt von den
Waldleuten Ein plumper Gesell fasste das Saumpferd am Zügel Pieps schlug ihm
die Hand beiseite
»Was ist in dem Sack« fragte ein anderer und packte einen Beutel an Regines
Pferd
Regine griff hinein »Es ist unser Reisebrot bist du hungrig so nimm es«
Der Mann biss gierig zu
»Es ist Weizenbrot dergleichen ist lange nicht in unseren Backofen
geschoben ihr scheint mir rare Vögel« Ein Genosse riss ihm die Semmel vom
Munde und wies mit drohender Gebärde nach dem Sack
»Es war das letzte« sagte sanft Regine »jetzt müssen wir euch um Nahrung
bitten« Der Bauer lachte »Das wäre verkehrte Welt Hier ist Schmalhans
Küchenmeister«
Ein breitschultriger Mann in städtischer Tracht mit rotem aufgedunsenem
Gesicht kam herzugelaufen er hielt mit der einen Hand eine Blendlaterne mit
der andern eine Pistole »Wer seid ihr und was wagt ihr euch in unser
Geheimnis« schrie er
»Seid Ihr einer von den Beamten Sr Herzoglichen Gnaden« antwortete
Gottlieb »so wisst dass wir einen hochnötigen Auftrag an Euren Herrn zu
bestellen haben und dass Euch Blitz und Donner auf Eure Köpfe fahren wird wenn
Ihr uns aufhaltet«
»Gebt eure Waffen ab« befahl der Schreiber »denn ihr seid jetzt unsere
Gefangenen«
»Wollt Ihr versuchen ob wirs sind« versetzte Bernhard und ritt ihm
drohend näher
Sein Gegner zog sich hastig zurück und rief den Bauern zu »Auf ihn
Nachbarn Macht den Prahler still« Regine drängte mit einem Angstschrei ihr
Pferd zwischen den Bruder und die Landleute
»Schande über euch ihr Männer dass ihr eine Frau im wilden Walde bedroht«
rief eine klangvolle Stimme ein großes Weib schritt durch die Landleute und
fasste Reginas Pferd am Zügel »Folgt mir« gebot sie den Reisenden
»Jungfer Judit mengt Euch nicht in diese Sachen« rief der Schreiber
»Den Herrn Amtsschreiber warne ich dass er sich selbst in acht nehme Er
wird sich schlechten Dank erwerben wenn er solche hindert die zum Hofe
wollen«
»Wo ist Euer Passport« fragte der Beamte finster Bernhard reichte ihm das
Papier der Schreiber versuchte beim Schein der Laterne zu lesen »Hier stehen
nur Namen ohne Stand und Würde was gegen die Vorschrift ist Weiß der Herzog
dass ihr ihm zureist« fragte er lauernd
»Ihr habt kein Recht zu solcher Frage« war die kalte Antwort
»Sie kommen als Spione« sagte der Schreiber zu den Bauern
»Wir haben für Euch spioniert Ihr Musterschreiber« entgegnete Gottlieb
»Jenseits des Rennstieges brennts und die Dörfer sind leer wir aber wollen
die feindlichen Reiter vermeiden ebenso wie Ihr«
Die Bauern wurden unruhig und verhandelten leise »Wohlan« entschied der
Schreiber in verändertem Tone »wir hindern euch nicht länger ihr mögt euren
Weg fortsetzen Lasst ihnen den Willen Nachbarn« Aber das Weib erfasste wieder
den Zügel »Ich widerrate der fremden Frau weiter zu reiten der Weg ist bei
Nacht gefährlich«
Der Beamte trat ihr entgegen »Jungfer Judit Ihr missbraucht die Gewalt
die Ihr über mich und andere habt wenn Ihr unser Geheimnis den Fremden
preisgebt«
»Ich tue es ungern« antwortete die Jungfrau »aber Ihr wisst was ihnen
droht wenn sie abwärts ziehen Folgt mir« mahnte sie die Reisenden »gebt
Raum ihr Nachbarn« Die Bauern räumten willig den Weg
Regine sah unsicher auf ihren Bruder aber dieser rief »Führet wir folgen
Euch mit gutem Vertrauen«
Die Frau leitete die Fremden einen Seitenweg bergauf und talab bis sie
durch dichtes Unterholz an einen Zaun von starken Bohlen kamen Hier stiegen die
Reisenden ab die Führerin öffnete das Tor Um eine alte Eiche lagerte
zusammengedrängt die geflüchtete Gemeinde eine Anzahl Weiber und Kinder kauerte
bei ihren Bündeln unter dem Baume saß ein alter Geistlicher in seinem Amtsrock
Alle Blicke richteten sich neugierig auf die Fremden aber niemand regte sich
nicht einmal die Hände der geflüchteten Weiber welche über die geretteten
Ballen gekreuzt waren Nur der Geistliche erhob sich und lüftete seinen Hut als
er die lateinische Anrede Bernhards vernahm
»Ehrwürdiger Herr wir kommen in Frieden und bitten im Namen Gottes um Euren
Schutz«
»Der Herr sei mit Euch und uns in der Wildnis« antwortete der Alte »Ihr
seht die Wirte sind ausgezogen und haben den Gästen kein anderes Obdach zu
bieten als das grüne welches der Herr für das wilde Geflügel errichtet hat
Auch die Kost wird dürftig sein« er wies auf ein kleines Feuer am Boden bei
welchem einige Kochtöpfe standen
»Wir wünschen nur dass Ihr uns bis zum Morgen in Eurer Nähe duldet«
antwortete Bernhard und die Führerin bat er auf Regine zeigend »Ich flehe
herzlich sorgt für meine Schwester denn die Tagefahrt war mühsam«
Die Jungfrau wies schweigend auf die Pferde und auf eine Anzahl Pflöcke am
Zaun dann fasste sie die Hand Reginas und führte die Erschöpfte einige Schritte
aufwärts dort breitete sie eine Wolldecke über das Moos schlug sie um die
Glieder des Gastes und schob ihr ein Bündel unter das Haupt sie selbst setzte
sich daneben auf einen Stein
Bernhard folgte ihr erstaunt mit den Augen der ruhige Stolz mit welchem
sie gute Gesinnung erwies waren wunderlich bei einer Jungfer vom Dorfe In dem
unsicheren Scheine des Feuers erkannte er eine prachtvolle Gestalt von vollen
Formen ein großes Antlitz mit leicht gebogener Nase das blonde Haar in starken
Zöpfen um das Haupt geschlungen Er sah dass sie jung war und ihm kam vor als
ob sie ein schönes Weib sein würde wenn der finstere Zug um Stirn und Mund
verschwände Während Gottlieb mit dem Buben für die Pferde sorgte und die Säcke
bei seiner Ruhestätte zurechtlegte setzte sich Bernhard in die Nähe des
Pfarrers welcher das sichtbare Haupt der Gemeinde war
»Wir hofften hierzulande bessere Sicherheit zu finden« begann er »Ich
bedauere ehrwürdiger Herr dass Ihr in hohen Jahren noch so Schweres erleben
müsst«
»Gewiss war es im ganzen eine schwere Zeit« antwortete der Pfarrer mit
düsterem Behagen »das Lamm ist kahl gerupft und es wird nicht besser sondern
immer schlimmer Denn obgleich die Gemeinde in der letzten Zeit wieder etwas
zugenommen hat so sind doch die Herzen verhärtet Es nutzt nichts zum
Vertrauen zu mahnen wenn der Magen leer ist und das Elend durch große Löcher in
die Häuser dringt Kein Jahr in dem wir nicht drei bis viermal hierher
geflüchtet sind und daheim ausgeraubt wurden und dann bedenkt die Pest und die
Bosheit mancher Dorfleute die ihrem Seelsorger nichts Gutes wünschen wenn er
ihnen ihre Sünden vorhält«
»Ihr habt in Eurer Jugend bessere Jahre gekannt« versetzte Bernhard
teilnehmend »wir anderen gedenken nicht dass es jemals anders war«
»Ja Herr« bestätigte der Pfarrer der Erinnerung froh »noch vor sechzehn
Jahren hatte meine Kirche Fenster und zwei silberne Kelche und ich führte den
Klingelbeutel ein Aber schon damals fing der Ärger an als meine Beichtkinder
die Köpfe zusammensteckten und murrten Dieser Pfarrer will etwas Sonderliches
sein er will ein Klingelsäcklein in die Kirche bringen was niemals
gebräuchlich gewesen ist und wir legen nichts hinein Damals aber folgten sie
mir zuletzt doch noch ja die Offiziere der schwedischen Einquartierung gaben
und wir unterstützten damit noch fremde Exulanten Jetzt aber wandert das
Säcklein nicht mehr sogar die Klingel haben die Diebe genommen Von vierzig
Pferden sind noch vier übrig und die Weiber spannen sich zu dreien oder vieren
vor den Pflug denn der Männer gibt es wenige Seht diesen Talar« er wies auf
sein verschlissenes Gewand »der Schlafrock darunter ist alles was ich heut
salviert habe Susanne sieh nach der Suppe« mahnte er sich unterbrechend
eine alte Magd Diese goss auf dem Topfe in eine irdene Schale und trug die
Abendkost mit einem Blechlöffel dem Pfarrer zu Er hielt die kleine Schüssel
unsicher in der Hand »Ich müsste Euch einladen« sagte er
Der Gast dankte und Gottlieb sprach von seiner Raststelle »Wir sahen doch
Wild im Walde und die Bauern schleppen sich mit Feuerröhren«
»Ihr vergesst dass das Wild unserem gnädigen Herzog gehört« antwortete der
Pfarrer im Essen
»Nun beim Donner« rief Gottlieb »wenn der Herzog seinen Bauern nicht das
Mehl im Kasten zu schützen vermag so sollte er ihnen wenigstens die Tiere des
Waldes nicht verbieten«
Ein alter Bauer der als Wächter am Eingange saß lachte aber ein warnender
Blick Bernhards hemmte die dreiste Rede
»Seine herzogliche Gnade würde wohl Nachsicht üben« antwortete der Pfarrer
»aber der Herr Jägermeister ist strenge Wenn der Herr Herzog im Walde jagt so
treibt die Gemeinde aber viele sind widerspenstig geworden«
»Der Herr jagt das Wild und fremde Reiter jagen seine Bauern« brummte
Gottlieb aufsässig
»Er schießt uns auch die Wölfe und lässt die wilden Hunde schlagen« erklärte
der Pfarrer »aber er kann es nicht leiden dass die Dorfleute mit Feuerröhren im
Walde streifen«
»Es scheint dass diese sich wenig danach kehren« antwortete Gottlieb
Vor ihm fiel in Farnkraut gewickelt ein Stück gebratenes Fleisch in das
Moos und eine Stimme hinter ihm sprach »Nehmt weil Ihr für den Bauern
gesprochen habt« Gottlieb wandte sich um und sah in die spöttische Miene eines
kräftigen Schützen der hinter dem Zaune stand Er nickte seinen Dank und
gebrauchte sein Messer an der verbotenen Kost
Aus der Ferne vernahm man dumpfen Knall Zuerst einzelne Schüsse dann
längeres Geknatter die Weiber steckten ängstlich die Köpfe zusammen und
flüsterten miteinander Der Pfarrer aber faltete über seinem Löffel die Hände
»Dort schießt der wilde Feind Viktoria bei unseren ausgeraubten Häusern«
Ausserhalb des Verschlages riefen Stimmen in gedämpftem Tone und durch einen
Spalt im Zaune sah Bernhard weiter unten in einem Erdloch ein loderndes Feuer
und Gestalten welche sich darum bewegten
»Was bedeuten die Stimmen und das Feuer« fragte er den Pfarrer
»Es ist der Amtsschreiber mit unseren Männern welche dort unten für uns
Wache halten« antwortete der Pfarrer gleichmütig
Bernhard stand auf und sprach leise mit seinem Begleiter
Das letzte Abendrot war verglüht am dunklen Nachthimmel glänzten die
Sterne nur im Norden lag ein rötlicher Schein über dem Horizont Kein
Windeshauch regte sich in den Wipfeln der Bäume auch das Feuer war
niedergebrannt und warf unsichere Lichter durch das Gehege der Flüchtigen
Bernhard näherte sich dem Lager der Schwester und als er die tiefen Atemzüge
der Schlummernden merkte legte er wenige Schritte vor ihr seine Waffen ab um
sich zur Nachtruhe hinzustrecken
»Verlasst die Stelle« gebot eine Stimme »Ihr steht auf blutigem Grunde und
Euer Lager wäre für Euch von übler Vorbedeutung« Bernhard trat näher zu der
Warnerin »Dort wurde vorzeiten einer erschlagen seitdem treibt der Grund jedes
Jahr die roten Nelken hervor und wer bei Sinnen ist meidet den Ort«
»Ich danke Euch für diese Mahnung und außerdem für Größeres« sagte Bernhard
leise »Ich bitte beantwortet mir redlich die Frage Ist die Schlafende hier
unter den Dorfleuten sicher«
»Ich hoffe die Gefahr ist vorüber« kam es aus dem Dunkel zurück »Sagt
Eurem Begleiter dass er wach bleibe«
»Nicht ihm sondern mir gebührt die Wache für eine die mir das Liebste auf
Erden ist«
»Habt Ihr jemand auf Erden der Euch lieb ist« war die Antwort »so bedenkt
auch dass im Walde heilsamer ist zu schweigen als zu reden« Die Jungfrau zog
ihr Gewand zusammen und saß unbeweglich
Es wurde still Unter dem Laubdach des Waldes ruhten die Müden und die
Geflüchteten Da erklang in hellen Lauten eine Frauenstimme langsam und
feierlich tönten die Worte einer Schlafenden durch den Raum wie eine
Verkündigung »Seht o seht ihr Armen und Mühseligen die ihr in Finsternis
und Todesschatten liegt Oben am Himmel öffnen sich die Wolken und heller
Schein strahlt herab Hoch über Sonne und Mond leuchtet ein Tempel gebaut aus
Morgenrot und Sternenglanz und die Scharen der Seligen schweben hinauf
anzubeten Seht der süße Herr sitzt auf goldenem Thron in seiner Herrlichkeit
er hält einen Blumenstengel in der Hand daran sind blaue Glocken und er winkt
mich zu sich Komm auch du arme Seele Ach Herr mir war so bange auf Erden«
Bernhard hatte sich aufgerichtet und beugte sich ängstlich über die
Schwester welche mit geschlossenen Augen dasaß das Angesicht von freundlichem
Traume verklärt Dem fragenden Blick des Weibes welches neben der Schwester
kniete antwortete er traurig »Ihr ist eigen zuweilen so im Schlafe zu
sprechen« Auch der alte Pfarrer war erwacht faltete die Hände und starrte nach
der Sprechenden die Dorffrauen regten sich und traten näher Wieder begann
Regine »Hört ihr Frauen ein lichter Engel schwingt die Flügel und ruft mit
starker Stimme auf die Erde herab Halte an du armes Gesindlein welches
ruhelos durch Disteln und Dornen des Ackers dahinzieht schirre die Rosse ab und
treibe sie auf die Weide denn ich verkünde Friede den Menschen und neue
Herrlichkeit der Erde Die sich hassten versöhnen sich auf den Feldern blüht
der Weizen und die Böcklein springen lustig in der Herde Friede Friede soll
sein im deutschen Lande«
»Alle die ich sehe sind weiß gekleidet zum Feste der Seligen und ihre
Gürtel sind golden Eine aber sitzt neben mir in grauem Gewand und die Schatten
verbergen ihr Angesicht Warum bist du allein fremd und traurig unter den
Fröhlichen«
»Wo seid Ihr mein Bruder Oh kommt eilig dass wir zum Tempel des Herrn
hinaufsteigen die Glocken läuten und ein weißes Gewand habe ich Euch
zurechtgelegt wo weilt Ihr Ich fahre allein dahin zu den Seligen ich suche
Euch traurig mit meinen Augen und ich sehe Euch nirgends« Sie seufzte tief
»Lieber Gott schütze ihn lieber Gott« und sank auf das Lager zurück
»Du treue Schwester« rief Bernhard und winkte mit einer bittenden Gebärde
dem Pfarrer zurückzutreten auch die Weiber schlichen nach ihrer Schlafstätte
Zu der Jungfrau Judit aber welche der Schlummernden leise das Haupt
zurechtlegte sagte er »Sie schläft jetzt fest und morgen weiß sie nichts von
allem was sie gesprochen und grämt sich wenn man zu ihr davon redet«
Wieder wurde es still im Gehege bis vom Norden her ein graues Licht über
den Himmel zog der Vorbote des Morgens aber noch lag das Dunkel auf dem
Waldboden als weigere sich die Erde den schwachen Schein von oben aufzunehmen
Unten im Kesseltal rührte sichs Boten gingen und kamen und heftige Reden und
Antworten summten nach der Höhe Bernhard erwachte aus leisem Schlummer er
fühlte den Schmerz seiner Wunde und blickte fröstelnd um sich noch lag die
Schwester regungslos unter der warmen Hülle das bleiche Antlitz auf den Arm
gestützt Aber als er die Stelle neben ihrem Haupte suchte wo das fremde
Mädchen gesessen hatte fuhr er zurück denn ihr Angesicht war in das einer
runzligen Alten verwandelt und die Alte winkte und lächelte und wies auf den
Eingang des Geheges Der Bauer am Eingang war verschwunden aber Pieps kauerte
dort an dem Zaune wies mit der Hand in den Talkessel hob drei Finger in die
Höhe und machte die Gebärde des Kehlabschneidens »Sahest du Feldzeichen der
Getöteten« fragte Bernhard leise »Rot« versetzte Pieps »Ist die Luft
rein« Der Bube nickte
Bernhard wies auf die Schwester zurück und Pieps glitt in Reginas Nähe auf
den Grund
Vorsichtig schritt Bernhard zwischen den Baumstämmen an den Rand des
Hochwaldes und blickte über die Berge und Baumwipfel hinaus in den Nebel der
Ebene während in der Nähe die ersten leisen Vogelstimmen das beginnende Leben
des Tages verkündeten die Trillerche welche im Laubholz die Nachtwache hält
erhob ihren kurzen Ruf bald pfiff die Amsel ihr folgten viele kleine Sänger
vom Himmel fiel ein rosiger Schein auf die höchsten Gipfel und glitt langsam
herab an den Stämmen Es war so feierlich und friedlich zwischen den Bergen und
Bäumen als hätte nie der Menschen Unruhe Eigennutz und Hass einen Weg in die
stille Wildnis gefunden Auch der frische Gesell dem jetzt das Frühlicht sein
verblichenes Antlitz rötete fühlte etwas von dem Frieden obgleich er sich des
Morgens lieber am brodelnden Feldkessel seiner Kameraden gefreut hätte
Seitwärts knisterte ein dürrer Ast Eine hohe Frauengestalt schritt das
Haupt nach vorn geneigt langsam durch Heidekraut und Ginster Sie suchte am
Boden zuweilen kauerte sie zwischen den hohen Wedeln des Farnkrautes nieder
und dem Manne war als vernehme er ihr leises Murmeln dann erhob sie sich
wieder und barg Gepflücktes in einem Tuche Er dachte dass sie heilkräftige
Kräuter sammelte und da er sich scheute sie bei ihrem geheimen Werke
anzureden trat er hinter den Baum Doch konnte er den Blick nicht von ihr
abwenden sie ging so geräuschlos und feierlich dahin in dem dunklen Gewande
und verhüllten Haupte einem Geiste der Dämmerung vergleichbar Vor ihr bewegten
sich auf dem Boden kleine dunkle Schatten sie huschten durch das wilde Kraut
hoben sich in die Luft und verschwanden wieder am Boden Als die Frau einmal dem
Standort des Mannes näher kam erkannte er zwei Vögel welche wie Hündlein um
sie herumliefen endlich schwang sich der eine auf die Spitze eines Strauches
und pfiff das Morgenlied der Amseln in das Tal hernieder als Antwort auf den Ruf
seiner wilden Stammgenossen Bernhard vermochte jetzt auch die edlen Züge des
Angesichts zu erkennen wenn es sich dem Lichte zuwandte Nur einmal richtete
sie die Augen nach dem Baume als sie das Geschrei eines Kauzes hörte welcher
seinen Gesellen zur Heimkehr ermahnte aber sie verriet durch kein Zeichen dass
sie den fremden Mann erblickt hatte und wandte sich langsam und suchend wieder
dem Lager zu
Doch hatte sie ihn gesehen denn kurze Zeit darauf stand sie neben ihm Die
rosige Farbe ihrer Wangen ließ nicht erkennen dass sie die Nachtruhe entbehrt
hatte sie sah ihm voll ins Gesicht wie eine Herrin welche die Miene eines
Untergebenen mustert Freudig grüßte Bernhard »Dass ich der Jungfer vor
Sonnenaufgang begegne ist eine gute Vorbedeutung für den Tag«
»Das Gute welches Euch der Tag bringen soll erwartet nicht von uns«
antwortete sie ruhig »Was Ihr in der Nacht unter den Waldleuten erfahren habt
bewahret still für Euch Haltet Euch in der Nähe des Pfarrers wenn wir in das
Dorf zurückkehren denn die Männer haben Argwohn Sie meinen Ihr müsst zu der
Partei gehören welche uns in dieser Nacht die letzten Kühe rauben wollte«
»Der Raub ist missglückt« antwortete der Fremde »Eure Nachbarn waren die
Stärkeren«
»Die Bauern gebrauchen jetzt das Grabscheit damit nicht ruchbar werde was
in der Nacht geschehen ist« fuhr sie fort »Der Bauer erschlägt jeden Soldaten
dessen er heimlich Herr wird der Rache und der Beute wegen und das
Bauernmädchen ist stolz darauf wenn sie sich ein Brusttuch aus der Feldbinde
eines Offiziers schneiden kann den ihr Liebster mit schwarzer Erde zugedeckt
hat Darum werdet Ihr bei unserm geplagten Volk keine gute Gesinnung finden und
ich rate achtet auch auf das Futter und auf die Hufe Eurer Pferde damit ihnen
nichts zustosse was Eure Reise hemmt«
»Warum haltet Ihr mich für einen Offizier« fragte Bernhard
»Ihr trugt sonst eine Feldbinde auf Eurem Rock« antwortete die Jungfer
flüchtig über seine Schulter sehend
»Verzeiht eine Frage Demoiselle«
»Mein Name ist Judit Möring« antwortete sie kurz
»Dann also werte Jungfer Judit haltet mir meine Neugierde zugut Ihr
lebt wie ich erkenne unter den Bauern seid Ihr das Herrenkind des Dorfes«
Ein trauriges Lächeln zog über das Gesicht des Mädchens »Ich bin eine
Waise mein Vater kam als Flüchtling in das Dorf da ich noch ein Kind war Seit
er tot ist dulden sie mich obgleich ich in der Fremde geboren bin« Sie wies
in das Tal »Dort bin ich aufgewachsen zwischen Baum und Stein Ich bin gewöhnt
aus dem Dorfe nach dem Wald zu flüchten und habe oft von hier hinabgesehen wie
heut ob eine Rauchwolke mir verkündet dass meine letzte Zuflucht auf Erden von
den Soldaten niedergebrannt ist«
»Auch ich sehe in die Ferne nach den Türmen der Stadt« antwortete Bernhard
teilnehmend »und ich bin unsicher ob sie uns ein gastliches Obdach gewähren
wird Denn ich suche für meine Schwester eine Stätte wo sie weilen kann bis auf
bessere Zeiten die wir immer noch hoffen«
»Wollt Ihr bei uns bleiben« fragte das Mädchen schnell
»Ich habe wie Ihr vernahmt bei Eurem Herzoge ein Geschäft und muss wieder
in die Fremde«
»Ihr wollt wieder zu einem Heere der Mordbrenner welche das Land verderben
Ich frage nichts mehr fahret dahin« Sie wandte sich ab und schlug die Arme
übereinander
»Nicht jeder Soldat ist ein Mordbrenner liebe Jungfer«
»Wie dürft Ihr mir sagen dass ich Euch lieb bin« antwortete das Mädchen
über die Schulter »solche Höflichkeit spart für andere welche vielleicht
williger darauf hören Ich bin Euch fremd und ich bin Euch nicht mehr wert als
die Ringeltaube dort auf dem Ast oder als die Katze welche vor einer Haustür
sitzt an der Ihr vorbeireitet Missbraucht Eure Stimme nicht zu Geschwätz«
»Zürnt nicht« antwortete Bernhard betroffen über die herbe Abweisung »ich
bin ein ehrlicher Knabe und wollte Euch nicht durch Unwahrheit verletzen
Gestattet mir wenigstens dass ich Euch sage wie es mir von Herzen lieb ist
Euch in der Wildnis gefunden zu haben denn Ihr wart gütig gegen mich und meine
Begleiter Wisst da Ihr mich für einen Soldaten haltet dass der Kriegsmann
sich noch mehr freut als ein anderer wenn er irgendwo freundlichen Gruß und
eine gute Gesinnung erkennt denn sein schweres Amt ist anderen zu schaden und
er weiß dass die friedlichen Leute ihn verwünschen«
»Wie er es wert ist Ihr dient den Fremden seid Ihr schwedisch« fragte
sie
»Ich bin von den weimarischen Völkern«
Die Jungfrau wandte sich ab und machte eine Bewegung welche ihm Entfernung
gebot aber Bernhard welcher gedachte dass der Unwille gegen die französische
Dienstbarkeit deutscher Soldaten in vielen lebte fuhr eifrig fort »Duldet dass
ich noch erzähle woran Euch wie ich merke wenig gelegen ist Die Regimenter
haben weil sie Deutsche sind den Franzosen verlassen Vor wenigen Tagen haben
wir uns mit dem Marschall und mit unseren alten Offizieren welche uns
verrieten gerauft und diesen Säbelhieb erhielt ich von meinem eigenen
Rittmeister«
Die Jungfrau kehrte ihm das erblichene Angesicht zu und fragte mit rauer
Stimme »Warum liesst Ihr Euch schlagen anstatt selbst zu treffen«
»Auch mein Gegner erhielt sein Teil«
»Ihr habt ihn getötet« fragte sie fast schreiend
»Weiß nicht Ihn trug sein flüchtiges Pferd von dannen Er war ein Edelmann
von diesseits der Berge« setzte er hinzu
»Wie war sein Name« klang es heiser aus ihrem Munde Bernhard nannte den
Namen Mit einem Schrei schlug das Mädchen die Hände vors Gesicht
»Es steht ein Wort des Herrn geschrieben Die Rache ist mein« begann sie
nach langem Stillschweigen »Meint Ihr auch dass es unrecht ist sich an seinen
Feinden zu rächen«
»Ich bin Soldat und meine Ehre gebietet loszuschlagen wo mir eine
Kränkung widerfährt«
»Ich bin ein Weib und verzeihe mir der Himmel ich habe zuweilen dasselbe
gedacht« Sie fasste ihn am Armgelenk und sprach seine Hand schüttelnd heftig
»Ihr sollt nicht uneben von mir denken hört zu Der Mann den Ihr nanntet warb
vor Jahren um ein Mädchen das einzige Kind eines flüchtigen Dorfpfarrers Die
Törin hörte gern auf seine schmeichelnden Worte und träumte davon seine
Hausfrau zu werden Da verschwor er sich einst in der Trunkenheit vor ruchlosen
Buben seinesgleichen sie trotz ihrem Widerstande zu gewinnen Er drang in ihr
Haus dessen Tür sich ihm nicht öffnen wollte und schleuderte den alten Vater
der gegen ihn rang so hart auf den Stein der Schwelle dass der Alte nicht
wieder aufstand Die Jungfrau hatte sich in den Wald gerettet als sie am Morgen
in das Haus zurückkehrte sagten ihr die Leute dass sie eine Waise war der Bube
aber ritt ungefährdet über die Berge zu den weimarischen Völkern Wer hat Euch
die Wunde verbunden«
»Die Schwester hat darin gute Wissenschaft« antwortete der erstaunte
Bernhard »doch dachte ich einen Medikus der Stadt zu Rate zu ziehen«
»Wenn Ihr erlaubt den Schaden zu sehen vielleicht vermag ich Euch zu
heilen« sagte sie bittend Unter dem Zauber ihres kräftigen Wesens nestelte
Bernhard bereitwillig an seinem Wamse
»Nicht hier« gebot die Jungfrau »noch ist die Sonne nicht über den Bergen
und was in der Nachtluft schwebt ist heillos für offenen Schaden Weicht zum
Lager ich folge Euch«
Bernhard trat scheu zurück als er sich umwandte sah er sie auf dem
äußersten Vorsprung des Felsens stehen die Arme gekreuzt das Haupt geneigt
die beiden Vögel liefen und flatterten um sie her
In dem Gehege fand er Gottlieb mit den Pferden zum Aufbruch bereit Regine
kam ihm ängstlich entgegen »Die Weiber starren mich misstrauisch an« klagte
sie »ich wollte wir wären wieder allein im grünen Wald«
Bernhard wies tröstend nach dem Morgenhimmel »Steigt die Sonne über die
Berge so denke ich brechen wir auf«
Auch der Pfarrer erhob sich schüttelte die Waldstreu aus seinem Talar und
begann »Unter Anwünschung eines guten Morgens allerseits empfehle ich den
Gegenwärtigen sich mit mir zu einem Buss und Klagelied für Abwendung der
Feindesgefahr zu vereinigen« Ihn unterbrach der eindringende Amtsschreiber mit
finsterem Blick und ohne Gruß eilte er an den Fremden vorüber »Beeilt Euch
ehrwürdiger Herr die Luft ist rein die Räuber sind abgezogen«
Die Weiber regten sich in froher Geschäftigkeit um die Kinder und die
geflüchtete Habe Der Pfarrer aber ließ sich in seiner Pflicht nicht beirren und
verkündete »Demnach lege ich an das Herz zu einem kindlichen sowohl Dank als
Freudenliede für unsere Rettung aus Todesgefahr zusammenzutreten« Doch bevor
das Danklied intoniert wurde sah er unzufrieden in die Runde und fragte »Wo
sind die Nachbarn wo sind eure Männer« Niemand antwortete endlich kam aus
einer Frauenkehle »Sie halten Wache« »Sie sind über der Teilung« verriet
unbesonnen eine andere
»Wenn sie Speise und Trank zu verteilen haben so mahne ich dass sie auch
ihren alten Pfarrer nicht vergessen« Und der arme Herr begann mit zitternder
Stimme das Lied
Regine neigte sich über die gefalteten Hände und ihre Andacht war wohl die
wärmste denn die Dorffrauen kamen zögernd herzu und der Schreiber drehte
unruhig an seinem Hute Bernhard aber blickte seitwärts auf die Jungfer Judit
welche geräuschlos eingetreten war und die Augen dem goldenen Licht des Morgens
zuwandte
Die Geflüchteten drängten aus dem Gehege Weiber und Kinder liefen mit
Bündeln beladen in unruhiger Erwartung den Talweg hinab und die bewaffneten
Männer welche voranzogen hatten Mühe die Aufgeregten zurückzuhalten Bernhard
bot der erhaltenen Warnung eingedenk dem alten Pfarrer den Sitz auf seinem
Pferde an und da dieser sich bescheiden gegen die Erhöhung sträubte so schritt
auch er die Pferde führend zu Fuß an seiner Seite ein wenig beruhigt durch
die Zuversicht seines Gefährten Gottlieb der mit den Bauern Bekanntschaft
gemacht hatte und wohlwollend aus seinem Tabaksbeutel für ihre Holzpfeifen
mitteilte »Die Hunde haben außer Montur und Geld der kaiserlichen Reiter auch
einige Pferde erbeutet und im Wald versteckt« raunte er Bernhard zu »ihre
jungen Burschen lauerten gestern abend weiter unten auf unserem Wege und wir
könnten jetzt arkebusiert sein wenn nicht die Jungfrau ein Einsehen gehabt
hätte«
In der Nähe des Dorfes wo sich von steiler Berglehne ein gewundener Pfad
zur Straße zog hielt die Gemeinde an Die Landleute schrien und jauchzten als
sie aus dem dichten Tannengehölz Brummen und Gebrüll der Rinder hörten Eine
kleine Herde von Kühen und Jungvieh kam in lustigen Sprüngen herab getrieben
von Knaben des Dorfes lauter als über die eigene Rettung freuten sich die
Dorfleute darüber dass ihre beste Habe im Waldversteck den Feinden entgangen
war Die Kinder liefen im Haufen den Tieren entgegen Auch Judit rief »Bless«
und lockte eine stattliche Kuh die stärkste der Herde Das Tier leckte die Hand
seiner Herrin und Bernhard welcher jetzt in der Nähe ritt hörte dass die
Jungfer sich mit ihr unterhielt wie mit einer Vertrauten »Wie war Euch die
Nacht im Heidekraut junge Frau Habt Ihr Euch vor den Wölfen geängstigt« Und
die Kuh brummte ihre Antwort und schritt bedächtig im Zuge nach dem Dorfe als
Judit ihr liebkosend die Hand zwischen die Hörner legte
Im Talgrunde lag das Dorf an beiden Seiten des Bergbaches der weiß über die
Steine schäumte Zwischen den bewohnten Hütten von Tannenholz welche die Zeit
grau und braun gefärbt hatte lag das Gebälk zertrümmerter Häuser eingefallener
Ställe und Scheuern
»Die Räuber haben geplündert« rief der Schreiber und wies auf das
zerschlagene Hoftor des nächsten Hauses Da schlug die Freude plötzlich in
Jammer um die Leute fluchten und rannten auseinander nach ihren Hütten dort
fanden sie aufgeschlagene Truhen zerbrochene Stühle und den Vorrat der etwa
noch in Scheuer und Keller gewesen war verzehrt oder verwüstet von dem
Geflügel des Hofes nur die ausgerauften Federn Die Fremden standen allein auf
der Straße nur der alte Pfarrer welcher ihnen auf dem Wege ehrenhalber ein
Obdach angeboten hatte harrte noch eine Weile bei ihnen aus und sah trübselig
nach dem Pfarrhofe in welchen seine Magd vorausgelaufen war Judit hielt mit
ihrer Kuh und der alten Frau ihrer Dienerin schweigend in der Nähe Die
Pfarrköchin kam mit gehobenen Armen zurückgerannt »Alles zerschlagen auch die
Bibel zerrissen und beschmutzt« Einige Weiber liefen aus den nächsten Häusern
und stimmten mit ihr Wechselklage an »Nur das Haus der Jungfer Judit ist
unversehrt« schrie die eine
»Die Jungfer versteht die Kunst den Leuten die Augen zu verblenden« rief
die neidische Magd des Pfarrers
Judit lächelte »Das Haus liegt abseits im Schatten des Berges und die
Nacht war finster« Sie trat zu Regine »Ist es Euch genehm so kommt mit mir«
Die Reisenden folgten dem Mädchen auf einem schmalen Stege über den Bach und
durch den Wiesenrand dahinter Auch dies Haus in eine Krümmung der Bergwand
eingebaut war aus Holzbohlen gefügt aber ein Oberstock sprang mit seinen
kleinen Fenstern über den unteren hervor und ein starker Holzzaun umschloss das
kleine Gehöft Judit holte einen großen Schlüssel aus ihrer Ledertasche und
öffnete die Zauntür dann wies sie auf ein wüstes Haus das in der Nähe stand
»Dort mögen die Herren sich und die Pferde unterbringen denn hier fehlt es an
Gelass doch die Ladung der Pferde rate ich bei uns Frauen zu bergen auch die
Herren selbst müssen zu uns in die Küche kommen denn dort drüben ist alles
ausgeleert«
Sie zog Regine an der Hand in das Haus während Gottlieb mit dem Knaben die
Pferde entlastete und unter Vortritt der alten Ursula nach dem Nachbarhause
führte Als Bernhard die Stufen hinaufstieg stand die Jungfrau im Hausflur und
wies mit der Hand auf die Schwelle »Setzt Euren Fuß das erstemal nicht auf den
Stein« sprach sie traurig »damit Euer Eintritt Euch nicht Unheil bereite«
Aber als sie mit den Geschwistern in der Stube stand grüßte sie fröhlicher
»Seid willkommen Es ist alles unverändert Die Katze hat gut hausgehalten«
sprach sie rühmend als eine große schwarze Katze vom Ofen vor ihre Füße sprang
und schmeichelnd ihr Fell am Gewande rieb »Es ist auch Mehl vorhanden und Milch
im Keller und wenn die Jungfer mit ihren Begleitern fürliebnehmen will so wird
sie hier nicht schlechter daran sein als irgendwo im Dorfe«
Die Geschwister sahen sich neugierig in der Stube um Es war ein wohnlicher
Raum mit dem Hausgerät einer stattlichen Bauernwirtschaft ein Tisch
Holzstühle die Ofenbank das Spinnrad die buntbemalte Truhe alles sauber und
behaglich um die Fenster sogar Vorhänge von Leinwand mit gesticktem Saume an
den Wänden aber mehrere Holzfächer auf denen außer dem Geschirr viele große und
kleine Flaschen und andere Gefäße von seltsamer Form standen dazwischen
Kräuterbündel und große Bücher »Wundert Euch nicht über die Apotheke an meinen
Wänden« sagte Judit »ich bin bei Krankheiten ein Beirat und Medikus in den
Walddörfern noch von meinem seligen Vater her der aus der Heimat große
Kräuterkunde mitbrachte und wegen seiner Heilkunst berühmt war« Und wieder trat
sie zu Regine »Gern möchte ich mit Euch an der Wunde des Herrn Bruders meinen
guten Willen erweisen denn ich kann Euch einen Balsam geben der oft
wundergleich geholfen hat« Regine sah den Bruder fragend an und wunderte sich
als dieser ohne jede höfliche Rede und Entschuldigung sogleich seinen Arm
darbot
Die Frauen waren beide eifrig bei dem guten Werke und als dasselbe
vollbracht war dachte auch Regine dass die Fremde von freundlichem Herzen sei
und sagte die sichere Gewandtheit bewundernd »Ihr seid meine Meisterin« »Der
Schaden ist größer als der Herr meint« mahnte Judit ernstaft »und hätte ich
Gewalt über Euch so würde ich Euch zwingen einige Wochen still zu rasten«
»Wenn Ihr es gestattet spreche ich wieder vor« antwortete Bernhard »denn
mein Herz ist voll Dankes ich weiß jetzt Jungfer dass Schwester Regine und ich
durch Euch in dieser Nacht einer Lebensgefahr enthoben wurden«
»Es ist gefügt worden dass ich mit Euch zusammentreffen sollte« antwortete
Judit »beide haben wirs nicht gewusst und nicht gewollt« Und mit verändertem
Tone setzte sie hinzu »Jetzt aber sorgen wir nicht um Vergangenes nur um das
Nächste dass wir euch Herren die Tageskost bereiten Vertraut mir die Jungfer
Schwester an und kommt bei guter Zeit mit Eurem Gefährten zu Gaste bei der
Armut Die Jungfer Regine aber bitte ich sichs bequem zu machen und wenn es
ihr recht ist weise ich ihr auch den Keller die Küche und ein Stübchen wo sie
sich ausruhen kann«
Gottlieb saß in der verfallenen Hütte und schraubte zufrieden an seinem
Karabiner »Dies ist das beste Quartier das wir seit lange gehabt haben« lobte
er gegen den eintretenden Kameraden »der Regen könnte durchlaufen und als
Hausgenossen spüre ich nur Mäuse und Sperlinge aber die Nachbarschaft ist
günstig Es sind kluge Frauen und die junge ist in ihrer Art eine
Prachtjungfer Und was das hauptsächlichste ist wir sind hier angenehm und gern
gesehen Seit vielen Jahren ist mir dergleichen nicht vorgekommen Die Alte hat
Heu geschafft und sie sprach sogar etwas von einem Säcklein Hafer Ich sage
dir dies ist ein gesegnetes Land Vivat Ernestus Vermögen wir noch die Tür zu
schließen so sind wir hier in Abrahams Schoss«
»Wie magst du dich hier ins Quartier legen Sind die Pferde gefüttert und
die Wege geöffnet so reiten wir zum Herzoge«
Aber dieser Vorschlag fand wenig guten Willen »Lass dir sagen Bruder«
begann Gottlieb die Asche seiner Pfeife ausklopfend »dass ich in der Stadt
Gota mehr Kundschaft habe als mir lieb ist Und um dir alles zu vertrauen ein
Weib von mir haust an diesem Orte und deshalb ist er mir verleidet«
»Das hast du mir nie bekannt« versetzte der erstaunte Bernhard
»Ich war nicht stolz auf mein Gespons Sie war zu ihrer Zeit eines
Schlossermeisters Witwe nicht mehr jung aber die Nahrung war leidlich Sie
riet mir da ich als Altgeselle bei ihr arbeitete ich würde mich gut stehen
wenn ich sie heiratete Jedoch sie erwies sich als Hausdrache ich versuchte es
mit Leder und mit Holz aber nichts wollte helfen und da ich das Eisen bei ihr
nicht anwenden konnte so nahm ich holländischen Abschied weil ich dachte dass
ich mit dem Kriegsteufel eher auskommen würde als mit dem Eheteufel«
»Wie« lachte Bernhard »du Eisenbeisser fürchtest dich vor einem Weibe War
sie älter als du so kann sie längst dahin sein«
»Du sprichst leichtsinnig weil du sie nicht kennst« antwortete Gottlieb
bekümmert »Ihre Rachsucht ist terribel und ich habe heute von der Alten
erfahren dass sie noch in diesem Jammertal verweilt und scharf nach mir
aussieht denn sie ist in der Bruderschaft der alten Weiber wohlbekannt Und
kurz mir wäre lieb wenn du unsere Sache mit dem Herzog allein ausmachen
könntest sintemal ich außerdem sein Landeskind bin und nicht gern auf seine
Fragen antworten möchte Der Weg zu unseren Abgesandten führt dich doch über
dies Dorf zurück«
Die Alte lud zur Mahlzeit sie forderte auch den bereitwilligen Pieps in die
Küche und als Gottlieb vertraulich einwendete »Aber Mutter die Pferde im
leeren Hause« da tröstete die Magd »Ich bleibe derweilen hier und bin euch
gut dass die Dorfleute mir nichts wegnehmen« Gottlieb sah sie schlau an und
auch die Alte lachte »Furcht ist allemal gut selbst wenn es nicht Furcht des
Herrn ist auch ein alter Kriegsmann versteht sich mit dem Schwarzen auf gutem
Fuß zu erhalten« Die Männer fanden in Judits Stube den Tisch gedeckt Regine
kam dem eintretenden Bruder in einer Dorfhaube mit der Schürze entgegen und half
geschäftig wie ein Kind des Hauses die einfache Kost herzutragen Judit aber
sprach das kurze Tischgebet und lud zum Sitzen ein wie Bernhard meinte mit dem
Anstand einer Königin Er sah sich während des Essens vergnügt um »Wo sind die
Reisebegleiter unserer Jungfer Wirtin Ich sehe die Amseln nicht«
»Sie sind in der Stube nicht säuberlich« entschuldigte das Mädchen »und
flattern hier nebenbei in der Kammer dort können sie durch ein Guckloch ins
Freie sooft sie wollen Sie haben mir manchmal Sorge gemacht als der selige
Vater hier mehrere Jahre die Stelle des Pfarrers versah denn der frühere war in
der Kriegsnot gestorben und der jetzige noch nicht hergeschickt damals fehlte
auch der Küster und ich musste als Gehilfin des Vaters alle Kirchenämter
versehen ich zog die Glocke bekleidete den Altar und sang der Gemeinde vor es
waren nur wenige welche außer uns im Dorfe beharrten Da wollten sich meine
kleinen Gesellen nicht zu Hause verhalten und sie flogen mir durch ein
zerschlagenes Fenster in die Kirche nach rannten um den Altar und behandelten
den Taufstein ärgerlich und unchristlich Es kam vor dass der Vater nur
gepredigt hat vor zwei alten Frauen vor mir und den Amseln und einmal pfiff
das Männchen mitten im Vaterunser über der Kanzel sein Lied Auch sie halten
Gottesdienst auf ihre Weise so gut sie es verstehen«
Die stille Freude machte ihr Antlitz so schön dass Bernhard sie mit
unverhohlener Bewunderung betrachtete »Zürnt nicht der dreisten Frage Wie
konntet Ihr dies einsame Leben unter dem wilden Volk ertragen«
»Ja es ist einsam hier« antwortete Judit mit trübem Blick »Die liebe
Sonne kommt auch im Sommer spät und scheidet früh im Winter sperrt der Schnee
zuweilen die Pforte und ich bin mit meinen Gedanken allein mit der alten Ursel
und mit den Haustieren Dann schwatzt und erzählt jedes in seiner Weise Doch
fehlt es mir niemals an Zuspruch von Armen und Kranken welche um Rat fragen
auch werde ich oft nach auswärts geladen und draußen am Rand des Waldes leben
auf den adeligen Gütern einige Frauen wenn sie nicht gerade in die Stadt
geflüchtet sind welche es gut zu mir meinen dort helfe ich in den Notzeiten
bei der Pflege«
»Schrecklicher noch als die Einsamkeit ist die Gefahr unter dem Landvolk und
dem Raubgesindel welches umherstreift« bedauerte Regine
»Ich bin daran gewöhnt auch ist mir die alte Ursel ein guter Schutz sie
ist klug und weiß mit den Leuten fertig zu werden«
»Dennoch wundert mich« fuhr Regine fort »dass Ihr Euch nicht in die Stadt
gerettet habt«
»Mir gefiel nicht zu dienen« antwortete die Jungfrau mit gehobenem Haupt
»hier habe ich ein Heimwesen das mir der liebe Vater hinterlassen hat Soll ich
mich unter fremdem Dach um Gabe und Gunst bemühen«
Bernhard stimmte warm zu »Auch wir Schwester Regine und ich sind freudlos
in der Welt und uns ist es nicht so gut geworden dass wir ein eigenes Obdach
haben Darum werte Jungfer« fuhr er bittend fort »gibt mir Eure bewiesene
Freundlichkeit den Mut ein Gesuch an Euch zu richten dass Ihr meine Schwester
länger als heut bei Euch leidet bis ich für sie gefunden was wir begehren
auch mein Geselle wünscht als Salva Guardia im Dorfe zu bleiben bis das
Geschäft in Gota vollendet ist«
Und Regina hörte wieder mit Verwunderung dass Judit feierlich antwortete
»Ihr habt ein Recht darauf dass das Haus meines Vaters Eurer Schwester ein
Obdach werde solange Ihr es begehrt«
Herzog Ernestus
Ein Bauer schlug heftig an die Pforte und rief in den Hof »Der Herzog ist im
Dorfe er fordert die fremden Männer«
Bernhard eilte hinaus zögernd folgte sein Begleiter Auf dem freien Platze
am Gemeindehause hielten Bewaffnete Jäger und Trabanten in ihrer Mitte der
Herzog welcher die Berichte des Schreibers und des Pfarrers anhörte Er nickte
ein wenig auf den ehrfurchtsvollen Gruß Bernhards und beobachtete ihn während
er zu den Dorfleuten sprach prüfend aus der Ferne Er war ein hagerer Herr den
Jahren nach nicht alt aber mit gefurchtem Antlitz und einem Zug von Trauer um
den Mund so dass man ihm ansah er hatte Schweres erlebt Endlich ritt der
Jägermeister auf die Fremden zu und fragte von oben herab »Ihr seid zur Nacht
über den Wald gekommen habt ihr etwas von den fremden Räubern gesehen« »Nur
eine Rauchsäule in der Ferne und ein leeres Dorf« »Ihr habt vorgegeben einen
Auftrag an herzogliche Gnaden zu haben Wer seid Ihr« Bernhard griff in das
Wams »Hier ist unser Kreditiv welches ich dem Herrn Herzog in eigene Hand zu
übergeben bitte«
Der Jägermeister reichte das Schreiben dem Herzog dieser las lange darin
und sah wieder erstaunt auf die Abgesandten endlich barg er das Papier in
seiner eigenen Tasche winkte Bernhard heran und gebot dass die Umstehenden
zurücktraten »Ich kenne niemand von denen welche Euch sandten« sagte er und
Misstrauen klang aus der Rede »Was sucht der Herr Rittmeister König wenn Ihr
der seid bei mir«
»In einer importanten Sache erbitte ich ehrerbietig bei Eurer herzoglichen
Gnaden Audienz«
»Ihr habt einen Begleiter Ist das jener Mann Und wie der Pfarrer
berichtet führt Ihr auch ein Weib mit Euch«
»Meine Schwester« antwortete Bernhard »sie hat in jenem Hause ein Obdach
gefunden«
Wieder musterte der Herzog das Aussehen des Fremden Die mannhafte Haltung
mochte ihm gefallen denn er schloss freundlicher »Ihr traft es ungünstig mit
Eurer Ankunft Der Beamte hat Euch als Soldaten erkannt und behauptet dass die
Plünderer zu Eurem Volke gehören Ich hoffe er war im Irrtum Ein Trabant den
ich zurücklasse soll Euch morgen in der Frühe nach Gota geleiten« Er winkte
den Abschied und hörte wieder auf die Klagen der Dorfleute
Am nächsten Morgen ritt Bernhard mit dem Reiter des Herzogs der Stadt zu
Der Führer schaffte ihm Einlass bei der Wache und hielt nahe am Tor vor einer
Herberge »Da Ihr von der schwedischen Salva Guardia welche in der Stadt liegt
nicht beachtet werden wollt so stellt Euer Pferd hier ein und folgt mir zu Fuß
nach dem Schloss« Er wies die Richtung und ritt davon Bernhard schritt durch
enge Gassen nach dem Markte er fand die Straßen voll von geschäftigen Menschen
die den Fremdling neugierig und forschend ansahen viele unter ihnen in
mangelhafter Bekleidung mit bleichen und vergrämten Gesichtern Auch die Häuser
waren mit Einliegern überfüllt noch in den Dachluken guckten Kinderköpfe und
hing die Wäsche armer Leute Aus den engen Höfen hörte er Gebrüll der Rinder
und neben den Hunden liefen grunzende Schweine vor den Haustüren Denn viele
Landleute waren nach der Stadt geflüchtet und hausten mit ihrem Vieh gedrängt in
jämmerlichen Wohnungen Vor wenig Jahren hatte überdies eine große Feuersbrunst
den Ort verwüstet nur die Hälfte der Häuser war aufgebaut auf vielen
Brandstätten standen zwischen verkohlten Balken ärmliche Holzhütten Auch der
Marktplatz war mit Bretterbuden und Leinwandzelten besetzt an welchen armselige
Frauen wuschen und kochten und halbnackte Kinder auf den Steinen spielten
dazwischen standen Rüstölzer geschichtete Ziegel und Kalkbühnen Wagen mit
Bauholz und Lehm Überall belästigte Strassenschmutz Geschrei und Zanken der
Menschen und Bernhard dachte mit Sorge wie die Schwester in der wüsten und
gefüllten Stadt ein Unterkommen finden werde Über der Stadt aber erhob sich auf
steiler Höhe ein gewaltiger Ziegelbau das neue Schloss des Herzogs Auch dort
vernahm man das Geräusch der Bauarbeit Hiebe der Äxte und laute Zurufe an eine
lange Reihe geschirrter Pferde welche die Dachbalken mit starken Seilen hoch
hinaufhoben Es war überall wenig zu sehen was das Auge erfreute aber aus dem
Wirrwarr der Not und Drangsal erkannte man doch schaffende Kraft In den
Werkstätten schnitten und pochten die Handwerker an vielen Fenstern boten sich
ausgestellte Waren in den Kaufläden standen die Kunden und die Schenken waren
gefüllt
Bernhard stieg den steilen Schlossberg hinauf und wurde von dem Trabanten
der ihn am Tor erwartete eilfertig zu den Gemächern des Herzogs geführt Ein
Kammerjunker öffnete die Tür des Arbeitszimmers und Bernhard stand dem Herzog
allein gegenüber Dieser hielt das Kreditiv in der Hand »Ihr seid also Bernhard
König«
»Rittmeister der Leibkompanie von AltRosen deren Standarte ich sonst
trug«
»Wir lasen in den Avisen wahrlich mit Bedauern von einem Aufstand der
weimarischen Völker und wie ich sehe sind es fahnenflüchtige Empörer welche
Euch zu mir deputiert haben«
»Die Regimenter welche mich gesandt haben führen die alten Kornette und
Fahnen die sie zum großen Teil durch Eurer Gnaden Bruder empfangen haben von
dem wortbrüchigen Franzosen hinweg Und weil sie das Andenken an den deutschen
Kriegshelden Herzog Bernhard mit getreuen Herzen bewahren stehe ich jetzt vor
dem Angesicht seines erlauchten Bruders«
»Ihr sprecht hohe Worte« antwortete der Herzog »sie rechtfertigen das
unerhörte Unterfangen nicht«
»Eurer herzoglichen Gnaden ist bewusst« fuhr der Abgeordnete fort »wie nach
Herzog Bernhards Tode die Obersten des führenden Heeres mit der Krone
Frankreichs paktierten Von allem aber was damals beschworen wurde hat der
Franzos uns nichts gehalten seit vollends Graf Turenne als unser Feldhauptmann
aus Frankreich geschickt wurde hat man uns über alle Gewohnheit den Sold
vorenthalten so dass der Hunger Tross und Pferde im ausgesogenen Lande frass in
die Kommandostellen drängten sich Franzosen vornehme Gecken mit Affengebärden
prahlerisch und hochmütig welche unsere Sprache nicht verstanden und sich damit
rühmten dass sie die deutsche Art verachteten Unwillig trug der Soldat durch
Jahre die fremde Dienstbarkeit Als aber der Marschall sich rüstete uns vom
Elsass aus in fremde Länder zu führen klagten Offiziere und Gemeine über den
Bruch des Vertrages sie verweigerten den Marsch und weil der Franzose uns mit
seiner Gewalt bedrohte forderte sich das Heer unsern Generalleutnant Rosen zum
Führer und zog es aus dem Elsass bei Strassburg über den Rhein zurück Turenne
aber setzte den Rosen hinterlistig gefangen während dieser in guter Meinung
zwischen dem Heere und dem Marschall vermittelte Da kehrten die Regimenter dem
treulosen Franzosen den Rücken und wandten sich nach dem Schwabenland Turenne
kam nachgerückt und gewann durch listige Versprechungen unsere Obersten und
Offiziere die auf sein Veranstalten getrennt von ihren Soldaten in städtische
Quartiere gelegt waren Die uns führen sollten dieselben welche den Widerstand
gegen die Franzosen genährt hatten verrieten unsere Sache Doch die gemeinen
Soldaten traten zusammen und weil sie herrenlos und verkauft zwischen Feinden
standen wählten sie aus den alten Reitern sich selbst ihre Befehlshaber und
schworen einander bei den Feldzeichen zu als redliche Deutsche Blut und Leben
miteinander daranzusetzen nimmermehr aber dem falschen Franzosen zu gehorchen«
Der Herzog murmelte »Die Welt verkehrt sich Die Herren sind Diener des
Erbfeindes und der verlorene Haufe handelt von der Ehre des deutschen Namens«
»Vom Neckar zogen wir dem Main zu in fester Ordnung doch noch immer kam uns
der Franzose nach bat und drohte wir aber ließ ihm sagen das Tuch sei
zerschnitten zwischen ihm und uns Nahe dem Main ersah er seinen Vorteil als
ein Hohlweg unsere Völker teilte griff er die Nachhut an wir aber schlugen ihn
zurück« fuhr der Bote mit leuchtenden Augen fort »und der arge Mann entwich
nach Frankreich«
»Ihr warft den Turenne zurück« fragte der Herzog ungläubig »uns wurde
geschrieben dass der Hauptteil der Weimarischen bei ihm zurückgeblieben sei und
nur schlechtes Volk entwichen«
Unwillig rief der Bote »Eine Lüge wars Ich verberge Eurer herzoglichen
Gnaden nicht dass unser tapferes Heer zerrissen ist Vier berittene Regimenter
die gesondert lagen hielt er am Rheine von uns ab Jedoch die Stärke blieb
vereint Es sind die acht Reiterregimenter AltRosen Mazarin Fleckenstein
Wittgenstein Ohme Russwurm Taupadel Schütze dazu die Hälfte von
RosenDragoner und die letzte übrige Kompanie des alten gelben Regiments das
König Gustav Adolf selbst geführt«
»Ihr nennt wohlberühmte Feldzeichen« rief der Herzog erstaunt
»Diese sind es die mich zu Eurer herzoglichen Gnaden gesandt haben Auch
unsere Reihen sind gelichtet mancher wurde weggelockt dem der Mut versagte vor
der unsicheren Zukunft denn heimliche Boten kamen täglich von den Offizieren
mit hohen Versprechungen Den Schlechten aber missfiel die strenge Kriegszucht
welche wir halten Sie hatten auf Räuberleben gehofft und wenn wir einen Lump
arkebusierten oder an die Bäume hängten so verschwanden seine Genossen in der
nächsten Nacht ich denke diese vergingen im elenden Krieg mit den Bauern
bevor sie ihrer Freiheit froh wurden«
»Dennoch seid ihr nicht besser daran« entgegnete der Herzog »jeder
ehrliche Befehlshaber wird sich gegen euch rüsten denn ganz unleidlich ist
solcher Abfall und ein bedrohliches Exempel für alle Kriegsherrlichkeit«
»Wir fürchten keine Gewalt« antwortete Bernhard »und haben noch wenig von
fremdem Hass gemerkt dagegen kann ich Eurer herzoglichen Gnaden nach Wahrheit
versichern dass wir bis jetzt nur Gunst genossen denn wie zu einer reichen
Braut so ritten bei uns die Freiwerber ein Kaiserliche Hessen und Schweden
Wir haben die Wahl zwischen großen Potentaten und wir meinen dass uns jeder
mehr verspricht als er halten wird«
»Und wollt ihr euch vermessen im Kriege zu bestehen gegen alle und gleich
wilden Wölfen durch die Länder zu trotten damit euch jedermann erschlage«
fragte der Herzog
»Wir suchen einen Landesherrn der unseres Stammes und Glaubens ist damit
wir ihm als redliche Soldaten gehorchen und darum Herr Herzog stehe ich hier
denn wir suchen Euch«
Der Herzog trat zurück und der Abgesandte fuhr fort »Diese Botschaft
senden Euch die alten Reiter Herzog Bernhards als der Beste erscheint Ihr uns
von den Brüdern unseres ruhmreichen seligen Herrn Mancher unter uns hat seinen
ersten Kriegsdienst zugleich mit Euch getan da Ihr als Oberst in unserem Heere
gebotet Euch rühmt die allgemeine Sage als gottesfürchtig und gerecht als
einen Fürsten der das Wohl seiner Zugehörigen nie vergisst und der zwischen
harten und eigennützigen Gebietern den Vorteil des deutschen Landes höher achtet
als den eigenen Nutzen Auch ist uns wohl bewusst dass unser teurer Herzog
Bernhard Euer Bruder in seinem Testamente Euch zum Erben seines ganzen Heeres
gesetzt hat Und seine Regimenter welche der Krieg noch nicht getilgt denken
jetzt daran dass sie als Erbteil Euch zugehören Darum erbieten wir die Ihr
verlorene Kinder des deutschen Landes nanntet uns gegen Euch zu treuem Dienste
ob Ihr durch unsere Fäuste dazu helfen wollt dass unser deutsches Land den
ersehnten Frieden gewinne Sinds auch acht Regimenter nur zweitausend Mann in
Reih und Glied die heute durch mich vor Euer Angesicht treten ich darf es
sagen Herr Herzog die Spreu ist von uns weggeflogen ein Kernvolk ists das
dreifache Übermacht nicht fürchtet und rühren wir in Eurem Namen die Trommel
so strömt in wenig Monden ein Heer zusammen das Euch den Kaiserlichen und
Schweden furchtbar macht«
»War ich ein Kriegsmann« entgegnete der Herzog in tiefem Ernst »das Amt
ist abgetan Seit neunundzwanzig Jahren hat die Kriegsfurie Tod und Verderben in
die Länder geführt mein fürstliches Amt ist zu erhalten und zu retten was
noch am Leben ist nicht neues Blutvergießen aufzuregen Ich weigere euch was
ihr mit hoher Mahnung von mir verlangt Denn wenn ich wagen wollte was für mich
ein frevelhaft Beginnen wäre ich könnte mir aus dem zerstörten Lande vielleicht
einen größeren Lappen zu meinem Fürstenmantel schneiden aber ich würde neue
Steine legen in den Pfad der jetzt zum goldnen Frieden für uns gebahnt wird
Und wenn ich für meinen und meines Hauses Vorteil nur um vier Wochen den
Abschluss des teuren Friedenswerkes verzögern wollte so wäre es vor Gott und
meinem Gewissen ein schweres Unrecht«
»Hoffen Eure herzoglichen Gnaden dass der Frieden komme Der müde Soldat
glaubt nicht dass er ihn erleben wird«
»Wir alle harren zwischen Furcht und Hoffnung« antwortete der Herzog »Sind
ohnedies die Schwierigkeiten zahlreich die den Abschluss des Friedens
verhindern wie darf ich durch freches Unterfangen auch das umstürzen was
bereits in gutem Vertrauen beschlossen ist Ein neues Heer schafft sich neuen
Krieg das solltet Ihr wissen denn der Soldat vermag nicht von Luft zu leben
und nicht von Hoffnungen auf den Frieden«
»Herzogliche Gnaden gestatten mir zu sagen Ein redlicher Herr der seinen
Feinden schreckhaft wird durch ein kriegshartes Heer und auf den Vorteil aller
denkt wäre wohl imstande die Fürsten der protestantischen Partei in einem
Bündnis zu konjungieren die Sachsen Hessen Braunschweiger den Brandenburger
und solches Bündnis wenn es auch nur Neutralität begehrt würde den Kaiser und
die Fremden zum Frieden zwingen«
»Die deutschen Fürsten konjungieren« rief der Herzog »Ihr kennt die
Staatsräson nicht die jeden verhindert dem anderen zu trauen Kann der gemeine
Soldat in schwerer Stunde einmal den eigenen Vorteil vergessen die großen
Landherren können das nicht Wo habt Ihr Euer Heer verlassen und wohin geht
Euer Marsch«
»Die Regimenter lagerten bei Neustadt als ich von ihnen ritt Sie wollten
langsam heranziehen bis Wasungen«
»An meine Grenzen« fragte der Herzog »und wieviel Köpfe zählt der Haufe«
»Mit Reitern Weibern Buben und Kindern an achttausend Menschenhäupter
dazu dreitausend Pferde«
Der Herzog schritt heftig durch das Zimmer »Achttausend Mäuler dazu
dreitausend Rationen sie verzehren in wenig Wochen mein ganzes Land Ich
weigere euch den Eintritt soweit ich es vermag Wollt ihr aber meinem
fürstlichen Willen trotzen und euch in meinen Dörfern setzen so werdet ihr
selbst sehen dass wenig darin zu holen ist Bald wird der Hunger euch tilgen In
dem Nest der Grasmücke sitzt bereits ein Kuckuck Meine Untertanen darben weil
wir den Schweden in Erfurt zu füttern haben«
»Sorgen herzogliche Gnaden nicht« antwortete Bernhard traurig »wir meiden
den Bezirk welcher dem schwedischen Kriegsvolk kontribuiert und werden Euer
Land nicht beschweren wenn wir nicht dazu gezwungen werden«
Beide schwiegen still bis Bernhard wieder begann »In treuer Meinung und
hohem Vertrauen sandte mich unser Volk zu einem Herrn den alle Welt als klug
und redlich rühmt Sind Eure herzogliche Gnaden ausserstande mich mit einer
freundlichen Antwort zu entlassen Viele unter uns waren der Hoffnung dass dem
Herzoge von Gota auch wenn er nicht heilsam befinden sollte mit eigenem
Kriegsheer ins Feld zu ziehen doch eine wehrhafte Mannschaft willkommen sein
könnte Die Mehrzahl unserer Soldaten ist aus Thüringen und Sachsen sie würde
sich wohl zu der Bevölkerung des Landes schicken Auf dem Wege hierher erfuhr
ich dass fremdes Kriegsvolk ungebändigt im Lande beutet ich sah viele leere
Höfe und wüste Äcker gern würde der Soldat wenn er nicht mehr zum Schutze des
Heimatlandes gebraucht wird mit Weib und Kind die leeren Höfe besetzen und
einem huldvollen Herrn der ihn seiner Dienste entlässt als friedlicher Untertan
gehorchen«
Der Herzog trat zu dem Sprechenden »Ihr führt die Sache Eurer Kameraden
wie ich erkenne mit Verstand und ich will ehrlich auf Euer Vertrauen
antworten Wenn ich euch mein Gebiet öffne und euch in meinen Dienst nehme nur
zum eigenen Schutz so sind eurer zu viel und ich bin nicht reich genug euch
zu unterhalten zumal ich euretwegen sogleich mit dem Schweden in Händel käme
Wenn ich euch aber annehme mit dem Versprechen euch abzulohnen und statt des
Soldes mit Wohnstätte und Land zu begaben so würde euer wildes und hungriges
Gesinde schnell darauf pochen und verlangen dass ich sie bis zu nächster Ernte
füttere und noch darüber hinaus falls ihnen die ungewohnte Bauernarbeit nicht
gedeiht Darum muss ich auch diesem Wunsche widerstehen Wollt ihr jenseits der
Grenze mit eigener Faust das Tuch von den Standarten lösen und wollen die
entlassenen Soldaten mit Weib und Kind als friedliche Wanderer in mein Land
ziehen so will ich sie günstig aufnehmen und ihnen leicht machen die leeren
Höfe zu besetzen«
»Der Soldat fühlt in seinem Herzen wie bitter und schwer die Zeit ist«
antwortete Bernhard mit Zurückhaltung »aber er weiß auch dass er jetzt als ein
Herr der Welt gebietet Denn weil er nicht gequält und zertreten werden wollte
darum ist er der Fahne zugezogen Solange er in friedlicher Arbeit keine
Sicherheit findet und solange im Herzogtum Gota noch der Schwede und der
kaiserliche Freibeuter herrisch über die Flur reiten werden Eure herzogliche
Gnaden nicht verlangen dass die Axt zum Holzblock werde von dem die Fremden
ihre Späne hauen«
»Wollt ihr so trotzig des Teufels Werke weiter üben« rief der Herzog
unwillig »so fahrt dahin auf dem Wege den euch der Böse führt ich versage
mich euch« Da Bernhard gekränkt schwieg fuhr der Herzog nach einer Weile
ruhiger fort »Meint ihr dass ich das Elend meines wehrlosen Status weniger
fühle als ihr Keiner wird so gedemütigt durch die Herrschaft der Fremden und
durch den Raubsinn ihrer Befehlshaber wie der Fürst der seinem Gott gelobt hat
ein Vater des Landes zu sein Glaubt mir Fremdling dass es meinem fürstlichen
Blut bitter und sauer ankommt jedem wilden Räuber der mit einem Heerhaufen
über die Grenze bricht zu zinsen und zu zahlen und dazu noch groben Hohn zu
ertragen Aber der Herr hat mir das christliche Amt anvertraut nicht zu
zerstören sondern zu erhalten vor allem aber meine eigenen Untertanen deren
wenige geworden sind aus Zuchtlosigkeit und Verderb wieder in die Ordnung zu
zwingen damit sie nicht wie Drohnen im Stocke leben sondern wie nützliche
Bienen Andere Waffen führe ich als eure Reiterpistolen ich weiß wohl dass der
Übermut dieser Welt sie verlacht und dass viele mich einen Toren schelten
Dennoch denke ich fest zu bleiben und mich gegen die blutige Faust des Krieges
mit meinem Rüstzeug zu wehren Wollt Ihr dies Rüstzeug kennenlernen Ich will es
Euch weisen« Er hob eine Handbibel in die Höhe die auf seinem Tische lag
»Hier das Wort Gottes Dies Geschlecht hat den Glauben verloren und ich
schüttle sie täglich an den Ohren damit sie wieder beten lernen In weltlichen
Dingen aber ist mein Werkzeug dies hier« Er wies auf einen Bogen Papier »Auf
solchen Bogen sende ich täglich meine Befehle und Ordnungen für jeden Stand für
jedes Amt und jeden Ort durch das Land Meine verwilderten Untertanen schnellen
sie zuweilen in die Luft sie sind säumig zu gehorchen und verlachen ihren
Herrn als einen machtlosen Schreiber aber sie gewöhnen sich doch daran Befehle
zu empfangen und da sie merken dass der Nacken des Herzogs noch steifer ist als
der ihre so werden meine treuen Beamten allmählich ihrer Meister Und endlich
mein letzter Helfer ist dieses Gerät« er wies durch das Fenster auf den Hof
wo eine Reihe Arbeiter mit Handkarren fuhr »Der Radkarren ist es durch den ich
sie gewöhne an täglichen Fleiß und an den Dienst für mich damit ich das
ruchlose Herumlungern bändige Es tat bis jetzt ein jeder was er für sich
selbst wollte ich aber bin gewillt ihn zu solcher Arbeit zu zwingen welche
anderen frommt«
»Herzogliche Gnaden sprechen als Friedensfürst aber noch rast der
schädliche Krieg welcher jederzeit in wenig Tagen zerstören kann was eines
guten Landesherrn Fürsorge durch jahrelange Mühen gebessert hat und ich erflehe
Verzeihung wenn ich daran erinnere Ich halte hier ein Gewicht in der Hand
zweitausend der besten Soldaten das biete ich Eurer Gnaden damit Dieselben es
in ihre Waagschale stellen verschmäht der Herzog von Gota dies Gewicht für
sich zu verwenden so fasst ein anderer danach Vielleicht der Schwede
Herzogliche Gnaden mögen selbst ermessen ob solcher Zuwachs wenn er in die
Schale eines Fremden fällt für dieses Land Frieden oder Verlängerung des
Krieges bedeutet Von den Heeren die im Felde liegen zählt zur Zeit keines
mehr als zehntausend wirkliche Soldaten fallen zweitausend welche dem
Franzosen abgehen jetzt dem Schweden zu so kann wohl geschehen dass dieser
dadurch das stärkste Gewicht in deutschen Landen erhält und Meister des Spieles
wird«
»Was Ihr mir einwendet Herr« entgegnete der Herzog »das klingt wie eine
Drohung auch darauf will ich Euch runde Antwort geben Zu dem heiß ersehnten
Frieden vermag ich nur zu helfen durch meine Gesandten an der Stätte wo über
den Frieden verhandelt wird und durch Mahnung an befreundete Fürsten dass sie
zu hoch erhobene Prätention einschränken Im übrigen habe ich mich und meine
Untertanen vertrauend in Gottes Hand gegeben er allein ist jetzt der große
Fürst der unserem Elend helfen will und kann Vertraut auch Ihr dass dieser
Helfer die Herzen der Gewaltigen dem Frieden zuwende«
Da Bernhard ohne zu antworten der Entlassung harrte fuhr der Herzog nach
einer Weile in gütigem Tone fort »Ich habe mit Euch der Ihr mir fremd seid
verhandelt wie mit einem alten Bekannten Denn wisst wenn ich auch dem Antrag
Eurer Völker widerstehe es ist mir doch genehm dass sie wegen meines seligen
Bruders und meines ehrlichen Namens in guter Meinung an mich gedacht haben Auch
Ihr selbst Herr Abgesandter seid mir wohlgefällig und ich habe solche Rede
wie Ihr zu mir getan nicht aus Eurem Lager erwartet Woher stammt Ihr Ich höre
aus Euren Worten dass Ihr ein Literatus seid wie kamt Ihr zu den weimarischen
Völkern«
»Mein seliger Vater zog als ein vermögender Kaufmann von Frankfurt nach
Nürnberg er starb in der Notzeit die unter König Gustav Adolf hereinbrach Die
Mutter erzog in Treue mich und eine junge Schwester zu Strassburg habe ich das
Jus studiert und gedachte in meiner Heimat Frankfurt durch Freunde und Gönner
ein Amt zu erhalten da geriet ich mit einem vornehmen Lotringer in Zweikampf
und entzog mich der Rache seiner Angehörigen unter der Standarte«
»Ihr führt die Schwester mit Euch umher Der Tross des Heeres ist ein übler
Aufenthalt für ein sittsames Frauenzimmer«
»Vor zwei Jahren starb die liebe Mutter da kam mir aus Nürnberg ein Brief
der Schwester zu sie war dort ohne Anhang und obgleich sie würdige Bekannte
gefunden hatte so sehnte sie sich doch hinweg und zu mir« Als Bernhard zögernd
innehielt fuhr der Herzog mit neuem Anteil fort »Was ist es mit ihr Der alte
Pfarrer hat mir Wunderliches erzählt«
»Sie lebt in schwacher Gesundheit gnädiger Herr und vor Jahren ist eine
Heimsuchung über die fromme Magd gekommen dass sie im Schlafe zuweilen laut
Gebete und allerlei gottselige Worte spricht Die Geistlichkeit zu Nürnberg
aber welche durch unsere Mutter Kunde davon erhielt achtete stark auf ihre
Reden und wollte ein Wunder aus ihr machen Das widerstand ihrer Sittsamkeit
denn verzeihen Eure herzogliche Gnaden wenn ich als Bruder sie rühme sie ist
bescheiden und ehrbar und dabei von nicht gemeinem Verstande Aus den
Winterquartieren wagte ich mich nach Nürnberg und nahm sie zu mir mit der
Intention ihr so bald als möglich an einem guten Ort bei redlichen Leuten ein
Unterkommen zu schaffen Darum als ich hierher deputiert wurde beschlossen wir
zu versuchen ob sie in der Stadt Gota wo das Evangelium geehrt wird bleiben
könnte Die Kosten ihres Unterhaltes würden niemandem zur Last fallen denn sie
ist von unseren Eltern her trotz der Kriegszeit nicht ganz ohne Vermögen Jetzt
haben herzogliche Gnaden selbst mir den Mut gegeben zu flehen dass ihr
verstattet werde hier in ehrbarem Haushalt unter hohem landesherrlichen Schutz
zu weilen bis ich weiter für sie zu sorgen vermag«
»Hat sie den christlichen Sinn welchen Ihr rühmt« antwortete der Herzog
gütig »so soll sie auch die Sicherheit genießen welche die Mauern meiner
Residenz bieten können Habt Ihr sie zur Stadt geführt«
»Ich ließ sie im Dorfe zurück unter dem Schutz meines Gefährten im Hause der
Jungfer Möring Sie ist gut bei der Jungfer aufgehoben aber die Gegend ist
unsicher Doch hoffe ich sie wird von dort aus besser als ich Kundschaft in der
Stadt gewinnen Denn ich berge Eurer herzoglichen Gnaden nicht dass ich nach dem
hier erhaltenen Bescheide genötigt bin mit erwählten Deputierten der
Regimenter welche in Wasungen meiner Antwort harren zum Schweden nach Erfurt
zu reiten und ich wage deshalb noch die Bitte meinen Gefährten den Zug durch
das Gotaische gnädigst zu verstatten«
»Wieviel sind eurer« fragte der Herzog mit erwachender Unruhe
»Dreißig Pferde Ich bürge dafür dass wir weder mit Kost noch mit Quartier
die Einwohner beschweren«
»In diesem Fall habe ich nichts dawider Meldet Euch bei dem schwedischen
Offizier welcher als Salva Guardia unten auf dem Markte einliegt Wenn Ihr zu
dem Schweden reiten müsst so wird Euch selbst daran gelegen sein dass Eure
Sendung an mich nicht ruchbar werde Führt Euch Euer Weg wieder in mein Land so
lasst Euch vor mir sehen ich freue mich dass ich meine Wohlmeinung auch Eurer
Schwester erweisen kann« Er neigte sich gegen den Gesandten zu gnädigem
Abschied
Als der Herzog allein war pfiff er auf einer silbernen Pfeife die er am
Halse trug und befahl dem eintretenden Diener sogleich den Licentiatus Hermann
zu holen welcher die Aufsicht über den sechsjährigen Prinzen hatte und außerdem
von dem Herrn als vertrauter Sekretär gebraucht wurde »Ihr wart längere Zeit in
Nürnberg Habt Ihr allda von einer Jungfer Regina Königin etwas vernommen Gutes
oder Schlimmes«
»Gewiss habe ich« antwortete der Lizentiat »Der hochwürdige Propst mein
verehrter Gönner der mich meinem gnädigsten Landesherrn empfahl hat selbst ein
Skriptum über sie aufgesetzt Die Jungfer wurde als eine gottselige Bekennerin
gerühmt welcher nach Meinung einiger die Gabe der Prophezeiung verliehen war
Mir ist vergönnt worden den Aufsatz abzuschreiben und werde ich denselben
herzoglicher Gnaden unterbreiten können«
»Holt ihn zur Stelle« gebot der Herzog eifrig »schreibt der Vorsicht
halber nach Nürnberg und sorgt dass der Brief mit dem nächsten Expressboten
ablaufe damit man erfährt wie die Jungfer von Nürnberg geschieden ist und was
es mit ihrem Bruder für Bewandtnis hat«
Als Pieps allein war und die Pferde besorgt hatte steckte er die Daumen in
seinen Gürtel und stellte sich vor dem Hausknecht auf welcher verwundert das
weltmännische Benehmen des Kleinen betrachtete und noch mehr erstaunte als
dieser in einem Gespräch genaue Kenntnis der Stallgebräuche offenbarte indem er
fragte wo hinaus Erfurt liege und anderes was einem Reiterjungen am Herzen
lag Da Pieps Zutrauen zu dem Knechte gewann empfahl er ihm die Pferde
stolzierte auf die Gasse und betrachtete in seiner Weise die Stadt Er
widerstand der Versuchung aus dem Fleischladen in welchem viel Lockendes offen
dalag sein Frühstück zu beuten verschmähte aber nicht die Bekanntschaft eines
Strassenjungen zu machen und ließ sich von diesem das Haus der Schmiedin Stange
zeigen Als er in der offenen Hausflur eine hagere Frau von unzweifelhaftem
Alter am Waschtrog beschäftigt sah trat er auf die Schwelle und begann »Seid
Ihr mit einem Herrn Oberst Stange verwandt der am Rheinstrom bei den
weimarischen Völkern wegen seiner Bravour sehr gefürchtet ist Man sagt dass er
aus Thüringen stammt« Die Frau starrte auf den Knaben der fremdländisch
sprach und stattlich gekleidet war
»Seid Ihr nicht mit ihm verwandt so schadets auch nicht adjes« fuhr
Pieps fort und wandte sich zum Abgehen Die Frau trat auf ihn zu packte ihn
schnell beim Kragen riss ihn in die Stube und schnappte die Tür zu Der Bube
ließ sich die Gewalttat ohne Widerstand gefallen setzte sich nieder und
antwortete auf die heftigen Anklagen und Fragen der Verlassenen bereitwillig
aber nicht wahrhaft während seine Augen scharf in alle Ecken spähten
»Der Genannte hat große Beute gemacht und man sagt er will nächstens
heimkehren habt Ihr etwas an ihn zu bestellen Ich habe keine Zeit denn ich
will frühstücken«
Unter harten Beschwerden über ihren einsamen Stand schloss die Frau den
Brotschrank auf
»Käse nehme ich nicht« sagte Pieps und sah genau in den Schrank »denn ich
bin Page eines vornehmen Offiziers und esse nur Wurst« Aber so hohen Genuss
vermochte ihm die Schmiedin nicht zu bieten und er ließ sich endlich zu
Geringerem herab Als er sein Botenbrot verzehrt hatte entzog er sich weiteren
Zumutungen seiner aufgeregten Wirtin indem er behend einen Stuhl bestieg das
Schiebefenster öffnete und auf die Straße sprang Die Frau fuhr ihm an das
Fenster nach er aber zog einen kleinen Beutel aus der Tasche warf ihn in die
Stube und rief stolz »Nehmt die Bezahlung für das Frühstück« Darauf wandte er
sich mit der Sicherheit eines Strassenläufers der Herberge zu und erwartete den
Rittmeister
In gestrecktem Trab kehrte Bernhard nach dem Walddorfe zurück Er hielt an
um die Lerchen in der Luft zu hören und rief dem Hasen der neben ihm
aufsprang einen Jägerruf nach Das Herz war ihm leicht und der große Auftrag
der ihm bis dahin im Sinn gelegen beschäftigte ihn wenig Bevor ich über die
Berge kam dachte er bei sich stand mir der Mut mehr nach der schnellen
Reiterei bei dem Schweden als nach dem Trabantendienst eines kleinen Hofes
jetzt aber fühle ich ein Vertrauen zu dem Herzog und ich denke er wäre der
Landesherr unter dem ich gern im Frieden hausen würde Er kam beim Ritterhofe
eines Dorfes vorbei an der Brücke des Grabens stand der bewaffnete Hofherr
welcher soeben von auswärts heimgekehrt war und begrüßte sein Weib das ihm mit
dem Sohn an der Hand aus dem Hofe entgegentrat Bernhard sah wie der Mann das
Weib küsste und den Knaben zu sich heraufzog und als er selbst freundlich
grüßend vorbeiritt und verwunderten Gegengruss erhielt da lachte er und ihm fiel
ein dass auch er ein solcher Gutsherr werden könne durch redlich gewonnenes
Beutegeld und durch die Hinterlassenschaft seiner lieben Eltern Er sah sich als
Herrn im steinernen Hause die Schwester wohnte bei ihm Gottlieb war
Hofverwalter Pieps wurde sein Leibknecht und am Sonntage lud er den Pastor zum
Braten In seiner Kammer hing die Armatur am Nagel und daneben in einem Schrank
stand einiges was ihm von Büchern wert war darunter sein kleiner Horaz und der
anmutige Sänger Martin Opitz Aus diesem las er an Winterabenden den anderen vor
und sang seine Lieder zur Laute Auch der junge Sohn den der Gutsherr zu sich
heraufgehoben hatte kam in seinen Träumen wieder und dazu vernahm er eine
Frauenstimme Küsse deinen Sohn bevor er zu Bett geht Dieser Gedanke wurde
dem Rittmeister der liebste und er konnte gar nicht davon abkommen so dass er
sich über sich selbst wunderte
Als er durch eine offene Landstadt kam hielt er bei der Schenke und ließ
den Hausknecht die Pferde besorgen Die Wirtin eine leidliche Frau trat heran
und fragte ob er sich nicht auch eine Ergötzlichkeit begehre Sie trug ihm
einen Schemel zu und während er trank stand sie die Hände unter der Schürze
bereit ihn zu unterhalten und sagte laut dass sie ihn schon am Morgen mit
einem Trabanten des gnädigen Herzogs im Vorbeireiten gesehen Da fassten sich die
Nachbarn ein Herz welche ihn vorher neugierig aus Fenstern und Türen betrachtet
hatten sie kamen näher herzu und er saß von einem Kreis umgeben welcher
zutraulich fragte und von dem Einbruch der fremden Reiter in die Walddörfer
erzählte Sonst wäre ihm solches Geschwätz der kleinen Leute lästig gewesen
heut freute er sich dass sie ihn wie einen friedlichen Mann und Nachbar
behandelten ihm fiel auf die Seele wie fröhlich es mache wenn einer von allen
Seiten solche Ansprache finde und er dachte sich wieder in der Nähe als einen
sicheren Mann angesessen und in freundlichem Verkehr mit der Umgegend Und als
er ins Freie kam die grünen Triften vor sich sah und dahinter die Waldhügel da
begann er laut die Worte des Dichters zu singen
»Ihr Birken und ihr hohen Linden
Ihr Wüsten und du stiller Wald
Mein Trost und bester Aufenthalt
Ist jetzt bei euch allein zu finden«
Er spornte sein Ross dass es hoch aufsprang und wie er über den Steg lenkte und
vor dem Hause hielt empfand er in seligem Herzen dass alles ähnlich war wie er
sichs eingebildet hatte die Pforte war geöffnet die Schwester eilte ihm
entgegen und eine stand dabei und reichte ihm ihre Hand die er nicht wieder
loslassen wollte
Als Pieps hinter seinem Herrn im Quartiere anlangte berichtete er dem
Alten was er spioniert hatte »Stark von Knochen« sagte er »und fest im
Greifen Die Schmiede war kalt einiges Werkzeug vorhanden der Brotschrank
leer Euren Beutel warf ich durchs Fenster«
»Sie fluchte sehr« fragte Gottlieb bekümmert
»Es war nicht der Rede wert« tröstete Pieps
Junge Neigung
Die Männer hatten das Walddorf verlassen und waren mit den übrigen Deputierten
der Regimenter nach Erfurt geritten Dort erfuhren sie dass alle großen Mächte
ihretwegen in Bewegung waren und dass die schwedische Regierung um das
verbündete Frankreich nicht zu beleidigen darauf bestand noch einen
Sühneversuch zu machen So wurden sie durch fruchtlose Verhandlungen
aufgehalten Beim Abschied hatte Bernhard seiner Schwester den Buben und ihren
Zelter zurückgelassen mit dem Versprechen in das Dorf zurückzukehren bevor er
dem General Königsmark zuziehe
Regine saß am Spinnrade und Judit stand neben ihr sah der Arbeit zu und
prüfte den Faden »Er ist ganz fein und gleichmäßig« lobte sie »übt Ihr Euch
eine Weile so werdet Ihr eine Meisterin«
»Lange hat mir das Hauswesen gefehlt« klagte das Kind »und die stille
Arbeit bei der man sich jeden Abend am Ofen über das Fertige freut und bedenkt
was den nächsten Tag zu schaffen sein wird« Sie stellte das Spinnrad zur Seite
und Judit drehte die Schnur los welche um das Rad lief »Warum löst Ihr die
Schnur« fragte Regine wissbegierig Judit lachte »Sie sagen bei ungelöster
Schnur kommen die Erdmännchen und spinnen am Rocken dann hört man die Spule
schnurren«
»Glaubt Ihr dass sich solche Geister zu einem Mädchen drängen welches dem
lieben Gott vertraut« sagte Regine besorgt und sah in die Stubenecken
»Wir wissen es nicht« versetzte Judit ruhig »und Vorsicht ist ratsam
Denn es gibt viel geheimes Leben auf der Erde das uns Menschen unbekannt ist
schädliches und heilsames das erkennt jeder der um wohltätige Arznei zu sorgen
hat Viel hängt ab vom Tag und von der Stunde an welcher man sie zum Gebrauch
gewinnt und die weisen Leute sagen dass in den Kräutern der Flur kleine Geister
leben welche man die guten Holden nennt und die man sich geneigt machen kann
Wir merken auch dass manche von ihnen Männlein sind und andere Fräulein und
ihre junge Brut halten sie um sich gesammelt«
»Jungfer Judit davon steht nichts in der Schrift« rief Regine eifrig
»Aber es ist zu lesen in Feld und Wald« antwortete Judit »dort hat es der
liebe Gott verzeichnet«
»Ihr seid so gut gegen mich und ich merke auch gegen andere denn die
Leute hier achten sehr auf Euch Liebe Jungfer seid mir nicht böse wenn ich
frage warum singt Ihr des Morgens und Abends nicht aus dem Gesangbuch«
Judit strich der Fragerin liebkosend über das Haar
»Ich bin eines Pfarrers Kind und habe gelernt still mein Sprüchlein zu
beten Ich halte nichts von langem Absingen und Hersagen denn wer seine frommen
Gedanken zur Schau trägt der betet sich durch den Himmel durch wie die Rede
geht und muss jenseits Gänse hüten Euch wird das nicht begegnen« sagte sie
herzlich
Regine musste lachen »Auch ich denke so dass der stille Dienst am
wohlgefälligsten ist Diesen aber sollen wir den ganzen Tag üben«
»Auch seines Amtes redlich warten ist ein Gottesdienst« versetzte Judit
»Ist Euer Bruder ebenso gesinnt wie Ihr«
»Ich fürchte er folgt mehr Eurer Weise« antwortete Regine »Nach seinem
Herzen aber ist er ein liebevoller Knabe das weiß ich am besten«
Judit setzte sich neben sie »Denn Ihr müsst wissen« fuhr Regine
gewichtig fort »eine Schwester kennt den Bruder anders als jede Fremde und der
selige Vater sagte im Scherz Die Mutter sieht das Knäblein nackt und die
Schwester sieht es im Hemde fremde Jungfern aber sehen es im Seidenwams«
Jetzt lachte Judit »Der Herr Vater war wohl ein kluger Mann«
»Das war er« bestätigte die Tochter »er sah auch dem Bruder ähnlich hielt
sich stattlich und war von heiterem Wesen Und Ihr könnt mir glauben um den
Bernhard ists schade dass er ein Kriegsmann werden musste denn er hat gute
Wissenschaft in gelehrten Dingen spielt auch auf dem Klavicordium singt dazu
mit einer guten Stimme und macht allerwege die Leute fröhlich Ich aber bin ein
trauriger schwarzer Butz und er hat seine Not mit mir ich bin aus der Art
geschlagen sie sagen weil die Mutter bevor ich geboren wurde sich sehr wegen
der Kroaten geängstigt hat« Sie sah bekümmert vor sich hin
Judit nahm liebkosend die Hand des Gastes und hielt sie in ihren Händen
fest
Unterdes war das zugereiste Mädchen im Walddorfe ohne eine Ahnung zu haben
der Gegenstand hoher Beachtung geworden Den Herzog beschäftigte seit der
Unterredung mit Bernhard der Gedanke an die Geschwister doch um die Wahrheit zu
sagen er gedachte weniger des Bruders der ihm fremdes Kriegsvolk angeboten
hatte als der Schwester welche im Rufe stand zu prophezeien Und das war
nicht zu verwundern Denn jedermann wurde durch die Schrecken der Gegenwart
gepeinigt und fühlte ungeduldiges Verlangen in der Zukunft ein besseres Glück
zu erkennen Im Volke wucherte der Aberglaube und viele suchten durch geheime
Künste die seit der Heidenzeit nicht vergessen waren künftige Ereignisse zu
deuten und sich vor drohender Gefahr zu schützen überall erstanden Propheten
sogar Kinder weissagten und verkündeten bald Untergang der Welt bald Besserung
des betrübten deutschen Zustandes Auch der Herzog hatte seinen Anteil an
solcher Sehnsucht und Neugierde und konnte sich nicht versagen das Skriptum des
Nürnberger Propstes seinem Schlossprediger mitzuteilen Der Geistliche las mit
hoher Befriedigung und sprach Bewunderung der Verkündigungen aus obwohl diese
in der Hauptsache nichts weiter waren als umgewandelte Bibelsprüche Er
erstaunte nicht wenig als der Landesfürst seiner Beistimmung froh ihm
offenbarte dass das Wunderkind zur Stelle sei und dass es erwünscht wäre wenn er
dasselbe gegen billige Vergütung durch die Angehörigen des Mädchens für die
nächste Zeit in Wohnung und Kost nehme Der geistliche Herr bat um Erlaubnis
diesen Punkt mit seiner Hausfrau zu bereden da Seiner herzoglichen Gnaden nicht
unbekannt dass die derzeitige Wohnung des Schlosspredigers enge nicht günstig
gelegen und mit einer finsteren Treppe behaftet sei
Das verkannte der Herzog nicht und obgleich er vermied eine Abhilfe in
Aussicht zu stellen so sah der Prediger nebst seiner Gattin dennoch ein dass
die Aufnahme der Fremden vorteilhaft zu werden nicht unbegründete Aussicht
verschaffe
An einem der nächsten Tage fuhr ein stattlicher Wagen mit einer Schutzdecke
begleitet von einem herzoglichen Trabanten zu Pferde in das Walddorf und hielt
bei der Pfarre nicht lange darauf bewegten sich der Pfarrer und Lizentiat
Hermann in bedächtigem Schritt nach dem Hause der Jungfer Judit wo Licentiatus
einen Brief des Schlosspredigers an Regine übergab Nach dem notwendigen
Hinundherreden und nachdem sich beide Herren in aller Höflichkeit zu besten
Diensten erboten hatten wurden die Sachen der fremden Jungfer auf den Wagen
gestaut und dieselbe eingeladen auf dem Ehrensitze Platz zu nehmen dem
Lizentiaten aber zu gestatten dass er sie aus dem Dorfe in die Stadt und aus
einer unsicheren Wildnis unter die Augen und in den Schutz ansehnlicher Personen
stelle Die Mädchen hielten einander bei der Hand
»Es ist besser so für Euch« sagte Judit freundlich »seht Ihr Euren Bruder
wieder so grüßt ihn von mir«
Als aber der Besuch in den Wagen gehoben war und eine kleine Hand noch
einmal zum Abschied zurückwinkte schlug das Dorfmädchen die Hoftür zu eilte in
die Stube und saß dort lange mit gesenktem Haupt
Unterdes bemühte sich der Lizentiat durch höflichen und wohlanständigen
Diskurs seine schweigsame Reisebegleiterin zu unterhalten und da er ein
gescheiter und aufgeweckter Mann war so gewann er auch allmählich ihre
Aufmerksamkeit Er hatte das Zartgefühl von persönlichen Verhältnissen zu
schweigen aber er spielte sich behende auf Nürnberg die berühmte Stadt und
verschmähte nicht von der Verwunderung zu sprechen welche ihm alldort die
Tracht der Frauen und das großartige Aussehen der Stadt sowie auch die
künstlichen Gebäude verursacht hatten und nicht weniger das sogar in der
Kriegszeit lustige Leben auf den Wochenmärkten und das öffentliche Braten der
Fische Längere Zeit hörte ihm Regine mit Anteil zu endlich wagte sie die
schüchterne Bitte er möge ihr nicht verschweigen welche Gesinnung der Herr
Schlossprediger und dessen Frau Liebste ihr entgegenbrächten und wie sie sich
dort zu verhalten habe um zu gefallen »denn es ist schwer für ein Waisenkind
in fremdem Lande auch die Bräuche hier sind mir ganz unbekannt und ich möchte
doch dass beide in ihrem Gemüt von aufrichtiger Güte gegen mich würden« Da
vergaß der Lizentiat seine wohlgesetzten Reden und die gemessene Bewegung der
Hand welche dem Erzählenden wohl ansteht und brach heraus »Seien Sie nur ganz
ohne Sorge sehr verehrte Jungfer Königin und seien Sie nur ganz so wie Sie
auch gegen mich sind nach Ihrer eigenen Art und Sie werden allen Leuten hohen
und niedrigen über alle Massen gefallen« Aber er zuckte zurück und fasste sich
zusammen weil er ungebührlich laut und schnell gesprochen auch Regine saß
verlegen da bis ihr Begleiter wieder die richtigen Worte fand und gewissermaßen
zur Sühne seines jähen Wesens ausführlich über den geistlichen Herrn berichtete
sehr vorsichtig sehr voll von Hochachtung und Anerkennung jedoch so dass
Regine eine Meinung über ihren künftigen Beschützer bekam die sich später als
richtig erwies
Nämlich der Schlossprediger war ein wohlhäbiger Herr mit gerötetem Antlitz
runden grauen Augen und starkem Munde Er trug das große Haupt zurückgeworfen
und die Augen sahen gerade und stolz in die Welt Denn zu einer Zeit in welcher
friedliche Leute genötigt wurden scheu um sich zu blicken und leise zu reden
war er in der glücklichen Lage jede Woche seine Stimme mächtig über demütigen
Hörern zu erheben und keiner durfte ihm widersprechen So hatte er das Aussehen
eines gewaltigen Mannes und war in der Tat ein strenger Gebieter seiner
Gemeinde nur hatte auch er wie andere Machtaber mit der Schwierigkeit zu
kämpfen dass ihm sein Volk ungern gehorchte Zwar wenn er die Andersgläubigen
durch kräftige Schläge auf die Kanzel verurteilte waren seine Beichtkinder
recht wohl zufrieden wenn er aber einmal einen Feldzug gegen ihre liederlichen
Gewohnheiten unternahm und ihnen Nüchternheit Zucht und Nachtruhe empfahl dann
zuckten die Sünder hinter seinem Rücken die Schultern und spotteten ohne
Ehrfurcht über den rötlichen Schimmer seines Angesichts denn sie wussten dass er
in der schweren Zeit zuweilen Trost in heißem Frankenwein fand und wenn er auf
der Kanzel gegen die Herrschbegier derjenigen Hälfte des Menschengeschlechts
wetterte welche nach der Schrift der anderen Hälfte Gehorsam schuldig ist so
flüsterten die Zuhörer einander in das Ohr dass er nur darum in der Kirche so
kräftig losgehe weil er zu Hause leidend gehorchen müsse
Von solchen Eigenschaften des hochansehnlichen Mannes kam in den Worten des
Lizentiaten so viel zutage dass Regine ein wenig lächeln musste zuletzt aber
nachdenklich wurde Und der Redner betroffen über ihre Schweigsamkeit beeilte
sich die Frau Schlosspredigerin zu erwähnen welche obgleich klein und hager
doch im Hauswesen die stärkere Kraft entwickelte Er rühmte ihre
Wirtschaftlichkeit im Einschlachten und Räuchern und er verriet auch dass sie
eine sonderliche Vorliebe für Backobst habe und stolz auf einige Obstbäume in
ihrem kleinen Garten sei
»Das ist gut« sagte Regine eifrig »im Winter ist solche Hauskost ein
Schatz Aber der Herr scheint sich nicht viel daraus zu machen« fügte sie
hinzu ihn schalkhaft anblickend »denn sonst würde derselbe dies nicht zu
auffällig finden« Der Begleiter beeilte sich seine unbedingte Bereitwilligkeit
zu diesem Genuss auszusprechen
Wieder ein kleines Stillschweigen dann begann das Mädchen aufs neue »Ich
sorge dass ich dem Herrn Lizentiaten vorlaut erscheine wenn ich mich
unterstehe auch nach dem Herzog zu fragen Da Seine Gnade mir wie die Herren
erwähnten diese gute Stätte bereitet hat so möchte ich gern wissen wie ich
mich gegen ihn zu halten habe um ihm meine Dankbarkeit zu beweisen« Jetzt
wurde ihr Begleiter beredt rühmte den Herzog höchlich und mit warmen Worten
und nachdem er von seinem redlichen Eifer erzählt hatte und von der guten
fürstlichen Häuslichkeit so erwähnte er auch die Sorgfalt mit welcher der Herr
sich um allerlei kümmerte was in seinem Lande vorging »Durch diese
Sorglichkeit werden herzogliche Gnaden zuweilen übermäßig okkupiert und
oneriert und die Spezialitäten werden demselben jeweilig zu einem Embarras«
»Ich bitte den Herrn nicht so vornehm mit mir zu sprechen« sagte Regine
»ich bin nur das gemeine Deutsch gewohnt«
»Verzeihe mir die hochverehrte Jungfer« bat der Redner betroffen »ich
wollte nur anzudeuten wagen dass die undankbaren Leute Seine herzogliche Gnaden
ab und zu verkennen und kurz gesagt in unverschämter Dreistigkeit einen
Topfgucker nennen«
Jetzt sah er mit inniger Freude dass Regine lachte Um dies zu verbergen
neigte sie sich zum Wagen hinaus da auf der Wiese nebenbei gerade eine Sense am
Tengelstein klang »Die Leute mähen Gras« rief sie fröhlich »das habe ich
lange nicht gesehen« Ihr Begleiter wies ihr den bewaffneten Reiter der zum
Schutz in der Nähe hielt »Auch dafür hat unser Herzog gesorgt«
Sie kamen durch ein Dorf Vor einer der halbzerstörten Hütten saßen kleine
Kinder auf der Erde sie starrten furchtsam nach dem Wagen und die Schwester
drückte den jüngeren Bruder fest an sich
»Sie sehen so kränklich aus« klagte das Mädchen »gewiss sind sie hungrig«
Der Lizentiat gebot heftig dem Kutscher anzuhalten kletterte aus dem Wagen
und reichte den Armseligen die Reisekost welche er wie Brauch war mit einem
Löschpapier umwickelt in seiner Tasche mitgenommen hatte Regine sah zu als die
Kinder die gute Speise verzehrten Wieder fuhren sie eine Weile schweigend
dahin das Mädchen mit gefalteten Händen denn die Nähe eines Theologen die sie
lange entbehrt stärkte ihr die erbaulichen Gedanken Und da in ihrer Phantasie
der gestrenge Schlossprediger sich zu dem Bilde der armen Kinder gesellte begann
sie endlich »Ach Soviel Eifer und Zorn ist in der Welt und doch ist die
christliche Gesinnung so selten alles nützt ihnen nichts und wenn sie noch so
klug sind sie werden dem Lande nicht aufhelfen solange sie nicht die Liebe
haben«
»Was die Jungfrau spricht ist ein großes Wort« antwortete ihr Begleiter
ernstaft »und da ich selbst dem geistlichen Amt angehöre so bitte ich nicht
für Überhebung zu halten wenn ich eine leise Klage gegen geistliche Herren in
allen Konfessionen erhebe Sie haben so lange gezankt verdammt und
Andersgläubige verflucht bis Zank Fluchen und Hass in das Gemüt des Volkes
gedrungen sind so dass die Menschen um des Glaubens willen einander schädigen
und töten und das Land fast zur Einöde geworden ist Furchtbar ist es zu sehen
dass die Lehre der Liebe sich so verkehrt hat«
»Herr Lizentiat« sagte Regine begeistert »da ich Euch so reden höre wage
ich Euch zu sagen was Ihr nicht missdeuten mögt Ich bin gut evangelisch aber
ich habe in Nürnberg eine würdige Frau gekannt welche diese Liebe hatte von
der Ihr sprecht Sie hat mir und meiner seligen Mutter viel Gutes getan und
doch war sie katholisch Und sie wies mir in aller Heimlichkeit ein
geschriebenes Büchlein mit Liedern welches betitelt war Geistliches
Lustwäldlein Davon durfte ich mir manches abschreiben und dieses zu lesen ist
mir große Erbauung obgleich der Dichter nicht unseres Glaubens gewesen ist Ich
hoffe Ihr haltet das nicht für unerlaubt«
»Wenn mich die Jungfer mit so hohem Vertrauen beehrt« versetzte der
Teologe ernstaft »so bin ich schuldig zu antworten ich müsste diese Poesie
vorher gelesen haben bevor ich wagen darf einen Rat zu geben«
»Ihr sollt sie zu Gesicht bekommen« versprach Regine und sah ihn treuherzig
an
Jetzt hatten die Reisenden gefunden was beide redselig machte und die
Wegstunden schwanden ihnen schnell dahin Endlich sagte der Lizentiat mit
fröhlichem Lächeln »Als ich heut früh ausfuhr dachte ich nicht daran dass mir
diese Reise eine Bekanntschaft verschaffen würde die mir so hochwert geworden
ist und immerdar eine glückselige Erinnerung sein wird und ich gestehe der
Jungfer Königin dass ich in Sorge war wie dieselbe sich mir gegenüber gehaben
würde ja dass ich nach manchem was ich gehört meinen Auftrag für diffizil
erachtete aber ich fand heut früh einen guten Trost als ich zu christlicher
Prüfung des Kommenden dreimal in der Schrift den Vers nachlas auf welchen mein
Finger geriet Denn worauf ich traf das war alles gut«
Regine strich an ihrem Gewande als sie fragte »Darf auch ich wissen
welches die günstigen Vorzeichen waren«
Zögernd berichtete er »Der erste Vers war aus den Sprüchen Salomonis Sie
tut ihren Mund auf mit Weisheit und auf ihrer Zunge ist holdselige Lehre«
»Herr Lizentiat das passt nicht« rief das Mädchen erschrocken
»Mir scheint der Spruch trifft gerade das Richtige« versetzte ihr
Begleiter siegreich »Der zweite aber war fünftes Buch Mose Der Herr brachte
uns an diesen Ort und gab uns dies Land da Milch und Honig innen fleusst« Er
hielt an
»Und der dritte« fragte Regine leise
»Den dritten« versetzte der Teologe befangen »wage ich Euch jetzt nicht
zu sagen vielleicht gestattet Ihr mirs einmal später«
Es war ein stiller Abend im Dorfe die Berge warfen blaue Schatten über die
Holzhäuser den Wiesengrund und das murmelnde Wasser und oben an der Berglehne
leuchteten die Baumwipfel von bräunlichem Golde In der frischen Abendluft saß
Judit am Zaun ihres Hofes das Spinnrad schnurrte aber ihre Augen flogen die
Straße hinab der Gegend zu wo sich das Tal in die Ebene öffnete
»Heute war das Sonnenlicht mild und langsames Reiten würde einem Kranken
nicht schaden Kommt er noch so kommt er heut Die Spindel stach in den Finger
das bedeutet Besuch Ich sorge um einen der mir fremd ist und doch der
Vertraute meines Herzens vom Morgen bis zur Nacht Wenn er wieder im Lederstuhl
am Herde sitzt reiche ich ihm den Trank in dem silbernen Becherlein welches um
der seligen Mutter willen in aller Not bewahrt wurde Seine Schwester sagt dass
er von fröhlichem Gemüte ist und jedem lieb macht mit ihm zu verkehren das
wusste ich auch denn wenn er lachte schlug mir das Herz Die Ursel berühmt
sich dass sie einen Entfernten zwingen kann seine Gedanken nach dem zu richten
der ihn herbeiwünscht aber ich zweifle ob ihr das Kunststück gelingt Ist es
stillem Wunsche möglich über Berg und Tal in die Seele eines anderen zu
dringen so ziehe ich ihn selbst herbei bis er leibhaftig vor mir steht denn
wie ein Feuerfunken der im Sturmwind dahinfährt fliegt meine Sehnsucht in die
Ferne zu ihm Er spornt sein Ross und er jagt auf der Straße er hält an und
schlägt an das Tor Arme Törin« rief sie laut »was weiß ich von seinen Wegen
Und weshalb vertraue ich dass er meiner gedenkt«
Aber von fern klang der Hufschlag eines Pferdes auf der Straße jagte ein
Reiter heran er setzte über den Steg schwenkte den Hut und rief grüßend ihren
Namen Der den sie gerufen hielt vor ihr und in freudigem Schreck wich ihr
das Blut aus dem Antlitz zum Herzen
In der Stube antwortete sie seinem suchenden Blick »Der Herr findet die
Schwester zu der er kommt nicht mehr hier« sie erzählte dem Erstaunten von
der Einholung und hatte Mühe ihre Freude zu bergen als der Bruder fröhlich
antwortete »Ist mir der Herzog zuvorgekommen so erhalte ich das Recht auch
für mich selbst zu sorgen« Er wies auf seinen Arm »Lieber bleibe ich hier als
im Gedränge der Stadt während die Kameraden leere Worte mit den großen
schwedischen Schreibern wechseln Und jetzt wo ich den würzigen Geruch der
Kräuter wieder atme ist mir so wohl zumute als wäre ich ein Knabe der seine
günstige Frau Pate besucht und ich bitte die Jungfer dass sie mich nicht
fortweise wenn ich mich hier ins Quartier lege« dabei neigte er sich tief vor
ihr Judit antwortete errötend
»Der Herr ist willkommen während der Stunden die er bei uns verweilen will
Der Zelter steht neben der Kuh und der Knabe schläft auf dem Boden darüber
aber der Herr Rittmeister ist mir zu groß um mit den anderen Puppen in diese
kleine Holzschachtel eingesperrt zu werden darum machen wirs Euch im Hause
nebenan so wohnlich als wir können Ihr besucht den Pfarrer und meldet Euch bei
dem Amtsschreiber der sich jetzt wie ein Ohrwurm winden wird da er gemerkt
hat dass Ihr beim Herzoge etwas geltet Doch traut ihm nicht über den Weg er
meint es zu wenigen gut und am meisten mögen sich die hüten zu denen er es in
seiner Weise gut meint« Ein Schatten flog über ihr frohes Gesicht doch schwand
er gleich wieder in Heiterkeit als sie auf den Knaben wies der säuberlich in
neuer Wäsche auftrat das struppige Haar glatt gebürstet die Ärmelschlitze
seines Wamses mit bunter Seide ausgepufft »Wir haben dem Herrn unterdessen
seinen Pagen ausstaffiert damit dieser ihm Ehre mache«
Sie lud den Gast zum Sitzen und er verneigte sich zum Danke dafür wieder
wie vor einer Königin Denn er gedachte der Sitte und dass er die Schutzlose in
ihrem Hause zu ehren hatte Das verstand Judit in dankbarem Herzen und auch
sie setzte sich ihm gegenüber an das Spinnrad hoch aufgerichtet mit ruhigem
Antlitz Ihr Wunsch war erfüllt der Ersehnte saß auf dem Lehnstuhl am Herde
und sein Trunk wurde ihm in dem Schmuckstück des Hauses vorgesetzt sie fragte
und er berichtete über die kleinen Abenteuer auf der Reise und die schlechten
Herbergen am Wege Dennoch erwies sich das Lied welches der Rittmeister
zuweilen sang und worin er behauptete dass Amor das verschmitzte Kind völlig
blind sei an dem Sänger selbst als unwahr Denn der erwähnte Gott saß
luchsäugig wenn auch unsichtbar auf dem Brettergerüst unter den Kräuterbündeln
und schoss mit seinem Flitzbogen einen Pfeil nach dem andern gegen den Kriegsmann
ab Der Gast und die Jungfer Wirtin wie höflich sie auch zueinander redeten
sie konnten nicht vermeiden dass das Glück ihnen aus den Augen leuchtete und dass
ihnen die Stimme von der inneren Bewegung leise erbebte Bald erzählte ihr
Bernhard wie einem treuen Kameraden von allem was er in den letzten Wochen
erfahren und kam dabei unvermerkt auf sein früheres Leben bis ihr die Spindel
im Schoße ruhte und ihre Augen in stiller Verklärung auf seinem Angesicht
hafteten Während das Abenddunkel in das Gemach drang öffneten sich zwei Herzen
wie zwei volle Knospen welche die rosigen Blätter gegeneinander entfalten Auf
unruhige Erwartung und pochende Leidenschaft war für beide das erste Glück des
Wiedersehens gefolgt ein seliger Friede
Als sie dem Gast das Abendbrot vorgesetzt und den Arm verbunden hatte
führte sie ihn nach seiner Herberge und bot ihm die Gutenacht
»Wie wusstest du dass ich heut kommen würde« fragte der Rittmeister den
Knaben sobald sie allein waren
»Die Jungfer hats gewusst« antwortete Pieps und sein großer Mund verzog
sich zu einem glückseligen Grinsen
Lange saß Bernhard im Dunkel an dem kleinen Fenster Er versuchte leise zu
singen aber er verlor die Melodie sowohl bei Frau Venus als bei den zu
kaufenden Melonen Ihm hatte in sorglosen Tagen manches Mädchen wohlgefallen
aber niemals war ihm das Herz aufgegangen wie in der letzten Stunde ihm kam
vor als ob er zu dieser Jungfrau halten müsse solange er lebe und er starrte
beim Sternenlicht hinüber nach dem Nachbarhause mehr dem Korydon gleich der
sich um Phyllis grämt als einem Reiter von AltRosen welcher in wüstem Hause
lagert
Am nächsten Morgen ritt er nach Gota Die Schwester sprach ihm gegenüber
mutig und in gutem Vertrauen von ihrer Lage mit dem Schlossprediger beredete er
zu großer Zufriedenheit des geistlichen Herrn die Vergütung und wie die Habe der
Schwester in dem Trosswagen sicher von Wasungen heranzufahren sei auch beim
Herzoge meldete er sich und erhielt Erlaubnis im Walddorfe zu rasten weil er
dort den Quartieren seiner Völker näher war Und die Schwester freute sich über
die Zuversicht des Bruders als er ihr beim Abschied sagte »Der Herzog hofft
jetzt auf Besserung auch die Schweden reden viel vom Frieden vielleicht frage
ich in kurzem ob du dich hierzulande bei dem Bruder ansiedeln willst«
Als er mit dem Buben den Eingang des Waldtales erreichte sah er unweit der
Straße die Jungfrau welche mit ihrem Korbe aus der Hütte eines Holzfällers
herabkam Sie blieb stehen als sie die Reiter erkannte Er sprang ab sandte
den Knaben und die Pferde voraus und schritt neben ihr den Fußweg entlang »Wie
mögt Ihr Euch allein durch das offene Land wagen« mahnte er besorgt »Auf den
Straßen schweift unsicheres Volk und im Walde ist noch weniger zu trauen«
»Wir Landleute haben in der eigenen Flur immer guten Mut« antwortete
Judit »heute begleitete mich auf dem Hinwege der Mann meiner Kranken und bei
der Heimkehr dachte ich Euch zu treffen« Ihr Antlitz rötete sich aber sie sah
ihn in unschuldiger Zuversicht an
»Liebe Jungfer Judit« rief er und suchte ihre Hand zu fassen
Sie löste die Finger aus den seinen aber mit strahlenden Augen fragte sie
»Bin ich Euch ein wenig lieb Monsieur König Heut möchte ichs glauben denn
Eure Stimmung klingt anders als von kalter Höflichkeit Und dass Ihr und die
Schwester gute Kundschaft halten wollt mit der armen Dorfjungfer soll mir
manchmal in der Wildnis ein Trost sein denn die Gäste welche sonst zu uns
kommen sind selten der Art dass man mit Freude an sie zurückdenkt« Sie wies
auf die Landstraße »Seht dort ziehen solche heran von denen wir häufig
Zuspruch haben« Aber im nächsten Augenblick ging sie mit schnellem Schritt auf
die Fremden zu
Ein Mann zog einen kleinen Handwagen auf welchem zwei müde Kinder saßen
neben ihm hinkte auf einen Stab gestützt die Frau Der Fahrende trug einen
städtischen Rock dessen schwarze Farbe durch Sonnenbrand und Regen vergraut
war aus dem feinen Angesicht blickten zwei gescheite Augen Er und die Frau
waren nicht alt aber schwächlich und verfallen und man sah ihnen wohl an dass
sie bessere Tage gekannt hatten
Judit rief ihrem Begleiter hastig zu »Es sind Exulanten es ist ein
Geistlicher« und redete den Mann an indem sie sich verneigte »Salve vir
reverendissime« dabei nahm sie ihm die Deichsel aus der Hand und kehrte den
Wagen dem Dorfe zu »Ihr dürft nicht ohne Erquickung weiterziehen Verschmäht
nicht die kurze Strecke zurückzulenken was fehlt der Frau am Fuße«
Der Mann zog vor diesem entschiedenen Willen den Hut »Will die wohlgeneigte
Frau den Meinen etwas Gutes tun so wird es der Himmel lohnen denn wir kommen
von weit her und wissen nicht wohin«
Judit wandte sich zu Bernhard und auf die Kinder weisend sagte sie in
herzlicher Bewegung »Auf solchem Wagen saß als Kind auch ich wenn ich
erschöpft vom Wandern war mein Vater zog die Deichsel und die Mutter ging mit
wunden Füßen im Staube der Heerstraße« Und den Wagen auf der Straße
zurückfahrend wehrte sie dem Flüchtling »Ich leide nicht Herr Pastor dass Ihr
Euch bemüht«
Da nahm auch der Rittmeister den Arm der wankenden Frau und führte sie
vorsichtig die tiefen Wagengleise meidend nach dem Dorfe zurück So kam die
Gesellschaft vor das Haus der Jungfrau diese lenkte zu dem Bau in dem der
Rittmeister einquartiert war und bat »Gestattet ihnen in der Kammer Euch
gegenüber zu bleiben denn ich sehe eine Nachtruhe ist ihnen vor allem nötig«
Sie hob die Kinder vom Wagen gab der alten Ursel und dem Reiterbuben schnelle
Befehle und dem Rittmeister war als ob sie auch seine Hilfe bei dem guten
Werke erwarte so dass er ihr dienstwillig in das Haus folgte Dort schloss sie
die Truhe auf kramte in der Wäsche wickelte ein kleines Bündel und hob ein
vornehmes Tischtüchlein mit buntgenähtem Saume heraus »Es macht dem Herrn
Pfarrer soviel Freude als gute Kost« erklärte sie »wenn wir ihm ein Tischtuch
aufdecken« Sie legte das Tuch ihrem Gast über den Arm und fragte »Es war
starkes Bier gekommen aus der Stadt für die Jungfer Schwester darf ich davon
geben« Als ihr Blick auf das Gestell fiel wo sie den kleinen Silberbecher
versteckt hatte hielt sie zweifelnd an und fragte wieder »Ist es Euch unlieb
wenn der Fremde aus Eurem Becher trinkt« Bernhard hob das Gefäß schnell herab
»Dann ist noch das Huhn für die kranke Frau« fuhr sie bittend fort »auch dies
war für einen anderen zubereitet und er würde mit Geringerem vorliebnehmen
müssen« Und sie trugen gemeinschaftlich den Flüchtlingen hinüber
Unterdes war Ursel um die kranke Frau bemüht und Pieps welcher Lagerstroh
herzugetragen und mit nicht gemeiner Kunst eine Streu geschüttet hatte saß vor
der Tür bei einem Wasserkübel und striegelte den beiden Kindern mit Schwamm und
Bürste den Staub des Weges von Gesicht und Kleidern Judit aber und Bernhard
deckten dem Pfarrer den Tisch im Freien sie trug auf er schenkte ein und trank
den Willkommen zu gleich als ob er Hausherr wäre
»Dies ist ein Landsmann aus dem Riesengebirge« sagte Judit und strich dem
Pfarrer vertraulich über den Ärmel »ich erkenne an seiner Rede die Heimat« Und
als der Fremde bevor er sich an die Kost wagte wehmütig durch das Fenster in
die Stube zurücksah tröstete Judit »Sorge der Herr Pastor nicht um die liebe
Frau und nicht um die Kinder denkt jetzt an Euch selbst«
Der Mann gewann im Essen besseren Lebensmut und erzählte dem Rittmeister
welcher sich zu ihm setzte von dem Unglück seiner Heimat und dem Elend seiner
Irrfahrten ruhig und ohne Klage wie müde und geplagte Leute von ihrem schweren
Schicksal sprechen wenn sie nicht darauf ausgehen Mitleid zu erregen Auch
Bernhard welcher den Flüchtling als verständigen Mann erkannte der von den
Kriegsläuften zu berichten wusste antwortete ihm achtungsvoll und merkte wie
froh Judit über seine Teilnahme war wenn sie einmal am Tische stehenblieb So
kam der Abend heran Judit führte die Kleinen sauber und gesättigt zu ihrem
Vater »Die Kinder wollen Euer Ehrwürden gute Nacht sagen wir legen sie jetzt
in die warme Streu die liebe Frau ist versorgt und ich hoffe sie wird morgen
bis zur Stadt gehen«
Sie räumte ab hing dem Rittmeister auf seine Forderung wieder das Tischtuch
über den Arm und schüttelte dem Pfarrer während er seine Segenswünsche
aussprach lange die Hand »Gute Nacht euch allen ihr Armen ihr schlaft in
gutem Schutz der Knabe dieses Herrn wird euch heranholen was ihr etwa noch
braucht«
Auch als Judit mit Bernhard in ihre Stube zurückgekehrt war hörte das
Schaffen nicht auf sie fand noch mancherlei was die Fremden nötig brauchten
und was sie entbehren konnte öffnete die Kasten und trug zusammen bis Bernhard
endlich sagte »Die Jungfer ist glücklich gerade das Nötigste geben zu können
gern wollte auch ich etwas tun wenn Ihr einen Beutel hättet so möchte ich
einen Joachimstaler hineinstecken damit Ihr ihn beim Abschiede der Frau gebt«
Dieser Gedanke gefiel der Jungfrau und sie brachte aus einer Ecke der Truhe ein
Ledersäcklein herbei trat vor ihn hielt es umgestürzt am unteren Zipfel und
sagte lachend »Es ist leer« So unschuldig und liebenswert waren ihre Freude
und der warmherzige Eifer dass Bernhard ein Entzücken in seinem Herzen fühlte
welches ihm übermächtig wurde er neigte sich zu ihrem Angesicht und küsste sie
herzlich auf den Mund Sie widerstand nicht und als er wagte den Arm um sie zu
legen ruhte sie einen Augenblick an seinem Herzen Doch während sie sich von
ihm löste und ihn liebevoll ansah rötete sich ihr Antlitz sie trat schnell zum
Tisch ergriff ihren Kram und verließ das Zimmer
Bernhard stand allein in der Stube und ihm kam vor als ob die
Kräuterbündel und Flaschen auf dem Brettergestell hüpften und der Lehnstuhl ihn
tanzend umkreiste Ungeduldig schritt er auf und ab die Rückkehr des Mädchens
erwartend Als sie nicht kam eilte er aus dem Hause sie zu suchen Er fand sie
an der Felswand auf einer Bank sitzend und merkte dass ihre Augen nass waren Da
ergriff er ihre Hand und sie zog die Hand nicht zurück aber sie sah traurig zu
ihm auf und sagte leise »Ihr hättet mich nicht küssen sollen« Ihm schlug das
Herz hoch und er bat »Der lieben Jungfer Judit habe ich etwas zu vertrauen
was ich am liebsten sage wenn dieselbe im Hause vor mir sitzt auf ihrem Stuhle
am Spinnrad zwischen den Wänden in denen sie durch die lieben Eltern gesegnet
wurde«
Sie sah ihn groß an und das Blut wich aus ihrem Antlitz als sie aufstand
und schweigend neben ihm in das Zimmer trat Hier stellte er ihr Stuhl und
Spinnrad zurecht und bat sie mit einer Handbewegung niederzusitzen Sie
gehorchte und hielt die Spindel im Schoss die Augen fest auf ihn gewandt Er
aber begann feierlich
»Liebe Jungfer Judit ich habe mich zu dem Kusse vermessen in herzlicher
Neigung die ich für Euch fühle Zürnet nicht wenn ich Euch heut geradeheraus
und ohne Freiwerber meine Liebe bekenne und meinen heißen Wunsch dass Ihr Euch
entschließen möget mein eheliches Gemahl zu werden«
Das Mädchen stand erschrocken auf während er bittend fortfuhr »Ich weiß
wohl was die geliebte Jungfer einwenden wird dass so voreiliges und stürmisches
Werben nicht gezieme da ich nur seit kurzer Zeit Euch bekannt bin Auch fürchte
ich dass Euch mein Kriegsamt leidig ist Hört dennoch meine flehentliche Bitte
mit günstiger Gesinnung an denn von der ersten Stunde wo ich Euch sah habt
Ihr mir sehr gefallen und seitdem immer mehr und wenn ich hier Euer Wesen
betrachte so merke ich dass ich auf Erden nur mit Euch glücklich sein kann«
Judit atmete tief auf und antwortete mit stockender Stimme »Der Herr sagte
selbst dass ich ihn erst seit kurzem kenne dieselbe Rede muss ich dem Herrn
zurückgeben auch von mir ist ihm wenig bewusst er weiß noch nicht wie das
freundlose Dorfmädchen sich zu seinem Leben schicken würde und mir bangt dass
ihn bald seine Rede gereuen könnte«
»Sprecht nicht ungerecht gegen Euch« rief Bernhard alle Bedächtigkeit
vergessend »denn ich sehe wohl in der Jungfer ist ein Geschick und eine
Festigkeit dass sie überall in der Welt bestehen wird Ich hoffe dieselbe soll
auch finden dass in meinem Gemüt keine dunklen Winkel sind ich bin ein
einfacher Gesell wie ich denke so gebe ich mich seid Ihr einmal mit mir
unzufrieden herzliebe Jungfer so sagt es mir geradeheraus und ich werde mich
gern nach Eurem Willen richten soweit dies dem Manne geziemt Und wenn Ihr mir
einwendet dass ich Euch zu wenig kenne so wisst dass ich zu Euch ein Vertrauen
habe wie niemals gegen einen Menschen und ich fühle die Sehnsucht immer in
Eurer Nähe zu sein und alles mit Euch zu teilen Gedanken und Werke«
Judit verstand die Bewegung seiner Stimme und das Flehen seiner treuen
Augen und die Tränen liefen ihr über die Wangen aber sie fasste sich bald »Ich
glaube Euch« sprach sie »und ich traue Eurer Redlichkeit Doch zürnt nicht
Herr wenn ich in dieser Stunde die Antwort gebe die mir gebührt Zu Eurer
verlobten Braut kann ich mich nicht bekennen nach solcher Rede wie Ihr heut zu
mir getan Es ist ein alter Glaube dass jähe Werbung kurzes Glück gewinnt Euch
treibt Euer Amt in die Ferne wer weiß ob ich Euch dort so lieb bleibe wie ich
Euch nach Euren Worten zur Zeit bin Deshalb bitte ich inständig schont jetzt
meinen einsamen Stand und seht erst zu wie Ihr die Ehe die Ihr beabsichtigt
mit Eurem Amte und Euren Blutsfreunden in Einklang bringt Werbt Ihr dann um
mich wie Sitte ist durch Eure Freundschaft und kommt Eure Schwester um mich
als Hausfrau für Euch zu fordern so sage ich Euch Bescheid«
Sie trat zurück und er sah finster vor sich nieder »Lasst mich nicht
unsicher und in Traurigkeit dahinziehen denn das Zutrauen zu Eurer Liebe wäre
mein einziges Glück fern von Euch in der Fremde«
Da sprach sie leise »Ist es Euch unlieb dass ich zögere mir ist es leid
Tut dennoch nach meinem Wunsche und vertraut unterdes dass ich Euch zugetan
bleibe Denn ich bekenne Euch Monsieur Bernhard was sonst ein Mädchen
verbirgt auch ich bin Euch gut Und wenn Ihr mich durch Eure Freunde zu Eurer
Hausfrau begehren wollt so gehöre ich Euch als meinem geliebten Herrn für
Leben und Tod Wisst auch dass ich seit dem Morgen wo ich Euch im Walde zum
ersten Male sah in der Stille des Glaubens lebe dass der Himmel Euch zu mir
gesandt hat damit ich Euch angehöre«
Bei diesen Worten bot sie ihm die Hand er aber zog sie fröhlich an sein
Herz und rief »Allerliebste Herzensjungfer es soll geschehen wie Ihr wollt
und ich hoffe es dauert nicht lange dass ich die Schwester zu Euch sende denn
mir ist auf dem Wege zu Euch allerlei eingefallen wie wir unser Leben friedlich
einrichten könnten Ists Euch genehm so erzähle ich davon« Als sie aber ihm
gegenüber niedersitzen wollte sagte er »Jetzt da Ihr wisst dass Ihr meine
Liebste seid ist mein Recht dass ich neben der Jungfer sitze und auch dass ich
Euch vor den Leuten an der Hand führe« Das musste Judit zugeben und er rückte
ihren Schemel neben seinen Lehnstuhl auch gebrauchte er sein Recht ihre Hand
zu halten und hinderte sie in der Arbeit dabei begann er
»Zuerst bitte ich Euch dass Ihr das Waisenkind meinen Buben bei Euch
behaltet und auch das Rösslein der Schwester Dem Knaben ist Eure Zucht ein
Himmelssegen und er merkt das auch Euch aber kann er als Bote dienen zur Stadt
und wie Ihr sonst wollt denn er ist über seine Jahre gewitzigt Den Gaul wird
er besorgen damit Ihr diesen für Eure Wege zu den Kranken gebraucht oder für
die Schwester bewahrt«
Als Judit damit einverstanden war berichtete er weiter wie er neulich auf
dem Wege den heimkehrenden Gutsherrn betrachtet und sich an seine Stelle
gedacht die Jungfer Judit aber an Stelle der Hausfrau Und als er das rosige
Licht sah welches sich über die Wangen des geliebten Mädchens ergoss schilderte
er ihr die ganze Einrichtung des Gutes erwähnte Gottlieb und Pieps und seine
Beutepferde so dass Judit hingerissen durch die Beschreibung auch ihrerseits
von der Molkerei anfing und dass sie eine gute Grossmagd wisse bis sie ihn
endlich in die Kammer zog und bat an die Wand zu klopfen Sie freute sich als
er ihr bekannte dass er nichts Auffälliges entdecken könne und vertraute ihm
ein Geheimnis des Hauses dass die Wand doppelt war nach kluger Einrichtung des
seligen Vaters »Man kann nur vom Dachboden in den Raum und ich zeige Euch den
Zugang darin aber steht eine große Truhe mit der Leinwand die wir in all den
Jahren gesponnen« Und sie sagte stolz »Es ist eine Ausstattung wie für eine
Kaufmannstochter das ist mein Schatz Das Haus ist öfter geplündert mein
Geheimnis haben die Räuber niemals entdeckt für Wäsche brauchtet Ihr nimmer zu
sorgen Doch wir sind töricht« fuhr sie kleinlaut fort »denn wie wollt Ihr in
diesem Lande zu einem Gute kommen« Jetzt wurde Bernhard froh führte sie wieder
auf ihren Sitz und gestand ihr dass es mit seinem Vermögen gar nicht dürftig
stand und dass die Geschwister zu Nürnberg in guter Verwahrung noch Geld besaßen
und Anteil an einer Handlung so dass Judit erschrocken sagte »Ich habe nicht
gewusst dass der Herr so viel vermag wie darf ich für mich daran denken in
solchen Wohlstand zu treten« Und er musste viele Beredsamkeit anwenden bis er
sie wieder dazu brachte seine Pläne anzuhören
Als beide eine Weile emsig an dem Garn ihrer Zukunft gesponnen hatten
begann Judit »Wisst liebster Monsieur Bernhard dass Euer Mädchen wenn die
Kriegsnot nicht wäre Euch auch ein Gütchen zubringen könnte Denn die lieben
Eltern saßen auf einem schönen Freihof in dem Lande Schlesien nahe an dem
Riesengebirge bei einem hohen Berg den man die Eule nennt dort bin ich
geboren und ich war neun Jahre alt als wir die Gegend verlassen mussten«
»Der Herr Vater war doch ein Geistlicher« fragte Bernhard verwundert
»Das war er Von Geburt ein Deutscher aber er hielt zu den Gemeinden der
böhmischen Brüder und stand unter ihnen in Ehren als einer von ihren Bischöfen
meine Mutter aber war eine Böhmin von der anderen Seite des Gebirges und stammte
aus einem Geschlecht der Bekenner welche man in alter Zeit Hussiten nannte Als
nun in Böhmen die grausame Verfolgung aller Evangelischen ausbrach gelang es
dem Vater der viel Anhang in dem Grenzlande hatte sich in Schlesien zu
behaupten weil er die Gunst einiger großer Herren besaß Und da er immer ein
Naturkundiger gewesen war so hielt er sich still auf unserem Gut das er
erworben half den Kranken wo er konnte und übte nur insgeheim sein heiliges
Amt Aber nicht lange bevor der Schwedenkönig ins Land kam ward er den
Jesuiten verraten und sollte in den Kerker abgeführt werden was damals so viel
bedeutete als in den Tod doch er wurde durch einen Freund gewarnt und wir
flohen bei Nacht zuerst im Wagen dann zu Fuß durch Schlesien und über die
Elbe bis wir in dieses Land gelangten Die liebe Mutter starb nach den
Schrecken und Anstrengungen unserer Reise der Vater zog mit mir aus bitterer
Not in dies Dorf und ich habe ihm während der Kriegszeit noch als Kind die
Wirtschaft geführt« Sie legte ihr Haupt an seine Schulter und sah starr vor
sich hin Bernhard wagte nicht das Schweigen zu brechen er dachte wehmütig
wie unsäglich viel Trübsal und Schmerz das tapfere Herz welches nahe an dem
seinen schlug in jungen Jahren durchgekämpft hatte Endlich fragte er um
wieder ihre Stimme zu hören »Von dem Gut aber was der Herr Vater
zurückgelassen habt Ihr nie wieder etwas gehört«
»Zuweilen kam Kunde Unter dem Schwedenkönig diente ein Oberst der von
unserem Glauben war und mit meiner Mutter verwandt dieser lag längere Zeit in
unserer Heimat an ihn schrieb der Vater und er hat uns seine Treue bewahrt
Denn da die Feinde unsere ganze Habe genommen hatten zwang er sie den Raub in
Gelde zu büßen ein Teil davon kam in des Vaters Hände so dass er sich hier
festsetzen konnte Und wegen des Gutes wurde abgemacht dass es dem Vater als
Eigentum bleiben sollte und der günstige Freund von dem uns die Warnung
gekommen sollte den Nutzen haben als wenn es ihm gehörte bis wir wieder
zurückkämen Das ist jetzt fünfzehn Jahre her und der Krieg hat seitdem fast
unablässig auch in meiner Heimat gewütet Wer kann sagen wie es jetzt dort
bestellt ist Ich aber sehe das alte Steinhaus in dem wir wohnten noch
deutlich vor mir einen großen Hof mit hoher Mauer und auch die Berge welche
in der Nähe stehen sie sind viel höher als diese hier Im Traum bin ich
zuweilen ein Kind trage mein Spielzeug durch die Stuben und höre erschrocken
den Schlag am Tore in jener Nacht wo wir gewarnt wurden Auch die alte Böhmin
sehe ich noch vor mir welche meine Kindermuhme war sie sah der Ursel sehr
ähnlich und galt für eine Frau welche Gesichte hatte Als sie mich in der Nacht
zu den flüchtigen Eltern in den Wagen hob segnete sie mich und klagte in ihrer
böhmischen Sprache Du wirst hierher zurückkehren denn dein Grab schaue ich
aber deiner Eltern Grab vermag ich nicht zu sehen Wer weiß ob sie recht
hat« schloss sie leise und starrte wieder vor sich hin
»Dient es zu Eurem Glück dass Ihr hinkommt so soll es geschehen« tröstete
Bernhard »Ist der Weg auch weit meine Hausfrau soll gute Reisegesellschaft
haben Der Knabe schirrt die Pferde auf und mein alter Kampfgenosse begleitet
uns wir ziehen als frische Reiter in Eure Heimat und zwingen die Leute dort
Euch als Herrin zu erkennen« Judit lachte ihn mit besserer Zuversicht an
»Ihr habt einen frischen Mut« rühmte sie
»Dafür reite ich auch mit kecken Gesellen durch das Land«
Das Mädchen stand schnell auf »Wie die Kinder haben wir uns ein
glückseliges Leben eingebildet Ihr aber seid den bösen Geistern des Krieges
preisgegeben und auf der Schneide des Schwertes schwebt Euer Geschick und das
meine Ach lieber Herr ein Trugbild war die Hoffnung und eitel die Freude«
Die Tränen brachen ihr aus den Augen und sie barg das Angesicht über den Händen
auf dem Tisch »Haltet mich nicht für dreist« bat sie aufsehend »und denkt
nicht ich sei liebetoll Ehe ich Euch kannte war ich gefasst auch Schweres zu
tragen jetzt fühle ich mich hilflos wie ein Kind Ich sehe die Feinde gegen
Euch reiten die Schwerter zücken der Feuerstrahl fährt aus dem Rohr das Pferd
rennt dahin ohne den Reiter und ich harre und weine« Sie blickte wild wie auf
eine Erscheinung
»Ich schwor einen teuren Eid bevor ich Euch sah« sprach Bernhard
ergriffen durch die Leidenschaft der Jungfrau »ich bin meinen Kriegsgesellen
verpflichtet solange das Tuch an der Standarte weht mit ihnen zu reiten und
ihr Schicksal zu teilen das ist des Soldaten Los Wenn es uns bei den Schweden
gerät so muss ich mit meiner Kompanie im Felde liegen Auch in diesem Falle
komme ich wieder zu Euch und bitte dass Ihr als Offiziersfrau mit mir haushaltet
in unseren Quartieren Ist dort das Leben unsicher so frage ich Euch herzliebe
Jungfer habt Ihr im Dorfe größere Sicherheit Auch hier bürgt uns niemand
dafür dass nicht in der nächsten Stunde die Feinde an das Haus dringen Das aber
gelobe ich Euch so wahr ich Euch liebe und so wahr ich für uns beide auf eine
friedliche Zukunft hoffe ich löse mich von der Fahne sobald der Eid und die
Ehre dies gestatten« Er zog das Mädchen wieder an seine Seite sie aber blieb
den Abend still und feierlich und verhandelte draußen leise mit der alten
Dienerin Endlich brach sie das Schweigen »Heut ist eine heilbringende Nacht
und ich möchte in die Berge ein wohltätiges Kraut zu holen das man nach
Vorschrift der Bücher und klugen Leute nur um Mitternacht aus dem Boden heben
darf Wollt Ihr mich begleiten doch ohne ein Wort zu sprechen so wäre mirs
lieb«
»Ich bin bereit« sagte Bernhard verwundert »Was Ihr wagt soll mich nicht
schrecken Doch um Euretwillen liebe Jungfer warne ich vor der Stunde welche
dem Christen unheimlich ist«
»Sorgt nicht« antwortete Judit mit düsterem Lächeln »ich vertraue es ist
keine Gefahr für Leben und Seligkeit« Sie setzte sich wieder zu ihm sprach
ruhig und zutraulich und bat ihn von seinen Kriegsfahrten zu erzählen Das tat
er gern und schnell vergingen die Stunden bis sie aufstand und bedeutsam
sagte »Jetzt ist es Zeit zu gehen« Bernhard eilte in sein Quartier holte
seine Waffen hüllte sich in den Mantel und weckte den Knaben
»Der Schreiber hat heut im Hofe der Jungfer spioniert« berichtete Pieps
»Ich sah ihn im Abenddunkel unter dem Fenster« »Halt Wache« gebot Bernhard
Als er aus der Hütte trat stand die Jungfer ihn erwartend am Tor und legte
warnend die Hand auf den Mund Sie eilten über den Steg auf die Berge zu Die
Nacht war kühl und still der volle Mond warf helle Lichter auf den Pfad
welcher der nächsten Höhe zuführte Judit sah oft nach dem Himmel und hemmte
den Schritt um die rechte Stunde zu treffen Als sie den Gipfel erreicht
hatten wies sie auf eine hohe Tanne welche allein am Rande des Abhanges stand
Bernhard verstand dass er dort zurückbleiben sollte und das Mädchen trat allein
hinaus auf den offenen Raum welcher mit jungem Laubholz umfasst vom Monde hell
beschienen war
Bernhard merkte nichts von den Schrecken der Geisterstunde Hinter ihm fiel
die Höhe steil zu dem Tale er erkannte die grauen Dächer des Dorfes im Grunde
auch das Haus der Geliebten und den weißen Schaum des Bergbaches Vor ihm aber
lag friedlich in silbernem Glanze die Bergwiese der Nachtwind strich leise über
die Halme und Blüten so dass sie sich regten wie im Schlafe und trieb ihren
würzigen Duft weithin durch die Luft Wo ein Busch oder der Stumpf eines Baumes
Schatten warf bewegten sich wie im Tanze kleine Lichtfunken sie fuhren auf und
nieder erglänzten und verschwanden zwischen Schatten und Licht Es war
wundersam still keine Vogelstimme ertönte und kein Wildtier bewegte die Zweige
die Grillen hingen schweigend an den Blättern die Hummeln saßen geduckt in
ihrem Erdloch und über der strahlenden Erde lag aus Strahlen gewebt die
silberne Decke welche das geheime Leben verbarg Bernhard der zum Schutz für
sich und eine andere leise sein Gebet gesprochen hatte bedachte dass die Stunde
und der Ort eher zu frommen Gedanken ermunterten als zu Werken des Teufels In
der Ferne sah er Judit langsam am Rande des Gehölzes dahingehen auch sie
umflossen von dem milden Schimmer der Nacht und er erkannte dass sie
niederkniete auf dem Grunde Nicht lange und sie kam mit schnellen Schritten
auf ihn zu zog ihn in den Schatten des Baumes und flüsterte scheu
zurückblickend »Nicht ohne Widerstand empfing ich die Gabe Mir war als
schaute ich im Gehölz das Gesicht des bösen Feindes er sah einem Manne ähnlich
vor dem mir graut Doch das Trugbild verschwand wieder und ich halte in meiner
Hand was ich für Euch geholt« Sie wies ihm den kleinen Beutel welchen sie aus
der Truhe gehoben hatte »Dies Säcklein über dem Ihr die Jungfer geküsst habt
bewahrte ich für Euch die Wurzel eines kleinen Krautes steckt darin denn es
ist ein Glaube dass diesem die Kraft verliehen sei den Leib des Mannes der sie
trägt vor feindlichem Geschoss zu bewahren Nehmt sie Geliebter und bergt sie
unter Eurem Kleide Wir haben ja keine Gewähr dass sie die große Kraft hat aber
wir hoffen es Seid Ihr selbst auch stolz und seid Ihr ungläubig tragt sie doch
um meinetwillen denn in Herzensangst um Euch habe ich sie der Erde abgefordert
und geraubt«
Da empfing er die Gabe barg sie an seiner Brust und sagte herzlich
»Seiter habe ich der Gefahr ohne Furcht ins Auge gesehen und war bereit in
Gottes Namen zu ertragen was der Krieg dem Reiter bringt Was mir von Euch
kommt bewahre ich ohne Scheu Aber ich fürchte fast dass mir Euer Geschenk das
sorglose Wagen vermindert denn wenn ich es an meinem Herzen fühle so muss ich
jetzt denken dass ich ein holdes Mädchen besitze das mehr um mein Leben sorgt
als ich selbst Kräftiger als die Kräuter des Feldes ist der Zauber den Ihr an
mir übt wenn ich Euch in die Augen blicke und wenn ich Euch in meine Arme
schließe wie ich jetzt wage«
Enttäuschungen
Die hohe fürstliche Teilnahme machte den Gast im Hause des Schlosspredigers zu
einem Gegenstand sorglicher Pflege Der Herzog sandte einen Wildbraten und sogar
einen guten Trunk für seinen Schützling er hielt im Vorbeireiten an und fragte
den Hausherrn welcher vergnügt auf die Schwelle trat nach dem Befinden der
Fremden ja er stieg selbst die finstere Treppe hinauf und versicherte Regine
mit tröstenden Worten seines Schutzes Da war natürlich dass ihr manch gutes
Süppchen gekocht wurde und dass die Schlosspredigerin nicht leiden wollte wenn
ihr Gast an die Waschgefässe trat und in der Küche unter den Töpfen hantierte
Doch Regine beharrte dabei das Wohlwollen welches ihr so plötzlich zuteil
geworden war durch treue Hilfe zu verdienen sie bemächtigte sich der Bäffchen
und Kragen des Geistlichen wusste diese in glänzendem Weiß zu erhalten machte
mit herzlicher Innigkeit die Hausandachten durch und ging bei jedem öffentlichen
Gottesdienst schüchtern neben der Schlosspredigerin zur Kirche hinauf dort saß
sie auf einem Ehrenplatz mit niedergeschlagenen Augen und merkte nicht dass sie
der kleinen Schlossgemeinde zu beständiger Verwunderung gereichte und dass auch
die hohen Herrschaften vom Chore aus den Verlauf ihrer Andacht genau beachteten
Sie war glücklicher als seit lange Aber bei ihrem Wohlbefinden war ein
Haken den sie selbst nicht merkte Sie erwies sich nicht als das Wunder das
sie doch sein sollte sie wandelte durch die Stunden des Tages ganz wie ein
anderes Mädchen und zuweilen verschönte ihr herzliches Lachen die Räume des
Pfarrhauses wenn Licentiatus Hermann als Gast gegenwärtig war kleine Abenteuer
von der Universität erzählte und dabei die fremdartige Sprache der Süddeutschen
possierlich nachmachte Vielleicht war es das ruhige Glück welches dem Mädchen
die Erweckungen fernhielt aber solche Enthaltsamkeit war nicht ganz nach dem
Sinne ihrer Gönner Der Herzog begnügte sich bei dem Geistlichen deshalb
vertraulich anzufragen und sagte »Haltet das Kind nur gut das übrige sei dem
Herrn befohlen« Aber der Schlossprediger fühlte die Verantwortlichkeit und dass
die Sache einen Fortgang haben müsse und es geschah dass er sich bei Nacht von
seinem Lager erhob und in Socken an die Kammertür seines Gastes schlich um zu
horchen ob sie nicht vielleicht an leere Wände die wertvollen Worte
verschwende so dass die Hausfrau ebenfalls in Socken nacheilen und mit
kräftigem Protest an seinen Husten erinnern musste
Endlich fand der Schlossprediger dass es notwendig sei die sibyllinische
Tätigkeit seines Gastes soweit geistlichem Zureden möglich ist aufzumuntern
er spielte sich eines Tages mit vorsichtigen Worten auf die früheren Zufälle des
Mädchens forschte genau nach den Kennzeichen an denen das Eintreten dieses
Zustandes von dem teilnehmenden Beobachter erkannt werden könne und beobachtete
im Amtseifer nicht dass sein Gast sogleich alle Heiterkeit verlor und
hilfeflehend zu ihm aufsah Zuletzt wagte er sogar den Rat »Meine liebe
Jungfer da des Herzogs Gnaden ein besonderes Interesse an Euren prophetischen
Aussprüchen nimmt so wäre für uns alle wünschenswert wenn derselbe einmal
davon profitieren könnte« Regine versetzte kummervoll »Ach ehrwürdiger
Herr ich vermag ja dabei nichts«
Aber wohlmeinend fuhr der Geistliche fort »Vielleicht würde durch Gebete
sowie durch ernste Richtung des Willens auf die erwähnte Begabung der erwünschte
Effekt zu erreichen sein«
Regine stand erschrocken auf »Soll ich meinen lieben Schöpfer bitten dass
er mich träumen lasse damit dem Herrn Herzog eine Unterkunft bereitet werde«
»Die liebe Jungfer möge meine Worte nicht uneben auslegen Diese Träume
könnten manches enthalten was als göttlicher Fingerzeig für Seine herzogliche
Gnaden von hoher Importanz sein würde insbesondere wenn es der Jungfer
gelingen sollte dem Herzoge etwas wegen der großen Flügelhauben und Bänder
wodurch die Weiber jetzt Ärgernis geben ans Herz zu legen sodann wegen des
unmässigen Saufens seiner Kavaliere vielleicht auch wegen der höchstnötigen
Erhöhung der Stolgebühren«
Regine saß wie vernichtet in tiefem Schweigen so dass der Schlossprediger den
Eindruck seiner Worte merkte und gutmütig fortfuhr »Die Jungfer ist uns allen
wert geworden durch gottesfürchtiges und säuberliches Wesen auch ohne ihre
Träume von denen wir ja nicht wissen ob sie eine himmlische Heimsuchung oder
Begnadigung sind Es wäre uns nur lieb darüber einmal durch eine Beobachtung
informiert zu werden«
Diese Unterredung hatte zur Folge dass Regine in tiefe Trauer verfiel sie
saß den Tag über schweigsam und abgespannt und die Schlosspredigerin die es für
passend hielt selbst die Bewachung zu übernehmen hörte sie noch am späten
Abend in ihrer Kammer weinen Den anderen Tag war sie bleich und unruhig die
Hände flogen ihr bei der Arbeit die sie vergebens zu bezwingen suchte wie im
Fieber und als sie am Nachmittag der Hausfrau klagte dass sie sich müde und
erschöpft fühle und von dieser auf einen Lehnstuhl geführt und in warme Decken
gehüllt wurde da konnte der Geistliche zum Herzog eilen und berichten die
Anzeichen seien günstig und es sei wohl möglich dass der Gast heut allerlei
offenbare
Auch der Herzog wurde durch Wissbegierde getrieben und ließ schnell den
Lizentiaten Hermann rufen damit dieser die Enthüllungen zur Stelle
niederschreibe Als er in die Stube des Schlosspredigers trat fand er die Kranke
im Lehnstuhl zurückgelehnt mit geschlossenen Augen die Wangen leicht gerötet
so friedlich und heiter dass er sich über sie neigte und sie lange mit innigem
Wohlwollen ansah Sie hatte noch nichts geredet Doch sobald er der Schläferin
gegenüber einen Sessel einnahm und das Geflüster der Anwesenden eine gewisse
Erregung erkennen ließ teilte sich die Bewegung der Schlafenden mit sie rührte
die feinen Hände holte tief Atem und begann deutlich und langsam zu sprechen
»Du lieber Gott bei dir ist Friede Wir bitten täglich darum und ich weiß du
wirst dich unser erbarmen
Sorge nicht um mich mein Bruder mir geht es wohl auf Erden die Leute sind
gut gegen mich vor anderen der fromme Herzog Betet alle für ihn« der
Schlossprediger hob die gefalteten Hände
»Als er gestern auf die Jagd ritt stand ich am Fenster und ich ängstigte
mich um ihn Die Wälder sind unsicher wahret Euch lieber Herr denn das Land
könnte Euch nicht missen Ich freue mich dass der Herzog sich nicht zu einem
Kriegsfürsten gemacht hat wie unsere Reiter begehrten denn wer Menschenblut
vergisst dessen Blut soll wieder vergossen werden
Ich fürchte er traut zuviel auf den Herrn Schlossprediger denn dieser ist
ein Fuchs er wollte mich bereden dass ich dem guten Herzog etwas wegen der
Stolgebühren verkünden sollte«
»Entsetzlich« seufzte der Schlossprediger »Das war ein Missverständnis
herzogliche Gnaden« Der Herzog hob strafend den Finger Regine aber schwieg
es war tiefe Stille nur der bedrängte Hausherr fuhr nach seinem Sacktüchlein
Endlich begann die Schlummernde wieder »Ei da ist ja auch Monsieur Hermann
Hm hm Danke für freundliche Nachfrage ganz gut« Der Lizentiat legte
errötend die Feder weg
»Sie wollen hören was ich im Traume rede du lieber Gott Aber auf dein
Wort welches du verkündet hast wollen sie nicht hören Sie berühmen sich hoher
Kenntnis der Schrift aber ihr Herz ist kalt Wie wollen sie dazu helfen dass
dein Reich und deine Herrlichkeit auf dieser Welt heimisch werde
O Schöpfer mein den Augen dein
darf niemand keck erscheinen
Mein Unverstand ist dir bekannt
kann seufzen nur und weinen«
Wieder schwieg sie still und bewegte sich unruhig »Die Hände werden mir kalt«
murmelte sie »und ich werde erwachen« Sie neigte das Haupt und seufzte noch
einige Male dann öffnete sie die Augen und sah mit starrem Blick auf die
Versammlung
»Des Himmels Segen über dich du gutes Kind« sagte der Herzog »Wir haben
diesmal keine Verkündigung vernommen wohl aber christliche Gesinnung Was
Ihr geschrieben Hermann bleibt vertraulich zwischen den Anwesenden Euch aber
Schlossprediger ermahne ich dass Ihr Euch nicht einfallen lasst Eure Wünsche der
Jungfrau in das Ohr zu sagen Ihr seht sie kommen schnell an den Tag«
»Dennoch darf ich Eurer herzoglichen Gnaden nicht verbergen« sagte der
Schlossprediger bedrückt »dass mir ein Zweifel gekommen ist ob was sie hier
verkündet hat irgendwie durch göttliche Erleuchtung gesagt ist Schon Martinus
Luther hat erfahren dass auch der Satan in leuchtendem Gewande sich zu
präsentieren wagt«
»Haltet Ihr die Andeutung wegen der Stolgebühren für eine teuflische
Eingebung« fragte der Herzog mit Spott
»Für einen Irrtum gnädigster Herr« antwortete der Geistliche feierlich
»Nicht nur ich sondern alle meine Amtsbrüder sind der Meinung dass ein neues
Edikt über die Stolgebühren für das geistliche Ministerium nötig sei und ich
erinnere mich dass ich darüber zu der Jungfer gesprochen Aber keineswegs war
die Meinung dass ich wie ein Fuchs hinterlistig durch solche Rede Eurer Gnaden
gute Meinung für diese Angelegenheit gewinnen wollte und ich wiederhole meine
Befürchtung dass die Aussage der lieben Jungfer eher Traumgespinst einer kranken
Person als eine Offenbarung sei«
»Was es auch sein mag Ehrwürden ich denke auch Ihr seid der Meinung dass
es aus einem reinen kindlichen Herzen kam und ich bin willens die Herzogin zu
veranlassen dass sie der Jungfer auf dem Schloss ein Unterkommen bereite damit
Euch nicht durch ein neues Missverständnis das arme Kind verleidet werde«
So schied Herzog Ernst und die Kranke saß da gestochen durch die kalten
Blicke ihrer geistlichen Wirte Als aber nicht lange darauf einige Schlossdiener
kamen und Regine in einer Sänfte nach dem Friedenstein hinauftrugen und mit ihr
ihre Habe da erkannte der Schlossprediger dass hier ein ernster Fall vorliege
und dass er in einem natürlichen weltlichen Bestreben ein geistliches Unrecht
verübt habe Er ging die ganze Woche schwermütig umher und hielt am nächsten
Sonntage in Gegenwart des Hofes eine nachdrückliche Predigt in welcher er eine
Menge Fallstricke bezeichnete durch welche Satan die Gerechten dieser Welt für
sich einzufangen sucht Zum Schluss aber erhob er in auffälliger Bewegung seine
Stimme und klagte sich selbst vor seiner Gemeinde an dass auch er in Gefahr
gewesen sei einer Versuchung aus eigennützigem Interesse zu unterliegen und er
bat die gesamte christliche Zuhörerschaft ihn durch Gebet zu unterstützen
damit er Verzeihung erwerbe Dazu erwies sich die Gemeinde willig und der
geistliche Herr sah mit Befriedigung dass auch sein Herzog die Hände faltete und
für ihn bat So hatte er die üblen Folgen seines vorschnellen Eifers allerdings
von sich weggebetet und durfte wieder mit erhobenem Haupte einherschreiten aber
gegen die fremde Jungfer und ihre begünstigte Stellung im Himmel und auf Erden
vermochte er fortan ein gewisses Misstrauen nicht loszuwerden
Zu derselben Zeit in welcher Regine durch die irdische Klugheit des
geistlichen Herrn gekränkt wurde sollte auch ihr Bruder durch ähnliche
Gesinnung hoher weltlicher Befehlshaber von seiner Kompanie beschieden werden
Er war mit seinen Begleitern unter schwedischem Kondukt den Quartieren des
Generalleutnants Königsmark zwischen Weser und Leine zugeritten Dort wurden die
Abgesandten in Herberge gelegt Bernhard selbst durch einen Offizier der ihm
als Führer zugeteilt war vor das Tafelzelt des Generals geführt Er stand vor
einem ansehnlichen Bau der nur von außen linnen war denn an den
zurückgeschlagenen Zipfeln des Eingangs sah man den kostbaren Seidenstoff des
Innern dafür diente das Zelt auch zur Pracht bei Gastereien und beim Empfange
fremder Besucher Eine grüne Schnur schloss die Umgebung in weitem Kreise ab und
wurde durch Hellebardiere bewacht welche dem dreisten Andrängen Neugieriger zu
wehren hatten
»Seine Exzellenz sind noch bei der Tafel und Ihr werdet Euch gedulden
müssen« sagte der Schwede und führte seinen Gast zu einem Haufen von Soldaten
und Offizieren niederer Grade welche schaulustig außerhalb der Schnur standen
Bernhard sah lange Reihen reichgekleideter Diener die Speisen in großen
Silberschüsseln auftragen behende Pagen liefen ab und zu oder stolzierten
hochmütig durch die harrende Menge der Kellermeister brachte einen goldenen
Pokal mit beiden Händen heran und hinter ihm schritten seine Küfer mit schweren
Kannen überall reicher Schmuck und edles Metall eine Pracht wie sie Bernhard
noch nirgend geschaut hatte selbst nicht bei dem französischen Marschall dem
die hungernden Soldaten oft Böses wünschten Da wurde ihm das Herz schwer und
er fragte sich zweifelnd ob der neue Herr besser sein werde als der alte Er
hatte Zeit zu solchen Betrachtungen denn die Mahlzeit währte lange zuweilen
vernahm er aus dem Innern des Zeltes lautes Gelächter und Rufe nach dem
Mundschenk Die schwedischen Offiziere die um ihn her standen hatten seinen
Gruß mit kalter Höflichkeit erwidert und ihn neugierig betrachtet doch da er
stolz aufrecht stand und wie ein Kriegsmann aussah der seinen Degengriff
schnell zu finden weiß so begnügten sich die Beobachter mit abfälligen Blicken
und leisen Bemerkungen Endlich nach einer harten Geduldsprobe hörte er das
Geräusch der aufbrechenden Zechgesellschaft die Diener strömten zum Ausgang und
stellten sich in Reihen auf und die Befehlsträger und Würdenträger schritten
zwischen ihnen einzeln oder zu zweien ins Freie alle mit geröteten
Gesichtern mancher mit wankendem Tritt Wieder verging eine Weile die
Zuschauer hatten sich verlaufen und Bernhard stand allein da kam sein
Begleiter geschäftig aus dem Zelt ihn zur Audienz zu holen
Sie durchschritten den großen Raum in welchem das Mahl aufgetischt worden
und Bernhard sah die bunten Teppiche der Tribüne auf der die Tafel stand in
der Mitte den vergoldeten Sessel des Generals mit purpurnem Samt überzogen
einem Fürstenstuhle ähnlich da General Königsmark als Gubernator von Bremen und
Verden sich den regierenden Herren in Deutschland gleich achtete Der Offizier
schlug einen Vorhang zurück und der Rittmeister befand sich zwischen Tapeten
die aus Gold und grüner Seide gewirkt waren dem berühmten Kriegshelden
gegenüber Der General hatte diesen Ruf wohl verdient durch die Klugheit seiner
Anschläge und wilde Verwegenheit im Gefecht aber auch durch die Leutseligkeit
in der er mit seinem Volke zu verkehren wusste wo es galt zu gewinnen nicht
zuletzt durch sein prachtvolles und grossartiges Auftreten und durch einen
Anschein von sorgloser Verschwendung Doch die welche ihm zu kontribuieren
hatten wussten dass er habgierig zu greifen und festzuhalten verstand Auch sein
Äußeres war so wie es der Soldat an seinem Feldherrn liebt er hatte das Lob
ein schöner Mann zu sein und war auch sein Antlitz durch Ausschweifungen
aufgedunsen die großen feurigen Augen hoch geschwungene Brauen und eine starke
Adlernase darunter gaben ihm bei seiner stolzen Haltung ein heroisches Aussehen
Mit kurzem Gruß beantwortete er die tiefe Verneigung Bernhards
»Euer Name und Euer Regiment Was wart Ihr vor Eurer wilden Reformation«
»Fähnrich in der Leibkompanie«
»Warum seid Ihr nicht Eurem Obersten gefolgt«
»General Rosen ist durch Marschall Turenne verhaftet und ich bin ein
Deutscher«
»Das bin ich zuletzt auch« sagte der Feldherr »leider ist diese Qualität
kein Passeport zu einem glücklichen Leben« Und mit gehobener Stimme fragte er
»Warum seid Ihr nicht zum Feldmarschall Wrangel gestoßen der sich doch wie ich
höre mehrfach durch Unterhändler um Euch bemüht hat«
»Er ist ein Schwede unsere Völker aber begehren sich einen Kriegsobersten
von deutschem Stamme dem sie zutrauen dass er der evangelischen Sache
aufrichtig dient und seinen Soldaten ein redliches deutsches Herz beweist« Der
General hob warnend die Hand schritt zum Vorhang und sah nach ob ein fremder
Hörer in der Nähe sei Dann begann er freundlicher »Soll ich Euch Gutes raten
Euch und Euren Kameraden so schweigt von Eurem deutschen Wesen insonderheit
wenn Ihr mit mir verhandelt Ich führe Amt und Befehl von der Krone Schweden und
bin ein treuer Diener meiner Königin Bezeuget mir« fuhr er mit lauter Stimme
fort »dass ich durch keinen Boten einen Antrag an Euch gesandt und mich in
keiner Weise um Euch beworben sondern dass Ihr freiwillig zu mir kommt und erst
zu fragen habt ob mir an Euch gelegen ist oder nicht«
»Solcher Antwort waren wir von Ew Exzellenz durchaus nicht gewärtig«
antwortete Bernhard unwillig »Als in unserm Kriegsrat Euer Name genannt wurde
gedachten wir dass Ihr als ein erfahrener Feldhauptmann und Held den Wert der
Regimenter besser taxieren würdet Zumal auch durch Boten welche vorgaben in
Eurem Auftrage zu handeln einzelnen Kompanien Versprechungen gemacht wurden
damit dieselben sich Eurem Heere zuwenden möchten«
»Ob meine Obersten Euch in solcher Weise angesprochen haben weiß ich
nicht« antwortete der General »und kann für Versuche einzelner nicht
respondieren Von mir selbst ist kein Antrag ausgegangen und wenn ich Euch
nehme tue ich es nur auf meine Bedingungen«
»Wir aber« versetzte Bernhard »wollen uns nur auf geschlossenen Vertrag
übergeben und wir suchen nach teuer erkaufter Experienz einen Herrn der uns
bei seiner Ehre gelobt den Vertrag zu erfüllen und dem wir zutrauen dass er
uns das Paktum halte Ist Eurer Exzellenz an uns nichts gelegen so habe ich
meinen Bescheid und ich kann gehen«
Königsmark trat auf ihn zu und hob wieder die Hand »Ihr seid kurzab mit
Worten Herr Abgesandter das frommt bei solchem Handel nicht wie Ihr mit mir
begehrt« Er wies auf eine große goldene Ehrenmünze welche er am Halse trug
»Ihr seht die eine Seite der Medaille mir liegt die andere auf der Brust und
ich will mit Euch obgleich Ihr mir fremd seid in der deutschen Weise reden
deren Ihr Euch rühmt Was Euch gefällt dass ich ein Deutscher bin das gerade
ist mir in Stockholm ein Hindernis für Gunst und Glück denn argwöhnisch
belauern dort meine Feinde meine Mensuren und warten nur auf einen Vorwand mich
zu verleumden als wenn ich mehr an den eigenen Nutzen oder auf den Vorteil der
deutschen Landsleute denke als an den schwedischen Schon bin ich Euretwegen von
dem Wrangel angefeindet und bei der Königin verklagt Ich aber habe keine Lust
das Schicksal des Friedländers zu teilen denn als ein drohendes Schredkbild
lebt sein Abfall in der Erinnerung aller Potentaten Wenn ich jetzt willfährig
und mit offenen Armen Euch Empörer empfange so werde ich selbst geheimer
Anschläge verdächtig und mir wie Euch würde das wenig frommen Darum wiederhole
ich Euch mir ist wohl bewusst was Ihr wert seid aber ich kann nicht wie andere
Euch die Hände drücken und in das Ohr sagen kommt zu mir während ich mich vor
den Franzosen anstelle als ob ich Eure Rückkehr zum Turenne betreiben wollte
Ich sage Euch kurz und gut begehrt habe ich Euch nicht Wollt Ihr doch zu mir
so darf ichs Euch nicht versagen aber Ihr müsst Euch meinem Vorteil fügen Was
ich Euch bewillige will ich Euch redlich halten Doch wie mir zugetragen
wird hat sich in Euren Völkern das Geschrei erhoben der Soldat müsse zu dem
helfen was die Perücken niemals durchsetzen werden dass nämlich dies gedrückte
Deutschland pazifiziert werde Solche Meinung ist neu und unerhört in den
Heeren Habt Ihr diese Gesinnung«
»Auch den Soldaten jammert der allgemeine Ruin« antwortete Bernhard »und
die Weiber und Kinder des Trosses fühlen den Hunger«
»Wenn sie gute Quartiere erhalten kommen ihnen vielleicht andere Gedanken«
versetzte der General lächelnd »nur im Kriege macht der Soldat seine Fortune
Jetzt hofieren uns die deutschen Fürsten ist der Friede geschlossen dann fegen
sie uns durch einen Federbart aus dem Lande Dennoch Herr Rittmeister bin auch
ich dem Frieden nicht abhold nur dass er rühmlich komme und zur rechten Zeit«
»Verzeihet Herr die trauernde Germania fragt seit Jahren wann soll die
rechte Zeit kommen«
»Für Euch Herr Abgesandter wenn Ihr ein gemachter Mann geworden seid«
antwortete der General »und für andere wenn sie in gleichem Falle sind Ihr
scheint mir von der Art zu sein aus welcher Frau Fortuna ihre Günstlinge wählt
ich hoffe es soll Euch auch bei mir gelingen« Er ging zum Tische und ergriff
ein Blatt »Die Bedingungen Eurer Völker über Sold Quartiere Dienst sind
mäßig und sie werden uns nicht scheiden Doch was hier nicht verzeichnet steht
möchte ich von Euch erfahren da wir allein sind Ihr seid im Vertrauen der
Offiziere Was begehren diese unter der Hand für sich selbst und was begehrt
Ihr für Euch als Unterhändler« Da Bernhard ihn schweigend ansah fuhr er fort
»Meine Kassen sind leer und hoch dürft Ihr nicht fordern«
»Herr General« sagte Bernhard kalt »gestattet mir und meinen Kameraden die
Nachrede zu vermeiden als wenn wir die Regimenter an Euch verkauften«
»Ihr tut am besten Geld zu nehmen« riet der General gutmütig »denn mit
anderem kann ich Euch noch weniger gefällig sein«
»Wir Offiziere begehren keine Begabung die vor den Völkern geheim bleiben
müsste«
»Ich habe Euch für klüger gehalten« versetzte der Schwede trocken »Ihr
werdet noch lernen dass das ganze Wesen der Welt durch zwei Prinzipia regiert
wird bei den Soldaten heißt es nehmen was zu greifen ist bei den Schreibern
eine Hand wäscht die andere«
»Ich habe keinen Auftrag für die Offiziere der Kompanien etwas zu fordern
außer eines dass sie im Befehl belassen werden und vielleicht Herr General
würde ich mich auch nicht zum Boten eines andern Auftrages hergegeben haben«
»Das tut mir leid um unser Geschäft« antwortete der Feldherr »denn wenn
die Führer begehren ihre Kompanien zu behalten so sage ich Euch geradeheraus
dass ich darauf nicht mit Euch paktiere Die Ihr als Offiziere bestellt habt
sind im Tumult aus dem gemeinen Volke gewählt es ist unmöglich dass sie in
ihren Stellen bleiben Das wäre ein himmelschreiendes Exempel für alle Zeit
meine Offiziere würden sie niemals als ihresgleichen anerkennen und kurz ich
sage Euch soll ich Euch nehmen so werden die Regimenter neu formiert die
Obersten und Rittmeister von mir bestellt«
»Euren Willen werde ich dem Kriegsrat mitteilen« antwortete Bernhard mit
Zurückhaltung
»Das Hin und Herziehen verdirbt Euch und schadet mir« rief der General
»soll ich abschließen so muss es heut geschehen und mit Euch Sprecht ehrlich
wie weit könnt Ihr mir nachgeben«
»Wer die Feldbinde des Offiziers getragen hat wird um seiner Ehre willen
diese nicht ablegen« sagte der Rittmeister finster
»Das gebe ich zu« versetzte der Feldherr »Die Führer der Kompanien mögen
zu Leutnants werden Nur einer soll seine Kompanie behalten und der seid Ihr«
Da Bernhard stumm blieb fuhr der Graf fort »Wollt Ihr diese Abmachung nicht
auf Euren Kopf nehmen so lasst Eure Begleiter darüber entscheiden und ich sage
Euch eine Mehrzahl wird froh sein die Kompanie loszuwerden denn auf die Länge
würden sie schlechteren Gehorsam finden als meine Offiziere Noch bleibt das
schwerste Stück« fuhr er nach einer Weile fort »was soll ich mit Eurem Führer
machen den Ihr wie ich höre General tituliert obgleich er bei Turenne nur
Wachtmeister war«
»Er hat sich als ein guter Oberst bewährt im Befehl gegen die Feinde und
gegen die Soldaten« antwortete Bernhard »und das Heer hängt an ihm«
»Um so schlimmer« murmelte der General »Was fordert er für sich«
»Wollen Ew Exzellenz observieren dass er es ist der die Völker der Krone
Schweden zuführt und dass er wohl das Recht hat eine ehrenvolle Anerkennung zu
verlangen«
»Ich sage Euch mein Säckel ist leer doch soll es mir auf ein Stück Geld
nicht ankommen«
»Unsere Völker begehren für ihn das Amt eines Obersten in einem unserer
Regimenter«
»Das ist wieder unmöglich« rief der General »Die Majestät von Schweden
würde niemals eine solche Ernennung tolerieren und bestätigen Auch kann Euer
Führer selbst das Amt nicht wünschen denn er würde bevor acht Tage ins Land
gehen seiner Ehren durch Degenstiche enthoben sein Tut ein anderes Gebot«
»Ich bin dazu nicht ermächtigt« antwortete Bernhard
»So lasst mich selbst mit ihm verhandeln es wird sich dazu Gelegenheit
finden wenn Eure Regimenter herangekommen sind Will sich Euer Führer mit
Diskretion der königlichen Gnade anvertrauen so bin ich bereit nach Befund der
Sache die Forderung eines mäßigen Ranges zu befürworten ich selbst würde mich
auf ein Wespennest setzen wenn ich mehr täte«
Mit diesem Bescheid wurde Bernhard entlassen
Vor den Abgeordneten des Heeres wiederholte der Feldherr sein Anerbieten Er
war leutselig ließ Wein kredenzen und trank den Fremden auf baldige Konjunktion
zu Bernhard erkannte wieviel dem General daran gelegen war den Zuwachs zu
erhalten und wie es ihm auch gelang die gute Meinung der Abgesandten zu
erwerben und er hörte mit Verachtung dass schwedische Offiziere mit seinen
Begleitern verhandelten und dass leise Worte durch den Klang des Geldes Gewicht
erhielten
Als der Rittmeister mit den anderen Abgeordneten zu den weimarischen
Regimentern zurückkehrte fand er die gemeinen Soldaten nicht in guter Stimmung
Das Unsichere der Lage und die Strenge des Führers welcher Gewalttätigkeiten
gegen die Einwohner nicht leiden wollte hatte viele unzufrieden gemacht Dem
General war durch seine stillen Vertrauten die er am Lagerfeuer unterhielt
zugetragen worden dass einzelne Kompanien schon darüber handelten sich gegen
ihn aufzulehnen und einen anderen Befehlshaber zu setzen Mit bitterem Lachen
vernahm er den Bericht des Freundes »Als dein Schreiben kam dass Herzog Ernst
die Annahme verweigere da schwand den alten Reitern das Vertrauen Ich sage
dir die Undankbaren werden für sich annehmen und mich preisgeben«
»Was willst du tun«
»Aushalten« rief Wilhelm »Meint Herr Königsmark dass ich mit seinen
Pfennigen in der Tasche und der Schmach auf dem Haupte von dannen reiten werde
nachdem ich ihm acht stolze Regimenter zugeführt Ich will diese hochmütigen
Schweden noch zwingen mich zu beachten denn wisse den Soldaten wird schnell
die Reue und neue Unzufriedenheit kommen und sie werden nach einem Mann
aussehen der für sie denkt und spricht«
»Mit Gefahr seines eigenen Kopfes wenn er der Schwedenkönigin den Eid
geleistet hat«
»Sorge nicht um mich« sagte der General »ich bin vorsichtig und will ihnen
mit ihrer Münze bezahlen«
In großer Versammlung der Offiziere wurde die Antwort des Schweden
verhandelt und den Völkern zur Entscheidung vorgelegt und der Soldat entschied
wie Wilhelm vorausgesagt bereitwillig für den Marsch zum Königsmark
Die beiden Sibyllen
Regine sah jetzt von der Höhe des Schlosses auf die Stadt herab und in die blaue
Ferne wo sie sich den lieben Bruder beim Heere des Schweden dachte Sie war
halb als Dienerin halb als Gast in den fürstlichen Haushalt aufgenommen und
hatte auch hier die Freude sich ein wenig nützlich zu machen Sie gefiel der
Frau Herzogin einer ruhigen Dame welche ihrem Herrn mit Bewunderung und Liebe
zugetan war und ihre Pflichttreue während einer langen Ehe durch die Geburt von
achtzehn Kindern erwies Obgleich damals von diesem großen Segen nur die ersten
Offenbarungen sichtlich waren so fand die erlauchte Frau doch bereits ihr Glück
in stiller Häuslichkeit indem sie Küche Wäsche und Silberzeug des fürstlichen
Haushalts überwachte und einen großen Teil ihrer Zeit im Sessel bei vornehmer
Arbeit verlebte In solchen Stunden saß Regine oft auf dem Bänkchen zu der
Herzogin Füßen und da der oberdeutsche Klang ihrer Sprache den Herrschaften
wohlgefällig war so wurde ihr das Amt zuteil Predigten und anderes Erbauliche
vorzulesen Das tat sie mit Eifer und sie hatte zuweilen auch Gelegenheit
darüber eine bescheidene Meinung gegen den Herrn Lizentiaten auszusprechen
dessen stillen Gruß sie täglich in den Gemächern der Herzogin empfing Der
Herzog selbst aber der sonst den Frauen der fürstlichen Kammer keine
auszeichnende Beachtung zuwendete fuhr fort an seinem Schützling ein
besonderes Wohlgefallen zu empfinden Er dachte zuweilen an das unschuldige
Gesicht und das verklärte Lächeln welches er an der Schlummernden beobachtet
dann nahm er das Blatt hervor auf welchem der Lizentiat die kurzen Reden
Reginas verzeichnet hatte und nährte den Wunsch wichtigere Enthüllungen von
ihr zu erhalten Ja ihm begegnete dass er einst die Tür zu den Zimmern seiner
erlauchten Gemahlin öffnete und hinter dem Vorhange stehenblieb als er die
erzählende Stimme des Mädchens hörte Aber da sah er die Herzogin vor einer
Tafel sitzen und um sie die Kammerfräulein welche mit Schürzen über den
Kleidern gerade an Gläsern mit Eingesottenem hantierten er vernahm dass seine
junge Sibylle im Eifer sagte »Ihrer herzoglichen Gnaden empfehle ich den
Nürnberger Brauch denn dort kochen sie die Latwerge mit Birnmost« Und dem
Herrn missfiel dass eine der Frauen widersprach und den Widerspruch schonungslos
mit Gründen stützte
Doch auch ihm glückte nicht die Fremde in der erwünschten Tätigkeit zu
beobachten Allerdings wenn das Kammerfräulein welches bei Nacht auf hohen
Befehl Reginas Genossin war pflichtgemäss über den Schlummer ihrer Nachbarin
berichtet hätte so wäre mancherlei Prophetisches zu melden gewesen aber das
Fräulein wurde durch die flehentlichen Bitten Reginas veranlasst nichts zu
sagen Und es schwieg um so lieber als auch die Hofmeisterin der Ansicht war
dass dem ganzen adeligen Frauenzimmer wenig daran liegen könne wenn eine
Landfremde durch mondsüchtige Reden bei Hofe zu einer unerhörten Distinktion
gelange
Aber nur kurze Zeit sollte Regine in lichter Höhe atmen vom Walddorfe her
zog schwarzes Gewölk heran gegen ihren Frieden und gegen das Glück des Bruders
In dem Amtsschreiber kämpften durch einige Wochen Furcht und Eifersucht
gegen die alte Begehrlichkeit mit welcher er nach dem Besitz der Jungfer Judit
und ihres Hauswesens strebte Er hatte mit grimmigem Hass Bernhards Wege belauert
und in jener Nacht vom Rande des Gehölzes der Suchenden zugesehen Ihr Werk war
ihm unheimlich erschienen obgleich er sonst im stillen die landläufige Angst
vor Zauberkünsten verachtete Aber die Scheu vor ihrer geheimen Wissenschaft
legte ihm auch den Gedanken nahe dass er als ihr Hausherr dadurch allerlei für
sich gewinnen könne Endlich bedachte er dass der Fremde davongezogen sei und
wohl nicht wiederkommen werde und wagte sich in das Haus der Jungfrau mit der
Absicht ihr einen Antrag zu machen Aber er lief nach kurzer Zeit zornig
heraus sattelte mit bösem Blick sein Pferd und ritt nach der Stadt
Am nächsten Morgen rollte ein großer Wagen von Bewaffneten geleitet dem
Walddorfe zu das gesamte Konsistorium des Landes befand sich darin drei
weltliche Richter und drei geistliche unter diesen der Schlossprediger und
neben dem Kutscher hockte ein Schreiber Die Herren saßen in würdigem Ernste
wegen des schweren Handels der ihnen bevorstand Mehrere Jahre hatte Satan sich
begnügt seine Gegenwart durch die Versuchungen zu erweisen welche er
unzweifelhaften Christen in den Weg warf aber er hatte den Geplagten kein
förmliches Paktum zugemutet jetzt jedoch war Aussicht vorhanden wieder eine
große Jagd auf den alten Bösewicht mit aller gesetzlichen Feierlichkeit
anzustellen Darum fühlten die Herren neben der Verwunderung und dem Grausen
auch das düstere Behagen welches mit jeder schweren Pflichterfüllung verbunden
ist
Sie waren kaum vor der Wohnung des Pfarrers abgestiegen so flog während
sie sich noch durch mitgebrachtes Frühstück für die bevorstehende Arbeit
stärkten die Kunde von der Neuigkeit durch alle Hütten des Dorfes Wer das
Geheimnis zuerst ausbrachte hätte niemand zu sagen vermocht aber alle wussten
darum die Leute liefen aus den Häusern starrten nach der Pfarre flüsterten
einander ins Ohr oder rangen die Hände und wiesen mit heftigen Bewegungen nach
dem Hause das einsam jenseits des Baches stand Zu den ersten gehörte die alte
Ursel selbst die sich wohl bewusst war dass die Leute mancherlei von ihr
argwöhnten sie lief von der Wiese auf welcher sie Wäsche bleichte in den Hof
zurück
Judit saß auf dem Ehrensitz den vor kurzem ein anderer innegehabt Sie
folgte mit ihren Gedanken dem Lauf eines trabenden Rosses wiederholte seine
Reden und ihr Auge leuchtete fröhlich wenn ihr die Worte in der Erinnerung
besonders gefielen Da schrie die alte Dienerin entsetzt in der Tür »Die
Richter sind im Dorfe sie sind gekommen Hexen zu brennen«
»Sie meinen dich« rief Judit aufspringend
»Und noch eine« antwortete scheu die Alte Judit hielt die Hand vor die
Augen Sie hatte nach dem rosigen Himmel geschaut und stand plötzlich vor einem
gähnenden Abgrund Im nächsten Augenblick gebot sie »Entflieh« und wies nach
der Gegend des Rennstiegs Sie selbst setzte sich wieder zu der Arbeit Sie
lauschte auf die Tritte der Alten vernahm wie diese hastig im Flüsterton mit
dem Knaben sprach sie hörte die Hinterpforte knarren und sah von ihrem Stuhl
durch das Fenster ob ein Späher in der Nähe sei Dann rief sie den Knaben
holte aus der Truhe ein verschnürtes Bund welches Bernhard bei ihr
zurückgelassen tat es in einen Korb und gab es dem Kleinen »Dies gehört deinem
Herrn birg es in einem Versteck und trag es zu seiner Schwester bitte dass sie
für dich sorgt denn ich fürchte Kind du wirst bei mir nicht länger bleiben
dürfen«
»Die schwarzen Männer mögen sich in acht nehmen« drohte Pieps »mein Herr
wird ihnen die Wege zeigen«
Judit lächelte Als der Knabe mit dem Korbe verschwunden war schlug sie
die Bibel auf in welche der Vater ihr für die Todesnot einen Spruch geschrieben
hatte legte die Hände darüber und neigte das Haupt dann setzte sie sich wieder
in den Lehnstuhl vor das Spinnrad Sie dachte ob der Knabe auch noch Mittagbrot
erhalten und ob die Bless versorgt sei aber sie stand nicht auf um nachzusehen
Sie saß still und starr und fühlte dabei wie ihr das Atmen schwer wurde und
dass sich langsam etwas Unbekanntes Furchtbares auf ihre Brust legte
Unterdes fanden die Herren Kommissare viel zu verhören und
niederzuschreiben Zuerst hatten die Dorfleute scheu von fern gestanden und der
Amtsschreiber hatte den einen und den anderen zu den Richtern hineinziehen
müssen mit der harten Bedrohung dass das ganze Dorf der Zauberei verdächtig
werde wenn man nicht aussage Allmählich gerieten die Leute selbst in
wahnsinnigen Eifer was ihnen im Anfange als unglaublich und ungeheuerlich
erschienen war das wurde unter dem Hin und Herreden wahrscheinlich Viele
wollten etwas beobachtet haben und zuletzt drängten sich die Schwachen und
Einfältigen zum Verhör Nicht alle Nachbarn man sah auch traurige Mienen und
zornige Gebärden aber die so gesinnt waren standen furchtsam beiseite
So geschah es dass am Nachmittage eine lange Reihe gefährlicher
Beschuldigungen gegen die Jungfrau jenseits des Baches gesammelt war von der
Dienerin Ursula ganz zu schweigen da das Konsistorium diese nach fast
einstimmiger Versicherung der Zeugen für eine Hauptexe halten durfte Aber auch
die Zauberkunst der Jungfrau war den Herren wahrscheinlich geworden Sie hatte
in Krankheiten geholfen wo der Stadtmedikus vergeblich angegangen worden durch
übelschmeckende Tränke durch Auflegen der Hände ja sogar durch ihre bloße
Nähe Sie hielt zwei schwarze bezauberte Vögel welche sich vor anderen Menschen
als Amseln gebärdeten sie hatte bei Raubeinbrüchen wiederholt ihr Haus
unsichtbar gemacht die Bless gab eine unnatürliche Menge Milch Leute welche
übel von ihr gesprochen hatten waren plötzlich erkrankt mehrere Kinder hatten
erst vor kurzem in ihrer Dachluke einen Kobold oder Hausgeist in Gestalt eines
Kindes mit roter Mütze gesehen der gegen sie die Zunge ausgestreckt hatte dazu
kam vieles andere was nach allgemeinem Glauben von Zauberinnen verübt wurde
Auch das Zeugnis des alten Pfarrers war nicht gerade günstig Er gab zu dass sie
als Pfarrerstochter mit den Geheimnissen des Glaubens wohlbekannt sei und dass
sie regelmäßig dem Gottesdienst und der Kommunion beigewohnt indes habe sie
sich niemals durch besonderen Eifer bemerkbar gemacht auch lobte er dass sie
stets den Schein eines bescheidenen und ehrbaren Wesens bewahrt habe dennoch
musste er auffällig finden dass die Dorfleute und die ganze Umgebung eine gewisse
Scheu und unerklärliche Furcht vor ihr gehabt und er konnte nicht leugnen dass
ihr seit Jahren jedermann geheimnisvolle Künste zugetraut habe Sie sei
allerdings gegen viele hilfreich gewesen doch bleibe immer noch der Zweifel
übrig ob dies nicht aus Schlauheit geschehen sei um gute Meinung zu gewinnen
auch sei ihm zuweilen auffällig geworden dass ihre Heilungen nicht lange Bestand
gehabt und dass die Genesenen bei nächster Gelegenheit wieder in harte Krankheit
gefallen waren und wenn ihm selbst auch sehr schwer werde daran zu glauben
dass eine Jungfrau welche von geistlichen Eltern stamme sich auf Zauberei
eingelassen so sei doch sicher dass die fromme Jungfer Königin welche jetzt
unter herzoglicher Protektion in der Stadt weile in einer ihrer Visionen
zweifelhaft von dem Glauben der Angeklagten gesprochen habe
Es war Nachmittag geworden als die Kommissare sich aus dem Pfarrhofe mit
feierlichem Schritt nach der Wohnung Judits bewegten und die Bewaffneten an der
Pforte aufstellten Hinter ihnen zog die ganze Gemeinde und umringte neugierig
das Haus während die einen erschreckt und traurig auf die Fenster starrten
dachten die Schlechtesten bereits daran dass Haus und Hof begehrenswerte Dinge
enthielten welche besser in ihren Hütten als in den Händen der Richter
aufgehoben sein würden
Judit stand allein in der Stube sie wusste jetzt dass sie schutzlos dem
Untergange preisgegeben war durch eine Anklage welche größere Todesgefahr
brachte als der Biss einer Kreuzotter an heißem Tage Aber ihr Schmerz war in
diesem Augenblick niedergekämpft hochaufgerichtet und in stolzer Haltung trat
sie den Herren gegenüber so dass diese mit mehr Höflichkeit und Vorsicht als
vorher in ihrer Meinung gewesen war das Verhör begannen Sie begutachteten
Kräuter und Flaschen und sorgten dafür dass der Vorrat welcher unheimliches
Rüstzeug des Bösen sein konnte aus dem Zimmer entfernt wurde Judit antwortete
auf alle Fragen ruhig sicher und mit klugem Bedacht Sie erzählte dass sie ihre
Heilkunde von dem verstorbenen Vater erlernt sie öffnete die Kammertür und als
ein schwarzer Vogel hereinflog stellte sie ihm die Bibel hin und der Vogel
setzte sich nach einem Wink darauf und pfiff seine Weise so dass der alte
Konsistorialrat Glassius laut sagte »Mir wird leichter ums Herz denn dieser
Vogel scheint durchaus eine natürliche Amsel« bis einer der Kollegen das
Titelblatt des heiligen Buches aufschlug und nach dem Druckort sehend
bedeutsam sagte »Schismatisch« Da wurde der Vogel noch verdächtiger als er
gewesen Judit lächelte stolz als das rote Käppchen des Hausgeistes erwähnt
worden war und sie antwortete »Den hochehrwürdigen Herren ist ja bewusst dass
Kinder und Erwachsene auf dem Lande überall Erdmännchen und Hausgeister sehen«
Als sie gefragt wurde wo ihre Dienerin Ursula sei erklärte sie das nicht
zu wissen und als ihr die Äußerung Reginas zu Gemüte geführt wurde antwortete
sie kurz »Ich war der Jungfer fremd« und setzte nach einer Weile in herbem
Tone hinzu »Ich denke es geschah ihr ein großer Dienst dass sie von mir weg
nach der Stadt geholt wurde«
So stark war der Eindruck welchen ihr festes Benehmen auf die Verhörenden
machte dass sie milder gestimmt wurden und sich der Ansicht zuneigten die
Hauptschuld der Angeklagten sei am Ende nur ein verwegenes Kochen von Kräutern
welches mit Kirchenbusse und strenger Gefängnishaft zu sühnen wäre Doch freilich
blieb einiges sehr Bedrohliche zurück vor allem als schwere Anschuldigung dass
sie in der Nacht an unheimlicher Stelle im Walde bei zauberischem Werk gesehen
worden war und bei ihr der alte Versucher in Gestalt des wilden Jägers Als sie
darüber befragt wurde rötete sich ihr bleiches Gesicht und sie schwieg
hartnäckig so dass die Herren einander kopfschüttelnd ansahen Und als der
verhörende Richter darauf mit größerer Strenge über ihren vertraulichen Verkehr
mit dem höllischen Nachtjäger zu inquirieren begann da brach ihr empörtes
Gefühl leidenschaftlich heraus und sie rief mit blitzenden Augen »Schmach und
Schande über die Herren dass sie es wagen einer ehrbaren Jungfrau so schamlose
Fragen zu stellen Hätte ich die Macht ich würde euch aus dem Hause jagen wie
man einen bösen Hund hinausjagt« Sie schlug die Arme übereinander blieb stumm
und keine Drohung mit Gewalt und peinlichem Verhör vermochte ihr fortan ein Wort
abzugewinnen Da freilich erkannten die Richter das verhärtete Gemüt und dass der
Prozess mit aller Strenge durchzuführen sein werde und weil auch der Tag
dahinschwand und das Abenddunkel die Stube der Zauberin noch unbehaglicher
machte als sie sonst schon war so wurde das Protokoll schnell geschlossen Der
Jungfrau ward mitgeteilt dass sie in Haft sei und da das Dorf kein Gefängnis
hatte wurde zur Behütung der Gefangenen sowie zu der nicht weniger
wünschenswerten Bewahrung ihrer Habe befohlen dass zwei Bewaffnete bei Tag und
Nacht an dem Hause wachen sollten Der Schlossprediger aber dem vieles an der
Gefangenen gefallen hatte vielleicht auch dass sie der Jungfer Regine ohne
Zuneigung gedacht bestand darauf dass ihr als einer Pfarrerstochter bis nach
gefällter Sentenz eine christliche Frau aus dem Dorf zur Beschaffung des
notwendigen Lebensunterhaltes beigeordnet werde Als die Leute draußen gefragt
wurden wer das Amt übernehmen wolle war niemand bereit endlich trat ein
halbwüchsiges Mädchen hervor und sagte weinend »Sie hat meine Mutter in der
letzten Krankheit gepflegt Der liebe Gott wird mich nicht verstoßen wenn ich
zu ihr gehe« Da die Richter ungern die eigene Rückfahrt aufschieben wollten
nahmen sie das Mädchen schleunig in Pflicht verschlossen das Haus und übergaben
den Schlüssel dem Pfarrer
Als die Haustür zugeschlagen wurde klang aus der Stube ein gellender
Schrei dann wurde es still Es war der Angstruf eines Weibes welches von
seiner Liebe und dem Leben geschieden ward
Der Amtsschreiber eilte in den Stall um die Kuh Bless und was ihm noch mehr
am Herzen lag den Zelter in seine Verwahrung zu nehmen aber er sah erstaunt
dass das Pferd verschwunden war Da erst fiel ihm der fremde Knabe ein und er
fragte die Umstehenden nach diesem doch auch ihn hatte niemand gesehen
Am nächsten Morgen fand der Schreiber sein Hoftor geöffnet und sein eigenes
Pferd einen tüchtigen Klepper gestohlen die Spuren führten aufwärts nach den
Bergen sie wurden endlich unsichtbar und alle Nachforschung im Walde war
vergebens Zu Regine aber kam in derselben Stunde ein Schlossmädchen »Draußen am
Tor steht ein Knabe welcher der Jungfrau ein Geschenk übergeben soll er hat es
eilig doch will ihn die Wache nicht einlassen«
»Wie sieht er aus« fragte Regine neugierig und ging nach der Antwort herab
zum Tore Dort saß Pieps auf der Bank er nahm in Gegenwart der Trabanten die
ihn argwöhnisch betrachteten höflich die Mütze ab und bot einen Korb »Dies
soll ich zur Verwahrung übergeben« Und leiser setzte er hinzu »Euer Zelter
steht in der Herberge am Tor er ist für schnellen Ritt nicht zu gebrauchen Wo
liegt der Königsmark« Regine sah erstaunt die verstörte Miene und die rollenden
Augen des Knaben
»Hinter Göttingen«
»Und wo liegt Göttingen« fragte Pieps wieder »Weist mit der Hand nach der
Richtung« Als Regine die Himmelsgegend gezeigt hatte so gut sie wusste grüßte
der Knabe wieder und lief den Berg hinab bevor sie ihn ausfragen konnte Sie
trug den Korb in ihre Kammer fand Sachen des Bruders darin welche ihm lieb
waren und machte sich Gedanken über die geheimnisvolle Sendung
Als sie aber einige Stunden darauf allein im Vorzimmer der Herzogin saß
trat der Lizentiat Hermann ein Regine hatte seinem ehrerbietigen Gruße jeden
Morgen freundlich gedankt und zuweilen nach der Tür gesehen wenn die Stunde
kam in welcher er durch das Zimmer schritt zuweilen auch wenn er sie
anzureden wagte hatte es ein Wechselgespräch gegeben an welches Regine den Tag
über dachte Heut sah sie wieder freundlich nach ihm hin aber befremdet
erkannte sie den düsteren Ernst seiner Miene Schneller als sonst kam er auf sie
zu und begann »Die werte Jungfer Königin bitte ich an den Spruch zu denken
Denen die Gott lieben und ferner an den zweiten Wen der Herr liebhat «
»Ich denke daran« sagte Regine aufstehend und neigte das Haupt
»Denn« fuhr Hermann fort »ich habe mitzuteilen was sowohl kläglich als
schrecklich ist und ich bitte inständig dass die liebe Jungfer nicht den Boten
entgelten lasse was er wahrlich in tiefem Mitgefühl sagen muss«
»Was ist dem Bruder geschehen« fragte das erschreckte Mädchen
»Nicht dem Bruder« antwortete der Lizentiat »sondern der Jungfer im Walde
Sie ist wegen Zauberei angeklagt und gestern im Dorfe von einem hohen
Konsistorium verhört worden«
»Sie ist von schlechten Menschen verleumdet« rief Regine händeringend
»Sie wird als Gefangene in ihrem Hause verstrickt gehalten« versetzte
Hermann »und wie ich vernehme liegen schwere Anschuldigungen vor«
»Sorgt nicht« sprach das Mädchen mit bebender Stimme »ihre Unschuld wird
sich ergeben«
»Ich bitte die Jungfer sich der gewichtigen Worte zu erinnern welche mir
dieselbe auf der Reise hierher sagte« fuhr der junge Mann feierlich fort »dass
uns nur die Liebe aus unserem traurigen Zustande erretten kann und dass diese
Liebe selten ist auch bei den Richtern Es sind verlorene Stimmen in der Wüste
welche seither gegen das grausame und ungerechte Verfahren in zauberischen
Händeln protestiert haben und ich fürchte viele Unschuldige werden geopfert
bevor einmal ein Schuldiger getroffen wird Ich kenne die herzbrechende Klage
welche ein Unbekannter in einem lateinischen Büchlein gegen die Grausamkeit der
gerichtlichen Prozedur veröffentlicht hat und ich habe seitdem solche Anklagen
beachtet aber ich habe niemals gesehen dass die Angeklagten sich zu retten
imstande waren«
»Ich muss zu ihr« rief Regine
»Weil ich solchen Entschluss für möglich hielt habe ich gewagt die Jungfer
in dieser Sache anzureden mit flehentlicher Bitte solchen Gedanken nicht
auszuführen denn Euch selbst bedroht die Gefahr«
»Mich« fragte Regine das Haupt hebend »Was kann mir geschehen«
»Wer einer Gemeinschaft mit den Angeklagten bezichtigt wird ist verdächtig
und wer verdächtig wird der ist verloren«
»Ich aber will Zeugnis geben für sie« rief Regine »was mir auch darum
geschehe«
»Die Jungfer kann nichts bezeugen als ihres Herzens Meinung zum Missfallen
der Richter Könntet Ihr der Jungfrau Möring dadurch auch nur einen mäßigen
Dienst erweisen so würde ich obgleich mit blutendem Herzen vermeiden Euch
abzuraten Von den Richtern aber wird Eure unschuldige Aussage nur zum Schaden
der anderen gedreht und umgedeutet werden und ihr Schicksal verschlimmern«
»Führt mich zum Herzog dass ich ihn anflehe«
»Auch dies widerrate ich« bat der Kandidat »denn der Herzog wird in
solchem Falle sein fürstliches Belieben gegenüber der gerichtlichen Prozedur
niemals geltend machen zumal da diese Prozedur vorgibt sich sowohl auf
göttliches als menschliches Recht zu stützen Mir ist bewusst dass bei jedem
Prozesse dieser Art unsern frommen Herrn herzliche Angst beunruhigt aber er ist
selbst in seinem Leben so schwer durch die Bosheit der Menschen gekränkt worden
dass er für eine teure fürstliche Pflicht hält der Macht des Satans durch
scharfes Verfahren entgegenzuarbeiten«
Das Mädchen stand mit gerungenen Händen und auch dem Lizentiaten zitterte
die Stimme als er fortfuhr »In bitterer Sorge um die liebe Jungfer selbst wage
ich nur eine Bitte handelt in dieser schweren Prüfung nach dem Glauben welchen
Ihr bekennet stellt alles dem anheim bei dem allein Hilfe ist verbergt vor
jedermann die große Bewegung Eures Gemütes und lebt in dem Vertrauen dass
zuletzt alles wohlgemacht wird wenn auch die Wege für uns unerforschlich sind
und zuweilen menschlichem Verstand furchtbar erscheinen«
»Ach Herr« klagte das Mädchen »innerer Friede wird uns nur zuteil wenn
wir vorher alles getan haben was unsere Pflicht ist und ich vermag den
Gedanken nicht zu ertragen dass ich in scheinbarer Ruhe leben soll während
eine die gütig gegen mich war in Todesgefahr ringt«
»Gerade um ihretwillen sollt Ihr Euch fassen denn wenn es noch möglich ist
zu seiner Zeit den Herzog günstig für die Angeklagte zu stimmen so kann das mit
Eurer Hilfe und durch Euer Zeugnis nur geschehen wenn Ihr selbst keinerlei
Leidenschaft und geheime Verstörung offenbart«
»Ich will mich mühen« antwortete Regine tief aufatmend »so zu sein wie
der Herr für heilsam erklärt ich bitte aber mich Schwache dadurch zu stärken
dass Ihr mich unter den fremden Herrschaften hier nicht trauriger Ungewissheit
überlasst sondern mir aufrichtig mitteilt wann ich vor dem Herzoge meine Stimme
erheben darf« Das versprach der Lizentiat hingerissen von ihrem Schmerz aber
er gedachte auch sie selbst soviel als möglich vor der Gefahr zu schützen die
er für sie voraussah
Unterdes jagte ein Knabe in gestrecktem Rosseslauf auf der Landstraße dahin
Die heiße Julisonne brannte ihm die Haut und der Gewitterregen durchnässte das
Kleid aber unverrückt suchte sein Auge am Himmel und auf dem Wege die Richtung
nach Norden Traf er Leute auf der Landstraße so fuhr er in schnellstem Rennen
vorbei oder umritt sie in weitem Bogen Mehr als einmal wurde er angehalten
dann log er sein Herr sei als Bote des Königsmark von Räubern überfallen er
selbst habe sich auf dem Pferde eines Räubers gerettet und eile mit der üblen
Kunde zum General Zuweilen fühlten die Leute Mitleiden wiesen ihm den Weg und
boten ihm einen Trunk und Brot einmal griff die begehrliche Hand eines
Strolches nach dem Zügel aber sie zuckte von dem scharfen Messer des Knaben
geschnitten zurück und die Drohungen des Mannes verhallten hinter dem
Flüchtigen Am Abend des zweiten Tages brach das Pferd zusammen er ließ es
liegen ohne sich danach umzuwenden und lief zu Fuß weiter Bei Göttingen kam
er in die Wegspuren seiner Regimenter er fand Weiber des Trosses die er
kannte und erfuhr von ihnen dass der Heerhaufen einen Tagemarsch nordwärts an
der Leine rastete
Denn dort sollten die weimarischen Regimenter sich mit dem kleinen Heere des
Generals Königsmark vereinigen Der Herr empfing die Anziehenden auf freiem Feld
in großem Ornate er hatte sein Heer so aufgestellt dass es von drei Seiten
einen freien Raum umfasste und Wilhelm wies mit herbem Lächeln seinem Freunde
Bernhard die schwedischen Kanoniere welche mit brennender Lunte bei ihren
Geschützen standen Die von Weimar zogen gegenüber in Reih und Glied auf jedes
Regiment gefolgt von seinem Tross Die Beritte mussten sich drängen weil wie die
schwedischen Offiziere bedauernd sagten Mangel an Raum war Wilhelm trabte mit
seinem Gefolge vor und begrüßte den Feldherrn welcher den Hut abnehmend
dankte Darauf rief der weimarische Feldoberst mit heller Stimme die Namen der
Regimenter und als von jedem der laute Gegenruf unter den geschwungenen
Standarten Hier AltRosen Hier Taupadel geantwortet hatte meldete er zum
Schweden gewandt »Herr Generalleutnant wir alle sind bereit der Krone
Schweden den Eid zu leisten«
Königsmark bewegte sich einige Schritte vorwärts und fragte überrascht
»Auch Ihr« Und als Wilhelm höflich bejahte fragte er weiter »Auf meine
Bedingungen«
»Auf Eure Bedingungen« wiederholte der andere
Über den gesenkten Standarten und Fahnen wurden von schwedischen Offizieren
die neuen Farben befestigt Dann ritten die weimarischen Offiziere vor der Front
in großem Ringe zusammen der Eid wurde ihnen verkündigt und sie schworen mit
aufgereckten Fingern als erster Wilhelm
Nur Bernhard schwenkte den Hut zum Abschiede gegen die Standarte seiner
Kompanie rief dem Volke zu »Lebt wohl Kameraden« und ritt gefolgt von
seinen Knechten zur Seite
Nach den Führern wurde der Soldat regimenterweise in Pflicht genommen
Königsmark beobachtete während der Zeremonie mit stillem Triumph seinen neuen
Erwerb und konnte sich nicht enthalten zuweilen seiner Freude laute Worte zu
geben denn er sah narbige Gesichter sehnige Gestalten wie aus Erz gegossen
und die sichere Haltung kampfgewohnter Männer Aber er merkte auch an vielen
finstere und traurige Mienen und erkannte dass sie nicht freudig zu ihm kamen
sondern im Gebote harter Not Als er so prüfend von seinem Platze die Front
entlang ritt kam er in die Nähe Bernhards und begann
»Wie Herr Abgesandter Ihr seid der einzige der nicht gut schwedisch sein
will«
»Die Ehre verbietet mir meine Kompanie abzugeben und sie verbietet mir
auch als dem einzigen unter meinen Kameraden die Kompanie zu behalten«
entgegnete Bernhard
»Ich hätte andere die ich hier sehe lieber gemisst als Euch« sagte höflich
der General »Gewinnt Ihr einmal Lust zu schwedischem Dienst so kommt zu mir
Verlasst Euch auf mein Wort ich schaffe Euch eine Bestallung«
In der Herberge wartete Bernhard lange vergeblich auf den Freund welcher
zum Generalleutnant entboten war Als Wilhelm eintraf warf er sich finster in
einen Sessel und drückte den Hut tief in die Augen »Der General meint er habe
mich beseitigt aber er könnte sich irren Merk auf Die Regimenter sind unter
dem Vorwand guter Quartiere weitläufig auseinandergelegt um den Verkehr
zwischen ihnen zu erschweren sie werden neu formiert je zwei und zwei zu einem
vereint mit neuen Standarten und neuen Obersten«
»Das haben wir erwartet und der Schwede ist in seinem Recht« warf der
Freund ein »Jeder Feldherr würde ebenso verfahren«
»Mich wundert dass du den Schweden lobst« sagte Wilhelm misstrauisch
»Ich habe mich seinem Dienste versagt« versetzte Bernhard ruhig »aber ich
will ihn nicht unbillig verurteilen Doch am meisten liegt mir auf der Seele
was ist aus dir geworden«
»Ein Oberstleutnant ohne Kommando« sagte Wilhelm bitter
»Auch das ist fast mehr als wir erwartet haben«
»Meinst du« fragte der Unzufriedene »So höre denn der General pries mit
glatten Worten meine Führung und rühmte sich dass er dem schwedischen
Kronkommissar der ihm als Wächter gesetzt sei mein Patent abgerungen habe er
fügte mit falscher Freundlichkeit hinzu dass er sogleich meine Dienste fordern
müsse mit vertrautem Schreiben soll ich morgen bei Anbruch des Tages zum
Feldmarschall Wrangel Verstehst du was das bedeutet Ich soll getrennt werden
von unseren Völkern und sie werden dafür sorgen mich in der Ferne
festzuhalten bis sie hier nach ihrem Gutdünken reformiert haben Du hast den
besseren Teil erwählt Bernhard dennoch denke ich du sollst von mir hören
Grüße deine Schwester und sage ihr meine weltliche Kunst andere zu behandeln
habe mir schlechten Lohn eingetragen Zuletzt hat mir keiner Dank gewusst nicht
unsere Leute nicht die Fremden«
»Ich aber« antwortete Bernhard »für gute Kameradschaft in guten und
schlechten Tagen Das will ich dir sagen bevor wir scheiden Denn du sollst
jetzt für dein Glück unter den Schweden sorgen ich aber werde mit leichtem
Herzen und fröhlichem Mut zum Ehemann und Hausvater«
»Lass Wein auftragen mein Bruder« rief Wilhelm »wir wollen noch einmal wie
Studiosen zusammensitzen wir wollen denken dass die ganze Kriegsfahrt zu Ehren
Deutschlands und dass unser Heerbefehl nichts anderes war als ein
Studentenkönigreich das wir am heiligen Dreikönigsabend angestellt haben Jetzt
sind alle unsere Mannen von der Bank gefallen wir beide aber sitzen fest Wer
am längsten auf dieser Erde den Becher hebt der bleibt Sieger«
Die Tür wurde aufgerissen bei dem trüben Licht sah Bernhard eine kleine
Gestalt welche mit wankendem Schritt auf ihn zukam Vor seinen Füßen brach der
Bube zusammen Bernhard beugte sich zu ihm nieder und das matte Kind flüsterte
ihm wenige Worte in das Ohr Da sank auch der starke Mann wie von einem Schlage
getroffen zurück und das Blut wich aus seinem Angesicht
Die Rettung
Nach heißen Sonnentagen trieb der Nordwind dunkle Regenwolken über das Land
Regine blickte durch das Fenster auf ein glühendes Abendrot welches am Horizont
unter dem schwarzen Wolkendach wie eine ungeheure Feuersbrunst aufleuchtete
Auch das heitere Licht ihrer Lebenstage war geschwunden die Angst war seit der
letzten Nachricht die der Lizentiat zutrug so groß geworden dass ihr
verstörtes Wesen im Schloss auffiel und die Herzogin ihr heut gütig geraten
hatte der Unpässlichkeit nicht zu trotzen sondern sich ruhig in der Kammer zu
halten Sie fuhr zusammen als der alte Diener des Frauengemaches eintrat und
ein Brieflein überreichte welches ein Mann für sie am Tore abgegeben hatte Sie
las die Zeilen ergriff ein Regentuch und stürzte hinaus Auf dem Korridor
vernahm sie hinter sich schnelle Tritte und die ängstliche Frage des
Lizentiaten »Was ist Euch zugestoßen«
»Ich habe einen Gang vor« antwortete Regine zitternd
»Will mir die Jungfer nicht gestatten sie zu begleiten« bat Hermann »Ihr
seid ganz außer Euch«
»Dürft Ihr versprechen gegen jedermann zu schweigen« sagte Regine in Hast
»so tut Ihr mir einen Gefallen wenn Ihr mich zu der Schenke führt welche
draußen beim Gehölz am Fuße des Friedenssteines steht«
»Der Ort ist übel beleumdet und eine Niederlage von schlechtem Gesindel Wie
dürft Ihr Euch dorthin wagen«
»Ich muss« rief Regine das Tuch um sich ziehend und ging an ihm vorüber
»Doch nicht ohne Schutz ich leide nicht dass Ihr Euch allein der Gefahr
aussetzt« entschied Monsieur Hermann ihr nachfolgend
Schweigend eilten sie nebeneinander den Schlossberg hinab zu der wüsten
Stelle im Freien wo ein waghalsiger Schenkwirt einen hölzernen Bau
aufgeschlagen hatte bequem für die Landleute welche zur Bauarbeit am Schloss
gefordert wurden aber auch für fremdes streifendes Volk dem die Torwache
feindselig war
Aus der Bretterhütte schallte das Stampfen der Gläser und das Geschrei
Berauschter Der Lizentiat führte das Mädchen einige Schritte vom Wege ab wo
eine Linde und umherstehendes Gesträuch vor neugierigen Augen deckte und sagte
ernstaft »Ihr dürft nicht dort hinein«
Ein Mann in dunklem Mantel trat herzu und fasste Reginas Hand »Hinweg« rief
Hermann und fuhr auf den Fremden los Aber Regine bat mit gefalteten Händen
»Ich flehe Euch an dass Ihr mich jetzt allein lasst«
Der Lizentiat blickte erschrocken von dem verhüllten Mann auf das Mädchen
»Ich gehorche dem Wunsche der Jungfer und will die Zusammenkunft nicht stören«
sagte er und bitterer Schmerz klang aus seinen Worten »aber ich bleibe so
nahe dass Euer Ruf mich erreicht«
Regine vermochte nur tonlos zu sagen »Ich bin Euch auch dafür dankbar«
Der Verhüllte zog sie tiefer in das Gehölz Sie sah im Zwielicht das bleiche
Antlitz und die zusammengezogenen Brauen des Bruders sie hielt seine Hand fest
und weinte darüber »Wo ist sie« fragte Bernhard hastig
»Sie wird im Walddorfe bewacht«
»Und wie steht ihre Sache«
»Morgen soll sie in der Stadt peinlich verhört werden« antwortete die
Schwester umschlang den Leib des Bruders und fühlte den Schrecken der ihm
durch die Glieder zuckte Er strich ihr mit der Hand über das Haupt ohne es zu
wissen
»Die Zeit ist kurz« murmelte er »Du bist geübt für deinen Bruder zu
beten flehe heut zum letzten Male für ihn und bitte dass die Nacht finster
sei« Er ließ die Entsetzte los und trat an das Gehölz Regine sah dass sich die
Zweige bewegten und glaubte das gefurchte Antlitz eines alten Bekannten zu
erkennen Leise verhandelten die Männer Der andere entwich und der Bruder trat
wieder zu ihr Jetzt küsste er sie auf die Stirn und sagte traurig »Arme
Schwester«
»Bin ich Eure Schwester« sagte Regine das Haupt erhebend »so lasst mich
teilhaben an Euren Gedanken«
»Fordere nicht zu wissen was dich verderben könnte du unschuldiges Kind
Eine die wir kennen ist zur Zauberin gemacht und wer teil an ihr nimmt den
binden sie auf den Holzstoss Wir aber sind gottselige Christen und wissen die
Gemeinschaft mit allem Teufelswerk zu meiden Vielleicht habe ich noch etwas
Wertvolles in dem Hause der Zauberin versteckt was ich herausholen möchte
bevor das Gericht mit gierigen Händen danach greift«
»Sprecht nicht so zu mir Bernhard« flehte die Schwester »Meint Ihr dass
meine Angst geringer wird wenn Ihr Euch vor mir verstellt Ich sehe durch die
Maske und fühle das Grausen«
»Graust dir vor der Zauberin« fragte der Bruder mit rauer Stimme »Sie war
doch einst gütig gegen dich und wir verdanken ihr die Rettung vor elendem
Verderben«
»Sie ist schwer angeklagt« stammelte Regine »und man sagt es sei
bewiesen dass sie nächtliches Werk geübt habe das nicht gottselig ist und das
dem Teufel Macht über sie gibt«
»Ich denke sie hat bei Nacht Wurzeln gegraben von denen die Leute glauben
dass sie kräftig sind feindliche Kugeln abzulenken und ich denke sie hat die
unheimliche Arbeit gewagt um einen vor Gefahr zu schützen der ihr lieb ist
War sie im Irrtum oder nicht war sie in Sünde oder nicht was meinst du soll
der Mann tun dem sie solche Gabe zugeteilt hat«
»Von sich werfen soll er was dem Bösen Macht über ihn geben kann« rief
Regine entsetzt
»Ich aber sage dir Mädchen er bewahrt es an seinem Herzen solange er
lebt nicht weil er einen ehrlichen Soldatentod fürchtet sondern weil das
Weib das er liebt Leben und Seligkeit für ihn gewagt hat«
Regine hielt sich an dem Stamme des Baumes fest und das Haupt sank ihr auf
die Brust der Bruder rührte mit dem Finger darauf
»Glaubst du dass der Gott der Liebe zu dem du so eifrig bittest eine
Menschenseele deshalb dem Teufel und der ewigen Verdammnis übergibt weil sie
sich nicht aus Hass sondern aus herzlicher guter Meinung unterwunden hat aus
dem Walde zu holen was die Nachtgewalten nur ungern dem Menschen hergeben«
»Ich bin gelehrt« antwortete Regine leise »dass es Sünde ist an solche
Geheimnisse zu rühren«
»Und glaubst du dass die Jungfrau im Walde schädliche Zauberei treibt und
mit dem Bösen im Bunde steht«
Regine erhob sich und sagte »Nein«
»Sei bedankt für dieses Wort« rief Bernhard und ein Strahl von Freude
erhellte sein Angesicht »So ziemt es der Schwester zu reden« Er zog sie an
sich und wiederholte »Armes Kind Für dich wird am härtesten zu tragen was das
Schicksal uns gefügt hat Warst du auch zuweilen unzufrieden mit dem wilden
Bruder du hattest seither an seinem Herzen eine Stätte wo du sicher ruhen
konntest wir beide kannten einander genau und zwischen uns war festes
Vertrauen Jetzt stehst du in Gefahr den Bruder zu verlieren freundlos sollst
du zarte Blume unter Fremden gedeihen ja wer mag dafür bürgen ob meine Tat
nicht auch dich beschädigt und ins Elend wirft Das ist Gram und Bitterkeit die
ich zu anderer Not in diesen Angststunden fühle und ich bitte dich und ich
bitte die lieben Eltern im Himmel dass ihr mir verzeiht wenn ich dich verlasse
um einer anderen willen«
Reginas Tränen fielen auf die Hand des Bruders als sie die Hand küsste
»Sorgt nicht um mich« bat sie »Das Blümlein welches Ihr genannt habt steht
unter Gottes Auge geduldig in Regen und Sonnenschein damit der Herr mit ihm
tue nach seinem Gefallen Könnt Ihr aber jetzt wo Euch irdische Leidenschaft
treibt unserer Eltern im Himmel gedenken und Eurer Schwester auf Erden die
Euch liebt so sorget auch dass Ihr Euch nicht für immer von ihnen scheidet
Es ist fürchterlich zu denken dass die Jungfrau vom Walde ohne schweres
Verschulden verurteilt werden kann durch falschen Glauben und durch die
Blindheit ihrer Richter Mein Bruder aber wenn er dieses Urteil durch
heimlichen Anschlag verhindern will verfällt dem irdischen Richter ebenso wie
jene Der Teufel ist geschäftig Bernhard gegen solche welche in stolzem
Vermessen gegen Recht und Gesetz ankämpfen ist auch die Jungfrau unschuldig
wer bürgt dafür dass nicht Ihr zu einem schweren Verbrechen an Gott und den
Menschen verlockt werdet während Ihr sie mit Gewalt aus den Banden des Gesetzes
lösen wollt«
»Deiner Warnung gedenke ich« antwortete der Bruder »vielleicht bewahrt sie
einen Schurken vor der Kugel die ich ihm zugedacht Rufst du aber das
Gedächtnis unserer toten Eltern gegen mich an so wisse seit der Stunde in der
mein Bube mir die Trauerbotschaft zutrug während ich hierherritt in Angst und
Wut wie du sie niemals empfunden habe auch ich Gesichte gehabt von seltsamer
Art und ich habe Stimmen gehört weiß nicht kamen sie vom Himmel oder
anderswoher In das eine Ohr schrie es mir Sei treu bis über den Tod und wenn
die ganze Welt Untreue fordert und in das andere Ohr schrie es Deines Rosses
letzter Sprung sei für den Genossen der um deinetwillen in Not kam Ist ihr der
Pfahl beschieden so sei er mirs auch und würde ihr der Himmel verweigert so
soll meine Seele den Türsteher Petrus niemals um Einlass bitten Ich tue was ich
muss und ich sage dir Mädchen wenn unsere Eltern noch lebten die Mutter würde
weinen wie du der Vater aber würde sein Haupt heben wie er zuweilen tat und
mich mit seinem Sprichwort begrüßen Treue bewahren ist jedem Pflicht den
Königen aber ist es Ehre«
»Ich mahne nicht mehr wo menschliche Warnung vergeblich ist« sprach die
Schwester entsetzt über den Aufruhr seines Gemütes »Ihr aber sollt nimmer
vergessen dass auch für mich das Sprichwort des Vaters gilt Braucht Ihr in der
Not ein treues Herz so denkt meiner«
»Liebe Schwester« rief Bernhard und umschlang das Mädchen welches er
allein und schutzlos in der Wildnis dieser Welt zurücklassen sollte An seiner
Hand trat sie aus dem Baumschatten auf den Weg Dort wies sie nach ihrem
Begleiter vom Schloss der in einiger Entfernung stand auch er mit finsteren
Gedanken beschäftigt Noch einmal fühlte sie die Hand dessen der ihr bis dahin
Bruder und Vater gewesen war auf ihrem Haupte dann wich er in den Schatten
zurück und sie schritt eilig vorwärts aber ihre Glieder bebten in
unterdrücktem Schluchzen Der Lizentiat ging schweigend neben ihr durch die
Schlosspforte Er sah beim Laternenlicht zwischen Mitgefühl und Groll die Qualen
mit denen sie rang und verneigte sich auf dem Gange tief und förmlich zum
Abschiede Ach er wäre trotz seiner Würde reuig vor ihr auf die Knie gefallen
hätte er den Jammer des armen Mädchens verstanden welches jetzt alles verloren
hatte was ihr auf Erden lieb war auch den teilnehmenden Freund im
Fürstenschlosse
Unter dem dunklen Wolkenhimmel sprühte der Regen und tobte der Sturm Er
dröhnte wie Wogenschwall an den Mauern des Fürstenschlosses warf die
Schornsteine von den Dächern der Stadt und schleuderte große Baumäste auf den
Grund Aus der Herberge nahe am Schloss jagten zwei verhüllte Reiter auf der
Landstraße dahin Hinter dem ersten Dorfe gesellten sich zwei andere zu ihnen
nach der ersten Wegstunde war die Zahl bis zu einem ganzen Trupp herangewachsen
und zwischen sich führten sie ein Wagenhaus aus starken Brettern gezimmert
Wenn eine Dorfwache in dem Brausen des Windes den Hufschlag und das Rasseln des
reisigen Zuges hörte der außerhalb des Zaunes dahinfuhr so drückte sie den Hut
über die Augen und sprach einen hilfreichen Spruch um vom Heere des wilden
Jägers verschont zu werden
Am Eingange des Waldtals wo ein steiler Fels bis zum Wege vorsprang hielt
der Haufe an und der Führer ein hagerer Gesell dessen Gesicht durch die
herabgezogene Krempe des Hutes verborgen war sah scharf in die Runde und gab
die Befehle »Ist der Funke dort hinten ein Licht des Dorfes und brennt das
Licht im Hause der Jungfrau« fragte er eine kleine verhüllte Gestalt die neben
ihm ritt
»Es kommt aus der Kammer eines kranken Dorfweibes« antwortete der Kleine
»Dann lenken wir hier über den Bach und meiden die Dorfgasse Hinab und
suche die Furt Ruhig Bruder« mahnte er einen Gefährten dessen Ross durch
die Ungeduld des Reiters gestachelt wurde »Willst du die Bauern vor scharfem
Eisen bewahren so müssen wir lautlos flattern wie Fledermäuse« Unterdes glitt
der Kleine vom Pferde und verschwand in der Finsternis Als er nach einer Weile
an seinem Tier heraufkletterte gebot der Alte »Voran und achte auf die
Steine« Die Reiter verließen den Weg setzten vorsichtig über den geschwollenen
Bach und zogen talauf längs der Berglehne an welcher das einsame Haus stand
»Ich denke bei diesem Wetter schlafen die Wachen« begann der Führer
wieder »Ich bringe das Eisen mit welches die Türen geräuschlos öffnet
Schwinge dich über den Zaun Bube und sieh zu auf welcher Streu du die Wächter
findest Sie müssen unter die Nebelkappe bevor sie sich rühren ein lauter Ruf
könnte uns zwingen dem ganzen Dorf ein heißes Ende zu machen« Wieder hielt der
Trupp in einiger Entfernung vom Hause und wieder tauchte der Knabe vom Pferde
hinab in die Schwärze der Nacht
In der Stube lag auf dem Lehnstuhl ein bleiches Weib und starrte nach dem
flackernden Schein der Lampe »Zum letzten Male sehe ich dies Licht brennen
Klein ist der Funke doch bald wird er ein großer Brand Nur um Euretwillen tue
ich es geliebter Herr den Leib der Euch gehört soll keine fremde Faust
entblössen ich selbst will mir den Richter suchen der mehr Erbarmen hat als
die Menschen hier auf Erden Die Nacht ist finster und lang erkenne ich im
Morgengrauen die Fichte auf der Höhe wo ich an seiner Seite stand so will ich
ihm Lebewohl sagen für immer Wenn die Lohe aufsteigt so hoffe ich jagt der
Wind sie abwärts vom Dorfe damit die Wöchnerin mit ihrem Kinde nicht Schaden
leide
In den ersten Tagen nachdem sie mich in Haft gesetzt flogen meine Gedanken
unablässig zu ihm hin und ich meinte er müsste kommen mich in die Arme
schließen und über mir trauern dass ich ausgestoßen und verflucht bin ohne
Schuld Jetzt träumt mir nicht mehr so Es wird ihm gehen wie den andern auch
sie werden ihm Übles von mir sagen und er wird ihnen glauben Ich möchte doch
dass ich ihm leid täte
Die Wächter riefen mir zu dass die alte Ursel tot im Walde gefunden ist Das
war ein Glück für sie Die Amseln sind von den Bauern erschossen auch die Katze
ist erschlagen weil sie mir zugehörte Einsam war mein Leben und einsam soll
mein Ende sein
Von der Leinwand die ich gesponnen und über die er sich gefreut habe ich
als letzte Arbeit zwei Hemden genäht Eines trage ich auf dem Leibe für meine
letzte Stunde und das andere sollte er sich aufheben bis zu der Zeit wo es ihm
angezogen wird Aber der Wunsch war eitel niemand wird ihm mein Vermächtnis
zutragen denn es gibt keinen Boten mehr von mir zu ihm Und wer weiß ob nicht
auch ihm davor graut in meinem Gespinst bestattet zu werden«
Sie sprang heftig auf sah durch das Feuer zu der Tanne und fasste nach der
Lampe Ein Windstoß schlug an das Fenster dass die Scheiben klirrten und durch
Sturm und Regen klang ein Geräusch wie von schnaubenden Pferden Geflüster von
Stimmen und das Knarren des Tores Die Stubentür sprang auf ein Mann stand auf
der Schwelle Sie hörte die Worte »Gelobt sei Gott dass ich Euch finde« und
fühlte sich von starken Armen umschlungen Da klammerte sie sich fest an den
Geliebten und schrie »Noch nicht sterben«
»Komm Judit« mahnte der Mann und zog sie nach der Tür
»Wohin« fragte sie wild »Die Leute draußen weisen auf mich mit den
Fingern und Euch werden sie töten wenn Ihr nicht von mir weicht Hinweg von
mir Ihr seid bei einer Hexe« Sie suchte sich ihm zu entwinden aber sie sank
wieder an seine Brust
»Was die Hexerei angeht« begütigte die Stimme Gottliebs hinter ihr »so
gibt es hier nur eine Hexe die sogenannte Frau Venussin sowie ihren Jungen
welcher den Hundenamen Amor führt Und wenn Euch die Nachbarn hierzulande
gehässig sind so reitet davon Wer vier starke Pferdebeine unter sich hat dem
steht die weite Welt offen gehts nicht bei den Christen so zieht er zu den
Türken oder zu den Engländern welche ich gleichfalls loben höre Schaffe sie
auf das Pferd Bruder denn dieser Ort ist ihr verleidet«
»Er rät gut« rief sie außer sich »Hinweg ihr alle damit ich das Haus
anzünde«
»Eile mit Weile« tröstete Gottlieb »AltRosen ist niemals so leichtfertig
ein volles Haus abzusengen Soll die Ausstattung der Frau Rittmeisterin
verkohlen oder den Schreibern in die Hände fallen Erst geräumt dann gebrannt
ist Soldatenbrauch« Und zu Bernhard tretend gebot er »Erwarte uns im Walde
es ist nicht nötig dass sie unserer Arbeit zusieht Vorwärts Bube Wo ist der
Zugang zum Versteck Sperre die Truhe auf und wirf in den Wagen wies kommt
Heran Kameraden schnelle Hände und scharfen Ausguck denn der Morgen ist
nahe«
Im nächsten Augenblick jagten Bewaffnete das Weib in der Mitte dem
Bergwald zu um den Hof aber bewegten sich schweigsam geschäftige Plünderer
während zwei aus dem Haufen die geknebelten Wächter vorwärts stießen bis in das
nahe Gehölz und dort an Bäumen festbanden Auch der Wagen rollte von dannen
umritten von der reisigen Schar Als letzter blieb Gottlieb mit dem Knaben im
Hause zurück beim Heraustreten schloss er die Tür und die Pforte des Zaunes »Es
ist der letzte Hof« sagte er zurückblickend »dem unser Regiment ein feuriges
Ende bereitet Nur eins tut mir leid dass wir von dannen ziehen ohne dass ich
den Amtsschreiber in das Feuer geworfen habe Doch hoffe ich Satan holt sich
seinen Braten« Mit diesem Wunsche ritten sie davon Hinter ihnen stiegen aus
dem verlassenen Hause die Flammen auf der Wind blies hilfreich in die Glut Als
die erwachten Dorfleute herzurannten stand der ganze Bau in Flammen und sie
riefen vergebens nach den Wächtern
Die fremden Reiter aber fuhren dahin über die Berge durch Regen und Sturm
und zu dem Geheul der Luft und dem Brausen des Waldes schallte ihr wildes Holla
ho Der wilde Jäger entführte sich das Zauberweib Die er mit trotzigem Sinne
auf das Ross gehoben hielt er fest um sie gegen eine Welt von Feinden zu
behaupten Was tuts ob der Ritt kurz oder lang währt Wer sein Leben wagt um
geliebtem Leben die Treue zu erweisen der hat zu aller Zeit das Recht über die
Rotte der Einfältigen und Schlechten hinwegzusetzen
In dem Zimmer der Herzogin harrte der kleine Prinz mit dem Lizentiaten auf die
Ankunft seines Herrn Vaters denn es war die Stunde wo der Herzog sich gern von
dem Kleinen aufsagen ließ was dieser gelernt hatte Zu den Füßen der Herrin saß
Regine über vielen Knäueln von bunter Wolle wählte und reichte sie zur
Stickerei
Aber ihre Seele war nicht bei der Arbeit die Hände flogen in fieberhafter
Hast und da sie nicht aufzusehen wagte bemerkte sie auch nicht wie bekümmert
der Lizentiat zu ihr hinsah
Der Herzog ließ diesmal auf sich warten als er endlich eintrat begrüßte er
seine Gemahlin und ging mit umwölkter Stirne auf und ab ohne nach der Lektion
des Prinzen zu fragen »Das Haus der Zauberin ist niedergebrannt und sie selbst
ist wahrscheinlich in dem verschlossenen Bau von der Flamme verzehrt« begann er
endlich zur Herzogin »Die Bauern aber sagen aus der Teufel oder wilde Jäger
habe sie entführt« Die bunten Knäuel entrollten dem Schoße Reginas und kugelten
auf den Fußboden »Die Dorfleute wollen die schwarze Höllenschar leibhaftig
gesehen haben den wilden Jäger mit seiner Jagd wie er das Weib auf dem Rosse
hielt und mit ihr durch Flammen und Rauch in der Luft über die Berge fuhr Es
ist seltsam dass so viele dasselbe gesehen der eine mehr der andere weniger
die Wächter behaupten von dem höllischen Heer übel zerstossen zu sein doch fand
man sie mit gewöhnlichen Stricken gebunden«
»Die Dienerin der Angeklagten welche entflohen war hat man in den Bergen
leblos gefunden sie saß in einem Versteck zu dem die Dorfleute bei
Kriegsgefahr flüchten Die Nahrungsmittel in ihrem Korbe waren unberührt und
die Leute behaupten der Böse habe ihr den Hals umgedreht Doch ist wunderlich
dass in ihrem Schoße das Gesangbuch lag und darin aufgeschlagen das Lied Ein
feste Burg Dergleichen ist in der Christenheit unerhört Für mich aber wird
es besonders schrecklich denn ich konnte mich was auch die Richter
vorbrachten noch nicht an den Gedanken gewöhnen dass das Mädchen einen Bund mit
dem Bösen gemacht habe«
»Des Himmels Segen über Eure herzogliche Gnaden für diese gütigen Worte«
klang es leise neben dem Stuhl der Herzogin wo Regine mit gefalteten Händen auf
den Knien lag Der Herzog sah von der Seite auf die Kniende und fuhr fort »Nur
der Jägermeister will nicht glauben dass es höllische Geister waren welche das
Weib entführten er wies mir weiter oben am Wege die Spuren vieler Pferdehufe
die Hufe hatten Eisen und an dem einen fehlte ein Nagel«
Er ging wieder nachdenklich auf und ab »Auch aus der Stadt wird
Wunderliches berichtet Bei der Schmiedin Stange deren Mann seit vielen Jahren
verschwunden ist und unter das Kriegsvolk gelaufen sein soll stand vor zwei
Tagen plötzlich zur Zeit der Abenddämmerung in der Stube eine finstere Gestalt
welche sich als heimgekehrter Schmiedemeister gebärdete und als das
erschreckte Weib auf ihn zugehen wollte dasselbe streng ermahnte bis
Mitternacht nicht mit ihm zu sprechen sondern ihn ruhig schalten zu lassen und
gegen jedermann zu schweigen dies werde ihr Glück sein wenn sie aber spreche
ihr Verderben Zur Bekräftigung scheint er Geld auf den Tisch gelegt zu haben
die Frau gibt nur einen Dukaten zu doch mag es mehr sein Während sie noch
betäubt dasaß ist er in die Schmiede gegangen hat dort mit dem Werkzeug
hantiert und auch das Feuer angeblasen Plötzlich war er verschwunden und ist
bis jetzt nicht wieder sichtbar geworden Durch das späte Arbeiten in der
Schmiede die seither kalt war entstand in der Nachbarschaft ein Argwohn und
da die Frau widerwillig blieb Auskunft zu geben wurde sie heut verhört und
behauptete es sei der Geist ihres Mannes gewesen Wir haben wahrlich genug
gegen die Bösen in dieser Welt zu kämpfen solches Eindringen des Satans schafft
neuen Schrecken und entsetzt die Gemüter«
Er hielt vor Regine an »Ihr Jungfer Königin habt selbst Bekanntschaft mit
der Angeklagten Möring gehabt Ich frage Euch auf Euer Gewissen Haltet Ihr sie
für eine schädliche Zauberin«
»Nein« rief Regine »an ihren Werken sollt ihr sie erkennen sie war
gutherzig gegen jedermann und nicht auf eigenen Vorteil bedacht Der Pfarrer
dort ist alt und in der Gemeinde leben Arglistige welche ihr neidisch sind«
»Sie ist beschuldigt um Mitternacht im Walde teuflische Künste geübt zu
haben und ein Zeuge sagt aus dass der Teufel in Gestalt des wilden Jägers bei
ihr gesehen worden«
Regine rang die Hände »Es war ein Mensch und ein redlicher Christ denn
herzogliche Gnaden es war mein Bruder«
Der Herzog trat zurück »Woher ist Euch das bewusst Jungfer« fragte er
streng
»Mein Bruder selbst hat es mir vertraut« antwortete das Mädchen und fuhr
das Haupt erhebend fort »Was mir auch geschehen möge ich kann es nicht
ertragen dass Eure herzogliche Gnaden durch die Aussagen der verwirrten und
boshaften Leute getäuscht werden Die Jungfrau vom Walde war meinem Bruder lieb
geworden und als er durch seinen Buben Kunde erhielt von der Todesgefahr in
welcher sie verstrickt saß kam er heimlich mit bitterer Angst in Eurer Hoheit
Land Er ließ mich aus dem Schloss zu sich fordern und obwohl er mir seinen
Entschluss bergen wollte so erkannte ich doch dass er auf eine Gewalttat in der
nächsten Nacht sann Auch war er nicht allein er hatte einen treuen Kameraden
welcher denselben Namen führt mit dem herzogliche Gnaden soeben die
Schmiedefrau benannten Dieser war im Heere bekannt als ein redlicher Mann aber
in allerlei Listen erfahren und ich hoffe diese beiden haben die Jungfrau
weggeführt«
»Ihr aber« sprach der Herzog unwillig »seid Mitwisserin geworden bei einer
frechen Gewalttat durch welche das Gericht gehindert und meine Autorität
gekränkt wird und Ihr selbst seid schuldig geworden vor dem Gesetz«
Da begann der Lizentiat ehrerbietig »Ist Jungfer Regine schuldig so bin
ich in derselben Schuld denn ich habe sie vorgestern zu der geheimen
Besprechung mit ihrem Bruder begleitet und wieder zurückgeführt und ich habe
mir in der Stille ähnliche Gedanken gemacht wie sie selbst über eine natürliche
Entführung ohne teuflische Künste Und ich berge Eurer herzoglichen Gnaden
nicht dass ich trotz der entgegengesetzten Meinung hoher Geistlichkeit in meinem
Herzen auch die Gesinnung der Jungfer Regine gegen die Angeklagte teile und der
Überzeugung lebe dass jene unschuldig ist Ja ich wage Eurer herzoglichen
Gnaden freiheraus zu sagen dass ich die ganze Prozedur wegen dieser sogenannten
Hexerei für ungerecht gewalttätig und nicht in frommer christlicher Lehre
begründet halte«
»Der Herr Lizentiat« rief Regine zitternd »ist unsträflich wie ein Engel
in dieser Sache denn er wusste nicht zu wem er mich begleitete er kannte den
Bruder nicht hatte ihn nie gesehen und ich habe um niemanden in Gefahr zu
setzen ihm nichts bekannt«
»Ist es so wie Ihr sagt« begann der Herzog unzufrieden »so wundert mich
dass Monsieur Hermann den ich seither als vorsichtigen und mir ergebenen Diener
betrachtet habe sich dazu drängt der Vertraute und Komplice in einer so
widerwärtigen Angelegenheit zu werden«
Die Herzogin welche mit Teilnahme zugehört hatte so dass sie auch die
Stickerei in den Schoss legte erhob jetzt die Augen zu ihrem Gemahl und sprach
leise »Mein geliebtes Herz wolle die beiden ansehen sie sind sich einander
gut«
In dem ernsten Gesicht des Herrn malte sich ein unmässiges Erstaunen dass
die welche er für eine Verkünderin gehalten sich in solcher Weise als eine
Liebhaberin enthüllte Und zuerst wurde seine Miene noch finsterer Aber als er
die ehrlichen Gesichter der jungen Leute prüfend betrachtete erhielt seine
gütige Gesinnung allmählich die Oberhand zumal er in seinem verwüsteten Lande
gern behilflich war gottselige Ehen zu stiften Und obschon der hohe Ernst
nicht von seinem Angesicht wich so war sein Ton doch ohne Härte als er gegen
Regine begann »Die Herzogin und ich haben Euch als einer Landfremden Unterkunft
in unserem eigenen Hause bewilligt und wiewohl wir an Euch abgesehen von Euren
Heimsuchungen nichts Unebenes und Auffälliges bemerkten so beweist sich doch
auch Euch gegenüber die Regel eines fürstlichen Haushalts als richtig dass ein
Landesherr seine vertraute Umgebung am besten aus Angehörigen des eigenen Landes
erwählt deren Extraktion und Anhang ihm genau bekannt sind Ihr aber seid durch
Euren Bruder und dessen Verbindung mit einem Weibe welches unter furchtbarer
Anklage steht in den Schatten eines Verdachts gekommen welcher in einem
fürstlichen Haushalt ganz unleidlich ist deshalb könnt Ihr nicht länger in dem
Schloss und in unserer Nähe Euren Aufenthalt finden« Regine erhob sich
schweigend und streifte die Wollfäden von ihrem Kleide ihre Angst war
geschwunden sie stand mit gesenktem Haupt bereit zu gehen
»Ich berge Euch nicht« fuhr der Herzog fort »dass durch den Schlossprediger
auch Bedenken gegen das wenige was mir von Euren Revelationen und Gesichten
zugänglich wurde erhoben sind indem derselbe behauptet dass darin eine ihm
bereits anderweitig bekannte versifizierte Äußerung enthalten sei welche von
einem Jesuiten herrühre Diesen Verdacht lasse ich billig auf sich beruhen denn
mir ist wohlbewusst dass Ihr Euch sonst als eine treue Bekennerin evangelischer
Lehre bewiesen habt Und ich hoffe es vor meinem Gott zu verantworten wenn ich
in dem Wunsche Euch vor Gefahr und Schaden zu bewahren von dem was Ihr mir
heut im Vertrauen mitgeteilt meinem Konsistorio gegenüber keinerlei Gebrauch
mache zumal es mir eine herzliche Erleichterung ist dass ich jetzt hoffen darf
die Angeklagte welche sich durch die Flucht ihren Richtern entzogen hat sei in
Wahrheit nicht ewiger Verdammnis verfallen Da Ihr selbst aber von hier scheiden
müsst so will ich Euch in guter Meinung fragen wohin Ihr Eure Schritte zu
wenden gedenkt«
»Ich weiß es nicht« antwortete Regine ergeben »ich bin jetzt allein aber
der Himmel wird mich nicht verlassen« Sie neigte sich tief vor dem Herzog und
kniete vor der Herzogin »Ich danke in Ehrfurcht für alle Gnade die ich hier
gefunden« Sie stand auf und wandte sich zum Gehen
»Gestatten herzogliche Gnaden« sagte der Lizentiat schnell »dass ich in
hoher Gegenwart der Jungfer noch etwas weniges mitteile« und zu Regine tretend
sprach er »Der dritte Spruch den ich damals getroffen als ich die werte
Jungfrau nach der Stadt holte war aus dem Buch Ruth und er lautete Wo du
hingehst da will ich auch hingehen und wo du bleibst da bleibe ich auch und
dein Gott ist mein Gott« Er stand neben ihr und hielt ihre Hand fest
Durch den Schmerz Regines fuhr ein heller Strahl der Freude dass der Mann
dem sie von Herzen zugeneigt war sich in dieser Stunde zu ihr bekannte und sie
sah ihn dankbar mit nassen Augen an Aber gleich darauf zog sie die Hand zurück
und sagte leise »Ich darf niemanden unglücklich machen« Doch der Lizentiat
ließ sich nicht beirren und führte sie vor den Herzog
»Herzogliche Gnaden sind zugleich ein Vater aller Waisen und der oberste
Bischof in Ehesachen Deshalb sei mir gestattet dass ich an hoher Stelle meine
Absicht erkläre um die Zuneigung der lieben Jungfer Königin zu werben und
dieselbe wenn sie mir ihre gute Gesinnung zuwenden kann zu meinem ehelichen
Gemahl zu machen Unterdes bitte ich ehrfurchtsvoll um Erlaubnis die Jungfer
meiner Mutter zu bringen welche nach allem was sie durch mich vernommen hat
sich freuen wird dieselbe aufzunehmen«
»Ungern werden wir Euch aus unserer Mitte entlassen« antwortete der Herzog
»da Ihr aber für diese fremde Waise in so feierlichen Worten mein hohes Amt
angerufen und Euren Willen erklärt habt mit der Jungfer Königin Freud und Leid
zu teilen so will ich mich Eurem Vorhaben nicht entgegensetzen sondern
wünschen und hoffen dass Ihr im Verein mit dieser auf Erden mehr Freude als Leid
genießen mögt«
Er trat vor Regine und fuhr gütig fort »Es war meine Absicht nicht und
nicht die der Herzogin Euch ohne Schutz den Zufällen des Lebens preiszugeben
Denn uns ist Eure Ergebenheit gegen uns besser bewusst als Ihr selbst meint
Wollt Ihr diesen Mann als Euren Herrn anerkennen so tretet Ihr unter gute
evangelische Aufsicht und Eure Seele wird wohlbehütet sein Und um Euch für
guten Willen den Ihr im Dienste der Herzogin wenn auch nicht lange doch mit
Eifer bewiesen habt unsererseits den Rekompens zu gewähren so werde ich Euch
für den Lizentiaten Hermann eine Vokation in die nächste offene Pfarrstelle
übergeben Diese mögt Ihr ihm zubringen falls Ihr ihn zu Eurem Herrn nehmt Bis
dahin bleibt er in meinem Dienst Ihr aber im Hause seiner Mutter und da Ihr
keinen Familienanhang in meinem Lande habt so wird die Herzogin seinerzeit Euch
im Pfarrhause die Hochzeit ausrichten lassen«
Bei den Schweden
Der Krieg war von neuem zu hellen Flammen aufgebrannt Der Kurfürst von Bayern
hatte seine Neutralität aufgegeben sein Heer verstärkt und mit den Kaiserlichen
zu der größten Armee verbunden welche seit Jahren im Felde operiert hatte
Gegen diese Macht rief Feldmarschall Wrangel den General Königsmark zu Hilfe
auch Graf Turenne kam widerwillig herzu und ihre Heerhaufen lagerten an der
Donau drei Rudel von Wölfen welche die Not zwang sich für gemeinsame Jagd zu
gesellen während jeder Haufe gehässig die anderen belauerte Aber auch die
Kaiserlichen und Bayern betrachteten einander mit scheelem Wolfsblick Von neuem
wurden Städte berannt Dörfer ausgesengt und im kleinen Kriege die Zahl der
Kämpfenden verringert denn keine Partei wollte ihre ganze Stärke zu einer
entscheidenden Schlacht auf das Spiel setzen
In den Quartieren des Generals Königsmark standen jetzt unter Oberst Penz
die weimarischen Reiter in vier Regimenter geteilt mit neuen Standarten Es war
viel junges Volk bei ihnen und nicht wenige der Alten hatte der Krieg getilgt
oder ihr eigenes Gelüst zu anderen Fahnen geführt Dennoch hielten sie
untereinander gleich Leidensgefährten zusammen Vor dem Feinde bewährten sie
ihre Tüchtigkeit und Königsmark wusste dass sie ihm in der Gefahr nicht
versagten aber im Lager waren sie für die schwedischen Führer schwer zu
behandeln
An einem Maimorgen kam ein einzelner Reiter gefolgt von seinem Knechte bei
den Lagerwachen des Dorfes an in welchem gerade der General das Hauptquartier
hatte Der Reisende war von mannhaftem Aussehen und in vornehmer Kleidung aber
er trug nicht die Feldbinde eines Offiziers Dennoch empfing er Zuruf und Grüße
von mehreren Soldaten welche am Wege standen und er selbst sah um sich wie
einer der Bekannte wiederfindet er schwenkte den Hut und sprang vom Pferde
als ihm ein alter Offizier mit ausgebreiteten Armen entgegenkam
»Willkommen Bruder« rief Gottlieb »Durch dein Brieflein bin ich avisiert
du findest alles bereit und der Oberst erwartet dich Zuerst aber frage ich
wie geht es deiner Frau Rittmeisterin«
»Sie grüßt ihren Brautführer« antwortete Bernhard »Um ihre Gesundheit zu
schonen ließ ich sie mit unserem Sohne und den Trosswagen in der Stadt zurück
Ist dirs recht so holen wir sie ein sobald ich hier in Amt und Quartier bin«
»Um ihretwillen freut mich dass du erst mit der Frühlingssonne dem Heere
zuziehst in meinen Gedanken zweifelte ich oft ob du wieder zu Pferde steigen
würdest«
»Wir lebten verborgen im Feenlande« berichtete Bernhard lachend »Wisse
als du mit deinen Reitern aus dem Urlaub den dir Königsmark bewilligt nach den
schwedischen Quartieren abgeritten warst wollte der fränkische Dorfpfarrer der
mir mein Weib angetraut uns gegen billige Vergütung gern in seinem Hauswesen
behalten Doch fand ich besseren Schutz bei dem Sohn eines vornehmen
Geschlechtes aus Nürnberg welcher zugleich mit mir das Jus studiert hat und
jetzt als reicher Erbe die Handlung und die Güter seiner Vorfahren besitzt Er
gab mir Unterkunft auf einer seiner Burgen und machte mich zu seinem Kastenvogt
so dass ich ihm mit meinen Knechten nicht nutzlos war denn ich hielt das
räuberische Volk von seinen Dörfern ab Ich saß mit der jungen Hausfrau den
Herbst und Winter in festem Steinhaus auf der Höhe sah zu wie die Blätter im
Winde tanzten und der Schnee um die Fenster wirbelte Bruder es war eine selige
Zeit und Frau Judit fand zuweilen ihr Lachen wieder Wenn das Burgtor am Abend
verschlossen war sang ich nach alter Gewohnheit zur Laute sie aber schnitt und
nähte fleißig von dem Schatz ihrer Truhe den du gerettet eine Ausstattung für
sich und mich und dazu noch für ein Drittes Als nun im Frühling das Laub spross
wagte sie sich einst hinaus ins Freie da traf sie auf dem Wege einen armen
Mann der als Hausierer früher in das türingische Walddorf gekommen war er bat
um eine Gabe und wie sie ihm freundlich antwortete wandelte sich das Gesicht
des Tropfes er trat scheu zurück und lief ohne Gruß von dannen Sie kam
verstört in die Burg und trieb seitdem in unnötiger Angst um mich zum Aufbruch
Unterdes war auch die Geldkatze leicht geworden und wir fragten in Sorge
wohin«
Der Alte nickte »Auch darin rate ich der Zeit zu vertrauen Der höchste
Berg wird klein wie ein Maulwurfshügel wenn man sich weit genug von ihm
entfernt Hier findest du manchen ehrlichen Kameraden aber viel Unfrieden Brot
ist teuer doch das bayrische Vieh nährt den Soldaten unsere Reiter sind
Ochsenhändler geworden von scharfen Aktionen ist wenig zu spüren«
»Was weißt du über Wilhelm« fragte Bernhard
»Er haust unzufrieden beim Wrangel der ihn in der Kanzlei verwendet doch
haben unsere Leute hier ihn nicht vergessen auch dich nicht Bruder und du
wirst manchem beim Glase Bescheid tun müssen Sieh das ist einer von den
Getreuen«
Sie trafen in der Dorfgasse auf den Leutnant Pyritzer der in seiner
bedächtigen Weise grüßte
»Ich freue mich Eurer Ankunft sie ist uns bereits verkündigt und ich
erbitte Verzeihung wenn ich den Herrn Kameraden zur Stelle um seinen Beistand
angehe Ein früherer Offizier vom Regiment Taupadel der nur als ein
französischer Windbeutel ästimiert werden kann ist aus den Dörfern des Turenne
herangeritten er hält vor dem Lager und hat mir durch einen bebänderten
Milchbart der sich seinen Pagen nannte diesen unsinnigen Kartellbrief gesandt
worin zu lesen steht Er habe zu seinem großen Bedauern erfahren dass ich mein
Haar kurz geschoren trage Dies sei ihm unleidlich und er bitte deshalb
höflichst um die Ehre einer Begegnung im Freien So schreibt der Narr«
»Das ist der richtige französische Stilus« bestätigte Gottlieb »Es ist der
verkehrte Hundestil vorn Wedeln hinten Zähnefletschen Ich rate Euch dass Ihr
mit dem Degen die Punkte zu dieser Schrift stecht«
»Darum eben wollte ich mir die Ehre erbitten« sagte der Pyritzer zu
Bernhard »dass der Herr Kamerad als mein Begleiter mit hinausreite Auch der
Franzose bringt nur einen Partner mit Fehlt es Euch an Pistolen so ersuche
ich unter den meinen zu wählen«
»Euer Vertrauen ehrt mich« antwortete Bernhard höflich den Hut lüftend
»ich bin bereit«
Aber Gottlieb trat dazwischen »Ich widerstehe den Herren ungern in solcher
Sache doch unser Gast hat weder Feldzeichen noch Lagerrecht und ist gebunden
zunächst vor dem Obersten zu erscheinen Die Fremden aber sollen nicht prahlen
dass wir Deutsche gezögert haben auf ihren Gruß zu antworten bitte also dass
meine Herren Brüder diesmal mir den Vorzug geben und gestatten an Stelle des
Rittmeisters König die Sekundanz zu übernehmen«
Gegen diesen Vorschlag konnte Bernhard nichts Stichhaltiges einwenden und
da auch der Pyritzer zufrieden war so eilten die beiden Leutnants zu ihren
Pferden Der Rittmeister wurde von dem Obersten und der Kanzlei lange
aufgehalten bevor er bei der Standarte den Eid ablegte und die Feldbinde umtat
Als er beglückwünscht von alten und neuen Kameraden wieder auf die Straße
trat um das Logis des Generals Königsmark aufzusuchen fand er seinen
Vertrauten auf der Bank sitzen »Der wackere Kamerad ist vom Pferde gefallen und
dahin« sagte Gottlieb traurig
»Dann habe ich die Pflicht ihn zu rächen« antwortete Bernhard »Trage dem
Franzosen meine Herausforderung«
»Es ist nicht nötig Bruder« sprach Gottlieb an seinen Degen rührend
»auch der Franzose reitet nicht mehr zurück Gedenkst du an den Traum welchen
du einmal dem Pommer auslegen solltest Etwas davon ist ihm in Erfüllung
gegangen Als er auf dem Felde lag so friedlich ausgestreckt wie ein
Schlafender der sein gutes Tagewerk getan hat trieben Reiter von uns eine
Viehherde heran und bevor ich die Treiber verscheuchen konnte drängten sich
die Schafe um den Leib des Toten Hat er noch etwas davon vernommen so hoffe
ich er wird dabei zum letzten Ende an den Hof seines Vaters gedacht haben Ich
sage dir aber Bruder wenn das so zwischen uns und den Franzosen fortgeht
braucht der Kaiser sich unsertwegen nicht außer Atem zu setzen denn das Gezänk
und Geraufe ist unmäßig geworden und die gemeinen Soldaten sind noch wütender
aufeinander als die Offiziere Ich erwarte dich sieh zu dass du vom General
nicht lange aufgehalten wirst denn ich gedenke dich heut für mich und einige
alte Käuze die du kennst zu behaupten«
Als Bernhard in dem Vorzimmer seines neuen Befehlshabers stand fiel ihm auf
die Seele wie verändert seine Lage war Einst hatte er in der Zuversicht junger
Liebe den schwedischen Dienst verschmäht jetzt musste er ihn als eine Zuflucht
für sich und die geliebte Frau suchen Alles Glück an das er damals mit
Sehnsucht gedacht war ihm zuteil geworden und doch zog er unstet und heimatlos
auf der Erde und über ihm schwebte eine dunkle Wolke die ihn und eine andere
vom hellen Sonnenlichte schied
Königsmark empfing ihn gütig wie einen jüngeren Kameraden »Euer Brief hat
mich nicht vergebens an mein Versprechen gemahnt Ich hoffe die Redlichkeit
welche Euch damals hinderte in den Dienst der Königin zu treten wird Euch
jetzt zu einem guten Offizier machen dem auch ich vertrauen kann Euch soll
nicht schaden dass ich durch das Geschenk welches Ihr mir damals anbotet in
noch größere Sorgen gekommen bin als wir beide ahnten Denn wisst Eure Alten
verstehen zwar zu reiten aber sie sind im Heere ein harter Stein des
Ärgernisses und machen mir das Leben sauer Um ihretwillen bin ich mit
Feldmarschall Wrangel verfeindet und ich bin wie ich voraussah zu Stockholm
in den Verdacht gekommen als ob ich für mich selbst insgeheim machiniere und
mich zum Haupt einer deutschen Partei aufwerfen wolle Doch das ist nicht das
ärgste denn euren Übertritt vermag auch der Franzose nicht zu verwinden er
liegt unseren Kommissaren beständig in den Ohren ihm die Abtrünnigen wieder zu
überweisen Zornig hat er sich mit uns konjungiert die Feindschaft zwischen uns
und ihm ist kaum noch zu bergen und er droht sich wieder nach dem Rheine zu
wenden Der Zustand wird unleidlich für das Heer und für mich selbst Das sage
ich Euch im Vertrauen damit Ihr zur Ruhe und Vorsicht mahnt denn ich weiß dass
Ihr unter den alten Weimarischen Anhang habt Und ich habe auf Euer Gesuch
günstig geantwortet weil ich einen zuverlässigen Mann brauche der mir die
Gedanken der Völker zuträgt und vor ihnen mein Interesse nach Kräften vertritt
Wollt Ihr mir solche Treue erweisen so soll es Euer Schade nicht sein denn ich
schlafe gut wenn ich weiß dass meine Feinde darniederliegen aber ich wache
auch eifrig für den Vorteil meiner Freunde«
»Eure Exzellenz wird nicht fordern dass ich als Zuträger und Spion zwischen
dem Feldherrn und den Soldaten einherschleiche zu solchem Dienst schickt sich
mein Wesen nicht« versetzte Bernhard mit Festigkeit »Auch bin ich mit dem was
Offiziere und Soldaten begehren zur Zeit wenig bekannt Doch hoffe ich des
hohen Vertrauens nicht unwert zu sein wenn ich behaupte gerade durch die
ärgerlichen Händel mit dem Franzosen ist eine günstige Gelegenheit geboten wo
Eure Exzellenz als Führer der deutschen Völker zum hohen eigenen Ruhm und zum
Vorteil der Krone Schweden den Frieden befördern könnten auf eigene Hand und
als höchster Befehlshaber Denn jetzt ist die Zeit gekommen unsere Regimenter
von hier ab in das Kaiserliche zu führen«
Der General lächelte »Ists Eure Weisheit oder ist es der Witz des Lagers
den Ihr mir zutragen wollt«
»Nicht ich allein unterhalte mich mit solchen Gedanken Liegt Euch daran
die geheime Meinung der Soldaten zu erkunden so ist Leutnant Stange ein alter
Reiter der bei den Weimarischen in hohem Ansehen steht hier in der Nähe«
Ein schwedischer Offizier trat ein »Was bringst du« rief Königsmark
unwillig über die Unterbrechung
»Aus den Quartieren des Feldmarschalls Wrangel kam die Nachricht dass
Oberstleutnant Hempel der vormals Befehlshaber der Weimarischen war gestern
morgen tot vor seiner Behausung gefunden worden sei«
Der General sah von der Seite nach Bernhard und erkannte die tiefe Bewegung
»Er ist im Duell erstochen« fragte er »das war zu besorgen denn er hatte
viele Feinde«
»Unter den Soldaten läuft das Gerücht« fuhr der Offizier fort »dass an
seinem Leibe keine Kartellwunde gefunden sei sondern ein Messerstich Die Leute
klagen über Ermordung weil der Tote in aller Stille sofort begraben worden«
»Es tut mir leid um ihn« bedauerte Königsmark »Er war in diffiziler
Stellung doch hörte ich dass er sich dem Feldmarschall als brauchbar empfohlen
hat Euch war er gut bekannt« fragte er zu Bernhard gewendet
»Er war mein Freund« versetzte dieser mit zuckendem Munde
»Das Leben des Soldaten hängt an einem Haar« tröstete der General »Der Tod
sucht ihn mit jeder Art von Waffen Rufe den Leutnant Stange« gebot der
Offizier
Es war ein unheimliches Schweigen im Zimmer bis Gottlieb hereintrat das
Angesicht noch finsterer zusammengezogen als gewöhnlich
»Ihr seid einer von den Alten des Herzogs Bernhard« fragte ihn der
Feldherr
»Jetzt Leutnant bei Penz vierte Kompanie« antwortete Gottlieb feierlich
»früher bei AltRosen erste unter König Gustav Adolf Kanonier bei Lützen«
»Ein guter Anfang Alter« lobte der Graf mit Wohlgefallen den Veteranen
betrachtend »damals wieset Ihr dem Pappenheim die Wege neulich sah ich Euch
den anderen voran in die Kaiserlichen einhauen«
»Jeder nach Kräften« antwortete Gottlieb »Eure Exzellenz hielten auch
nicht hinten als dieselben das sahen«
Der General nickte ihm zu »Eure Kameraden sind schwierig Mir liegt am
Herzen ihre Unzufriedenheit zu dämpfen denn der Groll der durch einen Zufall
in die Gemüter kommt frisst weiter und treibt eine Forderung nach der anderen
hervor Ihr kennt die Gesinnung der Soldaten was begehren sie«
»Rache« antwortete Gottlieb nachdrücklich »Rache an dem Franzosen oder an
wem es sonst sei Feldmarschall Graf Turenne wird klug handeln wenn er es
vermeidet bei einer Gasterei oder auch beim Scharmützel unseren Leuten in
Schussweite zu kommen ihre Karabiner könnten von selbst losgehen«
»Euch an einem Verbündeten zu rächen ist nicht meines Amtes« sagte der
General mit finsterer Miene »Was kann ich selbst tun um meine tapfern Reiter
zu kontentieren«
Gottlieb räusperte sich »Links schwenken und vorwärts ins Kaiserliche Denn
des Römischen Kaisers Majestät ist mit Respekt zu sagen kriegslustig in der
Fremde aber furchtsam in seinem Hause Jetzt hat er sich ein großes Herz gefasst
und seine Armada dem Bayern ins Land geschickt Wenn wir unterdes links ab nach
Böhmen traben während Feldmarschall Wrangel und der Franzose hier
Herausforderung blasen so würden unsere Völker den Wunsch erreichen von dessen
Erfüllung sie bei Tage diskurieren und in der Nacht träumen«
»Kommt Ihr alter Haudegen auch mit dem Frieden« fragte Königsmark
achselzuckend
»Nicht sowohl Friede Eure Exzellenz als vielmehr Beute« antwortete
Gottlieb »die größte Beute der Welt Millionen von Gold Edelsteinen und
Prachtgerät wie es noch schwerlich irgendwo auf einem Haufen zu finden ist
Danach steht unserem Volke das Herz Denn wir haben durch böhmische Überläufer
von der Hussitenart gute Kunde dass nach Prag die Schätze aus allen Landen des
Kaisers zusammengeflüchtet sind auch sitzen dort Hunderte der vornehmsten
Edelleute mit Weib und Kind von denen jeder über tausend Dukaten Ranzion zahlen
würde Das alles ist für den zu greifen der die Hand danach ausstreckt denn
die Kaiserlichen sind sorglos im Dienst und die Böhmen erzählen dass man leicht
in die Festung Prag hineinpassieren könnte weil die Pfaffen vorgeben dass die
Heiligen selbst davor Wache halten Darum begehren unsere Reiter zuerst den
kaiserlichen Adler kahl zu rupfen dann wäre ihnen der Friede recht«
Königsmark lachte und legte vertraulich die Hand auf die Schulter des
Leutnants »Ihr wisst dass der Feldherr nicht so schnell zum Beuteritt blasen
kann als der Soldat sattelt Mir selbst liegt alles daran euch aus dem Gezänk
herauszubringen aber ich bin nicht der bei dem die letzte Entscheidung steht«
Von der Straße klangen Schreie und eilige Tritte Wieder trat der meldende
Offizier ein »Die Regimenter des Obersten Penz sind in Tumult die Reiter
laufen nach dem Alarmplatz dort stehen sie in Haufen zusammen«
»Was fordern sie« fragte der General das Haupt erhebend
»Noch wirds nicht laut sie klagen über den Tod ihres alten Führers und
verhandeln finster und misstrauisch untereinander«
»Der wilde Stier ist unsicher gegen wen er die Hörner heben soll« sagte
der Feldherr »Also ohne Ehre und Kondukt ist der Tote bestattet worden Das
kränkt auch mich denn euch ist bewusst ich hatte ihn ehrenvoll aufgenommen
soweit ich vermochte Das Leben kann ich ihm nicht wiedergeben aber die
nachlässige Bestattung gedenke ich nicht zu leiden und ich muss durchsetzen dass
er aus dem Boden gehoben und in einem zinnernen Sarge in ansehnlicher Kirche
beigesetzt wird wie einem schwedischen Obersten gebührt mein eigener
Feldprediger soll ihm die Gedächtnisrede halten und Deputierte der Regimenter
sollen zu der Bestattung geladen werden Ich hoffe das wird den gemeinen Mann
soweit kontentieren dass er meine gute Gesinnung erkennt Und ihr seid der
Meinung dass den Völkern willkommen wäre wenn ich sie nach Böhmen führe
Eilt ihr Herren« fuhr er zu den beiden Offizieren fort »noch ist es Zeit die
Unruhe zu stillen seid schnell und rührig damit uns nicht neues Unheil
erwachse«
Mit Mühe wurden die zornigen Soldaten beschwichtigt der General ritt selbst
unter sie versprach scharfe Untersuchung und Genugtuung ja er gab den Rat
dass Abgeordnete der Regimenter ihre Klagen den schwedischen Kommissaren im Lager
vortragen sollten und sagte dabei in guter Laune zu Bernhard »Ich rate aber
das Prager Phantom welches den Herren in Gedanken liegt durchaus nicht zu
erwähnen« Zuletzt setzte er durch dass der Getötete aus der Erde gehoben und
nochmals feierlich beigesetzt wurde Als Bernhard an dem Sarge des Freundes
kniete gedachte er traurig der Stunde in welcher der Tote um die Schwester
geworben hatte und des stolzen Vertrauens auf die eigene Klugheit »Er sollte
nicht erleben dass unsere Soldaten die deutsche Not an dem Kaiser rächen aber
ich merke sein Tod soll dazu helfen«
Diese Erwartung wurde erfüllt Denn auch die Schweden erkannten dass die
deutschen Reiter des Königsmark an der Donau mehr Verlegenheit als Vorteil
bereiteten Und als sich die Bäume mit Laub bekleideten und das junge Grün der
Wiesen und Saatfelder einem reisigen Zuge Futter bot erhielt der General die
Erlaubnis nach Böhmen aufzubrechen
Dort zog er von dem schwedischen Stützpunkt Eger aus scheinbar planlos
umher dem Raubvogel gleich der in hoher Luft seine Kreise zieht aber sein
spähender Blick haftete unverrückt auf der alten Kaiserstadt an der Moldau
Geheime Boten gingen und kamen und Leutnant Stange wurde oft als Vertrauter in
das Zelt des Feldherrn gerufen Endlich fand sich ein unzufriedener Böhme bis
dahin kaiserlicher Offizier und in der Festung Prag wohlbekannt welcher bereit
war Führer eines Überfalls zu werden
Es war am Ende des Juli als der General ohne Geschütz und Tross durch
einen Eilmarsch bis nahe vor Prag rückte In einem Walde an der Landstraße
erwartete der Heerhaufe die Abenddämmerung dann zog er das Fußvolk voran
dahinter die weimarischen Reiter mit dem General verstohlen der Stadt zu Um
Mitternacht hielt der Schwede auf dem weißen Berge im ersten Morgengrau drang
der Vortrupp zwischen den schlecht bewachten Werken ein bewältigte die nächste
Wache schlug das Tor auf und ließ die Zugbrücke herunter hinter ihm brachen
die Eroberer wie eine Wasserflut in die Straßen der schlafenden Stadt während
das erste Frühlicht die Spitzen der Türme vergoldete und die Glocken zum
Morgengebet läuteten Die kaiserliche Burg der vornehme Stadtteil der großen
Festung geriet fast ohne Blutvergießen durch ein keckes Reiterstück in die
Gewalt der Schweden Jauchzend und brüllend warfen sich die Sieger in die Häuser
und Paläste welche schon vor der Einnahme mit ihrem Inhalt als Kriegsbeute
verteilt waren Alles was die alten Reiter an ihren Lagerfeuern ersehnt hatten
wurde ihnen zuteil reichlich und völliger als sie geträumt Denn die Beute
welche sie gewannen an adligen Gefangenen an Gold Edelgestein und Prachtgerät
schien ihnen selbst unermesslich
In einem großen Herrenhause das mit fürstlicher Pracht eingerichtet war
lag Rittmeister König mit seiner Kompanie Den Besitzer hatte sein gutes Glück
in Wien zurückgehalten aber der zitternde Hausmeister wies den Eindringlingen
die Silberkammer die gefüllten Schränke und den Weinschatz des Kellers In den
unteren Räumen hausten die Soldaten sie saßen auf Stühlen die mit vergoldetem
Leder bespannt waren und tranken einander spanischen Sekt aus silbernen Bechern
zu In den Ställen des weiten Hofraumes stampften ihre Pferde auch sie
wohlgenährt und übermütig durch maßlos eingeschütteten Hafer Als oberster Vogt
des Hauses aber schritt Leutnant Stange einher neben seinem Degengehenk ein
großes Schlüsselbund um der Trunkenheit und unsinnigen Verschwendung zu wehren
In einem Prachtgemach des Oberstocks saß Judit über das Bett des jungen
Sohnes gebeugt »Sie haben dich in eine Wiege gelegt aus Silber und Elfenbein
du heimatloser Knabe von Marmor sind die Wände deines Schlafgemachs und aus den
großen Bildern sehen gerüstete Männer mit Purpurmantel und Ehrenketten am Halse
hochmütig auf dich herab als wollten sie fragen Wer ist das fremde Kind und wo
gehört es hin Niemand weiß es Wenn du einst heranwächst so wirst du vergebens
fragen wer deine Mutter war da wo einst ihr Haus stand ist jetzt ein
schwarzer Brandfleck Kommst du in das Land wo man sie kannte wirst du einen
wilden Fluch hören sooft jemand ihrer gedenkt hüte dich in die Dorfkirche mit
den zerschlagenen Fenstern zu treten dass die Leute nicht von dir wegrücken und
dich hinausweisen als einen Gezeichneten«
Sie hob das Kind aus der Wiege als sie einen schnellen Schritt hörte »Hier
ist Euer Sohn geliebter Herr« rief sie dem eintretenden Gatten zu »Ihr habt
Euer Weib das sie bereits in den feurigen Sarg gelegt hatten auf die Erde
zurückgeführt mein Dank war dass ich Euch dies junge Leben gab Jetzt müsst Ihr
uns beide tragen Nehmt ihn in Eure Arme und mich dazu denn Ihr seid alles was
wir auf Erden besitzen die letzte Heimat der Verstossenen«
»Er wird ein wackerer Knabe« sagte Bernhard das Kind freudig betrachtend
»hilf Kleiner der lieben Mutter mutig zureden Sieh er öffnet die Augen und
wird zur Stelle in seiner Sprache fordern dass du dir nicht in Schwermut den
Segen verdirbst den er in unser Leben gebracht hat«
Das Kind schrie Pieps lief herbei nahm es an sich lachte ihm vertraulich
zu und trug es die Arme schwenkend unter gutem Zureden in der Nebenstube auf
und ab
Der Rittmeister sah sich im Zimmer um »Wir sind den Herren dort an der Wand
ungeladene Gäste lass dirs gefallen dass die Hochmütigen als stumme Trabanten
dir dienen Die stolzen Feinde sind gedemütigt von der Höhe der Kaiserburg
sehen der Thüringer und Sachse herab auf die alte Stadt aus welcher vor dreißig
Jahren die Kriegsfurie aufflog jetzt schwingen wir siegreich die Fackel und
unsere Reiter welche das Schicksal des Krieges lange gezaust können als Sieger
über die Moldau trotzig ihr altes Schlachtgeschrei rufen Hie Deutschland Jetzt
dürfen auch sie hoffen sich im Frieden ihres Sieges zu freuen«
»Und wenn der Friede kommt was bringt er für Euch Herr« fragte Judit
»Wo läutet die Kirchenglocke die uns mit guten Nachbarn zum Gottesdienst
ladet«
»Das deutsche Land ist groß« versetzte der Gatte »und der teuflische
Argwohn vergeht«
»Er vergeht und er wird wieder laut gerade dann wenn die Angst geschwunden
ist Ich höre sein Geflüster wie das Geräusch des Waldbachs unter der grünen
Eisdecke auf der ich stehe«
Bernhard sah ihr besorgt in das Antlitz und ergriff ihre Hand »Wer hat dir
Geliebte die du seither so tapfer warst den Sinn verstört«
»Oh übet Nachsicht Herr« bat das Weib »Die zweite Warnung hat das
Schicksal mir gesandt Ihr wisst wie ungern ich an Kranken die alte Kunst übe
heut als Ihr mit dem Obersten ausgeritten wart kam Gottlieb und erzählte von
einem kranken Reiter aus anderem Regiment der nebenan in tödlichem Siechtum und
hilflos lag Da ging ich mit Eurem Kameraden an das Lager des Sterbenden Der
Mann war aus Thüringen und erkannte mich Er weigerte die Arznei zu nehmen die
ich ihm bot und kehrte sich mit einem Fluche der Wand zu Euer Freund aber
sagte mir darauf zu meinem Trost dass der Kranke verschieden sei«
Bernhard fühlte tief den Schmerz der Geliebten aber er antwortete ruhig
»Harre aus Judit Um alles Leben schleicht der Tod niemand kann sagen was
ihm in der nächsten Stunde beschieden ist Wie darf dich und mich die Furcht
verwirren weil die Gefahr in der wir stehen vielleicht ein wenig größer ist
als die manches anderen Beschied der Himmel uns mehr Gefahr so verlieh er uns
dafür ein festes Herz und er gab uns auch ein größeres Glück Dass wir der Not
entronnen miteinander als wackere Ehegatten leben das ist ein gutes Erdenlos
und wie ein Panzerhemd gegen alle Gefahr trage ich diese stolze Freude«
»Haltet Ihr mich an Eurem Herzen und höre ich die Zuversicht Eurer Rede«
sprach Judit sich von seiner Brust erhebend »so schwindet die Angst und aus
Euren Augen dringt ein Strahl der Hoffnung in mein Herz Segen über Euch Denn
nur in Eurer Nähe finde ich Mut und Vertrauen Dann wage ich zu bitten dass der
Himmel mich noch unter den fremden Menschen dulde«
»Nicht alle sind fremd« tröstete Bernhard und wies nach außen wo die
Stimme des Leutnants in kräftigen Scheltworten laut wurde »Mancher von den
Kameraden setzt für die Frau Rittmeisterin durch das Feuer Hier in diesem
Schloss in das die Göttin Bellona uns versetzt hat hausest du sicher unter
treuen Gesellen Aus Schlesien zieht uns Sukkurs heran die Wege werden frei
und die Straße dorthin kommt in unsere Hände vielleicht wird uns Gelegenheit
von hier den Ritt nach deiner Heimat zu unternehmen«
Über das Antlitz der Frau zog ein Schimmer von Freude sie zog ihn an das
Fenster »Seht dort in der Ferne die grauen Berge dort liegt unser Hof Seit
ich den Knaben habe träumt mir wieder von der Kinderzeit Dann erfasst mich die
Sehnsucht Ich sehe die Höhen im Morgenlicht und das Haus des Vaters und ich
hoffe was mich jetzt krank macht und zur Last für meinen lieben Herrn das wird
schwinden wenn ich dahin komme Im Hof der Eltern sitzt wohl längst ein
Fremder und er könnte uns rauen Gruß bieten wenn wir ihm in sein Heimwesen
eindringen Dennoch ruft mir eine innere Stimme zu dass ich dort den Frieden
wiederfinden werde«
»So höre ich dich gern reden« sagte der erfreute Bernhard
»Und wisst Herr« fuhr Judit fort »die Hoffnung ist nicht ungereimt Ein
Böhme meines Glaubens den Euer Bube hier erkundete hat mir Nachricht aus
unserer Gegend gebracht Ach viele wurden getötet oder verjagt und von den
Bekennern sind nur wenige übrig Aber einer der Alten lebt noch der nächste
Freund meines seligen Vaters zu ihm begleitet mich Bernhard Dort wird die
bittere Ausgeschiedenheit mich nicht mehr quälen ich komme unter Landsleute
und« setzte sie leise hinzu »auch beim Gottesdienst wäre mir wohl denn unsere
Brüder halten fest zusammen und ihnen würde ich nicht verdächtig sein«
Die Ähren waren gereift und der Herbst begann die Blätter zu färben als
reitende Boten die Kunde nach Prag trugen dass zwischen Schweden und dem Kaiser
endlich der Friede vereinbart sei Da übergab Bernhard die Kompanie der Sorge
seines alten Freundes und führte sein Weib den Bergen zu Die Heerstraße war bis
in das Riesengebirge durch schwedische Posten gesichert und die
Feindseligkeiten der Armeen hatten aufgehört Als Judit mit ihrem Kind und der
Dienerin im Sonnenlicht auf der Landstraße dahinfuhr geleitet von dem Gemahl
und bewaffneten Knechten und vor ihr die blaue Kette des Gebirges immer höher
aufstieg da glänzte ihr Auge und der Mund lachte wenn sie sich hinausbeugte
und dem Vater sein Kind zum Kusse bot
In der Nähe von Braunau übernahm sie selbst die Führung der Reise Sie
richtete die Fahrt nach einem Bauernhof der abseits der Straße lag und trotz
der Verwüstung verriet dass er bewohnt sei Und als in dem Hofe ein alter Mann
mit schneeweissem Haar auf die Schwelle trat da bat sie den Gemahl sie allein
zur Unterredung mit dem Greise zu lassen Am nächsten Morgen begleitete der
böhmische Bauer die Reisenden über die Grenze in das Schlesierland Bernhard
hielt scharfe Umschau doch nirgends war Feindliches zu sehen ringsum
menschenleere Täler und bewaldete Berggipfel und in den Dörfern die
Trümmerhaufen welche der Krieg zurückgelassen hatte Als sie eine Höhe erreicht
hatten von welcher der Weg in die Ebene führte ließ der Böhme den Wagen halten
und mahnte zur Vorsicht weil sich die Kunde verbreitet hatte dass die Schweden
ihre Quartiere längs der Grenze räumten und kaiserliche Völker einrückten
»Begnüge dich heut meine Tochter wie Moses dein gelobtes Land von ferne zu
betrachten« sprach er tröstend »bis die Freunde dir den Zugang zu deinem Hofe
geöffnet haben« Da stieg Judit aus kniete vor dem Alten nieder und bat »Mein
Vater segnet mich Lange hat keines Priesters Hand mein Haupt berührt wie eine
Ausgestossene habe ich gelebt und mir war zuweilen als sei ich von unserm
lieben Gott geschieden Das nehmt heut von mir In Frieden und Freude will ich
das Haus meines Vaters wiedersehen« Und als der Alte über ihrem Haupt gebetet
hatte reichte sie Bernhard die Hand und sagte »Kommt mit wir gehen zu Fuße
nur so weit dass ich die Schwelle erkenne die Tür und die Bank auf der ich als
Kind gesessen«
So gingen sie beide vorwärts in geringer Entfernung gefolgt von dem
Reiterbuben der den Karabiner seines Herrn trug Es war ein klarer
Herbstmorgen überall feierliche Stille auf den Wiesen in der Tiefe lag noch
dämmeriger Nebel aus der nahen Stadt klang das Glockengeläut »Sie läuten den
Frieden ein« sagte Judit »das bedeutet auch für Euch und mich ein besseres
Glück Könnte ich mit Worten danken für alles was Ihr an mir getan heut müsstet
Ihr mich anhören denn geliebter Herr mein Herz ist übervoll von Liebe und
Zärtlichkeit für Euch« Sie drückte sich an ihn »Seht dort steht die
Steinbank von dort hob mich die Alte in den Wagen als die Eltern flohen« Aber
während er mit den Augen der Richtung folgte nach der sie ihn wies fühlte er
wie sich ihre Finger krampfhaft in seinen Arm pressten im nächsten Augenblick
warf sie sich mit wildem Schrei an seinen Hals
Hinter der Hofmauer jagte ein Beritt kaiserlicher Reiter heran darunter ein
Offizier mit roter Feldbinde Bernhard erkannte dass er wehrlos vor seinem
Todfeinde stand und Reinbold schrie »Was mir lange geträumt ist wahr
geworden heut bin ichs der Euch der Kompanie entledigt und des Weibes dazu«
Er gebot »Feuer« und als die Reiter zögerten rief er mit einem Fluch
»Vorwärts Es ist die Hexe aus Thüringen« Die Schüsse krachten Bernhard sank
dahin sein totes Gemahl im Arme
Und noch ein Blitz und ein Knall aus einem Rohre das ein Knabe mit
gesträubten Haaren hob Die Pferde der Reiter stoben auseinander der Gaul des
kaiserlichen Offiziers schleifte den erschossenen Mörder am Bügel
So kam den Liebenden der Friede Und wer von ihnen erzählt der weiß nicht
soll er sie glücklich preisen oder beklagen
Schluss
In einem Kirchdorfe nahe bei Gota war die Getreideernte beendigt Nicht alle
Äcker der großen Dorfflur hatten Frucht getragen und nicht in jeder Hofstätte
wohnten Landleute welche sich der Ernte freuen konnten aber die Gemeinde saß
doch wieder um ihre Kirche mancher war aus der Stadt zurückgekehrt mit den
geretteten Rindern und dem Ackergerät und mancher war aus der Fremde zugezogen
Zum ersten Male seit langen Jahren hatten die Leute in Frieden ihre Garben
gebunden und wenn sie auf dem Felde schafften in leidlicher Sicherheit auf die
kleine Turmglocke gehört welche ihnen Mittag und Abendruhe ankündigte Auch im
Pfarrhofe stand der Wagen mit der letzten Mandel die am Abend noch nicht
abgeladen war und über ihm schwebte der Erntekranz Das Hoftor war
verschlossen der Hofhund saß achtsam neben seiner Hütte und murrte zuweilen
wenn ein Käuzlein schrie oder ein später Fußtritt auf der Dorfgasse schallte
Die Frau Pfarrerin sah am Fenster nach der runden Mondscheibe welche umsäumt
von einem Strahlenkranze den Hof und die Türschwelle mit grellem Licht überzog
als wären sie mit weißem Sande bestreut Ihr Gatte trat herzu um den Laden zu
schließen und sein stilles Heimwesen vor dem Gesindel zu wahren welches
obdachlos durch das Land zog »Alle Abende steht mein liebes Weib am Fenster
sieht hinaus auf die Straße und horcht auf fernes Geräusch«
Regine sah bittend zu ihm auf »Alle Abende hofft die Schwester dass der
Verlorene kommen wird Bei Tage bin ich ruhig in der Arbeit und meinem Glück
aber wenn der Mond auf die Dächer scheint und die Wolken an ihm vorüberfahren
dann ergreift mich Angst und Sehnsucht Zürnt nicht lieber Herr«
»Das ist der jungen Frau zurückgeblieben aus der Zeit wo sie mit hellen
Worten träumte«
»Die Traumreden sind zu Ende seit ich einen Hausherrn habe den ich nicht
aufwecken darf« sagte sie und barg ihr Haupt an seiner Brust »Schliesst das
Fenster« sprach sie nach einer Weile »es ging vorüber«
Da bellte der Hofhund laut und zornig und die Rassel am Hoftor erklang
Regine fuhr zusammen und rief »Er kommt« Doch im nächsten Augenblick fasste sie
ängstlich den Arm des Gatten »Weckt die Leute«
Der Pfarrer ergriff den Hut »Ich sehe bevor ich öffne« tröstete er
Regine eilte ihm nach bis auf die Hausschwelle Er schob den Riegel zurück
die Pforte sprang auf niemand war im Eingang zu sehen Doch zur Seite im
Schatten des Zaunes kauerten zwei dunkle Gestalten und eine Knabenstimme fragte
leise »Wohnt hier jemand der einst zu AltRosen gehört hat«
»Ich bins Knabe« schrie Regine und sprang an das Tor Der Knabe trat
heran ein Bündel in den Armen ihm folgte ein Mann den Hut tief in die Augen
gedrückt Der Fremde sah vorsichtig hinter sich und schloss das Tor dann nahm er
den Hut ab und im Mondlicht erkannte Regine das gefurchte Antlitz eines alten
Freundes
»Wir bringen der Schwester das Erbteil welches ihr Bruder auf Erden
zurückließ Der Rittmeister und sein Weib sind dahin ich denke es war die
letzte Kugel welche sie traf als der Friede eingeläutet wurde Was der Knabe
im Arm hält trugen wir vom Riesengebirge heran eine Frau des Trosses die ihm
Nahrung gab der Knabe und ich«
Regine stand regungslos und ihr Gatte sagte sie festhaltend »Tretet in
das Haus« Der Alte schüttelte den Kopf »In diesem Lande bringt es den Leuten
Unglück uns zu beherbergen Wir ziehen bei Nacht weiter dahin wo uns niemand
kennt Denkt insgeheim der Toten und der Lebenden« Gottlieb winkte grüßend mit
der Hand öffnete die Pforte und sein eiliger Schritt verklang auf der leeren
Straße Der Knabe trug seine Bürde hinter der wankenden Pfarrerin in die Stube
und legte sie auf einen Stuhl »Der Feldprediger hat es getauft es heißt wie
mein Herr hieß« sagte er und wandte sich zum Gehen
»Du aber bleibst bei uns« rief der Pfarrer
Doch Pieps sah von der Schwelle stolz in die Stube zurück »Ein Reiterjunge
von AltRosen wird kein Küster Adjes Ich werde manchmal nachsehen wie es
diesen geht«
Er wies auf Regine welche vor dem Kind kniete
Der Freikorporal bei MarkgrafAlbrecht
Zum Jahre 1721
Wenn Herr Bernhard Georg König mit seiner Frau Liebsten über den Marktplatz der
kursächsischen Stadt lustwandelte in welcher er während des Winters wohnte so
zogen die Bürger mit Hochachtung die Hüte und ihre Bemerkungen hinter dem
Rücken des Ehepaares waren nicht selten beifällig Denn die Königschen Eheleute
wurden zu den Honoratioren der Stadt gezählt sie waren rechtschaffen und sie
waren wohlhabend da ihnen nicht nur ein Rittergut in der Nähe gehörte sondern
auch in Zukunft der Besitz des besten Hauses am Markte gar nicht entgehen
konnte Man wusste dass dies Vermögen von dem Vater der Frau herkam welcher zu
seiner Zeit ein reicher Kaufmann in Leipzig gewesen war und sein einziges Kind
mit dem genannten König verheiratet hatte
Aber auch Herr König war kein gewöhnlicher Mann Als Sohn eines Thüringer
Pfarrers hatte er Theologie studiert und war Geistlicher eines deutschen
Regiments geworden welches König Wilhelm von England in seinen Kriegen mit den
Franzosen gebrauchte Im Felde behauptete er sich als ein stattlicher Mann von
festem Charakter der den Tod nicht fürchtete dem Teufel kräftig zu Leibe ging
und seinen Soldaten eine heilsame Scheu vor dem breiten Pfade zur Hölle
beibrachte Und da er auch ein guter Gesellschafter und beim Glase Wein ehrbarer
Fröhlichkeit nicht abhold war und leichter Französisch und Englisch lernte als
die meisten Offiziere so wurde er ein guter Freund seines Obersten und diesem
bei schriftlichen Verhandlungen ein vertrauter Helfer Er selbst lernte in
Holland ein grossartigeres Leben kennen als in der deutschen Heimat zu finden
war und unterhielt seinen Horaz in der Tasche geselligen Verkehr mit
berühmten holländischen Gelehrten welche sich seines festen Lateins freuten
Beim Regiment hatte er einem kursächsischen Kaufmann welcher in das
Kriegsgetümmel geraten war wichtige Dienste geleistet er hatte ihn nicht nur
vor Ausplünderung behütet sondern auch durch sorgsame Pflege aus schwerer
Krankheit wiederhergestellt Der Sachse erbat vor seiner Abreise die Ehre eines
Briefwechsels und bewahrte fortan seinem Retter eine herzliche Dankbarkeit Als
nun der Feldprediger nach Jahr und Tag in die Heimat zurückkehrte folgte er
einer dringenden Einladung des Kaufmanns nach Leipzig Dort wurde ihm unter dem
Dache des Gastfreundes die aufblühende Tochter über alle Massen lieb und er
offenbarte in seiner ehrlichen Weise dem Vater dass er dies gastliche Haus
verlassen müsse weil er der Demoiselle Susanne gegenüber eine große
Beunruhigung in seinem Herzen spüre und wegen mangelnden Reichtums und zudem
als Landfremder wegen mangelnder Hoffnung auf eine gute kursächsische Pfarre
nicht daran denken dürfe die Tochter von den Eltern zur Frau zu erbitten Da
kamen dem Kaufmann die Tränen in die Augen über die Redlichkeit seines
Erretters und er bat diesen es sich noch drei Tage in seinem Hause gefallen zu
lassen Und nach drei Tagen lud er ihn feierlich in die gute Stube aus welcher
die Hausfrau alle Leinwandkappen des seidenen Möbelbezugs weggenommen hatte und
dort verlobte der edle Mann den Gastfreund mit der herbeigerufenen Tochter
welche dem glücklichen Bräutigam leise gestand dass auch sie ihn seit seiner
Ankunft insgeheim im Herzen trage
Jetzt bemühte sich Herr König ernstaft um eine Pfarre in der Nähe machte
Reisen und suchte Gönner zu gewinnen Aber das wollte sich nicht so leicht
schicken da ihm die Ortodoxen misstrauten und auch die Stillen im Lande an
seiner Erweckung zweifelten Dagegen wurde er dem Kaufmann bald in anderer Weise
unentbehrlich Denn er verstand als Sohn eines Landpfarrers die Gutswirtschaft
und wusste dem Amtmann des Gutes welches der Kaufmann besaß besser auf die
Finger zu sehen als der Leipziger selbst Auch der Handlung wurde er durch seine
holländischen Bekanntschaften ein wertvoller Beirat
Als sich vollends nach einigen Jahren begab dass der Kaufmann aus diesem
Leben schied erwies sich der Schwiegersohn als die Stütze der Familie die
Handlung wurde aufgehoben und er hatte jahrelang den Vorteil seiner
Schwiegermutter wahrzunehmen Endlich verließ die Familie Leipzig Herr König
zog mit seiner jungen Frau auf das Gut in der Lausitz und die Schwiegermutter
erwarb Haus und Garten in einer nahen Stadt welche ihr seit ihrer Kindheit
wohlbekannt war da sie selbst aus einer adligen Familie der Umgegend stammte
und in der Nähe Verwandtschaft und Anhang hatte
War das Gut auch nicht groß es bot der Familie als Sommeraufentalt doch
viele Annehmlichkeit ganz zu geschweigen von dem Eingeschlachteten den Säcken
mit Weizenmehl und den Stoppelgänsen Das Wohnhaus war ein alter Bau mit dicken
Mauern und unregelmässigen Fenstern der Unterstock durch eiserne Gitter verwahrt
wegen des immer noch stark umherschweifenden Gesindels im Garten ein sorgfältig
geschnittener Heckengang ja sogar ein Weingeländer und ein Quartier mit
Blumenbeeten in welchem der Hausherr kostbare Tulpen und Narzissen zog deren
Zwiebeln ihm ein Freund aus Holland zusandte
Doch wiewohl es dem Herrn König in weltlichen Dingen gelungen war in seinem
Gemüt trug er es als eine Entbehrung und zuweilen als ein Unrecht dass er dem
Predigtamt entsagt hatte und es gereichte ihm fast zu einer Befriedigung dass
sein Dorf keine eigene Pfarre bildete denn wenn einer der Dorfleute in Jammer
und Gewissensnot lag so war er der nächste ihn zu trösten und zu ermahnen
auch der Schullehrer wurde eifriger in seinem Amt da er merkte dass das Auge
des geistlichen Gutsherrn scharf auf ihn gerichtet war und dass ihm löblicher
Pflichteifer Gutes in die Küche und in den Stall brachte
Jeden Winter aber zog Herr König nach der Stadt in das große Haus der
Schwiegermutter Die Stadt war ein alter namhafter Ort mit Mauern und Türmen an
denen man noch die Löcher wies welche feindliche Kugeln im Dreissigjährigen
Kriege geschlagen hatten Einst war der Ort stolz auf seinen Handel gewesen
jetzt sah er ein wenig heruntergekommen aus aber es lagen doch nur wenige
Häuser in Trümmern Seine Bürger hatten viel Landbesitz und wen das Handwerk
nicht nährte der konnte sichs vom Acker holen Es saßen angesehene Beamte des
Landesherrn darin auch eine lateinische Schule war vorhanden und einige Häuser
gehörten Edelleuten der Umgegend welche die vornehmste Sozietät bildeten sooft
sie in der Stadt wohnten Unter ihnen fanden sich einzelne Herren mit polnischen
Namen da der Kurfürst von Sachsen zugleich König von Polen war und wenn die
Länder auch nicht zusammenhingen und die polnische Wirtschaft unter den
Deutschen übel beleumdet blieb so hatten sich doch mancherlei Fäden von einem
Lande zum andern gezogen Unternehmende Sachsen suchten an der Weichsel leichten
Gewinn und junge Polen kamen an die Elbe um Geld zu borgen und unter den
adligen Familien Edukation zu erhalten Denn die Kursachsen galten dafür gute
Lebensart zu besitzen der Hof zu Dresden war der prächtigste im ganzen
Römischen Reiche und die Kunstwerke italienischer Köche und französischer
Modisten verbreiteten sich aus der Residenz in die kleineren Städte Auch das
bücherdruckende Leipzig sandte beflissen seine literarischen Erzeugnisse durch
das Land und der Gelehrte stand an der Pleisse und Elbe in höherem Ansehen als
anderswo Sogar der Landadel verachtete nicht ganz das literarische Wesen und
fühlte sich in einnehmender Redekunst und in jeder Art von wohlbedachten
Komplimenten seinen Genossen aus der deutschen Nachbarschaft überlegen er
verstand beim Beginn einer Mahlzeit stets das große Wort zu führen doch wurde
er im Verlauf der Festivität oft durch die stärkere Trinkkunst der anderen zum
Schweigen und unter den Tisch gebracht
So fand Herr König in der Stadt wohltuenden Verkehr Auch seiner
Schwiegermutter die ihn nicht weniger verehrte als die eigene Frau blieb er
ein treuer Berater gegenüber großen und kleinen Versuchungen zum Beispiel als
der neue ungeschickte Kopfputz aufkam und danach die Erbauungsstunden in denen
fern von der Kirche das Lämmlein auf eigentümliche Weise verehrt wurde
Vollends als es in dem eigenen Hause der Schwiegermutter zu poltern anfing
entdeckte er mit überlegener Ruhe dass es zuerst nur Ratten hinter dem
Holzverschlage gewesen waren und dann eine liederliche Köchin welche mit ihrem
Liebhaber das Geräusch eigennützig fortgesetzt hatte Wenn er sich gerade und
stolz gegen die vornehme Verwandtschaft hielt so tat das zuweilen den Frauen
wehe doch trugen sie es schweigend da sie merkten dass ihm gerade deshalb von
den Anspruchsvollen die gebührliche Hochachtung nicht versagt wurde
Seine Gattin beschenkte ihn mit zwei Söhnen und die Erziehung der beiden
Knaben ward allmählich sein größtes Glück Beide wuchsen kräftig heran im Alter
nur um ein Jahr verschieden Der ältere Georg Friedrich ein Abbild des Vaters
blond breitbrustig und gestreckt der jüngere Bernhard August zierlich von
Gliedern mit braunem krausen Haar der Mutter ähnlicher Auf dem Hofe
behaupteten sie als junge Gutsherren zuerst mit einer Gerte und unsicheren
Beinchen ihre Herrschaft über das Federvieh dann zausten sie den großen
Hofhund welcher ihnen mit seiner Nase liebkosend ins Gesicht stieß endlich
kletterten sie auf die Pferde und wurden Freunde des Grossknechts Im Hause aber
legte ihnen die Mutter ihre kleinen Finger zum Gebet zusammen dann lehrte der
Vater den Tischsegen und der Frau König traten die Tränen in die Augen als
Friedrich zum ersten Male genau mit dem Anstande und Tonfall des Vaters vor
seinem Stuhle den lieben Gott zu Gaste bat Nicht lange darauf mussten die
Kinderlippen sich mühen lateinische Vokabeln nachzusprechen doch lernten die
Knaben willig weil der Vater die Fleissigen mitnahm wenn er durch die Felder
ging
Auch den Kindern wandelte der Winter das ganze Tagesleben Denn sobald sie
nach der Stadt zogen erhielten sie andere Wämser und Höslein sie mussten einen
kleinen Hut tragen jeder Schmutzfleck wurde strenger gerügt und ein artiges
Händegeben hörte gar nicht auf Sie standen erstaunt in den Putzstuben fremder
Häuser wo ihnen sehr verdacht wurde wenn sie Bindfaden aus der Tasche zogen
oder ungebärdig aufjauchzten dagegen konnten sie auch alle Tage beim Laden des
Pfefferküchlers vorbeigehen sie sahen rings um sich geputzte Menschen
buntgetünchte Häuser und bei den Kaufleuten ausgestellte Spielwaren erhielten
oft Konfekt und süßen Wein und erkannten bald dass in der Stadt alles prächtiger
war im Hause der Grossmama schöngemusterte Wandbehänge blanker Fußboden große
Fensterscheiben und ein Schosshündchen mit langem Seidenhaar
Während die Knaben im Wechsel von städtischer Zucht und ländlicher Freiheit
heranwuchsen beobachteten die Eltern mit stets neuer Verwunderung wie
verschieden das Wesen derselben sich entwickelte Fritz der älteste war ein
stiller Knabe welcher seinen Ball nach dem Spiele sorgfältig in die Schublade
legte und wenn er aus dem Strassenstaub in die Stube kam Strumpf und Höslein
gutwillig bürstete Er lernte fleißig freute sich sooft er neben dem Vater
ausging wenn dieser ihn an die Hand nahm und wandelte geradlinig und ehrbar an
seiner Seite August aber war ein wildes Kind welches am liebsten sprang und
hüpfte und unaufhörlich der Nadel seiner Mutter zu tun gab Oft zog er sich
durch ein heftiges Auffahren Schelte zu aber er war auch aufgeweckt und
gesprächig blieb schon als kleiner Kerl dem Fragenden selten eine Antwort
schuldig und wusste gegen den Bruder und die Gespielen seinen Willen
durchzusetzen indem er trotzte oder schmeichelte Leider waren seine
Unternehmungen nicht immer löblich und wenn er mit einer kleinen Bande zu den
Frühäpfeln des Nachbars über den Zaun geklettert war oder wenn er einem
trunkliebenden Magister Eselsohren aus Papier auf den Rücken gesteckt hatte so
gab es für ihn trübe Stunden Auch für seinen Bruder denn obgleich dieser nur
widerwillig dem Eifer des jüngeren folgte oder wohl gar seine Beihilfe zu einem
gewagten Unternehmen versagte so erhielt er doch seinen Anteil an der Strafe
weil er als der älteste nicht zurückgehalten oder weil er eine Missetat nicht
angezeigt hatte Trotz kleiner Niederlagen galt August in der Familie für ein
glückliches Kind dem alles wohl gelang in der Regel deshalb weil er der
Grossmama oder der Mutter bittend die Wange strich was er zeitig gelernt hatte
Aber er wusste auch höhere Autoritäten für sich anzurufen denn als ihm die
Mutter einst an seinem Geburtstage die Lieblingsnäscherei verweigert hatte
fasste er beim Mittagsbrot den Löffel mit beiden Händen und flehte recht
herzlich dass ihm der liebe Gott nach Tische getrocknete Pflaumen schenken möge
Die Eltern lächelten als aber die Mutter am Nachmittage sein rosiges
Kindergesicht mit dem gekräuselten Haar inmitten der Gespielen betrachtete
wurde ihre Zärtlichkeit so übermächtig dass sie einen Teller des geschätzten
Naschwerks vor den Kindern aufstellte Seitdem entdeckte die Kindermuhme dass
fromme Bitten dieses Knaben in merkwürdiger Weise Erhörung fanden Als es zum
Beispiel am Morgen vor einer langersehnten Ausfahrt zweifelhaft wurde ob bei
dem trüben Wetter die Reise zu wagen sei da erhob August wieder nach der
Morgenandacht des Vaters sein Stimmchen und bat den Himmel um Sonnenschein
Unterdes war sein Bruder beobachtend zu einer Torricellischen Röhre gelaufen
welche mit Quecksilber gefüllt am Fenster hing und durch die weisen
Einrichtungen einer gütigen Vorsehung in den Stand gesetzt war den Menschen
bisweilen die kommende Witterung anzuzeigen Nachdem August gebetet hatte brach
die Sonne durch das Gewölk und es wurde ein schöner Reisetag Da nun aber die
Frauen den Knaben seiner wirksamen Bitten wegen rühmten benutzte der Vater die
gemeinsame Abendandacht zu einer Warnung und flehte in hohem Ernst der liebe
Gott möge ein Kinderherz davor behüten dass es nicht in Eitelkeit verfalle und
sich besonderer Gnade rühme und ebenso auch helfen dass die Liebe der
Angehörigen stets vorsichtig sei und nicht aus dem Zufall ein Verdienst des
Kindes mache Dadurch dämpfte der Hausherr die Reden des Frauenzimmers doch
konnte er nicht verhüten dass dem Sohne die Zuversicht blieb seine Wünsche
durchzusetzen
Unter die nächsten Bekannten des Hauses gehörte eine adlige Witfrau die
Majorin von Borsdorf Ihr Mann hatte in sächsischem Dienst gestanden sie selbst
war eine entfernte Verwandte der Madame König sie lebte in beschränkten
Verhältnissen war aber mit den ersten Familien der Umgegend befreundet und
wusste sich und ihr kleines Hauswesen vornehm zu halten Ein Sohn war als
Fähnrich in kursächsischem Dienst untergebracht die Tochter Dorotea fast in
gleichem Alter mit August wurde von ihr erzogen Dorchen war niedlich aber
wie Mama König richtig erkannte durch allzu große Liebe verwöhnt Auch die
Knaben konnten der Kleinen kühle Anerkennung nicht versagen wenn sie in ihren
Hackenschuhen zierlich über die Straße schritt die Schultern gerade und das
Köpfchen steif wie einem Fräulein von Stande gebührte oder wenn sie vor Frau
König zu einem Knicks hinabtauchte dabei die Augen niederschlug und anmutig
lächelte wie es eine Große nicht schicklicher hätte vollbringen können Öfter
aber wurde der Zwang lästig welchen ihre Gegenwart den Spielen der Knaben
auflegte sie hielt ihr Schnupftüchlein nicht in der Tasche wie andere Kinder
sondern schwenkte es in der Hand weil es mit einer Spitze umsäumt war und sie
wollte durch solche Bewegungen den Knaben befehlen ihr zu bringen was sie
gerade begehrte Widerwärtig war sie auch wenn die Knaben ihretwegen in kleinen
braunen Tonschüsseln und Töpfen kochen mussten sie litt nicht dass die Jungen
Nüsse schnitten wegen zweifelhafter Sauberkeit der Finger und war beleidigt
wenn die Könige zuletzt das kalt Gekochte welches sie ihnen vorsetzte nicht
aufessen wollten was wirklich eine Anmassung war denn das Verzehren fremder
Kocherei galt damals unter den Kindern für weniger anmutig als das eigene
Kochen Das war nun auffallend und Frau König lachte zuweilen darüber dass ihre
Söhne sich ungleich gegen die Ansprüche des Mädchens verhielten denn Fritz der
sonst gefällig war gab dem Dorchen keineswegs nach sondern sagte schonungslos
seine Meinung während August sich der kleinen Dame williger fügte als
irgendeiner anderen und wenn er sich auch mit ihr stritt doch durch ihr
Naserümpfen und Abwenden des Kopfes genötigt wurde seinen Widerstand
aufzugeben Vollends in größerer Gesellschaft war August ihr treuer Gefährte
und sooft die Kinder »Polnisch betteln« spielten was gerade damals in Sachsen
aufkam gingen August und Dorchen als Bettelleute am liebsten miteinander im
Kreise umher und erbaten abwechselnd Brot für sich selbst und einen Kuss für das
andere dabei bemerkten die Mütter dass Dorchen niemals Neigung hatte sich von
Fritzen küssen zu lassen sondern ihrem Bettelmännchen leise vorschrieb zu
welchem Knaben er sie führen solle damit sie das Unvermeidliche dulde
Dies Verhältnis erhielt sich auch als die Kinder heranwuchsen Dorchen
wurde konfirmiert und die Knaben saßen in den oberen Klassen der lateinischen
Schule Da bedachten diese jeder für sich welches Geschenk sie der Gespielin
machen wollten Friedrich kaufte aus seinen gesparten Groschen ein kleines Kreuz
von schwarzem Glase das an seidener Schnur um den Hals zu tragen war und
August bat die Mutter um eine Beisteuer für ein rotes Glasherz mit goldenen
Sternen welches ebenfalls als Halsschmuck dienen sollte Das Fräulein empfing
beide Geschenke mit artiger Danksagung aber sie hing das rote Herz sogleich um
den Hals und behielt das Kreuz in der Hand August lachte vergnügt aber
Friedrich ging schweigend zu seinen Büchern zurück Auch als Dorchen beim
nächsten Besuch um nicht unhöflich zu sein das Kreuzchen am Halse trug machte
ihr zwar August darüber Vorwürfe aber Friedrich gab durch kein Wort zu
verstehen dass ihn diese Aufmerksamkeit freue
Nach Kringeltanz und Pfänderspiel wurde den beiden Messieurs König noch
Größeres im Verkehr mit halbwüchsigen Demoisellen zugemutet In mehreren
ansehnlichen Familien fanden die Eltern notwendig ihren Kindern die eckigen
Bewegungen und das allzu natürliche Wesen durch einen französischen Tanzlehrer
abzugewöhnen der eigens der Stadt zugereist war um solche Guttat zu erweisen
Während dieser Stunden wurde der harte Knabensinn ein wenig erweicht und Frau
König beachtete mit inniger Freude dass auch ihre Söhne beflissen waren in
Kavaliersweise den Mädchen die geziemende Ehre zu geben Doch freilich stand die
neue Kunst nicht einem Sohne so gut wie dem anderen Fritz war in das Wachsen
gekommen er drohte sehr groß zu werden und wusste bei seiner schnell erworbenen
Länge welcher die Majestät fehlte die hageren Glieder nicht gebührlich zu
verwenden August dagegen hatte den zierlichen Fuß und die kleine Hand der
Mutter und in allen Bewegungen ein natürliches Geschick welches ihm bald die
Lobeserhebungen des Tanzmeisters eintrug Wenn so die junge männliche Kraft auf
auswärts gekehrten Fußspitzen wandelte dazu mit angepressten Ellenbogen den Hut
hielt und dabei noch die Hände mit dem heuchlerischen Schein anmutiger
Empfindungen zu bewegen suchte da machte sichs fast immer dass das junge
Fräulein den Brüdern gegenüberstand und sie in ihrer Weise anlachte Als
vollends nach beendeter Tanzstunde beschlossen wurde dass bei einem vornehmen
Familienfeste acht Kinderpaare als Schäfer und Schäferinnen erscheinen sollten
alle gepudert alle in Rosa und Weiß mit bebänderten Schäferstäben da geschah
es wieder dass August und Dorchen miteinander zum Menuett in den Saal zogen Dem
ältesten Sohn hatte die Mutter angedeutet dass er für das bukolische Kostüm
bereits zu hoch aufgeschossen sei doch wider alles Erwarten bestand Fritz
eifrig darauf an dem Aufzuge teilzunehmen Aber der wackere Junge sah sehr
auffällig aus Er wurde mit der Tochter des Oberpfarrers die ebenfalls in das
Schießen gekommen war zusammengesellt sie stellte eine hagere Schäferin dar
welcher man die gute Weide nicht ansah in der ihr Vater seine Herde hütete und
Fritz glich einem jungen schlenkrigen Giganten der Jacke und Hosen des Tyrsis
auf dem Felde gefunden hat Da war nicht zu vermeiden dass die Mädchen
untereinander spöttische Bemerkungen über das Paar machten und Fritz erkannte
dass Dorchen sich lebhafter als andere an dem Mokieren beteiligte
Doch im Sommer darauf wurde Fritz über seine Länge ein wenig getröstet Die
Brüder waren mit den Eltern zum Besuch auf ein benachbartes Gut gefahren und
dort mit Dorchen die zu der Freundschaft des Gutsherrn gehörte
zusammengetroffen Die drei jungen Leute schwärmten durch den Garten ins Freie
und zogen den Bach entlang bis zu einer Mühle dort freuten sie sich über das
Klappern und über die kleinen Schaumwellen in welche der Strom sich löste wenn
er aus der Holzrinne schoss Das junge Fräulein ließ sich vom Müller eine lange
Rute aus dem Weidengebüsch schneiden schälte mit ihren Fingern zierlich die
Rinde ab und wippte während sie neben ihren Begleitern am Bache dahinzog
neckend ins Wasser um durch aufspritzende Tropfen die Frisur und
Sonntagskleider der jungen Herren zu gefährden
August wollte sich das nicht gefallen lassen und lief auf sie zu um ihr die
Gerte zu entwinden sie aber flüchtete auf einen Steg der über den Bach führte
und verteidigte durch ihre Waffe den schmalen Zugang dabei glitt sie mit den
Hackenschuhen aus und fiel ins Wasser Es war unterhalb der Schwemme das Bett
des Baches war breit und hatte tiefe Stellen sie aber schwamm da ihr
gesteifter Rock sich blähte wie eine Wasserblume mit gehobenen Armen klagend
abwärts August sprang im Augenblick auf den Steg und in den Bach doch er fand
an der Stelle keinen Grund und da der Aufenthalt im freien und kalten Wasser
damals nicht zu den Ergötzlichkeiten eines wohlerzogenen Jünglings gehörte so
vermochte er durchaus nicht zu schwimmen Durch den Schwung den er sich beim
Absprung gegeben kam er der Gespielin nahe so dass er sie mit der Hand
erreichen konnte aber er verbesserte ihre Lage nicht denn er zog sie zu sich
herunter Friedrich dagegen war vom Ufer aus in den Bach gestiegen und watete zu
den beiden Ringenden Auch ihm ging das Wasser bis an das Kinn bevor er sie
erreichen konnte Es gelang ihm jedes an einem Arme zu packen und mit
Anspannung aller Kraft an sich heranzuziehen keuchend rief er dem Fräulein zu
»Umfassen Sie meinen Hals« Sie hatte noch die Besinnung zu gehorchen und er
hielt sie mit dem einen Arme fest während er mit dem anderen den Bruder am
Rocke ergriff Aber obgleich Fritz ungewöhnlich stark war wurde ihm die Last
doch zu schwer das Wasser stieg ihm bis an den Mund seine Kraft schwand und
er wankte Da vernahm er einen Zuruf der Kahn des Müllers schoss heran August
wurde nicht ohne neue Gefahr in das Fahrzeug geschwenkt und Fritz watete die
freie Hand am Kahn in das Seichte zurück und erreichte mit dem Fräulein
glücklich das Ufer Als er ihre Hände die seinen Hals krampfhaft umfasst
hielten von sich löste verlor sie die Besinnung Die Müllerin lief mit einem
Stuhle herzu Dorchen wurde durch ein Tuch daran festgebunden und in die Stube
getragen wo die Müllerin nachdem sie die Männer hinausgetrieben ihr die
Schnürbrust öffnete und die Erschöpfte durch Reiben und freundliches Zureden so
weit herstellte dass sie ihre nassen Kleider mit einem Anzuge der Frau
vertauschen konnte Den Jünglingen die bleich und matt auf der Bank unter den
Kornsäcken saßen half der Müller mit seinem Knappen bei ähnlichem
Kleiderwechsel Als der Wagen mit den Müttern vom Schloss kam um die
Geretteten abzuholen lachten sie während der Rückfahrt einander wegen des
Abenteuers und der Vermummung aus Beide Jünglinge erhielten ihr Lob welches
allerdings mit Vorwürfen über die jugendliche Unbesonnenheit versetzt war den
Frauen hatte am meisten gefallen dass August zur Stelle nachgesprungen war und
er empfing von ihnen mütterliche Liebkosungen Herr König klopfte seinem Sohne
Fritz zufrieden auf die Schulter und fragte laut »Wer aber war der Retter« Da
antwortete Fritz ehrlich »Der Müller« Als Dorchen kurz vor dem Aufbruche
wieder in die Familienstube kam immer noch schwach und verblichen ging sie auf
Fritz zu sah ihn schweigend an und bot ihm die Hand Gleich darauf eilte sie zu
August machte ihm einen tiefen Knicks und fragte »Wie war es im Wasser Sie
dummes Gustchen« Beim Abendgebet gab es in allen beteiligten Familien
aussergewöhnliche Danksagung und in der Nacht für die jungen Leute einen festen
Schlaf
Die Erlernung des Menuetts wodurch in Haltung und Gemüt des Menschen vieles
geändert wird hatte auch das Verhältnis der Brüder zueinander gewandelt Bis
dahin waren sie wie untrennbar zusammen gewesen jetzt saß Fritz oft allein über
seinen Büchern und der jüngere fand lustiger mit Kameraden umherzustreifen
die ihm bequem geworden waren Das ging eine Weile ohne Ärgernis bis einst in
der Dämmerung der Vater mit schnellem Schritt nach Hause kam und ohne den
Schlafrock anzuziehen in die Arbeitsstube der Söhne trat
»Weißt du wo dein Bruder sich aufhält« fragte er streng den Ältesten
»Nein Herr Vater«
»Der Apotheker hat mir zugetragen dass August mit lockeren Gesellen in der
Hinterstube einer gemeinen Schenke tabagiert Ist dir etwas davon bewusst«
»Nein Herr Vater«
»Du ziehst dich sogleich an und kommst mit«
Friedrich fuhr in seinen Rock ergriff den Hut und begleitete den Vater dem
es heute schwer wurde auf der Straße den ruhigen Schritt zu behaupten
In einer Seitengasse unweit dem Schenkhaus hielt der Vater an »Ich will
dem Unglücklichen keine Demütigung vor den Bürgern bereiten Geh hinein und
führe ihn hierher«
Friedrich trat mit trüben Ahnungen in die Tabagie Schon vor der Haustür
vernahm er Gesang auch eine weibliche Stimme darunter und als er in die
Hinterstube drang übersah er das ganze Unglück Ein halbes Dutzend von Söhnen
vornehmer Eltern saß in der kleinen verräucherten Stube jeder hatte eine große
Stange dunkles Bier vor sich und jeder hielt eine Tonpfeife in der Hand aber
was das Schlimmste war Lene ein dralles Mädchen die Tochter des Schenkwirts
saß in bedenklicher Nähe des Bruders der seinen Arm um ihren Hals gelegt hatte
und alle zusammen August Kameraden und Jungfer Lene sangen recht herzlich
und zwar das wilde lateinische Lied cerevisiam bibunt homines ceter animalia
fontes welches ein Dichter des deutschen Helikons also übertragen hat
Nur die Menschen trinken Biere
Wasser alle andren Tiere
Friedrich brach erschrocken in die Orgie ein neigte sich zum Ohr des erstaunten
Bruders hinab und sagte leise »Der Vater steht an der Ecke ich soll dich
herausholen« August schnellte in die Höhe hatte aber noch die Dreistigkeit
laut zu lügen »Ich komme wieder« und im Hausflur den Bruder zu bitten
»Verrate die Lene nicht« Fritz führte den Schuldigen nicht weniger heiß im
Gesicht als dieser dem Vater zu
Herr König gönnte dem Sohne nur einen finsteren Blick und schritt voran dem
Hause zu Dort begann das Verhör und es kam alles ans Licht denn die Beweise
fehlten nicht die geröteten Wangen verrieten geistiges Getränk und der Geruch
in Haar und Kleidern den Kanaster Auch die weibliche Stimme war auf der Straße
vernommen worden Fritz musste zögernd bekennen dass sie der Wirtstochter
angehört hatte und hielt für ein Glück dass der Vater in seinem Zorne nicht
nach dem räumlichen Abstand fragte welcher zwischen dem dreisten Mädchen und
dem Bruder gewesen war
Es wurde für die Hausgenossen ein schmerzlicher Abend Die Mutter weinte
der Vater tief gekränkt durch die Ungebühr verfügte drei Tage Stubenarrest
mit Ausnahme der Schulstunden und August saß als Verurteilter über seinen
Büchern ohne hineinzusehen denn er wusste dass ihm noch das Schwerste
bevorstand die öffentliche Ermahnung in der Abendandacht Feierlicher als sonst
traten die Dienstboten herein August fühlte dass ihre neugierigen Blicke auf
ihm ruhten er merkte die verweinten Augen der Mutter aber er wagte gar nicht
den Vater anzusehen als dieser die Stimme erhob und dem Himmel die
Ausgelassenheit des Sohnes noch einmal klagte obwohl er überzeugt sein musste
dass man dort oben über die ganze Angelegenheit bereits genügend unterrichtet
sei Als er zuletzt bat »Wenn ich als Vater schuldig bin weil ich ihn durch zu
große Liebe und Nachsicht verwöhnt habe so räche mein Vergehen nicht an seinem
Leben« da wurde auch August weich Und als der Vater ihm winkte näher zu
treten und über seinem Haupte flehte dass der Herr ihm Taten und Gedanken
behüten möge und als August die Tränen des Vaters auf seiner Stirn fühlte da
begann auch er zu schluchzen obschon er ein Jüngling war und küsste zerknirscht
den Eltern die Hände Als nun alle weich aber in gehobener Stimmung zu Bett
gingen mahnte Friedrich den Bruder in der Kammer »Der Vater hat nicht alles
gewusst«
»Er ist streng genug gegen mich gewesen« antwortete der Bestrafte »ich bin
immer froh wenn die Nachtpredigt vorüber ist« Doch Friedrich versetzte »In
dieser Stunde habe ich vor unserem Vater noch größere Ehrfurcht als sonst und
da ich kleiner war ist er mir vorgekommen wie der Herrgott selbst und ich
hätte vor ihm niederknien mögen Aber heut wusste er das Ärgste nicht mein
Bruder das mit der Lene« August versuchte zu lachen aber es gelang nicht
recht und Fritz fuhr fort »Damit mein Schweigen kein großes Unrecht wird und
deiner Zukunft keinen Schaden bringt so musst du jetzt freiwillig dem
himmlischen Vater versprechen dass du niemals mehr mit ihr zusammenkommen
willst«
»Du bist noch kein Pfarrer« versetzte der jüngere unwillig »dass du mir so
etwas zumuten darfst«
»Ich bin dein Bruder und bin in Schuld gegen unseren Vater weil ich
verschwiegen habe was ihn am meisten bekümmert hätte Darum musst du deinet und
meinetwegen freiwillig geloben aber laut damit ich es höre« Und August musste
die Hände falten
Das Ereignis warf finstere Schatten hinter sich Obgleich Herr König
vermieden hatte selbst die Schenke zu betreten so war das gewaltsame
Herausziehen seines Sohnes doch mehrfach beobachtet worden und ein missgünstiger
Momus versagte sich nicht ein großes Skandalum daraus zu machen Am zweiten
Morgen nach der Orgie wurden öffentliche Anschläge gefunden einer am Ratause
neben dem Schwarzen Brett einer sogar an der Kirchentür in welchen die
Geschichte gröblich und verleumderisch versifiziert dem Publikum erzählt ward
Zwar waren die Namen nicht genannt doch deuteten Ausdrücke wie Rex und Regulus
auf die Familie In dem Libell war hämisch auf arrogante Leute gestichelt
welche für unanständig hielten dass ihre Söhne Wirtshäuser besuchten obwohl sie
selbst in ihrem früheren Leben in schlechteren Herbergen verkehrt hätten als
die renommierte Schenke »Zur lustigen Wachtel« war Um neun Uhr trug der Küster
mit einer Empfehlung des Herrn Oberpfarrers das erste Exemplar in das Haus um
zehn Uhr brachte der Ratsdiener das zweite um elf Uhr kam der Herr
Bürgermeister selbst und nach ihm viele Bekannte Alle bedauerten und
verurteilten den Täter und alle verwunderten sich über das große Aufsehen
welches durch das Libell hervorgebracht wurde alle hatten mit Wissbegierde
gelesen und wiesen nach dass noch mehr Abschriften existierten Herr König
empfand die Kränkung wie ein Mann in sauberem Kleide welcher von einem
Schornsteinfeger angestossen wird das Opus war witzlos jämmerlich durchaus
verächtlich auch blieb die Stadt nicht im Zweifel von wem es herrührte Da war
ein heruntergekommener Magister Blasius der allerdings angesehene Verwandte
hatte denn sein Bruder war doctor juris und kurfürstlicher Beamter der
Magister aber hatte sich auf Nichtstun und Völlerei gelegt dazu eine Witfrau
mit bitterbösem Gemüte geehelicht und machte seitdem wenn er zu Hause übel
behandelt wurde seinem Zorn durch satirische Ausfälle gegen die Menschheit
Luft Es wurde festgestellt dass er an jenem Abende in der Vorderstube der
Schenke gesessen hatte und obwohl in dem Pasquill die Handschrift gut verstellt
war so blieb doch der Charakter des Poetasters kenntlich
Was Herrn König die meiste Sorge bereitete war der große Schmerz seiner
Frau welche weinend klagte dass sie sich nicht mehr getraue über die Straße zu
gehen weil jedermann spöttisch auf sie schaue Wirklich wurde die Familie acht
Tage lang durch teilnehmende Besuche und durch Gemurmel der Leute in Aufregung
gehalten Am schlimmsten war natürlich August daran welcher von den Frauen
bereits als verlorener Sohn betrachtet ward auch Dorchens Mutter behandelte ihn
eine Weile mit sichtlicher Kälte nur Dorchen zeigte ihr gutes Herz denn sie
fragte ihn zwar neckend wie ihm die Pfeife Tabak bekommen sei aber sie lachte
ihn dabei so freundlich an dass er wohl merkte sie sei ihm nicht böse
Doch auch über dieses jammervolle Ereignis flutete der Zeitenstrom dahin
und nach einem Vierteljahr war die Reputation und das Wohlbehagen der Familie
wieder auf die alte Höhe gebracht
In die Fremde
Wenn Herr König auf seine Söhne sah wie wohlerzogen und stattlich sie
heranwuchsen hob sich ihm das Herz vor Freude er nahm seine strengste Miene
an damit die Kinder die Zärtlichkeit nicht merkten und faltete gleich darauf
demütig die Hände »Friedrich hat wieder eine der besten Zensuren erhalten«
sagte er vergnügt zu seiner Gattin »ich hoffe er soll werden was sein Vater
nicht geworden ist ein Doktor der Gottesgelehrteit und ein Verkünder der
reinen Lehre« Da antwortete seine Frau zustimmend »Um meinetwillen haben Sie
den heiligen Stand aufgegeben ich muss mich freuen dass unser Ältester das Amt
des Vaters erwählt Doch denke ich auch dem Gustchen haben die Lehrer sein Lob
zugeteilt«
»Das Lob ist mit allerlei Tadel gemischt« sagte der Vater ernstaft
»insonderheit wegen seines unruhigen Betragens«
»Aber mein lieber Schatz weiß doch dass der Brummkreisel wider Gustchens
Willen aus dem Schlüssel fiel und in der Schulstube umherfuhr damals als der
Rektor ihn so hart verklagte«
»Der Kreisel dreht sich nicht ohne Schwung und Sie mögen annehmen dass er
die Weisung vorwärts zu laufen erhalten hatte« antwortete der Vater
»Obgleich es diesem Sohne keineswegs an Applikation fehlt so tritt sein
weltlicher Sinn doch immer mehr hervor und für seine Unternehmungslust wird
eine strengere Disziplin notwendig als bei der Laufbahn eines Gelehrten möglich
ist«
»Sie waren der Meinung dass er einmal unser Gut übernehmen könnte«
»Ich weiß dass Sie geliebtes Suschen dies für ihn wünschen und ich füge
mich gern Ihrem Willen Aber soll er als ein fester Mann sich unter dem
landsässigen Adel und gegenüber den Bauern behaupten so muss er vorher gelernt
haben zu befehlen und ich halte bei diesem Sohn die militärische Karriere für
die heilsamste«
»Das meinte auch unser Vetter Herr v Mickau nur widerriet er den
preußischen Dienst weil dort ein sehr rigoroses und eigenmächtiges Wesen sei«
»Aber der Militär ist dort angesehen denn der König von Preußen ist der
größte Soldatenfreund in der Welt Und obgleich unserem August in Preußen wie
hier in Sachsen nicht vorteilhaft sein mag dass er von bürgerlichem Stande ist
so wird doch bei den Preußen wie ich aus Erfahrung weiß der tüchtige Mann mehr
geschätzt als bei uns wo die Obersten sich mit Schosshündchen tragen und
leichtfertige Damen mehr kommandieren als die Generale Mein lieber Major Vogt
vom Regiment Markgraf Albrecht gehört auch nicht zum Adel und wird doch von
seinem Chef und dem Könige selbst favorisiert weil er ein guter Offizier ist
er hat sich freiwillig erboten unsern August in seiner Nähe zu placieren«
Frau König sah schmerzlich zur Höhe »In die wilde Fremde«
Der Hausherr küsste sie auf die Stirn »Es ist nur eine Lehrzeit Suschen
bei der Mutter könnte der ausgelassene Knabe doch nicht bleiben und die
Entfernung zur Garnison ist nicht viel weiter als die nach der Universität«
Während sich auf solche Weise die Trennung der Söhne vom Vaterhause
vorbereitete wurde auch Dorchen in die Fremde geladen Eine Nichte der Frau von
Borsdorf hatte einen vornehmen Polen geheiratet der Güter an der Weichsel
besaß aber einen großen Teil des Jahres am Hofe beschäftigt war Da seine
Gemahlin zarter Gesundheit wegen dem anstrengenden polnischen Hofleben
fernbleiben sollte wurde ihr in der ländlichen Einsamkeit eine Gesellschafterin
wünschenswert und Dorchen dafür erbeten Der Mutter war sehr schwer sich von
ihrem Liebling zu trennen aber sie bedachte die Zukunft der Tochter dass sich
in dem großartigen Leben und unter den reichen Polen viel mehr Möglichkeiten und
Aussichten eröffneten als in dem engen Leben der sächsischen Stadt in welcher
jedermann die Mitgift als eine Hauptsache erwog Auch ihre Verwandten welche
das Fräulein gern ohne eigene Unbequemlichkeiten versorgen wollten rieten
eifrig den Antrag anzunehmen und so fügte sichs dass die junge Borsdorferin
in demselben Herbst welcher den beiden Königen zur Trennung vom Vaterhause
bestimmt war unter dem Schutz eines alten Onkels nach Dresden und von da in das
Polnische versandt werden sollte
Während der Vorbereitungen zur Reise kam einst Dorchens Mutter in der
Dämmerstunde zu vertraulichem Besuch in das Königsche Haus und als Herr König
in die Familienstube trat begann nach der Begrüßung eine schickliche
Besprechung der Stadtneuigkeiten Und es war allerdings etwas Aufregendes
eingetreten Der Nachtwächter hätte um Mitternacht zwei Subjekte überrascht
welche mit einer Blendlaterne bei einem Winkel der Stadtmauer in der Erde
gruben Vor dem Magistrat hatte sich ergeben dass sie einen Schatz suchten auf
Grund einer Anweisung die sie von einem fremden Abenteurer für gutes Geld
gekauft hatten Diese Offenbarung hatte die Form eines Briefes den ein Vater an
seinen Sohn richtete und es war darin alles genau beschrieben der Stein in der
Mauer welchen eingemeisselte Kreuze kenntlich machten auch die Größe des
Schatzes unter welchem viele Kleinodien silberne Becher Perlen und Goldmünzen
sein sollten Das Machwerk war zu den Akten geliefert worden und man erzählte
in der Stadt dass die Nacht darauf ein gestrenger Rat selbst in aller Stille
habe weitergraben lassen ob etwas gefunden worden wusste man nicht mutmasste
jedoch allerlei Herr König hatte durch die Gunst des Bürgermeisters Einblick in
den Schatzzettel erhalten und sprach sich wie von einem aufgeklärten Manne zu
erwarten war mit großer Unzufriedenheit über die häufigen Betrügereien durch
Schatzbriefe aus welche gerade sehr im Schwange waren
Nachdem man diesen Gegenstand gänzlich abgesprochen hatte kam der
Augenblick wo Frau von Borsdorf die eigentliche Ursache ihres Besuches
offenbaren konnte indem sie fragte ob der hochgeschätzte Freund vielleicht
unter den Honoratioren der Städte in PolnischPreußen Bekanntschaften habe da
er mit vielen Personen von Distinktion in Briefwechsel stehe »Denn« fügte sie
hinzu »es kann meiner Doris von Nutzen sein wenn sie einer deutschen Familie
in den Städten empfohlen ist«
Herr König holte eine Karte sah nach und überlegte aber ihm war dort kein
näherer Bekannter bewusst Endlich sagte er lächelnd »Vielleicht kann das liebe
Fräulein Dorchen mir zu einer Bekanntschaft helfen die ihr selbst dienlich ist
Ich habe soeben gegen den Betrug mit Schatzbriefen gesprochen ich selbst aber
habe vor Jahren unter den hinterlassenen Papieren meines Vaters einen Brief
gefunden welcher auch Dinge erwähnte die seinerzeit im Polnischen aufbewahrt
wurden« Seine Söhne sprangen auf und bestürmten ihn mit Fragen er ging in die
Nebenstube öffnete die Klappe des Schreibtisches und brachte ein vergilbtes
Papier vor die Augen der Gesellschaft
Um nun die Befriedigung der Neugierde zu einer kleinen moralischen
Betrachtung zu benutzen begann er gutlaunig »Wir gehören ja nicht dem Adel an
und ich habe niemals den Trieb gehabt meinen bürgerlichen Stand mit einem
anderen zu vertauschen welcher in der Welt für vornehmer gilt Ich wünsche
auch dass meine Söhne sich dieselbe Bescheidenheit bewahren Denn obwohl den
Adligen vieles in der Welt leichter gemacht wird so habe ich doch nicht
gefunden dass sie dadurch größere Redlichkeit und Tüchtigkeit erwerben als
andere Dies sei mit allem Respekt vor dieser verehrungswürdigen Frau gesagt
Doch auch wir dürfen uns ansehnlicher bürgerlicher Vorfahren freuen Mein Vater
war Pfarrer mein Großvater aber war Rittmeister unter den Schweden dieser und
die liebe Großmutter müssen gleich nach der Geburt meines Vaters gestorben sein
denn er hat beide nicht mehr gekannt und wurde von seiner Tante erzogen Aber in
noch früherer Zeit waren Voreltern von uns wie dieser Brief ausweist
ansehnliche Kaufleute in Frankfurt am Main ja aus dem Briefe scheint
hervorzugehen dass wir ursprünglich aus Polen stammen Und Magister Kurz unser
hiesiger Historikus ist der Meinung der deutsche Name König werde wohl eine
Übersetzung von dem nicht seltenen Familiennamen Kralitsch sein welcher bei den
Polen so viel wie Goldhähnchen oder Zaunkönig bedeuten soll Ich aber denke wir
sind von deutschem Blut doch stammen wir aus Polen«
Das alte Papier dessen krause Schriftzüge dem Lesenden Mühe machten war
der kurze Geschäftsbrief eines gewissen Herrn B Gusek datiert von Torn im
Jahre 1531 worin dieser dem Kaufmann König zu Frankfurt am Main unter anderem
folgendes schrieb In der Stube über dem Flur des Eckhauses habe ich nach dem
Gebot Eures seligen Vaters den Inhalt des Schrankes von welchem Ihr wissen
wollt vermauert und menschlicher Neubegierde entzogen »Daraus ist
ersichtlich« fuhr Herr König fort »dass meine Vorfahren in jener alten Zeit zu
Torn wohlbekannt waren und ich habe zuweilen daran gedacht mich dort bei
einem Liebhaber der Historie zu erkundigen ob von denselben noch etwas zu
erfahren sei Jetzt bin ich bereit an den dortigen regierenden Konsul Herrn
Rat Roesner einen renommierten Mann zu schreiben Da das Schloss Ihres Herrn
Schwagers nur einige Meilen von Torn liegt so hat Fräulein Dorchen vielleicht
Gelegenheit den Brief abzugeben und sie wird bei einem Besuch selbst das beste
tun sich der Familie des Konsuls zu rekommandieren«
Gewährte dies Anerbieten auch nicht gerade viel so erklärte doch die Mutter
höflich ihre Befriedigung
Die Herbstfreuden dieses Jahres wollten nicht gedeihen Als vom Gute die
erste junge Gans mit einem Tragkorbe Äpfel bei Frau von Borsdorf abgegeben wurde
mit der herkömmlichen artigen Redensart dass die Äpfel zum Füllsel für die Gans
verwandt werden möchten da konnte die unbillige Zumutung welche dem
Fassungsvermögen der Gans gestellt wurde diesmal kein Lächeln hervorlocken und
die Mutter sagte traurig zu der Magd »Sonst kamen die Äpfel auf den
Weihnachtstisch meiner Doris« Und als Herr König selbst mit Dorchen am
Weingeländer des Gutes vorbeiging und ihr eine ungewöhnlich große Traube wies
mit den Worten »Die Traube war für das liebe Fräulein bestimmt wenn es bei uns
geblieben wäre« da wunderte er sich dass Dorchen die er sonst für ein
leichterziges Mädchen hielt sich plötzlich über seine Hand beugte und die Hand
mit nassen Augen küsste Vollends am letzten Abend welchen das Fräulein mit
ihrer Mutter bei Königs verlebte war die feierliche Stimmung nicht zu bannen
Vergebens brachte der aufgeregte August allerlei Gesellschaftsspiele in
Vorschlag um sich und den anderen die Laune zu verbessern Er setzte das
prophetische Glücksrädlein auf den Tisch bei welchem die Anwesenden der Reihe
nach den schwebenden Zeiger über einer Scheibe zu drehen hatten wenn der Zeiger
stillstand und mit der Spitze auf eine Nummer wies wurde aus einem Büchlein die
Weissagung abgelesen welche unter derselben Nummer verzeichnet war Aber da
ergab sich nur Ungereimtes Dorchen wurde von der Gemeinschaft mit trunkenen
Brüdern gewarnt Fritz vor der Hingabe an den Kriegsgott Mars und August
erhielt die Warnung dass Propheten im Vaterlande nichts gelten Sogar das
unterhaltende Post und Reisespiel versagte obgleich die Eltern sich mit
dazusetzten die Mutter frische Nüsse für Einlage und Gewinn heranbrachte und
Herr König ermunternd riet »Seht zu ihr jungen Reisenden wer von euch als
erster in der Stadt des Glückes ankommt« Aber auch hierbei stolperten alle drei
Kinder unablässig über Hindernisse Fritz blieb in der Herberge liegen August
wurde von einer Schildwacht arretiert und Dorchen fiel gar unter Räuber so dass
endlich Herr König selbst als erster in der Stadt anlangte und die Nüsse unter
trüben Gedanken der Anwesenden geknackt werden mussten Als es zum Abschied kam
durfte man annehmen dass Dorchen die sich stets schicklich zu benehmen wusste
das passende Abschiedskompliment sagen würde Dorchen hatte sichs auch ganz
ordentlich zu Hause überlegt zuerst für Frau König dann für den Hausherrn und
dann kürzer und zutraulicher gegen die Jungen Als aber alle um sie
herumstanden so feierlich und in Erwartung da versagten ihr plötzlich die
Gedanken sie begann laut zu schluchzen und als August ihre Hand fasste lehnte
sie sich weinend an seine Schulter
Ob in der Zukunft einmal eine eheliche Verbindung Augusts und Dorchens
angemessen sein werde davon war zwischen den Müttern niemals auch nur mit einem
Wort die Rede gewesen natürlich nicht so unverständig und voreilig durften sie
nicht das Schicksal der geliebten Kinder lenken Dennoch lag beiden Frauen die
erwähnte Aussicht stets in Gedanken sie gab ihrem Verhältnis eine Wärme deren
Höhengrad allerdings wechselte die aber doch bei jeder Gelegenheit durch
Übersendung von Kuchen Mitteilung des Eingemachten und bereitwillige Aushilfe
in der Wirtschaft sichtbar wurde Denn es war damals die Zeit wo alle Welt
darauf sann Angehörige und Bekannte unter die Haube zu bringen Und der Mann
welcher in der angenehmen Lage war eine Frau ernähren zu können musste eine
ungewöhnliche Hartnäckigkeit besitzen um den Andeutungen und Schlingen welche
ihm von guten Freunden gelegt wurden aus dem Wege zu gehen beharrte er aber in
solcher Verstockteit so hatte er sein ganzes Leben hindurch den stillen Genuss
von Projekten wie von einem Schwarm Liebesgötter umschwebt zu werden er erhielt
Einladungen zu Gänsebraten und erfreute sich großer Zuvorkommenheit bis er
endlich wenn er als Heiratskandidat hoffnungslos geworden war als Pate
begehrenswert ward und in dieser behaglichen bürgerlichen Eigenschaft noch in
hohem Greisenalter die Vergnügungen achtungsvoller Freundlichkeit genoss
Auch Madame König wusste recht gut dass es für die beiden Kinder viele
Möglichkeiten gab die sich nicht berechnen ließ Da war zuerst Dorchens
adeliger Stand es konnte jeden Tag ein Freiwerber von Noblesse kommen welcher
imstande war seine Frau ansehnlich zu halten Und Dorchen verdiente wie ihre
Mutter mit Recht annahm den besten Kavalier und hätte sich auch in sehr
distinguierter Stellung trotz ihrer einfachen Erziehung gut behauptet Dann
waren noch andere Aussichten denn die Familie hatte vornehme Verwandte und
obgleich diese bis dahin nichts getan hatten so war es doch möglich dass durch
ihre Konnexion eine Beförderung erreicht wurde Stelle in einem Fräuleinstift
oder gar das ausgezeichnete Amt einer Hofdame Auf der anderen Seite bot auch
Augusts feuriges Temperament keinerlei Bürgschaft für die ferne Zukunft Deshalb
war der Verkehr beider Mütter gerade so voll von Hintergedanken wie der
zwischen zwei Diplomaten großer Mächte welche bald vertraulich Arm in Arm gehen
und bald einander mit kühler Zurückgezogenheit behandeln
Heut aber ging der Hausfrau das Herz auf Während sie eine Träne abwischte
vergaß sie die Vorsicht und sagte bedeutsam zu der Freundin »August wird die
Trennung von unserm Dorchen schwer ertragen« Jedoch der Augenblick war nicht
günstig gewählt denn Frau von Borsdorf verweilte mit ihren Gedanken gerade bei
den polnischen Hoffnungen und antwortete deshalb in kühlem Ton »Monsieur August
ist jung und wird sich bald trösten«
Da schwieg Frau König tiefgekränkt durch solchen Stolz und drückte das
aufgestiegene Heiratsprojekt wieder tief in die Flut ihrer Gedanken hinab
Am nächsten Morgen läuteten die Glocken den Sonntag ein als Friedrich durch
das Stadttor ins Freie ging Er bog von der Landstraße ab einem niedrigen Hügel
zu Dort hatten die Kinder oft unter einer alten Linde gespielt Schmetterlinge
gefangen und in der Kiesgrube nach Versteinerungen gesucht Heut blinkten die
Tautropfen in allen Farben des Regenbogens um die Kamille und wilde Zichorie
summten die Käfer und in der alten Linde schrien die Finken und das junge Volk
der Spatzen Aber dem Jüngling war das Gemüt beschwert Er setzte sich unter den
Baum auf einen bemoosten Stein und starrte ins Leere Eine die jetzt in die
Fremde ging war ihm von Herzen lieb er wusste dass sie mit seinem Bruder viel
vertraulicher verkehrte als mit ihm und er kannte auch die Pläne seiner Mutter
Oft hatte er gegen die Eifersucht gekämpft mit einem Heldenmut den niemand
ahnte hatte er sein Gefühl bezwungen doch gestern nach dem Abschiede war der
Schmerz übermächtig geworden und er fühlte sich ganz ohne Kraft und Hoffnung
Um ihn grünten glänzten und schwirrten die Wunderwerke der Schöpfung deren
weise Anordnung ihm der Vater freudig erklärt hatte aber die Bienen krochen
vergebens in die Blumenkelche und befestigten Wachs an ihren Beinchen und das
Volk der Ameisen lief auf der Straße die es sich mit unsäglicher Mühe zwischen
den Grashalmen gesäubert hatte unbeachtet hin und her ohne dass er das
Verdienstliche ihrer Tätigkeit anerkannte Auch als er über sich in einem Loch
des Baumes ein graues Gewebe erblickte erhob er sich zwar und löste die Zellen
eines verlassenen Wespennestes aus der Öffnung aber er hielt die Zellen achtlos
in der Hand obwohl sie regelmäßig wie aus feinem Papier zusammengebaut waren
und vermochte dabei an nichts von alledem zu denken was sich für einen
vernünftigen Naturfreund aus dem merkwürdigen Gebilde ergab
Da plötzlich schwirrte in der Nähe ein Flug kleiner Vögel auseinander und
dasselbe Fräulein um welches er in seinem Schmerz sorgte kam auf ihn zu Das
war kein Wunder denn ganz in der Nähe lag der Garten welcher Dorchens Mutter
gehörte vielleicht war Fritz deshalb ohne es selbst zu wissen unter die Linde
gegangen von der man die offene Gartentür beobachten konnte Er fuhr in die
Höhe auch Dorchen hemmte den schnellen Schritt und trat befangen in den
Schatten des Baumes
»Ich war bei unseren Blumen« begann sie leise »da erkannte ich den
Monsieur Fritz unter der Linde und wollte Ihnen noch einmal Lebewohl sagen«
Friedrich sah das Fräulein glückselig an aber so mächtig war seine
Bewegung dass er nichts Passendes zu antworten wusste und nur sagte »Ich fand
hier dies Wespennest«
»Wie zierlich es ist« versetzte das Fräulein ohne die Augen bis zu ihm
aufzuheben und beide saßen im nächsten Augenblick nebeneinander auf dem Stein
nicht ganz nahe denn das Gewebe lag zwischen ihnen »Ich habe immerzu an Sie
gedacht« fuhr Fritz mutiger fort »wie es Ihnen unter dem fremden Volke gehen
wird und ob Sie auch unsrer gedenken werden«
»Mir ist bange« rief das Mädchen und rang die Hände »und mir war heute
früh als könnte ich den Abschied nicht ertragen Der Mutter verberge ich meine
Angst um ihr die große Bekümmernis nicht zu vermehren aber Ihnen gestehe
ichs Monsieur Fritz denn ich weiß dass Sie gegen jedermann schweigen ich
fürchte mich vor den ausländischen Verwandten und wenn es nicht um meines
Bruders willen wäre dem eine Fürsprache beim polnischen Hof nützlich sein soll
so wäre ich niemals gegangen«
»Wo Sie auch sind Fräulein die Leute werden Sie liebgewinnen« antwortete
Fritz der jetzt zu trösten versuchte Aber dabei fühlte er plötzlich wieder das
Weh des Abschiedes und sah auf das Wespennest »Es wird Ihnen vergönnt sein was
schon diesen kleinen unvernünftigen Tieren zuteil wird Sie machen sich jeden
Sommer ein neues Häuschen das alte bleibt leer hängen Auch Sie werden neue
Freunde finden welche Ihr gutes Herz hochschätzen und die alte Bekanntschaft
wird sein wie dies verlassene Gewebe«
»Halten Sie mich für so veränderlich« fragte das Fräulein und man hörte am
Tone dass sie gekränkt war
»Nein nein« bat Fritz und ergriff im Eifer ihre Hand »Aber Sie sind jung
und voller Anmut und wer Sie sieht wird Sie lieben da ist es natürlich dass
auch in Ihrem lieben Herzen sich etwas Neues anspinnen wird« Dorchen wandte
ihm das Gesicht zu und fragte schnell »Wird das bei Ihnen auch so sein Und
wird die gute Freundschaft in der wir bis jetzt gelebt haben auch nicht mehr
bedeuten als diese leere Hülse«
Fritz schlug die Hände zusammen und rief in inniger Bewegung »Ich weiß
nicht was aus mir werden wird und wohin mich der liebe Gott führt aber das
weiß ich wohl dass ich das Fräulein Dorchen in meinem Herzen liebhaben werde
solange ich lebe« Und er schubste das Wespennest das er zum Sinnbild der
Unbeständigkeit gemacht auf den Boden Dorchen beugte sich nieder hob das
verachtete Gewebe auf legte es in ihr Taschentuch knotete dies hastig zu und
stand auf »Ich will es mir aufheben« sagte sie Sie griff in die Tasche und
brachte ein kleines Kissen heraus welches die Form eines Herzens hatte und am
Rande mit den kleinen Blumen Vergissmeinnicht bestickt war und sagte verlegen
»Behalten Sie das zum Andenken an mich ich habe Lavendel und anderen Wohlgeruch
aus unserem Garten hineingetan wenn Sie es unter die Wäsche legen wollen Sooft
Sie den Geruch spüren denken Sie an mich« Sie legte es ihm in die Hand
beide küssten einander unschuldig wie Kinder zum Abschiede und Dorchen weinte an
seinem Halse doch nur einen Augenblick dann klang leise aus ihrem Munde
»Seien Sie Gott befohlen« Und schnell eilte sie dem Garten zu an dessen Tür
die alte Wärterin bereits nach ihr ausschaute
Als Fritz allein war küsste er auch das Herz und barg es in der
Westentasche dann sah er noch einmal um sich und merkte wie lieblich es in der
Natur duftete und sang Jetzt wurde ihm klar dass eine weise Vorsehung alles
fügt Großes und Kleines und unter dem Geläut der Kirchenglocken schritt er
langsam nach Hause
Es war für die Königschen Eltern eine harte Zumutung dass die beiden Sterne
welche ihnen der liebe Gott für Licht und Wärme an ihren Himmel gesetzt hatte
zu gleicher Zeit unsichtbar werden sollten Zuerst verschwand Fritz in der
akademischen Dämmerung Von ihm war der Abschied nicht so schwer Er blieb auf
der Universität doch im Inlande und er konnte jedes halbe Jahr ja noch öfter
zum Besuch heimkehren Auch hielt er sich tapfer bis zur letzten Stunde da erst
übermannte ihn die Rührung als der Vater seine Hand und die des Bruders
zusammenhielt und dabei sagte »Bleibt einander treu«
Seinen Sohn August brachte der Vater selbst nach der kleinen märkischen
Stadt in welcher die Kompanie des Regiments »MarkgrafAlbrecht« in Garnison
lag Dort trafen die Ankommenden nach schriftlicher Verabredung mit dem Major
Vogt zusammen der in Geschäften des Regiments vom Stabsquartier zugereist war
August sah mit Stolz wie herzlich der Major seinen Vater empfing
»Ich habe mein Herr Bruder deinen Sohn für diese Kompanie bestimmt weil
ich hoffe dass er sich gerade hier gut zu den Offizieren schicken wird Ihr
mein lieber Monsieur August aber beweiset unter uns dass Ihr ein Sohn Eures
Vaters seid lernt schweigend gehorchen ertragt tapfer was Euch nach dem
Vaterhause hart und bitter scheint und spannt Eure Kräfte aufs äußerste um im
Dienste fest zu werden Obwohl ich Eure Wünsche und Beschwerden auch wenn sie
gerecht sind fortan nur durch Euren Kapitän vernehmen darf so werde ich Euch
doch im Auge behalten und wenn Ihr Euch Mühe gebt und gute Applikation zeigt
werde ich es an mir nicht fehlen lassen« Noch während der Anwesenheit des
Vaters wurde August als Gemeiner eingekleidet der Major machte ihm Hoffnung
dass er im Winter Unteroffizier werden könnte und setzte für ihn sofort das
Traktament eines Freikorporals durch auch leidliches Quartier erhielt er in
einer Kammer neben dem Sekondeleutnant Nachdem der Vater den Major und die
Offiziere der Kompanie zu einem Mittagstisch geladen hatte der so gut war als
die Gastwirtschaft des Städtchens leisten konnte merkte August an den
freundlichen Mienen seiner Vorgesetzten dass er mit guten Aussichten in seinen
neuen Stand eintrat Dennoch war der nächste Morgen an dem er den scheidenden
Vater nicht einmal bis zum Stadttor begleiten durfte weil sein Drillen begann
der schmerzlichste seines jungen Lebens und als er dem Wagen nachsah meinte
er das Herz müsse ihm zerspringen In den nächsten Freistunden fand er
trübseligen Trost darin die guten Dinge auszupacken welche ihm die Mutter zur
Verbesserung seiner Soldatenkost mitgegeben Er wies sie in dem Bedürfnis
menschlicher Teilnahme seinem Stubennachbar dem Sekondeleutnant und freute
sich dass dieser sowohl Schinken als Rauchwurst sehr lobte und es nicht
verschmähte sie mit ihm zu prüfen dabei aber verständig riet nicht gegen
jedermann freigebig zu sein Bei diesem Genuss aus der Heimat und bei einigen
Flaschen Wein für welche August einen goldenen Pfennig die heimliche Gabe der
Mutter opferte erkannten der Leutnant und er gegenseitig ihre guten
Qualitäten und August erhielt in den öden Tagen nach der Trennung bei seinem
Nachbar menschenfreundlichen Trost
Der erste Winter war eine harte Lehrzeit Der Rekrut sank oft des Abends
todmüde auf sein hartes Lager aber sein Ehrgeiz war aufgestachelt und eine
natürliche Gewandtheit kam ihm zugute auch gelang ihm bald die Billigung und
das Zutrauen der Unteroffiziere zu gewinnen und er fand hinter rauhem Wesen bei
mehr als einem der Subalternen Gutherzigkeit und das Bedürfnis sich honett zu
halten
Als das Frühjahr herankam wunderte er sich wie schnell der Winter
vergangen war Jetzt wurde das Exerzieren mit doppeltem Eifer betrieben die
Kompanien wurden in einer benachbarten Landstadt zusammengezogen und als dort
der Dienst im Regimente unter den Augen des Markgrafen Albrecht geübt war
marschierte das ganze Regiment nach Berlin zu der großen Aktion des Jahres der
Revue welche der König selbst abnahm nachdem er zehn Regimenter Infanterie und
einige Kavallerie zu einem Korps formiert hatte Die Kompanien von »Markgraf
Albrecht« versammelten sich zu Beginn schon um Mitternacht vor dem Quartier
ihres Chefs und zogen mit frühem Morgen in die Nähe von Tempelhof wo zwei Tage
lang manövriert werden sollte Da wurde August nach schlafloser Nacht und
übergrosser Anstrengung in den Straßen der Hauptstadt ohnmächtig doch als er
wieder zu sich kam ging er dem Regimente nach und obgleich der Kapitän warnte
erbat er doch die Erlaubnis das Manöver mitzumachen Und er hielt aus wiewohl
er noch einmal erschöpft zusammenbrach so dass Markgraf Albrecht selbst ein
alter wunderlicher Herr ihm etwas Beifälliges zurief Nach dem großen Manöver
wurden die einzelnen Regimenter vom Könige gemustert und weil Seine Majestät
mit Albrecht zufrieden gewesen war lobte der Chef auch die Kompanie und der
Hauptmann sagte rühmend zu August »Ihr habt Euch brav gehalten morgen um drei
Uhr werdet Ihr vor die Augen Seiner Majestät geführt«
Am nächsten Tage traten alle Unteroffiziere des Regiments welche auf
Avancement dienten es waren außer August sämtlich Junker aus adeligen Familien
im Lustgarten gegenüber dem königlichen Palais an und wurden in einer Reihe
aufgestellt Nachdem zuerst der Markgraf sie gemustert hatte kam mit dem
Glockenschlag drei der König Friedrich Wilhelm aus der gelben Pforte auf den
Platz und fragte vom rechten Flügel anfangend jeden der Unteroffiziere nach
Namen Heimat Dienstalter
Dem sorglosen August hatte vorher das Herz in unruhiger Erwartung gepocht
weil er zum ersten Male durch den strengen Kriegsherrn besichtigt werden sollte
und er hatte auf die Pforte gestarrt als ob aus ihr das Schicksal selbst gegen
ihn heranschreiten werde Als er aber den König erblickte minderte sich seine
Befangenheit Er sah einen kurzen starken Herrn mit rötlichem Angesicht und
runden Backen im einfachen blauen Rock wie ihn die anderen auch trugen mit
brauner Stutzperücke und dreieckigem Hut in der Hand einen starken Rohrstock
und er dachte sich dass Seine Majestät recht gutmütig und behaglich aussehe
einem märkischen Pächter ähnlich Und erst als er den König in der Nähe sah und
den scharfen Blick auffing der aus den runden grauen Augen in die
Gegenüberstehenden bohrte wurde er aufs neue von Bangigkeit erfasst
Sobald der König die Antworten des Kursachsen vernommen hatte wandte er
sich zum Chef des Regiments »Wie kommt der hierher«
»Sein Vater ist jetzt Rittergutsbesitzer in der Lausitz stand aber
vorzeiten als Feldpropst in preußischen Diensten unter Feldmarschall Lottum und
geleitete die Bibel in der Hand sein Regiment bei der Erstürmung von Namur
durch die Bresche«
»Der Sohn sieht propre aus« sagte der König zufrieden »hat er denn auch
Vigueur«
»Daran fehlt es nicht Eure Majestät Er hat gebeten die Revue
durchzumachen obwohl der Kapitän ihn in das Quartier zurückschicken wollte da
er neu war und von einer Ohnmacht überkommen wurde«
»Das ist gut« fuhr der König zu dem Jüngling gewandt huldreich fort »Ihr
habt einen braven Vater Wenn Ihr Euch verpflichten wollt in meinem Dienst zu
bleiben so will ich Euch ein gnädiger Herr sein und Euch fördern«
Da gab August hingerissen durch die Huld und seiner eigenen höflichen
Beredsamkeit froh zur Antwort »Ja Eure Majestät es soll solange ich lebe
mein Stolz sein Eurer Majestät Zufriedenheit und Gnade zu gewinnen ich bin
ganz zu Eurer Majestät allerhöchstem Befehl«
»Gut« wiederholte der König und schritt weiter
Durch diese wenigen Worte war der Fremdling den Preußen kameradschaftlich
empfohlen der Major Vogt sprach nachdem der König sich entfernt hatte mit
aufrichtiger Herzlichkeit zu ihm und die Offiziere seiner Kompanie betrachteten
ihn seitdem außerhalb des Dienstes zuweilen als ihresgleichen denn obgleich er
noch das Kurzgewehr eines Unteroffiziers trug hatte ihm doch die königliche
Gnade bereits den Sponton des Offiziers in Aussicht gestellt
Unter den Preußen
Nach den Manövern trat bei der Kompanie größere Ruhe ein der Dienst wurde
leichter ein Teil der Soldaten sichere Landeskinder wurden mit Urlaubschein
in ihre Heimat entlassen damit sie sich dort selbst ihr Brot verdienten ihren
Sold aber bezog nach altem Brauch der Hauptmann der dagegen für den Bestand der
Mannschaften und für die Montur verantwortlich war Kapitän Spieß war nicht von
Adel und benahm sich im Dienste als ein genauer und zorniger Mann wie nach
alter Soldatenregel ein Hauptmann sein soll Auch beim Stabe galt er für einen
tüchtigen Offizier nur die Musen hatten ihm ihre Huld versagt und wenn bei
schriftlichen Arbeiten die gewöhnlichen Wendungen des Kompaniestils nicht
ausreichten wurde sehr bald der Korporal König zur Schreiberei kommandiert und
der Hauptmann sagte in solchem Falle herablassend »Monsieur König richtet die
Redensart ein wie passend ist« Indes gereichte diese stille Beihilfe dem
jungen Unteroffizier keineswegs zum Vorteil denn der Vorgesetzte besorgt ihm
gegenüber die Autorität zu wahren war im Dienst gegen ihn noch strenger als
gegen andere schalt und drohte zuweilen gröblich und enthielt sich nicht
widerwärtiger Anspielungen auf den Hochmut der Schreiber
War der Hauptmann bürgerlich so vertrat dagegen der Premierleutnant von
Klotzing die Noblesse er wusste sich viel mit seinem alten Geschlecht konnte
genau angeben wieviel Ahnen bei den verschiedenen geistlichen Stiftern verlangt
wurden und erzählte da ein Bruder von ihm Page gewesen war gern von den
königlichen Jagden in Wusterhausen und von dem Besuch des Zaren Peter welcher
dem Pagen zum Scherz auf die Frisur gespuckt hatte Doch war er in der Kompanie
nicht beliebt da er sich bei Tisch gern betrank und darauf hochmütig und
krakeelig wurde Er hatte deshalb nicht selten Händel die er mit einer guten
Klinge ausfocht Wie er behauptete war er mit seinem Hofmeister auf einer
Universität gewesen jedenfalls nur kurze Zeit und nicht in der Absicht sich
Gelehrsamkeit anzueignen Da er von dem jungen Korporal alle Höflichkeiten
erhielt welche dieser aus dem Vaterhause mitgebracht hatte so gönnte auch er
dem Sachsen ein nachsichtiges Wohlwollen und ließ sich zuweilen herab ihn mit
seinen Jagdabenteuern zu unterhalten
Am wenigsten glückte es dem Unteroffizier mit seinem Fähnrich der nach
damaligem Brauch zu den Oberoffizieren gerechnet wurde und an Jahren jünger als
August noch in dem grünen Stolz seines höheren Ranges einherschritt
Als besserer Kamerad bewährte sich der Sekondeleutnant von Brösicke ein
redlicher Junge mit roten Backen rundem Gesicht und hervorstechenden Augen der
keinerlei Launen hatte und auch keine Einfälle durch welche andere überrascht
wurden Nachdem die Anrede welche er seinem Stubennachbar zuteil werden ließ
durch einige Monate zwischen »Hört König« und »Hören Sie Monsieur König«
geschwankt hatte schlossen beide sobald August die Korporalswürde erlangt
hatte Brüderschaft und wurden allmählich Freunde
August war so klug einzusehen dass er vor den Gewaltabern der Kompanie
vermeiden müsse sein besseres Wissen in allerlei gelehrten Dingen an den Tag zu
legen doch wurde dies für ihn eine harte Zumutung und er musste zuweilen
Lehrgeld zahlen Als er einst die Ehre hatte mit den Offizieren auf der Stube
seines Leutnants bei einem Glase Bier und einer Pfeife Tabak zusammenzusitzen
wollte das Unglück dass die Rede auf Rom und Julius Cäsar kam Und da ergab
sich dass sowohl der Hauptmann als seine Oberoffiziere durchaus unsicher über
das Verhältnis Cäsars zum Papst waren Der Hauptmann erklärte ganz verständig
Da Julius Cäsar ein großer römischer General gewesen ist der Papst aber unter
allen Umständen ein Pfaffe und ebenfalls zu Rom wohnhaft so ist glaublich dass
die beiden nicht in guter Harmonie gestanden und Cäsar zu seiner Zeit sich wenig
um den Papst gekümmert hat Der Premierleutnant aber behauptete mit höherem
Wissen jedoch unrichtig Cäsar sei als römischer Kaiser und als Vorfahre der
jetzigen kaiserlichen Majestät Karl VI mit dem Papst in Händel geraten und habe
deswegen mit den Franzosen welche zum Papst hielten viele Kriege führen
müssen Der Sekondeleutnant und der Fähnrich endlich vertraten bescheiden die
Ansicht dass mehrerwähnter Cäsar nur Bürgermeister in Rom und der Papst
jedenfalls sein Prinzipal oder Vorgesetzter gewesen sei Da war es für August
unmöglich ein vorsichtiges Stillschweigen beizubehalten Er tat sich auf
obschon in achtungsvoller Weise und setzte auseinander dass die alten Römer zur
Zeit Cäsars noch Heiden waren und erst mehrere Jahrhunderte später Christen und
Untertanen des römischen Papstes wurden Im Eifer seiner belehrenden Darstellung
bemerkte er nicht die missvergnügten und abfälligen Blicke seiner Vorgesetzten
welche ihn nachdem sein Redefluss beendet war behandelten als sei er gar nicht
vorhanden und von der Montierung des Potsdamer Regiments zu reden begannen
nachdem der Hauptmann noch kurz bemerkt hatte »In jedem Fall war der Dienst in
der Kompanie damals schlechter als im Preussischen« Sogar Augusts Leutnant
vermied in den nächsten Tagen ganz mit ihm zu sprechen der Hauptmann aber
machte ihm beim Exerzieren den Dienst sauer und warf ihm unangenehme Redensarten
wie »Sakramenter« und »sächsischer Tintenkleckser« zu Durch einige Wochen
kämpfte der Sachse in stiller Verzweiflung gegen die hochgehenden Zorneswogen im
Gemüt der Vorgesetzten und die Stellung war noch schlecht als sein Gönner der
Major Vogt in die Garnison kam Auch dieser musste Unholdes über den gelehrten
Korporal gehört haben denn er beachtete ihn durch die drei Tage seiner
Anwesenheit gar nicht erst kurz vor der Abreise als August mit einer Meldung
zu ihm kam begann er mit umwölkter Stirne »Es tut mir leid zu vernehmen dass
die Herren Oberoffiziere mit Eurem Benehmen nicht zufrieden sind Hat Euch der
gute Anfang Eures Dienstes übermütig gemacht so muss ich Euch sagen dass Ihr die
Nachsicht und das Wohlwollen Eurer Vorgesetzten die Euch sehr nötig sind
völlig verscherzt habt« Da erschrak August »Ich bitte den Herrn Major
überzeugt zu sein dass ich es im Dienst an Eifer nicht fehlen lasse«
»Es ist sowohl der Dienst« antwortete der Major »als Euer anmassendes
Benehmen außerhalb des Dienstes wodurch Ihr Anstoß gebt«
»Möge der Herr Major mir glauben« entschuldigte sich August demütig »dass
ich niemals in meinem Verhalten den geziemenden Respekt vergessen habe Ich weiß
recht gut dass an meinem Unglück nichts schuld ist als Julius Cäsar«
»Wieso« fragte der Major Und als der Korporal wahrheitsgetreu berichtet
hatte lächelte der gute Herr zuerst vor sich hin dann aber begann er strafend
»Es war nicht schicklich dass Ihr Eure Schulweisheit dazu benutzt habt um Eure
Herren Offiziere in der Stunde wo sie Euch die Ehre kameradschaftlicher
Vertraulichkeit gewährten eines Besseren zu belehren Ihr habt ihnen dadurch
ihre freundliche Absicht übel vergolten Doch Ihr seid jung und von lebhaftem
Naturell und ich will Euch das Ungeschick nicht zu hoch anrechnen Merkt Euch
aber für Euer ganzes Leben mein lieber Sohn dass der Wert des Soldaten nicht
vorzugsweise auf seinem Wissen beruht sondern auf seiner Pflichttreue und auf
der Stärke seines Willens Damals als Euer guter Vater bei unserem Regiment
war vermochte einer der Hauptleute außer seinem Namen nichts zu schreiben er
war doch von uns allen hochgeschätzt und seine Soldaten gingen für ihn ins
Feuer Es darf Euch auch nicht ungereimt erscheinen wenn Ihr hier und da in der
Armee eine Verachtung der Schreiber und aller Gelehrsamkeit aussprechen hört
solche Feindseligkeit wird allerdings zuweilen ungerecht dennoch ist sie bei
dem preußischen Offizier zu entschuldigen denn er merkt wohl dass die Schreiber
und Gelehrten sich unfähig und ausserstande erwiesen haben den Staat und das
vaterländische Wesen vor Freund und Feind ehrenvoll zu vertreten und dass dazu
sein Beruf besser geeignet ist weil er gelernt hat sein Blut und Leben
daranzusetzen nicht nach eigener Weisheit sondern nach dem Willen und den
Intentionen eines Oberhauptes welches für ihn denkt«
Nach dem Besuche des Majors trat für August bei der Kompanie wieder
leidliches Wetter ein kleine Regenschauer aber auch Sonnenblicke und er
durfte hoffen dass Cäsar nicht ewig als rächender Geist vor der Front gegen ihn
aufsteigen werde Da wurde durch einen Zufall das Verhältnis zu seinem Chef
völlig geändert Der Hauptmann war nicht verheiratet er vertraute seine Wäsche
aber keiner Unteroffiziersfrau an sondern schickte sie durch seinen Burschen in
ein kleines Haus an der Stadtmauer zu einer armen Witwe welche mit einem jungen
Mädchen erst vor etlichen Jahren aus benachbarter Garnison zugezogen war Da der
Hauptmann selbst häufig in der Dunkelheit das Haus besuchte so hatte die
Kompanie über diese Bekanntschaft ihre sehr bestimmten Ansichten die aber in
seiner Gegenwart nicht laut wurden weil sein ernsthaftes und zurückhaltendes
Wesen auch die Offiziere nicht zur Vertraulichkeit ermutigte Doch erzählten die
Jüngeren untereinander dass er sich des Mädchens wegen schon einmal nach dem
Mittagessen auf seiner Stube mit dem Premierleutnant geschlagen habe jedenfalls
war dieser mehrere Wochen mit verbundenem Arm gegangen hatte aber jede Auskunft
über das Duell verweigert Als nun August eines Abends im Dienst auf der Straße
ging hörte er rohe Scheltworte und sah einen Betrunkenen welcher ein
flüchtiges Mädchen verfolgte und sie zuletzt anpackte Er sprang herzu
schleuderte den Mann zurück und stellte sich zwischen ihn und die Verfolgte die
vor Schrecken über den Angriff einer Ohnmacht nahe war und sich an einem
Türpfosten festhielt Der Angreifer ein übel beleumdetes Subjekt das früher
Soldat gewesen und eines Schadens wegen aus dem Dienst entlassen war drang
wütend auf den Helfer ein der Korporal aber schlug ihn mit dem Eisen seines
Kurzgewehrs über die Schulter dass der Mann mit lautem Schrei zurücktaumelte und
blutend zusammenbrach Ohne sich weiter um den Liegenden zu kümmern wandte sich
August zu dem Mädchen richtete sie auf und ersuchte sie höflich seine
Begleitung bis an ihre Wohnung anzunehmen dabei entdeckte er dass es ein recht
hübsches Mädchen war in einfacher bürgerlicher Kleidung mit einem runden
Gesicht aus welchem ihn zwei blaue Augen verstört ansahen Sie aber entzog ihm
den Arm und versetzte immer noch zitternd »Ich danke dem Herrn Korporal von
Herzen aber ich darf mit keinem Soldaten gehen ich bitte den Herrn mich
allein zu lassen unsere Wohnung ist in der Nähe« Sie sah ihn noch einmal an
als ob sie wegen ihrer Weigerung um Verzeihung bitte und eilte längs den
Häusern dahin Der Jüngling folgte ihr aus Teilnahme in einiger Entfernung
obgleich er hinter sich den Lärm der zusammenlaufenden Menschen hörte war aber
höchlich erstaunt als er plötzlich einen Stoß vor die Brust bekam und seinen
Hauptmann erkannte der von der Seite herbeigeeilt war wütend den Degen zog und
gegen ihn einhieb August parierte den Schlag mit seiner Waffe und rief
zurückspringend »Ich melde dem Herrn Kapitän dass ich soeben einen Betrunkenen
auf der Straße niedergeschlagen habe weil er ein Mädchen insultierte« Der
Kapitän ließ den Degen sinken und trat gefolgt von August in den Haufen
welcher den Liegenden umstand Dort erkannte er dass der Mann schwer verwundet
sei und gebot dem Korporal kurz einen Feldscher zu holen und alsdann in sein
Quartier zu kommen worauf er sich in derselben Richtung entfernte welche das
flüchtige Mädchen genommen hatte
August der jetzt den Zusammenhang ahnte wartete längere Zeit in der
Wohnung des Kapitäns Dieser bot als er endlich kam dem Korporal in großer
Bewegung die Hand mit den Worten »Ich bitte Euch wegen meiner Heftigkeit um
Verzeihung Monsieur König Ihr habt Euch benommen wie einem Manne geziemt der
des Königs Rock trägt ich aber habe mich in der Hitze gegen Euch vergessen
Dafür will ich Euch die Satisfaktion geben indem ich Euch im Vertrauen auf Eure
Ehre und Verschwiegenheit mitteile dass es meine Tochter war der Ihr heut einen
großen Dienst erwiesen habt Sie selbst hat mich gebeten Euch den Dank
auszurichten der ihr in ihrer Angst nicht zu Gebote stand«
»Ich habe nur geringen Anspruch auf den Dank meines Herrn Kapitäns und der
Demoiselle« versetzte August »da ich ganz zufällig zu dem Rekontre kam und
nicht wusste wem ich beistand Ich bitte nur sich meiner anzunehmen damit ich
nicht wegen der Verwundung des Zivilisten welchem das Schlüsselbein zerschlagen
ist in Ungelegenheiten gerate«
»Ihr« antwortete der Hauptmann mit finsterem Lächeln »Ihr habt Lob zu
erwarten da Ihr Euch zur Stelle defendiert habt der Kerl aber Ketten und
Zuchthaus weil er sich unterfangen die Montur Seiner Majestät anzugreifen
Erzählt mir den Verlauf damit ich den Bericht mache Ihr könnt ihn selbst zur
Stelle niederschreiben«
Als dies vollbracht war und August der Entlassung harrend sich
zusammenrückte holte der Hauptmann eine Flasche Wein aus dem Schrank goss zwei
Gläser voll und wies auf den Tabak und die Pfeifen
»Setzt Euch her zu mir Monsieur König ich habe noch etwas von Euch zu
fordern« Und als August stramm dasaß vom Glase genippt hatte und mit stiller
Genugtuung die blauen Wölkchen aus der Tonpfeife blies begann der Hauptmann
»Ich will Euch meinen Dank dadurch bezeigen dass ich Euch erzähle was Eurer
Jugend zu einer Lehre gereichen kann Als armer Fähnrich war ich einem
Bürgermädchen der Tochter einer Witwe zugetan und ich handelte in meiner
Leidenschaft nicht ehrlich an ihr Sie starb in Kummer und hinterließ ein
Mädchen Mir ist es mein Leben lang sauer geworden und ich war ein harter Mann
der sich das Unglück anderer nicht sehr zu Herzen nahm Da sah ich einmal meine
kleine Tochter das Kind drückte sich in seiner Unschuld an meinen Hals und mir
fiel ein dass ich doch jemanden auf der Welt hatte der an mir hing Darum
begann ich mich der Tochter anzunehmen brachte sie zu einer ordentlichen Frau
und was ich von meinem Traktament ersparen konnte wandte ich auf ihre
Erziehung Sie wuchs heran als ein braves Kind welches in seinem guten Herzen
den Vater lieb hat Die Stunden in welchen ich bei ihr sitze und ihre
zutraulichen Reden höre sind das Glück meines Lebens Aber sie sind auch mein
Kummer und ein unablässiger Vorwurf Denn sie ist unschuldig und gutartig und
wäre eines besseren Schicksals wert Aber nach den Vorurteilen der Welt ist sie
ausgeschlossen von jeder Hoffnung auf eine Heirat mit einem braven Manne und
von jeder Aussicht auf eine andere anständige Versorgung Und wenn sie mir
freundlich zulacht und in ihrer kindlichen Weise erzählt wie gut es anderen
Mädchen aus ihrer Nachbarschaft mit Ehe und Hausstand gerät da will sich in mir
vor Mitleid das Herz umwenden dass bei ihr davon nicht die Rede sein kann« Er
legte die Pfeife weg und sah finster vor sich hin
»Vielleicht gibt es dagegen eine Hilfe« riet August mitfühlend »Ich habe
einmal gehört dass man auch an Kindesstatt annehmen kann«
Der Hauptmann blickte beifällig auf ihn »Dies ist die einzige Hoffnung an
die ich mich noch halte Da ich aber ohne Konnexion bin und befürchten muss dass
mir ein solches Unternehmen bei den Vorgesetzten im Avancement hinderlich sein
wird so muss ichs auf die Zeit schieben wo ich entweder als Major in den Stab
versetzt oder pensioniert bin Habe ich in der Karriere meinen Wunsch erreicht
oder habe ich keinen Gegner mehr zu fürchten so nehme ich die Tochter zu mir«
August stolz auf so großes Vertrauen rauchte fort und war ganz einverstanden
»Dies habe ich Euch mitgeteilt Korporal König weil ich jetzt Euer Ehrenwort
verlange dass Ihr die Bekanntschaft welche Ihr heut mit meiner Tochter
Friederike auf der Straße gemacht habt in keiner Weise fortsetzt solange sie
in ihrem dunklen Zustande leben muss dass Ihr sie also nie in ihrer Behausung
aufsucht und wenn Ihr zufällig mit ihr zusammentrefft sie ganz wie eine Fremde
behandelt Ich will nicht dass mein Kind irgendwelche Bekanntschaft mit Soldaten
und Offizieren hat denn ich weiß dass für sie daraus nichts Gutes kommen kann
Und dies ist das einzige was ich dem armen Mädchen streng verboten habe Wollt
Ihr mir als honetter Soldat Euer Wort darauf geben so werde ich Euch solange
Ihr dies haltet mit aufrichtigem Danke verpflichtet sein und wenn Ihr es im
Übermute brechen solltet Euch an Eurem Leib und Leben die Rache eines
gekränkten Vaters fühlbar machen« Er stand auf auch August schnellte in die
Höhe
»Mein Herr Kapitän hätte nicht Ursache gehabt mein Versprechen so stark zu
provozieren ich bin bereit mein Wort zu geben«
Der Hauptmann hielt einen Augenblick die Hand des Jünglings fest und entließ
ihn mit Wiederholung seines freundlichen Dankes
August ging zufrieden in sein Quartier zurück und gelobte sich selbst dass
er das neue Wohlwollen des Vorgesetzten durch Schweigsamkeit und großen
Diensteifer verdienen wolle
Dennoch erwies sich die Vorsicht des Hauptmanns in diesem Falle als
ungeschickt denn es war natürlich dass August von jetzt ab zuweilen an sein
Versprechen dachte und mit einer gewissen Neugierde nach der Demoiselle aussah
Wenn er ihr einmal begegnete was nicht selten geschah so grüßte er höflich
das hatte der Alte doch nicht verbieten wollen und empfing ihren schüchternen
Gegengruss mit der frohen Empfindung dass zwischen ihr und ihm ein geheimes
Einverständnis sei von dem die Welt nichts wissen dürfe Auch sah er immer mehr
ein dass genügender Grund vorhanden war die Jungfer vor der Unternehmungslust
kriegerischer Jugend zu bewahren Denn sie hatte durchaus nichts von dem
bärbeissigen Wesen des Hauptmanns Er erkannte bei jeder Begegnung deutlicher ein
rosiges Gesicht mit schönen blauen Augen denen wie er meinte die Fröhlichkeit
sehr gut stehen müsste Sie war einfach aber sauber gekleidet hatte einen
zierlichen Gang und wie er ganz genau sah auch eine natürliche Anmut wenn sie
ihm das Köpfchen zuneigte kurz sie war ihrem Vater durchaus nicht ähnlich
August konnte nichts dafür dass er an ein Mädchen welches ihm fremd war
das er nicht anreden und nicht kennen sollte gerade da erinnert wurde wo er
als guter Sohn der Ermahnung seines eigenen Vaters nachkam Dieser hatte ihn
nämlich dringend aufgefordert seine Freistunden zu weiterer Erlernung des
Französischen zu verwenden wenn sich in der kleinen Garnison eine Gelegenheit
biete Nun fand sich unter den alten Unteroffizieren der Kompanie ein Franzose
der einst als flüchtiger Hugenotte mit seinen Eltern ins Preussische gekommen
war Bei diesem nahm August gegen billige Vergütung Stunde In der Konversation
erfuhr er mit Verwunderung dass Monsieur Roncourt auch Lehrer der Demoiselle
Friederike war und dass sein Hauptmann der selbst aus Büchern so wenig gelernt
hatte für den Unterricht des Kindes alles mögliche tat Der alte Franzose
sprach gern von seiner Schülerin er rühmte ihren Verstand und die Fortschritte
und beobachtete mit ritterlicher Teilnahme ihr Verhältnis zum Vater Es kam auch
heraus dass dieser zuweilen bei den Lektionen gegenwärtig war und in hoher
Zufriedenheit seine Pfeife rauchte während die Tochter sich mit dem Lehrer in
der unverständlichen Sprache unterhielt Es wäre auffällig gewesen wenn August
seinem Lehrer verboten hätte in der Stunde von Demoiselle zu erzählen Und es
ist wohl möglich dass Monsieur Roncourt in seiner gesprächigen Weise auch dem
Mädchen zuweilen etwas über den jungen Korporal mitteilte der sich ebenfalls
dem Lehrer wert zu machen wusste
In dieser ganzen Zeit bestand zwischen den Eltern und den beiden Söhnen ein
lebhafter Verkehr welchen das für alle Welt erfreuliche Postorn vermittelte
Es klang nur zweimal in der Woche durch die Straßen aber gerade weil es nicht
häufig kam dachte jedermann dass es ihm etwas Gutes bringen müsse und wer in
der Fremde saß der wurde durch die weichen Töne an alle Lieben daheim erinnert
Am regelmässigsten war in der Familie der Verkehr zwischen Fritz und dem Vater
Der Sohn schrieb von der Universität ausführlich über seine Kollegien und über
die Gedanken welche ihm angeregt wurden der Vater aber fand eine hohe Freude
darin mit seinem Fritz gelehrte Fragen zu erörtern und eine noch größere wenn
er in den Briefen des Jünglings einen festen die Wahrheit suchenden Sinn
erkannte Durch den Briefwechsel wurden Vater und Sohn in ganz neuer Weise
Herzensfreunde und der Sohn gewann in dem rückhaltlosen Aussprechen über alles
was ihm die Seele bewegte und seinen Geist beschäftigte vielleicht mehr
Weltweisheit als durch die Vorträge der Professoren
Als Friedrich einmal im Postskript beiläufig gefragt hatte ob Nachrichten
von Torn angekommen seien er wollte nicht geradezu nach Dorchen fragen da
erhielt er zu seiner Verwunderung mit der Antwort des Vaters die Abschrift eines
Briefes welchen der erste Bürgermeister von Torn Herr Roesner dem Vater
gesandt Danach hatte Dorchen den Brief des Vaters abgegeben sie hatte den
Städtern sehr gefallen war mit den Frauen zum Gottesdienst gegangen und für
längeren Besuch eingeladen worden Wegen des Gusekschen Schreibens von 1531 aber
berichtete der Konsul dass er mit mehr Auskunft dienen könne als vielleicht
erwartet werde sein Kollege Zernecke der zweite Bürgermeister sei selbst als
Historikus eine Autorität und dieser wusste dass in jenen alten Zeiten eine
Familie König zu den Mitgliedern des Artushofes also zu der angesehenen
Bürgerschaft gehört hatte Auch das Eckhaus war ermittelt worden es war alt
und baufällig und gerade in den Besitz eines Bürgers übergegangen der sich
rüstete dasselbe umzubauen Da hatten die Herren Bürgermeister aus dem alten
Briefe Veranlassung genommen dem wohlgesinnten Besitzer das Geheimnis der Stube
mitzuteilen es hatte sich sogleich ergeben was bis dahin noch niemand
beobachtet dass durch leichtes Fachwerk ein Teil des ursprünglichen Zimmers
abgeschlossen war Der Besitzer hatte in Gegenwart der Bürgermeister die
Zwischenwand einschlagen lassen und dahinter einen großen Wandschrank gefunden
»Ich selbst habe da der Hauswirt die Berührung scheute den Schrank geöffnet«
schrieb Herr Konsul Roesner »aber nichts darin gefunden als eine verrostete
Rüstung und ein modriges Gewand welches einem Armsünderkittel ähnlich sah ich
verberge Euer Ehrwürden nicht dass mich einen Augenblick das Grauen überkam als
ich große dunkle Flecke darauf erkannte Was man dort verbergen wollte war
offenbar etwas Ungünstiges aus einer Zeit städtischen Unfriedens«
Mit einer scherzhaften und verbindlichen Wendung bat darauf der
Bürgermeister um Fortsetzung der angeknüpften Verbindung und deutete an dass es
ihm wünschenswert wäre von der neuen Leipziger Büchermesse gewisse Neuigkeiten
gegen Wiedererstattung der Auslagen früher zu erhalten als bei der langsamen
Spedition durch die Buchhandlung möglich würde
Da der Vater ermahnte die Aufträge des Herrn Konsuls sorgfältig
auszuführen und Fritz in Leipzig gute Gelegenheit fand das Bücherpaket nach
Torn zu spedieren so machte es sich dass er selbst mit den beiden
Bürgermeistern zumal mit dem gelehrten Herrn Zernecke in höflichen Brief
verkehr trat und diese Verbindung wurde ihm eine größere Freude als er selbst
dem Vater bekannt hätte denn er konnte dadurch vielleicht dem Dorchen die
wohlwollende Teilnahme der wichtigen Stadterren vermehren
Nicht ganz so erfreulich waren die Nachrichten über Dorchen welche die Post
dem jüngeren Sohn brachte In einem Briefe der Mutter las er dass die
Jugendgespielin welche lange mit ihrer kranken Verwandten zu Dresden gelebt
hatte jetzt in einem großen Schloss an der Weichsel wohne welches mit
fürstlicher Pracht eingerichtet sei Dort speiste sie wie Frau von Borsdorf in
mütterlichem Stolz mitgeteilt hatte jeden Tag von Silber und hatte drei
Domestiken zu ihrer eigenen Bedienung nur klagte sie etwas über die Einsamkeit
Und als seine Mutter mit dem Postskript schloss »Wenn das liebe Kind nur nicht
in Hochmut verfällt« da wurde August wild und zornig über diesen Luxus mit
Silber und über das ganze vornehme Wesen und nachdem er lange mit dem
unschuldigen Dorchen gegrollt hatte kam er zu der unzufriedenen Betrachtung
wie verschieden doch das Schicksal seine Gaben austeile Dorchen war die Tochter
eines pensionierten Majors ohne Vermögen und lebte in so glänzendem Zustande
und Riekchen war das Kind eines Hauptmanns der auch jederzeit Major werden
konnte und wohnte gering geachtet in einer Hintergasse Zuletzt unternahm er
sogar die beiden Mädchen miteinander zu vergleichen auch Riekchen war hübsch
obgleich in anderer Weise sie hatte ein Stutznäschen größere Fülle ihre Augen
waren vielleicht noch einnehmender Und unzweifelhaft hatte auch sie gute
Manieren
Gustchen verhärtete sich so in seinem Zorne gegen die Vorurteile der Welt
und gegen die Launen des Geschickes dass er den trotzigen Entschluss fasste die
Ungerechtigkeit auszugleichen soweit er dies als junger Korporal und
Unbekannter vermochte Dazu bot sich eine Gelegenheit Durch den Franzosen wusste
er dass Friederike über den Tod eines Stieglitzes geweint hatte der in
törichter Sicherheit aus seinem Bauer geflogen und von einer Nachbarkatze erfasst
war Darum gedachte er die Arme für die fehlenden Silberteller gewissermaßen
dadurch zu entschädigen dass er ihr einen neuen Stieglitz ins Haus praktizierte
Dies musste natürlich so geschehen dass der Vater nicht an einen unbekannten
Geber denken konnte weil er sonst dem Vogel unfehlbar den Hals umgedreht hätte
Es durfte also keiner von den Garnisonvögeln sein welche durch die Soldaten
gehalten und zu kunstvollem Gesange abgerichtet wurden um das Leben der
Freudearmen zu verschönen Doch glückte es in dem nächsten Dorf einen Stieglitz
zu entdecken der in seiner Art ein wirklicher Künstler war er kaufte das
Tierchen als gerade sein Leutnant Dienst hatte und trug es des Abends in
seiner Hand zu dem Hause in welchem Friederike mit ihrer alten Erzieherin
wohnte Als er durch das ausgeschnittene Herz des Fensterladens Licht im Zimmer
sah steckte er den Vogel vorsichtig in das Loch in der Hoffnung dass der Kleine
zwischen Laden und Scheiben herabflattern und durch seinen Flügelschlag ein
Öffnen des Fensters veranlassen werde Dies geschah Der Korporal hörte das
Flattern merkte dass jemand das Fenster auftat und entwich geräuschlos Bei
der nächsten Lektion vernahm er mit gut erheuchelter Gemütsruhe dass der
Demoiselle in merkwürdiger Weise ein neuer Stieglitz zugeflogen war und dass der
Ankömmling mit großer Freude in dem Bauer bewahrt wurde da kein Eigentümer zu
ermitteln sei »Vielleicht haben ihn die Eulen aufgescheucht« sagte August
gleichgültig
»Cest vrai« rief der Franzose erfreut über die Idee »doch ist der Vogel
abgerichtet«
Aber dies gemütliche Verhältnis in welches sich der junge Korporal zu einem
jungen Mädchen gesetzt hatte tönte in seiner Seele nur wie ein leiser Gesang in
den Pausen zwischen dem Trommelwirbel des Dienstes Als der Herbst herankam
erhielt die Kompanie ihre Rekruten zwei Drittel Landeskinder aus der Umgegend
ein Drittel Angeworbene welche gleich Gefangenen herangeführt wurden Da begann
auch für August neue angestrengte Tätigkeit denn er hatte jetzt selbst bei dem
Drillen zu helfen und fand es schwerer als je seinem Hauptmann genüge zu tun
Zu rechter Zeit kam vor dem Weihnachtsfest die Kiste vom Vaterhause Da der
Hauptmann den Abend bei der Demoiselle zubrachte und die beiden anderen
Offiziere über Land geladen waren so bat August den Sekondeleutnant um die Ehre
seiner Gesellschaft und überreichte ihm bei der Einladung einen hübschen
türkischen Pfeifenkopf den er durch ein artiges Kompliment annehmbar zu machen
suchte indem er sagte »Mein Herr Bruder hat mir da ich jung und unerfahren
hierherkam so viel Güte und Freundlichkeit erwiesen dass ich solange ich lebe
demselben mich verpflichtet fühlen werde und ich bitte daher diese Kleinigkeit
als ein Zeichen meiner Wertschätzung anzunehmen dabei aber nicht die
Geringfügigkeit der Gabe sondern die gute Gesinnung zu beachten in welcher ich
dieselbe zu offerieren wage« Der Leutnant empfing die gestopfte Pfeife und
antwortete »Du bist hol mich der Teufel immer der höfliche Sachse« dabei
zündete er sie zur Stelle an und setzte sich zum Genuss zurecht aber er fuhr
sich gleich darauf über die Augen »Bruder mir hat noch niemals jemand etwas zu
Weihnachten geschenkt und ich habe auch nichts für dich« August schüttelte
ihm die Hand »Wenn du die Kompanie haben wirst dann kommst du an die Reihe
mir zu geben unterdes versuchen wir heut was in der Kiste Gutes gekommen ist«
Diese Anweisung auf künftigen Reichtum erheiterte den Leutnant und sie
trugen gemeinsam die Schätze der Kiste auf den Weihnachtstisch
Doch auch die Garnison wollte dem jungen Korporal ihre Artigkeit erweisen
denn als er am nächsten Morgen beim Hauptmann eintrat begann dieser nachdem er
die Meldung angenommen »Ihr habt in diesem Jahre einer Person die mir lieber
ist als mein Leben einen Dienst erwiesen und Ihr habt das Versprechen das Ihr
mir damals gegeben als ein honetter Soldat gehalten Ich bin nicht gewöhnt
eine Guttat zu empfangen ohne dafür erkenntlich zu sein Wäre ich ein Mann von
Vermögen so würde ich Euch ein besseres Präsent bieten jetzt ersuche ich Euch
meine Jagdflinte anzunehmen da ich höre dass Ihr gern auf die Jagd geht« Er
überreichte ihm das Gewehr es war ein neuer gestickter Tragriemen daran und
der Jüngling wusste wohl woher dieser kam In der ganzen Zeit war er von dem
Kapitän kurz und gebieterisch behandelt worden wie jeder andere und wenn er in
seiner Schlauheit trotzdem gemerkt hatte dass er in Gunst stand weil
widerwärtige Kommandos von ihm fernblieben so überraschte ihn doch diese
Freundlichkeit des harten Vorgesetzten so sehr dass sein Dank kürzer herauskam
als schicklich war denn er fand nur die Worte welche gar nicht zur Sache
gehörten »Es ist mir wohl bewusst dass ich es nur dem Herrn Kapitän zu danken
habe wenn ich einmal ein brauchbarer Offizier werde«
»Tut Eure Pflicht gegen den König wie ich sie im Dienst gegen Euch tue«
antwortete der Hauptmann und entließ ihn mit einem Kopfnicken
Und wieder kam das Frühjahr welches an der märkischen Landschaft rings um
die Garnison nur wenig zu verändern imstande war der Kiefernwald färbte sein
dunkles Gewand ein wenig heller die Sandflächen zwischen Feld und Wald wurden
ein wenig gelber und auf dem Acker spross zögernd und spärlich die junge Saat
Die Kompanie aber bewegte sich wieder pünktlich gleich einem Uhrwerk zu den
Vorübungen im Stabsquartier und von da nach Berlin zur Revue Diesmal
marschierte August fest wie ein alter Soldat über den Rixdorfer Damm nach dem
Manöverfelde und erwartete mit Selbstvertrauen die letzte Prüfung der
Unteroffiziere im Lustgarten Er freute sich wie ein geborener Preuße als des
Königs Majestät der kleine starke Herr wieder aus der gelben Pforte gewichtig
heranschritt Sobald der König längs der Reihe seine Fragen getan hatte und bis
zu August gekommen war sah er ihn scharf an und der kecke Unteroffizier August
ebenso den König weil er wusste dass seine Majestät dies gern hatte »Das ist
der Sachse« sagte der Herr wohlgefällig »seid Ihr dies Jahr bei der Revue
schwindlig geworden«
»Nein Eure Majestät« antwortete August »es ging ganz gut«
»Wie war seine Aufführung« fragte der Herr den Markgrafen »Hat er gut
profitiert«
»Er hat das beste Lob« versetzte der Oberst
»Das ist mir lieb« sagte der König »Ihr könnt Eurem Vater schreiben Ich
freue mich dass der Sohn eines so braven Mannes wohl gerät und es soll den
Vater nicht gereuen dass er Euch in meine Armee getan hat Fährt so fort damit
Ihr im Dienst immer fester werdet«
Dies war in den Augen sämtlicher Anwesenden eine so hohe Gnade dass August
gleich darauf von seinem Chef von dem guten Major Vogt und seinen Offizieren
Glückwünsche erhielt und kaum in seinem Quartier angelangt sich hinsetzte um
dem Vater den ganzen Vorgang zu berichten Den Tag darauf erhielt er die
Nachricht dass ihn der König zum GefreitenKorporal ernannt habe der den Dienst
bei der Fahne hatte und der Nächste zum Oberoffizier war Und seine Freude
kannte keine Grenzen als sein Hauptmann sich freiwillig erbot ihm nach der
Rückkehr in die Garnison einen mehrmonatigen Urlaub zu geben
Als der Freikorporal vor seiner Abreise aus der Garnison beim Hauptmann
eintrat um den Urlaubsschein zu holen blieb er betroffen an der Tür stehen
Vor dem Vater kniete in Tränen aufgelöst Friederike und er saß über sie gebeugt
in so tiefem Gram dass er den Eintretenden gar nicht beachtete Das Mädchen fuhr
auf sah den Jüngling schmerzvoll an und verschwand in dem Nebenzimmer der
Vater aber erhob sich mühsam nach Fassung ringend »Erfahret Monsieur König
dass ich von der Kompanie und von dieser Garnison auf längere Zeit scheide Ich
bin zum Werbeoffizier für das Regiment bestimmt und soll nach Ostfriesland
abgehen Mancher hält solches Kommando für eine Gunst und auch vom Stabe wird
gratuliert weil mir dadurch Gelegenheit geboten sei den Major zu verdienen
ich aber hatte bis daher geglaubt dass redlicher Dienst im Regiment mich solcher
Ehre würdig machen könne denn ich weiß dass ich zum Marchandieren und
Beschwindeln nicht passe und mir ist als wäre ich zu einer Kugel verurteilt«
August dachte wohl dass sein gradliniger Hauptmann guten Grund hatte das
Amt eines Werbeoffiziers zu scheuen Nur übermütigen Gesellen die nicht durch
große Gewissenhaftigkeit belästigt wurden war dies Kommando willkommen es bot
Gelegenheit zu flottem Leben in der Fremde und zu allerlei Nebenverdienst auch
Abenteuer fehlten nicht die zuweilen gefahrvoll wurden Und in tiefem Mitgefühl
fragte der Jüngling alle Vorsicht vergessend »Wie aber wird es mit der
Demoiselle Tochter werden« Da ballte sich die Hand des Hauptmanns auf dem Tisch
und er sagte in grimmiger Ratlosigkeit »Das weiß Gott allein«
Alles verwandelt
August wanderte zu Fuß der Heimat zu Er hatte die Garnison in heller Freude
verlassen eine Strecke begleitet von dem Sekondeleutnant Als dieser beim
Abschiede traurig sagte »Du bist glücklich Bruder dass du Eltern hast die
sich auf dich freuen Eine Waise wie ich hat keine andere Heimat als bei der
Fahne« da empfand August mitleidig wie groß das Unglück des Kameraden war
aber ihm selbst schwand nach diesen Worten plötzlich die frohe Zuversicht Auch
als er weiterzog über die braune Heide in dürftigem Nadelwald und durch
armselige Dörfer blieb ihm eine Bangigkeit über die er sich selbst wunderte
Oft hatten ihn der harte Dienst und das knappe Leben bedrückt jetzt wo er sich
in größerem Wohlstand bei seinen Angehörigen zwanglos tummeln wollte kam ihm
vor als trenne er sich von Glück und Hoffnung Sein ehrlicher Hauptmann wollte
ihm nicht aus dem Sinn auch an die arme Friederike musste er denken wie sie die
Trennung vom Vater ertragen werde und vergebens mühte er sich die Gedanken
nach vorwärts zu richten und die Freuden des Wiedersehens auszumalen Als er an
einem sonnigen Sommerabend das erste sächsische Dorf erreichte schallte ihm aus
dem Wirtshaus Tanzmusik entgegen Selbst dieser lustige Gruß den das Vaterland
bot nahm ihm die Beklemmung nicht von der Brust er fragte hastig die Wirtin
ob kein Wagen vom Gute der Eltern ihn erwarte Es war keiner da und doch wussten
sie zu Hause den Tag seiner An kunft Die Wirtin sah ihn so seltsam an als er
seinen Namen nannte »Es ist dort großes Feuer gewesen« sagte sie »der Gutshof
ist abgebrannt«
Das also war es was er ahnend vorausempfunden und ihm kam vor als sei
dies das Ärgste noch nicht was er erfahren solle Nach kurzer Rast brach er auf
und ging im Mondenlicht weiter Er kam in die Gutsflur er sah die Brandstätte
aus welcher noch weiße Rauchwolken aufstiegen vor sich Das alte Wohnhaus
wenigstens war erhalten denn dort bewegten sich Lichter aber niemand empfing
ihn er schritt durch die leere Wohnstube riss die nächste Tür auf und sah seine
Mutter und den Bruder regungslos an einem Bett sitzen und darauf seinen Vater
ausgestreckt regungslos und tot Da warf er sich am Lager nieder und merkte in
seinem heißen Schmerze nicht dass die Mutter und der Bruder neben ihm
niederknieten und ihn mit ihren Armen umschlangen
Das Feuer war bei Nacht in den Wirtschaftsgebäuden ausgebrochen der Hofherr
hatte sich übermäßig angestrengt das Vieh zu retten den Tag darauf war er vom
Herzschlage getroffen dahingesunken
Nach den Tagen dumpfen Schmerzes saßen drei Unglückliche zusammen und
fragten wie sie das Leben fortan ertragen sollten Der Tod eines guten und
kräftigen Mannes sowie der Verlust welcher vorausgegangen war hatten der
Familie fast alles unsicher gemacht der Wohlstand war in geldarmer Zeit tief
erschüttert die Gebäude wieder aufzubauen den Verlust an Vieh und Gerät zu
ersetzen die Wirtschaft fortzuführen erwies sich als schwer und obgleich die
gute Großmutter in der Stadt bereit war nach Kräften auszuhelfen so wurde doch
der Beistand eines zuverlässigen Ratgebers unentbehrlich Auch für die Söhne
musste ein Vormund bestellt und sein Rat über die Zukunft der Jünglinge eingeholt
werden Nächster Verwandter der Mutter war Herr von Mickau der in der Nähe ein
Rittergut besaß und für einen erfahrenen Geschäftsmann gehalten wurde Der
Mutter galt seine Wahl als selbstverständlich zwar erhob Fritz bescheiden den
Einwand dass der Vater von der geschäftlichen Umsicht des Herrn Vetters nicht
immer eine gute Meinung gehabt habe aber der Mutter blieb der Gedanke
unerträglich einem anderen Einblick und Verfügung in ihren Angelegenheiten zu
gestatten
Herr von Mickau ein kleiner gewandter Mann von höflichem und aufgewecktem
Wesen hatte früher sorglos gelebt und dem Hofe als Kammerjunker seine Dienste
gewidmet sich aber zu rechter Zeit bevor sein väterliches Erbe vertan war auf
das Gut zurückgezogen er hatte am Hofe noch immer gute Verbindungen und war
Vertreter des benachbarten Landadels bei Staatsaktionen und feierlichen Anreden
Der Herr erklärte sich bereit die Vormundschaft zu übernehmen und gab
verständigen Rat in so einnehmender Weise dass auch Fritz nichts dagegen
einzuwenden wusste Es wurde beschlossen dass der ältere Sohn nach Leipzig
zurückkehren solle seine Studien zu beenden der jüngere aber während des
Urlaubs als Beistand der Mutter zurückbleiben Beim Abschiede sagte Fritz dem
Bruder »Wir sind im Wohlstande aufgewachsen und vielleicht in manchem verwöhnt
Mir ahnt dass wir beide einmal in die Lage kommen werden auf das angewiesen zu
sein was wir selbst verdienen Lass uns immer daran denken«
Für Madame König war in ihrer Trauer der einzige Trost dass sie sich auf
ihren Liebling stützen konnte und dass dieser im Hofe und unter den Bauleuten
mit einer Umsicht und Sicherheit gebot welche weit über seine Jahre gingen Als
aber der Urlaub dem Ende nahte bestand die Mutter leidenschaftlich darauf dass
August seine Entlassung aus dem preußischen Dienst fordere weil er ihr
unentbehrlich sei Der Sohn widersprach ehrerbietig doch auch der Vormund
stellte sich auf Seite der Mutter und riet »Dem schriftlichen Gesuch an die
Kompanie muss der Form wegen ein ärztliches Zeugnis beigelegt werden welches den
Gesundheitszustand meines Neffen als ungenügend darstellt denn auf die Änderung
der Familienverhältnisse würde bei einem Ausländer keine Rücksicht genommen
werden« Das Zeugnis eines gefälligen Arztes wurde leicht beschafft und ging mit
dem Abschiedsgesuch an den neuen Hauptmann der Kompanie Gleich nach dem Tode
des Vaters hatte August dem Major Vogt geschrieben aber er hatte auf diesen
Brief keine Antwort erhalten und später zufällig erfahren dass der Major gar
nicht mehr beim Regiment stehe sondern weit hinaus an die holländische Grenze
kommandiert sei
Auf die Eingabe erfolgte in kürzester Zeit eine höfliche Antwort des
früheren Premierleutnants von Klotzing welcher jetzt die Kompanie als Hauptmann
führte dass die Aushändigung des Entlassungsscheins nur erfolgen könne wenn
Monsieur König sie persönlich in Empfang nehme es sei deshalb eine Rückkehr in
die Garnison und vielleicht eine Reise ins Stabsquartier notwendig
Mit schwerem Herzen machte sich August auf den Weg Widerwillig hatte er den
Tränen der Mutter und dem Drängen des Vormundes nachgegeben jetzt erschien ihm
die Sache nicht so leicht als der Vetter sie dargestellt und bei seiner
Ankunft in der Garnison war ihm zumute wie einem Verbrecher der vor seinen
Richter treten soll
Und so war auch der Empfang der ihm zuteil wurde Der Hauptmann begrüßte
seinen Freikorporal mit den Worten »Es ist mir lieb Monsieur dass ich Euch
hier habe« holte von dem Aktenbrett das ärztliche Zeugnis welches dem Gesuch
beigelegt war und zerriss das Papier und warf es vor Augusts Füße »Wie konntet
Ihr Euch unterstehen mir mit solchen elenden Flausen zu kommen Ihr habt Euch
mit Worten vor des Königs Majestät und durch Revers gegen das Regiment
verpflichtet im preußischen Dienste zu bleiben und seid deshalb zur Fahne
avanciert Wenn Ihr meint dass es noch in Eurem Belieben steht zu bleiben oder
zu gehen so will ich Euch lehren Euer gegebenes Wort zu halten Geht zur
Stelle in Euer Quartier und tretet morgen bei der Kompanie an« Und als August
Vorstellungen erheben wollte rief er mit einem Fluche »Hinaus Ich werde Euch
Eure sächsischen Mucken vertreiben« Der Korporal trat bleich von mühsam
bekämpftem Zorn auf die Straße als ein Gefangener der in seinen Kerker
geschickt wird Leider war der erwähnte Revers vorhanden der junge Korporal
hatte ihn nach der ersten gnädigen Anrede des Königs unterschrieben als eine
bloße Förmlichkeit die bei jedem Fremden der in die preußische Armee trat
gebräuchlich war Jetzt wurde die Unterschrift zu einem furchtbaren Gebot für
die Tage seiner Zukunft Als er in sein Quartier kam vernahm er noch in
Betäubung den warmen Gruß und die tröstende Zusprache seiner alten
Unteroffiziere Den ganzen Tag saß er wie erstarrt Er musste unaufhörlich an das
Leid der Mutter denken und was ihn am tiefsten demütigte er war mit sich
selbst unzufrieden denn er hatte dem Hauptmann ein Recht gegeben ihn rau zu
behandeln Aber er war auch lange genug Soldat gewesen um sich einem
übermächtigen Zwange zu fügen Deshalb trat er nach einer schlaflosen Nacht am
nächsten Tage vor den Hauptmann und begann ehrerbietig »Ich bitte den Herrn
Kapitän mein Versprechen anzunehmen dass ich mir im Dienst redlich Mühe und
Seiner Majestät als honetter Soldat meine Treue erweisen werde solange höchster
Wille mich an der Fahne festhält Vielleicht gewährt der Herr Kapitän späterhin
einem Gesuch um den Abschied sein geneigtes Fürwort wenn derselbe im Laufe der
Zeit die Überzeugung gewinnen sollte dass ich seiner Teilnahme nicht unwürdig
bin« Der Hauptmann aber versetzte darauf mit finsterer Miene »Wer mit dem
Gedanken umgeht den Dienst zu verlassen der ist in der Kompanie wenig nütze
und ich sage Euch deshalb geradeheraus dass ich weder jetzt noch in der
nächsten Zukunft Eure Entlassung favorisieren werde Erweist Ihr Euch als
widerspenstig und unbrauchbar so soll Euch hier bei uns der Teufel holen und
seid Ihr eifrig wie Ihr mir versprochen habt so kann Euch die Kompanie jetzt
weniger entbehren als früher da Ihr die Leute und die Umgegend kennt«
Unter so trüben Aussichten begann August wieder den täglichen Dienst Von
den Offizieren war sein Freund Brösicke als Premierleutnant zu einer andern
Kompanie versetzt mit den neuen Leutnants welche ihn kalt und abgeneigt
betrachteten kam er in kein gutes Verhältnis Er erfuhr dass Major Vogt vom
Könige geadelt worden wie bei höheren Offizieren Brauch war und dass er immer
noch auf Kommando abwesend sei
Was den Korporal ein wenig mit seinem Schicksal versöhnte war die
französische Stunde Mit zierlichen Worten und mit aufrichtiger Freude hatte ihn
Monsieur Roncourt begrüßt und bald plauderte der Alte wieder von dem früheren
Kapitän und von seiner lieben Demoiselle Das Mädchen lebte noch eingezogener
als sonst und wie der Franzose versicherte waren er selbst und der Stieglitz
die einzigen männlichen Charaktere mit denen sie verkehrte Es dauerte lange
ehe der Jüngling ihr begegnete obgleich er immer bei ihrer Wohnung vorüberging
sooft er die Wache visitierte Als er sie endlich einmal auf der anderen Seite
der Straße erblickte eilte er mit beflügeltem Schritt auf sie zu und erst als
er ihr nahe gekommen war fiel ihm sein Versprechen ein errötend hielt er
mitten auf der Gasse an und nahm den Hut ab wie vor einer Dame vom höchsten
Stande Mit Erröten und tiefer Verneigung dankte auch sie und der teilnehmende
Ernst mit welchem sie auf ihn sah gab ihm die Überzeugung dass sie an seinem
Schicksal Anteil nehme dabei blieb es freilich zwischen beiden er grüßte sie
dankte und Monsieur Roncourt trug ohne es zu wissen Botschaft hin und her
Aber auch über dieses Verhältnis warf das Schicksal einen Trauerflor Als
Roncourt einst bei seinem Schüler eintrat zog er sein Taschentuch und begann
feierlich »Monsieur König ich kann heut nicht das Vergnügen Ihrer Konversation
genießen weil mir das Gemüt zu sehr bewegt ist Ich habe soeben die
Verzweiflung der Demoiselle Friederike angesehen ihr Vater ist in Friesland bei
seinem Werbegeschäft von einem rachsüchtigen Deserteur der ihn hinter der
Verkleidung entdeckte erschossen worden«
Auch dem Jüngling brachen die Tränen aus den Augen ihm fiel die letzte
Stunde ein in der er seinen alten Hauptmann gesprochen hatte und dass dieser
Tod dem Mädchen alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft zerstörte Die beiden
Vertrauten saßen kummervoll einander gegenüber bis der Jüngere rief »Was wird
die Demoiselle jetzt beginnen«
»Das ist mein größter Gram« antwortete Roncourt wieder nach dem Tuche
greifend »sie kann sich hier nicht allein erhalten obwohl sie im Nähen
geschickt ist und von den Kaufmannsfrauen zuweilen Arbeit erhält Bis jetzt hat
ihr der Vater jeden Monat einen Teil seines Soldes auszahlen lassen Ach
Monsieur es wäre mir eine Freude und Ehre könnte ich ihr einiges von meinem
Stundengelde das ich nebenbei verdiene zugehen lassen Aber sie würde es in
keinem Falle annehmen und wenn sie verhungern sollte denn darin hat sie den
Stolz ihres Vaters«
»Man müsste etwas erfinden was ihr die Annahme möglich macht« rief August
»Das wäre gut« sagte der Franzose »aber was«
Der Jüngling überlegte »Wollen Sie versprechen mich niemals zu verraten
so würde auch ich unserem guten Hauptmann zuliebe gern etwas beitragen Sie
wissen dass ich seiner Güte viel verdanke und dass ich von Hause weit größeren
Zuschuss habe als ich bedarf« Das letzte war eine fromme Lüge
Roncourt schüttelte den Kopf »Wenn ich als alter Knabe eine Wenigkeit für
das Kind meines seligen Kapitäns abgebe so ist das in der Ordnung Sie aber
sind ein junger Herr und ich weiß nicht ob ich im Interesse der Demoiselle Ihr
guterziges Erbieten annehmen darf«
»Machen Sie sich das nicht schwer« überredete August »ich gebe nicht dem
fremden Mädchen das Geld sondern wenn Sie erlauben Ihnen Das Honorar
welches Sie seither von mir anzunehmen die Güte hatten war viel zu niedrig Sie
gestatten mir dass ich es erhöhe Wie Sie es verwenden ist Ihre Sache und geht
mich nichts an«
»Das ist ein Vorschlag« sagte der Franzose immer noch bedenklich Doch
August fuhr eifrig fort »Gegen das Fräulein geben Sie vor dass ein alter
Kamerad des Vaters brieflich bei Ihnen angefragt habe an wen er von jetzt die
monatlichen Abzahlungen einer alten Ehrenschuld die er seither dem Hauptmann
zugesandt adressieren solle«
»So kann es gehen« stimmte der Alte bei »erfinden Sie noch den Namen und
den Ort«
»Beides will der Schuldner geheimhalten und sich nur Ihnen anvertrauen«
belehrte der begeisterte Dichter »Vielleicht hatte der Schuldner einen
Kassendefekt begangen und ist durch die Hilfe des Hauptmanns vor der
Verzweiflung gerettet worden«
»Sie sind ein Diplomat und voll von Einfällen« antwortete Roncourt mit
Bewunderung Auf diese Verabredung gaben die beiden einander die Hand
Für den Jüngling begann eine Zeit unerhörter Wirtschaftlichkeit Der kleine
Zuschuss welchen er seit dem Tode des Vaters noch erhielt wurde von jetzt jeden
Monat dem Franzosen gezahlt und der Freikorporal sah sich auf seinen Sold
beschränkt Es war eine schwere Zumutung die er sich gestellt hatte aber er
setzte seinen Willen siegreich durch strich unbarmherzig jede Ausgabe die er
irgend vermeiden konnte und erfocht in der Stille viele kleine Triumphe über
die eigene Begehrlichkeit Als Knabe hatte er gut verstanden sich Genüsse zu
erschmeicheln jetzt zwang ihn ein wunderliches Verhältnis sich unablässig
Entbehrungen aufzulegen Doch die größte Entbehrung entstand ihm dadurch dass er
sich selbst eine neue Schranke errichtet hatte welche ihn von näherer
Bekanntschaft mit dem Mädchen schied Denn er musste jetzt nicht nur den Willen
eines Verstorbenen ehren sondern auch sein eigenes gutes Werk Eins freilich
war durchaus nicht zu vermeiden Er sah die Demoiselle fortan öfter wenn auch
nur von weitem Denn sooft er der Versuchung entgehen wollte mit seinen
Kameraden einige Groschen im Wirtshaus auszugeben brachte er die Zeit damit zu
dass er spazierenging Auf solchen Gängen kam er an ihrem Hause vorüber Als er
sie zum erstenmal nach dem Tode ihres Vaters in Trauerkleidern am Fenster sitzen
sah blieb er stehen sie aber öffnete das Fenster Da reichte er ihr seine Hand
hinein sie hielt die Hand fest und weinte und er sagte »Auch ich habe meinen
Vater verloren« Das war alles und dagegen hätte auch der Hauptmann nichts
einwenden können Wenn der Jüngling seitdem um diese Stunde vorüberkam fand er
das Mädchen fast immer hinter den Scheiben bei der Nähterei sitzen War das
Wetter leidlich dann hing der Vogel im Bauer vor dem Fenster so dass August
zuletzt mutmasste sie habe ihn als Geber erkannt Am Sonntag aber fand er sie
regelmäßig in der Kirche denn auch diese ehrwürdige Stätte besuchte er jetzt
fleißiger als sonst Sie musste bei ihm vorüber wenn sie eintrat und hinausging
und er beobachtete während des Gottesdienstes scharf ihre Andacht nicht gerade
zum Vorteil der seinen Ja zu der Neigung des stillen Liebhabers kam ihm etwas
von der zärtlichen Sorgfalt eines Vaters Er fing an sich um ihre Kleidung zu
kümmern und wie er merkte dass ihr ein warmer Wintermantel fehlte hatte er an
jedem kalten Tage bitteren Verdruss Als ihm gegen Weihnacht der Fuhrmann von
Frankfurt an der Oder die Kiste heranfuhr welche die Mutter gefüllt hatte da
lud er am Abend vor dem Fest den alten Franzosen zu Gaste und widmete diesem das
gesamte anmutige Beiwerk ein Marzipanherz Äpfel und Nüsse Und Roncourt
empfing die Sachen so vergnügt dass August nicht im Zweifel blieb wohin der
Alte sie tragen würde
Für die Armee kam ein unruhiges Jahr der König hatte geboten alle
Landeskinder in Dorf und Stadt welche nach Stand und Beschäftigung
dienstpflichtig waren aufzuzeichnen Jeder von diesen erhielt eine rote
Halsbinde die er fortan zu tragen hatte und jedem Regiment wurde eine Anzahl
dieser Aufgezeichneten überwiesen in der Regel die Leute aus der Umgegend
seiner Garnison Da nun die Bezirke nicht sofort abgegrenzt wurden gab es
Eifersucht zwischen den Regimentern Streit mit den Ortsbehörden und Kampf gegen
die Widersetzlichkeit der einzelnen Leute und darum was den Kompanien am
lästigsten war eine endlose Schreiberei Niemals zu irgendeiner Friedenszeit
war das Heer in solcher Schreibertätigkeit gewesen und niemals hatten die
Hauptleute so zornig mit Redensarten um sich geworfen die in der Bibel nicht zu
finden sind
Auch der Korporal hielt in diesem Jahr weniger die Fahne in der Hand als die
Feder und er büsste für seine kursächsische Bildung dadurch dass er in seiner
Kompanie einen großen Teil der Schreiberei besorgen musste
So verging der Winter und das Frühjahr das Regiment wurde diesmal nicht zur
Revue gezogen und August fand keine Gelegenheit seine Entlassung zu betreiben
Er selbst war in dem Einerlei des Dienstes still und ernst geworden ein fester
Soldat der gelernt hatte harter Pflicht zu gehorchen und er fühlte die Öde
seines Daseins fast nur an den Tagen wo er einen Brief der Mutter erhielt oder
einen des Bruders der in seiner glücklichen Freiheit ihm jetzt oft schrieb und
zu geduldigem Ausharren mahnte Ach die Nachrichten aus der Heimat machten das
Herz nicht leichter die Mutter oft krank dazu Geldsorgen und Gutsärger auch
von Dorchen vernahm man wenig sie aß auf ihren Silbertellern in der Einsamkeit
die Kusine war immer noch leidend und was am meisten zu denken gab Frau von
Borsdorf sah bekümmert aus und hatte nur einmal verlauten lassen dass Jesuiten
in dem Schloss aus und ein gingen
August wusste dass der Hauptmann ihn nicht leiden mochte und fortwährend mit
Misstrauen betrachtete obgleich seine Hilfe in dieser Zeit wertvoll war deshalb
erwartete er auch nichts Gutes als er an einem Morgen mit ungewöhnlicher
Höflichkeit angeredet wurde »Monsieur König Ihr sollt mir und der Kompanie
einen Dienst leisten und für einige Wochen auf Kommando gehen Ihr habt unsere
Ersatzleute welche hier und da in der Neumark wohnen aufzusuchen und mit
Pässen zu versehen neue Burschen einzuschreiben und Euch nach verlorenen Leuten
zu erkundigen Betrachtet dies Kommando als einen Beweis meines Vertrauens bin
ich in dieser Sache mit Euch zufrieden so will ich sehen wieweit ich Euren
Wünschen entgegenkommen kann« Seit langem war unter den Offizieren von diesem
lästigen Auftrage die Rede gewesen der nicht dem Fahnenkorporal zukam sondern
dem Premierleutnant Da der Korporal schweigend in straffer Haltung stand
fragte der Vorgesetzte »Nun habt Ihr etwas zu bemerken«
»Ich stehe zu Befehl«
»Ihr nehmt einen unserer Leute mit der zuverlässig und in der Gegend gut
bekannt ist Ihr mögt ihn auswählen«
»Ich bitte den Herrn Kapitän selbst den Mann zu bestimmen« versetzte der
Korporal
Das war dem Hauptmann unlieb weil er die Verantwortung für den Mann gern
dem Untergebenen zugeschoben hätte doch sagte er nach einigem Nachdenken
»Nehmt den Böttcher Er soll nur das Seitengewehr tragen damit er vor den
Leuten für einen Beurlaubten gelten kann Ihr geht noch heut ab«
Böttcher war ein Landeskind aus der Neumark er hatte sich nach
abenteuerlichem Leben vor mehreren Jahren freiwillig anwerben lassen und stand
als verwegener Gesell und Spassmacher der Kompanie bei dem Hauptmann in Gunst
obwohl sein Rücken mehr als einmal mit den Spiessruten Bekanntschaft gemacht
hatte August fand bald Grund sich zu der Wahl Glück zu wünschen denn Böttcher
erwies sich als ein Schlaukopf welcher den unangenehmen Teil des Geschäftes mit
Behagen auf sich nahm
»Herr Freikorporal« sagte er auf dem Wege »die Bauern und auch die
Schulzen sind wegen der roten Halsbinden ängstlich und widerbellig und werden
Ihnen die Leute vertuschen Verraten Sie nichts von unserem Kommando wenn wir
an einen Ort kommen ich werde tun als ob ich auf Urlaub gehe und nur zufällig
mit Ihnen zusammengetroffen bin und ich werde vorher spionieren« Das tat der
Schelm in jeder Dorfschenke erzählte er den Anwesenden Schnurren gab vor dass
er aus der Umgegend stamme und erkundigte sich mit erlogener Teilnahme nach
seinen alten Bekannten den jungen Burschen deren Namen in der Liste standen
oder die er im Nachbardorfe erkundet hatte Waren die Leute ermittelt so führte
er seinen Korporal zu ihnen damit dieser den Pass einhändige durch welchen sie
für Zugehörige der Kompanie erklärt wurden dabei verlief kein Tag ohne
ärgerliche Abenteuer Gleich im Anfange als sie das Haus eines Taglöhners
betraten welcher drei Söhne hatte verweigerten der Vater und die Söhne
trotzig die Pässe anzunehmen und als endlich ernste Vorstellungen und
Drohungen die Familie erschreckt hatten begann ein herzzerreissendes Wehklagen
und Schluchzen und die Braut des ältesten Sohnes umklammerte die Füße des
Korporals so dass dieser Mühe hatte die Fassung zu bewahren und tröstend
versprach wie er sich bemühen wolle dem Bräutigam eine Heiratsbewilligung vom
Hauptmann auszuwirken und auf Grund derselben Befreiung vom Dienste Ein anderer
Bursch wies den Pass zurück weil er bereits bei einem benachbarten Regiment
eingeschrieben sei und August stieß feindlich mit einem Major dieses Regiments
zusammen welcher ihn heftig bedräute weil er einen Mann seiner Rolle wegnehmen
wolle und ihm selbst in Aussicht stellte dass er ihn geschlossen zu seinem
Regiment zurückschicken werde Aber der Korporal ließ sich nicht beirren und
drohte wieder »Wenn der Herr Oberstwachtmeister glauben hierzu berechtigt zu
sein so muss ich es mir gefallen lassen ich weiß aber dass mich Seine Hoheit
der Markgraf kräftig verteidigen wird da ich nur nach der Order meiner
Vorgesetzten gehandelt habe« Darauf wurde der Major sanftmütiger und verglich
sich zuletzt mit dem Korporal dass der Fall höchster Entscheidung vorgelegt
werden solle Wieder ein anderer Eingeschriebener hatte durch den Offizier eines
anderen Regiments bereits die Erlaubnis zur Verheiratung erhalten und der
Korporal musste bei dem Ortspfarrer im Namen seines Regiments gegen die Heirat
Einspruch tun Auch der alte würdige Geistliche weigerte sich diesen Protest
anzunehmen bis August ihm erklärte »Ich stehe hier um dem Befehl des Königs
Gehorsam zu verschaffen wollen Euer Ehrwürden diesem Befehl widerstehen so tun
Sie es auf Ihre Gefahr ich aber verlasse Ihr Haus nicht bis Sie mir einen
Empfangsschein über den eingelegten Protest gegeben haben« Da klagte der
Pfarrer bekümmert »Solange ich lebe ist mir keine solche Zumutung von einem
Unteroffizier gestellt worden« aber er schrieb den Schein Auch die verlorenen
Leute des Regiments machten Mühe der eine war vom Urlaub nicht zurückgekehrt
sondern hatte um Handgeld zu erhalten sich bei einem Garnisonbataillon
anwerben lassen und musste nach langem Hin und Herreden aus dem Gliede
herausgeholt werden ein anderer hütete in der Montur eines benachbarten
Regiments die Schafe und gab sich für einen Beurlaubten aus es erwies sich
aber dass er den Rock nur gekauft hatte um sich dem Dienste der Kompanie zu
entziehen
In dieser ungemütlichen Beschäftigung durchzog der Korporal mit seinem
Begleiter mehrere Wochen die Landschaft Sein Auftrag war beinahe zu Ende
geführt und er saß müde in der Schenke eines Grenzorts an der Warte da
meldete Böttcher »Es ist ein Flüchtling aus Polen draußen ein Deutscher dort
hinten von der Weichsel her er ist groß und hat leere Taschen Wollen Sie ihn
freihalten so werbe ich ihn an«
»Bring ihn her« gebot August
Ein kräftiger Gesell mit gescheitem Gesichte trat ein grüßte höflich und
wurde auf freundliche Einladung zu Speise und Trank bald zutraulich Als
Böttcher ihm mit Trinken zusetzte ohne sich dabei selbst zu vergessen lachte
der Flüchtling »Ein williger Gaul bedarf nicht der Peitsche ich merke die
Herren gehen darauf aus mich anzuwerben«
»Nur wenn Ihr bei nüchternem Mute selbst wollt« antwortete August »ich bin
nicht hier Fremde zu verlocken und bot Euch an unser Gast zu werden weil ich
hörte dass Ihr ein Deutscher und ein armer Flüchtling seid Trinkt ruhig ich
verspreche es soll Euch zu nichts verpflichten«
Der Fremde sah ihn dankbar an »Wenn mir auf dem Wege der Zorn über die
Polacken in den Kopf stieg habe ich zuweilen daran gedacht bei den Preußen in
des Königs Rock zu fahren es wäre mir eine Freude die drüben einmal
auszuhauen Und ich habe als Gerbergeselle sonst hier wenig Aussicht weil das
Torner Handwerk mit den deutschen Zünften nicht in Bruderschaft steht«
Mit einem neuen Interesse fragte August »Wenn Ihr in Torn zünftiger Gesell
wart was hat Euch fortgetrieben Erzählt wenn Ihr keinen Grund habt es
geheimzuhalten«
»Es wird laut genug die Steine schreien davon« versetzte der Torner mit
zornigem Blick »Ihr habt gehört dass wir Bürgersöhne mit den polnischen
Studenten Krakeel hatten«
»Es war etwas davon in der Zeitung zu lesen« sagte der Korporal »doch
haben wir nicht viel darauf gegeben«
»Bei uns aber wirds wie ich fürchte mancher teuer bezahlen« sagte der
Gast »Wisst die Polen haben die Schule von St Johann in Torn zu einem
Jesuitenkollegium gemacht darin liegt eine übermütige und liederliche Bande von
adligen Polen welche mit ihren Säbeln in der Stadt herumfegt und uns
Bürgerkindern spinnefeind ist weil wir nicht ihren Glauben haben und ihr
trunkenes Geschrei nicht ruhig ertragen In diesem Sommer hatten die Nonnen in
unserer Neustadt eine große Prozession angestellt und die jesuitischen
Studenten mit ihren Säbeln waren auch dabei wir aber Gesellen und Kinder
standen außerhalb des Kirchhofs und sahen dem Spektakel zu Als die Prozession
bei uns vorbeikam nahmen die meisten von uns um des lieben Friedens willen die
Mützen ab die Polnischen aber sprangen auf uns zu und schrien wir sollten
niederknien und da wir widerstanden zogen die bösen Buben ihre Säbel und
hieben auf uns ein Ich selber erhielt einen Schlitz am Ohr« er wies die Narbe
»so dass wir zornig wurden und die jungen Jesuiten zurückschlugen Alsbald
rotteten sie sich zusammen liefen brüllend mit geschwungenen Säbeln durch die
Gassen und fielen jeden Deutschen von unserem Glauben gewalttätig an bis Herr
Konsul Roesner einen von ihnen einstecken ließ Da wichen sie zurück kamen aber
bald mit neuer Furie aus ihrem Kollegium hervor zogen einen armen Studenten von
der deutschen Stadtschule aus dem Hausflur in dem er ruhig stand schleppten
ihn gefangen in ihr Kollegium und brüllten und rasten aufs neue durch die
Gassen Endlich riss uns jungen Burschen die Geduld mancher war wie ich
verwundet auch wir liefen zu Haufen und drängten sie nach ihrer Schule zurück
Weil sie aber aus den Fenstern mit Steinen gegen uns warfen und mit Gewehren
schossen wurde das Volk wütend drang in das Kollegium ein zerschlug das
Holzwerk von ihren Tischen und Bänken und verbrannte dies am Johanniskirchhofe
in einem großen Feuer Man sagt bei uns dass vor langer Zeit an derselben Stelle
die Pfaffen Dr Luthers Bücher verbrannt haben Die gesamte Bürgerschaft trat
bewaffnet zusammen mit Mühe gelang es den Herren Bürgermeistern den Lärm zu
stillen Am anderen Morgen hießen wir Deutsche die Tumultuanten die Tore
blieben geschlossen und vom Rat wurde nach uns gesucht Ich hatte mich
versteckt wo mich niemand fand Und die Sache schien zu Ende Jetzt aber im
September kam unversehens von Krakau eine polnische Kommission mit wildem
Kriegsvolk in die Stadt gezogen und es begann ein Nachforschen und Verhören so
feindselig und mit so grausamer Bedrohung dass jedermann das Ärgste zu
befürchten hatte ja sogar unsere beiden Herren Bürgermeister wurden angefahren
und wie Missetäter verhört Da sagte mein alter Vater Mach dich fort denn
jetzt naht der Tag welcher prophezeit ist wo es heißen wird Das deutsche
Torn geht an die Polen verloren Sieh zu dass du dich ins Preussische
durchschlägst denn nur von dort kann uns Hilfe kommen Ich entwich bei Nacht
über die Stadtmauer und hatte meine Not bis ich über die Grenze gelangte«
»Hier seid Ihr unter Landsleuten und in Sicherheit« tröstete August »Habt
Ihr in Torn zufällig ein deutsches Fräulein gesehen welches bei Euren
Bürgermeistern aus und ein geht und auf einem polnischen Schloss wohnt« Er
nannte den Namen
»Das Fräulein kenne ich nicht das Schloss aber gehört dem Woiwoden der
einer der schlimmsten Wüteriche gegen die Deutschen ist«
Das also war das Glück des armen Dorchens unter Jesuiten und polnischem
Adel Der Korporal wurde einsilbig und überließ es seinem Beistand Böttcher den
Gast zu unterhalten Die beiden sprachen leise miteinander endlich begann
Böttcher »Der Torner will sich bei unsrer Kompanie anwerben lassen wenn er
ein ordentliches Handgeld bekommt«
»Wollt Ihr mit Eurem guten Willen zu uns so seid Ihr mir willkommen« sagte
August erfreut beredete mit dem Manne die Werbung und trank ihm darauf zu
Der Torner ging am nächsten Morgen mit Pass und Brief an den Hauptmann zur
Garnison ab der Korporal aber setzte seinen Weg fort durchsuchte die letzten
Dörfer und dachte vergnügt dass ihm die saure Arbeit wohlgelungen sei Am
Nachmittage führte Böttcher auf dem Fusswege der längs der Warte hinlief zu
einer Stelle wo dicht am Wasser einige Erlen standen und daran eine rohe
Holzbank »Hier ist eine Überfahrt« sagte Böttcher »und hier liegt der Kahn
auf dem der Pole herübergekommen ist eine Stunde auf und ab ist dies der
einzige Kahn Warten Sie ein wenig Herr Freikorporal ich will zusehen ob ich
für mich etwas erfischen kann« August setzte sich auf die Bank und der Gemeine
hakte die Kette des Kahnes los sprang hinein stieß ihn einige Schritte vom
Ufer ab und setzte sich darin nieder »Ich denke Herr Korporal wir haben
unsere Geschäfte glücklich zu Ende geführt und ich hoffe Sie werden mit mir
zufrieden sein«
»Ja Böttcher« antwortete August behaglich »du warst ein schlauer Gehilfe
und ohne dich hätte ichs nicht fertiggebracht«
»Zuletzt habe ich der Kompanie einen Mann verschafft« fuhr Böttcher
selbstzufrieden fort »der einen Zoll mehr hat als ich«
»Der Hauptmann soll dein Verdienst erfahren er wird sich wundern wenn der
Pole ankommt«
»Da er kommt« sagte der Soldat »will ich gehen Herr Freikorporal ich
desertiere«
»Plagt dich der Teufel Böttcher« rief der überraschte Korporal »Hast du
einen Grund unzufrieden zu sein«
»Das gerade nicht versetzte der Gemeine aber es ist mir langweilig
geworden Ich will einmal zusehen was jetzt unter den Polen los ist Greifen
Sie nicht erst hinter sich Herr Korporal ich habe in Ihre Taschenpistole heut
früh Wasser gegossen«
August zog die kleine Waffe hervor die ihm der Vater beim Abschiede
geschenkt hatte und spannte den Hahn »Ich habs gemerkt ich dachte der
gestrige Gewitterregen wäre schuld ich habe aber frisch geladen« Und er
richtete die Waffe auf den Ungetreuen der sich unterdes durch einen Stoß weiter
abgebracht hatte »Komm zur Stelle zurück Kerl du weißt dass ich dich
niederschiessen muss wenn du nicht gehorchst«
»Ich lasse es darauf ankommen« sagte Böttcher sich weiterschiebend Der
Schuss krachte Böttcher hielt mit dem Kahn still
»Die kleinen Dinger treffen nicht weit Dass Sie aber auf mich geschossen
haben ist mir um unserer Freundschaft willen unlieb« rief der Ausreisser nach
dem Ufer herüber »Zur Entschädigung dafür nehme ich die Montur unseres braven
Königs Knirps mit in das Polnische sie gibt dort mehr Ansehen als ein Freipass
denn die Polen traktieren jeden preußischen Ausreisser mit Branntwein Adieu
Herr Freikorporal kommen Sie gut nach Hause Halten Sie sich auf dem Wege
links sonst geraten Sie in den Modder« Er stieß den Kahn an das andere Ufer
und verschwand im Weidengebüsch August steckte seine Pistole in die Tasche und
eilte zurück zum nächsten Dorfe Dort erzwang er durch ernste Vorhaltungen die
Begleitung des Schulzen und einiger handfester Leute Nach längerem Umwege kamen
sie über den Fluss und forschten in den Grenzdörfern jenseits nach dem
Flüchtling Er war bereits gemächlich über die Grenze gegangen Da der Korporal
wusste dass die Verfolgung über die Grenze hinaus der Kompanie zwei Mann gekostet
hätte statt des einen so musste er unverrichtetersache über den Fluss zurück und
seinen Weg allein fortsetzen Wahrlich in düsterer Stimmung Denn er ahnte dass
die Flucht eines treulosen Helfers ihm bei der Rückkehr üblen Empfang bereiten
werde Auch sonst waren seine Betrachtungen unerfreulich die Sonne neigte sich
zum Untergang er sah um sich eine öde Moorgegend aus der er so bald als
möglich herauskommen musste von der Garnison war er noch weiter als einen
starken Tagemarsch entfernt und sein Geld ging zu Ende denn er hatte dem
angeworbenen Mann der von allen Mitteln entblößt war einen Vorschuss auf das
Handgeld gemacht Er schritt also unzufrieden mit sich und der Welt vorwärts und
war froh als er bei Sonnenuntergang aus den Sümpfen heraus in eine Kieferheide
gelangte Der Abend wurde kalt und finster der Weg schien endlos zuletzt
erkannte er in einer Lichtung die Umrisse einiger Gebäude und hörte Hundegebell
Er ging darauf los und kam an die Hütte eines Teerbrenners den er durch starkes
Klopfen am Fensterladen endlich bewog die Haustür aufzuschließen Nach langen
Verhandlungen erlaubte der ungefällige Mann ihm ein Nachtlager auf dem Heuboden
wo der Gast frierend und bekümmert und keineswegs beruhigt über seine Sicherheit
sich in halbem Schlummer umherwarf Als er bei grauendem Morgen aufbrach goss
der Regen in Strömen und der Brenner weigerte sich etwas von dem einzigen Laib
Schwarzbrot zu verkaufen der den Vorrat des Hauses ausmachte kaum war Auskunft
über den nächsten Weg zur Stadt zu erhalten
Als August endlich eine kleine Landstadt erreichte war seine Kraft
erschöpft müde durchnässt hungrig und mit leerer Tasche zog er ein und sah auf
dem Markte nach einem Quartier aus Da stand an der Einfahrt des Eckhauses ein
junger Mann in Hemdsärmeln rotbäckig mit breiten Schultern und einer offenen
Miene welcher ihn anredete »Herr Sergeant wonach sehen Sie sich um« August
antwortete »Nach einem guten Wirt«
»Kommen Sie herein« sagte der Mann Er führte ihn in eine große Stube in
welcher eine hübsche junge Frau saß ihr Kind auf dem Schoße Die Stube war
sauber mit gelber Farbe getüncht rotgestrichene Tische und Bänke standen darin
und im Ofen brannte ein wohltätiges Feuer August grüßte die Frau und fragte
wie Soldatenbrauch war nach dem Namen des Wirtes »Ich heiße Schulze« sagte
dieser »und bin ein Brandenburger Räume die Ofenbank Pine damit der Herr
Sergeant sich trocknet« August setzte sich und genoss schweigend die behagliche
Wärme während der Wirt ihm mit untergeschlagenen Armen zusah Endlich begann
der Gast »Lieber Herr Schulze mich hungert«
»Es ist schon gesorgt« antwortete der Wirt
»Aber geben Sie mir keine Mahlzeit« fuhr August fort bedrückt durch seine
Geldlosigkeit »denn ich habe nur wenig in der Tasche«
»Das wird sich alles finden« sagte Schulze »Es ist Mittagszeit und auch
wir wollen essen Sie müssen vorlieb nehmen mit dem was wir im Hause haben
Pine decke auch für den Herrn Sergeanten«
Die Frau setzte das Kind ihrem Manne auf das Knie und ging behend nach der
Küche Der Wirt sah ihr wohlgefällig nach und nickte dem Gaste zu »Sie
verstehts« Darauf ließ er seinen Jungen auf dem Knie reiten zuerst langsam
wie die Bauern dann im Trabe wie die jungen Herren bis der Kleine ins Feuer
kam und seinerseits durch »Hott« und »Hü« den Vater antrieb Unterdes legte die
Wirtin ein reines Tischtuch auf und brachte die Speisen deren kräftiger Geruch
den Hungrigen mit frohen Hoffnungen erfüllte
»Kommen Sie Herr Sergeant« sagte Schulze »nichts geht über einen Teller
Grützesuppe wenn man durchnässt ist«
Der Gast aß wacker so dass er sich selbst seines Appetits schämte der Wirt
aber gab ihm darin nichts nach während er mit der Frau in freundlichem Zureden
abwechselte und aus einer großen Kanne fleißig Kottbuser Bier einschenkte dabei
erzählte der Korporal ein wenig von seiner sächsischen Heimat und von dem
Kommando welches ihn hierherführte und verbarg nicht dass ihm die Betrübnis
der Leute welche er aufgesucht die Arbeit oft schwer gemacht hatte
»Ich glaubs wohl« sagte der Wirt »denn manchen trifft es hart und
grausam Jedoch dazu sind wir alle da die einen zahlen die Steuern während die
anderen marschieren damit die Fremden Respekt vor uns behalten Als mein
Großvater jung war hausten die fremden Kriegsvölker hier am Orte wie
Mordbrenner und Kannibalen und die Bürger wurden wie die Hunde erschlagen von
den Weibern und Kindern gar nicht zu reden Als aber mein Vater jung war hieben
wir Brandenburger den Schweden der sich noch einmal ins Land gewagt hatte mit
unseren Fäusten hinaus seitdem haben wir Sicherheit unsern Weibern wird keine
Schmach mehr angetan und unsere kleinen Kinder werden nicht mehr unter die Hufe
der Pferde geworfen Wenn nur von den Herren Offizieren Billigkeit geübt wird
so ist die Last für das Volk zu ertragen Unsere Landeskinder soweit sie
wirklich eingezogen werden dienen nicht gar lange und kommen klüger nach Hause
zurück als sie gegangen sind Ich denke es ist bei uns in Stadt und Land
obgleich wir viele Soldaten unterhalten mit der Nahrung und mit dem Verdienst
nicht schlechter bestellt als bei Ihnen in Sachsen oder anderswo in Deutschland
Denn unser König führt einen schweren Stock aber er sorgt auch wie ein Vater
für die Blauen und für uns andere in Hemdsärmeln«
August freute sich über die kluge Rede denn auch er fühlte zuweilen wieder
den Stolz eines Preußen und er saß mit seinem Wirt längere Zeit in gutem
Gespräch zusammen obwohl er die Mattigkeit immer noch merkte Als er nach Tisch
aufbrechen wollte forderte er seine Rechnung da sagte Schulze »Drei Maß Bier
zu einem Drittel welches auf Sie kommt macht soundso viel das Essen bezahlt
der liebe Gott«
Und als August sich sträubte diese Gastfreundschaft anzunehmen schnitt
Schulze seine Einrede durch indem er nachdrücklich begann »Lieber Herr
Sergeant ich habe aus Ihren Worten gemerkt dass Sie von gutem Herkommen sind
und zuweilen mehr Geld im Beutel haben als vielleicht heut Bietet sich Ihnen
Gelegenheit so können Sie damit einmal einem armen Soldaten etwas Gutes tun
Ich aber nehme von Ihnen weiter nichts der Herr hat mir ein gutes Stück Brot
beschert meine Frau die Sie hier sehen habe ich geheiratet und diesen Gasthof
mit dazu bekommen Wir sind glücklich in unserem Hauswesen warum sollte ich
Ihnen nicht dies wenige angedeihen lassen Nehmen Sie vorwillen« Die Hausfrau
sprach leise zu ihrem Mann »Die Frau sagt mir eben« fuhr Schulze fort »dass
ich Sie zum späten Nachmittage nicht fortlassen soll weil Sie erschöpft sind
Nun weiß ich dass Herrendienst allem vorgeht aber wenn es Ihnen nichts
verschlägt so ruhen Sie sich erst in einem ordentlichen Bette aus heut können
Sie doch nicht mehr weit und morgen holen Sie mit frischer Kraft das Versäumte
ein Das ist Pines Meinung und die Frau hat recht Schlagen Sie ein« Er
hielt ihm die Hand hin August schlug dankbar ein Als er am andern Morgen
aufbrach schritt er zwischen dem Wirt und der Wirtin bis zum Haustor wo zum
letzten Abschied auch noch das Kind dem Gaste die Hand reichen musste
Herr Schulze und seine Frau wussten nicht wie wohl ihre Freundlichkeit dem
vereinsamten Jüngling tat der auf dem Weitermarsch immer daran dachte dass sein
Vater gern hilfreich gegen Notleidende gewesen war jetzt zahlten Fremde dem
Sohne die Guttaten zurück Auch sein harter Dienst dünkte ihm in diesen Stunden
nicht mehr eine unwürdige Sklavenarbeit die einfachen Worte des Brandenburgers
hatten ihn gemahnt dass etwas Großes darin war
Am späten Nachmittag erreichte August die Garnison Da der Hauptmann nach
Tisch leicht unwirsch wurde so besorgte der Heimkehrende dass sein Aufenthalt
bei dem freundlichen Wirt ihm jetzt seinen Rapport erschweren könne Diese
Annahme betrog ihn nicht Als er eintrat empfing ihn der Hauptmann mit
Vorwürfen über seine lange Abwesenheit auch der Bericht über die gelungene
Ausführung des Auftrags minderte den Unwillen nicht und als der Korporal
zuletzt die Flucht des Böttchers berichten musste verlor der Hauptmann alle
Herrschaft über sich schleuderte rohe Flüche auf das Haupt seines Untergebenen
und beschuldigte ihn der Willfährigkeit gegen den Entflohenen und der Feigheit
bei der Verfolgung Da geriet auch August in Zorn und rief mit blitzenden Augen
»Herr Kapitän ein solcher Angriff auf meine Ehre ist ungerecht und
unvernünftig« Der Wütende riss den Degen aus der Scheide »Ihr Höllenhund wollt
noch räsonieren« und drang mit der blanken Waffe auf ihn ein Der Korporal
sprang um sich dem Trunkenen zu entziehen zur Tür hinaus und die Treppe hinab
aber der Offizier rannte ihm nach fuchtelte ihm mit der Degenklinge auf den
Rücken und rief zu dem Feldwebel welcher mit einigen Unteroffizieren auf der
Straße vor dem Quartier stand »Führt den Sakramenter in Arrest«
August hatte bis dahin das Glück gehabt niemals die Züchtigung mit der
flachen Klinge zu erfahren welche den Unteroffizieren und Junkern zugeteilt
wurde weil sie den Betroffenen nicht die Ehre minderte was die Stockschläge
getan hätten die den Gemeinen zukamen Als er nun heut so schwere Kränkung
erfuhr wo er freundliche Billigung erwarten durfte empörte sich seine Seele
gegen die Ungerechtigkeit und wie der Feldwebel ihm nach dem Seitengewehr
fasste sprang er zurück und legte die Hand an den Griff Da drang der Hauptmann
mit entblösstem Degen aufs neue gegen ihn ein und hieb ihn über die Hand dass das
Blut hervorsprjetzte Die Unteroffiziere drängten sich in guter Meinung an den
Verwundeten um diesen am Gebrauch seiner Waffe zu hindern und der Feldwebel
entriss ihm das Seitengewehr er wurde auf die Wache geführt und dort auf Befehl
des nachstürmenden Hauptmanns mit der gesunden Hand an die Strafsäule
geschlossen während der Feldscher geholt ward die Wunde zu verbinden Der Mann
sagte bedauernd »Es hat wenig gefehlt dass Ihnen die Hand für immer gelähmt
wurde«
August saß totenbleich und trotzig in der strengen Haft So musste es kommen
dachte er damit ich der ungerechten Fesseln entledigt werde Lieber will ich
das mühselige Leben in der Jugend endigen als mich fernerhin in so schändlicher
Weise zum Sklaven machen zu lassen Und kein tröstendes Zureden der
Unteroffiziere vermochte ihm ein Wort abzugewinnen Nach einer Stunde kam der
Hauptmann den der Vorfall ernüchtert hatte in ganz veränderter Stimmung er
gebot den Arrestanten loszuschliessen und versuchte begütigende Worte aber er
erhielt nur die Antwort »Ich war des Königs Unteroffizier aber nicht Ihr
Sklave«
Nach einigen Tagen wurde der Korporal zu dem gütlichen Verhör geführt
welches der kriegsgerichtlichen Untersuchung vorausging Dazu waren ein
Premierleutnant und der Auditeur vom Stabe gesandt der Sekondeleutnant von der
Kompanie zugezogen August wusste dass er sich vor einem Soldatengericht keines
anderen schweren Unrechts schuldig gemacht hatte als der Weigerung sein
Seitengewehr abzugeben und er versuchte sich zu verteidigen »Ich bin nie
bestraft worden und fühlte in jenem Augenbilck am tiefsten die Schande auf der
Straße arretiert und ohne Gewehr durch die Stadt nach der Wache geführt zu
werden Ich hatte nicht die Absicht mich gegen die Verhaftung selbst
aufzulehnen und wollte nur das Gesuch stellen mich mit dem Seitengewehr nach
der Wache gehen zu lassen als ich mit dem Degen angefallen und verwundet
wurde« Darauf bat er zu Protokoll zu nehmen wie der Hauptmann am ersten Tage
der Rückkehr sein Abschiedsgesuch behandelt wie er ihn von der Fahne weg zu
angestrengtem Dienst in die Schreibstube gesetzt und ihm zuletzt das schwierige
Offizierskommando zugeteilt habe Er erzählte das Benehmen bei der Rückkehr die
ungerechten Vorwürfe die ihm wegen der Desertion des Böttcher gemacht worden
den nicht er sondern der Hauptmann selbst ausgewählt »Wie kann mir ein Vorwurf
gemacht werden dass ich ihn der an meiner Seite ging in den Kahn springen
ließ da ich auf seine Hilfe angewiesen vier Wochen mit ihm im Lande
umhergezogen bin wo er jeden Tag eine Gelegenheit finden konnte zu entweichen
Was mir auch geschehen möge ich erkläre hier dass ich mich keines strafbaren
Unrechts schuldig weiß wohl aber mit bitteren Schmerzen fühle dass ich grausam
behandelt und in meiner Ehre gekränkt worden bin«
Als er in den Arrest zurückgeführt ward empfand er den besten Trost eines
empörten Gemütes dass er seinem Herzen Luft gemacht und was ihn lange bedrückt
freimütig ausgesprochen hatte Die Haft wurde ihm durch die Teilnahme der
Unteroffiziere erleichtert er vernahm auch dass sein Fall schwerlich vor ein
Kriegsgericht kommen werde und dass der Hauptmann für einige Wochen beurlaubt
sei
Eines Abends saß der Korporal beim Kreuzerlicht über einem Buche als
Unteroffizier Roncourt eintrat Der Alte hatte ihn so oft besucht als der
Dienst gestattete und durch sein Geplauder bleischwere Stunden erträglich
gemacht heut sah er sehr ernstaft aus »Demoiselle Friederike wünscht Sie zu
sprechen« August fuhr in die Höhe »Sie wissen dass das unmöglich ist«
»Es ist keiner von den Offizieren bei Wege Der Unteroffizier der Wache
sitzt in der Stube und sieht nichts der Posten unter dem Gewehr wird Ihnen den
Rücken kehren Sie müssen innerhalb der Vergatterung bleiben das Fräulein steht
draußen So können Sie mit ihr reden«
»Was ist geschehen« fragte August mit trüben Ahnungen
»Sie geht fort« sagte Roncourt traurig
Der Jüngling eilte hinter ihm ins Freie An dem Lattenzaun sah er eine
verhüllte Gestalt er ging auf sie zu und suchte durch die Stäbe ihre Hand zu
fassen die sie ihm nicht entzog
»Der Herr war meinem verstorbenen Vater lieb« begann das Mädchen leise »Es
ist zum letzten Male dass ich Sie sehe und ich wollte Ihnen Lebewohl sagen«
Sie stützte sich an den Zaun und weinte
»Warum müssen Sie fort«
»Ich habe Herrn Roncourt genötigt mir zu bekennen woher die Unterstützung
kam durch welche ich in der letzten Zeit hier erhalten wurde Ich weiß jetzt
wie großmütig der Herr an mir gehandelt hat und ich danke Ihnen dafür von
ganzer Seele Aber das darf nicht so fortgehen Dem Andenken an meinen Vater bin
ich schuldig mir andere Unterkunft zu suchen Es ist mir Aussicht auf eine
Stelle gemacht morgen früh reise ich mit der Frau eines Kaufmanns ab«
»Wohin« fragte der Jüngling wie betäubt
»Fragen Sie nicht Monsieur König vergessen Sie mich nein denken Sie
zuweilen an mich wie an eine Verstorbene ich werde Ihrer Herzensgüte gedenken
solange ich lebe« Er fühlte den bebenden Druck ihrer Finger da zog er in der
Bewegung ihre Hand durch den Zaun und küsste diese Das gebeugte Mädchen richtete
sich auf und sagte fast freudig »Ich danke Ihnen für diesen letzten Gruß Ich
gelobe dem Herrn wenn er in Zukunft jemals von mir erfährt es soll demselben
nicht leid tun dass er einem Mädchen von meiner Lage die Hand geküsst hat« Sie
zog ihr Tuch um sich und kaum hörbar klang ihr Lebewohl dann verschwand sie in
der Dunkelheit der Gefangene aber legte sein Haupt an den Zaun der ihn von ihr
schied
Auch dieses Band welches ihn noch in der Garnison festhielt war zerrissen
Er saß den Rest des Abends in dumpfem Schmerze auf seiner Bank und suchte sich
mit dem Gedanken zu ermutigen dass solche Freundschaft auf die Länge doch nicht
ohne Worte und Verkehr geblieben wäre Und was hätte dann werden sollen Erst in
dem Weh welches er nach der Trennung fühlte wurde ihm bewusst wie sehr sein
Herz an der Verschwundenen hing Als der Franzose wieder eintrat machte er ihm
heftige Vorwürfe dass er gegen das Abkommen den Anteil des Jünglings an den
Sendungen verraten habe
Roncourt stellte sich feierlich vor ihn hin »Sie haben Grund Monsieur
König mit mir unzufrieden zu sein und wenn Sie auf Genugtuung bestehen so
werde ich mich nicht weigern Aber mir blieb keine Wahl denn Demoiselle
Friederike forderte die Mitteilung um ihrer Ehre willen und sie hatte ein Recht
dazu Wenn Ihnen dem jungen Manne leid ist dass sie geht was soll ich der
Alte sagen der mit ihr fast alles verliert was seinem Leben eine Freude war
Sie hat mir den Vogel in Kost gegeben wollte ihn aber nicht verschenken denn
sie meinte er wäre ihr vor aller ihrer Habe lieb und sie hoffe mich und den
Vogel noch einmal wiederzusehen An den Trost muss ich mich halten«
Die Haft hatte einige Wochen gedauert als der Feldwebel eilig den
Gefangenen aufrief »Mein Herr Bruder soll sogleich zum Major Vogt kommen
dieser ist aus dem Stabsquartier eingetroffen und ich denke er bringt auch in
deiner Sache die Sentenz« August geriet in große Bewegung der Überbringer
seines Urteils erschien ihm glückverheissend dennoch bangte ihm jetzt vor der
Entscheidung Sein Empfang belehrte ihn dass die Sorge nicht unbegründet war
denn der Major begann mit strenger Miene »Ihr habt Euch gegen Euren Kapitän
schwer vergangen Ihr habt ihm ins Angesicht sein Verhalten ungerecht und
unvernünftig gescholten und habt Euch die Hand am Seitengewehr der Verhaftung
widersetzt Wenn er darauf die blanke Waffe gebraucht hat so habt Ihr Euch
Glück zu wünschen dass Ihr nur mit einem leichten Hiebe davongekommen seid ein
anderer hätte Euch schlimmer mitgespielt Seine Hoheit der Markgraf haben mir
befohlen Euch diese Order vorzulesen Der Freikorporal König hat künftig den
Respekt gegen seinen Kapitän besser zu beobachten widrigenfalls man ihn mit der
empfindlichsten Strafe belegen wird Für diesmal ist er wegen seiner Jugend und
bewiesenen Applikation aus besonderer Gnade zu pardonieren auch wieder in
Dienst zu stellen Dankt unserem gütigen Chef« ermahnte der Major wieder
gebieterisch »wäret Ihr in meiner Kompanie gewesen es wäre Euch viel
schlechter ergangen«
»Hätte doch der Himmel gefügt dass mir dieses Glück zuteil geworden wäre«
antwortete August »der Dienst ist mir im letzten Jahre schwer gemacht worden«
»Harter Dienst erzieht eher zum Soldaten als leicht gewonnene
Zufriedenheit« sagte der Major »Mit großem Bedauern habe ich den Tod Eures
Vaters vernommen Eure Anzeige fand ich erst in diesen Tagen bei meiner Rückkehr
vor Wäre der würdige Mann noch am Leben und hätte er von diesem Streit mit
Eurem Hauptmann gehört er würde Euch mit den Worten ermahnt haben Mein lieber
Sohn dein Hauptmann darf gegen dich nicht unrecht behalten« Und er legte ihm
väterlich die Hand auf die Schulter
Das warme Wohlwollen welches hinter dieser Mahnung erkennbar wurde gab dem
Korporal den Mut sein früheres Gesuch um Entlassung zu erwähnen und für jetzt
wenigstens um Urlaub zu bitten Da aber furchte sich die Stirn des Majors »Ein
solches Gesuch vermag ich nicht zu befürworten auch ist die Zeit dafür übel
gewählt Es stehen Verwicklungen bevor welche einem Soldaten verbieten seine
Fahne zu verlassen« Mit diesem Bescheide musste August vorliebnehmen Als der
Hauptmann einige Tage darauf in die Garnison zurückkehrte fragte er erstaunt
den Korporal »Wie Seid Ihr los Was habt Ihr für Strafe bekommen«
»Der hohe Chef hat mich begnadigt« Da sagte der Hauptmann »Haben gute
Freunde diesmal bei Seiner Hoheit für Euch gesprochen so werde ich Euch von
heut ab auf den Dienst passen Sobald ich die geringste Widersetzlichkeit merke
sollt Ihr die Bekanntschaft mit meinem Degen in ganz anderer Weise machen als
bisher«
Der Unteroffizier schwieg und machte kehrt
Von Torn nach Berlin
Fritz hatte ausstudiert war Magister geworden und hatte die Prüfung bestanden
welche ihn zur Übernahme eines geistlichen Amtes berechtigte Durch seine
Professoren war er einem Grafen von Hannover empfohlen welcher am englischen
Hofe lebte und einen Erzieher für seinen Sohn suchte zum Winter sollte der neue
Kandidat mit der Familie des Grafen nach London abreisen jetzt kehrte er in die
Heimat zurück froh der guten Aussichten für seine Zukunft
Er fand die Mutter erkrankt Seit dem Tode des geliebten Mannes war ihre
Gesundheit erschüttert die traurigen Nachrichten welche sie von August
erhielt hatten ihr die letzte Kraft genommen Weinend saß sie neben dem Sohne
der jetzt an Stelle des Gatten das Haupt der Familie werden sollte und hielt
gerade den Brief in der Hand in welchem August von der Tyrannei des Hauptmanns
und von seinem Arrest geschrieben als Frau von Borsdorf eintrat Auch diese
hatte einen traurigen Brief in der Tasche und fand kaum höfliche Worte um ihre
Freude über die glückliche Heimkehr des Herrn Kandidaten auszudrücken Beide
Mütter hatten einander lange das Unglück ihrer Kinder zu bergen gesucht heut
aber vermochte Dorchens Mutter mitfühlende Herzen nicht zu entbehren Sie zog
unter Tränen den Brief der Tochter hervor Dorchen war nicht mehr bei ihren
Verwandten sondern hatte sich in der Stadt Torn unter Vermittlung der Frau
Bürgermeisterin Zernecke bei redlichen Leuten eingemietet Dort aber war ihr
Aufenthalt nicht sicherer geworden die Stadt unter den Händen wilder polnischer
Banden in den Familien der Bekanntschaft Schrecken und Todesangst so dass die
Tochter flehentlich bat ihr nach der Heimat zurückzuhelfen Als Frau von
Borsdorf über dem Brief die Hände rang sagte Fritz »Ich bin bereit zur Stelle
abzureisen um Fräulein Dorchen zu holen wenn mir Frau von Borsdorf das
Zutrauen schenkt und die liebe Mutter mirs gestattet Den Rückweg nehme ich
durch das Preussische vielleicht vermag ich dem Bruder in irgend etwas zu
helfen«
Frau von Borsdorf war allzu bewegt um die schicklichen Einwendungen gegen
das angebotene Opfer vorzubringen sie nahm es mit gerührtem Danke an auch der
Mutter war willkommen dass Fritz bei dem Bruder vorsprechen wollte denn sie
setzte bereits auf die Umsicht ihres Ältesten ein festes Vertrauen Und Fritz
trat nachdem er sich die nötigen Pässe besorgt hatte unter den Segenswünschen
der Frauen die polnische Reise an
An einem kalten Dezembertage fuhr er über die lange Holzbrücke der Weichsel
Über ihm bargen dunkelgraue Wolken das Sonnenlicht ein kalter Sturmwind heulte
ihm aus den Steppen des Ostens entgegen unten wälzte der Strom seine
hochgeschwollenen Fluten dem Meere zu schäumte und gurgelte zornig an den
Eisböcken und Pfählen der Brücke Die vieltürmige Stadt vor ihm war mit Mauern
und Bastionen umschanzt aber die Erdwerke standen zerrissen und die Mauern
durchlöchert von der letzten Belagerung her das Stadttor war mit einer
polnischen Wache besetzt welche den Reisenden anherrschte und erst nach langem
Aufenthalt einließ Da Friedrich in den Straßen ein wirres Menschengedränge sah
stellte er sein Fuhrwerk in eine Herberge am Tor und ging ohne sich
aufzuhalten vorwärts
Er betrat eine ansehnliche Stadt um ihn ragten hohe Häuser von denen viele
alte Steinverzierung wiesen und große Kirchen mit Strebepfeilern es war viel
fremdes Volk in den Gassen verwegene Gestalten mit wirrem Haar in geflickten
Pelzen auch polnische Reiter in ihrer fremden Tracht schritten zu dreien oder
vieren mit klirrendem Säbel stolz durch die Menge Aber die deutschen
Bürgersleute trieben auf der Straße verstört umher alle mit finsteren Mienen
viele verhärmt und bleich in den Haustüren standen die Weiber beieinander und
rangen die Hände auch wohlbekleidete Männer gingen gebückt und scheu ihren Weg
dahin Den Fremden beachtete niemand ja ihm schien als wenn Männer und Frauen
die Blicke von ihm abwendeten Er kam zu einer Unglücksstunde War eine Pest
ausgebrochen oder ein Feind in das Land gefallen Lange sah er keinen ruhigen
Mann den er sich zu fragen traute Ein Trupp polnischer Trabanten zog dem
Markte zu wilde Gesellen mit großen Schnauzbärten in langen Pelzröcken die
Hellebarden in der Faust Sie nahmen die ganze Breite der Straße ein und er
wurde an der Marktecke zur Mauer eines Hauses gedrängt wo Rüstzeug
durcheinander lag Von da blickte er über den Platz er war mit Gruppen
schweigender Stadtleute gefüllt die auf ein Gerüst von Bohlen und Brettern
starrten über welchem die Zimmerleute arbeiteten Kein lautes deutsches Wort
wurde gehört zuweilen nur ein polnischer Zuruf der Arbeiter Als er auf die
steinerne Türschwelle des Eckhauses trat fand er die Tür halb geöffnet und
dahinter einen bejahrten Mann in Bürgertracht auch diesen mit einem
unheimlichen Ausdruck von Schrecken und Trauer Da fasste er sich ein Herz und
fragte höflich nach der Wohnung des Herrn Rat Roesner Als der Bürger deutsche
Worte hörte kam er aus dem Hausflur hervor aber nach der Anrede sah er den
Fragenden so überrascht und argwöhnisch an dass Friedrich rief »Um Gottes
willen was geht hier vor Ich bin ein Fremder soeben angekommen Sie sind der
erste den ich zu fragen wage«
»Sie sind ein Fremder« wiederholte der Mann grimmig »und Sie wollen Herrn
Rat Roesner besuchen Warten Sie noch einen Tag dann können Sie ihm von dieser
Haustür gerade ins Gesicht sehen wenn er auf dem Gerüst kniet und sein Kopf von
den Schultern fällt« Friedrich trat entsetzt zurück Als der Bürger den
Schrecken des Fremden sah brach er klagend aus »Als noch keiner wusste was
kommen würde hat es mir geahnt denn da oben« er wies über sich »griff
seine Hand nach dem Armesündergewand und ich sah wie er vor den Blutflecken
schauderte« Dem Jüngling fuhr in seinem Schrecken die Ahnung durch die Seele
dass er vor dem Hause seiner Väter stand »Wollen Sie gestatten dass ich für
kurze Zeit eintrete« bat er tonlos
Der Hausherr schloss hinter ihm die Haustür und öffnete seine Stube »Setzen
Sie sich« sagte er auf einen Lederstuhl weisend »ich merke auch Sie sind
erschrocken Sind Sie evangelisch« Friedrich nickte »Ich bin Kandidat der
Theologie«
»Und Sie wollten zu unserem Herrn Rat« fragte der Wirt kopfschüttelnd
weiter »woher sind Sie denn dass Sie das Unglück nicht wissen«
»Ich komme auf geradem Wege aus Kursachsen«
»Da kommen Sie zur rechten Stunde um mit anzusehen was Ihr Kurfürst der
bei uns König von Polen heißt den Deutschen für ein Fest bereitet Weil der
Pöbel den polnischen Studenten die Fenster des Kollegiums eingeschlagen hat
sollen morgen neun Bürger und Bürgerskinder geköpft und gevierteilt werden und
dazu unsere beiden Herren Bürgermeister den Polen und Pfaffen zur
Satisfaktion«
Friedrich stand schweigend am Fenster sah vor sich das Gerüst und die
dunklen Gestalten darauf Nach einer Weile begann er »Wundern Sie sich nicht
über mein Benehmen Herr Hannus mein Name ist König und Vorfahren von mir
haben in alter Zeit dieses Haus besessen«
»Kennen Sie meinen Namen« rief der Bürger erstaunt »so ist mir auch der
Ihre nicht fremd die Herren Konsuln haben ihn genannt und dieser Bekanntschaft
wegen hat auch die Frau Bürgermeisterin das sächsische Fräulein bei uns in Kost
gegeben«
»Ist Fräulein Dorotee in Ihrem Hause« fragte der Jüngling und geschwunden
waren im Nu der Zorn und die Trauer Der Bürger wies über sich »Sie wohnt oben
die Stube ist neu eingerichtet auch ein Ofen ist darin«
Fritz sprang die Treppe hinauf er pochte an eine Tür und vernahm das
»Herein« einer Stimme deren süßer Ton ihm in den Jahren der Trennung oft im Ohr
geklungen hatte Als er das geliebte Mädchen an dem alten Fenster mit Glasrauten
sitzen sah bei einem Gebetbuche blieb er auf der Schwelle stehen
Dorchen fuhr in die Höhe und schaute die große Gestalt ein rosiges Licht
überzog ihre Wangen und sie hielt sich in freudigem Schreck an die Tischecke
Das war das Antlitz des Jugendfreundes aber er war zum Mann geworden die Züge
fest breit die Brust sicher die Haltung und der Wuchs noch höher als sie sich
gedacht Als er sprach »Die Mutter schickt mich das liebe Fräulein nach Hause
zu holen« da brachen ihr die Tränen aus den Augen und sie flog ihm mit einem
Freudenruf entgegen In schnellem Tausch von Frage und Antwort suchten beide
ihrer Bewegung Herr zu werden Fritz berichtete hastig von der Heimat und von
der Trauer der Mutter und während er sie an der Hand hielt erzählte sie von
allem Leid das sie in schweren Jahren still getragen von dem Unglück ihrer
Kousine welche krank und durch den rohen Gatten vernachlässigt allen Halt
verloren hatte und in devoten Bussübungen Hilfe suchte dann von dem wilden
polnischen Haushalt von der Unordnung und Vergeudung und dass sie selbst bei
allem Glanze der sie umgab doch durch die Verwandten hart wie eine Dienerin
behandelt worden sei und zuletzt von dem Einzug eines zügellosen Trosses
polnischer Edelleute in das Schloss und von ihrer Flucht Es kam heraus obgleich
sie es zu verbergen suchte dass man ihr die Zumutung gestellt hatte an den
Gelagen teilzunehmen welche mit gefälligen Frauen der Umgegend dicht neben den
Zimmern der kranken Schlossherrin begangen wurden Ein trunkener Haufe polnischer
Junker war ihr eines Abends bis in die Stube der Kranken gefolgt und sie hatte
sich an dem Bett ihrer Kousine festgeklammert um die Zudringlichen abzuwehren
Da war sie am nächsten Morgen als noch alles schlief begleitet von einem
deutschen Diener der Woiwodin aus dem Schloss abgereist und hatte in der Stadt
Zuflucht gesucht Auch hierher hatten sie die Bekehrungsversuche der Geistlichen
verfolgt und der Rektor des Kollegiums war mehreremal zu ihr gekommen und durch
seine Ermahnungen beschwerlich geworden
Dem Theologen wurde heiß bei dem Gedanken an die Gefahr in welcher die
Seele des Mädchens gewesen und er fragte zuerst »Es ist den Fremden doch nicht
gelungen Zweifel in dem Gemüt des lieben Fräuleins zu erregen« Aber ihre
Antwort beruhigte ihn »Auch ich habe in dem Umgange mit Ihrem seligen Vater
einen Schutz gewonnen«
»Wie aber steht es mit Ihrer Sicherheit« fuhr Fritz in seiner Angst fort
»Hat der Pole Sie nicht als seine Verwandte zurückgefordert«
»Ich habe es gefürchtet« antwortete Dorchen »doch ist es nicht geschehen
Ehe ich aus dem Schloss ging flehte ich die Kousine fussfällig an mich ohne
Hindernisse ziehen zu lassen und bis zur Heimreise vor Verfolgung zu schützen
Das versprach mir die Arme in Wehmut ich verdanke wohl ihrer Fürbitte dass man
mich von dort her unbeachtet ließ« Und in überströmender Bewegung rief sie aus
»Wie ein Engel des Himmels erschien mir der Herr Kandidat als er in der Tür
stand Denn Tag und Nacht flehte ich um Rettung aus dieser Stätte des Unglücks
Hier im Hause habe ich menschenfreundliche Pflege gefunden aber jetzt ist auch
hier alles verstört« Fritz sah sich in dem Zimmer um »Dies ist die Stube«
sagte Dorchen leise »dort an der Wand stand der Schrank mit dem blutigen
Gewande und ich habe mich oft des Abends gefürchtet wenn ich hier allein saß«
Die Frau des Hausbesitzers trat herein Fritz dankte ihr im Namen der
Familie und die Rede kam auf die Schrecken der Gegenwart
Im Gasthofe der mit polnischem Kriegsvolk gefüllt war fand der Reisende
mit Mühe ein Unterkommen Der mutlose Wirt wies ihn ab und es bedurfte der
Fürsprache eines entschlossenen Hausknechts »Wir dürfen doch unsere Vettern aus
dem Deutschen nicht wegen der polnischen Schnauzbärte wegjagen Da ist noch das
Stübchen neben dem Hamburger Kaufmann die beiden können sich miteinander
unterhalten« Auf diese Empfehlung wurde Fritz angenommen und fand in seinem
Stubennachbar der ihm an der Treppe entgegentrat einen artigen jungen Mann
welcher über den jämmerlichen Zuständen die gute Laune nicht verloren hatte und
höflich sagte »Ich habe seither bedauert dass hier keine Geschäfte zu machen
waren jetzt werde ich dafür durch die Ankunft des Herrn und das Vergnügen
seiner Nachbarschaft entschädigt Kann ich Ihnen in dieser verwirrten Stadt
behilflich sein so bin ich zu allen Diensten erbötig« Darauf stellten die
Herren sich einander vor Als der Hausknecht den Namen König hörte wurde sein
Gesicht noch schlauer als es zuvor gewesen war er erklärte dem Gaste »Dieser
also ist Herr Buschmann ich aber heiße Schlegel« und bewies ihm fortan in den
kleinen Diensten des Hauses die größte Aufmerksamkeit
Als Fritz das Fräulein wiedersah sagte er »Noch etwas Schweres habe ich
mitzuteilen Wenn die Sorge um Ihre Sicherheit es gestattet so muss ich sogleich
unsere Geistlichen aufsuchen und mich erbieten ihnen in ihrem heiligen Amte bei
den Verurteilten zur Seite zu stehen Denn ich hörte dass bereits einige der
Prediger in eigener Todesgefahr geflohen sind und dass die übrigen durch die
Jesuiten bedroht werden weil sie von ihrer Pflicht nicht weichen wollen Da
wird ihnen vielleicht die Hilfe eines Landsmanns willkommen sein«
Dorchen wagte kein Wort des Widerspruchs obwohl sie sich um die Gefahr des
Jugendfreundes ängstigte sie hüllte sich schnell in die Enveloppe und führte
ihn zu ihrem Bekannten dem Herrn Prediger Köhler So stark war die Spannung
dieser Tage und so verzweifelt die Stimmung dass der ehrwürdige Herr dem
Fremden nachdem dieser sein Anerbieten getan weinend um den Hals fiel und ihn
sogleich zur Begleitung aufforderte Bis zur Nacht weilte Friedrich in den
Zellen der Verurteilten Dann saß er still und bleich im Hause seiner Vorfahren
umgeben von der liebevollen Sorge der Hausgenossen Als Dorchen in zärtlicher
Besorgnis ihn bat auch an sich selbst zu denken sagte er »Bedauern Sie mich
nicht meines Amtes wegen wünschen Sie mir Glück denn ich habe heut Großes
erlebt bedauern Sie vielmehr uns alle darum dass es ein deutscher Fürst und
unser Landesherr ist welcher dieses greuliche und in der Christenheit unerhörte
Bluturteil gegen Deutsche hierhergesandt hat Morgen früh aber bitte ich das
Fräulein und unsere Gastfreunde die Fenster des alten Hauses zu verhängen die
Tür verschlossen zu halten und in einer Hinterstube für die Armen zu bitten
damit das Schreckliche von Ihren Augen fernbleibe«
Am nächsten Tage wurde zuerst Herr Konsul Roesner im inneren Hofe des
Ratauses mit dem Schwert gerichtet dann auf offenem Markt grausam und unter
Martern neun Bürger und Bürgersöhne von denen mehrere an dem Tumult gar nicht
beteiligt waren Als Friedrich in der Schreckensstunde den Zug der polnischen
Reiter sah welcher das Schafott umringte das fremde Kriegsvolk an den Ecken
des Marktes und auf dem traurigen Gerüst die Unglücklichen im Armensünderkleide
da wirbelte in seinem Haupte Gegenwärtiges und Vergangenes was er vor sich sah
und was einst an derselben Stätte geschehen war wild durcheinander Waren es
Fremde die vor seinen Augen geopfert wurden war es einer seiner Vorfahren
oder war er es selbst der in Todesnot stand Die Schläge der Totenglocke
klangen ihm wie ein Schreckenston den er schon einmal in seiner Kindheit
gehört Und als einer der Verurteilten der im Preussischen geboren war und den
er im Gefängnis besucht hatte mitten in dem Totengebet mit heiserer Stimme
murmelte »Unser König wird uns rächen« da wusste Friedrich auch dass er die
wilde Rede nicht zum erstenmal hörte schon früher vor langer Zeit ob im
Wachen oder im Traume war der Ruf nach Rache in sein Leben gedrungen Und ihm
war als ob alle Büsser im Armensünderkittel sich gegen ihn neigten und mit
heiserer Stimme von ihm Rache heischten Lange stand er so gepeinigt durch
einen Sturm der Leidenschaft und er faltete in der Bedrängnis die Hände Da
stieg das Bild des verstorbenen Vaters vor ihm auf er dachte an das klare
feste liebevolle Wesen neigte das Haupt und bat in der Weise des Vaters dass
der Himmel ihm seine Seele festigen möge gegen die Dämonen der Wut und
Rachsucht
Gern hätte Friedrich seine Jugendfreundin an demselben Tage hinweggeführt
aber der Fuhrmann verweigerte die Fahrt In der Stadt waren die Häuser
geschlossen weil man eine Plünderung durch die Polen befürchtete aus der
Umgegend kamen Schreckensgerüchte von bewaffneten Banden welche den Deutschen
auflauern sollten So wurde er gezwungen noch mehrere Tage zu verweilen Er sah
in dieser Zeit den zweiten Bürgermeister Herrn Zernecke für den sich der Adel
der Umgegend verwendet hatte und dessen Schicksal noch unsicher zwischen Leben
und Tod schwebte der milde auf alles gefasste Herr fand einen Trost darin mit
dem Landsmanne von dem traurigen Geschick seiner Stadt zu reden und von der
unsicheren Zukunft des polnischen Preußens an der Weichsel In diesen Tagen war
auch der Hamburger zuweilen ein willkommener Gesellschafter er bewies sich als
ein kaltblütiger und beherzter Mann der mit Verachtung in die wilde Unordnung
hineinsah und die Sorge um das eigene Behagen nicht vergaß Er blieb dem Sachsen
treu zur Seite und machte bei Gängen durch die Stadt gern den Führer
Als der Hamburger erfuhr dass Friedrich mit einem Fräulein welches ihm
anvertraut sei nach Berlin abreisen wolle sagte er warnend »Möge der Herr
nicht für anmassend halten wenn ich einwende dass der Weg bis an die preußische
Grenze noch keineswegs sicher ist Die Polen sind wie aufgestörte Hornissen in
Bewegung und ein sächsischer Pass wird den Herrn nicht schützen Derselbe
braucht entweder eine polnische Eskorte oder einen Passierschein von den großen
Woiwoden der Gegend«
»Beides habe ich nicht« versetzte Fritz bekümmert »ich muss es darauf
ankommen lassen« Herr Buschmann schüttelte den Kopf »Ich möchte dem Herrn
nicht zudringlich erscheinen doch da auch ich in das Deutsche zurückkehre so
wage ich den Vorschlag dass wir die Reise bis Berlin miteinander machen und uns
in die Kosten teilen ich habe mir Passierscheine verschafft und meine
Gegenwart könnte Sie vor Unannehmlichkeiten von s der Polen bewahren«
Der Kandidat empfand dass er dafür dankbar sein müsse und doch war ihm die
Gesellschaft des Fremden durchaus nicht willkommen Er entschuldigte sich
deshalb höflich dass er dem Fräulein die Entscheidung überlassen müsse Als er
zu Dorchen von dem Anerbieten sprach nahm sie es eifriger an als ihm lieb war
»Mir ist der Gedanke fürchterlich dass Sie meinetwegen noch in Gefahr kommen
könnten«
Als er aber den Tag vor der Abreise in das Hoftor trat winkte ihm der
Hausknecht nach dem Stall und begann auf den Besen wie auf ein Zepter gestützt
»Herr Kandidat König Sie sind ein guter Mann aber Ihr Bruder ist schlauer«
»Wie Schlegel du kennst meinen Bruder« fragte Friedrich überrascht
Der Knecht nickte »Jetzt bin ich nur ein Schlegel früher war ich der
Böttcher selbst und stand mit Ihrem Bruder in einer Kompanie Ich bin der
Veränderung wegen desertiert Aber diese polnische Schlächterei gefällt mir
nicht« er spuckte zornig aus »sogar die Henker sind hier betrunken Und
sollten Sie Ihren Bruder wiedersehen so sagen Sie ihm Wenn mir der Hauptmann
einen Pardonbrief schickt so komme ich zur Kompanie zurück Das ist mein
Geschäft ich aber wollte von dem Ihren reden Ich habe Sie zu dem Hamburger
gebracht weil Sie von der richtigen Größe sind und ich dem splendiden Herrn
eine Freude verschaffen wollte Als ich aber ihren Namen hörte und von ihrer
Verwandtschaft mit Markgraf Albrecht taten Sie mir leid obgleich Ihr Bruder
auf mich geschossen hat«
»Ich verstehe dich nicht« sagte Fritz ungeduldig
»Das ists ja eben Ihr Bruder würde mich schon verstehen Nämlich der dort
oben ist kein Hamburger und heißt nicht Buschmann sondern ist ein Edelmann und
ein preußischer Werbeoffizier welcher Sie eingefangen hat Leicht genug haben
Sie es ihm gemacht«
»Du kommst sogleich mit ich werde ihm deine Aussage vorhalten«
»Ich werde nicht kommen und Ihnen würde das auch nichts nützen« versetzte
Böttcher »Denn wenn Sie ihn hier abschütteln was Sie ja leicht können so
reist er Ihnen nach und lässt Sie als Rekruten arretieren sobald es ihm im
Preussischen gelegen ist«
»Und wenn ich nicht über Berlin zurückkehre«
»Dann reist er Ihnen durch Polen nach und Sie mögen sich verlassen dass er
auf dem Wege für sein Geld Helfer findet welche Sie festnehmen«
»Du unterstehst dich mit mir zu scherzen«
»Nein« versetzte Böttcher »Sie haben mehr als zwölf Zoll da hört aller
Spaß auf Wer so groß ist der kommt nach Potsdam das ist wie Amen in der
Kirche mag er ein Russe oder ein Engländer sein Mich wunderts dass Sie als
Student den Werbern entlaufen sind«
»Sagst du mir das um mich zu schrecken so wisse dass ich nicht furchtsam
bin Redest du in guter Absicht so sprich kurz wie die Gefahr zu meiden ist«
»Sie wollen durch das Preussische« fragte Böttcher
»Ich habe ein Gesuch an den König«
Böttcher pfiff durch die Zähne »Dies wird Knirpsen schon recht sein Doch
das ist Ihre Sache Für diesen Fall ist meine Meinung Der Hamburger reist auf
Werbung für einen mächtigen Mann für den Fürsten Leopold von Dessau Das weiß
ich weil er so unvorsichtig war durch mich einen Brief an den Feldmarschall
auf die Post zu schicken Deshalb wird ihm viel daran liegen Sie wohlbehalten
in Berlin abzuliefern denn wenn er Sie auf dem Wege dorthin bei einem Regiment
festhalten lässt so behält Sie das Regiment und ihm entgeht der Fang Darum
meine ich dass Sie bis Berlin solange er Ihnen nicht misstraut durchaus nichts
von ihm zu fürchten haben zumal auch eine Demoiselle von Adel bei Ihnen ist In
Berlin aber dürfen Sie nicht in das Quartier gehen zu dem er Ihnen raten wird
sondern müssen einen Schutz suchen und Ihre Wege vor ihm verbergen Ich kenne
die Schliche denn ich selbst war eine Zeitlang im Dienst eines Werbers und ich
weiß auch dass die vom Regiment Schulenburg und Markgraf Albrecht welche hier
zunächst an der Grenze liegen meinem Hamburger auf den Dienst lauern weil er
ihnen die größten Leute für den Dessauer wegfängt«
Fritz antwortete »Lass mich eine Weile nachdenken« Er setzte sich auf eine
Bank und Böttcher fuhr mit dem Besen umher Nicht lange und der Jüngling
sprach aufstehend »Deiner Rede glaube ich deinem Vorschlag aber folge ich
nicht und den Betrüger nehme ich nicht mit auf die Reise Doch wenn du selbst
in das Preussische zurückwillst und deinen Dienst hier sogleich aufgeben kannst
so führe ich dich bis Berlin als meinen Bedienten mit« Böttcher sah ihn groß
an »Sie sind doch klüger als ich dachte Jetzt lassen Sie mich überlegen Fort
von hier kann ich jeden Augenblick gehe ich mit Ihnen so weiß der Hamburger
dass ich ihn verraten habe er wird sich an mir rächen wollen und fängt er uns
so schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe Auf der anderen Seite freie Reise
außerdem guter Lohn denke ich« Friedrich nickte »Und Böttcher auf dem Bock
des ersten Wagens und kapabel dem der hinter uns fährt einen Nebel
vorzuhexen« Diese letzte Aussicht gefiel ihm am meisten »Ich gehe mit wenn
Sie mich als Diener des Fräuleins in den Pass schreiben lassen und wenn Sie mir
versprechen Ihre Rechnung mit dem Hamburger erst morgen abzumachen denn sonst
könnte er mir noch heut etwas zuleide tun« Das versprach Friedrich Am nächsten
Morgen früh bat er den Fremden in die Wirtsstube und sagte ihm leise dass er
Grund habe ihn für einen preußischen Werbeoffizier zu halten Herr Buschmann
war nur einen Augenblick betroffen dann entgegnete er drohend »Um meiner
Sicherheit willen bestehe ich darauf zu erfahren wer dem Herrn diesen Verdacht
beigebracht hat«
»Nicht an dem Herrn Offizier ist es mir zu drohen« antwortete Fritz
»Demselben ist bewusst dass ein lautes Wort von mir ihm unter den Polen große
Unannehmlichkeit bereiten kann Ich fürchte der Herr hatte die Absicht mich in
einen Zustand zu versetzen der für mich lebenslängliche Gefangenschaft wäre
ich darf jemand den ich unter den Fremden für meinen Landsmann halte nicht in
ein ähnliches Unglück bringen und werde schweigen wenn der Herr mich nicht zu
anderem nötigt«
»Ich bin dem Monsieur König für diese Rücksicht verbunden« versetzte der
falsche Buschmann mit höflichem Lächeln »Auch ich habe Pflichten zu erfüllen
gegen die Firma für die ich reise und bitte daran zu denken wenn meine
Bekanntschaft dem Herrn in Zukunft einmal zu einer unangenehmen Erinnerung
werden sollte« Beide grüßten einander Friedrich verließ den Gasthof Vor dem
Hause seiner Ahnen erwartete ihn der Reisewagen in den durch Böttcher schon vor
dem Morgengrauen das Gepäck eingestaut war Er hob das geliebte Mädchen in den
Wagen schüttelte dem Hauswirt die Hand warf noch einen traurigen Blick über
die alten Hausmauern und den Marktplatz und fuhr zum Tore hinaus Erst vor der
Stadt stieg Böttcher der sich in einen alten Lakaienmantel gehüllt hatte beim
Kutscher auf
Auf dem Wege brauste der Sturm und flog der Schnee hinter den Reisenden
lagen Verwüstung und Schrecken vor ihnen das friedliche Leben der Heimat Um
Dorchens Mund spielte wieder das holde Lachen welches einst dem Jugendgespielen
so entzückend gewesen war und der Kandidat verlor viel von der feierlichen
Strenge die ihm unter den Polen auf der Stirn lag Nie hätte Dorchen für
möglich gehalten dass der ernste Mann so zarter Sorgfalt fähig wäre wenn er sie
bat sich fester zu verhüllen wenn er unablässig kleine Erfindungen machte um
den Schnee abzusperren der sich das Eindringen durchaus nicht wehren ließ und
vollends wenn sie abends in die Herbergen kamen in denen die Wirtsleute das
Dorchen immer für die gnädige Frau hielten Da bewies der Kandidat so viel
ritterliches Zartgefühl dass Dorchen zuweilen ängstlich wurde denn er brachte
die Nacht jämmerlich zu während sie selbst auf leidlichem Lager ausruhen
konnte Aber er war nicht allein gut er war auch sehr gescheit Während er sie
von vielem unterhielt was die Frauen damals nicht sehr kümmerte über das
polnische Wesen welches dem Fräulein völlig verleidet war und über das
preußische vor dem die Sächsin eine unbestimmte Scheu hatte erschien ihr
alles was er sagte großartig und über jedes hatte er seine eigenen Gedanken
so dass ein verständiges Mädchen sich gar nichts Besseres wünschen konnte als
immer mit ihm durch die Welt zu fahren Es begegnete ihnen auch so wenig
Ärgerliches als auf einer Reise nur möglich war Einmal blieben sie in einer
Schneewehe stecken aber während der Fuhrmann eine Schaufel aus dem Wagen zog
und den Weg zu räumen begann stapfte Friedrich gleich einem Hünen den Schnee
mit den Füßen nieder so dass die Pferde hindurch konnten Ein andermal brach ein
Rad und der Wagen neigte zur Seite so dass Dorchen aufschrie da ergriff ihr
Begleiter das Handbeil des Fuhrmanns schlug im Nu einen Baumast ab und stemmte
ihn mit Riesenkraft unter den Wagen Und während der Fuhrmann nach dem nächsten
Dorfe ritt um ein Rad zu holen und die Reisenden beim Zwielicht im Kieferwald
festsassen wo viel Ursache war sich vor Räubern zu ängstigen da wusste der
Kandidat lustig zu erzählen wie er auf der Leipziger Tour einmal im gefüllten
Wagen umgeworfen war und die klagenden Frauen und Kinder aus dem Gewimmel im
Korb des Wagens wie aus einem Bergwerk ans Tageslicht herausgezogen hatte so
dass gar keine Angst aufkommen konnte Wurden die Reisenden ja einmal angehalten
so verhandelte der neue Diener mit dem ungefügen Volk in polnischer Sprache er
schrie noch lauter als die Angreifer und die stürmischen Überfälle endigten
nach kleinen Geschenken in Versöhnung
Fritz fuhr nicht in demselben guten Vertrauen er sah öfter besorgt
rückwärts und sprach leise mit dem Diener Aber auch ihm wuchs die Zuversicht
als sie ungefährdet die preußische Grenze erreicht hatten und auf geradem Wege
der Hauptstadt zurollten
Bei der letzten Raststelle vor Berlin sagte Böttcher vertraulich »Noch ist
der Hamburger uns nicht vor und ich glaube auch nicht dass er eine andere
Straße gewählt hat denn dies ist der kürzeste Weg und der beste«
»Wahrscheinlich folgt er uns gar nicht« antwortete Fritz Der Diener
schüttelte den Kopf »Sie sind ihm wohl tausend Taler wert dafür lohnt sichs
den Weg zu machen«
Sie waren noch nicht weit gefahren als ein leichter Wagen sie überholte
Böttcher ließ den Fuhrmann in einem Gehölz halten und bat den Kandidaten
auszusteigen »Das war der Offizier« flüsterte er »Er hat sich vermummt ich
erkannte ihn doch er ist immer hinter uns her gewesen jetzt wo er uns zu
haben meint jagt er voraus Er wird der Torwache den Befehl geben uns
festzuhalten während Sie die Pässe vorzeigen Wir aber fahren sogleich vom Wege
ab und versuchen auf einer anderen Seite in die Stadt zu dringen Hat er noch
nicht Zeit gehabt uns bei allen Toren anzumelden so kommen wir durch Auf
jeden Fall bitte ich Sie mir hier meinen Lohn zu geben Denn in der Stadt suche
ich mir sogleich einen Schlupfwinkel«
Der Wagen lenkte vom Wege ab und während Dorchen in freudiger Hoffnung auf
die Rauchwolke sah welche am klaren Winterhimmel über der großen Stadt
schwebte erwartete ihr Begleiter mit klopfendem Herzen die bevorstehende
Einfahrt
Der Schnee lag auf der Straße und die Wintersonne warf ihre kalten Strahlen
darüber als die Reisenden ohne Hindernis in Berlin einfuhren Fritz gab der
Torwache als Zweck der Reise ein Gesuch bei Seiner Majestät an und als
Aufenthalt die Wohnung des sächsischen Geschäftsträgers dessen Frau eine
Verwandte Dorchens war und dieser die weitere Reise in die Heimat vermitteln
sollte Dem sächsischen Beamten teilte er die Gefahr mit in welcher er
schwebte aber ihm wurde die verlegene Antwort »Unsere Stellung ist jetzt in
Berlin so schlecht dass wir darauf gefasst sind selbst abzureisen und unsere
Verwendung in dieser widerwärtigen Angelegenheit würde Ihnen mehr schaden als
nützen« Da beschloss Fritz es darauf ankommen zu lassen Er erhielt einen
Diener zur Begleitung der ihn vor das Schloss führen sollte damit er dem König
wenn dieser von der Wachtparade zurückkehre sein Gesuch mündlich vortrage Denn
es war bekannt dass König Friedrich Wilhelm zu dieser Stunde Bitten und Eingaben
gern persönlich in Empfang nahm
Fritz wartete am Schloss er dachte dass diese Stunde auch über sein eigenes
Leben entscheiden könne aber er war nach dem Schweren was er erfahren in
einer so gehobenen Stimmung dass in ihm kein Bangen aufkam obgleich die
Offiziere der Portalwache ihn nicht aus den Augen ließ und leise miteinander
sprachen Endlich kam der König mit einem großen Gefolge von hohen Offizieren
heran und der Diener raunte dem Harrenden einige Namen zu Der nächste beim
Könige war der Fürst von AnhaltDessau In demselben Augenblick trat ein
Offizier an den Dessauer und Fritz erkannte den Werber von Torn der Fürst
blieb im Gespräch mit dem Offizier einige Schritt zurück und beide sahen nach
dem Sachsen hin Als der König den großen Mann am Schlossportale wahrnahm ging
er schnell auf ihn zu hielt vor der tiefen Verbeugung an und maß ihn höchst
wohlgefällig mit den Augen
»Der Kandidat der Theologie König aus Kursachsen wagt Eurer Majestät in
tiefster Ehrfurcht zu nahen um Urlaub für seinen Bruder zu erbitten welcher
als Freikorporal bei Markgraf Albrecht steht« Der Fürst von Dessau kam heran
»Königliche Majestät der Mann gehört mir er hat sich in Polen meinem Werber
durch die Flucht entzogen Der Offizier ist ihm nachgereist um ihn zur Stelle
zu rekognoszieren«
»Der Offizier spricht die Unwahrheit« antwortete Fritz mit lauter Stimme
»er hat mich nicht geworben und ich bin nicht vor ihm geflohen sondern ich
habe ihm vor meiner Abreise erklärt dass ich wegen der hinterlistigen Täuschung
welche er vergebens an mir versucht hatte seine Reisegesellschaft verschmähe«
»Habt Ihr von dem Offizier Handgeld genommen« fragte der König immer noch
in die Betrachtung des großen Mannes vertieft
»Es konnte zwischen uns von Handgeld nie die Rede sein« antwortete Fritz
»da er in der Maske eines Hamburger Kaufmanns den Verkehr mit mir suchte«
»Dann also kommt der Mann dem Offizier Eurer Durchlaucht nicht zu«
entschied der König
»Es war meine Absicht« versetzte der Fürst mit verhaltenem Unwillen »Eurer
Majestät diesen Mann für das Potsdamer Regiment vorzustellen«
»Das ist etwas anderes« sprach der König »Er hat mehr als zwölf Zoll ich
schätze ihn auf nahe an dreizehn Legt ihm ein Gewehr in den Arm damit wir die
Höhe messen« Schnell wurde ein Gewehr herzugebracht und an den Leib des Sachsen
gelegt »Ich sagte ja es sind fast dreizehn Ich bin Eurer Durchlaucht sehr
obligiert« Und der König wandte sich um um das Unangenehme was jetzt kommen
musste nicht zu sehen und zu hören ganz ähnlich dem Knaben welcher nach einem
unangenehmen Streiche sich der Verantwortung entziehen will
Da merkte Friedrich dass er von den Menschen verlassen in großer Gefahr
stand und rief laut hinter dem Könige her »Gerechter Gott Vater im Himmel
gib nicht zu dass der König von Preußen in tyrannischem Gelüste dem hohen Amt
der Gerechtigkeit untreu wird gerade in der Zeit wo tausende bedrängter
evangelischer Herzen auf ihn als Erlöser aus den Greueln der Verfolgung hoffen
Wenn der Feldherr den du gerüstet hast zum Beschirmer des reinen Glaubens und
der Gerechtigkeit selbst zu einem ungerechten Tyrannen wird welche Hoffnung
bleibt dann noch den gequälten Opfern von Torn«
Er hob flehend die Arme gen Himmel das Gewehr welches sie an ihn gelegt
hatten fiel klirrend zu Boden
»Höre ihn nicht Herrgott« rief der Dessauer zornig den Hut lüftend »Er
hat das Gewehr auf die Steine geschmissen«
Der König hatte bei der Beschwörung den Schritt gehemmt er stand abgewandt
und sah von der Seite auf den Bittenden Jetzt kehrte er sich zu ihm und fragte
heftig »Was schreit er hier von den Gequälten zu Torn über den Platz«
»Ich stand in meinem geistlichen Amt auf dem Blutgerüst bei den armen
Märtyrern welche gerichtet wurden weil sie Deutsche und Evangelische waren
und ich vernahm die Seufzer mit denen sie für ihre Zugehörigen den Schutz Eurer
Majestät anriefen«
Der König sah ihn ungnädig an aber der begeisterte Blick welcher dem
seinen begegnete bändigte den Ausbruch des Zornes und er gebot dem
diensttuenden Offizier »Behaltet ihn hier ich will ihn allein sprechen«
Friedrich hatte nicht nötig lange am Portal zu warten Ein Kammerdiener kam
heraus maß mit den Augen die Größe winkte ohne ein Wort zu sprechen und
führte durch einen Hof und langen Gang in ein Empfangszimmer Gleich darauf trat
der König ein den Hut auf dem Haupte den Stock in der Hand offenbar nicht in
guter Laune Er trat vor den Bittsteller und stampfte mit dem Stock auf den
Boden »Er hätte auch nicht nötig gehabt die Arme aufzuheben und den Himmel
gegen mich um Hilfe anzurufen Ich bin kein Tyrann sondern ein christlicher
König der den Willen hat vor unserem Herrgott ein ehrlicher Mann zu bleiben
warum hat er geschrien wie ein Bärenhäuter« Wieder stieß der König auf den
Boden »Warum graut ihm davor meinen Rock zu tragen«
»Euer Majestät halten zu Gnaden ich fühlte dass man ungerecht und
gewalttätig gegen mich verfuhr Und solche Gewalttätigkeit mit welcher ich in
königlicher Gegenwart bedroht wurde kränkte mich gerade deshalb in tiefster
Seele weil ich Eurer Majestät in wahrhafter Ehrfurcht und herzlichem Vertrauen
genaht bin Denn ich habe in der Stadt Torn wohl erkannt dass Eure Majestät die
Zuflucht der Deutschen und Evangelischen sind und die unglücklichen Männer
deren grausames Ende ich anschauen musste haben mich beauftragt ihre letzten
flehentlichen Bitten Eurer Majestät vorzutragen«
Da rief der König »Es ist eine greuliche und unerhörte Geschichte und ich
habe mir alle Mühe gegeben den Bürgermeister und die anderen zu retten Das
Blut schreit zum Himmel Aber der polnische König hat nicht mehr Macht als ein
Dorfschulze Es ist Euer eigener Kurfürst« fuhr er wieder unwillig fort »Wie
sieht es jetzt in der Stadt aus Liegen noch die polnischen Reiter darin«
»Die Stadt und Umgegend ist mit Fußvolk angefüllt die Soldaten sind bei den
Evangelischen einquartiert und wirtschaften wie in Feindesland in der
Marienkirche welche seither evangelisch war hielten die Jesuiten Hochamt und
sangen Jubellieder dass die Ketzerei gedämpft sei Auch der Rat wird zur Hälfte
polnisch gemacht«
»Was habt Ihr sonst in Torn gesehen« fragte der König »Erzählt geradeaus
und ehrlich«
Friedrich begann seinen Bericht über die Standhaftigkeit und die letzten
Stunden des Konsuls Roesner und der übrigen Gerichteten Der König setzte sich
und hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu bis der Erzähler mit den Worten
schloss »Königliche Majestät in diesen schrecklichen Tagen habe ich das Größte
erlebt was einem Diener des heiligen Amtes zuteil werden kann denn ich sah
fromme deutsche Männer welche mit Gottvertrauen mutig in einen elenden Tod
gingen Jeder von den zehn Gerichteten konnte sich Leben und Freiheit retten
wenn er seinen Glauben abschwor Aber nur einer von elfen wurde schwach die
anderen zehn blieben treu bis zum Tode« Da faltete der König die Hände »Was
sagtet Ihr vorhin über eine Hilfe die sie von mir begehrt haben«
»Mehrere der Gerichteten hinterlassen Frau und Kinder in bitterer Not denn
ihre Habe ist eingezogen und die Kinder werden den Müttern entrissen um in
polnischer Weise erzogen zu werden Da hofften die Sterbenden dass Eure Majestät
sich der armen Witwen und Waisen erbarmen werde und ich versprach ihr
demütiges Flehen hierherzutragen«
»Ich will versuchen ihnen zu helfen« antwortete Friedrich Wilhelm »Sie
sollen nach Preußen kommen In meinem Lande befehle ich und die Leute
gehorchen aber selbst in meinem Lande vermag ich nicht immer zu tun was ich
will denn auch hier muss ich mancherlei Rücksicht nehmen und vollends dort
draußen wo alles widerhaarig und feindselig ist Ihr sagtet etwas von den
letzten Worten des seligen Roesner Was meinte er als er klagte Der
Bürgermeister büsst für sein eigenes Unrecht und für die Sünden der Vorfahren
War das richtiger evangelischer Glaube«
»Sich selbst klagte Herr Konsul Roesner darum an weil er früher der
polnischen Krone zu treu gedient und den Übergriffen der Polen nicht immer
Widerpart gehalten habe« antwortete der Kandidat »Wenn der Verstorbene aber
die Sünden der Vorfahren beklagte so dachte er wohl an frühere Schicksale
seiner Stadt In alter Zeit wollte die Mehrzahl der Bürger von Torn lieber zu
Polen gehören als zu dem Ordensland Preußen Damals hat die polnische Partei in
der deutschen Stadt viele Mitbürger weil sie zu Preußen hielten in Bruderhass
auf dem Schafott hingerichtet und die Stadt unter die Krone Polen gebracht
Jetzt haben die Polen den Nachkommen jener Alten dasselbe getan denn sie haben
durch Hinrichtungen den Enkeln vergolten dass die Ahnen einst ihre Köpfe der
Krone Polen untergestellt hatten Und in Torn gibt es Leute welche ausrechnen
dass es seit jener alten Hinrichtung der preußischen Partei jetzt gerade das
siebente Glied ist an welchem die Strafe vollzogen wird nach den Worten der
Schrift Solches Gericht des Herrn ist uns Menschen furchtbar und entsetzlich«
»Es wird auch an den Jesuiten und Niepozwalums heimgesucht werden bis ins
siebente Glied« rief der König seinen Stock schüttelnd »Woher wisst Ihr aber
dass die Hingerichteten gerade Nachkommen jener alten Übeltäter sind Der
Schuster Wunsch war ein geborener Brandenburger wie kommt er dazu Das riecht
nach Prädestination«
»Der Tod traf die Armen nur weil sie in der Stadt lebten über welcher der
Fluch hing« antwortete Friedrich traurig »Gerade das was Eure Majestät sagen
macht uns solch göttliches Strafgericht allzu hoch und schwer und uns bleibt
nichts übrig als demütig zu rufen Des Herrn Wege sind nicht unsere Wege Als
die Angst über diese Strenge mir im Herzen riss hat mich der Gedanke getröstet
dass unser Vater im Himmel dadurch die Menschen an die Pflicht mahnen will altes
Unrecht ihrer Vorfahren wieder gutzumachen und dass er nur zuweilen an den
einzelnen schwere Vergeltung übt um die Menge der Irrenden und Verstockten auf
den rechten Weg zu weisen Darum vertraue ich er wird noch die Herzen der
Könige lenken und wird das unglückliche Torn welches ihn jetzt in der Not
anruft nicht gänzlich den wilden Polen überlassen sondern ihm die Rettung
bereiten«
Während der Teologe in seiner Begeisterung sprach ging eine Tür auf Zwei
halbwüchsige Knaben in Soldatenröcken traten ein und stellten sich militärisch
auf Der König schritt in großer Bewegung auf und ab musterte aber doch im
Vorübergehen die Knaben und gebot dem einen indem er mit dem Stock seinen
Rücken berührte »Gerade stehen« Dann wandte er sich zu dem Fremden und begann
in gütigem Ton »Hast du dich um die Torner gegrämt so habe auch ich
ihretwegen schlaflose Nächte gehabt und Gott angerufen dass er da helfen möge
wo unser guter Wille nichts vermag« Er trat wieder dicht vor den Jüngling sah
an ihm hinauf und fragte ihm einen Knopf am Rocke drehend vertraulich »Warum
willst du meinen blauen Rock nicht tragen«
»Eure Majestät ich bin Teologe und mein Amt ist nicht der Krieg sondern
Verkündigung der Lehre welche gegeben ward um Frieden auf die Erde zu
bringen«
»Ich soll Euch also ziehen lassen« fragte der König wieder unzufrieden
»Und was wollt Ihr noch«
»Ich flehe Eure Majestät an meinem Bruder Urlaub zu geben Der Vater ist
gestorben die Mutter ist krank«
Der König ging einige Schritte und sah sich den Bittsteller wieder an
»Wieviel Kinder hat Euer Vater hinterlassen«
»Nur meinen Bruder und mich«
»Hat Eure Mutter einen Sohn in meinem Dienste so will ich ihr den zweiten
nicht nehmen« entschied der König mit Selbstüberwindung »Du sollst nicht von
mir gehen und zu den Wolken schreien dass ich ein Tyrann bin Dein Bruder kann
Urlaub haben aber unter einer Bedingung Du bürgst mir dafür dass er in meinen
Dienst zurückkehrt und du bürgst mir mit deinem eigenen Leben Kommt er nicht
so kommst du und trittst für ihn ein Willst du mir das versprechen so sollst
du ihn haben«
Friedrich stand betroffen er wusste dass die Mutter daran dachte den Sohn
in ihrer Nähe zu bewahren und er fürchtete auch stille Hoffnungen des Bruders
durch sein Gelöbnis zu kreuzen
»Kurz und gut« fuhr der König fort »keine Bedingung und Ausrede willst du
als ein ehrlicher Mann versprechen er oder du«
»Ja« antwortete Friedrich leise
Der König maß ihn noch einmal mit den Augen öffnete schnell die Tür des
Vorzimmers und rief dem Offizier zu »Der Freikorporal König von Markgraf
Albrecht hat von morgen Urlaub nach der Heimat sorge dafür dass dieser hier
einen sichern Pass bekommt seinen Bruder zu begleiten«
Bei den Sachsen
Als Friedrich mit dem Urlaub in das Quartier des Bruders trat fiel August ihm
gerührt um den Hals »Du hast mir deine brüderliche Liebe erwiesen wie der
Vater wollte wird auch für mich eine Gelegenheit kommen dir dafür zu danken«
»Vielleicht kommt die Zeit wo einem von uns ein weit größeres Opfer zugemutet
wird« antwortete Fritz welcher an Dorchen dachte Es wurde eine frohe
Heimfahrt für beide Die als Knaben geschieden waren fanden einander in
männlichem Jugendmut wieder und jeder freute sich über die Tüchtigkeit des
anderen Auch die Mutter genoss als die Brüder Hand in Hand vor ihr standen zum
ersten Male seit dem Tode des Gatten ein großes Glück Aber nur wenige Tage
durfte Fritz bei der Mutter weilen die Reise hatte seine Ferienzeit völlig in
Anspruch genommen er musste aufbrechen um seinen neuen Zögling in Empfang zu
nehmen und nach England zu geleiten Als er schied war Dorotee noch nicht aus
Berlin gekommen und Fritz sagte sich vergebens zum Troste dass ihm dies lieb
sein müsse
In der zärtlichen Pflege der Mutter suchte August sich die Gedanken an das
freudlose Leben der Zukunft fernzuhalten Aber bald wurde er durch Gerüchte und
durch die Zeitungen daran ermahnt Die Ereignisse zu Torn und der tiefe Unwille
Friedrich Wilhelms hatten zwischen dem preußischen und polnischen Hofe so große
Feindseligkeit aufgeregt dass ein kriegerischer Zusammenstoß zu erwarten war
Die sächsischen Truppen wurden eilig vermehrt der Verkehr an der Grenze
stockte die Behörden der beiden Länder verweigerten einander bereits die
gewöhnliche Aushilfe und Unterstützung August wurde von den sächsischen
Offizieren die er zufällig traf mit kalter Nichtachtung behandelt und erkannte
mit Schrecken dass die Frage an ihn herantrat ob er gegen sein Vaterland in das
Feld ziehen dürfe Er schrieb ohne der Mutter von seiner inneren Unsicherheit
etwas zu sagen deshalb an den Bruder nach London Doch bevor die Antwort
einlief kam sein Vormund angefahren und mit ihm ein Hauptmann von Wölfert aus
einer nahen sächsischen Garnison Der Vormund erklärte es sei unmöglich dass in
solcher Zeit sein Mündel in preußischen Dienst zurückkehre und der Hauptmann
setzte hinzu er habe den Fall seinem Obersten vorgetragen Monsieur König könne
sogleich in dem sächsischen Regiment als Fähnrich eintreten um nach einem Jahr
Leutnant zu werden August weigerte sich standhaft obgleich die Mutter die
Hände rang und ihm zurief es werde ihr Tod sein wenn er wieder in die
ägyptische Dienstbarkeit ziehe Endlich entschied der Vormund »Wenn mein Herr
Neffe sich durch ein Versprechen welches sein Bruder unter ganz anderen
Verhältnissen gegeben hat verpflichtet hält in dem Dienst einer feindseligen
Macht zu beharren so würde als letztes Mittel übrigbleiben ein allerhöchstes
Verbot gegen die Rückkehr zu veranlassen Doch bevor dies Äußerste unternommen
wird ist der nächste Weg der beste dass mein Neffe unter Angabe der
patriotischen Gründe um seine Entlassung aus dem preußischen Dienst einkomme
Ist diese früher verweigert worden so ist jetzt die Lage der Sache eine ganz
andere auch den Herren Preußen kann nichts daran liegen einen Sachsen wider
seinen Willen bei der Fahne festzuhalten«
Wenige Tage darauf erhielt August die Antwort des Bruders »Da der Wille
unserer lieben Mutter und Dein Pflichtgefühl für die sächsische Heimat auf der
einen Seite stehen auf der anderen das Versprechen Deiner Rückkehr so darfst
Du durch die Bitte um Entlassung allerdings versuchen des preußischen Dienstes
ledig zu werden Wird Dir der Abschied verweigert so müsste einer von uns beiden
sich zur Verfügung des Königs Friedrich Wilhelm stellen« Dies entschied Der
Korporal sandte zum zweitenmal sein Abschiedsgesuch an die Kompanie und schrieb
zu gleicher Zeit einen beweglichen Brief an seinen Gönner den Major Vogt Er
selbst erwartete wenig von diesem Versuche und bereitete sich zur Abreise Und
als er nach mehreren Wochen die Antwort aus dem Stabsquartier erhielt pochte
ihm das Herz Aber glückselig las er den Inhalt denn der Major schrieb dass
sein hoher Chef der Markgraf die Berechtigung dieses Abschiedsgesuches
anerkannt und die Entlassung verfügt habe Der Entlassungsschein sei bereits
ausgefertigt nach Berlin zur höchsten Kenntnisnahme gesandt und werde dem
Bittsteller demnächst zugehen Darauf wünschte ihm der Major höflich Glück zur
Lösung seines Dienstverhältnisses und sprach den Wunsch aus dass er in seiner
Heimat sich als braver Offizier bewähren möge
Befreit von der Last die ihn lange bedrückt atmete August auf Er fuhr mit
dem Schreiben in die Garnison des Herrn von Wölfert empfing Glückwünsche und
wurde sogleich zum Obersten geführt Auch dieser nahm ihn zuvorkommend auf und
sagte »Auf Grund dieses Briefes dessen Handschrift und Schreiber mir
wohlbekannt sind können Sie zur Stelle in mein Regiment eintreten«
»Doch habe ich den Entlassungsschein noch nicht in Händen« wandte August
ein
»Der Brief genügt« versetzte der Oberst »Übrigens darf es nicht von dem
Belieben eines fremden Monarchen abhängen ob ein Sachse in das Heer seines
Vaterlandes eintreten soll oder nicht Und ich rate Ihnen nicht zu zögern denn
unsere Augmentation wird in kurzem beendigt sein und der Aufschub könnte Ihnen
die Stelle unsicher machen die Zusendung des Entlassungsscheins erfolgt bei den
gegenwärtigen gespannten Verhältnissen vielleicht erst nach langer Zeit«
So wurde August Fähnrich in einer Kompanie des Leibregiments Die beglückte
Mutter rühmte jetzt dass ihre Verwandten dies für ihn durchgesetzt hatten und
erzählte wie Tanten und Bäschen deshalb beim Stabe und in Dresden hin und her
gelaufen waren er vernahm auch dass Herr von Mickau mit der Mutter vertraulich
einige artige Geschenke besprach seidene Roben und einen Satz von dem neuen
Meissner Porzellan welche an Gönnerinnen in der Hauptstadt als Rekompens
gesendet wurden In seiner Freude sorgte er wenig darum Sein Dienst wurde ihm
leicht er war durch die preußische Schule fest geworden und fand sich schnell
in das Abweichende des Kommandos und der militärischen Einrichtungen Die
Mehrzahl seiner Kameraden hatte nicht mehr Schulweisheit zur Fahne gebracht als
die preußischen aber sie waren bequemer im Verkehr Er stand jetzt in größerer
Garnison und hatte Gelegenheit auch im Gespräch mit unterrichteten Zivilisten
seine Bildung zu erweisen und gescheite Urteile zu hören Der Familie wegen
empfing er Freundlichkeit selbst von Unbekannten und wenn er seinen
gegenwärtigen Zustand mit der Öde und Verlassenheit der preußischen Garnison
verglich so kam er sich vor wie in einer besseren Welt
Als er einst mit solchen Gedanken auf der Straße ging sah er an einer
Haustür einen kleinen Mann stehen im Schlafrock mit rötlicher Nase und
gescheiter Miene Der Kleine betrachtete ihn mit unverhohlener Bewunderung
»Welche Freude Herr Fähnrich dass ich Sie hier wiederfinde« Das Gesicht des
Fähnrichs zog sich drohend zusammen er erkannte denselben Magister der früher
als Pasquillant der Familie schwere Tage bereitet hatte und wollte mit kaltem
Dank vorübergehen Aber der Kleine vertrat ihm flehend den Weg »Obwohl mir
bewusst ist dass Sie mich ohne Vorliebe regardieren wegen eines alten
unbegründeten Verdachtes so muss ich Ihnen doch sagen da ich Sie jetzt als
Herrn Offizier vor mir sehe dass auch ich mit großer Bekümmernis den Verlust
Ihres hochverehrten Vaters vernommen habe er war ein Mann ganz nach dem Herzen
aller Edlen und ich sehe und vernehme mit Freuden dass sein Herr Sohn ihm
nachgeartet ist«
»Ich danke Ihnen Herr Magister« antwortete August von oben herab
»Gehen Sie nicht so stolz vorüber verehrter Herr Landsmann« bat der
Kleine »erweisen Sie mir nur auf einen Augenblick die Ehre einzutreten damit
ich des schmerzlichen Gefühls enthoben werde dass dieselben ungünstig von mir
denken denn ich habe Sie bereits gekannt als Sie Ihr erstes rotes Röckchen
trugen Denken Sie noch daran wie ich Sie damals in aufrichtiger Schätzung
Ihrer Familie mit einer Tüte Pfeffernüsse regalierte Heute bitte ich um die
Erlaubnis Ihnen mit einem Glase eigenen Wachstums aufzuwarten« »Ich kann
mich nicht aufhalten Herr Magister«
»Nur im Stehen« bat der Magister
Der Fähnrich blieb in dem Flur der Magister brachte ihm mit Verbeugungen
eine Kanne Landwein zugetragen und erzählte während der Gast das Glas in der
Hand hielt dass seine Frau in dieser Stadt einen sehr reichen Onkel beerbt habe
und dass er jetzt als wohlhabender Hausbesitzer die Ernte des eigenen Weinbergs
an gute Freunde ausschenke »Doch« fügte er mit einem trüben Blick nach dem
Innern des Hauses hinzu »nicht alle Götter lächeln dem Sterblichen freundlich
zu wer von Minerva und den Musen Gunst erfährt wird vielleicht von Venus und
Juno kurz gehalten« Eine scharfe Frauenstimme aus der Tiefe des Kellers rief
seinen Namen und fügte einige Scheltworte hinzu »Mehr Juno als Venus« sagte er
wehmütig und wies mit dem Daumen nach der Tiefe
Seit dieser Begegnung hatte August zuweilen Mühe sich der Verehrung des
Magisters zu entziehen zumal wenn er des Nachmittags beim Hause vorbeikam wo
der Kleine durch die Gunst solcher Götter mit denen er auf gutem Fuße stand in
einen gehobenen und redseligen Zustand versetzt war Es ergab sich bald dass der
Magister eine besondere Vorliebe für kriegerisches Wesen hatte Sooft die
Trommler durch die Straßen schritten und die Wache aufzog stand er an der Tür
»Cäsar hatte wenig Haupthaar« sagte er zu dem Fähnrich seine eigene Perücke
hin und her ziehend »und Prinz Eugen ist nicht hoch von Wuchs auch ich habe
seit meiner Jugend zu nichts so große Zuneigung gehabt als zum Amt eines
Obersten oder Generals Glauben Sie hochverehrter Herr Fähnrich es gibt für
einen Mann keine größere Lust als zu kommandieren Schiesst mir dorthin oder
jagt mir den aus der Stadt Himmeldonnerwetter Puff Und nieder mit ihnen Das
war mein Beruf und vertraulich zu reden ich habe noch Stunden wo ich meiner
Juno einen Possen spielen und mich unter die Fahnen des Kriegsgottes stellen
möchte«
»Ich kanns nicht raten Herr Magister« antwortete August »Bevor Sie so
weit kommen dass die Liktoren mit den Rutenbündeln vor Ihnen herschreiten
müssen Sie sich erst der Gefahr unterziehen selbst Spiessruten zu laufen«
»Das schreckt mich nicht« versetzte der Gelehrte geheimnisvoll »auch in
Bürgerhäusern gibt es Besen welche widerwärtig streichen«
Als August eines Abends in sein Quartier kam fand er auf der Hausschwelle
eine kleine Gestalt sitzen welche sich mit dem Taschentuch schneuzte und dann
die Hände zum Himmel hob
»Was tun Sie hier Herr Magister« fragte er verwundert Der kleine Mann
fuhr in die Höhe und sprach schluchzend »Ich melde mich« »Wozu Herr
Magister« Der Kleine griff wieder nach seinem Taschentuch »Ich halte es nicht
länger aus Die öfter erwähnte Juno verdient es nicht besser Ich melde mich als
Rekrut bei Ihrer Kompanie«
August lachte »Beschlafen Sies Herr Magister« Aber der unzufriedene
Gatte fasste ihn am Ärmel und erklärte heftig er wisse wohl was er sage er
wolle jetzt werden was ihm immer im Sinne gelegen denn zu Hause halte er es
nicht aus und er wolle in die Kompanie zu Herrn König treten August sagte
um ihn zu beruhigen »In der Finsternis kann Ihre Annahme nicht stattfinden
machen Sie mir morgen früh die Freude auf ein Schälchen Tee mein Gast zu sein«
Am andern Morgen lud August den Premierleutnant zu sich und beide harrten des
Magisters Dieser stellte sich pünktlich ein setzte sich ernstaft zu seiner
Tasse nieder und als August die Verhandlung mit der Frage einleitete »Wissen
Sie auch Herr Magister dass Sie sich gestern bei mir zum Rekruten gemeldet
haben« Da erklärte der Verzweifelte nüchtern und bestimmt dass er das sehr wohl
wisse und dass er auf seinem Willen bestehe August hielt ihm vor wie wunderlich
es sei dass er Frau und Hausstand aufgebe der Magister aber sprach sich über
alles zivile Leben ja sogar über das Glück der Ehe verächtlich aus und
behauptete wenn der Herr Fähnrich für den er besondere Affektion empfinde ihn
nicht annehme so gehe er von hier sofort zu einer andern Kompanie Die
Offiziere sahen einander an »Wohlan« sprach der Fähnrich aufstehend »wenn Sie
es so haben wollen so muss ich Ihr Verlangen erfüllen und Sie bei meinem Kapitän
melden« Gerade das wollte der Magister »Habe ich Sie aber gemeldet so
werden Sie erfahren dass wir keine lustigen Zechbrüder sind welche mit sich
spielen lassen« Auch das wusste der Gelehrte und er bat den Fähnrich und den
Leutnant sogleich sein Versprechen in ihre Hand zu empfangen damit die Sache
endlich die erforderliche Festigkeit erhalte August meldete dem Kapitän den
Handel und dieser gab erfreut den Befehl am nächsten Morgen den Rekruten zu
ihm zu führen
Den Tag darauf ging August in das Haus des Magisters und da dieser noch
schlief trat er auf die Schwelle des Schlafzimmers und gebot »Der Rekrut
Magister Blasius soll aufstehen und zum Kapitän kommen«
Hinter der Gardine bewegte sichs der Magister steckte den Kopf heraus
»Hören Sie Herr Fähnrich ich habe nicht geglaubt dass es so eilen würde
Entschuldigen Sie gütigst ich kann heute nicht kommen« Zugleich erhob eine
weibliche Stimme sehr heftige Beschwörung mit vielen Scheltworten Der Fähnrich
behauptete seinen Ernst fragte den Magister ob er gesonnen sei gutwillig
mitzugehen oder nicht und als der Magister erklärte »Heut kann ich wirklich
nicht« schickte August nach der Wache Im Hause entstand Geschrei und
Wehklagen eilig wurde der vornehme Bruder Doktor der Rechte und angesehener
Beamter zu Hilfe geholt Dieser kam zugleich mit der Wache und wollte den
Fähnrich über die Nichtigkeit seiner Ansprüche verständigen August aber wies
ihn kurz ab »Ich bitte dass Sie mir in meinem Beruf keine Kollegien lesen
verfahre ich unrecht so wissen Sie wo ich zu belangen bin« Da zog sich der
Doktor schleunig zurück der Magister aber stand im Nachtkleide festgehalten
durch die Arme seiner Gattin welche ihn in heller Verzweiflung vor der
Kriegsmacht schützen wollte Erst das Geklirr der eintretenden Wache befreite
den kleinen Herrn der sich jetzt gutwillig zum Abgang rüstete unterwegs seinen
Soldatenmut wiederfand und auf die zornige Frage des Fähnrichs ob er das
Regiment zum Narren habe versicherte dass ihm das kräftige Verfahren gerade
recht sei seine Frau brauche nicht zu wissen dass er aus eigener Neigung
Militär werden wolle So wurde er zum Hauptmann geführt legte dort bereitwillig
den Eid der Treue ab schrieb eigenhändig seinen Namen in die Stammliste und
erhielt sogleich Urlaub und das Recht bis auf weitere Order zu der Gattin und
seinem Hauswesen zurückzukehren
Während aber August ganz mit sich zufrieden war flüsterte und summte es
durch die ganze Stadt und nach der Residenz liefen bogenlange Beschwerden Der
Bruder des Magisters erklärte laut er werde den Schimpf welcher der Familie
angetan sei nicht ruhig ertragen und wenn es ihn das halbe Vermögen kosten
solle Seine Klagen und wie die Offiziere behaupteten wohlangebrachten
Geschenke hatten auch Erfolg denn ein geheimer Kriegsrat fuhr als
Musterkommissar des Regiments mit einer Kommission von Offizieren und Beamten in
die Garnison ein
Als der Fähnrich vor die Kommission gefordert wurde wollte der Vorsitzende
zuerst von ihm wissen aus welchem Grunde der Hauptmann den kleinen alten
offenbar unbrauchbaren Magister angenommen habe August fühlte sich durch den
Verdacht welcher der Frage zugrunde lag in der Seele seines Vorgesetzten
bitter gekränkt und entgegnete »Ich muss einer hohen Kommission die Antwort auf
diese Frage verweigern weil die Frage ganz unmilitärisch ist denn dem Soldaten
steht es durchaus nicht zu einen Vorgesetzten nach dem Beweggrund seiner
Handlungen zu fragen« Und als der Rat aufs neue drängte »Sie sollen nur Ihre
Meinung zu Protokoll geben die Sie sich jedenfalls gebildet haben« da
versetzte der Fähnrich »Meine Meinung zu sagen wäre ich vollends nicht
verpflichtet Doch bin ich bereit zu erklären was ich selbst in ähnlicher Lage
tun würde Wenn eine Person wie der Herr Magister sich bei mir als dem
Hauptmann freiwillig meldet so werde ich sie annehmen zum Nutzen des Regiments
und des königlichen Dienstes auch wenn ich sie für völlig unbrauchbar halte
Denn da ich weiß dass dem Eingeschriebenen selbst sein Wunsch bald verleidet
wird und dass seine Anverwandten ihn in keinem Fall beim Regiment lassen so bin
ich sicher als Ersatz für ihn einen brauchbaren Mann zu empfangen Jeder
Kapitän aber ist durch seinen Eid verbunden die Kompanie für des Königs
Majestät vollzählig und in gutem Stande zu erhalten«
Dagegen wusste der Vorsitzende nichts einzuwenden aber er bedräute jetzt den
Fähnrich selbst »Wie durften Sie sich unterstehen einen verheirateten Mann von
Kondition aus dem Bette zu holen
Ist Ihnen nicht bewusst dass der Magister als graduierter Gelehrter einen
höheren Rang hat als Sie selbst« Auf solche Fragen verlor August die Geduld
»Wenn ein graduierter Mann sich durch Handgelöbnis verbunden hat als Soldat
einzutreten so hole ich ihn sobald mein Hauptmann es befiehlt zu jeder Stunde
des Tages oder der Nacht aus dem Bett oder aus der Kirche ohne zu fragen wie
vornehm er ist Und wenn es der Herr Geheime Kriegsrat selbst wäre ich würde
Sie holen und im Falle des Widerstandes arretieren Und ich bitte meine Rede
Wort für Wort ins Protokoll zu schreiben«
Da hob der Vorsitzende empört die Hände zum Himmel und der Fähnrich wurde
mit starken Vorhaltungen über sein dreistes und zu Gewalttaten geneigtes Wesen
aus dem Verhör entlassen Doch ein alter Oberstleutnant von der Kommission
folgte ihm in das Vorzimmer und reichte ihm dort die Hand Vom Obersten erhielt
er kurz darauf einen langen schriftlichen Verweis wegen seines heftigen und
keineswegs respektuösen Benehmens unterderhand aber die Versicherung man sei
beim Stabe ganz mit ihm zufrieden so dass er merkte der Dienst werde hier
anders gehandhabt als im Preussischen Der Magister empfing ohne einen
Ersatzmann zu stellen seinen ehrlichen Abschied Und er blickte seitdem scheu
und betrübt zu dem Fähnrich auf wenn dieser stolz an ihm vorüberging
Nur eins war wunderlich der Entlassungsschein aus dem Preussischen kam
nicht August hatte sogleich nach der Anzeige des Majors dem Bruder geschrieben
dass er den Abschied erhalten ihm war damals gar nicht eingefallen dass sich
noch ein Hindernis erheben könne weil er wusste dass Annahme und Entlassung der
Unteroffiziere vom Chef des Regiments allein abhing Jetzt stiegen ihm Zweifel
auf
Aber er vergaß seine Bedenken über einem frohen Ereignis Das Regiment wurde
nach Dresden kommandiert um die Besatzung der befestigten Residenz zu
verstärken August freute sich während des Marsches wie alle jungen Offiziere
auf das großartige Leben doch merkte er nach der Ankunft schon in den ersten
Tagen dass ein Fähnrich der nicht aus vornehmer Familie war oder sorglos Geld
ausgab nur von der Straße den Glanz und die Herrlichkeit betrachten durfte Und
der Dienst in seiner Kompanie wurde beschwerlicher denn der neue
Premierleutnant war ein junger Graf der gar nicht beim Regimente stand sondern
die Uniform auf seinen Reisen trug und der Leutnant war Sohn eines Herrn vom
Hofe und blieb die meisten Abende der Woche vom Dienst dispensiert
Doch auch August sollte der Wunder teilhaftig werden womit die prächtige
Stadt damals den Zugereisten überraschte Als er einst in der Nähe des Schlosses
das Gewühl reichbekleideter Spaziergänger betrachtete die Portechaisen in
welchen vornehme Damen von riesigen Heiducken geleitet wurden vergoldete
Karossen edle Pferde in prächtigem Geschirr die Kutscher in Tressenlivree auf
hohem Bock und an dem Trittbrett hängende Lakaien da fuhr ein vornehmer Wagen
vorüber in welchem zwei Frauen saßen und eine von den beiden glich der Tochter
seines alten Hauptmanns »Es war nur eine Ähnlichkeit« sagte sich August
während ihm das Blut zum Herzen schoss da sah er als der Wagen um die Ecke
rollte dass eine kleine Hand zum Fenster herauswinkte Er eilte nach aber er
vermochte die schnellen Pferde nicht einzuholen War es ein Zufall oder war es
ein Gruß und war Friederike zu einer Dame geworden welche in der Karosse fuhr
Ihm wurde siedend heiß Vergebens suchte er sich auf das Aussehen der anderen
Frau zu erinnern ihm kam vor als sei sie sehr jung gewesen auch von dem Wagen
und den Pferden wusste er nichts Ungewöhnliches anzugeben Es nutzte ihm nichts
dass er die nächsten Tage in jeder Freistunde durch die Straßen irrte und
argwöhnisch in jeden Wagen blickte Er sah das geliebte Mädchen nicht wieder
Als August am ersten Tage des nächsten Monats sein Traktament geholt hatte
und in sein kleines Quartier zurückkehrte fand er in der Stube ein Paket
welches ein fremder Mann für ihn abgegeben und darin zwei bunte
Porzellanfiguren Schäfer und Schäferin von denen jede zierlich auf einem
Felsen saß Er hatte bis dahin der neuen Erfindung keine Beachtung gegönnt aber
er wusste doch dass die Figuren eine kostbare Zuwendung waren Natürlich dachte
er sogleich an Friederike Sollte dies eine Gegengabe für den Stieglitz sein
Aber er verwarf den Gedanken sogleich wieder nach allem was er von ihr wusste
sah ihr dies seltsame Geschenk nicht ähnlich Er stellte die Figuren auf die
bunte Kattundecke der Kommode wo sie neben dem Tabakskasten und den Tonpfeifen
standen wie aus dem Feenland in das gemeine Menschenleben verschlagen
Doch bei dieser Spende blieb es nicht am Ersten des folgenden Monats wurde
wieder etwas abgegeben diesmal eine Puderquaste mit goldenem Griff nach
gleicher Zwischenzeit erschien eine Bonbonniere mit süßem Inhalt und dabei lag
ein Zettel auf welchem mit grober Hand geschrieben war Du hast dich wo es
not zu geben bald beflissen Empfange jetzt den Dank vertrau trotz
Hindernissen
Das konnte von niemand anderem kommen als von der Tochter des Hauptmanns
aber nach der ersten Freude kam ihm wieder die Verwunderung und er zürnte sich
selbst wegen des geheimen Missbehagens das er empfand
Unterdes wurde er auch während des Dienstes durch kleine Abenteuer in
Anspruch genommen Sein Regiment gab die Wache er visitierte vor dem Quartier
des Kapitäns die Parade der Kompanie und marschierte mit der Mannschaft nach dem
Pirnaischen Tor ab
Auf dem Wege wurde er selbst durch seinen Obersten aufgehalten Wie er zur
Wache kam hatte der Unteroffizier bereits die Vergatterung geschlossen durch
welche das Tor während der Ablösung für den Verkehr gesperrt ward und eine
Anzahl Leute wartete am Gatter geduldig auf die Eröffnung Als die Schildwache
ihm auftat weil der Offizier im Dienste war wollte sich ein Mann in grauem
Habit der einen Hut mit goldener Tresse und an der Seite einen Hirschfänger
trug ebenfalls vordrängen begann da ihn der Posten zurückwies gröblich zu
schimpfen und mühte sich das angelehnte Gatter mit seinen Händen aufzureissen
indem er rief dass er ebensoviel Recht habe zu passieren wie der Offizier so
dass der Soldat ihn endlich zurückstossen musste Als August sich umwandte nach
dem Namen fragte und zur Ruhe ermahnte schrie der Fremde »Ich bin gräflicher
Hausmeister und Sie haben mir nichts zu befehlen ich will doch sehen wer sich
untersteht mir das Tor zu sperren« Und er drängte aufs neue und riss am Gatter
Da ließ August den Tobenden arretieren und nach der Hauptwache schaffen und
ersuchte den Offizier der abgelösten Mannschaft welcher den Vorfall mit
angesehen hatte den Hergang und die grobe Widersetzlichkeit des Mannes zu
melden Der Platzadjutant kam später selbst zum Tor ließ sich von dem Fähnrich
berichten und lobte »Sie haben ganz recht getan« Der Arretierte wurde von der
Hauptwache zum Auditeur des Gouverneurs gebracht und von diesem mit einem
scharfen Verweis entlassen
Wenige Tage darauf wurde der Fähnrich zu seinem Obersten befohlen der ihm
mit den Worten entgegenkam »Sie müssen hohe Gönner haben Monsieur König Mir
ist durch ein Billett des Feldmarschalls mitgeteilt worden dass der König die
Gnade gehabt hat Sie zum Leutnant zu ernennen Ich bekenne Ihnen meine
Verwunderung da solche Ernennung ohne Mitwissen des Regimentschefs ungewöhnlich
ist«
»Ich bitte den Herrn Obersten die Versicherung anzunehmen dass ich hier
ganz fremd bin keinerlei Konnaissance habe und meine Beförderung niemals auf
einem anderen Wege betreiben würde als auf dem welcher mir durch die
Zufriedenheit des Herrn Obersten eröffnet wird« Der alte Herr schüttelte den
Kopf »Und doch ist die Sache unzweifelhaft Hier ist der Patentbrief von
Seiner Majestät unterschrieben und mir bleibt nichts übrig als Ihnen Glück zu
wünschen«
Aber der neue Leutnant wurde schnell aus den Träumen von Glück und Liebe
aufgeschreckt als er wenige Tage darauf wieder zum Obersten beordert wurde
»Was zum Teufel Leutnant König ist mit Ihnen los Sie sind vor Seiner
Majestät hart verklagt Aus dem geheimen Konseil geht dem Regiment der Befehl
zu Sie wegen Ehrenkränkung eines gräflichen Hausmeisters zur Untersuchung zu
ziehen Ihnen außer der gebührenden Strafe aufzuerlegen dass Sie den Mann um
Verzeihung bitten und falls Sie sich weigern Ihre Entlassung zu verfügen«
August war über den jähen Sturz wie vom Donner gerührt »Der Vorfall ist bereits
früher vor dem Auditeur des Gouvernements verhandelt« sagte er »Werde ich vom
Regiment für strafbar befunden so muss ich mich der Strafe unterwerfen Den
Zivilisten um Verzeihung zu bitten bin ich meiner Soldatenehre wegen durchaus
nicht imstande und ich flehe den Herrn Obersten an mich im Interesse des
Dienstes gegen diese ungewöhnliche Zumutung zu schützen« Darauf erzählte er den
Sachverhalt und berief sich auf die Zeugen
»Das ist eine widerwärtige Affäre« sagte der Oberst bekümmert »Der grobe
Hausmeister ist in Diensten der polnischen Gräfin Orczelska welche zur Zeit die
einflussreichste Dame der Residenz und Seiner Majestät so wert ist dass ich
besorge die Ombrage der erwähnten Dame wird Ihnen verderblich Ich rate dass
Sie sich sogleich mit einer Supplik an den Feldmarschall wenden damit dieser
Ihnen möglich macht Seiner Majestät direkt Ihre Sache vorzutragen«
»Gestatten der Herr Oberst dass ich diesen letzten Schritt erst dann tue
wenn das Regiment über mein Recht und Unrecht entschieden hat«
Das war dem Obersten unwillkommen weil er sich und dem Regiment nicht eine
mächtige Feindin zuziehen wollte doch konnte er das Begehren des Leutnants
nicht abschlagen August erschien vor der Kommission diese entschied dass der
Offizier nur seine Pflicht getan habe und das Regiment berichtete in gleichem
Sinne Aber der höchste Bescheid darauf war nur eine Wiederholung der früheren
Forderung Abbitte oder Entlassung
Der Oberst war gedrückt und verlegen als er dem jungen Leutnant die
königliche Order mitteilte August aber musste lachen so dass der alte Herr
unwillig sagte »Monsieur König das ist kein Scherz es geht zwar nicht an den
Kopf aber an den Kragen«
»Verzeihung Herr Oberst mir war nur wunderlich dass ich zu meiner
Verteidigung gegen eine Dame bataillieren soll«
»Was aber wollen Sie tun«
»Jetzt bitte ich den Herrn Obersten um Erlaubnis selbst beim Feldmarschall
und bei Seiner Majestät um Rücknahme der Order bitten zu dürfen« Er eilte zur
Stelle in das Palais des Feldmarschalls Grafen Flemming welcher der mächtige
Minister König Augusts des Starken war früher ein Offizier von Verdienst der
lange in preussischem Dienst gestanden hatte jetzt ein gewandter Diener und
lustiger Gesellschafter des Königs ein Mann der an wenig glaubte und sich über
wenig in dieser schlechten Welt wunderte August erhielt leicht Einlass und fand
in dem Grafen einen stattlichen älteren Herrn in seidenem Schlafrock der ihn
wohlwollend empfing Während er das Ereignis vortrug glaubte er zu hören dass
der Minister vor sich hinsagte »Die betrunkene Katze« der laute Bescheid aber
war »Ich denke die Affäre des Herrn lässt sich arrangieren Ich an Ihrer Stelle
würde den Burschen auch nicht um Verzeihung bitten Melden Sie sich morgen bei
dem diensttuenden Offizier vor den Appartements des Königs und erwarten Sie mich
dort ich werde Sie selbst einführen«
Alles geschah wie er gesagt Am anderen Morgen schritt der Feldmarschall
dem harrenden August zuwinkend nach den Zimmern des Königs nicht lange die
Tür öffnete sich und der Leutnant erhielt Befehl einzutreten Seine Majestät
stand hoch mit königlicher Miene ihm gegenüber immer noch eine gebietende
Gestalt obgleich das wüste Leben die vielgerühmte Kraft und Völligkeit bereits
gemindert hatte Er musterte das Äußere des Leutnants und drückte dem Grafen
durch ein Kopfnicken seine Befriedigung aus »Ich vernahm worum es sich für
Euch handelt« begann der Herr gnädig »erzählt selbst den Vorfall« Und als
August berichtet hatte sprach der König »War es wie Ihr sagt so hat der
Verhaftete geringen Grund zu seiner Beschwerde Ihr tatet ganz recht ihn nicht
durchzulassen Dass Ihr ihn als Arrestanten auf die Hauptwache führen liesst ist
wohl im jugendlichen Diensteifer geschehen« Und zum Grafen gewandt fuhr er
französisch fort »Die kindische Gräfin hat ihren Kopf auf die Deprekation
gesetzt ich kann im Grunde dem jungen Manne nicht verdenken dass er sich
weigert dem Schurken Gregor Abbitte zu tun der Mensch hat sich unter den Polen
das Brutalisieren angewöhnt Versetzen Sie den Leutnant zu einem anderen
Regiment damit er dem Kinde aus den Augen kommt«
»Das Leibregiment hat sich seiner angenommen« antwortete der Minister mit
ehrerbietigem Achselzucken ebenfalls französisch »Die Versetzung wird in der
Garnison Aufsehen machen und die Offiziere werden sich beklagen dass sie an
höchster Stelle bei Erfüllung ihrer Dienstpflicht nicht geschützt werden« Und
in deutscher Sprache fuhr er fort »Der unbedeutende Vorfall würde am besten
beigelegt werden wenn der Leutnant der Gräfin selbst ein artiges Bedauern über
das Rekontre ausspräche Der militärische Stolz welcher ihn verhindert dem
Hausmeister Entschuldigungen zu machen dürfte einer liebenswürdigen Dame
gegenüber nicht genieren« Der Leutnant rückte sich zurecht um gegen die
Zumutung zu protestieren aber er sah die zusammengezogenen Brauen des Grafen
und fing einen warnenden Blick auf so dass er stumm blieb Auch dem Könige
gefiel der Vorschlag des Staatsministers nicht er betrachtete den blühenden
Jüngling wieder von Kopf bis zu Fuß aber mit weit geringerem Wohlwollen und
sagte kurz »Das ist nicht nötig Die Sache soll durch mich erledigt werden«
und verabschiedete den Leutnant durch eine kleine Bewegung seiner Locken
August meldete seinem Obersten den guten Erfolg der Audienz »Haben Sie
etwas Schriftliches erhalten« fragte dieser Und auf die verneinende Antwort
sagte er »Hier aber liegt eine königliche Order Wir warten also ab« Aus dem
Kabinett erfolgte nichts weiter August tat seinen Dienst wie zuvor bis ihn
einst der Oberst nach der Parade auf die Seite nahm »Soeben ist durch das
Stadtkommando an mich die Anfrage ergangen warum Sie die Abbitte noch nicht
getan und dazu der Befehl die königliche Order unverzüglich auszuführen
Suchen Sie sich schnell selbst zu helfen wenn Sie Gönner finden«
Wieder stand August in der Antichambre des Feldmarschalls Er musste diesmal
lange warten wurde auch gar nicht eingelassen der Graf trat heraus um
wegzufahren und sagte im Vorbeigehen achselzuckend »Ich bin nicht imstande
Ihnen beizustehen Der Einfluss jener Dame ist übermächtig geworden Was ich
damals vorschlug nicht in der Meinung dass es nötig sein werde ist jetzt die
letzte Hilfe Suchen Sie die Gräfin auf und sagen Sie ihr etwas Verbindliches
die Dame lässt mit sich reden« Damit schritt der Minister vorüber August ging
langsam hinterdrein an der Treppe blieb er stehen und lehnte sich an die
Brüstung Das also war das Ende seiner Hoffnungen so sah der Dienst in seinem
Heimatlande aus Warum sollte er nicht zu der schönen Gräfin gehen Das taten ja
alle von Seiner Majestät und dem Feldmarschall an Warum sollte er der
Leutnant eine andere Ehre haben als diese Es war einmal der Welt Lauf Da kam
ihm sein erschossener Hauptmann in den Sinn er schlug mit der Faust auf den
Pfosten der Treppe und rief laut »Nein«
»Ja« antwortete eine Mädchenstimme und eine kleine geballte Hand schlug
neben der seinen auf die Treppe Vor ihm stand ein junges Fräulein von etwa
dreizehn Jahren in elegantem Hauskleide mit einem feinen Gesicht das über ihr
Alter klug schien sie neigte das Köpfchen zur Seite sah ihn schlau an und
fragte »Monsieur König Leutnant im Leibregiment Kommen Sie schnell mit« Sie
flog ihm voraus durch mehrere Zimmer und rief lustig an der Tür des letzten
»Bibi ich habe ihn eingefangen da ist er« Ein Mädchen sprang von der Arbeit
auf die Robe über welcher sie nähte rauschte auf das Parkett und Friederike
stand mit hoher Röte übergossen vor dem Leutnant Auch August war von dem
unverhofften Anblick so überrascht dass er sich stumm verneigte
»Ist das ein Wiedersehen von zweien die einander gut sind« schalt das
mutwillige Fräulein »Hier ist Bibis Hand Monsieur König« Sie zog die
Widerstrebende vorwärts »Wollen Sie ihr einen Kuss geben so wende ich mich ab«
Sie flog in einen Sessel warf sich hinein und vergnügte sich damit ihren roten
Samtpantoffel vom Fuß in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen August
folgte dem Rat den die junge Dame gegeben hatte »Seit Wochen suche ich Sie
vergebens«
»Ich bin hier als Dienerin der Komtesse« antwortete Friederike befangen
»Das ist nicht wahr« rief die Komtesse über die Schulter zurück »Sie ist
meine liebe Freundin und mir von dem Herrn Vater geschenkt damit sie mich zu
einer Deutschen mache« Man hörte der Sprache des Fräuleins an dass sie von
Fremden erzogen war »Ich wundere mich über den Herrn Leutnant weil er mit
Worten so sparsam ist«
»Ich höre der gnädigen Komtesse zu« versetzte August
»Ja so« sagte die Kleine und schnellte wieder in ihren Sessel zurück
»Es ist mir weit besser geraten als ich zu hoffen wagte« erzählte
Friederike »Ich hatte mich wegen eines Unterkommens an unseren Herrn Major Vogt
gewandt und dieser schrieb meinetwegen an den Herrn Grafen den er aus der Zeit
des preußischen Dienstes kannte Da traf es sich gerade dass unser Herr Graf
selbst für die Komtesse Tochter eine Person suchte welche in Sachsen fremd wäre
und ohne Familienanhang So hatte ich das Glück hierherzukommen Denn Monsieur
König Sie ahnen nicht wie gut mein liebes Fräulein ist« Sie eilte zu der
Komtesse und neigte sich über die Hand die kleine Dame aber fasste sie bei den
Ohren küsste sie und streichelte ihr mit der Hand die Wange wie eine Mutter
ihrem Kinde »Ich weiß alles« sagte sie stolz zu August aufsehend »dass der
Herr Leutnant sich wie ein echter Kavalier gegen Demoiselle Bibi benommen hat
Nein viel besser Sie waren ein bescheidener Schäfer und ich hoffe Sie sind
ihr von ganzem Herzen gut obgleich ihr nur stumm aus der Ferne füreinander
geseufzt habt Aber Sie sollen wissen dass Ihre Schäferin auch sehr hübsch zu
reden versteht Ihren Vogel hat ein Läufer hergebracht und Sie können ihn im
Hause wiedersehen«
»Dagegen habe ich der lieben Demoiselle für größere Überraschungen zu
danken« sagte August »die mir hier in mein Quartier geflogen sind«
Friederike sah befremdet zu ihm auf »Das war ich« lachte die Komtesse
»War der Vers nicht schön Ich habe ihn aber nur abgeschrieben«
»Von einer anderen Verwendung meiner jungen Herrin aber weiß ich« sagte
Friederike mit glücklichem Lächeln sich vor dem Offizier verneigend »Ich
gratuliere dem Herrn Leutnant zu seiner Charge«
»Ach dieses Glück welches ich der gnädigen Komtesse zu danken habe«
versetzte August traurig »hat nicht lange gedauert ich bin gezwungen meinen
Abschied zu nehmen auch Seine Exzellenz von der ich eben komme vermochte mir
nicht zu helfen« Und er erzählte das Unglück »Mir wurde der Rat gegeben die
Gräfin selbst um Verzeihung anzugehen aber ich kann mich nicht dazu
entschließen«
Beide Mädchen protestierten lebhaft dagegen »Das dürfen Sie nicht um
dieser Demoiselle willen« versetzte die Komtesse mit mehr Ernst als sie bis
dahin gezeigt »Verzögern Sie womöglich die Entscheidung bis auf morgen
Monsieur König vielleicht habe ich Gelegenheit mit dem Herrn Vater über Ihren
Handel zu sprechen Jetzt aber dürfen Sie der Demoiselle noch einmal die Hand
geben und dann schicken wir Sie fort Wollen Sie in Zukunft meinen Liebling
sehen so müssen Sie sich bei mir melden denn ich bin Herrin im Hause und
außerdem Gouvernante dieses Kindes« August versprach alles und schied mit neuem
Lebensmut
Am Abend war bei dem Staatsminister glänzende Gesellschaft der König selbst
war zugegen und alle Herrschaften des Hofes welche sich der König begehrte
Beim Beginn der Assembleen war die Komtesse anwesend vielleicht nach polnischem
Brauch vielleicht weil der Vater der sie zärtlich liebte auf den Geist und
Takt stolz war welchen sie bei solchen Gelegenheiten bewies Die junge Dame
empfing an Stelle der abwesenden Hausfrau die Gäste und zog sich zurück sobald
der König sich zum Spiel niedersetzte oder der Tanz begann Da der König sie
seine kleine Hebe nannte ihr Vater der mächtigste Mann des Landes war und ihre
verstorbene Mutter eine Prinzessin vom höchsten polnischen Adel so wurde sie
auch von den Damen mit ungewöhnlichem Respekt behandelt Und Monsieur August
hätte sich über die Haltung gewundert mit welcher das ausgelassene Kind die
Gräfin Orczelska begrüßte denn bei dem Empfange war das Kind die vornehme Dame
die Gräfin aber ungeachtet ihrer nahen Beziehungen zum Könige doch die
Unsichere
Als der König mit der Orczelska und dem Hausherrn sich zum Trisette gesetzt
hatte und die Karten ausgeworfen wurden trat die kleine Komtesse an den König
und bat »Bevor ich Eurer Majestät gute Nacht sage flehe ich um gnädige
Erlaubnis auch einmal hinter dem Stuhl mitzuspielen« Der König wandte sich um
»Willst du mein Partner werden« Das Fräulein nickte »Ich will auf Eure
Majestät gegen die Gräfin halten wenn Gräfin Orczelska mir das verstattet«
»Worum will die Komtesse mit mir wetten« fragte die Gräfin
»Geld habe ich nicht aber ich für mein Teil setze meinen Papagei welcher
der Frau Gräfin neulich so gut gefiel und die Frau Gräfin verspricht wenn sie
verliert einem Herrn den ich auswähle eine Freundlichkeit zu erweisen die
ich auch bestimme« Da antwortete die Orczelska »Das ist gefährlich Komtesse
Ehe ich darauf eingehe müsste ich wissen wer der Herr ist« Das Fräulein nahm
schnell ein Pergamentblatt schrieb mit dem Goldstift den Namen August K und
wies ihn der Polin Diese las nickte ihr lachend zu und sah den König an und
die Damen legten die Fingerspitzen zur Bekräftigung aufeinander Das Spiel
begann der König hatte nicht gute Karten aber die Gräfin war beflissen ihr
Spiel zu verlieren und so machte sichs dass die Majestät und mit ihr das
Fräulein gewannen Da verneigte sich das Kind vom Hause tief vor dem König und
der Gräfin und sagte »Majestät der Herr dem die Gräfin einen Gefallen zu tun
versprochen hat ist August König Leutnant im Leibregiment und das Gute was
die Frau Gräfin ihm tun wird ist dass sie die Forderung aufgibt er solle ihrem
Hausbedienten Abbitte tun« Die Gräfin errötete vor Unwillen und wandte sich zum
Minister »Diese Surprise haben Exzellenz arrangiert Das Spiel mit dem
Gleichklang der Namen war kein Meisterstück«
»Papa ist unschuldig gnädige Gräfin« sagte die Kleine »Ich traf den
Leutnant zufällig in unserem Hause als er von Papa ohne günstigen Bescheid
entlassen war Seien Sie nicht böse auf mich dass es mir Freude macht auch
einmal jemanden zu protegieren Hätten Sie den armen Jungen gesehen wie traurig
er war er hätte auch Ihnen leid getan Bitte schenken Sie mir die Verzeihung
für den Leutnant und nehmen Sie dafür den Papagei«
»Frauen halten ihr Wort gegeneinander« sagte die Orczelska »Ich bitte Eure
Majestät den genannten Leutnant zu pardonieren« Und zu der Tochter vom Hause
gewandt fuhr sie fort »Er soll sich nicht nur bei der lieben Komtesse
bedanken sondern auch bei mir«
Da aber entschied seine Majestät mit hoher Würde »Es ist für einen Offizier
am besten wenn er niemandem zu Dank verpflichtet ist als seinem Landesherrn
Teilen Sie ihm seinen Pardon mit Flemming«
Unsicheres Glück
Am Ersten jedes Monats durfte der glückliche Leutnant seine liebe Demoiselle im
Hause des Grafen besuchen dann war immer die kleine Komtesse zugegen sie las
in einem Buche und fuhr nur zuweilen in das Gespräch der Liebenden hinein Doch
trotz dem Zwang den ihre Gegenwart auferlegte lernte August jetzt sein Mädchen
in anderer Weise lieben als früher er erkannte nicht nur dass ihr Herz an ihm
hing auch dass sie gescheit und redlich war und in ihrem Charakter dem Vater gar
nicht unähnlich Zuweilen verwünschte er die Beschränkung des Verkehrs doch
trug gerade das Ungewöhnliche der Besuche dazu bei seinem lebhaften Sinn das
Verhältnis reizvoll zu erhalten Und als sein Regiment in die alte Garnison
zurückkehrte wurde zwar die Trennung schwer und das Abkommen der Liebenden
einander fleißig zu schreiben vermochte nur wenig zu trösten aber August
behielt doch die gehobene Stimmung Er war wieder geneigt sich für ein
Glückskind zu halten wozu ihn einst die Frauen im elterlichen Hause ernannt
hatten Wurde er auch zuweilen durch Fortunas Finger herabgedrückt immer wieder
war er in die Höhe geschnellt und er hoffte dass die Zukunft auch seinem
größten Herzenswunsch hold sein werde
Seine Mutter freilich fand er in ernsten Sorgen als er sie von der Garnison
aus besuchte Das Vertrauen zu dem Vormunde war gründlich erschüttert Die
Grossmama welche in der letzten Zeit hinfällig geworden hatte dem vornehmen
Vetter Verfügung über den größten Teil ihres Vermögens gestattet und der Herr
war in weltmännischem Leichtsinn der Versuchung unterlegen dasselbe zur
Bezahlung seiner drückenden Schulden zu verwenden Die Sicherheit welche er
etwa noch bieten konnte war so ungenügend dass ein großer Verlust in Aussicht
stand
In dieser Zeit war für Madame König der Anblick ihres Leutnants und der
Gedanke an seine gute Karriere die beste Erquickung Und wenn sich August in der
neuen Montur mit seinem silbernen Degen ritterlich um Dorchen bewegte und das
Fräulein zu den Tulpen und Narzissen des Gartens führte gefiel er jetzt auch
der gnädigen Frau von Borsdorf sie bedachte dass trotz der Schulden das Gut
doch nach einigen Jahren einen Landwirt ernähren könne und da sich auch die
polnischen Aussichten als Trugbilder erwiesen hatten so ging diesmal ihr Herz
auf und sie sagte auf die Kinder weisend zu ihrer Freundin »Es ist ein
hübsches Paar und sie halten treu zusammen« Aber sie erhielt nicht die
Antwort welche sie begehrte denn diesmal wurde Madame König zur Vorsicht
gemahnt durch den Wunsch für ihren Sohn eine reiche Partie wenn auch eine
bürgerliche zu gewinnen und sie antwortete »Es ist eine Kinderfreundschaft
meine Liebe man kann beide ruhig gehen lassen sie denken sich weiter nichts
dabei« so dass Frau von Borsdorf Mühe hatte ihre Kränkung zu verbergen und auf
dem Rückwege das verwunderte Dorchen schalt weil sie zu vertraulich mit dem
Leutnant gewesen sei
Nur einen geheimen Kummer hatte August Sein preußischer Abschied kam nicht
Die Wetterwolken zwischen Preußen und Sachsen hatten sich verzogen sie konnten
nicht mehr das Hindernis sein War es die Ungnade des Königs August suchte sich
diese Möglichkeit auszureden aber die Ungewissheit bedrückte ihn so sehr dass er
zum zweitenmal an seinen Gönner Vogt schrieb welcher jetzt Oberstleutnant des
Regiments war und um Nachricht bat Auf diesen Brief erhielt er keine Antwort
wohl aber schrieb ihm sein alter Freund Roncourt er sei veranlasst ihn zu
benachrichtigen dass sein Name in der Regimentsliste nicht gestrichen und nur
durch besondere Gnade des Chefs mit dem Vermerk »beurlaubt« versehen sei dass
aber der Hauptmann heftig von Desertion spreche und behaupte dass die Kompanie
solche Schonung nicht länger ertragen könne Während August noch den Schreck
über diese Nachricht in sich herumtrug ließ ihn der Oberst kommen und erklärte
mit umwölkter Stirn ihm sei der Privatbrief eines höheren Offiziers von
Markgraf Albrecht zugegangen der König von Preußen habe den Entlassungsschein
nicht an das Regiment zurückgeschickt und nach wiederholten Anfragen den
Bescheid erteilt er verweigere den Abschied Auf dienstlichem Wege sei in
dieser unangenehmen Angelegenheit keine Hilfe zu finden
Bestürzt antwortete August »Der Herr Oberst haben als ich eintrat auf den
Entlassungsschein keinen Wert gelegt«
»Allerdings« versetzte der Oberst »unter den damaligen Konjunkturen und da
die Erteilung zweifellos schien Doch verhehle ich Ihnen nicht dass es dem
Regiment unangenehm sein würde wenn die Herren Preußen an unserem Hofe Alarm
schlagen sollten Deshalb rate ich die Sache auf diplomatischem Wege zu
erledigen«
»Ich bitte den Herrn Obersten sich für diesen Weg meiner anzunehmen«
»Mein junger Freund« antwortete der Oberst wohlmeinend »in dergleichen
diffizilen Fällen gilt als Regel dass die große Treppe weniger bequem zum guten
Ziele führt als die kleine Geht die Angelegenheit auf der großen Treppe durch
das Regiment an die Majestät so gibt es auf eine kühle Verwendung aus Dresden
eine Antwort von kurzer Höflichkeit aus Berlin und die Sache kann für immer zu
Ihrem Nachteile entschieden sein während durch Konnaissancen und Privatregards
ohne Schwierigkeit das Gewünschte erreicht wird Sie kennen ja den würdigen
Herrn von Reck«
Das musste August zugeben Denn Herr von Reck Besitzer eines nahen Gutes
war Dorchens Vormund August hatte schon als Knabe auf dem Gute zugleich mit
Dorchen im Wasser gelegen und war jetzt zuweilen bei Jagden ein willkommener
Gast »Der Kavalier« fuhr der Oberst fort »ist ein Verwandter unseres
Geschäftsträgers in Berlin wenn er diesen veranlasst bei dem Staatsminister von
Grumbkow einige gute Worte einzulegen so wird der Entlassungsschein ohne allen
Lärm erteilt«
August war mit diesem Bescheid unzufrieden aber er fand keinen besseren
Rat Er fuhr sogleich auf das Gut des Herrn von Reck machte ihn zum Vertrauten
seiner Not und erhielt das Versprechen warmer Verwendung Er sah jetzt ein dass
er in übler Lage war Es wurde ihm leicht gegen die Mutter zu schweigen aber
das größte Missbehagen empfand er als er an seinen Bruder schrieb denn er
getraute sich nicht mehr diesem seine Verlegenheit mitzuteilen Sich selbst
sagte er dass er dem Bruder nicht unnötige Sorgen machen dürfe aber im Grunde
bangte ihm vor dem entschiedenen Willen des Ältesten Bald jedoch gewann er
wieder Zutrauen auf einen guten Ausgang dieser Angelegenheit denn er empfing
einen neuen Beweis dass das Glück nicht müde wurde ihm Überraschungen zu
bereiten
Einst sah er auf der Straße einen kleinen Herrn vor sich hergehen mit
gebeugtem Haupte in schwarzem Trauerkleide den Degen an der Seite Erst nach
einer Weile erkannte er seinen früheren Rekruten und wollte verwundert über den
Wandel im Äußeren des Magisters mit kurzem Gruß vorüber als der Kleine
aufblickte und ihn anredete während ein Freudenschimmer über sein Gesicht zog
»Es ist mir ein unerwartetes Vergnügen den Herrn Leutnant wiederzusehen«
»Guten Morgen Herr Magister« versetzte August und ging weiter Aber der
Kleine drängte sich an seine Seite und bat indem er die Hand am Degen
gleichen Schritt zu halten suchte »Entziehen sich der Herr Leutnant nicht
meiner Gesellschaft da mir jetzt ein mitfühlendes Herz Bedürfnis ist Juno
ist gestorben lieber Monsieur König«
»Ich bedaure Herr Magister«
Der Kleine griff nach seinem Taschentuch »Sie war zuweilen strenge« sagte
er »jedoch lag das mehr in ihrem Charakter als in einer ungünstigen Gesinnung
gegen mich denn sie meinte es manchmal besser zu mir als ich selbst« Er
wischte sich die Augen »Lugete Veneres Cupidinesque Sie hat mir alles
hinterlassen was sie besaß drei Häuser und in dem Kasten dessen Schlüssel
immer in ihrem Bett steckte war viel mehr als irgend jemand gedacht hatte und
kurz Monsieur König ich bin auf meine alten Tage ein reicher Mann« Wieder
fasste er nach seinem Tuche
»Dazu wünsche ich Glück Herr Magister« sagte August immer noch bemüht
sich zu entziehen
Aber der Witwer fuhr Tritt haltend fort »Wer zu den Sechzigen gekommen
ist und in der Welt allein steht findet das Glück nicht groß Hat der Herr
Leutnant einige Zeit für mich übrig so wage ich die Bitte mit mir hier auf den
Friedhof zu treten und das Monument zu betrachten welches ich der Seligen
gesetzt habe«
Er bat so angelegentlich dass August mit ihm ging Als der Kleine mit
Genugtuung die Urne aus Sandstein gewiesen und die Tafel deren Inschrift den
Verlust einer zärtlichen Gattin beklagte setzte er sich auf eine Ecke des
Grabsteines und begann feierlich »Herr Leutnant ich habe Sie hierhergeführt
weil es mich drängt Ihnen etwas mitzuteilen Ich kann das einsame Leben nicht
länger ertragen«
»Wollen Sie wieder heiraten« fragte August verwundert
»Damit ist es vorbei« sagte der Magister den Gedanken mit der Hand
abwehrend »Nein Monsieur König ich habe den Wunsch Sie nach römischem Recht
zu adoptieren und zu meinem Erben zu machen«
»Herr Magister« versetzte der erstaunte August »das ist ein Gedanke wie
damals wo Sie mein Rekrut werden wollten Es würde Ihnen bald leid tun Sie
wissen ich habe schon einmal Unannehmlichkeiten gehabt weil ich Ihrem Wunsche
willfährig war es könnte mir jetzt noch übler bekommen«
»Mir war es damals widerwärtig« klagte der Magister »und es geschah gegen
meinen Willen dass die Verwandten sich einmischten Jetzt aber ist auch mein
Bruder tot obgleich er jünger war als ich und er hat keine Kinder
hinterlassen Da habe ich Sie mir ausgewählt Sie waren mir angenehm seit Ihrer
Kinderzeit und Sie haben das richtige heroische Wesen denn mein Erbe soll nur
ein Mann von Bravour sein«
Da August trotz der ernsten Zumutung die ihm gestellt wurde ein Lächeln
nicht bergen konnte hob der Kleine den Finger und sagte feierlich »Herr
Leutnant wenn Ihnen das Innere meines Herzens bekannt wäre würden Sie nicht
lachen Lassen Sie sich vor dieser Urne erzählen was ich noch keinem Menschen
vertraut habe auch nicht meiner Seligen Ich war ein fröhliches Kind von guten
Anlagen hatte immer Freude an dem Poetischen und einen guten Stilus so dass die
Lehrer und auf der Universität die Herren Professoren mich lobten und meine
Mutter auf mich als den ältesten der Kinder ihre ganze Hoffnung setzte Aber
ich war demütig erzogen und von schüchterner Natur Da als ich bereits Magister
war und den Degen trug wurden meine Mutter und meine verstorbene Schwester von
einem jungen Offizier so schwer beleidigt dass ich die Pflicht fühlte
Satisfaktion von ihm zu fordern Ich fühlte die Pflicht Monsieur König denn
ich hatte das richtige Ehrgefühl aber als es dazu kam versagte dem armen
Magister der Mut« Er verdeckte die Augen mit der Hand »Dies wurde das Unglück
meines Lebens denn seitdem war ich mir selbst verächtlich die Leute wunderten
sich dass ich herunterkam und in die Schenke ging und meine Mutter starb in
Kummer« Er stützte den Kopf auf die Hand »Sie werden mich ganz gering achten
Herr Leutnant«
»Nein lieber Herr Magister« rief August in herzlichem Mitgefühl »Ich kann
mir jetzt auch denken weshalb Sie immer Soldat werden wollten«
»Nicht wahr« fragte der Magister aufblickend »als Soldat hätte ich die
Dreistigkeit erhalten Sie aber Monsieur König haben das resolute Wesen
welches ich mir wünsche Als Sie mich arretierten fühlte ich in meinem Herzen
die größte Hochachtung vor Ihnen Seit der Zeit lag mir auf der Seele wie
glücklich ich wäre wenn ich einen solchen Sohn hätte Darum will ich Sie dazu
machen indem ich Sie an Kindesstatt annehme und ich bitte Sie missachten Sie
meinen Antrag nicht denn er kommt aus gutem Herzen und ist ernstaft gemeint«
Da schüttelte August die Hand des Magisters und antwortete »Der Herr
Magister hat mir größeres Vertrauen geschenkt als sonst jemanden Ich will
meinen Dank dadurch beweisen dass auch ich Ihnen etwas offenbare was noch
niemand von mir gehört hat Aber Herr Magister nicht auf dem Friedhofe
sondern im Freien wenn Sie mich begleiten wollen« Der Kleine erhob sich
bereitwillig und August führte ihn aus dem Tore zwischen die Getreidefelder
Dort begann er im Sonnenlicht unter den blühenden Ähren »Ich will zu Ihnen von
einer Demoiselle sprechen die ich innig liebe und die wie ich hoffe auch mir
zugeneigt ist Sie ist sittsam und gut erzogen aber sie trägt ein schweres
Unglück sie hat vor dem Gesetz keinen Vater« Und er erzählte den ganzen
Verlauf seiner Liebe wie er Friederike kennengelernt und wie er Jahr und Tag
den Zwang getragen sie nicht zu sprechen Er erwähnte auch bescheiden den
Stieglitz und das Honorar für die französische Stunde den Tod ihres Vaters und
wie er sie verloren und in der Hauptstadt wiedergefunden und er schloss mit den
Worten »Herr Magister meine Mutter lebt und sie würde es als eine Untreue des
Sohnes gegen den verstorbenen Vater betrachten wenn ich in eine andere Familie
treten wollte Kann ich aber nicht der Sohn des Herrn Magisters werden das
Glück meines Lebens würde ich Ihnen danken wenn Sie mich zum Schwiegersohn
annehmen wollten« Während August feurig von der Geliebten erzählte saß der
kleine Magister unter Kornblumen und Feldmohn auf einem Stein und um ihn wogten
die Ähren im Winde Er saß still mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen und
die Tränen liefen ihm immer stärker an den Wangen herab ohne dass er es selbst
wusste Nur einmal als der Erzähler von dem gewaltsamen Tode des Hauptmanns
berichtete stand er auf und starrte den Jüngling mit wildem Blick an aber er
setzte sich sogleich wieder Als August geendet hatte blieb der Kleine noch
immer sprachlos der Mund zuckte ihm krampfhaft und er rang vergebens mit
seiner Bewegung Endlich begann er leise »Jener erwähnte Hauptmann Spieß war
als Fähnrich in sächsischem Dienst und trat bei der Reduktion in ein preussisches
Regiment Der Magister Blasius aber und sein Bruder haben nach der Sitte der
Gelehrten ihrem Namen die lateinische Endung angehängt und die verstorbene
Mutter der Demoiselle Friederike welcher Sie gut sind hieß mit ihrem
Familiennamen Blass und war die leibliche Schwester desselben Magisters welchen
Sie kennen Der Hauptmann nahm die Tochter als sein Kind feindselig in das
Preussische Lassen Sie mich jetzt allein Monsieur August Ein alter Mann
wünscht der göttlichen Vorsehung zu danken dass sie es mit ihm in seinen alten
Tagen weit besser gefügt hat als er verdient« Er winkte grüßend mit der Hand
und ging allein durch die Kornfelder dahin
Am nächsten Tage reiste der Magister mit Briefen die ihm August für die
Geliebte und für die Komtesse geschrieben hatte nach der Residenz Beim
Abschiede sagte er dem Glücklichen »Ich komme nicht eher zurück als bis ich
durch das geheime Konseil für mich eine Tochter und für Sie die Jungfer Braut
erhalten habe und ich hoffe dass ich das Kind mitbringe«
Unterdes empfing Herr von Reck die Antwort seines Verwandten sie war so
ungünstig wie möglich Der König hatte auf ein wohlwollendes Fürwort welches in
seinem Tabakskollegium an ihn gerichtet wurde zornig geantwortet er werde dem
Flüchtling den Entlassungsschein nicht geben und wenn die sächsische Majestät
selbst ihn darum angehe Er wolle ein Exempel statuieren Auffällig sei nur dass
er trotzdem die Sache liegen lasse und beim Regiment nichts verfüge Vielleicht
könne noch eine zu guter Stunde von der Familie übergebene Supplik nützen und
dafür eröffne sich gute Gelegenheit weil der König in den nächsten Wochen das
Kottbuser Land bereisen und ganz in der Nähe des Herrn von Reck verweilen werde
Nach Empfang dieses Briefes ließ sich Herr von Reck durch sein Mündel
welches für die Sommermonate zum Besuch war die Londoner Adresse des Kandidaten
König geben und schrieb zunächst nicht an August sondern an den Ältesten der
Familie
Dorchen war an einem hellen Sommertage mit sorglosem Herzen durch die Felder
gewandelt Jetzt lehnte sie an dem neuen Geländer des Steges von dem sie als
Kind ins Wasser gefallen war band Feldblumen zu einem Strausse und dachte an
vergangene Zeiten Da vernahm sie schnelle Tritte derselbe Mann von dem sie
selig geträumt kam auf sie zu Sie wusste bereits dass er im Herbst aus England
zurückerwartet wurde und flog ihm freudig entgegen Aber sie hielt erschrocken
vor dem schwermütigen Ernst an der auf seinem Antlitz lag »Ich komme meines
Bruders wegen dessen Ehre und künftiges Leben in großer Gefahr sind« begann
Fritz gemessen »Einen Tag war ich bei der Mutter ich habe ihr nur gesagt dass
ich wegen Augusts Entlassung mit Ihrem Herrn Vormund verhandeln müsse Dies ist
jetzt geschehen Von hier gehe ich um mich nach meinem Versprechen dem Könige
von Preußen zu stellen Ich habe keine Hoffnung zurückzukehren Vorher wollte
ich noch einmal das liebe Fräulein sehen ich bitte Sie dass Sie meiner
freundlich gedenken« »Muss der Herr Kandidat gehen« fragte Dorchen einer
Ohnmacht nahe
»Ich muss Die Gefahr ist für meinen Bruder und für mich nicht dieselbe Er
hat harte Strafe zu befürchten die er schwerlich ertragen würde ich habe davon
nichts zu erwarten Leben Sie wohl Dorotee« Ihn übermannte die Rührung er
wandte sich schnell ab und schritt dem Hause zu Dorchen neigte sich über das
Geländer die Sommerblumen schwammen im Wasser dahin
In der Wohnung des Magisters saßen am Abend desselben Tages drei Fröhliche
zusammen der Magister als Hausherr und Vater nahm den Ehrenplatz auf dem Sofa
ein aber der neuen Würde ungewohnt fuhr er hin und her um Tischgerät
herbeizuholen so dass Friederike ihn bitten musste ihr Recht als Tochter zu
beachten Die Demoiselle goss den Herren aus großer Kanne den vornehmen Trank der
Schokolade welche der Magister aus der Residenz mitgebracht in die Schälchen
und August freute sich innig über die sichere Ruhe mit welcher sie sich in der
neuen Umgebung bewegte Während er erzählte und die beiden zuhörten trat sein
Bursch herein und brachte einen Brief den ein Expressbote vom Gute des Herrn
Reck zugetragen hatte Darin schrieb der Gutsherr vorsichtig dass Augusts Bruder
angekommen sei und sich dem König von Preußen während dessen Reise vorstellen
wolle Dem Herrn Leutnant werde erwünscht sein dies zu erfahren und vielleicht
mit dem Absender des Briefes Rücksprache zu nehmen
August saß betäubt und in dem Bestreben sich und der Geliebten den
furchtbaren Ernst der Nachricht zu verhüllen sagte er »Mein lieber Fritz Ich
denke ihm gelingt es mit dem König fertig zu werden« Aber er rief gleich
darauf »Ein Fremder muss mir schreiben dass mein Bruder in der Nähe ist«
Niemand antwortete August stützte den Kopf in die Hand und starrte auf den
Brief Da sagte Friederike ruhig »Ist der Herr Bruder von großer Leibeslänge
und sein Versprechen gegen unseren König von der Art wie er dem Monsieur August
erzählt hat so wird dem Könige mehr an dem Bruder gelegen sein als an meinem
lieben Monsieur und der König wird den Bruder nach Potsdam schicken«
August stand auf Die Worte waren wie ein Windeshauch der den Nebel vor
seinen Augen zerriss er sah die Geliebte unverwandt an sie ebenso ihn doch
keines sprach von dem was zu tun sei Endlich beugte sich Friederike über den
Bauer in welchem der Stieglitz alt und lebensmüde saß und redete zu dem Vogel
»Wenn unser lieber Monsieur August seine Strafe überstanden hat und wieder als
Gemeiner bei Markgraf Albrecht eingekleidet wird dann ziehen auch wir beide
fort von hier in das kleine Haus an der Stadtmauer Die Rieke kocht und wäscht
ihrem Schatz und der Vogel singt«
Da ergriff August seinen Hut und sprang aus dem Zimmer
König Friedrich Wilhelm
Das Kottbuser Ländchen lag wie eine preußische Insel rings von sächsischem
Gebiet umgeben König Friedrich Wilhelm war zur Besichtigung gekommen hatte
Soldaten gemustert und Kammergüter bereist Jetzt war er bei einem ansehnlichen
Gutsherrn zu Gaste welcher sich mehr als andere Standesgenossen um die Kultur
seines Gutes und der Umgebung bemühte
Da der König den Aufenthalt in freier Luft liebte so hatte der Gutsherr ein
Zelt aus roher Leinwand aufgeschlagen mit einem größeren Raume für die Mahlzeit
und einem kleineren daneben wohin die Majestät sich zu ihrer Bequemlichkeit
zurückziehen konnte Die Vorderseite des Raumes in dem der König bei Tische
saß war offen so dass der Herr von seinem Sitz ein großes Tabaksfeld
überschauen konnte dessen hochaufgeschossene Stauden dem Wirte zu Freude und
Stolz gereichten denn er versuchte als erster in dieser Gegend den Bau der
einträglichen Pflanze
Der König war in sehr vergnügter Stimmung er hatte unter den aufgesetzten
Speisen Rauchfleisch mit Erbsen gefunden einem alten Rheinweine tapfer
zugesprochen und hörte jetzt am Ende der Mahlzeit wohlgefällig an was der
Landwirt von den Vorteilen des Tabakbaues erzählte
»Aber der Dünger Kottwitz wo soll der in dieser mageren Gegend herkommen«
fragte die Majestät Und als der Gutsherr von seiner Absicht sprach einen
schlechten Teich auszutrocknen und nach einer Vorfrucht Tabak dorthin zu
pflanzen schüttelte der König das Haupt und sagte »Kottwitz das wird
Lausewenzel Die Sache mag gut sein aber rauchen tu ich deinen Tabak nicht«
Da wagte der Landwirt die Güte seines Tabaks zu verteidigen trug eine
Büchse und Tonpfeifen herzu stopfte eine Pfeife und bat ehrerbietig die
Majestät möge nur einmal selbst versuchen
Der König aber welcher diesem Tabak nichts Gutes zutraute und dem auch
unlieb war dass eine fremde Hand gestopft hatte legte die Pfeife beiseite und
sprach wohlwollend weiter
Der diensttuende Offizier wurde hinausgerufen der König sah sich wiederholt
nach ihm um und rief dem Eintretenden ungeduldig entgegen »Was gibts
Einsiedel Was hast du Brennt das Pulver in der Tasche«
»Eure Majestät ein auswärtiger Zivilist fleht um Gehör Er gibt an ein
Kursachse zu sein Magister und Kandidat der Theologie mit Namen König«
»König« wiederholte die Majestät nachdenkend »Was will der Sachse Hast du
ihn nicht gefragt«
»Er will Eurer Majestät sein Anliegen selbst vortragen Ein schöner Mann
Majestät wenigstens einen Zoll über sechs Fuß« Der König stand schnell auf
»Den kenne ich er soll sogleich hereinkommen« Er winkte mit der Hand die
Gesellschaft trat ehrerbietig aus dem Zelte und Friedrich wurde eingeführt Er
war bleich aber er trug das Haupt hoch als er nach ehrfurchtsvoller Verbeugung
begann »Eure Majestät befahlen mir vor zwei Jahren an Stelle meines Bruders
welcher damals in Eurer Majestät Diensten stand zu kommen Ich habe die Ehre
mich zu melden«
Die Miene des Königs verfinsterte sich und die Finger umfassten heftig das
Rohr »Euer Bruder ist ein fahnenflüchtiger Deserteur und Ihr seid nicht viel
besser Ihr habt zwei Jahre gebraucht um Euch an Euer Versprechen zu erinnern«
»Halten Eure Majestät zu Gnaden ich war als Erzieher zwei Jahre im Ausland
hier ist mein Reisepass und das Zeugnis meines Prinzipals meine Angehörigen
hatten mir in zu großer Sorge um meine Zukunft verborgen dass Eure Majestät die
Entlassung meines Bruders welche ihm durch den Chef des Regiments erteilt war
kassiert haben Vor wenigen Tagen kam ich in mein Vaterland zurück erst dort
habe ich das Schicksal meines unglücklichen Bruders erfahren Von der Stunde an
wusste ich wohl was ich zu tun hatte« Er bot die Papiere
»Nimm die Schreiberei« sagte der König zu Einsiedel
»Es ist wie er sagt« berichtete dieser hineinblickend »in dem Briefe
versichert Herr von Reck dass er selbst die schmerzliche Überraschung des
Anwesenden gesehen und er fleht die Gnade Eurer Majestät für den redlichen Mann
an«
»Der von Reck ist ein ordentlicher Kerl aber Euch Sachse nützt sein
Fürwort nichts Euer Bruder hat mich unverantwortlich hintergangen und Eure
Regierung hat alle amikabeln Regards vergessen als sie meinen Fahnenkorporal
ohne Entlassungsschein zum Offizier annahm Was soll daraus werden wenn die
Ehre und Reputation der deutschen Offiziere in solcher Weise prostituiert wird
Ich will ein Beispiel geben dass ich mich nicht durch schöne Worte hinter das
Licht führen lasse Euer Bruder mag zum Teufel gehen Ihr aber da ich Euch
jetzt habe tretet zur Stelle statt seiner ein«
»Was Eure Majestät über mein Schicksal beschließen muss ich mir gefallen
lassen« sprach Friedrich ergeben »denn ich habe Eurer Majestät versprochen
wenn Dieselben es fordern mein Leben zur Verfügung zu stellen Dazu bin ich
jetzt bereit aber eben deshalb flehe ich für meinen armen Bruder um
Gerechtigkeit Dieser ist nicht so schuldig wie Eure Majestät annehmen und er
ist der Verzeihung und Gnade nicht unwert auch seine Offiziersehre wage ich in
tiefster Submission vor Eurer Majestät zu verteidigen Er hatte von seinem
preußischen Vorgesetzten unter amtlichem Siegel die Zuschrift erhalten dass
seine Entlassung von dem hohen Chef des Regiments bereits ausgefertigt sei und
dass nur durch die Kommunikation an Eure Majestät die Zusendung verzögert werde
War mein Bruder im Irrtum wenn er dies Schreiben für eine Lösung seines
Dienstverhältnisses hielt so hat er sich doch nicht darauf verlassen sondern
die sächsischen Kommandeure selbst welche ihm den Eintritt in den sächsischen
Dienst antrugen haben ihm die Zusicherung gegeben die Aushändigung des
Entlassungsscheins bewirken zu wollen nötigenfalls durch die Gesandtschaft«
Der König stieß heftig mit dem Stocke auf »Das ist eben die Lacheté und
dafür müsst Ihr jetzt entgelten«
»Haben die sächsischen Oberoffiziere aber zu voreilig der Gnade Eurer
Majestät vertraut« fuhr Friedrich demütig fort »so vertraue ich dass die hohe
Gerechtigkeit des Königs von Preußen nicht das Versehen derselben meinem Bruder
zurechnen wird der damals noch jung war und sich in betreff seiner
Offiziersehre willig auf das Urteil seiner Vorgesetzten verließ«
»Ich würde diese beim Kopfe kriegen wenn ich sie hätte so aber muss ich
mich jetzt an Euch halten«
»Mein Schicksal habe ich mit Vertrauen einem Herrn übergeben der die
Gedanken der Könige lenkt und ihre Taten richtet und ich stehe vor Eurer
Majestät als ein Mann der gefasst ist sich von allen Hoffnungen die er sonst
für seine Zukunft hegte zu scheiden Aber da bis jetzt mein Beruf war die
heiligen Gebote mir und anderen zu erklären so gestatten Eure Majestät mir auch
zu sagen dass das Versehen welches durch meinen Bruder und durch die
sächsischen Behörden etwa gegen Eurer Majestät hohes Amt begangen wurde
geringfügig ist gegenüber dem größeren Unrecht welches Eure Majestät selbst an
meinem Bruder begangen haben«
Der König hob den Stock und trat ihm näher »Was untersteht Er sich«
»Ich spreche aus was der gerechte Sinn des Königs von Preußen ohnedies
recht gut weiß Mein Bruder trat als Ausländer freiwillig in Eurer Majestät
Dienst aber er wurde dadurch nicht Eurer Majestät Sklave Als unser Vater starb
und die Familienverhältnisse eine Rückkehr in die Heimat wünschenswert machten
hat mein Bruder wiederholt um seinen Abschied angehalten und dieser ist ihm
wiederholt verweigert worden zuletzt wurde ihm Urlaub um seine kranke Mutter
zu besuchen nur erteilt nachdem Eure Majestät mich als Bruder wegen der
Rückkehr verpflichtet hatten in einer Weise welche bei Christen und Heiden
ungewöhnlich ist«
Einsiedel trat einen Schritt vor und machte eine abwehrende Bewegung »Lass
den sächsischen Pfaffen nur schwatzen« sagte der König grimmig »er hält seine
Henkerspredigt Was wagt Er mir mit seiner Zunge noch auf die Seele zu reden«
»Nichts weiter« sagte Friedrich fest bebte ihm auch in tiefer Bewegung die
Stimme »Für mich selbst habe ich nichts zu bitten
Eure Majestät werden Ihre Macht an mir üben wie Sie es vor Gott
verantworten können Ich weiß dass Eure Majestät in dem Rufe eines strengen
Herrn stehen und manche nennen Eure Majestät hart Trifft mich die Härte
vielleicht haben andere den Segen«
»Das hieß Ihn Gott reden« rief der König den Stock senkend
Auf der Landstraße rollte ein Wagen heran gleich darauf war außerhalb des
Zeltes eine Bewegung erkennbar Der Offizier eilte hinaus und brachte die
Meldung »Herr von Reck ist angekommen um Eure Majestät von kursächsischer
Seite zu begrüßen Er hat eine Demoiselle mitgebracht und erfleht für sich und
seine Begleiterin Audienz«
»Jetzt schicken die Sachsen noch gar ihre Schürzen aus um mir den
Nachmittag zu verderben« grollte der König »Höre Einsiedel diesen hier will
ich sogleich in der Montur meines Regiments sehen Der Sergeant Döpel soll mit
ihm tauschen«
»Der Döpel ist anderthalb Zoll größer« wandte der Offizier ein welcher
trotz seines Berufes ein gewisses Mitleid mit dem Fremden fühlte
»Tut nichts« sagte der König »du musst an den Knien nachgeben«
»Der Döpel ist auch schmäler in den Schultern es ist schade darum der Mann
wird sich schlecht präsentieren«
»Dummes Zeug« rief der König »Zieh ihn hier gleich hinter der Leinwand an«
er wies auf den Nebenraum des Zeltes »Rechts um und marsch« befahl er seinem
Opfer und sah ihm behaglich nach »Die Fremden lass herein«
Der sächsische Gutsbesitzer wurde mit Dorchen in das Zelt geführt Der König
stand würdig in der Mitte des Raumes »Ich weiß mich sehr wohl auf Sie zu
besinnen Herr von Reck Ist es ein Verwandter von Ihnen der bei Marwitz
steht«
»Zu Befehl Majestät es ist mein Bruder«
»Was also führt Sie zu mir«
»Mir ist die Ehre geworden Eure Majestät im Auftrage der sächsischen
Regierung ehrfurchtsvoll zu begrüßen Zugleich wage ich mein Mündel Dorotea
von Borsdorf höchster Gnade zu empfehlen«
Der König sah in guter Laune auf das hübsche Mädchen »Will das Fräulein in
preußischen Dienst treten« Dorotea wollte sich tief verneigen aber sie sank
auf die Knie und hob die gefalteten Hände flehend auf
»Stehen Sie auf junges Frauenzimmer« sagte der König zurücktretend »ich
kanns nicht leiden wenn Fremde vor mir knien Am wenigsten Weiber Ich knie
auch nicht vor Ihresgleichen Was ist Ihr Begehr«
»Retten Eure Majestät den Fritz König« Die Miene des Monarchen umwölkte
sich »Ha so Hat er Sie angestiftet zu mir zu kommen« »Nein« rief Dorchen
»und er soll nie erfahren dass ich gewagt habe seinetwegen zu Eurer Majestät zu
dringen«
»Er ist ihr Bräutigam« fragte der König zu dem Begleiter gewandt
»Nein« entschuldigte sich Dorchen »er ist nur ein guter Freund aus der
Zeit wo wir Kinder waren Damals hat er mich mit eigener Lebensgefahr vor dem
Ertrinken bewahrt und« fuhr sie errötend und stockend fort »auch später hat
er sich meinetwegen in Gefahr gestürzt um mich in Polen aus schrecklicher Lage
zu befreien«
»Ich denke er war in England« sagte der König mit erwachendem Misstrauen
»Es war vor seiner Reise damals als er zuerst vor Eurer Majestät Angesicht
kam Ich war während jener fürchterlichen Wochen zu Torn und er brachte mich
zu meinen Verwandten zurück«
»Darum also wagte sich der Kandidatus unter die Säbel der Polen Und Sie
haben die Geschichte ebenfalls erlebt Ich kann sie nicht aus dem Gedächtnis
bringen und wir müssen sagen Der Herr weiß alles zum besten zu lenken aber
wir ängstigen uns weil wir seine Gedanken nicht verstehen«
»Dasselbe sagte damals auch Fritz«
»So« fragte der König »er ist wohl ein heftiger Teologe der gegen die
Andersgläubigen auf seiner Kanzel paukt«
»So ist er nicht er folgt mehr der Lehre von der Liebe und dem Erbarmen
nur dass er kein Kopfhänger ist«
»Das ist recht« bestätigte der König zufrieden »Die Diskutierer auf der
Kanzel kann ich nicht leiden und die Kopfhänger auch nicht Wer ein gutes
Gewissen hat soll freudig und beherzt geradeaus sehen Tun Sie das auch mein
Kind und sagen Sie mir ehrlich was Sie wollen Ich soll den Mann nicht für
mich haben sondern Ihnen zurückgeben weil Sie ihn selber behalten wollen«
Ein glühendes Rot flog über Dorchens Gesicht Unter den kurzen Worten des
Königs zerriss der Schleier welcher ihr das eigene warme Gefühl verborgen hatte
und leise sagte sie »Das will ich nicht« Aber im nächsten Augenblick lag sie
wieder auf den Knien und rang die Hände »Ich habe gewagt Herr König was für
ein armes Mädchen zu viel und schwer ist verachten Sie deshalb meine Bitte
nicht Ja ich bin ihm gut und was noch niemand von mir gehört hat Eurer
Majestät will ich es gestehen damit Eure Majestät sich unser erbarmen Ich
weiß dass er aus brüderlicher Liebe sich ausgeliefert hat wie jemand der in den
Tod geht denn er ist nicht zum Soldaten erzogen sondern zum Geistlichen«
»Wie können Sie sagen Demoiselle dass er zu mir gekommen ist wie einer der
sich dem Profos ausliefert Hat er eine solche Meinung vom König von Preußen«
»Nein« rief wieder Dorchen noch immer kniend »ich hätte nicht gewagt zu
kommen wenn Monsieur Fritz nicht zu Eurer Majestät ein ganz anderes Vertrauen
hätte Denn damals als wir die unglückliche polnische Stadt verließen sagte er
zu mir mit schwerem Seufzen Als Sachse wollte ich wir hätten das nicht erlebt
und ich wollte lieber wir wären unter dem König von Preußen zu Hause«
»Nun« sagte der König »was nicht ist kann noch werden« Er schob die
Leinwand zurück und rief
»Herein Sergeant« Friedrich trat ein im blauen Rock des Königs Er stand
steif da aber die Augen waren ihm feucht und er hatte Mühe die Haltung zu
bewahren
Als Dorotea den Geliebten in der Montur erblickte verlor sie alle Fassung
die Tränen brachen ihr aus den Augen und sie verbarg ihr Gesicht im Tuche
Unterdes betrachtete der König mit innigem Vergnügen das Aussehen des Theologen
»Die Montur ist gar nicht zu enge« sagte er zu seinem Vertrauten »mit dem Maß
hattest du recht er käme doch noch ins erste Glied Was ist hier los« fuhr
er verwundert gegen Dorotea fort »Herr von Reck Ihr Mündel ist mit der
Veränderung nicht zufrieden Hat Er gehört was diese von Ihm erzählt hat«
»Ja« antwortete Friedrich leise »wider meinen Willen«
»Es geschah auch nicht mit meinem Willen Fräulein« versuchte der König zu
begütigen »aber das Unglück ist einmal geschehen nun wisst ihrs beide Hören
Sie auf mit dem Weinen« er stampfte mit dem Stocke auf »das kann ich nicht
leiden Sie gefielen mir vorhin besser Was sagt Er zu den Geständnissen dieser
Demoiselle«
»Die Erinnerung daran wird mir für mein Leben das höchste Glück sein ihre
Worte gleichen dem letzten Gruß eines Freundes von dem ich für immer scheide«
»Wegen meines Rockes« fragte der König
»Ja« sagte Fritz »Auch die Mutter hatte den Wunsch dass Fräulein Dorotea
einst die Gattin meines Bruders wird«
Der König sah enttäuscht von einem zum andern »Zum Teufel mit Eurem
Bruder« rief er unwillig
Wieder trat der Offizier ein diesmal selbst in Alteration »Der
Freikorporal König von Markgraf Albrecht meldet sich in Arrest«
Dorchen stieß einen leisen Schrei aus und tat einen Schritt auf Fritz zu
als wenn sie bei ihm Schutz suchte auch der König stand überrascht »Einsiedel
ich will ihn nicht sehen Trägt er sächsische Montur«
»Er kommt zivil er hat heut früh seine Entlassung aus dem sächsischen
Dienst genommen«
»Hast du ihm gesagt dass der Bruder statt seiner angenommen ist«
»Gewiss« antwortete der Offizier »und ich habe ihm gesagt dass er wie ein
Verrückter handelt wenn er sich jetzt in unsere Hände und vor die Augen Eurer
Majestät wagt Ich habe ihm geraten er soll zur Stelle seinem Pferde die Sporen
geben und nach Sachsen zurückreiten denn was ihm hier bevorstehe sei ein
Kriegsgericht und dahinter Ketten oder eine Kugel«
»Das war recht« sagte der König
»Er aber meinte er könne nicht dulden dass der Bruder für sein Unrecht
bezahle und müsse darauf bestehen sich selbst anzugeben«
»Warum hat er nicht früher so gedacht« grollte der König und sah von der
Seite auf Friedrich »Es ist zu spät der andere ist bereits angenommen«
»Das hielt ich ihm vor er aber meinte er könne nicht leben mit einer
solchen Schuld gegen seinen Bruder auf der Seele und ich sollte so barmherzig
sein und ihn melden«
»Wie war er«
»Wie ein braver Kerl vor dem Duell höflich aber kurz«
Der König sah wieder nach den Liebenden Die weinende Dorotee hatte die
Hand des Rekruten ergriffen und er blickte ihr traurig ins Gesicht »Geht beide
dort hinein« gebot der Monarch »und damit die jungen Leute nicht miteinander
allein bleiben leisten Sie ihnen Gesellschaft Herr von Reck« Darauf befahl
er dem Offizier »Ich will den Ausreisser doch sehen halte für alle Fälle die
Wache bereit mit Oberund Untergewehr«
»Eure Majestät haben ja niemand mitgenommen als den Döpel weil Dieselben
meinten Sie wollten Kottwitzen nicht zuschanden essen und der Döpel steckt
wie Eure Majestät befohlen in dem schwarzen Rock des Theologen«
»Dann bleibst du selbst gegenwärtig Diese schwadronierenden Sachsen sollen
sehen dass wir mit ihrem Mundwerk und ihren Flatusen auch noch fertig werden«
August trat ein stellte sich aufrecht hin und begann seine Meldung
»Freikorporal August König«
Der Monarch unterbrach ihn rau »Ist mir nicht bewusst Warum tragt Ihr
nicht die sächsische Montur wenn Ihr Euch bei mir meldet Ich mags nicht
leiden wenn ein fremder Offizier sich wie ein Federfuchser kleidet«
»Ich habe meinen Abschied aus kursächsischem Dienst genommen und heute früh
erhalten«
»Abschied« fragte der König »Es kommen dabei Irrtümer vor«
»Hier ist mein Entlassungsschein« sagte August ein Papier herausziehend
Der König winkte dem Offizier der es abnahm und meldete »Der Schein ist in
Ordnung«
»Kümmert mich nicht weiter« entschied der König Einsiedel gab dem
Delinquenten das Papier zurück
»Raucht Ihr Tabak Leutnant König« fragte der Monarch
»Zu Befehl Eure Majestät«
»Dann zündet Euch diese Pfeife an Reich sie ihm« gebot der Herr seinem
Vertrauten »und sorge für Feuer«
August setzte erstaunt den Tabak in Brand »Raucht« gebot der König
unwillig »Ich habe zu tun« Er setzte sich auf einen Holzstuhl an den Tisch
nahm einen Anschlag über die Kosten der Entwässerung welchen der Gutsherr
zurechtgelegt hatte und las darin August stand still und steif am Eingang des
Zeltes und blies stark riechenden Dampf aus der Pfeife Auch der Adjutant harrte
unbeweglich Der König ergriff ein Papier nach dem anderen und vertiefte sich
darein das dauerte eine Weile Endlich fragte er über die Schulter »Wie
schmeckt der Tabak«
»Schlecht Eure Majestät« antwortete August die Arme anziehend »er
fuselt«
»Das war Sein Glück« rief Friedrich Wilhelm aufstehend »ich habe es dem
Kottwitz im voraus gesagt Es ist gut Leutnant König Ihr könnt abtreten Und
da Ihr von hier sogleich in Eure Garnison zurückreisen werdet so mögt Ihr einen
anderen Abschied als der ist den Ihr in Eurer Tasche tragt für einen
Namensvetter von Euch mitnehmen der auch August König hieß und vor Jahren in
meinen Diensten stand Die Aushändigung ist durch gewisse Umstände verspätet
worden Setze dich Einsiedel und schreibe für den gewesenen Freikorporal
August König einen richtigen Abschied Und schreibe darunter das Jahr und den
Tag an welchem der Bewusste die preußische Garnison verlassen hat damit seine
Landsleute ihn nicht für einen verdammten Ausreisser halten Wisst Ihr wie lange
es her ist« August nannte das Jahr und den Tag aber die Worte kamen klanglos
aus der Kehle
Einsiedel schrieb der König sah wieder in die Rechnungen bis ihm der
Offizier den Abschied zur Unterschrift vorlegte Der Herr unterzeichnete und
winkte den Schein dem Sachsen zu geben Aber August verweigerte die Annahme
»Danken Sie Gott und stecken Sie ein« sagte leise der Offizier August
antwortete ebenso »Ich kann an meinem Bruder nicht zum Schelm werden«
»Was gibts noch« grollte der König sich umsehend
»Er will den Abschied nicht nehmen Majestät« Der König erhob sich und als
er sah dass August das Knie beugte rief er zornig »Donnerwetter wer in meinen
Diensten gewesen ist soll wissen dass der Soldat nicht kniet außer im ersten
Gliede beim Feuern«
»Vergebung Majestät« bat der Verabschiedete »Dem August König welchem
die höchste Gnade heut die Entlassung bewilligte darf ich den Abschied nicht
mitnehmen wenn ich ihm nicht seinen Bruder zurückbringe welcher sich als sein
Stellvertreter der Gnade Eurer Majestät übergeben hat«
»Der Deserteur will noch Bedingungen stellen« rief der Monarch in hellem
Zorn »Er wagt auf meine Nachsicht zu trotzen Ich will ihm einen strengen Herrn
zeigen Nimm seinen Degen Fort mit ihm«
»Er hat keinen Degen Majestät« rapportierte der Offizier und gebot zu dem
Sachsen tretend »Sie sind verhaftet folgen Sie mir« August rückte sich
zusammen Er erkannte dass er in ungnädige Hand gefallen war aber er sprach
nichts weiter sondern wendete sich zum Gehen
Da vernahm der König ein unterdrücktes Schluchzen aus dem Nebenraum des
Zeltes »Oho« rief er und schlug mit dem Stock auf den Tisch denn ihm fiel
ein dass er als ehrlicher Mann den älteren Bruder nicht behalten konnte wenn er
den jüngeren im Arrest festsetzte »Einsiedel« Der Offizier und sein Gefangener
wurden am Eingang sichtbar »Frage doch den Kerl ob er in Sachsen eine Braut
hat« Der Offizier wiederholte die Frage und August antwortete »Nein« »Ob er
eine gewisse adlige Dorotea Borsdorfin von Person kennt«
»Ich kenne sie seit meiner Kindheit« sagte August
»Frage ihn« gebot der König weiter »ob er die Dreistigkeit gehabt hat sie
heiraten zu wollen«
»Es war zwischen den Eltern vielleicht die Rede« versetzte August »Ich
glaube aber nicht dass ihr Gemüt mir zugewandt ist«
»Sie will ihn durchaus nicht zum Manne« brach der König gegen den
Unglücklichen los »Sie will Seinen Bruder dass er es nur weiß«
Der König rührte an die Leinwand »Bringen Sie Ihre Anbefohlenen heraus
Herr von Reck«
Dorotea traf mit ihrem Vormund heran hinter ihnen Friedrich in der Montur
»Hier Fräulein« sagte der Monarch mit einer unbeholfenen Ritterlichkeit die
ihm doch gut stand denn man merkte ein ehrliches Wohlwollen »hier sind zwei
Brüder Einer davon gehört mir der andere mag gehen wohin er will Der den
Sie heiraten wollen den nehme ich und ich will mir Mühe geben die
Einwilligung Ihrer Verwandtschaft durchzusetzen«
Das Fräulein stand zwischen den beiden Brüdern »Majestät« flehte sie
zitternd
»Ängstigen Sie sich nicht« versuchte der König zu trösten »ich meine es
gut und ich will Ihnen beweisen dass ich kein Tyrann bin obgleich dieser hier«
er wies auf Friedrich »mich dafür ausgeschrien hat«
Dorotea sah zur Erde aber die Rechte hob sich leise auf Friedrich zu Der
König ergriff schnell ihre Hand und legte sie in die des Kandidaten stellte
sich vor diesen und berührte ihm mit dem Knopfe des Stockes die Brust »Dich
wollte ich« sprach er »und du gehörst zu mir Ziehe jetzt meine Montur aus
obwohl ich dich lieber darin sehe als in dem schwarzen Rock Der Feldprediger
von Markgraf Albrecht ist hinfällig ich setze dich in seine Stelle damit
sollst du bei mir anfangen Ihr Herr Leutnant aus Sachsen steckt jetzt Euren
preußischen Abschied in die Tasche Da Ihr um Eure brüderliche Pflicht gegen
meinen Feldprediger zu erfüllen aus dem sächsischen Dienst ausgetreten seid so
will ich dafür sorgen dass Ihr wieder hineinkommt Kottwitz« rief er aus dem
Zelt »Den Herren Sachsen schmeckt der Tabak nicht Lass den Wagen vorfahren«
Schluss
Frau von Borsdorf kam zu Madame König und rang nach der ersten Begrüßung die
Hände »Meine Doris ist mit ihrem Vormund ins Preussische gefahren um vor dem
bösen Könige wegen Entlassung des Monsieur August einen Fussfall zu tun Die
Tante schreibt durch die Botenfrau«
Frau König ahnte nicht die Größe der Gefahr aber sie wurde von tiefer
Rührung ergriffen dass Dorchen aus Neigung für den Sohn ein solches Wagnis auf
sich genommen alle anderen Pläne die sie in letzter Zeit wegen einer reichen
Heirat gehabt hatte schwanden dahin sie fiel der Freundin um den Hals und
sagte »So wird durch unsere Kinder selbst offenbar was lange unser Wunsch
war« Endlich stimmten die Mütter einmütig zusammen Doch während sie die
Zukunft der Kinder besprachen fuhr ein Wagen vor und nicht August sondern
Fritz und Dorchen knieten vor den Frauen und baten um den mütterlichen Segen
August aber stand ruhig beiseite und sah zu
Als der erste Sturm der Überraschung vorüber war nahm die Mutter den
jüngeren Sohn beiseite und fragte in zärtlicher Teilnahme »Wie wirst du das
ertragen armes Kind«
»Mit vergnügter Seele« versetzte August Die Mutter sah ihn erstaunt an
»Ich war dem Dorchen niemals so gut wie der Bruder«
Da wurde der Mutter leicht ums Herz »Mir ist von der Majorin aus deiner
Garnison etwas zugetragen worden Bei euch ist jetzt eine reiche Partie die
angenommene Tochter des Magister Blasius Der Mann hat früher schlecht an uns
gehandelt aber er soll sich in seinen alten Tagen sehr gebessert haben auch
bei dem Mädchen ist etwas mit der Herkunft nicht in Ordnung und das wäre ja ein
Hindernis Aber sie hat eine gute Erziehung erhalten und es sind drei Häuser
vorhanden Man sagt dass dein Hauptmann sich sehr um das Mädchen bewirbt Du
könntest dann den Soldatendienst aufgeben und dich zur Ruhe setzen«
»Ich bleibe Soldat liebe Mutter« antwortete August »Wegen der gütigen
Worte aber mit denen Sie die Demoiselle erwähnten küsse ich Ihnen dankbar die
Hände Morgen führe ich der Frau Mutter die Schwiegertochter zu«
Neunzehn Jahre waren den Brüdern in ungetrübtem häuslichem Glück vergangen
Zwei Könige denen sie den Eid geleistet waren gestorben der eine welcher
alle hochgewachsenen Männer zwingen wollte seinem Staate zu dienen und der
andere der alle Frauen und Töchter welche ihm gefielen für sich begehrte
Zwischen den Nachfolgern war der Krieg entbrannt In dem zweiten Kampfe den der
junge König Friedrich von Preußen um den Besitz Schlesiens führte hatte sich
Kursachsen mit Österreich verbunden und Fürst Leopold von Dessau zog mit einem
preußischen Heere gegen Dresden heran Bei Kesselsdorf erwarteten die Sachsen
und Österreicher seinen Angriff Das sächsische Leibregiment welches jetzt
»Regiment Königin« hieß stand auf dem linken Flügel nach Kesselsdorf zu und
der Hauptmann König hatte den Platz links von seiner Kompanie nahe den
Grenadieren an der Flanke Zweimal schlug das Regiment den Angriff der Preußen
zurück Als im dritten Angriff neue Reihen aus der schwarzen Wolke von
Pulverdampf heraustraten sah der Sachse die Uniformen des Regiments welches
sein verstorbener Freund der General Vogt geführt hatte Ihm gegenüber trieb
ein Major zu Pferde seine Kompanie mit geschwungenem Degen vorwärts Ein Schuss
traf das Pferd dass es ausbrach in wilden Sätzen bäumte und wenige Schritte vor
der sächsischen Front zusammenbrach In dem gestürzten Reiter erkannte August
den alten Stubennachbar Brösicke er sprang vor und umfasste den Jugendfreund
ihn aus dem Gewühl zu retten Da sank er selbst in den Rücken geschossen zu
Boden Als der Preuße sich über den Gefallenen neigte sah dieser ihn mit
freundlichem Blicke an und sagte im Sterben leise »Es war eine sächsische
Kugel«
Am zweiten Feiertage der Weihnacht standen zahlreiche Relaispferde mit Bereitern
und Postillionen vor dem Pfarrhofe eines großen märkischen Dorfes um den
siegreichen König Friedrich zu erwarten welcher nach geschlossenem Frieden in
die Residenz zurückkehrte Auch die Beamten der Umgegend hatten sich
eingefunden Denn bei dem Pfarrhofe pflegte der Herr jedesmal anzuhalten sooft
er des Weges fuhr Als der königliche Wagen herankam und der König während des
Umspanns mit den Versammelten sprach trat die Frau Pastorin neben ihren Gatten
und bot auf der Tablette eine Erquickung »Ist jemand gestorben« fragte der
König dem das Trauerkleid der Frau auffiel den Geistlichen
»Mein Bruder blieb bei Kesselsdorf er stand unter den Sachsen im Regiment
Königin«
»Das Regiment hat sich brav gehalten« sagte der König »Sind das alles Eure
Kinder« Er blickte über eine Gruppe von Knaben und Mädchen welche von der
offenen Hoftür mit großen Augen nach ihm hinsahn
»Meine Kinder und die meiner lieben Schwägerin« antwortete der Geistliche
und wies auf eine Frau im Witwenkleide
Der König wandte sich zu seinem Begleiter im Wagen »Kennen Eure Liebden
diese hohe Säule unserer Kirche«
»Es ist der große Feldprediger der früher im Regiment Markgraf stand«
»Wissen Sie wo wir ihn zuerst gesehen haben Es war bei dem seligen
Könige im Berliner Schloss zur Zeit der Tragödie von Torn«
Aus einer kleinen Stadt
Im Jahre 1805
Es war eine ansehnliche Kreisstadt im Flachland der schlesischen Oder in der
Mitte ein weiter Marktplatz der Ring darauf das Rataus Von den Ecken des
Marktes liefen vier Hauptstrassen zu den beiden Toren Seit dem letzten Brande
standen die Häuser unter neuem Ziegeldach schön rosa blau und gelb getüncht
die meisten hatten freilich nur ein Erdgeschoss doch viele auch ein Stockwerk
darüber wenige aber zwei Stock und diese wurden als merkwürdig gezeigt Das
Ganze war von einer Mauer umgeben über welcher noch die Tortürme ragten alles
hübsch regelmäßig wie von einem klugen Riesenknaben aus seinem Baukasten
aufgesetzt Ausserhalb der Stadt zogen sich Scheunen und Ställe der Vorstädte
weit hinein in die Ackerflur auf der viele Bürger der Stadt schweren Weizen
erbauten Es war eine alte Stadt einst eine Festung deutscher Kolonisten gegen
fremdes Volk und mancher wilde Kriegssturm hatte um ihre Mauern getobt Aber
das war lange her die Mauern waren brüchig geworden in dem trockenen
Wallgraben breiteten sich Obstbäume und die Gänse des Stadtkämmerers weideten
darunter die Bürger aber lebten unbekümmert um ihre alte Kriegsherrlichkeit und
wussten auch nichts davon Ihre Erinnerung an frühere Zustände begann mit dem
Schwedenkriege sogar dieser war undeutlich geworden denn die Konfessionen der
Stadt verkehrten in brüderlicher Eintracht die Gebildeten meinten dass aller
Glaubenshader abgetan und in ihrer aufgeklärten Zeit unmöglich sei die Frauen
hörten am liebsten wenn ihre Pfarrer von der christlichen Liebe predigten und
die geistlichen Herren saßen beim Glase Ungarwein gern einander gegenüber Wenn
sich die Stadt einmal von vergangener Zeit erzählte so begann und endete ihre
Geschichte mit dem Alten Fritz der die Provinz für seinen Staat erobert hatte
Die älteren Leute berühmten sich dass sie ihn persönlich gekannt hatten und in
den meisten Wohnstuben hing sein Bild
In den Mauern der Stadt walteten unumschränkt die guten Geister der Ordnung
und Stille nur am Abend des Wochenmarktes schrie zu weilen ein trunkenes
Bäuerlein Jedermann ging am Sonntag früh auf seinen Platz in der Kirche und
nachmittags in den neuen Kaffeegarten um sich dort ebenfalls hinzusetzen und
das Hauptfest im Jahre war das Königschiessen Außerdem erschien zur Freude der
Jugend zuweilen ein mürrisches Kamel mit seinem Affen und zwei Bären oder ein
Seiltänzer mit kleinen Kunstpferden sehr selten ein Trupp Komödianten den die
Polizei ungern sah weil er immer Schulden hinterließ Die Honoratioren
besuchten im Winter die Vorstellung eines fremden Künstlers der die Flöte blies
und deklamierte oder ein Schattenspiel zeigte doch auch neue musikalische
Erfindungen wurden aufgeführt die Glasharmonika wobei dem Stadtdirektor seine
eigene Frau ohnmächtig wurde oder eine Äolsharfe welche der Verfertiger am
Stadtwalde in abgestecktem Raume aufhing Dieser Genuss war sehr ergreifend nur
trug er dem Manne nichts ein weil die Leute den Geistergesang am liebsten von
fern vernehmen wollten Unleugbar war fast alles in der Stadt mäßig und
bescheiden auch der Wohlstand war nicht übergross aber die Bürger gediehen doch
und merkten dass sie vorwärtskamen trotz der Missernten in den letzten Jahren
Ihr schlesisches Geld Böhmen und Gröschel war schwärzlich es war auch weniger
wert als das Kurant aber die Bürger nahmen es willig und wurden wenn sie es
ausgaben gern lustig Jeder wusste so ziemlich was der andere besaß und einige
Kaufleute und Fabrikanten galten für reich ja einer von ihnen sollte die
Absicht haben in seiner Fabrik eine Dampfmaschine aufzustellen
Großer Luxus wurde in der Stadt nur im Winter sichtbar wenn die adligen
Gutsherren des Kreises im Gasthofe ihr Kränzchen abhielten und untereinander
einen Ball veranstalteten Dafür wurde der Fußboden des Saals und die Treppe
sorgfältig mit Wasser und Bürste behandelt was sonst nicht häufig geschah und
alle Öllampen des Kronleuchters wurden angezündet Die Edelleute kamen in
geschlossenen Kutschen manche mit silbernem Pferdegeschirr und die vornehmsten
hatten Läufer in bunter Tracht mit einer großen geflochtenen Lederpeitsche als
Bandelier Dann tanzten die Herrschaften vergnügt miteinander die Damen trugen
Ballkleider aus der Residenz und die Herren schlüpften in eine Nebenstube um
Pharao zu spielen und wer von dem kleinen Stadtvolk neugierig war stand auf
der Straße und sah zu den erleuchteten Fenstern auf
Natürlich war ein verständiger Bürger oft unzufrieden mit den königlichen
Behörden welche seine Stadt und das Land regierten sich in alles mischten und
auch da wo sie das Beste wollten herrisch und ungeschickt schalteten noch
häufiger ärgerte er sich über die Garnison über Roheit der Soldaten und
Ungezogenheiten der Offiziere und wenn vor der Hauptwache das Signal zum
Gassenlaufen gegeben wurde verbot er seinen Kindern und Dienstboten zuzusehen
Er wunderte sich auch über den Lauf der Welt denn er hatte die ganze
Französische Revolution erlebt wie man dort vor kurzer Zeit König und Adel in
größter Eile umgebracht hatte und wie jetzt plötzlich ein neuer Kaiser
aufgeschossen war Aber obgleich eine unruhige und kriegerische Zeit gekommen
war in welcher vieles Alte zusammenbrach das geschah weit draußen und man
unterhielt sich gleichmütig davon wie von fremden Dingen denn die Provinz lag
abseits in Sicherheit und das polnische Wesen in der Nähe war zwar übel
beleumdet jedoch nicht mehr zu fürchten
Und wenn einer von den Bürgern auf rauen Wegen in seiner alten Kalesche
oder in dem unförmlichen Holzwagen der Post nach der Hauptstadt der Provinz
fuhr so fand er dort alles in größerem Maßstab und reichlicher als daheim doch
im Grunde war es nur ein Unterschied in der Größe er besuchte ebenfalls als
Hauptvergnügen den Kaffeegarten welcher am Abend durch viele bunte Lampen
illuminiert wurde er saß in dem gewölbten Ratskeller und stand im Parterre des
Theaters und erzählte nach überstandener Reise vergnügt dass es in der großen
Stadt immer etwas Neues gebe eine Menagerie einen Luftballon Aber im übrigen
lebte die Hauptstadt fast ebenso still dahin wie das ganze Land höchstens dass
die Schneidergesellen einmal Revolte machten weil die hohe Obrigkeit sich gar
zu einfältig gegen sie benahm
Heute war Sonntag Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel warm in die
reingefegten Gassen und von beiden Pfarrtürmen läuteten die Glocken Die Stadt
aber befand sich in einem Zustande stiller Aufmerksamkeit und Beobachtung Denn
der neue Arzt war angekommen »Ein junger angenehmer Mann« sagte die
Gastwirtin zu ihrer Nachbarin der Bäckersfrau »lang von Gestalt und von
ernstaftem Wesen sein Name steht im Fremdenbuch als Doktor Ernst König Er hat
schöne Wäsche so stickt hier niemand die Hemden« Die Bäckerin deutete dasselbe
ihren Kunden an und die Milchfrau trug es weiter bis endlich der Friseur den
Fremden beobachtete und die Neuigkeit zu allgemeiner Kenntnis brachte Ja es
war nicht zu leugnen der Doktor sah ansehnlich aus in rundem Biberhut und
zierlichen Stulpstiefeln auch trug er keinen Zopf mehr sondern das helle Haar
halblang und das Gekräusel dabei war ein natürliches Das wusste der Friseur
genau denn er traf den Fremden bei seinem besten Kunden dem königlichen Zoll
und Akziseeinnehmer Köhler als er diesem den Zopf flocht Und er sah den beiden
Herren bekümmert nach wie sich diese zu ungewöhnlicher Zeit promenierend nach
dem Stadttor bewegten
»Dort liegt das Riesengebirge« erklärte der Einnehmer seinem Gast und wies
zwischen den Linden des Stadtwalles auf die blauen Berge in der Ferne »Aber
Riesen wohnen nicht mehr in den Tälern sondern arme Weber welche wenig zu tun
haben seit der französische Kriegstrubel den Kaufleuten die Wege unsicher
macht Und was Sie in der Mitte sehen ist die Schneekoppe«
Der Doktor wandte sich freudig der Richtung zu »Ich habe vor Jahren dort
oben gestanden und den Sonnenaufgang erlebt Er war unbeschreiblich schön und
erhob mir die Seele Als über den Nebeln der Erde das goldene Tagesgestirn
heraufstieg kam es mir vor wie die Gottheit selbst welche in dem Chaos unter
ihr blühendes Leben schafft Glücklich ist der Mensch welchem Gelegenheit
wurde ein Bild solcher erhabener Größe in seiner Seele zu bewahren«
Der Einnehmer drückte seinem Gaste die Hand »Ich freue mich dass Ihr Gemüt
offen ist für die Reize der Natur darin gleichen Sie ganz dem seligen
Kriegsrat Ihrem lieben Vater Sind Sie auch auf unseren alten Burgen
herumgeklettert
Dort wo wildverschlungene Ranken sich
Über Uhunester schwarz verbreiten
wie Mattison so schön sagt obgleich mir wahrscheinlich ist dass er sich bei
den Nestern nicht den eigentlichen Uhu sondern vielmehr die Fledermaus gedacht
hat« Er unterbrach sich selbst »Von dieser Seite sehen Sie durch das Stadttor
bis auf den Markt«
»Ich habe mich über das gute und saubere Steinpflaster gefreut«
»An Steinen fehlt es unserer Gegend nicht« versetzte der Einnehmer »auch
nicht an Besenbindern welche ihren Edelleuten die Birkenreiser aus dem Walde
stehlen Nun Sie werden unsere Herren und das Landvolk zur Genüge
kennenlernen«
»Ich bin ja selbst ein Landeskind« sagte der junge Arzt »und mein Beruf
macht es mir leicht mit vornehm und gering fertig zu werden Jetzt freilich da
ich aus der Fremde heimgekommen bin sehe ich dass man hier in manchem
zurückgeblieben ist«
»Still« warnte der Einnehmer »wir sind in starkem Fortschritt und wer uns
das leugnet mag sich hüten Es gibt hier und da Leute welche Bücher über uns
schreiben diese sind uns durchaus verhasst ich hoffe Sie gehören nicht zu der
Zunft« Der Gast verneinte »Im Vertrauen wir fühlen uns in unserer Haut gar
nicht wohl aber wir können nicht leiden dass andere uns das zu verstehen geben
Wenn Sie einmal unzufrieden mit dem hiesigen Wesen sind so schelten Sie nur
immer gegen mich man wird Ihnen sagen dass an mir nichts zu verderben ist und
ich hoffe Ihr lieber Vater hat Ihnen auch gesagt dass ich ein zuverlässiger
Freund bin« Er schüttelte dem Doktor die Hand »Dennoch wundert mich dass Sie
dem ich über sein gutes Aussehen keine Artigkeit sagen will an diesem kleinen
Ort niedersitzen«
»Ich folge dem Wunsche meines Vaters und mir selbst liegt daran sobald als
möglich eine feste Tätigkeit zu erhalten«
»Sie waren längere Zeit in der Fremde«
»Ich wurde als junger Arzt von meinem Professor dem kranken Prinzen Georg
zum Begleiter empfohlen und lebte einige Jahre mit ihm auf Reisen zuletzt in
Paris wo ich Zutritt zu den Hospitälern gewann«
Der Einnehmer stand erstaunt still »In Paris« rief er »Sie sind ein
Wundermann und es kann Ihnen gar nicht fehlen In Paris Eine lebhafte Stadt
etwas unbändig Die Straßen sind dort ja wohl mit Köpfen gepflastert welche die
Kleinen den Großen abgeschlagen haben«
»Jetzt ist gute Ordnung dort« antwortete der Gast »und die Polizei
strenger als bei uns« »Natürlich« versetzte Herr Köhler »der große Musikus
dort versteht es alle Welt nach seiner Pfeife tanzen zu lassen Ich sage Ihnen
Ihr Glück unter uns ist gemacht jedermann schüttelt sich wenn von Paris die
Rede ist aber jedermann will davon hören«
Er zog seine silberne Uhr heraus »Kommen Sie der Gottesdienst ist zu Ende
wir treffen die Honoratioren jetzt in der Frühstücksstube beieinander dort
werde ich Sie einführen Auch der Wein ist gut«
Sie traten in die Weinstube dort trafen sie die Vornehmen der Stadt an drei
runden Tischen versammelt an dem einen die Offiziere der Garnison bei ihnen
den adligen Stadtdirektor und mehrere Herren vom Landadel am zweiten die
königlichen Offizianten am dritten Kaufleute und Fabrikanten den Kämmerer und
Apotheker Herr Köhler stellte den Gast vor und führte zum zweiten Tisch Alle
Augen beobachteten die neue Erscheinung Der Einnehmer aber deutete leise seinen
Vertrauten an wie es um den Gast stehe dass er von Paris komme und mit dem
Kaiser Napoleon auf der Straße vielfach zusammengetroffen sei So wurde der
Doktor bald Mittelpunkt einer lebhaften Unterhaltung nur die Offiziere am
Herrentisch zeigten eine gesuchte Nichtachtung sprachen laut und verächtlich
von dem revolutionären Wesen und von einem Abenteurer der durch unerhörtes
Glück heraufgekommen sei
»Ob der Friede dauern wird« fragte jemand vom dritten Tisch »bis unser
Bündnis mit Österreich und Russland geschlossen ist«
»Wir gehören einem so großen Staate an dass wir nicht nötig haben von
fremder Hilfe unser Heil zu erwarten« antwortete vom ersten Tisch gewichtig der
Stadtdirektor
»Wir sind so groß geworden« bestätigte der Einnehmer »dass niemand mehr
recht sagen kann wo unsere Grenzen sind Sie werden jedes Jahr geändert Wie
man erzählt aus Gefälligkeit gegen den Kaiser Napoleon«
Eine Pause entstand »Er ist ein Korse« rief verächtlich der Reiterleutnant
Baron Hille welcher aus einer nahen Garnison herzugeritten war
»Ohne Zweifel« bestätigte der Einnehmer »Ob dieser Mann aber als Korse
als Franke oder als Gallier nichtsnutziger ist vermag ich nicht zu entscheiden
Ich hörte jede dieser drei Eigenschaften an ihm tadeln Vielleicht würde der
Herr Baron uns sagen weshalb man der Insel Korsika nichts Gutes zutrauen darf«
»Der Kerl und sein republikanisches Gesindel werden laufen wenn sie von
preußischen Husaren attackiert werden« rief der aufgeregte Leutnant wieder Ein
beifälliges Summen der Offiziere bestätigte die Worte Auch die vom Zivil
nickten mit dem Kopfe
»Der Kaiser trägt hohe Stiefeln« sagte der Einnehmer »die mögen ihn wohl
bisher am Laufen gehindert haben Denn diese Eigenschaft hat er noch nicht sehen
lassen wenn er es ja einmal versuchte ist er noch immer vorwärts gekommen«
Wieder Stillschweigen »Tun Sie als wären die drüben nicht da« sagte der
Einnehmer leise zum Doktor »Sie müssen Ihnen zuerst guten Tag sagen« Das
geschah auch Nach einiger Zeit als der Fremde gerade einmal von seinem Sitz
aufgestanden war erhob sich ein kleiner Herr in zimtfarbigem Rocke und blendend
weißer Wäsche trat zu dem Doktor gab sich als Kammerherrn von Bellerwitz zu
erkennen und leitete das Gespräch mit den Worten ein dass er den Vater des Herrn
Doktors wohl gekannt habe
Auf dem Markte erscholl rauer Anruf und Tritte Mehrere der Anwesenden
eilten an das Fenster »Sie bringen ihn« sagte der Stadtdirektor zu dem
Kammerherrn
Ein schlanker Bursch wankte den Oberkörper vorgeneigt zwischen bewaffneten
Führern an dem entblößten Haupte hatte er eine Hiebwunde das geronnene Blut
klebte in den Haaren und entstellte ihm das Gesicht Vor dem Hause des
Weinkaufmanns stand ein Brunnen der Gefangene schrie mit heiserer Stimme
»Wasser« und als die Wächter ihn fortstossen wollten warf er sich auf die
Steine Vergebens mühten sich die Männer ihn in die Höhe zu bringen Mit dem
Stadtdirektor eilte der Doktor auf die Straße holte Besteck und Verbandzeug aus
der Tasche und erbat Erlaubnis dem Manne die blutende Wunde zu verbinden Die
Frau des Weinkaufmanns trug mitleidig ein Handbecken herzu und als der
Verwundete auf die Schwelle des Hauses geschleift war reichte ihm der Arzt
einen Trunk wusch und verband die Wunde und sprach ihm tröstend zu Der
Verwundete sah den Hilfreichen dankend an erhob sich nach einer Weile
schweigend und wurde auf Befehl des Direktors vorläufig in das Stadtgefängnis
geführt
In der Weinstube sagte der Direktor »Der Mensch ist Untertan des Grafen und
wird dort durch die Karbatsche von seiner Störrigkeit geheilt werden«
Der Doktor fragte mit Teilnahme »Was hat er verbrochen«
»Er wollte ein Mädchen aus dem Dorfe des Grafen heiraten welches untertänig
ist wie er und da das Mädchen hübsch und sauber war weigerte ihm der Inspektor
die Ehe und bestimmte das Mädchen zum Dienst auf dem Hofe wo sie ihre drei
Jahre aushalten soll Darüber geriet der Bursche außer sich vergriff sich
tätlich an dem Inspektor und entsprang«
»Der Graf soll den Kerl zu meiner Kompanie geben bei uns werden ihm die
Mucken ausgetrieben« begann der Kapitän von Buskow der die Garnison
befehligte ein hagerer Mann mit harten Zügen dem man wohl ansah dass er die
Fuchtel zu gebrauchen wusste
»Was wird jetzt mit dem Unglücklichen geschehen« fragte der Doktor
»Er wird morgen dem Grafen ausgeliefert werden« antwortete der
Stadtdirektor »und hat von seinem Inspektor keine nachsichtige Behandlung zu
erwarten«
»Wie ist es möglich dass er in die Hände desselben Mannes geliefert wird
den er beleidigt hat« fragte der Doktor »Ist er schuldig sich an dem
Gutsbeamten vergriffen zu haben so gehört der Fall doch wohl vor das königliche
Gericht«
»Der Inspektor übt die Polizei auf den Gütern des Grafen und der Graf hat
die Gerichtsbarkeit über seine Dorfleute« belehrte der Stadtdirektor »in
Kriminalfällen hat der Inspektor erst dem Gericht Anzeige zu machen«
»Und wenn er den Burschen vorher halbtot schlagen lässt wie Sie selbst
annahmen Oder wenn er ihn auf andere Weise im Ortsgefängnis misshandelt was
wird dann geschehen«
Der Stadtdirektor zuckte schweigend die Achseln und ging an seinen Tisch
Da verließ den Doktor die Vorsicht und er sagte nachdrücklich »Zustände
welche dergleichen möglich machen sind tyrannisch und im schreienden
Widerspruch gegen die Gebote der Humanität«
»Sansculotte« murmelte der Reiterleutnant halblaut
Das Behagen in der Stube war gestört die Herren verhandelten in leisem
Gespräche vom dritten Tisch ersuchten einige der Herren den Einnehmer sie mit
dem Gaste bekanntzumachen und der Fabrikant drückte diesem kräftig die Hand und
sprach seine Freude darüber aus dass er sich in der Stadt niederlassen wolle
Als der Doktor mit seinem Vertrauten auf den Markt trat begann der
Einnehmer »Die drei Tische welche Sie heut gesehen haben finden Sie bei uns
überall Die am ersten Tisch schwadronieren wie der Baron oder sie drücken
lächelnd die Hände wie der Kammerherr der zweite Tisch versieht die
Plackerarbeit des Staates und fügt sich und der dritte denkt still auf seinen
Vorteil und verzieht den Mund über die beiden anderen Das übrige Volk aber
sitzt stumm auf der Bank oder der bloßen Erde Übrigens wünsche ich Ihnen Glück
zu Ihrem Eintritt bei uns«
»Ich fürchte nicht bei allen eine günstige Meinung erweckt zu haben«
antwortete der Doktor »ich habe Ihre Warnung von vorhin nicht beherzigt«
»Das ist wahr aber Sie waren stolz und menschenfreundlich Sie werden im
ganzen Kreise als Revolutionär herumgetragen werden und jedermann wird begierig
sein Sie kennenzulernen am meisten unser Adel Da Sie keinen Talar tragen der
mit Hieroglyphen bedruckt ist was freilich das Wirksamste wäre so ist schon
etwas wert dass Sie sich durch abenteuerliche Ideen von den hiesigen Menschen
unterscheiden Kommen Sie heut sind Sie mein Gast auf ein Gericht Gerngesehen«
In seiner Wohnung ging der Einnehmer zum Schreibtisch und holte eine seltsam
gestaltete goldene Berlocke heraus »Wissen Sie was das ist«
»Es stellt eine Guillotine vor«
»Richtig Ich habe sie vor zwölf Jahren dem Kammerherrn abgekauft der
damals noch jung war und sie wohlgefällig an der Uhr trug Ich hebe sie auf und
erinnere ihn zuweilen daran was ihm unlieb ist Es hat Stunden gegeben mein
junger Freund« fuhr er ernster fort »wo der königliche Einnehmer Köhler hier
unter dem Bilde des Alten Fritz die Ansicht hatte dass ein solches Hackebrett
auch anderswo als bei den Franzosen gute Dienste tun würde gegen unerträglichen
Hochmut und ein vornehmes Schmarotzertum ohne Kraft und ohne Ehre welches bei
uns alles verdirbt Trotz alledem sind die welche wir hier im Kreise haben
noch lange nicht die Schlechtesten Wer als Rabe geboren ist von dem kann man
nicht verlangen dass er wie eine Lerche singen soll Heute habe ich Lust Ihnen
die Berlocke zu schenken«
»Tun Sie das nicht« bat der Gast
»Dann hebe ich sie für den Kammerherrn auf« entschied der Einnehmer »Und
jetzt denken wir daran dass Essen und Trinken zu den unvergänglichen Freuden des
irdischen Daseins gehört Ich habe einen Menescher Ausbruch im Keller an dem
Sie Freude haben werden«
Nach dem Essen ging der Arzt in das Gefängnis was ihm der Direktor während
des Verbandes bewilligt hatte Er fand den Burschen dem die Arme von den
Fesseln befreit waren finster auf dem Schemel sitzen Als er ihm die Wunde
besorgt hatte und einige ermutigende Worte sagte fasste der Gefangene plötzlich
seine Hand und die Tränen stürzten ihm über die bleichen Wangen »Der liebe
Gott bezahle Ihnen dass Sie so freundlich gegen mich sind Ich hätte den
Inspektor nicht verprügelt wenn er nicht meinem Mädchen schon lange
nachstellte Jetzt nimmt er sie auf seinen Hof und was sie dort aus ihr machen
« Er ballte die Faust und murmelte »Es wird ein Unglück« »Erzählt mir von
Eurem Mädchen« sagte der Arzt »ich bin hier zwar fremd vielleicht kann ich
Euch doch in etwas helfen« Da begann der Bursch sein Mädchen zu rühmen und
wurde darüber wieder weich »Denkt auch wie Ihr Euer Schicksal zum Besseren
wendet« mahnte der Doktor »habt Ihr nicht jemand der bei dem Grafen für Euch
sprechen kann«
Der Gefangene schüttelte den Kopf und sah unwillkürlich auf ein Fenster
seines Arrestes welches in die Stadtmauer gebrochen war »Der Inspektor soll
mich nicht einsperren«
»Kann ich noch etwas für Euch tun« fragte der Arzt
»Ich habe meine Mütze verloren« sagte der Gefangene finster »Die Landjäger
haben mich durchsucht und meinen Geldbeutel genommen in dem einige Groschen
waren da kann ich nicht einmal zu einer Mütze kommen«
Der Doktor legte etwas Geld auf das Fensterbrett und verließ das Gefängnis
Von dem Gefangenen ging er nach dem Gasthof und fragte ob der Kammerherr
noch in der Stadt sei Der Wagen war bereits vorgefahren doch wurde er von
dem Bedienten gemeldet und angenommen Er erklärte seinen Eintritt mit dem
Wunsche einem Herrn der sich seines Vaters freundlich erinnere sogleich
seinen Besuch zu machen und begann nach kurzem Gespräch »Ich habe soeben dem
Gefangenen den nötigen ärztlichen Beistand geleistet der junge Mann ist in
verzweifelter Stimmung und die Sache kann weitere Folgen haben« Und er
erzählte von der Eifersucht des Burschen »Es war bereits davon die Rede« sagte
der Kammerherr unbehaglich »und der Mensch ist leider im Kreise nicht
unbekannt er gilt für einen guten Musikus und war zur Kirmeszeit und sonst in
den Dörfern eine beliebte und auch gefürchtete Person ich traue ihm wohl zu
dass er neues Ärgernis bereitet«
»Vielleicht könnte dies vermieden werden wenn die Braut des Mannes nicht in
den gefürchteten Hofdienst treten müsste«
»Das ist nicht zu verhindern« erklärte der Kammerherr bestimmt
»Durch Ihr Fürwort« sagte der Arzt bittend Der Kammerherr sah ihn erstaunt
über diese Zumutung an
»Die Ansprüche welche an das Mädchen gemacht werden stehen im Widerspruch
zu allem was man Kultur und Zeitgeist nennt und eine gewisse Unzufriedenheit
im Publikum äußert sich gern in Privatbriefen und Pasquillen Der Graf selbst
wird vielleicht ein Interesse daran finden dass der Vorfall nicht nach der
Residenz getragen wird«
»Wenn er nicht ein näheres Interesse hat die Person im Dienst zu behalten«
fuhr dem Kammerherrn heraus Er sah den Doktor misstrauisch an
Doch dieser fuhr beharrlich fort »Ich habe den warmen Wunsch mir in dieser
Gegend Wohlwollen zu erwerben und ich glaube dasselbe dadurch zu verdienen dass
ich ein Unglück verhüten helfe Dies würde hier der Fall sein wenn sich ein
anderer anständiger Dienst für das Mädchen fände«
»Sie haben nicht ganz unrecht« gab der Kammerherr zu der recht gut wusste
dass an höchster Stelle nichts widerwärtiger war als ungünstiges Geräusch im
Volke und der Vorwurf der Inhumanität Und er bedachte dass der dreiste
Fremdling vor ihm vielleicht selbst solchen Vorwurf irgendwo erheben könnte
Deshalb fuhr er fort »Wie ich höre waren Sie in Gesellschaft des Prinzen auf
Reisen stehen Sie mit dem Herrn noch in irgendwelcher Verbindung« »Er hat mir
erlaubt ihm zu schreiben« sagte der Doktor sich erhebend
»Ich freue mich ausnehmend unserer Bekanntschaft« schloss der Kammerherr
sehr artig »Und was jene Affäre betrifft ich treffe noch heut mit dem Grafen
zusammen vielleicht finde ich Gelegenheit ein gutes Wort einzulegen Kommen
Sie in die Nähe meines Hofes so versteht sich von selbst dass Sie nicht
vorbeifahren«
Als es Abend wurde stand der Doktor in seiner neuen Wohnung Sie sah aus
wie viele andere vielleicht etwas heller und sauberer die Dielen von
Tannenholz frisch gescheuert die Wand mit blauer Kalkfarbe gemalt die Möbel
bis auf eine alte verschnörkelte Kommode geradlinig hager ohne jeden unnützen
Schwung In der Stube und auf dem Lande verkündeten bereits die Eingeborenen
jeder nach seiner Weise das Lob des Gastes Der Baron von der Reiterei schalt
ihn einen frechen Bürgerlichen den man schon ducken werde der Kammerherr sagte
daheim »Er ist dreist aber er ist ein geistreicher Kopf« die Gastwirtin lobte
den artigen Dank mit dem er von ihr geschieden war der Fabrikant erklärte
seiner Frau »Zu dem könnte ich Vertrauen haben« sogar ein armer Flüchtling
gedachte in dieser Stunde des Fremden während er mit blutenden Händen das
Gitter seines Kerkers aus den Steinen brach und der Einnehmer sagte vor seinem
Schrank die Bände von Jean Paul liebevoll betrachtend »Endlich eine Seele mit
höherem Schwung nur den Titan versteht er nicht zu schätzen« Alle Welt
beschäftigte sich mit ihm und war bereit ihn nach ihrer Art hoch zu achten
Musste man ihn nicht glücklich preisen wie er so dastand jung gutgestaltet
freundlich aufgenommen an einem Ort wo er überreiche Gelegenheit erhielt
seinen Beruf zu üben nichts auf seiner Seele keine Leidenschaft keine arge
Tat die ihm den Frieden stören konnten Und doch stand er allein traurig mit
beschwertem Mut »Du mein verklärter Vater dessen Bild ich in der Seele trage
als mein höchstes Gut oft sagtest du mir dass das Bewusstsein erfüllter Pflicht
das einzige dauerhafte Glück auf Erden bleibt Aber ich fürchte fröhlich macht
es nicht und den männlichen Stolz als ein Herr durch das Leben zu gehen
verleiht es doch nicht So freudige Menschen wie ich zuweilen unter den Fremden
gefunden wie sie der englische Dichter zu schildern weiß sehe ich hier
nirgends Jeder wandelt mit eng angezogenen Armen seine Straße damit er nicht
anstosse Viele sind wie Freigelassene welche sich in ihrem Gemüt noch als
Knechte betrachten die Mehrzahl stöhnt in der Sklaverei Auch der kräftige Mann
erhebt sich einmal über die andern indem er sie neckt und verspottet und in
der nächsten Stunde ist sein Genuss alles Irdische als verächtlich zu betrauern
und vor einer Graburne zu seufzen Es ist eine edle Poesie die uns aus der
alltäglichen Wirklichkeit in reinere Luft erheben will aber traurig traurig
ist es dass in dem Leben des Tages nichts gefunden wird was mit Begeisterung
erfüllt Die kraftvolle Hingabe an Schönes und Großes das in Wirklichkeit unter
uns lebt wird sie den Deutschen jemals kommen und werden wir in unserm stillen
Lande auch einen Anteil daran gewinnen Vielleicht langsam nach harten
Kämpfen in einem späteren glücklicheren Jahrhundert Das gelobte Land welches
du lieber Vater entbehrtest und das ich nicht erblicke das werden die
Späteren einnehmen Ich murre nicht mehr mein Vater wie du für mich lebtest
so will ich für das nächste Geschlecht mich hingeben ich will meine Pflicht tun
gegen die anderen und ich will danach ringen dass ich dies täglich vermag« Er
setzte sich nieder faltete Bogen zusammen und zog die Linien zu dem Geheimbuch
das er als Arzt für seine Kranken führen wollte
Am nächsten Morgen kam die Wirtin des Doktors und erzählte dass der
Gefangene in der Nacht ausgebrochen sei »Wohin kann er sich geflüchtet haben«
fragte der Doktor den Einnehmer Dieser wies nach dem Gebirge »Wahrscheinlich
wird er Schmuggler denn er weiß in der Gegend Bescheid« Und als der Doktor in
der nächsten Woche einem Briefe des Kammerherrn folgend auf dessen Gut kam
sah er bei der Hausbedienung ein sauberes Mädchen welches ihm durch die
traurige Miene auffiel Als er in den Wagen stieg stand sie hinter dem
Bedienten auf den Stufen und betrachtete ihn unverwandt Auf dem Rücksitz fand
er hinter dem Kissen einen kleinen Nelkenstrauss eingeklemmt und bald erfuhr er
dass die Kammerherrin selbst sich entschlossen hatte die Braut des Flüchtlings
in ihren Dienst zu nehmen
Am Ringvall der Vandalen
Der königliche Einnehmer Köhler blieb dem Doktor der liebste und vertrauteste
Umgang Er war ein gesetzter Mann in guten Mitteljahren in dem behaglichen
Gesicht glänzten zwei hübsche ausdrucksvolle Augen welche er beim Sprechen
gern zusammendrückte Er war als Ehrenmann geschätzt aber seiner spöttischen
Einfälle wegen mehr gefürchtet als geliebt und der Kammerherr nannte ihn
kaustisch Unverheiratet und nicht ohne Vermögen sah er gern Gäste bei sich
auch diese hatten sich zu hüten dass er ihnen nicht mit Wort oder Taten einen
Possen spielte der zuweilen derb war
Einst hatte er den jüngeren Freund zum Abend auf einen Rehrücken geladen
der ihm als Geburtstagsgeschenk zugegangen war Da öffnete sich die Tür und
wahrscheinlich angezogen von dem Duft des Bratens den er im Vorübergehen
aufgefangen hatte trat der steife Hauptmann von Buskow in die Stube Da die
Beharrlichkeit des unbeliebten Gastes bekannt war so hielt der Doktor den Abend
für verdorben Köhler aber sah den Freund mit seinem schlauen Blicke an schob
ihm ein Buch zu und zog den Hauptmann vertraulich zur Seite »Ihnen ist bekannt
dass die Tungusen Hunde verspeisen« Der Hauptmann hatte nichts dagegen
einzuwenden »Unter uns besteht eine Abneigung gegen diesen Genuss wie der
Doktor behauptet mit gutem Grund wie ich sage ohne Grund Und heut will ich
ihm das beweisen Sie sind gerade der rechte Mann dabei den Dritten abzugeben
denn Ihnen als einem Militär wird allerlei Fremdartiges im Feldkessel nicht
unerhört sein«
»Sie werden doch nicht« fragte der enttäuschte Hauptmann »Bst« mahnte
der Einnehmer »Niemand darf etwas merken«
»Sie haben aber doch noch etwas anderes in der Küche« fragte der Offizier
»Natürlich nicht« versetzte der Einnehmer »er darf keine Wahl haben«
»Recht so doch leider bin ich heut verhindert« bedauerte der Besucher und
entfernte sich nach gleichgültigen Reden Und die beiden Freunde blieben allein
Als aber der Hauptmann einige Tage darauf in Gegenwart anderer den Doktor
spöttisch fragte wie ihm der seltsame Braten geschmeckt habe und der Doktor den
Einnehmer befremdet ansah antwortete dieser »Denken Sie Herr Hauptmann wie
es mir neulich erging Meine Wirtin war in der Stille widersetzlich geworden
und da sie es für unehrliche Küchenarbeit hielt den befohlenen Braten in die
Pfanne zu tun so hat sie hinter meinem Rücken ein wirkliches Reh das mir
zufällig der Oberförster geschickt hatte gebraten und uns vorgesetzt«
Seit der Zeit bestand eine Spannung zwischen dem Einnehmer und der
bewaffneten Macht und daraus wurde bald offene Feindseligkeit Ein Bauer hatte
nämlich dem Herrn Köhler einen jungen flügellahmen Storch zugetragen den dieser
sorgfältig fütterte und zähmte der Storch lief gern aus dem Hofe und wurde ein
eifriger Besucher der Gassen und des Marktes Die Bürger freuten sich über das
kluge Tier des Herrn Einnehmers und die günstige Meinung welche der Kinderwelt
von den sozialen Verpflichtungen des Storches beigebracht war verschafte ihm
auch die achtungsvolle Freundschaft der Strassenjungen Der Storch aber gewann
bei den Besuchen des Marktes eine Vorliebe für die Schildwache und für die
Herren Offiziere welche an der Vergatterung der Hauptwache auf und ab
schritten ihn mochte bedünken dass dies eine ehrenvolle Beschäftigung sei und
er gewöhnte sich an unter dem Jubel der Kinderschar auch seinerseits vor der
geweihten Stätte ernstaft hin und her zu gehen Als Herr Köhler dies erfuhr
ließ er ihm vom Schneider blau und rote Frackschösse machen und band sie ihm über
die Flügel Da war natürlich dass in der Bürgerschaft laute Heiterkeit entstand
dass aber die Kriegsmacht in den Frackschössen eine persönliche Kränkung sah Der
arme Storch bezahlte die Zeche er wurde an einem der nächsten Tage in der
Dämmerstunde dem Einnehmer tot ins Haus gebracht und dieser wollte erkennen
dass sein Liebling durch einen Degenstich gemeuchelt sei Er schwieg wie ihm die
Klugheit gebot aber er sann auf Rache In der Weinstube der Honoratioren stand
nach alter Sitte ein Tabakskasten aus dem sich die Gäste mit Diskretion
bedienen konnten Die Bürgerlichen brachten ihre Tabaksbeutel mit die Herren
vom Militär pflegten aus dem Kasten zu requirieren Da geschah es eines Tages
dass nach dem Genuss der Frühstückspfeifen das gesamte Offizierskorps der Stadt in
einen Zustand der Abspannung und Schwäche verfiel durch welchen die
kriegerischen Übungen des Nachmittags verhindert wurden Der jüdische Wirt
bewies erschrocken seine Unschuld indem er andere Pfeifen aus demselben Kasten
stopfen ließ und es war auf niemanden sonst etwas zu bringen doch war der
Einnehmer an dem gefährlichen Morgen in der Stube gewesen Und es ist gar nicht
zu ermessen wie weit dieses Kriegsfeuer zuletzt um sich gefressen hätte wenn
es nicht durch größere Ereignisse ausgetilgt worden wäre
Unterdes gewann der Doktor Vertrauen und Zulauf und erhielt reichliche
Gelegenheit seine Kunst zu erweisen Es währte nicht lange dass er auch die
Anstrengungen fühlte denn einen großen Teil seiner Praxis fand er auf den
Dörfern und fast täglich wenn die Kranken der Stadt besucht waren musste er
mit jeder Art von Fuhrwerk meilenweit über Land Zumal als der Herbst und Winter
kam wurde die Reise in offenem Wagen oder Schlitten auf schlechten Landwegen
durch wirbelnden Schnee und dunkle Nacht zur Beschwerde Er aber fuhr
eingehüllt in seinen Pelz einen Säbel zur Seite unermüdlich nach allen
Richtungen des Kreises und die Leute rühmten an ihm dass er den Armen ebenso
bereitwillig helfe wie den Vornehmen Als gewissenhafter Mann empfand er die
furchtbare Verantwortung seines Berufes denn die Wissenschaft hatte zu seiner
Zeit von den Geheimnissen des inneren körperlichen Lebens weit weniger erspäht
als wohl jetzt Der Arzt war deshalb oft unsicherer nur auf Beobachtung äußerer
Erscheinungen und auf Mutmaßungen angewiesen und der junge Doktor verbrachte
manche schlaflose Nacht in Zweifel und Gewissensbedenken und doch durfte ihm
niemand etwas davon ansehen und er musste dergleichen schwere Sorge allein
tragen ohne einen Vertrauten
Noch etwas störte ihm das Behagen Es wurde ihm bitterlich sauer Honorar zu
fordern am schwersten bei den anspruchsvollen Reichen den Armen gab er lieber
als er nahm Dies Gefühl vermochte er nicht zu überwinden und seine Forderungen
niederzuschreiben blieb ihm die widerwärtigste Arbeit Da war es natürlich dass
seine Einnahmen nicht im richtigen Verhältnis standen zum Umfange seiner
Tätigkeit Doch besaß er von seiner Mutter ein mässiges Vermögen welches ihn von
den Honoraren unabhängig machte und er betrachtete dies als ein großes Glück
Allmählich drang der Ruf den er als Arzt gewann über die Grenzen seines
Kreises hinaus Unter anderen Einladungen in die Ferne erhielt er einst die
eines Landgeistlichen der für seine kranke Frau welche in Behandlung eines
anderen Arztes gewesen war ein Gutachten erbat Der warme Ton des Briefes und
die Weise in welcher der würdige Senior seine Angst um die liebe Frau
aussprach gewannen ihm im voraus besondere Teilnahme des Doktors Der Wagen
rollte durch eine fruchtbare Ebene deren üppiges Grün in der warmen
Frühlingsluft das Auge erfreute Dennoch wurden dem Reisenden die Meilen des
Weges zu lang und der Kutscher der zuletzt in der Gegend nicht mehr bekannt
war musste einige Male nach der Pfarre fragen Endlich trabten die Pferde über
unbebautes Land das mit Ginster und Dornen bewachsen war bei einem runden
Hügel vorüber in einen weiten Hof mit Scheunen und Ställen die einer großen
Feldwirtschaft angehörten und hielten vor einem langgestreckten niedrigen Bau
unter Schindeldach
Der Senior trat aus dem Hause dem Gaste entgegen ein Mann in höheren
Jahren mit weißem Haar aber von kräftiger Haltung mit einem großen Kopf und
vollem Angesicht dem man die milde Gutherzigkeit ansah Nach der ersten
Begrüßung bat der Gast zu der Kranken geführt zu werden und er konnte nach
sorgfältiger Prüfung des Falls dem Gatten zuletzt die frohe Mitteilung machen
dass die Krankheit heilbar und Genesung zu erwarten sei Darauf erst erhob sich
in der Studierstube des Herrn Seniors das unter treuen Deutschen notwendige
Wechselgespräch welches zu einer persönlichen Annäherung zu führen pflegt
Daraus erfuhr der Doktor dass Behörden und Gemeinden sich in übergrosser Liebe
zum Herkömmlichen niemals entschlossen hatten ein neues Wohnhaus zu errichten
dass aber die Pfarre doch zu den besten des Landes zählte viele reiche Dörfer
gehörten dazu und vieles Ackerland der Himmel aber hatte die Pflichttreue des
Herrn Seniors durch reichen Kindersegen vergolten die Söhne waren Beamte und
Lehrer geworden mehrere Töchter an Pastoren der Umgegend verheiratet »Nur die
jüngste Tochter lebt als treue Gehilfin der Mutter im Hause« schloss der Senior
seinen Bericht »unsere Henriette ist Trost und Freude unseres Alters Und dies
idyllische Dasein wäre so glücklich dass kaum ein Wunsch übrigbliebe wenn wir
noch gar so einsam und allein lebten«
»Bei solcher Pfarre muss doch ein großes Dorf sein«
»Es ist gar kein Dorf da« belehrte der Geistliche »nur wenige Hütten die
zum Hofe gehören Das Dorf wurde im Dreissigjährigen Kriege verwüstet es stand
auf der öden Stätte an welcher sie vorübergefahren sind daneben liegt noch
eine hohe Schwedenschanze das Dorf wurde nicht wieder aufgebaut nur die Kirche
und Pfarre sind erhalten«
Der Doktor trat wissbegierig an das Fenster Eine schlanke Frauengestalt
schritt behend vorüber wie ein Lichtschein hob sie sich von dem dunklen
Hintergrunde ab Er sah eine rosige Wange braungelocktes Haar ein edel
geschnittenes Profil einen vollen kräftigen Arm
»Das war die Tochter« sang es in ihm »wie ist sie schön«
»In solcher Einsamkeit helfen die Bücher« fuhr der Senior fort Der Doktor
wandte sich um das helle Licht war verschwunden er stand in der grauen
Wirklichkeit der schmucklosen Stube
»Es ist vor allem der teuere Gottesmann Luther mit dessen Lebenslauf und
Werken ich mich beschäftige« bedeutete der Senior behaglich auf seinen großen
Bücherschrank zeigend Der Doktor sah artig nach den Titeln »Hier finden Sie
sein Bild« erklärte der Pastor an die Wand tretend »Dort das seiner Käte
und hier darunter sehen Sie die Stätte an welcher er verborgen gehaust hat« Er
wies auf eine kleine Radierung der Wartburg
»Als Student habe ich in den Ferien die Wartburg besucht« fiel der Doktor
ein »auch die Studierstube wo der Teufel mit dem Tintenfass geworfen wurde«
»Darum könnte ich Sie beneiden« rief der Pastor »Es ist nämlich eine besondere
Fügung dass der große Mann in zwei wichtigen Lagen seines Lebens auf fürstlichen
Burgen in Verborgenheit gelebt hat sowohl auf der Wartburg als auch später im
Fränkischen auf der Koburg Von der letzteren jedoch ist mir eine Abbildung zu
erhalten nicht gelungen« »Die Koburg habe ich nicht selbst gesehen« sagte der
Doktor arglos »doch habe ich von meinem Vater gehört dass irgendwo bei
Verwandten ein Neues Testament aufbewahrt wird in welches der Reformator einem
meiner Vorfahren der mit ihm bekannt war auf der Koburg einen Spruch
eingeschrieben haben soll« »Das ist ja eine große Erinnerung« rief der Senior
den Arzt mit einer neuen Art von Achtung betrachtend »Also Ihre Familie war mit
Doktor Luther bekannt Bitte setzen Sie sich und erzählen Sie« Er fasste den
Gast mit beiden Händen und drückte ihn auf das Sofa
»Es ist lange her Herr Pastor« antwortete der Doktor hilflos »und ich
bekenne gar nichts weiter von der Bekanntschaft zu wissen«
Da öffnete sich die Tür und Henriette trat ein Der Gast schnellte in die
Höhe wieder kam ihm vor als ob ein heller Schein den Raum erleuchte Er sah
mit einer Mischung von Bewunderung und Scheu das Mädchen vor sich und verbeugte
sich tief Ihre Wangen röteten sich bei ihrem gehaltenen Dank »Der Kaffee steht
im Garten« sagte sie leise dem Vater
»Das war ein guter Gedanke Unsere Kaffeestunde ist vorüber lassen Sie sich
als Reisender noch eine Schale gefallen Unterdes gewinnt die Küche Zeit ihre
Pflicht zu tun«
»Ich kann Sie nicht so lange aufhalten« wandte der Doktor ein mit
geringerer Ehrlichkeit als ihm sonst eigen war da er gern bleiben wollte Und
das musste er zur Stelle versprechen Denn Vater und Tochter sahen ihn ganz
erschrocken an und der Senior hob beschwörend die Hände »Ohne Abendessen den
weiten Weg zurückmachen das dürfen Sie uns nicht antun Henriette Tabak
Pfeifen und Fidibus denn auch in der freien Natur soll der Mensch seiner
Bequemlichkeit gedenken«
Der Vater übernahm die Führung der Doktor ließ sich nicht nehmen den
Tabakkasten zu tragen Als sie so im Hausflur standen wo der Geistliche noch
schnell die Räumlichkeiten des Hauses erklärte rollte ein Wagen in den Hof Dem
Gast entging nicht dass ein leichter Schatten wie ein Bedauern über das offene
Angesicht der Tochter flog Aus dem Korbwagen stiegen zwei Bauernmädchen in
ihrer Sonntagstracht der Kutscher aber sprach angelegentlich mit dem Hausherrn
»Mit dem Müller gehts zu Ende« wandte sich der Senior betrübt zur Tochter
»und er verlangt meinen Beistand Gottesdienst muss allem vorgehen seien Sie mir
nicht böse lieber Doktor wenn ich Sie um eines Sterbenden willen auf eine
Stunde allein lasse meine Tochter und diese wackeren Mädchen werden Sie
unterdes umherführen Er eilte in seine Stube sich für die geistliche Handlung
zu rüsten Der Doktor überlegte ob er bei dem Tausch gewonnen hatte über
Doktor Luther brauchte er nicht mehr Auskunft zu geben aber die Unterhaltung
mit der Tochter war auch gestört«
Die Bauernmädchen begrüßten unterdes das Pfarrkind »Der Wagen traf uns auf
dem Wege da stiegen wir ein« erklärte die eine »Wir kommen bitten« begann
die andere »ob Sie mit Blumen zur Hochzeit aushelfen wollten«
»Was fällt euch ein ihr Mädel dass ihr mich heut so fremd anredet« schalt
Henriette »Wir sind Dutzschwestern und vom Vater zusammen konfirmiert«
erklärte sie dem Gaste »hier Bärbel die Schulzentochter und Liesel vom
Freibauer ihr Vater und wir grenzen mit der Flur Sie denken weil ein Herr aus
der Stadt dabei ist müssen sie vornehm reden Kommt alle mit wir führen den
Herrn in den Garten« Sie öffnete die Hintertür des Hauses
Dort lag der Garten zwischen dem Hause und dem Kirchhofe eingehegt ein
wohlgepflegter Raum mit gradlinigen Beeten auf denen die Frühlingsblumen
Primeln Narzissen und stolze Kaiserkronen in üppiger Pracht blühten Dahinter
lief die niedrige Mauer des Friedhofes halb verdeckt durch Flieder und
Jasminbüsche man übersah den Friedhof mit den einfachen Denkmälern die der
Landmann nach der Väter Sitte errichtet und in seiner Mitte die alte Kirche mit
ihren gemauerten Strebepfeilern dem blauen Holzdach und einem spitzen Turm
dessen oberer Teil auch aus Holz gezimmert war Henriette beachtete wohl wie
sehr dem Gast das kleine Landschaftsbild gefiel und als er dies mit einfachen
Worten sagte wies sie auf eine große Geissblattlaube an der Seite
»Hier sitze ich oft am frühen Morgen überlege mir die Arbeit für den Tag
und sehe wie der Turm und das Kirchdach vom Frühlichte erglänzen Hier ist es
immer traulich und still Nur des Sonntags füllt sich der Friedhof mit den
Kirchgängern aus unserer Gemeinde mit großen und kleinen dann summt die
Unterhaltung zwischen den Kreuzen denn die Leute die sich hier treffen haben
einander viel zu erzählen und die Kinder lassen sich schwer abhalten
umherzuspringen sie klettern auf die Steine der Mauer kauern dort wie eine
Reihe Schwalben und gucken neugierig in den Garten« Sie führte nach der Laube
nötigte zum Sitzen und bot den Gästen die Tassen mit dem geschätzten Tranke dem
Doktor aber trug sie wie sich geziemte die Pfeife herzu Als er ablehnte bat
sie so freundlich dass er nicht gänzlich zu widerstehen wagte und eine kleine
Meerschaumpfeife herausholte die ihn seit der Studienzeit auf seinen Reisen
begleitete Dazu brachte er sein Feuerzeug Stahl und Schwamm aus der Tasche
und suchte den Feuerstein Das Mädchen erfreut helfen zu können zog die
Schublade des Tisches auf und reichte ihm einen schönen glatten Stein mit
scharfer Kante Und als der Gast das Stück aufmerksam betrachtete sagte sie
»Wir finden dergleichen oft bei der alten Schanze der Vater sagt es sind
Naturspiele«
»Der Stein ist doch wohl von Menschenhand geschliffen und geschärft diese
Art geformter Feuersteine wird an solchen Stellen gefunden wo einst Gräber der
alten Heiden waren Man fängt an solche Erinnerungen zu sammeln Wenn Sie es
erlauben will ich mir den Stein zum Andenken aufheben«
Da fragte das Mädchen in dem Wunsch ihm etwas Liebes zu erweisen ob sie
ihm mehr von derselben Art geben dürfe
Nun lag dem Doktor gar nichts an den Feuersteinen des alten Heidenvolkes
aber ihr Erröten und der fragende Blick ihrer Augen waren so anmutig dass er
eifrig bejahte und sich wider alle Wahrheit für einen Freund von derartigen
Kuriositäten ausgab und die holde Freude mit welcher sie seine Antwort
aufnahm beruhigte sein Gewissen vollends über die Lüge Denn sie hob jetzt aus
dem Innern des Tisches ein graues Säckchen an das Licht klapperte lustig mit
dem Inhalt und stellte es triumphierend vor den Doktor hin »Da sind ihrer
viele große und kleine« rief sie
Zuletzt wurde durch andere Mittel die Pfeife in Brand gesteckt und die
blauen Wölkchen kräuselten sich in der Laube und fuhren zwischen dem Geissblatt
in den Bereich der Sonnenstrahlen Die Bienen summten und die Vögel sangen wie
vor tausend und aber tausend Jahren die Herzen schlugen und die Menschen
gewannen einander lieb jetzt wie in uralten Zeiten Mitten im Gespräch sprang
Henriette auf »die Mutter« rief sie »Ich sehe schnell nach ihr Meine
Gespielen werden unterdes auf den Kaffeetisch achten Bärbel sorge dafür dass
die Tasse des Herrn Doktors nicht leer bleibt« Sie eilte davon Der Gast saß
mit den Bräuten zusammen Es waren zwei dralle tapfere Mädchen beide hübsch
und beide saßen ihm im Bewusstsein ehrenvoller Gesellschaft steif und schweigend
gegenüber Nur Bärbel erhob sich zuweilen sah ihm in die Tasse und setzte sich
wieder fest auf ihren Sitz Als der Doktor aber durch einige Fragen nach den
beiden Verlobten und dem neuen Hausstand das Eis gebrochen hatte wurden beide
auf einmal gesprächig und erwiesen sich als frohsinnige und gescheite Kinder
Und Bärbel vergaß über der Unterhaltung ihre Pflicht keineswegs sowie der Herr
etwas getrunken hatte goss sie trotz seinem Proteste nach und tat ihm auch
reichlich Zucker hinein bis der Doktor endlich den Löffel über die Tasse legte
Diese Erklärung dass er an der Grenze des Möglichen angelangt sei wurde von ihr
geachtet Die Mädchen aber waren viel schlauer als der Fremde ahnte denn sie
fingen an verblümt von Mamsell Jettchen zu reden indem sie zuerst die Kühe des
Pfarrhofes lobten welche unter Obhut des Fräuleins standen und dabei
erzählten dass die reiche Pachtersfrau in der Nähe eifersüchtig war weil sie es
nicht dahin bringen konnte dass ihre Kühe die gleiche Menge Milch gaben Dann
kam heraus dass Jettchen beim letzten Erntekranz mit den beiden Bräutigamen
getanzt hatte und dass sie sehr gut tanze endlich dass sie eine Nähschule für
kleine Dorfmädchen halte kurz es war nicht die Schuld der beiden Bräute wenn
der fremde Herr eine geringe Meinung von Jettchen nach der Stadt mitnahm
Henriette kam zurück und die Mädchen erhoben sich zum Gehen »Die Mutter
hat mich fortgeschickt sie bedarf meiner heut nicht mehr die Frau Kantorin ist
zur Pflege gekommen Alles was hier blüht Liesel und Bärbel sollt ihr
haben soweit es sich zu der Hochzeit schickt« Sie standen vor zwei großen
Myrtenbäumen still die nach sorgfältiger Winterpflege fröhlich ihr junges Grün
trieben
»Von den Myrten schneid ich euch so viel als die Bäume entbehren können
Schickt den Tag vorher eure Brüder mit den Körben die Brautkränze winde ich
euch hier«
Die Mädchen machten nicht viel Dankesworte aber in ihren Mienen erkannte
man die stolze Befriedigung denn sie waren zumeist der Myrte und des Kranzes
wegen gekommen und alles war ihnen wohlgelungen Beim Abschied reichten sie
auch dem Doktor die Hand und gingen mit schnellem Schritt über den Hof ihrem
Dorfe zu
»Sie heiraten beide in der nächsten Woche« sagte Henriette »und ich muss
bei zwei Hochzeiten Brautjungfer sein Sie bekommen beide gute Männer und sind
selbst kreuzbrave Mädel die immer auf sich gehalten haben«
Vom Hofe klang das Gebrumm der Kühe »Mir ist zumute« begann der Doktor
»als wäre ich hier nicht fremd denn auch ich stamme aus einem Pfarrhaus vom
Lande«
»Ihr lieber Vater war Pastor« rief erfreut das Mädel denn der ansehnliche
Herr wurde ihr dadurch auf einmal viel vertraulicher
»Mein Großvater war es« fuhr der Doktor dem das Herz aufgegangen war
redselig fort »Dieser war Geistlicher in einem märkischen Dorfe er hatte eine
gute Stelle und eine große Wirtschaft und das ganze Haus voll Kinder denn er
erzog neben den eigenen noch die seines verstorbenen Bruders Dies Geschlecht
hat sich über das ganze Land verbreitet bis nach Sachsen und in das Reich Mein
Vater war der jüngste Sohn Er trat in königlichen Zivildienst und lebte längere
Zeit in den polnischen Provinzen Meine liebe Mutter starb als ich noch klein
war und der Vater hat mich als sein einziges Kind erzogen Seine Tage unter
fremden und feindseligen Menschen vergingen einsam viel Arbeit und wenig
Freude ich allein war es für den der ernsthafte stille Mann lebte Und ich
habe die Liebe eines guten Vaters so voll genossen wie wohl wenig Kindern
zuteil wird« Das Mädchen sah dass ihm die Lippen zuckten »Mein kleines Bett
stand neben dem seinen und er selbst legte mich des Abends in die Kissen dann
faltete er mir die Hände zusammen und saß an meiner Seite bis ich einschlief
Frühzeitig wurde ich der Vertraute von vielem was ihm durch die Seele zog Als
ich in die lateinische Schule kam machte er mit mir noch einmal das ganze
Lernen durch und freute sich innig wenn ich ihn in der Mathematik etwas lehren
konnte was er selbst vergessen hatte Oft legte er den Arm um mich und hielt
mich lange fest und dabei sah er zufrieden vor sich hin Noch jetzt wenn ich
allein bin sehe ich sein Antlitz die Augen voll Liebe zu mir und fühle die
Wärme in meinem Herzen Als ich auf die Universität gehen musste war die
Trennung für den Sohn sehr schwer für den Vater wohl noch schwerer«
Während er so erzählte hatten sie sich auf eine Bank gesetzt welche unweit
der Kirchhofsmauer stand die Sonne war untergegangen zum letzten rosigen
Widerschein der Wolken warf der Mond sein blasses Licht und im dämmrigen
Doppellicht glänzte die Natur
»Sie aber mussten da Sie noch jung waren unter wildfremde Menschen Das war
doch das größere Leid«
»Ich denke allein zu sein im leeren Hause in dem die Stimme des geliebten
Kindes verhallt ist war noch schmerzlicher Ich fand auf der Universität ein
sorgloses Treiben und gewann bald gute Kameraden ich sah und hörte viel Neues
und viel Schönes«
»Mein Vater studierte in Königsberg Sie aber gewiss in Halle denn dort
waren alle jüngeren Amtsbrüder des Vaters«
»Ja ich war dort« rief der Doktor und die Erinnerung an eine frohe Zeit
erhellte sein Antlitz »ich fand daselbst berühmte Lehrer und hatte zum
erstenmal die Freude ein gutes Theater zu besuchen denn ich ging und ritt
fleißig nach Lauchstädt wo die Gesellschaft aus Weimar spielte Und das wurde
für mich der größte Genuss«
Schüchtern setzte Henriette die Unterhaltung fort »Die Komödie kenne ich
aus unserer Hauptstadt dort war ich zwei Jahre bei meiner Tante Erst als meine
Schwester heiratete nahmen mich die Eltern hierher zurück Dort habe auch ich
gefühlt wie schaurig schön die Kunst ist und wie sie die Seele erhebt Denn ob
sie zu weinen zwingt oder ob sie lachen macht es ist immer eine Wonne« Genau
dasselbe war die Meinung des Doktors Sie saßen auf der Bank und jetzt schien
der Mond über ihnen er allein die Sonne hatte ihm ganz das Feld geräumt ruhig
und freundlich sah er hernieder wie einem Himmelskörper über einem Pfarrhofe
schicklich ist und er warf seine Strahlen durch das Baumlaub auf zwei junge
Gesichter die beide einander zugewandt und beide in heiterer Bewegung waren
Und während jedes dem andern herzlich in die Augen sah und auf die Worte
lauschte vergnügte sich der Mond damit die alte verstossene Mauer mit neuem
Goldglanz zu bekleiden die Steine des Kirchhofs unter denen die
Dahingegangenen so ruhig schlummerten mit blendendem Weiß zu übermalen und
sogar den alten grauen Kirchturm mit überirdischem Licht zu verklären so dass
die Fledermaus welche von dem Dichter als Uhu erwähnt wird wegen des
ungewohnten Scheines mit den Augen blinzelte
Noch immer sprachen die beiden begeistert von der Komödie und freuten sich
dass ihr Urteil über das gemütvolle Stück »Die Jäger« so ganz übereinstimmte
Deshalb überhörten sie den Wagen des heimkehrenden Vaters und fuhren empor als
sie die Stimme des alten Herrn hinter sich vernahmen welcher um Entschuldigung
bat weil er so spät kam
Da der Senior vor der Abendkühle warnte musste der Gast in das Haus zurück
und Henriette eilte in die Küche Noch einmal sah der Arzt nach der Kranken
dann kam das Abendessen vergeistigt durch einen ausführlichen Bericht des
Seniors über die trüben Schicksale von welchen Katarine von Bora in ihren
letzten Lebensjahren betroffen wurde Der würdige Herr war über den neuen
stillen Zuhörer hörer so erfreut dass er die Unaufmerksamkeit gar nicht merkte
denn für den Gast gab es nebenbei viel zu sehen und auch zu denken Nach dem
Essen noch ein herzlicher Abschied und der Doktor fuhr in die stille Nacht
hinaus
Er sah glückselig vor sich hin Den Liederklang die sanfte und wehmütige
Poesie welche ihm so oft das Herz gerührt hatte er heut als wirkliches Leben
genossen Da war das Getrümmer aus wilder Vergangenheit um welches die
Brombeeren rankten und dämmrige Schatten schwebten daneben der ehrwürdige
Friedhof und die Kreuze an denen die Kranzgewinde in der Luft zitterten das
bemooste Turmdach um welches im trägen Fluge die Eule flatterte alles durch
die Abenddämmerung in geisterhaften Schleier gehüllt Und dicht daneben das
frische junge Leben des Mädchens ihre rosigen Wangen der warme Gruß ihrer
blauen Augen die unschuldige Sicherheit So voll Anmut wenn sie vor ihm stand
im Strohhut und einfachen Brusttuch noch anmutiger wenn sie sich niederbeugte
eine Blume zu pflücken und wenn sie das Haupt neigte um auf den Gesang der
Nachtigall im Fliederbusch zu hören oder auf die Worte die er selbst zu ihr
sprach Friedlich und gleichmäßig zwischen kräftigem Schaffen und sinnigem
Träumen verlief ihr Leben wie der klare Bach der durch die Auen der Dichter
fließt so heiter war sie und doch so rührend o Henriette
Als der Doktor nach Hause kam stellte er das Säcklein mit den alten
Feuersteinen aus den Heidengräbern sorgfältig auf seinen Schreibtisch ging eine
Weile auf und ab und sah sich die Leinwand an der eine liebe Hand geknüpft
hatte immer wieder an Endlich setzte er sich nieder und schrieb noch in der
Nacht an einen Universitätsfreund den er in Koburg wusste und der ihm einst ein
zierliches Bild in sein Stammbuch gemalt hatte ob er ihm eine Abbildung der
Feste verschaffen könne
Dieser Anschlag gelang über Erwarten Nach einiger Zeit traf mit der Post
eine Rolle ein in welcher ein hübsches Bild der Burg und Stadt lag die der
treue Freund selbst mit Wasserfarben gemalt hatte Das Format war dem
Patriotismus des Koburgers gemäß allerdings viel größer gefasst als der Doktor
sich gedacht doch ließ er das Bild einrahmen und wagte dazu einen innigen Brief
an Fräulein Henriette zu schreiben in welchem er sie bat das Bild als seinen
Dank für die Feuersteine zu betrachten und ihrem Herrn Vater an seinem
Geburtstage aufzustellen
Als nach einiger Zeit eine Kiste vom Dorfe eintraf fand er darin mit
stiller Enttäuschung nur einen Brief des dankbaren Vaters welcher mit
feierlichen Worten ausdrückte dass dies schöne Bild ein Hauptschmuck seiner
Stube geworden sei Zugleich aber bat der Pastor im Namen seiner Tochter um
Vergebung wegen Übersendung einer Beisteuer zum Haushalt da das Dorf etwas
Besseres nicht biete Unter den Frühlingsblumen lagen wohlhäbige Kunstwerke der
Küche und Wirtschaft Und obwohl die Tiere welche das Material dazu geliefert
hatten von dem Dichter nicht unter die poetischen Gebilde der Natur aufgenommen
waren so bemerkte der Doktor diesen Mangel der Sendung doch durchaus nicht Er
stellte zuerst die Blumen in ein Glas ging mit ihnen aus dem Kerzenlicht nach
der Nebenstube in welche der Mond sein volles Licht warf betrachtete den
Strauss wie er vom Monde beschienen wurde stand lange am Fenster und blickte
auf zum Nachthimmel Aber zuletzt gedachte er doch fröhlich des Schinkens und
der Würste Und als er mit den Geschenken beim Abendessen saß wurde er den
Gedanken nicht los wie wehmütig es war dass er das Gute fern von der Spenderin
verzehren musste So aß und trank er in heimlicher Sehnsucht neben den Schein
seiner Kerze malte das sanfte Himmelslicht ein schräges Bild des Fensters auf
den Fußboden und er sah zuweilen liebevoll darauf hin Er hatte das Abbild der
Stätte an welcher die großen Erinnerungen seiner Familie hingen ausgetauscht
gegen Gewöhnliches und Vergängliches aus dem Rauchfang und er kam sich vor wie
ein reicher und glücklicher Mann O Henriette
Es wird Krieg
Es sah nach Krieg aus Zuerst wurde diese Möglichkeit an der bewaffneten Macht
erkennbar die Offiziere drillten eifriger schritten noch stolzer als sonst
durch die Gassen und wurden in der Weinstube lästig weil sie mehr tranken und
wetterten und allzuoft das französische Gesindel mit kräftigen Worten aufrieben
Auch unter den Honoratioren war die Heiterkeit geschwunden es wurde viel leise
geredet und es gab heftige Erörterungen Der Stadtdirektor klagte über die
Arbeitslast und der Einnehmer fand keinen Beifall als er erzählte der
Hauptmann habe die Kompanie angelernt nur immer geradeaus auf Napoleon
loszurücken und diesen durch Pelotonfeuer zu erschießen
Dennoch erschreckte die Nachricht dass der Krieg erklärt sei Wurde er auch
wie jedermann wusste in weiter Ferne geführt so handelte es sich diesmal doch
um weit mehr als um einen Marsch nach Polen Die Kompanie sollte ausrücken Die
Offiziere hielten am Abend vorher mit einigen Bekannten vom Landadel ein
festliches Gelage und die Soldaten empfingen von dem guten Willen der
Quartiergeber eine letzte Mahlzeit Am Morgen schlug der Tambour Reveille durch
die Straßen und die Soldaten eilten aus den Quartieren die älteren begleitet
von ihren Frauen und Kindern welche bitterlich schluchzten Als sich nach
langen Vorbereitungen die Kompanie in Bewegung setzte schritten die Offiziere
mürrisch und durch die schlaflose Nacht verstört dem Tore zu und die
Angehörigen der Kompanie drängten das Geleit gebend zu beiden Seiten Auch die
Schwester des Hauptmanns das kleine Fräulein von Buskow zog in ihrer schwarzen
Enveloppe auf dem Bürgersteige vorwärts um ihrem Bruder noch so lange als
möglich nahe zu bleiben und die Leute welche wussten dass sie heut das beste
Recht hatte wichen wo sie ging teilnehmend zur Seite Die Soldaten aber
brachen rechts und links aus und nahmen noch einmal von ihren Frauen und Mädchen
Abschied viele mit nassen Augen nur die Polen unter ihnen welche aus
Südpreussen als Rekruten zugeführt waren sahen gleichgültig geradeaus und
hofften in der Stille auf eine Gelegenheit dem verhassten Dienst zu entweichen
Die Bürgerschaft aber jung und alt stand fast vollzählig auf der Straße oder
an den Türen und rief den Scheidenden Grüße zu Oft waren Offiziere und
Mannschaft ihnen verleidet gewesen heut dachten sie doch daran dass die armen
Leute in Gefahr und Tod gingen viele Quartierwirte steckten ihren Soldaten auf
dem Wege gefüllte Flaschen zu und Fleischer Beblow versprach dem seinen noch am
Tore zweimal wöchentlich Kost für Weib und Kind
In den nächsten Wochen kam den Bürgern ihre Stadt still und leer vor sie
vernahmen nicht mehr die täglichen Signale der Garnison nach welchen sie sich
gerichtet hatten fast wie die Soldaten und sie spotteten dass alte
Zunftgenossen welche in ihrem Erwerb zurückgekommen waren mit einem
unförmlichen Säbel an der Seite den Wachtdienst bei den Toren versahen Zuweilen
kamen noch durchziehende Truppen und lange Reihen von Proviantwagen rasselten
auf dem Pflaster auch die Schwadron bei welcher der Baron stand ritt durch
die Stadt und der Leutnant hielt vor der Frühstücksstube an ließ sich ein Glas
Wein auf das Pferd reichen schleuderte das geleerte Glas großartig auf die
Steine und jagte seinen Reitern nach Doch blieb die Schwadron nicht lange aus
an einem Mittag war sie wieder da und zog langsam ohne Begeisterung in
entgegengesetzter Richtung zurück Täglich umstanden die Leute das Postaus und
drängten sich nach Briefen und Zeitungen Aber in den Zeitungen war wenig zu
lesen nur zahllose Gerüchte kamen aus den großen Städten meist Gutes
verheissend und wenn jemand auswärts gewesen war liefen die Leute an den Wagen
des Heimkehrenden und fragten ihn aus Eine schwüle Erwartung lastete auf den
Gemütern jederman hoffte wenn er mit andern zusammen war das Beste und redete
tapfer aber im geheimen fühlte jeder Zweifel und Bangen
Der Doktor hatte das Haus des Seniors durch die ganze Zeit nicht besucht
ihn hielt das Zartgefühl ab ungeladen in eine Familie zu treten in welche er
nur als Arzt gerufen worden Einmal aber war er auf der Landstraße dem Wagen
begegnet worin der Senior mit seiner Tochter saß Da war er von seinem Sitz
gestiegen und hatte schnell in den andern Wagen hinein nach dem Befinden der
Frau Pastorin gefragt Es wurde nur ein kurzer Austausch von Frage und Antwort
aber der Vater lud zu einem Besuche ein sobald ihn der Weg in die Nähe führe
Der Doktor sah in ein liebes Antlitz hörte den Ton einer sanften Stimme und
erkannte durfte er sichs gestehen die Freude welche Henriette bei der
Begegnung fühlte Das war für ihn ein glücklicher Tag gewesen Dann kamen
Kriegsgeräusch und Sorge Jetzt ließ es ihm keine Ruhe er musste wissen wie sie
im Pfarrhause diese Wochen gespannter Erwartung verlebten
Als er aus dem Wagen sprang stand sie auf der Schwelle Der Korb den sie
hielt entglitt ihrem Arm aber sie trat dem Gast gleich darauf mit strahlenden
Augen entgegen Keines wusste recht was es bei der Begrüßung sagte doch beide
fühlten in der Unruhe sich so froh und glücklich dass sie nicht das wilde Gebell
des Hofhundes vernahmen und nicht die Frage des Kutschers ob er ausspannen
solle Das Mädchen gedachte zuerst ihrer Pflicht sie löste die Hand welche er
festhielt aus der seinen aber ihm war als wollte sie ihn mit sich
hineinziehen Unterdes gebot die Stimme des Vaters »Halte den Herrn Doktor
nicht auf wir sind auch da ihn zu begrüßen« Wie ein alter Freund trat er in
das Haus setzte sich vor allem zur Frau Pastorin die er außer Bett fand und
empfing ihren Dank und ausführlichen Bericht über die besiegte Krankheit
während Henriette herantrug was in einem gastfreien Pfarrhause für den Gast zu
finden war Der Doktor hing mit seinen Augen an jeder Bewegung des lieben
Mädchens und ihm kam vor als schwebe sie gelöst vom Erdboden über die
Schwelle »Sie hat darauf bestanden heut eine Babe zu backen« sagte die Mutter
zufrieden »es muss ihr geahnt haben dass ein lieber Besuch kommen würde«
Henriette nickte fast unmerklich mit dem Haupte Der Senior dankte nochmals für
das schöne Bild welches jetzt prächtig über dem Sofa hing und kam dabei
natürlich auf Doktor Luther Aber er setzte von diesem mit einem großen Schritt
über drei Jahrhunderte in die Gegenwart indem er ein aufgeschlagenes Buch vor
den Doktor legte »Dies ist unsere Bitte Verleih uns Frieden gnädiglich
Herrgott zu unsern Zeiten es ist ja doch kein anderer nicht der für uns
könnte streiten« Und da die Frauen gerade das Zimmer verlassen hatten fuhr er
leiser fort »Wir sind hoffentlich sicher dass der schreckliche Krieg nicht in
unsere Nähe kommen wird«
Der Doktor sah in den gefüllten Wirtschaftshof und über die Strohdächer der
Scheunen und Ställe und ihn überkam eine plötzliche Angst »Es wird einem
Preußen nicht leicht die Möglichkeit anzunehmen doch wenn Sie auch an das
Unwahrscheinliche denken wollen so erlaube ich mir die Frage haben Sie nicht
die Absicht das Wertvollste der Habe und vielleicht auch Fräulein Henriette für
einen solchen Fall in einer Stadt zu bergen«
»Wir haben noch nicht daran gedacht« antwortete der Senior würdevoll »ich
bin Ihnen aber dankbar dass Sie daran erinnern Meine Schwägerin in unserer
Kreisstadt wird uns gern diese Sorge abnehmen denn Sie haben recht in der
Stadt ist doch besserer Schutz«
Diese Aussicht machte dem Doktor das Herz wieder leicht und da Henriette
eintrat bat er »Gönnen Sie mir die Freude und führen Sie mich in den Garten«
Sie hing den Hut über den Arm und beide eilten dem Vater voraus ins Freie
»Als Sie bei uns waren blühten die Rosen noch nicht« sagte das Mädchen
»und jetzt sind sie dahin Wenn ich im Sommer davorstand dachte ich Sie müssten
die Blüte sehen denn sie war dies Jahr schöner als sonst« Sie hielt vor einem
Bäumchen an selbst so schön und begehrenswert dass er hingerissen ihre Hand
fasste sie ließ ihre Hand in der seinen und er fühlte das warme Leben welches
darin zuckte So traten sie nebeneinander zum Garten hinaus und erstiegen die
alte Schanze
Es war ein kreisrunder Wall von mässigem Umfang er schloss auf der Innenseite
einen vertieften Raum ein der höher als das Land draußen und wohlgerundet wie
ein Kessel war »Hier führen Stufen hinab« wies Henriette als sie auf dem
Rande standen »der Rasen ist jetzt glatt Als Kinder sind wir oft mit Freuden
in die Tiefe gerutscht« Und sie schwang sich behende vor ihm hinunter »An
dieser Stelle finden wir zuweilen Glücksblätter« sagte sie in der Tiefe und
blickte scharf auf den niedrigen Rasen Endlich beugte sie sich hinab »Hier ist
Klee mit vier Blättern« Vergnügt hielt sie ihm das grüne Blatt hin »Nehmen
Sie es soll Ihnen Gutes bedeuten« Der Doktor stand wie bezaubert der Wallring
umschanzte das liebe Mädchen und ihn gegen die ganze Welt nichts war zu sehen
als der Himmel welcher wie eine lichtblaue Glocke über dem Ringe stand Er nahm
das Blatt aus ihrer Hand und hingerissen von der heiteren Unschuld ihres Wesens
und dem warmen Blick mit dem sie ihn bittend ansah neigte er sich zu ihr und
küsste sie leise auf den Mund Sie stand still und schloss einen Augenblick die
Augen aber gleich darauf sah sie mit rosigen Wangen wieder zärtlich zu ihm auf
Keins von beiden sprach Sie hob den Strohhut vom Boden und führte den Gast die
Höhe hinauf Dort blickten sie von dem Wall herab in die helle Landschaft Die
Herbstsonne neigte abwärts über die Stoppelfelder vor ihnen neigten sich weiße
glänzende Fäden wie ein dünner Schleier dahinter sah man in der klaren Luft
Dorf neben Dorf bei jedem ragten die Dächer aus einem Kranz von Bäumen deren
Laub im Sonnenlicht wie bräunliche Bronze schimmerte bis sich die letzten
Baumgruppen wie ferne Inseln am dämmrigen Horizont verloren »Ich zeige Ihnen
auch die Gegend wo Sie wohnen« sagte das Mädchen »Manchmal haben wir dort
hinausgesehen und gefragt ob Sie wohl einmal kommen würden Der Vater war
unsicher ich aber dachte Sie müssten doch nach der Mutter sehen« Und fröhlich
setzte sie hinzu »Es war heut nicht der erste Kuchen welcher für Sie gebacken
wurde«
Als sie in die Nähe des Friedhofs kamen bellte ein Hund An der Stelle wo
der Sage nach einst die Hütten eines Dorfes gestanden hatten weidete der
Schäfer eine kleine Schafherde »Sie gehört uns« erklärte Henriette stolz »der
alte Christian versieht sie mit seinem Knaben er ist auch unser Wächter und muss
einige Stunden des Tages ausruhen« Der Alte stand zwischen wilden Schlehen und
Brombeeren den Rücken einem alten Gemäuer zugekehrt Er nahm den Hut ab und
gebot dem Hund nicht durch sein Gebell zu stören Henriette wies auf die
Steine »Das ist der Rand des verfallenen Brunnens der wie man sagt einst
mitten in einem Dorfe war Der Vater ließ das Holzdach darüber zimmern damit an
den Kirchtagen nicht ein Kind darin verunglücke«
»Guten Tag Schäfer« grüßte der Doktor »Eure Herde darf auf einen guten
Herbst hoffen denn die Spinnweben hängen weiß über den Feldern«
»Die einen weben Glück und die andern verkünden Unglück« antwortete der
Alte »und das Unglück wird mächtiger als das Glück«
»Wer verkündet Unglück« fragte der Doktor ergötzt durch das feierliche
Aussehen des Weissagenden Der Schäfer antwortete nicht er wandte sich zu der
Tochter seines Herrn und wies mit dem Stabe nach dem Brunnen »Sie geht wieder
um« »Redet nicht so etwas Christian« sagte Henriette unzufrieden »Ihr wisst
der Vater kann es nicht leiden« Wieder zeigte der Schäfer geheimnisvoll hinter
sich »Sie tut was sie muss und niemand kann es ihr wehren Die aber am Leben
sind mögen sich wegen ihrer Warnung in acht nehmen« Der Doktor sah seine
Begleiterin fragend an »Die Leute haben eine Scheu vor dem Platze wo der
Brunnen steht« erklärte das Mädchen »Es geht die Sage dass sich zur Zeit des
Schwedenkrieges als das Dorf noch stand ein Weib in den Brunnen gestürzt hat
um ihren Verfolgern zu entgehen«
»Heut nacht war das Brunnenweib wieder da« sagte der Alte »vom Kirchhofe
kam sie her sie zog in langem weißen Gewande wie ein Rauch und als ich nach
dem Brunnen hinsah war das Holzdach fort und eine schwarze Öffnung vorhanden
die Gestalt aber schwebte um den Brunnen wirbelte in die Höhe und versank
darin Das kann auch der Herr Senior nicht fortschaffen Meine Schafe wissen
Bescheid es geht selten eines bis zu den Steinen und der Hund weiß es auch er
winselte die ganze Nacht«
»Das Unheil ist bereits gekommen Alter« sagte der Doktor »ein harter
Krieg hat angefangen«
»So erzählt man sich« versetzte der Schäfer entschlossen nichts weiter zu
berichten und ging scheltend zu seinen Schafen
»Auch unsere Hofleute sind durch diese Zeit aufgeregt und sehen und hören
jetzt allerlei« fügte Henriette hinzu um den Schäfer zu entschuldigen Aber
die finstere Sage und die Verkündigung des Alten befingen doch beider Gemüt sie
gingen ernstaft und schweigend nebeneinander
»Die Mutter wartet mit dem Essen« rief der Senior aus dem Garten »jetzt
will auch ich von unserem Gaste etwas hören denn wir vernehmen hier wenig
Neues und doch nimmt der Streit der Großen auch uns die Ruhe«
Die letzte Stunde verlief in Mitteilung der Gerüchte welche durch das Land
flogen und der Doktor war nicht mehr mit Henriette allein Nur beim Abschiede
lag ihre Hand noch warm in der seinen Wieder fuhr er in stiller Seligkeit
heimwärts Und immer sah er sie in der Tiefe des Ringwalls vor sich wie er sie
küsste
Nun war zu jener Zeit ein Kuss noch kein Beweis von Liebe ernsthafte Männer
und ehrbare Frauen gönnten diesen Beweis freundlicher Gesinnung einander gern
und vor andern waren die Landsleute des Doktors bereitwillig Aber jedermann
wusste auch dass es dabei große Unterschiede gab Heut pochte sein Herz in der
holden Ahnung dass er dem Pfarrkinde lieb geworden sei und an dies beseligende
Gefühl das in ihm aufschoss spann seine Phantasie zahllose Fäden die sich aus
der Gegenwart in die Zukunft hineinzogen ein ganzes Gewebe von neuem Glück das
er für sich zu hoffen wagte
Ein scharfer Windstoß pfiff an dem Wagen vorüber die Pferde scheuten der
Kutscher wandte sich um »Es ist etwas in der Luft« sagte er und knallte mit
der Peitsche
Der Doktor fuhr aus seinen Träumen auf Vor der sinkenden Sonne erhob sich
eine Wolkenbank über ihm aber wölbte sich blau und lichtvoll der Abendhimmel
und ein großer Raubvogel gefolgt von einer Schar Krähen flog in der Höhe
dahin Und wieder schlug ein plötzlicher Windstoß an seine Wange riss Blätter
und Äste von den Bäumen und trieb sie im Kreise um Pferde und Wagen »Es ist ein
Wirbel« sagte der Doktor »er zieht vorüber« »Das bedeutet was« rief der
Kutscher und peitschte aufs neue die erschreckten Pferde Sie fuhren im scharfen
Trabe durch niedriges Gehölz das sich zu beiden Seiten des Weges breitete da
schrie eine wilde Stimme »Halt« Aus dem Gebüsch sprang in brauner
verschossener Jacke ein Mann der die Krempe seines Filzhutes tief in die Stirn
gedrückt hatte Der Kutscher hob drohend die Peitsche »Ist dies der Doktor aus
der Kreisstadt« rief der Fremde
»Was wollt Ihr« fragte der Doktor und fasste nach seiner Waffe
»Kennen Sie mich noch Herr« Es war der Flüchtling welcher einst dem Arzt
den Verlust seiner Mütze geklagt hatte »Eine große Schlacht ist gewesen im
Sächsischen die hiesigen Soldaten sind gelaufen wie eine Schafherde den
Offizieren ist es heimgezahlt es liegen viele still auf der Erde«
»Woher wollt Ihr das wissen«
»Ich fuhr über die Grenze mit einem Marketender jetzt bin ich
zurückgeritten Pferde ohne Reiter waren genug zu haben Der Franzose zieht
heran und der Inspektor wird auf das Strohbund gelegt Sie wollte ich fragen
wie es meinem Mädchen auf dem Schloss geht« »Ich habe sie vor wenig Tagen
gesund gesehen«
»Ich bitte sagen Sie ihr der Hans lässt sie grüßen und sie soll mir treu
bleiben Jetzt wird bessere Zeit und wenn der Franzose kommt kann ich mich
wieder im Lande sehen lassen«
»Wie dürft Ihr bessere Zeit hoffen für Euch und Euer Mädchen Wenn der
Franzose bei uns einbricht dann werden wir alle unglücklich Versteht Ihr
nicht was feindliche Einquartierung heißt und Misshandlung durch Fremde Mit dem
Kriege ziehen Hunger und Krankheit ins Land und ich sage Euch nur ein
schlechter Kerl freut sich über das Unglück seiner Heimat«
»Den andern mag es meinetwegen gehen wie es will und Ihnen Herr wünsche
ich nichts Böses aber den Grafen und den Inspektor sollen die Franzosen
streichen«
»Doch Ihr seid ein Preuße«
»Wenn die österreichischen Pascher mich einen Preußen gescholten haben so
habe ich sie geknufft wie recht war« versetzte der Mann finster »aber unter
den Franzosen kann man auch leben«
»Denkt Ihr so dann geht Eurer Wege ich will nichts mehr mit Euch zu tun
haben« versetzte der Doktor unwillig
»Ich wollte Ihnen noch wiederbringen was Sie mir damals gegeben haben«
sagte der Bursch und legte Geld auf den ledernen Schurz des Wagens Der Doktor
beugte sich vor und schob das Geld weg dass es auf den Weg fiel »Fahr zu
Kutscher« Die Pferde zogen an und im Windgebraus gings weiter Nach einer
Weile drehte sich der Kutscher um und rief in den Wagen »Er steht noch am Wege
wo er stand«
Als der Doktor spät durch das Stadttor fuhr rannten die Leute in den
Straßen hin und her auf dem Markt sammelten sie sich in Haufen um weinende
Soldatenfrauen Die erste Botschaft von einer verlorenen Schlacht war gekommen
und die Menschen gaben sich in Schreck und Klage dem Eindruck hin oder suchten
sich mit trotzigen Worten dagegen zu wehren
Wie empörte Meereswogen durch den gebrochenen Damm über das schutzlose Land
dahinfluten so folgten jetzt die Unglücksbotschaften mit reissender Schnelle
aufeinander Das Heer geschlagen und wieder geschlagen zur Kapitulation
gezwungen und gefangen der König geflüchtet bis in den entferntesten Osten des
Staates die Residenz in der Hand des feindlichen Siegers Schrecklicher noch
wurde dies gehäufte Unglück das die Zeitungen verkündeten und das jeder
vernahm durch zahllose Berichte von einzelnen welche selbst einen Teil der
Schrecken erlebt hatten Bald kamen Soldaten der Garnison zurück einzeln oder
in kleinen Haufen die sich der Gefangenschaft durch Flucht entzogen hatten sie
kamen ohne Waffen zerlumpt verhungert klagten das Greuliche das sie erlebt
und fluchten über die Offiziere welche sie geführt Der Feind zog näher heran
auch die Provinz hatte seinen Einbruch zu erwarten die Festungen allein
vermochten ihn durch ihre Gegenwehr aufzuhalten Seit einem Menschenalter hatten
die Bürger der Stadt keinen Krieg gesehen nur ältere Leute wussten aus ihrer
Jugend von den Feldzügen Friedrichs II zu erzählen In gesetzlicher Ordnung
hatten die Lebenden Gedeihen und Glück gefunden Jetzt auf einmal sollten sie
herrenlos und rechtlos dem Gelüst eines übermütigen Siegers preisgegeben sein
Da war kein Wunder dass der Kleinmut in die Herzen drang und dass mancher an
Flucht dachte
Der Stadtdirektor kam aus der großen Stadt zurück ging mit gesenktem Haupt
umher und vertraute endlich kummervoll seinen Getreuen dass der mächtige
Minister welcher an des Königs Statt die Provinz regierte in Gegenwart vieler
Räte mit gerungenen Händen geklagt hatte alles sei verloren Der Einnehmer
machte eine Dienstreise nach der nächsten Festung Nach der Rückkehr saß er bei
seinem Glase stiller als sonst und antwortete auf die Fragen was er vernommen
habe bärbeissig »Nichts nur einen Anschlag hoher Obrigkeit habe ich in der
Festung gelesen Wir alle sollen den feindlichen Truppen mit Bereitwilligkeit
und Höflichkeit entgegenkommen und nach Kräften ihre Forderungen befriedigen
Ich hoffe Männer und Frauen werden sich das gesagt sein lassen Da wir sie in
den nächsten Wochen erwarten dürfen so mag jeder die Zeit benutzen neue
Gardinen aufzustecken und sein Silberzeug für die Franzosen zu putzen denn wie
man hört picken diese gleich den Dohlen nach allem was glänzt« Das ließ
sich die Städter gesagt sein und in den Häusern begann heimliches Pochen
Graben und Mauern
»Sie sind bekümmert Herr Hutzel« begrüßte der Doktor im Vorübergehen einen
wohlhabenden Hausbesitzer der in dem Ruf stand sich selbst alles Gute zu
gönnen anderen aber wenig »Nehmen Sie sich in acht wer so ängstlich aussieht
wie Sie dem trauen die Feinde zu dass er viel zu verlieren hat« Der Mann wurde
noch bleicher als er vorher war »Ich ersuche Sie sich nur einen Augenblick
herein zu bemühen« Er führte durch den Hof in den Garten und sah sich
argwöhnisch um »Ich habe zu Ihnen ein Vertrauen wie sonst zu keinem Menschen«
sagte er »ich bin jetzt der Verzweiflung nahe und bitte Sie flehentlich um
einen Rat« Der Arzt erwartete Mitteilungen über eine ernste Krankheit aber
Hutzel fragte »Wohin soll ich verstecken«
»Sie haben ja ein eigenes Haus geschlossenen Hof und dazu diesen Garten«
»Alles unsicher« klagte der Mann »Verschlagen und vermauern ist unmöglich
weil ich dazu einen Handwerker brauche Ich ließ vermauern Als ich den Arbeiter
bezahlte lachte er so auf eine gewisse Weise und mir fiel auf das Herz dass
ich ganz in seiner Gewalt war denn wer steht mir dafür dass er nicht schwatzt
oder gar dem Feinde sagt Halbpart und ich verrate euch was Ich brach also mit
diesen meinen Händen die Steine wieder auseinander und hob die Kiste heraus
Jetzt wollte ich im Hofe das Pflaster aufreißen und ein Loch machen auch das
war nicht zu bewirken ohne dass der Knecht oder die Magd etwas davon merkten
und ich war wieder in der Macht dieser Leute Ich ging bei Nacht mit Grabscheit
und Laterne in den Garten und vergrub die Kiste Auf einmal höre ich von der
andern Seite des Zaunes die Stimme meines Nachbars des Tischlers der mir
ohnedies aufsässig ist Sie sind es Herr Hutzel Meine Frau sah das Licht und
dachte es wären Spitzbuben Und ich war wieder in fremden Händen und musste
wieder forttragen«
»So vergraben Sie in dem Stadtwald«
»So weit aus meinen Augen« wehklagte der Mann
»Dann also lassen Sie es darauf ankommen und verstecken Sie gar nicht«
Aber die kopflose Sorge wich in dem Volke bald männlicheren Gedanken einige
der Edelleute welche in der Friedenszeit mit alten Rechten und ererbtem Ansehen
stolz über dem Volke gestanden hatten bewährten sich jetzt als beherzte Männer
welche wohl wussten dass ihnen ihre Vorrechte große Pflichten auferlegten War
auch das alte Heer geschlagen sie waren bereit ein neues zu rüsten mehrere
tausend Förster und Jäger in der Provinz trugen die Büchse groß war die Zahl
der heimgekehrten Soldaten und nach Hunderttausenden zählten die Männer die
den Gutsbesitzern untertänig dienten in Herrenhöfen und Bauerndörfern stand ein
guter Schlag Pferde In wenig Wochen vermochten sie ein neues Heer aufzustellen
So dachten die Besten vom Adel aber auch in den Städten und auf dem Lande
arbeitete derselbe Gedanke
Der Doktor kam bei dem Hause des Fleischers vorüber wo der Hauptmann
gewohnt hatte er sah die Schwester des Offiziers vor der Tür sitzen die Hände
im Schoss gefaltet und das Haupt geneigt ein Bild demütiger Trauer Er grüßte
und wollte vorübergehen da er dem kleinen Fräulein wenig bekannt war sie aber
stand auf und sagte zu ihm tretend mit tränenden Augen »Auch mein Bruder ist
verwundet und gefangen« und als der Doktor ehrliche Teilnahme aussprach
trocknete sie die Tränen »Es ist nicht der Bruder allein was mich weinen
macht Wäre ich ein Mann so würde ich nicht weichmütig hier sitzen sondern mir
ein Gewehr schaffen« Der Fleischer ein hünenhafter Mann trat hemdärmelig in
die Tür »Meiner ist auch wieder da« er meinte seinen Soldaten »er hat dem
Fräulein die schlimme Nachricht gebracht jetzt sitzt der arme Kerl in seiner
Kammer und fragt mich was aus ihm werden soll Er schämt sich in seiner Montur
auszugehen und die Obrigkeit weiß nichts mit ihm anzufangen« Der Meister
schlug die Arme übereinander »Ich habe mirs überlegt Herr Doktor wie man mit
diesem Napoleon fertig werden kann« Der Doktor blickte ihn fragend an »Man muss
ihn hinausschmeissen« sagte der Fleischer entschlossen
»Das ist es ja eben was unsere Soldaten nicht vermochten«
»Die hatten zu schlechte Kost da konnte nichts Gutes herauskommen ich
habs immer gesagt Wir selbst müssen es tun Es sind mehr als dreihundert
handfeste Männer von guter Kraft in der Stadt wir haben es ausgezählt Mein
Sohn geht auf der Stelle mit im Notfalle fasse ich auch den Kuhfuss«
»Wo aber sollen die Anführer herkommen«
»Daran liegts« sagte der Fleischer bedenklich »Wissen Sie zu wem ich
Vertrauen hätte Das ist unser Herr Einnehmer Sie gehen als Doktor mit ich
denke wenns zum Einhauen käme würden Sie auch nicht hinten bleiben« Als der
Doktor dem Freunde von dem guten Zutrauen des Zunftmeisters berichtete
antwortete dieser ernstaft »Ich habe mein lebelang nur einmal ein Gewehr
abgefeuert und ich fürchte ich habe einer Ente den Kopf zerschossen weil sie
gar zu nahe vor mir saß Dennoch bin ich dem Fleischer für die Meinung dankbar
denn in solcher Zeit erkennt man dass man von den andern für einen ehrlichen
Mann gehalten wird Dieser Sturmwind fegt bei uns viel Spreu von der Tenne«
Und die Feinde kamen
Es war ein finsterer Dezembertag als der erste feindliche Reiter die
Pistole in der Hand durch das Stadttor ritt hinter ihm ein Offizier und vier
Mann In deutscher Sprache fragte der Offizier am Tore die Bürger die aus den
Häusern gelaufen waren und als er erfuhr dass keine Soldaten in der Stadt
standen sprengte er auf den Ring und stieg vor dem Gasthofe ab ein junger
blühender Mann mit gebräuntem Antlitz In der Torfahrt verhörte er wieder den
Wirt der ihm zögernd Bescheid gab und nachdem er sich versichert hatte dass in
der Nähe nichts von den preußischen Truppen gesehen worden war quartierte er
sich gemütlich ein und forderte ein Frühstück und den Arzt Dem eintretenden
Doktor stellte er sich vor »Kapitän Dessalle Es ist nur ein Ritz in das
Fleisch für den ich Ihre Hilfe erbitte« sagte er höflich in französischer
Sprache zog seine Uniform aus und wies eine tiefe Wunde am Arm Der Doktor
verband schweigend »Wir kommen als ungebetene Gäste« sagte der Fremde lachend
»Sie werden sich an uns gewöhnen müssen mit Ihrem Könige und seinem Heer geht
es zu Ende«
»Das wird der Himmel verhüten« versetzte der Arzt
»Der Himmel ist denen günstig die sich selbst zu helfen wissen das
versteht unser großer Kaiser am besten Ist Ihnen gefällig mit mir zu
frühstücken« Der Doktor dankte
Am Abend war die Wirtsstube mit Gästen gefüllt denn die Bürger eilten
neugierig zum Trunk um den jungen Feind zu betrachten der sich so ungezwungen
unter den Würdenträgern der Stadt niederließ als gehöre er dorthin Während die
Leute leise darüber stritten ob er ein Franzose war da doch seine Mannschaft
aus Schwaben stammte zog er die kleine Tochter der Wirtin an sich und fuhr ihr
durch die blonden Locken »Meine Puppe kann ich dir nicht zeigen« sagte die
Kleine zutraulich »die habe ich vor den Franzosen versteckt Dort unter dem
Schenktisch liegt sie und schläft wo der Vater das Geld und die silbernen
Löffel vergraben hat«
Die Leute lachten »Ach du Unglückskind« rief die entsetzte Wirtin Der
Fremde aber holte ein Geldstück aus der Tasche »Hier hast du einen
französischen Groschen bitte deine Mutter dass sie dir dafür einen hübschen
Husaren kauft«
Und als er sich artig grüßend in seine Stube zurückgezogen hatte rühmte
ihn die Wirtin »Der ist von ganz anderem Schlage als unsere hochnäsigen
Offiziere«
Es ergab sich dass die Feinde herangeritten waren um eine Anzahl Pferde in
Empfang zu nehmen welche der Kreis dem Feinde zu liefern hatte und der stolze
Stadtdirektor verhandelte demütig mit dem Offizier der sich so sicher und
überlegen zu gebaren wusste als sei er schon lange Regent der Landschaft Am
andern Tage wurden die Pferde zumeist aus den königlichen Ämtern auf den Ring
geführt Der Tag verging unter Hufgeklapper und trübseligen Verhandlungen bis
endlich die Gäule im Gasthofe und einigen nahen Ställen untergebracht wurden
Die wenigen Reiter welche den Franzosen begleitet hatten schliefen in den
Ställen
Im Morgengrauen des nächsten Tages pochte es an das geschlossene Stadttor
Als der Torwächter öffnete sah er den wohlbekannten Reiterleutnant aus der
nächsten Garnison hinter ihm den Junker einen Unteroffizier und dreißig
Gemeine der Schwadron »Wo liegt der Feind und wieviel sind ihrer« fragte der
Leutnant Sobald er den Bescheid erhalten rückte das Kommando in die Stadt Die
hinteren Ausfahrten der Häuser in denen die Einquartierung lag wurden auf den
Rat des Unteroffiziers besetzt die Reiter drangen ein und fingen zwei Gemeine
welche gerade die Pferde putzten Doch ging der Überfall nicht ohne Lärm ab und
dem feindlichen Unteroffizier gelang es sich mit zwei Mann nach dem Gasthause
zu schleichen Da befahl der Leutnant seinem Kommando vor dem Gasthofe
aufzureiten
Ein Fenster öffnete sich der Fremde sah heraus und fragte in französischer
Sprache »Guten Morgen meine Herren was steht Ihnen zu Diensten« Als Antwort
fiel ein Schuss den einer der Reiter ohne Kommando abgab Der Franzose dankte im
nächsten Augenblick in gleicher Weise und der Reiter stürzte verwundet auf das
Steinpflaster »Ihr alle habt denselben Willkommen zu erwarten wenn ihr euch
nicht fortmacht« rief der Fremde Zur Stelle saßen einige Mann ab drangen in
den Gasthof und auf die enge Treppe aber der Franzose trat mit seinen Pistolen
in die Stubentür und rief ihnen zu »Wer von euch sich untersteht
heraufzukommen den schieße ich nieder wie euren Kameraden« Da hinter dem
Zornigen drei Karabiner im Anschlag lagen und die Stürmenden keinen Befehl
erhielten die Treppe und Stube mit Gewalt zu nehmen so wichen sie abwärts und
hinter ihnen wurde das Haus von vorn und hinten verschlossen Das Kommando zog
sich zurück und machte in achtungsvoller Entfernung auf dem Ringe halt Unterdes
hatte sich der Platz mit Neugierigen gefüllt der Baron ritt unter die Bürger
und rief »Herr Beblow und Meister Schilling ich ersuche Sie in den Gasthof zu
gehen und dem Feinde vorzustellen dass er sich gutwillig ergebe er muss ja die
Unmöglichkeit einsehen sich zu befreien« »Das ist nicht unsere Sache«
antwortete Schuster Schilling mit Kopfschütteln
»Ich versichere euch auf meine Ehre« ermutigte der Leutnant »ihr werdet
nicht erschossen nur ich habe das zu befürchten wenn ich mich nähere«
Die Bürger traten schweigend zurück Der Doktor welcher herangekommen war
sah wie der alte Unteroffizier errötete und unwillkürlich die Faust ballte Das
Kommando hielt unschlüssig der Leutnant ritt vor demselben hin und her Auch
der Doktor fühlte dass ihm die Wange heiß wurde und rief »So dürfen die Leute
nicht stehenbleiben ich bin bereit mit dem fremden Offizier zu verhandeln«
»Ich lasse Sie nicht allein gehen« sagte der Einnehmer »Wenn wir aber als
Abgesandte zu diesem gallischen Helden eindringen so ist Vorsicht nötig ich
verlange einen Trompeter«
Ein junger Reiter ritt freiwillig vor »Bleibt Ihr nur zurück mein wackerer
Junge ich wünsche zivile Musik Holt Eure Trompete Turmwächter Steinmetz und
marschiert vor uns her Ihr seid solange Ihr blast sicher wie in Abrahams
Schoss«
»Mir ist unbekannt« sagte Steinmetz bekümmert »was bei dergleichen
Handlungen gebräuchlich ist«
»Es wird heut nicht so genau genommen« tröstete der Einnehmer
Die Trompete wurde geholt Steinmetz der Türmer schritt in Parade vor Da
sein Gemüt schwer belastet war so geriet er auf das Signal welches er oft in
ähnlicher Gemütsstimmung vernommen hatte und blies das Stück welches
gebräuchlich war wenn ein Husar Spiessruten lief
Der Gastwirt ließ eine kurze Leiter durch das untere Fenster herab Die
Herren stiegen von dem fremden Unteroffizier geleitet die Treppe hinan und
richteten dem Franzosen ihren Auftrag aus Dieser aber wies auf die Pistolen
welche auf dem Tische lagen und antwortete »Ihr Offizier soll heraufkommen
mich zu holen wenn er es vermag lebendig bin ich nicht zu haben und jede
weitere Verhandlung ist unnütz« Mit diesem Bescheide verließen die Gesandten
den Gasthof Als sie zu dem Kommando zurückkehrten und die Antwort überbrachten
ritt der Unteroffizier heran und rief in grimmiger Bewegung »Herr Leutnant ich
bitte um Erlaubnis mit einem Beritt abzusitzen und den Feind gefangenzunehmen«
»Nein« antwortete der aufgeregte Leutnant »es ist Befehl Verlust an
Mannschaft zu vermeiden mag der Franzose bleiben wo er ist wir reiten hinten
herum und holen die Pferde aus den Ställen« So geschah es Das Kommando
schwenkte in eine Nebengasse ein und zog mit einem Teil der Pferde welche der
Franzose requiriert hatte wieder zum Tore hinaus Die Leute verliefen sich der
Markt wurde leer Als der Doktor einige Stunden später in den Gasthof gerufen
wurde fand er den Offizier zum Aufbruch bereit »Ihr Kommando ist artig
gewesen« rief der Fremde lachend dem Eintretenden zu »es hat mir die Hälfte
der Pferde zurückgelassen Sind das die Husaren Friedrichs des Großen Sie
verstehen in den Hintergassen herumzureiten«
»Sie werden nicht immer so vorsichtig geführt werden« versetzte der Doktor
finster
»Sie selbst hätten mich gern gefangengenommen« sagte der Franzose mit
spöttischem Lächeln »Sie heißen König mein Herr wenn ich recht vernahm
Stammen Sie hier aus der Gegend«
»Ich bin in Schlesien geboren«
»Der Name ist häufig unter den Deutschen bei uns in Frankreich würde er
lange Zeit dem Besitzer eine schlechte Empfehlung gewesen sein«
»Dafür ist Ihr Kaiser jetzt um so mehr beflissen die Welt mit Königen zu
versehen«
»Diese sind gut genug für die Fremden« sagte der Offizier hochmütig »In
Frankreich gibt es nur einen Herrn und das ist unser Stolz Doch Verzeihung
ich wollte Sie nicht verletzen« Er hielt die Hand auf den Tisch Der Doktor
bemerkte an dem Mittelgliede des kleinen Fingers einen dünnen Goldreif mit einem
Vergissmeinnicht wie er ihn sonst wohl schon gesehen hatte er dachte sich dass
der Ring von einem Mädchenfinger herkomme und als er die stattliche elastische
Gestalt des jungen Kriegers betrachtete musste er zugeben dass es diesem auch
bei Frauen wohl geglückt sein müsse Trotz der patriotischen Abneigung freute
ihn dass der kräftige Mann eine Stelle in seinem Herzen hatte die anderen
Gewalten als seinem Kaiser gehörte
Nachdem der Verband erneuert war legte der Fremde ein Goldstück auf den
Tisch »Ich bin Ihnen Dank schuldig«
»Sie haben mir nur Gelegenheit gegeben meinen Beruf zu üben« antwortete
der Doktor höflich »Es ist meine Pflicht jedermann hilfreich zu sein Von
einem Feinde nehme ich kein Honorar«
Der Fremde sah ihn scharf an aber er nickte beistimmend »Vielleicht
treffen wir uns einmal wieder und nicht als Feinde denn der Kaiser pflegt
festzuhalten was er erobert hat und dies ist die Zeit wo alte Throne in den
Trödelladen kommen«
»Dafür wurde auch Ihrem schwäbischen Landesherrn ein neuer gezimmert«
versetzte der Doktor
»Ich bin keine Schwabe« antwortete der Fremde stolz »und nur durch einen
Zufall zu diesem Kommando gekommen Meine Leute sind unbändig aber ich denke
sie werden mit der Zeit zu guten Soldaten«
Kurz darauf trabte der Franzose mit seinen Reitern und den Pferden aus dem
Tor
»Der Baron ist entlarvt« sagte der Einnehmer dem Fremden nachsehend »und
doch wäre mir lieb wenn das Pferdegetrappel von heut früh nicht zu meinem Alten
mit dem Krückstock heraufgeschallt hätte« Er wies auf das Bild des Königs an
dem ein Trauerflor befestigt war
Die Verlobung
Diesem ersten Besuch des Feindes folgten andere deutsche Bundestruppen des
Kaisers Franzosen und Italiener die Deutschen aber roher und zügelloser als
die Fremden Dennoch hielten sie im ganzen in der Stadt so leidliche
Manneszucht dass die Bürger sich verwunderten und erzählten es sei strenger
Befehl des Kaisers die Städte zu schonen Jämmerlich aber waren die
Botschaften welche von den Dörfern kamen Dort hausten die Feinde ganz
unmenschlich alle Gewalttaten und Greuel welche dem zuchtlosen Sieger möglich
sind wurden begangen Und wenn der Doktor über Land fuhr oft angehalten und in
eigener Gefahr hörte er Klagen die ihm das Herz zerrissen und sah was ihn
entsetzte geleerte Höfe verdorbenen Hausrat gemisshandelte Frauen und Männer
die an Schlägen und Wunden elend darniederlagen Dann war sein einziger Trost
dass ein Mädchen das er liebhatte durch die Flucht nach der Stadt davor bewahrt
wurde solches Elend in der Nähe zu schauen
Des Abends standen die Leute jetzt in Haufen auf dem Stadtwall trotz Kälte
und Schnee und horchten schweigend in die Ferne Wenn der Wind den Schall
herzutrug konnte man das dumpfe Dröhnen schwerer Geschütze hören welche der
Feind gegen Festungsmauern und gegen die Häuser umschanzter Städte richtete
Weihnachten kam heran nach altem Brauche trugen die Kinder aus dem Walde
große Moospolster herzu legten sie auf Bretter und steckten mit spitzigen
Hölzlein bunte Bilder hinein in der Mitte das Christkind mit Maria und Joseph
Ochs und Eselein und an die Seiten Schäfer und ihre Herden darüber aber hingen
sie einen großen goldenen Stern und Engel welche auf einem Papierstreifen die
Inschrift wiesen »Gloria in excelsis« Solchen Bau hatte der Doktor als Kind
jedes Jahr zusammengefügt Als jetzt die Knaben seiner Wirtin das Moos aus dem
Walde heimbrachten und ihm fröhlich vorzeigten wurde mit dem kräftigen
Waldgeruch die ganze Freude und Sehnsucht der Kinderzeit in ihm wach er setzte
sich zu ihnen und half bei der künstlichen Arbeit schnitt wie sie die Bilder
und lehrte sie eine offene Hütte zu pappen in welcher die ruhmvolle Krippe des
Christkindes aufgestellt werden konnte Aber während er sich aus den Schrecken
der Gegenwart hineinzuträumen suchte in den glückseligen Frieden der
Kinderarbeit kam ihm vor als vernehme er den dumpfen Schall ferner Schüsse er
sah die tödlichen Geschosse in feurigem Bogen herniederbrechen in die Wohnungen
friedlicher Menschen er sah abgehärmte Gestalten in den tiefsten Gewölben der
Häuser kauern und er fragte sich in tiefer Empörung Du heiliger Lehrer dessen
Geburt die Kleinen im kindischen Spiel darstellen du fordertest Liebe und
Frieden auf Erden Deiner hohen Lehre stimmt alles Holde und Freundliche in
unserem Herzen zu Hat sie recht Oder ist Kampf und Streit der Nationen als
eine ewige Notwendigkeit von der göttlichen Vorsehung geboten und müssen wir im
Kriege töten und uns töten lassen um in friedlicher Zeit menschenwürdig zu
leben Sind die Greuel dieses Jahres nötig und kann ein Mensch das Recht haben
dies Fürchterliche über Millionen andere heraufzubeschwören Und wenn er sich
antwortete Dies Leid ist der Preis den der Mensch dafür bezahlt dass er einem
Volke angehört und einem Staat und Krieg ist der Zweikampf der Völker der als
das geringere Leiden an die Stelle getreten ist einer rohen Selbstilfe der
einzelnen welche unablässig zerstört dann blieb er vor der Frage stehen Wie
weit bin ich als einziger schuldig mich dem Kampfe meines Heimatstaates
hinzugeben So dachte er über Moos und Fichtenreiser des Waldes gebeugt aber
die Antwort fand er nicht
Dieselben Festungen um welche in den Kriegen Friedrichs des Großen der
Kampf getobt hatte wurden jetzt von den Franzosen belagert Bei jeder hofften
die Städter dass die Kriegskraft der Fremden die in der Provinz nur mäßig war
an den Bastionen zerschellen würde doch eine Festung nach er andern wurde von
schwachen Kommandanten lange bevor die Not dazu zwang dem Feinde ausgeliefert
Als aber die Hauptstadt des Landes trotz dem Widerspruch den mutige Bürger
erhoben übergeben ward und der Feind zugleich mit der Stadt auch die Regierung
des Landes in Besitz nahm da drang auch in die Seelen der Bessern die
Mutlosigkeit Und von da folgte in den öden Wintertagen eine Unglücksnachricht
der andern nichts schien festzuhalten worauf man gehofft hatte nicht die
Mauern nicht die Menschen Dem Feind gehörte die ganze Provinz nur im Süden
widerstand noch ein schmaler Landstrich die Festungen an Österreichs Grenze und
die Berge der Grafschaft Glatz auch diese wie man annahm nur deshalb weil es
den Franzosen an Belagerungsgerät und Mannschaft fehlte
Aus der Hauptstadt aber kamen immer neue Erzählungen von dem Übermute der
Sieger den Erpressungen der Befehlshaber der eine hatte alles Silbergeschirr
aus dem Laden eines Goldschmieds für sich requiriert der andere brauchte
täglich ein Fass Wein sich darin zu baden die königlichen Offizianten wurden
mit kaltem Hohn wie Bediente behandelt vornehme Gutsbesitzer standen demütig
harrend im Vorzimmer der Fremden und erbaten als Gunst ihnen Feste veranstalten
zu dürfen Von dem König aber und von dem Heere die weit entfernt im äußersten
Norden lagerten drang selten eine Kunde in das Land
Viele gaben die Hoffnung auf dass das alte Wesen jemals wiederkehren werde
und nicht wenige freuten sich darüber Mancher den die schlechte Zeit
wundgedrückt hatte dachte dass es nützlicher sei den Sieger zum Freunde und
Herrn zu haben als den schweren Druck länger zu ertragen
Denn das meiste was der Bürger bis dahin mit scheuer Ehrfurcht betrachtet
hatte sich verächtlich gezeigt Streng waren die Kleinen bevormundet worden
jetzt waren die höchsten Behörden die ersten Offiziere in ihrer hohlen
Eitelkeit und in der Erbärmlichkeit ihres Charakters erwiesen Darüber klagte
das warmherzige Volk mit Bitterkeit und die Schlechten mit hämischer Freude
Wenn einer der Gutsherren der einen Sohn beim Heere hatte nach der Stadt kam
so waren die Leute nicht mehr willig die Mützen zu ziehen sie wiesen
vielleicht hinter seinem Rücken mit Fingern auf ihn und flüsterten sich zu wie
er sich die Einquartierung abgekauft und wie er bei den Feinden zu Hofe gegangen
war
Auch das neue Wesen der Fremden welches so gewaltig der alten Ordnung
überlegen war dünkte vielen stärker und besser Ja der Kaiser verstand
aufzuräumen er würde durch wenige Federstriche den Stolz der Herren abschaffen
die mit Läufern durch die Straßen zogen und ihre untertänigen Leute zwangen
ihnen zu dienen gleich als ob diese Negersklaven wären Nicht nur in den
Schenken wo loses Volk verkehrte auch in den Häusern studierter Männer welche
sich ihrer Wissenschaft und ihrer Erfahrung im Staatsdienst rühmten vernahm man
das Lob des Kaisers und wenn deutsche Offiziere die in französischem Dienst
standen in einer Gesellschaft seine Gesundheit ausbrachten so schrien auch
schlesische Landeskinder ihr Hoch dazu
Und etwas Unerhörtes geschah das ganze Land füllte sich mit Spionen Die
Fremden verstanden mit einer teuflischen Fertigkeit die sie in andern Ländern
erworben hatten schwache Menschen als Zuträger zu gewinnen überall schlichen
sich französische Agenten ein Wer in größerer Gesellschaft ein freies Wort
wagte der lief Gefahr angezeigt zu werden Man wusste dass hier und da jemand
bei Nacht aufgehoben und nach der Hauptstadt geführt war Vorsichtig und scheu
gingen die Leute aneinander vorüber ein Nachbar traute nicht mehr dem andern
In der Stadt lebte ein pensionierter Rat der wenig beliebt war Man sagte
dass er wegen grober Amtsvergehen seinen Abschied erhalten habe Dieser Mann
suchte jetzt die Gesellschaft des Doktors erzählte viel und laut von seinem
Patriotismus und fragte den Doktor der ihn kalt behandelte nach seinen
Ansichten
»Lassen Sie sich nicht mit dem ein« sagte einst die Gastwirtin vertraulich
»es geht mich nichts an aber die Leute erzählen dass er insgeheim mit dem
Feinde zusammensteckt Wenn Sie viel mit ihm gesehen werden so kommen auch Sie
ins Gerede«
»Wenn er in solchem Verdacht steht« versetzte der Doktor erstaunt »wie
können die Honoratioren ihn an ihrem Tische und in der Unterhaltung neben sich
dulden« Die Wirtin zuckte die Achsel »Sie mögen es wohl aus Furcht tun« Als
der Doktor den Einnehmer deshalb befragte antwortete dieser »Ich rede nicht
mit ihm früherer Geschichten wegen ob er spioniert weiß ich nicht aber
glauben Sie mir die ärgsten Spione sind unsere Oberbehörden welche aus reiner
Feigheit sich und die Verwaltung den fremden Schuften in der Hauptstadt zu Füßen
legen«
Das nächste Mal begann der Doktor traurig
»Es geht mit unserm Widerstand zu Ende Die letzten Truppen welche sich
noch in der Grafschaft hielten sind über die böhmische Grenze gesprengt«
Der Einnehmer zuckte die Achseln »Ich werde wohl nicht mehr lange über
Steuern quittieren Zwei Könige haben mit ihrem Stock dies Wesen
zurechtgeschlagen unter zwei andern ist es verloddert Ich sage Ihnen Doktor
der fühlende Mensch soll sich um diese Dinge nicht grämen«
»Um was denn sonst« fragte der Doktor
»Um nichts« antwortete der Einnehmer »dem Weisen darf nichts auf Erden den
Appetit verderben« Beide saßen einander schweigend gegenüber
Wieder begann der Jüngere »Ich las wie ein wohlmeinender Schriftsteller
die Deutschen ermahnt dass ihnen doch die Herrschaft bleibt im Reiche des
Geistes in der Wissenschaft und Poesie Darin kann kein anderes Volk sich mit
uns messen und unsere heimische Art lebt sicher fort in unserer Muttersprache«
»Auf der andern Seite der Oder reden sie polnisch jenseits des Gebirges
böhmisch und unsere Edelleute freuen sich wenn sie französisch parlieren
können erzählen Sie doch den Bürgern und Bauern von der Größe unserer
Wissenschaft und Dichtkunst« antwortete der Einnehmer
Wieder langes Schweigen »Wohlan« ermutigte sich der Doktor »aus Trübsal
und Gefahren steigt ein neues Leben empor was unhaltbar war fällt um uns in
Trümmer Die eigennützige Politik der Kabinette hat ihre Schwächen erwiesen Die
Schranken mit welchen die Nationen voneinander getrennt wurden sind gebrochen
für die Völker kommt jetzt eine Zeit brüderlicher Vereinigung«
»Das sagen ja die Franzosen immer« versetzte der Einnehmer »und dabei
treiben sie den Bauern die Kühe aus dem Stalle und raffen unsere sauer
verdienten Groschen in ihre Tasche«
»Auch der Kaiser welcher jetzt mit seiner Geissel auseinanderwirft und
zerschlägt ist der Diener einer höheren Macht er zwingt uns zur Busse und
Einkehr in uns selbst denn er lehrt uns dass vieles was wir in schlaffer
Gutmütigkeit aus der Vergangenheit bewahrt haben ein Unrecht geworden ist Ob
er bestimmt ist ein besseres Leben bei uns heraufzuführen wer wagt das zu
entscheiden«
»Das wage ich als königlicher Steuereinnehmer indem ich Ihnen im Vertrauen
sage dass ich ihn für einen Schurken einen Dieb und Einbrecher halte Aber
andere unserer großen Herren sind nicht viel besser Er nimmts dreist in
Scheffeln die andern furchtsam in Löffeln Und ich wiederhole Ihnen der
Weltlauf war immer so und nur in seinen vier Wänden vermag der Mensch glücklich
zu sein Zuweilen hilft dazu ein Glas Wein« Er trug eine Flasche Ungar heran
»Das trinken wir aus« ermahnte er »sonst holen es am Ende die Volksbeglücker«
Die Freunde setzten sich zusammen Der Wirt wollte nicht von Politik reden und
erzählte kleine schnurrige Geschichten denen der Gast mit halbem Ohr zuhörte
Beide Weltbürger der welcher sich aus der gemeinen Außenwelt in die Stille des
Hauses retten wollte und der andere der nach dem Hass der Könige eine
Freundschaft der Nationen erwartete sollten noch erfahren dass sie selbst
Besseres zu tun hatten als über den Fall ihres Staates traurig nachzudenken
Auch der Doktor hatte mühevolle Tage Es gab viel Krankheit in den
ausgesogenen Dörfern die Wege waren unsicher geworden und nächtliche Fahrten
galten für gefährlich Er fuhr mit Säbel und Pistole bewaffnet zu seinen
Kranken aber die einsamen Reisen unter dem Nachthimmel waren ihm ganz recht
Wenn der Schneesturm um seinen Schlitten heulte und wenn die Wintersonne auf
das weiße Bahrtuch schien in welches die Landschaft gehüllt war sann er
ernstaft über die großen Fragen welche den Menschen beschäftigen wenn er
zertrümmern sieht was ihm bis dahin lieb und ehrwürdig gewesen ist
Als er bei einem Krankenbesuch auf dem Lande wieder Klagen über die Roheit
und Raubsucht der Feinde angehört hatte sagte der Bauer endlich »Woanders ist
es noch schlimmer hergegangen bei dem Herrn Senior haben sie arg gehaust und
er ist kaum mit dem Leben davongekommen« Da befahl der Doktor dem Kutscher
sogleich nach dem Pfarrdorf zu fahren
Der Weg bog von der Landstraße ab zur Seite die wüste Stätte und das
Dorngebüsch um den verfallenen Brunnen dahinter der alte Ringwall Über dem
Deckel des Brunnens hämmerte der alte Christian Der Doktor ließ halten »Wie
gehts in der Pfarre Schäfer« Der Alte schüttelte den Kopf »Der Herr Senior
will durchaus dass ich den Deckel wieder festschlage die Arbeit ist doch
vergebens Sie leidets nicht mehr«
»Wer wills nicht leiden« Der Mann wies scheu in den Brunnen hinab »Die
einst hier heruntersprang« Er warf die Axt weg »Hier fing das Unglück an Am
Morgen kam die Magd mit der Nachricht gelaufen der Brunnen wäre offen und das
Holz nirgends zu finden Der Herr meinte es sei hineingestürzt Es war ganz
fest sagte ich ich selbst habe in den letzten Tagen daran gefasst wie können
die Bohlen hinunterfallen Dann haben Fremde dort nach Wasser gesucht sagte der
Herr griff nach seinem Hut und ging selbst zur Stelle doch war nirgends etwas
zu finden Und gleich darauf kamen die Räuber und Mörder über uns Ach und
unser armes Fräulein«
»Fahr zu Kutscher« schrie der Doktor in der Ahnung eines Unheils Als er
in den Hof einfuhr fand er dort den Staatswagen des Kammerherrn Der Bediente
grüßte und berichtete ungefragt dass die gnädige Frau zum Besuch beim
Pfarrfräulein sei Der Doktor wurde in die Amtsstube des Seniors geführt »Erst
auf dem Wege hierher habe ich vernommen dass Sie in Gefahr gewesen sind«
»Es war eine schwere Zeit« antwortete der Geistliche welcher kränklich und
gebeugt vor ihm saß »und ich besorge die Prüfungen sind noch nicht zu Ende Es
ist uns im vorigen Herbst und Winter übel zugesetzt worden Zuerst kamen kleine
Kommandos sie nahmen uns das Vieh aus den Ställen kaum dass den Frauen gelang
die letzte Milchkuh zu verstecken bis endlich an einem Sonnabend da ich gerade
memorierte das Unglück hereinbrach« Er hielt inne und sah den Doktor unruhig
an »Wir sind Ihnen bereits Dank schuldig und Ihr Besuch erscheint mir wie eine
Fügung des Schicksals ich weiß dass meine Henriette großes Vertrauen zu Ihnen
hat und es könnte sein dass wir bald einmal Ihre Hilfe für Sie erbitten
müssen« »Ist sie krank« fuhr der Doktor auf
»Ich fürchte obgleich sie im Hause umhergeht wie sonst« Er hielt wieder
inne »Dem Arzte soll man mit Vertrauen entgegenkommen« fuhr er sich selbst
ermutigend fort »und ich will Ihnen alles erzählen wovon wir sonst ungern
reden« An jenem Sonnabend war der Hof im Augenblick durch wilde Gestalten
durch Pferde und schreiende Soldaten gefüllt sie drangen in die Stube mit
wütenden Gesichtern und rohen Flüchen der ganze Haufe war betrunken leider
waren es Deutsche Sie hielten mir Pistolen an die Schläfen drehten das Tuch um
meinen Hals um mich zu ersticken und forderten das Geld und Silberzeug
Während meine Frau zitternd in der Kammer herbeisuchte was sie begehrten
hielt mich die Tochter fest umschlungen um meinen Leib vor den Schlägen der
Bösewichter zu schützen Aber zwei die Offiziersepauletten trugen rissen sie
von meinem Herzen und wollten sie mit rohen Liebkosungen zur Stube hinausziehen
Da hörte ich in halber Ohnmacht wie unsere alte Magd die an der Tür auf den
Knien lag jemanden anschrie »Herr rettet unser junges Fräulein« In dem
Augenblick sprang ein junger Offizier über die Schwelle ein schöner Mann wie
vom Himmel kam er Er sah sich in der Stube um und schlug den Bösewichtern
welche mich quälten die Pistolen zur Seite und wie mein Kind welches
gebrochen auf den Knien lag von den zwei Wüterichen fortgeschleift wurde fuhr
er auf diese zu und gebot ihnen mit flammendem Blick Lassen Sie das Mädchen
los Als die beiden sich unter Flüchen weigerten packte er den Frechsten bei
der Brust warf ihn zurück und rief Wagt es ihr Hunde die Braut eines
französischen Offiziers anzurühren Braut schrien die andern Lügner Schlagt
den französischen Windbeutel nieder Der Franzose zog seinen Säbel heraus und
sagte jetzt ganz ruhig Ich ersuche alle Anwesenden Zeugen meiner Verlobung zu
sein Er beugte sich zu meiner Tochter herab welche im Schoss der Mutter auf dem
Boden lag zog ihr den Ring vom Finger der ein Geschenk ihrer Pate war und
steckte ihr einen andern an den er an der Hand trug Herr Pfarrer so verlobe
ich mich mit Ihrer Tochter sagte er und gleich darauf fuhr er die beiden
Bösewichter an Hinaus Unterdes waren einige seiner Leute in die Stube
gedrungen hatten die Marodeure aus dem Hause gejagt und bewachten die Tür Es
wurde still wir hörten in unserer Betäubung Säbelgeklirr aus dem Hofe Kurz
darauf kam der französische Offizier zurück und rief meiner Tochter zu Der
Elende wird Sie nicht mehr belästigen Er hatte ihn dort vor der Scheune zum
Tode verwundet Der Mensch starb wenige Stunden darauf und wurde von seinen
Leuten in aller Stille auf einem Karren fortgeschaft Der Senior wischte sich
den Schweiß von der Stirn Auch sein Zuhörer barg sein Gesicht hinter der
aufgestützten Hand
»Meiner Tochter lief der Schauder durch die Glieder« fuhr der Geistliche
fort »der Franzose redete ihr tröstend zu Armes Mädchen fassen Sie Mut es
soll Ihnen kein Leid mehr geschehen er hob sie auf und übergab sie der Mutter
Sie wurde aus dem Zimmer geführt Als wir allein waren fuhr der Offizier fort
Für die nächsten Tage lasse ich Ihnen einen zuverlässigen Mann als Sauvegarde im
Haus und später hoffe ich sollen Sie von aller Einquartierung verschont
bleiben Er rief einen seiner Reiter herein es war ein alter Haudegen von sehr
gutem kriegerischem Aussehen Bisher hatte der Offizier deutsch geredet wenn
auch mit fremder Aussprache mit dem Alten besprach er sich französisch Dann
wandte er sich wieder zu mir Was hier vorgefallen ist zwingt mich sogleich
aufzubrechen um Sie und mich selbst zu sichern Ich bitte Sie bevor ich
scheide um ein Glas Wein ich wünsche die Gesundheit meiner Braut zu trinken
Als er trank lief ihm vom Arme das Blut herab Und als er aufbrach sagte er
noch meine Hand ergreifend in seinem fremdartigen Deutsch Mein ehrwürdiger
Vater als ich die Heimat verließ hatte ich eine Schwester welche Ihrer
Tochter ähnlich war und einen Vater mit weißem Haar gleich dem Ihren und es
sah in der Stube fast so aus wie hier Und meinen Dank unterbrach er mit den
Worten Grüssen Sie meine Braut und sagen Sie ihr wenn ich wiederkomme werde
ich fragen wann sie Hochzeit machen will und ein französisches Lied singend
ritt er mit seinen Leuten von dannen Doch einen Empfehlungsbrief für spätere
Einquartierung hat er zurückgelassen« Der Senior holte ein Papier aus dem
Schreibtisch und wies es dem Doktor Es war ein offener Brief in französischer
und deutscher Sprache worin der Unterzeichnete seine verlobte Braut und deren
Eltern der Ehre aller Kameraden empfahl Die Unterschrift war »Dessalle
Kapitän« mit Angabe des Regimentes
Der Doktor legte das Blatt auf den Tisch er wusste jetzt woher der Ring mit
dem Vergissmeinnicht kam und er wusste auch wo die Armwunde empfangen war die
er verbunden hatte »Und Sie haben später von diesem Dokument Gebrauch gemacht«
fragte er mit klangloser Stimme
»Es hat uns einigemal in der Not gute Dienste geleistet« antwortete der
Geistliche gedrückt
»Sie haben dadurch die Verlobung Ihrer Fräulein Tochter mit dem Fremden
anerkannt« sagte der Doktor traurig »hat auch Fräulein Henriette ihre
Zustimmung ausgesprochen«
»Sie hat nie ein Wort dafür und dagegen gesagt den Ring des Fremden hat sie
abgezogen und verwahrt ihn in ihrer Kommode Lange war sie auf den erlittenen
Schreck bettlägerig als sie wieder zu einigen Kräften kam und die Mutter von
dem Unglückstage anfing brach sie in Schluchzen aus und geriet in solche
Aufregung dass wir bis jetzt vermieden haben davon zu reden sie selbst erwähnt
niemals den Offizier«
»Hat Kapitän Dessalle seit jenem Tage sich nicht wieder gezeigt«
»Nein Einmal hat er mir in kurzem Billett angezeigt er sei verhindert uns
wiederzusehen da er im Dienste verschickt werde«
»Darf ich mir die Frage erlauben wie Sie selbst die dreiste Tat des
französischen Offiziers ansehen und was Sie ihm gegenüber und vielleicht vor
andern zu tun gedenken«
Der Senior faltete die Hände »Ich stelle alles dem Willen des Höchsten
anheim er wird es wohlmachen«
Dem Doktor empörte sich das Herz über solche christliche Ergebenheit
»Die Heimsuchung ist über mein Haus gekommen wie über unser Volk« fuhr der
Senior fort »der Kaiser hat alles zerschlagen worauf wir vertrauten und
niemand vermag zu sagen ob er nur wie ein Skorpion ist mit dem wir gezüchtigt
werden oder ob er ein Bote der Vorsehung ist um uns wenn auch wider unsern
Willen zu einem besseren Glück zu führen Ist er nur ein Werkzeug der
Zerstörung so wird Gott ihn finden und zerbrechen ist er ein großer Reformator
in irdischen Dingen so wird er sich auch unsern Dank verdienen und die Herzen
werden sich ihm freudig zuwenden«
Es war wenige Tage her da hatte der Doktor welcher jetzt in tiefer
Empörung dem Alten gegenüber saß ganz ähnliches gedacht heut tönten ihm die
Worte wie Vaterlandsverrat in das Ohr Er verstand wohl was der Senior vor ihm
nicht aussprach der fromme Mann hatte in seiner Ergebenheit bereits bei sich
ausgemacht dass der Herr ihm vielleicht einen Offizier des Kaisers als
Schwiegersohn bestimmt habe und er war bereit ihn zu empfangen Schmerz und
Zorn wurden in dem Doktor so übermächtig dass er vergebens nach Worten rang
Es war ein langes unfreundliches Schweigen
»Die Frau Kammerherrin hält die Meinigen lange auf« sagte der Pastor nach
der Tür sehend
Der Doktor erhob sich »Was Sie mir mitgeteilt haben werde ich als
Geheimnis bewahren Ist das Leiden Ihrer Fräulein Tochter eine Folge des großen
erlittenen Schreckens so haben Sie Heilung von der Zeit zu hoffen hat die
Störung ihrer Gemütsruhe einen anderen Grund so wird ihr Leiden nur beseitigt
werden wenn der Grund des Kummers wegfällt Als Arzt vermag ich nur dann zu
raten wenn Fräulein Henriette sich entschließen kann mir so weit ihr Vertrauen
zu schenken als der Arzt in solchem Falle beanspruchen muss Darum lasse ich sie
herzlich bitten Es wird gut sein wenn Sie ihr dies vorher mitteilen« Als er
die Stube verließ fuhr der Wagen des Besuches ab Henriette stand auf den
letzten Stufen der Treppe Da sie den Gast erkannte wich alles Blut aus ihrem
Gesicht und sie hielt sich an dem Treppengeländer fest Er blickte sie traurig
an grüßte schweigend und förmlich und stieg in den Wagen Er sah nicht mehr
dass das Mädchen sich über die Treppe beugte und in lautes Schluchzen ausbrach
Der Doktor drückte sich in eine Ecke des Wagens und versuchte an alles
mögliche andere zu denken um die bitteren Empfindungen zu betäuben Ihn
übermannte fast die Trauer dass sie jetzt vielleicht unglücklich war durch den
übermütigen Einfall eines Fremden Doch wahrlich es war Torheit sich um dies
Abenteuer zu grämen War der Fremde nur ein frecher Taugenichts so durfte der
Ringwechsel aus dem Stegreif unter keinen Umständen ihre Zukunft bestimmen und
war er ein Mann von Ehre so verstand es sich von selbst dass die Sache keine
weiteren Folgen hatte Aber er war ihr Retter »Wie vom Himmel kam er« sagte
der Vater So dachte wohl auch die Tochter Es war natürlich dass ihr der
Franzose lieb geworden war dessen Ring sie bewahrte Und welches Recht hatte
denn er selbst an das Mädchen
Er rang in seinen Gedanken gegen das Neue das wie ein giftiger Qualm seine
Hoffnung auf Liebe und Glück verdorren machte Und je länger er sich mühte um
so wilder wurde der Sturm in seinem Gemüt bis ihm sein ganzes Leben entweiht
und zerbrochen dünkte
So kam er nach Hause und warf sich den Rest der Nacht ruhelos auf seinem
Lager umher Kalt und grau war der Morgen und die finstere Entsagung zu der er
sich zwingen wollte wurde immer wieder durch das Auflodern eines wilden
Schmerzes gestört Nur ein Strahl von Hoffnung fuhr zuweilen durch das Dunkel in
seiner Seele Henriette selbst würde seinen Beistand begehren Aber Tag auf Tag
verrann und vom Pfarrdorf kam keine Botschaft
Wohl aber traf er mit dem Kammerherrn zusammen der ihm erzählte »Meine
Frau hat bedauert neulich bei dem Herrn Senior Sie nicht gesehen zu haben Das
ist ja eine ganz poetische und romantische Begebenheit Dem Fräulein darf man
abgesehen von der gegenwärtigen Kriegslage zu der Partie gratulieren Ich war
im Auftrage der Stände genötigt mit den Franzosen zu verhandeln Da erkundigte
sich der Prinz selbst nach der Familie des Seniors und rühmte den Bräutigam mit
warmen Worten«
»Und wie erwähnte Fräulein Henriette den Franzosen« fragte der Doktor kalt
»Sie hat meine Frau mit Tränen gebeten über die ganze Angelegenheit gegen
sie selbst und andere zu schweigen Dies Zartgefühl macht ihr Ehre bei der
jetzigen Unsicherheit aller Verhältnisse Ich zweifle aber nicht wenn erst der
Friede geschlossen ist wird sich dort alles günstig gestalten Meine Frau ist
bezaubert von der Haltung und Liebenswürdigkeit des Mädchens«
So war es entschieden Ein kurzer Traum von Liebe und Glück Sonne und Mond
verklärten den Friedhof so freundlich mit ihrem Licht das Ende ist doch ein
Grab für Liebe und Hoffnung kurz war die Seligkeit und ihr folgt ein ödes
Leben voll von Entsagung So dachte der Doktor daheim er trat aus dem
Sternenlicht in den dunklen Schatten und barg sein Gesicht in den Händen
Nach den Bergen
Die ersten Boten des Frühjahrs kamen Die Schneeglöckchen blühten und der Fink
erhob in den Hausgärten seinen mutigen Ruf Die Kinder banden buntes Papier und
Flittern an Fichtenreiser liefen durch die Gassen und schrien dass sie den
Winter ausgetrieben hätten und den Sommer wiederbrächten und wo sie von der
Hausfrau Brezeln hofften da sangen sie schmeichelnd von einer goldnen Schnur
die um das Haus gehe und von einer schönen Frau Wirtin darin Ach das Gold war
in den Häusern der Bürger selten geworden aber die steigende Sonne übte doch
ihren alten Zauber Die Mutlosigkeit welche unter den Schneewolken geherrscht
hatte schwand dahin Die Bürger schritten wieder rüstiger einher Augen und
Herzen erhoben sich in neuer Hoffnung Noch war es ein schüchternes Ergrünen
und der nächste Schneefall mochte es verderben aber die Leute erzählten doch
frohlockend dass dem fremden Kaiser nicht alles geglückt war und dass oben in der
Grafschaft und um die Grenzfestungen sich wieder Soldaten ihres Königs
tummelten Ein neuer Gouverneur war angekommen und seine Husaren streiften weit
in das Land fast täglich kam Botschaft von kecken Unternehmungen welche dem
Feinde Schaden getan dass sich die mutigen Reiter durch die engen Täler über
Eis und Schnee der Berge gewunden um plötzlich über die Franzosen herzufallen
dass sie mit dem alten Husarenstolz schonungslos auf jede Übermacht einhieben und
mit ihren Gefangenen und Beutepferden in der Ferne verschwanden gleich
Luftgestalten welche der Berggeist Rübezahl aus seinem Reiche gesendet hat die
Fremden zu necken
Seitdem wurde wie mit Geisterhilfe dem Feinde ein Tort nach dem andern
getan auch da wo niemand an die Möglichkeit dachte Die Franzosen wollten in
der Münze der Hauptstadt Geld schlagen mit den vorhandenen Prägstöcken welche
jetzt in ihrer Gewalt waren als sie den verschlossenen Raum öffneten fanden
sie alles leer die Prägstöcke waren durch unsichtbare Hände in die Berge
geschafft Dem Feinde fehlten Hohlgeschosse zur Belagerung der Festungen die
Gussformen dazu verwahrte er in Eisenwerken Oberschlesiens als die Arbeit
beginnen sollte wurden die Hütten bei Nacht von Bewaffneten umstellt die
Formen herausgeholt und zerstört Und wieder weit abseits an der polnischen
Grenze hatte ein wackerer Edelmann auf seinem Gute die Monturen aus den
nächsten Garnisonen gesammelt und vermauert die Feinde aber hatten davon
erfahren ihm den Hof verwüstet und besetzt Da zogen in nächtlichem Ritt die
Geister aus den Bergen über die Oder quer durch das ganze Land räumten
heimlich aus und schafften alles fort
Zuweilen kam dem Doktor vor als ob auch um ihn herum etwas Geheimnisvolles
vorgehe Unter den jüngeren Männern der Stadt war ein Assessor sein Tischgenosse
in dem kleinen Zimmer des Gastofes Der andere war immer schweigsam gewesen und
hatte sich selten aufgetan jetzt saß er noch verschlossener als sonst bis er
einmal nach dem Essen die Hand des Arztes ergriff »Wir nehmen heut Abschied
bewahren Sie mir ein freundliches Andenken« Dies klang so feierlich dass der
Doktor befremdet fragte »Sie wollen mich auf längere Zeit allein lassen«
»Es gibt jetzt wenig zu tun« antwortete der andere ausweichend »und ich
mache die Reise in eigenen Angelegenheiten« Am anderen Tage sagte die Wirtin
auf den leeren Platz weisend »Der ist auch fort Vorige Woche ist der Sohn
meiner Schwester gegangen wer weiß ob wir sie wiedersehen«
»Wohin« fragte der Doktor
»Wir wissen es nicht« antwortete sie »Einer ist wie der andere am frühen
Morgen zum Tore hinaus auf die Grafschaft zu Seine Sachen hat der Assessor mir
übergeben aber das Gewehr welches er sich gekauft hatte ist nicht darunter
und vor einigen Tagen hat ein Fremder der sich einen Pferdehändler nannte eine
Kiste von ihm in das Gebirge mitgenommen«
Da fiel dem Doktor ein dass er vor kurzem auch den Einnehmer mit einem
Fremden im Gespräch getroffen Der Besuch war bei seinem Eintritt mit kurzem
Gruß davongegangen der Einnehmer aber hatte auf des Doktors fragenden Blick
ausweichend geantwortet »Er macht Geschäfte mit Pferden und anderem nach der
Grafschaft hin«
Doch nicht jedermann war geneigt die Geister der Berge zu rühmen Auf der
Bank der städtischen Promenade saß der pensionierte Major von Henner bot seinen
Rücken den Strahlen der Mittagssonne und stützte die gefalteten Hände auf seinen
Stock Er gehörte zum ersten Tisch war als wackerer Mann in der Stadt geachtet
und hatte auch in dieser Zeit der Schwäche seinen harten Mut nicht verloren
Heut sah er trübsinnig zu dem Arzte auf als dieser nach seinem Ergehen fragte
»Ich habe als junger Soldat manche Woche erlebt wo die ganze Welt den König
und seine Armee verloren gab und unsere Soldaten machten doch alle Hoffnungen
der Feinde zuschanden Jetzt aber Herr traure ich dass ich solchen Frevel
erleben muss« Und den Trost des Doktors abweisend fuhr er fort »Mit den
Franzosen wären wir zuletzt fertig geworden aber wir selbst geben uns den Rest
Was in der Grafschaft vorgeht muss einem alten Preußen das Herz brechen Der
Mann welcher dort im Namen des Königs regiert befiehlt nicht wie ein
preußischer Offizier sondern wie der Räuber Karl Moor der keinen Gott und
keinen Herrn über sich erkennt Die gute Zucht unseres Heeres hat er wie einen
lahmen Hund totgeschlagen der Unterschied zwischen Edelmann und Schneider ist
aufgehoben Gassenlaufen und Stock sind verpönt jedermann muss als Gemeiner
eintreten jedermann kann Offizier werden auch mein Bedienter und die Gemeinen
sollen vor allem durch das sogenannte Ehrgefühl gedrillt werden Nicht
preußische Soldaten erzieht er sondern einen Haufen von Räubern die in ihrer
Höhle die Helden spielen und beim ersten scharfen Gefecht auseinander laufen
Dass mit dieser Flunkerei jetzt Tritt Tempo und Subordination zum Teufel gehen
das ist das Anzeichen von unserem Ende« So klagte finster der Alte
An demselben Mittag stand der Einnehmer vor seinem geöffneten Bücherschrank
und musterte wählerisch die Bände »Ich suche was das Gemüt mit heiterer Ruhe
erfüllt« brummte er
Die Haushälterin trat in die Tür »Fräulein von Buskow wünscht den Herrn
Einnehmer zu sprechen«
Der Einnehmer schloss unwillig den Schrank »Die Schwester des Meuchlers
Aha seid ihr klein geworden Ich denke sie will um Verzeihung bitten Lassen
Sie ein«
Das Fräulein trat schnell in das Zimmer eine kleine behende Dame in
schwarzer Enveloppe und schwarzer Kapuze Der Einnehmer verneigte sich höflich
gegen ihren artigen Gruß sah aber wieder sehr majestätisch aus als er sie
einlud auf dem Sofa niederzusitzen
»Ich komme Sie um allerlei zu bitten« begann das Fräulein leise »was Sie
vielleicht von Ihrer Garderobe entbehren könnten vor allem wenn Sie dicke
alte Stiefel haben und vielleicht etwas Warmes unterzuziehen am liebsten auch
um Geld«
»Von allem ist wenig vorhanden« sagte der Einnehmer verwundert auf die
niedlichen Füße sehend welche kaum bis zum Boden reichten »da Sie aber die
Stiefel doch nicht für sich brauchen so sagen Sie mir auch wem Sie damit den
Weg durch dieses Jammertal besohlen wollen«
»Armen Soldaten« antwortete das Fräulein »welche sehr abgerissen sind«
»So ist es mehr als einer«
»Ach lieber Herr Einnehmer« entschuldigte die Kleine schüchtern »es ist
eine ganze Kompanie über achtzig Mann« »Wo« fragte der Einnehmer erstaunt
»Hier draußen beim Schiesshause Sie sitzen in der Scheune meines Hauswirtes
dort habe ich sie verlassen«
»Sie« fragte der Einnehmer »Achtzig arme Marodeure können Ihnen und der
Stadt große Unannehmlichkeit bereiten«
Die Wangen des Mädchens röteten sich »Es sind keine Marodeure die meisten
sind Grenadiere von der Kompanie welche einst mein seliger Vater gehabt hat
sie waren bei unseren Truppen in der Grafschaft und wurden nach Böhmen gedrängt
Dort haben sie sich ranzioniert und sind über die Berge wieder in das Land
gekommen Sie wollen unsern König aufsuchen Vorige Nacht lagen sie im
Stadtwald heut in der Frühe kam ein alter Sergeant der meinen Bruder und mich
von früher kennt in einem Bauernmantel zu mir und fragte um Auskunft wegen des
Marsches zu Seiner Majestät und ob ich der Mannschaft mit etwas helfen könnte
denn es geht ihr sehr schlecht die wenigsten haben noch Schuhwerk und nichts
Warmes in den kalten Nächten und sie fürchten den Franzosen in den Weg zu
laufen Ich bat meinen Hauswirt den Fleischer um Hilfe und er bewies sein
gutes Herz denn er ging mit mir hinaus öffnete seine Scheune und schenkte
ihnen auch einen Hammel etwas Speck und Brot Aber das ist immer wenig für so
viele Herr Einnehmer es ist ein Jammer die armen Leute anzusehen« Sie fuhr
schnell an die Tasche wischte mit dem Tuch ein paar Tränen ab und zog sogleich
wieder entschlossen ihre Hülle zurecht
Der Einnehmer sah ihr immer noch verwundert zu »Also das ist der
Charakter« sagte er endlich »Bevor ich Ihnen antworte noch eine Frage Warum
wenden Sie sich gerade an mich«
»Es ist mir von einem durchreisenden Bekannten geraten worden« versetzte
das Fräulein zögernd
»Hiess er vielleicht Weiß« fragte der Einnehmer
Das Fräulein trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und hob den
Zeigefinger »Ich denke Schwarz« sagte sie
Der Einnehmer stand auf »Da haben wir die Bescherung Dieser schwarze Peter
spielt in seinem Leichtsinn einen königlichen Offizianten einem jungen Fräulein
in die Hände welches mehr Elfe oder Sylphe als Steuerzahlerin ist Bleiben Sie
ruhig sitzen liebes Fräulein Ich überlege nur was wir zu tun haben Unterdes
und vor allem werden Sie einen Imbiss zu sich nehmen das haben Sie heut gewiss
noch nicht getan« Er holte die Flasche aus dem Wandschrank und gebot der
Haushälterin schnell etwas aufzutragen Während das Fräulein sich gehorsam an
den Tisch setzte und einige Bissen aß schritt er auf und ab und sah sie von der
Seite an
Der Einnehmer galt für streng in Beurteilung weiblicher Schönheit es gefiel
ihm nämlich selten eine und zwar wegen einer Geschichte aus seinen jungen
Jahren die längst dunkel geworden ist mit einer höheren Ratstochter welche
aus Eitelkeit treulos an ihm gehandelt hatte Wie er aber heut die Sylphe so
plötzlich an seinem Tisch essen sah ruhig und ohne Ziererei als ob das eine
gleichgültige Sache sei wurde sein Urteil milder Er sah ein regelmässiges
Gesicht von klugem Ausdruck hübsche muntere Augen dunkle Löckchen welche aus
dem Kapuchon herausquollen und eine zierliche Gestalt
Endlich hatte er seinen Entschluss gefasst »Die Leute müssen morgen in der
Frühe fort Nicht nach Ostpreussen wohin sie gar nicht mehr dringen können
sondern nach der Grafschaft Wer marode ist wird gefahren meine Stiefel und
Röcke tuns nicht es muss einiges geschafft werden Sie und ich dürfen hier
nicht allein als Verschwörer auftreten Der Stadtdirektor muss Mitschuldiger
sein«
»Aber er meldet aus Furcht alles an die Franzosen«
»Wenn wir beide allein das Geschäft machen so erfährt er doch davon und
wir werden von ihm ohne Zweifel in der Hauptstadt angezeigt aus reiner elender
Angst vor Verantwortung die ihn treffen könnte Ich gehe sogleich zu ihm« Das
Fräulein fasste ängstlich seinen Arm und klagte »Mir ist als verriete ich meine
Freunde« Der Einnehmer aber sagte an ihr Glas mit dem seinen rührend
achtungsvoll »Vertrauen Sie mir und erwarten Sie meine Rückkehr Ich wollte
ich könnte die Flasche mit Ihnen austrinken« Er gab seiner Bedienung einige
Befehle und eilte zum Stadtdirektor
Als er zurückkam fand er seinen Gast beschäftigt die Sachen in ein Bündel
zu schnüren welche er aus seiner Garderobe preisgegeben hatte »Um den feinen
Rock ists schade« sagte das Fräulein »er ist auch nicht warm den kann der
Herr Einnehmer noch tragen dagegen ist eine alte Friesdecke vorhanden« »die
Motten waren darin« unterbrach die Haushälterin »wenn Sie diese schenken
wollten würden die Leute dankbar sein« Bereitwillig gewährte der Einnehmer
der Bund wurde gepackt »Und jetzt erlauben Sie dass ich Sie begleite« sagte
der Einnehmer »es ist auf dem Wege noch einiges abzumachen Überlassen Sie das
Bündel meiner Bedienung«
»Ich muss es heut noch hinaustragen« bat das Fräulein
»Sie wollen doch nicht bis zum Stadtwald gehen mit dieser Last auf den
Schultern«
»Ja Herr Einnehmer« antwortete das Mädchen entschieden »die armen Leute
draußen frieren es hilft doch einigen die kalte Nacht leichter zu überstehen«
»Ihr Fleischer soll anspannen ich habe ohnedies noch mit ihm zu reden«
Während die Dienstmagd das Bündel voraustrug gingen beide auf den Markt
»Der Stadtdirektor ist ein noch größerer Hase als ich gedacht« erzählte Herr
Köhler seiner Begleiterin wie einer alten Bekannten »Ich sagte ihm also der
Sergeant sei zu Ihnen gekommen Sie hätten mich gefragt wie Sie sich verhalten
sollten die Ranzionierten wären in der Scheune einquartiert Da hatte er Lust
die Bürgschaft gegen sie aufzubieten Ich überzeugte ihn aber dass ein Kampf mit
den desperaten Menschen sehr bedenklich sei«
»Sie haben ja keine Waffen Herr Einnehmer« sagte das Mädchen lachend
»Vielleicht haben sie die Armatur versteckt« antwortete der Einnehmer
»holen sie plötzlich hervor und rennen brüllend durch die Straßen Auch
bedeutete ich ihm dass dieselben Unholde zu ihm kommen würden um im Namen des
Königs achtzig Paar Stiefel und warme Decken zu requirieren außerdem natürlich
Lebensmittel und Getränk und einen bis zwei Wagen Und als er über diese
Zumutung in die größte Aufregung geraten war gab ich ihm zu bedenken dass man
seine Weigerung falsch deuten werde wenn unsere Soldaten wieder ins Land kämen
Da verlor er vollends den Kopf und klagte fast mit Tränen über die fürchterliche
Zeit und seine schwierige Stellung Zuletzt kapitulierte ich mit ihm und erbot
mich aus alter Hochachtung die Sache so einzurichten dass er außer
Verantwortung bleibe Es fand sich dass im städtischen Stall einige eingebrachte
Soldatenpferde stehen welche von den Franzosen noch nicht abgeholt sind Diese
werden morgen mit einem Wagen nach dem Stadtwald fahren dort wird Ihr Sergeant
sie gewaltsam requirieren wo er mit ihnen hinfährt ist seine Sache Unterdes
schaffen wir allerlei hinaus was die Leute brauchen«
»Wer aber soll das bezahlen« fragte das Fräulein ängstlich
»Hm ich denke der Direktor Seien Sie ruhig es wird alles unserm guten
König berechnet werden« Das Fräulein drückte in freudiger Aufregung den Arm
ihres Begleiters »Es freut mich dass ich zu Ihnen ging ich hatte vorher
Angst«
Die Angst war nun wieder dem Einnehmer angenehm und er fuhr behaglich fort
»Offen und gesetzlich verfahren ist immer vorteilhaft Sie äußerten eine
Vorliebe für wollene Decken der Kaufmann hier führt dergleichen ich will
sogleich anfragen wenn Sie ein wenig warten wollen« Und als er herauskam fuhr
er fort »Gefunden jetzt aber müssen wir uns trennen ich will meinen Schuster
zu Rate ziehen er ist ein nachdenklicher Kopf« Das Fräulein schwebte davon
Schuster Schilling saß mit Frau Kind und Lehrjungen vor dem Kaffeetopf und sah
verwundert auf den Besuch »Lassen Sie sich nicht stören Meister ich habe
Zeit« Zum Glück war der Meister fertig und führte in die gute Stube gegenüber
»Sie haben alles richtig prophezeit wie es geworden ist« sagte der
Einnehmer »Es ist eine schwere Zeit gekommen«
»Ja« sagte der Schuster »die Konjunktion in der Politik war so dass dies
alles kommen musste und Herr Einnehmer glauben Sie mir es kommt noch mehr«
»Das sag ich auch« bestätigte dieser Und sich dem Ohre des Schusters
nähernd sprach er leise »Achtzig Paar Bauernstiefel müssen binnen zwei Stunden
in aller Stille ankommen«
»Das ist unmöglich« antwortete der Schuster »es arbeitet jetzt niemand auf
Vorrat denn er könnte ihm genommen werden«
»Diesmal wird bezahlt und ich bin Ihnen gut dafür«
»Für wen solls denn«
»Nicht für die Franzosen« sagte der Einnehmer »Ich fordere gute Stiefel in
einer Marktkiste je mehr um so besser«
»Also je mehr um so besser« wiederholte der Meister »Das ist mir ganz
recht Herr Einnehmer Eine Stunde nachdem zwischen den Potentaten der Friede
geschlossen ist sollen Sie dreißig Paar haben Kernstiefel meine eigene
Arbeit«
»Also haben Sie die Stiefel fertig«
»Ich habe sie« bestätigte der Schuster geheimnisvoll »aber ich kann nicht
dazu Ein Familienvater der für Weib und Kind zu sorgen hat muss in dieser Zeit
seine Stiefel einmauern«
»Und leise in Socken auftreten« sagte der Einnehmer »das tun jetzt viele
Die dreißig Paar aber schlagen Sie sogleich heraus und mauern für Ihre Kinder
neue ein Es kommt jetzt eine andere Konjunktion Meister das Glücksrädlein
könnte sich drehen«
»Gott gebs« sagte der Schuster
Auf einer Waldblösse in der Nähe der Scheune fand der Einnehmer die Soldaten
um lodernde Feuer versammelt der Waldbelaufer trug ihnen hilfreich Holz herzu
Es waren in der Mehrzahl jüngere Männer dazu einige alte Unteroffiziere ein
Sergeant mit grauem Schnurrbart befahl Wohl hatte das Fräulein recht sie zu
bedauern so hager und bleich die Gesichter mit struppigem Bart und
tiefliegenden Augen die Monturen zerrissen und durch Sonnenbrand und
Winterschnee entfärbt Aus dem klaffenden Schuhwerk ragten die erfrorenen Zehen
viele hatten Lappen darüber gebunden oder abgezogene Felle Aber die Leute saßen
und regten sich mit fester Haltung stramm und selbstbewusst und man erkannte
hinter dem Elend eine Zucht und harte Kraft die nicht gebrochen war Mitten
unter der Kompanie wirtschaftete das Fräulein es zerriss alte Leinwand zu
Verbandszeug für einen Fusskranken wachte über einigen großen Töpfen in denen
die Suppe kochte und antwortete nach allen Seiten auf Fragen und Bitten befahl
den Leuten und schickte sie hin und her Sie nickte von dem Holzscheit auf dem
sie saß dem Einnehmer freundlich zu »Zwei von der Mannschaft haben Frau und
Kind in ihrer Garnison zurückgelassen und möchten diesen zu wissen tun dass sie
noch leben Könnten Sie vielleicht helfen« Der Einnehmer zog seine Brieftasche
und nahm die Leute beiseite und er hörte wie die Kleine unterdes einem andern
zurief »Alle Wetter Kerl untersteh dich nicht mit deinen schmutzigen Fingern
in den Topf zu fahren willst du hinsetzen du Tolpatsch Hier ist einer Herr
Einnehmer der die Hand beschädigt hat und sich nicht selbst helfen kann für
diesen wird Ihre Decke zu einem Kapottrock zusammengeheftet Man kann das auf
mancherlei Art machen am schnellsten gehts so wenn man in der Mitte ein Loch
schneidet« Die kleinen Hände flogen bei der Arbeit und wenn sie die Kälte
spürte blies sie darauf und heftete weiter sah dazwischen wieder nach den
Töpfen und redete tröstend mit einem und dem andern über seine Not
Sie ist nur mit Puk oder Ariel zu vergleichen dachte der Einnehmer das
putzige Ding weiß die ganze Kompanie zu kommandieren wie ein Hauptmann es muss
im Blute liegen »Jetzt aber Sergeant« begann er »sollen Sie in Empfang
nehmen was wir bringen Decken Stiefel Lebensmittel soviel sich in der Eile
beschaffen ließ Sie müssen unterschreiben was sie empfangen haben ich brauche
meinen Beleg Morgen früh vor Sonnenaufgang wird ein großer Korbwagen mit
Strohschütten und zwei Pferden wie von ungefähr herauskommen Ich rate Ihnen
Wagen und Pferde in Beschlag zu nehmen verstehen Sie Lassen Sie Ihre Kranken
aufsitzen Dieser mein Kutscher wird mitkommen er ist eines Bürgers Sohn und
zuverlässig und wird Sie gern durch den Stadtwald auf Seitenwegen der Grafschaft
zufahren Denn dort ist jetzt unser Generalgouverneur und dorthin will Sie der
König haben Sie haben die Waffen in Böhmen abgeliefert sind also wehrlos«
fragte er teilnehmend
»Wir haben sie in den Bergen versteckt« antwortete der Sergeant »sind wir
erst glücklich in der Grafschaft so holen wir sie wieder«
»Die französischen Vorposten stehen auf Ihrem Wege Sie müssen ausweichen«
Und er gab leise die Richtung an nannte ihm das Dorf wo er einen getreuen
Führer finden werde und den Namen des Mannes
Auch das Fräulein wunderte sich jetzt dass der Herr den sie bis dahin aus
der Ferne nur als einen Lebemann gekannt hatte in Verschwörungsgeschäften so
guten Rat wusste
»Und jetzt Fräulein« schloss Herr Köhler »bitte ich dass Sie auch an sich
selbst denken Die Sonne sinkt und Sie haben sich gegen die kalte Nachtluft
nicht vorgesehen Erlauben Sie dass ich Sie mit mir zurücknehme« Das Fräulein
erhob sich ohne Weigern und überreichte einem der Leute den fertigen Überwurf
»Sie müssen noch sehen wie gut Ihr Geschenk einem preußischen Grenadier steht«
sagte sie froh »Fahrt hinein Mann damit der Herr Euch betrachtet« Der Soldat
streifte die warme Hülle über »Wie ein Herold aus dem Volk der Samojeden«
sagte der Einnehmer
Die Mannschaft hatte unterdes emsig Kisten und Fässer abgeladen und die
Unteroffiziere hatten von dem Inhalt verteilt jetzt umstand die Kompanie mit
neuem Lebensmut die Scheidenden
»Des Himmels Segen über Sie liebes Fräulein und über Sie guter Herr«
rief der Sergeant
»Hier nehmt die Schere Nadel und Zwirn« sagte das Fräulein mit nassen
Augen »Die Laterne behalten Sie« riet der Einnehmer noch aus dem Wagen »und
geben Sie ja acht dass der Stadt kein Schaden geschieht Lebt wohl ihr braven
Männer und wenn Ihnen alles gelungen ist Sergeant so lassen Sie michs durch
den Mann wissen den ich Ihnen genannt habe«
Als der Einnehmer mit seiner Begleiterin zurückfuhr begann er ernster als
sonst seine Art war »Alle tragen wir Schweres aber keiner von uns allen leidet
und wagt so viel und sie gehen freiwillig wieder hinein Und keiner klagte wie
diese armen Leute Sie kommen aus unablässigem Elend und alle waren dankbar
Wir lassen uns gern durch erdachte Geschichten rühren welche in Büchern erzählt
sind aber diese freiwillige Hingabe und die wortlose Treue sind größer als alle
Erfindung und sie sind jetzt nichts Unerhörtes« und er zog plötzlich sein
Taschentuch heraus und kämpfte mit einer Bewegung die ihm stark zusetzte Da
auch das Fräulein schwieg fuhr er nach einiger Zeit in seinem Selbstgespräch
fort »Doch einen gibt es der auch in Büchern versteht das Edelste
menschlicher Gefühle lebendig zu machen Ich denke Jean Paul ist auch Ihr
Liebling«
»Ich habe nichts von ihm gelesen« sagte das Fräulein
»Dann müssen Sie mir erlauben dass ich Ihnen morgen etwas von ihm
zuschicke«
Das nahm das Fräulein dankbar an
Als am nächsten Abend der Sohn des Fleischers zurückkam und berichtete dass
er Wagen und Mannschaft glücklich einige Meilen in das Land gebracht hatte
schlug Herr Köhler vergnügt sein Buch in eine alte Zeitung und übersandte es mit
höflichem Gruße dem Fräulein
Der Einnehmer erzählte dem Freunde von seinem Abenteuer und war gekränkt
dass dieser finster und wie ihm vorkam mit geringer Teilnahme zuhörte und
zuletzt nichts weiter sagte als »Es geht jetzt mancher nach jener Landecke dem
die Fremden das Herz empört haben« Doch wenige Tage darauf sollte der Doktor
selbst Gelegenheit erhalten von einer ähnlichen Begegnung zu berichten
Auf einer Fahrt über Land hielt sein Wagen am Gasthofe eines nahen
Marktfleckens er wickelte sich aus dem Bärenpelz und trat in die gefüllte
Wirtsstube Als wohlbekannter Mann empfing er höfliche Grüße die Wirtin wischte
mit der Schürze einen Schemel ab bald war er der Mittelpunkt eines Kreises von
Zuhörern und musste von den Neuigkeiten erzählen die aus dem fernen Osten durch
Reisende nach der Kreisstadt gebracht wurden
»Unser König soll zu uns kommen« rief ein stämmiger Ackerbürger mit einer
entschlossenen Miene »wir Schlesier werden ihn nicht im Stiche lassen wie
mancher vornehme Verräter getan hat« »Guter Wille tuts nicht« sagte der
Doktor dem Manne zunickend »Wollen Sie für ihn fechten Herr Krause« »Warum
nicht« antwortete dieser »wir haben es satt anzusehen dass die Feinde unsere
Pferde aus dem Stalle führen und den Hafer vom Schüttboden und dass die
Dickköpfe aus dem Reiche mit ihrer groben Rede durch das Land ziehen und den
Bürger misshandeln von uns kommen mehr als zehn oder zwanzig auf einen von den
Fremden wenn zehn von uns nur immer einen totschlagen so sind wir sie los
Warum geschieht das nicht Warum sind die Vornehmen so bereit dem Feinde zu
gehorchen Einmal über das andere wird uns befohlen alles zu liefern was die
Schufte verlangen Wenn wir Führung hätten so stünde die Sache anders« Ein
beifälliges Gemurmel begleitete die entschlossenen Worte »Geben Sie mir Ihre
Hand« sagte der Doktor und schüttelte dem Mann die Rechte »möchte die Zeit
kommen wo dem König solche Gesinnung zu helfen vermag«
»Habe ich recht gehört so war hier von unserem König die Rede« klang eine
feste Stimme aus dem Hintergrunde und ein Fremder trat heran Es war ein großer
junger Mann in einfachem Reiserock »Ich komme in meinen Geschäften aus Preußen
und bin auf dem Wege der Königin und den Kindern des Königs begegnet sie fuhren
auf offenem Schlitten im Schneesturm über die Heide um den französischen
Reitern zu entgehen Es war bitter kalt der Wind heulte und die Kälte drang
mir bis in das Mark Als ich meinen Schlitten anhielt und mich erhob grüßte die
Königin aber es war ein trauriger Blick und die kleinen Prinzen nahmen still
ihre Mützen ab während der Schnee ihnen um die freundlichen Gesichter flog«
Die Wirtin rang die Hände »Unser armer König in dem kalten Lande und seine
Frau und die Kinderchen bei dem Wetter auf offenem Schlitten«
Niemand sprach die Leute sahen scheu vor sich nieder
»Was der König jetzt in der Stille erträgt und leidet« fuhr der Fremde
fort »das vermag wohl keiner von uns zu ermessen ich denke wenn er wüsste wie
treu seine Schlesier ihm zugetan sind würde er in seinem Unglück eine Freude
haben« Er wandte sich zu dem Doktor »Ich vernahm dass Sie nach der Kreisstadt
fahren durch einen Schaden am Fuhrwerk werde ich hier aufgehalten Darf ich die
Bitte wagen dass Sie einen Geschäftsreisenden mitnehmen Freilich würde Ihnen
auch ein Mantelsack lästig werden« Der Doktor gab das bereitwillig zu denn die
Art des Reisenden gefiel ihm und die beiden traten aus der Wirtsstube alle
Anwesenden folgten ihnen bis zum Wagen »Kutscher lege den Mantelsack des Herrn
unter die Decke meinen Arzneikasten stelle obenauf« Der Fremde sah den Doktor
dankbar an die Leute umstanden den Wagen und nahmen schweigend die Mützen ab
als die Pferde anzogen
»Ich bin erst seit kurzem in dieser Gegend« begann der Doktor »aber in
solcher Zeit gewinnt man unser Volk lieb«
»Wer war jener Mann der so tapfer sprach« fragte der Reisende
»Ein wohlhabender Ackerbürger der erst vor kurzem geheiratet hat aber mit
der Waffe umzugehen weiß denn er ist Schützenhauptmann ich glaube dass er
nicht mehr gesagt hat als er tun würde«
»Wie will er wohl die zehn Mann zusammenbringen« fragte der Fremde wieder
»welche den Feind der auf ihren Teil kommt unschädlich machen sollen«
»Wahrscheinlich meinte er dass sich alle Einwohner des Kreises welche eine
Waffe führen können zu einer Landwehr vereinigen müssten«
»Gut« rief der andere »einfaches Exerzitium und einige militärische
Disziplin können in sechs bis acht Wochen eine Kreiswehr herstellen welche zu
vielem brauchbar wäre vorausgesetzt dass Waffen und Uniformen zu schaffen sind
und dass der Feind nicht die Ausbildung hindert indem er die Rädelsführer
erschiesst Können Sie mir mitteilen wo in diesem Teil der Provinz Truppen der
Franzosen stehen«
Der Doktor erzählte was er wusste
»Mir wurde gesagt dass in Ihrer Kreisstadt und der Umgegend kein Militär zu
finden sei«
»Das ist wahr aber wir sind keinen Tag vor Streifpartien und Durchzügen des
Feindes sicher Holla« rief er einem Bauern zu der ihnen eilig entgegenkam
»es sind doch keine Soldaten auf dem Wege« Der Bauer wies nach rückwärts »Sie
halten im Dorfe vor der Schenke« und mit einem Fluch setzte er hinzu »Es sind
bayrische Reiter«
Der Doktor sah seinen Begleiter an »Wir wollen umkehren wenn Sie es
wünschen« Der Fremde blickte scharf in die Ferne »Zu spät« sagte er halb für
sich »Sie sehen uns wie wir sie Es tut mir leid dass ich Sie in Ungelegenheit
bringe ich habe allerdings den Wunsch von den Herren dort nicht festgehalten
zu werden«
»Sie traten unsicher auf als Sie in den Wagen stiegen Ich vermute Sie
haben einen Schaden am Fuße«
»Nehmen wir an eine Verstauchung« antwortete der Fremde
»Dann sind Sie mein Patient und ich bringe Sie zur Kur in meine Wohnung
Ich für meinen Teil habe einen Reisepass«
»Ich auch« sagte der Fremde »Kaufmann Heller aus Löwenberg«
»Fahre zu Kutscher« gebot der Doktor
Bayrische Reiter hielten den Schlitten an Ein höherer Offizier ritt heran
die Reisenden grüßten »Herr Doktor König« sagte der Major während der Doktor
seinen Pass herauszog »ich habe Sie bereits in Ihrer Stadt gesehen Wer ist Ihr
Begleiter«
»Mein Patient den ich zur Kur in die Stadt bringe« Der Bayer öffnete einen
Augenblick das Papier welches der Fremde ihm hinreichte beide sahen einander
fest in die Augen dem Doktor pochte das Herz
Ein alter Wachtmeister welcher das Wagenleder aufgeknöpft hatte meldete
respektvoll »Der Mann dort hat einen preußischen Offiziersäbel zwischen den
Beinen«
»Sie sind jetzt billig zu kaufen« sagte der Fremde
So schmerzlich war der Klang dieser Worte dass der bayrische Offizier
schweigend das Papier zurückgab und der Mannschaft zurief »Passiert«
Der Kutscher fuhr im Schritt an den Reitern vorüber und dem Doktor dünkten
die Minuten eine Ewigkeit sein Gefährte hatte sich zurückgelehnt und schwieg
lange endlich begann er »Es ist Zeit dass ich mich und meinen Säbel vorstelle
Rittmeister Helwig von den Husaren«
Der Doktor wandte sich erstaunt zu ihm Unter vielen Geschichten von
Schwäche und Hilflosigkeit welche seit dem letzten Herbst von Mund zu Mund
getragen wurden war eine andere gewesen welche so ermutigend klang dass die
Hörer sie gar nicht glauben wollten Ein junger Husarenleutnant sollte mit einer
halben Schwadron ein Bataillon der Feinde zersprengt und einen großen Transport
Kriegsgefangener man sprach von zehntausend Mann befreit haben Der junge
Husar war deshalb außer der Reihe zum Rittmeister befördert worden
Dieser Tapfere war der Reisegefährte Der Doktor sprach mit warmen Worten
seine Freude über den Zufall aus und beide fuhren als gute Genossen in eifriger
Unterhaltung der Stadt zu
»Wir haben unerhörtes Unglück gehabt« sagte endlich der Rittmeister »wir
haben es ja wohl in vielem verschuldet aber wenn uns auch die französische
Führung im großen überlegen war glauben Sie mir unsere Soldaten sind da wo
die Tüchtigkeit des einzelnen den Ausschlag gibt fester und kriegstüchtiger als
die Feinde und sie wissen das auch Nehmen sie den Franzosen einen Mann und
wir treiben sie wieder über den Rhein zurück Ich hoffe den Tag zu erleben wo
wir auch mit dem Feldherrn die letzte Abrechnung halten In der Grafschaft
befiehlt jetzt als Gouverneur Graf Götzen einer der Besten die wir in Preußen
haben Ich muss ohne Aufenthalt zu ihm Können Sie mir dabei helfen Denn wie ich
sehe wird der Weg unsicher«
»Ich bin bereit in der Stadt sogleich einen andern Wagen zu nehmen was bei
meinem Berufe niemandem auffällt und ich begleite Sie nach jeder Richtung die
Sie wünschen im Fall Sie meine Gesellschaft für vorteilhaft halten«
»Gewiss« antwortete der Rittmeister »wenn Sie mir erlauben als Ihr Gehilfe
mitzufahren einige Meilen von hier finde ich auf dem Gute eines Bekannten ein
Pferd von da helfe ich mir weiter«
Als der Doktor seinen Begleiter glücklich durch die feindlichen Kommandos
gebracht hatte und am späten Abend nach Hause kam fand er eine Gestalt auf der
Treppe sitzen Die Erscheinung machte Platz stieg aber hinter ihm die Stufen
herauf Es war ein Mann in einem Bauernmantel der mit abgezogenem Hut in das
Zimmer trat Der Doktor erkannte den flüchtigen Knecht der ihm die Nachricht
von der verlorenen Schlacht zugetragen hatte Hans drehte den Hut in den Händen
»Ich wollte Sie nur fragen weshalb Sie mir damals das Geld auf den Weg geworfen
haben«
»Weil ich dir das Geld geschenkt hatte und weil ich annahm dass du nicht
auf redlichem Wege erworben hattest was du mir zurückgeben wolltest vor allem
aber weil mir missfiel dass du dich über das Unglück unserer Soldaten freutest«
Der Mann sah vor sich nieder »Herr Doktor ich will auch unter die Soldaten
gehen wenn Sie meinen«
»Du Wie kommst du zu dem Entschluss«
Hans holte tief Atem »Mir ging die Geschichte im Kopfe herum Ich bin kein
schlechter Kerl und Sie sollen mich nicht dafür halten Aber ich lasse mir
nichts Unrechtes gefallen und ich war damals im Zorn über die großen Herren
Jetzt sehe ich wie die fremden Spitzbuben mit unsern Bauern umgehen Hafer
Stroh und Heu sind weg Pferde und Kühe Gänse und Hühner sind weg und wie
haben sie die armen Leute misshandelt Da fiel mir ein dass sie kein Recht dazu
haben Letzten Sonntag hatte ich mich auf das Gut des Kammerherrn geschlichen
und sah von weitem wie mein Mädchen zur Kirche ging Ich wagte mich auch
hinein bevor die Türe zugemacht wurde und stand ganz hinten Da hörte ich wie
der Prediger zuletzt seine Bitten sprach für das gequälte und geängstigte Land
Wer helfen kann der helfe sagte er die beste Hilfe aber ist beim Herrn «
Hans faltete bei dem Bericht die Hände »Sogleich fiel mir ein dass ich auch
helfen kann ebensowohl mit dem Säbel als mit der Trompete und ich möchte
Trompeter werden bei den Husaren Am Abend sah ich aus meinem Versteck wie ein
verdammter Franzose der auf dem Schloss liegt mit meinem Mädchen schöntun
wollte und das schlug dem Fasse den Boden aus Die Hunde müssen fort so oder
so« rief er »Das meinte auch das Mädchen als ich abends mit ihr zusammentraf
Sie klagte über die Dreistigkeit und verlangte dass ich Sie befragen sollte«
Der Doktor fühlte den Zorn des Mannes mit und verstand die Mahnung welche
auch an ihn selbst gerichtet wurde »Du hast jetzt noch weniger gutes Leben
unter den Soldaten zu erwarten als zu anderer Zeit schweren Dienst schlechte
Kost und tägliche Gefahr«
»Das tut mir nichts« antwortete Hans »ich war unter den Paschern Herr
dort heißts auch heut trinken und morgen sinken und ich wollte fragen ob Sie
mir zu den Husaren helfen können«
»Kannst du dich einige Tage in der Nähe aufhalten ohne von der Obrigkeit
gefasst zu werden so gehe ich selbst mit dir in das Gebirge«
»Ich wünsche mir nichts Besseres« rief Hans erfreut »wenn Sie mir sagen
wohin so führe ich Sie über die Berge auf Wegen die kein Franzose betritt«
Am Morgen suchte der Doktor seinen Freund auf welcher mit stillem Anteil
einen Schmerz beobachtet hatte dessen Grund ihm der andere verbarg »Ich
verlasse die Stadt auf mehrere Wochen und gehe nach der Grafschaft dort fehlen
in den Lazaretten die Ärzte und die Not ist groß Während meiner Abwesenheit
soll mein Vetter der als junger Arzt in der Hauptstadt lebt und nach Wissen und
Charakter durchaus Vertrauen verdient mich hier vertreten Er wird noch heut
eintreffen Fragen Sie nicht mein Freund was mich bestimmt jetzt von hier zu
gehen vielleicht kommt der Tag wo ich gegen Sie ohne Schmerzen davon reden
kann«
Der Einnehmer fasste seine Hand »Wenn ein gewissenhafter Mann wie Sie
solchen Entschluss fasst so muss er gehen und es nützt nichts Worte darüber zu
machen Aber sobald Sie dürfen kehren Sie zurück denn es gibt Leute hier
kranke und gesunde welche Sie jeden Tag vermissen werden«
Darauf besprachen die beiden was für die Reise durch feindliche Truppen
nötig war
Der Einnehmer sah den Scheidenden von der Treppe ernstaft nach »Du bist
nicht der einzige der mit sich herumträgt was ihn plagt« Er griff rückwärts
nach seinem Zopf Darauf gebot er der Haushälterin den Friseur zu holen Als
der Alte eintrat mit der demütigen Vertraulichkeit zu der sein Beruf
berechtigte sah ihn der Einnehmer feindselig an »Blaschke schneide Er mir den
Zopf ab Ich will mit seinesgleichen nichts mehr zu tun haben«
Blaschke erschrak sehr und sein großer Beutel fiel auf die Diele Denn die
Zahl der Zöpfe welche er band wurde mit jedem Jahre kleiner und das
ansehnliche Geflecht des Einnehmers erschien ihm zuweilen als das letzte Tau
welches seine Kunst in den empörten Wogen der neuen Zeit vor dem Untergang
bewahren könnte »Aber Herr Einnehmer« bat er
»Fort mit dem Zopf und fort mit Ihm selbst« gebot der grimmige Kunde zum
zweitenmal »Er ist ein Spion«
»Hochverehrter Herr Einnehmer« flehte der entsetzte Blaschke »Sie kennen
mich doch seit vielen Jahren als einen redlichen Bürger«
»Einer von Seinem Handwerk hat eine Festung an die Franzosen verraten und
Er würde es auch tun Er ist an mir und meinem Zopf zum Judas geworden Gesteh
Er zur Stelle wer hat Ihn bestochen damit er zutrage was bei den Honoratioren
und in der Bürgerschaft zu erhorchen ist Wenn er nicht alles bekennt so
schneide ich den Zopf eigenhändig mit der Papierschere ab und werfe den Zopf und
den Blaschke zum Fenster hinaus«
Der Alte legte die Hand auf das Herz »Niemals hat mir jemand einen solchen
Antrag gestellt« beteuerte er in ehrlicher Entrüstung
Der Einnehmer stillte ein wenig seinen Zorn »Es wäre auch unnötig Er
schwatzt ohnedies gegen jedermann alles aus was Er weiß« Er setzte sich
»Abgeschnitten aber wird doch Fortan Tituskopf Blaschke die Welt ist zu
schlecht«
»Herr Einnehmer mir ist zumute wie bei einem Begräbnis« klagte der Friseur
und hielt mit unsicherer Hand die Schere
»Welcher von den dreizehn Zöpfen in der Stadt mag wohl einem Franzosen
gehören« fragte der Einnehmer mit plötzlicher Milde
»Kein einziger das kann ich als Vaterlandsfreund attestieren«
»Der pensionierte Rat drüben ist ja wohl auch ein guter Preuße«
»Der gehört zu den Besten Sie glauben gar nicht mit welcher Verachtung er
von dem Feinde zu mir redet«
»Mein alter Blaschke unterhält sich also gern über allerlei mit dem braven
Manne«
»Ja das gestehe ich aufrichtig«
Der Einnehmer wandte sich um und sah den Alten fest an »Er hat neulich bei
mir den reisenden Händler gesehen Als der Herr Rat von drüben wegen dieses
Kaufmanns mit ihm sprach und Ihn ausfragte was hat er dem Herrn Rat berichtet«
»Nichts als die volle Wahrheit« antwortete der Friseur gekränkt »dass ich
den Fremden frühmorgens bei dem Herrn Einnehmer fand und dass der Fremde mir
hier auf dem Sofa als ein hübscher Herr erschien der recht militärisch aussah«
Und schlau fuhr er fort »Ich sah auch später als er in den Wagen stieg dass er
etwas Schweres hereinhob und dass er Pistolen bei sich hatte«
Der Einnehmer pfiff vor sich hin »Es ist richtig Der Zopf ist schuld dass
ich den Franzosen in der Hauptstadt angegeben bin Fort mit den Haaren und fort
mit Ihm selbst«
Am Nachmittag richtete sich Herr Köhler so ein dass er zu einer Stunde wo
Minchen von Buskow auf dem Stadtwall zu gehen pflegte ihr begegnete »Bitte
Fräulein bewundern Sie dort unten die goldenen Ränder der schwarzen Wolke« Er
trat mit ihr zwischen die Bäume
Das Fräulein sah neugieriger auf die neue Haartracht als auf die Wolken »Es
gibt wieder Regen«
»Wohl möglich« bestätigte der Einnehmer und hob vor ihren Augen seinen
Finger »Sollten Sie einmal an Ihren Günstling Schwarz oder Neger schreiben so
bitte ich ihm mitzuteilen dass ich von jetzt ab auf einer anderen Behandlung
bestehen muss Die Besuche nicht mehr in meiner Wohnung sondern im Amtslokal
und nicht allein sondern mit wenigstens zwei Begleitern ihre Uniformen unter
dem Zivilmantel erkennbar Ich muss auch fordern dass mir eine bis zwei Pistolen
auf die Brust gesetzt werden und bitte nur dafür zu sorgen dass keine Kugeln
darin sind damit nicht durch Zufall ein Unglück geschieht Am Ende des Besuches
jedoch bevor die Herren auf ihren Wagen steigen darf eine Kugel in die Wand
gefeuert werden«
»Was ist geschehen« fragte das Fräulein erstaunt
»Ein Besuch den der erwähnte Herr mir abgestattet hat ist in der
Hauptstadt angezeigt worden und ich erhielt von einem Beamten eine klägliche
Warnung Da der Kaiser sich unsere Provinz angeeignet hat und unsere hohen
Behörden so pflichtgetreu sind ihm dabei jeden Vorschub zu leisten so sollen
auch wir gezwungen werden ihm die Steuern in seine Tasche zu liefern Wer sich
nicht fügt wird beseitigt Man behauptet dass Ihr Schwarzer hier Kassengelder
erhoben hat Das Morgenrot der Freiheit geht endlich bei uns auf liebes
Fräulein und es fehlt in dieser Stadt und Umgegend nicht an Lerchen welche die
neue Sonne ansingen Auch wer Briefe schreibt mag sich hüten« Das versprach
das Fräulein Als aber der Einnehmer beim Abschiede fragte »Nun wie gefällt
Quintus Fixlein« Da antwortete sie ehrlich »Herr Einnehmer das ist mir zu
hoch«
»Wie ist das möglich« fragte Herr Köhler enttäuscht
»Ich bin ein einfaches Soldatenkind Seit die liebe Mutter starb habe ich
dem Vater und dann meinem armen Bruder gekocht gestrickt und genäht denn das
Bügeln war für mich zu schwer und bin wenig mit Büchern umgegangen Wenn ich
einmal lese so sind mir die Reisebeschreibungen am liebsten dabei denke ich
dass ich mich auch in der Fremde durchschlagen könnte wie Robinson Dann laufe
ich in meinen Gedanken mit Papagei und Sonnenschirm durch den Busch und freue
mich über die vielen Lama welche um mich herumspringen Die Wilden würden dem
kleinen Wichtel nichts tun«
Sie war so anmutig in ihrer Einfalt dass der Einnehmer nichts Feindseliges
zu erwidern vermochte und auf dem Heimwege seiner Menschenfreundlichkeit nur den
bedauernden Ausdruck gab »Schade jede Poesie fehlt«
Der Räuber Moor
Es war ein heller Morgen des beginnenden Frühlings die Sonnenstrahlen streiften
in der frischen Bergluft mit wohltuender Wärme die Wangen des Reisenden An den
gefrorenen Gleisen des Waldweges hing weißer Reif aber Zweige und Blattknospen
des Laubholzes ragten glatt und rund gefüllt mit geheimem Leben unter den
Bäumen sprosste das junge Grün und um kleine weiße Blüten flogen die ersten
Schmetterlinge Die Amsel pfiff ihr Lied und hinten im Walde krächzten die
Krähen sonst war es still kein Mensch auf den Feldern und Wegen zu sehen
»Halt wer da« rief ein Posten hinter dem Busch hervortretend Der Wagen
welcher den Doktor mit seinem Begleiter bis hierher geführt hatte hielt an und
sie wurden einen mäßigen Hügel hinaufgeführt dessen freie Höhe mit jungen
Fichten umwachsen war
Auf der Höhe empfing sie ein Offizier Als er Namen und Begehr des Doktors
erfahren hatte sagte er »Sie treffen den Generalgouverneur in der Nähe ich
schicke Sie sogleich zu ihm« Aber schon kam der Rittmeister aus der Umgebung
des Grafen ihm entgegen »Seien Sie gegrüßt und dreimal willkommen wenn Sie bei
uns bleiben« Im nächsten Augenblick stand der Doktor dem Grafen gegenüber er
sah eine hagere Gestalt von mittleren Jahren das Antlitz bleich die Wangen
etwas eingesunken zwei große Augen welche hell und glänzend in die Welt
blickten
»Sie kommen ersehnt« begrüßte ihn der Gouverneur mit freundlicher Stimme
»und werden finden dass Sie vielen wohltätig sein können Ein edler Mann Ihres
Berufes welcher aus der Hauptstadt zu uns durchdrang ist schwer erkrankt und
wir müssen seinen Beistand entbehren nichts aber fehlt unseren armen Leuten so
sehr wie ärztliche Hilfe und die Krankheit gegen welche wir ratlos sind wird
uns schädlicher als der Feind Der Rittmeister sagt mir dass Sie entschlossen
sind uns auch mit den Waffen zu dienen Sie sind uns aber am wertvollsten als
Arzt und ich bitte Sie Ihren Beruf bei uns zu üben Auch bei mir selbst«
fügte er lächelnd hinzu Da der Doktor sich bereit erklärte fuhr er fort »Wer
sicheres Leben aufgibt um zu uns in die Berge zu kommen der hat ein Recht
darauf dass wir ihn wie einen werten Freund empfangen Indem ich Sie auffordere
unserem König das Gelöbnis der Treue in meine Hand abzulegen begrüsse ich Sie
als Kameraden Alle sind wir durch diesen Eid zueinandergesellt wie
Bundesbrüder und dieselbe brüderliche Gesinnung die wir Ihnen entgegenbringen
werden Sie wie ich hoffe auch uns erweisen« Seine Augen flogen über den Kreis
der Offiziere welche um ihn versammelt waren und hafteten mit so seelenvollem
Ausdruck auf dem Doktor dass diesem vorkam als ob er vor einem Mann von
ungewöhnlicher Herzensgüte stehe
Er legte das Gelöbnis in die Hand dessen ab der jetzt auch für ihn der
höchste Befehlshaber wurde und wandte sich dann fort um seinen Beruf zu üben
zu einem Husaren der einen Schuss durch das Bein erhalten hatte und an einen
Baum gestützt zur Seite lag Der Graf warf einen zufriedenen Blick nach ihm
dann sprach er zu seinem Gefolge
Einzelne Offiziere kamen heran den Doktor zu begrüßen auch seine Kunst in
Anspruch zu nehmen Unterdes sah er in der Nähe den Gouverneur welcher
Nachrichten empfing und absandte und beobachtete die schnelle und feste Weise
des Mannes und die Gewandtheit mit welcher er jeden behandelte
Vor dem Aufbruch trat der Gouverneur wieder zu ihm »Als der Adjutant mir
von Ihrer Absicht erzählte« begann er vertraulich wie zu einem jüngeren
Kameraden »waren Sie mir nicht ganz fremd denn Ihr Name stand bereits
eingezeichnet in die Zahl derer auf welche wir uns in Notfällen gern verlassen
möchten« Und da der Doktor ihn verwundert ansah fuhr er fort »Gute Freunde
senden uns zuweilen die Namen solcher welche nach ihrem Charakter geeignet
sind für uns Opfer zu bringen Und Sie waren in Ihrer Stadt nicht sicher dass
nicht bei Gelegenheit einer von uns bei Ihnen angeklopft hätte als bei dem
Manne der sein Vaterland liebt Das große Unglück hat viel Schwäche und
Mutlosigkeit zutage gebracht aber im Heer und im Volke auch viel Treue und
dauerhafte Kraft Sie ist für uns in den Bergen die beste Hilfe die kann der
böse Feind uns nicht nehmen und um dieser Gerechten willen wird der Himmel uns
nicht verderben sondern aus unseren Prüfungen siegreich hervorgehen lassen«
Und lächelnd setzte er hinzu »Das sind hohe Worte bei geringer Macht denn
wer uns jetzt sieht ohne uns zu kennen der kann uns wohl mit Freibeutern oder
Räubern vergleichen«
»Das geschieht auch von solchen welche nicht hier waren« versetzte der
Doktor und erzählte von den Klagen eines alten Soldaten aus König Friedrichs
Zeit
Der Graf lachte »Es gibt viele die deshalb über uns klagen werden Aber
der Stock die Fuchtel und das Gassenlaufen waren auch nicht immer da sie kamen
als revolutionäre Neuerungen in die Welt und sicher haben damals viele alte
Krieger den Untergang alles kriegerischen Heldenmutes von ihnen befürchtet«
Auf dem Wege nach der Festung welcher der Doktor im Gefolge des Gouverneurs
zufuhr übersah er mit größerer Musse die Gesellschaft in welcher er sich
befand der Graf hatte nicht ohne Grund an die Räuber gedacht denn das Aussehen
der Offiziere und Gemeinen war ungewöhnlich und durchaus gegen das Reglement
entschlossene Mienen und kriegerische Gestalten mehr als eine von edler
ritterlicher Haltung aber nach den Uniformen aus allen Truppenteilen
zusammengesetzt jede Art von Husarendolman und Kopfbedeckung sogar bayrische
Uniformen notdürftig zugerichtet die meisten einander nur darin gleich dass
sie durch Regen und Sonne durch Biwak und feindliche Waffen entfärbt und
durchlöchert waren Auch die Pferde waren zum größten Teil aus dem Lande
zusammengerafft oder vom Feinde erbeutete viele unansehnlich und strapaziert
durch übermäßigen Gebrauch
In seinem Berufe fand der Doktor große Aufgaben und schwere Arbeit Nicht
alle Lazarette waren in der Stadt und in der darüberliegenden Festung mehrere
hatte der Graf mit gutem Grunde an anderen Orten der Grafschaft eingerichtet
und die Sorge dafür wurde durch die Entfernung erschwert Kaum in einem der
Lazarette gebot ein gelernter Arzt Typhus und bösartige Fieber herrschten in
allen überall war kaum das Notdürftigste für die Verpflegung eingerichtet Da
kam dem Doktor zugute dass er in Paris die Einrichtungen kennengelernt hatte
welche damals für die besten galten Bald gewann er durch seine Vorschläge und
das sichere Wesen das er bei der Anordnung bewies das ganze Herz des
Gouverneurs Und er hatte so viele Gelegenheit zu helfen und zu retten dass er
am Abend oft todmüde und doch in gehobener Stimmung zu seinem kleinen Quartier
in der Stadt zurückkehrte Nach wenigen Tagen wurde ihm in der Nähe des
Gouverneurs ein Feldbett aufgeschlagen
Der Graf selbst erfuhr auf seine Frage dass er ernstaft krank sei und dass
sein Leiden wenn er sich nicht mehr schone für ihn verhängnisvoll werden
müsse
»So dürfen Sie nicht zu mir reden« sagte er gutlaunig »Schonung und Pflege
sind unmöglich und ebensowenig darf ich unbrauchbar werden solange der Krieg
dauert von Ihnen also fordere ich dass Sie mich zwischen Szylla und Charybdis
durchsteuern« Und den Arzt aufmerksam betrachtend auf dessen erblichenen
Wangen man die übergrosse Anstrengung lesen konnte setzte er hinzu »Gern bäte
ich wenn ich Erfolg hoffte dass auch Sie vor einer Niederlage sich in acht
nehmen Ich vermag im Notfall noch zu kommandieren wenn ich auf dem Kissen
liege was soll aber aus unsern armen Kranken werden wenn Sie nicht zur Stelle
sind Doch wieviel Sie auch in den Hospitälern zu tun haben ich muss Sie noch
außerdem für mich in Anspruch nehmen eine Stunde des Abends müssen Sie mir
opfern und sich gefallen lassen dass Ihr Patient Ihnen vorklagt«
Der Doktor merkte bald wie edelherzig dieser Befehl war Jedesmal wenn er
kam fand er durch den alten Diener zwei Kuverts gedeckt dann musste er mit dem
Grafen zum Abendessen niedersitzen In dieser Zeit sprach sein Chef vertraulich
zu ihm wie zu einem jüngeren Bruder zuweilen von der Politik lieber von seinen
persönlichen Freunden und von allerlei Menschen die er kennengelernt hatte So
brachte er den Gast dahin auch seinerseits zu erzählen was ihm durch das Gemüt
gezogen war
Er entließ ihn nach einem solchen Abend mit einem Händedruck »Das ist meine
Kur Sie haben mir meine Arznei gereicht jetzt vermag ich wieder zu arbeiten«
Durch dies Vertrauen gewann der Doktor zuweilen Einblick in das stille
Triebwerk der Politik und seine Verwunderung wurde immer größer über den Umfang
der Tätigkeit welche vom Kabinett des Gouverneurs ausging Denn dorthin kamen
Nachrichten aus allen Teilen der Provinz Briefe vom Kaiserhof in Wien vom
Auswärtigen Amte Englands aus der Umgebung des russischen Kaisers dazu
vertraute Mitteilungen aus dem Hauptquartier in Ostpreussen und andere aus der
Residenz welche oft auf seltsamen Umwegen eingingen manche in einer
Chiffreschrift geschrieben zu welcher der Graf allein die lösenden Zeichen
kannte Dazwischen jede Art von militärischen Berichten und Projekten
Draußen fand sich der Doktor mitten in das stürmische Treiben eines
Feldlagers versetzt in dem engen Raume der Festung Glatz drängten sich fast
alle zusammen welche mit Tat und gutem Rat zu helfen bereit waren Vornehme
Gutsbesitzer zuweilen aus weit entlegenen Kreisen kamen und gingen brachten
Nachrichten und nahmen geheime Aufträge mit sich Höhere Verwaltungsbeamte der
Provinz arbeiteten in engen Büros die in einer Zimmerecke eingerichtet waren
ein Oberster Gerichtshof sprach auch in bürgerlichen Händeln Recht ihn hatte
der Graf eingerichtet weil er die Urteile welche von den Obergerichten der
Provinz im Namen des fremden Kaisers erlassen wurden als nichtig behandeln
musste Bei diesem Gericht fand der Doktor seinen Assessor aus der Kreisstadt
beschäftigt Und wer aus den überfüllten Häusern auf die Gassen trat der stieß
auch hier auf eine Menge abenteuerlicher Gestalten Schmuggler von der nahen
Grenze welche ihre Ladungen in die Magazine geliefert hatten Soldaten von fast
jedem Regimente des Heeres wie sie sich aus der Gefangenschaft gelöst oder
durchgeschlagen hatten Freiwillige aus allen Ständen der Bevölkerung die sich
zum Dienst anboten Treiber welche Schlachtvieh herbeiführten jüdische
Lieferanten mit ihren Proviantwagen In den Werkstätten schnitten nähten und
hämmerten dichtgedrängt die Handwerker bis in die Nacht auf allen Plätzen wurde
exerziert und noch des Abends klangen überall wo Soldaten einquartiert waren
die Hörner Trompeten und Pfeifen der Musiker denn jede der neugebildeten
Kompanien und Schwadronen war stolz auf eigene Musik und sie wurde ihr gern
gestattet nur dass ihre Musiker auch als Soldaten fechten mussten Unter den
eifrigsten war Hans der in der Schwadron des Rittmeisters sofort zu einer
Trompete gekommen war und wenige Wochen nach seinem Eintritt vor dem Doktor an
seinen Säbel schlug und stolz meldete »Der war heut zum erstenmal dabei« In
dem engen Raum stießen die Menschen so verschieden an Vergangenheit und
Bildung oft hart aneinander aber obenauf war bei Offizieren und Gemeinen eine
trotzige Zuversicht zur eigenen Kraft und Vertrauen zu der Führung
Mit Befremden sah der Doktor in den ersten Tagen einen Offizier der ihm
scheu aus dem Wege ging den Reiterleutnant vom runden Tisch und er versagte
sich nicht den Rittmeister nach seiner Brauchbarkeit zu fragen
»Ich habe ihn unter den andern tüchtig einhauen sehen« sagte dieser
gleichgültig »Diese Art Mut hat er zu selbständigem Kommando würde ich ihn
ungern verwenden er ist weichlich erzogen um seine Person besorgt und braucht
eine Stunde zum Anziehen«
Aber an einem der nächsten Tage redete der Baron den Arzt an »Sie haben
mich damals gesehen wo ich meine Pflicht nicht tat es war mein erstes
Kommando bei welchem ich mit einem Feinde zusammentraf Der Gedanke an den
Morgen lässt mir seit der Zeit keine Ruhe Wenn jetzt hier die näheren Umstände
bekannt würden müsste ich mir eine Kugel durch den Kopf schießen Ich bitte
also schweigen Sie gegen jedermann«
Wenn der Arzt mitten in der Nacht aus einem seiner Lazarette ins Quartier
ging sah er in dem Arbeitszimmer des Grafen noch Licht und zuweilen den
Schatten einer auf und ab schreitenden Gestalt Da sagte er dem Grafen bei der
nächsten Zusammenkunft »Das darf ich als Arzt nicht dulden«
»Lagen Sie zu Bett als Sie es sahen« antwortete der Gouverneur
»Ich hatte einen schweren Fall«
»Ich auch« versetzte der andere heiter »Aber wir tun was wir müssen
nicht auf gleiche Weise Ich tummle mich in diesem Wirrwarr mit leichtem Sinn
Sie aber ernstaft und mit schwerem Mut und wenn Sie einmal ausruhen so sehen
Sie in sich gekehrt aus als ob die Welt rings um Sie leer wäre«
»Solchen Ernst den ich auch in meinem Vornamen mit mir herumtrage habe ich
wohl von meinem Vater geerbt« antwortete der Doktor
Der Graf rückte ihm den Stuhl schenkte ihm das Glas voll und legte sich auf
dem Sofa zurück »Erzählen Sie mir von Ihrem lieben Vater«
Das tat der Doktor gern Lange bevor er geendet hatte hielt der Graf neben
ihm sitzend seine Hand fest »Ich danke Ihnen mein Freund Und jetzt will ich
erfahren was Ihnen unter uns leichten Husaren das Herz schwer macht«
So vieler Freundlichkeit konnte der Doktor nicht widerstehen
»Ich hatte ein Mädchen liebgewonnen es war das erste frische Aufblühen
einer innigen Neigung und die Geliebte wurde mir plötzlich entfremdet« Er
berichtete von dem Überfall und von der Verlobung im Pfarrhaus wie ihm der
Geistliche erzählt hatte Der Graf hörte zu ohne durch eine Frage zu
unterbrechen Als der Erzählende zu den Worten kam welche der Franzose bei dem
Ringwechsel gesprochen fiel ihm die Spannung im Gesicht des Hörers auf Nachdem
er geendigt hatte saß der Graf einige Augenblicke in Nachdenken »Man sucht bei
solcher auffallenden Tat nach den Beweggründen Ein toller Streich wie man ihn
etwa einem verwegenen Fähnrich zutrauen könnte scheint dies nicht zu sein Ist
die Demoiselle das was man eine Schönheit nennt« »Ich glaube ja« versetzte
der Doktor »So war es dies« schloss der Graf »Dass der Vater die Nichtigkeit
einer solchen Verlobung nicht sogleich und nicht in der nächsten Zeit betont
hat dürfen Sie dem armen alten Herrn der bis auf den Tod bedrängt war nicht
als übergrosse Schwäche auslegen Zunächst kommt es doch darauf an wie das
Fräulein selbst die Sache ansieht«
»Ich habe sie durch den Vater bitten lassen mir ihr Vertrauen zu schenken
sie ist nicht darauf eingegangen sie verhüllt ihre Seele auch vor mir und
darüber traure ich Ich hatte freilich noch kein Anrecht auf so hohes
Vertrauen«
»Auch Schüchternheit und Scham können ein unschuldiges Weib dem geliebten
Manne gegenüber zum Schweigen veranlassen Und von dieser Seite ist noch nichts
verloren Dagegen scheint mir dieser französische Rittmeister wohl wert dass man
sich nach ihm erkundige Vielleicht kann ich Ihnen Auskunft verschaffen
Unterdes lassen Sie sichs gefallen dass ich mich Ihnen in der Rolle eines
Vertrauten aufgedrängt habe und entsagen Sie der Hoffnung nicht so hartnäckig
wie bisher«
Nach einer Zusammenkunft mit dem französischen General welcher die
gegenüberliegenden Truppen befehligte rief der Graf am Abend seinem
Tischgenossen entgegen »Heut war ich Ihnen noch dankbarer als ich wohl sonst
bin denn Sie haben mir die unvermeidlichen Viertelstunden der Konversation mit
dem Franzosen erleichtert Ich habe Auskunft über den Kapitän erhalten Also
jene Szene im Pfarrhause hat den Prinzen und die Generalität weit mehr
beschäftigt als anzunehmen war General Lefebre selbst war genötigt deshalb
beim Prinzen die Lärmtrommel zu schlagen nicht wegen des Zweikampfes sondern
weil der Herr Dessalle damals in seinem Zorn das gesamte Offizierskorps eines
deutschen Rheinbundstaates vor den Ohren der Mannschaft und anderer Zuhörer mit
sehr bedenklichen respektwidrigen Ausdrücken bezeichnet hatte Durch den
zweiten Offizier der sich vorsichtig dem Säbel des Kapitäns entzogen hatte und
durch die Unteroffiziere wurde dies nach dem Todesfalle zur Anzeige gebracht
die höheren Offiziere aber begingen in patriotischem Grimm die Taktlosigkeit
wegen dieser Ehrenkränkung Klage beim Oberkommando zu erheben Prinz Jérôme
vernahm in seiner Weise lachend und wohlgefällig das Abenteuer und dachte
offenbar von dem Kapitän darum nicht schlechter weil er den deutschen Tölpeln
eins versetzt hatte Um seinen Günstling aber den weiteren Folgen zu enteben
und die Angelegenheit durch Hinziehen zu beendigen sandte er ihn mit Briefen an
den kaiserlichen Bruder Dies ist der Grund weshalb der Offizier vom Horizont
verschwunden ist und während dieses Feldzuges schwerlich in unserer Provinz
erscheinen wird Das letztere wenigstens ist günstig« und ernstaft fügte er
hinzu »der Kapitän gilt soweit dem Urteil meines Berichterstatters zu trauen
ist für einen Mann von Ehre er ist durch eigene Tüchtigkeit heraufgekommen«
Der Doktor saß in düsterem Schweigen und der Graf fuhr ermutigend fort
»Denken Sie jetzt auch an die Freuden und Sorgen des nächsten Tages Hundert
gute Monturen sind heut früh von den Husaren eingebracht worden Wir sollen
Armeen aus der Erde stampfen und ein Kornfeld bauen auf der flachen Hand das
wird uns nicht leicht doch viele helfen mit Freuden Hätten wir nur eine
Million Taler und sechs Monate Zeit dann wollten wir Waldläufer uns sehen
lassen« Und er begann vertraulich von seinen Plänen für die Ausrüstung zu
erzählen bis der andere das eigene Leid vergaß
Ja es war eine endlose mühevolle Arbeit Alles fehlte Am wenigsten noch
die Mannschaft Die Treuen kamen zum Teil aus weiter Ferne sogar aus den
süddeutschen Fürstentümern welche einst zu Preußen gehört hatten Auch an
Kompanieoffizieren war kein Mangel von allen Waffen stellten sie sich ein
manche von zweifelhaftem Wert aber auch nicht wenige der Besten deren Name in
späteren Jahren von Mund zu Mund ging Doch weit schwerer als die Menschen war
die Ausrüstung zu beschaffen Wo das Pulver finden Der Graf ließ eine
Pulvermühle errichten bald fehlte dafür der Salpeter Schmuggler trugen mit
Lebensgefahr einzelne Zentner auf dem Rücken über die österreichische Grenze
Zuletzt ließ der Gouverneur gar durch Streifpartien das Sprengpulver aus den
Bergwerken welche jetzt für den Feind fördern mussten entführen Wo die
Musketen hernehmen Die Gewehre welche heimlich in der Landschaft gesammelt
wurden hatten jede Art von Kaliber und es waren meist leichte Jagdflinten im
Krieg auf die Länge gar nicht zu gebrauchen fast an jeder musste repariert und
gebastelt werden Der Graf richtete deshalb auch eine Gewehrfabrik ein aber
natürlich vermochte diese nicht sofort Großes zu leisten Woher das Tuch und
Leder holen für Monturen und Riemenzeug Woher endlich die Kavalleriepferde
seit der Feind den ganzen Winter über die Tiere aus den Ställen geholt hatte
darunter Gespanne die der Landwirt nicht entbehren konnte Und über allem
woher das Geld nehmen für den Sold der Festungstruppen und des kleinen mobilen
Heeres Ohne Geld und Löhnung war keine geordnete Verpflegung möglich und wenn
die Leute hungern mussten liefen sie wieder auseinander Die Geldsummen welche
durch patriotische Männer herzugebracht oder durch treue Steuereinnehmer den
behenden Boten des Grafen ausgeliefert wurden auch einzelne Sendungen welche
der Graf durch unermüdliches Schreiben von Wien und London zu erhalten wusste
reichten gerade von einer Woche zur andern die Vermittler und Agenten waren zum
Teil unsicher und Veruntreuungen blieben nicht aus
Und doch wuchs durch die rastlose Sorge und Tätigkeit des einen Mannes in
den Frühlingsmonaten eine Kompanie und Schwadron um die andere herauf
Aber je rühriger sich die neugebildeten Truppen im Lande tummelten um so
argwöhnischer vermehrte auch der Feind sein Heer Gegen jedes Tausend das der
Graf ins Feld schickte konnte der Kaiser der von den Pyrenäen bis zur Weichsel
gebot durch einen Federstrich zehntausend senden und je lästiger die Zwerge in
den Bergtälern wurden um so heftiger begehrte der Riese in der Ebene das Ende
und die Bewältigung des Widerstandes
Das sagte einst der Doktor zum Gouverneur als er neben ihm auf einer
Bastion stand und in die anmutige Sommerlandschaft hinabsah Der Graf heftete
seinen Blick auf den fernen Horizont »Nicht bei uns liegt die Entscheidung
aber was wir von den Feinden auf uns ziehen halten wir dort ab wo unser
Schicksal entschieden wird Ob Österreich sich entschließt uns zu helfen ist
noch immer die Frage nur solange wir Preußen hier in diesem Lande von uns reden
machen können wir auf die Hilfe hoffen Und ist bei einem Friedensschluss die
Provinz mit allen ihren Festungen in der Hand des Feindes so dürfen Sie
annehmen dass Schlesien für Preußen verloren ist und dann ist unser Staat
selbst verloren Da haben Sie drei Gründe dafür mein Freund weshalb unsere
Husaren wieder ausreiten um den Franzosen die Wämser zu klopfen« Er wies auf
den gewundenen Weg auf welchem Reiter und Fußvolk hinabzogen »Heut müssen Sie
mir gestatten dass auch ich den Ritt mitmache wir gedenken einen guten Fang zu
tun«
Am Abend bliesen die heimkehrenden Husaren Fanfare der Graf hatte in einem
ernsten Gefecht dem Feinde herben Verlust zugefügt und führte eine ansehnliche
Zahl Gefangener mit sich zurück In einem bayrischen Major der gefangen neben
dem Grafen einritt erkannte der Doktor denselben Offizier welcher früher ihn
und den Rittmeister auf der Landstraße angehalten hatte »Jetzt ist es an uns
Ihnen zu danken« rief er bei der freundlichen Begrüßung Da auch der
Rittmeister das seine tat so fehlte es dem Bayern nicht an Bequemlichkeit und
Gesellschaft Der Major erwies sich als wackerer Mann von Ehre und die Besuche
des Arztes wurden für beide angenehm
»Kennen Sie einen französischen Hauptmann Dessalle« fragte einst der
Doktor
»Sie nennen einen Namen der uns Bayern sehr lästig geworden ist«
antwortete der Major Er erzählte mit Zurückhaltung von dem Zweikampf und was
der Doktor sonst schon wusste Wir Bayern sind in die Notwendigkeit versetzt
Erklärungen von ihm zu fordern Meine Landsleute an denen er zum Ritter
geworden ist waren so sehr im Unrecht dass wir uns schämen müssen und es wäre
ganz in der Ordnung gewesen wenn der Prinz Jérôme oder der Kaiser die strengste
Bestrafung der Schuldigen soweit diese noch am Leben waren gefordert hätten
Das aber hat man nicht getan dagegen hat der Prinz in Gegenwart eines
bayrischen Generals vor einem großen Kreise die Geschichte von der Verlobung
erzählt und dabei den ritterlichen Franzosen bis in den Himmel erhoben und uns
Bayern bleibt nur übrig diesen Herrn mit dem Säbel zu begrüßen sobald wir
seiner habhaft werden Glauben Sie mir Doktor auch unter uns sind viele
welche es für einen traurigen Krieg halten wo Deutsche gegen Deutsche kämpfen
und für Fremde einander totschlagen wir für die Franzosen und Sie für die
Russen denn beide haben wir von den Fremden Hinterlist und Tücke zu erwarten
So klagte der Bayer
Mit gemischten Gefühlen vernahm der Doktor dass jene Stunde im Pfarrhause
auch über die Zukunft seines Gegners dunkle Schatten warf
Aber der Doktor sollte noch von anderer Seite an den Fremden erinnert
werden
In der Tür einer Weinstube der Stadt traf er auf einen Husarenoffizier dem
ein jüdischer Händler gerade einen Brief zusteckte »Komm zu uns herein Bruder
Doktor« rief der Offizier mit hartem polnischen Akzent »sind wir alle gerade
lustig« Da die Aufforderung von einem Liebling des kleinen Heeres kam so
folgte der Doktor der Einladung und saß in der fröhlichen Gesellschaft nieder
Der Offizier neben ihm zog den Brief aus der Tasche und lachte »Dies hat mir
der Jud zugesteckt es kommt von einem alten Bekannten von mir der im Stabe des
französischen Generals ist Bevor ich den Brief dem Gouverneur abgebe will ich
ihn selber lesen« Er brach auf und lachte wieder »Schreibt mir Ossowski
kuriose Sachen Kaiser will mir ein polnisches Regiment geben und mich zum
Obersten machen wenn ich hier quittiere und hinüberkomme Ich werde sogleich
antworten Wirt geben Sie eine Feder« Und er malte auf einen Zettel mit großen
Buchstaben »Mein Herr Sie haben mir auf polnisch geschrieben ich habe als
preußischer Offizier verlernt auf polnisch zu antworten Darum schreibe ich
Ihnen deutsch dass ich den für einen verdammten Kujon halte welcher einem
Preußen solchen Antrag macht wenn ich Sie einmal finde werde ich Ihnen das mit
meinem Säbel beibringen Mit gebührender Hochschätzung bin ich Ihr ergebener«
Er gab den empfangenen Brief und seine Antwort dem Adjutanten »Schaffe das zu
den Franzosen lieber Bruder und mache eine Adresse«
Die Kameraden lachten und sammelten sich um den ehrlichen Gesellen Und ein
Husarenstreich nach dem andern kam zum Vorschein Endlich sagte der Pole »dabei
fällt mir ein dass ich ohnedies schon einem Franzosen versprochen habe mich mit
ihm zu hauen wenn wir einander treffen Das war so Im Winter streifte ich an
der polnischen Grenze und ich kam bis an die Straße die durch Polnisches nach
Ostpreussen führt dort legte ich mich wie Kater tut auf die Lauer Die
Schwadron versteckte ich im Walde und zog mich mit wenigen Husaren quer über
Feld zu einem einzelnen Wirtshaus daneben war nur Scheune und Stall nach
beiden Seiten offene Straße Ich postiere also einen Mann auf die Leiter die am
Dach der Scheune lehnt und sperre den Kretschmer und sein Weib in den Keller
Die Pferde fressen zwischen Hof und Scheune aus dem Futterbeutel und die
Mannschaft sitzt daneben Wir waren Tag und Nacht durch Wälder gezogen Pferd
und Mann sehr herunter Ich aber gehe in das Haus und suche in der Kammer neben
der Schenkstube ob ich eine Schüssel finde und ziehe mich schnell aus um mich
zu waschen was überaus nötig war Meine Husaren geraten unterdes über ein
Fässel Branntwein und machen sich in größter Eile alle nass wie Fliegen in
Buttermilch Auf einmal entsteht ein Getrappel und Geschrei und bevor ich in
die Kleider komme höre ich die Stubentür aufgehen ich schiebe also leise den
Riegel vor die Kammertür und gucke durch den Ritz Ein französischer Offizier
tritt in die Stube er hat einen Arm in der Binde und Pistole und Kuriertasche
in der linken Hand Zuerst sieht er sich argwöhnisch um weil aber nichts in der
Stube unordentlich ist legt er Pistole und Tasche auf den Tisch und untersucht
mit dem Säbel das Bett Ich fahre wie ein Blitz hinter seinem Rücken aus der
Kammer packe die Tasche und halte ihm meine Pistole an das Ohr wie er sich
gerade herumdreht Den Säbel konnte er da ich ihn an das Bett drängte mit
seinem gebundenen Arm nicht ziehen So war er einen Augenblick wehrlos in meiner
Hand und sagte ruhig Schiess Nein antwortete ich auf französisch ich halte
die Tasche Sie halten meine Leute wir tauschen und machen Waffenstillstand
Gut Auf Parole sagte er Ich bin Kapitän Dessalle und wer sind Sie
Hatte ich keine Hosen an und schämte mich deshalb den Namen eines preußischen
Offiziers zu nennen so sprach ich Leutnant Brummteufel von BilaHusaren wegen
der Reinlichkeit im Hemde Ich gab die Tasche in seine Hand und er ging an die
Tür und befahl seiner Mannschaft meine Schlingel freizugeben Darauf zog ich
mich schnell an er ließ eine Flasche Wein aus seinem Mantelsack bringen wir
saßen einander gegenüber und tranken beim Abschied sagte er Mein Herr heut
bin ich Ihnen etwas schuldig geblieben ich bin gewöhnt meine Schulden zu
bezahlen treffen wir uns wieder im Krieg oder Frieden so hoffe ich nicht
verhindert zu sein die Waffen zu gebrauchen Dann werden Sie mir Genugtuung
geben Ich bin immer zu Ihren Diensten sagte ich und mein wirklicher Name ist
Witowski Er grüßte noch mit der Hand und ritt dorthin und ich dahin Am Abend
aber holte ich meinen Husaren Futter und Brot aus der Schenke«
Näher rückte der Feind und enger wurde der Kreis in welchem die preußischen
Fahnen wehten Wenn es einmal gelang den Gegner durch kühnen Angriff
zurückzuwerfen so kehrte er verstärkt wieder Bei kleinen Unternehmungen waren
die neugebildeten Kompanien und Schwadronen fast immer glücklich bei größeren
versagte die Kraft Schon waren von den vier Festungen über welche der
Generalgouverneur gebot zwei belagert und der Fall der einen des wichtigsten
Waffenplatzes stand bevor Vergebens sandte der Graf Boten und Befehle durch
den Ring der Belagerer um den Kommandanten zur Ausdauer zu veranlassen
vergebens ersann er einen verzweifelten Zug seines kleinen Heeres hinaus in die
Ebene um die Festung zu entsetzen das Wagnis gelang nicht er selbst hatte es
wohl kaum gehofft Unterdes lag er vom Fieber geschüttelt auf dem Lager aber
seine Energie mit welcher er festhielt was er noch in Händen hatte und die
behende Kraft mit welcher er neue Hilfsmittel ersann wurden nicht vermindert
Wenn der Doktor die schnellen Atemzüge und den glitzernden Schein der Augen
beobachtete da fühlte er herzliche Hochachtung vor einer Hingabe die immer das
Vaterland im Auge das eigene Leben für nichts achtete und vor einem Geiste
welcher der Schwäche des Leibes so siegreich widerstand Als der Graf in einer
solchen Stunde nach einem schmerzlichen Seufzer den teilnehmenden Blick des
Arztes auffing begann er »Ich bin nicht mutlos Doktor aber traurig Dass wir
nicht hier sind um Siege zu erfechten und dass wir zuletzt untergehen müssen
wenn nicht ein erbarmendes Geschick von außen Hilfe sendet das haben wir immer
gewusst Auch darauf bin ich gefasst dass unser Nachbar Österreich nach den
letzten Ereignissen noch weniger geneigt sein wird uns zu helfen als er früher
war Was mir in der Stille zusetzt das ist der Verlust an guten Kameraden und
getreuen Herzen den ich fast täglich erfahre Solche Empfindung steht im Kriege
einem Manne der den Befehl hat übel an und vollends bei meiner
abenteuerlichen Stellung ist sie eine Schwäche Aber einen nach dem andern sehe
ich fallen und verderben Gerade in dem kleinen Krieg trifft das Schicksal die
Bravsten sie alle spielen bei ihren Wagnissen mit Tod und Teufel dem Schlauen
gelingt es fünfmal und wenn er ein unerhörtes Glück hat zehnmal zuletzt fällt
die Karte doch gegen ihn Von meinen Getreuesten die Sie fanden als Sie hier
ankamen wie wenige sind noch übrig Im großen Kriege verschwindet das Leben des
einzelnen in der Masse bei unserem Freibeuterkampfe zählte ich die Häupter
denen ich vertrauen kann und vermisse jedes das aus dem täglichen Verkehr
schwindet Auch der Schlaukopf ist dahin mein Geschäftsreisender der
unermüdlich durch das Land zog und mit gewissenhaften Einnehmern seine Geschäfte
machte er hat uns zuweilen geholfen wenn der letzte Pfennig ausgegeben war
Zuletzt wollte er auch einmal auf eigene Faust Krieg spielen und raffte sich
einige Mannschaft zusammen dabei vertraute er zu sehr seinem Glück und kam in
die Hände des Feindes Neulich als wir den bayrischen Major fingen saß er als
Gefangener in Zivilkleidern gebunden auf einem Karren an welchem unsere Husaren
vorüberjagten Es wäre leicht gewesen ihn loszuhauen jetzt muss ich durch
allerlei Kunststücke die Kourtoisie der Franzosen wachrufen damit diese uns
nicht den armen Burschen als Spion abtun«
In den nächsten Tagen wurde der Gouverneur von dem neuen französischen
General einem der nichtswürdigsten Werkzeuge des Kaisers zur Verhandlung
hinausgeladen auf das Feld inmitten der beiden Heere Mit kriechender
Höflichkeit begann der Franzose die Unterredung in welcher er zur Übergabe
mahnte denn er wollte sich gern bei seinem Kaiser den Ruhm sichern dass er den
hartnäckigen Widerstand des Gegners bewältigt habe Da ihn aber der feste
Widerstand des Grafen reizte brach die rohe Heftigkeit seines Wesens heraus Er
schrie dass das preußische Heer des Königs geschlagen und vernichtet der König
selbst verschwunden sei »Dies Königtum hat aufgehört die jetzt noch
widerstehen sind nichts als Räuber und Mörder« Er forderte die Offiziere auf
den unsinnigen Mann zu verlassen der sie ins Verderben führen würde er drohte
das Gut des Gouverneurs das dieser in der Grafschaft hatte niederzubrennen
die Familie desselben der Wut der Soldaten preiszugeben und ihn selbst an den
Galgen zu hängen Wohl niemals hat der Stellvertreter eines Königs solche
Sprache ertragen Die preußischen Offiziere griffen an ihre Waffen um den
frechen Franzosen niederzuhauen der Graf trat dazwischen wehrte dem Eifer und
schied mit den Worten »Wir respektieren in Ihnen den Vertreter Ihres Kaisers
aber wir verhandeln mit solchem Manne nicht mehr«
Als der Gouverneur am Abend erschöpft auf dem Lager lag und sein Vertrauter
ihm sagte »Wie der Franzose die gleissende Höflichkeit aufgab und durch seine
Drohungen Sie in Ihrem innersten Leben kränkte da erkannte ich wie schwer es
ist die innere Empörung für das gemeine Wohl zu bändigen ich hätte schwerlich
der Versuchung widerstanden den schlechten Mann niederzuschlagen oder gleich
einem Hund wegzustossen«
»Loben Sie meine Zurückhaltung nicht« sagte der Graf »denn ich fühlte in
diesem Augenblick tief die Demütigung dass ich nicht als freier Herr ihm
gegenüberstand sondern als Diener eines Staates der nicht in der Lage ist
seine Vertreter vor solcher Beleidigung zu schützen Hätte ich aber dem
Franzosen geantwortet wie er verdiente so wäre das dem Kaiser sehr willkommen
gewesen denn er hätte darin eine Veranlassung gefunden über Verletzung des
Völkerrechts und der französischen Ehre zu deklamieren und den Frieden welchen
er widerwillig und mit argen Hintergedanken nur aus Rücksicht auf andere
Mächte uns bewilligen muss zu erschweren Er weiß heut so gut wie wir beide
dass zwischen uns und ihm ein ehrlicher Friede unmöglich ist für ihn steht die
Frage nur so auf welchem Wege er uns umbringen soll und für uns wie wir
seiner ledig werden Er ist uns darin überlegen dass er in seiner klaren
Entschlossenheit genau sieht wie die Sachen stehen Beten Sie Doktor dass
nicht eine Wahrheit werde was heut der arge Mann von dem Schicksal unseres
Königs und des Heeres gelogen hat«
Nicht alles wurde als Wahrheit bestätigt aber die Entscheidung war bei
Friedland gegen Preußen gefallen durch die Unfähigkeit oder Hinterlist des
russischen Feldherrn Die Kunde welche der Graf bald vom Prinzen Jérôme erhielt
und dem Heere verbarg verbreitete sich doch mit seltsamer Schnelle Nach diesem
Schlage schwand den Soldaten die Hoffnung und der Mut
Und der Kampf um die Festung begann Der Graf hatte mit Aufgebot aller Kraft
ein verschanztes Lager auf einer Höhe errichtet deren Besitz für die Behauptung
der Festung entscheidend war
»Auch Sie erwarten in den nächsten Tagen einen Sturm des Feindes« sagte der
Doktor zu dem Rittmeister welcher einsilbiger als sonst an seiner Seite ging
»Mich kränkts dass Sie mich gerade in der Arbeit haben Doktor und dass ich
nicht dabei sein kann Es ist eine gute Disposition die der Graf für die
Verteidigung jener Höhe dort gemacht hat aber nach meinem Husarenverstand mutet
sie unseren Offizieren und Soldaten allzuviel zu denn alles bei uns ist noch zu
locker Wer unsern Gouverneur kennt wie Sie und ich der muss ihn lieben und
verehren bis zur Schwärmerei und ich kenne keinen Mann auf Erden der so rein
und ohne Rücksicht auf sich selbst für seinen König und für andere lebt Er ist
hier wie die Sonne die uns allen die Kraft zum Leben gibt er allein so dass
wenn er uns verlorengeht in demselben Augenblick alles auseinanderfällt Er hat
nur eine Schwäche er beurteilt uns alle im Grunde zu günstig Beachten Sie
seinen Blick er sieht immer still verklärt in die Ferne das große Ziel hat er
fest im Auge und erfinderisch wie ein Dichter ersinnt er hundert Wege und
Auskunftsmittel um dahin zu gelangen aber nicht so genau schätzt er die
Hindernisse welche ihm bei den nächsten Schritten in dem Wege stehen Sein
ganzes Wesen treibt ihn dazu der Tüchtigkeit menschlicher Natur zuviel zu
vertrauen und trotz dem großen Scharfsinn mit welchem er im ganzen die Sachen
beurteilt wird seine Rechnung zuweilen fehlerhaft weil er die kleinen
Reibungen und die Fehler seiner Werkzeuge nicht genug berücksichtigt«
»Wie vermöchte er dieses Leben auszuhalten« versetzte der Doktor »die
Unsicherheit die ganz unerhörte Stellung eines Diktators wenn nicht ein Zug
von Begeisterung und sanguinischem Glauben in ihm wären Und ich ahne dass er
auch von den Menschen die ihn umgeben manches kennt was er allen verbirgt
Unser bayerischer Freund sagte mir als er ausgewechselt wurde beim Abschiede
Ich lasse Sie mit Bedauern hier zurück denn die Braven hier sind alle verraten
und verkauft Darauf erzählte er dass ihm hier vielerlei für die Franzosen
mitgeteilt worden sei einiges Schriftliche habe er verbrannt schloss er denn
ich habe nicht vergessen dass ich ein Deutscher bin und will mich wenn ich Sie
als ehrlicher Soldat bekämpfen muss nicht zum Angeber gegen die Fremden machen«
»Sie haben das doch dem Gouverneur mitgeteilt« fragte der Rittmeister
»Hören Sie was er mir antwortete Wenn man mich mit Schillers
Räuberhauptmann verglichen hat so wissen Sie jetzt auch dass die Herren
Spiegelberg und Schufterle unserer Gesellschaft nicht fehlen«
Ein hoher Stabsoffizier schritt über die Bastion ein älterer Mann mit einem
hageren bronzefarbenen Gesicht und finsteren scharf geschnittenen Zügen Der
Doktor und der Rittmeister salutierten als er vorüber war stieß der
Rittmeister mit innerem Abscheu seinen Säbel auf den Stein »Das ist er und er
ist vielleicht nicht der einzige«
»Wie ist es möglich dass der Graf solche Menschen im Amte duldet wenn er
sie für Verräter hält« fragte der Doktor bestürzt
»Er hat sich lange geweigert den Verdacht gegen sie aufkommen zu lassen
obgleich ihnen niemand traute Jetzt endlich überwacht er sie Aber dieser und
noch ein anderer haben höheren militärischen Rang als der Graf selbst Als
Stellvertreter des Königs kann er sie sobald ihr Verrat erwiesen ist
verhaften im äußersten Fall erschießen lassen aber solange er keinen Beweis
gegen sie hat darf er ihnen den Befehl nicht nehmen Der Gouverneur hat getan
was ihm ganz widerwärtig ist dort oben in dem Büro hat er einen geheimen
Polizeidienst einrichten müssen um Beweise gegen die höchsten Offiziere seiner
eigenen Garnison zu finden Es ist ihm bis jetzt nicht gelungen und glauben Sie
mir das ist seine unablässige Sorge«
Der Sturm auf das verschanzte Lager hatte begonnen unter dem rollenden
Donner der Geschütze und dem Knattern der Musketen eilte der Doktor zu dem
Verbandsplatz für die Verwundeten Jetzt hörte und sah er die Sckrecken welche
der Zweikampf der Völker jedem einzelnen bereitet aber anders als vor einem
halben Jahre empfand er das Furchtbare des Krieges und auf alles gefasst sagte
er sich »Wunderlich ist es dass derselbe Kriegssturm welcher das Beste im
Manne lebendig macht und das Höchste von ihm fordert zugleich und oft in
derselben Seele das Widerwärtigste und Gemeinste grosszieht rohe Wildheit
Geldgier und alle Laster welche erwachen wenn die alte feste Ordnung seines
Lebens aufhört Das Erhabenste ist zugleich auch das Schrecklichste und mit dem
Göttlichen in uns wird auch der Teufel mächtig« Bald nahm die Sorge um die
herbeigetragenen Verwundeten ihn völlig in Anspruch
Am Abend drängten sich die geschlagenen Kompanien mürrisch und mutlos durch
das Tor Die Festung wurde belagert und die Rechnung ging jetzt um den Tag an
welchem sie fallen müsse
Der Diener hatte den Tisch mit dem Abendessen des Doktors wie er pflegte
an das Bett des Grafen gerückt da begann der Kranke »Ich muss mich Ihrer
freuen solange ich Sie habe Was jetzt noch zu tun bleibt ist das Schwerste
von allem und doch so widerwärtig dass niemand es loben wird«
»Sie werden tun was Ihre Pflicht ist« sagte der Doktor »nicht jede
Pflichterfüllung wird durch den Beifall der Lebenden und der Späteren gerühmt
Ich bin gelehrt dass man bei solcher Erfüllung niemals an den Beifall der
Menschen denken soll nur darauf dass man der Mahnung des eigenen Gewissens und
vernünftiger Erwägung folge«
»Das ist eine strenge Lehre mein Freund auch die Besseren sorgen
vielleicht nicht um den Beifall der Menge aber doch um die gute Meinung
solcher die ihnen wert sind Wir Soldaten vollends bei denen Befehl und
Gehorsam so schonungslos sind brauchen einen starken äußeren Antrieb damit wir
unsere Pflicht tun der Soldat vermag Anerkennung und Ruhm nicht zu entbehren
und ebensowenig die Furcht vor Strafe und die höheren Offiziere bedürfen diesen
Sporn noch mehr als andere Wenn Sie fragen woher es kommt dass in diesem Jahre
gerade unter den Hohen unserer Armee soviel offene Schwäche zutage trat die bis
zum Verrat ging so gibt es darauf eine kurze Antwort weil sie vor ihrem guten
König keine Furcht hatten Ein General und jeder der selbständiges Kommando
führt und despotisch gebietet über Untergebene muss im Grund seiner Seele
unablässige Scheu hegen vor dem Stirnrunzeln seines Herrn und dahinter vor
Festung oder einer Kugel«
»Ich selbst bin jetzt in der Lage an eine Verurteilung und Festungshaft für
mich zu denken« fuhr er mit traurigem Lächeln fort »Denn Doktor es geht mit
uns zu Ende In dem Pulvermagazin fehlt das Pulver man hat mir seit Monaten
falsche Bestände angegeben ein unsichtbarer Feind hat sich beeilt diese
Hiobspost und andere hier zu verbreiten den Leuten ist der Mut gebrochen sie
wissen dass wir nicht mehr imstande sind ernstem Angriff zu widerstehen
Bedauern Sie mich denn mir ist auch die letzte Ehre des Soldaten versagt diese
Festung bis zum letzten Laib Brot und zur letzten Patrone zu verteidigen Ich
bin nicht zum Kommandanten der Festung bestellt sondern zum Gouverneur des
Landes Meine Provinz ist klein geworden aber außer diesen Steinen habe ich
noch einige andere dem Feinde streitig zu machen und erst auf dem letzten darf
ich vergessen dass ich meinen König und den Staat noch in andern Sachen zu
vertreten habe als in militärischen Dann erst darf ich die Scheide wegwerfen
und an nichts denken als an einen ehrlichen Soldatentod Jetzt sollte ich diese
Festung der Ehre ihres Kommandanten anvertrauen aber dieser würde morgen dem
Feinde das Tor öffnen und dadurch die Wochen die ich noch gewinnen kann und auf
die jetzt alles ankommt zugunsten der Franzosen preisgeben Deshalb werde ich
die Demütigung einer Übergabe auf meinen Namen nehmen«
Da vergaß der Doktor seine eigene Philosophie und rief in tiefem Schmerz
»Herr des Himmels soll eine Übergabe auch hier das Ende sein Unermessliche Mühe
und Arbeit haben Sie aufgewandt uns allen sind Sie ein Vorbild geworden der
Hingabe an Amt und Beruf Ihrem Beispiel verdanke ich dass ich erkannt habe was
ein Mann seinem Vaterlande schuldig ist und jetzt sollen Sie demselben
Schicksal verfallen wie die Schwachen und Schlechten die anderswo den Befehl
hatten Und Sie sollen nicht unterliegen im ehrlichen Kampfe gegen den Feind
sondern durch elenden Verrat und durch die Gemeinheit anderer Wahrlich das ist
ein fürchterliches Geschick Die Ehre die sich um Ihr Haupt gesammelt soll
Ihnen in der Meinung der Menschen genommen werden durch den Zwang kleiner und
nichtswürdiger Verhältnisse« Er wandte sich in seiner Bewegung ab
»Sagten Sie nicht soeben« begann der Graf mit weicher Stimme »dass man die
Pflicht tun soll ohne Rücksicht auf den Beifall der Menschen und nur das eigene
Gewissen und vernünftige Urteil anhören«
»Das habe ich gesagt ich weiß wohl dass Sie so handeln werden aber das
Volk bedarf auch Beispiele von Tugend und Größe die ihm das Herz erwärmen Und
es wird krank wie wir geworden sind weil uns so sehr die Männer fehlen deren
Wert man mit Begeisterung empfindet Sie waren der Mann meinen schlesischen
Landsleuten in finsterer Zeit ein solches Vorbild zu werden und für mich ist es
furchtbar dass Ihnen durch ein ruhmloses Ende dieses Kampfes die Krone geraubt
wird«
Der müde Mann erhob sich und sprach leise »Seien Sie ruhig mein Freund
Was ich bis jetzt nur meinem König vertraut habe sollen Sie erfahren ich
übergebe die Festung nicht Wenn ich mit dem Feinde das Übereinkommen schließe
ihm die Tore an einem bestimmten Tage zu öffnen so tue ich dies um Zeit für
die Verteidigung zu gewinnen Gegenwärtig sind wir durch Verrat und Entmutigung
wehrlos gegen den drohenden Angriff ich brauche einige Wochen um das zu
bessern Nur durch den Vertrag mit den Franzosen habe ich die Möglichkeit
gewonnen mich mit unserm Könige in gesicherte Verbindung zu setzen Diese
Verbindung habe ich benutzt ihn anzuflehen dass er mir erlaube nicht mehr sein
Stellvertreter im Lande sondern nur Kommandant dieses Platzes zu sein Die
übermütigen Feinde verletzen jeden Tag den Vertrag den ich mit ihnen schloss
und jeden Tag darf ich ihnen das nichtige Schriftstück vor die Füße werfen Und
nun wissen Sie was Ihrer Freundschaft tröstlich sein soll wenn nicht Friede
wird sollen sie mich lebendig nicht haben Wir bewahren wills Gott dem
Könige unsere Berge oder wir machen dem Feinde die Mühe uns ein Grab zu
schaufeln«
Die Franzosen drängten dem abgeschlossenen Vertrage zuwider während der
Waffenruhe näher an die Festung heran der Graf welcher unterdes die Schäden an
den Werken an den Vorräten und in den Gemütern seiner Soldaten gebessert hatte
schloss drohend die Tore und verkündete seinen Entschluss am Ende der Waffenruhe
die Feindseligkeiten wieder zu beginnen Da kam der Friede Sogleich bestand der
Gouverneur darauf dass die Feinde die Grafschaft und die nächsten Landkreise
räumten und er setzte seinen Willen durch
Er hatte das Gebiet für Preußen behauptet
Als der Graf die Bedingungen des Friedens erfahren lud er eine Anzahl
Männer zu sich welche ihm persönlich nahegestanden hatten Der Doktor fand
einige Offiziere von der früheren Garnison Offizianten welche in den Büros
arbeiteten adlige Gutsbesitzer aus der Provinz die in den letzten Monaten sich
und ihr Vermögen für den Staat eingesetzt hatten Der Graf erhob sein Glas
trank die Gesundheit des Königs und sagte »Wir lassen andere trauern über den
Vertrag welcher jetzt als Friede den Völkern verkündigt wird wir wissen so gut
wie der Herr der Franzosen dass dies nur ein Waffenstillstand ist den beide
Teile wir und der Kaiser gebrauchen um aufs neue zu rüsten wir wissen und
der Kaiser ahnt es auch dass die Feindschaft zwischen ihm und uns eine tödliche
geworden ist die nur enden wird mit der Vernichtung des einen Wir aber
vertrauen dem gerechten Gott dass wir die Sieger bleiben Während die Waffen
ruhen bereiten wir uns für den neuen Kampf Wir haben hier in Not und Enge wie
Brüder miteinander gelebt und treue Genossen bleiben wir einander wohin uns
auch das Schicksal führt Groß wie die Niederlage unseres Vaterlandes war soll
auch die Erhebung sein jeder Preuße der die Waffen tragen kann soll ein
Krieger werden Und so scheiden wir voneinander als Männer welche jederzeit
bereit sind ihr Leben hinzugeben für ihren König und für die Befreiung ihres
Vaterlandes Jeder von Ihnen sammle in dem Kreise in dem ihn sein Beruf
festhält die Gleichgesinnten Für mich aber erflehe ich von der Vorsehung als
das höchste Glück meines Lebens dass mir vergönnt werde Sie wieder um mich zu
versammeln an dem Tage wo wir die Waffen zu neuem Kampfe gegen den bösen Feind
erheben«
Die Begegnung
Wie siehst du jetzt im Frieden aus liebe alte Stadt Als der Friede verkündet
war hat man am Sonntage darauf mit drei Glocken zur Kirche geläutet statt mit
zweien und der Pastor hat von der Kanzel den Herrn um Kraft gebeten auf dass
die Stadt den Frieden ertrage In deinem Aussehen ist wenig geändert die Mauern
hat niemand gebrochen und die armen Zunftgenossen die mit dem Säbel an den
Toren standen sind auch nicht erschossen worden nur ein bayrischer Soldat hat
beim Hinausreiten einen von der Wache aus Rachsucht übel geschlagen weil ihm
das Getränk der Stadt missfiel Straßen und Häuser stehen wie sonst und die
Menschen unterhalten sich und mühen sich sind unzufrieden und hoffen auf eine
bessere Zukunft wie immer Und wenn sie im Wirtshause beieinander sitzen so
fragen sie ob das wirklich eine Zeit des Friedens sei in der sie leben In den
Festungen liegen die Franzosen wie in der letzten Zeit des Krieges französische
Generäle regieren in der Hauptstadt französische Kommandos durchziehen das
Land holen das Vieh aus den Ställen und die Brotfrucht vom Boden nur dass sie
die Gänse und Hühner auf dem Hofe verschonen Das Zahlen Liefern und Steuern
hat sich im Kriege so eingebürgert dass man die Gewohnheit im Frieden nicht
loswerden kann Ja die Last wird ärger denn neben den Feinden fordert jetzt
auch die eigene Regierung Wo aber sind unsere einquartierten Soldaten
geblieben wo schultert der Posten der sonst vor der Hauptwache auf und nieder
schritt und wo sitzen die Offiziere vom runden Tisch der Weinstube Alles
verschwunden die Kompanie ist aufgelöst die Leute haben sich verlaufen denn
der Staat ist sehr klein geworden und soll sich den Luxus eines großen Heeres
nicht machen Nur der Hauptmann ist wieder da und wohnt beim Fleischer Beblow
wie sonst aber in der Dachstube Er ist auf Halbsold gesetzt trägt auch nicht
mehr seinen blauen Rock sondern geht wie andere in einem alten verschossenen
Zivilkleide noch finsterer und mürrischer als sonst und seine kleine Schwester
näht und kocht für ihn und arbeitet zuweilen bis in die Nacht damit sie ihm mit
einem Paket Tabak Freude machen kann sie bittet und drängt ihn bis er sich
entschließt des Nachmittags mit ihr auf dem Stadtwall spazierenzugehen denn
ihm selbst ist widerwärtig dass die Leute ihn in seinem Zustande ansehen Auch
Schuster Schilling ist da aber die gegenwärtige Konjunktur vermag ihn durchaus
nicht zu befriedigen denn für seine neuen Stiefel findet sich kein rechter
Absatz mancher der früher Schuhwerk trug hat die Laune jetzt barfuß durch
die Welt zu gehen Hutzel steht wieder an seiner Tür immer noch misstrauisch er
hat an drei Orten eingegraben und noch nicht alles hervorgeholt und isst mit
seiner Familie aus Blechlöffeln weil er sich die bittere Sorge noch einmal zu
verstecken nicht machen will Vollends in der Weinstube ist eine Änderung
bemerkbar der ganze erste Tisch und der Tabakskasten sind verschwunden der
Stadtdirektor ein gedrückter Mann sitzt jetzt bei den anderen Offizianten und
wenn der Kammerherr einmal vom Gute hereinkommt so nimmt er seinen Platz neben
dem Einnehmer Nur Herr Köhler ist bis auf seinen Tituskopf ganz der alte
wohlhäbig und schlau wenn er über den Lauf der Welt gespöttelt hat zieht er
sich daheim unter seine Dichter zurück auch am Bilde des Alten Fritz hängt noch
der Trauerflor Und wenn er auf dem Stadtwall den Buskows begegnet so bewegt er
seinen Hut mit der Miene die ihm niemand nachmachen kann Denn die untere
Hälfte seines Gesichtes weist einen finsteren Trotz wegen des Storches und aus
den Augen lacht die Befriedigung wegen seiner Verschwörung mit der Sylphe
Heut aber hat er sein Zimmer festlich geschmückt er hat selbst in einem
Garten der Vorstadt den großen Blumenstrauß geholt und auf den Tisch vor dem
Sofa gestellt und in seiner Küche wird eine Kalbskeule am Spieß gedreht denn
sein Liebling der Doktor ist wiedergekommen und zum ersten Male sein Gast
Der Winter war vergangen und der Sommer in das Land gezogen bevor der
Doktor aus der Grafschaft nach der Stadt zurückkehrte Er hatte seine Kranken
nicht verlassen wollen und er wusste dass sein Vetter ihn daheim zur
Zufriedenheit der Leute vertrat Als er jetzt seinem Freunde gegenüberstand
hielt ihm dieser einen gefüllten Becher entgegen
»Auf solchen Willkommen habe ich mich lange gefreut« begrüßte ihn Herr
Köhler »Wenn wir alle in diesem Jahre zerstossen verärgert und zurückgekommen
sind Ihnen hat der Krieg wohlgetan denn Sie stehen anders vor mir als damals
wo Sie gingen In Ihnen ist Lebensmut und stolze Sicherheit Natürlich wenn wir
krank sind wird der Arzt unser Herr Nun ich denke dies Herrengefühl werden
Sie unter uns nicht verlieren denn wir sind jetzt alle arme Patienten die nach
guten Ärzten seufzen Heut aber nichts von ärgerlichen Dingen sondern wie
Nestor zur betränten Hekuba sagt Trink ihn aus den Trank der Labe und vergiss
den großen Schmerz«
Als beide in Behagen beieinander saßen begann der Einnehmer »Sie bleiben
doch jetzt bei uns und mit leichterem Herzen« Er sah den Freund prüfend an
»Ich nehme meine Praxis wieder auf« antwortete dieser dem fragenden Blick
ausweichend »Meinen Vetter behalte ich hier bis sich ihm irgendwo Aussicht auf
erfolgreiche Tätigkeit bietet«
»Hm« sagte der Einnehmer »das bedeutet wohl er soll ins Feld sobald es
wieder losgeht«
»Er oder ich« entgegnete der Doktor Er hob ein Buch welches aufgesperrt
neben ihm lag und las »Reden an die deutsche Nation Der große Mann erhebt
darin strenge Anklage gegen die Selbstsucht und Genusssucht des lebenden
Geschlechtes aber die Ermahnung zur Busse und Einkehr in uns selbst kam den
Deutschen zur rechten Stunde«
»Der Selbstpeinigung wegen lassen wohl auch Sie Ihre Pfeife im Winkel
stehen« fragte der Einnehmer und faltete die Hände »Ich bekenne die
Selbstsucht und Genusssucht meines Jahrhunderts auch meine eigene Ich habe
seither wenn der Winter dem Transport günstig war zwei bis dreimal ein
Dutzend Austern gegessen waren die Austern nicht frisch so wurden sie von der
Weinwirtin gebraten das versteht die Frau Ich bekenne auch die Sünde dass ich
zuweilen ein Glas Ausbruch getrunken habe und ebenso hatte ich die Selbstsucht
grob zu werden wenn ein andrer meinen Zaun ungebührlich benutzte Von solcher
Versunkenheit heilt uns der große Napoleon gründlicher als Ihr Professor Die
Austern finden nicht mehr den Weg hierher und unsere Zäune sind vom Feinde
eingerissen und als Brennholz verbraucht Wenn es jemandem schlecht geht so
kommen die Pastoren mit und ohne Bäffchen und rufen Zeter über die
Sündhaftigkeit Ich denke bei uns ist weniger schlechte Sitte Üppigkeit und
Selbstsucht als bei den Franzosen welche so siegreich über uns triumphieren
Mich kränkts dass man jetzt überall die Menschen anklagt und nicht die
Verhältnisse unter denen sie zu leben gezwungen waren Dennoch muss ich
ernstlich darauf bestehen dass Sie sich diesen Wein mit Genussliebe gefallen
lassen denn ich habe in Hoffnung auf diese Stunde der Versuchung widerstanden
die Flasche allein auszutrinken«
Der Doktor hatte in den ersten Tagen viel auf die Grüße und freundlichen
Anreden der Bürger zu antworten Er erkannte dass er der Stadt wert geworden
und begann aufs neue seine Tätigkeit in der frohen Empfindung dass er hier in
Wahrheit heimisch war Unter den ersten Kranken welche seine Hilfe begehrten
war auch der Hauptmann auf Halbsold Der Doktor stieg zwei enge Treppen hinauf
in eine Dachwohnung dort fand er den Hauptmann verfallen und mürrisch in seinem
Bett davor das kleine Fräulein mit einer Arbeit beschäftigt Es war keine
tödliche Krankheit nur die Nachwirkung der früheren Strapazen und befördert
wie der Arzt argwöhnte durch die schmale Kost denn in Kammer und Stube sah es
dürftig aus Ein kleines altes Sofa mit geblümtem Baumwollstoff überzogen war
von Sonne und Luft so gebleicht dass man die ursprüngliche Farbe nur an
viereckigen Stücken erkannte welche an einer geschützten Stelle ausgeschnitten
und von vorn eingesetzt waren Über dem Sofa hing das Pastellbild eines älteren
Offiziers wahrscheinlich des verstorbenen Vaters Der Doktor ließ sich um zu
verschreiben von der Schwester in ihr kleines Hinterstübchen führen lobte die
Aussicht welche hinter den Dächern der Nachbarhäuser den Stadtwald und die
blauen Berge wies tröstete die Besorgte und freute sich über die ruhige
Sicherheit mit welcher die kleine Dame sich in ihren Wänden bewegte und dass
bei aller Einfachheit der Raum so sauber und wohnlich war Als er herunterkam
winkte ihn die Hauswirtin in ihre Stube »Es geht knapp dort oben zu« sagte sie
vertraulich »und die Schwester näht bis in die Nacht wenn sie Arbeit findet
Du lieber Gott wer hat jetzt Geld um andere nähen zu lassen Ich habe es
übernommen ihr Arbeit zu verschaffen wenn Sie unter Ihren Bekannten jemanden
wüssten das Wartegeld des Bruders reicht ja nicht viel weiter als zur Miete die
aber bezahlt er jeden ersten Sie glauben gar nicht wie tätig unser Fräulein
ist sie hat immer noch Hilfe für andere übrig und man hört sie niemals
klagen«
Seitdem wurde der Doktor ein regelmässiger Besucher der Geschwister die
aufrichtige Hochachtung welche er der Schwester bewies tat auch dem Bruder
wohl und er wurde bald nicht mehr mit mürrischem Argwohn betrachtet Einst
vernahm er schon auf der Treppe Musik und als auf sein Klopfen nicht
geantwortet wurde trat er endlich ein Der Hauptmann saß im Bett und spielte
leise auf einer alten Geige Minchen aber stand daneben vor ihrem Notenpult und
blies die Flöte Da der Doktor vor Jahren sich auf demselben Instrument geübt
hatte so verstand er dass sie mit Fertigkeit und mit gutem Ansatz zu blasen
wusste Errötend legte sie die Flöte weg da aber der Arzt sie beim Abschiede an
der Treppe bat ihrer Gesundheit wegen das eifrige Blasen zu meiden winkte sie
ihn wieder in ihre Stube und sagte vergnügt »Wundern Sie sich nicht darüber
ich habe die Flöte als der selige Vater noch lebte bei der Kompanie gelernt
und sie greift mir die Brust gar nicht an Weil der Bruder oft bekümmert ist
über seine Untätigkeit und über unsere beschränkte Lage so haben wir uns
ausgedacht wenn er erst wieder gesund ist wollen wir miteinander auf Reisen
gehen und kleine Konzerte geben wir nehmen einen fremden Namen an und wenn wir
etwas erworben haben kommen wir wieder hierher zurück Es fehlt uns nur
manchmal an Noten die ich für mich abschreiben könnte«
»Was ich selbst besitze steht Ihnen zu Diensten« Das war dem Fräulein
lieb und ein Austausch wurde beschlossen
Da der Doktor von jenem Besuche des Fräuleins bei dem Einnehmer gehört
hatte so vertraute er dem Freunde an was er jetzt vernommen »Das Auswandern
sieht ihr ähnlich« antwortete dieser trocken »das kommt von den
Reisebeschreibungen mich wundert nur dass sie nicht die Pickelflöte bläst«
Aber er ging am nächsten Tage zum Kaufmann erstand ein Schock feine
Leinwand und gebot der Haushälterin diese mit einer Probe seiner Wäsche zu Frau
Beblow zu tragen
Dasselbe wiederholte sich mehrere Male bis endlich die Haushälterin bei
einer neuen Bestellung Einwände erhob »Aber Herr Einnehmer der ganze Schrank
ist ja voll Wäsche es ist mehr Vorrat von Bettzeug Tischzeug und Leibwäsche
als Sie in Ihrem Leben gebrauchen können und die neue Wäsche liegt ganz
unbenutzt«
»Das versteht Sie nicht« bedeutete Herr Köhler unwillig »ich gedenke
steinalt zu werden Kennt Sie die Geschichte von den sieben fetten und mageren
Kühen des Pharao« Die Haushälterin wusste von den sieben Kühen und von den
sieben Ähren »Lese Sie den Vorfall aufs neue durch« befahl der Herr »Ein
vorsichtiger Wirt muss beizeiten einschaffen In kurzem kommen die mageren
Jahre wo alle unsere Weber gegen die Franzosen marschieren müssen Dann wird
alle Leinwand aufhören«
In der Geissblattlaube des Pfarrgartens saßen Henriette und Bärbel die
Schulzentochter Auf dem Tisch vor ihnen lag ein kleiner Berg grüner Bohnen
Bärbel hatte um während ihres Besuches nicht müßig zu sitzen ein Messer
genommen und schnitt in die Schüssel welche sie im Schoße hielt Auch für die
Unterhaltung sorgte die junge Frau fast ganz allein denn Henriette saß
schweigsam und die Hand sank zuweilen herab Sie mochten wohl an Trauriges
gedacht haben Bärbel fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Augen als sie
sagte »Mir gruselts wenn ich bei der Scheune vorbeigehe Und dann die
Verwüstung bei euch die Schafherde kann ich gar nicht vergessen Dieses Unglück
haben wir nicht gehabt denn wie die schlechten Nachrichten kamen sagte mein
Karl zu mir Bärbel sagte er als der Vater auf dem Totenbette lag und schon
fast ganz hinüber war richtete er sich noch einmal auf und sprach Karl wenn
Krieg wird schlachte zuerst die Schafe Diese letzten Worte des Alten haben wir
befolgt was wir nicht sogleich verkaufen konnten haben wir geräuchert und
meiner hat es auf unserem Heuboden unter alten Brettern versteckt Dort hat es
niemand gefunden nur dass wir selbst unser Vieh aufessen mussten Aber so gehts
im Kriege Das beste ist noch dass sie eure silberne Kelle nicht fortgetragen
haben denn diese ist ein schönes Stück und gebührt dir zu deiner Ausstattung«
Henriette machte eine abwehrende Bewegung
»Du bist heut wieder traurig« sagte Bärbel »willst du allein sein Ich
komme ein andermal«
»O bleibe« bat Henriette »ich kann mit dir über das Vergangene besser
reden als mit Vater und Mutter«
Bärbel setzte sich wieder fest und schlug die Arme übereinander »So rede«
sagte sie »denn aus dem stillen Kummer kommt nichts Gutes heraus Das
hauptsächlichste bei der ganzen Geschichte ist Welchen willst du haben«
»Wie kannst du so fragen«
»Das versteht sich« antwortete die Freundin »wenn ich an einer Wegzwiesel
stehe so muss ich doch wissen ob rechts oder links und ein Mädchen muss auch
darauf denken welcher Ehemann sich für sie schickt Als ich meinem Karl gut
wurde stürte er mit seinen Augen noch unter allen Mädchen herum ich aber
winkte ihm mit dem Ellenbogen wie man so sagt und ich bekam ihn Du hast ihrer
zwei Sind sie dir beide recht jeder in seiner Art so warte ruhig ab und gräme
dich nicht um sie« Henriette schüttelte mit dem Kopf »Ist aber einer unter
ihnen den du gern hättest und ein anderer den du gar nicht magst so rede
Welchen willst du«
Da sah Henriette nach der Gartenbank zur Seite wo sie einst mit dem Besuch
gesessen hatte und sagte leise »Den Doktor«
»Er hat mir gut gefallen« versetzte Bärbel mit dem Kopf nickend »er ist
auch jetzt bei Wege denn wie man hört fährt er wieder in die Dörfer Der
andere aber soll auch ein schöner Mann sein und dabei sehr martialisch«
»Er ist mein Retter Bärbel aber er war mir fürchterlich Er weiß wohl dass
ich den Finger krumm bog als er den Ring daran stecken wollte«
»Wenn du unsern Hiesigen haben willst und den Fremden nicht« fuhr Bärbel
mit unerbittlicher Logik fort »so muss zuerst der Hiesige das merken Ist er dir
gut wie du ihm so kannst du auch Vertrauen zu ihm haben und er kann dir
raten wie du den andern los wirst da der Herr Senior das nicht vermag Mein
Karl« setzte sie stolz hinzu »würde den andern durchwamsen wenn dieser auch
noch so sehr mit seinem Säbel herumflunkerte Doch das geht bei euch nicht«
Henriette stand schnell auf und rief entsetzt »Denke an das Blut das bei
der Scheune vergossen wurde« Auch die Freundin schwieg eine Weile aber sie
ließ sich nicht beirren »Der Doktor ist ein gesetzter Mann und weiß in der Welt
Bescheid Er würde wohl einen Weg finden«
»Er ging bei mir vorüber« klagte Henriette »und sprach kein Wort zu mir
die Soldatenbraut war ihm verleidet Meine gequälte Seele sehnte sich danach
ihm alles zu sagen er aber grüßte so fremd und hart dass mir fast das Herz
brach«
»Ihm war der Kopf dick da der Herr Senior ihm gerade vorgeklagt hatte Die
Männer haben auch ihre Eifersucht dann sind sie unvernünftig Du aber musst
wissen ob er dir noch gut ist dadurch wirst du einen bessern Mut gewinnen und
du wirst dein Schicksal nicht mehr so allein herumtragen«
»Du bist eine treue Freundin« sagte Henriette dankbar auf Bärbel sehend
»Das ist schon recht« bestätigte diese »aber ich bin kein Mann Komm die
Bohnen werden welk« Und sie ergriff wieder das Messer
Während der Arbeit überlegte Bärbel wie sie selbst an den Doktor kommen
könne Denn ihr war deutlich dass das Pfarrkind niemals den Mut haben werde ihn
anzustossen Auch für sie war die Sache schwer Der Doktor wohnte fünf Meilen
entfernt in anderem Kreise Gelegenheit dorthin war selten und hinzufahren ging
während der Ernte vollends nicht an Im Briefschreiben war sie immer tüchtig
gewesen aber solche Geschichten konnte man doch in keinen Brief setzen Sie
sann also über jedes Wort das sie damals von dem Gaste vernommen Endlich fiel
ihr ein dass dieser studierte Mann eine törichte Grille in seinem Kopfe hatte
diese wollte sie am Flügel fassen
Sie bog deshalb bei der Heimkehr vom Wege ab nach der Hütte des alten
Christian Sie fand den Schäfer der seit dem Verlust seiner Herde trübsinnig
geworden war allein in seiner Stube wie er an einem Vogelbauer schnitzte
»Schäfer ich habe vor dem Kriege gesehen dass der Herr Senior in der Schublade
allerlei Steine hielt die man Feuersteine nennt Diese habt Ihr doch Eurem
Herrn aus der Erde geholt«
»Das ist wohl möglich« antwortete Christian vorsichtig
»Könnt Ihr auch mir einen solchen Stein schaffen«
»Wozu wollt Ihr ihn gebrauchen junge Frau« fragte der Alte
»Er soll nicht für uns nur für einen Bekannten Sie sagen wenn man so
etwas unter das Kopfkissen legt dann erinnert man sich an allerlei was man
vergessen hat«
»Das ist nicht wahr solche Kraft ist nicht darin« versetzte der Schäfer
der selbst praktizierte und nicht leiden konnte dass andere mehr wussten als er
»Mein Bekannter macht einmal großes Wesen von diesen Steinen und da will
ich ihm behilflich sein habt Ihr also davon so gebt her«
Der Schäfer brachte einen ziemlich großen Stein hervor »Er hat sogar ein
Loch und ich will ihn mir selbst aufbewahren« sagte er um ihn nicht umsonst
hinzugeben Aber Bärbel ließ sich die Ware nicht verteuern und nahm ihm den
Stein aus der Hand »Ach was an dem grauen Ding ist Euch auch nichts gelegen«
versetzte sie »wenn wir im Herbst schlachten bringe ich Euch etwas Besseres
dagegen« Und sie trug den Stein in ihrem Korbe nach Hause Unterwegs wurde ihr
auch der Umweg deutlich auf dem sie das Geschenk in die Hände des Doktors
spielen wollte In dem Marktflecken der auf halbem Wege zur Kreisstadt lag war
ihre Gespielin Liesel an den Ackerwirt Krause verheiratet und in dem Flecken
hatte der Arzt zuweilen zu tun
So geschah es Bärbel winkte dem Liesel und dieses rührte mit dem
Ellenbogen den Doktor an Denn als kurz darauf sein Wagen vor dem Wirtshause des
Fleckens hielt schickte die Wirtin eilends einen barfüssigen Jungen zu Krauses
Und nicht lange darauf kam Liesel heran und fragte schüchtern ob der Herr sich
noch auf sie und ihre Gespielin erinnere die einmal mit ihm in der Pfarre
zusammengewesen waren
Wie gut erinnerte sich der Doktor daran Als die junge Frau bemerkte dass
ihm die Begegnung etwas Großes war fühlte sie sogleich ihre Überlegenheit zog
den Stein dreist aus der Tasche und log er sei von Bärbel gefunden und diese
hätte gemeint da der Herr sich aus den Steinen etwas mache und schon die andern
habe so müsste er diesen auch erhalten »Da ich dies gesagt hatte« erzählte
nachher Liesel ihrer Gepielin »so tat ich als wollte ich gehen denn dachte
ich er muss anfangen wenn er jetzt wie ein Stock steht so liegt ihm nichts an
dem Jettchen Er aber wurde Feuer über und über und fragte mich nach allem in
der Pfarre aus so dass ich zuletzt wie dumm sagte Sie sollten einmal wieder
hin es würden sich gewiss alle freuen Da schüttelte er mit dem Kopf ich aber
tat als hätte ichs nicht gesehen und redete herzhaft weiter Denen in der
Pfarre sind auch die Franzosen verleidet worden Darauf sah er mich groß an und
fragte Auch dem Fräulein Henriette Der am meisten antwortete ich das ist
doch natürlich Mehr war nicht zu reden denn die Wirtin stand in der Nähe und
ich wandte mich nur noch zu der Wirtin gar nicht zu ihm und sagte Wenn die
Bellerwitzin mit der großen Kutsche vorbeifährt so sagen Sie doch dem
Bedienten die Frau Krause ließe Mamsell Henriette schön grüßen denn das
Pfarrfräulein kommt in der nächsten Woche für einige Zeit zum Besuch auf das
Schloss Da wusste ers« setzte Liesel stolz hinzu »und es ging ihm im Kopfe
herum«
»Du warst immer die Schlaue« sagte Bärbel bewundernd Und als sie gleich am
nächsten Tage nach der Pfarre kam erzählte sie ihrer Freudin »Am gestrigen
Sonntage war die Gespielin mit ihrem Manne bei uns sie wären gern
herübergekommen nur ging es nicht wegen ihres Kleinen den sie mit hatte ist
das ein dicker Junge Denke dir sie hat neulich im Wirtshause den Doktor
getroffen der hat sich nach allem bei euch erkundigt und am meisten nach dir
und er wurde dabei ganz feurig und rot so dass die Gespielin sagte Du kannst
glauben er ist ihr gut«
Henriette antwortete nicht sie stand mit gesenktem Haupt und ihre Hände
zerpflückten die Astern welche sie dem Bärbel mitgeben wollte sie sprach auch
später kein Wort von dem Doktor aber sie erzählte von vielem anderen und
bestand darauf die Freundin ein Stück zu begleiten
Als sie zwischen den Getreidefeldern heimkehrte lief die Wachtel im Korn
neben ihr dahin und ließ ihren Ruf erschallen Lange hatte die Jungfrau der
Hoffnung entsagt und in herber Trauer tröstende Stimmen die leise an ihr Ohr
klangen weggescheucht heut hörte sie auf die Sängerin welche sich immer
verbirgt und aus dem Versteck Günstiges kündet
In der Nähe des Hofes empfing sie den artigen Gruß des Landrats welcher
gerade aus dem Tore fuhr Daheim waren die Eltern in lebhaftem Gespräch und
heiterer als sie seit langer Zeit gewesen waren »Denke dir« rief der Vater
auf einige große Geldrollen weisend »unverhofft ist das Glück bei uns
eingekehrt Vor einigen Wochen war ich aufgefordert worden die Verluste welche
wir in der Kriegszeit erlitten haben zu berechnen Es war keine geringe Summe
das viele Vieh und der Schüttboden Ich erstaunte selbst darüber und dachte
zurückerhalten werden wir in dieser eisernen Zeit doch nichts Heut legt der
Landrat die ganze Summe auf den Tisch und sagt von der französischen
Generalität sei der Befehl ergangen mir den Betrag auszuzahlen Auch sei ihm
mitgeteilt dass die französischen Kommandos welche aus den Festungen geschickt
werden um von den Kreisen Proviant einzutreiben vom Pfarrhofe nichts mehr zu
beziehen hätten und wir sollen fortan von den Leistungen frei sein«
Henriette schwieg
»Die Schulzenfrau hat eine gute Milchkuh zu verkaufen« sagte hoffnungsvoll
die Mutter
»Und Christian erhält seine Schafherde zurück« ergänzte der Senior
Die rosige Farbe welche die Tochter auf den Wangen heimgebracht war
erblichen als sie fragte »Erhalten auch alle anderen ebenso wie wir in Gelde
zurück was ihnen geraubt ist« Der Senior sah seine Tochter betroffen an »Das
wohl nicht der Landrat meinte es sei eine besondere Gunst« »Und weshalb wird
uns gewährt was andern versagt bleibt« fragte die Tochter wieder
»Das sagte der Landrat nicht« antwortete der Alte erschreckt durch das
Aussehen seines Kindes »Er wünschte nur lächelnd Glück zu der einflussreichen
Verwendung«
»Der Kapitän hat es bewirkt« entschied die Mutter »ich dachte mir längst
er würde einmal von sich hören lassen« Henriette faltete die Hände und starrte
vor sich hin Zu der alten Fessel ein neuer Ring und zu dem alten Jammer neuer
Streit »Was ist dir meine Tochter« fragte der Vater
»Sie regt sich wieder auf weil von dem Kapitän die Rede ist« sagte die
Mutter unzufrieden
»Mein Vater warum hast du dies Geld genommen Aus den Beuteln unserer
Nachbarn haben es die Franzosen erpresst um dir ein Geschenk zu machen und wenn
wir befreit bleiben müssen unsere Nachbarn den Fremden mehr zinsen als seither
An diesen Rollen hängt ein Fluch die Seufzer und Tränen von Hunderten«
»Du übertreibst« sagte der Senior unsicher »und doch ist dein Einwand
nicht unbegründet Aber im Vergleich zum Ganzen ist dieser Betrag so
unbedeutend dass die Landsleute den Verlust in ihrem Beutel kaum bemerken
werden« Und die Mutter erinnerte »Dafür haben wir auch mehr gelitten und
verloren als andere«
»Und wäre unser Schaden zehnmal und hundertmal größer so müsste uns der
Gedanke doch bedrücken dass wir besser und anders gehalten werden als unsere
Nachbarn Vater wenn du mich liebst so flehe ich gib das Geld zurück«
»Wem« fragte der Senior »Wenn ich die angebotene Gunst zurückweise so muss
solche Weigerung uns übel ausgelegt werden und wir haben bei Gelegenheit neue
Quälerei zu erwarten das Geld aber werden die Franzosen vergnügt selbst
behalten dem Kreise wird es doch nicht zugute kommen Ich habe es angenommen
und quittiert und kann dem Landrat nicht sagen Es tut mir leid«
»So verbirg die Rollen in der dunkelsten Ecke und wahre dich lieber Vater
dass du sie nicht öffnest in Mangel und Not denn wisse jeder Groschen davon
wird einst von dir zurückgefordert werden«
»Durch wen« fragte der Senior erstaunt
»Durch deine Tochter« rief Henriette außer sich »diese Rollen gehören zu
dem Kaufpreis den ein Fremder dafür zahlt dass er mich wie eine Gefangene am
goldenen Ringe hinter sich herziehen darf Übergross ist ohnedies die
Verpflichtung die wir gegen ihn haben und mit ihrem Lebensglück bezahlt dein
Kind unsere Rettung aus der Gefahr Nimm nicht neue Gunst und Geschenke wir
tragen schon schwer genug an den alten«
Der Vater hob die Geldrollen vom Tisch und verschloss sie in seinem Schrank
»Ich tue wie du willst mein Kind Täglich bete ich dass die Unsicherheit
aufhören möge die ein Brautstand ohne Bräutigam uns bereitet und bei jeder
Nachricht von Siegen des Kaisers hoffe ich dass der Mann wieder für uns
erreichbar wird welcher bei der Entscheidung nötig ist«
»Ich hoffe nicht mehr« sprach Henriette vor sich hin
Es war kein Zufall dass in der nächsten Woche der Wagen des Doktors beim
Hause des Kammerherrn vorfuhr Der Gast wurde in der Besuchstube von der
gnädigen Frau empfangen nachdem sie noch mit einem schnellen Blick in den
Spiegel ihre Toilette geordnet hatte Denn der Doktor war bei ihr in besondere
Gunst gekommen zuerst vielleicht weil er gute Formen hatte und doch im
geheimen ein Sansculotte war bald aber weil sie ein ehrliches Zutrauen zu
seinem Gemüt gewann und zu seinem Geschick auf ihre Ideen einzugehen Denn die
gnädige Frau war nicht die vornehmste Dame im Kreise aber die rührigste Sie
war in der Residenz einigemal von der Königin besonders beachtet worden und galt
dafür der hohen Frau ähnlich zu sein nur dass ihr Näschen etwas spitzer war
Sie trug sich deshalb gern wie ihr Vorbild Lockenhaar einen kleinen Schleier
um den Hals In der Tat hatte sie einen weiteren Gesichtskreis als andere Frauen
in der Nähe sie wusste sich etwas damit dass eine ihrer Kousinen am Hofe von
Weimar war und sprach begeistert über Poesie und über das Ideale sie war
besonders zuvorkommend gegen Bürgerliche und immer voran wo es galt Vornehme
zu begrüßen Feste zu feiern und den Armen Strümpfe zu stricken zu denen die
Schuhe fehlten Von ihr und ihrem Gemahl war deshalb oft die Rede Obwohl
Spötter ihnen die Beflissenheit mit der sie sich um alles kümmerten zum
Vorwurf machten so waren sie doch im ganzen Kreise wohlbeleumdet und nicht
unbeliebt
»Willkommen aus Rübezahls Reich« begrüßte die Dame den Doktor »Heut halten
wir den flüchtigen Gast fest Sie sollen von Ihren Abenteuern erzählen Ihr Graf
fuhr auf der Durchreise bei uns vor und wir haben ihn auch nach Ihnen
ausgefragt Ein bedeutender Mann leider so kränklich und doch ist er nicht
älter als der Kammerherr kaum über vierzig und war noch vor wenigen Jahren
einer der elegantesten Tänzer bei den Françaisen am Hofe Aber die Politik macht
die Männer jetzt merkwürdig alt und doch stand diese Karriere sonst überall in
dem Ruf dass sie am besten konserviere Und die furchtbaren Krankheiten mit
welchen Sie zu tun hatten man hört davon Schauderhaftes Ach Doktor und des
Friedens kann man sich auch nicht freuen Dennoch hoffe ich dass die Männer
jetzt mehr Zeit und Gemüt für uns Frauen übrig haben denn seither war die
Unterhaltung von einer traurigen Eintönigkeit Pferdemangel und Kanonendonner
und man machte sich ein Gewissen daraus einen Walzer zum Klavier zu tanzen Sie
finden meinen Mann nicht zu Hause doch dürfen wir ihn jede Stunde erwarten
außerdem ist heut ein lieber Besuch bei mir den Sie ja auch kennen die Tochter
des Seniors sie hat den Beinamen die Franzosenbraut aber sie ist scharmant
nur ernster als sonst doch steht es ihr gut«
So unterhielt die lebhafte Hausfrau und dem Doktor war lieb dass sie die
Beschwerden allein trug bis sie sich endlich entschloss ihn in das
Familienzimmer zu führen Henriette saß neben den kleinen Töchtern vom Hause
Als der Gast eintrat erhob sie sich langsam ihn zu begrüßen Sie hatte sich
gemüht ihr pochendes Herz zur Ruhe zu bringen dennoch stand sie ihm bleich vor
innerer Erregung gegenüber und nicht anders erging es dem kräftigen Manne Er
fand mit Mühe die schicklichen Worte sich nach den Eltern und dem Garten zu
erkundigen Sie antwortete ihm nachdem die erste Befangenheit überwunden war
mit ruhiger Haltung aber er fühlte heraus dass sie sich Zwang antat Die
Kammerherrin lud hinaus in den Park Beiden wurde im Freien und in der Bewegung
unter den andern leichter zumute und doch empfanden sie dass sie in dieser
Stunde zueinander gehörten und wie lästig die gleichgültige Unterhaltung war an
der auch sie teilnehmen mussten Endlich wurde die Hausfrau abgerufen und die
beiden jungen Fräulein liefen nach dem Obstgarten voraus Der Doktor und
Henriette standen an der Landestelle des Schlossteiches und vor ihnen war ein
kleiner Kahn am Ufer befestigt Da wies der Doktor mit einem bittenden Blick auf
den Kahn das Mädchen trat hinein und setzte sich schweigend nieder er löste
die Kette ergriff das Ruder und fuhr so weit vom Ufer ab dass das gesprochene
Wort für fremde Ohren verklang Während er das Fahrzeug vorwärtstrieb wagte er
in leisen Worten von seiner Liebe zu reden und von seiner Trauer Die Blätter
der Seerosen auf dem Wasser hoben und senkten sich als ob das Beben seiner
Stimme auch sie errege
Solange er sprach blickte sie unverwandt auf den Finger ihrer Hand an
welchem der Ring mit dem Vergissmeinnicht fehlte »Ich lag hilflos am Boden«
begann sie langsam ohne ihn anzusehen »gedemütigt misshandelt da hat er mich
befreit Als er den Unhold zwang zu entweichen und als er wieder eintrat und
mir zurief dass der andere gefallen sei da der Herr verzeihe mir die Sünde
meinte ich die Schmach von mir genommen und mir war auf Augenblicke als müsste
ich fortan dem Manne folgen der mich gerächt hatte Zürnen Sie mir verachten
Sie mich dass ich so fühlte nicht wie eine Christin und ein ehrbares Mädchen
soll aber es war so und ich darf die Wahrheit nicht bergen am wenigsten
Ihnen Und wäre er davongeritten wie er kam als ein Fremder so hätte ich ihm
nachgesehen wie meinem Heiligen Aber eine Demütigung hat er von mir genommen
und eine andere hat er mir an den Finger gesteckt Dass er mich in meiner
Erniedrigung gleich einem Nichts behandelte welches er sich erkaufen und
aneignen könne durch ein unwahres Wort darum empörte sich mein Gemüt wieder
gegen ihn wie gegen die Missetäter und ich vermochte ihm für seine schnelle
Hilfe die mich gerettet nicht zu danken«
Auch der Mann welcher ihr gegenübersass starrte finster zur Seite auf die
Wellenringe welche über das Wasser zogen Und er fragte tonlos »So war Ihr
Gefühl damals wie wurde es später«
»Wie es damals war so ist es noch heut« antwortete Henriette in derselben
Weise »Um meinetwillen hat er einen Menschen getötet und dass ich noch unter
andern mein Haupt erheben darf verdanke ich ihm dies sind feste Bande ich
vermag sie nicht zu lösen weil aber seine Hand selbst die Kette um mich gelegt
hat mich anzuschließen an sein Geschick zürne ich ihm noch heute wie damals
denn er hat damit zerstört was in meinem Leben fröhlich war unschuldig und
glückverheissend« Jetzt sah sie ihn an und er sie und aus ihren Augen quollen
die Tränen
»Und wenn er wiederkommt und Ihre Hand für sich fordert«
Ein finsterer Schatten flog über ihr Antlitz »Ich würde ihm dasselbe sagen
was ich heut Ihnen sage Seine Frau kann ich nicht werden und einem andern darf
ich nicht angehören solange er sein Anrecht behaupten will«
»Sie nennen es ein Recht des Fremden Es war ein übermütiger Einfall ein
ruchloses Spiel Wie kann solche Tat ihm ein Anrecht an Ihr Leben geben«
»Zuerst war es ein wilder Einfall mit der Zeit ist es ein Anspruch
geworden Schon das zweite Jahr trage ich die Last mit jedem Tage sind die
Bande fester geworden welche mich an ihn schnüren die Leute betrachten mich
als seine Braut die eigenen Eltern möchten gern das Furchtbare sich und mir
verhüllen der Vater vertraut dass der Himmel alles ohne sein Zutun fügen werde
die Mutter hofft dass der Fremde ihrem Kinde einmal Schützer und Versorger
werden könne Ich hatte in den ersten Tagen und Wochen niemanden vor dem ich
mein Elend hätte klagen können damit er mir rate und mich befreie Gab es
damals einen der mir in seinem Herzen freundlich gesinnt war so fühlte auch
dieser sich mir entfremdet und ging mit höflicher Kälte an mir vorüber«
»Henriette« schrie der Doktor entsetzt
Sie aber zog ihr Tuch um sich und fuhr traurig fort »In dieser langen Zeit
bin ich ruhiger geworden Die Fessel die ich trage wird schwerer als sie
vormals war aber ich bin gewöhnt sie zu tragen In Harren und Leiden ist der
Frohsinn untergegangen und die Hoffnung die einst ein törichtes Mädchen hegte
Ich trage mein Teil still andere tun es auch«
»In jenen Monaten bat jemand der Ihnen von Herzen ergeben ist und der gern
sein Leben für Sie hingeben würde durch Ihren Vater dass Sie ihm Ihr Vertrauen
gewähren«
»Dem Mitgefühl des Arztes hatte ich nichts zu vertrauen« antwortete
Henriette stolz »und einem Manne an dessen Freundschaft ich gern dachte sah
ich bei der Begegnung an seinen Augen an dass für ihn das Mädchen welches die
fremden Soldaten an sich gerissen hatten nicht mehr denselben Wert hatte wie
das unschuldige Pfarrkind das ihm die Kleeblätter pflückte«
»Henriette« rief der Mann wieder »zu dem Leid das ich trage fügen Sie
ein neues wenn Sie mich so grausam verkennen Da ich Sie zuerst sah wurde ich
Ihnen gut wie ich noch keinem Weibe gewesen es war in meinem einsamen Leben
die erste Liebe und ich war selig wenn ich an Sie dachte und mich an Ihre
Seite Da kam die Erzählung des Vaters aus seinen Worten klang vieles was mir
wie Grabgeläut meines stillen Wunsches erschien Welches Recht hatte ich auf
Ihre Neigung Was wusste ich davon Sie hatten sich mir herzlich zugeneigt in
froher Stunde aber zweifelnd fragte ich mich welchen Wert meine Liebe für Sie
haben könne und die Antwort die ich mir selbst gab war dass ich noch wenig
für Ihr Herz bedeuten konnte Als ich von dem letzten Besuch nach Hause kam
habe ich mit dem Gedanken gerungen ob ich es wagen dürfe Ihnen zu schreiben
und Sie von meiner Leidenschaft zu unterhalten Ich war mutlos Henriette denn
nicht ich hatte Sie an dem Schurken gerächt Seitdem erst habe ich selbst
erkannt wie heiß und stark das Gefühl ist das ich in mir herumtrage Lassen
Sie sich gefallen dass ich Ihnen dies heut sage Fürchterlich und unerträglich
ist mir der Gedanke dass Sie mir fremd werden können«
Sie saß aufgerichtet im Kahne und zwang sich fest zu scheinen aber die
Tränen rollten von ihren Augen
»Ich wage in dieser Stunde nicht davon zu reden« fuhr der Liebende fort
»was geschehen muss um die Last einer unmenschlichen Verpflichtung von Ihnen zu
nehmen Vielleicht vermag ich dies aber nur mit Ihrer Hilfe Und darum flehe
ich nur um das eine dass Sie sich meine stille Verehrung gefallen lassen und dass
Sie zuweilen daran denken wie in Ihrer Nähe ein Mann lebt dem Ihr Glück weit
teurer ist als sein Leben und dessen höchster Lebenswunsch ist Ihre Liebe und
Ihre Hand für sich zu erringen«
Sie bewegte abweisend das Haupt als sie traurig sagte »Es ist an meinem
Unglück genug vergessen Sie mich« Aber als sie ihn einen Augenblick ansah
drang ein heller Strahl ihm in die Seele Dann blickte sie wieder abwärts und
weinte still vor sich hin er aber bewegte leise das Ruder und führte den Kahn
dem Lande zu wo die Hausfrau sie bereits erwartete
Als der Doktor nach Hause fuhr lag die Landschaft vor ihm im Zauberglanze
der Nacht Sein alter sanfter Freund blickte vom dunklen Nachthimmel traulich
über die schlafende Erde Lichter und Schatten zogen in schnellem Wechsel
vorüber jeder Hof und jede Baumgruppe standen geheimnisvoll in farbigem
Scheine der doch keine Farbe war Nur in leisen Tönen klang das Leben der
Natur die Grillen zirpten im Korn und eine große Nachtmotte schwirrte an
seinem Hut so weich und mild die Luft und so schön die träumende Welt rings um
ihn her Er aber achtete wenig darauf ihm selbst war sein Dasein aus dem
Dämmerschein sehnsüchtiger Erwartung hineingeworfen in scharfes Tageslicht und
in die heiße Leidenschaft der Wirklichkeit Wie sie vor ihm saß im Kahne da war
sie dasselbe Mädchen gewesen das er geküsst hatte und zugleich eine andere ein
stolzes und kräftiges Weib es waren die Umrisse des Angesichtes welches ihn
einst in mädchenhafter Zärtlichkeit angesehen hatte aber etwas anderes war in
ihr Wesen gekommen die Brauen zusammengezogen das ganze Antlitz größer die
Gestalt fester sogar die Stimme klang ihm tiefer und ernster in das Ohr Ihren
Willen setzte sie gegen den seinen und fest wehrte sie sein Bitten und Drängen
ab Sie hatten die Rollen gewechselt er war der sehnsuchtsvoll Harrende
geworden und sie hatte in überlegener Haltung von dem gesprochen was sie für
Pflicht hielt Dennoch empfand er dass sie ihm noch nie so lieb gewesen wie in
dieser Stunde Und er sollte ihr entsagen Aber als sie das forderte war sie
weich geworden und ihr innerer Kampf wohl erkennbar In dem Augenblick lag in
ihren Augen und dem Ton der Stimme so viel Schmerz und Liebe dass nicht die
strengen Worte in ihm hafteten sondern die tiefe Empfindung welche sie
dahinter verbarg
Er strich sich über die heiße Schläfe und mahnte sich zu bedächtiger
Überlegung Was musste er tun um sie dem andern zu entreißen und für sich zu
gewinnen Schmachvoll dünkte ihn zu ertragen dass der übermütige Franzose durch
wildes Spiel mit dem eigenen und fremden Leben ein Recht gewonnen hatte über die
Tage der Jungfrau und über die Zukunft eines deutschen Mannes und ganz
unleidlich dass im günstigsten Fall das Glück redlicher Menschen abhängen sollte
von Laune und Entscheidung eines Rivalen Wilde Gedanken zogen wie Nachtvögel
durch sein Hirn War von zweien einer zuviel auf Erden Aber er scheuchte die
finstere Versuchung hinweg Vergossenes Blut hatte dies unheimliche Bündnis
gefestigt neuer Tod vermochte den Überlebenden ein reines Glück nicht zu
verschaffen Was hier not tat vor allem war das eine dass er selbst sich ihr
wert machte Nur die Neigung zu ihm konnte ihr den Entschluss geben sich von dem
andern zu lösen trotz allem was sie jetzt ihre Pflicht nannte und was sie ihm
wie einen Schild zur Abwehr entgegenhielt Ja er selbst musste Busse zahlen
dafür dass ihn bei der letzten Begegnung im Pfarrhause allzusehr der eigene
Schmerz beschäftigt hatte und zu wenig ihre Leiden Er wollte sie wiedersehen
sooft das möglich war ohne dass er sich aufdrängte er wollte ihre Zurückhaltung
ehren und seine Rede behüten aber wissen musste sie fortan zu jeder Stunde dass
ein treues Herz ihr angehörte und dass er ein sicherer Berater sein konnte wenn
sie das Vertrauen gewann das sie nicht zu ihm gehabt Und er sann darüber wie
er sich ihr auch aus der Ferne vertraulich machen könnte und so lieb dass ihr
Gemüt sich gegen ihn öffnete
Als er nach Hause kam setzte er sich zur Stelle nieder und schrieb an sie
»Teures Fräulein Fürchten Sie nicht dass ich Ihnen von einer Leidenschaft
vorklagen werde welche meine Seele erfüllt Nur darum flehe ich dass Sie mir
gestatten Ihnen zuweilen so zu schreiben wie ein Freund dem andern schreibt
auch über mich selbst und mein eigenes Leben Lassen Sie sich leidend gefallen
wenn ich soweit Ihren Anteil in Anspruch nehme Können Sie mir einmal auf meine
Briefe eine Antwort geben so wird dies für mich eine Seligkeit sein aber auch
wenn Sie das nicht tun wollen erlauben Sie mir zu Ihnen zu reden wie der
Unglückliche zu seinem Beichtiger spricht« Darauf schrieb er über seine
Erlebnisse in den vergangenen Jahren und über vieles was er dabei gedacht
hatte
Mit diesem Brief fuhr er nach dem Marktflecken zu Henriettens Gespielin und
bat den Brief sicher in die Hände des Fräuleins zu liefern
»Sie ist noch bei der Bellerwitz ich trage das Schreiben selbst zu ihr«
versprach Liesel welche das Sachverhältnis scharfsinnig erkannte Und als der
ungeduldige Doktor nach einigen Tagen wieder vorsprach erzählte die Vertraute
»Ich ließ sie aus dem Schloss bitten wir gingen in den Garten dort gab ich ihr
den Brief Ich saß auf der einen Bank sie auf der andern sie brach den Brief
sogleich auf und lass sehr lange dann steckte sie ihn unter ihr Brusttuch und
reichte mir die Hand Als ich fragte Ist vielleicht Antwort schüttelte sie nur
mit dem Kopf und ging zu den Blumen brach eine ab und gab sie mir Dann fing
sie an von meinem Kleinen zu reden und von anderem«
»Was war es für eine Blume« fragte der Doktor
»Es war eine weiße Rose sie war wohl für Sie bestimmt aber mein Kleiner
hat sie sogleich zerrupft«
Die Warnung
In einiger Entfernung von der Stadt lag am Rand eines lichten Gehölzes der
Schiessplatz wo seit alter Zeit die ehrbare Gilde der Bürgerschützen ihre Bahn
hatte Dort stand ein Kaffeehaus und an sonnigen Ruhetagen zog der Bürger mit
Weib und Kind hinaus und genoss auf den Bretterbänken den Kaffee welchen die
Hausfrauen in der Tüte mitbrachten und den die Wirtsleute mit großer
Gewandtheit aus jeder Tüte besonders zu bereiten wussten und im Geschirr
aufsetzten Heut konnte der Vermögende auch Kuchen dazu erhalten denn es war
der schöne Tag des Königsschiessens Am Morgen waren die Schützen ausgezogen in
ihrer grünen Uniform mit gelbem Kragen und großen wollenen Epauletten vor ihnen
Steinmetz mit der Musik und der Zieler welcher eine große gemalte Scheibe auf
dem Rücken trug Auf der Scheibe war in diesem Jahre ein ungeheurer Drache
gemalt und der Künstler hatte ihn so schön gewunden dass sein Kopf in der Mitte
stand es war aber der Kopf eines Mannes und der Kopf trug einen kleinen
schwarzen Hut
Die Sonne schien warm Honoratioren und Bürger saßen nach Familien
geordnet behaglich im Schatten der Linden und freuten sich der großen
Menschenmenge welche sie alle zusammen darstellten Die Kinder sprangen um die
Tische oder standen vor den beiden aufgeschlagenen Buden in denen man durch
waghalsiges Würfelspiel Pfefferkuchen und Glaswaren gewinnen konnte Die meisten
verloren ihr Gröschel aber sie hatten dafür die Hoffnung gehabt Zuweilen
spielte die Musik und in kurzen Zwischenräumen knallten die Schüsse vom nahen
Schiessplatz in die Unterhaltung Und hatte einer der Schützen einen guten Schuss
getan so tanzte der Zieler vor Freude und schwenkte die kleine Scheibe welche
er an einem Stocke in der Hand trug
Heut wurde mehr geschossen als sonst denn die Bürgerschützen hatten einen
Zuwachs gewonnen auf den sie stolz waren In der Stadt war auf einmal eine
Vorliebe für Scheibenschiessen eingerissen und viele jüngere Männer waren zu
einer Freikompanie zusammengetreten sie trugen keine Uniform und marschierten
auch nicht mit der alten Gilde aber sie schossen als Verbündete mit Und um in
Schritt und Tritt zu kommen hatten sie einen alten Unteroffizier der jetzt in
städtischem Dienst lebte zum Exerziermeiser angenommen sie waren so eifrig bei
der Sache dass auch heut ein großer Teil von ihnen auf der Waldblösse neben dem
Schiessplatz marschierte und zuweilen klang das Feuer ihrer Salven zwischen die
Schüsse nach der Scheibe Sogar die Umgegend hatte Schiessgenossen herzugesandt
Krause aus dem Marktflecken war da mit seinem Stutzen und einem Dutzend
Gefährten und aus den Dörfern eine Anzahl junger Burschen Sonst hätten die
Bürger für eine Entwürdigung ihrer Scheibe gehalten wenn grobe Bauern und
Knechte in den Stand getreten wären heut dünkte das fast allen recht denn wie
ein geachteter Bürger sich ausdrückte es war eine neue Konjunktion gekommen
die Untertänigkeit war aufgehoben und zugleich vieles andere was sonst die
Landleute unansehnlich gemacht hatte und eine Annäherung hatte stattgefunden
zwischen Bürgern und Bauern um des gemeinsamen Schicksals willen das sie alle
trugen
Beim Schiesshause verkehrt auch der Assessor nicht so still wie früher er
spricht mit Würde zu den Bürgern welche ihn im Kreise umstehen denn er ist
ganz vor kurzem in der Stadt der größte Mann geworden Der alte Stadtdirektor
ist verzogen verschwunden und niemand frägt nach ihm die Stadt hat eine neue
Ordnung erhalten die Bürger regieren sich selbst haben sich Ratsherren gewählt
und den Assessor zum Bürgermeister Aber auch er hat eine Büchse in der Hand und
wird sogleich wieder mit der Kompanie exerzieren Weiter ab da wo ein schöner
Kranz von jungen Fräulein auf Stühlen sitzt bewegt sich unser Vetter der junge
Arzt ein heiterer rundlicher Herr sehr höflich und aufmerksam er überreicht
kleine Sträusse von Feldblumen und ist vielen Müttern und Töchtern angenehmer als
sein Verwandter so dass sie diesen nur in schweren Fällen bemühen
Hauptperson aber und gewissermaßen das Zentrum dieses ganzen
Scheibenschiessens ist der Doktor Vor dem Schiesshause steht er mit seiner Büchse
neben dem Fleischer Beblow der als Schützenkapitän goldene Epauletten auf
seiner Uniform trägt und so gewaltig um sich sieht dass die Bürger ihn mit noch
größerer Hochachtung betrachten als an Werkeltagen Der Doktor und Beblow haben
viel zu grüßen und auf Fragen zu antworten Beblow aber gebietet mit lauter
Stimme und der Doktor redet oft leise und vertraulich Gerade jetzt zu einem
jungen Herrn mit einem Schnurrbart einem großen Gutsbesitzer im Kreise den er
mitgebracht hat Er führt den Gast einige Schritte zur Seite als dieser
zufrieden beginnt »Ich sehe bei dir ist alles in gutem Zuge«
»Sage dem Grafen« antwortete der Doktor »in unserer Kompanie sind etwa
hundert Stutzen und ebenso viele Gewehre nach dem Modell Jeder hat einen blauen
Rock rotes Tuch kann sogleich auf die Kragen gesetzt werden auch das nötige
Lederzeug ist da nur mit Mänteln sind wir noch zurück die Leute sind bereit
und vom besten Willen Die Kompanie wird acht Tage nach empfangener Order
ausrücken wenn ihr uns Offiziere und einige Unteroffiziere schickt denn von
diesen letzteren haben wir nur drei im Kreise«
»Du bist weiter als ich« sagte der andere der früher bei den Husaren
gestanden hatte »mich hindert zu sehr der Mangel an brauchbaren Pferden Der
letzte Krieg hat darin arg verwüstet Über den Grafen aber würdest du dich
freuen er hat von seinem Gut die ganze Provinz mit einem unsichtbaren Netz
überzogen und ist wieder trotz seiner Kränklichkeit Tag und Nacht geschäftig
Doch fand ich ihn in den letzten Wochen ungewöhnlich ernst Die Niederlagen der
Österreicher und die neuen Erfolge Napoleons mögen ihn wohl verstimmen und ich
fürchte er empfängt keine guten Nachrichten aus der Residenz dort fehlt in der
letzten Stunde der Entschluss«
»Unterdes tun wir das unsere« sagte der Doktor ruhig »Sieh auch die
Übungen unserer Mannschaft an«
»Kommen Sie Drachentöter« rief der Einnehmer dem Freunde zu »wir wandern
ein wenig zwischen den Tischen uns das Völkchen zu betrachten Hier können Sie
die Verdorbenheit unseres Jahrhunderts deutlich erkennen Mancher Rock ist
schäbig und geflickt weil der Besitzer allzu tief versunken ist und mancher
Mann verschwendet hier seinen letzten Groschen um die Zichorie mitzutrinken
Auch die Erhebung der Gemüter welche jetzt bei uns beginnen soll ist bereits
zu beobachten denn während die Leute alle Fehler ihrer Mitmenschen scharfsinnig
besprechen bauscht sich ihr eigenes Selbstgefühl auf und sie ziehen am Abend
tugendhaft und erhoben nach Hause Wer ist der Fremde der hier umherstreicht
er scheint Sie scharf ins Auge zu fassen«
»Ich kenne ihn nicht« versetzte der Doktor »er ist wohl Gast eines
Städters«
»Er sieht mir nicht so aus« sagte der Einnehmer »ich will mich doch beim
Kaffeewirt erkundigen der kennt jedermann aus der Umgegend Dort sitzt auch
der Hauptmann und trinkt unter den Bürgern so gemütlich Kaffee als hätte er
niemals einen Kriegszug gegen Störche gemacht das beste an ihm ist seine
Schwester«
Am Waldrande in einer Ecke hatte sich die reduzierte Kriegsmacht gelagert
der alte Major der Hauptmann und das Fräulein Die Männer rauchten steif und
ernstaft und wechselten nur zuweilen kurze Reden das Fräulein aber klapperte
geschäftig mit den Tassen und ihre Augen blickten fröhlich in die große
Gesellschaft denn sie hatte heut früh dem Bruder viele Groschen im Beutelchen
gewiesen die sie sich mit ihrer fleißigen Hand verdient und hatte ihn und den
Major als Gäste eingeladen Darum stand auch ein ganzer Teller Kuchen auf dem
Tisch und während sie eingoss mahnte sie die Herren so dringend das Backwerk
nicht zu vergessen dass der Major die Pfeife wegstellte und ritterlich nach dem
Teller griff Um den Bruder machte sie sich weniger Sorge denn was nicht
verzehrt wurde packte sie in das Körbchen und er musste es morgen doch essen
Während das Fräulein auf den artigen Gruß der vorübergehenden Freunde
dankte errötete sie ein wenig »Der Herr Einnehmer weiß gewiss« dachte sie
»dass ich seine Hemden genäht habe er wird mich wegen des vielen Kuchens für
eine Verschwenderin halten« Aber als der Doktor sie freundlich anredete gewann
sie sogleich die Unbefangenheit wieder und sprach mit ihm in sicherer Haltung
als eine kleine kluge Dame die auch weiß was ihr gebührt
»Mich wundert« sagte der Major den beiden Freunden nachsehend »dass unser
Doktor sich auf diesen neuen Schwindel mit der Freikompanie eingelassen hat«
Aus der Ferne puffte eine Salve »Die Himmelhunde plackern« brummte der
Hauptmann und blies eine Wolke
Und wieder eine Salve »Wir wollen doch einmal das Kinderspiel ansehen«
riet der Major und erhob sich Sogleich tat der Hauptmann dasselbe das Fräulein
packte schnell ihren Kuchen zusammen und sie gingen zu drei nach dem
Übungsplatz Dort sahen sie eine Weile zu und vermehrten durchaus nicht das
Behagen der Kompanie denn der Unteroffizier wurde seit er die großen Herren zu
Zuschauern hatte strenge und tadelsüchtig und verlangte Schweres von der
Mannschaft Die Offiziere welche seit Jahren mit Tritt und Griff nur in ihren
Träumen zu tun gehabt hatten betrachteten die Sache vornehm und überlegen aber
doch mit steigendem Anteil Endlich raunte der Major dem Assessor welcher
gerade bei ihm vorbeimarschierte halblaut zu »Gewehr anziehen« Darauf ruckte
auch der Hauptmann leise mit den Armen um den Tritt der Kompanie gewissermaßen
durch moralische Nachhilfe zu kräftigen bis er endlich ausbrach »Donnerwetter
Unteroffizier lassen Sie die Leute Distanz halten«
»Es wird dem Mann allein zu schwer« bemerkte mitleidig der Major und im
nächsten Augenblick marschierten die Offiziere jeder neben einem Zuge auf dem
Exerzierplatz umher bis der Unteroffizier stolz über solche Hilfe in Linie
aufmarschieren und das Gewehr präsentieren ließ »Ein Vivat den Herren
Offizieren« Lustig schrie die Kompanie nach Die beiden Herren dankten und
sahen einander betroffen an »Es ist doch zu nichts gut als zur Bewegung« sagte
der Major mit nachsichtigem Lächeln
Der Schiessplatz war aber seit alter Zeit auch deshalb berühmt weil sich auf
ihm dicht neben den wilden Waffentaten der Männer Holdes und
Menschenfreundliches ereignete zarte Annäherung anmutiges Wiedersehen und
dergleichen Viele reichgesegnete Ehen waren dort eingeleitet worden und die
Hausfrauen führten ihre Kleinen gern unter die Linden weil ihnen selbst die
Stätte durch große Erinnerungen geweiht war welche wie unsichtbare
Blumengewinde um Bäume und Tische hingen
Arglos stand Fräulein Minchen von ihren Herren verlassen unter den
Zuschauern und beobachtete die kriegerischen Bewegungen mit besserem Verständnis
als der Einnehmer sie ahnte auch nichts von dem tiefen Misstrauen mit welchem
dieser sie selbst betrachtete Denn Herr Köhler erwartete jede Woche zu hören
dass sie als weiblicher Robinson mit der Flöte statt Sonnenschirm und mit dem
Lama ihrem Bruder in die weite Welt gezogen sei Endlich überreichte er ihr
mit einer Verbeugung das Taschentuch welches heruntergefallen war und begann
ein kleines Gespräch über Sonnenschein und Festfreude »Da sehen Sie den neuen
Bürgermeister selbst Soldaten spielen«
»Er macht seine Sache recht gut« sagte das Fräulein
»Mit dieser Städteordnung kommen allerlei Ideen auf« fuhr der Einnehmer
fort »nicht nur die Großen auch die Kinder sollen auf neue Weise gedrillt
werden Der Bürgermeister hat die Absicht für arme Mädchen große und kleine
eine Art Schule einzurichten wo sie allerlei Weibliches erlernen und er fragte
mich ob ich jemanden wüsste der gegen ein Entgelt das freilich gering ist
eine solche Anstalt übernehmen würde Eine Stube im Schulhause ist dafür
bestimmt und es handelt sich nur um die Lehrerin Man wollte deshalb Sie um
Ihren Rat fragen Wissen Sie jemand nachzuweisen so tun Sie ein gutes Werk«
Das Fräulein sah den Einnehmer mit großen Augen an »Sie haben dabei an mich
gedacht«
»Seit ich Sie damals im Kriege auf diesem Platze unter den Soldaten sah«
antwortete Herr Köhler »glaube ich allerdings dass Sie eine gute Lehrerin sein
könnten aber die Stelle Ihnen anzutragen wird der Bürgermeister kaum wagen da
die Stadt gegenwärtig arm ist«
»Ich bin auch arm« sagte das Fräulein mit fester Stimme »und eine sichere
Einnahme auch eine geringe wäre für mich ein großes Glück Wenn Sie meinen
dass ich brauchbar bin so würde ich mit Freuden annehmen«
»Es wären täglich zwei Stunden und außer den Festwochen nur einmal im Sommer
Ferien« Und dabei dachte er Warte Robinson du sollst kein Kanu behalten auf
dem du in der Ferne Abenteuer suchen kannst
»Das würde ich gerade noch übernehmen dürfen« sagte sie mit glänzenden
Augen »ich hätte dann noch Zeit genug für unsere kleine Wirtschaft im Hause«
»Dann aber wird der Bürgermeister kommen« schloss Herr Köhler gleichmütig
damit die Dankbarkeit mit welcher sie ihn betrachtete sich nicht in Worten
ausdrücke Und er empfahl sich mit weltmännischer Kürze Er hatte kein gutes
Gewissen denn er selbst hatte längere Zeit intrigiert und gemahnt bis der neue
Magistrat welcher die dringende Notwendigkeit solcher Schule nicht sofort
begriff zu dem Entschluss gekommen war
Auch der Doktor konnte sich der geheimnisvollen Begabung des Schiessplatzes
nicht ganz entziehen Zwischen ihm und dem Ackerwirt Krause war im letzten Jahre
ganz besondere Wohlmeinung erwachsen nicht durch das Vaterland allein
veranlasst Auch heut hatte der Schützengast auf viele Fragen zu antworten
Liesel hatte das zweite taufen lassen Bärbel erwartete das erste und Henriette
war tätig im Hause und für die Bedürftigen der Gemeinde besorgt wie immer
Dennoch schloss Krause seinen Bericht mit Kopfschütteln »Der Herr Senior ist als
ein redlicher Mann und auch als getreuer Seelsorger in der Umgegend geschätzt
aber die Leute verdenken ihm jetzt dass er von den Lieferungen an die Festung
gänzlich befreit ist Wenn die Kommandos der Franzosen durch den Kreis reiten
halten sie bei ihm an zu einem Frühstück und Glase Wein Mehr als einer von den
Eingepfarrten hat den Geistlichen mit diesen Leuten am Tische gesehen deshalb
schelten manche die Familie Franzosenfreunde Meine Frau sagt sie wisse am
besten dass man dem Senior und noch mehr dem Fräulein unrecht tut aber es ist
kein Wunder dass solches Gerede entsteht Auch der Kirchenbesuch hat
abgenommen«
In dem stillen Pfarrgarten blühten wieder die Rosen und durch das stachlige
Geäst der Schlehen und Brombeeren schlüpften vorsichtig die Zaunkönige Das
erste Heimwesen hatte ihnen der Kater zerrissen jetzt waren sie geschäftig bei
der zweiten Brut das Weibchen saß still auf dem Neste aber der kleine Herr
fuhr heimlich zwischen Ranken und Dornen dahin und trug Gutes für die Wirtschaft
herzu und wenn er einmal mit seiner feinen Stimme anschlug antwortete kaum
hörbar das Weibchen Henriette welche das leise Locken der Kleinen vernahm
rührte an die Stelle des Mieders wo sie den letzten Brief des Doktors bewahrte
Wieder war Jahr und Tag vergangen seit jener Unterredung auf dem Wasser noch
immer lag das Verhängnisvolle schwer auf ihr aber in ihr selbst war ein neuer
Sommer erblüht denn stolz fühlte sie sich als die Freundin und Vertraute des
Mannes der ihr lieb war Von dem Inhalt seines Lebens war in das ihre
übergegangen Seine Hoffnung und Arbeit für das geknechtete Heimatland vieles
was er über den Weltlauf dachte und was ihm von Trauer und Freude bei Ausübung
seines Berufes durch das Gemüt ging das empfand sie mit in ihrer Einsamkeit
gehoben durch den Zauber dieser Bundesgenossenschaft Nur selten hatte sie ihn
gesehen immer im Zwange größerer Gesellschaft und nie hatte er in der Zeit
etwas anderes zu ihr gesprochen als was auch Fremde hören konnten aber in
seinem Blick und im Ton seiner Rede vernahm sie dasselbe was aus allen seinen
Briefen klang Auch wenn er schrieb vermied er von seinen Gefühlen zu
sprechen die Leserin fand doch in jeder Zeile die treue Liebe
Ein Postillon blies die Extrapost fuhr im Hofe an und Henriette eilte nach
dem Hause Sie traf die Eltern in Begrüßung eines Fremden der das Deutsche wie
ein Franzose sprach Es war ein behender junger Mann der keine Uniform trug
aber durch seine Haltung verriet dass er Offizier war Als der Vater die Tochter
vorstellte begann der artige Gast »Es macht mich glücklich die Huldigung
deren Bote ich bin selbst an Mademoiselle ausrichten zu können Major Dessalle
hat mir aufgetragen hier einzutreten und diesen Brief dem Herrn Pfarrer zu
übergeben« Der Senior brach auf »Der Brief enthält nichts als die Mitteilung
dass Herr Dessalle befördert worden und verweist im übrigen auf Sie verehrter
Herr«
»Mir ist nur auf kurze Zeit das Glück zuteil geworden in Paris mit dem
Major zusammenzusein er war mit Aufträgen aus Spanien an die Donau zum Kaiser
gesandt und musste nach seiner Audienz wieder über die Pyrenäen«
»In das wilde Land und in diesen unbarmherzigen Kampf« bedauerte gutherzig
der Senior »Vor Jahr und Tag empfingen wir einen ähnlichen kurzen Brief von
Paris worin er mitteilte dass er aus Italien zurückgekehrt sei und zur
spanischen Armee abgehe Dies ist die erste Nachricht die wir seitdem
erhalten«
»Das Schicksal des Soldaten« antwortete mitfühlend der Franzose »Ich ahne
jetzt wie schwer mein Freund die Entbehrung empfindet welche ihm der Dienst
auflegt«
»Aber noch stehen Sie« rief die Frau Pastorin »Henriette vergiss nicht die
Sorge für unsern Gast« Die Tochter eilte hinaus und presste die Hand gegen ihr
hämmerndes Herz
Als sie den Wein hereinbrachte war der Fremde in lebendiger Unterhaltung
mit den Eltern Sie schenkte ein als ihr der Franzose ritterlich einen Stuhl
heranzog lehnte sie ab ging mit dem Schlüsselbund hin und her ihre Unruhe zu
verbergen blieb nur zuweilen am Tische stehen und hörte mit halbem Ohr
Bruchstücke des Gespräches
Der Ungarwein und die harmlosen Fragen des Seniors machten den Franzosen
zutraulich »Es tut wohl endlich einmal wieder unter Gutgesinnten zu sein auf
den letzten Stationen hatte ich finstere Blicke und Ungefälligkeit zu ertragen«
»Es ist ja jetzt Friede« bedauerte der Pastor »und wir beten dass der
schreckliche Krieg uns fortan verschone«
»Nicht jeder in diesem Lande denkt so« antwortete der Fremde zog seine
Brieftasche hervor und blätterte darin »Kennen Sie einen Doktor König hier in
der Gegend«
»Jawohl« antwortete der Senior ohne Behagen »er hat früher einmal meine
Frau behandelt aber als später meine Tochter erkrankte hatte sie eine
Abneigung ihn zu Rate zu ziehen und seit Jahren besucht uns der Arzt aus einer
anderen Stadt«
»Ihre Demoiselle Tochter hatte die richtige Empfindung als sie sich
weigerte dem erwähnten Manne ihr Vertrauen zu schenken« Henriette stand
unbeweglich und sah dem Franzosen voll ins Gesicht »Meine Reise geht auch ihn
an« fuhr dieser geschwätzig fort »Er ist ein gefährliches Subjekt«
»Das tut mir leid« sagte der ehrliche Senior »ich wünsche nur dass er sich
als unschuldig ausweise«
Der Franzose lächelte »Es wird gut für ihn sein wenn er das vermag«
»Sie sollen ihn doch nicht bei unserer Regierung belangen« fragte der
Senior
Der Franzose lächelte wieder »Der Kaiser liebt ein kurzes Verfahren und
wartet in solchen Fällen nicht darauf was den Regierungen belieben wird« Er
brach ab und fragte nach der Entfernung bis zur nächsten Festung Denn diese war
im Besitz der Franzosen geblieben auch nachdem ihre Truppen die übrige Provinz
geräumt hatten
Henriette trat jetzt an den Tisch und sagte langsam wie jemand der
auswendig Gelerntes hersagt »Ich hoffe der Herr wird uns die Ehre erweisen
heut in unserem Hause vorliebzunehmen ein Abendessen und eine Nachtruhe wird
Ihnen nach der langen Reise guttun«
»Ich handle gegen meine Order« versetzte der höfliche Franzose »aber ich
vermag einer Einladung aus Ihrem Munde nicht ganz zu widerstehen Sie werden mir
erlauben heut zur Nacht nach der nächsten Station aufzubrechen wo mich ein
Kommando aus unserer Garnison erwartet denn mein Auftrag hat Eile«
»Dann machen wir sogleich zurecht was Sie bedürfen«
»Eine stolze Schönheit« sagte der Franzose ihr nachsehend mit dreister
Artigkeit »Major Dessalle hat Geschmack und ich finde er ist zu beneiden«
Henriette ging in die Küche befahl ruhig den Mädchen und half selbst Auch
während des Abendessens ging sie ab und zu und trug selbst den Wein auf »Es ist
französischer Wein mein Herr« sagte sie mit kaltem Lächeln »Wir wissen Ihnen
nichts Besseres anzubieten« Sie setzte sich einen Augenblick mit zu Tisch doch
aß sie nicht und antwortete auf die Einladung des Fremden dass heut für sie
Fasttag sei Nach dem Essen verneigte sie sich vor dem Gaste sagte Vater und
Mutter gute Nacht und setzte gleichgültig hinzu »Das Bärbel hat heut
hergeschickt ich will morgen mit dem frühesten nach ihr sehen sie erwartet
ihre Stunde«
»Weshalb will Mademoiselle uns verlassen« fragte der Franzose mit
aufsteigendem Argwohn
»Entbindung einer Freundin« erklärte der Senior »Ah so« sagte der Fremde
zufrieden dass ihn die zarte Angelegenheit nichts anging
Henriette rief die alte Magd Susanne in ihre Stube »Du bist treu und klug
heut sollst du mir das beweisen Wenn von jetzt ab nach mir gefragt wird so
sage ich sei zum Bärbel gegangen« Sie verhüllte ihr Haupt und schlug ein
dunkles Tuch um die Schultern »Schliesse hinter mir die Gartentür«
»Sie wollen doch nicht hinaus« fragte die Magd entsetzt »zur Nacht und in
dieser unsicheren Zeit«
»Dies ist die Zeit bei Nacht zu gehen« antwortete Henriette das Tuch
zusammensteckend »Wo ist der Knecht« »Im Stall mit dem Postillon des fremden
Herrn«
»Er darf von nichts wissen und wo ist Christian mit dem Hunde«
»Er sitzt noch im Hirtenhause wird aber bald zur Nachtwache kommen«
»Schnell damit der Hund nicht anschlägt wenn er meinen Tritt hört Bete
für mich Susanne und schweige« Sie eilte durch den Garten bei dem alten
Brunnen vorüber auf die Landstraße Dort ging sie mit ruhigem Schritt vorwärts
»Ich muss die Kraft sparen« sagte sie zu sich selbst »der Weg ist weit aber
ich habe die ganze Nacht vor mir« Sie spähte mit scharfem Blick auf die Straße
und in die Landschaft Durch das gebrochene Gewölk schien bald heller bald
schwächer ein graues Dämmerlicht es warf viele seltsame Schatten ihrer Gestalt
auf den Weg hierhin und dorthin rings um sie im Kreise Zuweilen blieb sie
neben einem Baumstamm stehen und lauschte alles war still nur die Frösche
schrien lustig im Sumpfe die Grillen zirpten und in dem nahen Dorfe bellten
die Hunde In der Niederung zur Seite lag weißer Dampf am Boden wie eine
Wasserfläche breitete er sich über Gräser und Blüten des Grundes »Dort ist der
Richtweg der mich schneller fördert und ich vermeide den Wagen des Feindes«
Sie verließ die Straße betrat das große Ried welches sich in ihrer Richtung
weit hinzog und achtete sorglich auf die kleinen Erdhaufen die Zeichen des
Weges Der Nebel deckte ihr die Füße bis an die Knie und der Landmann in dem
nahen Weiler welcher die hohe Gestalt lautlos an sich vorüberschweben sah nahm
erschrocken den Hut vor die Augen und sprach einen frommen Spruch hinein damit
ihn der Geist nicht schädige
»Jetzt denkt er meiner« sagte sie vor sich hin »denn mir will das Herz
zerspringen vor Sorge und Gram um ihn Immer hat mich getröstet wenn mein
Jammer unerträglich wurde und die Sehnsucht nach Rettung übergross dass auch ihm
in derselben Stunde das Herz schwer sein müsste bei dem Gedanken an mich Zu
dieser Zeit kommt er wohl heim von einem Kranken vielleicht auch aus lustiger
Gesellschaft und wenn er in seine Stube tritt sieht er wie das Sternenlicht
ein bleiches Fenster auf die Diele malt dann fällt ihm jener Abend ein an dem
er den Brief des Vaters erhielt und noch ein anderer Abend wo er neben mir saß
auf der Bank Zwischen uns war nur ein heller Strahl Mondenschein und der
Strahl schien über meine Hand da legte er seine Hand auf die meine und der
Strahl war wieder da er konnte ihn nicht zudecken wie er als Knabe immer
gewollt Er weiß nicht wie oft ich in meiner Kammer die Hand auf das
Fensterbrett gelegt habe damit der liebe Mond sein Licht ebenso darauf werfe
wie damals Seitdem haben wir schwere Jahre verlebt und von dem Fluch der auf
mir liegt vermag auch er mich nicht zu lösen«
So schritt sie vorwärts eine Meile um die andere Das letzte Abendrot
rückte am Himmel langsam gen Norden und die Jungfrau wandte zuweilen den Blick
rückwärts und suchte den Schein »Im Sommer mahnst du freundliches Licht wie
geheime Hoffnung daran dass die Sonne in der Nähe bleibt und in kurzem wieder
heraufsteigen wird über die grünende Erde wenn aber im Winter von jener Stelle
die rote Lohe aufsteigt und den Himmel mit Flammen und zuckendem Glanze anfüllt
dann entsetzen sich die Dorfleute und wahrsagen Böses Ach das schwerste Unheil
kommt plötzlich über den Ahnungslosen mitten in Friede und Freude bricht es
hinein Als ich heut am Dornenstrauch stand und das Zwitschern der kleinen Vögel
hörte war mir freudig zumut und ich dachte an nichts als an den heimlichen
Gesang der von ihnen zu mir klingt Die Kleinen ahnen es auch nicht wenn das
Raubtier gegen sie heranschleicht« Und ihr Schritt wurde schneller
Zur Seite lag der Hof in welchem ihre Gespielin wohnte vielleicht wachte
sie jetzt im Bett über die Wiege des Kindes gebeugt Und die Wanderin dachte
daran ob sie an das Tor pochen sollte um den Beistand ihrer Vertrauten
wachzurufen aber sie schüttelte das Haupt und schritt schnell vorüber In dem
Marktflecken schlug die Uhr Mitternacht und in weiter Entfernung hallte aus den
Dörfern derselbe Schlag die ängstliche Stunde der Nacht begann Daheim als sie
noch Kind war hatte auch ihr in dieser Stunde vor dem Friedhofe gegraut aber
später war sie oft bei Nacht über die Stätte gegangen und hatte der Furcht sich
entwöhnt Vor sich sah sie die Umrisse des Gehölzes durch welches der Weg
führte und besorgt spähte sie in die dunkle Masse des Laubwerkes das sich wie
aus schwarzem Stein gehauen vor ihr hinzog Dort unter dem ersten Busch der am
Wege stand entdeckte sie in der fahlen Dämmerung undeutlich eine menschliche
Gestalt Ein Mann lag am Boden Da durchfuhr sie heiße bebende Angst der
Gedanke an jenen schrecklichen Tag im Pfarrhause alles Entsetzen das sie
seitdem in der Erinnerung empfunden wurden in ihr übermächtig sie flog dahin
wie ein gescheuchtes Wild Ein Tier des Waldes sprang neben ihr auf und neues
Entsetzen schüttelte ihr die Glieder lange lief sie Atem und Kraft begannen zu
versagen Erst als sie wieder ins Freie gekommen war blickte sie zurück und
erkannte dass niemand folgte Sie lehnte sich an einen Baum des Weges bis der
Herzschlag der ihr die Brust zu zersprengen drohte beruhigt war und wieder
dachte sie wie der geliebte Mann jetzt ahnungslos im Schlummer lag während das
Verderben unsichtbar auf schnellen Rossen gegen ihn heranzog Sie sah ihn unter
den Feinden stehen hochaufgerichtet das Antlitz bleich und zusammengezogen
wie es damals war als sie ihm von der Treppe nachgeblickt hatte sie sah die
Gewehre der Feinde gegen ihn im Anschlage und hörte die Salve mit welcher der
böse Feind einen Deutschen der ihm verhasst war vom Leben schied Da zuckte sie
zusammen und wankte wieder vorwärts mutlos und halb gebrochen Dort bei der
großen Linde stand ein steinernes Kreuz aus alter Zeit Sie lehnte sich an den
Stein schlug die Hände zusammen neigte das Haupt und bat für seine Rettung
bis die finstere Einbildung verschwand
Mit neuem Mute ging sie weiter Es war jetzt hohe Nacht auch die leisen
Töne der Natur waren verstummt rings um sie feierliches Schweigen
Als er noch klein war dachte sie hat ihm sein Vater die Händchen im Bett
zusammengelegt und die holde Kindergestalt mit Freuden betrachtet wie sie im
Schlummer gleich einem Engel dalag die bräunlichen Haare kräuselten sich schon
damals zu Locken rosig waren die Bäckchen die Beinchen hatte er heraufgezogen
wie die Art der schlafenden Kinder ist und die kleinen Finger halb geschlossen
»Lieber süßer Knabe jetzt bist du recht groß geworden aber wenn ein heiterer
Schein über dein Antlitz zieht dann blicken die Augen so voll und unschuldig
wie die eines Kindes in die Welt«
Sie kam durch ein Dorf in einer Seitengasse sang der Wächter und blies
herzhaft in sein Horn Hier war es friedlich und sicher und sie setzte sich auf
eine Bank die vor der Schenke stand Der Morgen war nahe und das Schwerste
vorüber sie hörte den Hufschlag der Pferde im Stall und das Schnauben mit
welchem sie ihr Futter erwarteten Wohin würde er flüchten wenn ihre Warnung
kam Sie wusste es wohl in die Berge der Grafschaft wo jetzt sein vornehmer
Freund weilte Und sie nickte zufrieden mit dem Haupt Der würde wohl Rat
wissen und wenn das Volk aufstand und der Kampf losbrach gegen den
hinterlistigen Kaiser dann zog der Geliebte an der Seite des Grafen hinaus
ach hinaus in neue Gefahr Wieder sah sie auf zum Sternenhimmel »Frisch
Mädchen Bald krähen die Hähne« ermunterte sie sich selbst
Das erste fahle Licht des Morgens hob sich und immer noch schritt die
verhüllte Gestalt den Weg dahin der Tau hing sich in Haar und Tuch die Tropfen
rannen ihr von der Stirn herab war es das Wasser der Luft oder der Angstschweiß
der Ermüdeten Das rosige Frühlicht breitete sich über den Himmel und die
Lerche sang in der Höhe aber schreckhaft klang ihr das Getriller des Vogels
Was geschlafen hatte erwachte auch die Gefahr fuhr mit Windeseile heran so
langsam war ihr Schritt und endlos dehnte sich die Straße Die Spitzen der
hohen Pappeln färbten sich mit bräunlichem Gold und auf dem Rasen am Wege
konnte man deutlich die grauen Tauperlen erkennen
Wie würde er erschrecken wenn er sie sah Sie schüttelte das Haupt »Er
weiß wohl dass ich nicht geringer Dinge wegen zu ihm komme wenn ich eintrete
ahnt er auch was ich bringe er ist ein mutiger Mann und sorgt beizeiten für
alle Fälle sein kleiner Mantelsack ist immer gepackt wie er mir einst
geschrieben damit er sich nicht verweile wenn er zu einem Schwerkranken über
Land gerufen wird Er rafft schnell seine Papiere zusammen die geheimen Briefe
in denen von der Rüstung die Rede ist dann schlägt er den Mantel um nimmt den
Reisesack und geht mit mir aus seiner Wohnung ohne jemandem zu sagen wohin
Ich aber weiche nicht von seiner Seite bis er im Wagen zu einem Tore
hinausfährt welches von den Feinden abliegt O Vater des Himmels lass mich
diesen Augenblick erleben«
Sie sah die Strohdächer der Vorstadt im Morgenlicht gerötet und hörte in den
Höfen das Gebrumm der Rinder Kein lebendes Wesen war ihr begegnet als wollten
Nacht und Morgen liebevoll das Geheimnis der Wanderin bewahren Sie kam an das
Stadttor noch war es verschlossen und sie lehnte sich einen Augenblick an die
Mauer bevor sie mit dem schweren Klopfer pochte Schlaftrunken rief der
Wächter »Wer da« »Eine Kranke welche Arznei begehrt« die Torflügel drehten
sich schwerfällig in ihren Angeln und sie fragte nach der Wohnung des Arztes
Auch in der Stadt war es still kein Mensch auf den Straßen Türen und
Fensterläden geschlossen und vom rötlichen Lichte gefärbt Sie schritt hastig
auf den Markt suchte das Schild des Doktors und fasste nach dem Klingelzug da
wollte ihr die Kraft versagen betäubt setzte sie sich auf die Schwelle und
verhüllte ihr Angesicht im Tuche
Aber als in der Ferne ein Wagen rasselte sprang sie auf und riss an der
Klingel Der Doktor war bereits bei der Arbeit und zu sprechen Sie trat schnell
ein und schloss hinter sich die Stubentür »Retten Sie sich« rief sie »die
Franzosen sind auf dem Wege Sie aufzuheben« Der Doktor sprang auf und erkannte
die verhüllte Gestalt er eilte auf die Wankende zu und umfasste sie mit seinen
Armen Sie lag an seiner Brust und weinte aufgelöst in bangem Schmerz wie ein
Kind am Herzen der Mutter
Banges Harren
Am späten Abend fuhr der Wagen des Flüchtigen in den Hof des Grafen Überrascht
erhob sich dieser von seinem Arbeitstisch als der Doktor eintrat »Das Neue
was Sie bringen ist nichts Gutes« rief er bei der warmen Begrüßung »ich sehe
es Ihnen an«
»Ich komme leider in persönlichen Angelegenheiten Napoleon hat Befehl
erteilt mich durch die französische Besatzung von Glogau aufheben zu lassen
Die Warnung ging mir von einer Seite zu welche keinen Zweifel an dem Plane
übrigliess Ich eile vor allem zu Ihnen denn es ist möglich dass nicht gegen
mich allein so unerhörte Gewalttat beabsichtigt wird«
»Auch ich lebe hier von Spähern umgeben aber ich bin ein erfahrener
Verschwörer und nahe an der Grenze Haben Sie etwas zurücklassen müssen was Sie
nicht in fremder Hand sehen möchten«
»Hier ist meine Korrespondenz« antwortete der Doktor »ich will sie am
liebsten bei Ihnen niederlegen«
»Vortrefflich« sagte der Graf »Ist es leicht Ihrem Wege hierher
nachzuspüren«
»Ich habe den Wagen mehreremal gewechselt«
»Sie haben also jedenfalls Zeit bis morgen bei mir auszuruhen Der Sturm
erhebt sich auch von unserer Seite gegen den Kaiser wir stehen am Kriege Die
Gewalttat welche er gegen Sie versucht hat ist ein so auffälliger Angriff
gegen die Ehre und Selbständigkeit einer Regierung dass er dergleichen nicht oft
wiederholen kann ohne starkes Geschrei auch bei anderen Nationen gegen sich
aufzuregen Und da ihm hier die Sache misslungen ist so bin ich überzeugt dass
er gegen Sie den tückischen Sprung nicht zum zweiten Male macht man sagt dass
die Bestien vom Katzengeschlecht beschämt davongehen wenn ihnen der Ansprung
auf die gehoffte Beute missglückt Erklären wir ihm was ich immer noch hoffe in
letzter Stunde den Krieg so hat er um anderes zu sorgen und bewahren wir in
unserer Schwäche den Frieden so fällt für ihn der Grund weg eine solche Razzia
gegen einen einzelnen Fremden zu befehlen Dennoch sollen Sie sich vorsehen
Unterdes werde ich persönlich dem schlechten Manne dafür zu Dank verpflichtet
dass er Sie in meine Arme geführt hat«
»Mir ist doch nicht verständlich« sagte der Doktor nach Besprechung ihrer
gemeinsamen Tätigkeit »wie gerade ich ein einfacher Privatmann am kleineren
Ort in bescheidenen Verhältnissen zu der Ehre komme von den Franzosen in so
auffälliger Weise heimgesucht zu werden«
»Weil Sie zufällig am leichtesten erreichbar waren« versetzte der Graf
»Sie dürfen annehmen dass der Kaiser im ganzen weiß was wir treiben Er wollte
an einem von uns gleichviel an wem ein Exempel statuieren um unserer
Regierung seinen Argwohn und seine Verachtung zu zeigen und um die Schwachen
unter uns zu schrecken Freilich weiß er auch dass er gegen die Bewegung in den
Gemütern nichts ausrichten kann Er kannte die Stimmung schon als er uns im
Frieden eine halbe Selbständigkeit bewilligte seitdem hat was in Spanien
geschieht seine Sorge vor einer Volkserhebung unter uns so gesteigert dass
diese Sorge ihn wie ein Gespenst verfolgt«
»Kannte er uns so war er ein Tor dass er unseren Staat nicht vernichtete«
rief der Doktor
»Wie gern hätte er es getan Aber die Vernichtung Preußens hätte die Habgier
der großen Nachbarn erregt Für ihn allein war die Mahlzeit zu groß und dem
Bären und zweiköpfigen Adler einen Teil zu überlassen verbot ihm die Klugheit
deshalb ertrug die Tigerkatze knurrend dass das gepackte Wild halbtot den
Krallen entkam Jetzt vertraut er darauf dass unserer Regierung die Kraft zu
einem Entschluss fehlen wird denn er der Mann von stahlhartem und schnellem
Willen missachtet gründlich unseren Herrn und hält die große Bedenklichkeit
desselben für seinen besten Verbündeten Er weiß wohl dass er auf unserer Seite
der Elbe nichts zu erwarten hat als Feindseligkeit Im übrigen Deutschland ist
das anders Dort streichelt er mit Samtpfoten die Dichter von Weimar weil er
annimmt dass sie großen Anhang unter den Gebildeten haben denen solche
Behandlung ihrer Größen wohltun wird Die deutsche Poesie ist ihm so
gleichgültig wie Geschrei der Frösche im Sumpf und während er den Herren dort
Artiges über ihre Mannhaftigkeit sagt ist ihm die Mannhaftigkeit eines Doktor
König welcher in seinem Kreise zweihundert Gewehre gegen ihn erheben kann viel
wichtiger als aller Verskram für den er sich eine halbe Stunde vor den
Audienzen vorbereitet hat Da ihm die brutale Gewalt gegen Sie misslungen ist so
wird er vielleicht auf etwas anderes sinnen was uns wehe tut Die Bestie in ihm
ist älter geworden und die Geschmeidigkeit vermindert« Und als die beiden spät
in der Nacht sich trennten sagte der Graf »Ihr Zimmer ist bereit Morgen lasse
ich Sie über die Berge nach Böhmen fahren Der Herzog von Braunschweig hat dort
seine Rüstungen schneller beendigt als wir und ist bereits im Marsche gegen die
Sachsen Zu ihm sende ich Sie ich habe übernommen unsere Landsleute die von
den schlesischen Besitzungen des Herzogs kommen an ihn abzugeben und Sie
werden dabei zu tun finden«
Einige Tage nach der Flucht saß Henriette zwischen Bärbels Bett und der
Wiege aus welcher ein kleiner Kerl das Abbild der Mutter in die fremde Welt
guckte »Es war schon recht dass du selbst gegangen bist wenns nur nicht bei
Nacht gewesen wäre«
»Wie durfte ich warten« sagte Henriette
»Ich hätte sehen mögen wie sich der Doktor anstellte« fragte neugierig die
Freundin
»Gut« antwortete Henriette mit einem glücklichen Lächeln »und gerade so
wie ich gedacht hatte Er nahm seine Sachen in die Hand und ging mit mir auf die
Gasse Dort waren erst wenige Menschen wir kamen zu einem Bekannten von ihm
einem Fleischermeister als die Leute eben aufstanden Die Frau war sehr
freundlich gegen mich und weckte ein Fräulein ein liebes Mädchen das in
demselben Hause wohnt diese kam sogleich herunter ihr empfahl mich der Doktor
Du hättest hören sollen wie herzlich er das tat Während der Fleischer ihm den
Wagen bespannte hatte er noch eine schnelle Unterredung mit seinem Vetter dem
jungen Arzte Ich stand am Wagen als er abfuhr und er hielt meine Hand als
die Pferde schon anzogen Der Meister begleitete ihn bis zum Stadtwald und kam
mit gutem Bescheid zu uns zurück Vom Walde aus fuhr er meilenweit auf
Nebenwegen wo kein Fremder seine Spur finden konnte Unterdes holte der junge
Herr für mich ein Fuhrwerk das mich zur Liesel bringen sollte Das Fräulein
bestand darauf mich bis dahin zu begleiten Wir waren etwa eine Stunde
gefahren bis zu einer Wegscheide da wies der Kutscher auf den anderen Weg
Dort kommen französische Soldaten Wir wandten uns um und sahen einen
Kutschwagen mit einer Anzahl bewaffneter Reiter in schnellem Trabe der
Kreisstadt zu fahren Fräulein Minchen hielt meine Hand fest doch keines von
uns vermochte zu reden Nicht lange und ein einzelner Reiter sprengte bei uns
vorüber wendete das Pferd und sah in den Wagen Ich hatte mir das Gesicht
verhüllt und tat als ob ich schliefe Der Mann rief dem Kutscher zu Woher und
wohin und als dieser den Namen des Marktfleckens sagte rief er Gut und ritt
zurück Wir berechneten in großer Angst den Vorsprung den der Doktor hatte er
war doch schon einige Meilen voraus Heut erhielt ich durch Liesel einen Brief
von ihm dass er glücklich beim Grafen angekommen ist Als ich mit Krause zu
dir kam lag dein Kleiner bereits in der Wiege Du wirst mich für eine untreue
Freundin gehalten haben Bärbel«
»Ich wusste es musste ein großes Hindernis sein«
»Und was mir lieb ist« fuhr Henriette fort »zu Hause haben sie nichts von
dem nächtlichen Gange gemerkt die Mutter wunderte sich nur dass ich so sehr
ermüdet aussah und meinte ich hätte mich um dich geängstigt Liebes Bärbel
diesmal um einen andern«
»Jetzt sind sie beide fort« klagte Bärbel »und niemand kann sagen wenn
einer von ihnen wieder sichtbar werden wird Das ist ein schlechter Zustand für
dich du hast solches Schicksal nicht verdient«
»Beklage mich nicht« rief Henriette »Wünsche mir Glück dass es so gekommen
ist denn die Unsicherheit in der ich lebte ist jetzt zu Ende Da ich allein
durch Nacht und Nebel ging schwand die Wolke von meiner Seele die mir bisher
den Trübsinn gemacht hat ich weiß jetzt was ich zu tun habe Es wird mir
schwer dies allein zu vollbringen ohne den Beistand des treuen Mannes aber es
muss geschehen und wenn er glücklich heimkehrt soll er erfahren dass ich
redlich gegen ihn gehandelt habe«
»So ist es recht« lobte Bärbel »Aber wie willst du den andern
fortschicken er ist ja gar nicht vorhanden und kein Mensch kann sagen wo er
verweilt Das Land Spanien ist unermesslich weit und alles voll von grausamem
Kriege Auch der Postbote wird ihn nicht auffinden«
»Ist es auch schwer« entgegnete Henriette »ich suche mir einen Weg«
Aber Bärbel fuhr fort Unheil vorauszusagen »Seinen Ring musst du ihm
zuschicken« Henriette nickte »Wie kannst du hoffen dass dieser durch die
wilden Länder zu ihm dringt Sie werden unterwegs den Ring herausnehmen und den
Brief zerreißen Ich an deiner Stelle würde mich kurz entschließen und den
Hiesigen heiraten Wer weiß ob der andere überhaupt kommt Käme er so müsste
man ihm sagen Warum sind Sie so lange ausgeblieben Jetzt ist es zu spät«
»Auch er trägt meinen Ring am Finger«
»Er hat ihn ja selbst genommen«
»Und ihm hat niemand widersprochen« antwortete die Jungfrau traurig
Aber das Weib welches danach rang unerträgliche Fesseln zu lösen die
Männer welche zum Kampf gegen den Feind rüsteten alle Völker eines Weltteils
die sich gegen die Tyrannei einer verhassten Nation empörten sollten noch einmal
vergebens hoffen sich winden und an ihrer Kette zerren Nur um so tiefer
schnitten die Bande in ihr Leben auch der Widerstand der Verzweiflung war
vergeblich gewesen Hütet euch deutsche Herzen dass der Mut nicht schwinde und
die grünende Saat eurer Liebe nicht niedergetreten werde unter dem gepanzerten
Tritt kalter harter tückischer Selbstsucht die eine fremde Nation und ihr
gottverfluchter Meister gegen euch verüben
Der Doktor erreichte an der sächsischen Grenze das kleine Heer des Herzogs
von Braunschweig dort war er bei Aufnahme seiner Landsleute tätig die von den
schlesischen Besitzungen des Herzogs eintrafen Er begleitete ihn bis nach
Dresden und ritt beim Einzuge des Tapferen in die feindliche Residenz unter
seinem Gefolge Von dort kehrte er nach Böhmen zurück und weilte als vertrauter
Agent seines Freundes in Prag wo sich eine große Zahl patriotischer Preußen
gesammelt hatte
Da kam wie ein Wetterschlag die Botschaft dass Österreich seinen Frieden mit
Kaiser Napoleon geschlossen habe Ein Brief des Grafen welcher dies mitteilte
rief ihn wieder nach dem Gute desselben
Der kranke Graf streckte ihm von seinem Bett die Hand entgegen »Hier liege
ich mein Freund Sie wissen dass meine Krankheit getäuschte Erwartung heißt«
Mit geheimer Trauer erkannte der Arzt die Fortschritte welche das Leiden des
Kranken in den letzten Jahren gemacht hatte »Ich verlasse Sie nicht wenn Sie
mich in Ihrer Nähe dulden wollen bis Sie sich vom Lager erheben Der Sorge um
Gewehre und Patronentaschen sind wir ledig und Sie werden endlich Zeit
gewinnen an sich selbst zu denken Wir hatten uns in der Jahrzahl verrechnet
nicht in unserer Hoffnung«
»Es freut mich dass Sie so mutig wiederkehren nachdem Sie überall
Vereitlung wackerer Pläne erlebt haben« sagte der Graf traurig
»Ich war besser daran als Sie« versetzte der Doktor »Sie wurden täglich
gequält durch die Nachrichten über wechselnde Stimmungen an den Höfen und in den
Kabinetten Ich habe daheim und jetzt in der Fremde im Volke gelebt da stellt
sich unsere Lage anders dar Das glimmende Feuer des Hasses vermag der Franzose
nicht mehr auszutilgen ein frischer Luftzug und die Flamme lodert zum Himmel«
»Und wenn der starke Luftzug in der rechten Stunde fehlt« fragte der Graf
»Es ist ein alter Bauernglaube dass jeder Hausbrand sich zuletzt selbst
einen Wind erregt der ihm die Flamme schürt So wird es auch bei dem Feuer
sein zu dem Sie die Scheite getragen haben Wie fand der Kampf mit dem Fremden
uns vor drei Jahren und wie jetzt Damals ein friedliches Volk hilflos
gegenüber dem Widerwärtigen auch in den Besseren Unsicherheit und Mangel an
Entschluss In drei Jahren hat der Kaiser uns gegen seinen Willen zu Männern
gemacht und wenn wieder drei Jahre über das Land gezogen sind bereiten wir ihm
das Verderben«
»Sagen Sie mir das alle Tage« bat der Kranke »denn dieser Glaube allein
kann mir zur Genesung helfen Der König ist gegen mich gnädig gewesen« fuhr
er abbrechend fort »er hat mich zum Chef des Husarenregiments ernannt bei
welchem Ihre liebsten Bekannten stehen Helwig führt eine Schwadron und Ihr
getreuer Hans ist Stabstrompeter«
»Dann werde auch ich in neuer Weise Ihr Untergebener« sagte der Doktor
»denn ich habe mit dem Rittmeister besprochen dass ich im nächsten Kriege bei
seiner Schwadron als Freiwilliger eintrete«
Der Kriegslärm war verstummt der Friede wie der Senior gewünscht hatte
dem Lande erhalten da saß der würdige Herr am Schreibtisch und neben ihm die
Tochter und er schrieb zwei Briefe die ihm beide schwer wurden Den ersten an
den französischen Major Darin versicherte er in warmen Worten lebenslänglichen
Dank und bekannte darauf dass die Rücksicht auf das Glück seiner Tochter ihn
nötige jene schnelle Verlobung rückgängig zu machen er sende den aufgesteckten
Ring zurück und bitte um Wiedergabe des Reifes den sein Kind am Finger
getragen In den Brief schloss er den Ring des Fremden ein Den zweiten Brief
aber schrieb er auf Henriettens Wunsch an Graf Götzen erzählte darin kurz was
dieser bereits wusste und bat inständig da ihm der Weg in das Feldlager der
Franzosen unbekannt sei dass der Graf bei der französischen Gesandtschaft
Beförderung des inliegenden Schreibens an den Major befürworten möge
Als kurze Zeit darauf eine freundliche Antwort des Grafen einlief mit der
Anzeige dass er das Seine getan und den Brief so sicher als möglich befördert
habe fiel Henriette dem Vater um den Hals und zum erstenmal seit mehreren
Jahren setzte sie sich an das Klavier und sang die Lieblingslieder des Hauses
In der nächsten Woche aber erbat sie Erlaubnis das Liesel zu besuchen Denn der
Doktor war wieder in der Heimat und hatte für diesen Tag bei Krause seinen
Besuch angekündigt
Draußen fuhr der Tauwind um die laublosen Bäume und raufte das Stroh am
Scheunendach auch in dem Gemüt der Menschen bargen schwarze Wolken den
fröhlichen Sonnenschein Aber als Henriette dem Freunde gegenüberstand brach
ihr die helle Freude in Tränen aus den Augen Jetzt erst gehörte er ihr und sie
hatte ihn vor dem Verderben gerettet
Der Hauswirt wies seinen Gästen vergnügt einen Quell den er in seinen Hof
geleitet hatte das Wasser welches bis dahin heimlich in der Erde geflossen
war rann lustig in den neuen Steinbehälter um fortan im Sonnenlicht zu
fließen solange tätige Menschen im Hofe lebten Die Liebenden standen am
Brunnen und zwischen ihnen plätscherte leise das Wasser da erzählte Henriette
von dem Briefe den sie durch den Vater an den Franzosen gerichtet und dass sie
den Ring von sich abgetan und ihre Gestalt hob sich in stolzer Freude als sie
die Seligkeit in seinem Antlitz sah
»Ich hatte während ich als Bote zu Ihnen ging mir überlegt dass ich dies
tun müsste Jetzt habe ich dadurch den inneren Frieden wiedergefunden den ich
lange entbehrt«
»Geliebtes Mädchen« rief der Mann
»Still mein Freund« sagte sie feierlich »Was Sie mir einst geschrieben
von Schweigen und Entsagung das gilt noch immer für uns beide« Sie hielt ihren
Finger an dem einst ihr Ring gesteckt in den Quell »Kein Wasser wäscht von
dem Finger dass der andere ihn für sich genommen und nicht mein Wille allein
vermag mich zu befreien«
»Ich werde Ihr Gefühl ehren wenn es mir noch so schwer wird aber ist denn
nötig dass ich noch immer Ihrem Hause fernbleibe Diese Entbehrung ist allzu
groß«
»Sie ist nötig« sagte Henriette bittend »und nicht nur um der Leute
willen« sie hob ihre Hand »wenn der ersehnte Tag kommt wo ich wieder habe
was mir genommen ward dann mein Freund fegt Susanne das Haus und ich trage
Blumen hinein Sie zu empfangen«
Armes Mädchen Das war keine Zeit Gutes zu hoffen
Es ist wieder einmal Sommer der Tambour der Bürgerschützen trommelt durch
die Straßen und ladet zum Feste aber die Stadt ist diesmal nicht bereitwillig
sich zu freuen Es ist vieles nicht in der Ordnung Die ganze Stadt sieht
heruntergekommen aus die Hauswände sind lange nicht neu getüncht neue Häuser
sind gar nicht gebaut und die schlechten Giebel der alten kaum notdürftig
gebessert Die Menschen gehen ernst und missvergnügt einher und die Zahl der
fadenscheinigen Röcke welche der Steuereinnehmer genau kennt ist größer
geworden Die Schützen ziehen aus mit ihrer Musik und der Zieler trägt die
Scheibe diesmal ist nichts darauf als ein Hirsch an welchem die grimmigen
Hunde heraufspringen Das edle Tier hat den tödlichen Schuss empfangen sinkt auf
die Knie und das Blut strömt aus der Wunde Es war die alte Geschichte aber der
Künstler wusste nichts Besseres und hatte sie neu gemalt Der Bürgerschützen sind
weniger geworden denn manchem kommt das ganze Vergnügen zu teuer Und wo ist
die Freikompanie geblieben Nur einzelne davon treten in den Stand und schießen
mit weil sie sich einmal dazu verpflichtet haben Unser Freund der Doktor
hält sein Gewehr wie vor Jahren aber er hat nicht nötig sich leise mit den
Bekannten zu bereden Auch die Gesellschaft welche unter den Linden Kaffee
trinkt scheint nach allem nicht so glänzend wie früher viele Honoratioren
fehlen und Minchen Buskow fehlt sie ist zum Besuch auf das Land gegangen da
ihre Schule Ferien hat Sogar die Zahl der Buden ist vermindert aus zweien ist
eine geworden denn nur die Frau mit dem Pfefferkuchen hat ausgelegt dem
Glasmann lohnt sichs nicht mehr die Leute wollen ihre Groschen im Würfelspiel
nicht dranwagen Die Kinder allein schwärmen in heller Freude umher wie immer
und zu den früheren sind gottlob einige neue gekommen kleine Wutzel welche
neben ihren Müttern auf dem Grunde kauern und mit Kienäpfeln spielen Dort
erscheint endlich unser Einnehmer der schlaue Herr er zieht eine Tüte aus der
Tasche und spricht strafend zum Kaffeewirt »Ich fordere besonderen Aufguss für
diese gebrannten Möhren denn die Mischung von Zichorie und Eichel die Sie in
die Töpfe schütten ist für meinen Magen unerträglich der ganze Platz riecht
danach ich wollte Bonaparte würde zur Strafe für seine Sünden täglich einige
Stunden mit Zichorie geräuchert«
»Ach Herr Einnehmer« klagte der Kaffeewirt »mit dem Zucker steht es noch
schlechter Den Kaffee bringen die Schmuggler zuweilen über die Grenze aber der
Zucker ist unerschwinglich«
»Sie können hier schönen Heidehonig ziehen« sagte Herr Köhler »Unterdes
rate ich Ihnen die französische Sperre dadurch zu betrügen dass Sie die Stücke
Zucker dreimal so klein schlagen als sonst Sie haben recht es geht uns
schlechter als vor dem letzten Kriege Alles klagt und schreit da aber niemand
mehr den Schreiern ihren Mund zuhält so wird ihnen zuletzt durch lautes Klagen
das Herz leichter und sie denken wieder an künftige bessere Zeiten Wer fährt
da heran Beim Styx Das ist die Kutsche der Bellerwitze«
Der Diener öffnete den Schlag und die gnädige Frau stieg aus mit ihren
beiden Fräulein die in der Zeit hübsch in die Höhe geschossen waren und vornehm
in das Getümmel der Bürger hineinstarrten Als der Doktor herankam die Dame zu
begrüßen hielt sie ihm einen Brief entgegen »Dies brachte ein Bote aus dem
Hause des Seniors auf unsern Hof und fragte ob wir Gelegenheit nach der
Kreisstadt hätten Da ich selbst in der Stadt zu tun hatte und da der Brief für
Sie bestimmt war übernahm ich die Besorgung Demoiselle Henriette soll krank
sein Leider ist das arme Mädchen übel daran diese alte unglückliche Geschichte
mit dem Franzosen bringt sie und die ganze Familie in eine falsche Stellung«
Der Doktor bestätigte durch eine stumme Verneigung winkte seinen Vetter herzu
und stellte den Einnehmer vor Die gnädige Frau war erfreut endlich dem Herrn
persönlich bekannt zu werden von dem der Kammerherr so viel Liebes erzählt
hatte
»Ich habe die Ehre Ihren Herrn Gemahl seit der Zeit zu kennen wo er eine
kleine Guillotine als Berlocke trug« sagte der Einnehmer mit artiger
Verbeugung Unterdes nahm der kleine Doktor behend die jungen Fräulein in
Anspruch und die Gesellschaft bewegte sich schwatzend und lachend zwischen den
Bänken Als die Kammerherrin sich aber nach ihrem großen Günstling umsah war
dieser verschwunden »Er ist zu einem Kranken gerufen« entschuldigte der
Vetter
In dem Schreiben bat der Senior um einen Besuch da seine Tochter erkrankt
sei Die Pferde rannten im gestrecktem Trabe aber dem Liebenden dehnte sich der
Weg zu unerträglicher Länge Seine Briefe waren seither immer den regelmäßigen
Weg gegangen und seit Wochen hatte er Henriette nicht gesehen doch schon beim
letzten Zusammentreffen war sie bleich und still gewesen und er kannte wohl den
Gram den sie trug Von jenem Fremden war keine Antwort gekommen seit Jahr und
Tag keine Nachricht das Harren und Bangen des Mädchens wurde unruhiger sie
hatte ihm gestanden dass sie jedesmal beim Eintritt eines Besuches
zusammenschrecke denn sie fürchte es müsse der Franzose sein Heut ahnte der
Doktor Unheil für sie und sich und bereitete sich vor den Feind selbst zu
finden
Es war Abend als er im Pfarrhofe aus dem Wagen sprang er fühlte sich fast
erleichtert dass er den Senior allein ohne den argen Gast in der Stube traf Wie
vor Jahren stand er dem Vater gegenüber Was war seitdem alles draußen in der
Welt geschehen und hier in dem stillen Hause immer die alte Angst und Not
»Meine Tochter hat gewünscht dass wir Sie zu Rate ziehen« begann der Pastor
bekümmert und verlegen »Es ist derselbe Zustand und dasselbe Leiden wie damals
als Sie zuletzt hier waren«
»Ist es durch eine äußere Veranlassung hervorgerufen« fragte der Arzt doch
er wusste die Antwort voraus
»Ich habe Ihnen erzählt wie es uns im Kriege ergangen ist« antwortete der
Senior zögernd »auch das Weitere will ich nicht verbergen Ich fürchte ein
Brief den ich erhalten hat ihr den Weinkrampf und das Fieber veranlasst« Er
überreichte ihm ein Schreiben »Es ist fast ein halbes Jahr alt« sagte er »die
Stadt welche darin angegeben ist liegt ja wohl an der portugiesischen Grenze«
In dem Briefe stand
Ehrwürdiger Herr Ich kann es Ihnen und Fräulein Henriette nicht verdenken
wenn Ihnen ein Bräutigam zuwenig und zuviel ist der seine Pflichten so völlig
vernachlässigt Ich habe keine andere Entschuldigung als den Dienst meines
Kaisers der mich seither ohne Unterbrechung von Ihnen ferngehalten hat Ich
vermag aber ungeachtet der Mitteilungen Ihres Briefes auf ein Verhältnis nicht
zu verzichten welches mir verhänignisvoll geworden ist und an welches sich für
mich teure Hoffnungen knüpfen Deshalb werden Sie vergeben wenn ich den Ring
den ich jetzt am Finger trage nicht zurücksende ich bitte Sie vielmehr mir zu
gestatten dass ich in nächster Zeit mich selbst bei Ihnen einfinde und
persönlich um die Neigung Ihrer Tochter werbe Oberst Dessalle
»Dies ist mehr als ich für möglich hielt« rief der Doktor empört und warf
das Papier auf den Tisch »Darf ich Fräulein Henriette sehen«
Als er an das Bett der Kranken trat wandte sie ihm ihr heißes Antlitz zu
mit einem verzweiflungsvollen Blick der ihm in das Herz schnitt Er nahm ihre
Hand und fühlte ein Zucken als ob sie ihm die Hand entziehen wollte Er saß
lange am Bett und zwang sich in leichtem Tone mit der Mutter von Gleichgültigem
zu reden Er konnte der Geliebten so dass sie allein ihn verstand nur sagen
dass er die Ursache der Krankheit kenne Beim Abschied warf er in ihrer Gegenwart
hin »Ich habe im Marktflecken Kranke und übernachte dort bei Bekannten ich
kann morgen früh wieder herankommen«
Eine schwere Krankheit brach aus Nur der Doktor verstand die Größe der
Gefahr und die Ohnmacht des Arztes sie zu besiegen und während ihm geheime
Angst die Wangen entfärbte musste er sich sicher und überlegen stellen um der
Kranken und den Eltern den Mut zu erhalten Aber wenn er allein war rang er die
Hände gegen den Himmel und flehte fassungslos um Erbarmen Weit anders erging es
in lichten Augenblicken der Geliebten wenn sie zu ihm aufsah die ermutigenden
Worte vernahm und die treue zärtliche Sorge erkannte dann erschien ihr seine
Gegenwart wie eine Arznei die ein Engel ihr zutrug Als er mit bewegter Stimme
und feuchten Augen sagen konnte dass die Macht der Krankheit gebrochen sei und
Genesung zu hoffen sprach sie leise »Ich will wieder beherzt sein um
Ihretwillen«
Der Doktor hatte in diesen Wochen wenig darauf geachtet dass auch in der
Stadt eine fieberhafte Erwartung in die Menschen gekommen war Endlich durfte er
zu seiner Kranken von einer neuen großen Hoffnung reden Zwischen Napoleon und
Russland war der Krieg unvermeidlich geworden für Preußen der Tag der Erhebung
nahe gerückt Und er berichtete wie sichs in der Kreisstadt und auf dem Lande
wieder heimlich rühre und wie es nur eines königlichen Wortes bedürfe um die
Armee von vielen Tausenden zum Verzweiflungskampf zu bewaffnen
Als das Mädchen ihm mit leuchtenden Augen zuhörte fuhr er heiter fort »Ich
habe bis jetzt gehorsam nach Ihrem Willen getan und meine Liebe still vor aller
Welt geborgen Jener Brief aus fernem Lande aber veranlasst mich das lange
Schweigen zu brechen und ich erflehe von Ihnen Geliebte die Erlaubnis bei
den Eltern um Ihre Hand zu bitten«
Da aber schlug Henriette die Hände vor das Angesicht und rief in heißem
Schmerz »Das war die Angst welche mich krank gemacht hat Wenn Sie bei den
Eltern um mich anhalten so verliere ich alles was mir noch den Mut gibt zu
leben denn ich müsste auf Ihre Werbung mit Nein antworten« Sie brach in
Schluchzen aus Er mühte sich erschreckt durch den Anfall sie mit zärtlichen
Worten zu beruhigen aber auch als sie aufgehört hatte zu weinen saß sie in
sich gekehrt auf ihrem Lager »Unablässig quält mich der Gedanke« rief sie
endlich »wie unglücklich Sie durch Ihre Neigung zu mir geworden sind Ihnen
vergehen die Jahre im einsamen Haushalt und die Abhängigkeit von dem Belieben
eines Fremden ist Ihrer unwürdig«
»Sie wird es nicht sein« antwortete bittend der Doktor »wenn Sie mir
sagen weshalb sie nötig ist«
Aber Henriette schüttelte das Haupt und weinte von neuem
Wieder mühte er sich sie zu trösten und sprach leise zu ihr von seiner
Liebe und seinem Vertrauen bis sie ihm schwermütig die Hand hinhielt »Wollen
Sie mich noch ertragen wie ich bin so bitte ich Sie Lassen Sie es zwischen
uns bleiben wie es bisher war« Und als er ihr dies versprach neigte sich das
Mädchen über seine Hand und küsste sie
Er aber fuhr in stürmischer Bewegung heimwärts Was war der Grund ihrer
Angst und was schloss ihr den Mund War es zu hoch gespanntes Pflichtgefühl
gegenüber einer nichtigen Verlobung oder war es geheime Sorge dass er selbst
mit dem Fremden in tödlichen Streit geraten könne Was es auch war gegen den
Franzosen sammelte sich in seinem ehrlichen Gemüt ein bitterer Hass und der
letzte Trost den er fand war der dass auch für ihr und sein Geschick die
Entscheidung kommen werde durch den bevorstehenden Krieg
Als mit der fortschreitenden Genesung seine Besuche seltener wurden und
endlich ganz aufhörten da sagte die Mutter verwundert zum Senior »Der Doktor
hat doch so vielen Anteil an dem Mädchen gezeigt und die weite Reise so oft
gemacht dass es mir manchmal auffällig war und jetzt lässt er sich nicht mehr
blicken«
»Ich fürchte er hat im Grunde etwas gegen uns« antwortete der Pfarrer
gedrückt
Aber das erlösende Wort welches die Waffen in die Hände des zornigen Volkes
drücken sollte wurde nicht vernommen zum dritten Male war die Hoffnung auf
Erhebung und auf Rache vergeblich gewesen Zu der alten Schmach kam eine neue
die größte greulichste Als Bundesgenosse des höhnenden Tyrannen musste das
preußische Volk gezwungen seine Söhne in den neuen Krieg senden Jetzt erst
zahlten König und Staat die schwerste Busse für die Sünde dass sie vor der großen
Niederlage zehn Jahre lang preussisches Land und treue Herzen ausgetauscht und
weggegeben hatten wie eine Ware und dass sie ihre Grenzsteine herausgerissen und
eingesetzt nach dem Gefallen des fremden Kaisers Damals war der alte Stolz und
die Ehre welche die Ahnen um den Thron gesammelt verloren worden und darum
zwang jetzt ein Übermächtiger das gedemütigte Volk in Sklavenketten hinter ihm
herzuziehen als ein Teil seines reisigen Trosses Sobald dieser furchtbare Zwang
dem Volke deutlich wurde da schwand auch wackeren Männern das Zutrauen zu dem
Willen und der Kraft der Führer an welche sie sich in öden Jahren gehalten Die
Heftigsten dachten daran sich von ihrem Vaterlande loszusagen die Besonnenen
trugen finster und schweigend ein unerhörtes Geschick Und einer von ihnen
welcher den Schmerz wie eine brennende Wunde fühlte schrieb an seine Geliebte
»Jetzt habe ich nichts mehr was mir dies Dasein wert macht als den Gedanken an
Sie Henriette Ich weiß dass dieses Reich des Antichrists nicht dauern kann
und ich weiß dass wir seiner ledig werden müssen so wahr eine göttliche
Vernunft über dem Leben der Völker und der Menschen waltet aber ich vermag aus
dem Abgrund in den sie uns wirft den Weg zur Rettung nicht zu erspähen und
ich fühle mich in meinem Volke so schwach und der Ehre bar dass ich auf den
letzten Anspruch Unglücklicher verzichte auf das Mitleid anderer Nationen mit
unserem Geschick«
Doch während die Klugen und Scharfsinnigen verzweifeln wollten hatte eine
höhere Gewalt welche das Schicksal der Menschen und der Völker mit furchtbarer
Genauigkeit abwägt nach ihren Gedanken und Werken bereits dem Tyrannen den Pfad
gewiesen auf dem er verderben sollte unerhört abenteuerlich wie sein Leben
gewesen war Die Geister der Zerstörung arbeiteten geschäftig in ihm selbst Dass
er schlecht war und ein Bösewicht im Purpur das wussten Millionen aber während
auch seine Gegner in ihm noch den starken überlegenen Geist bewunderten war er
in der Tat bereits ein berückter Träumer dem Wahngebilde das Hirn betäubten
Einst hatten ihn phantastische Ideen seiner Jugend zu den Sanddünen der
Pyramiden geführt die grünen Fluren am Nil sollten damals eine Station werden
für seinen Alexanderzug nach Osten weit über Syrien hinaus ins unermessliche
Blaue Seitdem hatte er unter schwachen Dynastien und verrotteten Staatswesen
aufgeräumt und bei dieser Arbeit eines Totengräbers alles eingebüßt was die
Seele des Mannes festigt gegen unsinnige Einfälle Die Menschen und Völker waren
ihm geworden wie Brettsteine die er hin und her setzte Achtung vor
menschlicher Tugend vor Leben und Glück der Nationen war ihm verloren und
verloren war ihm zugleich die Fähigkeit sich selbst zu beschränken Zeit und
Raum abzuwägen und eigene und fremde Kraft verständig zu berechnen Und in dem
verwüsteten Geist erhob sich aufs neue der Unsinn aus seiner Leutnantszeit den
Blick nach Osten gewandt träumte er wieder sich und sein Heer über Steppen und
Ströme hinaus Tausende von Meilen bis an die Fluten des Ganges und darüber ins
unermessliche Leere Mancher aus seiner Umgebung erschrak wenn er einmal wie ein
Trunkener von seinen Plänen sprach keiner wusste wie sehr der Wurm in ihm
bereits das Mark des Lebens zerfressen hatte Die Klugen wussten es nicht aber
der einfältige Sinn des Volkes ahnte dass unsichtbare Gewalten gegen ihn
geschäftig waren
Henriette stand auf dem Ringwall und blickte hinaus nach der fernen
Heerstraße auf der sich die Kolonnenzüge bewegten Seitwärts bei den Dornen
arbeitete der alte Christian emsig mit Haue und Schaufel hieb in die Erde und
rodete das Gestrüpp »Was tut Ihr dort Schäfer« fragte das Mädchen Der Alte
trocknete sich mit dem Ärmel die Stirn »Es muss alles heraus« sagte er »seine
Zeit ist gekommen Denn jedem auf Erden ist der Tag bestimmt wo es hinweg muss
dem Dornholz hier und den Menschen dort«
»Es will kein Ende nehmen mit dem Heereszuge und dem reisigen Fuhrwerk«
klagte Henriette »seit acht Tagen fährt es dahin von früh bis zur Nacht
zahllos sind die Menschen Tiere und Wagen es ist als ob ein ganzes Volk
auswandert in ein anderes Land«
Der Schäfer trat zu ihr »Je mehr ihrer hinziehen um so besser Die dort
oben in der Luft ziehen auch mit«
»Was wollt Ihr damit sagen Christian«
»Haben Sie jemals so viele Krähen und Raben gesehen« fragte der Alte und
er hatte recht in ungeheuren Schwärmen flogen und schrien die dunklen Vögel
»Sie finden Futter an toten Pferden und Abfällen wo die Soldaten lagern«
Der Schäfer schüttelte seiner Überlegenheit bewusst den Kopf dann sagte er
leise »Haben Sie heut nacht nichts gemerkt Das Schwedenvolk das hier herum
und auf dem Kirchhofe liegt ist aus der Erde gestiegen einer nach dem andern
alle in grauen Mänteln und die Gesellschaft breitete sich aus über die Felder
und wälzte sich in der Luft nach derselben Richtung in der diese fahren Reiter
und Fußvolk ziehen unten und die Grauen und ihre Vögel fliegen oben und die
oben sind mächtiger«
Nachdem der wilde Schwall vorübergerauscht war kam Bärbel nach der Pfarre
mit geringem Lebensmut »Unser Hof ist leer« klagte sie »es war eine
schreckliche Woche jeden Tag und jede Nacht rohes Volk im Hause und das wüste
Lärmen und Fordern in fremden Sprachen nichts war ihnen gut genug und wenn
einmal ein Offizier sich unser erbarmte und die Leute schalt so verhöhnten sie
ihn und drohten Ein Alter unter ihnen der mit der deutschen Sprache umzugehen
wusste sagte meinem Manne Trage auf Bauer was du hast wir wollens genießen
weil wir leben denn wir ziehen zu Grabe An einem Abend wo die ganze Stube
voll war hatten sie geschrien und getrunken dass uns Angst wurde und mit einem
Male fing ein junger Bursche an laut zu weinen redete auf französisch zu den
anderen und alle wurden still und ließ die Köpfe hängen Die ganze Zeit über
haben wir Karl und ich die Nacht auf der Ofenbank gesessen ich legte mich an
die Schulter des Mannes wenn mir die Augen zufielen die Kleinen hatte ich in
der Wiege vor mir Wie sollten wir dieses Jahr durchmachen«
»Dein Karl soll mit dem Wagen kommen was die Pfarre entbehren kann
erhaltet ihr vor andern ich wills beim Vater ausmachen«
Auch in der Kreisstadt gab es bedächtige Männer welche eine große
Entscheidung voraussahn »Ich frage gern in schweren Zeiten meinen Schuster um
Rat« sagte der Einnehmer zu seinem Freunde »er ist kein großer Redner aber er
sieht die Dinge mit einem Mutterwitz an den mancher Klügere nicht hat«
Schuster Schilling pochte lustig am Leder herum als sein Kunde ihn begrüßte
»Nun Meister was wird aus diesem Kriegszuge des Kaisers herauskommen«
Schilling schüttelte lange den Kopf und sagte gewichtig »Der Mann ist
niemals als Schustergeselle bei den Moskowitern gewesen wie ich damals von
Südpreussen aus sonst würde er jetzt nicht zu ihnen gehen Wie weit glauben
Sie wird seinen Leuten auf dem langen Wege das Schuhwerk vorhalten Es ist
alles zerrissen bevor er zu den eigentlichen Moskows kommt und wer soll dort
für so vieles Volk neue Stiefeln machen Das Land ist zu groß und mit zu wenig
Menschheit besetzt und es fehlt dort auch an anderem Von Birkenrinde können
sie nicht leben«
»Die Stiefel lässt er aus Ihrem Laden holen Meister und die Speckseiten aus
dem Rauchfange unserer Bauern alles wird ihm ins Russische nachgeschaft«
Schilling lächelte »Dann müsste er sein Heer zurückführen und sich alles selber
holen sonst wird das wenigste bis zu ihm durchdringen die Russen können das
durchaus nicht leiden Nämlich die Russen sind gutmütig aber sie haben diese
Eigenschaft Ist einer artig so sind sie grob und nehmen ihm mit Gewalt was er
hat und ist einer grob so sind sie ins Gesicht artig und mausen ihm das Seine
hinter seinem Rücken Nehmen tun sie in jedem Falle Jetzt geht Bonaparte
grimmig gegen sie vor folglich werden sie sich zurückziehen und über alles
hinter seinem Rücken herfallen und er wird mit dem einen Arm nach vorn und mit
dem andern nach hinten hauen müssen Diese Art Prügelei hält niemand auf die
Länge aus«
»Gut Meister Was aber soll mit uns werden Wir sind seine Verbündeten
geworden«
»Das ist mir ganz recht« erklärte der Schuster »wir halten uns hübsch
zurück und immer mehr zurück lassen ihn vorwärts und machen hinter der großen
Ratte die Falle zu«
»Meister« rief der Einnehmer »wenn Sie mir nicht für mein Schuhwerk
unentbehrlich wären würde ich Sie unserm König zum Minister empfehlen«
»Ich habe nie großen Ehrgeiz gehabt« sagte der Meister bescheiden
Der Sommer kam und der Herbst der Handwerker nähte und pochte in seiner
Werkstatt und der Landmann tengelte seine Sense um die Brotfrucht
einzubringen Der Bürger hielt zuweilen in der Arbeit an und lauschte und der
Mäher ließ die Sense sinken und sah hinauf in die Luft als ob von dort etwas
Neues heranziehe Gedanken und Träume der Leute irrten umher in weiter Ferne
und heimliche Erwartung schärfte jedem Auge und Ohr
Die Frühstücksstube war lange verödet gewesen jetzt traten die Herren
wieder ein sie saßen aber nicht wie sonst am Tische sondern standen und gingen
auf und ab während sie von den neuen Siegen des Kaisers erzählten Da sagte
einst im Spätherbst der jüdische Weinwirt geheimnisvoll zum Einnehmer »Einer
von unsern Leuten ist aus Warschau zugereist dort hat er sichere Nachricht
erhalten von der großen Armee das große Heer ist klein geworden an den
Landstraßen liegen überall tote Pferde und umgeworfene Karren alle Städte sind
angefüllt mit Kranken und Sterbenden niemand will sie mehr begraben alles was
der Kaiser über seine Siege schreiben lässt ist erlogen«
Seitdem folgte eine Botschaft der andern von einer endlosen Heerreise in
Wüsteneien von Siegen die so mörderisch waren wie Niederlagen von Hunger
Elend und Untergang Die Kunde klang zuerst undeutlich aus der Ferne wie
Weheschrei eines Nachtvogels Aber als der Wintersturm über die kahlen Felder
fegte und die letzten Blätter von den Bäumen riss wurde der Schicksalsruf lauter
und lauter bis er wie Posaunenschall in die Ohren drang Mancher wackere
Städter der während des Sommers gedrückt seines Weges gegangen war hob jetzt
trotzig das Haupt und die welche einst bei der Freikompanie gewesen waren
griffen nach dem Gewehr das lange verstäubt im Winkel gestanden und prüften
die Schlagfeder Die Zeit war nicht danach dass sich die Leute ohne Not neue
Ware kauften aber Schuster Schilling hatte große Kundschaft und seine
Werkstatt wurde der Unterhaltung wegen von vielen besucht denn er hatte zuerst
alles vorausgesagt Eine Freude wilde grimmige Freude wie die Leute niemals
gefühlt brach in Gebärde und Worten heraus Als Beblow erfuhr dass die Flucht
der Franzosen begonnen stieß er seinen Stahl dem gefällten Rinde bis an den
Griff in den Leib sprang in den Laden und fiel seiner Frau vor allen Leuten um
den Hals wo Bekannte zusammenstiessen schüttelten sie einander die Hände
lachten und weinten in einem Atem
Draußen heulte der Wind kalter Regen wandelte den gefallenen Schnee in
missfarbigen Schlamm und machte das Verweilen auf der Straße unbehaglich Die
Bürger saßen mit ihren Hausgenossen nahe am Ofen Doch sooft draußen ein Karren
rasselte wenn der Sturm Dachziegel herunterwarf oder ein starker Tritt auf dem
Pflaster erklang liefen die Leute an die Fenster um jeden Wagen um jeden
Reiter der mit seinem Pferde anhielt sammelte sich im Augenblick ein
neugieriger Haufe dann gab es kurze Zeit ein Gewühl niemand wusste warum bis
jung und alt sich wieder in den Häusern verlor Als der Einnehmer in sein
Amtslokal ging fand er vor der Postalterei einen gedrängten Haufen da dies
nicht die Stunde war wo die ordentliche Post erschien und da Herr Köhler jeder
Sache auf den Grund ging so trat er näher und schritt durch den Kreis welcher
einen Schlitten umgab In dem Schlitten saßen zwei Männer in große Pelze
gehüllt Der Postalter kam eilig heraus und reichte dem Postillon Papiere und
als der Einnehmer ihn fragend ansah sagte er leise »Es ist ein französischer
Herzog durch Stafette angekündigt er hats eilig weiterzukommen« Da stellte
sich Herr Köhler zurecht um diesen Herzog zu betrachten Von den beiden Männern
saß der größere aufrecht und blickte finster um sich »Du bist der Herzog
nicht« sagte sich der Beobachter »dann also der andere« Der Kleinere saß müde
zurückgelehnt in seinem Pelze verborgen
Endlich gelang es dem Einnehmer bei einer ungeduldigen Bewegung des
Verhüllten den Kopf zu sehen er erkannte in dem trüben Tageslicht ein fahles
gelbliches Angesicht und fing einen harten Blick aus stechenden Augen auf so
dass er unwillkürlich einen Schritt zurücktrat Der Postillon schwang sich auf
seinen Sitz und hob die Lederpeitsche da griff Herr Köhler entschlossen in
seine Brusttasche zog den Hut trat mit tiefer Verneigung an den Schlitten und
legte etwas auf die Decke Die Peitsche knallte und der Einnehmer schritt
immer noch mit entblösstem Haupt nach rückwärts während die Pferde anzogen
dann setzte er seinen Hut gemütlich auf und schritt zu seinen Tabellen Als er
zur Mittagsstunde mit dem Doktor über den Markt kam trat der Bürgermeister zu
ihm »Dies Buch ist auf der Gasse gefunden worden der Ratsdiener sagt dass Sie
es dem Fremden heut früh überreicht haben«
»Ha in der Tat« rief Herr Köhler und betrachtete mitleidig den Band
welcher durch den Schlamm des Weges traurig verdorben war »es ist das meinige
Ich will Ihnen sagen wie die Sache zusammenhängt Dieser Fremde der heut
morgen als Flüchtling hier durchkam war der Kaiser Napoleon Ich wollte ihm
etwas Lektüre auf den Weg geben aber der undankbare Kerl versteht Gutes nicht
zu schätzen« und er wies das Buch es war von seinem Lieblingsdichter und hatte
den Titel Katzenbergers Badereise
Der Verlobte
Immer noch fiel der Schnee in großen Flocken aber die weiße Decke welche sich
über die Straßen der Stadt breitete war trügerisch denn wo ein Fußtritt oder
ein Schlitten eindrückte füllte sich die Spur mit schlammigem Wasser Durch
Schnee und Regen klangen dumpfer als sonst die Sonntagsglocken da kam ein
plumper Bauernschlitten mit grauer Leinwand überdeckt von zwei abgetriebenen
polnischen Gäulen gezogen durch das Stadttor Ein alter Mann mit langem grauen
Schurrbart und einer polnischen Mütze trieb als Kutscher die elenden Pferde und
sah wild zur Seite als der Stadtsoldat herantrat und sein »Halt Wer da« rief
denn wegen des durchziehenden französischen Volkes hatte die Stadt auch für den
Tag eine Torwache bestellt
Der Kutscher antwortete etwas in fremder Sprache wovon die Wache nur
»LEmpereur« verstand
»Die Geschichte mit dem Lamperör ist zu Ende« sagte der Stadtsoldat
unwillig »mit euch macht man jetzt wenig Federlesens Die Hintergasse hinein
zum Spital dort meldet euch«
Ein kurzer Befehl kam aus dem Fuhrwerk der Kutscher peitschte die Mähren
und fuhr geradeaus dem Markte zu Der Torwächter sah ihm entrüstet nach »Das
Volk will noch nicht parieren« brummte er und setzte sich wieder in sein
Schilderhaus »auf dem Markte werden sie euch schon anhalten« Der Schlitten
fuhr beim Gasthofe vor der Hausknecht stand in der Tür er rührte sich nicht
dem Kutscher zu helfen »Fahrt fort ihr findet hier kein Unterkommen« Da rief
aus der Leinwand die Stimme eines Mannes »Ich lasse die Frau Wirtin ersuchen
sich herzubemühen« Nach einer Weile kam die Wirtin langsam heran aber sie
schlug vor dem Schlitten die kräftigen Arme übereinander gerüstet den Fremden
abzuweisen Die Leinwand öffnete sich in dem Schlitten lag auf Futtersäcken
in Decken gehüllt ein Mann in französischer Uniform deren verschossene
Goldstickerei schließen ließ dass der Kranke ein vornehmer Offizier war
»Ein alter Bekannter bittet um ein Quartier Frau Wirtin ich habe vor
einigen Jahren bei Ihnen gewohnt« Die Wirtin starrte in das Gesicht »Das ist
ja der fremde Kapitän der unsere Reiter aussperrte Mein Gott wie sehen Sie
aus«
»Weisen Sie mich nicht ab denn ich bin krank«
»Ich darf Sie nicht nehmen« sagte die Frau mit erwachender Teilnahme »die
Kranken müssen alle ins Hospital«
»Ich brauche nur einige Tage Ruhe um mich zu erholen und werde Ihnen
dankbar sein«
»Ich muss Sie aber sogleich anmelden beim Magistrat und auch bei dem Herrn
Doktor«
»Das ist mir recht ich bitte um den Besuch des Arztes« sagte der Franzose
Er wurde mit Hilfe seines Begleiters und des Hausknechts aus dem Schlitten
gehoben und die Treppe hinaufgeführt Da die Wirtin ihn einmal aufgenommen
hatte gedachte sie freundlicher ihrer Pflicht und fragte was er begehre
»Wärme in das Zimmer und etwas Warmes zu trinken«
»Das fordern sie alle« sagte die Wirtin im Herausgehen »er ist sehr
verändert aber noch immer ein schöner Mann Wie prächtig sah er damals aus als
er mit der Pistole jedermann niederschoss« Der Fremde legte erschöpft den Kopf
in die Kissen Eine Stunde darauf öffnete der alte Begleiter leise die Tür Der
Doktor hatte die Botschaft erhalten dass ein französischer Oberst seine Hilfe
begehre als er vor das Bett des Fremden trat der sich in unruhigem
Halbschlummer hin und her warf fuhr er zurück und sein Antlitz wurde so
blutlos wie das des Kranken Vor ihm lag der Feind seines Lebens der ihm und
einer anderen seit Jahren Glück und Frieden verstört hatte hilflos lag er vor
ihm er sah wie der Arzt sieht den Beginn einer schweren Krankheit und er
sollte ihn heilen Wie er so unbeweglich stand richtete sich der Franzose halb
auf und starrte ihn mit großen Augen an »Ich bin krank mein Vater« murmelte
er leise in deutscher Sprache doch gleich darauf fuhr er französisch fort »Sie
sind es Herr Doktor Solches Wiederfinden haben wir beide nicht gewünscht Aber
Sie sehen ich halte mein Wort und komme zurück damit Sie mich weiter in die
Kur nehmen Machen Sie mich schnell gesund Herr denn mein Kaiser braucht
mich« Der Doktor setzte sich zum Bett und tat die Fragen an den Kranken selbst
und an den alten Franzosen welcher an der Tür stand dann verordnete er was
zunächst nötig war und sagte gehalten »Ich werde mir vor allem Mühe geben
durchzusetzen dass Sie im Gasthofe bleiben das Hospital ist leider überfüllt
und den Kranken wird es schwer sich dort zu erholen Ich bringe sogleich
Bescheid«
»Kein Hospital« rief der Fremde heftig »auch in dem Gasthofe denke ich
nicht zu bleiben ich habe hier in der Nähe eine Familie auf dem Lande in
welcher ich meine Genesung abwarten will dort hoffe ich bessere Pflege zu
finden«
Als der Arzt wiederkam war die Krankheit zum Ausbruch gekommen Der Fremde
warf sich in wilden Phantasien umher Der Doktor lauschte auf die tollen Reden
in französischer und deutscher Sprache und er hörte mit Schrecken wie die
Bilder von Gefechten und die Todesangst vor einem kalten Strom in dem der
Kranke neben seinem Pferd treiben musste mit anderen Gedanken wechselten von
einem Pfarrhause das er suchte und nicht finden konnte Er sah auf die Hand des
Liegenden der Ring mit dem Vergissmeinnicht steckte daran Als er das Bett
verließ nahm er den alten Begleiter beiseite und sagte »Ich will bewirken dass
Sie hierbleiben und die Pflege Ihres Herrn übernehmen dürfen« Der Franzose
dankte mit tränenden Augen »Ich werde dafür sorgen dass Sie selbst gut
verpflegt werden damit Sie in diesem Dienste aushalten können und ich werde
Ihnen wenn die Krankheit sich steigert noch einen Mann zur Hilfe beiordnen
dafür geben Sie mir Ihr Wort dass Sie dem Kranken mit Festigkeit widerstehen
wenn er in lichten Augenblicken den Willen ausspricht Bekannte zu sehen die er
in dieser Gegend hat und dass Sie wenn er es noch so dringend verlangen sollte
ohne mein Wissen keine Nachricht nach auswärts abgehen lassen Die Krankheit
droht mit Ansteckung und ich kann es nicht verantworten andere der Gefahr
auszusetzen« Der Alte versprach alles
Als der Doktor nach Hause kam warf er sich in den Sessel und schlug die
Hände vor das Gesicht Von den bitteren Pflichten seines Berufes sollte ihm
keine erspart bleiben nach jener Krankheit der Geliebten die Todesgefahr des
Mannes der sich zwischen ihn und sein Glück gedrängt hatte Es war ein schwerer
Fall wenn er sich zurückzog und dem für die Fremden bestellten Chirurgus die
Behandlung überließ wer konnte ihn tadeln Wenn der Fremde ein Opfer der
Krankheit wurde wie tausend andere so war die Geliebte frei Dieser Gedanke
wirbelte ihm durch das Hirn aber nicht lange Er erhob sich trat an das
Fenster und sah hinaus zu den grauen Schneewolken »Das ist mein Kriegsdienst«
sagte er bitter »er bringt nicht nur das Leben in Gefahr auch die Seele« Und
er legte die heiße Stirn an die kalten Scheiben dann maß er mit festem Schritt
sein Zimmer »Sie muss es wissen« sagte er laut und von neuem überkam ihn die
Angst und wie sehr er sich in seinen Gedanken wehrte auch ein anderes Gefühl
das mit Eifersucht nahe verwandt war Wer konnte sagen ob ihr nicht als Pflicht
erschien dem Kranken zur Pflege herbeizueilen Durfte er das hindern »Nein«
rief er laut »Sie hat das Recht zu fordern dass ich ihr jetzt vertraue wo für
uns beide die Zeit der Prüfung kommt« Und er schrieb ihr auch von seinem
innern Kampf er gelobte ihr alles für den Kranken zu tun was er vermöge und
flehte dass sie sich und die Eltern jetzt keiner Gefahr aussetze Erst als er
auf diesen Brief die kurze Antwort erhielt »Ich werde tun mein Freund was Sie
für recht halten« wurde er ein wenig getröstet
Die Krankheit stieg es vergingen Tage wo der Doktor selbst nicht an die
Genesung glaubte Er kam und ging saß halbe Stunden bei dem Bett und lauschte
auf die Atemzüge eines Lebens das ihn elend machen sollte wenn er es erhielt
Dann kam ein Tag wo der alte Husar mit Tränen der Dankbarkeit seine Hand
ergriff und erstaunt war dass der gute Doktor die Hand so heftig zurückzog
Endlich durfte er dem Kranken sagen »Die größte Gefahr ist beseitigt jetzt
kommt alles darauf an dass Sie Kräfte gewinnen«
»Sie haben redlich an mir gehandelt mein Herr« sagte der Franzose »ich
weiß recht gut dass Sie das Überwindung gekostet hat Ich sah zuweilen wie Ihr
Auge auf mich gerichtet war Sie sind Patriot und hassen in mir den Feind Ihres
Vaterlandes«
»Ich habe gegen Sie meine Pflicht getan wie gegen jedermann« antwortete der
Doktor »und ich denke Sie werden auch nach Ihrer Genesung mir dies Zeugnis
geben«
»Ich habe Ihre Sorge und die der guten Wirtin lange in Anspruch genommen
mein treuer Diener sagt mir dass ich Wochen hier gelegen Ist es für andere
nicht mehr gefährlich in meine Nähe zu kommen so wünschte ich wohl dass einer
Familie die ich in dieser Landschaft kenne Nachricht von meinem Hiersein
gegeben wird«
»Wenn Sie diese Rücksicht auf die Gesundheit anderer nehmen« antwortete der
Doktor »so muss ich Sie bitten noch einige Tage zu warten«
»Ich bin geduldig geworden« seufzte der Franzose und sank müde in die
Kissen zurück
Als aber der Doktor das nächste Mal eintrat begann der Kranke wieder »Sie
sollen wissen dass ich eine Braut hier in der Nähe habe«
»Sie haben davon in Ihren Phantasien gesprochen«
»Wohl möglich« nickte der Franzose »Es war eine wunderliche Affäre mein
Herr Ich hatte Gelegenheit einen guten alten Mann und seine Tochter aus den
Händen von Marodeuren zu befreien die Marodeure waren Ihre deutschen
Landsleute keine Franzosen Ich war eine Zeitlang allein unter trunkenen
Wilden und um die Situation zugunsten der Gefährdeten zu wenden sagte ich zu
den Schuften dass die junge Dame meine Braut sei und da ich nicht für eine
Unwahrheit verantwortlich werden wollte so verlobte ich mich zur Stelle mit
ihr«
»Waren das Fräulein und der Vater damit einverstanden« fragte der Doktor
mit rauer Stimme
»Die schöne Henriette war ziemlich bewusstlos als die Ringe gewechselt
wurden das ist wahr der Vater hatte nichts einzuwenden Sie schweigen mein
Herr Sie halten die Sache für den übermütigen Scherz eines jungen Offiziers
der ich damals war Ich habe nichts dawider wenn ein bedächtiger Deutscher den
schnellen Entschluss verurteilt Doch da Sie als Arzt auch gern beobachten was
in der Seele vorgeht so will ich zu meiner Rechtfertigung Ihnen im Vertrauen
zweierlei sagen Zuerst natürlich dass das Mädchen sehr schön war und dass die
rührende Hilflosigkeit in der sie am Boden lag mir die ganze Seele bewegte
und ich versichere Sie es sind seitdem Jahre vergangen aber ich sehe die holde
Gestalt noch oft in dieser Weise vor mir Warum schweigen Sie mein Herr Hören
Sie noch etwas Als ich in die Stube sprang und mich umsah die Schufte
zurückwarf und die gebrochene Gestalt an der Hand hielt da Doktor war mir
plötzlich zumute als hätte ich das alles schon einmal erlebt und gewollt und
als müsste ich sie mir verloben um ihr Leben vor Ärgerem zu bewahren Und ich
tat es wie etwas das sich von selbst versteht Übrigens hat das Abenteuer zu
meinem Glück geholfen soweit jemand von Glück sprechen kann der vor Ihnen
liegt wie ich Der Bruder des Kaisers der damals in Ihrer Hauptstadt befahl
erfuhr davon fand die Geschichte plaisant und sandte mich in guter Absicht mit
Briefen zum Kaiser Auch diesem muss durch seine Umgebung oder den Prinzen der
Vorfall bekannt geworden sein und er war aus irgendeinem Grunde nicht
unzufrieden vielleicht weil ein Franzose sich darin weniger gewalttätig
darstellte als die Deutschen und erwies mir seitdem bei jeder Gelegenheit
persönliche Gnade Er behielt mich in seiner Nähe dann wurde ich nach Italien
und Spanien geschickt und schnell befördert Der Kaiser vergisst nichts Als vor
dem Ausmarsch nach Russland mein Regiment bei ihm vorüberzog rief er mich heran
und fragte mit einer wahrhaft liebenswürdigen Freundlichkeit Oberst wie geht
es Ihrer deutschen Frau Und als ich antwortete Meine Braut lebt noch in ihrer
Heimat bei den Eltern setzte er hinzu Der Bräutigam war in der Fremde Ich
hoffe wenn diese weite Promenade beendet ist werden Sie der Kaiserin die
Generalin Dessalle vorstellen«
Der Doktor bezwang die innere Empörung »Haben Sie nie daran gedacht« sagte
er bitter »dass Ihr plötzlicher Einfall das Lebensglück eines Mädchens welches
Ihnen doch fremd war zerstören konnte« Der Franzose erhob sich in seinem Bett
und sah den Arzt groß an »Mein Herr ich will die Dame zur Oberstin Dessalle
machen«
»Wenn aber sie selbst diese Ehre nicht zu würdigen weiß«
Der Kranke legte sich wieder zurück und lächelte »Ihr Vater hat mir in der
Tat in den letzten Jahren so etwas in einem Briefe angedeutet den ich in
Spanien erhielt und wie er schrieb auch meinen Ring zurückgeschickt Der Ring
lag übrigens nicht in dem Briefe Ich musste antworten dass ich diese
Aufkündigung eines zarten Verhältnisses für allzu streng halte den Ring meiner
Braut bewahren und vorläufig meine Rechte gegen jedermann behaupten werde bis
ich Gelegenheit erhalte von ihr selbst Erhörung zu erbitten Ich nahm an dass
dies in kurzem möglich sein werde und ahnte nicht dass ich mich als Kranker ihr
vorstellen würde«
Der Doktor stand auf Während er aber nach Haltung rang um dem Egoismus des
Fremden ruhig entgegenzutreten sah er dass ein Kranker vor ihm lag dessen Arzt
er war Und er begnügte sich zu sagen »In einigen Tagen darf die Familie
benachrichtigt werden dann werden Sie auch meinen Beistand entbehren können«
Nachdem er das Zimmer verlassen hatte sagte der Franzose zu seinem
Begleiter »Dieser Mann ist mein Feind und wir sind hier nicht in guten
Händen«
»Ach Herr Oberst wenn Sie wüssten wie er um Sie gesorgt hat oft kam er
noch in der Nacht und saß mit gefalteten Händen an dem Bett ihm verdanken wir
dass Sie alles überstanden haben«
»Einerlei« rief der Kranke »ich will fort alle Leute hier hassen uns In
dem Pfarrhause finden wir bessere Gesinnung«
Der Doktor schrieb sogleich an den Senior teilte die Krankheit und den
Wunsch des Obersten mit ersuchte um Entscheidung und verbarg dem Pastor nicht
dass zwar die Gefahr der Ansteckung bei nötiger Vorsicht geschwunden sei dass
aber der Aufenthalt des Obersten in der Pfarre der Familie doch vielleicht
nachteilig sein könne
Der Brief welchen Bärbel zugleich mit einem andern an Henriette
überbrachte erregte im Pfarrhause große Bestürzung Der Vater fühlte die
Verpflichtung der Familie aber auch dass das Einlagern des kranken Franzosen in
dieser Zeit eine schwere Sache sei auch die Mutter hatte alten Hoffnungen
beinahe entsagt sie fürchtete die Ansteckung und Belästigung die Tochter
entschied »Wenn er zu uns will und wäre er ein Pestkranker wir dürften es ihm
nicht verweigern hat er sein Leben für uns aufs Spiel gesetzt so ist jetzt der
Tag gekommen wo wir es für ihn wagen müssen Danken wir dem Himmel dass er dies
so gefügt hat die Last der Verpflichtung uns leichter zu machen« Bärbel aber
schlug als sie mit Henriette allein war die Hände zusammen »Wie kannst du das
tun den welchen die Leute für deinen Bräutigam halten ins Haus nehmen
während du einen andern lieber hast Was soll dieser dazu sagen«
»Ja Bärbel« rief Henriette »gerade des andern wegen Die beste Stube soll
der Franzose haben und Pflege wie ein Bruder das ist sein Recht«
»Das ist nicht recht und wird nicht gut« entschied Bärbel kopfschüttelnd
und ging nach Hause zum ersten Male unzufrieden mit ihrer Freundin
Der Senior kam mit seinem Wagen nach der Stadt den Kranken abzuholen Er
suchte zuerst den Doktor auf »Wir dürfen uns dem Wunsche des Obersten nicht
entziehen nach allem was vorhergegangen ist auch meine Tochter ist der
Meinung Würde Ihre Begleitung nicht vorteilhaft sein« fragte er furchtsam
»Wir haben zwar gar keinen Anspruch darauf ein so großes Opfer zu verlangen«
»Hat Ihr Fräulein Tochter den Wunsch ausgesprochen«
»Es fiel mir auf dem Wege ein« sagte der Senior »damit Sie an Ort und
Stelle anordnen könnten wie der Kranke gehalten werden soll«
»Dafür ist meine Begleitung nicht nötig« versetzte der Doktor finster
»sagen Sie Fräulein Henriette dass ich sobald sie meine Anwesenheit wünscht zu
jeder Stunde bereit bin In den ersten Tagen bedarf der Kranke Schonung auch
aufregende Gespräche sind soviel als möglich zu vermeiden«
Henriette ging den Tag über geschäftig durch das Haus sie ließ sich nicht
nehmen das Zimmer für den Obersten und ein kleines daneben für den alten
Franzosen selbst einzurichten und trug aus dem einfachen Hausrat alles
zusammen was irgendwie zur Bequemlichkeit eines werten Gastes dienen konnte
Die Mutter sah verwundert zu »Ob sie insgeheim noch daran denkt dass er sie zur
Frau haben will« Und sie fragte »Willst du die blühende Hyazinte nicht auf
den Tisch stellen«
Henriette verneinte »Sie riecht zu stark in der Krankenstube«
Wie der Abend kam zündete sie in allen bewohnten Zimmern Lichter an hing
auch im Flur die große Laterne auf so dass das Haus mit vielen leuchtenden Augen
in die Finsternis hineinblickte Dann setzte sie sich still hin die Hände im
Schoss gefaltet und wartete
Der Wagen fuhr vor die Mutter eilte neugierig in den Flur dort den Gast zu
begrüßen Henriette blieb wie ein Bild von Stein sitzen es war derselbe Sessel
an dem sie damals auf dem Boden gelegen hatte und dieselbe Stelle auf welcher
er ihr den Ring angesteckt Da trat der Franzose ein gestützt auf den alten
Husaren langsam erhob sie sich und verneigte sich wie gegen einen vornehmen
Fremden Auch der Franzose stand einen Augenblick festgebannt die Augen flogen
wie einst durch das Zimmer und hafteten auf dem tiefernsten Antlitz der Jungfrau
vor ihm »Haben Sie Nachsicht mit einem Kranken« begann er in gemessenem Tone
»wenn er nach langem Aufenthalt unter Menschen die ihm feindselig waren alte
Bekannte aufsucht bei denen er menschliches Mitgefühl für sich erhofft«
»Mein Vater und ich verdanken dem Oberst dass wir heute hier stehen Sie zu
begrüßen wenn der Aufenthalt in unserem Hause für Ihre Genesung irgend von
Nutzen sein kann so sind Sie uns als Gast willkommen« Er verbeugte sich
schweigend sprach einige Worte zum Senior und der Hausfrau und bat dann ihm zu
gestatten dass er auf sein Zimmer gehe Dorthin geleiteten ihn die Eltern Der
Empfang war überstanden Henriette war zufrieden dass er ihr diesen leicht
gemacht hatte und bat still um Kraft die nächsten Wochen zu ertragen
Als der Oberst sich mit Hilfe des Alten auf dem Lager zurechtgerückt hatte
begann er trotz seiner Müdigkeit in guter Laune »Nun Vater wie gefällt dir
die Braut und das Hochzeitshaus«
»Mademoiselle ist schön und entschlossen sie ist die Herrin im Hause dass
sie dem Herrn Obersten ergeben ist möchte ich nicht behaupten«
»Aus dem Vater habe ich herausgehört dass sie wenigstens keinen Freiwerber
hat Aber die guten Leute hier fühlen sich im Grunde auch belästigt durch unsere
Gegenwart und es kann wohl sein dass sie bald Landesfeinde in uns sehen Es tut
nichts Seit den traurigen Nächten im russischen Schlitten und in dem
widerwärtigen Gasthofe kommt mir dies Bett vor als stände es im Elternhause«
er streckte dem Diener die Hand entgegen »ruhe auch du mein Alter dir tut
es nicht weniger not als mir und für die Zukunft vertrauen wir unserm alten
Glück«
Am andern Morgen wurde der Gast spät sichtbar Henriette traf ihn im Zimmer
des Vaters er grüßte sie artig und sprach sie an mit der gewöhnlichen
Aufmerksamkeit welche ein Mann von Selbstgefühl der Tochter des Hauses zu
widmen hat dann redete er zum Vater weiter von den Beschwerden des letzten
Feldzuges ruhig und gehalten nur einmal wurde er lebhafter als er seinen
Diener erwähnte »Meinem Alten verdanke ich dass ich nicht im Schnee
zurückgeblieben bin Ich war gestürzt und lag betäubt da wusste er mir ein
Gespann zu verschaffen er hatte es nicht ohne Kampf mit anderen armen Teufeln
gewonnen lud mich darauf und war durch viele öde Meilen mein Fuhrmann«
»Er ist von Ihrem Regiment« fragte der Senior
»Er war Wachtmeister als ich eins hatte es ist dahin hochwürdiger Herr
Der Alte aber und ich gehören noch in anderer Weise zusammen Er ist mein
Pflegevater und wenn ihn diese Eigenschaft bei Ihnen irgendwie empfehlen kann
so bitte ich herzlich lassen Sie es ihm zugute kommen« Das versprach der
Senior bereitwillig und fragte ob er ihn an den Tisch ziehen sollte
»Das würde er auf keinen Fall annehmen« sagte der Oberst »überlassen Sie
ihm selbst sich unterzubringen er versteht gut heimisch zu werden«
»Das ist er schon« versicherte der Senior »und nicht von heut Er findet
auch die alte Magd wieder die er früher mit seinem Französisch unterhalten
hat«
Der Oberst war aufgestanden und betrachtete die Bilder an der Wand dem
Senior war erfreulich dass sein Gast die Erinnerungen an Doktor Luther so
angelegentlich ins Auge fasste
»Ich bin Protestant« sagte der Oberst sich umwendend »und ich bin der
Sohn eines Pfarrers Mein Vater war ein strenger und trübsinniger Mann der
seinen wilden Knaben oft mit Härte behandelte Dem Sohne wurde das Vaterhaus
verleidet und da er einst mit sechzehn Jahren wegen eines kleinen Vergehens
schwere Züchtigung erlitten hatte entlief er in dem kindischen Gedanken sich
allein durch die Welt zu schlagen am liebsten als Soldat Er gesellte sich zu
dem Tross eines Regiments das in den Krieg zog es ging ihm elend was ganz in
der Ordnung war bei einer Retirade wurde er durch den Schlag den ihm ein
Betrunkener versetzte von dem Karren geworfen auf den er hungernd und
erschöpft gekrochen war Wie er so verloren am Wege lag fand ihn ein
Unteroffizier von den leichten Reitern Der Reiter nahm den Knaben mit sich und
gewann ihn lieb wie einen Sohn er wandte auf ihn was er konnte und bat für
ihn bei seinen Vorgesetzten Der Knabe wurde in eine Militärschule aufgenommen
und trat in das Regiment in welchem sein Pflegevater stand Seitdem hat der
Alte ihn behütet und für ihn gesorgt mehr als für sich selbst Sein Pflegekind
ist Oberst geworden und er ist immer noch Wachtmeister Ich hoffe wir beide
bleiben beieinander solange wir leben«
Als er so sprach sah er auf seine Hand Ihr Ring steckte daran Da stand
sie auf und verließ das Gemach
In solcher Weise führten sich die beiden Fremden im Hause des Seniors ein
Der Oberst war fast den ganzen Tag auf seinem Zimmer nur des Mittags und eine
Stunde nach Tische erschien er in der Familie er verstand aber sich in dieser
Zeit die gute Meinung der Eltern zu gewinnen Da er bekannt hatte dass er
Protestant war so wagte der Senior zuweilen einen kleinen Ausflug in Doktor
Luthers Leben und Schriften bei solchen Spaziergängen bewies der Gast eine
bezaubernde Bereitwilligkeit mitzugehen die nicht nur durch den Wunsch zu
gefallen veranlasst wurde Offenbar war ihm selbst diese Art der Unterhaltung
angenehm weil sie ihn an die eigene Knabenzeit erinnerte oder weil ihm solche
liebevolle Hingabe an längst vergangene Zustände etwas Neues war Das Herz der
Mutter gewann er ganz und gar Er war demütig dankbar für jede Freundlichkeit
die er von ihr empfing er wollte nicht leiden dass sie ihm etwas zutrug und
zeigte sich trotz seiner Schwäche stets beflissen ihr ein Aufstehen und einige
Schritte Weges zu ersparen Henriette fragte sich Ist dies die Artigkeit eines
gewandten Mannes oder ist es Gutherzigkeit Bis er einmal als die Frau Pastorin
dagegen protestierte dass er ihr ein Glas Wasser herbeiholte angelegentlich
bat »Erlauben Sie mir das ich habe durch meine Schuld zu früh das Glück
verloren meiner Mutter die Pflichten des Sohnes zu erfüllen und mir ist jetzt
zumute als könnte ich hier das Versäumte nachholen«
Aber auch Henriette vermochte die kalte Förmlichkeit nicht zu behaupten die
sie in den ersten Tagen gegen ihn gezeigt hatte Wenn er in anmutiger
Nachlässigkeit über Wildes und Gefährliches sprach das er erlebt hatte oder
wenn er kleine drollige Geschichten erzählte was er gut verstand und dabei
einmal unbefangen wie ein Kind lachte so musste sie sich selbst zugeben dass er
in solchen Augenblicken wahrhaft liebenswürdig war Sie selbst behandelte er mit
gleichförmiger Artigkeit ohne sie durch auffallende Zuvorkommenheit scheu zu
machen aber in dieser leichten und sicheren Weise lag etwas was ihr Angst
machte er betrachtete sie im Grunde immer als ihm angehörig und sie kam sich
vor wie ein gefangener Vogel der aus dem Bauer in eine geräumige Stube versetzt
ist feste Wände umgeben ihn doch von allen Seiten
Doch ganz unverändert blieb sein Wesen ihr gegenüber auch nicht sie merkte
dass sie ihm gefiel aber sie ahnte nicht wie sehr Wenn sie kam und ging
folgte ihr ein bewundernder Blick wenn sie gesprochen hatte saß er lauschend
als klänge ihre Rede in seiner Seele nach wenn er durch Vater oder Mutter
veranlasst etwas erzählte und lebhaft wurde wandte er sich unwillkürlich an
sie als ob nur sie vorhanden sei Nach einer rauen Woche voll Sturm und Regen
schien die Sonne warm an die Scheiben da ging er zum erstenmal hinaus in den
Garten und wie er wieder in das Zimmer trat überreichte er ihr ein
Schneeglöckchen und sagte dabei »Erlauben Sie dass ich den Raub von den Beeten
an die Herrin zurückgebe Es ist ein guter Name den die Blume im Deutschen hat
wenn das Glöckchen geläutet hat stellt sich nach und nach die ganze Gemeinde
auf den Beeten ein Lassen Sie mich hoffen dass auch mir nach dem ersten
winterlichen Gruß hier eine wärmere Neigung erblühe« Henriette hatte keine
andere Antwort als eine stumme Verneigung aber in ihrem Zimmer schritt sie
unruhig auf und nieder Was hatte sie auf sich genommen So durfte das nicht
fortgehen die Not wurde größer als sie je gewesen von den Eltern hatte sie
keine Hilfe zu erwarten sie selbst musste dem Fremden jede Hoffnung benehmen
Aber ihr bangte vor der Stunde
Während sich in dem Pfarrhause ein stiller Kampf vorbereitete fuhr draußen
in Stadt und Land der Frühlingssturm durch die Seelen Der König war in die
Provinz gekommen das Volk rüstete zum Kampf
Der Senior hatte in seinem Zartgefühl zum Gast nie über das Große
gesprochen was draußen in der Welt vorging Besuch von Bekannten hatte sich
nicht eingestellt und die Familie lebte so allein als wäre mit dem Pfarrdorf
auch die ganze Umgegend in eine Wüstenei verwandelt Der Senior wunderte sich
zuletzt darüber und sagte zur Tochter »Auch keiner von den Amtsbrüdern lässt
sich sehen«
»Weil der Franzose bei uns wohnt« antwortete Henriette traurig »Das Haus
ist den Nachbarn verleidet«
»Von seiner Krankheit ist doch Ansteckung nicht mehr zu befürchten« sagte
der Vater »und wenn die Leute mit dem Obersten bekannt wären würden sie über
den freundlichen Mann anders urteilen«
Sooft die Zeitung in die Pfarre kam bat der Oberst darum und brachte sie
schweigend zurück Es stand wenig darin er las doch daraus dass er in Gefahr
sei Kriegsgefangener zu werden Das sagte ihm auch sein Begleiter »Als am
Sonntag die Glocken läuteten trat ich in den Garten mir das Bauernvolk hier zu
betrachten Da drängten sie sich an die Mauer und viele sprangen hinauf sahen
mich tückisch an schrien und ballten die Fäuste Die Luft ist schwül mein
Oberst es wird Zeit dass wir davonreiten«
»Warte ab ich habe hier einen wilden Vogel gefunden den ich mir zähmen
will für unser Haus«
»Wo ist Ihr Haus mein Oberst Das Zelt ist es und der blaue Himmel Der
Kaiser braucht uns«
»Gut mein Vater ich denke daran Zürne mir nicht wenn ich auch einmal um
ein friedliches Glück sorge Mir ist es noch nie so gut geworden und ich könnte
den ganzen Tag bei dem Mädchen sitzen ihr die Maulwürfe wegfangen und die
Giesskanne tragen«
»Wahren Sie sich nur mein Oberst dass Ihnen die Demoiselle Gärtnerin nicht
das kalte Wasser ins Gesicht gießt Sie hat kein gutes Herz für uns Franzosen«
»Meinst du Alter Ich bewahre woran ich festalte«
Henriette trug dem Vater ihre Wochenrechnung vor »Der Oberst macht es dir
doch schwer die Wirtschaft zu führen« sagte der Senior bedenklich »wenn nur
nicht der tägliche Wein wäre für ihn und auch für den Alten das letztere ist
doch wohl nicht nötig«
»Du weißt wie lieb ihm sein Begleiter ist« antwortete die Tochter
»Das ist schon recht aber wo das Geld hernehmen«
»Der Wein ist zu Ende ich setze heut die letzte Flasche auf Der Knecht muss
nach der Stadt neuen holen«
»Meine Kasse ist leer« sagte der Senior gutlaunig zog eine Schublade auf
und untersuchte vergeblich
»Meine Sparbüchse auch« antwortete Henriette »Die drei Dukaten Patengeld
sind drauf gegangen«
»Was aber tun« überlegte der Vater Er sah die Tochter zweifelhaft an
»Dort in der Ecke liegen immer noch die Geldrollen jetzt meine ich dürfen wir
ohne Bedenken etwas davon nehmen es ist ja zu seiner Bequemlichkeit«
»Nein mein Vater« bat Henriette »die Summe gehört nicht uns und nicht
ihm und wir dürfen uns daran nicht vergreifen«
»So schaffe Rat« sagte der Senior ein wenig ärgerlich Henriette strich ihm
bittend an die Schulter »Von dem Silberzeug brauchen wir nur ein halbes
Dutzend die Hälfte ist unnütz und im Notfall können wir die schwere Kelle auch
entbehren Ich fahre selbst nach der Stadt und kaufe Zinn«
»Lieber Gott« klagte der Pastor »man soll ja sein Herz nicht an Dinge
hängen welche Motten und Rost fressen aber dies war die Ausstattung als ich
deine Mutter heiratete Diese Stücke sind mit uns alt geworden Wie wird deine
Mutter das ertragen«
»Sie sitzt in der Kammer und weint sie hat aber nichts dawider Ich will es
geschickt machen denn der Oberst darf nichts davon merken«
»Das versteht sich« bestätigte der Vater
Der Wagen des Landrats fuhr vor Als er eintrat wollte Henriette sich
entfernen
»Mich führt nichts Geschäftliches her« begann der Landrat sie aufhaltend
»es ist eigentlich nur eine Bitte die ich an den Herrn Senior zu richten habe
Am nächsten Sonntage soll der Aufruf des Königs An mein Volk von den Kanzeln
verkündet und eine patriotische Mahnung daran gefügt werden Als alter Bekannter
erlaube ich mir den Vorschlag dass Sie an diesem Tage einer großen Aufregung
einem andern Amtsbruder den Gottesdienst und die Verkündigung übertragen«
»Weshalb Herr Landrat« fragte der Pastor betroffen
»Ein vornehmer Franzose weilt als Gast in Ihrem Hause« erwiderte der
Beamte »Ich weiß dass er von unserer Regierung nicht als Gefangener betrachtet
wird und ich kann mir denken dass Bande zarter Verpflichtung Sie veranlassen
ihm in Ihrem Hause eine Freistätte zu geben Aber ich meine es wird Ihnen
selbst unter diesen Umständen peinlich sein von Ihrer Kanzel der Begeisterung
und dem tiefen Hass welcher in unserer Bevölkerung gegen die Franzosen lebt
wirksamen Ausdruck zu geben«
»Herr Landrat« versetzte der Senior mit zitternder Stimme »unser Erlöser
hat geboten Liebet eure Feinde Hass vermag ich nicht in meine Seele zu bringen
noch weniger von der Kanzel zu predigen Aber ich bin ein Preuße und meinem
Könige treu ergeben und wenn Krieg für die Rettung des Vaterlandes notwendig
geworden ist so werde ich in meinem Amte meine Pflicht tun wie jeder andere
Amtsbruder«
Nicht ohne Verlegenheit widersprach der Landrat »Auch wenn Sie selbst das
Wünschenswerte mit warmen Worten sagen können so besorge ich würde die
Wirkung auf Ihre Gemeinde nicht die richtige sein Es wäre wohl möglich dass in
diesen Tagen leidenschaftlicher Erregung durch die Heftigkeit einzelner
Mitglieder der Gemeinde ein Misston in die heilige Feier käme der Sie selbst am
tiefsten verletzen würde«
Der Senior setzte sich in seinen Stuhl und faltete die Hände »Gott mein
Herr hast du mich vor sieben Jahren darum aus den Händen der Mörder errettet
damit ich diese Demütigung erlebe«
Die Tochter beugte sich über ihn »Trage auch diese Prüfung geliebter
Vater« Sie griff in den Schreibtisch hob die Geldrollen heraus und legte sie
vor dem Landrat auf den Tisch »Diese Summe haben Sie vor Jahren meinem Vater im
Auftrage einer fremden Regierung überbracht sie ist unberührt geblieben wie
sie damals war Der Vater hob sie auf bis zu dem Tage wo er sie hingeben könnte
für einen patriotischen Zweck Jetzt wird zu freiwilligen Gaben für Ausrüstung
des Heeres aufgefordert werden ich bitte Sie als unsern Beitrag dies
hinzunehmen Andere mögen mehr geben es ist das letzte Geld welches der Vater
im Hause hat«
»Ich darf Ihre Gabe nicht ablehnen« sagte der Landrat selbst bewegt durch
den Schmerz des Vaters und der Tochter »Ich hoffe sie wird den falschen
Argwohn tilgen der sich gegen Sie erhoben hat Noch habe ich für Ihren Gast
dies amtliche Schreiben abzugeben«
Als der Senior seine Fassung so weit wiedergewonnen hatte dass er dem
Obersten den Brief zu überreichen vermochte brach dieser schnell das große
Siegel auf und bemerkte vor Freude über den Inhalt nichts von der
Niedergeschlagenheit des Hausherrn Er fand einen Freipass der Militärbehörde zur
Reise nach Frankreich mit einer kurzen Zuschrift des Grafen Götz in welcher
gesagt war dass der humane Beistand welchen der Oberst in dem letzten Kriege
preußischen Untertanen mit eigener Gefahr geleistet habe die Veranlassung
geworden sei ihn wahrend seiner gegenwärtigen Krankheit mit seinem Begleiter
nicht als Kriegsgefangenen zu behandeln Der Oberst wies verwundert das
Schreiben dem Senior »Wem verdanke ich diese Gunst« Aber der Senior wusste es
nicht
»Da mein treuer Sergeant mit angeführt ist muss Ihre Regierung genau mit dem
Sachverhältnis bekannt sein«
»Wir haben Sie beim Landrat angemeldet« suchte der Pastor zu entschuldigen
Aber es gelang doch nicht dem Gast die Verlegenheit der Familie ganz zu
verbergen was die Herrenstube verschwieg kam in der Küche heraus Zwischen dem
alten Franzosen und der Dienstmagd Susanne bestand ein gutes Einvernehmen Der
Sergeant half ihr soweit seiner Würde geziemte bei der Küchenarbeit war immer
genügsam und gutlaunig Und es blieb ein stilles Verhältnis denn keines
verstand viel von der Rede des andern der Franzose aber etwas mehr als Susanne
da er auf seinen Kriegsfahrten allerlei fremde Worte erbeutet hatte Wie nun am
Nachmittage das Fräulein in die Stadt gefahren war und Susanne betrübt am Herde
saß und die Augen mit der Schürze wischte fragte der Sergeant unruhig in seinem
gebrochenen Deutsch »Demoiselle Susanne weshalb sind Sie heut traurig« Da kam
etwas von einer silbernen Kelle und dem Weine heraus was der Alte verstand Als
am Abend der Oberst seinem Vertrauten erzählte dass ein Freipass für sie beide
angelangt sei sagte der Alte feierlich »Es ist Zeit für Sie mein Oberst den
Pass zu gebrauchen die Rücksicht auf diese armen Leute hier zwingt dazu« und er
berichtete seinem Herrn das Geheimnis der Küche Der Oberst war betroffen aber
die Nachricht machte ihm mehr Freude als Sorge Solche Opfer brachte man nur
einem Gaste den man sehr wert hielt und Henriette selbst machte den Weg um
ihm das Behagen des Mittagstisches zu erhalten so dass er dem Alten sagte »Du
weißt mein Vater dass die Oberstin Dessalle in keinen dürftigen Haushalt tritt
und dass es unsere Sache sein soll ihr was sie jetzt hingibt tausendfach zu
ersetzen« Der Alte schüttelte schweigend den Kopf
Am nächsten Morgen ging der Oberst im Garten auf und ab als Henriette aus
dem Hause kam Sie wich der Begegnung nicht aus sondern erwartete gehoben
durch den Willen eine Entscheidung herbeizuführen seine Anrede »Ich fürchte
schon zu lange Ihre Gastfreundschaft in Anspruch genommen zu haben lassen Sie
als Entschuldigung gelten dass es mir sehr schwer wird von hier zu scheiden Es
war mein Los unablässig im Getümmel des Krieges herumgeworfen zu werden Die
gleichförmige Tätigkeit Ihres Haushaltes der Frieden hier und die gute
Gesinnung gegen alle Welt sind für mich ein neues Glück und mir ist als würde
man hier zufriedener und besser«
»Sie sind in der Genesung« antwortete Henriette »und dies Gefühl macht
weich und zufrieden«
»Es ist noch etwas mehr mein Fräulein es ist Ihre Nähe« er lud sie mit
einer Handbewegung ein auf der Bank Platz zu nehmen Dort hatte ein anderer
neben ihr gesessen sie ging vorüber und führte zu der Sommerlaube Noch fehlte
den Ruten des Geissblattes das grüne Laub und die Strahlen der ersten
Frühlingssonne fielen grell auf den Erdboben »Ich bin Ihnen eine Erklärung
schuldig« begann der Oberst »dass ich dem Wunsch Ihres Vaters der mir in
fernem Lande zukam nicht entsprochen habe Ihr Ring den ich an meinem Finger
trage ist für mich bedeutungsvoll geworden ich betrachte ihn mit einer Art
Aberglauben und sorge mein gutes Glück wird von mir scheiden wenn ich ihn
verliere Das Ereignis welches ihn an meine Hand brachte hat mir zwar Feinde
geschafft aber auch Gunst und Beförderung es gab Veranlassung dass der Kaiser
selbst mir persönlichen Anteil zuwandte und ich weiß dass er auch meine
Beziehungen zu Ihnen kennt«
Das klang selbstsüchtig und Henriette antwortete kalt »Für andere hat jene
Stunde nicht so günstige Folgen gehabt mein Herr«
»Ich stelle meinen Talisman in schlechtes Licht« fuhr der Oberst fort
»wenn ich an ihm nur rühme dass er Gunst und Gnade gebracht hat Ich verdanke
ihm viel Besseres Der Gedanke daran dass er mich in eine geheime Verbindung mit
Ihnen gesetzt hat ist mir zuweilen in Stunden der Versuchung ein Schutz
gewesen oft dachte ich in der Fremde wo ich Gefahr und Jammer sah an die Not
Ihres Hauses und an die Hilflosigkeit in welcher ich Sie holde Henriette und
Ihre Eltern fand und wenn mir hier und da gelang ein gutes Werk zu tun so bin
ich Ihnen dafür zu Dank verpflichtet In einem spanischen Dorfe waren
französische Soldaten grausam ermordet worden meine Leute hatten einen
Einwohner ergriffen und an den Baum gebunden um ihn zu füsilieren Sein Weib
warf sich vor mir nieder und umfasste meine Knie Ich war in Empörung gerade wie
meine Reiter und ich wollte sie wegstossen da presste sie mir in der Angst die
Hand zusammen und ich fühlte den Druck des Ringes In dem Augenblick sah ich
Sie vor mir am Boden und band den Spanier los nicht ohne eigene
Unbequemlichkeiten denn meine wütenden Reiter wollten sich das Sühnopfer nicht
entreißen lassen Und wie jenen Schelm so hat der Ring auch manches Heimwesen
der Feinde vor der Zerstörung geschützt und vielleicht auch manches junge Weib
vor dem Verderben Ich sage das nicht um mich Ihnen als einen hochherzigen Mann
darzustellen ich bin ein wilder Reiter und ich fürchte das lange Liegen im
Felde hat in mir verdorben was der Mensch in friedlichen Verhältnissen leichter
bewahrt Es war nicht mein Verdienst sondern das Ihre wenn ich in diesen
Jahren eines unaufhörlichen Blutvergiessens gern daran dachte dass es auf Erden
ein Glück gibt das ich entbehren muss
Weib Kind geordnetes Hauswesen und das redliche Leben eines honetten
Mannes der seine Pflicht erfüllen kann ohne täglich anderen wehe zu tun Je
länger mich mein Schicksal aus einem Feldzuge in den andern führte um so
lebendiger wurde der Traum und um so heißer die Sehnsucht nach einem stillen
Glück an Ihrer Seite Wenn ich müde saß am flackernden Feuer vor meinen Augen
das Gewühl des Biwaks in meinem Ohr das Stöhnen der Verwundeten da klang es in
mir wie das Geläut dieser Kirche und wie eine fromme Mahnung dass auch mir eine
andere und bessere Zukunft bereitet sei« Seine Rede war lebhafter geworden er
sprach das letzte in großer Bewegung
Henriette sah scheu nach ihm hinüber »Es war die Sehnsucht nach Erlösung
von einem schrecklichen Berufe was Sie beschäftigte Herr Oberst aber es war
nicht das fremde Mädchen das Sie nur einmal gesehen«
»Vielleicht war es früher so« antwortete der Franzose »jetzt ist es mehr
Seit ich hier verweile und das Glück habe Sie täglich zu sehen die Sicherheit
zu sehen mit der Sie sich in Ihrem Kreise bewegen und den Stolz mit dem Sie
meiner Werbung begegnen seitdem fühle ich mit jedem Tage mich fester in Ihren
Banden Ich weiß jetzt dass ich ein glücklicher Mann wäre wenn Sie sich
entschließen könnten mich mit Zuneigung zu betrachten« Henriette stand auf
»Aus der Phantasie ist eine Leidenschaft geworden holde Henriette« fuhr er
heftig fort »und der Gedanke ist mir unerträglich dass ich Sie verlieren
sollte«
»Und wenn alles wahr ist was Sie sagen« rief Henriette »haben Sie in
diesen Jahren nie daran gedacht wie das Mädchen unterdes gelebt hat dem Sie im
Spiele Ihrer Gedanken eine Neigung zuwandten Durch Zwang haben Sie mich an sich
gebunden nach meinen Gefühlen aber nicht gefragt seitdem habe ich lange Jahre
die bittere Demütigung getragen wie eine willenlose Sklavin an einen fremden
Mann gekettet zu sein Hassen kann ich Sie nicht denn Sie haben in Ihrem wilden
Mute mich und meinen Vater geschützt die Neigung aber welche Sie fordern
finde ich nicht in meiner Seele und die Frau des Obersten Dessalle kann ich
niemals werden«
Der Oberst stand auf »Ich verstehe« sagte er »Sie sind eine Deutsche und
wie hier im Lande die Stimmung ist sehen Sie in mir den Franzosen Sie werden
mir das Zeugnis nicht versagen dass ich die Gefühle einer deutschen Frau während
meiner Anwesenheit gewürdigt habe Aber die feindliche Spannung welche jetzt
zwei Nationen gegeneinander bewaffnet wird nicht dauern in wenig Monaten ist
der Zwist zwischen meinem Kaiser und Ihrem Könige entschieden Schnell wechselt
auch bei den Regierungen Genossenschaft und Abneigung Zürnen Sie mir deshalb
nicht schöne Henriette wenn ich Ihnen erkläre dass ich Sie wegen Krieg und
Frieden der Völker nicht aufzugeben vermag Hatte ich Sie vorschnell mit mir
verbunden so bin ich seitdem älter geworden und habe den Wert dieses Erwerbes
erkannt und ich bin entschlossen alles zu wagen um Sie mir für die Dauer
meines Lebens zu gewinnen«
Henriettens Gestalt hob sich höher die mädchenhafte Scheu war abgetan »Sie
rühmen die Rücksicht die Sie mir bewiesen haben Herr Oberst und doch wollen
Sie zu dem alten Zwang einen neuen fügen und die Genugtuung die Sie mir geben
wollen soll die sein dass Sie mich auf eine Zukunft verweisen wo Ihre Werbung
mir besser gefallen müsse Meinen Sie dass solche Selbstsucht Ihnen das Herz
eines Weibes gewinnen kann Sie handeln nicht edel an mir und nicht wie ein
Mann von Ehre gegen ein Weib handelt zu dem er eben erst von seiner Liebe
gesprochen«
»Henriette« rief der Oberst unwillig
Sie fuhr sich über die Stirn »Nein verzeihen Sie mir das ist die Sprache
nicht die mir gegen meinen Retter geziemt nur bitten darf ich und Sie an das
erinnern was Sie mir von Ihrer freundlichen Gesinnung gegen mich gesagt Bin
ich Ihnen etwas wert und hat Ihnen jemals der Gedanke an mich wohlgetan so
flehe ich dass Sie jetzt nicht auf einem Anspruch bestehen der mich jeden Tag
unglücklich macht weil er mich demütigt und meine Zukunft in schwarzes Dunkel
hüllt Geben Sie mir meinen Ring zurück Einmal haben Sie mich zu Ihren Füßen
gesehen ist es eine Befriedigung für Sie so will ich wiederum vor Ihnen
niederfallen und die Knie meines Retters umfassen damit Sie die Fessel lösen
durch die ich an Sie gekettet bin« Sie beugte sich in ihrer Leidenschaft
abwärts Bestürzt wehrte ihr der Oberst »Sie lieben einen anderen mein
Fräulein« rief er
Henriette richtete sich auf »Vielleicht« sagte sie tonlos
»Jetzt begreife ich Ihren Widerstand Mademoiselle« versetzte der Franzose
bitter »Aber vergessen Sie nicht dass der Ring welcher Sie zu meiner Verlobten
gemacht hat auch mir noch andere Träume als die eines idyllischen Stillebens an
Ihrer Seite wachruft Jener Bayer der in der Ecke Ihres Hofes liegenblieb war
nicht der einzige Noch zweimal habe ich seitdem mit Kameraden des Toten ein
ähnliches Zusammentreffen gehabt es hängen für mich auch finstere Erinnerungen
an dem Reif die mein Leben belasten Ich habe blutigen Preis für ihn bezahlt
und ich ersehne auch deshalb die Nähe der geliebten Gattin damit sie mir mit
ihrer weichen Hand düstere Gedanken von der Stirne scheuche Zürnen Sie also dem
Egoismus des Mannes nicht zu sehr wenn er fortfährt gegen jeden anderen sein
Anrecht auf Sie zu verteidigen«
Er wandte sich dem Hause zu Henriette lehnte an dem Pfosten der Laube und
starrte vor sich hin
Sie war den Tag über für den Gast nicht sichtbar die Eltern entschuldigten
ihre Abwesenheit mit Unpässlichkeit Am Abend erklärte diesen der Oberst dass er
genötigt sei morgen abzureisen und bat um den Wagen bis zur Poststation Da
der nächste Tag ein Sonntag war sagte der Senior mit vielem aufrichtigen
Bedauern über die Abreise der Wagen stehe sogleich nach dem Gottesdienst zu
seiner Verfügung
Als die Glocken läuteten bereitete sich Henriette nach einer schlaflosen
Nacht zur Kirche zu gehen Wie sie aus dem Garten auf den Friedhof kam standen
die Dorfleute in dichten Haufen aber sie boten dem Pfarrkinde nicht wie sonst
freundlichen Gruß sondern wendeten sich scheu zur Seite Von allen gemieden wie
eine Unreine schritt sie in das Gotteshaus zu ihrem Sitz
Der fremde Geistliche predigte über die Pflichten gegen das Vaterland Nach
der Predigt las er den Aufruf des Königs an sein Volk von der Kanzel vor und
sagte mit bewegter Stimme »An euch ergeht heut der Ruf verlasst Pflug und Hof
verlasst Eltern und Kinder Weib und Braut Hier im Tempel des Herrn vor
versammelter Gemeinde gebt Zeugnis dass ihr Männer seid bereit zum Kampf und
wenn der Herr gebeut zum Tode für die Freiheit eures Vaterlandes damit ihr und
eure Angehörigen nicht im Elend der Knechtschaft dahinlebt unter der Geissel des
bösen Feindes Da ich heut an dieser heiligen Stätte zu euch rede habe ich das
Recht als erster meinen eigenen Namen zu nennen ich bin bereit mit Bibel und
mit Waffen hinauszuziehen in den Krieg und wer tun will wie ich der erhebe
sich und nenne im Hause Gottes vor den Ohren der Nachbarn und Anverwandten laut
seinen Namen« Da entstand tiefe Stille dass man das Rauschen eines Blattes
durch die ganze Kirche hören konnte Ein junger Mann stand auf und rief seinen
Namen und ein Gemurmel welches klang wie ein leises Gebet ging durch die
Gemeinde Denn dieser erste war der einzige Sohn einer armen Witwe Wieder
schallte ein Name und wieder summte der leise Ton andächtiger Freude durch den
Raum dieser war ein prächtiger Bursch voran bei allen Freuden der Jugend und
ein Liebling der Mädchen Ein neuer Name und lauter rauschte es unter den
Hörern der sich jetzt darbot war verheiratet und sein junges Weib saß auch in
der Kirche mit bleichem Antlitz die Augen nach dem Kreuz auf dem Altar
gerichtet und neben ihr saß ein kleiner Knabe Neue Namen erklangen schneller
nacheinander und zu zweien Als sich eine ganze Reihe gemeldet hatte hörte
Henriette eine Stimme die ihr alles Blut zum Herzen drängte denn neben ihr
schallte laut durch den Raum der Name Ernst König Sie sah an ihrer Seite den
Geliebten stehen und blickte mit einer heiligen Freude zu ihm auf Er wandelte
ihr den Tag der Demütigung in einen Tag der Ehren denn um ihretwillen war er in
die fremde Gemeinde gekommen damit auch sie heut ein Recht erhalte das
Liebste was sie hatte zum Opfer zu bringen
Als die Rufe verhallt waren stieg der Geistliche von der Kanzel schritt
zum Altar und forderte die Freiwilligen auf heranzutreten damit er mit ihnen
bete Sie kamen herzu jeder begleitet von seinen Angehörigen neben dem armen
Burschen ging die weinende Mutter und neben dem Ehemann seine Frau und der Mann
hielt seine Hand auf dem Kopf des Kindes Da erhob sich auch Henriette und trat
neben dem Geliebten zum Altar alle knieten nieder der Prediger betete und
erteilte ihnen den Segen Es war einfacher Gottesdienst ohne Pracht der Worte
im Dämmerlicht der alten Dorfkirche und wie in dieser einen in vielen hundert
anderen
Langsam schritten die Leute aus der Kirche und sammelten sich auf dem
Friedhofe um die Männer welche am Altar eingesegnet waren Als der Doktor neben
der Pfarrtochter herauskam drängten die Bauern mit achtungsvollem Gruß an beide
heran denn auch in den Dörfern dieser Gemeinde wussten viele dass der Doktor
seit Jahren ein Führer der stillen Arbeit für das Vaterland gewesen war und es
freute sie dass er in ihrer Kirche Zeugnis abgelegt hatte Neben Henriette aber
ging auf der anderen Seite das Bärbel welches wusste wie der Gespielin heut
zumute war und vor den Leuten seine Freundschaft beweisen wollte
An der Haustür stand der Oberst zur Abreise gerüstet er erwartete
Henriette um sie noch einmal zu sprechen Als sie vom Friedhofe her an der
Seite eines anderen herankam beide mit verklärtem Antlitz so feierlich dass
man ihnen ein gemeinsames Glück ansah da zog sich das Angesicht des Franzosen
drohend zusammen und mit schnellen Schritten auf den Doktor zutretend begann
er »Mein Herr jetzt verstehe ich den Widerstand meiner Verlobten und die
Abneigung mit der Sie selbst Ihren Beruf ausübten während ich krank war War
ich Ihnen bis heut Dank schuldig so vermag ich von dieser Stunde in Ihnen nur
den Todfeind zu sehen der zwischen mir und einem Weibe steht welches ich als
meine künftige Gattin betrachte«
Der Doktor entgegnete ruhig »Ich komme von einer Stelle wo ich mein Leben
einem größeren Kampfe geweiht habe als der Streit mit einem persönlichen Feinde
ist und in meiner Seele ist zu dieser Stunde kein Raum für Hass und Rachsucht
Dass die Ansprüche aber welche Sie an die Hand dieses Fräuleins erheben nichtig
sind und dass Sie unehrenhaft und ruchlos handeln wenn Sie dieselben gegen den
Willen des Fräuleins geltend machen wollen davon werde ich Sie zu überzeugen
suchen sobald wir beide frei sind von der Pflicht welche uns jetzt zwei
feindlichen Heeren zuführt«
»Es ist genug« sagte der Oberst nachlässig an seinen Pallasch rührend und
sich zu Henriette wendend fuhr er fort »Mein Schicksal will es Fräulein dass
ich wie ein irrender Reiter den Weg zu Ihrer Gunst durch Abenteuer erkämpfen
soll der Kampfpreis wird dadurch für mich um so wertvoller Leben Sie wohl
schöne Henriette ich halte fest an meinem Traum« Er hob den Finger welcher
ihren Reif trug verneigte sich tief vor ihr und trat in das Haus zurück
Im nächsten Augenblick rollte der Wagen zum Hofe hinaus die Jungfrau aber
legte ihre Hand in die des Geliebten »Ich habe ihm gesagt dass ich niemals sein
Weib werde Seit ich heut am Altar neben Ihnen stand fürchte ich ihn nicht
mehr auch für Sie nicht mehr mein Freund«
Bei einem späteren Besuch sagte Bärbel zu Henriette »Als die beiden mit
Worten gegeneinander kämpften überkam mich ein Graulen Unser Hiesiger war
größer und der Fremde dunkler und geschmeidiger aber in Angesicht und Gebärde
war einer dem andern ähnlich«
Henriette antwortete nicht aber sie blickte so traurig und erschrocken auf
die Vertraute dass Bärbel dachte Sie weiß es auch und sie hat deshalb vor dem
Fremden heimliche Angst gehabt
Ins Feld
Während von der ungeheuren Sturmflut des Jahres nur einzelne Wellen nach dem
einsamen Pfarrhofe schlugen brach in der Kreisstadt der Strom durch beide Tore
er rauschte auf dem Markte und auf den Gassen und drang in alle Häuser und
Herzen
Zuerst kamen die flüchtigen Überreste des großen Heeres einzeln und in
Haufen schlichen sie durch das Tor halb verhungert und halb erfroren entblößt
und in Lumpen auch das Schuhwerk gerade so wie ihnen prophezeit war zerstörte
Leben die dem Untergange verfallen waren selbst nach ihrer Rettung aus der
Faust der Feinde In dem Entsetzen über das schreckliche Gottesgericht schwand
der Hass womit der Bürger sie kommen sah
Nicht lange und russische Reiter folgten Da die ersten mit ihren langen
Bärten auf kleinen struppigen Pferden zum Ringe ritten geriet die Stadt vor
Freude außer sich Alles lief herzu und umdrängte die Wilden die Kinder fassten
sie an den Beinen und die Frauen streichelten ihre Pferde Nur zwei Verbündete
der Einnehmer und sein geheimer Ratgeber betrachteten die neuen Freunde
ruhiger der Verehrer deutscher Poesie brummte »Die einen gingen die andern
kamen dasselbe Ding mit neuem Namen« und Schilling sagte zu seinen Leuten
»Wenn ihr ihnen die Hände schüttelt so haltet die Arme steif damit sie euch
nicht zu nahe auf den Leib rücken denn die Moskowiter tragen Unzähliges an
sich was kriecht und springt« Als nun vollends die Baschkiren einrückten
spitze Filzmützen über den bartlosen gelben Gesichtern und schräggeschljetzten
Augen bewaffnet mit Flitzbögen und Pfeilen um den Bonaparte wie einen Sperling
vom Baume zu schießen da staunten die Städter in heller Bewunderung die
fremdartige Kriegsmacht an und kamen sich selbst vor wie Prinzen in einem bunten
Märchen während das Heidenvolk auf ihrem Ringe große Feuer anzündete und Stroh
breitete um darauf zu lagern
Unterdes lief aus der Hauptstadt eine Botschaft nam der andern herzu welche
die Landsleute noch näher anging seit ihr König zu ihnen gekommen war
erkannten sie dass der Tag da war Sechs Jahre hatten sie auf diese Zeit
geharrt und immer war ihr Hoffen getäuscht worden als jetzt endlich der
Kriegsruf in ihr Ohr schmetterte war es keine Überraschung sie wussten bereits
was sie zu tun hatten und rüsteten feierlich und still zum Aufbruch Nur hier
und da quoll es aus den übervollen Herzen auffällig hervor Der alte Trommler
der Bürgerschützen welcher seit einem Menschenalter bei den Festen der Stadt
mit seinen Schlägen wirbelte wurde von diesem Geist der Zeit ergriffen seine
Nachbarn hörten in Stunden wo sie der Ruhe pflogen ganz in der Nähe den
Sturmmarsch dröhnen und wenn sie auf die Gasse liefen war nichts zu sehen bis
sie endlich in das Fenster des Alten hineinlugten Da ging der Nachbar auf
seinen Dielen in die Runde hatte die Trommel umgehängt und schlug nach
Leibeskräften sich selbst zur Befriedigung
Steinmetz war seines Dienstes auf dem Ratsturme längst enthoben und nur noch
Anführer der Stadtmusik aber er bewahrte dem Turme dessen Uhr er aufzog eine
innige Zuneigung Als der königliche Aufruf bekannt wurde ging er ohne jemand
zu fragen mit seiner Musik in der Mittagsstunde auf den Turmkranz und blies
dort zwischen Himmel und Erde eine ganze Stunde lang Was er blies waren alles
Choräle
Die Jugend der Straße jedoch welche seit dem Eintritt der Kosaken mit
Heldenmut singend und pfeifend auf den Gassen umherschwärmte hatte sich als
Feld für ihre kriegerische Tätigkeit den Platz vor dem Hause des
Kommissionsrates ausgewählt Dort veranstaltete sie jeden Abend unerfreuliche
Ständchen und es nützte nichts dass der Beunruhigte die Ratsdiener und
Stadtsoldaten zu Hilfe rief denn die behenden Musiker verschwanden sobald die
bewaffnete Macht sich näherte und waren nach dem Abzug derselben wieder da so
dass der Kommissionsrat endlich mit seiner Familie zu einem Bekannten auf das
Land zog »Jetzt ist auch mein Zopf gerächt« sagte der Einnehmer
Es war natürlich dass die alte Kriegskraft der Stadt welche ins Zivil
versetzt war am meisten von der Bewegung ergriffen wurde Major von Henner ließ
seine alte Uniform aus dem untersten Grunde seiner Truhe heraufholen und setzte
die Stadt in Verwunderung als er fortan nur in einem seltsamen blauen Rock aus
der Zeit des Alten Fritz sichtbar wurde Auch in der Finsternis machte ihn schon
auf mehrere Schritte ein starker Lavendelgeruch kenntlich welcher die Uniform
durch zwanzig Jahre gegen die Motten verteidigt hatte Nun konnte zwar der Major
die neumodischen Rüstungen nicht billigen und verbarg auch seine Kritik durchaus
nicht aber er neigte sich doch allmählich einer milderen Auffassung zu seit er
von der Kommission des Kreises ersucht worden war als Ehrenmitglied an dem
Ausrüstungsgeschäft teilzunehmen und arbeitete mit dem Feuer eines Jünglings an
der Sache
Vollends der Hauptmann war im Nu ein anderer geworden Jahrelang hatte er
mit der Welt und seinem Schicksal gegrollt jetzt schritt er hochaufgerichtet
unter den Bürgern in neuer Uniform einher grüßte freundlich und empfing
achtungsvollen Gegengruss denn er war zum Führer einer Landwehrkompanie ernannt
Es ist wahr eine andere wäre ihm lieber gewesen Dennoch war der Abend an
welchem er sein Patent empfing der glücklichste seines freudenarmen Lebens Er
trat ohne Worte zu machen vor das Bild seines Vaters und sah es mit starren
Augen an bis die Schwester herzukam und ihn umarmte da brach der finstere Mann
in die Worte aus »Ich hätte mich in dieser Zeit erschossen wenn du nicht mein
Trost gewesen wärst« und hielt das kleine Fräulein fest als wäre sie der Fels
im Meere und er ein Schiffbrüchiger
Als am Sonntage nach dem Gottesdienst die Freiwilligen aufgefordert wurden
und viele Augen den Doktor vergebens suchten erhob sich der Bürgermeister vor
der Gemeinde und verkündete »Der Name den wir alle zuerst erwarten wird heute
in einem anderen Gotteshause unserer Gegend gerufen ich bin ermächtigt dies zu
erklären« Den nächsten Tag aber war der Doktor zur Stelle und sammelte aufs
neue seine Mannschaft Nicht jeder der sich vor Jahren verpflichtet hatte
vermochte zu kommen dafür fanden sich jüngere ein Auch die gute Ordnung und
Einheit mit welcher früher der Graf die Rüstungen geleitet hatte war nicht zu
behaupten es ging in der Hauptstadt tumultuarisch und eigenmächtig zu und die
Freiwilligen meldeten sich zu verschiedenem Dienst Endlich durfte auch dem
regelmäßigen Heere und einer Landwehr welche neu errichtet werden sollte nicht
zu viele Kraft entgehen Darum verteilte sich die Kompanie des Doktors in
verschiedene Truppenteile er selbst aber wurde von den Vertretern des Kreises
festgehalten und in ihren Rat gezogen Denn das ganze Geschäft der Rüstung und
der Lieferung wurde durch drei kluge Männer geleitet und diese waren der
Kammerherr als Stellvertreter des Landrats unser Bürgermeister und Krause
Vertreter der Bauernschaft
Fast noch eifriger als die Männer sorgten die Frauen Auch sie bildeten
einen Ausschuss Vorsitzende wurde natürlich die Bellerwitz und die Tätigste
Minchen Buskow Die Kammerherrin kam jetzt alle Wochen in ihrer Kutsche zur
Stadt und Minchen eilte unermüdlich von Haus zu Haus und erbat Decken Wäsche
altes Linnen und was irgend sonst durch Frauenhände bei Aufstellung eines Heeres
vorgesorgt werden konnte Wer weiblich war oder sonst kleine geschickte Hände
hatte nähte Hemden schnitt Binden und zerzupfte die Fäden alter Leinwand
Ganze Bollwerke von Scharpie wurden hergestellt und es ist Grund zu der
Annahme dass der große und grausame Krieg nicht imstande war sie aufzubrauchen
Nachdem die Freiwilligen berufen waren wurde in den Kirchen von Stadt und
Land zu Beiträgen für das Vaterland aufgefordert Das Volk war verarmt ach wie
sehr Die ungeheuren Forderungen des Feindes hatten Hab und Gut verzehrt ein
Missjahr fast ohne Ernte war gerade erst überstanden zuletzt hatten die
Heerhaufen welche nach Russland zogen wie Heuschreckenschwärme vertilgt was
etwa noch in Scheune und Stall zu finden war Dennoch brachten die Leute eifrig
herzu was sie in ihrer Armut entbehren konnten
dabei fand auch der gute Senior die Versöhnung mit seiner Gemeinde Denn der
Landrat hatte in den Dörfern die zur Kirche gehörten anschlagen lassen dass er
am nächsten Sonntage nach dem Gottesdienst selbst den Aufruf vortragen werde
Die Kirche war wieder so voll dass man die Türen nicht schließen konnte der
Senior hielt in großer Bewegung seine Predigt und setzte sich dann nichts
Weiteres ahnend in den Stuhl neben der Sakristei Da trat der Landrat ein
starker Mann der seine Stimme gewaltig erheben konnte auf den freien Platz vor
dem Altar und las den Aufruf so schön dass er gebieterisch in jedes Ohr klang
Als er die Stellen genannt hatte wo man die Gaben abliefern konnte darunter
auch das Pfarrhaus fügte er hinzu »Die erste Gabe hat unser hochwürdiger Herr
Senior selbst in meine Hände gelegt« Und er erzählte dass die Franzosen nach
den großen Verlusten und der Leibesgefahr die der Pastor im vorigen Kriege
erlitten diesem eine Summe zurückerstattet hätten er aber habe das Geld nicht
berührt auch nicht in Zeiten bitterer Not sondern für diesen Tag verwahrt Der
Redner hob die Rollen in die Höhe »So hat er sie vor Jahren erhalten und
unerbrochen gibt er sie zurück« Hierauf nannte er die Summe welche für die
Ohren der Zuhörer sehr groß klang Da saß der Senior während ihn seine ganze
Gemeinde zufrieden oder mit stiller Reue ansah unbeweglich obgleich er im
Innern mächtig erregt war er blickte hinauf zum Balkendach der alten Kirche
und ihm kam vor als ob die Engel dort oben ihren himmlischen Gesang anstimmten
Ehre dem Herrn und Friede hienieden Friede auch zwischen dem Pastor und seiner
lieben Gemeinde
In der Kreisstadt aber wurde bei der Aufforderung zu freiwilligen Gaben
bekanntgemacht dass der Einnehmer Hauptperson für die Annahme sein sollte Dass
er es wurde verstand sich für die Bürger fast von selbst Denn schon vor
einigen Jahren war er der Mann des allgemeinen Vertrauens geworden damals als
jedermann der etwas Silberzeug im Hause hatte eine Steuer vom Lot bezahlen
musste wofür den einzelnen Stücken ein Stempel aufgedrückt wurde Die Enkel
mögen solches Silber liebevoll bewahren zur Erinnerung an die harte Not ihrer
Voreltern Damals hatte mancher seinen stillen Schatz von sechs Kaffeelöffeln
kleinmütig und missvergnügt herzugetragen Herr Köhler war aber sehr freundlich
gewesen vorab gegen die kleinen Leute hatte alles verzeichnet gepackt
versendet und genau zurückgegeben Nur Hutzel den großen Hausbesitzer hatte er
streng behandelt weil dieser nichts brachte als einen Zettel auf dem er die
Zuckerzange und anderes aufgeschrieben hatte und sich entschieden weigerte die
Wertstücke selbst aus dem Versteck ans Tageslicht zu bringen Aber der Einnehmer
hatte ihn doch gezwungen seitdem grollte der Mann mit Herrn Köhler Deshalb war
dieser verwundert als Hutzel jetzt unter den ersten erschien und eine große
Geldrolle auf den Tisch legte »Lassen Sie nachzählen« Und als er seine
Quittung erhalten hatte fragte er »Es kommt doch in die Zeitung Ich bitte zu
bemerken Hausbesitzer und Kirchenvorsteher« So kamen sie alle jeder in seiner
Weise manche die kein Geld hatten boten Getreide und ein Stadtbauer wickelte
aus seinem Tuch eine ungeheure Wurst »Sie ist geräuchert und hält sich« sagte
er um sie dem Vaterlande annehmbar zu machen »denn Geld ist nicht vorhanden«
»Wir wollen versuchen ob wir sie zu Gelde machen können« versetzte der
Einnehmer dankend
Leider darf nicht verschwiegen werden dass diese Annahme freiwilliger Gaben
Veranlassung zu einer Entfremdung zwischen Herrn Köhler und Minchen von Buskow
wurde Schon als das Fräulein in sein Amtslokal trat wurde der Einnehmer
unzufrieden Denn er hatte über diesem Geschäft allmählich eine gewisse
nüchterne und kritische Ruhe erhalten und dachte bei sich Die hätte auch zu
Hause bleiben können Sie aber legte ein kleines Papier auf den Tisch und sagte
bittend »Es sind die Trauringe von Vater und Mutter wir lesen in der Zeitung
dass auch Ringe angenommen werden«
»Gewiss« entgegnete Herr Köhler verbindlich »sie werden nach dem Goldwert
geschätzt und eingeschmolzen Will jemand solche Andenken zum Taxwert
zurückkaufen so steht es ihm frei«
»Das vermag ich aber nicht« sagte das Fräulein die Ringe zum Abschiede
liebevoll betrachtend
»Monatliche Gehaltsabzüge der ganze Betrag auf zwölf Monate verteilt Sie
haben wegen Ihres Gehaltes Kredit die Stadtkasse legt es aus Sie behalten
dieses Andenken an Ihre lieben Eltern und haben es doch gegeben« Er stellte das
so überlegen dar dass Minchen gar nicht zu widersprechen wagte Der Einnehmer
nahm also Goldwaage und Probierstein taxierte die Ringe versprach die Summe
aus der Stadtkasse zu erheben die monatlichen Abzüge von ihrem Gehalt zu
veranlassen und ihr alsdann die Ringe wieder zu übermachen Er besorgte dies mit
Hilfe des Kämmerers und schickte sie mit einem Schreiben desselben zurück
Doch als das Fräulein die Wertstücke wieder in der Hand hielt fiel ihr ein
dass sie ja doch die Ringe hätte geben wollen und dass die Sache nicht in der
Ordnung sei Nun fürchtete sie aber das Missfallen des Herrn Einnehmers zu
erregen wenn sie die Gabe noch einmal brächte deswegen verschwor sie sich mit
Frau Beblow und beredete diese in den ersten Nachmittagsstunden wo Herr Köhler
nicht im Lokal war sondern nur sein vertrauter Schreiber die Reife als Gabe
von einem Unbekannten abzugeben Das konnte nicht auffallen weil auch andere
ihre Trauringe hintrugen Sie Sache war schlau erdacht aber zum Unglück hatte
der vereidete Schreiber der auch als Freiwilliger ausrücken wollte gerade in
seinen Angelegenheiten zu tun Herr Köhler war selbst zur Stelle und Frau
Beblow fiel in seine Hände Er hörte mit Verachtung ihre Ausrede dass diese Gabe
von einem Unbekannten komme denn er hatte die Ringe sofort wiedererkannt und
indem er brummte »Sie ist leichtsinnig und es ist ihr nicht zu helfen« gab er
mürrisch die Quittung Als nun Frau Beblow zurückkam und den unglücklichen
Verkauf berichtete wurde Minchen sehr darüber bekümmert dass der Einnehmer sie
für eine leichtsinnige Person hielt und dass er ihr seine gute Meinung entzogen
hätte Wenn sie seitdem Herrn Köhler begegnete kam ihr vor als ob dieser mit
geringerer Artigkeit grüßte und sie dankte ihm scheu und befangen Das merkte
wieder der Einnehmer und so gerieten die beiden ohne Worte allmählich in ein
sehr gespanntes Verhältnis die Grüße wurden immer kürzer und weil keines recht
wusste warum so war auch gar keine Verständigung möglich Das Fräulein empfand
das tief Ihr Leben im Hause war ohnedies einsam geworden denn ihr Bruder hatte
sie verlassen um seine Kompanie zu übernehmen und wenn sie des Abends allein
in ihrem Dachstübchen saß grämte sie sich bitterlich über die schlechte Meinung
und dachte nach wie sie die Feindseligkeit wohl besiegen könnte
Nun war der Einnehmer auf Ansuchen des Magistrats Ehrenvorstand ihrer Schule
geworden er wurde jeden Monat dort sichtbar gab seinen guten Rat ermahnte und
lobte die Kinder Da fiel ihr ein ob sie ihm nicht durch diese eine Bitte
vortragen könnte von seinem Zorn abzulassen Sie wählte dazu ein kleines
Mädchen dessen Vater als Landwehrmann mitziehen sollte und brachte dem Kinde
einen Vers bei den sie sich selbst ausgedacht hatte Als nun der Einnehmer zu
seiner Zeit wieder erschien und die Arbeiten der Kinder besah welche diesmal
sämtlich für das Vaterland verfertigt wurden verweilte er auch vor der Kleinen
die sein Liebling war zog eine Tüte Pfeffernüsse aus der Tasche und riet ihr
davon zu nehmen und den Rest unparteiisch unter ihre Gespielinnen zu verteilen
Da stand das Kind feierlich auf und sagte mit hellem Stimmchen seinen Spruch
»Wir bitten zu dem lieben Gott
Für dein Wohlergehen
Habe Nachsicht auch mit uns
Wenn wir was versehen«
»Du kannst hübsch singen kleiner Vogel« sagte Herr Köhler erfreut »Ersuche
unser liebes Fräulein dass sie dir den Vers aufschreibt und bringe ihn mir nach
Hause« Er selbst sah Minchen so zufrieden an dass sie erkannte sein Unwille
sei geschwunden Denn die Musen haben in ihrer himmlischen Güte jedem Menschen
die Begabung zugeteilt dass ihm Verse welche zu seiner Ehre gedichtet sind
ausnehmend gut gefallen Deshalb hielt auch der Einnehmer daheim den Zettel mit
dem Reime nachdenkend in den Händen und sagte »Es ist merkwürdig sie hat doch
Poesie«
Durch das Ersatzgeschäft in seinem Kreise aufgehalten konnte der Doktor
erst später als die Kameraden aufbrechen Vorher traf er noch einmal bei den
Vertrauten im Marktflecken mit Henriette zusammen Dies Wiedersehen das letzte
vor einer langen Trennung war dem Anscheine nach ruhiger als ein früheres sie
waren in so begeisterter Stimmung dass Schmerz und Angst nicht aufkamen Erst
als er beim Abschiede die Geliebte in die Arme schloss brach die mächtige
Bewegung in beiden hervor er warf sich auf die Knie und sie hielt die Hand
über seinem Haupt den tränenlosen Blick nach oben gerichtet
In der Hauptstadt suchte er zuerst den Grafen Götzen auf Er wurde in ein
Krankenzimmer geführt »Das ist mein Schicksal« begann der Graf traurig »mir
ist nicht bestimmt mit meinen Landsleuten ins Feld zu ziehen Der Wassertropfen
verrinnt in der großen Strömung In vergeblicher Mühe und in Sorge die
unablässig am Herzen nagte ist die Lebenskraft geschwunden Ich brauche jetzt
die Philosophie welche Sie mir einst empfahlen aber das Bewusstsein dass man
früher einmal seine Pflicht getan ist ein schlechter Trost in dieser Zeit wo
so unermesslich viel zu tun wäre«
»Ihnen aber bleibt ein anderer Trost« entgegnete der Doktor »Wenn der
Hörnerklang der schlesischen Freiwilligen zu Ihren Fenstern heraufschallt und
sooft Sie in der Zeitung lesen dass unsere Bataillone vor dem Feinde sich brav
gehalten sollen Sie die Freude empfinden wie wir Schlesier Ihnen mehr als
jedem anderen verdanken dass wir teilhaben an den Ehren dieses Jahres Sie waren
es und Sie fast allein der in unserem mutlosen Elend während der Jahre großer
Demütigungen uns eine mannhafte Gesinnung und das Vertrauen zu der Zukunft
unseres Staates gegeben hat Wie mir so haben Sie tausend anderen die Waffen in
die Hand gelegt die wir endlich gebrauchen dürfen An Sie haben wir uns bisher
gehalten jetzt ist es an uns Ihrem Beispiel nachzueifern und unserem Meister
Ehre zu machen«
»Darum also tragen auch Sie die Büchse« fragte der Graf mit melancholischem
Lächeln und abbrechend sagte er »Freund Helwig ist zum Major ernannt es ist
im Werke ihn als Führer eines Streifkorps mit dem halben Regiment in den Rücken
des Feindes zu senden
Er hat sich bereits wacker getummelt Sie werden ihn in der Lausitz finden
und Mühe haben zu ihm durchzudringen«
Es war am Ende des Mai als der Doktor zu Pferde in Uniform und mit den
Waffen eines reitenden Jägers in Kottbus eintraf wo das Streifkorps Ruhetag
hielt Der erste Bekannte dem er auf dem Marktplatze begegnete war Hans
welcher sich die Erlaubnis ausgewirkt hatte zu der Schwadron des Majors
überzugehen Hans lief in voller Freude auf den Einreitenden zu und führte ihn
nach dem Gasthofe wo die Offiziere lustig zusammensassen unter ihnen der Pole
welcher die zweite Schwadron kommandierte Die Freunde sprangen auf als der
neue Freiwillige in das Zimmer trat Es gab herzliche Umarmungen und viele
Fragen
Wie durch Zauberkunst sah sich der Doktor plötzlich als Genosse streifender
Husaren Die ersten Wochen wurde ihm der Dienst sauer die Vorübungen welche er
daheim in den letzten Jahren nach Anweisung eines Husarenunteroffiziers gemacht
hatte halfen ihm wenig aber er war kräftig und unermüdlich und fand bei
Offizieren und Mannschaft so bereitwillige Nachhilfe dass er sich manchmal gegen
allzu große Schonung die man ihm gewähren wollte sträuben musste Da kurz nach
seinem Eintritt ein Waffenstillstand geschlossen wurde so erhielt er mit
anderen Rekruten Frist zu notdürftiger Ausbildung Nach dem Stillstand aber
gewann auch er vollgemessenen Anteil an den Freuden und Gefahren des
Reiterlebens Zwar das ersehnte freie Schweifen im Rücken des Feindes vermochte
der Major lange nicht durchzusetzen denn sein General Bülow ein metodischer
Herr machte nicht viel aus dem Parteigängerdienst und hielt seine Leute lieber
fest unter eigenem Kommando Dadurch wurde dem Doktor Gelegenheit nach den
siegreichen Kämpfen zum Schutz der Residenz in die Scharen der fliehenden Feinde
einzuhauen bis die Nacht dem Reitergefecht ein Ende machte Seitdem gab es fast
jeden Tag kleinere Zusammenstösse mit dem Feinde selten kamen die Husaren ohne
Gefangene und Siegeszeichen in ihre Quartiere Aber erst Anfang Oktober gelang
es dem Streifkorps sich von dem Vorpostendienst bei der Nordarmee zu befreien
Wie ein junger Jagdfalk der lange mit dem großen Steinadler in einem Käfig
zusammengeschlossen war flog der Major den Banden entlassen und froh sich
frei die Beute zu jagen über die Elbe in das Gebiet welches noch von der
französischen Armee beherrscht wurde Seine Schwadronen warfen sich auf die
Verbindungen des Feindes fingen die Kuriere ab verwirrten Kolonnenzüge
störten die Zufuhren griffen kleinere Heerhaufen ohne Rücksicht auf die
Übermacht an und belästigten unablässig den Gegner
Als in dieser Zeit der waghalsigen Streife das Korps die Festung Erfurt
welche noch in französischen Händen war umschwärmte um die ausgesandten
Detachements die aus der Umgegend Fourage eintrieben zu hindern erhielt
Witowski Befehl mit seiner Schwadron die große türingische Heerstraße zu
beobachten und nach einem Fange auszusehen Der Pole war darüber höchlich
erfreut denn wie der Führer des Korps gegenüber seinem General so wollte auch
er gern gegen seinen Freund Helwig die Unabhängigkeit behaupten Vor dem
Abmarsch kam er zum Doktor »Bruder reit einmal mit mir«
»Gern« sagte dieser »wenn der Major es gestattet«
Als die Erlaubnis erteilt war zog die Schwadron unter hellem Gesange
südwärts
Der Pole war ein erfahrener Parteigänger er hatte sich mit gutem Grunde
selbst einen Kater genannt denn unerschöpflich in kleinen Listen wusste er sich
so gewandt zu schmiegen und zu drücken dass er den Feinden unsichtbar blieb bis
für ihn der Augenblick des Ansprungs kam Diesmal führte er mit besonderem
Behagen die Schwadron welche zum Teil mit Piken bewaffnet war und eine Anzahl
Jäger zwischen feindlichen Besatzungen hindurch bis in die Nähe der Heerstraße
Etwa eine Meile nordwärts der Straße lag einsam ein großes Vorwerk dahinter
ein Gehölz mit einer Lichtung Dorthin rückte er mit seinem Kommando und
erzählte seinem Vertrauten dem Doktor »Einer von meinen Husaren ist ein
Verwandter des Gutsbesitzers ihn habe ich verkleidet vorausgeschickt und ich
finde hier gute Kundschaft« Bis zur Dämmerung kamen und gingen Boten In der
Dunkelheit brach er auf und führte seine Schwadron in die Nähe eines Dorfes an
der Straße »Dort hat sich auf dem Marsch eine halbe Batterie eingelegt wollen
sie herausholen« Er umstellte das Dorf und postierte Jäger an die Landstraße
nach beiden Richtungen »Bricht ein Fahrzeug heraus so schießt zuerst die
Pferde nieder« dann rückte er auf einem Seitenweg von den Feldern gegen das
Dorf Es gelang die sorglosen Wachen am Eingange zu bewältigen ohne dass ein
Schuss fiel die Schwadron drang in den Ort und fand die Geschütze und Wagen an
einem freien Platz aufgefahren Ein Teil der Mannschaft saß ab und durchsuchte
die Gehöfte Tumult Geschrei und Schüsse unterbrachen die nächtliche Stille in
wenig mehr als einer Stunde war die Mehrzahl der feindlichen Artilleristen und
die Bedeckungsmannschaften niedergehauen oder gefangen nur wenige entkamen in
das Feld oder bargen sich im Versteck Die Fahrknechte wurden gezwungen
anzuspannen und beim ersten Morgengrauen führte der Rittmeister die Gefangenen
und die halbe Batterie als Beute aus dem Dorfe Vergnügt strich er seinen
dunklen Schnurrbart »Gern möchte ich die Kanonen verstecken und abliefern«
sagte er »damit die Mannschaft ihre Dukaten verdient Die Feldwege sind von den
Erntewagen festgefahren und die Feinde sollen Mühe haben uns zu finden« Er
brachte seinen Fang glücklich zu dem Vorwerk Dort befahl er zu füttern und
abzukochen »Jetzt lass uns ausruhen Bruder denn wir haben noch etwas vor«
»Mancher ist entkommen« versetzte der Doktor »auch aus meinem Gehöft sind
einige Mann über den Gartenzaun gesprungen wir schossen ihnen vergeblich nach«
»Wir haben die Offiziere dort sitzen sie verwundet auf dem Protzkasten die
Mannschaft aber wenn sie auf dem Marsch überfallen wird hat immer den Brauch
dass sie den Weg zurückläuft den sie schon gemacht hat und nicht nach vorwärts
Die Flüchtigen haben weit zu laufen von dort hinten droht uns heut noch keine
Gefahr die Gefangenen schicke ich sofort auf unsere Garnison zu« Er gab einem
Offizier den Befehl mit einer Bedeckung und den Gefangenen aufzubrechen wies
ihm leise eine Sandgrube als Versteck an wo er sie unterbringen sollte und
machte ihm ein bedeutsames Zeichen mit der Pistole »Wenn einer trotzige Miene
macht geben Sie ihm sogleich einen Freipass zum Teufel damit die andern in
Furcht bleiben Doch der Artillerist wenn er die Geschütze verloren hat ist
geduldiger Warum lassen Sie den Feuerwerker zurück Leutnant« fragte er auf
einen Franzosen deutend der in der Nähe stand
»Verwundet« meldete sich der Mann finster in französischer Sprache O»und
geschlagen ins Kreuz« und setzte sich schwerfällig auf einen Holzklotz
»Dann hinein mit ihm ins Haus« gebot der Pole gutmütig als er das Blut am
Kopfe des Feindes sah »Dort ist Lazarett und Chirurgus«
Am Nachmittage rückte der Rittmeister von neuem aus Auf anderen Wegen
weiter gegen Osten kam die Schwadron wieder der Heerstraße nahe Der Pole teilte
sie und stellte die Beritte im Schutze eines Holzes verdeckt auf er selbst
winkte seinen Freund zu sich stieg ab kroch auf einen kahlen Hügel und
beobachtete liegend mit seinem Fernglase nach beiden Richtungen die Straße »Aus
einem polnischen Landsmann der unter den Gefangenen war habe ich
herausgebracht« erzählte er als der Doktor an seiner Seite lag »dass vornehme
französische Generäle zurück sind welche mit ihren Wagen und Bedeckung zum Heer
des Kaisers reisen Ist es auch unsicher vielleicht kommen sie uns noch in den
Weg« Wohl eine Stunde lagen sie spähend auf der Höhe Endlich rief er mit
heller Freude »Dort kommen sie es sind Reiter und sie sind gewarnt denn sie
marschieren vorsichtig Wir packen sie von vorn die andern im Rücken«
Als die Husaren zur Attacke aufritten und die feindlichen Reiter sichtbar
wurden hob sich der Freiwillige im Sattel schrie den Namen Dessalle und
setzte alles vergessend den andern voran auf die Heerstraße seinem Feinde
entgegen Sooft er bis dahin mit den Franzosen zusammengestossen war bei jedem
Überfall und wenn er nach einem Treffen hinter dem fliehenden Gegner herjagte
immer hatte er erwartet die Gestalt seines Nebenbuhlers im Anritt gegen sich zu
finden Er wusste dass er ihm im Felde begegnen würde jetzt hatte er ihn vor
sich und die Stunde der Entscheidung war da Ein wilder Kampfzorn überkam den
bedächtigen Mann und Leib und Seele unter der Herrschaft plötzlich auflodernder
Leidenschaft rief er zum zweitenmal den Namen des Franzosen Gellend klang ein
Gegenruf und beide rannten aneinander Die größere Gewandtheit des Obersten
vermochte dem rasenden Anfall des Deutschen nur mit Mühe zu begegnen denn
blitzschnell und mit übermenschlicher Kraft fielen die Hiebe gegen ihn Neben
sich hörte der Freiwillige den Ruf des Polen doch er schrie »Mein ist er«
als wollte er den Beistand anderer abhalten Von der andern Seite aber jagte
Hans herzu mit der Lanze die er einem Verwundeten entrissen hatte der Franzose
bäumte sein Pferd den Stoß zu parieren das Ross überschlug sich und der Reiter
lag betäubt unter ihm am Boden Da neigte sich der Freiwillige auf seinem Pferde
über ihn und ein Strahl wilden Triumphes fiel auf den Gestürzten gleich darauf
schlug er sich im Getümmel mit anderen feindlichen Reitern herum
Die Hälfte der französischen Bedeckung entrann in schneller Flucht der Rest
wurde niedergemacht oder gefangen Als Hans zum Sammeln blies und der Doktor an
der Stelle vorüberkam auf welcher er mit dem Franzosen zusammengestossen war
saß der alte Wachtmeister am Boden und stützte den Körper des Ohnmächtigen Der
Pole aber lachte seinen Freiwilligen an und wies auf die Koppel von
Beutepferden welche durch seine Husaren zusammengetrieben wurde »Es sind gute
Pferde darunter«
Der Oberst wurde auf einen Wagen gelegt den ein Husar aus dem nahen Dorfe
herbeiholte und die Schwadron zog mit Pferden und Gefangenen wieder dem Gehöfte
zu in welchem der Rittmeister sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte Als die
fröhlichen Sieger ankamen fanden sie dort alles wie sie es verlassen nur die
Husaren die zur Bewachung zurückgeblieben waren erhielten scharfen Verweis
weil sie der Versuchung nicht widerstanden hatten sich gesellig mit einem
starken Trunk zu vergnügen und weil das Verhör ergab dass die französischen
Artilleristen die Branntweinflaschen aus ihren Protzkästen selbst herzugetragen
und wie gute Kameraden an dem Trunk teilgenommen hatten Die Verwundeten wurden
wieder im Hause auf Betten und Streu untergebracht der Oberst auf das Lager
gelegt welches in einer Kammer neben der Wohnstube stand und der alte Sergeant
zu seiner Bedienung bestimmt
»Der Oberst ist ein wilder Teufel« sagte der Pole zum Doktor »und finster
wie die Nacht auf höfliche Anrede hat er keine Antwort gegeben ich traue ihm
nicht« Er untersuchte selbst die Kammer beim Bett war nur ein kleines Fenster
so enge dass sich auch ein Gesunder nicht hindurchzuschwingen vermochte er
befahl die Kammertür auszuheben und postierte einen Husaren in die Wohnstube
damit der Franzose allein wäre und doch auffällige Bewegungen seiner Wache nicht
verbergen könnte Der Doktor rief den Alten heraus und sagte ihm dass er bereit
sei das Bein zu untersuchen wenn der Verwundete es wünsche Doch als der
Diener dem Obersten dies leise mitteilte antwortete dieser nur durch eine
abwehrende Bewegung des Abscheus und der Chirurgus des Streifkorps wurde in die
Kammer geschickt er meldete einen Beinbruch der nicht gefährlich sei und tat
sein Bestes den Fuß zu schienen Der Kranke lag still und der Sergeant ging ab
und zu
Draußen im Hofe und Garten tummelten sich lustig die Husaren bereiteten
ihre Mahlzeit rauchten und schwatzten Hinter den Gebäuden des Hofes standen
die erbeuteten Geschütze und Wagen bewacht von freiwilligen Jägern in einer
Abteilung der Scheune lagerten die Offiziere und einige Freiwillige auch sie
gehoben durch den gelungenen Fang Es wurde dunkel und Hans ließ bereits durch
die Burschen der Offiziere die Streu auf der Tenne breiten zum Nachtlager für
die Herren Da stellte sich der alte Franzose nahe zum Bett des Obersten und
begann leise »Ich bringe eine Meldung Herr Oberst« Dieser wandte ihm das
düstere Antlitz zu »Der Feuerwerker hat heut während die feindlichen Husaren
von seinen Leuten unterhalten wurden heimlich ein Fass Sprengpulver in die
Scheune gegenüber geschafft und unter Erbsenstroh versteckt Vom Fass hat er die
Zündschnur gelegt und längs dem Stall mit Stroh bedeckt bis an dieses Haus
gezogen Er ist Savoyarde und fühlt Rachsucht weil ihn die Husaren verwundet
und durch Schläge übel zugerichtet haben In der Nacht wenn die Scheune mit
Feinden gefüllt ist will er sprengen er hofft die Wache zu betrügen Das
Pulverfass steht neben dem Lager der Offiziere die Stoppine läuft hinter dem
Haus herum bis zu der Kammer nebenan wo der Savoyarde wegen seiner Wunde
einquartiert ist Ich sagte ihm er dürfe es nicht tun ohne Ihre Genehmigung
Sobald der Herr Oberst an die Wand pocht zündet er an« In den Augen des
Obersten flammte ein grelles Licht auf als er fragte »Wo liegt der Arzt aus
jener Stadt«
»Bei den Offizieren in der Scheune«
»Warum hat es der Tropf nicht getan ohne Meldung davon zu machen« murmelte
der Oberst
»Mein Oberst der Doktor hat Ihr Leben gerettet« versetzte der Alte
»Er hat mir gestohlen was das Glück meiner Zukunft werden soll er hat sich
eingedrängt zwischen mich und eine andere einer von uns beiden muss von dannen«
»Wenn das sein muss« fuhr der Alte fort »so pflegt mein Oberst das Pulver
in der Pistole zu gebrauchen aber nicht im Fass«
»Im Kriege trifft der Tod mit jeder Waffe«
»Aber Oberst Dessalle gebraucht nicht jede«
»Sie haben Ihre Meldung getan Wachtmeister ich werde das Zeichen geben«
Der Alte rückte sich steif zusammen und salutierte militärisch
Die Sonne war untergegangen und das Abenddunkel erfüllte die Räume des
Hauses Der Rittmeister kam in die Wohnstube und befahl Licht zu bringen da der
helle Schein auch die anderen Offiziere herbeizog rief der Pole in den Hof
hinaus »Komm zu uns Bruder Doktor es ist Wein hier aus Franken« Der
Freiwillige erschien und saß mit den andern am Tisch nieder
Der Rittmeister trug ein Glas zu dem Diener »Trink alter Vater da dein
Herr nicht kann und sei lustig heut mir und morgen dir so heißt es bei uns
Husaren« Der Alte dankte und stellte das Glas unberührt neben sich »Dieses
Glas aber bringe ich dir Bruder Doktor« fuhr der Rittmeister fort »heut bist
du als mein Freiwilliger geritten und ich habe mich über dich gefreut Bei uns
Polen ist eine Rede Jedermann schlägt nach seinem Großvater ich denke deiner
war auch Soldat«
»Nur eine Stunde seines Lebens« antwortete der Doktor lachend »Er war
ungewöhnlich hoch gewachsen deshalb wollte ihn der Vater Friedrichs des Großen
in sein Potsdamer Regiment stecken und hatte ihn schon einkleiden lassen Doch
besann der König sich anders und gab ihm eine Pfarre Der Großvater hielt sich
noch im hohen Greisenalter gerade aufgerichtet wie ein Gardist ich habe eine
dunkle Erinnerung an ihn und an sein schönes weißes Haar wie er mir einst die
Hand auf den Kopf legte«
»Mir hat niemand den Kopf gesegnet« sagte der Rittmeister ernster als er
sonst zu sein pflegte »Den Großvater hieben die Konföderierten mit ihren Säbeln
zu Tode und den Vater erschossen die Franzosen während er in österreichischen
Diensten stand beide habe ich nicht gekannt Da zog meine Mutter ins
Preussische als ich noch ganz winzig war Dort sah ich als kleines Kindel zuerst
einen Husaren und sagte meiner Mutter sogleich ich wollte auch einer werden
Solange ich denken kann habe ich kein anderes Vaterhaus als das Regiment und
keinen andern Segen auf dem Kopf als den Segen welchen der Herrgott einem
ehrlichen Husaren gibt« Er stieß das Glas auf den Tisch »Schenke den Rest ein
Bruder morgen reiten wir bevor die Sonne aufgeht und jetzt pascholl nach
unserem Nachtquartier in der Scheune«
Die Preußen verließen die Stube es wurde allmählich still auch draußen
verhallte der Lärm Der Sergeant stellte sich an das Bett des Obersten und
beugte sich über ihn der Kranke schlief Erstaunt lauschte der andere auf die
Atemzüge und harrte längere Zeit es regte sich nichts Kopfschüttelnd nahm er
das Wassergefäss und ging in den Hof
Als um diese Zeit der Doktor noch einmal aus der Scheune zum Brunnen kam
sah er in der Finsternis an der Seite eine Gestalt am Boden kauern Als er
herantrat erkannte er den alten Franzosen »Was tun Sie hier mein Braver«
fragte er verwundert Der Alte erhob sich
»Ich habe eine Kugel für mich gefunden« entgegnete er grüßend und schritt
dem Hause zu In der Kammer neigte er sich wieder über das Angesicht seines
Obersten Dieser lag unverändert Der Sergeant saß neben dem Lager nieder griff
nach dem Glase das ihm der Preuße dargeboten hatte und trank es aus
Alles war still die Sterne stiegen zur Höhe und gingen nieder die erste
Morgenröte stieg herauf Hans trat aus der Scheune und blies Reveille auch der
Oberst erhob sich in seinem Bett »Ich werde mich zu Arrest und Kriegsgericht
melden sobald der Herr Oberst den Säbel wieder hat« sagte der Sergeant finster
»Was meinst du Alter«
»Ich habe gestern abend gegen Befehl die Zündschnur durchschnitten und die
Leitung unterbrochen«
»Ich weiß es mein Vater ich wusste dass du es tun würdest als du
hinausgingst denn ich schlief nicht«
Mit demselben strengen Ernst meldete der Sergeant weiter
»Ebenso habe ich gestern gegen den Befehl dem Feuerwerker gemeldet dass der
Herr Oberst oder ich ihm künftig einmal einen Schuss durch das Hirn jagen würden
wenn er sich untersteht ohne mündlichen Befehl des Herrn Obersten die Stoppine
anzuzünden«
»Es ist gut« versetzte der Oberst und streckte ihm die Hand hin »Komm
mein Vater setze dich zu mir mir bleibt auf Erden niemand als du« Er sank auf
sein Lager zurück So blieben beide schweigend bis der Pole zum Aufbruch
bereit in die Kammer kam
»Die alte Rechnung ist noch nicht ganz ausgeglichen obgleich wir einander
gehauen haben« begann der Pole »auch ich bin gewohnt Ehrenschulden zu
bezahlen Sie haben mir damals meine Husaren freigelassen Wollen Sie mir Parole
geben für sich und Ihren Begleiter dass Sie in diesem Feldzuge nicht mehr gegen
uns dienen so gebrauche ich das Recht welches ich als Kommandeur eines
Streifkorps habe und lasse Sie sogleich frei abreisen wohin Sie wollen«
»Es ist dafür gesorgt dass mir die Parole nicht schwer wird« entgegnete der
Oberst nach seinem Fuß weisend und gab das Gelöbnis Der Rittmeister rief in
den Hof und übergab dem Alten Pallasch und Säbel
»Da wir Artigkeiten austauschen« begann jetzt der Franzose nicht ohne
Selbstüberwindung »so lassen Sie sich als meinen Dank mitteilen dass in der
Scheune neben Ihrem Nachtlager ein Fass Pulver steht die Leitung welche dazu
bestimmt war Sie auffliegen zu machen hat mein Sergeant gestern abend
unterbrochen um Sie vor einer lästigen Störung Ihrer Ruhe zu bewahren Wenn Sie
diese Tat die er ohne Befehl nur als Soldat von Ehre getan für dankenswert
halten so können Sie ihn dadurch verbinden dass Sie von einer Untersuchung
gegen den Anstifter absehen damit die Redlichkeit meines Alten gegen den Feind
nicht einem seiner Kameraden den Hals kostet«
»Ich weiß Ihnen nicht besser zu danken Wachtmeister« versetzte der
Rittmeister »als dass ich den Kerl zur Stelle loslasse da ich eine solche
Bremse nicht mit mir fortnehmen will«
»Noch um eine Gunst wage ich zu bitten« fuhr der Oberst fort »ich möchte
so schnell als möglich diesen Ort verlassen ohne sonst jemanden zu sehen und
ersuche Sie um einen Wagen für mich und meinen Begleiter«
»Der Beamte des Vorwerks soll sogleich anspannen« entgegnete der Pole
»Stoßen wir wieder zusammen so tue ich nicht den ersten Hieb«
»Auch ich nicht« sagte der Franzose Beide grüßten einander mit der Hand
und schieden
Als der Doktor kurz darauf in die Stube trat war Oberst Dessalle mit seinem
Vertrauten verschwunden »Wohin ist er gereist« fragte der Doktor den
Rittmeister
»Südwärts nach der nächsten Stadt« versetzte der Pole »Er wird uns das
Geschäft nicht stören wir wechseln die Straße Die Geschütze muss ich aber
sprengen Das Pulver dazu steht neben unserer Schlafstelle«
Oberst Dessalle war verschwunden Der Doktor hatte im Winter und während des
nächsten Feldzuges im Frühjahr oft Gelegenheit bei französischen Offizieren
nach ihm zu fragen Viele kannten ihn und mancher gab Nachricht über ihn bis zu
dem Tage seiner Gefangenschaft wo er seitdem geblieben wusste niemand zu sagen
Zum Frieden
Die Freiwilligen sind fort die Mannschaft der Linie ist ausgehoben auch die
Landwehr hat Weib und Kind verlassen und ist in das Feld gerückt und der
Kreisstadt fehlt die junge Kraft welche sich im ersten Frühjahr zornig gegen
den Feind erhob Aber wehrlos ist die Bürgerschaft nicht denn die gesamte
mannhafte Bevölkerung schreitet in Waffen von der Art wie sie einst von den
alten Hünen getragen wurden und exerziert draußen auf dem Anger Jeder trägt
eine Pike die Waffe ist schwer ihre Eisenspitze lang und scharf der schafft
ein starker Pfahl und es ist kein Kinderspiel sie zu führen mit ihr
auszufallen in gerader Richtung vorwärtszustossen oder sie gar in der Luft zu
schwenken um den feindlichen Säbel den der Pikenmann in Gedanken vor sich
sieht zur Seite zu schleudern dass er weit über den Anger bis dahin fliegt wo
die Gänse der Vorstädter friedlich den kurzen Rasen berupfen Wer aber Herr über
solche Waffe geworden ist der bekommt eine feste Zuneigung zu ihr und Vertrauen
zu seiner eigenen kriegerischen Tüchtigkeit Man kann sich denken dass Beblow
den gesamten Landsturm der Stadt befehligt sowohl die leichte Kompanie seiner
Bürgerschützen die mit ihren Stutzen den Feind aus der Ferne vernichten als
auch die eigentlichen Stürmer welche dem Feinde wenn er doch noch
stehenbleibt dicht auf den Leib rücken und mit Kraft in diesen hineinstossen
Und wenn der riesige Hauptmann vor seinem Bataillon hinauszieht des Beispiels
wegen selbst mit einem Spieß bewaffnet der einem Hebebaume gleicht so erhält
der Bürger bei seinem Anblick einen Löwenmut hinter ihm drein marschieren sie
alle die noch feste Glieder haben Schilling führt einen Zug und Hutzel einen
anderen und dieser lässt sich auf den Rat seiner Hausfrau den Schnurrbart
stehen Die Stadt ist in ein Heerlager verwandelt nur der Herr Einnehmer hält
sich zurück Doch auch er sieht vom Stadtwall bewundernd den Übungen zu
Bald kommen die Tage wo der Provinz eine starke Heeresmacht nötig wäre
denn noch einmal dringt der böse Kaiser in das Land auch die Kreisstadt ist in
Gefahr von den Franzosen besetzt zu werden Beblow mit einem Dutzend Kameraden
wäre imstande als lebendige Dornhecke das Stadttor den Franzosen zu
verschließen jedoch die Mehrzahl seiner Mitbürger erhebt verständigen Einwand
und mancher birgt während dieser Tage die Pike auf dem Oberboden Sobald aber
der Feind den Rücken wendet sind sie alle wieder auf dem Anger versammelt und
fallen trotzig hinter ihm aus Und einer von ihnen welcher nicht arm an klugen
Gedanken ist stemmt seine Pike auf den Boden sieht bewundernd zu dem Eisen der
Spitze auf und sagt zu Herrn Köhler »Es ist die beste Waffe der Welt Aber sie
verlangt einen ruhigen Feind«
»Sie haben recht« entgegnet der Einnehmer »dies ist für uns Bürger die
beste von allen Waffen denn wenn Sie sich täglich eine Stunde wie Helden damit
gemüht haben so sind Sie daran gemahnt dass das Vaterland jetzt von jedem das
Äußerste fordert arbeiten die übrige Zeit unverdrossen in der Werkstatt für
Lieferungen ohne Ende bei denen die Bezahlung ausbleibt und essen ohne Murren
das schwarze Brot welches uns jetzt gebacken wird Ohne die Pike würde der arme
Bürger die schwere Zeit nicht ertragen«
In jenen Tagen wo das feindliche Heer noch einmal in das Land flutete
bestand der Senior darauf sein liebes Kind vor der Gefahr in einer Stadt zu
bewahren Da schrieb Henriette an Minchen Buskow kam zur Kreisstadt und zog zu
dem Fräulein in das leere Dachstübchen Der Aufenthalt Henriettens verlängerte
sich bis zum Herbst und das Pfarrkind wurde eine wertvolle Gehilfin in der
Schule und bei den Sammlungen für das Vaterland Am Nachmittag fand man beide
auf dem Stadtwall neben ihnen schritten der Einnehmer und der junge Doktor und
sooft die vier sich recht eifrig unterhielten war die Rede fast immer von
solchen die draußen im Felde lagen Henriette hatte die Freude die Nachrichten
von Siegen welche schnell aufeinander folgten und andere stille Botschaften
welche durch die Feldpost kamen gemeinsam mit den Vertrauten des geliebten
Mannes zu genießen Und wenn die wackeren Mädchen des Abends zusammen in der
Dachwohnung für die draußen arbeiteten dann war auch Minchen überglücklich dass
sie der neuen Freundin als Wirtin gegenübersass denn dieses Amt hatte sie in
ihrem Leben noch niemals gehabt und sie fühlte sich stolz wenn sie vor dem
erfahrenen Gast auch ihre Tüchtigkeit in der Wirtschaft beweisen konnte Da die
Frau Pastorin durch regelmäßige Sendungen aus Hof und Küche dafür sorgte dass
die Einquartierung der Städterin nicht beschwerlich wurde so lebten die Mädchen
miteinander in behaglichem kleinen Haushalt wie zwei Vögel auf einem
Fruchtbaume
Die große Schlacht bei Leipzig war geschlagen die Bürger dankten dem lieben
Gott in der Kirche dafür und stellten am Abende Lichter an die Fenster Eine
fromme Freude erhob das ganze Volk nicht reich an Worten aber so gewaltig dass
in ihr alle Sorge um die unsichere Zukunft des Vaterlandes und alle Erinnerung
an die gehäuften Leiden der vergangenen Jahre untergingen
Als die Straßen wieder frei wurden und die Post regelmäßig Briefe vom Heere
beförderte da erhielt Henriette an einem düsteren Tage des Novembers zwei
Briefe den ersten von dem Geliebten worin er ihr sein Zusammentreffen mit dem
Franzosen berichtete und den zweiten von ihrem Vater Einlage war ein an sie
adressiertes Billett von einer Hand die sie wohl kannte und die ihr jetzt ein
Grausen verursachte Sie riss das Schreiben auf ihr Ring mit dem Vergissmeinnicht
lag darin und der Brief enthielt in französischer Sprache nur die Worte Leben
Sie wohl für immer schöne Henriette
Da glitt sie von ihrem Stuhle auf die Knie und hob die Arme gen Himmel
»Vater des Erbarmens ich danke dir« Dann eilte sie zum Tisch schrieb in einen
Brief die Worte »Ich habe den Ring Geliebter ich bin frei« und legte die
Zeilen des Franzosen ein
Am nächsten Tage nahm Henriette von Minchen Abschied um nach Hause
zurückzukehren Daheim fiel sie den Eltern um den Hals und bekannte ihnen in der
ersten Stunde wie lieb sie den Doktor habe als die Mutter zärtlich klagte »Du
böses Kind wie lange hast du uns das verborgen« antwortete Henriette leise
»Vater und Mutter hatten die Verlobung mit dem Franzosen anerkannt wie durfte
die Tochter sie zu Mitwissern einer stillen Liebe machen solange der andere
ihren Ring trug«
Noch war die Zeit des Harrens nicht vorüber aber es waren Monate froher
Erwartung welche den Schritt beflügelt und die Wange rötet Henriette flog
wieder geschäftig durch Haus und Hof und wie der Senior zum erstenmal aus der
Küche wo die Tochter mit Susanne verhandelte das sorglose Lachen hörte
welches er durch viele Jahre nicht vernommen da blickte er auf von Luthers
Buch von dem babylonischen Gefängnis der Kirche und lächelte ebenfalls Des
Abends saß er vergnügt in seinem Lehnstuhl während die Tochter auf dem alten
Klavier seine Lieder vorsang vom Knaben mit dem Röslein und ein neueres von
einem verwundeten Krieger der die Leute bittet ihn vom Wagen zu heben
Die nächste Freude bereitete ein Brief an den Vater worin der Doktor um
Henriettens Hand warb Der Senior antwortete umgehend mit bewegtem Gemüte
Es wurde wieder Winter und die weißen Flocken tanzten nicht nur draußen in
Garten und Feld auch in der großen Vorratsstube des Pfarrhauses denn die Frau
Pastorin schüttete die Flaumfedern in Betten welche zur Ausstattung für ihre
Tochter bestimmt waren und Henriette saß am Schreibtisch und schrieb lange
glückliche Briefe an ihren Bräutigam Sie hatte seinetwegen ein gutes Vertrauen
er war nicht mehr den Gefahren des Feldes ausgesetzt sondern nur denen seines
Berufes Denn er hatte von seinem Major Urlaub erhalten und war in den großen
Lazaretten tätig welche bei Mainz für die Verwundeten errichtet wurden
Als aber die Frühlingssonne schien und wieder die ersten Schneeglöckchen
blühten da flog die Nachricht von neuen Siegen in Frankreich durch das Land
vom Sturz des Kaisers vom Einmarsch in Paris und dem lang ersehnten Frieden
Susanne fegte das Haus und die glückliche Braut wand mit Bärbels Hilfe
Fichtenkränze und hing sie über die Türen Der Doktor hatte ihr geschrieben
wann er kommen würde und sie stand auf der alten Schanze und blickte
stundenlang hinaus nach dem Wege Weit hinten auf der Straße zog etwas Dunkles
heran näher und näher sie konnte den Lauf der Pferde erkennen endlich eine
Männergestalt sie sah wie der Geliebte die Hand nach dem Pfarrhause erhob und
erspähte die Züge seines Antlitzes Heftiger pochte ihr Herz sie flog ihm
entgegen und hielt ihn lachend und weinend in ihren Armen
Hand in Hand gingen sie miteinander dem Hause zu die Seligkeit dieser
Stunde war so groß dass sie beiden die Lippen schloss und doch zitterte in
leisem Nachklang das Weh vergangener Zeit in ihren Seelen nach Als sie in die
Nähe des Ringwalls kamen sah der Doktor die Dornen der alten Wustung ausgerodet
und den ansehnlichen Platz der dadurch gewonnen war mit jungen Obstbäumen
bepflanzt ein Karren und Werkzeug lehnten an dem Brunnenrand »Du kommst gerade
zurecht den Geist des Brunnens zum letzten Male zu schauen Der Vater hat
durchgesetzt dass der Quell verschüttet wird damit der Aberglaube aufhöre
Harre einen Augenblick Geliebter ich will etwas versenken« Sie eilte in das
Haus und brachte den Goldreif mit dem Vergissmeinnicht »Der leichte Ring hat uns
beiden das Leben schwer gemacht ich kann ihn nicht ansehen ohne traurig zu
werden« Sie beugten sich über die Brüstung und sahen in die tiefe gemauerte
Röhre hinab Henriette hob die Hand und warf den Ring hinunter An dem Aufschlag
und den helleren Kreisen auf der Oberfläche erkannten sie das Wasser in der
schwarzen Tiefe »Es soll nichts mehr hineinstürzen« rief das Mädchen und zog
ihn mit sich fort
»Jetzt führe ich« sagte der Doktor »wir suchen den vierblättrigen Klee«
»Ich suche das Glück nicht mehr ich halte es fest an der Hand« Sie stiegen
hinab in den Kessel des Ringwalles und als sie da unten standen war es gerade
wie vor Jahren rings um sie die hohe Brustwehr über ihnen der Himmel wie eine
blaue Glocke »Hier fings an« sagte er und küsste sie sie aber legte sich
still an seine Brust umschlang seinen Hals mit den Armen und wie er sich zu
ihr beugte fühlte er ihre Tränen an seiner Wange
Acht Jahre seit der ersten Begegnung acht Jahre treuer Liebe und bitteren
Leides In dem harmlosen frohen Sinn der Jugend schlossen sich die Herzen
gegeneinander auf jetzt war es ein geprüfter Mann und ein gereiftes Weib
welche sich miteinander verbanden Unter unablässiger Entsagung war ihre erste
blühende Jugend vergangen Und nicht ihnen allein ihrem ganzen Geschlecht war
dieser Zeitraum ein banges trauriges ödes Harren gewesen viele die einander
liebgehabt wie diese beiden hatten sich in der harten Not und in dem
freudelosen Sehnen nach besseren Tagen nicht gefreit und vielen war der beste
Trost gewesen dass sie miteinander vereinigt werden sollten wenn über ihr
Heimatland die Sonne glücklicher Tage aufgehe Nicht jeder der so gehofft
schaute den Tag mancher lag still in blutgetränkter Erde Und wenn die Enkel
derer die den Frieden erlebten von dieser Zeit lesen in Büchern und Briefen
der Vorfahren so fühlen sie noch heut den Schmerz in sich nachzucken wie damals
die Lebenden
In der alten Dorfkirche vor dem Altare an welchem Henriette schon einmal
neben dem Geliebten gestanden hatte wurden beide verbunden Minchen war
Brautjungfer der Einnehmer und der junge Doktor führten die Braut und dahinter
schritten Bärbel und Liesel mit ihren Männern Als die Neuvermählten aus der
Kirche kamen lag das helle Sonnenlicht über der Erde die Finken schlugen und
die kleinen Zaunkönige zwitscherten in den Zweigen und suchten eine Stelle wo
sie ihr Nest bauen konnten
Dem Einnehmer verursachte der neue Haushalt welchen der Freund einrichtete
geheime Gedanken die er jedermann verschwieg
Als aber auch den Frauen welche sich in der Zeit der Erhebung um das
Vaterland verdient gemacht durch ein Ordenszeichen ehrenvolle Anerkennung
zuteil wurde und als die Kammerherrin den Orden erhielt wurde Herr Köhler sehr
unwillig und sagte »Was als Hexe am Blocksberg herumquirlt das wird
vorgezogen an das arme Minchen aber hat keiner gedacht« Er nahm die Bürste
glättete seinen Hut noch sorgfältiger als sonst ging nachdenkend auf und ab
bürstete wieder und brummte dazu »Jetzt muss ein Ende gemacht werden« Endlich
setzte er den Hut entschlossen auf und wandelte in seinem besten Rocke nach dem
Stadtwall wo er zu dieser Stunde gewöhnlich dem Fräulein begegnete wenn sie
aus ihrer Schule heimging Er grüßte artig und fragte ob sie Nachricht von
ihrem verwundeten Bruder habe
»Er hat geschrieben aber er fürchtet Invalide zu bleiben es ist sehr
traurig Herr Einnehmer«
»Er hat als braver Soldat seine Gesundheit hingegeben um dem Vaterland zu
dienen« tröstete Herr Köhler »Das ist der beste Ruhm den er gewinnen konnte
Der Staat wird jetzt für ihn sorgen er wird Postmeister oder Salzfaktor Sie
aber liebes Fräulein was denken Sie zu tun«
»Wenn er mich brauchen kann gehe ich zu ihm« sagte Minchen »die Wohnung
hier wird mir zu groß«
»So tauschen Sie mit einer andern« riet der Einnehmer »Bitte setzen Sie
sich auf diese neue Bank die der Magistrat endlich nach vielen Mahnungen für
müde Spaziergänger hingestellt hat Sagen Sie mir einmal aufrichtig Was halten
Sie von mir«
»Nur Gutes Herr Einnehmer« rief Minchen freundlich zu ihm aufsehend »ich
denke wir kennen einander«
»Ein wenig« sagte Herr Köhler »aber ich weiß recht wohl dass ich in der
Stadt für einen kratzbürstigen und unbequemen Mann gelte mit dem nicht gut
Kirschen essen ist«
»Dumme Leute« rief das Fräulein eifrig »Sie müssen sich nichts daraus
machen«
»Ich tus auch nicht« versetzte der Einnehmer »wenn Sie es nicht glauben
Was aber halten Sie von meinem Alter Mitteljahre näher an fünfzig als an
dreißig« Minchen sah ihn groß an »Und wie gefällt Ihnen mein Äußeres Denn
zuletzt ist es einer Frau nicht zu verdenken wenn sie einen hübschen Ehemann
lieber hat als einen hässlichen« Minchens Wangen röteten sich sie schlug die
Augen nieder und zupfte ein wenig an ihrem Kleide »Kurz und gut« fuhr Herr
Köhler fort »gefalle ich Ihnen« Das Fräulein sah ihn nicht an aber sie nickte
unmerklich mit dem Kopfe
»Nun da haben wirs« rief der Einnehmer siegreich und setzte sich neben
sie »Könnten Sie sich also entschließen meine Frau zu werden« Minchen
antwortete nicht aber ihre kleine Hand zitterte »Bekümmern Sie sich nur
nicht« bat er besorgt »es ist ja kein Muss es ist nur Ihr freier Wille Wenn
Sie mir so gut sind dass Sie mich heiraten können brauchen Sie nur Ja zu sagen
das Nein würde der Freundschaft nicht schaden«
Da nickte das Fräulein wieder ein wenig und sprach leise »Ich kanns Herr
Einnehmer« Und sie schlug die Augen auf und sah ihn so warm und treuherzig an
dass dem festen Manne vor Freuden das Herz hüpfte er drückte ihre Hand fest in
die seine
»Zu allem übrigen« rief er »ist der Stadtwall nicht nötig kommen Sie
Herzensminchen hängen Sie sich aber an meinen Arm wir gehen sogleich zu Ihrer
Wirtin denn diese Frau soll Zeuge sein von unserer Verlobung« Sie gingen
miteinander durch das Tor
Das Sonnenlicht lag auf den Straßen die Wände der Häuser glänzten lustig in
Gelb Rosa und Weiß die Leute grüßten die Hündlein wedelten und der Einnehmer
schritt stolz seine Gefährtin am Arm und nahm jedermann zulächelnd mit der
freien Hand den Hut ab
Als sie zu dem Hause kamen bat der Einnehmer Frau Beblow ihn und das
Fräulein in die Dachwohnung zu begleiten Erstaunt über das festliche Aussehen
der beiden folgte die Hausfrau Oben begann Herr Köhler vor dem Pastellbilde
eine Rede »Verehrte Frau Der Bruder dieses Fräuleins ist abwesend und ebenso
mein Freund der Doktor den ich heut gern an meiner Seite hätte da sind Sie
uns die Nächste Sie haben seit Jahren Ihrer Mieterin eine Teilnahme und ein so
freundliches Herz bewiesen dass ich Sie immer mit aufrichtiger Hochachtung und
Dankbarkeit betrachtet habe Heut wünschen wir beide Minchen und ich
miteinander verlobt zu werden und wir bitten dass Sie das übernehmen und uns
die Ringe anstecken«
»Lieber Herr Einnehmer« rief die überraschte Frau Beblow und schlug vor
Freude die Hände zusammen
Herr Köhler griff in seine Westentasche »Hierin geliebtes Minchen sind
die Trauringe Ihrer lieben Eltern Ich habe sie nach Ihrem Willen damals zur
Hauptstadt gesandt und dort vor dem Einschmelzen zurückgekauft ich schlage vor
dass dies unsere Verlobungsringe werden Nehmen Sie die Ringe Frau Beblow und
vertreten Sie heut die Stelle einer Anverwandten bei mir und meiner lieben
Braut«
Als die erste Bewegung an welcher Frau Beblow sich stark beteiligte
überwunden war begann Minchen kleinlaut »Aber Herr Einnehmer «
»Du und du« rief dieser lustig »einmal muss das doch anfangen« Das
Fräulein aber fuhr traurig fort »Wo ist Minchens Ausstattung« und stellte
mit einem Zucken der Hand den Hausrat der Stube vor
»Die Wäsche liegt bereits im Schranke Frau Einnehmerin« antwortete der
glückliche Bräutigam »Du hast die ganzen Jahre daran genäht ohne es zu
wissen«
Als der Friede verkündet ward rüstete sich die Stadt noch einmal zu einer
großen Festfeier Alles was nur menschenmöglich ist wurde ausgesonnen um die
Freude zu erweisen Der Trommler schlug in der Morgendämmerung Wirbel Steinmetz
blies vom Turme und die Bürgerschützen bildeten Spalier in welchem die
Schulkinder mit Kränzen auf dem Haupt der Magistrat und die Stadtverordneten
zum Gotteshaus schritten Der Gottesdienst war sehr feierlich mit Musik vom
Orgelchor und mit Posaunen und sobald die Predigt begann schoss der Zieler auf
dem Kirchhofe mit den Böllern bis diese so heiß wurden dass sie nichts mehr
vertrugen Sooft die Schüsse zwischen die Predigt krachten fuhren die Frauen
zusammen aber jedermann wusste dass am Ende eines solchen Krieges auch der
Triumph gewaltig sein musste Nach der Kirche gab es ein großes Festessen für
alle Sesshaften mit vielen Gesundheiten Das war notwendig es war heimische
Sitte es war seit der Urzeit so gehalten worden Sobald eine allgemeine Freude
den Städtern die Seele erhob fühlten sie als ehrliche Deutsche auch die
Verpflichtung dem armen Gesellen ihrem Leibe etwas Gutes anzutun Abends
folgte die Illumination alles war erleuchtet selbst der Kranz des
Ratausturmes jedes Fenster wenigstens mit vier Lichtern niemand wollte in der
Stube bleiben um auf die Gardinen acht zu geben alle trieben auf der Straße
umher und freuten sich über ihre Lichter und über die der Nachbarn Sogar
Transparente kamen zum Vorschein Ein sehr geschätzter Bürger der kürzlich
Ratsmann geworden war hatte ein schönes Gemälde an seiner Haustür befestigt
darauf ein großer Stiefel über welchem ein Engel schwebte mit der
Unterschrift Feste Stiefel reines Herz so marschiert man himmelwärts Er
selbst stand vor seiner Tür und sah mit Genuss auf das Werk und als ein alter
Kunde ihn begrüßte sagte er gewichtig »Ich wollte diesmal nichts von König und
Vaterland denn daran denkt man alle Tage sondern ich wollte auf das hindeuten
was uns auch im Frieden am meisten nottut« Nachdem aber die Lichter ausgelöscht
waren ging alle Welt zu Tanze Auch das war damals so und es darf nicht
geleugnet werden Wenn die Leute sich recht froh fühlten fingen sie an zu
tanzen Den großen Ball im Gasthofe eröffnete der Landrat mit der jungen Frau
Bürgermeisterin die noch verschämt ihre neue Würde ertrug Darauf folgte der
Herr Bürgermeister mit Frau Beblow Und wer kam als Dritter Seht doch der Herr
Einnehmer und mit wem tanzte er Mit Minchen von Buskow seiner lieben Braut
sehr zierlich und zart Darüber freuten sich die Leute am meisten Hinterdrein
tanzte alles jung und alt Schilling mit einem neuen roten Sacktuch das ihm
aus der Tasche guckte Hauptperson aber und Ordner des Festes war der junge
Doktor ein lieber Mann der aus Freundschaft für seinen Vetter immer herbeikam
wenn er gebraucht wurde und nie unnütze Worte machte sondern still im
Hintergrunde auf und ab ging er galt aber bei allen Leuten für gescheit und
tüchtig wurde auch später Geheimer Medizinalrat war aber kein König sondern
hieß mit Namen Bürger Heut tanzte er mit vielen jungen Damen aber am liebsten
mit einem schlanken Fräulein das einen Lilienkranz im Haare trug wie eine
Feenkönigin es war die Schwester des Gutsbesitzers welcher als Kamerad des
Vetters vor Jahren heimlich gerüstet hatte
Gerade als die Festfreude ihren Gipfel erreichte öffnete sich die
Flügeltür und Doktor König mit seiner jungen Frau kamen herzu Sie erschienen
spät denn sie hatten nach Henriettens Wunsch am Morgen die Feier in der
Dorfkirche begangen Als die beiden die Schwelle des Saals überschritten trat
der Bürgermeister in die Mitte und winkte Steinmetz blies Tusch und die ganze
Gesellschaft rief dem jungen Ehepaar das Hoch entgegen
Freuet euch und tanzt Meister Beblow und Ackerwirt Krause denn ihr mit
Hunderttausenden euresgleichen habt den bösen Feind geschlagen und das Vaterland
aus der Erniedrigung emporgehoben Die beste Kraft der Nation ist in diesen
Jahren der Niederlage und Erhebung bei euch den kleinen Leuten nicht bei den
Regierenden deren Stolz und Wille als allzu schwach erfunden ist und nicht bei
den Hoch und Feingebildeten deren Leuchte unsicher umherflackert und die auch
nach dem Frieden noch nicht wissen wo das Vaterland anfängt und aufhört Eure
einfältige Treue ihr Unberühmten die Fäuste der Söhne die ihr in das Feld
sandtet eure stille alltägliche Arbeit in der Werkstatt und auf dem Acker von
der ihr dem Staate abgabt dass euch selbst wenig übrigblieb das vor allem schuf
die Rettung für unseren Staat Und wenn die späteren Geschlechter einst auf eure
Zeit zurückschauen werden sie was gesund und groß war am reichlichsten in den
engen Stadtäusern und in den Dorfhütten finden in denen ihr gelebt habt
Schluss der Ahnen
Im Hause
Seit zwölf Jahren ist Frieden Das junge Geschlecht welches jetzt vor den
Häusern mit Bohnen spielt und den Papierdrachen auf die Stadtfelder trägt ist
in der Mehrzahl erst nach dem Kriege geboren und wenn die Eltern von den
Baschkiren auf dem Marktplatze erzählen und von ihrem Heeresdienst mit der
schweren Pike so klingt dies den Kleinen wie die Geschichte von den sieben
Zwergen bei denen Schneewittchen wohnte oder wie die Sage vom kleinen
Däumling der zwischen den Waffen des Menschenfressers durchkroch Sie stülpen
sich papierne Tüten statt der Filzmützen über das blonde Haar tragen Häufchen
Stroh aus den Höfen auf die Straße und setzen sich darauf Aber auch den Eltern
ist die Zeit rasch zur Sage geworden mancher hat kleine Abenteuer in denen er
seine Tapferkeit bewiesen so oft erzählt dass er selbst daran glaubt und wenn
die Bürger von den großen Erinnerungen reden die jeder der Älteren im Herzen
trägt so gedenken sie mit Ehrfurcht des Königs der unter so großem Leidwesen
die schweren Jahre durchgekämpft hat sie freuen sich über den alten Blücher
der den Franzosen so verderblich geworden ist von ihrem eigenen Hunger und
ihren Entbehrungen sprechen sie selten Alle aber die damals im Felde gefochten
haben und jetzt in friedlicher Tätigkeit unter den anderen wohnen werden mit
großer Achtung betrachtet und sooft einer von diesen den Angewöhnungen des
Feldes zu sehr nachgibt ein Glas über den Durst trinkt und einen Gegner mit
starken Fäusten angreift wird ihm dies lieber nachgesehen als anderen
Seit zwölf Jahren ist Friede aber man merkt nicht dass die Stadt zugenommen
hat Die Bürger nähren sich sparsam und arbeiten nach der Väter Weise mit Hammer
und Webstuhl doch wenige haben gewagt ein neues Haus zu bauen oder ihr
Geschäft zu erweitern und die Dampfmaschine die vor langen Jahren ein
unternehmender Mann aufstellen wollte ist noch nicht errichtet Die
Frühstückstube ist eingegangen und niemand denkt daran im Winter ein Fass
Austern kommen zu lassen die Honoratioren leben still dahin in ihren Familien
Wer aus der Stadt in die Landschaft reist der findet auch dort geringe Spuren
von zunehmendem Wohlstand viele der adligen Gutsherren leben in Geldnot jedes
Jahr fallen Rittergüter in die Hand der Gerichte und der Regen trieft durch die
Löcher der leeren Scheunen und Ställe Die ältesten Leute erinnern sich recht
gut daran dass am Anfange des Jahrhunderts eine weit bessere Zeit gewesen war
aber Alte und Junge haben sich an das knappe Wesen gewöhnt sie sind darum keine
Kopfhänger nur singen sie ihre Lieder nicht vierstimmig in hellem Chor sondern
einzeln vor sich hin Die Bürger erkennen aber auch dass bei ihnen nicht alles
beim alten bleibt neue Laternen werden aufgehängt die an Ketten über der Gasse
schweben eine neue stattliche Schule wird gebaut ein schlammiger Teich vor
dem Stadttore in Wiesengrund verwandelt und gerade jetzt besteht unser Herr
Bürgermeister darauf die vorspringenden Dachrinnen abzuschaffen welche ihr
Wasser auf die Straße schütten und er wird seinen Willen durchsetzen
ungeachtet die Hausbesitzer kräftig widersprechen Unter allen Häusern ist die
Apotheke am merkwürdigsten geworden denn der ganze Unterstock wird von außen
mit Ölfarbe gestrichen welche weit über den Markt riecht
Die kleine Trompete der Post blies wie sonst durch die Gassen und die Post
brachte jetzt täglich eine Zeitung es stand aber wenig darin nur was der
Polizei genehm war Dort weit unten hatte sich der Grieche erhoben und die
allgemeine Stimmung der Stadt war gegen den Türken bei den Männern wegen seiner
Grausamkeit und bei den Frauen wegen seiner schlechten häuslichen Gewohnheiten
von den übrigen fremdländischen Nationen betrachtete der Bürger den Franzosen
noch immer mit großem Misstrauen den Engländer mit Vorliebe Der Russe galt
allerdings für einen Bundesgenossen doch konnte er bei näherer Bekanntschaft
wegen allzu großer Unsauberkeit und Bestechlichkeit nicht geschätzt werden
Diese alle aber lebten draußen in der Fremde Aus der Hauptstadt ihrer Provinz
und aus der großen Residenz des Königs wussten die Zureisenden wenig Wichtiges zu
berichten und die Kreisstadt die Provinz und der ganze Staat waren wie
Dornröschens Burg mit einer unsichtbaren Hecke umzogen hinter welcher alles
laute Leben erstarrt schien Doch geräuschlos arbeitete in dem Banne die Kraft
des Volkes und es mag einmal die Stunde kommen wo sie sich müht die Hecke zu
zerreißen
Eins der schönsten Häuser am Markte Parterre und Oberstock mit großen
Fenstern gehörte dem Doktor König er hatte es damals gekauft als er
heiratete Und wenn die Städter von dem Hause sprachen sagten sie Dort wohnt
das Glück Es war ein stilles Glück werktätige treue Liebe und festes Vertrauen
ohne das Bedürfnis vieler Worte dort wie überall unter den guten Menschen jener
Zeit Dem Hausherrn vergingen die Tage wieder in angestrengter Tätigkeit sein
junger Vetter war in eine benachbarte Kreisstadt gezogen hatte das Fräulein mit
den Lilien geheiratet und gewann Ruf und Ansehen Der Doktor aber wollte die
große Praxis auf dem Lande welche ihm zufiel nicht einschränken weil ihm dort
viele von früher her wert waren Wenn er jetzt des Abends ermüdet nach Hause
fuhr freute er sich den ganzen Weg über auf den Gruß seiner Hausfrau und auf
den Augenblick wo sie ihm aus dem Bärenpelz helfen und beim einfachen
Abendessen gegenübersitzen würde War er einmal gegen Abend zu Hause dann holte
er wohl seine Flöte hervor auf der er in jungen Jahren tüchtig gewesen war und
blies während der Mond das Fensterkreuz in der dunklen Stube abmalte und sein
liebes Weib an seiner Seite saß und andächtig zuhörte zuletzt legte er die
Flöte weg und zog die Geliebte an sein Herz Henriette hatte sich ausgedacht
wie hübsch es wäre wenn sie ihn auf der Gitarre begleiten könnte in der Stille
hatte sie sich ein Instrument geschafft nur wenige Stunden bei dem Organisten
genommen und in Abwesenheit des Gatten fleißig geübt An seinem Geburtstage trug
sie ihm die Flöte herbei und da er ein wenig geblasen hatte klangen leise die
Akkorde ihrer Gitarre hinein Dem Gatten wurden die Augen feucht und er küsste
ihr die Hand sie aber errötete über die ungewohnte Artigkeit und sah noch am
nächsten Tage heimlich auf die Stelle an welcher der Kuss gehaftet hatte
Der Doktor hätte ihr alltäglich die Hand küssen können denn es war eine
gesegnete Hand was sie im Hause anfasste geriet das Backwerk welches sie
ihrem Herrn zuliebe unternahm die Blumen die sie in den kleinen Hausgarten
pflanzte und die Dienstmädchen welche sie in die Lehre nahm
Doch alles Gute war nur ein Vorspiel gewesen als die Zeit kam wo ein
kleines Bett neben dem ihren stand und ein holdes Abbild des geliebten Mannes
darin lag
»So hast du einst ausgesehen« sagte sie stolz zu dem Gatten »als dein
Vater neben dir saß deine Händchen zusammenlegte und nicht müde wurde dich zu
betrachten du machst es mit dem Kleinen ebenso Siehe sein Haar wird
bräunlich und man merkt dass sichs kräuseln wird Der kleine Engel liegt still
auf der Seite er hat wie vormals du selbst die Fäustchen geballt die kleinen
Füße hinaufgezogen Schlummre mein Kind du hast den besten Schutz denn das
Auge deines Vaters ist über dir und wird dich behüten damit du fest und redlich
wirst wie er«
Etwas aber schwebte in der Zeit wo Mutter und Kind der Pflege bedurften
behend und geräuschlos wie eine Elfe oder Sylphe durch das Haus immer hilfreich
und zu jeder Stunde bei der Hand und dies war Tante Minchen Seit der Kleine
erschienen war hatte sie diesen Verwandtennamen angenommen ihr musste die Kunst
angeboren sein kleine Weltbürger zu waschen zu wickeln umherzutragen und mit
zärtlichem Gesange in Schlaf zu lullen Sie wurde der erste Pate der Graf und
Bärbel die andern und sie gab den Rat das Kind Viktor zu nennen zur Erinnerung
an vergangenen Kampf und Sieg »Wüsste ich nicht ziemlich genau dass ich die
Mutter bin« sagte Henriette dankbar »so müsste ich dich dafür halten Sieh hin
er verzieht das Mäulchen und will über dich lachen«
Viktor wuchs heran als ein kräftiger Knabe mit einem runden Kopf großen
blauen Augen und einem so sonnigen Ausdruck in seinen Mienen dass er schon auf
den Armen der Wärterin von den Vorübergehenden angeredet und geliebkost wurde
Es war wohl die stille Freudigkeit der Eltern was seiner Erscheinung den
lichten Glanz gab und die Gunst der Stadt und der tägliche Verkehr mit
freundlichen Nachbarn verliehen ihm dazu eine frohe Sicherheit und ein keckes
Selbstvertrauen welches sein ernster Vater nicht gehabt hatte Kurz
entschlossen bewegte sich der Knabe unter seinen Genossen alle kleinen Buben
der Stadt kommandierte er obschon er der jüngste war sooft er auf der Straße
mit ihnen zusammentraf Aber auch mit Erwachsenen hielt er gute Freundschaft
Einer der besten Freunde war Hans der Trompeter der nach dem Kriege sein
Mädchen geheiratet hatte jetzt als erster Ratsdiener die Polizeigewalt der
Stadt darstellte und durch energisches Schwenken seines spanischen Rohres an
Markttagen ein gefürchteter Mann geworden war Auch Hans fühlte eine zärtliche
Neigung zu dem Kleinen wenn er ihn auf der Straße traf hob er ihn auf und
küsste ihn mit seinem großen Schnurrbart nicht zur Freude der Mutter Viktor
begleitete dafür den Diener gern auf Geschäftswegen und als der Doktor einst
die Straße herabkam sah er wie Hans mit gehobenem Rohr ein stark betrunkenes
Bäuerlein auf die Wache führte und wie sein kleiner Sohn zum Ergötzen der
Leute ebenfalls mit einem gehobenen Stock hinter dem Bauer herlief und dabei
die Zickzackwege desselben getreulich mitmachte Und es wurde schwer den
Kleinen zu ernster Wohlanständigkeit zu ziehen denn er war zwar gutherzig aber
übermütig und ahmte gern alles Lächerliche nach So hatte der Kammerherr die
Gewohnheit zu schnupfen dann hielt er die Dose dicht unter seine Nase welche
nicht klein war zog die Schultern in die Höhe und beugte den Kopf vor während
er mit Genuss die Prise nahm In dem Familienschatz des Doktors aber befand sich
eine silberne Dose welche als teures Erbstück aufbewahrt wurde weil die
Überlieferung meldete dass sie dem Großvater von Friedrich dem Großen geschenkt
sei und die Sage hatte vieles für sich da die Dose nur klein und keineswegs
kostbar war Als nun einst der Kammerherr den Doktor besuchte sah dieser dass
der Herr mitten im Geschäft des Schnupfens anhielt und den stieren Blick in die
Stubenecke richtete Dort saß der kleine Viktor in der Hand die silberne
Familiendose welche er heimlich aus dem offenen Schreibtisch des Vaters geholt
hatte und stellte in respektwidriger Weise die auffällige Gebärde des fremden
Herrn so lächerlich dar dass der Vater trotz dem Frevel des Sohnes Mühe hatte
ernstaft zu bleiben
Auch die Unternehmungslust des Kleinen machte den Eltern Sorge Unweit der
Stadtmauer stand als Überrest einer vergangenen Burg ein alter viereckiger Turm
mit schadhafter Treppe und ohne Dach in den Ritzen wuchs Gesträuch dessen
Samen die Vögel hingetragen hatten Für den Turm hatte Viktor eine Vorliebe er
führte seine Gespielen gern dahin einen Helm von Pappe auf dem Haupt und eine
Fahne in der Hand Als einst zur Mittagszeit der Kleine nicht aufzufinden war
und der Vater in die Haustüre trat kamen ihm Leute entgegengelaufen und wiesen
bestürzt nach dem Ende der Straße wo das alte Gemäuer ragte Der Vater eilte
dorthin und sah den Knaben auf schwindelnder Höhe in einer Fensteröffnung
sitzen Das Kind hatte den Turm offen gefunden war die schlechte Treppe
hinaufgeklettert und vermochte den Rückweg nicht zu finden Während Hans unter
Lebensgefahr im Innern emporstieg stand der Vater mit bebendem Herzen draußen
und starrte nach der Höhe in dem Gedanken sein Kind aufzufangen wenn es
herabstürze Wie er endlich den Geretteten in seinen Armen hielt wollte er ihn
nicht loslassen und trug ihn der ahnungslosen Mutter zu Lange nachher gestand
er dieser »Seit jenem Tage sehe ich oft im Traume den Turm die schwarze Mauer
die offene Tür das Gesträuch welches zwischen den Steinen herauswächst und in
der Fensteröffnung mein weinendes Kind und das Entsetzen schüttelt mir die
Glieder wie damals«
Viktor war vier Jahre alt als seine Schwester Katarina geboren wurde Auch
er wurde von der Aufregung im Hause angesteckt und sah staunend auf das kleine
eingewickelte Ding welches in seiner Wiege lag zuweilen streichelte er ihr die
runden Wangen endlich erhob er sogar den Anspruch sie auf seinen Armen zu
tragen Seit sie in der Stube umherlief ließ er sich ihre Nähe gefallen in dem
Wechsel von Herzlichkeit und ruhiger Nichtachtung womit Knaben ihre jüngeren
Geschwister zu behandeln pflegen
Käte genoss als zweites Kind den Vorteil dass die Liebe der Eltern ruhiger
die Pflege sicherer war »Sie wird sich leichter ziehen als Viktor« sagte die
Mutter behaglich Freilich dem Erstgeborenen hatten Schmerz und Freude
Begeisterung und Entzücken der Eltern stärkeren Abdruck ihres eigenen Gemütes
eingeprägt dafür fand Käte außer ihnen auch eine Kinderseele durch welche sie
in das Leben eingeführt wurde Oft lief sie auf den Bruder zu sah ihn liebevoll
an und umarmte ihn und er ließ sich das lächelnd gefallen Das erste was die
Kleine sprach waren Worte die sie dem Bruder abgelauscht hatte Noch viel
später da sie bis zu den Stricknadeln herangewachsen war strickte sie als
erstes Kunstwerk einen Strumpf für Viktor und da sie endlich in die Geheimnisse
des Kreuzstichs eingeweiht wurde unternahm sie als erste Arbeit einen Gurt für
den Bruder So war natürlich dass ihre Gedanken viel bei ihm verweilten
Das Haus des Doktors war ein gastliches Haus nur geladene Gesellschaft
bewegte sich selten darin denn solche war damals umständlich und feierlich Die
liebsten Gäste waren die guten Freunde aus der Stadt welche am Abend ungeladen
zum »Lichten« kamen ihnen wurde vorgesetzt was im Hause war Punsch Äpfel und
Nüsse Außerdem erschienen die Universitätsfreunde und Kriegskameraden des
Hausherrn welche hier und da in der Umgegend wohnten Dann saßen die Männer bei
einem Glase Ungarwein bis in die Nacht zusammen und wurden nicht müde von
vergangener Zeit zu reden Viktor war an solchen Abenden gar nicht von der
Fussbank wegzubringen die er neben den Vater gerückt hatte auch er hörte mit
glänzenden Augen zu wenn die Herren von den Fahrten nach Lauchstädt erzählten
wohin sie aus der Universitätsstadt zu Pferde und zu Fuß gezogen waren oder von
ihren Erlebnissen und Gefahren im Felde
Aber die treuesten Hausfreunde der Einnehmer und seine Frau blieben nach
einigen Jahren aus Herr Köhler hatte bis zur Höhe seines Lebens in kleinen
Verhältnissen seine Pflicht getan jetzt auf einmal gewann der Staat ein
besonderes Zutrauen zu seiner Tüchtigkeit er wurde ganz außer der Reihe nach
der Residenz in einen großen Wirkungskreis berufen Dies war der erste Verlust
der das glückliche Haus traf allen wurde der Abschied bitterlich schwer am
schwersten für Tante Minchen die Trennung von den Kindern welche bis zuletzt an
ihrem Halse hingen
Zu den Besuchern welche von auswärts kamen gehörten die Bellerwitze Sie
waren alte Bekannte auch der Hausfrau und weil im Kriege gewissermaßen die
Verbrüderung aller Stände stattgefunden hatte und seitdem jedermann alten
Vorurteilen entsagte geschah es dass die große Kutsche gern vor dem Hause
anhielt und dass die Damen dasselbe Absteigequartier benutzten wenn sie in der
Stadt zu tun hatten Einst im Winter als die Herrschaften vom Lande in ihrem
Kränzchen einen großen Maskenball veranstalteten wurde ausgemacht dass die
Kammerherrin sich bei der Frau Doktorin dazu ankleiden sollte Sie erschien als
türkische Sultanin mit Turban auf welchem ein großer Federbusch von gesponnenem
Glase ragte in weiten Atlashosen und einem langen seidenen Sultansmantel und
hatte sich ausgedacht dass sie an einer Kette deren Glieder von blankem Blech
verfertigt waren einen Sklaven hinter sich herführen wollte Nicht jedermann
war zu dieser Rolle bereit endlich fand sich ein kleiner Referendar der sich
seinerseits mit schwarzer Larve verkappte Viktor wurde in das Ankleidezimmer
geführt um die Masken auch zu sehen Es war das erstemal dass er jemand in
prächtiger Verkleidung erblickte er setzte sich still in die Ecke starrte auf
die großartige Gestalt und war durch keine Liebkosungen der Sultanin aus seinem
Winkel herauszulocken Als Henriette später zu dem Gatten sagte »Was hat doch
das Kind Er ist sonst dreist und zutraulich gegen alle Welt nur nicht gegen
diese Familie« da antwortete der Doktor lachend »Woher er das hat kann
niemand sagen Er kennt aber diese Leute so gut wie wir Das ist der Scharfsinn
der Kinder« und als er den Kleinen fragte wie ihm die Frau gefallen habe
sagte der Knabe eifrig »Sie soll niemanden an der Kette führen«
Auch später wollte es nicht gelingen ihn in ein gutes Verhältnis zu den
Insassen der großen Kutsche zu bringen Die Kammerherrin hatte ihrem Gemahl kurz
nach Viktors Geburt eine Tochter geschenkt die kleine Valerie war als Nestling
in kinderreichem Hause der Liebling der Eltern und ihre Mama hatte schon oft
die artige Bitte ausgesprochen dass Viktor doch die Eltern bei einem Besuch
begleiten möge Deshalb nahm der Doktor den siebenjährigen Knaben bei einer
Geschäftsreise nach dem Gute mit Auf dem Wege befand sich Viktor in rosiger
Stimmung denn mit dem Vater zu fahren war sein Stolz Da sie aber auf der Rampe
des Schlosses hielten und der Diener die steinerne Treppe hinaufführte
verstummte das Kind und wie er unter die jungen Damen kam stand er steif und
schweigsam der Vater überließ ihn der weiblichen Beredsamkeit welche auch
unter den jüngeren Gliedern der Familie nicht unbedeutend war und besorgte
seine Angelegenheiten Als er den Knaben wieder abholen wollte erhielt er von
den Fräulein den Bescheid Viktor hätte nicht bei ihnen aushalten wollen und sei
mit dem Diener in den Hof gegangen Dort fand ihn der Vater beim Pferdestall
sitzen Auf dem Heimwege mahnte er den Sohn an seine Verpflichtung mit der
Kleinen zu spielen und bekam die unwillige Antwort »Sie berühmten sich zu sehr
bei ihrem Spielzeug und bei einer großen Decke mit Blumen die in ihrer guten
Stube auf dem Boden liegt und ich sagte ihnen dass sie Gänse sind«
Viktor ging in die Schule Der Diakonus ein Freund des Doktors hatte sich
erboten den Knaben in Privatstunde zu nehmen Auch in dieser Schule wurde Käte
nach den ersten Jahren seine Genossin er half ihr schwere Worte lesen und
lehrte sie die Bedeutung der Zahlen und wenn die beiden runden Kindergesichter
sich über die Schiefertafel beugten strahlte von ihnen ein heller Schein in die
Herzen der Eltern In dem Privatunterricht wuchsen die Kinder heran Käte las
kleine Geschichten im Bilderbuch und Viktor lernte mit elf Jahren über den
unregelmässigen Zeitwörtern der lateinischen Grammatik
Als er einst seine Mappe nach Hause trug sah er vor dem Gasthofe einen
großen Packwagen abladen Außer vielen Kisten und Koffern auch ungeheure Rollen
und um das Gepäck trieben sich fremde Männer umher mit gelockten Haaren und
einer auffällig bleichen Gesichtsfarbe In der Mitte der Bewegung stand ein
breitschultriger Herr der ein buntes Tuch lose um den Hals geknüpft hatte und
den Hut verwegen auf einem Ohr trug Er befahl mit kühnen Bewegungen des Armes
und mit einer Stimme welche gewaltig über den Markt schallte Die
herzugelaufenen Leute sagten einander dass dies Komödianten seien und der große
Mann in der Mitte der Herr Direktor Viktor fühlte die Aufregung mehr als alle
anderen vieles was er aus den Erzählungen des Vaters erlauscht hatte die
Begeisterung mit welcher dieser oft vom Theater gesprochen das wurde plötzlich
in seiner Seele lebendig wie Ahnen eines neuen Glückes Beim Mittagessen war
wieder von den angekommenen Schauspielern die Rede Auch die Eltern waren in
heiterer Erwartung Damals als sie einander zuerst liebgewannen hatten sie
ihre Erinnerungen an genossene Aufführungen ausgetauscht Seitdem war beiden nur
selten einmal ein Besuch des Theaters möglich gewesen und jetzt kam es so nahe
an ihre Türe Sie durften auch hoffen in ihren frohen Erwartungen nicht
getäuscht zu werden Denn die Gesellschaft hatte einen guten Ruf und die
Vorstellungen der besseren Wanderbühnen hatten damals einen höheren Wert als
wohl später waren auch die Stücke zum größten Teil schwach das Spiel war
keineswegs verächtlich Von diesem Tage begann für Viktor eine Entfaltung der
eigenen Gestaltungskraft welche fast in allen Kinderseelen durch das erste
Eindringen der dramatischen Kunst bewirkt wird Schon zur ersten Vorstellung
wurde er trotz der Bedenken der Mutter mitgenommen In dem großen Saal des
Gastauses war die Bühne aufgeschlagen davor die Bretterbank auf welcher
Steinmetz mit seinen Gehilfen den musikalischen Teil des Genusses zu besorgen
hatte Als der Vorhang aufging starrte Viktor in einem Schauer von Ehrfurcht
und Erwartung nach der fremden Frau welche aus dem schön gemalten grünen Wald
heraustrat in einem weißen Gewande und einer hochgepufften Frisur wie sie
damals bei Frauen und Göttinnen modisch war Und als sie sich verneigte und
erklärte dass sie eine Muse sei und ihre Gesellschaft der Gunst des Publikums
empfehle empfahl sie auch sich selbst bei dem übrigen Publikum und bei Viktor
Sie war so schön und edel dass die hochnasigen Mädel im Schloss des Kammerherrn
sich mit ihr gar nicht vergleichen konnten Das Stück aber war »Kätchen von
Heilbronn« Wetter von Strahl ganz in eine silberne Rüstung gehüllt die
schwarze Feme das wunderschöne Kätchen vor allem der gute treue Knappe Und
als in der Mitte des Stückes der Burgbrand kam und mit polizeilicher Erlaubnis
im Hintergrund außer dem Transparent ein Schwärmer zuckte Hans stand in den
Kulissen neben zwei Eimern mit Wasser da drückte sich der Knabe in seinem
Entzücken zwischen Vater und Mutter hinein und hielt sich mit den Armen an
beiden fest Mit Besorgnis sah die Mutter nach der Heimkehr die glühenden
Wangen und dass das Kind keinen Schlaf finden konnte Aber am Morgen war er
wieder munter und spielte Feme mit einem alten Tuche
Als er das nächste Mal in die Komödie mitgenommen wurde war dort alles
lustig man gab »Das Donauweibchen« es wurde auch gesungen die Nixen
schwenkten hinter einem Damm von bemalter Leinwand ihre Schleier der Ritter
erschien und sein dicker Knappe Kaspar Larifari welcher sich unglaublich
lächerlich gebärdete Aber als Viktor gerade am lustigsten war erlebte er
etwas was er sobald nicht vergessen sollte denn auf einmal erschien vor dem
Kaspar ein kleines Nixenkind ein Mädchen von etwa acht bis neun Jahren mit
rosigem Gesicht und rabenschwarzen Locken sie drehte sich vor dem Manne im
Kreise und sang dazu So schön war das Mädchen und wie ein Glöckchen klang ihre
Stimme durch den Raum dass die Zuschauer vor Freude in die Hände klatschten
Viktor wandte kein Auge von ihr und als der Akt zu Ende war lief er von seinem
Platze zu den Musikern Dort war seitwärts von der Bank an dem gemalten Portal
der Bühne ein kleiner Vorhang hinter welchem zuweilen Mitglieder der
Gesellschaft verschwanden Von übermächtiger Gewalt getrieben glitt Viktor
hinter den Vorhang stieg eine kleine Treppe hinauf und stand in den Kulissen
Dort saß in dem schmalen Raume zwischen Leinwand und Stricken das schöne Mädchen
auf einem Schemel die Händchen im Schoss gefaltet sah es vor sich hin Viktor
stand in Ehrfurcht vor ihr unbeweglich wie sie und hielt den Apfel in der
Hand welchen ihm die Mutter zur Erquickung eingesteckt hatte Endlich legte er
den Apfel leise in ihren Schoss die Kleine sah erstaunt auf und die Kinder
blickten einander mit großen Augen an Da tönte ein Glöckchen das Mädchen fuhr
auf und und er sprang die Stufen hinab und drückte sich unter die Zuschauer
welche an der Seite standen und seinen Einbruch in das Heiligtum den Augen der
Eltern verborgen hatten Seitdem studierte Viktor die Teaterzettel und bat
sooft die kleine Tina auftrat dass er mitgenommen werde Aber er strich auch
wenn er sich frei machen konnte bei Tage um den Saal des Gastofs Als einmal
die Kleine neben der Mutter auf der Straße vorüberkam stand er wie ein Bild aus
Stein in freudigem Schreck über die Begegnung Und als das Mädchen zu seiner
Mutter sprach er wusste recht gut dass von seinem Apfel die Rede war wurde
er vor Erregung rot und vermochte die Mütze erst zu ziehen als es zu spät war
Doch des Abends wagte er durch den Ritz an der Seite zu gucken und da er die
Kleine nach ihrem Spiele sah ihr zuzurufen »Das war schön« Sie lachte ihn an
Damit war das Eis gebrochen Als Vertrauter des Stadtmusikus gewann er in seinem
Drange dicht an der Bühne zu sein einen Platz auf der Bank des Musikanten und
die Eltern deren Stühle in der Nähe waren hatten nichts dawider Dort saß er
an der Ecke neben dem Schlitz am Portale schlüpfte hinter die Gardine und
teilte mit der Kleinen was er Gutes in der Tasche hatte Auch traf es sich dass
zuweilen der Kopf eines Mädchens hinter dem Vorhang heraussah und eine kleine
Hand sich gegen ihn ausstreckte Ja einmal als ihre Rolle zeitig zu Ende ging
kam sie in ihrem Mäntelchen heraus und setzte sich neben ihn auf die Bank Er
legte seine Nüsse in ihre Hand hielt die Hand mit den Nüssen fest und war sehr
glücklich
Aber auf dies heitere Verhältnis fiel durch Viktors Schuld ein dunkler
Schatten Es wurde ein gefühlvolles Ritterstück gegeben und die Mutter der
Kleinen spielte die Heldin welcher ihre Kinder von einem mächtigen Bösewicht
geraubt werden sollten Als nun die verzweifelnde Mutter wie eine Löwin gegen
das Gitter des Kerkers losfuhr wurde die Aufregung Viktors übermächtig und in
dem Bestreben sich von einem schmerzlichen Eindruck zu befreien hob er das
dünne Stöckchen des Vaters das er leider in der Hand hielt und tippte damit an
eine Pyramide von Hüten welche die stehenden Zuschauer missbräuchlich an der
Ecke des Podiums aufzustellen pflegten Die Hüte kollerten und wälzten sich bis
nahe vor die Füße der Heldin das Publikum lachte kaum konnte die Szene zu Ende
gespielt werden Viktor erschrak über diese Folge seiner Missetat auch war das
Schwenken des Stockes nicht ganz unbemerkt geblieben sogar hinter den Kulissen
hatten sie es gesehen und die Eltern erfuhren davon Als das Theater zu Ende
war ging die Kleine an Viktor vorüber ohne ihn anzusehen und er fühlte jetzt
tiefe Reue die er hinter stillem Trotz verbarg Obwohl nicht böse Absicht
sondern nur Ungeschick angenommen wurde bestand der Vater doch darauf dass der
Sohn bei der Künstlerin Abbitte tun solle Dies hielt er um so mehr für
Schuldigkeit weil die Eltern der kleinen Tina von den Bürgern als ordentliche
Leute gerühmt wurden sie lebten still in einfachem Haushalt und machten keine
Schulden deshalb wurden die Heldenrollen welche sie spielten gern ihrem
Charakter zugute gerechnet
Viktor ging neben dem Doktor stumm zu der Wohnung der Schauspieler das Herz
war ihm sehr beklommen und das Weinen nahe Vor den Fremden entschuldigte zuerst
der Vater die Untat Viktor aber der die kleine Tina hinter der Mutter stehen
sah vermochte mit niedergeschlagenen Augen nur die Worte herauszubringen
»Seien Sie mir nicht böse« Der gekränkte Künstlerstolz der Schauspielerin wurde
durch natürliche Gutherzigkeit und durch die Rücksicht auf den angesehenen Arzt
überwunden Sie reichte dem Knaben die Hand der Heldenvater rückte dem Doktor
einen Stuhl hin und Viktor wurde aufgefordert mit der Kleinen zu spielen Er
fühlte wieder tiefe Beschämung als das Mädchen leise sagte »Vater meinte auch
es sei nicht gern geschehen« Während die Eltern verständige Worte tauschten
saßen die Kinder zusammen vor einem alten Jäckchen von roter Seide auf welches
Tina für eine künftige Pagenrolle silberne Tressen nähte und über ihnen hing an
der Wand die glänzende Blechrüstung ein Hauptstück des Garderobenschatzes
welches der Künstler nur in den größten Heldenrollen gebrauchte Die
prachtvollen Gewänder an der Wand und die vornehme Weise in welcher die Fremden
auf ihren Stühlen saßen und mit verbindlichem Lächeln die Unterhaltung machten
bezauberten den Knaben Auch der Vater war mit dem Besuch zufrieden und lud beim
Abschiede die kleine Tina in sein Haus ein
Seitdem sahen sich die Kinder einigemal bei ihren Eltern Als das Mädchen in
das Haus am Markte kam und das ganze Spielzeug zur Genüge betrachtet war hätte
Viktor gar zu gern gehabt wenn sie mit ihm Kaspar Larifari gespielt hätte sie
aber weigerte sich und fragte nach seinem Brummkreisel von dem er einiges
erzählt Zuletzt gestand sie ihm vertraulich dass sie vor allem gern einen
Drachen würde steigen lassen Da konnte er helfen und am nächsten Tage zogen
beide mit dem Papierdrachen auf das Feld er hielt den Drachen sie die Schnur
und als der Drache in der Höhe immer kleiner wurde sah sie glückselig zu dem
Steigenden hinauf »So hoch möchte ich mit dir fliegen« sagte sie »immer
weiter« »Aber zuletzt fallen wir herunter« versetzte der klügere Viktor
Als endlich der Tag der Trennung kam trug Viktor der Kleinen ein Halsband
zu das ihm die Mutter auf seine Bitte gekauft sie aber schenkte ihm einen
Schal von bunter Wolle den sie selbst für ihn gestrickt hatte Beim Abschied
fiel er ihr um den Hals und küsste sie recht herzlich sie hielt ihn fest
umschlungen Die Mutter hatte vorher die Befürchtung ausgesprochen dass der Sohn
sich ungebärdig stellen und sehr weinen würde Zur Verwunderung der Eltern war
das nicht der Fall er ging still neben dem Vater nach Haus ohne sich
umzusehen und erzählte am Abend der Mutter mit glänzenden Augen die Geschichte
von dem Kampfe der drei Horatier die er in der Schule gehört Er war nicht
traurig sondern gehoben durch die Szene des Abschiedes und durch den ersten
Kuss den er freiwillig einem fremden Mädchen gegeben Es war eine unschuldige
Kinderneigung aber es war die erste Liebe eines reich begabten früh
entwickelten Knaben Ob es ihm einst zum Heil oder zum Unglück gereichen sollte
dass er als Kind die Hingabe und die Zärtlichkeit einer solchen Leidenschaft
durchlebt hatte Er selbst sprach selten von seiner kleinen Freundin aber er
dachte fröhlich an sie wie an Weihnachten und der Diakonus rühmte in der
nächsten Zeit den aufgeweckten Geist des Knaben und die schnellen Fortschritte
Bald darauf verkündeten die Zeitungen dass draußen in der Welt sich ein
unruhiges Getümmel erhob man las von Strassenkampf und Barrikaden bei den
Franzosen auch die Polen rührten sich heftig im Lande wurde getrommelt
Soldaten marschierten und besetzten die Grenze Die Herren saßen länger im
Gespräch bei einem Glase Wein Hans führte einen Leinweber auf die Wache weil
dieser im Rausch auf der Gasse nach Menschenrechten geschrien und dem
Bürgermeister einen Stein gegen die Haustür geworfen hatte Auch die Kinder
wurden von der Unruhe ergriffen Viktor schritt als Kommandant vor einer Bande
Schulknaben und da er vom Vater wusste dass man fernes Geräusch von Pferdehufen
und das Rollen der Kriegswagen erlauschen könne wenn man das Ohr an die Erde
halte so zwang er seine Kompanie sich in der Dämmerung auf das Strassenpflaster
zu legen um dort das Anrücken unbekannter Feinde zu vernehmen Bei Kindern und
Großen legte sich allmählich die Bewegung Dennoch merkte man dass sich allerlei
Neues an die Stadt heranzog eine Schnellpost eine Chaussee und die Leute
sprachen viel von Eisenbahnen auf denen man fahren könne
Auch für die Glücklichen im Doktorhause brachten diese Jahre große
Veränderungen Zuerst starb der gute Senior hoch an Jahren aufrichtig
betrauert von seiner Gemeinde und die Frau Pastorin zog in weite Entfernung zu
einem Sohne der ebenfalls Geistlicher auf dem Lande war Während Henriette noch
unter diesem Verluste litt traf sie ein anderer Viktor musste das Elternhaus
verlassen um ein Gymnasium zu beziehen Der Wechsel war so günstig als möglich
die Entfernung betrug nur wenige Meilen und der Haushalt in welchen er
versetzt wurde war der des jungen Doktors Die Aufregung und Betäubung des
Aufbruchs barg dem Knaben den Schmerz welcher ihm bevorstand die Eltern
empfanden den Verlust schon lange vorher Sie begleiteten den Sohn in die
benachbarte Stadt Als die Trennungsstunde kam und der Wagen vorfuhr der die
Eltern in die Heimat zurückbringen sollte da warf sich Viktor schluchzend ihnen
um den Hals und klammerte sich zuletzt krampfhaft am Vater an Und er blickte
dem rollenden Wagen nach in einem herzzerreissenden Weh dem ersten großen seines
Lebens Auch die Eltern saßen im Wagen sprachlos und hielten einander bei der
Hand bis die Mutter das eigene Leid über dem stummen Schmerz des Gatten vergaß
und ihr Haupt auf seine Schultern legte um ihn leise zu mahnen dass er nicht
allein geblieben sei da sagte der Gatte in tiefer Bewegung »Jetzt weiß ich
wie einem armen Vater zumute ist der sich von seinem Kinde scheidet Es ist ein
Teil des eigenen Lebens den man von sich tut Auch für dich Geliebte endet
der blühende Sommer in dem wir so selig waren In Frieden und Freude des Hauses
drängt sich Entbehrung und Sorge das höchste Glück bereitet dem bittersten Leid
nur die Wege Das ist Menschenlos«
Vandalen und Thüringer
Wieder vergingen acht Jahre und Viktor wurde Student Er war ein reichbegabter
Schüler sein fröhliches Naturell erwarb ihm Zuneigung der Lehrer und
Mitschüler und ein behendes Selbstvertrauen das ihm eigen war verminderte nur
selten seinen Fleiß denn von dem redlichen Pflichtgefühl der Eltern war doch
viel auf ihn übergegangen Der Doktor folgte der Entwicklung seines Sohnes mit
stillem Wohlgefallen »Er hat einen hochfliegenden Geist und den Mut etwas zu
wagen« sagte er zu seiner Frau »Er soll sich erwerben was seinem Vater nicht
zuteil wurde freie Tätigkeit in einer Wissenschaft und er soll die
Wissenschaft wählen nach seinem Gefallen Oft wenn ich ein gutes Buch las habe
ich daran gedacht dass doch der edelste Beruf des Mannes ist für Lehre und
Bildung in weiten Kreisen tätig zu sein« Und als die Mutter bescheiden
einwendete »Ist solche Aufgabe nicht sehr schwer und der Erfolg ungewiss und
wie steht es dabei mit der Sicherheit des äußeren Lebens« da entgegnete der
Doktor hoffnungsvoll »Er ist einfach erzogen an geringe Bedürfnisse gewöhnt
und ich erwarte wenn seine Kraft als Schriftsteller für hohe Leistungen nicht
ausreicht dass er verstehen wird als gewissenhafter Lehrer seine Pflicht zu
tun«
In diesem Sinne besprach der Vater mit dem Sohne die künftigen Studien Weil
er der Meinung war dass im Anfange eine kleinere Studentenstadt für Bildung des
Charakters vorteilhaft sein werde riet er ihm die Universität an welche er
sich selbst mit Freude erinnerte
Dort saß jetzt Viktor am Fenster seiner Studierstube die Sonnenstrahlen
füllten sein Zimmer mit Glanz und aus dem Garten quoll der Blumenduft herauf
zwischen das ferne Geräusch der Straßen tönte das Gezwitscher der Vögel und das
Gesumm der Bienen welche um die Blüten des wilden Weines schwebten In
gehobener Stimmung saß er und sann Denn er war zuweilen Dichter und er hatte
nichts dawider wenn es die ganze Welt erfuhr zur Zeit wusste es nur seine
Familie Heut dachte er an die Heimat und an die liebe Mutter Der Segen den
sie auf sein Haupt gelegt und die Liebe mit der sie ihn beim Abschiede ans
Herz gedrückt erfüllten ihm das Gemüt und ihm war als müsste alles was ihn
bei der Erinnerung bewegte die ganze Fülle zärtlicher Gefühle in Wort und Vers
dahinströmen Wie starker Glockenton bebte es durch sein Inneres Aber da er es
in Worte fassen wollte wurde was als Ton und Vers von seinen Lippen klang
immer nur ein bekanntes Lied das er bisweilen von der Mutter gehört hatte und
er musste sich darüber wundern dass seine Seele von der alten Weise nicht lassen
wollte die nicht einmal ganz passte und einen anderen Ausdruck gar nicht
begehrte als den Text von Lebewohl und Wiedersehen Dazwischen hörte er draußen
Trommeln und ihm fiel plötzlich ein wie kunstvoll am Abend vorher sein
Leibbursch Roller auf einem leeren Tönnchen die Schläger gehandhabt hatte und
welch ein prächtiger Gesell der Freund war mit seiner trocknen guten Laune Er
lief zum Schreibtisch und was er niederschrieb war ein munteres Studentenlied
in welchem kleine Abenteuer des Leibburschen nach bekannter Melodie gefeiert
wurden nicht hochpoetisch aber lustig Als er die Worte durchlas fiel ihm der
Abend ein wo er mit dem Stock des Vaters die Hüte auf die Bühne geworfen hatte
und er fragte sich zweifelnd ob solches Herausspringen aus der Sentimentalität
für einen Lyriker geziemend und eine gute Vorbedeutung sei
Als Schlesier trug Viktor das Korpsband der Vandalen eines tapferen und
ruhmreichen Stammes bei dem er viele Landsleute fand und obwohl er seine Zeit
nicht ausschließlich den Fehden und Trinkgelagen der Genossenschaft widmete
wurde er doch als ein ansehnlicher Mann welcher mit Feder und Schläger Bescheid
wusste und in dem Ruf diplomatischer Weisheit stand mit der Zeit zum Konsenior
gewählt Dies Ehrenamt war nicht mühelos denn obwohl die verschiedenen Korps in
der Regel gegen die Burschenschaft und die Wilden zusammenhielten hegten sie
doch auch gegeneinander starken Argwohn und es gab Grenzstreitigkeiten wegen
der Füchse und der Zugewanderten Am häufigsten zwischen Vandalen und
Türingern Diese Nation die zahlreichste von allen war lange nichts als eine
Verbindung von lockerem Zusammenhalt gewesen hatte sich aber vor einiger Zeit
zu einem Korps emporgeschwungen und litt gerade damals an einem unleidlichen
Dünkel Unter ihren Starken waren mehrere Adelige welche größeren Aufwand und
vornehme Neuerungen einführten Ihr erster Häuptling ein Herr von Henner war
ein langer hagerer Gesell als Schläger gefürchtet und wegen seines Hochmuts
übel beleumundet Ihn konnte Viktor durchaus nicht leiden schon darum nicht
weil er Neffe eines verstorbenen uralten Majors aus der Kreisstadt war von dem
Viktor als Knabe einen scharfen Verweis erhalten hatte als er einst mit seiner
Kompanie auf dem Stadtwall die Wege verengte Doch hatte die gemessene
Höflichkeit des Türingers seither einen feindlichen Zusammenstoß verhindert
Nun wollte der Zufall dass Thüringer und Vandalen zugleich den Entschluss
fassten ein Königreich zu errichten und dass sie zur Festfeier dieselbe Woche
bestimmten Da dies der Gäste und des Lokals wegen nicht passte und den Vandalen
viel an dem gewählten Tage lag der ihr Stiftungsfest war so wurde beschlossen
deshalb mit den Rivalen in freundliche Verhandlung zu treten und Viktor ward
mit dem Auftrage betraut Er begab sich also eines Abends nach dem
unterirdischen Gewölbe in welchem die Thüringer ihren Trank in Humpen und
Stangen zu heben pflegten Verwundert blickten die Helden aus rötlichen
Gesichtern auf den fremden Gast und das Vandalenband über seiner Brust doch
wurde er von dem Fuchsmajor der die Pflichten des Marschalls zu erfüllen hatte
achtungsvoll empfangen zu dem Häuptling geleitet und neben diesem
niedergesetzt Während die wilde Jugend der Thüringer sang und Bierkonvente
berief verhandelten die beiden Würdenträger leise miteinander Doch leider fand
das gute Wort des Vandalen bei dem stolzen Thüringer keine gute Statt gleich im
Anfang nicht als Viktor seinem Auftrage gemäß ihn selbst als Gast einlud
Denn Henner antwortete dass er nicht zusagen könne bevor die Genossen ihr
Einverständnis erklärt hätten Als sich vollends herausstellte dass seinem Volke
eine Verlegung des Tages zugemutet wurde verweigerte er mit trocknen Worten
jedes Eingehen auf solchen Wunsch Durch die ungefällige Art des Gesellen wurde
Viktor gereizt doch gedachte er dass er nicht in eigenen Sachen sondern im
Interesse seiner Nation zu sprechen hatte und wahrte seine Würde Auch als
Henner die widerwärtige Angelegenheit eines Fuchses zur Sprache brachte den die
Vandalen den Türingern entführt haben sollten behielt der Gesandte seine
Haltung Da die Verhandlungen ins Stocken gerieten und er den aufsteigenden
Unwillen bewältigen wollte sprach er von anderm erzählte allerlei und weil er
sehr kunstvoll gemalte Pfeifenköpfe in der Nähe sah so rühmte er die Arbeit und
fragte nach dem Maler Da hielt ihm Henner nachlässig das Bild seines
Pfeifenkopfes hin einen Schild in Blau und Silber geteilt darin schwarze
Vögel und nannte den Maler
Viktor lobte das Werk und sagte ruhig »Mir gefällt nicht der neue Brauch
Wappen auf Burschenpfeifen zu tragen«
»Manchem missfällt was er nicht hat hätte ers so würde er es wert
halten« antwortete Henner kalt »Jedes Land hat seinen eigenen Brauch Unter
euch Schlesiern macht jeder Schuljunge Verse ich höre bei euch kauft man ein
Leichengedicht zu vier Groschen und bei Hochzeiten tuns eure Poeten umsonst
für Essen und Trinken«
Dies war eine bösartige Anspielung auf die Begabung welche auch Viktor
nicht versagt war Denn es war bekannt dass die Vandalen einige Lieder von ihm
auf ihren Bänken zu singen liebten Der Gast merkte dass der andere Händel
suchte und dass ein Kampfgespräch beginnen musste dessen Ausgang beide kannten
Er antwortete also mit kaltem Stolze »Ich gebe dir mit besserem Grunde deine
Worte zurück dass mancher verlacht was er wert halten würde wenn ers hätte
Haben die Schlesier allzuviel Verse so ihr Thüringer zuviel große Herren Du
bist wie ich höre aus dem Lande in dem der Maikäfer über sieben Fürstentümer
fliegt«
»Ich stamme aus Westpreussen« versetzte Henner stolz »aber meine Familie
ist erst dorthin ausgewandert sie saß in Thüringen bevor es ein Preußen gab
Wir sind die Henner aus dem Hause Ingersleben«
Als Viktor diesen Unsinn hörte verlor er die Geduld Im Augenblicke fiel
ihm vieles ein was ihn schon als Knaben an den Bellerwitzen und andern geärgert
hatte die Blechkette und die Ruhmredigkeit Er erhob sich und verhehlte nicht
länger die bedeutsamen Worte welche dem Betroffenen das Gegenteil von
männlicher Klugheit zur Last legen denn er sagte verächtlich »Aus dem Hause
Ingersleben Du bist ein dummer Junge« Henner blieb kaltblütig sitzen und hob
gegen einen Vertrauten welcher neben ihm saß nur einen Finger in die Höhe
worauf dieser aufsprang und den scheidenden Gast welcher kampfmutig über den
Haufen der Thüringer sah im Namen Henners auf einen Gang mit kleinen Mützen
forderte Viktor nickte und beobachtete dass den Türingern erst jetzt der
Zusammenstoß der Großen auffiel und dass sie zahlreich von den Bänken fuhren um
dem Fremden mit gleicher Schmähung zu bezahlen aber durch eine neue
Handbewegung ihres Seniors zurückgehalten wurden Nur zwei der besten Recken
tauschten mit ihm noch Scheltworte und Forderung und Viktor schied aus dem
Heerlager der Feinde mit der Aussicht auf drei Geschäfte bei denen für die
Beteiligten der Hingang auf eigenen Beinen sicherer war als die Heimkehr
Als Viktor am anderen Morgen früher als sonst erwachte war ihm in dem
nüchternen Grau des Tages das Gemüt doch etwas beschwert er hatte bis dahin mit
Glück und Kunst ähnliche Zusammenstösse überwunden und genoss den Ruf scharfe
Hiebe auszuteilen Diesmal aber stand dreimaliger Männerkampf mit den besten
Schlägern der Universität in Aussicht und zwar in der gefährlichsten
Kampfweise und er beobachtete an sich selbst mit Befriedigung dass er in dem
Kolleg einer langen philosophischen Erörterung zu folgen vermochte obgleich ihm
die Sekunden und Quarten zuweilen den Faden zerschnitten Natürlich zog der
Zwist sein ganzes Volk in Mitleidenschaft die Vandalen waren empört die
Thüringer gereizt und wo Kämpfer aus beiden Stämmen zusammenstiessen wurden
wilde Worte und Forderungen getauscht
Der Morgen des Kampfes brach an Noch vor Aufgang der Sonne schritt Viktor
mit seinen Genossen durch die dämmerigen Straßen einem abgelegenen Gartensaal an
der Grenze der Stadt zu alle schweigsam und mit festem Tritt Von einem Baum am
Wege schlug ein Fink und begleitete die Wanderer eine Strecke Viktor winkte mit
der Hand dem Vogel zu und der Gruß des Kleinen machte ihm das Herz leicht Er
fand an der Kampfstätte die Gegner bereits versammelt dazu eine Anzahl
aufgeregter Füchse welche schon vor Tagesanbruch die Waffen geschleppt hatten
und als Späher das Haus gegen feindliche Gewalttaten bewachen sollten Die
Vorbereitungen waren kurz wenige Worte wurden gewechselt auch die Sekundanten
hatten nicht viel zu tun ein Strang über die Pulsadern des rechten Armes
gebunden die leichten Tuchmützen dem Unparteiischen vorgezeigt die Aufstellung
gemessen dann traten die Sekundanten tiefatmend zurück der Unparteiische rief
sein »Gebunden los« und Stahl klang an Stahl Mit Freude sahen die Vandalen
wie gewaltig der Streit wurde die Kraft des langen Henner war größer aber
seine gefürchteten steilen Quarten sausten unschädlich bis endlich ein
verhängnisvolles Atempo dem Kampf ein Ende machte die Wange Henners klaffte
weit aufgeschljetzt und von der Schulter Viktors strömte das Blut zur Brust die
Sekundanten sprangen ein und trotz dem Widerspruch der Kämpfenden wurde der
Streit für ausgetragen erklärt Mit stillem Triumph geleiteten die Vandalen
ihren Mann nach Hause Henner musste im Wagen nach seiner Wohnung befördert
werden
Es war ein rühmlicher Kampf gewesen und lange haftete die Erinnerung daran
denn er wurde für beide Genossenschaften verhängnisvoll Der Behörde flog eine
Kunde zu und da der Zufall wollte dass gerade aus der Residenz eine der
periodischen Mahnungen zur Abstellung unerlaubter Verbindungen eingetroffen war
mit scharfen Bemerkungen über seither gewährte Nachsicht so musste der Senat
der eine Zeitlang beide Augen zugedrückt hatte sich ungern entschließen eine
große Untersuchung eintreten zu lassen Nun hatten die Thüringer am meisten mit
Nachtwächtern und Pedellen zu tun gehabt und wurden deshalb zum Objekt des
gesetzlichen Zornes auserwählt Aber auch die Vandalen gingen nicht leer aus
Die Untersuchung ward bis zum Ende des Halbjahres hingezogen und Viktor erhielt
die Andeutung dass er die Universität verlassen müsse Henner aber der übler
angeschrieben war wurde erst festgesetzt und dann mit Entschiedenheit
weggewiesen Die Entfernung der beiden Helden wurde für ihre Nationen
verderblich zwar die Vandalen erhielten sich aber die Thüringer verloren die
Kraft des Widerstandes sie gerieten kurz darauf mit den Franken in ärgerliche
Händel und verschwanden für längere Zeit aus den Akten des Senats und der
Geschichte
Als Viktor nach einer Abwesenheit von anderthalb Jahren in die Heimat kam
fuhr ihm der Vater allein bis zur nächsten Post entgegen »Ich komme dich
abzuholen« sagte er nach der ersten Begrüßung »weil ich weiß dass du mir
allerlei zu erzählen hast was man am besten in der ersten Stunde des
Wiedersehens abmacht damit das Herz frei werde Setze dich zu mir in den Wagen
und denke dass ich dein ältester Freund bin und dass ich auch einmal jung war«
Da legte der Sohn ein offenes Bekenntnis ab über manches was er als Musensohn
zuwenig und als Vandale zuviel getan und er fand einen nachsichtigen Richter
Zuletzt sagte der Vater »Ich hoffe du hast in dieser Zeit für dich erworben
was ein Mann unter allen Umständen im Leben braucht und das lustige
Burschentreiben wird für dich abgeschlossen sein Von jetzt bist du ein Mann
der fleißig für seine wissenschaftliche Bildung zu arbeiten hat und dafür
schlage ich dir die große Universität in der Residenz vor« So gelangten beide
im besten Einvernehmen nach Hause
Als der verbannte Häuptling der Vandalen zwischen Mutter und Schwester in
das Wohnzimmer trat fand er dort eine hochaufgeschossene junge Dame die ihr
Haupt stolz auf einem vollen Nacken trug und ihr blondes Haar unbekümmert um
die Mode in langen Locken um den Kopf hängen ließ Während er sie staunend
betrachtete rief Käte »Kennst du sie nicht Es ist die Valerie meine liebste
Freundin«
Kein Zweifel es war die jüngste Bellerwitzin Viktor grüßte förmlich das
Fräulein dankte ebenso er erkannte jetzt in dem Antlitz der Jungfrau die Züge
des Kindes und doch sah sie fremdartig aus Sie war unleugbar hübsch die
Stimme klangvoll und wie sie von Kätchen nach der Nebenstube gezogen wurde und
das Gelächter der Mädchen herüberklang musste er sich bekennen dass auch ihr
Lachen wohltönend war Dennoch wunderte ihn der Besuch und er fragte die Mutter
»Wie kommt die hierher«
»Sie ist auf einige Monate zu uns gezogen um mit Kätchen Unterricht im
Klavier zu nehmen wozu hier gute Gelegenheit geboten ist Sie ist redlich und
hat Charakter«
Das letztere war nicht unmöglich aber Viktor war nicht der Mann seine
Ansichten im Handumdrehen aufzugeben und das Verhältnis zwischen beiden blieb
während seiner ganzen Anwesenheit sehr kühl Das Fräulein sprach in Viktors
Gegenwart wenig und er wandte seine Rede an sie nur dann wenn die
Schicklichkeit es durchaus gebot
Einst klagte Käte »Seit der Kinderzeit bin ich in unserem Stadtwalde nur
so weit gekommen als die gebahnten Wege führen ich möchte auch einmal draußen
die Heide sehen« Da riet Viktor am nächsten Morgen früh aufzubrechen und einen
Ausflug in die Wildnis zu unternehmen Es war ein klarer Herbsttag als die drei
sich aufmachten im Schiesshause genossen sie das Frühstück und zogen von dort
mit beflügeltem Schritt in den Wald hinein Nachdem die Mädchen Waldblumen
gesammelt und zartem Naturgefühl Genüge getan hatten ergaben auch sie sich der
Fröhlichkeit sie lachten und sangen und Viktor erzählte in übermutiger Laune
drollige Geschichten So kamen sie aus dem lichten Laubholz in den großen
Kiefernwald und an jungen Schlägen vorüber bis die gebahnten Wege aufhörten
Vor ihnen lag eine weite Heidefläche auf der sich nur einzelne Stämme erhoben
Der Boden war mit Moos gepolstert und an dem Heidekraut hingen die verblichenen
Blüten
»Das ist eine wundervolle Wildnis« rief das entzückte Kätchen »Merkt auf
wir begegnen Zigeunern«
»Nur die Richtung nicht verlieren« mahnte Viktor
»Wir sind dort herausgekommen wo die beiden Birken nebeneinander stehen«
sagte Valerie zurückweisend »ich will den Weg schon finden«
»Du bist ja sehr klug« dachte Viktor
Wie sie weiter gingen senkte sich der Boden zwischen dem Heidekraut
wuchsen Gräser von einem nahen Quell schlängelte sich der dünne Wasserfaden
durch die Ebene der Wald ging allmählich in Wiesengrund über auf dem eine
große Rinderherde weidete Käte blieb stehen sah der Herde zu und bewunderte
den tiefen Klang der Glocken und die lustigen Sprünge des Jungviehs Als ein
feindseliges Gebrumm näher kam und Viktor sah dass der Leitstier der Herde
herantrottete suchte er mit den Augen den Hirten winkte und rief ihn herzu
dabei hatte er sich einige Schritte von den Mädchen entfernt der Stier aber
erzürnt über das Eindringen Fremder in seine Waldeinsamkeit kam brummend und
mit gesenkten Hörnern auf die Mädchen zu Käte stieß einen hellen Schrei aus
und suchte zu entfliehen da brach Valerie schnell einen Weidenzweig ab und
stellte sich schützend vor sie doch der Wilde gereizt durch den Widerstand des
Feindes trabte schnaufend näher Jetzt sprang Viktor herbei riss den roten
Schal den Valerie trug von ihren Schultern ballte ihn zusammen und warf ihn
seitwärts dem zornigen Tier entgegen er selbst stellte sich als erster vor die
Mädchen Der Stier fuhr wütend auf das rote Zeug los und bohrte mit den Hörnern
hinein Unterdes lief mit Geschrei der Hirt heran schlug und ermahnte den
Meister seiner Herde und trieb ihn endlich wieder den Kühen zu Viktor holte das
gemisshandelte Tuch und gab es an Valerie welche die zitternde Gespielin in den
Armen hielt »Ich erbitte Ihre Verzeihung« bat er »aber ich wusste im
Augenblick nichts Klügeres zu tun«
»Dem Schal hat es wenig geschadet« entgegnete Valerie ruhig »und ich
glaube Sie haben uns vor großer Gefahr bewahrt« sie drehte das Tuch und
schlug es wieder um den Nacken »Sei tapfer Kätchen« bat Viktor die
Schwester »nimm meinen Arm wir suchen nachdem der Feind entwichen ist den
Heimweg durch die Birken«
Als Käte unter den Scherzreden ihrer Begleiter neuen Lebensmut gewonnen
hatte sagte sie unzufrieden mit sich selbst »Ich war die Furchtsame du aber
Valerie standest wie eine Heldin vor mir«
»Das brauchst du nicht zu loben« antwortete Valerie »ich bin vom Lande und
gewöhnt bei der Herde vorbeizugehen Hättest du so oft das Gebrumm des Stieres
gehört würdest du dich auch nicht fürchten Deinem Bruder aber wollen wir beide
danken«
»Wir haben Den Dritten abschlagen gespielt« versetzte Viktor lachend »und
der Stier war der Geschlagene«
Aber auch dies kleine Abenteuer brachte zu Kätchens Betrübnis keine
freundliche Annäherung zwischen dem Bruder und der Freundin zuwege »Charakter
mag sie haben« sagte Viktor »und hübsch ist sie ohne Zweifel aber den steifen
Federbusch von gesponnenem Glase trägt sie auch«
Als er am Ende der Ferien zusammenpackte sah Käte von ihrem Nähtisch auf
an dem sie noch etwas für seine Ausrüstung zurechtmachte und bat »Schreibe mir
manchmal von dem was du denkst und arbeitest du weißt nicht Viktor wie lieb
mir jede Zeile ist welche ich von dir erhalte Nimm dich auch ein wenig meiner
Bildung an und rate mir was ich lesen und lernen soll« Viktor sah in die
feuchten Augen der Flehenden und ihm kam auf einmal zum Bewusstsein welch einen
Schatz von hingebender Liebe er in dem Herzen der Schwester besaß er zog sie an
sich und sie besprachen einen regelmäßigen Briefwechsel
In der Residenz begann für den Jüngling eine neue Lehrzeit Einst hatte ihm
der Direktor seines Gymnasiums geraten »Da Sie mehr begehren als die Abrichtung
für ein Brotstudium so treiben Sie vor allem die Wissenschaft welche allein
Ihnen Methode geben kann Philologie ist die einzige sichere Grundlage
gleichviel ob Sie später Jurist Geschichtsschreiber oder Philosoph werden«
Diesem Rat hatte der Student bisher ein wenig gefolgt freilich ohne rechten
Ernst jetzt aber setzte er seine Kraft daran Er erhielt Zutritt zum Seminar
und blieb noch fast drei glückliche Jahre auf der Universität Was er in dieser
Zeit der Schwester schrieb war zumeist ein Widerklang der edlen Stimmungen
welche ihm die Kunst gab das Theater die Konzerte die Museen Fast
überwältigend drang der Zauber des vielen Schönen das er jetzt mühelos genießen
konnte in sein Gemüt Auch er verfasste ein Teaterstück und begann ein zweites
schrieb beide sauber ab und sandte sie dem Vater nach Hause aber zu seinem
Glück nirgendwo anders hin
Die besten Freunde die er in der Residenz besaß waren Onkel und Tante
Köhler Unser Herr Einnehmer arbeitete als Geheimrat im Ministerium Er stand
jetzt in hohen Jahren hatte eben sein Jubiläum gefeiert war aber rüstig und
lebensfroh wie früher und hatte die gute Laune und Originalität seiner Gedanken
in der großen Stadt welche so gern Kristalle zu runden Kieselsteinen
abschleift nicht verloren In dem kinderlosen Haushalt wurde Tante Minchen
immer noch von dem bewundernden Blick des Gatten verfolgt der die Elfenkünste
zu erforschen suchte durch welche sie von Morgen bis Abend Behagen um sich
verbreitete Herr Köhler schritt stolzer und ritterlicher einher wenn er seine
Gattin durch die Straßen führte er kam selten aus seinem Büro nach Hause ohne
ihr etwas mitzubringen einen Veilchenstrauss eine schöne Frucht ein Werk des
Kuchenbäckers Bei ihnen verkehrte Viktor wie ein Sohn und die Abende welche
er allein mit ihnen verlebte bildeten in ihm vielleicht ebensoviel als die
akademischen Vorlesungen Denn Herr Köhler fand bald einen Genuss darin seine
geheimen Gedanken über Regierung und Weltlauf in die Seele seines jungen
Freundes zu senken Was sonst nur in trockenen Scherzreden mit Laune oder
Bitterkeit zutage kam das klang bei dem Glase Rheinwein den er jetzt
ausschließlich trank voll und eindringlich in das Ohr des Jünglings Von dem
Verkehr der Völker den Bedürfnissen und der Verwaltung des Staates erhielt
dieser bessere Kenntnis als mancher junge Arbeiter des Ministeriums erwirbt
Endlich schrieb Viktor seine Doktordissertation sehr gelehrt über etwas
von Aristoteles was die Gesetze der schönen Kunst anging Als der junge Doktor
die Bogen im Prachtbande dem Vater übersandte legte dieser das Buch in den
Schoss der Mutter und sagte freudig »Was der Vater sich ersehnte wird beim
Sohne zur Tat« In besonderem Verschluss hatte der Doktor alles gesammelt was
ihm von Arbeiten seines Knaben zugänglich wurde zarte Gedichte und Trinklieder
die Teaterstücke und Arbeiten des Seminars wenn er allein war holte er seine
Blätter zuweilen heraus sah sie der Reihe nach durch und dabei war ihm zumute
als ob er selbst dies alles gedacht und erfunden hätte
Als Käte dem Bruder von der Aufnahme seiner Dissertation schrieb kam
natürlich auch mancherlei über ihre Freundin zutage und dass Valerie beim
letzten Besuche den Vater so lange gebeten hatte bis er ihr die Hauptsachen der
Abhandlung deutlich gemacht »Die Katarsis des Aristoteles« brummte Viktor
feindselig »was will die davon wissen Verstehen wirs doch selber kaum« In
einer Nachschrift der Schwester tauchte sogar der lange Häuptling der Thüringer
auf denn Viktor las die Worte Richard Henner ist jetzt als Referendarius zum
Besuch auf dem Schloss des Kammerherrn die Narbe die er dir verdankt steht
ihm übrigens nicht schlecht »Sie weiß auch den Vornamen« dachte Viktor wieder
»Valerie kann ihn ja heiraten« und er warf den Brief unwillig auf den Tisch
Darauf schrieb der junge Doktor in der Residenz sein erstes größeres Buch
wieder gelehrt und ästetisch über gewisse stille Gesetze nach denen der
Dichter Form und Inhalt seiner Werke erfindet Als nach einem Jahre dieses Werk
erschien wurde es von der Kritik wohlwollend aufgenommen hier und da gerühmt
Auch Herr Köhler war damit zufrieden schrieb glückwünschend dem Vater und legte
einige Rezensionen bei zu Viktor aber sagte er »Morgen kommst du zum
Mittagessen junger Lessing es ist niemand geladen die Tante hat dir zu Ehren
etwas Gutes in die Küche besorgt« Es war ein frohes Mahl die Herbstsonne
schien durch das Kristall der Gläser und malte kleine goldene Bilder an das
weiße Tischtuch auf dem Kuchen in der Mitte war in Zuckerguss der Vers zu lesen
»Zum Dank für goldne Worte
Empfange Kind die Torte«
»Das ist Poesie der Sylphe« erklärte Herr Köhler brachte die Gesundheit
Viktors aus und war sehr lustig Nach dem Essen trat Viktor mit der Tante in die
Stube des Hausherrn wo dieser ein Buch in der Hand seine kurze Siesta zu
halten pflegte Minchen sah über dem Sofa auf das Bild des Alten Fritz und sagte
zum Gaste »Wenn er sich nur entschließen wollte den schwarzen Flor abzunehmen
Ich habe den Flor so eng zusammengedreht als möglich ist aber es macht doch
traurig wenn man hinsieht«
»Habe ich ihn nach der Schlacht bei Leipzig nicht abgenommen so ist jetzt
vollends kein Grund dazu« antwortete Herr Köhler »Die Zeit von 1806 kommt noch
einmal wieder mein Sohn wir sind auf dem besten Wege Damals lärmten die
Waffen der Franzosen vor dem Bilde des alten Königs jetzt tun es moderne
französische Gedanken gute und schlimme mit denen wir in unserer feigen
Schwäche nicht fertig werden Der Trauerflor wird an dem Tage abgenommen an
welchem bei uns die große Knechtung und Fälschung der öffentlichen Meinung
aufhört das will sagen die Zensur Erst wenn das gedruckte Wort frei wird kann
unser Volk zu einem gesunden Gedeihen kommen Das Bild ist übrigens einmal für
dich bestimmt Viktor ich habe es der Tante schon gesagt« Er ging zu seinem
Bücherschrank und holte einen Band heraus »Komm du hervor alter Freund« sagte
er und wies seinem Gaste den beschädigten Einband »Ihn hat einst Napoleon
ärgerlich in den Schnee geworfen Jetzt geht ihr Lieben damit ich mich
behaglich ausstrecke in einer halben Stunde bin ich bei euch«
Die halbe Stunde verging Da er nicht kam trat Tante Minchen bei ihm ein
Viktor vernahm einen Schrei und eilte nach Die Tante kniete auf dem Fußboden
über den Gatten gebeugt Herr Köhler war entschlafen und erwachte nicht wieder
Ohne Krankheit im vollen Genuss des häuslichen Glückes war er geschieden und
»Katzenbergers Badereise« war heruntergefallen und lag neben ihm auf dem
Fußboden
Königin und Landmädchen
Viktor stand der Tante in den ersten Wochen des Schmerzes treu zur Seite dann
reiste er nach der Heimat die er einige Jahre nicht besucht hatte Er fuhr
nicht mehr mit der Post sondern auf der neugebauten Eisenbahn Die Pfeife
gellte der Vater begrüßte den Sohn auf einem Perron Auch in der Stadt war
alles verwandelt eine neue große Straße zum Bahnhof war angelegt ein mächtiges
Gebäude die neue Realschule erhob sich zwischen den Rüststangen Der Ratsturm
hatte eine gotische Spitze und über die Vorstädte ragten mehrere
Dampfschornsteine In der Stadt fand er neugebaute Häuser und neue Menschen
viele die er als Kinder gekannt grüßten ihn als Erwachsene Die alten Häuser
kamen ihm klein vor und die Gassen enge Dort zur Seite stand das Haus des
Fleischers ein großer Mann trat in die Tür mit faltigem Gesicht es war nicht
der alte gute Riese der den Knaben Viktor gern hereingerufen hatte der war
längst tot es war sein Sohn und auch dieser war alt geworden Das Haus des
Schusters Schilling zeigte sich mächtig verändert ein großes Ladenfenster war
ausgebrochen und darin standen keineswegs eingemauert sondern heranlockend
hinter Glasscheiben viele große und kleine Stiefel »Der verstorbene Meister
arbeitete besser als sein Sohn« sagte der Doktor »dafür ist der Sohn ein
eifriger Politiker und Anführer der Unzufriedenen« Ein Bursche lief mit
bedrucktem Papier die Häuser entlang »Er trägt das Tageblatt aus wir haben
jetzt eine Druckerei und eine Zeitung die unserem Bürgermeister viel Kummer
verursacht denn sie will alles besser haben als es seither war« Vom Markte
kam Hans der Ratsdiener heran schwenkte schon von weitem sein spanisches Rohr
und begrüßte den Ankömmling in heller Freude Aber Hansens Schnurrbart war weiß
geworden Und wie Viktor sich zum Vater wandte um ihm dies zu sagen fiel ihm
plötzlich auf dass auch sein lieber Vater gealtert war das Haar ergraut das
Antlitz gefurcht und ihn überkam eine so heftige Bewegung dass er kaum auf eine
Frage des Doktors antworten konnte Nur die Mutter da sie ihn aus ihren Armen
entließ sah geradeso aus wie sonst und sein Kätchen fand er als blühende
Jungfrau wieder Nachdem die erste Bewegung vorüber war und er den Eltern
gestand »Ich bin doch nur wenige Jahre entfernt gewesen aber mir kommt alles
verwandelt vor« da entgegnete der Vater »Du selbst siehst anders als früher
und hier hat sich vieles in wenigen Jahren geändert Unsere Stadt ist jetzt
durch Eisenbande dem Weltverkehr angeschlossen fast jede Stunde fliegt Neues
heran mit der Einsamkeit schwindet auch das kleinstädtische Wesen die gute
alte Stadt fühlt zu ihrem Heil und zu ihrem Schaden jeden Pulsschlag unseres
großen Staates und jede Bewegung fremder Nationen«
In ruhigerem Gespräch wurden die Nachrichten über Bekannte ausgetauscht
»Pate Bärbel ist recht stark geworden« erzählte die Mutter »und denke dir
mein Liesel hat nahe Aussicht Urgrossmutter zu werden ihre Enkelin hat bereits
einen Freier«
»Wie gehts der Familie mit der großen Kutsche« fragte endlich Viktor die
Schwester
»Gut« antwortete diese heiter »Der Kammerherr ist kränklich und geht
gebückt die beiden ältesten Töchter sind verheiratet und meine Freundin
Valerie kommt zum Jahrmarkt herein«
»Sie wird jetzt ihren Vetter Henner heiraten« sagte Viktor trotzig
»Woher weißt du das« fuhr Käte auf
»Ich denke mirs nur« versetzte der Bruder »Warum sollen die Häuser
Bellerwitz und Ingersleben sich nicht miteinander verbinden«
Kätchen schüttelte den Kopf und sagte mit einem Anflug von Schelmerei »Ich
glaube diesmal hat mein kluger Bruder sich geirrt«
»Der junge Henner hat an dem alten Erdwall in der Heimat deiner Mutter nach
heidnischen Altertümern graben lassen« erzählte der Vater »er nimmt ein
ernstes Interesse an diesen Überresten und hat einen großen Sammeltrieb Ich
zeigte ihm alte Steinwaffen die mir eure Mutter geschenkt hat er erklärte
einige davon für schöne und seltene Stücke und meinte die sogenannte
Schwedenschanze sei eine Opferstätte der Vandalen gewesen die auch unter den
Slawen noch mit Scheu betrachtet wurde und deshalb sei dort später das
christliche Heiligtum errichtet worden Mir hat das ruhige und sichere Wesen des
jungen Mannes recht wohl gefallen«
»Mit den lebenden Vandalen hat er sich herumgehauen« grollte Viktor »Es
muss etwas abgelebt und schattenhaft sein um ihm zu gefallen« Er bemerkte dass
die Mutter nach diesem strengen Urteil zu Kätchen hinübersah und dass dieses
errötete
Zum Jahrmarkt kam Valerie und allerdings trotz berechtigter Kritik musste
Viktor sich selbst gestehen dass sie schön war dass sie sichere Haltung hatte
und zuletzt auch dass ihr Anmut nicht fehlte Wie sie hereintrat die Eltern und
ihre Käte begrüßte und wie sie sich dann zu ihm wandte vielleicht mit einem
zarten Erröten sicher mit Freude und Herzlichkeit vermochte auch er gegen
die Vertraute der Schwester seine förmliche Kälte nicht zu bewahren Die Mädchen
besorgten ihre Einkäufe und setzten sich endlich mit Viktor auf die Bank welche
als ein Überrest alten Stadtbrauches vor dem Hause stand Während sie von dort
die Trachten der Marktbesucher musterten und sich über die Verkäufer des
Kleinkrams belustigten welche unermüdlich die vorübergehenden Landleute durch
verbindliche Worte anzulocken suchten schritt Hans vorüber feuriger als sonst
durch die Genüsse und Geschäfte des Markttages er trieb ein gebundenes
Bäuerlein vor sich her und da dieses ungern vorausging so puffte und stieß er
es mit seinem Rohr Valerie stand auf »Wie darf sich der Diener unterstehen
den Gebundenen zu schlagen« fragte sie empört
»Was hat der Mann getan« rief Viktor der Polizei zu
»Gemaust« antwortete Hans hinüber
»Fragen Sie was der Arme gestohlen hat« bat die gekränkte Valerie
»Wurst« entgegnete Hans im Amtseifer »Bei der Arretierung hat er um sich
geschlagen und war nicht zu bändigen bis er geschnürt wurde«
»Wegen gewöhnlicher Esswaren einen Menschen so zu behandeln ist nicht
recht« fuhr Valerie hartnäckig fort »Wie darf man sich wundern dass die armen
Hungrigen bitteren Hass haben gegen alle welche in glücklicherer Lage sind«
»Wenn er Hunger hatte konnte er den Verkäufer bitten« sagte Kätchen
»Dann hätte er auch nichts erhalten« erwiderte Valerie
»Bist du so« dachte Viktor »Eugen Sue bei Bellerwitz« Und er fragte sie
nicht ohne Bosheit nach dem Dichter den sie am meisten begünstigte Aber diese
Frage hatte auf beide junge Damen eine ähnliche Wirkung als wenn man bei zwei
Champagnerflaschen Draht und Schnur zerschneidet »Boz« klang zugleich aus
beider Munde und die Worte strömten ohne Ende heraus Lob und Freude Lachen
und Rührung Da nun Viktor denselben Dichter in hoher Ehre hielt so beteiligte
er sich tapfer bei dem Erguss und die drei vergaßen den Lärm des Marktes und
fanden in ihrer Begeisterung kein Ende bis die Sonne völlig unterging und unser
alter Freund der Mond die Bank mit seinen sanften Strahlen beschien die aber
in der Kreisstadt weniger geschätzt wurden als vormals auf dem Lande Dennoch
hatte dieser Abend Folgen Denn Viktor behandelte seitdem das Fräulein mit einer
Herzlichkeit welche Kätchen beglückte
Nur wenige Wochen weilte er im Elternhause ihn beschäftigte schon wieder
eine Arbeit zu welcher er eine große Bibliothek nicht entbehren konnte Er
besprach mit dem Vater dass er nach Beendigung dieses Werkes eine
Lehrertätigkeit an der Universität oder an einer anderen größeren Anstalt suchen
wollte
Durch dies zweite Buch begründete Viktor seinen Ruf als Kunstschriftsteller
Es war dicker als das erste aber es war leichter zu verstehen die Kritik
rühmte das Neue und Geistvolle und der Buchhändler rühmte dass auch die Leser
das Werk begehrten In den Kreisen der Residenz welche Literatur und Kunst zum
Tee genossen wurde Viktor ein gesuchter Mann und im Ministerium war bereits
davon die Rede ihn zur Übernahme einer Professur einzuladen
Viktor hatte das Weihnachtsfest bei Freunden in der Nähe der Residenz
verlebt Als er nach seiner Rückkehr in einer besuchten Konditorei von dem
Zeitungsblatt aufsah fand er am nächsten Tisch zwei Damen von denen die
jüngere die Aufmerksamkeit der Umgebung auf sich zog Sie war elegant aber
einfach gekleidet und hatte in Haltung und Bewegung die Sicherheit einer Frau
welche gewöhnt ist sich unter den Augen vieler zu behaupten Ihr Gesicht war
von ihm abgewandt während sie zu ihrer Begleiterin sprach doch die halblauten
Worte kamen so rein und deutlich aus klangvollem Organ dass Viktor sogleich
merkte sie müsse von der dramatischen Kunst sein wahrscheinlich die berühmte
Schauspielerin deren Gastrollen seit einer Woche in den Familien in welchen er
verkehrte und von den Zeitungen eifrig besprochen wurden Die Fremde neigte
sich nach seiner Seite und er fiel ihr in die Augen beide sahen einander
forschend an und standen gleichzeitig auf »Tina« rief er erstaunt und eilte
auf sie zu
»Ich bin es Vik« entgegnete sie freudig und sie schüttelten einander
treuherzig die Hände
»Gerade las ich von Ihnen« sagte Viktor »Sie haben einen anderen Namen als
damals in meiner Heimat«
»Ich führe jetzt meinen wirklichen Namen« erklärte Tina »Mein Vater war
ein Schauspieler von Ruf er starb bald nach meiner Geburt mein Stiefvater
brachte mich auf die Bühne«
»Darum habe ich vergebens so oft in den Teaterzeitungen nach Ihnen gesucht
und stehe jetzt vor Ihnen wie jemand dem ein verlorenes Gut wiedergegeben wird
über alle Erwartungen glänzender als es vormals war«
»Gut« sagte Tina erfreut über die unverhohlene Bewunderung »Du bist artig
geblieben Vik und ich denke auch ebenso redlich Komm fort die Fremden
brauchen meine Freude nicht zu sehen Begleite mich zu einem Wagen ich soll den
Winter über auf Gastspiel hierbleiben und habe Besuche vor Sobald du Zeit hast
komm zu mir«
Wie Viktor in ihre Wohnung kam und die Portiere von einem artigen
Kammermädchen zurückgeschlagen wurde sprang Tina aus dem Sessel eilte ihm
entgegen fasste ihn mit beiden Händen am Kopf und küsste ihn recht herzlich
»Mich freuts Kamerad dass ich dich wieder habe« sagte sie vergnügt »hier ist
dein Halsband« sie wies auf ihren Hals »ich habe es sogleich aus meinem
Kram herausgesucht um dir zu beweisen dass ich unsere Kinderfreundschaft in
Ehren halte Du bist groß und hübsch geworden das habe ich mir immer gedacht
Komm setze dich zu mir und erzähle vor allem von deinen lieben Eltern Du
rauchst doch«
»In deiner Stube ungern« versetzte Viktor
»Bah« rief Tina und klingelte die Kerze und ein Kistchen Zigarren wurden
gebracht »Ich bin für niemand zu Hause« gebot sie dem Mädchen Viktor erzählte
und antwortete auf ihre eifrigen Fragen
Es klopfte leise die Jungfer wand sich durch die Portiere »Fürst Alfons
ist draußen« sagte sie halblaut
»Ich bin nicht zu sprechen« antwortete Tina ungeduldig
»Was soll ich ihm sagen« fragte das Mädchen
»Ein Schriftsteller ist bei mir«
»Er hat die Zigarre gerochen« sagte die kecke Wienerin beim Hinausgehen
»ich sah es ihm an« Tina lachte
»Wer ist der Herr den du aussperrst« fragte Viktor »Ein Anbeter«
erwiderte Tina mit guter Laune »eine Wiener Bekanntschaft jetzt ist er hier
und wie er versichert meinetwegen Übrigens ist er ein guterziger Mann
welcher mir wirkliche Freundlichkeit erwiesen hat Wundere dich nicht dass ihm
die Zigarre auffiel denn seinesgleichen darf hier nicht rauchen Ach Vik
wie glücklich warst du dein Leben lang Mir ist es nicht so leicht geworden
Zuerst starb der Stiefvater du hast ihn wenig gekannt aber er hat brav an mir
gehandelt und hätte ein besseres Los verdient Die Mutter zog mit mir bei den
Teatern umher und erlebte noch dass ihre Tochter Beifall fand in Wien habe ich
sie auf dem Friedhof bestattet seitdem muss ich mich allein durch die Welt
schlagen Du ahnst nicht was dies allein für eine Schauspielerin bedeutet ohne
Mutter ohne Verwandte ohne Freunde an fremdem Orte sich behaupten
preisgegeben dem Urteil jedes Narren schutzlos gegen Verleumdung Unbill
tödliche Kränkungen täglich umlagert von Begehrlichen Beifall und Ruf oft
abhängig von dem guten Willen eigennütziger und gemeiner Menschen« Sie war
aufgesprungen und ihre Augen funkelten Als sie aber die ernste Teilnahme ihres
Gastes bemerkte brach sie ab »Nimms nicht tragisch Viktor ich wollte nicht
klagen und täte zuletzt unrecht daran denn ich habe auch gute Freunde gefunden
Und die treuesten unter den alten Komödianten Willst du die kleine Tina wieder
besuchen so sollst du einen von unseren wackeren Alten bei mir finden« Sie
nannte den Namen eines Regisseurs
»Ich kenne ihn wohl« versetzte Viktor »wir haben zuweilen bis in die Nacht
beieinander gesessen Denn du musst wissen dass ich mich um das Theater kümmere
weil es auch zu meinem Berufe gehört«
»Du bist doch nicht Rezensent« fragte Tina besorgt
»Nicht von denen welche über dich schreiben« antwortete Viktor Als er von
ihr schied war ihm just so zumute wie damals wo er ihr den Apfel schenkte Das
schwesterliche Zutrauen mit welchem die berühmte Künstlerin die zugleich ein
schönes Weib war ihn behandelte ja auch die freie studentische Weise des
Verkehrs waren überaus wohltuend Mit Ungeduld erwartete er den Abend ihres
nächsten Auftretens Am Morgen erhielt er einen Brief mit einem Teaterbillett
»Lieber Vik« schrieb sie mit schlechter Handschrift »wenn Du kannst setze
Dich auf diesen Platz es ist mir beim Spielen lieb zu wissen wo Du mich
siehst Bist Du nach der Vorstellung frei so komme zu mir wir wollen
plaudern«
Das erste Stück welches Viktor als Knabe gesehen Kätchen von Heilbronn
wurde gegeben und es erschien ihm wie ein Verhängnis dass dieselbe Poesie die
erneuerte Bekanntschaft verklären sollte Er selbst war kein unerfahrener
Beurteiler und nicht durch Kunststücke und einzelne glänzende Momente des
Schauspielers zu bestechen Während der ganzen Darstellung mühte er sich
redlich das Urteil über die Leistung nicht durch die Freundschaft für die
Künstlerin beeinflussen zu lassen doch er verließ das Haus mit beflügeltem
Schritt in dem erhebenden Gefühl dass er etwas Seltenes genossen hatte sichere
Herrschaft über die Kunstmittel aber was ihn bezauberte war das Innige
Einfache ihres Spiels überall echte und eigene Schöpfung Sie ist eine große
Künstlerin sagte er sich froh
Als er bei ihr eintrat fand er sie in ihrem Schlafröckchen neben dem alten
Regisseur Sie stand auf und betrachtete ihn fragend fast ängstlich er bot ihr
die Hand und dankte ihr von Herzen Da wurde sie übermütig wie ein Kätzchen
wirtschaftete um den Teekessel holte die Zigarren und begann »Liebe Leute
jetzt verwendet fünf Minuten auf mich und lobt mich sosehr ihr könnt denn ich
bin noch warm von der Arbeit und seid ihr zufrieden so ist mir an dem Urteil
der andern Menschen hier wenig gelegen«
Was sie begehrte taten die beiden mit klugen Worten Als dabei schnell die
Hauptmomente der Rolle durchgegangen wurden gab sie an dass sie an einigen
Stellen unsicher gewesen sei ob sie dieselben so oder so fassen solle Dies
erörterten wieder die Herren miteinander und waren nicht überall derselben
Meinung sie jedoch spielte von ihrem Sitz sogleich mit leichtem Anschlage jedem
seine Auffassung nach in so schnellem Verständnis und aus dem vollen so dass man
erkannte sie hätte ebenso leicht nach den Wünschen des anderen gestalten
können
»Wir vermögen Ihnen nichts beizubringen« sagte der alte Schauspieler »und
Sie haben zuletzt gegen uns das beste Recht denn alles einzelne ist bei Ihnen
wie selbstverständlich aus starker und genauer Empfindung des gesamten
Charakters hervorgegangen Das ist Genie«
»Nein mein hoher Herr« sagte sie »ich muss mirs auch überlegen und manche
Rolle oft durchlesen bis der Augenblick kommt wo ichs habe manches wird mir
schwer und anderes kann ich gar nicht leiden zum Beispiel nicht die magere
Donna Diana mit ihren vielen Roben«
So flog das Gespräch auf andere Stücke Der Regisseur erzählte aus seiner
reichen Erfahrung von der Art und Weise wie verschiedene berühmte Künstler sich
mit ihren Aufgaben zurechtfanden auch Tina verstand allerlei Lustiges über
frühere Kollegen zu berichten und Viktor vernahm mit Befriedigung wie
gutherzig und anerkennend sie von anderen sprach Die Zeit verrann drei frohen
Menschen ohne dass sie es merkten Als die kleine Uhr zwölf schlug sprang Tina
auf »Jetzt fort ihr lieben Herren Kätchen von Heilbronn kaiserliche
Prinzessin von Schwaben wird zu Bett gebracht Gehen Sie voraus Papa und
warten Sie draußen ich will meinem Kameraden schnell noch etwas sagen« Sie hob
sich zu Viktors Ohr und raunte ihm glücklich zu »Du bist ein grundgescheiter
Junge und ich habe meine Freude an dir«
»Gute Nacht« sagte Viktor und wollte sie küssen sie aber trat zurück und
sprach ernstaft »Nein Vik das tue niemals« Doch gleich darauf schüttelte
sie ihm wieder die Hand »Gute Nacht du lieber Kerl«
Seit diesem Abende kam es Viktor vor als ob eine der Musen ihn aus dem
Gewühl des Marktes in die reine Luft ihres Göttersitzes entrückt und seine
Schläfen mit ihrem unverwelklichen Kranze geschmückt habe Erst jetzt empfand er
die hinreissende Schönheit der Kunst sie beflügelte ihm die Gedanken und adelte
sein Gefühl und er schritt die unsichtbaren Blüten um das Haupt in stillem
Glück bei anderen Menschen vorüber Überall erhob sich ungeduldige Forderung
und in der Menge arbeitete ein wildes Begehren der Bau des Staates der seit
den Freiheitskriegen neu gezimmert war krachte in allen Fugen jedermann klagte
und grollte dass es so nicht fortgehen könne und der Zwist zwischen Regierung
und Volk wurde mit jeder Woche bedrohlicher Sonst hätte er mit Leidenschaft an
dem Streite teilgenommen jetzt war er ihm fast gleichgültig Was ihm so
übermächtig Gedanken und Phantasie in Anspruch nahm das war in der Tat die edle
Freude am Genuss des Schönen und das Bestreben die geheimsten Gesetze des
Schaffens aus der schöpferischen Arbeit einer Künstlerin zu erraten Er war
durchaus nicht was Tina einen Anbeter nannte zwischen ihm und ihr bildete sich
ein reines sonniges Verhältnis wie zwischen zwei Geschwistern oft empfand er
freilich wie schön sie war und wie hinreißend der Zauber ihrer Anmut aber auch
in vertrauten Stunden wo er allein neben ihr saß war es wie er sich
verständig selbst sagte nicht das Weib sondern die Künstlerin welcher er
huldigte Wenn er eines ihrer Stücke für sich durchgearbeitet hatte dann bat er
sie wohl ihm ihre Auffassung an den Hauptszenen deutlich zu machen Gelehrt
sprechen konnte sie nicht über das was sie ausdrücken wollte doch sie spielte
auf der Stelle vor mit so richtiger Andeutung durch Worte und Gebärde dass er
ein Bild ihres ganzen Kunstwerkes erhielt Sie vertraute ihm alles an ohne jede
Eitelkeit sie wies selbst auf die Schwächen ihrer Begabung hin und gestand ihm
wo sie dieselben durch ihre Kunstmittel so gut als möglich verdeckt hatte auch
wo ihr etwas im Innern gar nicht aufgegangen war und sie sich mit einer
dramatischen Phrase aus der Verlegenheit geholfen hatte Bei solchen Stellen
konnte er in der Regel ihrem Verständnis helfen dann lauschte sie andächtig auf
seine Erklärung und er beobachtete mit Entzücken wie in ihrer Seele die innere
Arbeit begann bis sie aufsprang und glückselig rief »Vik ich habs« Dann
spielte sie ihm die Stelle vor
Auch die Gesellschaft welche sich des Abends bei ihr zusammenfand stimmte
zu dem idealen Glück welches Viktor in ihrer Nähe genoss außer dem alten
Regisseur kamen noch einige Herren und Damen von der Bühne ein lebensfrohes
Völkchen leicht angeregt und immer geneigt sich mitzuteilen Männer und Frauen
sprachen zuweilen in burschikoser Weise miteinander dem letzten Überrest alter
Teatersitte aber dahinter merkte man dennoch eine ehrliche Achtung
In den Morgenstunden fand er bei seiner Freundin auch andere Besucher
begeisterte Teaterfreunde die den Schweif jeder berühmten Künstlerin bildeten
und weniger harmlose Gäste aus den Kreisen einer vornehmen und verdorbenen
Jugend welche das schöne Weib suchten Unter den letzteren war ein
Gardeleutnant als roher Wüstling in der Stadt besonders übel beleumdet Tina
saß an ihrem kleinen Schreibtisch und Viktor bezeichnete in einer neuen Rolle
eine Stelle über die der Regisseur zu befragen war als der Baron eintrat Der
neue Gast warf sich nachlässig in die Dormeuse streckte seine langen Beine über
den Rand und begann in dem schnarrenden Tone der damals unter der eleganten
Jugend der Residenz Mode war das Spiel der Künstlerin in ihrer letzten Rolle zu
loben in der wegwerfenden und gemeinen Weise die für eine Belobte kränkender
ist als eine Beleidigung und er schloss »Taille und Büste famos und der Chic
unglaublich Es ist immer Rasse in Ihrem Spiel Auf Ehre schöne Tina ich war
ganz weg«
Viktor empört durch die Roheit sagte über die Achsel »Sie hätten
niemanden ein Leid zugefügt wenn Sie auch heut weggeblieben wären Da Sie aber
einmal hier sind so nehmen Sie wenigstens die Beine vom Sofa«
Der Baron streckte sich länger aus und fragte zu Tina gewandt »Wer ist der
Laffe«
»Er wird Ihnen seine Adresse zugehen lassen« antwortete Viktor in seinem
alten Vandalentrotz »aber er wird vorher das Fräulein bitten Sie in diesem
Zimmer allein zu lassen wenn Sie sich nicht anständig hinsetzen«
Der Baron erhob sich mit einem Fluche und packte den Griff seines Säbels
Tina warf sich erschrocken zwischen die Streitenden Da ging die Portiere
auseinander und der Fürst trat herein ein Veilchenbukett in der Hand Er war
ein wohlhäbiger Herr etwa zehn Jahre älter als Viktor mit einem breiten
Gesicht von verständigem Ausdruck ruhig und lässig in allen Bewegungen Mit
einem Blick übersah er die Sachlage wandte sich an Tina und überreichte sich
verneigend den Strauss indem er mit behaglichem Anklange an die österreichische
Mundart sagte »Es sind die ersten Blumen dieses Frühlings mein gnädiges
Fräulein Die Natur begrüßt uns Menschen in diesem Jahre friedlicher als die
Menschen einander« Er wandte sich an den Leutnant »Ich bin erfreut Sie einmal
hier zu sehen Herr Baron gestern habe ich im Klub vergebens nach Ihnen
gesucht ich wollte mir die Ehre geben Sie für heut zu einem Bärenschinken
einzuladen der aus Ungarn angekommen ist« Und sich wieder vor Tina verneigend
fuhr er fort »Das gnädige Fräulein wird verzeihen wenn ich es hier tue
Wollen Sie die Güte haben mich Herrn Professor König vorzustellen« Und da Tina
dies getan begrüßte er diesen mit der gleichen Gemächlichkeit »Ich bin Ihnen
im Theater begegnet und habe schon oft die Gelegenheit herbeigewünscht für gute
Belehrung zu danken welche durch Sie nicht mir allein sondern auch anderen
zuteil geworden ist« ein schneller Blick streifte die Künstlerin Tina setzte
sich der Fürst desgleichen und die beiden Gegner konnten es unter dem Zwange
seiner unzerstörbaren Artigkeit nicht vermeiden ebenfalls zu sitzen der Baron
jetzt in anständiger Verwendung seiner Beine Und Viktor sah mit Vergnügen dass
der ungezogene Leutnant in die bescheidene Rolle herabgedrückt war welche der
Schakal in der Nähe des Löwen spielt er schnarrte weniger und krümelte einige
Brosamen in die Unterhaltung bis er sich endlich empfahl in guter Haltung von
dem Fürsten nachlässig von der Künstlerin und von Viktor gar nicht Bald darauf
brach auch der Fürst auf und der Professor hörte dass Tina dem Herrn halblaut
sagte »Sie kamen zu rechter Zeit um eine hässliche Szene zu beendigen« Der
Fürst antwortete artig »Sie müssen Nachsicht mit uns Männern haben wir sind
nicht immer imstande unseren dramatischen Eifer an der rechten Stelle zu
bändigen« Als Viktor den Hut ergriff hielt Tina ihm die Hand hin »O Viktor
was hast du angerichtet« Der Fürst erwartete ihn im Vorzimmer und bat in
seinem Wagen Platz zu nehmen und zu befehlen wohin er fahren wolle Im Wagen
sagte er »Darf ich Sie bitten mir anzuvertrauen was jene Szene mit dem Baron
veranlasst hatte« Viktor berichtete den Vorgang »Man ist hier zuweilen plump«
sagte der Fürst »Halten Sie mich nicht für zudringlich wenn ich mir eine
zweite Frage gestatte Welche Folgen kann nach Ihrer Ansicht diese Begegnung
haben«
»Vor allem doch eine Forderung von meiner Seite« antwortete Viktor
Der Fürst nickte »In diesem Fall würde ich mich geehrt fühlen wenn Sie
mich zu Ihrem Sekundanten annehmen wollten« Viktor sah ihn dankbar an
»Da ich aber auch verhindern möchte dass der Baron eine wehrlose Künstlerin
zum Gegenstande seines Grolles macht so bitte ich Sie mir erst morgen früh die
Mitteilungen zu gönnen deren ich als Ihr Sekundant bedarf Heut wünsche ich mit
Ihrem Gegner in dem Charakter eines Wirtes zu verhandeln«
Am nächsten Morgen fuhr der Fürst in früher Stunde bei Viktor vor »Ich
hatte noch Gelegenheit« begann er »mit Ihrem Gegner einige Ansichten über den
gestrigen Zusammenstoß auszutauschen Ich nehme an dass er nicht abgeneigt ist
seinerseits Ihnen durch mich sein Bedauern über das hingeworfene Schmähwort
auszusprechen wenn Sie sich herablassen könnten auch Ihrerseits ein Bedauern
über nachdrückliche Worte die Sie ihm gewidmet haben vor einem seiner Freunde
zu erklären«
»Wie vermag ich das« entgegnete Viktor »Ich müsste ihm das nächste Mal wo
er in ähnlicher Weise guter Sitte ermangelt dasselbe sagen«
»Er wird sich vielleicht in Ihrer Gegenwart fortan mehr in acht nehmen«
»Er hat durch sein Benehmen nicht mich gekränkt Durchlaucht sondern eine
Dame« sagte Viktor
»An der wir beide Anteil nehmen« setzte der Fürst verbindlich hinzu »Sie
bestehen also darauf ihn zu fordern«
»Nach meiner Empfindung ist das gar nicht zu umgehen Da Eure Durchlaucht
aber mir bei diesem Handel so wohlwollenden Anteil zugewandt haben erlaube ich
mir die Frage was Sie selbst in meiner Lage tun würden«
»Fordern« versetzte der Fürst gemütlich »Wenn Sie es nicht täten würde
ich es selbst tun Und die Waffen«
»Da er im Begriff war den Säbel gegen einen Waffenlosen zu ziehen so
wünsche ich ihm mit seiner eigenen Waffe zu dienen Doch ist mir die Kugel auch
recht ich nehme an diese wird für meinen Sekundanten bequemer sein«
»Ich war Rittmeister bei den Husaren« versetzte der Fürst »Und die Zeit«
»Da ich ein freier Mann bin und er im Dienst so bitte ich Sie ihm dies zu
überlassen«
»Gut« erwiderte der Fürst »ich hoffe Ihnen in einigen Stunden Bescheid zu
sagen« Er besah noch das Bild einer Madonna welches an der Wand hing ließ
sich von Viktor ein neues Sammelwerk zeigen Stiche nach italienischen
Gemälden und schritt mit seiner angenehmen Ruhe die Treppe hinab
Im Laufe des Tages erhielt Viktor ein französisches Billett des Fürsten
Säbel angenommen ich sorge für alles und hole Sie morgen früh sieben Uhr ab
Nun hatte Viktor nicht ohne Grund Säbel vorgeschlagen schon als Knabe hatte
er den Husarensäbel des Vaters mit Bewunderung betrachtet als Vandale oft mit
der schweren Waffe geschlagen und auch in den letzten Jahren beim Fechtmeister
der Universität mit einigen Bekannten geübt Er hatte bisweilen die Ahnung
gehabt dass er diese Kunst noch im Ernst brauchen werde Jetzt empfand er einen
so heftigen Widerwillen gegen den ungezogenen Junker dass die Sorge für das
eigene Leibeswohl davor gar nicht aufkommen wollte und er fuhr am anderen
Morgen mit dem Fürsten zur Stätte des Kampfes gesammelt und entschlossen sein
Bestes gegen den anderen zu tun
Sein Gegner erwies sich weit ungefährlicher als anzunehmen war in der
Sorge Kopf und Gesicht zu schützen schlug er viel zu wenig und erhielt nach
einigen Augenblicken einen wuchtigen Hieb in die Schulter der ihn kampfunfähig
machte Mit kaltem Gruß trennten sich die Parteien die Kameraden des Leutnants
konnten die Unzufriedenheit über den Erfolg des Zivilisten nicht verbergen Als
Viktor auf dem Rückwege dem Fürsten dankte sagte dieser »Wir alle haben
Ursache zu sorgen dass der Handel geheim bleibt Ich wünsche es auch um des
Fräuleins willen welches die unschuldige Veranlassung geworden ist«
Erst viel später erfuhr Viktor dass er dem Fürsten in dieser Affäre zu
besonderem Dank verpflichtet war denn dieser hatte als er die Forderung
überbrachte gegen einen ausschliessenden Standeshochmut kämpfen müssen den er
erst durch die Andeutung niederschlug dass er den Streit auf sich zu nehmen
gezwungen sei wenn dem Herrn den er vertrete die geforderte Genugtuung
verweigert werde
Viktor war der Ansicht dass der Fürst ihm wirkliche Freundlichkeit bewiesen
habe und erwartete deshalb fortan eine gewisse persönliche Annäherung Zu
seinem Verwundern war das nicht der Fall der Österreicher behielt ihm gegenüber
eine gleichmäßige artige Kühle und sie sahen einander selten
Von dem Duell verlautete in der Stadt wenig die Herren vom Klub hatten
keinen Grund zu besonderer Befriedigung und die allgemeine Aufmerksamkeit war
auf anderes gerichtet Der Schauspielerin verhehlte Viktor die Wahrheit und
sagte ihr auf unruhige Fragen nur »Die Sache ist mit Hilfe des Fürsten
ausgeglichen«
Aber für Viktor selbst blieb der Streit nicht ohne Folgen Es machte ihm in
der Stille Freude dass er etwas für seine Freundin gewagt hatte und er war
seitdem geneigt sie zu betrachten als ob sie ihm angehöre Er fing an sich
mehr um ihr Tagesleben zu kümmern fragte sie zuweilen nach ihrem Verkehr und
den Besuchen die sie annahm und da manche ihr huldigten die ihm missfielen
verhehlte er seine Missbilligung nicht Tina sah ihn bei solcher Kritik mit
großen Augen an und wie ihm vorkam mit geheimer Sorge doch antwortete sie
demütig und versuchte wohl auch sich nach seinem Wunsche zu richten
Sie hatte ihn gebeten eine neue Rolle mit ihr durchzugehen er hielt das
Buch soufflierte und las in ihren Szenen die Rollen der Gegenspieler sie
spielte ihre Partie vor dabei gerieten beide in Künstlereifer auch er
rezitierte lebendiger und nahm die Stellungen welche der Moment verlangte Als
nun eine Szene von starker dramatischer Bewegung kam eine Erklärung zwischen
zwei Liebenden welche nach dem Hinundherwogen der Leidenschaft einander in die
Arme fliegen da sprang Tina im Charakter ihrer Rolle und in der Begeisterung
des Spieles auf ihn zu und warf sich ihm an die Brust das Tuch war ihr von den
Schultern geglitten er hielt das schöne Weib und fühlte das Wogen warmer
Empfindung an seinem Herzen Da schloss er sie fester an sich und drückte ihr
heiße Küsse auf Hals und Schulter Sie lag eine Weile hingebend in seinen Armen
dann richtete sie sich langsam auf und in ihrem Antlitz zuckte eine Bewegung
anderer Art Trauer und Angst Sie setzte sich kleinmütig in den Sessel und
sagte leise »Das hättest du nicht tun sollen Viktor«
»Täglich fühle ich mehr wie schön du bist« rief der entflammte Kamerad »O
zürne nicht dass das Gefühl aufloderte und die Leidenschaft herausbrach ich
wollte dich nicht kränken«
Tina aber nickte schmerzlich mit dem Haupte »Ich wusste so würde es kommen
Wie war deine Freundschaft so schön« und kräftig sich zusammennehmend rief
sie in verändertem Tone »Du dummer Viktor Du willst doch nicht mein Anbeter
werden oder gar mein Liebhaber Weißt du was das heißt mein Freund Jetzt
gehorche ich dir wenn du aber küssen willst wie du eben tatest musst du mir
gehorchen du musst meine üble Laune aushalten musst mir Veilchenbuketts zutragen
und dir gefallen lassen dass ich sie beiseitewerfe wenn sie mir nach türkischem
Tabak riechen Finde ich ein Armband hübsch oder ein Spitzenmuster so musst du
schnell danach laufen und nach dem Preise nicht fragen du musst deine Eifersucht
ich sehe dir an dass du darin stark sein kannst still hinunterdrücken und
gegen andere Männer denen ich einmal zulache freundlich sein Ich werde dich
quälen und du mich du wirst unglücklich sein und wirst zuletzt nicht danach
fragen wie mir zumute ist Oh sei kein Tor Kamerad und störe nicht den
Frieden in welchem wir jetzt miteinander leben«
»Du weißt nicht« rief Viktor widerspenstig »wie sehr ich unter dem Zauber
deines Wesens stehe Das Kind das ich einst geliebt die Künstlerin und das
schöne Weib vermag ich nicht mehr auseinanderzuhalten wie verschiedene Leben
für mich bist du immer die eine nach der ich mich sehne und die ich begehre«
Wieder sah sie traurig vor sich hin »Den besten Teil hattest du« sagte sie
leise »und willst ihn vertauschen mit etwas anderem was für uns beide ein
Unglück wird Arme Tina Noch einmal war die Unschuld der Kinderzeit in dein
Leben zurückgekehrt und du warst so selig darin« Die Tränen rollten ihr von
den Wangen
»Sprich nicht so zu mir Mädchen« versetzte Viktor erschüttert durch diese
Klage »Traurig kann ich dich nicht sehen und unglücklich sollst du durch mich
nicht werden ich will mich in Zukunft besser behüten Wenn dir unsere
Kameradschaft als das größere Glück für dein Leben erscheint so will ich mich
zu beschränken suchen auf den Teil deines Herzens den du mir zuwenden kannst
wie bitterlich schwer es mir auch werden mag«
Sie sah ihn forschend an und da er ihr die Hand bot hielt sie diese fest
und neigte das Haupt
Nun ging es äußerlich wieder wie vorher aber die harmlose Zufriedenheit
die Viktor gefühlt war verschwunden Unruhig beobachtete er seine
Jugendfreundin und machte sich Gedanken über ihre Vergangenheit über die
Verhältnisse zu anderen Männern die sie früher bereits gehabt oder die sie ihm
wahrscheinlich verbarg und es half ihm wenig dass er sich selbst sagte wie
töricht solche Eifersucht gegenüber einer Künstlerin sei welche aus engen
Verhältnissen sich mühsam emporgearbeitet hatte und allen Gefahren und
Verlockungen des Berufes und ungewöhnlicher Erfolge ausgesetzt gewesen war
Durch dies Grübeln und Zweifeln fielen zuweilen dunkle Schatten in den frohen
Schein der um den Teetisch der Künstlerin glänzte Tina merkte die ungleiche
Stimmung ihres Freundes sie bewies ihm gegenüber unverändertes Zutrauen und bei
Gelegenheit eine fast demütige Fügsamkeit in seinen Willen Er hatte einst
nebenbei erwähnt dass ihr eines ihrer einfachen Hauskleider besonders gut stehe
sie trug es seitdem immer sobald sie seinen Besuch erwarten konnte er hatte
gegen sie ein Buch gelobt als er das nächste Mal kam fand er es aufgeschlagen
obgleich sie sonst wenig las er hatte sein Wohlgefallen an einer ihrer
Kolleginnen geäußert er fand die junge Dame seitdem öfter am Teetisch und
merkte wie Tina sich bemühte diesen Gast im Gespräch zur Geltung zu bringen
Als Viktor einst nach einem guten Künstlerabend neben dem alten Regisseur
heimwärts ging begann dieser in seiner Freude über die Schauspielerin »Da hat
unser Herrgott einmal etwas Gutes für das deutsche Theater zurechtgemacht aber
der Teufel wird es uns nicht gönnen und die Arbeit verderben«
»Was fürchten Sie für ihre Zukunft«
»Dass sie doch einmal irgend jemanden heiratet« entgegnete der Schauspieler
»Das besondere Talent welches sie besitzt ist ihr vom Himmel nur unter
Bedingungen verliehen wie der Jungfrau von Orleans ihre Stärke Einer
Schauspielerin wie dieser ist die Liebe ja auch die Hingabe an den Geliebten
nicht verwehrt aber dies muss ein Spiel bleiben welches ein Ende nimmt Für
Haushalt und Ehepflicht die mancher anderen Künstlerin zur Kräftigung
gereichen ist diese Natur nicht robust genug Ich kenne sie seit Jahren«
Da wagte der eifersüchtige Viktor einzuwerfen »Sie hat doch sicher schon
manches nähere Verhältnis zu Männern durchgekämpft«
»Das könnte aus ihrem Spiele schließen auch wer es nicht weiß« antwortete
der Alte »aber sie ist immer mit ihren Leidenschaften zu rechter Zeit fertig
geworden und diese haben ihre physische und geistige Kraft nicht vermindert
Ich will ihr gern alles nachsehen nur soll sie sich für keinen Mann opfern«
Nach dieser Unterredung sah Viktor die Schauspielerin einige Tage nicht Die
Kammerherrin war mit Valerie nach der Residenz gekommen die Damen wohnten bei
Tante Minchen und nahmen seine Dienste sehr in Anspruch Während ihrer
Anwesenheit äußerten sie den Wunsch die fremde Künstlerin in einer ihrer großen
Rollen zu sehen und Viktor musste sie ins Theater begleiten Ihm erschien dies
wunderlich Er saß nicht an seinem gewöhnlichen Platz wo ihn Tina zu sehen
wünschte und empfand es wie ein geheimes Unrecht gegen die Freundin dass er
ihrem Spiel neben Valerie zusehen sollte Vielleicht täuschte er sich doch ihm
kam vor als ob die großen Augen Tinas von der Bühne unruhig und besorgt nach
ihm und seiner Nachbarin blickten besonders als Valerie sich einmal zutraulich
nach ihm wandte und leise zu ihm sprach Wie er einige Tage darauf die Gäste
nach dem Bahnhof geleitet hatte eilte er zur Wohnung der Schauspielerin Es war
nicht die Stunde wo er sonst zu kommen pflegte und er fand Tina in Beratung
mit ihrer Gesellschafterin die zu anderer Zeit in einer Hinterstube für die
Garderobe der Künstlerin sorgte Tina nickte ihm freundlich zu doch war ihr
Blick umwölkt als hätte sie geweint Über den Sesseln lagen Teaterroben ein
Hermelinmantel und anderer Königsstaat »Es ist meine Rüstung für die nächste
Vorstellung du kommst in meine Schneiderstunde« Sie gab der Gehilfin die
nötigen Aufträge und sandte sie hinaus dann trat sie vor Viktor und fragte
heftig »Wer war die junge Dame neben dir in der Loge«
Mit einem Anflug von Befangenheit gab Viktor Auskunft und setzte hinzu »Es
ist die nächste Freundin meiner Schwester« Tina sah ihn durchdringend an »Sie
ist schön« sagte sie in herbem Tone kehrte ihm den Rücken zu und setzte sich
in einen Sessel Viktor erwartete schweigend was kommen würde Nach einer Weile
begann Tina immer noch abgewandt mit leiser Stimme »Nimm den Shakespeare
Viktor und schlage mir im Romeo den zweiten Akt an von den Worten Oh wie sie
auf die Hand die Wange lehnt«
Er nahm und las Nach einigen Zeilen stand sie auf wandte sich ihm zu und
spielte die Balkonszene so lieblich und innig und doch mit so stark
unterdrückter Leidenschaft in ihn hinein dass er in einem Schauer von Entzücken
und Schrecken die Empfindung hatte als ob sich ihm das Haar auf dem Haupte
sträube Am Ende der Szene fuhr sie plötzlich fort »Hinab du flammenhufiges
Gespann« und warf sich bei den Worten »Nacht gib mir meinen Romeo« mit voller
Leidenschaft an seine Brust der Schal glitt ihr von den Schultern sie schlug
die Arme um seinen Hals und seufzte leise
»Da hast du die Schulter küsse mich« Das tat er Sie aber entwand sich ihm
wieder warf den Purpurmantel um ihren entblößten Nacken und sprach indem sie
mit hinreissender Zärtlichkeit den Arm gegen ihn ausstreckte »Geh Lieber heut
abend erwarte ich dich«
Mit beflügeltem Schritt eilte Viktor durch die Straßen nach seiner Wohnung
ihm pochte das Herz dass er die Schläge fühlte Er fand die Straßen mit Menschen
gefüllt ein unruhiges Hinundherwogen in den Haufen pfeifende Strassenbuben und
viele wilde Gestalten die er so zahlreich in den belebten Stadtteilen nie
gesehen Ihn aber dünkte alles wie Geschrei der Raben auf dem Baume er sprang
in seiner Wohnung die Treppen hinauf legte die Uhr auf den Tisch und schritt
auf und ab Es wurde dunkel aus der Ferne tönte ein Brausen herauf dazwischen
einzelne Schreie wie Geräusch der fernen Brandung und Gekrächze der Möven
zuweilen wurde es auf Minuten still dann erhob sich aufs neue das Getöse und
Rauschen näher und drohender Viktor sah wieder nach der Uhr Unten dröhnte der
regelmäßige Schritt marschierender Soldaten Kommandorufe und der Anschlag der
Gewehre auf dem Pflaster Aus der Ferne aber klang ein Dröhnen und Rasseln wie
von Lastwagen waren das Geschütze Horch ein scharfes Knattern so klangen
Schüsse Da ergriff er seinen Hut und sprang hinaus auf die Straße Die Straße
war leer wie in tiefer Nacht die Türen geschlossen er eilte an den Häusern
entlang um zu ihr durchzudringen die in dieser Stunde ihn zitternd erwartete
Der Weg war erhellt von einem rötlichen unheimlichen Lichte Wie er um die Ecke
bog sah er den ganzen Himmel in heller roter Glut feurige Lohe und schwarze
Russwolken wälzten sich in wildem Tanze über den Häusern dahin Ein Haufe von
Männern und Weibern quoll ihm entgegen die Gesichter blutlos in den Augen Wut
und Entsetzen sie brüllten »Mord Heraus zur Hilfe« Viktor sprang heran
auch ihm starrte das Blut in den Adern auf einem Räderkarren den sie
vorwärtszogen lag ein Mann in den Kleidern eines Arbeiters und ein
halbwüchsiger Knabe und beide waren getötet das geronnene Blut klebte an
Haaren und Kleidern Wieder rannte er weiter zu dem Schrecken kam ein wütender
Zorn gegen die Bewaffneten welche arme Leute niederschossen und gegen eine
Regierung die so Furchtbares Wahnwitziges geboten hatte
Als er die nächste Straße erreichte stand er in einem geschäftigen Haufen
Arbeitender zwischen umgestürzten Wagen und ausgebrochenen Pflastersteinen in
dem Dämmerlicht bewegten sich schweigend die dunklen Gestalten fahl die
Gesichter und glanzlos die Augen gleich gespenstigen Schatten welche der Tod
aus seinem Reiche heraufgesandt hat Eine heisere Stimme rief dem
Zornentflammten in das Ohr »Zur Hilfe dem Volke wenn du ein Mann bist« ein
Gewehr lag in Viktors Hand er selbst stand hinter den Steinen und stierte nach
vorwärts und über ihm pfiffen die Kugeln die aus einer Salve gegen ihn und
seine Umgebung heranflogen In demselben Augenblick hörte Viktor von der Seite
einen französischen Anruf und er hörte wie der Mann welcher an der Barrikade
gebot einem Genossen in polnischer Sprache Befehle gab Da schlug er den Kolben
des Gewehres welches er in der Hand hielt gegen die Pflastersteine dass der
Kolben in Stücke sprang und der Schuss zwischen seinen Fingern hindurch an der
Schläfe vorbeikrachte er selbst setzte mit einem Sprung über die Barrikade in
die gesperrte Straße dem rollenden Gewehrfeuer entgegen Eine neue Salve
Wieder hörte er das Pfeifen der Kugeln um sein Haupt während er längs der
Häuser dahinlief auch vor ihm war die Straße durch einen Steinwall gesperrt
dort tobte der Kampf Er sah sich um nach einem Obdach alle Türen waren
verschlossen doch er kannte die Gegend auf seiner Strassenseite lag ein
Weinkeller den er oft besucht hatte er sprang in den Schutz der Türbrüstung
und pochte in der Art wie vertraute Gäste pflegten wenn sie einmal am späten
Abend den Eintritt suchten Nach einer Weile rasselte der Riegel er warf sich
hinab und der erschrockene Küfer schloss hinter ihm zu er war gerettet
Die Schenkstube fand er leer nur ein Gast saß still in der Ecke den Kopf
auf den Arm gestützt es war Henner Viktor war seinem alten Gegner seither
öfter begegnet und hatte mit ihm zuweilen gleichgültige Reden ausgetauscht Heut
trat er zu ihm und bot ihm die Hand welche Henner ergriff und festhielt So
saßen die beiden nebeneinander während draußen die Salven krachten und die
Fenster von dem Donner schwerer Geschütze klirrten
»Oh du mein armes Preußen« rief Viktor »Die Vormacht sollten wir sein für
andere deutsche Stämme und jetzt liegen wir am Boden in einem Siechtum das uns
anderen verächtlich und den Feinden zur Beute macht«
»Was würde Ihr Vater dazu sagen« fragte Henner ruhiger »Er gehört zu den
wenigen Alten die über ihrem Schlachtruf Mit Gott für König und Vaterland
das Verständnis für den Jammer der neuen Zeit nicht verloren haben«
»Vielleicht wird er sagen« antwortete Viktor »dass die Kanonen jetzt dem
Sohne dieselbe Lehre zu Ohren donnern wie einst dem Vater Die Stunde ist da
wo der Preuße die Sorge um sein eigenes Leben und seines Herzens Gelüst
vergessen muss in der Todesnot seines Vaterlandes«
»Draußen töten sie einander und wir sitzen müßig hier« sagte Henner
»Ich habe mein Gewehr an den Steinen zerschlagen weil ein fremder Emissär
mir es in die Hand drückte« versetzte Viktor finster
»Ist aber dieser wilde Aufstand eine Betörung unserer Arbeiter und
überlegtes Werk fremder Anstifter« sagte Henner »wie kommt es dass wir alle
davon ergriffen sind und kaum der Versuchung widerstehen Pflastersteine
aufzureissen Wer trägt die Schuld dass ein redliches und loyales Volk welches
durch so große Erinnerungen mit seinem Fürstenhause verbunden ist einem solchen
plötzlichen Ausbruch seines Grimmes verfällt«
»Vielleicht sind Regenten und Regierte beide erkrankt jeder in seiner
Weise und uns allen tut Genesung not« erwiderte Viktor
»Was aber vermag der einzelne für solche Besserung zu tun«
»Zuerst sich selbst gesund zu machen« rief Viktor »Der Vater hat mir
erzählt wie ihm einst in der jammervollen Niederlage als der Staat Friedrichs
des Großen zerbrach der Ruf in die Seele drang dass auch er sich für das
Vaterland hinzugeben habe Er konnte in seinem Beruf als Arzt dienen und mit
seinem Säbel als Soldat Ich bin nichts als Schriftsteller und habe die ersten
frischen Jahre meiner Tätigkeit auf Dinge verwandt die mir in diesem Augenblick
so weichlich und ungesund erscheinen dass ich mich ihrer schäme Dies
Lippenfechten über schöne Attitüden und über die Geheimnisse einer ästhetischen
Wirkung und ob der Schauspieler das Bein so oder anders setzen soll Pfui
unterdes schlich der Hass die Verzweiflung die Mordlust in die Seelen der
Menschen neben denen ich täglich vorbeiging Aus einer furchtbaren Betörung
erwache ich Ihnen aber gelobe ich in dieser Stunde Henner ich tue ab von mir
jede andere literarische Tätigkeit und all mein üppiges Schwelgen im Lande der
Träume Ich will eine Antwort suchen auf die Frage Wie uns und unser geliebtes
Preußen retten Der Vater hatte es besser er sah den Weg vor sich«
»Damals tat es der Säbel« sagte Henner »jetzt vielleicht das gesprochene
und gedruckte Wort Was Sie auch wählen mögen lassen Sie mich teilhaben an
Ihrer Arbeit Ich bin nicht reich aber ich kann als unabhängiger Mann leben
und ich denke diese Freiheit von jeder dienstlichen Abhängigkeit wird jedem
nötig sein welcher von heut ab für die Erhebung seines Vaterlandes tätig sein
will«
Es war draußen stiller geworden nur einzelne Schüsse und gellende Schreie
wurden gehört An die Tür des Kellers donnerten heftige Kolbenstösse Viktor
sprang auf ein Offizier mit einer Abteilung Soldaten drang in das Gewölbe
ihnen allen lag in Antlitz und Gebärde das furchtbare Grausen welches den
Menschen entstellt wenn er andere gewaltsam vom Leben scheidet
»Hierher hat er sich geflüchtet« schrie der Offizier »Packt ihn zeigen
Sie Ihre Hand« Viktors Hand war von Pulver geschwärzt »Nieder mit ihm«
Henner sprang vor warf sich zwischen die Wütenden und ihr Opfer und drückte
ein Bajonett zur Seite der Stich ging durch Viktors Arm und Seite das Blut
strömte herab »Er ist unbeteiligt wie ich« schrie Henner dem Leutnant
entgegen
»Er hatte ein Gewehr in seiner Hand« sagte der Offizier grimmig »Dies ist
keine Zeit Herr von Henner um für andere einzutreten«
»Er hat das Gewehr eines Empörers an den Steinen zerschlagen« Der Offizier
wandte sich ab und gebot »Vorwärts durchsucht den Keller«
Die beiden blieben allein Viktor ließ sich schwerfällig nieder »Das ist
auch eine Art von Katarsis« sagte er mit trübem Lächeln und legte den Arm auf
den Tisch Henner eilte dem Offizier nach und Viktor vernahm die kurzen Reden
einer aufgeregten Verhandlung ihm war jetzt auf einmal so ruhig zumute als
ginge das ganze wilde Treiben ihn wenig an auch fühlte er den Schmerz der Wunde
nicht sehr Der Leib war matt aber der Geist war klar und er dachte bei sich
Der unnütze Lärm wird aufhören dann kommt eine friedliche Zeit wo ich mit
Henner wieder zusammen bin Darüber wurde ihm der Kopf schwer und sank nach
vorwärts aber er hörte deutlich Henners Stimme als dieser sich über ihn
neigte »Ich habe durchgesetzt dass wir nicht abgeführt werden wir müssen hier
aushalten der Kampf dauert fort und die Wege sind gesperrt Wir helfen Ihnen
die Treppe hinauf in die Wohnung des Wirtes Nebenan ist das Schild eines
Arztes er soll Sie verbinden« Viktor sah ihn dankbar an Er wurde auf einem
Stuhl in die oberen Zimmer getragen der Arzt kam und untersuchte die Wunde der
Stich war durch den Arm und an den Rippen vorbeigegangen und die Verletzung
größerer Adern hatte den starken Blutverlust herbeigeführt Viktor legte den
Kopf müde auf das Lager und Henner saß neben ihm
Erst gegen Mittag des nächsten Tages war der Verkehr so weit geöffnet dass
Viktor in einem Tragstuhle nach seiner Wohnung geschafft werden konnte Die
Träger kletterten über die Öffnungen zerrissener Barrikaden und der Wunde sah
auf dem Wege die Spuren des kläglichen Kampfes Als in seiner Wohnung alles zur
Pflege eingerichtet war rief er Henner an sein Bett und sprach ihm leise in das
Ohr »Sage ihr ich bin in Blut getreten als ich zu ihr ging Wenn ich das
Leben behalte so gehört es nicht mehr ihr sondern einer Pflicht die noch
älter ist als meine Liebe zu ihr« Henner ergriff den Hut und entfernte sich
Als Henner zurückkam und seinen neuen Kameraden leidlich bei Kräften fand
fragte er »Darf ich dir übergeben was mir anvertraut wurde« Viktor nickte
und der andere legte ein Billett auf das Lager und öffnete das Siegel Tina
schrieb »Lebe wohl für immer mein geliebter Viktor ich reise morgen ab
Gedenke in Freundschaft deines unglücklichen Kameraden«
»Was sagte dir die Schreiberin« fragte Viktor
»Sie weinte da sie mir den Brief gab und vermochte nicht zu reden Der
Fürst war bei ihr«
»Lebe wohl Tina« sagte Viktor vor sich hin »ich denke dein«
Als er eine Woche später nach wohltätigem Mittagsschlummer die Augen
aufschlug glaubte er noch zu träumen denn die Schwester stand neben seinem
Bette
»Der Vater schickt mich der Tante zu Hilfe« sagte das gerührte Kätchen
nach der ersten freudigen Begrüßung »Henner hat zuerst von deiner Verwundung
geschrieben und seitdem jeden Tag von deiner Besserung«
»Ich habe lange seinen Wert verkannt« antwortete der Bruder »er ist mir in
schwerer Stunde ein treuer Freund geworden Ihm verdanke ich dass ich nicht ein
Opfer jener Unglücksnacht wurde«
Bei diesem Lobe des Freundes leuchteten Kätes Augen und eine hohe Röte zog
über ihr Antlitz so dass der Bruder sie forschend ansah da beugte sie sich zu
ihm herab und drückte ihr Haupt an das seine »Bist du ihm gut« fragte er
leise Er fühlte dass sie nickte »Und er dir« »Ich glaube auch« sagte sie
fast unhörbar
»Es ist noch jemand aus der Heimat hier« fuhr Käte nach einer Weile
mutiger fort »darf sie hereinkommen Sie wollte mich in diesen schrecklichen
Wochen nicht allein lassen und sie wohnt auch bei der Tante«
Valerie trat herein und setzte sich still auf den Stuhl an seinem Lager
Die Heilung ging nur langsam vonstatten Sobald für Viktor ein Umzug möglich
wurde bestand die Tante darauf dass er bis zur vollständigen Genesung zu ihr
ziehen sollte
»Der Stich hat mir einen guten Dienst getan« sagte Viktor »er überhebt
mich jeden Tag der Notwendigkeit diesen widerwärtigen Karneval der Gasse
anzusehen Liebe Tante geh an das Bild des Alten Fritz und entferne den
Trauerflor die Presse ist frei und Henner und ich werden Zeitungsschreiber«
Das Geheimnis des Buches
Nach Viktors Genesung warben die neuen Freunde den Verleger welcher in
Gemeinschaft mit ihnen eine neue Zeitschrift begründen sollte Durch
gleichgesinnte Mitarbeiter gefördert gewann ihr Blatt schnell Beistimmung und
Leser und beide fühlten hohe Befriedigung dass sie das Beste was sie wussten
mit regelmässigem Fluss in die Seelen anderer hinüberleiten konnten
Als nach einem Jahre das Blatt der Freunde fest begründet war gedachten sie
auch des eigenen Haushaltes und warben sich die Hausfrauen An demselben Tage
wurden zwei glückliche Paare verbunden Käte verfiel unrettbar dem Hause
Ingersleben und Viktor hob sein liebes Weib aus der Kutsche der Bellerwitze
sich in die Arme Denn diese Familie hatte längst allen Standesvorurteilen
entsagt außerdem war wie ein hochverehrter leider verstorbener Mitbürger und
Ratmann zu sagen pflegte gerade jetzt eine Konjunktion gekommen wo derartige
Vorurteile nicht zeitgemäss waren Und der letzte Winterreif welcher etwa noch
an den Schilden ihres Stammbaumes hing schwand dahin in der Elternfreude über
das Glück des geliebten Kindes
Als der Doktor an einem hellen Sommertage in die Stube seiner Frau kam fand
er diese in Betrachtung der Bilder an der Stubenwand es waren die Erinnerungen
an Luther welche einst in der Arbeitsstube des Seniors gehangen hatten
darunter auf dem Ehrenplatze das erste Geschenk des Doktors »Die Farben sind
verblichen« sagte Henriette »aber sooft ich das Bild ansehe fühle ich die
frohe Erwartung in der ich damals auspackte«
»Für uns beide ist die Zeit gekommen« sagte der Gatte »wo die Gedanken oft
die Vergangenheit suchen Um die liebe Hausfrau ist es einsam geworden Ich habe
zuweilen daran gedacht dass wir uns noch einmal in die Welt hinauswagen sollten
Ist dirs recht so besuchen wir die Kinder« Und als Henriette erfreut
zustimmte fuhr er fort »Wir haben auch eine äußere Veranlassung erhalten eine
Verwandte meines Namens die ich gar nicht persönlich gekannt habe ist
unverheiratet und hochbejahrt im Fränkischen gestorben und hat mir ein Legat
hinterlassen Sie hat zuletzt in einer kleinen Stadt bei Koburg gelebt Wir
machen mit den Kindern einen Ausflug nach Thüringen Richard kann als Jurist an
Ort und Stelle zusehen ob wir die Summe annehmen dürfen ohne andere Verwandte
die vielleicht bedürftig sind zu beeinträchtigen«
Einige Wochen darauf betrat eine Gesellschaft Reisender den Hof der alten
Feste welche sich mit ihrem doppelten Mauerringe über dem grünen Talgrunde des
Itzbaches erhebt Voran ein alter Herr mit grauem Haar aber er schritt rüstig
in gerader Haltung und seine Augen blickten klar und heiter in die Runde am
Arme führte er eine Matrone welcher die Jahre einzelne Silberfäden in das Haar
gezogen und die Gestalt völliger gemacht hatten doch auf ihren Wangen lag noch
etwas von dem rosigen Schimmer der Jugend Um die beiden bewegten sich zwei
Männer und zwei Frauen in blühendem Alter Der Kastellan öffnete der
Gesellschaft die Räume welche zu einem Museum eingerichtet waren Sie
betrachteten die schöngetäfelten Zimmer die Stube an welcher der Name Luthers
haftet die Rüstkammer mit Wagen und Geschützen und blieben zuletzt vor dem
Galionbild eines dänischen Kriegsschiffes stehen welches der Landesherr von
seinem Kommando in SchleswigHolstein mitgebracht hatte und das vor kurzem
aufgestellt war Da sagte der Alte erfreut »Dies ist seit den Freiheitskriegen
das erste Siegeszeichen der Deutschen der Kriegsdienst meiner Söhne Viktor und
Richard wird mit der Feder geleistet aber die Enkel werden bei neuen Siegen
helfen« Als die Gesellschaft das Innere der Burg betrachtet hatte saß sie auf
der Plattform nieder und sah hinaus in die sonnige lachende Landschaft unten
zur Seite die Stadt mit einem reichen Kranz von Villen umgeben gegenüber die
belaubten Hügel in der Tiefe die grünen Wiesen des Itzgrundes und südwärts in
blauer Ferne die Berggipfel des Mains
»Ein anmutiges Stück Erde« rühmte der Vater »Man fühlt sich heimisch als
hätte mans immer geschaut Die Werke der Natur und die Arbeit des Menschen
schicken sich hier gut zueinander«
»Das ist die rechte Stimmung« begann Henner »damit ich dir überreiche was
ich aus der Hinterlassenschaft des verstorbenen Fräuleins für dich gerettet
habe« Er ließ sich von dem Kastellan ein Buch reichen mit altem verstossenem
Einband und legte es vor dem Doktor auf den Tisch
Der Doktor schlug neugierig das Buch auf Auf dem ersten Vorsetzblatt stand
in kräftigen Schriftzügen »Meinem günstigen Freunde George König Kaufherrn zu
Frankfurt am Main« darauf Verse aus dem Liede Eine feste Burg und als
Unterschrift Martinus Luther aus der Feste Koburg im Reich der Wolken 1530
»Da haben wir den Band von dem ich dir manchmal erzählte« sagte der Doktor zu
seiner Gattin Hinter der Widmung waren mehrere Blätter für eine kurze
Familienchronik benutzt Die Besitzer des Buches hatten ihren Namen mit dem
Geburtsjahr und zuweilen auch Frau und Kinder eingetragen
Der Doktor blickte die Reihe herunter »Hier steht ein Kriegsmann Bernhard
König Fähnrich im Regiment AltRosen darunter seine Schwester Regine König
verehelichte Hermann Damals muss das Buch in die Familie Hermann gekommen sein«
erklärte er weiterblickend »denn es sind einige dieses Namens eingetragen
Hier aber« fuhr er mit neuem Interesse fort »steht wieder mein Großvater
Friedrich und sein Bruder August Der Großvater hat also wahrscheinlich den Band
in die Familie zurückgebracht Das ist mir ein teures Geschenk Richard und ich
bin dir von Herzen dankbar Und hier kommt der älteste Sohn meines Grossonkels
August welcher Pfarrer im Fränkischen war Dieser hatte das Unglück in seinen
besten Jahren durch einen Sturz ins Wasser das Gehör zu verlieren und lebte
längere Zeit als Privatmann mit Weib und Kind in Koburg Daneben findet sich der
Name seiner Frau einer Geborenen von Sahl aus dem Dorfe Friemar im Gotaischen
Ich erinnere mich ganz gut auf sie sie stammte aus einem reichen
Bauerngeschlecht von den sogenannten Herren von Friemar In dem Dorfe nämlich
bestanden aus alter Zeit freie Familien welche ein adliges Wappenschild
führten« Er sah wieder in das Buch »Hier also folgen die Kinder des Pastors
Beate König dies ist die Kusine aus deren Hinterlassenschaft Henner das Buch
erworben hat und als letzter Name der ihres Bruders dieser ist in früher
Jugend untergegangen « Er las und hielt an Die Kinder deren Augen an dem
würdigen Antlitz hingen sahen erstaunt die Veränderung in seinen Zügen
Feierlich begann er wieder nach einer Weile seine liebe Frau anblickend »Und
dieser letzte Name lautet August König genannt Dessalle dahinter von der
Hand der Tante gefallen 1815 als französischer Oberst in der Schlacht bei
BelleAlliance« Der Doktor legte das Buch vor sich hin »Der Verstorbene
hatte den Namen seiner Mutter angenommen er war ein König und er war von
meinem Blut«
Da er die Bewegung im Gesichte seiner Frau erkannte fuhr er zu den Kindern
freundlich fort »Lasst uns eine Weile allein es sind alte Erinnerungen die ich
mit eurer Mutter besprechen will« Die Kinder traten ehrerbietig beiseite und
die Eltern saßen nebeneinander Henriette legte ihre Hand auf die des Gatten
»Er hatte Augenblicke wo er aussah wie du Schon damals als er zuerst in
unsere Stube sprang Dass der Fremde mich immer an dich erinnerte wenn er mir in
die Gedanken kam das machte mich in der Stille so unglücklich Als er später in
unserem Hause weilte erschien die Ähnlichkeit wieder wenn er lebhaft erzählte
oder lachte und Geliebter mir wars als müsste ich mich deshalb vor ihm in
acht nehmen« Sie blickte den Gatten flehend an als hätte sie ihm etwas
abzubitten
»Die Ähnlichkeit kann nur im Ausdruck gelegen haben er sah ganz aus wie ein
Franzose und gefiel mir bei der ersten Begegnung überaus wohl«
»Aber wie ist es möglich« fragte Henriette »dass er der doch deinen Namen
wusste dich niemals als Verwandten begrüßt hat«
»Wer kann das sagen Bei der ersten Begrüßung war ich ihm ein gleichgültiger
Fremder in einer Landschaft wo er Anverwandte nicht erwartete mit einem Namen
der nicht selten ist Auch mag ihm in seiner Stellung die ganze Verwandtschaft
von der er wenig wusste leidig gewesen sein Als ich ihn nach Jahren wiedersah
hielt er mich für seinen Feind und er hatte nicht unrecht Dennoch meine ich
nach der letzten Begegnung im Felde muss er gewusst haben dass ich sein Vetter
bin Er brach damals so hastig auf Wahrscheinlich ging er in jener Zeit zu
seiner Schwester und lebte dort verborgen bis ihn sein Schicksal wieder unter
die Adler des Kaisers trieb«
»Darum stand er so oft vor den Bildern in der Stube des Vaters« bestätigte
Henriette »Es war das Bild der Feste welches er beschaute denn immer flog
sein Blick nach der Wand In Koburg wuchs er auf bis zu seiner Flucht« Der
Doktor schloss das Buch »Kommt heran Kinder wir Alten haben die Sorgen um die
Vergangenheit abgetan«
»Ich aber noch nicht« rief Henner »und heut soll sogar Viktor mir folgen
wenn er mich auch als einen Altertümler verhöhnt In diesem Hofe und an der
Stelle wo wir jetzt behaglich sitzen verkehrte vor dreihundertvierundzwanzig
Jahren einer eurer Vorfahren mit Luther Das ist doch auch eine Erinnerung die
sich sehen lassen kann Durch dies Tor kam Herr Georg König heran Ich behaupte
er muss ein stattlicher Mann gewesen sein Hier stand er und wartete ob Doktor
Luther in seiner Zurückgezogenheit den Besuch annehmen werde und diese
Holztreppe schritt der große Reformator hinab und fragte euren Ahnherrn
wohlwollend nach seinem Begehr Ist es nicht ein heiterer Gedanke
widerspenstiger Viktor dass dies einst so war«
Viktor sah nach dem alten Schlossbau und der Treppe »Du sagst es und das
Buch macht es wahrscheinlich Unsere Phantasie mag mühelos auch wo die
beglaubigte Kunde fehlt noch weiter rückwärts in die Vergangenheit fliegen
Vielleicht suchte schon fünfhundert und tausend Jahre früher ein Ahnherr hier an
derselben Stätte einen günstigen Freund oder seine Heimat Ich will dir du
Verehrer aller Familienerinnerungen sogar etwas anderes und Größeres zugeben
Vielleicht wirken die Taten und Leiden der Vorfahren noch in ganz anderer Weise
auf unsere Gedanken und Werke ein als wir Lebenden begreifen Aber es ist eine
weise Fügung der Weltordnung dass wir nicht wissen wie weit wir selbst das
Leben vergangener Menschen fortsetzen und dass wir nur zuweilen erstaunt merken
wie wir in unsern Kindern weiterleben Vielleicht bin ich ein Stück von jenem
Manne welcher einst an dieser Stelle von dem Reformator gesegnet wurde und
vielleicht war ich es selbst in anderer Erscheinung der schon auf diesem Berge
lagerte lange bevor die ehrwürdige Feste gebaut wurde Aber meine Valerie hatte
keiner von den alten Knaben keiner saß meinem Henner am Arbeitstisch gegenüber
um liberale Artikel zu schreiben und keiner sah wie wir von dieser Höhe hinab
in die Landschaft eines großen deutschen Volkes welches über der Arbeit ist
das Haus seines Staates zu zimmern Was wir uns selbst gewinnen an Freude und
Leid durch eigenes Wagen und eigene Werke das ist doch immer der beste Inhalt
unseres Lebens ihn schafft sich jeder Lebende neu Und je länger das Leben
einer Nation in den Jahrhunderten läuft um so geringer wird die zwingende
Macht welche durch die Taten des Ahnen auf das Schicksal des Enkels ausgeübt
wird desto stärker aber die Einwirkung des ganzen Volkes auf den einzelnen und
größer die Freiheit mit welcher der Mann sich selbst Glück und Unglück zu
bereiten vermag Dies aber ist das Höchste und Hoffnungsreichste in dem
geheimnisvollen Wirken der Volkskraft«
Fußnoten
1 Erhöre gütiger Schöpfer unser Gebet und Flehen Gib dass durch
Enthaltsamkeit sein Sinn mäßig und nüchtern werde
2 Willst du trinken Wein musst du schreiben Latein
3 Höre gütiger Schöpfer unser Gebet und Flehen
4 Der Frosch quakt lieblich in den grünen Blättern
5 Der Sauhirt schneidet Reiser
6 Nicht der brüllende Löwe noch der brummende Ochs und nicht der meckernde
Bock der mit den Hörnern stößt begeht soviel Unsinniges als der Speere
verstechende Ritter welcher seiner Herrin dient